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Goschamarie
Mofacup
Der vierte Taldorf-Krimi
Impressum
Texte: © Copyright by Stefan Mitrenga 2021
Umschlaggestaltung: © Copyright by Stefan Mitrenga 2021
Korrektur: Claudia Kufeld, Kierspe
Verlag:
Stefan Mitrenga
Bodenseestraße 14
88213 Ravensburg
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Vorwort
Es liegt wohl in der Natur des Menschen, verträumt an vergangene Zeiten zu denken. „Damals war alles noch besser“, hört man dann gerne. So ist es auch mit der legendären Goschamarie. Bis heute schwelgen viele in Erinnerungen an urige Abende in Taldorf mit riesigen Vespertellern und Schnaps aus Sprudelgläsern.
Durch ihre kernige Art und ihre zotigen Sprüche war die Wirtin im weiten Umkreis bekannt. Wer zur Goschamarie ging und von ihr nichts zu hören bekam, war fast schon enttäuscht.
„Wie, du willsch a Glas … wa bisch du fier an feina Pinkel?“
Einer ihrer Klassiker.
„Jetzt zahlet ihr mol und ganget, jetzt kommet nämlich räete Gescht!“
Für die Betroffenen nicht immer angenehm, aber auf jeden Fall unterhaltsam und wert, es weiter zu erzählen.
Auch in diesem Buch hole ich die gute alte Zeit ins Jetzt und Heute. Mit Euro, Smartphone und Hefe-Russ.
Zugleich widme ich dieses Buch einem ganz besonderen Ereignis. 2006 veranstaltete der Musikverein Taldorf, im Rahmen seines alljährlichen Gartenfestes, den ersten Goschamarie Mofacup. Die Resonanz war überwältigend und so fand der Mofacup fortan jedes Jahr statt, bis die Pandemie für eine Zwangspause sorgte.
Mit dieser Geschichte findet 2021, wenigstens auf dem Papier, ein Mofacup statt und ich hoffe, dass im nächsten Jahr die Zweitakter wieder durch Taldorf knattern.
Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden, auch die Personen
und ihre Handlungen. Eventuelle Ähnlichkeiten zu lebenden
Personen sind rein zufällig!
Vorspiel
Es war einmal …
Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Bauer, der mit Fleiß und Hingabe seinen Hof führte. Er kümmerte sich liebevoll um seine Tiere und arbeitete unermüdlich. Schon vor dem Morgengrauen verließ er das Haus, erst im Dunklen kehrte er zurück. Seine harte Arbeit zahlte sich aus und sein Reichtum mehrte sich mit jedem Jahr. Doch der
Bauer war nicht glücklich. Seine Eltern waren vor Jahren bei einem Unglück ums Leben gekommen, seitdem war er allein. Er sehnte sich nach Gesellschaft, Liebe und Anerkennung, doch ließ ihm die Arbeit dafür keine Zeit.
Eines Morgens erwachte er mit einem seltsamen Ziehen im Bauch und musste sich kurz darauf heftig übergeben. Geschwächt setzte er sich in sein Auto und machte sich auf den Weg zur Creszenz. Der Bauer hegte ein tiefes Misstrauen gegenüber Ärzten und nahm daher gern die Dienste der Gesundbeterin in Anspruch. Er war selten krank, doch bei den wenigen Malen hatte die alte Creszenz ihm immer helfen können. So auch diesmal. Nachdem sie ihm kurz zugehört hatte, griff sie zu ihrem Rosenkranz und murmelte ein kurzes Gebet. Fast Augenblicklich verschwand das Ziehen in seinem Bauch und auch die Übelkeit.
Ob es ihm denn sonst gutginge, erkundigte sich die Alte und der Bauer gestand ihr wehmütig seine Sehnsucht nach Gesellschaft. Dafür hatte auch die alte Creszenz keinen Spruch, versprach aber, ihn in ihre Gebete aufzunehmen.
Nun muss man wissen, dass Creszenz nicht nur die Begabung zum Gesundbeten besaß, sie hatte oftmals auch sehr lebendige Träume, in denen ihr Dinge angekündigt wurden. Nur wenige Tage nach dem Besuch des Bauern hatte sie einen solchen Traum und suchte ihn auf. „Du musst am Samstag Blumen kaufen“, teilte sie ihm mit. „Kaufe einen Strauß Margeriten und bezahle sie ausschließlich mit Münzgeld.“
Der Bauer war verwundert, aber er tat wie ihm geheißen. Er fuhr in den Blumenladen im nächsten Dorf und äußerte seinen Wunsch. „Was für eine ungewöhnliche Wahl“, bemerkte die Gärtnerin. „Da schicken wir die Agnes. Die kümmert sich um die Margeriten.“
Als Agnes kurz darauf einen Korb voller langstieliger Margeriten brachte und sie gekonnt zu einem Sträußchen band, konnte der Bauer seinen Blick nicht von ihr abwenden. Noch nie hatte er so eine hübsche Frau gesehen. Ihre blauen Augen strahlten wie Diamanten, umrahmt von einem wunderschönen Gesicht, das mit tausenden Sommersprossen gesprenkelt war. Als er bezahlen wollte, zog er seinen Geldbeutel so ungeschickt aus der Tasche, dass der kleine Druckknopf aufsprang und das Münzgeld klimpernd zu Boden fiel. Er kniete sich hin und grabschte nach den Münzen. Als Agnes ihm helfen wollte, stießen ihre Köpfe aneinander und für einen wundervollen Moment, schien die Zeit still zu stehen. Ohne ein Wort sahen sie sich in die Augen. Der Blick währte ewig, war aber doch viel zu schnell vorbei. Beide spürten, dass in diesem Moment etwas Magisches passiert war. Von diesem Tag an kaufte der Bauer jeden Tag Margeriten, die Agnes ihm liebevoll arrangierte. Es dauerte noch ein paar Wochen bis er ihr seine Liebe gestand und Agnes bat seine Frau zu werden. Es verging nicht mal ein Jahr, bis im Dorf die Hochzeitsglocken läuteten und ein rauschendes Fest gefeiert wurde.
Der Bauer war glücklich. Endlich nicht mehr allein, ging ihm die harte Arbeit noch leichter von der Hand. Wenn er abends heim kam, erwartete ihn ein leckeres Essen und eine liebende Frau. So vergingen Wochen, Monate und Jahre. Doch irgendwann wurden beide unruhig, da sich trotz heftiger Bemühungen kein Nachwuchs ankündigte. Sie besuchten die besten Ärzte, aber keiner konnte ihnen helfen. Da erinnerte sich der Bauer an die alte Creszenz. Er erzählte ihr von ihrem Pech und bat um Hilfe. Wenige Tage später kam sie auf seinen Hof und berichtete von einem weiteren Traum: „Wenn ihr beim nächsten Vollmond beieinander liegt, wird das nicht ohne Folgen bleiben.“
Agnes und der Bauer befolgten die Anweisung der Alten und was niemand mehr für möglich gehalten hätte, geschah: Agnes wurde schwanger.
Sie gebar ein gesundes Mädchen, Andrea, das auf wunderbare Weise die besten Eigenschaften seiner Eltern in sich trug: die Schönheit und Güte seiner Mutter, sowie die Beharrlichkeit und den Fleiß seines Vaters. Sie wuchs zu einer wunderschönen Frau heran und half ihren Eltern, wann immer sie konnte, auf dem Hof. Als sie älter wurde, besuchte sie die Landwirtschaftsschule und überreichte ihren Eltern eines Tages ihr perfektes Abschlusszeugnis.
„Ich werde auf dem Hof bleiben und ihn später auch fortführen, doch möchte ich euch um eines bitten: gebt mich für ein Jahr frei, um die Welt zu entdecken. Danach kehre ich zurück und bleibe für immer.“
Schweren Herzens willigte das Bauernpaar ein und ließ seine Tochter ziehen. Ihr Weg führte Andrea in die entferntesten Länder der Welt und mindestens einmal in der Woche schickte sie einen langen Brief in die Heimat. Sie berichtete von den Menschen, den Bauwerken, dem Essen, dem Wetter … und von Steffen, dem deutschen Studenten, den sie kennengelernt hatte. Anders als ihre Eltern benötigte Andrea nicht die Hilfe der alten Creszenz, um schwanger zu werden und so schrieb sie irgendwann in einem ihrer Briefe, dass sie die Liebe ihres Lebens gefunden habe und verheiratet sei.
Natürlich waren die Eltern bestürzt und voller Angst, doch als Andrea mit dickem Bauch und frisch angetrautem Ehemann endlich heimkehrte, war die Freude groß. Der unerwartete Schwiegersohn wurde herzlich in die Familie aufgenommen und überraschte alle durch sein Geschick in der Landwirtschaft. Er hatte Jura studiert, nahm aber nur eine Teilzeitstelle in einer Kanzlei an, so dass er in der freien Zeit auf dem Hof helfen konnte. Auf das erste Kind, eine Tochter, folgte schnell ein Sohn und bescherte dem Hof einen zukünftigen Erben. Der alte Bauer war überglücklich und verbrachte viel Zeit mit seinen heranwachsenden Enkeln. Doch Glück ist ein vergängliches Gut. Eines Tages klagte seine Frau über Schmerzen und ging zum Arzt, der keine guten Nachrichten hatte. Auch die alte Creszenc vermochte nicht zu helfen und so läuteten wenige Wochen später die Kirchenglocken, als Agnes zu ihrer letzten Ruhe gebettet wurde.
Der Bauer verfiel in tiefe Trauer und kam Wochenlang nicht aus seinem Zimmer. Erst seine Enkel, die sich immer wieder heimlich zu ihm schlichen, holten ihn zurück ins Leben. Er spielte mit ihnen und machte mit ihnen Ausflüge in den Wald. Besonders liebten die Kinder seine Schatzsuchen, die er mit viel Aufwand für sie plante. Er trauerte noch immer um seine große Liebe, doch er entschied sich für das Leben und seine Familie. Der Bauer kümmerte sich liebevoll um die Kleinen, während Andrea mit ihrem Mann Steffen den Hof umtrieb. Abends war der alte Bauer so müde, dass er häufig in seinem Sessel vor dem Kamin einschlief. Es machte ihm nichts aus, da in seinem Bett niemand auf ihn wartete. Und wieder verging die Zeit und mit ihr verging auch seine Trauer.
Eines Morgens stand der Bauer auf dem Balkon und beobachtete seine Enkel, die im Garten herumtollten. Er lächelte. Er war tief zufrieden und bereit das Leben, das vor ihm lag, anzunehmen. Sie alle waren glücklich.
Ein Märchen würde an dieser Stelle mit den Worten enden: „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Doch leider ist diese Geschichte alles andere als ein Märchen.
1
„Jetzt komm schon Walter … stell dich nicht so an!“
Walter starrte auf den Löffel, der vor seiner Nase schwebte und presste die Lippen zusammen.
„Ach bitte, nur noch diesen einen Löffel.“
Walter drehte demonstrativ den Kopf weg und ruderte mit den Armen.
„Jetzt werd ich aber gleich böse … los jetzt: mach den Mund auf!“
Der Löffel kam nun bedrohlich nahe, doch Walter konnte nicht weiter ausweichen, da sein Kopf hinten schon an die Stuhllehne stieß. Dann berührte der Löffel auch noch seine Lippen und versuchte gewaltsam in seinen Mund einzudringen. Walter zog eine Schnute und ließ seine Arme kreisen, doch der Angreifer blieb hartnäckig.
„Los. Verdammt nochmal! Mund auf!“
Walter lief rot an, presste die Augen zu und öffnete endlich den Mund.
„Buuuhääää! Buuuuuuuhäääää!“, brüllte er und dicke Krokodiltränen liefen ihm übers Gesicht.
„Elmar, was machst du denn mit unserem kleinen Walter?“
Anne stürmte ins Zimmer und hob den schreienden Walter aus dem Kinderstuhl. Sofort hörte er auf zu schreien und kuschelte sich schluchzend an den Hals seiner Mutter.
„Er will einfach nicht essen“, verteidigte sich Elmar. „Der Arzt hat doch gesagt, dass er etwas zu wenig wiegt, aber wie soll er zunehmen, wenn er nichts isst?“
Anne streichelte Walter den Hinterkopf und wiegte ihn sanft hin und her.
„Dann probieren wir es in ein paar Minuten eben nochmal. Wenn der kleine Mann gerade keinen Hunger hat, kann man das doch nicht erzwingen.“
Walter war jetzt acht Monate alt. Er war am Dreikönigstag zur Welt gekommen und erlebte gerade seinen ersten Sommer. Er konnte stundenlang in seinem Laufstall auf der Terrasse sitzen und die Vögel beobachten, die in den angrenzenden Büschen herumhüpften. Die ersten Wochen hatte er seinen Eltern das Leben zur Hölle gemacht und war alle drei Stunden aufgewacht. Erst seit einem Monat schlief er die Nacht durch.
Elmar fuhr sich entnervt durch die Haare. „Das musst du dann aber übernehmen. Ich muss gleich los zum Zeltaufbau. Bin eh schon zu spät dran.“
„Die anderen haben sicher Verständnis für einen jungen Vater. Da läuft eben nicht immer alles nach Plan.“ Anne legte den gehäuften Löffel auf das Tischchen an Walters Kinderstuhl und zog ihn sanft von ihrer Schulter weg. Sie drehte ihn herum und setzte ihn auf ihren Schoß, so dass er Elmar gegenübersaß. Sofort zog er die kleine Stirn in Falten.
„Ich glaube, er mag mich heute nicht“, resignierte Elmar. „Ich gehe besser, bevor er wieder heult!“
Elmar nahm sein Handy vom Tisch und war im Begriff aufzustehen, als Walter seine Arme hochriss und mit einem Juchzer wieder fallen ließ. Mit der Präzision eines Scharfschützen traf er den Stiel des Plastiklöffels, der seine breiige Füllung wie ein Katapult auf Elmars Hose schleuderte.
„Ja so eine Scheiße“, rief Elmar und sprang auf.
„Keine bösen Wörter vor unserem Kind“, tadelte ihn Anne. „Das hat er doch nicht mit Absicht gemacht.“
Elmar hätte ihr gern geglaubt, doch das fröhliche Lachen auf Walters Gesicht ließ ihn etwas anderes vermuten.
„Bamm! Bamm!“, lautmalte Walter und wiederholte die Armbewegungen, die ihm gerade so viel Freude bereitet hatten. Kopfschüttelnd ging Elmar ins Schlafzimmer und fischte eine frische Hose aus dem Kleiderschrank.
„Weißt du bis wann du wieder da bist?“, erkundigte sich Anne.
„Das dauert schon ein bisschen. Und hinterher … ähm … also …“
„Du willst noch in die Wirtschaft“, vollendete Anne den Satz. „Ist schon okay. Ich wollte heute sowieso noch eine alte Folge vom Bergdoktor anschauen.“
Elmar verzog das Gesicht. Er mochte die Filme nicht.
„Sag allen liebe Grüße von mir“, rief Anne ihm hinterher. „Und wenn du schon in der Wirtschaft bist, bring ein Rauchfleisch mit. Ich hatte schon lange keins mehr.“
Die Tür fiel ins Schloss und Anne hob Walter zurück in den Kinderstuhl. „Dann probieren wir beide das nochmal …“ Sie füllte Brei auf den Plastiklöffel. „Da kommt was Leckeres für unseren kleinen Walter …“ Der Löffel näherte sich und Walter riss begierig den Mund auf. Eine Ladung nach der anderen verschwand ohne Kleckern.
„Na also. Geht doch.“
2
„Jetzt komm schon Walter … stell dich nicht so an!“
Walter starrte auf den Löffel, der vor seiner Nase schwebte, und presste die Lippen zusammen.
„Ach bitte, nur noch diesen einen Löffel.“
Walter drehte demonstrativ den Kopf weg und ruderte mit den Armen.
„Jetzt werd ich aber gleich böse … los jetzt: mach den Mund auf!“
Walter überlegte verzweifelt, wie er dieser Attacke auf seine Geschmacksnerven entgehen konnte. Was Essen anging, war er bestimmt nicht heikel, aber alles hatte seine Grenzen.
„Ich hasse dieses Zeug“, brachte er hervor und verzog das Gesicht. „Ich weiß nicht, wer sich sowas ausgedacht hat. Sicher jemand, dem der Geschmackssinn abhandengekommen ist.“
Liesl zog den Löffel zurück und machte einen Schmollmund.
„Also gut … wer nicht will, der hat schon.“
Übertrieben genüsslich schob sie das Stück Sushi in den Mund und brummte zufrieden. „Glaubst du wirklich, über einhundertzwanzig Millionen Japaner leiden an Geschmacksverirrung?“
Ja, genau das glaubte Walter. Was war toll daran, rohen Fisch in pappigen Reis zu drücken und in ein Algenblatt einzurollen? Es schmeckte bestenfalls nach gar nichts, meist aber etwas fischelig nach Brackwasser. Pfui.
„Geschmäcker sind halt verschieden“, erwiderte Walter diplomatisch und scharrte unauffällig mit dem Fuß, um das vorherige Stück Sushi, das er in der Hoffnung, dass Balu es fressen würde, unter den Tisch hatte fallen lassen. Der Wolfsspitz hatte nur kurz daran geschnüffelt und sich beleidigt auf die Terrasse verzogen.
„Und so gesund kann das gar nicht sein. Überleg doch mal, warum die Japaner alle so klein sind … das könnte doch auch von diesem Zeug hier kommen.“
„Jetzt redest du aber Blödsinn“, lachte Liesl. „Gib mir deins rüber. Ich mache dir den Rest Spaghetti von gestern warm.“
Es war einer ihrer Versuche gewesen, Walters kulinarische Welt zu erweitern. Nicht, dass er sich schlecht ernährte, aber sie fand, dass Rauchfleisch, Braten und Spätzle nicht der Sockel der Ernährungspyramide sein sollten. Bei Salat und Gemüse hatte sie Walter bekehren können, wenn sie auch geschickt mit Dressings und Saucen hantieren musste, um es ihm schmackhaft zu machen.
Liesl hatte vor einiger Zeit das kleine Haus am Rand von Taldorf von ihrer Tante geerbt. Nach einer gründlichen Sanierung war sie eingezogen und hatte Walter kennengelernt. Schnell waren sie von Nachbarn zu Freunden geworden und irgendwann auch ein Paar. Ihre Häuser lagen dicht beieinander und sie verbrachten viel Zeit miteinander, doch die Idee zusammenzuziehen und eines der Häuser zu vermieten, war nie aufgekommen. Beide genossen die Rückzugsmöglichkeit in den eigenen vier Wänden. Unter der Woche, wenn Walter mitten in der Nacht aufstehen musste, um die Zeitungen im Dorf auszutragen, schliefen sie getrennt, um so mehr freuten sie sich auf die Wochenenden.
Liesl rührte in den Spaghetti und trug den dampfenden Topf zum Tisch. „Sie stellen nachher das Zelt auf. Schauen wir uns das an?“
„Natürlich“, sagte Walter mampfend und verbrannte sich die Zunge an der heißen Sauce. „Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen, wenn hier schon mal was los ist.“
Mit dem Neubau des Musikheims neben Walters Haus, zog auch das Taldorfer Gartenfest ins Hinterdorf um. Dort war mehr Platz und die Verantwortlichen versprachen sich mehr Besucher und dadurch höhere Einnahmen. Die Hauptattraktion sollte ein Mofarennen am Samstagabend werden. Man hatte sich bewusst gegen einen fröhlichen Tanzabend entschieden, da selbst die guten Partybands überall mit rückläufigen Besucherzahlen kämpfen mussten. Das Planungsteam hatte die ruhige Zeit des Corona-Lockdowns genutzt und ein perfektes Motorsportevent geplant, bis hin zu einem ausgeklügelten Regelwerk und einer strengen Kontrolle der teilnehmenden Fahrzeuge. Walter hatte seine Bedenken was die Besucherzahlen anging. Wer hatte Interesse an stinkenden Zweitaktmaschinen, die in beschaulichem Tempo zwei Stunden im Kreis fuhren? Am nächsten Wochenende würde diese Frage beantwortet werden.
Walter und Liesl liefen die wenigen Meter bis zum neuen Festplatz. Ein LKW parkte auf der Straße. Auf seiner Ladefläche waren Aluelemente verzurrt, die, nachdem sie zusammengesetzt waren, das Gerippe des Zeltes bilden würden. Über fünfzig Musikanten standen in Arbeitskleidung bereit, um beim Aufbau zu helfen.
„Das sieht aber nicht nach Arbeitskleidung aus“, rief der Alte (wie der Vorstand des Musikvereins genannt wurde, obwohl er eigentlich Alex hieß).
„Ich wusste nicht, dass ich … ähm … also, dass ich …“, stammelte Walter, wurde aber vom Vorstand unterbrochen. „War doch nur ein Scherz. Wir haben mehr Helfer, als wir brauchen. Das geht ganz fix. Das da hinten ist der Zeltmeister.“ Der Alte zeigte auf einen hageren Mann in zerschlissenen Arbeitshosen, der gestikulierend eine Gruppe Musiker in ihre Aufgaben einwies. „Ich geh da auch mal hin“, verabschiedete sich der Vorstand und gesellte sich zu den anderen Freiwilligen.
„Es gibt einen Zeltmeister … uuuuh“, lästerte Liesl und kicherte. „Wo verdient der sonst sein Geld? Auf einem Campingplatz?“
„Das wird schon seinen Grund haben“, sagte Walter mit einem Blick auf die Alustangen, die jetzt abgeladen wurden. Sie waren länger, als er es sich vorgestellt hatte. Der Aufbau war wohl doch aufwendiger als bei einem gewöhnlichen Zwei-Mann-Zelt.
Die ersten Segmente wurden unter Anleitung des Zeltmeisters verbunden und schnell bekam man eine Vorstellung von der Größe des fertigen Zeltes.
„Das wird riesig“, sagte eine Stimme hinter Walter, der sich umdrehte und den alten Mann begrüßte, der mit seinem Stock auf ihn zu humpelte. „Panky! Schön dich zu sehen. Mit sowas kann man dich also von deinem Hof runterlocken?“
Pankratz Wagner, der von allen nur „Panky“ genannt wurde, war der Altbauer eines Hofes im Hinterdorf. Seine Tochter und ihr Mann bewirtschafteten den Hof, doch Panky half noch immer, wo er konnte. Seine siebenundsiebzig Jahre sah man ihm nicht an. Es gab fünfzigjährige, die schlechter aussahen. Der Stock an dem er ging, war einer Arthrose im rechten Knie geschuldet. Die Ärzte hätten ihm gerne ein neues Gelenk eingesetzt, doch Panky hatte wenig Vertrauen in die „Herren in weiß“, wie er sie nannte.
„Ich bin mehr unterwegs, als du denkst“, reagierte er auf Walters Anspielung. „Nur weil ich nicht jeden Abend bei der Goschamarie sitze, bin ich noch lange kein Einsiedler.“
„Das ist übrigens meine Freundin“, stellte Walter Liesl vor, da die beiden sich noch nicht kannten.
Liesl streckte die Hand aus. „Es freut mich Sie kennenzulernen“, sagte sie freundlich. „Ich bin die Liesl!“
Der alte Mann hielt ihre Hand fest umklammert und zog sie näher an sich. „Freut mich! Ich bin Panky und nenn mich bitte auch so. Und das „Sie“ kannst du auch gleich vergessen.“
„Okay, Panky. Dann freut es mich noch mehr, dich kennenzulernen.“
Bevor sie sich weiter unterhalten konnten, wurden sie von Elmars Fliesenlegerbus von der Straße gehupt.
„Sorry, bin spät dran“, rief er zum geöffneten Fenster hinaus und schleuderte eine halbgerauchte Lord ins Gras. „Walter hat mich mal wieder aufgehalten. Wollte einfach nicht essen, der kleine Sturkopf.“
Walter grinste. Er liebte den kleinen Kerl, dessen Namensgeber er war. „Tja, mit den Walters ist es nicht immer einfach.“
Elmar blickte ihn grimmig an.
„Du hast da übrigens was“, wies ihn Walter auf ein paar orangefarbene Punkte auf seiner Stirn hin. Elmar wischte mit seinem Ärmel darüber und seufzte. „Spritzer vom Babybrei, den ich nicht in ihn reinbekommen habe. Für sein Alter weiß er schon sehr gut, wie er sich wehren muss.“
Der Vorstand hatte Elmar entdeckt und winkte ihn zu sich.
„Da geh ich jetzt besser hin. Ach Walter – ich gehe nachher noch zur Goschamarie. Kommst du auch?“
Walter antwortete mit einem gereckten Daumen und nahm Liesl in den Arm. „Sollen wir uns den Rest vom Garten aus anschauen? Ohne Schatten wird es mir jetzt doch zu heiß.“
Es war das erste Augustwochenende und die Sonne brannte unbarmherzig auf sie herab.
„Wenn du ein Bier ausgibst, folge ich dir überall hin“, flötete Liesl und hakte sich bei Walter unter. Sie verabschiedeten sich von Panky, der das Geschehen weiter beobachtete und gingen in Walters Garten. Unter dem großen Sonnenschirm öffneten sie zwei Flaschen Bier und sahen zu, wie die Giebelseite des Festzeltes aufgerichtet wurde.
„Das ist ja ein riesiges Zelt“, knurrte Balu. Der Wolfsspitz lag mit Kitty, der Tigerkatze, im Schatten der alten Jostabüsche am Rand der Terrasse. Kitty gehörte eigentlich zur Wirtschaft, doch Balu und sie waren beste Freunde und verbrachten viel Zeit miteinander. „Ich bin gespannt, ob wirklich so viele Leute kommen. Wenn ich das Zelt anschaue, sind die Erwartungen wohl recht hoch.“ „Ist mir egal“, sagte Balu ärgerlich. „Hauptsache, es ist bald vorbei. Dieses nervige Zweitaktgeschnatter halte ich nicht mehr lange aus.“ Als bekannt geworden war, dass beim Gartenfest ein Mofarennen stattfinden sollte, war im weiten Umkreis das Mofafieber ausgebrochen. Wer noch irgendwo eines herumstehen hatte, versuchte es zum Laufen zu bringen, wer keines hatte, versuchte sein Glück bei ebay-Kleinanzeigen. Die Preise für gebrauchte Fahrzeuge gingen durch die Decke, bis am Ende gar keins mehr zu bekommen war. Seitdem verbrachten die stolzen Mofabesitzer viel Zeit damit, ihre Fahrzeuge herzurichten und renntauglich zu machen. Längst verloren geglaubtes Jugendwissen über das „Frisieren“ wurde reaktiviert, was den kleinen Motoren mitunter zu erheblichen Leistungssteigerungen verhalf. Natürlich musste das auch getestet werden und so knatterte zu fast jeder Tages- und Nachtzeit irgendwo ein Mofa durch Taldorf. „Da kommt schon wieder einer!“ Balu zeigte mit der Schnauze auf die Straße, auf der ein viel zu kleines Mofa mit einem viel zu großen Fahrer angerast kam. Der Rahmen war schwarz und die Felgen rot lackiert. Der Motor drehte am Anschlag. Dann ein lauter Knall und plötzliche Stille. „Der hat noch einiges zu tun“, stellte Kitty fest. „Hast du gehört, wie laut der allein schon war? Ich denke, ich werde beim Rennen nächsten Samstag nicht hier sein. Dann sind es fünfundvierzig von diesen Dingern, die Lärm machen. Das halte ich nicht aus.“„Da bin ich ganz deiner Meinung“, pflichtete Balu bei. „Wir könnten die Nacht bei Chiara verbringen und am nächsten Morgen ist alles vorbei.“Chiara war eine hübsche Border Collie Hündin und Balus Freundin. Sie lebte bei Walters Freund Georg nur ein paar Minuten Hundegalopp entfernt. „Ich weiß genau, was du bei Chiara willst“, grinste die Tigerkatze. „Aber mir soll’s recht sein. Hauptsache, wir entgehen dem Trubel. Vielleicht könnt ihr euch ja ein bisschen zurückhalten.“Balu verzichtete auf eine Antwort und beobachtete ein weiteres Mofa, das den Weg von Hütten her ins Tal hinunter raste. Als das Hinterrad blockierte, sah es erst so aus, als könnte der Fahrer das Gleichgewicht halten, doch dann schlingerte das Mofa heftig und der Fahrer wurde in den Graben geschleudert. „Autsch!“, kommentierte Kitty. „Autsch!“, stimmte Balu zu.
3
Wie immer, wenn er in die Wirtschaft ging, hatte Walter seine lederne Trachtenhose angezogen. Dazu nur ein kurzärmeliges Hemd. Eine dünne Strickjacke für den Heimweg trug er locker über dem Arm. Auch wenn die Temperaturen am Tag knapp dreißig Grad erreichten, wurde es in der Nacht kühl, vor allem, wenn der Himmel klar war und keine Wolkendecke die warme Luft zurückhielt.
Das Zelt stand fertig aufgebaut neben dem Musikheim. Er war beeindruckt. Als er die Längsseite passierte, machte er Meterschritte, um die Größe abschätzen zu können, was etwas komisch aussah, da seine normale Schrittlänge kürzer war. Fünfunddreißig Meter. Wow! Und die Breite? Etwas weniger. Walter tippte auf fünfundzwanzig Meter. Auf einem Hänger vor dem Zelt waren Holzsegmente gestapelt, die später als Boden verlegt werden sollten.
Als Walter die Dorfstraße erreichte, blickte er noch einmal zurück und staunte über die Ausmaße des Zeltes: sein Haus und das von Liesl hätten zusammen gut hinein gepasst, in der Höhe waren sie ungefähr gleich. Was für ein Wahnsinn. Balu schien das nicht zu interessieren. Er trabte locker an Walters Seite und hob gelegentlich ein Bein, um eine Markierung zu setzen. Walter schaute auf die Uhr: kurz nach acht. Und immer noch hell. Das würde sich bald ändern. Er schauderte, als er an die Zeit dachte, wenn es bereits um fünf Uhr dunkel wurde. Doch noch war es nicht soweit.
Kurz vor der Wirtschaft kam Walter an einem besonders gepflegten Garten vorbei. Anfang August war für die Kleingärtner die Zeit, um die Ernte einzufahren. Äpfel, Birnen, viele Beeren und natürlich allerlei Gemüsesorten. In den Beeten reckten verschiedene Kohlarten ihre riesigen Köpfe der späten Sonne entgegen, am Rand bogen sich die Äste eines alten Pfirsichbaumes unter der Last der reifen Früchte. Walter sah sich verstohlen um und zupfte einen Pfirsich ab. Er wischte ihn an seinem Ärmel sauber und biss hinein. Der Saft tropfte aus dem überreifen Fruchtfleisch und Walter beugte sich vor, um sich nicht zu bekleckern. Er schmeckte köstlich. Wer einmal einen reifen Pfirsich direkt vom Baum gegessen hatte, verzichtete danach gerne auf die Hochglanzprodukte, die das ganze Jahr über ihren Weg aus den Kühllagern in die Ladenregale fanden.
Die Wirtschaft war gut besucht und Walter freute sich, dass Elmar und Max schon am Stammtisch saßen. Während er sich auf seinen Platz setzte, verschwand Balu unter der Eckbank. Nur wenige Sekunden später stellte Marie zwei geöffnete Flaschen Bier vor Walter auf den Tisch. Dadurch sparte sie sich einen Laufweg.
„So Walter – schee, dass do bisch! Dätsch no veschpra wella?“
„Gerne. Ich nehme das normale Vesper.“ Das „normale Vesper“ unterschied sich nur durch einen riesigen Brocken Rauchfleisch vom „vegetarischen Vesper“. Die anderen Bestandteile, wie Blut- und Leberwurst, waren identisch. Walter hatte beides schon probiert, brauchte aber nach der Sushi-Demütigung vom Mittag das volle Programm.
„Ihr wart schnell mit dem Zelt“, lobte er Elmar, der sich gerade eine Lord anzündete.
„Ist kein Hexenwerk. Eigentlich wie beim Camping. Nur größer. Montag kommt der Boden rein, dann können wir den Rest aufbauen. Die Bühne, die verschiedenen Theken und natürlich die Bar.“
Walter war immer noch skeptisch. „Glaubt ihr wirklich, dass so viele Leute kommen? Ich meine … also … es ist ja nur ein Mofarennen.“
Elmar lehnte sich zurück und blies einen wohlgeformten Rauchkringel zur Decke. „Wir haben uns gut vorbereitet und natürlich auch informiert. Ein paar von uns haben sich woanders einige Rennen angeschaut und da Ideen gesammelt. Wieviel Besucher dann wirklich kommen, ist natürlich ein bisschen Glückssache. Stichwort Wetter. Aber allein durch die fünfundvierzig Teams, die am Start sind, können wir mit fünfhundert Leuten rechnen. Die Fahrer kommen ja nicht alleine. Meist sind ein paar Freunde dabei und auch Familie. Manche Teams haben sogar einen kleinen Fanclub, der mit ihnen von Rennen zu Rennen zieht. Und: wir haben ordentlich Werbung gemacht. Plakate, Banner, in der Zeitung kommt noch ein großer Artikel und über Socialmedia geht eh di Post ab.“
Walter war mit seinem iPhone mittlerweile auch in der digitalen Welt angekommen, doch seit er eine Mailadresse besaß, ärgerte er sich eigentlich nur über die lästigen Werbemails. Es war ihm schleierhaft wie da „die Post abgehen“ sollte, wie es Elmar genannt hatte.
„Und wir haben einen Promi am Start. Allein wegen dem werden viele Zuschauer kommen.“
Elmar sprach von Nico Berg. Ein aufgehender Stern am deutschen Rennsporthimmel. Mit gerade mal neunzehn Jahren würde er in der nächsten Saison von der Formel drei in die Formel eins wechseln. Schon jetzt wurde er als der neue Michael Schumacher gefeiert. Er stammte gebürtig aus dem Landkreis Ravensburg und irgendjemand hatte die richtigen Kontakte gehabt, um den Nachwuchsrennfahrer für das Mofarennen zu verpflichten.
„Ist der wirklich so gut?“, fragte Walter, der sich für Motorsport ungefähr so viel interessierte, wie für die Bundesligatabelle im Feldhockey.
„Der ist spitze“, mischte sich Max ein, der selbst nie ein Formel-Eins-Rennen verpasste. „So ein Talent gab es schon lange nicht mehr. Aber hier wird er sich warm anziehen müssen.“ Max lachte herzhaft und klopfte zwei Häufchen Schnupftabak auf seinen Handrücken. „Wenn der wüsste, was wir für eine Maschine am Start haben, würde er sofort Absagen. Da kann er sich nur blamieren.“
Schon als die ersten Gerüchte vom Mofarennen aufgekommen waren, hatte sich Max ein Mofa besorgt. Für ihn war es selbstverständlich, die Ehre des Dorfes mit dem Sieg in diesem Rennen zu verteidigen. Seitdem verbrachte er jede Woche mindestens einen Abend in Faxes Garage in Alberskirch. Gemeinsam schraubten sie an ihrem Mofa und versuchten, das Bestmögliche aus dem kleinen Zweitaktmotor herauszuholen. Im Rennen würden hauptsächlich Faxe und Fibi, ein motorsportbegeisterter Freund von Faxe, auf der Strecke sein. Aber auch Max hatte sich fest vorgenommen, ein paar Runden zu fahren.
„So, do isch dei Veschper“, unterbrach Marie und stellte den Teller vor Walter ab. Wie immer war die Portion riesig.
„Da hätte die Hälfte auch gereicht“, sagte Walter mehr zu sich selbst, doch Marie hatte ihn gehört.
„I woiss it wa des soll: afanga schwätzt jeder vo kloinere Portiona. Bisher hots doch au basst!“
Walter räusperte sich und strich über seinen Bauchansatz. „Die Leute leben halt bewusster. Und mal ganz nebenbei: wenn du die Portionen etwas kleiner machst und den gleichen Preis verlangst, dann machst du mehr Gewinn.“
Marie runzelte die Stirn. Daran hatte sie offensichtlich noch gar nicht gedacht.
„Wenn es dir zu viel ist, dann gib mir was von dem Rauchfleisch ab“, mischte sich Elmar ein. „Anne hat mich gebeten, ein Stück mitzubringen.“
Ohne ein Wort schnitt Walter drei Scheiben für sich ab und schob den großen Rest zu Elmar. „Wir wollen ja nicht, dass das Mädel verhungert.“
Elmar steckte das Rauchfleisch in die Tüte, die Marie vorsorglich schon dazugelegt hatte. „War übrigens nett, Panky mal wieder zu sehen“, erinnerte er sich an den Nachmittag. „Seit seine Frau gestorben ist, sieht man ihn nirgends mehr.“
Walter nickte verständnisvoll. Er wusste, was Panky durchgemacht hatte. Als seine Frau Anita vor ein paar Jahren gestorben war, hatte er sich auch zurückgezogen. Nur ganz allmählich war er in die Dorfgemeinschaft zurückgekehrt und erst Liesl hatte ihn endgültig aus seiner Trauer herausgeholt. Panky war nie ein großer Kneipengänger gewesen, trotzdem war er im Dorf sehr beliebt. Nach allem was Walter wusste, hatte er Halt bei seiner Familie gefunden. Pankys Tochter und ihr Mann waren nicht nur fleißig, sondern auch sehr nett. Die Enkelkinder hatten sicher auch ihren Teil dazu beigetragen.
„Hat er eigentlich den Hof schon an die Jungen übergeben?“, fragte Max. „Ist immer besser, wenn so was rechtzeitig geregelt wird.“
„Hab keine Ahnung“, gestand Walter und schmierte das letzte Stück Leberwurst auf eine Brotscheibe. „Das ist wohl ein Thema, um das ich mich nie werde kümmern müssen.“
Marie brachte Max ein weiteres Bier. „I hon scho älles gschrieba. Wenn i mol nemme bin gibt’s koin Schtreit. Und i muss au it als Gschpenscht zrickkomma, um die bucklig Verwandtschaft zum ärgra!“
Elmar lachte. „Du wärst aber sicher ein gutes Gespenst. Wenn ich überlege, wer jetzt schon alles wegen dir zittert …“
„Sei vorsichtig, Birschle“, mahnte Marie scherzhaft. „Sonscht iberleg i mirs no und lueg dänn bei dir vorbei.“
„Da mach dir mal keine Hoffnungen“, entgegnete Elmar selbstsicher. „Ich weiß ja, dass es keine Geister gibt. Da redet mir auch keiner was ein.“
Marie bückte sich zu Elmar hinunter und flüsterte nun fast. „Des hon i au immer dänkt. Aber manchmol bassieret scho komische Sacha. Grad des Häusle do gegenüber, wo jetzt scho a paar Johr koiner me wohnt … da heerschs nachts manchmol wimmra … und i hon au scho an Schatta gsäha …“
„Jetzt erzählst du aber Märchen“, unterbrach Elmar, doch Marie streckte warnend einen Finger hoch.
„Dänn gosch mol sälber numm. Nachts. Aloi. Dänn wirsch scho säha …“
Marie richtete sich wieder auf und stampfte Richtung Tresen davon. Elmar hatte nach ihren letzten Worten tatsächlich eine Gänsehaut. Er rubbelte sich über die Arme und schüttelte sich.
„Manchmal übertreibt sie es. Kommt - stoßen wir an!“
Ihre Bierflaschen trafen sich und das Klirren vertrieb die düsteren Gedanken. Außer bei Walter, der auf seiner nächtlichen Zeitungstour auch schon das Gefühl gehabt hatte, dass in diesem Haus etwas vor sich ging. Er hatte sich eingeredet, es sei ein Marderpärchen, das in den verlassenen Zimmern umhertollt oder vielleicht auch ein Rudel Ratten. Auch alte Rohre konnten Geräusche machen. An Geister glaubte er nicht. Würde man da jedes Mal einen Exorzisten rufen, hätte die Katholische Kirche eine lukrative Einnahmequelle.
Walter hatte eigentlich gehofft, auch Peter und Theo zu treffen, doch sie tauchten an diesem Abend nicht mehr auf. Als Marie bei ihm kassierte, erkundigte sie sich nach der Anzahl seiner verzehrten Brotscheiben und servierte ihm den obligatorischen Schnaps im Sprudelglas.
Auf dem Heimweg kam er an dem verlassenen Haus vorbei, von dem Marie erzählt hatte. Er blieb stehen und lauschte in die Nacht. Alles war ruhig. „So ein Blödsinn“, sagte er zu sich selbst und lief leicht schwankend weiter.
„Es ist kein Blödsinn“, korrigierte Kitty, nachdem Balu ihr von dem Gespräch am Stammtisch erzählt hatte. „Da tut sich wirklich irgendwas.“ Sie sprang von ihrem Strohballen herunter und begleitete die beiden ein Stück.„Du stehst auf Geistergeschichten?“, fragte Balu überrascht. „Das sage ich ja gar nicht. Aber ich habe da auch schon Geräusche gehört. Und ich weiß eins: das waren keine Tiere!“
4
Nach einem gemütlichen Sonntag, den Walter und Liesl lesend auf der Terrasse und mit einem kleinen Spaziergang verbracht hatten, meldete sich Walters Wecker am Montagmorgen um halb drei mit Nino de Angelos „Jenseits von Eden“. Für Walter war sein Radiowecker ein Orakel: der Song, mit dem er sich einschaltete, entschied über den Verlauf des Tages. Guter Titel, guter Tag. Schlechter Titel, schlechter Tag. Doch in diesem Fall konnte er sich nicht entscheiden und stufte die Tagesvorhersage als „geht so“ ein. Als er die Treppen vom Schlafzimmer herabkam, wurde er von Balu freudig begrüßt. Er legte zwei Buchenscheite in den Holzherd und löffelte Futter in Balus Napf. Wie jeden Morgen füllte er den alten Wasserkessel mit dem Pfeifchen am Ausguss und stellte ihn auf die Herdplatte. Es dauerte ein paar Minuten, dann entwich der heiße Wasserdampf pfeifend aus dem Kessel und Walter goss den Kaffee auf. Zwei Tassen. Eine für ihn und eine für Jussuf. Walter sah auf die Uhr und öffnete die vordere Eingangstür. Kurz darauf wuffte Balu zwei Mal und ein Auto hielt im Hof.
„Guten Morgen“, trällerte Jussuf. Er war offensichtlich bester Laune und setzte sich auf den Stuhl, auf dem er immer saß. Balu leckte ihm zur Begrüßung die Hände und wurde mit einer kurzen Streicheleinheit belohnt. Jussuf brachte die Zeitungen von der Druckerei zu den Austrägern und blieb gerne auf eine Tasse Kaffee und ein frühmorgendliches Schwätzchen.
„Du strahlst ja richtig“, bemerkte Walter. „Gibt’s irgendwas Besonderes?“
Der Türke nippte vorsichtig an seinem dampfenden Kaffee. „Ich freue mich nur. Ich hab draußen das Festzelt gesehen und mich daran erinnert, dass am Samstag das Mofarennen ist.“
Walter war überrascht. „Ich wusste nicht, dass du auf sowas stehst. Ist doch eher was für Kinder …“
Jussuf schüttelte den Kopf. „Du hast keine Ahnung. Das wird ein Mordsspektakel. Ich war schon bei ein paar Mofarennen. Wahnsinn! Ehrlich. Was die aus diesen kleinen Dingern rausholen, ist unglaublich. Und dann kommt ja auch noch Nico hierher. Bist du schon aufgeregt?“
„Warum sollte ich aufgeregt sein?“, wunderte sich Walter. „Nur weil da irgendein Rennfahrer-Promi am Start ist? Also mir ist das schnuppe.“
„Aber Walter - das ist doch nicht irgendein Rennfahrer. Nico Berg ist das größte Fahrertalent Deutschlands … wenn nicht sogar der ganzen Welt. Und der kommt hierher. Stell dir vor: der fährt da drüben auf der Wiese beim Rennen mit. Und dann ist er ja sicher auch zur Siegerehrung da. Für ein Autogramm von ihm würde ich töten …“
Bei dem Wort „töten“ ließ Balu ein leises Knurren hören. In den letzten zwei Jahren hatte es in Taldorf und Umgebung genug Tote gegeben und Walter hatte die Morde mit seinen Freunden von der Polizei aufgeklärt. Einmal war Walter dabei angefahren worden. Nur Balus beherztes Eingreifen hatte damals Schlimmeres verhindert.
„Ich denke, du kommst auch ohne einen Mord an dein Autogramm“, lachte Walter, der Balus Knurren sehr wohl wahrgenommen hatte. „Wenn der Kerl für ein Mofarennen extra nach Taldorf kommt, kann er so verkehrt nicht sein.“
Jussuf zuckte mit den Schultern. „Naja, er soll schon ziemliche Starallüren haben.“
„Woher weißt du das?“
„Aus der Klatschpresse. Meine Frau kauft immer diese Heftchen. Eigentlich totaler Schrott, aber du bist über die Promis auf dem Laufenden.“
Walter verzog das Gesicht. Er konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen, als Artikel über irgendwelche C-Promis zu lesen. Da könnte er genauso gut das Dschungelcamp anschauen.
Trotzdem war seine Neugier geweckt. „Was erzählt man denn über den Kerl?“
„So dies und das … viele Partys und vor allem: viele Frauen. Er hat quasi jede Woche ne andere. Er wurde auch mal verhaftet, weil er auf einer Privatparty erwischt wurde auf der Drogen rumgingen. Sie konnten ihm aber nichts nachweisen.“
„Gibt’s für Rennfahrer nicht auch Drogentests? Das ist doch heute in jeder Sportart üblich?“
„Keine Ahnung“, gab Jussuf zu und stellte seine leere Tasse in die Spüle. „Wahrscheinlich schon. Aber du weißt ja: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn jemand Drogen nehmen will, dann schafft er das auch. Trotz irgendwelcher Tests.“
„Kommst du nur zum Mofarennen, oder auch am Freitag zum Feierabendhock?“, wechselte Walter das Thema.
„Freitag kann ich nicht … ich habe von meiner Frau zum Geburtstag wieder einen Kurs geschenkt bekommen … und der ist immer am Freitag.“
„Nochmal ein Sprachkurs? Warum das denn? Dein Deutsch ist mittlerweile besser als meins …“
„Nein, kein Sprachkurs … ähm …“, druckste Jussuf herum. „Es ist ein Salsakurs.“
„Ach du lernst kochen? Salsa … das ist doch diese scharfe Sauce beim Mexikaner …“
Jussuf schüttelte den Kopf. „Nicht kochen, Walter, tanzen. Salsa ist ein Tanz.“
Walter war fassungslos. „Auf sowas stehst du? Hätte ich nicht von dir gedacht.“
Jussuf seufzte. „Ich auch nicht. Ich habe null Rhythmusgefühl und zwei linke Füße.“
„Und warum schenkt sie dir dann so einen Kurs?“
„Na, weil sie Salsa tanzen möchte.“
Jetzt verstand Walter, in welcher Falle sein Freund saß. Er konnte das Geschenk seiner Frau ja schlecht ablehnen, dabei hatte sie es sich eigentlich selber geschenkt. Raffiniert. Tanzkurs, durchfuhr Walter ein Gedanke. Da war doch was. Dann erinnerte er sich: kurz vor der Pandemie hatte Liesl davon gesprochen, einen Tanzkurs machen zu wollen, doch dann wurde ja alles geschlossen. „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“, hatte er damals zu ihr gesagt. Was, wenn sie sich daran erinnerte? Walter bekam ein flaues Gefühl im Magen.
„Na, dann wünsche ich dir viel Spaß“, sagte er und klang dabei gehässiger, als er beabsichtigt hatte. Als sie vor der Tür die Zeitungen in Walters Handkarren verstauten, kam ihm noch ein Gedanke.
„Es wäre echt nett von dir, wenn du das mit der Tanzerei nicht erwähnen würdest, wenn Liesl dabei ist. Nicht, dass sie noch auf komische Gedanken kommt.“
Jussuf versprach es ihm und fuhr kurz darauf vom Hof. Vier weitere Austräger warteten schon auf seine Lieferung.
5
Walter arbeitete seine Zeitungsrunde ab, die ihn zuerst über die Höh nach Wernsreute führte, weiter über Alberskirch und Dürnast, und am Ende zurück nach Taldorf. Immer wieder musste er an Jussufs Tanzkurs denken. Wie kommen die Leute nur auf sowas? Gerade wenn sie schon älter sind. Vielleicht war es der Versuch etwas Abwechslung in ihre Beziehung zu bringen, ohne sich gleich einen Liebhaber zuzulegen. Dann wäre ein Tanzkurs so etwas wie eine Therapie zur Bewältigung einer Midlifecrises, zumindest für den weiblichen Teil. Aber was gibt es für die Männer? Bierseminare? Weinproben? Kegelabende? Alles war besser als ein Tanzkurs. „Solche Probleme hast du nicht“, murmelte Walter neidisch, als er Balu dabei beobachtete, wie er einen Laternenpfahl markierte.
In Alberskirch machten sie eine kurze Trinkpause. Vor Faxes Garage füllte Walter Wasser für Balu in eine Plastikschale und nahm selbst einen großen Schluck aus der Flasche. In der Werkstatt brannte ein schwaches Licht. Wahrscheinlich hatte Faxe aus Versehen eine Lampe angelassen. Neugierig drückte er ein Auge auf das große Schlüsselloch im Garagentor. Tatsächlich war eine Leuchte an und Walter erkannte Max‘ Rennmofa auf einem Arbeitstisch. Zwischen leeren Bierflaschen lagen Fahrzeugteile, Werkzeug und ölbeschmierte Lumpen. Für Walter sah das Mofa schon recht fertig aus, lediglich am Motor, schien noch etwas zu fehlen. Er hoffte, dass sich die vielen Stunden Arbeit, die Faxe und Max in dieses Projekt steckten, am Ende auszahlten. Es wäre schön, wenn der Sieger aus dem Dorf käme.
Auf dem Weg zurück nach Taldorf stand auch das Haus von Eugen Heesterkamp auf Walters Liste. Hier war er immer besonders vorsichtig, da der pensionierte Gymnasiallehrer (Oberstudienrat AD, Fächer: Biologie und Sport) ihn schon mehrfach erschreckt hatte, doch in dieser Nacht war alles ruhig.
Balu war schon vorrausgelaufen und unterhielt sich mit Bimbo, einem Haflingerwallach, dessen obere Stalltür immer offenstand. Bimbo war meist schlecht gelaunt und streitlustig, doch im Laufe der Zeit war das Verhältnis zwischen den beiden Tieren besser geworden.
„Warum ist eigentlich nur bei euch etwas los?“, meckerte Bimbo. „Bisher war das Gartenfest immer hier im Vorderdorf und jetzt ist das auch noch weg.“Balu wusste, wie neugierig der Wallach war, aber über den Lärm beim Rennen wäre er sicher auch nicht glücklich. „Mecker nicht! Bei dir laufen doch immer noch genug Leute vorbei. Dafür kriegst du von dem Motorenlärm nichts mit.“„Aber ich wäre gern näher dran. Die Ruhe habe ich das ganze Jahr über. Ich brauche einfach mal etwas Abwechslung.“Balu verstand, was er meinte. Der Haflinger stand die meiste Zeit in seinem Stall und konnte nicht, wie Balu, mit seinen Freunden Ausflüge machen oder einfach umherziehen. Auch das schönste Zuhause wurde irgendwann langweilig, wenn man nichts anderes zu sehen bekam. „Ich könnte ja mal wieder deine Stalltür aufmachen“, bot Balu an. Dass er Türen öffnen konnte, war eins der wenigen Geheimnisse, die er vor Walter bewahrte. „Ach lass mal. Die fangen mich ja eh gleich wieder ein. Da verlasse ich mich lieber darauf, dass du mich auf dem Laufenden hältst.“„Ist versprochen“, bellte Balu und galoppierte hinter Walter her.
Die Häuser im Hinterdorf waren die Letzten auf Walters Tour. Der Feierabend war zum Greifen nahe. Auch der Wagnerhof bekam eine Zeitung. Erneut musste er an Panky denken. Es tat ihm leid, dass der alte Landwirt nach dem Tod seiner Frau niemanden mehr kennengelernt hatte. Wenn Walter zurückblickte, war die Zeit, die er allein gelebt hatte, nicht schön gewesen. Heute mit Liesl an seiner Seite konnte er sich das gar nicht mehr vorstellen. Vielleicht sollte er Panky mal besuchen oder auf ein Bier einladen? Ein bisschen Abwechslung würde ihm sicher guttun.
Die letzte Zeitung klemmte er unter die Klinke bei der Goschamarie und tastete auf dem Fenstersims vorsichtig nach dem Schnapsglas, das Marie dort für ihn hinstellte. Das war ihre Art, „Danke“ zu sagen. Walter setzte sich auf die oberste Treppenstufe am Eingang und genoss den Obstler in kleinen Schlucken. Wenn er zu viel Schnaps auf einmal trank, bekam er Schluckauf. Über dem Hummelberg breitete sich schon die Morgenröte aus und ließ die Landschaft rot glühen. Wie auf Kommando begannen einige Vögel zu zwitschern, die ihre nächtliche Pause in den Bäumen und Sträuchern beendeten.
Das leere Schnapsglas stellte er zurück auf den Simsen und machte sich mit Balu auf den Heimweg. Auf Höhe des verlassenen Hauses fiel ihm Maries Gruselgeschichte wieder ein und er hielt einen Moment inne. War da nicht ein Geräusch? Er sah zu Balu, der seinen Blick gleichgültig erwiderte. Walter erschrak fast zu Tode, als über ihm eine Elster krähte und davonflog. Er schüttelte sich. „Das kommt davon, wenn man sich so einen Blödsinn anhört“, ärgerte er sich und nahm sich vor, das nächste Mal gar nicht mehr hinzuhören.
6
Es war kurz vor elf, als Walter die Augen aufschlug. Ein einzelner Sonnenstrahl zielte genau auf sein Gesicht und blendete ihn. Er hatte am Vorabend den Rollladen nicht richtig heruntergelassen, so dass zwischen zwei Lamellen eine Lücke klaffte.
„Scheißndreckn“, fluchte er und drehte sich zur Seite. Er beobachtete winzige Staubpartikel, die von dem Strahl beleuchtet wurden und träge im Raum schwebten. Er blieb noch ein paar Minuten liegen und streckte sich ausgiebig, bevor er sich aus dem Bett schwang und seinen Morgenmantel überwarf.
In der Küche wartete Balu vor der Tür zum Garten, die Walter nach einer kurzen Begrüßung öffnete.
„Guten Morgen, Langschläfer“, begrüßte ihn Kitty, die sich auf einem der Gartenstühle eingerollt hatte. „Nicht ich bin der Langschläfer, sondern Walter“, verteidigte sich der Wolfsspitz. „Und ich kann ja nicht immer selber die Tür aufmachen, sonst weiß Walter Bescheid. Das hebe ich mir für Notfälle auf.“ Er lief in die Sonne und streckte sich genüsslich: die Vorderpfoten weit nach vorne geschoben und das Hinterteil in die Höhe gereckt. Dann schüttelte er sich so heftig, dass ihn eine Wolke aus Hundehaaren einhüllte. „Wo warst du eigentlich heute Nacht?“, beschwerte sich Balu. „Ich dachte wir sehen uns an der Wirtschaft.“„Ich war mit Eglon unterwegs. Wir haben Seppi besucht.“ Eglon war der dicke rote Kater, der jetzt bei Liesl wohnte. Er hatte ursprünglich in Alberskirch bei dem alten Pfarrer gelebt, doch als dieser gestorben war, hatte er eine neue Bleibe gebraucht und war nach Taldorf gekommen. Seppi war der Igel, der zuletzt unten in Liesls gemauertem Grill gewohnt hatte, bis er im vergangenen Frühjahr weiter vor ins Dorf gezogen war. Dort wohnte er in einer kleinen Höhle, aus aufeinandergeschichteten Steinen in direkter Nachbarschaft zu einem Igelweibchen. „Wie geht es ihm denn?“, erkundigte sich Balu. „Eglon?“„Nein. Seppi natürlich.“ Kitty grinste. „Er hatte bei dem Weibchen Erfolg. Da gibt es demnächst Nachwuchs.“„Das freut mich wirklich für ihn“, sagte Balu ehrlich. Er mochte den ängstlichen Igel und nahm sich vor, ihn bald selbst einmal zu besuchen. „Und was gibt’s sonst Neues im Dorf?“„Am Morgen war der Notarzt im Hinterdorf“, wusste Kitty. „Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich glaube, er war auf dem Wagner-Hof.“ Balu überlegte. „Auf dem Hof wohnen doch nur Andrea, ihr Mann Steffen und der alte Panky. Die Kinder sind ja beim Studieren. Es ist wohl am Wahrscheinlichsten, dass irgendwas mit Panky ist. Wir sollten uns mal umhören.“„Das kann ich euch ersparen“, maunzte Eglon und sprang auf den Gartenstuhl neben Kitty. „Ich komme gerade von dahinten. Es ist tatsächlich Panky. Er ist tot.“Balu war entsetzt. „Was ist denn passiert? Ich habe ihn am Samstag noch gesehen, als er sich den Zeltaufbau angeschaut hat. Da hat er sich auch mit Walter unterhalten. Ich fand nicht, dass er schlecht aussah.“Eglon hatte sich zurückgelehnt und leckte durch sein Bauchfell. „Genau weiß ich es nicht. Ich war nicht im Haus. Aber ich habe seine Tochter mit einer Nachbarin reden hören. Er sei im Schlaf gestorben, hat sie gesagt. Sie hätten ihn heute Morgen tot in seinem Bett gefunden.“„Wie alt war er denn?“, wollte Kitty wissen. „Siebenundsiebzig. Da wären schon noch ein paar Jahre drin gewesen. Aber so ist das halt: wenn deine Uhr abgelaufen ist, kannst du nichts daran ändern.“ Eglon ließ sich von seinem Stuhl rutschen und streckte seinen buschigen roten Schwanz in die Höhe. „Mein Magen knurrt. Ich gehe mal rüber. Da müsste noch ein voller Napf auf mich warten.“Er schlenderte zwischen den Jostabüschen hindurch und verschwand in Liesls Garten. „Mal wieder ein Toter in Taldorf. Das hatten wir schon lange nicht mehr“, sagte Kitty nachdenklich. „Ein alter Mann ist gestorben“, entgegnete Balu. „Sowas passiert eben. Solange niemand ermordet wird, ist alles in Ordnung.“„Woher willst du denn wissen, dass es kein Mord war?“, hakte Kitty nach. „Nur weil er alt war, heißt das noch lange nicht, dass er eines natürlichen Todes gestorben ist.“Balu knurrte verärgert. „Mal nicht den Teufel an die Wand. Wem sollte Pankys Tod denn etwas bringen?“Die Tigerkatze legte den Kopf schief. „Tja, das ist die Frage, um die es immer geht.“
Walter hatte noch immer seinen Morgenmantel an. Mit einer frischen Tasse Kaffee setzte er sich an das kleine Tischchen auf der Terrasse, musste aber vorher einen ganzen Berg roter Katzenhaare von seinem Stuhl wischen. Er saß kaum, als er Liesls Wagen in der Einfahrt hörte.
„Stell dir vor, was passiert ist“, keuchte sie kurz darauf atemlos. „Panky – der Alte, den du mir beim Zeltaufbau vorgestellt hast … er ist tot.“
Walter verschluckte sich an seinem Kaffee und stellte die Tasse hustend auf den Tisch. „Was? Wieso? Woher weißt du das?“
„Ich war im Lidl in Neuhaus und habe Karle aus Alberskirch getroffen. Der hat es mir erzählt.“
Walter konnte es nicht glauben. „Ja aber wie? Was ist passiert? Wusste Karle das auch?“
Liesls Atem beruhigte sich etwas und sie zeigte auf Walters Kaffeetasse, der zur Bestätigung nickte. Bevor sie weitersprach, nahm sie einen Schluck.
„Es war nichts Außergewöhnliches, meint Karle. Sie haben ihn heute Morgen in seinem Bett gefunden und den Notarzt angerufen. Sein Hausarzt kam dann auch noch, der hat aber nur noch den Tod festgestellt.“
„Wie furchtbar für Andrea und Steffen … und für Pankys Enkel. Soviel ich weiß, hatten sie ein sehr gutes Verhältnis.“
„Kennst du sie gut?“
„Wen? Die Enkel?“
„Alle. Die ganze Familie eben.“
Walter seufzte. „Mit Panky hab ich mich immer gut verstanden. Auch wenn er sich die letzten Jahre rar gemacht hat, war es immer nett ihn zu treffen. Er hatte so einen ganz besonderen Humor. Ein bisschen schräg, aber lustig. Seine Tochter und ihren Mann kenne ich eigentlich nur vom Sehen. Die sind ja auch einiges jünger als ich. So um die vierzig, schätze ich. Aber auch die waren immer sehr freundlich. Der Steffen hat mal mein Auto mit dem Traktor aus einer sumpfigen Wiese gezogen. Er wollte gar nichts dafür haben. Netter Kerl.“
„Jetzt ärgert es mich fast, dass ich Panky nicht besser gekannt habe“, sagte Liesl leise. „Da wohnt man nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt und ich habe ihn erst am Samstag kennengelernt.“
Walter nickte. „Das lag aber nicht an dir. Als vor ein paar Jahren Pankys Frau gestorben ist, hat er sich total zurückgezogen. So wie ich damals auch.“
Liesl verstand. „Nur, dass du eine neue Nachbarin bekommen hast, die dich in den Hintern getreten hat …“
„Genau“, lächelte Walter und gab Liesl einen Kuss. „Und dafür bin ich dir bis heute dankbar.“
„Was macht man denn bei so einem Anlass im Dorf?“
„Da gibt es keine festen Regeln, aber ich werde heute Nachmittag mal rüber gehen und meine Hilfe anbieten. Vielleicht brauchen sie ja irgendwas.“
„Das ist eine sehr nette Geste, aber geh bitte allein. Ich kenne die Leute ja gar nicht. Da scheint es mir nicht angemessen.“
Sie blieben noch eine Weile auf der Terrasse sitzen, dann verabschiedete sich Liesl in die Küche. Sie kündigte einen großen Salat mit Putenschnitzel an. Walter ging ins Schlafzimmer und zog sich um. Da der Schrank schon offen stand, inspizierte er seinen schwarzen Anzug, den er immer zu Beerdigungen trug. Demnächst würde er ihn wohl brauchen.
7
Es war kurz nach drei, als Walter mit Balu das Haus verließ. Am Festzelt waren die Seitenplanen hochgerollt und eine kleine Gruppe hatte begonnen, den Zeltboden zu verlegen. Unter ihnen waren auch Manne und Otto, zwei weißhaarige Rentner aus dem Vorderdorf, die Walter mit ihren behandschuhten Händen zuwinkten. Er beschleunigte seine Schritte, um nicht den Eindruck zu erwecken, er hätte zu viel Zeit, sonst könnte ja jemand auf die Idee kommen, ihn für die Arbeiten im Zelt einzuspannen.
Er sah absichtlich in die andere Richtung, wo neben der Straße ein tiefer Graben verlief. Er versuchte den Wasserstand auszumachen, doch da war nichts. Bei starken Regenfällen sprudelte hier das Wasser und auch über das Jahr hinweg plätscherte immer ein kleines Rinnsal friedlich vor sich hin, doch nun war der Graben bis auf den Grund ausgetrocknet. Walter erinnerte sich noch gut an die Hitzewelle im letzten Jahr, als sogar das Gießen und Rasensprengen verboten worden war. Sie brauchten dringend Regen, aber wenn man dem Wetterbericht glaubte, blieb es die ganze Woche sonnig und heiß.
„Heit bisch aber fria dra“, rief Marie über den Hof, als sie Walter entdeckte. Sie leerte einen Eimer mit Putzwasser in den ausgetrockneten Bach vor der Wirtschaft. „Komm rei, i hon dir au a kalts Bierle aus’m Kiehlschrank. Des brauchsch bei därra Hitz.“
Doch Walter lehnte ab. „Danke Marie, aber ich will gar nicht zu dir. Ich schaue mal auf dem Wagner-Hof vorbei …“
Marie nickte betroffen. „Jo, do hosch recht. Isch scho traurig, dass dr Panky jetzt nimme isch. Wär hett dänkt, dass des sooo schnell goht?“
„Ich komme vielleicht später noch auf dein Angebot zurück“, rief Walter und hob die Hand zum Gruß. Ein kaltes Bier war einfach zu verlockend.
Auf dem Wagner-Hof war alles ruhig. An den meisten Fenstern waren die Rollladen heruntergelassen, die Eingangstür stand einen spaltbreit offen. Walter wollte gerade klingeln, als er Stimmen im Haus hörte.
„Das kommt überhaupt nicht in Frage! Das hätte er nie gewollt!“, rief eine verärgerte Frauenstimme.
„Jetzt glaub mir halt“, drängte eine Männerstimme, „wir haben in letzter Zeit ein paar Mal darüber gesprochen und er hat mehrmals beteuert, dass er eingeäschert werden möchte.“
„Niemals. Du lügst!“
„Warum sollte ich lügen? Bringt doch nichts. Er hat seine Meinung eben geändert.“
„Nix hat er geändert. Für seine letzte Ruhe hat er sich nichts mehr gewünscht, als neben Mama beerdigt zu werden, in einem schönen Sarg und nicht als Asche in einer kleinen Dose.“
„Ach – und wann hat er das gesagt? Bestimmt vor ein paar Jahren!“
Keine Antwort.
„Siehst du: er hat es sich anders überlegt. Jetzt stell dich doch nicht quer und verweigere deinem Vater seinen letzten Willen. Wir sollten uns nur beeilen, damit wir einen Termin beim Krematorium machen können.“
„Ich will das nicht!“, schrie die Frauenstimme verzweifelt. „Und ich weiß, dass Papa das auch nicht wollte und damit Schluss!“
Der Mann resignierte. „Du musst dich erst mal beruhigen. Du bist ja völlig durch den Wind. Lass uns später nochmal darüber reden.“
Walter fand, es sei ein guter Moment um zu klingeln.
Dingdong.
„Hallo?“, rief er durch den Türspalt. „Jemand da?“ Er wollte nicht, dass die beiden das Gefühl hatten, er hätte sie gerade belauscht. Andrea öffnete ihm die Tür und blinzelte ins Sonnenlicht. Sie hatte geweint und ihre Augen waren gerötet.
„Hallo Walter, schön dich zu sehen. Was kann ich denn für dich tun?“ Sie wirkte zerbrechlich und sprach sehr leise. Walter vermutete, dass sie ihre letzte Energie bei dem Streit, den er mitangehört hatte, aufgebraucht hatte.
„Ich bin nur gekommen, um zu sagen, wie leid es mir tut. Mein aufrichtiges Beileid.“ Walter trat näher heran und umarmte Andrea sanft.
„Das ist lieb von dir“, schluchzte sie und zog ein zerknülltes Papiertaschentuch aus der Tasche, um sich die Nase zu putzen.
„Und ich wollte anbieten … also … wenn ihr irgendwas braucht … wenn ich euch helfen kann … dann sag mir einfach Bescheid.“
Sie nickte und wollte etwas sagen, doch in diesem Moment rauschte ein Auto in den Hof und parkte direkt neben der Eingangstür. Der kastige Volvo-Kombi schüttelte sich, als der Motor erstarb.
„Komme ich noch rechtzeitig?“, fragte die alte Frau und hielt sich am Rahmen fest, als sie umständlich aus ihrem Auto kletterte.
Andrea nickte. „Er liegt noch in seinem Zimmer. Der Bestatter kommt erst heute Abend. Schön, dass du es noch geschafft hast, Creszenz.“
Die alte Creszenz lebte in Oberzell. Jeder wusste um ihre Fähigkeiten als Gesundbeterin. Die Klassiker waren Warzenwegbeten und Brandlöschen (bei Verbrennungen). Als Jugendlicher war Walter selbst einmal bei ihr gewesen, um die Warzen an seiner Hand loszuwerden, die gegen die Mittelchen aus der Apotheke immun zu sein schienen. Die Frau war ihm damals unheimlich gewesen, doch ihre Sprüche hatten gewirkt: zwei Tage später waren alle Warzen weg gewesen.
„Was will denn die alte Hexe hier?“, flüsterte Andreas Mann, der hinter ihr im Türrahmen erschienen war.
„Ich bin zwar alt, aber nicht taub“, raunte die Alte. „Ich bin hier, weil dein Schwiegervater das so gewollt hat.“
Steffen sah ratlos zu seiner Frau. „Papa hat immer gesagt: wenn mal was mit ihm ist, soll ich die Creszenz holen. Nur der würde er vertrauen … also, hab ich sie angerufen.“
„Oh bitte, das geht jetzt aber echt zu weit!“ Steffen schob sich an seiner Frau vorbei und baute sich vor der Gesundbeterin auf. „Hören Sie Frau Creszenz, es ist wirklich nett, dass Sie gekommen sind, aber wir brauchen Sie hier nicht. Auch wenn mein Schwiegervater auf das … was immer Sie machen … reingefallen ist, wir tun das nicht. Sie können mit Ihrem Hokuspokus wieder nach Hause fahren.“
Walter stand teilnahmslos daneben und fühlte sich fehl am Platz. Oben lag der tote Panky in seinem Bett und hier unten zettelte sein Schwiegersohn einen Streit mit der alten Creszenz an. Das hätte Panky ganz und gar nicht gefallen.
Andrea zog ihren Mann am Arm in den Hauseingang. „Komm mal mit“, zischte sie ihm zu und zog ihn weiter ins Haus. Obwohl sie flüsterten hörte Walter, dass sie sich stritten. Verlegen wich er dem Blick der alten Creszenz aus, die ihn von oben bis unten musterte.
„Hast dich gut entwickelt, Walterchen. Und das mit den Warzen haben wir auch ganz gut hinbekommen.“ Sie zeigte auf Walters Hände.
„Ähm ja … das hat wirklich … also natürlich gut geholfen“, stotterte Walter. Die Frau war ihm immer noch unheimlich. Trotzdem war er neugierig.
„Warum wollte Panky eigentlich, dass du nach ihm siehst?“
„Er hatte Angst davor, nicht tot zu sein.“
„Wie das? Der Arzt war doch hier und hat ihn für tot erklärt.“
„Ach, das Gerücht kursiert bei den Älteren immer noch“, seufzte Creszenz. „Ganz früher kam es hin und wieder vor, dass jemand nur scheintot war und dann lebendig begraben wurde. Es gibt sogar Gräber, auf denen ist ein Glöckchen befestigt, das über eine Schnur mit dem Sarg verbunden ist, damit der Tote, falls er denn doch nicht tot sein sollte, auf sich aufmerksam machen kann.“
Walter war verblüfft. „Sowas ist wirklich passiert? Klingt ja fürchterlich. Ich hoffe, die Ärzte passen da heute besser auf.“
„Natürlich“, bestätigte Creszenz. „Ich kenne Pankys Hausarzt. Wenn der gesagt hat, er ist tot, ist er das auch. Aber da ist noch etwas: Panky hat mir aufgetragen im Falle seines Todes seine Leiche anzuschauen, um festzustellen, ob es eine natürliche Todesursache war.“
„Wie willst du das denn machen?“, zweifelte Walter. „Du bist doch keine Pathologin oder etwas Ähnliches.“
„Indem ich ihn mir anschaue.“
„Einfach nur anschauen?“
Creszenz nickte.
„Und dann weißt du, woran er gestorben ist?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Woran genau kann ich nicht sagen, aber ich sehe, ob es ein natürlicher Tod war oder nicht.“
Das mit den Warzen damals war ein toller Trick, dachte Walter, aber jetzt übertrieb sie es für seinen Geschmack. Am Ende würde sie noch mit Pankys Geist reden oder ihm aus der toten Hand lesen.
„Du kannst jetzt zu ihm“, sagte Andrea, die ohne ihren Mann zurückgekommen war. „Geh ruhig hoch. Du weißt ja, wo sein Zimmer ist. Ich würde lieber hierbleiben.“
Creszenz nickte und verschwand schweigend im Haus.
„Hat sich Steffen denn wieder beruhigt“, fragte Walter vorsichtig.
„Ach, der kriegt sich schon wieder ein. Er kann mit sowas halt nichts anfangen. Er ist in der Stadt aufgewachsen und kennt solche Leute wie die Creszenz nicht. Für ihn ist das alles Humbug.“
„Aber es kann ja nicht schaden“, sagte Walter gleichgültig. „Und wenn Panky das so wollte, dann ist es doch in Ordnung.“
„So sehe ich das auch.“
In diesem Moment kam Creszenz zurück und machte ein ernstes Gesicht. „Was hat denn der Arzt als Todesursache eingetragen?“
„Herz-Kreislauf-Versagen, glaube ich. Er sagte, das sei in dem Alter das Wahrscheinlichste.“
„Ich widerspreche dem Arzt ja nur ungern, aber ich denke, ihr solltet eine Autopsie machen lassen.“
Andrea und Walter sahen Creszenz fragend an.
„Ich bin mir sicher: Panky ist nicht auf natürliche Art gestorben!“
8
„Und was heißt das jetzt?“, fragte Theo verwirrt. „Machen die bei Panky jetzt eine Obduktion?“
„Ich weiß nicht, wie das abläuft“, gab Walter zu. „Ich habe keine Ahnung, ob überhaupt jemand auf die Aussage einer alten Gesundbeterin hört.“
Walter war nach seinem Besuch auf dem Wagnerhof direkt in die Wirtschaft gegangen. Überrascht hatte er festgestellt, dass Theo, Peter und Max schon am Stammtisch saßen. Als er ihnen erzählte, was vorgefallen war, konnte sich niemand einen Reim darauf machen.
„Wänn d’Creszenz des sagt, dänn isch des au so“, warf Marie ein, die Walter ebenfalls zugehört hatte. „In hon se mol zufällig beim Eikaufa droffa. Da sagtse, i sott doch mol beim Doktr vorbeiluaga und nachm Blutdruck gucka lossa. Des hon i gmacht und des war guat so. Viel z‘hoch ischer gwäa. Des hätt bees ausganga kenna. Jetzt nimm i halt jeden Dag zwoi Tablettla und älles isch guat.“
„Meinst du nicht, das war nur gut geraten?“, wandte Max ein. „Sie kennt dich ja und weiß wie alt du bist und sieht, dass du ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hast …“
„Wa willsch du mir damit saga? Etwa, dass i fätt wär?“ Marie baute sich mit den Händen in den Hüften bedrohlich vor Max auf.
„Ich mein ja nur“, ruderte dieser zurück. „Die Chance auf einen Treffer war da schon recht hoch.“
„Deshalb muss mr aber it glei so frech wärra“, schimpfte Marie im Weggehen und gab Max einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Den Rest des Abends darfst du dich über warmes Bier freuen“, sagte Theo leise, nachdem er sich vergewissert hatte, dass Marie außer Hörweite war.
„Aber was ist denn jetzt mit Panky?“, griff Peter das Thema wieder auf. „Nehmen wir mal an, die machen eine Obduktion und es stellt sich raus, dass er tatsächlich nicht einfach so gestorben ist. Ist das dann ein Fall für die Polizei?“
Walter zuckte zusammen. „Jetzt mal langsam. Da gibt es viele Möglichkeiten … vielleicht hat Panky irgendwelche Tabletten nicht vertragen … oder was Schlechtes gegessen … oder was Falsches verschluckt: auf so einem Hof gibt es genug giftige Chemikalien. Oder was am Wahrscheinlichsten ist: die Creszens hat sich einfach geirrt. Sie leistet sicher gute Arbeit, wenn es um Warzen geht … aber das jetzt … sie ist doch kein Arzt.“
„Hat Andrea denn gesagt, was sie vorhat?“, wollte Peter wissen. „Eine Obduktion muss doch ein enger Angehöriger beantragen. Das sind ja nur sie und ihr Mann.“
Walter schüttelte den Kopf. „Sie war nach Creszenz‘ Auftritt total erschüttert und ist ins Haus zurückgegangen. Ich denke mal, sie wird das mit Steffen besprechen, wobei der, glaube ich, kein Interesse daran hat.“
„Wie kommst du darauf?“, fragte Max und zündete sich eine Zigarre an.
„Ich habe das Gefühl, er will es nur schnell hinter sich bringen. Die Beerdigung und das alles. Ich habe zufällig gehört, wie er sich mit Andrea gestritten hat. Er meinte, Panky hätte sich eine Einäscherung gewünscht und sie müssten sich beeilen, aber Andrea wollte davon nichts wissen.“
Die Tür wurde aufgestoßen und eine Schar verschwitzter Zeltaufbauer strömte herein und verteilte sich an den freien Tischen. Nur Elmar steuerte zielsicher den Stammtisch an.
„Ihr lasst es euch in der Wirtschaft gut gehen, während wir bei der Hitze den Zeltboden verlegt haben“, meckerte er. „Aber wir sind jetzt mit dem Boden fertig. Ab morgen sind andere dran. Die bauen die Bühne auf, die Tresen an der Essen- und Getränkeausgabe, den Weizenbierstand und die Bar. Wir liegen prima im Zeitplan.“ Elmar klopfte eine Lord aus der Schachtel und inhalierte genüsslich. Der Rauch stieg zur Decke und verband sich mit Max‘ Zigarrennebel. Walter war froh, dass es Sommer war und alle Fenster offenstanden. In der kalten Jahreszeit war der Rauch manchmal so dicht, dass man nicht mehr bis zum anderen Ende der Gaststube sehen konnte.
„Sodele, do hosch a eiskalts Bierle. Die Fleißige kriagat immers Beschte“, sagte Marie freundlich. Dann knallte sie eine Flasche vor Max auf den Tisch. „Und fier die Frecha und Faule gibt’s dr Rescht!“
Max lächelte unbeholfen und griff nach seinem Bier. Es war lauwarm.
„Was gibt’s denn Neues?“, wollte Elmar wissen und Walter erzählte noch einmal, was er auf dem Wagnerhof erlebt hatte.
„Auf die Creszenz sollte man hören“, sagte Elmar bestimmt und trank einen Schluck Bier. Eiskalt. „Sie macht ja nicht nur das mit dem Gesundbeten. Sie träumt auch manchmal Sachen, die dann wirklich passieren. Manche würden das Visionen nennen. Muss man das glauben? Nicht unbedingt, aber ganz sicher hat die Frau ein paar Sinne mehr als normale Menschen.“
Max verzog das Gesicht. „Visionen … die hab ich auch manchmal … vor allem, wenn ich zu viel warmes Bier getrunken habe.“ Marie warf ihm vom Tresen aus einen bösen Blick zu.
„Mir hat sie auch mal von einem ihrer Träume erzählt“, fuhr Elmar fort. „Sie sagte, sie hätte mich in einem eigenen Fliesenlegerbus gesehen und hat mir sogar das Logo auf dem Fahrzeug beschrieben. Damals hatte ich schon länger überlegt, ob ich mich selbständig machen soll, hab mich bis dahin aber nicht getraut. Ihr Traum hat mir dann den letzten Kick gegeben und ich habe es durchgezogen. Das habe ich nie bereut.“
„Also hat sie dir eigentlich nur erzählt, was du hören wolltest“, grummelte Max. „Da hättest du auch eine Münze werfen können.“
„Ich weiß nur, dass das mit den Warzen damals funktioniert hat“, warf Walter ein. „Der Rest ist mir eigentlich egal.“
Er sah auf die Uhr und signalisierte Marie, dass er bezahlen wollte. „Ich muss ja wieder früh raus“, reagierte er auf Elmars fragenden Blick. „Ist ja nicht jeder selbständig und kann bis Mittag im Bett liegen.“ Elmar registrierte den Seitenhieb, reagierte aber nicht darauf.
Marie kam, um zu kassieren. „So, no a Schnäpsle auf dr Wäg. Där isch au ausm Kielschrank“, sagte sie und lächelte Max an, der an seinem warmen Bier nuckelte. Wenigstens war ihr Lächeln eiskalt.
Walter stand auf und ging mit Manne und Otto, die sich ebenfalls auf den Heimweg machten, zur Tür.
Marie stand am Tresen und winkte ihnen hinterher: „Machet‘s guat, ziernet nix, kommet wieder!“
„Warum geht ihr denn schon Heim?“, wunderte sich Walter über die beiden weißhaarigen Rentner.
„Wir wollten lieber mit dir und Balu gehen“, erklärte Otto. „Marie hat gesagt, in dem Haus da spukt es. Da gehen wir auf Nummer sicher.“
Die drei beäugten das verlassene Haus misstrauisch, als sie im Halbdunkel daran vorbeiliefen. Nur Balu trabte mit Kitty gelangweilt nebenher. Die Tigerkatze hatte vor der Wirtschaft auf ihn gewartet und er hatte ihr berichtet, was geschehen war.
„Vielleicht riecht diese Creszenz einfach nur besser, als die anderen Menschen“, vermutete Kitty. „Zu blöd, dass sie Panky schon abgeholt haben. Da hätte ich auch mal gerne geschnüffelt.“ „Hauptsache es war kein Mord“, jammerte der Wolfsspitz. „Da wäre Walter doch bestimmt wieder dabei.“„Es kommt, wie es kommt“, orakelte Kitty wenig hilfreich. „Und genau das macht mir Sorgen.“
9
„Und du meinst, sie lassen die Obduktion machen?“, fragte Liesl. Walter hatte ihr von der seltsamen Begegnung mit der Gesundbeterin am Vortag erzählt. Sie hatten gemeinsam Mittag gegessen und saßen mit einer Tasse Kaffee unter dem großen Sonnenschirm auf Walters Terrasse.
„Das weiß ich nicht“, antwortete er. „Ich würde es tun. Kostet ja nichts. Dann hast du Sicherheit.“
„Kannst du nicht mal Anne fragen, ob sie Panky reinbekommen haben? Sie arbeitet jetzt doch wieder.“ Elmars Freundin hatte vor ihrer Schwangerschaft als Assistentin in der Pathologie gearbeitet. Vor zwei Monaten war sie halbtags wieder in ihren Beruf zurückgekehrt.
Anne gehörte zu der kleinen Ermittlergruppe, die in den letzten Jahren mehrere Mordfälle in und um Taldorf aufgeklärt hatte. Auch Walter gehörte dazu, genauso wie sein alter Freund und Polizist Manni, dessen Streifenkollege Hans und Hubert von der Kriminalpolizei. Auch wenn sie nicht ermittelten, trafen sie sich am Samstagmorgen auf dem Ravensburger Wochenmarkt an Francescos Kaffeestand. Letzten Samstag hatten sie ihr Treffen jedoch ausfallen lassen, da alle, außer Anne und Walter, im Urlaub gewesen waren.
„Ich frag sie über Whatsapp“, beschloss Walter und nahm sein iPhone vom Tisch. Es war mit seiner Bluetoothbox verbunden, die leise Walters neuen Lieblingssender von sich gab. Chris Country – ein englischer Sender, der ausschließlich Countrymusik spielte.
„Störe ich?“, fragte Eugen Heesterkamp und blickte neugierig hinter der Hausecke hervor.
„Immer“, antwortete Walter wahrheitsgemäß und erntete dafür von Liesl einen Tritt vors Schienbein.
„Natürlich stören Sie nicht“, flötete Liesl und sah Walter streng an.
Der pensionierte Lehrer nahm sich einen Gartenstuhl und setzte sich zu ihnen unter den Schirm.
„Was verschafft uns denn das … ähm … Vergnügen?“, wollte Walter wissen.
„Ich hatte noch Zeit, da dachte ich, ich schaue mal vorbei. Ich kann nachher endlich meine Bienen holen.“
„Was für Bienen?“, fragte Liesl überrascht. „So richtige … also Insekten?“
Eugen nickte. „Ich bekomme von einem Imker in Horgenzell vier Völker. Ich bin schon ganz aufgeregt.“
Walter runzelte die Stirn. „Und die wohnen dann in Ihrem Garten?“
„Aber nein. Das wäre mir doch etwas zu nah am Haus. Ich habe mit den Erben von Karl-Heinz geredet. Ich darf seinen Bienenstand hinten im Tal benutzen.“
Karl-Heinz war einer der beiden Landwirte, die vor einiger Zeit bei den Bauernmorden ums Leben gekommen waren. Er war ein leidenschaftlicher Imker gewesen und hatte mit seinem Honig das halbe Dorf versorgt. Seine Erben hatten die Imkerei nicht fortführen wollen und hatten seine Völker verkauft. Seitdem stand der alte Bienenstand leer.
„Und Sie kennen sich damit aus?“, wollte Liesl wissen. „Ich stelle mir das nicht so einfach vor.“
„Ich habe mich bestens vorbereitet. Im Internet findet man eigentlich alles, was man wissen muss, aber natürlich habe ich mir auch Fachliteratur besorgt. Wenn alles gut läuft, kann ich demnächst meinen eigenen Honig ernten. Darf ich Sie denn auf meine Kundenliste setzen?“
„Aber gerne“, kam Liesl Walter zuvor, der etwas anderes sagen wollte. „Ich liebe Honig und wenn ich dann noch weiß, dass er von hier kommt, ist das großartig.“
Walter erinnerte sich an Karl-Heinz, bei dem er nie Honig gekauft hatte, da der es mit der Hygiene nicht so genau genommen hatte. Er hoffte, dass Eugen in dieser Hinsicht gründlicher war.
„Haben Sie denn schon die ganze Ausrüstung, die man braucht?“
Eugen winkte ab. „Da braucht es gar nicht so viel. Das meiste hab ich über ebay-Kleinanzeigen gekauft: die Bienenkästen, eine Rauchflasche und einen Kasten, mit dem man ausgeflogene Schwärme einfangen kann.“
„Und so ein Imkeranzug wäre auch nicht schlecht“, überlegte Walter.
Eugen schüttelte den Kopf. „Das ist doch nur was für Anfänger!“
Und du bist kein Anfänger?, dachte Walter, hielt sich aber zurück.
„Wissen Sie … das hat was mit der richtigen Einstellung zu tun“, dozierte Eugen. „Die Bienen spüren, ob man ihnen etwas antun will. Wenn man nur gelassen und ruhig vorgeht, tun sie einem nichts. Und dank meiner Yoga-Erfahrung habe ich meine Ausstrahlung immer unter Kontrolle.“
„Das müssen Sie mir dann mal zeigen“, sagte Liesl. „Also, ich würde mich das ja nicht trauen. Ohne Schutzkleidung. Ich habe schon Panik, wenn hier eine Biene um den Kuchen kreist.“
„Sehen Sie meine Liebe, genau da liegt das Problem: die Biene spürt Ihre Panik und wird dann aggressiv. Sie müssen versuchen, ruhig zu bleiben, dann passiert nichts. Probieren Sie das beim nächsten Mal.“
Walter bevorzugte bei Bienenangriffen die Zeitungsmethode: Zeitung zusammenrollen und dann wie einen Baseballschläger schwingen. Bei einem Treffer wird die Biene weggeschleudert, aber nicht verletzt. Zumindest glaubte Walter das.
Eugen sah auf die Uhr. „Dann geh ich mal und hole meine fleißigen Mädels. Ich erzähle Ihnen dann, wie es gelaufen ist.“
Walter überlegte ob es bei Imkern einen speziellen Gruß gab, wie „Waidmanns Heil“ bei den Jägern, oder „Hals und Beinbruch“. Da ihm nichts einfiel, hob er wortlos die Hand.
„Ist ja schon spannend, dass der Eugen unter die Imker geht“, sagte Liesl nachdenklich. „Vielleicht solltest du dir auch ein Hobby zulegen.“
Sofort klingelten bei Walter die Alarmglocken. Das Schreckgespenst „Tanzkurs“ lugte in seiner Fantasie schon ums Eck.
„Ich hab doch auch so schon genug zu tun“, versuchte er abzulenken. „Und wenn ich mal Zeit habe, verbringe ich die gerne mit dir oder meinen Freunden. Ein Hobby wäre da nur im Weg.“
Mit einem „Ping“ meldete Walters Handy die Antwort von Anne.
„Ja. Pankratz Wagner ist bei uns zur Autopsie. Vermutlich am Freitag. Viel los gerade.“
Ein Herzchen-Emoji beendete ihre Nachricht.
Walter drehte das iPhone zu Liesl. „Panky ist in der Autopsie. Dann hat Andrea doch auf Creszenz gehört.“
Liesl überflog die Nachricht und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Dann hoffen wir mal, dass eure Gesundbeterin falsch lag.“
10
Walter klappte das Verdeck seines Peugeot 205 nach hinten und fuhr ihn aus der Garage. Er schaltete das Abblendlicht ein und lief, bei laufendem Motor, einmal um den Wagen. Tatsächlich: vorne rechts ging das Licht nicht. Liesl hatte ihn neulich abends darauf aufmerksam gemacht.
„Scheißndreckn“, fluchte er und wählte auf seinem Handy Faxes Nummer.
„Muss das echt heute sein?“, maulte der Kfz-Meister. „Wir schrauben immer noch am Mofa und es ist schon Mittwoch. Uns läuft die Zeit davon.“
Walter hatte Verständnis, doch er wollte nicht mit einem kaputten Licht herumfahren.
„Geht doch ganz schnell. So ein Birnchen wechselst du doch in zehn Minuten.“
„Dann komm um vier kurz vorbei“, gab Faxe nach. „Aber stell dein Auto vor der Werkstatt ab. Du kannst nicht reinfahren. Da steht das Mofa.“
Walter bedankte sich und setzte sich mit einer Apfelschorle auf die Terrasse. Gefühlt, drehte sich alles nur noch um dieses Mofarennen. Den ganzen Tag über waren im Dorf Mofas auf Testfahrt unterwegs. Ihre Zweitaktmotoren kreischten in unvorstellbaren Drehzahlbereichen und hinterließen blaue Dunstwolken. Im Festzelt war es jetzt,am frühen Nachmittag noch ruhig. Die meisten der Musikanten mussten arbeiten und würden erst später zum Helfen kommen. Nur Gustl, der Elektriker aus Wernsreute, hatte sich offensichtlich frei genommen. Mit zwei Helfern verlegte er überall Kabel und band sie hoch. Wo das nicht ging, schützte er sie durch schwarz-gelbe Schwellen am Boden.
Walter ging zu Gustls Elektriker-Bus. „Kann dir da niemand helfen? Das sind ja Kilometer an Kabeln.“
Gustl wischte sich Schweiß von der Stirn. Sein T-Shirt war durchgeschwitzt. „Da bin ich gar nicht so scharf drauf. Bei der Elektrik muss alles stimmen. Da will ich keine Laien dabeihaben.“
„Was sind das denn für Kisten?“, erkundigte sich Walter und zeigte auf zwei riesige, graue Würfel hinter dem Zelt.
„Stromaggregate.“
„Wofür das denn? Da vorne ist doch ein Verteilerkasten. Warum zapft ihr den nicht an?“
Gustl lächelte. „Da sieht man, dass du kein Elektriker bist. Natürlich sind wir auch an dem Verteilerkasten dran, aber bei Hochbetrieb reicht der Strom von da nicht. Überleg mal: die ganze Beleuchtung, die Soundanlage und vor allem die Kühlschränke und Fritteusen. Ohne zusätzliche Stromquellen ständen wir da ganz schnell im Dunkeln.“
Darüber hatte sich Walter wirklich noch nie Gedanken gemacht. Für ihn kam der Strom aus der Steckdose. Immer. In ausreichender Menge. Allmählich dämmerte ihm, welcher enorme logistische Aufwand hinter dem Fest steckte.
Gustl hievte stöhnend ein weiteres Starkstromverlängerungskabel aus seinem Bus und schleifte es ins Zelt. „Nix für ungut Walter. Ich muss weitermachen, bevor die anderen kommen und mir im Weg rumstehen.“
Walter ließ den Elektriker weiterarbeiten und kehrte auf seine Terrasse zurück. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Balu nicht da war. Er machte sich aber keine Sorgen. Seit Georgs Hündin Chiara von Balu trächtig geworden war, und sechs wunderschöne Welpen bekommen hatte, stattete der Wolfsspitz dem Hof hinter dem Hummelberg regelmäßig einen Besuch ab. Georg hatte einen der Welpen behalten, Fred, und Balu erwies sich als vorbildlicher Hundepapa. Bei jedem seiner Besuche spielte er mit Fred und Chiara bis zur Erschöpfung.
„Nichts zu tun?“, fragte Liesl und riss Walter aus seinen Gedanken.
„Ich warte, bis ich zu Faxe kann. Er macht mir eine neue Birne in den Peugeot.“
Liesl lächelte. „Was würden wir auch ohne Faxe machen? Ist er eigentlich noch mit dieser Uschi vom Landesdenkmalamt zusammen?“
Walter schüttelte den Kopf. „Schon lange nicht mehr. Die Fernbeziehung war ihm auf Dauer dann doch zu fern.“
„Da wird sich der Rest der Frauenwelt freuen“, sagte Liesl, die Faxes Wirkung auf das andere Geschlecht schon am eigenen Leib erfahren hatte. Er zog Frauen auf magische Art und Weise in seinen Bann und selbst Männer verhielten sich in seiner Gegenwart oft merkwürdig.
„Ich glaube, im Moment hat er nur Augen für das Mofa, an dem sie herumbasteln. Ich bin gespannt, ob es sich lohnt.“
„Jetzt ist es ja nicht mehr lange hin: am Samstag werden wir sehen, was die Jungs in ihren Werkstätten geschafft haben.“
Walter sah auf die Uhr. „Ich fahr dann mal. Wenn er sich schon Zeit für mich nimmt, will ich pünktlich sein.“
Normalerweise war das Tor zu Faxes Werkstatt immer weit geöffnet, doch nun waren die Türen verschlossen. Walter parkte den Peugeot irritiert an der Straße und klopfte an das Tor.
„Eintritt verboten. Eltern haften für Kinder. Kinder haften für ihre betrunkenen Eltern!“, stand auf einem handgeschriebenen Schild.
Das Tor öffnete sich einen Spalt und Faxe lugte heraus.
„Ach, du bist es Walter“, sagte er erleichtert und stieß das Tor weiter auf.
Walter wollte hineingehen, doch Faxe hielt ihn zurück.
„Erst unterschreiben“, befahl er und hielt ihm ein Papier unter die Nase.
Unter der Überschrift „Verschwiegenheitsvereinbarung“ wurde erklärt, dass der Unterschreibende sich verpflichtet, mit Nichts und Niemandem über das zu sprechen, was er in der Werkstatt sah oder hörte. Bei Zuwiderhandlung wurde eine Strafe von zehn Kästen Bier angedroht.
Walter sah verwundert auf. „Was soll das? Baut ihr hier das neue Bond-Auto?“
Doch Faxe blieb hartnäckig. „Unterschreiben! Hier!“
Walter seufzte und setzte seine Unterschrift auf das Papier. Faxe nickte zufrieden und ließ ihn herein. Sofort verriegelte er das Tor hinter ihm.
Das Rennmofa thronte auf einer kleinen Hebebühne im hinteren Teil der Werkstatt, beleuchtet von vier Halogenstrahlern. In der Ecke saß Max auf zwei übereinandergestapelten Bierkästen, während Faxes Freund Fibi mit einem Baumwolllappen ein Aluteil auf Hochglanz polierte.
„Na, was sagst du?“, fragte Faxe stolz. „Hier siehst du das Gewinner-Mofa vom Goschamarie Mofa-Cup.“
Walter hatte keine Ahnung von Mofas, rein optisch machte es aber wirklich was her. Chrom blitzte, die lackierten Teile reflektierten das Licht der Strahler und der Motor sah aus, als käme er direkt aus der Produktion.
„Hübsch“, sagte Walter unbeholfen, „nettes Mofa …“
Max zog die Stirn kraus. „Nicht „nett“ … das ist eine Hochleistungsmaschine!“
„Eine bis zum Letzten ausgetüftelte Rennmaschine“, ergänzte Fibi und fuhr mit dem Baumwolllappen liebevoll über den Zylinder.
Faxe stellte sich vor das Mofa und verschränkte die Arme.
„Was du hier siehst, war einmal eine Herkules Prima GT, von der sind aber nur noch der Rahmen und der Motorrumpf geblieben. Das Mofa hat jetzt einen wassergekühlten Rollerzylinder, eine neue Zündanlage, einen speziellen Auspuff und einen verbesserten Vergaser. So kommt es jetzt auf knapp zehn PS. Vorher hatte es nur zwei PS. Deshalb haben wir von einem Spezialisten auch noch ein verstärktes Getriebe besorgt, das die Belastung aushält. Hinzu kommt das komplett neue Fahrwerk mit Dämpfern und Federn aus dem Motocrossbereich. Natürlich geht es vor allem um die Leistungssteigerung, aber genauso wichtig ist die Haltbarkeit. Das Rennen am Samstag geht auf Zeit: das Mofa muss zwei Stunden durchhalten und das bei höchster Belastung. Das können wir vorher leider nicht ausprobieren, aber wir versuchen, alle Schwachstellen auszumerzen.“
Jetzt war Walter doch beeindruckt. Ein Mofa mit zehn PS? Das hätte er sich als Fünfzehnjähriger gewünscht.
Plötzlich sprang Max auf und stieß die Bierkästen um, auf denen er gesessen hatte.
„Drohne! Drohne!“, rief er und zog hektisch den Vorhang vors Fenster. Fibi deckte das Glas der Hintertür mit einem großen Stück Pappe ab. Sie verharrten schweigend und lauschten dem typischen Surren des Fluggeräts. Als es sich entfernte, spickelte Fibi durch den Vorhang.
„Entwarnung. Die Drohne ist weg.“
„Was war das denn?“, fragte Walter schockiert.
„Spionage“, erklärte Faxe. „Die Jungs vom Küchenstudio Hämmerle schrauben selber an einem Mofa und versuchen herauszubekommen, was wir hier machen. Aber wir sind auf der Hut!“
„Meinst du nicht, ihr übertreibt etwas?“
„Keineswegs. Stell dir vor: ein anderes Team hat vor ein paar Tagen eine hübsche Blondine geschickt, die angeblich Probleme mit ihrem Auto hatte, dabei hat sie hier in der Werkstatt heimlich Fotos gemacht. Aber wir haben sie erwischt und die Bilder von ihrem Handy gelöscht.“
Walter erinnerte sich an seine Zeitungsrunde. „Wenn das so ist, solltest du aber vorsichtiger sein. Neulich nachts habe ich in der Werkstatt noch Licht gesehen und habe durchs Schlüsselloch geschaut. Das Mofa war gut zu erkennen.“
„Verdammt!“, rief Faxe und schnappte sich einen frischen Baumwolllappen. Mit einem Tacker heftete er ihn ans Garagentor, so dass er das Schlüsselloch verdeckte.
„Danke für den Tipp. Wir hatten uns schon gewundert, woher das Team vom Küchenstudio von unserem Rollerzylinder erfahren hat. Jetzt ist es klar.“
Fibi widmete sich einem weiteren Aluteil, während Max sich eine Flasche Bier aufmachte.
„Was ist denn deine Aufgabe?“, fragte Walter.
„Aufsicht natürlich“, antwortete Max grinsend und nahm einen großen Schluck aus der Flasche.
Faxe zog eine Schublade auf und kruschtelte darin herum.
„Da haben wir sie ja“, sagte er stolz und hob ein Birnchen in die Höhe. „Die baue ich dir jetzt schnell ein, damit wir hier weitermachen können.“
Der Kfz-Mechaniker schleuderte seine langen, schwarzen Haare nach hinten und ging mit Walter nach draußen. Mit wenigen, geübten Handgriffen öffnete er die Motorhaube des Peugeot und ersetzte die Birne. Er startete den Motor und schaltete das Licht ein.
„Wie neu“, sagte er zufrieden und machte die Motorhaube wieder zu.
„Vielen Dank! Mit deinen geschmeidigen Fingern machst du das wirklich wunderbar“, lobte Walter und fragte sich im selben Moment, warum er das gesagt hatte.
Faxe ignorierte das Kompliment und ging zurück zur Werkstatt. „Gib mir mal bei der Goschamarie ein Bier aus, dann passt das.“
Noch bevor Walter etwas erwidern konnte, schloss Faxe die Werksatttür. Zurück blieb sein Duft nach Schweiß und Motoröl. Was für ein Kerl, dachte Walter.
11
Als Walter um kurz nach elf die Augen aufschlug, hörte er ungewöhnlich viele Geräusche. Normalerweise war es hier, im hinteren Teil des Dorfes, so ruhig, dass man getrost bei geöffnetem Fenster schlafen konnte und am Morgen vom Zwitschern der Vögel geweckt wurde, doch in dieser Woche war nichts mehr normal. Die Geräusche kamen vom Festzelt. Mehrere Hämmer trieben lautstark Nägel in Holz, ständig schrie jemand herum und ein nerviges Klappern begleitete den Aufbau der Biertischgarnituren.
Walter ging hinunter in die Küche und öffnete für Balu die Tür zum Garten. Dann setzte er Kaffeewasser auf. Während er wartete, bis das Wasser kochte, lugte er vorsichtig zum Zelt. Viele der Musikanten hatten sich für den letzten Aufbautag offenbar Urlaub genommen und konnten schon am Vormittag mit anpacken. Überall herrschte reges Treiben. Auch um das Zelt herum tummelten sich die Helfer. Absperrungen wurden ineinander gehakt, Strohballen wurden von einem Hänger geworfen und ein Techniker nahm, mit einer unangenehmen Rückkopplung, die Beschallungsanlage in Betrieb. Etwas entfernt vom Zelt wurde unter einem riesigen Schirm eine Bar aufgebaut und ein Traktor schob den Toilettenwagen an den vorgesehenen Platz. Auch Manne und Otto, die beiden weißhaarigen Rentner aus dem Vorderdorf, halfen wieder mit. Walter entdeckte sie einige Meter vom Zelt entfernt, wo sie mit ein paar Anderen eine Zuschauertribüne errichteten. Auf den beiden frisch gemähten Wiesen auf der anderen Seite der Dorfstraße, die als Parkplätze dienen sollten, wurden rot-weiße Absperrbänder gespannt.
„Ganz schön was los da drüben, gell, gell?“
Walter fuhr herum.
„Jetzt erschreck mich doch nicht so“, schimpfte er, lächelte aber zugleich, da er sich über den Besucher freute. „Schön dich zu sehen, Dieterle“, sagte er und bot dem Mann einen Gartenstuhl an.
S’Dieterle war ein Kuriosum im Dorf. Er war vor Jahren aus dem Nichts aufgetaucht und bewohnte seitdem eine alte Hütte am Dorfrand. Die meisten glaubten, er ticke nicht ganz richtig, da er ständig über Außerirdische brabbelte und wirres Zeug erzählte. Nur Walter wusste, dass s’Dieterle einst einer der berühmtesten Anwälte Deutschlands gewesen war und sich nach einem Burnout in die Hütte in Taldorf zurückgezogen hatte. Doch auch die Hütte war nur Tarnung: im Hang hinter ihr befand sich ein alter Weinkeller, den s’Dieterle zu einer komfortablen Wohnung hatte ausbauen lassen.
„Sind wir allein?“, fragte s’Dieterle, der sehr darauf bedacht war, seine Tarnung aufrecht zu erhalten.
Walter nickte. „Ich glaube Liesl ist beim Einkaufen. Jedenfalls fehlt ihr Auto. Und die da“, Walter zeigte zu den Musikanten, „die können uns auf die Entfernung nicht hören.“
Zufrieden ließ s’Dieterle sich auf den Stuhl sinken. Er genoss Walters Gesellschaft, da er dann nicht den Idioten spielen musste.
„Da bist du ja ein echter Glückspilz“, grinste er, „du hast die nächsten Tage das Fest vor der Haustür.“
Walter gab einen undefinierbaren Brummlaut von sich. „Wir können gerne tauschen, dann ziehe ich in deiner Hütte ein.“
S’Dieterle winkte ab. „Lass mal … ich bin da auch nicht scharf drauf. Ich werde am Freitag zum Feierabendhock kommen und am Sonntag nochmal zum Frühschoppen. Das Mofarennen überlasse ich den Anderen.“
„Du hast wenigstens eine Wahl“, seufzte Walter. „Liesl und ich sitzen hier fest. Unsere Häuser stehen ja quasi auf dem Festplatz. Wir hätten einen Kurzurlaub übers Wochenende buchen sollen, dann wäre uns der ganze Trubel erspart geblieben.“
Ein anschwellendes Pfeifen erinnerte Walter an sein Kaffeewasser.
Er ging ins Haus und kam kurz darauf mit zwei dampfenden Tassen zurück.
Eine gab er seinem Gast. „Hab gar nicht gefragt … aber du trinkst doch sicher einen mit?“
S’Dieterle nickte dankbar und rührte nachdenklich in seiner Tasse.
„Das mit Panky geht mir gar nicht aus dem Kopf“, sagte er endlich. „Ich werde den alten Zausel wirklich vermissen.“
Walter war überrascht. „Ihr kanntet euch?“
„Meine Hütte, der Keller dahinter … das hat früher Panky gehört. Pfarrer Sailer hat uns damals zusammengebracht und ich habe ihm den Streifen abgekauft.“
„Dann wusste er auch, wer du wirklich bist“, stellte Walter fest.
„Er und Pfarrer Sailer waren die einzigen. Dann kamst du dazu und … naja … jetzt bist du der Letzte, der es weiß.“
Walter war während den Ermittlungen zu einem Fall hinter Dieterles Geheimnis gekommen, doch er hatte niemandem etwas verraten. Nicht einmal Liesl.
„Stört es dich denn gar nicht, dass dich alle für durchgeknallt halten?“
S’Dieterle zuckte mit den Schultern. „Sollen sie doch. Hauptsache, sie lassen mich in Ruhe. Außerdem habe ich dadurch eine Art Freifahrtschein: egal was ich mache, die Leute denken, dass ich eh nicht mehr richtig ticke.“
Er lachte und nahm einen Schluck Kaffee. „Übrigens: wusstest du, dass Panky ein Testament hatte?“
Das war Walter neu. „Woher weißt du das?“
„Wir haben es gemeinsam aufgesetzt.“
„Und was steht drin?“
S’Dieterle schüttelte den Kopf. „Als Pankys Anwalt darf ich dir das nicht sagen, Walter. Auch wenn er tot ist, muss ich mich daran halten.“
Walter fragte sich, ob Andrea von dem Testament ihres Vaters wusste und ob sie es bereits eingesehen hat.
„Ist es noch bei dir oder hat er es bei sich zu Hause?“
„Er hat es damals mitgenommen. Wo es jetzt ist, weiß ich nicht, aber er wird sich schon was dabei gedacht haben. Vielleicht liegt es in einem Bankschließfach oder in seinem Tresor zu Hause … oder auch ganz woanders. Du weißt ja, wie er war: so richtig vertraute er niemandem.“
Walter erinnerte sich gut an Pankys Misstrauen gegenüber anderen. „Die wollen alle nur mein Bestes … und das ist mein Geld“, hatte er immer gesagt, und meinte damit die Banken, Anwälte, Versicherungen und Ärzte.
„Sie haben jetzt doch eine Obduktion veranlasst. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt“, wechselte Walter das Thema.
„Ich habe davon gehört. Hat die alte Creszenz wirklich gesagt, es war kein natürlicher Tod?“
Walter nickte. „Ich war sogar dabei. Andrea war wie vor den Kopf gestoßen und Steffen wollte nichts davon wissen. Er mag die Creszenz wohl nicht.“
S’Dieterle lachte. „Die kann aber auch unheimlich sein. Wenn sie dich so durchdringend anschaut und dann eine von ihren Visionen preisgibt … uuuuuuh.“
Walter hörte, wie ein Auto vor dem Haus abgestellt wurde und hob warnend den Zeigefinger.
„Na, ihr habt’s euch ja gemütlich gemacht“, freute sich Liesl, als sie um die Hausecke kam. „Besteht die Möglichkeit, dass ich auch noch einen Kaffee bekomme?“
S’Dieterle sprang sofort auf und bot Liesl seinen Platz an. „Muss eh grad weg, gell, gell. Viel Arbeit … jaaaa. Großes Fest – viel Arbeit.“
Liesl wollte ihn bitten zu bleiben, doch s’Dieterle war schon hinter der Hausecke verschwunden.
„Ist schon ein komischer Kauz. Aber nett. Irgendwie mag ich ihn. Was wollte er denn von dir?“
„Och nichts“, sagte Walter gleichgültig. „Er hat nur rumgebrabbelt … wie immer. Aber er hat sich über den Kaffee gefreut.“
Liesl gab sich mit der Antwort zufrieden und freute sich, als ihr Walter kurz darauf ihren Kaffee brachte.
„Es gibt also ein Testament“, sagte Balu schläfrig. Er döste mit Kitty hinter dem größten der Jostabüsche. „Ja. Jetzt wird es spannend“, freute sich Kitty. „Natürlich kann alles ganz harmlos sein, aber vielleicht gibt es ja für irgendwen eine dicke Überraschung.“ „So wie damals für Pfarrer Sailers Schwester“, erinnerte sich Balu. „Die fiel aus allen Wolken, als sie erfuhr, dass ihr Bruder sein gesamtes Vermögen in eine Stiftung steckte.“Kitty setzte sich auf und leckte an ihrer Vorderpfote. „Geduld. Geduld. Wir werden es erfahren.“
12
Walter, Balu und Kitty spazierten gemütlich in Richtung Hinterdorf. Auch jetzt um kurz vor acht war im Festzelt noch einiges los. Es waren vor allem die weiblichen Mitglieder des Musikvereins, die letzte Hand an die Dekoration legten. Unmengen von langstieligen Sonnenblumen wurden an Zeltpfosten gebunden, Girlanden überspannten die langen Theken bei der Essensausgabe und zartgrün belaubte Birkenzweige verdeckten die hölzerne Unterkonstruktion der Bühne.
Als sie die Wirtschaft erreichten, setzte sich Balu demonstrativ zu Kitty, die auf ihren Strohballen vor dem Scheunentor gesprungen war.
„Verstehe“, murmelte Walter. Balu hatte seinen eigenen Willen und er ließ ihn meist damit durchkommen. Nach allem, was sie schon gemeinsam erlebt hatten, vertraute Walter seinem Wolfsspitz. Wenn er also mit seiner Freundin draußen bleiben wollte, gönnte er ihm das.
„Freitag, Samstag, und Sonntag wegen Gartenfest geschlossen!“, stand auf einem handgeschriebenen Schild an der Eingangstür.
„Du machst wirklich zu?“, fragte Walter, als er sich an den Stammtisch setzte.
„Nadierlich! Dees Wochaend gkehrt m Musikverein. I hons ganze Johr mei Gschäft - jetzt sollet dia Musikanta mol a Geld verdiena.“
„Dann hast du ein freies Wochenende?“
Marie lachte verächtlich. „Wo denksch na, Kerle. I hilf nadierlich an dr Kass. Do muss jo scho oiner hocka, där vo däm was verschtoht!“
Marie eilte zum Tresen und holte zwei Flaschen Bier für Walter.
„Magsch no a Veschper?“, fragte sie, doch Walter lehnte ab. „Ich hab schon mit Liesl gegessen. Mehr geht nicht rein.“
Marie lächelte ihn schelmisch an. „I hon jetzt au kloine Portiona. Des dätsch vielleicht no neibringa.“
Doch Walter verzichtete. Satt ist satt. Trotzdem wunderte er sich, dass die Wirtin die kleine Portion ins Programm aufgenommen hatte, nachdem sie sich so darüber geärgert hatte.
„Und was gibt’s bei euch Neues?“, wandte er sich seinen Freunden zu. Theo und Peter saßen stumm nebeneinander, Max klopfte einen Berg Schnupftabak auf seinen Handrücken und schniefte ihn in die Nase.
„Das Mofa ist fertig. Faxe und Fibi haben das wirklich toll gemacht. Die Anderen brauchen eigentlich gar nicht antreten.“ Er fummelte sein Handy aus der Tasche und zeigte Walter ein kurzes Video, in dem Faxe mit wehendem Haar mit dem Mofa ein Auto überholte. „Der Wahnsinn, oder?“
Walter war beeindruckt. „Aber ist das denn alles legal?“
„Wir halten uns streng an die Regeln des Mofa-Cups“, sagte Max selbstsicher.
„Und wie sieht’s mit der Straßenverkehrsordnung aus?“
Max schaute irritiert. „Wen interessiert die denn? Wir fahren ein Rennen. Da gelten andere Regeln.“
Walter verstand was Max meinte, doch auf dem Video war Faxe auf der Bundesstraße unterwegs gewesen. Die Polizei hätte sicher Verständnis für das Mofarennen.
„Und warum seid ihr heute so schweigsam?“, fragte Walter und zeigte auf Theo und Peter, woraufhin Theo grinste.
„Der redet nicht mehr mit mir, was ich gar nicht so schlecht finde.“
„Ach halt doch die Klappe, du Großkotz“, platzte es aus Peter heraus. „Schon wieder ein neuer Traktor. Natürlich ein Eicher. Den größten, den es gibt. Ich ertrage diese Angeberei einfach nicht mehr.“
Theo lehnte sich entspannt zurück. „Der ist doch nicht neu. Eher schon eine Antiquität …“
„… aber sehr gesucht und sauteuer“, unterbrach Peter. „Ich weiß nicht, ob ich Freunde brauche, die so mit Geld um sich werfen!!!“
„Jetzt beruhig dich mal wieder“, versuchte Walter die Situation zu entschärfen. „Es ist doch nur ein Traktor.“
Peter lief rot an. „Nur ein Traktor? Nur ein Traktor? Das hätte mein Traktor sein sollen!“
Walter kapierte gar nichts. „Wieso denn deiner?“
„Wir haben uns beide für den Eicher interessiert. Der war im Internet. Ich hatte eigentlich schon alles unter Dach und Fach, aber mein lieber Freund Theo hier hat ihn mir ausgespannt. Er wusste, was ich mit dem Verkäufer ausgemacht hatte und hat ihm einfach fünfhundert Euro mehr geboten. Als ich dann einen Termin zum Abholen ausmachen wollte, war der Traktor schon weg.“
„Er ist ja nicht weg“, grinste Theo, „er steht jetzt nur bei mir im Hof.“
„Du … du … du … Ar …“
Walter ging dazwischen. „Bitte beruhig dich, Peter. Das bringt doch nichts. Und du, Theo, solltest dich jetzt ein bisschen zurückhalten.“
„Oh ihr Kindskepf!“, lachte Marie. „Wänn ihr nix zum Wetta hend, no schtreitet r.“
Viel berüchtigter als ihre Auseinandersetzungen, waren die Wetten, die Theo und Peter regelmäßig austrugen, bei denen beide schon einige Blessuren davongetragen hatten.
„Des wird eich hoffentlich versehne“, schnaufte Marie und wuchtete einen Kasten Bier auf den Tisch. „Där goht auf dr Theo. Koi Widerred! Des isches Traktorbier. Des zahlt ma, wänn mr en neia Karra kauft hot.“
Theo überlegt kurz, ob er damit einverstanden war, sagte aber nichts, und zog stattdessen eine Flasche aus dem Kasten. Peter schmollte noch eine Weile mit verschränkten Armen, bis auch ihn der Durst übermannte. Fürs Erste war das Thema vom Tisch.
Derweil kassierte Marie am Nebentisch.
„Da kann aber etwas nicht stimmen“, beschwerte sich der Gast. „Meine Frau hatte doch nur die kleine Vesperplatte.“
„Des hon i scho so verrächnat. Du hosch dia Normale kett fier zeah Eiro, dei Weib die Kloi … macht zwelf Eiro. Plus die vier Bier.“
Der Mann wurde lauter und fuchtelte mit den Armen. „Aber das kann doch nicht sein, dass die kleine Portion mehr kostet, als die Große?“
„Moinsch du! I moin do was andres! Bei der Normala hon i koi Werk – des isch älles scho so gschnitta, aber bei dr Kloina muss i sälber nomol älles narichta und kloimacha. I hon meh Arbet und deshalb koschts au meh!“
Der Mann knallte dreißig Euro auf den Tisch, was exakt dem Rechnungsbetrag entsprach und knurrte: „Stimmt so!“
„I woiss“, flötete Marie zurück und steckte das Geld ein. „Machet‘s guat, ziernet nix, kommet wieder!“
Doch das Ehepaar hörte sie bereits nicht mehr.
„Typisch Schtädter“, murmelte sie und verschwand hinter dem Tresen.
Die Tür zur Gaststube wurde aufgestoßen und der Vorstand vom Musikverein kam zusammen mit Elmar zum Stammtisch.
„Für uns ist Feierabend“, freute sich Elmar und nahm eine Flasche Bier aus dem Kasten. „Den Rest Deko-Kram können die Mädels machen.“
Der Vorstand bediente sich ebenfalls aus dem Kasten und sie stießen an.
„Auf unser neues Gartenfest und den ersten Goschamarie Mofa-Cup!“
Schon brannte die erste Lord in Elmars Mundwinkel, was Max daran erinnerte, dass er noch eine Zigarre einstecken hatte. Kurz darauf brachten sie ein geselliges Rauchopfer.
„Ich hab noch was für dich, Walter“, sagte der Alte und kruschtelte in seiner Hosentasche. „Für dich und Liesl“, strahlte er und gab Walter sechs Biermarken. „Ihr müsst das ganze Wochenende den Trubel ertragen, dann trinkt doch wenigstens ein paar Bier auf den Musikverein.“
Walter nahm die Marken entgegen und hielt sie nachdenklich in der Hand.
„Vielen Dank! Hmmm … das Bier trinken wir dann wahrscheinlich zum Essen …“
Er sah den Vorstand herausfordernd an, der die Anspielung verstand und in seiner anderen Hosentasche wühlte.
„Dann lasst es euch schmecken“, brachte er zerknirscht hervor und reichte Walter vier Essenmarken. „Wenn wir beim Fest drauflegen, bist du schuld!“
Walter grinste und steckte die Marken in die Tasche. „Ihr werdet es überstehen, denke ich.“
Das Gartenfest gefiel ihm immer besser: Freimarken für Essen und Bier – das besänftigt jeden Schwaben.
„Ihr kommt hoffentlich alle morgen Abend zum Feierabendhock?“, fragte der Alte in die Runde.
„Natürlich“, bestätigte Max und blies einen Zigarrenrauchkringel zur Decke. „Vor allem, wenn der Vorstand mich auf ein Bier einlädt …“
Wieder zog der Alte die Biermarken aus der Tasche und gab Max zwei davon.
„Also, wenn das so ist …“, setzte Peter an, wurde aber vom Vorstand unterbrochen.
„Vergiss es! Irgendwer muss ja auch Bier kaufen, sonst verdienen wir am Ende wirklich nichts.“
Doch dann sah er Peters bettelnden Blick und gab nach: wortlos legte er Peter und Theo eine Biermarke hin.
„Anne kommt morgen übrigens auch“, sagte Elmar. „Ich bin ja den ganzen Abend mit der Musik auf der Bühne. Kann sie mit Klein-Walter vielleicht bei euch sitzen? Dann ist sie nicht alleine.“
„Sehr gerne“, freute sich Walter. „Dann sehe ich den kleinen Kerl auch mal wieder.“
Auch Max nickte zur Bestätigung. „Hübsche Frauen sind bei uns immer willkommen!“
„Darauf trinken wir“, stimmte Peter zu und hob seine Flasche. „Prost!“
Als Walter an Anne dachte, fiel ihm wieder ein, dass Pankys Autopsie am Freitag stattfinden sollte. Er hoffte immer noch, dass nichts dabei herauskommen würde, hatte aber trotzdem ein mulmiges Gefühl. Er sah auf die Uhr und winkte Marie mit dem Geldbeutel zu.
„Ich muss doch nochmal früh aufstehen“, beantwortete er Max‘ fragenden Blick. „Aber wenigstens habe ich am Samstag frei.“ Walter trug die Zeitungen fünfmal in der Woche aus. Die schwerere Samstagsausgabe übernahm Stefan, ein Junge aus dem Dorf, der auf ein Auto sparte.
Marie kassierte bei Walter und schenkte am Tisch seinen Schnaps ein.
„Stopp!“, rief Walter, als das Glas halbvoll war, doch Marie goss lächelnd weiter.
„Woisch, jetzt isch doch drei Däg zua – do saufsch gscheider mol auf Vorrat!“
„Scheißndreckn“, murmelte Walter und nahm einen Schluck. Der Obstler brannte fruchtig in seiner Kehle. Natürlich hätte er das Glas nicht leer trinken müssen, doch welcher Schwabe verschenkt schon etwas.
Eine halbe Stunde später machte er sich schwankend auf den Heimweg.
„Ich glaube, Walter hat einen sitzen“, kicherte Kitty, als Walter sich am Bach vor der Tür erleichterte. Immer wieder musste er seinen Stand korrigieren, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Ist doch gar nicht so schlimm“, wiegelte Balu ab. „Immerhin kann er noch stehen. Und für den Heimweg hat er ja mich. Dann spiele ich halt den Blindenhund.“
13
„Du siehst aber nicht gut aus“, lästerte Jussuf am nächsten Morgen und pustete in seine Kaffeetasse.
„Geht schon“, log Walter. Er hatte geschlafen, wie ein Toter, bis ihn sein Radiowecker mit einem alten Hit von Michelle aus dem Koma geholt hatte. Also ein schlechter Tag. Walter ertrug die Quietschestimme der Sängerin einfach nicht. Er hatte leichtes Kopfweh und sein Gehirn fühlte sich irgendwie schwammig an. Es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren.
„Es ist ja dein letzter Tag in dieser Woche“, grinste Jussuf, „das schaffst du schon.“
„Kümmere du dich lieber um deine Tanzschuhe“, knurrte Walter zurück. „Du solltest heute Abend schon einen guten Eindruck machen.“
Jussuf zuckte zurück. „Autsch! Das ist ja schon heute. Das hatte ich fast vergessen …“
„Verdrängt“, korrigierte Walter. „Das hätte ich auch. Du kannst mir dann ja am Samstag beim Mofacup erzählen, wie es gelaufen ist.“ Das erste Lächeln des Tages huschte über Walters Gesicht. Schadenfreude ist einfach die schönste Freude.
„Heute teilst du aber ganz schön aus“, sagte Jussuf vorwurfsvoll.
„Entschuldige“, ruderte Walter zurück. „War nicht so gemeint. Aber ich bin noch etwas neben der Spur. Der extra große Schnaps gestern hat mir nicht gutgetan.“
Jussuf lachte. „Alles gut. Wenn ich einen Kater habe, darf man mich auch nicht ansprechen. Komm – ich helfe dir den Karren zu beladen.“
Als Jussuf weg war, machte Walter sich mit Balu auf den Weg. Zum Glück wusste auch Balu mittlerweile welche Haushalte eine Zeitung bekamen, denn Walter hätte an diesem Tag doch den ein oder anderen vergessen. Mit einem leisen „Wuff“ machte er sein Herrchen jedes Mal auf einen ausgelassenen Briefkasten aufmerksam.
Vor allem wenn es bergauf ging, fiel Walter das Laufen schwer, doch die frische Luft tat ihm gut und es ging ihm mit jedem Meter besser.
„Scheißndreckn“, schimpfte er, als er das Licht an Eugen Heesterkamps Haus sah. Der ehemalige Lehrer war ein ausgemachter Frühaufsteher. Manchmal hatte Walter das Gefühl, dass Eugen ihm auflauerte.
„Guten Morgen“, begrüßte ihn Eugen im Morgenmantel. Der Mantel war deutlich zu kurz und entblößte seine haarigen, dünnen Beine, die am unteren Ende in Filspantoffeln steckten. Auf beide Schuhe war ein Katzengesicht gestickt.
„Sie sind aber spät dran heute. Verschlafen?“
„Zeitung“, knurrte Walter und drückte Eugen das Blatt in die Hand. Dann stutzte er. Irgendetwas war an dem Lehrer heute anders. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er darauf kam.
„Da hat wohl eine der Bienen Ihre gute Absicht nicht erkannt“, grinste Walter und zeigte auf Eugens Nase, die leuchtend rot und angeschwollen war.
„Ich weiß auch nicht, was da passiert ist“, antwortete Eugen und tastete unbewusst seine Nase ab. Der Schmerz ließ ihn zurückzucken. „Alles lief prima, aber auf einmal hatte ich eins von den Tierchen in der Nase. Sie ist reingekrochen und hat sofort gestochen. Ich hab sie rausgepustet, aber der Stachel blieb innen stecken. Ich hab ihn erst zu Hause mit einer Pinzette herausbekommen. Es tut höllisch weh.“
„Na dann gute Besserung – auch gesundheitlich“, verabschiedet sich Walter fröhlich. Der Tag wurde mit jeder Minute besser. Außerdem nahm er sich vor, später noch in die Bäckerei nach Bavendorf zu fahren. Er verspürte eine unglaubliche Lust auf ein Stück Bienenstich.
Die zweite Runde Schlaf hatte Walter gutgetan und er saß gutgelaunt auf der Terrasse. Liesl war herübergekommen und Walter erzählte ihr von Eugens Missgeschick.
„Er sieht aus wie Pinochio“, lästerte er. „Einen Mordszinken hat er im Gesicht. Richtig dick und rot.“
„Jetzt hör doch auf, über Eugen herzuziehen“, wies Liesl ihn zurecht, musste aber selber grinsen. „Bei Bienenstichen soll der Saft vom Spitzwegerich helfen. Ich pflücke nachher ein paar und bringe sie ihm vorbei.“
In Walters Gedanken entstand ein Bild des ehemaligen Lehrers mit Spitzwegerich in den Nasenlöchern, die wie zwei Puschel überlanger Nasenhaare herausstanden. Das Bild gefiel ihm.
„Mach das“, sagte er und griff nach seiner Kaffeetasse. In diesem Moment meldete sein Handy den Empfang einer neuen Nachricht. Walter entsperrte das Gerät und las, was Anne ihm geschrieben hatte.
„Scheißendreckn“, flüsterte er.
„Was ist denn los?“, fragte Liesl besorgt. Walter hielt ihr das Handy hin.
„Oh Mist“, stimmte Liesl zu.
Pankys Obduktion war abgeschlossen. Er wurde vergiftet.
14
Nur wenige Minuten nach Annes Nachricht, klingelte Walters Handy.
„Hallo?“, meldete er sich, wie immer ohne Namen.
„Hubert hier“, antwortete der Ravensburger Kriminalkommissar. „Hast du auch eine Nachricht von Anne bekommen?“
Walter nickte unwillkürlich. „Ja. Das ist fürchterlich. Was bedeutet das denn jetzt?“
„Das bedeutet, dass ich einen neuen Fall an der Backe habe. Mein Chef hat ihn mir gerade zugeteilt. Ich sei doch der Spezialist für Morde in Taldorf, hat er gemeint.“
Walter ahnte, worauf dieses Gespräch hinauslief und versuchte gegenzusteuern.
„Hör mal … ich würde da mal nicht vom Schlimmsten ausgehen. Es kann auch immer noch ein Versehen gewesen sein … oder ein Unfall … eine Verwechslung … oder sogar ein Selbstmord.“
„Schon klar“, erwiderte Kripo-Hubert, „glaub mir: ich weiß, was ich zu tun habe. Und das ist zuallererst ein Besuch auf dem Wagnerhof. Ich muss mir den vermeintlichen Tatort ansehen.“
Walter hoffte immer noch davonzukommen. „Die Adresse hast du ja sicher?“, fragte er scheinheilig.
„Natürlich“, seufzte Kripo-Hubert, der spürte, dass Walter sich heraushalten wollte. „Und ehrlich gesagt, habe ich mit deiner Hilfe gerechnet. Du kennst die Leute doch und könntest ganz anders mit ihnen reden. Sie wissen noch nichts vom Ergebnis der Obduktion und es wird sicher ein Schock. Ich hätte dich wirklich gerne dabei.“
Walter hörte das Flehen in Kripo-Huberts Stimme, gleichwohl verspürte er nicht die geringste Lust als Hiobersatz schlechte Nachrichten zu überbringen. Überall erledigte das die Polizei, nur hier in Taldorf, musste er immer mit dabei sein. Warum? Eine Absage lag ihm auf der Zunge, doch er brachte es nicht übers Herz. Sie waren zu gute Freunde und nach allem, was sie in den letzten Jahren gemeinsam erlebt hatten, konnte Walter seine Hilfe nicht verweigern.
„Natürlich“, murmelte er resigniert. „Wie läuft das ab?“
Kripo-Hubert räusperte sich. „Ich komme in ungefähr einer Stunde mit einem Mann von der Spurensicherung bei dir vorbei, dann gehen wir zusammen auf den Hof und schauen uns alles an.“
„Glaubst du wirklich, wir finden da noch was?“, zweifelte Walter. „Panky ist vor vier Tagen gestorben … wahrscheinlich haben sie das Zimmer schon aufgeräumt … vielleicht sogar schon geputzt …“
„Ich weiß, ich weiß. Aber das ist nun mal die normale Vorgehensweise.“
Walter wusste wie penibel Kripo-Hubert seiner Arbeit nachging und vertraute ihm.
„Schön. Dann sehen wir uns in einer Stunde“, beendete er das Gespräch.
Walter hatte Liesl von Kripo-Huberts Anruf erzählt und sie hatte dem Kommissar zugestimmt. Es würde der Familie bestimmt leichter fallen, wenn jemand dabei war, den sie kannten. Walter war sich da nicht so sicher. Menschen reagierten auf solche Nachrichten sehr unterschiedlich. Außerdem kam unweigerlich die Frage nach der Ursache der Vergiftung auf. Natürlich konnte es sich immer noch um einen fürchterlichen Unfall handeln, doch es war auch möglich, dass Absicht dahintersteckte … dass Panky ermordet wurde. Auch ohne kriminalistische Ausbildung wusste Walter, dass die Täter zu einem hohen Prozentsatz aus dem engeren Umfeld der Opfer stammten. Und wer war näher dran als die Familie? Kurz überlegte er Balu mitzunehmen, verwarf den Gedanken aber wieder. Mit Kripo-Hubert und dem Mann von der Spurensicherung an seiner Seite fühlte er sich sicher.
Kripo-Hubert und der Spurensicherer kamen mit getrennten Autos. Walter wartete schon vor dem Haus und stieg zu Hubert in den Wagen. Selbst durch die geschlossenen Türen und Fenster konnte er Balus wütendes Geheul hören. Als Walter sich zum Gehen fertig gemacht hatte, war der Wolfsspitz immer aufgeregter geworden und hatte ihn sogar angebellt. Er wusste, dass sein Hund sich nur Sorgen um ihn machte und hoffte, dass er in seinem Zorn nicht das gesamte Haus verwüstete.
Der Weg zum Wagnerhof war nicht weit, trotzdem nutzte Walter die kurze Zeit, um einen Blick in den Obduktionsbericht zu werfen, den Kripo-Hubert ihm gegeben hatte. Er verstand kaum etwas vom Fachchinesisch der Pathologin. Frau Dr. Kurz konnte bestimmte Sachverhalte eigentlich sehr verständlich darstellen, blieb in ihren Berichten aber sehr sachlich.
„Er wurde vergiftet“, reagierte Kripo-Hubert auf Walters fragenden Blick. „In seinem Magen fand man Reste vom Abendessen, eine kleine Menge starken Alkohol – vermutlich Schnaps – und eine hohe Dosis Zyankali. Man nennt es auch Blausäure. Sehr giftig. Sehr tödlich. Dein Freund hatte keine Chance, nachdem er es zu sich genommen hatte, selbst wenn ein Arzt bei ihm am Bett gestanden hätte.“
Sie klingelten und Andrea öffnete die Tür. Verwirrt sah sie von Walter zu den beiden fremden Männern. „Was kann ich für Sie tun?“
Kripo-Hubert zeigte seinen Dienstausweis. „Ich bin von der Ravensburger Kriminalpolizei und muss mit Ihnen sprechen. Hätten Sie ein paar Minuten für uns?“
„Natürlich“, sagte Andrea leise und führte die Männer ins Haus. Sie nahmen in der geräumigen Küche Platz, nur der Mann von der Spurensicherung hielt sich im Hintergrund und blieb stehen.
„Frau Meinert“, begann Kripo-Hubert vorsichtig, „Sie haben eine Autopsie Ihres verstorbenen Vaters beantragt und das Ergebnis ist jetzt da. Ich muss Ihnen leider sagen, dass er keines natürlichen Todes gestorben ist.“
Andrea schaute den Kriminalkommissar mit großen Augen an.
„Die Pathologin hat im Magen Ihres Vaters, neben Essensresten, auch hochkonzentrierten Alkohol gefunden … und Zyankali.“
Noch immer brachte Andrea kein Wort hervor und schaute hilfesuchend zu Walter.
„Das ist ein Gift“, erklärte der. „Es ist auch unter dem Namen Blausäure bekannt. Daran ist dein Vater gestorben.“
„Was?“, hauchte sie und jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Aber wie … wie … wie ist das möglich?“
„Wir sind hier, um das zu untersuchen“, sprach Kripo-Hubert weiter. „Wir würden gerne das Zimmer ihres Vaters anschauen, wenn Sie nichts dagegen haben. Der Mann“, Hubert zeigte nach hinten, „ist von der Spurensicherung. Es wird nicht lange dauern.“
Andrea schlug die Hände vors Gesicht und rang nach Luft. „Also ich weiß nicht … mein Mann ist nicht da … ich weiß nicht, was er dazu sagen würde. Ist das denn unbedingt notwendig?“
Kripo-Hubert sah ihr direkt in die Augen. „Ich weiß, das ist alles sehr schlimm für Sie, aber wollen Sie denn nicht erfahren, warum ihr Vater gestorben ist?“
Andreas Blick wanderte hektisch zwischen Walter und Kripo-Hubert hin und her, dann endlich nickte sie.
„Dann gehen wir am besten gleich in sein Zimmer.“ Kripo-Hubert erhob sich, Walter und der Spurensicherer folgten ihm. Sie gingen in den ersten Stock, wo Andrea auf eine Tür zeigte. „Das ist … das war sein Zimmer“, sagte sie und wollte die Tür öffnen, doch der Spurensicherer hielt sie sanft zurück. „Lassen Sie mich das machen“, bat er, „wir wollen so wenig Spuren verunreinigen, wie möglich.“
Andrea nickte und blieb vor der Tür stehen, während die Anderen das Zimmer betraten. Walter sah sich um. Wände mit dunkler Holztäfelung, ein riesiger Bauernschrank mit bunter Bemalung, ein Doppelbett aus massivem Holz, neben dem Bett ein antikes Nachttischchen mit einer Marmorplatte oben drauf. Alles wirkte sehr ordentlich. Aufgeräumt. Sauber.
„Hast du nach Pankys Tod hier schon geputzt?“, fragte Walter.
„Geputzt nicht“, antwortete Andrea. „Aber ich habe das Bett frisch bezogen. Ich … ich … also, ich weiß nicht, warum ich das getan habe, aber es erschien mir richtig.“
Walter nickte. Eigentlich gab es hier nichts zu sehen. Der Spurensicherer bepuderte einige Stellen in der Nähe des Bettes mit Fingerabdruckpulver und sicherte sie anschließend mit einem Klebestreifen. Er machte von allem Fotos und trug seine Proben in einer Liste ein.
Eines interessierte Walter noch: „Dieser Alkohol in seinem Magen … der Schnaps … weißt du, wo der herkam? Der Todeszeitpunkt liegt zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen und ich kann mir nicht vorstellen, dass Panky um die Uhrzeit schon einen gepichelt hat … oder hatte er vielleicht ein Alkoholproblem?“
Den letzten Teil der Frage hatte Walter sehr vorsichtig gestellt, da er Panky nicht in ein schlechtes Licht rücken wollte, doch Andrea schüttelte den Kopf.
„Papa trank fast keinen Alkohol. Nur mal ein Gläschen Wein zu besonderen Anlässen. Aber er hat jeden Morgen einen Schluck von seinem Lebenstrunk genommen. So nannte er das.“
Kripo-Hubert blickte auf. „Lebenstrunk? Was soll das sein?“
„Irgendein Kräuterschnaps. Was genau drin ist, weiß ich nicht. Er trank das Zeug schon seit über dreißig Jahren. Jeden Morgen vor dem Aufstehen. Das hat ihm mal ein Freund empfohlen. Damit soll man uralt werden.“
Das hat in diesem Fall nicht funktioniert, überlegte Walter und sah sich noch einmal um. Wenn Panky den Schnaps vor dem Aufstehen getrunken hatte, müsste hier doch irgendwo die Flasche stehen. Er zeigte auf das Nachtkästchen. „Darf ich?“ Andrea nickte.
Walter öffnete vorsichtig die Tür. Auf der linken Seite lag ein Oberarmblutdruckmessgerät mit aufgerollter Manschette, daneben stand die Schnapsflasche. Ein Schnapsglas war, wie ein Hut, über den Flaschenhals gestülpt. Sofort schob der Spurensicherer Walter beiseite und machte Fotos. Dann verpackte er die Flasche und das Gläschen einzeln in Plastikbeutel.
„Gehörte das auch Ihrem Vater?“, fragte Hubert und zeigte auf den Spalt zwischen Bett und Nachttischchen. In der Ritze klemmte ein zerknittertes Stofftaschentuch.
Andrea schaute genauer hin. „Ja. Mit dem Tuch hat er immer das Schnapsglas ausgewischt, bevor er es zurück ins Schränkchen gestellt hat.“
Der Spurensicherer zog das Taschentuch mit einer Pinzette hervor und steckte es ebenfalls in einen Beutel.
Andrea fuhr herum, als unten die Eingangstür zugeschlagen wurde.
„Andrea? Wo steckst du?“, rief ihr Mann, dann waren seine Schritte auf der Treppe zu hören.
„Was … was soll denn das hier werden?“, blaffte er kurz darauf. „Andrea, was sind das für Leute und was wollen die hier?“
„Walter kennst du ja … und das ist ein Kommissar von der Kriminalpolizei und ein Herr von der Spurensicherung …“
„Was zum Teufel ...“, setzte Steffen an, doch Andrea unterbrach ihn. „Sie sagen Papa wurde vergiftet. Mit Zyankali. Das kam bei der Obduktion heraus.“
„Aber das kann doch gar nicht sein! Wie soll er denn da drangekommen sein?“
Kripo-Hubert räusperte sich. „Genau das wollten wir sie auch fragen. Haben Sie auf dem Hof irgendwo Zyankali? Vielleicht in einem Spritzmittel oder etwas Ähnlichem?“
Steffen zog irritiert die Stirn kraus. „Soweit ich weiß: nein.“
„Wenn ich mich recht erinnere, war das Zeug früher in Rattengift, bis es dann irgendwann verboten wurde“, mischte sich Walter ein. „Habt ihr davon vielleicht noch irgendwo ein paar alte Päckchen rumliegen?“
Steffen sah Andrea an, die nur mit den Schultern zuckte.
„Ich glaube nicht, aber beschwören kann ich das nicht. Der Hof ist groß und Papa hatte viele Sachen irgendwo gebunkert. Er konnte ja nichts wegschmeißen.“
„Nun gut“, sagte Kripo-Hubert und verließ das Zimmer. „Das war’s fürs Erste, aber wir müssen mit ein paar Leuten nochmal wiederkommen und uns den Hof ansehen. Vielleicht finden wir das Gift ja irgendwo.“
Steffen stolperte ihm hinterher. „Hey Moment – brauchen Sie dafür nicht einen Durchsuchungsbefehl?“
„Den habe ich morgen“, sagte Kripo-Hubert kühl und ging die Treppe hinunter. „Eine letzte Frage noch:“, sagte er an Andrea gewandt, „hatte Ihr Vater irgendwelche Feinde? Oder gab es in letzter Zeit Streit mit jemandem?“
„Sie meinen, jemand hat ihm das angetan?“, keuchte sie. „Nie und nimmer. Fragen Sie Walter, der kannte ihn doch auch. Papa war im ganzen Dorf beliebt. Wenn er Streit mit jemandem hatte, dann weiß ich nichts davon.“
Sie verabschiedeten sich und gingen zu Kripo-Huberts Wagen. Der Spurensicherer blieb noch, um die Fingerabdrücke von Andrea und Steffen abzunehmen. So konnte er später ihre Spuren, die sie mit Sicherheit im Zimmer hinterlassen hatten, ausschließen.
„Glaubst du Panky wurde ermordet?“, fragte Walter.
„Kann sein“, antwortete Kripo-Hubert einsilbig. „Aber da habe ich schon die komischsten Dinge erlebt. Warten wir erstmal ab, was die Untersuchung der Schnapsflasche ergibt. Wenn wir darin das Gift finden, sind wir ein ganzes Stück weiter.“
Sie hielten vor Walters Haus. „Sehen wir uns morgen auf dem Markt?“, fragte Kripo-Hubert.
„Das hängt ein bisschen vom heutigen Abend ab“, lachte Walter. „Das Fest geht los und ich gehe mit Liesl zum Essen hin. Wenn es danach nicht ausartet, komme ich natürlich.“
Kripo-Hubert hob die Hand zum Gruß und rauschte vom Hof. Walter steuerte direkt seinen Kühlschrank an. Nichts half besser beim Nachdenken als ein kaltes Bier.
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