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Sir Arthur Conan Doyle

Der Doktor und sein Patient

Saga

Der Doktor und sein PatientCopyright © 1893, 2019 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372212

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Der Doktor und sein Patient.

Bei meiner Auswahl der Fälle, welche dazu dienen sollen, dem Leser ein Bild von den eigentümlichen Geistesgaben meines Freundes. Holmes zu geben, bin ich auf mancherlei Schwierigkeiten gestossen. Seine merkwürdigsten Schlussfolgerungen und scharfsinnigsten Untersuchungen bezogen sich meist auf Begebenheiten, die an sich so geringfügig und alltäglich waren, dass sie kein allgemeines Interesse beanspruchen konnten. Andererseits kam es auch wieder häufig vor, dass er bei hochwichtigen Angelegenheiten, die einen besonders dramatischen Verlauf nahmen, zu Rate gezogen wurde, ohne dass er doch an der Erforschung ihrer Ursachen einen so hervorragenden Anteil hatte, wie es mir als seinem Biographen wünschenswert erscheinen musste. Auch bei der hier folgenden Geschichte hat er keine entscheidende Rolle gespielt, und doch möchte ich sie, der seltsamen Umstände wegen, die damit verknüpft sind, nicht in dieser Sammlung missen.

Es war an einem schwülen Regentag im September. Wir hatten unsere Läden halb geschlossen, und Holmes lag auf dem Sofa, beschäftigt, einen Brief, den er am Morgen erhalten, immer, von neuem durchzulesen. Ich selbst litt zwar seit meiner Dienstzeit in Indien stets weniger unter der Hisse als der Kälte, doch fühlte ich mich auch zu nichts recht aufgelegt. Selbst die Zeitung langweilte mich. Die Parlamentssitzungen waren zu Ende, alle Welt hatte die Stadt verlassen, und ich sehnte mich nach Berg und Wald oder dem Seestrande. Meinen Freund quälte kein solches Verlangen; mich veranlasste nur die Ebbe in meiner Kasse, den beabsichtigten Ferienausflug zu verschieben, aber für ihn hatten Naturgenüsse überhaupt keinen Reiz. Er blieb am liebsten mitten in der Millionenstadt London, der er mit allen Fasern seines Wesens angehörte, und es brauchte nur irgend ein Gerücht oder der Leiseste Verdacht eines noch unaufgeklärten Verbrechens zu entstehen, so war er gleich Feuer und Flamme. Zur Abwechslung pflegte er wohl dann und wann einmal, statt dem Uebelthäter in der Stadt nachzuspüren, einer geheimnisvollen Fährte auf dem Lande zu folgen, aber der Sinn für Naturschönheit fehlte ihm gänzlich, wie gross auch seine Begabung im übrigen war.

Als ich sah, dass Holmes sich zu sehr in seinen Brief vertieft hatte, um mit mir zu plaudern, liess ich das uninteressante Zeitungsblatt zur Erde gleiten, lehnte mich in den Armstuhl zurück und begann in wachem Zustand zu träumen. Plötzlich schreckte mich die Stimme meines Gefährten aus diesen Phantasien auf.

,,Du hast ganz recht, Watson,“ sagte er, „es ist vollkommen widersinnig, derartige Streitfragen auf solche Weise schlichten zu wollen.“

„ Die reinste Thorheit!“ rief ich; — da ward mir auf einmal klar, dass er meinen innersten Gedanken Ausdruck gegeben hatte. Ich fuhr in die Höhe und starrte ihn in massloser Verwunderung an.

„Aber Holmes,“ rief ich, „wie ist das möglich? Das geht doch über alle Begriffe.“

Er lachte herzlich, als er mein erstauntes Gesicht sah.

„ Du erinnerst dich wohl noch,“ sagte er, „dass ich dir kürzlich eine Stelle aus Edgar Poes Schriften vovlas, wo erzählt wird, wie ein kluger Kopf den unausgesprochenen Gedanken seines Gefährten folgt? Du warst geneigt, das nur für ein vom Verfasser erdachtes Kunststück zu halten, und wolltest mir nicht glauben, als ich behauptete, ich thäte das auch ganz unwillkürlich und fast ohne Unterlass.“

„ Habe ich das gesagt?“

„ Nicht mit Worten, mein lieber Watson, aber es stand dir auf der Stirn geschrieben. Als ich nun soeben sah, wie du die Zeitung hinwarfst, um in Nachdenken zu versinken, benutzte ich mit Freuden die Gelegenheit, deinem Gedankengang zu folgen, und erlaubte mir schliesslich ihn zu unterbrechen, um dir einen Beweis unseres geistigen Zusammenhangs zu geben.“

Die Erklärung genügte mir keineswegs. „In dem Beispiel, das du erwähntest, hat der kluge Kopf seine Schlüsse aus den Handlungen des Mannes abgeleitet, den er beobachtete. Wenn ich mich recht entsinne, stolperte er über einen Steinhaufen, sah nach den Sternen empor und dergleichen. Ich dagegen habe hier ruhig auf dem Stuhl gesessen und dir keinerlei Anhaltspunkte für dein Gedankenlesen gegeben.“

,,Da thust du dir unrecht. Die Gemütsbewegungen des Menschen spiegeln sich in seinen Gesichtszügen, und auch die deinigen sind ihr treues Abbild.“

„ Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du mir die Gedanken vom Gesicht abgelesen hast?“

„ Jawohl; besonders am Ausdruck deiner Augen. Vielleicht erinnerst du dich selbst gar nicht mehr, wie du in die Träumerei geraten bist.“

„Nein, ich weiss es nicht.“

„Ich will es dir sagen: Dass du die Zeitung hinwarfst, erregte meine Aufmerksamkeit. Du sassest eine Minute lang gedankenlos da, dann schweiften deine Augen nach dem Bilde des Generals Gordon hinüber, das du dir neu hast einrahmen lassen, und ich sah an der Veränderung deines Ausdrucks, dass deine Gedanken eine bestimmte Richtung annahmen, die du jedoch nicht lange verfolgtest. Dein Blick flog zu Henry Ward Beechers Portrait hinüber, das ohne Rahmen auf deinem Büchergestell steht; dann schautest du wieder nach der Wand. Es war leicht zu erkennen, dass du dachtest, Beecher würde ein gutes Seitenstück zu Gordon abgeben, wenn er auch eingerahmt wäre.“

„ Das hast du merkwürdig gut erraten.“

„So weit war kaum ein Irrtum möglich. Aber nun kehrtest du zu Beecher zurück und schienst ganz in seinen Anblick vertieft. Du zogst die Augenbrauen nicht mehr zusammen, sahst aber immer noch sinnend zu ihm hin — du überdachtest seinen Lebenslauf. Dabei konntest du nicht umhin, dich zu erinnern, welche Aufgabe er während des amerikanischen Bürgerkrieges für die Sache des Nordens übernommen hatte; ich entsinne mich noch, wie entrüstet du dich darüber aussprachst, dass ein grosser Teil des englischen Volkes ihm damals einen so schlechten Empfang bereitete. Als du gleich darauf von dem Bilde fortsahst, vermutete ich, dass dir nun der Bürgerkrieg selbst in den Sinn kam; du presstest die Lippen zusammen, dein Auge blitzte, unwillkürlich balltest du die Hände, und ich zweifelte nicht, dass du der tapfern Thaten gedachtest, die in dem grimmigen Kampf auf beiden Seiten vollbracht worden waren. Aber dann sprach tiefe Trauer aus deinen Zügen, und du schütteltest den stopf. Deine Gedanken weilten bei den Schmerzen, dem Grauen, dem nusslosen Blutvergiessen. Du presstest die Hand auf deine alte Wunde, und ein Lächeln spielte um deine Lippen. Dir war plötzlich aufgegangen, wie lächerlich es doch im Grunde sei, internationale Fragen auf solche Art entscheiden zu wollen. In diesem Augenblick sprach ich dir meine Zustimmung aus und freute mich zu sehen, dass alle meine Schlussfolgerungen richtig gewesen waren.“

„Vollkommen richtig,“ sagte ich, „aber nachdem du mir alles erklärt hast, ist mir die Sache durchaus nicht verständlicher geworden.“

„Es war nur ein kleiner Zeitvertreib, mein lieber Watson, von dem ich dir gar nichts verraten haben würde, hättest du nicht neulich etwas ungläubig dreingeschaut. — Aber mir scheint, draussen erhebt sich ein frischer Luftzug. Wollen wir nicht noch einen Abendspaziergang in den Londoner Strassen machen?“

Ich hatte es herzlich satt, in unserem engen Wohnzimmer zu sitzen, und folgte bereitwillig seiner Aufforderung. Drei Stunden lang streiften wir in Fleet Street und dem Strand umher und betrachteten das vielgestaltige Menschengetriebe, das dort fortwährend auf- und niederwogt. Holmes liess seiner Beobachtungsgabe freien Lauf; seine anziehenden Gespräche und scharfsinnigen Bemerkungen fesselten und belustigten mich in hohem Grade.

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