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Sinclair Lewis

Das Kunstwerk

Familiendrama

Translator: Franz Fein

e-artnow, 2022

Kontakt: info@e-artnow.org

EAN: 4066338121110

Inhaltsverzeichnis

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Inhaltsverzeichnis

Das flache Dach des American House, des größten und bedeutendsten von Black Thread Center in Connecticut, war mit rotgestrichenen Weißblechplatten belegt, deren jede die eingestanzte Inschrift »Phoenix, das Weißblech der Könige« trug. Es war zwar erst zwei Minuten nach sechs Uhr, aber an diesem Julimorgen des Jahres 1897 glühte das Dach bereits. Das Blech hatte die Temperatur eines Plätteisens, und der Teer am Ziegelgesims, der den ganzen vorhergehenden Nachmittag Blasen geworfen hatte, war brennend heiß.

Tief unten in der Putnam Street, ganze drei Stockwerke unterhalb des roten Blechdaches, äußerte der Schutzmann Tad Smith gegenüber dem Möbelhändler Mr. Barstow: »Na, das wird heute auch wieder so n Hundstag werden wie gestern.«

Mr. Barstow dachte darüber nach. »Ich kann nur sagen, Sie haben recht. Ein regelrechter Hundstag.«

»Jawoll Herr, n Hundstag«, wiederholte Tad sinnend und ging seines Wegs – um vielleicht nie wieder in der Geschichte aufzutauchen.

Hoch oben über diesen biederen Bürgern aber tanzte auf dem roten Blechdach, berauscht von Jugend und Morgenglanz, voll jubelnder Wonne über seine neu entdeckte Sangeskraft ein junger Dichter, ein Sohn der Himmel. Nur Lancelot, der Hotelhund, war bei ihm, und ohne jede Scham begrüßte er den Sonnengott, der sein Bruder war. Die Melodie »Heut nacht, da ist was los im Städtelein« pfeifend, schritt er, sich seiner Jugend und seines Genies freuend, auf und nieder; seine Hände arbeiteten, als führte er eine Militärkapelle an, seine Füße tanzten kleine verschlungene Muster, sein ganzer Leib pendelte und schwankte hin und her, sein Kopf ruckte von einer Seite zur anderen. Lancelot bellte anerkennend – die erste von den Beifallsäußerungen, die die Zukunft für den Meister barg.

Der junge Dichter führte den nicht gerade überaus romantischen Namen Ora Weagle, aber er hatte eine ganze Menge Swinburne, Longfellow, Tennyson und Kipling gelesen. Er zählte fünfzehn Jahre und war sich schon bewußt, daß er zu einer Welt gehörte, die größer war als Black Thread Center. Ja, er verachtete Black Thread und insbesondere alles, was mit dem American House zu tun hatte, dessen Besitzer sein Vater, der alte Tom Weagle, war.

Als er an das fabelhafte Gedicht dachte, das er am Abend vorher geschrieben hatte, verwandelte sich seine faunisch überschäumende Lebensfreude in scheue Ehrfurcht, und er begann (während Lancelot sich mit enttäuschter Miene niederließ, um sich zu kratzen und ein Schläfchen zu machen) erst zu säuseln, dann zu murmeln und schließlich mit laut erhobener Stimme zu deklamieren – Ora, der junge Keats, delektierte sich hoch in den Lüften, zwischen Phönix-Dachbelag und Himmel, an seinem Meisterwerk:

»Kalt ist dein Auge, kalt ist dein Leib und kalt deine Hand,

Kalt wie der Schnee, in den die Connecticut-Höhn sich hüllen,

Doch sieh! zersprengen will ich, mit dem du mich hältst, das Band,

Bis meiner Kraft wild flammende Gluten ganz dich erfüllen!

Oh, ich bin stolz, ich bin mächtig, und um mich ist Schrecken und Furcht,

Was wider mich löcket, zertret ich wie schmählichen Unrat und Plunder.

Du bist mir ein Feld, noch harrend der Pflugschar, die es durchfurcht,

Und deiner Seele Geburt soll sein ein schimmerndes Wunder!«

»Herrje, wenn ich bloß wüßte, wo ich das herhab!« flüsterte er.

Die dröhnende Pracht der Verse begeisterte ihn, und so stolzierte er singend und mit den Armen fuchtelnd weiter.

»Stolz bin ich, stolz,

Um mich

Ist Schrecken und Furcht,

Ist Schrecken und Furcht,

Höre! Stolz bin ich,

Um mich

Ist Schrecken und Furcht,

Stolz bin ich, schrecklich stolz!«

Und die Strahlen, mit denen die Sonne ihn überschüttete, kleideten ihn in doppelte Glorie, denn sie wurden von dem roten Blechdach reflektiert.

Das Pfeifen des Zuges, der um sechs Uhr sieben von den Berkshires ankam, ließ Ora, den von Morgengluten Umlohten, nicht weiter auf Wolken wandeln und erinnerte ihn daran, daß er Brennholz für das American House klein zu machen hatte. Er murmelte zwar noch vor sich hin: »Schrecken und Furcht«, konnte sich aber doch nicht enthalten, über das Gesims zu blicken und die Wirklichkeiten des Provinzlebens ins Auge zu fassen. Von der Station der New York, New Haven & Hartford her kam, seine beiden Köfferchen tragend, der typische, der unvermeidliche, der aus dem Weltbild gar nicht fortzudenkende Handlungsreisende. Unten, abgrundtief unter Ora, sprengte sein Bruder Myron Weagle mit einer abscheulichen, verbeulten grünen Gießkanne den Bürgersteig. Ora beobachtete diese unerfreuliche Alltagsposse belustigten Blicks. Seine Großmut gegenüber Myron war nicht weniger ein Teil seiner Dichtererhabenheit als Gluten und Machtfülle und Furchtbarkeit.

Der arme Myron! Myron, so überlegte Ora, hatte keine Phantasie, keine Begeisterungsfähigkeit, keinen Sinn für Schönheit, kein Verlangen danach, schöpferisch zu sein oder mehr zu leisten, als die Beschäftigung mit den trivialen täglichen Arbeiten, die ihn zu befriedigen schienen, mit sich brachte.

Obgleich Myron theoretisch um zwei Jahre älter – siebzehn – war, kam sich Ora um eine ganze Generation älter und welterfahrener vor. Selbst am Äußeren war der Unterschied zu sehen: Ora ganz schlank, rasch, mit schönem Haar, so schwarz wie schwarzes Glas, und Myron, damals, groß und schwerfällig, mit einem struppigen Schopf hanffarbener Haare. Ora hatte oft gedacht, er selbst gleiche einer Katze: geschmeidig, schnell, selbständig, während Myron ganz und gar ein Hund sei, und zwar nicht ein Windspiel oder Jagdhund, sondern ein Bauernköter: plump, erbärmlich gutmütig, treu jedem nichtswürdigen Herrn.

»Na ja, der arme Teufel«, dachte Ora, »wahrscheinlich wird er auf seine Bauernart glücklicher sein als ich. Ich geh nach New York! Ich werde ein vollkommenes Kunstwerk schaffen! Herrgott, sicher werd ich leiden, was das Zeug hält, so wie in Sentimental Tommy und in David Copperfield, während er hier bleibt und sich in der Sonne kratzt – wie du, Lancelot!«

Ora sah zu, wie sein dummer großer Bruder dem Reisenden ein Stückchen entgegenging, ihn begrüßte und ihm sein Gepäck abnahm.

»Wie ein Dienstbote!« seufzte Ora.

»Los, Lancelot, wir müssen runter und zusehen, daß wir was zum Frühstück kriegen«, kommandierte er. Doch bevor er seinen Posten am Gesims verließ, musterte er voll Abscheu Black Thread Center und erblickte nichts, was seiner Aufmerksamkeit wert gewesen wäre. Vom Dach des American House, das um die Höhe eines ganzen Stockwerkes über alle anderen Gebäude der Ortschaft emporragte, konnte er alles in der kleinen Welt des Städtchens übersehen.

(Ora dachte daran, daß es Leute gab, für die Black Thread Center und East Black Thread der Nabel der Welt waren, von dem aus man Entfernungen maß nach Rom und Schanghai und Tierra del Fuego, Leute, die die Wichtigkeit eines Eisenbahnzuges, eines Zirkus' oder einer Religion danach abschätzten, ob sie nach Black Thread kamen oder nicht. Ora staunte über solchen Provinzialismus. Für ihn – ach, New York, London, Paris, Berlin, Monte Carlo!)

Mißfällig betrachtete er die roten Backsteingebäude des Ortes: Cal Bigus' Laden – Wand- und Taschenuhren, Bijouteriewaren, Fahrräder – neben dem Hotel. Barstows Möbelmagazin und Beerdigungs-Institut gegenüber. Der Fachwerkbau der N. Y., N. H. & Hartford-Station mit ihrem schmierigen Bahnsteig. Der Marktplatz und das gußeiserne Standbild des Bürgerkriegssoldaten. Allerdings konnte er auch den Housatonic River hinter den Geleisen sehen und jenseits der Stadt eine mit Ulmen, Ahornbäumen und Tannen dicht bewachsene Anhöhe.

»Aber trotzdem, bloß so ganz gewöhnliches Land. Nichts Historisches. Keine Burgen. Ach! Komm, los, Lancelot!« sagte Ora.

Er drehte dem fleißigen Myron, der das Gepäck des Reisenden trug, eine lange Nase und ging, »Schrecken und Furcht« vor sich hinsingend, zur Falltür. Er blieb noch eine Weile stehen. »Nichts Romantisches. Aber auch schon gar nichts! Und was für ein Name das ist! Black Thread Center!«

Der Reverend Thaddeus Prout aus Beulah in Connecticut hatte das ganze Jahr 1637 hindurch seine behaglich dahinlebende Gemeinde Sonntag um Sonntag darauf hingewiesen, daß die Bergschlucht im Norden und Osten gegen die Indianer gesichert werden müsse. »Ich predige euch die ewige Gnade, und ich predige euch auch ewige Wachsamkeit«, donnerte der alte Geistliche auf der hohen Kanzel der Kongregationisten-Kirche. »Ich predige euch die unaufhörliche Übung des Gebetes – und die unaufhörliche Übung des Musketenschießens, wie ich es in Seiner Majestät Worcestershire-Leibregiment gelernt habe. Ich sage euch, diese Bergschlucht ist eine schwarze Gefahr – eine schwarze Gefahr – eine schwarze Gefahr für unseren Frieden und Wohlfahrt!«

Er sagte es so oft, daß seine Pfarrkinder die Ansiedlung nördlich und östlich von ihnen (die ganze Siedlung bestand aus einer Schenke mit Kramladen und vier Katen) scherzend »the Black Threat«, »die schwarze Gefahr«, zu nennen anfingen. Sie hatten zu eifrig und zu früh gescherzt. Als die Indianer sich wirklich durch die Schlucht schlichen und Beulah einschlossen, kämpften die Ansiedler unter der Führung des Reverend Thaddeus, der sich über seinem schwarzen Leibrock mit einer Säbelkoppel gegürtet hatte und dessen weißer Bart mit Blut beschmiert war, verzweifelt mit Beil und Büchse, aber das gute Dorf wurde nahezu dem Erdboden gleich gemacht. Von da an wurde die Siedlung hinter ihnen mit bangerer Ehrfurcht »Black Threat« genannt.

Ein junger Vermessungsbeamter der Regierung war es, der, in seiner Harvard-Art die Möglichkeiten falscher Orthographie und die Torheit der Legendenbildung bedenkend, im Jahre 1810 den Namen als »Black Thread«, »schwarzer Faden«, eintrug.

Von alledem hatte Ora nie etwas gehört … wahrscheinlich teilten im Jahre 1897 alle Bewohner Black Thread Centers dieses Schicksal mit ihm.

Von einem unterjochten Lancelot gefolgt, kroch der unterjochte Verwandte des Sonnengottes vom Dach über die Leiter hinunter in das Hotel, in schmale Gänge mit Strohläufern, die in der Mitte zu kanalähnlichen Pfaden ausgetreten waren, in den alles einhüllenden Dunst von billiger Blumenseife, Kohl, verschwitzter Wäsche und alten Baumwoll-Laken. Das American House hatte vierunddreißig Zimmer, neunundzwanzig ein- und fünf zweibettige. Nach Ansicht der Weagles war es ein überaus modernes Hotel: es gab keine Petroleumlampen, sondern Gasbeleuchtung, und im Büro war, in einem langen, dunklen Kasten, der wie ein aufgestellter Sarg aussah, eine Telephon.

Jedes der einbettigen Zimmer – Ora konnte, während er an offenen Türen vorbeikam, hineinsehen – enthielt ein Holzbett, dessen Lackierung ein wenig gesprungen war, einen geraden Stuhl, ein Stückchen Teppich vor dem Bett, reichlich verschmutzte Spitzenvorhänge, eine Gaslampe, die so geschickt an der Wand angebracht war, daß sie weder den Spiegel beleuchtete noch ein Lesen im Bett ermöglichte, einen Waschtisch mit Krug und Schüssel, die mit Lilien oder Schneelandschaften bemalt waren, ein Spülgefäß auf einem Linoleumstreifen, der mit geringem Erfolg Marmor imitierte, eine weiße Wachsleinwand, mit Reißzwecken an der Wand hinter dem Waschtisch befestigt, ein Stückchen minderwertiger Seife, ein dünnes Handtuch und den vorherrschenden Geruch in konzentrierter Form.

Aber die zweibettigen Zimmer waren raffinierter eingerichtet. Da gab es außerdem noch ein zweites Handtuch, einen zweiten geraden Stuhl, einen Tisch und in der Regel einen Wandkalender.

Die Matratzen in den Betten waren klumpig und hatten in der Mitte eine Kuhle. Die Laken waren aus grober, kratzender Baumwolle, aber da das Amt der Haushälterin von Edna Weagle, Mrs. Tom Weagle, versehen wurde, waren sie makellos sauber und frei von Ungeziefer. Edna sprach oft und nicht ohne Bitterkeit von Ungeziefer und machte jeden lieben Tag Jagd darauf. Die Decken waren gleichfalls aus Baumwolle, ebenso die Wattierung der Steppdecken. Sie waren sehr schwer und alles andere als warm. Erfahrene Geschäftsreisende legten in Winternächten ihre Mäntel obendrauf.

Ora war an das Hotel, das in jenen Jahren sein Heim war, so gewöhnt, daß er es kaum noch sah, aber an diesem Tag hatte ihn sein Dichtertriumph in eine so glänzende Stimmung versetzt, daß er für zehn Sekunden stehenblieb, um einen Blick in Nr. 20 zu werfen.

»Was für ein Loch das ist!« seufzte er. »Ich werd mal ein Zimmer mit einem großen schwarzen Ledersessel haben und ein Bett mit seidenem Bettzeug! Vielleicht auch schwarz!«

Er war zu sehr Black Thread Center und zu sehr 1897, um sich einzugestehen, daß er sich ausmalte, was für einen schönen und erregenden Anblick sein schlanker weißer Leib auf einem schwarzseidenen Laken bieten würde.

Im Vorraum traf er Flossy Gitts, das zweite Zimmermädchen. Nun war Ora zwar fünfzehn und Flossy zwanzig, aber sie war großzügig und vorurteilslos; sie hatte Löckchen und besaß das, was man damals als Büste kannte; sie schäkerte vergnügt und zufrieden mit jedem männlichen Wesen im Alter von zehn bis zu hundert Jahren, obgleich ihr das liebste ein gereifter Reisender von fünfunddreißig war, der einen Freimaurerring trug und nichts dagegen hatte, sich einen Wagen aus dem Mietsstall kommen zu lassen und ein Mädel ordentlich zu traktieren.

»Hören Sie mal, wissen Sie, Ora, Myron ist ordentlich geladen, weil Sie im Souterrain und in den Musterzimmern nicht sauber gemacht haben!« sagte Flossy.

»Der Teufel soll ihn holen!« rief Ora.

»Ja, aber er wird Ihnen schon geben!«

»Ach, ich will 'n Kuß haben!«

»Seien Sie manierlich! Oh! Aber, Ora Weagle, Sie sollten sich was schämen; was Sie da tun!«

»Um mich ist Schrecken und Furcht!«

»Nein, wie Sie reden können – wie ein Buch! Hören Sie mal, Ora, wenn ich mit der 23 und der 15 fertig bin, helf ich Ihnen im Souterrain sauber machen.«

»Gemacht, Süßes!«

Ora stolzierte zum »Büro«. Er stolzierte tatsächlich. Eroberungen unter seinen Altersgenossinnen in der Ortschaft hatte er wohl genug gemacht, aber das war sein erster Erfolg als Gigolo, als junger Galan, der einer älteren Frau etwas abschmeichelt.

An den Wänden des Büros standen abwechselnd Rohrschaukelstühle und Spucknäpfe aus Messing. Das Schreibpult war aus gemasertem Kiefernholz. Dahinter hingen die Zimmerschlüssel, jeder mit einem Holzknebel versehen, um nicht unbefugt fortgenommen werden zu können; auf dem Pult stak eine Feder in einer Kartoffel und lag ein Fremdenbuch, das sich um einen Messingzapfen drehen konnte. Das Fremdenbuch war selbstverständlich immer offen, denn eines wußten die Hotelfachleute jener Zeit mit absoluter Sicherheit: wenn das Fremdenbuch jemals zugemacht wird, ist es mit dem Geschäft für den betreffenden Tag vorbei.

Es war niemand im Büro.

Ora wurde leichter ums Herz, als er Myron nicht sah. Vielleicht war er, nachdem er dem Reisenden das Gepäck ins Zimmer gebracht hatte, rasch fortgelaufen, um noch Morgeneinkäufe zu machen – eigentlich oblagen alle Besorgungen dem alten Tom, aber der schlief oft lange, fast bis sieben, und Myron war einfältig genug, bereitwilligst in aller Eile ein Pfund Speck zu holen, wenn beim Frühstück besonders viel zu tun war. Ora fühlte sich wieder frei. Er glitt durch den Speisesaal und den Billardraum in die Bar. Wenn Jock McCreedy, der Barmann, da war, dann konnte er ihm vielleicht ein winziges Glas Bier vor dem Frühstück abschwatzen. Aber als Ora die Tür öffnete, die Pforte zu diesem Hafen kühlen Biergeruches mit dem prächtigen Mahagoni-Schanktisch, den köstlichen Gläser- und Flaschenpyramiden und dem großartigsten Gemälde, das er in seinem ganzen Leben gesehen hatte – einer nackten, inmitten scharlach-, safran- und smaragdfarbener Kissen ruhenden Dame – da zauderte er mit einem Male, denn hinter dem Schanktisch stand kein anderer als Myron und strich mit einem Ebenholzspatel den überstehenden Schaum von einem Glas Bier für den ersten Morgengast ab.

»He, du, komm mal her!« donnerte Myron.

»Wo brennt's denn?« winselte der Erbe des Sonnengottes.

Er schob sich, nur mit Mühe Myrons Feldwebelblick standhaltend, seitwärts herein. Von der Nähe gesehen, war Myrons flachsfarbene Haarmähne steif, so als hätte sein Schopf ein eigenes Leben. Seine kräftige Haut hatte jene skandinavische, vom Schnee genährte Helligkeit, die von keiner Sonne gebräunt wird und in den Jünglingsjahren von Pickeln verschont bleibt. In Myron war, das räumte Ora bisweilen ein, eine gewisse breitschultrige Kraft und Gesundheit … wenn er nur Oras Phantasie hätte, statt so ein aufgestellter Besen von Mensch zu sein!

»Ora! Seit zwei Tagen hast du die Balkons nicht gefegt! Wie ich heute früh im Herd Feuer gemacht hab, war kein Holz klein gemacht, und dabei war die Holzkiste halb voll! Und im Souterrain – heute früh ist ein Reisender gekommen; der will sofort einen Musterraum haben, und beide sind verdreckt!«

Ora fühlte sich sicher, weil der Schanktisch zwischen ihm und Myron war, und spottete: »Na und, wenn schon?«

Ein Tiger sprang durch die Luft.

Myron war auf ein Bierfäßchen gestiegen und hatte sich über die Theke geschwungen. Er schüttelte Ora wie eine kleine Katze. »Ich werd dich braun und blau prügeln, das wird das ›Na und‹ sein! Ich hab die Nase voll von deiner Faulenzerei! Du bist der einzige Mensch im Hotel, der nie was tut! Wirst du jetzt sofort, auf der Stelle, die Musterzimmer sauber machen, oder muß ich dich vertobacken?«

»Schön! Schön! Herrgott noch mal! Du mußt nicht gleich angeben wie eine Hyäne!«

»Bei dir schon! Jetzt ab! Frühstücken darfst du noch vorher, und dann – –«

Ora, der schon an der Tür war, steckte noch einmal seinen kleinen Schädel herein, um zurückzurufen: »Ich darf frühstücken! Als ob du darüber zu bestimmen hättest! Das Frühstück gehört nicht dir, das gehört Pa und Ma!«

Aber er zog sich beschleunigt zurück. Er wußte, was ein »Vertobacken« von Myron zu bedeuten hatte: es kam selten vor, doch dafür war es außerordentlich schmerzhaft und nachhaltig.

Alice Aggerty, Flossy Gitts' umfangreiche Kollegin, servierte beim Frühstück. Zwischen zwei Reisenden stehend, rief sie aus: »Ha'erschleim, Eier, Schinken'dspeck, Ko'letts, Würste, Weizenkuchen.« Ora selbst nahm als Poetenfrühstück Haferschleim zu sich, ein Schweinekotelett mit Spiegelei, Weizenkuchen, Speck, Kaffee und nicht mehr als ein, zwei Häppchen Maiskuchen und Toast mit Pflaumenmarmelade. Der Kaffee war schwach, und obenauf schwammen große Körner vom Satz. Die Butter war gefärbt, und da sie zur Konservierung in einer Tonne mit Salzzusatz gehalten wurde, glitzerten Salzkristalle auf den leuchtend gelben Kügelchen. Zum Kotelett, das in Schmalz gebraten war, gab es aufgewärmte Kartoffeln vom Abend vorher. Wenn diese Fülle an Derbheit Oras ästhetisches Empfinden und Phantasie störte, war ihm, während er mit wölfischer Gier aß, nichts davon anzumerken.

Er saß am Familientisch, der hinter den beiden langen Tafeln für die Gäste stand. Die grünen Tapeten des Speisesaals hatten ein Muster aus gelben Rosen, der Fußboden war kahl, und als Zierstück stand ein gewaltiges schwarzes Walnußbüfett da, das mit silbernen Menagen und Obstschalen aus imitiertem Kristallglas dekoriert war – diese wurden wohlweislich nur an den Sonntagnachmittagen gefüllt. Neben der Doppeltür stand auf einem schön weiß gedeckten Tischchen eine Schale mit Zahnstochern.

Die Tischtücher auf der langen Tafel waren sauber, aber das auf dem Familientisch der Weagles hatte mit seinen Inseln von Eigelb, Ketchup, Bratensauce und Butter einen einigermaßen kartenähnlichen Charakter.

Während Ora frühstückte, setzte sich sein Vater zu ihm.

Tom Weagle hatte einen faltigen braunen Hals, der von seinem farblosen Bart nur zum Teil verdeckt wurde. In seinen Augen, vor denen er aus Bauernschlauheit eine stahlgeränderte Brille trug, war etwas Verträumtes und Unklares. Seine Nase leuchtete rötlich. Er sah zwar keineswegs kräftig aus, hatte aber die derben Hände eines Farmers.

»Morgen«, sagte der alte Tom.

»Morgen«, antwortete Ora.

»Hast du im Souterrain gefegt, wie du solltest?«

»Klar.«

»Na also – –«

Damit schien die Angelegenheit erledigt zu sein. Tom bestellte sich Haferschleim, ein Kotelett, Spiegeleier und eine Doppelportion Weizenkuchen – das alles verschwand ohne sichtliche Wirkung in seinem mageren Leib – und schwieg. Er war gesprächig genug, wenn er sich mit Reisenden unterhielt, wenn er Anekdoten von den alten Tagen auf der Farm erzählte oder über die Schlechtigkeit von Gästen sprach, die nicht zahlten, über die Bösartigkeit von Dienstboten, die nicht arbeiteten, und über die wundersamen Erlebnisse auf seiner einzigen Reise nach New York, aber der Familie gegenüber hielt er es für ziemlich sinnlos, seinen Atem zu vergeuden.

Kauend saßen sie einander gegenüber, Tom mit leerer, Ora mit verschlafener Miene. In Oras Innerem aber arbeitete es wie in einem anscheinend schlummernden Vulkan.

Dieses große Vieh, der Myron … Hatte keine Ahnung, wie man mit einem klugen Kopf, wie sein Bruder es war, umzugehen versuchen mußte, nur eines konnte er, ihm mit Prügel drohen! … Und so stinkige Theatertricks – über die Theke springen – wie der lächerliche, dicke, riesige Held in dem Stück, das sie in der letzten Woche hier im Zelt gespielt hatten, »Barry O'Lary mit seiner Truppe in Schottenmützen.« Und dabei wußte Myron nicht einmal recht, was das war, ein Theaterstück! Ach der! Na! Kein Verstand und keine Bildung! Konnte Myron so eine Zeile schreiben: »Bis meiner Kraft wild flammende Gluten ganz dich erfüllen«?

Nein, konnte er nicht!

Es war Ora wohler, viel wohler.

Ein wenig dämpfte ihn der Anblick eines dicken, feuchten Zeigefingers, der ihm von der Küchentür aus winkte (der Anstrich der Tür war von den Hüften eiliger Kellnerinnen, die sich mit Tabletts voll schmutzigen Geschirrs hinausdrängten, in der Mitte abgescheuert). Der Finger gehörte der Dame, die die Ehre hatte, die einzige Köchin des American House und überdies die Mutter Ora Weagles zu sein – Edna Weagle, in der sich mit der Rundlichkeit, die einer Köchin zukommt, die geplagte Schärfe einer Frau vereinigte, die einen Trunkenbold zum Mann hat. Langsam entsagte Ora wildflammenden Gluten, Schrecken und Furcht und schaufelte das letzte bißchen süßen Syrups und die Kuchenkrümel mit einem Löffel zusammen, während Alice Aggerty, die Kellnerin, ihm finstere Blicke zuwarf. Daß der verflixte Junge für diesen einen Bissen einen ganzen Löffel verbrauchte, der nun wieder gewaschen werden mußte!

Ora schlenderte anmutvoll in die Hitze und den Bratenfettdunst der Küche. »Was willst du, Ma?« fragte er in beleidigtem Ton.

»Dein Vater muß heute früh nach Beulah hinüber, ein paar Hühner besorgen, und unser Schmalz ist knapp geworden, du mußt also noch am Vormittag zu Aldgate springen und einen Eimer holen!«

»Herrgott, muß ich denn alles in dem Hotel machen – im Souterrain aufräumen und die Balkons fegen und die Holzkiste füllen und überhaupt alles!«

»Ja, du hast's wirklich schlecht!« spottete Edna Weagle und wischte sich die Hände an der nicht sehr sauberen Schürze ab, die sie um ihren rundlichen, in Kattun gekleideten Leib gebunden hatte. »Ich arbeite erst seit fünf! Du holst das Schmalz, oder ich sag Myron – –«

»Myron! Myron! Myron! Werd ich denn mein ganzes Leben lang nichts anderes hören wie Myron! Ich bin der Beste in meiner ganzen Klasse, und er sitzt fast ganz hinten in seiner!«

»Ja, Herzchen, ich weiß. Ja. Du wirst schon recht haben. Vielleicht paßt du für die Arbeit nicht so wie Myron. Ich glaube, und ich hoffe auch, daß du einmal Dentist oder Rechtsanwalt oder vielleicht sogar Geistlicher werden wirst! Na.«

Sie streichelte ihm über das Haar, was Ora fürchterlich war, weil sie nach billiger gelber Seife und Backschmalz roch. »Lies und studier du nur weiter, aber du wirst an mein Schmalz denken, nicht wahr?«

»Na klar!«

Als der Schriftgelehrte, der er war, anerkannt, marschierte Ora hinauf, um die blonde, gutmütige Flossy Gitts aufzusuchen und sie dazu zu bewegen, daß sie ihm beim unvermeidlichen Fegen des Souterrains half. Sie brummte ein bißchen darüber, daß sie ein erst halb gemachtes Bett verlassen mußte, aber sie kam, und bald waren die Musterzimmer und der Heizraum gesäubert und schön hergerichtet. Es war eine sehr befriedigende Arbeitsteilung: Ora redete, und Flossy schuftete. Sie fegte, staubte ab und nagelte ein loses Brett auf einer der langen Tischplatten an, die im Musterzimmer, auf Böcke gelegt, bald in einem für Black Thread ungewohnten orientalischen Glanz erstrahlen sollten: schottische Seidenblusen, zweifarbige elegante Gürtel, zierlich getupfte Schleier, Handschuhe, kurz all die erlesenen Waren von M. & I. Vollschutz, Damenkonfektion in New York, Cincinnati und Kansas City, zur Schau ausgestellt für die feurigen Kaufleute Black Thread Centers, dieses modernen orientalischen Marktes, wo die Verkäufer nicht um Feuer aus Kameldung hockten, sondern in gewürfelten Anzügen, Zigarren rauchend, in der ganzen Freiheit und Tüchtigkeit des Jahres 1897 m Amerika aufrecht stehend, ihre köstlichen Waren mit todernstem Profitsinn anpriesen.

»Das haben Sie ganz ordentlich gemacht, Flossy. Komm mal her und gib mir einen Kuß!« sagte Ora.

»Tjüs! Auf nachher!«

Er ließ sie stehen – etwas unsicher, wie später noch so manche andere Dame, ob sie zu viel oder zu wenig getan hätte – galoppierte die Treppe hinauf und eilte, gefolgt von Lancelot, durch das Gäßchen hinter dem American House in die Putnam Street. Einen Moment schauderte es ihn beim Anblick des widerlichen Misthaufens in dem Hintergäßchen, des Hotelabfalls und der ganzen Widerlichkeit dieses engen Lebens, aber im sauberen warmen Sonnenschein auf der Straße vergaß er das bald, und Lancelot, wieder überzeugt davon, daß er der Hund eines Sonnengottes und nicht ein Hotelköter sei, jagte einer eingebildeten Katze nach und bellte dann »Schrecken und Furcht«.

Es muß ausdrücklich gesagt werden, daß er nur von Ora Lancelot genannt wurde. Für die anderen im Hotel hieß er »Spot« oder einfach »Geh weg da«.

Nicht ein einziges Mal während des ganzen Tages dachte Ora wieder an das Schmalz für seine Mutter.

Nun ja! Es gab eine einst viel gelesene Geschichte über Maria und Martha. Überdies hatte Ora Ferien, es war Sommer und hinter Black Thread Center, auf der Ulmenhöhe, gab es Dinge, die das Interesse eines jungen Dichters stärker fesseln konnten als Schmalz und der Zustand eines Musterzimmers für den Reisevertreter von M. & I. Vollschutz.

2

Inhaltsverzeichnis

Ein junger Dichter wanderte mit seinem Hund zu den kleinen Hainen und Grotten, zu dem Frieden und der Freiheit des Ulmenhügels hinauf. Doch einen Augenblick blieben sie am Garten des Mannes stehen, von dem Ora gelernt hatte, daß es noch vieles mehr gibt auf dieser Welt als Lilien und Sonntagvormittags-Langeweile, als Rosen und streng respektable Connecticuter Freuden. Das war der Reverend Waldo Ivy, der anglikanische Geistliche. Obgleich sein Name Efeu bedeutete, war Mr. Ivy rundlich, rot und kurzatmig. Seine Liebe galt der Liturgie, der Tradition, der Sauberkeit und der Poesie. In Black Thread fand man ihn »komisch«. In den zehn Jahren seiner Tätigkeit an dieser Kirche hatte er genau eine Seele gefunden, die sein Evangelium – Schönheit ist Wahrheit, und Wahrheit Schönheit – begriff, und das war Ora Weagle. Er liebte es, »Hochwürden« genannt zu werden, und dies tat nur einer. Auch dieser eine war Ora. Wahrscheinlich hatte er es aus seiner Kipling-Lektüre. Von ihm hatte Ora alles gelernt, was er wußte – wenn Ora überhaupt etwas wußte.

In der Höheren Schule, in deren Junioren-Jahrgang er im nächsten Herbst kommen sollte, hatte Ora gelernt, Wesen und Art der Literatur seien folgendermaßen charakterisiert: In ferner Vergangenheit – vor sehr, sehr langer Zeit, noch vor der amerikanischen Revolution – gab es gute Schriftsteller. Recht gute. Ein Herr namens Caesar, der nach England fuhr und die Eingeborenen amerikanisierte. Cicero, der sich einem Mann namens Catilina entgegenstellte und damit dem Gangster-Unwesen für alle Zeiten ein Ende machte. Und Virgil, der irgendwie sehr schön war. Ferner gab es – aber diese wurden nur in vornehmen Schulen wie in Andover gelesen – Griechen wie Homer, Sophokles und Aeschylos, die ziemlich wichtig waren. Dann sprang die Literaturgeschichte über einige Zeit hinweg – zweihundert oder vielleicht auch zweitausend Jahre – und man kam zu Jane Austen, Dickens, Thackeray, Scott, Tennyson, Longfellow, Whittier, Walt Whitman und Poe. Diese Schriftsteller waren alle tot. Ja, das ganze Zeitalter der Literatur war tot, wie das Zeitalter der Ritter, obwohl es auch einige ganz gute Journalisten gab, die noch lebten – William Dean Howells und Mark Twain und einen Franzosen namens Anatole France.

Der Reverend Waldo Ivy jedoch hatte Ora erzählt, die Literatur stehe noch in ihren Anfängen, der Kampf der Welt um Schönheit und Gerechtigkeit sei noch nie so glorreich gewesen wie gerade jetzt. Die Augen des Knaben leuchteten, und sein Atem ging schneller, wenn Mr. Ivy Zeugnisse für sein Evangelium anführte. Und in dem kleinen anglikanischen Arbeitszimmer, das nach den Ledereinbänden alter griechischer Bücher und den Leinenbänden moderner Romane roch, schenkte Mr. Ivy schließlich einem Schüler Vertrauen und las ihm vor:

»Bis die See sich träge hebt, und die Klippen erstöhnen,

Bis Terrassen und Matten der Meerschwall trinkt,

Bis der Hochflut Wogen wüten und dröhnen

Um den Fels, der wankt, das Land, das versinkt.

In seinem Triumph dann, wo alles brach liegt,

Auf der Beute hier, die er sich selbst darbot,

Wie ein Gott, der am eignen Altar sich erstach, liegt

Tot der Tod.«

Es war ein ganz kleines Arbeitszimmer, das Mr. Ivy da gleich hinter der Kirche hatte; ein weiß getünchter Raum an einem zwei Quadratmeter großen Garten mit einem zementierten Weg, den er seinen Philosophenpfad nannte. Im Garten wuchsen steifer Krokus und schüchterne Stiefmütterchen. An den Wänden des Zimmers hingen Bilder von S. Paolo Fuori le Mura, von Thoreau und Emerson. Als der Priester aus Swinburne vorgelesen hatte, warf er einen schüchternen Blick auf Ora und sagte:

»Es gibt größere Poesie als all dies. Und zwar in der Bibel. Ich glaube kaum, daß du sie kennst. Siehst du, mein lieber Junge, die Väter meiner Kirche wußten schon vor sehr langer Zeit alles, was uns heute Kummer macht. Möchtest du etwas davon hören?«

»Klar!« antwortete Ora.

»Das ist vielleicht das Schönste an Dichtung, was je geschrieben wurde. Hör zu, mein Sohn:

»Ehe denn der silberne Strick wegkomme, und die goldene Schale zerbreche an der Quelle, und das Rad zerbrochen werde am Born.

Denn der Staub muß wieder zu der Erde kommen, wie er gewesen ist und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, ganz eitel.«

Mr. Ivy blickte über die Brille hinweg, die in seinem roten Gesicht saß.

Der Junge weinte.

»Ich hab gar nicht gewußt«, schluchzte er, »daß die Bibel Poesie ist! Ich hab immer gemeint, sie wär bloß Religion!«

Aber das war vor zwei Jahren gewesen.

Als Ora an diesem Julimorgen Mr. Ivy herablassend über den Zaun zunickte, empfand er keine Ehrfurcht. Denn jetzt war er selbst ein Dichter und brauchte keinen Respekt vor den alten Besen zu haben, die seine Rivalen waren.

»Ora«, fragte Mr. Ivy, »kennst du das Sonett von Wordsworth, das so anfängt: Zu sehr umgibt die Welt uns – spät und früh?«

»Klar. Feines Stück. Na, wir müssen rasch weiter«, sagte Ora. Er kannte das Sonett nicht, aber schließlich – es war früher Morgen, es waren Ferien, und gefolgt von dem umhertollenden Lancelot spazierte er weiter.

Da der kleine Hügel »Ulmenhöhe« hieß, wuchsen selbstverständlich größtenteils Tannen und Kiefern auf ihm. Es gab da eine verborgene Bodensenkung, die, wie Ora fest überzeugt war, außer ihm noch kein Sterblicher entdeckt hatte. Dort lag er in dem warmen, süßen Harzduft, während Lancelot neben ihm keuchte und hustete und sich kratzte. Er träumte – es waren die ungeformten, rein visuellen Träume eines jungen Dichters: Burgen. Mägdlein, weiß wie Milch. Zu Xanadu befahl der Große Chan der Tartarei, ein Haus der Wonnen prunkvoll zu erbaun. Blaue Windspiele mit silbernen Schellen. Auf seinem Thron aus scharf behauenem Granit verschlummert Gott Äonen. Degen, so spitz wie Schmerz. Kalifornien und schier unerträglicher Sonnenglast auf gelben Mohnblüten. Wilde weiße Pferde, die an einer Orangen-Mesa vorüber durch die Wüste galoppieren. Ein Erzbischof, der in Gewändern steif von Gold die Messe liest. Ein verhungernder Forscher, der in ein tibetanisches Dorf taumelt. Ein englisches Landhäuschen inmitten von Rosen. Ein Luftschiff – aber natürlich konnte es niemals Luftschiffe geben – sauste mit einer Stundengeschwindigkeit von 100 Kilometern über die blaue Himmelsveste … Blaue Himmelsveste! Sehr schön gesagt! Auf so etwas wie »Blaue Himmelsveste« würde Myron nie kommen!

Osiris' Priester sah ich beten mit erhobnen Händen, sich verneigend vor des Tempels weinbekränzten Wänden. Ja, aus ihren Augen scharlachrote Sünde sprach, doch mein von allen war das größte Ungemach. Im heiligen Bergland springen tausend Bronnen, die spenden ewger Jugend Wonnen. Der Herrscherhof, wo Tamshyd in Prächten residierte und viel roten Weines trank. Ein Weib, das nach ihrem Teufelsbuhlen klagt. Nimm auf dich Schmerz und Qual, allüberall zu suchen nach dem Heiligen Gral. Köstliche Wonnen. Mächtige Feen. In weißen Golddamast gehüllt, mystisch, wunderwirkend. Goldene Kronen werfen sie ins gläserne Meer. Die Eule fror, so dick auch ihr Gefieder war. Speere, Speere, getaucht in Lichtesglanz.

»Ach du lieber Gott, wenn ich es nur könnte!« seufzte Ora.

Wie die meisten gesunden Jungen hatte Ora ununterbrochen Hunger. Trotzdem wollte er nicht zurück zu den Schrecken des American House, er wollte weder das Genörgel seiner Mutter, seines Vaters und Myrons noch Alice Aggertys oder Flossy Gitts' Singsang hören: »Muschelsuppe, Tomatensuppe, Filet, Koteletts, Irish Stew, Schweinebraten, Gemüse«; er zog es vor, einen Maiskolben zu verspeisen, den er in weiser Voraussicht geklaut hatte, während er in der Küche mit seiner Mutter sprach.

»Was für einen Namen soll ich mir denn zulegen?« fragte er Lancelot. »Ein Schriftsteller kann doch nicht Ora Weagle heißen!«

Donner krachten, Blitze zuckten, und in geheimnisvoller Weise kam ihm aus unbekannten Regionen sein Schriftstellername: Marcel Lenoir.

»Herr Jesus, das ist ja blendend!« murmelte Ora. »Wenn ich bloß wüßte, wo ich das immer her hab! Marcel Lenoir! Ist ja fabelhaft! Heh, du, Lancelot! Hör doch! Marcel Lenoir!«

So erblickte in einem duftenden Kieferngehölz ein Dichterheld das Licht der Welt: Marcel Lenoir.

Pete Breyette, aus dem der Berichterstatterstab der Black Thread Center Star and Tadings bestand, hatte soeben einen wichtigen Artikel beendet:

Mrs. Trumbull Lambkin empfing am letzten Donnerstag den Epworth-Bund bei sich. Es wurde Kaffee, Pfannkuchen und Eis gereicht, der Reverend Swan sprach ein kurzes Gebet, und alle verbrachten einige vergnügte Stunden.

Pete lehnte sich zurück, steckte seinen Bleistift ein und seufzte befriedigt auf. Er blickte auf das gelbe Konzeptpapier. Da stand es, fertig, literaturfähig: die ganz gewöhnliche Tatsache unsterblich gemacht. Aber er sprang auf, und aller Stolz auf seinen Stil schwand dahin, denn durch das große Fenster des einstöckigen Star and Tidings-Gebäudes blickte Ora Weagle herein. Nun war Pete zwar ein Mann von achtzehn Jahren und Ora erst fünfzehn, aber Pete wußte: er selbst mochte ein noch so gereifter Journalist sein, der ausgezeichnet über die Parade der großen Bürgerkriegs-Armee oder gar über den Jahrmarkt zu berichten imstande war, Ora war ein Genie, an das er niemals heranreichen konnte. Er winkte, und Ora kam herein, die Worte »Marcel Lenoir« murmelnd.

»Hah?«

»Marcel Lenoir. Mein Pseudonym. Schön?«

»Herrgott – ja – das ist einfach blendend. Das ist mal ein Name. Sag mal, Ora, was für Pläne hast du?«

»Was für Pläne ich habe? Was meinst du?«

»Na, wegen deiner literarischen Karriere.«

»Ach. Na schön, ich will dir's sagen.« Ora setzte sich, kippte seinen Stuhl zurück und legte die Füße auf den Tisch wie Pete in seinen besten Augenblicken. Er ließ sich eine Zigarette reichen und rauchte sie auf das mannhafteste, nur ganz wenig hustend. »Ich will dir's sagen. Die Sache ist so. Erst mal werd ich Reporter werden. Selbstverständlich muß man zuerst Reporter sein, bevor man Schriftsteller werden kann – das wird dir jeder Reporter sagen. Ich werd wohl zur New York Sun gehen, aber ich denke nicht daran, früher als in zwei drei Jahren dort eine Stellung anzunehmen; erst muß ich wohl noch was lernen. Dann werd ich auf Reisen gehen – ganz egal wohin, nur raus aus diesem verstunkenen alten Nest! Es ist möglich, daß ich eine Forschungsexpedition nach Afrika mitmache oder sowas. Dann geh ich als Sekretär zu irgendeinem großen Schriftsteller – zu so jemand wie Mark Twain. Muß natürlich sehr angenehm für solche Leute sein, einen Sekretär zu haben, der selber was mit der Literatur zu tun hat! Und der gebildet ist. Dann werd ich so weit sein, daß ich schreiben kann. Zuerst Lyrik. Aber worauf ich eigentlich aus bin, das sind große Romane. Ich rechne damit, daß ich der Dickens von Amerika werde. Herrgott! Mit einem großen Haus und einem Paar feinen Trabern und sechs oder sieben Anzügen! So denk ich mir's. Natürlich kann ich mir's auch noch überlegen. Ich könnte auch nach dem Westen gehen, statt nach Afrika, und Ranch-Besitzer werden. Aber ich hab ja noch Zeit genug, mir später darüber klar zu werden.«

»Du hast wirklich allerhand vor, Ora. Ich würde mich gar nicht sehr wundern, wenn du das alles vielleicht auch wirklich machst.«

»Na ja, natürlich werd ich das machen! Was denkst du denn!«

»Ja, warum gehst du dann nicht gleich jetzt aus dem Provinznest da fort?«

»Ach, daran ist mein Bruder schuld, der Bauernlümmel. Der zwingt mich dazu, hier in der Schule zu bleiben, wo ich doch schon eine ganze Menge mehr weiß wie die Lehrer, nur können die eben im Buch nachsehen, während wir alles auswendig sagen müssen, und deshalb können sie uns bei den Jahreszahlen erwischen. Heiliger Strohsack, Pete, du hast ja keine Ahnung, was ich unter Myron, unter dem Riesenroß, zu leiden hab! Der hat nicht einmal so viel Verstand, daß er die Arbeit in einem Hotel ekelhaft finden kann! Hotelführen! Auch eine Sache! Zu besoffenen Gästen nett sein müssen! Küchengeruch! Jeden Morgen Betten machen! Eine widerliche Arbeit! Und er meckert nicht einmal darüber. Myron hat keine Phantasie, keinen Stolz, keinen Sinn für Schönheit, könnte man sagen. Er könnte eben ganz einfach nie begreifen, wie ein wirklicher Künstler empfindet, niemals!«

3

Inhaltsverzeichnis

Myron Weagle war sieben Jahre alt, als sein Vater die abgelegene, steinige Farm im Norden von Beulah verkaufte und nach Black Thread Center übersiedelte, wobei er die Vorstellung hatte, in dieser Metropole mit sechzehnhundert Einwohnern werde er Behagen und Glücksgüter finden. Der Vater, Tom Weagle, war in aller Selbstgefälligkeit überzeugt davon, daß ihm Erfolg beschieden sein müßte, ob er nun einen Mietsstall aufmachte, Kolonialwarenhändler, Besitzer einer Beerdigungsanstalt, Naturheiler, Elektrotherapeut oder was immer würde, aber er entschloß sich zum Hotelgewerbe, weil sein gutes Weib Edna eine berühmte Köchin war. Ihre Pfannkuchen und Zitronenbaisers waren in der ganzen Provinz Beulah unerreicht, und bei den Abendessen der Lorbeerhain-Kongregationisten-Kirche erregten ihr Muschelkartoffel-Gericht und ihre kalten gewürzten Fleischpasteten noch mehr Begeisterung als Mrs. Lyman Barstows Kartoffelsalat und süß-saure Appetithappen. Tom bedachte auch, daß sie sich außerdem noch großartig darauf verstand, Schlafzimmer sauber zu halten, obgleich sie ziemlich nachlässig war, soweit es sich um ihren eigenen Hals, ihre Nägel und ihr Haar handelte, und obgleich ihre Schürzen immer verschmutzt waren.

Sie wurden nicht gleich der hohen Ehre teilhaftig, das American House mit seinen vierunddreißig Zimmern zu führen. Sie begannen in einem Boarding-House mit acht Fremdenzimmern in dem alten Tatam-Gebäude, und es war noch kein ganzer Monat vergangen, als Mutter Weagles Sorgen anfingen. Tom hatte immer gern den Duft von Apfelbranntwein eingeschnuppert, und nun, da er nichts zu tun hatte und ihm außer dem Geld vom Verkauf der Farm vierundzwanzig arbeitslose Stunden im Tag für dieses Nichtstun zur Verfügung standen, war es ihm ein leichtes, sich eifrig vollaufen zu lassen. Die Abgelegenheit der Farm, die er von seinem Vater geerbt und vergnügt heruntergewirtschaftet hatte, war ihm seit jeher ein Grund des Ärgers gewesen; es hatte ihn verdrossen, daß es da so wenige Nachbarn gab, vor denen er sich mit seinen Talenten, eine Million Dollar zu machen, brüsten konnte. Nun saß Tom im Zimmer hinter Earl Peters Kolonialwarengeschäft und trank Apfelgeist, oder er ruderte in der Gesellschaft unrasierter Gefährten und eines Kruges voll weißem Korn hinunter zur Insel, um Fische zu fangen, und kroch dann am Abend mit herunterhängendem, zittrigem Unterkiefer nach Hause.

Mutter Weagle entfernte ihn eiligst aus der Gesellschaft der Pensionäre, und wenn sie versucht hatte, ihm pflichtschuldigst eine Gardinenpredigt zu halten – was sie aber ernsthaft nie zu Wege brachte – ließ sie ihn seinen Rausch ausschlafen. Im Anfang, als sie das Boarding-House übernahmen, fand Tom alle möglichen kleinen Arbeiten für sich – Regale an die Wand nageln oder einen Weg zementieren, der sehr rasch wieder ruiniert war. Aber als es allmählich dazu kam, daß er Zeit für das Großstadtleben und den Alkohol hatte, bestand seine ganze Tätigkeit darin, bei Tisch zu tranchieren, wenn er, was selten genug vorkam, gerade nüchtern war.

So wurde Myron, noch ehe er zehn Jahre alt war, der Mann im Hause.

Mutter Weagle teilte ihre Liebe ohne Bevorzugung zwischen Myron und Ora; Tom jedoch hatte mehr für Ora übrig, der schon als Fünfjähriger, als sie nach Black Thread kamen, in seinem Vater einen interessanten Charakter sah. Als Ora sieben Jahre alt war, saß er oft in dem flachen, ungestrichenen Kahn, den Tom in den Schatten der über das Wasser hängenden Weiden gerudert hatte, um staunend zuzusehen und zuzuhören, während Tom seine lange Bambusangelrute in der Hand hielt, gelegentlich einen Schluck aus dem Krug nahm (er stützte ihn auf die Schulter und kippte ihn geschickt) und unaufhörlich Geschichten erzählte – von denen einige nahezu wahr waren: wie er den letzten Bären getötet hatte, der sich im Staate Connecticut zeigte. Wie er als ganz junger Mann direkt nach Michigan gegangen war und Indianer gesehen hatte, die, wie es schien, nie etwas anderes sagten als: »Uff, ich bin ein gewaltiger Indianer.« Wie er als dreizehnjähriger Junge gegen Ende des Bürgerkrieges die letzten Connecticuttruppen hatte ausmarschieren sehen; sie waren alle eins achtzig groß und sehr tapfer, und die meisten Offiziere waren zwei Meter lang und trugen eineinviertel Meter lange Säbel. Und dann sang er:

»Oh, ihr sollt mich nicht in der Prairie begraben

Dort zischen die Schlangen, dort krächzen im Wind die Raben,

Dort würden über mein Grab die heulenden Wölfe traben,

Oh, ihr sollt mich nicht in der Prairie begraben.«

Von Boarding-House-Küchen in schmierigen Schulpulten in ein Reich von Soldaten und Cowboys und einsamen Bergesgipfeln entrückt, lauschte Ora hingerissen. Und die Rückkehr zu dem schnatternden Geschimpfe Mutter Weagles und den bösen Blicken Myrons war ihm um nichts weniger verhaßt als seinem Vater. Sie beiden hatten, wenn sie sich zu ihrem verspäteten Abendessen aus Schabefleisch und Kaffee heimschlichen, den finsteren Verdacht, daß Myron in der Zeit ihrer Abwesenheit, während sie wacker versucht hatten, mit ihrem Fischfang für den Haushalt zu sorgen, sich vom Fetten des Landes genährt hätte – von den dicksten Steaks, den heißesten Muschelgerichten und übergroßen Portionen Butter.

Schon vor seinem elften Lebensjahr war Myron in allen Hausarbeiten perfekt – »ganz wie ein blödes Mädel«, brummte Ora, wenn es besonders kräftige Ohrfeigen gesetzt hatte. Myron trocknete Geschirr ab, manchmal wusch er es sogar; der große Lümmel konnte ein Wasserglas besser polieren als seine Mutter, und seinen Riesenpfoten entglitt niemals eine Obstschüssel. Er fegte aus, er machte Betten, er kochte oder briet Eier, er konnte ein Kotelett zubereiten. Seine Mutter brachte ihm in aufgeregten Flüstertönen bei, wie er einen verärgerten Gast beruhigen konnte, indem er sich jede Beschwerde eifrig anhörte und dann rief: »Ich werde Ma sagen, daß sie das sofort in Ordnung bringt.« Er guckte seiner Mutter sogar ein wenig davon ab, wie man die verschiedenen Fleischsorten schneiden muß, und woran man eine reife Melone oder eine gute Birne erkennt.

Aber noch mehr als von seiner Mutter lernte er von einer Pensionärin des Hauses.

Der beste Gast im Boarding-House war Miss Absolom, die elegante New-Yorkerin, die in der Höheren Schule Unterricht gab. Im Speisesaal ließ Myron, während er Minnine, dem Dienstmädchen, beim Servieren half, Miss Absolom nicht aus den Augen. In der Erkenntnis, daß er es als Farmerjunge nötig hatte, Tischmanieren zu lernen, beobachtete er die zehn Pensionäre. Er konstatierte, daß Horace Tiger von dem New-York-Schnittwarenladen, eine auffallend feine Art hatte, Kaffee zu trinken: wenn er die Tasse aufhob, stand sein kleiner Finger ab, als wollte er damit dokumentieren, daß er mit der Derbheit gewöhnlichen Trinkens nichts zu tun habe. Miss Abbott, die Putzmacherin, stocherte sich die Zähne hinter einer großen Serviette, die sie sich vor das Gesicht hielt. Wer als Kellner hinter ihr stand, konnte sehen, daß sie sehr heftig arbeitete und herumbohrte, aber Myron war von ihrer Züchtigkeit erbaut. Und andererseits war er, obwohl sie es auf der Farm selbst auch immer getan hatten, ganz sicher, daß es nicht nett war, wie das alte Ehepaar Glenn die Suppe laut zu blasen oder beim Kaffeetrinken den Löffel in der Tasse zu lassen und ihn mit dem Daumen festzuhalten.

Miss Absolom aber schien überhaupt keine Manieren zu haben, weder gute noch schlechte. Niemals konnte er sich genau darauf besinnen, was sie eigentlich getan hatte. Wenn sie einmal, was nicht oft geschah, einen Zahnstocher benutzte, dann benutzte sie ihn einfach, ohne Orgien der Zurückhaltung zu feiern. Sie machte kein Aufhebens davon, wenn sie nach dem Essen Messer und Gabel auf dem Teller kreuzte – die anderen vollführten dann ein großes Geklapper – aber plötzlich lagen eben Messer und Gabel da.

»Herrgott, bei ihr ist alles so selbstverständlich!« überlegte Myron, während er die schwer versilberte Menage mit den Ketchup-, Essig-, Pfefferessig- und Worcestersauce-Flaschen putzte. »Das wird wohl die richtige Art sein, sich zu benehmen – so, daß überhaupt kein Mensch merkt, was für feine Manieren man hat.« Das war eine tiefsinnige und beunruhigende Theorie. Gar keine Ehre damit einlegen, daß man feine Manieren hat? Wozu sind sie dann da? Nun, er würde es wohl tun müssen. Er wollte lieber sein wie Miss Absolom – schlank, dunkel, resolut, aufrecht – als wie der rundliche, schnaufende Horace Tiger.

Eines Abends, als Miss Absolom an jenem Zustand litt, den man damals als »Migräne« bezeichnete, und nicht zum Abendessen hinuntergekommen war, brachte er ihr eine Tasse Tee.

»Komm herein; ich möchte mich ein bißchen mit dir unterhalten«, sagte sie.

Nach den Vorstellungen, die man sich im Jahre 1891 von New-Yorker Damen machte, die in kleinen Nestern verbannt lebten, hätte das Zimmer üppig mit türkischen Wandteppichen, einem Samowar und chinesischen Lampions dekoriert sein müssen – solchen Lampions, wie sie bei Wiesenfesten in Black Thread erstrahlten. In Wirklichkeit war nichts von diesem orientalischen Glanz da. Aber auf dem Tisch aus Kiefernholz lagen einen Viertelmeter hoch Bücher, daneben stand ein mit Chintz bezogener Sessel, und das Bett war mit einem chinesischen Teppich zugedeckt. (Das fand Myron immer komisch – ein Teppich auf einem Bett! Aber es sah eigentlich nett aus, das weißgestrichene eiserne Bettgestell wirkte weniger gewöhnlich.) Im übrigen zeigte das Zimmer dieselbe saubere, kahle, getünchte Einfachheit wie alle anderen im Haus.

Miss Absolom saß in dem Lehnstuhl. »Setz dich!« Sie zeigte auf das Bett, und ein wenig verlegen begab er sich dorthin.

Für einen Jungen in der sechsten Klasse bedeutete ein Privatgespräch mit einer Lehrerin der oberen Klassen in der Höheren Schule dasselbe wie für einen Gemeinen eine kameradschaftliche Unterhaltung mit einem Generalleutnant. Aber er hatte vier Jahre lang in einem Boarding-House gearbeitet und wußte darum schon als Elfjähriger recht viel von Menschen und ihren Neigungen, von ihren heimlichen Whiskyflaschen, ihren schmutzigen Tricks, wenn es sich um die Bezahlung der Wochenrechnung handelte, ihrer Freigebigkeit, wenn es nicht um mehr ging als um Wärmflaschen oder Konfekt. Er wußte tatsächlich so viel von den Menschen und ihren Methoden, wie jeder normale Junge von elf Jahren wüßte, wenn seine Fähigkeiten nicht unterdrückt wären, weil Eltern und Lehrer eifersüchtig darauf achten, daß alle Beschlüsse und Bestimmungen ihnen vorbehalten bleiben. Und doch geriet er mit all seinem frühreifen Wissen in Verlegenheit, als er Miss Absolom nicht in ihrer Eigenschaft als Pensionärin, an deren Bett, Verpflegung und Rechnung gedacht werden mußte, sah und sprach, sondern in ihrer Eigenschaft als Bekannte.

»Setz dich, Myron. Arbeitest du gern im Boarding-House?«

»Ach ja, ganz gern. Doch, ich glaub schon. Herrjeh, aber Ihnen gefällt's wahrscheinlich manchmal nicht besonders in so einem kleinen Nest, wo Sie doch in New York waren!«

»Das ist gar nicht so schlimm. Es rettet mich vor allzu viel hebräischem Bach und hebräischem Kaffeeklatsch und hebräischer Familie.«

»Wie?«

»Ich meine – – Das ist weiter nicht wichtig. Ich wollte bloß versuchen, witzig zu sein. Und tapfer, oder irgend so etwas Scheußliches. Es hat gar nichts zu bedeuten. Myron! Was willst du mit dir anfangen? Mir ist aufgefallen, daß du dir wirklich Mühe gibst beim Arbeiten. Was willst du werden?«

»Weiß nicht. Vielleicht Doktor.«

»Warum?«

»Weiß nicht. Ich denk mir, es könnte ganz interessant sein, für Menschen zu sorgen – ich meine – alles für die Menschen lernen.«

»Du willst von hier weg?«

»Ach, wahrscheinlich. Aber ich habe nie viel drüber nachgedacht.«

»Ja, mein Kind, ob du hier bleibst oder weggehst, du mußt es lernen, etwas besser auszusehen. Ich meine, sorgfältiger in deiner Kleidung zu sein. Nicht so wie Horace Tiger mit seinen albernen weißen Westen und seinem Haar, das wie ein ganzer Friseurladen riecht, sondern – – Du wirst eines Tages ein großer, imposant aussehender Mann sein. Du kannst das ruhig ausnutzen, indem du dich gut anziehst. Laß mal deine Nägel sehen.«

Schüchtern zeigte er sie. Sie waren wohl innerhalb vernünftiger Grenzen sauber, aber mit der Schere seiner Mutter ganz kurz abgeschnitten.

»Findest du nicht, daß meine etwas netter aussehen?« fragte Miss Absolom. Ihre mandelförmigen Nägel waren wahrscheinlich nichts Außerordentliches, aber Myron schienen sie köstlich zu sein, glatt wie polierter Achat. »Du kannst in der Drogerie für zehn Cent eine Nagelfeile kriegen. Feil die Nägel, mein Kind, feil sie. Und jetzt laß dir die Krawatte von mir binden. Du hast sie bloß zusammengeknotet.«

Geduldig band sie seine etwas ausgefranste blaue Schleife auf und brachte sie dann, sorgfältig die Enden zurecht zupfend, in Ordnung. Etwas schwach von ihrem warmen Frauenduft beugte er sich vor. »Schau jetzt in den Spiegel.« Er wunderte sich darüber, wie forsch die Krawatte jetzt aussah. Sie hatte in der Mitte eine schlanke Taille und rechts und links symmetrische Enden.

»Ich werd mir Mühe damit geben!« sagte er eifrig. »Ora bindet seine immer gut, und dabei ist er erst neun! Aber arbeiten will er nicht.«

»Jetzt hör mir einmal gut zu, junger Mann. Ich habe dich beobachtet. Du kujonierst Ora, um ihn zum Arbeiten zu bringen. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus. Er ist ein faules kleines Vieh. Aber ein ernster junger Mann wie du, der nichts leicht nimmt und Gutes tun will, muß in einer Sache, die noch bedeutend wichtiger ist als das Nägelfeilen, auf sich acht geben. Du mußt mit dem Herrn ringen und versuchen, ein ganz klein wenig versuchen, dich davor zu bewahren, daß du ein Pharisäer wirst. Große, saubere, ernsthafte junge Herren haben eine Neigung dazu … ganz so wie intellektuelle jüdische Mädchen!«

»Herrjeh!«

»Ein Pharisäer ist ein Mensch, der, siehst du – natürlich, wenn man so etwas definieren soll – – Also, ein Pharisäer ist ein Mensch, der sich für etwas Wunderbares hält und das alle Leute merken läßt. Er ist – ach, er ist wie ein Mann in einem Wagen, der allen Menschen, die zu Fuß gehen, verächtlich zuruft: Seht mich an! Ich fahre! Auch wenn du fährst und Ora sozusagen moralisch im Staube kriecht, sei nicht zu stolz. Das Pferd vor deinem Wagen könnte durchgehen!«

»Ich – ja – vielleicht – ich glaube – ich verstehe – was Sie – meinen!«

Miss Absolom hatte durchaus den Eindruck, daß er nichts begriff. Aber er hatte begriffen.

Es gehört zu den Ironien des Lebens, daß eine Zufallsanregung – sie mag von einem Menschen kommen, den man in einem Eisenbahnzug trifft, von dem unbekannten Verfasser eines Leitartikels oder von einem Schauspieler, der in einem Theaterstück einer reinen Empfindung mit klingenden Worten Ausdruck verleiht – daß eine solche Zufallsanregung von größerem Einfluß sein kann als ganze Jahre langweiliger Ratschläge von Eltern. Als Myron erwachsen war und eigentlich zu sehr mit seiner Arbeit hätte beschäftigt sein müssen, um sich mit Toilettefragen abzugeben, dachte er, als er Miss Absoloms Namen schon seit Jahren vergessen hatte, noch immer daran, daß sie ihm seine Nachlässigkeit vorgeworfen hatte, und wurde mit einem Gefühl des Unbehagens und des Widerwillens gezwungen, sich entsprechend seiner Rolle als erfolgreicher Großstädter zu kleiden, was, trotz Carlyle, auf seine Selbstachtung und seine Fähigkeit, Menschen zu dirigieren, von ausgezeichneter Wirkung war. Er fing allmählich an zu glauben, Miss Absolom und er hätten oft viele Stunden lang miteinander gesprochen. Das hatten sie gar nicht getan. Sie war eine Gottheit in seiner Privat-Mythologie mit all dem durch nichts zu vernichtenden Einfluß einer Gottheit, die unsterblich ist, weil sie niemals existiert hat.

Ob sie ihn auch vom latenten Pharisäertum kuriert hat, läßt sich nicht sagen. Wahrscheinlich hatte Myron ebensoviel Pharisäerhaftes wie andere »Kanonen«. Überdies steht es auch keineswegs fest, ob die Freude am eigenen Pharisäertum nicht eines der unschuldigsten und gesündesten Vergnügen ist, was man für wahrscheinlich halten muß, wenn man die Karrieren der meisten Bischöfe, Chefredakteure, Feldwebel, Sportlehrer und sozialistischen Autoren betrachtet.

Am nächsten Tag nahm Myron fünfundzwanzig Cent von den zwei Dollar fünfundsechzig, aus denen seine Ersparnisse bestanden, und kaufte sich eine rote Krawatte, die er dann immer zur Sonntagsschule trug. Sie war knallrot, und Myron hielt sie für überaus vornehm. Er feilte auch seine Nägel, bis sie ihm ordentlich weh taten. Aber Miss Absolom sah ihn nicht einmal. Er litt darunter, war aber um so fester entschlossen, Eindruck auf sie zu machen; Eindruck auf alle klugen, zynischen Fräulein Absolom der Welt zu machen und sie dazu zu bringen, daß sie ihn als einen der ihren anerkannten.

An den Samstagabenden hatten die Gäste in Mutter Weagles Boarding-House in dem kleinen, viereckigen Salon mit dem abgetretenen roten Teppich und dem üppig vernickelten Ofen immer eine kleine Festivität, deren Höhepunkt Welsh Rabbits, Rührei oder Eiskrem bildeten. In einer Ecke des Raumes stand verloren eine Palme, und zu den Sitzgelegenheiten gehörten die allermodernsten Roßhaarsofas, ein mit Brüsseler Gobelin bezogener Patentschaukelstuhl und ein interessantes Möbel, das entstanden war, indem aus einem Faß ein Stück herausgeschnitten und das, was übrigblieb, vergoldet wurde.

Gelegentlich spielte Miss Absolom etwas, das sie einmal »Mozart« ein andermal »Mendelssohn« nannte – Namen, die Myron noch nie gehört hatte. Aber der Löwe der Unterhaltungen war Horace Tiger. Er konnte auf einer Säge spielen und tat es auch. Er sang die damals populären Schlager und war vornehm genug, anstößige Stellen in eleganter Weise zu korrigieren. Sein Standardlied war:

»Ich weiß ein komisches Gewächs

Von Boarding-House,

Da kriegen alle Ham und Eggs,

Tag ein, Tag aus.

Oh, wie sie auf die Teller glotzen

In diesem Boarding-House,

Am liebsten würden sie ja – schimpfen,

Tag ein, Tag aus.«

Alle Pensionäre lachten wie irrsinnig, wenn Horace zögerte, ihnen zublinzelte und schließlich »schimpfen« statt des anstößigen Wortes sagte. Auch Myron lachte – nachdem er zu Miss Absolom hinübergeblickt hatte, um zu sehen, ob sie lächelte, was sie stets tat. Aber Mutter Weagle erklärte jedesmal (an zweiundfünfzig Samstagabenden in einem Jahr) verärgert: »Ich kann das wirklich nicht nett finden! Sie bekommen hier doch nicht alle Tage Harn and Eggs!«

Und Horace brillierte als Imitator. Seine beiden Nummern waren: ein Negergeistlicher (sehr realistisch), dessen Predigt mit den Worten begann: »Ich bin absoluterment überzeugt«, was in allen ein überaus glückliches Gefühl und das Bewußtsein der Erhabenheit über minderwertige Rassen erzeugte; und ein Maine-Farmer, der seine Gespräche immer mit den Worten einleitete: »Na, da soll mich doch gleich das Hagelwetter holen!«

Miss Absolom ermunterte Horace immer; sie saß da, ihr Kinn in die schmale dunkle Hand gestützt, zwinkerte ihm zu und murmelte: »Bravissimo.« Erst viele Monate, nachdem sie mit ihm über seine Nägel gesprochen hatte, kam er auf den Gedanken, daß sie Horace in etwas übertriebener Weise ermunterte. Von da an war es ihm immer peinlich, wenn Horace sich produzierte, und in den nicht ganz klaren Gedankengängen eines elfjährigen Jungen hielt er sich immer wieder vor, daß er sich schützen müßte, daß er den Menschen keine Möglichkeit geben dürfte, sich über ihn lustig zu machen.

Von diesem Vorsatz brachte es ihn auch keineswegs ab, als das Wunderkind Ora dazu veranlaßt wurde, die erhebende Ballade »Der Schiffbruch der Hesperus« zu deklamieren. Myron dachte strahlend, sein Bruder wäre ein Wunder der Natur, er könnte deklamieren wie ein richtiger Schauspieler, und das schon im Alter von zehn Jahren! Aber trotzdem wäre es ihm lieber, dachte er seufzend, wenn Ora nicht so mit den Armen herumfuchteln und sich nicht an den Höhepunkten seiner Deklamationskunst auf den Magen klopfen würde, als ob er Schmerzen hätte.

Myron lernte viel von diesen Samstagabend-Gesellschaften. Er lernte, daß die Menschen »amüsiert« werden wollen; daß sie fast alles tun, sich fast alles anhören, bloß um nicht allein zu sitzen und zu lesen; und nun gar allein sitzen und über etwas nachdenken, das war nur für die dümmsten Tölpel oder für die resigniertesten Weisen erträglich. Er fand damals noch keine klare Formulierung dafür, ebensowenig wie der Fischerjunge bewußt die Manöver kennt, mit denen er durch die Brandung steuert, aber er begann zu begreifen, daß er, wenn er einmal in der Lage wäre, für eine Anzahl von Menschen zu sorgen, diese kindischen Tierlein »amüsieren« müßte. Brot und Spiele, Schlittenfahrten und abendliche Kirchenfeste, Radios und Tonfilme, Oper und Reit- und Fahrturnier – in jedem Zeitalter, in jeder Gesellschaftsklasse, es handelt sich immer darum, den Menschen davor zu bewahren, daß er, allein gelassen, an seiner schönen Überlegenheit zu zweifeln beginnt.

Mit einer ungeschickten Geheimnistuerei, die etwas Seltenes an ihr war, denn im allgemeinen verkündete sie in der Küche, während sie Biskuitteig rührte oder Eierschnee schlug, mit lautem Gegacker alles, was sie dachte, rief Mutter Weagle Myron in das Zimmer, das sie mit ihrem Gatten teilte. Tom war für den Nachmittag weggegangen; theoretisch wollte er Wachteln jagen. Sie hatte nach einem Streit, in dem sie ihm damit drohte, ihn zu verlassen, die Verfügung über ihren ganzen Geldbesitz sich selbst vorbehalten und ließ Tom nicht mehr als einen Dollar in der Woche zukommen. Aber selbst mit dieser kleinen Summe brachte er es auf rätselhafte Weise zuwege, sich oft und ausgiebig zu betrinken.

Myron hatte den Argwohn, daß sein Vater Lebensmittel aus der Küche mauste und verkaufte.

Myron stand jetzt einen Monat vor der Vollendung seines dreizehnten Lebensjahres, war fast einen Meter siebzig groß und sehr mager, aber seinen kräftigen Knochen war schon anzusehen, daß er breite Schultern bekommen würde. Er lächelte nicht viel. Seine Hände waren rauh von der ununterbrochenen Hausarbeit. Seiner Mutter wenigstens bewies er stets Zärtlichkeit.

Sie saßen auf der Kante ihres Bettes; sie war aufgeregt und seufzte viel, während er sie besorgt betrachtete. Ihr Zimmer war verstaubt, das Bett ungemacht, das Bettzeug war noch ganz zerknäult von der Tracht Prügel, die Tom bekommen hatte, als er aus seiner alkoholischen Betäubung erwachte. Auf dem Fußboden lag die Wäsche der vergangenen Woche, nachlässig hingeworfen, ein sauberes Laken lag im Schmutz. Es war außer seinem und Oras Zimmer das einzige im Haus, das schlecht gehalten war: Mutter Weagle hatte keine Zeit für sich selbst und den Raum, in dem sie sich von ihrer Arbeit ausruhte.

»Myron, du bist noch so jung, daß man eigentlich nicht mit dir darüber reden kann, aber ich hab niemand anderen. Du weißt, wie dein Pa ist. Also, ich hab das ganze letzte Jahr nachgedacht, und dabei ist mir klar geworden, daß er sich nicht so benehmen würde, wenn er ein bißchen mehr zu tun hätte. Es gibt ja kaum Arbeit für ihn hier.«

»Ich könnt mir beim Bettenmachen von ihm helfen lassen, und vielleicht könnte er das Holz sägen, wenn er Lust dazu hat«, sagte Myron, ganz ernsthaft.

»Ja, ich glaube nicht, daß ihm daran was liegen würde. Ihm würde es Spaß machen, hinter einem Pult zu sitzen und anzugeben. Der Mann, der das American House leitet, wandert weiter nach dem Westen. Es ist zu pachten mit der ganzen Einrichtung und allem. Ich hab ein bißchen gespart und könnte die Pacht für zwei Jahre aufbringen. Dann könnte dein Pa vorn im Büro sitzen, und vielleicht würde ihn das wieder auf die Beine bringen. Was meinst du?«

»Das wär eine elegante Sache!«

Vor Myrons Auge erhob sich eine Vision vom Glanz des American House: die Geräumigkeit der Halle, in der vierzig Menschen sitzen konnten, ganz anders wie in dem engen, kleinen Salon ihres Boarding-House; die vergoldeten Heizkörper; die funkelnden großen Messingspucknäpfe; der gewaltige Speisesaal mit richtigen gedruckten Karten, wenigstens für das Sonntagsdinner; die endlosen Reihen von Zimmern und nicht weniger als vier Badezimmer; und dann das Gebäude selbst, drei hochragende Stockwerke aus Backstein und ein Portal, das ihn seit jeher fasziniert hatte – nicht eine einfache Tür in der Fluchtlinie der Mauer, sondern eine an der Ecke, die diagonal abgeschnitten war. Und die Leute dort! Er war die Boarding-House-Insassen gewohnt: größtenteils ältere Ehepaare aus dem Ort, die sich nicht mehr die Mühe machen wollten, selbst einen Haushalt zu führen. Sie waren für Myron ein ebenso vertrauter und uninteressanter Anblick wie etwa Warzen. Aber im American House saßen, durch das großartige Spiegelglasfenster auf die Hauptstraße hinausblickend, kühne Zugvögel: Geschäftsreisende in feschen rosa Westen, Plastronkrawatten und Kragen, die ihnen fast den Unterkiefer abschnitten; der Star der Original Drury Lane-Tournéegesellschaft, der einen mit Astrachan verbrämten Mantel besaß und dickes Haar hatte, das aussah wie ein Pferdeschwanz.

»Donnerwetter, Ma, das wär fein! Einfach blendend! Aber du müßtest sehr schwer arbeiten.«

»Ach, ich würde mehr Hilfe haben. Du würdest mir doch helfen, nicht wahr, das würdest du? Würdest du mir nicht helfen?«

Sie umarmten sich. Niemals in seinem ganzen Leben kam ihm ein anderes menschliches Wesen so nahe wie Mutter Weagle.

»Wir werden etwas Großartiges aus dem Hotel machen!« rief er.

»Ja, vielleicht«, sagte sie nachdenklich, sich ein wenig aus der Schwermut reißend, die uns alle überkommt, wenn wir daran denken, etwas von den Dingen wirklich zu tun, die wir uns immer gewünscht haben, ob es sich nun um Heiraten handelt oder um Sterben, ob es sich darum handelt, Gamaschen zu tragen oder ein Hotel zu leiten.

Es schien riskant, Tom Weagle ein Hotel anzuvertrauen, zu dem eine Bar gehörte. Aber Mutter Weagle hatte in ihrer unbewußten, bäuerlichen Art die Gabe, Menschen zu verstehen – das erste Erfordernis für einen Hotelier ebenso wie für einen Juristen, einen Arzt oder irgendeinen anderen akademischen Beruf. Tom hörte nicht auf, heimlich sein Gläschen Whisky zu trinken, aber er gab sich Mühe, seiner Rolle als Direktor eines wirklichen Hotels gerecht zu werden, seiner Rolle als Mann, der die elegantesten Reisenden wie seinesgleichen behandeln konnte und die Macht hatte, es ihnen behaglich zu machen oder sie in das schäbigste Zimmer im dritten Stockwerk zu verbannen. Er ging sogar so weit, seinen Rock, abgesehen von den allerheißesten Tagen, im Büro anzubehalten. Er klingelte mit imposanter Geste nach Myron oder nach Onkel Jasper – dem ehrwürdigen Neger, der Hausdiener, Omnibuskutscher und Reinemachmann war – damit »das Gepäck des Herrn hinaufgeschafft würde, und zwar dalli«. Seine stolzeste Aufgabe war das Tranchieren des Fleisches während der Mahlzeiten auf einem Tisch, der nicht in der Küche, sondern an dem einen Ende des Speisesaales stand. Tom war als Meister der Tranchierkunst geboren, und das Tranchieren ist, obgleich der Laie es nur selten zu würdigen weiß, eine der okkultesten Priesterkünste im Hotelgewerbe. Er liebte das kurze Geklirr, mit dem das Tranchiermesser den stählernen Schleifstein berührte, die Herrlichkeit des Messergriffs aus Horn und der römischen Klinge, ihr kriegerisches Funkeln, wenn er damit weit ausholte, und die eigene chirurgische Geschicklichkeit, ein Flügelgelenk mit dem ersten genauen Schnitt abzutrennen. Myron, der ihm voll Bewunderung und Lerneifer half, erkannte, daß sein Vater zumindest in dieser einen geheimnisvollen Kunst ein Weiser war.

Tom versuchte sogar Buch zu führen und machte dabei so wenige Fehler, daß Myron sie meistens verbessern konnte.

Myrons Stellung im Hotel, außerhalb seiner Schulzeit, war einfach und klar umrissen: er machte alles, was kein anderer tun wollte. Er trocknete Geschirr ab und scheuerte Fußböden; er fegte in den Korridoren, auf den Treppen und im Büro; er kochte die Frühstückseier, bevor er zur Schule lief; er weckte wütende Reisende zu dem um vier Uhr vierzehn nach Waterbury abgehenden gemischten Zug; er arbeitete gelegentlich in der Bar hinter der Theke. Er lernte die geringfügigen, unromantischen, über alles wichtigen Einzelheiten der Hotelführung, bis er geradezu mit ihnen verwachsen war.

Er lernte es, Hühnchen und Steaks rasch abzubraten, statt sie schmoren zu lassen, bis sie zäh wie Sohlenleder geworden sind; er lernte, daß es noch andere Suppen gab als Muschel-, Tomaten-, Gemüse- und Hühnersuppe, und andere Arten der Kartoffelzubereitung als sie zu braten, zu rösten, zu kochen und Püree zu machen; er lernte, und bewies auch allen entsetzten Protesten seiner Mutter zum Trotz, daß die, wie sie sagte, »ekelhaft aussehenden« Hühnerfüße nicht weggeworfen werden sollten, weil sie zum Suppenkochen zu brauchen waren. Er lernte sogar in der Bar unter der Aufsicht des Barmannes Jock Mc Creedy, eines Meisters in seinem Fach, so geheiligte altmodische und heute völlig vergessene Drinks zu mischen, als da waren Holzfäller-Murre, Sherry Cobler, Goldfizz, Adlerschwinge, Fischerpunsch, Pousse-Café, Balaklava-Nektar, Weiße Tigermilch, Gewürzknickebein und Alligatorenohr: schon die Namen ein Rausch der Poesie, und die Getränke selbst für ehrliche Trinker ein Vorgeschmack des Nektars in der allerheiligsten Bar des Paradieses.

Denn Myron zeigte ein ungewöhnliches Talent, das erste in seinem arbeitsreichen Leben: er kaufte sich ein Kochbuch. Das war nichts Ungewöhnliches; es gibt Menschen, vor allem junge Ehefrauen, die Kochbücher kaufen. Von 1896 bis 1931 wurden von dem Bostoner Kochschul-Kochbuch eineinhalb Millionen Exemplare verkauft, was zur Folge hatte, daß seine Verfasserin, Miss Fannie Merritt Farmer, zusammen mit Charles M. Sheldon, Harriet Beecher Stowe, Arthur Brisbane und Laura Jean Libbey zu den fünf bedeutendsten amerikanischen Autoren gezählt wurde. Aber bald erwies sich dieses kleine Talent als unbezweifelbare Genialität, denn er las das Kochbuch von Anfang bis zu Ende.

Er baute auch eine leinene Förderbahn vom dritten Stockwerk durch den Treppenschacht zum Souterrain, während der alte Tom (er war damals, im Jahre 1894, als Myron vierzehn Jahre zählte, erst dreiundvierzig, aber er war alt zur Welt gekommen, und es ist anzunehmen, daß er langsam in seiner Mutter Milch gekocht wurde) auf der Treppe saß und ihm half, indem er die Nägel hielt, schlechte Ratschläge gab und ein bißchen mit Myron zankte, weil er in der Schule so schlecht war, denn abgesehen von den sieben bis acht Stunden, die er täglich im Hotel arbeitete, und etwa sieben Stunden, die er im Schlaf vergeudete, konnte Myron seine ganze übrige Zeit darauf verwenden, sich der Schule und langen, schönen, begeisterten Stunden des Studierens zu widmen.

4

Inhaltsverzeichnis

Weder der Triumph beim Eintritt in ein College noch der Triumph eines Maklers, dem das Muskingum-College in Anerkennung seiner Frömmigkeit und Freigebigkeit den Ehrendoktor der Rechte verleiht, ist ein so befriedigender akademischer Sieg wie das Vordringen in den Sophomoren-Jahrgang der Höheren Schule. Die Sophomoren werden als Männer und Frauen anerkannt, und sie sind auf Grund falscher Informationen und eines Glaubens, den sie auf ihre Eltern stützen, noch immer sicher, daß es sich verlohne, erwachsen zu werden und in den Genuß solcher Privilegien zu treten, wie das Rasieren, das Kinderkriegen, das Besorgen der Heizung und das Rülpsen nach dem Essen sind. Das ist die Zeit, in der man erwartet, daß die Jungen, wenn auch vielleicht heimlich, rauchen, und die Mädchen Freunde haben und Seidenstrümpfe tragen.

Obwohl der größte Teil seiner Energie und seiner Gedanken im American House aufging, fand Myron nun, da er fünfzehn Jahre alt und Sophomore war, die Höhere Schule unterhaltsam. Der äußere Rahmen war ziemlich übel. Die Kleinstädte Neu-Englands hatten noch nicht die Entdeckung gemacht, daß die Jugend nur in einem Milieu erzogen werden kann, für das Glas-Architektur, hunderttausend Dollar kostende Schwimmbassins, Turn- und Sporthallen mit professionellen Sportlehrern und Modellküchen mit Marmorwänden etwas Unerläßliches sind. Die Höhere Schule Black Thread Centers war eine schiefergraue Holzbude mit kleinen schmutzigen Fenstern und so gut wie gar keiner Ventilationsmöglichkeit. Die Fußböden waren rings um die Knorren in den Dielen abgetreten, und der einzige Schmuck bestand in Bildnissen der braven grauen Dichter. Die Pulte der Schüler waren mit Bandeisen auf dem Boden festgemacht, und die Lehrer hielten sich noch Äpfel und Straflineale in ihren Schubladen, an Stelle von graphischen Darstellungen über die tägliche Variation der individuellen Aufnahmefähigkeit.

Nach dem ihm täglich aufgezwungenen Umgang mit alten, abgeklapperten Reisenden – dreißigjährigen und noch älteren – fand Myron Gefallen an dem Zusammensein mit der grundlos lachenden Jugend. Von dem Lehrstoff dieses Jahres hielt er, abgesehen von der Geometrie und dem Deutschunterricht, nicht sehr viel. Caesar war langweilig – Latein war überhaupt langweilig. Was hatte der Ablativus absolutus oder das Gerundium oder die Tatsache, daß ad, ante, apud, circum, contra, inter, per und trans den Akkusativ regieren, was hatte das alles mit dem täglichen Leben in Black Thread oder New York oder Kalifornien zu tun? Er machte sich auch nicht viel daraus, ob Hamlet wahnsinnig war oder um welche Zeit Karl Martell gelebt hatte – was hatte Myron Weagle mit Karl Martell, und was Karl mit Myron zu tun? Einige Freude machte es ihm, in der Musikstunde leise mitzusingen und in der Zeichenstunde Töpfe und Petunien zu zeichnen. Und das Deutsche, das war wirklich etwas! Das konnte er dazu benutzen, sich mit den Bewohnern der kleinen Deutschenkolonie oben am Fluß bei Dutch Bend zu unterhalten und sich einen Riesenspaß daraus zu machen, daß er so tat, als ob er mit seinen Freunden deutsch spräche. »Be gehts it Ihr, meiner Frund?« schrien sie einander zu, und in ernsteren Stunden, in denen sie von ihren Plänen sprachen, erzählten sie einander, auf der Flußklippe hockend, daß sie eines Tages den Rhein hinauffahren und sich die Burgen und die Fräuleins ansehen würden, und dann sangen sie leise:

»Ik weiß nick wot soll it bedeiten

Dass ik so traurick bin.«

Am nettesten aber war die Geometrie. Myron liebte ihre Sauberkeit und Genauigkeit, die schlanken Dreiecke und hübschen Kreissegmente, die beweisbaren Tatsachen über Winkelgrößen – keine verschwommenen Unklarheiten wie Caesars Ansichten über die Gallier. Auf jeden Fall mußte er den Jahrgang absolvieren, weil er für das nächste Jahr die Erlaubnis hatte, den neuen Buchhaltungskursus mitzumachen, und das konnte nur nützlich sein, ob er nun Rechtsanwalt, Hotelier, Eisenbahner oder Kaufmann würde.

Aber abgesehen von alledem war die Ursache für seine freudig erregte Stimmung zu Beginn des Sophomoren-Jahrgangs, daß er sich in seine hübsche Klassenkameradin Miss Julia Lambkin verliebt hatte.

Julia Lambkin gehörte eigentlich zur Aristokratie Black Thread Centers. Ihr Vater, Trumbull Lambkin, war nicht nur der führende Drogist des Ortes, was ihn gesellschaftlich nahezu einem Arzt gleichstellte, sondern auch Direktor in der Housatonic-Sparkasse, Mitglied des Bibliothekausschusses und Ältester bei der anglikanischen Kirche; außerdem lebten die Lambkins bereits seit drei langen, überlieferungsreichen Generationen in Black Thread. Julia war ein großes, schlankes Mädchen mit einem hellen Lachen, schönen Farben und üppigem kastanienbraunem Haar, das sie früher aufgesteckt trug als alle anderen Mädchen ihres Jahrgangs. Sie tanzte viel und empfing bei sich – empfing ganze Gesellschaften junger Leute zu Sommerabend-Veranstaltungen auf ihrer Veranda, bei denen es fast unendliche Mengen von Johannisbeerwein, Limonade und Bananentorte gab. Sie war eines der elf Mitglieder im exklusiven Pecout-Radfahrclub, der an kühlen Abenden, »Süße Marie« summend und auf die gewöhnlichen Fußgänger verachtungsvoll herabblickend, in schwindelndem Tempo dahinsauste, und sie war das einzige Mädchen in der Stadt, das sich den Luxus leisten konnte, ein echtes Columbia-Rad zu fahren!

Da die Besitzerin aller dieser Reize im Klassenzimmer nur drei Plätze von ihm entfernt saß, war es nicht verwunderlich, daß Myron (zusammen mit sieben, acht anderen jungen Herren) sich mit geradezu vulkanartiger Heftigkeit in Julia verliebte. Obgleich er sich nicht schmeicheln konnte, zur selben Clique zu gehören wie sie, machten sie viele Gesellschaften gemeinsam mit. In den neunziger Jahren waren die kleinen Städte in Connecticut noch demokratisch genug, um so etwas zu ermöglichen. Er tanzte Walzer mit ihr, und das machte er recht gut, aber wenn er versuchte, die Figuren der verschiedenen Quadrillen zu exekutieren, wirkte er plump und lächerlich, und dann zischte Julia ihm zu: »Ach, stell dich doch nicht so dämlich an!« Es war fürchterlich, aber er sah selbst ein, daß er sich dämlich anstellte.

Die ganze Schulzeit über warf er ihr über seine Geometrieaufgabe hinweg heimliche Blicke zu, während sie schnippisch den Kopf hochwarf und seine Blicke nicht erwidern wollte. Die anderen Sophomoren beobachteten sie und lachten, und ein kleines Ding von Mädchen, das die Frechheit kleiner unansehnlicher Frauen hatte (dieses Mädchen hat mittlerweile geheiratet, ist Mutter geworden und tut nicht gut; sie spielt Tag und Nacht Bridge und frequentiert einen hübschen Chiropraktiker) ließ durch die Bankreihen Zettel wandern, auf denen Dinge standen wie: »Myron ist verrückt nach Julia«, und diese Botschaften wurden von allen gelesen und bekichert. An den Abenden stapfte Myron, so oft er sich für eine Viertelstunde vom Hotel und seiner Arbeit freimachen konnte, an Julias Haus vorbei und himmelte sehnsüchtig mit offenem Mund und traurigen Blicken hinauf. Das Haus der Lambkins wurde in ganz Black Thread nur von den Wohnstätten des Besitzers des Boston Store und des Bankiers Mr. Dingle übertroffen. Es war aus ziemlich verblaßtem rotem Backstein gebaut und hatte dunkelgrüne Fensterläden und ein Mansardendach. Die Veranda lag nicht, wie es sonst üblich war, an der Vorderfront, sondern an der Seite, wodurch sie etwas Auserlesenes und Mysteriöses bekam. Myron starrte die Eleganteren und Unternehmungslustigeren unter seinen Jahrgangs-Kollegen an – manche der reicheren Jungen trugen weiße Hosen – die auf den Verandatreppen herumlümmelten und Julia die Cour schnitten.

Er machte nicht gemeinsame Sache mit ihnen. Er kam sich zu groß, zu plump und anmutslos vor; er kam sich deklassiert vor. Aber sein Herz weitete sich, um alles in sich aufzunehmen, was mit den Lambkins zu tun hatte – das Wohnhaus der Lambkins, den eleganten neuen Wagen der Lambkins mit dem feinen Whipcord-Verdeck, Mr. Trumbull Lambkin in grimmiger Hagerkeit mit grauem Backenbart, eingehüllt in Kampfer- und Formaldehyd-Gerüche. Mit der Zärtlichkeit eines Schwagers betrachtete Myron Julias Schwester Effie May, die damals vier Jahre alt war. Sie war ein süßes, kleines, goldhaariges Püppchen und hatte alle schönen Eigenschaften einer Hyäne. »Herrgott, Effie May ist wirklich ein raffiniertes kleines Balg!« strahlte Myron. Er übertrug seine Liebe sogar auf Fred, den Hund der Lambkins, ein scheußliches Tier, das von vorn ein Collie, von hinten ein Neufundländer und am ganzen Leibe scheußlich war und nichts so sehr liebte, wie nach nächtlichen Anbetern zu schnappen, die, wenn sie an Julias Haus vorüberkamen, langsamer gingen. Er schätzte sogar Julias Bruder Herbert, einen stets kalt und gelassen dreinblickenden jungen Herrn, der ein Jahr älter war als Myron, der ein überfreundliches »Guten Morgen« mit einem frostigen Nicken erwiderte und, wenn er freundlich gefragt wurde: »Wirst du in diesem, Sommer bei deinem Papa im Geschäft arbeiten?« knurrend erwiderte: »Ganz ausgeschlossen; ich werde mich weiter für Yale und meine Architektenlaufbahn vorbereiten.«

Herbert sprach wirklich so, und damals ertrug Myron es. Er ging am Lambkin-Haus vorüber, ging vorüber und ging vorüber, er litt, wenn er die Courschneider auf der Veranda sah, und sein Herz war einsam – es blieb auch noch einsam, wenn er zum Hotel zurückkehrte und sein Vater (der in der letzten Stunde nichts Wichtigeres getan hatte, als in den Zähnen zu stochern und sich zu kratzen) ihn ausschalt, weil er die Koffer eines Reisenden nicht in das Musterzimmer hinuntergetragen hatte. Er war sogar noch einsam, wenn er in später Stunde hinter dem Schanktisch in der Bar stand und der Raum erfüllt war von dem leisen Gerassel der Pokerchips, dem Klirren der Gläser, die mit den Worten »Ihr Spezielles« aneinander gestoßen wurden, und dem wiehernden Gelächter über die neueste Anekdote von Napoleon und dem toten Fisch.

Er hatte sich am ersten Tag des Sophomorenjahres verliebt, als ihm seine unterdrückte Leidenschaft durch die Erkenntnis offenbar geworden war, daß Julia, wie sie so dasaß mit ihrem zum erstenmal aufgesteckten Haar und dem stolz in die Luft gereckten schönen Kinn, nichts anderes war als das leibhaftige Ebenbild des Gibson Girl, der Venus und Schönen Helena jener Zeit. Ja! Er sah es nun – er blickte in sein eigenes Herz. Sie war das wahre Gibson Girl und mußte angebetet werden wie kein sterbliches Wesen sonst. Da er sich gerade dem gefährlichen Alter von fünfzehn Jahren näherte, verzehrte er sich nach ihr in leidvollem, hilflosem Schmerz. Er hatte nicht die entfernteste Vorstellung davon, was er eigentlich mit ihr vorhatte. Niemals wagte er bewußt an mehr zu denken als daran, neben ihr auf den Stufen der Veranda zu sitzen und ihr vielleicht beim Abschied die Hand zu drücken, aber dieses Verlangen hielt ihn in seinem luftlosen und mit Spinnweben dekorierten Zimmer im American House wach, während er ihr teueres Antlitz vor sich sah, ihre großen schönen Hände, ihren merkwürdigen Mund, ja sogar den Stoff ihrer schönen Perkalbluse mit den eleganten Puffärmeln.

Erst nach einem vollen Monat seiner Leidenschaft und seines Märtyrertums, an einem Oktoberabend, traf er sie allein auf der Veranda an. Trotz all seiner Scheu vor ihr war er kein allzu schüchternes Jungchen, und so schritt er, seinen ganzen Mut zusammennehmend, den kleinen Weg entlang, und setzte sich entschlossen auf die oberste Stufe, unterhalb ihres Schaukelstuhls.

»Halloh«, sagte er.

»Halloh.«

»Bißchen kühl.«

»Ja, es ist ein bißchen kühl.«

»Ganz allein heute abend?«

»Ja«, räumte sie ein, »ich bin ganz allein. Niemand scheint mich gern zu haben.«

»Ach doch, ich schon.« Es machte ihm Freude, daß er es zuwege brachte, die richtige Leichtigkeit und Eleganz in seinen Ton zu legen.

»Ach, natürlich, du!« Ganz ironisch. »Du kommst nie her.«

»Na, ich habe meine Arbeit im Hotel, Jule. Ich muß überall aushelfen.«

»Na, aber du könntest dich schon manchmal losmachen.«

»Na, es ist furchtbar schwer, loszukommen.«

»Sicher könntest du oft loskommen.«

»Na, meistens kann ich nicht loskommen.«

»Na, wenn du wolltest, könntest du schon loskommen.«

»Würd es dir Spaß machen, wenn ich loskommen könnte und rüber käme?«

Sie schleuderte den Kopf hoch – nicht ganz das richtige für ein großes, hübsches Gibson Girl – und näselte: »Jedenfalls zerbreche ich mir nicht den Kopf darüber, du Oberschlauer. Du hast wohl keine große Lust zu kommen, sonst würdest du dich schon öfter losmachen.«

»Na, ich werd versuchen, öfter loszukommen.«

»Na, wenn's dir gelingt, öfter loszukommen, dann werd ich dir vielleicht glauben, daß du Lust hast, nach mir zu schauen.«

»Na, ich werd mich öfter losmachen – du wirst ja sehen! Hör mal, Jule, kannst du nicht mal mit mir am Sonntag nachmittag ne kleine Spazierfahrt machen? Wir kriegen vom Hotel aus halbe Preise.«

»Ach, sieh mal, Herr Oberschlau! Deshalb hast du die übergroße Freundlichkeit, mich zum Spazierenfahren einzuladen – weil du den Wagen billig kriegen kannst!«

»Ach Herrjeh, du, ich hab doch nicht gemeint – –«

»Na, jedenfalls hast du's gesagt; ganz haarscharf genau das hast du gesagt – ihr kriegt halbe Preise, und deshalb könntest du vielleicht so herablassend sein, mich spazieren fahren zu lassen!«

»Das hab ich nicht gesagt! Jedenfalls hab ich es nicht so gemeint, und das weißt du auch recht gut! Wenn du kommen willst, schön, und wenn nicht, dann laß die großartige Angeberei! Wie wär's?«

Recht schwach piepste Julia: »Ach, ich würde ja sehr gern, aber Pa und Ma würden es nicht erlauben.«

»Warum denn nicht?«

»Sie hätten sicher nichts dagegen, wenn du herkommst, sozusagen unter ihren Augen, aber spazieren fahren würden sie mich nicht mit dir lassen.«

»Verflixt noch einmal, warum denn nicht?«

»Ach, es ist so schrecklich, es zu sagen – sie sind mit dir nicht ganz einverstanden.«

»Warum denn nicht?«

»Pa ist in solchen Sachen so schrecklich eigentümlich, und dein Papa ist Budiker.«

»Ist er nicht! Bloß weil eine Bar im Hotel ist – –« Bisher war er kühn gewesen und hatte fließend gesprochen, aber nun wußte er nicht, wie weiter, denn er begriff zu seinem Entsetzen, daß sein Vater zu der Klasse der Gastwirte gehörte, die in vornehmen Connecticut-Kleinstädten Pariahs waren. Verwirrt schloß er: »Er ist kein Budiker! Er ist Hotelier!«

»Na ja, aber ich fürchte, von Hoteliers hält Pa auch nicht besonders viel. Er findet, alle möglichen Leute bedienen und ihnen zu essen geben und ihnen ihre Betten machen, das ist ein bißchen gewöhnlich.«

»Also laß dir von mir sagen, Julia Lambkin, daß mein Pa noch nie in seinem Leben ein Bett gemacht hat. Er ist der Besitzer und Leiter! Er gibt bloß Schlüssel aus und führt Buch und macht lauter so Sachen!«

»Na, du machst manchmal Betten, und einmal hast du für einen Reisenden ein Paar Socken ausgewaschen – das hat uns dein Bruder Ora erzählt!«

»Der dreckige kleine Schuft! Der kriegt noch ein paar Dinger von mir! Und übrigens, was denn? Bedient dein Vater nicht auch die Leute hinter seinem Ladentisch, und macht er ihnen nicht Rezepte für ihre Bauchweh?«

»Ich habe noch nie in meinem Leben so abstoßende Reden gehört! Kein anständiger Junge würde auch nur im Traum daran denken, in Anwesenheit einer Dame ein Wort wie Bau – also das, was du gesagt hast, zu gebrauchen! Und ich erkläre dir, schlauer Herr Weagle, daß ein Drogist keine Socken wäscht und keine Fußböden scheuert; er hat einen akademischen Beruf, und die Leute kommen zu ihm, um seinen Rat zu hören, wenn sie ernsthaft krank sind, und außerdem muß ich dir sagen, daß der alte Doc Winter, das habe ich selbst gehört, mit meinen eigenen Ohren, erklärt hat, daß mein Papa ein besserer Doktor ist als neun Zehntel von den Leuten, die sich Doktoren nennen, und wenn du denkst, daß ich auch nur eine Minute lang daran denke, hier sitzen zu bleiben und mir anzuhören, wie du meinen Vater beleidigst, dann irrst du dich ganz gewaltig.«

Sie rauschte ab ins Haus. So raffiniert war sie schon, daß sie die Tür, nachdem sie dazu angesetzt hatte, sie in netter, normaler Weise wütend zuzuknallen, mit aufreizender Ruhe und Langsamkeit schloß. Myron saß ganz zusammengebrochen da, er kam sich vor wie eine halbleere Wärmflasche. Unter Schmerzen stand er auf, und kummervoll entfernte er sich.

Aber diesmal gab er dem Hund Fred einen Fußtritt und hatte seine Freude daran.

Den ganzen Heimweg über gelobte er sich, inmitten Stürmen und Gewittern der Erniedrigung: »Wenn ich mal ein großer Doktor oder Rechtsanwalt bin, oder wenn ich mal ein großes Hotel besitze oder irgendwas, dann wird es ihr leid tun! Ich werd ihnen schon zeigen!«

Während er in einem versteckten Winkel nahe der Brücke auf einem umgestürzten Weidenstamm saß, dachte er über Mittel und Wege nach, an Wichtigkeit und Bedeutung zu gewinnen. Nie wieder wollte er einen Zelluloid-Kragen tragen, sondern immer nur leinene, wie am Sonntag, ganz gleichgültig, was sein Vater auch über die Kostspieligkeit reden mochte. Er wollte Deutsch so lernen, bis er es völlig beherrschte, und Julia Lambkin durch fließende Konversationen mit dem Lehrer verblüffen (was in Wirklichkeit weit über die Fähigkeiten des Lehrers hinausgegangen wäre). Er wollte sich, vielleicht durch das Pflücken und Verkaufen gewaltiger Mengen von Blaubeeren, höchstpersönlich ein Pferd und einen Wagen besorgen, voll Verachtung an ihrem Haus vorüberfahren und, wenn Herbert oder sie den Wunsch äußerten, mitzukommen, kurz angebunden antworten: »Bedauere, aber ich habe eine Verabredung!«

Seine Pläne für sich selbst gingen über in Pläne für das Hotel. Wenn es ein vornehmeres Etablissement wäre, könnte es Mr. Lambkin vielleicht imponieren. Selbstverständlich wollte Myron die Bar schließen. (Selbstverständlich wollte er das nicht, das gestand er sich sofort, selbst inmitten seines Wahnsinnsanfalls, ein.) Er wollte seine Mutter dazu überreden, einen Damensalon einzurichten. Kürzlich war er an einem Sonnabend mit seinem Vater nach Torrington gefahren, und dort hatte er in dem berühmten Hotel Zum Adler, das siebzig Zimmer hatte, einen Salon ganz in rotem Plüsch und Gold gesehen. »Das würde das Haus richtig vornehm machen«, dachte er, und dabei vergaß er Julia schon fast.

Er brachte seine Eltern wirklich dazu, seinen erträumten Salon einzurichten. Seine Mutter hatte Bedenken: es würde so viel Geld kosten, und außerdem würde dann ein Fremdenzimmer weniger da sein. Aber Myron erklärte mit Nachdruck, daß alle Zimmer ja doch nur in der Hochsaison, im Frühling und im Herbst, wenn die Reisenden viel zu tun hatten, besetzt waren, und wenn sie einen Salon hätten, könnten sie die Lehrerinnen und andere alleinstehende Frauen an sich ziehen, die im Boarding-House als »Ständige« das Rückgrat des Geschäfts gewesen waren, aber nicht im Hotel wohnen wollten, weil es da keine anderen gemeinsamen Räume gab als die Bar und eine Halle, die von Spucknäpfen und Männern mit tief in die Stirn gezogenen Hüten verunziert war.

Der Salon wurde eingerichtet – es war der erste Erfolg, den Myron Weagle als schöpferischer Hotelleiter hatte; so wurde er später bei Rotary-Club-Frühstücken und Handelskammer-Dinners manchmal zu seinem Entsetzen genannt.

Der neue Salon des American House war ein künstlerischer Triumph. Mutter Weagle und Myron fuhren mit der Eisenbahn bis nach Hartford, um dort in Altläden das Mobiliar zu kaufen. Auf dem Fußboden lag ein goldfarbener echter Wollteppich – anfangs gefiel er Myron nicht so gut wie der knallrote Teppich, den sie im Salon ihres Boarding-House gehabt hatten, aber als einige Zeit verstrichen war, fand er ihn vornehmer und recht geeignet dazu, sogar eine solche Aristokratin wie Julia Lambkin in Erstaunen zu versetzen. Die Tapete war schön giftgrün und mit gelben Klecksen gemustert, die wie Fische ohne Köpfe aussahen. Die Einrichtung war geradezu üppig: vier Lehnstühle mit etwas schäbig gewordenem braunem Samtbezug und kleinen unechten Spitzendeckchen an Rücken- und Seitenlehnen, drei gerade Stühle, vier Porzellanspucknäpfe und ein als Bücherbord dienender Klapptisch, auf dem sechs von Hotelgästen zurückgelassene Romane und ein zehn Jahre altes Adreßbuch der Provinz Beulah paradierten. Ferner waren imposante Spitzengardinen da und Plüschvorhänge mit Troddeln. Aber die beiden Glanzpunkte des neuen Salons waren eine riesengroße Vase mit Weidenkätzchen und vergoldeten Schilfkolben (die Vase war ganz mit Briefmarken beklebt und darüber noch einmal glasiert) und der kostbare Tisch in der Mitte mit den geschwungenen Beinen, die eine, nur zum Teil von einer gestickten Decke dem Auge des Beschauers entzogene, echte Marmorplatte trugen. Es war, alles in allem, der schönste Raum, den Myron – abgesehen vom Salon der Lambkins – in seinem ganzen Leben gesehen hatte, und als Mutter Weagle und er die Einrichtung vollendet hatten (es war sehr aufregend gewesen, den besten Platz für die exotische Vase mit den Briefmarken zu finden) schlich er sich einige Tage lang immer wieder hinauf, um einen Blick hinein zu werfen und begeistert aufzuseufzen. Und als er Ora dabei erwischte, daß er sich, mit einem Buch, in einen Samtsessel gelümmelt und die Füße auf einen anderen gelegt hatte, zerrte er ihn am Ohr hinaus.

Als er aber am nächsten Sonntag Julia in einem neuen blauen Kleid mit Rüschen, die großartig durch den Staub schleiften, mit einem prächtigen neuen großen Hut, auf dem künstliche Veilchen und Vergißmeinnicht auf zartem grünem Samtgrund blühten, zur Kirche gehen sah, da verblich aller Glanz des Salons, und sein in den letzten Tagen gehegter Ehrgeiz, ein großer Hotelier zu werden und vielleicht noch Bedeutenderes zuwege zu bringen als diesen Salon, erschien ihm vulgär und minderwertig. Es verlangte ihn danach, einen neuen blauen Kammgarnanzug und einen neuen Hut zu besitzen und Julia in die Kirche zu folgen.

(Kein Mitglied der Familie Weagle ging zur Kirche. Der Betrieb eines Hotels, insbesondere wenn das Sonntagmittagessen die Galamahlzeit der Woche ist, fördert nicht den Besuch des Gottesdienstes. Tom Weagle grunzte bisweilen: »Also, ihr könnt ja über die Religion sagen, was ihr wollt, aber ich kann euch erklären, fromm sein hat noch keinem Menschen geschadet, und es ist das einzige, was die meisten von diesen Lümmeln und Viechern und diesen ganzen ungebildeten Pöbel in Zucht und Ordnung hält.« Mrs. Weagle bemerkte: »Ich kann euch bloß sagen, was ich zu ihm gesagt habe. Ich habe ihm gesagt, ein Buch wie die Bibel, hab ich gesagt, das schon viertausend Jahre alt ist, und noch niemand hat es widerlegen können, das muß von Gott offenbart sein, und da gibt's gar kein Streiten, hab ich gesagt.« Aber höchstwahrscheinlich wandte keiner der Weagles auch nur fünf Minuten im Jahr an Gedanken über Fragen der Theologie oder Kirchenkunde, mit der einzigen Ausnahme von Ora, der gelegentlich höchst interessante Beunruhigung in der Familie hervorrief, indem er erklärte, er würde Katholik oder Anglikaner oder Buddhist oder Sabbath-Adventist.)

Der Stolz auf den neuen Salon wich von Myron, als er in Julia, die mit ihrem Blumenhut das bei den Einwohnern der Provinz Litchfield als gotisch geltende Portal der Kongregationisten-Kirche durchschritt, eine Körper gewordene Lichtgestalt zu sehen glaubte, die ihn blendete und zu einem armen lächerlichen Wesen machte; wehmütig verzichtete er auf seine Pläne, ein großer Hotelier zu werden, und suchte nach einem Beruf, der würdiger wäre der Traditionen Trumbull Lambkins, jenes vornehmen Verkäufers von Tabletten und Badeschwämmen. Innerhalb von zwei Wochen war Myron endgültig und unwiderruflich entschlossen, Arzt zu werden, Rechtsanwalt, Offizier, Forscher, Bankier, Tabakspflanzer mit tausend Morgen Land im Tal des Connecticut-River, Kapitän eines Transozeandampfers und Griechisch-Professor – diese Sprache wählte er, weil sie die ihm am fernsten liegende von allen bekannten war. Zwischendurch, aber nicht ganz so ernsthaft, dachte er daran, Tramp zu werden oder verhungerter Trapper in den Wäldern des Nordens und Julias kaltes und unbeständiges Herz zu brechen, indem er sie wissen ließ, daß sie sein Leben ruiniert hätte.

Das Spiel: »Was machen wir nach der Schule?« war in der Höheren Schule nichts Ungewöhnliches, aber keiner der anderen Jungen betrieb es mit solcher Ernsthaftigkeit, solchem energischen und praktischen Entwerfen bis ins Einzelne gehender Pläne, mit so aufgeregten Briefen an Universitäten, in denen Vorlesungsverzeichnisse bestellt wurden. Er sprach mit Ora darüber, der sich, obgleich er erst dreizehn Jahre alt war, eines reicheren Wortschatzes und mehr mißverstandener Buchgelehrsamkeit erfreute als alle anderen Knaben, die Myron kannte. Ora brachte ihn oft zur Verzweiflung; Ora bockte und war wehleidig; er machte niemals, wenn es sich vermeiden ließ, irgend etwas von den leichten Arbeiten, die ihm im Hotel zugewiesen wurden, und er kam immer zu spät zum Essen. Aber nun wandte sich Myron an ihn als ein Orakel, das einen reichen Erfahrungsschatz besaß.

»Du müßtest Geschäftsmann werden«, erklärte Ora herablassend. »Du kannst es aushalten, wenn du an einem Pult sitzt und Zahlen zusammenzählst. Dich hat nicht einmal die Arithmetik gelangweilt. Herrgott, mich macht sie einfach blödsinnig! Aber ich werd ja auch nie ein Geschäftsmann werden. Vielleicht ein Nautor.«

Von den frühesten geschichtlichen Zeiten an hatte Ora sich gewünscht, Nautor zu werden. Ungleich Myron hatten weder Jurisprudenz noch Bankwesen jemals Lockungen für ihn gehabt, obgleich in keiner Weise festzustellen ist, woher sein schriftstellerischer Ehrgeiz kam, denn er hatte nie in seinem Leben eines dieser exotischen, die Nacht zum Tage machenden Geschöpfe gesehen.

Myron stimmte halben Herzens zu, allerdings nicht ohne unbeholfen darauf hinzuweisen, daß ihn weniger das Geldverdienen interessierte als das Leiten und Verwalten von Institutionen – Hotels, Krankenhäuser, Gerichte. Vielleicht, so meinte er, gab es auch Geschäftsleute, und zwar erfolgreiche, die nicht geldgierig waren, sondern etwas leisten wollten. Dieser neue Gedanke begeisterte ihn, und in den nächsten zwei Wochen war er, im Verlauf seiner Beratungen mit Ora, Fahrradfabrikant, Präsident einer Gewehrfabrik in New Haven, die so billige Flinten herstellte, daß jeder Farmer junge sich eine leisten konnte, und Führer sämtlicher Messingindustrien Connecticuts. Noch niemals hatte er sich mit Ora so gut vertragen wie jetzt, er übersah sogar unangenehme Tatsachen wie leer gebliebene Holzkisten und unterwarf sein unromantisches Schicksal Oras dichterischer Sehergabe. Er ließ es sogar endlich über sich ergehen, daß Ora ihm »Hiawatha« vordeklamierte. Doch ihre brüderliche Kameradschaft endete mit einer Tragödie.

Myron kam auf dem Rückweg von der Schule um eine Ecke und fand Ora, umgeben von freundlichen und feindlichen Zurufen, in einem verzweifelten Kampf mit Herbert Lambkin, der drei Jahre älter war als Ora und um zwanzig Pfund schwerer. Blut troff aus Oras Nase über seinen ganzen eleganten Etonkragen, in sein Haar mischten sich heftig fließende Tränen, aber er hielt sich gar nicht schlecht. Er rannte Herbert den Kopf in den Bauch, trat ihn gegen die Schienbeine, zerkratzte ihm den Hals, und obgleich der ältere Kämpe gelegentlich einen kräftigen Hieb auf Oras Ohr landen konnte, machte er allmählich schlapp, und die ganze Bande spendete dem jungen Krieger und Barden mit Gebrüll Beifall.

Myron stieß ein Wutgeheul aus und schleuderte sich vor, als wollte er einen Kopfsprung machen. Er packte Herbert am Kragen, er versetzte Herbert einen Schlag auf die große Lambkin-Nase, er versetzte ihm Fußtritte, verfolgte ihn in ein Seitengäßchen und kam dann freudestrahlend zu seinem lieben kleinen Bruder zurück. Als sie fortgingen, schluchzte Ora, und als Myron zart und beruhigend sagte: »Na, na – du hast dich einfach großartig gehalten!« brüllte der liebe kleine Bruder: »Der Teufel soll dich holen, der Teufel soll dich holen, du bist hergekommen und hast alles verpatzt, wie immer!«

»Hah?«

»Ich hab Angst vor Bert gehabt, dann hab ich mich zusammen genommen und die Angst unterdrückt, und da bin ich auf ihn losgegangen, wie er meinen Hut gepackt hat. Und dann hab ich auf einmal überhaupt keine Angst mehr gehabt. Ich war wütend. Von Angst keine Rede. Und ich hab ihn verhauen. Und dann bist du gekommen und hast mich dabei unterbrochen und hast alles verpatzt, und jetzt hast du die ganze Ehre, verflucht noch einmal! Aber so machst du's ja immer!«

Wochenlang war Ora nicht für vertrauliche Gespräche zu haben, und Myron mußte sich ganz einsam und allein den Kopf darüber zerbrechen, ob er zum Arzt, zum Schiffskapitän oder zum Revolverfabrikanten prädestiniert war.

Dann erschien im American House der erleuchtete Priester des Handels, Mr. J. Hector Warlock, und bannte alle Zweifel.

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Inhaltsverzeichnis

Von allen Handlungsreisenden, die im Jahre 1895 von Bridgeport aus arbeiteten, sah keiner besser aus, war keiner liebenswürdiger und redegewandter als Mr. J. Hector Warlock, Reisevertreter, wie er es nannte, der Spurgis & Pownall Eisenwaren-, Ofen- und Kücheneinrichtungs-Gesellschaft. Er zählte vierunddreißig Jahre. Sein Haar war sehr schwarz, sehr wellig und sehr dicht wie das der beliebteren mannhaften christlichen Evangelisten jener Zeit, und kein Evangelist konnte eine Hymne mit besser gesalbtem Baß dröhnen. (Das soll nicht etwa heißen, daß von Mr. Warlock zu erwarten war, er würde an den Sabbathvormittagen tatsächlich Hymnen im Haus des Herrn singen; viel wahrscheinlicher war es, daß er sich von einer ausgedehnten Samstagabendpokerpartie ausschlief.) Sein berühmtes und oft gezeigtes Lächeln war von zwei Goldzähnen belebt, und an seinen weichen, weißen, dicken Fingern trug er einen Freimaurerring und einen Ring in Form einer goldenen Schlange, deren Augen Rubine waren; an seiner breiten Uhrkette hing als geschmackvolles Symbol ein winziger Küchenherd aus Gold.

Er war schon von Natur aus groß und breit genug, aber er wirkte noch größer und breiter infolge seiner für das Jahr 1895 korrekten Kleidung: weicher Hut, dicker dunkler Anzug mit gewaltig wattierten Schultern, steife Hemdbrust – deren Feierlichkeit allerdings durch ein Muster aus winzigen Veilchen etwas gemildert wurde – und Riesenschleife. Dazu trug er die phantastischsten Phantasiewesten, von denen er nicht nur eine besaß wie die Provinzelegants, sondern ein halbes Dutzend: gelbe mit roten Tüpfelchen, blaue mit weißen Streifen, lohgelbe mit scharlachroten Blättchen. Er trug auch die vornehmsten spitzen Dandy-Schuhe, die jemals in Black Thread gesehen wurden.

Er hatte ein Gesicht, das die Friseure liebten. Diesem breiten, blassen, aber gesund aussehenden, fleischigen und doch angenehmen Gesicht wurde mehr Aufmerksamkeit zuteil als den Wangen einer Herzogin. Er ließ sich beim Friseur immer machen, was er »die ganze Kunst« nannte: Rasieren, Haarschneiden, Shampoonieren, Föhnen, Gesichtsmassage, Veilchenwasser, Talkum-Puder und zarter Fliederduft für sein dichtes Haar.

Er war imposant, aber er wirkte nicht bedrückend, so herzlich und unwiderstehlich war sein freundliches Wesen. Er sagte zu allen Eisenbahnern, Hotelpagen, Barmännern und Kellnern »Captain«, und sobald sie ihn kommen sahen, riefen sie vergnügt: »Halloh, Mr. Warlock! Wieder mal bei uns?« Seine Kunden, die größeren Eisengeschäft-Besitzer im südlichen Neuengland sprach er als »Chef« an, mit einer wohl abgewogenen Zusammensetzung aus Freundlichkeit und Respekt, und sie mochten ihn gern, gaben ihm große Ordres und luden ihn zum Sonntagmittagessen zu sich nach Hause ein, was für den Reisenden sozusagen der Ritterschlag ist.

Im American House in Black Thread Center bedauerte das Personal, daß J. Hector so selten kam – nur viermal im Jahr. Mutter Weagle pflegte, ohne sichtlichen Anlaß, plötzlich das allgemeine Schweigen zu brechen und kichernd auszurufen: »Nein sowas – dieser Mr. Warlock – nimmt eine alte Henne wie mich am Kinn und sagt mir, ich bin die beste Köchin in Connecticut! So eine Frechheit!«

Albert Dumbolton, vulgo »Dummy«, der als Kolonialwaren-Reisender (aus Torrington) alle zehn Tage herüberkam, war auf nichts so stolz wie auf seine Freundschaft mit J. Hector und erklärte oft der ganzen Bar: »Ich will euch mal was sagen. Seit sechsundzwanzig Jahren bin ich jetzt auf der Achse, und ich muß euch erklären, daß ich in meinem ganzen Leben keinen besseren Reisenden und überhaupt, in jeder Hinsicht, keinen besseren Mann kennengelernt habe als J. Hector Warlock. Ein goldenes Herz hat er, der Junge! Zahlt seine Rechnungen, steht seinen Freunden nie im Weg, erzählt gute Geschichten, behandelt einen, als ob man die Königin von England wäre, ganz egal, wer man ist! Und dann hört mal, der Junge, wenn er Poker spielt, da kann er seine Klappe zuhalten, als ob er taub und stumm wäre, und am nächsten Vormittag geht er dann in ein Eisengeschäft und redet den Leuten große Löcher in den Bauch. Der, der kann alles verkaufen! Er könnte Pelzüberschuhe in der Hölle verkaufen! Und mit so nem Erfolg! Hört mal, ich geh jede Wette ein, daß Heck Warlock seine fünfundvierzig oder achtundvierzighundert Dollar in jedem Jahr macht – das ist mehr Geld, als irgendwer in diesem Mistnest da verdient! Und gebildet ist er! Ich kann euch bloß sagen, in der Eisenbahn, wenn keiner da ist, mit dem er reden kann, da liest er oft ein ganzes Buch, von Anfang bis zu Ende!«

Dieser Kriegsheld und Prophet war es, der gerade in dem Augenblick nach Black Thread kam, als Myron im Alter von fünfzehn Jahren bemüht war, zu einem Entschluß über das Schicksal seiner Seele zu kommen – was in den Vereinigten Staaten von Amerika nichts anders heißt, als über seinen künftigen Beruf.

Myron war hinter dem Pult, als der Sieben-Uhr-sechsunddreißig-Zug aus dem Süden ankam. Bald wurde draußen ein erregtes Rufen laut: »Halloh – halloh – wieder da?« Myron ging zu dem Spiegelglasfenster, und als er auf die Hauptstraße hinaussah, erblickte er keinen anderen als J. Hector Warlock, der, den linken Daumen in das Ärmelloch der Weste gesteckt, mit der rechten Hand der bewundernden Bürgerschaft zuwinkend, heranwandelte – er schien die ganze Straße auszufüllen. Hinter ihm kam ein Junge mit seinem Gepäck auf einem Karren. Es war nicht J. Hectors Sache, sein Köfferchen wie ein gewöhnlicher Reisender selbst zu schleppen; noch weniger war es seine Sache, im Hotel in seinem Hemd zu schlafen und abzuwarten, bis der Rollwagenkutscher am nächsten Morgen seine Tasche zusammen mit den Musterkoffern brachte.

Er riß die Tür auf und rief Myron entgegen: »Halloh Captain, das Elefantenbaby ist wieder mal da! Wie geht's, wie steht's? Den alten Papa weggejagt und selber das Hotel übernommen, was? Na, wie wär's mit einer schönen Zimmerflucht mit Privatfahrstuhl und massivem Goldbett?«

Er klopfte Myron auf die Schulter. Myron strahlte. Myron jubilierte. J. Hector behandelte ihn, als wäre er erwachsen, als wäre er wirklich der Direktor … Das war einer der großen Augenblicke im Hotelgewerbe.

Er galoppierte hinter das Pult, warf mit einer eleganten Bewegung das Fremdenbuch herum, präsentierte die Feder und vertauschte sie dann hastig mit einer anderen, die eine bessere Spitze hatte. Während J. Hector schrieb, mit einem Schnörkel und zwei kleinen Strichelchen wie Anführungsstriche unter der kühnen Unterschrift, fragte er freundlich: »Wer ist da? Wie stehen die Chancen für ein kleines Geschicklichkeitsspiel?«

»Al Dumbolton ist hier.«

»Fein! Wo ist das Jungchen?«

»Er wird wohl in seinem Zimmer oben sein und seine Ordres kopieren. Er war hier unten, aber sie haben angefangen, ihn aufzuziehen – sie haben ihm einen Frosch unter den Stuhl gelegt, und da ist er wild geworden und raufgegangen. Aber wahrscheinlich wird er sehr rasch wieder in der Bar sein.«

(Der arme Al! Er sah aus wie ein zerknautschtes rotes Sofakissen aus Atlas. Es kam sehr oft dazu, daß »sie anfingen ihn aufzuziehen«.)

»Sicher! Sicher! Er wird gleich wieder unten sein in der wohlbekannten Bar! Da kann man sich auf Dummy verlassen. Aber passen Sie mal auf, Captain, hören Sie zu. Mir ist was eingefallen. Sie gehen rauf, klopfen bei ihm an und sagen ihm, der Sheriff ist da und sucht ihn. Ich weiß ganz genau, daß er hinter dem hübschen kleinen Frauchen vom Nachtwächter in der Fabrik her ist, und daß ihm dabei nicht ganz geheuer zumute ist. Sie müssen ganz ernst mit ihm reden. Ich werd mich direkt hinter Sie stellen.«

Myron fiel es, im Gegensatz zu Ora, durchaus nicht leicht, Nervosität und Aufregung zu mimen, aber für J. Hector Warlock war er bereit, alles zu versuchen. Er klopfte, und als Mr. Dumbolton in Hemdsärmeln und auf grauen Wollsocken zur Tür kam, krächzte Myron: »Hören Sie mal, Al, herrje, der Sheriff ist unten und will Sie sprechen! Er sieht fürchterlich geheimnisvoll aus und scheint wegen irgendwas wütend zu sein. Ich hab ihm gesagt, ich glaube, Sie sind nicht zu Hause. Sie könnten hintenrum durch die Küche verschwinden.«

Mr. Dumbolton riß den Mund auf. Als er in ängstlichem Ton zu reden anfing, hörte es sich an, als würde Dampf aus einer Lokomotive abgelassen. »Ha-hat er gesagt, warum er mich sprechen will?«

»Nein, aber er war sehr hartnäckig.«

»O du meine Güte, das hätt ich mir denken können! Was für ein Idiot ich – Myron! Ich verschwinde durch den Hinterausgang. Ich muß den gemischten Zug an der Kreuzung kriegen. Heb mir meine Tasche auf. Sag dem verfluchten Sheriff, du kannst mich nicht finden. Tu so, als ob du mich überall suchst. Halt ihn auf! Ich mach ganz rasch!«

J. Hector Warlock knurrte mit ausgezeichnet verstellter Stimme: »Das wird Ihnen nicht gelingen! Sie brauchen es gar nicht erst zu versuchen, Dumbolton!«

Während das Opfer sich aus einem großen roten Sofakissen in ein sehr kleines rotes Sofakissen verwandelte, schob J. Hector Myron zur Seite und pflanzte sich grinsend vor Mr. Dumbolton auf, der ihn anstarrte, sich wand und schließlich aufstöhnte: »Na, da sollen mich doch zehn gerupfte Geier holen! Das hätt ich mir denken können! Ich hab gemeint, du kommst erst in einer Woche! Wenn ich gewußt hätte, daß du im Umkreis von fünfzig Meilen von hier bist, hätt ich auch gewußt, daß du dahinter steckst, du altes Kartoffelgesicht! Aber ich werd dich schon noch kriegen!«

Die beiden Männer klopften einander überaus zärtlich und schmerzhaft auf den Rücken.

»Wie wär's mit einem kleinen Opfer für die Göttin des Glücks heute abend? Wie wär's, wieder mal die Asse galoppieren zu lassen?« schlug J. Hector vor. »Nein, Myron; einen Moment noch.«

»Wär gar nicht so schlecht«, meinte Dumbolton.

»Dann paß mal auf, Myron. Wer ist noch im Haus, der an einer unschuldigen, freundschaftlichen kleinen Geschicklichkeitsprobe teilnehmen könnte … mit Dynamit in den Handschuhen?«

»Mr. Wood Harris aus Hartford ist da – Stiefel und Schuhe.«

»Großartig! Ja, mit dem hab ich schon gespielt. Sag ihm, er möchte in einer halben Stunde in mein Zimmer kommen. Übrigens, Captain, Sie haben mir doch hoffentlich das Doppelzimmer mit Privatbad gegeben wie gewöhnlich.«

»Aber!« gekränkt und ein wenig empört. »Natürlich! Selbstverständlich, Mr. Warlock! Nr. 4.«

Noch dreißig Jahre später konnte sich Myron, was ja in der Tat auch zu seinem Beruf gehörte, darauf besinnen, daß es J. Hector Warlock Freude gemacht hatte, mit Mr. Woodland F. Harris Karten zu spielen; daß er das Zimmer mit dem Privatbad gehabt hatte; und daß er – das war das Außerordentlichste und Unerklärlichste an diesem großen Mann – tatsächlich zum Frühstück lieber Tee als Kaffee trank.

Bloß gab es im ganzen American House in Black Thread kein Privatbad.

Das Bad war in Wirklichkeit nichts anderes als eine der vier allen zur Verfügung stehenden Wannen, ein »Flurbad«, wie es genannt wurde. Aber es war nicht nur vom Flur, sondern auch vom Doppelzimmer Nr. 4 zu betreten, und sechs- oder achtmal im Jahr wurde es als Privatbad verlangt, es hieß Privatbad, und so wurde es auf magische Weise, wie es sonst nur in der Theologie geschieht, zu einem Privatbad.

Mr. Warlock sprach weiter: »Du gehst jetzt Harris verständigen. Dann schickst oder jagst du den frechen Bengel, deinen Bruder, raus und siehst zu, daß er Cal Bigus und Ed Stuart und den Mietsstallbesitzer – wie heißt er nur? – zu einem Spiel für heute abend kriegt. Und schick eine Flasche anständigen Whisky, genug Gläser und Eiswasser herauf. Hier! Verschwend das nicht. Leg es in einer New-York-Central-Vorzugs an.«

Er überreichte Myron ein ganzes Fünfundzwanzig-Cent-Stück. Das größte Trinkgeld, das Myron jemals bekommen hatte, waren fünfzig Cent gewesen; die hatte er von einem Mann bekommen, der zwei Wochen geblieben war und besonderer Aufmerksamkeit bedurfte, weil er Symptome von Delirium tremens, Verfolgungswahn, Gicht, Magenkatarrh und religiösem Wahnsinn zeigte. Sein normales Trinkgeld waren zehn Cent – nein, sein normales Trinkgeld für das Heraufschleppen einer bleischweren Reisetasche und das Bringen eines Kruges Eiswasser war gar nichts; zehn Cent waren ein New-Yorker Trinkgeld.

»Ach herrje, danke schön! Ich werd Ora schicken – meinen Bruder. Ich bin gleich wieder mit Ihrer Tasche da.«

Myron wollte es sich nicht entgehen lassen, so viel Zeit, wie ihm nur möglich war, in Gesellschaft seines Idols J. Hector zuzubringen, der in seinen Augen etwas ebenso Auserlesenes war wie Miss Absolom und ihn bedeutend mehr interessierte. Er zwang seinen Vater dazu, seine Partie Casino in der Bar zu unterbrechen und das Pult in der Halle zu übernehmen. Er bestach Ora, damit er nach Cal und Ed und dem Mann von dem Mietsstall suchte, bestach ihn mit fünfzehn Cent von seinem Fünfundzwanzig-Cent-Stück … Vielleicht hatte Ora recht mit seiner Behauptung, Myron sei ein geborener Geschäftsmann und kein Künstler, denn selbst in diesem Augenblick der frohen Erregung über J. Hectors wundersame Ankunft und der Mühe, den verdrehten Ora dazu zu bringen, daß er überhaupt etwas tat, vergaß Myron keineswegs daran, seinen rechtschaffenen kapitalistischen Profit von zehn Cent zu machen.

Er rief Mr. Woodland F. Harris aus der Bar ab und schleppte J. Hectors mächtige Reisetasche auf Zimmer Nr. 4 hinauf. Solange es möglich war, ohne sich aufdringlich vorzukommen, wich er J. Hector nicht von der Seite. Er sah ihm beim Auspacken zu und holte sich einen Vorgeschmack von den Üppigkeiten der großen Welt, der er eines Tages anzugehören hoffte.

J. Hector besaß Toilettegegenstände, wie Myron sie bisher nur auf der Kommode Miss Absoloms gesehen hatte, aber die J. Hectors waren luxuriöser und männlicher. J. Hector holte, während Myron an der Tür stand und glotzte, aus seiner Tasche nicht etwa eine, sondern zwei Haarbürsten heraus, dicke, schwere Bürsten ohne Stiel.

»Militärbürsten!« dachte Myron außer sich vor Aufregung. Er hatte in den Inseraten der New-Yorker Zeitungen davon gelesen.

Und Schuhe mit Dingern darin, die wie hellgelbe Holzfüße aussahen und die Aufgabe hatten, die Form zu erhalten. Und eine Flasche mit einem Gummiball und einem Zerstäuber daran. Aus dieser spritzte J. Hector etwas in Myrons Richtung, und Myron verspürte einen selteneren und sonderbareren Duft, als er je gekannt hatte. Und dann diese neumodischen Pyjamas anstatt eines weißen Nachthemdes, am Hals säuberlich mit einem roten Bändchen zu verschließen, wie Albert Dumbolton und Tom Weagle – und Myron und Ora Weagle – natürlich trugen. Und nicht ein oder zwei, sondern nicht weniger als sechs verschiedene Krawatten. Und ein ganzes Kistchen mit fünfzig Zigarren, die rotgoldene Bauchbinden hatten. Und – abgesehen von der Flasche Old Taylor, die Myron heraufgebracht hatte – eine Flasche Whisky, die den komischen Namen »John Haig« führte.

Und sogar ein Buch. Dieses Buch warf J. Hector Myron zu. »Liest du viel, Captain? Schöne Sache. Erweitert den Horizont und gibt einem einen Wortschatz, so daß man die Kunden dumm reden und ihnen viele Bestellungen abschwatzen kann, und man lernt dabei sogar bei einem Kirchenabendessen Ansprachen zu halten.«

Myron betrachtete das Buch voll Ehrfurcht. Der Papiereinband zeigte ein aufregendes Bild: ein schnurrbärtiger Herr küßte eine junge Dame mit hoher Frisur in Anwesenheit des Mondes und eines Kirchturms. Es führte den Titel: » Die Gefahren der Leidenschaft, oder Die Kämpfe der Sally St. Cyr; Eine Erzählung von Demütigen Herzen und dem Stolzen Blut der Cumberlands.«

Als J. Hector fertig ausgepackt hatte, ließ er sich, die Daumen in den Armlöchern der Weste, von Zigarrenrauch umwallt, bequem auf einem der geraden Stühle nieder, der sich unter ihm in einen Samtfauteuil zu verwandeln schien. (Myron kannte das Wort »Fauteuil« aus den Katalogen, die er zur Zeit der Einrichtung des Salons studiert hatte.) Myron nahm niemals, wie der in aller Naivität zudringliche Ora, von vornherein an, daß seine Anwesenheit stets erwünscht sei; aber J. Hector schien froh darüber zu sein, daß er bis zum Beginn der Pokerpartie Gesellschaft hatte, und so stand Myron glückstrahlend da, vor Verlegenheit mit den Füßen scharrend, während J. Hector von Bridgeport erzählte, von New York (»ein ganz gehörig größeres Nest als Bridgeport, aber wenn ich dir's sage, kannst du dich drauf verlassen, Junge, nicht halb so munter und lebendig«), von den Wundern des neuen Spurgis & Pownall Küchenherdes und den geradezu verstiegenen Mengen von Nickel, die auf Mr. Pownalls Geheiß an diesem Modell funkelten und glänzten.

Im Jahre 1895 war in allen amerikanischen Provinzstädten, mit Ausnahme des halben Dutzends alter, wohlhabender Familien, die New York, Boston, Chicago oder Europa gut kannten, der Geschäftsreisende der einzige Sendbote aus der großen Welt, dem die jungen Leute ehrfürchtig lauschten. Er war der aus Paris zurückgekehrte Marquis; er war Erasmus und Casanova in einer Person, er war der aus Ostia heimkehrende phönizische Galeerenkapitän; er war das Radio, der Harvard-Absolvent und das Etikettenbuch.

J. Hector plauderte über Cocktails in der Waldorf-Bar, über geröstete Makrelen in Fulton Market, über Champagner im Martin, über die gigantischen Ozeandampfer Campagna und Lucania, Dreizehntausend-Tonnen-Schiffe, groß wie Kathedralen, die die Überfahrt von New York nach Liverpool machten, und über einen intimen Freund J. Hectors, der tatsächlich auf einem dieser beiden Wunderschiffe gereist war und nicht weniger als acht ganze Wochen im Ausland verbracht hatte, so daß er ein ausgezeichneter Kenner war von England, Schottland, Frankreich, Holland, Belgien, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, der Schweiz und Spanien.

Myron sah ganz hingerissen aus und scharrte noch mehr mit den Füßen als sonst. »Herrgott!« sagte er.

Die Spieler trafen ein und begrüßten J. Hector voll Zärtlichkeit abwechselnd als Pferdedieb, Hundesohn und Falschspieler. Während J. Hector ihnen die Hände zerquetschte und sie Bauernlümmel, Bankräuber und Kinderentführer nannte, machte sich Myron beseligt zu schaffen. Er brachte Gläser und Eiswasser, das Eis klapperte melodisch in dem weißen irdenen Krug, während er den Gang entlangging; er zog ordentlich und sauber die Flasche »Old Taylor« auf, er besorgte einen Extratisch aus einem leeren Zimmer und brachte ihn keuchend und unter der Last taumelnd, die eine Seite gegen den Magen stützend, herein.

Die fünf verfügbaren Spieler, J. Hector, Dummy Dumbolton, Woodland F. Harris, der Juwelier Cal Bigus und der Stationsvorsteher Ed Stuart, zogen sich die Röcke aus, legten die steifen Röllchen ab, knöpften die Westen auf – nicht ohne zwischen den einzelnen Handlungen ein Schlückchen Korn zu sich zu nehmen – und setzten sich an die beiden aneinandergeschobenen Tische mit einer Entschlossenheit, die zeigte, daß sie es ernst meinten und bei der Sache bleiben wollten. J. Hector begann damit, daß er seinen Stuhl herumdrehte, so daß die Lehne vorn war, statt zu warten, bis er gezwungen sein würde, es zur Herbeiführung des Glückswandels zu tun. Diese Neuerung verblüffte die einheimischen Lebemänner und imponierte ihnen, und Myron vergaß diese großartige Spielergeste in seinem ganzen Leben nicht mehr. Aber noch mehr gerieten die Lebemänner und Myron außer sich, als J. Hector ein ganz neues Päckchen Karten mit unversehrter Hülle auf den Tisch warf und in aller Bescheidenheit verkündete: »Also Jungs, heute spielen wir nicht mit zweiundfünfzig Fetzen. Das ist ein Fünfzig-Cent-Spiel, direkt aus dem guten alten Bridgeport!«

Myron hatte gar nicht geahnt, daß man für ein Spiel Karten mehr als fünfzehn Cents zahlen konnte. Als das Paket geöffnet wurde, beugte er sich vor, um die Kartenrücken zu sehen. Da waren nicht rote und weiße Schnörkel wie auf den Karten, die er bisher gesehen hatte, sondern richtige Bilder, künstlerische Bilder – eine Mondsichel, und daran gelehnt ein liebreizendes junges Weib, das, wie Myron fand, mangelhaft bekleidet war.

Nun konnte er keinen Vorwand mehr finden, noch zu bleiben. Aber er kam ein halb dutzendmal wieder, um, unaufgefordert, das Eiswasser zu erneuern, und einmal, sehr heftig aufgefordert, um noch zwei Flaschen »Old Taylor« zu bringen. Für gewöhnlich lag er um halb elf im Bett und stand um halb sechs auf, heute abend aber wohnte er dem großartigen und abenteuerlichen Erlebnis des Spiels bei und wurde Zeuge von manchen Momenten des Titanenkampfes.

Er kam um Mitternacht mit Eiswasser herein und sah, wie J. Hector und Ed Stuart einander mit dem Ausdruck entschlossener Ausdruckslosigkeit belauerten. Die anderen drei hatten ihre Karten weggelegt und sahen mit einem ehrfurchtähnlichen Gefühl zu. »Ganz netter kleiner Pott«, flüsterte Dummy Dumbolton Myron zu; » bloß fünfundsechzig Dollar!«

»Fünf–und–sechzig Dollar!« ächzte Myron.

Ed Stuart war kein wehrloses Opfer J. Hectors. Er war selbst ein ziemlich homerischer Kämpe, und in den Straßen und Ländereien und geheimen Plätzen Black Threads erzählte man sich von ihm, er wäre einmal sechsunddreißig Stunden ununterbrochen bei einer Pokerpartie in Beulah gesessen. Und er war das, was in Black Thread als »ganz gehörig wohlhabend« galt; er war nicht nur Stationsvorsteher, er war auch Mitinhaber des Fahrradgeschäftes und Besitzer von hundertsechzig Morgen Land im Norden der Stadt, das er verpachtete. Und doch klang seine Stimme jetzt ein wenig schärfer, während die J. Hectors noch immer sanft wie Mayonnaise war.

»Erhöhe um zwei Dinger«, krächzte Ed, sich den Kragen aufknöpfend.

» Und zwei!« flötete J. Hector.

Myron, der jene Eigenschaft des Unsichtbarseinkönnens hatte, die die Kellner manchmal erniedrigt und ihnen manchmal zum Schutz dient, konnte ihre Blätter sehen. Ed Stuart hatte ein Füll House, während J. Hector voll Liebe mit der Piquevier, der Karosieben, der Karoacht, dem Herzjungen und der Treffdame dasaß, einer Kombination, die dem absoluten Nullpunkt gleichkam.

Ed starrte nochmals in seine Karten; er vergaß ganz und gar die hochgeschätzte Tugend, völlig idiotisch auszusehen; er warf J. Hector einen ängstlichen Blick zu und sagte zaudernd: »Na, noch zwei kleine.«

»Und fünfzehn harte Dollar mehr!« lachte J. Hector vergnügt.

»Ach verflucht, nimm den Pott!« rief Ed wehmütig, und während J. Hector bescheiden seine Kätzchen und Hündchen auf den Tisch legte, ganz widerwillig eines nach dem andern, ehrten die Spieler den großen J. Hector Warlock mit Gebrüll.

Um ein Uhr hatten sie nur noch die Unterhemden an (zwei aus rotem Flanell, zwei aus irischer Baumwolle, und J. Hectors elegantes aus weicher Wolle und Seide). Um zwei Uhr sprachen sie mit heiserer und gepreßter Stimme, und J. Hector bestach Myron (was gar nicht nötig gewesen wäre) hinunterzugehen, sich einer Gesetzesübertretung schuldig zu machen und noch eine Flasche »Old Taylor« heraufzubringen. Um drei Uhr hatte sich J. Hectors Gewinn von vierundsiebzig Dollar auf fünfzig Cent verringert, aber er sah nicht, wie Ed Stuart, niedergeschlagen aus, er hatte rote Augen, und sein üppiges Haar fiel ihm in die Stirn, aber er war gutmütig. Er allein schien in dem Vorgang wirklich ein Spiel zu sehen, das eine entfernte, aber durchaus feststellbare Verwandtschaft mit Vergnügen hatte. Er brummte Myron zu: »Du lieber Himmel, Junge, du solltest längst im Bett sein! Wir halten dich wohl auf? Geh jetzt schlafen!«

»Ach herrje, es macht gar nichts. Ich möchte beim Spielen zusehen.«

»Geht in Ordnung, Captain, du bist der Chef hier. Kein kluger Reisender mischt sich in die Angelegenheiten eines Karawanserei-Wirtes ein. Man kann nie wissen, wann man ihn braucht –«

»Halloh, spielst du Poker, Heck, oder hältst du einen Schulvortrag?« knurrte Ed Stuart.

»– wann man den Direktor braucht, damit er nicht viel über die Haarnadeln im Bett redet. Aber wenn du schon aufbleiben willst, Myron, wie wär's, wenn du uns ein paar Eier braten würdest – oder Flußpferdohren oder was gerade zur Hand ist?«

»Wird sofort gemacht, Mr. Warlock!«

Als Myron mit einem gewaltigen Tablett hereingesegelt kam, auf dem er Rühreier, Schinkenspeck, Toast, Kaffee und das von seiner Mutter alljährlich gemachte Holzapfelgelee hereinbrachte, verletzte J. Hector alle geheiligten Überlieferungen, er sprang inmitten eines Spiels auf, klopfte Myron auf die Schulter und erklärte: »Na, beim großen hüpfenden Hieronymus! Du bist der beste Nachtportier, den ich in meinem ganzen Leben gesehen hab, Myron! George Boldt soll sich vorsehen; in fünf Jahren oder sowas wirst du das Waldorf leiten! Nanu, was ist denn passiert?«

»Ach, ich weiß nicht, was ich in Rechnung stellen soll. Gewöhnlich sind's fünfundzwanzig Cent, wenn ein Gast ein Frühstück kriegt, weil er den späten Gemischten oder den Sechs-Uhr-sieben nach Bridgeport kriegen will.«

»Also weiß Gott, dann wollen wir mal sagen, zwei Dollar – das ist vierzig pro Mann und Nase für das Futter – und da sind fünfzig Cent für dich, Myron.«

»Ach, ich kann nicht – –«

»Quatsch, natürlich kannst du! Da!« Er schob Myron mit Gewalt zweieinhalb Dollar in die Tasche, drehte ihn herum, stieß ihn zur Tür hinaus und kommandierte freundlich: »Jetzt gehst du in die Klappe, oder es tut sich allerhand, und wenn ich dich schnarchen oder mit den Wanzen raufen hör, komm ich rauf, und dann tut sich erst recht allerhand! Du verschwindest! Meinen Segen, mein Sohn; du hast uns blendend versorgt!«

Myron stand vor der Tür draußen und verrichtete ein stilles Gebet: »Das ist der feinste Kerl, den ich kenne!« Verschlafen verglich er J. Hector mit dem in seiner trübseligen und schwerfälligen Weise respektablen Trumbull Lambkin, mit der schnippisch-überlegenen Julia, mit dem ebenso gearteten Herbert Lambkin, mit dem niederdrückend fleißigen Mr. Barstow, dem Möbelhändler gegenüber, und mit seinem schwächlichen und reizbaren Vater, mit dem hochmütigen Ora und sogar mit der stets in beunruhigender Weise geheimnisvoll lächelnden Miss Absolom.

»Er ist einfach großartig!« sagte Myron.

Das war um halb drei. Um Viertel vor fünf fand Mr. Dummy Dumbolton, als er, sich nicht gerade recht wohl fühlend, mit Schlagseite durch den Flur von dem prächtigen Doppelzimmer Nr. 4 zu seinem eigenen, bescheideneren Zimmer kreuzte, Myron in einem Stuhl mit ausgebauchter Lehne vor seiner Tür schlafend. Dummy betrachtete angestrengt diese Erscheinung. Sie war ein Teil der großen Unwirklichkeit, die seit der letzten halben Stunde die Welt in Nebel hüllte. Myron fuhr mit einem Ruck hoch, war sofort wach und fragte: »Hat er gewonnen, Mr. Dumbolton, hat er gewonnen?«

»Wer hat gewonnen – was gewonnen?« gurgelte Dummy hervor.

»Mr. Warlock. Hat er gewonnen?«

»Ja – paar – glaube, paar, paar Dollar. G'Nacht … O mein Gott!«

Es war für Myron zu spät, schlafen zu gehen; er wäre dann nur beim Aufstehen um so müder gewesen. In dreiviertel Stunden begann ohnedies sein Dienst. Er ging schwankend in die Küche hinunter, ließ das Wasser ablaufen, bis es eiskalt war, und hielt den Kopf darunter; nachher begann er mit gar nicht großer Unlust auszufegen. Er wußte, daß die drei einheimischen Gladiatoren gemeinsame Sache gegen J. Hector gemacht hatten und daß J. Hector, wenn er überhaupt etwas gewonnen hatte, sehr tüchtig gewesen sein mußte. Myron hatte das Gefühl, in dieser Nacht zusammen mit seinem Idol triumphiert zu haben.

Um sechs Uhr pfiff er vergnügt, war hell wach und munter, und das mußte auch so sein, denn die Fähigkeit, den ganzen Tag und die ganze Nacht und wieder den ganzen Tag vergnügt aufzubleiben, ist wahrscheinlich in viel höherem Maße als alle technischen Tricks oder profundes Studium das Geheimnis der Hotelleiter, Ärzte, Schiffskapitäne, Flieger, Schmuggler und Bräutigame.

Als Myron mittags aus der Schule nach Hause kam, saß J. Hector mit roten Augen, aber lustig und vergnügt in einem ledergepolsterten Schaukelstuhl in der Halle.

»Morgen, Captain. Überhaupt noch zum Schlafen gekommen?« rief J. Hector.

»Ach klar, ausgiebig!«

»Na, von mir kann ich das nicht sagen. Das habe ich heute so 'n bißchen gemerkt, wie ich dem Bruder Hickman eine Serie Kühlschränke in seinem Laden verkaufen wollte und mich dabei erwischte, wie ich ihm erzählte, daß sie mit Kohle, Holz oder alten Fetzen betrieben werden können und für Schmoren, Braten und Backen einfach unübertrefflich sind. Na ja – – Sag mal, das war ne feine Mahlzeit, die du uns heute nacht gebracht hast. Hab ich dafür bezahlt?«

»Jawohl. Sagen Sie, ah, sagen Sie, Mr. Warlock –« Myron brachte den Mut auf, sich neben J. Hector zu setzen und sich ihm anzuvertrauen. »Sagen Sie, meinen Sie, daß die Hotelbranche was Gutes ist? Oder finden Sie, daß man, wenn man so bißchen ehrgeizig ist, sich eigentlich dran machen sollte, Bankier oder Fabrikant oder Doktor oder sowas zu werden?«

»Paß mal auf, mein Sohn! Dir hat jemand einreden wollen, daß die Hotelbranche nicht vornehm und fein genug ist, was? Dem, der das probiert hat, kannst du sagen, er soll sich einmarinieren lassen! Vornehm! Paß mal auf, mir hat jemand erzählt, das war ein College-Professor oder sowas, den ich im Eisenbahnzug kennengelernt hab, also der hat mir bewiesen, daß die Ärzte früher auch Barbiere waren, und daß die Leute sie nicht gerade sehr hoch eingeschätzt haben. Sie waren so ziemlich auf einer Stufe mit nem drittgradigen Aushilfsdienstmädel. Und jetzt, du lieber Himmel, wenn ein Chirurg dir die Gnade erweist, dich aufzuschneiden, dann könntst du meinen, es war der König von Frankreich! Die Hotelbranche – na ja, bis jetzt war nicht sehr viel dran, weil die Hotels – Herbergen bat man sie genannt und Gasthöfe und so weiter – sie haben ja nicht viel getaugt. Aber das ändert sich jetzt alles. Ich sage dir, meiner Meinung nach wird bald eine Zeit kommen, in der wird's Hotels geben, die noch größer und feiner sind als das Waldorf, und dann, wenn die Hotels besser werden, werden auch die Hoteliers wichtiger. Ne ganze Menge piekfeine Leute werden den eigenen Haushalt satt kriegen und in Hotels ziehen. Das wird eine der wichtigsten Branchen in unserem Lande sein, und die größten Tiere werden dazu gehören.

Und ob Hotels nützlich sind, also, ich kann dir bloß sagen, man muß Reisender sein, um ein Hotel würdigen zu können – man kommt ganz müde und naß und elend von dem Eisenbahngeruckel und dem Ruß an und kriegt ne gute heiße Tasse Kaffee, wie Mutter Weagle ihn kocht, und ein gutes, sauberes Bett wie hier – obwohl ihr euch wirklich mal Matratzen anschaffen könntet, die was taugen, statt diesem klumpigen Zeug. Aber das ist bloß n Spaß. Was Wichtigeres – und auch Interessanteres – könntest du gar nicht tun; du lernst alle möglichen Menschen kennen und kriegst sie sozusagen zu sehen, wenn sie das Hemd ausgezogen haben; du siehst den Senator besoffen und den Provinzbankier bei Rendezvous, die er um jeden Preis geheim halten will. Und du gehörst ins Hotel; du hast richtig angefangen. Es hat wohl noch nie einer die Hotelbranche gelernt, bis in jede kleinste Einzelheit, wenn er nicht unterm Küchenausguß auf die Welt gekommen ist und seine ersten Zähne im Büro mit den unbezahlten Rechnungen gekriegt hat! Mach das nur, Junge! Du wirst ne ganze Menge lernen müssen. Du wirst in alle möglichen Hotels gehen müssen, die größer sind als das hier – zum Beispiel in Bridgeport – das ist die größte Stadt ihrer Größe in den USA! Du wirst Buchführen und Einkaufen lernen müssen; nicht bloß so mal rüberspringen und ein Beefsteak holen, wie du's hier machst, sondern mit großen Lieferfirmen verhandeln, um, sagen wir mal, tausend Messer und Gabeln, hundert Puter, fünf Fäßchen Austern – du wirst dahinter kommen müssen, wie man Verhandlungen führt und sich dabei durchsetzt. Du wirst Manieren lernen müssen – wirst lernen müssen, wie man Leuten gegenüber, die einen über's Ohr hauen wollen, ein Pokergesicht aufsetzt. Jetzt bist du natürlich noch n Junge, aber sogar dafür bist du viel zu offenherzig; ich kann dir immer sofort sagen, ob du vergnügt bist oder n bißchen gekränkt. Du wirst alles verstehen müssen von Porzellan und Silber und Glas und Leinen und Brokatstoffen und den besten Hölzern für Fußböden und für Möbel. Ein Hoteldirektor muß eine Kombination sein aus Hausfrau, Küchenchef, Rausschmeißer, Arzt für Notfälle, Amme, Rechtsanwalt, und zwar einer, der davon, was ein Gast darf und was nicht, und was er vom Gepäck von Durchgängern mit Beschlag belegen darf, mehr versteht als der Oberste Gerichtshof selber, und dann muß er noch Tapezierer sein, wandelndes Adreßbuch, das auswendig weiß, ohne nachzusehen, wo die und die Baptistenkirche ist und um welche Zeit das Standesamt aufmacht und wann der Lokalzug nach Hick Junction abgeht. Er muß diplomierter Buchsachverständiger sein, Sprachlehrer, Eilwäscher, Installateur, Heizungssachverständiger, Zimmermann, Redner, Autorität auf dem Gebiet der Wichtigkeit von Hinterwäldler-Senatoren und Vortragsreisenden, die auf eine Nacht kommen und erwarten, daß man schon einen roten Teppich für sie über die Straße gelegt hat, Detektiv muß er sein, der jedem Weib an den Ohren ansieht, ob sie auch wirklich mit dem Kerl verheiratet ist oder nicht, und Geldverleiher – nur kriegt er keine Zinsen und hat keine Sicherheit. Er muß sich anziehen wie ein Bonvivant, und wenn er auch nur einen Nickel in der Tasche hat. Er muß imstande sein, einer Kuh am Muhen anzuhören, ob sie gute Steaks liefern wird oder nicht. Er muß mehr von Wein und Zigarren verstehen als die Leute, die sie machen – die können sich rumspielen und Experimente machen, aber er muß sie verkaufen. Und außerdem und vor allem muß er ein Diplomat sein, an dem gemessen Thomas F. Bayard aussehen würde wie John L. Sullivan auf einem kleinen Bummel. Er muß eine Tafel führen können wie ein Vanderbilt und doch die Pfennige zusammenhalten wie ein jüdischer Hausierer. Wenn du das alles kannst, wirst du's gut haben. Mach dich nur ran, Captain. Na, ich will jetzt mal reingehen und was essen.«

Nie wieder, abgesehen von gelegentlichen schwachen Stunden, strebte Myron danach, etwas anderes zu werden als Hotelier – ein großer Hotelier der künftigen fabelhaften Tage der Nach-Waldorf-Ära.

6

Inhaltsverzeichnis

Für Myron war sein Bruder Ora ein noch größeres Rätsel als Miss Absolom oder etwa die Plejaden. Es blieb ihm unbegreiflich, warum es Ora anscheinend keine Befriedigung bereitete, seine kleinen Arbeiten im Hotel ordentlich und zur rechten Zeit zu erledigen; wie es Ora Freude machen konnte, Stunde um Stunde Scott und Dickens und Thackeray und Tennyson zu lesen. Du lieber Himmel, bekam er denn alle diese Märchen und Lügen über einen Haufen Ritter und so weiter nie über? Und wo nahm Ora alle diese komischen Ideen her?

Ora vertraute ihm zum Beispiel an: »Eines Tages fahre ich nach Venedig – –«

»Das ist in Italien, nicht?«

»Verflucht nein! In Finnland ist es! Ich fahr nach Venedig, und da werd ich meine Privatgondel haben und immer drin rumfahren, und dann werden mir so ne, wie heißen sie nur, italienische Lieder vorsingen. Wenn der Mond scheint. Jahrelang, jede Nacht.«

»Ach Gott, ich glaube, das würde gar nicht so viel Spaß machen, Ora, höchstens in den ersten paar Nächten. Ich möcht lieber n bißchen frei kriegen und nach Maine hinaufgehen, Enten jagen.«

»Das würdest du, ja! Und ich werde eine Menge Fürsten und Herzöge und lauter so Leute kennen. Und an der Riviera werd ich sein. In Monte Carlo spielen!«

Mit würdevollem Kopfschütteln und Stirnrunzeln erklärte Myron: »Ich habe nie viel vom Spielen gehalten. Bloß ne gute Methode, sein Geld herauszuschmeißen.«

»Na, dein blöder alter Hector Warlock – mit seinen Zahnstocherphantasiewesten, die aussehen wie Tischtücher mit Ketchupflecken – der spielt!«

»Das ist was anderes. Bloß son bißchen Karten mit Freunden. Und du sag mir nochmal was gegen Mr. Warlock, und ich schlag dir deine Schnauze ein!«

»Das bist du auch imstande! Das ist so ziemlich die einzige Art, wie du recht behalten kannst! Der Warlock! Ich werd Plätze sehen, von denen er nie in seinem Leben gehört hat, mit seinen ganzen Aufschneidereien von der Fifth Avenue, Boston und dem Parker House! Ich werd mein Schweizerhaus oben auf dem Gipfel der Alpen haben und den ganzen Tag schlafen und die ganze Nacht aufsitzen und in die Sterne sehen … Hast du schon einmal daran gedacht, Myron: die Sterne sind Blumen auf den Himmelswiesen?«

Myron betrachtete ihn mißtrauisch. Versuchte Ora ihn aufzuziehen? Aber sein Bruder war ganz ernst. Myron spottete nie; er verspottete Ora niemals, wenn er auch oft das Verlangen verspürte, ihm etwas anzutun. »Nein, an sowas hab ich nie gedacht. Das hört sich so an wie die Sachen, die der Reverend Ivy sagt.«

Da Ora diesen hübschen Gedanken in der Tat von den Lippen des Reverend Waldo Ivy gehört hatte, antwortete er wütend: »Das ist nicht wahr! So einen guten Einfall hat der noch nie in seinem Leben gehabt! Ich hab eine Menge Einfälle. Wart nur, bis ich Zeit hab, Bücher zu schreiben und Gedichte! Du wirst schon sehen! Ich werd so viel Geld verdienen, daß ich eine Yacht haben und damit rumkreuzen werd – ach, nach Kambodscha und Nantucket und dem Tal Avalon und überallhin.«

»Na, ich wünsch dir, daß du's kannst. Sag mal, wie wär's, wenn du jetzt die Holzkiste auffüllen würdest?«

Myron dachte bekümmert: »Er hat wirklich feine Einfälle. Er wird wohl viel loshaben. Das Gedicht, das er geschrieben hat – wie war's nur? –

Durch ferne Meere will ich fahren, auf mich nehmen Schmerz und Qual,

Allüberall zu suchen und zu forschen nach dem heiligen Gral

oder sowas Ähnliches; das war sicher ein sehr gutes Gedicht. Bloß, warum kann er nicht zuerst erledigen, was er zu tun hat, wie Mr. Warlock immer sagt? Ist ja sehr schön und gut, von Europa und den Alpen und alledem zu träumen, aber vorläufig ist er doch hier im American House, warum macht er nicht da die Arbeit, wie er muß? – und er muß doch; ich werd dafür sorgen, daß er's macht! Und dann, wenn die Zeit dafür kommt, kann er ja überall dahin gehen. Ich kann bloß nicht verstehen, wie ein Mensch nicht den Stolz hat, gut zu machen, was er machen muß … Ach, na ja, wahrscheinlich bin ich eben einfach n alter Besen. Wahrscheinlich ist es so, wie Ora sagt: ich hab keine Phantasie. Ich taug wohl genau so wenig wie der alte Holzkopf, der Trumbull Lambkin … Was für Hotels es dort wohl in den Alpen gibt? Die müssen wohl groß sein, so mit Aussicht. Ob die viele Privatbäder haben?«

In der ganzen Höheren Schule Black Threads gab es keinen beliebteren Jungen als Myron Weagle. Und doch hatte er keine Freunde. Denn Knabenfreundschaften entstehen ausschließlich in Mußestunden. Freunde sind Gefährten der abendlichen Nationalitäten- und Räuber-und-Gendarm-Spiele, der Sonnabend-Nachmittag-Wanderungen durch die Wälder, des Herumlungerns im Schwimmbad. Solche Jugendfreunde müssen keine zwei Gedanken gemeinsam und nicht den gleichen Geschmack haben; wenn man sie nach zwanzig Jahren wiedertrifft, können sie einem fremder sein als jede am Tag vorher gemachte Zufallsbekanntschaft im Pullman-Wagen. Sie sind Waffengefährten, nicht Vertraute. Und so konnte Myron in seiner Knabenzeit, da er keine Muße hatte, auch keine Freunde haben.

Niemals kamen der gemütliche Tom Weagle und die zärtliche Mutter Weagle auf den Gedanken, Myron hätte in jeder schulfreien Minute, die er nicht gerade schlief, so viel zu tun, daß er eigentlich überhaupt keine wahre Jugend hatte. Sie waren der Überzeugung, daß sie ihn gut behandelten. Hatte er nicht, da er statt gewöhnlicher bescheidener Hausmannskost die Hotelverpflegung bekam, mehr als genug zu essen? Kriegte er nicht jedes liebe Jahr einen neuen Anzug? Und wenn sie ihn (was ungefähr fünfzigmal im Tag geschah) um irgendeine ganz winzig kleine Extraarbeit baten, taten sie das dann nicht immer höflich, etwa mit den Worten: »Wenn du's machen kannst, und wenn es nicht zuviel Mühe ist?« Und sah es nicht immer so aus, als ob er es sehr bereitwillig täte?

So hätten Tom und Edna Weagle argumentiert, wenn sie plötzlich durch ein Wunder die großartige Fähigkeit erworben hätten, überhaupt über ihre Methode der Erziehung Myrons nachzudenken … Über Ora und seine Erziehung dachten sie aber genug nach. Dafür sorgte Ora dadurch, daß er standhaft und tapfer jammerte, so oft er um etwas gebeten wurde, und es höchst energisch nicht tat.

So wie Myron keine guten Freunde hatte, fehlte es ihm auch völlig an jenem Kontakt mit der Natur, der einem Jungen im Dorf so oft eine Entschädigung bietet für provinzielle Langweiligkeit und Häßlichkeit, eine Entschädigung dafür, daß man am Abend immer nur den einen Spaziergang machen kann, die Hauptstraße entlang zur einzigen Drogerie, wo man immer dieselbe Schokolade oder dasselbe Erdbeereis-Soda bekommt, eine Entschädigung für das unabänderliche Familiengespräch beim Abendbrottisch mit dem ewig gleichbleibenden dummen Witz Vaters über die Faulheit des Jungen und seinen gewaltigen Appetit, für die ewig gleiche boshafte Verdrehtheit von Lehrerinnen, die bloß deshalb unterrichten, weil sie es nicht fertiggebracht haben, zu heiraten.

Bei den meisten Dorfkindern wird all dies gewöhnlich aufgewogen durch ein Wissen um Blumen und Haine und Vögel und kleine Täler im Sommerdunst, aber Myron hatte niemals Zeit, stundenlang begeistert über Hügel zu wandern, und ohne solche Stunden, in denen man die Klänge und Farben der Welt in sich eindringen läßt, kann es kein Wissen um die Natur geben. Aber wenn er auch nicht liebevoll vertraut mit der Natur war, so liebte er doch die Landschaft. Diese beiden Dinge sind keineswegs ein und dasselbe.

Wer ein richtiger Städter ist, für den alle sorgfältig gearbeitete Natur aus Zement besteht und sauber eingeteilt ist, der mag durchaus eine halbe Stunde lang fähig sein, die Reize eines Vermont-Tales zu bewundern, aus dem Wälder zu einem ragenden Gipfel empor klettern, auch wenn er nicht genau weiß, ob die Bäume Dattelpalmen oder Schuppentannen sind und ob der sich im Dunst der Höhe verlierende Berg aus Eisenbeton oder bloß aus grün gestrichenem Backstein gebaut ist. Ora konnte eine Grasammer viel besser von einer Drossel unterscheiden als Myron, aber wenn Myron auf dem Dach des American House saß, fand er Erbauung und Erholung im Anblick der Flußwindungen und der freundlichen Höhen, die den Sonnengott einfach langweilten, weil es ihn danach verlangte, seine Sonnengöttlichkeit in einer Privatgondel zu verherrlichen.

Auch der Sport existierte nicht für ihn.

Darüber vergoß die Schule Tränen. Der Baseball-Kapitän ließ sich nicht nehmen, daß Myron ein geborener Ballwerfer sei. Der Fußball-Kapitän erklärte, Myrons Brust und Schultern und eine gewisse Raschheit im Angriff, die in den Kämpfen hinter dem Schulhaus zu beobachten war, zeigten, daß er ein ausgezeichneter Stürmer oder Rechts- oder Linksaußen sein müßte. Ob er denn gar keinen Schulstolz hätte? Ob er nichts für das gute alte Black Thread tun wollte? Ob er so faul und so unpatriotisch wäre, daß er dasitzen und zusehen könnte, wie die Höhere Schule von Beulah Black Thread in diesem Jahr wieder schlagen würde?

Myron hatte das Gefühl, es sei für ihn ein Ding der Unmöglichkeit, zu erklären, daß er sich nicht vom Hotel freimachen könne. Das wäre Kritik an seinen Eltern gewesen. Er drückte sich und lächelte und verbarg, wie er es von J. Hector Warlock gelernt hatte, hinter einem Pokergesicht seine Sehnsucht, an schönen Herbstabenden draußen zu sein und mit der Mannschaft zu trainieren.

»Ich will schon versuchen, es zu machen, aber ich bin ein bißchen zurück in dem lausigen Latein«, log er voll Liebenswürdigkeit.

Er war jetzt sechzehn Jahre alt. Ein ganzes Jahr lang war er, unter J. Hectors Einfluß, professioneller Hotelfachmann gewesen, und er wußte, welche Loyalität er dem Gewerbe schuldete.

Von Erdbeerbäumen und Eichhörnchen wußte Myron wohl recht wenig, aber dafür hatte er um so vertrauteren Umgang mit den weit herumgekommenen, mit allen Salben gesalbten Hotelangestellten, und darum beneideten ihn andere Jungen. Der schlaue Onkel Jasper, der farbige Hausdiener, erzählte in Gackertönen von den fünfziger Jahren, in denen er, noch als Sklave, in Rockbridge Alum Springs in Virginia die Bar auszufegen hatte, in der die »jungen Herren« mit großem Eifer Zechgelage mit Brandy Crusta, Louisiana-Zuckerhauspunsch, Gin mit Farrensaft und Portwein-Negus abhielten. Er erzählte vom kühnen General Grant, der damals ein Victoria vor dem Eustaw House in Baltimore stehen hatte, und Myron riß den Mund auf. Eines Tages würde er ein Hotel besitzen, das Gewaltige wie General Grant aufsuchten, und er würde sie alle kennen!

»Ich hoffe sehr, General, daß dieses Appartement zur Zufriedenheit von Eurer Exzellenz ist. Ich bitte mich zu benachrichtigen, General, wenn ich das Vergnügen haben kann – haben darf – darf, Ihnen zu Diensten zu sein, und es ist mein ergebenster Wunsch, daß Ihr Aufenthalt bei uns erfreulich für Sie sein wird, General. Wie, Ihr Bild mit Unterschrift? Oh, das ist wirklich eine überaus aufmerksame und von mir voll gewürdigte Gunst, General. Noch meine Enkel werden stolz darauf sein.«

Von Mrs. Hobby, der ältesten von den Frauen, die als Zimmermädchen und Kellnerinnen zu funktionieren hatten – sie hatte einst bessere Tage gesehen und hörte es gern, wenn man sie »Haushälterin« nannte – lernte Myron, kaputte Handtücher auf der Nähmaschine zu reparieren, indem man über dem Riß vielfach hin und her näht. Selbst von Imogene Heck, der unordentlichen und immer nach Fett riechenden Schlampe, die Geschirr wusch und das Gemüse für Mutter Weagle zum Kochen herrichtete, lernte Myron Küchengeheimnisse: Kupfer mit Steinsalz und Essig putzen, Wasserflaschen mit rohen Kartoffelscheiben säubern und ranzig gewordenes Öl mit einer Kartoffel kochen, um es wieder süß zu machen. Am meisten aber hatte Jock Mc-Creedy, der Barmann, Myron beizubringen, und seine Freundlichkeit entschädigte den Jungen für den Mangel an Sonne, Wind und fröhlichem Lachen, dafür, daß er den größten Teil seiner schulfreien Stunden in den dumpfigen Räumen eines Gasthofes verbringen mußte.

Kein Mensch im Amerika vor der Prohibition und auch in den wenigen guten von den später aufgekommenen »American Bars« in Europa stand auf so gutem Fuße mit einer Unzahl von Menschen wie der Barmann, der sich auf sein Geschäft verstand. In seiner Umgebung existierte die einzige wahrhafte Demokratie, die es in Amerika jemals gab. Er war der Vertraute reisender Fürsten und Admirale, durstiger Schriftsteller und Gelehrter, junger Handelsreisender und eifriger Versicherungsagenten, die die reichen Leute der Stadt kennenlernen wollten, ermüdeter Ärzte und agiler Journalisten, großer und kleiner Gauner, professioneller Schnorrer, würdevoller Kaufleute und in Zivil gekleideter Geistlicher aus fremden Städten, und er hatte das Privileg, beziehungsweise das unselige Geschick, alle diese Menschen besser zu kennen als ihre eigenen Brüder, denn das Zaubermittel Alkohol öffnete ihre Herzen und ließ sie dem einzigen verfügbaren Beichtvater sagen, was sie wirklich dachten. Er hörte sich ihre schmutzigen Witze an. Wenn er einmal den neuesten nicht mindestens siebenmal hörte, war es ein schlechter Tag. Und er heilte ihre matinalen Depressionen. Er hörte sich ihre Sorgen mit den Frauen an und gab weise Ratschläge – der Rat wurde niemals befolgt, aber es war trostreich für bekümmerte Ehegatten, jemand zu finden, der bereit war, ihren Ergüssen zu lauschen und sich nicht wegzuschleichen. Er lieh ihnen Geld und bekam es manchmal auch zurück. Er kannte die besten Kirchen, die besten Angelgerätgeschäfte und die besten Huren in der Stadt. Er konnte sogar noch besser als ein erprobter Hotelportier einem Fremden am Schnitt der Rockaufschläge ansehen, ob er seine Rechnungen bezahlte, seine Frau prügelte, beim Poker mogelte und etwas von echtem französischem Kognak verstand.

Niemand, nicht einmal ein Gigolo oder ein beliebter Prediger, mußte die Kunst genereller Konversation mit solcher Meisterschaft beherrschen wie ein Barmann von Qualität. Wenn er nicht imstande war, sich über die Mechanik elektrischer Kraftwerke zu unterhalten, über die Wahrscheinlichkeit, daß die Engländer die verlorenen Stämme Israels seien, über die Vorzüge von Nähmaschinenöl zur Heilung von Ohrenschmerzen bei Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren, über den Stil Bulwer Lyttons und jenes neuen Autors, Richard Harding Davis, über den angemessenen Preis für einen blauen Anzug mit zwei Hosen, über die Vorzüge von kurzhaarigen, beziehungsweise langhaarigen Vorstehhunden bei der Wachteljagd, über die Vergangenheit der Maud S. und die Meriten der Prädestinationslehre als Dogma – wenn er das nicht konnte, war er verloren und mit Schmach beladen, und alle Meisterschaft im Mixen eines Blue Blazer konnte seinen Mangel an geistiger Souveränität nicht entschuldigen.

Und der Mann, der Myron in seiner letzten Schulzeit, von seinem sechzehnten bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr, in allen diesen gesellschaftlichen Künsten ausbildete, war ein Lord unter den Barmännern.

Das Interieur war angenehm, besonders an Augustnachmittagen, wenn das Pflaster draußen die Hitze widerstrahlte. Der kühle Barraum, der nach Bier roch, nach bitterlichem Whisky und nach mit Wasser besprengtem Sägemehl; die Gläserpyramiden und der Akt, den Ora so bewunderte; gesellige Männer, die Casino spielten und den letzten Schlager summten; und Jock McCreedy und Myron in blitzsauberen, gestärkten weißen Jacken, bereit für den Andrang am Spätnachmittag.

Ein Fremder kam herein und Jock murmelte: »Gib acht auf ihn – laß dir das Geld geben – seine Augen gefallen mir nicht.« Aber wenn es ein bereits bekannter Nassauer war, überließ ihn Jock nicht Myrons jugendlichen Gefühlen, sondern machte sich selbst an das Ungeheuer heran und summte ihm so liebevoll zu wie eine Mutter dem Kindlein in der Wiege: »'n Schlückchen trinken, Pete? Aber wie wär's denn vorher mit 'ner kleinen Kontoreglung, alter Junge? Am Vormittag hat mir Tom Weagle noch gesagt, wenn ich nicht einkassiere, flieg ich. Wir müssen die Miete zahlen. Wie wär's mit fünf Dollar?« Und wenn einer der Mächtigen des Ortes, ein gewaltiger Kirchen- und Temperenzmann, hastig hereinkam und brummte: »Gläschen Rum – bin scheußlich erkältet«, bediente ihn Jock mit den Bewegungen eines Ministranten am Altar.

Das waren großartige Tage! Myron begann zu merken, daß er seine Arbeit verstand – Küche und Wäscheraum und Fremdenzimmer, Halle und Speisesaal und Bar. Er spürte etwas von der Kraft, die einem die eigene Tüchtigkeit gibt. Er war vorbereitet für die Universität und das Doktorenexamen in der Wissenschaft der Hotelführung.

Sowie er mit der Schule fertig war, erklärte er seiner Familie, er werde nach Torrington gehen, um sich in dem großartigen Hotel Zum Adler mit seinen siebzig Zimmern und seinem – es lag in der Nähe der Station – imposanten Restaurationsgeschäft mit Eisenbahnpassagieren eine Stellung zu suchen.

Seine Mutter weinte und fuhr sich mit ihrer alten Schürze über die Augen. Wie sollte sie ohne ihn auskommen? Wahrscheinlich wäre er niemals gegangen, hätte viele Jahre lang Black Thread nicht verlassen, wenn nicht der alte Tom Weagle voll herrischer Empörung gerufen hätte: »Natürlich! So ist es ja immer! Nachdem ich dich jahrelang großgezogen und alles für dich getan habe, willst du dich jetzt verdrücken, gerade wenn du anfangen könntest, deiner Mutter und mir ein bißchen Hilfe zu sein! Ich hab dir Obdach gegeben und dich ernährt und dir Benimm beigebracht und dir fünfzig Cent Taschengeld in der Woche gegeben, bloß damit du was zum Rausschmeißen hast, und das ist jetzt der Dank dafür. Nein, du sei still, Mutter, jetzt ist es Zeit, daß ich ein Wörtchen rede und diesem undankbaren jungen Schlangenzahn sage, was für ein – was für ein Schlangenzahn er ist, weiß Gott!«

Myron ging, sein Köfferchen schleppend, die fünfzehn Meilen nach Torrington zu Fuß. Die ersten fünf Meilen weinte er über seine Mutter. Die zweiten fünf Meilen jubelte er voll Abenteuerfreude über die gewonnene Freiheit. Es war, seit sie von der Farm fortgezogen waren, seit seinem siebenten Lebensjahr, das erstemal, daß er Zeit hatte, fortzugehen, sein eigener Herr zu sein und seinen eigenen Weg zu machen. Während der letzten fünf Meilen war er viel zu fußkrank, um überhaupt noch an etwas anderes zu denken – nicht einmal an die Tatsache, daß er vom Hotel Zum Adler mit Hurrarufen begrüßt werden und im Handumdrehen ein in der ganzen Provinz berühmter Hoteldirektor sein würde.

Eine Meile vor Torrington legte er sich in einen Heuschober schlafen.

Am nächsten Morgen konnte er nur mit zusammengekrampftem Herzen den Mund ganz weit aufreißen, als ihm Mr. Coram, der Direktor des Adler, ein glatter, sachlicher Mann mit Augengläsern, erklärte, es sei kein Plate für ihn da. Es dauerte zehn Tage, bis er im Fandango Inn in Buttermilk Springs, einem übel beleumundeten Ausflugshotel, einen Sommerposten als Page bekam; in dieser Zeit verhungerte er fast, aber er dachte nicht eine Sekunde lang daran, nach Black Thread zurückzugehen.

7

Inhaltsverzeichnis

Er bewohnte mit den drei anderen Pagen des Fandango Inn zusammen einen kleinen Raum unter dem Dach, dessen Schrägen so tief hinuntergingen, daß der Raum nahezu ein Pentaeder war. Eine Ventilierung war nur durch zwei Fuß hohe Fenster möglich, die, noch unterhalb der Dachschrägen, ganz unten am Fußboden saßen. Das Zimmer hatte nichts Teppichähnliches auf dem Fußboden liegen, es war untapeziert und von Ungeziefer heimgesucht, die Lager waren harte, mit Segeltuch bespannte Feldbetten, und es gibt wirklich nichts, was nach sechs Stunden Schlaf (so viel Zeit verbrachte Myron ungefähr jede Nacht im Bett) härter sein kann als straff gespanntes Segeltuch. Es sah eigentlich einigermaßen aus wie in einer Gefängniszelle, nur war es wahrscheinlich weniger interessant. In dem unordentlichen »Einzelzimmer«, das er im American House mit Ora teilte, hatte Myron es bequemer gehabt; er hatte es sogar bequemer gehabt, wenn das Hotel überfüllt war, wenn Reisende auf Billardtischen, Speisesaaltischen und in der Halle aufgeschlagenen Lagern schliefen und er und Ora auf Decken in der zugigen Küche übernachten mußten.

Ein anderer Gegenstand des Kummers war seine Uniform; sie saß sehr stramm, hatte kneifend enge Hosen, und eine ganz ekelhaft große Anzahl kleiner Messingknöpfe daran, die immer blank geputzt sein mußten. In diesem Anzug kam er sich vor wie ein Leierkastenaffe; als er seinen Mitpagen gegenüber von diesem Gedanken sprach, versicherten sie ihm allerdings, er sähe nicht so aus – er sähe bloß aus wie ein Gorilla.

Und er war schlecht bezahlt und bekam noch schlechtere Trinkgelder.

Am schlimmsten aber für den naiven Myron, der frisch von der hausfraulichen Hotelführung seiner Mutter kam, war die Lumpigkeit, die Angeberei und die Schäbigkeit der Gäste im Fandango. Üble Kunden waren auch in das American House gekommen; Myron und Jock McCreedy hatten manchmal einen mörderisch Betrunkenen ins Bett geschleift und dann eingeschlossen; für gewöhnlich aber waren die Reisenden, Farmer, Witwen und Wander-Augenärzte, aus denen sich ihr Publikum zusammensetzte, froh, wenn sie um zehn Uhr müde zu Bett konnten.

Die Gäste des Fandango besaßen alle Laster Monte Carlos, nur statt in Samt in Wachstuch. Es waren die »Portokassenjünglinge«, die »Talmi-Kavaliere«, die »Pfennigverschwender«, die, zusammen mit rinnenden Kaffeekannen, Unmenschen, die neue Handtücher beim Abwischen der Rasierklingen zerschneiden, Aschenbecher-Dieben, Vagabunden, Scheckschwindlern, losen Teppichenden in dunklen Fluren und den anderen großen Tragödien des Gewerbes, Gegenstand ewiger Klage sind, wenn die Hoteliers einander insgeheim ihre Schmerzen anvertrauen. Die Gäste des Fandango verließen Torrington und Hartford, Waterbury und New Britain als bescheidene Angestellte oder Kleingewerbetreibende; sie kamen im Hotel an als feine Herren, als Millionäre, die, bei Gott, gewohnt waren, bedient zu werden, bei Gott, und auch, bei Gott, bedient werden wollten oder gewaltigen Lärm schlugen; und sie warfen das Geld nur so um sich – für alles, nur nicht für Wäsche und Trinkgelder.

Die Hausfrau, die sich zu Hause seit Jahren in aller Zufriedenheit zu einem Abendessen aus Bouletten, Maiskuchen, Kakao und Apfelmus hinsetzte, dehnte jetzt ihren stolzen, von Jetteperlen glitzernden Busen voll Erhabenheit, während sie eine Speisekarte betrachtete, auf der nur Hummermayonnaise, Bachforellen, Escalottes, gebratene Ente, Curaçao-Sorbet, gemischtes Eis und dreißig andere Dinge standen, und klagte: »Das ist alles, was zum Abendessen da ist?«

Wie sie aßen! Wie sie tranken! Wie, und zwar wie schlecht, sie von Mondabenden sangen, wie Hunde, die den Mond anheulen. Eine halbe Stunde vor der Essenszeit pflanzten sich sämtliche Gäste, obwohl das für die Männer bedeutete, daß sie für volle dreißig Minuten auf die Wonnen der Bar verzichten mußten, mit ihren Schaukelstühlen so nahe es nur ging vor dem Eingang zum Speisesaal auf, und in der Sekunde, in der die Doppeltüren von dem stattlichen schwarzen Chefkellner geöffnet wurden, machten sie eine Kavallerieattacke, während der Ober, sichtlich erblassend, zur Seite sprang, um sich in Sicherheit zu bringen.

Dicke Männer aßen und bestellten nochmals und aßen drei Portionen Steak, zwei Portionen Lachs, drei verschiedene Pasteten. Dicke Männer aßen und tranken und schnauften und preßten den ganzen lieben Tag lang zwischen den Mahlzeiten voll Anmut ihre zarten und überfüllten Mägen gegen das Geländer der Bar, während sie die interessanten Wirkungen einer Mischung aus Rumpunsch mit Gin und Maraschino ausprobierten. Hagere Männer bugsierten Damen auf die große Veranda, räkelten sich auf Schaukelstühlen neben ihnen, räusperten sich und begannen: »Hm. Schöner Tag. Schon lange hier, Gnädigste?«

Fast jede Nacht mußten Myron, die anderen Pagen und die Portiers irgendeinen hageren Mann aus dem Zimmer einer mehr oder minder empörten Dame entfernen, während der hagere Mann mit etwas schwerer Zunge erklärte, er hätte sich geirrt und es für sein eigenes Zimmer gehalten, und mit dem Fandango wäre gar nichts mehr los und am nächsten Morgen würde er abreisen. Und hagere Männer und dicke Männer und unbeschreibliche mittelstarke Männer spielten die ganze Nacht hindurch Poker, lärmend und streitsüchtig, nicht mit der angenehmen, eleganten Ruhe J. Hector Warlocks.

Der Fandango Inn hatte – für das Jahr 1898 – außerordentliche Sportgelegenheiten. Es gab vier Croquetplätze und einen Tennisplatz. Es waren Reitpferde da, und in der Nähe, durch ein kleines Gehölz zu erreichen, lag ein kleiner See, in dem man schwimmen konnte, wenn man so etwas gern tat. Man erzählte sich auch, daß man in dem nur wenige Meilen entfernten North Buttermilk dieses neumodische Spiel, Golf, spielen könnte. Aber keiner der Fandangogäste im Alter von mehr als achtzehn Jahren verschwendete seine Zeit an Sport. Sie aßen. Sie tranken. Sie schaukelten sich in den Stühlen. Sie dösten und wachten auf, um wieder zu essen. Sie erfüllten die schöne Nacht mit dem lauten Schmatzen langer, triefender Küsse, und verzehrten, bevor sie zu Bett gingen, noch leichte Imbisse aus Schinken, Zunge, Cornedbeef und Fischsalat in der Bar.

Der Direktor des Fandango, ein glattzüngiger Mensch mit fettigem schwarzem Haar, der einen beim Sprechen niemals ansah, rieb sich die Hände und trug eine zufriedene Miene zur Schau; wenn in irgendeinem Zimmer nach Mitternacht der Teufel los war wegen eines Kartenspiels oder irgendeiner galanten Affäre, ging dieser Direktor der Sache aus dem Weg und sagte leise zu den Pagen: »Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!«

Und einmal war er gerade hinter dem Pult, als ein Herr und eine Dame mit einer Flasche Bourbon-Whisky in einer Papiertüte als einzigem Gepäck kamen; sie trugen sich ein als: »Präsident McKinley und Großmutter«, und er murmelte etwas und gab ihnen ein Zimmer. Er überließ es den Pagen und Portiers, angeheiterte Gäste zur Ruhe zu bringen, wenn andere Zimmer sich allzu heftig beschwerten; gelang es nicht, Ordnung zu schaffen, so drohte er damit, die Pagen hinauszuwerfen; gelang es ihnen aber und die Unruhestifter ihrerseits beklagten sich dann, so strafte er die Jungen, indem er ihnen einen Tageslohn abzog, strahlte, ging in die Bar und leistete sich von dem so ersparten Geld ein gutes Schlückchen.

Aber in diesem Sommer lernte Myron, wenigstens seiner eigenen Meinung nach, mit allen schwierigen Gästen außer Tollwütigen, die sich mit einem Beil bewaffnet haben, fertig zu werden.

Die Pagen hatten eine Möglichkeit, sich für ihre schlechte Bezahlung und Überanstrengung zu rächen. Wenn ein Korn, wie es bei Kartenpartien häufig vorkam, im Zimmer serviert wurde, kostete er zwanzig Cent; eine Flasche Korn zu einem Dollar gab zehn bis zwölf – und sehr spät in der Nacht fünfzehn – Gläser. Der älteste Page kam auf den interessanten Gedanken, unter der Vorgabe, es sei für einen Gast, in der Bar eine ganze Flasche zu kaufen und zu bezahlen, sie dann in einem leeren Zimmer zu verstecken und die einzeln auf die Zimmer bestellten Gläser aus ihr zu füllen, was einen Profit von ein bis zwei Dollar ergab. Großmütig schenkte er die Idee seinen Kollegen; zwei von ihnen nahmen sie begeistert auf, aber Myron wollte nicht mitmachen.

»Das heißt stehlen«, erklärte er.

»Na freilich. Bestehlen die uns denn nicht auch? Wie sie uns bezahlen – beim Einstellen haben sie uns erzählt, was für fabelhafte Trinkgelder wir kriegen, und dann gibt's von diesen knickerigen Lumpen zehn Cent im Tag! Und das Zimmer und die Verpflegung, die wir haben! Alles, was wir in dieser Bude in die Finger kriegen können, gehört uns«, erläuterte der älteste Page, der fünfzig Cent wöchentlich Sonderbezahlung bekam und außerdem gratis und franko den Titel Kapitän führte.

»Ich weiß – ich weiß – aber das geht nicht. Wenn's uns hier nicht gefällt, können wir weggehen.«

»Um Gottes willen, Weagle, gefällt's dir hier?«

»Na, man kann eine ganze Menge lernen.«

»Was ich mir dafür schon kaufe! Mein Lernen hab ich hinter mir. Mein Junge, ich hab acht Grundschulklassen und fast n ganzes Jahr an der Höheren Schule gemacht! Gelernt hab ich genug! Du willst also nicht mitmachen mit uns! Willst uns Religion predigen, ja? Unser kleiner Sekretär von den Christlichen Jungen Männern! Unser kleiner Sonntagsschullehrer.«

Myron überlegte sich, daß der älteste Page mit »Religion« wohl so etwas wie »Moral« meinte. Wenn man achtzehn Jahre alt ist, trifft einen natürlich kein Vorwurf so schwer wie der, man sei moralisch und überhaupt pharisäerhaft. So etwas wollte Myron nicht sein. Er wollte durchaus nicht moralisch sein. Er sagte dem ältesten Pagen sehr böse Dinge über die Moral. Er versicherte, er wäre ein ausgemachter Höllenbraten, wahrscheinlich so ziemlich der übelste und verkommenste Bursche, dem der älteste Page in seinem ganzen Leben begegnet wäre. Er gab zu verstehen, daß er söffe wie ein Rollwagengaul und daß vor ihm die Tugend keiner Frau sicher wäre. Aber in seinem Betrieb stehlen könnte er nicht.

Sogar sich selbst konnte er es nicht erklären. Das Wort »Loyalität« existierte in seinem Wortschatz noch nicht – und das war vielleicht ganz gut, denn in den nächsten Jahrzehnten tauchte das Wort »Loyalität« allzu oft im Munde von Kaufleuten auf, die Ansprachen in Frühstücksklubs hielten. Es war bloß – –

»Ach, verflucht und zugenäht!« fluchte er, während er versuchte, sich die Sache klar zu machen. »Ich würde eine schöne Wut kriegen, wenn ich Jock McCreedy dabei erwischen würde, daß er uns im American House auch nur um zehn Cent beschwindelt. Auch wenn er meint, daß wir ihn schlecht behandeln – und das hat Pa sicher oft genug getan! Wahrscheinlich ist es idiotisch von mir, daß ich es nicht so mach wie alle andern. Aber verflixt noch einmal, ich will sämtliche Besen mitsamt den Stielen fressen, wenn ich mir mit dreckigen kleinen Diebereien weiterhelfe, und dabei bleibt's auch, wenn ich nie was Ordentliches werde … Aber ich werd's werden!«

Als Myron im September nach Torrington zurückkam, ging er wieder in das Hotel Zum Adler und bat den Direktor um eine Stellung.

Mr. Coram fragte: »Sind Sie nicht der junge Kerl, der zu Sommeranfang da war?«

»Jawohl.«

»Haben Sie die Absicht, immer wieder herzukommen und mir unangenehm aufzufallen, bis ich Ihnen eine Stellung gebe?«

»Jawohl.«

»Was können Sie im Hotel machen?«

»Alles.«

»Nein. Nein. Es gibt nur einen Mann in jedem Hotel, der alles kann, Halle und Innenbetrieb, und das ist der Direktor. Theoretisch wenigstens. Und die Direktorstelle scheint hier leider besetzt zu sein, mein Sohn. Ich fürchte also, für Sie ist nichts da. Übrigens, warum wollen Sie denn nicht, solange Sie jung sind, mit einem leichteren Beruf anfangen, warum wollen Sie durchaus ins Hotelgewerbe, wo man es mit den gemeinsten Verrückten zu tun hat, und zwar gerade dann, wenn sie von zu Hause weg und am allergemeinsten sind? Sie scheinen ein ganz heller junger Mensch zu sein. Fangen Sie doch was verhältnismäßig Leichtes an – zum Beispiel Tiefseetaucher oder Arktisforscher. Tut mir leid, nichts für Sie zu haben. Guten Morgen!«

»Jawohl.«

Zweieinhalb Wochen lang lebte Myron üppig von den achtzehn Dollar fünfundsechzig, die er sich im Sommer zusammengespart hatte, und leistete es sich, köstlich lange auszuschlafen; dann fand er Arbeit als zweiter Nachtkoch am Bijou-Imbißwagen »Immer auf« in Torrington.

Da er achtzehn Jahre alt war, fand er die Nachtarbeit am Imbißwagen aufregend. Er kam sich sehr erwachsen vor, weil er in der verbotenen Zeit aufbleiben durfte. Die dunklen Seitenstraßen, die Straßenlaternen, die eingemummten, vorübereilenden Gestalten Fremder bei Nacht hatten etwas Geheimnisvolles, und die Morgendämmerung war am frischesten und erquickendsten, wenn sie nicht nach einer verschlafenen Nacht, sondern nach maßlos anstrengender Arbeit in den Bratdünsten über einem niedrigen Gasherd kam. Seine Kundschaft hatte Zeit und Muße, wie man sie am geschäftigen Tag gar nicht kannte, und es waren alte Leute, Nachtgespenster – die beiden Stadtpolizisten, der Omnibuskutscher des Hotels Zum Adler, der früher Seemann gewesen war, vereinzelte Vagabunden, die gerade ein kostbares Zehncentstück besaßen, und Menschen, die heimlich unterwegs waren.

Hier lernte er nichts, als munter und gefällig zu sein, auch wenn seine Augen von Rauch und Schlaflosigkeit schmerzten und fast zugeklebt waren, und mit blitzartiger Geschwindigkeit kleine Gerichte zu kochen – ein Ei aufzuschlagen und es scheinbar schon zehn Sekunden nach der Bestellung gebraten zu servieren.

Es wurde viel erzählt an diesem Imbißwagen. Eines Nachts im Januar erzählte der Omnibuskutscher vom Adler, daß der Fleischkoch im Hotel »fortmachte«, weil er in Hartford einen besseren Posten bekam.

Am darauffolgenden Morgen stand Myron nach eineinhalbstündigem Schlaf im Büro Mr. Corams.

»Du lieber Himmel, ich werde Ihnen wohl die Stellung geben müssen, um Ruhe vor Ihnen zu haben. Aber können Sie das denn überhaupt?«

»Jawohl. Ich bin seit September Koch am Bijou-Imbißwagen.«

»Dort wird nicht geschmort und gekocht. Imbißwagen! Ha! Rasche Sachen! Ham and Eggs! Hamburger Steak! Kartoffeln nebenbei mitgebraten, aber fix! Imbißwagen! Das hier ist ein Hotel, junger Mann.« Mr. Coram sprach voll Stolz. Er war zweiundvierzig und arbeitete seit einunddreißig Jahren in Hotels.

»Ich hab schon eine Menge geschmort und gekocht und so weiter. American House in Black Thread. Meine Mutter ist dort Köchin. Ich hab ihr bei allem geholfen.«

»Na schön, ich werd's wohl mit Ihnen probieren müssen, damit Sie wieder friedlich werden und so vernünftig sind, nach Hause zurück zu gehen! Sie fangen mit dreißig monatlich an, Verpflegung und Wäsche frei. Zimmer werden Sie sich selber bezahlen müssen. Wann können Sie kommen?«

»Morgen in einer Woche – ich hab wöchentliche Kündigung am Imbißwagen.«

»Gut. Seien Sie um sechs Uhr fünfundvierzig früh hier. Übrigens: weiße Jacken, Schürzen, Mütze und leichte Overalls haben Sie natürlich selber? Und Hackmesser?«

»Selbstverständlich.«

Das war die einzige Lüge unseres jungen Moralisten, und als er sich zur Arbeit meldete, war es keine Lüge mehr. Er hatte den letzten Pfennig seiner Ersparnisse und darüber hinaus noch fünf Dollar, die er sich von seiner Mutter geborgt hatte, für sein Handwerkszeug ausgegeben.

Den ganzen ersten Vormittag hindurch war er in Angst. Man würde ihm dahinter kommen – er war doch bloß ein Lausejunge, der keine Ahnung vom Kochen hatte. Als er den Küchenchef (»Chef« wurde er aber außer von sich selbst höchst selten genannt) einen Stockfisch aus New Hampshire namens Clint Hosea, kennenlernte, war er ganz zitternde Höflichkeit und Ergebenheit.

Um die Mittagszeit merkte er, daß das Essen im Hotel Zum Adler, obgleich die Küche doppelt so groß war wie die des American House und drei- bis viermal so viel Menschen mit Essen versorgte, ebenso trübselig und langweilig war und daß Clint Hosea ganz wie Mutter Weagle niemals etwas so Umstürzlerisches tat wie ein Kochbuch durchzuarbeiten. Beide hatten sie seit zehn Jahren kein neues Gericht versucht. Am Abend war Myron voll Zuversicht und freute sich darüber, daß das Küchenmädchen, das das Gemüse putzte und die Fußböden säuberte, die stolze Geschirrwäscherin und die Kellnerinnen, wenn er ihnen auch nicht ausdrücklich vorgesetzt war, alle weniger Lohn bekamen als er.

Zwei Jahre lang arbeitete Myron für das Hotel Zum Adler, einige Male gab ihm Mr. Coram eine Zweicent-Zigarre und einmal sogar eine geringfügige Gehaltserhöhung.

Das Tranchieren gekochten Fleisches hatte er von seinem Vater gelernt. Schwierig war es für ihn, das rohe Material zu zerlegen, denn er fungierte als Schlächter sowohl wie als Fleischkoch. Aber er war originell genug, die in jedem Kochbuch zu findenden Diagramme für das Zerlegen unglückseliger Tiere zu studieren, und arbeitete abends freiwillig in einem Schlächterladen, mit dessen Besitzer er sich am Imbißwagen befreundet hatte.

Hotel zum Adler

Torrington, Conn.

Mittagskarte

Suppen

Muschelsuppe – Tomatensuppe mit Einlage

Fisch

Gebratener Hecht mit Mixed Pickles

Gesottenes

Hammelfleisch – Corned Beef mit Kohl

Gebratenes

Rostbraten – Geflügel

Entrées

Gedämpfter Rinderbraten – Schweinekotelett

Beefsteak mit Sauce Tatare

Bananenbeignets mit Weinsauce

Gebackener Maisbrei mit Ahornsyrup

Gemüse

Erbsen in Milch

Gebackene Bohnen mit Braunbrot

Junger Mais mit Bohnen

Salzkartoffeln – Kartoffelpürée

Kartoffeln in der Pfanne

Desserts

Fleischpastete – Apfelpastete – Reispudding

Apfelmus – Gedämpfte Aprikosen

Büchsenpfirsiche

Weißbrot – Grahambrot – Maisbrötchen

Mürbes Gebäck

Tee – Kaffee – Milch

Die Mahlzeiten werden serviert:

Frühstück 6.30-9 Mittag 12.30-2.30

Abendessen 5.30 – 7.30

Nicht auf dieser Karte verzeichnete Gerichte

werden extra berechnet

12. März 1899

Weder die Weagles noch Clint Hosea, noch die drei Pagen, mit denen Myron im Fandango Inn gearbeitet hatte, wußten, daß es so etwas wie Hotelzeitschriften überhaupt gab. Mr. Coram war auf die wöchentlich erscheinende Hotel Era abonniert, las aber meistens nur den Klatsch – Jack Barley, »der wohlbekannte und allseitig beliebte Empfangschef des Memphis-Corona, hat eine ebensolche Stellung im Tartley, diesem allseitig beliebten Etablissement in Chicago, angenommen. Seine zahlreichen Freunde und Gönner im ganzen Süden wünschen ihm allen erdenklichen Erfolg in seiner neuen Stellung und prophezeien ihm darüber hinaus immer größere Erfolge in der Branche«, oder: »M. Wilson Stewkey, Herbergsvater der Villa Daheim im schönen und aufblühenden Jax in Florida will sich mit seiner besseren Hälfte auf eine größere, dreiwöchige Reise nach Westindien begeben. Gute Reise und gute Preise, Bill.« (Das war fast eine ganze Generation, bevor die Branchenzeitschriften des Hotelgewerbes weniger gemütlich wurden und außer Personalnachrichten Artikel brachten wie etwa eine Abhandlung über »Normen für die Kilowattproduktion eigener Hotelkraftwerke«, die ohne weiteres von jedem Hoteldirektor verstanden werden konnten, der in graphischen Darstellungen, Differentialrechnung, Thermodynamik und Elektrotechnik bewandert war.)

Myron sah die Era in Mr. Corams Büro und geriet in Verzückung. Das war eine ausgezeichnete Idee! Eine Zeitschrift mit Veröffentlichungen von allem, was mit dem Hotelgewerbe zu tun hatte, durch deren Vermittlung er sich mit Direktoren und Küchenchefs und Ökonomen im ganzen Land bekannt machen, aus der er etwas über neue Rezepte und Kochherde und Bettenleinwand lernen konnte, über Silberpoliermaschinen und Flaschenöffner und Fußbodenlinoleum. Er abonnierte sich auf die Hotel Era, und zwar von dem Geld, das er für neue Schuhe gespart hatte – ein kühnes und etwas riskantes Abenteuer, denn Küchenarbeit strengt die Füße noch mehr an als das Bedienen in einem Laden, der Dienst als Infanterieoberst oder irgendeine andere derartige proletarische Beschäftigung.

In der Era fand er ein Buch angezeigt: Handbuch und Lexikon für Ökonomen, herausgegeben von Jessup Whitehead, und bestellte es etwas zaghaft. Das Buch war zum erstenmal 1887 erschienen; im Jahre 1899, als Myron es entdeckte, galt es noch als Autorität, und auch noch in das zwanzigste Jahrhundert, das dann so sehr an »wissenschaftlichen Küchenzetteln« litt, rettete das Handbuch etwas von den Herrlichkeiten einer Zeit herüber, in der die guten Bürger, noch nicht allzu sehr geplagt von zeitsparenden Maschinen, in der Zeit nicht etwas sahen, das mit fanatischem Eifer gespart werden muß, sondern etwas, das dem Essen, Liedersingen und Lachen zu widmen ist. Mit ihm verglichen, wirken unsere zeitgenössischen Handbücher aus dem Jahre 1930 mit ihren Vorschriften zur Bereitung von konserviertem Muschelextrakt und Sahnenkäse-Sandwiches mit Nüssen blaß und appetitverderbend.

So entdeckte Myron sein Buch der Bücher.

Der Withehead war für ihn, was für einen jungen Dichter, der, irgendwo am Ende der Welt aufgewachsen, noch nie andere Verse als die Longfellows und Bryants gesehen hat, eine Anthologie wäre aus Shelley, Milton, Chaucer, Byron, Swinburne und der Lyrik Lewis Carrols. Als Myron das Buch öffnete, war ihm zumute wie einem Sterngucker, wenn ein neuer Planet in sein Gesichtsfeld schwimmt, wie einem Forscher mit seinem ersten Mikroskop oder einem jungen Kapitalisten mit seinem ersten Dollar. Whitehead offenbarte ihm all die Feinheiten des Essens, die Vollkommenheiten des Servierens, die Vornehmheiten des Tischschmuckes, von denen er, ohne sie jemals gesehen zu haben, in unklarer Weise gewußt hatte, daß sie existieren müßten.

Nicht für sich selbst ersehnte Myron Weagle diese schmackhaften Gerichte, diese auf das erlesenste mit Glas und Silber dekorierten Tische. So sehr er auch aus wissenschaftlichem Forschungsdrang stets begierig darauf war, neue Gerichte zu kosten, war ihm für seine Person sein ganzes Leben lang das liebste ein Stück Toast mit kaltem Huhn und ein Glas Milch, verzehrt in einer Ecke auf einem Küchentisch, inmitten eifrigen Kochbetriebes. Aber er hatte den Trieb, andere Menschen mit alledem zu versehen. Warum er diesen Trieb hatte, warum es ihn durchaus danach verlangte, allzu üppige Menschen mit allzu üppigem Essen zu versehen, das ist ebenso rätselhaft wie der Drang anderer, sich des Mediums der Worte bedienender Dichter, unbekannte Leser mit üppigen und flammenden Sonetten zu versehen.

Viele Monate lang las Myron Abend für Abend in seinem kleinen möblierten Zimmerchen und in jeder köstlichen freien halben Stunde, die ihm die Arbeit an dampfenden Kesseln und Bratpfannen ließ, seinen Withehead. Er sah und begriff nicht nur die Welt der Waldorfs und Tremonts und St. Charles', sondern ebensowohl die der Hotels in London, Paris und Berlin. Er wurde von ihr genau so fasziniert wie jeder vor kurzem reich gewordene Gast, der in einem großen, internationalen, königlichen Hotel absteigt, aber mit dem Unterschied, daß Myron im Gegensatz zum Parvenü wußte, daß die fabelhaften Gerichte nicht ausschließlich in getäfelten Büros von liebenswürdigen Super-Gents in Gehröcken mit Gardenien ersonnen waren, sondern von Köchen in Overalls, einem aufgeregten Ökonomen in Hemdsärmeln und einer keuchenden Schar von Hilfskräften in jenen versteckten, bescheidenen, schmierigen, über alles wichtigen Räumen und Löchern im Hinterhaus.

Das Handbuch brachte die Speisenfolge eines italienischen Diners, das für Signor Salvini gegeben worden war. Myron berauschte sich an den prächtig dahinrollenden Worten: »Animelle di Vitello alla Minuta con Tartuffi«, »Ravioli al Brodo« und »Zabbaglione«. Er hatte keine Ahnung davon, was das alles eigentlich hieß, aber es waren doch wundervolle Worte.

Später, als er aus dem Speisenlexikon des Handbuches lernte, daß das alles nichts anderes war als einfach Kalbfleisch und Teig und gesprudelte Eier mit Wein, war er doch nicht enttäuscht. Sehr hübsche Sachen, überlegte er, waren mit Eiern und Teig und Kalbfleisch zu machen; großartige, vornehme Gerichte, die den Magen des Menschen erfreuen und Hotels berühmt machen konnten.

Noch andere literarische Neuigkeiten gab es im Handbuch des Ökonomen. Die Speisenfolge eines Diners, das von einer Vereinigung von Handlungsreisenden in New York gegeben worden war, war »in der Art einer Eisenbahnfahrkarte geschrieben, mit Kupons, die von unten nach oben gelesen werden mußten«, und brachte bei jedem Gang Zitate von den feinsten Dichtern. Bei dem mit Schildkrötenfleisch garnierten Huhn war etwas ganz Geheimnisvolles zitiert: »Dieser Kiebitz läuft mit der Schale auf dem Kopf davon«, und bei dem Likör: »Geister, die meine Kunst zitiert aus ihren Höhlen, den Launen meiner Phantasie zu dienen.«

Bei einem Nelkendiner in Washington gab es Lampen mit rosa Schirmen, mit rosa Bändchen zusammengebundene Käsestangen und »Menüs, gedruckt auf breiten rosa Atlasbändern, die an beiden Enden ausgefranst waren und oben den Namen des Gastes trugen, für den sie bestimmt waren«.

Dieser neunzehnjährige, dreißig Dollar im Monat beziehende Fleischkoch, begeisterte sich an der Lektüre über »ein von einem reichen Mann gegebenes Tropendiner, das, ohne Getränke und Musik, 175 Dollar pro Kuvert kostete. Die Tische waren um einen Miniatursee aufgebaut, in dem Palmen, Lilien und Farrenkräuter zu wachsen schienen, während an den Ufern inmitten winziger Blumenbeete tropische Bäume standen. Kleine elektrische Lampen mit bunten Glaskugeln waren rings um den See arrangiert, und mit einer sinnreichen Einrichtung war unter das Wasser des Sees elektrisches Licht eingeführt, das Effekte hervorrief, die ein Umhertänzeln farbenprächtiger Fische vortäuschten. Vor jedem Gast lag auf dem Tisch ein schöner Palmblattfächer, und darauf ruhten die Teller.«

»Herrgott, es war doch schön, auch mal so ein Bankett arrangieren zu können, ohne sich über die Butter, die man dabei verbrauchen darf, den Kopf zerbrechen zu müssen«, dachte Myron.

Wenn ihn bei der Vorführung dieses famosen Beispiels anspruchsvoller Verschwendung etwas ärgerte oder neidisch machte, wußte er nichts davon.

Noch bezaubernder für die Torheit des jungen Dichters waren die dekorierten Gerichte, die es bei dem berühmt gewordenen Empfang der ersten Mrs. Vanderbilt gegeben hatte: »… eine Jagdpastete aus Fasanen, auf einer ebenen Fläche von Wachs ruhend, das ganze Stück getragen von Hirschgeweihen. Darunter spielten zwei Kaninchen Karten, während sich zu Seiten der Spieler eine Brücke befand, unter der ein See schimmerte, in dessen Gewässer Goldfische umherschwammen. Eine der Meisterleistungen unter diesen Kunstwerken war ein in einem Kahn aus Wachs ruhender zwei Fuß langer Lachs, auf dessen Rücken ein Amor ruhte; das Boot war an jedem Ende von je einem Neptun getragen, der in einer Seemuschel saß und Seepferdchen vor sich einhertrieb. Ein besonders schönes Stück war ein fliegender Merkur auf einem Schinken, der in kunstvoller Weise mit einer köstlichen Trüffelgarnitur verziert war«.

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Дата выхода на Литрес:
11 октября 2024
Объем:
510 стр.
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4066338121110
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