Читать книгу: «Mörderhölzli»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Vorwort

1. Das Leben in der Schweiz um 1900

2. Die Akten

3. Das Böse. Mitte Februar 1906

4. Im Pfarrhaus in Altikon

5. Strenge Sitten

6. Anna Müller

7. Elefantengedächtnis

8. Hinterhof

9. Am Brunnen vor der Türe

10. Ein Automobil. Donnerstag, 22. Februar 1906

11. Modenschau

12. Schlachtplatte

13. Gefallen

14. Nachtmahr. Mittwoch, 21. März 1906

15. Der erste Frühlingstag

16. Die Macht des Weibes

17. Gewalt

18. Bloss kein Kind. Sonntag, 1. April 1906

20. Mäuse und Chüngel

21. Karwoche. 13. April 1906

22. Karfreitag. 15. April 1906

23. Ostersonntag. Mittwoch, 18. April 1906

24. Ein dummer Tag. Mittwoch, 25. April 1906

25. Rache. Anfang Mai 1906

26. Ein bisschen Ruhe. Sonntag, 6. Mai 1906

27. Ein heikles Thema

28. Unheil. Zweite Maiwoche 1906

29. Es geschah am helllichten Tag. Aus den Akten

30. Der Mord

31. Späte Erkenntnis. Aus den Akten

32. Die Zeugen. Aus den Akten

33. Polizei und Bezirksanwaltschaft nehmen die Ermittlungen auf. Sandra Gatti ermittelt

34. Oberleutnant Locher und der erste motorisierte Verkehr im Kanton

35. Ausnahmezustand. Aus den Akten

36. Der Steckbrief eines Verdächtigen. Aus den Akten

37. Die Section. Sandra Gatti ermittelt

38. Die Spur führt nach Dinhard. Aus den Akten

39. Der Verdächtige Ulrich. Aus den Akten

40. Die Zigarre des Täters. Aus den Akten

41. Die Belohnung. Aus den Akten

42. Der Verdächtige Ernst Altwegg

43. Totenglocken 16. Mai 1906

44. Abschied

45. Und ein Wiedersehen

46. In der Höhle des Löwen

47. Abendstimmung. Aus den Akten

48. Der Verdächtige Wohlgemuth. Aus den Akten

49. Irreführung der Rechtspflege. Aus den Akten

50. Der Verdächtige Heinrich Rüeger. 18. Mai 1906

51. Emma ermittelt

52. Familiengeschichten

53. Am Tatort

54. Noch eine Leiche. Wochenende vom 19./20. Mai 1906

55. Sämi im Verhör. 21. Mai 1906

56. Ausgewandert

57. Antworten. Aus den Akten

58. Die Ermittlung in den folgenden Jahren. Aus den Akten

59. Das familiäre Umfeld des Opfers. Sandra Gatti ermittelt

60. Die Alibis der Familienangehörigen. Sandra Gatti ermittelt

61. Warum wurde der Fall nie geklärt? Sandra Gatti ermittelt

62. Das Pfarrersmädchen. Sandra Gatti ermittelt

63. Wer war es? Sandra Gatti ermittelt

64. Leonhardts Selbstladepistole. Sandra Gatti ermittelt

65. Zwei Zeitzeuginnen aus der Familie. Sandra Gatti ermittelt

66. Nur ein Gerücht oder schreckliche Tatsache? Sandra Gatti ermittelt

67. Was aus der restlichen Familie Müller wurde

68. Der Mörder entging der irdischen Gerechtigkeit. Sandra Gatti ermittelt

69. Was Albert Einstein mit der ganzen Sache zu tun hatte

Bilddokumente

Nachwort und Dank

Quellenangaben

Sandra Gatti-Müller

Mörderhölzli

Der Lustmord an Anna Müller von 1906

Impressum

1. Auflage 2016

Alle Rechte vorbehalten

© Copyright by Sandra Gatti-Müller

Vertrieb: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

E-Book-Programmierung: Dr. Bernd Floßmann, Berlin

«Solltest du wirklich die Augen öffnen und sehen,

du würdest dein Ebenbild in allen Bildern erblicken.

Und solltest du deine Ohren öffnen und hören,

du würdest deine eigene Stimme in allen Stimmen hören.»

Khalil Gibran, 1883 – 1931

Für meine Kinder

Virginia und Manuel

Vorwort

Wir schreiben das Jahr 1906 in Altikon, einer kleinen Landgemeinde am Rande des Zürcher Weinlandes. Im Mai jenes Jahres wurde eine junge Frau auf bestialische Art und Weise getötet. Diese junge Frau war die Schwester meines Urgrossvaters.

Altikon (dazu gehören auch die Weiler Herten, Feldi, Schneit und zahlreiche Siedlungen) liegt rund zehn Kilometer nördlich von Winterthur und grenzt direkt an den Kanton Thurgau. Es ist der Fleck im Kanton Zürich, wo die Leute «nid» statt «nöd» sagen und deshalb von den Stadtmenschen belächelt werden, wo sich der Löwenzahn «Puggele» nennt, der Wald «Holz» und das Wäldchen «Hölzli» heissen und wo der Nebel auch im Mai noch bis zum Mittag dick und feucht in der Luft kleben kann.

Die Gegend ist sehr ländlich, Felder, Wälder und Wiesen umgeben die Gemeinde. Nach Süden in Richtung Winterthur ist das Dorf durch einen lang gezogenen Hügel von Rickenbach­ und Dinhard getrennt. Der Blick der Altiker muss zwangsläufig nach Norden schweifen, hinunter zur Thur, welche die Kantons- und Gemeindegrenze bildet, dann zügig weiter westwärts fliesst und bald darauf in den Rhein mündet. Trotz der Nähe zu Winterthur und Frauenfeld war Altikon zu jener Zeit eine kleine Welt für sich, friedlich und beschaulich. Die Uhren ticken hier noch heute etwas gemächlicher.

Rund vierhundert Menschen lebten damals in Altikon, mehrheitlich waren es Bauersleute und Handwerker. Viele waren Selbstversorger, mithelfen mussten alle, Kinder ebenso wie die Grosseltern, jeder nach seinen Möglichkeiten. Freizeit war ein Fremdwort. Nur der Sonntag wurde, so gut es ging und wenn es das Wetter zuliess, arbeitsfrei gehalten.

In jener Zeit war die Kindersterblichkeit hoch: Allein im ersten Lebensjahr starben mehr als 15% der Säuglinge. Viele Krankheiten waren bedrohlicher als heute, die Erfindung des Antibiotikums lag ja noch in ferner Zukunft. Die Frauen gebaren viele Kinder und dieses Ereignis war ein grosses Risiko für Mutter und Kind.

Der Tod war deshalb wohl oder übel ein akzeptierter und respektierter Gast in der Gesellschaft um die Jahrhundertwende, wenn auch nicht dergestalt, wie er den Altikern in jenem Frühling urplötzlich begegnete. Die heile Welt bekam einen Riss.

Der brutale Mord an der 21-jährigen Anna Müller erschütterte das Dorf und die ganze Region. Danach war nichts mehr wie vorher. Und der Tatort, das Wäldchen, wo dieses schreckliche Verbrechen begangen wurde, heisst auch mehr als hundert Jahre danach noch Mörderhölzli.

Eine andere junge Frau, sie hiess Emma Bachmann, spielte eine wichtige und dramatische Rolle in dieser ganzen Geschichte. Sie war viele Jahre als Dienstmädchen beim Altiker Pfarrer tätig und mit Anna befreundet. Sie trug – wenn auch gezwungenermassen und unwissentlich – entscheidend zum Mord bei. Geschähe dieses schreckliche Verbrechen heute, die Polizei würde umgehend bei Emma vorsprechen und sie befragen. Damals geschah nichts dergleichen. Niemand verhörte Emma, sie war ja nur eine Dienstmagd. Aber eben, die Polizei kam nicht weiter und der Mörder ungeschoren davon. Der Fall blieb offiziell ungeklärt.

Auch wenn schon mehr als hundert Jahre vergangen sind: Heute finden wir Antworten auf die Fragen, die damals nicht gestellt wurden. Kommen Sie mit und lernen Sie die arme Anna, die Dienstmagd Emma und das alte Altikon kennen. Begleiten Sie mich auf die Reise ins Jahr 1906 und die spannende Suche nach dem Mörder.

Sandra Gatti-Müller

1. Das Leben in der Schweiz um 1900

Um die Jahrhundertwende lebten in der Schweiz rund drei Millionen Menschen. In Mitteleuropa herrschte seit etwa dreissig Jahren Friede und das Wort «Weltkrieg» gab es noch nicht. Der technische Fortschritt war in vollem Gange: Elektrisches Licht war erfunden, Dieselmotoren wurden gebaut, Fahrzeuge und Maschinen ersetzten nach und nach die Muskelkraft. Im Jahr 1899 vermeldete das Patentamt in New York, dass jetzt «alles Erfindbare» erfunden sei.

Der Luxus der Stromversorgung war erst in einigen grösseren Städten verfügbar. In den ländlichen Gebieten der Schweiz lebten die Menschen nach wie vor ohne elektrisches Licht; man hatte Petrol- oder Gaslampen und Kerzen. Auch Kühlschränke gab es zum Beispiel noch nicht. Die Milch hielt sich im kühlen Keller höchstens zwei bis drei Tage. Geheizt und gekocht wurde mit Holz.

Tagwach war auf dem Land mit der Morgendämmerung, Feierabend zwangsläufig bei Einbruch der Dunkelheit. Die Kirchenglocken halfen bei der Zeiteinteilung. Die Menschen arbeiteten körperlich und waren viel auf den Beinen. Sport war deshalb schlicht unnötig. Die meisten Distanzen wurden zu Fuss zurückgelegt, denn auch Velos waren bei der einfachen Bevölkerung nicht sehr verbreitet. Dafür besassen die Bauern Ochsen, manchmal auch Pferde, die Fuhrwerke zogen und bei der strengen Arbeit auf dem Feld halfen.

Bei der Arbeiterschaft in der Stadt verschlang die Ernährung den grössten Teil des Einkommens. Der Stundenlohn betrug je nach Branche und Geschlecht des Arbeitnehmers um die 30 Rappen, ein Wochenlohn bewegte sich bei rund 20 Franken. Die Hälfte ihres Einkommens mussten die Menschen damals für Nahrungsmittel ausgeben. Heute sind es hierzulande weniger als 10%. In nur einer halben Stunde haben wir unser tägliches Brot bereits verdient.

Das war um 1900 ganz anders: Ein Liter Milch kostete etwa 22 Rappen, ein Kilogramm Kartoffeln 9 Rappen, ein Kilogramm Rindfleisch 1 Franken 57 Rappen und ein Kilo Bohnenkaffee sogar 1 Franken 80 Rappen. Und wenn ein neues Paar Schuhe wirklich dringend nötig wurde, so bezahlte man dafür rund 10 Franken. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass auf dem Land die Kinder den Grossteil des Jahres barfuss gingen.

2. Die Akten

Der Frühling des Jahres 2012 war mehr nass als wonnig, als ich dem Verbrechen im Mörderhölzli überraschend auf die Spur kam. Die offiziellen Ermittlungsakten zum «Lustmord an Anna Müller» aus dem Jahr 1906 existierten immer noch!

Meine Grossmutter aus Altikon blieb Ende der Siebzigerjahre, auf den schrecklichen Namen dieses Wäldchens angesprochen, vage: Vor sehr, sehr langer Zeit sei da ein Mädchen ermordet worden. Punkt. Ein Schauder lief mir über den kindlichen Rücken und ich wartete gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte. Meine Grossmutter wandte sich wieder ihrem Kreuzworträtsel zu. Und dann, fast nebenbei, bemerkte sie, beim Opfer könnte es sich eventuell um eine entfernte Verwandte von uns gehandelt haben. Damit war die Fragestunde definitiv beendet. Ich spürte, dass sie glaubte, bereits zu viel erzählt zu haben. So blieb ich allein mit meinen Fantasien und mit meiner Neugier. Irgendwann geriet die Geschichte wieder in Vergessenheit.

Mehr als dreissig Jahre später führte mich eine Reise nach Wien zwangsläufig auch in die Kaiserzeit von Sissi und Franz Josef und weckte in mir überraschend glühendes Interesse für die Zeit um 1900.

Ein paar Tage später sass ich wieder mit meinen Kindern am Esstisch und schwärmte von meinen Erlebnissen. Nach den obligaten «Was wäre wenn?»-Fragen meiner Tochter landeten wir wieder einmal beim Geheimnis um das Mörderhölzli.­ «Ich weiss nicht einmal, wann dieser Mord passiert ist», klagte ich. Alle drei starrten wir gedankenversunken vor uns hin. Da fiel der Satz, der bei mir alles in Gang setzte. Mein Sohn sagte: «Man sollte halt zumindest mal einen Anhaltspunkt haben.»

So einfach, so klar. Ich begann zu fragen und zu forschen. Und wer sucht, der findet.

Also stattete ich dem Staatsarchiv meinen ersten Besuch ab. An einem trüben Samstagmorgen füllte ich am Empfang eine Registerkarte aus. Beim Forschungsthema schrieb ich: «Verbrechen im Kanton Zürich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts». Die junge Mitarbeiterin am Empfang instruierte mich gewissenhaft: «Sie lassen bitte alle Sachen wie Tasche und so weiter hier in der Garderobe. Die Akten dürfen fotografiert werden, aber ohne Blitz. Es hat Stromanschlüsse für Ihren Laptop. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an die Aufsichtsperson, ansonsten herrscht im Lesesaal Ruhe.»

Für meine hinterlegte Identitätskarte bekam ich einen Badge – den Schlüssel zur Wahrheit. Begleitet von elektronischem Piepsen gelangte ich dann durch zwei schwere Türen in den Lesesaal, wo zwei ältere Herren mit noch viel älteren Büchern beschäftigt waren. Gespannt setzte ich mich an einen freien Platz in der Nähe des Fensters und wartete.

«Ich möchte Sie warnen», hatte mir die zuständige Archivarin im Vorfeld geschrieben, «der Fall ist ziemlich heftig. Bringen Sie starke Nerven mit.»

Da durchschnitt wieder das Piepsen die Stille. Eine Tür im hinteren Teil des Raumes öffnete sich und ein Angestellter schob einen Wagen geräuschlos vor sich her. Das ernste Gesicht des Mitarbeiters und seine gemessenen Schritte erinnerten mich an den Transport einer Leiche. Die «Bahre» war an der Stirnseite mit «Gatti» beschriftet. Auf dem obersten Tablar befanden sich zwei grosse graue Archivschachteln.

Nachdem sich der «Totengräber» zurückgezogen hatte, hob ich vorsichtig die erste Schachtel vom Wagen. Behutsam legte ich sie auf den Tisch und öffnete sie. Der Geruch von altem Papier, Staub und Geschichte umwogte mich.

Statt durch die erhofften Fotos kämpfte ich mich erst einmal stapelweise durch Papier. Viele Dokumente waren in einer alten, schwer leserlichen Handschrift abgefasst. Dazwischen fanden sich auch sauber mit der Maschine getippte Aktenstücke. Zeitungsartikel erweckten meine Aufmerksamkeit, die Berichte von Polizei und Bezirksanwaltschaft und eine Menge Haftakten. Waren die etwa alle von Verdächtigen? Ich blätterte aufgeregt weiter. Da! Der Bericht des Arztes über die «Section». Der Amtsarzt hatte von den Verletzungen am Hals des Opfers eine Zeichnung angefertigt. Etwas weiter unten stiess ich auf das einzige Foto in den gesamten Akten.

Die grausame Tat lag jäh als düsteres, leicht vergilbtes Foto vor mir.

Im halbdunklen Hintergrund stehen zwei Männer mit Arztkitteln. Beherrscht wird das Bild von einer jungen Frau. Sie liegt auf einem Bett. Vermutlich ist es ein Doppelbett, denn daneben ist ein voluminöses Kopfkissen zu erkennen. Die Tote ist nackt, ihr Kopf ruht auf einem runden Stück Holz. Der eine Arm zeigt angewinkelt nach oben, als ob sie es sich am Strand bequem gemacht hätte. Ihr Gesichtsausdruck erscheint neutral, aber ihre Augen, im Tod erloschen, sind weit aufgerissen. Vom Brustbein bis zu ihrem Schambereich führt ein langer tiefer Schnitt. Die Därme quellen aus dem Dunkel des Bauches heraus und hängen auf ihrer rechten Seite bis fast auf das weisse Laken.

Ich zwang meinen Blick weg vom Bild. Die Aufsichtsperson vorne im Saal war mit einer Schreibarbeit am Computer beschäftigt, liess ihren Kontrollblick aber in regelmässigen Abständen durch den Saal schweifen. Rechts oben von der Ecke aus beobachtete mich eine Kamera, das rote Licht blinkte aufmerksam. Der Staat beschützt seine Akten gut.

Meine Gedanken schweiften ab zum Haus unterhalb der Kreuzstrasse in Altikon, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte und wo auch Anna und ihre Familie gelebt hatten. Ich stand der Familie damals sehr nahe. Und jetzt stand ich wieder vor ihrer Geschichte und ihrem Schicksal. Niemand vor mir hatte das schreckliche Verbrechen an Anna Müller gesühnt. Ich spürte eine offene Wunde, die nie verheilt war. Immer tiefer tauchte ich in die Geschichte ein und langsam erwachten Anna und ihr Umfeld wieder zum Leben.

3. Das Böse

Emma spürte etwas Bedrohliches, Böses. Es war da, hier zwischen den Bäumen in den Dämmerstunden dieses Wintertages. «Es ist der Tod», ging es Emma durch den Kopf, und sie nahm diese Gewissheit mit Demut hin, so, als ob es sie nicht weiter kümmern müsste.

Aber dann bekam das Böse eine Gestalt. Ein grosser Vogel schwebte auffallend langsam und nur wenig über dem Boden durchs Unterholz herbei, die Flügel fast unmerklich bewegend. Ein Rabe? Sein Blick schien in weite Ferne gerichtet und Emma wusste, dass er sie nicht wahrnahm. Aber seine Botschaft war unmissverständlich.

Verzweifelt raffte Emma ihre Röcke zusammen und lief weg, immer tiefer in den Wald hinein. Hinter sich «hörte» sie förmlich die unheimliche Stille, denn die Singvögel und Insekten des Waldes waren verstummt. Kein Schrei, kein Flügelschlag. Sogar der Eichelhäher hielt sich geduckt. Sie spürte nur den sanften Luftzug, der von den Schwingen des Raben herrührte. Emma wagte nicht, nochmals hinzuschauen. Sie drehte sich ab, begann zu laufen, zu rennen, hinein in eine Dunkelheit, die sie immer schwärzer umfing – bis sich ihr rechter Fuss im Unterholz verhedderte. Sie stolperte und fiel hin.

Einen Moment lang blieb sie fast erlöst liegen. Ihr Atem ging stossweise und ihr Herz pochte. Als sie sich wieder aufrichtete, lauerte ihr der Vogel noch immer auf. Unter dem Astwerk des Haselgesträuchs, in das sie gefallen war, fühlte sie sich für einen Augenblick fast ein bisschen geborgen. Aber nicht lange. Mit schwarz glänzendem Gefieder und spitzem Schnabel fixierte er sie mit seinen glühenden Knopfaugen. Emma sprang auf, wollte schreien, mit blinder Hoffnung auf Hilfe. Aber sosehr sie sich auch anstrengte, aus ihrer Kehle kam nur ein atemloses Stöhnen …

Mitte Februar 1906
4. Im Pfarrhaus in Altikon

Emma erwachte schweissgebadet und bemerkte erstaunt, dass sie leise vor sich hin wimmerte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich zurechtfand. Durch das Fenster schimmerte der Schnee im Mondlicht und machte sie glauben, es dämmere schon. Mit heftig klopfendem Herzen tastete sie nach den Streichhölzern und zündete die Öllampe auf ihrem Nachttisch an. Ein flackernder Lichtschein breitete sich in ihrer Kammer aus und beleuchtete das Zifferblatt ihrer Taschenuhr: Es war halb fünf.

Emma sank ins Kissen zurück. Ihr Atem bildete Wölkchen im kalten Raum. Sie geisterten wie kleine Nebelschwaden durch das Licht und lösten sich dann auf. Nach und nach verloren sich auch die schrecklichen Bilder des Alptraumes. Trotzdem war an Schlaf nicht mehr zu denken.

Emma Bachmann hatte kürzlich ihren dreiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Seit fünf Jahren war sie beim Altiker Pfarrer als Dienstmagd angestellt, als Mädchen, wie es im Volksmund hiess. Über ihre Arbeit und ihre Lebensumstände wollte sie nicht klagen. Sie schlief in einer eigenen Kammer, in einem Bett mit einer richtigen Matratze. Reinster Luxus, wenn man bedachte, dass sie sich mit ihren Geschwistern Stroh- und Laubsäcke hatte teilen müssen. Ihre wenigen Kleider und Habseligkeiten waren in einer alten Kommode verstaut, darauf standen eine Waschschüssel und ein Krug aus Porzellan, die Ränder mit rosa Blümchen verziert. Das Wasser darin war an diesem frühen Wintermorgen vermutlich wieder angefroren. Und neben dem Fenster, an dem sich Eisblumen gebildet hatten, stand ein einfacher Schreibtisch mit einem zu kurzen Bein. Emma hatte das Manko mit gefaltetem, inzwischen vergilbtem Zeitungspapier ausgeglichen.

Hatte sie es hier nicht wirklich gut? Besser gesagt, gut gehabt. Bis der Pfarrer diese Spitzmaus geheiratet hatte. Emma schüttelte sich angewidert, sodass ihre Nachthaube verrutschte. Dann begannen die Kirchenglocken zu dröhnen, und Emmas Herz verkrampfte sich wieder. Hier im Pfarrhaus konnte man das Glockengeläut wirklich nicht verschlafen.

Emma schlug tapfer die Decke zurück und stand auf. Sie fror bitterlich in ihrem leinenen Nachthemd. Eilig schlüpfte sie in ihre Pantoffeln und ging zur Kommode, um sich zu waschen. Sie durchbrach die dünne Eisschicht im Krug und goss Wasser ins Becken. Es stach ihr wie Nadeln ins Gesicht und vertrieb die letzte Trägheit aus ihren Gliedern. Hastig zog sie ihre wollenen Strümpfe hoch und befestigte sie am Strumpfgurt. Das Nachthemd liess sie gleich an, darüber zog sie ein weisses Hemd und schlüpfte dann in ihr dunkelblaues Alltagskleid. Zuletzt band sie sich noch eine frische weisse Schürze um und zog ihre schwarzen Schnürschuhe an. Sie bürstete ihr kupferrotes Haar und flocht sich zwei artige Zöpfe.­

Emma war eine ausgesprochen hübsche junge Frau, wohlgestaltet und schlank. Ihre Haare fielen offen in leichten Wellen über ihre Schultern, wobei sie diese natürlich geflochten tragen musste, um nicht als hoffärtig zu gelten oder gar als unsittliche Frauenperson aufzufallen. Sie hatte ein zartes, vornehm blasses Gesicht. Bei der geringsten Erregung überflutete Hitze ihre Wangen und brachte diese ganz liebreizend zum Glühen.

Als Emma das Fenster öffnete, verschlug ihr die Kälte fast den Atem. Gegenüber ihrem Fenster stand die alte Tanne, die das Pfarrhaus von weit her sichtbar überragte. Die schneebedeckten Äste hingen schwer zu Boden und hoben sich matt leuchtend von der Dunkelheit ab. Der Schnee lag seit Tagen knöcheltief und dämpfte die frühmorgendlichen Geräusche. Rasch schloss Emma das Fenster wieder, nahm ihre Lampe und verliess leise ihr Zimmer.

Die Öllampe vermochte nicht alle Winkel auf ihrem Weg zur Küche zu erhellen. Emma zog unwillkürlich den Kopf ein. Hinter jeder Ecke schien heute eine dunkle Gestalt zu lauern. Eilig lief sie auf die Küchentür zu und blieb dann abrupt stehen, als sie ein seltsames Geräusch hörte. Sie wagte kaum mehr zu atmen. Ein Kratzen. Stille. Ein vorwurfsvolles Miauen riss Emma aus ihrer Erstarrung.

«Jesses Tigi!», flüsterte Emma erleichtert.

Rasch ging sie zur Hintertür und schob den schweren Riegel zurück. Ein Schwall trockener Winterluft wehte den hungrigen Kater in die Küche. Es störte ihn nicht, dass der Rest der Milch vom Vortag in seiner Blechschüssel gefroren war. Er leckte gierig, als hätte er seit Tagen nichts mehr gefressen.

Als die ersten Flammen im Herd aufloderten und sich langsam Wärme ausbreitete, verschwanden die letzten Irrlichter des Alptraumes aus Emmas Gedanken.

Die rohen Bretter der Kellertreppe knarzten unter Emmas Füssen, als sie hinabstieg, um frische Milch zu holen. Sie hörte oben im Haus Schritte. Vermutlich begab sich Frau Pfarrer auf den Abort. Seit sie in anderen Umständen war, litt sie am Morgen oft an Übelkeit. «Ganz recht», dachte Emma schadenfroh.

Emmas Freundin Anna hatte ihr kürzlich erzählt, dass diese Übelkeit so drei oder vier Monate dauern könne. Ihre grosse Schwester Kathrin hatte das einmal erzählt. Von der älteren Generation durfte man derlei Erklärungen nämlich kaum erwarten. Emma hatte vor Jahren einmal ihre Mutter gefragt, wieso sie denn einen so dicken Bauch habe. Die Mutter hatte beschämt geantwortet, sie hätte eben viele Taschentücher vorne in ihrer Schürze. Erst als der kleine Bruder auf der Welt und die Mutter wieder schlank war, begann Emma langsam zu begreifen, dass das ein ganz heikles Thema war.

Emma ging die Treppe wieder hoch und schloss die quietschende Tür. Zurück in der Küche schnitt sie Brot in Scheiben und setzte Kaffee auf. Glücklicherweise gab es im Pfarrhaus nicht auch noch jeden Tag zum Frühstück Rösti wie bei so vielen Leuten im Dorf. Obwohl Emma Rösti nicht ungern mochte. Das Wasser war inzwischen heiss geworden. Emma goss es vorsichtig in die pfarrherrlichen Waschkrüge. Doch ehe sie das Schlafzimmer erreichte, hörte sie Schritte.

5. Strenge Sitten

«Oh! Guten Morgen, Herr Pfarrer.» Eine verlegene Röte schoss Emma ins Gesicht.

Pfarrer Karl Wartmann war ein sehr schlanker, gross gewachsener Mann von einunddreissig Jahren mit dichten, dunklen, welligen Haaren und einem modischen Schnauz. Seine Brille sass immer etwas schief auf der Nase. In Emmas Augen war er der attraktivste Mann weit und breit. Er war ein bisschen ein Schussel und oft etwas zerstreut. Aber das fand Emma herzig. Nicht, dass sie etwa keinen Respekt vor ihm gehabt hätte, das nicht, er war schliesslich der Pfarrer und ihr Herr. Aber sie lebte bald fünf Jahre mit ihm unter einem Dach. Sehr viel länger, als Frau Pfarrer mit ihm zusammenlebte.

«Komm, gib mir das Wasser, ich möchte es meiner Frau bringen.»

Kurz darauf setzte sich der Pfarrer mit einem Blick ins Leere an den Küchentisch. Gewiss war er in Gedanken schon wieder bei seinen geistlichen und diakonischen Pflichten. Tigi miaute inzwischen schon ziemlich gereizt und strich Emma auffordernd um die Füsse. Er war eindeutig der Meinung, dass das Restchen gefrorene Milch für einen hungrigen Kater nicht reichte, besonders nach einer langen und kalten Winternacht.

Aber Emma hatte jetzt nur Augen für den Pfarrer. «Das Frühstück ist fast parat, Herr Pfarrer … äh … kommt Frau Pfarrer auch?»

«Nein. Sei so gut und bring ihr nachher ihren Tee und zwei Scheiben Brot ans Bett.»

«Selbstverständlich.» Emma senkte den Blick. Sie hasste es, die Schlafkammer der Herrschaft zu betreten, und noch mehr widerstrebte es ihr, die holde Lina im Bett zu bedienen.

«Hast du es heute früh auch gehört, Emma? Irgendjemand hat geschrien.» Der Pfarrer schaute sein Mädchen fragend an.

«Äh, nein … nein, ich habe nichts gehört.»

«So so so. Na, dann habe ich wohl geträumt. Oder es war am Ende gar nur ein Käuzchen …»

Der Pfarrer sass wieder schweigend am Tisch und starrte Löcher in die Luft. Emma beobachtete ihn verstohlen, während sie die heisse Milch in einen Krug goss.

Der Pfarrer war sich ihrer Verehrung bestimmt nicht bewusst, wenngleich Emma mit ihrer Schönheit und Anmut fast jeden Mann in Altikon in Versuchung hätte führen können.

Pfarrer Wartmann hatte nicht besonders viel Erfahrung mit Frauen, er war nämlich erst seit ein paar Monaten verheiratet. Er betete seine Lina an, obwohl sie weder Schönheit noch Anmut zu bieten hatte und auch keine Ahnung von Haushaltsführung hatte. Dafür war sie gebildet. Pah! Als ob das zählte. Vor der Eheschliessung wohnte die Mutter des Pfarrers noch im Haus und leitete den Haushalt. Dass eine junge Frau sich nach ihm verzehrte, durfte sich Pfarrer Wartmann ganz einfach nicht vorstellen. Die häufige Verlegenheit seiner Dienstmagd fiel ihm gar nicht auf. Und da es sich nicht gehörte, dass die Herrschaft mehr als das Nötigste mit ihren Bediensteten sprach, wusste er auch kaum etwas Persönliches über sie.

Der Tisch war fertig gedeckt und Emma legte noch ein Scheit ins Feuer. Als sie den dampfenden Krug mit dem Milchsieb obendrauf auf den Tisch stellte, wäre sie fast über Tigi gestrauchelt, der immer noch um ihre Beine strich. ­«Go­­pfridstutz Tigi!», schimpfte Emma unterdrückt.

«So so so! Komm, setz dich doch heute zu mir an den Tisch. Du hast ja auch noch nichts gegessen, nehme ich jedenfalls an.»

«Aber Herr Pfarrer … Ich kann doch nicht …», stotterte Emma verlegen.

«Keine Ausreden Emma, setz dich zu mir und iss etwas!»

Emma wagte nicht mehr zu widersprechen. Insgeheim freute sie sich sogar über diesen Erfolg. Wenn das Frau Wartmann wüsste! Normalerweise ass Emma frühmorgens zuerst und bediente dann ihre Herrschaft. Mittag- und Abendessen trug sie im feinen Esszimmer auf, sodass sie in Ruhe in der Küche essen konnte. Sie war jeweils ganz froh, ungestört zu sein.

Das Frühstück verlief schweigend. Emma brachte vor Verlegenheit kaum eine Scheibe Brot hinunter. Tigi hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass es vorläufig nichts mehr zu fressen gab und putzte sich nun ausgiebig. Nach dem Essen zog sich Herr Wartmann in sein Studierzimmer zurück. Emma räumte den Tisch ab. Dann richtete sie das Frühstück für Frau Wartmann auf einem Holztablett, ging damit zu deren Kammer und klopfte zögerlich.

«Herein», kam es gedämpft von drinnen.

Emma hielt den Atem an und öffnete die Tür. «Guten Morgen Frau Pfarrer.» Der gewohnt penetrante Duft von Rosenparfüm schlug ihr entgegen.

Frau Wartmann sass aufrecht in ihrem Bett und schaute missbilligend drein. Ihr Gesicht war bleich, die Nase wirkte noch spitzer als sonst und ihre Lippen waren zu einem Strich zusammengepresst. Aber ihre Nachthaube sass ordentlich auf dem Kopf, darunter lugte ihr langes braunes Haar hervor. Wortlos verfolgte sie Emmas Bewegungen, die ein kleines Holztischchen über ihren Beinen platzierte. Als sie etwas zögernd das Tablett mit dem Frühstück daraufstellen wollte, entglitt ihr der Teller mit den Brotscheiben. «Oh, Entschuldigung», stammelte sie. Eilig legte sie das Brot wieder zurück auf den Teller, doch blieben auf der Decke ein paar Brotkrümel zurück. Frau Pfarrer sagte keinen Ton, schaute dem nervösen Treiben nur abschätzig zu.

Emma wollte sich rasch zurückziehen, als Frau Wartmann schneidend sagte: «Emma, es schickt sich überhaupt nicht, dass du mit dem Herrn Pfarrer zusammen am Tisch sitzt. Das kommt nicht noch einmal vor, verstanden!»

Anders als ihr braver Ehemann hatte seine Gattin rasch bemerkt, dass Emma für ihren Herrn mehr empfand, als schicklich war, und die heimliche Leidenschaft des Mädchens reizte natürlich ihre Eifersucht.

Emma fühlte, wie Ohnmacht in ihr aufwallte, der Zorn trieb ihr die Röte ins Gesicht. Was hätte sie denn machen sollen? Dem Pfarrer widersprechen? Woher wusste diese Zwetschge das überhaupt?

Widerworte waren undenkbar. So blieb Emma ihrer Herrin eine Antwort schuldig, was fast ebenso unverschämt war. Mit gesenktem Blick verliess sie rasch die Kammer. Hinter ihr fiel die Tür krachend ins Schloss.

«Dass du mir so schnell wie möglich diese Bettwäsche wechselst. Und vergiss die Nachttöpfe nicht!», rief ihr Frau Pfarrer noch nach.

Emma litt wie ein geschlagener Hund, seitdem ihr Herr seine junge Gemahlin ins Haus gebracht hatte. Früher, mit der Mutter des Herrn Pfarrer, war es so harmonisch gewesen. Mutter Wartmann war fast ein bisschen ein Mutterersatz geworden und jetzt vermisste sie die ältere Frau schmerzlich. Damals lebte Emma in der Illusion, dass ihr Herr Pfarrer niemals heiraten würde. Und falls doch irgendwann, dann sie, Emma Bachmann. Besser gesagt Emma Wartmann … Das tönte doch gut. Sie hätte ihm so gerne eine Schar gesunder Kinder geschenkt und nur ihm persönlich sein Mittagessen gekocht. Die Eifersucht frass Emma manchmal fast auf. Sie wusste nicht, ob sie unter diesen Umständen noch lange hier bleiben konnte.

Emmas Eltern waren einfache Bauersleute aus dem Zürcher Oberland und sie hatte sechs Geschwister. Das heisst, als sie ihre Familie vor ein paar Jahren verlassen hatte, waren es sechs. Gut möglich, dass es inzwischen noch ein paar mehr waren. Sie hatte alle schon lange nicht mehr gesehen. Es gab nicht viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Am liebsten dachte sie nicht über die Schläge und die Demütigungen nach, die sie zu Hause erlitten hatte. Der Vater hatte oft dem Schnaps zugesprochen. Darob hatte er seine Arbeit auf dem Hof und die Familie vernachlässigt. «Aber irgendwann muss man seinen eigenen Weg einschlagen», dachte Emma. Ihre Mutter hatte kaum eine Wahl gehabt. Emma schon. Wie es ihrer Mutter wohl ging? Emma war bereits mit vierzehn in einen Haushalt am Zürichsee gegangen. Sie hatte viel gelernt bei dieser Stelle, aber fast noch mehr gelitten. Ein Jahr später ging sie dann nach Zürich, wo sie blieb, bis sie 1901 zu Pfarrer Wartmann kam.

Am besten wäre es wohl, dachte Emma zum x-ten Mal, wenn sie bald heiraten würde. An Freiern mangelte es ihr ja beileibe nicht. Bisher hatte sie in ihrer Hingabe zum Pfarrer aber alle Avancen aus dem Dorf zurückgewiesen. Auch gab es jetzt nicht gerade einen, der Emma wirklich überzeugt hätte. Schon gar nicht Fritz, der ihr seit Langem nachstellte. «Ein bisschen Niveau sollte er schon haben», dachte sie hochmütig.­

Der restliche Vormittag verlief wie gewohnt mit Hausarbeiten. Frau Pfarrer bekam sie nicht mehr zu Gesicht. Erst zum Mittagessen erschien sie, verlor aber kein weiteres Wort mehr über den Vorfall am Morgen.

6. Anna Müller

Gleich unterhalb des Restaurants Kreuzstrasse, in einem Haus ganz nah an der Strasse zur Thur, wohnte die 21-jährige Anna Müller mit ihrer Familie. Die Müllers waren Bauern, Anna und ihre drei Brüder arbeiteten in Haus und Hof mit. Die älteste Müllerstochter hatte bereits ihre eigene Familie und wohnte nicht mehr im Dorf.

Kurz vor dem Mittagessen war Anna allein in der Küche beschäftigt. Sie war schlank, aber etwas grösser und kräftiger als andere Frauen. Ihre Schultern waren vielleicht eine Spur zu breit und ihre Hände fast so stark wie die eines Mannes. Ihre blonden langen Haare trug auch sie nach alter Väter Sitte im Alltag zu Zöpfen geflochten. Manchmal, an einem Sonntag, liess sie ihre Haare schon auch mal offen. Sollten die Leute doch reden! Sie war zwar ein tüchtiges Mädchen, das ihrer Mutter fleissig zur Hand ging, aber brav hätte sie dennoch niemand genannt. Anna hatte etwas Keckes und konnte ziemlich direkt sein. Manchmal benahm sie sich ganz bewusst anders, als man es von einer jungen Frau erwartet hätte und brüskierte damit gerne die Leute. Und ab und an auch ihre beste Freundin Emma. «Es täte Emma überhaupt gut, wenn sie etwas frecher würde», dachte Anna übermütig.

Das Feuer flackerte im Herd und verbreitete eine angenehme Wärme. Am Morgen war es bissig kalt gewesen, als sie ihren Kaninchen die Ställe ausgemistet hatte. Eine der Häsinnen hatte ihr Nest seit ein paar Tagen fertig, der Nachwuchs würde also nicht mehr lange auf sich warten lassen. Hoffentlich mussten die Kleinen dann nicht frieren. Die ­Häsin Bäbeli­ hatte als Mutter aber schon Erfahrung, da würde sicher alles rundlaufen, dachte Anna zuversichtlich. Sie freute sich auf die Jungen immer wieder aufs Neue. Daran, dass sie die Tiere irgendwann dem Metzger geben musste, wollte sie jetzt nicht denken. Den Batzen, den sie mit den Kaninchen verdiente, konnten sie auf jeden Fall gut gebrauchen.

Der Geruch von Zwiebeln und Schweineschmalz lag in der Luft und liess Annas Magen knurren. Endlich waren Poltern und Schritte zu hören. Anna rührte noch einmal in der Restensuppe und wappnete sich innerlich für das Mittagessen. Letztes Jahr hatte sie bei einer Bauernfamilie in Feldi im Haushalt geholfen, als da das zweite Kind zur Welt kam. Die Erinnerung an angeregte Gespräche am Mittagstisch, an freundliche Worte zwischen den Eheleuten und sogar für sie und das ältere Kind liessen Anna damals nachdenklich werden.

Anna wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ihre beiden Brüder in die Küche stürmten. Adolf, der jüngste, rempelte Heinrich an, der vor ihm ging. «Menü eins bitte, Fräulein!», rief Heiri fröhlich. Dann liess er seinen Ellbogen kurz zurückschnellen, sodass Adolf, in den Bauch getroffen, aufstöhnte. Über Heiris Gesicht zuckte ein triumphierendes Lächeln.

«Habt ihr euch die Hände gewaschen?», fragte Anna und schaute Adolf in einer fast mütterlichen Art an.

«Ähm …»

«Pfui! Das nächste Mal verköstige dich bitte im Kuhstall, oder noch besser bei den Schweinen!»

«Adolf, Heiri! Marsch, die Hände waschen!», befahl der Vater, der soeben in die Küche getreten war, mit seiner kräftigen Stimme. Die beiden Burschen gehorchten und verliessen wortlos die Küche.

«Hoi Anna», sagte Vater Müller knapp. Er zwängte sich schnaufend auf die Eckbank hinter den Tisch und beobachtete aufmerksam, wie Anna die grosse Pfanne mit der Suppe auf den Tisch stellte. Jakob Müller senior war ein stämmiger Mann, sein dichtes Haar war erst von wenigen weissen Strähnen durchzogen und er trug wie die meisten Männer einen üppigen Schnauz. Seine kräftigen Hände waren rau von der harten Arbeit und seine Fingernägel hatten schwarze Ränder. Sie konnten zupacken, aber im Umgang mit den Tieren zeigte er eine überraschende Sanftheit. Anna mochte ihren Vater, wenn sie auch gehörig Respekt vor ihm hatte. Da er nicht viel sprach, war man nie so ganz sicher, woran man bei ihm war.

Annas Mutter war inzwischen ohne ein Wort des Grusses zu Tisch gekommen. Sie sass still auf ihrem alten Holzstuhl und schaute mit ausdruckslosem Gesicht an ihrem Gatten vorbei an die gegenüberliegende Wand. Die roten Hände mit den krummen Fingern hatte sie vor sich auf der Tischkante wie zum Gebet gefaltet.

«Wo ist Jakob?», fragte die Mutter, während sich die beiden Buben mit nun sauberen Händen an den Tisch setzten.

«Er musste für eine Notschlachtung zum Ehrsam nach Feldi», brummte der Vater. «Wird vermutlich später bei ihm.»

Während dem Essen wurde nicht mehr gesprochen.

Danach blieb Anna allein mit dem schmutzigen Geschirr zurück. Sie räumte Teller und Besteck vom Tisch vorsichtig in den Blechzuber. Das Wasser über dem Feuer war während des Mittagessens dampfend heiss geworden. Trotzdem legte Anna gleich nochmals ein Scheit ins Feuer, sodass die Flammen herrlich aufloderten. Wenn das die Mutter sähe! «Sparen sollte ich, vor allem auch beim Brennholz. Ach was, ich lasse mich einfach nicht erwischen», dachte Anna trotzig und schloss das eiserne Ofentürchen. Sie streute etwas Soda über das schmutzige Geschirr und goss das heisse Wasser darüber. Annas Mutter kam mit einem frischen Tuch in der Hand in die Küche zurück und begann, das Geschirr abzutrocknen.

«Samuel war eben hier. Frau Erni hat heute grosse Wäsche … Du weisst ja, wie Frau Erni ist.» Die Stimme der Mutter klang wie immer eintönig. Dieses Monotone reizte Annas Widerspruchsgeist, es machte sie ganz nervös. Sie fragte sich manchmal, von wo sie selbst ihre Quirligkeit und Fröhlichkeit hatte. Wäre sie in einem Krankenhaus zur Welt gekommen, hätte sie vermutlich darauf getippt, als Säugling verwechselt worden zu sein.

Ja, Anna wusste, wie Frau Erni war: Immer knapp am Rand eines Nervenzusammenbruches. Sie fragte sich zum ­x-ten Mal, was Herr Erni an dieser Frau gefunden hatte, als er sie vor ein paar Jahren geheiratet hatte. Samuel, der Sohn aus erster Ehe von Burkhard Erni, war inzwischen zwanzig und seit Kurzem arbeitete er wieder in Altikon bei seinem Vater als Handlanger. Sämi hatte zwar eine Lehre als Schuhmacher abgeschlossen, aber dies vor allem auf Wunsch seiner verstorbenen Mutter. Sie hatte gemeint, er müsse sich schonen und dürfe es nicht so streng haben wie sein Vater, der Hufschmied war. Aber Sämi hatte keine Freude am Schuhe machen und flicken. Sämi und Anna waren zusammen zur Schule gegangen und hatten sich immer gut verstanden. Seit er wieder im Dorf war, sahen sie sich ab und zu, aber jedes Mal nur von Weitem. «Eigentlich schade», dachte Anna, denn auch auf Dis­tanz konnte sie nicht übersehen, dass Sämi inzwischen ein attraktiver und kräftiger Bursche geworden war.

«Geh nachher hinüber und hol die beiden Gofen, damit sie nicht im Weg stehen. Sie sollen dir mit den Hühnern helfen», leierte die Mutter vor sich hin. Anna erinnerte sich nicht, ihre Mutter jemals richtig lachen gesehen oder gar gehört zu haben.

«Ja Mutter», sagte Anna und versuchte, ihre Freude über die Abwechslung mit den Kindern nicht zu deutlich zu zeigen. Irgendwie wurde sie den Eindruck nicht los, dass sie die Schuld an Mutters Kälte und Teilnahmslosigkeit trug. Auch wenn ihr eigentlich kein Grund dafür einfiel. Doch brauchte es überhaupt einen Grund? Es war halt, wie es war. Als der Abwasch beendet war, zog sich die Mutter in ihre Kammer zurück, um sich etwas hinzulegen. Sie hatte ein böses Bein, eine offene Wunde, die nicht heilen wollte und ihr seit Jahren Beschwerden bereitete.

7. Elefantengedächtnis

Der Himmel war bedeckt, als Emma am frühen Nachmittag mit ihrem Korb aus dem Haus ging. Ein eisiger Wind wirbelte Schnee von den Bäumen in ihr Gesicht, an den Hals und unter den Rock die Strümpfe hoch. Sie schloss die Knöpfe ihres Mantels, schlang sich ein Wolltuch um die Schultern, zog ihre Fäustlinge an und ging den Kirchrain entlang. Kaum war sie ein paar Schritte gegangen, als ihr Nachbar Röbi hinter einer Holzbeige hervorsprang, direkt vor ihre Füsse, und fröhlich «Guguseli, guguseli!» krähte. Dabei klatschte er in die Hände. «Jesses Röbi, hast du mich erschreckt!», rief Emma lachend, dabei hatte sie eigentlich schon mit ihm gerechnet. Es war so etwas wie ein Spiel zwischen ihnen.

Röbi Vetterli war neunzehn, aber seit er als 5-jähriger einen Unfall mit einem Fuhrwerk gehabt hatte, war er geistig stehengeblieben und hatte ein Holzbein. Die Vetterlis waren Nachbarn, nette Leute, fand Emma. Röbi war ihr einziges Kind.

Emma hatte von einer anderen Nachbarin gehört, Röbi habe damals seinen Vater auf einem Fuhrwerk voller Holz vom Wald nach Hause begleitet. Der Gaul hatte gescheut und der Wagen war gekippt. Röbi war mit dem Kopf aufgeschlagen und hatte sein Bein eingeklemmt. Zu allem Elend starb Röbis Mutter nur wenige Monate danach an einer Grippe. Seither war die ledige Schwester der Mutter im Haus und schaute zum Rechten. «Schon traurig, wie viel Unglück manche brave Familie zu ertragen hatte», dachte Emma.

Röbi war ein herzensguter Bursche geworden, sie mochte ihn sehr gerne. Bei all seinem Schwachsinn hatte er eine erstaunliche Gabe: Röbi erinnerte sich an jeden einzelnen Tag der letzten ungefähr zehn Jahre. Man konnte ihn fragen, was man wollte, zum Beispiel: «Röbi, was hast du am 10. August 1899 gemacht?» Und Röbi antwortete ohne gross nachzudenken: «Am frühen Morgen regnete es kurz, aber am Nachmittag war es heiss. Unten an der Thur haben wir Weizen geschnitten. Die Tante hat uns Kuchen aufs Feld gebracht. Apfelkuchen mag ich am liebsten.»

Unglaublich!

Röbi schaute Emma in seiner ungenierten Art lachend an und rieb sich die kalten Hände. Dabei gab er glucksende Laute von sich. Er liebte Emma, sie war immer so nett zu ihm. Er wurde zwar nicht ausgelacht von den Leuten im Dorf, aber mit ihm abgeben wollte sich auch niemand so richtig. Dabei mochte Röbi vor allem die Frauen gerne. Sie waren so weich und rochen so gut, ganz anders als die Männer. Das hatte er schon früh herausgefunden. Er wollte doch einfach ein bisschen Nähe, das gab ihm ein gutes Gefühl und erinnerte ihn an seine Mutter. Manchmal, wenn er seinen Vater am Sonntag ins Restaurant Kreuzstrasse begleiten durfte und sich die Wirtin oder eine Serviertochter kurz zu ihnen setzte, schmiegte er sich vorsichtig an sie. Meist wurde das von den Frauen geduldet. Das war schön. Seine Tante war da nicht so freigiebig mit Zärtlichkeiten. Aber Emma war seine allerbeste Freundin. Mit ihr konnte er sich sogar unterhalten. Wenn er sie traf, wurde ihm immer ganz warm ums Herz. Manchmal umarmte er sie auch, und sie schob ihn nicht gleich weg.

Emma nahm seine rechte Hand. «Wie geht es dir Röbi?», fragte sie. Er entwand ihr seine Hand und begann wieder zu klatschen. «Gut. Gut. Gut», sang er.

«Trägst du denn keine Handschuhe? Du wirst den Kuhnagel bekommen», tadelte Emma. Als Röbi schwieg, sagte sie: «Ich gehe zu Anna, ich muss noch Eier und ein paar andere Sachen kaufen. Möchtest du ein Stück mit mir gehen?»

Anstelle einer Antwort nahm Röbi einfach Emmas Hand und folgte ihr wie ein kleines Kind der Mutter. Dabei summte er «Weisst du wie viel Sternlein stehen …»

«Wir gehen jetzt aber noch nicht ins Bett, Röbi», lachte Emma. «Jetzt wird gearbeitet, es ist ja noch heiterheller Tag.»

«Vater macht Mittagsschlaf. Nachher müssen wir noch Holz aufbeigen.»

«Prima. Solange dein Vater schläft, kannst du mich zu Anna begleiten. Vielleicht können wir die Eier gleich selber aus dem Hühnerstall holen. Hättest du Lust?»

«Ja ja ja, Hühner», rief Röbi und sprang mit seinem Holzbein ungelenk neben Emma her.

Gemeinsam gingen sie nun zur Rickenbacher Strasse und dann abwärts das kurze Stück zum Dorfplatz. Sie trafen auf ein paar Kinder, die versuchten, aus dem trockenen Pulverschnee Schneebälle zu formen. Von Weitem hörte man das gedämpfte Rattern eines Fuhrwerkes, das sich dem Dorf näherte. Die Kirchturmuhr schlug zwei.

Gleich unterhalb des Dorfplatzes war die Wirtschaft zur Kreuzstrasse. Emma sah vor dem Haus ein Velo an die Hausmauer gelehnt. «Das wäre sicher ein tolles Gefühl», dachte sie, «mit so einem Velo herumzufahren.» Aber das Geld dafür hatte ein einfaches Pfarrmädchen natürlich nicht. Ausserdem, wofür brauchte eine Frau ein Velo? Sie hatte zwei gesunde Beine und kam auch ohne Fahrrad überallhin.

Zu Röbi sagte sie: «So ein Velo wäre schon nobel, gäll. Fahren müsste man damit natürlich auch noch können …»

«Velo fahren! Ich kann Velo fahren. Soll ich es dir zeigen?» Röbi riss sich los und lief auf das Fahrrad zu.

«Nein, sicher nicht. Untersteh dich!», rief Emma erschrocken. «Das darfst du nicht! Und überhaupt: Wer braucht schon so ein Vehikel? Reiner Luxus ist so etwas. Und jetzt bei dem Schnee …» Emma konnte ihren Neid trotzdem nicht ganz verbergen.

8. Hinterhof

Es klopfte leise ans Fenster. Anna trocknete ihre Hände an der Schürze ab, und als sie Emma zum Fenster hineinspähen sah, hellte sich ihre Miene auf. Sie öffnete das Fenster, Kälte drang in die Küche und liess sie frösteln.

«Hoi Anna, ich brauche Eier und Most», sagte Emma. Röbi stand verschmitzt daneben und trat von einem Bein aufs andere, um sich zu wärmen. Die baren Hände hatte er tief in seine Hosentaschen vergraben.

«Ich muss noch rasch die Erni-Gofen holen. Geht doch schon hinters Haus, ich bin auch gleich da», sagte Anna freundlich. «Bis gleich.» Rasch schloss sie das Fenster wieder.

Emma und Röbi gingen um das Haus herum zu den Kaninchenställen. Sie setzten sich auf die Bank an der Hauswand. Hier war es etwas geschützt, trotzdem fror Emma in ihrem alten Wintermantel. Es war ihr gerade recht, dass Röbi ganz nah an sie heranrutschte.

Überraschend ging die Hintertür auf. Annas Vater trat heraus, seinen unvermeidlichen, halb gerauchten Stumpen im Mundwinkel. Die Augen wegen des beissenden Rauches zusammengekniffen, brummelte Herr Müller etwas, das Emma als Begrüssung deutete. Annas Vater war kein Mann grosser Worte. Emma hatte ihn eigentlich noch nie so richtig ganze Sätze sprechen hören. Er redete scheinbar nur das Nötigste, am ehesten noch mit seinen Söhnen. Alle hatten ein bisschen Angst vor ihm, obwohl er nicht wirklich böse war, einfach ein Brummbär, dachte Emma und musste sich ein Grinsen verkneifen.

Der Vater schlurfte weiter Richtung Scheune. Hinter ihm trat Jakob aus der Hintertür. Er wurde von den Leuten im Dorf nur Mockemetzger genannt. Er war eher klein gewachsen, wirkte dafür umso kräftiger in seinen jägergrünen, etwas zu kurz geratenen Zwilchhosen. Vielleicht hatte er auch einfach nur die Hosenträger zu straff festgezurrt. Über seinen millimeterkurzen, dunklen Haaren trug der Mockemetzger eine schwarze Zipfelmütze. Er schaute finster drein, als er Emma und Röbi auf der Bank erblickte. Etwas anderes als ein grimmiges Gesicht hatte Emma auch noch nie bei ihm gesehen.

«Habt ihr nichts Besseres zu tun, als faul rumzusitzen?», schnauzte der Mockemetzger. Sein Blick ging an ihnen vorbei. Er begann zu husten und spuckte Kautabak aus.

«Wir brauchen Eier, Anna kommt gleich», sagte Emma schnell. Röbi verhielt sich ganz still und blickte starr zu Boden.

Der Mockemetzger beschleunigte seine Schritte und eilte seinem Vater nach. Er war der älteste Müllerssohn und rechnete fest damit, bald einmal den elterlichen Hof zu übernehmen. Wenn er keine Aufträge als Störmetzger hatte, arbeitete er auf dem Hof mit. Aber da wie dort fiel er nicht durch Fleiss und Zuverlässigkeit auf. Er war ein Einzelgänger, und er trank mehr Bier und sauren Most, als ihm guttat. Ein Taugenichts halt, wie man hinter vorgehaltener Hand in Altikon sagte. Vater Müller zögerte verständlicherweise noch mit der Übergabe des Heimwesens. Wer wusste, ob sich Jakob nicht doch noch zum Guten entwickeln würde.

Als der Mockemetzger im Dunkel der Scheune verschwunden war, atmeten Röbi und Emma auf. Anna kam mit den beiden Erni-Kindern zum Hinterhof. Das 2-jährige Trudi hopste ungestüm vor Anna her und verlor fast ihr gestricktes Jäcklein. «Halt Trudeli, nicht so stürmisch! Ich muss dir noch dein Jäckchen zumachen. Sonst hustest du dann wieder!» Seppli, 4-jährig, blieb ganz nah bei Anna stehen, als er Röbi sah. «Du musst keine Angst haben, Seppli», versuchte Anna den Jungen zu beruhigen. Trotzdem versteckte sich Seppli hinter Annas Röcken und lugte nur vorsichtig mit einem Auge hervor.

Da kam wie aus dem Nichts Samuel mit grossen Schritten auf sie zu. «Huuuuuu», heulte er, seine Hände hatte er zu Klauen gespreizt, sein Oberkörper war vorgebeugt. «Huuu-huuu! Da kommt der Bölima …», rief Samuel fröhlich und tat so, als ob er eines der Kinder packen wollte.

Seppli hatte sich indes rasch von seinem Schrecken erholt und kam mutig hinter Anna hervor: «Halt, Bölima!», rief er mit piepsiger Stimme. «Sonst gibt’s eins hinter die Ohren!» Dabei versuchte Seppli, grimmig dreinzuschauen. Trudeli schaute aus sicherem Abstand bewundernd zu. Samuel begann zu lachen. Er hob Seppli stürmisch hoch und warf ihn kurz in die Luft. Der Kleine kreischte vor Freude. «So. Fertig lustig. Ich muss zur Arbeit», sagte Samuel. Er stellte seinen jüngeren Bruder wieder auf die Füsse.

Als ob er Anna, Emma und Röbi erst jetzt bemerkt hätte, sagte er scheinbar überrascht: «Oh, Grüezi mitenand. Hoi Anna.» Dabei schaute er Anna ganz besonders aufmerksam an, wie es Emma schien. Sämis Augen waren überhaupt der Blickfang schlechthin: «Um diese tiefblauen Augen und seine besonders dichten, dunklen Wimpern muss jede Frau ihn beneiden», dachte Emma und wandte sich verlegen ab. Wenn er bloss ein bisschen älter wäre. Nur ein, zwei Jährchen …

«Hoi Sämi», sagte Anna gut gelaunt, «schön, dich wieder mal zu sehen.»

«Ich habe leider nicht viel Zeit, mein Vater wartet.»

Emma glaubte, einen Augenblick lang Enttäuschung auf Annas Gesicht gesehen zu haben, aber dann sagte Anna leichthin: «Vielleicht ein andermal. Tschüss Sämi.»

Anna, Emma, Röbi und die beiden Gofen griffen fünf Eier direkt aus dem Hühnergehege und Röbi und die Kinder freuten sich, als wären sie aus lauterem Gold. Röbi lachte und klatschte so aufgeregt, dass die Hühner in alle Richtungen verstoben. Der Hahn wusste nicht, ob er Angst haben oder seine Hühner verteidigen sollte, und alle hatten viel Spass. Anna holte weitere Eier, ein Mödeli Butter und zwei Flaschen Most aus dem Keller und Emma packte alles in ihren Korb. Die beiden Frauen verabredeten sich auf den Abend beim Dorfbrunnen.

Röbi und Emma stapften über den knirschenden Schnee nach Hause. Der Nachmittag verging rasch und bald schon mussten die Lampen im Haus angezündet werden. Gegen Viertel vor acht klopfte Emma an die Tür der Wohnstube, wo der Herr Pfarrer und seine Frau auf der Couch sassen. Die beiden lasen am Abend oft gemeinsam in der Bibel, manchmal spielten sie auch Schach.

«Brauchen Sie noch etwas?», fragte Emma und gab sich Mühe, nicht nur den Herrn Pfarrer anzuschauen.

«So so so …», sagte der Pfarrer gedankenverloren. «Nein Emma, danke. Du kannst Feierabend machen».

«Gehst du noch aus?», fragte Frau Wartmann lauernd, der nicht entgangen war, dass Emma bereits Mantel, Schultertuch und Hut in der Hand trug.

«Ich habe mich mit Anna beim Dorfplatz verabredet.»

«Na dann, einen schönen Abend, Emma», sagte Frau Wartmann fast freundlich.

Es schien Frau Pfarrer am Abend deutlich besser zu gehen. Aber sie blieb dennoch eine falsche Schlange, so zuckersüss zu tun vor dem Pfarrer. Merkte der Ärmste denn nicht, wie sie sich verstellte?

9. Am Brunnen vor der Türe

Es war schon dunkel, als Emma zur Tür hinaustrat. Sie ging nochmals zurück und suchte die Laterne mit dem handlichen Henkel, fand sie aber nicht. Der Schnee und der Mond tauchten die Nacht in milchig kaltes Licht und Emma machte sich kurz entschlossen ohne Lampe auf den Weg. Am liebsten wäre sie gerannt, aber richtig rennen schickte sich nicht für eine Frauenperson.

Ein paar Häuser vom Pfarrhaus entfernt wohnte Familie Beerli. Deren Kinder waren alle erwachsen. Nur Fritz, der Jüngste, lebte noch zu Hause. Er war bereits fünfundzwanzig und umwarb Emma seit Längerem. Fritz konnte einfach nicht akzeptieren, dass Emma nichts von ihm wissen wollte. Wer weiss, vielleicht lauerte er ihr schon wieder auf, dachte sie.

Aber Emma konnte ungestört ihres Weges gehen. Schon von Weitem sah sie, dass sie vor Anna beim Brunnen war. Dafür stach ihr auf dem Dorfplatz ein Automobil in die Augen. So etwas gab es selten zu sehen. Eine Horde zappeliger Kinder verstellte beinahe die Sicht. Schwarz, mit roten Holzspeichenrädern, einem braunen Verdeck und viel Messing, das im Mondschein schimmerte. «Martini» stand gut sichtbar in weisser Schrift auf dem Kühler. Martini aus Frauenfeld. Das wusste auch in Altikon schon jedes Kind. Aber kaum jemand hatte je einen solchen Wagen mit eigenen Augen gesehen. Heissa! Wem der wohl gehörte? Am liebsten wäre Emma noch näher herangetreten, traute sich aber nicht, ihre Neugierde so offen zu zeigen. Also stellte sie sich unauffällig neben den Brunnen, so, als ob ein Martini für sie etwas Alltägliches wäre. Immer wieder schielte sie aber verstohlen in Richtung des Wagens. «Schon allerhand, so ein Ding in unserem Dorf.» Am liebsten hätte sie sich hineingesetzt. «Eigentlich praktisch», überlegte Emma: «Dieser Wagen frisst kein Heu. Man muss ihn nur mit Benzin füttern, wenn man ihn braucht.»

Dann wurde es laut auf dem Platz. Emma bemerkte ein paar Männer, die vor dem hell erleuchteten Eingang der Kreuzstrasse mit Bierflaschen herumstanden. Emma zog sich instinktiv etwas hinter den Brunnen zurück. Sie erkannte ­Annas Bruder, den Mockemetzger, den ältesten der Ehrsams, und Fritz Beerli, der sie so aufdringlich verehrte. Den vierten Mann kannte sie nicht.

«Sag das noch mal, du Lump!», rief der Mockemetzger mit lallender Stimme und spuckte auf den Boden.

«Müllersöhnchen, Muttersöhnchen», trällerte Fritz. Auch er schien nicht mehr nüchtern zu sein.

«Und du, Prahlhans? Du wärst nichts ohne deinen Alten», schrie der Mockemetzger wütend. Er spie seinem Gegner die Worte förmlich ins Gesicht.

Emma beobachtete erschrocken das Handgemenge, das sich vor ihren Augen entwickelte. Die beiden Streithähne begannen einander zu schubsen. Bier schäumte aus den Flaschen. «Hee, stopp! Hört auf mit dem Seich!» Diese Stimme gehörte dem Fremden. «Jetzt beruhigt euch mal wieder.» Der Unbekannte streckte die Arme schützend und beschwichtigend aus, dann trat er mutig zwischen die aufgebrachten Männer. Ehrsam, von dem man bisher kein Wort gehört hatte, machte sich rasch in die Gaststube davon.­

Der Unbekannte sprach nun beruhigend auf die beiden ein. Die Worte konnte Emma nicht mehr verstehen. Die Kinder hatten sich auf Fluchtdistanz zurückgezogen und umringten nun Emma hinter dem Brunnen. Alle redeten und gestikulierten durcheinander, ohne das Geschehen vor der Kreuzstrasse aus den Augen zu lassen.

Unterdessen war Anna aus dem Haus getreten, sie hatte den Krach gerade noch mitbekommen. Hinter Anna zeigte sich ihr jüngerer Bruder Heinrich auf der Haustreppe. Anna und Heinrich standen sich ziemlich nahe. Er nahm seine grosse Schwester jeweils in Schutz, wenn sie bei Jakob wieder mal unter die Räder kam. Mit Jakob auszukommen war für niemanden einfach.

Heinrich war zwar noch etwas schmächtig im Vergleich zu seinem stämmigen Bruder und dem anderen Streithahn. Dafür hatte er eine ruhige und selbstsichere Art. Mit dieser beeindruckenden Ruhe ging nun Heinrich auf seinen Bruder zu. «He Jakob, beruhige dich. Komm heim, du hast genug intus.»

Der Mockemetzger schimpfte undeutlich vor sich hin, scharrte unentschlossen mit den Füssen und trank aufreizend langsam einen Schluck aus der Flasche. Unvermittelt schleuderte er sie dann in Richtung von Fritz, der schwerfällig auswich. Das Glas zerbarst klirrend an der Hauswand, das restliche Bier rann schäumend die Mauer hinab. Emma sah, wie Anna erschrocken die Strassenseite wechselte. Kurz darauf erreichte sie ebenfalls den Brunnen.

Inzwischen war Heinrich zu Jakob getreten. Er berührte ihn an der Schulter, flüsterte auf ihn ein und gab ihm einen aufmunternden Schubs. Dann gingen beide nach Hause, ohne sich umzuschauen.

Der Lärm hatte Hedi, die Wirtin, vor die Tür getrieben. Nun schimpfte sie mit ihrer rauchigen Stimme wegen der Scherben. Als Fritz zum Brunnen schaute, entdeckte er Anna und Emma. Sein Blick sprühte Funken. Er wandte sich ab und torkelte in die Wirtschaft. Der Fremde zückte sein Portemonnaie und gab Hedi ein Geldstück. Sie schien höchst zufrieden mit dem Batzen. Jedenfalls machte sie ein fast unterwürfig freundliches Gesicht. Sie lud den Mann mit einer Geste ein, ihr in die Wirtschaft zu folgen. Kurz war Lärm von drinnen zu hören, dann schlug die Tür zu. Stille.

10. Ein Automobil

«Weisst du, wer das eben war?», fragte Emma beeindruckt.

«Ja, das ist der Handelsvertreter», sagte Anna beiläufig.

Emma streichelte Annas Arme. «Dein kleiner Bruder ist wirklich ein netter Junge.»

«Ja, ich bin so froh, dass er jetzt ganz zu Hause ist.»

Beide schwiegen einen Augenblick, jede in ihre Gedanken versunken. Emma hatte ein bisschen Mitleid mit Anna. Es war ja wirklich nicht lustig, Jakobs Launen ständig ertragen zu müssen. Ihr machte er jedenfalls Angst.

Anna machte eine Handbewegung, als wollte sie wegwischen, was sie eben erlebt hatten: «Hast du übrigens gesehen? Das da, das gehört Brandenberger.» Beide blickten zum Auto­mobil.

«Oha!», rief Emma und war froh, das Thema wechseln zu können. «Der muss ja ganz schön gute Geschäfte machen. Was verkauft er denn?»

«Stoffe, Kleider, Schuhe, solche Sachen halt. Er hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. Du kennst sicher den alten Brandenberger noch, der kam früher zwei-, dreimal im Jahr vorbei», sagte Anna.

«Klar, der Dickwanst in seinen schäbigen Anzügen.»

Beide nickten gedankenverloren.

«Jaja, reich sollte man sein», fügte Emma an, «oder einen gut betuchten Sohn heiraten.»

«Pah! Das sagt gerade die Richtige», stichelte Anna. «Nimm den Fritz, dann hast du ausgesorgt.»

«Iiih, hör ja mit dem auf!», schauderte Emma und zog ihr Wolltuch enger um ihre Schultern. Um das Thema zu wechseln, schlug sie vor: «Komm, wir schauen uns das Ding mal genauer an.»

Der Motorwagen war immer noch von zahlreichen Kindern umringt. Auch rings um den Dorfplatz waren verstohlene Blicke aus Fenstern und Türen auszumachen. Etwas beschämt bestaunten die Frauen nun das Fahrzeug, auf das der schwache Schein einer nahen Gaslaterne fiel. Der Wagen hatte sogar ein Dach, und die Polstersitze sahen richtig bequem aus. Sogar Lampen waren vorne am Wagen angebracht.

«Potztuusig, das ist ja nobel», flüsterte Emma beeindruckt.

«Komm, setzen wir uns doch einfach mal rein», sagte Anna. Sie ging auf den Wagen zu und stieg bereits die erste Stufe hoch.

Emma verwarf erschrocken die Hände und zischte: «Anna, gopfridli, spinnst du?» Am liebsten wäre sie im Boden versunken.

Anna blieb stehen und schaute lachend über die Schulter. «Du bist ein Hasenfuss!» Aber dann stieg sie rückwärts wieder hinunter und stellte sich artig neben Emma.

Alle waren so mit Bewundern beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, wie ein junger Mann herantrat.

«Guten Abend, die Damen.» Der Mann schenkte Anna und Emma ein charmantes Lächeln und hob höflich seinen Hut. Und an die Kinder gewandt, fuhr er fort: «Na, müsstet ihr nicht langsam ins Bett? Ich wäre jetzt lieber mit diesen beiden jungen Damen hier noch etwas ungestört.» Er lächelte schelmisch. «Hopp hopp, heim mit euch! Ihr könnt zu Hause ausrichten, dass Brandenberger junior am Donnerstag mit schönen und preisgünstigen Stoffen vorbeikommt. Ich habe dieses Jahr sogar Handtaschen für Damen dabei – und ganz neu für die Herren Gummistiefel.»

Die Kinder stoben aufgeregt davon und Brandenberger schaute ihnen zufrieden hinterher. Emma und Anna hatten währenddessen keinen Ton von sich gegeben. Sie musterten Brandenberger verstohlen. Er musste gegen die dreissig gehen, war mittelgross und wirkte kräftig, auch wenn er bestimmt nicht stark körperlich arbeiten musste. Über einem gut sitzenden Anzug trug er einen schwarzen Wollmantel und dazu glänzende Lederschuhe. Unter seinem schicken schwarzen Homburg schauten spitzbübisch dunkelblonde Locken hervor. Seine braunen Augen blitzten verwegen. Emma gefiel seine äusserst männliche römische Nase, fand es aber seltsam, dass er unbeschnauzt daherkam. Emma konnte ihren Blick kaum abwenden.

«Ich bin Simon Brandenberger, Textilienvertreter aus Oberi. Sicher kennen Sie meinen Vater.»

Anna fand die Sprache zuerst wieder. Nach einer Verlegenheitspause fragte sie: «Hat Ihr Vater denn das Geschäft aufgegeben?»

«Er tritt kürzer, auch wegen seiner gesundheitlichen Beschwerden. Seit Anfang Jahr reise ich in der Region Winterthur umher.» Dabei musterte er die beiden Frauen interessiert.

Emma und Anna lächelten unsicher. Emma wurde sich plötzlich bewusst, wie schäbig ihr alter Hut aussehen musste. Wie gerne hätte sie jetzt den modischen Sonntagshut aufgehabt, den sie zum Abschied von Mutter Wartmann geschenkt bekommen hatte.

«Da wird Ihr Vater glücklich sein, dass Sie sein Geschäft weiterführen», sagte Anna höflich.

«Ja das ist er. Und ich bin ebenfalls froh, schliesslich kann ich mich fast ein bisschen in ein gemachtes Nest setzen, wie man so schön sagt.» Brandenberger lachte, und Emma bewunderte hingerissen seine schönen weissen Zähne. Sie ärgerte sich, dass sie bis jetzt kein Wort herausgebracht hatte. Dabei sah der junge Hausierer sie immer wieder erwartungsvoll an. Sie nahm allen Mut zusammen und fragte: «Was ist das für ein bäumiger Wagen?»

Als ob Brandenberger nur auf diese Frage gewartet hätte, erklärte er wortreich, dass es sich bei diesem Wagen um einen Martini 16 handle und welche Vorzüge dieses Automobil habe. Emma hatte ihre liebe Mühe, seinen Worten zu folgen, sie war immer noch ganz hingerissen von seinem attraktiven Äusseren und seiner angenehm tiefen, weichen Stimme. Plötzlich registrierte sie, dass Brandenberger aufgehört hatte zu sprechen und sie fragend anschaute.

«Ähh …», stammelte Emma und lächelte verlegen, Röte überzog ihr Gesicht.

Anna sprang ein: «Ich bin Anna Müller, ich wohne gleich unterhalb der Wirtschaft. Und das ist meine Freundin Emma Bachmann. Sie arbeitet im Pfarrhaus.»

Emma schaute zu Boden und hoffte, dass man ihr ihre plötzliche Hitze nicht ansah. Dabei glühten ihre Wangen, das spürte sie deutlich.

«Sehr erfreut, meine Damen. Ich hoffe, ich sehe Sie auch am Donnerstag.» Dabei schaute er Emma unverwandt an.

Emma stammelte etwas von «mal sehen» und Anna versicherte, dass sie sehr gerne käme. Über das dazu nötige Geld machten sie sich in diesem Moment keine Gedanken.

Es begann zu schneien, kleine feine Flöckchen schwebten vom dunklen Himmel herab, der Mond beleuchtete kurz den Dorfplatz und wurde dann rasch wieder von den Schneewolken verschluckt.

Brandenberger schickte sich an zu gehen. Er verabschiedete sich mit einer galanten Verbeugung und lüftete kurz seinen Hut. Dann ging er zu seinem Wagen, entnahm einer Klappe in dessen vorderem Bereich eine Kurbel und warf gekonnt den Motor an. Ein lautes Brummen durchschnitt die abendliche Stille, die Lichter an der Kühlerhaube gingen an und ihre Kegel leuchteten über den Platz bis zur Kreuzstrasse. Brandenberger zog sich feine lederne Handschuhe über und stieg ein. Die beiden Frauen traten vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Brandenberger winkte, und weg war er, Richtung Rickenbach, hinter einer Wolke von aufgewirbeltem Schnee.

Emma und Anna schauten dem Wunder sprachlos hinterher. Die Kirchturmuhr schlug neun. Die Flocken fielen jetzt dichter und wurden von einem leichten Wind herumgewirbelt.

«Ich muss heim», sagte Emma in die Verlegenheit und hoffte, dass Anna ihren inneren Aufruhr nicht bemerkte. «Was machst du morgen?»

«Vermutlich habe ich den ganzen Tag mit der Wäsche zu tun, kommt auf das Wetter an. Vielleicht können wir uns am Abend treffen.» Anna wollte sich schon auf den Heimweg machen, als sie sich nochmals umdrehte: «Übrigens: Weisst du, was die Erni heute zu meiner Mutter gesagt hat?»

«Nein, keine Ahnung. Was sollte sie schon sagen? Vermutlich hat sie sich fürs Hüten bedankt», rätselte Emma.

«Schön wär’s! Sie behauptete doch allen Ernstes, ich hätte Trudeli einen giftigen Trank verabreicht und deshalb hätte die Kleine am Abend erbrochen …» Anna schüttelte den Kopf. «Stell dir das mal vor!»

«Allerhand!» Emma wusste gar nicht, was sie dazu sagen sollte.

«Jedenfalls, man weiss ja, die Frau ist nicht ganz bei Trost. Das ist der Beweis. Also, wir sehen uns vielleicht morgen.»

Die Kinder waren von der Strasse verschwunden. Auch sonst war niemand mehr zu sehen. Als Brandenberger mit seinem Automobil davongefahren war, war so manche Haustür und manches Fenster verstohlen geschlossen worden. Emma wurde plötzlich bange. Der Mond war im Schneetreiben nicht mehr auszumachen. Sie hätte jetzt doch ganz gerne eine Laterne dabeigehabt.

Als sie in den Kirchrain einbog, traf sie unvermittelt auf Fritz, der, scheinbar lässig an einen Apfelbaum gelehnt, auf sie zu warten schien. Sein Hut hatte bereits eine dünne Schneeschicht angesetzt. Emma hatte gar nicht bemerkt, dass er aus der Wirtschaft gekommen war. Er musste ja irgendwann an ihnen vorbeigegangen sein.

«Na, Jungfer Bachmann? Wie geht’s, wie steht’s?», fragte er. Während er sich schwerfällig vom Baum abstiess und näher kam, nahm er einen Schluck aus seinem Flachmann, den er gleich wieder in die Brusttasche seines Kittels rutschen liess. Seine Bewegungen waren unsicher und sein Blick aggressiv. Er war ein kleiner stämmiger Mann mit dunklen Haaren und eng zusammenliegenden Augen. Ein Schneidezahn fehlte. Seine riesige Nase erinnerte an einen Raubvogel. Fritz warb eine Zeit lang um Emma. Seit sie ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie nicht an ihm interessiert war, wurde er zunehmend aufdringlicher.

«He Fritz. Lass mich in Ruhe, ich muss nach Hause», sagte Emma und hoffte, dass ihre Stimme nicht allzu sehr zitterte.

«Aha, Jungfer Bachmann muss nach Hause», spottete Fritz, dessen Atemwolke nach Schnaps stank. «Wartet etwa schon der Brandenberger in deinem Bett?» Er schaute Emma wollüstig an. «Oder ist er schon bei der Jungfer Müllerin?»

«Lass mich in Frieden.» Emma versuchte, an Fritz vorbeizukommen.

Doch Fritz war kräftig und unberechenbar in seinem Rausch. Er kam provozierend näher. Emma spürte die drohende Gewalt und bekam Angst.

«Komm, schöne Hexe, komm», säuselte Fritz und nahm wieder einen Schluck aus seiner Taschenflasche.

«Emma! Bist du das?», tönte es laut durch die Winternacht.

Gottlob, der Pfarrer. «Ja, Herr Pfarrer!», rief Emma.

Fritz gab den Weg sofort frei und verschwand in der Dunkelheit. Emma raffte ihre Röcke zusammen und lief, so rasch es bei dem Schnee eben ging, nach Hause. Pfarrer Wartmann stand Tabakpfeife rauchend auf der Pfarrhaustreppe. Unversehens kam Tigi aus der Dunkelheit geschossen, überholte Emma und rannte erhobenen Schwanzes die Stufen zur Haustür hoch.

«So so so … Ist alles in Ordnung?», fragte der Pfarrer leichthin und zog an seiner Pfeife.

«Ja, alles in Ordnung», keuchte Emma und blieb unterdrückt keuchend stehen.

«Was war da los?» Der Pfarrer nestelte an seinem Tabaksbeutel herum.

«Fritz hat mich wieder mal aufgehalten.»

«Was wollte er?»

«Er war wohl einfach betrunken …», wehrte Emma ab.

«So so so …» Der Pfarrer stopfte seine Pfeife neu. «Vielleicht sollte ich bei Gelegenheit mal mit seinem Vater ein Wörtchen reden.»

Fritz war der Sohn von Dölf Beerli, seines Zeichens Regierungsrat mit einiger Macht und noch mehr Einfluss. Die Mutter war eine fromme, biedere Hausfrau, die sich schon duckte, wenn ihr Ehemann oder ihr Sohn nur das Wort ergriffen. Die Beerlis hatten Geld, seit sie vor ein paar Jahren ihr Landwirtschaftsland an die Maggi-Fabrik in Kemptthal verkauft hatten. Seither war Vater Beerli in der Politik aktiv. Die älteren Geschwister von Fritz waren längst aus dem Haus. Nur Fritz lebte immer noch oder immer wieder zu Hause. Er war ein Taugenichts von Kindsbeinen an und hatte das Heu mit niemandem auf der gleichen Bühne. Ein Sorgenkind eben. Eine Ausbildung konnte er nicht machen, weil kein Lehrmeister ihn nehmen wollte. Als der Vater dann ein grosszügiges Lehrgeld in Aussicht stellte, nahm der Schmied von Altikon das Söhnchen in die Lehre. Die Sache ging aber nicht lange gut. Trotz aller väterlichen Unterstützung wurde Fritz zum Teufel gejagt. Was vorgefallen war, wusste man im Dorf nicht genau. Fritz schlug sich seither immer mal wieder für ein paar Wochen mit Gelegenheitsarbeiten durch, im Sommer zum Beispiel mit Arbeiten bei diesem und jenem Bauern. Im letzten Winter hatte er bei Maggi angeheuert, lange blieb er aber auch da nicht. Früher oder später fiel er immer wieder in den Schoss der Familie zurück. Der Vater hörte verständlicherweise nicht auf zu hoffen, dass sein Jüngster doch noch eine Frau finden und eine Familie gründen würde. Auch wenn er sich eigentlich ein Mädchen aus gutem Hause für seinen Sohn gewünscht hätte, so schaute Herr Beerli doch halbwegs wohlwollend zu, als Fritz Emma den Hof machte. Im Prinzip hätte diese einfache Dienstmagd ja dankbar sein müssen, einen Verehrer wie seinen Sohn zu haben, war Vater Beerli überzeugt. Als Fritz’ Bemühungen um Emma ins Leere liefen, teilten sich Vater und Sohn das Gefühl der Schmach über diese Abfuhr und beide entwickelten eine gehörige Wut auf dieses «eingebildete Weib».

«Vielen Dank, Herr Pfarrer», sagte Emma höflich und betrat das Haus. Frau Wartmann kam mit einer Lampe in der Hand aus der Stube. «Was höre ich da?», fragte sie forsch.

«Es ist nichts passiert, Frau Pfarrer. Fritz war nur betrunken.»

«Um diese Zeit gehört ein anständiges Mädchen sowieso nicht mehr allein auf die Strasse», schimpfte Frau Wartmann. «Über deine abendlichen Ausgänge müssen wir bei Gelegenheit noch reden.» Dabei suchte sie den Blick ihres Ehemannes, der soeben wieder ins Haus trat.

Emma war inzwischen den Tränen nahe.

«Du bist ja ganz verstört», sagte Frau Wartmann nun etwas freundlicher. «Komm, ich begleite dich noch bis zur Hintertür. Sicher musst du noch rasch auf den Abort.»

Später im Bett dachte Emma über den Abend nach. Ihr war klar, dass sie heute ziemliches Glück gehabt hatte. Sie wagte nicht daran zu denken, was noch alles hätte passieren können. Jesses Gott! Und da war ja auch noch Simon Brandenberger. Und der Herr Pfarrer … Ihre Gefühle waren heute gehörig durcheinandergeraten.

Der letzte Gedanke gehörte Simon Brandenberger und seinen Lippen mit dem fein geschwungenen Amorbogen. Dann fiel Emma in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Donnerstag, 22. Februar 1906
11. Modenschau

Der Morgen war von einem lichten Blau, die Sonne liess von einem wolkenlosen Himmel die winterliche Landschaft blendend glitzern. Emma war mit Abstauben in der Wohnstube beschäftigt. Ab und zu schaute sie zum Fenster hinaus und freute sich über das gleissende Licht. Altikon war häufig in Nebel gehüllt, Tage wie diesen musste man schätzen.

Im Laufe des Vormittags rief ein Bote aus, dass am Nachmittag der Stoffhändler Brandenberger beim Schulhaus haltmachen werde. Emmas Herz hüpfte. Endlich würde sie ihn wiedersehen. Wie oft hatte sie an ihn gedacht!

Als Frau Wartmann den Kopf zur Tür hereinstreckte, nahm Emma allen Mut zusammen und fragte: «Haben Sie gehört, Frau Pfarrer? Herr Brandenberger kommt am Nachmittag mit seinen Waren.» Emma hoffte, dass ihre Bemerkung unverfänglich klang.

«Warum fragst du? Hast du etwa frei heute Nachmittag?» Frau Pfarrer zog ihre Augenbrauen hoch, der unvermeidliche Rosenölduft kam Emma falsch in die Nase.

«Äh, nein, natürlich nicht …» Emmas Wangen wurden augenblicklich von Röte überflutet. «Bitte, lieber Gott, lass mich Simon treffen!»

«Hast du denn überhaupt Geld?», fragte Frau Wartmann verächtlich.

«Ja, Frau Pfarrer, ich habe einen kleinen Batzen gespart.» Emma musste sich zusammennehmen, damit ihre Stimme nicht weinerlich klang.

«Ich werde auf alle Fälle hingehen. Ich könnte nämlich gut ein richtiges Umstandskleid gebrauchen …»

Emma brach verzweifelter Schweiss aus. Ihr Herz verzehrte sich noch mehr nach dem jungen Vertreter, allein schon deshalb, weil sie ihn vielleicht gar nicht sehen durfte.

«Andererseits könntest du dir wirklich mal ein anständiges Kleid kaufen oder auch einen rechten Mantel.» Frau Wartmann verzog angewidert ihre schmalen Lippen. «Nicht dass die Leute noch denken, wir würden dich schlecht bezahlen.» Dann durchstreifte sie gemächlich die Stube und fuhr mit den Fingern über die Oberfläche der Möbel. «Emma, hier muss es glänzen!», kritisierte sie. Eine Ewigkeit schien zu vergehen.

«Aber ich will mal nicht so sein», sagte Frau Wartmann selbstgefällig. «Obwohl: Verdient hast du es nicht, dass das klar ist. Einzig weil ich so grosszügig bin, werde ich dir eine Stunde freigeben. Aber», und dabei hob sie den rechten Zeigefinger, «nach dem Mittagessen wirst du noch den Abort­ putzen, und zwar gründlich, der stinkt nämlich wie ein Schweinestall. Das sollte ich eigentlich gar nicht extra sagen müssen. Vorher gehst du nicht!»

«Vielen Dank, Frau Pfarrer, das ist sehr nett von Ihnen», hauchte Emma.

Sie hasste das Reinigen des Abortes. Aber sie würde Simon wiedersehen, das war das Einzige, was zählte.

Frau Wartmann verliess die gute Stube und Emma versuchte, ihre freudige Erregung im Zaum zu halten. Sie arbeitete nicht mehr viel an diesem Vormittag.

Nach dem Mittagessen legte sich Frau Pfarrer noch ein Weilchen hin, dann verliess sie aufgeräumt das Haus. Der Pfarrer arbeitete im Studierzimmer und Emma machte sich ans Putzen. Wenigstens war der Gestank im Winter erträglich. Von wegen Schweinestall! Diese Schnepfe war einfach überempfindlich, das war alles. Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit Simon machte die Arbeit dann fast zum Vergnügen.

Als sie fertig war, ging sie auf ihr Zimmer und machte sich sorgfältig zurecht. Gerne hätte sie ihr Haar offen getragen, aber das ging natürlich nicht. So wusch sie sich das Gesicht, kämmte sich und flocht die Zöpfe frisch. Dann holte sie den Sonntagshut und ihre Sonntagsstola. Vielleicht kam ja Anna auch.

Es war nicht mehr so kalt, die Sonne zeigte sich ab und zu am winterlichen Himmel und es roch nach Tauwetter. Schon von Weitem sah Emma das Automobil mit einem Anhänger vor dem Schulhaus parkiert stehen. Darum herum drängten sich zahlreiche Frauen zum Eingang. Emmas Herz klopfte: Was, wenn er sie nicht wieder erkannte? Oder wenn sie ihn etwa gar nicht zu Gesicht bekäme?

Emma drängte sich durch eine Schar Kinder. Sie ging die paar Stufen zum Haupteingang hinauf und betrat das Schulhaus. Im Singsaal lagen schön präsentiert auf zusammengestellten Tischen Hüte für Damen und Herren, Schuhe und Stiefel, Handtaschen, Stoffballen und Nähutensilien. An einer Reihe von Ständern hingen Damenkleider und Anzüge. Emma blieb in der Nähe des Eingangs stehen und schaute sich verlegen um.

Da war er. Simon. Hinter einem Kleiderständer unterhielt er sich mit einer Frau. Musste das sein? Die Frau war jung und schön und trug ein smaragdgrünes Seidenkleid mit Spitzenkragen und schicke Schnürstiefel mit Absätzen. Ihr braunes Haar war hochgesteckt. Emma stand wie angewurzelt da, starrte auf Simon und die schöne Frau und wäre am liebsten gleich wieder gegangen. Doch da wandte sich die Frau ab und kam auf die Tür zu. Als sie an Emma vorbeiging, grüsste sie höflich. Simon hatte Emma ebenfalls entdeckt und kam lächelnd auf sie zu. «Guten Tag, Fräulein Bachmann.» Emma wäre fast in Ohnmacht gefallen. Er wusste sogar noch ihren Namen! «Schön, dass Sie kommen konnten. Darf ich Ihnen etwas zeigen?»

Emmas Wangen waren schon wieder flammend rot vor Erregung. Nun war sie doch nicht vorbereitet und völlig überrumpelt. «Äh, ich schaue mich gerne ein bisschen um.»

«Gerne. Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie mich bitte einfach.» Simon lächelte Emma freundlich an. Er trat einen Schritt zurück, zögerte und wandte sich dann ab.

Emma ging scheinbar interessiert zu den Tischen und Ständern. Sie ärgerte sich, dass sie das Gespräch mit dem Vertreter abgebrochen hatte und wünschte sich sehnlichst, seine Aufmerksamkeit wieder zu gewinnen.

Die unbekannte Frau kam in den Verkaufsraum zurück und ging mit einem kleinen Paket in der Hand auf Brandenberger zu. Emma zog sich etwas hinter einen Kleiderständer zurück. Die Frau sprach auf Brandenberger ein. Dieser hörte ihr offensichtlich interessiert zu, sein Blick ruhte aufmerksam auf ihrem Gesicht. Die beiden schienen sehr vertraut miteinander. «So sollte ein Ehemann seiner Frau zuhören», dachte Emma sehnsüchtig und der Gedanken versetzte ihr einen Stich.

In dem Moment sah sie Anna den Raum betreten und registrierte­ erstaunt, dass diese ihr Haar offen trug. Emma wollte sich schon bemerkbar machen, als Anna schnurstracks auf Brandenberger und die fremde Frau zuging. Brandenberger lächelte Anna erfreut an und begrüsste sie mit der galanten Verbeugung, die er bereits bei der ersten Begegnung hingelegt hatte. Hatte sich Simon vor ihr ebenfalls verbeugt?, fragte sich Emma irritiert. Anna nahm den Vertreter im Handumdrehen in Beschlag. Sie plauderte sichtlich angeregt mit ihm, und wenn sie lachte, warf sie ihren Kopf ein bisschen in den Nacken, sodass ihr blondes Haar anmutig um ihre Schultern floss. Und Simon Brandenberger schien nur noch Augen für Anna zu haben. Obwohl Emma Tränen in die Augen traten, konnte sie ihren Blick dennoch kaum abwenden. Anna benahm sich so damenhaft, so … verführerisch. Jetzt fiel ihr sogar noch das Taschentuch zu Boden. Brandenberger bückte sich rasch und gab es ihr galant zurück. Anna bedankte sich überschwänglich, berührte Brandenberger dabei sogar kurz am Arm und schaute ihm tief in die Augen. Die unbekannte Frau schien von allem nichts mitbekommen zu haben; sie hatte sich inzwischen im hinteren Teil des Raumes an eine Nähmaschine gesetzt, um etwas für eine Kundin zu ändern.

Frau Pfarrer trat mit ein paar Kleidern über dem Arm zu Emma: «So, Emma, hast du schon etwas gefunden?»

«Nein, leider nicht.» Emma blinzelte ihre Tränen weg. Sie hoffte, dass Frau Wartmann sie nicht bemerkte.

«Na dann … Denk dran, eine Stunde und nicht mehr.» Frau Wartmann wandte sich ab.

Hastig verliess Emma den Singsaal. Das Geschwätz der vielen Frauen, die Wärme und die Präsenz von Anna wurden ihr auf einmal zu viel. Vor der Tür standen weitere Kundinnen, manche mit Paketen und Schachteln. Kinder spielten lärmend mit dem nassen Schnee, der sich so wunderbar zu Schneebällen formen liess. Emma bahnte sich einen Weg und ging vorsichtig die Treppe hinunter, als ein Schneeball sie direkt ins Gesicht traf. «Hexe, Hexe, Hexe», hörte Emma irgendwo singen.

Es kam immer wieder mal vor, dass Emma Hexe geschimpft wurde, aber meist kümmerte sie sich nicht um solcherlei Beleidigungen. Und eigentlich, ja, eigentlich hatten die Leute ja gar nicht so Unrecht. Emma spürte mehr, als mit blossem Auge zu sehen war. Wie oft hatte sie Träume oder auch Visionen, die später tatsächlich wahr wurden. Diese Dinge machten ihr aber auch Angst. Wie sie mit dieser seltsamen Gabe umgehen sollte, wusste sie immer noch nicht so recht. Als Kind dachte sie, alle Menschen könnten Dinge sehen, die noch nicht passiert waren. Erst als Jugendliche wurde ihr klar, dass die anderen kaum ahnten, wovon sie sprach. Also sprach sie fortan nicht mehr darüber.

Angesichts des Angriffs mit dem Schneeball schossen ihr nun aber die Tränen hemmungslos in die Augen. Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres alten Mantels über das nasse Gesicht. Dann straffte sie ihre Schultern, raffte die Röcke zusammen und ging so aufrecht wie möglich davon. Als sie die Rickenbacherstrasse überqueren wollte, musste sie wegen eines Fuhrwerkes kurz warten. Und jetzt, wie war das möglich, stand Simon unmittelbar neben ihr. «Fräulein Bachmann. Sie gehen schon?», fragte er unsicher.

«Ja.» Emma schniefte und hoffte, dass ihre Tränen nicht zu sehen waren. «Ich habe nichts gefunden.» Sie versuchte, ihrer Stimme Kraft zu verleihen.

«Das ist jetzt aber schade», sagte Brandenberger zögernd.

Emma schaute sich um. Wo war Anna?

«Darf ich Sie vielleicht einmal zu einem Glas Süssmost einladen?» Brandenberger schaute sie auffordernd an. Sein Augenzwinkern kam ihr jetzt schäbig vor.

«Laden Sie doch Anna ein!» Emma wandte sich brüsk ab. Dann ging sie über die Strasse.

«Emma!» Brandenbergers Ruf verhallte in der klaren Winterluft. Emma drehte sich nicht mehr um. Als sie kurz darauf durch die Tür des Pfarrhauses trat, wischte sie sich mit der Schürze die Tränen ab und machte sich wieder an ihre Arbeit. Sie sollte Simon Brandenberger vergessen. Und Anna konnte ihr auch gestohlen bleiben, dieses unverschämte Weibsbild! Sich so in den Mittelpunkt zu spielen. Pfui! Emma war nicht entgangen, dass Brandenberger sie bei ihrem Vornamen genannt hatte. Das hatte gerade noch gefehlt.

12. Schlachtplatte

Der Winter liess sich Zeit und wich der helleren Jahreszeit nur langsam. Der schmelzende Schnee brachte erst spät nasse, dunkle Erde und fahlgrüne Wiesen zum Vorschein. Emma ging ihrer Arbeit mit Eifer nach, Frau Pfarrer wunderte sich schon darüber. Anna kam regelmässig vorbei, um Milch und Butter zu bringen. Sie versuchte mehrmals, Emma wieder einmal zu einem Treffen zu bewegen. Vergeblich.

Mitte März, an einem endlich etwas laueren Samstagabend, klopfte es. Anna stand vor der Tür. «Wir haben uns lange nicht mehr gesehen … Kommst du noch etwas nach draussen?», fragte sie und schaute Emma auffordernd an.

«Warum sollte ich?» Emmas Wut und Enttäuschung über Annas schamloses Verhalten kamen wieder hoch.

«Ich weiss nicht, wieso du mich seit ein paar Wochen schneidest.»

Emma schwieg.

«Was habe ich dir getan?», fragte Anna.

Emmas Gedanken überschlugen sich. Einerseits war sie böse auf Anna, andererseits hatte sie sich in der Stille des Pfarrhauses einsam gefühlt ohne ihre Freundin. Ohne Ausgang machte sich Langeweile breit. Emma wusste nicht, was sie sagen sollte.

«Ich hole mir rasch Mantel und Hut.»

Damit liess sie Anna stehen und schloss die Tür. Sollte sie einfach nicht mehr aufmachen? Ihre Arbeit war für heute erledigt, sie hätte den Abend sowieso nur allein in ihrer Kammer verbracht. Sie gab sich einen Ruck, kleidete sich an und klopfte an die Stubentür, um sich bei Frau Wartmann abzumelden. Diese schaute heute ziemlich zufrieden und freundlich drein. Sie wünschte Emma sogar noch einen schönen Abend.

«Ich dachte schon, du kommst nicht mehr», sagte Anna vorwurfsvoll. «Komm, wir gehen ein Stück.»

Die beiden Frauen gingen schweigend den Kirchrain entlang. Als sie am Haus des Regierungsrates vorbeischlenderten, ging im ersten Stock ein Fenster auf. «Aha, die Jungfern Müller und Bachmann», tönte es in die abendliche Stille. «Lange nicht gesehen, Emma.»

Anna hakte sich rasch bei Emma unter. «Komm, wir beachten den einfach nicht.» Ohne sich nach Fritz umzuschauen, gingen sie mit zusammengesteckten Köpfen rasch weiter.

Sobald sie ausser Sichtweite waren, atmete Emma auf. «Dieser Lump! Er macht mir wirklich das Leben schwer.»

«Ach, der ist doch harmlos», meinte Anna leichthin, «ein erbärmlicher Taugenichts, das ist alles.»

«Da bin ich mir nicht so sicher», murmelte Emma und löste sich von Anna. Dann schwiegen die beiden wieder und schlenderten weiter in Richtung Dorfmitte.

«Warum hast du dich so lange nicht blicken lassen?», fragte Anna direkt.

Emma wich aus: «Es ging mir nicht so gut.»

«Warst du krank?»

«Nicht direkt.»

Anna schaute ihre Freundin verwirrt an, traute sich aber nicht, sie weiter auszufragen. Wenn sie nicht darüber reden wollte, bitteschön.

Schon von Weitem war zu sehen, dass in der Kreuzstrasse etwas los war. Das Haus war hell erleuchtet, davor standen zwei Velos und mehrere Pferdefuhrwerke. Ein paar Buben kümmerten sich um die Versorgung der Pferde. Sie holten mit Eimern Wasser vom nahen Dorfbrunnen und tränkten die Tiere. Auf dem Dorfplatz schräg gegenüber stand ein Automobil. Emmas Herz machte unwillkürlich einen Satz.

«In der Kreuzstrasse haben sie heute und morgen Metzgete. Wollen wir auch reingehen?», fragte Anna.

«Metzgete? Jetzt im Frühling?», rief Emma überrascht. «Ich habe kein Geld dabei.»

Je näher sie der Wirtschaft kamen, desto deutlicher war Betrieb zu hören. Laute Stimmen und Gelächter drangen nach draussen in den lauen Abend.

«Geld brauchen wir heute nicht», sagte Anna triumphierend. «Ich habe letzte Woche dreimal hinter dem Buffet ausgeholfen, deshalb bin ich nun zum Essen eingeladen. Zu zweit, hat Hedi gesagt.» Anna lachte Emma an. «Na? Darf ich Sie also höflich zum Essen einladen, Fräulein Bachmann?»

«Aber ich habe doch schon gegessen …» Emma war überrumpelt. Andererseits, was, wenn das Automobil Brandenberger gehörte? Ob sie überhaupt in eine Wirtschaft gehen durfte? Wenn das Frau Pfarrer erfuhr! «Ach was, ich bin erwachsen, die hat mir gar nichts zu sagen», dachte Emma in einem Anflug von Selbstbewusstsein.

«Gut», sagte Emma mutig und wischte ihre Ängste beiseite:­ «Lass uns reingehen.»

«Prima!», jubelte Anna. «Auf in den Kampf.» Und beide kicherten aufgeregt.

Anna ging voraus. Als sie in die Gaststube traten, schlug ihnen dicke warme Luft entgegen. Der Geruch von Stumpenrauch, Schweiss und allerlei Würsten und Fleisch verschlug Emma für einen Moment fast den Atem. Alle Augen richteten sich auf die beiden jungen Frauen. Die Wirtin begrüsste sie freundlich und sagte: «Sucht euch einfach ein freies Plätzchen.»

Anna nahm Emma bei der Hand und zog sie hinter sich her. Emma sah viele bekannte Gesichter, sie nickte grüssend um sich. Neben Röbi und seinem Vater waren noch freie Plätze. Röbi winkte aufgeregt und hüpfte fast von seinem Stuhl, bis er sicher sein konnte, dass Emma sich neben ihn setzte. Dann schmiegte er sich glücklich an sie. Anna nahm gegenüber Platz. Neben ihr sassen Burkhard und Martha Erni, die Nachbarn von Anna. Frau Erni war augenscheinlich wieder in anderen Umständen. Sie grüsste nicht, starrte Anna und Emma nur an und murmelte unentwegt etwas vor sich hin. Dafür strahlte der Ehemann wie ein Maikäfer über die junge weibliche Gesellschaft. Emma lief es kalt den Rücken hinunter ob seines lüsternen Blickes. Aber Anna schien das entweder gar nicht zu bemerken oder es kümmerte sie nicht.

Hedi trat hinzu und fragte nach ihren Wünschen. Als sie wieder weg war, beugte sich Anna über den Tisch: «Hast du gesehen? Der alte Beerli. Dahinten.» Dabei wies sie mit ihrem Blick unauffällig über die rechte Schulter.

Emma schielte zu Beerli senior. Er schien sie seit Längerem im Auge zu haben, aber er blinzelte nicht einmal, als sich ihre Blicke trafen. Rasch wandte sie sich wieder Anna zu und flüsterte: «Aber Fritz ist zu Hause. Hoffentlich bleibt er dort.»

«Hoffen wir es», raunte Anna.

Röbi schmiegte sich immer noch selig an Emma, die Augen hatte er geschlossen und summte leise vor sich hin. «Röbi, lass doch die arme Emma in Ruhe», mahnte sein Vater. Aber Röbi kuschelte sich nur noch näher an Emma.

«Ist schon in Ordnung, Herr Vetterli», beschwichtigte Emma, «er ist doch mein Freund. Gäll, Röbeli.» Dabei tätschelte sie Röbis Arm. Die vielen Leute, die aufgeheizte Stimmung und der Geräuschpegel machten Emma zunehmend lockerer.

In der Nähe des Eingangs ging es besonders laut zu und her. Emma schaute sich um. Es waren alles junge Männer, die grölten und johlten. Sie hatten Bierflaschen und sauren Most vor sich stehen. Vier davon, unter anderem Annas Bruder Heiri, versuchten, sich auf einen Jass zu konzentrieren. Der Mockemetzger sass am unteren Ende des Tisches und starrte finster vor sich hin. Sein Gegenüber schäkerte gerade mit der jungen Serviertochter. Sämi Erni sass ebenfalls da. Er versuchte, mit Bierdeckeln ein kunstvolles Haus zu bauen. Gegenüber von Sämi sass Ehrsam. Als der sich erhob, brachte er das labile Kunstwerk zum Einsturz. Emma musste heimlich lachen. Sämi regte sich offensichtlich gekünstelt auf. Sein Blick schweifte nun durch die Gaststube, und als er Emma sah, zwinkerte er ihr lustig zu. Emma staunte zum wiederholten Male über seine bemerkenswert blauen Augen.

Da stand auf einmal Simon Brandenberger an ihrem Tisch. Annas Haltung straffte sich augenblicklich, und sie begann wie auf Knopfdruck strahlend zu lächeln. Emma fühlte sich überrumpelt. Sie hatte Brandenberger vorher gar nicht gesehen. Sie merkte, wie ihr Kopf heiss wurde.

«Guten Abend, die Damen», sagte Brandenberger, «schön, Sie wiederzusehen.»

«Guten Abend.» Mehr brachte Emma nicht heraus. Sie schaute den Ankömmling nur sprachlos an, in ihr tobten widersprüchliche Gefühle.

Brandenberger schaute überrascht zu Röbi, der so unanständig nah neben Emma sass. Dieser rutschte rasch ein Stück von Emma weg und setzte sich aufrecht hin.

«Guten Abend Simon», flötete Anna und zog die Aufmerksamkeit des Mannes wieder auf sich. «Welch schöne Überraschung!»

Emma war bestürzt über diese Vertraulichkeit. Vermutlich kannten sich Anna und dieser Simon näher, als sie gedacht hatte. Dennoch ruhten ihre Blicke unverwandt auf ihm. «Was für ein schöner Mann!», dachte sie hingerissen.

«Ich sehe, Sie wollten gerade essen», sagte Brandenberger höflich. «Lassen Sie sich nicht stören.» Bevor er sich zurückzog, fragte er: «Darf ich mich vielleicht nach dem Essen zu Ihnen setzen?»

«Natürlich. Sehr gerne», antwortete Anna etwas zu überschwänglich und gab Emma unter dem Tisch einen Tritt, der diese aus ihrer Erstarrung befreite. Emma zog ein Taschentuch aus ihrem Ärmel und putzte sich verlegen die Nase. Am liebsten wäre sie nach Hause gegangen. Oder hätte sich sofort zu Brandenberger an den Tisch gesetzt. «Entweder-oder», dachte sie und war selbst überrascht über ihre kühnen Gedanken.

«Sollen wir ein Gläschen Wein trinken?» Anna lachte Emma verschwörerisch an.

«Ja, ist denn der Wein auch inbegriffen?» Emma versuchte, ihr Gefühlschaos unter Kontrolle zu halten.

«Klar», lachte Anna. Zur Serviertochter gewandt, rief sie übermütig: «Bitte einen halben Liter Roten.»

Da kam bereits ihre Schlachtplatte, üppig gefüllt mit fettigen Blut- und Leberwürsten, Siedfleisch, Sauerkraut und Kartoffeln. Die Platte dampfte und die beiden Frauen assen mit grosser Lust. Emma staunte, wie viel Appetit sie unter den gegebenen Umständen plötzlich entwickelte. Sie genoss den Wein, obwohl sie sonst kaum Alkohol trank. Sie konnte sich sonst ja auch keine Wirtshausbesuche leisten. Aber heute Abend schien ihr der Wein süss wie Himbeersirup. Er machte sie so wunderbar leicht und träge zugleich. Sie vergass ihre Sorgen und kicherte und lachte unbeschwert mit Anna und Röbi.

Emma bemerkte, dass Brandenberger immer wieder zu ihnen, oder besser gesagt, zu ihr herüberschaute. In seinen Augen glaubte Emma Begehren zu sehen und seine Blicke brannten auf ihrer Haut. Sie fühlte sich weiblicher und anziehender als je zuvor.

Ein Handörgeler, ein Mann mit Klarinette und einer mit Zupfbass hatten sich inzwischen im Säli eingerichtet und spielten nun zum Tanz auf. Heitere Ländlermusik übertönte das Stimmengewirr und Geschirrgeklapper. Langsam erhob sich ein ums andere Paar zum Tanzen. Emma verfolgte fasziniert und gleichzeitig verlegen das fröhliche Treiben.

«Wenn das Frau Pfarrer sähe», sagte Emma und begann zu kichern.

«Jesses Gott!», lachte auch Anna.

«Dann kommen wir halt nicht in den Himmel», gluckste Emma und verschluckte sich fast.

«So ist es recht, Emma!», lobte Anna. Ihre Stimme tönte wie die einer Lehrerin, deren schwächster Schüler endlich das Einmaleins begriffen hatte.

Die beiden Freundinnen lachten und lachten und hörten erst auf, als Röbi Emma ungeduldig am Ärmel zupfte.

«Emma, tanzen wir?», fragte er und strahlte sie an.

«Oh! Also Röbi, weisst du … das macht sich vermutlich nicht so gut», wehrte Emma ab.

«Bitte, bitte, bitte», sang Röbi und klatschte in die Hände.

Anna mischte sich ein: «Komm, Emma, mach ihm doch die Freude.»

«Aber dein Holzbein …», wollte Emma noch insistieren und schaute fragend zu Röbis Vater und den Ernis. Röbis Vater war in ein Gespräch vertieft. Herrn Ernis Blick konnte sie nicht recht deuten, irgendwie liess er Anna und Emma nicht aus den Augen. Frau Erni hielt ein Taschentuch vor den Mund gedrückt, ihr Blick ging ins Leere. Röbi müdete und bettelte, und plötzlich keimte Emmas Übermut wieder auf. «Also, komm Röbi, denen zeigen wir, wie man tanzt!»

Lachend stand sie auf. Für einen Augenblick musste sie sich am Stuhl festhalten, weil ihre Knie wegen des ungewohnten Weinkonsums plötzlich nachgaben. Rasch hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Röbi bot ihr wichtig seinen Arm, den sie nun dankbar ergriff. Sie mussten an Brandenbergers Tisch vorbei zur Tanzfläche, aber Emma mied den Blickkontakt und tat so, als ob sie Röbi etwas ins Ohr flüstern würde. Dann liess sie sich doch etwas verlegen von Röbi in den Arm nehmen. Offenbar hatte ihm jemand einmal die Tanzhaltung gezeigt. Emma versuchte, sich im Takt der Musik zu bewegen. Aber Röbi hüpfte, ohne auf die Musik zu achten, wild über das glänzende Parkett. Das Holzbein machte seine Bewegungen steif, sodass Emma befürchtete, sie könnten hinfallen. Von echtem Tanz war natürlich keine Rede, aber Röbi freute sich dennoch so unbändig, dass Emma nicht anders konnte, als ihr mit Füssen getretenes Taktgefühl und ihre Scham zu überwinden und einfach noch zu versuchen, Zusammenstösse zu verhindern.

Nach zwei solchen Tänzen befreite sich Emma. «So, Röbi. Komm, wir gehen wieder an unseren Platz.»

Röbi war so ausser Atem, dass er sich gefügig aus dem Säli führen liess.

Brandenberger hatte sich in der Zwischenzeit an ihren Tisch gesetzt und war scheinbar in ein angeregtes Gespräch mit Anna vertieft. Als Emma hinzutrat, blickten beide auf. Brandenberger lächelte schelmisch: «Oh, entschuldigen Sie vielmals, ich sitze wohl auf Ihrem Stuhl.» Er machte aber keine Anstalten aufzustehen.

«Hat es Spass gemacht?», fragte Anna und Emma glaubte, leichte Schadenfreude aus ihrer Stimme herauszuhören.

Emma überging die Frage und lächelte Brandenberger an: «Das macht nichts.» Im Stillen dachte sie, dass sie sich ja auf seinen Schoss setzen könnte, und blieb einfach neben ihm stehen. Anna schaute sie bewundernd an, sagte aber nichts.

Brandenberger schien ihre Gedanken lesen zu können. Er stand auf und verneigte sich höflich: «Würden Sie mir diesen Tanz schenken, Emma?» In vollendeter Höflichkeit bot er ihr seinen rechten Arm. Mit einem Seitenblick zu Anna sagte er beiläufig: «Wenn Sie uns entschuldigen wollen.»

Anna war zu überrascht, um etwas zu erwidern. Emma ergriff den Arm und strahlte Brandenberger an: «Sehr gerne.» Simon führte sie mit sicheren Schritten über den knarrenden Bretterboden zum Säli.

Emmas Magen zog sich nervös zusammen. Sie glaubte, diesmal alle Augen auf sich zu spüren, auf einer Bühne zu stehen und bewertet zu werden wie ein Stück Vieh. Aber Simon­­ war ein begnadeter Tänzer, rasch verloren sich Emmas Bedenken. Sie fühlte sich aufgehoben und sicher geführt. Simons rechte Hand schien ihre Haut am Rücken zu verbrennen, obwohl ein paar Lagen Stoff dazwischen waren. Emma gab sich ganz dem Tanz hin. Gemeinsam genossen sie die unziemliche Nähe zueinander. Emma schien, als ob die Paare um sie herum zu einer einzigen wogenden Masse verschmolzen wären. Die fröhlichen Melodien schienen aus dem Nichts zu kommen. Nur dieser schöne, vollendet höfliche Mann von Welt und sie, die verführerische und bewunderte Emma Bachmann, tanzten in dieser herrlichen Nacht zusammen, als ob sie noch nie etwas anderes getan hätten – und waren doch immer noch per Sie.

«Sie sind sehr schön, Emma», raunte ihr Simon ins Ohr.

«Danke», erwiderte sie keck, «und Sie tanzen gut.»

Viel zu rasch machten die Musikanten eine Pause, und Herr Brandenberger führte Emma zurück an ihren Tisch. Sie glaubte zu spüren, dass auch er die Unterbrechung bedauerte.

Emma setzte sich atemlos und erhitzt auf ihren Stuhl: «Wo ist Anna hin?» Sie liess ihren Blick durch die Leute schweifen.

Röbi zuckte nur mit den Schultern. «Vermutlich ist sie rasch auf den Abort gegangen», mutmasste Röbis Vater. ­Martha Erni schien die Frage nicht mal gehört zu haben. Sie blätterte in einem kleinen Notizbüchlein und murmelte unentwegt vor sich hin.

Brandenberger stand etwas ratlos daneben. «Soll ich dich rasch nach draussen begleiten? Oh, Entschuldigung: Ich meine Sie …»

«Wir können schon beim Du bleiben», sagte Emma errötend. «Danke, aber Anna kommt bestimmt bald wieder.»

«Ich bin Simon», sagte er. «Darf ich mich zu dir setzen … Emma?»

«Ja, sehr gerne, hier sind ja gerade ein paar Stühle frei.»

Die beiden lächelten einander etwas verlegen an. Röbi rutschte wieder näher an Emma heran. Er musterte Brandenberger misstrauisch.

Simon fand zuerst die Sprache wieder: «Schön, dass wir endlich ungestört ein paar Worte wechseln können.»

Emma strich Röbi kurz über den Arm und schob ihn dann ein bisschen von sich. Ihr kam der Verkaufsnachmittag in den Sinn, Annas ungehöriger Auftritt und die unbekannte Frau an Brandenbergers Seite.

«Ich habe oft an Sie … äh … dich gedacht», sagte Simon so leise, dass nur Emma ihn hören konnte.

«Wirklich?» Emma schaute ihn kokett an und strich sich eine imaginäre Haarsträhne hinters Ohr.

«Ja, ganz ehrlich.»

Die Musikkapelle begann wieder aufzuspielen.

«Tanzen wir nochmals?», fragte Simon lächelnd.

«Äh, ich schau doch zuerst kurz, wo Anna so lange bleibt.» Emma stand auf und ging am Buffet vorbei. Sie hatte ein ungutes Gefühl. Als sie zur Tür hinaus in den düsteren Gang trat, kam ihr Josefine, eine junge Magd aus Feldi, entgegen.

«Hoi Josefine, hast du Anna gesehen?», fragte Emma.

«Also auf dem Abort war sie jedenfalls nicht», sagte ­Josefine, «von da komme ich nämlich gerade.»

Die Wirtin trat mit zwei üppig gefüllten Schlachtplatten aus der Küche und die beiden mussten einen Schritt zur Seite weichen.

«Na dann. Bis später», sagte Emma zu dem Mädchen.

«Sie wird doch nicht einfach so nach Hause gegangen sein», dachte sie. Das Haus der Müllers war ja nur wenige Schritte entfernt.

Emma trat durch die Hintertür hinaus in den Lichtschein einer schwachen Öllampe. Sie ging zur Toilette und klopfte. Eine Männerstimme brummte «besetzt». Sie zog sich wieder ins Licht bei der Hintertür zurück, als sie Geräusche hörte, die sie nicht einordnen konnte. Von der Strasse her kam Gelächter und Geschwätz von Gästen auf dem Heimweg. Emma hörte scharrende Hufe, das Geklapper von Fuhrwerken und hinter sich gedämpfte Musik aus der Wirtschaft. Die unbekannten, geheimnisvollen Geräusche kamen aber aus einer anderen Richtung, irgendwo vom Hinterhof der Müllers, aus der Dunkelheit.

Am besten kehrte sie wohl wieder in die helle Gaststube zurück. Oder sollte sie kurz zu Annas Haus gehen, um zu schauen, ob sie gut heimgekommen war? Aber Emmas Beine führten sie fast wie von allein ein paar Schritte in Richtung Dunkelheit. Unruhe erfasste sie, aber auch Neugier und eine dunkle Vorahnung.

Sie ging langsam weiter, hinter sich hörte sie den Mann aus dem Häuschen schlurfen. Ohne auf sie zu achten, ging er in die Gaststube zurück. Durch die fahlen Wolken schimmerte der Halbmond. Emmas Augen hatten sich rasch an die Dunkelheit gewöhnt, sodass sie sich gut zurechtfand. An der Ecke vom Haus der Müllers stand eine mächtige Holzbeige. Dahinter hörte sie ein leises Kichern. Vorsichtig schlich sich Emma im Schutz der Hauswand weiter, bis sie hinter die Holzklafter blicken konnte.

Was sie sah, waren zwei Menschen, verschlungen in unziemlicher Umarmung. Anna stand mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ihr Jackett war aufgeknöpft und die Bluse heraufgeschoben. Ein Mann drängte sich stöhnend an sie, küsste ihren Hals und knetete ihre entblössten Brüste. Emmas Augen weiteten sich fasziniert und angewidert zugleich. Als Anna ihn ein Stück von sich stiess, erkannte Emma Burkhard Erni, Annas Nachbarn. Emma musste ein «Jesses Gott» unterdrücken. Wie angewurzelt blieb sie im Schatten der Hauswand stehen.

Da hörte sie Annas gedämpfte Stimme: «Gefallen dir meine Brüste?»

Erni stöhnte wieder. Sein Atem bildete ein weisses Wölkchen in der trockenen Kälte der Nacht. Anna fror. Sie schob den Mann von sich und begann, ihre Kleidung wieder zu richten. Dann sagte sie: «Also, gib mir jetzt die zehn Franken.»

Erni wollte sie wieder küssen, aber Anna stiess ihn gnadenlos weg: «Nein!», sagte sie hart.

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250 стр. 18 иллюстраций
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9783741877902
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