Читать книгу: «Salz. Fett. Säure. Hitze»

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Richtig gut Kochen lernen. Mit allen möglichen Zutaten, überall und jederzeit – und auch ohne Rezept!

SAMIN NOSRAT verdichtet ihre reiche Erfahrung als Köchin und Kochlehrerin zu einem so einfachen wie revolutionären Ansatz. Es geht dabei um die vier zentralen Grundlagen guten Kochens: Salz, Fett, Säure und Hitze. Salz – das die Aromen vertieft. Fett – das sie trägt und attraktive Texturen ermöglicht. Säure – die alle Aromen ausbalanciert. Und Hitze – die die Konsistenz eines Gerichts letztendlich bestimmt. Wer mit diesen vier Elementen souverän umzugehen lernt, wird exzellent kochen, ohne sich länger an Rezepte klammern zu müssen.

»Ein Buch, das gleichermaßen lehrreich und vergnüglich ist. Es wird schon bald einen Ehrenplatz auf dem kurzen Regalbrett bekommen, auf dem die Kochbücher stehen, ohne die Sie sich Ihr Leben nicht vorstellen können.«

MICHAEL POLLAN

»Ganz einfach ein unverzichtbares Buch – es fängt die Essenz dessen ein, was Kochen ausmacht. Ein Meisterwerk.«

NIGELLA LAWSON

Über die Autorin und über die Illustratorin


Samin Nosrat ist Autorin, Lehrerin und Köchin. Seit dem Jahr 2000, als sie zum ersten Mal in die Küche des Restaurants Chez Panisse stolperte, kocht sie professionell. Die New York Times nannte sie eine »Autorität, was das Kombinieren der richtigen Techniken mit den besten Zutaten angeht«, der Radiosender NPR »die nächste Julia Child«. Ihre Texte sind unter anderem in der New York Times, der Zeitschrift Bon Appétit und im San Francisco Chronicle erschienen. Sie lebt, kocht und gärtnert im kalifornischen Berkeley. SALZ. FETT. SÄURE. HITZE. ist ihr erstes Buch.

Foto: Grant Delin


Wendy MacNaughton ist Illustratorin und zeichnende Journalistin. Sie hat eine Reihe von Bestsellern illustriert, unter anderem Katze vermisst (im Original: Lost Cat), Meanwhile in San Francisco, Knives & Ink, The Gutsy Girl und The Essential Scratch and Sniff Guide to Becoming a Wine Expert, außerdem ist sie Kolumnistin für The California Sunday Magazine. Sie lebt in San Francisco mit ihrer Partnerin, mehreren Vierbeinern und einer – dank Samin – viel genutzten Küche.

Foto: Leslie Sophia Lindell


Für Alice Waters – sie öffnete mir die Tür zur Küche.

Und für Maman – sie öffnete mir die Tür zur Welt.

Wer gerne isst, wird auch schnell lernen, gut zu kochen.

Jane Grigson

INHALT

Vorwort

Einleitung

Wie man dieses Buch benutzt

TEIL 1 Die vier Elemente guten Kochens

Was soll ich kochen?

Wie man Rezepte verwendet

TEIL 2 Rezepte und Ratschläge

Basics in der Küche

Rezepte

Salate

Dressings

Gemüse

Brühen und Suppen

Bohnen, Getreide und Pasta

Eier

Fisch

13 Arten, ein Huhn zu betrachten

Fleisch

Saucen

Gebäck aus Butter und Mehl

Süßes

Kochlektionen

Menüvorschläge

ANHANG

Tipps zum Weiterlesen

Danksagungen

Bibliografie

Rezeptverzeichnis

Sachregister

Notizen

Über Autorin und Illustratorin


VORWORT

ährend ich diese Zeilen schreibe, ist dieses Buch noch gar nicht veröffentlicht, und dennoch fühlt es sich schon unentbehrlich an.

Das klingt wahrscheinlich übertrieben, ich weiß, aber ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch übers Kochen gelesen habe, das so nützlich oder so ungewöhnlich war. Vermutlich liegt das daran, dass man sich beim Lesen von Salz. Fett. Säure. Hitze. nicht unbedingt fühlt wie bei der Lektüre eines Kochbuchs, sondern eher, als stünde man mit umgebundener Schürze am Herd einer wirklich guten Kochschule, um einer klugen, eloquenten und gelegentlich sehr witzigen Köchin zuzuhören, die vorführt, wie man eine missglückte Mayonnaise repariert. (Ein paar Tropfen Wasser zugeben und dann »so hektisch schlagen wie ein Schwimmer auf der Flucht vor einem Haifisch«.) Dann reicht sie die Schüssel mit der nun seidigen, nicht mehr geronnenen Emulsion herum, damit jeder einen Probierlöffel eintunken und sie auf der Zunge spüren kann. Und man begreift.

Mit Salz. Fett. Säure. Hitze. schafft es Samin Nosrat, uns sehr viel breiter und tief gehender in die Kunst des Kochens einzuführen, als Kochbücher es normalerweise tun. Das liegt daran, dass ihr Buch weitaus mehr bietet als Rezepte – ein zwar nützliches, aber doch stark eingeschränktes literarisches Genre. Ein gut geschriebenes und gründlich getestetes Rezept erklärt Ihnen vielleicht, wie das betreffende Gericht herzustellen ist, aber es bringt Ihnen nichts darüber bei, wie man kocht, jedenfalls nicht richtig. Ehrlich gesagt behandeln Rezepte uns wie Kinder. »Tu einfach ganz genau, was ich sage«, befehlen sie, »aber stell keine Fragen und zerbrich dir deinen Kopf nicht darüber, warum.« Sie verlangen, ihnen getreulich zu folgen, tun aber nichts dazu, um sich das zu verdienen oder es zu rechtfertigen.

Stellen Sie sich vor, wie viel mehr wir lernen – und behalten! –, wenn eine Lehrerin nicht nur Anweisungen für jeden einzelnen Schritt auflistet, sondern die zugrunde liegenden Prinzipien erklärt. Mit Begründungen ausgerüstet, müssen wir uns nicht mehr an ein Rezept klammern wie an ein Rettungsboot; jetzt können wir auf eigene Faust loslegen und anfangen zu improvisieren.

Obwohl es eine Vielzahl exzellenter Rezepte enthält, ist dies ein Buch, in dem es vor allem um die Grundlagen geht. Samin Nosrat hat sich des gewaltigen, einschüchternden multikulturellen Themas, das wir »Kochen« nennen, angenommen und es mutig auf vier grundsätzliche Elemente heruntergebrochen – oder fünf, wenn man das regelmäßige Kosten als ein Grundelement dazurechnet. Wenn Sie diese Prinzipien beherrschen, so lautet ihr Versprechen, werden Sie köstliche Gerichte jeglicher Art und Herkunft kochen können, egal, ob Salatdressing, Schmorgericht oder Galette. Würzen Sie Ihr Essen im richtigen Moment mit der richtigen Menge Salz, wählen Sie das optimale Fett, um das Aroma Ihrer Zutaten zur Geltung zu bringen, nutzen Sie Säure zum Ausbalancieren und um diesen Zutaten Frische zu verleihen, setzen Sie Hitze der richtigen Art und Intensität über die richtige Dauer ein: Tun Sie all das, und Sie werden ein aromatisches, wunderbares Essen zubereiten, ob nun mit oder ohne Rezept. Das ist ein großes Versprechen, aber wenn Sie an Samins Kochkurs teilnehmen – also: dieses Buch lesen –, werden Sie erleben, dass sie dieses Versprechen hält. Ob als Kochanfänger oder mit jahrzehntelanger Kocherfahrung: Sie werden danach in der Lage sein, allem, was Sie kochen, eine neue, verblüffende geschmackliche Tiefe zu verleihen.


Samin ist nicht nur eine begabte und extrem versierte Köchin mit jahrelanger Erfahrung in einigen der besten Restaurants in und um San Francisco, sie ist auch ein pädagogisches Naturtalent – genau, inspirierend und redegewandt. Zufällig weiß ich das aus erster Hand, denn Samin, die einst bei mir das Schreiben erlernte, wurde meine Kochlehrerin, als ich mit der Recherche für mein Buch Kochen begann.

Wir hatten uns ein Jahrzehnt vorher kennengelernt, nachdem Samin schriftlich angefragt hatte, ob sie als Gasthörerin an meinem Oberseminar über Food-Journalismus an der Universität Berkeley teilnehmen könnte. Sie aufzunehmen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens – nicht nur als Schreiben unterrichtender Professor, sondern auch als begeisterter Esser. Samin hielt nicht nur problemlos mit den Journalisten im Seminar mit, indem sie den einnehmenden Ton und sicheren Stil präsentierte, die auch dieses Buch tragen, sondern sie stellte uns alle komplett in den Schatten, wenn es ums Essen ging.

Weil es in dem Seminar um Essen ging, aßen wir natürlich: Jede Woche war ein anderer Teilnehmer an der Reihe, ein kleines »Gericht mit Geschichte« mitzubringen – ein Nahrungsmittel oder Gericht, das eine Geschichte erzählte, ob nun über seine Herkunft, seine Pläne oder eine besondere Leidenschaft. Wir aßen aus einem Müllcontainer gerettete Baguettes, selbst gesammelte Pilze und Unkräuter sowie alle möglichen traditionellen Gerichte aus der ganzen Welt, aber meistens bekamen wir nicht mehr als ein, zwei Bissen und die Geschichte. Samin servierte uns eine ganze Mahlzeit: eine aufwendige Spinatlasagne, die sie von A bis Z selbst gemacht hatte, auf echten Tellern mit Tischwäsche und Silberbesteck – Gegenstände, die nie zuvor die Schwelle meines Seminarraums passiert hatten. Während wir die beste Lasagne aßen, die wir alle jemals probiert hatten, erzählte uns Samin, wie sie in Florenz gelernt hatte, aus Mehl und Eiern selbst von Hand Pasta zu machen, angeleitet von Benedetta Vitali, die als Lehrerin von größtem Einfluss für sie war. Wir waren alle fasziniert, von ihrem Erzähltalent ebenso wie von ihrer Kochkunst.

Als ich Jahre später beschloss, mit dem Kochen Ernst zu machen, war es keine Frage, wen ich bitten würde, es mir beizubringen. Samin stimmte sofort zu, und so kam sie über ein Jahr lang einmal im Monat vorbei – normalerweise am Sonntagnachmittag – und wir kochten zusammen ein Drei-Gänge-Menü, in dessen Zentrum jedes Mal ein anderes Thema stand. Samin enterte mit ihren Einkaufstaschen, ihrer Schürze und ihrer Messerrolle die Küche und verkündete das Thema der Tageslektion; oft passend zu den Prinzipien, die sich in diesem Buch finden. »Heute lernen wir alles über Emulsionen.« (Die sie auf unvergessliche Weise als »vorübergehenden Friedensvertrag zwischen Öl und Wasser« beschrieb.) Wenn Fleisch auf dem Lehrplan stand, kam Samin oft am Vorabend vorbei oder rief an, um sicherzugehen, dass der Braten oder das Huhn richtig gewürzt wurden, das heißt frühzeitig und üppig: mindestens 24 Stunden im Voraus, mit ungefähr dem Fünffachen der Menge Salz, die Ihr Kardiologe empfehlen würde.


Die Sitzungen begannen als Einzelunterricht, bei dem Samin und ich hackend und schwatzend an der Kücheninsel standen, aber nach einiger Zeit zogen das Gelächter und die Düfte, die aus der Küche drangen, auch meine Frau Judith und unseren Sohn Isaac an. Es wäre schade gewesen, die köstlichen Mahlzeiten, die wir zu produzieren begannen, nicht mit mehr Leuten zu teilen, daher luden wir Freunde ein, an unseren Abendessen teilzunehmen. Mit der Zeit kamen sie immer früher am Abend und schließlich schon am Nachmittag, damit sie beim Ausrollen eines Kuchenbodens helfen oder die Kurbel der Nudelmaschine drehen konnten, die Isaac mit dottergelb gefärbten Teigplatten fütterte.

Samins Unterricht hat etwas Ansteckendes: ihre Kombination aus Leidenschaft, Humor und Geduld, aber vor allem ihre Fähigkeit, auch die komplexesten Vorgänge in Schritte zu zerlegen, die sofort einleuchten, weil sie nie versäumt, die zugrunde liegenden Prinzipien zu erklären. Wir salzten Fleisch deswegen so früh, damit das Salz genug Zeit hatte, in den Muskel einzudringen und dort die Proteinstränge in ein feuchtigkeitserhaltendes Gel umzuwandeln, was für saftigeres Fleisch sorgt und gleichzeitig das Aroma von innen heraus aufbaut. Hinter jedem solchen Schritt steckt eine kleine Geschichte, und sobald man sie kennt, leuchtet der Schritt voll und ganz ein und wird uns letztendlich zur zweiten Natur, ein Teil unseres motorischen Gedächtnisses beim Kochen.

Aber so logisch oder gar wissenschaftlich Samin in puncto der von ihr vermittelten Techniken sein kann, letztendlich ist sie doch der Überzeugung, dass hervorragendes Kochen vom Schmecken und Riechen abhängt – davon, unsere Sinne zu erziehen und dann zu lernen, ihnen zu vertrauen. »Kosten, kosten und dann nochmal kosten«, sagte sie mir immer, selbst wenn ich etwas so Einfaches und scheinbar Ödes machte wie eine Zwiebel anzubraten. Denn in der Pfanne lief eine komplizierte Evolution ab, bei der sich die Zwiebelrechtecke von knackig-säuerlich über pur und mild zu leicht rauchig entwickelten, während sie karamellisierten und dann beim Bräunen leicht bitter wurden. Sie zeigte mir, wie sich ein halbes Dutzend unterschiedlicher Geschmacksrichtungen aus dieser einen bescheidenen Zutat herauskitzeln ließen, je nachdem, wie man mit Prinzip Nummer vier, der Hitze, umging – und wie man seine Sinne einsetzte, denn jede Zwischenstufe der Zwiebelevolution trug ihr eigenes, klar unterscheidbares Aroma. Aber welches Rezept hat jemals all das vermittelt? Wie Samin gerne sagt, sie zitiert dabei eines ihrer Vorbilder: »Es sind nicht Rezepte, die Essen gut schmecken lassen. Es sind Menschen.«

Am besten gefällt mir an diesem Buch, dass Samin irgendwie einen Weg gefunden hat (unterstützt von Wendy MacNaughtons ebenso inspirierten wie informativen Illustrationen), sowohl ihre Leidenschaft fürs Kochen als auch ihren intelligenten Zugang zu diesem Thema zu Papier zu bringen. Das Ergebnis ist ein Buch, das in gleichem Maße lehrreich und vergnüglich ist (keine Selbstverständlichkeit für etwas Geschriebenes), und ich prophezeie Ihnen, dass es schon bald auf dem kurzen Regalbrett landen wird, auf dem die Kochbücher stehen, ohne die Sie sich Ihr Leben nicht vorstellen können. Sie werden ihm einen Ehrenplatz einräumen wollen.

Michael Pollan


EINLEITUNG

eder schafft es, alles zu kochen, und zwar so, dass es köstlich schmeckt.

Ob Sie noch nie einen Kochlöffel in der Hand hatten oder bereits hervorragend kochen – es gibt nur vier Grundfaktoren, die bestimmen, wie gut Ihr Essen schmeckt: Salz, das den Geschmack vertieft; Fett, das den Geschmack verstärkt und reizvolle Konsistenzen ermöglicht; Säure, die Frische verleiht und ausbalanciert; Hitze, die die Textur des Essens bestimmt. Salz, Fett, Säure und Hitze sind die vier Himmelsrichtungen des Kochens, und dieses Buch zeigt Ihnen, wie Sie sich mit ihrer Hilfe in jeder Küche zurechtfinden.

Kennen Sie das Gefühl von Hilflosigkeit, wenn Sie etwas ohne Rezept kochen wollen, oder das von Neid auf Köche, die aus nichts (oder aus einem leeren Kühlschrank) eine Mahlzeit zaubern können? Salz, Fett, Säure und Hitze werden Ihre Leitlinien sein, wenn Sie entscheiden, welche Zutaten Sie verwenden und wie Sie sie kochen. Sie zeigen Ihnen, warum Nachjustierungen kurz vor dem Servieren dafür sorgen, dass das Essen genau so schmeckt, wie es sollte. Diese vier Elemente sind es, die alle großen Köche – ob preisgekrönte Küchenchefs, marokkanische Großmütter oder Meister der Molekulargastronomie – nutzen, um köstliches Essen zu kochen. Nehmen Sie sich vor, diese vier Elemente zu beherrschen, und Sie werden das auch hinbekommen.

Während Sie die Geheimnisse von Salz, Fett, Säure und Hitze entdecken, werden Sie sich dabei ertappen, dass Sie immer häufiger in der Küche improvisieren. Befreit von Rezepten und genauen Einkaufslisten, werden Sie entspannt einfach das kaufen, was auf dem Bauernmarkt oder in der Fleischtheke gerade am besten aussieht, und auf Ihre Fähigkeit vertrauen, es in eine wohlschmeckende Mahlzeit zu verwandeln. Sie werden besser dafür gerüstet sein, Ihrem eigenen Gaumen zu trauen, einzelne Zutaten von Rezepten durch andere zu ersetzen und mit dem zu kochen, was gerade zur Hand ist. Dieses Buch wird die Art verändern, wie Sie über Kochen und Essen nachdenken, und Ihnen dabei helfen, zurechtzukommen – in jeder Küche, mit allen Zutaten, bei jeder Mahlzeit, die Sie kochen. Sie werden anfangen, Rezepte, die in diesem Buch eingeschlossen, so zu verwenden, wie Profiköche es tun – als Inspiration, Kontext und Orientierungshilfe –, statt sie Wort für Wort zu befolgen.

Ich verspreche Ihnen: Genauso wird es kommen. Sie können als Koch oder Köchin nicht nur gut werden, sondern großartig. Ich weiß das, denn mir ist es genauso ergangen.


Ich bin schon mein ganzes Leben lang hinter Geschmackserlebnissen her.

Als Kind fand ich mich nur dann in der Küche ein, wenn Maman mich und meine Brüder einspannte, um Dicke Bohnen auszupulen oder frische Kräuter für die traditionellen persischen Gerichte zu pflücken, die sie uns jeden Abend kochte. Meine Eltern zogen am Vorabend der iranischen Revolution von Teheran nach San Diego, kurz vor meiner Geburt im Jahr 1979. Ich wuchs mit Farsi als Muttersprache auf, feierte das iranische Neujahrsfest Nouruz und ging auf die persische Schule, um lesen und schreiben zu lernen. Aber der wunderbarste Aspekt unserer Kultur war das Essen – es führte uns zusammen. Es gab nur wenige Abende, an denen keine Tanten, Onkel oder Großeltern an unserem Esstisch saßen, der immer beladen war mit Schalen voller Kräuter, Platten mit Safranreis und Schüsseln mit duftendem Eintopf. Immer war ich diejenige, die sich die dunkelsten, knusprigsten Stücke Tahdig schnappte, die goldene Kruste, die sich am Boden jedes Topfs mit Mamans persischem Reis bildete.

Obwohl ich zweifellos sehr gerne aß, dachte ich nie daran, Köchin zu werden. Als Highschool-Absolventin hatte ich literarische Ambitionen und zog nach Norden, um an der Universität Berkeley englische Literatur zu studieren. Ich erinnere mich, dass bei einer der Einführungsveranstaltungen jemand ein berühmtes Restaurant in der Stadt erwähnte, aber die Idee, dort essen zu gehen, kam mir nie. Die einzigen Restaurants, die ich bisher besucht hatte, waren die persischen Kebabhäuser im Orange County, zu denen meine Familie jedes Wochenende pilgerte, der örtliche Pizzaladen und die Stände mit Fisch-Tacos am Strand. In San Diego gab es keine berühmten Restaurants.

Dann verliebte ich mich in Johnny, einen Dichter mit rosigen Wangen und funkelnden Augen, der mich in die kulinarischen Genüsse seiner Heimatstadt San Francisco einführte. Er nahm mich in seine Lieblings-Taqueria mit, wo er mir zeigte, wie man die Bestellung für einen perfekten Mission Burrito zusammenbaut. Wir probierten gemeinsam bei Mitchell’s Eiscreme, Babykokosnuss und Mango. Wir schlichen uns spät nachts die Treppe des Coit Tower hinauf, um unsere Golden-Boy-Pizzastücke zu essen und die Stadt unter uns glitzern zu sehen. Johnny hatte immer schon im »Chez Panisse« essen wollen, aber noch nie die Gelegenheit gehabt. Es stellte sich heraus, dass das berühmte Restaurant, von dem ich gehört hatte, eine amerikanische Institution war. Wir sparten sieben Monate lang und arbeiteten uns durch das labyrinthische Reservierungssystem, um einen Tisch zu bekommen.

Als der Tag endlich gekommen war, gingen wir zur Bank und wechselten die Schuhschachtel mit Quartermünzen und Dollarscheinen gegen zwei frische Hundertdollarnoten und zwei Zwanziger ein, warfen uns in unsere schicksten Outfits und zischten in seinem alten VW-Käfer-Cabrio hinüber, absolut genussbereit.

Die Mahlzeit war – natürlich – spektakulär. Wir aßen Frisée aux lardons, in Brühe pochierten Heilbutt und Perlhuhn mit winzigen Pfifferlingen. Nichts davon hatte ich je zuvor probiert.

Zum Dessert gab es Schokoladensoufflé. Als die Kellnerin es uns brachte, zeigte sie mir, wie ich mit dem Dessertlöffel oben ein Loch hineinstechen und die dazu servierte Himbeersauce hineingießen sollte. Sie sah mir zu, als ich den ersten Bissen probierte, und ich berichtete ihr verzückt, es schmecke wie eine warme Schokoladenwolke. Tatsächlich sei das Einzige, was ich mir als Verbesserung der Erfahrung vorstellen könne, ein Glas kalte Milch.

Weil ich keine Erfahrung mit den Gepflogenheiten extravaganten Essens hatte, wusste ich nicht, dass für viele Feinschmecker die Idee, nach dem Frühstück Milch zu sich zu nehmen, im besten Fall kindisch, im schlimmsten Fall ekelerregend ist. Aber ich war naiv – obwohl ich immer noch finde, dass nichts über ein Glas kalte Milch mit einem warmen Brownie geht, zu jeder Tages- oder Nachtzeit –, und diese Naivität fand die Kellnerin süß. Sie kam ein paar Minuten später mit einem Glas kalter Milch und zwei Gläsern Süßwein zurück, der passenden Begleitung zu unserem Soufflé.


Das war der Anfang meiner professionellen kulinarischen Ausbildung.

Wenig später schrieb ich einen Brief an Alice Waters, die legendäre Eigentümerin und Chefköchin des Chez Panisse, und berichtete ihr von unserem traumhaften Abendessen. Davon inspiriert, erkundigte ich mich nach einem Job als Tischabräumerin. Ich hatte nie zuvor in Betracht gezogen, in einem Restaurant zu arbeiten, aber ich wollte ein Teil jener Magie werden, die ich an jenem Abend im Chez Panisse erlebt hatte, und sei es nur ein ganz kleiner.

Als ich den Brief mit meinem Lebenslauf ins Restaurant brachte, wurde ich ins Büro geführt und der Restaurantleiterin vorgestellt. Wir erkannten einander sofort wieder: Sie war die Frau, die uns die Milch und den Süßwein gebracht hatte. Nachdem sie meinen Brief gelesen hatte, stellte sie mich sofort ein. Sie fragte, ob ich am nächsten Tag zu einer Einarbeitungsschicht vorbeikommen könnte.

Während dieser Schicht wurde ich durch die Küche in den Speisesaal in der unteren Etage geführt, wo meine erste Aufgabe darin bestand, staubzusaugen. Die schiere Schönheit der Küche, die voller Körbe mit reifen Feigen stand und von glänzenden Kupferwänden eingefasst war, hypnotisierte mich. Ich erlag sofort dem Zauber der Köche in ihren makellosen weißen Kochjacken, die sich bei der Arbeit ebenso graziös wie effizient bewegten.

Ein paar Wochen später bat ich die Küchenchefs, mich in der Küche arbeiten zu lassen.

Sobald ich sie davon überzeugt hatte, dass mein Interesse am Kochen mehr war als nur eine Laune, durfte ich ein Praktikum in der Küche machen und gab meinen Job als Abräumerin auf. Ich kochte von früh bis spät und abends schlief ich beim Lesen von Kochbüchern ein, um von Marcella Hazans Bolognesesauce und Paula Wolferts handgerolltem Couscous zu träumen.

Weil das Menü im Chez Panisse täglich wechselt, beginnt jede Küchenschicht mit einer Menübesprechung. Die Köche setzen sich mit dem Küchenchef oder der Küchenchefin zusammen und hören sich die Grundidee für jedes Gericht an, während alle Erbsen pulen oder Knoblauch schälen. Er erzählt vielleicht von seiner Inspiration für das Menü – einer Reise an die spanische Küste oder einer Geschichte, die er vor Jahren im New Yorker gelesen hat. Sie erläutert möglicherweise auch noch ein paar Details – ein besonderes Kraut, das verwendet wird, eine bestimmte Art, Karotten zu schneiden, eine Skizze des fertigen Tellers auf der Rückseite eines Papierfetzens –, dann wird jedem Koch ein Gericht zugeteilt.

Als Praktikantin fand ich es gleichermaßen inspirierend wie einschüchternd, an diesen Menübesprechungen teilzunehmen. Die Zeitschrift Gourmet hatte das Chez Panisse gerade zum besten Restaurant der USA gekürt, und um mich herum standen einige der besten Köche der Welt. Allein ihnen zuzuhören, wenn sie über Essen sprachen, war schon enorm lehrreich. Daube provençale, marokkanische Tajine, Calçots con romesco, Cassoulet toulousain, Abbacchio alla romana, Maiale al latte: Das waren Wörter aus einer fremden Sprache. Allein von den Namen der Gerichte schwirrte mir der Kopf, aber die Köche schlugen nur selten in Kochbüchern nach. Wie kam es, dass sie anscheinend alle wussten, wie man irgendwelche Sachen kochte, die sich der Küchenchef ausdachte?

Ich hatte das Gefühl, ich würde niemals mit ihnen mithalten können. Dass jemals der Tag kommen würde, an dem ich in der Lage wäre, sämtliche Gewürze in den unbeschrifteten Gläsern in der Küche zu erkennen, konnte ich mir kaum vorstellen. Ich schaffte es kaum, Kreuzkümmel- und Fenchelsamen auseinanderzuhalten, insofern erschien es mir geradezu unmöglich, dass ich je die feinen Unterschiede zwischen einer provenzalischen Bouillabaisse und einem toskanischen Cacciuco (zwei mediterranen Fischeintöpfen, die mir identisch vorkamen) zu würdigen wüsste.

Ich stellte Fragen, jedem, jeden Tag. Ich las, kochte, probierte, und ich schrieb auch über Essen – alles im Bemühen, mein Verständnis zu vertiefen. Ich besuchte Bauernhöfe und -märkte, um mich mit ihren Produkten auszukennen. Allmählich übertrugen mir die Köche mehr Verantwortung, vom Frittieren winziger glänzender Sardellen für den ersten Gang über das Falten perfekter kleiner Ravioli für den zweiten bis zum Zerlegen von Rindfleisch für den dritten. Solche Momente des Nervenkitzels hielten mich aufrecht, wenn ich einen meiner unzähligen Fehler machte – manchmal kleine, wie zum Korianderholen geschickt zu werden und mit Petersilie zurückzukommen, weil ich den Unterschied nicht erkennen konnte, manchmal große, wie die üppige Rindfleischsauce anbrennen zu lassen, die wir bei einem Abendessen für die First Lady reichen wollten.

Als ich besser wurde, fielen mir langsam die Nuancen auf, die gutes Essen von großartigem Essen unterscheiden. Ich begann, einzelne Komponenten eines Gerichts zu erkennen, zu verstehen, wann mehr Salz ins Nudelwasser und nicht in die Sauce musste oder wann eine Kräutersalsa mehr Essig benötigte, um ein Gegengewicht zu einem üppigen, süßlichen Lammeintopf zu bilden. Ich begann, ein paar Grundmuster im scheinbar undurchdringlichen Labyrinth der täglich wechselnden saisonalen Menüs zu erkennen. Feste Fleischstücke wurden schon am Vorabend gesalzen, während wir zarte Fischfilets erst während des Garens würzten. Öl zum Braten musste heiß sein – sonst wurde das Essen matschig –, während Butter für Tarteteig kalt bleiben musste, damit der Teigboden knusprig und blättrig wurde. Ein Spritzer Zitrone oder ein Schuss Essig tat fast allen Salaten, Suppen und Schmorgerichten gut. Bestimmte Fleischstücke wurden immer gegrillt, andere immer geschmort.

Salz, Fett, Säure und Hitze waren die vier Grundelemente, die Leitlinien für jede Entscheidung, für jedes einzelne Gericht, immer und überall. Alles andere war nur eine Kombination kultureller, saisonaler oder technischer Details, für die wir Kochbücher und Experten, Geschichtsbücher und Landkarten zurate ziehen konnten. Es war eine Offenbarung.

Die Vorstellung, zuverlässig großartiges Essen zu kochen, war mir wie ein unergründliches Geheimnis erschienen, aber auf einmal hatte ich eine kleine geistige Checkliste, die ich jedes Mal durchgehen konnte, wenn ich eine Küche betrat: Salz. Fett. Säure. Hitze. Ich erklärte meine Theorie einem der Küchenchefs. Er lächelte mich nachsichtig an, als wollte er sagen: »Ach was. Das weiß doch jeder.«

Aber es wusste eben nicht jeder. Ich hatte davon noch nie gehört oder gelesen, und mit Sicherheit hatte mir nie jemand dieses Konzept explizit vermittelt. Sobald ich es verstanden und nachdem es mir auch ein Profikoch bestätigt hatte, schien es unvorstellbar, dass das noch nie jemand für Menschen, die gerne kochen lernen wollten, in dieser Weise formuliert hatte. Da beschloss ich, ein Buch zu schreiben, das diese Offenbarung anderen Amateurköchen erklären würde.

Ich nahm einen Notizblock und begann zu schreiben. Das war vor siebzehn Jahren. Als ich zwanzig war, hatte ich erst ein Jahr lang gekocht. Mir wurde schnell klar, dass ich noch viel lernen musste – über Essen und über das Schreiben –, bevor ich anfangen konnte, anderen etwas beizubringen. Ich legte das Buch beiseite. Während ich weiterhin las, schrieb und kochte, filterte ich alles, was ich lernte, durch mein neues Verständnis von Salz, Fett, Säure und Hitze und sortierte es in ein ordentliches kulinarisches Denksystem ein.

Wie eine Wissenschaftlerin auf der Suche nach Primärquellen folgte ich meiner Sehnsucht, authentische Versionen meiner geliebten Chez-Panisse-Gerichte zu probieren, und ließ mich nach Italien führen. In Florenz ging ich bei der wegweisenden toskanischen Köchin Benedetta Vitali in die Lehre, in ihrem Restaurant Zibibbo. Anfangs war es eine ständige Herausforderung, in einer ungewohnten Küche zu arbeiten, deren Sprache ich nicht beherrschte, wo man Temperaturen in Grad Celsius angab und das metrische System verwendete. Aber mein Verständnis von Salz, Fett, Säure und Hitze lieferte mir schnell Orientierung. Auch wenn ich nicht alle Einzelheiten kannte, die Art, wie Benedetta mir zeigte, Fleisch für Ragù anzubräunen, Olivenöl zum Braten zu erhitzen, das Nudelwasser zu salzen oder Zitronensaft als Kontrast zu üppigen Aromen einzusetzen, waren ein Widerhall dessen, was ich schon in Kalifornien gelernt hatte.

Meine freien Tage verbrachte ich in den Hügeln des Chianti mit Dario Cecchini, einem Fleischer in der achten Generation mit einer riesigen Persönlichkeit und noch mehr Herz. Dario nahm mich unter seine Fittiche und belehrte mich gleichermaßen leidenschaftlich über das Zerlegen der Tiere von der Schnauze bis zum Schwanz wie über toskanische Esstraditionen. Er führte mich in der ganzen Region herum und stellte mich Bauern, Winzern, Bäckern und Käseherstellern vor. Von ihnen lernte ich, wie Geografie, Jahreszeiten und Geschichte über Jahrhunderte hinweg die toskanische Kochphilosophie geprägt haben: Frische, wenn auch bescheidene Zutaten liefern, wenn man sie mit Sorgfalt behandelt, die vielschichtigsten Aromen.

Meine Suche nach Geschmackserlebnissen führte mich weiter um die Welt. Von Neugier getrieben, probierte ich mich durch den ältesten Laden für Eingelegtes in China, studierte die feinen regionalen Unterschiede zwischen den verschiedenen Linsengerichten Pakistans, erlebte, wie Kubas komplizierte politische Geschichte die Aromen seiner Küche verwässert hat, weil sie den Zugang zu den Zutaten erschwerte, und verglich alte Maissorten in mexikanischen Tortillas. Wenn ich nicht reisen konnte, las ich ausgiebig, interviewte eingewanderte Großmütter und probierte ihre traditionelle Küche. Egal, unter welchen Umständen oder an welchem Ort – Salz, Fett, Säure und Hitze leiteten mich wie die Himmelsrichtungen auf einem Kompass und wiesen mir beim Kochen immer den Weg zu gutem Essen.


Zurück in Berkeley fing ich an, für Christopher Lee zu arbeiten, meinen Mentor im Chez Panisse, der kurz zuvor sein eigenes italienisches Restaurant Eccolo eröffnet hatte. Schnell bekam ich die Rolle der Küchenchefin. Ich machte es mir zur Aufgabe, mich intensiv mit dem Verhalten einer Zutat oder eines Gerichts vertraut zu machen, und dann mithilfe der Kochwissenschaft Stück für Stück herauszufinden, warum das so ist. Statt meinen Köchen einfach zu sagen, sie sollten »alles probieren«, konnte ich ihnen wirklich beibringen, wie sie bessere Entscheidungen treffen konnten. Zehn Jahre, nachdem ich auf meine Theorie von Salz, Fett, Säure und Hitze gestoßen war, hatte ich genügend Informationen gesammelt, um das System meinen eigenen jungen Köchen beizubringen.

Nachdem ich gesehen hatte, wie gut die Lektionen über Salz, Fett, Säure und Hitze bei Profiköchen funktioniert hatten, nutzte ich sie als Raster, als mein Journalismuslehrer Michael Pollan mich anheuerte, um ihm das Kochen beizubringen, während er Kochen schrieb, sein Buch über die Naturgeschichte des Kochens. Bald bemerkte Michael, wie besessen ich von den vier Elementen des guten Kochens war, und ermutigte mich, daraus einen Lehrplan zu entwickeln und dieses System anderen beizubringen. Das tat ich. Ich habe es in Kochschulen, Seniorentreffs, Mittelschulen und Stadtteilzentren unterrichtet. Egal, ob die Gerichte, die wir zusammen kochten, von mexikanischen, italienischen, französischen, persischen, indischen oder japanischen Traditionen inspiriert waren – immer sah ich, dass meine Schüler Selbstvertrauen entwickelten, den Geschmack in den Mittelpunkt stellten und lernten, in der Küche bessere Entscheidungen zu treffen, was die Qualität von allem, was sie kochten, verbesserte.

Fünfzehn Jahre, nachdem mir die Idee zu diesem Buch gekommen war, fing ich ernsthaft an zu schreiben. Nachdem ich mich zunächst in die Lektionen von Salz, Fett, Säure und Hitze versenkt und dann Jahre damit verbracht hatte, sie anderen beizubringen, habe ich jetzt die Elemente guten Kochens in ihrer Essenz zusammengefasst. Lernen Sie, mit Salz, Fett, Säure und Hitze richtig umzugehen, und Sie können alles gut schmecken lassen. Lesen Sie weiter, und ich werde Ihnen beibringen, wie.

WIE MAN DIESES BUCH BENUTZT

Sie haben es wahrscheinlich schon bemerkt, dies ist kein typisches Kochbuch. Ich würde Ihnen raten, zunächst den TEIL 1 von vorn bis hinten durchzulesen. Beschäftigen Sie sich mit den Techniken, den wissenschaftlichen Fakten und die Geschichten, aber sorgen Sie sich nicht allzu sehr darum, alles im Gedächtnis zu behalten. Die Themen, die für Sie relevant sind, können Sie später nochmal nachschlagen. Die Kochneulinge unter meinen Lesern werden die Grundlagen schnell kapieren – jedes Element wird nach geschmacklichen und wissenschaftlichen Kriterien gegliedert beschrieben, um Sie an das Warum und an das Wie guten Kochens heranzuführen. Erfahrenere Köche werden immer wieder wertvolle Aha-Erlebnisse haben und selbst die Kochtricks, die sie schon kennen, mit neuen Augen betrachten.

In jedem Kapitel schlage ich ein paar Kochexperimente vor – Rezepte, die ein paar Grundbegriffe illustrieren und es Ihnen ermöglichen, die Theorie in die Praxis umzusetzen.

Und am Ende des Buches habe ich einen Kanon von Rezepten zusammengestellt – sie zeigen Ihnen, wie weit Sie mit dem richtigen Gespür für Salz, Fett, Säure und Hitze kommen können. Im Lauf der Zeit werden Sie genug Selbstvertrauen entwickeln, um immer ohne Rezept zu kochen. Aber auf ihrem Weg zum intuitiven Kochen können Rezepte so notwendig und beruhigend sein wie Stützräder.

Um die Muster herauszuarbeiten, die gutem Kochen immer zugrunde liegen, habe ich den Rezeptteil nach der Art der Gerichte gegliedert, nicht nach bestimmten Gängen einer Mahlzeit. Mit Hilfe der brillanten und witzigen Illustratorin Wendy MacNaughton habe ich Schautafeln entwickelt, die Konzepte vermitteln, bei denen Worte nicht ausreichen. Es war eine ganz bewusste Entscheidung, dieses Buch mit Zeichnungen statt mit Fotos zu gestalten. Die Illustrationen sollen Sie – anders als Fotos – vom Gefühl befreien, es gäbe von jedem Gericht nur eine einzige perfekte Version. Sie sollen Sie zum Improvisieren ermuntern – dazu, nach eigenen Kriterien zu beurteilen, wie gutes Essen aussieht! Falls es Sie überfordert, sich nach dem Lesen von TEIL 1 direkt in die Rezepte zu stürzen, schauen Sie sich zunächst die KOCHLEKTIONEN an (ab Seite 442). Sie führen Sie zu Rezepten, mit denen Sie spezielle Kenntnisse vertiefen und bestimmte Techniken erlernen können. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wie sich bestimmte Gerichte zu einem Menü zusammenstellen lassen, können Sie die MENÜVORSCHLÄGE (ab Seite 445) als Leitfaden verwenden.

Und zu guter Letzt: Haben Sie Spaß dabei! Mit Menschen, die Sie lieben, zu kochen und zu essen, bringt Ihnen kleine und große Freuden – vergessen Sie nicht, sie zu genießen!



ls Kind dachte ich, Salz gehöre in einen Streuer auf den Tisch und sonst nirgendwohin. Ich gab nie welches ins Essen, und ich sah auch nie, dass Maman das tat. Wenn meine Tante Ziba, die eine wohlbekannte Vorliebe für Salz hatte, jeden Abend beim Essen welches auf ihren Safranreis streute, kicherten meine Brüder und ich. Wir fanden das unglaublich seltsam und lustig. »Was um Himmel willen«, fragte ich mich, »soll Salz im Essen bringen?«

Bei Salz war meine erste Assoziation der Strand, an dem es meine Kindheit gewürzt hatte – die endlosen Stunden im Pazifik, als ich einen Mundvoll Wasser nach dem anderen schluckte, weil ich die Wellen falsch einschätzte. Wenn wir bei Ebbe in den dämmrigen Klippen herumkletterten, Gezeitentümpel untersuchten und Seeanemonen anstupsten, bekamen meine Freunde und ich oft eine unfreiwillige Salzwasserdusche ab. Und meine mit Riesentang bewaffneten Brüder, die mich über den Strand jagten, ärgerten und kitzelten mich mit seinen salzigen, außerirdisch wirkenden Quasten, sobald sie mich eingeholt hatten.

Maman bewahrte unsere Badesachen immer im Kofferraum unseres blauen Volvo-Kombis auf, weil wir ständig an den Strand wollten. Sie war sehr geschickt im Umgang mit Sonnenschirm und Decken und baute alles auf, während sie uns drei ins Meer scheuchte.

Wir blieben im Wasser, bis wir einen Riesenhunger hatten, dann suchten wir den Strand nach dem sonnengebleichten rot-weißen Sonnenschirm ab, dem einzigen Orientierungspunkt, der uns zu unserer Mutter zurückführte. Wir wischten uns das Salzwasser aus den Augen und trabten schnurstracks zu ihr.

Maman wusste immer ganz genau, was uns am besten schmecken würde, sobald wir auftauchten: persische Gurken und Feta-Käse, eingerollt in Lavash-Fladenbrot. Wir verdrückten die Sandwiches mit handvollweise eiskalten Trauben oder Wassermelonenschnitzen, um unseren Durst zu löschen.

Dieser kleine Imbiss, gegessen mit tropfnassen Locken, während sich auf meiner Haut Salzkrusten bildeten, schmeckte immer so gut. Zweifellos trug das Strandvergnügen zum Zauber des Erlebnisses bei, aber erst viele Jahre später, als ich im Chez Panisse arbeitete, verstand ich, warum diese Häppchen auch in kulinarischer Hinsicht so perfekt gewesen waren.

Mein erstes Jahr im Chez Panisse verbrachte ich mit dem Abräumen von Tischen. Dem Essen kam ich für gewöhnlich dann am nächsten, wenn die Köche bei der sogenannten Probierrunde jedes Gericht vorab für den Küchenchef oder die Küchenchefin zubereiteten. Weil das Menü jeden Tag wechselte, benötigten sie diese Probierrunde, um sicherzustellen, dass ihre kulinarischen Ideen auch tatsächlich um gesetzt wurden. Alles musste genau stimmen. Die Köche bastelten und spielten herum, bis sie zufrieden waren; dann gaben sie die Gerichte dem Servicepersonal zum Probieren. Auf der winzigen Veranda hinter dem Haus beugten sich ein Dutzend Leute über die Teller; wir reichten sie herum, bis jeder einen Bissen von allem gekostet hatte. Bei diesen Gelegenheiten probierte ich zum ersten Mal knusprig frittierte Wachteln, zarten, im Feigenblatt gebratenen Lachs und Buttermilch-Pannacotta mit duftenden Walderdbeeren. Oft begleiteten mich diese kräftigen Aromen durch meine ganze Schicht.

Sobald ich eigene kulinarische Ambitionen entwickelte, riet mir Chris Lee – der Koch, der mich später unter seine Fittiche nehmen sollte –, mich weniger auf die Geschehnisse bei der Probierrunde auf der Veranda zu konzentrieren als auf die in der Küche. Auf die Sprache, die die Köche verwendeten, woran sie merkten, dass etwas gelungen war – das waren die Schlüssel, um eine bessere Köchin zu werden. Wenn ein Gericht nicht gut ankam, lag die Lösung meist darin, beim Salz nachzujustieren. Manchmal in Form von Salzkristallen, oft auch mit ein wenig geriebenem Käse, ein paar zerdrücken Sardellen, einigen Oliven oder ein paar über das Gericht gestreuten Kapern. Ich erkannte allmählich, dass es beim Kochen keine bessere Richtschnur gibt als aufmerksames Kosten, und dass nichts so aufmerksam gekostet werden muss wie das Salz.

Ein Jahr später bekam ich als Jungköchin die Aufgabe, Polenta zu kochen. Ich hatte Polenta nur einmal probiert, bevor ich im Chez Panisse anfing, und war nicht sehr begeistert davon. Vorgekocht und in Plastik eingewickelt wie ein Fertigteig, schmeckte sie nach gar nichts. Aber ich hatte mir geschworen, im Restaurant alles zumindest einmal zu probieren, und als ich meine zweite Polenta kostete, konnte ich kaum glauben, dass etwas so Cremiges, Komplexes denselben Namen trug wie jene Rolle geschmacksfreier Astronautennahrung. Aus einer alten Maissorte hergestellt, schmeckte jeder Bissen der Polenta im Chez Panisse süß und erdig. Ich konnte es kaum abwarten, selbst welche zu kochen.

Sobald der Küchenchef, Cal Peternell, mir die einzelnen Schritte des Polentakochens erklärt hatte, fing ich an. Vor lauter Angst, die Polenta anbrennen zu lassen und damit den ganzen riesigen Topf zu ruinieren – ein Fehler, den ich bei anderen Köchen gesehen hatte –, rührte ich wie wahnsinnig.

Nach anderthalb Stunden gab ich Butter und Parmesan dazu, genau nach Cals Anweisungen. Ich brachte ihm einen Löffel des cremigen Breis zum Probieren. Mit seinen 1,93 Metern ist Cal ein sanfter Riese, mit flachsblondem Haar und knochentrockenem Humor. Ich schaute erwartungsvoll zu ihm auf, mit Respekt und Schrecken in gleichen Anteilen. Mit dem für ihn charakteristischen Pokerface sagte er: »Da fehlt Salz.« Pflichtbewusst kehrte ich an den Topf zurück und streute ein paar Salzkörner ein, mit der Zurückhaltung, mit der ich vielleicht, sagen wir mal, Blattgold einsetzen würde. Ich fand, es schmeckte ziemlich gut, also ging ich mit einem Löffel meiner frisch abgeschmeckten Polenta zu Cal zurück.

Wieder genügte ihm ein Moment, um zu wissen, dass die Würze nicht passte. Aber diesmal – ich vermute, um Zeit und Mühe zu sparen – ging er mit mir zurück zum Topf und gab nicht nur eine, sondern gleich drei riesige Handvoll koscheres Salz hinein.

Die Perfektionistin in mir war entsetzt. Ich hatte mir so sehr gewünscht, bei dieser Polenta alles richtig zu machen! Die Größenordnung, um die ich danebengelegen hatte, war exponentiell. Drei Handvoll!

Cal holte Löffel, und wir probierten zusammen. Eine unbeschreibliche Verwandlung hatte stattgefunden. Irgendwie schmeckte der Mais süßer, die Butter üppiger. Sämtliche Aromen waren ausgeprägter. Ich hätte geschworen, dass Cal den ganzen Topf ruiniert und meine Polenta in einen Salzbrei verwandelt hatte, aber so sehr ich mich auch bemühte: Das Wort salzig passte nicht zu dem, was ich probierte. Alles, was ich wahrnahm, war ein befriedigendes Pling!-Gefühl bei jedem Bissen.

Es war, als hätte mich der Blitz getroffen. Mir war nie vorher der Gedanke gekommen, dass Salz mehr sein könnte als der kleine Bruder des Pfeffers. Aber jetzt, nachdem ich seine Transformationskraft selbst erlebt hatte, wollte ich lernen, wie ich dieses Pling! jedes Mal beim Kochen erzeugen konnte. Ich dachte über all die Gerichte nach, die ich als Kind und Jugendliche geliebt hatte – ganz besonders über die Gurken-Feta-Häppchen am Strand. Da erkannte ich, warum sie so gut geschmeckt hatten: Sie waren richtig gewürzt gewesen, mit Salz.


WAS IST SALZ?

Das Geheimnis hinter dem Pling! lässt sich mit ein wenig einfacher Chemie erklären. Salz ist ein Mineral: Natriumchlorid. Es gehört zu den paar Dutzend Basisnährstoffen, ohne die wir nicht überleben können. Der menschliche Körper kann nicht viel Salz speichern, deshalb müssen wir es regelmäßig zu uns nehmen, um biologische Grundprozesse ablaufen zu lassen: um unseren Blutdruck und die Wasserversorgung des Körpers aufrecht zu erhalten, um Nährstoffe zu und aus den Zellen zu transportieren, um Nervensignale zu übertragen und um unsere Muskeln zu bewegen. Wir sind sogar darauf programmiert, eine Gier nach Salz zu entwickeln, um sicherzustellen, dass wir genug davon bekommen. Die erfreuliche Folge ist, dass uns fast alles mit Salz besser schmeckt, deshalb ist es alles andere als eine lästige Pflicht, es an unser Essen zu geben. Salz vertieft den Geschmack und erhöht damit die Freude am Essen.

Alles Salz stammt aus dem Ozean, sei es der Atlantik oder ein längst vergessenes Meer wie der riesige prähistorische Minchin-See in Bolivien, wo sich die größte Salzwüste der Welt befindet. Das Salz, das beim Verdunsten von Meerwasser zurückbleibt, ist Meersalz, während Steinsalz durch den Abbau der von urzeitlichen Seen und Meeren zurückgebliebenen Salzschichten gewonnen wird, die heute teils tief unter der Erde liegen.

Die Hauptrolle, die Salz beim Kochen spielt, ist die eines Geschmacksverstärkers. Obwohl Salz auch die Konsistenz beeinflusst und zur Veränderung anderer Aromen beiträgt, werden praktisch all Ihre Entscheidungen zum Thema Salz mit dem Verbessern und Vertiefen des Geschmacks zusammenhängen.

Heißt das, Sie sollten einfach mehr Salz verwenden? Nein. Es heißt, Sie sollten Salz besser verwenden. Geben Sie es in der richtigen Menge, zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Form zu. Eine kleinere Salzmenge, während des Kochens eingesetzt, verbessert den Geschmack oft stärker als eine größere Menge, die man bei Tisch über das Essen streut. Und falls Ihnen Ihr Arzt nicht ausdrücklich geraten hat, Ihren Salzkonsum einzuschränken, können Sie sich entspannen, was die Natriummenge in selbstgekochtem Essen angeht. Wenn Kochschüler angesichts der Hände voll Salz protestieren, die ich ins Kochwasser für Gemüse werfe, weise ich sie sanft darauf hin, dass das meiste Salz mit dem Wasser im Abfluss landen wird. So gut wie immer ist das, was Sie sich zu Hause kochen, nährstoffreicher und natriumärmer als industriell verarbeitete Lebensmittel, Fertiggerichte oder Restaurantessen.

SALZ UND GESCHMACK

James Beard, der Vater der modernen US-amerikanischen Küche, fragte einmal: »Wo wären wir ohne Salz?« Ich weiß die Antwort: Wir würden auf einem Meer geschmacklicher Ödnis dahintreiben. Wenn Sie nur eine einzige Lehre aus diesem Buch mitnehmen, sollte es die folgende sein: Salz hat eine größere Wirkung auf den Geschmack als jede andere Zutat. Lernen Sie, es gut einzusetzen, und Ihr Essen wird gut schmecken.

Die Beziehung zwischen Salz und Geschmack ist mehrdimensional. Es hat seinen eigenen speziellen Geschmack und es verstärkt den Geschmack anderer Zutaten. Richtig verwendet, mildert Salz Bitterkeit, gleicht Süße aus und vertieft Aromen und verhilft uns so zu einem lebendigeren Esserlebnis.

Stellen Sie sich vor, in einen üppigen Espresso-Brownie zu beißen, der mit Meersalzflocken bestreut ist. Das Salz bietet nicht nur das köstliche Erlebnis, das Knirschen der zarten Flocken auf der Zunge zu spüren, sondern minimiert auch die Bitterkeit des Espressos, verstärkt das Aroma der Schokolade und bildet einen willkommenen würzigen Kontrast zum süßen Zucker.

Das Aroma von Salz

Salz sollte rein schmecken, ohne unangenehme Aromen. Fangen Sie an, indem Sie es ganz pur probieren. Tauchen Sie den Finger in Ihr Salzfässchen und lassen Sie ein paar Körner auf der Zunge zergehen. Wie schmecken sie? Hoffentlich wie das Meer im Sommer.

Die Arten von Salz

Alle Köche haben ihre unverbrüchlichen Vorlieben und halten lange, leidenschaftliche Vorträge darüber, warum diese oder jene Salzsorte einer anderen überlegen ist. Aber ganz ehrlich: Das Wichtigste ist, dass Sie mit dem Salz, das Sie benutzen, vertraut sind. Ist es grob oder fein? Wie lange braucht es, um sich in einem Topf mit kochendem Wasser aufzulösen? Wie viel davon braucht man, damit ein Brathuhn genau richtig schmeckt? Löst sich Ihr Salz in einem Kuchenteig auf oder macht es sich mit einem angenehmen Knacken bemerkbar?

Alle Salzkristalle entstehen zwar, indem Wasser aus einer Salzlösung verdunstet, aber es ist das Tempo des Verdunstens, das die Form dieser Kristalle bestimmt. Steinsalze werden entweder bergmännisch abgebaut oder gewonnen, indem man Salzlagerstätten unter Wasser setzt und das Wasser dann schnell aus der entstandenen Sole verdunsten lässt. Raffiniertes Meersalz wird auf ähnliche Weise hergestellt, indem Salzwasser zum Verdunsten gebracht wird. Wenn sich Salzkristalle durch schnelles Verdunsten des Wassers in einem geschlossenen Behälter bilden, nehmen sie die Form kleiner, fester Würfel an: Salzkörner. Wenn Salz dagegen durch langsames Verdunsten in einem offenen Behälter produziert wird, kristallisiert es zu leichten, hohlen Flocken. Wenn Wasser auf die Flocken trifft, bevor sie von der Oberfläche geschöpft wurden, sinken sie in die Sole und verwandeln sich in große, dichte Kristalle. So entsteht unraffiniertes oder minimal verarbeitetes Meersalz.

Diese unterschiedlichen Formen und Größen machen für Ihre Küche einen großen Unterschied aus. Ein Esslöffel feines Salz ist dichter und kann zwei- oder dreimal »salziger« sein als ein Esslöffel gröberes Salz. Deshalb ist es sinnvoll, Salz eher nach Gewicht als nach Volumen zu messen. Noch besser: Lernen Sie, nach Geschmack zu salzen.

Tafelsalz

Normales Tafelsalz findet sich in jedem Salzstreuer. Streuen Sie ein wenig davon auf Ihre Handfläche, und Sie sehen seine ausgeprägte Würfelform – das Ergebnis der Kristallisation in einer geschlossenen Vakuumkammer. Tafelsalz ist fein, dicht und dadurch sehr salzig. Häufig wird ihm Jod zugesetzt, was auf der Packung vermerkt ist.

Jodsalz kann ich nicht empfehlen; es lässt alles leicht metallisch schmecken. Im Jahr 1924, als Jodmangel in den USA ein verbreitetes Gesundheitsproblem war, begann die Firma Morton Salt, ihr Salz zur Kropfvorbeugung zu jodieren, was große Fortschritte bei der Volksgesundheit bewirkte. In Mitteleuropa wird nach wie vor empfohlen, Jodsalz zu verwenden, um dem Jodmangel entgegenzuwirken. Da allerdings schon dem Tierfutter sowie vielen anderen Lebensmitteln Jod beigegeben wird, können wir genügend Jod aus natürlichen Quellen zu uns nehmen. Solange Sie sich abwechslungsreich ernähren, mit vielen jodhaltigen Lebensmitteln wie Fisch und Milchprodukten, gibt es keinen Grund, metallisch schmeckendes Essen zu ertragen.

Tafelsalz enthält auch oft Rieselhilfen, damit es nicht verklumpt. Obwohl diese Zusatzstoffe nicht unbedingt gesundheitsschädlich sind, gibt es keinen Grund, sie in unser Essen zu geben. Das Einzige, was beim Salzen in Ihrem Essen landen sollte, ist Salz! Dies ist eine der wenigen Stellen in diesem Buch, an denen ich auf etwas bestehen muss: Wenn Sie zu Hause nur Tafelsalz haben, gehen Sie sofort los und besorgen Sie sich Meersalz oder auch koscheres Salz.


Koscheres Salz

Koscheres Salz verwendet man für den traditionellen jüdischen Prozess des »Kascherns«, bei dem Fleisch das Blut entzogen wird. Weil koscheres Salz keine Zusatzstoffe enthält, schmeckt es sehr rein. Es gibt in den USA zwei große Produzenten von koscherem Salz: Diamond Crystal, deren Salz in einem offenen Solebehälter zu leichten hohlen Flocken kristallisiert, und Morton, für das würfelförmige vakuumverdunstete Kristalle zu dünnen, festen Flocken gerollt werden. Die unterschiedlichen Herstellungsmethoden ergeben zwei vollkommen verschiedene Salze. Während Diamond Crystal gut an Nahrungsmitteln haften bleibt und leicht zerkrümelt, ist Morton viel dichter und bei gleichem Volumen fast doppelt so salzig.

Diamond Crystal löst sich ungefähr doppelt so schnell auf wie dichteres grobkörniges Salz, insofern ist es ideal für Gerichte, die schnell garen. Je schneller Salz sich auflöst, desto geringer ist die Gefahr, dass Sie ein Gericht versalzen, weil Sie denken, es brauche noch Salz, obwohl sich das Salz in Wirklichkeit nur noch nicht ganz aufgelöst hat. Wegen seiner größeren Oberfläche bleibt Diamond Crystal auch besser an Nahrungsmitteln haften statt abzuspringen oder herunterzufallen.

Koscheres Salz ist ziemlich fehlertolerant und eignet sich fantastisch für die Alltagsküche. Ich nehme am liebsten Diamond Crystal – denn selbst wenn ich vor lauter Begeisterung für das Gespräch, die Gesellschaft oder das Glas Wein ein Gericht versehentlich zweimal damit gesalzen habe, hat das dem Essen nicht geschadet.


Meersalz

Meersalz bleibt zurück, wenn Meerwasser verdunstet. Sonnengetrocknete Meersalzsorten wie Fleur de Sel, Sel Gris und Maldon sind die nicht raffinierten Ergebnisse eines langsamen, überwachten Verdunstungsprozesses, der bis zu fünf Jahre dauern kann. Fleur de Sel – wörtlich »Salzblume« – ist auffallend aromatisch und hat die Form zarter Flocken, die von der Oberfläche spezieller Salzbecken im Westen Frankreichs abgeschöpft werden. Wenn es unter die Wasseroberfläche absinkt und verschiedene Mineralien aus dem Meer anlagert, darunter Magnesiumchlorid und Kalziumsulfat, nimmt das reinweiße Fleur de Sel einen Grauton an und wird zu Sel Gris, grauem Salz. Maldon-Salzkristalle, die ähnlich wie Fleur de Sel entstehen, haben die Form hohler Pyramiden und werden oft »Salzflocken« genannt.

Weil sonnengetrocknete, naturbelassene Salzsorten mit wenig ergiebigen, arbeitsaufwendigen Methoden gewonnen werden, sind sie meist teurer als raffiniertes Meersalz. Wenn Sie solches Salz kaufen, bezahlen Sie vor allem für seine köstliche Konsistenz, also verwenden Sie es auf eine Weise, die diese hervorhebt. Es wäre Verschwendung, Nudelwasser mit Fleur de Sel zu würzen oder Tomatensauce mit Maldon-Salz. Streuen Sie solche Salzsorten lieber über zarte Gartensalate und üppige Karamellsaucen oder über Chocolate Chip Cookies, kurz bevor sie in den Ofen wandern – so können Sie ihr knuspriges Knacken im Mund genießen.

Das raffinierte körnige Meersalz eignet sich mit seinen feinen oder mittelgroßen Kristallen ideal für die Alltagsküche. Nehmen Sie solches Meersalz, um Gerichte durch und durch zu würzen – für das Kochwasser von Gemüse oder Nudeln, für Braten und Schmortöpfe, zum Würzen von Gemüse und für Teige.

Sie sollten zwei Sorten Salz im Haus haben: ein preiswertes Salz fürs tägliche Kochen, zum Beispiel Meersalz aus der Großpackung oder koscheres Salz, und ein Spezialsalz mit einer angenehmen Textur wie Maldon oder Fleur de Sel, um Essen im letzten Moment damit zu bestreuen. Welche Salzsorten Sie auch verwenden, machen Sie sich mit ihnen vertraut – wie salzig sie sind, wie sie schmecken und sich anfühlen, und wie sie sich auf das Aroma des Essens, das man mit ihnen würzt, auswirken.

Die Wirkung von Salz auf das Aroma

Um zu verstehen, wie Salz das Aroma beeinflusst, müssen wir erst verstehen, was Aromen sind. Unsere Geschmacksknospen können fünf Geschmacksqualitäten unterscheiden: salzig, sauer, bitter, süß und umami (schmackhaft/würzig). Gerüche dagegen werden über unsere Nase wahrgenommen, die Tausende von chemischen Verbindungen auseinanderhalten kann. Die umschreibenden Vokabeln, die verwendet werden, um den Duft eines Weines in Worte zu fassen, wie erdig, fruchtig oder blumig, beziehen sich oft auf die Geruchsassoziationen.

Aroma entsteht an der Schnittstelle von Schmecken, Riechen und anderen über die Sinne wahrgenommenen Qualitäten wie Konsistenz, Klang, Aussehen und Temperatur. Weil Geruch ein entscheidendes Element des Aromas ist, wird Ihre Esserfahrung umso lebendiger sein, je mehr Düfte Sie wahrnehmen. Deshalb macht Essen weniger Spaß, wenn man eine verstopfte Nase oder eine Erkältung hat.

Bemerkenswerterweise beeinflusst Salz sowohl unsere Geschmackswahrnehmung als auch das Aroma des Essens. Unsere Geschmacksknospen können feststellen, ob Salz im Essen ist, und wenn ja, wie viel. Aber Salz erschließt auch viele weitere aromatische Verbindungen eines Gerichts und macht sie beim Essen leichter zugänglich. Der einfachste Weg, das zu erleben, ist, eine ungesalzene Suppe oder Brühe zu probieren. Versuchen Sie es, wenn Sie das nächste Mal Hühnerbrühe kochen. Ungesalzen schmeckt sie fade, aber sobald Sie Salz zugeben, werden Sie neue Aromen entdecken, die vorher nicht zugänglich waren. Salzen – und kosten – Sie weiter, und Sie werden das Salz ebenso wahrnehmen wie andere, komplexere köstliche Aromen: das würzige des Hühnchens, das üppige des Hühnerfetts, das erdige von Sellerie und Thymian. Salzen und probieren Sie, bis Sie das Pling! spüren. So lernen Sie, »nach Geschmack« zu salzen. Wenn es in einem Rezept heißt, »nach Geschmack salzen«, geben Sie so lange Salz zu, bis es für Sie richtig schmeckt.

Dieses »Erschließen« von Aromen ist der Grund dafür, dass Profiköche Tomatenscheiben gern ein paar Minuten vor dem Servieren salzen – damit das Salz dazu beiträgt, die Geschmacksmoleküle freizusetzen, die in den Tomatenproteinen gebunden sind und jeden Bissen intensiver nach Tomate schmecken lassen.

Salz lässt uns außerdem Speisen als weniger bitter wahrnehmen, was den Nebeneffekt hat, dass andere Aromen bitterer Gerichte stärker betont werden. In Gerichten, die bitter und süß sind, wie Zartbitterschokolade, Mokkaeis oder gebrannter Karamell, verstärkt Salz die Süße und reduziert die Bitterkeit.

Obwohl wir normalerweise zu Zucker greifen, um bittere Aromen in einer Sauce oder Suppe auszugleichen, wirkt Salz beim Überdecken von Bitterkeit viel effektiver als Zucker. Probieren Sie es selbst mit etwas Tonic Water, Campari oder Grapefruitsaft – allesamt sowohl bitter als auch süß. Kosten Sie einen Löffel voll, geben Sie eine Prise Salz dazu und kosten Sie wieder. Sie werden überrascht sein, wie stark die Bitterkeit abnimmt.

Würzen

Alles, was den Geschmack verstärkt, ist Würzen, aber der kraftvollste Geschmacksverstärker und -veränderer ist Salz. Wenn Essen nicht richtig gesalzen ist, kann keine noch so raffinierte Kochtechnik oder Garnierung das ausgleichen. Ohne Salz sind unangenehme Geschmacksnoten stärker wahrnehmbar, angenehme weniger stark. Aber auch wenn das Fehlen von Salz im Essen zutiefst bedauerlich ist – seine allzu deutliche Präsenz ist ebenso unwillkommen: Essen sollte nicht salzig sein, sondern gesalzen.


Salzen ist nichts, was man bei der Zubereitung eines Gerichts ein Mal tut und dann auf der Liste abhakt; achten Sie stets genau darauf, wie ein Gericht während des Kochens schmeckt und wie es schmecken soll, wenn es auf den Tisch kommt. Im legendären Zuni Café in San Francisco pflegte Judy Rodgers ihren Köchen oft zu sagen, ein Gericht brauche vielleicht »noch sieben Körner Salz«. Manchmal ist es wirklich so subtil; sieben kleine Körner können den Unterschied zwischen »zufriedenstellend« und »vollendet« ausmachen. Bei anderer Gelegenheit braucht Ihre Polenta vielleicht eine ganze Handvoll. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist Kosten und Nachwürzen.

Durch Kosten und Nachwürzen – immer und immer wieder, während Sie Zutaten hinzufügen, die sich im Lauf des Garprozesses verändern – entsteht das schmackhafteste Essen. Richtig würzen heißt, auf allen Ebenen richtig zu würzen: jeden Bissen, die einzelnen Bestandteile, das Gericht und die ganze Mahlzeit. Darum geht es beim Würzen durch und durch.

Auf dem globalen Spektrum der Salzverwendung gibt es eine Bandbreite richtigen Würzens, keinen festen Punkt. Manche Kulturen verwenden weniger Salz, andere mehr. Toskaner geben kein Salz in ihr Brot, gleichen das aber mehr als aus mit dem Salz, das sie handvollweise allem anderen zugeben. Die Franzosen salzen ihr Baguette und Pain au Levain perfekt, alles andere dagegen ein bisschen zurückhaltender.

In Japan bleibt gekochter Reis ungesalzen, als Kontrast zu den intensiv schmeckenden Fisch- oder Fleischgerichten, Currys und eingelegten Gemüsen, die dazu serviert werden. In Indien ist Biryani, ein leckeres Reisgericht, das aus Gemüse, Fleisch, Gewürzen und Eiern aufgeschichtet wird, niemals ungesalzen. Es gibt keine universelle Regel, außer, dass die Salzzugabe in jeder Phase des Kochprozesses sorgfältig bedacht werden muss. Das bedeutet »nach Geschmack würzen«.

Wenn Essen fade schmeckt, ist die Ursache des Übels meist fehlendes Salz. Wenn Sie nicht sicher sind, ob Salz das Problem löst, nehmen Sie sich einen Löffel oder einen kleinen Bissen, bestreuen ihn mit ein wenig Salz und kosten Sie noch einmal. Wenn sich etwas verändert und Sie das Pling! spüren, dann geben Sie Salz an die ganze Portion. Ihr Gaumen wird durch diese Art aufmerksamen Kochens und Kostens allmählich differenzierter.

Wie das Ohr eines Jazzmusikers wird er mit zunehmender Übung sensibler, raffinierter und geschickter im Improvisieren.

SO FUNKTIONIERT SALZ

Kochen ist teils Kunst, teils Chemie. Wenn Sie verstehen, wie Salz funktioniert, können Sie besser entscheiden, wie und wann Sie es verwenden, um die Konsistenz Ihres Essens zu verbessern und es durch und durch zu würzen. Bei einigen Lebensmitteln und Kochtechniken muss man dem Salz genug Zeit geben, um die Zutaten zu durchdringen und sich gleichmäßig darin zu verteilen. In anderen Fällen ist es entscheidend, eine Kochumgebung zu schaffen, die so salzig ist, dass das Essen beim Kochen die richtige Menge Salz absorbiert.


Die Verteilung von Salz im Essen lässt sich durch die Prozesse von Osmose und Diffusion erklären. Diese beiden chemischen Prozesse werden von der Tendenz der Natur angetrieben, auf beiden Seiten einer halbdurchlässigen Membran (oder löchrigen Zellwand) ein Gleichgewicht herzustellen, also eine ausgeglichene Konzentration löslicher Stoffe wie Mineralien oder Zucker. Die Bewegung von Wasser durch eine Zellwand von der salzigeren zur weniger salzigen Seite nennt man Osmose.

Diffusion dagegen ist der oft langsamere Prozess, bei dem sich Salz von einer salzigeren Umgebung in eine weniger salzige bewegt, bis es gleichmäßig verteilt ist. Streuen Sie Salz auf ein Stück Hühnerfleisch und kommen Sie zwanzig Minuten später zurück. Die einzelnen Körner werden nicht mehr sichtbar sein: Sie haben begonnen, sich aufzulösen, und das Salz hat angefangen, in das Fleisch einzuziehen, im Versuch, ein chemisches Gleichgewicht im gesamten Fleischstück herzustellen. Die Folgen dieser Diffusion können wir schmecken – obwohl wir Salz nur auf die Oberfläche des Fleisches streuen, ist das Fleisch durch die allmählich eintretende Verteilung letztendlich gleichmäßig gewürzt, es schmeckt nicht an der Oberfläche salzig und im Inneren fade.

Auch Wasser wird auf dem Hühnerfleisch zu sehen sein – ein Ergebnis der Osmose. Während sich das Salz nach innen bewegt, wandert das Wasser nach außen, mit dem gleichen Ziel: ein chemisches Gleichgewicht im gesamten Fleischstück zu erzielen.

Wenn es die Möglichkeit hat, wird Salz sich immer gleichmäßig verteilen und Essen durch und durch würzen; allerdings beeinflusst es die Konsistenz unterschiedlicher Nahrungsmittel dann auf unterschiedliche Weise.

Wie wirkt Salz auf …
Fleisch

Als ich im Chez Panisse anfing, lief die Küche dort schon seit Jahrzehnten wie eine gut geölte Maschine. Ihr Erfolg beruhte darauf, dass alle Köche vorausdachten – zur Speisekarte des nächsten Tages und darüber hinaus. Ausnahmslos jeden Tag zerlegten und würzten wir Fleisch für den nächsten Tag. Weil das ein klassisches Beispiel für Effizienz in der Küche war, kam mir nie der Gedanke, dass das zeitige Würzen des Fleischs irgendwas mit dem Geschmack zu tun haben könnte. Das lag daran, dass ich noch nicht verstanden hatte, welch wichtige Arbeit das Salz in aller Stille über Nacht leistete.

Da Diffusionsprozesse langsam verlaufen, gibt das Vorabwürzen dem Salz reichlich Zeit, sich gleichmäßig im Fleisch zu verteilen. So wird das Fleisch durch und durch gewürzt. Eine kleine Menge vorab verwendetes Salz wirkt wesentlich stärker als eine große Menge kurz vor dem Servieren. Mit anderen Worten: Zeit, nicht Menge, ist die entscheidende Variable.


Salz setzt außerdem einen Osmoseprozess in Gang und entzieht fast allen Lebensmitteln, mit denen es in Berührung kommt, auf sichtbare Weise Wasser – deshalb glauben viele Menschen, Salz mache Nahrungsmittel trocken und zäh. Aber mit ausreichend Zeit löst Salz die Proteinstränge zu einer Art Gel auf, sodass sie Wasser beim Garen besser aufnehmen und binden können. Wasser liefert Feuchtigkeit: Es macht Fleisch zart und saftig.

Stellen Sie sich einen Proteinstrang als lockere Spirale vor, an deren Außenseite Wassermoleküle gebunden sind. Wenn ein ungesalzenes Protein erhitzt wird, denaturiert es: Die Spirale zieht sich zusammen und drückt die Wassermoleküle aus der Proteinmatrix hinaus, wodurch das Fleisch trocken und zäh wird, wenn man es länger gart. Indem das Salz die Proteinstruktur aufbricht, verhindert es, dass die Spirale beim Erhitzen gerinnt oder verklumpt, deshalb bleiben mehr Wassermoleküle gebunden. Das Stück Fleisch bleibt saftiger, und Sie haben mehr Spielraum bei der Garzeit.

Der gleiche chemische Prozess ist das Geheimnis des Pökelns, einer Methode, bei der das Fleisch in ein Wasserbad mit Salz, Zucker und Gewürzen gelegt wird. Das Salz in dieser Mischung, der Lake, löst einen Teil der Proteine auf, während der Zucker und die Gewürze dem Fleisch reichlich Aromamoleküle bieten, die es aufnehmen kann. Aus diesem Grund kann Pökeln eine großartige Methode für magere Fleisch- und Geflügelstücke sein, die dazu neigen, trocken oder gar fade zu werden. Kochen Sie die Scharf marinierte Putenbrust, und Sie werden sehen, wie eine Nacht in einem salzigen, scharfen Bad ein Stück Fleisch verwandeln kann, das sonst oft grauenhaft trocken und geschmacksfrei ist.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich bewusst zum ersten Mal Fleisch probiert habe, das im Voraus gesalzen worden war. Aber inzwischen merke ich es jedes Mal, wenn das nicht der Fall ist. Ich habe im Lauf der Jahre Tausende von Hühnchen gekocht – mal vorgesalzen, mal nicht –, und auch wenn die Wissenschaft meinen Verdacht noch untermauern muss, kann ich hier aus Erfahrung sprechen: Fleisch, das vorab gesalzen wurde, hat nicht nur mehr Aroma, sondern es ist auch zarter. Die beste Methode, wie Sie die Wunder vorab gewürzten Fleischs selbst erleben können, ist ein kleines Experiment: Wenn Sie das nächste Mal ein Huhn braten wollen, halbieren Sie den Vogel vorher oder bitten Sie Ihren Metzger, das für Sie zu erledigen. Die eine Hälfte würzen Sie einen Tag vorher mit Salz, die andere erst kurz vor dem Garen. Die Wirkung des zeitigen Salzens zeigt sich lange, bevor Sie den ersten Bissen im Mund haben. Das vorab gesalzene Huhn fällt vom Knochen, sobald Sie es zerlegen, während die andere Hälfte zwar saftig, aber in puncto Zartheit in keiner Weise vergleichbar ist.

Wenn es darum geht, Fleisch vorab zu salzen, ist rechtzeitig besser als gar nicht, und mehr Zeit besser als weniger. Versuchen Sie, wenn irgend möglich, Fleisch einen Tag vor dem Kochen zu salzen. Falls das nicht klappt, tun Sie es am Morgen oder sogar am Nachmittag. Oder als Allererstes, wenn Sie die Zutaten fürs Abendessen zusammenstellen. Ich mache es am liebsten gleich, wenn ich vom Einkaufen nach Hause komme, damit ich nicht noch einmal daran denken muss.

Je größer, fester oder sehniger das Stück Fleisch, desto früher sollten Sie es salzen. Ochsenschwanz, Haxe und Short Ribs (Querrippe) können ein, zwei Tage vorher gesalzen werden, damit das Salz Zeit zum Arbeiten hat. Ein Brathuhn kann man am Tag vor dem Kochen salzen, aber ein Truthahn oder eine Gans sollten zwei oder sogar drei Tage im Voraus gewürzt werden. Je kälter das Fleisch und seine Umgebung, desto länger braucht das Salz für seine Arbeit; wenn die Zeit knapp ist, lassen Sie das Fleisch also auf der Arbeitsplatte liegen, sobald es gesalzen ist (aber nicht länger als zwei Stunden), statt es wieder in den Kühlschrank zu packen.

Auch wenn zeitiges Salzen eine echte Wohltat für den Geschmack und die Konsistenz von Fleisch ist, gibt es auch den Fall des Zu-früh-Salzens. Seit Tausenden von Jahren wird Salz benutzt, um Fleisch haltbar zu machen. In hinreichenden Mengen hinreichend lang angewendet, entwässert Salz das Fleisch und pökelt es. Wenn sich Ihre Essenspläne in letzter Minute ändern, warten ein gesalzenes Huhn oder ein paar Kilo gesalzene Short Ribs zwar klaglos ein, zwei Tage darauf, gebraten oder geschmort zu werden. Bei noch längerer Wartezeit trocknet das Fleisch allerdings aus, wird ledrig und schmeckt eher gepökelt als frisch. Wenn Sie Fleisch eingesalzen haben, aber merken, dass Sie sich mehrere Tage nicht darum kümmern können, frieren Sie es ein, bis Sie Zeit zum Kochen haben. Fest eingewickelt, hält es sich tiefgefroren bis zu zwei Monate. Einfach auftauen und da weiterkochen, wo Sie aufgehört haben.

Fisch und Meeresfrüchte

Anders als beim Fleisch zersetzen sich die zarten Proteine der meisten Fische und Meeresfrüchte, wenn sie zu früh gesalzen werden, und das Ergebnis wird hart, trocken oder zäh. Kurz – etwa 15 Minuten – vorher zu salzen, reicht vollkommen aus, um Fische mit blättrigem Fleisch saftig zu halten. Daumendicke Steaks von fleischigeren Fischarten wie Thun- oder Schwertfisch können bis zu 30 Minuten vorher gesalzen werden. Meeresfrüchte sollte man erst beim Garen salzen, damit ihre Konsistenz erhalten bleibt.

Fett

Salz braucht Wasser, um sich aufzulösen, deshalb zersetzt es sich in reinem Fett nicht. Zum Glück enthalten die meisten Fette, die wir in der Küche benutzen, zumindest ein bisschen Wasser – die kleinen Mengen Wasser in Butter, der Zitronensaft in einer Mayonnaise oder der Essig in einer Vinaigrette ermöglichen es dem Salz, sich langsam aufzulösen. Würzen Sie diese Fette zeitig und vorsichtig, warten Sie, bis sich das Salz aufgelöst hat und probieren Sie, bevor Sie nachsalzen. Oder Sie lösen das Salz erst in Wasser, Essig oder Zitronensaft auf und geben es dann zum Fett, damit es sich gleichmäßig und schnell verteilt. Mageres Fleisch enthält etwas mehr Wasser (und Eiweiß) und kann mehr Salz absorbieren als fettere Fleischstücke. Fleischstücke mit einer dicken Fettschicht wie Schweinekotelett oder Rib-Eye-Steak nehmen Salz deshalb nicht gleichmäßig auf. Das zeigt sich prächtig an einer Scheibe rohem Schinken: Das magere rosige Muskelfleisch hat einen höheren Wassergehalt und nimmt daher Salz beim Pökeln besser auf. Das schneeweiße Fett dagegen enthält viel weniger Wasser und absorbiert Salz nicht im gleichen Maße. Wenn Sie die beiden Teile getrennt probieren, werden Sie das magere Muskelfleisch unangenehm salzig finden, den Fettstreifen dagegen fast fade. Aber kosten Sie beide zusammen, und das Zusammenspiel von Fett und Salz offenbart sich. Lassen Sie sich von diesem Ungleichgewicht beim Salzen von fetterem Fleisch nicht beeinflussen. Probieren Sie einfach Fett und Fleisch miteinander, bevor Sie bei Tisch nachsalzen.

Eier

Eier nehmen Salz leicht auf. Wenn sie das tun, verklumpen ihre Proteine schon bei niedrigeren Temperaturen, was die Kochzeit verkürzt. Je schneller die Proteine fest werden, desto geringer sind ihre Chancen, das enthaltene Wasser abzustoßen. Und je mehr Wasser die Eier beim Kochen behalten, desto saftiger und zarter wird ihre Konsistenz letztendlich. Geben Sie vor dem Kochen eine Prise Salz an die Eier, aus denen Rührei, Omelettes, Eiercremes oder Frittatas werden sollen. Salzen Sie das Wasser für pochierte Eier ein wenig. Eier, die mit Schale gekocht oder als Spiegeleier zubereitet werden, erst kurz vor dem Servieren salzen.

Gemüse, Obst und Pilze

Die meisten Gemüse- und Obstzellen enthalten ein unverdauliches Kohlenhydrat namens Pektin. Wenn Sie das Pektin durch Reifeprozesse oder Hitze weicher werden lassen, wird auch das Gemüse oder Obst weicher, und meistens schmeckt es besser. Salz unterstützt diesen Prozess.

Salzen Sie Gemüse im Zweifelsfall vor dem Garen. Wenden Sie es in Salz und Olivenöl, bevor Sie es im Backofen grillen. Salzen Sie Kochwasser großzügig, bevor Sie Gemüse hineingeben. Geben Sie das Salz mit dem Gemüse in die Pfanne, wenn Sie es sautieren wollen. Würzen Sie Gemüsesorten mit großen, wasserhaltigen Zellen – zum Beispiel Tomaten, Zucchini und Auberginen – vor dem Grillen oder Backen, damit das Salz Zeit zum Ar-beiten hat. Dabei wird durch Osmose auch etwas Wasserverlust entstehen, also tupfen Sie das Gemüse vor dem Garen trocken. Weil Obst und Gemüse durch Salz so viel Wasser verlieren, werden sie nach einiger Zeit gummiartig; achten Sie also darauf, nicht zu früh zu salzen – 15 Minuten vor dem Kochen reicht in der Regel.

Pilze dagegen enthalten kein Pektin; sie bestehen zu etwa 80 Prozent aus Wasser, das sie abgeben, sobald sie gesalzen werden. Um die Konsistenz von Pilzen zu erhalten, warten Sie mit dem Salzen, bis sie in der Pfanne gerade anfangen, braun zu werden.

Hülsenfrüchte und Getreide

Wenn es eine Methode gibt, den Leuten Hülsenfrüchte ein für alle Mal zu verleiden, dann ist es die, ihnen zu kurz gekochte, fade Bohnen zu servieren, die man kaum herunterbekommt. Entgegen der landläufigen Meinung lässt Salz Trockenbohnen nicht hart werden. Tatsächlich wirkt Salz auf Bohnen genau wie auf Gemüse: Es macht sie weicher. Um Bohnen durch und durch zu würzen, geben Sie schon beim Einweichen Salz dazu oder, falls sie nicht eingeweicht werden, am Beginn der Kochzeit.

Hülsenfrüchte und Getreide sind getrocknete Samenkörner – jene Teile einer Pflanze, die ihr Überleben von einer Saison zur nächsten sichern. Sie haben als Schutz eine feste Außenhaut entwickelt und benötigen langes, sanftes Kochen, damit sie genug Wasser aufnehmen, um zart zu werden. Der häufigste Grund für harte Bohnen und Körner ist also zu kurzes Kochen. Die Lösung lautet meist: weiterköcheln! (Andere Faktoren, die zu harten Bohnen führen können, sind zu lange oder falsche Lagerung, Kochen mit zu hartem Wasser oder Säure.) Weil die lange Kochzeit dem Salz Gelegenheit gibt, sich gleichmäßig zu verteilen, darf das Kochwasser für Getreide wie Reis, Emmer oder Quinoa weniger stark gesalzen sein als das Wasser zum Blanchieren von Gemüse. Wenn beim Kochen das gesamte Wasser aufgenommen wird, sollten Sie besonders vorsichtig sein, damit Sie nichts versalzen.

Teig

Der erste bezahlte Posten, den ich in der Küche des Chez Panisse hatte, hieß »Pasta/ Salat«. Ich verbrachte ungefähr ein Jahr damit, Salat zu waschen und Nudelteig in jeder erdenklichen Form zu machen. Ich setzte auch jeden Morgen den Pizzateig an, indem ich Hefe, Wasser und Mehl in die Schüssel der riesigen Küchenmaschine gab und mich tagsüber darum kümmerte. Sobald Wasser und Mehl die schlafende Hefe zu neuem Leben erweckt hatten, gab ich mehr Mehl und Salz dazu. Dann, nach dem Kneten und Gehenlassen, rundete ich den Teig mit ein wenig Olivenöl ab. Eines Tages, als es an der Zeit war, Mehl und Salz zuzugeben, merkte ich, dass der Salztopf leer war. Ich hatte gerade keine Zeit, hinunter ins Lager zu gehen und eine neue Packung Salz zu holen, deshalb beschloss ich, das Salz einfach am Schluss dazuzugeben, zusammen mit dem Öl. Als ich den Teig knetete, fiel mir auf, dass sich die Zutaten viel schneller verbanden als sonst, aber ich dachte nicht weiter darüber nach. Als ich ein paar Stunden später zurückkam, um den Teig fertig zu machen, geschah etwas Unglaubliches. Ich stellte die Maschine an und ließ sie den Teig entlüften und kneten, genau wie immer, dann gab ich das Salz dazu. Als es sich im Teig auflöste, konnte ich buchstäblich sehen, wie die Maschine zu kämpfen begann. Das Salz machte den Teig zäher – der Unterschied war bemerkenswert! Ich hatte keine Ahnung, was da vor sich ging. Und ich machte mir Sorgen, ob ich einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.

Es war halb so schlimm. Der Teig wurde deswegen sofort härter, weil Salz dazu beiträgt, das Gluten zu festigen, ein Protein, das Teig weich und elastisch macht. Sobald ich den Teig ruhen ließ, entspannte sich das Gluten, und die Pizzas kamen an jenem Abend so köstlich wie immer aus dem Ofen.

Salz braucht manchmal eine Weile, um sich in Nahrungsmitteln aufzulösen, die wenig Wasser enthalten, geben Sie es also zeitig in einen Brotteig. Bei italienischem Pastateig lassen Sie es ganz weg und überlassen Sie dem gesalzenen Kochwasser die Arbeit des Würzens. Geben Sie es zeitig in den Teig von Ramen- und Udon-Nudeln, um ihr Gluten zu festigen, denn dadurch kommt die erwünschte geschmeidige Konsistenz zustande. Teige für Kuchen, Pfannkuchen und Feingebäck sollten Sie spät salzen, damit sie zart bleiben, aber achten Sie darauf, das Salz gründlich einzuarbeiten, damit es vor dem Backen gleichmäßig verteilt ist.

Essen in Salzwasser garen

Richtig gewürztes Kochwasser hilft Nahrungsmitteln, ihre Nährstoffe zu behalten. Stellen Sie sich vor, grüne Bohnen in einem Topf Wasser zu kochen. Wenn das Wasser nicht oder kaum gesalzen ist, ist seine Konzentration von Salz – einem Mineral – niedriger als die natürliche Mineralienkonzentration der grünen Bohnen. Im Versuch, ein Gleichgewicht zwischen der inneren Umgebung der Bohnen und der äußeren Umgebung des Kochwassers herzustellen, werden die Bohnen während des Kochprozesses einen Teil ihres natürlichen Mineralien- und Zuckergehalts abgeben. Heraus kommen fade graue, weniger nahrhafte Bohnen.


Ist das Wasser dagegen stärker gesalzen – und damit mineralstoffreicher als die grünen Bohnen –, passiert das Gegenteil: Im Versuch, ein Gleichgewicht herzustellen, nehmen die Bohnen beim Garen Salz aus dem Kochwasser auf und würzen sich selbst durch und durch. Sie bleiben auch schöner grün, weil die Salzbalance verhindert, dass das Magnesium aus den Chlorophyllmolekülen der Bohnen sickert. Das Salz schwächt auch das Pektin und macht die Zellwände der Bohnen weicher, sodass sie schneller gar werden. Das bietet den zusätzlichen Vorteil, dass die Bohnen weniger Gelegenheit haben, Nährstoffe zu verlieren, weil sie insgesamt weniger Zeit im Topf verbringen.

Aus mehreren Gründen kann ich keine präzisen Mengen Salz für Blanchierwasser empfehlen: Ich weiß nicht, wie groß Ihr Topf ist, wie viel Wasser Sie verwenden, wie viel Essen Sie blanchieren oder welche Art von Salz Sie verwenden. All diese Faktoren bestimmen, wie viel Salz Sie brauchen, und sie können sogar jedes Mal anders sein. Salzen Sie Ihr Kochwasser, bis es so salzig ist wie das Meer (oder genauer gesagt, wie Ihre Erinnerung an das Meer. Mit 3,5 Prozent Salzgehalt ist Meerwasser viel, viel salziger als alles, was man je zum Kochen verwenden mag). Vielleicht zucken Sie zusammen, wenn Sie sehen, wie viel Salz dafür nötig ist, aber denken Sie daran: Das meiste Salz landet mit dem Wasser im Abfluss. Das Ziel ist, eine Umgebung zu schaffen, die so salzig ist, dass das Salz in alle Zutaten diffundieren kann, während diese im Wasser sind.


Es spielt keine Rolle, ob Sie das Wasser salzen, bevor oder nachdem Sie es zum Kochen aufsetzen, allerdings wird es sich in heißem Wasser schneller auflösen und infolgedessen auch schneller diffundieren. Achten Sie einfach darauf, dass das Salz Gelegenheit hat, sich aufzulösen, und kosten Sie das Wasser, um sicherzugehen, dass es stark gesalzen ist, bevor Sie irgendetwas hineingeben. Wenn Sie den Topf allerdings zu lange auf dem Herd kochen lassen, wird Wasser verdunsten. Was zurückbleibt, ist zum Kochen zu salzig. Hier gibt es eine einfache Abhilfe: Kosten Sie Ihr Wasser, um sicherzugehen, dass es richtig ist. Wenn nicht, fügen Sie etwas Wasser hinzu.

Essen in Salzwasser zu kochen, ist einer der einfachsten Wege, es durch und durch zu würzen. Probieren Sie Bratkartoffeln aus dem Ofen, die mit Salz gewürzt wurden, als sie in den Backofen wanderten – Sie werden das Salz auf der Oberfläche schmecken, aber weiter innen kaum. Wenn Sie dagegen Kartoffeln kosten, die vor dem Braten eine Weile in Salzwasser geköchelt wurden, wird der Unterschied Sie frappieren – das Salz ist bis ganz ins Innere vorgedrungen und hat dabei sein kraftvolles Werk verrichtet: Die Kartoffeln sind durch und durch gewürzt.

Salzen Sie Nudelwasser, Kochwasser für Kartoffeln und Töpfe mit Getreide oder Hülsenfrüchten so früh wie möglich, damit sich das Salz auflösen und in die Nahrungsmittel diffundieren kann. Salzen Sie das Wasser für Gemüse richtig, und Sie müssen vor dem Servieren nicht noch einmal würzen. Salate aus gekochtem Gemüse – seien es Kartoffeln, grüner Spargel, Blumenkohl, grüne Bohnen oder irgendetwas anderes – sind am köstlichsten, wenn das Gemüse schon beim Kochen richtig gewürzt wird. Salz, das erst beim Servieren über solche Salate gestreut wird, macht eher für die Konsistenz als für den Geschmack einen Unterschied, weil es ein angenehmes Knacken liefert.

Salzen Sie Fleisch, das in Wasser gekocht werden soll, wie jedes Fleisch im Voraus, aber würzen Sie die Kochflüssigkeit für Eintöpfe, Schmorgerichte und Siedfleisch zurückhaltend – denken Sie daran, dass Sie sämtliches Salz, das Sie hier hineingeben, auch zu sich nehmen. Wenn dann etwas Salz vom gewürzten Fleisch in die weniger würzige Brühe übergeht, hat es seine wichtige Aufgabe, das Fleisch zart zu machen, schon vollbracht. Rechnen Sie damit, dass zwischen dem gesalzenen Fleisch und der Garflüssigkeit ein Austausch stattfindet und schmecken Sie sowohl die Flüssigkeit als auch das Fleisch vor dem Servieren ab.

Mehr über die Feinheiten des Blanchierens, Schmorens, Köchelns und Pochierens finden Sie im Kapitel HITZE (ab Seite 141).


DIFFUSIONSBERECHNUNG

Die drei nützlichsten Helfer, damit Salz gut diffundiert, sind Zeit, Temperatur und Wasser. Bevor Sie sich ans Kochen machen, wenn Sie die Zutaten und die Zubereitungsart aussuchen, fragen Sie sich: »Wie kann ich dies durch und durch würzen?« Bedienen Sie sich dann dieser drei Stellschrauben, um zu planen, wie lange im Voraus – und wie stark – Sie Ihre Zutaten oder Ihr Kochwasser salzen müssen.

Zeit

Salz verteilt sich sehr langsam. Wenn Sie große oder kernige Lebensmittel kochen wollen, würzen Sie sie so früh wie möglich, damit das Salz genug Zeit hat, bis ins Innere zu wandern.

Temperatur

Wärme fördert die Salzdiffusion. Salz verteilt sich bei Raumtemperatur stets schneller als im Kühlschrank. Nutzen Sie dies, wenn Sie vergessen haben, Ihr Huhn oder Steak im Voraus zu würzen: Holen Sie das Fleisch aus dem Kühlschrank, sobald Sie nach Hause kommen, salzen Sie es und lassen Sie es ziehen, während der Ofen oder der Grill vorheizt.

Wasser

Wasser beschleunigt die Salzdiffusion. Nutzen Sie »wässrige« Kochtechniken, wenn Salz kernige, trockene oder durchwachsene Zutaten durchdringen soll, vor allem dann, wenn Sie keine Zeit hatten, sie im Voraus zu salzen.


WIE MAN SALZ VERWENDET

Die britische Kochbuchautorin Elizabeth David sagte einmal: »Ich ärgere mich doch nicht mit einem Salzlöffelchen herum. Mir ist nicht klar, was ungezogen oder falsch daran sein soll, die Finger ins Salz zu stecken.« So sehe ich das auch. Schaffen Sie den Streuer ab – schütten Sie das Salz in ein passendes Gefäß und benutzen Sie Ihre Finger, um Ihr Essen zu salzen! Ihr Salzgefäß sollte so groß sein, dass Sie einfach alle fünf Finger hineinstecken und eine Handvoll Salz herausholen können. Diese wichtige – aber oft unausgesprochene – Regel guten Kochens ist für Profiköche eine solche Routine, dass wir automatisch nach einem Gefäß suchen, das wir fürs Salz benutzen können, wenn wir in einer ungewohnten Küche arbeiten. In der Eile habe ich sogar schon Kokosnussschalen als Salzgefäße benutzt. Einmal gab ich ein Seminar an der nationalen Kochschule von Kuba: Die vom Staat betriebene Küche war so karg ausgestattet, dass ich einfach Plastikflaschen in der Mitte durchschnitt, um sie als Behälter für Salz und andere Zutaten zu verwenden. Sie taten ihren Dienst.

Salz abmessen

Anfangs braucht es Mut, Salz ohne präzise Mengenangaben zu verwenden. Als ich kochen zu lernen begann, überlegte ich immer, woher ich wissen sollte, wann ich genug genommen hatte. Ich fragte mich, wie ich verhindern sollte, dass ich viel zu viel erwischte. Es war verwirrend. Und der einzige Weg herauszufinden, wie viel Salz nötig war, bestand darin, es nach und nach zuzugeben und jedes Mal zu kosten. Ich musste mein Salz kennenlernen. Im Lauf der Zeit lernte ich, dass in einen riesigen Topf Nudelwasser erst einmal drei Handvoll hineinmüssen. Ich fand heraus, dass die Hühner für den Grillspieß aussehen sollten, als sei ein leichtes Schneegestöber über dem Hacktisch niedergegangen. Erst durch Wiederholung und Übung kam ich auf diese Faustregeln. Ich entdeckte auch ein paar Ausnahmen: Bestimmte Rezepte für Teig, Pökellake oder Wurst, bei denen sämtliche Zutaten präzise gewogen werden, brauchen kein ständiges Abschmecken. Aber alles andere, was ich koche, salze ich heute noch nach Geschmack.

Wenn Sie das nächste Mal einen Schweinerücken für den Backofen würzen, achten Sie genau darauf, wie viel Salz Sie verwenden, und nehmen Sie sich später beim ersten Bissen einen Moment Zeit, um nachzuschmecken, ob die Würze stimmt. Wenn ja, merken Sie sich, wie das Salz auf der Fleischoberfläche aussah. Wenn nein, nehmen Sie sich vor, beim nächsten Mal die Salzmenge zu erhöhen oder zu verringern. Sie verfügen bereits über das allerbeste Werkzeug, um festzustellen, wie viel Salz nötig ist – eine Zunge. Die Bedingungen in der Küche sind selten, wenn überhaupt, zweimal die genau gleichen. Weil wir nicht jedes Mal den gleichen Topf oder die gleiche Wassermenge oder ein gleich großes Hühnchen oder die gleiche Anzahl Karotten verwenden, können Mengenangaben problematisch sein. Verlassen Sie sich stattdessen lieber auf Ihre Zunge und kosten Sie zwischendurch immer wieder. Im Lauf der Zeit werden Sie lernen, auch andere Sinne zu nutzen, um die nötige Salzmenge abzuschätzen – Fühlen, Sehen und gesunder Menschenverstand können genauso wichtig sein wie Schmecken. Die wunderbare, inzwischen leider verstorbene Marcella Hazan, Autorin des unverzicht baren Buches Die klassische italienische Küche, konnte feststellen, ob ein Gericht mehr Salz brauchte, indem sie einfach daran schnupperte!

Meine Grundregeln zum Bemessen des Salzanteils sind einfach: 1 Prozent Salz nach Gewicht für Fleisch, Gemüse und Getreide und 2 Prozent Salzgehalt für Gemüseoder Nudelkochwasser. Um festzustellen, welche Mengen diese Anteile für verschiedene Salzsorten ergeben, werfen Sie einen Blick auf die Tabelle auf der nächsten Seite. Wenn Sie die Salzmengen, die ich empfehle, erschreckend finden, machen Sie ein kleines Experiment: Setzen Sie zwei Töpfe Wasser auf und salzen Sie den einen so, wie Sie es normalerweise tun. In den anderen geben Sie 2 Prozent Salzgehalt und merken sich dabei, wie sich so viel Salz anfühlt und wie es aussieht. Kochen Sie grüne Bohnen, Brokkoli, grünen Spargel oder Nudeln je zur Hälfte in den beiden Wassertöpfen und vergleichen Sie beim Essen den Geschmack. Ich nehme an, dass dieser Geschmackstest Sie dazu bekehren wird, mir zu vertrauen.

Betrachten Sie diese Angaben als Richtwerte für den Anfang. Bald, vielleicht schon nach ein, zwei Töpfen Nudeln, werden Sie selbst beurteilen können, wie viel Salz ausreicht: Wenn Sie spüren, wie die Körner aus Ihrer Hand rieseln und wenn Sie sich beim Kosten ans Meer versetzt fühlen.


Wie man salzt

Sobald Sie erkannt haben, wie viel Salz man braucht, um etwas richtig zu würzen, denken Sie vielleicht, es kann gar kein »zu viel« geben. Mir ist das so passiert. Ich kann mich daran erinnern, wie eine von mir besonders bewunderte Küchenchefin ins Kühlhaus im Untergeschoss kam, wo ich Schweinebraten für das Abendessen des Folgetages würzen sollte. Weil ich erst kurz zuvor die Kraft des Salzens zu schätzen gelernt hatte, beschloss ich, die Bratenstücke in einer riesigen Schüssel Salz zu wälzen, um sie gleichmäßig damit zu überziehen. Als sie die Treppe herunterkam, zog sie ihre Augenbrauen hoch. Ich hatte genügend Salz verwendet, um die Braten für drei Jahre einzupökeln! Am nächsten Abend würden sie völlig ungenießbar sein. Ich verbrachte die nächsten zwanzig Minuten damit, das Salz wieder vom Fleisch zu spülen. Später zeigte die Köchin mir die richtige Handbewegung, um Salz gleichmäßig auf großen Flächen zu verteilen.

Ich verstand die Nuancen des Salzens erst, als ich darauf zu achten begann, auf welche verschiedenen Arten die Köche Salz in verschiedenen Situationen verwendeten. Es gab die Art, wie wir beinahe achtlos mehrere Handvoll Salz in Töpfe mit Wasser zum Kochen von Gemüse oder Nudeln warfen, darauf warteten, dass es sich auflöste, leicht mit dem Finger über das kochende Gebrodel strichen und konzentriert kosteten, um dann – meistens – sogar noch mehr Salz zuzugeben.




Es gab die Art, wie wir Tabletts mit Gemüse, nebeneinander aufgereihte, für Confit zerlegte Entenschenkel und noch größere Fleischstücke oder ofenfertige Bleche mit Focaccia salzten. Das taten wir, indem wir das Salz locker in die aufwärts gerichtete Handfläche häuften und es locker aus dem Handgelenk herunterregnen ließen.

Diese Haltung – nicht die von oben gehaltene Prise, an die ich gewöhnt war – war die beste Art, Salz, Mehl und alles Körnige gleichmäßig und effizient über große Flächen zu verteilen.

Üben Sie das Salzen aus dem Handgelenk in Ihrer eigenen Küche über einem Stück Pergamentpapier oder einem Backblech. Gewöhnen Sie sich an die Art, wie das Salz aus Ihrer Hand rieselt; erleben Sie das verbotene Vergnügen, so viel von etwas zu verwenden, das zu fürchten uns gelehrt wurde.

Zunächst trocknen Sie sich die Hände ab, damit das Salz nicht an Ihrer Haut kleben bleibt. Nehmen Sie eine Handvoll Salz und entspannen Sie sich. Mit ruckartigen oder roboterhaften Handbewegungen verteilen Sie das Salz ungleichmäßig. Beobachten Sie, wie das Salz landet. Ungleichmäßig? Das bedeutet, Sie salzen auch Ihr Essen ungleichmäßig. Schütten Sie das Salz zurück in Ihre Handfläche und versuchen Sie es noch einmal. Je fließender sich Ihr Handgelenk bewegt, desto gleichmäßiger verteilt sich das Salz.

All das heißt nicht, dass Sie nie eine Prise Salz verwenden sollten. Man kann sie benutzen wie nagellackgroße Lackstifte zum Ausbessern eines Kratzers an der Stoßstange. Damit kann man zwar keine gravierenden Schäden reparieren, aber präzise und sorgfältig angewendet, liefern sie einwandfreie Resultate. Nehmen Sie eine Prise, wenn Sie sichergehen wollen, dass jeder Bissen genau richtig gesalzen ist: Avocadoscheiben auf einem Stück gegrilltem Brot, halbierte harte Eier oder winzige, perfekte Karamellen. Aber wenn Sie versuchen, ein Huhn oder ein Blech voller Butternusskürbisscheiben auf diese Weise zu bewältigen, wird Ihr Handgelenk aufgeben, bevor Sie fertig sind.

Salz und Pfeffer

Während es stimmt, dass wo Pfeffer ist, auch – fast immer – Salz ist, gilt das umgekehrt nicht unbedingt. Salz ist, wie Sie wissen, ein Mineral und ein für uns unverzichtbarer Nährstoff. Wenn Essen gesalzen wird, durchläuft es eine Reihe chemischer Reaktionen, die den Geschmack verändern, bei Fleisch verändert sich auch die Konsistenz.

Pfeffer dagegen ist ein Gewürz, und die Verwendung von Gewürzen wird vor allem von Geografie und Tradition bestimmt. Überlegen Sie, ob Pfeffer in ein Gericht gehört, bevor Sie ihn verwenden. Obwohl französische und italienische Köche üppige Mengen schwarzen Pfeffers benutzen, gilt das nicht überall. In Marokko stehen üblicherweise Streuer mit Kreuzkümmel neben dem Salz auf dem Tisch. In der Türkei ist es meist irgendeine Form von Chilipulver. In vielen nahöstlichen Ländern, darunter im Libanon und in Syrien, ist es jene Mischung aus getrocknetem Thymian, Oregano und Sesam, die Zatar genannt wird. In Thailand findet sich Zucker neben Chilipaste, während man in Laos Gästen oft frische Chilis und Limetten reicht. Alles automatisch mit Pfeffer zu würzen, ist ebenso wenig sinnvoll, wie Kreuzkümmel oder Zatar an jedes Gericht zu geben, das Sie kochen. (Um mehr über die Gewürze zu erfahren, die in aller Welt verwendet werden, lesen Sie DIE WELT DER AROMEN auf Seite 204/205.)

Wenn Sie aber schwarzen Pfeffer verwenden, halten Sie nach Tellicherry-Pfefferkörnern Ausschau. Sie reifen länger aus als andere Sorten und entwickeln deshalb mehr Aroma. Mahlen Sie sie frisch über einen Salat, ein mit cremiger Burrata bestrichenes und mit Öl beträufeltes geröstetes Brot, in Scheiben geschnittene reife Tomaten, Pasta Cacio e Pepe oder perfekt gebratene Steaks. Geben Sie ein paar ganze Pfefferkörner in Brühen, Einlegeflüssigkeiten, Saucen, Schmorgerichte, Suppen oder Töpfe mit Bohnen, wenn Sie sie auf den Herd stellen oder in den Ofen schieben. In Flüssigkeiten setzt das frühe Zugeben ganzer Gewürzkörner einen Austausch von Aromen in Gang: Während die Gewürze Flüssigkeit aufnehmen, geben sie einen Teil ihrer flüchtigen Aromastoffe ab und würzen die Flüssigkeit auf eine Weise, wie es eine kleine Prise nach dem Kochen nie bewirken könnte.

Gewürze schmecken – wie Kaffee – am besten, wenn sie erst kurz vor der Verwendung gemahlen werden. Der Geschmack ist in Form ätherischer Öle in ihnen eingeschlossen, die beim Mahlen und dann nochmals durch das Erhitzen freigesetzt werden. Beim Verrinnen der Zeit verlieren vorgemahlene Gewürze langsam an Geschmack. Kaufen Sie Gewürze im Ganzen, wann immer möglich, und zermahlen Sie sie vor der Verwendung im Mörser oder mit einer Gewürzmühle, um die Intensität zu erleben, mit der die aromatischen Öle freigesetzt werden. Sie werden erstaunt sein, welch gewaltigen Unterschied das für Ihre Küche ausmacht.


Salz und Zucker

Sie sollten nicht alles über Bord werfen, was Sie über Salz gelernt haben, wenn Sie sich daranmachen, Desserts zuzubereiten. Uns wird beigebracht, Salz und Zucker als etwas Gegensätzliches zu sehen, nicht im Zusammenspiel miteinander: Essen ist entweder süß oder salzig. Aber erinnern Sie sich daran, dass Salz in allererster Linie den Geschmack von Nahrungsmitteln vertieft, und auch Süßigkeiten profitieren von diesem Schwung. Genau wie ein wenig Süße die Aromen eines würzigen Gerichts verstärken kann – ob in Form von karamellisierten Zwiebeln, Balsamico-Vinaigrette oder geschmorten Äpfeln zu Kalbsleber –, verbessert Salz umgekehrt süße Desserts. Um zu erleben, wie gut Salz Süßem tut, teilen Sie Ihren nächsten Plätzchenteig in zwei Hälften und lassen Sie bei der einen das Salz weg. Vergleichen Sie beim Probieren die Plätzchen direkt. Das Salz hat seine duft- und geschmacksintensivierende Arbeit geleistet, und daher werden Sie staunend Nuss-, Karamell- und Butteraromen in Ihren gesalzenen Plätzchen entdecken.

Die Grundzutaten für Süßes gehören zu den fadesten in der Küche. Genau wie Sie in einem salzigen Gericht niemals Mehl, Butter, Eier oder Sahne ungesalzen verwenden würden, sollten Sie sie auch in einem Dessert nicht ungewürzt lassen. Normalerweise reichen schon ein, zwei Prisen Salz in einem Teig oder einer Cremebasis, um den Geschmack von Kuchen- und Plätzchenteigen, Tortenfüllungen und süßen Cremes aufzupeppen.

Wenn Sie überlegen, wie Sie ein Dessert essen wollen, können Sie leichter entscheiden, welche Art oder Arten von Salz Sie verwenden wollen. Geben Sie beispielsweise feines Salz, das sich gleichmäßig auflöst, in den Teig von Schokoladenkeksen und bestreuen Sie sie später mit Salzflocken wie Maldon, um einen angenehmen Knuspereffekt zu erzeugen.




Salz schichten

Außer den Kristallen, die wir direkt in unser Essen geben, gibt es viele Salzquellen: von Kapern über Speck bis zu Misopaste und Käse. Mehr als eine Art von Salz in ein Gericht einzuarbeiten, bezeichne ich als Salz schichten, und es ist ein großartiger Weg, Geschmack aufzubauen.

Denken Sie beim Schichten von Salz an das Gericht als Ganzes und erwägen Sie alle verschiedenen Formen von Salz, die Sie zugeben könnten, bevor Sie anfangen. Wenn Sie eine entscheidende salzige Zutat vergessen, die erst später dazukommen muss, versalzen Sie das Essen möglicherweise. Denken Sie ans Schichten von Salz, wenn Sie das nächste Mal Caesar-Dressing machen, das mehrere salzige Zutaten enthält – Sardellen, Parmesan, Worcestersauce und Salz. Der Knoblauch, den ich gerne mit einer Prise Salz im Mörser zu einer glatten Paste zerreibe, ist eine fünfte Salzquelle. Für ein köstliches, ausgewogenes Dressing ist entscheidend, dass diese – und andere, nicht salzige – Zutaten in den richtigen Mengen eingearbeitet werden; verwenden Sie also keine Salzkristalle, bis Sie sicher sind, dass Sie alles andere in den richtigen Mengen zugegeben haben.

Bereiten Sie zunächst eine steife, ungesalzene Mayonnaise zu, indem Sie tropfenweise Öl in Eigelb einrühren (die genaue Anleitung für selbst gemachte Mayonnaise finden Sie auf Seite 388). Dann die Anfangsmengen von zerdrücken Sardellen, Knoblauch, geriebenem Käse und Worcestersauce unterziehen. Essig und Zitrone einrühren. Probieren. Wahrscheinlich braucht das Dressing noch Salz. Aber fehlen auch noch Sardellen, Käse, Knoblauch oder Worcestersauce? Falls ja, geben Sie Salz in Form einer dieser Zutaten bei. Aber tun Sie es schrittweise, probieren Sie zwischendurch und schmecken Sie nach Bedarf mit Säure ab. Vielleicht braucht es mehrere Probier- und Abschmeckrunden, bis alles passt. Wie bei jedem Gericht mit mehreren Salzquellen würzen Sie erst dann mit Salz, wenn Sie mit der Balance aller anderen Aromen zufrieden sind. Und um zu prüfen, ob alles stimmt, stippen Sie zum Probieren ein Salatblatt in das fertige Dressing und testen, ob die Kombination das Pling! produziert, das Sie sich wünschen.

Selbst wenn Sie nach Rezept kochen und merken, dass ein Gericht mehr Salz benötigt, sollten Sie kurz überlegen, woher dieses Salz stammen sollte.


Salz ausbalancieren

Auch wenn Sie noch so aufmerksam beim Kochen sind – manchmal werden Sie erst bei Tisch feststellen, dass Ihr Essen zu wenig gesalzen ist. Einige Gerichte verzeihen zu wenig Salz bereitwilliger als andere. Einen Salat können Sie einfach bei Tisch mit einer Prise Salz nachjustieren. Ein wenig salziger Parmesan, über eine Schale Suppe gehobelt, schraubt ihre Würze hoch. Andere Gerichte reagieren nicht so unkompliziert: Egal, wie viel salzige Sauce oder Käse oder Fleisch Sie nehmen – es wird fade Nudeln nicht ausgleichen, weil die Zunge immer spürt, dass das Wasser nicht im Mindesten so salzig war wie das Meer. Gebratenes oder geschmortes Fleisch verzeiht die Sünde des Zu-wenig-Salzens ebenso wenig.

Seit ich im Chez Panisse Zeugin einer Reihe von Salz-Katastrophen wurde, bin ich davon besessen, so etwas zu verhindern. An einem Tag hatte ein Koch vollkommen vergessen, Salz in den Pizzateig zu geben – eine Panne, die wir erst bei der Probierrunde bemerkten, sodass wir die Pizza nur noch von der Speisekarte nehmen konnten. Ein andermal schmorte ich Hühnerschenkel, die als »gesalzen« markiert waren. Das waren sie aber eindeutig nicht – ein Fehler, den ich erst bemerkte, als ich sie aus dem Ofen holte und kostete. Weil es gar nichts nützt, die Oberfläche von gegartem Fleisch zu bestreuen, wenn es innen zu wenig gesalzen ist, mussten wir das Fleisch zerkleinern, würzen und es als Ragù zu Pasta servieren. Am nachhaltigsten beeindruckt hat mich allerdings der Fall der Lasagne, die ein sehr erfahrener Koch zu wenig gesalzen und schon für den Abend in hundert Stücke geschnitten hatte. Weil es wenig geholfen hätte, Salz auf die Oberfläche der Lasagne zu streuen, um einen Fehler zu korrigieren, der innen stattgefunden hatte, bekam ich als Praktikantin die Aufgabe, jede einzelne der zwölf Schichten in jedem der hundert Stücke sorgfältig anzuheben und jeweils ein paar Körnchen Salz hineinzuschmuggeln. Nach dieser Erfahrung habe ich nie wieder eine Lasagne zu schwach gesalzen.

Sie werden auch einmal etwas versalzen, das ist unvermeidlich. Das passiert jedem. Es könnte Ihnen schon bald geschehen, nachdem Sie, als gerade frisch konvertiertes Mitglied, die Kraft des Salzes erkannt haben. Vielleicht werden Sie so leichtsinnig wie ich damals als Jungköchin mit diesen Schweinebraten und fangen an, zu viel Salz zu verwenden und eine Zeit lang alles ungenießbar zu machen. Es könnte auch passieren, wenn Sie schlicht nicht aufpassen. Das ist nicht schlimm. Wir alle machen hin und wieder Fehler. Ich auf jeden Fall noch immer.

Es gibt eine Handvoll Notlösungen für Versalzenes. Aber keine von ihnen sieht vor, etwas fürchterlich Salziges mit etwas fürchterlich Fadem zu servieren. Geschmacksfreies kann Versalzenes niemals ausgleichen.

Verdünnen

Geben Sie mehr ungesalzene Zutaten zu, um die Gesamtmenge des Gerichts zu erhöhen. Alles Ungesalzene funktioniert als Gegengewicht zu Gesalzenem, aber besonders wirkungsvoll sind in solchen Fällen milde, stärkehaltige und fette Zutaten, weil sie selbst in kleinen Mengen eine relativ große Menge Essen ausgleichen können. Geben Sie ungewürzten Reis oder Kartoffeln in eine versalzene Suppe oder Olivenöl in eine versalzene Mayonnaise. Wasser verdampft aus kochenden Suppen oder Saucen, Salz nicht, und was zurückbleibt, ist zu salzig. Hier ist die Lösung einfach: mehr Wasser oder Brühe zugeben. Wenn Sie ein Gericht aus vielen verschiedenen Zutaten versalzen haben, geben Sie mehr von der Hauptzutat hinein und passen Sie alles andere an, bis die Balance wieder stimmt.

Halbieren

Wenn Sie das Gericht schon fertig haben und Verdünnen mehr produzieren würde, als Sie brauchen, teilen Sie die versalzene Portion und justieren Sie nur bei der einen Hälfte nach. Je nachdem, worum es sich handelt, können Sie vielleicht den Rest kalt stellen oder einfrieren, bis Sie Zeit haben, ihn nachzubearbeiten und aufzubrauchen. Oder Sie müssen sich der traurigen Realität stellen und ihn wegwerfen. Aber das ist besser, als Olivenöl für 30 Euro zu verbrauchen, um eine Portion Mayonnaise zu reparieren, und dann nur ein Viertel davon zu verwenden.

Ausbalancieren

Manchmal ist ein Gericht, das versalzen wirkt, gar nicht zu salzig, sondern braucht nur etwas Säure oder Fett zum Ausbalancieren. Doktern Sie mit ein paar Tropfen Zitronensaft oder Essig, ein bisschen Olivenöl oder ein bisschen von allem an einem Löffel des Gerichts herum. Wenn er besser schmeckt, wenden Sie das Heilmittel auf die ganze Portion an.

Auswählen

In Flüssigkeit gegartes Essen wie Bohnen oder Schmorgerichte kann oft gerettet werden, wenn die salzige Kochflüssigkeit weggeschüttet wird. Wenn Bohnen zu salzig sind, wechseln Sie das Wasser. Machen Sie ein Bohnenpüree daraus oder verwandeln Sie die abgeschütteten Bohnen in eine Suppe, indem Sie ungesalzene Brühe und Gemüse dazugeben. Wenn geschmortes Fleisch nur ein bisschen zu salzig ist, servieren Sie es ohne die Schmorflüssigkeit und versuchen Sie, es mit einer fetten, säurehaltigen Beigabe wie Crème fraîche auszubalancieren. Servieren Sie eine schwach gesalzene, kohlenhydratreiche Beilage oder ein stärkehaltiges Gemüse als Gegengewicht dazu.

Verwandeln

Ein versalzenes Stück Fleisch können Sie auseinanderzupfen und in ein neues Gericht verwandeln, wo es nur eine Zutat unter vielen ist – ein Eintopf, ein Chili, eine Suppe, ein Püree, eine Raviolifüllung. An versalzenen rohen, blättrigen weißfleischigen Fisch noch mehr Salz geben und ihn in Baccalà – Stockfisch – verwandeln.

Sich geschlagen geben

Manchmal ist das Beste, was Sie tun können, sich die Niederlage einzugestehen und von vorne anzufangen. Oder Pizza zu bestellen. Das ist in Ordnung. Es ist nur ein Essen – morgen bekommen Sie eine neue Chance!

Betrachten Sie Fehler wie zu viel oder zu wenig Salz als Gelegenheiten zum Lernen. Nicht lange nach meinem Salz-Erweckungserlebnis bei der Polenta mit Cal bekam ich die Aufgabe, für die vegetarischen Restaurantgäste Maiscreme zu machen. Es war das erste Mal, dass mir ein ganzes Gericht von Anfang bis Ende anvertraut wurde. Ich konnte kaum glauben, dass zahlende Gäste etwas essen würden, das ich gekocht hatte! Es war ebenso aufregend wie beängstigend. Ich machte die Maiscreme genau, wie ich es gelernt hatte: Zwiebeln weichdünsten, von den Kolben geschabte Maiskörner dazugeben, das übrige Kolbeninnere in Sahne ziehen lassen, um ihr ein süßes Maisaroma zu verleihen, eine einfache Cremebasis aus dieser Sahne und Eiern anrühren und dann alles vermengen und vorsichtig im Wasserbad backen, bis es gerade gestockt ist. Ich war begeistert, wie seidig die Eiercreme geworden war, und gegen Ende des Abends kam der Küchenchef vorbei und probierte. Als er die Hoffnung in meinem Blick sah, sagte er mir freundlich, ich hätte gute Arbeit geleistet und fügte dann behutsam hinzu, dass ich beim nächsten Mal stärker würzen sollte. Obwohl er seine Kritik so sanft vorgebracht hatte, wie es einem Koch nur möglich ist, war ich am Boden zerstört und zutiefst beschämt. Ich hatte sämtliche Kochanweisungen für die Creme so konzentriert befolgt, dass ich die wichtigste Regel in unserer Küche vollkommen vergessen hatte. Ich glaubte diese Regel komplett verinnerlicht zu haben, das war aber eindeutig nicht der Fall: Koste alles, bei jedem einzelnen Schritt. Ich hatte weder die Zwiebeln und den Mais noch die Eiersahne probiert. Kein einziges Mal.

Nach dieser Erfahrung wurde mir das Kosten auf ganz neue Weise zum Reflex. Schon nach wenigen Monaten kochte ich zuverlässig das köstlichste Essen, das ich je gemacht hatte, und das nur wegen einer einzigen kleinen Nachjustierung meiner Herangehensweise: Ich hatte gelernt, wie man salzt.

Entwickeln Sie ein Gefühl für Salz, indem Sie alles kosten, was Sie kochen, und zwar zeitig und oft. Übernehmen Sie das Mantra Rühren – Probieren – Nachjustieren. Salz sollte von nun an das Erste sein, worauf Sie beim Kosten achten, und das Letzte, was Sie vor dem Servieren eines Gerichts nachjustieren. Wenn sich das ständige Probieren verselbstständigt hat, können Sie anfangen zu improvisieren.

Improvisieren mit Salz

Kochen unterscheidet sich nicht so sehr von Jazz. Die besten Musiker improvisieren scheinbar mühelos, indem sie die Jazzstandards entweder ausschmücken oder verschlanken. Louis Armstrong konnte eine komplexe Melodie mit seiner Trompete auf einen einzigen Ton herunterdestillieren, während Ella Fitzgerald mit ihrer außergewöhnlichen Stimme in der Lage war, ein extrem einfaches Lied endlos zu variieren. Aber um tadellos improvisieren zu können, mussten sie die Basissprache der Musik erlernen – die Noten – und eine enge Beziehung zu den Standards entwickeln. Das Gleiche gilt fürs Kochen; ein großartiger Koch kann Improvisation zwar ganz einfach erscheinen lassen, aber diese Fähigkeit beruht auf einem soliden Fundament aus Grundlagenwissen.

Salz, Fett, Säure und Hitze sind die Bausteine dieses Fundaments. Nutzen Sie sie, um ein Repertoire von Basisgerichten zu entwickeln, die Sie immer und überall kochen können. Zuletzt werden Sie das, was Sie kochen, wie Louis oder Ella mir nichts, dir nichts vereinfachen oder anreichern können. Beginnen Sie alles, was Sie über Salz gelernt haben, auf all Ihre Gerichte anzuwenden, von einer schnellen Frittata bis zum Festtagsbraten.

Die drei Basisentscheidungen zum Thema Salz sind: Wann? Wie viel? In welcher Form? Stellen Sie sich diese Fragen jedes Mal, wenn Sie sich ans Kochen machen. Die Antworten werden allmählich einen Leitfaden fürs Improvisieren bilden. Und eines nicht allzu fernen Tages werden Sie sich selbst überraschen. Vielleicht, nachdem Sie vor einem fast leeren Kühlschrank standen, überzeugt davon, nichts dazuhaben, woraus sich etwas Anständiges zu essen machen ließe, und dann ein Stück Parmesan entdeckten. Und zwanzig Minuten später stürzen Sie sich auf die am perfektesten gewürzte Schüssel Pasta Cacio e Pepe, die Sie je gegessen haben. Oder vielleicht nach einem spontanen Großeinkauf auf dem Bauernmarkt, mit Freunden. Sie kommen mit Bergen von Gemüse heim, verteilen alles auf der Arbeitsplatte, holen das Huhn, das Sie am Vorabend gesalzen haben, aus dem Kühlschrank und heizen sofort den Ofen vor. Während Sie Ihren Freunden ein Glas Wein einschenken, bieten Sie Ihnen als kleinen Imbiss ein paar mit Salzflocken bestreute Gurken- und Radieschenscheiben an. Ohne groß darüber nachzudenken, geben Sie eine Handvoll Salz in den Topf mit brodelndem Wasser auf dem Herd, kosten und salzen nach, bevor Sie die Mairübchen mitsamt ihren Blättern blanchieren. Wenn Ihre Freunde den ersten Bissen probieren, werden sie Sie bitten, ihnen Ihr kulinarisches Geheimnis zu verraten. Sagen Sie ihnen die Wahrheit: Sie beherrschen den Umgang mit dem wichtigsten Element guten Kochens – Salz.



ls s ich gerade in der Küche des Chez Panisse angefangen hatte, hielten die Köche einen Wettbewerb für alle Angestellten ab, um herauszufinden, wer die beste Tomatensauce zubereiten konnte. Es gab nur eine Regel: Es mussten Zutaten verwendet werden, die problemlos in der Restaurantküche verfügbar waren. Der Preis bestand aus 500 Dollar in bar und einer Namensnennung auf der Speisekarte, wenn das Rezept verwendet würde … für immer.

Als totale Novizin war ich zu verschüchtert, um mitzumachen, aber mir kam es vor, als wollten es alle anderen – vom Oberkellner bis zu den Hilfskellnern, Küchenhilfen und natürlich den Köchen – probieren.

Dutzende Teilnehmer brachten ihre Saucen zur Blindverkostung durch ein Team »unabhängiger Preisrichter« (d. h. die Chefs und Alice). Einige Saucen waren mit getrocknetem Oregano gewürzt, andere mit frischem Majoran. Einige Teilnehmer zerdrückten ihre Dosentomaten mit der Hand, andere entkernten und würfelten sie sorgfältig. Manche verwendeten Chiliflocken, während andere ihre innere Nonna entdeckten und ihre Saucen alla Pomarola pürierten. Es herrschte Tomatenchaos, und wir waren alle in heller Aufregung, gespannt, wer gewinnen würde.

Irgendwann kam einer der Chefs in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Wir fragten ihn, wie es lief. Seine Antwort werde ich nie vergessen:

»Es gibt eine Menge guter Beiträge. Sogar so viele, dass es schwer ist, eine Entscheidung zu treffen. Aber Alices Gaumen ist so empfindlich, dass sie nicht darüber hinwegsehen kann, dass einige der besten Versionen mit ranzigem Olivenöl gemacht sind.«

Alice konnte nicht nachvollziehen, warum nicht alle Teilnehmer das hochwertige Olivenöl verwendet hatten, mit dem wir im Restaurant kochten, vor allem deshalb, weil alle Mitarbeiter es zum Selbstkostenpreis kaufen konnten.

Ich war komplett überrascht. Mir war noch nie der Gedanke gekommen, dass Olivenöl so viel Einfluss auf den Geschmack eines Gerichts haben könnte, vor allem auf etwas so Pikantes wie Tomatensauce. Das war der erste Schimmer meiner Erkenntnis, dass das Aroma von Olivenöl – und eigentlich von jedem Fett, das wir zum Kochen verwenden – unsere Wahrnehmung des gesamten Gerichts dramatisch verändert. Genau wie in Butter gedünstete Zwiebeln anders schmecken als in Olivenöl gedünstete, schmecken Zwiebeln, die in gutem Olivenöl gedünstet wurden, anders – natürlich besser – als in minderwertigem Öl gedünstete.

Schließlich gewann mein Freund Mike, ein anderer Jungkoch, den Wettbewerb. Sein Rezept war so kompliziert, dass ich mich nach all den Jahren kaum noch daran erinnern kann. Aber die Lektion, die ich an diesem Tag lernte, werde ich nie vergessen: Essen kann nur so fein schmecken wie das Fett, mit dem es gekocht wurde.


Im Chez Panisse brachte man mir zwar bei, die Aromen verschiedener Olivenöle zu schätzen, aber erst, als ich in Italien arbeitete, begann ich, Fett als ein eigenständiges, wichtiges und vielseitiges Element des Kochens zu begreifen, nicht einfach nur als Garmedium.

Während der Olivenernte, der Raccolta, pilgerte ich zum Landgut Tenuta di Capezzana, wo das exquisiteste Olivenöl produziert wurde, das ich je probiert hatte. Ich stand im Frantoio, der Ölmühle, und beobachtete fasziniert, wie die Olivenernte jenes Tages zu einem so strahlend gelbgrünen Elixier gepresst wurde, dass es die dunkle toskanische Nacht zu erhellen schien. Der Geschmack des Öls war so erstaunlich wie seine Farbe – pfeffrig, fast säuerlich, auf eine Art, die ich mir bei einem Fett nie hätte vorstellen können.

Im darauffolgenden Herbst war ich während der Raccolta in der Küstenprovinz Ligurien. Das am Mittelmeerufer gepresste Olio nuovo war vollkommen anders: Dieses Öl schmeckte buttrig, hatte wenig Säure und war so üppig, dass ich es löffelweise essen wollte. Ich begriff, dass die Herkunft eines Olivenöls einen riesigen Einfluss auf seinen Geschmack hat – Öl aus dem heißen, trockenen Hügelland ist schärfer, während Öl aus Küstengegenden mit milderem Klima entsprechend sanfter schmeckt. Nachdem ich die Öle gekostet hatte, verstand ich, dass ein pfeffriges Öl ein zartes Gericht wie Fischtatar übertönen würde, während der subtilere Geschmack eines Küstenöls möglicherweise den kraftvollen Aromen einer toskanischen Bistecca, die mit bitterem Gemüse serviert wird, nicht gewachsen wäre.

Im Zibibbo, der Trattoria von Benedetta Vitali in Florenz, verwendeten wir pfeffriges toskanisches Olivenöl Extra Vergine großzügiger als jede andere Zutat. Wir benutzten es für Salatsaucen. Wir benutzten es, um den Teig für die Focaccia zu tränken, die wir jeden Morgen backten. Wir benutzten es zum Anbräunen von Soffritto, der aromatischen Mischung aus Zwiebeln, Karotten und Staudensellerie, die als Basis für alle unsere lang gegarten Gerichte diente. Wir benutzten es zum Frittieren, für alles: vom Tintenfisch über Zucchiniblüten bis zu Bombolini, den cremegefüllten Krapfen, die ich mit Begeisterung jeden Samstagmorgen aß. Toskanisches Olivenöl definierte den Geschmack unserer Küche – unser Essen schmeckte köstlich, weil unser Olivenöl köstlich war.

Während ich durch Italien reiste, erkannte ich, wie Fett die besonderen Aromen der Regionalküchen bestimmt. Im Norden, wo es reichlich Weiden und dazugehöriges Milchvieh gibt, verwenden die Köche gern Butter, Sahne und fetten Käse für Gerichte wie Polenta, Tagliatelle Bolognese und Risotto. Im Süden und an den Küsten, wo Olivenbäume gedeihen, wird Olivenöl für alles verwendet, von Meeresfrüchten über Pasta sogar bis hin zu Desserts wie Olivenöl-Eis. Weil Schweine in nahezu jedem Klima gehalten werden können, vereint allerdings eines die vielfältigen italienischen Regionalküchen – Schweineschmalz.

Während ich mich in die italienische Kultur und Küche vertiefte, wurde mir eines klar: Die bemerkenswerte Beziehung der Italiener zu Fett ist entscheidend dafür, dass ihr Essen so gut schmeckt. Fett, so lautete meine Erkenntnis, ist also das zweite Element guten Kochens.


WAS IST FETT?

Um sich den Stellenwert von Fett in der Küche klarzumachen, stellt man sich am besten vor, wie es wäre, ohne Fett zu kochen: Was wären Vinaigrette ohne Olivenöl, Würstchen ohne Schweinefett, Ofenkartoffeln ohne Sauerrahm, Croissants ohne Butter? Sie wären absolut witzlos. Ohne die Aromen und Konsistenzen, die Fett ermöglicht, wäre das Essvergnügen unendlich geringer. Fett ist unerlässlich, um das volle Geschmacks- und Texturspektrum guten Kochens auszuschöpfen.

Fett ist nicht nur eines der vier Basiselemente guten Kochens, es gehört auch zu den vier Grundbausteinen aller Nahrungsmittel, neben Wasser, Eiweiß und Kohlenhydraten. Auch wenn häufig angenommen wird, Fett sei – ähnlich wie Salz – generell ungesund, sind beide Elemente für das menschliche Überleben unverzichtbar. Fett ist eine entscheidende Energiereserve; es dient dazu, Energie für zukünftige Verwendung zu speichern und spielt eine wichtige Rolle für die Nährstoffaufnahme und zentrale Stoffwechselfunktionen wie das Hirnwachstum. Falls Ihnen Ihr Arzt nicht die strikte Anweisung gegeben hat, Ihren Fettkonsum einzuschränken, brauchen Sie sich nicht zu sorgen – es ist nichts Ungesundes daran, mit mäßigen Fettmengen zu kochen (vor allem, wenn Sie sich an gesunde Fette aus Pflanzen oder Fischen halten). Wie beim Salz ist es nicht unbedingt mein Ziel, Sie dazu zu bringen, mehr Fett zu benutzen, sondern Ihnen zu vermitteln, wie Sie es beim Kochen besser verwenden können.


Im Gegensatz zu Salz tritt Fett in vielen Formen auf und wird aus zahlreichen Quellen gewonnen (siehe FETTQUELLEN, Seite 71). Während Salz ein Mineral ist, das vor allem zur Intensivierung des Geschmacks eingesetzt wird, spielt Fett drei unterschiedliche Rollen in der Küche: als eine Hauptzutat, als Garmedium und, wie Salz, als Würzmittel. Das gleiche Fett kann in Ihrer Küche in unterschiedlichen Rollen auftreten, je nachdem, wie es verwendet wird. Der erste Schritt bei der Auswahl eines Fetts ist also, die Rolle zu identifizieren, die es in einem Gericht spielen soll.


Als Hauptzutat verwendet, beeinflusst Fett ein Gericht beträchtlich. Oft liefert es sowohl einen üppigen Geschmack als auch eine spezielle gewünschte Konsistenz. Beispielsweise wird Fett, das im Hackfleisch eines Burgers steckt, beim Braten flüssig; es feuchtet das Fleisch von innen her an und macht es saftiger. Butter hindert die Mehlproteine daran, sich zu vernetzen, und lässt Teige mit zarten, blättrigen Strukturen entstehen. Olivenöl gibt Pesto sowohl sein zartes, grasiges Aroma als auch seine üppige Konsistenz. Die Menge von Sahne und Eigelb bestimmt, wie glatt und dekadent Eiscreme wird (kleiner Tipp: je mehr Sahne und Eier, desto cremiger das Ergebnis).

Die Rolle von Fett als Garmedium ist einzigartig und vielleicht seine eindrucksvollste. Kochfette können auf extreme Temperaturen erhitzt werden und ermöglichen es, die Oberflächentemperatur darin gegarter Nahrungsmittel ebenfalls auf erstaunliche Höhen zu schrauben. Bei diesem Vorgang werden die Nahrungsmittel goldbraun und bilden jene knusprige Kruste, die unser Gaumen so sehr liebt. Jedes Fett, das Sie erhitzen, um darin Essen zu garen, ist ein Garmedium, sei es das Erdnussöl, in dem Sie ein Huhn anbraten, die Butter zum Dünsten von Frühlingsgemüse oder das Olivenöl, in dem Sie Thunfisch confieren.

Bestimmte Fette können auch als Würzmittel dienen, um Aromen zu verändern oder die Konsistenz eines Gerichts kurz vor dem Servieren üppiger zu machen: Ein paar Tropfen geröstetes Sesamöl vertiefen die Aromen einer Schale Reis, ein Klacks saure Sahne gibt einer Tasse Suppe seidige Üppigkeit, ein bisschen Mayonnaise macht ein Sandwich mit Speck, Tomaten und Salat noch saftiger, und eine Lage Sauerrahmbutter lässt ein Stück knuspriges Brot zu einer unbeschreiblichen Köstlichkeit werden.

Um festzustellen, welche Rolle Fett in einem Gericht spielt, stellen Sie sich folgende vier Fragen:

Wird das Fett verschiedene Zutaten verbinden? Wenn ja, ist es eine Haupzutat.

Spielt das Fett eine Rolle für die Textur? Für blättrige, cremige und leichte Texturen spielt Fett die Rolle der Hauptzutat; für knusprige Texturen ist es ein Garmedium. Bei zarten Texturen kann Fett beide Rollen spielen.

Wird das Fett erhitzt und zum Kochen des Essens benutzt? Wenn ja, ist es ein Garmedium.

Spielt das Fett eine Rolle für den Geschmack? Wenn es gleich am Beginn zugegeben wird, ist es eine Hauptzutat. Wird es nach dem Kochen als Zugabe verwendet, um Geschmack oder Textur zu verändern, ist es ein Würzmittel.

Sobald Sie herausgefunden haben, welche Rolle das Fett in einem Gericht spielen wird, können Sie leichter entscheiden, welches Fett Sie verwenden wollen und wie Sie ein Essen kochen, das den Geschmack und die Konsistenz hat, die Sie sich wünschen.


FETT UND GESCHMACK
Die Wirkung von Fett auf den Geschmack

Fett ist, einfach gesagt, ein Geschmacksträger. Während bestimmte Fette ihren eigenen, speziellen Geschmack haben, kann jedes Fett Aromen an unseren Gaumen übermitteln – und Geschmacksnoten verstärken –, die andernfalls unbemerkt blieben.

Fett umschließt die Zunge und erlaubt es verschiedenen aromatischen Verbindungen, länger mit unseren Geschmacksknospen in Kontakt zu bleiben, was unsere verschiedenen Geschmackserlebnisse intensiviert und verlängert. Schälen Sie zwei Knoblauchzehen und schneiden Sie sie in Scheiben. Lassen Sie die eine in zwei Esslöffeln Wasser sanft brutzeln, die andere in der gleichen Menge Olivenöl. Probieren Sie von beiden Flüssigkeiten ein paar Tropfen. Beim Öl bekommen Sie einen viel kräftigeren Eindruck vom Knoblaucharoma. Machen Sie sich diese Möglichkeit, Geschmack zu intensivieren und zu verteilen, zunutze, indem Sie Würzzutaten direkt ins Kochfett geben. Vermischen Sie beim Backen Vanilleextrakt oder andere Aromen direkt mit der Butter oder dem Eigelb, um das gleiche Ergebnis zu erzielen.

Fett verstärkt den Geschmack auch noch auf eine andere außergewöhnliche Weise. Weil Kochfette weit höhere Temperaturen aushalten als den Siedepunkt von Wasser (der auf Meereshöhe bei 100 °C liegt), erfüllen sie eine entscheidende Aufgabe, bei der Wasser versagt – sie erlauben es, Oberflächen anzubräunen, was erst bei Temperaturen um 110 °C gelingt. Bei manchen Nahrungsmitteln fördert das Bräunen vollkommen neue Geschmacksrichtungen zutage – nussige, süße, fleischige, erdige und würzige (umami) Aromen. Denken Sie an den Geschmacksunterschied zwischen einer pochierten Hühnerbrust und einer, die auf dem Herd in ein wenig Olivenöl angebräunt wurde, und der unschätzbare Wert dieser Eigenschaft von Fett wird klar.

Die Aromen von Fett

Unterschiedliche Fette haben unterschiedliche Aromen. Um das richtige Fett auszuwählen, sollten Sie wissen, wie jedes Fett schmeckt und in welchen Küchen es normalerweise verwendet wird.

Olivenöl

Olivenöl ist eine Basiszutat der mediterranen Küche – benutzen Sie es also standardmäßig, wenn Sie Gerichte kochen, die von der italienischen, spanischen, griechischen, türkischen, nordafrikanischen oder nahöstlichen Küche inspiriert sind. Es eignet sich bestens für alles: von Suppen und Pasta über Schmorgerichte und Braten bis hin zu Gemüse. Verwenden Sie es als Hauptzutat in Mayonnaise, Vinaigrette und allen Arten von Würzsaucen von der Kräutersalsa bis zum Chiliöl. Träufeln Sie es zum Würzen über Rindfleisch-Carpaccio oder gebackenen Ricotta.

Wenn Sie ein gutes Olivenöl verwenden, wird auch Ihr Essen gut schmecken, aber es kann eine entmutigende Aufgabe sein, das richtige auszusuchen. Schon im Laden in meiner Nähe werden zwei Dutzend verschiedene Olivenöle Extra Vergine angeboten. Dann gibt es noch die ganzen anderen Sorten, von Vergine über gewöhnliche bis zu aromatisierten Ölen. Zu Beginn meiner Kochkarriere fühlte ich mich vor diesen Regalen oft von der Auswahl überwältigt: Vergine oder Extra Vergine? Italien oder Frankreich? Bio oder nicht? Taugt das heruntergesetzte Olivenöl etwas? Warum kostet die eine Marke 30 Euro für 750 Milliliter, eine andere nur 10 Euro pro Liter?

Wie bei Wein ist auch bei Olivenöl der Geschmack, nicht der Preis, die beste Richtschnur für die Auswahl. Anfangs gleicht das einem Sprung ins kalte Wasser, aber der einzige Weg, das Vokabular von Olivenöl zu erlernen, ist aufmerksames Probieren. Adjektive wie fruchtig, beißend, scharf und frisch können anfangs verwirrend sein, aber ein gutes Olivenöl ist – wie ein guter Wein – vielschichtig. Wenn Sie etwas Teures probieren, aber nicht mögen, ist es nichts für Sie. Wenn Sie eine Zehn-Euro-Flasche Olivenöl finden, das köstlich schmeckt, haben Sie einen Treffer gelandet!

Es ist zwar schwer zu erklären, wie gutes Olivenöl schmeckt, aber es ist ziemlich leicht, ein schlechtes zu beschreiben: bitter, viel zu scharf, unrein, ranzig – alles Ausschlusskriterien.

Die Farbe hat wenig mit der Qualität von Olivenöl zu tun und liefert keine Anhaltspunkte dafür, wann ein Öl ranzig ist. Benutzen Sie stattdessen lieber Ihre Nase und Ihren Gaumen: Riecht das Olivenöl wie eine Schachtel Wachsmalkreiden, wie Kerzenwachs oder wie das Öl, das auf einer alten Erdnussbutter schwimmt? Wenn ja, ist es ranzig. Die traurige Wahrheit ist, dass viele von uns an den Geschmack ranzigen Olivenöls gewöhnt sind und es tatsächlich bevorzugen, deshalb verkaufen die meisten großen Olivenölproduzenten uns gerne das, was anspruchsvollere Kunden ablehnen würden.

Olivenöl wird saisonal produziert. Suchen Sie auf dem Etikett nach einem Herstellungsdatum, typischerweise November, wenn Sie eine Flasche kaufen; so können Sie sicher sein, eine frische Pressung zu erwerben. Das Öl wird 12 bis 14 Monate nach dem Pressen ranzig, also heben Sie es nicht für besondere Gelegenheiten auf, im Glauben, es würde wie Wein im Lauf der Zeit immer besser! (In dieser Hinsicht hat Olivenöl mit Wein überhaupt nichts gemein.)


Wie beim Salz gibt es verschiedene Kategorien von Olivenöl – Alltagsöl, Öl zum Abschmecken und aromatisiertes Öl. Verwenden Sie ein einfaches Alltags-Olivenöl zum Kochen und ein feines Olivenöl zum Abschmecken, wenn Sie wollen, dass sein Aroma wirklich zur Geltung kommt: in Salatdressings, über Fischtatar geträufelt, in Kräutersalsas oder in Olivenölkuchen. Seien Sie mit aromatisiertem Olivenöl besser vorsichtig. Oft werden Aromen zugesetzt, um den Geschmack minderwertigen Olivenöls zu überdecken, deshalb rate ich generell davon ab. Aber es gibt eine Ausnahme: Olivenöl mit der Bezeichnung Agrumato wird auf traditionelle Weise hergestellt, indem bei der ersten Pressung ganze Zitrusfrüchte zu den Oliven gegeben werden. Einer der beliebtesten Eisbecher der Bi-Rite Creamery in San Francisco enthält Bergamotten-Agrumato, das über Schokoladeneis geträufelt wird. Schmeckt köstlich!

Es ist nicht ganz leicht, ein gutes, aber trotzdem bezahlbares Olivenöl im Laden zu finden. Wertvolle Hilfe bei der Auswahl eines guten Olivenöls leisten die unabhängigen Tests, die Öle regelmäßig auf Qualität, Schadstoffe und Geschmack überprüfen. Sie sollten sich grundsätzlich nach Ölen umsehen, die zu 100 Prozent aus Oliven regionaler Herkunft hergestellt sind (im Gegensatz zu Ölen, auf deren Etikett es heißt: »Made in …«, »Abgepackt in …« oder »Abgefüllt in …«, was nur bedeutet, dass das Öl aus Oliven gepresst wurde, deren Herkunft nicht ermittelt oder garantiert werden kann.) Das Herstellungsdatum sollte immer deutlich auf dem Etikett vermerkt sein.

Wenn Sie kein gutes, bezahlbares Alltags-Olivenöl auftreiben können, sollten Sie nicht auf minderwertiges Öl ausweichen, sondern lieber Ihre eigene Mischung aus gutem Olivenöl und einem neutral schmeckenden kaltgepressten Rapsöl herstellen. Sparen Sie sich das reine Olivenöl zum Abschmecken von Salaten und Würzsaucen auf.

Sobald Sie ein Olivenöl gefunden haben, das Sie mögen, behandeln Sie es gut. Ständige Temperaturwechsel durch einen nahen Herd oder ein tägliches Sonnenbad lassen Olivenöl schneller ranzig werden, also lagern Sie es an einem zuverlässig kühlen und dunklen Ort. Wenn Sie es nicht dunkel aufbewahren können, lagern Sie es in einer dunklen Glasflasche oder einem Metallgefäß, um es vor Licht zu schützen.

Butter

Butter ist ein gängiges Kochfett in Gegenden, wo das Klima es ermöglicht, Kühe weiden zu lassen – in den USA und Kanada, Großbritannien und Irland, Skandinavien, Westeuropa inklusive Norditalien sowie in Russland, Marokko und Indien.

Als eines der vielseitigsten Fette kann Butter unterschiedlich geformt werden und als Garmedium, als Hauptzutat oder als Würzmittel dienen. Im Naturzustand ist Butter gesalzen und ungesalzen, als Süßrahm- und Sauerrahmbutter erhältlich. Salzbutter und die herzhafte Sauerrahmbutter schmecken am besten einfach so, auf warmen Toast gestrichen oder mit Radieschen und Meersalz als Horsd’œuvre serviert. Es gibt keine Möglichkeit herauszufinden, wie viel Salz bestimmte Marken gesalzener Butter genau enthalten, also nehmen Sie zum Kochen und Backen lieber ungesalzene Butter und salzen Sie selbst nach Geschmack.

Gekühlt oder auf Zimmertemperatur kann ungesalzene Butter in feste und flüssige Teige eingearbeitet werden; als Hauptzutat gibt sie Gebackenem ein üppiges, buttriges Aroma und eine Vielzahl köstlicher Texturen von blättrig über zart bis leicht. Anders als Öl ist Butter kein reines Fett – sie enthält außerdem Wasser, Milcheiweiß und Molke-Feststoffe, die einen Großteil ihres Aromas liefern. Wenn Sie ungesalzene Butter sanft erhitzen, bis diese Feststoffe anbräunen, bekommen Sie braune Butter, die nussig und süß schmeckt. Braune Butter ist ein klassisches Aroma der französischen und norditalienischen Küche – besonders gut passt sie zu Haselnüssen, Kürbis und Salbei; so verwende ich sie für eine Herbstpanzanella, die mit einer Vinaigrette mit brauner Butter angemacht wird.

Zerlassen Sie Butter sanft über konstant niedriger Hitze, um sie zu klären. Das Molke-Eiweiß steigt an die Oberfläche des klaren gelben Fetts, andere Milchproteine sinken nach unten. Das Wasser verdunstet, und zurück bleibt hundertprozentiges Fett. Schöpfen Sie die Feststoffe ab und bewahren Sie sie auf, um sie mit Fettuccine zu vermengen – der buttrige Geschmack ist eine ideale Ergänzung zu den Eiernudeln, vor allem, wenn Sie geriebenen Parmesan und frisch gemahlenen schwarzen Pfeffer darübergeben. Weil sich die Proteine noch durch das feinste Seihtuch schmuggeln, achten Sie darauf, sie ungestört am Topfboden zu lassen. Seihen Sie den Rest der Butter vorsichtig durch ein Tuch ab, um geklärte Butter bzw. Butterschmalz zu bekommen, das sich ausgezeichnet zum Kochen bei hoher Temperatur eignet. Ich benutze geklärte Butter sehr gern zum Braten von Kartoffelpuffern – ohne die Feststoffe brennt die Butter nicht mehr an, und die Kartoffeln nehmen die ganze wunderbare Buttrigkeit an. Indisches Ghee ist einfach Butterschmalz, das auf höhere Temperatur erhitzt wurde, sodass die festen Bestandteile anbräunen können und dem fertigen Fett ein süßlicheres Aroma verleihen. Smen, das unter marokkanisches Couscous gezogen wird, ist geklärte Butter, die bis zu sieben Jahre lang in der Erde vergraben wird, damit sie einen käsigen Geschmack entwickelt.

Kern- und Nussöle

In fast jeder Kultur ist irgendein neutral schmeckendes Kern- oder Nussöl gebräuchlich, weil Köche nicht immer wollen, dass das verwendete Fett dem Gericht sein Aroma aufprägt. Erdnussöl, Rapsöl und Traubenkernöl sind genau deshalb gute Kochfette, weil sie nach nichts schmecken. Weil sie einen hohen Rauchpunkt haben, halten diese Öle auch die hohen Temperaturen aus, die nötig sind, um Essen knusprig braun zu braten.

Einen Hauch von Tropenduft gibt Kokosöl jedem Gericht, für das man es verwendet. Besonders gut schmeckt es in selbst gemachten Knuspermüslis oder als Kochfett für im Ofen gebackenes Wurzelgemüse. Außerdem ist Kokosöl eines der wenigen Pflanzenöle, die bei Raumtemperatur fest sind. Weiter hinten können Sie nachlesen, welch segensreiche Wirkung festes Fett in Blätterteigen entfaltet, und wenn Ihre laktoseintolerante Freundin das nächste Mal zum Essen kommt, Kokosöl für den Kuchenboden verwenden. (Spezialtipp der Köchin: Haut und Haare nehmen Kokosöl sehr gut auf, insofern eignet es sich fantastisch für eine luxuriöse Kur, wenn Sie sich ausgetrocknet fühlen!)

Besondere Kern- und Nussöle kann man dank ihrer lebhaften Aromen zum Würzen verwenden. Braten Sie für einen koreanisch inspirierten Snack übrig gebliebenen Reis in geröstetem Sesamöl mit einem Ei und etwas Kimchi an. Ein wenig geröstetes Haselnussöl in der Vinaigrette gibt einem einfachen Salat aus Rucola und Haselnüssen durch seinen nussigen Nachklang Tiefe. Garnieren Sie Ihre Kürbissuppe mit einer Kräutersalsa, die mit gerösteten Kürbiskernen und einem Spritzer Kürbiskernöl aufgepeppt wurde; so bauen Sie die vielfältigen Dimensionen einer einzigen Zutat in ein Gericht ein.


Tierische Fette

Alle Kulturen, in denen Fleisch gegessen wird, verwenden tierische Fette – je nach Art des Gerichts als Hauptzutat, Garmedium oder zum Würzen. Die meisten aromatischen Moleküle werden von Wasser abgestoßen, daher findet man sie beim Fleisch vor allem im Fett des Tieres. Aus diesem Grund schmeckt das Fett eines Tieres deutlich stärker nach dem betreffenden Tier als sein mageres Fleisch – Rinderfett schmeckt stärker nach Rind als Steak, Schweineschmalz schmeckt mehr nach Schwein als Schweinefleisch, Hühnerfett mehr nach Huhn als das Huhn selbst und so weiter.

Schwein

Schweinefett in festem Zustand wird Speck genannt, wenn es ausgelassen wurde, Schmalz. Schweinefett ist eine wichtige Zutat für Würstchen und Terrinen, weil es sie aromatischer und reichhaltiger macht. Verwenden Sie Speck zum Bardieren und Lardieren, zwei mit komischen Namen versehene Techniken, mit denen mageres Fleisch durch festes Fett aufgebessert wird, damit es nicht austrocknet. Beim Bardieren wird mageres Fleisch mit geräucherten (Bacon), luftgetrockneten (Pancetta) oder frischen Bauchspeck-Scheiben umwickelt, um es vor der trockenen Hitze des Backofens zu schützen. Beim Spicken oder Lardieren dagegen werden lange Fettstreifen mithilfe einer langen, dicken Nadel in ein mageres Fleischstück eingezogen. Beide Methoden machen das Fleisch üppiger und aromatischer.

Weil es einen hohen Rauchpunkt hat, eignet sich Schweineschmalz großartig zum Kochen und wird in Mexiko, den Südstaaten der USA, Süditalien und im Norden der Philippinen ständig verwendet. Es kann auch als Teigzutat verwendet werden, ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: Es ergibt zwar einen perfekt blättrigen Empanadateig, aber sein deutliches Schweinefleischaroma könnte in Ihrem Blaubeerkuchen nicht unbedingt erwünscht sein!


Rind

Rinderfett wird hergestellt, indem das Fettgewebe rings um die Nieren erhitzt wird, daher nennt man es auch Rindernierenfett. Rindernierenfett ist im anglo-amerikanischen Raum sehr gebräuchlich und eine entscheidende Zutat für Hamburger und Hotdogs; es gibt ihnen ihr Rindfleischaroma und hält sie saftiger. Ohne Rinderfett oder ein anderes zusätzliches Fett wäre ein Hamburger trocken, krümelig und geschmacksfrei. Rindernierenfett wird in Belgien zum Frittieren von Pommes frites verwendet und in Großbritannien für Yorkshire Pudding, eine Art Soufflé, das traditionell zum Sonntagsbraten serviert wird.

Huhn, Ente und Gans

Diese Fette werden zum Kochen nur in geschmolzener Form verwendet. Schmaltz – ausgelassenes Hühnerfett – ist eine traditionelle Zutat der jüdischen Küche. Ich liebe es, Reis darin brutzeln zu lassen, damit er ein bisschen Hühneraroma bekommt. Bewahren Sie das Enten- oder Gänsefett auf, das heraustropft, wenn Sie einen Vogel im Ofen zubereiten, seihen Sie es durch ein feines Sieb und benutzen Sie es zum Braten von Kartoffeln oder Wurzelgemüse. Kaum etwas schmeckt besser als in Entenschmalz gebratene Kartoffeln.

Lamm

Lammfett wird in der Regel nicht ausgelassen, aber in Ländern, wo kein Schweinefleisch konsumiert wird, ist es eine wichtige Zutat für Lammwürstchen wie Merguez.


Generell lässt Fett Fleisch gut schmecken. Steaks schätzen – und bewerten – wir sogar danach, wie stark marmoriert, das heißt fett, sie sind. Es gibt aber auch Fett, das wir nicht gerne essen – den gummiartigen, bissfesten Klumpen an der Oberseite einer Hühnerbrust oder das Stückchen Rinderbrustfett, das immer am Tellerrand landet. Warum schätzen wir manche tierischen Fette und meiden andere?

Wenn Vierbeiner mit reichlich Kalorien gemästet werden, profitieren die Fleischstücke in der Mitte des Tieres geschmacklich am meisten. Ein Teil des Fetts setzt sich in Schichten zwischen Muskelgruppen oder direkt unter der Haut an, wie die Fettschicht an einem Schweinerücken oder einer Hochrippe. Es bildet sich aber auch Fett innerhalb der Muskeln. Das ist das höher geschätzte Fett – bei einem Steak nennen wir es »Marmorierung«. Wenn ein schön marmoriertes Steak brät, schmilzt das Fett und macht das Fleisch innen saftiger. Und weil Fett ein Geschmacksträger ist, sind viele der chemischen Verbindungen, die jeder Fleischsorte ihren speziellen Eigengeschmack verleihen (sodass Rind nach Rind, Schwein nach Schwein, Huhn nach Huhn schmeckt), im Fett stärker konzentriert als im mageren Muskelfleisch. Deshalb schmecken beispielsweise Hühnerschenkel stärker nach Huhn als das fettärmere Brustfleisch.

Fettklumpen sind zwar auf dem Teller nicht unbedingt appetitlich, Sie können sie aber vorab vom Fleisch abtrennen, schmelzen lassen und das ausgelassene Fett als Garmedium benutzen. Die speziellen Geschmacksnoten tierischer Fette passen gut zu Gerichten, deren Ziel darin besteht, eine gewisse »Fleischigkeit« zu kreieren: Mit Schmaltz angereicherte Matzeknödel lassen eine Hühnersuppe »hühneriger« wirken und in Speck angeröstete Bratkartoffeln geben Ihrem Frühstück selbst dann ein üppiges, rauchiges Aroma, wenn kein Fleisch auf den Teller kommt. Ein wenig tierisches Fett kann entscheidend dazu beitragen, sogar die einfachsten Gerichte reichhaltiger und aromatischer zu machen.

Fette der Welt

Genau wie ich es in Italien entdeckt hatte, unterscheiden sich Nationalküchen durch ihre Fette. Weil Fett die Grundlage so vieler Gerichte ist, sollten Sie zu der jeweiligen Kochkultur passende Fette wählen, um Gerichten das richtige Aroma zu verleihen. Wenn Sie das falsche Fett benutzen, wird das Essen nie »richtig« schmecken, egal, wie sorgfältig Sie die übrigen Gewürze verwenden.

Nehmen Sie kein Olivenöl, wenn Sie vietnamesisch kochen, und kein rauchig schmeckendes Speckfett für indische Gerichte. Nutzen Sie diese Weltkarte als Entscheidungshilfe, wenn Sie Rezepte aus aller Welt kochen. Dünsten Sie die Grünen Bohnen mit Knoblauch in Butter, wenn sie zu einer französisch inspirierten Mahlzeit serviert werden sollen, in Ghee, um sie als Beilage zu indischem Reis und Linsen zu geben, oder mit einem Spritzer Sesamöl, wenn Sie sie zu Glasiertem Huhn mit fünf Gewürzen reichen wollen.

Wie man die Geschmacksweltkarten benutzt

Auf der folgenden Doppelseite finden Sie eine der drei GESCHMACKSWELTKARTEN dieses Buches (die beiden anderen auf Seite 120/121 und 204/205). Benutzen Sie sie als Wegweiser durch die Aromen der Welt. Jeder Ring des Rades enthält eine Informationsebene: Die beiden inneren Ringe weisen Ihnen den Weg zur gewünschten Nationalküche, den äußeren Ring können Sie verwenden, um das passende Fett für Gerichte aus dieser Kochtradition zu finden.


WIE FETT FUNKTIONIERT

Welches Fett wir verwenden, wirkt sich vor allem auf den Geschmack aus, aber wie wir es verwenden, bestimmt die Textur, die beim guten Kochen ebenso wichtig ist. Verschiedene Texturen sind aufregend für unseren Gaumen. Indem wir Nahrungsmittel von etwas Weichem und Feuchtem in etwas Knackiges und Knuspriges verwandeln, führen wir neue Texturen ein und machen die Esserfahrung vergnüglicher, überraschender und köstlicher. Je nachdem, wie wir Fette verwenden, können wir unserem Essen eine von fünf unterschiedlichen Texturen geben: knusprig, cremig, blättrig, zart und leicht.


Knusprig

Menschen lieben knuspriges Essen. Der Koch Mario Batali behauptet, mit dem Adjektiv »knusprig« verkaufe sich Essen besser als mit jeder anderen Bezeichnung. Knuspriges Essen schürt unseren Appetit, indem es Erinnerungen an vergangene Esserfahrungen mit angenehmen Düften, Aromen und Geräuschen weckt. Denken Sie nur an Fried Chicken, in Teig frittiertes Backhuhn, von dem es Varianten in praktisch jedem Land der Erde gibt. Wenige Momente einer Mahlzeit können es mit jenem ersten Bissen Backhuhn aufnehmen, wenn es so gekonnt ausgebacken ist, dass die Kruste in dem Moment zerbricht, wenn sich Ihre Zähne hineingraben. Der appetitlich von knusprigem Teigduft geschwängerte Dampf, das laute Krachen, die tröstlichen Düfte des Backhuhns – all das zusammen führt zu einem universell köstlichen Esserlebnis.

Damit Nahrungsmittel knusprig werden, muss das Wasser verdampfen, das in ihren Zellen enthalten ist. Wasser verdampft beim Kochen, also muss die Oberflächentemperatur der Zutat höher liegen als 100 °C.

Wenn das auf der gesamten Oberfläche der Fall sein soll, benötigt das Nahrungsmittel direkten, gleichmäßigen Kontakt mit einer Hitzequelle, beispielsweise einer Pfanne, die weitaus heißer ist als der Siedepunkt von Wasser. Aber kein Nahrungsmittel ist perfekt glatt, und Pfannen sind es im Mikrobereich ebenso wenig. Um gleichmäßigen Kontakt zwischen Essen und Kochgefäß herzustellen, brauchen wir einen Mittler, ein Medium: Fett. Kochfette können bis auf 180 °C und höher erhitzt werden, bevor sie anfangen zu rauchen, deshalb sind sie ideal, um jene knusprig-goldbraune Kruste zu produzieren, die unseren Gaumen so entzückt. Zu den Kochmethoden, bei denen Fett erhitzt wird, um knusprige Resultate zu erzielen, zählen: scharf anbraten, sautieren, kurzbraten, in Fett ausbacken und frittieren. (Ein Vorteil: Wenn ausreichend Fett verwendet wird, um einen gleichmäßigen Oberflächenkontakt entstehen zu lassen, hängt das Essen auch nicht an.)

Wie beim Salz möchte ich Sie dazu ermutigen, auch vor Fett jegliche Angst abzulegen, denn wenn Sie wissen, wie man Fett richtig verwendet, werden Sie vielleicht sogar weniger davon verbrauchen. Um herauszufinden, wie viel Fett gebraucht wird, sollten Sie am besten auf bestimmte mit den Sinnen wahrnehmbare Hinweise achten. Manche Zutaten wie Auberginen und Pilze wirken wie Schwämme; sie saugen Fett schnell auf und garen dann trocken auf dem heißen Metall. Wenn zu wenig Fett in der Pfanne ist, oder das Fett komplett aufgesogen und keines nachgegeben wurde, entstehen auf der Oberfläche dieser Zutaten dunkle, bittere Blasen. Andere Lebensmittel wie Schweinekoteletts oder Hühnerschenkel geben beim Garen eigenes Fett ab – und wenn Sie eine Pfanne mit brutzelndem Speck ein paar Minuten allein lassen, werden Sie bei Ihrer Rückkehr die Streifen praktisch im eigenen Fett schwimmen sehen.

Lassen Sie sich von Ihren Augen, Ohren und Geschmacksknospen leiten, was die richtige Fettmenge angeht. Rezepte können eine nützliche Starthilfe sein, aber in jeder Küche sind die Bedingungen anders, je nach den verfügbaren Kochwerkzeugen. Nehmen wir an, ein Rezept fordert Sie dazu auf, zwei gewürfelte Zwiebeln in zwei Esslöffeln Olivenöl anzubraten. Bei einer kleinen Pfanne reicht das vielleicht aus, um den Boden zu bedecken, bei einer größeren eher nicht. Nutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand, statt nur ein Rezept zu befolgen. Achten Sie beispielsweise darauf, dass der Pfannenboden beim Sautieren mit Fett bedeckt ist, oder dass die Zutaten mindestens halbhoch im Öl liegen, wenn Sie sie darin ausbacken wollen.

Mit zu viel Fett gegartes Essen ist ebenso wenig appetitlich wie sein Gegenteil. Kaum etwas kann eine Mahlzeit rückwirkend so ruinieren wie eine übrig gebliebene Fettpfütze auf einem ansonsten leeren Teller. Trocknen Sie Frittiertes – und auch Kurzgebratenes oder in Fett Ausgebackenes –, indem Sie es vor dem Servieren kurz mit einem sauberen Geschirrtuch oder mit Küchenpapier abtupfen. Damit das überschüssige Fett zurückbleibt, heben Sie Sautiertes besser mit einem Schaumlöffel oder einer Küchenzange aus der Pfanne, statt es direkt auf einen Teller zu kippen.

Wenn Sie beim Kochen merken, dass Sie mehr Fett als beabsichtigt verwendet haben, können Sie die überschüssige Menge aus der Pfanne abgießen; wischen Sie sie danach außen sorgfältig ab, damit nicht heruntergetropftes Fett in Brand gerät. Seien Sie dabei vorsichtig, dass Sie sich nicht verbrennen. Falls die Pfanne zu schwer oder zu heiß ist, nutzen Sie einen Trick: Heben Sie das Essen mit einer Zange heraus auf einen Teller, schütten Sie dann etwas Fett ab, legen Sie das Essen zurück und kochen Sie weiter. Nur um ein Stück Abwasch zu sparen, sollte man keine Verbrennung riskieren.

Öl richtig erhitzen

Heizen Sie die Pfanne vor, um die Zeitspanne abzukürzen, in der das Fett direkten Kontakt zum heißen Metall hat; so hat es weniger Gelegenheit, an Qualität zu verlieren. Wenn Öl erhitzt wird, zersetzt es sich, was dazu führt, dass sein Geschmack nachlässt und toxische chemische Verbindungen freigesetzt werden. Außerdem hängt Essen in einer kalten Pfanne leichter an – ein weiterer Grund für das Vorheizen. Aber es gibt zwei Ausnahmen von der Vorheizregel: Butter und Knoblauch. Beide verbrennen, wenn die Pfanne zu heiß ist, deshalb müssen sie sanft erhitzt werden. Bei allen anderen Nahrungsmitteln heizen Sie erst die Pfanne vor, geben dann das Fett hinein und lassen es ebenfalls heiß werden, bevor Sie andere Zutaten hinzufügen.

Die Pfanne sollte so heiß sein, dass sich das Öl sofort kräuselt und schimmert, wenn man es hineingießt. Verschiedene Metalle leiten Hitze unterschiedlich schnell, deshalb kann ich keine feste Zeitspanne empfehlen. Testen Sie die Pfanne einfach mit einem Tropfen Wasser. Wenn er vor dem Verdampfen ein wenig knistert – es muss kein lautes Geräusch sein –, ist die Pfanne bereit. Ein Anzeichen dafür, dass sowohl Pfanne als auch Fett heiß genug sind, ist ein zartes Zischen, wenn die Zutaten hineingegeben werden. Wenn Sie Ihr Essen zu früh in die Pfanne geben und kein Zischen hören, nehmen Sie es einfach wieder heraus, lassen die Pfanne heiß genug werden und legen es dann wieder hinein, damit es nicht anhängt oder schon vor dem Anbräunen zu kochen beginnt.

Auslassen

Intermuskuläres und subkutanes Fett – die klumpigen Brocken zwischen den Muskeln und die Fettschicht direkt unter der Haut – kann man in Stücke schneiden, mit einer winzigen Menge Wasser in eine Pfanne legen und auslassen, d. h. bei sanfter Hitze garen, bis alles Wasser verdampft ist. Dieser Prozess verwandelt festes Fett in eine Flüssigkeit, die als Garmedium verwendet werden kann. Wenn Sie das nächste Mal eine Ente braten, entfernen Sie vor dem Kochen alles überschüssige Fett und lassen Sie es aus. Gießen Sie es durch ein Sieb in ein Schraubglas ab und lagern Sie es im Kühlschrank. Es hält sich bis zu sechs Monate. Nutzen Sie es für Hühner-Confit.

Fett im Fleisch ist zwar ein Segen für den Geschmack, kann aber auch verhindern, dass Fleisch knusprig wird. Daher ist Fett auszulassen eine essenzielle Technik, um die Textur zu verändern – auch wenn das Ziel dabei nicht darin besteht, es als Garmedium zu gewinnen. Knuspriger Speck ist das erfreuliche Resultat des richtigen Auslassens von Fett. Wenn Sie ihn bei zu hoher Temperatur anbraten, brennt er außen an, bleibt aber schwabbelig. Entscheidend ist, ihn so langsam zu braten, dass das Auslassen des Fetts im gleichen Maße möglich ist wie das Anbräunen des Specks.

Weil tierische Fette bei ungefähr 180 °C anfangen zu verbrennen, können Sie Folgendes versuchen: Legen Sie die Speckstreifen nebeneinander auf einem Backblech aus und schieben Sie es in den auf 180 °C vorgeheizten Ofen. Die Hitze im Ofen ist sanfter und gleichmäßiger als die auf dem Herd, aber heiß genug, um das Fett auszulassen. Oder geben Sie vorab ein bisschen Wasser in die Pfanne, wenn Sie Speck oder Pancetta auf dem Herd braten; das mildert die Temperatur, sodass das Fett flüssig werden kann, bevor der Speck anbräunt.

Die Haut eines Brathuhns oder Truthahns wird von allein knusprig, vorausgesetzt der Vogel brät lange genug, dass das Fett sich verflüssigt. Enten brauchen allerdings etwas Unterstützung, denn sie haben eine dickere subkutane Fettschicht, die den Vögeln Energie zum Fliegen liefert und sie in den Wintermonaten warm hält. Stechen Sie mit einer scharfen Nadel oder einem Metallspieß die Haut rundherum ein, vor allem an den fettesten Partien – Brust und Schenkeln. Durch diese Löcher kann das flüssig werdende Fett abfließen und die Haut überziehen, die dabei kross wird. Wenn das Braten einer ganzen Ente im Moment außerhalb Ihrer Vorstellungskraft liegt, können Sie einfach mit Entenbrust anfangen. Schneiden Sie die Haut vor dem Braten kreuzweise mit einem scharfen Messer so ein, dass ein Muster aus kleinen Rauten entsteht. Dadurch findet der gleiche Prozess in kleinerem Maßstab statt: Das Fett läuft aus, und die Entenbrüste bekommen so eine perfekt knusprige Haut.

Ich bin eine große Verfechterin davon, die Fettschicht von Schweinekoteletts und Rib-Eye-Steaks auszulassen. Ich hasse es, wenn mir ein schönes gebratenes Steak mit einem Streifen glibberigem, kaum gegartem Fett am Rand serviert wird. Drehen Sie also Ihr Kotelett oder Steak entweder am Anfang oder am Ende des Bratprozesses in der Pfanne oder auf dem Grill auf die Seite, damit sich das Fett verflüssigen kann. Dafür ist vielleicht ein bisschen trickreiches Balancieren nötig – halten Sie das Fleisch mit einer Zange aufrecht oder versuchen Sie, es gegen einen geschickt platzierten Holzlöffel oder den Pfannenrand zu lehnen. Wie Sie es auch machen, verzichten Sie nicht auf diesen Schritt! Sie werden später nicht bereuen, sich die Zeit genommen zu haben, um diesen Fettrand in etwas Goldenes, Knuspriges, Köstliches zu verwandeln.

Rauchpunkte

Der Rauchpunkt eines Fetts ist die Temperatur, bei der es sich zersetzt und in ein sichtbares gesundheitsschädliches Gas verwandelt. Haben Sie schon einmal Öl zum Anbraten von Gemüse in die Pfanne gegeben, wurden aber dann vom Klingeln des Telefons abgelenkt? Wenn Sie bei Ihrer Rückkehr auf dem Herd eine bedrohlich qualmende Pfanne vorfanden, hatte das Öl seinen Rauchpunkt überschritten. Einmal, als ich gerade versuchte, einer Praktikantin die Bedeutung des Vorheizens einer Pfanne beizubringen, kam ein Kollege mit einer dringenden Frage zu mir. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte und mich der Pfanne wieder zuwandte, war sie so extrem heiß, dass das Olivenöl seinen Rauchpunkt in der Sekunde erreichte, als ich es hineingoss – die Pfanne wurde schwarz, und alle Umstehenden bekamen einen Hustenanfall. In einem hilflosen Versuch, mein Gesicht zu wahren, tat ich so, als hätte ich den Fehler mit Absicht gemacht, als Lektion zum Thema Rauchpunkte. Aber ich wurde vor allen anderen Köchen knallrot und schaffte es nicht, ernst zu bleiben – bald brachen wir in Gelächter aus.

Je höher der Rauchpunkt eines Fetts, desto stärker kann es erhitzt werden, ohne dass der Geschmack des darin gegarten Essens verdorben wird. Reine, raffinierte Pflanzenöle wie Traubenkern-, Raps- und Erdnussöl beginnen erst ab etwa 200 °C zu rauchen und sind deshalb die ideale Wahl bei Hochtemperatur-Garmethoden für frittierte oder pfannengerührte Gerichte. Unreine Fette vertragen extreme Hitze nicht so gut; die Schwebstoffe in ungefiltertem Olivenöl und die Molkefeststoffe in Butter erreichen schon bei ungefähr 175 °C ihren Rauchpunkt oder verbrennen. Sie eignen sich deshalb gut, wenn keine hohen Temperaturen gebraucht werden und ihre Aromen brillieren können, beispielsweise beim Dünsten in Öl, einfachem sautiertem Gemüse und kurzgebratenem Fisch oder Fleisch. Oder für Gerichte, die gar nicht erhitzt werden, wie Mayonnaise und Vinaigrette.

Knusprig machen

Essen wird knusprig, wenn es in Kontakt mit heißem Fett kommt und Wasser von seiner Oberfläche verdampft. Tun Sie also alles, was in Ihrer Macht steht, um Pfanne und Fett heiß zu halten, wenn Sie eine goldbraune Kruste wollen. Heizen Sie erst die Pfanne vor, dann das Fett. Legen Sie nicht mehr als eine Schicht Zutaten in die Pfanne, sonst sinkt die Temperatur drastisch ab, Dampf kondensiert, tropft herunter, und das Essen wird matschig.

Unter solchen Umständen leiden vor allem zarte Nahrungsmittel. Wenn Essen in Fett gebraten wird, das nicht heiß genug ist, saugt es das Öl auf – und es kommen beispielsweise unappetitlich gräuliche, fettige Fischfilets heraus, die zwar durch, aber nicht goldbraun sind. Steaks und Koteletts, die in kaltes Fett gelegt werden, brauchen so lange, dass sie, wenn sie von außen perfekt aussehen, innen eher durchgebraten als rosa sind.

Das heißt nicht, dass Sie unter allen Umständen den Hitzeknopf hochdrehen sollten. Wenn das Fett zu heiß ist, wird die Oberfläche des Essens braun und knusprig, bevor das Innere die Zeit hatte, gar zu werden. Knusprig frittierte Zwiebelringe, aus deren Teighülle beim ersten Bissen harte Zwiebelstreifen glitschen, oder Hühnerbrust mit verbrannter Haut, aber rohem, wabbeligem Inneren, wurden bei zu hohen Temperaturen gegart.

Das Ziel beim Kochen ist immer, dass die Zutat gleichzeitig außen und innen die gewünschte Textur erreicht. In diesem Fall: eine knusprige Oberfläche und ein zartes Inneres. Geben Sie Zutaten, die zum Durchgaren Zeit brauchen, wie Auberginenscheiben oder Hühnerschenkel, in heißes Fett, damit sie eine Kruste bilden. Dann schalten Sie die Temperatur herunter, damit sie nicht anbrennen, und lassen sie ganz durchgaren. Im Kapitel WIE MAN HITZE VERWENDET werde ich genauer erklären, wie man sich zwischen unterschiedlichen Temperaturniveaus hin und her bewegt.

Sobald Sie Ihr Essen knusprig hinbekommen haben, tun Sie Ihr Bestes, um es knusprig zu halten: Decken Sie Knuspriges nicht ab und stapeln Sie es nicht, solange es heiß ist. Es gibt weiterhin Dampf ab. Unter einem Deckel fängt sich dieser Dampf, kondensiert, tropft auf das Essen und lässt es matschig werden. Legen Sie heiße, knusprige Lebensmittel zum Abkühlen nebeneinander aus, damit das nicht passiert. Wenn Sie knuspriges Essen wie ein Brathuhn warm halten wollen, stellen Sie es bis zum Servieren an eine warme Stelle der Küche, zum Beispiel hinten auf den Herd. Oder Sie lassen das Huhn auf einem Backrost abkühlen und schieben es vor dem Servieren schnell noch ein paar Minuten in den heißen Ofen.

Cremig

Eines der großen alchemistischen Küchenwunder ist die Emulsion, die entsteht, wenn zwei Flüssigkeiten, die sich normalerweise nicht gerne auflösen und miteinander vermischen, schließlich nachgeben und sich zusammentun. In der Küche ist eine Emulsion so etwas wie ein zeitweiliger Friedensvertrag zwischen Fett und Wasser. Das Resultat besteht in winzigen Tröpfchen der einen Flüssigkeit, die in der anderen verteilt sind: eine cremige Mixtur, die weder das eine noch das andere ist. Butter, Eiscreme, Mayonnaise und sogar Schokolade – wenn etwas cremig und fett ist, ist es wahrscheinlich eine Emulsion.

Sehen Sie sich eine Vinaigrette an: Öl und Essig. Schütten Sie die beiden Flüssigkeiten zusammen, und das Öl mit seiner geringeren Dichte schwimmt auf dem Essig. Aber wenn man die beiden Flüssigkeiten mit dem Schneebesen verquirlt – und sie dabei in Milliarden winziger Wasser- und Öltröpfchen zerlegt –, verteilt sich der Essig im Öl, und es entsteht eine homogene Flüssigkeit mit einer neuen, dickeren Konsistenz. Das ist eine Emulsion.


Allerdings wird diese einfache Vinaigrette fast ausschließlich von momentaner Verwirrung zusammengehalten. Wenn man sie ein paar Minuten stehen lässt, fangen Öl und Essig an, sich zu trennen oder zu gerinnen. Wenn Sie mit dieser geronnenen Vinaigrette einen Salat anmachen, werden sich Öl und Essig ungleichmäßig über die Blätter verteilen, sodass ein Bissen zu sauer schmeckt und der nächste zu ölig. Eine gut emulgierte Vinaigrette dagegen liefert bei jedem Bissen einen ausgewogenen Geschmack.

Wenn eine Emulsion gerinnt, vereinigen sich Fett und Wasser wieder mit ihren jeweils eigenen Truppen. Um Emulsionen stabiler zu machen, verwenden Sie einen Emulgator – er umschließt das Öl und ermöglicht es ihm, zufrieden zwischen den Essigtröpfchen zu existieren. Ein Emulgator ist wie ein drittes Glied in der Kette, ein Vermittler, der zwei ehemals verfeindete Parteien an sich zieht und vereint. Senf spielt in einer Vinaigrette oft die Rolle des Emulgators, während in einer Mayonnaise das Eigelb die emulgierenden Eigenschaften hat.

Emulsionen verwenden

Emulsionen sind ein wirksames Werkzeug zum Anreichern einfacher Gerichte: ein Klacks Butter, im letzten Moment in eine Nudelpfanne gewirbelt; ein Löffel Mayonnaise, unter einen trocken-krümeligen Eiersalat gezogen; eine cremige Vinaigrette, für einen simplen Sommersalat über nicht weiter gewürzte Gurken und Tomaten geträufelt.

Für manche Gerichte müssen Sie eine Emulsion herstellen. Bei anderen Gelegenheiten arbeiten Sie mit fertigen Emulsionen, und Ihre einzige Aufgabe besteht darin, sie am Gerinnen zu hindern. Machen Sie sich mit einigen gängigen Küchenemulsionen vertraut, damit Sie die zarten Bande ihres Zusammenhalts zu schützen wissen.

Ein paar bekannte Emulsionen:

Mayonnaise und Hollandaise

Vinaigretten (auch wenn einige von ihnen nur kurz überleben)

Butter, Sahne und Milch

Erdnussbutter und Tahin (sobald Sie das Öl eingerührt haben)

Schokolade

Die flüchtige Crema auf einem Espresso


Cremig machen: Mayonnaise

Mayonnaise ist eine Öl-in-Wasser-Emulsion, die entsteht, indem winzige Öltröpfchen langsam unter ein Eigelb geschlagen werden, das selbst eine natürliche Emulsion aus Fett und Wasser ist. Zum Glück wirkt das Eigelb als eine kleine Absicherung, denn es enthält Lecithin, einen Emulgator, dessen eines Ende Fett liebt und das andere Wasser. Durch kräftiges Verquirlen verbindet das Lecithin die winzige Wassermenge, die das Eigelb enthält, mit den Öltröpfchen und legt sich um winzige Luftblasen. Die beiden Zutaten vereinen sich zu einer üppigen, einheitlichen Sauce.

Aber Mayonnaise – und das gilt für alle Emulsionen – sucht immer nach einem Vorwand zum Gerinnen, um sich wieder in die beiden feindlichen Bestandteile Öl und Wasser trennen zu können.

Für eine einfache Mayonnaise messen Sie das Öl – zumindest über den Daumen – ab, bevor Sie anfangen. Wählen Sie das Öl passend zum Zweck der Mayo: Für den Aufstrich zu einem Sandwich mit Speck, Salat und Tomaten oder ein vietnamesisches Bánh Mì nehmen Sie ein neutrales Öl, wie Traubenkern- oder Rapsöl. Für eine Aïoli, die neben Thunfisch-Confit zu Salade Niçoise serviert werden soll, verwenden Sie Olivenöl. Jedes Eigelb nimmt bequem etwa 175 Milliliter Öl in einer stabilen Emulsion auf. Weil selbst gemachte Mayonnaise frisch am besten schmeckt, machen Sie jeweils nur kleinstmögliche Portionen; Reste halten sich im Kühlschrank aber ein paar Tage.

Öl-in-Wasser-Emulsionen gelingen stets besser, wenn die Zutaten weder zu heiß noch zu kalt sind. Wenn Sie ein Ei direkt aus dem Kühlschrank benutzen, bringen Sie es auf Zimmertemperatur, bevor Sie anfangen. Falls Sie in Eile sind, legen Sie das Ei für ein paar Minuten in eine Schale warmes Leitungswasser, dann geht es schneller.

Ein Geschirrtuch leicht anfeuchten, in einen kleinen Topf legen und die Schüssel für die Mayonnaise daraufsetzen. Das feuchte Tuch verursacht so viel Reibung, dass die Schüssel stabil steht und nichts verschüttet wird. Das (oder die) Eigelb in die Schüssel geben und verschlagen; dabei das Öl tropfenweise mit einem Schöpf- oder Teelöffel zugeben. Wenn die halbe Ölmenge eingerührt und eine relativ stabile Basis entstanden ist, können Sie den Rest des Öls schneller zugeben. Falls die Mayonnaise so dick wird, dass sie schwer zu schlagen ist, ein paar Tropfen Wasser oder Zitronensaft zugeben, um sie zu verdünnen und zu verhindern, dass sie gerinnt. Sobald Sie das ganze Öl eingerührt haben, können Sie darangehen, die Mayonnaise nach Geschmack zu würzen.

Folgen Sie diesen Regeln, und Sie werden sehen, dass es schwer (aber nicht unmöglich) ist, eine Mayonnaise zu ruinieren. Während einer seiner Kochlektionen bei mir fragte mich Michael Pollan einmal, welche wissenschaftlichen Vorgänge hinter einer Emulsion stecken. Ich wusste es nicht genau und antwortete deshalb: »Das Ganze wird von Magie zusammengehalten«. Selbst jetzt, wo ich die wissenschaftliche Seite kenne, glaube ich immer noch, dass bei Emulsionen ein wenig Zauberei im Spiel ist.

Cremig erhalten: Butter

Einer meiner Lieblingsdichter, Seamus Heaney, nannte Butter einmal »geronnenes Sonnenlicht« – wahrscheinlich der eleganteste und ökonomischste Weg, ihre besondere Alchemie zu beschreiben. Zuallererst ist sie das einzige tierische Fett, das gewonnen wird, ohne ein Tier zu töten. Kühe, Ziegen und Schafe fressen Gras, ein Produkt von Sonnenlicht und Photosynthese, und liefern uns Milch. Wir schöpfen die fette Sahne oben ab und rühren sie kräftig, bis sie sich in Butter verwandelt. Dieser Prozess ist so simpel, dass Kinder Butter machen können, indem sie ein Einmachglas voller gekühlter Sahne schütteln.

Wie bereits erwähnt ist Butter, anders als Öl, kein pures Fett. Sie besteht aus Fett, Wasser und Milchfeststoffen, die in einem Emulsionszustand zusammengehalten werden. Während die meisten Emulsionen nur in einem engen Temperaturbereich stabil sind (nur wenige Grad), behält Butter ihre feste Form vom Gefrierpunkt (0 °C) bis zu ihrem Schmelzpunkt (32 °C). Vergleichen Sie das mit dem Verhalten von Mayonnaise beim Erhitzen oder Einfrieren – sie gerinnt sofort! –, und die Magie der Butter wird deutlich.

Das erklärt, warum Butter schwitzt, wenn man sie an einem heißen Tag auf dem Küchentisch stehen lässt: Das Wasser trennt sich vom Fett, während dieses schmilzt. Bei noch höheren Temperaturen – in einer Pfanne auf der heißen Herdplatte oder in der Mikrowelle – trennen sich Fett und Wasser der Butter sofort. Zerlassene Butter ist also eine geronnene Emulsion, die zwar beim Abkühlen hart, aber nie in ihren wunderbaren Urzustand zurückkehren wird.

Wenn Sie ihren Emulsionszustand bewahren, wird Butter alles cremig machen, vom Jambon-beurre, dem klassischen Pariser Baguette mit Schinken und Butter, bis zu Schokotrüffeln. Die präzisen Temperaturen, die für Butter in Rezepten vorgeschrieben werden, sind nicht willkürlich. Butter ist bei Raumtemperatur geschmeidiger – so kann man Luft hineinkneten, um Kuchenteige lockerer zu machen, Mehl, Zucker und Eier besser untermischen, um zarte Kekse herzustellen oder sie gleichmäßiger auf einem Baguette verstreichen, um Schinken daraufzulegen. Wie ich später noch erklären werde, ist es aber genauso wichtig, Butter kühl zu halten, will man einen blättrigen Teig machen – zum Beispiel einen Pieteig mit Butter –, um ihren Emulsionszustand zu erhalten und sie daran zu hindern, mit den Proteinen im Mehl zu reagieren.

Julia Child bemerkte einmal: »Mit ausreichend Butter schmeckt alles gut«. Setzen Sie ihren Rat in die Praxis um, indem Sie Butter für eine weitere Emulsion verwenden: eine Buttersauce. Die Temperatur ist ein Kernthema bei Butter-Wasser-Emulsionen. Entscheidend ist, mit einer warmen Pfanne und kalter Butter zu beginnen. Schütten

Sie alles überschüssige Fett ab, sobald Sie Ihr Steak, Fischfilet oder Schweinekotelett heraus genommen haben. Die Pfanne wieder auf die heiße Herdplatte setzen und so viel Flüssigkeit zugeben – Wasser, Brühe oder Wein –, dass der Boden gerade bedeckt ist.

Mit einem Holzlöffel alle köstlichen knusprigen Reste in die Sauce schaben und aufkochen lassen. Dann pro Portion zwei Esslöffel sehr kalte Butter in die Pfanne geben und bei mittlerer Temperatur kräftig in die Flüssigkeit rühren, sodass die Butter schmilzt. Die Pfanne darf nicht so heiß sein, dass die Butter brutzelt; solange genug Wasser in der Sauce ist, sollte das kein Problem sein. Sobald die Sauce anfängt anzudicken, den Herd abstellen und die Butter in der Resthitze schmelzen lassen, dabei immer weiterrühren. Kosten und, wenn nötig, Salz und einen Spritzer Zitrone oder Wein zugeben. Über das Essen verteilen und sofort servieren.

Die gleiche Methode funktioniert für Butter-Wasser-Saucen, die mit Nudeln oder Gemüse vermischt werden sollen. Machen Sie sie mit kalter Butter direkt im Nudeltopf, solange er heiß genug ist. Achten Sie darauf, dass noch genug Wasser im Topf ist, dann alles verrühren, wenden und nochmals verrühren, um die Sauce herzustellen und gleichzeitig die Nudeln damit zu überziehen. Bereiten Sie das Ganze mit Pecorino und schwarzem Pfeffer zu, und Sie haben Pasta Cacio e Pepe, ein klassisches römisches Gericht, das ebenso einfach wie köstlich ist.

Emulsionen gerinnen lassen und reparieren

Einige Emulsionen gerinnen nach einiger Zeit von selbst, andere gerinnen, wenn Fett und Wasser zu schnell vermengt werden. Der sicherste Weg, eine Emulsion zu ruinieren, ist aber, ihre Temperatur schwanken zu lassen. Manche Emulsionen müssen kalt bleiben, andere warm. Wiederum andere brauchen Zimmertemperatur. Erhitzen Sie eine Vinaigrette, und sie gerinnt. Kühlen Sie eine Beurre blanc, und sie gerinnt. Jede Emulsion ist etepetete und hat ihre eigene Wohlfühltemperatur.

Manchmal bringt man vorsätzlich eine Emulsion zum Gerinnen, zum Beispiel beim Zerlassen von Butter, um sie zu klären. Bei anderen Gelegenheiten wäre das ein Desaster. Erhitzen Sie eine Schokoladensauce zu schnell, und sie zersetzt sich zu einer fettigen, unappetitlichen Pampe, die ich selbst nach einem besonders langen Tag nicht über meine Eiscreme gießen würde. Aber so wichtig es ist, mit Emulsionen vorsichtig umzugehen: Es ist nicht das Ende der Welt, eine zu ruinieren – und fast immer gibt es einen Weg zurück.

Keine Bange, wenn die Magie erlischt, die Ihre Mayonnaise zusammenhält, und Ihre Emulsion gerinnt! Wie man geronnene Mayonnaise repariert, lernt man am besten, wenn man eine mit Absicht gerinnen lässt, und dann herausfindet, wie sie zu retten ist.

Die verblüffend einfache Lösung funktioniert so: Holen Sie eine neue Schüssel, aber benutzen Sie denselben Schneebesen weiter. Falls Sie nur eine Schüssel haben, schaben Sie die geronnene Mayonnaise in einen Messbecher mit Ausgießer oder zur Not auch in eine Kaffeetasse und spülen Sie die Schüssel.

Stellen Sie die saubere Schüssel an die Spüle und geben Sie ungefähr einen halben Teelöffel des heißesten Wassers hinein, das Sie Ihrem Wasserhahn entlocken können.

Nehmen Sie den mayonnaiseverschmierten Schneebesen und schlagen Sie das heiße Wasser damit wie verrückt, bis es anfängt zu schäumen. Geben Sie dann die geronnene Mayonnaise tropfenweise dazu, so wie vorher das Öl, und schlagen Sie dabei so hektisch wie ein Schwimmer auf der Flucht vor einem Hai. Wenn Sie die Hälfte eingerührt haben, sollte sie allmählich wieder einer richtigen Mayonnaise ähneln, perfekt, um sie dick auf ein Brötchen zu schmieren. Falls es nicht klappen sollte, beginnen Sie den ganzen Prozess von Neuem, geben Sie zur Sicherheit ein frisches Eigelb in die Schüssel und fügen Sie die geronnene Mayonnaise wieder Tropfen für Tropfen hinzu.

Wenn Sie in Zukunft beim Schlagen einer Emulsion noch einmal merken, dass das Ganze den Bach hinuntergeht, denken Sie an folgende Tipps: Sobald klar wird, dass es nicht rund läuft, sollten Sie sofort aufhören, Fett zuzugeben. Wenn die Emulsion nicht andickt und die Drähte des Schneebesens keine sichtbaren Spuren darin hinterlassen, hören Sie um Himmels willen auf, Öl zuzugeben! Manchmal ist an diesem Punkt nichts weiter gefragt, als kräftig weiterzuschlagen, um alles wieder zusammenzuflicken.

Sie können beim ersten Hauch eines Zweifels auch ein paar Splitter Eis zugeben. Wenn Sie keines zur Hand haben, reicht auch ein kleiner Spritzer kaltes Leitungswasser, um die Temperatur zu regulieren und den Frieden wiederherzustellen.




Blättrig und zart

Zwei Proteine im Weizen – Glutenin und Gliadin – enthalten Gluten. Wenn Sie Weizenmehl und Flüssigkeit für einen Teig vermischen, verbinden sich diese Proteine zu langen Ketten. Wenn der Teig geknetet oder gerührt wird, werden diese Ketten zu einem starken, ausgedehnten Netz – dem Klebernetz oder Glutennetzwerk. Die Entwicklung dieser Netzwerke wird Glutenbildung genannt; sie ist es, die einen Teig geschmeidig und elastisch macht.

Während sich das Gluten entwickelt, wird der Teig fester. Deshalb nutzen Brotbäcker Mehlsorten mit relativ hohem Proteingehalt und kneten ihren Teig in harter Arbeit über längere Zeit, um krustige, feste Bauernlaibe zu bekommen. Auch Salz festigt das Glutennetzwerk. (Deshalb musste sich die Maschine so mühen, als ich als Jungköchin im Chez Panisse das Salz zu spät in den Pizzateig gab.) Pâtissiers dagegen sind eher auf zarte, blättrige und saftige Texturen aus, deshalb versuchen sie mit allen Mitteln, die Glutenbildung zu hemmen, beispielsweise durch Mehle mit niedrigem Proteingehalt und möglichst kurzes Kneten. Zucker und Säuren wie Buttermilch oder Joghurt hemmen ebenfalls die Glutenbildung, daher wird Gebäck zarter, wenn man sich zu verlängern.

Fett kann ebenfalls verhindern, dass sich Glutennetzwerke bilden. Indem es die einzelnen Glutenstränge ummantelt, hindert Fett sie daran, zusammenzukleben und länger zu werden.

Vier Hauptvariablen bestimmen die Konsistenz von Gebackenem (und den wenigen nicht gebackenen Teigwaren wie Nudeln): Fett, Wasser, Hefe und das Kneten oder Bearbeiten des Teigs (siehe die Illustration auf der rechten Seite). Die Art und Intensität des Vermischens von Fett und Mehl spielen – neben der Mehlsorte sowie der Fettart und -temperatur – ebenfalls eine Rolle für die Konsistenz von Gebäck:

Mürbe Teige sind der Inbegriff des Zarten; sie zerkrümeln und schmelzen förmlich im Mund. Hier sind Mehl und Fett innig verbunden, was einen glatten, homogenen Teig ergibt. Für einige besonders mürbe Gebäcke wie beispielsweise Shortbread braucht man sehr weiche oder gar zerlassene Butter, damit das flüssige Fett schnell die einzelnen Mehlpartikel ummanteln und die Bildung von Glutennetzen verhindern kann. Solche Teige sind oft so weich, dass man sie einfach in die Backform drücken kann.

Statt zu krümeln, zerfallen blättrige Teige eher in flache Schuppen, wenn man hineinbeißt, etwa klassische amerikanische Pies und französische Galettes: Kuchen, deren Böden fest genug sind, um einen meterhohen Stapel Äpfel oder saftiges Sommerobst zu tragen, aber auch zart genug, um beim Aufschneiden in dünne, unregelmäßige Schuppen zu zerfallen. Um diese Festigkeit zu erzielen, wird ein Teil des Fetts ins Mehl geknetet, damit sich eine minimale Menge Gluten bildet. Um die typisch blättrig-schuppige Struktur eines perfekten Pie- oder Galettebodens zu erzielen, muss das Fett sehr kalt sein, damit ein Teil davon in einzelnen Stückchen erhalten bleibt. Wenn Sie einen richtig zubereiteten Pieteig ausrollen, können Sie die Butterstückchen sehen.


Wenn Sie den Pie in den heißen Ofen schieben, drücken kalte Butterstückchen, kleine Luftblasen und der aus der Butter entweichende Dampf die Teigschichten auseinander, sodass sie blättrige Schichten bilden.

Die blättrigsten Backwaren werden aus Ziehteigen gemacht. Erinnern Sie sich an die Flocken auf Ihrem Teller (oder T-Shirt), wenn Sie ein klassisches Blätterteiggebäck gegessen haben, zum Beispiel eine Käsestange, ein Schweinsohr oder einen Strudel. Eine Riesenschweinerei! Ein Haufen wunderhübscher, durchsichtig wirkender Splitter! Um diese Konsistenz zu erreichen, wird der Teig um eine große Scheibe Butter gewickelt. Dieses Teig-Butter-Sandwich wird ausgerollt und dann einmal gefaltet, ein Vorgang, den man eine Tour nennt. Wenn ein klassischer Blätterteig sechs Mal touriert wurde, enthält er genau 730 Teigschichten, die durch 729 Schichten Butter getrennt sind! Beim Zubereiten von Blätterteig ist es entscheidend, dass Fett und Arbeitsfläche kalt bleiben, damit die Butter nicht schmilzt; allerdings muss sie so weich sein, dass sie sich zu einer Platte ausrollen lässt.

Aus Hefeteig, der zur Glutenbildung geknetet und danach auf diese Weise bearbeitet wird, entsteht blättriges Gebäck, das sich auf dem schmalen Grat zwischen Geschmeidigkeit und Blättrigkeit bewegt, darunter Croissants, Plundern und eine bretonische Spezialität namens Kouign amann.

Zart machen: Shortbread und Cream Biscuits

Shortbread sollte zart sein, mit einer feinen sandigen Krume. Diese Konsistenz entsteht dadurch, dass das Fett schon zu Beginn der Teigzubereitung ins Mehl eingearbeitet wird. Mein Lieblingsrezept für Shortbread verlangt Butter, die »so streichfähig wie Mayonnaise« ist, damit das Fett die Mehlpartikel leicht ummanteln kann und keine Glutenstränge entstehen.

Sie können jedes weiche oder flüssige Fett nehmen – Sahne, Crème fraîche, weichen Frischkäse oder Öl –, um Mehl zu ummanteln und zarte Strukturen zu erzielen. In klassischen Rezepten für Cream Biscuits fungiert kalte Schlagsahne gleichzeitig als Fett und als Bindemittel, weil sie das Mehl schnell ummantelt und zusätzliches Wasser unnötig macht.

Blättrig machen: Teig für Pies

Ich habe ein Herz für gute Geschichten, und daher liebe ich die Regeln für die Herstellung von blättrigem Teig, die fast ebenso stark vom Volksglauben wie von Physik geprägt sind. Es kursieren viele Legenden über Konditoren, die ihren Job wegen ihrer kalten Hände bekamen, weil es so wichtig ist, das Fett für blättrigen Teig kühl zu halten.


Diese Gerüchte sind zwar weitgehend unbewiesen, aber es gibt reichlich Belege für die zwanghafte Neigung aller Konditoren, alles kalt zu halten: Sie arbeiten auf kühlen Marmorplatten und legen ihre Metallschüsseln und Werkzeuge ins Tiefkühlfach. Eine Pâtissière, mit der ich jahrelang zusammenarbeitete, bestand sogar darauf, ihre Teige in einer eiskalten Küche zu machen. Einen Pullover und eine dicke Weste über ihre Kochjacke gezogen, kam sie zwei Stunden vor allen anderen zur Arbeit und mischte eilig ihre Teige an, bevor wir anderen eintrafen und Öfen, Herd und Grill anschalteten. Sie traf alle Entscheidungen im Hinblick auf die Temperatur, und das lohnte sich – ihr Gebäck war überirdisch blättrig.

Kalte Hände hin oder her – wenn Sie einen blättrigen Teig haben wollen, mit Schichten aus vernetztem Gluten, durchsetzt von Fettinseln, sollten Sie auf die Temperatur achten. Je wärmer und damit weicher Ihre Butter, desto bereitwilliger verbindet sie sich mit dem Mehl. Weil Fett die Glutenbildung hemmt, wird der Teig umso zarter – und nicht blättriger –, je inniger sich die beiden Zutaten vereinigen.

Halten Sie Ihre Butter kalt, um die Entwicklung von Gluten zu hemmen. Das schützt die empfindliche Bindung Ihrer Emulsion, während Sie den Teig anmischen und ausrollen. Butter enthält, nach Gewicht gemessen, etwa 15 bis 20 Prozent Wasser. Wenn sie weich wird und schmilzt, während sie in den Teig eingearbeitet wird, gerinnt ihre Emulsion, und dieses Wasser wird frei. Dann verbinden sich Wassertröpfchen mit dem Mehl und entwickeln sich zu langen Glutensträngen, wodurch die zarten Teigschichten zusammenkleben. Und wenn sie aneinanderhaften, können sie beim Backen nicht auseinanderdampfen und blättrig werden. Das Gebäck wird zäh und elastisch aus dem Ofen kommen.

Pflanzenfett verträgt beim Backen steigende Temperaturen besser als Butter und bleibt sogar in einer warmen Küche fest, aber es schmeckt einfach nicht so gut. Butter schmilzt schon bei Körpertemperatur und hinterlässt auf der Zunge als einziges Souvenir ihren üppigen, runden Geschmack. Backfett dagegen wird durch dieselben chemischen Eigenschaften, die es bei Wärme stabiler machen, daran gehindert, bei Körpertemperatur zu schmelzen, und produziert einen unangenehmen, plastikartigen Film auf der Zunge.

Ich ziehe es vor, den Geschmack nicht der einfacheren Handhabung zu opfern, die Backfett bietet. Das hat seinen Preis: Um einen buttrigen Pieboden zu bekommen, der so blättrig ist, dass er bei der leisesten Berührung mit einer Gabel zerbricht, müssen bestimmte Maßnahmen ergriffen werden. So sollten Sie zu Hause Butterwürfel, Mehl und Ihre Kochwerkzeuge im Gefrierfach kühlen, damit die Butter in kleinen Stückchen erhalten bleibt, wenn Sie sie in den Teig einarbeiten. Arbeiten Sie schnell, das reduziert die Gefahr, dass sie weich wird. Kneten Sie nicht zu lang. Und schließlich: Sorgen Sie dafür, dass der Teig zwischen den einzelnen Schritten – Kneten, Ausrollen, Verarbeiten und Backen – immer wieder längere Zeit im Kühlschrank liegt. Ich finde es am einfachsten, den Teig auf Vorrat zu machen und ihn fest eingewickelt im Gefrierschrank zu lagern, wo er bis zu zwei Monate lang bleiben kann. Damit entfällt der zeitaufwendigste Schritt, und ich habe die Freiheit, meine Pies zu backen, wann immer mich die Lust dazu überfällt.

Es ist wichtig, den fertigen, kalten Pie sofort in den vorgeheizten Ofen zu schieben. Im heißen Ofen verdampft das in der Butter enthaltene Wasser schnell. Der Dampf dehnt sich in der Hitze aus, drückt dabei die Teigschichten auseinander und erzeugt die blättrige Struktur, die wir so schätzen. Wenn der Ofen nicht heiß genug ist, verdampft das Wasser nicht, und der Belag sickert in den Teig, bevor dieser eine Kruste bilden kann – dann kommt der Pie enttäuschend matschig aus dem Ofen.

Blättrig und zart machen: Teig für Tartes

Ich neige auf dem Bauernmarkt zu Anfällen von Kaufrausch und finde mich oft mit mehr Obst wieder, als ich aufbrauchen kann. (Versuchen Sie einmal, Nein zu reifen Pflaumen, perfekt süßsauren Nektarinen und saftigen Brombeeren zu sagen, deren Saison immer am genau gleichen Tag anfängt!) Auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema Fett hat mein Freund Aaron Hyman versucht, einen Teig zu entwickeln, der strukturiert, aber trotzdem zart ist. Sein Idealteig sollte Bergen saftiger Sommerfrüchte standhalten, aber dennoch beim Zerbeißen blättrige Splitter ergeben. Er wollte einen blättrigen und zarten Teigboden. Und ich wollte einen, den ich immer backen konnte, wenn ich Obst übrig hatte.

Zuerst dachte Aaron darüber nach, wie man eine blättrige Struktur erzielt. Er beschloss, alles kalt zu verarbeiten, große Butterstücke zu verwenden und den Teig nur so lange zu kneten, bis sich eine kleine Menge Gluten für die blättrigen Schichten gebildet hatte. Für die zarte Konsistenz wählte er flüssige Fette – Sahne und Crème fraîche –, um den Teig zu binden und das restliche Mehl mit Fett zu ummanteln, damit sich kein weiteres Gluten bilden konnte.

Aarons Methode ist narrensicher. Ich habe immer Probleme bei der Zubereitung von Teig gehabt, aber sein Rezept führt mich jedes Mal zum Erfolg. Mit Aarons Tarteteig im Tiefkühler ist ein königliches Dinner immer in Reichweite. Lagern Sie mehrere Teigscheiben für den Moment ein, wenn Sie Freunde einladen wollen und nichts weiter im Schrank haben als ein Körbchen alternder Zwiebeln, eine Ecke Parmesan und eine Dose Sardellen. Oder wenn Ihnen einfällt, dass Sie versprochen haben, ein Dessert zu einer Party mitzubringen, aber keine Zeit haben, etwas Außergewöhnliches zu kreieren. Oder wenn Sie auf dem Markt ein wenig zu begeistert zugeschlagen haben. Mit Tarteteig haben Sie es in der Hand, aus nichts etwas zu machen.

Zarte Kuchen

Jahrelang war ich von praktisch jedem Kuchen enttäuscht, den ich probierte, egal, ob ich ihn selbst gebacken oder in einem Restaurant oder einer Bäckerei bestellt hatte. Ich träumte von einem saftigen und doch aromatischen Kuchen. Die meisten waren entweder das eine oder das andere: Gekaufte Backmischungen lieferten die Konsistenz, hinter der ich her war, schmeckten aber nach relativ wenig, und Kuchen aus edlen Patisserien waren zwar reich an Geschmack, aber oft trocken oder zu fest.

Dann probierte ich einen Schokoladen-Geburtstagskuchen, der so saftig und üppig war, dass ich vor Begeisterung fast in Ohnmacht fiel. Tagelang verfolgte mich dieses Stück Kuchen, und so bettelte ich meine Freundin um das Rezept an. Sie nennt ihn »Mitternachtskuchen«, weil er so tiefdunkel ist, und als sie mir das Rezept gab, bemerkte ich, dass Loris Mitternachts-Schokoladenkuchen mit Öl und Wasser gemacht wird, nicht mit Butter. Als ich ein paar Monate später im Chez Panisse zum ersten Mal den Ingwerkuchen kostete, war ich verblüfft über seine perfekt saftige Konsistenz und seinen satten, würzigen Geschmack. Ich bat auch um dieses Rezept und bemerkte, dass es dem meiner Freundin seltsamerweise ähnelte.

Diese Ölkuchen hatten etwas. Ich blätterte mein gedankliches Rezeptbuch durch und erkannte, dass viele meiner Lieblingskuchen, darunter klassischer Karottenkuchen und Olivenölkuchen, mit Öl statt Butter gemacht werden. Selbst bei den Backmischungen, die jene Idealstruktur hervorbringen, die ich nachzuahmen versucht hatte, muss man Öl zufügen. Was hat Öl an sich, das so saftige Kuchen ergibt?

Die Antwort entstammt der Naturwissenschaft. Öl ummantelt die Mehlproteine besonders effizient und verhindert, dass sich starke Glutennetze bilden, ähnlich wie weiche Butter bei Shortbread. Für die Glutenbildung wird Wasser benötigt, deshalb hemmt diese Ölbarriere die Entstehung von Gluten erheblich und produziert eine eher zarte als elastische Konsistenz. Ein weiterer Vorteil ist, dass weniger Gluten mehr Wasser im Teig bedeutet – und damit letztendlich einen saftigeren Kuchen.

Sobald ich das Geheimnis der Ölkuchen entdeckt hatte, konnte ich mir die Eigenschaften bestimmter Kuchen vorstellen, ohne das Rezept auch nur auszuprobieren. Wenn Öl auf der Zutatenliste stand, wusste ich, dass das Rezept die Konsistenz ergeben würde, die ich so liebte. Aber es gab auch Momente, in denen ich nach einem buttrigen Kuchen lechzte. Üppiger Geschmack – statt saftiger Konsistenz – wurde meine Priorität bei Kuchen, die ich nachmittags mit einer Tasse Tee genießen oder Freunden zum Brunch servieren wollte.

Von meinen Entdeckungen zum Thema Textur ermutigt, begann ich, mich zu fragen, wie ich einen besseren Kuchen mit Butter hinbekommen könnte. Die Antwort war nicht, Butter wie Öl zu behandeln und sie zu zerlassen, sondern lag eher in ihrer unglaublichen Fähigkeit, leichte Texturen zu erzeugen.

LEICHT

Leichtigkeit mag vielleicht nicht die erste Eigenschaft sein, die Sie mit Fett assoziieren. Seine bemerkenswerte Fähigkeit, Luft einzuschließen, wenn es geschlagen wird, erlaubt ihm jedoch, als Backtriebmittel für Kuchen zu fungieren: Es lässt sie aufgehen und verwandelt flüssige Sahne in schaumige Wolken.

Einige klassische Kuchen enthalten keine chemischen Backtriebmittel, wie Natron oder Backpulver, sondern stützen ihre luftige Struktur nur auf aufgeschlagenes Fett. Bei einem Rührteig ohne Backpulver erledigen schaumig geschlagene Butter und Eier die gesamte Arbeit des Auflockerns. Bei Genoise, einer Art Biskuit, bringen geschlagene Eier den Kuchen zum Aufgehen – ihr fettes Eigelb fängt die Luft ein, während das protein haltige Eiweiß die Luftblasen umschließt. Das ist das einzige Triebmittel. Weder Backpulver noch Natron, Hefe oder auch nur schaumige Butter helfen diesem Kuchen beim Aufgehen! Es ist wie ein Wunder.

Leicht machen: Butterkuchen und Schlagsahne

Wenn Sie üppigen Geschmack und eine feine, samtige Kruste wollen, machen Sie Butterkuchen (oder Chocolate Chip Cookies), aber achten Sie darauf, das Fett zu belüften, indem Sie die Butter mit Zucker schaumig schlagen, damit Luftblasen zum Lockern des Teigs eingeschlossen werden. Normalerweise wird zimmerwarme Butter 4 bis 7 Minuten mit Zucker verschlagen, bis die Mischung leicht und schaumig ist. Wenn das korrekt gemacht wurde, wirkt die Butter wie ein Netz, das überall im Teig Millionen winziger Luftbläschen gefangen hält.

Entscheidend ist, die Luft langsam einzuarbeiten, damit sich lauter gleich winzige Bläschen bilden und nicht zu viel Reibungswärme entsteht. Es mag verlockend sein, den Mixer hochzudrehen, damit der Kuchen früher in den Ofen kommt, aber glauben Sie mir – das führt auf schnellstem Wege zu nichts Gutem. Ich spreche aus Erfahrung. Der Weg zu diesem Kapitel ist gepflastert mit zu dichten, zusammengefallenen Kuchen.

Während Sie schlagen, achten Sie auf die Temperatur der Butter. Denken Sie daran – Butter ist eine Emulsion: Wenn sie zu warm wird, schmilzt sie, und die Emulsion gerinnt, oder sie ist einfach nicht mehr fest genug, um weiterhin Luft einzuschließen. Dann verlieren Sie die ganze Luft, die Sie so mühevoll eingefangen haben. Wenn die Butter zu kalt ist, kann die Luft nicht hineingelangen – jedenfalls nicht gleichmäßig –, und der Kuchen geht nicht richtig auf.

Wenn Fett nicht mit Luft versetzt ist, kann kein chemisches Backtriebmittel das ausgleichen. Natron und Backpulver bringen keine neuen Luftblasen in den Teig. Sie helfen nur, bereits vorhandene Bläschen zu vergrößern, indem sie Kohlendioxid abgeben.

Aus genau diesem Grund ist es wichtig, Zutaten vorsichtig einzuarbeiten: Wenn Sie sich große Mühe geben, Luft in Ihr Fett zu schlagen, und dann achtlos alle trockenen und feuchten Kuchenzutaten auf einmal zusammenrühren, geht Ihnen die ganze untergeschlagene Luft verloren. Deshalb ist richtiges Unterheben so wichtig, die Technik, mit Luft versetzte Zutaten vorsichtig mit solchen Zutaten zu vermischen, die es nicht sind. Versuchen Sie, beim Unterheben mit der einen Hand sanfte Bewegungen mit einem Gummispatel zu machen, während Sie mit der anderen Hand die Schüssel drehen.

Obwohl die Chemie von geschlagener Sahne etwas anders ist als die von schaumig gerührter Butter – beispielsweise muss Schlagsahne sehr kalt sein –, bleibt das zugrunde liegende Prinzip das gleiche: Fett umgibt Luftblasen. Wenn Sahne geschlagen wird, brechen feste Fetttröpfchen in der Flüssigkeit auf und vereinigen sich (Sahne ist, wie bereits erwähnt, eine natürliche Emulsion). Wenn Sahne zu lange geschlagen wird, werden die Fetttropfen warm, kleben weiterhin zusammen und machen die Schlagsahne unappetitlich klumpig. Noch länger, und die Sahneemulsion gerinnt zu einer wässrigen Flüssigkeit – Buttermilch – und festem Fett: Butter.


WIE MAN FETT VERWENDET

Persische Mahlzeiten enden nur bei ganz besonderen Anlässen mit einem Dessert, deshalb wurde bei uns zu Hause nie viel gebacken. Außerdem war Maman eine Gesundheitsfanatikerin und verbot uns bei jeder Gelegenheit, Zucker zu essen (damit erreichte sie allerdings nur, dass meine Brüder und ich begeisterte Naschkatzen wurden). Wenn wir also Kekse oder Kuchen wollten, mussten wir sie selber backen, und Maman tat ihr Bestes, um sicherzustellen, dass das von Anfang bis Ende ein harter Kampf wurde. Sie hatte in ihrer Küche weder eine Küchenmaschine noch ein Rührgerät und lagerte ihre gesamten Buttervorräte im Gefrierschrank.

Wenn es zuschlug, war das Verlangen nach Keksen oder Kuchen immer extrem dringend. Ich hatte nie die Geduld abzuwarten, dass die gefrorene Butter Zimmertemperatur erreichte, wie es ausnahmslos jedes Rezept verlangte, und selbst wenn ich irgendwie die nötige Disziplin aufbrachte, um zu warten, bis die Butter weich wurde, war mein Keksteig ohne ein Rührgerät zum Cremigrühren immer ein Desaster – irgendwie gleichzeitig zu stark geknetet und zu wenig durchmischt, mit großen Stücken nicht eingearbeiteter Butter darin. Als typische jugendliche Besserwisserin fühlte ich mich viel gescheiter als irgendwelche Rezeptschreiber. Also dachte ich mir, ich könnte die Butter einfach auf dem Herd schmelzen und den Prozess des Weich-werden-Lassens und Schaumigschlagens komplett überspringen. Schließlich war es tausendmal einfacher, zerlassene Butter mit einem Holzlöffel in den Keksteig zu rühren, und außerdem wurde er sicher hübsch zähflüssig.

Was ich nicht wusste: Durch das Schmelzen der Butter zerstörte ich jede Chance, Luft hineinzuarbeiten. Meine Kekse und Kuchen kamen immer enttäuschend flach und fest aus dem Ofen. In einem Alter, wo mein Hauptziel beim Backen darin bestand, etwas – irgendetwas! – Süßes zu essen, war das ein eher nebensächliches Problem: Meine Brüder und ich verschlangen gierig alles, was aus dem Ofen kam. Als Erwachsene mit einem etwas differenzierteren Gaumen suche ich mehr als nur einen bloßen Zuckerkick. Ich will, dass meine Kuchen und Desserts – und ehrlich gesagt auch alles andere, was ich zubereite – allesamt köstlich sind, ideal in Konsistenz und Geschmack. Sie wahrscheinlich auch. Dafür braucht es nichts weiter als ein wenig vorausschauendes Denken.

Fett schichten

Weil Fett sich so stark auf den Geschmack auswirkt, tut es den meisten Gerichten gut, wenn mehrere Fettarten verwendet werden. Ich bezeichne das als Fett schichten. Außer zu überlegen, welches Fett kulturell passend wäre, sollten Sie auch bedenken, wie es mit den anderen Zutaten harmoniert. Wenn Sie beispielsweise ein Fischgericht mit einer Buttersauce abrunden wollen, garen Sie den Fisch in Butterschmalz, damit die beiden Fette einander ergänzen. Paaren Sie in einem Salat Blutorangen mit cremigen Avocados und beträufeln Sie das Ganze mit Agrumato-Olivenöl, um das Zitrusaroma zu verstärken. Für perfekt knusprige Waffeln geben Sie zerlassene Butter in den Teig, aber pinseln Sie das heiße Waffeleisen mit dem Fett ein, das Sie aus dem Frühstücksspeck ausgelassen haben.

Manchmal brauchen Sie verschiedene Fette auch, um innerhalb eines Gerichts unterschiedliche Texturen zu erzielen. Frittieren Sie knusprige Fischstücke in Traubenkernöl und machen Sie mit Olivenöl eine cremige Aïoli dazu. Nehmen Sie Öl für Loris sagenhaft saftigen Mitternachts-Schokoladenkuchen und krönen Sie ihn mit Buttercreme oder weich geschlagener Sahne.

Fett ausbalancieren

Wie bei Gerichten mit zu viel Salz ist die beste Methode zum Korrigieren von übermäßig fettem Essen die, das Gericht neu auszubalancieren. Die Lösungen sind also ähnlich wie bei Versalzenem: Mehr Zutaten zugeben, um die Gesamtmenge zu erhöhen; zusätzliche Säure einarbeiten; mit Wasser verdünnen; stärkehaltige oder feste Zutaten zugeben. Wenn möglich, das Gericht abkühlen lassen, damit das Fett an die Oberfläche aufsteigt und fest wird, dann abschöpfen. Oder das Essen aus einer sehr fettigen Pfanne heben und auf einem sauberen Küchenpapier abtropfen lassen, damit das Fett zurückbleibt.

Essen, das zu trocken ist oder einfach eine Ladung Üppigkeit braucht, kann man mit ein wenig Olivenöl (oder anderem passendem Öl) korrigieren oder mit anderen cremigen Zutaten wie saurer Sahne, Crème fraîche, Eigelb oder Ziegenkäse – sie verbessern Konsistenz und Geschmack. Nehmen Sie Vinaigrette, Mayonnaise, weichen Streichkäse oder eine cremige Avocado, um die Trockenheit eines Sandwichs auszugleichen, auf das magere Zutaten getürmt sind oder das auf einer dicken, krossen Scheibe Brot aufbaut.

Improvisieren mit Salz und Fett

Folgen Sie meinen Ratschlägen aus WIE FETT FUNKTIONIERT, um jede gewünschte Textur zu erzielen, und verwenden Sie dann DIE WELT DER FETTE (siehe Seite 80/81) als Reiseführer, um die Aromen ganz verschiedener Orte lebendig werden zu lassen. Die Leckeren Hühnerschnitzel könnten Sie beispielsweise in Butterschmalz anbraten, um ein klassisch französisches Aroma zu bekommen. Wenn Sie danach lechzen, endlich das Glas Mango-Chutney in der Kühlschranktür anzubrechen, bereiten Sie eine indisch inspirierte Mahlzeit mit Ghee als Kochfett zu. Falls Sie Lust auf ein japanisches Hühnerschnitzel haben, nehmen Sie geschmacksneutrales Öl mit ein paar Tropfen geröstetem Sesamöl. Bei allen Gerichten muss das Fett heiß genug sein, damit das Fleisch schnell anbräunt und außen knusprig wird.

Bevor Sie Ihrem oder Ihrer Süßen einen Geburtstagskuchen backen, sollten Sie ein wenig Erkundungsarbeit leisten: Mag er oder sie lieber die saftige-zarte Konsistenz eines Ölkuchens oder die samtig-feste eines Butterkuchens? Beim Backen würde selbst ich nicht zum Improvisieren raten, deshalb sollten Sie anhand dieser Information ein Rezept mit dem richtigen Fett suchen, um Ihren Schatz glücklich zu machen.

Mit dem, was Sie nun über Fett und über Salz wissen, sind Sie dem Improvisieren schon näher, als Sie denken. Fett hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Texturen zu verändern, während sowohl Salz als auch Fett den Geschmack vertiefen können. Probieren Sie jedes Mal beim Kochen, den Geschmack und die Textur mit Salz und Fett zu verbessern. Wenn Sie einen Salat zum Abrunden mit cremiger Ricotta salata bestreuen wollen, warten Sie mit einem Teil des Salzes, bis sie ihn samt der salzigen Garnitur gekostet haben. Ähnliches gilt, wenn Sie Ihre Pasta all’Amatriciana mit gewürfelter Pancetta üppiger machen: Würzen Sie die Sauce erst, wenn sie das ganze Salz aus dem Schweinefleisch aufgesogen hat. Und wenn Sie in einem Rezept für Pizzateig aufgefordert werden, das Salz nach dem Unterkneten des Olivenöls zuzugeben, sollten Sie noch einmal kurz darüber nachdenken, bevor Sie es Wort für Wort befolgen. Nutzen Sie das, was Sie mit Sicherheit wissen, als Führer durch den Dschungel aus Mythen und Fehlinformationen, den schlecht geschriebene Rezepte bilden.

Improvisieren fängt mit Noten an, und Sie haben jetzt schon zwei, mit denen Sie eine Salz-Fett-Melodie komponieren können. Wenn Sie noch eine dritte Note beherrschen, werden Sie die überirdische Harmonie von Salz, Fett und Säure erleben.



Im Gegensatz zu den Offenbarungen, die ich im Umgang mit Salz und Fett erlebte, lernte ich den Wert von Säure Schritt für Schritt kennen. Es begann schon zu Hause, mit dem Essen, das meine Mutter, meine Großmütter und meine Tanten jeden Abend kochten.

Maman, die damit aufgewachsen war, Zitronen und Limetten als Nachmittagsimbiss zu essen, fand, ein Gericht schmecke erst dann richtig, wenn man das Gesicht verziehen musste. Sie gab immer ein saures Element auf den Teller, um Süßes, Salziges, Stärkehaltiges oder Fettes auszubalancieren. Mal waren es ein paar getrocknete Sumach-Beeren, über Kebab-Spieße mit Reis gestreut. Zu Kuku Sabzi, einer Omelette voller Kräuter und Gemüse, gab es ein paar Löffel Torshi, von meiner Großmutter Parivash sauer eingelegtes Gemüse. Vor Nouruz, dem persischen Neujahrsfest, pflegte mein Vater hinunter nach Mexiko zu fahren, um Bitterorangen aufzutreiben, die wir feierlich über frittierten Fisch und Kräuterreis auspressten. In andere klassische Gerichte schichtete Maman Ghureh, unreife und saure Trauben, und Zereshk, die winzigen herben Beeren der Berberitze. Aber vor allem nahmen wir Joghurt, um den gewünschten säuerlichen Geschmack zu bekommen. Wir löffelten ihn über alles, von Eiern über Suppen, Eintöpfe und Reis bis zu – auch wenn ich heute zusammenzucke, wenn ich nur daran denke – Spaghetti mit Fleischsauce.

Ich war nicht wie die anderen Kinder in der Schule. Wenn ich die Erdnussbutterbrote meiner Klassenkameraden neben meiner von Maman mit Kuku sabzi, Gurken und Feta vollgepackten Lunchbox anschaute, war mir klar, dass sich mein häusliches Leben grundlegend von ihrem unterschied. Ich wuchs in einem Haus auf, das durchdrungen war von der Sprache, den Gebräuchen und dem Essen eines anderen Ortes und einer anderen Zeit. Jedes Jahr wartete ich sehnsüchtig auf die Besuche meiner Großmutter Parvin aus dem Iran. Nichts liebte ich mehr, als ihr beim Auspacken zuzusehen, während sich der Raum sich mit exotischen Düften füllte: Safran, Kardamom und Rosenwasser vermischten mit der feuchten, leicht modrigen kaspischen Luft, die sich im Lauf der Jahre im Stofffutter ihrer Taschen eingenistet hatte. Einen nach dem anderen zog sie ihre Leckerbissen heraus: mit Safran und Limettensaft geröstete Pistazien, eingelegte Sauerkirschen, Blätter von hausgemachtem Lavashak, Fruchtleder aus Pflaumen, so sauer, dass mir die Wangen wehtaten. Als Kind und Jugendliche lernte ich von meiner Familie, saure Nahrungsmittel zu lieben, und mein Gaumen wurde der persischste Teil von mir. Aber erst, als ich zu Hause ausgezogen war, erkannte ich, dass Säure so viel mehr kann, als einen das Gesicht verziehen zu lassen.


Als Teil der ständigen Bemühungen meiner Eltern, unsere Assimilation so lange wie möglich hinauszuzögern, feierten wir Thanksgiving nie. Dieses Fest zelebrierte ich zum ersten Mal als Collegestudentin mit einer Freundin und ihrer Familie. Der Trubel, der beim Vorbereiten der Mahlzeit und Versammeln der Familie entstand, gefiel mir sehr, aber das eigentliche Essen war irgendwie enttäuschend. Wir setzten uns um einen Tisch, auf dem sich Berge von Gerichten türmten: ein gigantischer ganzer Truthahn, im Ofen gebacken und feierlich zerlegt; braune Sauce, aus dem Bratensaft gemacht; Kartoffelpüree mit Butter und Sahne; mit Muskat gewürzter Rahmspinat; Rosenkohl, so lange gekocht, dass die fast zahnlose Großmutter ihn leicht kauen konnte; eine schwere Truthahnfüllung aus Wurstbrät, Speck und Kastanien. Ich esse wirklich gerne, aber diese weichen, fetten, faden Speisen langweilten meinen Gaumen schon nach wenigen Bissen. Jedes Mal, wenn die Schüssel bei mir vorbeikam, löffelte ich mehr Cranberrysauce auf meinen Teller und aß weiter, in der Hoffnung, etwas Gutes zu schmecken. Aber das geschah nicht, und jedes Jahr am vierten Novemberdonnerstag aß ich, bis mir ein bisschen übel war – genau wie alle anderen.

Sobald ich angefangen hatte, im Chez Panisse zu kochen, verbrachte ich den Feiertag mit Freunden aus dem Restaurant. Bei meinem ersten Thanksgiving mit anderen Köchen langweilte sich mein Gaumen überhaupt nicht. Ich hatte keine Sekunde das Gefühl, Essen sei eine lästige Pflicht. Und mir war hinterher auch nicht übel. Das lag mit Sicherheit nicht daran, dass wir irgendwie gesünder oder magenschonender gekocht hätten. Woran lag es also?

Dann wurde mir schlagartig klar, dass die Thanksgiving-Essen, die ich mit den anderen Köchen verbracht hatte, ein Spiegelbild der persischen Mahlzeiten meiner Kindheit waren. In jedes Gericht war Säure gepackt worden, und sie hatte die Mahlzeit zum Leben erweckt. Saure Sahne gab dem Kartoffelpüree Pfiff. Ein Spritzer Weißwein kurz vor dem Servieren eingerührt, machte die Sauce leichter. In dem großen, schönen Berg aus Truthahnfüllung steckten zwischen Sauerteig-Croûtons, Blattgemüse und Wurstbissen auch in Weißwein eingelegte Trockenpflaumen – geheime, höchst willkommene Säuredepots. Gebackener Kürbis und Rosenkohl waren in italienischem Agrodolce gewendet, einer Sauce aus Zucker und Essig. In der Salsa Verde steckte frittierter Salbei, eine passende Ergänzung zur Cranberry-Quitten-Sauce, die ich als Hommage an die persischen eingelegten Quitten zubereitet hatte, die Maman jeden Herbst machte. Selbst das Dessert hatte einen sauren Touch – die Pies waren mit dunklem Karamell beträufelt und ein Hauch von Crème fraîche unter die Schlagsahne gezogen. Mir ging auf, dass an Thanksgiving alle nur deshalb so viel Cranberrysauce über alles löffeln, weil es an den meisten Festtagstischen praktisch die einzige verfügbare Form von Säure ist.

Ich begann zu begreifen, dass der wahre Wert von Säure im Gegengewicht liegt.

Säure entspannt den Gaumen und macht Essen reizvoller, weil sie Kontraste liefert.

Bald darauf erfuhr ich ein weiteres Geheimnis von Säure. An einem späten Vormittag im Chez Panisse beeilte ich mich, eine Portion Karottensuppe rechtzeitig zum Mittagessen fertig zu bekommen. Wie die meisten Suppen, die wir im Café servierten, war sie ziemlich einfach. Ich schwitzte Zwiebeln in Olivenöl und Butter an. Ich schälte die Karotten, schnitt sie in Scheiben und gab sie in den Topf, sobald die Zwiebeln weich waren. Ich übergoss das Gemüse mit Brühe, würzte mit Salz und ließ die Suppe köcheln, bis alles zart war. Dann zermixte ich den Topfinhalt zu einem samtigen Püree und schmeckte es mit Salz ab. Es schmeckte perfekt. Ich brachte einen Löffel zu Russ, dem ewig jungenhaften Küchenchef, als er zur Menübesprechung mit den Bedienungen nach oben eilte. Er kostete und sagte, ohne innezuhalten oder sich umzudrehen: »Gib einen Schuss Essig in den Topf, bevor du ihn hochbringst!«

Essig? Hatte man je davon gehört, dass Essig in eine Suppe kommt? War Russ verrückt geworden? Hatte ich ihn richtig verstanden? Ich wollte nicht den ganzen Topf ruinieren, also nahm ich einen Löffel meiner wundervollen Suppe und gab einen einzigen Tropfen Essig hinein. Beim Probieren war ich platt. Ich hatte erwartet, dass der Essig die Suppe in etwas abscheulich Süßsaures verwandeln würde. Stattdessen wirkte er wie ein Prisma und enthüllte das Geschmacksspektrum der Suppe – ich konnte Butter und Öl schmecken, Zwiebeln und Brühe, sogar den Zucker und das Mineralische der Karotten. Wenn man mich mit verbundenen Augen hätte raten lassen, wäre ich nie im Leben darauf gekommen, dass Essig eine der Zutaten war. Aber heute wüsste ich genau, was fehlt, wenn etwas von mir Gekochtes und Gewürztes je so langweilig schmecken sollte.

Genau wie ich gelernt hatte, ein Gericht ständig auf Salz hin zu prüfen, wusste ich nun, dass ich beim Kosten auch immer auf Säure achten musste. Endlich war mir klar: Säure ist das Alter Ego des Salzes. Während Salz vertiefend auf Aromen wirkt, balanciert Säure sie aus. Indem sie als Kontrast zu Salz, Fett, Zucker und Stärke dient, macht Säure sich bei allem, was wir kochen, unentbehrlich.



WAS IST SÄURE?

Im Prinzip ist jede Substanz, deren pH-Wert niedriger liegt als 7, eine Säure. Ich habe in meiner Küche kein funktionierendes pH-Messgerät mehr – ich habe meines zugrunde gerichtet, als ich alles in meiner Küche für die PH-SKALA auf Seite 116/117 testete –, und ich vermute, Sie haben auch keins. Macht nichts. Wir alle haben einen viel praktischeren Säuresensor – unsere Zunge. Alles, was sauer schmeckt, ist eine Säurequelle. Beim Kochen kommt Säure normalerweise in Form von Zitronensaft, Essig oder Wein vor. Aber es gibt unzählige Säurequellen. Alles, was fermentiert ist, von Käse und Sauerteigbrot bis zu Kaffee und Schokolade, gibt Ihrem Essen ein angenehm säuerliches Aroma, genau wie die meisten Früchte, darunter auch das als Gemüse verkleidete Chamäleon namens Tomate.


SÄURE UND GESCHMACK
Die Wirkung von Säure auf den Geschmack

Der Ausdruck »da läuft einem das Wasser im Munde zusammen« ist ein Synonym dafür, dass etwas köstlich riecht oder schmeckt. Die Gerichte, die wir am liebsten essen, lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen – das heißt, sie regen die Speichelproduktion an. Von den fünf Basis-Geschmacksrichtungen lässt Säure uns am meisten das Wasser im Mund zusammenlaufen. Denn wenn wir etwas Saures essen, wird unser Mund mit Speichel überflutet, um die Säure auszugleichen, weil sie für unsere Zähne gefährlich ist. Je saurer das Essen, desto mehr Speichel fließt. Insofern ist Säure ein wesentlicher Bestandteil unserer erfreulichsten Esserlebnisse.

Für sich allein ist Säure allerdings nicht sonderlich erfreulich. Erst die Art, in der sie einen Kontrast zu anderen Aromen bilden, mehrt unser Vergnügen am Essen. Wie Salz verstärkt Säure andere Aromen. Aber sie funktioniert ein wenig anders: Während die Salzschwelle eine absolute ist, ist die Säurebalance relativ.

Stellen Sie sich vor, Sie salzen einen einfachen Topf Brühe. Wenn die Salzkonzentration einen bestimmten Punkt überschreitet, wird die Brühe ungenießbar. Der einzige Weg, sie zu retten, besteht darin, mehr ungesalzene Flüssigkeit nachzugießen, um die Salzkonzentration zu senken, was die Gesamtmenge erheblich steigert.

Die Säurebalance funktioniert anders. Stellen Sie sich vor, Sie bereiten Limonade zu. Messen Sie Zitronensaft, Wasser und Zucker ab, aber vermischen Sie nur Zitronensaft und Wasser. Nippen Sie daran, und es wird ungenießbar sauer schmecken. Dann geben Sie Zucker zu und probieren wieder. Köstlich. Dabei ist die Limonade nicht weniger sauer: Der pH- oder Säurewert bleibt gleich, wenn der Zucker dazukommt. Die Säure wird einfach durch Süße ausbalanciert. Und Zucker ist nicht der einzige Kontrapunkt zu Saurem: Der harmonische Kontrast der Säure tut auch Salz, Fett, Bitterkeit und Stärke immer gut.

Das Aroma von Säure

Reine Säure schmeckt sauer – nicht mehr und nicht weniger. Das ist nicht notwendigerweise angenehm oder unangenehm. Kosten Sie einen Tropfen Essigessenz – das Zeug, das wir alle für Haushaltsarbeiten wie Abflüsse reinigen oder Entkalken im Schrank haben. Sie werden sehen, dass er mehr oder weniger geschmacksfrei ist. Er schmeckt einfach sauer.

Viele der köstlichen Aromen, die wir mit säurehaltigen Zutaten verbinden – zum Beispiel die besondere fruchtige Spritzigkeit eines Weins oder der eigenwillige Geschmack eines Käses – entstehen bei der Herstellung dieser Lebensmittel. Alles, was zur Produktion verwendet wird, von der Weinsorte für einen Essig bis zur Art der Milch oder der Bakterien für einen Käse, beeinflusst den Geschmack dieser säurehaltigen Zutaten. Sogar der gleiche Käse wird bei längerer Lagerung säuerlicher und komplexer im Geschmack, deshalb nennen wir jungen Käse »mild« und alten »scharf«.

Säuren verschiedenen Ursprungs unterscheiden sich nicht nur im Geschmack, sondern auch in der Konzentration. Nicht jeder Essig ist gleich sauer. Auch die Säure von Zitrussäften ist unterschiedlich. Der Publizist John McPhee verdeutlicht in seinem in den 1960er-Jahren erstmals erschienenen Buch Orangen, wie natürliche Faktoren den Geschmack beeinflussen. Zunächst erklärt er, dass die Säure von Orangen mit der Nähe einer Plantage zum Äquator abnimmt. Eine bestimmte brasilianische Sorte ist praktisch säurefrei! Dann beschreibt er detailliert, dass nicht nur der Standort eines Baumes, sondern auch die Platzierung einer Orange am Baum den Geschmack verändert:

»Bodenfrüchte – die Orangen, die man vom Boden aus erreichen und pflücken kann – sind nicht so süß wie jene, die hoch oben am Baum wachsen. Außen hängende Früchte sind süßer als Innenfrüchte. Orangen, die an der Südseite des Baumes wachsen, sind süßer als die an der Ost- oder Westseite, und Orangen von der Nordseite sind die am wenigsten süßen. […] Darüber hinaus gibt es Unterschiede innerhalb der Frucht selbst. Einzelne Schnitze unterscheiden sich in Säure- und Zuckergehalt voneinander. […] Orangenmänner, also die, die in den Hainen arbeiten, […] essen die [süßere] Blütenhälfte und werfen den Rest weg.«


Solcherlei natürliche Variationen führen dazu, dass Sie nie wissen können, ob Ihre Orange genauso säuerlich, reif oder süß ist wie die des Rezepttesters in irgendeiner fernen Küche. Einmal verbrachte ich einen ganzen Sommer damit, Sauce aus den Early-Girl-Tomaten vom Bauernhof eines Freundes einzukochen. Jede einzelne Portion unterschied sich von der vorigen – manche Tomaten waren wässrig, andere aromatisch. Manche waren süß, andere eher säuerlich. Wenn ich in der ersten Sommerwoche ein Rezept für die Sauce aufgeschrieben hätte, wäre dieses Rezept in der letzten Woche vollkommen falsch gewesen. Und das waren allesamt Tomaten derselben Sorte vom selben Bauernhof! Das ist ein weiterer Grund, warum Sie sich in der Küche nicht nur auf Rezepte verlassen sollten. Kosten Sie lieber immer wieder, entwickeln Sie einen Sinn für die Säurebalance und trauen Sie Ihrem Bauchgefühl.

Säuren der Welt

Viele berühmte Gerichte sind durch ihre speziellen Säuren definiert: Das Erdnussbutter-Sandwich leidet ohne den Pfiff, den das obligatorische Gelee liefert. Kein echter Brite würde jemals einen Teller Fish and Chips ohne Malzessig essen. Was wären Tacos de carnitas ohne einen Löffel Salsa? Oder Xiao long bao aus Schanghai, die klassischen Teigtaschen in Suppe, mit etwas anderem als chinesischem schwarzem Essig serviert? Genau wie das Fett, das zum Kochen verwendet wird, kann Säure einem Essen eine andere Richtung geben; lassen Sie sich also bei Ihrer Wahl von Geografie und Kochtradition leiten.

Essig

In der Regel spiegelt der Essig einer Region die jeweilige Landwirtschaft. Italien, Frankreich, Deutschland und Spanien – Länder, die für ihren Weinbau bekannt sind – benutzen viel Weinessig in ihrer Küche. Nehmen Sie Sherryessig für Romesco, eine katalanische Sauce mit Paprika und gerösteten Nüssen, Champagneressig für eine Sauce mignonette zu Austern und Rotweinessig zum Anmachen von Radicchio und zum Schmoren von klassischem deutschem Blaukraut. Reisessig dagegen ist ein Grundnahrungsmittel in vielen asiatischen Ländern – von Thailand und Vietnam bis nach Japan und China. Briten und Deutsche verwenden gerne Apfelessig zum Anmachen von Salaten, genau wie die Köche in den Südstaaten der USA. Diese haben auch eine Vorliebe für Zuckerrohressig, er ist auch auf den Philippinen, wo Zuckerrohr ein wichtiges Agrarprodukt ist, die Säure der Wahl.

Zitrusfrüchte

Zitronenbäume gedeihen im Meeresklima der mediterranen Länder – pressen Sie also Zitronen über Tabbouleh und Hummus, gegrilltem Tintenfisch, Salade Niçoise oder sizilianischem Fenchelsalat mit Orangen aus. Limettenbäume wachsen dagegen eher in tropischem Klima, deshalb sind Limetten die beliebteste Zitrusfrucht in Ländern von Mexico über Kuba bis nach Indien, Vietnam und Thailand. Nehmen Sie Limetten für Guacamole, Pho Gà, grünen Papayasalat und frischen Kachumbar-Salat, die indische Antwort auf die mexikanische Tomatensalsa Pico de Gallo. Eine Form von Zitrussaft sollten Sie allerdings niemals benutzen: Zitronensaft aus der Flasche. Meist aus Konzentrat hergestellt und mit Konservierungsstoffen und Zitrusölen gepanscht, schmeckt er bitter, ohne jede Spur des puren, erfrischenden Aromas von gerade gepresstem Saft.


Sauer Eingelegtes

Vom indischen Achar bis zum iranischen Torshi, vom koreanischen Kimchi bis zum japanischen Tsukemono, vom deutschen Sauerkraut bis zum Chow-chow der US-Südstaaten – in jeder Kultur gibt es sauer eingelegtes Gemüse. Aus ein paar Steaks kann man leicht eine Schale koreanisches Bibimbap machen, indem man reichlich Kimchi darauftürmt, oder sie mit ein paar eingelegten Karotten und Jalapeños in Tacos verwandeln – je nachdem, was im Kühlschrank zu finden ist.

Milchprodukte

Nutzen Sie fermentierte Milchprodukte als Geheimwaffe bei Ihrer Suche nach dem Säuregleichgewicht. Verändern Sie einen Salat, indem Sie ihn mit Käse bestreuen, sei es griechischer Feta, italienischer Gorgonzola oder spanischer Manchego. Löffeln Sie saure Sahne über Kartoffelpuffer, mexikanische Crema über Tacos, Crème fraîche auf eine französische Beerentarte und Joghurt über die kleinen Lammspieße, die in der der gesamten orientalischen Küche bis nach Indien verbreitet sind und je nach Land Kufteh, Kufta, Kifta oder Köfte genannt werden.

Nehmen Sie eine Lammschulter: Mit Salzzitronen geschmort können Sie sie nach Marokko versetzen, mit ein wenig Weißwein und Picholine-Oliven nach Südfrankreich oder mit Rotwein und Tomaten nach Griechenland. Der gleiche Krautsalat kann – mit Senf und Apfelessig angemacht – das Aroma der Südstaaten beschwören, mit Limettensaft und Korianderblättern zubereitet das von Mexiko oder mit Reisessig, Korianderblättern und gerösteten Erdnüssen angereichert die chinesische Küche. Lernen Sie, den Geschmack von Säure nicht nur zu bedenken, sondern ihn auch einzusetzen, um einem Gericht eine bestimmte Richtung zu geben. Lassen Sie sich dabei von der Karte auf Seite 120/121 inspirieren.

WIE SÄURE FUNKTIONIERT

Obwohl Säure in erster Linie den Geschmack beeinflusst, kann sie auch chemische Reaktionen auslösen und dadurch die Farbe und Konsistenz von Lebensmitteln verändern. Wenn Sie über diese Auswirkungen Bescheid wissen, können Sie besser entscheiden, wie und wann Sie Säure zugeben.

Säure und Farbe

Säure macht leuchtendes Grün matter; warten Sie also bis zum letzten Moment, wenn Sie einen Salat anmachen, Essig in Kräutersalsas rühren oder Zitrone über gekochtes Blattgemüse wie Spinat träufeln.

Rot- und Lilatöne dagegen hält Säure lebendig. Rotkohl, rote Mangoldstiele oder Rote Beten bewahren ihre Farbe am besten, wenn sie mit etwas leicht Säuerlichem wie Äpfeln, Zitrone oder Essig gegart werden.

Rohes Obst und Gemüse, das zum Oxidieren neigt – jener enzymatischen Bräunung, die beim Kontakt mit Sauerstoff entsteht –, wie geschnittene Äpfel, Artischocken, Bananen und Avocados, behalten ihre natürliche Farbe, wenn sie bis zum Kochen oder Essen mit ein wenig Säure bestrichen oder in Wasser mit ein paar Tropfen Zitronensaft oder Essig gelegt werden.



Säure und Textur

Säure hält Gemüse und Hülsenfrüchte länger hart. Alles, was Zellulose oder Pektin enthält – unter anderem Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse –, gart viel langsamer, wenn Säure im Spiel ist. Während 10 bis 15 Minuten in köchelndem Wasser oft reichen, um Karotten in Babybrei zu verwandeln, werden sie nach einer Stunde Schmoren in Rotwein immer noch irgendwie fest sein. Die Säure in Tomaten erklärt, warum diese verflixten Zwiebeln in einem Topf Suppe oder Sauce nach oben schwimmen, dort bleiben und nicht weich werden, selbst nach stundenlangem Kochen nicht. Um dieses bissfeste Desaster zu verhindern, dünsten Sie Zwiebeln weich, bevor Sie Tomaten, Wein oder Essig in den Topf dazugeben.

Wenn Sie Bohnen oder andere Hülsenfrüchte kochen, etwa auch die Kichererbsen für Hummus, verschiebt eine Prise Natron den pH-Wert des Bohnenwassers sanft von sauer zu alkalisch und sorgt dafür, dass alles zart wird. Und Sie sollten Hülsenfrüchte gar kochen, genau wie Zwiebeln, bevor Sie etwas Säurehaltiges hinzufügen. Eine sehr gute Köchin aus Mexiko erklärte mir einmal, dass gekochte Bohnen quasi »entkocht« werden, wenn man sie mit Essig oder Vinaigrette übergießt, weil die Haut dadurch wieder fester und härter wird. Behalten Sie diesen Effekt im Hinterkopf, wenn Sie Bohnen für einen Salat vorbereiten, und kochen Sie sie ein kleines bisschen länger, als Sie es sonst täten.

Diese chemischen Eigenschaften können Sie zu Ihrem Vorteil nutzen, wenn Sie Gemüse garen wollen. Kochen verdünnt die relativ saure Flüssigkeit in den Zellen von Gemüse, sorgt also in der Regel für zarteres Gemüse als Backen. Backen Sie große, schöne Blumenkohl- oder Romanesco-Scheiben im Ofen, um sicherzugehen, dass sie ihre Form behalten. Kochen Sie Kartoffeln oder Pastinaken, bis sie zu zarten Häuflein zerschmelzen, perfekt für Püree.

Säure fördert auch die Bindung von Pektinen – den Geliermitteln im Obst –, sodass sie Wasser binden und das Gelieren von Marmelade oder Gelee unterstützen können. Manche Früchte wie Äpfel oder Blaubeeren enthalten nicht genügend Säure, um Pektinketten zu bilden, deshalb helfen wir nach, indem wir ein wenig frischen Zitronensaft in den Marmeladentopf oder in die Obstfüllungen von Pies und Aufläufen geben, damit sie besser gelieren.

Auch chemische Backtriebmittel wie Natron oder Backpulver brauchen Säure. Vielleicht erinnern Sie sich an die Vulkane aus Backpulver und Essig im Sachkundeunterricht Ihrer Grundschulzeit. Genau so, nur in viel kleinerem Maßstab, werden bei der Reaktion von Säure mit Backpulver Kohlendioxidbläschen freigesetzt, die Gebackenes aufgehen lassen. Teige mit Natron sollten auch eine saure Zutat wie Kakaopulver, braunen Zucker, Honig oder Buttermilch enthalten. Backpulver dagegen enthält schon Säuerungsmittel (entweder natürlichen Weinstein, ein Nebenprodukt der Weinproduktion, oder chemisch hergestellte Phosphate) und braucht keine weitere Säurequelle, damit die Reaktion einsetzt.

Säure bewirkt außerdem, dass das Eiweiß von Eiern schneller, aber mit geringerer Dichte fest wird oder gerinnt als sonst. Normalerweise entfalten und festigen sich Proteinstränge beim Erhitzen. Dabei geben sie Wasser ab, sodass die Eier härter und trockener werden. Säure zieht die Eierproteine zusammen, bevor sie sich entfalten, dadurch können Sie sich nicht allzu dicht aneinanderlegen. Ein paar heimliche Tropfen Zitronensaft produzieren cremigere, zartere Rühreier. Für perfekt pochierte Eier geben Sie einen guten Schuss Essig ins kochende Wasser, damit das Eiweiß schneller gerinnt und eine feste Außenhaut bildet, die das flüssige Eigelb schützt.

Säure stabilisiert steif geschlagenes Eiweiß, indem sie die Bildung feinerer, zahlreicherer Luftbläschen fördert und damit das Volumen des Eischaums erhöht. Sie können dem Eiweiß, das für Baisers, Kuchen oder Soufflés geschlagen werden soll, ein paar Tropfen Essig oder Zitronensaft oder auch Weinstein zugeben, alles liefert das gleiche Ergebnis.

Kasein, ein Milchprotein, gerinnt oder »fällt aus«, wenn Säure zugegeben wird. Mit Ausnahme von Butter und Schlagsahne, die sehr wenig Proteine enthalten, sollte man Milchprodukte deshalb erst in letzter Minute in säurehaltige Gerichte geben. Während ungewollt geronnene frische Milchprodukte meist ungenießbar sind, macht genau dieser Vorgang des Ausfällens fermentierte Milchprodukte – von Joghurt über Crème fraîche bis zu Käse – erst möglich und liefert uns eine neue Kategorie köstlicher säurehaltiger Zutaten für unser Essen. Versuchen Sie, Ihre Crème fraîche selbst zu machen – es könnte nicht einfacher sein: 2 Esslöffel Crème fraîche oder reine Buttermilch mit einem halben Liter unbehandelter Schlagsahne verrühren. In ein sauberes Glas geben, lose abdecken oder offenlassen und bei warmer Raumtemperatur (ca. 25 °C) zwei Tage stehen lassen, bis sie andickt. Das war’s. Für Dressing mit Blauschimmelkäse, Essighuhn oder Säuerliche Sahnecreme verwenden. Verschlossen im Kühlschrank bis zu zwei Wochen haltbar. Mit den letzten Löffeln die nächste Portion auf die gleiche Weise ansetzen.

Säure macht Teige zarter, ähnlich wie Fett. Ob in Form von fermentierten Milchprodukten, natürlichem (nicht alkalisiertem) Kakaopulver oder Essig – Säure durchbricht das Glutennetz in einem Teig und macht ihn zarter. Wenn Sie ihn allerdings elastisch wollen, arbeiten Sie säurehaltige Zutaten so spät wie möglich in einen Teig ein.

Fleisch- und Fischproteine macht Säure erst zarter, dann fester. Stellen Sie sich Proteine als verdrehte Stränge vor, die zu Bündeln gefaltet sind. Wenn Säure diese Bündel berührt, entfalten sie sich. Dieser Prozess wird Denaturierung genannt. Die denaturierten Proteine stoßen aneinander und koagulieren (»gerinnen«), wobei sie sich zu einem dichten Netz verbinden. Der gleiche Vorgang passiert beim Erhitzen von Proteinen, deshalb sagt man manchmal, Säure »gare« Fleisch oder Fisch.


Zunächst bindet dieses dichte Netz Wasser, das vorher in Muskelfasern enthalten war und macht das Essen saftig und zart. Aber wenn die denaturierenden Bedingungen anhalten – das heißt, wenn das Essen weiter in Säure liegt –, wird das Proteinnetz immer enger und presst sämtliches Wasser aus den Proteinen heraus; das Essen wird dann zäh und trocken, so ähnlich wie ein zu lange gegartes Steak.

Diesen Vorgang versteht man besser, wenn man sich die Textur eines Stücks Sashimi vorstellt: Mit ein wenig Säure verwandelt es sich in zartes, erfrischend schmeckendes Fischtatar, im Lauf der Zeit dann in ein eher bissfestes Ceviche. Zum Kochen vorgesehener Fisch sollte höchstens ein paar Minuten in Säure mariniert werden, aber wenn Sie blättrigen weißfleischigen Fisch vor dem Braten in Buttermilch und Mehl tunken oder Wolfsbarschstücke erst in Zitronensaft und Currypulver wenden, bevor Sie sie auf Spieße stecken und grillen, bekommen Sie einen doppelten Nutzen: eine saftige Textur und einen angenehm säuerlichen Pfiff.

Säure trägt auch zum Zersetzen von Collagen bei, dem wichtigsten Strukturprotein in zähen Fleischstücken. Geben Sie also gleich zu Anfang Wein oder Tomaten in Schmorgerichte und Eintöpfe – je schneller das Collagen schmilzt, desto schneller wird das Fleisch saftig und zart.

Säure produzieren

Während wir Salz und Fett als eigenständige Zutaten in unser Essen geben, gibt es zwei einfache Methoden, Säure beim Kochen zu produzieren. Das eine Verfahren geht ziemlich schnell, das andere ziemlich langsam.

Die schnelle Methode? Essen anbräunen. In den Kapiteln SALZ und FETT habe ich erklärt, dass Essen anbräunt, sobald seine Oberflächentemperatur deutlich über den Siedepunkt ansteigt. Das kann bei einer Brotscheibe im Toaster passieren, bei Plätzchen und Kuchen im Ofen, bei Fleisch, Fisch und Gemüse auf dem Grill oder bei Karamell in der Pfanne. Die chemische Reaktion beim Anbräunen von Zucker nennt man Karamellisierung. Die chemische Reaktion beim Anbräunen von Fleisch, Fisch, Meeresfrüchten, Gemüse, Gebackenem und so ziemlich allem anderen heißt Maillard-Reaktion, nach dem Wissenschaftler Louis-Camille Maillard, der sie entdeckt hat. Näheres zu diesen köstlichen, mysteriösen Reaktionen folgt im Kapitel HITZE.

Die Karamellisierung und die Maillard-Reaktion sind zwar vollkommen unterschiedliche Vorgänge, aber sie haben doch einige Gemeinsamkeiten: Beide erschaffen als Nebenprodukte saure Geschmackskomponenten, zusätzlich zu den vielen anderen wohlschmeckenden Molekülen. Beim Karamellisieren entwickeln sich aus jedem Zuckermolekül Hunderte neuer verschiedener Verbindungen, darunter auch einige Säuren. Daher sind gleiche Mengen von Zucker und gebranntem Karamell nicht gleich süß – Karamell ist vielmehr azidisch, also sauer! Ähnliche Säureverbindungen entstehen bei der Maillard-Reaktion aus Kohlenhydraten und Proteinen.

Obwohl man Essen eher nicht mit dem Ziel anbräunt, Säure zu erzeugen, kann das Wissen darum, dass dieser Prozess eine Vielzahl neuer Aromen produziert, darunter auch saure, sehr nützlich sein. Stellen Sie sich vor, Sie würden zwei Portionen Eiscreme probieren, beide mit der gleichen Zuckermenge gemacht. In der einen Portion wurde der Zucker direkt in die Milchmasse gegeben. Bei der anderen wurde ein Teil des Zuckers erst zu dunklem Karamell verkocht und dann untergerührt. Die Eiscreme mit dem karamellisierten Zucker wird nicht nur weniger süß schmecken, sondern, dank der kräftigen Geschmackskontraste aus der Säure, auch viel komplexer.

Die andere, viel langsamere Methode zum Herstellen von Säure in der Küche ist die Fermentation. Dabei verwandeln sich – neben vielen anderen aromabildenden Prozessen – Kohlenhydrate in Kohlendioxid und Säuren, wobei sie Hefe, Bakterien oder eine Kombination von beidem nutzen. Natürlich sind Wein, Bier und Cider fermentiert, aber auch alle Brote mit natürlichen Backtriebmitteln, alle Arten von Eingelegtem, gepökeltes und luftgetrocknetes Fleisch, die meisten Milchprodukte, sogar Kaffee und Schokolade.

Einige der köstlichsten Brote, die ich je probiert habe, wurden mit natürlichen Triebmitteln gebacken und bekamen viel Zeit, um aufzugehen, also zu fermentieren. Chad Robertson von der Tartine Bakery in San Francisco, der seinen Teig mehr als 30 Stunden lang aufgehen lässt, findet, langsame Fermentation »verbessert den Geschmack, vor allem, weil dadurch mehr Zucker vorhanden ist, der während des Backens karamellisieren kann. Die Laibe bräunen schneller, und die Kruste wird dunkler.« Chads Brot ist auf subtile Weise säuerlich und enthält komplexe Geschmackskomponenten; jedes Mal, wenn ich es koste, erkläre ich es begeistert zum besten Brot der Welt! Backen Sie irgendwann einen Laib Brot aus Natursauerteig, wenn Sie es zeitlich schaffen. Das Resultat kann himmlisch sein, vor allem, wenn Sie es nach Chads Methode backen und die Bestandteile der Kruste sowohl eine Karamellisierung als auch die Maillard-Reaktion durchlaufen dürfen – was Schicht für Schicht eine Kombination von Säure und Süße entstehen lässt.

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02 октября 2024
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632 стр. 204 иллюстрации
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9783956142826
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