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Sam Hawken

Vermisst

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Herausgegeben von Wolfgang Franßen


Originaltitel: Missing

Copyright © 2014 Sam Hawken

First published in 2014 by Serpent’s Tail

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2020

Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn

Mit einem Nachwort von Peter Henning

© 2020 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Tobias Schumacher-Hernández

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Prod.Ali_Galvan/Adobe Stock

Autorenfoto: © Sam Hawken

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland

ISBN: 978-3-948392-02-4

eISBN: 978-3-948392-03-1

Für die Vermissten von Los Dos Laredos

Inhalt

Teil 1 JACK

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 2 VERMISST

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Teil 3 PARTNER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Teil 4 ENTFESSELT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

NACHWORT

»EIN MANN SIEHT ROT«

Teil 1

1

Als Jack Searle aufstand, zeigte sich gerade der erste rosafarbene Schimmer am Himmel über Laredo, Texas. Er verzichtete aufs Duschen, putzte sich aber die Zähne und betrachtete seine Bartstoppeln. Sein Goatee wurde langsam ein wenig struppig und war mit grauen Haaren durchsetzt, die er manchmal färbte. Heute Abend würde er den Bart wieder in Form bringen.

Sein Frühstück bestand aus Cornflakes mit Milch, gebuttertem Toast und Orangensaft. Speckstreifen wären nicht schlecht gewesen, aber der Arzt hatte ihn ermahnt, mit Salz zurückhaltend zu sein. Das Cholesterin sah auch nicht gut aus. Jack war siebenundfünfzig Jahre alt.

Er warf einen kurzen Blick in die Zimmer der Kinder. Beide Mädchen schliefen noch, daran würde sich vor zehn wahrscheinlich auch nichts ändern. Jack wachte selbst an seinen freien Tagen früh auf und konnte dann nicht liegen bleiben. Als Teenager hatte er wahrscheinlich ein paar Stunden länger geschlafen, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern.

Er zog die Haustür hinter sich zu und schloss ab. Draußen war es noch kühl. Im Vorbeigehen zupfte er ein paar Löwenzähne aus dem Rasen und warf sie auf die Einfahrt. Das Gras war genauso struppig wie sein Bart. Er würde sich am Wochenende darum kümmern.

Jack ging zu seinem Truck, ein Ford F-250, früher einmal weiß, inzwischen durch Dreck und Schrammen und Beulen ziemlich unansehnlich. Der kleine Mitsubishi Galant, der auch auf der Einfahrt stand, wirkte im Vergleich winzig. Jack bemerkte, dass sich der Marine-Corps-Aufkleber im Rückfenster zu lösen begann.

In der Nachbarschaft war kaum jemand so früh schon auf den Beinen. Jack kurbelte das Fenster herunter und ließ den Wind herein, im Radio dudelte etwas Soulig-Gemütliches.

Zwanzig Minuten später kam das große orange Schild des Baumarkts in Sichtweite. In Jacks Rücken ging die Sonne auf, aber noch waren die Straßenlaternen an. Trotzdem würden die Männer schon da sein, sie wachten noch früher auf als er und warteten manchmal den ganzen Tag dort.

Sie standen auf dem Parkplatz des Home Depot verteilt, einige eher an der Straße, andere beim Eingang, in Grüppchen oder alleine und beobachteten wachsam jedes sich nähernde Auto: Wurde es langsamer, war es die Polizei in Zivil? Jack sah, wie die Spannung stieg, als er auf den Parkplatz abbog, alle schienen sich gleichzeitig in Bewegung zu setzen, zogen einen Ring um den Truck.

Jack hatte niemand Besonderen im Sinn. Er hielt nicht an, denn dann würden sie über ihn herfallen, sondern fuhr langsam an den Männern vorbei und hielt Ausschau nach einem Gesicht mit dem besonderen Etwas darin. Nicht Hunger oder Verzweiflung, sondern die Gewissheit, dass ein Tag harter Arbeit am Abend guten Lohn bringen würde.

Nach ein, zwei Minuten hatte er den Richtigen gefunden und stoppte vor zwei Männern. Der eine rollte einen Kaffeebecher von Dunkin’ Donuts zwischen den Händen hin und her, als wollte er sie wärmen. Jack ließ das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »¿Busca trabajo?«, fragte er. Im Augenwinkel bekam er mit, dass sich weitere Männer dem Truck von hinten näherten. Bald würden sie ihn so dicht umringen, dass sich der Wagen nicht mehr bewegen ließe.

»Wir können arbeiten«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher. Er war spindeldürr, wie alle hier, das Gesicht so von Falten durchzogen, dass er genauso gut wettergegerbt wie alt sein konnte. Er trug eine schmutzige Kappe mit dem Texaco-Logo. »Wir beide zusammen?«

»Ich brauche nur einen. Wir müssen ein Badezimmer abreißen. Ich zahle acht Dollar die Stunde plus Mittagessen bei McDonald’s. ¿Suena bien?«

»Das ist gut«, sagte der Mann.

»Steig ein.«

Ein anderer erschien an Jacks Fenster. »Ich kann arbeiten«, sagte er.

»Ich habe, was ich brauche.«

»Ich arbeite billig«, beharrte der Mann.

»No, gracias. Ich habe, was ich brauche.«

Der Mann machte Anstalten, seine Hand auf Jacks Arm zu legen, zog sie aber weg, als er Jacks Miene sah. Andere drängten nach vorne, das Gemurmel wurde immer lauter.

»Das war’s«, sagte Jack. »Ich brauche bloß einen.«

Der Mann mit dem Kaffeebecher öffnete die hintere Tür der Fahrerkabine und stieg ein. Jack kurbelte die Fenster hoch, um weitere Diskussionen im Keim zu ersticken, und ließ den Motor aufheulen. Die Männer wichen zurück, Jack fuhr los.

»Danke«, sagte der Mann mit dem Kaffeebecher.

»Nicht nötig. Du suchst Arbeit, ich biete Arbeit. Alle sind zufrieden.«

»Ich bin Eugenio«, sagte der Mann.

»Freut mich.«

Jack verließ den Parkplatz und fädelte sich in den spärlichen Morgenverkehr ein. Im Radio lief ein gutes Lied, er drehte etwas lauter. Falls der Mann auf der Rückbank etwas dagegen einzuwenden hatte, behielt er es für sich.

2

Der Stadtteil, in den sie fuhren, war geprägt von Neubauten, die auf viel zu kleine Grundstücke mit fast identisch aussehenden Gartenwegen und breiten Einfahrten vor Doppelgaragen gepresst worden waren. Trotz der Hitze waren die Rasenflächen grün und perfekt geschnitten, anders als bei Jack. Er hätte wetten können, dass keiner der Hausbesitzer sich selber um seinen Garten kümmerte.

Er parkte den Truck am Straßenrand vor einem Sandsteinhaus mit einer großen Fensterfront. In dieser Gegend gab es keine Gehwege, trotzdem stand auf einer kleinen Veranda eine Hollywoodschaukel. Eine Veranda war dazu da, die Menschen zu beobachten, die vorbeikamen. Doch hier ging niemand zu Fuß.

In der Einfahrt stand ein noch leerer Schuttcontainer, eine große, blaue Metallkiste von knapp fünf Metern Länge.

Jack stieg aus und sagte Eugenio, er solle am Truck warten. Er ging zur Haustür und klingelte. Eine Latina in einer kurzärmeligen blauen Bluse öffnete. Die Haushälterin. Jack stellte sich vor, sie ließ die Tür offenstehen und verschwand im Haus.

Jack kehrte zum Truck zurück, öffnete die Ladekiste hinter der Fahrerkabine, gab Eugenio einen schweren Werkzeugkasten und griff selber nach einem langen Stemmeisen. Eugenio nahm auf seine Anweisung hin noch eine Rolle Plastikfolie von der Ladefläche, dann gingen sie zum Haus.

In der großen Eingangshalle hing ein Kronleuchter, eine geschwungene Treppe führte ins obere Stockwerk hinauf. Der Teppich war weiß und würde leicht verschmutzen. Das Badezimmer lag oben, am Ende des Flurs.

»Roll hinter mir das Plastik aus«, sagte Jack zu Eugenio. »Hast du verstanden?«

»Ich verstehe.«

»Okay, dann folge mir.«

Sie gingen die Treppe hoch, und Eugenio spulte die Rolle hinter sich ab. Am Kopf der Treppe zog Jack sein Klappmesser heraus und schnitt das Plastik ab, um einen neuen Streifen im Flur zu verlegen. Bis zum Badezimmer, das vom Schlafzimmer abging, verbrauchten sie gute zehn Meter. Am Ziel schnitt Jack das Plastik wieder ab.

»Ich bringe das zum Truck zurück«, sagte Eugenio.

»Gute Idee. Da liegt auch eine Plane, bring die mit, aber stell erst das Werkzeug da drüben hin.«

Jack sah sich im Badezimmer um. Wie alles im Haus war es zu groß, es verfügte sowohl über eine Dusche als auch eine Badewanne. Die eine Hälfte sah immer noch nagelneu aus, die andere war bereits bis zur Trockenmauer abgerissen worden. Im Boden fehlten Fliesen. Am großen Spiegel über den beiden Waschbecken klebte eine dünne Staubschicht.

Mr. Leek, der Kunde, war Rechtsanwalt. Jack verstand nicht, warum der Mann ein völlig intaktes Badezimmer herausreißen wollte. Er hatte damit angefangen und den Job nicht zu Ende gebracht. Alles funktionierte noch – die Toilettenspülung, die Wasserhähne –, aber es sah aus, als wäre im Bad eine Bombe explodiert. Es würde noch schlimmer werden, bevor es wieder besser wurde.

Leek wollte eine neue Wanne und eine neue Duschkabine und neue Waschbecken und eine neue Toilette. Der verstaubte Spiegel war ungefähr das Einzige, das bleiben sollte. Jack hatte mit dem Anwalt zwei Tage lang Kataloge gewälzt, Armaturen ausgewählt, Wandfliesen und neue Lampen. Leek hatte genaue Vorstellungen, und Jack mischte sich nicht ein. Sein Job war es, den Traum wahr zu machen, seine Meinung behielt er für sich.

»Was machen wir zuerst?«, fragte Eugenio, als er zurück war. Er hatte seine dünne Jacke ausgezogen, die Kappe in die hintere Hosentasche gesteckt, sein Blick war aufmerksam. Ja, er war eine gute Wahl gewesen.

»Als Erstes klopfen wir die restlichen Fliesen von der Wand«, sagte Jack. »Danach reißen wir die Wanne raus.«

Sie legten die Plane aus, dann verteilte Jack das Werkzeug. Er fing am Fenster an, Eugenio bei den Waschbecken.

»Kümmer dich nicht um die Trockenwand. Die kommt raus, wir machen Zementplatten rein«, sagte Jack. »Wirf einfach alles in die Badewanne.«

Sie machten sich ans Werk, das Klopfen und Hämmern übertönte alles. Die sauberen, weißen Fliesen zerbrachen und lösten sich stückweise, darunter kam eine glatte graue Fläche zum Vorschein. Jack warf die Scherben in die Wanne, wo sie weiter zersplitterten. Der Abriss eines Badezimmers war einfache, mechanische Arbeit. Es war immer leichter, Dinge kaputtzumachen. Bis zum Mittagessen würden sie mit diesem Teil fertig sein.

Der Geruch von Staub stieg ihnen in die Nase. Sie atmeten ein und machten weiter.

3

Die Fliesen waren schneller abgeklopft als erwartet. Jack sagte der Haushälterin, die in der Küche die Arbeitsflächen schrubbte, dass sie jetzt schon Mittagspause machen und eine Weile weg sein würden. Im Truck verströmten die beiden Männer den Geruch von Arbeit.

Jack fuhr mit Eugenio zu einem McDonald’s, jeder holte sich einen Big Mac mit Fritten und eine Cola, dann parkten sie in einer Ecke des Parkplatzes in der prallen Sonne, ließen die Fenster herunter und aßen. Sie waren kurz vor dem Mittagsansturm gekommen, jetzt stauten sich die Autos vor dem Drive-in. Wenn der Rest des Tages auch so reibungslos lief, konnten sie vielleicht etwas früher Feierabend machen, aber Jack würde Eugenio in jedem Fall für acht Stunden bezahlen. Dieser Auftrag würde sie noch eine Weile beschäftigen, sie mussten sich nicht schon am ersten Tag verausgaben.

Jack bemerkte, dass Eugenio einen einsamen Baum betrachtete, der eingepfercht auf einem schmalen Grasstreifen am Rand des Parkplatzes stand. Der Baum machte einen traurigen, verwelkten Eindruck. Irgendwie überlebte er. »Eugenio«, sagte Jack, »woher kommst du?«

»Ich?«

»Ja. Wenn ich das fragen darf.«

»Anáhuac«, sagte Eugenio.

Jack nickte. »Kenne ich. Westlich von Nuevo Laredo, stimmt’s?«

»Sí.«

»Das ist nicht weit. Fährst du manchmal hin?«

»Nicht oft, señor.«

»Du brauchst nicht señor zu mir zu sagen. Jack reicht.«

»Okay.«

Jack hätte gerne mehr erfahren, spürte aber Eugenios Anspannung, steif saß er auf der Rückbank. Jack steckte die leere Big-Mac-Packung in die Papiertüte und knüllte alles zusammen. Der Müll landete in einer Plastiktüte, die hinter dem Fahrersitz an einem Haken hing. Jack mutete dem Wagen viel zu, hielt aber die Fahrerkabine sauber. »Ich frage nicht aus einem bestimmten Grund«, sagte er. »Nur zum Reden.«

»Está bien«, sagte Eugenio.

Jack sah auf die Uhr. Es war Zeit.

Sie arbeiteten bis zum Abend, dann brachte Jack Eugenio zurück zum Home Depot. Die Männer vom Morgen waren alle verschwunden, der Parkplatz voll besetzt mit Kundenautos. Ein Mann schob einen Karren mit etwa fünfzig Kilo Holz zu seinem Truck.

»Danke«, sagte Eugenio.

»Wenn du morgen wieder hier bist, arbeiten wir weiter, okay?«

»Morgen«, sagte Eugenio.

Er stieg aus dem Wagen, Jack fuhr los. Als er einen Blick in den Rückspiegel warf, hatte sich Eugenio bereits abgewandt.

4

Als Jack nach Hause kam, war der Galant aus der Einfahrt verschwunden. Er parkte so, dass für das kleine Auto Platz blieb, und stieg aus dem Truck. Ein paar Kinder spielten auf der Straße Basketball, den Korb hatten sie auf dem Gehweg aufgestellt. Das Geschrei drang bis zu ihm herüber.

Noch tat ihm nichts weh, das konnte morgen anders sein. Jack spürte, dass sein Rücken und die Arme vom Abklopfen der Fliesen und Bücken und Heben langsam steif wurden. Früher hatten ihm solche Tage nichts ausgemacht, er hatte eine Woche durcharbeiten können und nichts davon gemerkt.

Er trat ins Haus, seine Schlüssel landeten in der Glasschüssel neben der Tür. Im Wohnzimmer lief der Fernseher, irgendeine Spielshow. Jack hielt an der Tür inne, Lidia lag mit dem Handy am Ohr lang ausgestreckt auf dem Sofa, telefonierte mit irgendwem und verfolgte mit einem Auge die Sendung. Sie war dreizehn, telefonieren oder simsen war ihr liebstes Hobby.

»Hi«, sagte Jack.

»Hi, Jack.« Lidia legte die Hand aufs Telefon. »Du bist früh zu Hause.«

»Nein, genau pünktlich. Wo ist deine Schwester?«

»Bei Ginny. Sie sagt, zum Abendessen ist sie wieder da.«

»Okay. Ich geh duschen.«

Im Gehen hörte er Lidia sagen: »Alles okay, das war nur mein Stiefvater.«

Im Schlafzimmer zog er die Arbeitsklamotten aus und warf sie in den Wäschekorb, dann betrat er das kleine angeschlossene Badezimmer. Hier war weniger Platz als bei den Leeks, eine Wanne gab es nicht, nur eine Duschkabine mit Milchglas und Armaturen, die zu rosten begonnen hatten. Eigentlich hätte er das ganze Ding vor ein, zwei Jahren ersetzen wollen, war aber nie dazu gekommen. Wenigstens tropfte nichts.

Jack blieb länger in der Dusche als sonst und genoss die Wärme. Dann wickelte er sich ein Handtuch um die Hüften und stellte sich vor den Spiegel am Waschbecken. Er strich sich Rasierschaum ins Gesicht, machte den sprießenden Schnurrbarthaaren den Garaus und brachte mit einer kleinen Schere den Goatee wieder in Form. Das Rasierwasser brannte auf der Haut.

Er zog Shorts und ein löchriges T-Shirt an und ging in die Küche. Da es noch zu früh war, um das Abendessen vorzubereiten, holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte sich an den Tisch und schaute durch die Schiebetür in den Hinterhof hinaus, auf den Maschendrahtzaun und die quadratische Terrasse mit dem Betonboden. Vor Jahren hatte er überlegt, dort für Lidia eine Schaukel aufzustellen, aber da war sie schon zu alt für solche Sachen gewesen, und Marina sowieso. Er hätte die beiden gerne schon als kleine Kinder gekannt.

Alles war still, niemand kam durch die Haustür und in die Küche gewuselt. Etwa um diese Uhrzeit wäre Vilma nach ihrer Zwölf-Stunden-Schicht im Krankenhaus nach Hause gekommen. Sie hätte Jack umarmt, ihm einen Kuss gegeben und gefragt, wie sein Tag gewesen war. Auch heute noch wartete Jack auf das Geräusch von Vilmas Galant in der Einfahrt, aber jetzt kündigte es an, dass Marina nach Hause kam, nicht ihre Mutter.

Jack trank sein Bier aus und steckte die Flasche zum Recyceln in eine Papiertüte. Er stellte eine große Bratpfanne auf den Herd, holte ein Kilo Rinderhack aus dem Kühlschrank und krümelte es in die heiße Pfanne. Es zischte, der Duft von gebratenem Fleisch breitete sich aus.

Der Hamburger Helper köchelte auch schon, als Jack Marina nach Hause kommen und das Klimpern ihrer Schlüssel in der Glasschüssel hörte. »Hey, Marina«, rief er.

»Hey, Jack«, kam es zurück.

»Noch zehn Minuten, okay?«

»Zehn Minuten.«

Lidia erschien in der Küche, das Handy immer noch ans Ohr geklebt, und kramte im Kühlschrank herum. »Ist noch Erdbeerlimo da?«, fragte sie.

»Ist alle. Mit wem redest du da? Hör auf zu telefonieren und deck den Tisch.«

Lidia verdrehte die Augen und verschwand. Jack dachte, sie würde nicht zurückkommen, aber eine Minute später tauchte sie wieder auf, das Handy steckte jetzt in ihrer Hosentasche. »Ich war gerade mitten im Gespräch«, sagte sie.

»Du kannst nach dem Abendessen zurückrufen. Außerdem verplemperst du dein Guthaben.«

»Das Guthaben ist billig.«

»Du bezahlst es ja nicht.«

»Was für einen Helper hast du heute genommen?«

»Beef Pasta.«

»Igitt.«

»Du wirst es überleben.«

Lidia deckte für drei und stellte eine Zwei-Liter-Flasche Sprite auf den Tisch. Jack behielt sowohl die Pfanne im Auge, damit nichts überkochte, als auch Lidia. Er wünschte sich, Lidia wäre mehr wie Vilma, aber sie sah ihr nur wenig ähnlich, sie kam nach ihrem Vater, wie Vilma immer gesagt hatte. Jack hatte nur ein paar Fotos von ihm gesehen und konnte nicht viel dazu sagen.

Marina kam, als das Essen auf dem Tisch stand. Sie war ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen mit den gleichen dunklen Haaren und der braunen Haut wie ihre Schwester, aber im Gesicht und manchmal auch in den Bewegungen Vilma viel ähnlicher. Sie berührte Jacks Arm. Es war das Gleiche wie eine Umarmung. »Was riecht so gut?«, fragte sie.

»Das Übliche.«

»Ich liebe das Übliche!«

Jack nahm die Pfanne vom Herd. »Du machst dich lustig.«

»Vielleicht ein bisschen.«

»Na, setz dich und lass uns essen.«

Er verteilte das Essen direkt aus der Pfanne auf die Teller. Lidia zog die Nase kraus, aber als Jack sich setzte, kaute sie bereits. Das Tischgebet sprachen sie seit fünf Jahren nicht mehr. Das war Vilmas Angewohnheit gewesen.

Zunächst aßen sie schweigend. Jack stellte überrascht fest, wie hungrig er war. »Wie geht’s Ginny?«, fragte er schließlich.

»Gut«, sagte Marina. »Sie fährt nächste Woche nach Padre Island.«

»Mit ihren Eltern?«

»Ja, ich glaub schon. Sie wollte wissen, ob wir auch wegfahren.«

Jack runzelte die Stirn. »Ich habe einen Auftrag.«

»Das hab ich ihr gesagt.«

»Ihr Vater arbeitet in einem Büro, oder?«

»In einer Bank.«

»Ist das Gleiche. Bezahlter Urlaub. Mir zahlt niemand was, wenn ich Urlaub mache.«

»Ist nicht schlimm«, sagte Marina und schaute auf ihren Teller hinab.

»Vielleicht können wir irgendwohin fahren, wenn du den Job fertig hast«, sagte Lidia.

Jack kaute, aber das Essen schmeckte ihm nicht mehr. Er spülte den Bissen mit Sprite herunter. »Das dauert noch ein paar Wochen«, sagte er. »Wenn ich fertig bin, fängt die Schule wieder an. Aber wisst ihr was: Nächstes Frühjahr fahren wir zusammen weg. Übers Wochenende. Oder vielleicht ein paar Tage länger.«

»Schon gut«, sagte Lidia. Jack wusste, dass es das nicht war.

Sie schwiegen wieder. »Ich weiß noch, wie wir damals in Tampico waren. Erinnert ihr euch?«, fragte Jack.

Lidia nickte. Sie stocherte in ihrem Essen herum.

»Das war ein schöner Ausflug«, sagte Jack und dachte an die Fahrt, den Strand und das schöne Hotel mit dem großen Swimmingpool. Vilma hatte so gesund ausgesehen. Niemand hatte irgendetwas geahnt.

»Das war gut«, stimmt Lidia zu.

»Ja, wirklich.«

»Ich bin satt«, sagte Lidia.

»Wie kannst du satt sein? Dein Teller ist noch halb voll.«

»Ich bin wirklich satt, Jack.«

Jack seufzte. »Okay. Tu den Rest zurück in die Pfanne, ja? Man muss ja nichts verschwenden.«

Lidia tat es und stellte den Teller ins Spülbecken. Sie verschwand aus der Küche, kurz darauf hörte Jack sie wieder telefonieren.

Marina sah ihn an. »Tut mir leid, dass ich es angesprochen habe.«

»Was? Nein, du kannst über alles reden. Ist doch schön, dass Ginnys Familie an die Küste fahren kann. Du weißt, wie schwierig es ist, im Sommer wegzukommen. Alle wollen die Bauarbeiten erledigt haben, solange es warm ist.«

»Ich weiß.« Marina legte ihre Hand auf Jacks. »Wie gesagt, ist nicht schlimm.«

Jack hatte noch etwas zu essen auf seinem Teller, aber keinen Appetit mehr. Er stand auf und kratzte den Rest in die Pfanne. »Ich fahre mit euch weg, sobald es geht«, sagte er. »Ich will nicht immer Nein sagen müssen.«

»Jack –«

»Ja, ich weiß: Ist nicht schlimm. Es ist eben so, dass ich Geld verdienen muss, solange die Sonne scheint. Im Winter gibt’s dann nur noch kleine Reparaturen, und wir müssen von dem leben, was ich jetzt verdiene.«

»Soll ich dir beim Abräumen helfen?«

»Ja, gern.«

Er schaute zu, während Marina die Essensreste in Plastikschalen portionierte und sie in den Kühlschrank stellte. Es war einer der Momente, in denen er ihre Mutter in ihr sehen konnte, sie packte an, ohne viel Aufhebens zu machen. Jack ließ heißes Wasser ein und gab Spülmittel dazu. Er wusch ab, Marina trocknete.

»Ich hab gedacht, ich könnte mir vielleicht einen Job suchen«, sagte sie.

»Was für einen?«

»Keine Ahnung. Irgendwas in Teilzeit.«

»Es ist im Moment nicht leicht, was zu finden.«

»Ich könnte mich umsehen. Dann bräuchtest du mir kein Taschengeld mehr zu geben.«

Die Teller und Gläser und die Pfanne waren sauber. Jack ließ das Wasser ab. »Du musst nicht arbeiten. Wir verhungern schon nicht.«

»Ich weiß. Aber Ginny hat einen Job in dem Schmuckladen in der Mall, vielleicht kann ich da nach der Schule auch ein paar Stunden arbeiten. Das wäre doch was.«

Jack nickte. »Einverstanden. Aber die Schule geht vor.«

»Klar.«

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er roch ihren sauberen Duft, ganz anders als der antiseptische Geruch, mit dem Vilma immer von der Schicht gekommen war. Er konnte sich Marina gut als Krankenschwester vorstellen.

»Ich meine es ernst«, sagte er. »Die Noten.«

»Darum brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Danke, Jack.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte er.

»Ich gehe in mein Zimmer. Falls du mich brauchst, ich lasse die Tür offen.«

»Wenigstens verschleuderst du nicht dein ganzes Handyguthaben.«

»Telefonieren ist billig.«

Er sah ihr nach, dann holte er sich ein weiteres Bier aus dem Kühlschrank. Ein drittes würde es nicht geben. Zwei waren das absolute Limit. Er setzte sich an den Tisch und sah die Sonne hinter den Dächern gegenüber verschwinden. Es würde lange dämmern, und er würde im Bett sein, wenn es noch hell war.

Lidia rief etwas im Nebenzimmer. Jack trank sein Bier. Am anderen Ende des langen Flurs, der das Haus teilte, stand Marinas Tür offen, und Jack konnte sehen, dass sie am Schreibtisch vor dem Computer saß und tippte. Alle waren beschäftigt.

5

Am Morgen machte Jack alles wie immer und verließ das Haus trotzdem früher als sonst. Zur Belohnung legte er auf dem Weg zum Home Depot einen Zwischenstopp ein und holte sich ein Wurstsandwich und einen großen Kaffee. Kurz überlegte er, einen zweiten Kaffee für Eugenio zu besorgen, ließ es dann aber sein.

Der Kaffee war noch zu heiß, Jack aß das fettige Sandwich auf dem Parkplatz und fuhr wieder los. Das Home Depot lag ganz in der Nähe, das Schild war schon in Sichtweite. Obwohl es noch sehr früh war, warteten dort bereits viele Männer.

Jack wusste heute, wen er haben wollte, und fand Eugenio schnell. Er hielt und ließ das Fenster herunter. »Spring vorne rein.«

Er wartete noch, bis Eugenio den Gurt angelegt hatte, und fuhr los, ohne die langsam auf ihn zutreibende Menge zu beachten.

Diesmal hatte Eugenio keinen Kaffeebecher dabei. Jack nahm seinen aus dem Halter und hielt ihn Eugenio hin. »Hier. Kaffee.«

»Ich brauche keinen.«

»Nun nimm schon.«

Eugenio zögerte und nahm Jack den Becher dann aus der Hand. »Gracias.«

»De nada. Es ist Milch und Zucker drin, hoffentlich ist das okay.«

»Kein Problem.«

Jack beobachtete Eugenio aus dem Augenwinkel. Ob er heute Morgen gefrühstückt hatte? Oder trank er den Kaffee auf leeren Magen? Ein Kaffee kostete einen halben Stundenlohn. Ein Luxus, den man sich nur selten gönnte. Jack konnte heute ohne leben.

Sie fuhren zum Haus des Anwalts und verbrachten den Morgen damit, die Bodenfliesen herauszureißen. Staub hing in der Luft, Eugenios Hände waren kreideweiß. »Wasch dich ab«, sagte Jack. »Wir gehen Mittag essen.«

Sie aßen bei McDonald’s, die Sonne schien auf ihre Sitznische, die goldenen Bögen warfen einen Schatten auf den Tisch und den Fußboden. Jack fiel auf, dass Eugenio seinem Blick auswich, immer schaute er nach links oder rechts, nie geradeaus. Eine Weile schwiegen sie. Das Restaurant füllte sich langsam.

»Du machst gute Arbeit«, sagte Jack schließlich.

»Danke«, antwortete Eugenio, ohne den Blick zu heben.

»Ich meine, ich brauch dir nichts zu zeigen. Du weißt, was du tust.«

Eugenio schwieg. Er schraubte umständlich den Deckel von seiner Wasserflasche und nahm mehrere große Schlucke. Wieder sah er Jack nicht an.

Jack überlegte. »Weißt du, ich hab gestern bloß so gefragt, wo du herkommst. Ohne Hintergedanken.«

»Ich habe eine Green Card«, erwiderte Eugenio schlicht.

»Ich habe nicht danach gefragt.«

Eugenio nickte und sah Jack einen kurzen Moment lang ins Gesicht. Jack hätte zu gern gesagt: Verdammt, jetzt schau mir einfach in die Augen, ließ es aber. »Ich habe eine Green Card«, wiederholte Eugenio.

»Ich glaube dir.«

Wieder herrschte Schweigen zwischen ihnen, bis Jack fragte: »Hast du hier Verwandte?«

Zuerst dachte er, Eugenio würde nicht antworten. Er sah, wie er mit sich rang. Er wusste nicht einmal, warum er überhaupt gefragt hatte.

»Nein. Ich bin allein«, sagte Eugenio schließlich.

»Hast du drüben Verwandte?«

Diesmal kam die Antwort schneller. »Ich habe eine Frau. Zwei Töchter.«

»Echt? Ich habe auch zwei Töchter. Na ja, sie sind von meiner Frau. Ich bin der Stiefvater.« Jack zog seine Brieftasche heraus und klappte sie auf. »Das sind sie. Die Jüngere heißt Lidia, die Ältere Marina. Das Bild ist ein paar Jahre alt.«

Eugenio betrachtete das Foto und nickte leicht. »Meine Töchter sind jünger.«

»Wie alt?«

»Acht und neun.«

»Hast du Fotos?«

Wieder ein Nicken. Eugenio brachte seine Brieftasche zum Vorschein, eine zerschlissene Lederbörse, in der zwei Fotos steckten, die Eugenio auf den Tisch legte wie Spielkarten. Auch diese Bilder waren alt, aber die Mädchen sahen gesund, munter und pausbäckig aus.

»Wie heißen sie?«

»Evangelina.« Eugenio zeigte auf das ältere Mädchen. Dann legte er den Finger auf das andere Foto. »Antonia.«

»Hübsche Namen. Usted tiene hijas bonitas.«

»Gracias«, sagte Eugenio, und diesmal hob er den Blick. Zum ersten Mal sahen sie sich direkt in die Augen, einen kurzen Augenblick lang. Dann sammelte Eugenio die Fotos ein und steckte sie wieder in die Lederbörse.

»Wann hast du sie zum letzten Mal gesehen?«, fragte Jack.

»Vor einem Jahr.«

»Das ist lange her.«

»Ja.«

»Meine Frau war Mexikanerin«, sagte Jack. »Hat einen Ami geheiratet, ist nach Texas gezogen, bekam die Mädchen. Und dann ist ihr Mann gestorben. Später sind wir zusammengekommen und haben geheiratet. Dann ist sie krank geworden. Und vor fünf Jahren gestorben.«

»Du ziehst die Töchter deiner Frau alleine auf?«, fragte Eugenio.

»Ja, gibt nur mich. Ich schicke sie zur Schule und sorge für sie. Sie haben in Mexiko Verwandte, mit denen wir in Kontakt stehen, aber die Mädchen sind Amerikanerinnen. Ich glaube nicht, dass sie auf der anderen Seite der Grenze klarkämen. Sie haben … wie soll ich sagen? Marina nennt es ›Erste-Welt-Probleme‹. Ihr Handy funktioniert nicht, oder sie haben nicht genug Geld für die Mall, solche Sachen.«

Eugenio nickte wieder, und Jack spürte, dass die Verbindung abriss. Er konnte nicht mal genau sagen, warum er damit angefangen hatte, vielleicht weil Eugenio ein Mann war und ihn verstehen würde, aber Eugenio konnte »Erste-Welt-Probleme« nicht nachvollziehen. Er dachte nie weiter als bis zum nächsten Tag, zum nächsten Dollar, zum nächsten Job.

»Auf geht’s«, sagte Jack.

Sie machten sich auf den Weg.

An einer Baustelle wurden drei Spuren zu einer zusammengeführt. Der Verkehr schlich voran, überall wurde geblinkt, alle versuchten, sich irgendwo einzufädeln. Jack drehte das Radio an und nickte. »Hast du einen Lieblingssender? Stell ihn ruhig ein.«

Eugenio zögerte, als wäre der Knopf heiß, doch dann suchte er einen mexikanischen Sender aus, der aus Nuevo Laredo über die Grenze sendete. Jack erkannte weder die Namen noch die Stimmen der Moderatoren, aber das Format war das Gleiche wie hier in Texas. Er hatte etwas Mühe, mit dem schnellen Geplapper und den Witzen der DJs zwischen den Liedern mitzukommen.

»Lustig«, bemerkte Eugenio nach ein paar Minuten.

»Ja, wirklich.«

Sie brauchten für eine einzige Meile fast eine halbe Stunde, endlich passierten sie die Baustelle, und danach war der Weg zum Haus des Anwalts frei. Jack war versucht, aufs Gas zu treten, um die verlorene Zeit zumindest teilweise aufzuholen, widerstand aber. Vilma hatte ihn immer ermahnt, vorsichtig zu fahren. Er hielt sich daran.

»Wir machen noch den Boden fertig«, sagte er zu Eugenio.

»Okay.«

»Dafür werden wir eine Weile brauchen. Wenn wir dann noch Zeit haben, fangen wir mit –«

Im Rückspiegel blitzte Licht auf, Jack brach ab. Ein schwarzer Wagen hatte sich hinter sie gesetzt, flackernd leuchtete rot-blaues Warnlicht auf.

Auch Eugenio hatte das Licht bemerkt, und Jack spürte seine Anspannung. Jack fuhr langsamer, hielt auf dem Seitenstreifen vor einem Supermarkt und stellte den Motor ab.

Er beugte sich vor und öffnete das Handschuhfach, wo in einer kleinen schwarzen Kladde die Autopapiere und seine Versicherungskarte lagen. Als er sich aufrichtete, sah er zwei Männer aus dem anderen Wagen steigen. Sie kamen auf ihn zu und stellten sich links und rechts neben den Truck. Keiner der beiden trug Uniform.

Der Mann auf der Fahrerseite klopfte an die Scheibe und zeigte eine Dienstmarke, die Jack nicht erkannte. Er ließ das Fenster herunter. »Ich glaube nicht, dass ich zu schnell gefahren bin«, sagte er.

»Nein, sind Sie nicht«, sagte der Mann. »Mein Name ist Jesse Dreier. Ich arbeite für die Einwanderungs- und Zollbehörde. Das ist mein Kollege. Würden Sie mir bitte sagen, wo Sie hinwollen?«

Jack war versucht, den Kopf zu drehen und Eugenio anzusehen, tat es aber nicht. Er hielt die schwarze Kladde noch immer in der Hand. »Ich bin Handwerker. Ich fahre gerade zu einer Baustelle.«

»Der Mann neben Ihnen ist Ihr Angestellter?«

»Genau.«

»Würden Sie bitte aussteigen, Sir?«

Er gehorchte, aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass der andere Mann die Beifahrertür öffnete und Eugenio auf Spanisch anwies, ebenfalls auszusteigen. Jack bemerkte, dass Dreier eine Waffe am Gürtel trug und dass das, was ihn so kräftig wirken ließ, eine schusssichere Weste war.

»Gehen wir da rüber«, sagte Dreier und deutete auf seinen Wagen. Das Warnlicht war immer noch an. Jack wandte Eugenio jetzt den Rücken zu und konnte nicht hören, was gesagt wurde.

Dreier sah ihn an. »Wie lange ist dieser Mann schon bei Ihnen angestellt?«

»Seit ein paar Tagen.«

»Sie stellen ihn als Tagelöhner ein?«

»Genau.«

»Haben Sie sich seine Papiere zeigen lassen? Die Arbeitserlaubnis? Irgendwas in der Art?«

»Er sagt, er hat eine Green Card.«

»Haben Sie sie gesehen?«

»Na ja, nein. Ich hab nicht danach gefragt.«

»Er ist also kein amerikanischer Staatsbürger«, sagte Dreier.

»Nein. Er sagt, er kommt aus Anáhuac.«

»Gut. Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen, Sir?«

Jack zog seine Brieftasche hervor und zeigte dem Mann seinen Führerschein. Dreier zog ihn aus der Plastikhülle, gab Jack die Brieftasche zurück und stieg in seinen Wagen. Jack sah ihn zum Handy greifen.

Er warf einen Blick hinüber zu Eugenio, halb erwartete er, ihn in Handschellen am Boden liegen zu sehen, Dreiers Kollege auf seinem Rücken. Doch die beiden redeten nur. Dreiers Kollege drehte eine Karte in den Händen hin und her.

Dreier stieg wieder aus dem Wagen und gab Jack den Führerschein zurück. »Danke für Ihre Mithilfe, Mr. Searle.«

»Wird es irgendwie Ärger geben?«, fragte Jack.

Dreier sah ihn ausdruckslos an. »Nein, keinen Ärger. Wir müssen nur was klären.«

»Ich frage bloß.«

Dreiers Kollege gab ein Zeichen mit der Hand. Dreier winkte zurück. »Mr. Searle«, sagte er, »ich muss Sie bitten, uns aufs Polizeirevier zu folgen. Ihr Angestellter wird bei uns mitfahren.«

»Ich weiß nicht mal, wo das Revier ist.«

»Wir zeigen Ihnen den Weg.«

6

Sie ließen ihn auf einem Plastikstuhl Platz nehmen, der mit anderen zu einer langen Reihe zusammengeschraubt war. Jacks Cola wurde allmählich schal, er nippte nur noch daran, weil er nichts Besseres zu tun hatte. Polizisten kamen und gingen und schenkten ihm keine Beachtung. Dreier und seinen Kollegen sah er über eine Stunde lang nicht. Er fragte sich, ob Leeks Haushälterin auf sie wartete, ob er anrufen sollte.

Eugenio bekam er nicht mehr zu Gesicht. Sie hatten ihm Handschellen angelegt und ihn in den Polizeiwagen gesetzt, beim Aussteigen war er Jacks Blick ausgewichen. Jack war nichts Tröstliches eingefallen. Als man Eugenio wegbrachte, stand er stumm daneben.

Nach langem Warten sah er Dreier mit zwei Polizisten in Uniform und seinem Kollegen hinter einer Glaswand stehen. Als der Kollege herüberschaute, senkte Jack reflexartig den Blick. Er trug keine Handschellen, kam sich aber so vor.

Schließlich ertönte ein elektrisches Summen, dann tauchte Dreier mit einigen ausgedruckten Seiten in der Hand auf. »Bitte kommen Sie mit, Mr. Searle.«

Am Ende eines scheinbar endlos langen Korridors bogen sie links ab und kamen an ein paar identisch aussehenden geschlossenen Türen mit Nummern vorbei. Dreier schloss eine auf und bat Jack herein. In dem winzigen Zimmer standen ein kleiner Tisch und drei Stühle. An der Decke war eine Kamera mit einer rot leuchtenden Lampe befestigt.

»Nehmen Sie Platz.«

Jack setzte sich.

»Bevor Sie fragen«, sagte Dreier, »Sie stehen nicht unter Arrest. Sie haben keine Anzeige zu erwarten. Sie können jederzeit gehen. Sie müssen nicht mal mit mir reden.«

»Schon gut«, sagte Jack.

»Okay.« Dreier setzte sich. Er legte die Seiten mit der Schrift nach unten auf den Tisch. »Nur damit Sie wissen, wo Sie stehen.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Jack.

»Unter welchem Namen kennen Sie den Mann, den Sie angestellt haben?«

»Eugenio.«

»Kein Nachname?«

»Nein, hab ich nie nach gefragt.«

»Und er hat gesagt, er käme aus Anáhuac in Mexiko.«

»Genau.«

»Stellen Sie oft Männer vom Home-Depot-Parkplatz ein?«

»Ab und zu. Ich bekomme alle möglichen Aufträge und kann es mir nicht leisten, Leute zu bezahlen, wenn es keine Arbeit gibt. Es ist einfacher, sie bei Bedarf zu holen.«

»Was zahlen Sie ihnen?«

»Acht Dollar die Stunde plus Mittagessen.«

Dreier zog eine Augenbraue hoch. »Nicht viele Handwerker zahlen Tagelöhnern heutzutage den Mindestlohn.«

»Ich zahle, was ich für fair halte.«

»Sicher, ich verstehe. Und Sie kümmern sich nicht um Steuern und solche Sachen.«

»Hören Sie, ich –«

Dreier hob die Hand. »Ich meine bloß, Mr. Searle. Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Sie sind nicht der Erste, der sich den Papierkram spart, und Sie werden nicht der Letzte sein. Wir unterhalten uns bloß.«

»Ich erwarte nur ehrliche Arbeit für ehrlichen Lohn«, sagte Jack.

»Das verstehe ich. Wie viele Männer haben Sie von dem Parkplatz da geholt, sagen wir mal, im letzten Jahr?«

»Fünf oder sechs.«

»Können Sie sich an Namen erinnern?«

»Nicht wirklich.«

»Würden Sie sie auf Fotos erkennen?«

»Vielleicht. Das also wollen Sie von mir?«

»Später.« Dreier legte die Fingerspitzen aneinander. »Wissen Sie, wir gehen davon aus, dass neun von zehn Männern auf dem Parkplatz illegal hier sind. Wir könnten sie jeden Tag abgreifen. Wie wir es heute Morgen gemacht haben. Und wissen Sie was? Morgen ist der Parkplatz dann voll mit lauter neuen Gesichtern.«

»Wenn ich aufhören soll, Tagelöhner einzustellen, tue ich das«, sagte Jack.

»Das meine ich gar nicht. Sie sollten sich nur bewusst sein, dass Sie gegen das Gesetz verstoßen. Es gibt jede Menge legale Arbeiter, die Sie einstellen könnten. Auch jede Menge Mexikaner, wenn die Ihnen lieber sind.«

»Hören Sie, er hat gesagt, er hätte eine Green Card.«

»Er hatte eine. Gefälscht.«

»Würde ich nicht erkennen«, sagte Jack.

»Ehrlich gesagt, wenn ich nicht wüsste, worauf man achten muss, hätte ich es auch nicht erkannt«, sagte Dreier. »Aber es war eine Fälschung, und ›Eugenio‹ hält sich illegal bei uns auf. Sie haben Glück gehabt: Manche der Typen sind kriminell und knöpfen ihren Auftraggebern das Geld ab, oder Werkzeug oder was auch immer. Ihr Mann war sauber. Wer weiß, vielleicht heißt er sogar wirklich Eugenio.«

Jack atmete tief ein. »Und was wird jetzt aus ihm?«

»Er wird in ein, zwei Tagen abgeschoben.«

»Und was passiert mit mir?«

»Nichts.«

»Nichts?«

»Ganz genau. Ich bin ehrlich zu Ihnen: Mir fehlt die Zeit, jeden Handwerker hochzunehmen, der billige Arbeitskräfte beschäftigt. Und in diesem Fall haben Sie jemanden erwischt, der behauptete, eine Green Card zu haben und sie sogar bei sich trug. Das ist die Mühe nicht wert.«

»Und was ist das?« Jack deutete auf die Seiten.

»Oh, das? Das ist Ihre Akte. Keine Einträge.«

Jacks Schultern sackten nach unten. Erst jetzt merkte er, wie angespannt er gewesen war. Er richtete sich auf. »Vermutlich sagen Sie mir jetzt, dass ich in Zukunft aufpassen soll.«

»Das ist wohl nicht nötig. Sie haben es kapiert.«

»Kann ich dann gehen?«

»Können Sie.«

Jack erhob sich, Dreier ebenfalls. Er hielt Jack die Hand hin, er schlug ein. »Ich finde den Weg«, sagte er.

»Macht es Ihnen was aus, wenn ich Sie trotzdem begleite?«

»Kann ich Sie davon abhalten?«

Sie durchquerten wieder den langen Korridor. In der Eingangshalle herrschte Eile und Gedränge. Cops und Kriminelle. Opfer. Das Licht fiel in großen Rechtecken auf den gefliesten Boden, Jack blieb mitten in einem stehen.

»Passen Sie auf sich auf, Mr. Searle«, sagte Dreier. »Hoffentlich kreuzen sich unsere Wege nicht noch einmal.«

»Das hoffe ich auch.«

Jack verließ das Polizeirevier und kehrte zu seinem Truck zurück. Es war fast fünfzehn Uhr.

7

Das Polizeirevier im Zentrum von Nuevo Laredo, eins von mehreren in der Stadt, war nicht groß. Es mochte Gründe dafür gegeben haben, die Reviere dort einzurichten, wo sie waren, aber sie wirkten fast wie zufällig verteilt, die Zuständigkeiten überschnitten sich, die Lücken wurden von der Armee und der Bundespolizei, der Policía Federal, gefüllt. Der Eingang zum Gebäude war mit Betonpfeilern und Stacheldraht geschützt. Auf einigen Fenstersimsen lagen Sandsäcke.

Als ein dünner Mann in Arbeitskleidung das Revier betrat, bemerkte Gonzalo Soler ihn nicht gleich. Auf Gonzalos Schreibtisch stapelten sich Akten, jede verlangte seine Aufmerksamkeit, und er musste entscheiden, welche warten konnte und welche Priorität hatte. Als Polizist war er fast so etwas wie ein Arzt, der Verwundete nach Dringlichkeit einordnet. Gonzalo konnte nicht allen Akten die gleiche Aufmerksamkeit widmen, gab sich aber Mühe, zumindest einen Blick in jede zu werfen.

Pepito Barriga bemerkte den Mann zuerst. »Ach, verdammt.«

Gonzalo sah zu seinem Kollegen hinüber. »Was ist los?«

»Dieser Typ ist wieder da«, sagte Pepito. »Er war schon gestern hier, und vorgestern. Ich hab ihm gesagt, er soll nach Hause gehen und dort bleiben, aber er hört einfach nicht auf mich.«

Jetzt sah auch Gonzalo den Mann. Er war so dünn, dass er kurz vor dem Verhungern zu stehen schien, und trug eine zerschlissene braune Arbeitskluft, die sich seiner sonnengebräunten Haut angeglichen hatte. Insgesamt machte er den Eindruck einer wettergegerbten, schmutzigen Vogelscheuche auf einem Stoppelfeld. Er stand vor dem Tresen des Wachhabenden am Eingang, umklammerte seine Baseballkappe und warf den beschäftigten Polizisten, die ihm keinerlei Beachtung schenkten, flehende Blicke zu.

»Was will er?«, fragte Gonzalo.

»Geht um seine Tochter. Glaub mir, nicht der Mühe wert.«

Der Mann sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben und war sogar aus der Entfernung spürbar. Gonzalo klappte die vor ihm liegende Akte zu, stand auf und zog sein Jackett über.

Pepito bemerkte es. »Ich sag doch, spar dir deine Zeit.«

»Ich will nur mal mit ihm reden.«

»Von mir aus. Aber bitte mich nicht um Hilfe.«

»Mache ich nicht.«

Gonzalo ging zwischen den Tischen hindurch, von denen manche leer, manche besetzt waren. Als er den Mann im Eingangsbereich erreicht hatte, streckte er die Hand aus. »Hallo. Ich bin Inspector Gonzalo Soler. Mein Kollege meinte, Sie hätten ein Problem.«

»Ja«, sagte der Mann. »Der da drüben. Mit dem habe ich schon gesprochen.«

»Ich würde gerne hören, was Sie zu sagen haben. Wie heißen Sie?«

»Tomás Contreras.«

»Wohnen Sie in der Stadt?«

»Nein, señor. Ich arbeite auf einer Farm in der Nähe von Sabinas Hidalgo.«

»Das ist etwa eine Stunde von hier, oder? Nicht weit.«

»Nein, nicht weit.«

»Kommen Sie doch mit an meinen Schreibtisch, dann können Sie mir erzählen, was passiert ist.«

Gonzalo ging voraus, holte dem Mann einen Stuhl und ignorierte Pepitos Blick. Er nahm einen Notizblock und einen Stift aus einer Schublade, schlug eine leere Seite auf und schrieb den Namen des Mannes auf.

»Es geht um meine Tochter«, sagte Tomás, als Gonzalo bereit war. »Sie heißt Iris.«

»Wie alt ist sie?«

»Zwanzig.«

»Haben Sie noch andere Kinder?«

»Ja«, sagte Tomás. »Zwei. Einen Jungen und ein Mädchen, beide jünger.«

Gonzalo wurde klar, dass das Alter des Mannes nur schwer abzuschätzen war. Lange Tage und Wochen und Monate unter der Sonne hatten sein Gesicht gegerbt, Staub schien sich in jede Falte gelegt zu haben. So ähnlich hatte Gonzalos Vater ausgesehen, kurz bevor er gestorben war. »Wo ist Ihre Tochter jetzt?«, fragte er.

»Hier. In Nuevo Laredo.«

»Sie lebt hier?«

»Ja. Seit drei Monaten.«

»Was macht sie hier?«

In dem Moment verzog Tomás so schmerzvoll das Gesicht, dass Gonzalo dachte, der Mann wäre irgendwie verletzt. Er kämpfte ganz offensichtlich mit seinen Gefühlen, in seinen Augen glänzten Tränen. »Verzeihen Sie, Inspector«, sagte er.

»Schon gut. Fangen Sie einfach an, wenn Sie so weit sind.«

Tomás nickte, atmete tief ein und zerrieb die Tränen in seinen Augen mit den Fingerknöcheln. Seine Brust hob und senkte sich. »Ich habe alles schon dem anderen Polizisten erzählt«, sagte er schließlich.

»Ich verstehe, aber ich höre es jetzt zum ersten Mal.«

Der Mann sah Gonzalo an, jede Falte in seinem Gesicht war verzogen. »Meine Tochter … Iris … arbeitet in Boy’s Town, Sir. In Boy’s Town.«

8

Jack kam früh nach Hause. Die Mädchen waren noch bei ihren Freundinnen oder in der Mall, oder wo immer sonst sie sich die freien Spätsommernachmittage vertrieben. Er stellte das Radio in seinem Schlafzimmer so laut, dass er es bei geöffneter Badezimmertür unter der Dusche hören konnte, und sang aus voller Kehle mit, schließlich hörte ihn niemand. Er entdeckte einen Schnitt an seiner Hand, der ihm vorher nicht aufgefallen war, und säuberte ihn. Handwerkerhände waren immer dreckig, eine Entzündung konnte er nicht gebrauchen.

Nach dem Duschen zog er sich an und ging nach hinten in den Garten, zupfte eine halbe Stunde lang Unkraut und warf die Pflanzen in eine alte, verrostete Schubkarre, die früher knallorange gewesen war. Dann schob er die Karre vor das Haus und machte dort weiter. Am Wochenende würde er den Rasenmäher herausholen und das Gras richtig schneiden.

Irgendwie kam ihm die Schubkarre schwerer vor, als er sie wieder nach hinten rollte, was nicht an den welkenden Pflanzen lag, sondern an seiner plötzlich düsteren Stimmung. Er leerte den Inhalt der Karre in die Mülltonne und stellte sie in die Garage zurück.

Im Haus war es sehr still. Jack stellte sich vor, wie es sein würde, wenn Marina und Lidia ausgezogen wären, was seine trüben Gedanken nur verstärkte.

Wenn die Schule wieder anfing, würde Marina in ein Community College gehen, irgendwo in der Nähe. Sie würde zu Hause wohnen und in ihrem Bett schlafen, und Jack würde für sie sorgen, wie er es immer getan hatte. Das Gleiche galt für Lidia. Er hatte es ihnen nie gesagt, aber sie wussten, so lange er lebte, waren sie bei ihm immer zu Hause. Das hatte er Vilma versprochen, und er würde sich daran halten.

»Bier«, sagte er laut. Er holte eine Flasche und ließ sie schwitzen, bevor er sie öffnete. Dann setzte er sich auf den alten La-Z-Boy-Sessel im Wohnzimmer und starrte die dunkle Mattscheibe des Fernsehers an. Er konnte das Parfüm riechen, das Lidia neuerdings trug. Das Sofa war wie ihre Kommandozentrale, sie legte die Füße hoch und lebte per Handy.

Er hörte Marinas Wagen in der Auffahrt und wartete. Die Schlüssel klimperten. Sie kam herein und sah ihn.

»Du trinkst alleine?«, fragte sie.

»Nur eins«, sagte er.

»Ich hab die Flaschen im Kühlschrank gezählt, ich weiß also, wenn du lügst«, erwiderte sie und hängte ihre Tasche an den Haken neben der Tür.

»Hast du nicht«, sagte er.

»Vielleicht nicht, vielleicht doch. Wer weiß.«

»Das ist das erste und einzige Bier«, wiederholte Jack.

»Ich glaube dir.«

Marina kam ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Jack sah, dass sie eine neue Bluse und frische Jeans und Pumps anstelle von Turnschuhen trug. »Hübsch siehst du aus«, sagte er.

»Ach, das? Ich bin bei dem Ohrringladen vorbeigegangen, von dem ich dir erzählt hatte, und habe mit der Managerin gesprochen. Ich wollte professionell wirken, weißt du?«

»Klar, verstehe ich.«

»Sie hat gesagt, ich kann nächsten Dienstag zu einem Vorstellungsgespräch kommen. Sie meinte, das ist bloß eine Formalität, aber so sind die Regeln.«

Jack nickte. Es war nur noch ein Schluck Bier in der Flasche, er hob sie an den Mund.

»Es werden nur ein paar Stunden sein, vielleicht zehn pro Woche. Aber das ist für den Anfang gut, stimmt’s?«

»Stimmt.«

»Ginny sagt, eins von den anderen Mädchen kündigt vielleicht bald, dann könnte ich auch ihre Stunden übernehmen. Dann kommt was zusammen.«

»Mhm«, stimmte Jack zu. »Weißt du, wo deine Schwester ist?«

»Mit Saundra unterwegs, glaube ich. Sie wollten ins Kino gehen.«

»Solange sie zum Abendessen zu Hause ist.«

»Keiner verpasst das Abendessen, Jack«, sagte Marina und stand auf. »Soll ich dir noch ein Bier holen?«

»Wenn du mir vertraust.«

»Wie gesagt: Ich hab sie abgezählt.«

»Okay, ich nehme noch ein Bier.«

»Kommt sofort.«

9

Manche nannten es »Boy’s Town«, aber in Nuevo Laredo war es als La Zona bekannt. Drei Straßenblöcke, von einer Mauer umgeben, eine kleine Stadt. Sogar ein Polizeirevier gab es, schichtweise von zwei Beamten besetzt. Hauptsächlich diente es zur Unterbringung von Betrunkenen, bis sie abgeholt und in eine der größeren Einrichtungen in der Innenstadt gebracht wurden.

Das Revier befand sich direkt am Eingang, ein Metallschild bezeugte seine Existenz, allerdings sparten sich die wachhabenden Polizisten das Streifegehen. La Zona war für Toleranz bekannt, Prostitution und Sexshows florierten, es gab Geschäfte und Zimmer zur Miete für Touristen und Einwohner. Bars und Restaurants säumten die Straßen, dazwischen lagen Bordelle und Stripclubs, sogar die berüchtigte Donkey Show war im Angebot. Für die Polizei war La Zona ein Ort des Lasters und der Verbrechen, aber es kamen auch Paare zum Tanzen oder Arbeiter auf ein billiges Feierabendbier hierher. Tagsüber war La Zona von Verkaterten und Geistergestalten bevölkert.

Gonzalo parkte vor dem Tor und ging den Rest des Wegs zu Fuß. Er überlegte kurz, sich bei seinen wachhabenden Kollegen zu melden, aber sie konnten ihm bei seiner Aufgabe nicht helfen, er würde nur ihre Zeit verschwenden. Er trug seinen Dienstausweis und seine Waffe bei sich, was im Zweifel nicht viel nützen würde, aber reichen musste. Vermutlich würde er sie nicht brauchen.

Er folgte der Circunvalación Casanova, die eine Art Ring um La Zona bildete. Tomás Contreras hatte ihm den Weg so gut beschrieben, dass er ihn leicht fand. La Zona war wie ein Kaninchenbau, aber wie alle Kaninchenbauten nicht endlos, es gab nur eine beschränkte Zahl von Versteckmöglichkeiten. Erst recht, wenn Sichtbarkeit zum Geschäft gehörte.

Auf der linken Seite einer langen, ungepflasterten Straße reihten sich heruntergekommene, weiß getünchte Häuser aneinander. Zwischen ihnen führten hinter schmalen Türen Außentreppen nach oben. Keines der Häuser hatte mehr als zwei Stockwerke. Nur wenige Wohnungen waren nummeriert. Gonzalo suchte nach einem Gebäude, auf das die Zahl 9 gepinselt worden war.

Iris Contreras Behausung lag im oberen Stock. Die Treppe war so schmal, dass Gonzalos Schultern die Wände berührten. Die Stufen endeten direkt vor der Tür, einen Treppenabsatz gab es nicht. Gonzalo stand unbeholfen auf der letzten Stufe und klopfte zweimal an die Tür.

Da sich nichts regte, versuchte er es erneut. Möglicherweise war sie nicht zu Hause, oder von der letzten Nacht zu müde, um sein Klopfen überhaupt zu hören. Gonzalo wartete.

Nach einer Weile hörte er das Patschen von Füßen auf dem Boden und spürte, dass auf der anderen Seite der Tür jemand stand. Eine Stimme erklang. »Wer ist da?«

»Iris Contreras?«

»Wer will das wissen?«

»Mein Name ist Gonzalo Soler. Ich bin Polizist.«

»Was will die Polizei von mir?«

»Bitte machen Sie die Tür auf.«

Es folgte eine lange Pause, dann rasselte eine Kette, und die Tür wurde geöffnet. Dahinter war es dunkel. Eine junge Frau erschien im Türrahmen.

Iris war keine Schönheit, aber Dunkelheit und Schminke würden sie in eine verwandeln. Sie war so schmal wie ihr Vater und hatte weder große Brüste noch breite Hüften. Sie trug ein einfaches weißes Nachthemd und war barfuß. »Was wollen Sie?«, fragte sie.

»Darf ich reinkommen?«

»Ich habe gerade frei.«

»Kann ich trotzdem reinkommen?«

»Ich will Ihren Ausweis sehen.«

Erst als Gonzalo ihn hochhielt, öffnete sie die Tür. Gonzalo trat in die Düsternis.

Ein winziges Zimmer ohne Küche oder Bad, immerhin gab es ein kleines Waschbecken. Vor das einzige schmale Fenster war ein vergilbter Papierbogen geklebt worden. Der größte Gegenstand im Zimmer war das Bett, und selbst das war klein. Es stank nach Zigaretten und Schweiß. In einem Eimer neben dem Bett lag eine dicke Schicht Kippen.

Iris schloss die Tür. »Ich habe nichts Falsches getan.«

»Ich bin nicht hier, um Sie festzunehmen, keine Sorge«, sagte Gonzalo.

»Warum denn dann?«

»Warum setzen Sie sich nicht?«

Das Mädchen sah ihn säuerlich an und ließ sich auf dem Bett nieder. Ihr Haar war zerzaust. Es war Mittag, aber sie sah aus, als hätte sie nur wenig Schlaf gehabt. Was vermutlich stimmte.

»Ihr Vater war gestern bei mir«, sagte Gonzalo.

»Mierda.«

»Er macht sich große Sorgen um Sie. Ihre Mutter und Ihre Geschwister ebenfalls. Er hat mich gebeten, mit Ihnen zu sprechen.«

»Wieso?«

»Ich glaube, das wissen Sie«, sagte Gonzalo.

»Ich gehe nicht nach Hause.«

Gonzalo sah sie an. Sie wirkte jünger als zwanzig. »Ist es dort so schlimm?«

»Grauenhaft. Kein Geld, nichts zu essen. Den ganzen Tag schuften, wie meine Mutter und Schwester, um von nichts zu leben. Und niemand hat Arbeit.«

»Ihr Vater arbeitet.«

»Im Moment. Aber wenn die Trockenheit anhält, entlässt die Farm alle Arbeiter, dann haben wir keine Chance mehr. Als ich hergekommen bin, hab ich ihnen einen Gefallen getan.«

»Es gibt andere Jobs in der Stadt. Die maquiladoras –«

»Sind schon voll mit Mädchen vom Land, die in die Stadt gekommen sind, um Arbeit zu suchen. Hier ist es nicht wie in Juárez, wo es immer irgendwas gibt. Ich habe einen Job gefunden und verdiene gutes Geld.«

Sie hatte recht, Ciudad Juárez war zwar viel gefährlicher, aber auch größer und geschäftiger und bot mehr Möglichkeiten. Nuevo Laredo würde nie so werden, es würde immer ein Durchgangsort bleiben, den der Grenzhandel am Leben hielt, dem er aber keinen Wohlstand brachte.

Gonzalo sah sich in dem heruntergekommenen Zimmer um. Die Wände waren von Wasserflecken verfärbt, vermutlich waren sie das letzte Mal vor Iris’ Geburt gestrichen worden, die Farbe war abgeplatzt und heruntergerieselt. »Was ist in Ihren Augen gutes Geld?«, fragte er.

»Sechshundert Pesos.«

»Pro Kunde?«

»Natürlich.«

»Wie viele Kunden haben Sie pro Nacht?«

»Ich zähle nicht.« Iris wandte den Blick ab.

Gonzalo ließ nicht locker. »Wie viele?«

»Keine Ahnung. Zehn. Fünfzehn.«

»In diesem Loch«, sagte Gonzalo. »Was zahlen Sie pro Nacht dafür? Dreitausend Pesos? Viertausend? Wie viel bleibt Ihnen dann?«

»Hauen Sie ab!«, rief Iris. »Ich muss mich nicht rechtfertigen.«

»Hat sich schon jemand gemeldet, der auf Sie ›aufpassen‹ will?«, fragte Gonzalo. »Das ist nämlich nur eine Frage der Zeit. Keine Frau arbeitet hier lange allein. Irgendwann taucht ein Typ auf und sagt, wenn er fünfzig Prozent abbekommt, kümmert er sich um die bösen Kunden. Und wenn Sie ablehnen, erhöht sich der Anteil, außerdem wird er Sie schlagen. Freuen Sie sich darauf?«

Sie hatte den Blick gesenkt, und Gonzalo kannte die Antwort. »Das geht Sie nichts an«, sagte sie tonlos.

»Es ist also bereits passiert«, sagte er. »Und es wird nicht aufhören. Jede Nacht das Gleiche, bis Sie nicht mehr jung genug sind, nicht mehr gesund genug … und dann wird man Sie wegjagen und Sie dahin zurückschicken, wo Sie hergekommen sind. Pleite, süchtig oder in welchem Zustand auch immer.«

»Bitte gehen Sie«, sagte Iris.

»Ich gehe, wenn Sie Ihre Sachen gepackt haben und mit mir kommen.«

»Was ich mache, ist nicht illegal!«

»Nein. Aber das bedeutet nicht, dass es nicht falsch ist.«

Iris hob den Kopf, blickte ihn aus feuchten Augen an und wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab. »Wollen Sie die ganzen anderen Mädchen etwa auch retten?«

»Nein.«

»Würden Sie es tun?«

»Nein. Ich bin hier, weil Sie eine Familie haben, die Sie liebt. Und weil es noch nicht zu spät ist, um es wiedergutzumachen. Es gibt Dinge, die man nie wiedergutmachen kann.«

Sie starrten einander an. Eine Träne rollte über Iris’ Wange, gefolgt von weiteren, bis sie Gonzalos Blick nicht länger ertrug und in heftiges Schluchzen ausbrach. Gonzalo biss sich auf die Zunge.

Als sie sich beruhigt hatte, sagte sie: »Ich besitze nicht viel.«

»Was Sie haben, reicht. Ich bin sicher, dass es Ihrem Vater nichts ausmacht.«

»Warten Sie draußen auf mich?«, fragte Iris.

»Natürlich.« Gonzalo verließ das stinkende Zimmer und ging die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzusehen.

10

Am Samstagmorgen zog sich Jack nicht gleich an, sondern machte sich in Schlafshorts und T-Shirt in der Küche einen Kaffee, setzte sich damit in seinen Sessel und blätterte ein paar der Promimagazine durch, die Lidia so mochte. Er erkannte weder die Gesichter noch die Namen, aber eine menschelnde Story über eine Familie, die durch eine Spendensammlung in der Nachbarschaft vor der Zwangsvollstreckung gerettet worden war, hielt sein Interesse eine Zeit lang gefangen.

Sein eigenes Haus war noch nicht abbezahlt, aber die Hypotheken überschaubar, und er kam den Zahlungen nach. Anfallende Reparaturen erledigte er selbst. Manchmal holte er die Mädchen dazu. Eines Tages würden sie sich selber um solche Dinge kümmern müssen, und er wollte nicht, dass sie dann von anderen abhängig waren. Seine Mädchen wussten sich zu helfen.

Als er hörte, dass sie wach wurden, ging er in die Küche und machte Frühstück. Samstags gönnten sie sich Pfannkuchen und Rührei mit Speck, dazu Milch und Orangensaft. Lidia und Marina kamen in Schlafanzügen an den Tisch, wie kleine Kinder.

»Heute besuchen wir Onkel Bernardo«, sagte Jack.

»Ist das heute?«, fragte Marina. »Lidia und ich wollten schwimmen gehen.«

»Nein, das ist heute, also macht euch fertig, in einer Stunde fahren wir. Macht euch hübsch für eure Cousins, ja?«

Jack zog seine beste Jeans und ein Arbeitshemd ohne Löcher an, dazu die guten Stiefel, nicht die abgewetzten Stahlkappenschuhe, die er zur Arbeit trug. Die Mädchen erschienen sauber, gekämmt und in helle Farben gekleidet. Sie zogen sich nicht mehr an wie früher zu Ostern, aber im Geiste sah Jack sie noch immer so: in Rüschenkleidern und Schnallenschuhen.

»Okay, los geht’s.«

Der kühle Morgen verwandelte sich bereits in einen heißen Vormittag. Jack stellte die Klimaanlage im Truck an. Früher hatten beide Mädchen hinten gesessen, als wäre er ihr Chauffeur, inzwischen saß Marina vorne neben ihm. Lichtreflektionen blitzten an ihrer Sonnenbrille auf und tanzten in Jacks Augenwinkeln.

Sie fuhren zur Laredo International Bridge und reihten sich in die kurze Schlange der Wagen ein, die die Brücke in südliche Richtung überqueren wollten. In der Gegenrichtung, von Mexiko in die USA, füllten die Wartenden vier Fahrspuren.

Schon seit Generationen fuhr man nach Nuevo Laredo, wenn man billig einkaufen oder Ablenkung und ein bisschen Spaß haben wollte. Jack erinnerte sich an viele Karnevalsfeiern und Konzerte auf den Plätzen der Stadt. Auf einer Cinco de Mayo Fiesta hatte er zum ersten Mal auf einem Pferd gesessen. Für ein paar Centavos hatte ihn ein alter Mann auf das schunkelnde Tier gesetzt und ihn in einem großen Kreis durch den Korral geführt. Jack hatte sich für einen Cowboy und den Klepper für einen Hengst gehalten.

Jetzt war alles anders. Früher war der Fußgängerübergang samstags voller Touristen gewesen, heute waren nur wenige zu sehen, und die schienen die Überquerung eher widerwillig anzutreten. Die Kennzeichen der Wagen vor Jack stammten fast alle aus Mexiko und dem Bundesstaat Tamaulipas. So war es immer.

Zuerst wurden die Autos auf der amerikanischen Seite angehalten. Uniformierte Grenzschützer patrouillierten zwischen den Fahrzeugen hin und her, führten Suchhunde an den Fahrbahnen entlang, redeten mit den Fahrern. Ein dunkelhäutiger Latino winkte Jack vorwärts und hob dann die Hand. Jack hielt an und ließ das Fenster herunter. Warme Luft drang herein.

»Guten Morgen, Sir«, sagte der Grenzbeamte. Auf seinem Namensschild stand GALLEGO. »Sie wollen nach Mexiko?«

»Ja.«

»Was ist der Anlass Ihrer Reise?«

»Wir besuchen Verwandte.«

»Wer sind die Mädchen, die bei Ihnen sind?«

»Meine Stieftöchter.«

»Haben Sie Pässe oder andere Ausweispapiere bei sich?«

»Ja, wir haben alle Pässe.«

»Darf ich die bitte sehen?«

Jack reichte sie ihm. Im Seitenspiegel sah er, dass eine Grenzbeamtin einen Schäferhund am Truck entlangführte. Der Hund schnüffelte, schlug aber nicht an.

Ihr Kollege Gallego inspizierte die Pässe und gab sie Jack zurück. »Haben Sie irgendwas dabei, von dem wir wissen sollten? Waffen, illegale Drogen?«

»Nein.«

»Tragen Sie mehr als zehntausend Dollar in bar bei sich?«

»Nein, Sir.«

Jack sah dem Beamten ins Gesicht und erblickte in dessen undurchdringlich schwarzer Sonnenbrille sein eigenes dunkles Spiegelbild. Gallego nickte. »Okay. Schönen Tag noch.«

Jack kurbelte das Fenster hoch und fuhr weiter. Vor ihnen hatte sich eine Lücke aufgetan, sie fuhren über die Brücke bis zu einer aufgemalten gelben Linie, die die Grenze markierte. Auf der anderen Seite saßen mexikanische Zollbeamte in kleinen Häuschen und sammelten die Mautgebühr von drei Dollar ein. Auf dem Rückweg würde Jack ein zweites Mal bezahlen.

Hinter den Häuschen, wo die Brücke in eine breite Kreuzung mündete, sah Jack einen schwarzen Humvee halb auf dem Bürgersteig stehen. Hinten auf dem Geschützturm stand ein Soldat mit einer Maschinenpistole, zwei weitere beobachteten hinter der Windschutzscheibe den von der Brücke kommenden Verkehr.

Der Mexikaner stellte die gleichen Fragen, Jack gab die gleichen Antworten und bezahlte die Mautgebühr. Man winkte ihn weiter. Er hatte das Gefühl, dass die Soldaten in dem Humvee ihn beobachteten, wollte aber nicht in ihre Richtung schauen.

Wer hinter der Brücke eine andere Welt erwartete, wurde enttäuscht. Die Straßen sahen genauso aus wie im Norden, nur dass die Läden spanische Aufschriften trugen und es wenig weiße unter den braunen Gesichtern gab. Jack navigierte vorsichtig durch die Straßen und passte auf, nicht zu schnell zu fahren, denn die Polizei war überall, und wo sie nicht war, stand die Armee.

Angst hatte er keine. Die Soldaten zeigten aus guten Gründen Präsenz, man musste schon blind und taub sein, um sie nicht zu kennen. In den Nachrichten kamen ständig Berichte über Morde und Schießereien, auch wenn Jack noch nie welche miterlebt hatte. In seinen Augen sah Nuevo Laredo aus wie immer und fühlte sich an wie immer, obwohl er wusste, dass es sich verändert hatte. Die Menschen, denen er begegnete, waren freundlich, in den Geschäften wurde sein Geld gerne genommen. Vielleicht hatte er einfach Glück gehabt, oder vielleicht war alles nicht so schlimm, wie behauptet wurde.

11

Sie fuhren mitten durch die Innenstadt und hielten dann auf die Peripherie zu, wo die Gebäude weniger dicht standen, die Straßen nicht ganz so eng waren, und Vorhöfe und Rasenflächen die Häuser säumten. Jack kurvte um Risse und tiefe Löcher im Asphalt herum, die die Räder des Trucks glatt verschluckt hätten. Vor einem Haus, dessen winziger Vorhof voller Wäsche hing, sah er ein auf Ziegelsteinen aufgebocktes, räderloses Auto.

Vor dem Haus von Bernardo Sigala wuchs kein Gras, es war hinter einer fast zwei Meter hohen Mauer versteckt. Durch ein Eisentor gelangte man auf einen kleinen Parkplatz, dort stand ein Toyota. Eine Tür im Tor ließ sich für Fußgänger öffnen, sie war mit zwei Schlössern gesichert.

Jack parkte am Straßenrand und stieg aus. Lidia lief zum Tor und zog an der Klingelkette. Glocken ertönten, die nach einer tanzenden Kuhherde klangen.

Bernardo trat auf den schattigen Parkplatz heraus. Er trug ein hellgelbes Hemd mit Kragen und eine akkurat gebügelte Hose. Auch er und seine Familie machten sich besuchsfein. »¡Hola a todos! ¡Bienvenidos!«

Er schloss das Tor mit zwei unterschiedlichen Schlüsseln auf und hielt es offen, damit Lidia und Marina eintreten konnten. Jack folgte als Letzter. Sie gaben sich die Hand. »Bernardo«, sagte Jack. »Sind wir zu spät?«

»Spät? Nein, überhaupt nicht! Ich schaue gerade fútbol. Reina ist in der Küche. Die Kinder sind im Haus. Kommt rein.«

Im Haus war es kühler. Ein Deckenventilator rührte die Luft um, alle Fenster standen offen. Aus der Küche duftete es nach Essen. Im Wohnzimmer saß Bernardino in einem Bravos-T-Shirt auf der zerknautschten Couch vor dem Fernseher. Die Bravos de Nuevo Laredo kickten ohne große Aufstiegschancen in der zweiten Liga, aber der Junge war ein Fan. Jack schaute zum Fernseher. Er hatte keine Ahnung, wer da spielte.

»Marina, Lidia«, sagte Bernardo, »die Mädchen sind in ihren Zimmern, glaube ich. Du siehst heute sehr hübsch aus, Lidia.«

»Danke, tío.«

»Jack, willst du ein Bier? Setz dich, mach’s dir bequem. Bernardino, mach Platz für Jack. Setz dich da vorne hin.«

Bernardino verließ widerwillig die Couch und setzte sich auf einen Stuhl an der Wand. Er war ein schweigsamer Junge und beobachtete Jack mit misstrauischem Blick. Bei ihrer ersten Begegnung war er noch ein Baby gewesen. Jetzt war er sieben. Sie würden sich nie nahe stehen.

Bernardo verschwand in der Küche und kam mit einer Flasche Corona mit einer Limettenscheibe im Hals zurück. »Hier«, sagte er. »Komm, setz dich. Du siehst aus, als könntest du Ruhe gebrauchen, Jack.«

»Es war eine interessante Woche«, sagte Jack. Er setzte sich auf den Platz, den Bernardino geräumt hatte.

»Was immer los war, ich wette, ich kann es toppen«, sagte Bernardo.

»Höchstwahrscheinlich. Was war denn?«

Bernardo setzte sich ans andere Ende der Couch. Er hatte ein fröhliches rundes Gesicht mit Schnurrbart, doch jetzt war seine Stirn gerunzelt. »Viele Schießereien diese Woche. Sehr schlimm. Eine nur zwei Blocks von hier.«

»Sind alle okay?«

»Ja, uns geht’s allen gut. Meistens bringen narcos andere narcos um, aber manchmal steht jemand im Weg, und dann …« Bernardo formte aus Daumen und Zeigefinger eine Pistole.

»Aber ihr seid vorsichtig«, sagte Jack.

»Immer.«

Das Bier war kalt und klar, die Limette spritzig. Jack sah wieder zum Fernseher, es stand jetzt zwei zu eins. Er wusste immer noch nicht, wer spielte. »Als wir rübergekommen sind, schien alles ruhig.«

»Es heißt, das bald noch mehr Soldaten kommen«, sagte Bernardo.

»Wie viele sind denn schon da?«

»Keine Ahnung. Tausend? Sie sind sowieso schon überall. Aber Los Zetas und die Golfos machen trotzdem ihr Ding.«

Jack runzelte die Stirn. Bernardo und Reina hatten drei Kinder. Bernardino war das mittlere, Patricia neunzehn, Leandra erst vier. Beide Eltern arbeiteten, die Kleinen kamen alleine aus der Schule nach Hause, Patricia passte dann auf sie auf. Sie kamen klar.

Bernardo schlug Jack aufs Knie und bemühte sich, jovial zu klingen. »Ich freue mich, dass ihr heute gekommen seid. Es ist immer schön, dich und die Mädchen zu sehen.«

»Wir kommen gerne. Ich wünschte bloß, es würde besser für euch laufen.«

»Wir sind alle gesund und munter. Wir haben die Familie. Alles ist gut. Erzähl mal von dir.«

»Da gibt’s nicht viel zu sagen. Ich habe genug Arbeit, die Mädchen werden groß. Ich kann kaum glauben, dass Marina fast erwachsen ist. In einem Jahr wird sie sich nach einer eigenen Wohnung umsehen.«

Bernardo nickte. »Vielleicht will sie gar nicht so schnell weg. Du bist ihr Vater, wie früher Arturo. Solche Bindungen halten.«

»Vielleicht hast du recht. Redet Patricia noch vom Ausziehen?«

»Jede Woche kommt was Neues. Sie hat jetzt einen Job, spart aber überhaupt nicht. Anstatt alles sofort auszugeben, sollte sie lieber an die Zukunft denken. Ihre Mutter ist nicht damit einverstanden, dass sie abends lange ausgeht, aber sie ist erwachsen. Sie braucht ihren Freiraum. Ich kann sie nicht einsperren.«

»Genau davor habe ich Angst«, sagte Jack.

»Wozu? Das machen alle jungen Menschen durch. Weißt du noch, als wir so alt waren? Niemand durfte uns was vorschreiben.«

»Ich will nur, dass sie auf dem richtigen Weg bleibt.«

»Ganz bestimmt, mein Freund. Weil du ihn ihr vorlebst. Das weiß ich.«

Jack trank den letzten Schluck Corona. »Na, wenn du da so sicher bist.«

»Mach dir keine Sorgen. Jetzt bleib hier sitzen und schau ein bisschen fern. Ich sehe mal nach, ob Reina Hilfe braucht. Es gibt heute ein Festmahl. Du wirst essen, bis du platzt!«

Bernardo verließ das Zimmer, Jack hörte aus der Küche spanische Satzfetzen. Er drehte sich zu Bernardino um, der immer noch auf dem Stuhl saß und gebannt dem Spiel folgte. Wortlos sahen sie sich an.

»Willst du hier bei mir sitzen?«, fragte Jack.

Bernardino nickte.

»Dann komm her. Vielleicht kannst du mir mal sagen, wer da überhaupt spielt.«

12

Das Mittagessen bestand aus Bergen von Bohnen, Reis, Enchiladas, Tortillas, Salat und anderem und wurde an dem langen Holztisch in der großen Küche serviert. Bernardo saß an einem Ende, Jack am anderen. Reina flatterte um sie herum, sorgte dafür, dass alle Teller voll waren und voll blieben und alle genug zu trinken hatten. Sie kam erst zur Ruhe, als Jack darauf bestand, dass sie sich hinsetzte und mit ihnen gemeinsam aß.

Bernardo war Vilmas Bruder. Zwar sah er ganz anders aus als sie, aber in seinen Kindern erkannte Jack die Familienähnlichkeit. Patricia war Vilma so ähnlich, dass sie und Marina Schwestern hätten sein können. Lidia und Bernardino hatten die gleichen Augen. Leandra hatte Pausbacken und Babyspeck. Wenn Jack sie ansah, wandte sie immer schüchtern den Kopf ab.

Sie aßen, bis sie nicht mehr konnten. Auch dann häufte Reina ihnen noch Essen auf die Teller, bis Marina schließlich um Gnade flehte und anbot, beim Abräumen zu helfen. Lidia und Leandra zogen sich in Leandras Zimmer zurück, und Bernardino verschwand wieder vor dem Fernseher. Die Sonne war weitergezogen, der Vorhof lag jetzt fast gänzlich im Schatten. Bernardo holte Bier und ging mit Jack nach draußen.

Er hatte vier Flaschen mitgebracht. Jack nahm eine. »Das ist mein letztes«, sagte er.

»Está bien. Ich trinke den Rest.«

Jack trank, Bernardo trank, die Stille zwischen ihnen vertiefte sich. Ein Truck fuhr knirschend auf der anderen Seite der Mauer vorbei, versank in einem Schlagloch, die Stoßdämpfer jaulten auf.

Bernardo sprach als Erster. »Wie ich höre, läuft in Texas das Baugeschäft im Moment nicht so gut.«

»Stimmt«, sagte Jack. »Ich mache vor allem Renovierungen. Zahlt die Rechnungen.«

»Hier ist es das Gleiche. Niemand will mehr Ziegelsteine kaufen, weil niemand mehr baut. An manchen Tagen verkaufe ich gar nichts. Ich musste einen meiner Männer entlassen.«

»Tut mir leid.«

»So was passiert. Er hatte Verständnis.«

Jack rollte die kalte Flasche zwischen seinen Händen hin und her und dachte nach. »Letzte Woche hatte ich einen guten Mann. Sein Name war Eugenio. Kam aus Anáhuac, war drüben, um Arbeit zu finden.«

»Was ist aus ihm geworden?«

»La migra«, sagte Jack. »Haben uns angehalten, ihn direkt aus meinem Truck gezogen und sich alle Mühe gegeben, mir Angst einzujagen. Aber sie wissen, wie es ist: Wenn ich Hilfe brauche, muss ich sie holen, wo ich sie kriegen kann.«

»Sie werden ihn abschieben«, sagte Bernardo.

»Wahrscheinlich.«

»Weißt du, die Busse mit los deportados fahren mitten in die Stadt. Sie setzen sie auf der Plaza ab und lassen sie da stehen, mit nichts als dem, was sie gerade dabei hatten, als sie geschnappt wurden. Manche haben gar nichts: kein Geld, nichts. Wo gehen sie hin? Das frage ich mich oft, wenn ich sie sehe.«

»Zurück an die Grenze«, sagte Jack.

»Zurück an die Grenze«, stimmte Bernardo zu. »Innerhalb von vierundzwanzig Stunden sind sie wieder drüben. Oder noch schneller. Sie lassen sich nicht aufhalten, weil sie nichts zu verlieren haben. Aber sie müssen aufpassen: Los Zetas sind wachsam. Wenn die Zetas sie fangen, müssen sie zahlen, und wenn sie nicht zahlen können, muss die Familie zahlen. Und wenn die Familie nicht zahlen kann … sieht es nicht gut für sie aus. Schlimm genug, dass man ihnen schon auf dem Weg nach Norden das Geld abknöpft, aber noch mal ausgenommen zu werden …«

»Eines Tages wird es aufhören«, sagte Jack.

»Hoffentlich. So kann es nicht weitergehen.«

Jack hörte ein Scharren und schaute über seine Schulter. Marina war gekommen. »Alles ist aufgeräumt. Geht’s euch gut hier draußen?«

»Prima«, sagte Jack.

»Ich wollte mit Patricia einkaufen gehen. Ist das in Ordnung?«

Jack wandte sich an Bernardo. »Was sagst du?«

Bernardo zuckte die Achseln. »Das Geschäftsviertel wird bewacht. Überall Armee und Polizei. Ihnen wird nichts passieren.«

»Okay«, sagte Jack. »Aber bleibt da, wo Patricia sich auskennt. Treibt euch nicht irgendwo herum.«

»Machen wir nicht.« Marina gab Jack einen Kuss auf die Wange und verschwand.

Jack seufzte. »Und es ist da wirklich sicher?«

»So sicher wie überall heutzutage.«

Bernardo trank das zweite Bier aus und griff zur dritten Flasche. Die goldene Flüssigkeit fing das Licht ein, und Jack verspürte Durst. »Ich hol mir was anderes zu trinken«, sagte er.

»Klar. Ich halte dir den Platz frei, keine Sorge.«

Im Wohnzimmer traf er auf Marina und Patricia, die gerade gehen wollten. »Bis später«, sagte Marina.

»Wie lange seid ihr weg?«

»Ein paar Stunden.«

»Gut. Denk daran, was ich gesagt habe.«

»Mit mir ist sie sicher«, sagte Patricia.

»Ich verlass mich drauf. Viel Spaß.«

Reina saß in der Küche an dem großen Tisch vor einem aufgeschlagenen Buch und hatte immer noch die Schürze umgebunden. Sie sah auf. Sie und Jack sprachen Spanisch miteinander. Bernardo und Patricia sprachen fließend Englisch, auch die Kleinen konnten sich unterhalten, doch Reina hatte die Sprache nie gelernt. »Hallo, Jack. Ist alles in Ordnung?«

»Ich wollte bloß fragen, ob du ein bisschen limonada oder so hast. Da draußen ist es trocken.«

»Natürlich.«

Der Kühlschrank war klein und alt. Reina holte einen Plastikkrug heraus und schenkte Limonade in ein Konservenglas, das als Trinkbecher diente. Jack hatte keine Angst, für ihn war mexikanisches Wasser genauso gut wie das aus seinem eigenen Hahn. »Danke«, sagte er.

»Ist Bernardo schon betrunken?«, fragte Reina.

»Vielleicht ein bisschen«, sagte Jack.

»Ich sage ihm immer, er soll sich ein Beispiel an dir nehmen und weniger trinken. Aber er hört nicht auf mich.«

»Es ist bei ihm was anderes als bei mir«, sagte Jack.

»Jack, wer so gelitten hat wie du, hätte leicht diesen Weg nehmen können.«

»Vielleicht.«

»Du warst stark und bist da rausgekommen.« Reina trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf den Arm. Sie war eine kleine Frau, viel kleiner als er, doch sie hatte eine Unbeugsamkeit an sich, die sie größer und stärker erscheinen ließ. »Du hättest die Mädchen niemals im Stich gelassen. Ich habe dir das nie gesagt, aber ich habe es gewusst. Jedes Mal, wenn ich dich und die Mädchen sehe, danke ich Gott, dass Er dich zu Vilma geschickt hat. Ihr seid immer in meinen Gebeten.«

Er spürte, dass ihm heiß wurde, doch er entzog sich nicht. »Ich bin froh, dass jemand für mich betet«, sagte er schließlich. »Ich brauche jede Hilfe, die ich kriegen kann.«

Vielleicht sah Reina es seinem Gesicht an oder spürte es durch die Berührung, denn sie nahm ihre Hand weg und trat einen Schritt zurück. »Es ist immer schön, wenn du hier bist, Jack«, sagte sie.

In ihren Worten und ihrer Berührung hallte Vilma wider, und Jack vermisste seine Frau in diesem Moment so stark wie lange nicht. Er verdrängte das Gefühl und sagte: »Ich komme auch gern.«

»Sag meinem Mann no más cervezas, wenn er ausgetrunken hat.«

»Mach ich.«

Bernardos Flaschen waren leer, als Jack zurückkam. Er beobachtete eine Motte, die verwirrt zwischen Licht und Schatten hin und her flatterte. Der Hof wirkte auf einmal sehr klein, und Jack fragte sich, wie Marinas und Lidias Leben aussehen würde, wenn sie hier aufgewachsen wären anstatt bei ihm. Wären sie anders? Schwer zu sagen. Sie waren amerikanische Mädchen, amerikanisch erzogen, hatten aber immer noch einen Fuß in Mexiko. Das hatte Jack Vilma versprochen, und Tage wie dieser belohnten ihn dafür.

»Reina glaubt, du betrinkst dich hier draußen«, sagte Jack und setzte sich.

»Unsinn. Um betrunken zu werden, bräuchte es einiges mehr. Sie kennt mich kein bisschen.«

Irgendwo in der Ferne heulte eine Polizeisirene auf und verstummte sofort wieder. Jack dachte automatisch an Marina. Er überlegte, sie auf dem Handy anzurufen, nur um sicherzugehen, dass alles okay war, aber sie würde ihn nur auslachen.

Als hätte er Jacks Gedanken gelesen, sagte Bernardo: »Es ist nichts. Wenn wirklich was passiert wäre, würde man viele Sirenen hören. Die Polizei schwärmt dann aus wie Heuschrecken.«

»Macht der Gewohnheit«, sagte Jack und bemühte sich zu lächeln.

»In dieser Stadt lernt man schnell, Geräusche zu unterscheiden. Da eben wurde vermutlich irgendein Verkehrssünder angehalten. Das macht la policía gerne: Strafzettel verteilen. Wenn sie nur halb so gut darin wären, narcos zu fangen wie Knöllchen zu verteilen, wäre der ganze Spuk morgen vorbei.«

»Es ist überall das Gleiche«, sagte Jack, auch wenn das nicht stimmte.

13

Am Abend waren die Fahrbahnen in Richtung Norden nicht weniger voll als am Morgen. Jack hatte den Übergang auf dieser Seite noch nie leer gesehen, immer standen die Fahrzeuge dicht an dicht: beladene LKWs, Mexikaner auf Reisen, dazwischen eingeklemmte Amerikaner. Ein großer Lieferwagen mit einem Früchtelogo auf der hinteren Tür versperrte Jack die Sicht. Er stellte das Radio an, leise Musik ertönte. Die Mädchen schwiegen. Die Klimaanlage spuckte gelegentlich kleine Tropfen Kondenswasser aus den Lüftungsklappen.

»Jack«, sagte Marina.

»Ja?«

»Ich wollte dich was fragen.«

»Klar, was denn?«

»Patricia hat erzählt, dass sie in ein paar Wochen auf ein Konzert geht. Sie kann Karten für uns beide besorgen, wenn ich mit will. Die Band soll echt gut sein.«

»Ein Konzert? Hier in Nuevo Laredo?«

»Ja. Es ist nicht weit von tío Bernardos Haus. Patricia sagt, sie geht mit ein paar Freunden hin, und ich bin eingeladen.«

Jack warf Marina einen Seitenblick zu und merkte, dass sie ihn eindringlich ansah. Sein Hirn mahlte, um die richtigen Worte zu finden. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich weiß nicht.«

»Es wird nichts passieren«, sagte Marina. »Wir gehen zusammen mit drei oder vier anderen Mädchen. Allerdings findet das Konzert am Freitagabend statt.«

»Ein Konzert am Abend?«, fragte Jack. »Keine Chance. Wenn es tagsüber wäre, dann könnten wir vielleicht darüber reden, aber du gehst nachts nicht über die Brücke.«

»Wirklich, Jack, es ist nicht gefährlich. Wir sind eine große Gruppe. Und es wird auch nicht wirklich spät sein. Wahrscheinlich ist es dann noch hell.«

»Ich mache mir nicht Sorgen um das Licht. Du weißt, was hier drüben los ist.«

»Tío Bernardo geht es doch gut.«

Jack trommelte auf das Lenkrad. »Bernardo ist vorsichtig, alle in der Familie sind vorsichtig. Sie gehen keine Risiken ein. So vermeidet man Ärger. Ich lasse dich nicht nachts auf ein Konzert gehen. Das ist zu gefährlich.«

Marina warf sich im Sitz nach hinten. »Ich wusste, dass du Nein sagst. Ich hab’s ihr gesagt.«

»Ich würde gerne Ja sagen. Aber ich muss das Richtige tun. Du bist siebzehn und solltest dich nicht alleine in der Stadt rumtreiben.«

»Aber ich wäre nicht allein, darum geht es doch! Patricia ist die ganze Zeit dabei. Und sie ist volljährig.«

»Gerade so.«

»Auf jeden Fall ist sie erwachsen.«

Jack merkte, dass Lidia auf dem Rücksitz so tat, als würde sie nicht zuhören. Er wünschte sich, der Lastwagen vor ihm würde endlich in die Gänge kommen, damit sie über die Brücke und am Zoll vorbeifahren konnten, bevor er wieder etwas sagen musste. Marina strahlte Gereiztheit aus, als wäre es Hitze.

Und sie ließ nicht locker. »Wie gesagt, ich will ja nicht wild feiern. Ich würde zu tío Bernardo fahren, Patricia abholen und aufs Konzert gehen. Danach essen wir irgendwo etwas und übernachten bei tío Bernardo. Am Morgen fahre ich wieder zurück.«

»Marina –«

»Es sind jede Menge Cops unterwegs! Das hättest du heute mal sehen sollen. Polizisten. Soldaten. Wenn es irgendwelche Probleme gibt, gehen wir direkt zur Polizei.«

»Ich weiß nicht«, sagte Jack.

»Komm schon, Jack, es ist nur ein Konzert. Wenn die Schule wieder anfängt, habe ich keine Zeit mehr für irgendwas. Ich bitte dich nie um was!«

»Ohne beglaubigte Genehmigung von mir kommst du nicht mal über die Grenze«, sagte Jack.

»Dann besorgen wir uns eine. Die Beglaubigung kann man sich in diesem Büro in der Mall besorgen.«

»So leicht ist das, wie?«, fragte Jack.

»Es muss ja nicht schwer sein.«

»Kapierst du nicht, dass hier drüben Krieg herrscht? Die Polizisten und Soldaten schwirren ja nicht grundlos überall herum. Was du da willst … da geht’s nicht bloß um ein Konzert.«

»Du vertraust mir, oder?«

»Es geht auch nicht um Vertrauen. Ich weiß, dass du keine Dummheiten machen würdest.«

»Was ist dann das Problem?«

Jack bemühte sich, nicht finster dreinzuschauen, doch sein Gesicht hatte sich verzogen. Der LKW vor ihnen schob sich kaum einen Zentimeter vorwärts. »Verdammt noch mal«, sagte er laut.

»Ich verspreche, dass ich dich dieses Jahr um nichts anderes mehr bitte«, sagte Marina. »Ehrlich. Wenn doch, kannst du mir einen Monat Hausarrest geben.«

»Du versprichst, dich genau an das zu halten, was ich dir sage?«, fragte Jack. »Keine Umwege, kein Ups, hab ich vergessen, sondern genau das, was wir absprechen?«

»Versprochen. Heiliges Ehrenwort.«

»Ich muss irre geworden sein«, sagte Jack. »Deine Mutter hätte dich das niemals machen lassen. Ich kann hören, wie sie mich gerade für verrückt erklärt.«

»Mom hätte überhaupt nichts dagegen«, sagte Marina.

»Meinst du, ja?«

»Jack, ich möchte wirklich gern hingehen. Es wird Spaß machen, und ich erlebe mal ein Abenteuer.«

»Nein«, sagte Jack. »Keine Abenteuer. Das wird das Gegenteil von einem Abenteuer. Und wenn ich rausfinde, dass du was getrunken hast oder so, dann kannst du jegliches Abenteuer ein für allemal vergessen.«

»Ich habe verstanden.«

Jack betrachtete sie. Sie biss sich auf die Lippe, wie Vilma es immer getan hatte. Sie waren sich so ähnlich. »Ich sage vielleicht. Ich sage nicht Ja. Wann ist das Konzert?«

»In zwei Wochen.«

»Ich denke darüber nach und spreche mit Bernardo, und wenn ich überzeugt bin, dass dir nichts passieren kann, dann werde ich mich entscheiden. Aber wenn ich Nein sage, gilt das. Keine weiteren Diskussionen.«

»Okay. Danke, Jack.«

»Bedank dich nicht zu früh.«

14

Jack arbeitete den größten Teil der Woche allein im Haus des Anwalts. Das Home Depot mied er geflissentlich. Wenn er doch daran vorbeifahren musste, wandte er den Blick ab, um nicht sehen zu müssen, ob sich Eugenio unter den dort wartenden Männern befand.

Eines Nachmittags fuhr er zu dem Büro in der Mall und ließ sich eine getippte Genehmigung beglaubigen, die es Marina erlaubte, zu einem bestimmten Zeitpunkt alleine die Grenze zu überqueren. Marina umarmte ihn und gab ihm einen Kuss. Jack versuchte, sich keine Sorgen zu machen.

Er bekam weitere Renovierungsaufträge. Die nächsten drei Monate würde er genug zu tun haben. Das war gut, regelmäßige Arbeit bedeutete ein regelmäßiges Einkommen. Wenn eines Tages weniger Jobs reinkamen, musste er von dem leben, was er seit Vilmas Tod angespart hatte. Er bezahlte immer noch ihre Arztrechnungen ab.

Er genoss seine Feierabendbiere, ging zeitig ins Bett und wachte früh auf. Der Kalender zeigte an, dass bald wieder die Schule beginnen würde. Die Mädchen hatten sich die Bücherliste besorgt, und Jack brachte im Walmart ein paar Stunden damit zu, alles Benötigte für das neue Schuljahr zusammenzusuchen. Früher hatte die Schule selber die Materialien gestellt, doch das war lange vorbei, das Geld zu knapp. Die Schulen mussten jeden Dollar zusammenkratzen, genau wie die Männer auf dem Parkplatz vom Home Depot.

Marina kaufte sich von ihrem ersten Lohn ein neues Kleid. Jack fand, es zeigte zu viel Haut an Schultern und Beinen, aber Marina lachte ihn nur aus. Vielleicht wurde er doch langsam ein alter Mann, der sich über harmlose Dinge aufregte. Als Marina ankündigte, das Kleid zum Konzert zu tragen, schlug er nur vor, einen dünnen Pulli mitzunehmen, um sich ein wenig zu bedecken. Natürlich würde sie das nicht tun. Selbst wenn er ihr den Pulli eigenhändig über den Kopf zöge.

15

Das Telefon auf Gonzalos Schreibtisch klingelte zweimal. Er nahm ab. »Soler.«

»Ist da Inspector Gonzalo Soler?«, fragte ein Mann, dessen Stimme Gonzalo nicht erkannte.

»Ja. Wer spricht da?«

»Valdez. Ich arbeite in La Zona.«

»Was kann ich für Sie tun, Oficial Valdez?«

»Ich glaube, Sie sollten herkommen.«

»Jetzt?«

»Ja, jetzt.«

»Worum geht es?«

»Das sehen Sie sich besser selbst an.«

Nur Pepito bekam mit, dass Gonzalo seinen Schreibtisch verließ. »Ich bin bald wieder da«, sagte Gonzalo. »Ich muss nach La Zona.«

»Was ist los?«

»Keine Ahnung.«

»Viel Glück.«

Die Fahrt nach Boy’s Town dauerte nicht lange, diesmal fuhr er durch das Tor und parkte am Polizeirevier. Zwei Polizisten in Uniform standen vor der Tür und winkten ihm zu, als hätten sie ihn schon erwartet. Einer kam auf ihn zu und hielt ihm die Hand hin. »Herminio Valdez.«

»Gonzalo Soler. Was ist denn los?«

»Kennen Sie einen Mann namens Tomás Contreras?«

»Ja, kenne ich.«

»Dann kommen Sie mal mit.«

Valdez führte Gonzalo über die Circunvalación Casanova zu einem Platz, den Gonzalo sofort erkannte, nur stand diesmal ein Krankenwagen auf der Straße, außerdem weitere Polizisten und Sanitäter in neongelben Westen. Gonzalo wusste schon, was er gleich sehen würde: die Leiche von Tomás Contreras in einer Blutlache, eine Hand vor sich ausgestreckt, als hätte er die Kugeln auffangen wollen.

Im Hintergrund bemerkte Gonzalo eine Gestalt. In der offenen Tür mit der Nummer 9 stand Iris Contreras mit einer Decke um die Schultern. Beide Augen waren blaugeschlagen und vom Weinen verquollen. Ein Polizist war dabei, sie zu befragen.

»Was zum Teufel ist passiert?«, wollte Gonzalo von Valdez wissen.

»Das Mädchen sagt, ihr Vater wurde erschossen. Den Mörder konnten wir verhaften«, erwiderte Valdez. »Sie sagt, ihr Vater wäre heute gekommen, um sie nach Hause zu holen, und ist dabei Enrique Guerrero begegnet. Das ist der Zuhälter des Mädchens. Die Männer sind in Streit geraten, es kam zu einem Kampf, und Guerrero hat Contreras aus dem Haus geworfen. Als er nicht gehen wollte, hat Guerrero ihn erschossen.«

»Zeugen?«

»Die Tochter. Sie hat versprochen, umfänglich auszusagen.«

Einer der Notfallmediziner holte einen schwarzen Leichensack aus Plastik aus dem Wagen und breitete ihn neben Tomás Contreras auf dem Boden aus. Zusammen mit seinem Kollegen legte er die Leiche hinein und zog den Reißverschluss zu.

»Kann ich mit dem Mädchen sprechen?«

»Klar. Sobald wir am Tatort fertig sind, kriegen Sie den ganzen Fall übergeben. Die Tochter hat uns Ihren Namen genannt.«

»Danke«, sagte Gonzalo und ging zu Iris.

Er bat den Polizisten, der mit ihr sprach, sie mit ihm allein zu lassen. Iris wirkte bedeutend magerer als bei ihrem letzten Treffen, obwohl das nicht lange her war. Die dunklen Prellungen in ihrem Gesicht sahen schmerzhaft aus.

Gonzalo musste fragen. »Warum sind Sie zurückgekommen?«

»Zu Hause ist kein Platz für mich.«

»Ihr Vater –«

»Hat mich eine Hure genannt und mich geschlagen. Hier bin ich besser dran. Ich bin so schnell wie möglich zurückgekommen.«

»Und jetzt ist Ihr Vater tot.«

»Ja.«

Sie schaute zum Leichensack hinüber. Die Mediziner hoben ihn an beiden Enden hoch, trugen ihn zum Krankenwagen und hievten ihn hinein. Gonzalo sah nur kurz hin. »Haben Sie das gewollt?«, fragte er.

»Nein, natürlich nicht.«

»Glauben Sie, Sie wären jetzt frei, weil Ihr Vater tot ist und Ihr Zuhälter ins Gefängnis wandert?«

»Ich weiß es nicht.«

»Es wird ein anderer kommen, Iris«, sagte Gonzalo. »Und dann noch einer und noch einer. Es ist nicht zu Ende.«

»Ist mir egal«, sagte Iris.

»Hören Sie mir zu, Iris«, sagte Gonzalo.

Die Türen des Krankenwagens wurden geschlossen. Iris blinzelte und schaute weg. Als sie sich Gonzalo zuwandte, merkte er, dass sie meilenweit weg war, in einer völlig anderen Welt. Er wollte fragen, auf was für Drogen sie war, aber es war egal. Sie würde lügen, und er würde wütend werden, und sie würden nicht weiterkommen.

»Ich will hier bleiben«, sagte Iris schließlich.

»Nein.«

»Doch.«

Gonzalo ließ die Hände sinken. Es hatte keinen Sinn zu streiten. »Dann sollen Sie Ihren Willen bekommen. Viel Glück, Iris. Ich melde mich, wenn wir Ihre Aussage brauchen.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Iris.

Sie drehte sich im Türrahmen um und verschwand in der Dunkelheit. Gonzalo sah ihr nach.

16

Jack versuchte schon seit über einem Jahr einen Krimi zu Ende zu lesen. Das Buch war an sich okay. Nur war Jack nie ein eifriger Leser gewesen, deswegen dauert es so lange. Er las ab und an ein paar Seiten, hatte Mühe sich zu erinnern, was vorher passiert war, und legte das Buch wieder beiseite. Weil es so lange offen dagelegen hatte, war der Buchrücken zerknickt.

Das Badezimmer des Anwalts war fertig. Jack hatte den Großteil der Arbeit alleine erledigt und sich nur dann Hilfe geholt, wenn es unumgänglich gewesen war. Er hatte die Männer nicht nach ihren Namen gefragt und nicht mit ihnen gesprochen. Und immer hatte er Ausschau nach dem schwarzen SUV und den Cops gehalten, aber niemanden gesehen. Er zahlte den Männern ihren Lohn und schickte sie anonym wieder ihres Weges. Es war besser so.

Jetzt hatte er frei. Und Lust, ein paar Seiten zu lesen, also machte er sich einen Krug Kool-Aid und setzte sich auf die hintere Terrasse. Er besaß einen kleinen, runden Tisch aus Eisen, der die richtige Höhe hatte, um das Getränk darauf abzustellen und sich daneben in einen Klappstuhl zu setzen. Eine rot-weiße Markise hielt die Sonne ab, nicht aber die Hitze. Krug und Glas begannen sofort zu schwitzen.

Er las zwei Stunden am Stück, was mehr war als in den letzten drei Monaten zusammen. Der Held hatte gerade den Kopf des Mannes entdeckt, den er suchen sollte. Die Story nahm Fahrt auf. Jack bekam kaum mit, dass die Hintertür aufgeschoben wurde.

»Jack.«

»Hmm?«

Lidia trug kühle, helle Kleidung und verströmte vom Liegen auf ihrem Lieblingsplatz, dem Sofa, schwach den Geruch des Hauses. Sie baute sich vor Jack auf und sah mit verschränkten Armen auf ihn herab. »Wir müssen reden«, sagte sie.

Jack legte das Buch auf den Tisch. Die Seiten streiften über den Krug, die Feuchtigkeit färbte das Papier dunkel. »Worüber?«

»Marina geht heute Abend zum Konzert.«

»Ja, stimmt, ich weiß.«

»Was ist mit mir?«

»Was soll mit dir sein?«

»Ich meine, was soll ich heute Abend machen? Krieg ich nichts Besonderes?«

Lidia war ein Teenager, aber in solchen Momenten sah Jack immer noch das kleine Mädchen in ihr. Die verschränkten Arme wirkten so pummelig wie früher als Kind. Sie zog einen Schmollmund.

Jack hob die Hände. »Ich weiß nicht, was schwebt dir vor?«

»Du hast mich nie gefragt, ob ich heute irgendwo bei einer Freundin übernachten möchte.«

»Hätte ich das tun sollen?«

»Du hättest fragen können.«

»Schon gut. Okay. Tut mir leid, dass ich nicht gefragt habe. Möchtest du irgendwo bei einer Freundin übernachten?«

»Jetzt ist es zu spät dafür, Jack. So kurzfristig klappt das nicht mehr.«

»Warum hast du dann nicht früher was gesagt?«

»Ich dachte, du würdest fragen.«

Jack rieb sich mit Daumen und Zeigefingern die Augen, bis er Farben sah. Er atmete ein, dann aus, und sagte: »Es tut mir leid, dass ich nicht gefragt habe. Was soll ich jetzt tun?«

»Ich weiß nicht. Was Besonderes.«

»Wir könnten eine Pizza bestellen.«

»Ich würde lieber essen gehen.«

»Okay, gehen wir essen. Wo möchtest du hin?«

»Wie wäre es mit italienisch?«

»Gut. Italienisch klingt gut.«

»Und ich will einen Film ausleihen.«

»Wir können uns auch einen Film ausleihen, wenn du das möchtest. Im Supermarkt steht jetzt so ein Automat. Du kannst dir einen Film aussuchen. Welchen du willst.«

Lidia sah ihn an, die Arme noch immer verschränkt. Dann ließ sie sie sinken. »Okay.«

Jack versuchte es mit einem Lächeln. »Okay?«

»Es ist bloß, ich darf nie was Cooles machen.«

»Weil du dreizehn bist. Wenn du älter wirst, darfst du mehr machen. Deine Zeit wird kommen«, sagte Jack.

»Ich will nicht zickig sein.«

»Das weiß ich doch.«

»Können wir vor Marina losgehen, damit sie weiß, dass sie was verpasst?«

»Das können wir machen«, sagte Jack. »Ich ziehe mir sogar ein frisches Hemd an. Willst du Kool-Aid?«

»Nein, danke. Von den Farbstoffen kann man krank werden.«

Jack schenkte sich nach. Der Krug war halb leer. »Hat mich noch nie krank gemacht«, sagte er.

»Dich kann nichts unterkriegen, Jack«, sagte Lidia und ging wieder ins Haus.

Er betrachtete die rote Flüssigkeit im Glas, in der halbgeschmolzene Eiswürfel trieben. Von Lebensmittelfarbe konnte man krank werden? Was würden die sich als Nächstes ausdenken? Jetzt mussten schon Kinder auf Dreirädern Ellbogenschützer und Helme tragen, und jeden Tag kam eine neue Warnung, was man besser nicht essen sollte. Vilma hatte es besser gewusst. Sie hatte ihre Kinder nie überbehütet.

Ihre Kinder. Seine und ihre.

Zuerst hatten sie gedacht, Vilma wurde nur deswegen nicht schwanger, weil sie schon älter war oder zu viel arbeitete oder aus irgendeinem anderen Grund, den noch keiner entdeckt hatte. Dann hatten sie eine Zeit lang geglaubt, Jack wäre das Problem. Sie hatten nicht geahnt, dass das Schicksal die Dinge in die Hand genommen hatte und ihnen dieses Eine verweigerte, weil es ihnen noch viel mehr nehmen würde.

Vielleicht wären sie sonst besser vorbereitet gewesen, hätten eher auf die frühen Warnzeichen geachtet. Die Ärzte hatten versichert, nein, es hätte keinen Unterschied gemacht, aber Jack wurde das Gefühl nicht los, irgendeinen schrecklichen Fehler begangen zu haben. Wenn er nur auf einen weiteren Test bestanden hätte, auf noch eine weitere Untersuchung. Aber das hätte Vilma die Verantwortung abgenommen und sie allein in seine Hände gelegt. So funktionierte es nicht.

Er trank das Glas aus, die Eiswürfel klackerten gegen seine Zähne. Er öffnete den Mund und schluckte sie herunter: zwei kalte Klumpen rutschten in die Tiefe, wo sie wie schlechte Gefühle und Zweifel verschwinden würden. Ihre Kinder. Seine und ihre.

Heute würde er nicht mehr weiterlesen. Die Lust hatte ihn verlassen, das Buch lag da und würde auf ihn warten. Eines Tages würde er erfahren, was es mit dem Kopf des toten Mannes auf sich hatte, aber nicht jetzt.

Jack stand auf und sammelte seine Sachen ein. Er musste sich um die Wäsche kümmern.

17

Marina hatte ihr neues Kleid angezogen. Jack war genauso unglücklich darüber wie an dem Tag, als sie es gekauft hatte. Dazu trug sie Pumps, und er fragte, wie sie mit den Dingern tanzen wollte. »Ich hab’s kapiert, Jack«, sagte sie.

»Was ist mit dem Pulli?« Jack ließ nicht locker.

»Es sind zweiunddreißig Grad«, erwiderte sie.

»Heute Nacht kühlt es ab. Dann wirst du froh sein, ihn dabei zu haben.«

»Schon gut. Ich nehme den blauen mit, den du mir zu Weihnachten geschenkt hast.«

Er machte Wirbel um sie, obwohl er wusste, dass sie das nicht ausstehen konnte. War ihre Tasche fertig gepackt? War ihr Handy aufgeladen? Hatte sie alle für die Grenzüberquerung notwendigen Papiere? Sie beantwortete alle Fragen mit Ja, und Jack wusste sowieso, dass sie an alles gedacht hatte: Sie war verantwortungsvoll und dachte mit. Das hatte er ihr beigebracht, und davor Vilma.

Sie standen auf dem Rasen vor dem Haus. Marina hatte ihre Tasche über der Schulter. »Lass dich noch mal ansehen«, sagte Jack.

»Ich bin nur eine Nacht weg«, sagte Marina. »Ich ziehe nicht aus.«

»Ich will nur, dass es dir gut geht«, sagte Jack.

»Ich weiß. Aber im Ernst, der Pulli? Den lasse ich einfach im Auto liegen.«

»Dann lass ihn im Auto.«

»Mache ich.«

»Gut.«

Er sah ihr nach und winkte, bis der kleine Galant außer Sichtweite war. Auf dem Weg ins Haus hoffte er insgeheim, dass man sie an der Grenze vielleicht abweisen und nach Hause schicken würde, und dann würde er sich keine Sorgen machen müssen. Vielleicht wäre das überhaupt das Beste.

Lidia fing ihn an der Tür ab. Sie trug einen Rock und eine hübsche Bluse. »Hey, ich dachte, wir wollten vor ihr los«, sagte sie.

»Sie ist ein bisschen früher gefahren. Keine Sorge, sie weiß, dass sie was verpasst.«

»Gut.«

Jack zog sich um, ein weißes Hemd und eine frische Jeans, und überlegte sogar, ein Bolotie umzubinden, entschied sich aber dagegen. So toll war das Restaurant nicht, und er wollte niemanden beeindrucken. Nach Vilma war er nie wieder mit einer Frau ausgegangen. Er bezweifelte, dass ihn noch jemand attraktiv finden würde.

Sie fuhren zu dem Familienrestaurant, in dem sie schon x-mal gewesen waren. Die Betreiber waren keine Italiener, sondern Mexikaner, doch das Essen schmeckte authentisch, und im Hintergrund lief immer Frank Sinatra oder irgendein anderer italienischer Schnulzensänger.

Lidia bestellte eine Vorspeise, Jack tat es ihr nach. Der Kellner hielt ihm die Weinkarte hin. »Nein, danke«, sagte Jack. »Ich bleibe bei Wasser.«

Als der Kellner gegangen war, fragte Lidia: »Warum trinkst du eigentlich keinen Wein? Ist es wegen –?«

»Nein, nicht deswegen. Vermutlich gibt es zwei Arten von Menschen: Weintrinker und Biertrinker. Und ich bin nun mal zufällig Biertrinker. Wein ist bloß vergorener Traubensaft.«

Lidia lächelte. »Der ist gut. Den merke ich mir.«

Das Essen kam. Es war noch früh, das Restaurant leer, nur ein paar Familien saßen schon im Speisesaal. Ein Kleinkind in einem Hochstuhl richtete mit einem kleinen Teller Spaghetti einen wahren Saustall an. Es waren mehr Nudeln an als in dem Kind. Jack musste lächeln.

»Was wohl Marina gerade macht?«, fragte Lidia.

Jack sah auf die Uhr. »Keine Ahnung. Brezelt sich noch mehr auf. Schwatzt mit deiner Cousine. Du verpasst nichts.«

»Wie alt muss ich sein, damit ich zu einem Konzert gehen darf?«

»Warten wir ab, wie es heute Abend läuft. Wenn deine Schwester auch nur den geringsten Unsinn macht, friert eher die Hölle zu, als dass ich euch beide noch mal aus den Augen lasse.«

»Das sagst du bloß so.«

»Glaub mir.«

Dean Martin sang »Ain’t That a Kick in the Head«. Das Essen schmeckte gut, die Portionen waren groß. Jack wusste, dass er sich zurückhalten sollte, aber es war ein besonderer Abend, und für besondere Abende galten besondere Regeln. Er bestellte sogar einen Nachtisch, den sie sich teilten, und dann noch einen Kaffee hinterher.

»Hast du dir überlegt, welchen Film du heute Abend sehen willst?«, fragte er Lidia.

»Ich hab Lust auf eine Komödie. Mit Romantik. Was ist?«

»Nichts. Romantik ist gut.«

»Du hast ein Gesicht gezogen!«

»Hab ich nicht«, sagte Jack. »Komm, wir zahlen und verschwinden.«

Als sie auf dem Weg nach draußen waren, kamen ihnen neue Gäste entgegen, der Eingang war voller Menschen. Jack bahnte den Weg und hielt Lidia die Tür auf. Draußen auf dem Parkplatz war es schon nicht mehr so warm wie am Nachmittag, obwohl der Asphalt immer noch Hitze abstrahlte.

Der Supermarkt lag auf dem Weg. Jack wartete, während Lidia sich langsam durch das Angebot im Automaten klickte. Als ein Mann hinter ihnen ungehalten wurde, sah Jack ihn stirnrunzelnd an, und der andere senkte den Blick. Am Ende entschied sich Lidia für einen wahrscheinlich furchtbaren rosa Mädchenfilm, und Jack bezahlte.

Den Rest des Abends verbrachten sie mit Popcorn auf dem Sofa. Jack hasste den Film nicht ganz so sehr wie befürchtet, und Lidia sagte hinterher, sie hätte ihn irgendwie albern, aber lustig gefunden. Sie gingen beide später zu Bett als sonst.

Jack lag noch wach und lauschte dem Rauschen der Klimaanlage. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte an, dass es fast elf war. Bald ging das Konzert zu Ende, und Marina wäre um Mitternacht wieder bei Bernardo. Jack hoffte, dass sie sich amüsierte und dass sie den Pulli angezogen hatte.

Teil 2

1

Am Morgen stand Jack leise auf, duschte und rasierte sich und ging in Shorts und T-Shirt in die Küche. Heute musste er nirgendwohin und nichts tun, was ihm ausgesprochen gut gefiel. Der Essensgeruch lockte Lidia aus ihrem Zimmer, sie genossen das gemeinsame Frühstück.

»Wann kommt Marina nach Hause?«, fragte Lidia.

»Keine Ahnung. Warum?«

»Ich dachte, wir könnten schwimmen gehen. Du kannst auch mit.«

»Nee, ich schwimme nicht gern.«

»Du musst ja nicht schwimmen. Du kannst auch nur die Füße ins Wasser halten.«

»Mal sehen.«

Sie erledigten den Abwasch, Lidia ging sich anziehen. Jack hörte das Klingeln seines Handys im Schlafzimmer erst, als fast schon die Mailbox angesprungen wäre. Er lief hin.

»Hallo?«

»Jack, Bernardo hier.«

»Hey, Bernardo. Ich wollte dich nachher anrufen.«

»Jack, ist Patricia bei dir?«

Bernardos Ton war scharf, und die Frage blieb lange im Raum hängen, bevor Jack begriff, was sie bedeutete. Er stürmte zu Marinas Zimmer und stieß die angelehnte Tür auf. Das Bett war ordentlich gemacht, Marinas Sachen aufgeräumt.

»Jack? Bist du noch da?«

»Ich bin da. Nein, Patricia ist nicht hier. Marina ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen. Sie sollte doch bei euch übernachten.«

»Ich weiß, Jack. Ich habe spät abends einen Anruf auf dem Handy bekommen, bin aber nicht drangegangen. Es war Patricia. Sie hat keine Nachricht hinterlassen. Ich dachte, vielleicht haben sie es sich anders überlegt und sind zu dir gefahren.«

Jack suchte Halt an der Wand. Lidia tauchte mit fragender Miene aus ihrem Zimmer auf, Jacks Blick ließ sie verstummen. »Davon weiß ich nichts«, sagte er zu Bernardo. »Ich habe keine Nachricht bekommen.«

»Das ist nicht gut«, sagte Bernardo, und Jack hörte die Angst in seiner Stimme. »Ich rufe die Polizei an. Ich lege jetzt auf und rufe die Polizei an.«

»Okay, okay. Ruf die Polizei an. Ich komme rüber, so schnell ich kann.«

»Ist gut, Jack. Bis nachher.«

Sie legten auf.

»Jack, was ist los?«, fragte Lidia.

»Es geht um deine Schwester«, sagte er. Er sah die Panik in ihrem Gesicht und streckte beruhigend die Hand aus. »Ihr ist nichts passiert. Das ist es nicht. Onkel Bernardo hat gesagt, sie und Patricia sind letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.«

»Woher willst du dann wissen, dass ihr nichts passiert ist?«

»Ich will im Moment nicht daran denken. Hol deine Schuhe, wir fahren los. Ich ziehe mich um. Wir müssen los.«

Zuerst wählte er noch Marinas Nummer. Es klingelte fünf Mal, dann ging die Mailbox an. Er hinterließ eine Nachricht und wählte die Nummer erneut. Wieder Klingeln. Wieder die Mailbox.

Während Jack sich umzog, wartete Lidia schon ungeduldig am Truck. Beim Abschließen der Haustür zitterte seine Hand, aber als er am Wagen war, hatte sie sich beruhigt.

So früh am Morgen rollte nur wenig Verkehr in Richtung Nuevo Laredo. Vor dem amerikanischen Zoll zitterte Jacks Hand wieder, er packte das Lenkrad fester.

Er versuchte, nicht das Offensichtliche zu denken: dass Marina niemals hätte gehen dürfen, dass er es nicht hätte erlauben dürfen. »Nicht jetzt«, sagte er laut.

Der Grenzbeamte forderte ihn auf, das Fenster zu öffnen. Jack hatte seinen Pass bereits auf dem Schoß liegen, und Lidia reichte ihren hinaus.

»Schön, Sie wiederzusehen«, sagte der Beamte.

Jack sah ihn scharf an. »Was?«

»Schön, Sie wiederzusehen. Sie sind neulich erst hier durchgekommen.«

Jack zwang sich, den Namen des Mannes zu lesen. Gallego. Er erinnerte sich nicht, nickte aber und bemühte sich zu lächeln. »Stimmt«, sagte er. »Wir kommen öfter.«

»Ist alles in Ordnung?«

Gallegos Augen waren hinter der Sonnenbrille nicht zu erkennen, die er trug, obwohl es gar nicht besonders hell war. Jack suchte sich einen Punkt auf seiner Stirn und konzentrierte sich darauf.

»Wir haben heute Morgen schlechte Nachrichten bekommen«, sagte er. »Familiensache.«

»Nichts Ernstes, hoffe ich.«

»Das hoffe ich auch.«

Gallego hielt die Pässe noch ein wenig länger in der Hand, und Jack dachte schon, er würde sie zum Aussteigen auffordern, doch dann gab er sie zurück. »Seien Sie drüben vorsichtig«, sagte er. »Anscheinend ist es heute Morgen zu einer heftigen Schießerei gekommen. Da will man nicht zwischen die Fronten geraten.«

»Wir passen auf.«

»Okay. Fahren Sie weiter.«

Jacks Gedanken schwirrten schon, bevor er das Fenster wieder zugemacht hatte. Er stellte sich alle möglichen Szenarien vor, die er nicht in Worte fassen wollte. Eine Schießerei am Morgen, aber wo? Wer hatte geschossen? Wer war verletzt worden? Marina war sicher so spät nicht mehr unterwegs gewesen, redete er sich beruhigend ein, selbst wenn die Mädchen beschlossen hatten, nicht bei Bernardo zu übernachten. Außerdem, wenn eine Amerikanerin verletzt worden wäre, wäre das bestimmt schon bekannt, oder nicht?

Eine Straßensperre der Armee blockierte den direkten Weg zu Bernardo, sie mussten einen Umweg nehmen. Militärfahrzeuge summten durch die Innenstadt wie wütende Hornissen, die man in ihrem Nest gestört hatte. Ihr Anblick beruhigte Jack. So viele Soldaten, einer musste doch etwas gesehen haben. Vielleicht hatte Marina an einer Straßensperre umdrehen müssen und sich dann verfahren. Das konnte doch sein.

Mit einer Hand am Steuer rief Jack erneute Marinas Handy an. Klingeln, Mailbox. Er musste sich zusammenreißen, um nicht sein Telefon aus dem Fenster zu schmeißen. »Tu mir einen Gefallen«, sagte er zu Lidia. »Ruf deine Schwester an. Immer wieder, auch wenn sie nicht antwortet.«

»Okay, Jack«, sagte Lidia, und Jack hörte, dass ihre Stimme sich vor Angst zu überschlagen drohte. Nicht jetzt. Noch nicht.

2

Reina umarmte Jack fest. Sie sah aus, als wäre sie schon seit einiger Zeit den Tränen nahe, wollte aber nicht klein beigeben. Jack hörte Bernardo im Wohnzimmer telefonieren. Als er eintrat, winkte Bernardo nur kurz.

»Ja, ich verstehe, dass Sie viel zu tun haben«, sagte Bernardo ins Telefon. »Deswegen habe ich ja so lange gewartet, um jemanden sprechen zu können. Mir ist klar, dass es schwierig ist. Ja, ich bleibe dran.«

»Was ist los?«, fragte Jack Reina.

»Die Polizei dreht durch wegen der Schießereien heute Morgen«, sagte Bernardo. »Alle sind unterwegs, heißt es. Aber irgendwer muss ja mal aufs Revier zurückkommen und meinen Bericht aufnehmen.«

»Kann nicht jemand hierherkommen?«, fragte Jack.

»Habe ich schon gefragt. Im Moment ist niemand verfügbar.«

»Irgendwer muss doch da sein!«

»Ich versuch’s ja, Jack. Wir müssen Geduld haben.« Bernardo richtete sich auf. »Ja, ich bin noch dran.«

Jack wandte sich an Reina. »Wann habt ihr gemerkt, dass sie nicht nach Hause gekommen sind?«

»Heute Morgen. Wir hatten sie nicht vor Mitternacht erwartet und waren ins Bett gegangen. Ich hatte noch überlegt, wach zu bleiben, aber eigentlich habe ich mir keine Sorgen gemacht. Bei solchen Veranstaltungen sind immer so viele Polizisten anwesend. Es tut mir so leid, Jack.«

»Ich hätte anrufen sollen. Ich hätte Marina sagen müssen, sie soll mich anrufen.«

Reinas Gesicht verzog sich, wieder hielt sie die Tränen zurück. »Ich hole dir was zu trinken«, sagte sie. »Lidia, komm, hilf mir.«

Sie verließen das Zimmer. Jack sah Bernardino und Leandra aus dem Flur um die Ecke schauen. Leandra hielt eine nackte Puppe umklammert. Als Jack die beiden anlächelte, schraken sie zurück. Er wandte sich ab.

Lidia brachte ihm eine Tasse Kaffee, die er nicht wollte. Reina drückte Bernardo ebenfalls eine Tasse in die Hand. »Komm, setz dich«, sagte sie zu Jack. Er tat ihr den Gefallen. Sie nahm neben ihm Platz. »Wir haben einige von Patricias Freunden angerufen, um zu fragen, ob sie vielleicht dort wären. Alle haben Nein gesagt.«

An Jacks Kühlschrank hing ein mit Magneten befestigter Zettel. Darauf standen etwa ein halbes Dutzend Namen und Nummern von Marinas engen Freunden. Jack fluchte innerlich. Warum hatte er den Zettel nicht mitgenommen? Dann könnte er jetzt auch etwas tun, anstatt Bernardo zuzusehen.

»Wahrscheinlich sind sie zu Freunden gegangen, die wir nicht kennen«, fügte Reina hinzu. »Und sind jetzt immer noch da.«

Jack hätte gerne daran geglaubt. Es war vorstellbar, dass Marina gefeiert und unerlaubt Alkohol getrunken hatte und sich jetzt irgendwo versteckte, bis der Kater sich verzogen hatte, ohne dass ihr jemand Vorhaltungen machte. Reina und Bernardo kannten sicher nicht alle Freunde von Patricia. Jack kannte nicht alle Freunde von Marina. Irgendwer würde sich bald melden.

Lidia stand verloren neben ihm. »Rufst du immer noch deine Schwester an?«, fragte Jack.

»Nein, ich hab damit aufgehört.«

»Mach weiter. Ruf noch zehn Mal an.«

»Sie geht nicht ran, Jack!«

»Ist mir egal! Wenn es nicht klingelt, kann sie auch nicht rangehen!«

Er hatte Lidia nicht anbrüllen wollen. Sie verzog sich mit ihrem Handy in die Küche. Jack wollte sie rufen und sich entschuldigen. Vielleicht später.

Der Kaffee schmeckte wie Asche. Bernardo lief auf und ab, ohne einen Schluck zu trinken, und blieb dann am Fenster stehen, als hoffte er, seine Tochter und Nichte würden jeden Moment durchs Tor kommen. Ab und an versicherte er der Person am anderen Ende der Leitung, dass er weiterhin dran bliebe. Jack wollte aufstehen und ebenfalls hin und her laufen.

Lidia kam aus der Küche. »Ich hab’s zehn Mal versucht, Jack.«

»Dann –« Jack hielt inne. Versuch’s noch zehn Mal, dachte er. Mach weiter, bis dir das Ohr wehtut, weil du horchst, ob am anderen Ende endlich jemand abhebt. »Okay. Komm und setz dich.«

»Ich sehe mal nach Leandra.«

»Ist gut. Ich bin hier.«

Reina knetete mit solcher Kraft ihre Hände, dass es schmerzen musste. Ihr Gesicht war grau. »Sie hat sicher den Ton abgestellt«, sagte sie. »Bestimmt liegt es daran. Sie hört das Handy nicht.«

»Genau«, pflichtete Jack ihr bei. »So wird es sein.«

Bernardo sagte: »Ja, ich bin noch dran. Bei wem soll ich mich melden? Soler? Und wo finde ich den? Wann? Ja, ich komme. Danke Ihnen. Vielen Dank.«

»Was ist?«, fragte Jack.

Bernardo steckte das Handy in die Tasche. Sein Gesicht war gerötet, er schwitzte. Er stellte die immer noch volle Kaffeetasse auf den Sofatisch. »Sie haben gesagt, wenn ich aufs Revier komme, kann ich mit einem Ermittler sprechen. Seine Schicht hat gerade angefangen. Gonzalo Soler. Ich muss los.«

»Warte«, sagte Jack. »Ich komme mit.«

Reina erhob sich vom Sofa, Bernardo umarmte sie. Sie hielt ihn so fest, dass er sich befreien musste. »Es kommt alles in Ordnung«, sagte sie.

»Natürlich«, erwiderte Bernardo. »Komm, Jack.«

»Ich sage nur Lidia Bescheid.«

Der Flur war lang, Leandras Zimmer das vorletzte vor der Hintertür. Lidia saß dort mit Leandra, die einen kleinen Tisch und Stühle aufgestellt hatte und ein Kaffeekränzchen abhielt. Die nackte Puppe schien der Ehrengast zu sein.

Lidia sah Jack an. »Haben sie sie gefunden?«

»Nein. Ich fahre jetzt zur Polizei. Bleib bei deinen Cousins. Wenn du was brauchst, sag deiner Tante Bescheid. Und versuch bitte weiter, Marina anzurufen. Bitte.«

»Mach ich.«

Jack ging.

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