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Sabine Adatepe
Lichtblau #mavi

Roman
Inhaltsverzeichnis
1 Widmung
2 Prolog
3 I123456789101112
4 II12345678
5 III1234567891011121314151617
6 IV1234
7 Impressum
Orientierungsmarken
1 Inhaltsverzeichnis
Es ist euer Leben. Es ist unser Leben.
Es ist das Leben überhaupt …
Bachtyar Ali (Der letzte Granatapfel)
Ankommen oder weggehen?
Mein Lieblingswort ist Sehnsucht.
Dunja Hayali
Prolog
15.06.2013, 22.35 Uhr
»Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zu diesen Tagesthemen: Gewaltsame Räumung: Polizei stürmt Protestlager in Istanbul; überraschende …«
Marie fiel fast der Becher aus der Hand. »Was ist da los, Manfred?« Sie spurtete ins Wohnzimmer.
»Psst, hörst du doch …«
»… nach Tagen der Eskalation und dann wieder der Deeskalation unterstrich Erdoğan heute, wie ernst er seine letzte Drohung meinte, und ließ den Park am Abend dann doch mit Gewalt räumen. Aus Istanbul …«
Marie hechtete neben ihren Mann aufs Sofa. Entsetzt starrte sie auf den Bildschirm.
»Heute Abend, acht Uhr, Sicherheitskräfte gehen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Protestierende vor und räumen den Gezi-Park. Fast zwei Wochen lang war der kleine Stadtpark im Zentrum Istanbuls ein Ort der Demonstration. Der Demonstration für den Erhalt dieses Parks und zunehmend gegen die als autoritär empfundene Politik der islamisch-konservativen Regierung. Tausende hatten den Park in ein Zeltlager verwandelt. Zur Stunde bauen Polizisten die Zelte ab …«
»Abbauen nennt der das? Die reißen brutal ab, schlagen alles kurz und klein und …«
»Pssst, bitte!«, fuhr Manfred sie an. Marie klappte aufgebracht den Mund zu. Die Kamera fokussierte auf einzelne Szenen, im Laufschritt trugen Männer eine junge Frau auf einer Trage durch das Chaos, ein Mädchen hockte zwischen zwei Helfern und schrie.
»Hast du gehört, das Mädchen da, was hat sie gerufen?«
Manfred rollte mit den Augen. »Ist vermutlich verletzt wie die anderen auch. Jetzt sei doch mal still und hör zu!«
Marie war still, auch wenn es in ihr brodelte. Die Kleine könnte ihre Studentin sein. Oder die Tochter, die sie nie bekommen hatte. Sie schluckte.
*
»Es soll zahlreiche Verletzte gegeben haben, Zeugen sprechen von Szenen wie im Krieg …«
»Oh Gott!« Imke schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Dieter griff nach der Fernbedienung, ein Knopfdruck und der Bildschirm war schwarz. »Wir sollten längst im Bett sein«, grummelte er. »Kurz vor dem Schlafengehen solche Brutalitäten, das muss doch nicht sein!«
Als der Tumult auf dem Bildschirm abrupt verstummte, ließ Imke die Hände in den Schoß sinken. Mit feuchten Augen blickte sie zu Dieter auf.
»Hast du das schreiende Mädchen gesehen?«
»Da sind viele verletzt, haben sie doch gesagt.«
»Wenn das unsere Tochter wäre …«
I
Juni 2013
1
LEA
#bellaciao
Zu spät! Sie hätte sich viel früher aufmachen sollen. Lea schloss die Augen. Sie würde ihr Leben verpassen! Immer kam sie zu spät! Lamento! Sie schluckte, um nicht zu weinen.
Der Bus brummte, aus den Lautsprechern quoll Rap, sie verstand kein Wort, vor ihr dröhnten Bässe aus den Ohrstöpseln eines Freaks, der sicher noch nie irgendwohin zu spät gekommen war, obwohl er gar nicht zielstrebig wirkte. Lea blinzelte. Özlem, das Mädchen neben ihr, wischte hektisch über ihr Smartphone. Aufgeregt wirkte sie, eben noch hatte sie gelächelt, jetzt durchzogen steile Falten ihre Stirn. Da musste Lea grinsen, Özlem schenkte ihr ein kurzes Lächeln. »Heftig!«, murmelte sie empört. »Jetzt verhaften sie die Ärzte!«
Lea hatte ihre deutsche Studiengruppe in Izmir sitzen lassen, Özlem, die fünf Jahre jüngere Medizinstudentin, sich heimlich aus dem Wohnheim davongestohlen. Beide waren seit Tagen in Izmir auf der Straße und abends in den Parks dabei gewesen, wollten aber da sein, wo alles seinen Ausgang genommen hatte: im Gezi-Park in Istanbul! Allein trauten sich beide nicht so recht, in diesen ungewissen Tagen, die morgens die Revolution versprachen und abends Polizeieinsätze brachten, den Weg in die unbekannte Metropole zu wagen. Auch wenn stündlich Millionen dorthin zu strömen schienen und anscheinend jeder mit offenen Armen aufgenommen wurde. Leas Gruppe war begeistert mitmarschiert bei den Izmirer Protesten, man fotografierte, führte Stegreif-Interviews, postete, was das Zeug hielt, saß abends zusammen und genoss die unerwartete Wende der zweiwöchigen Studienreise wie ein willkommenes Abenteuer. Die Professorin war aufgeschlossen, doch für sie stand die Fortführung des Projekts im Vordergrund. Lea aber mochte nicht die Rolle der Betrachterin von außen einnehmen, sie fühlte sich zugehörig, sozialer Aufbruch war für sie mehr als ein Studienobjekt.
Jubelnde Menschen im Park, aber auch prügelnde Polizisten, Verletzte, singende Jugendgruppen, Mädchen, die von Reizgas benommene Straßenköter versorgten, tanzende, lachende, feiernde Menschen, die plötzlich schreiend auseinanderliefen, Gummigeschosse, Tränengasnebel … Die Bilder der letzten Tage wirbelten Lea durch den Kopf.
»İşte bir sabah …« Träumte sie? »… uyandığımda …«
Die nächste Zeile summte sie mit: »Bella ciao, bella ciao, bella ciao ciao ciao …«
Als Lea die Augen aufschlug, sah sie Özlem ein Video auf Twitter verfolgen und mitsingen. Der Freak vorn zog die Stöpsel aus den Ohren und stieg bei der nächsten Strophe mit ein. Hinten, wo lautstark diskutiert worden war, wurde es still, und bei der dritten Strophe sang der ganze Bus: »Wenn ich sterbe, oh ihr Genossen, oh bella ciao …« Das alte Partisanenlied wirkte frisch und wie für die Gezi-Proteste geschrieben. Die meisten jungen Leute im Bus fuhren nach Istanbul, um sich den Protesten anzuschließen. Und die Bereitschaft, für die hehren Ideale sogar den Tod in Kauf zu nehmen, gehörte einfach dazu. Gegen diesen Gedanken sträubte sich etwas in Leas Kopf, aber ihr Herz glühte. Hatte jemand etwas von Zuspätkommen gesagt? Ach was! Sie war mittendrin und genau am richtigen Ort.
Als sie lächelnd die Augen schloss, blitzte das Gesicht ihres Vaters auf. Bella ciao hatte ihn herbeigerufen. Auf seinen Kassetten hatte sie die türkische Version zum ersten Mal gehört. Baba. Wo mochte er sein? Wie lange hatte sie nichts von ihm gehört?
»Diese Blume, so sagen alle …«, summte Lea, als sie aus dem Bus stieg, es war kurz vor Mitternacht, »… ist die Blume des Partisanen, der für uns’re Freiheit LEBT!« Erstaunt blickten die Mitreisenden sie an, das letzte Wort hatte sie laut gerufen, auf Deutsch. Die Blume des Partisanen, das war ein Bild nach ihrem Geschmack. Und sterben wollte sie auf keinen Fall, und sie wollte auch nicht, dass irgendein Partisan oder sonst wer starb. Darum ging es doch: Protestieren für das Leben!
2
MARIE
#moll
Schatten neben der Tür. Ratten! Ein Knäuel schiefergrauer Ratten, fett und in sich verbissen. Kabbelig. Pulsierend. Schnell aus der Tür, unentdeckt! Nur wie? Die Blase drückt. Jede Sekunde zählt. Hinaus auf den Flur, schnell schnell, still geschlichen, unbemerkt am Rattenknäuel vorbei. Lautlos. Doch schwarz nagelt die Furcht mich auf die Türschwelle. Mein Blick ist gebannt vom düsteren Knäuel neben der Tür. Ich lausche, höre aber ihr Fiepen nicht, nur das Blut in meinen Ohren rauscht. Die Schatten tasten nach mir, da ist kein Licht, nachts darf ich kein Licht machen. Gleich platzt mir der Bauch. Linker Fuß vor, eine Zehenlänge. Reglos verharren die Ratten, sobald ich mich bewege. Stehe ich still, kabbeln und keifen, schnappen und beißen sie weiter. Ich höre sie nicht und höre sie doch. Ich renne, sie erstarren. Bin außer Atem, gehetzt, noch eine Zehenlänge voran. Meine Sohlen kleben am Boden, ich renne mir die Lunge aus dem Leib, doch die Füße bleiben angenagelt. Ein Brummen schiebt die nächtliche Stille vor sich her wie ein Bär. Das Rattenknäuel plustert sich auf, ein Kohlensack ist es jetzt, und bläht und wächst und beult weiter. Ein Zipfel wischt über den Linoleumboden. Ich reiße den Fuß zurück, knalle gegen den Türrahmen. Autsch! Was, wenn die Ratten mich anfallen? Hinter mir Gemurmel. Mein Rücken versteift sich. Zwischen den Fronten gefangen! Das Gemurmel schwillt zum Brummen, zum Dröhnen. Da muss ein Bär sein in Muttis Schlafzimmer. Er sucht nach mir. Ich entkomme ihm nur, weil ich so dringend aufs Klo muss. Nachts darf ich nicht hin. Ich kneife die Beine zusammen. Wo ist sie, fragt der Bär. Raus! Nur hinaus! Sofort!
Ich reiße die Füße mitsamt den rostigen Nägeln vom Boden und fliege zur Tür. Die Ratten im Kohlensack verharren still. Ich schwebe auf den Hausflur hinaus, kräftige Schwimmstöße schieben mich vorwärts. Draußen das Klo ist verrammelt. Sirenen heulen. Die Stiege! Ein Tritt, ins Leere, ich stürze …
Marie hob den Blick. Schwalben schossen wie Pfeile durch die blauen Höhen. Oder waren es Mauersegler? »Kiri, kiriii«, der schrille Schrei tupfte die Andeutung eines Grübchens knapp über Maries Mundwinkel. Die Sonne stand schon hoch. Hinter dem dichten Laub der Linden rund um den Platz wusste sie die Kirchturmspitze verborgen, die winters den Sonnenaufgangspunkt markierte. Gute-Laune-Wetter. Doch der Umschlag in ihrer Hand wischte Marie das Grübchen fort, senkte ihren Blick aus Schwalbenhöhe von Neuem aufs graue Pflaster hinab. Wieder eine Absage. Und das nach diesem Traum. Wieder ein Molltraum, würde Manfred sagen. Und mitfühlend lächeln. Und mit einem Bedauern, das ihr im Laufe der Jahre zunehmend von Überdruss unterwandert schien. Marie zog die Lippen zum Strich.
Ratten waren es also diesmal, ein Rattenknäuel. Sie wusste, dass es nicht wirklich Ratten waren. Was es aber war, wusste sie nicht. In jedem Traum nahm das düstere Bündel neben der Tür eine andere Form an. Mal verschlang es sie, mal wickelte es sich ihr um die Füße, mal zog es sie in einen Strudel hinein. Oft wachte sie mit einem Schrei auf. Den nur sie hörte. Der ihr noch Stunden in den Ohren gellte. Diesmal war sie die Treppe hinabgestürzt. Zur Toilette im Hausflur schaffte sie es nie, höchstens bis zur Tür, die verriegelt war oder ihr entgegenfiel. Ihr schien, sie müsse endlich einmal den Schritt hineinwagen in den ekligen Latrinenverschlag, um den Traum abzuschütteln. Träume deine Träume zu Ende oder sie suchen dich ewig heim!
Seltsam, sie hatte nie in einem Haus mit Abtritt im Treppenhaus gewohnt. Der Traum war stets grau, nicht schwarzweiß, sondern grau in allen erdenklichen Tönen, auch die Geräusche waren grau. Was mochte der Schatten an der Tür bedeuten? Und das Brummen und Dröhnen? Sie war ein kleines Mädchen in diesen Träumen, vielleicht vier, fünf Jahre alt, schwach und hilflos, wie gelähmt, selbst das sonst in Träumen oft so befreiende Fliegen war hier ein schweres Gleiten durch dichten Nebel.
Die Kaffeemaschine blubberte ein letztes Mal und holte Marie in die Küche zurück. Sie griff nach der Lamatasse, goss das schwarze Gift hinein. Es war ein Tag für reichlich Zucker und Milch. Sie verzichtete auf beides. Der erste Schluck verbrühte ihr fast den Gaumen und erinnerte sie an ihren Entschluss, endlich weniger Kaffee zu trinken. Hieß es nicht, Frauen in Fernost litten in den Wechseljahren vor allem deshalb nicht unter Hitzewallungen, weil sie keinen oder doch kaum Kaffee tranken? Wechseljahre, auch so ein gruseliges Wort. Davon war sie doch noch meilenweit entfernt. Heute aber fühlte Marie sich wieder einmal mittendrin. Ein Freitag, die Absage, der Traum. Seit Jahren immer wieder diese Träume. Sie ließen sie um Jahre altern und kamen stets dann, wenn sie dachte, jetzt bin ich sie los. Anschließend dauerte es jedes Mal Stunden, bis der dumpfgraue Nebel sich lichtete.
»Kiriii«, der Mauerseglerschrei hieß sie schweigen. Geh an den Schreibtisch, häng nicht herum, lass dich nicht gehen, steh auf, tu was!
3
LEA
#taksim
Die Stadt funkelte, Lea und Özlem tauchten ein in die Ströme aufgeregter, aufgewühlter junger Menschen, die von überallher zum Taksim-Platz strömten. Was für ein Gedränge! Die Fassade des Atatürk-Kultur-Zentrums im Hintergrund war von Plakaten und Transparenten übersät, vielstimmig und gegensätzlich und doch oder gerade deshalb in friedlicher Harmonie, eine unfreiwillige Kulisse zur Aufführung der Revolution. Auf dem Platz ragte das grell angestrahlte Atatürk-Denkmal aus dem wogenden Menschenmeer heraus, wie ein Leuchtturm aus tosender See. Die Menschen, viele gelb oder weiß behelmt, in T-Shirts und berauschter Sommernachtslaune, jubelten, redeten, lachten, klatschten. Weiß explodierten Blitzlichter, blau leuchteten Handydisplays und strahlten mit den Augen der Menschen um die Wette, machten die Nacht zum Tag, verwandelten den von gepanzerten, beschildeten Polizeiketten umstellten Platz in die fröhlichste Feier, die Lea je erlebt hatte. Vor allem aber sangen die Tausenden, die auch in dieser Nacht hier ausharrten.
»… işte bir sabah uyandığımda … Eines Morgens, als ich erwachte, fand ich mit gebund’nen Händen mein Land unter Besatzung überall …«
Je näher der Menschenstrom Lea und Özlem herantrug, umso deutlicher hörten sie die Begleitung. Jemand spielte Klavier. Und all die Menschen sangen dazu. Sogar Polizisten legten Helme und Schilde nieder und lauschten der Musik.
»… eğer ölürsem … und wenn ich sterbe … wie ein Partisan …bella ciao ciao ciao … sollst du mich begraben … mit deinen Händen in meinem Land …«
Pfiffe, Applaus, Fäuste reckten sich, tausend Kehlen skandierten: »Her yer Taksim her yer direniş! Überall ist Taksim, überall ist Widerstand!«
Sie waren am Ziel. Als das Klavier verklang und die Menge johlte, sah Lea endlich den Pianisten. Die beiden Pianisten! Vierhändig hatten sie gespielt, jetzt sprangen sie auf, umarmten einander, ein junger Mann im hellen T-Shirt mit Basthut, der andere ganz in Schwarz, auch der Bart war schwarz. Lea war es, als entzündete das Leuchten in den Augen der beiden noch auf die Distanz auch in ihr einen Funken. Ihre Wangen glühten. Freudestrahlend drehte sie sich zu Özlem um.
Doch das Mädchen neben ihr war nicht Özlem. Irgendwo in der Menge war Özlem verlorengegangen. Das unbekannte Mädchen lächelte sie an, hielt ein Handy ans Ohr und mit der freien Hand das andere zu. Lea war viel zu aufgedreht, um sich zu grämen, dass mit Özlem das einzig Vertraute, und sei es eine nur wenige Stunden alte Bekanntschaft, verloren war. Die Menge trug sie in den Park hinein, um den sich alles drehte. Hier standen die Bäume, an deren Rettung sich die Proteste entzündet hatten. In dem Gewusel schienen alle einander zu kennen, ein Festival ohne Bühne, hier war jeder Akteur. Jedes Hallo, jedes Lächeln wollte beantwortet sein. Eine Stunde, vielleicht auch zwei oder drei, zog sie von Gruppe zu Gruppe, stellte Fragen, lachte mit, vor allem aber hörte sie zu und saugte die Bilderflut in sich auf.
Ihr schwirrte der Kopf. Ein Junge hielt ihr eine Flasche hin, lächelnd schüttelte sie den Kopf. »Du siehst müde aus, komm, setz dich zu uns, ruh dich ein bisschen aus«, sagte ein Mädchen neben ihm und rückte für sie zur Seite. Erst jetzt spürte Lea die Erschöpfung und nahm die Einladung an. Sie lauschte dem Gitarrenspiel am Lagerfeuer und nahm die Wasserflasche.
»Danke!« Da flogen ihr die Gesichter der Umsitzenden zu. Unwillkürlich war ihr der Dank auf Deutsch über die Lippen gepurzelt.
»Kommst du aus Deutschland?«
»Aber du kannst Türkisch? Woher kommst du denn?«
»Seit wann bist du hier?«
»Mit wem bist du hier?«
Fragen prasselten auf sie ein, sie schloss die Augen, lächelte.
»Hey, nervt sie nicht mit euren Fragen! Sie ist hier wie wir alle, schön, dass du da bist!«
Sie spürte einen Arm, der sich schützend um ihre Schultern legte. Dankbar blickte sie auf, es war das Mädchen, das sie eingeladen hatte, sich dazuzusetzen.
Ihr Blick fiel auf einen schmalen Jungen vor dem Zelt gegenüber. Er stopfte sich Spraydosen in die Strümpfe. Der hat noch was vor heute Nacht, schoss es ihr durch den Kopf und sie fragte sich, wo er wohl sprayen würde und was. Er wandte ihr den Kopf zu, als hätte er ihre stummen Fragen gehört, und grinste verschmitzt. Als sie zurücklächelte, rief er herüber: »Kommst du mit? Ich geh mir noch ein wenig die Beine vertreten.« Sie nickte heftig, doch als sie aufstehen wollte, taumelte sie und fiel zurück. »Hey, bist du vom Gezi-Rausch betrunken?« Gelächter, mitfühlende Blicke, wieder legte ihr das Mädchen den Arm um die Schulter, der Sprayer schmunzelte. »Na, laufen solltest du schon noch können!« Als er die Wolke sah, die sich auf seine Worte hin auf ihre Miene legte, schob er tröstend nach: »Die nächste Nacht kommt bestimmt!« Er warf sich einen knallroten Radlerrucksack auf den Rücken, zwinkerte ihr zu und verschwand zwischen Bäumen und Menschen.
Erst jetzt bemerkte Lea, dass es ringsum ruhig geworden war, viele hatten sich in die Zelte zurückgezogen, andere lagen in Schlafsäcken oder einfach in Wolldecken oder Jacken gehüllt davor. Manche redeten noch, rauchten, andere schnarchten. Einer weinte am Telefon.
»Wie heißt du eigentlich?« Die Frage riss sie aus den Gedanken. Hier waren alle Freunde, alle gehörten zusammen, viele Namen wirbelten durch die Luft, in einer Diskussionsgruppe glaubte sie vor Stunden sogar den eigenen Namen gehört zu haben, doch nach ihrem hatte sie bisher niemand gefragt. Sie lächelte, drehte sich zu der Fragestellerin um.
»Ti«, sagte sie. »Und du?«
4
MARIE
#schwarz
Der Artikel war nicht fertig. Erst hatte sie sich nicht entscheiden können, das Thema überhaupt anzugehen, dann hatte sie keinen Abnehmer für das Exposé gefunden. Ins Blaue hinein zu schreiben, fiel ihr immer noch schwer. Lieber hätte sie im Austausch mit Kollegen Themenhefte konzipiert, im grellen Licht der Großraumredaktion unausgereifte Artikel von Nachwuchsautorinnen optimiert oder sich über die spitzen Anmerkungen der Chefredakteurin in ihrem Lieblingsartikel echauffiert. Lieblingstext war stets der, an dem sie gerade arbeitete. Sie brauchte den Austausch darüber, wie aus einer Idee ein Text, eine Serie, ein Heft entstehen sollte. Doch nach der Umstrukturierung der Redaktion stand sie auf der Straße. Feste Freie durfte sie sich nennen. Ein Euphemismus. Ein Zugeständnis an ihre langjährige erfolgreiche Arbeit, hatte die smarte neue Redaktionsleitung geschmeichelt. Denn selbst bei den Freien wurde der Reihe nach das »fest« gestrichen. Aus heiterem Himmel war sie beim alten Eisen gelandet, welche Schmach! »Freie« war sie kurz nach dem Studium gewesen, immer in der Hoffnung, nach der nächsten Weiterbildung, dem nächsten Praktikum fest angestellt zu werden. Auf das »fest« nach dem Rauswurf konnte sie sich ein Ei backen.
Schon lange liebäugelte sie damit, wieder einmal etwas zu Lateinamerika zu machen, ihr altes Leib-und-Magen-Thema. Revolución! Libertad! Doch was war aus den einstigen Volksbewegungen geworden, wohin war es mit Ortega in Nicaragua gekommen! Wer aktuell in El Salvador an der Macht war, wusste sie nicht einmal. Morales und Lula schienen Leuchttürme zu sein, doch selbst ihr Licht war blass gegen das Strahlen der hoffnungsvollen Frentes in den Siebzigern und frühen Achtzigern. Als es nun in Brasilien gärte und Bürger auf die Straße strömten, denen es relativ gut ging, rieb Marie sich verwundert die Augen. Sie zögerte zu lange, den Impuls, schreibend Hintergründe zu erkunden, in die Tat umzusetzen. Als sie erfuhr, dass es nicht die Armen waren, die dort aufbegehrten, suchte sie nach Parallelen in Wohlstandsgesellschaften: Besitzstandswahrung als Motivation für revolutionäre Umtriebe? Zäh tröpfelten zu wenige Gedanken in die Tastatur. Zum xten Mal las sie die drei, vier Zeilen. Und kam nicht darüber hinaus.
Wie so oft in jüngster Zeit, wenn die Konzentration zu wünschen übrigließ, loggte sie sich bei Facebook ein. Sie gehörte zu der schweigenden Mehrheit, die verfolgte, was andere posteten, und, der Gipfel an Aktivität, hin und wieder auf »gefällt mir« klickte. Schreiben war ihr Beruf, ihre Leidenschaft, Schreiben hatte seine eigene Ethik, die für sie unvereinbar mit dem Buchstabengeblubber in den sozialen Medien war, außerdem war der Datenschutz in der glitzernden www-Schwabbelwelt völlig ungeklärt.
Ein türkischer Teilnehmer aus dem letzten Workshop hatte ihr eine Freundschaftsanfrage geschickt. Creative Writing für Migranten. Nett war das gewesen, hatte auch etwas Geld gebracht, aber auf Dauer brauchte sie wieder einen festen Job. Sie war nicht der Typ für ein ungewisses Freiberuflerdasein. Ohne das regelmäßige Sprechergehalt ihres Mannes auf dem gemeinsamen Konto hätten die drei Monate Arbeitslosigkeit ihr den letzten Nerv geraubt. »DINKS«, hatte Manfred irgendwann einmal hinter seiner Morgenzeitung gebrummelt und kurz aufgelacht. Bitte? »Double Income No Kids.« Sie hatte nicht einmal grinsen können. Ja, sie galten wohl als gesettled. Ein ruhiges gleichförmiges Leben in einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Den Kinderwunsch hatte sie nach all den vergeblichen Versuchen erfolgreich verdrängt, die Nörgelei der Mutter nach Enkeln hatte die Kluft zum Elternhaus weiter vertieft.
Sie nahm die Facebookfreundschaftsanfrage an. Posts blitzten auf. »Ethem’i öldürdüler! Sinsi Katiller!« Was mochte das heißen?
*
»Das ist sein Ende, in spätestens einer Woche ist der Mann weg!« Sie drehte sich um. Der junge Mann, der das gesagt hatte, grinste, als er ihren fragenden Blick sah. »Erdoğan, der türkische Ministerpräsident. Sie werden sehen, wie die Leute im Gezi-Park den wegpusten!«
»Schschsch! Ruhe!«, zischelte es links und rechts im Publikum des Vortrags.
Marie hob erstaunt die Augenbrauen. Ihrer Erfahrung nach geschahen Revolutionen nicht über Nacht. Gut dreißig Jahre war es her, dass sie Spanisch gelernt hatte, um sich der Revolution in Nicaragua anzuschließen. Sweet Sixteen, voller Enthusiasmus und Tatendrang war sie gewesen. Wo waren all die Träume von damals nur hin? Sie lächelte traurig und schüttelte den Kopf.
»Glauben Sie mir, was da abgeht, ist nicht zu stoppen!« Der junge Mann in der Reihe hinter ihr konnte nicht ahnen, dass ihr Bedauern nicht ihm galt, sondern dem eigenen Pessimismus. Sie zwang sich zu einem Lächeln. Wie gern wollte sie daran glauben. Doch Optimismus schien ein fremdes, der Jugend vorbehaltenes Wesen, das sich mit den Jahren verflüchtigte. Auch dieses Mal erwies sich ihr Pessimismus als Realismus. Weit mehr als die beschworene »eine Woche« war seither verstrichen, doch der türkische Premier schien fester im Sattel zu sitzen denn je.
*
Und nun war in Ankara ein junger Mann gestorben, den zwei Tage zuvor bei den Protesten eine Polizeikugel in den Kopf getroffen hatte. Ethem hieß er, mit einem unaussprechlichen Nachnamen. Erschossen. Marie musste an Romero denken, den Pfarrer und Bischof, der sich so spät erst für das Volk entschieden hatte, bald zu einer der wichtigsten Stimmen der revolutionären Bewegung in El Salvador geworden war, dann streckte ihn, mitten im Gottesdienst, eine Kugel nieder. Vermutlich von den Contras, von mehr oder weniger offiziellen paramilitärischen Einheiten, die die Drecksarbeit für die Regierung erledigten. Sie war damals sechzehn gewesen. Und dieser Ethem in der Türkei? Sechsundzwanzig!
5
LEA
#imagine
Rauch? Lea schnupperte und blinzelte verschlafen. Als sie den Arm unter der Jacke hervorzog, wunderte sie sich über die Enge. Unwirsches Grummeln antwortete ihr. Erschrocken riss sie die Augen auf. Wer lag bei ihr im Bett? Wo war sie? Brannte es?
Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Durch den Zelteingang reichte ihr eine Hand einen weißen Fetzen. »Gegen das Tränengas, ist besser, wenn du eine bei dir hast.« Eine Zigarettenlänge später tauchte ein grinsendes Mädchengesicht auf, Sommersprossen um die Nase, Strähnen hennaroten Haars fielen ihr in die Stirn. »Magst du Tee?« Das Gesicht war schon verschwunden, als Lea nickte. Sie rappelte sich auf, stopfte die Minigasmaske in die Hosentasche, langte nach ihrem Rucksack, erneutes Grummeln von der jungen Frau, neben der sie geschlafen hatte, ließ sie leise aus dem Zelt schlüpfen.
»Guten Morgen, Ti!« Ein verschmitztes Lächeln begrüßte sie zu ihrer neuen Identität. Der Sprayer von gestern Abend hockte auf dem Weg und malte an einem Plakat.
»Am ersten Tag Terroristen«, entzifferte Ti, »am zweiten Provokateure, am dritten …« Fragend schaute sie auf.
»Demonstranten«, erklärte er, »aber wichtig ist der vierte: Am vierten Tag wurden wir zum Volk!« Er lachte. Lea stimmte ein und nahm den Tee, den das Hennamädchen ihr reichte.
»Gibt’s hier irgendwo Simit oder Börek?«, fragte Lea. »Ich hab einen Bärenhunger, vor lauter Aufregung hab ich gestern glatt vergessen, etwas zu essen.«
»Und wir dachten schon, du bist Gezi-besoffen wie wir alle hier, als du gestern hier angetaumelt kamst. Übrigens, ich bin Tayfun.«
Lea grinste. Schwach erinnerte sie sich daran, dass sie am Vorabend mit dem Sprayer gehen wollte, aber einfach umgekippt war. Wie sie ins Zelt kam, wer die Mädchen waren, neben denen sie geschlafen hatte, war ihr schleierhaft. »Ich hol mal Simit«, sagte sie.
»Geh nicht zu einem der fliegenden Händler!«, rief das Hennamädchen.
»Aber …«
Das Mädchen wurde richtig streng, als sie erklärte: »Die meisten sind Polizeispitzel, immer noch! In Gezi heißt die Devise: kein Geld, kein Eigentum, alles ist für alle da!«
»Oder auch: nichts für niemanden!« Tayfun lachte. »Da vorn ist der Gezi-Supermarkt, schau mal, was du da findest.« Er wies mit dem Pinsel um drei Ecken, und Lea lief los, stolperte über Beine und Katzen, Heringe, Leinen und Decken. Alle drei Schritte blieb sie stehen, beäugte Graffiti, Aufkleber, Zettel mit Parolen oder Annoncen, lächelte Neuankömmlingen zu, beantwortete Fragen, stellte selber welche, lauschte einer Querflöte, sprang einer Gruppe junger Mütter bei, die von Kindern bemalte Laken zwischen Bäume spannten, während die Kleinen auf Steinen und Wegen weiterwerkelten, lehnte Zigaretten ab, reichte Wasserflaschen und Gasmasken von Hand zu Hand, wenn sie gerade durch eine Versorgungskette lief, staunte über ein Grüppchen, das mitten auf dem Pflaster sitzend meditierte, und fühlte sich als alte Gezi-Häsin. Endlich fand sie den Supermarkt.
»Willkommen im Çapulcu-Markt« stand krakelig auf einem Pappschild. Auf einer Pyramide aus Steinen lag alles, was das Herz begehrte, Schokoriegel, Saft, Cracker, Wasserflaschen, sogar Käse, Honig, Konfitüre in Portionsdosen. Oben hinter dem Pappschild drängten sich Plastiktüten mit Einkäufen und Mitbringseln für den fliegenden Marktplatz. Sie griff nach Keksen, hielt nach Obst aber vergeblich Ausschau. Gleich nachher würde sie irgendwo eine Riesentüte Obst besorgen, einen Apfel abzweigen und den Rest in den Soli-Supermarkt tragen.
Auf dem Rückweg fand sie den Weg von einer größeren Gruppe auf dem Boden sitzender Leute versperrt. »Ah, die Yogis sind auch schon da«, sagte jemand. Lea setzte sich dazu. Eine Vorturnerinnenstimme lud zum Sonnengruß ein.
Als Lea nach dem letzten Ausatmen die Arme senkte, stieß ihr Ellbogen den Nachbarn an. »Pardon!«, sagte sie und traf auf Tayfuns Grinsen.
»Ich hab dich gesucht. Simit-Holen kann ja keine Stunde dauern!«, sagte er theatralisch. »Es wimmelt hier nur so von Terroristen, Provokateuren, Demagogen. Und Tschapulierern natürlich.« Er zwinkerte ihr zu, zog sie aus dem Pulk der Yoga-Mädchen und nahm sich einen Keks aus ihrer Packung. »Noch einen Tee, dann aber an die Arbeit!« Lea ließ sich gern entführen.
Vor einem Zelt teilte eine ältere Frau Tee aus, deren Goldzahn aufblitzte, wenn sie lachte, und sie lachte ununterbrochen. Gleich daneben hockten zwei Männer und spielten Tavla. Tayfun wies Lea auf die zusammengefalteten Zettel hin, die neben dem aufgeklappten Spielbrett lagen. »Sie spielen ›Verschlossener Umschlag‹«, erklärte er. »Vor dem Spiel notiert jeder Spieler etwas auf einem Zettel. Der Verlierer muss dann tun, was der Gewinner ihm zugedacht hat.«
»So ungefähr wie Flaschendrehen zu zweit.« Lea lachte, dann stutzte sie. Verschwommen stieg eine Erinnerung in ihr auf.
»Es hat etwas mit Vertrauen zu tun«, sagte Tayfun und in Leas Kopf riss ein Schleier.
*
»Das ist reine Vertrauenssache, Ti!«, hatte der Vater gesagt und Lea den Umschlag aus der Hand genommen. Wie viele Jahre war das her? Er hatte sie zum Wochenendbesuch abgeholt und abends zu Freunden mitgenommen. Sie spielten »Verschlossener Umschlag«. Lea wollte wissen, was der Freund für ihren Vater notiert hatte, was würde er tun müssen, wenn er das Spiel verlor? Doch der Vater legte den Umschlag auf den Tisch zurück. »Ich vertraue meinen Freunden«, sagte er. »Was sie für mich entscheiden, ist richtig.« Er war Tavla-süchtig, doch die Umschläge kamen nur selten ins Spiel. Vertrauenssache! Lea wusste, dass sie am Ende erfahren würde, was darin stand. Der Verlierer würde seinen Umschlag öffnen und ihn lesen, erst für sich, oder, wenn er Mut hatte, auch gleich laut für alle. Man würde lachen und diskutieren und der Verlierer würde tun, was der Gewinner für ihn vorgesehen hatte. Was aber im verschlossenen Umschlag für den Gewinner für den Fall seiner Niederlage bestimmt gewesen war, blieb Geheimnis des Verlierers.
Seit der Trennung der Eltern waren die wenigen Tage mit dem Vater Sternstunden für Lea. Er lebte in einer anderen Welt als die Mutter, die den ganzen Tag arbeitete und kaum Zeit für die Tochter hatte. Vater Ziya schien unendlich viel Zeit zu haben, vor allem aber war er, im Gegensatz zur Mutter, die nach Feierabend meist nur noch ihre Ruhe wollte, nie allein. Er nahm sie in den Verein mit, auf Demos, zu Veranstaltungen, in Konzerte, zu Freunden sowieso. Gemeinsam wurde gelacht, viel schwarzer Tee heiß aus kleinen taillierten Gläsern getrunken, gegessen und diskutiert, oft lautstark.
»Du bist mein Sonnenstrahl, Ti!«, lachte der Vater jedes Mal, wenn er sie abholte. Ti war sie nur bei ihm. Wie fast immer hatten die Eltern sich auch beim Namen für die Tochter nicht einigen können, deshalb trug sie einen Doppelnamen: Lea für die Mutter, Tirêj für den Vater. »Aber das ist doch ein Jungenname!«, hatten Vaters Freunde gelästert. »Es ist der schönste Name auf der Welt: Sonnenstrahl, ein ganzes Bündel voller Sonnenstrahlen und obendrein noch mit den Farben des Regenbogens«, hielt der Vater stets dagegen. »All das ist meine Tochter für mich. Als Sohn hätte sie diesen Namen bekommen, warum soll sie nicht auch als Tochter so heißen?« Und Lea trug den Namen mit Stolz, für ihren Vater und für seine Freunde.
Der Vater hatte damals das Tavla-Spiel verloren. Er war blass geworden, als er las, was der Freund geschrieben hatte. Laut wollte er die paar Zeilen nicht vorlesen. Er hatte den Zettel gefaltet, in die Hemdtasche gesteckt, dem Freund die Hand gereicht und mit eiskalter Stimme gesagt: »Mein Wort darauf!« So sehr Lea auch bettelte, sie erfuhr nie, was auf dem Zettel für den Vater stand. Kurz darauf war er fort gewesen. Er rief nur noch an, zunächst häufig, dann immer seltener, und stets versprach er: »Ich bin bald wieder da.« Doch wo er war, verriet er nie. Lea war todtraurig, er vertraute ihr also nicht. »Du wirst es eines Tages verstehen«, flüsterte er durchs Telefon. Später meinte Lea, er hätte dabei jedes Mal einen Kloß im Hals gehabt.
Sie hatte ihn nie wiedergesehen. Und seinen Namen für sie nie wieder benutzt. Bis gestern.
*
»Ti? Warum weinst du?« Tayfun nahm ihren Ellbogen. »Was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?«
Ein Schauer durchzuckte sie, sie schüttelte den Kopf, wischte mit dem Handrücken energisch über die Augen. »Nur eine Erinnerung«, murmelte sie. »Ist schon vorbei!« Tayfun musterte sie besorgt, sie zog die Mundwinkel hoch. Zwing dich zum Lächeln, du wirst staunen, wie sich das Spiel der Muskeln auf deine Stimmung auswirkt! Eine Yogi-Regel. Oder so.
»Hörst du das?« Sie lauschte. Der Pianist auf dem Taksim-Platz spielte immer noch oder schon wieder. Sie mussten nicht darüber reden, Hand in Hand liefen sie los, schlängelten sich durch die Menschen, die auch an diesem Morgen zahlreich in den Park strömten. »Imagine all the people«, summten sie mit, »Living for today …«
Sie setzten sich ein wenig abseits, sangen laut mit all den Menschen, Hunderte, Tausende, Hunderttausende, die hier auf den Beinen und in Bewegung waren: »You may say I’m a dreamer … But I’m not the only one …«
Als Lea aufstehen wollte, kribbelten ihr die Beine, zu lange hatte sie im Schneidersitz verharrt, stundenlang erst der Musik dann den Debatten über das weitere Vorgehen gelauscht. Tayfun hatte sich bald gelangweilt, nachdem zunächst er es gewesen war, der unbedingt teilnehmen wollte, denn: »Das ist Basisdemokratie!« Lea war ihm gefolgt, obwohl sie viel lieber von einem Zelt zum anderen gewandert wäre, um das bunte Treiben im Park auf sich wirken zu lassen. Dann fesselte die Diskussion sie doch. Für sie war alles neu. Aber die Proteste dauerten nun schon zwei Wochen an und es drängte die Frage, wie es weitergehen sollte. Sich organisieren, eine Partei gründen, wollten die einen, die anderen hielten dagegen: Unsere Stärke ist unsere Vielfalt, gerade ohne Organisation. Und wie mit einer Räumung umgehen, die manchen undenkbar, anderen aber unmittelbar bevorzustehen schien? Endlos war es hin und her gegangen. Lea wollte bleiben, als es Tayfun weiterzog. Rasch notierte er seine Handynummer auf ihrem Arm. »Für alle Fälle!« Er zwinkerte ihr zu und weg war er. Als das Fazit am Ende lautete: »Wir bleiben, wir kämpfen weiter!«, war Lea fast enttäuscht. Natürlich würden sie bleiben! Der Park gehörte den Menschen, das war doch wohl klar. Aber eine Zukunftsansage war das nicht.
In ihrem Kopf herrschte ein ähnlicher Trubel wie im Park. Sie wühlte sich durch die wogende Menge, die plötzlich stockte. Ein gespenstisch stiller Zug von zehn, vielleicht fünfzehn Gestalten schlängelte sich durch die Menschen. Einige in Schwarz, nur die Gesichter weiß bemalt, andere als Clowns geschminkt. Ein Mädchen mit roter Pappnase und schneeweißer Riesenblüte im Haar kam Lea bekannt vor. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Das war doch Özlem, das Mädchen aus dem Bus! Sie wollte ihren Namen rufen, doch etwas hielt sie zurück. Wie sie da stumm gleichsam durch die Menge schwamm, ging von der Gruppe ein majestätisches Schweigen aus, das nicht nur Lea in ihren Bann zog. Pantomime!
Voran stolzierte ein Mann im schwarzen T-Shirt, das weiße Gesicht maskenhaft. Oder war es eine Frau? Wie ein Zirkusdirektor schritt er, oder sie, breit die Beine, die Brust geschwellt, führte er seine Truppe durch den Park. Unvermutet schlenderte er, spähte nach links und rechts, lächelte selig, bückte sich, hob etwas auf, die Leute reckten die Köpfe, wollten sehen, was er vom Boden klaubte, doch seine schlanken Hände waren leer, das heißt, nur er sah, was er hielt, er beäugte es, strich sanft darüber, steckte es in die ebenso wenig vorhandene Tasche, stapfte weiter, verfiel in Laufschritt, bahnte sich mit hektischen Gesten einen Weg durch die Menge, wie auf der Flucht. Plötzlich erstarrte er, wie getroffen, von einem Schlag, einer Kugel, einer Tränengasgranate, riss den Arm hoch, den Kopf zurück, den Mund auf, Schmerz auf der weißen Maske, stürzte rücklings. Hände reckten sich ihm entgegen, Arme griffen vor, ihn aufzufangen, ohne ihn zu berühren. Sekundenlang froren die Darsteller ein, nur die Clowns gingen weiter, tänzelten um die Szene herum, klatschten lautlos, riefen, weinten, lachten, ohne den geringsten Laut. Da drängelte sich Özlem durch die Menge, das Mädchen mit der roten Pappnase, lautlos ächzend fuhr sie eine fiktive Schubkarre auf den Platz. Die Pantomimen luden vorsichtig etwas Langes, Schweres und doch zerbrechlich Zartes ab, einer kauerte und grub, Özlem setzte sorgsam in das unsichtbar gegrabene Loch, was sie zuvor gemeinsam von der Karre hoben. Ringsum herrschte atemlose Stille. Die Clowns schlugen begeistert die Hände zusammen, lautlos, bestaunten das Werk, den Blick verzückt in den Himmel gerichtet. Als Özlem begoss, was sie imaginär in den Park gepflanzt hat, hatten es alle verstanden. Enthusiastisch applaudierte die Menge.
Lea schmunzelte. Der Mensch sucht stets nach Sinn, dachte sie, immer will er sofort verstehen, will Muster zuschreiben, sortieren, urteilen, bewerten, statt sich einfach nur zu öffnen, zu schauen, zu staunen und zu warten, bis das Geschaute von selbst Gestalt in ihm annimmt, ihn in sich hineinzieht. Wie jetzt das stumme Theater sie. Lea war nur noch Auge, war den Pantomimen dankbar, einen Moment der Stille in den Tumult gebracht zu haben. Der Park nahm pausenlos sämtliche Sinne in Beschlag, alles stürmte auf sie ein, und sie war begierig, alles aufzunehmen. Nun merkte sie, wie viel intensiver Erleben sein kann, wenn nur ein Sinn angesprochen ist und die anderen die Chance bekommen, sich von Innen her zu beteiligen.
Zwei Hände legten sich auf ihre Augen. »Pst!«, zischte es hinter ihr. Lea zögerte.
»Tayfun?« Ein Mädchen neben ihr lachte. Lea spürte ihren Hörsinn explodieren, kaum war sie für eine Sekunde ganz blind, drängte sich ein anderer Sinn in den Vordergrund. Ungeduldig ließ Tayfun seine Hände auf ihre Schultern gleiten.
»Es wird schon dunkel, kommst du heute Abend mit?« Kurz war Lea hin und her gerissen. Natürlich wollte sie mit auf Spraytour gehen, aber die Pantomime hatte etwas Neues in ihr ausgelöst. »Na, wenn du nicht willst, geh ich eben allein.« Lea griff nach Tayfuns Hand.
»Warte! Ich komme mit!« Sie kramte ein Post-it aus der Tasche, kritzelte ihre Telefonnummer darauf, setzte ihren Namen darunter.
»Bist du noch länger hier?«, fragte sie das zierliche Mädchen neben sich.
»Keine Ahnung, man kommt und geht halt«, lachte die. Hilfesuchend blickte Lea Tayfun an. Er grinste und hob fragend die Augenbrauen.
»Wo brennt’s denn?«
»Das Mädchen mit der roten Pappnase und der Blume im Haar, das ist Özlem, mit ihr bin ich hergekommen, im Bus, wir hatten uns verloren, aber jetzt …«
Da schnappte sich die Zierliche an ihrer Seite die Notiz mit der Telefonnummer und wieselte erst durch die Zuschauermenge, dann durch die Pantomimegruppe, war im Nu bei Özlem, flüsterte ihr etwas ins Ohr, steckte ihr den Zettel in die lichtblaue Tüllhülle, warf Lea eine kurze Kusshand zu und verschwand auf der anderen Seite in der Menge.
»Das sind die Mädels von Gezi!«, lachte Tayfun. »Kommst du jetzt mit?«
6
MARIE
#standtall
heute, 21:00h, 5 min stehenbleiben, egal wo ihr seid, unterstützt den protest in der türkei! #duranadam #direngeziparkı
Es war schon fast zehn. Um neun hatte sie in der Bahn gesessen. Hätte sie den Tweet früher gelesen, wäre sie aufgestanden. Bei dem Gedanken musste sie grinsen. Schweigemärsche waren geläufig. Aber aus Protest einfach irgendwo stehenbleiben?
»Du brauchst ein Smartphone.« Manfred stellte ihr den Lama-Becher mit dampfendem Tee neben den Laptop. »Mach doch Schluss für heute.«
Ein Tag mit zwei Vorstellungsgesprächen lag hinter ihr, viel Hoffnung machte sie sich nicht. Kaum aus Bremen zurück, hatte sie den Laptop aufgeklappt, um auf Twitter nach der Situation in der Türkei zu schauen. WLAN gab es im Regionalexpress leider nicht.
»Oder ein Tablet, ja.« Sie nippte dankbar am Tee – und hörte die Stimme ihres Vaters im Hinterkopf: Reichen dir PC und Laptop denn nicht? Digitale Aufrüstung ist doch nur Ersatzbefriedigung! Erweitere lieber deinen Bewerbungshorizont! Ihr eher praktisch als empathisch veranlagter Vater schickte ihr Anzeigen für Sekretariatsstellen. Sie hatte es aufgegeben, sich darüber aufzuregen, dennoch versetzte es ihr nach wie vor jedes Mal einen Stich. Manfred verteidigte ihre Eltern, sie würden es doch nur gut mit ihr meinen. Er mit seiner Lebensstellung beim Rundfunk hatte gut Reden. Und für ihre Eltern, die, mit dem sicheren Nachkriegsmodell »Sie Hausfrau, Er solide-Ausbildung-feste-Stelle-Rente« im Rücken zwei Kinder in die Babyboomerjahre gesetzt hatten und Veranlassung weder für emotionale noch materielle Unterstützung sahen, war jeder seines Glückes Schmied. Nur wer hart durchmusste, hatte Wohlstand verdient. Sie vertrauten weniger der eigenen Tochter als vielmehr dem System, das sie schließlich eigenhändig nach der Gnade der Stunde Null mit aufgebaut hatten.
Mit Tablet hätte Marie schon im Zug auf den Vogel getippt. Twitter, komprimierter als Facebook, war Informationsquelle Nummer eins, nicht nur für die Millionen der Gezi-Bewegung in der Türkei, mittlerweile auch für sie. Mit Hashtags hatte sie sich schnell angefreundet. Wie praktisch, man setzte ein Gitter # und damit war der entsprechende Begriff verschlagwortet. Anhand der Beliebtheit der Hashtags ließ sich ablesen, was gerade vielen auf den Nägeln brannte. Dazu gehörte dieser Tage alles, was #gezi enthielt.
#duranadam gab sie in die Suche ein. Endlos ploppten Posts vor ihr auf und sekündlich kamen neue Tweets hinzu. Ankündigungen von Aktionen, Berichte und Fotos, erste Analysen, wer dieser Mann war, der sich gestern Abend auf den Taksim-Platz gestellt hatte und mit dieser so einfachen wie effektvollen Geste quasi eine Revolution zivilen Ungehorsams ausgelöst hatte. Marie klickte einen Link an. Ein Blogartikel. Titel: Stand tall. Sie schmunzelte. Stand tall, don’t you fall … Das musste jemand in ihrem Alter geschrieben haben, wer kannte heute noch den alten Song, der ihr in der Jugend über so manche Krise hinweggeholfen hatte.
Marie speicherte den Blogpost als PDF-Datei ab und las. Wow, dachte sie, eine schöne kleine Skizze mit Gedankenanstößen und Referenzen an Raumkonzepte.
Stehen heißt: Raum nehmen. Sich das Recht auf Raum erstehen. Wo ich stehe, gehöre ich hin. Der Platz, auf dem ich stehe, gehört mir, und sei es für die Dauer des Stehaktes. Ich erhebe Anspruch auf diesen Raum. Ich besetze den Raum. Besetzter Raum lässt Atmosphäre entstehen. Und hier: Es entsteht etwas, wo einer steht und andere sich zu ihm stellen. Zu ihm stehen. Einer steht für alle da, alle stehen für einen ein.
In der Türkei blieben plötzlich überall Menschen einfach stehen, vor allem vor Amtsgebäuden, Denkmälern, Polizeiwachen, Parteibüros. Was für eine Idee! Ausgelöst von einer spontanen Reaktion eines einzelnen Performancekünstlers, der behauptete, es sei gar keine Performance gewesen, nicht einmal eine Aktion. Er habe einfach nicht anders gekonnt, als auf dem Taksim-Platz stehenzubleiben. Stundenlang. Bis er verhaftet wurde. Wegen unbefugten Stehens auf einem Platz und Erregung öffentlichen Ärgernisses. Stehen erregt Aufsehen. Ist ein Ärgernis. Wie wahr, dachte Marie und lachte. Manfred nahm den Blick vom Fernsehapparat und drehte ihr fragend den Kopf zu.
»Hier ist ein toller Text. ›Gedanken im Fluss‹, steht darunter, scheint eine Reihe zu sein. In der heißen Phase geschrieben war.«
»Bist du schon wieder bei den Istanbuler Protesten?«
Marie nickte und klickte auf den Autorennamen. Mavi, Studentin, 24, Deutsch-Kurdin, derzeit Istanbul. »Ich schreib mal drauflos«, stand noch in der kurzen Autorennotiz.
Als Studentin hatte auch Marie drauflosgeschrieben. Einige wenige Texte hatte sie unterbringen können. Dann führte sie die Mitarbeit im El-Salvador-Komitee gewissermaßen in die Welt, dort hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, anerkannt und gebraucht zu werden. Zu Beginn traute sie sich kaum, den Mund aufzumachen, übernahm aber gern Aufgaben, die andere in dem kleinen Kreis lästig fanden: Protokoll schreiben, dies tippen, das übersetzen. Hier sagte niemand: Ganz nett, üb schön weiter. Ihre Texte gingen an die Presse. Den Spanischkurs konnte sie sich bald schenken, die Praxis lehrte sie viel mehr als ein Kurs es je gekonnt hätte. Sie schrieb kleine Texte, über Cardenals Liebeslyrik, über Camilo Torres und Bischof Romero, über Lyrik und Befreiungstheologie. Wie fühlte sie sich damals aufgerufen und ohnmächtig zugleich. »Nicht gescheitert, nur die Ziele zu hoch gesteckt!« Sie lachte bitter auf, als ihr diese Zeile aus einem ihrer frühen Gedichte in den Sinn kam. Diesmal zog Manfred die Augenbrauen hoch, als sein Kopf sich erneut zu ihr drehte.
»Immer noch nicht fertig? Die Tagesthemen fangen gleich an.«
»Bin sofort da.«
Aufgewühlt lief sie in die Küche. Sie war doch schon so lange unterwegs, vor jeder Ecke hatte sie gehofft, hinter dieser endlich angekommen zu sein, nur um nach kurzer unbehaglicher Rast weiterziehen zu müssen. Jedes Mal tröstete sie sich: Es ist noch nicht soweit, geh weiter, nimm auch diese Erfahrung mit, für irgendetwas wird sie schon gut sein. Seit Jahrzehnten war sie unterwegs und trug eine Art Werkzeugkasten mit sich. Klein und handlich, dünnwandig, unförmig, unscheinbar, doch unverwüstlich, gierend nach allen Werkzeugen dieser Welt. Und Marie begann zu sammeln, was ihr unterkam, was ihr verwertbar schien, sie anlachte oder ihr vor die Füße fiel, oft auch musste sie mit Händen danach greifen, reißen, zerren und sich lange mühen, bis es in den Kasten passte. Nichts ging verloren. Doch statt dass der Kasten sich füllte, eng und prall wurde, schaffte jedes Werkzeug Raum für neues, Raum für Dinge, an die nie zuvor gedacht war, denn jedes kam mit seiner eigenen Geschichte, öffnete Türen, wo zuvor nicht einmal Mauern gewesen waren. Der Werkzeugkasten wuchs zu einem Kosmos, der nie durchmessen, nie umfänglich erforscht, vor allem aber nie ganz gefüllt sein würde. Das hatte sie mit Staunen zur Kenntnis genommen. Und irgendwann akzeptiert.
Marie war unterwegs. Sie war auch mit gut Mitte vierzig noch lange nicht angekommen. Manchmal blieb sie stehen, blickte zurück, staunte über die zurückgelegte Strecke, über die Kurven, die ihr beim Gehen gar nicht wie solche vorgekommen waren. Ihr Weg war noch lang. Sie würde ihn gehen. Auf einem Platz in Istanbul hatte sich einer hingestellt.
»Aufstehen!«, sagte sie laut und räumte den Lamabecher in die Spülmaschine.
»Was?«, fragte Manfred aus dem Wohnzimmer.
Ins Auge fassen, wogegen es sich zu wehren gilt, Widerstand leisten. Stehen. Und dann gehen.
»Ich mach noch einen Tee, willst du auch?«, rief sie zurück. Sie hörte ihn förmlich den Kopf schütteln. Als das Wasser kochte, langte sie nach dem lichtblauen Keramikbecher mit den silbernen Sternen. Genau der richtige für den Klarer-Geist-Tee und den Blick in die Kristallkugel. Wo nur, wo sollte sie hin? Mit sich und ihren brachliegenden Talenten …
7
LEA
#direngezi
Am zweiten Abend ging sie mit Tayfun, als er sich auf Spraytour machte. Er führte sie nach Karaköy, erst den Yüksek Kaldırım hinunter bis zum Galataturm, dann mitten hinein in das kultige Hafenviertel. Die ganze Stadt schien im Umbruch zu sein, Baustellen an allen Ecken und Enden.
»Hier haben sie wahnsinnig viel abgerissen und durch moderne Neubauten ersetzt«, erklärte Tayfun. »Aber wir retten, was zu retten ist.«
»Wir?«, fragte Lea konsterniert. »Wer ist wir? Ich wusste nicht, dass du für eine Organisation arbeitest.«
»Quatsch! Für Vereine bin ich nicht geschaffen.« Tayfun grinste. »Wir sind alle. Also alle, die etwas verändern wollen, die nicht hinnehmen, was uns aufgezwungen wird.«
»Die leben wollen, statt dahinzuvegetieren«, stieg Lea auf seinen Diskurs ein.
»Genau!«
Diese Lebensart hatte Lea im Park so intensiv gespürt wie nie.
»Aber Gezi ist nicht der Auslöser«, gab Tayfun zu bedenken, »Gezi ist nur der Schmelztiegel, der uns alle an einem Punkt zusammengebracht hat.«
»Und was wird nach Gezi sein?«
»Taksim ist überall!« Tayfun wischte ihre Sorge mit dem gängigen Slogan beiseite. Sie wunderte sich selbst, dass die Frage nach dem Danach sie immer dann überfiel, wenn sie den Park verließ. »Weiter so! Wir bleiben hier! Der Widerstand geht weiter!«, lautete die feste Überzeugung aller im Park. Nichts war mehr wie zuvor und nichts würde den mächtigen Sprung, den die Gesellschaft in den vergangenen zwei Wochen nach vorn gemacht hatte, je wieder ungeschehen machen können.
An einer Mauer übermalte eine Frau einen Spruch. Lea blieb stehen, versuchte die verbliebenen Buchstaben zu entziffern.
»Sind leider auch dumme sexistische Sprüche dabei«, erklärte ein Mädchen mit wippendem Pferdeschwanz, als sie Leas fragenden Blick sah. »Viele Männer finden so was lustig. Aber wir wollen keinen Sexismus!« Sie deutete auf mehrere Flecken an der Mauer. Ein vermummtes Mädchen, die große Blumen auf die grau übertünchten Stellen sprayte, drehte sich um und rief: »Sollen sie Tayyip verfluchen, aber doch nicht auf dieser Ebene! Unser Kampf fängt gerade erst an. In den Köpfen muss noch so viel passieren …«
Da kam Tayfun angesprungen, griff nach Leas Arm. »Komm! Schnell!«
»Aber ich rede gerade …«
»Später. Komm jetzt! Es geht los!«
Erst da wurde Lea gewahr, dass die fröhliche Aufregung ringsum angespannter Unruhe wich. Die Feministinnen malten weiter, aber vor den Bars und Cafés wurden hektisch Hocker und Tische gestapelt, Leute hasteten bald zielstrebig, bald kopflos umher. Und jetzt hörte sie auch die Polizeisirenen.
»Die räumen!«
Sie liefen durch Rauch und Tränengasnebel, doch Taksim-Platz und Gezi-Park waren weiträumig abgesperrt. Tayfun wurde panisch, er wollte unbedingt hin. Die Freunde, die Zelte! Sie schafften es bis zur Istiklâl-Straße. Leute rannten, Wasserwerfer rollten, Reizgasgranaten flogen in die eine, Steine und Flaschen in die andere Richtung.
Bald konnte Lea nicht mehr. Sie keuchte, hustete, das Atmen fiel ihr immer schwerer. Ich bin ihm ohnehin nur ein Klotz am Bein, dachte sie traurig. Doch wo sollte sie hin?
»Zieh die Maske vors Gesicht!«
Sie kniff die Augen zusammen, konnte kaum noch gucken. Dichter Nebel waberte durch die breite Straße. Wieder musste sie husten.
»Geht’s noch?«, fragte Tayfun, bestimmt schon zum zehnten Mal. Benommen schüttelte sie den Kopf. Er verstand sofort, hakte sie unter, zog sie zur Seite. Gerade noch rechtzeitig. Zwanzig, vielleicht dreißig junge Leute, T-Shirts, Tücher, Arme vor dem Gesicht, stürmten den Boulevard zum Tünel hinunter. Ein Wasserwerfer verfolgte die Gruppe, spritzte sorgfältig die gesamte Straßenbreite ab, von rechts nach links und wieder zurück, immer wieder.
»Kopf runter, dreh dich um!«
Doch es war zu spät. Lea sackte zusammen. Ihre Augen brannten wie Feuer. Tayfun hockte neben ihr, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände. Sie weinte.
»Ich bin blind!«
»Ach was, Tränen sind gut!«, sagte eine fremde Stimme. Eine Frau. Lea fühlte Hände auf dem Gesicht, jemand zog ihr die Maske herunter, wischte über ihre Wange und sprayte ihr etwas auf die Augen. »Talcid, sei froh, dass ich noch welches hab. Mach mal die Augen auf.«
»Ich kann nicht!«, schluchzte Lea auf.
»Kein Ding, wir helfen dir.« Tayfuns Stimme. Lea fühlte, wie zwei Personen sie unterhakten und auf die Beine stellten. Trotz aller Mühe bekam sie die Augen nur einen winzigen Spalt breit auf, sah aber nichts.
»Ich bin blind, ich kann nichts sehen!«
Ein Blitz fuhr ihr ins Gesicht.
»Kein Foto!« Tayfun. »Nicht filmen!«
»Deutsche Presse«, rief eine Männerstimme.
»Wenn das öffentlich wird, sind wir dran.« Tayfun.
»Die haben uns sowieso längst alle im Visier.« Die Frau zog an Leas Arm. »Komm, wir müssen von der Istiklâl runter!«
Sie führten Lea, die sich noch immer nicht traute, die brennenden Augen zu öffnen, in eine Seitengasse. Lea konnte kaum atmen und musste immer wieder husten, aber der Schmerz in den Augen ließ nach.
»Geht’s wieder?«, fragte die Frau. Lea nickte. »Okay, ich muss weiter«, rief die Frau und sprang durch den Nebel davon.
Wenige Schritte weiter stieß Tayfun eine Tür auf. Lea konnte Licht und Schemen ausmachen. Offenbar herrschte drinnen großes Gedränge.
»Abi!«, rief Tayfun und drängelte Richtung Tresen, etliche Männer drehten den Kopf. »Demir Abi!« Ein älterer Mann mit Kahlkopf aber umso längerem Bart löste sich von der umlagerten Theke.
»Abi, das ist Ti, sie hat was abgekriegt, pass auf sie auf, bitte!« In Windeseile drückte Tayfun Lea einen Kuss auf die Stirn und war schon wieder zur Tür hinaus.
Lea spürte eine Hand auf dem Arm.
»Keine Sorge, der kommt schon wieder«, beruhigte sie der Alte und führte sie an einen Tisch weit hinten an der Wand. Bestimmt zehn Frauen jeden Alters hockten hier zusammen, tranken, aßen, vor allem aber redeten sie. »Rückt mal, Ladys!«, hätte Demir gar nicht zu sagen brauchen. Stühle waren nicht mehr frei, aber zwei Mädchen überließen Lea je die Hälfte ihrer Plätze.
»Are you okay?«
»Geht schon wieder«, antwortete Lea auf Türkisch und versuchte ein Lächeln, auch wenn sie noch blinzelte.
»Trockne dich erstmal ab, Kleine!« Demir stand mit einem Handtuch hinter ihr. Eine ältere Frau mit einem widerspenstigen blaugesträhnten, grauen Haarschopf griff danach und rubbelte Lea den Kopf ab.
»Hat jemand ein trockenes T-Shirt dabei?«, rief sie in die Runde. Erst da merkte Lea, wie nass sie war. Und das war kein Schweiß, obwohl die Nacht warm war.
»Nicht nötig«, murmelte Lea und kämpfte gegen den Kloß im Hals. Doch die Ältere zog ihr resolut die nasse Hemdbluse über den Kopf und ein weites frisches Shirt an. Lea brach in Tränen aus. Jetzt, wo alles vorbei war. Die Frau nahm sie fest in den Arm.
»Alles gut. Du bist hier sicher.«
8
IMKE
#tagetes
Nie wieder würde sie Mitte Mai in Urlaub fahren. Wer einen Garten hat, bleibt von April bis Juni zu Hause, das hatte sie Dieter gleich gesagt. Wütend wühlte Imke in der Erde. Knochentrocken. Der Rosendünger aber brauchte Feuchtigkeit, Bodenfeuchtigkeit. Sachte die Erde lockern, nachgießen, leicht düngen, sie würde das wiederholen müssen. In drei Wochen Versäumtes war nicht an einem Tag nachzuholen, da konnte sie sich noch so abmühen.
Noch spät am Abend gestern, Dieter holte die Koffer aus dem Auto, war sie mit der Gießkanne durch den Garten gelaufen, hatte hier gegossen, da welke Blätter abgeknipst, soweit sie in der Dämmerung noch zu erkennen waren. Mit der Gartenschere in der Hand drängte sie Dieter, kaum stand das Gepäck im Flur, den Rasensprenger anzustellen. Ja, jetzt sofort, wenn morgen wieder die Sonne draufknallt, ist er am Abend verbrannt. Im Mai durfte ein Garten nicht wochenlang brachliegen. Sie zwinkerte die Tränen weg. All die Mühe aus dem Frühjahr dahin. Die schönste Blüte hatte sie verpasst, das war schon schlimm genug, doch jetzt war innerhalb weniger Tage so vieles zurückzuschneiden, zu stutzen, zu leiten, auszuputzen, damit der Garten in Form blieb, damit die Stauden, ihr ganzer Stolz, im Spätsommer zur zweiten Blüte kamen. Der Phlox schoss schon ins Kraut, die Kletterer hatten heftig getrieben, die schweren Ritterspornblüten hingen, die Hälfte war abgeknickt, da war nicht viel zu retten. Wo sie hinschaute Wildwuchs, Welken, Verwilderung. Nur die Tagetes reckten ihr dankbar die dichten Puschelköpfe entgegen. Die geliebte Clematis war verblüht, rasch die Fruchtstände herausschneiden, aber nein, erst den Rosendünger ausbringen! Vom Unkraut gar nicht erst zu reden!
Gut drei Wochen waren sie unterwegs gewesen, neunzehn Tage Rundreise auf der Seidenstraße, ein Traum, und auf der Rückfahrt noch das verlängerte Wochenende bei Dieters Schwester Elke in Frankfurt. Ewig hatten sie sich nicht gesehen, es war dann auch schön gewesen, nur schade, dass Dieter die Urlaubsbilder noch nicht sortiert hatte. Seit er digital fotografierte, drückte er viel zu oft auf den Auslöser. Wie stolz war Dieter früher auf seine wunderschönen Fotos gewesen! Er war zu sehr Techniker, als dass er sich als Künstler gesehen hätte, aber für sie waren seine Fotografien Kunst. Beim improvisierten Fotoabend auf dem Computer des Schwagers in Frankfurt war davon nicht viel zu sehen. Zwei Stunden hatte Dieter sich Zeit genommen, um den wilden Bilderwust vorzeigbar zu machen, dennoch war das Zuschauen dann eher Strapaze als Vergnügen gewesen. Elke und der Schwager nahmen es gelassen und schenkten Wein nach. Nur Imke hatte sich aufgeregt. »Du hast immer auf Klasse statt Masse gesetzt«, hielt sie Dieter am späten Abend im Hotelzimmer vor, »wie kannst du dich mit diesem wüsten Durcheinander zufrieden geben!«
Die misslungene Fotoshow war nicht der einzige Missklang geblieben. Elke und ihr Mann wollten das sonnige Wochenende gemütlich in Gartencafés oder Biergärten verbringen, wollten vor allem plaudern, es gab doch so viel zu erzählen, wo man sich so lange nicht gesehen hatte. Gehen wir in den Palmengarten, den wolltest du doch immer schon mal sehen. Doch Imke beharrte auf einem Besuch der Schirn. Dieter dagegen brannte darauf, die neue Experiminta zu besuchen, die wiederum Imke nun gar nicht interessierte. »Offenbar habt ihr das Gefühl, etwas zu verpassen«, lautete Elkes Diagnose, als sie Imke an der Schirn ablieferte. Nein, mit hinein wollte sie nicht. Die neue Ausstellung sei nichts für sie, außerdem sei das Wetter viel zu schön, um es im Museum zu verplempern. Da hatte Imke noch gedacht, was für eine Kunstbanausin, obwohl sie doch Lehrerin war! Doch keine halbe Stunde später flüchtete sie aus GLAM!, grämte sich, dafür auch noch Eintritt bezahlt zu haben.
Wie verabredet fand sie die Schwägerin im Straßencafé auf dem Paulsplatz, bei Weißwein und mit einem Stapel pädagogischer Fachzeitschriften. Typisch, keine eigenen Kinder, aber in Sachen Erziehung immer alles besser wissen. Was hatte es für Kräche gegeben, als die Kinder klein waren und Tante Elke stets glaubte, sich einmischen zu müssen, nur weil sie Lehrerin war. Imke kniff die Lippen zusammen, allein der Anblick der Fachliteratur erinnerte sie an den Frust, als »Nur«-Mutter und Hausfrau ständig von anderen Ratschläge zu hören, als wäre ihre praktische Erfahrung mit den Kindern gar nichts wert. Elke aber lächelte ihr entgegen.
»Komm setz dich, auch ein Weinchen? So schnell hatte ich gar nicht mit dir gerechnet.« Im Nu verschwanden die Zeitschriften im Rucksack, als spürte Elke, dass sie bei Imke ungute Erinnerungen weckten. Imke ließ einen Cappuccino kommen und bedauerte, nicht vor der Auslandsreise in Frankfurt gewesen zu sein, nun war die Vorgängerausstellung verpasst, sehr ärgerlich, aber Dieter hatte sich nicht umstimmen lassen. »Erst Bildungsreise, dann Urlaub und zum Schluss die Schwester, oder ich sag die ganze Geschichte ab.« Damit hatte er die Diskussion beendet. Imke war ja auch froh gewesen, dass sie die Seidenstraße als Last-Minute-Schnäppchen bekommen hatten, und das bei diesem Anbieter! Der war ja eigentlich viel zu teuer, selbst mit Frühbucherrabatt. Sie hatten Damaskus gebucht, schon im letzten Jahr. Doch als der Krieg ausbrach, stornierte Dieter die Reise. Ich bin doch nicht lebensmüde, kommt nicht in Frage! Er hatte sich nicht erweichen lassen, nicht einmal abwarten wollen, ob der Veranstalter die Reise von sich aus absagen würde. Imke hatte tagelang geschmollt. Dann war Anfang Mai die Rundmail mit den Restplätzen für die Seidenstraße gekommen. Buchara, Samarkand, Taschkent, das wollte sie schon immer einmal sehen, also hatte Dieter spontan gebucht, bevor sie ihm mit dem Gejammer über den Garten, den man um diese Jahreszeit unmöglich alleinlassen könne, die Laune verdarb.
Nun war der Flieder ausgeputzt, der Phlox zurückgeschnitten. Wo kam nur die Ackerlichtnelke her? Imke rupfte hier und dort und schnaufte. Sollte sie das Kraut einfach stehenlassen? Nein, unerwünschte Gäste hatten in ihrem Garten nichts zu suchen. Als sie endlich die welken Blüten des kleinen Rhododendrons im Vorgarten ausbrach, kam die Nachbarin vom Einkaufen zurückgeradelt.
»Imke! Da seid ihr ja wieder. Und du bist schon fleißig! Gut siehst du aus, richtig erholt. Wie war’s denn?«
»Ja, wunderschön, die alten Moscheen, Pracht und Glanz, doch doch alles tipptopp restauriert, herrliche Fayencen, und der armenische Gottesdienst, so exotisch und doch so nah, ja, auch einen russisch-orthodoxen, aber die mit ihren Ikonen, von der Kunst her überwältigend, aber als einfacher Gläubiger bleibst du in der Kirche ausgeschlossen, nein, finde ich auch, als Kunstwerke sind die Kirchen einzigartig, nun gut, ja, jedem das Seine, aber … Und Christel, ich hab auch Ableger mitgebracht, heimlich natürlich, aber Not macht erfinderisch, die muss ich gleich noch einsetzen, und guck dir nur den Garten an, ja, schön geblüht hat er bestimmt, als wir weg waren, aber alles hängt, und staubtrocken, die Regentonne leer, Ameisen im Kompost, denk dir, kein Pilzbefall dieses Jahr und die Schnecken halten sich auch in Grenzen, da hast du recht, aber …«
»Und habt ihr dann noch den Abstecher zur Tochter gemacht?«
Imke zuckte zusammen. Zur Tochter? Die seit Jahren die Beleidigte spielte, die Unverstandene? Imke hatte ihr Leben für die Kinder gegeben, hatte, wie es damals üblich war, den eigenen Beruf an den Nagel gehängt, war darin aufgegangen, Hausfrau und Mutter zu sein. Sie war für die kleinen und großen Sorgen der Kinder da, kümmerte sich, stand parat, wenn Elternmitarbeit gefordert war, stellte die eigenen Interessen zurück. Und was war der Dank dafür? Vorhaltungen, Vorwürfe, Undankbarkeit. Schließlich Kontaktabbruch. Hätte ihr das jemand vorher gesagt … Sie schluckte.
»Sie wohnt doch da unten, oder? Ihr wolltet doch bei ihr vorbei?«
»Nein, nein, wir waren bei Elke, Dieters Schwester.« Imke kämpfte die Schatten nieder. »Das war ein schöner Abschluss, nur Letzte Bilder in der Schirn hab ich verpasst, ich hätte Dieter doch überreden sollen, vor der Reise in Frankfurt vorbeizufahren, das ist wirklich zu und zu ärgerlich, die kriegst du ja nie wieder in dieser Fülle geboten …«
»Die Wäsche ist durch!«, meldete Dieter von der Kellertreppe und trug die Spinne herauf.
Imke verwies die Nachbarin auf die nächste Kaffeerunde, bis dahin seien auch die Bilder fertig. Im Gehen streifte sie die Gartenhandschuhe ab, rasch die Wäsche, bevor sie spakig wird! Sie ging nicht, sie eilte. Wie ein junges Reh, hatte Dieter sie früher geneckt. Geschwind, als hätte sie Angst, etwas zu verpassen, wenn sie sich nicht beeilte, spurtete sie mit ihren schlanken Beinen durchs Leben. So sprang sie die Kellertreppe hinunter, die Bodentreppe hinauf, eilte von Raum zu Raum. Eilte nun vom Rhododendron ins Bad zum Händewaschen, vom Bad zum Rasen, wo Dieter die Spinne aufbaute. Der Korb mit der nassen Wäsche wartete.
Während sie die Wäsche aufhängte, deckte Dieter die jungen Erdbeerpflanzen mit Holzwolle ab.
»Vergebene Liebesmüh bei so viel Sonne«, rief Imke.
»Nach so viel Hoch ist das nächste Tief nicht weit«, hielt er dagegen. »Und wenn deine Erdbeeren nachher auf der Erde faulen, möchte ich dein Gejammer nicht hören.«
Er mochte ihr Gejammer nie hören. Meist verschwand er dann in den Keller. In seine Werkstatt. Seit er in Rente war, war sie oft froh über das große Haus. Man konnte sich aus dem Weg gehen. Groß war es ihr erst erschienen, als die Kinder aus dem Haus waren und das Klar-Schiff-Machen mit jedem Jahr mehr Mühe bereitete. Die Nachbarinnen hatten längst Perlen, zum Putzen sowieso, manche auch für Küche und Wäsche, nur Bärbel von gegenüber erledigte noch alles selbst genau wie Imke. Es lag nicht am Geld. »Dieter kann es nie sauber genug sein«, erklärte Imke, wenn sie auf einem der Damenkränzchen wieder einmal gefragt wurde, warum sie sich keine Hilfe zulegte. Aber er packe auch kräftig mit an. Schwups, waren die pensionierten Herren der Siedlung das Thema. Im Garten schafften sie alle kräftig mit, im Haus dagegen nur bei den gröberen Arbeiten, auch das nur, wenn sie handwerklich geschickt waren. Die meisten hockten vor dem Computer, der digitalen Technologie, die sie in den letzten Berufsjahren reichlich Nerven gekostet hatte. Jetzt aber, ohne den Druck, mit Jüngeren mithalten und Termine einhalten zu müssen, waren fast ausnahmslos alle gefesselt davon. Hielten die Frauen Teestunde, Kaffeerunde oder Gartengänge, trafen die Männer sich zum IT-Talk. Man half sich erstmal gegenseitig, bevor man Söhne befragte oder Volkshochschulangebote für die ältere Generation annahm. Die ersten Schritte hatten sie gemeinsam gemacht, dann schnitzte sich jeder sein Steckenpferd, meist dem früheren Beruf nahe, so waren in der Blümchensiedlung rasch alle nötigen Gebiete abgedeckt.
»Willst du die Tomaten ausgeizen, bevor ich sie hochbinde?«
Die Sonne stand schon tief, Imke krümmte sich über die Löwenmäulchen, zupfte Blättchen, schnitt verwelkte Blüten heraus, rupfte schon wieder Lichtnelken, Giersch und Ackerwinden und wollte jetzt nicht an Tomaten denken. Der Tag war so gut wie herum und sie hatte kaum etwas geschafft.
»Imme? Hörst du?«
Schmerz verzerrte ihr Gesicht, als sie sich mühsam aufrichtete. Immer musste er sie aus dem Rhythmus bringen. Konnte er nicht einmal die Tomatentriebe selbst ausbrechen?
»Ist es wieder der Rücken? Du sollst doch den Schemel benutzen.«
»Ach, geht schon.« Nur nicht jammern. Sie schaffte alles noch selbst. Die Jahrzehnte auf dem Buckel spürte sie kaum. Oder doch selten, wenn auch zunehmend. Fühl dich jung, dann bist du es auch.
Dieter stellte ihr den Schemel hin.
»Jetzt setz dich darauf. Um die Tomaten kümmere ich mich schon.«
Sie lächelte ihn dankbar an, und verzog erneut das Gesicht, als sie sich wieder zu den Löwenmäulchen beugte. Aber das sah er nicht mehr.
*
»Ich hol noch rasch den Schredder von drüben, damit wir den Kompost nicht überfordern«, rief Dieter nach der Tagesschau aus dem Flur.
»Hat das nicht bis morgen Zeit?«
Doch er war schon aus der Tür. Mit seinen Spontanentscheidungen hatte sie sich nie anfreunden können.
Sie blätterte durch die Post, sortierte uralte Zeitschriften aus dem Stapel, legte die Bügelwäsche heraus, morgen war auch noch ein Tag. Sie war hundemüde, vielleicht lief etwas Leichtes im Fernsehen, kaum saß sie davor, nahm sie den Reiseführer Damaskus zur Hand, bestellt, bevor Dieter die Reise storniert hatte, der arabische Frühling hatte nirgendwo sehr lange vorgehalten, sicher würden sie bald nach Syrien fahren können, und die Schirn plante Géricault für den Spätherbst, das würde sich lohnen, wo steckte denn nur das Herbstprogramm der Freunde der Kunsthalle, eben hatte sie es noch in der Hand, ah, das Ikebana-Magazin war auch schon da, aber wo war die neue Landlust?
*
Anderthalb Stunden später, als Dieter den Kopf durch die Stubentür steckte, »bin wieder da«, nachdem er den Schredder in der Garage untergestellt hatte, startklar für den nächsten Morgen, fand er Imke vor dem laufenden Fernsehapparat, in die Lektüre der Landlust versunken. Er stutzte. Damals bei Rudi Carrell hätte er geschworen, dass seine Frau niemals zugleich lesen und fernsehen würde. Obacht, da stimmte etwas nicht.
»Für dich auch einen Chantré?« Die Flasche war noch gut halb voll, so selten, wie er sich mal einen genehmigte. Keine Antwort.
»Immchen?«
»Mhm. Mhm.«
»Hm ja, oder …«
Da stand sie schon neben ihm. »Nimm bitte die Schwenker.« Kein Streit um Gläser jetzt, bitte. »Wie du magst.« Er schenkte ein, sie holte die Untersetzer aus der Anrichte.
»Läuft was Nettes?«
»Hast du nach dem Frosch geschaut?«
Hatte sie ihn nicht gehört? Wollte sie nicht antworten? Wie kam sie denn jetzt auf den Teichfrosch? Er tippte auf die Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Sie griff nach Ikenobo Ikebana. Seit Jahren beschäftigte sie sich nicht mehr mit der Blumensteckkunst, aber als er das Abo kündigen wollte, hatte es einen handfesten Streit gegeben.
»Ich hab’s gleich«, sie blätterte fahrig. »Warte, hier, nein, wo war das nur …«
»Was denn?«
»Hier stand ein schöner Artikel über Teichfrösche, da dachte ich …« Ein Text über Frösche im Ikebana-Magazin? Was um Himmels willen war mit ihr los?
Dieter langte nach der Landlust, Inhaltsverzeichnis, hundertzweiundfünfzig. »Froschkonzert am Gartenteich«, las er halblaut. Er mochte den Artikel jetzt nicht lesen.
»Ah, hast du ihn gefunden?«
»Ja, ich schau bei Gelegenheit rein, unser Fröschli habe ich noch nicht entdeckt.« Er nippte am Glas. War doch alles wie immer? Oder war sie einfach nur verstimmt, weil er so spät noch zum Nachbarn gegangen war?
»Hast du die Bilder schon in Auftrag gegeben?«
Hatte er natürlich nicht. Wie denn auch, er hatte den Rechner ja noch gar nicht eingeschaltet, das hatte doch alles Zeit. Erstmal Haus und Garten.
»Die Damenrunde ist am Donnerstagmorgen bei mir.«
Daher wehte also der Wind. Sie wollte Fotos zeigen. Er sollte ihr die schönsten Bilder sortiert und ausgedruckt vorbereiten, damit sie ihren Reisebericht vor den Nachbarinnen ausschmücken konnte.
»Das wird aber knapp.«
Sie brach in Tränen aus. Nanu? Sie war nie weinerlich gewesen, ganz am Anfang, als sie noch verlobt waren, hatte es ein paar Mal Tränen gegeben, bis der Beziehungsraum abgesteckt war. Auch hin und wieder in den letzten Jahren, seit die Kinder ihre sehr eigenen Wege gingen und sie wohl das Gefühl hatte, aus deren Leben immer weiter ausgeschlossen zu werden. Aber wegen verspäteter Urlaubsfotos schien ihm Geflenne nun doch übertrieben. Obendrein hatte er ihr gar nicht die ganze Wahrheit gesagt. Knapp war euphemistisch. Bis Donnerstag früh wären die Fotos nie und nimmer fertig. Es war zu spät, jetzt noch in die Werkstatt im Keller zu flüchten, und zu früh, um sich ins Bett zu verziehen. Er hatte noch keinen Blick in die Zeitung geworfen. Ein Friedensangebot musste her.
»Also, ich könnte morgen zur Drogerie fahren und ein paar Bilder ausdrucken, dann hast du was in der Hand.«
»Christel hat nach ihr gefragt.«
Es ging also gar nicht um die Reisebilder?
»Ich hatte erzählt, dass wir bei deiner Schwester vorbeifahren in Frankfurt. Aber sie dachte, wir besuchen die Tochter.«
»Oh …« Das war es also. Dieter schwenkte das Glas. Lass sie reden. Sag mal gar nichts jetzt.
»Sie hat gar nicht auf meine Karte reagiert.«
»Hab ich dir gleich gesagt.«
»Aber man kann doch wenigstens danke sagen.«
»Sie will keinen Kontakt. Wir können froh sein, dass wir wissen, wo sie lebt, dass sie arbeitet, dass es ihr gut geht.« Das hätte er nicht sagen dürfen. Schon flossen wieder Tränen.
»Aber das wissen wir doch gar nicht. Ihr Bruder sagte neulich, es geht ihr nicht so gut. Sie hat uns nicht mal gesagt, dass sie ihre letzte Stelle verloren hat. Und dann ist sie einfach in Barcelona geblieben!« Gut, sie wurde wütend. Wut tut gut. Immer.
»Lass sie doch. Du hast oft genug versucht, wieder Kontakt herzustellen. Damals schon …«
»Damals warst du es, der den Kontakt abbrechen wollte.«
»Aber du hast dafür gesorgt, dass er nicht abgebrochen ist. Und das war auch gut so.«
»Aber jetzt …«
»Jeder muss sein Leben leben.«
»Du mit deinen Sprüchen! Genau das ist der Grund, deshalb ist sie gegangen!«
»Hör auf. Das stimmt ja nicht, das weißt du doch selber.«
»Ich weiß nur, dass sie nicht mehr mit uns redet. Und wir wissen nicht, warum eigentlich. Was haben wir ihr denn getan? Habe ich denn alles falsch gemacht?«
Das Lied wieder.
»Nein. Hast du nicht. Mach dir keine Vorwürfe. Du …«
»Wenn ich sie wenigstens anrufen könnte …«
»Hast du vergessen, wie’s gekracht hat bei euren letzten Telefonaten?«
»Aber sie könnte ja auf meine Briefe antworten.«
»Sie schreibt wohl lieber Mails.«
»Sei nicht gemein. Du weißt, dass ich das nicht kann.«
»War doch nicht so gemeint.«
»Aber wenn ich wenigstens wüsste, was sie uns vorwirft …«
Es war spät, das Glas war leer und diese Diskussion hatten sie endlos geführt, immer und immer wieder, ergebnislos. Was nützten all die Mutmaßungen, wenn die Tochter einfach schwieg, sich entzog, nicht mehr reagierte, den Kontakt abgebrochen hatte? Dem Bruder hatte sie gesagt, sie hätte oft genug versucht, etwas zu sagen, sei aber entweder mit Sprüchen abgebügelt worden oder mit: So redest du nicht mit deinen Eltern! »Versucht es mal mit Familientherapie«, hatte der Bruder halbherzig vorgeschlagen. Dazu war Dieter nicht bereit, er hatte sich nichts vorzuwerfen und schon gar nicht irgendwelche Wäsche, ob nun schmutzig oder nicht, vor anderen zu waschen. »Wenn es hilft, mach ich das«, hatte Imke gesagt, auch wenn sie ebenso wenig daran glaubte wie er. Sie hätte es auch allein gemacht, eine Mutter-Tochter-Therapie. Doch die Tochter lehnte auch das ab. Inzwischen sprach sie nicht einmal mehr mit dem Bruder.
Imke war aufgestanden, der Stapel zerknüllter Tempos auf dem Sofa neben ihr stürzte in sich zusammen, sie brach eine neue Packung an.
»Am Schlimmsten ist es, wenn …« Ein neuer Tränenschwall hinderte sie am Weiterreden. Vieles war am schlimmsten für sie, das wusste er, und es tat ihm weh, dass sie schier daran zerbrach, dass sie sich nicht abfinden konnte. Er liebte seine Tochter auch, aber wenn die keinen Kontakt wollte, über die Jahre auf all die Versuche nicht reagierte, dann eben nicht.
»Wir wären ja dann in Damaskus gewesen, aber nun …«
Ah, der Geburtstag. Noch so ein Punkt, den er als Vater nicht recht nachvollziehen konnte. Aber für eine Mutter war die Geburt der Kinder wohl das einschneidendste Erlebnis überhaupt. Bitter für die Väter. Plötzlich hatte er eine Idee.
»Weißt du was, wir sind dann einfach nicht da!«
Aus verweinten Augen schaute sie ihn groß an. »Du hast die Reise doch storniert!«
»Ich mag die Kiste heute nicht mehr anwerfen, aber gleich morgen früh schau ich, ja?« Imke verstand immer noch nicht. Als er sah, wie ihre Nasenflügel bebten, wusste er, dass er deutlicher werden musste. »Na, es gibt ja noch andere Destinationen als Syrien. Wenn nicht Damaskus, dann eben Budapest!«
»Budapest? Da waren wir doch vor zwei Jahren schon.« Er hatte sie, der Teufelskreis war durchbrochen.
»Oder Brüssel oder Amsterdam oder Paris! Wir fahren irgendwo hin! Unterwegs vergisst du die Sorgen. Ich schau morgen früh, was für Ende Oktober zu finden ist, und du entscheidest, wohin du möchtest, ja?«
Es gab diese Momente, wo Imke überzeugt war, doch den richtigen Mann geheiratet zu haben, damals vor knapp fünfzig Jahren. Sie lächelte dankbar. Aber da begrüßte der Moderator sie schon zu den Tagesthemen.
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