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Rollin Becker

Leben in Bewegung

und

Stille des Lebens

Aus dem Amerikanischen von

Eva Möckel und Noori Mitha

Titel der Originalausgaben:

Life in Motion

© 1997, Rachel E. Brooks, Stillness Press

ISBN 978-0-9675851-0-4

The Stillness of Life

© 2000, Rachel E. Brooks, Stillness Press

ISBN 0-9675851-1-2

Rollin Becker

IMPRESSUM

Rollin Becker - Leben in Bewegung & Stille des Lebens

Copyright © 2007 bei JOLANDOS

ISBN 978-3-936679-58-8 (Print)

ISBN 978-3-941523-30-2 (Ebook - MOBI)

ISBN 978-3-941523-31-9 (Ebook - EPUB)

JOLANDOS, Am Gasteig 6, 82396 D-Pähl

www.jolandos.de, info@jolandos.de

TITEL DER ORIGINALAUSGABEN

Life in Motion, © 1997, Rachel E. Brooks, Stillness Press

ISBN 978-0-9675851-0-4

The Stillness of Life, © 2000, Rachel E. Brooks, Stillness Press

ISBN 0-9675851-1-2

ÜBERSETZUNG

Life in Motion – Eva Möckel, D. O. M.R.O.

[Kapitel 7 mit Karin Gerhardt]

Stillness of Life – Noori Mitha, D. O. M.R.O.

UMSCHLAGGESTALTUNG & SATZ

Christian Hartmann, JOLANDOS

DRUCK

Buchproduktion Thomas Ebertin

Goethestraße 9, 78333 Stockach

www.buchproduktion-ebertin.de

EBOOK-GESTALTUNG

Corinna Rindlisbacher

www.ebokks.de

Jede Verwertung von Auszügen dieser deutschen Ausgabe ist ohne Zustimmung von JOLANDOS unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Medien.


VORWORT DER AMERIKANISCHEN HERAUSGEBERIN ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Die vorliegende deutsche Übersetzung schriftlich und auf Tonträgern aufgezeichneter Texte von Dr. Rollin E. Becker bildet einen weiteren Meilenstein in dem Bestreben, das osteopathische Erbe und die daraus resultierende Weisheit lebendig zu halten und kontinuierlich weiterwachsen zu lassen. Meine ursprüngliche Hauptmotivation beim Veröffentlichen seiner Arbeiten war, sicherzustellen, dass das Wissen dieses engagierten Osteopathen nach seinem Tode nicht verloren geht. Umso erfreulicher ist es nun, das wachsende Interesse an seinen Ideen mitverfolgen zu dürfen.

Ich möchte den Übersetzerinnen Eva Moeckel, DO und Noori Mitha, DO meine große Anerkennung und meinen Dank aussprechen. Die außergewöhnliche Sorgfalt und die Mühe, die beide in diese Arbeit investiert haben, waren Grundlage für die hohe Qualität des vorliegenden Buches. Mein Dank geht ebenso an Christian Hartmann von JOLANDOS, dessen Einsatz es erst ermöglicht hat, dass diese Art osteopathischer Texte jetzt auch im deutschsprachigen Raum zugänglich sind.

Dr. Beckers Worte liefern uns in diesem Buch einen Einblick in sein stetiges Beobachten und Hinterfragen der Natur. Er befand sich ständig auf der Suche nach einer tieferen Bedeutung und einem klareren Verständnis von Gesundheit und Heilung. Durch all die Jahre, in denen er praktizierte, wurde er niemals müde in diesem gewissenhaften Suchen, aus dem ihm ein immer tieferes Verstehen erwuchs.

Sein durch intensives Forschen erreichtes Wissen zeigte ihm schließlich die äußersten Grenzen dieses Bereichs auf. Er sah ein, dass nichts vom dem, was wir über den Mechanismus des Lebens denken, sagen oder zu wissen glauben, ihn ganz umfassen kann, weil sich sein wahres Wesen dem Zugriff unseres logischen Verstandes entzieht. Am Ende schloss er Frieden mit der eigenen ‚Unfähigkeit‘ , jemals das Ganze zu begreifen.

Dr. Becker war sich bewusst, dass dieser wunderbare Mechanismus tagein, tagaus unabhängig von unseren Erklärungen funktioniert und sich selbst im Wunder des Lebens offenbart.

Obwohl er hart dafür arbeitete, den Blick der Studenten dafür zu öffnen, indem er ihnen seine Art, den Mechanismus zu beeinflussen, vermittelte, war Dr. Becker nicht wirklich an bestimmten Arbeitsmethoden oder Behandlungskonzepten interessiert. Er wusste, dass jegliche Form von Behandlung dann zu wirken beginnt, wenn sie im Einklang mit jenem inhärenten, nach seinen eigenen Regeln arbeitenden Mechanismus geschieht und mit ihm kooperiert.

Lassen Sie sich von Rollin E. Beckers Worten, Gedanken und Ideen berühren und inspirieren – und lernen Sie, diesen sehr einfachen und dennoch profunden Mechanismus des Lebens auf Ihre eigene Art und Weise in Ihre Behandlungen zu integrieren.

Rachel E. Brooks, MD

November 2007

ANMERKUNG DES DEUTSCHEN HERAUSGEBERS ZUR DEUTSCHEN ÜBERSETZUNG
DIE SPRACHE

Wie bei anderen Vertretern der Osteopathie ist auch bei Becker im amerikanischen Originaltext eine sehr einfache, direkte und teilweise sperrige Rhetorik mit vielen Redundanzen auffällig. Als Herausgeber steht man hier immer vor dem Problem, den Lesern eine authentische und zugleich gut lesbare Übersetzung zu liefern.

In diesem Fall kam erschwerend hinzu, dass die Rechteinhaber eine möglichst wortgetreue Übersetzung wünschten, um den individuellen Charakter von Beckers Vortragsstil zu erhalten. Womit wir beim zweiten Problem sind:

Die hier veröffentlichten Texte repräsentieren kein zusammenhängendes Buch. Es handelt sich vielmehr um eine Zusammenstellung einzelner Vorträge, Artikel und Korrespondenzen. Ungeschliffene Sprache, häufige Wiederholungen und inhaltliche Sprünge ergeben sich daher fast zwangsläufig.

Ich hoffe dennoch, dass der geneigte Leser mit dem Ergebnis unserer Arbeit zufrieden sein wird.

BEGRIFFE

Wie bei allen Übersetzungen von Texten amerikanischer Osteopathen ins Deutsche ergaben sich auch in den vorliegenden Werken von Dr. Rollin Becker einige Hürden in Bezug auf die Interpretation bestimmter amerikanischer Ausdrücke und Redewendungen. Da es nicht mehr möglich war, Dr. Becker selbst zu fragen (er verstarb bedauerlicherweise 1996), mussten trotz eines intensiven Austausches aller an diesem Buchprojekt Beteiligten einige Fragen offen bleiben und eine Übersetzung nach eigenem Ermessen gewählt werden. Hier nur die zwei wichtigsten Beispiele:

Motion und movement: Dr. Becker verwendet diese beiden, in der deutschen Sprache nicht unterscheidbaren Begriffe häufig zusammen als einen Ausdruck, womit er möglicherweise auf die allumfassende Bedeutung von Bewegung hinweisen, also eine Durchdringung dieses Lebensphänomens sowohl auf nicht-stofflicher (z. B. emotionaler) als auch auf stofflicher Ebene erreichen wollte. Seine Affinität zur Quantentheorie stützt diese Interpretation. Um hier keine Begriffsverwirrungen zu schaffen, wurde dennoch entschieden, motion und movement generell als Bewegung zu übersetzen.

Anatomical-physiological bzw. functional-structural: Diese Wortkreationen müssen meiner Ansicht nach 1 : 1 übersetzt werden, da Becker hiermit sehr treffend die untrennbare Wechselwirkung der Systeme ausdrückt, mit denen der Osteopath arbeitet.

Physician: Wie immer ergibt sich hier die Problematik der ‚zwei osteopathischen Welten‘ USA und Europa. Während Osteopathen in den USA den Arztstatus innehaben, trifft dies im deutschsprachigen Raum nur auf einen Bruchteil der praktizierenden Osteopathen und Osteopathinnen zu. Deshalb wurde der Begriff ‚Behandler‘ als Neutralbegriff für ‚Arzt und/oder Osteopath‘ gewählt.

ZITATE UND QUELLENNACHWEISE

Da Becker die in seinen originalen Aufzeichnungen verwendeten Zitate nicht immer mit Quellenhinweisen versehen hat, muss sich der Leser im vorliegenden Werk mit einer fragmentarischen Quellenangabe begnügen.

SPIRITUALITÄT

Immer wieder stößt man in Beckers Originaltexten bei einzelnen Begriffen auf die im Englischen ungewöhnliche Großschreibung von Anfangsbuchstaben als Hinweis auf spirituelle Aspekte, die bestimmten seiner osteopathischen Betrachtungsweisen zugrunde liegen. In der deutschen Übersetzung wurde dem wie folgt Rechnung getragen:

Substantive: Erster Buchstabe fett (z. B. Atem des Lebens)

Adjektive, Verben: Erster Buchstabe groß (z. B. Höchstes, Hören)

INTERPRETATION

Gerade bei den ‚großen‘ Vertretern der Osteopathie muss vor einem vorschnellen Interpretieren der Begriffe gewarnt werden (Stichwort: ‚zwischen den Zeilen‘ ), weil keine Nachfrage beim Autor möglich ist bzw. keine Primärquellen zur Deutung vorliegen. Hier gilt es, sich an den Vorbildern zu orientieren und jederzeit auch gegenüber Interpretationen fachfremder Menschen offen zu bleiben. So folgt man den Grundmechanismen der fruchtbaren inneren Weiterentwicklung, die bereits in den 1860ern von dem englischen Philosophen und Soziologen Herbert Spencer (1820–1903) treffend als steter Wandel zwischen dissolution (Auflösung – auch der eigenen Interpretation) und evolution (Entwicklung einer neuen Interpretation) beschrieben wurde.

OSTEOPATHISCHES GLOSSAR

Auch bei Rollin Becker zeigt sich wieder die auffällige Inkonsistenz osteopathischer Fachsprache – und dies umso deutlicher, je weiter sich die Thematik von den medizinischen Grundlagenfächern entfernt. Hier führt eine der großen Stärken der Osteopathie – die Bedeutung der individuellen Freiheit – bei der Wortwahl für gleiche Sachverhalte häufig zu wahrhaft babylonischem Begriffsgewirr, was eine konsistente Wissenschaftlichkeit beim Vermitteln der Inhalte erheblich erschwert.

Umso begrüßenswerter sind daher die Initiativen einzelner Institutionen wie etwa der World Osteopathic Health Organisation, deren Ziel es ist, ein verbindliches osteopathisches Glossar zu erstellen, das in naher Zukunft und international von allen Vertretern der Osteopathie anerkannt wird.

Aber nun wünsche ich allen Lesern viel Vergnügen und Inspiration bei der Lektüre dieses Buchs. Begleiten Sie Dr. Becker auf seiner Reise ins Grenzland der Osteopathie.

Rollin Becker

Leben in Bewegung

Für Ardath Becker

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT 1

VORWORT 2

EINFÜHRUNG

BIOGRAFIE

1. STUDIUM UND PRAXIS DER OSTEOPATHIE

1.1. Ein tiefer Ozean des Studiums

1.2. Studenten ein Leben lang

1.3. Schritte vorwärts

1.4. Hilfe ist immer zur Stelle

1.5. Die Lebendigkeit nutzen

1.6. Entspanne dich, es eilt nicht

1.7. Seid still und erkennet

2. DEN MECHANISMUS VERSTEHEN

2.1. Der unwillkürliche Mechanismus

2.2. Bewegung – der Schlüssel zu Diagnose und Behandlung

2.3. Andrew Taylor Still: Arzt – Ingenieur – Menschenfreund

2.4. Stillpunkte

2.5. Mit deinem Mechanismus sitzen

3. DIE TIDE DES LIQUOR CEREBROSPINALIS

3.1. Der Liquor cerebrospinalis

3.2. Die Potency der Tide

3.3. Die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis: ihre Natur und ihr therapeutischer Gebrauch

3.4. Arbeiten mit dem Liquor cerebrospinalis

3.5. Der Liquor cerebrospinalis – ein Mechanismus

3.6. Zeit, Gewebe und Tiden

4. DIE KUNST DER PALPATION

4.1. Die Aufgabe der diagnostischen Palpation im Kraniosakralen Mechanismus

4.2. Palpationsfähigkeiten entwickeln

4.3. Zuhören lernen

5. DIAGNOSTISCHES BERÜHREN: PRINZIPIEN UND ANWENDUNG

5.1. Diagnostisches Berühren Teil 1: Lebendige Funktion fühlen

5.2. Diagnostisches Berühren Teil 2: Was diagnostisches Berühren erreichen kann

5.3. Diagnostisches Berühren Teil 3: Anwendung

5.4. Diagnostisches Berühren Teil 4: Trauma und Stress

6. BEHANDLUNGSPRINZIPIEN UND BEHANDLUNGSMETHODEN

6.1. Philosophie und Methoden des Behandelns

6.2. Flexibilität in der Osteopathie

6.3. Vom Mechanismus geführt

6.4. Über das Behandeln

6.5. Ursache und Wirkung

6.6. Die Herrschaft der Gesundheit

6.7. Emotionale Faktoren

6.8. Ausgeglichene Membranspannung

6.9. Kinder: Diagnose und Behandlung

7. DAS WESEN VON TRAUMEN

7.1. Körperphysiologie plus Kraftfaktoren

7.2. X → Beeinträchtigung durch Schleudertrauma

7.3. Schleudertrauma

8. KLINISCHE ÜBERLEGUNGEN

8.1. Herangehensweise bei klinischen Problemen

8.2. Klinische Beobachtungen

8.3. Betrachtungen zum viszeralen Bereich: Herz und urogenitales System

8.4. Knieverletzungen

8.5. Sinusprobleme

8.6. Membranöse Gelenk-Dysfunktionen im Zahnbereich

8.7. Das Auge

VORWORT 1

Rollin E. Becker, DO gehörte zu den Studenten von William Garner Sutherland, DO, DSc(hon) die zuhörten und über den Sinn und die Bedeutung dessen, was sie bei ihm lernten, nachdachten. Er war ein osteopathisch behandelnder Arzt und unterrichtete als Lehrer gemeinsam mit Dr. Sutherland. Zum Glück schrieb Dr. Becker einiges von dem auf, was er aus seinen Studien und aus seiner beruflichen Praxis als Osteopath lernte.

Diese Zusammenstellung seiner Schriften reflektiert beinahe 60 Jahre klinischer Erfahrung. Obgleich die Lehre der Osteopathie nun schon über 100 Jahre existiert, gibt es nicht viel Literatur, die auf tatsächlicher Erfahrung in osteopathischer Diagnose und der Behandlung klinischer Probleme basiert. Das vorliegende Buch über Dr. Beckers Werk leistet deshalb einen wichtigen Beitrag in diesem Bereich.

In den Kursen der Sutherland Cranial Teaching Foundation (SCTF) pflegte Dr. Becker zu den Teilnehmern zu sagen, dass ihre Lernerfahrung beim Behandeln in ihrer eigenen Praxis weitergehen würde. Das stimmt, denn kein Patient gleicht dem anderen, wenn es um das Diagnostizieren körperlicher Probleme geht. Behandler, die heutzutage osteopathisch arbeiten, bemerken in den Körpern ihrer Patienten viele Probleme, mit denen Dr. Still oder Dr. Sutherland nie zu tun hatten. Umgekehrt wird ein Osteopath heute wahrscheinlich manchen der Probleme, mit denen Dr. Still in seinem beruflichen Leben konfrontiert war, nicht begegnen.

Die Naturwissenschaften bieten uns mittlerweile viele Informationen, die zur Diagnose und zu dem Verständnis beitragen, wie Probleme der Körpermechanik sich als physiologische Störungen zeigen. Dennoch gelten die einfachen mechanischen Prinzipien des manuellen Arbeitens in der Osteopathie heute ebenso wie vor 100 Jahren, als sie erstmals gelehrt wurden; und diese Prinzipien tragen in sich das Versprechen von etwas Weitreichendem. Deshalb sagte Dr. Sutherland:

„Die Möglichkeiten in Dr. Stills Wissenschaft der Osteopathie sind größer als die Weiten des Himmels.“ 1

Mit diesen ‚Möglichkeiten‘ im Hinterkopf praktizierte Dr. Becker Osteopathie und lernte dabei von den Beschwerden seiner Patienten. Die Erforschung dieser Möglichkeiten gab ihm viel Wertvolles, das er als Lehrer wiederum weitergeben konnte.

Anne L. Wales, DO, DSc(hon)

VORWORT 2

Das Publizieren des Werks von Rollin E. Becker, DO begann 1991; damals fing ich an, das verfügbare Quellenmaterial zu sammeln. Ich erwartete, dass die Quantität begrenzt sein würde, denn Dr. Becker galt im Gespräch als relativ wortkarger Mann, obgleich er dafür bekannt war, dass er die gleichen Punkte wieder und wieder betonte. Meine Suche wurde jedoch mit reichhaltigem und vielfältigem Material belohnt. Leben in Bewegung, der erste Teil der vorliegenden Sammlung seiner Schriften und Aufzeichnungen, besteht hauptsächlich aus Vortragstexten und Artikeln, während Teil zwei, Stille des Lebens, schwerpunktmäßig Gespräche und Korrespondenz aus Beckers privatem Umfeld enthält.

Das in diesem Gesamtband präsentierte Material umfasst den Zeitraum zwischen 1958–1988 – also 30 Jahre – und stammt aus vielen verschiedenen Quellen, wozu allerlei Notizen und schriftliche Aufzeichnungen für Vorträge oder Artikel ebenso gehören wie Tonbandaufnahmen von Unterrichtsveranstaltungen oder von Gesprächen mit seinem Sohn Donald Becker, MD. Aufgrund dieser Vielfalt an Quellen war es nicht immer möglich, die von Dr. Becker zitierten Textstellen zuzuordnen. Das gilt vor allem für die in seinen Vorträgen verwendeten Zitate.

Dr. Becker sprach und schrieb in einem weitläufigen, ihm eigenen Stil. Beim Bearbeiten seiner Texte habe ich mich bemüht, die Essenz dieses Stils beizubehalten und gleichzeitig die Klarheit und Lesbarkeit der Information zu verbessern. Einige Wiederholungen wurden herausgenommen, aber viele blieben erhalten. Wann immer Dr. Becker über einen Teil eines Themas sprach, vermittelte er auch stets das Ganze. Außerdem können die Konzepte, die er immer wieder betonte, durchaus mehrmals gehört werden, da man sie nur langsam, auf einer jeweils tieferen Ebene, versteht. Ebenso bekommt man durch die kleinen, aber ständigen Variationen in der Art und Weise, wie er über diese Ideen spricht, mehr Verständnis und weitere Einsichten. Er sagte oft, dass man diese Arbeit zwar nicht lehren, aber erlernen könne.

Dr. Becker pflegte in seine eigenen Aussagen gerne Worte von Dr. Andrew Taylor Still und Dr.Sutherland einzuflechten. Äußerungen dieser beiden Männer erscheinen in diesem Buch daher oft als formelle Zitate. Der informierte Leser wird jedoch entdecken, dass Dr. Becker auch an anderen Stellen Worte von Still und Sutherland verwendet oder auf sie anspielt und dass er bestimmte Begriffe zu verschiedenen Zeiten und abhängig vom Kontext in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Beim vorsichtigen Kürzen der hier veröffentlichten Texte war ich sorgfältig bemüht, den Sinn in Dr. Beckers Aussagen zu erhalten. In den Fällen, wo eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf die Bedeutung seiner Aussage bestand, wurde diese Zweideutigkeit belassen, damit der Leser selbst darüber nachdenken kann.

An dem Vortrag Seid still und erkennet wurden nur kleine grammatikalische Verbesserungen vorgenommen, denn dieser Text, eine Hommage an seinen Lehrer Dr. Sutherland, hatte für Dr. Becker eine besondere Bedeutung.

Andererseits wurden zwei Gruppen von Artikeln sehr stark überarbeitet, das heißt re-arrangiert und auf etwa die Hälfte der ursprünglichen Länge gekürzt. Gemeint sind die Artikelserie Diagnostisches Berühren und eine Reihe von Texten zum Thema Trauma, wozu Körperphysiologie plus Kraftfaktoren ebenso gehört wie die Artikel über Schleudertrauma. Beide Textreihen erschienen zuerst im Jahrbuch der Academy of Applied Osteopathy. Hier werden sie nun mit Erlaubnis der American Academy of Osteopathy (AAO) erneut abgedruckt. Einige Texte aus diesem Buch wurden in den letzten sechs Jahren im Newsletter der Cranial Academy herausgebracht. Fast alle sind seitdem noch weiter überarbeitet worden.

Für ihre Hilfe bei diesem Vorhaben möchte ich mich an dieser Stelle bei vielen Leuten bedanken – vor allem aber bei Patricia Tarzian. Sie hat sich dieses Projekts besonders angenommen und ihre hervorragenden Fähigkeiten als Lektorin eingesetzt, um dem Buch die Qualität zu verleihen, die Dr. Beckers Werk entspricht. Unterstützung kam auch von Duncan Soule, MD, Laura Washington, Julie Hankin, Harold Goodman, DO und vom Vorstand der Sutherland Cranial Teaching Foundation. Sehr dankbar bin ich darüber hinaus für die warmherzige Unterstützung, die sowohl ich als auch dieses Projekt durch Dr. Beckers Familie – seine Frau Ardath und seine Kinder Don und Ginny – erfahren haben.

Zuletzt möchte ich Dr. Becker selbst danken. Er berührte und nährte einen Ort tief in mir und gab mir mehr als meine Lebensarbeit. Er bat mich um keine Gegengabe – nur darum, das Beste aus dem zu machen, was mir gegeben wurde. Das vorliegende Buch ist ein Teil dieses Bemühens.

Rachel E. Brooks, MD

EINFÜHRUNG

In den hundert Jahren ihrer Existenz ist die Kunst und die Wissenschaft der Osteopathie von Hand zu Hand und von Herz zu Herz weitergegeben worden. Rollin E. Becker und seine Lehre bilden ein wichtiges Verbindungsstück in dieser Kontinuität. Dr. Becker war sowohl ein inspirierter Schüler als auch ein wunderbarer Lehrer und widmete sich sein Leben lang dem Studium der Osteopathie. Nach seinem Abschluss am College für Osteopathie arbeitete er einige Jahre so, wie es ihm gezeigt worden war. Dann begann er, die Schriften von Dr. Andrew Taylor Still, dem Begründer der Osteopathie, noch gründlicher zu studieren, und fand dort neben einem reichen Schatz an Ideen, die er erforschen wollte, auch die spezifische Anleitung, die er zur Fortführung seiner Studien brauchte.

Anfänglich bemühte er sich alleine, das zu lernen, was Dr. Still zu zeigen hatte. Er teilte zwar seine Fragen und Ideen mit Kollegen, studierte aber eigentlich still in seiner Praxis, wenn er mit seinen Patienten arbeitete. Nach ein paar Jahren, in denen er auf diese Weise vorankam, traf er WIlliam G. Sutherland, den Urheber des Kranialen Konzepts in der Osteopathie. In der Dekade, in der die beiden viel miteinander zu tun hatten, gab ihm Dr. Sutherland eine Methode und ein Forum, um noch intensiver in seine eigenen Studien einzutauchen und sein Verständnis zu vertiefen.

Die Anleitung durch Still und Sutherland veranlasste Dr. Becker, aus der verlässlichsten Quelle zu lernen: aus den lebendigen Kräften, die im lebendigen Körper existieren. Er wurde zu einem unermüdlichen Beobachter, ständig auf der Suche nach einer Antwort auf die Fragen: Was ist Gesundheit; und was ist die effektivste und effizienteste Art und Weise, ihre Anwesenheit zu unterstützen?

In Dr. Beckers Händen fokussierte sich Osteopathie auf ‚Leben in Bewegung‘ und Stille. Ihm war klar, dass alles Lebendige sich bewegt – dass sich Leben selbst als Bewegung manifestiert. Das Vorhandensein vollständig freier Bewegung in einem Wesen – und zwar auf allen Ebenen – war für ihn eine Umschreibung des Zustands, den man Gesundheit nennt. Um Patienten zu helfen, ihre Gesundheit wiederherzustellen, muss man daher alles, was eine freie Bewegung behindert, lösen.

Er verstand also, dass sich Leben als Bewegung zeigt – und ebenso war ihm klar, dass die Kraft des Lebens in der Stille wohnt. Er sah, dass es eine grundlegende Kraft bzw. Potency gibt, die in allem, was lebt, existiert, solange es lebt. Alles Leben entspringt dieser Kraft, deren Wesen Stille ist – eine dynamische Stille voller Potenzial; eine Stille, die zu palpieren man genauso gut lernen kann, wie man Bewegung palpiert. Diese Eigenschaften des Lebens, Bewegung, Potency und Stille sind alles Ressourcen, die uns beim Wiederherstellen der Gesundheit zur Verfügung stehen.

Über diese Sichtweise vom Wesen der Gesundheit kommt man zu einem anderen Schlüsselkonzept in Dr. Beckers Lehre und Werk: die Rolle des Behandlers, wie er sie verstand. Der Behandler hat nicht mehr die Funktion, zu entscheiden, was das Problem des Patienten ist, und dann etwas zu tun, um es zu korrigieren. Dr. Becker betonte immer seine Ansicht, dass die gleiche Stille und das gleiche Leben in Bewegung sowohl im Behandler als auch im Patienten existieren. Im Patienten drückt sich dies als seine Fähigkeiten zur Selbstheilung aus, die ständig am Arbeiten sind. Der Behandler wiederum kann mit Hilfe seiner bewussten Wahrnehmung und seines direkten, über die Hände hergestellten Kontakts diese Gesundheitsmechanismen anregen, im Patienten effektiver zu arbeiten.

Dr. Becker lebte die Osteopathie, die er lehrte – er war einfach und tiefgründig. Sein Verständnis von Gesundheit und Heilen war ebenso tief gehend wie seine Fähigkeit, dieses Wissen zum Wohle seiner Patienten und Schüler anzuwenden. Diese ausgeprägte Tiefe des Verstehens zeigte sich jedoch immer auf die einfachste und direkteste Art und Weise. So gut er konnte, gab er jedem das, was er brauchte, und versuchte dabei, aus jeder Begegnung etwas Neues über das Leben zu lernen.

OSTEOPATHIE UND DAS KRANIALE KONZEPT

Die Wissenschaft der Osteopathie wurde 1874 von Dr. Andrew Taylor Still entdeckt, einem Arzt, der voller Eifer nach einem effektiveren Heilungssystem suchte. Sein intensives Studium brachte ihm Einsichten, die ihn dazu führten, eine Reihe von Grundprinzipien zu formulieren. Er lehrte, dass die Struktur des Körpers und seine Funktion untrennbar miteinander verbunden sind und dass jeder Mensch alle für seine Gesundheit notwendigen Ressourcen in sich hat. Ebenso war er der Ansicht, dass der Körper eine Funktionseinheit ist – dass Körper, Geist und Seele als ein zusammengehöriges Ganzes funktionieren, das ständig daran arbeitet, sich selbst zu heilen. Nach Dr. Stills Meinung gehört zu allen Erkrankungen und Beschwerden des Körpers eine Einschränkung im freien Fluss der stofflichen und energetischen Elemente im Körper, was dann den inneren Selbstkorrekturprozess behindert.

Basierend auf der Kenntnis dieser Prinzipien entwickelte Dr. Still einen Behandlungsansatz, der das Wissen des Behandlers, sein Verständnis und seine Hände als die Hauptwerkzeuge für Diagnose und Behandlung nutzt. Obgleich an dem von ihm gegründeten College das gesamte medizinische und chirurgische Wissen unterrichtet wurde, betonte Dr. Still immer, wie wichtig die genaue Kenntnis von Anatomie und Physiologie und die Anwendung palpatorischer Fähigkeiten seien. Im Laufe der Zeit wurden diverse osteopathische Methoden der Manipulation entwickelt, die diese Prinzipien in der Behandlung von Patienten umsetzen.

1892 gründete Dr. Still die American School of Osteopathy (ASO) in Kirksville, Missouri. In der Klasse des Jahrgangs 1900 war ein Schüler namens William Garner Sutherland. Als Student am College hatte Dr. Sutherland eine plötzliche Einsicht in die inhärenten Mechanismen des menschlichen Körpers. Er hatte den überraschenden Gedanken, dass die Knochen des lebendigen Schädels sich das ganze Leben lang bewegen, was auf die Anwesenheit einer Art Atmung hindeutet. Dr. Sutherland studierte, beobachtete und experimentierte an sich selbst unermüdlich 40 Jahre lang, bis er die Details dieses Atemmechanismus erforscht hatte. Dann verbrachte er die letzten 15 Jahre seines Lebens damit, andere dieses Kraniale Konzept in seiner praktischen Anwendung bei der Betreuung von Patienten zu lehren. Dies wurde als Kraniale Osteopathie bzw. Osteopathie im kranialen Bereich bekannt. Immer, wenn er unterrichtete, betonte Dr. Sutherland, dass das Kraniale Konzept lediglich eine Erweiterung und keine Abspaltung von Dr. Stills Wissenschaft der Osteopathie sei. Dr. Sutherlands Entdeckung ging weit über die Beschreibung eines mechanischen Systems hinaus; er begann zu verstehen, dass die Bewegung, die er beobachtete, die grundlegende Lebenskraft bei der Arbeit ist. Sie ist eine Manifestation des Lebens in Bewegung – ein äußeres Anzeichen der grundsätzlichen, selbstregulierenden, selbstheilenden Körpermechanismen.

Aufgrund der fundamentalen Natur dieses Mechanismus und seiner rhythmischen Qualität nannte ihn Dr. Sutherland den Primären Atemmechanismus (auch Kraniosakraler Mechanismus genannt). Er beschrieb folgende fünf Komponenten dieses Mechanismus, die zusammen als eine Einheit funktionieren:

1. die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, mit der Potency der Tide.

2. die inhärente Motilität des Zentralen Nervensystems.

3. die Mobilität der kranialen und spinalen Dura (reziproke Spannungsmembran).

4. die gelenkige Mobilität der kranialen Knochen.

5. die unwillkürliche Bewegung des Sakrum zwischen den Ilia.

Nachdem Dr. Sutherland die Anatomie und Physiologie dieses subtilen und gleichzeitig mächtigen Mechanismus verstanden hatte, konnte er Behandlungsprinzipien entwerfen, um mit diesem Mechanismus zu arbeiten. Er entwickelte einen manuellen Behandlungsansatz, der so subtil und mächtig ist, wie der Mechanismus, mit dem man arbeitet. Der folgende Ausspruch von Dr. Sutherland fasst diesen Behandlungsansatz zusammen:

„Der innewohnenden physiologischen Funktion zu erlauben, ihre unfehlbare Potency zu entfalten, statt von außen blinde Kraft anzuwenden ….“ 2

Das von Dr. Sutherland gelehrte Verständnis war ebenso wie sein Behandlungsansatz nie auf den Kranialen Mechanismus beschränkt.

Dieser Primäre Atemmechanismus ist in der gesamten Körperphysiologie vorhanden. Er eignet sich in einzigartiger Weise zum Behandeln von Problemen im kranialen Bereich, kann jedoch eine jede durch Krankheit oder Traumen entstandene Körpersituation möglicherweise beeinflussen.

Dr. Sutherland entwickelte einen Lehrkursus, um Ärzten das notwendige Verständnis und die palpatorischen Fähigkeiten beizubringen, um Patienten auf diese Weise zu behandeln. Seine loyalen Schüler, unter ihnen Dr. Becker, führten diese Kurse fort. Auf diese Weise wird Dr. Sutherlands Arbeit weitergegeben.

Rachel E. Brooks, MD

BIOGRAFIE

Rollin Becker (1910–1996) wuchs in einem osteopathischen Haushalt auf. Sein Vater Arthur D. Becker, DO, ein prominenter und angesehener Osteopath, der noch unter Dr. Andrew Taylor Still als Lehrer tätig war; fungierte später an zwei osteopathischen Colleges als Dekan. 1934 graduierte Rollin an der American School of Osteopathy, dem späteren Kirksville College of Osteopathic Medicine. Nach ein paar Jahren in Oklahoma zog er nach Michigan, wo er dreizehn Jahre lang praktizierte.

1944 traf er dort William Garner Sutherland, DO, 1948 unterrichtete er zum ersten Mal als Teil der Lehrfakultät in einem von Dr. Sutherlands Kursen. 1949 ließ sich Dr. Becker in Texas nieder, wo er bis 1989 praktizierte. Während dieser ganzen Zeit blieb er Dr. Sutherland und dessen Werk verpflichtet. Von 1962–1979 war Dr. Becker Präsident der Sutherland Cranial Teaching Foundation3, einer Organisation, die der Fortbildung im Sinne von W. G. Sutherland dient.

1. STUDIUM UND PRAXIS DER OSTEOPATHIE
1.1. EIN TIEFER OZEAN DES STUDIUMS

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten 1982 in einem Grundkurs der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Alexandria, Virginia.

Um das, was ihr bislang in eurer Praxis getan habt, mit dem zu verbinden, was ihr während dieser Woche lernen werdet, muss nun ein gewaltiger Übergang stattfinden. Unsere Hauptaufgabe als Lehrer ist es, euch dabei zu helfen, diese Brücke so bequem wie möglich zu überqueren. Gleichzeitig muss ich euch jedoch auch darauf hinweisen, dass das, was wir diese Woche tun werden, vor allem harte Arbeit ist.

Als einen Teil der Brücke, die wir benutzen, um diesen Übergang zu vollziehen, habe ich an die Tafel die vier grundlegenden osteopathischen Prinzipien notiert, die euch am College beigebracht wurden:

1.Der Körper ist eine Einheit.

2.Der Körper besitzt selbstregulierende Mechanismen.

3.Struktur und Funktion stehen in reziproker Beziehung zueinander.

4.Eine vernünftige Behandlung basiert auf dem Verstehen der selbstregulierenden Körpermechanismen und der wechselseitigen Beziehung von Struktur und Funktion im Körper.

Das sind Grundprinzipien, die ihr schon euer gesamtes Praxisleben lang kennt; zuerst habt ihr sie in eurem ersten Jahr an einem osteopathischen College gehört. Wir sind uns alle einig, dass das schöne Aussagen sind. Aber wie viele von euch realisieren, während ihr diese Behauptungen hört und lest, dass wir hier über einen lebendigen Mechanismus sprechen? Aus unserer Ausbildung, in der wir nur gesehen haben, wie sich die Dinge bei einem toten, auf dem Seziertisch liegenden Körper verhalten, bringen die meisten von uns das Gefühl mit, dass wir mit ihm machen können, was wir wollen.

In der kommenden Arbeitswoche sprechen wir jedoch über einen lebendigen Körper als eine Einheit, einen lebendigen selbstregulierenden Mechanismus, eine lebendige Struktur und Funktion, die in reziproker Beziehung zueinander stehen, sowie über eine auf diesem Verstehen basierende, lebendige Behandlung. Diese Mechanismen sind bereits belebt, sie sind gesund. Das ist der Grund, warum wir heute hier sind. Wir finden es nun notwendig, eine zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, nämlich mit einem lebendigen Mechanismus zu arbeiten. Und wir lassen ihn die Arbeit für uns tun, anstatt etwas mit ihm zu machen. Wir sind hier, um zu lernen, wie dieser Mechanismus für uns arbeitet, und dass es Regeln und Gesetze gibt, die es uns ermöglichen, ihn für uns arbeiten zu lassen. Es gibt Wege, ihn zu ermuntern, in eine aktive Zusammenarbeit zu gehen – mit der wir dann wiederum kooperieren. Wir machen nicht etwas mit ihm, wir kooperieren; denn er arbeitet bereits für uns.

Deshalb ist das Ziel dieses Kurses, zu zeigen, wie Gesundheit und Funktion sich durch anatomisch-physiologisch funktionierende Mechanismen ausdrücken. Wir sind hier, um zu lernen, wie unser Körper und unser Geist, all unsere verschiedenen Funktionseinheiten, für uns arbeiten, wenn sie gesund sind. Wir sind nicht hier, um die Anatomie und Physiologie eines Kraniosakralen Mechanismus zu unterrichten – das sind lediglich die Werkzeuge, mit denen wir spielen werden, die uns etwas zeigen und von denen wir lernen. Wir sind nicht nur hier, um zu lernen, wie wir Krankheit und Traumen in diesem Mechanismus diagnostizieren und behandeln, sondern um zu erfahren, wie Gesundheit aus dem Inneren eines lebendigen Mechanismus heraus geliefert wird. Das erfordert von uns, allmählich zu begreifen, dass wir alle einen primären inneren Arzt haben, zu dem der Kraniosakralen Mechanismus dazugehört – man kann sie nicht trennen – es ist alles eine Einheit. Wir verstehen also allmählich, dass es diesen inneren Arzt in uns gibt, der genau weiß, was Gesundheit ist, und diese Gesundheit ununterbrochen zum Vorschein bringt – vorausgesetzt, wir hören diesem inneren Arzt zu.

Dieser lebendige Arzt in unserem Inneren manifestiert ständig Gesundheit. Von der Empfängnis bis zum Tod manifestiert er ohne Unterlass Gesundheit. In jedem Lebensjahrzehnt habt ihr ein Lebensmuster, das für euch stimmt. Wenn ihr zwischen 20 und 30 seid, habt ihr ein Gesundheitsmuster, das im wahrsten Sinne des Wortes ein Ausdruck dieses Jahrzehnts ist. Es reift, so wie wir reifen, und wechselt allmählich den Gang, aber es manifestiert beständig Gesundheit.

Patienten kommen zu uns, weil ihr Gesundheitsmuster wie von einer Wolke bedeckt worden ist, und es sozusagen auf sie regnet; aber das ändert nichts an der Tatsache, dass über der Wolke immer noch eine Sonne scheint und Gesundheit vorhanden ist. Es ist unsere Aufgabe, das Gesundheitsmuster aus dem traumatischen oder kranken Zustand heraus zu entwickeln, bis die Gesundheit als einziges Muster bleibt. In diesem Sinne ist unsere Rolle als Behandler sekundär. Es ist unsere Verantwortung, als sekundärer Behandler mit dem primären Arzt in uns selbst und in unseren Patienten zu arbeiten, um es der inneren physiologischen Funktion zu ermöglichen, ihre eigene unfehlbare Potency zu offenbaren – dieses Gesundheitsmuster zum Vorschein zu bringen.

Um auf diese Art und Weise zu arbeiten, müssen wir tief in ein anderes Meer des Verstehens eintauchen und es der physiologischen Funktion im Patienten erlauben, uns im wahrsten Sinn des Wortes auszubilden. Wir wollen Folgendes lernen: Wo ist in diesem Patienten Gesundheit? Wie bringe ich sie zum Vorschein? Die Körperphysiologie des Patienten unterweist uns buchstäblich. Der Arzt, der in meinen Patienten lebt, hat mich in den letzten achtundvierzig Jahren ausgebildet, und immer noch bin ich ein Student. Dies ist ein Teil des Übergangs, den wir vollbringen müssen.

Wir wollen lernen, diese Mechanismen, die sowohl in uns als auch in unseren Patienten arbeiten, zu spüren und uns ihrer bewusst zu sein. Erlaubt euch während dieser Woche, wenn ihr der Patient seid, diesen Mechanismus bei der Arbeit zu fühlen, während gleichzeitig der behandelnde Student versucht zu spüren, wie dieselben Mechanismen in euch arbeiten. So kann man beginnen, Funktion zu spüren.

Um die hier dargelegten Ziele zu erreichen, muss man drei Lernschritte durchlaufen, wobei der erste am schwierigsten ist. Zunächst musst du die Tatsache akzeptieren, dass die anatomisch-physiologische Funktion in dir und in deinem Patienten lebendig ist, bereits in Bewegung, verfügbar für deinen Befund und Gebrauch. Du musst diese Tatsache akzeptieren – schließe deine Augen, überschreite diese Grenze und hoffe, dass es immer noch einen Boden unter deinen Füßen gibt, wenn du auf der anderen Seite der Grenze aufsetzt. Plötzlich bist du zweitrangig in Bezug auf diese Sache, an der du arbeitest. Der Boss ist innen. Er ist sowohl in dir als auch in deinem Patienten. Als Behandler bist du dabei, diese Tatsache zu verstehen und zu nutzen.

Zweitens müssen wir die Details des anatomisch-physiologischen Mechanismus im lebendigen Körper studieren. Wir müssen verstehen, dass die lebendigen anatomisch-physiologischen Details des Primär Respiratorischen Mechanismus, des Kraniosakralen Mechanismus, keine abgetrennten Funktionseinheiten sind, die separat studiert werden müssen. Wir fügen diese Details zu der Anatomie und Physiologie hinzu, die wir in der Schule gelernt haben. In meiner ersten Unterrichtsstunde bei Dr. William Garner Sutherland sagte ich zu ihm, ich sei nicht gekommen, um seine Art zu arbeiten zu lernen, sondern um mein Wissen von Anatomie und Physiologie um den Kraniosakralen Mechanismus zu erweitern, über den wir am College nichts gelernt hatten. Dr. Sutherland war es, der das unserem Berufsstand schenkte, und nun geben wir es euch weiter. Ihr seid hier, um euer Studium der Anatomie und Physiologie des lebendigen Körpers fortzuführen, und dazu gehört der Primäre Atemmechanismus. Der dritte Schritt besteht darin, lebendige palpatorische Fähigkeiten zu entwickeln. Um mit lebendigen Mechanismen in einem lebendigen Körper zu arbeiten, sind wir auf lebendige palpatorische Fähigkeiten angewiesen. Diese Fähigkeiten werden uns die Chance geben, die arbeitenden Einheiten des Körpers zu befunden und einzusetzen, damit sie selbst den Patienten behandeln können. Unsere Patienten behandeln sich jedes Mal selbst, wenn wir sie mit unseren Hände berühren – vorausgesetzt, wir kooperieren mit den Mechanismen, die in ihnen schon am Arbeiten sind.

1.2. STUDENTEN EIN LEBEN LANG

Überarbeitete Niederschrift eines Vortrages, gehalten 1986 im Rahmen einer Lehrerfortbildung der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania.

Was ist ein Behandler? Die Rolle eines Behandlers ist es, der Menschheit zu dienen. Die Wissenschaft der Osteopathie hat ihren Ursprung in der sich offenbarenden Struktur und Funktion des Individuums. Diese kommt zum Ausdruck als ein der Körperphysiologie innewohnender Mechanismus, der Motilität, Mobilität und einen Fluid Drive besitzt. Sie stellt sich dar als eine Erfahrung aus dem Inneren des Patienten und als eine selbst erlernte, geschulte, palpatorische Kunstfertigkeit im Behandler. Das Werk von A. T. Still schenkte uns die Wissenschaft der Osteopathie. Das Werk von W. G. Sutherland schenkte uns den Primären Atemmechanismus mit seiner detaillierten Anatomie und Physiologie, und zwar nicht als eine von Dr. Stills Schaffen abgetrennte Einheit, sondern als einen in die Wissenschaft der Osteopathie integrierten Anteil.

Folgenden wichtigen Punkt müssen wir dabei bedenken: Vom Zeitpunkt ihrer jeweiligen Entdeckungen an akzeptierten Still und Sutherland die Wissenschaft der Osteopathie als ein grundlegendes lebendiges Gesetz der Körperphysiologie und die Notwendigkeit, ein Leben lang Studenten der Autorität zu sein, die der lebendigen Körperphysiologie innewohnt. Sie hörten auf, Ärzte zu sein und wurden zu Studenten. Ihre Suche war beendet, sie hatten die Osteopathie gefunden und waren nun für den Rest ihres Lebens Studenten dieser Wissenschaft. Dr. Still und Dr. Sutherland wurden zu ewigen Studenten, so wie es auch alle Behandler, die in ihre Fußstapfen treten, nötig finden werden einzuwilligen, sich von den gleichen lebendigen Gesetzen für deren Dienst an der Menschheit benutzen zu lassen.

Wir sind jedoch nicht hier, um uns an das Werk von Still oder Sutherland zu erinnern. Wir sind hier, um Studenten der Gesetze des Mechanismus zu werden, der ihre Entdeckung war. Diese Gesetze sind zugänglich, sie sind ein offener Raum. Still und Sutherland wurden zu Studenten und gaben etwas von sich her. Sie schenkten denen, die ihnen folgten, das Werk – gaben ihnen aber lediglich Hinweise, in dem Wissen, dass jene nachfolgenden Behandler selbst ebenfalls Studenten dieses Werkes werden mussten. Die Herausforderung beim Ausüben der osteopathischen Wissenschaft besteht darin, die Körperphysiologie als ein Ganzes – ihre Struktur und Funktion als eine Einheit – zu sehen, diesen willkürlich-unwillkürlichen motilen, mobilen Fluid-Drive-Mechanismus als eine manifestierende Transmutation der Autorität zu verstehen, die in der Körperphysiologie angelegt ist. Als Ärzte und Behandler müssen wir Palpationskünste entwickeln, die es uns erlauben, von der Physiologie des Patienten benutzt zu werden. Wir müssen den Primären Atemmechanismus als eine arbeitende Einheit innerhalb der Wissenschaft der Osteopathie auffassen und diese Funktionseinheit in das Gesamtbild von Gesundheit und/oder Dysfunktion innerhalb der Körperphysiologie des Patienten einbeziehen.

Den Körper müssen wir als ein Ganzes diagnostizieren und behandeln. Wir dürfen ihn nicht in einen somatischen und einen kranialen Teil aufspalten sondern müssen ihn als eine Einheit behandeln, ein Teil im andern. Die Wissenschaft der Osteopathie betrachtet auch die Funktion von Gesundheit und Dysfunktion als eine Gesamtheit. Es ist die Aufgabe des Behandlers, sich mit der Körperphysiologie des Patienten auseinanderzusetzen, von ihr als einem Ganzen zu lernen und dabei die Falle zu vermeiden, die darin besteht, dass man die verschiedenen Körpereinheiten trennt. Wenn ihr mit einem Körperteil arbeitet, seid ihr in Kontakt mit allen. Ihr fühlt und hört einem Teil zu, aber ihr hört dabei das Ganze. Wenn ihr auf diese Weise beim Arbeiten ‚die Tür auflasst‘ , wird er mehr als eine Einheit – er wird eine Gesamtheit.

Wenn ihr es lernt, der Körperphysiologie des Patienten zu lauschen, mag es nach außen hin so erscheinen, als tätet ihr nichts – aber ihr arbeitet hart; längere Zeit zuzuhören, ist schwere Arbeit. Ihr könnt das jedoch erlernen, und ihr habt den Rest eures Praxislebens dazu. Still und Sutherland haben es so gemacht, ich sehe nicht, warum es euch nicht gelingen sollte. Dr. Still und Dr. Sutherland waren Studenten. Sie verbrachten ihr gesamtes Leben damit, die Wissenschaft der Osteopathie zu studieren. Und eines der grundlegenden Dinge, die sie herausfanden, war, dass es keinen Zeitpunkt gibt, an dem man aufhören kann, weiter in diese Wissenschaft einzudringen. Sie waren damit einverstanden, von den zugrunde liegenden Gesetzen, die es innerhalb einer jeden Körperphysiologie gibt, benutzt zu werden. Sie lernten es, die Regeln der Gesundheit, so wie sie in uns existieren, zu erkennen und zu nutzen. Und es sind diese Regeln, die auf dem Weg zurück zur Gesundheit gesucht werden, wenn ein Patient bei einer Dysfunktion, einer Krankheit oder durch ein Trauma unseren Dienst in Anspruch nimmt. Dr. Still und Dr. Sutherland studierten jeden einzelnen Mechanismus innerhalb der Körperphysiologie des jeweiligen Patienten;und in jedem individuellen Fall zeigte ihnen der Körper durch das, was er selbst zu tun versuchte, das geeignete diagnostische Vorgehen und Behandlungsprogramm.

Was ist neu in der Wissenschaft der Osteopathie? Die Antwort ist einfach: Der nächste Patient, der zur Tür hereinkommt und zuvor schon überall war und alles ausprobiert hat. Die Körperphysiologie ist der Lehrer, der Behandelnde ist der Student. Der Mechanismus der Körperphysiologie bietet viele Türen, um im Dienste einer besseren Gesundheit experimentelle Erfahrungen zu machen. Als Arzt und Studierender zugleich erschaffst du auf dem Verstehen dieses Mechanismus basierende Techniken, indem du zunächst visualisierst, was deiner Meinung nach in diesem Bereich sein sollte, und dann abhängig davon, wie du den Mechanismus in jedem einzelnen Fall und in jedem einzelnen Patienten verstehst, jene Techniken entwickelst. Anders gesagt: Dir wird viel Raum für Experimente zugestanden, solange du den Gesetzen der osteopathischen Wissenschaft gehorchst. Resultate erhältst du proportional zu deinem Wissen und deinem sich verfeinernden Tastsinn. Wir als Studenten der Körperphysiologie, als Ärzte, können beim Behandeln jedes einzelnen Patienten dessen Körperphysiologie nutzen und von ihr benutzt werden. Die Zukunft leuchtet hell für alle, die sich dafür entscheiden, die Werke von Dr. Still und Dr. Sutherland zu studieren und anzuwenden.

Vielen Dank.

1.3. SCHRITTE VORWÄRTS

Auszüge verschiedener Vortragsnotizen aus den Jahren 1969–1986.

1874, zur Geburtsstunde der Osteopathie, waren deren Hauptprinzipien rundum gültig. Und mit jedem Jahrzehnt, das verstreicht, werden ihre Wahrheiten stichhaltiger. Moderne wissenschaftliche Untersuchungen mit zunehmend sensiblen Instrumenten beweisen die Richtigkeit dieser Wahrheiten. Ein noch feineres Instrumentarium wird erforderlich sein, um andere uns von Dr. A. T. Still und Dr. W. G. Sutherland vermittelte Wahrheiten zu belegen.

Wir als osteopathische Behandler haben die Aufgabe, diese Wahrheiten in eine praktikable tägliche Erfahrung einzubringen, innerhalb derer wir sie dann individuell auf jedes medizinische Problem und jede Behandlungssituation anwenden können.

Die grundlegenden Prinzipien von A. T. Still sind kein auf einem Silbertablett serviertes Programm zum sofortigen Verstehen einer lebendigen Körperphysiologie im gesunden und traumatisierten bzw. kranken Zustand. Sie sind vielmehr eine Wegweisung, die sich der lernbereite Behandler erarbeiten muss, um sein Verstehen dieser komplexen lebendigen Mechanismen zu entwickeln. Jeder lebende anatomisch-physiologische Mechanismus bietet eine lebendige Demonstration seiner ihm angeborenen Funktionsweise, sowohl im gesunden als auch im traumatisierten bzw. kranken Zustand.

Der Mediziner muss seine gesamte Auffassung von seiner Rolle als Behandler grundlegend ändern: Das ist für ihn der Schlüssel, um die dargelegten Prinzipien zu verstehen. Keine seiner alten, beim Arbeiten mit seinen Patienten praktizierten Vorstellungen darf er behalten. Ebenso wenig darf er versuchen, die neuen Ideen anzunehmen, indem er sie einfach bei seinen Patienten ausprobiert. Zuerst muss er seine Art zu denken ändern und tief in sich nach Verstehen suchen, bis er mit seinen neuen Werkzeugen gut zurechtkommt. Der zweite Schritt ist dann, dies alles an die Bedürfnisse seiner Patienten anzupassen.

Schritte:

1.Bejahe den Lebendigen Mechanismus in dir und im Patienten. Leben versucht immer, Gesundheit auszudrücken.

2.Gib dich hin infolge dieses Bejahens. Begreife, dass das, was der Mechanismus dir sagt, wahr ist.

3.Entwickle palpatorische Fähigkeiten. Der Körper ist klüger als du, also lerne von ihm.

Der erste Schritt ist der schwierigste, aber auch der wesentliche, wenn man lebendige Mechanismen der Gesundheit verstehen und nutzen will. Suche und erlerne die Mechanismen der lebendigen Funktion zuerst in dir selbst; das wird dich dazu führen, sie in deinen Patienten zu verstehen.

Der zweite Schritt besteht darin, ein Betrachter der lebendigen Funktionen beim Arbeiten zu werden. Gib dich den Patienten hin.

Der dritte Schritt erfordert von dir, dass du eine lebendige Palpationskunst entwickelst. Palpation ist das Werkzeug, das der Behandler nutzt, um zu lesen, was der primäre Arzt in jedem von uns tut, um Gesundheit aus dem Inneren hervorzubringen. Lerne, die Funktion da drinnen zu fühlen, nicht nur kleinere oder größere Bewegungen.

Hast du gedacht, du kommst in diesen Kurs, um Information zu sammeln? Palpatorische Fähigkeiten zu entwickeln? Um sachkundig zu werden in Bezug auf Dienste an deinen Patienten mit ihren Problemen?

Nein, du bist gekommen, um das Werk zu sein, das du verstehen und in deinem Dienst am Patienten nutzen wirst.

1.4. HILFE IST IMMER ZUR STELLE

Überarbeitete Niederschrift von Vorträgen, gehalten 1988 im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Tulsa, Oklahoma.

Ich las neulich einen Zeitungsartikel mit der Überschrift Hilfe, die immer zur Stelle ist. Es ging darin um eine internationale Organisation, die einen Telefondienst für Hilfesuchende, aufgebaut hat. Aus der Funktionsweise dieser Organisation gibt es für uns einiges zu lernen, denn sie ist in mancher Hinsicht analog zu der Art, wie wir als Ärzte behandeln. Die von diesen Leuten angewandten Prinzipien können von allen, die andern helfen wollen, adaptiert werden.

Die Notfall-Telefone sind 24 Stunden täglich von ausgebildeten ehrenamtlichen Helfern besetzt, die mit jedem sprechen, der anruft: Junge und Alte, Reiche und Arme, Kranke, Hoffnungslose, Suizidgefährdete oder einfach einsame Menschen. Das Geheimnis der Methode liegt nicht in dem, was die Ehrenamtlichen am Telefon sagen, sondern in der Art, wie sie den Anrufern zuhören.

Wer in dieser Hilfsorganisation mitarbeitet, lernt, dass Zuhören – das heißt wirkliches Hinhören auf das, was jemand, der in Not ist, sagt – an sich schon eine Antwort ist, wenn die Hilfe suchende Person dann wiederum versuchen kann, sich selbst zu helfen. Die Ehrenamtlichen geben keine Anweisungen oder Instruktionen, sie predigen oder lehren nichts. Sie sagen dem Anrufer nicht, mach dies oder das, und tun auch nicht so, als wüssten sie, was sein wahres Problem ist. Stattdessen lernen sie, dem, was diese Leute sagen, vorurteilsfrei zuzuhören, ohne den Versuch, sie oder ihre Probleme zu analysieren. Wenn sie mit einem Anrufer sprechen, dann geschieht das in einer nicht bewertenden Weise. Ihr Ziel ist es, eine einfache Reaktion auszulösen, etwas, was dem Anrufer helfen mag, in sich hineinzuschauen.

In dieser ‚Hilfsmethode‘ lehren sie auch, dass man, um Hilfe gebeten, versuchen soll, das Problem noch einmal so zu verbalisieren, wie es der Hilfesuchende ausgedrückt hat, so dass er oder sie hören kann, wie es für andere klingt. Nehmt dabei nicht an, dass ihr das Problem versteht. Lasst die hilfesuchende Person ihre Gefühle selbst ausdrücken. Lasst sie ihre eigene Lösung vorschlagen und angehen. Es ist zum Beispiel besser, zu fragen: „Wie werden Sie damit umgehen?“, als jemandem zu sagen, wie man selbst diese Situation lösen würde. Ihr möchtet sie darin unterstützen, herauszufinden, dass ihre eigene Stärke gut ist, egal wie begrenzt sie erscheinen mag. Auf diese Weise unterstützen die ehrenamtlichen Helfer die Anrufer darin, ihre eigenen Ressourcen zu nutzen und ihre Gefühle auf eine konstruktivere Art und Weise auszudrücken. Schlussendlich lehrt die ‚Hilfsmethode‘ , dass es gut ist, sich einzufühlen und klarzustellen, dass es dir wichtig ist, was mit dem Hilfesuchenden passiert. Der Kontakt und die Person selber sind dir wichtig.

Das sind die Grundsätze und Fähigkeiten, die diese ‚Hilfsmethode‘ so effektiv machen. Diese Art des verbalen Kontaktes erfordert eine Ausbildung, aber die Grundprinzipien sind einfach zu erlernen und wir alle können sie in unserem Leben anwenden.

Während ich jetzt hier so spreche, möchte ich gerne, dass ihr auf das lauscht, was in eurem Kopf vorgeht, wenn euch jemand um Hilfe bittet. Ein wichtiger Punkt, den man dabei beachten muss, ist die Notwendigkeit, eure eigenen Gefühle bezüglich der Person, mit der ihr sprecht, genau zu kennen, diesen Menschen wirklich als den, der er ist, zu akzeptieren – jemand, der genauso Respekt verdient wie ihr selbst. Hört ihm zu und antwortet, ohne zu bewerten. Menschen fühlen sich sehr viel freier in der Gegenwart eines anderen Menschen, der sie still so akzeptiert, wie sie sind. Es ist eure Aufgabe, einfach entspannt zu bleiben, wenn eigentlich nichts geschieht. Einfach nur anwesend zu sein in so einer Atmosphäre, ist heilsam. Eigentlich ist es diese zugewandte, zuhörende Resonanz, und nicht eine aktive, zur Schau stellende Reaktion, die eine osteopathische Behandlung funktionieren lässt.

Der Psychotherapeut Carl Rogers drückt in seinem Buch Entwicklung der Persönlichkeit etwas Ähnliches aus. Er schreibt, dass Helfen im Grunde nicht aus Geben, sondern aus Teilen besteht. Er zeigt uns, dass wir anderen helfen können, wenn wir verstehen, unsere wirklichen Gefühle zu zeigen, ohne zu bewerten, und indem wir Hilfebedürftigen warmherzig begegnen als Menschen, die genauso wertvoll sind wie wir, die wir uns für gesund halten. Andere reagieren auf die Wertschätzung, die wir ihnen geben, indem sie Selbstvertrauen gewinnen und beginnen, sich selbst zu helfen.

Wir haben nun eine Brücke geschlagen von einem ehrenamtlichen Helfer, der mit Hilfe von Gesprächen arbeitet, zu einem Arzt, der in der osteopathischen Wissenschaft tätig ist. Denkt daran: Wenn eine Patientin in eure Praxis kommt, bringt sie eine Körperphysiologie mit, die eure Hilfe sucht. Anstatt dem Patienten diese Hilfe verbal zu vermitteln, werden wir lernen zu palpieren und schweigend die Körperphysiologie zu untersuchen. Lernt still mit dieser Patientin zu arbeiten, indem ihr euren geschulten Tastsinn benutzt, um der Gesundheit zu erlauben, sich wiederherzustellen. Statt nur auf Worte zu hören, hören wir still der Körperphysiologie zu und verstehen sie. Anstatt die Situation verbal zu erörtern, werden wir es am Körper praktizierend lernen, diese Dinge zu fühlen und auf das zu lauschen, was im Körper der Patientin geschieht. Die Patientin braucht kein Wort zu sagen und ich auch nicht. Ich muss nicht sprechen, denn meine Kunst ist es, den Geweben zuzuhören.

In dieser Analogie zwischen einem Behandler und einem ehrenamtlichen Helfer besteht das Erfolgsgeheimnis des Behandlers darin, seine palpatorischen Fähigkeiten so zu trainieren und zu schulen, dass es ihm gelingt, insgesamt sowie spezifisch den unwillkürlichen Mechanismen der anatomisch-physiologischen Struktur des hilfesuchenden Patienten zuzuhören. Entwickelt eure palpatorischen Fähigkeiten, bis ihr die Fragen, mit denen der Patient hereinkommt, buchstäblich spüren könnt. Der Hilfe, die der Patient sucht, kann entsprochen werden durch die lauschende Resonanz, die der Behandler mit seinen palpatorischen Fähigkeiten entwickelt. Der Patient sucht Hilfe, seine Körperphysiologie sucht Hilfe, und statt darüber zu reden, legen wir unsere Hände sehr behutsam an unseren Patienten, um etwas zu finden, damit zu arbeiten, es ein bisschen zu reizen, bis wir spüren, dass die Körperphysiologie des Patienten irgendeine Reaktion in Richtung Gesundheit zeigt. Der Behandler muss lernen, die Vorgänge in der Körperphysiologie zu lesen und deren Probleme zu erfahren und an ihnen teilzuhaben, wobei es nicht notwendig ist, dies dem Patienten verbal zu erklären. Der Patient wird diesen Kontakt, den wir mit seinem Körper aufgenommen haben, spüren. Und er wird wahrnehmen, dass ihm Gesundheit zuteil wird. Wenn wir ein ehrenamtlicher Helfer sind, der zuhört und es der Körperphysiologie des Patienten erlaubt, der Lehrer zu sein, wird diese Physiologie das Sprechen übernehmen. Veränderungen werden tief in der Physiologie des Patienten geschaffen; der Patient erfährt diese Veränderungen, und ich als Behandler lerne, indem ich an der Erfahrung teilhabe.

Es ist sehr schwierig zu beschreiben, was wir tun, aber es ist nicht so wichtig, was wir sagen, sondern was wir tun. Während der Behandlung sage ich normalerweise nichts zum Patienten. Ich erfahre meine Patienten, höre ihnen zu und arbeite mit ihnen – nicht mit Techniken, sondern aus einem Verstehen der Körperphysiologie heraus. Je tiefer der Behandler in sich selbst hineingeht, um mittels seines palpatorischen Kontaktes der Aktivität der Körperphysiologie des Patienten zuzuhören, desto vielfältiger wird die Information sein, die sich ihm in seiner Untersuchung offenbart. Nehmt es an, was die Körperphysiologie des Patienten euch lehrt. Aktives Zuhören von Seiten des Behandlers weckt die Körperphysiologie auf und sie beginnt zuarbeiten. Sie wird anfangen, dem Patienten zu helfen, und ihr müsst nicht darüber nachdenken oder darüber sprechen. Ihr müsst sie nur beachten, indem ihr ihr zuhört und sie mit Hilfe eurer palpatorischen Kunstfertigkeit buchstäblich fühlt. Arbeitet sehr ruhig mit dem Patienten, seid stille Partner, aktive Zuhörer.

1.5. DIE LEBENDIGKEIT NUTZEN

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten 1986 während eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania.

Wir haben schon darüber gesprochen, dass ihr die Tatsache annehmen müsst, dass sowohl ihr als auch eure Patienten lebendig seid. Jetzt möchte ich gerne über die Art und Weise sprechen, wie ihr diese Lebendigkeit in eurer täglichen Praxis nutzen könnt. Ich möchte euch das Folgende einfach als Vorschlag unterbreiten – ich finde, es verbessert die Effektivität, mit der ich mich um meine Patienten kümmere. Als Erstes ist es meiner Meinung nach notwendig, vollkommen die Tatsache zu akzeptieren, dass in allem, was lebt, ein grundlegender primärer rhythmischer Austausch stattfindet. Es ist ein alternierender, wunderschöner, Primärer Atemmechanismus in Aktion, und ich akzeptiere die Lebendigkeit dieser rhythmischen Bewegung.

Als Nächstes akzeptiere ich, dass der Menschheit zu dienen der einzige Grund ist, weshalb wir alle Mediziner sind. In meiner eigenen Praxis habe ich gelernt, dass ich, um mich für meinen Dienst an der Menschheit vorzubereiten, zuerst still in mir selbst zur Ruhe kommen muss. Das ist ein Teil meiner Vorbereitung, bevor ich Patienten empfange. Wenn ich dann innerlich ganz ruhig und still bin, ist der nächste Schritt der, das ich ruhig die Stille innerhalb des Patienten, der jetzt zu mir kommt, wahrnehme. Das kann man innerhalb von etwa 15 Sekunden machen, sogar in einem Atemzug. All dies kann auch geschehen, während der Patient noch wartet, sogar bevor er zu mir in den Behandlungsraum kommt.

Ich habe nun in der Stille, die ich in mir selbst gesucht habe, eine Art unsichtbaren Kontakt mit diesem rhythmischen, fluktuierenden Muster hergestellt. Automatisch reagiere ich auf diese unwillkürliche Bewegung der Tide in mir. Wenn ich mich, sogar bevor ich anfange zu arbeiten, auf eine relative Stille im Patienten einstimme, dann bin ich im Einklang mit der Wesensbasis dieses Patienten, die auch eine ähnliche, gezeitenartige Bewegung ist. Es kann sein, dass sie nicht die gleiche Geschwindigkeit hat wie meine; aber das ist nicht wichtig, es ist derselbe Mechanismus. Auf diese Weise lasse ich mich zur Ruhe kommen, damit ich mich schweigend dem Patienten vorstellen kann. Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber im Stillen erkenne ich, das der Patient den gleichen Mechanismus hat wie ich. Erst dann bitte ich den Patienten in den Behandlungsraum. Dann tue ich, was auch immer getan werden muss. Ich arbeite dabei, ohne an das zu denken, was ich für diesen Patienten zu erreichen hoffe. Ich fange einfach an zu arbeiten.

Diese kleine, aus meinem Inneren herauskommende Begrüßung, mit der ich im Patienten meine eigene Stille erkenne, ist ein schweigendes Anerkennen, dass sie lebendig ist. Ein unsichtbares Anerkennen oder Realisieren ist das. Selbst wenn ihr 45 Patienten an einem Tag behandelt, könnt ihr euch Zeit nehmen für diesen sehr kurzen Moment, um Verbindung mit einen Punkt der Stille in euch selbst aufzunehmen und dann mit dem gleichen Punkt im Patienten. Denn dann – egal wie ihr mit dem einzelnen Patienten arbeitet – geschieht es 45 Mal am Tag, dass ihr in euch und im Patienten etwas erkannt habt, das schweigend das Behandlungsprogramm unterstützen wird. Was dieses Etwas ist, weiß ich nicht, und das ist auch nicht wichtig. Es geht einfach darum, sich mit einem Mechanismus zu identifizieren, der in jedem von uns existiert, und sich seiner zu bedienen.

Dieses Stillwerden wird euch leiten in Bezug auf das, was an diesem bestimmten Tag zu tun ist. Und ich bin überzeugt, dass der Patient daran nicht bewusst teilnehmen muss. Ich behandle viele Patienten, die nicht die leiseste Ahnung haben, was ich tue, und es trotzdem mögen, weil sie spüren, dass etwas in ihnen geschieht. Es fühlt sich für sie an, als ob endlich ein Behandler etwas von ihnen erkannt hat und versucht, ihnen zu helfen. Manchmal haben sie den Verdacht, dass ich überhaupt nichts tue, aber schlussendlich wissen sie, dass ich etwas mache, weil ihr Beschwerdebild sich ändert.

Diese Kontaktaufnahme dient also einer stillen Bestätigung, und sie gibt mir auch einen Moment Pause zwischen den Patienten. Wenn ihr einen Fall habt, der euch wirklich mitnimmt – und einige tun das – wollt ihr nicht all diesen Müll mit zu dem nächsten Patienten nehmen. Wenn es möglich ist, nehmt euch dann etwas mehr Zeit für diesen Prozess. Nehmt euch eine Dreiviertelminute Zeit, um euch irgendwo hinzusetzen, und lasst es einfach aus euch herausfließen, spült es heraus. Ihr habt sie dann vergessen, wenn sie den Behandlungsraum verlassen, wisst nicht einmal mehr den Namen. Dann lasst euch ganz ruhig werden und bittet den nächsten Patienten, in den Raum zu kommen. Selbst wenn es kein schwieriger Fall ist, könnt ihr euch, wenn der Patient geht, in aller Stille bewusst machen, dass etwas geschehen ist, während er im Behandlungsraum war. Ihr müsst darüber kein Wort verlieren. Dies ist einfach ein schweigender Austausch zwischen meiner Stille und der Stille des Patienten – der Name spielt keine Rolle, Techniken spielen keine Rolle, nichts spielt eine Rolle. Es ist einfach ein ruhiges Zusammenkommen deines Bereitseins für den nächsten Patienten mit dessen Bereitsein für dich.

Ich behandle niemals einen Patienten, wenn er nicht selbst darum bittet. Ich weigere mich, eine Frau die Erstkonsultation für ihren Mann ausmachen zu lassen. Der Patient muss mich selbst anrufen, um eine Verabredung zu treffen. Denn wenn er das nicht tut, kommt er oft, ohne es wirklich zu wollen. Ab und zu kommt jemand so von außen angetrieben zu mir zur Behandlung. Dann mache ich eine sehr kurze Untersuchung: „Ja, ich finde ein paar Probleme hier und da. Gehen Sie nach Hause, vergessen Sie es, und wenn Sie jemals etwas in der Richtung tun wollen, rufen Sie mich an.“ Vielleicht werde ich dann nach sechs Monaten oder zwei Jahren endlich angerufen. Dann haben es diese Patienten akzeptiert, dass sie womöglich etwas Hilfe brauchen. 50% des Kampfes besteht darin, sie so weit zu bringen, zuzugeben, dass sie ein bisschen Hilfe benötigen. Wenn sie diese Tatsache akzeptieren, haben sie schon angefangen, an ihrem eigenen Problem zu arbeiten, noch bevor sie in den Behandlungsraum kommen. Sie haben sich mit der Idee angefreundet, sich überhaupt behandeln zu lassen.

Obwohl ich vorhin gesagt habe, dass dieses Ruhigwerden euch führen wird, benutze ich dieses schweigende Ruhigwerden nicht dazu, um zu diagnostizieren – es bereitet nur den Raum vor. Es bedeutet einfach, die Tatsache anzunehmen dass es eine Lebendigkeit, ein Lebendigsein innerhalb des Körpers des Patienten gibt. Also warum es nicht herausfordern? Wir bitten es nicht, eine Diagnose zu machen, wir bitten um gar nichts – wir beziehen einfach nur diese Lebendigkeit mit ein. Beim Versuch, meinen Patienten zu dienen, bekomme ich bessere Resultate, wenn ich weiß, dass die Lebendigkeit in ihnen genauso da ist wie in mir. Es geht hier nicht darum, etwas zu lernen. Es geht darum, etwas zu nutzen, einen unbekannten Faktor, der zu eurer Gesundheit und zu der eurer Patienten beitragen wird. Ihr werdet sehen müssen, ob diese unsichtbare, stille Vorbereitung einen Unterschied beim Behandeln macht. Ich bin davon überzeugt, dass es in meiner Praxis einen Unterschied macht und finde es angenehm, so zu arbeiten.

1.6. ENTSPANNE DICH, ES EILT NICHT
DER MECHANISMUS HAT KEINE PROBLEME

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1986 im Rahmen eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania.

Ich möchte euch gerne eine interessante Geschichte erzählen über eines meiner Erlebnisse mit Dr. Will Sutherland. Während eines Kurses für Ärzte in Denver, Colorado, brachte einer der Teilnehmer einen Patienten zur Beratung mit, der infolge eines Traktorunfalls Epilepsie entwickelt hatte und bei dessen Behandlung er seinem Gefühl nach nicht wirklich weiterkam. Er bat deshalb Dr. Sutherland, diesen Patienten zu untersuchen und zu sehen, was man tun konnte, um ihm zu helfen.

Dr. Sutherland, ein sehr schweigsamer Typ, der nie mehr Worte gebrauchte als unbedingt nötig, untersuchte den Patienten, drehte sich schließlich zum Behandler um und sagte: „Ich denke, Sie sind auf der richtigen Spur, machen Sie einfach mit der guten Arbeit weiter.“ Als Sutherland aufstand, um zu seinen Stuhl zurückzugehen, sagte der Behandler: „Dr. Sutherland, eine kurze Frage bitte. Was würden Sie tun, wenn der Patient einen Anfall hätte, während Sie versuchen ihm zu helfen?“ Dr. Sutherland sagte einfach: „Blockieren Sie ihn.“, und ging weiter. Nun, ich saß zufälligerweise an einem Platz, von wo aus ich die gesamte Zuhörerschaft sehen konnte, und blickte in dreißig verständnislose Gesichter. ‚Blockieren Sie ihn.‘ war alles, was er gesagt hatte. Er erwartete, dass wir zu den Mechanismen unserer Patienten zurückgehen und herausfinden was er meinte. Er war eben ein großartiger Mann, der dir etwas über den Mechanismus beibrachte, indem er es dem Mechanismus überließ, dich zu unterrichten. Wir können also locker und fröhlich sein und aufhören, uns darüber Sorgen zu machen. Wir müssen die Tatsache annehmen, dass das Leben sowohl im Behandler wie im Patienten schon am Wirken ist und wir uns also ebenso gut entspannen können. Wir gehen nirgendwo hin, und eure Patienten ebenfalls da sein. Der Patient muss die Verantwortung übernehmen und bei euch erscheinen. Und die Patienten werden nicht wegrennen, es sei denn, ihr behandelt sie wirklich schlecht. Sie werden da sein und die meisten sind bereit, ein nächstes Mal wiederzukommen. Ich meine es also wirklich: Entspannt euch.

Ihr seid hier in diesem Kurs und verbringt fünf Tage damit, zu lernen, was diese Patienten in ihrem Mechanismus mit sich tragen. Und das ist zufällig das, was auch ihr in eurem eigenen Mechanismus mit euch tragt. Ich sehe keinen besonderen Grund für Eile – dass ihr euch also schnell das in dieser Woche erworbene Wissen zu eigen machen müsst. Akzeptiert einfach die Tatsache, dass ihr schon da seid. Ihr und euer Patient, ihr seid schon am Arbeiten, indem ihr im Inneren all die Dinge tut, die notwendig sind, um das Muster der Gesundheit aufrechtzuerhalten. Patienten haben keine besondere Eile. Sie mögen so tun, als ob sie es eilig hätten, aber ihr Mechanismus ist nicht in Eile, nicht ein bisschen. Es beunruhigt mich nicht, dass der Patient vielleicht für eine weitere Behandlung kommen muss, nur weil ich den Mechanismus nicht so klar gehört habe, wie ich sollte. Vielleicht habe ich nicht ganz die Resultate, die ich eigentlich hätte bekommen sollen. Jedenfalls darf ich diesen Patienten ein weiteres Mal sehen. Also kann ich mich entspannen, es genießen und versuchen, ausgehend von dem, was vor mir liegt, zu arbeiten.

Die Mechanismen innerhalb der Körperpsychologie haben keine Probleme – gar keine. Im wahrsten Sinne des Wortes arbeiten sie in jedem von uns, so gut sie können. Sie arbeiten, um uns lebendig zu erhalten; sogar wenn sie sich ein Problem zugezogen haben – durch einen Unfall, ein Geburtstrauma oder ein umweltbedingtes Muster – und ihr Mechanismus nicht ganz im Einklang ist mit dem, wie er wirklich sein sollte, liefern sie die Lösung für dieses Problem. Einige Probleme benötigen Hilfe von außen: eine Operation, komplizierte Medizin oder andere zusätzliche Hilfe ist erforderlich. Aber der Mechanismus selbst ist sich dessen nicht bewusst. Wenn er irgendein Dysfunktionsmuster in sich hat, so hat er auf sehr ruhige Weise auch die Werkzeuge, mit denen er es zulässt, wieder korrigiert zu werden. So sollten wir, die Behandler, willige Diener sein, die diesen Mechanismus im Patienten anschauen und ihn bei seinem Bemühen, sich selbst zu helfen, unterstützen.

Der Mechanismus selber wird uns unterrichten. Ja klar, Patienten haben Probleme – sonst kämen sie nicht in unsere Praxis. Aber wir müssen uns nicht beeilen oder uns abhetzen, um herauszufinden, was los ist und was nicht, wohin es geht, und was es tut. Wir müssen still die Tatsache akzeptieren, dass sowohl der Behandler als auch der Patient lebendig sind und funktionieren; und die Spielregeln für dieses Spiel sind in den Mechanismus des Patienten eingebaut. Patienten denken nicht auf diese Weise. Sie denken an Symptome, sie denken an Leiden, sie denken dies, das und was auch immer – aber der Mechanismus leidet nicht, er tut still und leise seine Arbeit. Wenn es ein Dysfunktionsmuster gibt – z. B. ein Problem des okzipito-mastoidalen Bereiches in der Schädelbasis – Mensch, das ist tatsächlich ein Problem. Aber diese Dysfunktion zwischen Os occipitale und Pars mastoideus realisiert nicht, dass sie ein Problem ist. Sie ist zu beschäftigt damit, eine okzipito-mastoidale Dysfunktion zu sein. Also müssen wir zu dieser Dysfunktion gehen und sie ruhig bitten: „Schau, es kann sein, das du das Leben so genießt, aber der Körper, in dem du lebst, genießt es nicht so sehr. Nun, willst du nicht erwägen, mir zu erlauben, dich mit meinen Händen so zu berühren, dass du deinen Zustand änderst und aufhörst, ein sogenannter Dysfunktionskomplex zu sein?“

Wir besitzen das Recht, das Privileg, und in uns selbst den Mechanismus, diese okzipitomastoidale Dysfunktion im Patienten zu verstehen. Wir haben einen okzipito-mastoidalen Mechanismus in unserem eigenen Kopf, der vielleicht keine Dysfunktion aufweist; aber wir können diesen Mechanismus, den wir studieren, von uns heraus begreifen. Und wir werden ihn sicherlich noch besser verstehen, sobald wir unsere Hände auf die Person, die zu uns kommt, legen.

Genau die Mechanismen, die gesund werden sollen, sind auch die, die Gesundheit ausdrücken können. Sie arbeiten und sind in ständiger Bewegung; sie arbeiten stets auf das gleiche Ziel hin, das auch in uns ist. Wir kämpfen – wir leben – um Gesundheit in uns selbst auszudrücken. Alles, worum man uns bittet, alles, was der nächste Patient, der unsere Praxis betritt, zu uns sagen wird, ist: „Ich möchte gerne gesund sein, Doktor, und es ist mir gesagt worden, dass Sie die Mechanismen in sich selbst und mir verstehen, die es mir erlauben werden, zur Gesundheit zurückzufinden.“ Wir müssen uns dabei nicht beeilen. Wir können antworten: „Für die heutige Behandlung haben wir X Minuten. Was möglich ist, werden wir tun. Wir werden eine kleine Anregung hier geben und eine kleine Anregung da; und dann nehmen Sie das mit nach Hause und lassen es arbeiten. Leben Sie in Ruhe Ihr tägliches Leben, befolgen Sie ein paar Vorschläge, kommen Sie nächste Woche wieder, und wir werden weitermachen in unseren Bemühungen, uns gegenseitig zu helfen.“ In Stille verbindet sich der Patient sozusagen mit dem Mechanismus in mir, und in Stille treffe ich mich mit dem Mechanismus im Patienten. Wir versuchen in aller Stille in einer Atmosphäre zu arbeiten, in der wir Ideen und Funktionsmöglichkeiten austauschen, und dann gehen wir ruhig von dort aus weiter. Wenn ihr von diesem Kurs nach Hause geht, werden all diese Mechanismen in euch an den Mechanismen in den Patienten arbeiten; und euch beiden wird es Spaß machen. Alles Gute.

ANFANGEN

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1976 während eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Milwaukee, Wisconsin.

Jetzt möchte ich gerne, dass ihr einen Moment oder zwei ganz ruhig sitzt und das, was ihr in den letzten viereinhalb Tagen in diesem Kurs erlebt habt, in euer System eindringen lasst – als etwas, was dem gesamten inneren, unwillkürlichen, physiologischen Mechanismus eures Wesens geschehen ist. Hört einen Moment auf, über die Details dessen, was ihr gelernt habt, nachzudenken. Setzt euch gerade hin auf euren Stühlen und richtet eure Aufmerksamkeit auf euer eigenes Sutherland-Fulkrum. Spürt ganz still diese viereinhalb Tage in eurem eigenen Wesen. Lasst es euer Wesen durchdringen und lasst es dann auch dahin zurückkehren, wo es herkommt. Wir haben euch Material, Verständnis und Konzepte angeboten; wir haben euch viele Dinge angeboten, und alles muss dahin zurückkehren, wo es herkommt. Also lasst es zur Quelle zurückkehren, dorthin, woher es kam, denn das ist das Ding, das es in jedem Fall funktionieren lässt. Sitzt einfach da, im Leerlauf, an der Austauschstelle zwischen dem, was hereingekommen ist, und dem, was zurückgegeben werden soll – das bringt es zur Ruhe, es ist ein Stillpunkt.

Gut. Danke. Nun, warum haben wir das gemacht? Wenn ihr heute nach Hause in eure Praxis zurückkehrt, möchte ich nicht, dass ihr dieses riesig angehäufte Wissen nehmt und in eure Praxis hereinprescht, sozusagen mit dem Satz: ‚Jetzt habe ich etwas!‘ Nehmt diese Information, dieses Wissen, diese Erfahrung mit in eure Praxis und macht dort genau das, was ihr bislang immer gemacht habt: Schaut euch eure Patienten auf genau die gleiche Weise, an, wie ihr es gemacht habt, bevor ihr in diesen Kurs kamt. Leider werdet ihr dazu nicht in der Lage sein; aber erlaubt es dieser Information, einfach da zu sein.

Wenn ihr jetzt nach Hause geht und plant, etwas für einen Patienten zu tun, konsultiert erst die Stille in euch selbst; und sofort, in einem Augenblick, passiert etwas. Auf diese Weise entdeckt ihr, während ihr eure Hände an diesen Patienten legt, dass eure Hände, euer Geist, und der Körper des Patienten anfangen zusammenzukommen, und ihr werdet beginnen, besser zu verstehen, was ihr an diesem Tag für diesen Patienten tun müsst. Zieht euer eigenes Sutherland-Fulkrum zu Rate, wenn ihr Kontakt mit diesem Patienten aufnehmt, kontaktiert euer eigenes Sutherland-Fulkrum und die Stille.

Lasst uns zurück auf die Erde kommen. Wenn ihr nach Hause in eure Praxis zurückkehrt, soll dieses Wissen ein Teil dessen sein, was euch verfügbar ist, um den Bedürfnissen des Patienten zu entsprechen. Projiziert es nicht nach außen – die Patienten selber werden euch die Notwendigkeit zeigen, das zu erproben, was ihr gelernt habt. Es ist so, wie wenn man für eine Abschlussprüfung lernt. Man studiert wie verrückt, stopft alle möglichen Informationen in sich hinein und ist sich nicht sicher, wie es läuft. Man studiert einfach, liest und lässt es sein Wesen durchdringen. Dann wirft man alle Lehrbücher aus dem Fenster, geht zum Examen und irgendwie fließt die Information hervor, die man für die Prüfung braucht.

Also lasst diesen Kurs ein paar Tage euer Wesen durchdringen, bevor ihr versucht, alles anzuwenden – und benutzt es auf entspannte Art und Weise. Lasst das Wissen um die Bewegung der Ossa temporalia, die Muster der Schädelbasis, individuelle, spezifische, membranöse Gelenks-Dysfunktionen, die Kondylen des Okziputs, die Flüssigkeitsdynamik der lebendigen Fluktuation, die wiegende Bewegung einer reziproken Spannungsmembran, die gelenkige Beweglichkeit des knöchernen Schädels und des Os sacrum zwischen den Ossa ilia – lasst diese Dinge einfach ein paar Tage lang euer Wesen durchdringen. Fügt diese neuen diagnostischen Werkzeuge allmählich hinzu. Wenn ihr wieder daheim seid, sind die Patienten, die in euer Behandlungszimmer kommen, die gleichen, die ihr in den x Jahren eurer Praxis schon behandelt habt; und wenn sie bislang noch nicht von diesem Behandlungsansatz profitiert haben, werden ein paar Tage mehr keinen großen Unterschied machen.

1.7. SEID STILL UND ERKENNET

Gewidmet WIlliam G. Sutherland, DO

Sutherland Memorial Lecture, gehalten am 22.9.1965 in Philadelphia, in gedruckter Form erschienen in der Dezemberausgabe 1965 des Newsletter of the Cranial Academy.

Das Thema dieses Vortrages ist das fortwährende Anerkennen, dass wir ‚still sein müssen, um zu erkennen‘ , und zwar auf dem direktestmöglichen Weg, auf dem wir unserem Schöpfer näher sind als im rein stofflichen Atmen. Ein guter Untertitel wäre auch gewesen: Eine erneute Widmung an WIlliam G. Sutherland. Bei der Widmung für einen Mann, der der Menschheit einen großartigen Dienst erwiesen hat, tendiert man dazu, diese Leistung für etwas zu halten, was zu seinen Lebzeiten geschah, und zu meinen, dass heute ein neuer Tag ist, voller neuer Entdeckungen. Eine Umwidmung dagegen ist eine lebendige Sache, eine weitergehende Erfahrung, ein Entfalten des Verstehens und das Versprechen, dass größere Wahrheiten noch folgen werden. Derart war das Werk von William Garner Sutherland. Er ließ uns den Atem des Lebens als ein heilendes Prinzip verstehen und demonstrierte uns dieses Prinzip durch seine Arbeit als Mensch und Osteopath, durch seine Selbst-Experimente, welche die Wahrheit dessen bewiesen, was er an uns weitergab, durch seinen Dienst an seinen Patienten und durch seine Unterweisungen, die er seinen Schülern hinterließ.

Wie häufig hören wir heutzutage noch, dass jemand vom Meistermechaniker des menschlichen Körpers, vom Großen Architekten, vom Meisterlichen Architekten, Gott, dem Göttlichen Prinzip oder dem Schöpfer spricht oder ähnliche Begriffe verwendet, die Ehrfurcht vor dem Erschaffer des menschlichen Tempels, in dem wir leben, zum Ausdruck bringen? Das ist die Ausdrucksweise der Wissenschaft der Osteopathie, wie Dr. Andrew Taylor Still sie verstand. Dr. Sutherland sagte zu uns: „Ich habe schon oft erwähnt, dass wir etwas in der Osteopathie verloren haben, das Dr. Still zu vermitteln versuchte. Dabei handelt es sich um jenes Spirituelle, das er in die Wissenschaft der Osteopathie einbettete.“4 Dr. Still war beim Entwickeln der Wissenschaft der Osteopathie seinem Schöpfer näher als rein stoffliches Atmen; er wurde von einem Spirituellen bzw. Geistigen Fulkrum geführt, genauso wie Dr. Sutherland.

Wenn wir, als Studierende der Wissenschaft der Osteopathie, diese wirklich verstehen wollen, werden wir es notwendig finden, unser Wissen um die Gottheit, die uns auf das Zentrum ausrichtet, wieder zu erwecken, sie zu unserem Spirituellen Fulkrum zu machen, das uns führt, und zu lernen, in unserer täglichen Arbeit den Schöpfer im Sinn zu haben, zu fühlen und zu nutzen. Dank seiner Kenntnis und seiner Anwendung der Wissenschaft der Osteopathie gab uns Dr. Sutherland Wegmarkierungen, denen wir folgen können. Lassen Sie uns jedoch für einen Moment diese entschlossene Art des Denkens um 1900 mit der heutigen Wissenschaft vergleichen. Neulich habe ich den eben erschienenen Artikel eines berühmten Wissenschaftlers gelesen, in dem dieser versucht, spirituelle und wissenschaftliche Wahrheiten zusammenzubringen. Seine Schlussfolgerung ist, dass Wissenschaft und Spiritualität nicht unvereinbar sind, dass jedoch die großen Wahrheiten dieser beiden Bereiche sozusagen mehr oder weniger parallel liegen. In anderen Worten: Beide bewegen sich hin zu jenem unbekannten Verstehen, das für das bekannte Verstehen notwendig ist. Ich bin mit diesem Gedanken nicht wirklich einverstanden. Wie kann man schlussfolgern, dass dies eine wissenschaftliche Wahrheit und das andere eine spirituelle Wahrheit ist? Da vertraue ich eher einem Wissenschaftler, der durch eine Geistige Führung zu seinem wissenschaftlichen Verständnis kommt und nicht, indem er versucht, eine getrennte Über-Struktur zu errichten.

Mir gefällt der Gedanke eines Biologen und Wissenschaftlers, der in einer Diskussion um die Erscheinungen des Lebens folgende Bemerkung machte:

„Es ist eine Tatsache, dass die Lebenswissenschaften nicht nur sehr viel komplizierter sind als die Naturwissenschaften, sondern auch einen viel größeren Bedeutungsraum haben; und sie gehen noch weiter in der Erforschung des Universums der Wissenschaft als die Naturwissenschaften. Sie verwenden zwar alle naturwissenschaftlichen Daten und Erklärungsgrundlagen, gehen dann aber weit darüber hinaus und umfassen eine noch größere Menge an Daten und zusätzlichen Erklärungsgrundlagen, die nicht weniger, sondern in gewissem Sinne sogar mehr Wissenschaftlichkeit bieten. Der Punkt dabei ist, dass alle uns bekannten stofflichen Prozesse und erklärenden Prinzipien auf lebendige Organismen zutreffen, nur eine begrenzte Anzahl aber auf nicht lebende Systeme.“

Beim osteopathischen Konzept, und dazu gehört der kraniale Bereich, geht es um ein lebendiges System. Dr. Sutherland sagte:

„Die kraniale Arbeit ist kein spezieller, von der Wissenschaft der Osteopathie getrennter Bereich. Die Wahrheit ist vielmehr, dass dieses Konzept zu der Vision von Dr. Andrew Taylor Still gehört.“

Und ich möchte wiederum hinzufügen, dass das osteopathische Gesamtkonzept die Suche nach – allgemein gesprochen – allen erklärenden Prinzipien erfordert, damit es zu einem Verständnis kommt. Und dazu gehört der Schöpfer, der alles erschaffen hat.

Wenn man für den Mann, den wir heute ehren, eine Gedenkrede hält, gibt es mehrere Möglichkeiten: Man könnte seine Entwicklung der Osteopathie im kranialen Bereich chronologisch nachverfolgen, würde sie damit aber nur auf seine Lebenszeit beschränken. Und das ist nicht genug. Denn die Wahrheiten, die er uns gab, führen uns zu noch größeren Wahrheiten, die sich noch offenbaren werden. Man könnte auch im Detail über die funktionelle Anatomie und Physiologie sprechen, die er sich in seinen Studienjahren aneignete. Aber das liefert uns lediglich Information und führt uns nicht zu dem Weg, den uns der Meisterliche Architekt anbietet zum Erwerben von Wissen über all das Anatomisch-Physiologische, das Dr. Sutherland erörterte. Man könnte Hypothesen entwickeln, um die Prinzipien zu erklären, die Dr. Sutherland uns gab. Aber schlussendlich werden es Hypothesen bleiben, die uns nirgendwo hinführen. Dazu fällt mir ein Zitat ein: „Eine der Tragödien dieses Lebens ist die Ermordung einer wunderschönen Theorie durch eine brutale Bande von Tatsachen.“

Statt einen dieser Wege einzuschlagen, möchte ich das Werk von Dr. Sutherland daher lieber in seinen Worten erörtern, mit Betonung auf einem Spirituell/Geistigen Fulkrum und dessen Anwendung in unserer täglichen praktischen Arbeit mit unseren Patienten. Wir wollen also die Begriffe nehmen, die er verwendete: das Höchste Bekannte Element, Potency, Fulkrum, Stille, Tide, und Atem des Lebens – und versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen, um eine praktische Anwendung dieser grundlegenden Prinzipien zu finden. Während dieser Erörterung wollen wir uns daran erinnern, dass Dr. Sutherland von seinem Schöpfer geführt wurde, den er liebevoll ‚Dad‘ nannte. Das war nicht respektlos gemeint, sondern erlaubte ihm, sich Ihm näher zu fühlen, Ihm, der ihn führte und ihn dazu brachte, ‚weiterzugraben‘ , weiterzumachen, wenn der Weg auch schwer war. Das ist nicht nur eine Vorstellung. Das ist Vertrauen auf eine Große Weisheit des Göttlichen Geistes.

Zunächst gilt es, den Begriff ‚Funktion‘ zu definieren, so wie er bei diesem Thema verwendet wird. Physiologische Funktion ist das spezielle, normale oder richtige Verhalten eines jeglichen Teiles oder Organs des menschlichen Körpers. Dabei geht es uns nicht um das Endprodukt dieser Funktion, sondern um die Mobilität und Motilität, die das Funktionieren innerhalb der Körperphysiologie, der Gewebe und Flüssigkeiten begleiten. Es geht uns um die Bewegungen, die der Körper in Antwort auf seine interne und externe Umgebung vollzieht, um seine willkürlichen und unwillkürlichen Handlungen. Und mit diesen Faktoren können wir durch den Gebrauch unserer denkenden, fühlenden, sehenden, wissenden Fingern spüren lernen.

Wenn wir unsere Hände an einen Patienten legen, der bei guter Gesundheit ist, spüren wir ein allgemeines Gefühl von Wohlbefinden. Wir spüren den respiratorischen Zyklus seiner Atmung. Wir spüren die Flexion und Extension seiner in der Mittellinie verlaufenden Strukturen in ihrer Funktion. Wir fühlen die abwechselnde externe und interne Rotation seiner bilateralen Strukturen in ihrer Funktion. Wir spüren eventuelle willkürliche Bewegungen dieser Person und viele unwillkürliche Bewegungen von verschiedenen Organsystemen innerhalb des Körpers. Wenn unsere Hände an seinem Kopf liegen, können wir die Bewegungen des kranialen Gelenkmechanismus, die wiegenden Bewegungen der reziproken Spannungsmembran und die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis als einen integrierten Funktionsmechanismus spüren. Im gesamten Körper ist etwas fühlbar, das in den heutigen Anatomie- und Physiologietexten normalerweise nicht erwähnt wird: eine generelle Tidenbewegung des gesamten Körpers, ein Hereinfluten und Hinausebben. Es ist, als ob der gesamte, als Einheit wirkende Körper auf eine Kraft reagiert, ähnlich jener, welche die Tiden des Ozeans bewegt. Es ist eine rhythmische Bewegung innerhalb aller Körperflüssigkeiten. Sie ist auf ihre ruhige Art und Weise kräftiger als jede andere physiologische Funktion innerhalb des körperlichen Mechanismus, wichtiger und kraftvoller als der Atemzyklus, die willkürlichen oder unwillkürlichen Bewegungen oder jede der anderen Bewegungen, die wir normalerweise mit in Betracht ziehen. Unser kundiger Tastsinn lernt, alle diese Faktoren zu erkennen, die als integrierte Funktion in jedem von uns untersuchten Körperteil zusammenarbeiten. Dies ist eine rhythmische Tide im physiologischen Zusammenspiel mit ihrem Höchsten Bekannten Element und ihrer inhärenten Potency.

Wenn wir in unserem Verständnis der körperlichen Mechanismen tiefer gehen, lernen wir, dass jegliches normale Funktionieren der individuellen Körpereinheiten – seien es Knochen, Ligamente, Membranen, Faszien, Organe oder Flüssigkeiten – anscheinend mit Hilfe frei schwebender, automatisch sich verändernder Fulkren erfolgt. Das Sutherland-Fulkrum, das dort liegt, wo die Falx cerebri auf das Tentorium cerebelli trifft, ist ein frei schwebendes, automatisch sich veränderndes Fulkrum für die reziproke Spannungsmembran. Das sternale Ende der Klavikula ist ein ossäres Fulkrum für das Funktionieren der gesamten oberen Extremität. Der Atlas dient bei der Geburt als ossäres Fulkrum für die Partes condylares des Os occipitale. Es gibt überall im Körper Flüssigkeitsfulkren für alle möglichen Funktionen der Flüssigkeit. Wir können die Tide des Liquor cerebrospinalis zu dieser kurzen rhythmischen Periode herunterbringen, in der wir einen Stillpunkt, eine Pause oder Ruhezeit erreichen. Und wir wissen, dass wir einen Moment lang an einen Fulkrum-Punkt für den Liquor cerebrospinalis angekommen sind.

Dr. Sutherland sagt uns, dass in diesem Moment eine Transmutation von dem Höchsten Bekannten Element stattfindet, das einen Austausch zwischen allen Körperflüssigkeiten schafft, sogar innerhalb all der lebendigen Knochenzellen des Körpers. Während der Körper auf diesen Transmutationsprozess reagiert und sich mehr in Richtung normale Körperfunktion entfaltet und bewegt, können wir im Vergleich zu der Bewegung, die wir am Anfang unserer Untersuchung beobachtet hatten, eine Veränderung in der Tidenbewegung des gesamten Körpermechanismus feststellen.

Dr. Sutherland sagt uns weiterhin, dass die bewegende Kraft für die Funktion beim oder im Fulkrum liegt, nicht an den Enden des Hebels. Er rät uns, den Fulkrum-Punkt im Körpermechanismus zu lesen, dem Funktionieren der Fulkrum-Punkte zuzuhören und es zu spüren, ein Gefühl für die Qualität des Tonus an diesen Fulkrum-Punkten zu bekommen und den Rhythmus während dieser Pause- oder Ruhezeiten zu beobachten. Es handelt sich um frei schwebende, automatisch sich verändernde Fulkrum-Bereiche, und doch sind sie ein Stillpunkt der Balance, ein wichtiger Balancepunkt, den wir suchen können, wenn wir mit Hilfe unseres kundigen Tastsinns mit den Gewebeelementen und ihren flüssigen Inhalten arbeiten, um sie an diesen Funktions-Balancepunkt zu bringen. Wenn wir diese Pause oder Ruhezeit erreicht haben, kommt die Potency der Tide herein für diesen Prozess der Transmutation, der die Funktionen des Körpers normalisiert. Als Ingenieure des Menschen, Ärzte und Behandler haben wir es hier mit der mächtigsten Kraft innerhalb des menschlichen Körpers zu tun, wenn wir lernen, die Tidenbewegungen der Körperphysiologie zu nutzen, Tidenbewegungen, die von einem Meistermechaniker geschaffen wurden.

Aufgrund seiner Studien an sich selbst und detaillierter Untersuchungen aller Anteile des Primären Atemmechanismus konnte Dr. Sutherland behaupten: „[…] dass der arterielle Blutstrom übergeordnet ist; aber die Zerebrospinale Flüssigkeit hat das Kommando.“5 Um diesen Gedanken noch weiter zu verdeutlichen, fügt er hinzu: „Der Atem des Lebens in der Tide des Liquor cerebrospinalis ist das zugrunde liegende Prinzip des Primären Atemmechanismus.“ Weiter gab er uns detaillierte Anleitungen, wie wir denkende, fühlende, sehende, wissende Finger entwickeln, um die Tide herunterzubringen zu ihrem Stillpunkt, ihrer Pause-Ruhezeit, um ihre Funktion in der Körperphysiologie zu kontrollieren. Wichtig ist es zu wissen, dass wir in unserem Bemühen, zu lernen, wie man die Tide kontrolliert, nicht auf den Kraniosakralen Mechanismus beschränkt sind. Wenn wir in einem Körperbereich Balance im Gewebe- und Flüssigkeitselement suchen, während wir eine Krankheit oder einen krankhaften Zustand aufspüren, lernen wir, die Tide in ihren Balancepunkt oder Fulkrumbereich zu bringen. Wenn wir dies tun, kann ein Transmutationsprozess stattfinden, der die Mechanik der Dysfunktion auflöst, Pathologie korrigiert und wieder Gesundheit für diese Person herstellt. Dies ist das von dem Meistermechaniker entworfene heilende Prinzip, das in unseren Patienten arbeitet; und wir können als Behandlerinnen und Behandler unsere Wahrnehmung entwickeln und beobachten, wie es in den Geweben der Patienten arbeitet.

Bislang habe ich mich auf das Funktionieren der Tide im Körper bezogen und auf die vielen Fulkren, die in der Körperphysiologie arbeiten. Nun ist es an der Zeit, über etwas anderes zu sprechen, was uns Dr. Sutherland mit auf den Weg gab, um unser Verständnis zu vertiefen. Das ist die Stille der Tide – nicht das Auf-und-ab-Fluktuieren ihrer Wellen, sondern die Stille, die man am Fulkrum-Punkt innerhalb der Tide findet. Es gibt eine Potency innerhalb dieser Stille. Der Begriff Stille verwirrt beim Versuch, diese Art der Arbeit zu verstehen, möglicherweise unser Denken. Wie kann es eine Potency oder Kraft oder Energie in der Stille geben? Dr. Sutherland beschrieb das bildhaft: Wenn man auf ein Glas Wasser eine Vibration überträgt, kann man beobachten, wie sich im Zentrum der Wasseroberfläche ein Stillpunkt bildet. Er wies darauf hin, dass dies ein Fulkrum-Punkt innerhalb des Wasserglases sei, und verglich ihn mit dem Fulkrum-Punkt, den wir erreichen, wenn wir die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis bei der Kompression des vierten Ventrikels (oder jeder anderen Technik zum Steuern der Tide) zu ihrem Stillpunkt herunterbringen. „Es ist die Stille der Tide, die wir suchen“, pflegte er zu sagen, denn in dieser Stille liegt die Potency der Tide.

Diejenigen von uns, die das Glück hatten dabei zu sein, wenn er über dieses Thema sprach, konnten miterleben, wie der gesamte Unterrichtsraum spürbar still wurde. Dr. Sutherland machte uns darauf aufmerksam und erwähnte, dass dies häufig geschehe, wenn über die Potency in der Tide gesprochen werde. Und es geschah völlig spontan, war nicht geplant oder vorgesehen. Alle Anwesenden konnten die Stille spüren, und er bemerkte: „Können Sie die Veränderung in der Tide spüren?“ Dies geschah für einen Moment, dann war es vorbei. Wir sprechen also über etwas, was in einem vitalen Mechanismus geschieht, in einer Zeitspanne, wenn alle für dieses Geschehen erforderlichen Faktoren richtig abgestimmt sind. Ist in dieser Stille Leblosigkeit, ein Fehlen von Vitalität? Nein. Es ist etwas Lebendiges, birgt Kraft und Potency. Es kann nicht erklärt werden, denn mir fehlen die Worte, es zu beschreiben. Aber es tritt in Erscheinung und es tut gut.

Bestimmt hat es Zeiten gegeben, wo dies auch in Ihrer Praxis geschehen ist, während Sie einen Patienten behandelt haben. Sie werden sich plötzlich bewusst, dass der gesamte Raum in dem Sie arbeiten, in eine Pause oder Ruhezeit zu kommen scheint – und etwas ist anwesend: eine Stille, die jenseits von allem ist, was Sie sich selbst oder dem Patienten erklären können. Es ist ein Gefühl, Ihrem Schöpfer nahe zu sein. Dazu Punkt befragt, sagte Dr. Sutherland: „Wir wissen, es gibt eine Potency. Wir müssen nicht unbedingt wissen, woher sie kommt oder wohin sie geht.“

Die Natur gibt uns viele Beispiele für die Potency und die Kraft in der Stille ihres Funktionierens. Das Auge eines Hurrikans ist ein unglaubliches Zentrum von Stille, und zwar einer sehr potenten Stille. Ebenso ist es ein frei schwebender, automatisch sich verändernder Fulkrum-Bereich, der sich über den Ozean bewegt. Die Winde, die über die Erdoberfläche blasen, können nicht überall gleichzeitig wehen. Es muss einen Stillpunkt geben. Die Achse eines Rades muss einen stillen Punkt haben, um den das Rad sich dreht. So könnte man weiter und weiter Beispiele finden. Sind diese Beispiele lebendige Systeme in der Natur? So werden sie von uns nicht eingeordnet. Aber in der Körperphysiologie biologischer Systemen, stoßen wir auf Prinzipien und „[…] keine menschliche Hand hat ihre Gesetze geformt“6, und wir finden, dass die Stille der Tide in den Funktionsabläufen des Körpers Kraft und Potency in sich birgt. Wir haben es nicht mit einem statischen Mechanismus zu tun, bei dem wir sagen, wir sind still, wenn wir hier in unseren Stühlen sitzen. Unsere Körper sind ein dynamischer Energiefluss, der vom Moment der Empfängnis an das ganze Leben hindurch funktioniert, und innerhalb dieser Energiefelder gibt es Momente der Stille, zeitliche Fulkrum-Punkte für verschiedene physiologische Bedürfnisse – und all dies zentriert mit der Potency der Stille als der bewegenden Kraft für die darauf folgende Handlung. Wir müssen den Mechanismus dieser Stille begreifen und beim Behandeln unserer Patienten nutzen. Es ist nicht notwendig, dass wir vollständig verstehen, was sie ist oder woher sie kommt oder wohin sie geht, nachdem sie uns in diesem Moment von Nutzen war – die Stille der Tide in der Körperphysiologie.

Bis jetzt habe ich über Funktion, das frei schwebende, automatisch sich verändernde Fulkrum und die Tide, die Stille und die Potency gesprochen, die innerhalb all dieser Facetten in der Körperphysiologie agieren. Es scheint, als ob ich versuche, eine theologische Hypothese zu entwickeln, um dieses Art Arbeit zu erklären. Das ist allerdings nicht der Fall. Ich versuche lediglich, Ihnen zu zeigen, dass der Schöpfer des menschlichen Körpers und seiner Mechanismen mehr als ein passiver Begriff ist, von dem wir nur sprechen, ohne an ihn zu glauben und ihn zu nutzen. Zur Wissenschaft der Osteopathie gehört das tägliche, aktive Nutzen des Schöpfers. Osteopathie ist eine erworbene Kunst, nicht nur eine Wissenschaft; und ich mag das Zitat, das ich irgendwo gelesen habe: „Sei in Frieden mit Gott, wer und was auch immer Er deiner Meinung nach ist. Und was auch immer Deine Wünsche und Sehnsüchte in dieser lärmenden Verwirrung des Lebens sein mögen: ‚Sei im Einklang mit Deiner Seele.‘“ Daher brauchen wir in unserer täglichen Praxisarbeit Werkzeuge zum Verstehen und Nutzen eines Spirituellen Fulkrums.

Was gehört zu diesen Werkzeugen? Erstens muss ein Behandler meiner Meinung nach eine objektive Wahrnehmung entwickeln. Er sollte die Anatomie, Physiologie und Pathologie kennen und all die integrierten, untereinander und mit sich selbst in Beziehung stehenden Funktionsabläufe, die zwischen all diesen Elementen der Körperphysiologie stattfinden. Er muss fähig sein, diagnostische und prognostische Erkenntnis zu evaluieren und zu bestimmen, angefangen vom ersten Untersuchen des Patienten bis zu dessen Entlassung aus der Behandlung. Er sollte in der Lage sein, bei jedem Patienten die Veränderungen, die die Nutzung der Potency im Gewebe bewirkt, mit dem objektiven Fortschritt in Richtung Normalität und wiederhergestellter Kompensation in Zusammenhang zu bringen. Und er sollte sich beim Festlegen der Vorgehensweise in jedem einzelnen Behandlungsfall von den objektiven Befunden leiten lassen.

Zweitens sollte der Behandler eine subjektive Wahrnehmung des Potenzials haben, das in der Anwendung der hier beschriebenen Heilungsprinzipien liegt. Und er sollte spüren können, wie hoch die Chance ist, den pathologischen Befund beim Patienten umzudrehen, und inwieweit eine Erholung innerhalb der Gewebeeinheiten möglich ist. Er hat mit dem subjektiven Phänomen des Lebens selbst zu tun und nimmt an den im Patienten sich vollziehenden subjektiven Veränderungen teil, indem er versucht, sie zu evaluieren. Er muss die anatomisch-physiologischen Erfordernisse für jedes Patienten-Problem erkennen und subjektiv mit ihnen arbeiten, während er zusätzlich objektiv den Fortschritt beobachtet.

Drittens sollte der Behandler denkende, sehende, fühlende, wissende Finger entwickeln, die buchstäblich den von Moment zu Moment stattfindenden Veränderungen folgen können, die innerhalb der eingeschränkten Gewebe geschehen, während diese mit dem Meisterlichen Architekten arbeiten, um ihr normales bzw. neu kompensiertes Muster der Gesundheit wiederherzustellen. Dieses kundige Berühren ist nicht einfach zu erlernen. Es braucht Monate und Jahre der Geduld und Arbeit an Patienten, bis dies zu einem brauchbaren, effizienten Werkzeug für Diagnose und Behandlung wird. Jeder Patient ist eine Herausforderung, diese Fähigkeiten weiter zu verbessern. Es gibt keinen Zeitpunkt, zu dem ein Behandler sagen könnte: „Jetzt weiß ich alles, was es über dieses spezielle Problem zu wissen gibt.“ Schon der nächste Besuch des Patienten eröffnet Neues.

Natürlich gibt es noch viele andere Faktoren, die man hier diskutieren könnte, aber diese drei sind die Hauptpunkte, wenn der Behandler lernen will, sowohl beim Diagnostizieren als auch beim Behandeln mit den heilenden Prinzipien des Höchsten Bekannten Elementes zu arbeiten. Zusätzlich zu diesen drei Punkten sollte sich der Behandler jedoch immer, wenn ein Patient seine Dienste in Anspruch nimmt, eines ganz bewusst machen: die objektive, subjektive und wissende Wahrnehmung der Potency in ihm selbst, in seinen sich entwickelnden, wissenden Fingern und im Patienten – einer Potency, der sich der Behandler gelassen hingibt, um geführt zu werden und zu verstehen. Ich möchte hier nicht behaupten, dass es bei dieser Art zu arbeiten jedes Mal, wenn ein Patient behandelt wird, zu einer sofortigen Heilung kommt – obwohl die Ergebnisse Sie oft überraschen werden. Was ich Ihnen jedoch sagen möchte, ist Folgendes: Wenn der Osteopath bei jeder Behandlung mit dem Meistermechaniker arbeitet, wird es ihm möglich, den besten, effizientesten und fachkundigsten Dienst zu leisten, der dem Patienten auf dem Gebiet der heilenden Künste zur Verfügung steht. Dies ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der alle Prinzipien jener „Gesetze, nicht von Menschenhand geschaffen […]“ mit einschließt und auch „[…] alle bekannten stofflichen Prozesse und erklärenden Prinzipien, die zum Leben gehören.“ Es ist die lebendige Anwendung der Wissenschaft der Osteopathie.

Wir sind hier ziemlich tiefschürfend geworden. Daher will ich jetzt das Tempo etwas ändern und von den lustigeren Momenten sprechen, die in unserer Praxis auftreten, wenn wir mit diesen Wahrheiten arbeiten. Eines der wichtigsten Dinge für den Osteopathen ist nämlich, seinen Sinn für Humor zu entwickeln. Die Äußerungen, die ich in meiner Praxis am häufigsten höre, sind: „Er hat gar nichts gemacht, aber …[…]“ oder „Alles, was er gemacht hat, war, seine Hände auf mich zu legen und dazusitzen, und als er fertig war, ging es mir besser.“ Es ist immer wichtig, eine gute Beziehung zum Patienten herzustellen und zuzulassen, dass die innere physiologische Funktion ihre eigene, sich nie irrende Potency als bewegende Kraft für die Korrektur einbringt, statt eine Kraft blind von außen anzuwenden.

Wenn Sie nun bei jemand gute Resultate erreicht haben, der schon verschiedene andere Behandlungen hinter sich hatte, darunter manchmal auch Osteopathie mit Hilfe von Manipulationen, dann wird Ihnen dieser Patient bzw. diese Patientin gerne seine oder ihre Freunde schickt. Es ist interessant zu sehen, wie diese potenziellen Patienten auf Ihre Dienste vorbereitet werden. Dem neuen Patienten wird gesagt: „Wenn du zu meinem Osteopathen gehst, sei nicht überrascht über seine Behandlungsart. Du wirst denken, er tut nichts, aber es wird dir besser gehen, wenn er mit der Behandlung fertig ist; und wenn er sagt, er will dich noch einmal sehen, bleib dabei, und er wird dafür sorgen, dass es dir wieder gut geht.“ Ich habe einen sehr feinen Gentleman als Patienten, der mir schon viele andere Patienten geschickt hat, und denen sagt er: „Geh zu meinem Osteopathen mit den magischen Händen. Ich weiß nicht, wie er es macht, aber er kann dir helfen.“

Ihre Patienten kommen wieder und schicken ihre Freunde, weil Sie gute Resultate bei Problemen erreichen, die weder von Medizin, Physiotherapie oder einer anderen Form von Untersuchung oder Tests gelöst werden konnten. Wenn sich Ihre Fähigkeiten dann weiterentwickeln, werden Sie immer komplexere Fälle bekommen; Leute, die schon überall waren und immer noch Hilfe für Ihre Probleme benötigen. Und gerade wenn man meint, das sei jetzt der schwierigste Fall überhaupt, kommt ein neuer Patient, der alle davor liegenden Fälle einfach erscheinen lässt. Wenn man die unfehlbare Potency, als die Hauptkraft für Diagnose und Behandlung nutzt, zieht das komplexe Fälle an, so wie Blumen Bienen anlocken. Das ist der Grund, warum diese Art der Arbeit immer wieder interessant ist. Es gibt stets etwas Neues zu lernen von dem physiologischen Körperbild des Patienten. Wachsendes Verständnis – das ist es, was der Behandler braucht, um dem Patienten helfen zu können.

„Sie kommen zurück zur Ursache“, sagte Dr. Sutherland. „Wenn Sie den Mechanismus verstehen, ist die Technik einfach.“ Denken Sie einen Moment darüber nach, was diese zwei Aussagen für den Osteopathen bedeuten. In dieser Welt der Folgen häufen sich bei den Problemfällen, die zu uns in die Praxis kommen, Folgen auf Folgen, bis diese Folgen völlig den ursächlichen Faktor übertönen, also die ursprüngliche Verletzung oder Krankheit, die das Syndrom ausgelöst hat. Jetzt werden wir innerhalb dieser eingeschränkten Situation zu einem Schöpfer geleitet, einer Ursache, die durch die Folgen hindurch dringt und der Gesundheit erlaubt, wieder im Patienten zu erscheinen. Wir wollen die Revitalisierung der Gesundheit im Patienten, nicht nur die symptomatische Erleichterung der Folgen. In der Ursache verborgen liegt die Gesundheit, und es ist unsere Aufgabe, dem Patienten zu helfen, diese für seine Genesung wieder zum Vorschein zu bringen.

Was für ein Reichtum an Einsicht liegt in diesen wenigen Worten: „Wenn Sie den Mechanismus verstehen.“ Das drückt alles aus, was wir bereits besprochen haben. Der Behandler sollte eine bewusste Wahrnehmung des Schöpfers in ihm selbst und im Patienten haben. Er sollte sich der Potency bewusst sein und ihrer rhythmischen Fähigkeit, innerhalb der Tiden der Körperphysiologie zu funktionieren. Ebenso sollte ihm klar sein, wie man mit diesen Tiden im gesamten Körper arbeitet, um die ihnen innewohnende Potency zu nutzen. Er sollte ein praktisches Wissen um das Funktionieren der Körperpysiologie haben und durch kundiges Berühren spüren können, wie die Veränderungen in Gewebe und Flüssigkeit stattfinden. Er sollte die gesamte Anatomie und Physiologie, so wie heutige Lehrbücher sie beschreiben, aus der Praxis kennen und dann über diesen Punkt hinaus weitergehen können, mit offenem Geist und offenem Berührungssinn, um die Erfahrungen zu akzeptieren, die ihm die unfehlbare Potency bringt, während sie in der Körperphysiologie ihr unsichtbares Werk verrichtet. Sicher ist es eine unsichtbare Kraft, aber sie manifestiert sich in anatomisch-physiologischen Elementen, und der Behandler kann dies lernen zu spüren und für seine Diagnose und Therapie in den ihm anvertrauten Fällen zu interpretieren. Er sollte ein Verstehen von Fulkren entwickeln, frei schwebenden, automatisch sich verändernden Fulkren in der Körperphysiologie. Er sollte sein Verständnis fördern für die Potency der Stille in diesen Fulkrum Pauseoder Ruhezeiten, so wie sie funktionieren, wenn der Moment kommt und alles so zusammenpasst, dass sich ihre Zeitsequenz entfalten kann.

Er wird es notwendig finden, eine andere Behandler-Patient-Beziehung zu entwickeln, denn der Osteopath hört bei dieser Art zu behandeln im Wesentlichen auf, der Macher zu sein, und erlaubt stattdessen – ich habe es schon gesagt – der inneren physiologischen Funktion, ihre eigene unfehlbare Potency zu manifestieren, statt eine blinde Kraft von außen anzuwenden. Er wird es mit vielen Fragen zu tun haben und mit Fragestellungen, die sich in den Köpfen der Patienten entwickeln.

Zum Glück klärt sich vieles leicht durch die guten Resultate, die der Behandler in einer hohen Anzahl der Fälle erreicht, sowie dadurch, dass ihn seine Patienten aufgrund ihrer positiven Erfahrungen an andere weiterempfehlen. Dennoch sollte Skepsis bei einem Patienten beachtet werden und schafft bei dieser Art von Arbeit eine interessante Herausforderung.

Zusätzlich sollte der Behandler über ein objektives und ein subjektives Bewusstsein sowie über einen denkenden, sehenden fühlenden, wissenden Berührungssinn verfügen. Der folgende knappe Satz von Dr. Sutherland fasst all diese Qualifikationen zusammen: „Wenn Sie den Mechanismus verstehen, ist die Technik einfach.“ Und sie ist einfach. Dies war und ist die Wissenschaft der Osteopathie wie sie Dr. Still, Dr. Sutherland, und viele andere führende Kapazitäten in unserem Berufsstand formuliert und praktiziert haben. Heute geht es uns um die von Dr. Sutherland überlieferten Wahrheiten und deren Demonstration.

Jetzt müssen wir bedenken, was all dies für uns und für unsere praktische Arbeit jetzt und in der Zukunft bedeutet. Wir brauchen jede Dienstleistung die es heute innerhalb unseres hoch qualifizierten Berufsstands gibt. Wir benötigen unsere Krankenhäuser, unsere Chirurgen, Internisten, Pädiater, Gynäkologen, Psychiater und alle anderen Fachbereiche. Jeder Bereich der modernen Medizin ist für die Routinebetreuung unserer Patienten wichtig. Es gibt aber nicht nur für all diese Bereiche Raum, sondern auch für etwas Darüberhinausgehendes. Wir brauchen mindestens 2000 Frauen und Männer, die sich die Zeit nehmen, die notwendige Materie zu lernen, um die Wahrheiten von Still und Sutherland in ihrer täglichen Praxis nutzen zu können. Man hat mir gesagt, dass nicht jeder Behandler fähig ist, diese bestimmten Fähigkeiten zu erwerben, dass man dafür besonders begabt sein muss. Dieser Meinung bin ich nicht. Ich denke, der Behandler braucht Durchhaltevermögen, Zeit und muss viel Arbeit aufwenden, um diese Kunstfertigkeit und Wissenschaft zu erlernen. Wer gewillt ist, Zeit und Mühe in die Grundvoraussetzung ‚sei still und erkenne‘ zu investieren, die einen dem Schöpfer näher bringen kann als rein stoffliches Atmen, wird auf diesem Pfad unweigerlich ein Verfechter und praktischer Anwender der Prinzipien, die uns von Dr. A. T. Still und Dr. W. G. Sutherland vermittelt wurden. Offen gesagt möchte ich gerne sehen, wie 2000 Männer und Frauen diese Art der Osteopathie ausüben, denn solche Osteopathen werden vielen Tausenden Patienten zu Diensten sein, denen man anderswo gesagt hat: „Wir haben für Sie alles getan, was möglich ist. Sie werden lernen müssen, mit diesem Problem zu leben.“ Ein hoher Prozentsatz dieser zahlreichen Menschen kann aber zu einem sehr viel höheren Maß an Gesundheit geführt werden, als ihnen in ihrem jetzigen Zustand zur Verfügung steht. Solche Patienten, denen man helfen kann, liegen mir am Herzen. Damit sie weiterkommen, brauchen sie die Hilfe von Osteopathen mit Fähigkeiten in den besagten Bereichen. Zurzeit gibt es in Amerika aber lediglich eine Handvoll Osteopathen, die sich Worte und Werk von Dr. Sutherland – das ganzheitliche Konzept der Osteopathie also – zu Herzen genommen haben und versuchen, diese Art von Behandler zu werden.

Ich möchte noch einen weiteren Punkt betonen, der bislang noch nicht erwähnt wurde: Der Osteopath, der diese Art von Praxis auf baut, wird gleichzeitig ein Forscher werden. Genauso wie Dr. Sutherland viele lange Jahre damit verbrachte, die Wahrheiten zu erfassen, die er sich durch Untersuchungen an sich selbst und durch Beobachten seiner Patienten erarbeitete, wird jeder Behandler Wege des Forschens und Studierens entdecken, die in der heutigen Fachliteratur nirgendwo zu finden sind. Die Autorität zum Lösen vieler Probleme wird sich in der komplexen Physiologie des Körpers eines jeden Patienten zeigen und in dem wachen Offensein des Behandlers für die Möglichkeit, aus diesen Problemen zu lernen. Das Werk und die Wegweiser, die Dr. Sutherland uns gab, sind lediglich der Anfang weitergehender Erkenntnisse, die das bestehende Wissen ergänzen und wiederum neue Wahrheiten hervorbringen werden. Diese gilt es dann zu testen und wieder zu testen, bis sie von uns allen genutzt werden können.

Ein junger Patient von mir, Studienanfänger an einem unserer Colleges, hat seiner Mutter erzählt, dass er nun plane, seinen DO zu machen, dann nach Dallas zurückzukehren, um dort unter meiner Anleitung weiter zu studieren, bis er in Besitz der Prinzipien sei und der Möglichkeit, sie in seiner eigenen Praxis umzusetzen – und dass er vorhabe, es noch besser zu machen als ich. Seine Mutter bemerkte, dass dies wohl etwas unbescheiden sei. Ich aber antwortete, dass er dazu sehr wohl in der Lage sein müsste, dass ihm meine Erfahrungen die Zeit verkürzen werden, die er zum Erlernen der Fähigkeiten benötigt, mit denen er die gleichen Resultate erzielt wie ich, und dass er sozusagen auf meinen Schultern stehend ein besserer Osteopath als ich werden sollte. Ich applaudiere seiner Einstellung. Und ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir alle auf Dr. Sutherlands Schultern stehen, indem wir erstens in seiner Arbeit so fähig werden, wie er es war, und indem wir zweitens dieses Können und Verstehen einsetzen, um sein Werk und das von Dr. A. T. Still voranzutreiben. Dies ist unsere Rolle als Forscher und Behandler in der Wissenschaft der Osteopathie. Es war Dr. Sutherlands Wunsch, dass dem so sei. Sind wir bereit, diese Herausforderung anzunehmen?

„In der Stille liegt das Wissen.“ „Sie kommen zurück zur: Ursache.“ „Der Atem des Lebens ist das fundamentale Prinzip in der Wissenschaft der Osteopathie.“ Diese Gedanken hinterließ uns Dr. Sutherland in seinem Vermächtnis an die Wissenschaft der Osteopathie. Ich würde gerne abschließend einen Brief zitieren, den er mir vor vielen Jahren als Antwort auf ein Schreiben geschickt hat, in dem ich mich auf bestimmte Aspekte der Osteopathie im kranialen Bereich bezog. Seine Antwort schließt jedoch die gesamte Körperphysiologie in der Wissenschaft der Osteopathie ein. Ich zitiere ihn hier wörtlich:

„Mir näher als mein Atem ist der Schöpfer des Kranialen Mechanismus … Dem Patienten näher ist der Schöpfer seines oder ihres Kranialen Mechanismus …7 Meine denkenden, fühlenden, sehenden, wissenden Finger werden auf Intelligente Art und Weise vom Meisterlichen Mechaniker geführt, der diesen Mechanismus erschuf. Es ist nicht wichtig, wie man interpretiert, solange man mental Kontakt zur Oberleitung hat wie eine Straßenbahn.“

Lassen Sie mich das wiederholen: „Es ist nicht wichtig, wie man interpretiert, solange man mental Kontakt zur Oberleitung hat wie eine Straßenbahn.“

2. DEN MECHANISMUS VERSTEHEN
2.1. DER UNWILLKÜRLICHE MECHANISMUS

Überarbeitete Auszüge aus Vorlesungen, gehalten 1976 während eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Milwaukee, Wisconsin.

Wir wollen über das Wesen des primären respiratorischen Mechanismus sprechen, der eine einfache, grundlegende, primäre rhythmische Funktionseinheit darstellt. Er ist ganz und gar unwillkürlich, umfasst die gesamte Anatomie und Physiologie und kann von einem ausgebildeten Behandler in jedem Körperbereich palpiert werden. Ebenso wie er das Indiz für Gesundheit innerhalb der gesamten Körperphysiologie liefert, weist er auch auf eine Verringerung der Gesundheit in jedem Dysfunktionsgebiet hin. Man kann ihn für Diagnose und Behandlung gleichermaßen als Werkzeug nutzen. Der Primäre Respiratorische Mechanismus ist eine Manifestation des Lebens im Patienten und der Behandler kann bei seinem Dienst, Gesundheit im Patienten wiederherzustellen, seine Hilfe in Anspruch nehmen.

Er ist und bleibt eine Funktionseinheit, dieser Primäre Respiratorische Mechanismus, auch wenn er zu Unterrichtszwecken in fünf Komponenten aufgeteilt wurde, von denen also jeder einen Teil dieser einfachen, rhythmischen, primären Funktionseinheit innerhalb der Körperphysiologie bildet. Ihr seht, dass ich nicht einfach gesagt habe: ‚Innerhalb des Primären Atemmechanismus‘ , sondern ‚innerhalb der Körperphysiologie‘ . Die gesamte Einheit hat diesen Faktor. Alles folgt den Gesetzen von Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation des anatomisch-physiologischen Mechanismus. Wir sind vollständig abhängig von diesem simplen, rhythmischen, mobilen, motilen Fluid-Drive-Mechanismus.

Der gesamte Körper besitzt einen unwillkürlichen Mechanismus. Auch wenn euer Psoasmuskel krank ist, ist er dazu bestimmt, in Außen- und Innenrotation zu gehen. Euer Fuß ist so gestaltet, dass er zehn- bis zwölfmal pro Minute in Außen- und Innenrotation geht – nicht aufgrund des Primär Respiratorischen Mechanismus, sondern weil der Primäre Respiratorische Mechanismus nur auf diese Weise funktionieren kann. Deshalb müssen wir seine Regeln und Gesetze lernen.

Lasst mich euch einen Text vorlesen, in dem es um das geht, was ich hier ausdrücken möchte. Er stammt aus einem Buch mit Essays des amerikanischen Anthropologen Loren Eiseley. Wenn ihr Loren Eiseley noch nicht gelesen habt, solltet ihr das tun – vor allem, wenn ihr lernen wollt, wie man palpiert. Durch seine Bücher taucht man in seine Erfahrung als Fossiliensucher ein. Mit ihm reist ihr in der Zeit zurück und habt teil an dem, was er so lebendig beschreibt. Man kann es förmlich ertasten und gleichzeitig mit dem ganzen Sein wahrnehmen. Für mich war es sehr nützlich. Das Zitat lautet folgendermaßen:

„Stell dir für einen Moment vor, dass du aus dem Kelch eines Zauberers getrunken hast. Du drehst den unumkehrbaren Strom der Zeit um. Gehst die lange dunkle Treppe hinunter, aus der das Menschengeschlecht emporgestiegen ist. Bist schließlich auf der untersten Stufe der Zeit, gleitest, rutschst und wälzt dich mit Schuppen und Finnen hinunter in den Schleim und Modder, aus dem du hervorgekrochen kamst. Kommst unter Grunzen und stimmlosem Zischen unter den letzten baumhohen Farnen vorbei. Treibst ohne Augen und Ohren im ursprünglichen Wasser – Sonnenlicht kannst du nicht sehen. Du streckst absorbierende Tentakel hin zu verschwommenen Geschmäckern, die im Wasser zu finden sind. Doch in deinem formlosen Sichverschieben bleibt der Anblick der gleiche. Sich ständig verschiebende Teilchen, Säfte, Transformationen arbeiten in einem exquisit gestalteten Rhythmus, der kein anderes Ziel hat, als dich am Leben zu erhalten – dich, dieses amöbenhafte Wesen, dessen Substanz die unergründliche Zukunft in sich trägt. Dennoch kommt jeder Mensch aus den Geburtswassern nach oben. Doch sollte sich in irgendeinem Moment der Zauberer über dich beugen und rufen: ‚Sprich, erzähle uns von der Reise‘ , könntest du nicht antworten. Deine Empfindungen gehören dir, nicht aber, und das ist eines der großen Geheimnisse, die Macht über den Körper. Du bist außerstande zu beschreiben, wie der Körper in seiner Beschaffenheit funktioniert, dir das wilde Drehen der tanzenden Moleküle vorzustellen oder es zu steuern oder zu wissen, warum sie in diesem besonderen Muster tanzen, dass dich ausmacht, oder warum sie auf dieser langen Treppe der Ewigkeiten von einer Form in die nächste tanzen. Aus diesem Grund interessiere ich mich nicht mehr für die allerkleinsten Teilchen. Man kann ihnen nach Belieben folgen, sie verfolgen, bis sie namenlos werden, Proteinkristalle, die sich am Rande des Lebens vermehren. Man kann mit der größten Geisteskraft rückwärts schreiten, bis man mit den entsetzlichen Gesichtern der Eroberer in den Wasserstoffwolken hängt, in denen die Sonne geboren wurde. Dann hat man die größte Täuschung vollbracht, die unser analytisches Zeitalter verlangt. Aber noch immer wird die Wolke das Geheimnis verhüllen, und wenn es nicht die Wolke ist, dann das Nichts, in der sie jetzt erscheint. Die Wolke mag sich auflösen. Das Geheimnis liegt, wenn man es so umschreiben will, im Zeitalter der Dunkelheit.“ 8

Jetzt, nach ewig langer Entwicklung, ist der Körper zu dem geworden, was er heute ist. Den Geboten seines Ursprungs folgend braucht er einen unwillkürlichen Mechanismus, um sich zu bewegen und lebendig zu bleiben, um das zu sein, was er ist: eine Körper-Geist-Struktur, ein anatomisch-physiologischer, funktionierender Mechanismus. Wir haben viele unwillkürliche Systeme in unserem Körper – Kreislauf, Verdauung usw. Aber die Schlüsselrolle im menschlichen Körper hat ein ganz spezieller unwillkürlichen Mechanismus: Jede einzelne Körperzelle, jede einzelne individuelle Zelle, die innerhalb der Flüssigkeiten lebt, in denen sie entsteht, wird 10–12 Mal pro Minute in Flexion und Extension, in Außen- und Innenrotation bewegt.

Wenn wir also einen gesunden Patienten haben – egal ob er ruhig sitzt, umher geht, tief schläft, läuft, ganz aktiv ist oder sich in völliger Ruhe befindet – vollzieht sich überall in ihm diese unwillkürliche physiologische Funktionsbewegung. Wir konzentrieren uns auf den neurokranialen und den sakralen Mechanismus als die Teile, die diesen Mechanismus, diese unwillkürliche Bewegung offenbaren. Aber die neurokraniale und die sakrale Aktivitätsachse, ihre physiologische Funktion, ist, wenn man so sagen will, mehr oder weniger die Antriebswelle des Systems, mit deren Hilfe alle Räder und Flaschenzüge sowie alles, was da so direkt aus der Fabrik kommt, zum Verrichten ihrer Arbeit gebracht werden – Flexion/ Außenrotation und Extension/Innenrotation. Also kann man den neurokranialen und sakralen Mechanismus auf keinen Fall als eine von der gesamten Körperphysiologie abgetrennte Einheit verstehen. Jedes Mal, wenn wir unsere Hände an einen Patienten legen, haben wir es mit dem größten und wichtigsten unwillkürlichen System im menschlichen Körper zu tun. Jedes Mal, wenn wir diesen Patienten berühren, ganz egal ob wir uns dabei auf ein winziges Fingergelenk oder ein ganzes Bein beziehen, müssen wir uns auf diesen unwillkürlichen, physiologischen Mechanismus einstimmen.

Willkürliche Mechanismen entsprechen all dem, was der Entscheidungen fällende Anteil unseres Gehirns mit diesem unwillkürlichen Ding zu tun beschließt. Ich entscheide mich zu gehen, zu stehen oder zu sitzen; ich entscheide mich zu reden, zu essen und zu denken (oder zu denken, dass ich denke); ich kann eine Million Entscheidungen treffen. Ich entscheide mich, Emotionen zu haben oder Gedanken – das alles ist willkürlich. Dies sind Aktivitäten, die wir auf intelligente Art und Weise nutzen können, indem wir versuchen, sie weder zu beleidigen noch sie verhungern zu lassen oder auf übermäßige Weise zu beanspruchen. Wir benutzen sie einfach im normalen täglichen Leben, und sobald wir aufhören, sie zu einzusetzen, sinken sie einfach dorthin zurück, wo sie herkamen, und unser unwillkürlicher Mechanismus fährt fort, uns zu unterstützen, bis wir wieder die Anweisung geben, dass das Willkürliche etwas anderes tun soll. Es ist die willkürliche Seite im Leben, die uns in schwierige Situationen bringt, nicht die unwillkürliche. Wenn ein Patient mit einem Stress- oder Dysfunktionsmuster kommt, egal auf welcher Ebene – mentale Erschöpfung, emotionaler Schock oder körperliche Folgen von Krankheit oder Traumen: Wenn ich dann ganz still dasitze und mit dem Problem arbeite, wenn meine Hände sich ruhig hinein und heraus und durch die zellulären Strukturen bewegend die Faszien, die Flüssigkeiten und die Mechanik dieses menschlichen Körpers suchen, erkenne ich, dass dieser Mechanismus sogar schon bevor ich mit ihm in Kontakt kam, automatisch versucht hat, dieses Problem mit Hilfe des unwillkürlichen Mechanismus hinaus zu spülen. Wenn ich dann still in Kontakt mit ihm komme, stimme ich mich ein auf diesen unwillkürlichen Mechanismus, die unwillkürliche physiologische Bewegung unter diesem Trauma. Ich versuche, hindurch zu fühlen in den unwillkürlichen Mechanismus, innerhalb dessen dieses Trauma geschehen ist. Dann versuche ich, mit meiner Arbeit eine Balance auf der Mikroebene zu finden, die notwendig ist, um an den Punkt heranzukommen, wo dieser unwillkürliche Mechanismus sich aus den Fesseln, die ihn hemmen, lösen kann. An diesem Punkt kann ich fühlen, wie diese kleine Veränderung im Patienten stattfindet, die gleichsam sagt: ‚Ja, jetzt kann ich etwas für dieses Problem tun‘ ; und während er durch seinen Fulkrum-Punkt, seinen Stillpunkt, seinen Balancepunkt hindurchgeht, vollzieht sich ein Wechsel hin zu einem Zustandsmuster, in dem der unwillkürliche Mechanismus in diesem Bereich des Körpers nicht länger beeinträchtigt wird. Wenn er seinen Kopf reckt und sagt: ‚Gut, jetzt kann ich anfangen zu arbeiten‘ , ist es, als ob ein Steinchen in einen stillen Teich fällt: Man sieht, wie die Wellen dieser unwillkürlichen Aktivität sich ausbreiten, nicht nur von der Stelle wo man arbeitet, sondern im ganzen unwillkürlichen System überall im Körper. Man kann spüren, wie es sich ausbreitet und ausbreitet und ausbreitet.

Wenn ich, nachdem diese Veränderung stattgefunden hat, zurückgehe und überprüfe, wie sich das willkürlich induzierte Trauma bzw. der Prozess verhält, entdecke ich, dass es – falls es ursprünglich nicht zu schlimm war – nicht mehr da ist. In diesem gesamten Prozess beachte ich niemals die Dysfunktion selbst, bis ich nicht den unwillkürlichen Mechanismus aufgeweckt habe. Das, was dann noch korrigiert werden muss, ist normalerweise so geringfügig, dass es praktisch gar nicht existiert. Man muss sich kaum anstrengen, um es zu korrigieren.

Nun, was für eine Veränderung ist das, die in diesem unwillkürlichen Mechanismus geschieht? Wie lange dauert es, bis sie stattfindet? Eine gute Illustration liefert hier das bekannte Treppen-Bild von Escher. Führt es treppauf oder treppab? Beobachtet es, bis ihr seht, wie sich die Stufen bewegen. In einer Nanosekunde verändern sie sich in eurer Wahrnehmung und werden von hinaufführenden zu hinunterführenden Stufen. Das ist die Veränderung, von der Eiseley spricht, die unendliche Vielfalt an Mustern, von einem Funktionszustand zum andern, in dem unwillkürlichen Mechanismus, mit dem ihr arbeitet. So lang dauert es. Das ist der Zeitraum, den die Veränderung braucht. Unser Job als Behandler ist es, uns still von innen heraus einzustimmen, um dieses Geschehen zu begreifen. Unser Verständnis entsteht aus etwas heraus, das wir spüren, wenn auch nicht erklären können. Was wir, weil es für uns wahrnehmbar ist, fühlen, ist eine Folge. Und doch können wir beobachten, dass in dieser Nanosekunde tatsächlich etwas geschieht. Wir können beobachten, welches Muster zuvor da war und welches danach, und sind – weil wir die Details der physiologischen Bewegung eines jeden Teils dieses unwillkürlichen Mechanismus nicht nur in den kraniosakralen Achsen, sondern im gesamten System studiert haben – mit unserem intelligenten Verstehen in der Lage, dies für klinische Zwecke nutzbar zu machen.

EIN UNIVERSELLES DESIGN

Es gibt in diesem Kraniosakralen Mechanismus und in der gesamten Anatomie und Physiologie des ganzen Körpers auch den Aspekt der Universalität. Ungefähr zehntausend Generationen oder drei Millionen Jahre hat es gedauert, um den menschlichen Körper zu dem zu machen, was er heute ist. Grundsätzlich ist er so gestaltet, dass er als willkürlicher und unwillkürlicher Mechanismus funktioniert. Der einzige Grund, warum wir heute hier sitzen, ist, dass wir das Produkt von x Menschengenerationen sind, die es geschafft haben, zu überleben. Daher sind die Mechanismen in uns allesamt solche, die von der Natur zum Überleben bestimmt wurden.

Mit anderen Worten: Der fundamentale Leitgedanke in den Heilkünsten (ich habe absichtlich nicht gesagt ‚im osteopathischen Berufsstand‘ , weil es hier um etwas geht, was die Angehörigen aller Heilkünste verstehen sollten), der fundamentale Leitgedanke also ist, dass der Körper vom Kopf bis zu den Füßen einen wunderschönen Mechanismus darstellt und, obgleich aus vielen Teilen bestehend, als umfassende Einheit, als universelle Funktionseinheit gestaltet wurde. Je klarer wir verstehen, wie er in uns selbst als ein ganzheitlicher Mechanismus funktioniert – und damit meine ich sowohl den willkürlichen als auch den unwillkürlichen Teil –, desto präziser kann unsere Diagnose werden und desto fähiger sicherlich auch unsere Behandlung.

Gestern sprach man im Fachbereich über die architektonischen Grundlagen der Knochen des Neurokraniums. Wir alle haben Ossa temporalia, ein Os occipitale und sphenoidale, wir alle haben zwei Ossa parietalia und funktionell gesehen auch zwei Ossa frontalia. Es ist egal, wem sie gehören: In jedem von uns sind sie in der Hinsicht gleich, dass sie ein anatomisches Funktionsprinzip darstellen. Es gibt bei uns Angehörigen der Heilkunst eine automatische Tendenz, jemanden anzuschauen und zu sagen: „Aha, der hat eine Dysfunktion. Ich kann sehen, dass sein Gesicht schief ist, und das bedeutet, dass er ein Problem hat.“ Unser erster Gedanke sollte aber stattdessen sein: „Wie dient das Design dieses Schädelbereichs der Funktion in diesem bestimmten Menschen? Was ist sein Gesundheitsmuster, was ist seine Grundlage, um innerhalb dieses physischen Mechanismus zu funktionieren?“

Das Gleiche gilt für einen Arm. Wenn jemand mit einem Tennisarm in die Praxis kommt, haben wir es mit einer Extremität zu tun, in deren Mechanismus eine Dysfunktion produziert wurde. Unser erster Gedanke sollte sein, wie dieser Mechanismus aussehen würde, wenn er ohne dieses Dysfunktionsmuster hereingekommen wäre. Wie sollten die Muskeln sein? Was sind die Funktionsgrundlagen dieser Muskeln in diesem Arm, diesem Unterarm, diesem Handgelenk und dieser Schulter? Wie sind sie für den gesunden Zustand in dieser bestimmten Person gestaltet? Dann können wir, wenn wir den Arm anfassen, verstehen, wie er innerhalb dieser speziellen Schwierigkeit, mit der der Patient gekommen ist, funktioniert.

Unser eigentliches Ziel bei diesem Kurs ist deshalb nicht das Erlernen von Pathologien in den Körperbereichen, die wir besprechen und mit unseren Händen berühren. Wir wollen vielmehr begreifen lernen, was die zugrunde liegenden Gesetze für diesen Mechanismus sind. Wofür ist dieses oder jenes Ding im Patienten da? Die Frage lautet nicht: Was machen sie jetzt gerade? Was sie jetzt gerade machen, ist lediglich der diagnostische Hinweis darauf, dass da vielleicht ein Problem besteht. Die Frage ist: Wofür sind diese Mechanismen im Patienten da? Dabei spreche ich nicht nur über den Kraniosakralen Mechanismus, obwohl dies das Thema dieses Kurses ist. Die Grundprinzipien der Anatomie und Physiologie des Kraniosakralen Mechanismus sind identisch mit den Prinzipien eines jeden anderen Körpersystems – ob Bewegungsapparat, Verdauungs-system, Herz-Kreislauf- oder Atemsystem.

Wir müssen uns also fragen: Wie manifestiert sich dieses universelle System, wie arbeitet es im Patienten? Dieses universelle System hat in jedem Einzelnen einen individuellen Namen, es hat in jedem Patienten ein individuelles Muster, mit dem dieser herumläuft. Jeder Mensch hat ein einzigartiges Design, auf dessen Basis er funktioniert, aber seine einzelnen Anteile sind universell. Jede Komponente des Kraniosakralen Mechanismus hat Prinzipien, die allgemeingültig in jedem von uns funktionieren und dann ihren individuellen Ausdruck in der Persönlichkeit, zu der sie gehören, finden.

Dass wir beim Studieren in diesen Kursen nicht nach Pathologien suchen, sondern nach den Grundlagen, die diesen Mechanismus funktionieren lassen, erweitert unseren Horizont um einiges. Nicht um das sogenannte Normale zu studieren, seid ihr also hier, sondern um die Prinzipien zu verstehen, die bei dem individuellen Menschen, mit dem ihr gerade arbeitet, zum sogenannten Normalen gehören.

DNS-MUSTER

Wenn ihr die unwillkürliche Struktur eines Menschen ohne jegliche Einmischung des Willkürlichen untersuchen könntet, würdet ihr finden, dass es für jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt ein individuelles Muster der Gesundheit gibt. Jeder anatomisch-physiologische, unwillkürliche Mechanismus folgt vom obersten Punkt des Kopfes bis zu den Füßen einem Muster, das ihm eingeimpft, für ihn geschaffen wurde von der DNS, die zum Zeitpunkt der Empfängnis da war und um die herum jeder Mensch sein Muster der Gesundheit auf baut. Er hat Energie erhalten, um dieses Muster aufzubauen. Es dauert neun Monate, um auf die Welt zu kommen, und

90 Jahre, um sie wieder zu verlassen; aber all diese Zeit über wird die unwillkürliche Struktur ständig Zelle für Zelle wieder aufgebaut, wobei einzig das DNS-Muster dieses speziellen Körpers den inneren Mechanismus erschafft, der sie zu einem funktionierenden unwillkürlichen System macht.

Wenn du dich mit deinen Händen auf diesen Patienten einstimmst mit dem Ziel, Probleme ausfindig zu machen, dann findest du auch Probleme, hervorgerufen durch willkürlich geschaffenen Stress, Krankheit oder Traumen – also durch etwas, was der Patient von außen nach innen getragen hat. Wenn du aber in der Lage bist, durch das, was dieser Sache aufgebürdet wurde, hindurchzuarbeiten und deinen Fokus auf die Gesamtheit des unwillkürlichen Musters richtest, rufst du stattdessen die stärksten Energien der Welt – die DNS und ihr Muster oder ihre Blaupause – herbei, die sagen: „Das ist es, was ich sein will.“ Dieses Muster ist individuell entworfen für diese eine Seele, dieses eine Individuum.

Wenn ich also diesen Kranialen Mechanismus, oder was auch immer ich zu behandeln versuche, berühre, während ich den Fokus meines Bewusstseins auf den Mechanismus dieses Patienten richte, bemühe ich mich, darunter zu lesen mit der Frage: Was möchte dieser unwillkürliche Mechanismus tun? Wo ist er, und wie kann ich ihn an die Oberfläche hochholen, damit er arbeitet? Da ich weiß, dass er diese Energie besitzt, deren Kraft noch vom Zeitpunkt der Geburt oder früher herrührt, dass diese Energie also zur Verfügung steht, kann, wenn ich meine Aufmerksamkeit darauf lenke, diese Energie hervorkommen und sich in dem Gebiet, das ich behandle, ausdrücken. Wenn ich fühle, dass sie ihren Kopf herausstreckt und sagt: „Okay, Boss, ich habe diesen neutralen Punkt gefunden und jetzt kann ich anfangen zu arbeiten“, weiß ich, dass etwas auf der unwillkürlichen Ebene geschehen ist. Und ich kann zurückgehen und auf der Ebene des willkürlichen Mechanismus die Dysfunktion überprüfen, die ich dort ursprünglich vorgefunden hatte. Allein durch dieses Lenken der Aufmerksamkeit korrigieren sich viele Dysfunktionen selbst.

EINE TIEFERE BEZIEHUNG

Nehmen wir an, wir sind wieder zurück in unserer Praxis und wir haben die übliche Behandler-Patient-Beziehung. Wir erheben eine sorgfältige Anamnese, untersuchen den Körper, veranlassen Laboruntersuchungen, Röntgenaufnahmen, konsultieren einen Facharzt und erstellen schlussendlich eine Diagnose und planen ein Behandlungsprogramm. Vielleicht setzen wir Medikamente ein oder eine Operation wird vorgenommen. Wir machen also, was auch immer nach unserem besten Wissen in dieser Behandler-Patient-Beziehung angebracht ist.

Wenn wir nun aber eine andere, tiefere Ebene der Beziehung haben wollen – eine engere Verbindung, ein persönlicheres Verhältnis, dann lasst uns statt der üblichen, objektiven Behandler-Patient-Beziehung einen etwas subjektiveren Ansatz wählen und den Arzt und den Patienten zu einer Einheit zusammenbringen.

Arzt und Patient haben einen ähnlichen physischen Körper, der jeweils über den gleichen anatomisch-physiologischen Mechanismus verfügt. Dieser Mechanismus hat kein Ego, er hat keinen Namen, er heißt weder Becker noch Jones. Beide, Arzt und Patient, haben einen Energiekörper, der sie lebendig macht, einen Mentalkörper mit sowohl intellektuellen wie emotionalen und spirituellen Anlagen. Beide sind gleich, es gibt keinen Unterschied. Es ist der gleiche Körper; es gibt keinen Unterschied, keinen einzigen.

Ihr als Studenten, wir als Fakultät haben genau denselben identischen Mechanismus, den ich eben beschrieben habe. Was diesen Mechanismus angeht, besitzt keiner von uns ein Ego.

2.2. BEWEGUNG – DER SCHLÜSSEL ZU DIAGNOSE UND BEHANDLUNG

Vortrag auf einer Konferenz der Cranial Academy, die 1979 mit Unterstützung der Sutherland Cranial Teaching Foundation stattfand.

Bewegung ist nicht Leben. Bewegung ist eine Manifestation des Lebens. Das Wunder des Lebens drückt sich in Bewegung aus, vom Fluss der Elektronen um einen Nucleus herum bis hin zu den lebendigen Wesen, die wir Viren, Bakterien, Pilze, Pflanzen, Tiere und die Menschheit nennen. Dieses Leben kann man im Meer finden, auf dem Land und in der Luft – vielleicht sogar im Weltraum. Die Menschheit hat in all diesen Umgebungen gelebt bzw. sich angepasst, um dort leben zu können. Webster definiert Bewegung als:

„Die Handlung bzw. den Prozess des sich Bewegens; die örtliche Veränderung eines Körpers von einer Stelle zur andern; die Handlung, seinen Körper oder einen Körperteil zu bewegen; in der Mechanik: eine Kombination von sich bewegenden Teilen; Mechanismus.“ 9

Zu Dorlands insgesamt 30 Definitionen von Bewegung gehören auch folgende:

1.Der Vorgang des Sich-Bewegens.

2.Aktive Bewegung: eine durch die eigene Muskulatur hervorgerufene Bewegung.

3.Automatische Bewegung: eine Bewegung, die ihren Ursprung im Organismus hat, aber nicht willentlich ausgelöst ist.

4.Übertragene Bewegung: eine durch Krafteinwirkung von außen ausgelöste Bewegung.

5.Passive Bewegung: jede von einer außerhalb des Organismus befindlichen Kraft verursachte Körperbewegung.

6.Reflexbewegung: eine unwillkürliche Bewegung, provoziert durch einen externen Stimulus, der auf ein Nervenzentrum wirkt.

7.Spontanbewegung: eine Bewegung, die ihren Ursprung innerhalb des Organismus hat.

8.Indexbewegung: eine Bewegung eines kranialen Körperteils in Relation zu einem fixierten kaudalen Teil.

9.Brownsche Bewegung: die tanzende Bewegung winziger Partikel, die in einer Flüssigkeit schweben.

Diese neun Definitionen des Begriffs Bewegung sind für unsere Diskussion wichtig. So ist zum Beispiel Definition Nummer acht: „Indexbewegung: eine Bewegung eines kranialen Körperteils in Relation zu einem fixierten kaudalen Teil“, eine sehr klare Bestimmung des klinischen Zustandes, den wir bei einem Schleudertrauma oder nach einem schweren Sturz auf das Gesäß finden, wo die blockierte unwillkürliche Bewegung des Os sacrum zu einer Bewegung des kranialen Körperteils um einen fixierten kaudalen Punkt beiträgt.

Als Ärzte und Behandler befassen wir uns auf einer persönlichen Basis mit Bewegung im Patienten. Wenn der Patient gesund ist, braucht er unsere Dienste nicht. Sein Leben und seine Bewegung, die er in seiner inneren und äußeren Umgebung und seinen anatomisch-physiologischen Mechanismen manifestiert, sind in einem frei funktionierenden Zustand. All seine innerlichen Systeme, sowohl die willkürlichen als auch die unwillkürlichen, arbeiten, um seine homöostatische Funktionsbalance von innen heraus aufrechtzuerhalten. Und er beantwortet und reflektiert eine natürliche Wechselbeziehung mit der spezifischen Umgebung seiner externen Welt der Bewegung und innerhalb seiner selbst.

Während unserer medizinischen Ausbildung haben wir diesen Körper, in dem wir sowohl anatomisch als auch physiologisch leben, seziert. Wir haben allen Teilen eines komplexen Systems, bestehend aus Zellen, Flüssigkeiten, Mechanismen von Körperteilen und deren Bewegung und Antriebsmechanismen, Namen und Funktionsbeschreibungen gegeben. In Wirklichkeit jedoch hat sich unser anatomisch-physiologischer Körper nicht in die vielen Teile, die wir als Mediziner kennen, aufgespalten. Dieser physische und funktionierende Körper hat seine vielen Teile und Aktivitäten nicht definiert. Er hat eigentlich keinen Namen, nicht einmal den, der uns von unseren Eltern gegeben wurde. Dieser namenlose Körper, den wir während unserer Zeit auf der Erde nutzen, funktioniert auf der Basis einer einfachen Eins-zu-Eins-Beziehung, sowohl innerhalb seiner selbst als auch mit seiner Umgebung.

Dies ist ein wichtiger Punkt. Wir als Ärzte, brauchen das detaillierte Wissen der Anatomie und Physiologie, das wir uns angeeignet haben, um ein analytisches Bewusstsein für die Bedürfnisse unserer Patienten zu bekommen. Der Körper unseres Patienten dagegen findet dieses detaillierte Wissen nicht notwendig. Das Leben im Körper und seine Bewegung arbeiten vereint als ein Gesamtmechanismus, um Gesundheit zu offenbaren, Krankheit zu widerstehen und zu bekämpfen sowie den Effekt von Traumen entweder zu korrigieren oder sich ihm anzupassen.

Wir sprechen über ganzheitliche Medizin und Ganzheitlichkeit, aber in Wirklichkeit sind dies meist nur schöne Worte, die nicht in die Praxis umgesetzt werden. Mein namenloser Körper und der meiner Patienten – ‚namenlos‘, weil er etwas Ganzheitliches ist – geben mir als Behandler die Gelegenheit, bei Diagnose und Behandlung medizinisch angewandte ganzheitliche Grundprinzipien in der Praxis einzusetzen. Die Ressourcen meines namenlosen Körpers und des meines Patienten, mit ihren offensichtlichen Bewegungen, die, egal ob grob oder fein, ihre Kraft von einer inhärenten Potency beziehen, ermöglichen es mir als Behandler, zuzulassen, dass die innere physiologische Funktion ihre eigene, sich nie irrende Potency offenbart, statt bei der Behandlung meiner Patienten blinde Kraft von außen anzuwenden.

Unsere namenlosen Körper haben andere Ressourcen, die die gesamten Funktionsabläufe in unserer inneren und äußeren Umgebung ergänzen, komplizieren, fördern und stützen. Wir haben einen Namen, der uns von unseren Eltern gegeben wurde. Wir haben ein Ego, einen Geist und Emotionen. Diese drei – Ego, Geist und Emotionen – sind ebenfalls Manifestationen des Lebens als Bewegung, allerdings auf anderen Frequenzen als auf der, die der physischen und physiologischen Struktur unseres namenlosen Körpers zu eigen ist. Alle drei sind ein inhärenter Anteil unserer ganzheitlichen Natur und gehören somit zu unserer Gesamtexistenz. Ego, Geist und Emotionen schaffen Bereiche sich manifestierender Bewegungen mit so vielen rasch wechselnden Variablen, wie es Menschen auf der Erde gibt. Auch hier wieder beantwortet und reflektiert unser namenloser Körper eine nach innen und außen bestehende natürliche Wechselbeziehung mit all diesen Variablen in den Bereichen von Ego, Geist und Emotionen.

Vergleiche den Körper eines Mannes, dessen ganzes Wesen Wut ausdrückt, mit dem eines Menschen, der gelassen ist, sich in einem Zustand völliger Hingabe, in meditativem Schweigen befindet. Beobachte den Einfluss einer verängstigten Mutter auf ihr verletztes Kind. Einmal brachte man mir ein Baby, das aus seinem Hochstuhl gefallen und bewusstlos war. Während ich es untersuchte, saß seine Mutter auf der anderen Seite des Raumes. Ich sah mir den immer noch bewusstlos erscheinenden kleinen Jungen gründlich an und fand keine körperlichen Verletzungen. „Sie müssen sich keine Sorgen machen, es ist nichts passiert“, sagte ich zu der Mutter. „Gott sei Dank!“, rief sie und entspannte sich. Sofort reagierte der Kleine darauf, indem er begann, sich normal zu bewegen und zu weinen. Die Angst der Mutter hatte zu der Regungslosigkeit des Kindes beigetragen.

Wir haben nun kurz über die Gesamtheit der vielfältigen Arten von Bewegung in einem namenlosen Körper gesprochen, der von sich heraus fähig ist, seine innere und äußere Umgebung als eine Funktionseinheit an sich zu beantworten und zu reflektieren. Wir haben sie ergänzt durch die vielfältigen Variablen, die Ego, Geist und Emotionen mit ihren Formen von Bewegung beitragen können. Dies sind keine Ursache-Wirkung-Zusammenhänge. Hier geht es, egal ob es sich um den Arzt oder den Patienten handelt, um ein ungeteiltes Individuum in einer nach außen und innen bestehenden Wechselbeziehung mit seiner individuellen Umgebung. Es gibt aber noch einen weiteren Faktor, der zu unserem ganzheit-lichen medizinischen Ansatz hinzugefügt werden muss, und das ist das Leben selbst, das sich durch die Bewegung des namenlosen Körpers und der variablen Bereiche von Ego, Geist und Emotionen ausdrückt. Nimmt man Leben als einen Faktor, der sich auf allen Ebenen – von grobmotorischen Bewegungen bis hin zu kleinsten Elektronenbewegungen innerhalb der Zellfunktion oder der Bereiche von Ego, Geist und Emotion – als Bewegungsvielfalt offenbart, dann sollte man diesen Faktor studieren und entwickeln, bis auch er, synchron mit der medizinischen Entwicklung der verschiedenen Arten von Bewegung als sich manifestierende Muster des Lebens, zu einer medizinischen Erfahrung wird.

Man kann es Leben nennen oder Potency oder irgendeinen anderen Begriff verwenden. Es ist ein Faktor, der in mir, dem individuellen Behandler, ebenso vorhanden ist wie im Patienten und in jeder anderen lebenden Kreatur auf der Erde. Der Faktor Leben kann vom Behandler und im Patienten auf einer individualisierten Basis entwickelt und genutzt werden. Es ist interessant zu beobachten, dass die Beziehung von Arzt oder Patient zum Leben als Faktor wieder auf einer Einzel-Basis stattfindet, genauso wie die des namenlosen Körpers. Leben hat keine Variablen wie Ego, Geist oder Emotionen. Leben ist. Der einzelne Behandler muss sich in seinem Bemühen, Leben als Faktor und aktiv Beteiligten in der klinischen Anwendung zu verstehen und zu nutzen, aus selbst Erfahrenem sein eigenes Verständnis erarbeiten. Wir können einander nicht beibringen, wie man den Faktor Leben in die tägliche Praxis und die individuellen Beziehungen zu den Patienten mit hinein nimmt. Es ist etwas, was gelernt werden kann, aber offensichtlich muss es jeder für sich lernen. Um es zusammenzufassen: Wir haben über die in vielfältiger Form stattfindende Bewegung in der Physiologie eines namenlosen Körpers und in der auch Ego, Geist und Emotionen einschließenden Physiologie eines benannten Körpers gesprochen.

Alle Formen von Bewegung, egal ob es sich um Denkprozesse, emotionale Erfahrungen oder physiologische Körpermechanismen handelt, sind Folgen. Voraussetzung für diese Bewegungen sind automatisch sich verändernde, frei schwebende Stillpunkte oder Fulkren. Der Behandler kann die vielfältigen Arten von Bewegung mit Hilfe seines sensorischen Systems wahrnehmen. Auch die koexistierenden, ständig sich verändernden Fulkren, die die Bewegungen zentrieren, erfordern von ihm, dass er ihre Existenz bewusst wahrnimmt. Es ist also wichtig, dass der Behandler bei seinem Diagnose- und Behandlungsprogramm im Dienste des Patienten sowohl eine bewusste klinische Wahrnehmung der existierenden Fulkren als auch eine sensorische Erfahrung der Bewegungen hat. Die nun folgenden Kriterien für Behandler und Patient lassen sich aus den Funktionsabläufen der Körperphysiologie herauslesen. Die Physiologie unseres namenlosen Körpers hat vier Hauptbewegungsmuster, fünf Sinne, die der Behandler zusätzlich zu seiner bewussten Wahrnehmung für die Diagnose nutzen kann, und fünf Grundprinzipien der potenziellen Behandlung. Die vier Hauptbewegungsmuster sind:

1.Die neuromuskulären Bewegungen des Bewegungsapparates; man könnte es auch als den willkürlichen Mechanismus der physiologischen Funktionsabläufe im Körper bezeichnen.

2.Die sekundären Rippen- und Atemmechanismen, die alle Körpergewebe während der Atemzyklen bewegen.

3.Das inhärente, rhythmisch motile und mobile, unwillkürliche kraniosakrale Fluktuieren des Liquor cerebrospinalis und des gesamten lymphatischen Systems mit einer Zyklusgeschwindigkeit von 10–14 Mal pro Minute im gesunden Zustand. Dr. WIlliam G. Sutherland hat diese vollkommen rhythmische Bewegung als eine Art Tidenphänomen beschrieben. Das bedeutet, dass in einem Zeitraum von zehn Minuten die gesamte Körperphysiologie jeweils etwa 100 Mal einen Bewegungszyklus von Flexion mit Außenrotation und Extension mit Innenrotation durchläuft. Dies ist ein mächtiges Werkzeug für Diagnose und Therapie.

4.Eine große tidenartige Bewegung, die in einem Zeitraum von neun Minuten ungefähr 6 Mal stattfindet, ein fluktuierender Mechanismus, der für jeden rhythmischen Zyklus ungefähr eineinhalb Minuten braucht. Ich konnte diese große Tide in meinen Patienten zum ersten Mal vor zehn Jahren beobachten und ich habe keine Ahnung, was ihr Ursprung oder ihre grundlegende Natur ist. Es ist eine Tide, die sich massiver anfühlt, mit einer allmählich anschwellenden Expansion der gesamten Körperphysiologie und einer allmählich rückläufigen Bewegung, gefolgt von einer nächsten, allmählich massiv werdenden Expansion in einem rhythmisch balancierten Austausch innerhalb der gesamten Körperphysiologie. Ich habe diese Bewegung in zwei Patienten simultan gezählt, und sie war in beiden vorhanden, aber jeweils auf eine individuelle Art und Weise. Auch das ist ein kraftvolles therapeutisches Werkzeug, wie wir später noch erörtern werden.

Die kompletten Ressourcen der Körperphysiologie, inklusive der vier Hauptbewegungsmuster, beantworten und spiegeln die kreativen Spannungen der normalen Funktionsabläufe innerhalb der unwillkürlichen artikulär-membranösen Mechanismen des Primären Atemmechanismus und der faszial-ligamentären willkürlichen und unwillkürlichen Gelenkmechanismen der übrigen Körperphysiologie. Diese gleichen kreativen Spannungen findet man auch in Stress- oder Dysfunktionsmustern, die mit bestimmten Problemen in der Körperphysiologie des Patienten einhergehen. Anders gesagt bedarf es einer reziproken Spannungsbalance, um einen homöostatischen Gesundheitszustand aufrechtzuerhalten. Eine solche reziproke Spannungsbalance ist auch erforderlich, um ein spezifisches Stress- oder Dysfunktionsmuster innerhalb der Physiologie des namenlosen Körpers aufrechtzuerhalten.

Um die verschiedenen Formen von Bewegung zu evaluieren, stehen dem Behandler außer seiner bewussten Wahrnehmung folgende fünf Sinne zur Verfügung:

1.Sein Geruchssinn.

2.Sein Geschmackssinn, insbesondere für Chemikalien in fester Nahrung oder in Flüssigkeiten.

3.Sein Hörsinn, um den vielfältigen Bewegungen in den Funktionsabläufen innerhalb der Gewebe zu lauschen.

4.Sein Sehsinn, um Bewegungen zu beobachten.

5.Sein Tastsinn und die Fähigkeit zur Palpation, um die Bewegungsvielfalt in der Physiologie des namenlosen Körpers zu spüren.

All diese uns angeborenen sensorischen Wahrnehmungsmöglichkeiten nutzen wir ohne bewusstes Bemühen. Wir können jedoch auch bewusst jede Sinneswahrnehmung trainieren, um eine tiefere Erfahrungsebene zu erreichen. Beispiele dafür sind der Geruchssinn eines Parfümherstellers, der Geschmackssinn eines Wein- oder Teehändlers, das Hörvermögen eines Musikers, Kardiologen oder Lungenspezialisten sowie die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit eines Malers.

Den Tastsinn zu verfeinern und wirkliche Palpationskunst zu entwickeln erfordert Monate und Jahre bewusster Wahrnehmung und Erfahrung. Man braucht dazu Geduld und Patienten und eine lange Zeit, um zu lernen, wie sich die vielen Abstufungen in der namenlosen Körperphysiologie anfühlen. Man kann seine Fähigkeiten in der Kunstfertigkeit und Wissenschaft des Palpierens erweitern und vertiefen, indem man lernt, den Tastsinn mit Hilfe der propriozeptiven neurologischen Bahnen und Tastkörperchen vom sensorischen Bereich des Gehirns zu den Händen übertragen, anstatt nur passiv darauf zu warten, dass die sensorische Wahrnehmung von den Händen zu den entsprechenden Zentren des Gehirns übertragen wird.

Ebenfalls wichtig ist es, zu erkennen, dass die Entwicklung einer palpatorischen Fähigkeit eine Eins-zu-Eins-Erfahrung in der Quantenmechanik ist. Es ist unmöglich, ein unabhängiger Beobachter zu sein. In der Tat sind wir aktive, uns bewusst entwickelnde Beteiligte. Wir haben teil am Erfahren vielfältiger Bewegungsformen in allen Stufen der Funktionsabläufe, von der einfachsten positionellen Bewegung der Gelenkmechanismen bis hin zur tiefsten Ebene der willkürlichen und unwillkürlichen Bewegung in der Gesamtphysiologie des Patienten.

Je sensibler wir als Beteiligte bei der Palpation werden, desto mehr Bewusstsein entwickeln wir den wahren Wert des Leistungsvermögens und der Ressourcen, die den willkürlichen und unwillkürlichen Mechanismen unseres Patienten innewohnen. Sie sind es, die uns diagnostische Einschätzung erlauben und uns die therapeutischen Mechanismen zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe sich die vielen Probleme, die uns in unserer Praxis begegnen, behandeln lassen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos.

Das Konzept der Bewegung bei der Behandlung in den Heilkünsten umfasst einen weiten Bereich und viele Wissenszweige: Medizin und Chirurgie, Psychologie, Radiologie, Physiotherapie, Krankenpflege, und jede andere zusätzliche Versorgung. All diese Wissensbereiche basieren auf einer Reihe von Prinzipien, die so ausgerichtet sind, dass sie sich für jede Art von Dienst nutzen lassen und sich zur Bewältigung spezifischer Probleme beim Erstellen einer brauchbaren Diagnose und eines klinischen Behandlungsplan für eine Wiederherstellung in Richtung Gesundheit eignen. In unserer Erörterung geht es weiterhin um die von uns aufgestellten Kriterien für einige der Hauptbewegungsformen in einer namenlosen Körperphysiologie sowie um die Kriterien für den Gebrauch der bewussten Wahrnehmung, der fünf projizierten Sinneseindrücke und der sensiblen motorischen Fähigkeiten durch den Behandler, der diese Werkzeuge mit dem Befund seiner von ihm als Beteiligter vorgenommenen Palpation koordiniert.

Folgende therapeutischen Prinzipien werden angewandt, wenn wir Bewegung nutzen:

1.Verstärkung

2.Auseinanderführen

3.Direkte Aktion

4.Entgegengesetzte physiologische Bewegung

5.Kompression

Die Kunstfertigkeit und Wissenschaft der Palpation für einen diagnostischen Befund lässt sich, wenn man bewusst als Beteiligter dient, nicht von den therapeutischen Prinzipien trennen, da es sich um einen synchronen Prozess in den physiologischen Funktionsabläufen des namenlosen Körpers handelt, wenn der Behandler mit dem Problem im Patienten arbeitet. Der Grund dafür ist einfach: Der namenlose Körper des Patienten hat ein Problem entwickelt, das den Patienten zu uns bringt. Unser sorgfältiges Einschätzen mit Hilfe unserer teilnehmenden Palpation und unserer motorischen Fähigkeiten lässt uns das Bewegungsmuster in diesem Patienten erfahren. Wir werden von der Bewegungsvielfalt geführt und verwenden die eben genannten fünf Prinzipien, nicht die Techniken, von Verstärkung, Auseinanderführen, Direkter Aktion, Entgegengesetzter physiologischer Bewegung, Kompression oder eine Kombination aus diesen Fünfen, um die für die Beschwerden des Patienten spezifische Qualität der Bewegung zu lokalisieren und zu fokussieren. Dies sind auch die Anfangsschritte beim Behandeln des Problems. Der Behandlungsprozess geht dann einen Schritt weiter, indem wir den Balancepunkt oder die Balancepunkte für diese Bewegungseinschränkung suchen, und dann den inhärenten physiologischen Ressourcen und den Potencys des namenlosen Körpers erlauben, die an diesem Tag möglichen Korrekturen zu bewirken.

Eine Behandlung könnte vielleicht folgendermaßen beschrieben werden: Unsere Hände, unsere sensible palpatorische Fähigkeit, als ein Beteiligter in der Quantenmechanik verschiedene Qualitäten von Bewegung zu spüren, liefern Referenzpunkte, Fulkren, damit die Physiologie des namenlosen Patientenkörpers aufwachen kann und ihre Bewegungsvielfalt sowie ihre inneren Ressourcen nutzt, um ihre Probleme zu korrigieren und ihren Mechanismus in Richtung Gesundheit zu steuern. Mit Hilfe von bewusster Wahrnehmung, Palpationsfähigkeit und sensiblen motorischen Fähigkeiten suchen wir den Balancepunkt des Bewegungsmusters für diese bestimmte Dysfunktion oder die Dysfunktionen, unterstützen die Gewebe an diesen Balancepunkten und fühlen, wie die Gewebe und Flüssigkeiten durch eine Spannungsphase gehen, um das Problem zu lösen. Wir werden uns einer Ruhephase bewusst, eines Stillpunktes, einer Veränderung in der reziproken Spannungsbalance oder in den Fulkren, die spezifisch für dieses Problem sind. Und wir spüren in den Geweben jene sanfte Auflösung, die nach der Korrektur die Wiederherstellung in Richtung Gesundheit anzeigt. Die namenlose Körperphysiologie hat die Arbeit getan, die an diesem bestimmten Tag möglich war. Abhängig von dem, was der Patient braucht, können in einer Behandlungseinheit auch mehrere Bereiche behandelt werden.

Die fünf Prinzipien der Behandlung sind Prinzipien und keine Techniken, weil jedes Prinzip für sich allein oder in Kombination mit einem anderen die namenlose Körperphysiologie zum Handeln bringt. Was für Ressourcen werden hier angesprochen? Jede Einschränkung wird die vier Hauptmuster der Bewegung modifizieren: die neuromuskuläre willkürliche Bewegung, die sekundären Rippen- und Atemmechanismen, die inhärente unwillkürliche kraniosakrale Fluktuation des Liquor cerebrospinalis und des gesamten lymphatischen Systems und die große tidenartige Bewegung, die einen rhythmischen Zyklus von ungefähr eineinhalb Minuten hat. Diese Ressourcen, und wahrscheinlich noch viele andere, liefern uns die Werkzeuge, die wir für eine mit Hilfe der fünf Behandlungsprinzipien vorgenommene Diagnose und Behandlung brauchen. Es ist wiederum interessant zu erleben, dass dann, wenn wir den Balancepunkt bzw. die Balancepunkte erreicht haben und die Gewebe so unterstützen, dass sie durch den Behandlungszyklus gehen, die kreativen Spannungen des namenlosen Körpers von innen heraus Verstärkung, Auseinanderführen, Direkte Aktion, Entgegengesetzte physiologische Bewegung und Kompression – oder eine Kombination aus den Fünfen – zeigen, während der Körper sucht und durch den ruhigen Zeitraum der Veränderung der reziproken Spannungsbalance geht, was Korrektur bedeutet. Der namenlose Körper nutzt in sich selbst die gleiche Reihe von Prinzipien, die wir als Behandler anwenden, um jenen Balancepunkt zu finden, der dem Körper erlaubt, durch seinen Behandlungszyklus zu gehen.

Noch eine kurze Bemerkung über die große tidenartige Bewegung als therapeutisches Werkzeug: Sie ist nicht in jedem Patienten deutlich spürbar. Wenn sie beobachtet werden kann, fühlt sie sich massiver an, mit einer allmählich anschwellenden Expansion von tidenartigen Flüssigkeitsfingern, die die Bündel von membranösen und faszialen Umhüllungen im gesamten Körper infiltrieren. Würde man Rande des Ozeans leben und sähe die heran flutenden Finger der Tide, die allmählich die Ritzen und Winkel einer Flussmündung am Meer füllen, so bekäme man eine Vorstellung, wie diese große Tide funktioniert. Während des zurück laufenden Musters ziehen sich die tidenartigen Finger von den membranösen und faszialen Bündeln zurück, um dann beim nächsten rhythmischen Zyklus wiederzukehren. Diese Tide ist ein kraftvolles therapeutisches Werkzeug. Man kann spüren, wie Dutzende oder Hunderte von winzigen membranösen und faszial-ligamentären Gelenkkorrekturen stattfinden – ein Bindegewebe, das sich aus einer Quelle angereichert hat, die es in seiner effektivsten Phase der lebendigen Funktion arbeiten lässt. Unsere teilnehmenden palpatorischen und sensiblen motorischen Fähigkeiten können lernen, diese Tide zu finden und zu nutzen, nicht notwendigerweise in jedem Behandlungsfall, aber oft genug, um es interessant und produktiv werden zu lassen, wenn sie sich dem Behandler zeigt.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass mir als Behandler und meinem Patient als Individuen Leben verliehen ist, das sich als Bewegung manifestiert. Wir erfahren die Ressourcen dieses Lebens auf allen Ebenen unseres Wesens, in unserem spirituellen Bewusstsein, in unserem Ego, unserem Geist, in den Emotionen und in den physiologischen Funktionsabläufen unseres namenlosen Körpers. Es ist offensichtlich, dass wir als Behandler diese vorhandene Bewegung als Schlüssel für Diagnose und Behandlung im Dienst unserer Patienten nutzen können. Ich möchte euch gerne mit der Frage zurücklassen: „Was ist der Schlüssel zu Bewegung?“

2.3. ANDREW TAYLOR STILL: ARZT – INGENIEUR – MENSCHENFREUND

Scott Memorial Lecture in Kirksvillle, Missouri, 1985.

Die Wissenschaft der Osteopathie ist das Studium des menschlichen Körpers, so wie er in Gesundheit funktioniert.

ARZT

Dr. Andrew Taylor Still gab seine Entdeckung, die Wissenschaft der Osteopathie, am 22. Juni 1874 bekannt. Dies geschah nach Jahren des intensiven Studiums, der Beobachtung und Skepsis, der Trauer über Todesfälle in seiner Familie und der Berufserfahrung als Militärarzt im Bürgerkrieg sowie als Arzt im damaligen Grenzgebiet des amerikanischen Mittelwestens. Unzufrieden mit dem Wissensstand in der Medizin seiner Zeit, suchte er durch das detaillierte anatomisch-physiologische Studium der Funktion aller Strukturen im menschlichen Körper nach einem neuen, lebendigen Wissen. Sein Laboratorium bestand sowohl aus den Patienten, denen er täglich in der Praxis diente, als auch aus Tierbeobachtungen während seines Pionierlebens. Er war ein Ingenieur und ein Arzt, der Wahrheit in der Funktion der lebendigen Formen suchte. Seine ‚Entdeckung‘ bildete die Krönung und Synthese eines lebenslangen Studiums.

In seiner 25 Jahre nach dieser Entdeckung publizierten Autobiografie bekräftigte er die Wissenschaft der Osteopathie als praktikable, lebendige Erfahrung in jedem Einzelnen, der einen Weg zurück zur Gesundheit sucht. Dr. Stills Beitrag bei diesem Prozess war neben seinen detaillierten Kenntnissen der Anatomie und der Physiologie, so wie sie im gesunden Menschen funktionieren, auch die ihm eigene Begabung, seine Hände und sein Können zu nutzen, um die Ressourcen des lebendigen Mechanismus im Patienten je nach dessen Bedarf zurück in Richtung Gesundheit zu führen und zu leiten.

1910, nach rund 35 Jahren Praxis in der Wissenschaft der Osteopathie, publizierte Dr. Still sein Buch Forschung und Praxis und bestätigte darin erneut alles, was er schon 1874 bei seiner Entdeckung als wahr beurteilt hatte: die Anatomie, die Physiologie, die angeborene Vitalität in jedem lebendigen Menschen und die Möglichkeit des Arztes diesen grundlegenden anatomisch-physiologischen Mechanismus im lebendigen Patienten zu nutzen, um Gesundheit wiederherzustellen. Fünfunddreißig Jahre hatte er damit verbracht, diese Prinzipien zu erfahren. Dr. Still kannte die grundlegende Anatomie und Physiologie des lebendigen Körpers, war fähig, ein geistiges Bild von den Gesundheitsmechanismen im einzelnen Menschen zu empfangen und entwickelte einen geschickten manuellen Ansatz zur Korrektur der Körperphysiologie des Patienten, um deren Rückkehr zum gesunden Funktionieren zu leiten. Dr. Still kannte diese Prinzipien, und – noch wichtiger – er nutzte sie und beobachtete bei den Patienten, die seinen Dienst in Anspruch nahmen, das Resultat: eine von innen heraus sich vollziehende Rückkehr zur Gesundheit.

Die Prinzipien, die Dr. Still 1874 entdeckte, sind heute noch genauso anwendbar und wahr wie damals. Der Begriff ‚Prinzip‘ wird im Wörterbuch folgendermaßen definiert:

„1.Die ursprüngliche Quelle, Herkunft oder Ursache von etwas oder

2.eine natürliche oder originale Tendenz oder Grundlage.“

Diese Definitionen beschreiben die von Dr. Still vorgestellten grundlegendenKonzepte.

Es ist erfrischend, die Werke von Dr. Still zu lesen, und man findet leicht Hunderte von Zitaten, die die Eins-zu-Eins-Beziehungen zwischen Dr. Still und seinen verschiedenen Patienten betreffen. Durch seine Entdeckung erkannte Dr. Still, dass:

•diese aktiven Prinzipien und Konzepte inhärent im Geist, im Körper und in der Seele eines jeden Patienten leben,

•es die oberste Aufgabe des Arztes ist, für den Menschen „Gesundheit zu finden“ (denn: „Krankheit kann jeder finden“)10,

•die Ressourcen des lebendigen Körpers dem aufmerksamen Behandler zur Verfügung stehen, damit dieser sich ein geistiges Bild machen kann, das sich – kombiniert mit palpatorischem Können – zum Evaluieren der Körperphysiologie im gesunden, kranken oder traumatisierten Zustand nutzen lässt,

•der lebendige Körper des Patienten Werkzeuge in sich trägt, mit denen man die im Patienten vorhandenen selbstheilenden Prinzipien fördern und zum Wirken veranlassen kann.

INGENIEUR

Im Vorwort von Dr. Stills Forschung und Praxis steht folgendes Zitat:

„Die Osteopathie beruht auf der Vollkommenheit der Arbeit der Natur. Wenn alle Teile des menschlichen Körpers wohl geordnet sind, besteht Gesundheit. Wenn dies nicht der Fall ist, ist die Wirkung Krankheit. Wenn die Teile neu angepasst sind, weicht die Krankheit der Gesundheit. Die Arbeit des Osteopathen besteht darin, den Körper vom anormalen Zustand in den Normalzustand anzupassen. Darauf weicht der anormale Zustand dem Normalzustand und das Ergebnis des Normalzustandes besteht in der Gesundheit.“ 11

Hier haben wir den Traum eines Ingenieurs: eine lebendige Maschine, die fähig ist, viele Lebensjahrzehnte gesund zu sein, eine Maschine, die der Ingenieur nutzen kann. Bei den verschiedenaltrigen Patienten, die in unsere Praxis kommen, müssen wir bedenken, dass es für jedes Lebensjahrzehnt einen ‚normalen‘ Zustand gibt. Vom Blickwinkel des Ingenieurs aus gesehen: Was bedeutet Gesundheit für diesen Mann oder diese Frau als Teenager? Wie verändert sie sich in demselben Menschen, wenn er oder sie in den Dreißigern oder Vierzigern ist?

Normale Gesundheit in der Körperphysiologie ist ein nicht zu definierender Seinszustand. Normal ist normal, eine lebendige Erfahrung und eine Grundlage des Lebens. Lässt normale Gesundheit sich auch nicht definieren, so kann man sie doch als zwei Funktionsebenen beschreiben: Eine ist die lebenslange grundlegende unwillkürliche Mobilität und Motilität der Körperpysiologie, und die zweite ist die willkürliche Mobilität der Körperphysiologie während unseres tägliches Lebens. Bewegung ist nicht Leben. Bewegung ist eine Manifestation des Lebens. Der Ingenieur-Arzt hat die Gelegenheit, sowohl unwillkürliche als auch willkürliche Mobilität in der Körperphysiologie seines Patienten zu untersuchen und die Qualität der Gesundheitsmechanismen in diesem Patienten zu bestimmen. Anders gesagt, die Manifestation von ‚Normalität‘ aus dem Inneren des Patienten heraus bringt die ‚Gesundheit‘ genannte Bewegung und Funktionsfähigkeit, hervor, damit sie sich dem beobachtenden Ingenieur zeigen kann. Da es das Ziel eines jeden Patienten ist, zur Normalität zurückzukehren, ist es für den Behandler wichtig zu wissen, wie von innen heraus funktionierende Gesundheit bei dem jeweiligen Patienten aussieht.

Das Zitat von Dr. Still betont die Normalität von Gesundheit im lebendigen menschlichen Körper. Dieser Hauptfokus auf Gesundheit zieht sich durch alle Still’schen Schriften. Die zweite Lektion, die man von diesem Zitat lernen kann, ist die Tatsache, dass die Anwesenheit von jeglicher Krankheit bzw. von Traumen in der Körperphysiologie lediglich eine Folge ist, ein Verlassen der Normalität in Bezug auf Position und Funktion in den Gebieten, wo die Krankheit bzw. das Trauma zu finden ist.

Gesundheit ist ein lebendiges Prinzip im lebendigen Körper und sie lässt sich nicht definieren. Ursache und Wirkung ist ein Prinzip der Körperphysiologie, das beim Vorhandensein von Krankheit und/oder Traumen definiert werden kann.

Zum Beispiel: Ein Patient kommt mit einem ernsthaft verstauchten Knöchel, mit möglicherweise gerissenen Bändern. Der Knöchel zeigt Symptome und eine Funktionsstörung; diese aber sind lediglich Folgen, nicht die Ursache der Einschränkung. Vielleicht hat der Patient versucht, sich mit einer ausgestreckten Hand oder mit beiden Händen zu fangen, während er umknickte und fiel. An allen möglichen Stellen in seinem Körper kann die Normalität gestört worden sein, und jede dieser Stellen steuert als Ursache zu der letztendlichen Entwicklung des verstauchten Knöchels bei. Es mag eine abnormale Drehung im Knie oder in der Hüfte im rechten oder linken Bein geben, ein Dysfunktionsmuster im M. psoas oder einen ligamentären Gelenkstrain in Arm und Hand, und zwar dort, wo sie beim Fallen auf dem Boden aufgeschlagen sind. Die akkumulierten Resultate dieser einzelnen Ursachenbereiche addieren sich und werden die Ursache der Knöchelverletzung. Jeder dieser Bereiche muss evaluiert und eine korrigierende Behandlung durchgeführt werden, damit die gesunde Funktion sowohl an den ursächlichen Bereichen als auch im Knöchel wiederhergestellt wird. Mit der Rückkehr zur Normalität sieht man wieder Gesundheit am Knöchel und sogar gerissene Bänder werden besser abheilen.

Ein anderes Beispiel für eine Abweichung von der Gesundheit und ebenso wie die Knöchelverletzung lediglich eine Folge ist Krankheit. Sie kann viele Formen annehmen: Es gibt chronische Probleme wie rheumatoide Arthritis, die jahrelang andauert, oder relativ akute Erkrankungen wie Lobärpneumonie. Die – im letzteren Fall – kranke Lunge ist nicht die Ursache von irgendetwas. Es sind eine Reihe von Auswirkungen, die in einem spezifischen Muster ablaufen und die Abweichung von der Normalität bedingen. Die Gesundheit kehrt zur Lunge zurück, wenn all diese Folgen aufgelöst werden. Um eine korrigierende Evaluation und Behandlung durchzuführen, die die Ursache anspricht, muss man an den Bereichen der Körperphysiologie arbeiten, die es der Lunge erlaubt haben, ihren Widerstand gegen Krankheit zu verringern, damit sich dieses Muster, das wir Lobärpneumonie nennen, entwickeln konnte. Die Folge ist die kranke Lunge. Die Ursprungsbereiche, die zu dieser Folge beigetragen haben, kann man in den Flüssigkeiten finden, im Gewebe und in den knöchernen Verbindungen, die die Blutzufuhr zu den Lungen steuern, außerdem in der venösen und lymphatischen Drainage von Lunge und Brustkorb, der vegetativen Steuerung des sekundären Atemmechanismus, der Funktion der Ausscheidungsorgane und im Erwachen der Immunsysteme, die die kranke Lunge beeinflussen. Mit anderen Worten: Die korrigierende Behandlung zielt darauf, an den Ursprungsbereichen zu arbeiten, um die Gesundheit im Folgebereich, also dem Bereich der Krankheit, wiederherzustellen. Es geht nicht nur um das Erleichtern der Symptome.

Tausende von Büchern und Artikeln werden jedes Jahr über Symptomkomplexe, klinische Syndrome, Krankheiten, Diagnose- und Behandlungsformen für traumatische Probleme geschrieben und man findet Tausende von Gesundheitsratgebern. Es gibt eine Vielzahl von Gesetzen, Prinzipien und Konzepten, die Krankheiten erklären. Ursache ist ein Begriff, der benutzt wird, um andere Erklärungsmöglichkeiten für das klinische Problem, das wir gerade diskutieren, zu unterstützen. Das gedruckte Material ist innerhalb des Wissensrahmens der jeweiligen Autoren stichhaltig. Die verfügbare Masse an Daten ist heutzutage geradezu überwältigend.

Dr. Still bietet dem Arzt und Ingenieur dagegen zwei grundlegende Prinzipien, die auf seiner Entdeckung von 1874 basieren:

1.das Prinzip der Gesundheit innerhalb einer lebendigen Körperphysiologie aus Knochen, Gewebe und Flüssigkeiten, und

2.die Erkenntnis, dass Krankheit und/oder Traumen lediglich eine Folge sind und den Gesetzen von Ursache und Auswirkung in dieser Körperphysiologie aus Knochen, Gewebe und Flüssigkeiten folgen.

Um Dr. Still zu verstehen, muss man seine Arbeit so praktizieren, wie er sie entdeckt hat, und die von ihm gelehrten Grundlagen nutzen.

MENSCHENFREUND

„Menschenfreund: eine Person, die ihr Leben dem Wohlergehen der Menschheit widmet, vor allem indem sie Schmerz und Leiden beseitigt.“

Wenn man diese einem Wörterbuch entnommene Definition auf Dr. A. T. Still anwenden möchte, ist es notwendig, sie zu vertiefen, indem man hinzufügt: „[…] besonders durch das Wiederherstellen der Gesundheit von innen heraus.“ Dr. Stills Arbeit begann zu der Stunde, als er dem ineffektiven Gesundheitssystems seiner Zeit den Rücken kehrte. Er beschreibt seine Entdeckung der Wissenschaft der Osteopathie am 22. Juni 1874 folgendermaßen:

„Vor 22 Jahren traf mich ein Schuss nicht ins Herz, sondern in die Kuppel des Verstandes. Diese Kuppel war damals in einem armseligen Zustand, um von einem Pfeil mit den Prinzipien der Philosophie durchbohrt zu werden …. Einen Teil der Zeit habe ich mich zurückgezogen, um über dieses Ereignis nachzudenken, worin ich Dank der Kraft des Schließens erkannte, dass das Wort Gott Vollkommenheit in allen Dingen und an allen Orten bedeutet. Zu diesem Zeitpunkt begann ich mit dem Mikroskop des Verstandes sorgfältig die Annahme zu prüfen, die oft in unserer Anwesenheit gemacht wurde, dass die göttliche Vollkommenheit in Seinen Werken zu sehen ist.“ 12

Dr. Still nahm es auf sich, mit all den verborgenen Faktoren, die zu den Grundlagen der Wissenschaft der Osteopathie gehören, zu arbeiten, sie zu untersuchen, mit ihnen zu experimentieren, sie zu studieren, zu testen, zu überdenken und zu fühlen. Es war ein jäher Umbruch für einen Menschen, dieser Wechsel von ‚Beseitigung von Schmerz und Leiden‘ hin zu ‚Wiederherstellung der Gesundheit von innen heraus.‘

Es gibt viele Facetten des Wissens und Verstehens, die man aus der lebendigen Körperphysiologie des Patienten lernen kann. Und es gibt viele lebendige Diagnose- und Behandlungskünste, die sich mit der Entwicklung einer wahrnehmenden Koordination des lebendigen Behandlers bei dessen Arbeit mit dem lebendigen Patienten nutzen lassen, um eine Korrektur in Richtung Gesundheit zu erzielen.

Die Betonung des Wortes lebendig ist absichtlich. Zu Dr. Stills Entdeckung gehört sein Erkennen, dass der menschliche Körper eine Maschine ist, die von der unsichtbaren Kraft namens Leben angetrieben wird. Es ist die Lebendigkeit des menschlichen Körpers, die ihn reagieren lässt auf Tests, Techniken und Werkzeuge der medizinischen Wissenschaft – von den technisch weit fortgeschrittenen Computertomographien und Magnetresonanztomographien über Impfungen, die einige der gefährlichsten Erkrankungen der Menschheit ausgerottet haben, bis hin zu genau wirkenden Antibiotika oder anderen Medikamenten und anspruchsvoller Herzchirurgie usw. In dieser Richtung gab es in den letzten sechs bis zehn Jahren mehr Fortschritte als in den fünfzig Jahren davor. Viele Tausend Leben sind dank dieser Fortschritte gerettet worden.

Medizinische und osteopathische Wissenschaft stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Beide hängen von der ‚Lebendigkeit‘ des menschlichen Körpers mit seinem inhärenten Lebensprinzip ab. Man bekommt keine Reaktion auf irgendeine diagnostische oder therapeutische Maßnahme, es sei denn, es gibt eine ‚Lebendigkeit‘ im Körper, die solch eine Reaktion möglich macht. Die Qualität dieser ‚Lebendigkeit‘ bestimmt die Resultate. Zum Beispiel wird die Gabe eines Medikaments in einem Körper mit verringerter Vitalität nicht so gut anschlagen. Der Körper muss relativ gesund sein, um korrekt auf jedes Medikament, das in einem Diagnoseoder Behandlungsprogramm verwendet wird, zu reagieren. Ich möchte als anderes Beispiel einen viele Jahre zurückliegenden Fall anführen. Ein Patient war schwer an rheumatischem Fieber erkrankt; zurück blieben eine Einschränkung der Herzklappenfunktion und ein darauf hinweisendes Geräusch. War die alltägliche ‚Lebendigkeit‘ seines Körpers gut, konnte man sein Herzgeräusch laut und deutlich hören. Reduzierte sich seine Vitalität jedoch aufgrund einer falschen Lebensweise, wurde das Geräusch so leise, dass es kaum hörbar war. Sobald osteopathische Behandlung seine ‚Lebendigkeit‘ in Richtung Gesundheit anregte, kam das Geräusch in voller Stärke zurück. In seinem Fall brauchte es ein kräftiges Herz, um ein gutes Geräusch zu produzieren. Diese zwei Beispiele zeigen, dass ‚Lebendigkeit‘ eine Funktion in der Körperphysiologie ist, die der lebendige Behandler in seiner Arbeit mit seinem lebendigen Patienten evaluieren und nutzen kann.

Die Anwendungsmöglichkeiten der Wissenschaft der Osteopathie sind vielfältig: So gibt es zum Beispiel Tausende von Fällen mit Schleudertrauma, die dadurch wieder gesund wurden. Osteopathie spielt auch eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung für Operationen, wobei mit Behandlungen vor und nach der Operation die Rückkehr zur Gesundheit erleichtert wird, indem die inneren Ressourcen des Patienten genutzt werden. Denkt an Tausende von Fällen, wo ein Trauma mit großen, aber noch öfter kleinen Verletzungen die Gesundheit der Patienten empfindlich einschränkt, und an die große Hilfe, die Osteopathie in so einem Fall bietet. Denkt an die vielen Hundert invaliden Patienten, denen gesagt wurde: „Ihnen kann man nicht helfen.“ Osteopathische Diagnose und Behandlung haben in solchen Fällen gezeigt, dass ‚Lebendigkeit‘ in den Funktionsabläufen der Körperphysiologie Ressourcen besitzt, mit denen sich ein Pfad zur inneren Gesundheit eröffnet.

In dem Werk, das Dr. Still uns geschenkt hat, steckt eine unsichtbare Qualität, die, obwohl sie schwierig zu definieren und zu erörtern ist, doch in Worte gefasst und zu einer Lernerfahrung in der täglichen Praxis des Behandlers werden sollte. Die Definition eines Menschenfreundes trägt vielleicht dazu bei, diese Qualität unseres Dienstes zu erklären. Vor seiner Entdeckung arbeitete Dr. Still für die Menschheit als Arzt ‚besonders durch die Beseitigung von Schmerz und Leiden‘ , von außen nach innen, mit der medizinischen Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Er war, wie es ein Menschenfreund sein sollte, unzufrieden mit seinen Resultaten und suchte nach Antworten und Möglichkeiten, sich zu verbessern. Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung ‚geschah etwas‘ , ein unsichtbarer Faktor, ein Schritt ins Unbekannte. Die Qualität seines Lebens als Behandler war verändert, transformiert. Oder könnte man das Wort ‚Transmutation‘ benutzen, um zu erklären was geschah? Als ein Resultat dieses ‚stillen‘ Geschehens wurde er zu einem Menschenfreund, dessen primäres Interesse darin bestand, der Menschheit durch die ‚Wiederherstellung der Gesundheit von innen heraus‘ zu dienen. Er selbst verstand jetzt die Bedeutung und Erfahrung der ‚Lebendigkeit‘ seines eigenen Wesens und die gleiche ‚Lebendigkeit‘ in seinem Patienten als eine Einheit des Lebens. Er nahm diese Qualität der ‚Lebendigkeit‘ , die ihm gegeben wurde, ohne Frage an; das Wissen darum diente ihm in seiner täglichen Praxis als Arzt, Ingenieur und Menschenfreund.

Was zum Zeitpunkt seiner Entdeckung geschah, ist etwas, was schon Hunderte von Malen Menschen in den verschiedensten Bereichen widerfahren ist. Es ist Teil eines Lernprozesses bei solchen Menschen und Autodidakten, die aus tiefstem Herzen eine Antwort auf ihre spezifischen Fragen suchen. Es geschieht genau dann, wenn es geschehen will, und nicht durch Intention.

Dr. Still gab der Welt die Wissenschaft der Osteopathie und zwei klare, grundlegende Prinzipien, die genutzt werden können, um den Bedürfnissen der Menschheit zu dienen: erstens das Prinzip der Gesundheit in der Körperphysiologie, das man als ein Gesetz an sich betrachten kann, und zweitens das Prinzip von Ursache und Wirkung, das sich beim Behandeln von Krankheit und/oder Traumen in der Körperphysiologie nutzen lässt, worin jedes derartige Problem lediglich eine Folge ist, die durch ursächliche Bereiche diagnostiziert und behandelt werden kann, um die Prozesse der Gesundheit wiederherzustellen. Beide Prinzipien können vom lebendigen Behandler in seiner Arbeit mit einem lebendigen Patienten genutzt werden.

Das folgende Zitat von Dr. Still gibt uns eine Einsicht in sein tiefes Wissen und die Qualität seiner Erfahrungen:

„Ich hoffe alle die, die dies nach mir lesen, werden meine volle Überzeugung wahrnehmen, dass der Verstand Gottes in der Natur seine Planungsfähigkeit – sofern Pläne nötig sind – und die Schaffung selbst organisierender Gesetze ohne Muster für die Myriaden von Lebensformen bewiesen hat; er hat sie bestens mit den Maschinen und Batterien der motorischen Kraft für die Pflichten des Lebens ausgestattet. Jeder Teil ist voll ausgerüstet, seine Pflicht zu übernehmen, in der Lage auszuwählen und sich selbst aus dem großen Labor der Natur die Kräfte anzueignen, die er benötigt, um die Pflichten der jeweiligen Abteilungen in der Ökonomie des Lebens zuzuordnen. Kurz gesagt der allwissende Architekt hat jedes Teil zugeschnitten und nummeriert, damit es an seinen Platz passt und die Pflichten in jedem Gebäude lebendiger Formen erledigen kann, während Sonne, Mond und Sterne und Kometen dem einen ewigen Gesetz von Leben und Bewegung gehorchen.“ 13

Das Wissen eines Behandlers, die Fähigkeit eines Ingenieurs und die auf Gesundheit zielende Antwort eines Menschenfreunds sind die universellen Schlüssel für das Werk, das uns von Dr. Andrew Taylor Still gegeben wurde.

2.4. STILLPUNKTE

Überarbeitete Fassung einer Erörterung, die 1986 während einer internen Fortbildung der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania, stattfand.

Ihr habt die Frage gestellt: Was passiert bei einem Stillpunkt? Das ist eine gute Frage, und ich werde versuchen, etwas dazu zu sagen – aber es ist nicht die Antwort, denn es gibt keine Antwort auf die Frage, was bei einem Stillpunkt geschieht.

Man geht durch einen Stillpunkt, indem man die relative Funktion eines Hebels über einem Fulkrum verändert. Du schaffst einen kompletten Austausch zwischen den zwei Enden des Hebels.

Nun, ich möchte euch nicht verwirren, aber ich habe es aufgegeben, den Stillpunkt zu nutzen; er ist nicht ein Ziel der Behandlung. Ich habe sogar aufgegeben, danach zu suchen. Ich fand eine Million Stillpunkte – davor, während, danach … und schlussendlich gab ich auf. Ich nehme mich einfach so weit wie möglich aus dem Weg, so weit, wie es nötig ist, damit etwas geschehen kann.

Ein Stillpunkt ist ein physiologischer Balance-Akt, den die Körperphysiologie eines jeden Patienten durchmacht. Er kann zu jedem Zeitpunkt, an jedem Ort, auf irgendeine Weise geschehen. Wahrscheinlich kommt es spontan dazu, wenn der Patient nachts gut schläft oder in ähnlichen Situationen. Der Stillpunkt ist der Versuch des Körpers, sich selbst frei zu machen, zurück in einen komplett motilen Mechanismus. In einer Behandlung ist er ein beobachtbares Geschehen, das der Behandler erkennen kann als etwas, das in der Körperphysiologie stattfindet, das er aber nicht willentlich erstrebt oder zu evaluieren versucht. Es ist eine anatomisch-physiologische Veränderung, die der Körper herbeiführt, und ich als Behandler habe nichts damit zu tun. Ich muss den Stillpunkt nicht einmal erkennen. Die Tatsache, dass er stattfindet, weist darauf hin, dass die Körperphysiologie beschließt, ihn zu benutzen. Ich bin dabei einfach ein Beobachter und nicht einer, der ein Ziel verfolgt.

Oft werden Stillpunkte direkt vor euch geschehen, aber ihr könnt auch häufig die Erfahrung machen, dass sie in einiger Entfernung stattfinden. Du bist dabei, ruhig an einem Gebiet in einem Patienten zu arbeiten, zuzuhören, und plötzlich bemerkst du, dass woanders etwas geschieht. Nun, es muss durch einen Stillpunkt gegangen sein, damit das geschehen konnte. Aber du warst nicht in diesem Bereich, als er stattfand. Du kannst die Tatsache wahrnehmen, dass eine Veränderung geschehen, etwas durch einen Stillpunkt gegangen ist. Aber du warst nicht der Urheber.

2.5. MIT DEINEM MECHANISMUS SITZEN

Überarbeitete Version von Vorträgen, die 1976 im Rahmen eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Milwaukee, Wisconsin, gehalten wurden.

DIE ERFAHRUNG DES INNEREN SPÜRENS

In diesem Kurs haben wir mit den Knochen des Kraniums an der Außenseite begonnen, sind dann nach innen weitergegangen durch die reziproke Spannungsmembran, haben das Einrollen und Ausrollen des Zentralen Nervensystems dazugenommen und einen Fluid Drive, den Liquor cerebrospinalis, in den neurokranialen Mechanismus eingeführt. Wir haben gesehen, dass dieser Mechanismus die Kapazität hat, gewisse Dinge zu tun und bestimmte Muster zu schaffen – Torsion, Situations-bedingt, Vertikale und Laterale Scherkraftmuster14 sowie Kompression. Wir haben festgestellt, dass er bestimmte membranöse Gelenk-Dysfunktionen haben kann und dass er sehr viele Gelenke hat. Und heute haben wir ein detailliertes Gesicht drangehängt.

Jetzt möchte ich, dass ihr euch für eine kleine Weile gerade hinsetzt und euch auf euch selbst besinnt. Wir wollen den Prozess des Trainingsprogramms dieser Woche umkehren. Ich will, dass ihr euch ganz still und ohne Anstrengung der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis bewusst werdet, die in euren Köpfen stattfindet – der Fluktuation des Fluid Drive. Fühle ganz still den Liquor cerebrospinalis, die fundamentale Grundlage des Primären Atemmechanismus. Egal ob du sie tatsächlich spüren kannst oder nicht: Sei dir einfach des Liquor cerebrospinalis bewusst. Ich bitte dich nicht, sie aktiv zu spüren. Sei dir ihrer einfach nur bewusst als eines Fluid Drive, der rhythmisch fluktuiert, heran fließt und abebbt wie die Tide eines Ozeans, innerhalb deines vollständigen Kraniosakralen Mechanismus hineinströmt und heraus strömt, heraus strömt entlang der Hirnnerven und entlang der Spinalnerven, weiter treibt in das lymphatische System und ein Teil des lymphatischen Systems wird – dein ganzer Körper wird zu einem Einströmen und Ausströmen des Liquor cerebrospinalis.

Jetzt bemerkst du, wie diese Flüssigkeit als ein Fluid Drive das Sutherland-Fulkrum schaukelt. Stell dir vor, dass du auf diesem Fulkrum sitzt und siehst, wie die Dura sich nach vorne erstreckt als Falx cerebri, Tentorium cerebelli, Diaphragma sellae, und du siehst, wie sie am Neuralrohr entlang bis hinunter zum Os sacrum reicht. Alles ist Teil dieser Auskleidung des Neurokraniums, der Duramembran. Spüre, wie sie sanft innerhalb deines eigenen Mechanismus hin und her schaukelt, so wie im Mechanismus eines jeden Menschen. In jedem von uns geschieht das Gleiche, es gibt keine Unterschiede.

Du siehst, wie sich das Zentrale Nervensystem rhythmisch einrollt und ausrollt und sich die Lobi temporalia einrollen. Es gibt eine generelle Bewegung nach vorne, über die Lobi parietalia zu den Lobi frontalia, hin zu einer Art Fulkrum-Punkt, wenn wir es so nennen wollen. Das Einrollen und Ausrollen bewegt sich hin zum dritten Ventrikel. Beobachte den Hirnstamm und das Cerebellum, wie sie weiter und schmaler werden; und du siehst, wie das Rückenmark vom Hirnstamm herabhängt. Du fühlst, wie der Fluid Drive rhythmisch das Zentrale Nervensystem und gleichzeitig die reziproke Spannungsmembran beeinflusst.

Jetzt versuche, dir bewusst zu werden, wie all diese Funktionseinheiten sehr sanft die Synchondrosis sphenobasilaris in Flexion und Extension schaukeln, die Ossa temporalia in Außenrotation und Innenrotation, die Ossa parietalia, das Os frontale mit seinen beiden Anteilen und die Knochen des Gesichts in Außenrotation und Innenrotation bringen. Du spürst das Os sacrum und den Zug der Dura, der darauf wirkt. Du fühlst, wie die Basis des Sakrum sich posterior bewegt, während die Synchondrosis sphenobasilaris in Flexion geht, und anterior, wenn sie in Extension geht. Du wirst gewahr, wie der gesamte Mechanismus arbeitet. Beobachte diese ganze Sache vom Knochengerüst aus nach innen als einen vollständigen unwillkürlichen Mechanismus in uns, und beginne dann wieder von innen, dort wo es anfängt, mit der Flüssigkeit, dem Zentralen Nervensystem, der reziproken Spannungsmembran, und dem knöchernen Skelett. Du spürst den Einfluss durch das gesamte Faszien-system des Körpers; Flexion und Extension an der Schädelbasis nehmen die Halsfaszien mit in Flexion und Extension, während die Rippen sich in Außenrotation und Innenrotation bewegen, genauso wie Arme, Beine und das Becken. Alles in deinem Körper geht in Außenrotation und Innenrotation, Flexion und Extension. Du erlebst, wie die ganze Sache funktioniert. Ruhig. Ohne Anstrengung. Dieser äußerst kraftvolle Mechanismus ist ein dynamischer, vollständiger, der ständig in Richtung Gesundheit arbeitet. Danke.

MEDITATION

An diesem Morgen möchte ich etwas machen, was ich noch nie zuvor getan habe. Ich weiß nicht, ob es funktionieren wird, aber es ist ein interessanter Gedanke. Bei uns in Dallas gibt es ziemlich viele Yoga-Gruppen, und da die Yoga-Schüler westliche Körper haben, die versuchen, in nicht-westlichen Positionen zu sitzen, kommen sie zu mir mit physiologischen Dysfunktionen, die sie durch ihre Versuche, eine gewisse Zeit lang zu sitzen und zu meditieren, erworben haben. Gleichzeitig habe ich Kontakt mit mindestens zwei Menschen, die Meditationsgruppen anleiten und gut in der Position sitzen können, die für Yoga-Meditation angebracht ist; und ich glaube, dass es einen physiologischen Grund gibt, warum diese Position benutzt wird.

In der Lotus-Position sitzt man nicht so auf seinem Hinterteil, wie es beim zurückgelehnten Sitzen auf einem Stuhl der Fall ist, wo man Druck auf das Sakrum ausübt, was den Primären und sekundären Atemmechanismus einschränkt. Stattdessen sitzt man aufrecht und leicht nach vorne gebeugt, mit gerader Wirbelsäule, auf seinen Sitzhöckern und Oberschenkeln. Was geschieht dabei? Der Primäre Atemmechanismus schwebt frei – der gesamte Mechanismus vom Schädeldach bis zum Os sacrum hängt sozusagen in der Luft.

Da dieser unwillkürliche Mechanismus sich rhythmisch hin und her bewegt, können die Flüssigkeit, die reziproke Spannungsmembran, das Zentrale Nervensystem und der Gelenkmechanismus so einfach frei schwebend hängen. Das erlaubt der Potency im Liquor cerebrospinalis, jede einzelne Zelle im Körper zu nähren, und der reziproken Spannungsmembran, die Faszien sanft in Flexion/Außenrotation und die Gegenbewegung zu schaukeln. Es ermöglicht den Knochen, den Bändern, dem Zentralen Nervensystem und allem anderen, sich zu verändern. Ihr Muster wird auf einer Mikroebene umgeformt, so dass sie sich in einen normaleren physiologischen Mechanismus zurück zu korrigieren können. Sie befinden sich geradezu in einem Zustand der Selbst-Behandlung wenn sie in dieser Position sind; sie machen diesen Mechanismus zu einem lebendigen Faktor der Funktion.

Setzt euch also jetzt in euren Stuhl, mit den Füßen auf dem Boden, mit gerader Wirbelsäule und leicht nach vorne gebeugt: So sitzt ihr auf euren Sitzhöckern und lehnt euch bestimmt nicht in den Stuhl zurück. Dann, in aller Stille, mit geschlossenen Augen, denkt an einen kräftigen Liquor cerebrospinalis, der rhythmisch expandiert und kontrahiert. Dies ist ein inneres Gefühl – versucht ganz still in euch selbst einen Flüssigkeitskörper zu spüren, der zu einem Stillpunkt kommt und expandiert, zu einem Stillpunkt kommt und abebbt, zu einem Stillpunkt kommt und expandiert, zu einem Stillpunkt kommt und abebbt, und das rhythmisch alle fünf bis zehn Sekunden. Verbindet dieses Gefühl mit dem wiegenden Schaukeln der reziproken Spannungsmembran, indem ihr eure Aufmerksamkeit auf den Sinus rectus, das Fulkrum der reziproken Spannungsmembran, lenkt. Kümmert euch nicht um die Enden der Hebel, schaut zum Fulkrum hin. Richtet eure Aufmerksamkeit – nicht euren Intellekt, sondern euer stilles Gewahrsein – auf die reziproke Spannungsmembran am Sutherland-Fulkrum. Ruhig, ganz ruhig. Still … seid still und spürt dieses Leben in Bewegung.

3. DIE TIDE DES LIQUOR CEREBROSPINALIS
3.1. DER LIQUOR CEREBROSPINALIS

Diese Texte stammen von einem schriftlich niedergelegten Vortrag aus dem Jahr 1977.

Aus dem Verstehen des Liquor cerebrospinalis in der anatomisch-physiologischen Gesamtstruktur des Körpers erschließen sich uns Konzepte, die reich sind an anatomischen und physiologischen Einzelheiten und – noch wichtiger – an philosophischen Details. Dr. Still stellte fest:

„Ein Gedanke kommt ihm, dass die zerebrospinale Flüssigkeit das höchste bekannte Element ist, das der menschliche Körper enthält. Solange das Gehirn diese Flüssigkeit nicht in großer Menge liefert, bleibt der invalide Zustand des Körpers erhalten. Wer schließen kann, wird sehen, dass dieser große Fluss des Lebens angezapft und das ausgetrocknete Feld sofort gewässert werden muss, sonst ist die Ernte der Gesundheit für immer verloren.“ 15

Und W. G. Sutherland fügte hinzu, dass der arterielle Strom zwar am wichtigsten sei, der Liquor cerebrospinalis aber den ‚Oberbefehl‘ habe und man seine Fluktuation innerhalb einer natürlichen Höhlung mittels Palpation beobachten könne. Der Schlüssel zum Verständnis des Liquor cerebrospinalis ist, dass er aufgrund seiner Fluktuationsmuster vom Behandler sowohl für die Diagnose als auch die Behandlung genutzt werden kann, und, noch wichtiger, innerhalb des lebendigen Körpers als eine anatomisch-physiologische Einheit in integrierter Funktion mit dem gesamten Körper. Man könnte sagen, dass man es mit der wiederaufladbaren Batterie des Lebens und der Gesundheit in der menschlichen Physiologie zu tun hat, wenn man den Liquor und seine Fluktuations-muster richtig versteht.

ANATOMISCHE ÜBERLEGUNGEN

Die Entdeckung des Liquor cerebrospinalis schreibt man im Allgemeinen Domenico Cotugno zu. Aber die erste ernsthafte Untersuchung des Liquor hat 1825 der französische Physiologe Francois Magendie durchgeführt. Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft wird der größte Teil des Liquor vom Plexus choroideus produziert, wobei allerdings noch fraglich ist, ob dies durch Sekretion oder Dialyse geschieht. Zusätzlich gibt es Hinweise, dass kleine Mengen von Liquor von zerebralen Strukturen im perivaskulären Raum und von Strukturen im Zentralkanal des Rückenmarks produziert werden.

Die Plexi choroidei sind Knäuel aus kleinen Kapillargefäßen der Tela choroidea, die fransenförmig und von einer sehr zarten Schicht Ependymzellen bedeckt sind. Die Kapillarbetten der Plexi choroidei sind also nicht in direktem Kontakt mit dem Liquor, sondern durch diesen dünnen Vorhang aus Ependymzellen von ihm getrennt. In jedem Gehirnventrikel ist ein Plexus chorideus zu finden. Die venöse Drainage der Plexi choroidei der lateralen Ventrikel und des dritten Ventrikels geschieht mit Hilfe der großen Vene von Galen, die durch die Verbindung der Falx cerebri mit dem Tentorium cerebelli führt – das Sutherland-Fulkrum der reziproken Spannungsmembran. Der Plexus choroideus im vierten Ventrikel wird durch andere venöse Hirnleiter im Boden des okzipitalen Teils der Schädelbasis drainiert.

Die Zirkulation des Liquor wurde anhand von Kernspin-Aufnahmen bestimmt. Diese haben gezeigt, dass der Liquor von den seitlichen Ventrikeln durch das Foramen von Monroe in das dritte Ventrikel fließt, dann den Aquäduct von Sylvius hinunter in das vierte Ventrikel und von dort durch das im Dach des vierten Ventrikels gelegene Foramen von Magendie in die Cisterna magna oder durch die zwei seitlichen Foramina von Luschka in die lateralen Recessus. Ausgehend von diesen drei Öffnungen im vierten Ventrikel gelangt der Fluss des Liquor cerebrospinalis auf subarachnoidalen Wegen zum höchsten Punkt des Gehirns, wo er vor allem in den Granulationes arachnoidales entlang des Sinus sagittalis superior resorbiert wird. Ein Teil des Liquor cerebrospinalis fließt den Spinalkanal hinunter, um dann wieder aufzusteigen und sich mit der generellen Zirkulation zu vereinigen. Die Resorption des Liquor findet zwar hauptsächlich über die Granulationes arachnoidales statt, es gibt aber zusätzlich eine langsame Resorption über die perineuralen Räume der kranialen und spinalen Nerven in das Lymphsystem. Diese Aufnahme ins Lymphsystem des Halsbereiches erfolgt vor allem im Bereich des Bulbus olfactorius, des ersten Hirnnervs. Es wird allgemein akzeptiert, dass der Liquor (das dritte Zirkulationssystem des Zentralen Nervensystems) in das Lymphsystem absorbiert wird (das dritte Zirkulationssystem des gesamten Körpers). Die Gesamtmenge des Liquors im ventrikulären und im subarachnoidalen Raum variiert normalerweise zwischen 125 und 150 ccm.16

Naturwissenschaftlich gesehen ist der Liquor eine lebendige Flüssigkeit, deren Wasseranteil etwas höher liegt als der des Blutes. Verglichen mit Blut ist der Proteingehalt sehr niedrig, und der Zuckergehalt liegt etwas niedriger. Andere Substanzen wie Kreatinin, Harnsäure, Harnstoff, nichtorganisches Phospat, Bikarbonat, Wasserstoffionen, Natrium, Kalium, Magnesium, Kalzium, und Milchsäure sind in der spinalen Flüssigkeit in gleichem oder etwas geringerem Umfang wie in Blutplasma zu finden. Durch eine Lumbalpunktion gewonnene spinale Flüssigkeit, wird sich von der in den Ventrikeln gefundenen Flüssigkeit leicht unterscheiden.

Einige Studien beziehen sich außer auf die beschriebenen Zirkulationswegen auch auf eine Art Ebbe und Flut innerhalb des Liquor, ein Charakteristikum einer Fluktuation. Allerdings gehen derartige Hinweise nicht mit einer eindeutigen Akzeptanz des Phänomens einher, sondern sagen stattdessen, dass man zwar die Existenz eines solchen Musters beobachtet hat, es aber nicht erklären kann.

Da die meisten dieser Studien dem Zweck dienten, die Faktoren der Liquorzirkulation zu bestimmen, lagen ihre primären Interessen bei diesem Thema und nicht darin, ein Fluktuationsmuster zu finden und dessen Bedeutung zu erklären.

PHYSIOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN

In einem Leitartikel des Lancet von 1975 stand folgendes bemerkenswerte Zitat:

„Eine Funktion des lymphatischen Systems ist es, die Geweberäume von Substanzen zu reinigen, die aus Blutkapillaren austreten oder aus dem Gewebe selbst stammen und nicht in den Blutstrom reabsorbiert werden. Die Hirnhäute und das Nervengewebe des Gehirns haben keine lymphatischen Kanäle; bedeutet dieses Fehlen, dass das Problem des Abtransports nicht existiert?

… abgesehen vom Hauptfluss des Liquor zurück in den Blutstrom durch die Arachnoidalzotten könnte der Liquor auch durch die Plexi chorodei von Substanzen gereinigt werden. Diese Vorstellung erscheint bizarr, wenn man nur an die Plexi in den seitlichen Ventrikeln denkt, denn da sie schon den Liquor produzieren, fragt man sich, wie sie gleichzeitig Quelle sein und Inhaltsstoffe resorbieren können. Aber sie sind ja nicht die einzigen Plexi – der dritte Ventrikel besitzt ebenfalls einen Plexus, und der Liquorstrom passiert, wenn er aus dem ventrikulären System fließt, die Plexusgeflechte des vierten Ventrikels. Bestimmte organische Säuren können auf diesem Wege aktiv resorbiert werden. Eine beachtliche Reihe anderer Substanzen, von denen einige (wie Noradrenalin und Serotonin) aufgrund ihrer Neurotransmitterfunktion offenbar recht interessant sind, akkumulieren am Plexus choroideus und werden dort oder im zerebralen Subarachnoidalraum absorbiert. Es gibt also außer dem Hauptfluss durch die Arachnoidalzotten noch einen anderen Weg des Liquor cerebrospinalis zurück zum Blut.

… auch CO2 tritt leicht in das Gehirn über und wird natürlich auch dort produziert ebenso wie Milchsäure und Pyruvat. Der Liquor hat keinen großen Puffer; er besitzt etwa so viel Bikarbonat wie Plasma, aber wenig Protein und kaum Zellen. Daher kann sein Fluss auch dazu dienen, Information über zu viel CO2 oder eine erhöhte Säureproduktion innerhalb des Gehirns weiterzuleiten, da der pH-Wert des Liquor absinken wird. Diese Information wird von den vorderen und seitlichen Oberflächen der Medulla wahrgenommen. Als Reaktion kommt es zu vermehrter Lungenatmung – einer 10-fachen Erhöhung beim Menschen, wenn der pH-Wert sich um 0,05 ändert. Der stabilisierende Effekt auf den pH-Wert des Liquor ist offensichtlich – vorausgesetzt natürlich, dass das Atemsystem normal funk-tioniert und mehr CO2 ausscheiden kann. Dieses Arrangement ist viel schneller und effektiver als einfach darauf zu warten, dass der Fluss allmählich das Gehirn reinwäscht. Der Lymphfluss reinigt den Extrazellulärraum im Körper generell; der Liquorfluss scheint für das Gehirn das Gleiche zu tun, aber präziser und effizienter.“ 17

Dieser Ausschnitt aus dem Lancet-Artikel zeigt uns, dass die Untersuchung der Inhaltsstoffe und Stoffwechselprodukte im Liquor ein sehr komplexes Thema ist – ein Thema, was viele Forscher seit Jahrzehnten beschäftigt und auch künftig bestimmt noch viele weitere Untersuchungen anregen wird.

Auf interessante, wenn auch jetzt historische Weise, wurde der Liquor von A. D. Speransky, einem russischen Physiologen, eingesetzt. Er beschreibt das in seinem Buch A Basis for the Theory of Medicine18 (1943), das, wie Kapitelüberschriften zeigen, u. a. folgende Themen behandelt, mit denen der Autor und seine Fachkollegen sich offenbar beschäftigt haben:

Die Verbindung der submembranösen Räume des Gehirns mit dem lymphatischen System.

Unsere Untersuchungen der Verbindung der submembranösen Räume mit dem lymphatischen System.

Die Bewegung des Liquor cerebrospinalis innerhalb der Medulla und der submembranösen Räume und

Über das Eindringen verschiedener Substanzen in den Nervenstamm und ihre Bewegung entlang des Nervs.

In seinem Kapitel über Rheumatismus beschreibt Speransky eine Methode, den Liquor zu ‚pumpen‘ :

„Das Pumpen geschah mit Hilfe einer Lumbalpunktion, vorgenommen am sitzenden Patienten. Wir benutzten eine 10.0-cc-‚Record‘ -Nadel. Das Zurückziehen und Wiedereinspritzen der Flüssigkeit wurde zwischen 8 und 40 Mal wiederholt. Beim letzten Mal wurde die Flüssigkeit entfernt. Das Ganze darf weder zu langsam noch zu schnell vor sich gehen. Ein schnelles Extrahieren, besonders im zweiten Teil der Punktion, bringt immer Kopfschmerzen mit sich, die bis zum Abend und manchmal auch noch am nächsten Tag andauern. In einigen wenigen Fällen kam es zu Erbrechen.“

Dieses plump mechanische Pumpen des Liquor innerhalb der duralen Umhüllung und der Subarachnoidalräume wurde bei einer Reihe von neurodystrophen Prozessen oder Erkrankungen angewandt. Die verwendeten Methoden waren gelinde gesagt nicht ungefährlich. Spreranskys Arbeit wurde zu seiner Zeit und auch danach sehr kontrovers diskutiert.

Bezeichnend ist seine das Kapitel 21 einleitende Feststellung: „Dieses Buch kann kein Endergebnis liefern.“ Es mag in der Tat keine anderen Schlussfolgerungen geben außer der Erkenntnis, dass das Wissen im Bereich des Liquor cerebrospinalis höchst komplex ist. Der Liquor tauscht Ionen, Stoffwechselprodukte und trophische Faktoren mit den Plexi choroidei, mit den Nervenzellen des zentralen, peripheren und autonomen Nerven-systems, mit der Hypophyse-Hypothalamus-Achse, mit der Epiphyse und mit dem lymphatischen System aus. Zusätzlich dient der dünne Liquor-film in den Subarachnoidalräumen zusammen mit den Cisternas als Wasserbett, um Gehirn und Rückenmark zu schützen.

PHILOSOPHISCHE ÜBERLEGUNGEN

Um den Liquor cerebrospinalis in einem Diagnose- und Behandlungsplan zu nutzen, braucht es mehr als eine Synthese anatomisch-physiologischer Details und mehr als ein von Laboruntersuchungen begleitetes Studium der Liquor-Charakteristika in Gesundheit, Traumen oder Krankheit. Um die Erfahrung, mit dieser lebendigen Flüssigkeit in einem lebendigen Organismus – dem menschlichen Körper – zu arbeiten, greif bar zu machen, bedarf es der Kunstfertigkeit der Palpation.

Wenn wir nun über Palpation sprechen: Ich stelle sie mir gern in zwei zusammenwirkenden Phasen vor. Es gibt den Input, also das Wahrnehmen der Aktivität im Körper mit Hilfe der Palpation, und es gibt den motorischen Output (ich nenne es angewandte palpatorische Kunstfertigkeit), der darin besteht, dass ich mit der beim Palpieren wahrgenommenen Aktivität arbeite, um eine Veränderung innerhalb dieser Aktivität oder des Funktionsmusters zu erzielen. Für mich ist solch angewandtes palpatorisches Können als motorischer Output sensibler und subtiler in der Anwendung als eine sogenannte manuelle Technik.

Alles, was ich im Rahmen einer Behandlung mit dem Liquor cerebrospinalis als einer lebendigen, bereits in Bewegung befindlichen Flüssigkeit tue, erfordert von mir als Behandler Sensibilität, wenn ich bei meiner klinischen Nutzung der Flüssigkeitsdynamik des Liquor cerebrospinalis maximale Effektivität erreichen will. Das Thema Palpation bringt uns zu einer weiteren erwähnenswerten Eigenschaft: Zur Palpation gehört die Nutzung von Energie sowohl beim sensorischen Input wie auch beim motorischen Output und sie kann nur mit Hilfe von Quantenphysik erklärt werden.

Ein Artikel in Science News fasst diesen Gedanken zusammen:

„Mechanistische Philosophie der klassischen Wissenschaft: Ein Ding hat eine eigene objektive Realität. Die Basis von Wissenschaft ist Objektivität […] im Bereich der Quantenphysik jedoch eher nicht. Daher macht die Quantenphysik den Beobachter zum Beteiligten. Nicht nur im Sinne von Heisenberg, dass der Beobachter das stört, was er misst, sondern in dem tieferen Sinne, dass das, was er zu messen beschließt, das Ergebnis seiner Messung bestimmen wird. Getrennt vom Akt des Beobachtens hat die Realität keine objektive Existenz. Wheeler kommentiert: ‚Auf merkwürdige Weise ist dies ein Universum des Beteiligtseins. Was wir gewohnt waren ‚physische Realität‘ zu nennen, stellt sich nun im Wesentlichen als Papiermaschee-Konstruktion unserer Vorstellung heraus, eingegipst zwischen die soliden eisernen Säulen unserer Beobachtungen. Die einzige Realität bilden diese Beobachtungen.

Und er fasst zusammen:

„Bevor wir nicht sehen, warum das Universum so gestaltet ist, haben wir nicht das Geringste davon verstanden … wir können davon ausgehen, dass wir erst dann verstehen werden, wie einfach das Universum ist, wenn wir erkennen, wie seltsam es ist.“ 19

Mir geht es um Folgendes: Wenn ich als Behandler mit den lebendigen Fluktuationsmustern des Liquor cerebrospinalis im Patienten arbeite, bin ich an diesem Fluktuationsmuster beteiligt. Ich habe teil an der Erfahrung dessen, was ich durch die Palpation mit sensorischem Input beobachte, und dessen, was sich als Resultat des in Form eines motorischen Outputs angewandten palpatorischen Könnens innerhalb des Musters verändert. Die einzige in Betracht zu ziehende Realität ist ständige Veränderung – Veränderung, die stattfindet, während ich die Muster beobachte, Veränderung, die stattfindet, während angewandtes palpatorisches Können Muster modifiziert, und Veränderung, die sich in der anatomisch-physiologischen Struktur des Patienten vollzieht, wenn sie im Anschluss an mein Diagnose- und Behandlungsprogramm die an diesem Tag geschehene Arbeit fortsetzt.

Es ist äußerst wichtig, dass der Behandler bei seinem Palpieren der Funktionsweise des Liquor cerebrospinalis die Rolle des Beteiligten einnimmt.

Mir gefällt der Gedanke, Beteiligter zu sein anstatt außenstehender Beobachter, wenn es gilt, sich um ein Problem im Körper des Patienten zu kümmern – mag dies nun eine Dysfunktion des Bewegungsapparates, ein fasziales Dysfunktionsmuster oder ein mit dem Primären Atemmechanismus zusammenhängendes sein. Ich habe bei der Diagnose wie bei der Behandlung das Gefühl, dass ich die Veränderungen, die im Patienten stattfinden, direkt erfahre und so in Bezug auf die Art der Dysfunktion einen besseren diagnostischen Einblick bekomme. Ich kann daher bei den an diesem Tag möglichen Korrekturen auch die Behandlungsresultate besser beeinflussen. Ich finde es notwendig, den Gedanken zu akzeptieren, dass ich ein Beteiligter bin, und dieses Bewusstsein während meiner diagnostischen und therapeutischen Überprüfung aufrechtzuerhalten. Denn als Beteiligter erreiche ich bei dem, was ich erfahre, wie auch bei den Behandlungsresultaten eine viel tiefere Qualität als in der Rolle eines außenstehender Beobachters.

Wenn wir beim Arbeiten mit den natürlichen Ressourcen im Körper, zu denen auch der Liquor cerebrospinalis gehört, die sensorischen und motorischen Qualitäten unseres Bewusstseins nutzen wollen, müssen wir, um die Mechanismen, um die es hier geht, besser verstehen zu können, zunächst drei Begriffe – Selbst-Organisation, Fluktuation und Transmutation – definieren und zwei Prinzipien – den Atem des Lebens und das Atmen von Luft – erläutern.

Selbstorganisation: die dem Menschen angeborene Fähigkeit, Leben physisch, mental, emotional und philosophisch auszudrücken.

Jeder Mensch hat zwei Mechanismen, die lebenslang zusammenwirken: eine willkürliche Fähigkeit zu arbeiten, zu spielen und zu ruhen, und einen komplexen unwillkürlichen Mechanismus, der dafür geschaffen ist, Gesundheit aufrechtzuerhalten und sich an Traumen bzw. Krankheit anzupassen. 1932 beschrieb Cannon diese Selbstorganisation des Körpers als Homöostase, eine dynamische Ausgewogenheit, bei der alle Körperprozesse in ihrem jeweiligen Gleichgewicht aufrechterhalten werden. Dies ist auf jeden Fall kein statischer, sondern ein kontinuierlicher, lebendiger Prozess. In A. T. Stills Autobiographie wird das folgendermaßen beschrieben:

„Ich hoffe alle die, die dies nach mir lesen, werden meine volle Überzeugung wahrnehmen, dass der Verstand Gottes in der Natur seine Planungsfähigkeit – sofern Pläne nötig sind – und die Schaffung selbst organisierender Gesetze ohne Muster für die Myriaden von Lebensformen bewiesen hat; er hat sie bestens mit den Maschinen und Batterien der motorischen Kraft für die Pflichten des Lebens ausgestattet. Jeder Teil ist voll ausgerüstet, seine Pflicht zu übernehmen, in der Lage auszuwählen und sich selbst aus dem großen Labor der Natur die Kräfte anzueignen, die er benötigt, um die Pflichten der jeweiligen Abteilungen in der Ökonomie des Lebens zuzuordnen … Etwa 12 Monate war ich damit beschäftigt, meinen Webstuhl zu überprüfen. Ich habe einen besonders fein gebauten Webstuhl; weder irdisch noch von Hand gemacht … Durch die in ihnen (Gewinden) enthaltenen Kunstfertigkeiten ist es für mich nur nötig, den Webstuhl in Bewegung zu setzen.“ 20

Die meisten von uns, egal ob als Behandler oder Patienten, vertrauen, was das Aufrechterhalten von Gesundheit und das Bekämpfen von Traumen und/oder Krankheit anbelangt, blind und fraglos auf ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation. Ich jedoch habe eine Frage: Wie viel mehr könnten wir als Ärzte und Chirurgen für unsere Patienten erreichen, wenn wir unser Bewusstsein für die Potenziale dieser Selbstorganisation in uns und in unseren Patienten, sooft diese uns konsultieren, entwickeln und nutzen würden? Jeder Einzelne von uns muss seine eigenen Fragen stellen und seine eigenen Antworten suchen.

Fluktuation: Die mit Hilfe von Palpation oder Perkussion beobachtete Bewegung einer Flüssigkeit in einer natürlichen oder künstlich geschaffenen Höhlung.

Der Liquor cerebrospinalis fluktuiert rhythmisch innerhalb einer natürlichen Höhle, dem Neurokranium. Das lässt sich durch Palpieren feststellen. Da der Körper im Grunde aus Flüssigkeit besteht und dazu noch der Liquor cerebrospinalis teilweise in sein Lymphsystem absorbiert wird, kann man die Fluktuation des Liquor überall im Körper wahrnehmen.

Die durch Palpieren feststellbaren, grundlegenden rhythmischen Fluktuationsmuster des Liquor cerebrospinalis stellen longitudinale, alternierend laterale und spiralförmige Muster dar. Es gibt wahrscheinlich noch viele andere Muster oder Musterkombinationen, die sehr klein und daher nicht so leicht zu bemerken sind. Ein spezifischeres rhythmisches Fluktuationsmuster des Liquor cerebrospinalis kann palpiert werden, indem man den Liquor cerebrospinalis entlang einer maximalen diagonalen Richtung in einem beliebigen Körperteil lenkt.

Allgemein nimmt man an, dass die Fluktuationsgeschwindigkeit des Liquor cerebrospinalis im gesunden Zustand bei 10–14 Mal pro Minute liegt. Sie kann jedoch den verschiedenen Dysfunktionszuständen im einzelnen Menschen entsprechend variieren und ist so bei chronischen Erkrankungen möglicherweise sehr verlangsamt, bei Fieber dagegen erhöht.

Wesentlich wichtiger als ihre Geschwindigkeit ist aber die Qualität der Fluktuationsmuster. Ist der Zustand gesund, spürt man beim Palpieren eine volle Amplitude, Vitalität und lebendige Dynamik. Liegt dagegen rheumatoide Arthritis vor, findet man aufgrund einer Stase in Bindegewebe und Lymphsystem eine dünne, verwässerte, niedrige Amplitude, und nach einer Meningitis oder Enzephalitis empfindet man sie als träge, da die reziproke Spannungsmembran die Qualität ihres physiologischen Tonus verloren hat. Das sind nur ein paar von vielen klaren Beispielen für die variable Qualität des Liquor-Fluktuationsmusters. Der lebendige Liquor cerebrospinalis reagiert mit ihrer offenkundigen Fluktuation auf die Herausforderungen eines von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag wechselnden Gesundheitsmusters im einzelnen Organismus und reflektiert durch Veränderungen ihrer Qualität und Geschwindigkeit diese Vorgänge.

Dr. Sutherland sagt uns, dass die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis an erster Stelle steht, als ein Phänomen an sich, und ich bin mit diesem Gedanken vollkommen einverstanden. Es gibt andere, die anderer Meinung sind, und sie mit der Kontraktilität des Zentralen Nervensystems oder der rhythmischen Inhalation oder Exhalation des respiratorischen Systems in Verbindung bringen möchten. Es ist offensichtlich, dass es Zusammenhänge und Beziehungen gibt zwischen allen lebendigen Geweben und der Geschwindigkeit ihrer rhythmischen Funktion, der Motilität des Zentralen Nervensystems, der wiegenden Bewegung der reziproken Spannungsmembran, dem rhythmischen respiratorischen Mechanismus und anderen, sowohl willkürlichen als auch unwillkürlichen Mechanismen und dass diese die Fluktuation des Liquor modifizieren und umgekehrt wiederum von ihr modifiziert werden. Trotzdem werden wir als Behandler mit unserer bewussten Wahrnehmung und unseren palpatorischen Methoden bei Diagnose und Behandlung bessere Arbeit leisten, wenn wir uns beim Umgang mit den Flüssigkeitsdynamiken des Liquor cerebrospinalis von dem Gedanken leiten lassen, dass der Liquor das primäre Phänomen ist. Als Analogie könnte man hier heranziehen, dass ich ja auch dem Herzen aufmerksamer zuhöre, wenn ich weiß, dass es die Hauptpumpe des kardiovaskulären Systems ist. Das bringt uns zurück zu dem vorhin Gesagten: Wir sind beim Anwenden unserer Fähigkeiten beteiligt an einem lebendigen Dasein in einem lebendigen Körper.

Nun zu einer anderen Form von Fluktuationsmuster: Die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis sowie die Motilität des Zentralen Nerven-systems und der reziproken Spannungsmembran produzieren innerhalb des Kraniosakralen Mechanismus eine mit Außen- und Innenrotation der paarigen Knochen verbundene rhythmische Flexion und Extension der Gelenkmobilität der kranialen Knochen in der Mittellinie und des Os sacrum. Diese rhythmischen Muster sind nicht auf den Kraniosakralen Mechanismus beschränkt, sie treten überall im gesamten anatomisch-physiologischen Mechanismus des Körpers auf. Und diese Mikrobewegung in jedem Knochens, jeder Zelle und jeder Flüssigkeit ist einer der essenziellen Faktoren der auf Gesundheit gerichteten Selbstorganisation des Körpers. Das ganze Leben eines Menschen hindurch ist es diese unwillkürliche Bewegung, die ihren Beitrag zu Cannons Homöostase leistet und zu Stills ‚ewigem Gesetz von Leben und Bewegung.‘ Sie geht mit allen willkürlichen Bewegungen des arbeitenden, spielenden oder ruhenden Menschen einher und kann palpatorisch erspürt werden.

Ich möchte hier zwei diagnostische Tests empfehlen, die diese unwillkürliche Bewegung und Selbstorganisation des Körpers nutzen:

1.Der Patient hat einen Bereich mit einer somatischen Dysfunktion, die du als Behandler korrigieren möchtest. Mit Hilfe einer aufmerksamen und zugleich ruhigen Palpation überprüfst du zunächst irgendwo anders im Körper des Patienten und dann speziell im Bereich der somatischen Dysfunktion, von welcher Qualität die Muster der unwillkürlichen Flexion/Außenrotation bzw. der unwillkürlichen Extension/Innenrotation sind. Überprüfe das erneut, nachdem sich die somatische Dysfunktion in der Behandlung korrigiert hat. Wenn du nun im Bereich der somatischen Dysfunktion eine unwillkürliche Bewegung von ungefähr gleicher Qualität spürst wie im Testbereich, kannst du sicher sein, dass sich deine Korrektur weiter in Richtung Gesundheit für das behandelte Problem entfalten wird. Erspürst du jedoch nach der Korrektur im Bereich der somatischen Dysfunktion keine verbesserte unwillkürliche Bewegung, hast du zwar möglicherweise die Mobilität in diesem Bereich verbessert, aber seine inhärente Funktion steht dem Körper nicht zum sofortigen Gebrauch zur Verfügung.

2.Sei dir mit einer aufmerksamen und gleichzeitig ruhigen Palpation aller Komponenten der Selbstorganisation bewusst, die mit der Qualität der Liquorfluktuation und der unwillkürlichen Bewegung im Körper verknüpft sind. Palpiere nun, um die Gesamtvitalität der anatomisch-physiologischen Mechanismen zu befunden. Obwohl diese Vitalität nicht unbedingt elektrischer Natur ist, vergleiche ich es gerne mit einem Messen von Voltspannung und erstelle für jeden Patienten einen geschätzten Befund. Anders gesagt: Die Vitalität des Durchschnittspatienten sollte sich so anfühlen, als läge sie bei 110 Volt. Bei einer Dysfunktion, zum Beispiel einem chronischen Zusammenbruch des Nervensystems, kann die Voltspannung dagegen 60, 50 oder weniger betragen. Dasselbe gilt für rheumatoide Arthritis. Ist der Patient in einem Zustand akuter Müdigkeit, kann dieser Vergleich mit einer Voltspannung ebenfalls einen niedrigen Befund ergeben, bei dem man aber spürt, dass er zeitlich begrenzt ist und sich während eines guten Nachtschlafes vermutlich selbst korrigieren wird. Bei einem professionellen Athleten liegt die Spannung nicht bei 110, sondern bei 220 Volt. Das ist auch nötig bei all dem, was diese Leute in ihrem Sport aushalten müssen.

Dies ist ein nützlicher Test, weil er dir ein Gefühl für die Qualität der Vitalität gibt, mit der du bei der Diagnose und Behandlung von Problemen arbeitest. Ausreichende VOLTAGE bedeutet ausreichend Vitalität, um damit eine Korrektur durchzuführen und diese sich weiter entfalten zu lassen, so wie du es dir wünschst. Niedrige VOLTAGE ist ein Hinweis darauf, dass deine Korrekturversuche die Möglichkeiten des Patienten, die Korrektur zu nutzen, nicht übersteigen sollten, weil eine Überkorrektur in diesem Zustand verringerter Vitalität nicht von Dauer sein und die bereits herrschende lokale und generelle Erschöpfung des Patienten noch verstärken wird.

Diesen zweiten von mir empfohlenen Test sollte man nicht mit dem Zählen des Cranial Rhythmic Impulse (CRI) verwechseln, denn er ist einfühlsamer und aussagekäftiger. Über beide von mir erwähnten Tests könnte man noch länger sprechen; ich habe aber hoffentlich genug gesagt, um eure Aufmerksamkeit darauf zu richten.

Transmutation: Die Umwandlung einer Sache in eine andere; die Veränderung eines chemischen Elements in ein anderes.

Die Fähigkeit zur Transmutation ist ein natürliches Phänomen, das im Körper ein Leben lang vorhanden ist. Zur rhythmischen Fluktuation des Liquor cerebrospinalis gehört diese Fähigkeit zur Transmutation. Sie schafft einen rhythmisch balancierten Austausch mit dem Plexus choroideus, den physiologischen Zentren im Boden des vierten Ventrikels, den Neuronen des zentralen und peripheren Nervensystems, der Hypophyse-Hypothalamus-Achse, der Epiphyse und anderen Hormondrüsen im gesamten Körper, dem lymphatischen System und tatsächlich mit allen Zell- und Flüssigkeitssystemen des Körpers.

Diesen Transmutationsfaktor in der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis kann der Behandler im Patienten vom Behandler bereichern, revitalisieren und maximieren. Wenn er sein waches Wahrnehmen, Palpieren und angewandtes palpatorisches Können nutzt, kann er auf kontrollierte Art und Weise die existierenden longitudinalen, alternierend lateralen oder spiralförmigen Fluktuationsmuster des Liquor cerebrospinalis komprimieren, um diesen herunterzubringen, bis sie jene flüchtige rhythmische Funktionsperiode erreicht, die man ‚Stillpunkt‘ nennt. Indem man sie zu diesem Stillpunkt herunter und durch ihn hindurch bringt, kommt es zu einem sofortigen rhythmisch ausbalancierten Austausch zwischen allen Körperflüssigkeiten. Seine physiologischen Folgen sind weitreichend.

Dazu zwei dramatische Fallbeispiele: 1947 wurde ein neun Monate altes Baby zu mir gebracht, das schrie und weinte. Es litt bereits seit acht Monaten vom Kopf bis zu den Fußsohlen an einer ausgeprägten Dermatitis, mit Hautrissen, nässend und an vielen Stellen sogar blutig, und war schon erfolglos einem Dutzend Ärzte vorgestellt worden. Was konnte ich für dieses Kind tun? Ich hatte keine Ahnung. Dann behandelte ich es mit Hilfe einer CV4-Technik, einer ‚Kompression‘ des vierten Vent-rikels also. Innerhalb von 18 Stunden nach dieser Behandlung war dem Kind eine komplett neue Haut gewachsen, ohne jeglichen Makel. Als es drei Tage später erneut zu mir in die Praxis gebracht wurde, war die neue Haut immer noch intakt, jedoch mit einzelnen kleinen Flecken. In den folgenden Monaten verbesserte sich die Situation noch weiter.

Ebenso dramatisch war der Fall eines 55-jährigen Mannes. Seine rheumatoide Arthritis hatte den Zustand der chronischen Behinderung erreicht, bereitete ihm jedoch keine Schmerzen. Ich sagte zu ihm zwar, dass ich für seine ‚Arthritis‘ nichts tun könne, gab ihm aber, da er nun schon mal in meiner Praxis war, eine Behandlung. Aufgrund der peripheren Resistenz – bedingt durch die lymphatischen Stase in seinem gesamtem Körper – benötigte ich 45 Minuten, um eine CV4-Technik durchzuführen und die Fluktuation hinunter zum Stillpunkt und durch ihn hindurch zu bringen. Eine Woche später kam der Patient wieder und bestand auf einer weiteren Behandlung. Er zeigte mir seine von mir zuvor nicht untersuchten Unterschenkel, die von einer trockenen Exanthemkruste bedeckt waren. Seinen Angaben zufolge war dies ein seit Jahren nässendes Exanthem gewesen. Ich behandelte ihn erneut mit einer CV4-Technik; diesmal dauerte es 30 Minuten. Innerhalb einer weiteren Woche heilte die Haut auf seinen Beinen komplett und blieb auch gesund.

Howard Lippincott, DO beschreibt die Resultate der CV4-Technik so:

„Es ist schwer, zurückhaltend zu sein, wenn es um den Nutzen geht, den wir durch die Kompression des vierten Ventrikels erreichen. Denn wenn diese mächtige Flüssigkeit durch besagte Technik aktiviert wird, kommt es zu Ergebnissen, die Begeisterung rechtfertigen.

Es kommt zu einer günstigen Wirkung auf das gesamte zirkulatorische System, mit Abnahme von Stauungen, Ischämien und Ödemen, soweit dies ohne Chirurgie überhaupt möglich ist.

Die Stoffwechselvorgänge werden verbessert, einschließlich der Ernährung aller Gewebe und der schrittweisen Absorption fibröser und kalziumhaltiger Ablagerungen, die nicht physiologischer oder kompensatorischer Natur sind.

Die Kompression des vierten Ventrikels verbessert auch die Funktion der Organe, und bei Infektionen wird das Immunsystem durch die Wirkung auf die Milz, Pankreas und Leber gestärkt.

Das endokrine System wird entsprechend der unmittelbaren Bedürfnisse des Körpers reguliert.

Der Liquor cerebrospinalis hat das Kommando über den Stoffwechsel, einen Großteil der unwillkürlichen Funktionen, und den autoprotektiven Mechanismus des Organismus.

Dr. Sutherland machte darauf aufmerksam, dass sekundäre osteopathische Dysfunktionen nach der Kompression des Ventrikels weniger offensichtlich sind. Die Kompression ist daher nützlich, um die primäre Dysfunktion zu bestimmen.“ 21

Wie man sieht, wird die unwillkürliche Mobilität des Körpers, mit seinen Mikrobewegungen der Flexion/Außenrotation und Extension/ Innenrotation revitalisiert. Außerdem wird die Lebens-Batterie – die wir vergleichbar mit Voltspannung evaluieren – sofort transmutiert/umgewandelt in Richtung auf den physiologischen Idealzustand für diesen Patienten, seien das nun 110 oder 220 Volt.

Eine kontrollierte Kompression der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, indem man sie zur ihrer kurzen rhythmischen Periode bzw. ihrem Stillpunkt herunter und durch diesen hindurch bringt, lässt sich von den Ossa parietalia, dem Os frontalis bzw. den Ossa frontalia, den Ossa temporalia oder dem Os sacrum aus durchführen. Es muss aber nicht unbedingt eine Kompression des vierten Ventrikels (CV4-Technik) sein. Im Gegenteil: Bei einem schweren kranialen Trauma oder bei vermuteten Frakturen des Kraniums sollte diese Technik vom Sakrum aus angewendet werden.

Was ist dieser Transmutationsfaktor? Dr. Sutherland sagte, dass es immer dann, wenn die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis zu dieser kurzen, rhythmischen Zeitspanne – dem Stillpunkt – heruntergebracht wird, zu einen rhythmisch balancierten Austausch mit dem Atem des Lebens kommt. Er hatte keine Erklärung für diesen Transmutationsfaktor und begründete auch nicht, warum die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis an erster Stelle steht. Die Resultate der Veränderungen in allen Körperflüssigkeiten können vor und nach dem Anwenden dieser Techniken für den Liquor cerebrospinalis gemessen werden, und die Testergebnisse werden für sich sprechen. Das Prinzip des Lebensatems, das dabei wesentlich ist und den hauptsächlichen Transmutationsfaktor innerhalb der Selbstorganisation des Körpers bildet, bleibt unsichtbar und nicht messbar. Das Bewusstsein des Behandlers kann dieses Prinzip der Transmutation als eine Tatsache annehmen, als etwas, was sich in der Arbeit mit dem Liquor cerebrospinalis nutzen lässt. Die Resultate sind vom Behandler durch Palpation und angewandtes palpatorisches Können, aber auch durch Labortests messbar.

Folgende Fallgeschichten, von denen einige ein reines Experiment waren, zeigen die Wirkung wiederholter Kompression des vierten Ventrikels als einzige Anwendung:

1945, als meine Tochter drei Jahre alt war, hatte sie eine Lobärpneumonie. Innerhalb von drei Tagen war sie durch den gesamten Krankheitsprozess durchgegangen und ihre Lungen waren wieder frei. Innerhalb von acht Tagen entsprach ihre Vitalität wieder komplett der physiologischen Gesundheit. Ähnliche Ergebnisse bekam ich in einer Reihe von Lobärpneumonie-Fällen bei Erwachsenen.

1955 hatte mein damals 20-jähriger Sohn schweres Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Nach 30 Tagen drückte sein Gesamtmuster wieder Gesundheit aus, sein Differenzialblutbild inbegriffen. Er war lange vor seinen ebenfalls erkrankten Klassenkameraden wieder gesund. Dies geschah erneut in mehreren ähnlichen Fällen.

Bei über 50 Fällen von nervösem Zusammenbruch, jeweils mit dünnen, wässrigen Fluktuationsmustern mit geringer Amplitude und niedriger Voltspannung, wurde eine Kompression des vierten Ventrikels einmal wöchentlich für sechs bis neun Monate angewandt. In jedem Fall wurde ein sich selbst erhaltendes, gesundes physiologisches Fluktuationsmuster wiederhergestellt; wenngleich die Resultate sich während der ersten Behandlungshalbzeit nur langsam zeigten und ich bei manchen Patienten viel Überzeugungskraft auf bringen musste, um sie so lange bei der Stange zu halten, bis die gewünschten Resultate erreicht waren.

Eine vergleichbare Anzahl von Fällen mit rheumatoider Arthritis reagierten ähnlich positiv und erlangten ihre inhärente Vitalität wieder. Obwohl die betroffenen Gelenke weiterhin eingeschränkt waren, schmerzten sie doch sehr viel weniger. Auch zog sich die Behandlung über sechs bis neun Monate hin. Zwei der Patienten reagierten nicht so stark, aber sogar sie spürten eine Verbesserung. Wie bei dem vorhin beschriebenen Fall des 55-jährigen dauerte es auch bei ihnen zu Beginn der Behandlungen lange, bis sich der Stillpunkt einstellte. Das wurde jedoch von Woche zu Woche besser und sie reagierten auf den rhythmisch balancierten Austausch in ihrem verstopften Gewebe.

In vielen Fällen konnten sterbenskranke Krebspatienten, einige zum Beispiel mit inoperablen Gehirntumoren, in den letzten Wochen und Monaten vor ihrem Tod relativ schmerzfrei und erträglich leben.

Dieses Kontrollieren der Fluktuationen des Liquor cerebrospinalis, indem man sie hinunter bringt zu ihrer kurzen rhythmischen Zeitspanne, habe ich auf verschiedenste Art und Weise und in Hunderten von Fällen angewandt, um den unterschiedlichsten Erfordernissen gerecht zu werden. Ich benutze das nicht bei jedem Patienten, der in meine Praxis kommt, sondern immer dann, wenn es mir bewusst wird, dass es angebracht ist. Es entspricht stets der jeweiligen Herausforderung, wenn auch meist mit viel weniger dramatischen Wirkungen als in den beschriebenen Fällen. Durch Palpation und angewandte palpatorische Fähigkeiten erspüre ich jedoch, dass das erreicht wurde, was an diesem Behandlungstag notwendig war.

Das Prinzip des Lebensatems: Dr. Sutherland zufolge kann die Potency des Liquor cerebrospinalis als ein grundlegendes Prinzip in der Funktion des Primären Atemmechanismus angesehen werden. Er bezeichnete sie auch als Atem des Lebens, als ein Unsichtbares Element und gab ihr noch andere Namen, die unsere Aufmerksamkeit auf ihre hohe Bedeutung für das Funktionieren des Liquor cerebrospinalis lenken. Dr. Sutherland verbrachte viel Jahre damit, sämtliche Elemente und Komponenten des Kraniosakralen Mechanismus verstehen zu lernen: die kranialen Gelenkmechanismen und das Os sacrum, die reziproke Spannungsmembran, die Motilität des Zentralen Nervensystems und die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis. Er arbeitete ganz für sich alleine und experimentierte mit komprimierenden Bandagen am eigenen Schädel, um Dysfunktionen der Extension, der Flexion, der Sidebending-Rotation und der Torsion zu erzeugen; er produzierte auch membranöse Gelenks-Dysfunktionen, einige davon recht extrem, und korrigierte sie dann. Mit diesen komprimierenden Bandagen studierte er die intensive Reaktion auf das Arbeiten mit dem Liquor cerebrospinalis, wenn er den Liquor hinunter brachte zu seiner kurzen rhythmischen Zeitspanne, seinem Stillpunkt, und er konnte den Melk-Effekt beobachten, den dies auf die Lymphe und andere Flüssigkeiten in seinem gesamten Körper hatte. Mit seinen denkenden, fühlenden, sehenden, wissenden Fingern arbeitete er an seinen eigenen Mechanismen, um das exakte Funktionieren aller Elemente des Primären Atemmechanismus wirklich zu kennen, bevor er mit diesem Behandlungsansatz an die Probleme seiner Patienten heranging. Sein Verständnis, seine Terminologie und seine Konzepte basieren alle auf einem teilhabenden Wissen, das er aus sich selbst schöpfte und nicht einfach nur aus den klinischen Beobachtungen bei entsprechenden Tests an anderen Menschen.

Wir können als Behandler unser teilhabendes Bewusstsein, unser Gespür und unsere angewandten palpatorischen Fähigkeiten fördern. Für die meisten von uns ist die Entwicklung unserer eigenen denkenden, fühlenden, sehenden, wissenden Finger ein schmerzlich langsamer Prozess, bis wir endlich in unseren eigenen Patienten das spüren, was uns Dr. Sutherland in Bezug auf alle Phasen des Primären Atemmechanismus vermittelt hat.

Ich persönlich finde nicht, dass Dr. Sutherland uns eine Erklärung hätte geben sollen für die überragende Stellung der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis als Phänomen an sich oder für das Phänomen der Transmutation und des Austausches mit der Potency, dem Lebensatem oder wie auch immer ihr das nennen wollt (ich habe meinen eigenen privaten Namen dafür), was während der kurzen rhythmischen Periode, dem Still-punkt, stattfindet – und zwar zusammen mit einem sofortigen rhythmisch balancierten Austausch, der auf physiologischem Weg in allen Körperflüssigkeiten erfolgt. Dr. Sutherland vermittelte uns seine Terminologie vor vielen Jahren. Die moderne Wissenschaft ist noch auf der Suche nach Terminologien und Verständnis in allen Zweigen der Wissenschaft, wie Wheeler es in einem schon vorhin erwähnten Zitat ausdrückte:

„Wir können davon ausgehen, dass wir erst dann verstehen werden, wie einfach das Universum ist, wenn wir erkennen, wie seltsam es ist.“

Dr. Sutherland bewies die Richtigkeit seiner Konzepte aus sich selbst heraus. Wir beweisen sie durch unsere klinische Erfahrung mit unseren Patienten.

Das Prinzip des Atmens von Luft: Genauso wie das Prinzip des Lebensatems uns darüber informiert, dass der Liquor cerebrospinalis eine fluktuierende rhythmische Funktionseinheit ist, die dem Austausch mit einer Lebenskraft dient, liefert uns das Prinzip des Atmens von Luft Information in Bezug auf alle anatomisch-physiologischen zirkulatorischen und rhythmischen Funktionssysteme, die wir für unsere Anwesenheit auf dieser Erde brauchen. Um uns als ein Individuum zu manifestieren, benötigen wir nämlich einiges mehr als lediglich eine Lebenskraft. Wir brauchen Nahrung, Wasser, Luft, Licht, Dunkelheit, Mobilität, Motilität und andere Faktoren; wir haben eine Vielzahl von internen Systemen, einige willkürlich und einige unwillkürlich – alle geschaffen, um andere zu modifizieren und gleichzeitig von anderen modifiziert zu werden, wenn sie ihre zirkulatorischen und rhythmischen Dienste und Funktionen ausüben. Wir besitzen etwas, das wir Geist nennen oder Bewusstsein, und das lässt uns begreifen, dass wir nicht einfach nur unsere eigenes Produkt sind (auch wenn wir denken, das sei das Wichtigste), sondern das Produkt unseren gesamten Umgebung, und in einem rhythmisch balancierten Austausch mit dieser Umgebung stehen müssen. Dies sind einige der Elemente, die für eine integrierte Funktion der Selbstorganisation des menschlichen Lebens notwendig sind, um Gesundheit aufrechtzuerhalten und sich an Krankheit bzw. Traumen anzupassen.

Als Behandler ist uns eine ständig sich entwickelnde, riesige Auswahl an diagnostischen und therapeutischen Werkzeugen gegeben, die wir nutzen, um bei dem Menschen, der mit einem Problem zu uns kommt, einen Befund zu erheben und ihn zu behandeln. Zu den wertvollsten dieser Werkzeuge gehören unser eigenes bewusstes Wahrnehmen, unser Spüren und unsere angewandte palpatorische Fähigkeit. Mit ihnen haben wir teil am innerlichen Milieu des Patienten, sei es bei einer primären Betreuung oder bei einer ergänzenden Behandlung im Rahmen eines Untersuchungs- und Behandlungsprogramms.

Zum Zwecke dieser Erörterung habe ich die Selbstorganisation des Menschen in ein Prinzip des Lebensatems und ein Prinzip des Atmens von Luft unterteilt. In Wirklichkeit sind sie jedoch 1 : 1 in der inhärenten Fähigkeit des Individuums, das Leben physisch, mental, emotional und philosophisch auszudrücken. Als Osteopath kann ich alle Möglichkeiten der modernen Medizin und Chirurgie nutzen, um dem Patienten zu helfen, der meine Unterstützung sucht. Und als ein Beteiligter kann ich dank meines bewussten Wahrnehmens, meines Gespürs und meines angewandten palpatorischen Könnens mit den dem Patienten innewohnenden Fähigkeiten arbeiten, um in diesem dynamischen, homöostatisch gesteuerten, dem ‚einen ewigen Gesetz des Lebens und der Bewegung‘ gehorchenden Körper eine Balance der Funktion zu erreichen.

Der Liquor cerebrospinalis als eine jener inhärenten Fähigkeiten eröffnet uns noch einen weiten Raum, um seine Möglichkeiten zu erforschen.

3.2. DIE POTENCY DER TIDE

Vortragsnotizen aus den Jahren 1985 und 1969.

Der Liquor cerebrospinalis birgt in sich eine Potency, ein Lebensatem-Prinzip sowie ein Höchstes Bekanntes Element – eine Flüssigkeit in der Flüssigkeit. Diesen unsichtbaren Faktor findet man an dem Punkt in der Mitte zwischen Inhalation und Exhalation, einem Fulkrum-Punkt in dem tidenartigen Wechseln von Flexion/ Außenrotation zu Extension/ Innenrotation. Am Balancepunkt der Tide des Liquor cerebrospinalis findet man sie, diese Potency.

Die zerebrospinale Fluid Tide kann genutzt und gelenkt werden, indem man ihr existierendes rhythmisches Muster modifiziert. Man bringt die Bewegung der Flüssigkeit (mit dem inhärenten Lebensatem) hinunter zu einem Stillpunkt und durch diesen hindurch. Während dieses Stillpunktes vollzieht sich eine sofortige Veränderung innerhalb der Tide und ein Austausch zwischen dem Liquor cerebrospinalis und allen anderen Körperflüssigkeiten – eine Transmutation zwischen den Dynamiken der Potency mit ihrem Lebensatem und der Vitalität aller lebendigen Gewebe und Flüssigkeiten im Körper. In diesem Moment findet eine Transmutation statt zwischen der Potency und ihrem sich sichtbar manifestierenden physiologischen Funktionieren im gesamten Körper.

Man kann die verschiedenen Arten der Fluktuationen (Tiden) des Liquor mit Hilfe von Palpation beobachten und man kann die Qualität der Tide eines jeden Menschen evaluieren. Ebenso ist es möglich, die Veränderungen wahrzunehmen, die geschehen, wenn die Tide hinunter zu ihrem Stillpunkt und durch ihn hindurch gebracht wird, sowie die therapeutische Reaktion im Primären Atemmechanismus und in der Körperphysiologie. Bei dieser Reaktion auf die Stille der Tide und die Transmutation gehen die Folgen weiter als beim einfachen Lösen einer somatischen Dysfunktion. Es kommt zu einem Loslassen, das eine Rückkehr zu gesundem Funktionieren initiiert. Kenntnis und Gebrauch der Tide des Liquor cerebrospinalis bieten ein gutes Beispiel dafür, wie man erreicht „[…] der innewohnenden physiologischen Funktion zu erlauben, ihre unfehlbare Potency zu entfalten, statt von außen blinde Kraft anzuwenden.“22

Wie Dr. A. T. Still in seiner Autobiografie bemerkt, hat er die Grundlagen der Wissenschaft der Osteopathie nicht erfunden – er hat sie entdeckt. Genauso erfand Dr. W. G. Sutherland das Kraniale Konzept nicht – er entdeckte seine grundlegenden Prinzipien. Er fand heraus, dass der Liquor cerebrospinalis sich mit dem austauscht, was er den Atem des Lebens nannte. Kontrolliert man die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, indem man ihn hinunter bringt zu einem relativen Stillpunkt, erfolgt sofort eine Transmutation, ein Austausch zwischen dem Höchsten Bekannten Element und dem Liquor cerebrospinalis. Durch diesen Austausch ergibt sich ein nährender Faktor, den man Funken und Bioenergie nennen kann, und ebenso weitere, erst noch zu entdeckende Faktoren, die zwischen dem Liquor cerebrospinalis und dem Zentralen Nervensystem, den Kapillaren des Plexus choroideus, und wo auch immer Liquor cerebrospinalis in der gesamten Körperphysiologie zu finden ist, wirken. Komplizierte, leblose Maschinerie – wie in einem Auto, einer Spülmaschine, einer Mondrakete – braucht einen Funken in ihren Systemen, damit sie startet und läuft. Biologische Systeme haben seit Jahrtausenden einen Funken und ein Bioenergie-System in ihre Mechanismen eingebaut. Dies ist keine esoterische oder religiöse Fantasie; es ist eine einfache, bioenergetische, physiologische Tatsache.

3.3. DIE FLUKTUATION DES LIQUOR CEREBROSPINALIS: IHRE NATUR UND IHR THERAPEUTISCHER GEBRAUCH

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1976 in einem Grundkurs der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Milwaukee, Wisconsin.

Wir sprechen hier über etwas, dass weit über unsere normale Erfahrung oder unser Denken heraus reicht. Daher weiß ich nicht so recht, wie ich anfangen soll, aber wir werden ins Thema eintauchen und sehen, wie wir zurechtkommen. In den frühen Jahren seines Unterrichtens gab Dr. Sutherland seinen Studenten keine Instruktionen, wie der Liquor cerebrospinalis zu nutzen sei, da er das Gefühl hatte, sie seien nicht bereit dafür. Aufgrund seiner 30-jährigen Erfahrung wusste er alles über den Liquor cerebrospinalis und nutzte ihn. Er nutzte ihn viele Jahre lang in seinem eigenen Geistes, in seinen eigenen Händen und in seinen eigenen Patienten. Seine Ausbilder ließ er jedoch erst ab etwa 1947 in den Kursen unterrichten, wie man den Liquor cerebrospinalis und den Fluid Drive nutzt. Daher meinten einige, er habe den Liquor cerebrospinalis erst 1947 entdeckt, was aber nicht stimmt.

Dr. Will Sutherland und ich kannten einander gut, und ich weiß, dass der Liquor cerebrospinalis ein integraler Bestandteil seines Wissens war – und zwar schon seit den allerersten Anfängen seiner Entwicklung der detaillierten Anatomie und Physiologie des Primären Atemmechanismus. Weil die Kursteilnehmer dieser ersten paar Jahre seiner Einschätzung nach einfach schon genug damit zu tun hatten, die Vorstellung zuzulassen, dass die kranialen Knochen sich bewegen, sah er zunächst davon ab, über den stimulierenden Faktor zu sprechen, der diese Knochen sich bewegen lässt. So ging er in der Arbeit mit uns schrittweise von außen nach innen: Er begann mit der knöchernen, gelenkigen Mobilität des Schädelskeletts, führte uns dann allmählich an die reziproke Spannungsmembran heran, die als eine Einheit funktioniert, um die Knochen zu verbinden und zu bewegen, und kam schließlich zur Motilität des Zentralen Nervensystems sowie zum Fluid Drive. Es ist völlig unmöglich, diesen Mechanismus in einzelne Funktionseinheiten zu unterteilen – so arbeitet er im Körper keinesfalls. Freilich hat er fünf Teile, so wie wir es unterrichten, aber er arbeitet als eine Einheit, als eine einzige Funktionseinheit. Dein gesamter Körper geht von Kopf bis Fuß in seiner unwillkürlichen Mobilität zehn Mal pro Minute in anatomisch-physiologische Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation – eine Mikromobilität durch das gesamte Funktionsmuster des ganzen Körpers hindurch.

Ich habe einen willkürlichen Körper, mit dem ich herumgehe, den ich sich schütteln oder sonst etwas tun lassen kann, was ich will. Und gleichzeitig, während ich das tue, während ich hier stehe, vollzieht sich diese unwillkürliche Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation im gesamten Mechanismus, der zu uns gehört.

Mögen uns auch ‚wissenschaftliche‘ Beweise fehlen, dass der Primäre Atemmechanismus für dieses ganze unwillkürliche System im gesamten Körper verantwortlich ist: Wir können dennoch kategorisch sagen – und diese Behauptung lässt sich definitiv aufstellen – dass dies die einzige Art ist, wie der Primäre Atemmechanismus arbeitet. Es gibt innerhalb des Primären Atemmechanismus keine Muskelarbeit oder sonstige will-kürlichen Mechanismen, die ihn zu dieser Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation veranlassen – dies ist wirklich die einzige Art und Weise, wie er arbeitet.

Es ist ein Mechanismus, und dies bedeutet, dass wir ihn auch als Mechanismus studieren müssen. Wir müssen die Knochen, die Hirnhäute, das Zentrale Nervensystem und den Liquor cerebrospinalis als Arbeitseinheiten studieren – als Arbeitseinheiten, die zu etwas gehören, das tut, was es tut, weil es dafür bestimmt wurde und weil das eben einfach die einzige Art und Weise ist, wie es funktionieren kann.

Meine Aufgabe ist es nun, über den Anteil des Liquor in diesem Mechanismus zu sprechen. Laut Dr. Sutherland ist der Liquor cerebrospinalis das primäre, grundlegende Prinzip im Primären Atemmechanismus. Nach Dr. A. T. Still ist er das Höchste Bekannte Element im menschlichen Körper, und es gibt weitere Stellen in seinen Schriften, die andeuten, dass da etwas anders ist als bei anderen Körperflüssigkeiten, dass es da etwas gibt im Liquor cerebrospinalis, das ein grundlegendes Gesetz ausdrückt.

Der Liquor ist ein Fluid Drive. Er fluktuiert und verändert sich und benötigt nicht das Einrollen und Ausrollen des Zentralen Nervensystems, damit er fluktuieren kann. Er fluktuiert, Punkt. Diese Tatsache muss man annehmen. Ich habe sie an dem Tag akzeptiert, als ich Will Sutherland sie aussprechen hörte. Ich nahm an, dass es wahr sei, und ich habe niemals einen gegenteiligen Beweis in meinen Patienten gefunden. Es ist mir eigentlich vollkommen egal, was ihn zum Fluid Drive macht – ich möchte ihn einfach arbeiten lassen – er ist ein Prinzip.

Der Liquor cerebrospinalis hat einen automatischen Fluid Drive, der Dinge geschehen lässt. Nach Dr. Sutherland ist sie mit einem Atem des Lebens gesegnet. Nun, was hat er damit gemeint? Das müsst ihr für euch selbst herausfinden. Sie besitzt einen unsichtbaren Funken, eine Potency, sie hat etwas, das es liebt, zum Fluid Drive zu werden. Sie hat etwas, was sie zu dem macht, was sie ist – zu einem ursächlichen Prinzip. Sie hat einen nährenden Anteil. Einen nährenden Anteil, der das gesamte Zentrale Nervensystem inklusive der zwölf Hirnnerven badet. Die Flüssigkeit umhüllt das gesamte Rückenmark und befindet sich auch in dessen Zentralkanal. Sie fließt durch die duralen Umhüllungen der Nerven hinaus und weiter am peripheren Nervensystem entlang sowie durch das periphere Nervensystem hindurch und durch die Ganglien, die die Verbindung zum vegetativen Nervensystem bilden, und badet und ernährt das vegetative Nervensystem. Beim Herausfließen wird sie schlussendlich ein Teil des lymphatischen Systems. Dies alles ist mit Hilfe von wissenschaftlichen Untersuchungen gezeigt worden. Wir haben also eine Resorption des Liquor cerebrospinalis nicht nur über die Granulationes arachnoidales (Pacchioni-Granulationen) in das venöse System, sondern auch in den gesamten lymphatischen Bereich des Körpers.23

Wir haben hier also etwas, das überall im lymphatischen System (der dritten Zirkulation des Körpers) präsent ist. Wir haben etwas, das in den wichtigsten Strukturen des menschlichen Lebens präsent ist – nämlich im Zentralen Nervensystem mit der Hypophyse, in der Hypothalamusachse des hormonellen Systems, in den physiologischen Zentren im Boden des vierten Ventrikels sowie in den zentralen vegetativen Strukturen – und sie auch umgibt. Wir haben einen nährenden Anteil, der etwas von diesem Funken oder diesem Lebensatem überträgt, etwas, was der Körper offensichtlich benötigt. Das zeigen auf jeden Fall meine Patienten und ich nutze es natürlich.

Als Beispiel dafür, wie sich dieses Prinzips des Liquor cerebrospinalis in der Behandlung nutzen lässt, möchte ich den Fall einer Patientin von mir anführen, die an chronischen Kopfschmerzen litt. Sie hatte einen langen, schmalen Extensionsschädel und auch sonst noch alles Mögliche. Am frappierendsten jedoch war ihr geradezu unglaubliches Torsionsmuster. Als ich den Test dafür durchführte und den Mechanismus anregte, in eine Torsion rechts zu gehen, drehte sie sich, bis ich das Gefühl hatte, ich wäre komplett mit herumgedreht worden. Als ich dagegen versuchte, eine Torsion links zu initiieren, stoppte es, bevor es überhaupt anfing. Nun, was ist das Resultat einer ausgeprägten Torsion wie dieser? Das Zentrale Nervensystem muss in eine Torsion verdreht sein und ebenso die reziproke Spannungsmembran und die knöchernen Elemente. Aufgrund der ausgeprägten Torsionsmechanik war der Aquaeductus sylvii dieser Patientin wie ein Schlauch verdreht und es fand kein guter Flüssigkeitsaustausch zwischen dem dritten und vierten Ventrikel statt. Wahrscheinlich hatte sie schon ihr ganzes Leben lang einen Torsionsmechanismus, aber dann war ihr etwas widerfahren: Sie war hingefallen, hatte sich verdreht, zu hart hingesetzt oder sonst irgendetwas und dadurch diesen Mechanismus in eine noch stärkere Torsion gebracht.

Um dies zu korrigieren, nahm ich sie in das Rechtstorionsmuster, verstärkte es, und wartete. Auf diese Art und Weise ließen wir den gesamten Mechanismus – den Fluid Drive, das motile Nervensystem und die reziproke Spannungsmembran – damit beginnen, dieses Torsionsmuster behandeln. Das Ende der an diesem Tag vorgenommenen Behandlung war der Zeitpunkt, als das Zentrale Nervensystem so ruhig wurde, dass es praktisch keine Bewegung mehr gab, als auch die reziproke Spannungsmembran so ruhig wurde, dass es praktisch keine Bewegung mehr gab, und als der Liquor cerebrospinalis ruhig wurde bis zu einem Punkt unendlicher Stille. Die Patientin ging also durch einen Stillpunkt für die Flüssigkeit, das Zentrale Nervensystem und die reziproke Spannungsmembran. In dem Stillpunkt begann ihr Kopf, sich bequem in einen Mechanismus zurück zu entspannen, der für sie stimmig war. Später, als ich sie wieder untersuchte, war sie immer noch in einem ausgeprägten Rechtstorsions-muster, aber jetzt konnte der Schlauch, der Aquaeductus sylvii, seine Aufgabe erfüllen. Er konnte die Flüssigkeiten wieder durchlassen und das war das Ende ihrer Kopfschmerzen. Was ich hierbei betonen möchte, ist, dass der Liquor cerebrospinalis von uns durch einen Stillpunkt gebracht werden musste, damit sie richtig funktionieren konnte – um die Korrektur zu bekommen.

Genau das Gleiche versuchen wir mit der CV4-Technik, also der Kompression des vierten Ventrikels, zu erreichen. Wir sind daran interessiert, dieses grundlegende Prinzip zu einem Punkt herunterzubringen, wo es sozusagen in sich den Gang ändern kann. In dem es dies tut, erfüllt es die Bedürfnisse der Physiologie des betreffenden Patienten. Es lässt seinen Potency-Faktor entstehen. Es tauscht sich mit den Körperflüssigkeiten aus. Bis zu den Lymphbahnen der Zehen hinunter klärt sich alles. Wenn wir es zu einem Stillpunkt hinunterbringen, kann es in all diesen Bereichen den Gang wechseln, und wir haben die komplette Physiologie beeinflusst.

Wenn wir über eine CV4-Technik (oder laterale Fluktuation) sprechen, sprechen wir über ein Steuern der Tide des Liquor cerebrospinalis zu dem Zweck, ihn hinunter und durch einen Stillpunkt zu bringen. Mit dieser Behandlungsart werden wir bei den verschiedenen Patienten unterschiedliche Reaktionen erfahren, und das gehört zu den Punkten, auf die ich euch hinweisen möchte. Wenn wir den Patienten durch diesen Stillpunkt bringen, werden wir das gesamte lymphatische System beeinflussen, so dass die Lymphbahnen automatisch Toxine, die durch sie hindurchfließen, entgiften können. Wir können ein Nervensystem nach einem nervösen Zusammenbruch wieder aufladen. Wenn man diese Techniken für den Liquor cerebrospinalis ausführt, um die Fluktuation zu einem Stillpunkt herunterzubringen, gibt man jedem kranken Gewebe die Chance, sich wieder aufzuladen.

Meningitis: Die CV4-Technik hat einen Effekt auf den Zustand nach einer Meningitis oder Enzephalitis. Neulich erst behandelte ich einen Mann, der vor dreißig Jahren eine Meningoenzephalitis hatte und nun an allen möglichen Symptomen litt.

Ich fasste seinen Mechanismus an, um ihn zu testen, und seine Hirnhäute fühlten sich an, als seien sie so dick wie nasser Karton, uns sie hatten in etwa auch so eine Tonusqualität – die Hirnhäute waren krank. Ich behandelte ihn wöchentlich über einen Zeitraum von vier bis fünf Monaten, wobei ich als Annäherungsmethode stets die CV4-Technik anwendete (wir machten es über die Ossa parietalia und nicht über das Supraokziput). Jedes Mal wenn er kam, gingen wir durch einen Stillpunkt, und allmählich, nach einiger Zeit, begannen die Hirnhäute, ihre Abfallprodukte zu resorbieren und wurden dünner. Sie hörten auf, sich wie nasser Karton anzufühlen, und wurden zu nassem Papier. dann entwickelten sie etwas Tonusqualität, und schließlich war es so weit. Eines Tages kam der Mann zur Behandlung und sagte: „Ich weiß nicht, was, aber etwas ist nach der letzten Behandlung auf dem Nachhauseweg passiert; ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht so gut gefühlt.“ Ich fasste ihn an, um meinen Befund zu machen; und er hatte alle notwendigen Korrekturen durchgeführt. Die Hirnhäute hatten ihre Tonusqualität wieder und er war so weit: Wir konnten ihn rausschmeißen. In solchen Fällen chronischer Hirnhautveränderung werdet ihr also feststellen, dass sich die Tonusqualität der Meningen verändert hat. Nutzt dann die Tide des Liquor cerebrospinalis als Korrekturmethode.

Sowohl bei akuter als auch chronischer Meningoenzephalitis besteht das klinische Problem in gestörten und schwer irritierten Hirnhäuten. Im akuten, hochgradig entzündeten Zustand haben sie die Tonusqualität von nassem Kleenex und im chronischen Zustand die Qualität von dickem, nassem Karton. Stellt euch vor, ich hätte auch eine kraniale Dysfunktion bei diesem Patienten gefunden und versucht, eine Korrektur einer membranös-gelenkigen Verbindung hinzubekommen. Vergesst es. Kranke Membranen korrigieren sich nicht gut, sie können es nicht. Es gibt keine Tonusqualität in dieser reziproken Spannungsmembran; sie ist schon da, ja – aber sie funktioniert nicht.

So wird eure CV4-Technik als ein regulärer Teil eurer Behandlung über einen Zeitraum von mehreren Wochen oder Monaten, abhängig von der Chronizität des Problems, allmählich die gesamte Qualität des Tonus, die Funktion der reziproken Spannungsmembran und die normale Spannung und Dicke wiederherstellen. Wenn dies korrigiert ist, bekommt ihr anschließend nicht nur bessere weitere Korrekturen, sondern macht aus den Patienten auch wieder lebendige Menschen.

In heftigen Fällen fragen die Patienten immer, wie lang es dauern werde. Ich sage ihnen dann: „Vergessen Sie, wie lange es dauern wird. Wir werden dranbleiben, bis Sie meiner müde sind und ich Ihrer, und es wird in den ersten sechs Monaten keine spürbare Veränderung geben. Wenn Sie das nicht mitmachen wollen, brauchen wir gar nicht anzufangen.“ Unter diesen Umständen lässt sich dann vielleicht einer von dreien auf die Behandlung ein. Aber der bekommt auch Resultate.

Nervöser Zusammenbruch: Es gibt Menschen mit einem totalen Nervenzusammenbruch zu uns kommen – und ich spreche hier nicht über psychosomatische Fälle – ich spreche über Menschen, die physiologisch einen nervösen Zusammenbruch erlitten haben. Man fasst ihren Mechanismus an und spürt, dass sie überhaupt keine elektrische Ladung haben. Sie kommen kaum auf 20 Volt (und sollten doch auf 110 Volt sein) – ein krankes Nervensystem eben. Sie hatten einen nervösen Zusammenbruch und ihr Mechanismus ist schwach, müde, läuft mit niedriger Energie. Das ist chronisch, es ist schon seit Jahren so; manche Monate waren besser und andere waren schlechter, aber es ist ein lausiger Mechanismus. Das Nervensystem ist krank. Es hat keine Ladung.

Was lädt diese Menschen wieder auf? Wöchentlich einmal eine CV4-Technik, und zwar so lange wie bei einer Behandlung rheumatoider Arthritis – also sechs bis zwölf Monate. Man muss ihnen sagen „Sie werden sich einige Zeit noch nicht besser fühlen, und ich werde nicht versuchen, Ihnen zu beweisen, dass es aufwärts geht. Der Mechanismus muss uns beiden beweisen, dass Sie es Ihnen besser geht.“ Plötzlich, nach zwei bis drei Monaten, fühlt es sich nicht wie 20, sondern wie 25 Volt an. Wenn die Patienten das nächste Mal kommen, fällt es wieder auf 23 zurück und steigt dann auf 27. Später kommen sie, und das Ding ist dabei, sich aufzuladen. Und schließlich kommen sie eines Tages in die Praxis (die Korrekturen finden normalerweise zwischen den Behandlungen statt, nicht während der Patient auf der Behandlungsbank liegt), man legt seine Hand an den Mechanismus und er sagt: „110 Volt – wirf sie raus.“ Also tu ich das, und das ist das Ende des nervösen Zusammenbruchs.

Ich hatte eine Patientin, bei der es genauso ablief, wie ich es euch beschreibe, nur dass sie zufällig gerade zur Behandlung in der Praxis war, als sie die letzte große Korrektur machte. Es war intensiv: Sie drohte, von der Behandlungsbank zu springen und mich zu prügeln, weil sie nicht mochte, was geschah. Was sie in diesem Moment der Veränderung spürte, war genau das Gleiche, was sie über eine Reihe von Jahren sechs oder sieben Mal gefühlt hatte – immer genau zu dem Zeitpunkt, bevor sie wieder ins Krankenhaus musste. Sie hätte diese Korrektur zwischen den Behandlungen machen können, aber so war es nicht. Zufälligerweise machte sie sie, als sie in der Praxis war, und so konnte ich es beobachten. Wichtig ist, dass wann immer so eine Korrektur stattfindet, man das nächste Mal, wenn der Patient in die Praxis kommt, weiß, dass es seinem Mechanismus gut geht. Dann sage ich: „Behandlung beendet.“ Diese Patientin also erlebte danach den Tod ihres Ehemannes und zwei oder drei andere Erfahrungen, die sonst zu einem Krankenhausaufenthalt geführt hätten, und war davon nicht über den normalen Umfang hinaus beeinträchtigt. Sie hatte ihre volle elektrische Ladung von 110 Volt aufrechterhalten und kam mit dem Leben zurecht.

Wir wählen also einen physiologischen Ansatz bei einigen dieser Menschen, die wirklich einen physiologischen Nervenzusammenbruch haben. Es gibt irgendetwas, was diesen Zusammenbruch ausgelöst hat – keine Krankheit, ich weiß nicht was – etwas hat ihn ausgelöst, aber eine Wiederherstellung ist möglich.

Wenn ihr einen Patienten mit vielen Problemen habt und er leidet bis zu einem gewissen Grad unter chronischen Einschränkungen, die Hilfe notwendig machen, bezieht alle im Patienten vorhandenen Faktoren mit ein. Auch wenn zu seiner schlimmen Anamnese eine Menge Unfälle oder viele Erkrankungen gehören, und mögen die auch in der frühen Kindheit geschehen ist: Nehmt all diese Faktoren in euren Tastsinn mit auf, so dass ihr beim Lesen dieser Gewebe innerhalb der Toleranzzone bleibt, die an diesem speziellen Tag für Diagnose und Behandlung zur Verfügung steht. Diese Probleme existieren schon seit Langem – es macht also keinen Sinn, heranzustürmen und eure wunderbaren Entdeckungen auf die Patienten zu projizieren und für sie noch mehr Probleme zu schaffen, als sie ohnehin schon haben. Bleibt innerhalb der Toleranzschwelle von kranken oder vielfach traumatisierten Menschen, wenn ihr euer Behandlungsprogramm startet, und lasst zu, dass sich die Dinge mit der Zeit entwickeln können. Das ist viel erfolgversprechender und macht wesentlich mehr Spaß.

Rheumatoide Arthritis: Ich gehe davon aus, dass all meine Patienten mit rheumatoider Arthritis auch anderen Ärzte konsultieren. Mich suchen sie auf wegen der Dinge, die ich über die Wissenschaft des menschlichen Körpers weiß, und das bekommen sie von mir, so gut wie ich es vermag. Meine Patienten mit rheumatoider Arthritis behandle ich mit der CV4-Technik, Punkt. Techniken, bei denen man mit den einzelnen Gelenken arbeitet usw., verwende ich nicht. Für mich ist rheumatoide Arthritis eine Erkrankung des Bindegewebes, des Kollagens, vom Kopf oben bis zu den Fußsohlen. Überall gibt es eine Stase. Angenommen, ihr wollt eine Methode, mit der ihr das komplette Kollagen-System auf direkteste und schnellste Art und Weise beeinflussen und in ihm den Wunsch verankern könnt, alle seine Flüssigkeiten und Zellen auszutauschen, damit es so sein kann, wie es wirklich sein soll, und zwar von Kopf bis Fuß, auch in all den kranken Gelenken. Was für eine Art physiologischer Medizin würdet ihr dann anwenden? Eine CV4-Technik, Punkt.

3.4. ARBEITEN MIT DEM LIQUOR CEREBROSPINALIS

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1976 im Rahmen eines Fortgeschrittenen-Kurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Milwaukee, Wisconsin.

CV4-TECHNIK (KOMPRESSION DES VIERTEN VENTRIKELS)

Der Kontakt eurer Hände sollte an den lateralen Seiten des Supraokziputs sein, medial der Sutura occipitomastoidea. Dann wenden wir eine feinfühlige Kompression in diesen Bereichen an, um sanft die Flüssigkeit, das Gehirn, die reziproke Spannungsmembran, also alles im Bereich unterhalb des Tentorium cerebelli, zu komprimieren. Wir komprimieren leicht und verlangsamen die Motilität des Zentralen Nervensystems. Wir verlangsamen die Bewegung der reziproken Spannungsmembran, wir verlangsamen die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis und wir verlangsamen die Mobilität des kranialen Gelenkmechanismus, bis die Tide des Liquor cerebrospinalis durch ihren Stillpunkt geht.

Wenn man eine Behandlung vornimmt, darf man nicht über das Golfspiel nächste Woche nachdenken. Man muss sich konzentrieren und spüren, was innerhalb dieses Fluid Drive geschieht, wenn man damit arbeitet und ihn auf intelligente Weise nutzt. Er besitzt Intelligenz; fügt eure eigene dazu und bleibt während des gesamten Behandlungsprogramms dran – bleibt in Kontakt. Dies macht die Korrektur für den Patienten viel sicherer und verhindert Behandlungsreaktionen.

Mit einer CV4-Technik als zusätzliche Behandlung kann man bei Patienten mit rheumatoider Arthritis wunderbare Resultate erzielen. Aber man muss dasitzen und eine CV4-Technik bei ihnen durchführen, und das kann eine Herausforderung sein. Fälle mit rheumatoider Arthritis sind vom Kopf bis zu den Fußsohlen krank. Jedes Bindegewebe in ihren Körpern sagt: „Ich bin voll von Melasse, die so zäh ist, wie im Januar; und wenn du denkst, dass ich mich für dich ändere, hast du Pech.“ Mischt euch bei Patienten mit rheumatoider Arthritis nicht in ihre Medikation ein. Ich gebe ihnen lediglich jede Woche eine CV4-Technik. Bei einem neuen Patienten mit rheumatoider Arthritis kann es lange dauern, wenn man an diesem Supraokziput sitzt, bis man die Tide des Liquor cerebrospinalis hinunter zu einem Stillpunkt bringt. In jedem Körpergewebe gibt es Ärger, in allen Faszien, in allen Lymphbahnen des Körpers. Ich mache also nicht nur eine CV4-Technik im Bereich des vierten Ventrikels, ich mache eine CV4-Technik, die das gesamte Muster des Liquor cerebrospinalis im ganzen Körper beeinflusst.

In einem Fall musste ich 45 Minuten sitzen und warten, bis diese Flüssigkeit in einen Stillpunkt und durch ihn hindurch kam, bevor dieses Supraokziput heiß wurde. Als der Patient das nächste Mal wiederkam, dauerte es lediglich 40 Minuten, und das nächste Mal nur noch 30. Wir bewegten uns also in die richtige Richtung. In ungefähr sechs bis zwölf Monaten wird es die normalen sieben Minuten dauern, und der Patient wird lebendig sein. Er wird immer noch rheumatoide Arthritis haben – das ist nicht der Punkt. Aber er wird wieder lebendig sein.

Betonen möchte ich hier, dass die CV4-Technik eine lebendige Behandlung ist. Man muss die Qualität der Flüssigkeit im Mechanismus lesen und die Qualität der Gewebe. Bei einer CV4-Technik geht es nicht einfach um eine Routine, bei der man seine Hände anlegt, etwas macht, und dann passiert’s. Ihr müsst wirklich die Qualität des gesamten Mechanismus lesen, wenn ihr eine CV4-Technik anwendet.

Wie viel Druck ihr am Supraokziput ausübt, ist von Patient zu Patient und von Behandlung zu Behandlung unterschiedlich – manche sind zäher und manche sind sanfter. Ihr könnt Überreaktionen bekommen, wenn ihr eine CV4-Technik am Supraokziput macht, besonders wenn der Patient eine Dysfunktion im okzipitomastoidalen Bereich hat – egal ob diese Dysfunktion seit 25 Jahren oder 25 Minuten existiert. Diese Patienten haben auf der Seite der Dysfunktion bereits eine Kompression des Supraokziputs in Relation zum Os temporale – und jetzt komprimiert ihr es noch mehr. Dysfunktionen im okzipitomastoidalen Bereich sind berüchtigt dafür, Überreaktionen auszulösen. Man kann wirklich ein Problem bekommen, wenn man eine CV4-Technik im Bereich einer okzipitomastoidalen Dysfunktion macht und dabei von beiden Seiten des Supraokziputs aufs Geratewohl die gleiche Kraft anwendet.

Ich möchte euch einen kleinen Tipp geben – es ist jedoch bei jedem Patienten unterschiedlich, und wird nicht bei jedem so funktionieren, wie ich es beschreibe. Ihr werdet es je nach der Qualität und Erfordernis auf jeden Patienten anpassen müssen. Hier also mein Tipp: Da dieses Supraokziput bereits nach oben in das Os temporale hineingetrieben worden ist, hat es auf dieser Seite schon die Kompression, die man durch eine CV4-Technik erreichen möchte. Daher gibt man der Seite, wo das Supraokziput die okzipitomastoidale Dysfunktion hat, lediglich Unterstützung und wendet auf der anderen Seite eine Kompression an, bis man die Tide des Liquor cerebrospinalis hinunterbringen kann zu einem Stillpunkt für die CV4-Technik. Auf diese Weise lässt man die okzipitomastoidale Dysfunktion für sich arbeiten. Man komprimiert nur die gegenüberliegende Seite der Sache, bis das Ganze durch seinen Stillpunkt geht. Man wendet keinen gleichmäßigen Druck auf beiden Seiten an und vermeidet so eine Überreaktion. Das ist aber nur ein Vorschlag.

Patienten mit einem Extensionsmuster des Schädels müssen auch besonders vorsichtig behandelt werden. Wenn man sie in eine Extension zwingt, haben sie eine Tendenz, auch nach der CV4-Technik in Extension zu bleiben. Sie klagen dann über Depression und geringe Energie. Um dies bei der Anwendung der CV4-Technik zu vermeiden, komprimiert man das Supraokziput auf neutrale Art und Weise – man zieht es nicht zurück in Extension. Bei diesen Extensionstypen sollte der Behandler sichergehen, dass Okziput und Ossa temporalia des Patienten nach der Anwendung der CV4-Technik wieder vollständig in Flexion/Außenrotation gehen können. Um diese Expansion zu unterstützen, kann man den Patienten einige tiefe Atemzüge nehmen lassen.

Man kann den Vorgang bei der CV4-Technik intensivieren, indem man den Patienten ausatmen und ihn den Atem so lange wie möglich anhalten lässt oder indem man ihn die Füße strecken lässt, wodurch die Basis des Os Sakrum und das Os occipitale zur einer Extensionsbewegung angeregt werden – alles, was die existierende Fluktuation zurückhält und verlangsamt. Allmählich beruhigen sich die Dinge, während wir weiterhin beobachten, und dann, innerhalb von drei bis sieben Minuten, gibt es innerhalb des Musters der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis eine plötzliche Veränderung, die geschieht, wenn es bereit ist. Danach können wir verschiedene klinische Folgen beobachten, an denen sich ablesen lässt, dass etwas geschehen ist. Wir können ein Gefühl von Wärme feststellen, einen ‚Leerlauf ‘ der sekundären Atmung oder manchmal ein leichtes Schwitzen auf der Stirn oder Haut. Es gibt eine ganze Reihe von klinischen Folgen, die uns zeigen, dass etwas geschehen ist.

Statt vom Supraokziput kann man die CV4-Technik auch von den Ossa parietalia aus durchführen, indem man von einem Kontakt an den Ossa parietalia aus sanft die Innenrotation ermutigt und auf diese Weise die Fluktuation in die Stille bringt – wobei die Aufmerksamkeit dem Flüssigkeitskörper des Liquor in den Seitenventrikeln gilt. Hier gibt es jedoch schrecklich viel Flüssigkeit und ihr habt vielleicht nicht so viel Kontrolle wie unten am vierten Ventrikel und am Supraokziput.

Es ist wichtig zu wissen, dass sich diese Behandlung auch noch vom Sakrum aus durchführen lässt. Man bringt das Sakrum in seine Extensionsphasen-Position und hält es, bis man die Reaktion des Liquor spürt, die darin besteht, dass er still wird und zu einem Punkt kommt, wo er sein inneres Fulkrum verändert. Diese Annäherung vom Sakrum aus wird in allen Fällen benutzt, wo man am Kranium ein derart starkes Trauma vermutet, dass man sich dort nicht ran wagt, trotzdem aber etwas Therapeutisches für den Patienten tun möchte. Wir wissen, dass es, wenn wir den Liquor in die Stille bringen, zu einem Austausch der Flüssigkeitsbalance kommt; die vitalen, physiologischen Zentren werden stimuliert; die Spannung in den Intrazellulärräumen der Faszien und Ligamente wird modifiziert; eine Immunantwort wird angeregt – es geschieht sehr viel. Wenn wir also den Liquor cerebrospinalis über eine Annäherung am Sakrum in die Stille bringen, können wir viel Gutes bewirken ohne uns zu sorgen, dass wir vielleicht bei einer potenziellen Schädelfraktur oder irgendeiner anderen traumatischen Verletzung zusätzlich Probleme erzeugen.

LATERALE FLUKTUATION

Wir besitzen eine Technik, mit der wir eine laterale Fluktuation schaffen. Dabei fassen wir die Ossa temporalia in der Weise an, wie wir es auch zum Befunden ihrer Bewegung tun: Unsere Hände liegen unter dem Schädel mit den Daumen entlang den Proc. mastoidei und den Mastoid-Anteilen; unsere Finger befinden sich unter dem Nacken. Wenn wir dann unsere Finger, unsere Mittelfinger, sehr sachte rollen, werden wir automatisch ein Os temporale sanft in die Außenrotation und das andere in die Innenrotation drehen, und der Flüssigkeitskörper des Liquor wird ein Fluktuationsmuster starten, das von einer Seite zur andern fluktuiert. Dabei rollen wir unsere Mittelfinger wie gesagt kaum, nur bis wir diese laterale Fluktuation spüren, die sich herüber bewegt und auf der anderen Seite anschwillt. Sobald wir spüren, dass sich diese Sache von einer Seite zur andern bewegt, verringern wir das Ausmaß unserer Rollbewegung, so dass wir sie zurückhalten. Wir haben etwas gestartet, und nun fangen wir an, es zurückzuhalten, es allmählich zu verlangsamen. Anders ausgedrückt: Die Flüssigkeit will da hinüber, aber wir erlauben ihr das nicht ganz, wir beginnen sie zurückzubringen. Ganz allmählich verlangsamen wir diese Fluktuation, bis es zu einer Veränderung im Fulkrum innerhalb des Liquor kommt. Auf diese Art und Weise durchgeführt ist es eine beruhigende Sache. Es beruhigt potenzielle Überreaktionen nach einer Behandlung. Die laterale Fluktuation zu verstehen und in der Praxis zu gebrauchen, ist wichtig.

Auch wenn wir einen Patienten haben, der dringend einen Energiefluss braucht– in Fällen wo der Flüssigkeitsmechanismus des Liquor im Körper sich halb tot anfühlt, nichts geschieht –, können wir die eben beschriebene Technik der lateralen Fluktuation benutzen, um ihn anzuregen, zum Starten zu bringen und aktiver zu machen. In diesem Falle ist es jedoch immer weise, mit viel Sensibilität zu erspüren, in welchem Maße er angeregt werden sollte. Wenn man ihn lediglich anregt und den Patienten dann von der Behandlungsbank aufstehen lässt, ist es wahrscheinlich, dass man ihn in einem Zustand gebracht hat, wo er sich betrunken fühlt. Wir wollen aber einen Effekt auf seine Energie haben, indem wir einen neuen Austausch im System schaffen; nachdem man den Liquor cerebrospinalis angeregt hat, bringt man ihn zu einem Stillpunkt herunter, so dass die Veränderung im Fulkrum innerhalb des Liquor die wohltuenden Notwendigkeiten, die man durch die Anregung stimuliert hat, korrekt verteilt.

3.5. DER LIQUOR CEREBROSPINALIS – EIN MECHANISMUS

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1986 während eines Grundkurses der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania.

Wir als Individuen leben ein Leben voller willkürlicher und unwillkürlicher Mechanismen. Es gibt Millionen von verschiedenen Mechanismen innerhalb der gesamten Körperphysiologie des Patienten. Unser willkürlicher Mechanismus erlaubt uns, alles zu tun – vom Joggen bis hin zum ruhigen Schlafen. Dieser Aktionsmechanismus ist in jedem Individuum unterschiedlich, abhängig von seiner gesamten Lebensqualität.

Auf der anderen Seite gibt es den ruhigen Primären Atemmechanismus – eine vollkommen unwillkürliche Einheit von Funktion, Physiologie, Aktivität und Lebendigkeit, die uns einen aktiven, lebendigen, willkürlichen Mechanismus sein lässt. Wir verschwenden keinen Gedanken an die Veränderungen, die in der Funktion innerhalb der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis und des Primären Atemmechanismus geschehen – es gibt sie einfach. Wir akzeptieren das Leben so, wie es ist. Wir nehmen die Tatsache an, dass unser Mechanismus arbeitet – wir denken darüber nicht nach. Wenn wir uns treffen und darüber sprechen, wird es zum Gesprächsthema – aber normalerweise verschwenden wir keinen Gedanken daran, dass wir ein Primärer Atemmechanismus sind. Der unwillkürliche Mechanismus ist die Sache, die uns lebendig erhält und als eine Manifestation des Lebens funktioniert.

Die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis ist ein Teil des Primären Atemmechanismus, zu dem auch die Motilität des Zentralen Nerven-systems und die Mobilität der reziproken Spannungsmembran, der Schädelknochen und des Os sacrum gehören. Wir können keinen von ihnen abtrennen – sie alle bilden eine Einheit. Jedes Trauma oder jede Krankheit, die irgendeinen Teil des Körpers betrifft, wird einen Effekt auf den Primären Atemmechanismus haben; und jede Wiederherstellung in Richtung Gesundheit, jede Korrektur einer Dysfunktion innerhalb des willkürlichen Mechanismus im Körper, muss eine Verbesserung der Funktion des Primären Atemmechanismus mit einschließen – es ist eine Funktionseinheit. Und ebenso ist es ein Mechanismus. Der Fluid Drive ist ein Mechanismus. Das Wasser im zuführenden Rohr einer Turbine ist ein Mechanismus, die Tide im Ozean ist ein Mechanismus, die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis ist ein Mechanismus, und sogar die Potency innerhalb dieses Liquor ist ein Mechanismus. Sowohl willkürliche als auch unwillkürliche Mechanismen sind eine Angelegenheit von Leben und Funktion. Auch wenn wir die rhythmisch wiegende Fluktuation des Liquor cerebrospinalis prüfen, sehen wir einen Mechanismus. Wir studieren diese Mechanismen und lernen, wie sie im gesunden Zustand funktionieren, und wie wir unsere Patienten zurück zur Gesundheit führen können. In aller Stille sind wir in Kontakt mit dem Primären Atemmechanismus, der uns bei unserer Korrektur hilft und die Sache zurück in die Normalität bringt.

Innerhalb der Körperphysiologie und innerhalb des Liquor cerebrospinalis gibt es verschiedene Tiden. Am leichtesten findet man die longitudinale, 8–12 Zyklen pro Minute durchlaufende Tide des Liquor cerebrospinalis. Es ist wie in einem Ozean. Allerdings bewegt sich dort die Tide nur zwei Mal am Tag herein und wieder hinaus, während es in unseren körpereigenen Mechanismen einen grundlegenden Rhythmus von 8–12 Zyklen pro Minute gibt. Den Begriff ‚Tide‘ benutzen wir einfach, um die Vorstellung in unseren Kopf zu bekommen, dass eine rhythmische Bewegung hinein und heraus stattfindet. Diese tidenartige Bewegung des Liquor cerebrospinalis ist ein Mechanismus, der ständig in Bewegung ist. Wir sagen dazu Fluid Drive.

Mit der longitudinalen Tide bewegt sich alles im Körper rhythmisch 8–12 Mal pro Minute in eine einfache Flexion und Extension, wenn es sich um eine Struktur der Mittellinie handelt, und in eine Außen- und Innenrotation, wenn es sich um eine paarige Struktur handelt. Die Gesamtheit der Körperzellen – also die Zellen des Herzens, der Lungen, der knöchernen Strukturen, alles, die ganze Sache als eine Funktionseinheit – geht das gesamte Leben hindurch in einen leichten Rhythmus von Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation. Die longitudinale, also vom Kopf bis zu den Füßen reichende Tide ist in uns immer oder fast immer vorhanden und lässt sich deshalb normalerweise auch am ehesten finden, wenn wir unsere Hände an einen Patienten legen.

Es gibt laterale Fluktuationen, bei denen sich der Liquor cerebrospinalis zusammen mit den gesamten Körpereinheiten rhythmisch von einer Seite zur anderen bewegt. Dieser Typ von Muster lässt sich, falls erforderlich, in unseren Patienten induzieren. Er kann aber auch spontan erscheinen und wird dann als laterale Fluktuation palpiert und diagnostiziert. Daneben gibt es spiralförmige Fluktuationen. Dies sind kleine Strudel, die sich – vielleicht in verschiedenen Bereichen des Zentralen Nervensystems – einrollen und ausrollen.

Ich spreche zu euch über Dinge, die von jedem Behandler beobachtet werden können, der den Mechanismus versteht und mit Hilfe seiner palpatorischen Fähigkeiten das zu lesen lernt, was vom Patienten kommt. Die laterale Tide ist wie die longitudinale relativ leicht zu finden; beide sind groß und der gesamte Körper bewegt sich mit ihnen. Die spiralförmigen Tiden sind dagegen wie diese kleinen Tiere, die den Strand entlang krabbeln, oder wie die Spiralen, die das hin und her wehende Seegras nahe der Küste manchmal bildet. Sie sind nicht laut und offensichtlich. Solche spiralförmigen Tiden deuten möglicherweise auf eine gerade stattfindende lokale Veränderung hin.

Und dann gibt es noch das, was ich ‚Unterströmungen‘24 nenne. Eine ‚Unterströmung‘ ist eine Tide, die vom Behandler genutzt werden kann, um eine Veränderung zu bewirken, als Motivation für den existierenden Tidenmechanismus des Patienten sein Funktionsmuster zu ändern. Indem man sie nutzt, kann man den Tidenmechanismus im Patienten etwas modifizieren. Lässt man den Patienten in Rückenlage seine Füße in Dorsiflexion bringen, veranlasst dies den Mechanismus der gesamten Körpereinheit, in Flexion zu gehen. Wird dann, während der Patient seine Füße in Dorsiflexion hält, eine laterale Fluktuation induziert, haben wir ziemlich bald zwei Tiden, die im Körper arbeiten: eine longitudinale und darüber die laterale. Selbstverständlich geschieht all dies unter der Kontrolle eines Behandlers, der das sanfte Arbeiten mit dem Mechanismus gelernt hat und die Fluktuation langsam induzieren kann, wobei er liest, was er sorgfältig palpiert, und diese Dinge innerhalb des Patienten geschehen lässt. Probiert das aus und versucht dann selbst herauszufinden, warum ihr es vielleicht anwenden wollt.

Es gibt eine weitere Tide, die, denke ich, aus dem Weltall zu mir kam. Ich hatte einen Patienten mit einem recht ernsthaften, weitreichenden, komplizierten Problem. Ich versuchte ruhig, diesen Fluid Drive zu lesen, und arbeitete dabei innerhalb der Körperphysiologie dieses Patienten. Plötzlich wurde mir die Tatsache bewusst, dass eine größere Tide da war, und zwar parallel zu der, die 8 Zyklen pro Minute vollzog. Hier war eine große Tide, die sich anfühlte als käme sie von irgendwo her herein, und sie expandierte, stoppte, expandierte, stoppte, expandierte, stoppte. Es dauerte volle anderthalb Minuten, bis diese größere Tide hereingekommen und ein Teil der Körperphysiologie des Patienten war, und dann floss sie genauso langsam ab, wie sie hereingekommen war. Woher sie kam und wohin sie ging, weiß ich nicht, aber ihr Einfluss veränderte offensichtlich die Nährstoffversorgung einer jeden Körperzelle dahin gehend, dass sie etwas tat. Für den betreffenden Patienten war diese ernährende Versorgung sicherlich hilfreich, denn die klinische Reaktion zeigte eine Verbesserung in den dysfunktionalen Gebieten.

Seit jenem ersten Erscheinen habe ich diese lange Tide ab und zu beobachtet. Sie ist nicht etwas, was man macht oder wonach man sucht, aber wenn man osteopathische Behandlungen mit Hilfe des Primären Atemmechanismus gibt, kann sie auftauchen. Als sie zum ersten Mal erschien, arbeitete ich gerade ruhig mit etwas, das ruhige Unterstützung brauchte. Sie erscheint nur dann, wenn sie gebraucht wird und du zufälligerweise still genug bist und der Patient still genug ist, dass sie auftauchen kann. Es ist nicht notwendig, sie herbei zu befehlen.

Die Qualität der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis kann auch bei einer Diagnose genutzt werden. Lege dafür einfach ruhig deine Hände an den Patienten und frage dich: Fühlt sich dieser Mechanismus der Tidenbewegung lebendig an oder müde? Man lernt dies zu beurteilen, indem man das im Laufe eines Tages bei mehreren Patienten Erspürte vergleicht. Wie immer die Geschwindigkeit des Zyklus auch sein mag – frage: Was ist die Qualität dieser Tide? Fühlt sie sich lebendig an? Wenn man auf eine stößt, die keinen besonderen Schwung hat, sich also nicht so anfühlt, wie es sein sollte, kann man das als einen Referenzpunkt nutzen für das, was man in der Behandlungsphase tun wird.

Ein Patient, der einen müden Primären Atemmechanismus aufweist, messbar anhand der Qualität der Tide und des Funktionierens der unwillkürlichen Körpereinheiten, hat nicht die Energie, um größere Korrekturen durchzuführen. Manchmal halten die Resultate nicht an, weil nicht genug Lebensqualität verfügbar ist, um sie nach deiner korrigierenden Behandlung weiter funktionieren zu lassen. Man lernt also, innerhalb des Rahmens der Tidenvitalität im Patienten zu arbeiten, der Vitalität des Primären Atemmechanismus. Lernt, innerhalb dieses Referenzrahmens zu arbeiten, und die Korrekturen, die ihr durchführt, werden euch eher zufriedenstellen und für den Patienten sicher mehr bewirken.

Wenn ihr einen Befund bei einer Patientin macht, legt zuerst eure Hände an und versucht in aller Ruhe, ein Gespür dafür zu bekommen, wie sie sich als unwillkürliche Einheit anfühlt. Wie reagiert sie, was ist ihre Antwort? Wenn ihr nun einen Eindruck von der gesamten Patientin habt, legt eine Hand unter den Bereich, wo ihre Beschwerden sind. Im Falle eines Psoas-Spasmus, legt ihr eine Hand unter diesen spastischen Lumbalbereich und die andere Hand auf das Abdomen darüber, so dass das Problem zwischen euren Händen liegt. Nun spürt nach diesem unwillkürlichen Tiden-Mechanismus des Liquor cerebrospinalis, den ihr schon im gesamten Körper gefühlt habt. Fühlt er sich in diesem Bereich der Dysfunktion gleich an? Nein, er ist eingeschränkt, es gibt so viel Behinderung, die das Fluktuationsmuster stört. Man stellt fest, dass man nicht die gleiche Vitalität wie in der gesamten Person fühlt. Merkt euch, wie sich diese Dysfunktion anfühlt.

Jetzt macht ihr eure Behandlung. Ihr gebt der Patientin eine für diesen Tag und dieses besondere Problem passende Behandlung. Was für eine Technik ihr benutzt, spielt keine Rolle. Wenn ihr mit der Behandlung fertig seid und denkt, ihr habt eure Korrektur oder was auch immer gemacht, legt eure Hand wieder unter diesen Lumbalbereich und spürt nach der gleichen Tide, die ihr zuerst im ganzen Körper gespürt habt. Wenn ihr dann merkt, dass der eben behandelte Lumbalbereich die unwillkürliche Bewegung besser ausdrücken kann, bedeutet dies, dass eure Behandlung des Lumbal-Spasmus wirklich korrigierende Resultate erbracht hat, denn der ‚Boss‘ , der gesamte unwillkürliche Mechanismus, ist jetzt auch lokal in diesem Bereich anwesend. Man kann das fühlen, es ist geschehen, etwas ist los.

Wenn ihr jedoch zu diesem Bereich zurückgeht, wieder untersucht und das gleiche Gefühl von Stase findet wie vor der Behandlung der Patientin, kann ich euch garantieren, dass ihr nicht viel erreicht habt. Schon wenn sie die Praxis verlässt, wird sie wieder bei den gleichen Beschwerden angelangt sein, mit denen sie hereingekommen ist. Diese Tide lässt sich also als ein kleiner, unsichtbarer diagnostischer Anhaltspunkt verwenden. Wir können diesen schweigenden, unwillkürlichen Mechanismus als einen Hinweis nutzen, der uns bei unseren Behandlungsprogrammen für den restlichen Körper führt.

Fragt euch bei jedem Patienten still: Wie ist die Qualität dieser primären Lebensfunktion in diesem Patienten? Wie ist die Qualität in den gesunden Bereichen, wie ist sie im Bereich der Dysfunktion, wie ist sie vor und nach jedem Praxisbesuch? Wenn ihr mit den Stressmustern und Dysfunktionen eurer Patienten arbeitet, seid euch auf ruhige Weise immer der Tatsache bewusst, dass dieses Fluktuationsmuster, diese gesamte Einheit, ständig euer stiller Partner ist und euch hilft, korrigierende Veränderungen in den Dysfunktionsbereichen zu bewirken; denn euer Ziel für diesen Patienten ist es, Gesundheit wiederherzustellen. Die Patienten sind nicht nur da, damit ihre Dysfunktion geknackt oder korrigiert wird. Sie sind da, um die Spannungen, den Funktionsverlust, die Bewegungsstörung loszuwerden, um die Türen des Lebens aufzuschließen und sie so frei hinein- und hinausschwingen zu lassen, wie sie es tun sollen. Ihr habt einen Stillen Partner innerhalb der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, und ihr habt das Recht, ihn verstehen, nutzen und testen zu lernen.

Wenn ihr jetzt zu den Behandlungsbänken geht, um zu üben, wählt einen einfachen Griff am Schädeldach und arbeitet ganz still, um euch mit dem Patienten als ein Ganzes bekannt zu machen. Ihr spürt und schaut ganz ruhig zwischen eure Händen. Man könnte sagen, ihr schaut euch den Patienten von innen an, indem ihr direkt durch euren Handkontakt blickt und geduldig einige Minuten wartet. Ihr wartet auf die expansive Phase der Ossa parietalia, wenn sie mit dem Anschwellen der Flüssigkeit in diesem Mechanismus leicht nach außen in Außenrotation kommen, und wartet dann, wie sie allmählich zurück in Richtung Innenrotation gehen. Eine rhythmische, eine tidenartige Bewegung, die hineingeht und herauskommt, den Körper als eine Einheit expandiert und kontrahiert. Dr. Sutherland beschloss, diese Bewegung die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis zu nennen. (Der Begriff cranial rhythmic impulse wurde dann von anderen entwickelt, einfach nur zum Zweck des Zählens.)

An der Erfahrung der Fluktuation des Liquor cerebrospinalis teilzuhaben, ist eine dynamische, lebendige Funktion; und Funktion ist das, was wir in dieser Woche studieren. Wir wollen beginnen, damit zu spielen, zu spüren wie diese kleine, rhythmische Tide hineingeht und herauskommt. Ihr könnt sie im Kopf spüren; ihr könnt sie im restlichen Körper spüren. Wenn ihr euer Tastgefühl trainiert habt, könnt ihr diesen Mechanismus der Flexion und Extension überall im Körper palpieren und fühlen. Ihr könnt ihn in den Knöcheln fühlen, ihr könnt ihn im großen Zeh spüren, ihr könnt ihn in jedem Körperteil spüren – wo auch immer ihr eure Hände anlegt. Wir wollen nicht, dass ihr euch nur auf den Kopf konzentriert. Wir versuchen, euch dazu zu bringen, dass euch das gesamte Bild bewusst ist, so dass ihr den gesamten Mechanismus für Diagnose und Therapie überall im Körper nutzen könnt.

3.6. ZEIT, GEWEBE UND TIDEN

Vortragstext vom September 1983.

„Gesundheit zu finden sollte das Ziel des Behandlers sein. Krankheit kann jeder finden.“

Diese Maxime hat uns A. T. Still gegeben. Gesundheit ist sehr viel mehr als einfach nur die Abwesenheit von Krankheit oder Traumen. Sie ist ein lebendiges, dynamisches Erfahren anatomisch-physiologischer Funktionsabläufe auf physischer, mentaler und spiritueller Ebene.

Bestimmte Grundprinzipien nimmt der osteopathische Behandler als gegeben an:

1.Der Körper ist eine Einheit.

2.Der Körper ist ein selbstregulierender Mechanismus.

3.Der Körper besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu heilen.

4.Zwischen Struktur und Funktion besteht eine Wechselbeziehung.

Auf diesen Prinzipien basierend sind die Zeit, die Gewebe und die Tiden die Werkzeuge, die der Körper nutzt, um Gesundheit oder bestimmte traumatisierte bzw. erkrankte Bereiche auszudrücken.

DER KÖRPER IST EINE EINHEIT

Dafür vorgesehen, eine bestimmte Zeit zu existieren, ist der Körper ein komplettes System, bestehend aus Geweben und Flüssigkeiten in ständiger Mobilität und Motilität. Er ist mit willkürlichen und unwillkürlichen Mechanismen ausgestattet, die es ermöglichen, ihn im Alltagsleben und zum Aufrechterhalten der Gesundheit zu nutzen. Dr. Still schenkte uns die Wissenschaft der Osteopathie, mit der wir den Körper als eine Einheit verstehen können, inklusive des Kranialen Konzeptes. Dr. Sutherland hat häufig betont, dass sein Beitrag der detaillierten Anatomie und Physiologie des Kraniosakralen Mechanismus ein Weiterführen der Wissenschaft der Osteopathie im Sinne von Dr. Stills Vision ist. Ein Körper – eine Funktionseinheit.

DER KÖRPER IST EIN SELBSTREGULIERENDER MECHANISMUS

Den Körper als eine Einheit verstehen heißt, ihn im Zustand von Gesundheit verstehen. Man muss lernen, die selbstregulativen Mechanismen zu erkennen und wahrzunehmen, indem man sie, wo es geht, aktiv beobachtet, ihnen zuhört und lernt, sie mit geschultem Tastsinn zu palpieren, wie sie im gesunden Zustand funktionieren.

Zu diesen selbstregulativen Mechanismen gehört ein in der gesamten Körperphysiologie lebenslang vorhandenes, von Natur aus unwillkürliches Mobilität- und Motilitätsmuster, das sich leicht palpieren lässt. Alle Mittellinienstrukturen, Flüssigkeiten, und Gewebe des Körpers bewegen sich rhythmisch abwechselnd in Flexion und Extension, während die paarigen Strukturen, Flüssigkeiten und Gewebe in der Flexionsphase in Außenrotation und in der Extensionsphase in Innenrotation gehen. Dieses Muster der inhärenten unwillkürlichen Bewegung läuft im gesunden Menschen 8–12 Mal pro Minute ab. Sowohl die Qualität dieser Bewegung als auch ihre mechanische Mobilität kann ein diagnostischer Hinweis auf die Vitalität der Patientin bzw. des Patienten sein und zeigt dann deren Gesundheitszustand. Ebenso kann es aber ein in Betracht zu ziehender Hinweis auf ein Traumen und/oder auf Krankheitszustände sein.

Der flüssige Anteil der rhythmischen Flexion mit Außenrotation, Extension mit Innenrotation ist eine innewohnende Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, eine tidenartige Bewegung, die den ganzen Körper durchdringt. Der Liquor cerebrospinalis wird hauptsächlich von den Plexi choroidei in den Ventrikeln des Zentralen Nervensystems produziert, auf venösem Wege zurück in das Zirkulationssystem resorbiert und – was am wichtigsten ist – über die Kanäle des Perineuriums zurück ins lymphatische System resorbiert auch wieder den generellen Körperflüssigkeiten zugeführt. Das System aus Liquor und lymphatischer Flüssigkeit vollzieht also während eines jeden 8–12 Mal pro Minute ablaufenden Flüssigkeitsbewegungs-Zyklus innerhalb aller Körpergewebe einen rhythmischen Austausch, der in einem tidenartigen Muster des selbstregulierenden Funktionsablaufs erfolgt.

Es gibt eine weitere tidenartige Bewegung, die in der Körperphysiologie neben dem 8–12 Mal pro Minute stattfindenden Zyklus vorkommt. Diese zweite Tide durchdringt den gesamten Körper als eine massive, unwillkürliche Flexion mit Außenrotation und Extension mit Innenrotation in Geweben und Flüssigkeiten – ein Muster, das innerhalb von zehn Minuten etwa 6 Mal abläuft. Jeder rhythmische Zyklus dauert also ungefähr anderthalb Minuten. Diese Tide, die hineinkommt und herausebbt, kann mit Hilfe von Palpation in allen Körpergeweben wahrgenommen werden, falls sie sich manifestiert. Ich kenne ihren Ursprung nicht; ich spüre nicht, dass sie in jedem Patienten vorkommt, und ich induziere sie nicht, ihr rhythmisches Muster zu beginnen. Sie zeigte sich mir erstmals vor einigen Jahren, als ich einen Patienten behandelte und beobachtete, wie die 8–12 Mal pro Minute an- und abschwellende Tide ihre Arbeit im Patienten tat. Seitdem habe ich diese massive Tide oft beobachtet und kann berichten, dass sie nicht in jedem Patienten universell die gleiche ist, sie drückt sich in jedem Patienten individuell aus. Ich weiß nie, wann sie auftauchen wird, und ich weiß auch nicht, wohin sie zurückkehrt, wenn sie bei einem bestimmten Patienten aufhört zu arbeiten.

Es gibt Hunderte selbstregulierender Mechanismen in der Körperphysiologie, aber jetzt wollen wir uns mit der unwillkürlichen Mobilität der schnellen, 8–12 Mal pro Minute ablaufenden und der langsamen, innerhalb von 10 Minuten 6 Mal stattfindenden Tide befassen. Beide Tidenbewegungen können palpiert werden, wenn man einen trainierten Tastsinn entwickelt. Palpiert man das Vorhandensein dieser Tiden, sollte man das vorzugsweise als ein Beteiligter tun, so wie in der Quantenmechanik. Bei diesem Prozess stimmt sich der Behandler mit seinem sensorischen Input ein, um an der Bewegung der jeweiligen Tide teilzuhaben, während sie in der Physiologie des Patienten ihre Arbeit verrichtet. Beide Tiden sind sowohl im gesunden Zustand als auch bei Traumen und/oder Krankheit feststellbar. Die Qualität der Tidenbewegung variiert jedoch, je nachdem, ob ein gesunder, ein traumatisierter oder kranken Zustand herrscht, manchmal abhängig vom Problem nur lokal, manchmal als eine Gesamtkörpereinheit der Gewebefunktion.

Beide Tiden sind inhärente, innewohnende und unwillkürliche selbstregulierende Mechanismen, deren Hauptziel das Aufrechterhalten von Gesundheit ist. Sie sind Faktoren, die zu den Bemühungen des Körpers beitragen, sich im Falle von Traumen und/oder Krankheit selbst zu heilen. Der reziproke balancierte Austausch, der zwischen den Flüssigkeiten und Geweben des Körpers stattfindet, ist ein Resultat der schnellen und langsamen, ein Menschenleben lang ununterbrochen arbeitenden Tiden und wird durch sie verstärkt.

DER KÖRPER BESITZT DIE FÄHIGKEIT, SICH SELBST ZU HEILEN

Die rhythmische, unwillkürliche Mobilität der Gewebe und Flüssigkeiten und die der verschiedenen Tiden sind alle vollständig ineinander und innerhalb des Körpers als eine Einheit integriert. Sie sind Faktoren, die zu den selbstheilenden Fähigkeiten des Körpers beitragen, und sollten als autonome Mechanismen erkannt und wahrgenommen werden. Man kann sie auch als Werkzeuge sehen, die der Körperphysiologie des Patienten zu eigen sind und die der Behandler nutzen kann, um das Bemühen des Körpers, sich selbst zu heilen, zu verstärken und zu unterstützen.

Bewegung der mittellinigen und paarigen Strukturen: Diese unwillkürliche, das gesamte Menschenleben hindurch präsente Bewegung kann vom Behandler vor und nach jeder Behandlung als ein diagnostisches Werkzeug benutzt werden, mit dessen Hilfe sich der Korrekturprozess zum Zeitpunkt der Behandlung und bei jedem weiteren Patientenbesuch evaluieren lässt. Die Bewegung der mittellinigen und paarigen Strukturen findet überall in der gesamten Körperphysiologie statt und lässt sich, obwohl ihr Ausmaß klein ist, auch überall palpieren.

Auf folgende Weise kann man sie als diagnostisches Werkzeug verwenden: Wenn ein Patient mit einer Beschwerde, einer somatischen Dysfunktion in irgendeinem Körperbereich, in die Praxis kommt, legt der Behandler seine aufmerksamen, palpierenden Hände erst auf das gestresste Gebiet und dann weg von der somatischen Dysfunktion auf einen vergleichbaren Bereich, der relativ gesund ist. Er evaluiert die Bewegung der mittellinigen und der paarigen Strukturen in beiden Bereichen, also in dem relativ gesunden ebenso wie in dem gestressten. Der Rhythmus der beiden Bereiche wird derselbe sein, aber die Qualität im relativ gesunden Bereich wird sich von der im gestressten Bereich deutlich unterscheiden. Nach der an dem betreffenden Tag vorgenommenen korrigierenden Behandlung werden die zwei Bereiche erneut gecheckt. Zeigen beide das gleiche Muster wie vor der Behandlung, dann ist in Bezug auf das Anstoßen einer korrigierenden Veränderung im Gebiet der somatischen Dysfunktion sehr wenig erreicht worden. Fühlen sich die mittellinigen und die paarigen Strukturen der somatischen Dysfunktion jedoch definitiv wieder ähnlich an wie im gesunden Bereich, kann der Behandler sicher sein, dass er eine selbstkorrigierende Veränderung bei der somatischen Dysfunktion initiiert hat. Der nächste Praxisbesuch wird das Ausmaß dieser Selbstkorrektur bestätigen. Dann war es keine bloße Mobilisation, sondern eine durch die Behandlung initiierte physiologische Veränderung des Körpers in Richtung gesunde Funktion. Und das Testen der Bewegung der mittellinigen und der paarigen Strukturen im relativ gesunden Bereich und im gestressten Bereich bildet für uns ein diagnostisches Werkzeug, um dieses Geschehen zu dokumentieren. Wenn der Behandler seinem sensorischen Empfinden erst einmal beigebracht hat, diese inhärente unwillkürliche kleine Bewegung zu fühlen, braucht er nur wenig Zeit für diesen Befund.

Die schnelle Tide: Die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis, die 8–12 Mal pro Minute stattfindet, ist eine der flüssigen Komponenten der unwillkürlichen Bewegung der mittellinigen und paarigen Strukturen. Der Liquor cerebrospinalis und seine tidenartige Fluktuation ist schon seit Jahren studiert worden. Seine Fluktuationsmuster können modifiziert werden, um das zu erfüllen, was die Physiologie im Patienten braucht. Ein Verständnis dafür, wie man den Liquor cerebrospinalis und seine schnelle Tide nutzen kann, wird wahrscheinlich das Verstehen der Funktion der langsamen Tide fördern. Eine Tide innerhalb der Tide.

Der Liquor cerebrospinalis ist eine Komponente des Primären Atemmmechanismus; ein unwillkürlicher Mechanismus, zu dem grundsätzlich das höchste bekannte Element – der Liquor – dazugehört, in dem der unsichtbare Atem des Lebens zu Hause ist. Die Wissenschaft der Osteopathie erkennt und akzeptiert all die physiologischen Mechanismen, die die Gesundheit eines jeden Menschen schaffen und aufrechterhalten; und die Vitalitätsfaktoren der schnellen und langsamen Tiden sind sicherlich grundlegende Aspekte dieser Gesundheitsprinzipien.

Die Fluktuation des Liquors cerebrospinalis kann mit Hilfe von Palpation beobachtet werden. Das existierende Fluktuationsmuster der schnellen Tide lässt sich modifizieren, indem man sanft, auf intelligente Weise, allmählich die Bewegung des Liquor in seiner rhythmischen Ebbe und Flut einschränkt, bis seine Fluktuation zu einem Stillpunkt absinkt und diesen durchläuft. Bei diesem Durchschreiten des Stillpunkt findet in der rhythmischen Fluktuation des Liquor ein Veränderung statt, die der gesamten Körperphysiologie auf physiologischer Ebene gut tut – eine kurze, aber potente Transmutation von innen, aus dem Liquor heraus.

Dr. Howard Lippincott beschreibt das Resultat einer Kompression des vierten Ventrikels, also der Technik zum Verlangsamen der longitudinalen Fluktuation, wenn sie vorsichtig angewendet wird, um die Fluktuation des Liquor zu modifizieren:

„Es ist schwer, zurückhaltend zu sein, wenn es um den Nutzen geht, den wir durch die Kompression des Ventrikels erreichen. Denn wenn diese mächtige Flüssigkeit durch besagte Technik aktiviert wird, kommt es zu Ergebnissen, die Begeisterung rechtfertigen.

Es kommt zu einer günstigen Wirkung auf das gesamte zirkulatorische System, mit Abnahme von Stauungen, Ischämien und Ödemen, soweit dies ohne Chirurgie möglich ist.

Die Stoffwechselvorgänge werden verbessert, einschließlich der Ernährung aller Gewebe und der schrittweisen Absorption fibröser und kalziumhaltiger Ablagerungen, die nicht physiologischer oder kompensatorischer Natur sind. Die Kompression des Ventrikels verbessert auch die Funktion der Organe, und bei Infektionen wird das Immunsystem durch die Wirkung auf die Milz, Pankreas und Leber gestärkt.

Das endokrine System wird entsprechend der unmittelbaren Bedürfnisse des Körpers reguliert.

Der Liquor cerebrospinalis hat das Kommando über den Stoffwechsel, einen Großteil der unwillkürlichen Funktionen, und den autoprotektiven Mechanismus des Organismus.

Dr. Sutherland machte darauf aufmerksam, dass sekundäre osteopathische Dysfunktionen nach der Kompression des Ventrikels weniger offensichtlich sind. Die Kompression ist daher nützlich, um die primäre Dysfunktion zu bestimmen.“ 25

Man kann die Funktion der schnellen Tide in der Körperphysiologie auf verschiedene Weise modifizieren. Für den longitudinalen Aspekt der schnellen Tide lassen sich beschleunigende, wiederbelebende und verlangsamende Techniken anwenden, für den lateralen Aspekt beruhigende und anregende. Auch eine Kombination aus longitudinaler und lateraler Fluktuationstechnik steht zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten, die schnelle Tide durch ein gestresstes Gebiet zu lenken, um eine Dysfunktion spezifisch anzusprechen.

Wir erinnern uns, dass der im Bereich der Ventrikel des Zentralen Nerven-systems produzierte Liquor cerebrospinalis über venöse Bahnen wieder in das Kreislaufsystem des Körpers und über die perineuralen Räume in das lymphatische System resorbiert wird. Daher lässt sich die Fluktuation des Liquor auf vielerlei Weise über anatomisch-physiologische Mechanismen beeinflussen, zu denen das Lymphsystem gehört. Die Potency, die im Primären Atemmechanismus zur Verfügung steht, ist auch in dem im Lymphsystem resorbierten Liquor anwesend.

Es ist eine interessante Beobachtung, dass es beim Durchschnittspatienten ungefähr sieben Minuten dauert, bis man die Fluktuation des Liquor mittels Kompression des vierten Ventrikels zu ihrem Stillpunkt hinunter und durch diesen hindurch gebracht hat. Im Falle einer rheumatoiden Arthritis braucht man dagegen bis zu 30 Minuten, um die Tide ruhig werden zu lassen und durch ihren Stillpunkt zu bringen. Es fühlt sich so an, als ob sich der ganze Bindegewebsrahmen im Körper, mitsamt dem Flüssigkeitsstau in dieser Bindegewebsmatrix, von innen heraus als eine Einheit organisieren muss, um den gesamten Mechanismus zum Stillpunkt hinunter und durch ihn hindurch zu bringen. Wiederholt man diese Technik über einen Zeitraum von Wochen und Monaten einmal wöchentlich, werden diese Fälle von rheumatoider Arthritis nicht nur erstaunliche Veränderungen hinsichtlich ihrer physiologischen Vitalität aufweisen, sondern auch in Bezug auf ihre Symptome einen generell positiven Trend Richtung Gesundheit zeigen. Die bei der ersten Behandlung benötigten 30 Minuten, reduzieren sich auf 15 Minuten und von Mal zu Mal verkürzt sich dann die Behandlungszeit weiter.

Dieser Typus eines klinischen Problems veranschaulicht eine wichtige Tatsache: Auch die gesamte Körperphysiologie der Bewegung der mittellinigen und paarigen Strukturen ist mit dabei, wenn die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis zu ihrem Stillpunkt hinunter und durch ihn hindurchgebracht wird.

Wie von Dr. Lippincott beschrieben, ändern sich alle unwillkürlichen Mechanismen, wenn die Tidenfunktion modifiziert wird. Der Tonus des Gewebes und der Flüssigkeit kann vor und nach dem Gebrauch einer solchen Technik gecheckt werden. Wer einen trainierten Tastsinn und palpatorische Fähigkeiten hat und die anatomisch-physiologischen Mechanismen kennt, dem liefern die schnelle Tide und die unwillkürliche Bewegung der mittellinigen und paarigen Strukturen in der Körpereinheit diagnostische Daten vor und nach einer korrigierenden Behandlung, und er kann sie auch im Behandlungsprozess selbst nutzen. ‚Die Gesundheit suchen‘ bedeutet für den Behandler im Falle einer rheumatoiden Arthritis, eine Kompression des vierten Ventrikels in den Mechanismus einzubringen, was dazu führt, dass die nach Gesundheit suchenden Ressourcen des Patienten von innen dessen eigene selbstheilende Fähigkeiten stimulieren. Es ist ein kontinuierlicher Prozess, in dem Korrektur und Veränderung meist zwischen den einzelnen Behandlungen stattfinden. Mit der Zeit wird sich die relative Gesundheit, die für einen Menschen mit dieser Art von klinischem Problem erreichbar ist, manifestieren. Der Punkt dabei ist, dass in diesem Patienten ein Leben lang Gesundheit gesucht wird, nicht eine Heilung seiner Arthritis.

Die langsame Tide: 6 Mal in 10 Minuten; sie ist ein physisches Phänomen, dass in der Körperphysiologie vorkommt. In manchen Fällen zeigt die langsame Tide ihre Anwesenheit während der Anwendung einer bestimmten korrigierenden Behandlung, während sie in einem anderen Fall, wenn man die gleiche korrigierende Technik durchführt, nicht erscheint.

Ich vermute, dass es der Typus der von mir benutzten korrigierenden Behandlungstechnik war, der es mir ermöglichte, die langsame Tide erstmals vor einigen Jahren und seither oft zu spüren. Es gibt in der Osteopathie verschiedene Arten von Korrektur-Methoden – beispielsweise Gelenk-Mobilisation, myofasziale Release-Techniken, Muskelenergie- und Counterstrain-Techniken – und jede beruht auf spezifischen Prinzipien, die ihre Wirksamkeit begründen. Dazu kommen die von Dr. WIlliam G. Sutherland entwickelten, in der gesamten Körperphysiologie anwendbaren Balanced-Ligamentous-Tension und faszialen Techniken. Einige der genannten Methoden machen es leichter, die langsame Tide im Inneren des Patienten beim Arbeiten zu beobachten, andere wiederum erschweren es.

Als ich die langsame Tide zum ersten Mal spürte, wendete ich für eine somatische Dysfunktion im thorakalen Bereich eine Balanced-Ligamentous-Tension-Technik an. Diese Methode erfordert vom Behandler eine Art sensorisch-motorische Palpation, die ihn mit dem Dysfunktionsbereich in Kontakt bringt. Er legt seine Hände auf den betroffenen Bereich und übt mit ihnen einen sanften, aber doch festen Druck aus, um das Mobilitätsmuster in dem gestressten Mechanismus zu lesen. Auf kontrollierte Weise nutzt er Kompression, Verstärkung bis zum Punkt der Balance, Auseinanderführen, modifizierte Direkte Aktion oder eine Kombination dieser direktiven palpatorischen Prinzipien, um das Gebiet der Dysfunktion anzuregen, seine eigene Korrektur in Richtung Gesundheit zu suchen, während er mit seiner sensorisch-motorischen Palpation den Fortschritt beobachtet, den die Körperphysiologie beim Korrigieren ihres Problems macht. Ebenso liest der Behandler die rhythmische schnelle Tide, wie sie im Bereich der somatischen Dysfunktion arbeitet, und dabei die Mobilität der mittellinigen und paarigen Strukturen. Sobald im Dysfunktionsgebiet eine korrigierende Veränderung stattfindet und der Behandler durch seine Sensorik von innen aus dem Behandlungsbereich heraus gesundes Funktionieren erspürt, löst er seinen Handkontakt. Diese Behandlungsart bietet eine Möglichkeit, andere in der Körperphysiologie des Patienten stattfindende Funktionsveränderungen zu beobachten, während man darauf wartet, dass die Selbstkorrektur ihre Arbeit tut. Es war bei einer solchen Gelegenheit, dass die langsame Tide auf der Bildfläche erschien und sich meinem sensorisch-motorischen Empfinden offenbarte.

Hier nun eine generelle Beschreibung der langsamen Tide: Während die selbstkorrigierende Behandlung der lokalen somatischen Dysfunktion ihre Arbeit tut, entsteht ein langsames, umfassendes Gefühl, dass sich ein Flüssigkeitsmechanismus durch die gesamte Körperphysiologie des Patienten ausbreitet; ein expansives Gefühl einer tidenartigen Bewegung, die hineingeht und jede Zelle, jeden Raum, jeden Flüssigkeitskanal füllt – ein kontinuierliches Gefühl des Sich-Füllens, nicht nur in dem gerade behandelten gestressten Gebiet, sondern in allen Körperbereichen, also auch den relativ gesunden. Wenn diese Tidenwelle ihren höchsten Füllstand erreicht hat, gibt es eine kurze Pause und dann beginnt sie, herauszuebben. Es scheint, dass das vollständige Hinausebben aus allen Geweben und Flüssigkeitsräumen ebenso viel Zeit in Anspruch nimmt, wie das Füllen. Nach einer erneuten kurzen Pause, kommt sie wieder herein, pausiert, ebbt hinaus – und das ereignet sich 6 Mal in einem Zeitraum von 10 Minuten.

Die Qualität der langsamen Tide variiert bei Problemen verschiedener Patienten und kann beim gleichen Patienten zu unterschiedlichen Zeiten jeweils anders sein. Folgendes interessante Fallbeispiel zeigt, wie diese langsame Tide arbeitet: Der Patient hatte ein ernsthaftes klinisches Problem, das wöchentlich eine Behandlung erforderte, um ihm als Unterstützung für seine Wiederherstellung den maximalen Selbstbehandlungsinput zu geben. Während mehrerer Behandlungen zeigte sich die langsame Tide nicht. Als sie dann aber erschien, war ihre erste Welle ein kraftvoll anschwellendes Füllen der Körperphysiologie und vermittelte ein Gefühl, als müsse sie sich ihren Weg gegen den Widerstand der Flüssigkeiten und Gewebe des Körpers buchstäblich erzwingen. Sie kam zu ihrem Höhepunkt, pausierte und ebbte dann mit beinahe der gleichen Dringlichkeit hinaus. Dann entstand eine kurze Pause, und die zweite Welle kam herein, und mit ihr ein Gefühl, als versuche sie, die Folgen der ersten Welle zu glätten – ein beruhigender Einfluss. Die dritte Welle wirkte in ihrem Auffüllen und Hinausebben praktisch wie eine Linderung. Damit war das Erscheinen der langsamen Tide in dieser Behandlung abgeschlossen; insgesamt erschienen drei Wellen in 6 Minuten. Zwischenzeitlich ging die selbstkorrigierende Behandlung im Bereich der lokalen somatischen Dysfunktion weiter, wurde aber während der drei Zyklen der langsamen Tide und auch danach effizienter. Bei den folgenden wöchentlichen Behandlungen erschien die langsame Tide nicht jedes Mal. Offensichtlich war sie für die Physiologie des Patienten genau zum Zeitpunkt ihres Erscheinens in seinem Behandlungsprogramm nötig.

Anders als die schnelle, 8–12 Mal pro Minute stattfindende Tide, die sich mit einer Reihe von Techniken in ihrer Funktionsweise modifizieren lässt, scheint die langsame Tide eine in sich selbst und in der Physiologie des Patienten inhärente Einheit zu sein, bei der man nicht versuchen muss, sie oder ihre Arbeit zu modifizieren. Ich finde es effizienter, einfach mein Bemühen fortzusetzen, selbstkorrigierende, heilende Veränderungen in den lokalen Bereichen der Dysfunktion zu induzieren, und integriere alle Auswirkungen der langsamen Tide in die lokale Behandlung, während sie im gesamten Körper am Füllen und Abebben ist. Einen ligamentären oder faszialen Strain durch seinen Stillpunkt hindurchzubringen, hin zu einer aus dem Körper heraus erfolgenden Selbstkorrektur, scheint mit der langsamen Tide einfacher und schneller möglich zu sein.

Meinem Gefühl nach ist die langsame Tide viel häufiger am Werk, als ich mir ihrer Gegenwart in Patienten bewusst bin – während ich mich weder bemühe, sie in Aktion zu bringen, noch bewusst nach ihr suche, noch plane, wie ich sie bei ihrem Erscheinen nutzen könnte. Wenn sie sich zeigt, akzeptiere ich ihre Anwesenheit und versuche, mit ihrer Arbeit im Patienten zu kooperieren. Sie ist ein weiterer selbstregulierender Mechanismus in der Physiologie des Körpers.

ZWISCHEN STRUKTUR UND FUNKTION BESTEHT EINE WECHSELBEZIEHUNG

Die Wissenschaft der Gesundheit in der Körperphysiologie erfordert die Qualitäten eines reziproken Austausches zwischen Struktur und Funktion, damit Gesundheit ausgedrückt werden kann. Vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zu den letzten Momenten unseres physiologischen Lebens streben Zeit, Gewebe und Tiden in kontinuierlichem Bemühen nach Gesundheit. In jedem Trauma und/oder bei jeder Krankheit gibt es ein von der Körperphysiologie ausgehendes Bemühen, in den gestressten Bereich Gesundheitsmechanismen einzubringen, soweit dies möglich ist.

BEHANDELN IST MEHR ALS EIN ‚KORRIGIEREN‘ VON PROBLEMEN BEI TRAUMEN UND/ODER KRANKHEIT

Es stimmt, dass die Mechanismen eines Traumas und/oder einer Krankheit die Körperphysiologie überlagern und dass Zeit, Gewebe, Flüssigkeiten und Tiden sich innerhalb dieser Stressgebiete organisieren, bis sie zu geschlossenen Kreismustern werden, die nach kompensatorischen Adaptationen im Körper verlangen, damit der Patient funktionieren kann. Ebenso ist es wahr, dass chronische Dysfunktionsmuster, die vielleicht Wochen, Monate oder Jahre alt sind, buchstäblich umtrainiert werden müssen, um wieder ein gesunder Mechanismus zu werden, und dass jedem Trauma und/oder jeder Krankheit ein Gesundheitsmechanismus innewohnt, der darauf wartet, wieder zu gesundem Funktionieren erweckt zu werden. Der Behandler ist in der Lage, seine osteopathisch-palpatorischen Korrekturfähigkeiten bei akuten und chronischen Traumen oder Erkrankungen für ein korrektes Diagnostizieren und Behandeln zu nutzen. Es ist ihm möglich, das gesunde Funktionieren zu erkennen, das darauf wartet, aus dem Inneren des Problems hervorgebracht zu werden. Bei schon lange bestehenden chronischen Problemen braucht es wahrscheinlich Zeit und eine wiederholte, korrekturvorbereitende Behandlung der somatischen Dysfunktion, um endlich das gesunde Element zum Vorschein zu bringen, das da sein sollte. Wenn dieser Gesundheitsfaktor sich dann den palpierenden Händen des Behandlers zeigt, ist dieser bemüht, mit ihm statt mit dem überlagernden Stressmechanismus zu arbeiten. Anders ausgedrückt: Der Behandler sucht sozusagen Hand in Hand mit der Körperphysiologie des Patienten nach von innen kommender Gesundung.

Er bejaht Struktur und Funktion und deren reziproke Wechselbeziehung und entwickelt palpatorische Fähigkeiten, um diese Prinzipien zu nutzen. Die Körperphysiologie des Patienten leitet den Behandler in seinem Bemühen, ihren Bedürfnissen zu entsprechen, indem sie ihm drei Werkzeuge bietet: die unwillkürliche Mobilität der mittellinigen und paarigen Strukturen, die lebenslang in einem Rhythmus von 8–12 Mal pro Minute am Arbeiten ist; die innerhalb dieser Mobilität der mittellinigen und paarigen Strukturen stattfindende schnelle Tide – ein Mechanismus des Liquor cerebrospinalis mit seiner Potency, modifizierbar für die Bedürfnisse der Patientenphysiologie; und die langsame Tide, die innerhalb von 10 Minuten ungefähr 6 Mal hereinkommt und hinausebbt, und deren Funktionieren innerhalb der Körperphysiologie vermutlich einen Vitalitätsfaktor besitzt. Und auch die schon am Anfang erwähnte, von Dr. A. T. Still immer wieder betonte Maxime: „Gesundheit zu finden sollte das Ziel des Behandlers sein“ gehört zu den grundlegenden Prinzipien eines korrigierenden Behandlungsprogramms.

4. DIE KUNST DER PALPATION
4.1. DIE AUFGABE DER DIAGNOSTISCHEN PALPATION IM KRANIOSAKRALEN MECHANISMUS

Vortrag vom Februar 1983.

PALPATION DES KRANIOSAKRALEN MECHANISMUS

Dr. A. T. Still vermittelte dem osteopathischen Behandler folgende Konzepte: Die Rolle der Arterie ist herausragend. Der Körper hat eine ihm angeborene Fähigkeit, sich selbst zu heilen; und zwischen Struktur und Funktion besteht eine wechselseitige Beziehung. Dr. WIlliam G. Sutherland fügte ein weiteres grundlegendes Konzept hinzu: Der arterielle Strom ist das Höchste, aber das Oberkommando hat der Liquor cerebrospinalis, dessen Fluktuation innerhalb einer natürlichen Höhle man mit Hilfe von Palpation beobachten kann, wenn man kranial arbeitet.

Obgleich Dr. Sutherland über den Mechanismus der Primäratmung – den Kraniosakralen Mechanismus – sprach, wissen wir, dass die Körperphysiologie eine anatomisch-physiologische Funktionseinheit ist, zu der der Primäre Atemmechanismus dazugehört. Der Kraniosakrale Mechanismus ist kein eigener Bereich.

Um diese rhythmische, unwillkürliche, bewegliche, wechselseitige Struktur-Funktion-Beziehung zu demonstrieren, wollen wir über Folgendes nachdenken:

Liquor cerebrospinalis: Er wird ständig produziert, und zwar, wie man annimmt, von den in den Seitenventrikeln und im dritten und vierten Ventrikel des Zentralen Nervensystems befindlichen Plexi choroidei. Vom vierten Ventrikel aus fließt der Liquor cerebrospinalis in die Subarachnoidalräume um das Gehirn herum und den Spinalkanal hinunter zum Os sacrum. Durch die Granulationes arachnoidales im Sinus sagittalis superior wird er wieder in das venöse System resorbiert. Er folgt auch den perineuralen Kanälen oder Umhüllungen der kranialen und spinalen peripheren Nerven und wird dann in das lymphatische Flüssigkeitssystem, die dritte Zirkulation der Körperphysiologie, resorbiert. Was die Zirkulation anbelangt, sind der Liquor cerebrospinalis und die physiologischen Körperflüssigkeiten also eine gemeinsame Funktionseinheit. Weiterhin ist wichtig, dass der Liquor cerebrospinalis fluktuiert und nicht einfach nur zirkuliert wie andere Körperflüssigkeiten. Der Liquor cerebrospinalis ist in der Schädelhöhlung zu Hause, aber seine Bewegung oder Fluktuation lässt sich nicht nur dort mit Hilfe von Palpation beobachten, sondern im gesamten lymphatischen System und in allen Körperflüssigkeiten. Dieses Fluktuieren ist keine wellenartige, sondern eine tidenartige Bewegung. Es ist eine kraftvolle, rhythmisch-konstante, unwillkürliche Flüssigkeitsaktivität, die 8–12 Zyklen pro Minute hat, hereinkommt und hinausebbt. Mit sensiblem palpatorischem Gespür ist es möglich, den Rhythmus dieser Tide so weit zu beeinflussen, dass alle Körperflüssigkeiten einen rhythmisch-balancierten Austausch haben.

Dr. Still hat den Liquor cerebrospinalis als das Höchste Bekannte Element im menschlichen Körper bezeichnet. Dr. Sutherland hat dem hinzugefügt, dass der Liquor eine Potency besitzt, einen Lebensatem-Faktor, der als ein Element in die Physiologie des Zentralen Nervensystems transmutiert wird, und kam aus all diesen Gründen zu der Behauptung, der fluktuierende Liquor cerebrospinalis sei das grundlegende Prinzip im Primären Atemmechanismus.

Hinweise zur Palpation: Von welcher Qualität die Vitalität eines Patienten ist, lässt sich mit Hilfe von Palpation evaluieren. Die gesamte Tide im Patienten kann, wenn sie ein volles Volumen – also 8–12 Zyklen pro Minute – hat, mit einem 110-Volt-Gesundheitsmuster verglichen werden. Eine zu langsam erscheinende Tide hat weniger als 110 Volt (30–90 Volt) und fühlt sich eher flach an als voll – ein Hinweis auf viele potenzielle Probleme, z. B. auf chronischen schweren Stress. Im Rahmen eines erfolgreichen Behandlungsprogramms kann man mit Hilfe einer solchen Evaluation die Rückkehr zur Gesundheit überprüfen.

Zentrales Nervensystem: Zum Zentralen Nervensystem gehören die Großhirnhälften, das Kleinhirn, der Hirnstamm (mit seinem vierten Ventrikel), in dem sich alle physiologischen Zentrum inklusive des Atemzentrums befinden, die zwölf Hirnnerven, die Hypophyse und Epiphyse und das Rückenmark mit seinem peripheren Nervensystem. Es wurden kleine Bewegungen im Zentralen Nervensystem beobachtet, die auf eine Pulsation der Gehirnarterien, willkürliche Bewegungen des Nackens und Kopfes und Inhalation und Exhalation während der Atemzyklen des Zwerchfell- und Rippensystems zurückzuführen sind.

Zusätzlich erfolgt ein rhythmisches Ein- und Ausrollen der gesamten Neuralröhre – eine Bewegung, die zum Kraniosakralen Mechanismus gehört. Während der expansiven Phase weiten sich die Seitenventrikel und das dritte Ventrikel und füllen sich mit der hereinkommenden Tide des Liquor cerebrospinalis. In der entgegengesetzten Phase werden die Ventrikel mit der abebbenden Tide schmal. Diese konstante, unwillkürliche, rhythmische Motilität des Zentralen Nervensystems trägt zusammen mit dem fluktuierenden Liquor cerebrospinalis und der reziproken Spannungsmembran zu einer guten venösen Drainage des Gehirns, der Hypophyse, der Epiphyse, und anderen Schlüsselfunktionen bei.

Hinweise zur Palpation: Es ist schwierig, die Motilität des Zentralen Nervensystems zu erspüren, und im Allgemeinen auch nicht notwendig. Die Expansion eines komprimierten Teiles einer Großhirnhälfte kann gelegentlich während einer Korrekturphase eines membranösen Gelenkstrains palpiert werden.

Reziproke Spannungsmembran: Es gibt drei Hirnhautschichten, die das Zentrale Nervensystem umhüllen – die Pia mater, die Arachnoidea und die Dura mater. Die Dura mater wurde von Dr. Sutherland reziproke Spannungsmembran genannt, da sie als eine Einheit in ihrer Beziehung mit dem Kraniosakralen Mechanismus funktioniert.

Die Dura mater kleidet das Neurokranium als ihr inneres Periost aus, geht weiter durch die Suturen, vereint sich mit der äußeren Schicht des Periosts im Schädel und geht dann über in die gesamten, von der Schädelbasis herabhängenden Bindegewebssysteme des Körpers. Innerhalb des Neurokraniums hat die Dura drei Verdoppelungen: die Falx cerebri, das Tentorium cerebelli und die Falx cerebelli. Wichtig an diesem Arrangement ist, dass sich Falx cerebri und Tentorium cerebelli am Sinus rectus treffen, um ein Fulkrum zu bilden, wobei die Falx und die zwei Hälften des Tentorium drei bewegliche Sicheln werden. Diese Verbindung nennt man Sutherland-Fulkrum.

Die drei Sicheln – Falx cerebri, rechtes und linkes Tentorium cerebelli – mit ihren vorderen, hinteren, seitlichen und unteren Anhaftungen an den knöchernen Elementen des Schädels und des Os sacrum agieren als eine reziproke Spannungsmembran. Es ist wohlgemerkt eine reziproke Spannungsmembran, es sind keine Membranen. Es ist eine Funktionseinheit.

Entsprechend bewegt sich die reziproke Spannungsmembran in der Flexionsphase in einer anterior-superioren Richtung, wobei sich die Schädelbasis in der Frontalebene des Kopfes weitet. In der Extensionsphase bewegt sie sich in eine posterior-inferiore Richtung, wobei sich die Schädelbasis in der Frontalebene verengt. Das Sutherland-Fulkrum ist das Fulkrum, über oder durch das die drei Sicheln physiologisch funktionieren, wenn sie die Balance im kranialen membranösen Gelenkmechanismus aufrechterhalten. Es ist ein automatisches, sich veränderndes, frei schwebendes, sich anpassendes Fulkrum für die Bewegungen der Synchondrosis sphenobasilaris (SSB) in Torsion und Sidebending, und natürlich auch für alle möglichen Fehlstellungen, die bei kranialen membranösen Gelenkstrains vorkommen.

Diese konstante, unwillkürliche Mobilität, die das Sutherland-Fulkrum und seine drei Sicheln zeigen, spiegelt sich in sämtlichen Bindegeweben und allen darin eingeschlossenen Elementen, also in Knochen, Muskeln, Organen, Flüssigkeiten, Zellen etc., wider und ist dort auch palpierbar. Außerdem leben alle Patienten entweder mit einer Torsion oder mit einer Sidebending-Rotation als einer Komponente der physiologischen Struktur ihres Kraniosakralen Mechanismus. Auch diese Komponente spiegelt sich im gesamten Bindegewebe des Körpers wider. Egal ob der Kraniosakrale Mechanismus nun ein gesundes oder ein durch Traumen oder Krankheit bedingtes Muster aufweist: Die konstante, unwillkürliche, rhythmische Bewegung aller Teile des Mechanismus geht weiter. Die reziproke Spannungsmembran ist das mobile Arbeitswerkzeug, das es einem Behandler mit geschulten Palpierfähigkeiten ermöglicht, diese Mechanismen im Patienten zu diagnostizieren und mit ihnen zu arbeiten.

Hinweise zur Palpation: Wenn man mit der reziproken Spannungsmembran innerhalb des Neurokraniums und der Bindegewebe des Körpers arbeitet, lässt Palpation zwei Faktoren erkennen: eine konstante, 8–12 Mal pro Minute erfolgende Bewegung in Form von Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation sowie ein Strukturmuster der gesamten Körperphysiologie, das im einzelnen Patienten lebt. Es ist wichtig, zunächst dieses Grundmuster der Gesundheit, so wie es für den individuellen Menschen funktioniert, zu diagnostizieren, denn das ist das Muster, auf das man zusteuern muss, damit sich die Gesundheit wiederherstellt. Erst wenn man dieses Grundmuster kennt, diagnostiziert man die Struktur und Funktion des Stressmusters, das für die Beschwerden des Patienten verantwortlich ist. Die sich ständig bewegende reziproke Spannungsmembran und die Bindegewebe werden diese Faktoren wie gesagt unserer geschulten palpatorischen Berührung offenbaren.

Kraniale Gelenkmechanismen: Von den insgesamt 29 Knochen im Schädel betreffen nur 22 den Kraniosakralen Mechanismus, wobei 8 das Neurokranium bilden und die übrigen 14 im Gesicht sind. Es gibt etwas mehr als 100 gelenkige Verbindungen zwischen diesen 22 Knochen. Das Os sphenoidale, das Os occipitale, zwei Ossa temporalia, zwei Ossa parietalia und ein (bzw. zwei) Os frontale bilden das Neurokranium. Sie werden in ihrer Mobilität, soweit es den Bewegungsradius und das Muster ihrer strukturellen Integrität anbelangt, direkt durch das Sutherland-Fulkrum und die reziproke Spannungsmembran kontrolliert. Die relative Mobilität des Os sphenoidale beeinflusst das Os frontale (bzw. beide Ossa frontalia) und die Knochen des Gesichts, und das Os occipitale beeinflusst die Ossa temporalia, die Ossa parietalia und die Mandibula.

Die membranösen Gelenkmuster im Kraniosakralen Mechanismus werden anhand ihrer Beziehung zu der SSB beschrieben. Zu ihnen gehören Torsion (nach rechts oder links), Sidebending-Rotation (rechts oder links) und Kompression. Zusätzlich gibt es im Zusammenhang mit den wechselseitigen Beziehungen der einzelnen Suturen spezifische membranöse Gelenkstrains, z. B. einen Strain der Sutura occipitomastoidea, also der Beziehung zwischen Frontale und Sphenoid oder Frontale und Parietale, oder einen Strain am Angulus mastoideus des Parietale – und noch so viele mehr, wie es gelenkige Verbindungen gibt.

Die grundlegenden, in Bezug auf die SSB beschriebenen Muster, also z. B. eine Torsion, spiegeln sich in allen Knochenteilen und im Bindegewebe der gesamten Körperphysiologie wider. Das Gleiche gilt für einige schwere spezifische membranöse Gelenkstrains, wie z. B. eine Dysfunktion der Sutura occipitomastoidea.

Hinweise zur Palpation: Die knöchernen Elemente liegen an der Oberfläche des Kraniosakralen Mechanismus und sind für taktiles Evaluieren besser zugänglich. Es ist jedoch wichtig, zu verstehen, dass sie Teil eines membranösen Gelenkmechanismus sind. Und die Kunst der Diagnose besteht darin, das mobile Funktionieren dieser knöchernen Elemente in Gesundheit und in Dysfunktion zu palpieren. Die Knochen werden sozusagen von einem beweglichen Mechanismus auf die Fahrt mitgenommen.

Os sacrum: Das Os sacrum spielt eine wichtige Rolle in der Mobilität der Körperphysiologie, denn es hat ein kompliziertes wiegendes Muster für willkürliche oder haltungsbedingte Beckenbewegung und eine konstante, rhythmische, unwillkürliche Flexion-Extension-Mobilität als Teil des Kraniosakralen Mechanismus. Das Sakrum bildet den unteren Pol der reziproken Spannungsmembran und gehört zum Sutherland-Fulkrum und den drei Hebelarmen oder Sicheln. Durch ein Trauma in seiner unwillkürlichen Mobilität blockiert, kann das Os sacrum die Bewegung der gesamten reziproken Spannungsmembran und der Bindegewebe des Körpers einschränken. So eine Einschränkung kann zu vielerlei Problemen in der gesamten Körperphysiologie beitragen. Ein Verlust an unwillkürlicher Mobilität des Sakrum wird jedoch nicht notwendigerweise zu einem Verlust an willkürlicher bzw. Haltungsmobilität des Sakrum führen, und der Verlust an unwillkürlicher Bewegung wird oft übersehen. Hinweise zur Palpation: Eine ‚blockierte‘ unwillkürliche Mobilität des Os sacrum kann schon Jahre bestehen und nur durch die trainierte palpatorische Fähigkeit des Behandlers entdeckt werden. Wenn das Sakrum blockiert ist, versucht der gesamte Beckenbereich – Sakrum und beide Hüftknochen – als eine Einheit zusammen mit dem Sutherland-Fulkrum in rhythmische Flexion und Extension zu gehen. Wenn das Sakrum gelöst wird und wieder frei mit dem Sutherland-Fulkrum funktionieren kann, sind das Sakrum und die beiden Hüftknochen wieder drei einzelne Bewegungseinheiten. Das palpatorische Diagnostizieren dieses Sakrum-Faktors ist sehr wichtig, um die Gesundheitsmuster des Patienten zu bestimmen.

Dies ist also der Primäre Atemmechanismus. Aus dessen Einheit ergibt sich eine grundlegende anatomisch-physiologische Tatsache: Wir haben in der gesamten Körperphysiologie eine vitale, inhärente, rhythmische, unwillkürliche Bewegung, die sich 8–12 Mal pro Minute alternierend als Flexion aller Strukturen der Mittellinie mit Außenrotation aller bilateralen Strukturen und als Extension aller Strukturen der Mittellinie mit Innenrotation aller bilateralen Strukturen ausdrückt. Diese Bewegung – ein für die Gesundheit jedes Menschen essenzieller Mechanismus – vollzieht sich lebenslang sowohl im Behandler als auch im Patienten. Man kann sie in jedem Körperbereich palpieren und zur Diagnose nutzen. Alle fünf Komponenten (also die Fluktuation des Liquor, die Motilität des Zentralen Nervensystems, die reziproke Spannungsmembran, die Gelenkmobilität der Schädelknochen und die unwillkürliche Mobilität des Sakrum) können für eine palpatorische Diagnose genutzt werden, solange der Behandler die Qualität und Art der Flüssigkeit oder Gewebe, um die es sich handelt, sowie deren funktionelle Relation zu den anderen Komponenten berücksichtigt.

PALPATORISCHE HINWEISE BEI SPEZIFISCHEN SYMPTOMEN ODER ERKRANKUNGEN

Viele der mit dem Kraniosakralen Mechanismus verbundenen klinischen Probleme werden beim Palpieren diagnostische Hinweise in einer oder mehreren dieser fünf Komponenten liefern. Hier einige Beispiele:

Kopfschmerzen: Kopfschmerzarten gibt es so viele wie Kopfschmerzpatienten. Stößt man beim Palpieren auf subokzipitale Spannungen, unterstützt dies die Annahme, dass es – bedingt durch reduziertes Schaukeln der Schädelschale in Flexion und Extension – zu einer Stauung der venösen Drainage aus dem Neurokranium gekommen ist. In Fällen von echter Migräne gibt es fast immer ein Sidebending-Rotationsmuster des SSB, wobei die prodromalen Symptome auf der Seite anfangen, wo die Ala major des Os sphenoidalis und das Os occipitale hoch stehen. Das Vorhandensein dieses Musters ist nicht ursächlich für die Migräne, aber nützlich, um die Diagnose abzusichern.

Hoher Blutdruck: Ein häufiger palpatorischer Befund bei chronisch hohem Blutdruck ist eine Abflachung des Tentorium cerebelli, was dessen anatomische Funktion beeinträchtigt. Bei der Extension wird es nicht so steil, wie es bei seiner rhythmischen Bewegung sollte.

Dyslexie: In vielen dieser Fälle liegt ein intraossäres Muster des Os temporale vor.

Trigeminusneuralgie: häufig mit zahnärztlich verursachten traumatischen Strainmustern verbunden.

Hormonelle Störungen: Eine Einschränkung der Motilität der Hypothalamus-Hypophyse-Achse kann zu einer Unter- oder Überaktivität der hormonellen Funktion führen und hängt möglicherweise mit einem vertikalen oder lateralen membranösen Gelenkstrain der SSB zusammen.

Gehirnerschütterung: Hier vermittelt die reziproke Spannungsmembran das Gefühl einer schockartigen Rigidität in ihrer Funktionsweise.

Meningitis, postmeningitischer Zustand: Die reziproke Spannungsmembran ändert hier ihre Tonus- und Funktionsqualität. Im akuten Zustand fühlt sie sich an wie ein nasses Papiertaschentuch, im chronischen postmeningitischen Zustand wie durchweichter Pappkarton. Und in jedem der beiden Zustände ist eine das Zentrale Nervensystem betreffende chronische venöse Stauung feststellbar.

Muster der SSB: Verstärktes Trauma kann vorhandene Muster dekompensieren und kraniosakrale und andere Körpermechanismen beeinträchtigen.

Spezifische membranöse Gelenkstrains: Sie können, egal ob akut oder chronisch, über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren sehr schwächend wirken.

Die 12 Hirnnerven: Jeder von ihnen kann in seiner Funktionsbeziehung eingeschränkt sein. Damit verbundene Probleme können im Gesichtsbereich auftreten, mit Symptomen an Augen, Ohren, Nase, Rachenraum, oder im Neurokranium und der Schädelbasis und dort ein Vagus-Syndrom auslösen, oder unten am Sakrum und dessen parasympathischen efferenten Fluss beeinträchtigen. In einem interessanten Fall verlor der Patient seine Sehfähigkeit als Folge einer durch ein Trauma verursachten Kompression des Parietale, die den Lobus occipitalis des ZNS und seinen Sulcus calcarinus im Bereich des Sinus tectus gegen die Falx cerebri presste. Die Kompression des Os parietale und der damit einhergehende Verlust an membranöser und artikulärer Mobilität, wurde durch Palpieren festgestellt. Os sacrum: Seine Funktionsfreiheit ist palpierbar. Ein ‚blockiertes‘ Sakrum, verursacht durch einen schweren Sturz aufs Gesäß oder durch ein Schleudertrauma, aber auch eine eingeschränkte physiologische Funktionsfähigkeit nach einer Geburt sowie andere beeinträchtigende Faktoren lassen sich mit Hilfe von Palpation diagnostizieren.

Neugeborene, Kleinkinder und Kinder: Die Bedeutung der palpatorischen Diagnose beim Untersuchen des Kraniosakralen Mechanismus von Neugeborenen, Kleinkindern und Kindern kann nicht genug betont werden. Der im Fetus arbeitende Primäre Atemmechanismus ist, geschützt durch die Flüssigkeit, die das Ungeborene umgibt, frei, seine rhythmische Funktion auszuüben. Seine tidenartige Bewegung spendet einen Vitalitätsfaktor (was auch immer das sein mag) und eine rhythmische, unwillkürliche Bewegung für jede Zelle des Körpers im sich entwickelnden Körper des Ungeborenen, und zwar 8–12 Mal pro Minute.

Dann wird das Baby geboren und während dieses Prozesses bei seiner Passage durch den Geburtskanal konfiguriert. Der Primäre Atemmechanismus fährt in diesem neugeborenen Gehäuse aus reziproker Spannungsmembran, Bindegewebe, und Flüssigkeit, mit seiner tidenartigen Bewegung fort und führt den Mechanismus des Neugeborenen buchstäblich hin zu einem vollkommenen Muster der Gesundheit, indem er entstandene Stressbereiche dekonfiguriert und die Gesundheit zurückformt zur einfachen Funktion von Mobilität und Motilität, ausgedrückt durch Flexion/Außenrotation und Extension/Innenrotation. Zu diesem Zeitpunkt wird ein physiologisches Muster einer Rotation oder Sidebending-Rotation erworben – als Teil des lebenslangen Gesamtmusters der Gesundheit in diesem Individuum.

Beim Neugeborenen gibt es noch keine gelenkigen Verschaltungen, ausgenommen die Gelenkkontakte der Kondylen des Os occipitale mit den entsprechenden Gelenkflächen des Atlas. Bis zum Alter von 10–13 Jahren, wo die Knochenplatten ihre gelenkige Eigenart zu entwickeln beginnen, manifestieren sich alle Stöße, Stürze, Verdrehungen oder Verrenkungen vor allem als membranöse Dysfunktionen. Mit diagnostischer Palpationskunst kann man den Kraniosakralen Mechanismus eines Kindes untersuchen, um die Grund-Gesundheitsmuster der membranös-gelenkigen Verbindungen zu finden, die dieses Individuum entwickelt, um sie lebenslang zu behalten. Jedes Trauma und/oder jede Krankheit, das/ die der Patient in seinem Leben erwirbt, sollte – abgesehen davon, dass man die aufgezwungene Dysfunktion korrigiert – in Richtung dieser gesunden Funktionsweise geleitet werden.

Dies ist kein langwieriger Prozess. Geschulte Palpationskunst kann mit dem Fluid Drive des tidenartigen Liquor und mit der reziproken Spannungsmembranarbeiten und ihnen erlauben, ihr grundlegendes Funktionsmuster innerhalb des Kraniosakralen Mechanismus sowie – durch die Bindegewebe und die Flüssigkeitsmatrix des Körpers – für die gesamte Körperphysiologie zu zeigen. Zukünftige Gesundheits- und Dysfunktionsmuster eines Individuums kann der Behandler besser verstehen, wenn er eine palpatorische Aufzeichnung der lebenslangen grundlegenden unwillkürlichen Mobilität des betreffenden Patienten hat.

Insgesamt betrachtet gibt es also von Kopfschmerzen bis zur Behandlung von Neugeborenen eine Menge medizinische Probleme, die mit Hilfe von ausgebildeter Palpationskunst diagnostiziert und behandelt werden können. In vielen Fällen sind die palpatorischen Werkzeuge sogar der einzige Weg, um Resultate zu erzielen. Daneben ist es auch eine medizinische Tatsache, dass ligamentäre Gelenk-Dysfunktionen, faszialer Zug nach unten und andere traumatisch oder durch Krankheit bedingte Probleme verschiedene Funktionsbereiche des Primären Atemmechanismus beeinträchtigen können. Umgekehrt können Probleme im Kraniosakralen Mechanismus einen negativen Effekt auf den Rest des Körpers haben. Man kann daraus schließen, dass die Körperphysiologie eine Funktionseinheit ist, egal ob in Gesundheit, traumatisch bedingten Zuständen und/oder Krankheit. Mit palpatorischem Geschick kann man im gesamten Körper – von Kopf bis Fuß und umgekehrt – gesund funktionierende wechselseitige Beziehungen, aber auch medizinische Probleme aufspüren.

DIAGNOSTISCHE PALPATION ALS KUNSTFERTIGKEIT UND WISSENSCHAFT

Beim Palpieren des Primären Atemmechanismus und der Körperphysiologie sind Diagnose und Behandlung nicht voneinander zu trennen. Palpation ist beides: eine Kunstfertigkeit und eine Wissenschaft. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist sie ein Quantensprung in der Sinneswahrnehmung. Sobald der Behandler seine Hände an einen Patienten legt, um palpatorisch zu diagnostizieren und zu behandeln, nimmt er mit ihm an dieser Quantenerfahrung teil. Es ist für ihn vollkommen unmöglich, ein neutraler oder unabhängiger Beobachter zu sein, während er mit den lebendigen Geweben des Patienten arbeitet.

Der Behandler ist ein unwillkürlicher Primärer Atemmechanismus innerhalb einer lebendigen willkürlichen Körperphysiologie. Sein Patient ist mit den gleichen Qualitäten ausgestattet: einem unwillkürlichen Primären Atemmechanismus in einer lebendigen willkürlichen Körperphysiologie. Und mit Hilfe von Palpation kommt es zu einem lebendigen Austausch zwischen diesen beiden lebendigen Systemen. Der Behandler tut wesentlich mehr als nur beobachten. Wenn seine Hände, seine propriozeptiven Nervenfasern und die sensorisch-motorischen Bereiche seines Zentralen Nervensystems die Bewegung, die Mobilität und die Motilität im lebendigen Körper und Gewebe des Patienten wahrnehmen, ist er Beteiligter. Er positioniert seine Hände und ist bereit aufzunehmen. Sein bewusstes Wahrnehmen des Lebens in ihm selbst, das die lebendige Funktion im Patienten verstehen möchte, ist ein ausreichender Stimulus, um den Primären Atemmechanismus und die Körperphysiologie des Patienten dazu aufzurufen, dem teilhabenden Tastsinn des Behandlers ihre Mechanismen und Gewebereaktionen zu zeigen. Zwischen Behandler und Patient gibt es einen Austausch, der wirklich auf einer Ebene von Quanten stattfindet.

Eine ‚objektive‘ Untersuchung lässt sich mit Hilfe eines etwas oberflächlicheren Ansatzes durchführen, wenn der Behandler sich entscheidet, den Bewegungsradius eines Bereiches zu prüfen, indem er die dazugehörigen Teile passiv bewegt. Die Information, die man dadurch bekommt, ist aber relativ dürftig und sagt nichts darüber aus, wie dieser Bereich als ein lebendiger Mechanismus funktioniert.

Der Behandler kann sich auch entscheiden, diesen Bereich auf tiefer gehende Art und Weise zu studieren. Um dies zu tun, muss er seine Handkontakte so anpassen, dass er einen wachen propriozeptiven Kontakt mit dem M. flexor profundus und M. flexor pollicis longus ins Spiel bringt, um die lebendigen Bewegungen im Patienten zu registrieren und es dann dieser Mobilität und Motilität zu ermöglichen, sich in den sensorischen und motorischen Bereichen seines Zentralen Nervensystems zu speichern. Er ist nicht mehr Beobachter, er ist Beteiligter. Er überwacht den sensorischen Input nicht, den er erhält. Auf aktive, nicht auf passive Art und Weise erlaubt er der lebendigen Funktion des untersuchten Bereiches im Patienten, ihm vom sich zu berichten – von ihrer Gesundheit, ihrer Dysfunktion, ihren dynamischen Wechselbeziehungen mit der gesamten Körperphysiologie des Patienten.

Der Bewegungsspielraum ist relativ rasch feststellbar, indem man einfach die vorhandene Bewegung beobachtet, und er lässt sich objektiv analysieren, indem man einen Bereich mit einem anderen vergleicht. Vom Behandler entwickelt und im täglichen Gebrauch verfeinert, wird diese Palpationsfähigkeit zu einem wertvollen Werkzeug für die Diagnose vor und nach der Behandlung. Es liefert einiges an Information über die Funktionsqualität in dem betreffenden Bereich, wenngleich es dem Behandler kein vollständiges Bild von den Bestandteilen der unwillkürlichen Bewegung, Mobilität und Motilität und den feineren Details der willkürlichen Aktivität vermittelt. Das erfordert ein Beteiligtsein an diesen von innen, aus dem Patienten heraus arbeitenden Einheiten und zudem genügend Zeit, den Geweben zu erlauben, ihre Funktionsweise zu offenbaren. Während der Behandler mit seinem propriozeptiven sensorischen Input palpiert, muss er ein paar Momente oder sogar Minuten warten, bis der erwachte Primäre Atemmechanismus und die Mechanismen der Körperphysiologie zu arbeiten beginnen. Zu diesen Mechanismen gehören alle Zellen, Flüssigkeiten, Bindegewebe und deren tidenartige Bewegung, Mobilität und Motilität.

Ist der palpierte Bereich gesund, wird er dem Behandler diese Tatsache durch entsprechende Tonus-Qualität der willkürlich bewegten Gewebe mitteilen sowie durch die Qualität der unwillkürlichen Mobilität des Grundrhythmus, dem der Primäre Atemmechanismus bei der Flexion/ Außenrotation, Extension/ Innenrotation der mittellinigen und bilateralen Strukturen folgt. Herrscht dagegen in palpierten Bereichen eine Dysfunktion, wird das dem Behandler durch die veränderte Tonus-Qualität der willkürlich bewegten Gewebe sowie durch eine Einschränkung bzw. das Nicht-Stattfinden der tidenartigen Grundbewegung des Primären Atemmechanismus gemeldet. Der Behandler sollte sich von der Körperphysiologie des Patienten diese Befunde zeigen lassen, bevor er sie analysiert. Funktion, so wie lebende Gewebe sie sichtbar machen, kann, wenn sie ihre Arbeit abgeschlossen hat, besser verstanden werden, als wenn sie noch am Arbeiten ist. Hat man eine korrigierende Behandlung initiiert, um die Funktion in Richtung Gesundheit zurückzuführen, ist es ratsam, den Dysfunktionsbereich zu untersuchen, um zu erspüren, wie sich der tidenartige Rhythmus des Primären Atemmechanismus wieder seinen Weg durch die korrigierte Stelle bahnt. Die Anwesenheit der Tide stellt sicher, dass eine weitergehende inhärente Selbstheilung durch die lebendigen Mechanismen des Patienten stattfindet. Ist die Tide nicht oder nur in verringertem Ausmaß vorhanden, deutet dies auf eine verlangsamte lokale Heilfunktion hin.

Palpation ist etwas, das man sich selbst beibringen muss. So wird die Palpationskunst Teil palpatorischer Fähigkeiten. Wenn der Behandler objektive, passive Bewegungstests anwendet, lernt er, anhand palpatorischer Techniken die Qualität seiner eigenen Bewegungen und der des Patienten zu ertasten. Nutzt er als Beteiligter die unwillkürlichen Mechanismen und die Körperphysiologie des Patienten, dann lernt er, mit Hilfe seiner propriozeptiven Nervenbahnen und der sensorisch-motorischen Bereiche seines Zentralen Nervensystems die Qualität der Bewegung, der Mobilität und Motilität von innen, aus dem Patienten heraus, zu lesen. Um aus dem Primären Atemmechanismus maximale sensorische Erkenntnis für die Diagnose schöpfen zu können, muss der Behandler zum Beteiligten werden beim Entwickeln seiner palpatorischen Fähigkeiten, Gesundheit ebenso wie Traumen und/oder Krankheit zu evaluieren und die Behandlung in Richtung Gesundheit zu lenken. Zu lernen, wie man seine Palpationsfähigkeiten anwendet, ist wirklich eine Kunstfertigkeit und erfordert Zeit, Patienten und Geduld.

4.2. PALPATIONSFÄHIGKEITEN ENTWICKELN

Überarbeitete Fassung eines Vortrages, gehalten 1986 in einem Grundkurs der Sutherland Cranial Teaching Foundation in Philadelphia, Pennsylvania.

Als ich in den 1930er-Jahren Student in einem Osteopathie-College war, waren wir mit Lehrern gesegnet, die uns die Kunst der Patientenbehandlung mittels verschiedener Manipulationskünste vermittelten, hauptsächlich High Velocity Thrusting (HVT). Was wir an der Schule lernten, war effektiv; und als ich graduierte, konnte ich eine gute osteopathische Behandlung durchführen. Ich hatte viele Patienten und musste ihnen beim Versuch, ihre Probleme zu lösen, viele Behandlungen geben. Nachdem ich acht bis zehn Jahre mit dieser Art von Allgemeinmedizin zugebracht hatte, begann es mich zu langweilen, dass diese Patienten immer wieder mit den gleichen Problemen in den gleichen Bereichen kamen – Problemen, die eigentlich schon das letzte Mal, als sie da waren, hätten in Ordnung gebracht werden sollen. Von zehn Fällen einer bestimmten Problemart ging es dreien oder vieren innerhalb eines angemessenen Zeitraumes besser, anderen dreien oder vieren ging es irgendwann besser und bei den restlichen zeigte sich überhaupt keine positive Reaktion, egal was ich tat. Was mich frustrierte, war der Umstand, dass ich mit meiner Palpationsfähigkeit nicht zu differenzieren vermochte, warum die eine Person positiv reagierte und die andere nicht. Ich erkannte schließlich, dass man über ein breites Spektrum an Palpationsfähigkeiten verfügen kann, die einem nicht wirklich weiterhelfen – und offensichtlich war das bei mir der Fall.

Deshalb beschloss ich, wieder die Schriften von A. T. Still zu lesen, gab im wahrsten Sinne des Wortes die Praxis der ‚Osteopathie‘ auf und beschloss stattdessen, die Praxis von A. T. Still zu studieren. Nach einiger Zeit realisierte ich, dass ich, wenn ich sein besonders in einem bestimmten Absatz26 ausgedrücktes Konzept als ein Entwicklungsziel verstehen und nutzen wollte, alle meine sogenannten palpatorischen Fähigkeiten aufgeben und etwas ganz Neues lernen musste. Dies begann ich, indem ich einfach meine Hände auf verschiedene, mit den Symptomen zusammenhängende Abschnitte der Patientenkörper legte und lernte, den Geweben da drinnen zuzuhören, zuzuhören, zuzuhören. Ich tat dies, weil Dr. Still, der Alte Doktor, gesagt hat, dass in jeder Körperphysiologie ein innerer Arzt wirkt, der es der physiologischen Funktion ermöglicht, in Richtung Selbstkorrektur zu arbeiten. Die ganzen Fähigkeiten, die Antriebskräfte und alles, was für die Behandlung eines jeden Falles gebraucht wird, sind schon in die Maschine eingebaut. Man muss sie nur erkennen, diese Mechanismen, und mit ihnen arbeiten. Wenn also die Motoren, die antreibenden Kräfte und alles andere schon in Aktion und in Bewegung sind, und wenn selbst das grundlegende, zu allem Notwendigen fähige Prinzip des inneren Arztes in Bewegung ist, dann – so verstand ich – musste ich eine Art von Palpationskunst entwickeln, mit der ich hören konnte, was mir die Körperphysiologie zu sagen hatte, anstatt ihr zu sagen, was sie tun soll.

Zu diesem Zweck legte ich meine Hände sehr vorsichtig über die strapazierten, gestressten, von Dysfunktionen eingeschränkten oder wie auch immer beeinträchtigten Körperbereiche der Patienten, die zu mir in die Praxis kamen – und dann saß ich einige Minuten da und versuchte ganz still, dem zuzuhören, was mir diese Gewebe sagen wollten. Ich hörte nicht einfach nur dem Primären Atemmechanismus zu, ich hörte der gesamten Körperphysiologie des Patienten zu – die Physiologie der Faszien sowie des willkürlichen und des unwillkürlichen Mechanismus mit eingeschlossen. Ich unterschied dies alles nicht in meinem Denken, so klug war ich nicht – ich hatte einfach nur meine Hände dran.

Anfänglich, wenn ich so vorging, überkam mich, wenn ich mit dem Zuhören fertig war; das Gefühl, dass es nun wohl angebracht sei, etwas zu tun. Also wechselte ich zu einem anderen Bereich des Körpers und machte dort eine kleine Korrektur, damit der Patient glücklich war – aber nie berührte ich den Bereich, an dem ich gearbeitet hatte. Nach ungefähr drei bis vier Jahren wurde ich mir schließlich der Tatsache bewusst, dass ich fühlte, wie etwas geschah. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nicht sicher, was geschah. Im ersten oder zweiten Jahr wurde mir klar, dass, auch wenn ich es nicht verstand, irgendetwas passieren sein musste, weil die Patienten reagierten. Die einzige Ermutigung, die ich von meinen Patienten bekam, waren Kommentare wie dieser: „Sie haben ja bis jetzt nichts getan, Doktor, aber gestern habe ich seit drei Monaten zum ersten Mal den Speicher aufgeräumt.“ Ich lernte also, auf das zu achten, was die Patienten sagten, wenn sie die Praxis verließen: „[…] ich habe aber siebzehn Autos gewaschen und wurde nicht müde.“ Das sagte mir, dass etwas geschah, auch wenn ich nichts davon mitbekam.

Habt ihr je darüber nachgedacht, dass unsere Palpationskünste im Grunde genommen lausig sind? Fühlt ihr irgendetwas? Spürt ihr wirklich, was da los ist? Wisst ihr wirklich, was los ist? Wir müssen unseren Tastsinn entwickeln, indem wir das sensorische Areal unseres Gehirns trainieren, das dieser Art des Spürens ja nie zuvor ausgesetzt war. Wir nehmen eine Orange und einen Apfel in die Hand und spüren, dass die eine Frucht eine unebene Oberfläche hat und die andere eine relativ glatte – toll! Wie aber steht’s denn nun mit den feinen Motilitäten und Mobilitäten, die hier in diesem Körper stattfinden, den wir fühlen? Wir müssen palpatorische Werkzeuge entwickeln, die der Komplexität und Einfachheit dieses Primären Atemmechanismus entsprechen. Wir müssen lernen zu spüren. Aber dies geschieht nicht durch Unterricht. Ich kann euch nichts darüber beibringen – ihr müsst es selbst auf einer Eins-zu-Eins-Basis lernen. Patienten haben es mir beigebracht, aus ihrem Inneren heraus. Indem ich aus meinem Inneren heraus zuhörte, habe ich von ihrem Inneren gelernt, wie man mit der Körperphysiologie arbeitet. Ich weiß auch jetzt noch nicht alles, was ich eigentlich wissen müsste, ich lerne immer noch.

Fünf Jahre nachdem ich mit dieser neuen Arbeitsweise begonnen hatte, zog ich von Michigan nach Texas. Als es so weit war, kamen über dreihundert Leute zu mir und sagten: „Es gefällt uns, was Sie tun. Wo können wir uns weiter auf diese Art behandeln lassen?“ Ihr könnt es glauben oder nicht, aber das war das erste Mal in den fünf Jahren, in denen auf diese Weise gearbeitet hatte, dass Leute sagten, es gefalle ihnen. Vor diesem Zeitpunkt hatte mir keine einzige Person gesagt, dass es ein guter Ansatz sei. Ich wusste nur deshalb, dass der Ansatz gut war, weil er funktionierte.

Interessanterweise war aber der Umstand, dass ich in diesen ersten Jahren nichts spürte, nicht bestimmend für die Effizienz der Behandlung. Ich konnte nichts von dem spüren, was ich heute spüre, aber ich arbeitete mit einer Körperphysiologie im Patienten, die verstand, dass etwas geschah. Sie tat etwas für diesen Patienten – nicht weil ich es fühlen oder ihr Anweisungen geben oder ihr sagen konnte: ‚Sei ruhig‘ oder sie irgendetwas anderes tun ließ, sondern einfach weil ich den Job übernahm, des Bereichs im Patienten habhaft zu werden, der etwas zu sagen hatte. Es ging darum, meine Hände ruhig zu positionieren und dann mit Hilfe meiner Hände zu lauschen, mit Hilfe meiner Hände zu lesen, in aller Stille zu erspüren, was mir der Patient zu sagen versuchte. Es war nicht das Ego des Patienten oder sein Intellekt, sondern die Ruhe seiner Gewebefunktion, die mir Bericht erstattete, die die notwendigen Veränderungen durchführte und dem Patienten erlaubte, physiologische Veränderungen in Richtung Gesundheit zu machen.

Die Körperphysiologie arbeitet ausschließlich auf diese Art und Weise, und das ist auch der einzige Grund, weshalb wir über die Entwicklung entsprechender palpatorischer Fähigkeiten reden. Die Körperphysiologie funktioniert nicht nach unserem Plan, sondern nach ihrem eigenen; und sie hat lediglich ein Ziel – Gesundheit. Wir können lernen, verschiedene Qualitäten von Gesundheit zu unterscheiden, zu verstehen und zu spüren. Wir können lernen, das mit einer Dysfunktion einhergehende Gestresst- und Angespanntsein in der Physiologie zu spüren. Wir können von innen lernen. Der Behandler in mir wird mit dem Behandler im Patienten arbeiten, um in aller Stille zu lernen. Warum ist der Patient zu mir gekommen? Ich weiß es nicht, aber ich kann zu seinem inneren Behandler und meinem inneren Behandler gehen, und lernen, meinen Mund zu halten und zuzuhören. Ich kann dem Behandler in den Geweben einer Patientin zuhören und über meine sensorischen Kanäle eine Art Bericht empfangen. Auf diese Weise kann ich anfangen zu verstehen. Das Entwickeln palpatorischer Kunstfertigkeit gelingt ausschließlich auf der Basis einer Eins-zu-Eins-Beziehung. Es gibt niemand außer dir und deinem Patienten. Für mich ist der Patient der einzige Lehrer. Die Wissenschaft der Osteopathie und die Körperphysiologie des Patienten sind die Lehrer und ich bin der Schüler. Schlussendlich wachen die sensorischen Areale auf und wir entdecken plötzlich, dass wir fühlen können.

Jetzt kann ich euch ein paar kleine Hinweise geben, die vielleicht eure Fähigkeit ermutigen, bei eurer Palpation mehr zu spüren. Ihr könnt mir glauben, sie bedeuten nichts, außer dass sie euch helfen, allmählich eure palpatorischen Fähigkeiten zu trainieren. Es sind einfach ein paar Hinweise, es geht nicht darum, es genau so zu machen; es sind einfach ein paar Vorschläge aus dem heraus, was ich über Jahrzehnte von meinen Patienten gelernt habe. Das Erste, was ihr – auch wenn euch das nicht gefallen wird – tun müsst, ist, euer Ego aufzugeben. Ihr seid nicht halb so klug wie euer Körper bzw. der Körper des Patienten auf der Liege.

Als Nächstes ist es hilfreich, über die vier Ebenen der palpatorischen Fähigkeiten nachzudenken. Die erste Ebene ist ein oberflächlicher Kontakt. So ganz nebenbei fasst ihr einfach etwas an. Ihr hört nicht zu, ihr registriert einfach, dass ihr etwas berührt. Bei diesem Kontakt benutzt man einfach die Rezeptoren für Berührung in Fingern und Hand. Die nächste Ebene der Palpationskunst entwickelt man, indem man mit den propriozeptiven Bahnen des M. flexor pollicis longus und des M. flexor digitorum profundus arbeitet; dies sind die Muskeln des Unterarms, die die Bewegung der Finger und des Daumens steuern. Ihr könnt beim Anfassen eines Mechanismus nur oberflächlichen Kontakt haben – und dann kontrahiert ihr eure Muskeln etwas, und sofort seid ihr euch auf eine völlig andere Art und Weise der Tatsache bewusst, dass ihr ein Objekt spürt. Versucht es selber: Lasst zuerst eure Hände irgendwo auf eurem Körper Kontakt herstellen. Dann macht nichts anderes als ein kleines bisschen eure Mm. flexor pollicis und Mm. flexor digitorum zu kontrahieren. Fühlt ihr jetzt etwas, was ihr vorher nicht gespürt habt? Geht jetzt zurück zum Spüren ohne Propriozeptoren. Die unterschiedliche Qualität des Spürens entsteht, weil ihr mit dem propriozeptiven Kontakt hindurchreicht zu einem Körper mit Flüssigkeit, einer Reihe von Ligamenten und Muskeln, und all dies bewegt sich. Bei oberflächlichem Kontakt spürt ihr keine Bewegung – alles, was ihr macht, ist, den Körper anfassen. Wenn ihr aber die Propriozeptoren nutzt, hört ihr auf mechanische Weise der Funktion zu, die sich in diesem bestimmten Gebiet vollzieht.

Hilfreich für das Funktionieren dieses propriozeptiven Kontakts ist es, ein Fulkrum zu schaffen. Legt eure Unterarme bequem auf die Behandlungsbank und stützt euch dann sanft auf euren Ellenbogen. Das führt zu einer leichten Kompression. Wenn ihr euch zu stark auf die Ellenbogen stützt, dann blockiert ihr das, was ihr zu spüren versucht. Ihr verhindert dann, dass etwas geschieht. Eine Methode, den richtigen Druck zu finden, ist, sich zunächst zu stark hineinzulehnen und dann den Druck allmählich wieder teilweise aufzugeben. Nehmt den Druck von den Armen, aber bewegt die Hände nicht – und plötzlich merkt ihr, dass etwas geschieht. An diesem Punkt seid ihr weder zu fest am Behandlungstisch fixiert noch hängt ihr frei – ihr habt einen schwebenden Kontakt. Durch diesen Kontakt wird alles, was im Patienten geschieht, reflektiert, was ihr daran merkt, dass eure Propriozeptoren jetzt genau in Einklang sind mit der Spannung in dem Teil des Mechanismus des Patienten, den ihr anfasst.

Diese Vorstellung, mit der Spannung in Übereinstimmung zu sein, wird besonders deutlich bei einem Patienten, der einen extrem verspannten, fibrotischen und dysfunktionalen Lumbalbereich hat. Wenn ein derartiger Fall zu euch in die Praxis kommt, legt eine Hand unter den M. psoas, schafft einen Kontakt- bzw. Fulkrum-Punkt und stützt euch dann fest auf euren Ellenbogen. Ihr werdet wahrscheinlich feststellen, dass ihr sehr stark gegen die Behandlungsliege drücken müsst, gegen diesen Fulkrum-Punkt, bis euer Druck endlich mit der Spannung in diesem M. psoas übereinstimmt. Wenn ihr dann etwas Druck wegnehmt, kommt ihr an den Punkt, wo dieser Muskel zu arbeiten anfängt. Das ist ein Beispiel, wie man über propriozeptiven Kontakt Kompression anwenden und so steuern kann, dass sie mit der im Körper spürbaren Pathologie übereinstimmt. Dies bringt das Ganze zum Arbeiten.

Bislang haben wir über die Fingerspitzen und Unterarme gesprochen – jetzt wollen wir weiter nach oben gehen. Wenn ihr euren Handkontakt hergestellt und eure propriozeptiven Bahnen auf Empfang geschaltet habt, hört ihr dem zu, was in dieser Körperphysiologie geschieht – ihr schaltet sozusagen das sensorische Areal eures Gehirns ein. Das klingt dumm, aber wie sonst soll man über etwas sprechen, das sich eigentlich nicht erörtern lässt? Denkt also von da oben aus, spürt von da oben aus! Spürt vom Gehirn aus, hört immer weiter der Körperphysiologie zu. Es ist ein bisschen schwierig, aber ihr werdet allmählich herausfinden, dass ihr die Dinge nicht nur unten in euren Armen spüren könnt, sondern diese Information auch in euren sensorischen und motorischen Gehirnbereichen aufnehmt. Diese Ebene der Palpation nenne ich sensorisch-motorisch. Auf der einen Seite des Sulcus centralis ist der sensorische Bereich, auf der anderen der motorische – und beiden diskutieren das Problem, das man da unten spürt. Die Fähigkeit, von den sensorischen und motorischen Bereichen aus zu fühlen, ist einfach ein weiteres Werkzeug – es ist kein Ziel an sich.

Wir haben also diese drei Ebenen der Palpationsfähigkeit – einen oberflächlichen, einen propriozeptiven und einen sensorisch-motorischen Kontakt – und wollen jetzt einen Schritt weitergehen. In dem Bewusstsein, dass all diese Werkzeuge sowieso arbeiten, hört einfach hin, hört hin, hört hin. Ihr macht einen Quantensprung, akzeptiert, dass alles Mögliche geschehen kann, und ihr wisst nicht warum. Dies bedeutet Spüren anhand eines Quantensprungs. Man entwickelt palpatorische Fähigkeiten, die man nicht definieren kann, die aber tatsächlich und garantiert funktionieren. Oberflächlicher Kontakt bildet die erste Ebene eurer Unterweisung durch die Körperphysiologie. Bezieht ihr auch die Propriozeptoren mit ein, erreicht ihr eine zusätzliche, tiefere Ebene, und wenn ihr euch auch des Sensorisch-Motorischen bedient, gelangt ihr auf eine noch tiefere Ebene der Unterweisung. Nun könnt ihr diese drei Ebenen vergessen und euch sagen: Ich werde jetzt Zuhören, Zuhören mit großem Z – und ihr kommt auf eine Quantenebene. Ich kann das nicht erklären, aber ich bekomme auf dieser Quantenebene mehr Information als auf allen drei anderen Ebenen zusammen.

Diesen Quantenkontakt vergleiche ich gerne mit einem Wasserläufer. Wisst ihr, was ein Wasserläufer ist? Habt ihr jemals so ein Insekt gesehen, wie es auf einem Teich herumläuft? Eine Möglichkeit, beim Erlernen des Palpierens in Bereiche der Quantenmechanik zu kommen, ist, ein Wasserläufer zu werden, der auf der Oberfläche eines Flüssigkeitskörpers herumläuft, in diesem Falle ist dies die Körperphysiologie. Ein Wasserläufer wird nie nass oder ertrinkt oder so etwas. Er läuft einfach auf der Oberfläche dieses Wassers herum, das lebendig ist, und er ist ebenfalls lebendig. Der Wasserläufer bewegt sich auf diesem Wasserkörper und entdeckt gestresste oder angespannte Gebiete. Als Behandler kann man also durch den Wasserläufer dem zuhören, sich auf das konzentrieren, was in der Körperphysiologie geschieht. Ist das nicht schön? Das Käferchen macht all die Arbeit und ihr sitzt da und hört zu. Wenn ihr diesen kleinen Wasserläufervergleich aufnehmt, könnt ihr andere Eindrücke von der Funktionsweise bekommen. Es gibt euch einfach eine Vorstellung – und es macht Spaß, damit zu spielen.

Wenn ihr anfangt, das Problem eines Patienten zu untersuchen, denkt still darüber nach, was hier geschieht, und begreift, dass ihr beim Lesen dieses Mechanismus die Rolle eines Behandlers zu spielen habt. Ihr nutzt euren oberflächlichen Handkontakt und holt euch so viel Information wie möglich. Dann nehmt über den propriozeptiven und den sensorisch-motorischen Kontakt Fühlung auf, um nun Input von diesen Ebenen zu bekommen, und schaut schließlich mit dem Wasserläufer in die gesamte Körperphysiologie des Patienten. Ihr seid damit einverstanden, euch von der Körperphysiologie dieses Patienten benutzen zu lassen, während ihr den Nachrichten zuhört, die euch durch den Wasserläufer übermittelt werden. Mit diesen Nachrichten, versucht der innere Behandler des Patienten zu zeigen, wie ihr diesem Patienten helfen könnt, sich in Richtung der Wiederherstellung von Gesundheit zu bewegen.

Jetzt möchte ich gerne, dass ihr an die Behandlungsliegen geht, eure Hände irgendwo am Körper anlegt, zum Wasserläufer werdet, und dem zuhört, was geschieht – was auch immer es ist – beobachtet einfach für zehn Minuten.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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911 стр. 36 иллюстраций
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9783941523319
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