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ROLAND BREITENBACH

Achtsam leben, lieben, handeln

ROLAND BREITENBACH

Achtsam

leben

lieben

handeln

EIN SPIRITUELLER BEGLEITER

DURCH DAS JAHR


INHALT

Vorwort

JANUAR In der Ruhe liegt die Kraft

FEBRUAR Aufbrechen heißt leben

MÄRZ Die Sinne entdecken

APRIL In Freundschaft leben

MAI Arbeit macht Sinn

JUNI Heute und ganz

JULI Mit erotischer Kraft

AUGUST Spirituelle Energie: Gebet

SEPTEMBER Am Leben reifen

OKTOBER Kraft der Seele

NOVEMBER Leben und Tod

DEZEMBER Erwartungsvolle Sehnsucht

VORWORT

Ein Mensch, der achtsam mit sich selber umgeht, also vor allem auf seine Sinne bedacht ist, wird sich kaum dazu hinreißen lassen, einem anderen Menschen hart, ungerecht, gar feindselig gegenüberzutreten. „Den Nächsten lieben wie sich selbst“ hat Jesus geraten und mit der Gottesliebe in eins gebracht wie kein spiritueller Lehrer vor ihm.

Selbstliebe und Selbstachtung sind damit die Quellen für achtsame und liebevolle, für ehrliche und friedvolle Begegnungen. Das Wasser dieser frischen Quellen ist ein hilfreiches Bild für den Weg zu einer achtsamen Lebenshaltung. Das Wasser ist klar und eindeutig. Es ist weich, freundlich, schmiegt sich seiner Umgebung auf sanfte Weise an. Und doch überwindet es alle Hindernisse, findet unbeirrt, zugleich voller Phantasie, durchaus auf allerlei Umwegen, den Weg zum Meer, zum großen Ziel.

Zugleicht grünt und blüht es an seinen Rändern, an denen neues Leben entsteht. Je länger das Wasser zum Ziel unterwegs ist, desto mehr füllt es sich selber mit Leben. Schließlich kommt alles Leben aus dem Wasser. Die schönste Erfahrung, die ein Mensch machen kann, ist es, geliebt zu werden. Diese Entdeckung führt ihn dazu, selber zu lieben.

Daraus entsteht eine große Freiheit, die letztlich unabhängig macht von allen anderen Erwartungen und Forderungen. Sie lässt uns Ja zu uns sagen. Und darin liegt das ganze Geheimnis der Achtsamkeit. Sie soll uns mit diesem spirituellen Begleiter durch zwölf Monate hindurch führen. Achtsamkeit verbindet sich immer mit Dienst am Menschen. Daran, wie wir achtsam mit Menschen und Dingen umgehen, lässt sich der Grad unserer Reife ablesen.

JANUAR

Nimm dir Zeit.

Ein Acker, der ausruhen konnte, liefert eine prächtige Ernte.

Ovid

Der europäische Mensch lebt aktiv, ganz nach den sechs Tagen der Schöpfungserzählung, aber er übersieht, dass Gott am siebten Tag ausruhte. In der Ruhe liegt die Kraft, heißt es. Eine Zisterne kann nur dann Leben spendendes Wasser liefern, wenn sie Zeit genug hat, das kostbare Nass zu sammeln.

Der Januar ist das Symbol für die Ruhe. Die Natur ringsum schläft. Auch für den Menschen gibt es keine treuere Weggefährtin als die Ruhe. Doch wie wird diese freundliche Begleiterin behandelt? Oft genug wird sie unterdrückt oder misshandelt. Dann rächt sich die Natur und zeigt auf das leere Reservoir. Der Mensch wirkt wie ausgebrannt. Und schon ist eine neue Krankheit gefunden, die der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger 1973 erstmals benannt hat: Burnout. Ausgebrannt. Verbraucht. Die Lebensbatterie ist leer. Dieser Zustand ist nicht nur für den betroffenen Menschen gefährlich. Er hat eine lähmende Wirkung auf das Arbeitsfeld und die ganze Umgebung.

An all das denke ich in diesem ruhigen Monat: Meine Reise durch einen dunklen und kalten Winter führt mich Jahr für Jahr hinaus auf das brache Feld. Der tote Acker lässt mich den Frühling zunächst ahnen und später erleben. Bis es so weit ist, haben wir Menschen die heilige Aufgabe, auch uns Ruhe zu gönnen, uns gegenseitig zur Gelassenheit zu ermutigen, neue Kräfte zu sammeln und Zeichen der Hoffnung zu geben.

Das Rezept

Der erfahrene Arzt hatte seinem neuen Patienten lange und aufmerksam zugehört. Schließlich sagte er: „Ich werde Ihnen etwas aufschreiben, was Ihnen sicher hilft. Es ist ein sehr altes, aber hochwirksames Medikament.“ Der Kranke bedankte sich, nahm das Rezept entgegen und eilte frohgemut in die nächste Apotheke. Der junge Pharmazeut reichte das Papier freundlich lächelnd zurück und meinte: „Dieses Medikament kann ich Ihnen leider nicht verkaufen.“ Jetzt erst las der Kranke überrascht die Verschreibung seines Arztes: „1 × tgl. eine Stunde spazieren gehen!“

Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ausruhen lassen.

Ezechiel 34,15

Gott lieben heißt gehen, stehen, ausruhen und überall in der Liebe Gottes sein.

Rilke

Die Stille ist eine der wesentlichen Schwellen, die wir überschreiten müssen, wenn wir zur Ruhe kommen wollen. Diese Schwelle ist in einem modernen Haushalt sehr hoch. Es gilt zunächst einmal, alles ab- und auszuschalten, was die Stille stören könnte: das Schlagwerk der Uhr, die Türklingel, das Telefon und das Handy, den Computer. Dann heißt es, die Fernbedienung des Fernsehers zu verstecken und ein Zimmer hinter sich zu verschließen. Vielleicht ist dann sogar der Kühlschrank noch zu laut. Das alles sollte man wirklich einmal ausprobieren – und wäre es nur für eine Viertelstunde.

Auf einmal wird die Stille greifbar und in ihrem Gefolge breitet sich eine große Ruhe aus. Vielleicht stellt sich der Erfolg nicht beim ersten Mal ein. Unruhe fällt über uns her und plagt uns. Aber auch hier macht die Übung den Meister: möglichst jeden Tag und zur gleichen Zeit für eine gute Viertelstunde über die Schwelle in die Stille gehen, wieder und wieder, bis die Ruhe zu einem wunderbaren Geschenk geworden ist. Ein freundliches Lächeln für sich beim Blick in den Spiegel kann diese Zeit der Gelassenheit begleiten.

In der Stille, so hat einer geschrieben, träumt die Erde. Die Stille träumt auch den Menschen und zeigt ihm, dass es in seinem Leben noch vieles gibt, was er übersieht. Daran sollten wir uns in den Zeiten erinnern, da uns Stille unruhig macht oder sie uns wie Trostlosigkeit vorkommt. Wir können den Traum der Erde mitträumen und darauf warten, bis die erwachende Natur alles zur lebendigen Wirklichkeit macht. Durch Traum und Phantasie gelangen die Stimme Gottes und seine Weisungen in den dunklen Zeiten zu uns.

Die Zelle

Ein Mönch, der sich in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen hatte, blieb rastlos auf der Suche nach spiritueller Erfahrung, sosehr er sich auch mühte. Er litt Hunger und Durst, geißelte gar seinen Körper, bestrafte sich mit Schlafentzug. Vergebens. Schließlich suchte er einen anderen Mönch auf, der eine Tagereise von ihm entfernt in einer Höhle wohnte, und fragte den Gelassenen um Rat. Der Erfahrene antwortete mit einem Satz: „Setze dich ruhig in deine Zelle und deine Zelle wird dich alles lehren.“

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe ein; denn du allein, Herr, lässt mich sorglos ruhen.

Psalm 4,9

Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen!

Oliver Holmes

Das Spiel ist mit dem Singen und Tanzen verwandt. Alle drei sind Tätigkeiten, die allein aus Freude, zur Entspannung, zum Zeitvertreib im guten Sinne des Wortes geübt werden. Ein Kind kann sich noch ganz ins Spiel versenken. Das Spiel ist für das Kind das einzig Wirkliche, alles andere bleibt zurück. Im Spiel versammelt sich die ganze Welt. Als Erwachsene müssen wir das Spiel neu erlernen, doch darf es nie dazu kommen, dass das Spiel zum Ernstfall wird, etwa zu Gewinnsucht entartet. Dem Spiel dürfen nie Zwecklosigkeit, Ruhe und Gelassenheit genommen werden, sonst rücken Geld, Erfolg oder Sieg in die Mitte und entwerten das Spielerische.

Ein Mensch, der nicht spielen kann, verarmt emotional. Menschen, die miteinander spielen, singen oder tanzen, beleben ihre Gemeinschaft und wecken neue Kräfte. Spielen, hat einer gesagt, ist ein Geschenk, das die Menschen aus dem Paradies mitnehmen durften, damit ihre Arbeit nicht unerträglich würde.

Im Spiel wird einiges von uns sichtbar, was sonst verborgen bliebe: unsere Gedanken, unsere Gefühle, sogar unser Glaube, der uns vor Gott spielen lässt. Der Gottesdienst sollte ein heiliges Spiel sein, zwecklos und frei. Ein schlichtes Ritual sagt oft weit mehr als eine lange Predigt. Eine Geschichte oder ein Märchen lassen uns weit mehr erfahren als Vorträge, Versprechungen und Erklärungen. Im Spiel werden nicht nur Kinder frei. Hand aufs Herz!

Die Maus

Ein Mann war ungerechterweise gefangen gesetzt worden. Er wurde gefesselt und in eine Höhle geworfen. Einmal am Tag brachte man dem Gefangenen eine dürftige Mahlzeit, die er wegen der gebundenen Hände nur mühsam zu sich nehmen konnte. Eine Maus teilte mit ihm die Einsamkeit. Er ließ für sie etwas von dem kargen Essen übrig. Und die beiden gewöhnten sich so aneinander, dass sie miteinander spielen konnten. Eines Tages, das Essen war gebracht worden und es war mit keinem Besucher mehr zu rechnen, begann die Maus wie im Spiel an seinen Fesseln zu nagen. Gegen Abend hatte sie die Stricke gelöst, der Gefangene war frei.

Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit, ich will dir singen und spielen.

Psalm 58,8

Ich habe nie irgendwelche Freiübungen unternommen, mit Ausnahme zu schlafen und auszuruhen.

Mark Twain

Vergangenheit und Zukunft sind die schlimmsten Feinde der Ruhe. Immer weniger Menschen schaffen es, im Heute zu leben. „Heute ist mein Tag“, das wäre eine gute Formel, sich einen Raum der Ruhe zu verschaffen. Blaise Pascal schreibt, alles Unglück der Menschen entstamme der Ursache, „dass sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer zu bleiben“. Die Lösung heißt also, sich bewusst werden: Heute ist mein Tag. Morgen ist auch schon wieder heute.

Es gilt, sich einen Freiraum zu schaffen. Wem das nicht gelingt oder wer es nicht für wichtig hält, lässt sich am Ende selber „links liegen“. Der Freiraum entsteht, wenn wir es uns erlauben, auf unseren Atem zu achten und ruhig zu werden. Mit dieser Erlaubnis vollzieht sich ein Wandel, der vor allem dadurch spürbar wird, dass wir einfacher einschlafen und ruhiger durchschlafen können. Die Sorgen von gestern und die Ängste vor morgen haben in dem gewonnenen Freiraum keinen Platz. Wir lassen sie ganz einfach unberührt, das heißt, wir überlassen unsere Gedanken für eine Zeit sich selbst.

Im Arabischen gibt es das eindrucksvolle Sprichwort: „Der letzte Strohhalm bricht dem Kamel den Rücken.“ Die schwersten Lasten liegen nicht auf diesem Tag, sie werden aus den Sorgen der Vergangenheit und aus den Ängsten der Zukunft zusammengeschnürt. Bevor sie uns den Rücken brechen, sollten wir sie in Ruhestunden und im heilsamen Schlaf loslassen. Dann wird das Gestern zu einem Traum und das Morgen zur Vision.

Geschenk Gottes

Der heilige Mann war so tief im Gebet versunken, dass er zunächst nicht spürte, wie sich ein kleiner Hund auf den Rand seines Mantels legte und einschlief. Er atmete immer noch sanft und tief, als der Meister sich von seinem Gebet erheben wollte. Leise und achtsam schnitt er, um den Hund nicht zu wecken, den Saum seines Mantels ab. Seinen erstaunten Schülern erklärte er: „Der Schlaf ist ein Geschenk Gottes. Sollte ich so wenig achtsam sein und diesem kleinen Wesen eine so wichtige Gabe um eines Fetzen Stoffes willen nehmen?“ Einigen seiner Jünger, so die Überlieferung, wurde bei diesen Worten Erleuchtung geschenkt.

Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei als ein Haus voll Braten und dabei Streit.

Sprichwörter 17,1

Eine Handvoll Monatsimpulse

∞

Täglich eine halbe Stunde bewusst nichts tun

Dafür sich eine bestimmte Zeit festlegen, um

ungestört zu sein. Alles abschalten, was uns diese

halbe Stunde am Morgen, nach der Mittagspause

oder am Abend nehmen könnte.

∞

Täglich eine halbe Stunde, egal wie das Wetter ist,

an die frische Luft gehen

Gerade in der lichtarmen Zeit ist es wichtig, ins Freie

zu gehen und voller Freude festzustellen, dass die Tage

spürbar länger werden. Das Dunkel weicht zurück.

∞

Mindestens einmal in der Woche spielen

Falls das nicht schon gemacht wird, mit Kindern,

dem Partner, mit Freunden einen festen Termin

vereinbaren, um sich beim Spiel zu entspannen.

∞

∞

Auf Fragen wie „Wie geht’s?“

positiv antworten: „Mir geht es gut!“

Sich darüber hinaus eine positive Redeweise

angewöhnen. Alles Negative zieht uns herunter,

macht uns traurig oder gar depressiv.

Ein gutes Wort zu sich selbst wie zu anderen

richtet auf und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

∞

Täglich ein Stück Brot langsam und achtsam kauen

Eine wunderschöne Übung, um sich beim täglichen

Brot dankbar an alle zu erinnern, denen wir das Brot

verdanken: der Schöpfung Gottes zuallererst, dann

der großen Kette derjenigen, die durch ihre Arbeit

vom Landwirt bis zur Verkäuferin im Bäckerladen

am täglichen Brot beteiligt sind.

∞

Am Ende des Monats

sollten drei dieser Impulse

verwirklicht sein.

FEBRUAR

Jeder Tag ist der Anfang eines Lebens, jedes Leben ist der Anfang der Ewigkeit.

Rilke

Die ersten Menschen waren Nomaden. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, konnten sie nicht lange am gleichen Ort bleiben. Sie mussten weiterziehen, um Wasser und Nahrung zu finden. Um beweglich zu bleiben, hielten sie wenig von dem, was wir heute Besitz nennen. Sich mit so wenigen Dingen wie möglich zu belasten erleichterte ihr ansonsten so schweres Leben. Das Nomadenhafte ist den Menschen selbst dann noch geblieben, als längst Äcker bestellt, Wiesen beweidet und feste Häuser gebaut wurden. Wir sind nach wie vor Pilger durch die Welt und das Leben, und seien wir nur unterwegs nach neuen Erfahrungen auf den Pfaden unserer Sehnsüchte. Menschen, die sich von Überflüssigem freihalten können, reisen mit leichtem Gepäck durch das Leben. Zu dieser erleichterten, gelassenen Lebensreise rät Jesus allen, die ihm folgen, wenn er sagt: „Sorgt euch nicht ängstlich …“

Das Leben erfordert von uns Bewegung gegen die tödliche Gefahr der Sesshaftigkeit. Überall ist Bewegung festzustellen, im Wachstum der Pflanzen, im eiligen Lauf der Tiere, in unserer Sehnsucht nach Neuem, nach Unerlebtem. Wenn wir uns in das Leben einschwingen, entsteht ein heilsamer Rhythmus, der mit jedem Ende, nach jeder Ruhe einen Aufbruch zu Neuem schenkt. Zwar begreifen wir das Leben vor allem in der Rückschau, leben müssen wir es im Blick auf den Morgen. Gelebt wird es jedoch nur in jedem Augenblick. Darin liegt der Weg zum Glück: Leben im Heute.

Erfahrung

„Das ist doch im wirklichen Leben völlig unmöglich“, behauptete der Schüler. „Wie kann Jesus fordern, seine verwandtschaftlichen Beziehungen gering zu achten. Wie kann er verlangen, das Kreuz zu tragen, wie kann er sagen: ‚Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche, keine Schuhe an den Füßen‘. Völlig unmöglich in unserer Zeit!“

„Und doch“, antwortete ihm ruhig der Mönch, „beginnt das ganze Glück des Lebens wie des Glaubens mit dem mutigen Sprung aus der Sicherheit in die Unsicherheit.“

Jesus gebot den Jüngern, nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel.

Markus 6,8

Ein Anfang ist kein Meisterstück, doch ein guter Anfang halbes Glück.

Deutsches Sprichwort

Jeder Aufbruch eröffnet dem Wachstum neue Möglichkeiten. An den Pflanzen auf unserem Fensterbrett können wir das mit einiger Geduld sehr gut beobachten. In jedem Menschen ist sehr viel grundgelegt und verborgen. Es müsste verkümmern, gäbe es die Entschlossenheit zum Aufbruch nicht. Kardinal Newman formuliert es so: „Wachsen heißt, sich ändern. Vollkommen sein, sich oft geändert haben.“

Sich auch im Alter noch ändern können ist ein Zeichen der Reife. Alles andere führt in die Absonderung und Verschlossenheit, letztlich in die Erstarrung. In gewisser Weise wird schon in der Jugend grundgelegt, was uns im Alter glücklich macht oder beschwert. Es kommt darauf an, was wir in uns groß werden lassen; wem wir Nahrung geben, was wir zulassen oder fördern.

Der Aufbruch zu Neuem ist immer ein Risiko, aber das muss keinesfalls bedrohlich sein. Wer die Gefahren eines neuen Weges scheut, bleibt sitzen. Doch er bringt sich um Erfahrungen, die ihn für Größeres öffnen, vielleicht sogar für ein Wunder, von dem er noch nicht einmal zu träumen wagte und das ihm unversehens geschenkt wird.

Jeder Tag ist anders. Deswegen will sich der Aufbruch nicht mit dem Ballast von gestern behindern lassen. Er weigert sich auch, sich die Sorgen und Ängste von morgen aufzuladen. Er geht offen und erwartungsvoll in jeden neuen Tag. Jesus sagt: „Jeder Tag hat genug an eigener Last.“ Aber auch genug an eigener Freude. Wir übersehen sie leicht. Wir sollten lernen, die Freuden eines Tages jeden Abend zusammenzuzählen.

Das Floß

Ein Mensch kam nach langer, beschwerlicher Wanderung an einen Fluss. Den musste er noch überqueren. Aber da waren weder Weg noch Steg und auch kein Boot zum Übersetzen. Der Wanderer baute sich ein Floß aus Baumstämmen, Ästen und Zweigen. Damit konnten er und seine bescheidene Habe ans andere Ufer kommen. Drüben angekommen, schulterte er zu seinem schweren Rucksack auch noch das Floß und trug es schnaufend und schwitzend über Land. Ein Mensch, der ihm entgegenkam, meinte: „Haben die Dinge unseres Lebens ihren Zweck erfüllt, lassen wir sie dankbar los, sonst wird die Last zu schwer.“

Ist der Mensch am Ende angelangt, steht er noch am Anfang, wenn er es aufgibt, ist er ratlos.

Jesus Sirach 18,7

Wer aufbrechen und Neues finden will, muss zuvor Abschied nehmen.

Wir fürchten uns vor dem Abschied. Unwiederbringlich muss mit jedem Abschied etwas aufgegeben werden, was uns lieb und wertvoll war. Besonders schmerzlich ist der letzte Abschied von einem Menschen, der uns nahestand. Wenn es keine Abschiede gäbe, würde unser Leben zur überfüllten Rumpelkammer, zum qualvoll engen Gefängnis. Meist wird uns gar nicht bewusst, wie oft wir an jedem Tag Abschied nehmen und Menschen wie Sachen für immer loslassen. Wer am Abend einmal darüber Bilanz zieht, wird überrascht sein.

„Ade“ ist ein Wort des Aufbruchs. Wir gebrauchen es meist zu oberflächlich. Ade kommt vom Französischen Adieu und meint „Geh mit Gott“. Das bedeutet heute so viel wie „Lebe wohl“, in der Ahnung, den zu verabschiedenden Menschen oder die aufzugebende Sache nicht mehr wiederzusehen. Jedenfalls nicht mehr so, wie wir sie losgelassen haben. Was und wen wir loslassen, geben wir mit einem Ade getrost in die Hände Gottes.

Ohne Abschied kein Aufbruch. Das Neue will offenbar unter Schmerzen geboren werden. Das macht es so wertvoll. Die Schmerzen markieren das Neue und sorgen dafür, dass es nicht geringgeschätzt wird. Wie bei der Geburt eines Menschen oder bei seinem Tod ist deswegen der Schmerz unser Begleiter. Damit die Abschiedsschmerzen nicht zu groß werden, gilt es ein Leben lang in vielen kleinen Schritten das Loslassen zu üben und zur Gelassenheit zu finden. Wo die Schmerzen des Neuen oder des Verabschiedens zugelassen werden, geschieht im Leben des Menschen etwas Heilsames, eine Art Verwandlung auf das große Ziel hin.

Abbruch

Ein Pilger wanderte eine Straße entlang. Er kam an einem Mönch vorbei, der meditierend am Rande des Weges saß. In der Nähe arbeiteten Männer an einem großen Gebäude. „Du siehst wie ein Mönch aus“, sagte der Pilger. „Ich bin einer“, antwortete der Mönch. „Was sind das für Leute, die an dieser Abtei arbeiten?“ „Meine Mönche“, sagte der Mann; „ich bin der Abt.“ „Oh, das ist wunderbar“, freute sich der Pilger, „es ist gut, eine neue Abtei wachsen zu sehen.“ – „Wir reißen sie nieder“, sagte der Abt. „Niederreißen?“, rief der Pilger erstaunt. „Warum denn das?“ – „Damit wir wieder sehen können, wie die Sonne aufgeht“, sagte der Abt.

Fasst alle Mut und macht euch an die Arbeit!

Denn ich bin bei euch.

Haggai 2,4

Jedes Ziel ist der Startplatz für den Aufbruch zu neuen Zielen.

Manche verwechseln den täglich notwendigen Aufbruch mit aufwändigen Programmen, Plänen oder weiten Reisen. Das gilt vor allem für unsere spirituellen Bedürfnisse. Sie werden nicht durch ständig neue Rezepte und absonderliche Methoden gestillt. Die Aufgaben liegen vor unserer Haustüre, in unserer Straße. Wir müssen nicht von uns weggehen, um uns zu finden. Wer weit genug gegangen ist, kommt doch wieder nur bei sich selber an, heißt es.

Eines darf allerdings nicht geschehen: Wir dürfen nicht selbstzufrieden und damit sesshaft werden. Sesshaftigkeit führt in die Erstarrung oder Verhärtung. Das Alte wird heiliggesprochen. Es bewegt sich nichts mehr. Der Sesshafte neigt zum Fundamentalismus: Alles muss bleiben, wie es war.

Das Leben hat eine Aufgabe für und vor uns. Auch wenn diese Aufgabe uns noch so schwer erscheint, wir sollten nicht zurückschrecken. Vor allem uns keine allzu großen Sorgen machen.

Schon nach dem ersten Schritt sieht alles ganz anders aus, wenn hinter diesem Schritt die geballte Energie einer klaren Entscheidung liegt. Der erste Schritt darf nicht durch Zögerlichkeit oder Ängste gehemmt werden. Es gilt, mutig zu springen. Im ersten mutigen Schritt liegt der ganze Weg verborgen. Nicht selten beginnt ein Aufbruch in das Neue mit der Versöhnung mit der Vergangenheit. Die Erinnerung hilft uns, Vergangenes loszulassen und zu heilen. Dann ist die kurze Rückkehr in die Vergangenheit kein Umweg oder Rückzug, sondern wie der erste Schritt in die Zukunft.

Der Berg

Das Haus eines Mannes lag fast den ganzen Tag im dunklen Schatten eines steilen Hügels. Weil er das Licht der Sonne sehr liebte, griff der Mann zu Schaufel und Karre und begann dem Hügel zu Leibe zu rücken. Tag für Tag ging das so. Die Nachbarn, deren Häuser im Licht der Sonne lagen, spotteten über das aussichtslose Unternehmen: „Das schaffst du nie!“, sagten sie und verschränkten die Hände. Doch der Mann blieb stur: „Ich werde es schaffen. Wenn nicht ich, dann meine Söhne oder Enkel!“ Da hatte sogar der Himmel ein Einsehen. Gott schickte zwei Engel. Über Nacht trugen sie auf ihren Schwingen den Rest des Hügels davon.

Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.

Lukas 15,18

Eine Handvoll Monatsimpulse

∞

Täglich ganz bewusst mit

dem Atem fünfzig Schritte tun:

einatmen – Schritt; ausatmen – Schritt.

∞

Am Ende eines jeden Tages das Gute und Schöne

benennen, das man erfahren hat. Sich für jedes

Ereignis einen grünen Punkt schenken.

∞

Mindestens einmal in der Woche sich von etwas

trennen, was zur Gewohnheit werden oder was sich

als überflüssig erweisen könnte.

∞

∞

Mindestens einmal in der Woche

die Namen jener Menschen in Erinnerung rufen,

die in der Kette der Generationen stehen.

∞

Den Monat nicht verstreichen lassen,

ohne dass ein guter Gedanke, eine Idee,

ein Vorhaben verwirklicht ist.

∞

Sich am Ende des Monats fragen:

Welche Visionen habe ich?

∞

Am Ende des Monats

sollten drei dieser Impulse

verwirklicht sein.

MÄRZ

Drei Pfade hat der Mensch in sich, auf denen sich sein Leben bewegt: die Seele, den Leib und die Sinne.

Hildegard von Bingen

Nirgendwo zeigen sich unsere Sinne und damit unsere Gesinnung eindrucksvoller und spürbarer als im Gesicht. Ein humorvoller Mensch mit einer guten Portion Selbstkritik hat einmal gesagt: „Wenn du am Morgen in den Spiegel blickst und es schaut ein Griesgram heraus, bist du selber schuld.“ Der Mensch zeichnet sein Gesicht durch sein Denken und markiert es durch seine Taten.

Auf der kleinen Fläche des Gesichtes kommt alles zum Ausdruck, was einen Menschen bewegt, was er sieht, hört, spürt und riecht, auch was er erleidet. Die Art, wie er spricht, verrät Weiteres aus dem Schatz oder dem Abfalleimer seiner Seele. Im Gesicht, selbst noch im verschlossenen, erfahren wir mehr über das Leben unseres Gegenübers und wir verraten ihm mehr von dem unseren als mit allen anderen Äußerungen. Unsere guten Seiten lachen uns aus dem Gesicht, unsere schlechten hinterlassen auf ihm derbe Spuren, unsere Trostlosigkeit gräbt Linien der Trauer. Das Gesicht bündelt und hinterlässt die Spuren unserer sinnlichen Erfahrungen. Ein Mensch, der in seinem Leben viel Leid erfahren hat, bewahrt sich ein ausgeglichenes Gesicht, wenn er sich davon gelöst, also an seiner Seele keinen Schaden erlitten hat. Die Spuren im Gesicht und die Geschichte der Seele sind von überraschender Übereinstimmung. Blicken wir auf das Gesicht eines Verstorbenen, entdecken wir nicht selten die Zeichen des Friedens und einen Hauch von Heiligkeit.

Erwachsenwerden

Auf einem Kongress gab es eine heftige Auseinandersetzung über die Frage, warum selbst durch die gemeinsamen Anstrengungen der Völker die Gewalt und das Unrecht nicht überwunden werden können. Ein unbekannter Wissenschaftler ergriff das Mikrofon und sagte: „Das Problem unserer Erde ist, dass die Menschen nicht erwachsen werden wollen!“ Ein Teilnehmer fragte zurück: „Und wann sind Ihrer Meinung nach die Menschen erwachsen?“ Die Antwort kam prompt: „Wenn sie endlich wie die Kinder ihre fünf Sinne gebrauchen.“

Halte deinen Sinn von Ärger frei, und schütz deinen Leib so vor Krankheit.

Kohelet 11,10

Die Sinne schlagen die Brücke vom Unfassbaren zum Fassbaren.

Unsere Sinne sind wie große Türen. Sie lassen herein, was uns begegnet, spiegeln und bearbeiten es. Dabei wirken alle fünf Sinne zusammen. Sie ergänzen einander. Was der eine Sinn nicht ganz oder richtig erfasst, gleicht der andere aus oder ergänzt es. „Diesen Menschen kann ich nicht riechen“, signalisiert die Nase und alle anderen Sinne schalten auf Vorsicht, obwohl eigentlich das Auge zuerst sein Urteil hätte abgeben müssen. Das Auge empfängt nicht nur die Impulse, es versendet sie auch. Ein liebevoller Blick kann viel mehr sagen als Worte, mehr noch, er kann einen Menschen verändern, ihn zur Einsicht bringen, ihn zur Versöhnung führen, ihm Mut machen, ihn aber auch in helle Wut versetzen. Das Schönste an einem Menschen ist, wenn seine Sinne Liebe ausstrahlen. Wenn wir das immer vermöchten, könnten sich die Menschen um uns, könnte sich die Welt verändern. Denn wer liebt, sieht anders und tiefer und wird damit seinem Gegenüber gerechter. Das ist das Geheimnis: Unsere Sinne können die Seele heilen wie die Seele unsere Sinne.

Um auf diesen heilsamen Weg zu kommen, ist es gut, sich an jedem Abend zu fragen: „Was habe ich heute wirklich gesehen? Habe ich meine Mitmenschen mit den Augen der Liebe angesehen?“ Oder auch: „Was habe ich gehört? Habe ich wirklich hingehört, was mir ein anderer sagen wollte?“ Und: „Warum habe ich nicht gespürt, was er gerade jetzt braucht?“ Wir sind am menschlichsten, aber auch am verwundbarsten, wenn wir Liebe mit allen Sinnen verschenken.

Die Seele

Er war ein exzellenter Prediger. Die Menschen hingen an seinen Lippen, weil er große, eindrucksvolle Worte fand. Er war einfach und bescheiden. Er gönnte sich wenig, fastete viele Wochen im Laufe des Jahres. Seine Anhänger nannten ihn einen Heiligen. Aber der Prediger war mit sich unzufrieden. Eines Tages suchte er einen Einsiedler auf, der sich rund um seine Zelle einen Garten angelegt hatte, ein kleines Paradies. Ihn fragte der berühmte Prediger: „Ich komme nicht dahinter, was mir fehlt.“ Der Einsiedler, gerade damit beschäftigt, seine Rosen festzubinden, schaute nur kurz auf und sagte: „die Seele.“

Verständiger Sinn nimmt die Gebote an, wer Törichtes redet, kommt zu Fall.

Sprichwörter 10,8

Die Liebe öffnet unsere Sinne gegen alle Vorurteile und Ängste.

Der Tastsinn bringt uns auf besondere Weise mit unserer Außenwelt in Verbindung. Dieser Sinn liegt nicht nur in unseren Händen verborgen, er liegt buchstäblich in unserer Haut, an unserer Oberfläche. Der Tastsinn ist so etwas wie das Fingerspitzengefühl der Liebe. Am Anfang unseres Lebens berühren und begreifen wir die Menschen und die Sachen um uns mit dem Mund. Was wir auf diese Weise berühren und erfahren durften, bleibt uns vertraut. Es macht uns keine Angst mehr.

Dann sind es die Hände, die das ursprüngliche Begreifen fortsetzen. Vor allem, wenn wir das Gesicht der Mutter, des Vaters betasten, wenn wir die Haut des Geliebten streicheln. Das alles geschieht in großer Offenheit. Jede Berührung, die wir zulassen oder verschenken, zeigt zugleich unsere Verletzlichkeit, die immer besteht. Schließlich signalisiert der Tastsinn auch den Schmerz, der uns ganz unmittelbar überrascht und an unsere Grenzen bringt.

Der Tastsinn spricht seine eigene Sprache. Wenn wir einem Menschen sexuell begegnen, dann lässt er uns in seine Welt hinein und wir öffnen uns ihm in großer Freiheit. Es kann ein heiliger Raum entstehen, denn es wird eine Zärtlichkeit verschenkt und empfangen, wie sie größer kaum sein kann.

Doch dürfen wir nicht übersehen, dass die Heiligkeit dieses Geschehens erst wieder entdeckt werden muss. Denn nur dann werden Berührungen als etwas Großes und Heiliges empfunden, wenn sie nicht mit Gewalt und damit als Missbrauch daherkommen. Wobei die Gewalt von leidenschaftlicher Ursprünglichkeit und Wildheit weit entfernt ist, weil diese immer Achtsamkeit und Zärtlichkeit bewahren.

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9783429060657
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