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Rike Waldmann
Vier gewinnt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Messe – der Wahnsinn
Ein attraktives Angebot
Home, sweet Home
Im Büro und anderswo
Früchte des Zorns
Das Tagebuch
Unter Freunden
Der ganz normale Wahnsinn
Ein Konzept mit Konsequenzen
Es knallt – und: Es knallt
Weihnachten am Bodensee
Eis und heiß
Im Krisenmodus
Überraschung
Auf ein Neues
Ein Plan ist ein Plan ist ein Plan
Tage am See
Eine Geschichte mit Happy End
Glück am Bodensee
Ein neuer Tag
Alles – nichts – oder?
Pizzeria Roma
Alles auf Anfang
Neue Wege
Lena Michaelis und andere Sorgen
Am Set
Wie im Drehbuch
Es klärt sich so manches
Pläne und andere Überflüssigkeiten
Abschied und Aufbruch
Summer meets Winter
Ein Tortentraum
Ganz in Weiß?
Ein perfekter Deal
Neue Ufer
Endspurt
Eine unruhige Nacht
Himmel Numero Sieben
Messe – der Wahnsinn
Impressum neobooks
Messe – der Wahnsinn
„Es ist doch jedes Jahr der gleiche Wahnsinn“, Marlene drehte sich zu ihrer Kollegin Sandra um, die in der winzigen Kabine des Messestands versuchte, Wein- und Sektgläser unfallfrei auf einem Tablett zu platzieren.
„Ich sollte es ja nun nach zehn Jahren Frankfurter Buchmesse wirklich besser wissen, aber am Tag unseres Autorenempfangs kann ich einfach nie ein Outfit finden, zu dem flache Schuhe passen. Und dann bin ich regelmäßig völlig fertig, kurz bevor es losgeht.“
Sandras Mitleid hielt sich in Grenzen: Wie jedes Jahr trug sie auch heute halbwegs schicke, aber vor allem flache Stiefeletten zu ihrem blauen Hosenanzug und fühlte sich um sechzehn Uhr immer noch topfit. Aber mit einem Meter und fünfundsiebzig Zentimetern konnte sie sich das auch leisten. Marlene fehlten glatte zehn Zentimeter, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. Und die glich sie halt mit schicken Pumps aus. Sie hatte einfach keine guten Erfahrungen damit gemacht, zu Einmeterneunzig-Autoren aufzublicken und ihnen gleichzeitig Entgegenkommen beim Honorar abhandeln zu wollen.
„Warum musst du auch ausgerechnet auf der Buchmesse versuchen, in Honorarverhandlungen die Oberhand zu gewinnen?“ Sandra kannte ihre Freundin gut genug, um deren heimliche Strategien zu durchschauen. „Nächstes Jahr machst du hier nur Smalltalk und zurrst die Details einfach anschließend fest. Nüchtern und vom Büro aus. In Ballerinas.“
„Sagst du mir das in einundfünfzig Wochen, wenn ich mein Köfferchen packe, bitte noch mal laut und deutlich?“ Marlene seufzte und schlüpfte probehalber aus dem linken Schuh. Nein, da würde sie nie wieder reinkommen, wenn sie es sich jetzt bequem machte. Und in einer halben Stunde war hier der Teufel los. Dann hieß es lächeln, lächeln, lächeln. Und dabei nicht gequält aussehen. Sie hatte es bisher noch jedes Jahr geschafft. Also würde sie es heute wohl auch hinbekommen.
Marlene schnappte sich ihr Notizbuch und zog sich in die kleine Besprechungsecke zurück. Ein letzter Blick zur Vorbereitung konnte ja nicht schaden. Mindestens zwei der Autoren, die sich angekündigt hatten, waren knallharte Verhandler. Da musste sie ihre Argumente beisammenhaben. Und dann kam ja auch noch ihre ‚Lieblings‘-Herausgeberin, Frau Meyer-Wübbecke. Immer unter Strom, immer mit völlig unerfüllbaren Sonderwünschen, immer für eine Überraschung gut. Und leider sehr wichtig und eine echte Umsatzgarantin. Die musste sie auf jeden Fall zufriedenstellen, sonst würde sie es bei der Manöverkritik nach der Messe auszubaden haben.
Sie sah Peters zerknitterte Miene förmlich vor sich: Wenn ihm etwas missfiel, konnte ihr Chef seine Stirn in unglaublich viele Falten legen. Und man tat gut daran, die Quelle seines Missfallens möglichst umgehend zu beseitigen. Auch wenn er sonst als Vorgesetzter echt ein Glückstreffer war – man reizte ihn besser nicht.
Marlene liebte ihren Beruf und ging darin auf. Aber auf einen missgestimmten Peter konnte sie verzichten. Der ruinierte locker eine ganze Arbeitswoche.
„Wie viele Gäste haben sich eigentlich angemeldet?“, fragte Sandra aus dem Hintergrund. „Es wird doch bestimmt wieder voll, oder?“ „Rappelvoll. Vorgestern waren wir bei achtundsechzig Anmeldungen. Und du weißt ja: Manche kommen spontan dann doch noch, weil ein anderer Termin ausgefallen ist. Oder weil die Häppchen einen guten Ruf haben.
Zum Glück ist das fast meine letzte Amtshandlung auf der Messe. Morgen hab ich nur noch zwei Vorträge, die ich gern hören möchte. Und dann geht es ab ins Wochenende.“ Marlene war die Vorfreude anzuhören: ausschlafen, gemütlich frühstücken, vielleicht ein langer Spaziergang. Danach wäre sie für die nächste Arbeitswoche wieder gewappnet.
Sandra guckte neidisch. „Du hast es gut. Und während du dir mit deinem Lukas einen schönen Tag machst, darf ich hier an vorbeiziehende Horden Kugelschreiber verteilen und bis spät abends Bücher zusammenpacken.“ Tja, so war das, wenn man für den letzten Messetag eingeteilt war. Beliebt war das nicht. Das Fachpublikum war bereits zu Hause und die „Horden“, wie Sandra sie wenig liebevoll genannt hatte, bestanden aus begeisterten Buchliebhabern, die möglichst viele Promis sehen wollten und möglichst viele Bücher möglichst preiswert mit nach Hause nehmen wollten. Am letzten Tag waren die Verlage ja froh über jeden Band, den sie nicht wieder einpacken mussten.
Ehe die beiden Freundinnen sich weiter über das bevorstehende Wochenende austauschen konnten, brach auf der anderen Seite des Messestands ein kleiner Tumult aus. Was war denn da los?
„Oh, Prominenz im Anmarsch“, hauchte Sandra und bekam ganz rosige Wangen. „Guck mal, Marlene, den kennen wir doch!“ Marlene drehte sich um. In der Tat, da stand Stefan Sommer, bekannt aus Film und Fernsehen, Schwarm aller Schwiegermütter, inmitten einer Traube von Fotografen. „Na, der hat sich doch bestimmt verlaufen. Von uns kann er ja wohl nichts wollen.“ Marlene blieb gelassen. Ihr Verlag war auf Sachbücher und wissenschaftliche Publikationen spezialisiert. Wohl kaum die richtige Adresse für einen Promi, der sich als Schriftsteller versuchen wollte. Und noch weniger geeignet, um eine dümpelnde Karriere mit autobiografischen Informationen anzukurbeln.
„Nee, als Verlag kommen wir für den nicht infrage“, Sandra war da ganz ihrer Meinung. „Ich glaube auch kaum, dass er es nötig hat, als Autor zu dilettieren. Seitdem er den Hauptkommissar Wendrich spielt, kann er sich ja offenbar vor Angeboten kaum retten. Wahrscheinlich ist dies hier einfach der schnellste Weg zum Ausgang für ihn.“ Sandra holte das Handy aus der Tasche, um wenigstens ein Erinnerungsfoto von diesem denkwürdigen Besuch zu schießen. Da war sie Marketing-Profi. Das könnte man auf der Website posten. Es würde bestimmt ein paar Menschen zum Verweilen einladen. Und wer verweilt, kauft. Jedenfalls manchmal.
„Egal. Hauptsache, er ist wieder weg, wenn unsere Autoren hier aufschlagen. Sonst stiehlt er denen noch die Show. Und das mögen sie gar nicht.“ Marlene lachte. „Ich möchte nicht wissen, was Frau Meyer-Wübbecke unternimmt, wenn sie die ihr gebührende Aufmerksamkeit mit einem Fernsehfuzzy teilen muss.“
Der Pulk, der sich um Stefan Sommer gebildet hatte, löste sich langsam auf. Fotografen auf der Buchmesse hatten nicht ewig Zeit, sich einem Prominenten zu widmen. Dafür gab es einfach zu viele. Foto im Kasten – fertig. Er sah übrigens aus der Nähe betrachtet gar nicht schlecht aus, der Stefan Sommer. Marlene hatte in den letzten zehn Jahren auf der Messe viele Stars und Sternchen aus der Nähe betrachten können. Und meistens hatte sie festgestellt, dass der Bildschirm der Ausstrahlung offenbar guttat. Im wirklichen Leben waren die Idole häufig weit weniger eindrucksvoll: viel kleiner als gedacht, doch schon ziemlich faltig, mit künstlichem Lächeln im Gesicht und geschmacklos bis schlampig angezogen. Aber der hier …
Unauffällig musterte sie den Schauspieler. blonde, leicht wellige Haare, Dreitagebart, perfekt sitzende Jeans mit knackigem Hintern, lässiger Hoody, nettes Grinsen im Gesicht …
Moment mal. Grinsen im Gesicht? Marlene wurde rot. Der sah ja zu ihr rüber! Der hatte mitbekommen, dass sie ihn angestarrt hatte. Wie peinlich. Wie oberpeinlich. Sie drehte sich abrupt um und verschwand in der kleinen Kabine, die Sandra soeben verlassen hatte.
Durchatmen. War ja nichts passiert. Sie arrangierte Kekse auf kleinen Tellern, um ein Alibi für ihre Anwesenheit zu haben. Nicht, dass es irgendwen interessiert hätte.
Als sie nach wenigen Minuten wieder zum Vorschein kam, war niemand mehr zu sehen. Und dann ging der Rummel auch schon los. In der nächsten Stunde kam Marlene kaum zum Luftholen. Küsschen hier, Smalltalk da. Ein Prosecco mit dieser Autorin, eine Verabredung zur Durchsicht des neuen Manuskripts mit jenem Herausgeber. Business as usual.
Nach achtzehn Uhr leerte sich der Stand allmählich wieder. Die Leute wollten nach Hause. Sich umziehen, sich zum Abendessen einladen lassen, entspannen nach dem harten Tag. Marlene ging es nicht anders. Aber erst musste hier noch klar Schiff gemacht werden. Morgen früh würde dafür keine Zeit sein, da begann der Sturm pünktlich mit dem Öffnen der Tore.
Sie hatte gerade die letzten leeren Gläser aus den Regalen gefischt und die Prospekte aufgefüllt, als hinter ihr plötzlich eine dunkle Stimme ertönte: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Cheflektorinnen sich auch aufs Putzmanagement verstehen.“
Marlene wirbelte herum. So ein Depp hatte ihr jetzt grade noch gefehlt. Aber die saftige Entgegnung blieb ihr förmlich im Hals stecken. Das war doch – schon wieder Stefan Sommer. Sie starrte ihn wortlos an.
„Guten Abend“, sagte er höflich. „Sie sind doch Marlene Winter, nicht wahr?“ Marlene nickte stumm. Der kannte sie??? Es verschlug ihr die Sprache.
„Ich hab Sie vorhin schon erkannt, nach der Beschreibung, die mein Freund Andreas mir gegeben hat. Aber ich wollte dann doch bei einem ersten Kennenlernen lieber keine Presse dabeihaben.“
„Kennenlernen? Sie mich?“ Marlene riss sich zusammen. „Andreas? Äh, welcher Andreas?“ Stefan Sommer nickte und reichte ihr freundlich die Hand. „Richtig. Andreas Martens. Den kennen Sie doch, oder?“ „Ja, das ist ein Autor, mit dem zusammen ich schon einige Bücher gemacht habe.“ Marlene nickte. „Also, geschrieben hat er sie natürlich. Das ist ein Freund von Ihnen?“
„Ja, wir kennen uns schon seit Kindertagen. Und Andreas hat zu mir gesagt: ‚Stefan, wenn du wirklich schreiben willst, brauchst du eine gute Lektorin. Und die beste, die ich kenne, arbeitet beim Gärtner-Verlag. Das ist zwar vielleicht nicht die erste Adresse für einen Roman. Und woanders könntest du mit deinem Promibonus vielleicht mehr Honorar rausschlagen. Aber wenn es dir ernst ist, wenn dein Erstling gut werden soll, dann bist du bei Marlene Winter genau richtig.“
Marlene stand da und reagierte nicht. Sie blieb einfach stumm. Das passierte ihr äußerst selten. Nein, eigentlich war ihr das noch nie passiert. Aber ein derartiges Angebot hatte sie ja auch noch nie erhalten. Geschweige denn, erwartet.
Stefan Sommer deutete ihr Schweigen offensichtlich falsch. „Äh, ich verstehe natürlich, dass Sie sich mit einem Anfänger wie mir gar nicht beschäftigen wollen. Und so ganz Ihr Metier ist ein Roman ja vermutlich auch nicht. Aber ich dachte, ich versuch‘s einfach mal. Na ja …“ Nun wusste offenbar auch er nicht mehr so richtig weiter.
„Nein, nein, das ist es nicht. Ich bin nur einfach vollkommen überrascht. Bitte entschuldigen Sie.“ Allmählich gewann die Professionalität bei Marlene wieder an Boden. „Natürlich ist ein Buch von Ihnen für jeden Verlag ein Knaller. Und für unseren ganz sicher. Da würde ich zumindest nicht ablehnen, ohne das Manuskript vorher gelesen zu haben. Und es müsste schon grottenschlecht sein …“ Sie lächelte entschuldigend.
„Oh, wunderbar“, Sommer atmete auf. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie zum Abendessen im Bayerischen Hof einlade und wir alles Weitere dort besprechen? Ich bin da untergebracht, deswegen wäre es für mich recht bequem.“ Marlene überlegte einen Moment. „Eigentlich bin ich völlig erledigt, aber da kann ich natürlich schlecht Nein sagen, ohne meinen Job aufs Spiel zu setzen.“ Marlene lächelte – das sollte ironisch klingen, aber es war auch ziemlich nahe an der Wahrheit. „Nur: Bayerischer Hof? Dann stehen Sie morgen auf jeden Fall in der Zeitung. Und ich bzw. der Verlag gleich mit. Keine gute Idee.“
„Da haben Sie natürlich recht. Ich bin ein Trottel. Haben Sie einen Vorschlag?“ „Wenn Sie Thai-Essen mögen? Da gibt es in der Nähe meines Hotels ein kleines Lokal. Und das wäre dann für mich recht bequem.“ Marlene grinste. „Es hat den Vorteil, dass heute dort keine Kollegen auftauchen, weil die alle beim Empfang des Börsenvereins sind. Und bezahlbar ist es für unseren klammen Verlag auch. Denn natürlich zahle ich das Essen. Dafür gibt es schließlich Spesen.“
Marlene übersah geflissentlich Sandras weit aufgerissene Augen, schnappte sich ihren Mantel und verließ den Messestand. Zusammen mit einem sehr attraktiven international bekannten Schauspieler, der ausgerechnet sie als Lektorin für seinen Debütroman wollte.
Ein attraktives Angebot
Während sie auf dem Weg zum Taxistand Smalltalk machte (natürlich fuhr ein Promi nicht U-Bahn), überlegte Marlene im Stillen, was genau ‚Andreas‘ seinem Kumpel Stefan wohl vorgeschwärmt haben mochte. Es fiel ihr aber absolut nichts ein, was in der Zusammenarbeit mit ihm besonders aufregend gewesen wäre. Sehr angenehm war es gewesen, er war nicht nur kompetent, sondern konnte auch gut schreiben. Solche Autoren waren für kleine Verbesserungstipps immer echt dankbar, während die weniger souveränen oft um jedes falsche Komma feilschten. Insofern erinnerte sie sich gern an die Zusammenarbeit. Aber spektakulär war da nichts gewesen. Vielleicht reichte es ja heutzutage schon zu etwas Besonderem, wenn man einfach nur seinen Job machte?
„In die Düsseldorfer Straße, bitte“, instruierte sie den Taxifahrer. Dann wandte sie sich an ihren Begleiter. Es ließ ihr einfach keine Ruhe. „Sagen Sie, was genau hat Ihr Freund Andreas denn so gelobt an mir? Mir will gar nichts Außergewöhnliches einfallen im Zusammenhang mit seinen Projekten.“
Stefan Sommer schmunzelte. „Nun, er publiziert ja zur Geschichte des Mittelalters. Und er hatte wohl das Gefühl, dass Sie wirklich gelesen und verstanden haben, was er da zusammengeschrieben hat. Das scheint nicht in jedem Verlag selbstverständlich zu sein.“ Aha, alles klar. Marlene entspannte sich.
„Und genau genommen“, fuhr der Schauspieler fort, „hat er vor allem versucht, mir die Idee komplett auszureden. Weil ich da unter besonderer Beobachtung des gesamten Feuilletons stehen würde. Weil ich mich nur blamieren könnte. Weil: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Weil, weil, weil … Und ich gebe ja zu: Er hat nicht ganz unrecht. Ich weiß ja wirklich nicht, ob ich das hinbekomme.“
Marlene stutzte: „Ach, das Opus gibt es noch gar nicht?“ „In meinem Kopf schon. Aber auf dem Papier steht noch keine einzige Zeile.“
Das Taxi hielt. Marlene belastete ihr Spesenkonto, obwohl Stefan Sommer protestierte. Sie würde sich nicht einladen lassen. Das wäre unprofessionell.
Wenig später saßen sie in einer gemütlichen Ecke, in der wie durch ein Wunder noch ein Tisch für zwei Personen frei war. Die Erkältungswelle, die gerade durch Frankfurt schwappte, hatte auch ihr Gutes. Sie bestellten beide die Spezialität des Hauses, Gai Phad Prig. Das war gewürztes Hähnchenfleisch mit Peperoni, Frühlingszwiebeln, Champignons, Paprika, Knoblauch und Chili in Sojasoße, dazu gab es Jasmin-Reis. Das Ganze für Stefan Sommer scharf, für Marlene sehr scharf. Und ein Bier dazu, um die staubige Luft der Messehallen wegzuspülen.
„Also“, nahm Marlene den Faden wieder auf, als der freundliche Kellner die Getränke auf den Tisch gestellt hatte, „Sie wollen ein Buch schreiben, es steht noch keine Zeile davon, aber Sie suchen schon einmal einen Verlag und möchten meine Dienste als Lektorin in Anspruch nehmen. Habe ich das richtig verstanden?“ Der Autorennovize nickte. „Dann erzählen Sie mir doch am besten erst mal, worum es gehen wird. Zum Wohl!“ Marlene hob ihr Glas und prostete Stefan Sommer zu.
Der lächelte sie über sein Bier hinweg freundlich an, nahm einen großen Schluck und seufzte zufrieden. „Also, ehrlich gesagt: Dass ich heute sozusagen öffentlich darüber rede und zugebe, seit einiger Zeit diese fixe Idee nicht mehr loszuwerden, setzt mich natürlich unter Zugzwang. Ich möchte ja nicht in ein paar Monaten in der Klatschpresse lesen, es gebe da ein Gerücht, Stefan Sommer schreibe einen Liebesroman. Aber er habe den Mund wohl zu voll genommen und die Sache sei im Sande verlaufen.“
„Einen Liebesroman?“ Marlene schaute entgeistert. „Also, da sind Sie bei uns nun wirklich nicht an der richtigen Adresse.“ „Nein, na ja – es ist so …“, ihr Gegenüber holte tief Luft. „Es geht um die Geschichte von Mathilde Jäger. Die lebte im neunzehnten Jahrhundert und starb kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Unverheiratet. Denn als Leiterin einer höheren Mädchenschule in Berlin konnte sie natürlich nicht die liebende Gattin eines Rechtsanwalts sein. Oder die Gattin von überhaupt irgendjemand. Und das machte meinen Urgroßvater Friedrich Sommer eine Zeitlang sehr unglücklich. Er war nämlich dieser Rechtsanwalt. Nach dem Tod seiner Mathilde hat er im reifen Alter von dreiundfünfzig Johanna, eine junge Frau von zweiundzwanzig Jahren, geheiratet und ‚meinen‘ Zweig der Familie begründet. Aber zu seinem Sohn aus erster Ehe soll er ein herzliches Verhältnis gehabt haben. Die Geschichte wird in unserer Familie immer zu hohen Feiertagen erzählt, und vom Leben der beiden war ich schon als kleiner Junge fasziniert. Sie fanden dann nämlich doch einen Weg, um zusammen zu sein.“
„Als historische Arbeit wird schon eher ein Buch daraus, das in unser Programm passt“, Marlene dachte laut. „Aber eine wissenschaftliche Abhandlung wollen Sie ja offenbar gerade nicht schreiben?“ Sie schaute ihr Gegenüber fragend an.
Der antwortete nicht gleich, sondern schaute erst einmal erfreut dem Kellner entgegen, der sich mit zwei appetitlich aussehenden riesigen Tellern ihrem Tisch näherte. „Mann, hab ich einen Hunger. Seit dem Frühstück war irgendwie keine Zeit zum Essen. Das sieht verdammt gut aus.“ Stefan Sommer brauchte jetzt offenbar erst mal ein paar Gabeln voll Soulfood. Und Marlene ging es nicht anders, auch bei ihr hatte es über Mittag nur zu einem Schokoriegel gereicht.
In einträchtigem Schweigen fielen die beiden über ihr Abendessen her. Es war köstlich. Nach einigen Minuten seufzte Marlene genüsslich. Jetzt war sie wieder zu weiteren Überlegungen bereit. „Wir verlegen natürlich auch Sachbücher mit historischem Hintergrund. Da könnten Sie schon durchaus reinpassen.“
„Es freut mich, dass Sie das auch so sehen. Genau das hat Andreas nämlich auch gesagt, als ich ihm von meinem Fund berichtet habe.“ – „Ein Fund?“ Jetzt war Marlene ganz Ohr. „Was haben Sie denn gefunden?“
„Meine Großmutter ist im Frühjahr verstorben.“ „Das tut mir sehr leid“, Marlenes Mitgefühl war nicht gespielt. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie sie vor zwei Jahren um ihre eigene Großmutter getrauert hatte, mit der sie wunderbare Kindheitserinnerungen verbanden.
„Ja, es war schwer für mich. Sie hat mich praktisch großgezogen, weil meine Eltern den ganzen Tag im Geschäft waren. Sie betreiben einen kleinen Schuhladen mit edlen italienischen Marken. Und hatten nie Zeit für mich. Zum Glück bin ich ein Einzelkind geblieben, schon damit waren sie überfordert.“ Hmm, besonders unglücklich sah Stefan Sommer eigentlich nicht aus.
Er schien Marlenes Gedanken zu lesen, denn er fuhr rasch fort. „Sie sind schon irgendwie großartig. Aber sie waren halt immer unterwegs: im Laden, auf Messen, in Italien, um die neuesten Trends aufzuspüren. Als ich älter war, haben sie mich manchmal mitgenommen. Das war toll. Dann hatte ich den ganzen Tag für mich und machte Florenz, Lucca oder Rom unsicher. Hab ganz ordentlich Italienisch gelernt in der Zeit.“ Stefan Sommer schob noch einen Bissen Huhn auf die Gabel. „Wenn wir mal zusammen waren, war es super, wie gesagt. Und für die ganze restliche Zeit hatte ich halt Oma. Die sorgte dafür, dass ich ordentlich ernährt wurde, dass meine Hemden sauber waren und dass ich wenigstens ab und zu mal Hausaufgaben machte. Wir haben uns geliebt.“
Er seufzte: „Als ich nach dem Abi auf die Schauspielschule wollte, hat sie für mich bei meinen Eltern ein gutes Wort eingelegt. Na ja, inzwischen haben die sich auch damit abgefunden, dass ich ihren Laden nicht übernehme. Ja, und im Frühjahr, Oma war inzwischen neunundachtzig, da ist sie gestorben und hat mir ihr Haus vererbt. Unser Haus. Ich wohnte da natürlich schon lange nicht mehr. War nur ein paarmal im Jahr zu Besuch dort. Und jetzt musste ich es ausräumen.“
„Das war bestimmt nicht leicht.“ Marlene sah ihn mitfühlend an. „Nein. Aber ich habe beschlossen, dort wieder einzuziehen: Ein wunderschönes Gründerzeithaus mitten in Köln, zentral und komfortabel. Für Oma war es eigentlich schon längst viel zu groß. Aber sie wollte nicht mehr umziehen. Was ich immer gut verstanden habe.“
Nachdenklich blickte Stefan Sommer auf seinen Teller. Da lag nur noch eine einsame halbe Knoblauchzehe herum. „Zufrieden blickte er Marlene an: „Bestellen wir noch einen Nachtisch? Ich liebe gebackene Bananen.“ Damit war er nicht allein.
„Als sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, erzählte Stefan schließlich den Rest der Geschichte: „Natürlich musste ich entrümpeln. Und renovieren. Und wie gut, dass ich nicht einfach ein Unternehmen beauftragt habe, sondern alles selbst einmal in die Hand genommen habe. In der Wäschekommode fand ich eine Blechschatulle. Eine alte Keksschachtel. Und darin ein dickes, handgeschriebenes Tagebuch. In Sütterlin, versteht sich. Das wird mich noch Nerven kosten. Auf der ersten Seite stand in Schönschrift: ‚Mein Leben, meine Liebe und meine Passion. Von Mathilde Jäger‘.
„Ein Tagebuch. Ein authentisches Zeitzeugnis“, Marlene war fasziniert. „Das ist ja fantastisch. Wollen Sie es edieren? Oder als Basis für ein beschreibendes Werk nehmen?“
„Das ist genau die Frage, für die ich Beratung brauche. Eigentlich möchte ich beides. Das Original sprechen lassen, aber den Leser und die Leserin nicht im Nebel stochern lassen. Ich denke, man muss da schon ein paar Infos dazugeben, damit es verständlich wird. Aber dröge Wissenschaft soll es natürlich nicht werden. Das könnte ich auch gar nicht.“
„Hmm, verstehe. Würden Sie es mir anvertrauen, damit ich mir ein Bild machen kann, bevor ich eine Empfehlung ausspreche?“ Jetzt hatte Marlene Blut geleckt und war ganz in ihrem Element. Sie bestellten noch ein zweites Bier und verließen das Restaurant erst, als der Kellner diskret begann, die Beleuchtung zu dimmen.
Draußen sagte Stefan Sommer: „Jetzt weiß ich, warum Andreas Sie mir empfohlen hat. Zum ersten Mal seit Monaten sehe ich das Ganze plastisch vor mir. Weil Sie die richtigen Fragen gestellt haben. Ich danke Ihnen sehr für die Zeit, die Sie mir geschenkt haben. Und jetzt bringe ich Sie zu Ihrem Hotel und rufe mir da ein Taxi.“
Marlene war es recht. Allmählich merkte sie doch, wie müde und kaputt sie inzwischen war. Kein Wunder, Mitternacht war bereits vorbei. Sie mussten nur einmal um die Ecke gehen, dann stand sie schon vor dem kleinen Hotel, in dessen Apartments der Verlag seine Mitarbeiter während der Messe immer unterbrachte. Zufrieden verabschiedete sie sich von Stefan Sommer. Das versprach eine runde Sache zu werden.
Home, sweet Home
Es war schon dunkel, als Marlene am Samstagabend die Haustür aufschloss. Sie war ziemlich erledigt. Erst hatte sie im Intercity zwei Stunden stehen müssen, weil der Wagen mit ihrem reservierten Platz dem Zug irgendwo zwischen München und Frankfurt abhandengekommen war. Das erlebte sie nicht zum ersten Mal – und wie immer blieb es ein völliges Rätsel, wie so etwas passieren konnte. Zumindest offiziell. Inoffiziell kursierten auf dem Gang, wo sie mit vielen anderen Messeheimkehrern erschöpft auf ihrem Koffer saß, wilde Gerüchte: Von Doppelbuchungen bis zum Totalschaden der Klimaanlage war alles dabei.
Marlene war es eigentlich herzlich egal, warum ihr Platz nicht da war, sie ergab sich in ihr Schicksal und versuchte die Fahrt irgendwie zu überstehen. Das gelang auch, aber als sie am Bahnhof endlich in ihr Auto umstieg, hatte sie Rückenschmerzen. Kein Wunder. Jetzt eine schöne warme Dusche und dann ein gemütlicher Abend auf dem Sofa. Ein Glas Wein, ein bisschen kuscheln mit Lukas, den sie fast eine Woche nicht gesehen hatte. Und morgen, am Sonntag, lange ausschlafen. So sah ihr Programm für die nächsten vierundzwanzig Stunden aus.
Im Erdgeschoss war alles dunkel und still, im ersten Stock auch. „Schatz, ich bin da. Haaallo“, Marlene machte sich bemerkbar. Keine Reaktion. Hmm. Es war nicht abgeschlossen und das Auto stand auch in der Einfahrt. Weit konnte Lukas also nicht sein. Vielleicht kurz beim Nachbarn? Sie kickte ihren Koffer ins Arbeitszimmer und beschloss, sich auf jeden Fall erst einmal die ersehnte Dusche zu gönnen. Zehn Minuten später war sie in ihren Lieblings-Schlafanzug geschlüpft und föhnte sich gerade die Haare trocken, als die Haustür aufgesperrt wurde.
„Hallo, Lukas! Liebling, ich bin wieder da“, Marlene stellte den Föhn ab und trug noch schnell etwas Feuchtigkeitscreme auf. Dann lief sie die Treppe hinunter, um ihrem Schatz um den Hals zu fallen. Doch der war nirgends. Merkwürdig. Sie hatte doch ganz deutlich die Tür gehört? Ah, im Keller brannte jetzt Licht. Also noch eine Treppe tiefer. „Hier bist du“, sie umarmte Lukas, der sich an seiner Werkbank zu schaffen machte, von hinten und schmiegte sich an ihn.
„Hm, schön, dass du wieder da bist“, nuschelte Lukas. „Hab mit Tim über die neue Gartenbank am Zaun gesprochen. Wir machen sie jetzt doch selbst. Muss da eben was vorbereiten.“ Er küsste sie flüchtig, wobei er sich kaum umdrehte, und machte sich dann wieder an den Latten zu schaffen, aus denen vermutlich mal Armlehnen werden sollten.
„Aber das musst du doch nicht heute machen, oder? Wir haben uns die ganze Woche nicht gesehen …“ Marlene war enttäuscht. „Ach doch, lass mich mal machen, jetzt hab ich grad so einen Lauf. Du willst dich doch bestimmt sowieso ausruhen. Schlaf schön – und morgen unternehmen wir dann was zusammen.“ Lukas war in Gedanken ganz woanders. Mist. So viel zu Kuscheln und Wiedersehensfreude. Marlene trollte sich, schenkte sich ein Glas Wein ein und bemitleidete sich noch ein Weilchen. Dann ging sie ins Bett und fiel sofort in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Am nächsten Morgen weckte sie die Sonne, die durchs Fenster schien. Es war kurz vor acht Uhr, sie war ausgeschlafen und bereit, dem Tag das Beste abzugewinnen. Marlene streckte sich und drehte sich zu Lukas um. Das heißt: Sie drehte sich dahin, wo normalerweise Lukas lag, wenn sie aufwachte. Heute lag da aber niemand. Das Bettzeug sah unberührt aus. Er hatte doch wohl nicht die ganze Nacht durchgearbeitet? Zuzutrauen wäre es ihm. Wenn er sich einmal in etwas verbissen hatte, vergaß er Zeit und Raum. Das bedeutete dann allerdings, dass es mit dem gemeinsamen Sonntag nicht viel werden würde. Irgendwann musste schließlich auch ein begnadeter Hobbybastler schlafen.
Marlene rief sich zur Ordnung. Nicht gleich sauer werden, erst mal positiv denken. Das musste sie sich in letzter Zeit immer öfter sagen. Und nur manchmal schämte sie sich im Nachhinein, dass sie Lukas Unrecht getan hatte. Meistens stimmte leider, was sie ihm unterstellte. Zweifellos liebte er sie – jedenfalls hatte sie keinen Grund, daran zu zweifeln. Aber ebenso zweifellos war es für ihn kein Grund mehr zum Jubeln, dass sie ihn zurückliebte. Das nahm er einfach als gegeben hin. Wenn sie da an ihre Anfangszeit zurückdachte: Lukas hatte sein Glück kaum fassen können. Und ihr in jedem Moment das Gefühl gegeben, sie auf Händen zu tragen und anzubeten. Wie man so schön sagte.
Na ja, das konnte wohl nicht fünfzig Jahre so weitergehen. In lang dauernden Beziehungen mussten andere Werte an die Stelle der gegenseitigen Vergötterung treten. Marlene war nicht so naiv, das zu leugnen. Andererseits: Ging das tatsächlich schon vor der Hochzeit los? Die war noch ein wenig undeutlich für das kommende Jahr ‚irgendwann‘ geplant. Sie war gerade mal dreieinhalb Jahre mit Lukas zusammen. Vor einem Jahr hatten sie dieses Haus gemeinsam bezogen und waren immer noch dabei, sich einzurichten. Etwas länger hätte die Begeisterung für ihren Geschmack durchaus anhalten können.
Stattdessen hatte Lukas beim Hauseinrichten sein Heimwerkertalent entdeckt. Und allen Enthusiasmus, den er aufbringen konnte, steckte er nun in selbstgezimmerte Bänke, passgenau angefertigte Regale und kreativ entworfene Blumenkübel. An sich ja ein schönes Hobby. Nur fühlte sich Marlene allmählich schon selbst wie eine Gartenbank. Die hatte man halt und auf der saß man, um sich auszuruhen. Irgendwelche Gedanken verschwendete man daran nicht mehr, wenn sie einmal da war.
Genug Trübsinn geblasen. Marlene schlüpfte in ihren bequemen Jogginganzug und machte sich auf die Suche nach dem verschollenen Geliebten. Die vage Hoffnung, dass er vielleicht gerade beim Brötchenholen war, zerschlug sich schnell: Die Haustür war verschlossen, die Jacke hing am Garderobenständer. Beim Kaffeekochen war er auch nicht, die Küche war verwaist. Also Keller.
Und richtig: Da lag ihr Prinz, die Arme auf die Werkbank gestützt, den Kopf darauf abgelegt, und schnarchte selig leise vor sich hin. Neben ihm standen zwei leere Bierflaschen und eine, die noch halb voll war. Da hatte ihn die Müdigkeit wohl mitten im Schaffensprozess überrascht. Jetzt siegte doch Marlenes Empörung. Sie arbeiteten beide hart in ihren Jobs. Sie war für den Verlag oft auf Dienstreisen und Lukas als Ingenieur häufig auf Großbaustellen im ganzen Land unterwegs. Sie hatten verdammt noch mal nur die wenigen Wochenenden für sich. Was sollte aus ihrer Beziehung werden, wenn sie die auch noch verplemperten?
Tief in ihrem Herzen wusste Marlene natürlich, dass Lukas das ganz anders sehen würde. Er tat ja keinem etwas Böses, im Gegenteil, er machte ihren Garten schöner. Das war nicht gegen sie gerichtet. Und er hatte eine große Abneigung dagegen, auch noch seine wenige freie Zeit minutiös zu verplanen. Sie dagegen tat genau das, weil ihr sonst das Schöne im Leben durch die Finger rann. Man musste es schon einplanen, wenn es stattfinden sollte. Und für heute hatte sie einen Sonntag mit Lukas eingeplant. Wenn der ausfiel, war das nichts, worüber sie sich freute.
Marlene zog sich leise zurück. So nicht. Dann würde sie eben allein etwas unternehmen. Schließlich war sie erwachsen und nicht darauf angewiesen, einen Mann an ihrer Seite zu haben, um sich zu amüsieren. Lief da nicht seit letzter Woche diese hoch gelobte Picasso-Ausstellung im Kunstmuseum? Die würde sie sich jetzt ansehen. Und sich danach in die Herbstsonne setzen und noch gemütlich einen Cappuccino trinken. Und sich vielleicht bei Emilio eins von diesen fabelhaften Cornetti dazu gönnen, die man dort nicht nur zum Frühstück bekam. Apropos Kaffee. Genau. Erst mal brauchte sie einen Kaffee. Und in Ermangelung eines Cornetto wenigstens einen Marmeladentoast.
Als Marlene eine gute halbe Stunde später das Haus verließ, war von Lukas immer noch nichts zu hören und zu sehen. Kurz hatte sie überlegt, ob sie ihm ihre Pläne detailliert hinterlassen sollte, damit er sie in zwei oder drei Stunden treffen könnte. Museum war eh nichts für ihn. Aber sie könnten immerhin noch den Nachmittag gemeinsam verbringen. Dann hatte ihr Stolz gesiegt. ‚Bin unterwegs‘ stand auf dem Zettel, den sie ihm auf die Kommode im Flur legte. Sie bettelte doch nicht um gemeinsame Zeit. Wenn er die nicht brauchte: bitte sehr.
Am späten Nachmittag kam sie zurück, entspannt und beschwingt, noch ganz erfüllt von dem schönen Tag, den sie verbracht hatte. Es war irgendwie auch toll, sich mal selbst was Gutes zu tun, ganz allein und nur für Marlene.
Schon an der Haustür zog ihr köstlicher Duft entgegen: Knoblauch, Kräuter … und Fisch? War das Fisch? Lukas kochte. „Bin wieder da“, Marlene machte sich bemerkbar. Lukas kam aus der Küche, strahlte sie an und nahm sie in die Arme. „Hallo, Liebling, wie schön, dass du endlich da bist. Hattest du einen tollen Tag?“ Er wuschelte durch ihre Haare. „Hab dich vermisst, als ich aufgewacht bin. Aber da war es fast schon Mittag. Ist spät geworden gestern mit der Bank.“ Reumütig blickte er sie an. „Gestern Abend hab ich dich gar nicht richtig begrüßt, da war ich so mit meiner Idee beschäftigt. Tut mir leid.“ Er zog sie mit sich in Richtung Keller. „Muss ich dir unbedingt zeigen. Ist super toll geworden.“
Das war sie wirklich. Die Bank war maßgefertigt für die kleine Ecke am Zaun zu den Nachbarn. Sie glänzte inzwischen strahlend weiß und musste nur noch trocknen. Marlene strahlte auch und sah sich schon auf ihr sitzen und Erbsen auspalen. Oder Karotten putzen und Kräuter zupfen. Oder frische Blumensträuße arrangieren. Was man halt so machte im Garten. Sie hatte wirklich den besten, aufmerksamsten, geschicktesten und allerliebsten Mann der Welt. Und war eine undankbare dumme Nuss, wenn sie das nicht anerkannte.
Es wurde dann noch ein richtig schöner Abend.
Im Büro und anderswo
Am nächsten Morgen holte der Alltag Marlene wieder ein: Was sich halt so auf dem Schreibtisch türmt, wenn man ein paar Tage nicht da war. Das ging nicht nur ihr so, der halbe Verlag war ja auf der Messe gewesen. Insofern wurde sie wenigstens nicht von Kollegen behelligt, die hatten alle genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun.
Gegen vierzehn Uhr hatte Marlene ihre Mails einmal durchgesehen, das Unwichtige gelöscht, das Wichtige in Kategorien eingeteilt und alles, was schnell zu bewerkstelligen oder weiterzuleiten war, erledigt. Die langwierigen Aufgaben würde sie ab morgen abarbeiten. Jetzt musste sie erst einmal die Messe nachbereiten, so lange noch alles frisch war. Aber zuerst brauchte sie eine Mittagspause. Und etwas zu essen.
Zum Glück lag das Verlagsgebäude mitten in der idyllischen Altstadt, wo es an jeder Ecke einen Imbiss, ein Café oder mindestens eine Dönerbude gab. Wonach war ihr denn? Zu üppig sollte es nach dem wunderbaren Abendessen gestern eher nicht sein, sonst könnte sie die neue Lederhose, die sie sich aus Frankfurt mitgebracht hatte, gleich wieder vergessen. Und überhaupt. Satt machte müde, und das konnte sie überhaupt nicht gebrauchen. Also vielleicht Thai Curry? Das gab es zwar neulich abends mit Stefan Sommer erst, aber das ging immer. Es schmeckte, war schnell zubereitet und machte nicht dick. Ihr lief das Wasser im Munde zusammen.
Satt und zufrieden betrat sie eine Stunde später ihr kleines Büro, wo passgenau das Telefon läutete. „Winter“, meldete sich Marlene, die Handtasche noch in der Hand und mit einem Arm noch halb in ihrer Jacke. In der Eile hatte sie nicht aufs Display geschaut – sonst hätte sie wohl erst einmal den Anrufbeantworter drangehen lassen.
„Hier ist Stefan Sommer“, tönte es aus dem Hörer. „Ich wollte nur mal hören, ob Sie gut wieder zu Hause angekommen sind.“ – „Oh, hallo, ja, das bin ich. Und Sie?“ Sehr originell. Was sollte er von ihr denken? Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen. „Ich hoffe, die Arbeit geht voran?“, schob sie schnell nach. Ganz die professionelle Lektorin. Gut so.
„Na ja, die Quellenlage ist unverändert hervorragend.“ Stefan Sommer ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Weswegen ich anrufe: Könnten Sie mir, bevor ich richtig loslege, schon mal einen Vertragsentwurf zuschicken? Damit ich einen Terminanreiz habe, um fertigzuwerden? Und schon mal überlegen kann, welches Ferrari-Modell ich mir vom Honorar wohl zulege?“ Er lachte.
Das meinte er doch hoffentlich nicht ernst. Oder? Oder??? Marlene zögerte einen winzigen Moment. Dann sagte sie: „Selbstverständlich müssen wir über die Konditionen reden. Auch der Verlag hat ja ein großes Interesse, Sie fest zu binden. Sonst überlegen Sie es sich kurz vor Fertigstellung am Ende und laufen zur Konkurrenz über. Als Termin wäre natürlich eine Vorstellung des Buches auf der nächsten Frankfurter Messe ideal. Da würde unser Marketing so richtig was lostreten. Ob das zu früh käme, können allerdings nur Sie beurteilen. Ich kenne ja Ihre sonstigen Termine nicht. Man könnte auch Leipzig, ein halbes Jahr später, ins Auge fassen. Was das Honorar betrifft: Eventuell sollten Sie mal schauen, ob es nicht eine Preisklasse drunter auch schöne Autos gibt. Was, äh, hatten Sie sich denn so vorgestellt?“
Elegant aus der Affäre gezogen. Jetzt musste er kommen. Für fünf Prozent würde er nicht anbeißen, das war Marlene natürlich klar. Aber wie weit würde sie gehen können? Wie hoch sollte sie die Auflage realistischerweise ansetzen? Das musste sie schnellstmöglich mit Peter und Nele besprechen. Überhaupt: Ihr Chef wusste ja noch gar nichts von dem Coup. Und Nele auch nicht. Die Marketingleiterin würde begeistert sein. Bei solchen Projekten lief sie zur Höchstform auf. Leider gab es sie nicht so häufig, wie Nele das gern gehabt hätte. Aber einen Stefan Sommer konnte man sich eben auch nicht backen. Marlene würde natürlich bescheiden auftreten, wenn sie den Joker aus der Tasche zog. Aber zugeben, dass ihr dieses Goldstück quasi unverhofft in den Schoß gefallen war – soweit würde sie dann auch wieder nicht gehen. Immerhin war die Empfehlung durch Andreas Martens ja ihrer hervorragenden Arbeit zu verdanken.
All das wirbelte blitzschnell durch ihren Kopf. Und so wurde ihr erst mit leichter Verzögerung klar, dass ihr Gegenüber stumm blieb. „Hallo, sind Sie noch dran? Müssen Sie noch rechnen?“ Sie versuchte es mit einem Scherz.
„Nein, das muss ich nicht“, Stefan Sommer klang auf einmal sehr sachlich. „Andreas hat mich über die Honorarzahlungen des Verlags hinlänglich aufgeklärt. Ich mache mir da keine Illusionen. Und aufs große Geld kommt es auch gar nicht an. Aber ein neues Mountainbike sollte irgendwie schon drin sein bei all der Arbeit.“ Marlene atmete auf. „Natürlich, gute Arbeit ist ihren Lohn wert. Ich bringe ja auch kein Geld mit, damit ich in diesem Büro sitzen darf. Obwohl ich manchmal denke, das wäre ganz angemessen. Bei den tollen Autoren, die ich so kennenlerne.“ Sie biss sich auf die Zunge. Ganz so dick sollte sie dann vielleicht doch nicht auftragen. Aber es wirkte.
„Wissen Sie was?“, erklang es am anderen Ende der Leitung, „bis Donnerstag bin ich in Berlin gebunden. Aber am Freitag habe ich eine Abendvorstellung in Köln. Im Stadttheater. Früchte des Zorns – immer wieder schön. Und passend. Ich schicke Ihnen eine Karte. Danach gehen wir nett essen und klären alle Details. Und am Samstag kann ich Ihnen dann noch das Originalmanuskript zeigen, wenn es Sie interessiert.“
Marlene überlegte. Am Freitagabend war sie mit Lukas bei ihrer besten Freundin Alex verabredet. Alex hatte kürzlich Tim kennengelernt und wollte ihn stolz vorführen. Und Alex kochte fantastisch. Aber was gab es da zu überlegen. Stefan Sommer ging natürlich vor. Vielleicht konnte Alex das Essen um einen Tag verschieben? Und wenn nicht – egal. „Das wäre natürlich eine wunderbare Gelegenheit. Super. Das kann ich einrichten.“ Marlene zeigte sich angemessen begeistert, und sie verabredeten die Details. Als sie aufgelegt hatte, machte sie als erstes einen Termin mit Peter und Nele für den kommenden Vormittag. Dann rief sie Alex an und verschob das Essen. Das klappte zum Glück. Und dann schrieb sie es Lukas. Zehn Minuten später las sie seine Antwort. „Mist. Das verstehe ich natürlich. Aber am Samstagabend kann ich nicht. Du weißt doch: Da ist Fußball mit den Jungs. Müsst ihr halt ohne mich auskommen.“
Marlene biss sich auf die Unterlippe. Klar, Samstagabend war alle vierzehn Tage Fußballtraining. Das wusste sie eigentlich. Auch, dass dieser Termin heilig war. Die Jungs kannten sich noch aus der Schule und reisten zum Teil bis zu fünfzig Kilometer an, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Na gut, es war nicht zu ändern.
Früchte des Zorns
Am Freitag saß Marlene erwartungsvoll in der fünften Reihe des Kölner Stadttheaters. Der Vorhang hob sich und sie ließ sich gefangen nehmen vom Spiel der Akteure. Stefan Sommer spielte die männliche Hauptrolle, er war Tom Joad, natürlich. Und er war gut. Sie war beeindruckt, so viel Bühnenpräsenz hatte sie ihm gar nicht zugetraut, ihn eher als ordentlichen, aber nicht herausragenden Fernsehschauspieler einsortiert. Aber was er hier ablieferte, verdiente Respekt.
Sie hatten verabredet, dass sie im Ristorante La Fontana auf ihn warten sollte, wo ein Tisch reserviert war. So vermied sie es, sich mit enthusiastischen Verehrerinnen am Bühneneingang herumdrücken zu müssen. Und er vermied das Aufsehen, dass eine auf ihn wartende attraktive Frau (seine Worte!) für die Klatschpresse bedeutete. Stefan Sommer war Single.
Marlene musste sich nur zehn Minuten gedulden, die sie sich mit einem Aperol Spritz vertrieb. Stefan Sommer hatte sich offensichtlich mit dem Abschminken beeilt und trug jetzt eine lässige Jeans und unter der schwarzen Lederjacke ein dunkelblaues Hemd, das sehr sportlich und sehr teuer aussah. Passte perfekt zu seinen Augen. Diese Schauspieler wussten einfach, wie man sich gut anzog. Zum Glück hatte sie sich ebenfalls aufgebrezelt und musste sich in ihrem türkisfarbenen Wickelkleid nicht verstecken. Passte ebenfalls zu ihren Augen.
„Sie waren toll.“ Marlene meinte es ehrlich. Aber zweifellos hätte sie das auch gesagt, wenn sie weniger beeindruckt gewesen wäre. „Alle waren gut. Aber Sie waren einfach toll.“ Einen Moment zögerte sie, dann sagte sie es doch: „Wenn ich ehrlich sein soll: Ich hatte Sie bisher unter Seriendarsteller abgespeichert. Ich wusste nicht, dass Sie auch Theater spielen.“ Stefan Sommer nahm einen tiefen Schluck von dem Weizenbier, dass der Kellner seinem Stammgast gleich bei dessen Ankunft serviert hatte. „Leider komme ich viel zu selten dazu. Wenn man in Serien mitspielt, muss man sich zwar keine Sorgen mehr machen, wovon man im nächsten Monat die Miete bezahlt, aber man ist zeitlich auch extrem verplant. Das passt dann mit Theaterproben meist nicht zusammen. Mit spannenden Filmangeboten übrigens leider auch nicht. Deswegen überlege ich schon eine Weile, ob ich da nicht etwas ändern sollte. Die Bekanntheit sozusagen mitnehmen und dann das machen, was ich wirklich machen will. Aber ich bringe es noch nicht übers Herz, meinem Lieblingsregisseur das anzutun. Er sagt, er braucht Zeit, um mich aus der Serie rausschreiben zu lassen.“
Marlene war beeindruckt, wie offen ihr künftiger Autor sich zeigte. Wenn sie damit an die Presse ginge, bekäme er bestimmt ein Problem. Er schien ihre Gedanken lesen zu können. „Das dürfen Sie natürlich auf gar keinen Fall irgendwo verlauten lassen, sonst komme ich in Teufels Küche.“ Er grinste. „Aber was anderes: Ich heiße Stefan.“ Nun grinste auch Marlene: „Was Sie nicht sagen, Herr Sommer.“ Der Angesprochene schaute ihr tief in die Augen und sagte beschwörend: „Darf ich dich Marlene nennen, Frau Winter? Das würde unserer Zusammenarbeit bestimmt guttun.“
„Das darfst du, Stefan. Auf gute Zusammenarbeit!“ Marlene erhob ihr Glas. „Freut mich, dass ich den großen Stefan Sommer duzen darf. Es muss sich doch lohnen, dass ich meinen Freund heute Abend versetzt habe.“ Stefan zuckte nicht mit der Wimper. Sollte er weitergehende Absichten oder Hoffnungen gehegt haben, dann ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Aber dafür war er schließlich Schauspieler.
Marlene nutzte den Rest des Abends, um im Sinne des Verlags mit ihm zu verhandeln, ohne es dabei an Wertschätzung fehlen zu lassen. ‚Zehn Prozent, er ist schließlich absoluter Anfänger‘, hatte Peter vorgegeben. ‚Diese Promis denken immer, sie kommen daher und das Universum liegt ihnen zu Füßen. Wenn es super läuft, können wir für die zweite Auflage zwölf Prozent in den Vertrag schreiben – und für alle weiteren gern fünfzehn. Denn dazu wird es höchstwahrscheinlich sowieso nicht kommen. Und wenn doch: umso besser.‘
Stefan bestellte Spaghetti all’Arrabiata, hörte aufmerksam zu, blieb freundlich, war aber ein harter Verhandlungspartner. Als Autor war er zwar ein Neuling, aber ums Honorar feilschte er offenkundig nicht zum ersten Mal. Marlene allerdings auch nicht. Sie verzehrte mit Genuss ihre Linguine Vongole und blieb verbindlich, aber in der Sache hart. Sie hatte gute Erfahrungen damit gemacht, ehrlich zu sein. Vor allem war es wichtig, nicht gleich alle Karten auf einmal auf den Tisch zu legen. Man musste immer nachgeben können. Zehn Prozent waren ihm zu wenig? Das war bei einem Verkaufspreis von achtzehn Euro grade mal 1,80 €. Da müsste er ja Millionen Bücher verkaufen, um seinen Ferrari zu finanzieren … Stefan seufzte herzzerreißend.
Marlene musste lachen und zog ihm gleich noch einen Zahn: „Sogar noch ein paar Millionen mehr, denn Honorare errechnen sich nicht vom Ladenpreis, sondern vom Nettopreis, sprich: abzüglich Mehrwertsteuer und Rabatte. Also vielleicht schaust du dir doch lieber vermehrt Mountainbike-Prospekte an.“
Als sie beim Dessert angekommen waren, hatten sie sich auf eine relativ niedrige erste Auflage geeinigt, sodass es für Stefan schnell in die Zwölfprozent-Region gehen würde. Und der wiederum hatte versprochen, dass er die nächsten Monate intensiv dem Buch widmen wollte, damit es rechtzeitig in einem Jahr auf den Markt kommen könnte.
Marlene ließ es zu, dass er sie bis zum Hotel brachte und mit einem Küsschen verabschiedete. Morgen würde sie auf dem Weg zum Bahnhof in seinem zukünftigen Zuhause im Belgischen Viertel vorbeikommen und sich den kostbaren Tagebuch-Schatz im Original ansehen. Zufrieden fiel sie wenig später ins Bett und sofort in tiefen Schlaf.
Das Tagebuch
Am nächsten Morgen stand Marlene gegen zehn Uhr vor einem eindrucksvollen dreistöckigen Haus in der Brabanter Straße. Es war relativ schmal, hatte ab dem ersten Stock einen vorspringenden Erker und strahlte solide Gründerzeiteleganz aus. Die Straße war ruhig, aber ringsherum gab es jede Menge Cafés, kleine Boutiquen, Restaurants und Obst- und Gemüselädchen. So zu wohnen musste fantastisch sein. Marlene klingelte. Es summte und die Tür sprang auf. Ihr Blick fiel in ein marmornes Treppenhaus, das sich nach wenigen Stufen zu einem Raum weitete, für den ihr nur das Wort ‚Vestibül‘ einfiel. Sowas gab es eigentlich gar nicht mehr. Schon gar nicht in Privatwohnungen. Wow. Auf der obersten Stufe stand Stefan, in Sweatpants und verschwitztem T-Shirt, ein Handtuch um die Schultern und einen Latte-Macchiato-Becher in der Linken. Nochmal wow.
„Ich stör dich beim Training?“ Marlene hatte Fragezeichen in der Stimme. „Aber nein, bin schon beim Kaffee danach. Nur zum Duschen bin ich noch nicht gekommen, weil ich die Zeit mit dem Versuch vertrödelt habe, Mathildes Schrift zu entziffern. Da brauch ich echt Nachhilfe. Komm rein.“
Mathilde betrat die geräumige Empfangshalle, die mit alten Teppichen und zierlichen Biedermeiermöbeln eingerichtet war. „Die Küche ist gleich rechts – und da hat die moderne Zeit auch schon Einzug gehalten.“ Beim Rest vom Haus muss ich nach und nach umräumen.“ Stefan stöhnte leise. „Das ist ja alles relativ kostbar. Man kann es nicht einfach zum Sperrmüll bringen. Aber bis auf ein paar Erinnerungsstücke werde ich nicht viel behalten. Das ist irgendwie so gar nicht mein Stil.“ Er ging ihr voraus und betrat einen großen Raum, dessen gesamte Rückwand verglast war und einen Blick in den Garten gestattete. In der Mitte befand sich eine moderne Kochinsel, auf der rechten Seite waren Schränke mit Töpfen, Pfannen, Tellern und Tassen untergebracht. Und links stand eine gemütliche Eckbank mit einem Eichentisch. Hier konnte man es aushalten.
„Was wäre denn dein Stil, wenn Biedermeiersesselchen dir zu zierlich sind? Lass mich raten: schwarze Ledersofas.“ Das war ein bisschen gemein. Alle Kerle liebten ja offenbar schwarze Ledersofas. Es hatte Marlene viel Mühe gekostet, Lukas zumindest auf sandfarbene umzupolen, weil sie ihre Abende nicht in derart dunkler, kühler Umgebung verbringen wollte. Dunkle Kissen musste sie schließlich zugestehen, aber damit konnte sie leben.
Stefan schaute ein wenig ertappt drein. „Daran hatte ich gedacht, ja. Ist das nicht gut?“ – „Na ja, mein Geschmack wäre es nicht. Also für ein Büro oder einen Konferenzraum: Okay. Aber für den Feierabend? Das zieht einen doch runter. Es gibt ja Leder heute in allen Farben. Da würd ich eher nach meerblau oder sonnenuntergangsgelb schauen. Oder so. Aber ich bin ja nicht deine Innenarchitektin.“
„Oh, aber es wäre toll, wenn du es werden könntest. Meerblau. So karibiktürkis. Das gefällt mir ganz ausgezeichnet. Wäre ich nie drauf gekommen. Aber da würde sich dann jeder Feierabend ein bisschen wie Urlaub anfühlen. Das ist es. Danke.“
Stefan war ganz begeistert. „Komm, ich zeig dir das Haus. Vielleicht hast du noch mehr meerblaue Ideen.“ Marlene fühlte sich geschmeichelt, musste aber ablehnen. „Tut mir leid, aber in neunzig Minuten fährt mein Zug. Und wenn ich Lukas heute auch wieder versetze, dann verlässt er mich“, scherzte sie. „Also, ich könnte damit leben“, traute sich Stefan zu erwidern. Aber dann wurde er ernst. „Nein, das war natürlich ein schlechter Scherz. Hausbesichtigung machen wir beim nächsten Mal, wenn ich mit dem ersten Durchgang fertig bin und wir uns treffen, um deine Lektoratswünsche zu besprechen.“
Mit diesen Worten drückte er ihr ein in weinrotes Leder eingebundenes, nicht allzu dickes Buch in die Hand, das mit einer silbernen Schnalle verschlossen war. „Das ist es, Mathildes Tagebuch.“
„Guter Titel“, sagte Marlene spontan. „Den sollten wir uns gleich mal merken. Vorsichtig schlug sie das Buch auf. Die Tinte war sepiabraun und kaum verblasst, die Schrift steil und gleichmäßig. „Heute Abend ist Friedrich erst gegen Mitternacht gegangen“, fing sie an zu lesen. „Wie überaus unschicklich. Oh, ich liebe ihn so sehr.“
Stefan blieb der Mund offen stehen. „Du kannst das einfach so lesen? Wahnsinn. Einfach der Wahnsinn.“ „Für irgend etwas muss mein Germanistikstudium ja gut sein“, schmunzelte Marlene. „Nein, im Ernst. Ich hatte eine Patentante, die sich dieser Schrift hartnäckig bediente. Und die schrieb mir ziemlich oft. Da bleibt was hängen.“
„Aber dann“, Stefans graue Zellen kamen sichtlich in Bewegung, „dann könntest du die Sache ja enorm beschleunigen. Wenn du mir eine lesbare Version anfertigst und ich nicht Monate auf das Entziffern verwenden muss, dann bringt uns das mächtig voran. Einem Fremden hätte ich das Tagebuch nicht anvertrauen wollen. Aber meiner Lektorin – jederzeit.“
Und so vereinbarten sie es schließlich. Marlene nahm das Tagebuch an sich und versprach, gleich am nächsten Tag den Vertrag und in ca. zwei Wochen die Abschrift zu schicken. Und dann würde es losgehen.
Unter Freunden
Als Marlene nach Hause kam, war Lukas bereits beim Fußballtraining. Er hatte ihr einen Schokomuffin vom Bäcker mitgebracht und ihn liebevoll mit ein paar Trauben auf einem Tellerchen arrangiert. Daneben lag ein Zettel: „Hab dich lieb.“ Süß. Marlene war gerührt und griff zu. Im Zug hatte sie nichts essen wollen und das Frühstück war lange her. So würde sie wenigstens nicht völlig ausgehungert bei Alex ankommen.
Schnell schlüpfte sie unter die Dusche, zog ihr bequemes Lieblingsstrickkleid und passende Stiefeletten an und musste auch schon los. Die Zeit raste. Marlene griff sich eine Flasche Rotwein, die sie gestern schon als Mitbringsel bereitgestellt hatte und stand beinahe pünktlich um kurz nach sieben bei Alex vor der Tür.
Alle anderen waren schon da. Zwei Pärchen – Nina, Max, Jessica und Mike – die sie nur vom Hörensagen kannte, die aber nett zu sein schienen. Und Tim. Freudestrahlend stellte Alex ihn vor. Man sah ihr an, wie begeistert sie von ihm war. Marlenes erster Eindruck war: Versteh ich nicht. Tim war groß, blond, offensichtlich gut im Training und sah nicht schlecht aus. Aber sein Blick war irgendwie unstet, er sah ihr nicht in die Augen und nuschelte statt einer herzlichen Begrüßung nur ein schwer verständliches ‚Hallo‘, als er ihr die Hand reichte. Schlaffer Händedruck, wenig Präsenz – Marlene war irritiert. Das genügte den hohen Ansprüchen ihrer Lieblingsfreundin? Wie sie im Laufe des Abends noch merkte, wurde Alex von Tim bei Weitem nicht so liebevoll behandelt und beachtet, wie das umgekehrt der Fall war. Das sollte bei einem Frischverliebten doch eigentlich anders sein. Da war ja Stefan aufmerksamer. Und der war nicht verliebt.
Aber wie auch immer: Das Essen war gut, der Wein auch. Es wurde ein gemütlicher Abend. „Zu schade, dass Lukas nicht hier sein kann“, sagte Alex zwei Stunden später, als alle satt und faul um den abgeräumten Tisch saßen. „Na, sein Training ist ihm heilig, das weißt du ja“, entgegnete Marlene. „Und schuld bin schließlich ich mit meiner blöden Dienstreise. Vielen Dank noch mal an alle, dass ihr der Verlegung auf heute zugestimmt habt.“
„Wie war es denn nun eigentlich in Köln? Muss ja ein wichtiger Autor sein, wenn du sogar deinen Samstag für ihn opferst.“ Das kam von Nina, die den Beruf der Lektorin offenbar für weniger strapaziös gehalten und dabei mehr an gemütliches Lesen und schicke Empfänge gedacht hatte. Natürlich konnte Marlene zu diesem Zeitpunkt weder Konkretes zum Buch verraten noch gar den Namen ihres prominenten Autors preisgeben. Vielleicht wurde es ja schlussendlich doch nichts. Es wäre nicht das erste viel versprechende Projekt, das mit großem Enthusiasmus startete und sich dann still und leise verabschiedete. Nicht dass sie Grund zu der Befürchtung gehabt hätte, aber da war sie ein wenig abergläubisch.
Tim interessierte sich offenbar weniger für Bücher. Oder überhaupt für etwas anderes als sich selbst. Er begann, lang und breit von einem Wettkampf zu berichten, den er am kommenden Wochenende bestreiten wollte. Nein, kein schnöder Marathon. Sowas machte ja heutzutage jeder. Es handelte sich um einen Iron-Man-Wettbewerb. „Aber alles nur halbe Strecke, so zum Eingewöhnen“, warf er lässig in den Raum. „Ich werde das systematisch aufbauen. Und Alex übernimmt die Orga und die Verpflegung an der Strecke, nicht wahr, Baby? Diesen offiziellen Energy-Krempel plus Banane kannst du dir ja nicht antun.“
Hoppla. Baby? Baby??? Marlene glaubte sich verhört zu haben. Ihre toughe Freundin Alex, Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei und bestens vernetzt in der örtlichen Kunstszene, sollte ab jetzt ihre Wochenenden damit verbringen, an zugigen Landstraßen darauf zu warten, dass der Liebste keuchend herantrabte? Um ihm dann eine Banane zu reichen? Oder nee, eine Banane ja grade nicht. Na, das würde nicht lange gutgehen. Noch sah es aber nicht nach Trennung aus. Alex himmelte den Typen förmlich an. Der musste irgendwelche verborgenen Qualitäten haben. Ersichtlich waren sie jedenfalls nicht.
Jessica schien das auch so zu sehen. Mit zweifelnd zusammengezogenen Augenbrauen wandte sie sich an Alex: „Na, dann kann ich unsere gemütlichen Joggingrunden am Samstagvormittag wohl künftig vergessen? Dafür wirst du dann ja keine Zeit mehr haben. Oder?“ „Aber natürlich“, Alex widersprach heftig. „Nur am nächsten Samstag halt nicht. Oder eventuell müssten wir vielleicht mal etwas früher aufstehen. Ich will ja auch in Form bleiben. Und mit Tim kann ich natürlich nicht mithalten.“ „Äh, nee. 4:18 im Schnitt“, warf der lässig in den Raum. Alle schwiegen beeindruckt. Auch Marlene. Das war bestimmt sehr großartig.
Danach kam irgendwie kein Gespräch mehr in Gang. Max und Nina waren die Ersten, die sich unauffällig zunickten und dann zum Aufbruch bliesen. „Wir müssen, unser Babysitter muss pünktlich nach Hause.“ Man hörte fast das Aufatmen bei den anderen Gästen, die sich erleichtert anschlossen.
Lukas saß frisch geduscht auf dem Sofa und sah Sportschau, machte den Fernseher aber aus, als Marlene zur Tür hereinkam. „War eh nicht mehr spannend. Unsere haben schon wieder verloren. Die Saison kannst du abhaken.“ Zärtlich nahm er sie in die Arme und zog sie zu sich aufs Sofa. „Wie war es denn?“ – „Das Essen wie immer ausgezeichnet. Es gab erst ein Rote-Bete-Carpaccio und dann Lachs im Blätterteigmantel. Und Schokomousse als Nachtisch. Ich hab dir ein Schälchen mitgebracht.“ „Hmm. Lecker. Kochen kann sie einfach, deine Alex. Aber unsere Bratwurst war auch nicht schlecht. Und sonst?“ Lukas hatte gemerkt, dass da noch ein großes Aber kommen würde. „Na ja, also dieser Tim … Ich weiß es nicht. Das wird nicht lange dauern, könnte ich mir vorstellen. Alex ist total verknallt. Aber dann ist man eben auch ein bisschen blind. Mir ist er nicht besonders sympathisch.“ Und dann hechelte Marlene den Abend genüsslich durch. Und schloss gleich noch einen Bericht über ihren Tag in Köln an. „Also verglichen mit Tim ist dieser Stefan offensichtlich verdammt sympathisch“, neckte Lukas sie schließlich, als ihre Lobeshymnen gar kein Ende fanden. „Ja, ist er. Das wird ein tolles Buch und eine tolle Zusammenarbeit.“ Marlene stimmte todernst zu. „Aber natürlich ist das eine rein professionelle Beziehung, das kann man nicht vergleichen.“ „Na dann“, Lukas grinste. „Auf die professionellen Beziehungen. Lass uns schlafen gehen.“
Der ganz normale Wahnsinn
Zwei Wochen waren wie im Flug vergangen. Im Verlag liefen die ersten Meetings für den kommenden Spitzentitel von Stefan Sommer an. Denn Mathildes Tagebuch würde ein Spitzentitel werden, da waren sich alle einig, nachdem sie Marlenes ausführliches Briefing gehört hatten. Wie sollte man die Presse ansprechen? Vor allem: Welche Presse? Anders als bei sonstigen Titeln kam hier ja aufgrund der Popularität des Autors auch der Boulevard infrage. Und natürlich waren die Feuilletons aller großen Tages- und Wochenzeitungen wichtig. Und der Hörfunk. Das Fernsehen? Warum nicht. Nele rotierte und ließ ihre Kontakte spielen.
Marlene nutzte jede freie Minute, um die Handschrift in ein lesbares Word-Dokument zu übertragen. Sie kam gut voran, aber es gab halt auch noch anderes zu tun. Die Frühjahrsvorschau musste vorbereitet werden. Peter hatte eine – wie immer knappe – Frist für die Budgetplanung des kommenden Jahres ausgegeben. Da musste sie rechnen. Und viele Unwägbarkeiten möglichst realistisch oder zumindest glaubwürdig schätzen. Allzu sehr wollte sie nicht daneben liegen, auch wenn sie bei manchen Positionen gern auf eine Kristallkugel zurückgegriffen hätte. Und natürlich waren immer noch die Nachwehen der Buchmesse abzuarbeiten. Zum Beispiel die Beschwerde von Frau Meyer-Wübbecke, die sich auf dem Autorenempfang nicht ihrer Bedeutung entsprechend gewürdigt gesehen hatte. Marlene wusste auch genau, woran das gelegen hatte: Der Sekt war ausgegangen, bevor Frau Meyer-Wübbecke kurz vor Ende des Empfangs endlich erschienen war. Ein Fan hatte sie mit Autogrammwünschen aufgehalten. Und dann war man ins Plaudern geraten. Nun waren die Canapés geplündert, der Rotwein war ihr zu schwer und beim Riesling vertrug sie die Säure nicht. Da hatten alle freundlichen Worte und Schmeicheleien nichts geholfen. Man war verstimmt. Es galt dennoch, die Dame zu beruhigen und wieder einzufangen. Telefon oder Mail? Marlene entschied sich für Letzteres. Da konnte sie ihre Worte sorgfältig wählen und musste das Ganze erst abschicken, wenn alles stimmig war. Wie viel Kreide musste sie wohl schlucken, um erfolgreich zu sein?
Plötzlich kam ihr eine Idee. Tat sich Frau Meyer-Wübbecke nicht viel darauf zugute, dass sie eine Feministin der ersten Stunde war? Sie würde die Gute als Multiplikatorin in das Stefan-Projekt einbeziehen. Schaden könnte es auf keinen Fall, die Kontakte der Herausgeberin zu Politik und Presse waren exzellent. Und dem Charme des bekannten Schauspielers würde sie auf den ersten Blick erliegen und sich für ihn zerreißen. Natürlich durften zum jetzigen Zeitpunkt nur Andeutungen gemacht werden. Aber wenn sie sich ausgiebig entschuldigte und dann begann, dem ausgeprägten Ego der streitbaren Amazone zu schmeicheln, und sie gleichzeitig um ihre unschätzbare Hilfe bat – ja: Das würde klappen. Fröhlich machte Marlene sich ans Werk.
Nachdem sie die Mail abgeschickt hatte, machte sie sich auf die Suche nach Sandra, um sie zu einem gemeinsamen Mittagsimbiss beim Italiener um die Ecke zu überreden. Diese Belohnung hatte sie sich heute verdient. Marlene war schon halb aus dem Zimmer, als das Telefon klingelte. Ihre Arbeitsmoral gewann für diesmal den Kampf gegen den Hunger. Es könnte ja wichtig sein. Sie hob ab. Und ob es wichtig war: Stefan. „Hi, Marlene, ich sitze im Zug von Berlin nach Frankfurt. Und ich sterbe vor Hunger: Der Speisewagen fährt aus unerfindlichen Gründen heute nicht mit. In fünfzehn Minuten halten wir bei dir. Ich habe vor, kurz zu unterbrechen, ehe es mich dahinrafft, und am Nachmittag weiterzufahren. Kennst du ein Restaurant in Bahnhofsnähe? Und hast du Zeit für ein Treffen? Ich habe sogar ein erstes Konzept in der Tasche.“
Fantastisch, fantastisch. Dann musste Sandra halt allein essen gehen. Mit der konnte sie auch morgen zum Italiener. Begeistert sagte Marlene zu und schlug vor, Stefan am Bahnhof abzuholen. Das konnte sie gerade so schaffen. Und ein Ristorante gab es gleich neben dem Bahnhof auch. Sie bestellte sicherheitshalber noch einen Tisch, stopfte einen Ausdruck der bereits transkribierten Manuskriptseiten in ihre geräumige Handtasche, machte noch schnell einen Abstecher in den Waschraum, um frischen Lippenstift aufzutragen, und eilte dann los.
Ein Konzept mit Konsequenzen
Im Laufschritt bog Marlene um die Ecke und betrat die Bahnhofshalle. Da stand er ja schon. Hatte die Mütze tief ins Gesicht gezogen und hoffte offenkundig, dass ihn niemand erkannte. Da war wenig Gefahr, die Leute hatten es eilig und achteten nicht auf andere Menschen, wenn sie nicht gerade im Weg standen. Und wer rechnete auf diesem Provinzbahnhof schon mit Stefan Sommer?
Bald darauf saßen sie sich bei einem Teller Pasta gegenüber und brachten sich aufs Laufende. Stefan war unterwegs zu einem Außendreh, der irgendwo in der hessischen Wetterau stattfinden sollte. Das mit dem vorhandenen Konzept in seiner Tasche war allerdings ein klitzekleines bisschen übertrieben gewesen. Er hatte die Zugfahrt genutzt, um erste Gedanken zu notieren. Ohne nähere Kenntnis dessen, was seine Heldin überhaupt zu Papier gebracht hatte, war das naturgemäß etwas dünn. Das wusste er selbst. „Aber es war mir klar, dass ein Gespräch mit dir mich auf jeden Fall weiterbringen würde.“ Bei seinem etwas verlegenen Lächeln schmolz Marlene dahin. „Das Gespräch vielleicht nicht“, sagte sie und zog den Papierpacken aus ihrer Handtasche. „Aber das hier.“ Sie reichte ihm die Seiten, die etwas mehr als die Hälfte des Manuskripts enthielten. Stefan machte große Augen. „So weit bist du schon? Das ist ja perfekt. Und du hast natürlich recht: Was da steht, wird mir Schwung geben.“
„Da ich schon weiß, was da steht, bin ich davon absolut überzeugt. Diese Mathilde war eine klasse Frau. Und dein Urgroßvater war auch nicht ohne.“
„Ich fang gleich nachher an zu lesen. Und morgen auf der Rückfahrt hab ich ja auch viel Zeit. Was meinst du, wie lange brauchst du für den Rest?“ Marlene zögerte. Es lag jede Menge andere Arbeit auf ihrem Schreibtisch. Aber heute war Donnerstag. Und wenn sie das Tagebuch übers Wochenende mit nach Hause nahm, dann würde sie einen großen Schritt weiterkommen. „Irgendwann nächste Woche hast du es. Vielleicht schon am Montag. Aber das kann ich nicht versprechen.“
Stefan winkte dem Kellner. „Keine Widerrede. Heute zahle ich. Schon allein als Dankeschön für deine tolle Unterstützung.“ „Okay, dann bedanke ich mich“, Marlene nickte. „Und hoffe, dass du mit dem Material etwas anfangen kannst. Aber da bin ich eigentlich ganz sicher. Das ist so lebendig.“
„Du bist nicht böse, wenn ich schon aufbreche, oder? Mein Zug geht um 14 Uhr 13. Und der nächste erst in zwei Stunden.“ „Nein, natürlich nicht. Ich muss ja auch wieder an die Arbeit. Wir hören voneinander.“ Weg war er.
Zurück im Verlag war Marlene für die nächsten zwei Stunden in einer Marketingbesprechung zur Vorbereitung der anstehenden Vertreterkonferenz beschäftigt. Als sie wieder an ihren Schreibtisch zurückkehrte, war es draußen schon dämmrig. Es wurde halt langsam Winter und immer früher dunkel. Sie machte Licht und aktivierte ihren PC. Acht neue Mails, sechs davon mit dem Absender Stefan Sommer. Na, der hatte wohl auf der Fahrt Langeweile gehabt. Marlene öffnete die erste. „Wie gut, dass wir uns getroffen haben. Stehe hier auf freier Strecke kurz vor Hanau. Triebwerksschaden. Ohne unser Mittagessen würde ich jetzt elend verhungern.“ Die nächste: „Stehen noch immer. Kein Ende abzusehen.“ Die nächste: „Es geht immer noch nicht weiter. Gerüchteweise wollen sie uns evakuieren und mit dem Bus nach Frankfurt bringen. Nur: Wo soll der herkommen. Hier ist weit und breit keine Straße.“ Die vierte: „Immer noch nichts Neues. Jetzt stehen wir schon drei Stunden. Es wird langsam dunkel.“ Allmählich wich ihr Mitgefühl einer leisen Belustigung. Hatte der sonst niemanden, dem er sein Leid klagen konnte? Wartete er seit Stunden vergeblich auf ihren Beistand? Und könnte er seine Zeit nicht auch sinnvoller verbringen als sich im Minutentakt selbst leidzutun?
Aber dann dachte sie an die vielen Gelegenheiten, bei denen sie selbst der Bundesbahn schon hilflos ausgeliefert gewesen war. Man hatte da irgendwann keine Lust mehr zu gar nichts. Und fügte sich apathisch in sein Schicksal. So schien es Stefan auch zu gehen. Mail Nr. Fünf vermeldete unveränderten Stillstand. Und die letzte Nachricht, die erst vor wenigen Minuten eingetrudelt war, die würde wohl auch keine anderen Neuigkeiten enthalten. Aber: Überraschung! „Es geht wieder los. Hurra. Danke noch mal für heute Mittag. Du hast meinen Tag gerettet.“
Schön. Das war gut zu wissen.
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