Читать книгу: «Die Fahrt ins Nichts»
Das Buch
Ein geheimnisvoller Meteor, dessen Erscheinen die Welt in Panik versetzte, stürzt in der Nähe von Japan in die tiefen und unsicheren Wasser des Ozeans und löst überall Angst und Neugier aus. In der exotischen Atmosphäre des indischen Subkontinents richten die berühmtesten Wissenschaftler der Welt ein Laboratorium ein. Wird es ihnen gelingen, mit den vorhandenen Steinproben die Rätsel um den Meteor zu lösen? Oder ist eine Reise von 10.000 Metern in die Tiefen des Ozeans unvermeidbar? Wieder geht es um die Rettung der Menschheit. Wieder sind der Chemiker Walter Werndt und seine genialen Ideen gefordert. Dazu müssen jedoch nicht nur die Rätsel um den dunklen Meteor überwunden werden, sondern auch die mysteriöse Herrscherin Indiens.
Mit DIE FAHRT INS NICHTS veröffentlicht der Reichel Verlag den in sich abgeschlossenen Fortsetzungsroman des Science Fiction Klassikers PANIK von Reinhold Eichacker. Das Original erschien 1923 in deutscher Sprache und wurde auch in andere Sprachen übersetzt.
Der Autor
Reinhold Eichacker (1886 - 1931) hat DIE FAHRT INS NICHTS nach einer technischen Idee von Max Valier geschrieben. Max Valier (1895 - 1930) war ein Südtiroler Schriftsteller, Astronom und Raketenbau-Pionier, dessen Arbeiten von Wernher von Braun fortgeführt wurden. Über den Autor selbst ist wenig bekannt und die Orginalausgaben seiner Bücher sind eine Rarität. Der Verlag dankt dem Antiquar Michael Gallmeister für die Buchsuche und der Phantastischen Bibliothek Wetzlar für die Bereitstellung der Orginalausgabe.
Reinhold Eichacker
Die Fahrt ins Nichts

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch / Der Autor
Titel
Inhaltsverzeichnis
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Nachwort
Impressum
Wir danken der
Phantastischen Bibliothek Wetzlar
für die Bereitstellung der
Originalausgabe.
1
Der um die Ecke des Parsenplatzes rasende Sportwagen stoppte so plötzlich, dass die Bremsen quietschten. Der hintere Teil des Wagens hob sich einen Augenblick, als wolle er sich überschlagen. Dann standen die Räder.
»Parbleu!« kam es von innen. Unter dem amerikanischen Verdeck schoss ein Kopf vor. »Jagt dich der Teufel, Halunke!«
Der indische Fahrer winkte beschwichtigend ab und erklärte in gebrochenem Englisch: »Umzug, Sahib. Die Jainas. Ganze Straße voll Menschen.«
Der Weiße kniff ärgerlich die Lippen zusammen und lehnte sich in sein Polster zurück. Der helle Tropenhut hatte sich verschoben, so dass das graumelierte Haar in die Stirn fiel. Er rückte ihn zurecht und drehte sich zu seinem Begleiter.
»Wieder einer dieser verrückten Festzüge der Burschen. Man stolpert an allen Ecken darüber. Seit dem missglückten Erduntergang vor sechs Monaten ist Bombay ein einziges Tollhaus geworden. Als der Meteor noch die Erde bedrohte, war die Meute besessen vor Grauen, jetzt heult sie vor Freude. Straßenfeste, Umzüge an jeder Straßenecke. All das Volk aus den Pettahs wälzt sich durch die Straßen, um seinen unzähligen Göttern Dankopfer zu bringen. Schauen Sie nur diesen Aufzug! Für Sie hat der Zauber da vorne ja noch den Reiz des Neuen.«
Neben dem Auto tauchte der Riesenleib eines Elefanten auf. Der schlanke Inder saß hoch oben auf seinem Rücken, dicht hinter dem gewaltigen Schädel des Tieres. Seine braunen Füße hatte er hinter die Ohren des Dickhäuters gestemmt. Prunkvolle Decken und Teppiche hingen zu beiden Seiten herab und wirbelten Staub auf.
Der Jüngere bog sich weit unter dem Verdeck vor, um besser sehen zu können, .im gleichen Augenblick fuhr ihm der schlenkernde Rüssel des Tieres feucht über die Backe.
»Fi donc!« machte er erschrocken. Der andere lachte laut auf und beherrschte sich mühsam,
»Vorsichtig, mein Lieber. So etwas nennt man einen Elefantenkuss. Ihre bulgarisch-französische Anziehungs-kraft!«
Der Bulgare wischte sich mit seinem parfümierten Taschentuch über die Augen. Immer neue Massen schreiender, heulender, tanzender Menschen strömten vorüber. Alle trugen festliche Kleider, weiße Gewänder und farbige Tücher. Spielleute bearbeiteten in wildem Rhythmus die Felle ihrer Trommeln oder entlockten ihren langen, dünnen Flöten unheimlich hohe und quieckende Töne. Dazwischen stolzierten in würdevollem Trott die riesigen Elefanten, heilige Kühe aus den Tempeln der Jainas, tollten kreischende Affen neben bunten Symbolen der indischen Gottheiten.
Der junge Bulgare war fasziniert. »Ein fabelhaftes Bild, Monsieur Cachin!«
»Das werden Sie in den nächsten Tagen noch öfter erleben. Diesmal sind es die Jainas, die Mahawira anbeten, den überwundenen Rivalen Gautamas. Morgen sind es die Parsen, die Jünger Zarathustras, die übrigens hier in Bombay die reichsten Kaufleute sind, neben den Mohammedanern, die den Juwelenhandel beherrschen. Auch all die anderen Rassen und Kasten werden Sie kennenlernen, Goanesen, Afghanen, Singhalesen, und wie sie alle heißen.«
Der Wagen setzte sich plötzlich wieder in Bewegung. Wasa, der Lenker, hatte geschickt eine Lücke erwischt und sauste mit voller Geschwindigkeit auf die andere Seite der Straße. Der europäische Charakter des Stadtteils wurde immer beherrschender, Kirchen, Regierungspaläste, das große Klubhaus in gotischem Stil, weite europäisch angelegte Ziergärten, Tennis- und Hockeyplätze blieben hinter dem Auto zurück.
Dann hielt der Wagen vor einem weitläufigen, einstöckigen Bau im Sti1 eines englischen Landhauses. Mehrere farbige Diener eilten diensteifrig zum Öffnen der Wagentüre. Der Graumelierte beachtete sie nicht und ging ohne Zögern durch die Halle des Hauses.
Ein weißer Angestellter kam ihm entgegen und reichte ihm einen Meldeblock. Der Fremde nahm den Bleistift und überflog kurz den Vordruck.
»Professor Cachin«, schrieb er bedächtig. »Brüssel« Und in eine besondere Spalte des Zettels: »Chemie«.
Der kleine Bulgare folgte seinem Beispiel.
»Dumascu«, schrieb er hastig. »Paris, Ingenieur« Der Sekretär prüfte die Namen und hob einen Vorhang.
»Madame erwartet die Herren.«
Der Professor sah überrascht auf.
»Madame hat uns schon heute erwartet? Wir wollten eigentlich erst morgen von Benares hier eintreffen und...«
Über das Gesicht des Angestellten lief die Andeutung eines Lächelns.
»Da die Herren bereits heute Nacht 3 Uhr 40 in Bombay eingetroffen sind und im Hotel des Indes Quartier genommen haben, erwartete die Herrin Sie schon heute.«
Cachin gab keine Antwort und ging durch den Vorhang.
»Unheimliche Frau!« zischte er Dumascu zu. »Ihre Spione sitzen in jeder Spelunke.«
Im nächsten Zimmer übernahm ein Hindu die Führung und öffnete eine verborgene Tür. Die beiden Fremden sahen sich plötzlich einer größeren Gesellschaft von Herren gegenüber.
»Man stellt sich nicht vor«, sagte die Stimme des Hindus bedächtig.
Cachin sah sich unwillkürlich nach ihm um, doch der Inder war schon verschwunden. Man begrüßte sich nur durch eine kurze Verbeugung. Die Anwesenden standen in kleineren Gruppen in Ecken und Nischen des Raumes. Gespräche wurden nur flüsternd geführt. Durch die Mitte des Zimmers zog sich ein länglicher Tisch mit zahlreichen Sesseln. Sie waren alle noch unbesetzt.
Dumascu überflog den Raum mit nervösen Blicken und zupfte sich ungeduldig an dem kleinen, verschnittenen Bärtchen.
»Also, nun sagen Sie mir doch bitte einmal, verehrter Professor, ist dieses Haus...«
»Einer der interessantesten Steinbaukästen in Bombay. Hinter jeder Tür lauert ein Geheimnis! Wenn man auf einen Knopf drückt, sind Sie dreiviertel verzaubert und erwachen morgen als Bauchtänzerin. Unter jedem Fuß Boden kann eine Falltüre verborgen sein, und wenn der Hindu nur ssit macht, ist das Ganze verschwunden. Mein Lieber«, lachte er in die verwunderten Augen des anderen -, »eines müssen Sie sich in Indien vor allem abgewöhnen: das Fragen! In Indien ist alles ein Rätsel, Geheimnis, unlösbar. Man muss es hinnehmen, wie man es sieht, ohne zu grübeln. Wer fragt und studiert, bekommt hier nur Nasenstüber. Man macht sich unbeliebt dadurch in Indien!«
Trotz des scherzhaften Tones war in seinen Worten ein gewisser Unterton, der Dumascu aufhorchen ließ. So wie die heimliche Warnung eines Menschen, der sich selbst nicht recht traut, mehr als Antwort zu sagen. Auch die Augen des Belgiers schielten einen Augenblick zur Seite, als fühle er sich behorcht. Doch Dumascu witterte eine Sensation, die ihn reizte.
»Kennen Sie Madame Barbuche?« fragte er gedämpft.
Einen Augenblick schien es ihm, als verstummten die leisen Gespräche rings um ihn herum, als würden alle für einen Augenblick die Luft anhalten. Aber es musste eine Täuschung gewesen sein, denn die anderen Gäste im Zimmer wanden ihm fast alle den Rücken zu. Professor Cachin war sichtbar verlegen. Wieder irrten seine Augen über die Wände.
»Sie fragen sich noch um den Hals, mein Verehrtester!« meinte er leise, mit merkwürdig steifer Haltung des Kopfes. »Madame Barbuche kennt niemand. Niemand weiß, wo sie wohnt. Aber sie ist die Herrscherin Indiens. Niemand weiß, wer sie ist, sie hat tausend Gestalten. Einmal ist sie eine vornehme Dame, ein anderes Mal ein Hinduknabe, ein Fakir, ein Emir, ein Kaufmann. Niemand weiß, ob sie nicht neben ihm steht als Liftboy oder Bettler, als Maharadscha oder als Bäuerin. Sie ist ein Sammelbegriff, eine Macht - eine unheimliche Macht. Sie hört alles, sieht alles; regiert alles. An Madame Barbuche denkt man, aber man spricht nicht von ihr!«
Das Letzte klang ernst. Der sehnige Bulgare wehrte sich vergeblich gegen ein leichtes Gefühl des Unbehagens. Erst jetzt bemerkte er den sonderbar-kostbaren Schmuck der Wände, die mit schillernder Schlangenhaut und Fellen von Tigern und anderen Dschungeltieren bespannt waren.
»Ich verstehe nur nicht, dass so bedeutende Männer, wie Sie, sich unter den Willen einer Frau...« Er brach ab, denn der Vorhang am anderen Ende des Zimmers hatte sich geteilt.
Der weiße Sekretär aus der Vorhalle ging lautlos zum Tisch und schlug den Gong. Er trug jetzt einen Frack. »Ich heiße die Herren im Namen der Herrin willkommen!« sagte er deutlich und leicht in den Saal. »Bitte nehmen Sie Platz!«
Als sich die Gäste um den langen Tisch verteilt hatten, zeigte sich, dass jeder Sessel besetzt war. Insgesamt waren elf Herren und eine Frau von nordischem Aussehen versammelt. Mit ihrem hellblonden Haar stach sie aus der dunklen Menge der Herren hervor.
Der Sekretär machte sich eine kurze Notiz. Er sah jetzt im Frack wesentlich älter aus, als vorher in der Diele. Auch sah man ihm jetzt seine indische Abstammung an. Sein Blick hatte etwas Herrisches, Kaltes, das keine Vertraulichkeit zuließ. Er setzte seine Worte wie klingende Münzen.
»Die Herrin hat Sie hierhergebeten, um Ihnen ihre Entschlüsse persönlich bekannt zu geben. Vorher soll kurz über den letzten Stand der Dinge berichtet werden. Wir haben den Absturz des Meteors vor sechs Monaten alle selbst miterlebt. Darf ich Japan bitten, die bisher bekannten Daten kurz zu skizzieren!«
An der Mitte des Tisches erhob sich ein schmächtiger Japaner mit grauweißem Haar. Seine großen Brillengläser funkelten über die Runde. »Der Meteor, dessen Absturz unseren Planeten zu vernichten drohte, stürzte in eine der tiefsten Stellen des Ozeans und ruht jetzt in 9436 Meter Tiefe. Nur dadurch ist zu erklären, dass die Menschheit den Absturz überlebt hat. Die Absturzstelle gehört bereits den internationalen Gewässern an und fällt daher nicht mehr in den japanischen Hoheitsbereich. Der am Meeresgrund liegende Kern des Meteors wird also Eigentum dessen, dem die Bergung gelingen sollte.«
Leise Unruhe breitete sich am Tisch aus.
»Das dürfte aber technisch kaum ausführbar sein.«
Der Sekretär unterbrach ihn. »Liegen Beweise für das Vorhandensein dieses Meteorkerns vor?«
»Ja. Es gelang dem deutschen Chemiker Werndt, ultrachromatische Platten in jene Ozeantiefe zu versenken und deutlich ihre Schwärzung festzustellen. Dagegen gelang es selbst mit den modernsten Geräten nicht, auch nur ein Körnchen der kosmischen Materie ans Tageslicht zu fördern.«
»Ausgenommen die Bruchstücke in Japan«, war der Einwand des Sekretärs.
»Diese ausgenommen«, fuhr der Japaner fort. »Nach dem Absturz fand man vor dem Regierungspalast in Tokyo einen Meteorblock von 2,5 Kubikmeter Umfang. Weitere Nachforschungen auf dem Lande förderten noch drei weitere Bruchstücke von 0,5; 0.75 und 1 Kubikmeter zutage. Aufgrund ihres Fundorts waren sie zunächst Eigentum Japans.«
»Wem gehören sie jetzt?«
»Dem deutschen Chemiker Walter Werndt.«
Zwischen den Augen des Sekretärs stand eine scharfe Falte. »Warum kaufte Abteilung Erz sie nicht an?«
Der Japaner duckte sich ein wenig unter dem Ton dieser Stimme. »Es geschah sofort, aber...«
»Aber?!«
»Der Kauf wurde von der japanischen Regierung für ungültig erklärt, um Rivalitäten der einzelnen Nationen zu vermeiden. Verschiedene Institute und Privatpersonen wollten die Bruchstücke ersteigern, es waren elf mit fast unbegrenzten finanziellen Mitteln. Die japanischen Regierung führte eine Volksabstimmung durch und diese gab dem deutschen Chemiker den Zuschlag.«
Der Belgier Cachin trommelte ungeduldig auf der Tischplatte. »Alles?!« entfuhr es ihm.
Sofort flammte ihn das Auge des Inders an, dass er zusammenzuckte.
»Alles. Mit Ausnahme des zweitgrößten Blocks, der am Tag vor der Volksabstimmung spurlos verschwand, und offenbar gestohlen wurde.«
Das Auge des Sekretärs glitt einen Augenblick über das Gesicht eines schwarzhaarigen Gastes, dessen Gestalt außergewöhnliche Körperkräfte und Gewandtheit verriet. Der Italiener lächelte flüchtig zurück.
»Es ist gut«, nickte der Weiße nach dem Japaner hinüber. »Sind die angekauften Stücke noch in Tokyo?«
»Sie wurden abtransportiert.«
»Wohin?«
»Das ist nicht bekannt. Jedenfalls aber nach Indien.«
Der Sekretär nickte und schrieb eine Zeile. »Danke. - Bergungsabteilung?«
Der athletische Italiener hob seine Schultern. »Bericht stimmt. Zweiter Block wurde geborgen.«
»Fahndungsabteilung?«
Der Aufgerufene erhob sich. »Der Transport Werndts ging nach Benares und war bisher ständig duch elektrischen Starkstrom gesichert. Mit internationalen Forschungsgeldern baut Werndt ein Riesenlaboratorium nördlich Benares. Ganze neuentstandene Stadtteile wurden mit Tausenden von Arbeitern besiedelt.«
»Wann wird das Laboratorium fertig sein?«
»In etwa zwei Monaten.«
»Danke. - Abteilung Chemie !« Der Belgier Cachin erhob sich vom Sessel. »Wir stehen mit diesem Meteor einem der größten chemischen Rätsel der Menschheit gegenüber. Die Strahlungen und Emissionen, die bisher festgestellt werden konnten, sind ganz eigentümlicher Art.«
»Wie wurden diese Strahlungen festgestellt?«
»Durch Spektralaufnahmen des Chemikers Werndt.«
Die bleichen Wangen des Inders überflog flüchtiges Rot. »Immer dieser Werndt!« zischte er. Doch er beherrschte sich sofort wieder.
»Durch Spektralaufnahmen des Chemikers Werndt, mit Hilfe dessen neuer ultrachromatischer Platte.«
»Bergungsabteilung!« kam es scharf von der Spitze des Tisches.
Der Italiener lächelte spöttisch. »Die Aufnahmen fanden statt in der Michigansternwarte in New York in den Wochen vor dem Absturz.«
»Und?«
»Wir haben eine Abschrift der Ergebnisse und 23 Platten gewonnen.«
Die Falte auf der Stirn des Inders verschwand wieder.
Cachin beugte sich vor. »Diese Platten gingen mir zu. Das Ergebnis wurde nachgeprüft. Wir stellten außer den Strahlungserscheinungen der uns bereits bekannten Stoffe oder chemischen Elemente wie Eisen, Chrom, Nickel, Silber, Platin, Gold, Kupfer und Natrium noch eine, uns bisher vollkommen unbekannte Strahlungsenergie fest, die bisher weder auf der Erde noch auf einem anderen Planeten entdeckt wurde.«
»Was schließen Sie daraus?« drängte der Sekrektär.
»Dass der abgestürzte Meteor ein vollständig neues Element enthalten muss, das bisher weder der Chemie noch den Astrophysikern bekannt war, und dessen Emanationen jedem Forscher den sofortigen Tod bringen könnten...«
»Oder Unsterblichkeit!«
Cachin hörte den Tadel heraus. »Gewiss«, stotterte er hastig. »Der Tod eines Einzelnen spielt auch gar keine Rolle gegenüber der Bedeutung dieses geheimnisvollen neuen Elementes, das -«
Seine Rede riss ab wie ein Faden. Das Licht im Zimmer war plötzlich erloschen. Alle saßen für wenige Augenblicke in undurchdringlichem Dunkel.
Dann flammte wieder Helligkeit auf. Alle Augen wandten sich nach dem Stuhl des Inders. An seiner Stelle saß eine fremde Gestalt. Eine indische Frau...
»Bitte sprechen Sie weiter, Herr Professor!« sagte sie mit einer tiefen, vollklingenden Stimme. Ihre großen, glänzenden Augen wanderten ruhig über die Gesichter der Gäste, als bemerke sie nicht die Verblüffung, die sich auf ihnen abzeichnete. Es dauerte einige Zeit, bis Cachin sich wieder gefasst hatte. Sein Blick irrte unwillkürlich zu Dumascu hinunter. Doch dieser bemerkte ihn nicht. Er hing an den Augen der Frau, die mit ihrer Schönheit und rätselhaften Ausstrahlung die ganze Gesellschaft in ihrem Bann hielt.
Der Belgier zwang sich energisch klar zu denken. Alles in diesem Zimmer, in diesem sonderbaren Haus schien dazu angetan, zu verblüffen, zu verwirren. Aber er wehrte sich dagegen.
»Ich bin der Überzeugung«, führte er den unterbrochenen Bericht zu Ende-, »dass die Bedeutung dieses geheimnisvollen, neuen Elementes für unsere Erde die aller bekannten Stoffe weit übertrifft.«
»Ich teile diese Überzeugung. Ich danke Ihnen.« kam es gelassen vom Kopf des Tisches. »Diese Überzeugung leitete auch meine weiteren Entschlüsse. Der Meteor und seine geheimnisvolle Materie muss unser alleiniges Eigentum werden. Bisher steht nur der zweitgrößte Block zu unserer Verfügung. Die Abteilung Chemie übernimmt die Erforschung. Die notwendigen Mittel stehen bereit. Jedes mögliche Experiment ist zu wagen. Menschenleben spielen keine Rolle, wie Sie sehr richtig bemerkten, Herr Professor.« Ein eiskalter, grausamer Blick, wie der eines Raubtiers, schoss zu dem Belgier hinüber.
Er antwortete nur mit einer stummen Verbeugung, aber seine Lippen zitterten.
Die Frau ihm gegenüber drehte den makellosen Kopf zur Seite, als spräche sie zu einem Unsichtbaren.
»Aber diese Versuche werden erst beginnen, wenn ich es befehle. Die ersten Experimente sind dem Chemiker Werndt zu überlassen. Ich nehme an, dass sie ihm den Tod bringen werden. Ich habe vergeblich versucht, diesen Mann für uns zu gewinnen« - heißer Zorn lag plötzlich in ihren Zügen -, »er hat meinen Agenten abgewiesen. Infolgedessen wird er unfreiwillig für uns arbeiten. Paris - Ingenieurabteilung?«
Dumascu erhob sich lässig.
»Sie werden als Vertreter der internationalen Kommission bei dem technischen Aufbau des Laboratoriums mitwirken. Ihr Patent erhalten Sie heute. Sie werden sich ständig in nächster Nähe Walter Werndts halten, und über jedes Experiment sofort ausführlichen Bericht erstatten.«
Der junge Bulgare errötete unter dem herrischen Ton dieses Befehls. Wie kam diese Frau dazu, über ihn, den sie zum ersten mal sah, den man unter allerlei seltsamen Vorwänden hierhergeholt hatte, zu gebieten wie über ein willenloses Werkzeug! Das Blut schoss ihm in die Schläfen.
Unwillig erwiederte er: »Bevor ich diese Bitte erfülle, bitte ich zunächst um nähere Aufklärung. Ich kann derartige Aufträge nur annehmen, wenn mir die Bedingungen zusagen. «
Wieder schien es als würde die Runde den Atem anhalten. Man sah ihn fassungslos an.
»Sind Sie verrückt?!« zischte Cachin.
Die großen Augen der Frau am Tischende flammten für einen Augenblick zornig auf. Dann legte sich ein feines Lächeln über ihre schön-geschwungenen Lippen.
»Bergungsabteilung!« sagte sie langsam, als sei nichts geschehen. »Abteilung Fahndung und Erz halten dauernd selbständig Verbindung mit Abteilung Technik und geben Berichte weiter an Abteilung Chemie, Finanzen, Kultus und Zentrale. Abteilung Bergung.«
Der Italiener beugte sich dienstbereit vor.
»Jede Gelegenheit, weiterer Meteorstücke habhaft zu werden, ist auszunützen. Chemie!«
Cachin hob seine Hand.
»Sobald die Ergebnisse Walter Werndts zur Ausnutzung reif sind, oder Werndt den ersten Experirnenten zum Opfer gefallen sein sollte, erwarte ich Meldung. - Kultus! Wer bei der Mitwirkung versagt, verschwindet!«
Die Köpfe der Anwesenden duckten sich eine Handbreit nieder. Jeder wollte einen Blickkontakt mit anderen oder der Herrin vermeiden. Dennoch konnte sich keiner von ihnen der gnadenlosen Konsequenz ihrer Worte entziehen.
»Bestie!« zischte Cachin zwischen den Zähnen. Wieder schoss dem Pariser das Blut in die Schläfe, ob dieser grausamen Drohnung der Sprecherin. Sein ganzer Stolz bäumte sich auf gegen diese Behandlung auf. Er verstand diese Männer nicht, die sich willenlos beugten.
»Ich bitte ums Wort!« stieß er nach drüben.
Erst jetzt sah er, dass der Stuhl wieder leer war. Durch den Vorhang trat wieder der weiße Sekretär und überreichte jedem der Herren einen länglichen Brief. »Ich danke den Herren.«
Hastig gingen die Gäste hinaus. Dumascu ging als letzter, dicht hinter Cachin.
Als er das Zimmer verlassen wollte, hob der Hindu am Vorhang die Hand. »Die Herrin erwartet den Sahib!«
Der Bulgare stutzte einen Augenblick. Sein Instinkt warnte ihn, aber dann gewann sein Stolz die Oberhand. Es sollte ihm eine Erleichterung sein, dieser Frau seine Meinung zu sagen. »Wo ist sie?« fragte er mit betonter Unhöflichkeit.
Der Hindu ging ihm geschäftig voraus, und ließ ihn am Vorhang mit einer tiefen Verbeugung vorbei.
Dumascu stand in einem verschwenderisch ausgestatteten, indischen Zimmer. Schillernde Seidenteppiche bedeckten jede Handbreit der Wände. Rund um den Fußboden, der in weichen Fellen versank, lagen Polster und Kissen. Gedämpftes Licht spielte auf den goldenen Beschlägen der Hocker und Tischchen.
In der Mitte des Zimmers, auf einem breiten Tigerfell lag die indische Frau. Mit einer weichen Handbewegung lud sie den Gast ein, näherzutreten und sich auf ein Polster zu setzen. Ruhig und interessiert studierte sie sein Gesicht.
»Sie sind heißblütig und mutig«, sagte sie träumerisch, mit ihrer vollen, tiefen Stimme. »Ich kann mutige Männer gebrauchen.«
»Ich liebe es nicht, einer Unbekannten zu gehorchen!« sagte er kurz mit bewusster Schärfe. »Ich liebe es deshalb auch nicht, meinen Mut Ihnen gegenüber zu beweisen.«
Sie lächelte leicht.
»Sie werden Gelegenheit erhalten, ihn auch sonst zu beweisen. Rauchen Sie?«
Sie reichte ihm eine Schale mit Zigaretten. In ihrer Frage lag etwas wie ein suggestiver Befehl.
Obwohl der Ingenieur eigentlich ablehnen wollte, griff er doch nach den Papyros und setzte eine Zigarette in Brand. Ein leichter, süßlicher Geruch verbreitete sich in dem Zimmer.
»Ich danke Ihnen, dass Sie, einer der hoffnungsvollsten und erfolgreichsten Techniker Frankreichs, meinem Ruf gefolgt sind«, setzte sie das Gespräch freundlich fort. Irgend etwas in ihrer Stimme zwang den Bulgaren, ganz gegen seine Gewohnheit, unhöflich zu bleiben.
»Ich bin nicht Ihrem Ruf gefolgt, Madame, sondern meine Behörde hat mich nach Benares geschickt, um dort technische Arbeiten zu leiten.«
Der süße Geruch der Zigarette legte sich wohltuend auf seine Sinne.
»Benares? Die Stadt des heiligen Wassers?« wiederholte sie. Es war wie ein Singen. »Sie ist schön, diese Stadt, aber geheimnisvoll, Benares. Waranasi...«
Ein eigenartiger Zauber ging von diesen Silben aus, als sie sie sprach. Dumascu sah plötzlich deutlich das Bild dieser Stadt vor sich, leibhaftig, greifbar, wie auf der Leinwand eines Lichtspieltheaters. Die endlosen Reihen der Moscheen und Tempel, die Badeplätze mit den Tausenden badender Pilger, die hier mit Inbrunst das heilige Wasser tranken, in dem tagaus, tagein zahllose Leprakranke Heilung suchten, und verkohlte Überreste verbrannter Leichen vorbeitrieben... Waranasi, die Stadt des heiligen Wassers... Benares... die Stadt des Wahnsinns...
Wie aus einer anderen Welt kam die Stimme da vorne zu ihm, und doch glaubte er, die Augen der Frau ganz dicht vor sich zu sehen, wie zwei flammende Sonnen. Dazu dieser seltsame, süßliche Duft...
»Wenn Sie gewusst hätten, dass ich Sie rief, wären Sie also nicht gekommen?« gurrte es zärtlich.
Benares... Waranasi... bohrte es in seinem Gehirn.
»Nein!« wollte es in ihm aufbegehren, aber der feine, bläuliche Rauch der Zigarette in seinem Munde umfing sein Willenszentrum mit einem seligen Rausch.
»Ich - weiß - nicht,« meinte er leise. Es war wie ein Hauch. »Ich - weiß - nicht ...«
Wie eine Liebkosung fühlte er eine weiche Hand auf seiner Stirn, einmal - zweimal - dann sank er glücklich lächelnd zurück auf sein Polster - tief - tief - immer tiefer...
Die Indierin schaute stumm auf ihn hinab. Unverrückt bohrten sich ihre Blicke fest auf die Nasenwurzel des Schlafenden, dessen Kopf in ihrer geöffneten Hand lag.
Leise, wie eine fremdartige Beschwörungsformel kamen kurze fremdartige Silben aus ihrem Mund.
»Tat wam asi - Du bist ich - ich bin du -«
Dann schlug sie den Gong und verschwand durch den Vorhang...
2
Wie ein silbernes Schlangenpaar zog sich das schmale Gleis der neuen elektrischen Bahn vom nördlichen Benares hinaus in das Land.
Wagen auf Wagen rollte aus den riesigen Lagerhäusern am Bahnhof und nahm den Weg zur neuentstandenen Märchenstadt, die fast über Nacht aus dem Nichts gewachsen war. Zwanzig Kilometer vom heiligen Ufer des Ganges, mitten in der Einsamkeit. Walter-Werndt-Stadt sagten die Europäer, Stadt des Zauberers nannten sie die Eingeborenen.
Jeder Wagen, der das Gleis entlang rollte, war hochbeladen mit Material aller Art: Eisenträger, Aluminiumtafeln, Glasscheiben, Bretter, Betonplatten, verschnürte Pakete.
Indische Lastträger hockten auf dem hinteren Trittbrett und pressten sich unter die überstehende Ladung, um eine Handbreit Schatten zu finden vor der glühenden Sonne.
Oder sie schimpften mit den braungebrannten Burschen, die mit verwegenem Übermut auf den Wagen herumturnten und sich jeden Augenblick das Genick zu brechen drohten.
Stadt des Zauberers... Je näher die dunkle Masse am Horizont rückte, desto lebhafter wurde das Treiben. Baracken, Lagerschuppen, Betonhäuser schoben sich an die Gleise heran und verteilten sich spinnennetzartig nach allen Seiten.
Weiße, gelbe, braune Gestalten wimmelten zwischen den freien Räumen, zu Fuß und mit dem Pferd, mit Ochsen und Elefanten, hastig rennend oder keuchend unter allerlei Lasten.
Tausend Geräusche zerschnitten die Luft, Hämmern und Kreischen, Rattern und Knarren, Bohren und Sägen, ein höllischer Lärmpegel. Dazwischen das Schreien der Arbeiter, die kurzen Rufe der Aufseher, Dampfsirenen und Pfeifensignale, Läutwerke und Motorknattern. Die ganze Szenerie glich einem bunten Jahrmarkt mit Hunderten von beschäftigen Menschen.
Europäische Techniker empfingen die Züge und verteilten die Wagen nach flüchtigem Blick auf die Anschrift der Ladung auf Anschlussgleise. Wie das dunkle Zentrum einer Schießscheibe lag der Bahnhof inmitten der anderen Bauten, die das größte Laboratorium aller Zeiten enthielten.
Riesige Hallen und langgestreckte Steingänge waren ebenso zu sehen, wie breite, runde und eckige Türme von seltsamen Formen. Dazwischen befanden sich dicke Betonwände, tief in die Erde versenkt, bergwerkartige Stollen und erdüberdachte Labors. Die Wachen vor ihren Eingängen zeigten, das ihre gefährliche Ladung schon innen verstaut war.
Von einem der bremsenden Wagen löste sich die schlanke Gestalt eines einzelnen Mannes. Einer der Techniker kam ihm diensteifrig entgegen. »Ah - Mister Nagel - schon wieder zurück?«
Der Ankömmling reichte ihm freundlich die Hand. »Direkt von München. Hier noch alles in Ordnung?« Er schob den Hut in den Nacken und streckte den sehnigen Körper. Mit aufmerksamen Augen überblickte der das Gelände und quittierte das geschäftige Treiben mit einem zufriedenen Lächeln.
»Ihr habt tüchtig geschafft in der letzten Woche. Halle drei und vier sind schon fertig -«
»Und eins und zwei schon ganz eingerichtet. Auch Ihr Sternwartengebäude. Wir kommen noch schneller voran, als gedacht.«
»Wo ist Doktor Werndt jetzt?«
Dem Techniker strahlte der Stolz aus den Augen. »Im Hauptbau fünf. Er richtet die beiden Turmräume ein. Der neue Ingenieur ist auch bei ihm.«
Doktor Nagel hob erstaunt die Brauen. »Ein neuer Ingenieur? Seit wann...?«
Der andere schien den Einwurf erwartet zu haben. »Es ist der Vertreter der internationalen Stiftungskommission. Ein Franzose oder Bulgare.«
»So.« Das sonnengebräunte Gesicht des Ingenieurs verfinsterte sich. »Na, ich werde ja sehen.«
Mit einem kurzen Gruß drehte er sich ab und ging geradenwegs auf den Turmbau zu, der die Mittelstadt abschloss.
Beim Anblick der lärmenden Arbeit erhellte sich seine Miene allmählich. Mit impulsiver Lebhaftigkeit erwiderte er die Grüße der Aufseher und Ingenieure, an deren Herzlichkeit er seine Beliebtheit erkennen konnte.
Einer der älteren Herren schloss sich ihm an. Sie stiegen die Treppe zum Hauptbau hinauf. »Hier hat sich einiges verändert in den acht Tagen, die Sie in Deutschland waren. Wir sind mächtig vorwärtsgekommen. Was sagen Sie zu unserem Hauptsaal?«
Doktor Nagel blieb überrascht stehen, die Klinke der Türe noch halb in der Hand.
»Alle Achtung!« entfuhr es ihm. »Es wirkt doch in WirkIichkeit noch etwas anders als auf dem Papierplan.«
Der andere strahlte. »Diesen Saal macht uns auch niemand nach. Mein Ressort, der Apparatepalast. Sehen Sie sich nur einmal diese Torsionswaage an, die auf ein milliardestel Gramm reagiert. Diese ganze Wand hier enthält alle Vorrichtungen für die Bestimmung von Längen und Volumen, für Dichte-, Druck- und Temperaturmessungen. Die Instrumente liefern im Durchschnitt sechs Dezimalen ihrer Messeinheit - bitte!«
»Und Doktor Werndt?« fragte Nagel. Seine Gedanken schienen ganz woanders zu sein, als bei diesen zahllosen Apparaten, die auf Stellagen und Tischen verstreut standen, lagen und hingen.
Aber der Ingenieur ließ ihn nicht los. Mit liebevoller Sorgfalt fuhr seine Hand über eine funkelnde Linse. »Wir haben hier die besten Apparaturen vereinigt, die bisher auf dem Gebiet der Photographie, Photochemie, Kristallographie und Spektroskopie konstruiert wurden.«
»Um Himmels willen!« Der Jüngere hielt sich mit gespielter Bestürzung die Ohren zu.
»Aber den Vogel schießen doch meine optischen und elektrischen Messinstrumente ab, für Brechungsindex, Beugungserscheinungen, Linsenkrümmungen und Interferenzen. Da sehen Sie mal das große Sphärometer an, das Spektrometer, Pyrheliometer, Bolometer -« Er unterbrach sich mit einem verwunderten Blick auf den Kollegen.
Nagel flüchtete mit einem katzenähnlichen Sprung auf die obere Treppenstufe zum Mittelsaal. »Bolometern Sie mal ruhig allein in Ihrem Panoptikum weiter, lieber Fred«, rief er lachend von oben, »ich habe einige tausend Kilometer im Leib und sonst nichts. Weitere Meter verträgt er für heute nicht mehr.«
Ehe der andere sich von seiner Entrüstung erholt hatte, verschwand er durch die gepolsterte Türe.
»Oho!« empfing ihn eine sonore Stimme, als er in den Saal schoss. »Schon da? Und so heiter?«
Nagel drehte sich mit einem Ruck um. Vor ihm stand ein hagerer, wettergegerbter Mann in weißem Labormantel, das Gesicht mit der scharf gebogenen Nase und den wachen klaren Augen erinnerte an ein Adlerprofil.
Herzlich streckte der Jüngere ihm die Hand hin, noch immer lachend.
»Verzeihung, Herr Werndt! Herr Fred überfiel mich mit seiner Bolo- und Sphärometerei da drüben. Er war auf dem besten Weg, die Krümmungskurve meines leeren Magens zu messen. Ich konnte mich nur durch schleunigste Flucht retten. Guten Tag, lieber Freund!«
Walter Werndt drückte ihm kräftig die Hand. Immer wieder erfrischte ihn die unverwüstliche, sonnige Art des jungen Freundes, mit dem er so seltsame und gefährliche Abenteuer überstanden hatte. Erst jetzt bemerkte dieser den Fremden an Walter Werndts Seite. Der berühmte Erfinder sah diesen Blick und stellte den Unbekannten vor.
»Doktor Nagel, mein treuer Assistent und langjähriger Adjutant - Herr Dumascu, Mitglied der internationalen Ingenieurskommission aus Paris, dem wir das Modell unseres großen Explosionsraums verdanken.«
Mit einem seltsam forschenden Blick reichten sich die beiden Männer die Hand. Dann huschte ein liebenswürdiges Lächeln über Dumascus Gesicht.
»Ich habe schon so viel von Ihren Taten gehört, geehrter Herr Kollege, dass ich mich sehr freue, Sie auch einmal persönlich kennenlernen zu dürfen. Vor allem wegen Ihrer Jagd nach dem Meteor, der uns jetzt alle beschäftigt, wurden Sie für die ganze Welt zu dem Symbol für - für...« Er stockte, ein wenig verlegen.
»Für Dusel!« ergänzte Werndt lächelnd. »Sagen Sie es ruhig. Er ist es tatsächlich.« Er wandte sich seinem Freund zu. »In Deutschland war alles in Ordnung?«
Sein Assistent nickte. »Ich habe eine größere Menge Radium aufkaufen können, als alle Laboratorien der Erde zusammen besitzen. Auch die Röntgenapparate habe ich mitgebracht. Es war eine wertvolle Fracht...«
»Und die junge Frau als wertvollste?«
Nagels Augen strahlten. »Sie kam mit mir im Flugzeug. Ich setzte sie in Benares ab und fuhr selbst mit der Elektrobahn.«
Dumascu blickte interessiert auf. »Ah - die Tochter des Mathematikers Earthcliffe? Sie haben die seltsamste Hochzeitsreise gemacht, die jemals zwei Menschen zusammen erlebt haben.«
Nagel wandte sich ihm höflich zu. »Welche Abteilung werden Sie leiten, Herr KolIege?«
Werndt kam ihm zuvor. »Herr Dumascu hat die Isolierungsarbeiten der einzelnen Räume übernommen. Diese Aufgabe erfordert ganz besondere Sorgfalt und Erfahrung, da wir mit einer Reihe netter, unerhört durchdringender Strahlungsarten zu rechnen haben, die leicht als unsichtbare und ungebetene Störenfriede bei unseren Versuchen auftreten könnten. Herr Dumascu ist Spezialist auf diesem Gebiet. Er wird übrigens auf Wunsch der internationalen Stiftungskommission bei unseren Experimenten anwesend sein.«
Nagel wollte etwas erwidern, aber ein schneller, mahnender Blick Werndts ließ ihn verstummen. Er kannte diesen Blick aus den Jahren der Zusammenarbeit genau. Er war ein Zeichen, dass sein Lehrer und Freund etwas zu sagen hatte, was nicht für Dritte bestimmt war.
Doktor Werndt hatte den Arbeitsmantel abgelegt und ging zu den nördlichen Säalen. An der Türe stockte er plötzlich.
Ein lautes Durcheinander von Rufen und Schreien kam ihnen entgegen. Dazwischen eine einzelne, schimpfende Stimme. Die Metallwände und Glasfenster vervielfachten den Schall, wie durch einen Trichter.
»Mio dio! Caramba torri...«
Einige indische Arbeiterinnen kreischten hell auf.
»Wer hier hineinsieht, dessen Seele fährt durch die Röhre hinauf in die Sterne und zerstäubt dort in zwei Zentner Atome, dass die ganze Welt niesen muss, ohne Pause...! Fort da von der Röhre, stoß nicht gegen den Tubus! Kerls! Wartet nur, ich drehe hier an diesen Schrauben...«
Man hörte das Knacken von Schaltern und ängstliche Rufe.
»Ihr verdient es nicht, Krokodilnasen, dass ich euch noch einmal verschone, aber wer seine fettigen Finger nicht von diesen Linsen hier lässt, den vergrößere ich, bis seine Eingeweide zerplatzen wie ein aufgeblasener Frosch! Finger weg!«
Die Inder verstanden ihn nur zur Hälfte, aber sie standen mit offenen Mündern da, die einen lachend, die anderen mit ängstlichem Zweifel, und starrten hinauf zu dem zornigen Sprecher.
Werndt lächelte Nagel verständnisvoll zu.
»Ihr Don Ebro als Wachhund.«
Der Redner hörte das Klirren der eisernen Tür. Sofort unterbrach er seine Schimpftirade und stellte sich in Positur. Unbeweglich, würdevoll, einen Fuß leicht nach vorne geschoben, als wolle er tanzen. Das gelbe Gesicht von Falten zerfurcht, ohne Regung, mit todernstem Ausdruck. Nur die pechschwarzen Augen lachten.
Nagel gab ihm die Hand. »Wieder so zornig, mein Lieber?«
Don Ebro zog den Fuß wieder an. Die Falten seines Ledergesichts machten einen hastigen Rundmarsch und standen dann wieder. »Wie soll ein galanter Spanier hier seine Würde behalten? Ich verstehe die Inder nicht, sie verstehen mich nicht, sie turnen mit unseren Röhren herum, wie mit Stöcken aus Bambus. Man wird den Angstschweiß nicht los, wie in Madrid im Juli - sennor mio -, dass sie etwas zerbrechen.«
»Vorsichtig mit dem Konkavgitter, du Heupferd! Bobby, schaffen Sie das Uviolsystem und den kleinen Kometensucher in das Sternwartengebäude. Wo ist das Meridianinstrument?!«
Seine hagere, schwarze Gestalt verschwand in einem Labyrinth von Kisten und Ballen, im Gedränge der Träger...
»Eine Perle von Diener!« meinte Dumascu. »Seine Teilnahme an der Fahrt Ihres ‚Falken‘machte ihn zu einer internationalen Berühmtheit.«
Werndt blickte befriedigt über die vollen Stellagen und blitzenden Tische. »Ich möchte mir noch die Kühlanlagen und unseren elektrischen Ofen ansehen. 1600 Grad soll er geben. Nur zwei Wochen noch, dann kann unsere Arbeit beginnen.«
3
In dem hohen Kuppelsaal des Sternwartengebäudes der Walter-Werndt-Stadt herrschte blauweißes Halbdunkel. Gespenstisch zeichneten sich die im Mondlicht glitzernden Silhouetten der Fernrohre und Riesenteleskope auf der weißen Wand ab. Wolkenschatten huschten über die halboffene Kuppel und ließen alle Umrisse verschwimmen in einem ständigen Gleiten und Wiegen, Schweben und Fließen...
Ein leises Klirren, wie das Anschlagen einer Tür, sprang in die sonst lautlose Nacht. Ein schnell wachsender Schatten huschte quer durch den Raum und stand einen Augenblick mitten im Licht. Der scharfumrissene Kopf eines Mannes drehte sich gegen das Dunkel, - ein Papier flatterte sekundenlang vor seinen Augen. Dann glitt er zu dem langen 20-Zöller hinüber, dessen anderes Ende die Kuppel durchbohrte. Schalter knackten, Hebel wurden bewegt, ein leises Surren lief rund um den Raum. Wie zu einem einzigen Fabelwesen verwuchs die schwarze Gestalt mit dem glitzernden Rohr.
»Tiens!« kam es nach einer Weile -- »merveilleux...!«
Dann blieb es minutenlang still. Plötzlich riss die Silhouette jäh auseinander. Der Kopf des Mannes stand mitten im Licht der Sterne. Er lauschte nur wenige Sekunden.
Dann schnellte der Schatten wie ein Spuk zur Seite und verschwand irgendwo in der grauen Dämmerung.
Im gleichen Augenblick klirrte die eiserne Tür von draußen. Ein Schalter klickte, dann sprang helles Licht an.
»Kommen Sie, Frau Mabel!« sagte Walter Werndt, während er den Turmsaal betrat.
»Es ist das reinste Spukschloss, in das Sie mich führen«, kam es zurück. Eine jungen Frau stieg aus dem Halbdunkel des Aufzugs nach oben. Das flutende Licht beschien ein zartes Gesicht von auffallender Schönheit.
Gleich hinter ihr kam Doktor Nage1. Seine Augen leuchteten beim Anblick des Saals. »Gibt es etwas Schöneres, Mabel, als eine Sternwarte im Mondschein? Das Mondlicht hat etwas Magisches, dazu die Dunkelheit der Nacht, die offene Kuppel, wie das Tor zum Rätsel der Schöpfung! Und wir Menschen dürfen diese Geheimnisse erforschen! Und doch verschlafen Millionen von Menschen Nacht für Nacht diese Wunder des Weltalls, sehen den Himmel nur wie ein Gemälde, wie eine stumme Kulisse, ahnen nichts von all dem Zauber da droben, vom Lauf der Planeten, von Geburt und Vergehen der Sterne - und sterben, sterben - ohne es je kennengelernt zu haben!«
Seine junge Frau drückte ihm verständnisvoll die Hand. Die Erinnerung an den greisen Vater, den berühmten Astronomen Earthcliffe, und an die furchtbaren Ereignisse des letzten Jahres wurden wieder lebendig.
Ihr Gatte erriet ihre Gedanken sofort. »Denke auch an die Nächte, die wir zwei in der Michiganwarte verbracht haben, an unsere Jupiterbeobachtung und an...«
Sie legte ihm lächelnd die schmale Hand auf die Lippen. »Ich denke daran. Darf ich das Licht wieder ausdrehen, Mr. Werndt?«
Werndt kam ihrer Bitte zuvor.
Der leuchtende Umriss der Lampen versank wieder im Dunkel, blauweiße Nacht lag jetzt über der Gesellschaft.
»Wir wollen uns ein wenig setzen«, lud Werndt ein und schob der jungen Frau einen Stuhl hin.
Sein Assistent sah ihn erwartungsvoll an. Der Ingenieur wartete noch eine Weile.
»Ich habe Sie nicht ohne Absicht noch zu dieser späten Stunde hierher geführt, meine Lieben«, sagte er langsam, mit ernster Stimme. »Man ist tagsüber so selten allein. Und ich habe Grund, das, was ich Ihnen heute sagen und zeigen möchte, vor Dritten geheim zu halten. Ich habe das Gefühl, dass ich verfolgt werde, belauscht werde- «
Nagels Faust schlug auf die Lehne. »Dumascu! Also doch!«
»Vielleicht Dumascu, vielleicht ein anderer. Jedenfalls er nicht allein. Schon vor einigen Wochen kam ein Mann - ich hielt ihn für einen Inder, einen Parsen wahrscheinlich - und versuchte, mich durch seltsame Angebote für ein Privatkonsortium zu gewinnen. Diesem Konsortium sollte ich meine bisherigen Forschungsergebnisse über den Meteoriten zur Verfügung stellen...«
»Ist der Kerl größenwahnsinnig! Er wusste doch, mit wem er sprach!«
»Sogar sehr genau. Als ich ihn abwies, bat er mich, ihm zu einem Fakir zu folgen, der mir wichtige Mitteilungen für meine Aufgabe machen könne«
Mabel hörte mit großem Interesse zu. »Sie taten es nicht?«
»Ich habe seine Aufforderung ignoriert und ihm schweigend den Rücken zugedreht. Als ich mich nach einiger Zeit umdrehte, war der Inder verschwunden. Aber an seinem Platz lag ein Zettel mit der Aufschrift: »Fürchte den Zorn der Herrin! Gehorche!«
Nagel lachte laut auf. »Köstlich! Der reinste Krimi.«
Werndt jedoch fuhr ernst fort zu erzählen. »Ich nahm es zunächst ähnlich auf und zerriss den Wisch. Heute, nach vier Wochen, fand ich den gleichen Zettel auf meinem Schreibtisch in Benares...«
Nagel gab keine Antwort, er war nachdenklichlich geworden. »Wenn ich den Burschen erwische!« polterte er endlich los.
Mabel fröstelte plötzlich.
Werndt nickte ihr beruhigend zu. »Wir brauchen darum noch keine Gespenster zu sehen. Ich würde das Ganze auch für einen belanglosen Scherz oder die Drohung eines Irren halten, wenn mich diesmal mein Instinkt nicht so deutlich warnte.«
»Ich habe dem Bulgaren schon gleich nicht getraut«, brachte Nagel seinen Unmut deutlich zum Ausdruck.
»Ich habe gegen Dumascu bisher keinen Grund zum Verdacht. Wenn ich auch mit der Möglichkeit rechnen muss, dass er zu meiner Kontrolle hier ist«
»Aber was sollte man für einen Grund haben?« wendete Mabel ein.
Werndt erwiederte gelassen. »Gründe gibt es genug, Frau Mabel. Sie dürfen nicht vergessen, dass es sich um Untersuchungen handelt, von denen die ganze Welt besondere Ergebnisse erwartet, und deren Wissen für den Besitzer unter Umständen eine Macht darstellen kann. Zu welchen Verbrechen solche Machtgier fähig ist, haben wir erst vor wenigen Monaten unter dem Einfluss des Meteors erlebt.«
»Ein unseliger Stern! Unselig, wie das Nibelungengold!« seufzte Mabel.
»Dann müssen Sie bedenken, wie scharf der Wettbewerb um den Besitz der japanischen Meteorstücke war, und dass die japanische Regierung mich mit der Erforschung der Meteorstücke beauftragt hat, obwohl mehr als zehn Mitbewerber diese Brocken erwerben wollten.«
»Das wäre ja noch schöner, wenn sie ein anderer erhalten hätte!« brauste Nagel impulsiv auf. Für ihn war der Gedanke eines siegreichen Rivalen neben seinem bewundertem Freund absurd.
»Wir müssen diese Dinge berücksichtigen«, fuhr Werndt ruhig fort, »und damit rechnen, dass sich gewisse Interessenten und Gruppen mit dieser Entscheidung nicht gutwillig zufriedengeben. Machtgier wie Ehrgeiz können dabei Beweggründe sein. So haben es verschiedene Wissenschaftler bereits durchgesetzt, dass die Erforschung des Meteors durch Einsetzung einer Kontrollkommission zu einer internationalen Angelegenheit erhoben wurde.«
»Der Bulgare ist Mitglied der Kommission«, bekräftigte Nagel sein Misstrauen.
»Das beweist nichts. Er ist ein anerkannter Techniker von internationalem Ruf. Sein Modell zum Explosionsraum beim Laboratoriumswettbewerb war vorbildlich. Ich halte ihn auch für einen offenen Charakter.«
»Ich traue ihm nicht. Was will er hier?«
Werndt antwortet mit einem Schulterzucken.
»Überlassen wir das der Zukunft. Es genügt mir zunächst das Gefühl, dass man uns belauscht, oder vielleicht richtiger - verfolgt, wie die Drohung des Zettels beweist. Könnte ich unter normalen Umständen über diese Drohung einfach hinweggehen, so kann, so darf ich es in dieser Situation nicht mehr. Auf mir ruht die Verantwortung für meine Aufgabe, ruht vielleicht eine Schicksalsfrage für die Menschheit. Ich muss damit rechnen, dass der Meteor Kräfte und Eigenschaften zeigt, vor denen ich mich nur unzureichend schützen kann. Kurz, dass mich das eine oder andere Experiment das Leben kosten kann.«
Mabel schlug erschrocken die Hand vor den Mund, aber Werndt hob beruhigend die Hand. »Mit dieser Möglichkeit mussten wir ja schon tausendmal rechnen.«
Nagel schüttelte entschieden den Kopf. »Ihre Schutzmaßnahmen sind zu genial erdacht, um...«
»Ich hoffe es. Es könnte aber auch der Fall eintreten, dass man versucht, mich zu beseitigen, oder dass sonst ein Anschlag gegen das Laboratorium geplant wird.«
Seinem Assistenten hielt es nicht mehr. Er sprang vom Stuhl auf. »Ich kenne Sie ja nicht mehr wieder. Walter Werndt und diese Vorsicht, diese Bedenken! Derselbe Walter Werndt, dem einst in Berlin täglich dutzende Drohbriefe auf den Tisch flogen, und der den Kopf nicht verlor!«
Werndt lächelte geduldig. »Er verliert ihn auch jetzt nicht, mein junger Freund. Vorsorgen ist aber in diesem Fall nur eine einfache Maßnahme der Vorbereitung, wie jede andere. Unterlassung wäre ein Fehler, der sich bitter rächen könnte. Ich muss sicherstellen, dass meine Erkenntnisse und Forschungsergebnisse nicht mit meiner Person ausgelöscht werden können.«
»So legen Sie sie schriftlich nieder«, schlug Mabel vor.
»Ich habe es getan. Diese Aufzeichnungen wurden gestohlen.«
Nagel und Mabel warfen sich einen erstaunten Blick zu. »Gestohlen?«
»Gestohlen«, wiederholte Werndt ruhig. »Schon in New York vermisste ich einige Aufzeichnungen über die Emanationen des Meteors, Spektralanalysen und anderes. In den letzten Nächten machte ich hier aus ganz bestimmten Gründen ultrachromatische Aufnahmen verschiedener Himmelsgegenden. Meine Erwartungen wurden bestätigt. Diese Aufnahmen führten zu einer Entdeckung von großer Bedeutung.«
Gespannte Erwartung lag in der Luft. Die beiden Zuhörer starrten gebannt auf Werndt und warteten auf die Fortsetzung. Der Ingenieur erhob sich und ging zu dem 20-Zöller hinüber.
»Auch diese Aufzeichnung wurde mir vor einigen Stunden gestohlen. Aus meinem verschlossenen Schreibtisch.«
Nagel ballte die Fäuste. »Ich komme dem Kerl auf die Spur! Ich...«
Der Ingenieur winkte leicht ab. »Es waren diesmal nur wenige Zeilen. Dazu in einer verschlüsselten Geheimschrift, die nur ich kenne. Der Finder wird wenig damit anfangen können. Aber es ist richtig - ich darf es auf derartige Möglichkeiten nicht ankommen lassen. Meine Entdeckungen müssen von meiner Person losgelöst werden. Ich hatte daran gedacht, sie Ihnen mitzuteilen, lieber Nagel, da ich keinen verschwiegeneren Hüter finden könnte, als meinen Freund und Assistenten. Aber das genügt jetzt nicht mehr. Auch Ihnen drohen die gleichen Gefahren wie mir.«
Mabel drückte sich unwillkürlich an den Geliebten. »Und deshalb will ich mich noch einem Menschen anvertrauen, auf den ich mich verlassen kann.« Er wandte sich an die junge Frau. »Frau Mabel, wollen Sie diese Aufgabe übernehmen?«
Die junge Frau antwortete nicht sofort. Sie war sichtlich bewegt von der Größe dieses Vertrauens, das ihr mit dieser Frage entgegengebracht wurde. Sie reichte Werndt schweigend und herzlich die Hand.
Er verstand, dass dieser Händedruck genausoviel galt wie ein Schwur.
»Dann kommen Sie jetzt bitte an dieses Rohr!« Er griff nach den Hebeln, um den Tubus zu richten, doch seine Hand blieb reglos am Griff. Ein leiser Pfiff der Überraschung entfuhr seinem Mund. Er drehte sich zu Nagel um. »Waren Sie heute nach sieben Uhr noch an diesem Rohr?«
»Ich war den ganzen Tag nicht im Sternenturm.«
»Sie haben die Schlüssel zum Tor noch?«
»Hier sind sie.«
Werndt dachte einen Augenblick nach. »Merkwürdig. Ich glaubte, das Rohr in einer anderen Stellung zurückgelassen zu haben.«
Noch immer nachdenklich drehte er an den Schrauben und Schaltern. Dann trat er prüfend zurück und überließ Mabel den Platz.
Die Tochter des Astronomen Earthcliffe war an den Umgang mit Fernrohren gewöhnt. Interessiert blickte sie durch das Glas.
»Das Rohr hat sich verschoben«, meinte sie nach kurzer Prüfung.
Werndt verneinte.
»Ich sehe aber nichts«, kam es verwundert zurück.
»Ich glaube es Ihnen.«
»Und?«
»Und dennoch steht jetzt im Gesichtsfeld des Fernrohrs ein Stern, den ich als einen der außergewöhnlichsten bezeichnen möchte. Drehen Sie einmal den Okularrevolver auf schwächste Vergrößerung«, erklärte Werndt und wartete bis Mabel seine Anweisung ausgeführt hatte. »Jetzt müssen Sie in dem größeren Gesichtsfeld fünf Sterne sehen, die ein fast gleichseitiges Fünfeck bilden.«
»Ich sehe sie, und?«
»Und in diesem Fünfeck ist der Himmel wüst und leer.«
»Ja. Ich sehe keinen Stern in seinem Feld.«
»Und Sie sahen auch nichts, als ich Ihnen vorhin das Innere des Fünfecks bei stärkerer Vergrößerung einstellte. Und doch steht hier ein Gestirn, heller als Wega, strahlender als Sirius und flammender selbst als Venus, der glänzendste aller Fixsterne. Nur ist sein Licht kein Licht, das auf die Netzhaut des menschlichen Auges wirkt.«
»Dann sendet der Stern also ausschließlich ultraviolettes Licht aus, welches auch in der Strahlung unserer Sonne enthalten ist? Licht von so kurzer Wellenlänge, dass das Auge nichts davon wahrnimmt?« fragte Mabel nach.
»Keineswegs. Der Stern sendet vielmehr Licht mit einer Wellenlänge in der Gegend der Natriumlinie aus.«
»Das ist doch die Wellenlänge des sichtbaren Spektrums?« warf Nagel schnell ein.
»Gewiss. Und trotzdem ist es ein transzendentes Licht. Dieselbe Strahlung, die das Spektrum des Meteors gezeigt hat und durch meine ultrachromatische Platte aufgenommen wird.«
Nagel griff unwillkürlich nach dem Arm des Gelehrten. »Sie haben den Stern ultraphotographisch entdeckt?«
»Ja, vorgestern nacht.« Werndt machte den Eindruck als wäre die Entdeckung ganz unspektakulär.
Aber den Zuhörern hatte es die Sprache verschlagen. Ihre Gedanken standen ganz unter der Wucht des Gehörten.
»Und was hat der Stern für eine Bedeutung?« unterbrach endlich Mabel das Schweigen.
»Ich denke, dass er uns hilft große Rätsel der Natur zu lösen, aber auch neue Fragen aufwerfen wird.«
Nagel blickte erregt durch das Rohr. »Glauben Sie, das unser Meteor mit jenem Stern in Zusammenhang steht?«
»Gewiss. Ich vermute, dass unser Meteor ein Bote von jenem Stern ist, dass er Millionen von Jahren durch das All flog, um endlich von unserer Sonne eingefangen zu werden, und auf der Erde zum Schrecken ihrer Bewohner zu zerschellen.«
Beinahe ehrfürchtig sah Nagel zu seinem Lehrer hinüber. »Sie, Werndt, hat der Himmel geschickt!«
»Nicht mich, sondern den Meteor. Auch ich glaube nicht an Zufälle sondern an eine Bestimmung. Warum musste dieser Meteor gerade die Erde erreichen, den einzigen bewohnten Planeten in unserer Milchstraße? Warum musste er gerade jetzt auf die Erde fallen, wo die technischen Möglichkeiten zumindest so weit fortgeschritten sind, dass wir diesen Boliden untersuchen und seine Zusammensetzung analysieren können. Warum löschte dieser Bolide nicht die gesamte Menschheit aus bei seinem Sturz auf die Erde. Warum stürzte nicht der ganze Meteor in den Ozean, sondern Bruchstücke für uns zugänglich auf festes Land. Und endlich, warum steht uns das Muttergestirn jenes Meteors so relativ nahe und nähert sich uns mit rasender Geschwindigkeit noch weiter, wie meine Aufnahmen am Spektrographen unzweifelhaft ergaben? Man mag heute noch den Kopf darüber schütteln, aber ich sage, dass hinter all diesen Fragen ein Zusammenhang besteht, vielleicht sogar göttliche Fügung. Dieser Meteor wird uns helfen, die Entstehung des Weltalls und des Lebens auf der Erde zu verstehen.«
»Glauben Sie, dass dieser Stern der einzige seiner Art ist?« überlegte Nagel.
»Vielleicht ist er der einzige, vielleicht werden noch ganze Sternensysteme entdeckt. Jedenfalls handelt es sich um eine Materie von ganz besonderer Eigenart. Wir wissen nicht, ob nicht gerade diese Materie verantwortlich ist für den Ursprung des Lebens und ob unbekannte Lebewesen auf diesem Stern existieren. Ob es uns Menschen gelingen wird, aus jenem Staubkorn, das dieser Stern uns sandte, sein Rätsel zu lösen.«
Von Begeisterung getrieben rief Nagel aus: »Ja! Ihnen wird es gelingen. Sie werden diesem Geheimnis auf den Grund gehen!«
Alle drei schauten hinauf in das silberne Mondlicht und in der Kuppel des Sternwartengebäudes hallten Nagels Worte noch lange nach, als wären sie eine Prophezeiung.
4
In einer unglaublich steilen Spirale, - ein Zuschauer hätte bestimmt einen Absturz befürchtet -, schoss das kleine, rote Flugzeug zur Erde und landete auf einer Felsenterrasse mitten im zerklüfteten Bergland.
Wie ein bunter Schmetterling wiegte es sich noch sekundenlang hin und her. Dann öffnete sich schnell der Türschlag und ein einziger Insasse stieg ins Freie.
Es war eine Frau in enganliegendem Ledergekostüm. Sie knöpfte die Jacke leicht auf und nahm den Sturzhelm vom Kopf. Ihre großen, glänzenden Augen prüften mit suchendem Blick ihre Umgebung.
Dann ging sie mit ruhiger Sicherheit auf eine Pflanzenwand zu, deren überhängendes Schlinggewächs jedes Weiterkommen unmöglich zu machen schien. Sie schob die grüne Wand zurück wie einen Vorhang. Hinter ihm wurde es hell.
Ein schmaler Pfad aus natürlichen Felsstufen führte zu einem zackigen Vorsprung hinauf. Ihm gegenüber lag, wie aus dem Fels gewachsen, ein steinernes Tor, das im Widerschein der Sonne gIitzerte und tiefe Schatten nach unten warf.
Ein bedrohlich schmaler Felsgrat führte über eine tiefe Schlucht zu dem Tor. Ohne zu zögern überquerte die Fliegerin die Schlucht auf dem Grat. Hinter dem Tor führte eine feuchtglitzernde Steinspalte hinein in den Berg.
Tief ausgewaschene Felssäale zeigten Spuren eines gewaltigen Sturzbaches, der hier einst seinen Weg genommen hatte, bis er andere Ausgänge fand oder gewiesen erhielt. Kein Mensch war zu sehen. Nur riesige Fledermäuse hingen regungslos an den Wänden, und kleine, bunte Eidechsen und Schlangen huschten in den vertrockneten Rinnen des Bodens.
Das Brüllen des unter der Bergsohle in die Tiefe brausenden Wassers wurde schwächer und schwächer. Seltsame klagende, zischende Laute lösten sich von den Wänden, fern, unwirklich, wesenlos, und verstärkten den unheimlichen Eindruck der toten Umgebung.
Plötzlich zuckte die Frau zusammen. Dicht vor ihr saß eine schwarze Gestalt, ein hagerer Mensch, fast nackt, den Kopf hintenübergebeugt, die Hände reglos zum Himmel erhoben. Er saß vollkommen unbeweglich, wie leblos, zum Felsen erstarrt. Nur die weitaufgerissenen Augen liefen in ihren Höhlen hin und her, glühweiß, fieberig, wie gepeitschte Bestien.
Quer über den Weg lag ein betender Mann. Er hatte seinen Körper Lang auf einem schmalen Brett ausgestreckt, das mit langen Nägeln gespickt war, dessen rostige Spitzen sich gegen den Leib des Büßenden bohrten. Doch kein Laut der Klage war von ihm zu hören.
Hinter ihm hing ein Mensch von der Decke herab. Die Füße gefesselt an einem Pflock, den Kopf nach unten. Er gab kein Zeichen des Lebens von sich.
Immer neue Gestalten tauchten auf: Junge Männer, krumm zusammengeschnürt, mit wild atmenden Flanken. Weißhaarige Greise, in stummes Grübeln versenkt, den stechenden Blick auf die Felswand gerichtet. Ab und zu ein scheußlicher Kopf, unerwartet, aus einer Spalte heraus, wie ein höllischer Spuk.
Ohne sich umzusehen, schritt die Frau an den büßenden Yogis vorbei. Das Strombett teilte sich hier und bildete einen mächtigen Saal, dessen hölzernes Tor das erste Zeichen von Menschenwerk war. Die Frau schlug mit einem hölzernen Klöppel dreimal an die Türe. Die Schläge warfen ein laut hallendes Echo nach innen, dass die Felswände brüllten.
Dann wich das massive Tor wie durch Windhauch zurück. Helles Sonnenlicht flutete weit in den Gang. Das geöffnete Tor gab den Blick frei auf einen tempelartigen Hof, dessen Boden ein kunstvolles Mosaik bildete. Die Mosaiksteine formten einen Stern, aus dessen Mitte ein goldenes Becken aufwuchs. Breiter Urwald drängte sich dicht an die Ränder, und kreischende Affen schaukelten sich in seinem Geäst und knurrten die fremde Besucherin an.
Die junge Frau blieb regungslos stehen, den Blick fest auf den vordersten Felsblock geheftet. Wie ein versteinerter Baumstumpf ragte er über weit und schmal über den Abgrund hinaus. Wie eine Brücke ins Jenseits, deren anderes Ende jäh abgebrochen war. Unter ihm starrte die grausige Tiefe, von wogenden Schatten und der Gischt stürzender Wassermassen gefüllt.
Und auf dieser furchtbaren, schwindelnden Spitze stand ruhig ein Mensch. Gegen den Himmel hob sich sein Körper überlebensgroß ab. Ein langes, weißes Gewand fiel ihm bis auf die Füße und wehte im Wind, der sich aus der Schlucht hob. Er schien in seinem Gebet ganz in den Anblick der Sonne vertieft zu sein.
Nach einigen Minuten, die die junge Frau ruhig abwartete, wandte er sich auf der Felsspitze um, schritt sekundenlang auf der schmalen Brücke wie schwebend dahin und ging mit ruhigem Schritt auf das Goldbecken zu.
Sein schlankes Gesicht war von einem unwirklichen Gelb, hell und gleichmäßig, wie die Schale einer Zitrone. Langes, schneeweißes Haar fiel bis auf die Schultern herab und gab seiner ganzen Erscheinung etwas Heiliges, Ehrfurchterweckendes.
Ohne Überraschung schaute der Greis auf die wartende Frau. Wie zum Segen streckte er einen Augenblick die Hand über sie. Sie neigte den Kopf und wartete stumm.
»Ich sah den Blutgeier meiner Tochter aus den Wolken stürzen«, sagte er mit einer volltönenden Stimme, die seltsam jugendlich klang zu seinem schlohweißen Haar. »Womit kann ich der Herrin dienen ?«
Sie hob lebhaft den schönen Kopf. »Rate mir, Meister!«
»Was beunruhigt meine Tochter, die Herrin der Inder?«
»Man meldet mir seltsame Erscheinungen. Ein chinesisches Schiff auf der Fahrt von San Franzisko nach Peking berichtet, dass das Meer dort eine beulenartige Aufwölbung zeigt, von der das Wasser nach allen Seiten abströmt. Das Schiff wurde durch diese Erscheinung in seiner Fahrt aufgehalten.«
»Wann ist das geschehen?«
»Schon vor einem Monat.«
»Was meldet man jetzt?«
»Die sonderbare Erscheinung verstärkte sich täglich. Die Meereskuppel hob sich immer mehr. Eine ständige Wasserhose, ein Geysir entstand. Kegelförmig schleudert er eine Glocke von Wasserstaub hoch in die Luft. Zweitausend Meter hoch.«
Der Yogi schwieg eine Weile. Regungslos. Seine Augen waren geschlossen. Dann kehrte das Leben in ihn zurück.
»Sprich weiter!«
»Der Pilot des Fluges von Yokohama nach San Franzisko bemerkte vor einem Monat zum ersten Mal, und später in immer größerem Ausmaß eine Missweisung der Kompassnadel. Die Temperatur und die barometrischen Verhältnisse haben sich durch diese stehende Wassersäule verändert.«
Der Greis hatte wieder die Augen geschlossen. »Es liegt ein antizyklonaler Wirbelherd über der Stelle -«
»So ist es.«
»- in tieferen Wasserschichten haben sich mailstromartige Zyklone gebildet?«
»Du weißt es! Nach den Messungen der Asien-Amerika-Linie macht sich die Wirbelströmung schon in fünfzig Kilometer Entfernung vom Zentrum bemerkbar. Bei einem Radius von zwanzig Kilometern ist sie so heftig, dass ein Schiff nur mit Mühe den Kurs hält. Es ist ganz unmöglich, näher als bis auf zehn Kilometer ans Zentrum heranzukommen. An der Meeresoberfläche, wo das im Mittelpunkt empordringende Wasser eine Kuppe aufwölbt und allseitig abfließt, ist die Strömung, wie du sagst, antizyklonal. In geringer Tiefe aber wurde schon die Umkehrung gelotet, und bei größeren Tiefen eine ungeheuere, zentripetale Saugwirbelströmung gefunden.«
Ohne eine Antwort zu geben, schritt der Yogi zur Mitte des Platzes und trat vor das Becken.
Mit einer Handbewegung rief er die Inderin an seine Seite.
Dreimal strich er mit der Hand über das Wasser der Schale. Dann nahm er ein grünliches Fläschchen, das an einer Schnur um seinen Hals befestigt war und ließ einen einzigen Tropfen des Inhalts hinabfallen.
Sofort brauste das Wasser wild auf. Große Ringe bildeten sich um das Zentrum und warfen sich gegen die Ränder der Schale.
Mit einem einzigen Heben der schmalen Hand zwang er die Oberfläche des Wassers zum Stillstand. Ein leichtes Kräuseln lief an der Wandung entlang, dann zog sich die Flüssigkeit sichtbar zusammen, als spanne rnan auf einer Trommel das Fell an.
Glatt und fest wie ein Quecksilberspiegel lag die Oberfläche des Wassers. Der Greis saß mit untergeschlagenen Beinen neben dem Becken. Sein Kopf war nach vorne gesunken, kein Haar bewegte sich an seiner Schläfe. Die hellgelbe Haut des Gesichtes schien seltsam durchleuchtet.
Unverwandt starrte die Inderin auf das Becken hinab. Da lief eine leichte Trübung über den Spiegel. Wie eine ziehende Wolke, dann wieder und wieder.
Brodelndes Wasser brauste vom Grund der Schale auf, stieg in die Höhe und drehte sich abwärts, um eine glühende, schäumende Mitte, wie zwei riesige Schrauben, tiefer und tiefer, in wahnsinnigem Wirbel immer enger und enger.
Grünes, fluoreszierendes Licht wuchs auf und wurde schnell heller und heller, beißend und blendend, stieg mit der wirbelnden Schraube zur Tiefe, wechselte durch alle Skalen der Farbe, und - war jäh erloschen. Ein mächtiger, nachtschwarzer Block lag unter dem Spiegel des goldenen Beckens. Kleine Bläschen perlten nach oben und bildeten zierliche, glitzernde Ketten.
Dann war es, als sänke der Spiegel nach unten. Der leuchtende Boden der Schale wuchs aufwärts, als flöge er aus weiter Ferne zur Nähe. Ein leichtes Zittern lief durch des Yogis Gestalt. Er öffnete seine großen Augen, als würde er aus einer anderen Welt zurückkehren. Es vergingen Minuten, bis er langsam sprach.
»Man meldete mir die Wahrheit, meine Tochter. Es ist der Meteor, den du suchst.«
Die Inderin war aufgesprungen. Ihre bronzenen Züge leuchteten vor Erregung. Der Greis kam ihrer Frage zuvor. »Aber er ist unerreichbar für dich!«
»So soll der Fremde besitzen, was ich - ?!« brauste sie auf. Der Yogi schüttelte tadelnd den Kopf. Sie jedoch konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
»Ein Fremder drang in mein Reich und maßte sich an!«
»Auch Walter Werndt wird sein Ziel nicht erreichen, wenn Brahma nicht will!« beruhigte sie der Greis.
Überrascht sah sie auf. »Du weißt?« Er strich die Frage beiseite wie eine Torheit.
»Verzeih mir! Hilf mir den Fremden besiegen!«
Der Greis verschränkte die Arme über der Brust. »Fürchte nichts. Der Fremde ist ein Europäer. Er kennt nicht den ewigen Weg.«
Eine unsagbare Verachtung, ein spöttisches Mitleid sprach aus seiner Stimme. »Die sieben Globen des Erleuchteten sind ihm noch fremd. Mit Hebeln und Zahlen klopft er ans Rätsel der Welt. Mit den Armen Prakritis greift er zu Buddhi und Atma hinauf, und tastet - ins Nichts. Er ist ein Sohn der Physik!«
Die Inderin blickte verstört vor sich hin. »Und wenn es ihm doch gelingt, Vater?«
Die Augen des Yogi durchblitzte es jäh. »Malabar Hill!« gab er drohend zurück. »So warten die Geier der Parsen auf ihn.«
5
Don Ebro stand in würdevoller Unbeweglichkeit an der Türe, den Fuß leicht vorgeschoben, als wolle er tanzen. »Sennor Werndt bittet, in einer Viertelstunde ins Laboratorium hinüberzukommen. Es ist alles bereit.«
»Es ist gut«, nickte Nagel.
Seine junge Frau sah dem Diener gedankenvoll nach. Ihre Blicke glitten unruhig über das Zimmer und blieben immer wieder am Gesicht des Gatten haften.
Die Augen des Doktors strahlten. Er reckte die Arme. »Nun sind wir endlich soweit! Das erste Experiment soll beginnen. Der Augenblick ist also wirklich da. Seit Monaten warten wir auf diesen Moment -«
»- und fürchten ihn!« Er drehte sich überrascht um und bemerkte erst jetzt die Unruhe Mabels.
»Fürchten? Du? Ja, warum?«
Sie lächelte verlegen. »Du fragst noch warum? Ihr werdet ein neues Element erforschen, einen Stoff, der ungeahnte Gefahren in sich bergen kann. Unerwartete Explosionen, Kontaktgifte, Ausdampfen tödlicher Gase, unsichtbare, zerstörerische Strahlungen. Gefahr lauert in diesem unseligen Meteor auf euch in tausend möglichen Formen!«
Er strich ihr über das wellige Haar. »Närrchen! Welche Phantasien bei der Tochter eines Wissenschaftlers! Hunderte Male warst du bei solchen Versuchen dabei, hast selbst in Laboratorien mitgeholfen.«
»Aber da hatte ich dich noch nicht!«
»Und als du furchtlos mit uns zusammen den Absturz des Meteors im ,Falken’ beobachtet hast?«
»Da war ich an deiner Seite. Da hatte ich keine Angst!« verteidigte sie sich.
»Du brauchst dich auch jetzt nicht zu sorgen. Weshalb? Ich bin überzeugt, dass dieser Block so ungefährlich und still bleiben wird, wie nur irgendein Stein. Das Gefasel der Zeitungen hat dich nervös gemacht. Man redet soviel von Gefahren und Tücken, dass wir uns am Schluss noch blamieren, wenn gar nichts passiert!«
Mit gespielter Entrüstung entgegnete sie: »Du bist ein recht tüchtiger Schauspieler, Werner!«
Er machte ein ernstes Gesicht. »Aber wieso denn? Wenn wirklich was dran wäre, müsste sich doch längst irgend etwas davon gezeigt haben. Der Meteor ist glühend heiß vom Himmel gefallen und mit gewaltigem Stoß auf die Erde geschlagen und ist nicht explodiert. Menschen haben Bruchstücke des Meteors aufgehoben und auf Wagen gewälzt und keiner hat Hand oder Finger verloren. Tausende von Menschen haben den Block in Tokyo bestaunt und betastet, und niemand berichtet über gesundheitliche Schäden. Der Steinbrocken verhält sich doch soweit ganz zahm.«
Sie sah ihn voll Liebe, doch vorwurfsvoll an. »Erzählst du das einem ganz kleinen Mädchen oder der Tochter Mark Earthcliffes?«
Er wurde ein wenig verlegen.
Sie legte den Arm zärtlich um seinen Hals. »Du sprichst von der äußeren Hülle, ich spreche vom Kern. Ihr werdet das Material mit Reagenzien zersetzen, sein Verhalten bei Behandlung mit Säuren und Laugen, mit Druck und mit Hitze untersuchen. Einem Stoff, dessen seltsames Spektrum ihr kennt. Von dem ihr nur wisst, dass er unbekannt war bis zum heutigen Tag. Ihr tut einen Sprung in das Dunkel hinein und ich habe zum ersten mal Angst. Angst vor etwas Unbekanntem. Mein Instinkt warnt mich deutlich. Er schreckt mich auf, nachts in meinen Träumen. Könnte ich wenigstens dabei sein, wenn ihr...«
»Um Gottes willen!« entfuhr es ihm. Er bemerkte sofort seinen Fehler und lachte verlegen. »Was sollten wir denn auch zu viert dabei? Werndt, Dumascu und ich sind doch mehr als genug.« Er sprach immer schneller, als wolle er sie nicht zu Wort kommen lassen. »Übrigens du beleidigst Walter Werndt mit deiner Sorge. Glaubst du, er hätte nicht alles bedacht?«
»Soweit er es voraussehen kann.«
»Wir werden vorsichtig sein und alle nur erdenklichen Schutzmaßnahmen treffen. Kein Chemiker hatte bisher solche Laboratoriumskleider im Schrank. Du hast die Anzüge doch bei der Probe gesehen. Wie in einem Taucheranzug steckt man in diesen Asbestkautschukhüllen. In den Panzern kann uns ja gar nichts geschehen. Wir haben sie mit Schwefelsäure, mit Chlorwasser und Fluorwasserstoff übergossen. Wir haben sie in flüssiges Blei getaucht, sie mit Giftgas und mit Flammenwerfern attackiert. Die Dinger haben uns einfach ausgelacht, liebes Kind. Der Stoff wirkt durch seine Präparierung als Isolator für Elektrizität. Er ist imprägniert gegen Röntgenstrahlung und auch gegen alle anderen gefährlichen Strahlen. Ich wüsste wirklich nicht, was uns der olle Meteor da noch anhaben könnte.«
In der Türe stand die dunkle Gestalt seines Dieners, wie eine Mahnung zur Wahrheit.
»Ich komme«, winkte Nagel zurück. Er zwang sich zu einem lockeren Ton. »Also bis heute mittag, mein Mädel. Und keine Angst haben, hörst du?«
Sie drängte ihn mit einem Kuss zurück. »Ich gehe mit und helfe euch wenigstens in die Mäntel hinein«, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.
Ohne seine Antwort abzuwarten, schlug sie den Weg zum Laboratorium ein.
6
Wie drei Astronauten bewegten sich Walter Werndt und seine beiden Assistenten in dem großen Laboratoriumssaal und trafen die letzten Vorbereitungen zu ihren Versuchen.
Sie hatten den riesigen Kopf der Asbestkautschukrüstung nach oben gedrückt. Wenn auch Kommunikation in den Schutzanzügen durch eine radiophonische Zelle ermöglicht wurde, so war doch die Verständigung ohne Schutzhelm freier und leichter. Vor allem das Atmen in der frischen Luft des Laboratoriums war weit angenehmer, als das Einatmen der Druckluft aus den Gaskartuschen.
Der eigentliche Experimentierraum war auffallend kahl. Jedes überflüssige Gerät hatte man vermieden. Alle Apparate waren in Nebenräumen untergebracht und standen durch elektrische Aufzüge und Luftdruckröhren bei Bedarf zur Verfügung. Die Wände des Saales waren mit inertem Material verschalt. Seltsam düster wirkte die Kautschuktapete der haushohen Mauern, Licht konnte nur durch ein großes Oberlicht tagsüber einfallen.
Das Dach war auf seinen Trägern so ausbalanciert, dass es sich sofort automatisch öffnen musste, wenn sich der Luftdruck im Saal auf 860 mmHg erhöhte. Explodierende Gase konnten dadurch frei nach oben entweichen.
Panzernischen mit festen Schutzschirmen, Tresorkäfige wie riesige Geldschränke, standen für große Gefahren bereit. In bestimmter Anordnung waren sie um mächtige Schmelzöfen gruppiert, die auf breiten Betonplatten standen.
Walter Werndt überflog mit einem letzten, prüfenden Blick die Schmelzapparate. Er nickte befriedigt.
»Es ist gut, meine Herren. Wir können beginnen. Wir werden den Meteor so behandeln, wie es bei der chemischen Analyse eines noch unbekannten Körpers der Brauch ist. Nur werde ich mich zur Trennung der chemischen Verbindungen statt des langwierigeren Reagenzien-Verfahrens zunächst nur der Hitze bedienen. Bitte, schließen Sie Ihre Kopfklappen!«
Er drückte auf einen Knopf, der einen Motor in Bewegung setzte. Sofort teilte sich der Boden vor seinem Tisch. Ein dumpfes Rauschen lief durch die Platten. Dann stieg aus der Tiefe ein steinerner Block hoch, von grau-schwarzer Färbung, kristallin mit scharfen Kanten. Der Block hatte etwa ein Volumen von 0,5 m3, das kleinste Meteorbruchstück des Fundes. Mit einem Meißel schlug Nagel ein faustgroßes Stück los und reichte es Werndt. Lautlos versank der übrige Block wieder nach unten.
Werndt legte ein Korn der Meteorsubstanz auf ein Platindrahtnetz und stülpte eine Platindrahtglocke darüber. Durch einen Hebel schaltete er die elektrische Heizung ein und ließ so den Körper sich langsam erwärmen.
Trotz der zunehmenden Hitze verhielt sich das Stück wie ein normaler Steinblock. Nichts geschah, es entwich kein Gas und die Materie zeigte nicht die geringste Neigung zu schmelzen.
»Da tut sich nichts!« brummte Nagel enttäuscht. »Dabei haben wir eine Temperatur wie im heißesten Teil eines Bunsenbrenners.«
»Das Knallgasgebläse!« befahl Walter Werndt. Seine Stimme klang durch die Kopfglocke entfernt, wie durch die Membran eines Fernsprechers.
Dumascu setzte den Apparat in Betrieb. Die Hitze steigerte sich unablässig. Das Meteor rührte sich nicht.
Werndt drehte die Leitung mit einem Griff ab. »Wir müssen den Ofen nehmen!« ordnete er an.
Nagel tastet schwerfällig in seinem dicken Anzug an dem Ofen herum.
»Da wird der Eisklotz wohl warm werden!« lachte er trocken. Sein Lachen erzeugte ein meckerndes Echo im Raum.
Dumascu drängte sich watschelnd nach vorn.
»Welche Temperatur gibt der Schlotsteinsche Ofen?«
»Sechs- bis zehntausend Grad. Allerdings eignet er sich nur für die kleineren Proben. - Ich beginne, meine Herren.«
»Müssen wir nicht in die Schutzkäfige?« fragte Dumascu besorgt.
»Zunächst noch nicht. Wo steht das Thermometer?«
»Zweitausendeinhundert Grad.«
Die Hitze steigerte sich mit jeder Minute. Das Bruchstück des Meteors lag dunkel im Tiegel und zeigte kein Leben.
»Dreitausend Grad!« knurrte Nagel. Der Gleichmut des Steines da machte ihn wütend. Hatte man dafür die ganzen Vorbereitungen getroffen, die Werndt-Stadt erbaut, so viel investiert? Millionen von Menschen warteten ungeduldig in dieser Stunde auf erste Berichte. Natürlich konnte ein erster Versuch nicht die vollständige Lösungen bringen. Es war nur ein Tasten, ein leichtes Sondieren. Doch was, wenn der Klotz da im Tiegel sie narrte? Wenn das ungewöhnliche Strahlungsspektrum eine ganz banale Erklärung hatte? Ein Stein, wie jeder andere? Nicht auszudenken war die Blamage...
»Dreitausendeinhundert!«
Werndt drückte kurz auf einen Schalter. »Dann müssen wir jetzt leider in unseren Käfig.«
Wackelnd und tastend schoben sich die drei Männer in den massigen Stahlschrank.
»Ich komme mir vor wie ein Paket Dollarnoten im Banksafe«, witzelte Nagel mit einem Versuch, seine Laune zurückzugewinnen.
Der Ingenieur schloss die klobige Türe hermetisch von innen. Durch ein fein einstellbares Teleskop beobachtete er das Verhalten der meteorischen Masse. Es hatte sich nichts verändert.
»Übernehmen Sie bitte die einfache Filmaufnahme, Dumascu. Und Sie, lieber Nagel, die ultrachromatische drüben.«
Die Assistenten stellten sich an die Scharten. Ihre Aufgabe war ihnen geläufig. Der Schmelzofen bot von allen drei Seiten aus Einblick in den glühenden Tiegel. Die Hitze stieg gleichmäßig weiter an.
»Viertausend!« machte Nagel. Die Konzentration des Ingenieurs nahm zu. »Der Meteor schmilzt«, stellte er ohne sichtbare Erregung fest.
Alle Augenpaare lagen gespannt an den Linsen. Ihre Hände arbeiteten mechanisch an Hebeln und Schaltern.
»Gut, dass die Gläser geschwärzt sind!« ließ Nagel sich vernehmen. »Die Siedehitze da vorn wäre sonst unerträglich für die menschliche Netzhaut.«
Die grauschwarze Masse des Meteorbruchstücks floss schnell auseinander, wie schmelzendes Eisen. Die brodelnde Suppe verdampfte allmählich und verlor sichtbar an Inhalt.
»Beobachten Sie nur das stets wechselnde Spektrum!« riet Werndt an der Linse. »Wie ein Kaleidoskopregenbogen.«
»Was schließen Sie daraus?« hakte Dumascu nach.
»Jedes Element hat sein bestimmtes Spektrum, eine Art Fingerabdruck, an dem es für Physiker erkennbar ist. Aus diesen Spektren konnten wir schon vor dem Absturz das Vorhandensein der uns bekannten Stoffe, wie Eisen, Nickel, Chrom, Platin und so weiter unzweifelhaft feststellen. Jetzt sehen Sie diese Stoffe einzeln den Schmelztopf verlassen, wie bei einer Parade. Ein Spektrum nach dem andern verschwindet, und zeigt damit, dass das betreffende Element schon verdampft ist. Dadurch erklärt sich die wechselnde Färbung.«
»Und was dann zurückbleibt?«
»Ist das, was wir suchen.«
»Siebentausend Grad!« staunte Nagel.
»Halt!« machte Werndt und presste sich dicht an das Fernglas.
Die Flüssigkeit hatte sich mit einem Schlag verändert. Die bisher dünnflüssige Masse wurde plötzlich breiartig, zäh, und stieß große Gasblasen aus.
»Jetzt!« kam es kurz. Die anderen fühlten, was Werndt damit meinte. Ihr Blut pulste schneller in stummer Erwartung.
Was würde sich zeigen? Was würde geschehen? Würde die Materie einfach verdampfen oder in einer gewaltigen Explosion verbrennen?
Werndt schaltete volle elektrische Kraft ein. Das Thermometer kletterte rasend schnell.
»Achttausend, achttausenddreihundert, achttausendfünfhundert, neuntausend...!«
»Aufpassen!« mahnte er nochmals. Es war nicht mehr nötig. Die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt. Wie eine tückische Bestie gleißte die breiige Masse im Schmelztopf...
»Neuntausend, neuntausendsechshundert...«
Die Substanz brodelte nicht mehr, jetzt war sie plötzlich ganz ruhig, drohend ruhig.
Nagel knurrte verwundert. »Warum verdampft denn der Rest nicht! Das Zeug da scheint ja alle Wärme zu fressen, die jetzt noch hinzukommt! Das muss doch verdampfen im offenen Tiegel!«
»Das letzte Gas ist - «
» - entflohen«, wollte Werndt sagen, kam jedoch nicht mehr dazu es auszusprechen. Eine gewaltige Explosion fuhr durch die Halle, dass der schwere Metallschrank im Innersten bebte. Der Ingenieur war unwillkürlich zusammengezuckt, obwohl er auf Explosionen der heftigsten Art gefasst war.
Aber er zwang das Auge sofort wieder an seine Linse. - Ein leiser Laut der Überraschung entfuhr seinen Lippen. Er drehte die Schrauben und zog seinen Kopf ein. Immer wieder schaute er nach draußen.
»Da sitzen wir jetzt also im Dunkeln«, lachte Nagel gelassen. »Das war nicht von Pappe. Respekt, alle Achtung!«
Dumascu zitterte heftig. »Die Explosion muss einen Stromausfall verursacht oder die Leitung beschädigt haben?«
Werndt gab keine Antwort. »Würden Sie bitte einmal hierherkommen, Nagel!« sagte er langsam mit einem seltsamem Tonfall. Der Jüngere tastete sich an das Rohr, sah hindurch und schob es beiseite.
»Das Rohr ist kaputt!«
»Nein.«
»Ich sehe doch gar nichts. Pechschwarz alles draußen.«
»Also Sie sehen auch nichts «, kam es zögernd. »Sehen Sie mich vor sich stehen?«
»Nein, es ist ja doch stockdunkel hier. Ägyptische Nacht.«
»Auch nicht hier meine Hand?«
Nagel verstand immer noch nicht.
»Nein. Nichts.«
»Ich halte sie vor Ihre Augen«, drängte Werndt leise.
»Und draußen sahen Sie auch nichts, obwohl ich von hier drinnen die Notbeleuchtung angeschaltet habe.«
»Wie? Draußen ist die Notbeleuchtung eingeschaltet? Dann muss die Leitung zerstört sein!«
»Sie ist völlig intakt. Ihr Apparat läuft noch. Ich höre ihn summen?«
»Stimmt!« musste er zugeben.
»Der Saal draußen ist beleuchtet und wir sehen doch nichts!«
Sekundenlang kam keine Antwort. Nur von Dumascus Platz war Stöhnen zu hören.
»Dann wären wir also blind?« fragte er bebend.
Nagel rieb sich mit der Wischfalte seiner Gasmaske verzweifelt die Augen. Nicht der geringste Schimmer von Licht traf die Netzhaut. Ein kalter Schauer strich ihm über den Rücken. Sollten sie wirklich erblindet sein? Es durfte nicht wahr sein!
»Nur raus hier!« war jetzt sein einziger Gedanke. Wie ein Rasender stürzte er sich auf die Radiophone, die den inneren Schrank mit dem Hauptbau verbanden.
»Ich habe es auch schon versucht«, klang es neben ihm auf. »Es kommt keine Antwort.«
»Aber was tun?« fragte Nagel verzweifelt.
Werndt schien nichts aus der Ruhe zu bringen.
»Zunächst die Nerven behalten. Blinde Panik nützt uns nichts.«
»Sind wir blind? Wirklich blind?« fragte Dumascu noch einmal.
»Es scheint so, doch kann ich‘s nicht glauben. Wir müssen es mit Sicherheit beweisen. Wo sind Sie, Dumascu?«
»Hier, in dieser Ecke.«
»Wo ist Ihr Kinoapparat?«
Der Bulgare tastete nach Werndts Schultern und zog ihn durchs Dunkel. Tastend orientierte er sich an den Drähten des Apparates.
»Wir müssen versuchen, irgendein Licht, einen elektrischen Funken hier innen zu erzeugen. Wenn wir dann auch nichts sehen...« Er sprach nicht zu Ende.
Alle fühlten die Beklemmung in sich aufsteigen.
Werndt versuchte im Dunkel das Kabel zu fassen und folgte ihm bis an die Polklemmen abwärts. Die imprägnierten Handschuhe schützten ihn vor einem elektrischen Schlag.
Mit großer Anstrengung bog er die Drahtenden langsam zentimeterweise zusammen, näher und näher. Es war totenstill in der finsteren Kammer. Heiße Pupillen warteten nur auf einen einzigen schicksalsentscheidenden Lichtblitz.
Da schrien sie alle zu gleicher Zeit auf. Ein blendender Funke sprang knatternd herüber. Ein erlösendes Aufatmen war die Reaktion.
Der Ingenieur ließ die Drähte auseinander. »Wir sind also nicht blind! Und trotzdem ist es dunkel da draußen im Saal«, sagte er erleichtert. Erst am Klang seiner Stimme erkannte sein Schüler, was dieser Mann in den letzten Minuten durchlebt haben musste.
Das Rätsel dieses Meteoriten wollte er mit aller Macht lösen, eine Blindheit hätte dieses Lebensziel gänzlich zunichte gemacht, ihn zur Untätigkeit verdammt. Der Gedanke an den Tod konnte ihn wohl kaum erschrecken, zu oft hatte er ihm schon ins Auge gesehen. Aber erblinden - erblinden -, bevor er am Ziel war! Zurücktreten müssen vom Schauplatz des Forschens, jetzt, wo sich das Dunkel zum ersten mal teilte!
Nagel schämte sich plötzlich vor dem Chemiker da drüben. Schämte sich der egoistischen Furcht ums eigene Leben. Was war denn er und sein Schicksal gegenüber jenem Genie!
Mit unendlicher Erleichterung fasste er nach der Hand seines Lehrers.
»Gott sei Dank!« sagte er innig. »Sie sind nicht erblindet!« Werndt gab ihm die Hand, doch er zeigte keine Gefühlsregung. Er hatte seine Aufmerksamkeit wieder dem Schmelzofen zugewandt und stimmte nicht ein in den Jubel der anderen. Schon witterte er ein neue drohende Gefahr.
Dumascu zog an seinem Schutzanzug. »Schrecklich heiß ist es in dieser Bude!«
Nagel horchte unwillkürlich auf. Erst jetzt bemerkte auch er, wie die Hitze ihm zusetzte.
»Heiß? Unsere Anzüge sollten uns doch gegen die Wärme so gut isolieren dass wir hunderte Grad ohne jede Beschwerde - «
Werndt fiel ihm ins Wort.
»Also muss die Temperatur im Laboratorium draußen inzwischen so hoch sein, dass wir sie trotz allem hier drinnen schon fühlen. Eine ungeheuere Hitze - «
»Sehen Sie! Sehen Sie!« schrie der Bulgare. Die beiden Anderen hatten es auch schon bemerkt. Im Dunkel der Wand wurde langsam ein rosiges Leuchten sichtbar und wurde schnell stärker. Feste Konturen schnitten sich tiefer und tiefer ins Schwarz ein.
»Die Fenster!« rief Nagel voller Entsetzen.
Unverkennbar begannen die Fenster der Kammer zu glühen. Zuerst die Metallteile, dann auch die Scheiben, immer deutlicher, erst dunkel, dann hellrot flammend -
»Das Glas - diese Hitze!« staunte Dumascu fassungslos.
»Sie müssen mindestens tausend Grad haben - sie sind imprägniert!
»Sie glühen nur innen. Außen ist es dunkel!«
Mit wachsendem Grauen verfolgten die Männer den Anstieg der Hitze, das wachsende Glühen. Noch waren sie durch die isolierenden Anzüge einigermaßen geschützt. Aber alle waren sich schaudernd bewusst, was ihnen bevorstand, wenn draußen die Hitze noch mehr zunahm. Die glühenden Fenster waren eine deutliche Drohung. Zunehmend verbreitete sich dieses Leuchten auch auf die Wände und Decke der Kammer.
Was würde geschehen, wenn sie einmal schmolzen? Dehnten sich doch schon die armdicken Fensterscheiben und bogen sich einwärts wie Gummi. Was dann, wenn das Gas, das den Raum draußen füllte und dort alles Licht verschluckte, in ihre hermetische Kammer eindrang?
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