Читать книгу: «Jahrbuch der Baumpflege 2019»

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Herausgeber:

Prof. Dr. Dirk Dujesiefken, Veranstalter der Deutschen Baumpflegetage

Herausgeber-Beirat 2019:

Dipl.-Ing. Thomas Amtage, Landschaftsarchitektur Sachverständigenbüro, Berlin

Dr. Maria Dobner, Baureferat Gartenbau der Landeshauptstadt München

Dipl.-Ing. Andreas Detter, Brudi und Partner, Gauting

Dipl.-Holzwirtin Gabriele Ehmcke, Holzforschung München, TU München

Prof. Dr. Rolf Kehr, HAWK Göttingen, Studiengang Arboristik

RA Rudolf Klingshirn, Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Bayern e.V., München

Dipl.-Biol. Thomas Kowol, Institut für Baumpflege Hamburg

Prof. Dr. Klaus Richter, Holzforschung München, TU München

M. Sc. Michael Risse, Holzforschung München, TU München

Dipl.-Ing. Jürgen Rohrbach, Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau (FLL), Bonn

Prof. Dr. Steffen Rust, HAWK Göttingen, Studiengang Arboristik

Dr. Thomas Schröder, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Bonn

Dipl.-Biol. Anette Vedder, Amt für Grünordnung, Naturschutz und Friedhofswesen, Stadt Augsburg

Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme

Jahrbuch der Baumpflege … :

Yearbook of Arboriculture

Braunschweig: Haymarket Media

Erscheint jährlich – Aufnahme nach 1997

ISSN 1432–5020

ISBN 978–3–87815–263–7

Haymarket Media GmbH

Postfach 83 64, 38133 Braunschweig

Telefon: +49 531 38 00 4–0

Telefax: +49 531 38 00 4–25

leserservice@haymarket.de

www.baumzeitung.de

Redaktionelle Betreuung:

Dipl.-Ing. Agrar Martina Borowski, Braunschweig Satz und Umbruch: Sigert GmbH, Braunschweig Druck: Griebsch & Rochol Druck GmbH, Hamm

Die Veröffentlichungen erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Für Fehler und Unrichtigkeiten kann Schadenersatz nicht geleistet werden.

Alle Rechte vorbehalten. Für die namentlich gekennzeichneten Beiträge zeichnen die jeweiligen Autoren verantwortlich.

Redaktionsschluss: März 2019

© 2019 Haymarket Media GmbH, Braunschweig

23. Jahrgang

Das „Jahrbuch der Baumpflege 2019“ ist auch als E-Book erhältlich:

ISBN 978-3-87815-264-4 im PDF-Format

ISBN 978-3-87815-265-1 im ePub-Format

ISBN 978-3-87815-266-8 im Mobi-Format

Auf www.united-kiosk.de/kiosk-haymarket/ steht das „Jahrbuch der Baumpflege 2019“ ebenfalls zum Download bereit und kann hier erworben werden.


Das Buch und alle in ihm enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine anderweitige Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit der vorliegenden Ausgabe 2019 liegt bereits das 23. Jahrbuch der Baumpflege vor. Es enthält insgesamt 31 Fachbeiträge zum Thema Baumschutz – speziell zum Thema „Bäume auf Deichen und Dämmen“, Vitalitätsbeurteilung und Baumpflege sowie Baummanagement. In den wissenschaftlichen Kurzberichten (Kapitel 4) werden aktuelle Forschungsergebnisse zu verschiedenen Themenbereichen vorgestellt.

Die Adressverzeichnisse (Kapitel 5 und 6) wurden erneut aktualisiert und geben Hilfestellung bei der Suche nach Verbänden, Forschungseinrichtungen sowie Dienstleistern im Bereich der Baumpflege. Das Autoren- und Stichwortverzeichnis aller bisherigen Jahrbücher verweist auf nunmehr über 700 Fachartikel dieser Buchreihe. Dieses Verzeichnis ist auch elektronisch verfügbar, zum Beispiel auf der Homepage der Tagung unter www.deutsche-baumpflegetage.de.

Als Herausgeber danke ich allen Autorinnen und Autoren für die qualitativ hochwertigen Fachbeiträge sowie dem Herausgeber-Beirat für die gewissenhafte Bearbeitung der Manuskripte. Auf diese Weise ist erneut ein aktuelles und verlässliches Nachschlagewerk entstanden. Martina Borowski danke ich für die redaktionelle Betreuung. Dem Verlag Haymarket Media danke ich erneut für die hervorragende Ausstattung dieses Buches und die inzwischen schon langjährige gute Zusammenarbeit.


Hamburg, im März 2019 DIRK DUJESIEFKEN

Dear reader,

this 2019 edition is already the 23rd Yearbook of Arboriculture. It contains a total of 31 publications on the subject of tree protection, in particular on „trees on dikes and dams“, vitality assessment and tree care as well as tree management. The scientific short notes (chapter 4) present current research results on various topics.

The address directories (chapters 5 and 6) have been updated again and provide assistance in the search for associations, research institutions and service providers in the field of tree care. The index of authors and keywords of all previous yearbooks now refers to more than 700 scientific articles in this book series. This index is also available electronically, for example on the conference home page at www.deutsche-baumpflegetage.de. Being the editor of this series, I would like to thank all authors for their high quality contributions and the editorial board for the accurate processing of the manuscripts. In this way it has once again been possible to produce an up-to-date and reliable reference work. I would like to thank Martina Borowski for her editorial support. I would once again like to thank Haymarket Media for the excellent layout of the yearbook and the good cooperation that has now lasted for many years.


Hamburg, March 2019 DIRK DUJESIEFKEN

Für Ihren Terminkalender:

Die nächsten Deutschen Baumpflegetage finden statt vom 21.-23. April 2020.

Kontaktanschrift: Forum Baumpflege GmbH & Co. KG, Geschäftsstelle: Brookkehre 60, 21029 Hamburg Tel.: +49(0)40 55 26 07 07, Fax: +49(0)40 55 26 07 28, www.Deutsche-Baumpflegetage.de

Redaktionsschluss für das Jahrbuch der Baumpflege 2020 ist der 1. Dezember 2019.


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Über 30 Jahre Engagement für den Baum des Jahres – Würdigung des Lebenswerkes von Dr. Silvius Wodarz †

A. ROLOFF

Baum des Jahres 2019: die Flatter-Ulme (Ulmus laevis) – Ihr Charakter: Eigenschaften und Besonderheiten

A. ROLOFF

1 Baumschutz

Prägend bis heute, vielfach vergessen: die „Baum-Pioniere“

D. DUJESIEFKEN

Bäume auf Deichen und Dämmen – Von den wasserbaulichen Grundlagen bis zum Stand der Wissenschaft

H. SCHÜTTRUMPF, B. SCHERES

Bäume an und auf Hochwasserschutzanlagen – Hinweise und Beispiele aus der Praxis

R. HASELSTEINER

Erhalt von Altbäumen auf Dämmen: Konflikte – Lösungen – Umsetzung am Beispiel der Stör-Wasserstraße

K. DUJESIEFKEN, C. HAGEN

Wurzelschutz an Straßenbäumen – Beispiele für eine konsequente Umsetzung bei Tiefbaumaßnahmen

M. STRECKENBACH, J. DREß

Baumschutz auf Baustellen vorausschauend planen, ausschreiben und überwachen

T. AMTAGE

Grundlagen der Kronensicherung und Einsatzmöglichkeiten nach der neuen ZTV-Baumpflege

A. DETTER

2 Vitalitätsbeurteilung und Baumpflege

Methoden der Baumkronen-Forschung im Wald

M. LOWMAN

Kriterien und Methoden der Waldzustandserfassung in Europa

N. WELLBROCK, L. HILBRIG

Altersgerechte Vitalitätsbeurteilung von Bäumen

U. WEIHS

Vergleich zweier Verfahren zur Vitalitätsbeurteilung von alten Bäumen am Beispiel von Rot-Buche und Berg-Ahorn

S. RUST

Zur Verbreitungsmethodik und Befallsintensität der Weißbeerigen Mistel Viscum album L.

S. HEIDLBERGER

Pflanzung und Pflege von Streuobstbäumen unter besonderer Berücksichtigung der Ausbreitung und Bekämpfung der Laubholz-Mistel

M. RÖSLER

3 Baummanagement

Was wir schützen und was nicht – und warum (nicht): Wie gut ist die Bundesartenschutzverordnung?

W.-P. POLZIN

Der Eichenprozessionsspinner als Profiteur des Klimawandels: Müssen Baum und Mensch mit dieser Gefahr leben?

H. DELB, P. HALBIG, G. SEITZ, E. WAGENHOFF

Was unterscheidet den öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen (ö.b.u.v. SV) von anderen Sachverständigen?

U. WEIHS

Schattentoleranz als Kriterium der Baumartenwahl in der Stadt – Bedeutung, Strategien und Beispiele

A. ROLOFF

Personalentwicklung in der grünen Branche – Wie bekomme und halte ich gutes Fachpersonal?

U. BREILMANN

4 Wissenschaftliche Kurzberichte

Zum Auftreten des Ebereschenringfleckenvirus (European mountain ash ringspot-associated emaravirus, EMARaV) an der Felsenbirne

S. V. BARGEN, M. TISCHENDORF, M. BANDTE, C. BÜTTNER

Aktueller Stand zur Verbreitung von Eutypella-Stammkrebs an Ahorn im Raum München

N. BURGDORF, H. LEMME, L. STRAßER

Zur Neuverankerung angekippter Platanen

A. DETTER, P. V. WASSENAER, S. RUST

„Massaria“-Befall an Linde mit verstärkter Totastbildung

R. KEHR, M. SCHREINER

Rindenschäden und Totastbildung an Platane durch Hapalocystis berkeleyi

R. KEHR

Einfluss der Sonnenexposition auf das Abschuppen der Platanenborke

H. LEWIN, S. RUST

Kann die Silber-Linde ihre Blätter an heißen Tagen drehen?

S. RUST, T. SCHÜTTE, F. SALZSIEDER

Können Defekte im Stamm von Buchen mittels Georadar vermessen werden?

S. RUST, A. KAUS

Aktuelles Auftreten und allergenes Potenzial des Goldafters (Euproctis chrysorrhoea) in Bayern

O. SCHMIDT, C. PREISENDÖRFER

Wichtige neozoische Insektenarten an der Ahornblättrigen Platane (Platanus x hispanica)

O. SCHMIDT

Giftige Ahornsamen als Ursache einer atypischen Weidemyopathie bei Pferden

O. SCHMIDT

5 Verbände und Forschungseinrichtungen

Institute, Forschung und Lehre

Verbände

Weitere Organisationen und Vereine

Pflanzenschutzdienste

6 Adressverzeichnis Baumpflege

Hinweise zur Benutzung

6.1 Baumpflegefirmen

6.2 Sachverständige

6.3 Produkte und Dienstleistungen

Inserenten-Verzeichnis

7 Gesamtregister 1997–2019

Hinweise zur Benutzung

Autorenverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Content

Cover

Title

Imprint

Preface

Over 30 years of commitment to the Tree of the Year – Acknowledgement of the life work of Dr. Silvius Wodarz †

A. ROLOFF

Tree of the year 2019: European White Elm (Ulmus laevis) – its character, features and special characteristics

A. ROLOFF

1 Tree protection

Defining to this day, often forgotten: the „tree pioneers“

D. DUJESIEFKEN

Trees on Dikes and Dams – From Basics of Hydraulic Engineering to the State of the Art

H. SCHÜTTRUMPF, B. SCHERES

Trees on and near of Flood Protection Structures – Remarks and Case Studies

R. HASELSTEINER

Preservation of old trees on dams – Conflicts – Solutions – Implementation using the example of the Stör-waterway

K. DUJESIEFKEN, C. HAGEN

Tree root protection in streets – Examples for a consequent implementation at construction sites

M. STRECKENBACH, J. DREß

Proactive planning, tendering and monitoring of tree protection on construction sites

T. AMTAGE

Basics of crown cabling and application options according to the new German standard „ZTV-Baumpflege“

A. DETTER

2 Vitality assessment and tree care

Methods of Forest Canopy Access and Case Studies of Their Applications to Research

M. LOWMAN

Criteria and methods of the crown condition survey in Europe

N. WELLBROCK, L. HILBRIG

Age-appropriate vitality assessment of trees

U. WEIHS

Comparison of two methods to assess the vitality of old trees – a test on beech and sycamore maple

S. RUST

Methods of dissemination and intensity of infestation of the European mistletoe Viscum album L.

S. HEIDLBERGER

Planting and care of orchards with special consideration on the spread and control of hardwood mistletoe

M. RÖSLER

3 Tree management

What we protect and what we do not – and why (not): How successful is the Federal Species Protection Regulation?

W.-P. POLZIN

Oak processionary moth as profiteer of climate change: must tree and man live with this danger?

H. DELB, P. HALBIG, G. SEITZ, E. WAGENHOFF

What makes publicly appointed and sworn experts (ö.b.u.v. SV) different from other experts?

U. WEIHS

Shade tolerance as a criterion for urban tree species selection – importance, strategies and examples

A. ROLOFF

Human Resource Development for companies in green industry – How can I find and retain good professional employees

U. BREILMANN

4 Short scientific communications

On the occurrence of European mountain ash ringspot-associated emaravirus (EMARaV) in serviceberry

S. V. BARGEN, M. TISCHENDORF, M. BANDTE, C. BÜTTNER

Current status of the spread of Eutypella stem cancer in maple in the Munich area

N. BURGDORF, H. LEMME, L. STRAßER

New anchoring of tilted plane trees

A. DETTER, P. V. WASSENAER, S. RUST

“Massaria” disease of Linden (Tilia spp.) associated with increased deadwood formation

R. KEHR, M. SCHREINER

Bark damage and deadwood formation on plane trees caused by Hapalocystis berkeleyi

R. KEHR

Influence of sun exposure on the shedding of the sycamore bark

H. LEWIN, S. RUST

Does Tilia tomentosa turn its leaves as a reaction to heat and drought?

S. RUST, T. SCHÜTTE, F. SALZSIEDER

Can defects in the beech trunk be measured using georadar?

S. RUST, A. KAUS

The current occurence and allergenic potential of the browntail moth (Euproctis chrysorrhoea) in Bavaria

O. SCHMIDT, C. PREISENDÖRFER

Important invasive insect species on London plane (Platanus x hispanica)

O. SCHMIDT

Poisonous maple Acer spp. seeds as cause of an atypical pasture myopathy of horses

O. SCHMIDT

5 Associations and Research Institutes

Institutes, research and teaching

Professional associations

Other organisations and associations

Plant protection services

6 Address register for tree care

Reference for use

6.1 Tree care companies

6.2 Experts

6.3 Products and services

Index of advertisers

7 Overall Index 1997–2019

Reference for use

Register of authors

Register of catchwords

Über 30 Jahre Engagement für den Baum des Jahres – Würdigung des Lebenswerkes von Dr. Silvius Wodarz †
Over 30 years of commitment to the Tree of the Year – Acknowledgement of the life work of Dr. Silvius Wodarz †

von Andreas Roloff

Zusammenfassung

Am 29. Dezember 2018 ist der Initiator und langjährige „Macher“ der Initiative Baum des Jahres Dr. SILVIUS WODARZ im Alter von 87 Jahren verstorben. Die Bäume des Jahres werden seit 1989 ausgerufen und regelmäßig in Augsburg auf den Deutschen Baumpflegetagen und im Jahrbuch der Baumpflege vorgestellt. Aus diesem Anlass werden die Aktivitäten und das Lebenswerk von WODARZ hier gewürdigt und wichtige Hintergründe zum Baum des Jahres und zu den Zielen der Ausrufung dargelegt.

Summary

On December 29th 2018, Dr SILVIUS WODARZ passed away at the age of 87 years. He was the founder and the most active person of the initiative Tree of the Year for decades. The trees of the year are presented annually on the German Tree Care Conference in Augsburg and in the Yearbook of Arboriculture. For this reason the activities and life work of Wodarz are acknowledged here, and some background information on the Tree of the Year and the objective of the proclamation is explained.

1 Entstehung und Ziele der Initiative Baum des Jahres, Wahlvorgang

Seit 1989, also seit 30 Jahren, wird jährlich eine Baumart als Baum des Jahres benannt und ausgerufen, begründet durch Dr. SILVIUS WODARZ und den von ihm gegründeten Umweltschutzverein Wahlstedt e.V., später vom Verein Baum des Jahres und seit 2008 von der Baum des Jahres-Dr. Silvius Wodarz-Stiftung mit zugehörigem Förderverein und Kuratorium als Beirat getragen. Alle drei Förderinitiativen hat WODARZ viele Jahre selbst geleitet: das Kuratorium bis 2009, den Verein bis 2010 und die Stiftung bis 2018. Das Kuratorium Baum des Jahres (KBJ) bestimmt immer auf seiner Jahresversammlung im Oktober in Berlin drei Baumkandidaten für das übernächste Jahr. Davon wird anschließend im Jahr vor der Ausrufung in schriftlicher Abstimmung aller Kuratoriumsmitglieder eine Baumart ausgewählt, die das KBJ dann der Stiftung vorschlägt und die von dieser zur Ausrufung im Herbst des Vorjahres (Abbildung 1) übernommen wird.

Mitglieder im KBJ sind 35 Verbände, Vereine, Stiftungen, Einrichtungen, Institutionen und Einzelpersonen, die sich besonders intensiv mit Bäumen beschäftigen, auch aus der Schweiz und Luxemburg. So sind z.B. alle großen Naturschutzverbände Deutschlands vertreten, die Forstverwaltung(en), Dendrologen sowie die Baumschul- und die Baumpflegebranche. Ziel der Ausrufung ist es, zum einen auf seltene Baumarten oder Probleme einer Baumart hinzuweisen, zum anderen die Schönheit, den Wert und die positiven Wirkungen von Bäumen allgemein und die vielfältigen Funktionen der einzelnen Baumarten bewusster zu machen. Dies gilt gleichermaßen für Bäume im Wald, in der Landschaft oder Stadt, in Gärten, Parks und an Straßen.

2 Ergebnisse und Wirkung der Aktivitäten

Man kann feststellen, dass die Benennung und Ausrufung von Bäumen des Jahres eine großartige Erfolgsgeschichte ist. Deshalb wurde dem Initiator Dr. SILVIUS WODARZ für diese Aktion 2011 auch vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Abbildung 1: SILVIUS WODARZ, so wie er es liebte: bei der Ausrufung des Baum des Jahres im Oktober 2009 im Zoo Berlin, mit Baumköniginnen und Kinderbotschaftern

So wurden bzw. werden seltene Baumarten wie z. B. Eibe, Speierling und Schwarz-Pappel im Jahr der Ausrufung und seitdem verstärkt in so großer Anzahl gepflanzt (bei der Eibe sind 100.000 Pflanzungen dokumentiert), dass es dadurch zu einer dauerhaften und nennenswerten Förderung dieser Baumarten gekommen ist. Bei Bäumen wie z.B. Sand-Birke und Wald-Kiefer, die bekanntlich nicht zu den seltenen Arten gehören, wird der Wert, die Schönheit und Nutzung auch solcher Baumarten vielen Menschen bewusster gemacht und dieses Bewusstsein wird dauerhaft geschaffen bzw. verbessert. Aktuelle neue Probleme wie z. B. die Miniermotte bei der Rosskastanie und Phytophthora bei der Schwarz-Erle wurden bekannter und die Anstrengungen zur Untersuchung und Bekämpfung der Krankheiten mit nachhaltigem Erfolg verstärkt.

Kaum bekannte, „vergessene“ oder oft übersehene Baumarten wie der Speierling und die Elsbeere (Abbildung 2) sind überhaupt erst durch die Ausrufung maßgeblich bekannt geworden und werden seitdem dauerhaft mehr beachtet, auch im Wald. Und schließlich werden viele Baumarten wie z. B. Walnuss und Hainbuche durch die Aktion einfach noch beliebter. Das botanische Wissen um Bäume hat dadurch deutlich zugenommen – was will man mehr?

Insgesamt kann man feststellen, dass durch diese Aktivitäten die positive Beziehung Mensch – Baum („Menschen für Bäume – Bäume für Menschen“, WODARZ) nachhaltig verstärkt und verbessert worden ist.

Man kann einwenden, dass es inzwischen über 30 verschiedene Naturobjekte des Jahres gibt und diese mittlerweile niemand mehr alle bemerken und beachten kann. Dazu ist aber anzumerken, dass der Baum des Jahres eines der ersten Objekte war, die ausgerufen wurden. Zudem hat vor einigen Jahren eine Erhebung ergeben, dass der Baum des Jahres die am meisten bekannte und beachtete Aktion dieser Art ist und zudem von den Menschen ausnahmslos positiv eingeschätzt wird. Ja, der Baum des Jahres ist so inzwischen zu einer „starken Marke“ geworden, mit der bzw. dessen Logo sogar Werbung verbunden wird (was allerdings nur in ausdrücklich vertraglich geregelten Fällen zulässig ist). Und dass es inzwischen auch ein Eis und eine Seife des Jahres gibt, kann wohl nicht ernsthaft dem Baum des Jahres angelastet werden.

Es findet seit langem eine lebhafte Kommunikation zum Baum des Jahres über das Internet (www.baum-des-jahres.de) sowie über Faltblätter und andere Medien statt. Allein die Homepage wird jeden Monat über 40.000 mal aufgesucht.

Auf die anfangs häufig und in letzter Zeit noch gelegentlich gestellte Frage, wie lange es denn noch jedes Jahr neue Baumarten geben wird, kann man nach 31 Bäumen des Jahres entspannt antworten: Für mindestens 50 Jahre, denn es sind nicht nur einheimische Baumarten „zugelassen“ (z. B. wurde bereits 2005 die nichtheimische Rosskastanie ausgerufen und es warten z. B. noch Robinie und Douglasie), und gerade viele kleine und relativ unbekannte Baumarten wie Steinweichsel oder Stechpalme waren noch nicht an der Reihe.

3 Kurzvita Dr. Silvius Wodarz (nach www.baum-des-jahres.de)

Dr. SILVIUS WODARZ wurde am 14.12.1930 in Ratibor/ Oberschlesien geboren und starb am 29.12.2018 in Marktredwitz/Fichtelgebirge. Sein Name ist eng verknüpft mit einer ganzen Reihe von Modernisierungen der Berufsausbildung zum Forstwirt, bekannt wurde er zunächst durch seine Arbeit im Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF). Viele kennen ihn vor allem durch seine spätere Arbeit als Initiator und langjährigen Vorsitzenden des Vereins Baum des Jahres e.V., der „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ und des Kuratoriums „Baum des Jahres“. Ab 1958 war WODARZ in der schleswig-holsteinischen Landesforstverwaltung tätig und leitete von 1966 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Forstdienst im Jahr 1995 die Lehranstalt für Forstwirtschaft der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein in Bad Segeberg, zuletzt als Forstdirektor. Maßgeblich wirkte er an der Verordnung über die Ausbildung zum Forstwirt von 1974 ebenso mit wie an der „Forstwirt-Mappe“, kurz FOMA genannt, aus der später das Lehrbuch „Der Forstwirt“ (Waldarbeitsschulen 2004) hervorging.

Abbildung 2: Auch seltene und bis dahin relativ unbekannte Baumarten wie Speierling und Elsbeere sind durch die Ausrufung zum Baum des Jahres (1993 und 2011) bekannter geworden und werden dadurch auch in der Forstwirtschaft stärker beachtet und gefördert (hier starke Elsbeere im „Elsbeerreich“ bei Wien).

Ideenreich und öffentlichkeitswirksam gründete WODARZ 1972 den Umweltschutzverein Wahlstedt (Schleswig-Holstein) und gilt daher als einer der Umwelt- und Naturschützer der „ersten Stunde“. Bewegt durch die Waldsterben-Diskussion der 1980er Jahre und angeregt durch die Wahl eines „Vogel des Jahres“ kam er Ende 1988 auf die Idee, analog dazu für jedes Jahr auch einen „Baum des Jahres“ auszurufen, beginnend mit der Stiel-Eiche 1989. Der Umweltschutzverein Wahlstedt wurde in der Folge zum Verein Baum des Jahres e. V. umbenannt, und WODARZ rief im Jahr 1991 das „Kuratorium Baum des Jahres (KBJ)“ als Fachbeirat des Vereins ins Leben. Die Baum des Jahres-Aktionen erzielten von Anfang an bundesweit ein großes Medienecho und stießen in der Öffentlichkeit auf viel Interesse.

WODARZ hat seine Arbeit für Bäume, den Wald und die Umwelt immer weiter verstärkt und gründete im Jahr 2008 die „Baum des Jahres – Dr. Silvius Wodarz Stiftung“. Zusammen mit dem Verein Baum des Jahres e.V. soll sie die Arbeit für den Baum des Jahres sowie für Bäume in Parks, in der Landschaft und im Wald auf der Basis „Menschen für Bäume“ fortsetzen und intensivieren. Mit seiner beharrlichen Arbeit unter dem Motto „Man muss Bäume nicht neu erfinden, man muss sie nur neu entdecken!“ erreichte er, dass sich hierzulande immer mehr Menschen für Bäume interessieren und auch stärker für deren Belange sensibilisiert sind.

4 Engagement für Baumartenvielfalt und Wissenstransfer

Seit 1991 bin ich selbst mit dabei und wurde damals als einer der ersten ins Kuratorium Baum des Jahres berufen. Zunächst viele Jahre als Mitglied, war ich dann zunehmend mit der Öffentlichkeitsarbeit mittels des Faltblattes und vieler Vorträge sowie mit der Tagungsorganisation betraut. Dabei hatte ich dann immer häufiger täglichen Kontakt mit WODARZ, bis es schließlich viele Jahre lang durchaus bis zu 20 Telefonate und E-Mails pro Tag wurden. In der Zeit war ich wohl einer seiner wichtigsten Ansprechpartner und kannte ihn schließlich so gut wie nur wenige andere.

Abbildung 3: Julia Klöckner (Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft) verkündet den Baum des Jahres 2019 bei der Ausrufung am 7. November 2018 in Berlin.

Der Baum des Jahres war „sein Baby“, um das er sich täglich viele Stunden kümmerte, was angesichts der vielfältigen Aufgaben und Anfragen nicht verwunderte. Über all die vielen Jahre hat dabei beeindruckend viel von all dem geklappt, was er sich vorgenommen hatte und reichlich Früchte getragen. Darauf konnte er stolz sein und war es auch – gerne hätte er noch mehr gemacht, aber in den letzten Jahren ließen das seine Kräfte und seine Gesundheit schließlich nicht mehr zu. So konnte er auch bei der letzten Ausrufung im November 2018 aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mit dabei sein, als das erste Mal eine Bundesministerin (Julia Klöckner) persönlich an der Ausrufung teilgenommen und mitgewirkt hat (Abbildung 3). Mit einem großen Erfolgsgefühl ist er dann am 29. Dezember 2018 in Ruhe und Frieden eingeschlafen.

Sein Werk wird weiterleben, es müssen nun zunächst einige Grundsatzentscheidungen getroffen werden, wie Ablauf und Zuständigkeiten weiter geregelt werden können.

Es dürfte sich bei der Benennung und Ausrufung der Bäume des Jahres um eine der erfolgreichsten Aktionen der letzten Jahrzehnte zur Erhöhung der Baumartenvielfalt handeln, die zudem auch im Bewusstsein der Bevölkerung ankommt. Dies finde ich persönlich seinen größten Verdienst – ein jahrzehntelanger Transfer von Baumwissen zu den Menschen, mit besonderer Wertschätzung von Kindern und Jugendlichen, zusammen mit vielen Beteiligten in Stiftung, Verein und Kuratorium.

„Wir wollen Menschen an Bäume heranführen und Sensibilität für dieses lebendige Naturgut schaffen. In die Herzen großer und kleiner Menschen pflanzen wir Bäume, um gedankliche Veränderungen anzustoßen.“ (SILVIUS WODARZ)

Quellen

www.baum-des-jahres.de

www.wikipedia.de

ROLOFF, A., 1997–2019: Beiträge zu dem jeweiligen „Baum des Jahres“, in: DUJESIEFKEN, D. (Hrsg): Jahrbuch der Baumpflege. Haymarket Media, Braunschweig

Waldarbeitsschulen (Hrsg.), 2004: Der Forstwirt. 4. Aufl., Ulmer Verlag, Stuttgart.

Autor

Prof. Dr. Andreas Roloff leitet das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie sowie den Forstbotanischen Garten der TU Dresden in Tharandt, ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Fragen der Baumbiologie, Gehölzverwendung und Baumpflege. Er war und ist seit 1991 bei der Baum des Jahres-Findung, -Ausrufung und -Öffentlichkeitsarbeit aktiv.

Institut für Forstbotanik und Forstzoologie

Pienner Str. 7, 01737 Tharandt

Tel. (035203) 3 83 12 02

roloff@forst.tu-dresden.de

Baum des Jahres 2019: die Flatter-Ulme ( Ulmus laevis ) – Ihr Charakter: Eigenschaften und Besonderheiten
Tree of the year 2019: European White Elm ( Ulmus laevis ) – its character, features and special characteristics

von Andreas Roloff

Zusammenfassung

Flatter-Ulmen werden große, hoch aufragende Bäume mit dunkler Krone und zeigen eine leiterartige Verzweigung. Da die Blüte mit Windbestäubung bereits im März stattfindet, sind die Früchte schon Ende Mai reif. Diese führen vorher im April durch ihre ergrünenden Flügel zu grünen Kronen, obwohl die Blätter noch nicht ausgetrieben haben. Flatter-Ulmen treten vor allem entlang der Flussläufe in Auenwäldern bzw. als deren Reste auf (Abbildung 1). Als einzige der drei heimischen Ulmenarten zeigt die Flatter-Ulme am Stamm oft Brettwurzeln, Wurzelanlauf-Schösslinge und viele Wasser-reiser. Weit entfernt vom Naturstandort ist sie auch als Stadt- und Straßenbaum geeignet und steht gegenüber der Holländischen Ulmenkrankheit relativ gut da. Ihre Schattentoleranz ist bis ins mittlere Alter ausgeprägt.

Summary

European white elm is a species growing to large, towering trees with dark crowns and a ladderlike branching pattern. Flowering occurs in March with wind pollination, the fruits are ripe already in May. During their ripening they develop green wings with the consequence of crown greening already in April, long before leaf flush. White elms grow along rivers on riparian forest sites, often as the last remnants of these ecosystems. It is the only native elm species with buttress roots at the trunk base, with root collar sprouts and many epicormic sprouts on the trunk. Distant from its native riverside sites it can be used successfully as an urban and roadside tree. The resistance to Dutch elm disease is high, as well as its shade tolerance until medium age.

1 Charakteristika und Erkennungsmerkmale

Auffällig an den Ulmen ist ihre leiterartige Verzweigung (Abbildung 2) – daran erkennt man sie sogar auf der Autobahn (als Beifahrer), wenn welche auf dem Mittelstreifen wachsen. Sie kommt durch eine sehr streng zweizeilige Blattstellung zustande: immer rechts-links-rechts-links … Und wenn die Blätter so angeordnet sind, müssen die Seitenzweige genauso stehen, da sie immer aus den Knospen in den Blattstiel-Achseln entspringen. Der Austrieb der Ulmen erfolgt erst relativ spät. Als ringporige Baumarten müssen sie im Frühjahr zunächst im neuen Jahrring Frühholzgefäße bilden, bevor sie die neuen Blätter mit Wasser versorgen können.

Die Rinde entwickelt sich zu einer dunkelgrauen Netzborke. Die Ulmen können Wunden mäßig gegen Infektionen schützen, sie haben ein mittleres Abschottungsvermögen. Die Zweige (auch Wipfeltriebe) wachsen anfangs waagerecht und richten sich erst anschließend bei ausreichender Belichtung auf, was wie bei Linde, Hainbuche und Rot-Buche als Zeichen für Schattenanpassung zu interpretieren ist.

Der Stamm der Flatter-Ulme kann 6 m (selten 9 m) Umfang erreichen, dafür muss man ggf. oberhalb vorhandener Brettwurzeln messen (MICHELS & ROLOFF 2018). Ulmen werden schnell große Bäume von 30–40 m Höhe, das Höchstalter erreicht 250–300, selten über 400 Jahre. Flatter-Ulmen treiben reichlich Wasserreiser und stammnahe Schösslinge aus den Wurzelanläufen aus und sind sehr stockausschlagfreudig.

Abbildung 1: Alter Solitär in der Flussaue

Weiter ist für Ulmenblätter der schiefe (asymmetrische) Blattgrund charakteristisch, d. h. auf einer Seite des Blattstieles reicht die Blattspreitenbasis meist viel länger zum Zweig herab als auf der anderen. Die Herbstfärbung ist gelb bis orange, selten sogar rötlich.

Eine Unterscheidung der drei einheimischen Ulmenarten ist eigentlich nicht schwierig, sie gelingt am besten anhand folgender Merkmale (zusätzlich zu den zuvor genannten): Die Blätter der Flatter-Ulme weisen in der oberen Blatthälfte keine gegabelten Hauptnerven auf (Abbildung 3), wogegen dies bei Berg- und Feld-Ulme (Ulmus glabra und U. minor) immer der Fall ist. Die Blätter der Berg-Ulme sind an einigen bis vielen Blättern 3-spitzig, die der beiden anderen Ulmen haben nur eine Spitze. Die Blätter der Berg-Ulme sind zudem oberseits so rau behaart, dass es sich wie Schleifpapier anhört, wenn man mit dem Finger darüber streicht.

Die Blüten und Früchte der Flatter-Ulme sind lang gestielt (Abbildung 4) und letztere flattern im Wind, daher ihr deutscher Name – die der beiden anderen Ulmen sind ungestielt/sitzend. Der Blütezeitraum ist sehr früh, oft schon im März, die Blüten sind unauffällig, zwittrig und werden vom Wind bestäubt. Man erkennt zur Blütezeit von weitem nur viele Kügelchen in der Krone. Erst wenn sich die Früchte ebenfalls relativ früh (im April und Mai) bis zur Reife entwickeln, fallen diese auf, da sie zunächst von einem grünen Flügel umgeben sind. Dessen grüne Farbe macht sofort deutlich, dass er Photosynthese betreibt – so ist die schnelle Fruchtreife schon vor dem Austreiben der Bäume zu erklären. Man könnte zunächst denken, dass die Ulmen austreiben, aber es sind „nur“ die Früchte (Abbildung 5). Von Nahem sieht man (gegen das Licht oder mit Lupe) eine wunderschöne Bewimperung am Rand der reifenden Früchte. Die Flatter-Ulme kreuzt sich nicht mit Berg- oder Feld-Ulme, diese beiden bilden hingegen miteinander den Hybrid Holländische Ulme (Ulmus x hollandica).

An alten Flatter-Ulmen treten oft markante Brettwurzeln auf: weit ausladende Wurzelanläufe zur Verbesserung der Standfestigkeit auf nassen Standorten. Diese Eigenschaft behält die Art meist auch auf trockenen (z. B. Park-)Standorten bei. Zudem ist ihr Stamm oft von vielen Wasserreisern (jungen Stammaustrieben) bedeckt, ohne dass dafür eine Krisensituation der Anlass ist – es handelt sich also nicht um Angsttriebe, wie gelegentlich (für Eichen) zu hören oder zu lesen ist. Das Wurzelsystem entwickelt sich herzförmig und erreicht Tiefen von 2 m.

Die dickste Flatter-Ulme der Republik dürfte auf dem ehemaligen Friedhof hinter der Kirche von Gülitz (in NW-Brandenburg) stehen (www.championtrees.de), mit einem Stammumfang von 9,98 m und einem bemerkenswerten Alter von geschätzten 400–500 Jahren. In ihrem Stamm sind Reste der früheren Friedhofsmauer eingewachsen.

Die Ulmen gehören zur Familie der Ulmengewächse (Ulmaceae), mit ihnen auch die Zelkove (Zelkova), aber neuerdings nicht mehr der Zürgelbaum (Celtis).

2 Vorkommen und Ökologie

Das Areal der Flatter-Ulme umfasst große Teile Mittel-, Süd- und Osteuropas. Die Feld-Ulme bleibt im Nordosten weiter zurück, wohingegen die Berg-Ulme höher nach Nordwesten und in die Mittelgebirge vordringt (daher ihr Name). Die Flatter-Ulme erträgt wie die Feld-Ulme länger als drei Monate Überflutung und damit mehr als Eichen und Eschen.

Sie ist ein wichtiger Auenbaum, welcher von der katastrophalen Ulmenkrankheit am wenigsten betroffen ist, so dass nicht „die Ulmen“ aussterben, wie man es immer wieder hören oder lesen kann. Am stärksten betroffen davon ist die Feld-Ulme, daher sind Altbäume von ihr inzwischen tatsächlich selten geworden, und sie wird, wie die Flatter-Ulme, in der Roten Liste für Deutschland als gefährdet und für mehrere Bundesländer als (stark) gefährdet aufgeführt.

Abbildung 2: Leiterartige Verzweigung durch zweizeilige Blatt- und Zweigstellung

Abbildung 3: Blätter mit ungegabelten Seitennerven in der vorderen Blatthälfte und asymmetrischer Spreitenbasis

Abbildung 4: Lang gestielte und daher im Wind flatternde Früchte

Abbildung 5: Frühe Fruchtreife vor Blattaustrieb mit dadurch z. T. grüner Krone eines alten Auensolitärs im April

Der Schwerpunkt der Flatter-Ulme ist in Auen größerer unregulierter Flüsse Mitteleuropas zu finden (Abbildung 6), aber wo gibt es die noch? Auenwaldreste mit Ulmen existieren an Oder, Elbe, Rhein und Donau, jedoch machen ihnen Flussbegradigung und -regulierung sowie Entwässerungsmaßnahmen zu schaffen. Ulmen sind als Übergangsbaumarten in der Jugend relativ schattentolerant, was ihr Aufwachsen in Auenwäldern und alten Parkanlagen erleichtert. Viele Ulmen stehen (oder standen) an markanten Plätzen und Landmarken und bilde(te)n dort eindrucksvolle Solitärbäume.

Abbildung 6: Elbaue bei Torgau mit sehr vielen alten, vitalen Flatter-Ulmen

3 Nutzung, Verwendung, Heilkunde und Mythologie

Das harte Holz der Ulmen wird Rüster genannt und ist infolge der Krankheit selten geworden, obwohl es durch seinen braunen Kern sehr attraktiv und wertvoll ist. Dabei ist Bergrüster wertvoller als Flatterrüster, da der Kern/Splint-Kontrast stärker ist. Die Jahrringe sind sehr deutlich zu erkennen, weil es sich um ringporiges Holz handelt. Flatterrüster ist von Berg- und Feldrüster nach Aussagen von Tischlern am helleren Kern und an den breiten Spätholzgefäßbändern zu unterscheiden, Holzfachleute streiten das aufgrund der Variabilität jedoch ab. Sehr gesucht und teuer sind sog. Maserknollen von Ulmen, die aus Stammbeulen mit besonders vielen Knospen und Wasserreisern entstehen. Daraus lassen sich eindrucksvolle Furniere und kleine Gebrauchsgegenstände herstellen (Abbildung 7), z. B. Schreiber. Das Holz ist zäh-n derelastisch und daher auch für Bögen und Werkzeugstiele begehrt. Sonst wird es für Möbel sowie im Bootsbau und Innenausbau verwendet. In England ist Rüster das traditionelle Sargholz.

Wegen der nährstoffreichen Blätter wurden Ulmen früher gerne als Schneitelbäume verwendet, welche man immer wieder auf einen Kopf zurückschnitt, um die dann intensiv wachsenden Wiederaustriebe als Viehfutter zu nutzen.

Verwendung findet vor allem die Flatter-Ulme auch als Stadtbaum. In der „Ulmenhauptstadt Europas“ Amsterdam hat man durch eine sehr wirksame Bekämpfungsstrategie (Impfung) und Pflegemaßnahmen die Krankheit relativ gut im Griff, und die Ulmen (dort vor allem Holländische Ulmen) stellen fast 90% der Straßenbäume – das macht Hoffnung. Andernorts setzt man vor allem auf resistente Sorten. Allerdings hat sich dabei in der Vergangenheit häufiger herausgestellt, dass sich vermeintlich resistente Sorten in höherem Alter – wenn sie für den krankheitsübertragenden Ulmen-Splintkäfer attraktiv werden – als doch nicht resistent erwiesen haben. Der Absterbeprozess in Alleen kann dann rasant voranschreiten, u. a. indem der verantwortliche Pilz sich über Wurzelverwachsungen ausbreitet. Dies alles betrifft jedoch am wenigsten die Flatter-Ulme, die in erstaunlicher Anzahl und in beeindruckender Vitalität mit Altbäumen in verschiedenen Regionen auftritt. Am meisten beeindruckt mich dies an der Elbe im Abschnitt von Dresden/Radebeul bis hinter Torgau. Hier findet man an ca. 100 km Flusslauf beidseits am Elbe-Radweg in den Auen noch über 1.000 vitale Altulmen – darunter besonders viele Solitäre (Abbildung 6). Von hier stammt auch die „Torgauer Flatter-Ulme“, die sich gegenüber der Ulmenkrankheit als besonders resistent erwiesen hat. So kann die Flatter-Ulme auf Auenflächen teilweise die derzeit stark geschädigten Eschen und Schwarz-Erlen ersetzen.

Die Flatter-Ulme ist viel stärker von der anthropogenen Beseitigung ihrer Lebensräume am Flusslauf betroffen als von der Ulmenkrankheit: Auenwälder mit Überflutungsregime, Feuchtbiotope, mäandrierende Fließgewässer sind selten geworden, da die Landwirtschaft diese Flächen für Hochleistungs-Grünland favorisiert und Deiche als Hochwasserschutz nah an den Flüssen gebaut und kürzlich wieder erhöht wurden. Für die Flatter-Ulme wäre, wo das möglich ist, eine Deichrückverlegung hilfreich um wieder mehr Überflutungsraum zu schaffen.

Abbildung 7: Rüstermaser als Holzbuch

Abbildung 8: Flatter-Ulme als Stadtbaum in kleinem Vorgarten

Man kann nur staunen, wie es die Flatter-Ulme schafft, in kleinen Vorgärten an Hauptverkehrsstraßen fernab eines Flusses zu überleben (Abbildung 8). Sie hat ein beeindruckendes Anpassungspotenzial, welches durch die stark schwankenden natürlichen Wasserstandsverhältnisse in der Aue zu begründen ist: Von längeren Überflutungen bis zu langen extremen Austrocknungsperioden kommt alles immer wieder vor, damit muss ein Auenwaldbaum zurechtkommen. So gibt es auch sehr eindrucksvolle Alleen mit Flatter-Ulmen, z. B. bei Gadsdorf (südöstlich von Potsdam) und als Park-Allee auf der Grieserwiese in Landshut. Ulmen sind zudem beliebte Haus- und Hofbäume.

Die Innenrinde und Blätter wurden früher in der Heilkunde bei rheumatischen Krankheitsbildern sowie gegen Hautausschläge, Gicht, Durchfall und Abszesse verwendet (Tee und Waschungen). Aus den Nusskernen kann ein schmackhaftes Öl gepresst werden.

Ulmen spielten wegen ihrer viel größeren Verbreitung und ihres markanten Habitus’ bereits seit dem Altertum eine Rolle in Mythologie und Brauchtum. Als Symbol der Trauer wurden bei den Griechen Ulmen in Totenhainen gepflanzt. Den Kelten war sie heilig, die Römer weihten sie dem Gott Merkur. In Skandinavien, dem Baltikum und Norddeutschland war die Ulme ein wichtiger Wächterbaum auf Bauernhöfen.

4 Sonstiges Interessantes

Wie sollen wir in Zukunft mit den Ulmen umgehen, wenn die Krankheit so ein hohes Risiko darstellt: Soll man nicht besser ganz auf die Verwendung und Pflanzung verzichten? Dies wäre fatal, denn dann wird es in Zukunft noch weniger Ulmen geben. Vielmehr sollte man entweder wieder mehr Flatter-Ulmen pflanzen oder vermeintlich resistente Sorten, verbunden mit der Hoffnung, dass die Krankheit irgendwann auch wieder an Bedeutung verlieren wird. Dieser Optimismus ist angebracht, denn auch viele andere Baumarten sind derzeit von schweren Krankheiten betroffen (z. B. Esche, Rosskastanie, Schwarz-Erle).

Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft zum Jahr der Flatter-Ulme: Es geht ihr blendend, zumindest in größeren Teilarealen ihres Verbreitungsgebietes – bei 1.000 Exemplaren mit einem Stammumfang über 2 m entlang der sächsischen Elbe habe ich aufgehört zu zählen: starke vitale Flatter-Ulmen mit reichlich Naturverjüngung. Streckenweise ist es mit Abstand die häufigste Auenbaumart in diesem Bereich, z. T. mit dichten, geschlossenen Wäldchen. Sie kann und sollte daher wieder viel mehr, auch außerhalb der Auen gepflanzt werden.

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Autor

Prof. Dr. Andreas Roloff leitet das Institut für Forstbotanik und Forstzoologie sowie den Forstbotanischen Garten der TU Dresden in Tharandt, ist Inhaber des Lehrstuhls für Forstbotanik und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Fragen der Baumbiologie, Gehölzverwendung und Baumpflege. Er ist Fachreferent für Parks, Gärten und städtisches Grün im Rat der DDG und gibt die Enzyklopädie der Holzgewächse heraus.


Institut für Forstbotanik und Forstzoologie

Pienner Str. 7

01737 Tharandt

Tel. (035203) 3 83 12 02

roloff@forst.tu-dresden.de

1 Baumschutz
Prägend bis heute, vielfach vergessen: die „Baum-Pioniere“
Defining to this day, often forgotten: the „tree pioneers“

von Dirk Dujesiefken

Zusammenfassung

Dieser Beitrag befasst sich mit Persönlichkeiten, die unser Wissen über Bäume wesentlich geprägt haben und Pioniere waren für die Forstwirtschaft, die Wissenschaft über Bäume sowie im Naturschutz. Vorgestellt werden nicht die Wegbereiter der letzten Jahrzehnte, sondern die, die vor mehr als 100 Jahren die Grundlagen für spätere Generationen und damit für unsere heutige Arbeit rund um den Baum geschaffen haben: HANS CARL VON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG und JOHN MUIR. Es geht dabei um das Konzept der Nachhaltigkeit, heute ein ökonomisch-ökologischer Schlüsselbegriff, der vor über 300 Jahren geprägt wurde, um den Beginn der modernen Wissenschaft über Bäume und deren Krankheiten sowie um die Anfänge des Naturschutzes. Durch diese Wegbereiter hat unsere Arbeit mit Bäumen im Wald und in der Baumpflege eine solide Grundlage erhalten. Es war stets das Engagement Einzelner, das große Wirkung entfaltete und bis heute prägend ist.

Summary

This article focuses on individuals who have made a significant contribution to our knowledge about trees and were pioneers in forestry, tree science and nature conservation. Not the pioneers of the last decades are presented, but rather those who more than 100 years ago laid the basis for later generations and thus for today’s work on trees: HANS CARL VON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG and JOHN MUIR. It is about the concept of sustainability, today an economical and ecological concept that was developed over 300 years ago, about the beginning of modern science about trees and their diseases and about the beginnings of nature conservation. With these pioneers our work with trees in the forest and in tree care have a solid basis. It has always been the engagement of individuals that has had a great impact and is still influential today.

1 Einleitung

Der Umgang mit der Natur und damit auch mit Bäumen hat sich über Jahrhunderte stark verändert. Über lange Zeit gab es aus Sicht der Menschen die gestaltete Landschaft (besiedelte und kultivierte Flächen) und im Gegensatz dazu die ungezähmte Natur, die Wildnis. Diese Flächen galten als wertlos oder wurden genutzt bzw. übernutzt. In Europa kann man noch immer das Ergebnis dieser vor Jahrhunderten erfolgten Rodungen sehen. Die Eingriffe des Menschen haben in der Landschaft deutliche Spuren hinterlassen. Im Laufe der Zeit haben die Schäden in der Natur aber auch zu einem Umdenken geführt. Eine nachhaltige Forstwirtschaft, Naturschutzgesetze und Baumpflege sind letztendlich Ergebnisse dieser Entwicklung.

Unser heutiges Wissen in der Baumpflege basiert auf den Erfahrungen und Ergebnissen der Vorgänger. Neue Ideen und Impulse stammen von besonderen Persönlichkeiten. In Bezug auf den Umgang mit Bäumen gab es viele Pioniere; in den letzten Jahrzehnten gab es Wegbereiter wie ALEX SHIGO, WERNER KOCH und MICHAEL MAURER, die auf den Gebieten der Baumbiologie und Gehölzwertermittlung sowie der praktischen Umsetzung von Baumpflegemaßnahmen prägend waren. In dieser Betrachtung geht es jedoch nicht um diese Persönlichkeiten, sondern um die, die in der Zeit davor die Grundlagen für spätere Generationen geschaffen haben: HANS CARL VON CARLOWITZ, ROBERT HARTIG und JOHN MUIR.

Das Wissen dieser „Baum-Pioniere“ ist über die Jahrzehnte fast selbstverständlich Teil unseres Grundverständnisses vom Umgang mit Baum und Natur geworden. Ohne diese Wegbereiter wäre die Entwicklung der Baumzunft anders verlaufen und unsere Arbeit im Wald sowie im Naturschutz und in der Baumpflege hätte keine solide Grundlage. Deshalb soll an die Leistungen dieser drei Pioniere für unseren Berufsstand erinnert werden, um diese zu würdigen.

2 Hans Carl von Carlowitz und der Beginn der Forstwirtschaft

Am Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert wurden für den Bau von Häusern und Kriegsschiffen sowie für den Bergbau viele Wälder in Mittel- und Westeuropa gerodet. Es gab einen Engpass an Holz- und anderen Waldprodukten. Um diesem Mangel vorzubeugen, wurde damals erstmals eine Nachhaltigkeit der Holzerzeugung gefordert. Diese Zeit markiert damit den Beginn einer geregelten Forstwirtschaft. Die Geschichte führt zurück ins barocke Sachsen zu HANS CARL VON CARLOWITZ (Abbildung 1). Wer war dieser Adelige in der Silberstadt Freiberg?

HANS CARL VON CARLOWITZ, dessen Vornamen in älteren Schriften „Hannß Carl“ geschrieben werden, wurde 1645 in Oberrabenstein bei Chemnitz geboren. Er war das zweite von 16 Kindern, besuchte das Gymnasium in Halle, studierte in Jena Naturwissenschaften, Sprachen und Jura. Er unternahm viele Reisen und lernte, dass die Knappheit an Holz überall in Europa ein akutes Problem war. Anschließend half er seinem Vater bei den sächsisch-böhmischen Grenzvermessungen, wurde Vize-Berghauptmann und übernahm nach dem Tod des Vaters das Gut Arnsdorf. Hier erlebte er extrem trockene Sommer und große Stürme mit erheblichen Baumschäden. Die Borkenkäfer, insbesondere der Buchdrucker, breiteten sich stark in Fichten und Tannen aus. Aufgrund der Holznot war der sächsische Silberbergbau in seiner Existenz bedroht. Die Erzgruben und Schmelzhütten des Erzgebirges (damals eines der größten Montanreviere Europas) brauchten viel Holz als Energiequelle. Der Grubenausbau, der Erzabbau mittels Feuersetzen, vor allem aber die mit Holzkohle betriebenen Öfen der Schmelzhütten vernichteten ganze Wälder. Die Umgebung der Bergstädte war durch Übernutzung weitgehend kahlgeschlagen.

Abbildung 1: HANS CARL VON CARLOWITZ (aus: H. THOMASIUS & B. BENDIX, 2013)

Seine Erfahrungen, Beobachtungen und Verbesserungsvorschläge fasste VON CARLOWITZ in seinem Hauptwerk 1713 zusammen und veröffentlichte die „Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ (Abbildung 2). Es gilt als das erste forstwissenschaftliche Werk und beschreibt die Idee und den Begriff der Nachhaltigkeit. HANS CARL VON CARLOWITZ verstarb 1714 in Freiberg.

VON CARLOWITZ kritisiert in seinem Buch das auf kurzfristigen Gewinn ausgerichtete Denken. Ein Kornfeld bringe jährlich Nutzen, auf das Holz des Waldes dagegen müsse man Jahrzehnte warten. Die fortschreitende Umwandlung von Waldflächen zu Äckern und Wiesen sei ein Irrweg. „Der gemeine Mann“ würde die jungen Bäume nicht schonen, weil er spüre, dass er deren Holz nicht mehr selbst genießen könne. Er gehe verschwenderisch damit um, weil er meine, es werde nicht alle. Zwar könne man aus dem Verkauf von Holz in kurzer Zeit „ziemlich viel Geld heben“. Aber wenn die Wälder erst einmal ruiniert seien, „so bleiben auch die Einkünfte daraus auf unendliche Jahre zurück, … sodaß unter dem scheinbaren Profit ein unersetzlicher Schade liegt.“ Gegen den Raubbau am Wald setzt VON CARLOWITZ die eiserne Regel: „.daß man mit dem Holtz pfleglich umgehe.“

Holz sei so wichtig wie das tägliche Brot, so VON CARLOWITZ. Man müsse es „mit Behutsamkeit“ nutzen, so dass „eine Gleichheit zwischen An- und Zuwachs und dem Abtrieb des Holtzes erfolget“ und die Nutzung „immerwährend“. „kontinuirlich“ und „perpentuierlich“ stattfinden könne. „Daßwegen sollten wir unsere Oeconomie also und dahin einrichten, daß wir keinen Mangel daran leiden und wo es abgetrieben ist, dahin trachten, wie an dessen Stelle junges wieder wachsen möge“. Das traditionelle Wort „pfleglich“ schien VON CARLOWITZ jedoch nicht eindringlich genug, die langfristige Kontinuität von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen zum Ausdruck zu bringen. So forderte er „eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung“. HANS CARL VON CARLOWITZ entwickelte damit das „Konzept der Nachhaltigkeit“. „Nach“ gilt hier im Sinne von „auf etwas hin“, „halt“ im Sinne von be- und erhalten, bewahren, in Obhut nehmen. Hierbei muss ein möglichst ausgewogenes Altersklassenverhältnis vorhanden sein oder sukzessive geschaffen werden.

Abbildung 2: Der aufwändig gestaltete Buchdeckel des 1713 erschienenen Buches von HANS CARL VON CARLOWITZ

Das Konzept der Nachhaltigkeit erfordert eine Waldwirtschaft, die die Kräfte des Standorts und die Abläufe in der Lebensgemeinschaft Wald optimal nutzt und auch unvorhersehbare Ereignisse berücksichtigt. Sie bietet langfristig mehr Erfolg, größere Sicherheit und zugleich Beiträge für Naturschutz und Landschaftspflege. Die deutsche Forstwissenschaft und damit das Konzept der Nachhaltigkeit erlangten im Laufe des 19. Jahrhunderts weltweite Geltung. Dieser Terminus technicus gehört inzwischen zu den Schlüsselbegriffen für ein erfolgreiches ökologisches und ökonomisches Handeln. Die Nachhaltigkeit (englisch: sustainable development) ist heutzutage ein weltweit diskutiertes Umweltkonzept. Es wurde vor über 300 Jahren von einem sächsischen Wald- und Bergbaufachmann geprägt und ist aktueller denn je.

3 Robert Hartig und der Beginn der modernen Wissenschaft über Bäume und deren Krankheiten

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Naturwissenschaft der Gegenwart begründet. In der Humanmedizin wurden in dieser Zeit erstmals die Zusammenhänge von Mikroorganismen und bestimmten Krankheiten erkannt. ROBERT KOCH (1843 – 1910) kultivierte den Erreger des Milzbrands außerhalb des Organismus und beschrieb somit lückenlos die Rolle eines Krankheitserregers beim Entstehen einer Krankheit. Die Erkenntnisse von LOUIS PASTEUR (1822 – 1895) ermöglichen seitdem die Haltbarmachung flüssiger Lebensmittel durch kurzzeitiges Erhitzen: die nach ihm benannte Pasteurisierung. Weniger bekannt sind die Arbeiten von ROBERT HARTIG (Abbildung 3), der zeitgleich das Leben von Bäumen und deren Krankheiten untersuchte. Er war auf diesem Gebiet der Pionier.

Abbildung 3: ROBERT HARTIG (aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Hartig)

ROBERT HARTIG wurde 1839 in Braunschweig in einer Försterfamilie geboren. Sein Vater war der als Forstmann und Botaniker bekannte Professor und Forstrat THEODOR HARTIG und sein Großvater GEORG LUDWIG HARTIG, ebenfalls ein bedeutender Forstwissenschaftler. Von Jugend an hörte er zu Hause von forstlichen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen. Er studierte von 1863 bis 1864 Forstwissenschaft in Berlin und war dann in Braunschweig und Hannover in der Forstverwaltung tätig. 1866 promovierte er in Marburg und erhielt 1867 den Ruf an die Forstakademie in Eberswalde, wo er Vorlesungen zur Forstbotanik hielt.

Abbildung 4: Querschnitt eines verletzten Eichenstammes mit Darstellung der verschiedenen Wundreaktionen (aus: R. HARTIG, 1900)


Abbildung 5: Von Polyporus sulphureus zersetztes Holz (aus: R. HARTIG, 1900)

1871 übernahm HARTIG die Leitung der pflanzenphysiologischen Versuchsanstalt und 1878 erhielt er den Ruf als Professor der Forstbotanik an die Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1901 wirkte.

In Eberswalde und München hatte er durch die damals noch relativ neue Lichtmikroskopie die Zellstrukturen von Wirtspflanzen und Krankheitserregern eingehend untersucht. Damit wurden Krankheitsabläufe in Bäumen erkannt und wertvolle Hinweise für die forstliche Praxis gegeben. ROBERT HARTIG beschrieb erstmals die sog. Buchen-Komplexkrankheit, eine noch heute wirtschaftlich bedeutende Buchenerkrankung. Er forschte zudem über die Ursachen der Tannen-Nadelbräune und die Zerstörung von Bauholz durch den Echten Hausschwamm, über den er 1885 eine Monographie verfasst hatte. Hervorzuheben sind seine Untersuchungen über die Mykorrhiza an Wurzeln von Wald-bäumen. Das von ihm beschriebene und nach ihm benannte Netzwerk der Ektomykorrhiza-Pilze zwischen den Wurzeln heißt seitdem „Hartigsches Netz“. Zu fast allen Fragen der Baumbiologie, Forstwirtschaft und Pathologie findet man Ausführungen in seinen Veröffentlichungen.

Abbildung 6: Von Polyporus dryadeus zersetztes Holz (aus: R. HARTIG, 1900)

Bereits 1874 erschien das erste Buch HARTIGS zum Thema: „Wichtige Krankheiten der Waldbäume. Beiträge zur Mycologie und Phytopathologie für Botaniker und Forstmänner.“ Vier Jahre später folgte „Die Zersetzungserscheinungen des Holzes der Nadelholzbäume und der Eiche in forstlicher, botanischer und chemischer Richtung.“ 1882 wurde sein „Lehrbuch der Baumkrankheiten“ veröffentlicht.

HARTIG hatte die besondere Gabe, die von ihm im Lichtmikroskop beobachteten Strukturen auch zeichnerisch darzustellen. So enthalten seine Bücher hervorragende Grafiken vom Aufbau des Holzes, von pilzbefallenem Holz sowie von Pilzfruchtkörpern und Sporen (Abbildung 4 bis 6). Die Bedeutung dieses Wegbereiters zeigt sich auch darin, dass nahezu hundert Jahre nach der Erstveröffentlichung sein Buch „Wichtige Krankheiten der Waldbäume“ übersetzt wurde und 1975 in der Reihe „Phytopathological Classics“ der „American Phytopathological Society“ erschienen ist. Zudem kam von dem „Lehrbuch der Baumkrankheiten“ 2015 ein Reprint heraus, ebenfalls ein Beleg dafür, dass HARTIGS Arbeiten noch immer bedeutsam sind. ROBERT HARTIG ist somit einer der wesentlichen Begründer der wissenschaftlichen Holzkunde sowie der forstlichen Phytopathologie und hat die Basis für unsere heutige Arbeit gelegt.

4 John Muir und die Anfänge des Natur- und Baumschutzes

Während in Europa und den angrenzenden Ländern im Mittelmeerraum bereits seit Jahrhunderten, teilweise seit Jahrtausenden Wälder gerodet wurden, begann in Nordamerika diese Art der Landnutzung erst durch die Siedler ab dem 17. Jahrhundert. Die Ureinwohner lebten anders und hatten keine Bäume für Häuser, Schiffe oder für den Bergbau gefällt. Die Landschaft war quasi noch unberührt und die Neuankömmlinge fanden alte Baumbestände vor.

Mit der Besiedelung setzte sofort die Rodung dieser ursprünglichen Wälder ein, zunächst an der Ostküste und später auch an der Westküste, wo die Holzfäller riesige, mehrere tausend Jahre alte Bäume vorfanden. Es drohten der Verlust einer beeindruckenden Landschaft und zugleich langfristige Probleme mit der Holzversorgung, wie es sie in Europa seit Jahrhunderten gab. So kam es im 19. Jahrhundert zu der Idee, faszinierende Landschaften unter Schutz zu stellen. 1864 entstand auf Betreiben des Naturschützers JOHN MUIR (Abbildung 7) das erste Schutzgebiet im heutigen Yosemite-Nationalpark (Kalifornien), das 1906 in das entstehende Nationalparksystem eingegliedert wurde.

Abbildung 7: JOHN MUIR (aus J. MUIR, 2013: Die Berge Kaliforniens)

Wer war JOHN MUIR? Er wurde 1838 als drittes von acht Kindern in Dunbar, Schottland, geboren. Als er elf Jahre alt war, reiste sein Vater mit ihm und zwei Geschwistern in die USA, um die Auswanderung der Familie vorzubereiten. MUIR wurde streng erzogen und musste bereits als Kind schwere Arbeit auf der Farm leisten. Er besuchte keine Schule, sondern bildete sich autodidaktisch. Er begann, Gerätschaften und Maschinen zu erfinden, verdiente dadurch Geld und konnte so an der Universität in Madison/Wisconsin studieren. Seine Hauptinteressen lagen in der Geologie, Chemie und vor allem in der Botanik. 1863 verließ er die Hochschule ohne Abschluss.

MUIR unternahm viele Reisen innerhalb Nordamerikas, hier u. a. einen 1.000-Meilen-Fußmarsch von Kentucky zum Golf von Mexiko, sowie nach Europa, Asien, Australien und Neuseeland. Er betätigte sich als Naturforscher, Schriftsteller und Erfinder. 1898 erschien sein erstes Buch „The mountains of California“ und es folgten noch viele weitere Veröffentlichungen. Er starb 1914 in Los Angeles/Kalifornien.

MUIR, der Schriftsteller und Naturwissenschaftler, schrieb mit wunderbaren Worten über die Natur, über die „herrlichen Wälder an der feuchten und milden Pazifikküste“, wo die Bäume „dicht beisammen wuchsen wie Gras auf einer Wiese“, wo sie „ihre kühnen Kuppeln und Türme 300 Fuß über den Farnen und Lilien, die den Boden überzogen, in die Höhe streckten und jahrhundertelang heiter aufragten und Gottes himmelsfrische Forstarbeit predigten.“ Und er beschreibt die drohenden Gefahren für die Wälder: „Die Indianer fügten ihnen mit den Steinäxten nicht mehr Schaden zu als nagende Biber oder der Verbiss der Elche. Selbst die Feuer der Indianer und die heftigen Blitzeinschläge schienen gemeinsam nur Gutes zu bewirken, indem sie hier und dort eine Stelle für ebene Präriegärten und eine Lichtung für die lichtsuchenden Sonnenblumen rodeten. Als jedoch die Stahlaxt des weißen Mannes in die erschrockene Luft hinausschallte, war ihr Schicksal besiegelt. Jeder Baum hörte den unheilvollen Klang und Rauchsäulen schickten Zeichen gen Himmel.“

Durch seine Reisen, häufig zu Fuß, per Boot oder auf dem Pferd, lernte er im Westen Nordamerikas viele unberührte Landschaften kennen, Orte, die noch nicht durch menschlichen Einfluss verändert worden waren. Anders als die Menschen in Europa hatten die Indianer keine Wälder gerodet oder Burgen und Schlösser errichtet. Er erlebte das Ursprüngliche dieser Landschaft und zugleich die Bedrohung durch die Siedler. So wurde er im Laufe seines Lebens mehr und mehr zum Naturschützer. In seinen Veröffentlichungen beschreibt er sehr eindringlich die Zerstörung der Natur, speziell der Wälder im Westen der USA: „Bäume vernichten kann jeder Narr. Sie können nicht weglaufen; und selbst, wenn sie es könnten, würden sie vernichtet werden – gejagt und zu Tode gehetzt so lange man Spaß oder einen Dollar aus ihrem Borkenfell, ihren verzweigten Hörnern, ihrem herrlichen Stamm-Rückgrat rausschlagen kann. Nur wenige, die Bäume fällen, pflanzen sie; doch selbst das Anpflanzen würde wenig nützen, um diese noblen Urwälder wiederzuerlangen. Während eines Menschenlebens wachsen nur die Sämlinge anstelle der alten – jahrhundertealten – Bäume heran, die zerstört worden sind.“

Auch wenn JOHN MUIR offenbar auch etwas von einem Einzelgänger oder Asketen hatte (siehe Abbildung 7), war er doch zugleich (wie man heute sagen würde) ein Netzwerker. 1903 lud er den Präsidenten der USA, THEODORE ROOSEVELT, ein, mit ihm die landschaftliche Schönheit und Schutzwürdigkeit bedrohter Regionen zu erläutern. ROOSEVELT hatte bereits Bücher von MUIR gelesen, was offenbar seine Bereitschaft für eine solche Reise erhöht hatte. Zusammen gingen sie auf eine mehrtägige Campingtour und besuchten Yosemite in Kalifornien. Dabei erklärte MUIR die Bedeutung des Natur- und Landschaftsschutzes und dass Yosemite als damaliger „State Park“ nur ungenügend geschützt sei. MUIR war dabei offenbar so überzeugend, dass ROOSEVELT das Tal wieder auf die Bundesregierung übertrug; 1906 wurde es als „Yosemite-Nationalpark“ stark erweitert und unter Schutz gestellt.

Abbildung 8: Durch MUIR wurden viele außergewöhnliche Landschaften geschützt. Die Besucher der Nationalparks (hier in Kalifornien) können noch heute die einmalige Landschaft unverändert erleben.

Diesem Beispiel folgte bald die Ausweisung weiterer Nationalparks in den USA und in anderen Ländern. Inzwischen existieren weltweit mehr als 2.200 Nationalparks. In Deutschland gibt es 16 dieser Schutzgebiete, das älteste ist der „Nationalpark Bayrischer Wald“ aus dem Jahr 1970. Die landschaftliche Vielfalt der Gebiete ist enorm und umfasst fast alle Landschaftstypen. Die Koordination für alle Nationalparks erfolgt durch die IUCN (International Union for Conservation of Nature, www.iucn.org). Die IUCN organisiert alle zehn Jahre einen internationalen Kongress, auf dem Strategien zum Naturschutz in Nationalparks festgelegt werden. Das Engagement eines Einzelnen, dem die Natur am Herzen lag, hat letztendlich zu weltweiten Kooperationen geführt.

Die Definition eines Nationalparks ist nicht in allen Staaten gleich. Doch gibt es eine gemeinsame Idee, die auf den Intentionen MUIRS beruht: die Erhaltung großer, nicht durch menschliche Eingriffe veränderter Naturgebiete für die Nachwelt. Als Nationalpark wird allgemein ein ausgedehntes Schutzgebiet verstanden, das meistens nur der natürlichen Entwicklung unterliegt und durch spezielle Maßnahmen vor nicht gewollten menschlichen Eingriffen und vor Umweltverschmutzung geschützt wird. In der Regel sind dies Gebiete, die ökologisch besonders wertvoll oder von herausragendem landschaftlichem Reiz sind und im Auftrag einer Regierung verwaltet werden. Sie werden oft als Erholungsgebiete und für den sanften Tourismus genutzt (Abbildung 8).

Der besondere Verdienst MUIRS besteht darin, dass durch sein Engagement erstmals die Idee des Naturschutzes in die Politik hineingetragen wurde. Es war eine Initialzündung. Die Einrichtung eines Nationalparks ist eine sehr weitreichende Unterschutzstellung. Der Gedanke wurde anschließend weiter ausgestaltet bzw. modifiziert. Derzeit gibt es viele Arten des Schutzes vom Nationalpark bis hin zur Ausweisung eines einzelnen Baumes als Naturdenkmal, einem der Tätigkeitsfelder von Baumpflegern. Diese Art des Natur- bzw. Baumschutzes sowie seiner Pflege wurde erst in den folgenden Jahrzehnten entwickelt.

Heutzutage fließen Aspekte des Naturschutzes bei vielen Entscheidungen mit ein, von der Land- und Forstwirtschaft bis hin zur Städteplanung und Industrieproduktion. Er ist damit ein selbstverständlicher Teil unseres täglichen Lebens. Grundlage sind europaweite Programme und Regelungen (z. B. Natura 2000 oder die Europäische Wasserrahmenrichtlinie) und in Deutschland das Grundgesetz Art. 20a sowie das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG). Danach ist es das Ziel des Naturschutzes, Natur und Landschaft aufgrund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlage des Menschen zu erhalten. Der Naturschutz ist damit eine öffentliche Aufgabe. Hierzu gehört auch der Baumschutz.

Weiterhin gründete JOHN MUIR mit seinen Mitstreitern 1892 die erste Naturschutzorganisation im modernen Sinne: den Sierra Club. Dieser Club ist noch heute eine der größten und einflussreichsten Umweltorganisationen Nordamerikas (www.sierra-club.com). MUIR war dessen erster Präsident und behielt das Amt bis zu seinem Tod. Inzwischen gibt es viele Umweltverbände, wie BUND, Greenpeace, NABU und WWF. Alle diese national und international arbeitenden Verbände wurden erst Jahrzehnte später gegründet. Auch auf diesem Gebiet war MUIR ein Pionier.

5 Folgerungen

Kein Berufsstand muss in so großen Zeiträumen planen wie Förster, Naturschützer und Baumpfleger. Wer dies nicht leistet, wird scheitern. Die Langlebigkeit der Bäume prägt zwangsläufig auch das Denken. Von dieser Art zu denken können andere Wirtschaftsbereiche und auch die Politik lernen. Das Konzept der Nachhaltigkeit ist ein Beispiel dafür.

Die Ausführungen zeigen zudem, dass Zerstörungen und Krankheiten an Bäumen die Antreiber für Innovationen waren. Die „Baum-Pioniere“ haben Arbeitsgrundlagen geschaffen und waren prägend für nachfolgende Generationen. Durch diese Wegbereiter hat unsere Arbeit mit Bäumen im Wald und in der Baumpflege eine solide Grundlage erhalten. Es war stets das Engagement einzelner, das große Wirkung entfaltete und bis heute prägend ist.

Verwendete und weiterführende Literatur

Hans Carl von Carlowitz

VON CARLOWITZ, H. C., 1713: Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Leipzig, verlegts Johann Friedrich Braun, 414 S.

HABER, W., 2010: Die unbequemen Wahrheiten der Ökologie. Eine Nachhaltigkeitsperspektive für das 21. Jahrhundert. Carl-von-Carlowitz-Reihe Band 1, Oekom, München, 72 S.

HAMBERGER, J. (Hrsg.), 2013: HANS CARL VON CARLOWITZ, Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Oekom, München, 638 S.

THOMASIUS, H.; BENDIX, B. 2013: Sylvicultura oecononomica. Transkription in das Deutsch der Gegenwart. Kessel Verl., Remagen, 368 S.

Robert Hartig

HARTIG, R., 1874: Wichtige Krankheiten der Waldbäume. Beiträge zur Mycologie und Phytopathologie für Botaniker und Forstmänner. Springer Berlin, 127 S.

HARTIG, R., 1875: Die durch Pilze erzeugten Krankheiten der Waldbäume. Für den deutschen Förster. Zweite Auflage. Breslau: Morgenstern.

HARTIG, R., 1878: Die Zersetzungserscheinungen des Holzes der Nadelholzbäume und der Eiche in forstlicher, botanischer und chemischer Richtung. Springer Berlin, 151 S.

HARTIG, R., 1882: Lehrbuch der Baumkrankheiten, Berlin

HARTIG, R., 1885: Der ächte Hausschwamm (Merulius lacrymans Fr.), (Die Zerstörungen des Bauholzes durch Pilze I), Berlin

HARTIG, R., 1891: Lehrbuch der Anatomie und Physiologie der Pflanzen unter besonderer Berücksichtigung der Forstgewächse, Berlin

HARTIG, R., 1898: Die anatomischen Unterscheidungsmerkmale der wichtigeren in Deutschland wachsenden Hölzer, 4. Auflage, München

HARTIG, R., 1900: Lehrbuch der Pflanzenkrankheiten. Für Botaniker, Forstleute, Landwirthe und Gärtner, 3., völlig neu bearbeitete Auflage des Lehrbuches der Baumkrankheiten, Berlin, 324 S.

HARTIG, R., 1975: Important Diseases of Forest Trees. Contributions to Mycology and Phytopathology for Botanists and Foresters. Phytopathological Classics No. 12, English translation by W. MERRILL, D. H. LAMBERT and W. LIESE. Am. Phytopath. Soc., St. Paul, Minnesota/USA, 120 S.

HARTIG, R., 2015: Baumkrankheiten. Reprint. nexx Verlag Villingen-Schwenningen, 224 S.

RUBNER, H., 1994: Hundert bedeutende Forstleute Bayerns. Mitt. Staatsforstverwaltung Bayerns. 47. Heft, 334 S.

John Muir

MUIR, J., 1898: The Mountains of California. The Century, New York, 381 S.

MUIR, J., 1901: Our national parks. Houghton Mifflin, Boston/New York, 370 S.

MUIR, J., 1911: My first summer in the Sierra. Houghton Mifflin, Boston/New York, 355 S.

MUIR, J., 1912: The Yosemite. The Century, New York, 284 S.

MUIR, J., 1916: A thousand-Mile Walk to the Gulf. Houghton Mifflin, Boston/New York, 220 S.

MUIR, J., 1913: The Story of my Boyhood and Youth. Houghton Mifflin, Boston/New York, 294 S.

MUIR, J., 2013: Die Berge Kaliforniens. Übersetzt, kommentiert und mit einem Essay von Jürgen Brocan. Matthes & Seitz, Berlin, 352 S.

MUIR, J., 2017: Bäume vernichten kann jeder Narr. Matthes & Seitz, Berlin, 122 S.

STEINER, D., 2011: Die Universität der Wildnis: John Muir und sein Weg zum Naturschutz in den USA, Oekom, München, 402 S.

WULF, A., 2016: Schutz und Natur. JOHN MUIR und HUMBOLDT. Kapitel in: ALEXANDER VON HUMBOLDT und die Erfindung der Natur. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Bertelsmann, München, 392–415.

Autor


Prof. Dr. Dirk Dujesiefken

Institut für Baumpflege Hamburg

Brookkehre 60

21029 Hamburg

Tel. (040) 7241310

dirk.dujesiefken@institut-fuer-baumpflege.de

Bäume auf Deichen und Dämmen – Von den wasserbaulichen Grundlagen bis zum Stand der Wissenschaft
Trees on Dikes and Dams – From Basics of Hydraulic Engineering to the State of the Art

von Holger Schüttrumpf und Babette Scheres

Zusammenfassung

Die möglichen Ursachen für ein Deich- oder Dammversagen sind vielfältig und unterliegen vielen Einflussfaktoren, z. B. der Deichgeometrie, der Meteorologie, dem Deichbaumaterial und der Vegetation. Bäume stellen hierbei aus Sicht der Deichsicherheit eine potenzielle Gefahrenquelle für Bauwerksschäden oder ein Bauwerksversagen dar. Den ökologischen, kulturellen und ästhetischen Funktionen von Bäumen auf Deichen und Dämmen steht ein erhöhtes Versagensrisiko infolge von Baumumsturz, Oberflächen- oder innerer Erosion und Zerstörung von funktionalen Bauwerkselementen (z. B. Abdichtungen) entgegen. Bei Monitoring-, Unterhaltungs- oder Verteidigungsmaßnahmen können Bäume zu Komplikationen führen. In Ausnahmefällen, z. B. mit bestimmten baulichen Maßnahmen (Deichüberdimensionierung, Baumsicherung o. ä.), können Bäume auf Deichen zugelassen und ihre positiven Auswirkungen genutzt werden.

Summary

Possible causes for failures of dikes or dams are diverse and underlie a range of influence factors, e. g. the dike geometry, meteorology, dike material and vegetation. In this matter, trees represent a potential safety hazard for structural damage or failure as found during past floodings and storm surges. The ecological, cultural and aesthetic functions of trees on dikes or dams are in contrast with the increased risk of structural failure due to tree failure, surface or inner erosion and damage of functional elements (e. g. sealings). During monitoring or maintenance measures or in case of flood fighting operations, trees may act as obstacles and lead to complications. In specific cases, e. g. with special structural measures (dike oversizing, tree securing, etc.), trees can be allowed on dikes and positive effects can be attained.

1 Einleitung

Deiche und Dämme schützen weltweit entlang der Küsten und Flüsse umfangreiche Landflächen vor Überflutungen bei erhöhten Wasserständen. Versagen die Deiche jedoch wie bei Sturmflutkatastrophen (z. B. Holland im Jahr 1953 oder Deutschland im Jahr 1962 bzw. 1976) oder Hochwasserkatastrophen (wie z. B. an der Oder im Juli 1997, der Elbe im Sommer 2002 bzw. im Sommer 2013) so können Menschenleben gefährdet sein. Außerdem können die materiellen Verluste (Eigentum, Ernte, Arbeitsplatz, Schaden für die Volkswirtschaft) sehr hoch sein (z. B. SCHÖNFELD & TORNOW 1976). Daher sind Deiche und Dämme aus Sicht des Hochwasserschutzes so zu bemessen, dass sie auch bei extremen Fluten den hohen Belastungen des Wassers widerstehen können. Infolge natürlicher Gegebenheiten oder von Pflanzungen sind streckenweise Bäume auf Deichen und Dämmen zu finden. Während positive Effekte für Mensch und Umwelt infolge der ökologischen Aufwertung durch hölzerne Strukturen zu verzeichnen sind, dürfen die negativen Auswirkungen auf das Schutzbauwerk Deich nicht unberücksichtigt bleiben (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002).

2 Deiche und Dämme – wasserbauliche Grundlagen
2.1 Begriffsbestimmung

Deiche sind temporär eingestaute Erdbauwerke zum Schutz des Hinterlandes gegen Überflutung. Sie können in drei verschiedene Deichtypen klassifiziert werden:

 Seedeiche: Seedeiche sind, besonders wenn es sich um scharliegende Deiche (ohne Vorland) handelt, bei Sturmflut einer hohen Wellenbelastung ausgesetzt. Die Belastungsdauer ist aufgrund der täglichen Tideschwankungen (Flut und Ebbe) im Vergleich zu den folgenden Deichtypen relativ gering. Daher treten die meisten Deichschäden infolge Wellenbelastung durch Wellendruckschlag und Wellenüberlauf auf.

 Strom- oder Ästuardeiche: Strom- bzw. Ästuardeiche befinden sich entlang der Tideflüsse (in Deutschland Elbe, Weser, Ems und Eider). Bei Sturmflut ist der Wasserstand abhängig vom Oberwasserzufluss und vom seeseitig in die Flussmündung eindringenden Meerwassers. Daher kann der Wasserstand höher als bei Seedeichen sein. Die Wellenbelastung ist aufgrund der meist fehlenden Streichlänge und der Abschirmung von Seegang aus der offenen See geringer. Viele Stromdeiche wurden in der Vergangenheit überströmt (z. B. Hamburg 1962, KOLB 1967). Die Stromdeiche sind sowohl auf eine hohe Belastungsdauer infolge lang anhaltender Wasserstände als auch auf Wellenbelastung auszulegen.

 Flussdeiche: Flussdeiche befinden sich entlang vieler Flüsse und werden auf den zu erwartenden Hochwasserabfluss bemessen. Da die Hochwasserwelle mehrere Tage bis Wochen andauern kann, sind Sickerströmungen bei der Deichbemessung zu beachten.

Im Gegensatz zu Deichen handelt es sich bei Dämmen um dauerhaft eingestaute Erdbauwerke, z. B. Staudämme. Abbildung 1 zeigt schematisch den Aufbau von zwei typischen Seedeichen (Schardeich, Vorlanddeich). Abbildung 2 zeigt Fotos klassischer See- und Flussdeiche (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002).

Abbildung 1: Schematische Darstellung zweier typischer Deichprofile (Quelle: SCHÜTTRUMPF 2002)

Abbildung 2: Typischer Seedeich (links) und Flussdeich (rechts)

Zentrale Aufgabe von Deichen ist die Gewährleistung der Deichsicherheit, die wie folgt definiert ist:

Als Deichsicherheit wird die Eigenschaft eines Deichkörpers mit seinen Sicherungs- und Schutzwerken einschließlich der Deichschutzfunktion des Vorlandes definiert, den angreifenden Kräften aus allen festzulegenden Belastungsgrößen (Seegang, Wasserstände, Schiffswellen etc.) einen ausreichenden Widerstand gegenüberzustellen, und den Deich in seiner festgelegten Konstruktion, in einem gepflegten Unterhaltungszustand und ggf. mit Mitteln der Deichverteidigung zu erhalten.

2.2 Versagensformen

Zur Beschreibung des Versagensprozesses von Deichen und Dämmen werden einige Begriffe verwendet, die im Folgenden kurz definiert werden sollen:

 Infiltration: Eindringen von Wasser aufgrund hoher Wasserstände von der Außenböschung, Deichkrone oder Binnenböschung in den Deichkern entweder durch den Boden oder durch Gänge von Wühltieren.

 Erosion: Abtragung der Erdschichten durch Strömungskräfte infolge von Strömungen, Wellenauflauf oder Wellenüberlauf.

 Ausschläge: Ausschläge entstehen durch Druckschläge infolge an der Deichböschung brechender Wellen an der Außenböschung von Deichen und werden durch die auf- und ablaufenden Wellen weiter vertieft.

 Rutschung: Bei einer Rutschung rutscht die lockere, durchwurzelte Kleidecke auf dem Deichkern bzw. einer kompakten Kleischicht ab. Hierbei handelt es sich um einen Böschungsbruch auf einer geraden Gleitfläche.

 Kappensturz: Ein Kappen- oder Kammsturz bezeichnet das Abrutschen eines Teils der Kappe (oder des Kammes bzw. der Deichkrone) oder der gesamten Kappe auf die binnenseitige Böschung.

Eine detaillierte Analyse von Deichschäden an See-, Strom- und Flussdeichen zeigt (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002), dass für das Eintreten eines Schadensfalls das Zusammentreffen mehrerer ungünstiger Faktoren entscheidend ist. Hauptursachen für eine Schädigung sind eine nicht ausreichende Kronenhöhe, eine unzureichende Pflege der Grasnarbe, Bäume und Installationen im Deich, ungünstige Bodeneigenschaften sowie zu steile Böschungsneigungen.

Ein Schaden an der Deichaußenböschung beginnt durch die Erosion der Grasnarbe infolge auf- und ablaufenden Wassers. Hierdurch werden Bodenpartikel aus der Grasnarbe ausgespült. Bei ansteigendem Wasserstand und anhaltender Wellen- oder Strömungsbelastung kommt es dann zu Ausschlägen. Hierbei wird die Grassode aufgerissen und die Außendichtung zerstört. Der so entstandene Schaden vergrößert sich durch rückschreitende Erosion und es kommt zur Ausbildung von Kliffen, die an der Küste Höhen bis zu 3 m erreichen können (Bsp. s. Abbildung 3) (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002).

Abbildung 3: Versagensformen und ihre Ursachen auf der Außenböschung (Quelle: SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002)

Ein Schaden an der Binnenböschung beginnt überwiegend durch Erosion der Grasnarbe (Abbildung 4a). Der lockere Boden zwischen den Wurzeln wird ausgewaschen (Rasenabschälen). Durch Infiltration löst sich die lockere Pflanzendecke von der Deichkrone ab (Rasenabsetzen, s. Abbildung 4b) und rutscht schließlich als flüssige Masse auf der Binnenböschung ab (En-Bloc-Rutschung, Abbildung 4c). Während die Erosion die Primärbelastung darstellt, die zu einer ersten Beschädigung des Deiches führt, bewirkt die Infiltration als sekundäre Belastung das Teilversagen des Deiches (Abrutschen der Deichbinnenböschung). Damit ist der Deich vorgeschädigt und weiter überlaufende oder überströmende Wassermassen haben die Möglichkeit, den Deich weiter zu zerstören (Abbildung 4).

Hat das Wasser die Möglichkeit, durch Spalten in der Oberflächendichtung bis zum Deichkern vorzudringen, so kann ein Böschungsbruch eintreten, der als Kappensturz bezeichnet wird (Abbildung 4d). Der so geschädigte Deich hat nur noch ein geringes Widerstandsverhalten und wird dann relativ schnell von der Binnenseite zerstört, bis es schließlich zum Gesamtversagen des Bauwerks (Deichbruch) kommt (Abbildung 4e, f).

Abbildung 4a-f: Versagensformen und ihre Ursachen auf der Binnenböschung (Quelle: SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002)

Dieses Schadensmuster kann auf die überwiegende Anzahl der Deichschäden übertragen werden, die seit Beginn des Deichbaus eingetreten sind. Während in früheren Jahrhunderten die vollständige Überströmung des Deiches zum Gesamtversagen führte, sind die meisten Schäden an Seedeichen bei den beiden großen Sturmfluten 1962 und 1976 auf Rutschungen der Binnenböschung infolge Wellenüberlauf zurückzuführen. Schäden an Fluss- und Stromdeichen sind dagegen überwiegend auf Überströmung bzw. lang anhaltende Durchsickerungen zurückzuführen.

Das Versagen eines Deiches kann auch infolge Durchsickerung, Durchströmung bzw. Unterströmung eines Deiches eintreten. Die morphologischen Prozesse entsprechen im Wesentlichen denen, die auch bei Wellenüberlauf bzw. Überströmung auftreten, d. h. die durchweichte Binnenböschung rutscht auf dem Deichkern ab, oder es kommt zum Kappensturz. Das durch den Deich sickernde Wasser kann großflächig oder lokal aus dem Deich austreten und weicht so die Binnenböschung vom Deichfuß her auf. Derartige Wasseraustrittsstellen werden auch als Hangquelle und das austretende Wasser als Qualmwasser bezeichnet (DVWK 1986). Die durch das austretende Wasser durchweichte Binnenböschung verliert schließlich ihre Standsicherheit und rutscht ab (En-bloc-Rutschung oder Kappensturz).

Neben dem großflächigen Verlust der Standsicherheit kann auch die Umlagerung der Bodenteilchen durch Suffusion (Auswaschen feiner Bodenteilchen aus dem Gefüge) oder Kontakterosion (Auswaschung von Bodenteilchen einer feinkörnigen Bodenschicht durch eine grobkörnige Bodenschicht) stattfinden. Wurden auf diese Weise Bodenteilchen ausgespült, so kann es zur rückschreitenden Erosion kommen. Hierdurch kann eine Erosionsröhre entstehen, durch die das Wasser von der Wasserseite zur Landseite strömt. Die Wandungen der Erosionsröhre werden weiter erodiert, bis es schließlich zum Deichbruch kommt. Rückschreitende Erosion kann aber auch an durchströmten Wühlgängen oder abgestorbenen Baumwurzeln beginnen.

Auch bei Schäden infolge Durchsickerung des Deiches ist der Bodenaufbau entscheidend. Ein sandiger Deich bzw. ein sandiger oder torfhaltiger Untergrund begünstigt die Durchsickerung und damit die Gefahr eines Deichbruchs. Ansatzpunkte für Schwachstellen im Deichuntergrund können aber auch Wehlen früherer Deichbrüche und sogar Bombeneinschläge sein.

Neben der Unterscheidung der Versagensprozesse ist auch eine Unterscheidung nach der physikalischen Ursache sinnvoll (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002):

 Erosion infolge Auf- und Ablaufgeschwindigkeiten auf der Deichaußenböschung

 Ausschläge infolge Druckschlagwirkung brechender Wellen

 Ausschläge infolge dynamischen Auftriebs (eher Deckwerke)

 Erosion infolge Überströmung oder überlaufender Wellen

 Infiltration von Wasser durch Deichaußenböschung, Deichkrone und Deichbinnenböschung

 Durchsickerung und Durchströmung des Deiches

 Eisbelastung

2.3 Einflussfaktoren auf Deichschäden

Deich- oder Dammschäden sind selten das Ergebnis einer einzelnen Schadensursache. Meistens führt erst die Überlagerung mehrerer ungünstiger Faktoren zu einem Schaden und damit zu einem möglichen Gesamtversagen des Bauwerks. Die Faktoren, die bei einem ungünstigen Aufeinandertreffen einen Schaden begünstigen können, sind in der Regel folgender Natur (Abbildung 5).

Meteorologie: Deichschäden entstehen meistens als Folge von Sturmfluten oder Hochwasserereignissen und der damit verbundenen Anhebung des Wasserstandes und der Dauer und Intensität der Wellen- bzw. Strömungsbelastung. Weiterhin führen starke Regenfälle zu einer zusätzlichen Durchweichung des Bodens. Bei sehr steilen Deichböschungen ist bereits ein starker Regenguss ausreichend, um die Binnenböschung ins Gleiten zu bringen. Eine lange Trockenzeit dagegen führt zu Spaltrissen im Deichboden, wodurch das Wasser leichter in den Deichboden eindringen kann. Auch eine lange Frostperiode greift die schützende Kleidecke an und macht diese rissig. Durch Risse in der Kleidecke wird die Infiltration begünstigt und Gleitfugen können wirksam werden (Schmierschicht!) (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002).

Deichgeometrie: Grundvoraussetzung für eine Beschädigung der Binnenböschung durch überlaufende Wellen ist eine nicht ausreichende Freibordhöhe und zu steile Böschungsneigungen, sodass das Wasser nicht schadlos abgeführt werden kann. Auch für die Außenböschung ist die Wahl der richtigen Neigung entscheidend für die Vermeidung von Ausschlägen. Generell wird die Verwendung flacher Böschungsneigungen (Seedeiche 1:n = 1:6, Flussdeiche 1:n = 1:3) empfohlen. Für die Neigung der Binnenböschung wird die Verwendung von 1:3 geneigten Böschungen empfohlen. Auch die Topographie des Deichvorlands (Schardeich, Vorlanddeich) hat indirekt über die Entwicklung des Seegangs einen Einfluss auf die Deichbelastung.

Deichboden: Für die Entwicklung eines Deichschadens ist die Beschaffenheit des Deichbodens verantwortlich. Trockenrisse infolge ungenügender Befestigung oder ein zu hoher Sandgehalt können zu einer starken Infiltration von Wasser führen. Auch nachträglich auf den Deich aufgebrachte Kleischichten rutschen bei extremer Belastung vom Deichkern ab, da in Spaltrisse eindringendes Wasser eine Schmierfläche zwischen Deichkern und neuer Kleischicht entstehen lässt.

Abbildung 5: Einflussfaktoren auf Deichschäden (Quelle: SCHÜTTRUMPF 2002)

Vegetation: Der Zustand der Grasdecke, insbesondere der Wurzelbeschaffenheit, beeinflusst das Widerstandsverhalten des Deiches maßgeblich und bildet häufig einen ersten Ansatzpunkt für einen Deichschaden. Wühltiere (Maulwürfe, Feldmäuse, Bisamratten, Kaninchen und Füchse) im Deich fressen an den Wurzeln und ermöglichen mit ihren Gängen ein Eindringen des Wassers und somit eine Durchweichung des Bodens. Ein weiterer Ansatzpunkt für Deichschäden sind Bäume im Deich, in deren Schatten weniger Gras wächst und die außerdem vom Wind gerüttelt werden, sodass der Boden gelockert wird. Vermodernde Wurzeln begünstigen ebenfalls die Infiltration von Wasser in den Deichkörper. Die Beweidung der Deiche durch Kühe, Schafe, Pferde oder Gänse führt zu Trittschäden an der Grassode und bei steilen Böschungen zu einer Umlagerung des Deichprofils. Auch die Pflanzenbeschaffenheit selber beeinflusst den Erosionswiderstand einer Böschungsoberfläche. Ein hoher Anteil an dikotylen Pflanzen (z. B. Distel, Wiesenkerbel, Pestwurz) schwächt infolge der großen Blätter die Wurzeldichte der Pflanzendecke.

Installationen: Dränrohre, Wasserleitungen, Kabel, Weidezäune, Masten, Treppen, Häuser im Deich, Bänke und Überfahrten bilden Ansatzpunkte für eine Erosion der Deichoberfläche, da es hier zu örtlich erhöhten Strömungsgeschwindigkeiten des überlaufenden Wassers kommt und die Pflanzendecke im Bereich dieser Objekte häufig geschwächt ist.

Unterhaltung: Fahrspuren und Trampelpfade sind die Hauptursache von Schäden an der Deichkrone. Auch eine mangelhafte Pflege der Grasdecke wie z. B. eine nicht geräumte Treibseldecke, die Schädlingen (Wühltieren) Unterschlupf bietet und die Unkrautbildung begünstigt, schwächt die Deichoberfläche. Selbst am Deich spielende Kinder können mit ihren Bauten den Deich beschädigen und schaffen damit Ansatzpunkte für größere Deichschäden.

Treibgut: Treibgut hat für die Belastung der Außenböschung eine hohe Bedeutung. Gegenstände werden bei schwerem Sturm losgerissen und treiben unkontrolliert im Wasser. Hierbei kann es sich z. B. um Treibholz, Bäume, Container, Fischerboote, Sportboote etc. handeln. Diese Objekte schädigen die Grasnarbe bzw. die Kleidecke und begünstigen somit die Wirkung der Wellen bzw. des Wasserstandes (Infiltration von der Außenböschung) (SCHÜTTRUMPF & OUMERACI 2002).

3 Im Detail: Bäume auf Deichen und Dämmen
3.1 Deichschäden infolge hölzerner Vegetation auf Deichen und Dämmen

Immer wieder werden Bäume als negativer Einflussfaktor bei Hochwasser oder Sturmflut und damit als Mitauslöser für Deichschäden identifiziert (Abbildung 6). Dokumentationen, z. B. der Schäden an Deichen während der Sturmflut vom 16./17. Februar 1962, zeigen Bäume als Gefährdung der Binnenböschung, da durch windinduzierte Bewegungen von Bäumen Bodenauflockerungen verursacht werden können und im Falle eines Baumversagens Löcher in der Deichoberfläche entstehen können (MELF 1962). Auf der Außenböschung wirken Bäume als Angriffspunkt für Erosion bei starker Strömung oder Wellenangriff (TRAEGER 1962). Weiterhin wurden Verschlechterungen der Grasnarbe infolge des Schattenwurfs der Bäume festgestellt (TRAEGER 1962). Diese Erfahrungen und Lehren aus vergangenen Hochwasserereignissen und Sturmfluten haben zu der heutigen Praxis geführt, Bäume und Sträucher auf Deichen weitgehend zu vermeiden, da sie eine Gefährdung der Sicherheit des Schutzbauwerks Deich darstellen.

Auch in jüngeren Jahren wurde von Deichschäden infolge von Baumsturz berichtet. Während des Sturmtiefs „Ela“ im Jahr 2014 stellten Bäume eine Gefahr für den Hochwasserschutz dar, da sie einen Angriffspunkt für Wind und Wasser bildeten. Konnten die Wurzeln keinen ausreichenden Halt gegen die angreifenden Kräfte bieten, so wurden die Bäume umgerissen und ließen große Löcher in der Deichoberfläche zurück.

Abbildung 6: Deichschaden infolge von Bäumen an einem Deich in Vietnam: Erhöhte Erosionserscheinungen im Bereich der Bäume mit Wurzelfreilegungen nach Überströmung

3.2 Bäume auf Deichen – Ja oder Nein?

Hölzerne Vegetation auf Deichen oder Dämmen ist nach wie vor ein umstrittenes Thema. Im Allgemeinen haben sich dichte Grasnarben zum Schutz der Oberfläche von Deichen und Dämmen bei milden bis mittleren Belastungen bewährt (EAK 2002). Durch natürliche Entwicklung oder menschliche Einflüsse können jedoch gelegentlich auch hölzerne Vegetationen in Form von waldähnlichen Beständen, Baumreihen oder einzelnen Bäumen auf Deichen und Dämmen auftreten (HASELSTEINER 2010b). Während hölzerne Vegetation ökologische Funktionen, z. B. Bereitstellung von Lebensräumen und Wasser-, Luft- und Temperaturverbesserungen sowie kulturelle, der Erholung dienende und ästhetische Funktionen bietet (KISSE & ELLEBRACHT 2015; ZANETTI et al. 2016), werden die Effekte auf die Deichsicherheit kontrovers diskutiert.

Gräser bewirken eine vergleichsweise flache Verwurzelung des Bodens, während Bäume und Sträucher ein tiefer reichendes Wurzelwerk aufweisen (GRAY 1995). Somit unterscheidet sich auch die Wirkung auf das Schutzbauwerk Deich. Durch die tieferen und stärkeren Wurzeln von Bäumen wird eine erhöhte (globale) Standfestigkeit erzeugt, während Gräser und Kräuter durch eine dichte Bodendeckung den Widerstand gegen Oberflächenerosion erhöhen (GRAY 1995; PFLUG & STÄHR 1999; LAMMERANNER & HASELSTEINER 2010). Weiterhin werden Bäumen positive Effekte auf die Bodenfeuchte infolge von Interzeption, Wasseraufnahme und Transpiration (GRAY 1995; SEETHALER 1999; ZANETTI et al. 2016) und die Wirkung als Wellenbrecher oder Strömungsberuhiger und Schutz gegen Eisgang (SEETHALER 1999; HASELSTEINER 2010b; LAMMERANNER & HASELSTEINER 2010) zugesprochen. Vereinzelt wird ein reduzierter Unterhaltungsaufwand in Verbindung mit Bäumen auf Deichen oder Dämmen genannt (PFLUG & STÄHR 1999; LAMMERANNER & HASELSTEINER 2010).

Positiven Effekten des Wurzelwerks auf die Standfestigkeit des Bauwerks stehen ein erhöhtes Risiko von baumbedingten Deich- oder Dammschäden, z. B. bei einem Baumversagen, oder Schäden der Abdichtung entgegen. Zudem gelten Bäume als Angriffspunkt für Oberflächenerosion durch Strömungskonzentrationen und Turbulenzen. Innere Erosion kann infolge der Hohlraumbildung bei Wurzelsterben begünstigt werden (SEETHALER 1999; DWA-M 507–1; CIRIA 2013; ZANETTI et al. 2016). Weiterhin können zusätzliche Kräfte (z. B. Windkräfte) in die Böschung übertragen, die Entwicklung einer dichten, erosionsresistenten Grasdecke durch Beschattung erschwert und das Risiko, Wühltiere anzulocken, erhöht werden (DWA-M 507—1; CIRIA 2013). Bei Monitoring- und Unterhaltungsmaßnahmen sowie insbesondere bei Deichverteidigungsmaßnahmen im Hochwasserfall können Bäume als Störelemente zu Komplikationen führen (GRAY 1995; DWA-M 507–1; CIRIA 2013).

Während gängige Empfehlungen und Regelwerke für Planung, Bau und Unterhaltung von Dämmen und Deichen das Vorhandensein von Bäumen grundsätzlich untersagen (DIN 19712/1997; USACE 2014), können Ausnahmen möglich sein, sofern die Bauwerkssicherheit und Funktionalität nicht eingeschränkt sind oder erhöhte Risiken akzeptabel sind (HASELSTEINER 2010a). Verstärkungs- oder Ausgleichsmaßnahmen, z. B. in Form von Deichüberdimensionierungen oder Baumsicherungen, können dabei Optionen zur Gewährleistung der Deichsicherheit darstellen und den Erhalt von Bäumen auf Deichen ermöglichen. Ausführliche Beschreibungen und Darstellungen von statisch wirksamen Dichtungen zur Gewährleistung der weiteren Hochwasserschutzfunktion im Falle von Windwurf oder Deichschäden und Möglichkeiten zur Sicherung von Einzelbäumen auf Deichen sowie erforderlicher Unterhaltungsmaßnahmen können beispielsweise HASELSTEINER & STROBL (2006) entnommen werden. Hierbei ist zu beachten, dass die Sicherung und Ertüchtigung von Deichen mit Bäumen i. d. R. mit einem erheblichen finanziellen Mehraufwand verbunden ist (HASELSTEINER & STROBL 2006). Für weitere Praxisbeispiele wird zudem auf DUJESIEFKEN & HAGEN (2019) und HASELSTEINER (2019) verwiesen.

Aktuell befindet sich das Regelwerk zu landschaftsökologischen Aspekten für Deiche an Fließgewässern in der Bearbeitung, in dem auch eine Thematisierung von Bäumen auf Flussdeichen zu erwarten ist (DWA-M 507–2).

Literatur

CIRIA, 2013: The International Levee Handbook. London: CIRIA (CIRIA, C731).

DIN 19712/1997, 1997: Flussdeiche.

DUJESIEFKEN, K.; HAGEN, F. C., 2019: Erhalt von Altbäumen auf Dämmen – Konflikte – Lösungen – Umsetzung am Beispiel der Stör-Wasserstraße. In: DUJESIEFKEN, D. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2019. Haymarket Media, Braunschweig,52–66.

DVWK, 1986: Merkblätter zur Wasserwirtschaft. Flußdeiche. Nr. 210. Verlag Paul Parey.

DWA-M 507–1, 2011–12: Deiche an Fließgewässern Teil 1: Planung, Bau und Betrieb.

DWA-M 507–2, in Bearbeitung: Deiche an Fließgewässern Teil 2: Landschaftsökologische Aspekte bei Flussdeichen.

EAK, 2002: Empfehlungen für Küstenschutzwerke. Korrigierte Ausgabe 2002. In: Kuratorium für Forschung im Küsteningenieurwesen (KFKI) (Hrsg.): Die Küste, Bd. 65. Karlsruhe: Bundesanstalt für Wasserbau (BAW).

GRAY, D. H., 1995: Influence of Vegetation on the Stability of Slopes. In: BARKER, D. H. (Hrsg.): Vegetation and Slopes. Stabilisation, Protection, and Ecology. Proceedings of the International Conference held at the University Museum, Oxford, 29–30 September 1994. London, New York, NY: T. Telford; American Society of Civil Engineers [distributor], 2–25.

HASELSTEINER, R., 2010a: Woody Vegetation on Small Embankments. In: Proceedings of the 8th ICOLD European Club Symposium: dam safety – sustainability in a changing environment. Innsbruck, Austria, 22.-23.09.2010.

HASELSTEINER, R., 2019: Bäume an und auf Hochwasserschutzanlagen – Praxisbeispiele und Hinweise. In: DUJESIEFKEN, D. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2019. Haymarket Media, Braunschweig, 41–52.

HASELSTEINER, R.; STROBL, T., 2006: Deichertüchtigung unter besonderer Berücksichtigung von Gehölzen. In: HERMANN, J.; JENSEN, J. (Hrsg.): Sicherung von Dämmen, Deichen und Staunanlagen: Handbuch für Theorie und Praxis, Bd. 2. Siegen: Siegen – universi, 325–353.

HASELSTEINER, R., 2010b: Der Bewuchs an und auf Hochwasserschutzdeichen an Fließgewässern aus technischer und naturschutzfachlicher Sicht. In: Wasserbauliche Mitteilungen, Bd. 40. Dresdner Wasserbaukolloquium. Dresden, 373–382.

KISSE, A.; ELLEBRACHT, M., 2015: Bäume auf Deichen – Hochwasserschutz kontra ökologische Landschaftsplanung? In: HERRMANN, R. A.; JENSEN, J. (Hrsg.): Sicherung von Dämmen, Deichen und Stauanlagen. Siegener Symposium zur „Sicherung von Dämmen und Deichen“. Siegen, 189–201.

KOLB, A., 1962: Morphologie der Deich- und Flurbeschädigungen zwischen Moorburg und Cranz. Gemeinschaftsarbeit des Inst. Für Geographie und Wirtschaftsgeographie der Universität Hamburg. Selbstverlag. Hamburger Geographische Studien. H. 16.

LAMMERANNER, W.; HASELSTEINER, R., 2010: Ingenieurbiologische Bauweisen an Hochwasserschutzdeichen. In: Wasserbauliche Mitteilungen, Bd. 40. Dresdner Wasserbaukolloquium. Dresden.

MELF, 1962: Die Sturmflut vom 16./17.2.1962 im niedersächsischen Küstengebiet. Die Küste. H. 1, 17–54.

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SCHÖNFELD, G.; TORNOW, H., 1976: Angst hinterm Deich. Sturmfluten 1962–1976. Zeitungsverlag Krause KG. Stade/Buxtehude.

SCHÜTTRUMPF, H., 2002: Wellenüberlaufströmung bei Seedeichen – Experimentelle und theoretische Untersuchungen. Mitteilungen des Leichtweiss-Instituts für Wasserbau. H. 149.

SCHÜTTRUMPF, H.; OUMERACI, H., 2002: Deichschäden. Mitteilungen des Leichtweiss-Instituts für Wasserbau. H. 149.

SEETHALER, L., 1999: Wurzelausbreitung von Gehölzen auf Flußdeichen. In: PFLUG, W.; HACKER, E. (Hrsg.): Ingenieurbiologie – Flußdeiche und Flußdämme, Bewuchs und Standsicherheit. Aachen: Gesellschaft für Ingenieurbiologie (Jahrbuch der Gesellschaft für Ingenieurbiologie, 4), 215–232.

TRAEGER, G., 1962: Die Sturmflut vom 16./17.2.1962 im Lande Bremen. Die Küste. H. 1. 93–112.

USACE, 2014: Guidelines for Landscape Planting and Vegetation Management at Levees, Floodwalls, Embankment Dams, and Appurtenant Structures. Technical Letter No. ETL 1120–2-583. US Army Corps of Engineers.

ZANETTI, C.; MACIA, J.; LIENCY, N.; VENNETIER, M.; MÉRIAUX, P.; PROVANSAL, M.; LANG, M.; KLIJN, F.; SAMUELS, P., 2016: Roles of the Riparian Vegetation. The Antagonism between Flooding Risk and the Protection of Environments. In: E3S Web Conference 7 (6), S. 13015. DOI: 10.1051/e3sconf/20160713015.

Autoren

Prof. Holger Schüttrumpf leitet das Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen und arbeitet seit mehr als 25 Jahren auf dem Gebiet der Deichsicherheit von Fluss- und Seedeichen.

Babette Scheres erarbeitet im Rahmen des BMBF-Eco-Dike-Projekts (BMBF 03F0757 A) Möglichkeiten zur ökologischen Aufwertung von Seedeichen unter Berücksichtigung der Deichsicherheit.


Univ.-Prof. Dr.-Ing. Holger Schüttrumpf

Mies-van-der-Rohe-Straße 17

52074 Aachen

Tel. (0241) 80 25262

schuettrumpf@iww.rwth-aachen.de


Babette Scheres, M.Sc. RWTH

Mies-van-der-Rohe-Straße 17

52074 Aachen

Tel.: (0241) 80 25923

scheres@iww.rwth-aachen.de

Bäume an und auf Hochwasserschutzanlagen – Hinweise und Beispiele aus der Praxis
Trees on and near of Flood Protection Structures – Remarks and Case Studies

von Ronald Haselsteiner

Zusammenfassung

Hochwasserschutzanlagen sind technische Bauwerke, welche das Rückgrat von Hochwasserschutzkonzepten und -maßnahmen der Länder bilden. Weiter sind sie auch Bestandteil von Natur und Landschaft sowie Objekte von unterschiedlichen, zum Teil konkurrierenden Interessen, welche nicht immer mit den Zielen des technischen Hochwasserschutzes übereinzubringen sind. Hier sind interdisziplinäre Kompromisslösungen erforderlich, um für alle Beteiligten und Betroffenen den größtmöglichen Nutzen zu erreichen, wobei das Primat des Hochwasserschutzes von allen Parteien akzeptiert werden muss. Der Beitrag zeigt zum einen die technischen Anforderungen und planerischen Aspekte beim Thema Bäume an und auf Hochwasserschutzanlagen und zum anderen praktische Beispiele, Lösungen und eine konzeptionelle Herangehensweise auf.

Summary

Flood protection structures are technical assets, which form the backbone of flood protection concept and measures of the federal states. Further, they are part of nature and landscape and object to different, partly competing interests, which cannot always correspond to the aims of technical flood protection works. Therefore, interdisciplinary compromise solutions are required in order to achieve the best benefit for all involved parties. In this context all parties have to accept the primacy of flood protection. The presented contribution shows the technical requirements and planning aspects concerning the topic trees on and at flood protection structures on the one hand, and case studies, solutions and a conceptional approach on the other hand.

1 Einleitung

Die Hochwasserereignisse der letzten Jahrzehnte haben auf eine schmerzhafte Weise dargelegt, wie verletzlich ein so hoch entwickeltes Land wie Deutschland sein kann. Zwischen den schadensträchtigen Hochwassern Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1940er und 1950er Jahren lagen Jahrzehnte, in denen wirklich einprägende Hochwasserereignisse ausblieben.

Dies änderten Hochwasser in den 1980er und 1990er Jahren an der Donau und am Rhein und u. a. in den Jahren 2002 und 2013 an Elbe, Donau und deren Zuflüssen. Die an den Gewässern ermittelten Hochwasserjährlichkeiten der letztgenannten Ereignisse übertrafen lokal 100 Jahre, wie in es Passau im Jahr 2013 der Fall war, als man im Nachgang eine Jährlichkeit von 500 Jahren ermittelt hat. Die aktuelle Entwicklung des Weltklimas zeugt von einem Wandel, welcher die zukünftige Hochwassergefahr noch auf eine nicht vorhersagbare Weise intensivieren wird.

Besonders bei Deichbrüchen und schadensträchtigen Überflutungen, wo im näheren Umfeld des Versagens der Hochwasserschutzanlagen Bäume stehen und standen, keimt die Diskussion über die Zulässigkeit von Bäumen an und auf Hochwasserschutzanlagen nach jedem Hochwasser erneut auf. Die folgenden Ausführungen sollen dazu beitragen, diese Diskussionen auf ein profundes, fachliches Fundament zu setzen.

2 Fachliche, rechtliche und planerische Grundlagen

Bei der konkreten Planung und Umsetzung von Hochwasserschutzprojekten werden Bäume an und auf Hochwasserschutz (HWS)-Anlagen nicht selten kontrovers diskutiert. Der ökologische Wert von Habitatbäumen und die schützende Wirkung von Bäumen/ Gehölzen, z. B. gegen Eisversatz, sind unbestritten, jedoch gehen vom Wurzelwerk, welches z. B. in den Deichkörper oder in dessen Dichtung hineinreicht, Gefahren aus, welche in der technischen Planung nicht selten dazu führen, dass eine Rodung und Entfernung der Bäume und des Wurzelwerks mit anschließendem Ersatzneubau des Deiches vorgeschlagen werden.

Hochwasserschutzanlagen an Fließgewässern sind technische Bauwerke, die das Hinterland vor einem festgelegten Bemessungshochwasser schützen. Um sicherzustellen, dass die Hochwasserschutzanlagen diese Aufgabe sicher und dauerhaft erfüllen können, gibt es Normen und Regelwerke (DIN 19712; DWA-M 507–1; DWA 2005, etc.). Internationale Regelwerke sind zwar in Deutschland rechtlich nicht bindend, beinhalten jedoch wertvolle Erfahrungen und hilfreiche Hinweise (CIRIA 2013; USACE 2014). Eine ähnliche thematische Ausrichtung haben weitere Normen und Regelwerke, welche Stauanlagen oder Stauhaltungsdämme behandeln, wie z. B. BAW MSD (2011), die Normenreihe DIN 19700 (2004) für Stauanlagen und z. B. DWA-M 522 (2015).

Bei HWS-Anlagen werden erdbauliche Deiche und Dämme und wand- bzw. mauerartige Bauwerke unterschieden, welche aus natürlichen oder künstlichen Baustoffen sowie aus Beton, Stahl, Kunststoff oder aus einer Kombination aus den genannten Baumaterialien bestehen. Hochwasserbeeinflusste Erdbauwerke werden i. d. R. als Deich bezeichnet, wobei in Baden-Württemberg auch von einem Damm bzw. Hochwasserdamm gesprochen werden kann. Der Unterschied zu den Talsperren, Hochwasserrückhaltebecken sowie Stauhaltungsdämmen ist in DIN 19700 beschrieben. Grundsätzlich sind Deiche erdbauliche Hochwasserschutzanlagen entlang von Fließgewässern, die einen temporären Einstau erfahren, eine lange Ausdehnung aufweisen und i. d. R. von geringer Höhe sind (vgl. DWA-M 507/1). In den Bergsenkungsgebieten am Niederrhein können die Deiche jedoch auch Höhen von mehr als 15 m annehmen. Die Anlagen nach DIN 19700 sind Stauanlagen, die im Haupt- oder Nebenschluss einen Aufstau bzw. eine Rückhaltung erzeugen. Hiervon sind u. a. auch die Stauanlagen an Bundeswasserstraßen, wie z. B. die Kanaldämme, zu unterscheiden, für die die Bundesanstalt für Wasserbau aufgrund der spezifischen Randbedingungen und Belastungen ein eigenes Regelwerk erstellt hat, zu dem u. a. MSD BAW (2011) zählt.

In DIN 19712 (2013) wird zwar der Grundsatz der Gehölzfreiheit auf Deichen formuliert, jedoch auch der Ausnahmefall eingeführt und hierfür Anforderungen formuliert. „Gehölze (Bäume, Sträucher und Hecken) auf Deichen beeinträchtigen die Standsicherheit sowie die Unterhaltung und sind deshalb unzulässig. Bäume müssen einen Mindestabstand von 10 m (Pappeln 30 m) vom Deichfuß aufweisen (DVWK 226). … Werden Gehölze auf Deichen im Sinne einer Fremdnutzung im Ausnahmefall gefordert, ist dies allenfalls unter folgenden Maßgaben zulässig“.

Maßnahmen, welche Bestandsbäume schädigen, widersprechen grundsätzlich dem Gebot des Baumschutzes, welches in kommunalen oder städtischen Satzungen niedergeschrieben ist (vgl. DIN 18920). Bis dato wird jedoch der Schutz von Leben und Gütern vor Hochwasser als wichtiger eingeschätzt bzw. beurteilt, sodass i. d. R. die HWS-Anlage vor dem Baum bzw. dessen Auswirkungen geschützt wird, um den Hochwasserschutz sicherzustellen, und nicht anders herum.

Dass in DIN 19712 neben den Deichen auch HWS-Anlagen und mobile Systeme behandelt werden, zeigt die Intention, eine einzige Norm für alle Formen von HWS-Anlagen bereitzustellen. Eine explizite Regelung zu Bäumen für HWS-Wände und mobile Systeme ist in der Norm aber nicht zu finden. Jedoch findet sich der Hinweis zur analogen Betrachtung wie bei Deichen. In DIN 19712 ist diesbezüglich unter Abschnitt 15.3 „Unterhaltung von Hochwasserschutzwänden und mobilen Hochwasserschutzsystemen“ Folgendes zu finden:

„Analog zu Deichen sind auch diese Hochwasserschutzanlagen zu pflegen und eventuell eingetretene Beschädigungen unverzüglich zu beheben, um die Funktionssicherheit der Anlagen jederzeit sicherzustellen.“

Ob gewollt oder nur geduldet, an zahlreichen HWS-Anlagen in Deutschland sind Bäume vorhanden, über deren Zulässigkeit und Auswirkungen auf die Standsicherheit bzw. Tragsicherheit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit besonders im Rahmen von erforderlichen Ertüchtigungsmaßnahmen, jedoch auch bei der Erstellung der sogenannten Statusberichte oder Anlagenbücher für HWS-Anlagen nach DIN 19712 zum Teil kontrovers diskutiert wird.

Abbildung 1: Beispiele von großen Bäumen an HWS-Anlagen am Rhein und am Neckar

In Abbildung 1 sind ausgewählte Beispiele dargestellt, welche durchweg sehr große Bäume an und auf HWS-Anlagen zeigen. Bei diesen Beispielen treffen die Ansichten und Meinungen von für die Sicherheit zuständigen Ingenieuren mit Aspekten des Umwelt- und Naturschutzes sowie des Städte- und Landschaftsbildes und der Naherholung aufeinander. In der Praxis stellen Kompromisslösungen zugunsten des Erhalts von Gehölzen einen Ausnahmefall dar, da damit i. d. R. auch erhebliche Mehrkosten verbunden sind. Der Ausnahmefall wird jedoch auch in den Regelwerken sowie in vorliegender Arbeit näher beleuchtet (HASELSTEINER & STROBL 2006; HASELSTEINER 2007a, etc.).

Bei Deichen und Dämmen können Bäume direkt auf dem Bauwerk vorkommen und wachsen, wobei das Bauwerk selbst das Tragwerk darstellt. Bei Mauern ist dies etwas anders. Hier müssen Bäume nahe an der Wand nicht unbedingt in das Tragwerk hineinreichen, es sei denn, der Baum befindet sich im Bereich einer Vorschüttung oder einer Hinterfüllung, welche zum Tragwerk gezählt wird. Bei erdbaulichen Bauwerken verankert sich der Baum mit den Wurzeln im Tragwerk und ändert somit das Tragverhalten. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass in den Regelwerken i. A. gefordert wird, dass ein statischer Mindestquerschnitt frei von Gehölzwurzeln bleiben muss, so dass es im Einzelfall möglich ist, durch die Ausbildung von z. B. Überprofilen, wie diese folgend noch beschrieben werden, auch Bäume auf Erddeichen zuzulassen.

3 Vorkommen von Bäumen an und auf HWS-Anlagen und deren Wirkung

Hochwasserschutzanlagen wurden vor einigen Jahrzehnten gezielt mit Alleen oder Baumreihen bepflanzt, um vor allem die Einbindung in die Landschaft zu gewährleisten. Zudem wurde in der Vergangenheit oft angenommen, dass Bäume und deren Wurzeln auch bei Deichen und Dämmen der Standsicherheit zuträglich sind, wie dies bei Ufergehölzen der Fall ist. In PATT & GONSOWSKI (2010) heißt es z. B.: „Ufergehölze erhöhen die Stabilität, beeinflussen jedoch auch die Abflussleistung. Auf Dämmen und Deichen ist zudem Vorsicht bei der Anpflanzung von Bäumen und Sträuchern geboten, da Wurzelwerk ggf. die Sickerwassermengen erhöht, was u. U. zu Stabilitätsproblemen führen kann.“

Durch natürliche Sukzession können sich über Jahrzehnte waldartige oder waldähnliche Baumbestände entwickeln, ohne dass diese als Wald ausgewiesen sind. Diese können in der Praxis zugleich häufig Schutzgebiete/Biotope für Flora und gleichzeitig Habitate für bedrohte Tierarten, wie z. B. spezielle Fledermausarten, darstellen. Höhlenbäume sind durch das BNatSchG besonders geschützt und bei möglichen Eingriffen muss geprüft werden, ob im Falle einer erforderlichen Freistellung die Verbotstatbestände des § 44 Abs. 1 BNatSchG erfüllt werden, was i. d. R. in der speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (saP) erfolgt. Die Fällung hat i. d. R. außerhalb der Vegetations- und Brutperioden im Winter zu erfolgen (01. Oktober bis 28./29. Februar).

Falls waldartige oder waldähnliche Bestände an und auf HWS-Anlagen vorhanden sind, ist dies i. d. R. auf eine nicht erfolgte oder nicht sachgerecht durchgeführte Unterhaltung zurückzuführen (Abbildung 2). In DIN 19712 ist hier folgender Grundsatz zu finden: „Hochwasserschutzanlagen sind so zu unterhalten und zu betreiben, dass ihre Sicherheit ständig gegeben ist. Die konkrete Durchführung von Unterhaltung und Betrieb wird durch die Art der Hochwasserschutzanlage (Deich, Wand, mobiles System) bestimmt.“ Hierbei sind aufgrund der erhöhten Vulnerabilität erdbauliche Deiche und Dämme intensiver zu unterhalten als dies für massive Hochwasserschutzmauern der Fall ist. Bei mobilen Systemen muss sichergestellt werden, dass sich der Aufbau und der Einsatz der Systeme jederzeit durchführen lassen, was ebenfalls zu einer strikten Regelung bzgl. Bäume führt (BWK 2005).

Grundsätzlich zu unterscheiden ist bei Vorkommen von Gehölzen, ob sich die HWS-Anlage und der Baum im städtischen bzw. bebauten Bereich oder im ländlichen Raum befinden. Es kann von erheblicher Bedeutung sein, ob man sich nach Baugesetzbuch § 34 im Innenbereich oder Außenbereich befindet. Im Außenbereich sind technische Maßnahmen im Einzelfall i. d. R. einfacher umzusetzen, da im Außenbereich weniger Restriktionen vorhanden sind.

Abbildung 2: Waldartiger Bewuchs an einem Deich an der Isar im Münchner Stadtbereich

Abbildung 3: Windwurf eines Baumes an einem Deich in Düsseldorf infolge des Sturmtiefs Ela 2014 (Quelle: SEB Düsseldorf) und an der Schwarzen Elster infolge des Sturmtiefs Kyrill 2007 (Quelle: LUA Brandenburg)

Bei der Betrachtung der Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit von Hochwasserschutzbauwerken als Ingenieurbauwerk werden i. d. R. der Lastfall bzw. die Bemessungssituation „Windwurf – Versagen eines Baumes mit Ausbruch des Wurzeltellers“ berücksichtigt (Abbildung 3). Dies stellt hinsichtlich der Auswirkungen auf die HWS-Anlagen eine der kritischsten Einwirkungen dar. Eine Festlegung der Auswirkungen des Versagens von Einzelbäumen auf die HWS-Anlage, deren Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit und die Festlegung von erforderlichen Ertüchtigungsmaßnahmen sind im Einzelfall zu bestimmen.

Jedoch wird es stets der Fall sein, dass normal dimensionierte Erddeiche beim Auftreten von Gehölzen auf und am Deich als nicht standsicher eingestuft werden, wie dies auch in den einschlägigen technischen Regelwerken, wie z. B. der DIN 19712, gehandhabt wird. Die Zuordnung des „Windwurfs“ zu den unterschiedlichen Bemessungssituationen „permanent (BS-P)“, „außergewöhnlich (BS-A)“ oder „extrem (BS-E)“ ist auch im Einzelfall festzulegen. Kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Versagen des Baumes zusammen mit dem zu betrachtenden Bemessungshochwasser (BHW) eintritt, dann könnte im Einzelfall auch die ständige Bemessungssituation (BS-P) herangezogen werden, wohingegen der Windwurf auch in den Regelwerken eher zu BS-A oder BS-E gezählt wird.

Einzelbäume im Abflussbereich und nahe am Deich oder auf dem Deich sind als besonders kritisch zu beurteilen, sind jedoch in der Praxis nicht so selten anzutreffen (Abbildung 4). Die Bäume verbleiben oft als Kompromiss nach Freistellungs- und Ertüchtigungsarbeiten, um umwelt- und naturschutzfachlichen Aspekten entgegenzukommen. Jedoch ist der Bereich um Einzelbäume sehr erosionsanfällig, da hier Kolke, auch Erosionslöcher oder -krater genannt, infolge von Wirbelströmungen auftreten können. Gleichzeitig erfahren die Bäume die volle Wind- und Strömungsbelastung, was die Standsicherheit des Baumes und/ oder des Deiches gefährden kann. Bäume tragen zur Beschattung von erosionssensiblen Bereichen des Deiches oder Dammes bei, sodass in den Bereichen auch die vor Erosion schützende Vegetationsdecke fehlen kann.

Die Wurzeln von Bäumen führen besonders bei Deichen und Dämmen zu Wasserwegigkeiten, welche bei gerichteter Durchströmung im Hochwasserfall zu Erosionsprozessen, d. h. zum Austrag von Bodenpartikeln und zu einer Erhöhung der Sickerlinie führen können. Werden Dichtungen durchwurzelt, reichen schon relativ kleine Wurzeln aus, um z. B. eine Oberflächendichtung aus Ton oder Lehm praktisch funktionsuntüchtig zu machen. Die Durchwurzelungsresistenz von Dichtungen wird z. B. in HASELSTEINER & STROBL (2006) und den Merkblättern für Dichtungselemente im Wasserbau der DWA bewertet (vgl. BAW MSD 2011).

Bäume tragen erhöhte Einwirkungen bzw. Kräfte, z. B. durch das Übertragen von Windkräften über den Stamm und die Wurzeln, in das Tragwerk ein. Die eingetragenen Kräfte werden durch das statische System „Baum“ stark gedämpft. Gleichzeitig können Bäume die Widerstandswirkung des Tragwerks, z. B. durch windinduzierte Auflockerung von Böden, durch eine verstärkte Durchlässigkeit oder durch die Beeinträchtigung der Filterwirksamkeit nach erfolgter Durchwurzelung von Dichtungen oder Filterelementen beeinträchtigen.

Greifbare, mit technischen Kennwerten belegbare Untersuchungen für einige der genannten Auswirkungen sind rar gesät. Jedoch haben Zugversuche an Bäumen, deren Wurzelwerk in Kontakt mit angrenzenden Hochwasserschutzmauern stehen, gezeigt, dass auch bei Orkanbelastung keine Verschiebung an der Wand nachgewiesen werden konnte. Die ingenieurtechnische Bestimmung von z. B. Auflockerungsprozessen oder „Pumpeffekten“ durch Windbelastungen stellt sich auch hinsichtlich der Versuchstechnik als schwierig dar. Zudem weisen Deiche i. d. R. keine Messinstrumentierung auf, sodass im Einstaufall auch i. d. R. keine Informationen zum Verhalten der HWS-Anlage in Form der Porenwasserdruckverteilung oder der Verformung während Hochwasser gesammelt werden. Jedoch gibt es national und international einige publizierte Untersuchungen, die sich mit der Veränderung der Durchlässigkeit von Böden durch Wurzeleindringen beschäftigen (z. B. HASELSTEINER 2007a).

Bäume und deren Wurzeln können Wühltieren, wie z. B. Bisam, Hasen oder Füchsen eine Behausung bieten. Die Beschattung nahe an Stämmen von Bäumen bewirkt zudem, dass sich dort keine geschlossene Vegetationsdecke einstellen kann, wie bereits erwähnt wurde. Treten Bäume und/oder Sträucher in Bereichen auf, wo Sickerwasser austreten könnte, kann im Hochwasserfall die Überwachung erschwert oder verhindert werden.

Abbildung 4: Einzelbäume an und auf Deichen an der Loisach in Bayern (links), an der Gera bei Erfurt (mittig) und an der Isar im Stadtbereich München (rechts)

Abbildung 5: Wurzeln in Deichen an der Ammer (links) und an der Donau (rechts) nach Deichbrüchen 1999 und 1988 (Quelle: Wasserwirtschaftsverwaltung Bayern)

Abbildung 6: Ausgegrabene Wurzeln einer Pappel an einer HWS-Mauer im städtischen Bereich von Düsseldorf

Im Rahmen von Unterhalt, Inspektion und Überwachung während Hochwasser ist die Zugänglichkeit aller Bereiche von HWS-Anlagen besonders für die „Deichläufer“ von grundlegender Bedeutung. Auch hier können Bäume „im Wege stehen“. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Verkehrssicherungspflicht entlang der Wege an und auf HWS-Anlagen hingewiesen.

Je kleiner eine HWS-Anlage ist, desto schwerwiegender sind die möglichen nachteiligen Auswirkungen und Einwirkungen von Bäumen zu bewerten. Kleine Deiche können vollständig durchwurzelt werden, wie dies in Abbildung 5 dargestellt wird. Bei größeren Deichen wird i. d. R. nicht der ganze Querschnitt mit Wurzeln durchörtert. Die Ausbildung der Wurzeln hängt natürlich von zahlreichen Randbedingungen und der Baumart ab. Ausgrabungen von Wurzeln sind z. B. in LFU BY (1990), WINSKI (2004) und CIRIA (2013) dokumentiert.

Im Rahmen eines Projektes im Stadtbereich Düsseldorf wurden an bestehenden HWS-Mauern Wurzelausgrabungen durchgeführt, welche erneut darlegten, dass sich je nach Baumart und Bodenbeschaffenheit die Wurzelausbreitung sehr unterschiedlich darstellen kann. In Abbildung 6 ist das starke Wurzelwachstum einer Pappel dargestellt, welche ein Geflecht aus Starkwurzeln mit Kontakt zur Bestandsmauer ausgebildet hat. Anzumerken ist, dass die Mauer hiervon keinen nachweislichen Schaden erlitten hat.

4 Maßnahmenplanung und Vereinbarkeit von Bäumen mit HWS-Anlagen

Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts wurden Empfehlungen für Deiche und Dämme gegeben, welche vorsahen, dass der „Deich selbst … frei von Bäumen und Büschen sein“ soll (SCHRÖDER 1950). Dieser Grundsatz zieht sich derzeit durch alle Normen, Richtlinien und Regelwerke. Im Allgemeinen werden und wurden Zonierungen und Sicherheitsabstände eingeführt, welche die Zulässigkeit von unterschiedlich klassifizierten Gehölzen definieren. In Abbildung 7 ist der Regelfall für die Zulässigkeit von Bewuchs an Deichen an Fließgewässern dargestellt.

Abbildung 7: Bewuchsregeln für einen Deich nach DIN 19712 und DWA-M 507 Teil 1 und Teil 2 für den Regelfall (aus HASELSTEINER 2018c)

Abbildung 8: Querschnitt eines zu ertüchtigenden Deiches mit Freistellung von Gehölzen

Für normal dimensionierte Deiche ist der Regelfall maßgebend. Jedoch können überdimensionierte Deiche und/oder zusätzliche Sicherungsmaßnahmen es ermöglichen, Bäume im Ausnahmefall zuzulassen. Dies ist nach DIN 19712 zulässig, wenn unter anderem z. B. die Standsicherheit des Deiches für den Lastfall „Baum- bzw. Windwurf“ nachgewiesen werden kann. Dafür sind „in der Regel überdimensionierte Querschnitte (Überprofil) oder besondere Sicherungselemente (z. B. Spundwände)“ erforderlich.

Werden statische Ersatzsysteme (Systeme, die die Standsicherheit des vorhandenen Trag- bzw. Bauwerks übernehmen) z. B. in Form von Spundwänden vorgesehen, wird i. d. R. das Versagen des Baumes inklusive Ausbruch des Wurzelkraters angesetzt. Die statisch tragende „Innendichtung“ muss dann einen Geländesprung, sprich Erd- und Wasserdruck, welcher Biegung erzeugt, aufnehmen. Die Verformungen am Kopf des Elementes sind zu begrenzen. Die Festlegung des Wurzelkraters bzw. des Ausbruchkörpers sowie die Lage – land- oder wasserseitig – sind hier fallspezifisch festzulegen.

Als Sicherungsmaßnahmen kommen u. a. Wurzelschutzbarrieren, statische Ersatzsysteme und erdbauliche Anschüttungen in Betracht. Wurzelschutzbarrieren können aus Geokunststoffen oder grobkörnigen Bodenstoffen bestehen. Statische Ersatzsysteme bilden i. d. R. vertikale Dichtungselemente, wie z. B. Stahlspundwände, bewehrte Bodenvermörtelungswände, selten Bohrpfahlwände, Schlitzwände oder andere Methoden des Spezialtiefbaus, wie z. B. moderne Kunststoffwände (z. B. HASELSTEINER & STROBL 2006; HASELSTEINER 2008, 2018a, b; HASELSTEINER & RIEMKE 2017). Da nach WHG grundsätzlich ein Eingriff in das Abflussprofil und die Beeinträchtigung von Retentionsraum nicht zulässig sind, werden Überprofile i. d. R. in Form von in Richtung Landseite entwickelten sehr breiten Kronen oder Bermen ausgebildet, worauf dann Bäume unter Beachtung des Baumversagens geduldet werden können.

Je nach projektspezifischen Randbedingungen kann auch trotz der Einbringung von massiven Sicherungsmaßnahmen seitens der Genehmigungsbehörden gefordert werden, Gehölze im Umfeld der HWS-Anlage zu entfernen. In einem Deichertüchtigungsprojekt in Düsseldorf wurde zwar die Anordnung einer statisch wirksamen Spundwand geplant, jedoch auch gleichzeitig ein gehölzfreier Bereich vorgesehen, der mit den Vorgaben hinsichtlich der Schutzzonen I und II (10 m) der Deichschutzverordnung (DSchVO) der Bezirksregierung Düsseldorf (BezReg 2000) im Einklang steht (Abbildung 8). Die Maßnahme entspricht somit dem Regelfall der Matrix in Abbildung 9.

Abbildung 9: Bewuchsregeln für einen Deich im Regelfall und Ausnahmefall nach DWA-M 507–2 (Entwurf)

Derzeit befindet sich das Merkblatt DWA-M 507–2 in Bearbeitung. Es soll weiterführende Hinweise und Empfehlungen zum Umgang mit Gehölzen auf Deichen an Fließgewässern beinhalten.

In Abbildung 9 ist ein Vorschlag einer Zonierung zur Beurteilung der Zulässigkeit von Gehölzen an Deichen in Abhängigkeit davon, ob es sich um einen Regeloder Ausnahmefall handelt, dargestellt (vgl. HASELSTEINER & STROBL 2006; HASELSTEINER 2007a, 2010a, b).

Abbildung 10: Ein mit einer statisch wirksamen Dichtung ausgebildeter Deich in Oberbayern

Abbildung 11: Pappelallee auf Deichkronenbereich auf dem Niederkasseler Deich in Düsseldorf

Die Zulässigkeit wird unter Berücksichtigung von Aspekten der Hochwassersicherheit – Standsicherheit, Verteidigung, Unterhaltung, Überwachung – und des zu erwartenden Gefahrenpotentials des Gehölzes, welches sich in der Gehölzklasse niederschlägt, sowie der Lage des Gehölzes relativ zur HWS-Anlage beurteilt. Die Gehölzklasse I (GeK) umfasst sehr große Bäume mit starkem Wurzelwachstum wie z. B. Pappel und Robinie. Kleinwüchsige Sträucher, wie z. B. die Brombeere oder die Heckenkirsche, werden der GeK IV zugeordnet (siehe HASELSTEINER 2007b; vgl. BAW MSD 2011). Bei einem Projekt in Oberbayern sollte in Zukunft Gehölzbewuchs, welche ca. einer GeK II entspricht, bis an den Deich heranreichen können, sodass man sich u. a. für die Verwendung eines statischen Ersatzsystems bzw. einer statisch wirksamen Dichtung, welche aus einer Kombination aus Spund- und Bodenvermörtelungswand besteht, entschieden hat (Abbildung 10). Da es sich hier um einen Neubau handelt, müssen die Gehölze im Baubereich entfernt und natürlich kompensiert werden. Die Maßnahmen entsprechen dem Ausnahmefall (Nr. 4) in Abbildung 9. In einigen Situationen stellt sich die Deichbreite so dar, dass dies dem Ausnahmefall (Nr. 3) nach Abbildung 9 entspricht. Die Deichkrone wurde aufgrund von historischen Bautätigkeiten oder aufgrund der topographischen Gegebenheiten sehr breit ausgeführt, so dass auch Großbewuchs auf der Deichkrone geduldet werden kann. In Düsseldorf befindet sich beispielsweise eine Pappelallee auf einem sehr breiten Abschnitt des Niederkasseler Deiches (Abbildung 11).

5 Konzeptioneller Ansatz, Abwägung und Kosten

Bei interdisziplinären Hochwasserschutzprojekten treffen, wie bereits erwähnt wurde, nicht selten sehr voneinander abweichende Vorstellungen und Interessen aufeinander. Jedoch sind sich i. d. R. alle Beteiligten und Betroffenen einig, dass die Gewährleistung oder die Herstellung des Hochwasserschutzes oberste Priorität hat.

Die für die Herstellung oder Sicherstellung des Hochwasserschutzes erforderlichen Maßnahmen sind unter Beachtung von gesetzlich verankerten naturschutzfachlichen und landschaftsästhetischen Aspekten umzusetzen. Besonders in städtischen Bereichen sind zahlreiche weitere Vorgaben beim Umgang mit Bäumen zu beachten, wie z. B. Alleenschutz, eine Baumschutzsatzung, ein Grünflächen-/Grünordnungsplan, ein Bebauungsplan, etc.

Abbildung 12: Ablaufdiagramm zur Maßnahmen- und Kompensationsplanung bei Eingriffen durch Maßnahmen an HWS-Anlagen

In Abbildung 12 ist ein Ablaufdiagramm dargestellt, nach welchem das Vorgehen bei Maßnahmen an HWS-Anlagen untergliedert werden kann. Nach Festlegung der Notwendigkeit von Maßnahmen hinsichtlich Standsicherheit, Gebrauchstauglichkeit und Verkehrssicherheit (Prozesse A und B) ist aus der Sicht von Natur- und Umweltschutz sowie Landschaftsästhetik und Städtebild zu beurteilen, ob die betroffenen Gehölze erhaltenswert sind (Prozesse C und D). Bei der Auswahl der technischen Maßnahmen (Prozess E) kann dann eine Anpassung der Maßnahmen erfolgen (Prozess F). Die Anpassung der Maßnahmen hat i. d. R. eine Kostensteigerung zur Folge.

Abschließend ist bei derartigen Projekten der Eingriff zu beurteilen (Prozess G) und zu kompensieren (Prozess H). Hierbei wird i. d. R. versucht, die Kompensation von z. B. Baumfällungen so durchzuführen, dass die Funktion lokal wiederhergestellt wird, was praktisch einer Ersatzpflanzung von Bäumen vor Ort entspricht.

Die Mehrkosten für die Ausbildung von „gehölzresistenten“ Hochwasserschutzanlagen können bei erdbaulichen HWS-Anlagen 50% der Baukosten und bei Mauern über 15% betragen. Wobei bei dieser Schätzung bei Mauern davon ausgegangen wird, dass der Baum die Standsicherheit von relativ massiven Mauern i. d. R. nicht wesentlich beeinflussen kann.

Literatur

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BAW MSD, 2011: Standsicherheit von Dämmen an Bundeswasserstraßen (MSD). Merkblatt, Bundesanstalt für Wasserbau (BAW), Karlsruhe.

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DIN 19712, 2013: Hochwasserschutzanlagen an Fließgewässern. Deutsches Institut für Normung (DIN), Berlin.

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DWA-M 507–2, 2018: Deiche an Fließgewässern – Teil 2: Ökologische Gesichtspunkte und Bewuchs auf Deichen. Merkblatt 507–2, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA), Hennef (in Bearbeitung).

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HASELSTEINER, R.; RIEMKE, T., 2017: Praxisbezogene Hinweise zu Deichertüchtigungsmaßnahmen. Korrespondenz Wasserwirtschaft (KW), Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA), Hennef, Heft 10/17, 613–620.

HASELSTEINER, R.; STROBL, T., 2006: Deichertüchtigung unter besonderer Berücksichtigung des Gehölzbewuchses. Sicherung von Dämmen, Deichen und Stauanlagen – Handbuch für Theorie und Praxis. Hrsg. Prof. Dr.-Ing. RICHARD A. HERMANN und Prof. Dr. Ing. JÜRGEN JENSEN, Universitätsverlag Siegen – universi.

LFW BY, 1990: Gehölze auf Deichen. Dokumentation von Baumwurzelaufgrabungen und Windwurf von Gehölzen. 5/89 Informationsberichte. Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft, München.

PATT, H.; GONSOWSKI, P., 2010: Wasserbau – Grundlagen, Gestaltung von wasserbaulichen Bauwerken und Anlagen. Springer Heidelberg Dordrecht London New York.

SCHROEDER, G., 1950: Landwirtschaftlicher Wasserbau. Springer-Verlag Berlin Göttingen Heidelberg.

USACE, 2014: Guidelines for Landscape Planning and Vegetation Management at Levees, Floodwalls, Embankment Dams and Appurtenant Structures. US Army Corps of Engineers (USACE), ETL 1110–2-583, Washington.

WHG, 2009: Gesetz zur Ordnung des Wasserhaushalts (Wasserhaushaltsgesetz – WHG).

WINSKI, A., 2004: Literaturstudie zum Verhalten von Wurzeln unter natürlichen Bedingungen sowie auf Deichen. Erläuterungsbericht, Gewässerdirektion Südlicher Oberrhein-Hochrhein, Bereich Offenburg, Teningen 2004 (unveröffentlicht).

Autor

Dr.-Ing. Ronald Haselsteiner hat als Fachgebietsleiter im Fachbereich Wasserbau ständig mit Hochwasserschutzprojekten und Stauanlagen und somit mit Deichen, Dämmen und Mauern zu tun. Innerhalb seiner Forschungstätigkeit an der TU München und seiner Dissertation 2007 hat er sich insbesondere mit den unterschiedlichen Bewuchsformen und deren Auswirkungen auf und an Deichen beschäftigt. Seit 2005 ist er bei allen deichspezifischen Merkblättern der DWA involviert und versucht auch im Rahmen dieser Tätigkeit den interdisziplinären Dialog mit den anderen Fachgebieten aufrechtzuerhalten.


Dr.-Ing. Ronald Haselsteiner

Björnsen Beratende Ingenieure GmbH

Fachgebietsleiter Wasserbau

Maria Trost 3

56070 Koblenz

Tel. (0261) 8851 359

r.haselsteiner@bjoernsen.de

Erhalt von Altbäumen auf Dämmen: Konflikte – Lösungen – Umsetzung am Beispiel der Stör-Wasserstraße
Preservation of old trees on dams – Conflicts – Solutions – Implementation using the example of the Stör-waterway

von Katharina Dujesiefken und Frank Christoph Hagen

Zusammenfassung

Die Duldung und Pflanzung von Bäumen auf Dämmen und Deichen wird insbesondere bei Sanierungsmaßnahmen immer wieder sehr kontrovers diskutiert. Dieser Beitrag zeigt am Beispiel der Stör-Wasserstraße in der Lewitz, dass eine Dammsanierung mit Erhalt des Baumbestandes möglich und sogar sinnvoll ist. Erst umfangreiche Proteste haben dazu geführt, dass Bäume erhalten blieben und die notwendigen Arbeiten an den Dämmen mit einem Baumsachverständigen abgesprochen werden mussten. Der Beitrag zeigt die Ergebnisse der Planungen, Probleme und Lösungen bei der Umsetzung.

Summary

The toleration and planting of trees on dams and dikes is often the subject of controversial discussions, especially when it comes to reconstruction measures. This article shows by the example of the Stör-waterway in the Lewitz that dam rehabilitation with preservation of trees is possible and even reasonable. It was only after extensive protests that trees were preserved and the necessary work on the dams were discussed with a tree expert. The article shows the results of the planning, problems and solutions during the implementation.

1 Einleitung

Die Dämme der Müritz-Elde-Wasserstraße (MEW) und der Stör-Wasserstraße (StW) entsprechen abschnittweise nicht mehr den statischen Anforderungen, insbesondere bei Hochwasserlagen. Die Stör-Wasserstraße ist im Bereich der Lewitz, kurz vor Übergang in die Müritz-Elde-Wasserstraße, geprägt durch eine auf den Dämmen stehende Eichenallee (Abbildung 1). Die ursprüngliche Planung sah eine vollständige Räumung der Bäume und die anschließende Überfüllung und seitliche Verstärkung des alten Dammes vor. Insbesondere der Verein Lewitznetzwerk e.V. und der BUND (Bund für Umwelt- und Naturschutz) Mecklenburg-Vorpommern haben sich mit Aktionen bis in die höhere Politik gegen dieses Vorhaben gewehrt.

Die Projektierung der Sanierungsmaßnahme wurde durch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lauenburg übernommen und als transparentes Verfahren fortgeführt. Der Erhalt der Eichenallee wurde dabei in der Landschaftsbegleitplanung (PFB 2013) festgelegt. In regelmäßigen Abständen wurde und wird in Gesprächen mit dem Lewitznetzwerk e.V., dem BUND Mecklenburg-Vorpommern, anderen Verbänden und allen beteiligten Behörden der Verfahrensstand erörtert.

Durch Einschaltung eines Baumsachverständigen wurden in Zusammenarbeit mit den Ingenieurbüros für Projektierung und Ausführungsplanung alle Möglichkeiten des Baumerhalts bei gleichzeitiger Umsetzung der Planung untersucht.

Abbildung 1: Die Stör-Wasserstraße ist eine der ältesten in Deutschland vorhandenen und mit wunderschönen, kräftigen Stieleichen bestandene künstliche Wasserstraße (Foto: RALF OTTMANN).

2 Zur Geschichte der Stör-Wasserstraße

Die Alte Elde und die zwei wichtigen Wasserstraßen, die Müritz-Elde-Wasserstraße und die Stör-Wasserstraße, ein symmetrisch verlaufendes Kanalsystem, durchziehen das Gebiet der Lewitz, ein Gebiet im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Die Lewitz ist eine im Kern etwa 13 mal 16 km große, nahezu unbewohnte Niederung zwischen den mecklenburgischen Städten Schwerin, Parchim und Neustadt-Glewe. Die jahrhundertelange fast völlige Abgeschiedenheit und geringe Besiedlungsdichte des Lewitzgebietes führten dazu, dass sich hier eine einzigartige Flora und Fauna ungestört entfalten konnte. Die Lewitz ist als Europäisches Vogelschutzgebiet geschützt, zu dem mehrere Naturschutzgebiete gehören. Insbesondere die Erhaltung und Entwicklung der feuchten Niederungslandschaft und der Niedermoore, der naturnahen Wälder, Alleen, Baumreihen, Hecken und Gewässer sind als Schutzziele beschrieben.

Trotz ihrer geringen Besiedlung wurde auch die Lewitz zur Kulturlandschaft umgestaltet (Abbildung 2). Nach der Entwaldung entstanden große Wiesen- und Ackerflächen. Bekannt sind auch die riesigen rechteckigen Karpfenteiche (FELLNER 2007).

Abbildung 2: Die Lewitz mit der Stieleichen-Allee an der Stör-Wasserstraße (Foto: RALF OTTMANN)

Die Stör-Wasserstraße (StW) ist eine 44,7 Kilometer lange Schifffahrtsstraße. Sie ist als Bundeswasserstraße der Wasserstraßenklasse 1 ausgewiesen und umfasst den Störkanal, die Stör sowie den Schweriner See. Den ersten Abschnitt (km 0,00 bis 11,00) stellt der Störkanal dar. Stör und Störkanal führen ihr Wasser in die Müritz-Elde-Wasserstraße ab. Die Zuständigkeit sowohl für die Stör-Wasserstraße als auch für die Müritz-Elde-Wasserstraße liegt beim Wasser- und Schifffahrtsamt Lauenburg.

Schon im 16. Jahrhundert wurde die Stör als Transportweg für Holz aus der Lewitz genutzt, so dass man schon zu der Zeit mit dem Ausbau des Gewässers begann. Der Störkanal entstand um 1709. Die Stadt Schwerin war sehr an einem Ausbau der Stör, die wegen geringer Wassertiefen im 18. Jahrhundert nur bedingt schiffbar war, interessiert. Initiativen scheiterten jedoch stets an den Kosten. 1751 wurde der neue Hauptgraben, der heutige Störkanal gebaut. In den 1830er Jahren wurde der Störkanal zur Verbesserung der Schiffbarkeit mit Dämmen ausgebaut, so dass der Wasserspiegel höher als das umgebende Gelände gestaut werden konnte. Um 1888 wurde der Störkanal repariert und die Eichen auf der Dammkrone als Allee gepflanzt. Die Beweggründe für die Pflanzung sind nicht geklärt. Es kann angenommen werden, dass die Wurzeln den Damm verstärken sollten, das Laubdach den Krautwuchs verringern sollte und dass die Bäume aus optischen Gründen gepflanzt wurden. Ein wesentlicher Beweggrund könnte aber auch die Beschattung des Gewässers und des Treidelweges gewesen sein, denn die Lastkähne wurden damals von Menschen an diesem Kanal entlanggezogen (UHLEMANN 2016). Die wirtschaftliche Bedeutung der Wasserstraße ging nach 1990 zurück. Sie wird heute vorwiegend von Sportbooten und Ausflugsschiffen befahren.

3 Was ist ein Damm, was ein Deich?

Ein Damm, wie er in diesem Beitrag betrachtet werden soll, ist ein Bauwerk zur Stützung eines Wasserstandes und ggf. zusätzlich zum Schutz gegen Hochwasser. Er ist eine längs des Gewässers künstlich errichtete Böschung aus einem natürlichen oder künstlichen Material mit einer geringen hydraulischen Durchlässigkeit. Er dient zur Verhinderung oder Minimierung von Wasserverlusten aus der Wasserstraße. Mitunter unterstützen Spundwände oder andere bauliche Anlagen die Uferbefestigung. Im Vergleich dazu dient ein Deich dem Schutz des Hinterlandes gegen Hochwasser und wird nur bei Hochwasser belastet (Bundesanstalt für Wasserbau 2011). Ein Damm staut also permanent, ein Deich nur bei Hochwasser. Es gibt zum Beispiel auch den Staudamm der – quer zum Gewässer errichtet – das Wasser stauen soll, oder Bahndämme. Diese Dämme sind nicht Gegenstand des folgenden Beitrages.

4 Dammsanierung an der Stör-Wasserstraße (StW) – Der Planfeststellungsbeschluss 2013

Die Stör-Wasserstraße, als Teil der Müritz-Elde-Wasser-straße, beginnt am Nordende des Schweriner Sees bei km 44,70 und mündet am Eldedreieck (km 0,00) in die Müritz-Elde-Wasserstraße (MEW) km 55,99. Für das Vorhaben Dammsanierung an der MEW von km 50,600–55,980 und Stör-Wasserstraße (StW) von km 0,000–6,900 wurde ein Planfeststellungsverfahren (PFV 2011) eingeleitet. Zuständig für die Durchführung des Planfeststellungsverfahrens war die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost Magdeburg, nach § 14 Abs. 1 S. 3 WaStrG und den Organisationsregelungen der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Dieser Beitrag befasst sich nur mit der Sanierung der Stör-Wasserstraße. Dieser Bereich der Kanal-Allee liegt außerhalb von Siedlungen inmitten von Feldern und Wiesen.

4.1 Begründung für eine Sanierung der Stör-Wasserstraße (StW)

Die Dämme an der Stör-Wasserstraße dienen der gezielten Kanalisation von Wasser und dem Hochwasserschutz. Die StW wird nur noch für Sportschifffahrt genutzt, hat aber auch eine Funktion als Vorfluter für die Mecklenburger Oberseen und soll zeitweise auch Hochwasser abführen. Der Wasserspiegel liegt – auch ohne Hochwasser – höher als das auf der Landseite der Dämme angrenzende Gelände. Als Begründung für die Sanierung der StW wurde angegeben, dass die vorhandenen Querschnitte und Dammhöhen größtenteils nicht mehr ausreichend seien und die Gefahr eines Dammbruches oder einer Überflutung bestünde.

Alle Dämme im Plangebiet sind reine Erddämme, vorrangig sandig mit humosen Anteilen. Eine Gefährdung der Dämme bestand demnach überwiegend durch örtliche Rutschungen und fortschreitende Erosionserscheinungen im Sickerwasseraustrittsbereich der überwiegend zu steil geneigten landseitigen Böschung. Die Dämme sind sehr stark durchwurzelt und nur dadurch wird deren Oberfläche noch gehalten (PFB 2013). Im Bereich der Dammkrone befanden sich Mulden und Sackungen. Einige Bereiche wiesen Kahlstellen in der Grasnarbe auf. Darüber hinaus gab es auch Schadstellen durch Schwarzwild.

4.2 Die Planung: Dammerhöhung, -verbreiterung und -verdichtung

Die Dämme sind einer ständigen Belastung durch Wasserdruck ausgesetzt. Um diesem sicher und dauerhaft standzuhalten sowie Sickerwasser schadlos abzuführen, ist ein Mindestquerschnitt der Dämme erforderlich, der laut Aussage der Planungsbehörde in vielen Bereichen nicht vorhanden war.

Die Dammkronenhöhe wurde auf 1,00 m über Normalstau oder 0,50 m über Hochwasser der Jahresreihen 1971–1990 festgelegt. Der jeweils höhere Wert war maßgebend. Das hieß, dass die Dämme um 20–50 cm erhöht und die Dammkronenbreite auf 3–4 m verbreitert und verdichtet werden sollten.

270 Bäume, davon 130 Eichen, und etliche Sträucher sollten gefällt bzw. gerodet werden. Zusätzlich zu dem Verlust von mindestens 270 Bäumen bestand die Gefahr, dass die nach PFB (2013) zu erhaltenen 213 Eichen durch Anschüttung bis zu 50 cm sowie einer Verdichtung im Wurzelbereich die Baumaßnahme ebenfalls nicht überstehen würden.

5 Widerstand gegen die geplanten Baumaßnahmen

Der Umfang der geplanten Sanierungsmaßnahmen und der Umgang mit den Bäumen entlang der StW waren aus Sicht vieler Anwohner und Umweltverbände nicht gerechtfertigt. Dabei stellte niemand von ihnen die Notwendigkeit einer Sanierung und Instandsetzung der Funktionsfähigkeit der Dämme in Frage. Sie sahen jedoch bei den im Projekt enthaltenen, sich zum Teil widersprechenden Bewertungen und Forderungen, u. a. auch bei den Auflagen für die Bauausführung, erhebliche Konflikte und Widersprüche.

Laut PFB (2013) sollten beispielsweise „… die Dämme teilweise um etwa 50 cm angehoben werden. Dazu wird der Boden abgetragen und durch verdichteten Kies ersetzt. Die Dämme werden so gebaut, dass auf ihnen ein Betriebsweg für … Dienstfahrzeuge entsteht.“

Der BUND Mecklenburg-Vorpommern und das Lewitznetzwerk e. V. befürchteten, dass durch eine solche Anschüttung der Wurzeln, Verbreiterung des Dammes und zusätzliche Verdichtung im Bereich der Baumwurzeln die Eichen auf dem Damm stark geschädigt würden (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Stör-Wasserstraße liegt inmitten von Feldern und Wiesen. Unsere Vorfahren waren sich der Gefahr von Dammbrüchen bewusst und entwickelten ein ausgeklügeltes System des Hochwasserschutzes. Dieses 1739 fertiggestellte, im 19. Jh. perfektionierte und bis heute gepflegte System von Gräben, Schleusen und Wehren hat bisher gut funktioniert.

Der Wasserstand der Stör-Wasserstraße kann sehr fein justiert werden. Zusätzlich zu den vorhandenen Schleusen und Wehren wäre der Einbau von Überläufen eine sichere Möglichkeit, Dammüberflutungen zu vermeiden. Die Lewitz wird in diesem Bereich von zahlreichen intakten Gräben durchzogen. Die Bereithaltung von Überflutungsflächen im gesamten Gebiet wäre möglich.

Die Verbände kritisierten außerdem, dass keine Begleitung der Bauarbeiten durch einen Baumsachverständigen oder Maßnahmen, die die Auswirkungen der Baumaßnahme im Wurzelbereich für die Bäume minimieren würden, vorgesehen waren. Aus deren Sicht hätte aber die Machbarkeit eines solchen Bauvorhabens unbedingt mit einem Baumsachverständigen geprüft werden müssen. Die Planungsbehörde sah sich zwar gezwungen, die Eichen, die das Bild der Kanal-Allee ergeben, zu erhalten. Dieses tat sie aber aus Sicht der Verbände nur halbherzig mit einem „Versuch des Erhalts von Gehölzen durch Anschütten“ (PFB 2013).

Es wurde dargestellt, dass die Aufschüttung im Interesse des Baumerhaltes lediglich mit einer zu tolerierenden Vitalitätsminderung verbunden sei. Ein Fachgutachten, welches entgegen der langjährigen fachlichen Praxis bestätigt, dass mit der Aufschüttung nur eine Vitalitätsminderung ansonsten gesunder Eichen verbunden wäre, wurde allerdings nicht geliefert. Auch eine repräsentative Wurzelsuchgrabung, um zu beweisen, dass in dem überschütteten Bereich keine Wurzeln vorhanden sind, was nach bisheriger Kenntnis über Wurzelwachstum unwahrscheinlich wäre, wurde nicht vorgenommen.

In den Unterlagen gab es lediglich eine Einschätzung, dass „es sich bei den Bäumen vorwiegend um Eichen … handelt, die sich gegenüber Aufschüttungen im Vergleich zu anderen Baumarten … noch relativ tolerant verhalten …“.

Die Anschüttung und Verdichtung von Wurzeln widerspricht den eigenen Projektanforderungen an anderer Stelle. So heißt es im Zusammenhang mit dem Erhalt der 213 Bäume: „Sie (die Bäume) sind während der Baumaßnahme entsprechend der DIN 18920 … gegen mechanische Schäden zu schützen. In Frage kommen u. a.:. Verhinderung von Ablagerungen, Verdichtungen im Wurzelbereich der Bäume (entspricht einem Kronentraufbereich zuzüglich eines seitlichen Abstandes von 1,5 m)“ (PFB 2013).

Neben dem sofortigen Verlust von 270 Eichen, der von den Verbänden nicht akzeptiert wurde, war nach deren Meinung auch mit dem Absterben der eigentlich zu erhaltenden 213 Eichen zu rechnen. Dieser Totalverlust war weder zu akzeptieren noch zu kompensieren. Die Unbeweglichkeit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die wir auf der Bürgerversammlung am 25. Juni 2013 erleben mussten, ließ aber genau dieses Szenario befürchten.

6 Der Erhalt der Lewitz-Eichen

BUND und das Lewitznetzwerk e. V. haben sich außerdem an Bundestags- und Landtagsabgeordnete gewandt, zu Ortsterminen eingeladen, Podiumsdiskussionen durchgeführt und sich gemeinsam mit dem Landesjagd- und Landesanglerverband in einem offenen Brief an den Minister für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Mecklenburg-Vorpommern, DR. TILL BACKHAUS gewandt (Abbildungen 4-6).

Neben der Kritik machten sie aber auch deutlich, dass sie mit diesem Projekt die Chance sehen, gemeinsam und mit dem Willen einer Konsensfindung aller Beteiligten das Projekt zu optimieren, so dass die Sanierung der Dämme allen unterschiedlichen Interessengruppen gerecht wird. Die Sanierung im Planungsgebiet Stör-Wasserstraße könnte somit beispielgebend über das Bundesland hinauswirken. In dieses Vorhaben wollten sich die Verbände einbringen und baten um ein Gespräch. Dieses Gesprächsangebot kam vom Wasserschifffahrtsamt Lauenburg (WSA), das für die Umsetzung des Planfeststellungsbeschlusses verantwortlich war. Ein Auftaktgespräch fand am 15. Januar 2014 mit den interessierten Verbänden sowie mit Behörden des Landes Mecklenburg-Vorpommern, dem zuständigen Ministerium, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg (StaLU-WM) und dem Landkreis Ludwigslust-Parchim statt. Das Gespräch versprach eine Kooperationsbereitschaft und Offenheit für das weitere Vorgehen, das nach der Veröffentlichung des PFB (2013) durch das Bundes-Wasserschifffahrtsamt Magdeburg für uns unmöglich erschienen war. Unser großes Engagement und die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit hatten ein Einlenken der Wasserschifffahrtsbehörde insbesondere der Zweigstelle Lauenburg bewirkt.

Abbildung 4a, b: Mitglieder des Lewitznetzwerkes protestieren während der Vorstellung der Planungsergebnisse durch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ost in Magdeburg und fordern den Erhalt der Lewitz-Eichen. (Fotos: KERSTIN FRITSCH)


Abbildung 5: Eine andauernde Öffentlichkeitsarbeit mit vielen Presseterminen (hier an der Stör-Wasserstraße) sollte ein Umdenken bei der Planungsbehörde bewirken (Foto: JÜRGEN BRANDT).

Abbildung 6: Plakate und Transparente wurden zuerst auf dem Marienplatz in Schwerin angefertigt und dann an den Stieleichen an der Stör-Wasserstraße angebracht (Foto: RALF OTTMANN).

Obwohl die Behörde an den Vorgaben zur Dammsanierung gemäß PFB (2013) festhielt, wurden jetzt doch innerhalb dieses Beschlusses sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft, um auch das zweite Ziel, Erhalt der gemäß PFB (2013) ausgewiesenen Bäume sowie den Erhalt von weiteren Bäumen, die laut PFB (2013) gefällt werden sollten, zu erreichen. Die Erhaltung des Alleencharakters auf der Dammkrone wurde einvernehmlich als Ziel definiert.

Die Begleitung der Maßnahme durch einen Baumsachverständigen schon mit Beginn der Ausschreibungen wurde zugesichert – ein großer Erfolg der Verbände, war dies doch einer der wesentlichen Kritik- und Streitpunkte und von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes zunächst abgelehnt worden.

Im weiteren Verlauf der Sanierungsarbeiten gab es zehn Gespräche und Ortstermine, zu denen das WSA Lauenburg einlud und wo detailliert der Fortgang der Arbeiten, insbesondere die erforderliche Unterhaltung und Pflege sowie Rückschnitte von Gehölz auf und an den Dämmen besprochen wurden.

Um den Alleencharakter im Bereich Stör-Wasserstraße vom Eldedreieck bis km 0.9 auch für die Zukunft zu erhalten, wollten die Verbände Neupflanzungen auf dem Damm oder in einem Grünstreifen daneben im Rahmen einer Ausgleichsmaßnahme erwirken. Das WSA Lauenburg lehnt das bisher aber ab. Gemäß der vorgesehenen Dammgeometrie in diesem Bereich wäre keine Neupflanzung auf dem Damm zulässig. Es wäre ein überbreiter Damm hierfür erforderlich. Weiterhin steht dem WSA Lauenburg kein eigener Grünstreifen neben dem Damm für etwaige Neupflanzungen zur Verfügung. Es wurde aber zugesichert, dass die aufgezeigte Fragestellung im Zuge eines voraussichtlich weiteren Planfeststellungsverfahrens noch einmal geprüft werden wird.

Am 29. März 2018 fand das zehnte und vorerst letzte Gespräch mit einer Besichtigung des zweiten Sanierungsabschnittes im Bereich Stör-Wasserstraße km 1.0–2.28 statt. Vor Ort wurden der Baufortschritt. Eingriffe in die Vegetation und umgesetzte Erhaltungsmaßnahmen der Lewitz-Eichen erläutert. Dazu gehörte der Einbau des Auflastfilters mit der Herstellung von insgesamt 870 Baumlüftern und dem oberen Abschluss durch einen Wühltierschutz. Die Arbeiten wurden Ende Mai 2018 beendet.

ANDREAS DOHMS vom WSA Lauenburg beschrieb die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit und das Miteinander mit den Verbänden. Die Dammverstärkung hat jetzt einen sicheren Zustand bei normalem Kanalwasserstand erreicht. Die gemäß PFB zu erhaltenden Bäume blieben erhalten. Das Ziel des Hochwasserschutzes bleibt jedoch noch offen und muss zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden. Wahrscheinlich ist hierfür ein weiteres Planfeststellungsverfahren nötig. Im Gespräch ist ein Deich hinter dem bestehenden Damm.

7 Unterschiedliche Beurteilung der Auswirkung von Bäumen auf Dämme bzw. Deiche

Das Merkblatt der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) „Standsicherheit von Dämmen an Bundeswasserstraßen“ Ausgabe 2011 gibt vor, grundsätzlich keinen Gehölzbewuchs auf Dämmen zuzulassen. Demnach stellen Gehölze (Bäume und Sträucher) eine Gefahr der Standsicherheit dar, weil

 Gehölze die Ansiedlung von Wühltieren begünstigen, deren Gänge ebenso wie die Wurzeln abgestorbener Bäume bevorzugte Sickerwege sind.

 windinduzierte Bewegungen des Baumes zur Lockerung des Bodens führen.

 Windwurf von Bäumen zu einer erheblichen Schwächung des Dammquerschnitts führen kann.

 die Grasnarbe durch die andauernde Beschattung unterdrückt wird.

 die Dammbeobachtung, die eine lückenlose Einsehbarkeit der luftseitigen Böschung voraussetzt, durch Bäume und Sträucher erheblich beeinträchtigt werden kann

 eine maschinelle Unterhaltung des Deiches/Dammes erschwert wird.

Auch MATTHECK sieht Bäume an Deichen bzw. Dämmen kritisch (ARNOLD 1999):

 Faulende, abgestorbene Baumwurzeln wirken wie Drainagerohre und leiten Wasser in den Deichkörper, der aufgeweicht wird.

 Auch gesunde Wurzeln können besonders im Bereich der mechanisch wirksamen Wurzelplatte eine Pumpwirkung aufweisen. Dabei sollen bei Sturmeinwirkung unter oder neben der Wurzelplatte Bodenklaffungen auftreten, die beim Zurückschwingen das hineingelaufene Wasser weiter in den Deich drücken.

 Im Falle des Versagens reißen Bäume tiefe Krater in den Deichkörper und führen zur Schwächung.

 Absterbende Wurzeln bilden wasserleitende Röhren in den Deichen.

Andererseits beschreiben KATZENBACH & WERNER (2007) eine Erhöhung der Festigkeit durchwurzelter Erdbauwerke insbesondere aufgrund verbesserter Scherfestigkeit. Die Untersuchung und Einschätzung von Wurzeln gefällter Bäume am Landwehrkanal (Berlin) haben stabilisierende Auswirkungen von Zug- und Haltewurzeln auf den Böschungsbereich ergeben (kubus – Technische Universität Berlin: Darstellung der Wurzelverläufe und bodenkundliche Feldansprache nahe der Ufermauer des Berliner Landwehrkanals 2008).

WESSOLLY (2007) hat durch Untersuchungen am Rheindamm intensive und dammstabilisierende Durchwurzelung des Dammkörpers durch Kastanienwurzeln nachgewiesen, deren Standsicherheit im Kippversuch sogar besser entwickelt war als auf Normalstandorten.

8 Wurzelsuchgrabungen

Nach DIN 18 920 ist der Wurzelbereich definiert als der Bereich der Kronentraufe plus 1,5 m zu allen Seiten. Dieser theoretische Ansatz wird durch die tatsächlichen Gegebenheiten im Boden überlagert. Zur Abschätzung des tatsächlichen Wurzelaufkommens und der Ausdehnung der Wurzelteller als Grundlage für die Abschätzung der Auswirkungen der Sanierungsplanungen wurden daher im April 2015 umfangreiche Wurzelsuchgrabungen erforderlich.

Aufgrund der Länge des zu untersuchenden Abschnitts können die Grabungen lediglich als Stichproben verstanden werden. Dennoch sollten unterschiedliche Standortbedingungen abgebildet werden. Die Auswahl der zu untersuchenden Bäume erfolgte unter folgenden Kriterien:

 Bäume an breiten und schmalen Dämmen unterschiedlichen Profils

 Bäume mit hoher Funktion und erhöhter Beeinflussung durch die Dammverstärkung

 Bäume ohne Wurzeln begleitender Gehölze, z. B. im angrenzenden Graben

Die Suchgräben stellten aus Sicht der Dammstatik eine potenzielle Schwächung des Bauwerks dar, daher wurden auftraggeberseitig strikte Vorgaben zur Durchführung erlassen:

 Die Dämme durften nur eingeschränkt mit Fahrzeugen bis 7,5 t Gesamtgewicht befahren werden.

 Die Grabungen durften nur bis 10–20 cm oberhalb der Sickerwasserlinie erfolgen.

 Grabungen durften am Dammfuß nur punktuell (nicht größer als 20 cm Durchmesser) erfolgen, bei gespannten Grundwasserständen waren keine Suchgrabungen am Dammfuß möglich.

 Bei Quellbildung im Suchgraben hätte umgehend verfüllt werden müssen, hierfür war ein Fahrzeug mit 1 m3 Verfüllmaterial an der Grabungsstelle vorzuhalten.

 Vor Anlage eines weiteren Grabens waren die vorher angelegten Gräben lagenweise zu verfüllen, lagenweise zu verdichten und einzuschlämmen. Die maximale Grabenlänge durfte 2,5 m nicht überschreiten.

 Alle Untersuchungsgräben waren noch am gleichen Tage mit vorgegebenem Fremdmaterial (gewaschene Kiese mit einer Körnungslinie U = 5–10, Feinkornanteil d 0,063 < 5%, d 50 < 5 mm) zu verfüllen.

 Anfallender Aushub sollte auf dem Dammkörper flach verteilt werden, bei größeren Mengen geladen und abgefahren.

 Mitarbeiter des WSA begleiteten die Suchgrabung ständig und hielten auf einer im Bereich der Suchgrabung festgemachten Schute 2.500 Sandsäcke für den Havariefall vor.

In einem vorher einzureichenden Konzept wurden die Suchgräben mit dem projektierenden Büro festgelegt. Insgesamt wurden 19 Suchgräben an fünf Eichen durchgeführt. Die 25–85 cm tiefen und ca. 0,3 m breiten Suchgräben hatten Längen von 2–5 m und verliefen längs und quer zum Dammkörper in unterschiedlichen Ebenen (Abbildung 7).

Untersuchungen der Sickerwasserlinie ergaben abweichend von dem theoretisch geradlinigen Verlauf einen im Dammkörper zunächst rasch abfallenden und dann auf Höhe der Begleitgräben stagnierenden Verlauf.

Da zur Beurteilung der Auswirkungen einer Überfüllung auch der Feinwurzelanteil und die -verteilung als relevant erachtet werden und die Gräben bis zu 80 cm Tiefe geplant waren, musste in Abweichung vom ursprünglichen Leistungsverzeichnis (nur Druckluftlanze) ein saugendes Verfahren zur Anwendung kommen. Die Tragfähigkeit und Breite der Dämme ist für schwere Lasten nicht ausreichend, so dass große Saugwagen nicht zum Einsatz kommen konnten. Genutzt wurde daher das relativ kleine Sauggerät SaugMax XL, Fa. InnTec GmbH, Rosenheim. Dies wird durch einen handelsüblichen Baukompressor auf Anhängerchassis im Injektionsverfahren betrieben.

Zur Lockerung des Bodens, insbesondere in stärker verdichteten Abschnitten wurde mittels Druckluftlanze vorgelockert, der gelockerte Boden durch einen ca. 10 cm starken Saugschlauch aus dem Graben gesogen und in einem kleinen und in kurzen Abständen nach unten zu entleerendem Behälter aufgefangen. Das Sauggerät ist tragbar und kann problemlos mit zwei Arbeitskräften z. B. an die Böschungssockel getragen und über die zu verlängernden Druckschläuche an den auf dem Damm stehenden Kompressor angeschlossen werden (Abbildung 8, 9).

Abbildung 7: Beispiel für Lage einer Suchgrabung, hier Stör-Wasserstraße rechtes Ufer bei km 1,148

Die freigelegten Wurzeln wurden zur besseren fotografischen Dokumentation mit einem Kreidespray eingefärbt, eine Messlatte dient der Verdeutlichung der Größenverhältnisse.

Ergebnisse der Suchgrabungen

Der vorgefundene Boden im Dammkörper ist bis auf einzelne Ausnahmen an offensichtlich überarbeiteten Uferkanten sandig mit humosen Anteilen. Im Bereich der trocken liegenden Gräben an der südlichen Seite der Wasserstraße ist der Humusanteil erhöht, teilweise fast torfig und der nahen Sickerwasserlinie entsprechend feucht. Abschnittweise ist hier und in den feldseitigen Böschungen in unterschiedlicher Tiefe ein klar abgegrenzter Horizont aus sandigem Ton mit gräulicher Färbung vorhanden. Im Bereich der Uferkanten sind die Bäume auch in die mutmaßlich nachträglich aufgebrachten Packungen aus Wasserbausteinen eingewurzelt.

Die Wurzelsuchgrabungen haben eine fast flächig durchgängige intensive, überwiegend gleichmäßige und auch über die Kronentraufen hinausgehende Durchwurzelung des Dammkörpers insbesondere mit Fein- und Schwachwurzeln gezeigt. Insbesondere an den Böschungen findet sich eine flächig ausgeprägte und tiefer gehende Durchwurzelung stärker als unter den verdichteten Fahrspuren. Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass dies für den gesamten relevanten, d. h. mit den alten Eichen bestandenen Abschnitt der Wasserstraße zutrifft.

Aus dem mittels Pegelmessung ermittelten, an der Uferkante zunächst stark abfallenden und dann langsam dem Grundwasserstand entsprechenden Sickerwasserverlauf ergibt sich in Verbindung mit dem sandigen Aufbau auch die teilweise erkennbare, in größere Tiefe reichende Durchwurzelung. Zudem stellen die zum Untersuchungszeitpunkt trocken liegenden Begleitgräben südlich des rechten Dammes keine Begrenzung dar, die Durchwurzelung reicht bis in die südlich angrenzenden Wiesenflächen.

An einzelnen Bäumen ist davon auszugehen, dass die Dammkrone aufgeschüttet worden ist, hierauf verweisen der an einem Suchgraben vorgefundene klar erkennbare Schichtenaufbau und die unterschiedlichen Tiefen des ausgeprägten Wurzelhorizontes. Einwurzelungen in die aufgelagerten Schichten sind zu erkennen.

Abbildung 8: Sauggerät im Einsatz

Abbildung 9: Beispiel Suchgrabung rechtes Ufer Stör-Wasserstraße

9 Auswirkung der vorgefundenen Durchwurzelung auf die Beurteilung der Dammstatik

Die dokumentierte intensive und gleichmäßige Durchwurzelung der Dammkörper wird nach Vorstellung der Grabungsergebnisse von allen Projektbeteiligten als dammstabilisierend beurteilt, insbesondere auch unter Berücksichtigung der an den Böschungen teilweise sehr lockeren humosen Sande. Die Berechnungsmodelle zur Dammsicherheit berücksichtigen jetzt, soweit berechenbar, zu einem gewissen Grad auch die durch die Durchwurzelung erhöhte Scherfestigkeit. Die positiven Aspekte des Baumbestandes werden höher bewertet als die Gefahren z. B. durch Einleitung von Schwingungen.

Eine Ertüchtigung der Dämme nach ursprünglicher Planung scheidet aus Gründen des Baumerhalts nicht nur aus, sondern würde mittel- bis langfristig nicht funktionieren, da das absterbende Wurzelwerk dann wasserführende Röhren hinterlassen könnte und zudem der Dammkern unter dem Druck der Auflagerung mit der Zersetzung der Wurzeln zusammensacken würde. Es sind alle Beteiligten an dem Projekt einig, dass eine Sanierung der Dämme nur mit Erhalt der Bäume möglich ist. Geprüft werden derzeit alternative Lösungen in Form von seitlichen Verstärkungen, Spundwänden oder hintergelagerten Dämmen, die jedoch auch umfangreiche planungsrechtliche Änderungen erfordern.

Eine pauschale Übertragung dieser Beurteilung auf andere, vermeintlich ähnlich gelagerte Problemstellungen erscheint dennoch problematisch. Eine differenzierte Betrachtung der Bodenverhältnisse, der Dammgeometrie, des Dammaufbaus, der Baumarten und der Grund- und Sickerwasserverhältnisse ist dringend geboten und kann zu vollständig anderen Ergebnissen führen.

10 Dammversagen linkes Ufer Stör-Wasserstraße

Die tatsächlich desolate statische Situation der Dämme zeigte sich in einem Versagen des nördlichen Dammes bei km 2,145. Hier brach der Damm über eine Länge von ca. 6 m genau zwischen zwei in größerem Abstand zueinander stehenden Eichen.

Die tatsächliche Ursache für das Versagen kann nicht mehr nachvollzogen werden, allerdings wird von einem verstärkten „Wühltierangriff“ ausgegangen. Der Bestand an Nutrias ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen, und es wurden bereits im Vorwege zahlreiche Gänge im Dammkörper verschlossen. Im Zuge einer Sofortsicherungsmaßnahme wurde der Damm des linken Ufers durch Verfüllung des Begleitgrabens und eine bis zu 0,5 m die Dammböschung hoch reichende seitliche Anlagerung verstärkt (Abbildung 10).

Abbildung 10: Skizze: Sofortsicherungsmaßnahme nördliches Ufer StW

Eine baumgutachterliche Begleitung der Planung fand nur insoweit statt, als dass eine grundsätzliche Einschätzung der Auswirkung auf die Baumreihe abgefordert wurde, mit dem Ergebnis, dass die Durchwurzelung in Richtung des zu überschüttenden Begleitgrabens durch den gleichmäßig hohen Wasserstand mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit so stark eingegrenzt ist, dass eine Überfüllung der steil abfallenden Uferkante von ca. 0,5 m durch die Eichen kompensiert werden kann. Die Beschaffenheit des Auflastfilters und die Bauausführung wurden nicht detailliert begleitet.

11 Sofortsicherungsmaßnahme rechtes Ufer Stör-Wasserstraße

Die Sickerwasserlinien beider Dämme wurden seit dem Versagen intensiv überprüft. Hierbei wurde deutlich, dass im rechten (südlichen Damm) die Sickerwasserlinie abschnittweise ansteigt. Taucheruntersuchungen der Pfahlwände haben zudem Auskolkungen (durch das fließende Wasser hervorgerufene Vertiefung im Dammkörper) hinter den Pfahlwänden aufgezeigt.

Auch hier wurden in Form einer weiteren Sofortsicherungsmaßnahme seitliche Dammverstärkungen erforderlich, die den festgestellten Wurzelbereich umfangreicher als am nördlichen Damm beeinträchtigen. Am rechten Ufer weisen die breiteren Dämme flacher geneigte landseitige Böschungen auf, die in einen zumeist trocken stehenden Begleitgraben münden. Die Suchgrabungen haben eine flachgründige Durchwurzelung zwischen einer sehr lockeren Humusschicht und einem Tonhorizont durch die Grabensohle bis in die angrenzenden Wiesenflächen hinein aufgezeigt.

Die seitens der Dammstatik als erforderlich erachtete Profilierung des Auflastfilters führt damit zu Überfüllungshöhen von bis zu 1,55 m. Uferseitig sollte die Pfahlwand durch eingerüttelte Vlieslagen und Ersatz fehlender Pfähle ertüchtigt, der Raum zwischen Uferkante und Pfahlwand durch den Einbau von Wasserbausteinen verfüllt werden (Abbildung 11).

Die nicht abwendbaren negativen Auswirkungen der Überfüllung sollten durch nachfolgend beschriebene Maßnahmen eingegrenzt werden:

Der Damm durfte nicht mit schwerem Gerät befahren werden. Zur Erschließung des Geländes wurde eine provisorische Baustraße landseitig entlang des zu verfüllenden Begleitgrabens errichtet. Hierfür wurde die Grasnarbe der Wiese abgezogen, und eine Schicht aus Betonmineralgemisch auf einem Geotextil auf ca. 30 cm Höhe verdichtet.

Abbildung 11: Skizze Querprofil Auflastfilter rechtes Ufer Störwasser-Kanal bei km 1,90 (die Uferbezeichnung richtet sich nach der der Kilometrierung entgegengesetzten Gewässerfließrichtung).

Abbildung 12: Anfüllung mit eingebauten Baumlüftern, links die provisorische Baustraße

Abbildung 13: Aufbringen des Wühltierschutzgitters

An der Böschung und in der Grabensohle durfte unter baumpflegerischer Begleitung ebenfalls lediglich die obere lockere Humusschicht mit der Baggerschaufel von der Baustraße aus abgezogen werden.

Der Auflastfilter wurde im Rahmen der Vorgaben der Dammstatik möglichst grobkörnig gewählt. Ein Zuschlag von ca. 8–10% Humusstoffen und 0,4 kg/m3 organisch-mineralischem Dünger auf Algenbasis mit Magnesium, Spurenelementen und Mykorrhiza soll einen Wurzeleinwuchs in den Auflastfilter fördern. Der Auflastfilter wurde wiederum von der Baustraße aus aufgebracht, der Filter durfte nicht befahren und auch nicht zusätzlich verdichtet werden. Zur Berücksichtigung der zu erwartenden Verdichtung wurde das geplante abschließende Niveau um 10 cm überbaut. Das Niveau wurde an den Stammfüßen muldenförmig angepasst (Abbildung 12).

Zur Vermeidung von Wasseranstau im Wurzelhorizont auf dem Tonhorizont mit der Gefahr von Faulprozessen sind auch seitens der Dammstatik Durchbrüche in die darunter liegenden Horizonte erforderlich.

Diese Durchbrüche erfolgten in Form von baumgutachterlich begleiteten Bohrungen, die durch den Einbau von bis in 1,8 m tief eingebauten Schlitzrohren auch eine Funktion als Baumlüfter haben. Hierfür wurde ein Abstand der Rohre zueinander von max. 2 m gewählt, die geschlitzten Rohre aus Polyethylen haben einen Durchmesser von 15 cm und wurden nach dem Einbau mit Kies 16/32 aufgefüllt.

Auf den Auflastfilter wurde ein Gitter als Wühltierschutz aufgelegt und die Fläche abschließend mit einer ca. 10 cm starken Oberbodenschicht (humoser Sand, ähnlich dem vorhandenen Oberboden) abgedeckt (Abbildung 13). Die Lüfterrohre wurden mit einer Schicht aus Kies 16/32 an die Oberfläche angeschlossen.

Das Einrütteln des Vlieses an der Pfahlwand (Abbildung 14), die Ergänzung fehlender Pfähle und der Einbau der Wasserbausteine erfolgte von der Wasserseite mit Spezialgerät auf Schuten. Die Fahrspur auf dem Damm wurde nur dünn mit einem Magerrasenschotter egalisiert, die vorhandenen Unterschiede im Gefälle wurden nicht beseitigt (Abbildung 15).

Abbildung 14: Einrütteln des Vlieses mit Spezialgerät

Für die Sofortsicherungsmaßnahme mussten der Unterwuchs und zwischen den Eichen der Allee stehende Baumarten, die erfahrungsgemäß als wenig tolerant gegen Überfüllungen eingeschätzt werden, gefällt werden. Auch wurden die Kronenschirme sowohl land- als auch wasserseitig angehoben. Der optische Gesamteindruck der Allee blieb aber erhalten. Die Wurzelstöcke der gefällten Bäume wurden oberflächlich gefräst.

Abbildung 15: Einbau von Wasserbausteinen und Abdecken der Dammkrone mit humosem Sand bzw. Magerrasenschotter

12 Ausblick und Fazit

Planungen und Bauausführung sind ein Kompromiss aller Beteiligten. Die Alleesituation ist zunächst erhalten worden, der unbeteiligte Beobachter mag u. U. die Eingriffe in den Standort kaum (noch) erkennen (Abbildung 16). Eine abschließende Beurteilung, ob die Maßnahmen erfolgreich im Sinne des Baumerhalts sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht erfolgen. Eine engräumige sachverständige Kontrolle der Eichen über die nächsten 20 Jahre ist zwingend erforderlich. Ein langfristiger Erhalt der Eichen wird dann wahrscheinlich, wenn diese den Auflastfilter als Wurzelraum annehmen. Als Grundlage für die weiteren Baumkontrollen und auch als Grundlage für ähnliche Planungen wären deshalb entsprechende Suchgrabungen nach einigen Jahren zu empfehlen.

Abbildung 16: Blick auf den Bereich der ehemaligen Baustraße und die durch den seitlichen Auflastfilter stabilisierte Dammböschung mit der südlichen Eichenreihe im August 2018

Der hier vorgestellte Ansatz kann nicht als generelle Lösung ähnlicher Konflikte zwischen Damm-/Deichsanierung und Baumerhalt erachtet werden. Lohnend ist jedoch auf jeden Fall eine individuelle und vorurteilsfreie Untersuchung der Ausgangssituation und die Suche aller Beteiligten nach gemeinsamen Lösungen.

Literatur

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WESSOLLY, L., 2007: Rosskastanienallee auf einem Rheindeich: Wechselwirkungen und Sicherheiten, Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin

Autoren

Dipl.-Agr.-Ing. Katharina Dujesiefken ist Referentin für Baum- und Alleenschutz beim BUND Mecklenburg-Vorpommern.


Katharina Dujesiefken

Wismarsche Str. 152

19053 Schwerin

Tel. (0385) 5213390

Katharina.Dujesiefken@bund.net

Dipl.-Ing (FH) Frank-Christoph Hagen ist nach Studium am Merrist Wood College, Guildford (GB) mit Abschluss National Certificate Arboriculture an der damaligen Fachhochschule Osnabrück öffentlich bestellter Sachverständiger und geschäftsführender Inhaber der Hagen Baumbüro GmbH in Elmenhorst bei Schwarzenbek.


Dipl.-Ing (FH)

Frank-Christoph Hagen

An der Steinau 34

21493 Elmenhorst /Sahms

Tel. (04151) 898 633

info@hagen-baumpflege.de

Wurzelschutz an Straßenbäumen – Beispiele für eine konsequente Umsetzung bei Tiefbaumaßnahmen
Tree root protection in streets – Examples for a consequent implementation at construction sites

von Markus Streckenbach und Jan Dreß

Zusammenfassung

Der Schutz von Bäumen bei Tiefbaumaßnahmen wird trotz der eindeutigen Hinweise aus bestehenden Standards regelmäßig missachtet. Zugleich kommt dem pfleglichen Umgang mit Stadtbäumen eine immer größere Bedeutung zu, da die Erwartungen an das Stadtgrün stetig zunehmen. Dabei wird offenbar, dass Bäume diese ohne funktionsfähige Wurzeln nicht erfüllen können und dass der Schutz dessen Wurzelbereichs in der Praxis sehr individuell und meist zum Nachteil des Baumes gehandhabt wird. Beschädigungen und Verluste von Wurzeln wirken sich ganz konkret auf den betreffenden Baum aus. Sie können in sehr geringem Umfang vernachlässigbar sein, unter Umständen jedoch die Standsicherheit eines Baumes gefährden. Der Beitrag zeigt am Beispiel der Hansestadt Hamburg, dass man dort die Notwendigkeit der konsequenten Umsetzung von Schutzmaßnahmen seit langem erkannt hat und diese mit großem Erfolg bei Tiefbaumaßnahmen an Straßen umsetzt.

Summary

Regardless of clear recommendations given by existing standards, the protection of trees during excavation is mostly overseen. At the same time, the expectations for urban green functions are increasing, leading to an ever increasing role for tree care. It is obvious that trees cannot meet any prospect without properly functioning roots and that in practice, the protection of the rooting area of trees is handled very individually – in most cases to the disadvantage of the tree. Injuries and the loss of roots leave their mark on the tree in question. They can be of minor significance but also endanger the tree stability. Using the example of the City of Hamburg this article illustrates, how the necessity for a consistent implementation of protection measures has not only been realized but has also turned into a practical daily routine with great success.

1 Einleitung

Baumkontrolleure, Baumpfleger, Baumsachverständige und Baumeigentümer stehen in Zusammenhang mit den Wurzelsystemen von Bäumen regelmäßig vor einer schier unlösbaren Aufgabe: Sie sollen die Standsicherheit eines Baumes bewerten, risikofrei in die höchsten Wipfel klettern, den Umfang von Wurzelverlusten beurteilen und ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen – ohne Einblicke in den Wurzelraum von Bäumen zu haben. Vergleichbares wäre bei den oberirdischen Teilen von Bäumen undenkbar, wenn man diese nicht in Augenschein nehmen könnte, und doch wird der unterirdische Baumschutz bei Tiefbaumaßnahmen regelmäßig zulasten eben dieser Anforderungen auf das Gröbste missachtet. Der Ausführende geht womöglich zunächst von der Vermutung aus, dass im Wurzelraum eines betreffenden Baumes bislang keine Verluste zu verzeichnen waren. Er vertraut darauf, dass sogar die fachgerechte Entnahme von ein oder zwei stärkeren Wurzeln den Baum weder hinsichtlich seiner Standsicherheit noch seiner Vitalität beeinflussen wird. Dies alles jedoch ohne zu wissen, wie viele Wurzeln ein Baum tatsächlich noch besitzt oder wo sich diese befinden (Abbildung 1).

Abbildung 1: Wie so oft stand auch bei dieser Baumaßnahme der Schutz des Baumes nicht im Vordergrund. Seine Standsicherheit darf mit Blick auf die Wurzelverluste angezweifelt werden.

Daher kommt es in zahlreichen Fällen, insbesondere bei Straßenbäumen ab ihrer Reifephase, zu mitunter folgenschweren Fehleinschätzungen. Die Unschuldsvermutung, dass ein gegebener Baum im städtischen Umfeld noch sämtliche Wurzeln besitzt und sich im Gehwegbereich ein weitläufiges Areal erschlossen hat, ist nach allen Erfahrungen kaum zutreffend (Abbildung 2). Es muss im Gegenteil, und gerade bei straßenbegleitenden Baumpflanzungen in unseren Städten, sehr viel eher davon ausgegangen werden, dass ein Baum schon in einem Alter von nur 25 bis 30 Jahren im Laufe der Zeit an seinem Standort bereits umfängliche und nicht kompensierte Wurzelverluste erlitten hat.

Dementsprechend kommt dem Schutz der an einem Straßenbaum (noch) vorhandenen Wurzeln eine überragende Bedeutung zu. Der steigende Bedarf an baumfachlichen Begleitungen von Tiefbaumaßnahmen zeigt, dass die beharrlich geführte Diskussion um die Wertschätzung des Wurzelraumes von Bäumen mittlerweile Früchte trägt. Es erscheint auch fachübergreifend akzeptiert, dass der Schutz der Wurzeln einen wichtigen Pfeiler des Baumschutzes darstellt, und es herrscht Konsens darüber, dass dieser ein integrativer Bestandteil eines jeden Baumschutzkonzeptes sein muss (PAGANELLI 2014; AMTAGE 2019).

Abbildung 2: Durch Abgrabungen kommt es bei den meisten Straßenbäumen im Laufe der Zeit zu umfangreichen Wurzelverlusten, die nicht ohne Auswirkungen bleiben.

Die hier vorgestellten Beispiele einer konsequenten Umsetzung des Wurzelschutzes sollen dabei helfen, bestehende Unsicherheiten auszuräumen, den Aufwand für diese Leistungen korrekt abzuschätzen und damit den Wurzelschutz zu einer kalkulierbaren Größe zu machen.

2 Baumbiologische Grundlagen

Eingriffe in das Wurzelsystem eines Baumes sind in mehrfacher Hinsicht bedeutsam, insbesondere mit Blick auf

 die Standsicherheit,

 die Vitalität,

 die Energiereserven und

 den Phytohormon-Haushalt.

Die Standsicherheit wird im Wesentlichen durch eine ausreichende Verankerung des Baumes mit seinen Wurzeln im Erdreich gewährleistet. Dies setzt zum einen intakte und funktionsfähige Wurzeln voraus, die in der Lage sind, den Baum gegen ein Umstürzen zu sichern (COUTTS 1983; SMILEY 2008). Zum anderen ist die Verteilung der Wurzeln bzw. der Wurzelmasse von Belang, da beispielsweise stark asymmetrisch aufgebaute Wurzelsysteme den Lastabtrag nicht in jeder Windrichtung gleichermaßen erlauben (MICKOVSKI & ENNOS 2003).

Die Vitalität eines Baumes ist Ausdruck seines Gesundheitszustandes und erlaubt beispielsweise Rückschlüsse auf das zu erwartende Regenerationsverhalten, d. h. die Fähigkeit, sich von vorübergehenden Mangelsituationen zu erholen (ROLOFF 2018). Dabei spielen die Wurzeln eine maßgebliche Rolle, da Bäume über sie das lebenswichtige Wasser und die darin gelösten Nährstoffe aufnehmen. Jeder Wurzelverlust beeinträchtigt, zumindest temporär, diese Kapazitäten und schwächt damit den Baum (BENSON et al. 2018).

In der klassischen Baumpflege verbieten sich unbegründete Entnahmen von Starkästen nicht nur aufgrund der damit einhergehenden Entstehung von großen Wunden, deren nachfolgende Überwallung fraglich ist (DUJESIEFKEN & LIESE 2008). Durch die in den Ästen eingelagerten Stärkevorräte wird der Baum zudem eines Teils seiner Energiereserven beraubt. Gleiches gilt für Wurzeln, die in besonderer Weise als Speicherstätte für Kohlenhydrate fungieren (TROMP 1983) und daher in ihrer Gesamtheit zu Recht als Nahrungskammer der Bäume bezeichnet werden.

Zu jeder Zeit werden auch Phytohormone in Bäumen gebildet, umverteilt und verbraucht. Diese Verbindungen entstehen vor allem in teilungsaktiven Geweben wie Knospen und Wurzelspitzen. Dabei entstehen in den Wurzeln insbesondere Cytokinine, die unter anderem Alterungsprozesse verzögern (WERNER et al. 2001). Wurzelverluste führen somit stets auch zu einem Ungleichgewicht im Phytohormon-Haushalt, was insgesamt betrachtet die (vorzeitige) Vergreisung eines Baumes beschleunigt, sofern sich nicht wieder ein Gleichgewicht einstellt.

2.1 Die Funktionen von Wurzeln und die Gestalt von Wurzelsystemen

Wurzeln dienen einem Baum nicht nur zu seiner festen Verankerung im Boden. Über die Wurzeln gelangt das im Boden verfügbare Wasser mit den darin gelösten Nährstoffen in den Baum. In den Wurzeln entstehen Phytohormone, und photosynthetisch hergestellte Reservestoffe werden in großen Mengen in ihnen gespeichert. Da Wurzeln verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen, treten sie in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf, und auch die Wurzelsysteme von Bäumen sehen bereits nach wenigen Standjahren nicht mehr so aus wie zum Zeitpunkt der Pflanzung.

2.2 Die Aufgabenteilung innerhalb eines Wurzelsystems

Die Wurzelspitze/Wurzelhaube(Kalyptra)

Jede Wurzel besitzt an ihrer Spitze ein teilungsaktives Zentrum. Die hier ständig neu gebildeten Zellen bilden in Richtung des Wurzelursprungs den eigentlichen Wurzelkörper und in Richtung der Wurzelspitze eine Haube. Nur im Bereich der Spitze entscheidet sich, welche Richtung eine Wurzel einschlägt, wobei der Wurzelhaube eine besondere Bedeutung zukommt (IIJIMA et al. 2008). Die neu gebildeten Zellen strecken sich ebenfalls nur in der Nähe der Spitze, und nur hier wächst eine Wurzel dadurch in die Länge. Das Abtrennen einer Wurzelspitze wird zumeist innerhalb kurzer Zeit durch die Ausbildung von Seitenwurzeln hinter der Schnittstelle kompensiert (STRECKENBACH & SCHRÖDER 2012).

Die Wurzelhaare/Mykorrhizen

Hinter der Streckungszone stülpen sich einige der äußersten Zellen der jungen Abschlussgewebe schlauchartig aus und bilden hierdurch die sogenannten Wurzelhaare. Ihre Zellwände sind durchlässig für Wasser und die darin gelösten Nährstoffe. Wurzelhaare stehen in sehr engem Kontakt zu den feinsten Bodenteilchen, was zur Verankerung der Pflanze und zur Aufnahme von Nährstoffen an der Oberfläche der Bodenpartikel beiträgt. Zur Entwicklung von Wurzelhaaren bedarf es einer hohen Feuchtigkeit der Bodenluft, weswegen sie bei Wurzeln von Bäumen im Straßenraum nur selten in Erscheinung treten (BIBIKOVA & GILROY 2002). An mykorrhizierten Wurzelspitzen werden die Wurzelhaare funktionell durch die Hyphen der hilfreichen Pilze ersetzt und sind daher entbehrlich.

Feinst- und Feinwurzeln

Hinter der Spitze wachsen Wurzeln allmählich in die Dicke, und die für den Wassertransport genutzten Gewebe im Inneren verholzen zunehmend. Die Abschlussgewebe verkorken durch Einlagerungen, so dass sich eine erste feine Borke bildet. Sie bietet mechanischen Schutz, dient jedoch vor allem der Eindämmung von Wasserverlusten. Hiermit einhergehend verringert sich auch die Flexibilität der jungen Wurzeln. Sie werden zunehmend starr und übernehmen damit in immer größerem Maße statische Funktionen (PUHE 2003). Wenngleich jede Baumwurzel die bisher aufgezeigten Stadien durchläuft, so erstarken nicht alle jemals gebildeten Wurzeln, und nur vergleichsweise wenige erreichen auch stärkere Durchmesser.

Schwachwurzeln

Die Verankerung eines Baumes mit jungen Wurzeln wird im Laufe der Zeit durch die Entwicklung von stärkeren Wurzeln gefestigt. Über sie werden vorrangig die auf den Baum wirkenden (Wind-)Lasten in den Boden abgetragen. Dabei arbeiten diese im Verbund mit den jüngsten Verästelungen an den Enden der Wurzelstränge. Bei einem Windstoß geht durch die auf Zugbelastungen optimierten Wurzeln ein Ruck, der dazu führt, dass die feinsten Verästelungen „zuschnappen“ und den zwischen den Wurzeln liegenden Boden ruckartig umschließen (MATTHECK et al. 2014). Der Verlust einer Schwachwurzel muss daher stets im Kontext mit dem damit einhergehenden Verlust des anhängigen Wurzelstranges betrachtet werden.

Grob- und Starkwurzeln

Viele Schwachwurzeln werden in ihrer weiteren Entwicklung zu Grob- und Starkwurzeln. Neben dem Lastabtrag und der statischen Funktion, d. h. der Verankerung im Boden, dienen sie insbesondere der Speicherung von Reservestoffen, vorrangig von Stärke. Dabei handelt es sich um die Einlagerungsform der photosynthetisch gebildeten Kohlenhydrate; sie stellen die Treibstoffvorräte eines Baumes dar (RAMIREZ et al. 2018). Sämtliche Wachstumsvorgänge, die mit Ausnahme der Winterruhe fortlaufend stattfinden, verbrauchen Energie (Kohlenhydrate) und zehren daher von den Vorräten. Übersteigt die Nachfrage das vorhandene Angebot längerfristig, führt dies unweigerlich zum Niedergang eines Baumes.

2.3 Die Wurzeltrachten von Bäumen am Naturstandort

Die Gestalt der Wurzelsysteme von Bäumen ist wie die Gestalt ihrer Kronen genetisch vorgegeben. Bei den allermeisten Arten ist die zuerst gebildete Polwurzel stark vortriebig und differenziert sich zu einer Pfahlwurzel aus. Bei einigen Baumarten bleibt diese Wurzel bestimmend, und es bildet sich ein Pfahlwurzelsystem aus (z. B. bei der Stiel-Eiche). Wenn die Pfahlwurzel nicht dominiert und neben dieser noch weitere der neu gebildeten Wurzeln gleichberechtigt hinzukommen, formen sich zumeist Herzwurzelsysteme aus (z. B. beim Berg-Ahorn). Konzentriert sich das Tiefenstreben jedoch auf vereinzelte Wurzelstränge, entstehen in aller Regel Senkerwurzelsysteme (z. B. bei der Gewöhnlichen Esche).

Die Formen der Wurzeltrachten werden maßgeblich durch die Eigenschaften des Bodens am Standort beeinflusst, so dass sich das für eine Art charakteristische Wurzelsystem oftmals nur undeutlich herausbildet. Unabhängig davon gilt jedoch, dass eine einmal durchtrennte Pfahlwurzel (z. B. durch Verbiss oder das Unterschneiden in der Baumschule) nicht wieder ersetzt wird. Einmal abgetrennt bedeutet in diesem Fall für immer abhanden.

2.4 Der Einfluss des Bodens auf Baumwurzeln am Stadtstandort

Die Gestalt von Wurzelsystemen weicht am Stadtstandort meist überaus deutlich von der genetisch vorgegebenen und am Naturstandort realisierbaren Gestalt ab. Dies liegt an den besonderen Umgebungsbedingungen im Straßenraum, die das Wachstum von Wurzeln und damit die Entstehung von Wurzelsystemen nachhaltig beeinflussen (STRECKENBACH & STÜTZEL 2010). Wurzeln reagieren auf die sie umgebenden Reize und folgen ihnen, wenn sie ihren Ansprüchen entgegenkommen bzw. wenden sich von ihnen ab, wenn sie ihren Ansprüchen entgegenstehen. Die Bodenluft, das Bodenwasser und die Bodendichte stellen dabei die wichtigsten Einflussgrößen dar.

Die Durchlüftung des Bodens (Bodenluft)

Die Versiegelung des Baumumfeldes bringt es mit sich, dass die Lebensgrundlage eines Baumes, der Boden, von der Atmosphäre abgeschnitten wird. Hierdurch kann der Gasaustausch nicht mehr ungehindert stattfinden und so die Bodenluft knapp werden. Wachsende Wurzeln sind jedoch auf die Zufuhr von Sauerstoff angewiesen („Wurzelatmung“), da ihr Stoffwechsel sonst zum Erliegen kommt und sie absterben. Gleichzeitig produzieren Wurzeln Kohlenstoffdioxid, das sich in einem versiegelten Boden anreichert und das Wachstum ebenfalls zum Erliegen bringen kann, da es nicht mit durchfließendem Regenwasser abgeführt wird. Wurzeln wachsen bevorzugt in gut durchlüfteten Bereichen, die sie im Straßenraum vor allem in oberflächennahen Bodenschichten vorfinden (STRECKENBACH et al. 2009).

Der Feuchtigkeitsgehalt des Bodens (Bodenwasser)

Die Versiegelung des Bodens beeinflusst auch dessen Feuchtigkeitsgehalt, da das Versickern von Regenwasser hierdurch verhindert oder zumindest erschwert wird. Je weniger Wasser in einem Boden vorhanden ist, desto weniger Wasser steht dem hier wachsenden Baum zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen und zum Wachstum zur Verfügung. Dass Wurzeln zunächst einmal nach unten wachsen, hilft ihnen dabei, Anschluss an Grundwasser führende Bodenschichten zu bekommen. Dieser Wachstumsreiz wird von Wasser im Boden maßgeblich erhöht, da Wurzeln diesem regelrecht hinterherwachsen (STRECKENBACH et al. 2010). Unterbleibt der Eintrag von Regenwasser und ist der Feuchtigkeitsgehalt eines Bodens durch Versiegelung erniedrigt, entwickeln sich Wurzeln vor allem nahe der Oberfläche, wo sie eine noch ausreichende Bodenfeuchtigkeit vorfinden.

Der Eindringwiderstand des Bodens (Bodendichte)

In bebauten Umgebungen ist das Baumumfeld in aller Regel hoch verdichtet, da der hier vorhandene Boden vor allem Last aufnehmen muss. Solche Verdichtungen entstehen zumeist durch den unbekümmerten Einsatz von Maschinen oder sie werden als straßen- bzw. tiefbautechnische Anforderung umgesetzt. Verdichtungen betreffen durch die Entstehung von sog. Druckzwiebeln auch tief unter der Oberfläche liegende Bodenschichten und führen zu einer für Bäume höchst nachteiligen Veränderung der Bodenstruktur. Insbesondere die luft- und wasserführenden Poren werden zumeist unwiderruflich zerstört, was nicht ohne Einfluss auf Wurzeln bleibt, da sie in derartige Bereiche nicht oder in einem nur sehr geringen Umfang einwachsen können (STRECKENBACH 2011). Auch die Verdichtung eines Bodens führt somit zur Entwicklung von oberflächennah ausgebildeten Wurzeln.

2.5 Beschreibung des Wurzelbereichs eines Baumes

Als eine Folge der zuvor beschriebenen Einflüsse konzentrieren sich das Wachstum von Wurzeln und die Entwicklung von Wurzelsystemen am Stadtstandort noch stärker auf oberflächennahe Bodenbereiche als es am Naturstandort bereits der Fall ist, so dass sich meist der Großteil aller Wurzeln eines Baumes in den oberen Bodenhorizonten befindet (RANDRUP et al. 2001). Dennoch können einzelne Wurzelstränge auch Wuchstiefen von 1,5 m oder mehr erreichen, wenn es die Bodenverhältnisse zulassen.

Die häufig zitierte Daumenregel, dass die Ausdehnung der Kronentraufe der horizontalen Wurzelausbreitung entspricht, hat bereits am Naturstandort nur selten und am Stadtstandort nie einen Bezug zur realen Situation. Aufgrund der hier vor allem oberflächennah ausgebildeten Wurzeln kann die Entfernung sämtlicher außerhalb der Kronentraufe liegenden Wurzeln mitunter den Verlust des halben Wurzelsystems eines Baumes bedeuten. Daher ist der von Störungen freizuhaltende Wurzelbereich eines Baumes als die unter dem Schirm der Krone liegende Fläche zuzüglich 1,5 m zu allen Seiten festgelegt. Bei schmalkronigen Arten oder Sorten sind es sogar 5 m zu allen Seiten (FGSV 1999; DIN 2014). Der Wurzelbereich ist Teil des Wurzelraumes, zu dem der Boden als untrennbare Komponente gehört. Wie zuvor dargelegt, bedeutet eine Einflussnahme auf den Boden stets auch die Einflussnahme auf die hier vorkommenden Wurzeln und damit auf einen hier wachsenden Baum (Abbildung 3).

3 Die Auswirkungen von Eingriffen im Wurzelraum

Neben der Beeinflussung des Wurzelraumes durch Veränderungen des Bodens werden Wurzeln im Zuge von Tiefbaumaßnahmen regelmäßig auch direkt geschädigt. Hierzu zählen kontrollierte Eingriffe, wie sie z. B. zur Herstellung von Wurzelvorhängen im Vorfeld von Bautätigkeiten notwendig sind. Sorge bereiten vor allem unkontrollierte Eingriffe, da diese den betroffenen Baum unmittelbar oder mittelbar negativ beeinflussen (POMMNITZ 2016). Wenngleich solche Beschädigungen im Laufe der Zeit und unter entsprechend guten Bedingungen kompensiert werden können, bleiben sie niemals ohne Auswirkungen auf einen Baum.

Abbildung 3: Die Zufahrt zu dieser Baustelle liegt im unmittelbaren Schutzbereich dieser Baumgruppe. Die dort ersichtlichen Pfützenbildungen bilden die durch den Verkehr verursachte, die Bäume schädigende Verdichtung des Wurzelbereichs an der Oberfläche ab.

3.1 Wundreaktionen von Wurzeln

Da das CODIT-Prinzip1 für alle verholzenden Baumteile gilt, gleichen die Wundreaktionen von Wurzeln im Wesentlichen den Wundreaktionen, die an Zweigen, Ästen und Stämmen zu beobachten sind. Im Unterschied zu den oberirdischen Baumteilen besitzen Wurzeln jedoch zumeist einen höheren Anteil an parenchymatischen, d. h. lebenden und damit aktiv reaktionsfähigen Zellen. Hierdurch können Wundreaktionen effizienter ablaufen, wenn die Umgebungsbedingungen es erlauben (vgl. Abbildung 4). Daher kommt nicht nur dem vorsorgenden, sondern auch dem nachsorgenden Wurzelschutz große Bedeutung zu.

Abbildung 4: Glatt durchtrennt und versiegelt können Wurzeln in Abhängigkeit von den umgebenden Bodenbedingungen ausgesprochen gut regenerieren. Dabei sind jüngere Wurzeln effektiver als ältere Wurzeln.

3.2 Verletzung von Wurzeln

Trotz aller Bestrebungen, Baumwurzeln zu schützen, werden diese regelmäßig beschädigt oder müssen aufgrund fehlender Alternativen entfernt werden. Hinsichtlich der Ursachen von Wurzelverletzungen ist daher zwischen zielgerichteten, fachlich korrekt ausgeführten Eingriffen und unsachgemäßen Eingriffen zu unterscheiden, die beispielsweise infolge eines unbedarften Einsatzes von Maschinen entstehen.

Zielgerichtete Eingriffe als Teil baumpflegerischer Maßnahmen haben stets zum Ziel, das Ausmaß unvermeidbarer Schäden zu minimieren. Da die Möglichkeiten für Korrekturen der Folgen unsachgemäßer Eingriffe bzw. die Eindämmung der dadurch zukünftig entstehenden Schäden begrenzt sind, muss der Fokus einer jeden Tiefbaumaßnahme in Baumnähe auf dem Erhalt von vorhandenen Wurzeln liegen.

3.3 Ersticken von Wurzeln/Beeinflussung des Gashaushaltes

Der Schutz von Wurzeln kann als Maßnahme einzeln behandelt, jedoch nicht losgelöst vom Schutz des Wurzelraumes gesehen werden. So schädigt beispielsweise das Befahren des Wurzelbereiches mit Maschinen die hier vorkommenden Wurzeln nicht viel weniger als unmittelbare mechanische Beschädigungen. Allerdings treten die zunächst nicht direkt erkennbaren Effekte dabei zeitverzögert auf, mitunter erst nach mehreren Vegetationsperioden (STOBBE & KOWOL 2005). Mit Blick auf die Beeinflussung von Wurzeln ist bei der Herstellung von Leitungsgräben daher auch ein Augenmerk auf das Verfüllen und Verdichten des Grabens sowie die anschließende Herstellung der Wegedecke zu legen.

Bäume sind mit ihren Wurzeln an die vorherrschenden Bedingungen angepasst, so dass auch an gestörten und vergleichsweise lebensfeindlichen Standorten darauf geachtet werden muss, dass sich die Umgebungsbedingungen nicht zu einem weiteren Nachteil für den Baum verändern. Veränderungen in Form von Abgrabungen (Bodenabtrag), Überfüllungen (Bodenauftrag), Überverdichtungen und Versiegelungen sind in jedem Fall zu vermeiden.

3.4 Grundwasserbeeinflussung/ Baumaßnahmen mit Wasserhaltung

Die Anpassung von Bäumen an ihren Standort betrifft auch ihren Wasserhaushalt. Sind Bäume von Baumaßnahmen mit Wasserhaltung betroffen, stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Hierbei ist nicht nur auf den Erhalt der Wurzeln zu achten, sondern auch darauf, dass diese mit einer veränderten Wasserzufuhr bzw. dem Entzug von Wasser konfrontiert werden. Sind Wurzelsysteme einmal an einem Standort mit den dort vorherrschenden Bedingungen etabliert, können abrupte und/oder länger anhaltende Veränderungen den Niedergang eines Baumes nach sich ziehen – obwohl diesem keine einzige Wurzel entnommen wurde.

Insbesondere die Wurzelsysteme älterer Bäume besitzen keine ausreichende Plastizität, um sich grundlegend neuen Bedingungen anzupassen. Einmal trockengefallene Wurzeln sterben unweigerlich ab und können nicht mehr reaktiviert werden. Jüngere Bäume haben ein größeres Potenzial, um sich auf solche Veränderungen einzustellen. Unabhängig vom Alter führen Grundwasseranstiege in aller Regel jedoch vergleichsweise rasch zu einem Absterben betroffener Bäume, da das Wasser die Bodenluft verdrängt und die Wurzeln daraufhin wegen des Luftmangels bald ersticken und degenerieren.

4 Erfahrungen in der Hansestadt Hamburg
4.1 Anmeldung und Beauftragung der Baubegleitung

Der Bedarf an einer baumfachlichen Baubegleitung ergibt sich stets aus dem zu erwartenden Einfluss, den eine Baumaßnahme auf einen Baum ausüben kann. Dieser kann meist schon anhand von Katasterauszügen durch den zuständigen Baumkontrolleur abgeschätzt werden. Die Effekte reichen von bodenbedingten Einflüssen auf den Baum, wie einer (temporären) Veränderung des Grundwasserstandes oder geplanten Umgestaltungen des Baumumfeldes, bis hin zu einer unmittelbaren Gefährdung durch unumgängliche Baumaßnahmen, wie der Herstellung von Leitungsgräben im Schutzbereich von Bäumen. In der Stadt Hamburg ist die baumfachliche Baubegleitung, z. B. bei Tiefbaumaßnahmen, in den allermeisten Fällen durch die Hamburger Baumschutzverordnung zwingend vorgeschrieben oder wird vom zuständigen Amt eingefordert.

Unabhängig vom jeweiligen Anlass muss in der Hansestadt das ausführende Bauunternehmen für eine baumfachliche Baubegleitung sorgen. In einem ersten Schritt erfolgt hierzu eine Anfrage des Tiefbauers oder Netzbetreibers bei einem Baumpflegefachbetrieb zur fachlichen Begleitung der Maßnahme. Bei Übernahme des Auftrags erfolgt dann durch den Baumfachbetrieb die Anmeldung der Begleitung beim zuständigen Bezirksamt. Dabei ist es üblich, dass diese Schritte fernschriftlich, d. h. per E-Mail, erfolgen (vgl. Abbildung 5 und 6).

Abbildung 5: Die Anfrage nach einer baumfachlichen Baubegleitung durch den Tiefbau bzw. Netzbetreiber erfolgt unkompliziert per E-Mail.

Abbildung 6: Die Anmeldung der baumfachlichen Baubegleitung beim Bezirksamt erfolgt ebenso einfach per E-Mail durch den Baumpflegefachbetrieb.

Zeitgleich mit der Anmeldung der Begleitung erfolgt die Beantragung eines Kartenauszuges des betroffenen Straßenzuges, so dass auch hinsichtlich der korrekten Baumnummern Übereinkunft herrscht. Zusätzlich stellt das Amt häufig der Baubegleitung eine Liste mit Stammdaten der betreffenden Bäume zur Verfügung. Dieser Ablauf, mit dem auch der vorbereitende Aufwand für alle beteiligten Stellen auf ein Minimum reduziert wird, hat sich in der Hansestadt Hamburg zur Zufriedenheit aller Beteiligten etablieren können. Das dort bewährte Schema umfasst im Einzelnen:

Schritt 1: Anfrage des Tiefbauunternehmens zur baumfachlichen Begleitung

Schritt 2: Anmeldung der Maßnahme durch die begleitende Firma beim jeweiligen Bezirksamt

Schritt 3: Zurverfügungstellung amtlicher Auskünfte zum betreffenden Baumbestand

Sind alle notwendigen Unterlagen vorhanden, können die Arbeitspapiere für die baubegleitende Fachkraft zusammengestellt werden. Dies sind in der Regel:

 das Wurzelprotokoll

 die Informationen des Bezirksamtes (Kartenauszug/Baumliste)

 das Auftragsschreiben des Tiefbauunternehmens

 ein Leistungsnachweis zur Dokumentation der abgeleisteten Stunden

4.2 Anforderungen des Auftraggebers an die Baumpflegefachkraft

Der Auftraggeber darf von einer baumfachlichen Baubegleitung Grundkenntnisse des Tiefbaus erwarten, so dass die allgemeinen Arbeitsabläufe und die dabei eingesetzten Werkzeuge und Maschinen bekannt sind. Die Kenntnis der Definition der gängigsten Begriffe wie beispielsweise „Löffel“, „Auskoffern“, „Rückenstütze“, „Grabensohle“, „Muffe“, „Zwickel“, „Schwarzdecke“ usw. erleichtert den Umgang miteinander und hilft, Missverständnissen vorzubeugen. Dies bedeutet zugleich, dass sich die ausführenden Kräfte bei Unsicherheiten unbedingt durch Rückfragen vergewissern sollten. Baumfachkraft und Tiefbauer teilen ihre Sachkenntnis gerne, können den Stand des Wissens der anderen Beteiligten jedoch nicht erahnen.

Zudem muss sich der Auftraggeber darauf verlassen können, dass sich die eingesetzte Baumfachkraft vor und während der Arbeiten vollumfänglich um die Belange des Wurzelschutzes kümmert. Dies beinhaltet auch, dass die Baubegleitung selbstständig darüber entscheiden kann, wann und wo unter Berücksichtigung des Baumschutzes Maschinen für Grabungsarbeiten eingesetzt werden können, wann Grabungen einzustellen bzw. wiederaufzunehmen sind und vor allem, dass alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Baumwurzeln umgesetzt werden.

Das Bindeglied zwischen dem Auftraggeber und dem Auftragnehmer ist das Wurzelprotokoll, in dem die Einwirkungen auf den Baum / Beschädigungen sowie erforderliche nachsorgende Maßnahmen dokumentiert werden. Im Zweifel dient das Protokoll mit der dazugehörigen Dokumentation auch als Beweismittel.

4.3 Anforderungen der Baumfachkraft an den Auftraggeber

Der Auftragnehmer darf vom Auftraggeber erwarten, dass dieser ihm im Vorfeld alle grundlegenden Informationen zur Baumaßnahme (z. B. Leitungsverlegung im Gehwegbereich), zum Baumbestand (z. B. 35 Altbäume) und zu den Baumstandorten (z. B. Baumroste vorhanden) usw. mitteilt. Ein Grundverständnis der ausführenden Tief- und Straßenbauer für die Bedeutung und die Schutzbedürftigkeit von Baumwurzeln trägt dazu bei, dass sich die baumfachliche Baubegleitung nahtlos in den Bauablauf integrieren kann.

Zudem gilt auch hier, dass Rückfragen bei Unklarheiten den besten Schutz vor unsachgemäßen Eingriffen darstellen. Beim Tiefbau werden dickere Wurzeln beispielsweise auch mal als „Äste“ angesprochen, was zunächst verwirren kann.

Die Baumfachkraft muss zudem alle notwendigen Schritte zum Wurzelschutz einleiten und im Einzelfall von ihrer Befugnis zur Veranlassung eines Baustopps Gebrauch machen können. In diesem Fall ist die Baumeigentümerin (Stadt Hamburg, z. B. vertreten durch den städtischen Baumkontrolleur) in die Problematik mit einzubinden. Ihr obliegen die weiteren Entscheidungen hinsichtlich der Vorgehensweise. Auch wenn die Notwendigkeit verschiedener Maßnahmen bei Bedarf direkt vor Ort erläutert werden kann, bildet das Wurzelprotokoll mit einer zusätzlichen fotografischen Dokumentation auch hier die wichtigste Nahtstelle zwischen der beauftragten Baubegleitung, dem auftraggebenden Tiefbauunternehmen und der Baumeigentümerin.

4.4 Das Wurzelprotokoll

Um Schädigungen von Bäumen durch unsachgemäße Eingriffe in den Wurzelraum zukünftig zu unterbinden, hat die Firma Baumpflege Bollmann aus Ellerau bereits 2011 das sogenannte „Wurzelprotokoll für baumfachliche Baubegleitungen“ entwickelt. Dieses hat seit seiner Einführung in der Hansestadt Hamburg nicht nur die Zustimmung aller Beteiligten gefunden, sondern wird dort mit großem Erfolg umgesetzt.

Das Wurzelprotokoll bildet den Ausgangspunkt einer jeden baumfachlichen Baubegleitung. Die Vorbereitung des Protokolls im Büro beschränkt sich auf die Eingabe einiger Stammdaten, wie die Angaben zur beauftragenden Firma mit Ansprechpartner, den Zeitpunkt der Beauftragung, den Grund der Aufgrabung, Angaben zu den Baumstandorten sowie die Nennung des zuständigen städtischen Baumkontrolleurs. Abbildung 7 zeigt beispielhaft den Aufbau eines Wurzelprotokolls.

Abbildung 7: Auszug des in der Hansestadt Hamburg etablierten Wurzelprotokolls der Baumpflege Bollmann GmbH, welches das verbindende und verbindliche Element zwischen dem Tiefbauer, der baumfachlichen Baubegleitung und der Baumeigentümerin ist.

Alle weiteren Daten werden vor Ort vom Baumpfleger ausgefüllt. Hierunter fallen Angaben zur Baumart und den Stammdurchmessern sowie detaillierte Aussagen zu Schäden, die sich beispielsweise aus unvermeidlichen, jedoch kontrolliert beigebrachten Wurzelverlusten ergeben können. Auch Informationen zur Entfernung der Eingriffe zum Stamm und zum Umfang von ggf. notwendigen Kronenausgleichsschnitten sind Teil der Dokumentation. Das Protokoll enthält somit alle wesentlichen Informationen und umfassende Details zu Ablauf und Hergang des Bauvorhabens in Bezug auf den Baumschutz.

Die genaue Kenntnis des Umfangs beschädigter Wurzeln bzw. fachlich korrekt nachbehandelter Wurzelschäden und möglicher nachsorgender Pflegemaßnahmen eines jeden Baumes vermittelt allen Beteiligten (in komplexen Fällen im Zusammenhang mit der fotografischen Dokumentation) ein möglichst genaues Bild der tatsächlichen Ereignisse. Damit erübrigt sich zukünftig auch die Notwendigkeit, über mögliche Wurzelverluste zu spekulieren.

Idealerweise erfolgt die Dateneingabe und -verarbeitung digital, so dass sich der Aufwand zur Nachbereitung des Auftrags auf ein Minimum reduziert. Die Einbindung der Dokumentation in ein bestehendes Baumkataster stellt dabei die effizienteste Art dar, einzelbaumbezogene Informationen jederzeit zur Hand zu haben. Auch dieser Schritt wird in der Hansestadt Hamburg seit Jahren konsequent umgesetzt.

5 Der Wurzelschutz in der Praxis
5.1 Schutzmaßnahmen im Baumumfeld

Zu den mittelbaren Maßnahmen des Wurzelschutzes gehört beispielsweise der Einsatz von Platten, Bohlen, Matten und/oder Kies zum Abtrag von Lasten, die (bei offener Baumscheibe) durch schwere Maschinen oder Fahrzeuge in den Wurzelraum eingeleitet werden könnten. Auch die korrekte Platzierung der Baustelleneinrichtung gehört zu diesen Maßnahmen und verhindert, dass Lasten oder Unrat (wie beispielsweise WC-Abwässer oder Chemikalien) in den Wurzelbereich eingetragen werden.

Bevor die Arbeiten im Wurzelraum beginnen, erfolgt auch die Baustellenabsicherung. Diese wird in aller Regel durch die ausführende Tiefbaufirma umgesetzt. Hier hat die baubegleitende Baumfachkraft Zeit, sich mit dem betroffenen Baum und dessen Standort vertraut zu machen. Ein geschultes Auge erkennt bereits vor dem ersten Spatenstich, wo es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Kontakt mit dem Wurzelwerk kommen wird.

5.2 Schutzmaßnahmen an Stamm und Krone

Obwohl Schutzmaßnahmen am Stamm und an der Krone auf den ersten Blick in keinem direkten Zusammenhang mit den Wurzeln eines Baumes stehen, umfassen sie oft den Wurzelraum oder finden innerhalb des Wurzelschutzbereiches Anwendung. Zudem ist der Einsatz von Maschinen zur Abnahme des Wegebelages vor Tiefbaumaßnahmen nicht selten, und entsprechend besteht eine konkrete Gefahr für den Baum durch schweres Gerät.

Ein korrekt angebrachter Stammschutz sorgt dafür, dass der Baum beim Kontakt mit einer Maschine keinen Schaden nimmt. Ein mit einer Windung um den Baum gewickeltes Dränrohr erfüllt diesen Schutz ebenso wenig wie schwere Gerüstbohlen, die auf den Wurzelanläufen aufgesetzt sind. Letztere verletzen bereits durch ihr Eigengewicht regelmäßig die Wurzelanläufe. Ein fehlender oder ungeeigneter Stammschutz ist der Baumeigentümerin umgehend zu melden.

Im Ausnahmefall kann auch eine Einkürzung von Kronenteilen notwendig sein, um einen Baum vor zu erwartenden Beschädigungen durch Baumaschinen zu schützen. Steht kein ausreichender Arbeitsraum zur Verfügung, sind die Arbeiten vorübergehend einzustellen, bis ein Fachbetrieb das benötigte Lichtraumprofil erstellt hat. Wenngleich das Ziel einer jeden baumfachlichen Baubegleitung der Erhalt des vollständigen Baumes ist, so muss von Fall zu Fall auch nach Kompromissen gesucht werden, um notwendige Eingriffe zu ermöglichen und den Schaden für den Baum dabei so gering wie möglich zu halten.

5.3 Öffnung des Wurzelraumes

Nachdem die örtliche Lage analysiert wurde, kann mit den Tiefbauarbeiten begonnen werden. Für die eingesetzte Baubegleitung ist dies eine der kritischen Phasen, in denen ihre volle fachliche Kompetenz gefragt ist. Problematisch ist, dass während der anfänglichen Grabungsarbeiten ein möglicher Wurzelverlauf nur erahnt werden kann. Die Gefahr einer unbeabsichtigten Wurzelverletzung durch die falsche Grabungstechnik ist in dieser Phase besonders hoch. Ein Baggereinsatz kann hier verheerende Auswirkungen haben.

Abbildung 8: (Fein-)Wurzelgeflechte unter Wegebelägen können in aller Regel entfernt werden, um einen einfachen Zugang zum Wurzelraum zu ermöglichen.

Bei der Öffnung des Wurzelraumes hat der Erhalt von Wurzeln stets oberste Priorität. Dicht unter dem Wegebelag, zumeist in engem Kontakt zu diesem und mitunter auch mit ihm verwachsen, finden sich regelmäßig einzelne Feinst- und Feinwurzeln oder deren Geflechte (Abbildung 8). Ihr Erhalt ist in aller Regel nicht möglich und in der Mehrzahl aller Fälle auch nicht unabdingbar. Um den Zugang zum Leitungsgraben zu ermöglichen, kann die Entfernung dieser Wurzeln in der Bettung des Wegebelages daher durchaus in Erwägung gezogen werden, ohne dass dem Baum hierdurch zwangsläufig ein bleibender Schaden entsteht.

Dessen ungeachtet findet die Öffnung des Wurzelraumes, die zugleich eine Sondierung der Wurzeln darstellt, stets in Handschachtung oder Saugtechnik statt (Abbildung 9).

Abbildung 9: Die Freilegung des Wurzelraumes unter Wurzelerhalt in Handschachtung ist in der Hansestadt Hamburg eine von allen Parteien akzeptierte Selbstverständlichkeit.

In begründeten Ausnahmefällen kann eine Sondierung der Wurzeln mit Geräten erfolgen, wenn ein zahnloser Löffel genutzt wird und der Aushub äußerst behutsam unter Sichtkontakt (eine Person im Graben, eine in der Maschine) erfolgt. Die Entscheidung, ob eine solche Vorgehensweise infrage kommt, obliegt allein der baumfachlichen Baubegleitung.

5.4 Umgang mit freigelegten Wurzeln

Bei der schichtweisen Abtragung des Bodens kann es zur Freilegung von Wurzeln kommen. In dem Fall ist abzuwägen, wie mit diesen umgegangen werden soll. Die weitere Handhabung der freigelegten Wurzeln hängt von unterschiedlichen Parametern ab: von der Stärke der Wurzel, deren Beschädigungsgrad, der Witterung und vom Grund für die Aufgrabung.

Grundsätzlich stehen dem Baumpfleger drei Möglichkeiten zur Auswahl:

 das Belassen der Wurzel und deren Schutz vor Austrocknung bzw. Frost (vgl. Abbildung 10),

 das Beschneiden der Wurzel aufgrund verletzter Wurzelpartien bzw. räumlicher Konflikte oder

 die Kappung der gesamten Wurzel (bis zur Baugrubenwand, in Einzelfällen auch darüber hinaus).

Müssen die Wurzeln beschnitten werden, ist je nach Stärke der Wurzel vorab die Baumeigentümerin oder aber ihr Vertreter (z. B. der Baumkontrolleur im Falle von Stadtbäumen) zu informieren. Die Baumeigentümerin entscheidet letztlich über die durchzuführende Maßnahme. Sind die freigelegten Wurzeln erst einmal versorgt, müssen im Anschluss daran die Wurzelstärken und der Umfang von Verletzungen protokolliert werden.

Abbildung 10: Ebenso wird der pflegliche Umgang mit freigelegten Wurzeln respektiert und die bei den Arbeiten dennoch verletzten Wurzeln werden stets fachgerecht versorgt.

5.5 Durchtrennen von Wurzeln

Sind Wurzelverluste trotz aller Schutzmaßnahmen nicht zu vermeiden und besteht keine Möglichkeit zum Erhalt verletzter Wurzeln, sind die betroffenen Wurzeln schneidend und glatt zu durchtrennen – und zwar so, dass dabei stets die kleinstmögliche Schnittfläche entsteht. Erst der glatte Schnitt, der bei stärkeren Wurzeln mit einer scharfen(!) Säge zu erfolgen hat, gibt einer Wurzel im Zusammenspiel mit einer kleinen Schnittfläche die Möglichkeit zur Überwallung der Wunde. Nach dem Schnitt muss die Schnittstelle bis mindestens einen Fingerbreit hinter dem Schnitt mit einem Wundverschlussmittel versiegelt werden.

Dies dient dazu, das unter der Rinde liegende Kambium, aus dem das Wundgewebe entsteht, vor dem Eintrocknen zu schützen. Fällt das Kambium trocken, so stirbt dieses zarte Gewebe unwiderruflich ab, weswegen die Versiegelung der Schnittstelle unmittelbar zu erfolgen hat. Der Anstrich verhindert jedoch niemals den Besatz der Wunde mit den Sporen von Schadorganismen. Hieraus entstehenden Schäden kann allein durch eine korrekte Wundversorgung vorgebeugt werden, die für eine bestmögliche Wundreaktion sorgt. Nach der Wundversorgung ist der Rest der freiliegenden Wurzel mit geeigneten Mitteln vor Austrocknung zu schützen.

5.6 Nachversorgung freigelegter Wurzeln

Freigelegte Wurzeln müssen unabhängig von einer vorhandenen Wunde stets feucht gehalten werden, bis die hergestellte Grube wieder verfüllt wird. Vor dem Eingriff hat der umgebende Boden die Wurzeln sicher vor Austrocknung geschützt, in offenen Baugruben muss dieser Schutz nun anderweitig sichergestellt werden. Dies geschieht beispielsweise durch die feuchte Bandagierung freigelegter Wurzeln oder das Umwickeln von Wurzelsträngen mit geeignetem Material (z. B. Jute) sowie das Abdecken der Wurzeln mit Vlies.

In jedem Falle muss die Maßnahme zeitnah nach dem Freilegen erfolgen. Ziel ist, dass die so versorgten Wurzeln nicht austrocknen und im Falle von länger offenen Gruben dauerhaft feucht gehalten werden. Bei Bedarf müssen die Wurzeln daher regelmäßig neu befeuchtet werden. Bei trockenheißer Witterung kann das zusätzliche Einschlagen der umwickelten und befeuchteten Wurzeln in eine Kunststofffolie dabei helfen, die Verdunstungsrate herabzusetzen. Hierbei sollte einer weißen Folie der Vorzug gegeben werden, um eine Erhitzung der Wurzeln zu verhindern. Im Winter freigelegte Wurzeln sind in gleicher Weise durch eine geeignete Ummantelung vor Erfrierungen zu schützen.

5.7 Nachbereitung der baumfachlichen Baubegleitung

Nach Beendigung der Baubegleitung werden die ausgefüllten Wurzelprotokolle an die Tiefbaufirma und die zuständige Behörde geschickt, sofern Stadtbäume betroffen sind. Zudem werden die Protokolle zum Nachweis der Arbeiten im Archiv der beauftragten Firma abgelegt. Sollten Lichtbilder besonders beschädigter Wurzeln erstellt worden sein, werden diese den Dokumenten als Anlage beigefügt.

5.8 Kronenausgleichsschnitt

Ist ein Verlust größerer Teile eines Wurzelsystems zu verzeichnen, kann neben der Behandlung der Schnittstellen und des verbleibenden Wurzelsystems ein so genannter Kronenausgleichsschnitt nötig werden. Die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme ist im Einzelfall von der baumfachlichen Baubegleitung bzw. der Baumeigentümerin oder deren Vertreter zu beurteilen.

Ein Kronenausgleichsschnitt soll dabei helfen, größere Versorgungsengpässe zwischen dem Wurzelsystem und der Krone zu verhindern. Zudem wird durch den Schnitt auch das Wurzelwachstum angeregt, da es zu einer Beeinflussung des Phytohormon-Haushaltes zugunsten der Wurzelneubildung kommt. Der Kronenausgleichsschnitt ist als nachsorgende Folgemaßnahme einer baumfachlichen Baustellenbegleitung zu verstehen. Er wird stets separat beauftragt und erfolgt in aller Regel nach Beendigung der Tiefbaumaßnahmen.

Die Intensität des Eingriffs in die Krone wird bereits während der Wurzelfreilegung festgelegt und ist in erster Linie vom Ausmaß des Wurzelverlustes abhängig. Allerdings müssen weitere Faktoren wie die Schnittverträglichkeit, örtliche Gegebenheiten, der Zeitpunkt der Schnittmaßnahme und der allgemeine Baumzustand in die Vorüberlegungen einfließen.

Hinzukommend können verschiedene Maßnahmen zur Baumumfeldverbesserung dazu beitragen, die sich aus der Baumaßnahme noch nachträglich ergebenden Beeinträchtigungen abzumildern. Diese betreffen vor allem den Boden am Standort und reichen von dessen Auflockerung über das Einarbeiten oder die Injektion von Bodenhilfsstoffen bis hin zu einem Austausch des Bodens in dessen potenziellen Wurzelraum.

5.9 Maßnahmen bei Wurzelverletzungen
5.9.1 Feststellung des Schadensumfangs

Kommt es zu einer Wurzelverletzung, so muss zunächst der Umfang bzw. die Schwere des Schadens festgestellt werden. Von oberflächlichen Rindenabschürfungen durch den Spateneinsatz bis zum Abriss von Starkwurzeln durch einen Bagger ist alles möglich. Rindenschäden sind oft nicht zu vermeiden, da die Rinde der Wurzel extrem empfindlich ist und selbst bei behutsamer Handschachtung beschädigt werden kann. In diesem Fall ist das Austrocknen der Wunde bzw. des gesamten geschädigten Bereiches zu verhindern. Dies wird durch das Auftragen von Wundverschlussmitteln auf die schadhaften Stellen und ein Umwickeln der freigelegten Wurzel erreicht.

Kommt es zu flächigen Rindenverletzungen schwacher Wurzeln (d. h. mit Durchmessern bis 2 cm), kann die Kappung der Wurzel eine Alternative zum Umwickeln sein. Die Wurzeln treiben nach dem sauberen Abschnitt zumeist neu aus und können den Verlust mitunter schnell kompensieren.

Abrisse von Starkwurzeln, z. B. durch Maschinen, sind kritischer zu betrachten. Hier kann es zu einem Verlust der Standsicherheit des Baumes kommen. In derartigen Fällen ist die Baumeigentümerin bzw. der Auftraggeber umgehend zu informieren.

Die eingesetzte Baubegleitung ist in dieser Situation berechtigt, einen Baustopp einzuleiten, um das weitere Vorgehen mit der Baumeigentümerin und den für den Schaden Verantwortlichen zu besprechen. Der Schaden muss zudem stets fotografisch dokumentiert werden. Hierzu werden mindestens drei Aufnahmen erstellt: eine des Baumes in seinem Umfeld, eine des Schadens in der Übersicht und eine des Schadens im Detail.

5.9.2 Festlegung eingehender Untersuchungen

Im Einzelfall kann es aufgrund umfangreicher Schäden oder des Verdachts auf bereits fehlende bzw. abgestorbene/zersetzte Wurzeln notwendig werden, den betreffenden Baum auf seine Erhaltensfähigkeit und Standsicherheit zu überprüfen. Auch in derartigen Situationen darf die baumfachliche Baubegleitung einen Baustopp einleiten, um das weitere Vorgehen mit der Baumeigentümerin und den für den Schaden Verantwortlichen zu besprechen. In jedem Fall ist die Frage einer ausreichenden Standsicherheit umgehend zu klären.

Hinsichtlich der fotografischen Dokumentation gilt auch hier, dass für die Beweissicherung drei grundlegende Perspektiven von Bedeutung sind:

 Aufnahme 1: Der Baum und dessen Umgebung

 Aufnahme 2: Totale der freigelegten Wurzel (nach Möglichkeit mit einem Maßstab)

 Aufnahme 3: Detailaufnahme des Schadens (stets mit Maßstab)

6 Fazit

Eine baumfachliche Begleitung von Tiefbauarbeiten in Baumnähe gibt allen Beteiligten die nötige Sicherheit, den geforderten Schutz des Baumbestandes einzuhalten. Zudem wird das Bestreben der ausführenden Stellen unterstützt, die Baumaßnahmen unter Erfüllung der Auflagen rasch und effizient durchzuführen.

Schnelle Entscheidungsprozesse vor Ort und eine ebenso schnelle Umsetzung notwendiger Schutzmaßnahmen kennzeichnen eine qualifizierte Baubegleitung und behindern Baumaßnahmen nicht, sondern lassen diese zu einem umfassenden Erfolg werden.

Durch die eingesetzte Baubegleitung wird sichergestellt, dass ein Baum, der durch eine Baumaßnahme im Wurzelbereich verletzt wurde, keine bleibenden Schäden davonträgt. Das Wurzelprotokoll der Baumfachkraft stellt zudem eine belastbare Dokumentation aller durchgeführten Maßnahmen dar. Diese Zuverlässigkeit sorgt dafür, dass Baumaßnahmen in Baumnähe durch eine fachliche Begleitung sowohl in ökologischer als auch ökonomischer Sicht erfolgreich abgeschlossen werden können.

Literatur

AMTAGE, T., 2019: Baumschutz auf Baustellen vorausschauend planen, ausschreiben und überwachen. In: DUJESIEFKEN, D. (Hrsg.): Jahrbuch der Baumpflege 2019. Haymarket Media, Braunschweig, 84–90.

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WERNER, T.; MOTYKA, V.; STRNAD, M.; SCHMÜLLING, T., 2001: Regulation of plant growth by cytokinin. PNAS 98(18), 10487–10492.

Autoren

Markus Streckenbach leitet das Sachverständigenbüro für urbane Vegetation in Bochum und bearbeitet schwerpunktmäßig Fragestellungen zum unterirdischen Teil von Bäumen.


Sachverständigenbüro für urbane Vegetation

Dipl.-Biol. Dr. rer. nat.

Markus Streckenbach

Dirschauer Straße 15

44789 Bochum

Tel. (0234) 79463299

info@urbanevegetation.de

Jan Dreß leitet das Hauptbüro der Baumpflege Bollmann GmbH in Ellerau und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der baumfachlichen Baubegleitung.


Baumpflege Bollmann GmbH

Dipl.-Ing. (FH) Jan Dreß

Moortwiete 74–75

25479 Ellerau

Tel. (04106) 8090930

j.dress@baumpflege-bollmann.de

1Das CODIT-Prinzip nach DUJESIEFKEN & LIESE (2008) ist eine umfassende Weiterentwicklung des von A. SHIGO entwickelten CODIT-Modells und beschreibt die Reaktionen eines Baumes von der Verletzung bis zur Einkapselung einer Fäule als aufeinander folgende Phasen.

Baumschutz auf Baustellen vorausschauend planen, ausschreiben und überwachen
Proactive planning, tendering and monitoring of tree protection on construction sites

von Thomas Amtage

Zusammenfassung

Eine stete Nachverdichtung im urbanen Bereich, anhaltende Instandhaltungs- und Baumaßnahmen an bestehender Infrastruktur sowie der Austausch bodengebundener Medien führen regelmäßig zu Konflikten hinsichtlich des Baumschutzes auf Baustellen im Bereich des Hoch-, Tief-, Straßen- und Ingenieursbau. Hauptursache hierfür ist die oft unterschiedliche Interpretation des Stellenwerts des Baumschutzes auf Baustellen bei den beteiligten Akteuren. Häufig sind den verantwortlich handelnden Parteien die für die Planung und Ausführung der Baumaßnahme geltenden Normen und Regelwerke (u. a. DIN 18920, ZTV-Baumpflege, RAS-LP 4) in der notwendigen Detailschärfe unbekannt oder sie werden nicht hinreichend gewürdigt. Gleichwohl sind diese Vorschriften zu berücksichtigen und zumindest bei öffentlichen Bauvorhaben über die VOB auch Bestandteil des Bauvertrages. Die Nichtberücksichtigung des Baumschutzes kann zu erheblichen Störungen im Bauablauf führen und das Haftungsrisiko deutlich erhöhen.

Summary

A constant recompression of earth in urban areas, continuous construction and maintenance measures on existing infrastructure, as well as replacement of earthbound mediums frequently result in conflicts regarding the protection of urban trees on construction sites in the fields of building construction, civil engineering, road construction, and construction engineering. The main reason is the differing interpretation of prioritiesof tree protection on construction sites by various participating parties. Frequently, even the responsible parties are not aware of the relevant rules and regulations (a. o. DIN 18920, ZTV-Baumpflege, RAS-LP4) for the planning and execution of the construction project, or these are not adequately acknowledged. Nevertheless, these regulations must be taken into account accordingly at least in public construction projects and apply to the building contract via the VOB. Non-Consideration of tree protection on construction sites can lead to considerable disruptions in the construction process and significantly increase the liability risk. In addition, a damaged tree often requires even more inspection and care.

1 Einleitung

Die Anforderungen an einen fachgerechten Baumschutz auf Baustellen sind so alt wie das „moderne“ maschinell geprägte Baugeschehen selbst. Bereits 1973 wurde die erste DIN 18920 zum Schutz von Bäumen, Pflanzenbeständen und Vegetationsflächen bei Baumaßnahmen veröffentlicht. Fast 45 Jahre später ist diese Thematik aktueller denn je. Bedingt durch einen stetig steigenden Flächenbedarf für Bau- und Infrastrukturmaßnahmen, vor allem im urbanen Bereich z. B. durch Nachverdichtung und Lückenbebauung, führt dies zwangsläufig zu Konflikten mit der vorhandenen Vegetation.

Nur die ausreichende, bereits in der Planungsphase beginnende und bis zum Bauende konsequent fortgesetzte Berücksichtigung der Anforderungen an einen qualifizierten Baumschutz gewährleistet den Erhalt eines nachhaltigen Baumbestandes.

Zur fachgerechten Herstellung eines Bauwerkes sind zahlreiche Spezialisten notwendig. Ein Architekt als Generalist reicht hierfür bei weitem nicht mehr aus. Je nach Anforderungen an das Bauvorhaben werden u. a. Statiker, Planer für die technische Gebäudeausstattung und Landschaftsarchitekten hinzugezogen, so dass jede individuelle Fallgestaltung durch einen Sachverständigen bearbeitet werden kann. Daher ist es nur konsequent, bei der Thematik „Baumschutz auf Baustellen“ diejenigen mit einzubeziehen, die über ein fundiertes baumfachliches Wissen verfügen. Dies kann über die sogenannte Umweltbaubegleitung (UBB) erfolgen. Dabei prüft ein dem Bauherrn gegenüber unabhängiger Fachmann die Planung in Bezug auf den Baumschutz und berät die verantwortlichen Planer hinsichtlich möglicher baumschonender Bauweisen. Dabei ist es von großer Wichtigkeit, dass diese Umweltbaubegleitung „Baumschutz“ zum einen bereits in der Planungsphase installiert wird, zum anderen aber auch die geplanten Baumschutzmaßnahmen während der gesamten Bauzeit bis zum Ende hin fachlich begleitet und die verantwortlichen Planer und Bauleiter beraten werden. Da es sich in diesem Fall weniger um eine bauleitende Tätigkeit als eher um eine beratende Tätigkeit handelt, hat sich die Begrifflichkeit der Umweltbaubegleitung (UBB) für dieses Tätigkeitsfeld etabliert.

2 Baumschutz in der Planungsphase

Lange bevor der erste Spatenstich erfolgt, werden Infrastruktur- und Bauvorhaben geplant, Varianten entwickelt und Abwägungsentscheidungen getroffen. Dies erfolgt i. d. R. im Rahmen von Planfeststellungsverfahren bei umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen und Straßenbauvorhaben oder im Rahmen eines Baugenehmigungsverfahrens z. B. bei kleinmaßstäblichen Einzelbauvorhaben. Bei diesen Genehmigungsverfahren prüfen die Aufsichtsbehörden unter Beteiligung anderer Dienststellen und Behörden sowie von Verbänden und den Trägern öffentlicher Belange die Vereinbarkeit des jeweiligen Vorhabens mit den öffentlich-rechtlichen Vorschriften. Innerhalb dieses Prüfverfahrens findet eine intensive Abwägung statt.

Stehen Bäume im zukünftigen Baubereich, stellt sich bereits hier die Frage, wie mit ihnen umgegangen wird. Ein einfacher Hinweis wie „Der Baumbestand ist zu erhalten“ ist oft zu kurz gedacht, da die Auswirkungen des geplanten Bauvorhabens auf den bestehenden Baumbestand selten in einer so zeitigen Planungsphase umfänglich geprüft werden. Daher ist bereits in dieser frühen Phase der Bauplanung die Hinzuziehung eines Baumsachverständigen in Form einer Umweltbaubegleitung zwingend angeraten. Dieser gleicht dann z. B. die tatsächliche Situation vor Ort mit der Planung ab und berät die an der Planung Beteiligten auf Grundlage seiner Erkenntnisse. So kann anschließend in der Planung oft schon mit einfachen Lösungen, wie der Verschwenkung eines Weges um wenige Meter oder der Veränderung der Baustelleneinrichtungsflächen, effektiv zum Baumschutz und damit Baumerhalt beigetragen werden.

Da in dieser frühen Planungsphase noch keine umfangreichen Detailpläne, Ausführungsunterlagen oder Ausschreibungen erstellt wurden, ist der zeitliche und monetäre Aufwand zur Änderung der Planungsunterlagen überschaubar. Eine spätere Anpassung der Planung, im schlechtesten Fall während der Bauphase, verzögert die Fertigstellung und steigert die Baukosten zum Teil deutlich. Je früher alle baurelevanten Belange – und dazu gehört auch der Baumbestand – berücksichtigt werden, desto reibungsloser verläuft die Planung und die Bauausführung (Abbildung 1).

Abbildung 1: Angepasste Planung zur Baustelleneinrichtung unter Berücksichtigung eines fachgerechten Baumschutzes

Kann jedoch auch unter bestmöglicher Berücksichtigung des Baumschutzes und intensiver Alternativenabwägung eine erhebliche Beeinträchtigung des Baumes nicht vermieden werden und besteht gleichzeitig weiterhin der Wille oder die Notwendigkeit zum Bauen, darf die Baumfällung kein Tabu sein, jedoch nur das letzte Mittel der Wahl. Ein Kompromiss zulasten der Gehölze, bei dem der Baumbestand irgendwie noch erhalten bleibt, jedoch in seiner ursprünglichen Form und Verkehrssicherheit stark beeinträchtigt wird, ist zu vermeiden (POMMNITZ 2016). Diese Vorgehensweise der „Problemverschleppung“ reduziert in erheblichem Maße die Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit.

Besteht nun für ein Bauvorhaben bereits Baurecht, bei dem auf Grundlage eines Abwägungsbeschlusses Auflagen zum Baumschutz enthalten sind, gilt es, diese Auflagen im Rahmen der Ausführungsplanung umzusetzen (Abbildung 2). Hierfür bieten die Regelwerke und Richtlinien DIN 18920, RAS LP4 und ZTV-Baumpflege praktikable Hinweise. Die alleinige Kenntnis dieser Regelwerke und Richtlinien reicht jedoch nicht aus. Da die Ausführung zum Baumschutz auf Baustellen nie eine Regelbauweise darstellt, ist hier die fachgerechte Interpretation dieser Vorschriften in Bezug auf den Einzelfall notwendig.

Abbildung 2: Detail zur fachgerechten Umsetzung des Überfahrschutzes

Beispielsweise kann der zu schützende Wurzelbereich anders verlaufen als vorher angenommen. So können Starkwurzeln eines Baumes in einem vor Jahrzehnten erstellten und mit grobporigem Material verfüllten Rohrleitungsgraben Dutzende Meter weit über die eigene Kronentraufe hinauswachsen. Die ungeprüfte Anwendung der DIN 18920 kann hier zu erheblichen Wurzelverlusten führen und den Baum nachhaltig schädigen. Um den für das einzelne Bauvorhaben bei dem dort vorhandenen Baumbestand geeigneten Baumschutz herzustellen, bedarf es spezieller Fachkenntnisse zum Lebewesen Baum und allgemeiner Kenntnisse zum Baugeschehen selbst.

3 Baumschutzmaßnahmen ausschreiben

Vor dem Hintergrund von Bauvorhaben, die im Bereich oder Umfeld von Bäumen stattfinden, ist es notwendig, die in der Planung festgelegten Maßnahmen in einer Leistungsbeschreibung so darzustellen, dass der Baumschutz fachgerecht ausgeführt, überprüft und abgerechnet werden kann. Durch die eindeutige und erschöpfende Leistungsbeschreibung kann der Unternehmer die an ihn gestellten Leistungsanforderungen erkennen und abwägen, inwiefern er diese Anforderungen erfüllen kann.

Zu beachten ist jedoch auch, dass der Hauptunternehmer, dessen Kernkompetenz z. B. bei Straßen- oder Kanalbauarbeiten liegt, nicht automatisch über die notwendige Fachkunde und Leistungsfähigkeit zur fachlich erforderlichen Durchführung von Baumschutzmaßnahmen verfügt (BECKSCHULTE et al. 2001).

Abbildung 3: Stammschutz ist nicht gleichbedeutend mit fachgerechtem Baumschutz auf Baustellen

Diese fachliche Eignung wird der Hauptauftragnehmer i. d. R. durch die Beauftragung von Nachunternehmerleistungen abdecken. Hierbei ergibt sich für den Auftraggeber die Schwierigkeit, die fachliche Eignung des Nachunterunternehmers zu prüfen. Dies kann nur geschehen, wenn bereits in der Angebotsphase der Nachunternehmer benannt wird und dieser entsprechend der § 6a VOB/A seine Fachkunde, Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit in Bezug auf Baumschutzmaßnahmen nachweist.

Bei der Leistungsbeschreibung ist darauf zu achten, dass nur die Baumschutzmaßnahmen beschrieben werden, welche auch notwendig sind und dem fachgerechten Baumschutz dienen. Die bloße Angabe zur Erstellung eines Stammschutzes, während der Wurzelbereich nachhaltig versiegelt wird, erfüllt die Anforderungen an einen fachgerechten Baumschutz nicht (Abbildung 3).

Für die Veröffentlichung der grundlegend überarbeiteten ZTV-Baumpflege im Jahr 2017 wurde das Kapitel „Baumschutz auf Baustellen“ in Anlehnung an die DIN 18920 und RAS-LP 4 umfassend überarbeitet und ergänzt (DUJESIEFKEN 2017). Welche dieser Maßnahmen gemäß ZTV-Baumpflege für den Einzelfall fachgerecht sind, kann nur durch baumfachlich geschultes Personal festgelegt werden.

Die fachgerechte Ausführung der geplanten und ausgeschriebenen Baumschutzmaßnahmen muss je nach Bauablaufplanung vor Baubeginn der anderen Gewerke oder baubegleitend erfolgen. Diese Zeitabläufe sind auch im Ausschreibungsverfahren zu berücksichtigen. Eine Verankerung der Bauausführungen zum Baumschutz im meist zeitlich nachrangigen Landschaftsbau ist nicht ausreichend, da hier die Maßnahmen zum Baumschutz erst dann erfolgen, wenn die durch das Hauptgewerk verursachten Baumbeschädigungen schon erfolgt sind. Daher sind die Anforderungen zum Baumschutz auf Baustellen zwingend in die Hauptausschreibung mit aufzunehmen.

Alternativ dazu kann die Baustellenvorbereitung und der Baumschutz als eigenständiges Los vergeben werden. Diese Variante hat den Vorteil, dass aufgrund der in der Regel niedrigeren Auftragssumme auch beschränkt vergeben werden kann und somit dem Ausschreibenden mehr Möglichkeiten in Bezug auf die Auswahl einer geeigneten Firma gegeben werden.

4 Überwachung der Baumschutzmaßnahmen durch die Umweltbaubegleitung

Zur Überwachung der Baumschutzmaßnahmen bedarf es grundlegender Kenntnisse der einschlägigen Normen und Regelwerke in Verbindung mit umfangreichem baumfachlichem Wissen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die beauftragten Leistungen zum Baumschutz fachgerecht ausgeführt wurden, diese ausreichend sind oder gegebenenfalls geändert werden müssen. Diese speziellen Anforderungen lassen deutlich erkennen, dass die Leistungen zur Überprüfung des Baumschutzes durch die Bauleitung des Hauptbaugewerkes fachlich in der Regel nicht erbracht werden können. Daher ist es notwendig, diese Fähigkeitslücke in der Bauleitung mit externem Wissen zu füllen. Dies erfolgt mittels Beauftragung eines Baumsachverständigen, der mit seiner Sachkompetenz die fachgerechte Umsetzung des Baumschutzes betreut.

In der Praxis wird diese Leistung unterschiedlich benannt:

 Fachbauleitung Baumschutz

 Bauleitung Baumschutz

 Ökologische Bauleitung

 Umweltfreundliche Bauüberwachung

 Baumfachliche Baubegleitung

 Ökologische Baubegleitung

 Umweltbaubegleitung

Dabei setzt sich zunehmend der Begriff „Umweltbaubegleitung“ durch, u. a. haben sich die Straßen- und Verkehrsverwaltungen des Bundes und der Länder weitgehend auf diese Benennung verständigt (HVA F-StB 2018). Die Verwendung der Bezeichnung „Umweltbaubegleitung“ ist eine umfassende, die sowohl ihre Zielperspektive als auch das Wesen der Aufgabe, nämlich die Begleitung einer Vorhabenrealisierung, zutreffend bezeichnet (AHO 2018).

Die Baubegleitung, ob Umweltbaubegleitung, ökologische Baubegleitung oder anders benannt, unterscheidet sich grundlegend von jeder bauleitenden Tätigkeit. Während die Bauleitung gegenüber den ausführenden Unternehmen weisungsbefugt ist, ist die Umweltbaubegleitung als Berater des Auftraggebers begleitend tätig, ohne dass ihr eine direkte Weisungsbefugnis gegenüber den Unternehmen zugestanden wird (SCHLIEMER 2014). Ausgenommen davon sind die Unternehmen, die direkt mit der Ausführung von Baumschutzmaßnahmen beauftragt wurden.

Die Akzeptanz der Umweltbaubegleitung ist nicht selten von dem Auftreten derselben abhängig. So sind neben den fachlichen auch kommunikative Fähigkeiten notwendig sowie Grundkenntnisse zum allgemeinen Baugeschehen und die Bereitschaft, konstruktiv mit allen Akteuren Lösungen zum Baumschutz unter Berücksichtigung des Baufortschrittes zu erarbeiten.

Die wesentlichen Tätigkeiten der Umweltbaubegleitung zum Baumschutz unmittelbar vor und während der Bauzeit sind:

 Zusammenstellung der wesentlichen Auflagen aus Planung und Genehmigung sowie Aufbereiten als Handlungsgrundlage für die Beteiligten

 Dokumention des Ist-Zustandes des zu schützenden Baumbestandes vor Baubeginn (Fotodokumentation) und Kontrolle des Baumbestandes während des Bauablaufs auf Veränderungen z. B. bei befristeter Grundwasserabsenkung

 Kennzeichnung des zu schützenden Baumbestandes

 Festlegung von Baugrenzen zum Schutz der Vegetation

 Festlegung von Standort, Abgrenzung und Erreichbarkeit der Baustelleneinrichtungsflächen und Lagerflächen

 Festlegung von Maßnahmen zum Schutz vor Bodenverdichtung im Wurzelbereich

 Hinweise auf spezielle, eventuell erst bei Bauausführung erkennbare, relevante Vermeidungs- und Schutzmaßnahmen. Abstimmungen mit dem Auftraggeber und ggf. den zuständigen Behörden

 Beratung und Aufklärung der an der Baumaßnahme interessierten Stellen (z. B. Naturschutzbehörden und -verbände) und Betroffenen (z. B. Anlieger) über Art, räumlichen und zeitlichen Umfang, Sinn und Zweck von baumschutzfachlichen Maßnahmen

 Beratung bei der Bestimmung von Eingriffen vermeidender oder vermindernder Ausführungsarten und -techniken sowie bei einer Beschränkung von verwendbaren Maschinen und Geräten

 Beratung der örtlichen Bauüberwachung zu naturschutz- und umweltrechtlichen Auflagen und deren technischer Umsetzung (Schutzmaßnahmen, Absteckung etc.)

 Teilnahme an Abstimmungen und Baubesprechungen

Welche dieser oben benannten Tätigkeiten der Umweltbaubegleitung für den Einzelfall notwendig sind, ist stets neu festzulegen oder ggf. durch weitere Leistungen zu ergänzen.

Während Mängel oder Schäden an nahezu allen bautechnisch errichteten Bauwerken in Abhängigkeit vom finanziellen und technischen Aufwand behoben werden können, lassen sich Schäden an Bäumen, z. B. Wurzelverluste, auch mit noch so großem Aufwand selten vollständig beheben. Ein Funktionsverlust des Baumes tritt i. d. R. immer frühzeitiger ein als ohne Beschädigung. Daher kommt der konsequenten Kontrolle der Baumaßnahmen, sofern sie innerhalb des Baumbereichs stattfinden, eine besondere Bedeutung zu.

5 Beauftragung der Umweltbaubegleitung (UBB)

Die Umweltbaubegleitung an sich ist nicht Bestandteil der Leistungskataloge zur Objektplanung für Gebäude, Bauwerke, Freianlagen oder sonstige Anlagen und Einrichtungen, sondern gilt als Beratungsleistung (AHO 2018). Die Stellung des Umweltbaubegleiters ist als die eines Beraters zu verstehen, der den Vorhabenträger ebenso wie seine beauftragten Planer und Bauleiter in besonderen Fragestellungen, also hier dem Baumschutz auf Baustellen, unterstützt. Er äußert sich i. d. R. nicht unmittelbar gegenüber den ausführenden Firmen, sondern gegenüber der örtlichen Bauleitung, der Bauoberleitung oder dem Vorhabenträger.

Eine UBB sollte, beginnend mit der Planung des Bauablaufes und der Baustelleneinrichtung, beim Ausschreibungs- und Vergabeverfahren von Bauleistungen bis zur Fertigstellung über die gesamte Bauzeit des Vorhabens eingesetzt werden.

Die Beauftragung von Leistungen zur Umweltbaubegleitung erfordert eine möglichst konkrete und umfassende Beschreibung der Leistung, die häufig nur auf den Einzelfall bezogen werden kann.

6 Ausblick

Die Berücksichtigung des fachgerechten Baumschutzes auf Baustellen ist auf Grundlage satzungsrechtlicher Vorgaben zwingend vorgeschrieben und nicht als Bildnis einer besonderen Affinität einzelner Personen zu Bäumen zu verstehen. Die Anwendung der Normen und Regelwerke zum Baumschutz in Verbindung mit den immer komplexer werdenden Bauvorhaben fordern entsprechende Spezialisten. Diese können über die Umweltbaubegleitung alle Akteure beraten, so dass die im Baubereich vorhandenen Bäume nachhaltig geschützt und erhalten werden.

Immer mehr Bauherren erkennen – schlichtweg auch aus wirtschaftlichen Gründen – die deutlichen Vorteile der Umweltbaubegleitung. Da die UBB vorausschauend Konflikte in Bezug auf den Baumschutz aufzeigt, können diese dann rechtzeitig ohne Baustillstandszeiten oder deutliche Kostensteigerungen bei gleichzeitiger Erhaltung des zu schützenden Baumbestandes behoben werden. Die Tätigkeit der Umweltbaubegleitung zum Baumschutz auf Baustellen wird die Baumfachleute in der Zukunft häufiger fordern. Den ausführenden Baumpflegefirmen sei angeraten, nicht nur Pflegearbeiten in der Krone fachgerecht ausführen zu können, sondern ihre Fähigkeiten und Leistungen auch auf den Wurzelbereich und das Baumumfeld zu erweitern.

Literatur

AHO Ausschuss der Verbände und Kammer der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung e. V., HERRCHEN et. al, 2018: AHO-Schriftenreihe, Heft Nr. 27: Umweltbaubegleitung – Leistungsbild und Honorierung, 2. Auflage, Bundesanzeiger Verlag.

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Autor

Dipl.-Ing. (FH) Thomas Amtage ist Landschaftsgärtner, Landschaftsarchitekt, ö.b.u.v. SV für Garten- und Landschaftsbau, Herstellung und Unterhaltung, Baumpflege, Verkehrssicherheit von Bäumen und Baumwertermittlung, mit eigenen Büros in Berlin und Sachsen-Anhalt. Er arbeitet in mehreren Gremien und Ausschüssen mit, u. a. im FLL-Regelwerksausschuss „ZTV-Baumpflege“.


Dipl.-Ing. (FH)

Thomas Amtage

amtage Landschaftsarchitektur

Sachverständigenbüro

Allee der Kosmonauten 32B

12681 Berlin

Tel. (030) 67122772

thomas@amtage.biz

Grundlagen der Kronensicherung und Einsatzmöglichkeiten nach der neuen ZTV-Baumpflege
Basics of crown cabling and application options according to the new German standard „ZTV-Baumpflege“

von Andreas Detter

Zusammenfassung

Einbau und Kontrolle von Kronensicherungen stellen hohe Anforderungen an die Fachleute. In vielen Fällen sind sie jedoch sinnvoll und zielführend zur Gewährleistung der Verkehrssicherheit einsetzbar, vor allem wenn die Sicherheitserwartungen besonders hoch sind, das Risiko erst bei zukünftigen Kontrollen genauer beurteilt werden kann oder baumschädigende Schnittmaßnahmen vermieden werden sollen. Die Eigenschaften der Sicherung müssen auf die Dynamik in der Baumkrone und die zu erwartenden Lasten abgestimmt werden. Hierbei geben biomechanische Erkenntnisse zum Schwingungsverhalten von Bäumen im natürlichen Wind und die langjährige Erfahrung mit der Nachgiebigkeit von Baumkronen, über die viele Baumkletterer verfügen, wertvolle Hilfestellungen.

Summary

Installation and inspection of cabling systems place high demands on arborists. However, they may be used sensibly and purposefully to minimize risks, especially if safety expectations are high, if the risk may be assessed more precisely in the future, or if adverse effects of pruning measures on tree health shall be avoided. The properties of the cabling system must match the dynamics in the tree crown and the expected loads. Biomechanical findings on the dynamic behavior of trees in natural wind provide guidance on this issue, just like the evidence that experienced climbers gather on the flexibility of tree crowns.

1 Einleitung

Immer wieder führen Anforderungen an die Verkehrssicherheit dazu, dass die Kronen alter Bäume stark eingekürzt werden. Infolge des Verlustes an Blattfläche und der entstehenden Schnittwunden kann dies ungünstige Auswirkungen auf den Erhaltungszustand der betroffenen Bäume haben. In vielen Fällen lässt sich die Bruchsicherheit durch den Einbau von Kronensicherungen jedoch auch ohne solche Eingriffe gewährleisten.

Im Zuge der Überarbeitung der ZTV-Baumpflege (Ausgabe 2017) wurde auch das Thema Kronensicherung umstrukturiert. Die Eigenschaften des verwendeten Materials (Kap. 2) und die Vorschriften zur Ausführung (Kap. 3), die mit Vereinbarung der ZTV vertraglich gelten, wurden dabei klar von detaillierteren Angaben getrennt, die gesondert für den Einzelfall ausgeschrieben werden müssen (Kap. 0). Hieraus entstehen erhöhte Anforderungen an die Ausschreibenden, da sie Festlegungen treffen müssen, die zuvor meist dem Anbieter überlassen waren. Wenn vom Regelfall abgewichen werden soll, sind solche Angaben jedoch für eine eindeutige und kalkulierbare Leistungsbeschreibung sowie als belastbare vertragliche Basis für die Ausführung und Abrechnung der Arbeiten unverzichtbar.

Allerdings enthält die ZTV-Baumpflege als Regelwerk naturgemäß keine ausreichenden Informationen, wie eine Kronensicherung gestaltet werden sollte, um das Sicherungsziel zuverlässig, baumschonend und zugleich wirtschaftlich zu erreichen. Im informativen Anhang B sind lediglich erfahrungsbasierte Empfehlungen für Mindestbruchlasten vorhanden, die sich nach dem Durchmesser des zu sichernden Kronenteils richten. Tatsächlich können aber Abweichungen von dieser sog. Bemessungstreppe wichtig sein, um Kronensicherungen angemessen und sinnvoll zu dimensionieren.

Dieser Beitrag soll die technischen und biomechanischen Grundlagen umreißen, um die Rahmenbedingungen für einen fachgerechten Einbau von Kronensicherungen aufzuzeigen und um zu erklären, wie ihre Funktionsweise durch eine zielgerichtete Anpassung an die Beschaffenheit der Baumkrone im konkreten Einzelfall verbessert werden kann.

2 Grundlagen
2.1 Einsatzmöglichkeiten

In der baumpflegerischen Praxis gibt es grundsätzlich viele Einsatzmöglichkeiten für Kronensicherungen. Vor allem dienen sie zur Sicherung bruchgefährdeter Zwiesel und Gabelungen sowie einzelner erhöht bruchgefährdeter Kronenteile. Sie werden aber auch verwendet, um Altbäume abzuspannen bzw. auf andere Bäume rückzuverankern oder um Jungbäume zu stabilisieren. Der Standardfall ist die Sicherung eines Zwiesels mit konkurrierenden Stämmlingen. Während bei Jungbäumen diese ungünstige Kronenentwicklung noch durch Schnittmaßnahmen korrigiert werden kann, sind Schnittmaßnahmen bei Bäumen in der Reifephase oder bei Altbäumen hier weniger zielführend. Vielfach können Bäume V-förmige Gabelungen auch durch erhöhtes Dickenwachstum auf Höhe des Rindeneinschlusses ausreichend verstärken, so dass sie keine konkrete Gefahr darstellen (WÄLDCHEN 2007). Genau diese Reaktionsholzbildung wird aber möglicherweise unterbunden, wenn Schnittmaßnahmen zu stark in die Physiologie des Baumes eingreifen.

Anders liegt der Fall, wenn die Korrektur der Wuchsform noch möglich und für die langfristige Entwicklung des Baumes sinnvoll ist. Dann wäre eine Sicherung allein nicht der richtige Weg, um einer erhöhten Bruchgefahr zu begegnen. Wenn z. B. weit ausladende Stämmlinge ungünstig angebunden sind und aufgrund der Kronenarchitektur immer weiter nach außen wachsen, könnte eine Kronensicherung zwar das Versagensrisiko vermindern, aber wenig zur nachhaltigen Entschärfung der Situation beitragen. Die ZTV-Baumpflege in der derzeit gültigen Fassung weist auf die grundsätzliche Frage hin, ob Sicherungsziele besser durch eine Kronensicherung, durch einen Kronenschnitt oder durch eine Kombination beider Maßnahmen erreicht werden können.

Das Sicherungsziel unterscheidet sich bei Bruchsicherungen und den sog. Trag-/Haltesicherungen. Während erstere dem Bruch vorbeugen sollen, sind letztere nur dazu gedacht, die gesicherten Teile nach dem Bruchversagen in der Krone zu halten. Darüber hinaus kann aber auch nach der geplanten Funktionsdauer differenziert werden. In einigen Fällen ist eine dauerhafte Minimierung des Risikos erforderlich, insbesondere falls der Baum die festgestellte Gefährdung voraussichtlich nicht mehr kompensieren kann. Hierfür wären Materialien mit langer Lebensdauer besser geeignet, vor allem wenn sich der Baum bereits in der Alterungsphase befindet und keine maßgebliche Veränderung der Baumhöhe oder des Kronenaufbaus zu erwarten ist.

Andererseits ist häufig zunächst eine temporäre, also zeitlich begrenzte Sicherung ausreichend, z. B. wenn die weitere Entwicklung des Baumes abgewartet werden soll. Hierfür bieten sich Produkte an, die nach einer gewissen Einsatzdauer ersetzt werden müssen, weil ihre Zeitstandsfestigkeit1 materialbedingt auf acht bis zwölf Jahre begrenzt ist. Daher sind moderne textile Kronensicherungen ein geeignetes Mittel, um auch vorübergehende Unsicherheiten bei der Einschätzung des Versagensrisikos oder temporär erhöhte Sicherheitsanforderungen abzusichern. Folgende Beispiele sind hierfür denkbar:

 Überprüfung unklarer Defektsymptome im Zuge weiterer jährlicher Kontrollen

 Zeitgewinn während der Baum auf Schwachstellen durch Zuwachs reagiert

 Erhöhung der Sicherheitsreserven bei Veränderungen im Baumumfeld, z. B. nach Freistellungen oder bei zeitweilig erhöhter Sicherheitserwartung.

Viele Sicherungspflichtige zögern allerdings, einmal eingebaute Kronensicherungen wieder zu entnehmen. Grundsätzlich könnten ausreichend dehnbare Verbindungen auch nach der Einsatzdauer durchaus in der Krone belassen werden. Im Hinblick auf eine Haftung im Versagensfall muss natürlich nachvollziehbar belegt werden, warum sie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr gewartet und ersetzt wurden. Dies setzt den Mut voraus, der Zuverlässigkeit der eigenen Beurteilung zu vertrauen, ebenso wie den Willen, die finanziellen Mittel des Baumeigentümers verantwortlich zu verwalten. Bei dauerhaften Einschränkungen der Verkehrssicherheit kommen Sicherungen vor allem dann in Frage, wenn alternative Lösungen stark baumschädigend wären. In solchen Fällen sollte berücksichtigt werden, dass dabei zumindest im Fall von Sicherungen aus Kunststoffen ein regelmäßiger Austausch der Verbindungen in Kauf genommen werden muss.

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Дата выхода на Литрес:
23 декабря 2023
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873 стр. 373 иллюстрации
ISBN:
9783878152651
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