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© Steven Haberland

QUINCY

JONES

Mein Leben – meine Leidenschaften

Mit Vorworten von Till Brönner,

Clint Eastwood und Bono


»Der wohl wichtigste Mann der Musikindustrie«

sueddeutsche.de


© Chuck Stewart


VORWORT
TILL BRÖNNER

Q

uincy. Quincy Jones. Nicht wenige sehen in ihm einen Zauberer. Einen, der sich am liebsten selbst verwandelt. Ich sehe sofort die Trompete, Count Basie, Lionel Hampton, Dizzy Gillespie, den Arrangeur, den Produzenten, den Afroamerikaner, Frank Sinatra at the Sands, Ray Charles, Die Farbe Lila, We Are The World und natürlich: Michael Jackson. Alles meine Welt. Und es ist nur ein Bruchteil. Doch wie kann ein Mann allein all das repräsentieren? Ich wähle die einfachste These: Weil es möglich ist. Für ihn gehört es alles zusammen. Einzig die Schubladen im Kopf der anderen sind es, die seit jeher versuchen Künstlerseelen fassbar zu machen, sie möglichst schnell Teil des uns vertrauten Mobiliars werden zu lassen. Sehr unmagisch. Nein, wir brauchen sie, diese Zauberer, mehr denn je.

Und wie gerne bringe ich kurz zu Papier, was mir zu Quincy Jones durch den Kopf geht. Es fällt mir leicht, denn ich fühle mich ihm wie viele meiner Kollegen verbunden. Als Trompeter vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Quincy Jones weiß, was es heißt, Trompete zu blasen, diesen schönen, aber auch nicht enden wollenden Kampf mit einem Stück Blech zu führen, zu wissen, dass es nichts Schöneres und manchmal nichts Frustrierenderes geben kann. Doch ihn interessiert das große Ganze. Dort spielt die Trompete nur eine von vielen Rollen, die zu besetzen und organisieren dem jungen Quincy ebenso verlockend erscheint, wie lebensnotwendig. Seine Gesundheit zwingt ihn, die Trompete zur Seite zu legen. Die Gefäße halten dem physischen Druck im Kopf nicht stand und zweimal wäre es fast schon vorbei gewesen. Sein Talent zum großen Erfolg hat er da längst erkannt und man bescheinigt es ihm allerorts, sucht die Nähe dieses extrem charmanten und begabten jungen Mannes, der eine klare Vision zu haben scheint: Qualität muss schmecken.

Und noch etwas: Er lebt und arbeitet in einem Land, in dem es brodelt und die Musik das alles widerspiegelt, ja sogar das Hippste ist, was man machen kann. Früh wird er als studierter Musiker Teil einer Industrie, die bis heute in keinem Land der Welt echte Konkurrenz hat und zu Recht für sich proklamiert, das einzige echte amerikanische Kulturgut in die Welt hinausgetragen zu haben: Jazz. Dann den Pop, der keine eigene Stilrichtung, sondern ein Phänomen ist, für das man ein Händchen haben muss. Er hat dieses Händchen, für das ihm die Stars reihenweise zu Füßen liegen. Es ist seine große Fähigkeit, Menschen aller Stilrichtungen und Couleur zu einem dringlichen Miteinander zusammenzuführen.

Betrachten Sie die folgenden Fotos, Briefe und Aufzeichnungen ruhig etwas genauer: Für mich sind sie nicht nur ein wertvolles Dokument aus dem erfolgreichen Leben eines Weltbürgers, sondern allesamt ein Plädoyer für die kommunikative Kraft der Musik und ihre Fähigkeit zu verändern. Und das finde ich immer wieder magisch.


© Till Brönner

VORWORT
CLINT EASTWOOD

A

ls Teenager fuhr ich oft zur Seattle University, um mir dort eine Swingband anzuhören. Für eine Collegeband waren sie verdammt gut, und dieser junge Kerl namens Quincy Jones war weit mehr als nur ihr Trompeter, er zog irgendwie alle Aufmerksamkeit auf sich – ein sehr gut aussehender Bursche, eindeutig ein Frauenschwarm.

Alle mochten Quincy und er mochte alle und jeden. Keinem Menschen mit anderen Vorstellungen oder aus einem anderen Kulturkreis begegnete er mit Abneigung, er war allem gegenüber aufgeschlossen – was man auch seiner Musik anhören kann. Er hat viel Musik in Genres gemacht, die man von einem Jazzmusiker nicht erwarten würde. Quincy hat nie Angst vor Dingen abseits seiner musikalischen Wurzeln gehabt.

Später, als ich bei Universal in Hollywood arbeitete, lernte ich ihn persönlich kennen. Damals wollten auf einmal alle moderne Bigband-Sounds als Filmmusiken haben, und Quincy Jones war der Vorreiter dabei, einer der Ersten, der Jazz in Filmen einsetzte. Aber er war unentwegt mit so vielen Projekten beschäftigt, dass ich ihn nie für eines von meinen gewinnen konnte. Er ergriff jede sich bietende Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern, und so wird er es bis ans Ende seiner Tage halten. Ich bewundere das.

Bis er Mitte der 1970er-Jahre seine Aneurysmen bekam, war Quincy ein wirklich hervorragender Trompeter. Danach war es mit dem Spielen vorbei. Das war einerseits extrem schade, andererseits brachte er nun sehr viel mehr in das Musikbusiness ein als nur seine Qualitäten als Performer. Dank seiner Beharrlichkeit und noch ein paar Dingen mehr kam er wieder auf die Beine.

Ich bin seit vielen Jahren mit Quincy befreundet und weiß, wie weit seine Qualitäten als Mensch und Mentor über das Musikalische hinausgehen. Er hat das Leben vieler sehr bereichert. Quincy erzählt gern allerhand Geschichten und Anekdoten über die Musik und sein Leben, wie man in diesem Buch sehen wird. Jedermann wird seine Freude an ihnen haben, nicht nur die Insider aus dem Musikbusiness.

Quincy begeistert sich für alles, was er tut, aber er interessiert sich auch dafür, was andere machen, das ist bemerkenswert. Mein Sohn ist Musiker, und wenn wir uns begegnen, erkundigt sich Quincy jedes Mal nach ihm. Er arbeitet immer an mehreren Projekten gleichzeitig; das hält ihn jung und geistig auf Trab. Er kümmert sich zudem um Menschen, die weniger Glück im Leben gehabt haben, etwa mit Projekten, die sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche von der Straße holen. Besonders glücklich macht es ihn, wenn Kids aus der Provinz oder sehr armen Gegenden die Chance bekommen, etwas von sich zu zeigen. Er hat ein sehr großes Herz.

Wie er seine Zeit zu nutzen versteht, ist verblüffend, da kann kaum einer mithalten. Ich selbst kann mich nur auf ein Projekt konzentrieren, Quincy scheint immer mindestens zwei oder drei Sachen gleichzeitig am Laufen zu haben: Da war er gerade irgendwo in Europa oder Afrika oder Russland unterwegs, und dann ruft er mich an, um mir zu erzählen, dass er gerade den Soundtrack zu Zwei glorreiche Halunken mit Herbie Hancock neu aufgenommen hat. »Das musst du dir anhören!«, sagt er. Also gehe ich zu ihm rüber und er spielt es mir vor und sagt ständig: »Hör dir diese Stelle an, und jetzt noch diese.« Wenn wir uns treffen, gibt es immer viel zu lachen.

Wenn ich resümieren müsste, was Quincy Jones der Welt gegeben hat, würde ich seine Vielseitigkeit nennen und was er alles für andere getan hat – ob im Zwischenmenschlichen oder im Musikalischen. Er zeigt uns, dass man Schwierigkeiten im Leben überwinden kann und dass es danach weitergeht. Dafür steht er, und das hat er vielen Menschen vermitteln können. Er wird es munter weiter tun, denn immer wenn man meint, er würde gerade etwas kürzer treten, kommt er mit was Neuem an. Würde ich ihn heute Nachmittag anrufen, hätte er mir garantiert von mindestens einem neuen Projekt zu erzählen. Sein Werk wird ein beeindruckendes Vermächtnis sein.


© Courtesy of Quincy Jones

VORWORT
BONO

Dieser innovative Mensch, der mit dem Count und dem Duke spielte, die Kings und

Queens des Pop beriet, von Prince und dem Boss beneidet wurde, dieser Mann war zutiefst bescheiden und zugleich so selbstbewusst wie der Präsident. – BONO

Q

uincy Jones war zu cool, um cool zu sein … also erfand er Coolness einfach neu … holte Zurückhaltende aus der Reserve, ließ Elitäre aus dem Haus und auf Tuchfühlung mit dem gemeinen Volk gehen … Seine Neuschöpfung der Coolness bedeutete glühende Hitze, sie war heiß wie eine brasilianische Schönheit, heiß wie eine afrikanische Königin, heiß wie New Yorks klebrige Straßen im Sommer, wie der Schweiß der Rhythmen, die er der Popmusik brachte … Die warme Ausstrahlung des Menschen Jones hauchte sogar der Figur des Musikmoguls neuen Sexappeal ein.

In habe ein Foto im Kopf – ich glaube, der große Herman Leonard hat es gemacht –, auf dem Q in den späten 1950er-Jahren zusammen mit Miles Davis im Studio zu sehen ist. Darauf hat er das Geschehen mit einer solch stillen Eleganz in der Hand, die das ganze Geschrei und die Aufregung musikalischer Ehrgeizlinge so … uncool aussehen lässt.

Das muss der Grund gewesen sein, warum ich mich dem Mann an die Fersen heften wollte.

Iren werden nicht geboren, um cool zu sein. Laut, lustig, poetisch vielleicht. Musikalisch, wortreich, entschlossen, kämpferisch vielleicht. Aber nicht cool.

Sogar Frank Sinatra bemerkte, als er uns zum ersten Mal sah: »Wow … diese irischen Typen sind die Nummer eins, aber sie haben keinen Cent für Klamotten übrig.«

Es war fast auf den Tag genau vor 20 Jahren, dass ich nach Los Angeles flog, um in Quincys Haus zu erfahren, was »das neue Cool« bedeutete. Meine Frau Ali und ich fuhren von irgendwo nach Hause und unterhielten uns über eines von Alis Lieblingsthemen: Wer würde ich sein, wenn ich erwachsen bin? Ich ließ den Namen Quincy Jones fallen als jemanden, den ich immer bewundert hatte, der Mann, der mehr als irgendjemand sonst in den letzten fünf Jahrzehnten der Musik ihre einzigartige Bedeutung gegeben hat. Kurz darauf hielt Charlie, der am Steuer saß, ohne ein Wort zu sagen vor Quincys Haus. Er hatte dort angerufen und uns eine Einladung verschafft. Es war zwei Uhr nachts und wir erinnern uns noch immer in allen Einzelheiten an das schockierende Erlebnis, Qs nächtliches Universum betreten zu dürfen.

Da stand er, elegant wie immer, sprach mit leiser Stimme und war an der Gesellschaft von Frauen etwas mehr als an der von Männern interessiert. Ali fühlte sich gleich wie zu Hause und dem Rockstar wurde eine große Bronzeskulptur in der Eingangshalle gezeigt. Sie stellte einen Schwarzen dar, der in übertriebener Pose den Hals reckte.

»Das ist Attitude.«

»Was? So ein Werk zu besitzen?«, fragte ich.

»Nein, die Skulptur heißt Attitude.«

Q kann nie jemand anderer als er selbst sein und er bringt alle um sich herum dazu, sie selbst sein zu wollen. Eigentlich hat man nur ein Problem, wenn man in seiner Nähe nicht man selbst ist. Alle waren hier willkommen, solange sie ihr wahres Selbst mitbrachten … Ich vermutete, dass eine neue Idee der Eintrittspreis war. Das und Loyalität alter Schule. An diesem Abend war auch Lionel Richie da, ebenfalls ein Absolvent der Schule für wahre Gentlemen. Quincy, so zeigte sich, ging nachts auf die Suche nach neuen Freunden, Spaß, Ideen und Musik. Er kehrte ein, wo immer Gäste gern gesehen waren, aber im Laufe der Jahre wurde sein eigenes Haus das gastfreundlichste von allen.

»Jeder ist willkommen« bedeutete, dass auch alle musikalischen Genres willkommen waren. Deshalb konnte er an einem Tag mit Peggy Lee und am nächsten mit Chaka Khan arbeiten. Als Musikproduzent versucht Q nicht, Sänger zum Vehikel seiner eigenen Stimme zu machen, sondern er will ihre Stimme groß herausbringen.

In dieser Nacht im Jahr 1988 erzählte Quincy mir, dass Sinatra bei ihm angerufen habe, der für ein neues Album ins Studio wollte. »Es ist an der Zeit, die Leute aufzurütteln«, sagte Sinatra. »Damit fängt man am besten bei sich zu Hause an, oder?«, sagte Quincy. »Aber wir müssen uns Ziele stecken.«

Wir verabschiedeten uns, als die Sonne schon orangefarben hinter den Bäumen hervorkam und sein gläsernes Haus zu erhellen begann. Er umarmte uns zum Abschied.

»Es ist toll, am Leben zu sein«, sagte ich.

»Toll, am Leben zu sein?«, sagte er. »TOLL AM LEBEN ZU SEIN ?? … NUR DARUM GEHT ES DOCH.«

Man stelle sich die Welt in hundert Jahren vor. Dann wissen die meisten Musikfans vielleicht nicht, wie die Musik des 20. Jahrhunderts chronologisch aufeinander folgte. Kam Elvis Presley vor oder nach Hiphop? War Louis Armstrong ein Zeitgenosse von Eminem? Die zeitliche Abfolge verschwimmt, je weiter sie zurückliegt. In der Zukunft wird man sämtliche Musikstücke der Welt in einem ewigen Shuffle abspielen.

Aber Musikfans, die noch nicht geboren sind, werden die Alben kennen, die Quincy Jones produzierte, arrangierte, komponierte und/oder einspielte. Sie werden Ray Charles kennen, sie werden Thriller, Lena Horne, Sarah Vaughan, Count Basie, Roots, Norah Jones, Heißblütig – Kaltblütig, Duke Ellington, In der Hitze der Nacht, Dizzy Gillespie, Frank Sinatra, Miles Davis, »We Are the World« und »It’s My Party« kennen.

Wundern wird man sich nur, dass ein einzelner Mensch in seinem Leben so viel Musik hervorbringen konnte. Q sollte sein Schaffen gut dokumentieren, sonst werden in kommenden Jahrhunderten Historiker die Theorie aufstellen, dass hinter dem Namen Quincy Jones eigentlich zwei, drei oder vier Personen standen. Archäologen werden nach Q-Klonfabriken suchen, Biologen nach einem Q-Gen forschen. Er wird als eine Art musikalischer Shakespeare gelten: Kann ein Mensch wirklich all das erschaffen haben?

Aber wir wissen es besser. Quincy hat nicht nur das alles kreiert, er hat nebenbei auch noch für Steven Spielberg und Bill Cosby Filmmusiken geschrieben, war zwischen Amerika und Afrika karitativ tätig, zog sieben Kinder groß und machte sich ein schönes Leben.

Q ist der Typ Mensch, den man als Gefährten haben möchte, egal ob zum Kirchgang oder zum Banküberfall. Er hat Sinn für die Höhen und manchmal auch die Niederungen des Lebens. Es spielt keine Rolle, wo jemand herkommt, er interessiert sich für dessen Geschichte. Seine eigene Geschichte, die hier erzählt wird, ist äußerst ungewöhnlich. Sie handelt von einem musikalischen Genie, einem begnadeten Showman, einem altmodischen Gentleman, dessen Hirn so groß ist wie sein Herz – und fast so groß wie seine Libido. Nur selten trifft man einen Menschen, der auf einer Bühne in Vegas genauso entspannt ist wie in einer dunklen Gasse in Accra, beim Karneval in Bahia – wo wir übrigens fast zu Tode getrampelt wurden – oder inmitten päpstlicher Pracht.

Was letzteren Schauplatz angeht, so bin ich Zeuge, denn 1999 reisten Quincy und ich gemeinsam nach Rom zu einem Treffen mit Johannes Paul II. Wir engagierten uns für eine weltweite Kampagne, die Regierungen dazu bewegen wollte, den ärmsten Ländern die Schulden zu erlassen. Dafür wollten wir auch den Papst gewinnen. Ich kann nicht für Quincy sprechen, aber ich war ehrlich gesagt etwas eingeschüchtert, als wir Castel Gandolfo betraten. Ich war überwältigt von der geheimnisvollen Aura der Autorität, von den Schweizer Garden mit ihren Musketen und den von Leonardo da Vinci entworfenen Uniformen. Der Papst war sehr gebrechlich. Ich war bewegt von der Mühe, die es ihn kostete, auch nur aufzustehen und uns alle zu begrüßen. Mitten in dieser Atmosphäre des Pomps und der Ehrfurcht flüsterte Quincy mir zu: »Schau … dir … die … Schuhe … an.« Der Pontifex trug an diesem Tag Budapester und dazu beige Feinrippsocken. Q sagte leise und voller Bewunderung: »Der Typ trägt Zuhälterschuhe. Echt stylish!«

Quincy unterscheidet nicht zwischen oben und unten. Nur zwischen gut und schlecht. »We Are the World« ist nicht nur der Titel seines größten Hits – es ist auch seine Lebensphilosophie. Als Musiker ist es für mich eine Ehre, im Jahrhundert von Quincy Jones zu leben. Und ein Privileg, ihn meinen Freund nennen zu dürfen.

Sollte Gott eine Jukebox besitzen, so wüsste ich, welcher Name auf den meisten Titeln steht, die er auswählt: Er beginnt mit einem Q.


© Dean Ornish

Auf Bonos Schloss in Dublin


© Dean Ornish

Bono und Q unterhalten sich über Zuhälterschuhe

DIE FRÜHEN JAHRE

Es kommt mir vor wie gestern, dass ich als 13-Jähriger in Seattle total aufgeregt war, wenn die berühmten Bigbands in der Stadt auftraten. Ich war völlig paralysiert von der Ausstrahlung dieser so begabten, würdevollen, witzigen, ganz und gar originellen, weltoffenen Meister. – Q

Q

uincy Jones ist das erfolgreichste Allround-Talent in der Geschichte der amerikanischen Unterhaltungsmusik. Eine starke Behauptung und sicherlich keine, die der zurückhaltende Künstler für sich selbst in Anspruch nehmen würde. Aber sehen wir uns die Fakten an: Ist er ein guter Musikproduzent? Nun, er hat lediglich das meistverkaufte Album aller Zeiten produziert, Michael Jacksons Thriller, außerdem den Chartstürmer »We Are the World«, für den er 46 Superstars zusammentrommelte. Kann er sonst noch etwas? Nicht viel … außer komponieren, arrangieren und jedes erdenkliche Blechblasinstrument spielen. Kann er auf der Bühne und im Studio mit großen Musikern mithalten? Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Count Basie, Duke Ellington, Ray Charles, Frank Sinatra, Peggy Lee, Aretha Franklin, Paul Simon, Michael Jackson, George Benson, Donna Summer, Gloria Estefan, Celine Dion, Bono und Ice T sind nur einige der Stars, mit denen er in den letzten Jahrzehnten eng zusammengearbeitet hat.

Das sollte wohl reichen, um den Tag – und etliche Nachtstunden – eines Menschen auszufüllen, aber Quincy Jones hat nie Zeit vertrödelt, nicht als junger Mann und nicht im fortgeschrittenen Alter. Ganz nebenbei hat er als Solokünstler Hits aufgenommen und die Musik für Dutzende Filme und Fernseh-Shows geschrieben. Und mit Musik allein gibt er sich nicht zufrieden. Er produzierte äußerst erfolgreiche Filme und TV-Shows, organisierte völkerverbindende Konzerte und rief Vibe, das führende Hip-Hop-Magazin, ins Leben. Schließlich besitzt er mehrere Fernseh- und Radiosender und engagiert sich für diverse humanitäre Hilfsprogramme.

Wer auch immer seit 1950 auf der Welt ist, wird schon einmal etwas von Quincy Jones gehört oder gesehen haben oder von etwas beeinflusst worden sein, an dem er mitgewirkt hat – und dasselbe wird wohl für unsere Eltern und Kinder gelten, denn Jones‹ Schaffen verbindet die Generationen und reicht von Jazz und Pop bis hin zu Funk, R&B und Rap. In all den Jahren seiner Karriere hat Quincy Jones nie seine Wurzeln im Bigband-Jazz aus den Augen verloren und niemals die vielen Menschen vergessen, die ihn förderten und inspirierten, seine Begabungen zu entwickeln.

Als ich sieben war, nagelte man meine Hand mit einem Klappmesser an einen Holzzaun. – Q

Als Quincy Delight Jones Jr. am 14. März 1933 in Chicago das Licht der Welt erblickte, standen die Chancen denkbar schlecht, dass er der Armut entkommt, unter der während der Wirtschaftskrise so viele schwarze Amerikaner litten, und niemand hätte darauf gewettet, dass er es einmal zu einem der wichtigsten Männer Hollywoods bringen würde. Seine hochgebildete Mutter war psychisch krank und wurde schließlich in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Sein Vater, ein Schreiner, fand in Zeiten der Rassendiskriminierung kaum Arbeit und stellte seine Säge schließlich in den Dienst der größten und gefährlichsten Gangsterbanden Chicagos.

»Als Kind bestand meine Welt aus billigen Zigarren, den Hinterzimmern von Schnapsläden mit Spionspiegeln, Typen mit Maschinenpistolen und Tischen, auf denen das Geld in Haufen lag«, erinnert sich Jones. »Jeden Tag sahen wir, wie Menschen erschossen wurden, oder Kerle, die mit Eispickeln im Hals von Telegrafenmasten hingen. Als ich sieben war, nagelte man meine Hand mit einem Klappmesser an einen Holzzaun. Mein Daddy schlug einem der Kerle mit einem Hammer auf den Schädel; einer von ihnen rammte mir einen Eispickel in die Schläfe. So war der Alltag in Chicago! Es war die größte Herausforderung, lebendig zur Schule und wieder nach Hause zu kommen.«

Aber Quincy schaffte es raus aus Chicago: Als er zehn war, zog sein Vater mit ihm und seinem Bruder Lloyd in die Werftenstadt Bremerton nahe Seattle. Damals wie heute konnten junge schwarze Männer wie er leicht auf die schiefe Bahn geraten. Wenn sich Elternhaus und Gesellschaft kaum um die Kinder kümmern und es in angesehenen Berufen kaum schwarze Vorbilder gibt, ist es schwer, sich von der Straße und den Problemen dort fernzuhalten. »Keiner sagt dir, was du tun musst, um da rauszukommen«, erklärt Jones. »Mein Dad musste ständig arbeiten. Er –hatte acht Kinder und verdiente 55 Dollar pro Woche.«

Zum Glück für ihn selbst und Millionen Musik begeisterte Menschen fand Quincy einen besseren Weg, etwas mit seiner Begabung anzufangen. Einen, der ihm viel Kummer ersparte und ihm eine neue, universelle Gemeinschaft jenseits bestimmter Häuser oder Städte bot. »Ich sang nur und spielte Klavier und Altsaxofon, als es mit den Bigbands losging«, erzählt Jones. »Count Basie, Woody Herman, der Duke [Ellington] – ich ging zu allen Gigs. Und ich sagte mir: ›Hier möchte ich mein Leben verbringen. Und ich möchte Arrangeur und Komponist sein.‹«

Quincy Jones war schon als Jugendlicher ein Ausnahmetalent auf diversen Instrumenten, was sich später als sehr nützlich erwies, da er beim Arrangieren von Bigband-Musik für jedes einzelne Instrument genau abgestimmt schreiben konnte.

Ebenso wusste er, dass er als professioneller Musiker nicht nur wie ein Erwachsener spielen, sondern sich auch wie einer benehmen musste. Auf jeden Fall war er flink dabei, sich Tipps von älteren Musikern zu holen, gleich ob sie vor Ort lebten oder auf der Durchreise waren. »Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Seattle während des Zweiten Weltkriegs eine der brodelndsten Städte Amerikas war«, sagt er. »Hier öffnete sich nämlich der Vorhang zu den Schauplätzen im Pazifik – Iwo Jima, Japan und all das. Die Stadt brannte förmlich.« Eines seiner Vorbilder dort war der Bandleader Bumps Blackwell, der später die Hits von Little Richard produzierte. Und dann gab es da den jungen Ray Charles, der nicht viel älter war als Jones, aber trotz seiner Blindheit schon Tausende von Meilen von seiner Heimat entfernt allein lebte und sich seinen Lebensunterhalt mit Musik verdiente. Schon bald trafen sich Quincy und Ray zum gemeinsamen Spielen, Arrangieren und Komponieren – der Beginn einer lebenslangen engen Freundschaft.

Großen Einfluss auf seine Musik und seine Haltung zum Leben nahm Clark Terry, »der mir beibrachte, an meinem Ansatz zu arbeiten und der auch großen Einfluss auf Miles Davis hatte. Clark ist noch immer der größte lebende Trompeter. Mit 13 Jahren nahm Count Basie mich unter seine Fittiche. Er sagte: ›Junge, ich werde dir mal verraten, wie das schwarze Showbusiness funktioniert. Es dreht sich alles um die Hügel und die Täler‹ – die Hügel waren eine Metapher für Erfolg. ›In den Tälern findest du raus, was in dir steckt. Denn erst wenn es schwierig wird, erkennst du, wer du wirklich bist‹«.

Quincy Jones brannte darauf, als Musiker durchs Land zu ziehen. Mit 15 wurde er eingeladen, mit der Band des großen Lionel Hampton auf Tournee zu gehen, aber in letzter Minute wurde er aus dem Bus geholt, weil er zu jung war. Das war ein herber Schlag, letztlich aber vielleicht ein großes Glück, denn als Teenager mit einem Jazzstar unterwegs zu sein, hätte wahrscheinlich nur Ärger mit sich gebracht. Nun konnte Quincy die Highschool beenden und sich intensiv dem Instrument widmen, das sein entscheidendes werden würde. »Nach Klavier lernte ich Tuba, Sousafon, Baritonhorn, Althorn, Waldhorn und Posaune – weil die Posaunen in der Marching Band immer in der Nähe der Majoretten standen, die den Stab schwangen. Ich war eben schon immer sehr praktisch veranlagt. Aber schließlich landete ich wieder bei der Trompete, meiner großen Liebe, und ich konzentrierte mich ganz auf sie.«

Ich spielte Tuba, Sousafon, Baritonhorn, Althorn, Waldhorn und Posaune – weil die Posaunen in der Marching Band immer in der Nähe der Majoretten standen, die den Stab schwangen. Ich war eben schon immer sehr praktisch veranlagt. Aber schließlich landete ich wieder bei der Trompete, meiner großen Liebe, und ich konzentrierte mich ganz auf sie. – Q

Nach seinem Highschool-Abschluss zog Quincy nach Boston, wo er vom Schillinger House (später unter dem Namen Berklee College of Music bekannt) ein Stipendium bekam. Aber es dauerte nicht lang, bis Lionel Hampton ihm erneut einen Platz in seiner Band anbot. Dieses Mal ergriff er die Chance – und blickte nie mehr zurück. 1951 komponierte und arrangierte er Hamptons »Kingfish«. Wenn für Aufnahmen ein geschmeidiger Sound gewünscht wurde, war Jones genau der richtige – und er brachte diese besondere Note in viele Jazz- und R&B-Platten der 1950er-Jahre ein. Nachdem er mit Hampton durch Europa und mit Dizzy Gillespie durch die ganze Welt getourt war, war er bereit für einen noch größeren Auftritt – eine internationale Tournee mit seiner eigenen Bigband.

Nimmst du Arbeit in die Hände, mach sie fertig bis zum Ende. Ob sie groß ist oder klein, mach sie gut, sonst lass es sein. – Quincy Jones Senior


© Courtesy of Quincy Jones

Q und Major Pigford als Comedyduo Benzadreen and Methadreen


© Charles W. Taylor

Die Charlie Taylor Band 1947 im YMCA. Es war Qs allererster Gig. Jeder Musiker erhielt 7 Dollar.


© Courtesy of Quincy Jones

Taylor, Buddy Catlett, Q und Billy Johnson am Bass


© Courtesy of Quincy Jones

In Seattle, 14 Jahre alt, in der Pose eines abgeklärten Musikers. Die Zigarette ist nur ein Requisit, um ihm Gigs in Nightclubs zu verschaffen – Q rauchte nicht.


© Courtesy of Quincy Jones

Oben: Mit Dinah Washington im Birdland Unten: Q feiert seinen Geburtstag auf Tour mit der Lionel Hampton Band.


Q war der Sekretär der Charlie Taylor Band. Hier eines seiner Protokolle.

KINDHEIT

»Meine Mutter war unglaublich intelligent«, sagt Quincy. »Sie studierte in den 1920er- und 1930er-Jahren an der Boston University und beherrschte zehn oder zwölf Sprachen in Wort und Schrift. Aber sie litt unter Demenz-Anfällen, die wahrscheinlich durch Vitamin B hätten geheilt werden können. Damals wusste man das aber nicht, oder es interessierte niemanden, weil sie nur eine Schwarze war. Also steckte man sie in eine Anstalt, als ich sieben war.

Ich wurde von meinem Vater erzogen. Jeden Tag sagte er diesen Spruch auf: Once a task has just begun, never leave it till it’s done, be the labor great or small, do it well or not at all. (Nimmst du Arbeit in die Hände, mach sie fertig bis zum Ende. Ob sie groß ist oder klein, mach sie gut, sonst lass es sein.) Jeden Tag predigte er uns das vor. Und es hat uns wahrscheinlich gerettet, weil es uns lehrte, Wert auf Qualität und handwerkliches Können zu legen.«

Eine harte Hand war genau das, was Quincy und sein Bruder Lloyd brauchten, um nicht ins kriminelle Milieu Chicagos abzurutschen. Doch ihr Leben in der Windy City endete abrupt: Die Jones Boys – nicht Quincy und Lloyd, sondern schwarze Gangster, für die Quincys Vater schreinerte – wurden von Al Capone aus der Stadt gejagt, »als dieser rausfand, wie viel Geld sie verdienten. Daddy kam in den Friseurladen, um mich und meinen Bruder abzuholen. Er sagte: ›Wir hauen ab‹, und ich fragte: ›Können wir unsere Spielsachen holen?‹ Er antwortete: ›Dafür ist keine Zeit.‹ Wir stiegen in einen Bus und fuhren hoch in den Nordwesten. In Bremerton gingen wir zur Schiffswerft, und dann schickte man uns in einen Ort weit außerhalb namens Sinclair Heights. Wir mussten drei Meilen bergauf laufen. Da brachten sie alle Schwarzen unter«.

Aber Quincy Jones ist nicht der Typ, auf eine schwere Kindheit mit Bitterkeit zu schauen. »Es gibt ein Buch, das Zu früh alt, zu spät klug heißt«, sagt er, »und darin steht etwas, an das ich seit Langem glaube: Eine schreckliche Kindheit muss nicht ein lebenslanges Hindernis sein. Überwinde sie und geh deinen Weg. Einige der erfolgreichsten Menschen unserer Zeit sind unter furchtbaren Umständen aufgewachsen.« So zum Beispiel Ray Charles, mit dem Jones eine seiner ersten und dauerhaftesten musikalischen Partnerschaften einging.

Einbruch mit Folgen

»In Bremerton war eine Lagerhalle unser Freizeitheim«, erinnert sich Quincy. »Wir hörten von einer neuen Lieferung Eiscreme und Zitronenkuchen und wollten ausprobieren, was wir als Kinder bei den größten Gangstern der Welt gelernt hatten. Also stiegen wir dort ein, stopften uns mit Kuchen voll und durchstöberten dann jeder für sich die verschiedenen Räume. Ich brach in das Büro des Aufsehers ein, sah in der Ecke ein kleines Spinett stehen und wollte schon weitergehen, als mir Gott einflüsterte: ›Dummkopf, geh zurück in das Zimmer.‹ Also ging ich zurück und berührte das Klavier. Jede Zelle meines Körpers und jeder Blutstropfen schrie: ›Dafür lebst du.‹ Also blieb ich und übte den ganzen Tag auf dem Klavier. Ich kann mir gar nicht ausmalen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich dieses Instrument nicht entdeckt hätte.«


© Courtesy of Quincy Jones

Oben: Quincy Dwight Jones, Senior und Junior Unten: Qs Mutter, Sarah Francis Wells Jones


© Russell Lee, Library of Congress, Prints & Photographs Division, FSA / OWI Collection, [repro no: LC-USF34-038895-D]

Die South Side von Chicago in den 1930er-Jahren

Joseph Powe war mein erster Musiklehrer. Ich passte kostenlos auf seine Kinder auf, als ich elf war, damit ich seine Bücher über Arrangement und Notation lesen konnte. Er war elegant und würdevoll. Ich fand, dass man als Erwachsener so sein sollte wie er. – Q

SCHULJAHRE

Als Quincy in den späten 1940er-Jahren die Garfield Highschool besuchte, galt diese als die fortgeschrittenste integrierte Schule in Seattle. Weiße, Asiaten, Afroamerikaner – alle wurden in einen Schmelztiegel gesteckt. Wenn man Musik für alle Menschen machen will, ist es hilfreich, allen Arten von Menschen zu begegnen – Jimi Hendrix machte dieselbe Erfahrung, als er ein Jahrzehnt später auf die Garfield ging. Das multiethnische Umfeld war die Basis für den bunten Mix aus Stilen und Menschen, der Jones’ Arbeit und Leben durchziehen sollte. In Garfield – zu jener Zeit waren Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen selten – lernte er ein weißes Mädchen namens Jeri Caldwell kennen.

»Über den Rassenunterschied habe ich mir nie Gedanken gemacht, der spielte überhaupt keine Rolle«, betont sie ein halbes Jahrhundert später. »Er war ein sehr angenehmer und charismatischer Mensch.« Gleich bei der ersten Begegnung mit ihrer Mutter verkündete Quincy, er wolle Jeri heiraten. Obwohl sie ihre Tochter drängte, die Sache bis zur Abschlussprüfung auf sich beruhen zu lassen, konnte Jeri nicht so lange warten. Einige Jahre später wurde seine erste Frau auch die Mutter seines ersten Kindes.

In der Highschool lernte Quincy allerhand Dinge, und er lernte die Liebe kennen. Aber seine wahre Ausbildung fand außerhalb des Klassenzimmers statt. Schon als Schüler verdiente er Geld in vielen lokalen Bands. »Wir hatten jeden Abend drei Auftritte«, berichtet er stolz. »Wir spielten auf den Dinners der weißen Tennisclubs und anschließend für die Stripper der schwarzen Clubs. Wir machten Comedy, spielten Tanzmusik, Rhythm &Blues, Schottische, Sousa, Debussy … und auf Bar-Mitzwas. Wir ließen nichts aus, Mann. Und ich war froh darüber.«

Von Ray Charles lernte Jones etwas sehr Wichtiges: »Wir versuchten, die Schottischen wie Bebop klingen zu lassen. Und Ray Charles sagte dann immer: ›Lasst jeder Musik ihre eigene Seele.‹ Das ist ein toller Rat. Zwing einer anderen Seele nicht deine Vorstellung auf. So denke ich inzwischen auch über andere Kulturen – und das Leben allgemein.«

Quincy Jones hatte ein Musikstipendium von der Seattle University erhalten, doch er fand das Angebot nicht besonders interessant. Mit dem Stipendium vom Bostoner Schillinger House hatte er es zwar aus Seattle herausgeschafft, aber in den Mauern der Lehranstalt wurde es ihm bald zu eng. Den Verlockungen des Big Apple lässt sich schwer widerstehen, wenn man nur in den Zug zu springen braucht, und so dauerte es nicht lang, bis Jones das Studium an den Nagel hängte und sich in das Zentrum des Jazzuniversums, New York City, stürzte.


© Courtesy of Quincy Jones


© Courtesy of Berklee College of Music

Q und Larry Berk, der Gründer des Berklee College


© Courtesy of Quincy Jones


© Courtesy of Quincy Jones

Mit diesen Noten erhielt Q das Musikstipendium.


© Courtesy of Quincy Jones

Q und Jeri Caldwell

RAY CHARLES

Kurz nachdem seine Familie von Bremerton nach Seattle gezogen war, ging Jones in den Elks Club, um sich einen 16-jährigen Sänger anzusehen, der neu in der Stadt war. Quincy, selbst erst 14 Jahre alt, war begeistert von dem blinden Musiker, der sich in Florida in einen Bus gesetzt hatte, um seine Heimat so weit wie möglich hinter sich zu lassen, ohne im Pazifik zu landen. Ray Charles’ Musik, dieser Mix aus Gospel und R&B faszinierte ihn, aber nicht nur das: »Ray war kaum in Seattle angekommen und hatte schon zwei Freundinnen und seine eigene Wohnung, während ich noch zu Hause wohnte – mit zwei Anzügen und einem Plattenspieler. Er war mir hundert Jahre voraus, Mann !«

Wenn man am Anfang seiner Karriere steht und dabei ist, sein Potenzial zu entdecken, ist ein Freund sehr hilfreich, der einem zeigt, wo es langgeht – vor allem, wenn dieser Freund schon einen steinigen Weg hinter sich hat. Wenn er es geschafft hat, schaffst du’s auch. »Man hat Ray wohl vergessen zu sagen, dass er blind ist«, staunt Jones. »Ray benahm sich nie wie ein Blinder, außer wenn ein attraktives Mädchen in der Nähe war. Dann wurde er plötzlich ganz hilflos, stieß gegen Wände und Türen und versuchte so, sie ins Bett zu kriegen. Ich schneite oft bei ihm zum Essen rein. Er bereitete ein Hähnchen in seiner Küche zu – ohne Licht und bei heruntergelassenen Jalousien. Nach dem Essen setzte er sich ans Klavier und zeigte mir, was er konnte. Und ich verschlang alles: sein Brathähnchen, sein Wissen, seine Freundschaft. Er brachte mir sogar Blindenschrift bei. Ray war für mich ein Vorbild, eines von wenigen in dieser Zeit. Er wusste mehr vom Leben als ich.«

Ray Charles wusste etwa, dass Musik ein riesiges Gumbo war, dessen Zutaten in einem Topf zusammengerührt werden müssen, statt sie getrennt zu kochen. Zu Beginn seiner Karriere »sang Ray Charles wie Charles Brown und Nat Cole und spielte Altsaxofon wie Charlie Parker. Aber als er aus Kalifornien zurückkehrte, hatte er sich neu erfunden und spielte auf einmal Gospel. Er wollte sich keine Grenzen setzen. Wir liebten beide Bebop. Ray war so gut, dass er sich im Elks Club in der Jackson Street Battles mit dem großen Saxofonisten Wardell Gray lieferte – auf dem Saxofon! Aber Ray liebte auch Blues, Country-and-Western und klassische Musik«. Und er scheute sich nicht, etwas zu riskieren und sich dafür Spott einzuhandeln, wie zum Beispiel, »als er ein Wurlitzer-Klavier kaufte und sich ins Wohnzimmer stellte. Es hörte sich dünn und blechern an. Zuerst lachten alle über Rays albernes kleines Elektropiano, aber als er darauf den Hit ›What’d I Say‹ geschrieben hatte, lachte niemand mehr«.

Eines der größten Geschenke von Ray an Quincy war, dass er ihm zeigte, wie er die Musik, die ihm im Kopf herumschwirrte, in ein Arrangement umsetzen konnte. Nur so wurde daraus echte, lebendige Musik mit mehr Soul und Tiefe als alles, was die zwei unter sich ausbrüten mochten, egal wie viele Instrumente sie beherrschten. »Ray eröffnete mir die Welt des Arrangierens«, sagt Jones. »Ich versuchte hinter das Geheimnis zu kommen, wie man vier Posaunen, vier Trompeten und fünf Saxofone denselben Song spielen lässt. Ray erklärte mir, wie man ein Arrangement schreibt. Ich war unglaublich wissbegierig und sog alles auf.«

In den frühen 1950er-Jahren spielte Quincy Jones in Lionel Hamptons Band und Ray Charles in der Band von Lowell Fulson, aber ihre Wege kreuzten sich häufig. Jones sagte allen: »Ihr müsst euch meinen Mann aus Seattle anhören.« Auch als Jones an die Ostküste zog, konnte das die musikalische Gemeinschaft der Freunde nicht ernsthaft stören. Er arrangierte einige von Rays besten Aufnahmen aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Auf dem Album Genius + Soul = Jazz von 1960, das unter anderem Charles’ Top-Ten-Instrumentalhit »One Mint Julep« enthielt, gaben die beiden sich sanft und rau zugleich. Weitere gemeinsame Projekte folgten. So sang Charles den von Jones mit Alan und Marilyn Berman komponierten Titelsong des Films In der Hitze der Nacht von 1967, zu dem Jones die gesamte Filmmusik schrieb. Wie Charles transzendierte Jones musikalische Genres, als er ein klassisches Stück schrieb, dass Charles Anfang der 1970er-Jahre mit dem Houston Symphony Orchestra aufführte: »Black Requiem«, das Jones zufolge »den Kampf der Schwarzen in den USA seit Beginn der Sklaverei« thematisiert.

Ray und Quincy gingen einen weiten Weg von den Clubs in Seattle, in denen sie sich einst kennenlernten. Doch beide hatten ihn bewusst zurückgelegt, jeder in seiner unverkennbaren Art – und auch als Team, wenn sich die Gelegenheit ergab. »Ray und ich träumten früher von all den Sachen, die unmöglich schienen, die es noch nie gegeben hatte«, sagt Jones. »Schwarze Komponisten, die Filmmusik schreiben oder Symphonien. Aber schließlich machten wir genau das. Ich schrieb ›Black Requiem‹ für ihn, und wir machten ›In the Heat of the Night‹ zusammen und ›I’ll be Good to You‹ mit Chaka Khan. Wir machten auch ›We Are the World‹ zusammen. All unsere Träume verwirklichten wir gemeinsam.«


© James Roark

Qs Bigband 1971 mit Ray Charles in der Merv Griffin Show


Ankündigung eines Konzerts anlässlich von Qs 50. Geburtstag, 1983


© Quincy Jones Productions

Q und Ray im Musikvideo zu »I’ll Be Good to You«


© Courtesy of the American Academy of Achievement

Q und Ray bei Qs Aufnahme in die American Academy of Achievement in Minneapolis 1984


© Courtesy of Quincy Jones

Q, nicht Ray!

LIONEL HAMPTON

Quincy Jones erzählt, wie er mit der Band des Vibrafonisten und großen Swingjazzers Lionel Hampton beinahe auf Tour gegangen wäre. »Hampton wollte mich in seiner Band haben, als ich 15 war. Ich saß schon Stunden vor der Abreise im Tourbus, damit er seine Meinung nicht mehr änderte oder meine Eltern Wind von der Sache bekamen. Schließlich stiegen die Jungs aus der Band ein, und Lionels Frau sagte: ›Was macht dieses Kind denn hier?‹ Lionel antwortete: ›Den hab ich gerade engagiert.‹ Darauf sagte sie zu mir: ›Komm her, Schätzchen. Steig aus dem Bus aus und geh zurück zur Schule. Wir unterhalten uns später.‹ Das hat mich so verletzt und traurig gemacht wie nie etwas zuvor, weil es mein Traum war, mit dieser Band zu spielen. Sie war größer als Louis Armstrong, Count Basie oder Duke Ellington. Hampton und Louis Jordan hatten in den 1940er-Jahren so was wie die ersten Rock-’n’-Roll-Bands.« Kurz nachdem er sein Studium im Schillinger House begonnen hatte, wurde Quincy, damals noch immer ein Teenager, erneut in Hamptons Band eingeladen. Diesmal hielten ihn keine familiären oder schulischen Verpflichtungen mehr zurück, und so sagte er überglücklich zu.

Jones merkte bald, dass es ziemlich anstrengend war, in einer der berühmtesten Bigbands zu spielen, denn Hampton »war gnadenlos. Er ruhte nicht eher, bis das Publikum tobte! Jede Nacht … er kannte da keine Grenzen. Die alten Hasen warnten mich: ›Pass auf, wenn du total aufgedreht bist und eine große Show abziehst, weil du das dann jede Nacht machen musst. Du kannst das nicht einmal tun und dann plötzlich aufhören – das gehört dann einfach zur Show.‹

Das Klatschen machten wir mit Handschuhen, die im Dunkeln leuchteten. Das war Showbusiness. Hamps Band war eine Showband, er hatte fünf Sänger und Tänzer. Ich hab’s geliebt«.

Aus einem seiner ersten Interviews von 1954 wird klar, dass Quincy Jones schon damals wusste, dass seine Zeit mit Hampton etwas ganz Besonderes war. »Diese anderthalb Jahre auf Tour mit Hampton brachten mir zehn Jahre an Erfahrung«, sagte er dem Downbeat. »Ich beobachtete alles und lernte viel dazu.« Nicht nur musikalisch, auch in seinem äußeren Erscheinungsbild musste er sich in die Band einfügen. Dabei lief man allerdings Gefahr, in peinliche Situationen zu geraten, wie Jones am eigenen Leib erfuhr, als sein Bandleader ihm »ein besonderes Outfit« aufdrückte, das aus »lila Shorts, Socken und Schuhen, lila Mantel und Tirolerhut« bestand. Hamp ging die Treppe hoch und wir hinter ihm her, und da standen plötzlich Miles, Charlie Mingus, Thelonious Monk, Bud Powell, Bird, all diese coolen Typen. Unsere Idole! Wir wären vor Scham gestorben, wenn die uns in diesen Klamotten gesehen hätten. Also liefen Clifford [Brown] und ich die Treppe wieder runter und taten so, als würden wir unsere Schuhe zubinden. Weil wir es nicht über uns brachten. Es war uns zu peinlich. Da prallten die Stile echt aufeinander.«


© Courtesy of Quincy Jones

Von links nach rechts: Anthony Ortega, Clifford Scott, Jimmy Cleveland, Q und Oscar Estelle performen »Kingfish«.


© Courtesy of Quincy Jones

Art Farmer, Q, Lionel Hampton (im Hintergrund) und Walter »Suede« Williams


© Courtesy of Quincy Jones

Zeitungsausschnitt, indem Q als neues, brillantes Mitglied von Hamptons Band erwähnt wird.


© Courtesy of Quincy Jones

Sitzend von links nach rechts: Joyce Bryant, Lionel Hampton, Johnny Ray; stehend von links nach rechts: Gil Bernal, Billy May, Jimmy Scott, Junior Parker, Q, unbekannt


© Courtesy of Quincy Jones

Aufnahmesession mit Hamptons Band


© Courtesy of Quincy Jones

Gladys Hampton


© Courtesy of Quincy Jones

Rechte Seite: Erinnerungen von Quincy Jones an Gladys Hampton

EUROPATOURNEEN

Jazz ist eine große amerikanische Kunstform, die in erster Linie von schwarzen Amerikanern ausging. Deshalb ist es eine grausame Ironie des Schicksals, dass viele schwarze Jazzmusiker erst nach Europa reisen mussten, um die verdiente Anerkennung zu bekommen. Wie alle schwarzen Jazzmusiker in den 1950er-Jahren hatte auch Quincy Jones in seiner Heimat den Rassismus am eigenen Leib erfahren müssen. Zu seiner Freude stellte er bei seinem ersten Besuch in Europa fest, »dass man dort Jazz als reine Kunstform ansah. Wir waren alle sehr empört, weil Amerikaner das offensichtlich nicht so sahen. Die denken wohl, wenn das was zu tun hat mit Afroamerikanern, die in einem Bordell spielen, kann es nicht besonders wichtig sein.

Ich werde nie die höchst einfühlsamen Worte vergessen, die uns ein Führungsmitglied einer politischen Organisation mit auf den Weg gab, kurz bevor wir in den Flieger stiegen: ›Ich möchte Sie und IHRE LEUTE nur daran erinnern, dass Sie dort drüben die Vereinigten Staaten repräsentieren. Wir bitten Sie deshalb, Ihren Veranlagungen möglichst diskret nachzugehen‹«.

Jones erlebte die erstaunlichsten Dinge 1953 auf seinen Welttourneen mit Hampton und drei Jahre später als Trompeter, Arrangeur und musikalischer Leiter von Dizzy Gillespies Band, auf der ersten Tour dieser Art, die vom Auswärtigen Amt der USA unterstützt wurde. Die Ankunft in Beirut etwa war »ein Schock. Als wir am Flughafen ankamen, warteten da 3000 Menschen. Wir sahen Außenminister John Foster Dulles aus einer Regierungsmaschine steigen, die auf dem Weg nach Israel war. Wir dachten erst, die Menge wäre seinetwegen gekommen, aber die Leute waren da, um uns zu begrüßen. Es war heiß und schmutzig, und die Lage war wegen politischer Unruhen gerade ziemlich angespannt. Wir waren sehr weit weg von zu Hause, in einer fremden Welt, unter Menschen, die für Dinge kämpften, über die wir rein gar nichts wussten. Als das Konzert bevorstand, konnte niemand sagen, ob wir auf der Bühne sicher sein würden, aber Dizzy dachte gar nicht daran, den Auftritt abzublasen. Er sagte: ›Fuck it, wir sind hier, um zu spielen‹, und das taten wir dann auch. Überall wurde uns große Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit entgegengebracht. Die Fremden behandelten uns besser als unsere Landsleute«.

Lionels Band war mein Traum. Sie bot das volle Programm: ernsthafte Musik, Unterhaltung und Showbusiness. Für mich war das die erste Rock-’n’-Roll-Band, der es darum ging, einen großen funky Beat zu spielen und das Publikum zu verführen, genau wie Louis Jordan und seine Tympany Five. Über den Beat legte Hamp dann Swing, Bebop oder was immer gerade passte. Das Ganze war wie eine Musikhochschule auf Reisen. – Q

Ein Jahr später, im Sommer 1957, zog es Quincy Jones wieder nach Europa, diesmal um als musikalischer Leiter, Arrangeur und Dirigent für das französische Jazzlabel Barclay Disques zu arbeiten. Der aufstrebende junge Mann war sich bewusst, dass es mehr brauchte als die üblichen Tricks und Kniffe, um so tief in die Musik einzusteigen, wie er es vorhatte. Im Amerikanischen gibt es eine Redensart, die besagt, dass Jazzer mit der Musik zunächst ins Bett gehen und ihr erst später den Hof machen und sie heiraten. In Frankreich studierte Jones Komposition bei der international angesehenen Musikpädagogin Nadia Boulanger und entdeckte klassische Komponisten wie Strawinsky und Ravel für sich. Er erkannte langsam, dass seine wahre Stärke im Arrangieren von Stücken für andere Musiker lag, nicht im Spielen eines Instruments. »Ich hatte immer das Gefühl, das Orchester wäre mein Instrument. An einem bestimmten Punkt musste ich mich entscheiden, und beim Arrangieren war ich wagemutiger als beim Spielen des Horns. Mit Clifford Brown, der sich gelegentlich an Arrangements versuchte, schloss ich spaßeshalber eines Nachts in Malmö einen Pakt. Er sagte: ›Ich spiele und du schreibst.‹«

In den 1940ern versuchten viele, Miles zu kopieren, weil man Dizzy nicht kopieren konnte – seine Töne waren zu hoch, und er spielte zu schnell. Mit seiner schwarzen Baskenmütze, der Hornbrille und dem Ziegenbärtchen war er auch die visuelle Personifizierung des Bebop. Ich liebte Dizzy, seit ich zwölf war. Er besaß Stil, Seele, Witz, Technik, Substanz. Er sah wirklich komisch aus, wie ein Kobold, mit den dicken Brillengläsern, den Backen, die sich beim Spielen wie bei einem Frosch aufblähten, der gebogenen Trompete, den Hosenträgern und den Hüten. Er war einer der humorvollsten und großzügigsten Menschen, die ich kennengelernt habe. – Q

Schließlich wurde es Zeit, das Gelernte in die Tat umzusetzen: Quincy Jones stellte ein 18-Mann-Orchester zusammen (darunter sein alter Mentor Clark Terry, der zusammen mit Quentin »Butter« Jackson Duke Ellingtons Band verließ, um sich Jones anzuschließen), um das Musical Free and Easy in Utrecht, Amsterdam, Brüssel und Paris aufzuführen. Anschließend tourte die Band 1960 zehn Monate lang durch Europa. Besser kann es kaum laufen für den Leader einer Bigband, der noch keine 30 ist. Aber auch nicht viel härter, wenn man sich um die Gehaltsschecks kümmern muss. Die Betriebskosten eines so großen Ensembles brachten Quincy Jones bald auf den harten Boden der Tatsachen zurück. »Hier mit meiner Band über die Runden zu kommen, war eine echte Herausforderung«, gab er damals zu. »Wir haben keinen Agenten, keinen Manager, und ich mache das zum ersten Mal. Es muss so viel organisiert werden. Ich muss 18 Musiker bezahlen und mich unterwegs um insgesamt 33 Menschen kümmern. Wenn es mal nichts zu tun gibt, kann ich nicht einfach wie zu Hause sagen: ›O.k., heute legst du mal eine Studiosession ein‹ – hier gibt es nämlich keine … Ich habe in Europa 145 000 Dollar verloren. Ich musste Tantiemen abschreiben und mir Geld leihen und auf vieles verzichten, um das Ganze am Laufen zu halten.«

Ich verlor viel Geld, aber die Band wurde zur beliebtesten Band Europas. Diese Erfahrung macht man nur einmal im Leben. – Q

»Ich war kurz davor, mir was anzutun«, gestand Jones später. »Ich ertrug den Druck einfach nicht mehr, mich neben den Auftritten um die Gehälter zu kümmern und die Termine zu buchen und alles andere.« Der Traum hatte sich in einen Albtraum verwandelt, und seine größte Angst war, bei einer Pleite mit der ganzen Truppe in Europa festzusitzen. In Turku, Finnland, dachte Jones schließlich an Selbstmord – obwohl er nur etwas Ruhe gebraucht hätte.

Da er die Verantwortung trug, die Band nach Hause zurückzubringen, verkaufte er seinen Musikverlag (und kaufte ihn später für fast das Zehnfache zurück) und lieh sich auf seine Lizenzrechte Geld von seinem alten Freund Irving Green. Green bot ihm auch eine Stelle bei Mercury an, die Jones unter den gegebenen Umständen nicht ablehnen konnte. Der Traum war zwar geplatzt, aber eine neue Tür hatte sich geöffnet und führte zur nächsten Etappe seiner Karriere.

Diese Erfahrung lehrte ihn, dass man bei der Erfüllung seiner Träume viel verlieren, aber auch unschätzbar viel gewinnen kann. »Ich hätte wahrscheinlich früher nach Hause kommen sollen, anstatt dort drüben die Dinge so lange am Laufen zu halten«, gestand Jones kurz nach seiner Rückkehr in die USA, »aber ich bereue es nicht. Ich verlor viel Geld, aber die Band wurde zur beliebtesten Band Europas. Diese Erfahrung macht man nur einmal im Leben.«


© Courtesy of Quincy Jones

Die Lionel Hampton Band trifft 1953 im Pariser Bahnhof Palais d’Orsay ein.


© Courtesy of Quincy Jones

Q in Stockholm, der zweiten Station der Europatournee mit Hamptons Band. Hier in seinem gerade erworbenen Wintermantel.


© Herman Leonard Photography LLC

Die Trompeter in Dizzy Gillespies Band. Von links nach rechts: Joe Gordon, E. V. Perry, Dizzy, Carl »Bama« Warwick und Q


© Shaw Artists Corp.

Gillespie und seine Band bei ihrer Rückkehr aus der Türkei 1956, von oben nach unten: Rod Levitt, Q, Phil Woods, Lorraine und Dizzy Gillespie


© Jean Pierre Leloir

Qs Showband für Free and Easy in Paris 1959

MENTOREN

Quincy Jones, der heute für viele in der Unterhaltungsindustrie ein Vorbild ist, blickte am Anfang seiner Karriere selbst zu vielen Künstlern auf und lernte von ihnen. Die Jazzmusiker, die er am meisten bewunderte, brachten ihm nicht nur musikalische Fertigkeiten bei, sondern lehrten ihn auch, Verantwortung zu übernehmen und dass es wichtig ist, sich als Musiker und als Mensch weiterzuentwickeln.

Clark Terry, Count Basie, Dizzy Gillespie, Miles Davis, Sarah Vaughan, Billy Eckstine, Nadia Boulanger, Billie Holidays musikalischer Leiter Bobby Tucker, »all diese Leute haben mir geholfen, meinen eigenen Weg zu finden. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür, weil sie das nicht tun mussten und die meisten anderen es auch nicht getan hätten«.

Manche Lektionen waren rein musikalischer Art. »Dizzy war wie ein Guru. Er spielte den Akkord auf dem Klavier, sodass man eine klare Vorstellung davon bekam, was die Blechbläser zu tun hatten. Er brachte afrikanische Einflüsse in den Jazz ein, etwa afro-kubanische Klänge. Und er ließ andere immer gern an seinem Wissen teilhaben, um den Jazz mit all seinen möglichen Variationen voranzubringen.«

Und manchmal waren es auch Lektionen fürs Leben – nicht immer schonend beigebracht. »Einmal hatte Basie zu viele Gigs in einer Nacht und überließ mir einen davon, oben in Connecticut in einem Tanzsaal, weil er wusste, dass ich und meine Band ihn gebrauchen konnten. Wir fuhren also hin und spielten, aber es kamen nur 700 oder vielleicht 800 Leute, obwohl 1700 reingepasst hätten. Als man uns bezahlte, sagte Basie: ›Gib dem Mann die Hälfte vom Geld wieder zurück.‹ Ich sagte: ›Was? Machst du Witze? Wir müssen die Musiker bezahlen.‹ Aber er sagte: ›Gib ihm die Hälfte zurück. Er hat deinen Namen im guten Glauben da oben hingesetzt, und du hast es nicht gebracht. Bestraf ihn nicht dafür.‹ Man sollte sich auch im Showbusiness an gewisse moralische Regeln halten und fair sein. Aber die meisten Menschen gehen in dieser Sache nicht ehrlich mit einem um.«


© Jack Bradley, courtesy of the louis armstrong house museum

Q blickt zum Meister auf: Louis Armstrong. Sie arbeiteten am Song »Faith« aus dem Musical I Had a Ball zusammen, das Q produzierte.


© Carol Friedman

Q mit Count Basie


© Jim Marshall

Duke Ellington am Set von Duke, We Love You Madly, einer frühen Fernsehproduktion von Q, realisiert mit Bud Yorkin und Norman Lear


© Herman Leonard Photography

Q mit Cannonball Adderley


© Courtesy of Quincy Jones

Foto von Duke Ellington mit Widmung: »Für meinen Freund, den großen Meister, der die amerikanische Kunst entkategorisiert hat – Quincy und seine wunderbare Familie. Viel Glück, Duke 2/73.«


© Henry Diltz

Q mit Ella Fitzgerald


© Herman Leonard Photography LLC

Q produziert und arrangiert für seinen »Mentor und Bruder« Clark Terry, ca. 1955.


© Jean Pierre Leloir

Q mit Sarah Vaughan bei der Arbeit an einem neuen Album


© Courtesy of Bobby Tucker

Bobby Tucker und Billie Holliday ca. 1948, neun Monate, nachdem sie mit der Bumps Blackwell Band im Eagles Auditorium in Seattle aufgetreten waren.


© Ron Wolfson

Mit Miles Davis während der Aufnahmen zu Back on the Block

NADIA BOULANGER

Von Nadia Boulanger lernte Jones, dass es nicht nur eine Frage von harter Arbeit und Technik ist, in seinem Metier Herausragendes zu leisten, sondern dass man dabei alle in sich ruhenden Begabungen, Gefühle und Ebenen der Sensibilität aktivieren muss. Als Jones einmal Strawinsky, den er gerade kennengelernt hatte, ein Genie nannte, entgegnete Boulanger: »Wenn Sie unbedingt mit dem Begriff ›Genie‹ hantieren wollen, sollten Sie ihn auf jemanden anwenden, der die höchste Stufe seines Könnens durch Empfindung, Glauben, Engagement und Wissen erreicht hat.« Ob Nadia Boulanger Quincy Jones heute als Genie angesehen hätte, bleibt offen, aber auf jeden Fall war er ein begabter Schüler. Er erinnert sich, dass sie der Meinung war, »die Musik eines Künstlers könne niemals mehr oder weniger sein als das, was er als Mensch darstellt. Das habe ich nie vergessen«. Diese Lehre setzte er nicht nur in seinen Kompositionen um, sondern in sämtlichen Bereichen seiner Arbeit als Produzent und Musiker.


© AP Images

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Дата выхода на Литрес:
11 ноября 2024
Объем:
268 стр. 197 иллюстраций
ISBN:
9783841901347
Правообладатель:
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