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Philipp Probst

DIE BOULEVARD-RATTEN

Philipp Probst

DIE BOULEVARD-

RATTEN

Roman

Appenzeller Verlag

1. Auflage, 2013

© Appenzeller Verlag, CH-9101 Herisau

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und

Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische

Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Eliane Ottiger

Umschlagbild: FikMik (iStockphoto)

ISBN: 978-3-85882-659-6

ISBN eBook: 978-3-85882-660-2

www.appenzellerverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

17. August

NEUNLINDENTURM BEI OBERROTWEIL, DEUTSCHLAND

Um 23.28 Uhr schoss eine besonders helle Sternschnuppe durch den westlichen Nachthimmel und verschwand hinter dem Totenkopf. Christian notierte Zeit, Himmelsrichtung und Helligkeit in seinem Notizbuch, das den Namen «Christians Sternbeobachtungen» trug. Die Helligkeit bewertete der 12-Jährige mit einer Neun. Die höchste Note, die Zehn, hatte er an diesem Abend noch nicht vergeben.

«So Junge, das war das Finale», sagte Andreas Mehrendorfer zu seinem Sohn. «Wir müssen jetzt wirklich gehen.»

«Nein, nein, Papa», widersprach Christian. «Ich habe noch keinen Stern mit der Helligkeitsstufe zehn!»

«Komm, wir müssen jetzt wirklich gehen», mahnte der Vater und schob seinen Sohn sachte zur Wendeltreppe. «Wir kommen ein andermal wieder hier hinauf.»

Christian stopfte sein Sternenbuch in den Rucksack, warf ihn über die Schulter und verschwand in der Tiefe. Seine Schritte auf der Stahltreppe hallten durch den stockdunklen Turm. Andreas Mehrendorfer blickte noch einmal kurz zum Fernsehturm, der gleich neben dem Gipfel des Totenkopfs stand, sah aber keine Sternschnuppe mehr, stieg dann die ersten Stufen der Wendeltreppe hinunter, drehte sich um und schloss die Holztüre zur Plattform des Neunlindenturms. Danach knipste er seine Taschenlampe an und folgte seinem Sohn in die Tiefe.

«Mama, wir haben eine Sternschnuppe mit Helligkeit neun gesehen!», schrie Christian und liess die untere Türe des Neunlindenturms zuknallen. Als Andreas den Turm ebenfalls verliess, eilte seine zehnjährige Tochter Janina zu ihm und griff nach seiner Hand.

«Gehen wir jetzt?», fragte sie.

«Hast du etwa Angst?»

«Ja, ein bisschen.»

«Was hat dir die Mama denn alles über den Totenkopfberg erzählt?»

«Hier hat früher ein Mann gewohnt, der ein grosses Feuer gemacht hat», sagte Janina leise. «Aber niemand hat den Mann je aus der Nähe gesehen, denn keiner hat sich getraut, auf den Berg zu steigen, um den Mann zu besuchen.»

«Warum wusste man denn, dass es ein Mann war, der hier oben lebte?»

«Weil, ähm, weil …» Das Mädchen stolperte über eine Wurzel, doch Andreas konnte seine Tochter halten. Zwar hatten Andreas und Veronika Mehrendorfer Taschenlampen dabei, führten ihre Kinder an der Hand und versuchten, den Weg zu beleuchten. Trotzdem war es ziemlich gefährlich, da der steile Weg voller Wurzeln und loser Steine war. Deshalb kam die Familie nur sehr langsam voran.

«Also, der Mann da oben war so gross, dass er manchmal über die Bäume ins Tal hinunter gucken konnte», erzählte Janina weiter. «Und weil er so gross war, hatten die Leute auch grosse Angst. Vor allem aber vor dem grossen Feuer.»

«Warum hatte er denn so ein grosses Feuer?», fragte Andreas.

«Mama, warum hatte der Mann ein so grosses Feuer?» Janina drehte sich zu ihrer Mutter um und stolperte erneut.

«Schau auf den Weg», mahnte Veronika. «Der Mann hatte immer kalt. Selbst im Sommer. Das habe ich dir doch erzählt.»

«Oh ja, genau. Und deshalb hat er das grösste Feuer der Welt gemacht. Und es gab ganz viel Rauch. Und der Rauch sah aus wie ein Totenkopf!»

«Deshalb heisst der Berg ja Totenkopf», ergänzte Veronika.

«Das hat Mama alles nur erfunden», warf Christian ein.

«Ist das wahr, Mama?»

«Nein, aber heute weiss niemand mehr so genau, was passiert ist. Das alles ist schon so lange her. Es gibt verschiedene Legenden über den Totenkopfberg.»

«Was sind Legenden?»

«Das sind seltsame Geschichten von früher», versuchte Veronika zu erklären.

«Dann gibt es also noch andere Geschichten über den Totenkopf?»

«Na ja, vielleicht, aber ich kenne auch nicht alle.»

Veronika wusste natürlich, dass der Totenkopf vermutlich deshalb so hiess, weil hier einst Hinrichtungen stattgefunden hatten, die der Kaiser angeordnet hatte. Mehrere Männer waren hier oben enthauptet worden. Doch diese Geschichte wollte sie ihrer Tochter nicht zumuten. Zumindest nicht um diese Uhrzeit.

«Erzähl alle Geschichten, Mama», bettelte Janina.

«Der Totenkopf war ein Vulkan», meldete sich Christian nun zu Wort. «Er ist der höchste Berg des Kaiserstuhls. Das ist eine der wärmsten Gegenden Deutschlands wegen der Burgpf…, wegen der Bugu…»

«Wegen der Burgundischen Pforte, du Klugscheisser», ergänzte Andreas und lachte. «Und was ist die Burgundische Pforte?» Andreas blieb stehen und leuchtete seinem Sohn mit der Taschenlampe ins Gesicht.

«Das ist die … also da kommt der Wind aus dem Burgund zwischen dem Jura und den Vogesen hindurch. Und dieser Wind ist ganz warm.»

«Genau. Deshalb gibt es hier manchmal Warmlufteinbrüche», erklärte Andreas und ging dann weiter.

«Wo ist denn der grosse Mann vom Totenkopfberg hin, Mama?», wollte Janina nach wenigen Schritten wissen. «Und warum brennt das grosse Feuer nicht mehr?»

«Weil der Vulkan längst erloschen ist, du dummes Huhn», sagte Christian.

«Hey, hey!», mahnte Veronika. «Vielleicht ist der Mann auch einfach weggegangen und hat das Feuer mitgenommen.»

«Wie hat er das Feuer mitgenommen?», wollte Janina wissen.

Veronika antwortete nicht mehr. Sie war müde und ausgelaugt. Zwar war es ihre Idee gewesen, die Sommerferien daheim zu verbringen. Die Familie hatte eben erst ein Haus gekauft, die finanzielle Lage war deshalb etwas angespannt, und auf Billigferien irgendwo in einer schäbigen Ferienanlage hatte Veronika keine Lust gehabt. Mittlerweile war sie sich allerdings nicht mehr so sicher, ob der Heimurlaub ein guter Einfall gewesen war. Die Kinder jeden Tag auf Trab zu halten, war anstrengender, als einfach am Strand zu liegen. Jetzt freute sie sich sogar auf den Europapark in Rust, den sie in den nächsten Tagen besuchen wollten. Obwohl sie Freizeitparks hasste, wusste sie ganz genau, dass sie sich für ein, zwei Stunden irgendwohin setzen und ein Buch lesen könnte, während ihr Mann mit den Kindern die verrücktesten Achterbahnen hinuntersausen würde. Sie müsste sich in dieser Zeit keine Geschichten für ihre Tochter ausdenken und keine Antworten auf die naturwissenschaftlichen Fragen ihres Sohnes geben, die sie sowieso überforderten. Sie war zwar Lehrerin wie ihr Mann Andreas. Trotzdem fragte sich Veronika manchmal, ob sie als Eltern nicht zu dumm und zu phantasielos waren für ihren Nachwuchs.

Die Familie kam nun zu einem breiten Weg. Die Kinder schnappten sich die Taschenlampen ihrer Eltern und rannten voraus. Andreas und Veronika gaben sich die Hand.

«War doch ein toller Ausflug», sagte Andreas. «Christian war hin und weg von seinen Sternen und Sternschnuppen.»

«Schön. Ihr wart ja auch lange auf diesem Turm. Mir fiel keine sinnvolle Geschichte mehr ein, sorry. Aber Janina wollte noch eine und noch eine hören. Ich bin fix und fertig. Und es ist kalt. Und ich bin müde. Und überhaupt.»

Andreas umarmte seine Frau und gab ihr einen Kuss. Dann gingen sie eng umschlungen weiter.

«Hey, wartet auf uns!», rief Veronika den Kindern zu. Andreas und Veronika rannten zu ihnen. Dann liefen alle vier Hand in Hand weiter Richtung Oberrotweil.

Es war bereits kurz vor 1 Uhr, als sie eine kleine Wanderhütte erreichten. Janina wollte noch eine Geschichte hören und Christian wieder den Sternenhimmel beobachten. Doch die Eltern meinten, es sei nun wirklich spät und höchste Zeit, ins Bett zu kommen.

Der Weg führte durch die Rebberge, dann wieder in den Wald hinein. Das Zirpen der Grillen war zu hören. Und einige Geräusche und Laute aus dem Wald, deren Ursprung nicht eruierbar war.

Andreas, der mit der Taschenlampe vorausging, nahm den seltsamen Gestank als Erster wahr, sagte aber nichts.

«Du, Andy, riechst du das auch?», sagte kurz darauf seine Frau. «Da brennt es irgendwo.»

«Ja, da unten ist doch eine Feuerstelle», antwortete Andreas gelassen. «Ein paar Jugendliche feiern wohl eine Party.»

Von einer Party war allerdings nichts zu hören.

«Das ist doch keine Party, Andreas. Es riecht auch so seltsam. Ganz und gar nicht nach leckeren Grillwürsten.»

Drei Minuten später kamen sie aus dem Wald und sahen hinunter auf den kleinen Parkplatz, bei dem eine Grillstelle eingerichtet war. Tatsächlich brannte dort ein Feuer. Jugendliche waren nicht zu sehen. Auch keine Autos, Motor- oder Fahrräder.

«Seltsam», sagte Andreas und wies die Kinder an, da zu bleiben und nicht zu reden. Die Situation war ihm nicht geheuer.

«Schau, Mama, da ist doch das Feuer vom …»

«Pssst», machte Veronika und flüsterte ihrem Mann zu: «Wollen wir nicht einen anderen Weg nehmen?»

«Wird schon nichts sein», antwortete Andreas. «Sonst müssen wir das ganze Stück wieder zurück. Kommt, gehen wir einfach weiter.»

Nach einigen Schritten blieb Andreas stehen: «Riecht ihr das auch?»

«Was?», fragte seine Frau.

«Das riecht doch nach verbranntem Fleisch.»

«Ich würde sagen, es riecht vor allem nach verbrannten Haaren.»

Janina und Christian drückten fest die Hände der Eltern.

«Los, gehen wir weiter», flüsterte Andreas.

Das Feuer loderte. Funken stoben. Die Flammen waren gut ein, zwei Meter hoch. Die Familie erreichte die kleine Strasse. Die Feuerstelle lag etwa 20 Meter vor ihnen.

«Hallo, ist da jemand?», rief Andreas plötzlich und blieb erneut stehen.

Doch ausser dem Knistern des Feuers war nichts zu hören.

«Hallo, jemand da?»

Der Geruch nach verbranntem Fleisch und angesengten Haaren war jetzt sehr penetrant.

«Los, geht weiter, ich schau mal nach», sagte Andreas.

«Pass auf, Andy», mahnte seine Frau.

Veronika und die Kinder liefen rasch an der Feuerstelle vorbei und rechts hinunter der Strasse entlang Richtung Dorf. Andreas ging einige Schritte näher zum Feuer, rief nochmals laut, ob jemand da sei. Er überlegte sich, ob er das Feuer selbst löschen oder die Feuerwehr rufen sollte.

«Schon gut, ich bin da hinten», meldete sich plötzlich eine Männerstimme. «Gehen Sie einfach weiter. Ich habe das Feuer unter Kontrolle.»

«Was machen Sie hier, wo sind Sie?»

«Gehen Sie weiter, da ist nichts, ich übernachte hier und habe mir etwas grilliert.»

«Das riecht aber verbrannt. Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist? Brauchen Sie …»

«Sie sollen endlich weitergehen, verdammt!»

Andreas starrte in die Richtung, aus der die Stimme kam, konnte aber niemanden entdecken. Das ist wohl kein Einheimischer, dachte er, denn der Typ spricht Hochdeutsch, nicht Dialekt.

«Wo sind Sie denn?», fragte Andreas laut.

«Hauen Sie ab!»

Plötzlich erkannte Andreas eine Gestalt. Obwohl es Hochsommer war, trug der Mann dicke Kleider, für Andreas sah es so aus, als stecke der Kerl in einem Skianzug mit Helm. Wohl eher ein Motorradfahrer, sagte sich Andreas. Wo hatte der denn seine Maschine?

«Haben Sie eine Panne mit ihrem Motorrad?»

Der Mann antwortete nicht.

Dann krachte ein Schuss.

Andreas rannte davon. Er spurtete zu seiner Familie und schrie: «Lauft! Lauft! Lauft!»

Ein zweiter Schuss knallte. Und ein dritter.

Dann waren nur noch die Schreie der Kinder zu hören.

24. Dezember

GUTSHOF IM STÄDELI, ENGELBURG BEI ST. GALLEN, SCHWEIZ

«Pass auf und komm nicht zu spät zurück, wir feiern um …»

«… um 18 Uhr, wie jedes Jahr, Mama!»

Myrta gab ihrer Mutter einen Kuss und schnappte sich eine Karotte von der Küchentheke.

«Mein Grosser bedankt sich für dein Weihnachtsgeschenk», sagte sie und verliess die Küche. «Also tschüss!», rief sie laut, wobei sie das Tschüss in die Länge zog und zweisilbig betonte: Tschü-üss. Dann trat sie in die Kälte hinaus.

Ihr «Grosser» hiess Mystery of the Night und war ein 23jähriger Rappe. Er stand angebunden vor dem Stall und blickte zu seiner Reiterin. Myrta gab ihm die Karotte, band ihn los und schwang sich auf den grossen Hannoveraner Wallach. Sie tätschelte seinen Hals.

«Los, Mysti, auf geht’s!»

Myrta hatte das Pferd zum zehnten Geburtstag von ihren Eltern geschenkt bekommen. An jenem Morgen war sie erst fürchterlich enttäuscht gewesen: Statt eines richtigen Geschenks hatten ihr die Eltern nur eine Karte überreicht. Auf der stand geschrieben: «Mysti für Myrta». Erst als sie hinaus zum damals noch jungen Mystery of the Night geführt worden war, war sie in Freudengeschrei ausgebrochen. Dass der Name des Pferdes zu ihrem passte, war ein glücklicher Zufall. Oder fast: Eigentlich hatte sich Myrtas Vater schon für ein anderes Pferd entschieden, als ihm ein Züchter aus dem Nachbarsort Mystery angeboten hatte. Er kostete zwar 3000 Franken mehr, aber das war ihm dieser glückliche Zufall wert gewesen.

Myrta liess Mysti eine Viertelstunde im Schritt laufen. Es ging leicht bergauf Richtung Andwiler Moos. Dann, auf einem langen geraden Feldweg, gab sie Mysti den Befehl, in Trab zu wechseln. Der Schnee unter den Hufen knirschte, die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen. Myrta war gut eingepackt, sie genoss die glasklare Luft, diese prickelnde Kälte in ihrem Gesicht. Der Rückenschutz, der sie im Sommer zum Schwitzen brachte, wärmte sie jetzt zusätzlich. Und unter dem Helm trug sie eine dünne Thermomütze. Am Ende des Weges liess Myrta ihr Pferd wieder in Schritt fallen. Mysti schnaubte. Aus seinen Nüstern stiegen kleine Wolken auf, die kurz in der Abendsonne herumwirbelten und sich dann auflösten.

Das sieht aus wie in einem Comic, dachte Myrta und lächelte.

Sie hatte als Kind Lucky-Luke-Hefte gelesen. Nicht wegen Lucky Luke, sondern wegen seines Pferdes Jolly Jumper. Und wegen Rantanplan, dem Hund. Die Hefte hatte sie heimlich lesen müssen. Martin, ein Junge aus dem Dorf, hatte ihr manchmal welche gegeben. Denn bei ihr zu Hause waren Comics tabu. Hatte irgendwas mit der Rudolf-Steiner-Schule zu tun, die sie besuchte. Aber was, wusste sie nicht. Und später interessierte es sie nicht mehr.

Sie schnallte den Helm ein bisschen enger, schloss die Jacke bis zum letzten Zacken des Reissverschlusses und nahm die Zügel fest in die Hand. «Na, Grosser, bereit für einen Galopp?»

Ab ging’s. Quer über ein Feld. Die Höhe und Konsistenz des Schnees waren genau richtig für einen tollen Ritt. Mystery of the Night legte ein ordentliches Tempo vor. «Yeah!», schrie Myrta. «Wie in alten Tagen: Myrta und Mysti in flottem Galopp.»

Das war ein bisschen übertrieben. Mysti war zwar für sein Alter wirklich fit, allerdings wurde er nach drei, vier Minuten merklich langsamer. Myrta liess ihren Liebling auslaufen, um dann in gemütlichen Schritt zu wechseln. Wieder blies er kleine Wolken aus, diesmal allerdings etwas grössere und schneller hintereinander.

Myrta war gerade sehr glücklich. Die Arbeit, der ewige Fast-Freund, das komplizierte Leben – alles war weit weg. Sie und ihr Pferd. Das war eine Verbindung, die durch nichts erschüttert werden konnte. Obwohl sie jahrelang in Köln gelebt hatte, jetzt in Zürich wohnte und meistens nur an den Wochenenden nach Hause zu ihren Eltern und zu Mystery nach Engelburg kam, hatte sich in dieser Beziehung nichts geändert. Noch immer spitzte Mystery of the Night seine Ohren und streckte seinen Hals aus der Box, wenn sie mit ihrem Auto vorfuhr. Und er war natürlich immer der Erste, der von ihr begrüsst, geküsst und umarmt wurde.

Die Sonne ging unter, es wurde kälter, Wind kam auf. Myrta genoss das Schaukeln auf ihrem Pferd, betrachtete die Weihnachtsbeleuchtung der Häuser, an denen sie vorbeiritt, und stellte fest, dass da und dort im Vergleich zum letzten Jahr ein paar Lämpchen dazu gekommen waren. In der Ferne waren unten die Stadt St. Gallen mit ihren vielen Lichtern und darüber in den Hügeln die Appenzeller Dörfer zu sehen. Auf den Strassen die Scheinwerfer der Autos. Alles Menschen, die unterwegs zu ihren Liebsten sind, dachte Myrta.

Zu ihren Liebsten?

Vielleicht. Sie war zwar bei ihren Eltern, bei ihrem Pferd, aber nicht bei ihrem Liebsten. Sie war noch nie an Heiligabend bei ihrem Liebsten gewesen.

Sie blickte auf die Uhr. Schon 17.30 Uhr! Höchste Zeit. Sonst bekäme Mama eine Krise. Ihre Schwester und ihr Bruder waren sicher schon da. Und das Filet im Teig im Ofen. «Los, Mister Mystery, heim zu Mama!»

Es war dunkel. Dank des Schnees aber trotzdem hell. Galopp. Der alte Hannoveraner gab Vollgas. Der Schnee wurde nach hinten weggeschleudert. Myrta sah den schwarzen linken Fuss von Mysti. Das war ein gutes Zeichen: Streckte Mysti die Vorderläufe so weit nach vorne, hatte er Spass und war motiviert. Nur der Fuss vorne links war schwarz, die drei anderen Füsse waren weiss. «Yeah!», schrie Myrta. Sie liess die Zügel fast los. Schloss die Augen. Blinzelte. Herrlich! Schloss sie wieder. Öffnete sie.

Das Pferd schnaubte. Plötzlich hatte Myrta das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie blickte um sich, konnte aber nichts erkennen. Also konzentrierte sie sich wieder auf ihren Ritt. Aber irgendwie war sie jetzt angespannt. Das übertrug sich sofort auf das Pferd. Der Galopp wurde holprig. Myrta parierte Mystery, er fiel zurück in Schritt. Doch ihre Anspannung blieb. Der Wald vor ihr war rabenschwarz. Der Weg nach Hause führte da hindurch – ausser, so überlegte Myrta, sie machte einen grossen Umweg. Ach was, sagte sie sich und steuerte auf das Dunkel zu.

Mysti klappte die Ohren nach hinten.

«Musst keine Angst haben, Mysti, da vorne ist nichts», sagte Myrta laut zu ihrem Pferd. Und vor allem zu sich selbst.

Doch es nützte nichts. Im Wald sah sie Gestalten. Augen, die sie anfunkelten. Kameralinsen, die auf sie gerichtet waren. Auch die Geräusche waren ihr plötzlich unheimlich. Bloss Äste im Wind, sagte sie sich.

Kurz bevor sie den Wald erreichte, gab sie Mystery das Zeichen zum Galopp. «Los, schnell hindurch.» Mysti schnaufte und schnaubte.

Myrta kniff die Augen zusammen und versuchte, nur auf das Getrampel ihres Pferdes zu hören. Als sie sie wieder öffnete, waren bereits der Waldrand und das Schneefeld dahinter zu erkennen. Sie schloss die Augen erneut. Öffnete sie wieder, und schon war das Feld hinter dem Wald ein gutes Stück näher gekommen.

Es knackte und krachte neben ihr, aber das war ihr jetzt egal.

«Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …» kam ihr in den Sinn, das Gedicht vom unheimlichen Erlkönig, welches sie in der Schule auswendig gelernt hatte und nun vor sich hin murmelte. Ja, ja, die Waldorfschule. Gedichte gelernt, gemalt, musiziert, Eurythmie gemacht und wenig vom realen Leben begriffen. Ein Gedanke, der ihr jetzt aber gut tat, weil er sie ablenkte. Sie rezitierte laut: «Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Er hat den Knaben wohl in dem Arm …»

Endlich ritt sie aus dem Wald.

Doch dann sah sie in einiger Entfernung rechts vor sich einen Mann mit einer Kapuze, der eine Sense über der Schulter trug. «Wie irre ist das denn?», hauchte Myrta und schloss erneut die Augen: «Der Erlkönig? Der Sensenmann?»

«Los, Mysti, los!», rief sie und blinzelte.

Der Kerl war nun deutlich am Horizont zu erkennen. Ob es wirklich eine Sense war, die er trug? Vielleicht einen Besen? Im Winter? Eine Schneeschaufel wahrscheinlich. Einen Weihnachtsbaum?

Myrta kniff die Augen zusammen und zählte laut Mystis Galoppsprünge. «Eins, zwei, drei …» Das Pferd schnaubte heftig. «… vier, fünf …» Auf zehn riss sie die Augen auf: Der Mann war weg.

Einige Sekunden später zuckte das Pferd zusammen, die Ohren schnellten nach hinten, der Galopp endete jäh. Myrta flog über Mystis Hals, machte einen Salto und krachte kopfvoran durch den Schnee auf den Boden. Es wurde ihr schwarz vor Augen. Sie hörte dumpfes Getrampel, das aber schnell leiser wurde. Mysti galoppiert davon, dachte sie, hoffentlich passiert ihm nichts.

LABOBALE, ALLSCHWIL, BASELLAND

«Geh endlich nach Hause, Phil», sagte Mette Gudbrandsen und legte die Hand auf seine Schulter. «Du wirst es schaffen. Aber nicht mehr heute. Erstens ist heute Sonntag und zweitens Heiligabend.»

«Ja, wahrscheinlich hast du recht. Ich sollte nach Hause gehen. Und ja, ich, das heisst wir werden es schaffen.»

«Nein, du. Ich habe dir nur den Weg geebnet und dich beraten. Aber jetzt ist Weihnachten. Deine Frau wartet sicher auf dich.»

«Mary ist es gewohnt, auf mich zu warten. Wir müssen es schaffen. Unser Chef bringt uns um, wenn wir nicht endlich das Schlussresultat liefern. Ich kann bald nicht mehr, jede Nacht nur zwei, drei Stunden Schlaf …»

«Eben. Geh endlich.»

«Okay. Und was wirst du tun?»

«Ich werde ebenfalls nach Hause gehen, mir eine Flasche Bordeaux gönnen und lange mit meiner Familie in Trondheim skypen.»

«Skypen?»

«Telefonieren übers Internet, mein Lieber. Alles, was nicht mit Wissenschaft zu tun hat, scheint dir relativ fremd …»

«Nein, nein, liebe Mette», unterbrach Phil Mertens und lächelte sie an. «Ich bin mittlerweile auf Facebook, Twitter, Xing, LinkedIn und, ähm …»

«Google plus. Alle sozialen Netzwerke, die ich dir eingerichtet habe.»

«Na ja. Mittlerweile bin ich ganz up-to-date und kenne sogar die komischen Internetkürzel und -zeichen. Und im Übrigen gehöre ich mit meinen fünfzig Jahren langsam zum alten Eisen.»

«Genau, alter Mann!», sagte Mette und lächelte Phil an: «Los, hau endlich ab!»

Phil Mertens fuhr den Computer hinunter, stand auf und zog seinen Barbour-Mantel und die Jack-Wolfskin-Fleecemütze an.

Er breitete seine Arme aus: «Komm her!»

Mette Gudbrandsen kam auf ihn zu, liess sich in die Arme nehmen, und da sie dank ihrer Stiefel mit etwa sechs Zentimeter hohen Absätzen gleich gross war wie Phil, berührten sich ihre Wangen.

«Merry Christmas», sagte Phil.

«Merry Christmas», sagte Mette. «God jul, wie es auf Norwegisch heisst. Og godt nytt år.»

«Happy New Year. Aber wir werden uns noch vor Neujahr sehen.»

«Meinst du?»

«Yeah. Wir müssen es noch in diesem Jahr schaffen. Du weisst, was wir der Geschäftsleitung garantiert haben.»

«Den Schlussbericht vor Weihnachten.»

«Die feiern sicher schon.» Phil Mertens gab Mette einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.

“God jul”, wiederholte Mette.

WALD BEI ENGELBURG, ST. GALLEN

Es war nur ein kurzer Moment, in dem Myrta das Bewusstsein verloren hatte. Jedenfalls konnte sie Mystis Galopp noch ganz, ganz leise hören. Vielleicht bildete sie sich das auch ein. Denn nachdem sie aufgestanden war und festgestellt hatte, dass sie den Sturz wohl heil überstanden hatte, glaubte sie, den Galopp noch immer zu hören.

«Toll», sagte sie leise vor sich hin, «meine Familie wird sich schlapp lachen, wenn Mysti ohne mich zur Weihnachtsfeier kommt.»

Sie wischte sich den Schnee aus dem Gesicht und klopfte die Kleider ab. Dann griff sie in die Innentasche ihrer Jacke, holte ihr iPhone heraus und wählte die Nummer ihrer Eltern.

«Hey!», rief jemand.

Myrta unterbrach den Rufaufbau und steckte das Handy in die Tasche zurück.

«Hey!»

«Ja! Ich bin hier!», schrie Myrta zurück. Schauderte aber plötzlich: Was, wenn das der Mann mit der Sense war?

«Sind Sie die Reiterin?», schrie der Jemand zurück. Es war die Stimme eines Mannes. Myrta antwortete nicht. Allmählich konnte sie in einiger Entfernung im Schnee einen dunklen Fleck ausmachen, der sich bewegte. Je näher dieser kam, desto deutlicher erkannte sie, dass es wohl zwei Flecken waren, und dann war auch schnell klar, dass der eine Fleck eine Person war und der andere ein Pferd. Wenig später schimmerte der weisse Punkt auf der Stirn des Pferdes durch die Nacht.

«Mysti!», rief Myrta, so laut sie konnte, und stapfte durch den Schnee auf ihr Pferd zu.

Mysti wurde an den Zügeln von einem Mann geführt, der eine grosse, dunkle Mütze mit Ohrenschutz aufhatte.

«Sind Sie verletzt?», fragte der Mann.

«Nein, alles klar. Danke, dass Sie mein Pferd eingefangen haben.» Myrta konnte sein Gesicht nicht erkennen, die Mütze verdeckte zu viel davon.

«Kein Problem. Mystery kennt mich ja.»

«Oh, Sie kennen mein …» Myrta hielt inne und starrte den Mann an. «Bist du das, Lucky?»

«Ja. Hallo Myrta, habe dich zuerst auch nicht erkannt!»

«Wow, ewig nicht gesehen! Lucky Luke …»

«Also, ehrlich gesagt, es nennt mich eigentlich niemand mehr so.»

«Oh sorry, klar, Martin natürlich!» Myrta war es ein bisschen peinlich. Aber Martin war wegen seiner Lucky-Luke-Hefte von allen Kindern immer Lucky Luke genannt, gar als Möchtegern-Lucky-Luke verspottet worden. Myrta wandte sich ihrem Pferd zu und kontrollierte, ob es sich verletzt hatte.

«Danke, Martin, nichts passiert!»

«Warum bist du denn gestürzt?»

«Nun, das war sehr seltsam, ich habe plötzlich …» Myrta stockte. Dass sie den Sensenmann gesehen hatte, hielt sie nun für völlig verrückt. «Keine Ahnung, wie es dazu kam», sagte sie schnell. Da Martin nicht weiterfragte oder sonst etwas sagte, entstand eine Pause. Sie konnte sich nicht erinnern, mit ihm je über was anderes als über Lucky Luke, Jolly Jumper und Rantan-plan gesprochen zu haben. Und auch nur ein paar wenige Sätze. Sie war sich jedoch sicher, dass Martin früher für sie geschwärmt hatte. Ebenso überzeugt war sie davon, dass er es gewesen war, der damals in die Holzwand von Mysterys Stall M+M+M und ein Herz geritzt hatte. Aber ausser als Comics-Lieferant war er für Myrta nie interessant gewesen, sie hatte ihn, den pummeligen Bauernbub, sonst kaum beachtet.

«Na, dann, Martin», sagte Myrta jetzt. «Ich muss los. Frohe Weihnachten. Und danke nochmals.»

«Ja, dir auch. Frohe Weihnachten.»

Myrta wollte sich in den Sattel schwingen, doch es wurde ihr schwindlig, und sie fiel erneut in den Schnee. Dabei spürte sie einen heftigen Schmerz im linken Knie. Sie schrie kurz auf. Da klingelte auch noch ihr Telefon.

«Martin, kannst du mal abnehmen? Ist sicher Mama. Beruhige sie einfach, ich mag nicht reden mit ihr. Das Handy ist in meiner linken Innentasche.»

Martin fischte vorsichtig das Handy heraus und sprach mit Myrtas Mutter, gehemmt, in einem holprigen Schweizer Hochdeutsch, denn die Tennemanns waren Deutsche, Frau Doktor und Herr Professor Tennemann. Martin kannte Myrtas Eltern gut, weil er seit Jahren zu Mystery schaute. Sie sagten Du zu ihm, er ihnen Sie.

Er versprach mehrmals, Myrta und Mysti nach Hause zu begleiten und, nein, ein Notarzt sei nicht nötig, ihrer Tochter gehe es so weit gut und dem Pferd auch.

«Danke, Luck… äh, Martin», sagte Myrta, nachdem er ihr das Telefon zurückgegeben hatte. «Also los, bring die dumme Tussi mit ihrem Pferd heim zu Mama.»

Myrta stand auf, spürte erneut den stechenden Schmerz im Knie und bat Martin, ihr zu helfen. Schliesslich legte sie ihren linken Arm um Martins Hals und humpelte neben ihm durch den Schnee heimwärts. Mystery trottete links von Martin.

Nach einigen Minuten fragte Myrta: «Wo feierst du Weihnachten? Mit der Familie? Mit deiner Frau, deinen Kindern?»

«Nein. Alleine. Meine Eltern sind bei meinem Bruder eingeladen.»

Myrta hätte nun einige Fragen nachschieben wollen, doch sie sagte sich, dass sie nicht als Journalistin hier war. Deshalb schwieg sie.

Das Knie tat wirklich weh. Myrta hielt sich mit ganzer Kraft an Martin fest. Obwohl sie und auch Martin in dicke Jacken eingepackt waren, glaubte Myrta, seine kräftigen Muskeln zu spüren. Erst war es ihr unangenehm, so nahe mit dem Typen zusammen zu sein, der früher als Pseudo-Lucky-Luke gehänselt worden war. Doch dann fand sie es plötzlich schön. Martin war ein Mann, ein richtiger Kerl. Gross und stark. Und gar nicht mehr dick und schwabbelig. Den Schmerz in ihrem Knie bemerkte sie kaum noch.

Dafür schlug ihr Herz umso heftiger.

«Feierst du mit uns Weihnachten?», fragte Myrta plötzlich.

Martin sagte nichts. Myrta spürte allerdings, wie sich Martins Muskeln spannten.

«Zum Dank, dass du mich und Mysti vor dem Sensenmann gerettet hast», sagte Myrta und liess dem Satz ein etwas gekünsteltes Lachen folgen.

«Hey, so schlimm war der Unfall nun auch wieder nicht.»

«Also kommst du?»

«Ich weiss nicht …»

«Schön», meinte Myrta. «Meine Familie wird sich freuen. Und ich mich auch.»

25. Dezember

CORVIGLIA, ST. MORITZ

Joël stand seit gut einer Stunde vor der Bergstation der Standseilbahn. Er trug einen neuen weissen Spyder-Skianzug mit einer grossen schwarzen Spinne auf dem Rücken und neue, weisse Salomon-Skischuhe. Dieses Outfit hatte ihn über 2000 Franken gekostet, was er sich eigentlich nicht leisten konnte. Doch Joël war sich bewusst, dass es zu seinem Job gehörte, mit den Schönen und Reichen einigermassen mitzuhalten, um nicht von Vornherein als Schmuddelfotograf abgetan zu werden.

Die neuen Stöckli-Ski hingegen waren gemietet. Joël hatte sie in den Skirechen gestellt, um frei vor der Bergstation herumlaufen zu können. An seinem Hals baumelte seine neue Nikon-Kamera D4 mit einem lichtstarken Zoom-Objektiv 24-70 mm. Darauf montiert hatte er das Blitzgerät, das er an einen externen, schweren Akku angeschlossen hatte. Diesen hatte er an einem Fotoharnisch festgemacht, den er unter seinem Skidress trug. So blieb der Akku auch einigermassen warm, denn bei dieser Kälte ginge ihm sonst schnell der Saft aus.

Joël hatte bisher 47 Bilder geschossen, die allerdings praktisch wertlos waren: einige hübsche Mädchen, die ihn angelächelt und um ein Foto gebeten hatten, und dabei ihre Jacken so weit geöffnet hatten, dass ihre vollen Busen deutlich unter den teuren Shirts zu erkennen gewesen waren. Sie hatten ihm ihre Mailadressen zugesteckt, und falls er daran dachte, würde er ihnen die Bilder auch schicken. Fotografiert hatte er die Girls nur, um sich die Zeit zu vertreiben und ein wenig zu flirten.

Joël wartete auf Prominente.

Dank seiner Beziehungen zu Hoteliers, Sportläden- und Boutique-Inhabern sowie Skilehrern – und vor allem Skilehrerinnen – wusste er ziemlich genau, wer Weihnachten und Neujahr in St. Moritz verbrachte. Es waren vor allem reiche Russen, Italiener und ganze Generationen von Deutschen. Es war bloss eine Frage der Zeit, wann sie ihm vor die Kamera laufen würden und er die Bilder an Fotoagenturen und Medien verkaufen könnte. Da sein Geschäft mit Prominenten im November und Anfang Dezember schlecht gelaufen war, musste er nun Umsatz machen.

Joël schaute besorgt zum Himmel. Es zogen immer mehr Wolken auf. Das passte ihm gar nicht. Denn der Durchschnitts-Promi war ein Schönwetter-Skifahrer. Und da es zudem minus 15 Grad kalt war und der Wind auffrischte, sank die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst irgendwelche bekannte Leute aufkreuzen würden, noch mehr. Ausserdem kamen Schlechtwetter-Fotos bei den Illustrierten nicht gut an. Die Fotoredakteure verlangten in der Regel strahlende Gesichter unter strahlender Sonne und stahlblauem Himmel.

Da Joël zu frieren begann und es bald Mittag war, beschloss er, die diversen Restaurants, Schneebars und Skihütten abzuklappern. Vielleicht hatte er dort mehr Glück. Im Gourmetrestaurant «La Marmite» der Bergstation Corviglia sassen schon einige Gäste, allerdings nicht solche, die für Joël interessant waren. Giovanni, der Oberkellner und Joëls «Spion», meinte nur, alle Tische seien reserviert, und es lohne sich nicht, an der Bar zu warten, bis etwas frei würde. Hätte Giovanni gesagt, er solle doch einen Moment an der Bar warten, wäre dies für Joël das Zeichen gewesen, dass sich echte Promis angekündigt hatten.

Es war ein Spiel.

In der Alpina-Hütte, einem Clublokal neben der Bergstation, zu dem meistens nur geladene Gäste Zutritt haben, hatte Joël mehr Glück. Der Türsteher liess ihn herein und gewährte ihm fünf Minuten. Joël drückte ihm eine 50er-Note in die Hand und ging an die Wärme. Im Entree blieb er stehen und wartete. Aus dem Speisesaal drangen viele fröhliche, laute Stimmen. Doch Joël war nicht bereit. Denn wegen der hohen Luftfeuchtigkeit im Raum hatte sich die Linse seiner Nikon beschlagen. Joël musste das Objektiv mehrmals mit einem Tuch abwischen, aber die Linse lief immer wieder an. Er schaltete das Blitzgerät ein. Dann betrat er den Speisesaal.

Die Leute waren noch beim Apéro. Die Damen hielten Champagner-Gläser in der Hand und versuchten, in den klobigen Skischuhen einigermassen elegant dazustehen. Die meisten Herren tranken Weissbier und waren bereits ziemlich angeheitert.

Joël entdeckte Chris, einen seiner Skilehrer-Freunde: “Hey, was geht ab?»

«Ach, kleine Privatparty. Bin heute noch keinen Meter Ski gefahren. Die wollten gleich in die Hütte.» Chris war lieber Skilehrer als Promi-Betreuer. Aber das gehörte eben zum Geschäft.

«Wer sind denn die Leute?», fragte Joël, der kein einziges Gesicht erkannte.

«Der dort hinten», Chris zeigte auf einen älteren Mann, der einen knallgelben Pullover trug, «ist Franco. Franco Medina, Unternehmer aus Mailand.»

«Den kennt doch keine Sau.»

«Doch, in Italien schon.»

«Hast nichts Besseres zu bieten, Chris?», meinte Joël leicht säuerlich.

«Da ist Josefina, die war beim italienischen Fernsehen in einer Castingshow.»

«Das ist gut! Danke!»

Joël liess Chris stehen und kämpfte sich durch die schwatzenden Menschen zu Josefina, einer stark geschminkten, etwa 2ojährigen Blondine.

«Salute, Josefina, come va? Tutto bene?» Obwohl er diese Frau noch nie in seinem Leben gesehen hatte, schlug Joël gleich einen vertraulichen Ton an.

Der Trick funktionierte einmal mehr. Josefina fiel ihm um den Hals, Küsschen, Küsschen und dazu viel italienischer Text, den Joël zwar nicht verstand, aber so deutete, dass sie sich sehr freue, ihn wiederzusehen. Auf Englisch fragte er dann, ob er einige Fotos machen dürfe. Für die Zeitung, fügte er hinzu, allerdings ziemlich leise.

«Oh, yes, feel free!», antwortete Josefina und warf sich in Pose.

Joël reinigte nochmals die Linse, zielte und drückte ab. Danach stürmte Josefina zu dem Mann im gelben Pullover, Franco Medina, der offensichtlich ihr Papa war. Sie drückte sich an ihn und lächelte in die Kamera. Dann gesellte sich noch eine ältere Dame hinzu, hässlich geliftet und noch hässlicher geschminkt, und Joël drückte noch ein paar Mal ab.

«Grazie, Mama!», sagte Josefina zu der Dame und küsste sie. «Grazie, Papa!» Küsschen, Küsschen. Und auch für Joël gab es nochmals Küsschen.

Danach drängten sich bereits die nächsten Leute vor Joëls Kamera. Der Promi-Fotograf drückte ab, ohne noch irgendwelche Fragen zu stellen. Es spielte keine Rolle mehr, wen er fotografierte. Die italienischen Gazetten kennen die Leute schon, dachte er sich. Zudem kann ich die Fotos Franco Medina sicher direkt verkaufen.

Als Franco in die Hände klatschte und zu Tisch bat, war für Joël klar, dass es Zeit war, einen Abgang zu machen. Als Profi wusste er, wann dieser Moment gekommen war – bevor er den Leuten auf die Nerven ging.

Als er wieder draussen war, checkte er kurz die Fotos im Kameradisplay und war zufrieden. Der Anfang war gemacht. Er packte seine Ski, liess sie in den Schnee fallen und stieg in die Bindung. Dann fuhr er hinunter nach Marguns, einem weiteren Hotspot des St. Moritzer Skigebiets. Dort war promimässig aber gar nichts los. Auch in den übrigen Skihütten wurde er nicht fündig. Es war Weihnachten und dazu schlechtes Wetter, er konnte also froh sein, überhaupt etwas fotografiert zu haben.

Joël beschloss, die Promijagd abzubrechen und noch ein bisschen Ski zu fahren. Er verstaute die Kamera im Foto-Rucksack der Marke Think Tank, schaukelte mit dem Sessellift wieder zur Corviglia hoch und bestieg nach kurzer Abfahrt die Luftseilbahn zum Piz Nair. Er liebte diesen Berg. Da es ausser Wolken heute nichts zu sehen gab, fuhren lediglich zwei weitere Skifahrer mit ihm hoch. Es waren Deutsche. Der eine textete den anderen regelrecht zu, erklärte ihm, dass hier die Ski-Weltmeisterschaften 2003 stattgefunden hätten und sicher wieder einmal stattfänden, vielleicht sogar die Olympischen Spiele. Ach nein, die kämen ja nicht in Frage, das Volk habe diesen Grossanlass in einer Abstimmung abgelehnt. Diese Schweizer seien doch verrückt, diese Spiele nicht haben zu wollen. Jetzt, hier, hier müsse er gucken, hier sei der wahnsinnig steile Start der Herrenabfahrt: «Siehst du, da, nein, hinter dem Felsen, pass auf, ja genau, irre was?»

Joël nervte sich.

Dann erzählte der Typ, dass er damals während der WM für den Deutschen Skiverband gearbeitet habe und für die ganze Logistik und Sicherheit zuständig gewesen sei.

Joël spitzte die Ohren.

Er näherte sich den beiden und tat so, als schaute er zum Fenster hinaus, versuchte aber, die beiden Typen genauer zu betrachten. Der Kerl, der ununterbrochen geredet hatte, schwieg nun und musterte Joël. Danach wandte er sich wieder seinem Kollegen zu und meinte, das Wetter werde immer schlechter, und es bestehe kaum noch Hoffnung auf Sonne.

Joël bemerkte, dass der, der praktisch nichts gesagt hatte, ziemlich gut versteckt unter Helm und Jacke einen Knopf im rechten Ohr trug, das Kabel dazu verschwand hinten im Kragen.

Joël ging auf die andere Seite der Gondel, drehte den beiden den Rücken zu und holte seine Kamera aus dem Rucksack. Er zurrte seine Skijacke auf, hängte sich die Kamera um den Hals und schloss den Anzug wieder.

Er war jetzt kein Skitourist mehr, sondern wieder Reporter.

GUTSHOF IM STÄDELI, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

«Hey, Lucky», sagte Myrta und wartete gespannt auf Martins Reaktion. Sie hatte ihr iPhone am Ohr und lief damit humpelnd in ihrem alten Mädchenzimmer auf und ab.

«Hey, Jolly Jumper», antwortete Martin.

Myrta musste lachen und freute sich, dass Martin ihren Scherz parierte.

«Ich habe deine Telefonnummer unter ‹Lucky Luke› gespeichert, ich hoffe, das ist okay für dich.»

«Deine Nummer finde ich unter M & M, Myrta und Mysti, oder wie die Schokobonbons.»

«Oh, wie süss …» Sie kicherte. Unterdrückte das aber schnell wieder, weil sie es teenagermässig fand. Sie strich sich durch ihr kurzes, dunkelblondes Haar. «Hast du Lust auf einen Spaziergang?»

«Ja, warum nicht», erwiderte Martin.

Falsche Antwort, dachte Myrta.

«Sehr gerne, wollte ich sagen», fügte Martin hinzu.

Myrta schmunzelte. «Gut, holst mich ab? Jetzt?»

“Okay!”

«Bye, Lucky.»

«Bye, Jolly.»

Sie warf das Handy auf die Kleider in ihrem Koffer und sagte leise vor sich hin: «Was mache ich da?» Dann legte sie sich aufs Bett, ihr altes Mädchenbett, und kuschelte sich an ihr Plüschpferd Black Beauty. Es war genauso schwarz wie Mysti, aber noch einige Jahre älter. Es lag immer da, auch wenn sie wochenlang nicht hier war. Ihre Gedanken flogen zurück in ihre Kindheit, sie erinnerte sich an all die Weihnachtsfeiern, die immer so schön gewesen waren.

Auch der diesjährige Heiligabend im Hause Tennemann war mehr oder weniger harmonisch verlaufen. Natürlich hatte Myrta lange Zeit wegen ihres Reitunfalls im Mittelpunkt gestanden. Alle hatten sich um sie kümmern wollen. Christa, die Frau von Myrtas Bruder Leon, untersuchte ihr Knie, konnte aber keine ernsthafte Verletzung feststellen. Damit gaben sich alle zufrieden, denn Christa war Ärztin. Allerdings nicht mehr praktizierend. Sie war Radio- und TV-Ärztin beim Schweizer Radio und Fernsehen. Und Mutter von zwei Kindern. Myrta mochte weder Christa noch die Kinder. Dafür ihren Bruder umso mehr.

Nachdem Martin Myrta und Mystery of the Night nach Hause gebracht hatte, war er kurz in seine Wohnung gegangen und hatte sich in Schale geworfen. Dass der einstige Dorfdepp Lucky Luke ein äusserst gutaussehender Mann mit dichtem schwarzem Haar und ebensolchen Augenbrauen geworden war, stellte Myrta sofort fest. Beruflich hatte sie zwar dauernd mit schönen Menschen zu tun. Was ihr aber besonders auffiel, waren Martins Hände. Sie waren nicht nur schön, sondern männlich. Dicke Adern, knochig, ein bisschen Dreck unter den Fingernägeln. Myrta fand das sexy.

Die spontane Einladung fanden alle Tennemanns okay bis auf Christa, die lange mit grimmiger Miene ihrer Schwiegermutter auf Schritt und Tritt nachgelaufen und ziemlich penetrant – wie Myrta fand – versucht hatte, sich nützlich zu machen. Zudem quatschte sie dauernd über wissenschaftliche Dinge, um sich einzuschleimen. Doch weder Herr Professor Tennemann noch Frau Doktor Tennemann hatten Lust, an Heiligabend intellektuelle Gespräche zu führen. Die kleine Schwester Leandra hingegen bedrängte Myrta dauernd mit Fragen, flüsternd natürlich, was die Sache mit Martin zu bedeuten habe. Martin war äusserst souverän, selbst dann, als Papa Tennemann beim ersten Glas Champagner Duzis machte und sich mit Paul vorstellte. Mama Tennemann grinste verlegen, sagte beim Anstossen, sie sei die Eva, und wünschte Martin ein frohes Weihnachtsfest. Die etwas peinliche Situation wurde durch Christas und Leons Kinder entschärft, weil sie gerade dabei waren, der Tennemann’schen Katze Softie die bunt geschmückte Weihnachtstanne als Kletterbaum beliebt zu machen.

Der Abend wurde mit vielen Geschenken für die Kinder und reichlich Cognac für die Erwachsenen ausgeläutet. Als Martin nach Hause ging, verabschiedete er sich etwas übertrieben dankbar von Eva und Paul Tennemann, schüchtern von Leandra, Leon und Christa. Myrta begleitete ihn zu seinem Range Rover älteren Jahrgangs. Sie tauschten die Handy-Nummern aus und küssten sich rechts-links-rechts auf die Wangen.

Erst danach versuchte Myrta, an den selbstgebastelten Geschenken der beiden Kinder ihres Bruders Freude zu zeigen: eine miserable Zeichnung eines Pferdes und eine total verkrüppelte Kerze aus Bienenwachs. Bevor sie schlafen ging, checkte sie ihre Mails und SMS. Tatsächlich hatte sie auch von Bernd, ihrem ewigen Fast-Freund, eine Mitteilung erhalten. Er hatte über WhatsApp geschrieben: «Wünsche Dir eine schöne Heilige Nacht. Denke an Dich.»

«Ich sollte mich bereit machen», sagte Myrta nun und riss sich aus den Gedanken. Schnell stand sie auf und legte Black Beauty sorgfältig auf ihr Kopfkissen. Dann kauerte sie vor ihren Rollkoffer und überlegte, was sie für den Spaziergang mit Martin anziehen sollte. Da entdeckte sie Bernds Geschenk, das er ihr beim letzten Rendezvous in Köln überreicht hatte. Sie löste das silberne Band und riss das rote Papier weg. Zum Vorschein kam eine Schmuckbox, darin lag eine Perlenkette. Sie schloss die Box und legte sie in den Koffer zurück. Dann zog sie enge Jeans und eine rot-orange-farbene Strickjacke von Tulchan an. Myrta betrachtete sich im Spiegel. Sie erkannte eine junge Frau im englischen Landleben-Look, Rosamunde-Pilcher-Style, unschuldig und trotzdem ein bisschen verrucht-sexy, da die Strickjacke genau auf Po-Höhe endete. Myrta wuschelte sich die Haare, lächelte.

Sie war zufrieden.

BERGSTATION PIZ NAIR, ST. MORITZ

Die beiden Skifahrer, die mit Joël in der Gondel auf den Piz Nair hochgefahren waren, verliessen die Bergstation schnell, stiegen in ihre Bindungen und fuhren gleich los. Joël folgte ihnen mit einem gewissen Abstand. Nach kurzer Fahrt erreichten die beiden das Bergrestaurant Lej da la Pêsch. Sie hielten an, zogen die Ski aus und schauten zurück zum Berg, wo Joël wartete. Dann traten sie in die Hütte.

Joël flitzte am Restaurant vorbei zum Sessellift. Die Fahrt dauerte nur einige Minuten. Es war verdammt kalt. Es schneite, der Wind blies heftig, was sich im Gesicht wie Nadelstiche anfühlte. Oben angekommen, raste Joël die Piste hinunter, bis er einen Ort fand, von wo aus er die Berghütte sehen konnte. Dank seines weissen Spyder-Skianzugs war Joël gut getarnt. Er löste die Ski, legte sie in den Schnee, setzte sich darauf und wartete.

Nach rund 15 Minuten erschienen die beiden Deutschen, montierten ihre Bretter und bewegten sich langsam Richtung Sessellift. Joël wartete noch einen Augenblick, dann sauste er zur Hütte.

Viele Leute waren nicht drin. Ein paar Skifahrer in der hinteren linken Ecke, eine Familie mit drei Kindern in der rechten und ein Pärchen vorne rechts. Joël setzte sich an einen Tisch in der Mitte des Raums und bestellte bei einer jungen Kellnerin eine Ovomaltine.

Er beobachtete die Herrenrunde. Sie sprachen Hochdeutsch. Einer allerdings so holprig, dass man klar den Bündner Dialekt heraushören konnte. Er trug einen Skilehreranzug, doch Joël kannte ihn nicht. Er kannte zwar viele Skilehrerinnen und Skilehrer, aber eher die jungen. Dieser war um die 60, schätzte Joël. Er entsprach dem Klischee des Pistenhelden: braungebrannt mit dunklen, buschigen Augenbrauen, schneeweissen Zähnen.

Die Familie am anderen Tisch redete italienisch. Und das Pärchen konnte er nicht verstehen, es war zu weit weg. Die Herrenrunde und die Familie schienen dem Promi-Fotografen uninteressant. Blieb nur das Pärchen.

Er stand auf und ging Richtung Ausgang. Er schielte nach links. Den Mann sah er nur von hinten. Da Joël wegen seiner Skischuhe ziemlich Krach machte, schaute die Frau zu ihm hinüber. Ihre Blicke trafen sich. Es dauerte eine Sekunde, dann schauten beide weg. Joël hatte diesen Moment festgehalten, er hatte ihn mit seinen Augen «fotografiert».

«Suchen Sie die Toilette?», fragte die Kellnerin, die gerade aus der Küche kam.

«Ähm, ja …»

«Die ist draussen.»

Er musste um die Hütte herum und eine Schneetreppe nach unten gehen. Dann, gleich neben der Piste, sah er zwei Türen; auf der einen war ein Steinbock abgebildet, auf der anderen eine Geiss. Er wählte die Türe mit dem Bock. Als er am Pissoir stand, ging er das Bild, das er vorher im Restaurant von der jungen Frau gespeichert hatte, im Detail durch. Grüne Augen, helle Pupillen, dezenter Lidschatten. Junges, hübsches Gesicht, markante Wangenknochen, gerade Nase, sehr glatte Haut. Schmale Lippen, ungeschminkt. Dunkelbraune, lockige, schulterlange Haare, mehrheitlich bedeckt durch eine blaue Wollmütze, Marke unbekannt. Weisse Fleecejacke mit glitzernden Sternchen, vermutlich Swarovski-Steine, teuer. Daneben auf der Bank eine silbrige Daunenjacke mit schwarzem Innenfutter von Bogner. Die junge Frau trank Weisswein. Sie sah glücklich aus. Verliebt? Vielleicht.

«Aber völlig unbekannt», flüsterte Joël, hämmerte mit dem rechten Skischuh auf die Spülung, wusch sich die Hände und ging wieder Richtung Gaststube.

«War wohl nix», sagte er sich. Die beiden Bodyguards waren vermutlich gar keine, und der Typ mit dem Knopf im Ohr und dem geringelten Kabel hatte vielleicht nur ein Spezialmodell eines Smartphone-Kopfhörers.

Joël betrat die warme Stube und «fotografierte» nun den Mann, der ihn allerdings nicht anschaute, sondern sich auf die Frau konzentrierte. Joëls Blick wurde abgelenkt, weil der Mann die Hände der Frau hielt. Er hatte behaarte, schöne Hände, feingliedrig, sauber, gepflegt. Sie hatte lange, schlanke, äusserst attraktive Hände, die Nägel rosa-schimmernd lackiert, ein bisschen unpassend.

Joël musste seinen Gang verlangsamen, um sich das Gesicht des Mannes einzuprägen. Als er nahe genug war, machte es in seinem Gehirn «klick» – Bild gespeichert.

Einen Sekundenbruchteil später spürte er, wie sein Magen, seine Brust und sein Hals zuckten und sich zusammenzogen.

AUF EINEM FELDWEG BEIM ANDWILER MOOS

Sie schlenderten durch das Schneetreiben und sprachen vorwiegend über die letzten zehn, fünfzehn Jahre. So lange hatten sich Myrta und Martin nämlich nicht mehr gesehen. Nachdem Martin in groben Zügen seinen Lebenslauf erzählt hatte – Ausbildung zum Landwirtschaftsmechaniker, zwei Jahre Lastwagenfahrer, Fachhochschule, Übernahme des elterlichen Bauernhofes –, fragte ihn Myrta nach dem Verbleib der anderen Kinder aus dem Ort. Martins kurze Schilderungen lösten bei Myrta immer wieder ein «Nein sowas!» oder ein «Das gibt es ja nicht!» oder einfach nur «Was, die ist schon dreifache Mutter!» aus. Wirklich Erstaunliches oder Verrücktes wusste Martin aber nicht zu erzählen.

«Und du, Myrta? Immer noch beim Fernsehen?», wollte Martin schliesslich wissen.

«Nein», antwortete Myrta kurz angebunden. «Nein, nein.»

«Aber du warst doch bei RTL …»

«Ja, hast mich mal gesehen?»

«Klar. Das war toll.»

«Ja, war es. Aber jetzt bin ich wieder in der Schweiz.»

«Schweizer Fernsehen?»

«Oh mein Gott, nein!»

Da Martin nicht nachfragte, was Myrtas Reaktion «Oh mein Gott!” bedeuten sollte, schwiegen sie einen Moment. Martin verstand nichts vom Fernsehen, und wahrscheinlich interessierte es ihn auch nicht besonders. Myrta überlegte deshalb, was sie dem einstigen Nachbarsbub, der damals als schräger, verschrobener Typ gegolten hatte, erzählen sollte. Sie wollte nicht überheblich klingen. Schliesslich hatte sie in ihrem Leben schon so viel Erfolg gehabt und schon so viel Geld verdient, dass Martin neidisch werden konnte. Davon ging sie jedenfalls aus.

«Ich bin jetzt Chefredakteurin der ‹Schweizer Presse›.»

«Was, tatsächlich? Toll!»

«Kennst du denn das Blatt?»

«Natürlich. Meine Eltern haben es immer noch abonniert. Aber ehrlich gesagt, lese ich es nicht so oft.»

«Weil du meinst, es sei immer noch ein Klatschheftli!»

«Ist es ja auch …»

«Hey, Lucky Luke, du bist immer noch der gleiche Vollpfosten wie damals», fiel Myrta ihm ins Wort, sie bückte sich und lud Schnee auf, den sie gegen Martin schleuderte. Dieser konnte aber ausweichen und griff nun seinerseits ins Weiss. Myrta rannte davon. Die kurze Schneeballschlacht endete damit, dass Martin ausrutschte. Er blieb auf dem Rücken liegen, und Myrta kniete sich neben ihn, um ihn zünftig einzuseifen. Dann liess sie sich neben ihn fallen. Sie spürte Martins Körper.

Es schneite noch immer.

«Deinem Knie scheint es ja wieder gut zu gehen», sagte Martin, nachdem er sich den Schnee aus dem Gesicht gewischt hatte.

Myrta hatte den gestrigen Reitunfall längst vergessen. Erst jetzt kam er ihr wieder in den Sinn. Und auch die seltsame Erscheinung des Sensenmanns.

«Sag mal, was hast du gestern eigentlich da draussen getrieben?», fragte Myrta. «Warum warst du plötzlich zur Stelle?»

«Ich war auf dem Heimweg vom Holzen. Warum fragst du?»

Myrta überlegte kurz, ob sie ihm ihr seltsames Erlebnis erzählen sollte. «Ach nichts. Ein glücklicher Zufall. Vielen Dank nochmals, dass du mir geholfen hast.»

Sie schwiegen. Beide lagen auf dem Rücken und liessen sich die Schneeflocken aufs Gesicht fallen.

«Hast du kalt?», fragte Martin nach einer Weile und schaute Myrta an.

«Nein.»

«Geht es dir gut?»

Myrta schaute den Schneeflocken zu, die auf sie zufielen. «Im Moment geht es mir sehr gut», sagte sie.

Sie drehte sich zu Martin, legte die Hand auf seine Brust und schaute ihm in die grossen, dunkelbraunen Augen. An seinen Brauen hingen winzige Schneeflöckchen.

BERGRESTAURANT LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ.

Dort hinten sass also Luis Battista, der Schweizer Wirtschaftsminister, mit einer attraktiven Frau und hielt Händchen. Joël war sich sicher, dass es nicht Battistas Ehefrau war. Er hatte zwar weder Battista noch dessen Gattin je live gesehen, weil der Bundesrat und seine Familie aber häufig im Fernsehen und in Magazinen erschienen, kannte Joël sie bestens. Sie waren beide um die 40, hatten drei kleine Kinder und schienen die perfekte Familie abzugeben. Sie kamen aus Reinach, einer typischen Agglomerationsgemeinde von Basel. Battistas Wahl in das höchste politische Amt war eine für Schweizer Verhältnisse unglaubliche Glamour-Story: Der smarte Mann mit dem rabenschwarzen Haar und Grübchen in den Wangen galt als Hoffnungsträger, stand für eine neue und moderne Politikergeneration. Von den Boulevardmedien wurde er auch als John F. Kennedy oder Barack Obama der Schweiz tituliert.

Wenn Joël nun ein paar Bilder schiessen könnte, würde er locker ein paar tausend Franken verdienen. Er müsste es nur richtig anstellen und mit den verschiedenen Bildredakteuren geschickt verhandeln. Immerhin sass ein Politstar mit seiner Geliebten fast unmittelbar vor Joëls Linse. Joël müsste nur noch abdrücken.

Schade, dass es kein deutscher Politiker war, der würde ihm mehr einbringen. Viel mehr.

Joël ging auf Nummer sicher und liess seine Kamera erst mal unter seiner Jacke. Dafür nahm er das iPhone hervor und tat so, als würde er simsen, Mails checken oder auf Facebook surfen. Er wählte allerdings das Fotoprogramm und knipste unauffällig das Paar. Da Joël das künstlich erzeugte Kameraklicken ausgeschaltet hatte, war nichts zu hören. Er kontrollierte die Bilder und musste einsehen, dass er damit nicht das grosse Geld machen konnte: Battista war nur von hinten zu sehen, die Frau zwar von vorne, aber auch nicht gerade superscharf. Am besten waren die Swarovski-Steine auf ihrer Jacke zu erkennen. Aber immerhin hatte Joël schon mal etwas im Kasten. Und die beiden hatten nichts bemerkt. Er konnte also einen Schritt weitergehen.

Joël stand auf und schlenderte Richtung Theke, als suche er etwas. Als er von der Kellnerin angesprochen wurde, fragte er, ob sie Sonnencrème hätten. Die Kellnerin reichte ihm ein Körbchen mit kleinen Tuben und bemerkte, man müsse sich auch eincremen, wenn die Sonne nicht scheine. So wie heute.

Joël wühlte im Körbchen, holte sein Handy hervor, drehte sich um, Richtung Bundesrat Battista und der Frau, und tat so, als sehe er nicht richtig, was im Körbchen lag, und suche mehr Licht. Dabei hielt er das iPhone so, dass die Linse Richtung Battista zeigte, und drückte ein paar Mal auf den Auslöser.

Er angelte sich eine Tube Sonnencrème und wandte sich wieder der Kellnerin zu: «Danke, diese nehme ich!»

Er setzte sich, schmierte sein Gesicht mit dem Sonnenschutzmittel ein und kontrollierte danach seine neuen Aufnahmen. Eindeutig besser. Battista erkennbar, die Frau auch – sogar, dass sie Händchen hielten. Aber schlechte Bildqualität, unscharf, verwackelt.

Nun holte er seine Kamera aus der Jacke, putzte sie gründlich und legte sie dann auf den Tisch, so dass die Linse direkt auf das Paar gerichtet war. Sein Plan war, auf diese Weise noch einige Fotos zu machen und dann direkt auf den Bundesrat zuzugehen und ihn zu fragen. In der Schweiz waren Politiker immer noch gewöhnliche Menschen, die man in der Regel einfach anquatschen konnte. Ob dies unter den pikanten Umständen allerdings funktionieren würde, da war sich Joël nicht so sicher, deshalb machte er zuerst auf Paparazzo. Er unterlegte die Kamera mit einigen Bierdeckeln, um einen besseren Ausschnitt zu bekommen. Als er zum ersten Mal abdrücken wollte, stand plötzlich ein Mann vor seinem Tisch und verdeckte ihm die Sicht.

Joël erschrak, denn er hatte sich so auf seine Kamera und das Pärchen konzentriert, dass er nicht mitbekommen hatte, was sonst um ihn herum passiert war.

«Allegra», brummte der Mann. «Was gibt denn das?» Es war der Skilehrer mit dem braungebrannten Gesicht und den buschigen Augenbrauen vom Nebentisch, den Joël nicht kannte.

«Ähm, nichts …» stotterte Joël.

«Nichts? Dann ist ja gut.»

Der Kerl schaute zu den anderen Männern am Nebentisch. Sind das Bodyguards, Polizisten?, fragte sich Joël. Das kann nicht sein! Ein Bundesrat braucht das doch nicht. Und die beiden anderen Kerle aus der Gondelbahn, der eine mit dem Knopf im Ohr?

«Sind Sie Polizist? Und wenn ja, was ist los?», fragte Joël und kicherte verlegen.

«Nein, CIA!», sagte der Typ mit finsterer Miene. Doch dann lachte er und liess seine schneeweissen Zähne blitzen. Auch die anderen Männer grinsten. «Nein, kein Problem», meinte der Mann weiter. «Einfach keine Fotos machen, das ist privat hier, okay?»

«Ach, warum …»

Ob es okay sei, wiederholte der Kerl nun forsch.

«Hey, klar!», sagte Joël sofort und packte seine Kamera demonstrativ weg.

Er zahlte und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Bundesrat Battista drehte sich kurz zu ihm um. Sie schauten sich in die Augen. Joël lächelte ihn an und murmelte: «Allegra.»

Äusserlich schien Joël ganz ruhig. Innerlich kochte er. Erst als er auf dem Sessellift war und schon einige Meter hochgefahren war, brüllte er in den Wind und den Schnee hinaus: «Scheisse!»

REITERHOF SITTER, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Martin hatte Myrta zu einem Tee eingeladen und servierte nun Champagner. Taittinger.

«Warum Taittinger?», wollte Myrta wissen.

«Keine Ahnung, fand den Namen irgendwie kurios für einen Champagner.»

«Wie bitte?»

«Taittinger klingt doch eher nach Bier, oder? Herb, stramm, deutsch!»

«Also bitte! Taittinger ist ein wundervoller Champagner aus Frankreich, das Gut gehört immer noch der Familie beziehungsweise es gehört ihr wieder, nachdem die Marke erst verkauft und dann mit grossem Tamtam wieder zurückgekauft worden ist.»

«Oha. Taittinger klingt nicht besonders franz…»

«Die Familie stammt ursprünglich aus dem Elsass.»

«Tja, da weisst du mehr als ich.»

«Ich bin die People-Tante, nicht du.»

«Ja, ich bin der Rossknecht …» Martin lächelte.

Myrta lächelte auch. Und dachte: Wie süss! Und: Er hat schöne weisse Zähne.

Der einstige Dorftrottel Lucky Luke war gerade dabei, Myrtas Herz zu erobern. Sie war sich zwar bewusst, dass sie schnell Feuer und Flamme für jemanden sein konnte und sich ruckzuck verliebte. Deshalb hatte sie nur zögerlich die Einladung angenommen, nach der Schneeballschlacht bei Martin einen Tee zu trinken. Da sie ein heruntergekommenes Bauernhaus mit einem muffigen Stall erwartet hatte, schlug ihr Puls beim Anblick des «Reiterhofs Sitter» so heftig, dass sie ihn in der Halsschlagader spürte. Vor dem Hof standen zwei Range Rovers, ein Mercedes, ein BMW und je ein Luxusmodell von Kia und Subaru. Myrta kannte sich mit Autos aus: Ihre journalistische Karriere hatte schliesslich bei einer Autosendung begonnen.

Von aussen sah der Bauernhof immer noch gleich aus wie früher: spitzes Dach, uralte graue Schindelfassade, graue Fensterläden. Die Fenster hingegen waren neu. Innen war alles modern, helles Holz, kleine Spots an der Decke, Möbel aus Eisen und Stahl. Keine Blumen, keine Deko, relativ kühl. Geschmacklos, fand Myrta, typischer Männerhaushalt, allerdings aufgeräumt und sauber.

Martin erzählte ihr, er habe den Hof seiner Eltern total umgekrempelt. Aus dem einstigen Landwirtschaftsbetrieb mit Milch- und Fleischwirtschaft habe er einen Reiterhof gemacht. Am meisten Umsatz erziele er mit der Pferdepension und dem Pferdeleasing. Eine kleine Reitschule, einige Ponys für die Kinder und noch ein bisschen Ackerbau für das Futter würden den Betrieb komplettieren.

Myrta wünschte sich eine Führung, fragte aber erst, wo das Bad sei.

Das war ihr persönlicher Lackmustest: Klo sauber, Lavabo glänzend, Spiegel mit mehreren kleinen Zahnpastapunkten unten rechts. Der kleine Schrank dahinter aufgeräumt. Gillette-Rasierer, Migros-Budget-Rasierschaum, After-Shave-Balsam von Nivea, Eau de Toilette von Paco Rabanne. Na ja, dachte Myrta. Daneben Zahnpasta aus der Migros. Und eine Zahnbürste. Eine.

Myrta registrierte dies erfreut.

Sie schloss den Schrank und prüfte sich im Spiegel. Sie war kaum geschminkt. Ihre grossen dunkelbraunen Augen kamen trotzdem wunderbar zur Geltung. Sie strich sich über die kurzen Haare. Danach rückte sie ihren ziemlich üppigen Busen im Büstenhalter zurecht, zupfte ein paar Mal an der rot-orangen Jacke und ging zurück zu Martin.

«Du hast gar keinen Weihnachtsbaum», sagte sie. «Das fällt mir erst jetzt auf.»

«Ach, das brauch ich nicht. Weihnachten findet bei mir im Stall statt.»

Wow, wie romantisch, Myrta lächelte, strahlte Martin an.

«Hey, was grinst du jetzt so dämlich?»

«Vollpfosten, ich lächle dich an», erwiderte Myrta und ergriff Martins Hand. «Los, zeig mir die Pferde!»

BERGSTATION LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ

Warten.

Joël hockte in seinem weissen Anzug im Schnee und wartete. Er hielt seine Kamera bereit. Er hatte nun das 600-mm-Objektiv von Nikon mit Bildstabilisator montiert. Ein sündhaft teures Teil, über 10000 Franken. Aber unabdingbar für Paparazzo-Einsätze.

Er fror. Wenn Bundesrat Battista mit der unbekannten Frau hochfuhr, schwebten sie praktisch an ihm vorbei. Und der Minister musste hier vorbeikommen. Es war die einzige Möglichkeit, um überhaupt von hier wegzukommen. Bei allem Pech: Immerhin dies sollte klappen.

Joël sah das Foto bereits vor sich: Battista kuschelnd mit der unbekannten Lady. Obwohl es Vierersessel waren, war sich Joël sicher, dass die beiden nur zu zweit hochfahren würden. Um zu knutschen. Was ihn hingegen störte, war, dass die Sessel mit Sturmhauben aus Plexiglas ausgestattet waren, damit die Fahrgäste vor Wind geschützt waren. Aber das konnte er nicht ändern, und schliesslich musste er mit dem Bild keinen Fotopreis gewinnen, sondern nur die beiden Köpfe erkennbar drauf haben, am besten küssend. Es ging nicht um Kunst, sondern um Geld.

Das Wetter wurde schlechter, der Schneefall und der Wind nahmen zu, und es war bereits 15.30 Uhr. Das bedeutete in dieser Jahreszeit Dämmerung – fototechnisch fast schon Nacht. Sessel um Sessel gondelte vorbei. Alle leer. Joëls Aufgabe wurde nicht einfacher.

Gut zehn Minuten später sah Joël mehrere mit Personen besetzte Sessel. Das mussten sie sein. Erst kamen zwei dunkel gewandete Männer. Dann der Skilehrer, der ihn angequatscht hatte. Neben ihm die Frau in der silbrigen Daunenjacke von Bogner. «Shit», murmelte Joël und drückte auf den Auslöser. «Shit. Warum sitzen die Idioten nicht zusammen!?»

Dahinter Bundesrat Battista mit Helm und grosser Skibrille mit gelben Gläsern. Klick. Klick. Neben ihm ein Mann in schwarzem Skianzug. «Shit!»

Mit Tempo Teufel raste Joël zur Talstation des Sessellifts. Vielleicht konnte er die Gruppe noch verfolgen.

Da keine Leute am Sessellift anstanden, hangelte er sich flugs zum Einsteigebereich vor und machte sich bereit zum Aufsitzen. Plötzlich rauschten zwei Typen heran, stellten sich links und rechts neben ihn und hockten sich auf den gleichen Sessel wie Joël. Der Sicherheitsbügel schloss sich, ebenso die Sturmhaube.

«Habt ihr es pressant?», sagte Joël verärgert. «Der Witz an einer solchen Anlage ist, dass alle paar Sekunden ein freier Sessel kommt!»

Die Typen reagierten nicht.

Joël schaute den Kerl links neben sich an.

Er hatte einen Knopf im Ohr.

REITERHOF SITTER, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Tatsächlich war der Stall mit Tannenästen geschmückt, ein Weihnachtsbaum war plaziert, und überall leuchteten elektrische Kerzen. Die Pferde in den Boxen bekamen gerade von einem Mitarbeiter Heu. In der Mitte des Stalls befand sich ein weiss gekachelter Raum mit mehreren Wasserschläuchen. «Das ist unsere Pferdedusche», erklärte Martin. Daneben ein Raum mit einer Solarium-ähnlichen Installation. «Und das ist der Trockner für die Pferde.» Und noch ein Stück weiter ein Raum mit einem überdimensionierten Laufband, auf dem ein Pferd trabte. «Das wäre dann unser Fitnesscenter!»

Dann kamen wieder Pferdeboxen. Myrta blieb stehen, streichelte dieses und jenes Pferd und fragte Martin: «Welches ist dein Lieblingspferd?»

«Mystery of the Night», antwortete Martin, ohne zu zögern.

SESSELLIFT LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ

Joël war es mulmig zumute. Seine beiden Begleiter auf dem Sessellift waren die beiden, die schon in der grossen Gondel mit ihm hinauf zum Piz Nair gefahren waren. Da das Wetter nun wirklich schlecht war, waren sie drei die einzigen Skifahrer, die noch unterwegs waren.

Warum müssen diese beiden ausgerechnet mit mir zusammen hochfahren?, fragte sich Joël. Das kann doch kein Zufall sein.

«Das Wetter hat umgeschlagen», sagte Joël und hoffte, die beiden würden sich auf einen sesselliftüblichen Small-Talk einlassen und sich dabei als ganz normale Touristen entpuppen. Doch keiner von beiden antwortete.

Der Wind pfiff. Der Sessel schaukelte. Schneeflocken klatschten gegen die Sturmhaube.

Der Typ rechts neben ihm zog den rechten Handschuh aus, ballte die Hand zur Faust.

Der Schlag traf Joël mitten auf die Nase. Es knackste. Joël schrie auf, spürte Blut auf den Lippen, sah alles nur noch verschwommen. Das Bild wurde in Tausende einzelne Punkt aufgeteilt, die in rascher Folge aufleuchteten und erloschen, es verfinsterte sich vom Rand her, schliesslich wurde es ganz schwarz.

Joël spürte, wie die beiden Kerle an ihm herumfummelten. Er hörte, wie die Sturmhaube geöffnet wurde. Seine Beine mit den Skischuhen und den Skis wurden vom Sicherheitsbügel des Sessellifts gezerrt. Er wehrte sich, schlug mit den Armen um sich.

Den nächsten, heftigen Schlag spürte er zwar noch.

Dann aber nichts mehr.

REITERHOF SITTER, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Als Myrta ihr Handy checkte, sah sie, dass es bereits 18.04 Uhr war. «Himmel, schon so spät», sagte sie leise.

Sie sah auch, dass sie fünf Anrufe in Abwesenheit erhalten hatte. Drei waren von Bernd. «Die Alte am Kochen und die Kids am Fernseh gucken», murmelte Myrta.

Der vierte Anruf stammte von ihrer Mutter. «Ja, Mama, ich lebe noch, und ich bin um 20 Uhr zu Hause.»

Der fünfte war von Joël. «Was will der denn?», sagte Myrta laut. So laut, dass es Martin hörte, der gerade in die Küche gegangen war, um eine zweite Flasche Champagner zu holen. Myrta war zwar schon etwas beschwipst, aber das war ihr im Augenblick egal.

«Was hast du gesagt?», fragte Martin, als er zurückkam.

«nichts. Doch. Joël hat mich angerufen.»

«Joël?»

«Lange Geschichte. Ein Ex-Freund. Nein, ein Freund, aber auch ein Ex. Oder so. Ich ruf ihn schnell zurück, sorry.»

Myrta wählte Joëls Nummer.

Als sie hörte, dass er den Anruf entgegennahm, sprudelte sie gleich los: «Hey Joël, was soll das? Du hast mir noch nie frohe Weihnachten gewünscht oder mir zum Geburtstag gratuliert. Wirst du sentimental? Hast du zu viel getrunken? Bist du etwa einsam? Oder bist du wie ich von einem Pferd gefallen und liegst jetzt im Delirium? Also, was willst …» Da merkte Myrta, dass die Verbindung abgebrochen war. «Joël?»

LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ

Der Sessellift hatte den Betrieb eingestellt. Wenn es so etwas wie eine letzte Kontrollfahrt gegeben hatte, dann war er nicht entdeckt worden. Schliesslich trug er wegen seines Paparazzo-Jobs einen weissen Skianzug. Blieb nur die Hoffnung auf den Pistendienst. Lag er überhaupt auf einer Piste? Oder an deren Rand? Er wusste es nicht. Er sah nur Schnee, Neuschnee. Zudem war es mittlerweile schon dunkel. Vermutlich waren auch die Leute vom Pistendienst längst nach Hause gegangen.

Joël probierte erneut, den Rettungsdienst zu alarmieren. Doch sein iPhone litt unter der Kälte und der Feuchtigkeit. Hin und wieder leuchtete das Display zwar auf, auch Empfang war vorhanden, aber kaum hatte Joël die Notrufnummer 112 gewählt, machte das Handy schlapp. Auch der Versuch, mit Myrta zu telefonieren, war gescheitert. Er hatte ihre ersten Worte zwar noch verstanden, doch dann war Schluss.

«Wenn ich einen Fön hätte, könnte ich das Scheissding trocknen und wärmen», sagte er vor sich hin und lächelte. Das hatte schon einmal geklappt, als er es im Sommer bei einem Gewitter mal draussen hatte liegenlassen. Er öffnete seinen Skianzug und klemmte das iPhone wie einen Fiebermesser unter den Arm. Dies machte er manchmal auch mit den Batterien seines Blitzgeräts, wenn vor Kälte gar nichts mehr ging.

Und jetzt war es kalt. Saukalt. Er lag schon länger hier. Unter den Seilen des Sessellifts. Weder den Sturz vom Sessellift hatte er mitbekommen, noch den Aufprall. Irgendwann war er aufgewacht und hatte geschrien. Ins Leere. Sämtliche Bemühungen aufzustehen, waren misslungen. Der Schmerz in seinem rechten Bein war einfach zu gross gewesen.

Nach einer Weile nahm er das Handy aus der Achselhöhle und startete es neu. Tatsächlich leuchtete das Display. Aber nur einige Sekunden. Dann war der Bildschirm wieder schwarz. Möglicherweise hätte er sogar telefonieren können, vielleicht war nur der Bildschirm defekt. Doch ohne Bildschirm keine Files. Ohne Icons keine Möglichkeit, ins Telefon-Programm zu gelangen. Er verfluchte das Gerät. Hätte er nun ein altes Handy dabei, eines, das noch eine richtige Tastatur hatte. Jetzt konnte er nicht einmal eine SMS senden.

Joël versuchte nochmals aufzustehen. Doch das Bein schmerzte fürchterlich. Er vermutete, dass es gebrochen oder zumindest arg verstaucht war. Er bemerkte, dass sein Anzug blutverschmiert war. Er erinnerte sich an den Faustschlag und griff sich an die Nase. Tatsächlich war diese voll mit eingetrocknetem Blut. Sie tat weh und war wohl gebrochen.

Wahrscheinlich hatten ihn die Typen wegen seiner Kamera attackiert. Er tastete kurz seinen Anzug ab, griff um sich in den Schnee, fand zwar seine Skistöcke, nicht aber die Kamera. «Verdammte Scheisse!» Mit der Kamera war auch das teure 600-mm- Objektiv weg. «Scheisse, Scheisse, Scheisse», fluchte Joël. Er tastete seinen Rücken ab: Immerhin war sein Rucksack mit den anderen Objektiven noch da. Auch den Fotoharnisch und die Akkus hatten sie ihm gelassen.

Er liess sich in den Schnee sinken und suchte eine Position, in der er keine beziehungsweise nur wenig Schmerzen hatte.

Joël lag einige Minuten. Dann begann es, ihn zu frösteln. Kurz darauf fror er richtig. Er fror sogar fürchterlich, zitterte vor Kälte. Hier oben würde es locker minus 20, minus 30 Grad oder noch kälter werden.

Erst jetzt begriff er, dass er den Sturz vom Sessellift zwar überlebt hatte. Trotzdem würde hier sein Leben zu Ende gehen.

REITERHOF SITTER, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Myrta versuchte im Minutentakt, Joël zu erreichen. Doch es kam immer nur die Mailbox. Drei Mal hatte sie die Nachricht hinterlassen, er solle sich bitte melden.

«Meinst du wirklich, es ist etwas passiert?», fragte Martin. Er sass neben ihr auf dem beigen Ledersofa.

«Ja, bestimmt.»

«Vielleicht wollte er dir wirklich nur frohe Weihnachten wünschen und …»

«Nein, Martin, nein, unmöglich. Joël und ich sind keine Freunde, die Nettigkeiten austauschen. Wir telefonieren nur, wenn wir uns wirklich etwas zu sagen haben. Dass der, der angerufen wird, immer gleich hundert Fragen stellt so wie ich vorhin, das ist unser Spiel.»

«Möglicherweise hat er keinen Empfang …»

«Nein, verdammt!», sagte Myrta unwirsch, entschuldigte sich aber sofort. «Sorry, ich versau dir die ganze Weihnacht. Ich verschwinde jetzt. Kannst du mich nach Hause fahren?»

«Klar.»

Myrta legte die Hand auf seine Schulter. Obwohl Martin einen dicken Strickpullover trug, spürte sie wieder seine kräftigen Muskeln.

«Nimm mich in den Arm», flüsterte sie.

Martin tat es. Oder versuchte es. Myrta fand, dass er sich etwas ungeschickt anstellte. Fehlt ihm wohl an Erfahrung.

LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ

Joël hatte in seinem Leben nicht viele Bücher gelesen. In seiner Jugend waren es neben der schulischen Pflichtlektüre einige Abenteuerromane gewesen, später dann Survival-Bücher und Berichte über Expeditionen in den unwirtlichsten Gegenden der Welt. Dazu waren einige Kriegsberichte gekommen. Denn Joël wollte Kriegsreporter, Krisenfotograf werden. Geklappt hatte das bisher allerdings nicht. Er hatte noch keine Zeitung oder Zeitschrift gefunden, die ihn in einen Krisenherd irgendwo auf der Welt geschickt hätte. Auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten eine solche Reportage zu machen, war ihm doch zu heikel gewesen. In Zeiten der Digital- und Handyfotografie brauchte es in Kriegsgebieten auch keine professionellen Fotografen mehr, um dramatische Szenen festzuhalten. Dessen war sich Joël bewusst. Die Chance, Bilder zu schiessen, die sonst niemand machte, war klein geworden. Und verkaufen liessen sich eh nur die spektakulärsten, da musste er gar nicht auf «gepflegte Reportagefotografie in Schwarz-weiss» machen. Hohes Risiko, hohe Kosten, null Ertrag – die Rechnung hatte Joël schnell gemacht. Deshalb beschränkten sich seine «Kampfeinsätze» auf Auseinandersetzungen zwischen Hooligans zweier Sportmannschaften oder zwischen gewalttätigen Demonstranten und Polizisten. Er kannte Tränengas und Gummischrot, nicht aber Bomben und Gewehrschüsse.

Dass er nun ausgerechnet bei einem Einsatz als People-Fotograf in eine lebensbedrohliche Situation geraten war, kam Joël erbärmlich vor. Er war kein Paparazzo, wollte keiner sein, war aber doch einer. Die Sache war entweder ein Witz, oder er hatte etwas fotografiert, was er definitiv nicht hätte fotografieren sollen. Warum er wegen eines Bundesrats, für den sich ausserhalb der Schweiz kein Schwein und selbst in der Schweiz nur wenige interessierten, von einem Sessellift gekippt worden war, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Weil die Kamera weg war, konnte er nur darauf hoffen, dass die Aufnahmen mit dem Handy noch verwertbar waren. Vorausgesetzt, das Handy beziehungsweise der Speicher würde die kommende Nacht überleben. Und er selbst auch.

In einem Survival-Buch hatte er einmal gelesen, wie man bei Minustemperaturen überleben kann. Ein Arbeiter war ein ganzes Wochenende in einem Tiefkühllager eingesperrt gewesen. Erst hatte er versucht, die Türe gewaltsam zu öffnen. Dann wollte er die Kühlung an der Decke beschädigen. Dazu hatte er sich mit den Paletten und Kartonschachteln Türme gebaut, war hinaufgeklettert und hatte gegen die Leitungen gehämmert. Alles half nichts. Er war müde, schlief fast ein und begann zu frieren. Dass er erst jetzt fror, rettete ihn: Statt zu schlafen, schleppte er das ganze Wochenende Kisten. Bis seine Kollegen am Montag ins Lager kamen.

Und auch aus den Himalaya-Büchern wusste Joël, dass Schlafen oder Sitzenbleiben den Tod bedeutete. Also musste er sich trotz seines gebrochenen Beins bewegen, am besten dorthin, wo er am ehesten gerettet würde.

Doch zuerst versuchte er, sein Bein mit einem Skistock und den Skiriemchen zu schienen. Das gelang nicht, da war die Theorie zu weit von der Praxis entfernt: Der Skistock war viel zu lang, die Riemchen waren zu kurz, und Joël spürte wegen der Kälte seine Hände nicht mehr. Er beschloss, mit den Skistöcken und mit Hilfe seines gesunden linken Fusses mitsamt dem dazugehörenden Ski dorthin zu robben, wo er die Piste vermutete. Denn wenn er auf einer Piste wäre, stiege die Chance, von einem Pisten-Bully-Fahrer entdeckt zu werden. Diese würden die Pisten entweder spätnachts oder frühmorgens präparieren …

Oder sollte er gleich zur Hütte, in der er den Bundesrat und die unbekannte Dame fotografiert hatte, auf einem Bein hinunterfahren? Aber was, wenn dort unten niemand mehr war, keiner dort übernachtete und alle Fenster, die er hätte einschlagen können, mit Läden verschlossen waren? Dieses Risiko wollte er nicht eingehen, denn er kannte das Skigebiet ziemlich gut. Dort unten steckte er noch tiefer im Schlamassel. Wenn er aber die Bergstation des Sessellifts erreichen würde, könnte er auf der anderen Seite des Passes hinunterfahren, notfalls bis ins Tal.

Dies schien Joël die beste Variante zu sein.

Er begann, sich kriechend durch den Schnee zu kämpfen. Doch er konnte machen, was er wollte – das Bein schmerzte in jeder Stellung höllisch. Also versuchte er aufzustehen. Das funktionierte zwar, doch an Fortbewegung war nicht zu denken. Der Neuschnee war zu tief, er hüpfte, kam aber keinen Zentimeter vorwärts.

Er liess sich wieder fallen und robbte weiter.

Das klappte einigermassen. Doch bereits nach wenigen Metern ging ihm die Puste aus. Er sackte zusammen und atmete schwer. Weiter zu kriechen, bedurfte schon einiger Überwindung.

Nach der zweiten Pause wuchsen Anstrengung und Frustration. Vor allem hatte er nicht die geringste Ahnung, wo er war und wohin er sich bewegte. Vielleicht robbte er einfach im Kreis herum. Auch das wusste er aus einem Buch: In einer Schneewüste verliert auch der beste Bergsteiger den Orientierungssinn.

Die dritte Pause dauerte sehr viel länger als die erste und die zweite. In der vierten Pause kam ihm der Gedanke, einfach liegen zu bleiben und zu schlafen.

«Ich muss diese verdammte Piste erreichen», rief er laut.

Er schrie. Das Echo war beeindruckend. Ansonsten passierte nichts.

Joël schaute auf die Uhr. Die weisse Swatch zeigte kurz vor 20 Uhr. Wo bleiben die verdammten Pistenfahrzeuge?, fragte er sich.

Er robbte weiter.

Er schwitzte, fror aber trotzdem. Nun spürte er auch, dass sein teurer Skianzug nach diesen langen Stunden im Schnee nicht mehr wasserdicht war. Es schneite immer noch, es windete immer noch, es war tiefste Nacht, und es wurde immer kälter. Joël bewegte sich schneller, geriet dadurch aber auch schneller ausser Atem.

Plötzlich glaubte er, sein Handy klingeln zu hören. Er wollte danach greifen, verhedderte sich aber in den Taschen, weil er in den Händen kein Gefühl mehr hatte. Und als er es schliesslich geschafft hatte, war das iPhone verstummt. Der Bildschirm war schwarz und blieb schwarz.

Joël verstaute das Gerät wieder in der Jackeninnentasche, obwohl auch diese feucht war. Das Innenfutter war nass, alle Taschen waren nass, vermutlich waren sogar die Skischuhe innen nass, aber das spürte er nicht, weil er seine Füsse, wie seine Hände, schon länger nicht mehr spürte.

Er ruhte sich aus. Er schloss die Augen.

Nur ganz kurz, sagte er sich.

GUTSHOF IM STÄDELI, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Das Essen, Gänsebraten mit Rotkohl und Knödeln, war deftig deutsch, aber lecker. Der Wein dazu, drei Flaschen Château Pétrus, war köstlich. Zu köstlich eigentlich für das Mahl, wie Myrta fand. Der Wein musste enorm teuer gewesen sein. Das schloss Myrta nicht nur, weil ihr «Château Pétrus» als Edelweingut bekannt war und ihr der Tropfen wirklich mundete, sondern weil ihr Vater ein Brimborium darum machte. Er bekam von ihr jedes Jahr den «Kleinen Johnson» zu Weihnachten geschenkt, die Weinbibel für den Amateur. Natürlich stand in der Tennemann’schen Bibliothek auch der «Grosse Johnson», sauber eingereiht zwischen anderen zahlreichen Weinbüchern. Myrta konnte als einzige der Familie mit ihrem Vater eine einigermassen fundierte Diskussion über Wein führen. Mama Eva disqualifizierte sich nicht ohne Stolz, indem sie in Gourmetlokalen gerne zu einem exorbitant teuren Essen und einem noch teureren Wein eine Cola light bestellte. Das Wein-Gen hatte sich auch nicht auf Myrtas Bruder Leon, geschweige denn auf ihre Schwester Leandra übertragen. Am allerschlechtesten schnitt in Myrtas Weinkennerrangliste Leons Frau Christa ab, zwar die einzig waschechte Schweizerin der Familie, aber ein Trampel sondergleichen. Myrta war sich bewusst, dass ihr Urteil nicht gerecht war, aber sie musste die erfolgreiche TV-Ärztin ja nicht mögen, nur weil sie die Frau ihres Bruders war. Christa war einfach dämlich und blöd und peinlich. Und zu dick. Jawohl, das auch noch.

Nachdem Eva und Christa das Dessert, Ananas mit einer undefinierbaren Crème, serviert hatten, fragte Eva plötzlich: «Sag mal, Myrta, wie geht es eigentlich deinem Freund Bernd?»

Das war die Frage aller Fragen, und Myrta kam es vor, als hingen selbst die Kinder ihres Bruders nun an ihren Lippen.

«Gut», antwortete Myrta knapp.

«Schön. Kommt er mal wieder in die Schweiz?»

«Er hat viel zu tun.»

«Natürlich», sagte darauf Eva Tennemann und fügte sofort hinzu: «Erzähl uns etwas über Martin, oder Lucky Luke, so hast du ihn doch früher immer genannt.»

«Mama, über Martin wisst ihr wahrscheinlich mehr als ich.»

«Er ist ein stattlicher Pferdezüchter und Pferdehändler geworden», warf Paul Tennemann ein.

«Er hat nicht nur eine Pferdepension?», fragte Myrta nach.

«Nein, er hat noch eine Zucht», antwortete Paul. «Er ist wirklich erfolgreich.»

“Oh…», machte Myrta nur. Martin hatte nichts davon erwähnt. Warum nicht?, fragte sie sich.

«Wie war denn dein Spaziergang mit Lucky Luke heute?», fragte Leandra plötzlich. «Der dauerte ja ewig.»

«Leandra, bitte!», antwortete Myrta.

«Dein Spaziergang dauerte wirklich lange», meinte auch Leon.

«Habt ihr Comic-Hefte angeschaut?», sagte Leandra und erntete dafür Gelächter der ganzen Familie. Die Lucky-Luke-Geschichte aus Myrtas Kindheit war allen bekannt und sorgte immer wieder für einen Lacher.

«Ich stand früher auf Asterix und Obelix», sagte Christa. «Und auch die Filme mit Gérard Depardieu fand ich zum …»

Sie konnte den Satz nicht beenden, weil Leon seine Frau am Arm festhielt und ihr leise erklärte, dass der Gag der Lucky-Luke-Geschichte nicht der Comic, sondern die Schwärmerei von Martin für Myrta war, zumindest damals in der Jugendzeit.

«M und M und M, sage ich da nur», warf schliesslich Vater Paul ein. «Myrta, Mystery und Martin!»

Myrta spürte einen dumpfen Schlag in die Magengegend. Einen angenehmen. Martin, er sieht schon gut aus, dachte sie.

«Einen Cognac?», fragte Paul und riss Myrta aus ihrem Kurztraum. Ihr Vater erhob sich. «Es ist Weihnachten, kommt, wir setzen uns ins Wohnzimmer, zünden die Kerzen am Weihnachtsbaum an und genehmigen uns einen feinen Cognac. Und Eva, meine herzallerliebste Ehefrau, serviert uns köstliche Weihnachtsguetzli.»

Wie niedlich, dachte Myrta. Mein Vater. Liebt seine Frau so sehr. Und spricht unter gütiger Mithilfe des Château Pétrus sogar ein bisschen Schweizerdeutsch: Guetzli statt Plätzchen. Sie stand auf, schlang die Arme um den Hals ihres Vaters und drückte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. Sein Duft war immer noch derselbe, er roch nach Papa, nicht nach Mann.

Martin hatte einen ganz anderen Duft.

Sie dachte an Bernd. Wie roch eigentlich Bernd?

Danach an Joël.

Zum wiederholten Male versuchte sie, ihn anzurufen. Nur die Mailbox. Einmal hatte das Telefon normal geklingelt. Nun kam gleich der Telefonbeantworter.

Als die ganze Familie im Wohnzimmer im Halbrund um den Weihnachtsbaum sass, vibrierte Myrtas Handy. Sie entschuldigte sich und ging schnell nebenan ins Esszimmer.

«Hallo?» sagte sie, ohne das Display zu beachten.

«Hey, Süsse, wie geht es dir?»

Bernd.

«Alles okay. Bei dir?»

«Vanessa bringt gerade die Kinder ins Bett. Endlich höre ich dich. Wäre so gerne bei dir. Und bei deiner Familie. Ach, wäre das schön!»

«Ja, Bernd. Geht es dir gut?»

«Na ja. Vermisse dich.»

Myrta antwortete nicht darauf.

«Ich habe frei bis Neujahr, habe aber nichts gesagt. Ich dachte, ich fahre kurz zu dir.»

«Ich muss aber arbeiten», log Myrta, denn auch sie hatte eigentlich Ferien. «Es ist einiges am Laufen, da muss ich noch auf die Redaktion.» Bernd sollte sich mehr um sie bemühen, fand Myrta.

«Dann bist du eben krank oder sonst was. Du bist doch die Chefin. Und es ist ja nicht so wichtig, ob du oder ein anderer das Blättchen macht.»

Das nervte sie. Früher, als sie mit ihm bei RTL gearbeitet hatte, da war alles immer wichtig und super gewesen, was sie machte, aber jetzt, seit sie bei einem Printprodukt und erst noch in der kleinen Schweiz tätig war, war sie in seinen Augen journalistisch abgestiegen. «Ich guck mal», sagte sie ganz ruhig. «Wann würdest du denn kommen?»

«Muss aufpassen wegen Vanessa, damit hier alles …» Kurze Pause. «Hey, tschüss dann», sagte Bernd plötzlich übertrieben laut. «Danke für den Anruf! Gruss an alle!»

Es klickte. Myrta knallte das Handy auf den Esstisch. “Auch Gruss an alle.»

Myrta ging ins Entree, zog sich die Jacke an und trat hinaus in die kalte Nacht. Nach wenigen Schritten durch den Schnee stand sie vor Mysterys Box. Sie öffnete sie und trat hinein. Sie tätschelte ihr Pferd. Mystery blickte kurz auf und suchte dann im Stroh weiter nach irgendetwas Fressbarem.

Was ist bloss aus mir und Bernd geworden, fragte sie sich. Er war doch ihr Schwarm gewesen. Er hatte sie entdeckt, er hatte sie vom Automagazin in die People-Redaktion gebracht. Er hatte sie beraten, gecoacht und gefördert. Nein, eine Liebesbeziehung hatte sie nicht gewollt, aber irgendwann war es passiert. Er war 17 Jahre älter, gutaussehend, charmant – ein richtiger Gentleman. Dass er Familie hatte, wusste sie. Sie dachte lange Zeit, sie könne damit umgehen, fand sogar Spass an der Rolle der Geliebten. Es war Bernd gewesen, der angefangen hatte, von Scheidung und einem neuen Leben mit ihr zu reden. Sogar Kinder wollte er mit ihr haben. Myrta hatte das, wie alles, was Bernd sagte, ernst genommen und ihm geglaubt. Aber sie war immer die Geliebte geblieben. Und sie würde es immer bleiben.

Ist das für eine 34jährige Frau eine Zukunft?, fragte sich Myrta und küsste Mystery auf die Nüstern, der dies mit einem leisen Schnauben quittierte. Er legte die Ohren nach hinten und gab ihr zu verstehen, dass es Zeit war, ihn alleine zu lassen.

LEJ DA LA PÊSCH, ST. MORITZ

«Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen!»

Joël wiederholte diesen Satz fast ununterbrochen. Er krabbelte Zentimeter für Zentimeter durch den Tiefschnee und schleifte sein kaputtes Bein hinterher. Um ihn herum war es nur schwarz und grau und weiss. Es schneite noch immer, und der Wind blies auch, und sein Gesicht war rund um die Nase wie eingefroren, was aber das am wenigsten Schlimme war, weil sie so weniger schmerzte.

«Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen.»

Zu einem anderen Gedanken war er nicht fähig. Er wusste auch nicht mehr, wohin er eigentlich robbte. Gut möglich, dass er sich in die völlig falsche Richtung bewegte. Möglichweise war er von der Piste weiter weg als je zuvor.

Manchmal konnte er einen Felsen sehen. Das gab ihm Hoffnung. Er glaubte sogar, den Felsen zu kennen und nun gleich die Piste zu erreichen. Dort würde er entweder entdeckt oder sich zumindest besser fortbewegen können. Obwohl dies bei dem heftigen Schneefall nicht mehr sicher war. Doch jedes Mal erwies sich Joëls Annahme als falsch.

«Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen!»

Plötzlich hörte er Stimmen. Gelächter.

“Hilfe!”, schrie er, so laut er konnte. “Hilfe!”

Er wartete, horchte und hoffte auf eine Reaktion. Aber es kam nichts. Nicht einmal ein Echo.

«Hilfe! Hier bin ich!»

Er hörte wirklich Gelächter. Es kam von unten. Oder von links.

«Hilfe!»

Nichts. Mit voller Kraft ruderte er nun so schnell wie möglich mit den Armen und dem gesunden Bein durch den Schnee, versuchte, sich mit dem Ski abzustossen, und hatte das Gefühl, schnell vorwärts zu kommen.

«Hilfe!»

Er hielt inne, horchte.

Nur der Wind.

«Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht einschlafen. Ich darf nicht …»

Joëls Kopf sackte in den Schnee.

26. Dezember

GUTSHOF IM STÄDELI, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Myrta lag lange wach. Ihre Gedanken rotierten. Bernd hatte ihr noch via WhatsApp eine Kurzmitteilung geschrieben. Sich entschuldigt, dass er so schnell aufgelegt hatte, es sei nicht anders gegangen, er liebe sie, alles komme gut, aber Weihnachten sei nicht die Zeit für eine Trennung. Das war Myrta auch klar. Und ihre plötzliche Schwärmerei für Martin war wohl eher weihnächtlich-romantischer Kitsch als ein wirkliches Gefühl. Um Bernd kämpfte sie mittlerweile schon so lange, dass es ihr plötzlich völlig absurd vorkam, an ihrer Liebe zu ihm zu zweifeln. Sie hatte ihm zurückgeschrieben, dass sie ihn auch liebe. Und gefragt, ob das neue Jahr ihr gemeinsames Jahr werde. Sobald es Tag würde, unternähme sie einen langen Ausritt auf Mystery und würde dann in ihre Wohnung nach Zürich fahren und sich wieder auf die Arbeit konzentrieren.

Sie schlief ein.

Und erwachte schweissgebadet. Ein Albtraum: Der Sensenmann galoppierte mit Mystery durch den Schnee. Der Sensenmann hatte wirklich eine Sense auf der Schulter. Mystery blutete aus der Nase, und sie selbst sass in einem rasenden Zug und beobachtete die beiden.

«So ein Mist», murmelte Myrta.

Sie stand auf, ging ins Bad und trocknete sich ab. Sie wechselte das T-Shirt und legte sich wieder hin. Sie war hellwach. Ein Blick aufs Handy zeigte ihr, dass es 03.17 Uhr war. Nachrichten hatte sie keine erhalten. Mails auch nicht. Was hatte Joël bloss gewollt von ihr? Noch nie hatte er sich einfach so gemeldet. Vielleicht hatte er eine supergeile Hammer-Story, wie er zu sagen pflegte, oder er hatte ein kleineres privates Drama mit irgendeiner Frau, was auch immer wieder mal vorkam. Was sie am meisten erstaunte, war, dass er ihre Anrufe nicht entgegennahm. Joël war doch ein Handy-Junkie und nahm das Gerät sogar auf die Toilette mit.

Die Gedanken kreisten. Warum hatte sie keine neue Mitteilung von Bernd erhalten? Oder von Martin? Blutete Mystery vielleicht wirklich aus der Nase? Was sollte der Quatsch mit dem Sensenmann?

Wegen der Grübelei begann ihr Herz immer schneller zu schlagen, einschlafen war unmöglich. Langsam machte sie sich ernsthaft Sorgen. Also stand sie auf, zog den Bademantel an, tappte leise ins Parterre hinunter, schlüpfte in ihre Stiefel und ging hinüber zum Stall. Sie öffnete den oberen Teil der Stalltüre und sah Mystery, der, in die warme Decke gepackt, dastand, döste und erst nach wenigen Sekunden zu ihr blickte. Er blutete weder aus der Nase noch sonstwo. Sie hatte kalt. Myrta streichelte Mysti flüchtig über die Stirn, schloss die Stalltüre und kehrte ins Haus zurück. In der Küche trank sie ein Glas Wasser, dann legte sie sich ins Bett. Sie spürte, dass sie demnächst einschlafen würde.

Dass es das Handy war, das klingelte und schepperte, realisierte sie eine ganze Weile nicht. Sie schlief doch gar nicht. Oder doch? Was war los? Dann kam sie zu sich, griff nach dem Mobile und nahm, ohne auf das Display zu achten, den Anruf entgegen.

«Joël, bist du das?»

«Hallo?», sagte eine tiefe männliche Stimme.

«Joël? Hör auf mit dem Quatsch!» Myrta nahm das Telefon kurz vom Ohr, schaute aufs Display und sah, dass nicht Joël angerufen hatte. Die Nummer war unterdrückt.

«Wer spricht denn da?», fragte der Mann.

«Das frage ich Sie!», antwortete Myrta mürrisch.

«Hier ist Strimer von der Kantonspolizei Graubünden. Wer sind Sie?»

Myrta schnellte aus dem Bett, sagte aber nichts.

«Heissen Sie Myrta?», fragte der Polizist.

«Ja, Myrta, Myrta Tennemann. Ist was mit Joël?» Sie konnte sich gar nichts anderes vorstellen, es konnte sich nur um Joël handeln.

«Joël? Schreibt man das mit Jot oder mit I?»

«Mit Jot wie Jäger.»

«Das ist der Vorname, oder? Und der Nachname?»

«Was soll das?»

«Ich erkläre es Ihnen gleich. Nennen Sie mir bitte erst seinen Nachnamen.»

«Thommen mit T und H wie Englisch the. Joël Thommen. Und auf dem E im Vornamen hat es zwei Pünktchen. Aber das ist jetzt egal, sagen Sie mir …»

«Sind Sie seine Frau oder Partnerin, Freundin?»

«Ja. Also, nein, nicht seine Frau.»

«Seine Partnerin?»

«Äh, seine Freundin. Was ist denn los?»

«Sie waren die Letzte, die er angerufen hat. Er hat Sie doch angerufen, oder?»

«Ja.»

«Und was hat er gesagt?»

«Nichts. Er rief mich an, aber ich habe ihn zugetextet mit meinem Scheiss, so wie wir das immer machen, wenn der eine den anderen anruft, dann labert der, der angerufen wird, einfach drauflos und tut so, als würde der andere …»

«Ja, ja, das interessiert im Moment nicht. Was hat er gesagt?»

«Nichts, weil ich ja, wie gesagt, gelabert habe, und dann war die Verbindung weg und konnte nicht mehr hergestellt werden. Ich machte mir Sorgen, weil Joël ein Handy-Junkie ist und das Telefon immer …»

«Gute Frau!», unterbrach der Mann energisch. «Ihr Freund liegt in kritischem Zustand im Spital Samedan. Wir suchen Angehörige, die ihn identifizieren können.»

«Er ist tot?»

«Nein, nein. Aber wir wissen gar nicht, wer er ist. Können Sie vorbeikommen? Oder hat er Angehörige hier im Engadin? Familie?»

«Engadin? Er ist im Engadin?»

«Ja, sagte ich doch, Samedan.»

«Nein, seine Familie wohnt irgendwo im Aargau, keine Ahnung wo. Was macht er denn im Engadin? Engadin sagten Sie doch, oder?»

«Herr Thommen wohnt also im Aargau?»

«Nein, in Zürich.»

«Aber Familie Thommen wohnt in Aarau, richtig?»

«Ja, also nein, ich weiss es nicht», haspelte Myrta. «Nein, sie wohnen doch nicht in Aarau, im Aargau sagte ich, das ist der Kanton, der ist gross, irgendwo in so einem Kaff. Aber das ist egal. Was ist denn überhaupt passiert?»

«Das wissen wir nicht.»

«Kann ich mit ihm sprechen?»

«Nein.»

«Warum nicht?»

«Er liegt im Koma. Es geht ihm wirklich sehr schlecht. Sie sollten herkommen …»

«Klar. Sofort. Spital Engadin, sagten Sie?»

«Samedan.»

«Ja, Samedan, Engadin.»

CHESA CASSIAN, PONTRESINA, ENGADIN

Um Punkt 07.00 Uhr rief Jachen Gianola einen Mann an, den er nur als Dirk kannte.

«Verdammt, was gibt es so früh?», bellte dieser ins Telefon. «Was steht an heute?»

«Keine Ahnung. Was soll das?»

«Da drüben am Berg war irgendwas los diese Nacht.»

«Na und, was soll gewesen sein?»

«Jedenfalls war mehr los als sonst. Da waren mehr Pistenfahrzeuge unterwegs, und sie waren anders unterwegs als sonst.»

«Und deshalb rufst du mich an? Sag mal, spinnst du?»

«Dieser Kerl in der Hütte gestern, der mit dem Fotoapparat, den ich wegweisen musste …»

«Jachen, entspann dich, wir haben dir gesagt, die Sache ist erledigt.»

«Was habt ihr …»

«Du bist um 10 Uhr hier, verstanden?»

“Klar. 10 Uhr.»

Jachen Gianola legte auf. Er zupfte an seinen dichten Augenbrauen und überlegte angestrengt: Sollte er seinen Freund Karl Strimer bei der Polizei anrufen?

AUTOBAHN A13

Myrta redete ununterbrochen. Das tat sie immer, wenn sie gestresst war. Das war auch einer der Gründe gewesen, weshalb sie es bei RTL nur zur Aushilfsmoderatorin und nicht in die Liga der Top-Präsentatorinnen geschafft hatte. Das glaubte sie zumindest. Sie sprach zwar gut, fehler- und akzentfrei, war stets charmant. Aber einfach einen Tick zu schnell, weil sie vor der Kamera nervös war. Und sie war sich bewusst gewesen, dass es schwierig würde, sofort in die Reihe der RTL-Stars zu gelangen. Es war zwar nicht ausgeschlossen, aber die Verantwortlichen hatten ihr klar gemacht, dass sie Geduld haben müsse. Aber Geduld hatte sie nicht. Ausser mit Bernd. Und warum sie ausgerechnet mit ihm Geduld hatte, konnte sie sich auch nicht erklären. Als dann das Angebot für die Stelle als Chefredakteurin der «Schweizer Presse» kam, nahm sie es an. Ein bisschen Printerfahrung als Chefin einer Zeitschrift kann nicht schaden, hatte sie sich gesagt. Zudem hoffte sie, in der Beziehung zu ihrem Dauer-Fast-Freund eine Entscheidung zu erzwingen. Zwar sass er in der Chefredaktion von RTL. Doch früher oder später hätten sie oder er sowieso die Stelle wechseln müssen, was auch immer mit ihnen passiert wäre. Und was ihr auch entgegengekommen war: Sie verdiente jetzt viel mehr.

Das alles hatte sie auf der Fahrt von Engelburg bis Chur erzählt. Martin sass am Steuer seines Range Rovers und kam höchstens dazu, «aha» oder «so so» zu sagen.

«Ich rede wirklich zu viel, nicht wahr?»

Martin wollte etwas antworten, schaffte es aber nicht.

«Weisst du», fuhr Myrta fort. «Ich textete schon in der Schule all meine Freundinnen zu. Und die Lehrer dachten, wenn ich viel Theater spielen würde, bessere es sich vielleicht. Also spielte ich dauernd Theater. Waldorfschule halt. Aber es nützte nichts. Selbst in der Eurythmie redete ich dauernd …»

«Eurythmie?», fragte Martin und setzte sich für einmal durch.

«Ja, Eurythmie, Steiner’sche Bewegungskunst, Tanz, was weiss ich, habe es nie begriffen. Dann haben sie mich in die Sprachgestaltung geschickt. Ich musste Gedichte rezitieren. Fand ich toll. Aber genützt hat es auch nichts. Hey, sag mal, wie lange brauchen wir noch?»

Vom abrupten Themenwechsel überrumpelt, musste Martin erst einen Augenblick nachdenken. «Eine gute Stunde oder mehr», sagte er dann, «kommt auf die Strassenverhältnisse am Julierpass an. Es schneit.»

«Scheissschnee. Ich hasse Schnee, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Vielen Dank, dass du so spontan mitkommst, das ist wirklich lieb.» Das i zog sie etwas übertrieben in die Länge. Sie lächelte Martin an, streichelte kurz über seinen linken Arm. Und schwieg einen Moment.

«Erzähl mir die Geschichte mit Joël», forderte Martin sie auf. «Aber die Kurzfassung!»

Myrta gab ihm einen kleinen Schubs: «Schon gut, ich gebe mir Mühe.» Sie räusperte sich. «Also. Ich verdiente während dem Studium Geld als DJ. Joël war Partyfotograf. Wir verliebten uns. Dann entliebten wir uns wieder und wurden Freunde. Richtige Freunde. Wir lebten zusammen in einer WG. Ohne Sex. Als ich dann nach Köln zum Fernsehen ging, blieben wir Freunde. Allerdings hasst Joël Bernd. Er ist überzeugt, dass das nie was wird. Ende. Kurz genug?»

CHESA CASSIAN, PONTRESINA, ENGADIN

«Allegra, Karl», sagte Jachen. «Kann ich dich was fragen?»

«Du, ich bin ein bisschen unter Druck, was gibt es denn?»

Jachen Gianola und Karl Strimer sprachen rätoromanisch miteinander. Sie waren in Samedan zusammen zur Schule gegangen.

«Ist etwas passiert auf der Corviglia oder auf Marguns?»

«Ja, auf der Fuorcla Grischa wurde diese Nacht ein Mann gefunden. Halb erfroren. Liegt jetzt im Spital. War eine schwierige Rettung, weil der Helikopter wegen dem Wetter nicht fliegen konnte. Sieht schlecht aus.»

«Fuorcla Grischa, sagst du?», hakte Jachen nach. Denn auf diesem Pass befindet sich die Bergstation des Sessellifts, den sie am Vorabend nach dem Besuch der Hütte benutzt hatten.

«Ja. Der hatte Glück, dass man ihn überhaupt gefunden hat. Leute, die unten in der Hütte feierten und dann mit diesen Dingern da, diesen Ski-Töffs …»

«Ski-Doos meinst du?»

«Ja, mit diesen Ski-Doos heimfuhren, haben ihn zufällig auf der Piste entdeckt. Ich vermute, der war auch auf dieser Party, obwohl die Retter ihn nicht kennen wollen. Die waren doch alle besoffen. Und der Typ wollte wohl noch skifahren und, ach du weisst ja, wie das heute zu- und hergeht.»

«Ja, ja.»

«Warum fragst du eigentlich?»

«Bin mit Bundesrat Battista unterwegs, deshalb will ich auf Nummer sicher gehen.»

«Kein Problem. Alle Pisten sind wieder frei.»

«Danke, Karl.»

Jachen zupfte an seinen Augenbrauen. Die Situation passte ihm überhaupt nicht. Er war seit 40 Jahren Skilehrer, seit über 30 Jahren unterrichtete er nur private Gäste. Keine Klassen. Er hatte die besten Gäste, die sich ein Skilehrer wünschen konnte. Er verdiente ordentlich Geld, bekam viele Geschenke, feierte mit den Gästen in den nobelsten Lokalen von St. Moritz und wurde von ihnen im Sommer in die ganze Welt eingeladen, inklusive Reisekosten und alles andere. Natürlich gehörten dazu viele Frauen, ältere und jüngere, mittlerweile vor allem ältere. Er hatte zweimal geheiratet, konnte aber nie treu sein.

Einen Politiker wie Luis Battista zu begleiten, brachte finanziell zwar nicht so viel, steigerte aber den Marktwert. Er war schon seit Jahren mit Luis unterwegs, auch als dieser noch nicht Bundesrat gewesen war. Er hatte Battistas Frau Eleonora und den Kindern das Skifahren beigebracht. Battistas waren gute Gäste. Seit er in der Schweizer Regierung sass, hatte er sich verändert, fand Jachen Gianola. Und in diesem Jahr war sowieso alles anders. Eleonora Battista und die Kinder waren nicht da. Sie waren angeblich nach Portugal zu Eleonoras Eltern geflogen. Das hatte ihm Battista wenigstens erzählt. Sei wohl das letzte Weihnachtsfest der Grosseltern, hatte er erklärt. Jachen Gianola glaubte ihm nicht recht, er vermutete eine Ehekrise. Aber er war Profi und hatte keine weiteren Fragen gestellt.

Dann war diese junge Dame aufgetaucht, Karolina. Mit K, nicht mit C. Der Nachname wurde ihm nicht mitgeteilt. Mit ihr kamen die Bluthunde, unangenehme Deutsche wie Dirk. Sie übernahmen das Zepter. Sie hatten ihm klar gemacht, dass er jetzt in ihren Diensten stehe, nicht mehr in jenen von Battista. Luis hatte das Okay dazu gegeben. Massgebend war nun also Karolina. Oder eben dieser Dirk. Jachen vermutete, dass Karolina eine Prinzessin war. Oder sonst irgendeine deutsche Adlige.

Jachen riss sich mehrere graue Härchen aus den Augenbrauen. Dann griff er zum Telefon und rief Luis Battista an: «Allegra, gut geschlafen, Luis?»

«Guten Morgen, Jachen! Ja, herrlich. Wie ist das Wetter?»

«Noch nicht so toll. Soll aber besser werden heute. Gegen Süden hellt es bereits auf. Wäre ein toller Tag für Diavolezza und Lagalb!» Jachen Gianola wusste, dass dies Battistas Lieblingsskigebiete waren. Und dort waren vor allem keine Promis.

«Jachen, Moment mal …» Die Verbindung wurde für etwa 30 Sekunden unterbrochen. «Nein, keine gute Idee. Es bleibt bei 10 Uhr, Talstation der Signal-Bahn!»

«Luis, ich möchte dir noch …»

«Bis dann, okay?»

Weg war er.

«Ich bin bloss Skilehrer», sagte Jachen zu sich selbst. «Also halt dich aus den Angelegenheiten deiner Gäste raus.»

SPITAL SAMEDAN

Die Fahrt über den Julierpass verlief problemlos. Myrta und Martin trafen kurz vor 9 Uhr im Spital Samedan ein und wurden bereits von Karl Strimer erwartet. Der Kantonspolizist informierte sie kurz über die Rettungsaktion, sagte ihnen auch, dass man mittlerweile Joëls Auto an der Talstation in Celerina gefunden und es beim Polizeiposten parkiert habe. Im Auto habe man auch seinen Pass gefunden und sei nun daran, seine Familie ausfindig zu machen. Er erzählte, dass er Joëls Handy dank des iPhone-Akkus seiner Tochter in einer längeren Schraub- und Bastelaktion habe wiederbeleben können und so an ihre Telefonnummer gekommen sei. Myrta ihrerseits klärte Karl Strimer nochmals über ihr Verhältnis zu Joël auf. Obwohl sie offiziell in keinerlei rechtlich relevanten Beziehung zu Joël stand, gab Karl Strimer sein Einverständnis, dass sie Joël kurz besuchen konnte. Martin bemerkte, er sei eigentlich nur Myrtas Chauffeur und warte in der Cafeteria.

Ein ungarischer Arzt, dessen Name Myrta nicht verstand, versuchte, ihr etwas umständlich zu erklären, dass Joëls Zustand nach wie vor kritisch sei. Er habe eine Hypothermie erlitten, eine starke Unterkühlung, der Puls sei kaum noch fühlbar gewesen. Sein Kreislauf sei jetzt aber wieder stabil. Man müsse damit rechnen, dass die Erfrierungen an den Füssen bleibende Schäden hinterliessen. Zudem habe er eine gebrochene Nase und ein verstauchtes Bein.

Schliesslich wurde Myrta zu Joël geführt. Er lag, verkabelt mit mehreren medizinischen Geräten, mit geschlossenen Augen im Bett.

«Oh mein Gott!», hauchte Myrta, ging zu ihm und flüsterte: «Wage es bloss nicht abzukratzen, du Idiot! Irgendwas hast du da oben auf diesem Scheissberg gemacht. Du wolltest mir sagen, was. Also reiss dich zusammen, damit wir die Sache rocken können. Auch wenn mir der Sensenmann erschienen ist, vergiss es, mein Freund, du bleibst gefälligst hier!»

Joëls Gesicht zuckte.

Vielleicht auch nicht. Denn schliesslich war es wegen der gebrochenen Nase fast vollständig von einem Verband bedeckt.

Aber Myrta hatte das Zucken trotzdem gesehen.

TALSTATION SIGNALBAHN, ST. MORITZ

Jachen Gianola sass in seinem warmen Allrad-Audi-A4 und grüsste den Parkwächter, der wie immer eine dicke Fellmütze trug. Der Skilehrer parkierte, nahm die Ski aus dem Dachkoffer und machte sich daran, den einzigen, wirklich unangenehmen Teil seiner Arbeit hinter sich zu bringen: Er zwängte sich in die Skischuhe. In all den Jahren hatte er noch kein Modell gefunden, das bequem und leicht anzuziehen war.

Als er die Schuhe endlich montiert und die ersten Schnallen geschlossen hatte, atmete er tief durch und blinzelte in die Sonne, die gerade durch die dicken Wolken schien. Dann setzte er seine Porsche-Sonnenbrille auf und sagte sich, dass heute ein guter Tag würde. Er stapfte breit grinsend über den Parkplatz, und weil er zu früh war, stattete er «seinen Mädchen», wie er sie nannte, im Sportgeschäft noch einen Besuch ab.

Als die drei schwarzen, schweren M-Klasse-Mercedes mit Münchner Nummernschildern vorfuhren, eilte Jachen zurück zum Parkplatz und begrüsste alle mit Handschlag und tätschelte sie an der Schulter. Luis Battista, der einen schwarzen Helm und eine riesige Carrera-Skibrille aufgesetzt hatte, Dirk und die vier anderen Typen. Dann stieg Karolina aus. Sie trug heute eine dunkelblaue Jet-Set-Jacke und hatte einen silbrig-glänzenden Skihelm dabei. Jachen küsste sie auf die Wangen und meinte, dass sie «aifach ghoga guat» aussehe. Den Dialekt verstand die Brünette zwar nicht, aber sie lächelte den alten Skilehrer charmant an. Nach ihr stieg noch eine zweite Frau aus, etwa gleich alt wie Karolina, in einer blauen Daunenjacke von Lasse Kjus. Sie stellte sich mit Floriana vor.

«Oh, das klingt wie Flurina», sagte Jachen. «Hier oben im Engadin heissen alle schönen Mädchen Flurina!» Er sprach absichtlich in einem holprigen Schweizer Hochdeutsch. Aus Erfahrung wusste er, dass dies besonders bei den Ladies gut ankam.

Floriana quittierte den Satz mit einem Lächeln und wandte sich dann sofort Karolina zu. Jachen buckelte die Ski der Damen und schritt, noch breiter grinsend, zur Station. Dort nahm er auch seine eigenen Ski auf, sein Rücken schmerzte bereits, doch Jachen grinste weiter.

Battista, die Damen, Dirk und die anderen Typen kamen nach und drängten sich in die bereits volle Gondel. Jachen liess seine weissen Zähne blitzen und betonte immer und immer wieder, was das für ein schöner Tag werden würde, wie sensationell der Schnee heute sei und was das Engadin doch für ein Wunderland sei.

Der Skilehrer war in seinem Element. Er stand im Mittelpunkt, niemand bemerkte, dass er mit hochkarätigen Gästen unterwegs war. Wobei Luis Battista kaum zu erkennen war mit der Riesenbrille, die er in diesem Jahr fast nie abnahm, wie Jachen längst registriert hatte. Lag wohl an den besonderen Umständen. Statt gelbe Gläser hatte Battista heute die dunklen montiert, da es heute Sonne und keinen Nebel geben würde.

Als Jachen und sein Trupp auf den ersten Sessellift steigen mussten, achtete Jachen darauf, dass er mit Dirk alleine auf einen Sitz kam.

«Ihr habt den Kerl fast getötet», flüsterte er ihm zu, als der Sessel aus der Station holperte. «Ich weiss ja nicht, was hier abgeht und wer diese Karolina ist. Aber ich sage dir: Wenn noch irgendwas vorfällt, informiere ich die Polizei. Luis Battista ist immerhin Bundesrat, also ein wichtiger Schweizer Politiker, verdammt nochmal.»

«So was würde ich an deiner Stelle nicht mal denken, du alter Ski-Bock. Die Leute wollen bloss ein bisschen Spass. Also mach einfach deinen Job und greif den Ladies ein bisschen an den Arsch und an die Titten, das mögt ihr Bergfuzzis doch, okay?»

SPAZIERWEG AM ST. MORITZERSEE

Sie hatten den See bereits zweimal umrundet. Myrta hatte viel geredet, aber auch zugehört, wenn Martin etwas erzählte. Sie sprachen über Joël, über ihre Arbeit und fast am meisten über Pferde. Martin erklärte ihr viele Einzelheiten über die White-Turf-Pferderennen auf dem zugefrorenen See, die jeweils im Februar stattfinden. Myrta kannte diesen Event nur als Top-Promi-Anlass. Dass es hier um grossen Pferdesport und noch grössere Geldsummen ging, hatte sie bisher nicht realisiert. Martin erzählte, er habe hier auch schon ein Pferd an den Start geschickt und dadurch einen guten Verkaufspreis erzielt. Myrta staunte einmal mehr über den Mann neben sich: Lucky Luke bewegte sich offensichtlich in besseren Kreisen. Das imponierte ihr.

«Sag mal», meinte Myrta. «Warum hast du mir nicht erzählt, dass du nicht nur eine Pferdepension, sondern auch eine Pferdezucht betreibst und mit den Tieren handelst?»

Da Martin nicht gleich antwortete, schickte Myrta ein «Na?» hinterher.

«Ich wollte nicht bluffen», sagte Martin. «Ich bin nur ein kleiner Pferdezüchter und -händler.»

Myrta kniff ihn in den Arm.

Es war Mittag, und die Sonne hatte sich durchgesetzt. Martin schlug vor, einen kleinen Umweg an den Stazersee zu machen und dort auf einer Sonnenterrasse etwas zu essen. Sie bestellten sich eine Bündner Gerstensuppe und einen Salsiz dazu, teilten sich das Ganze und hätten den Moment eigentlich geniessen können – wäre beiden nicht bewusst gewesen, weshalb sie überhaupt hier waren. Sie sassen nebeneinander an der Hauswand, die die Wärme der Sonne abstrahlte. Myrta schloss die Augen und legte ihre Hand auf Martins Oberschenkel.

«Ich habe dich in aller Herrgottsfrühe geweckt, du fährst mit mir einfach schnell ins Engadin – warum machst du das eigentlich für mich?», fragte sie.

Martin antwortete nicht. Er legte seinen Arm um Myrta. Dieses Mal schon ein bisschen geschickter, fand sie und lächelte in die Sonne.

SESSELLIFT GLÜNA

Die beiden Damen und ihre Beschützer waren schon ins Berg-restaurant gegangen. Luis Battista wollte mit Jachen Gianola unbedingt noch eine weitere Abfahrt machen, um auch mal richtig Ski zu fahren und nicht auf die Damen und ihre Bodyguards, die alle nicht so sicher auf den Latten standen, Rücksicht nehmen zu müssen.

«Wie wäre es mit einer Off-Piste-Abfahrt?», fragte Jachen.

«Ich bin dabei», antwortete Luis Battista, der die Skibrille für einmal auf den Helm hochgeklappt hatte. «Aber nur, wenn es sicher ist.»

«Keine Angst! Wir haben doch alles im Griff, oder?» Er gab dem Bundesrat einen kleinen Stoss. Der Sessel schwankte. Jachen zeigte mit dem Skistock nach links auf einen felsigen, steilen Hang. «Siehst du dieses Couloir zwischen den beiden grossen Felsen? Dort schwingen wir uns runter. Das wird ein Spass. Hat erst wenige Spuren drin.»

«Ist das nicht gefährlich? Keine Lawinengefahr?»

«Hey, Luis, was ist los? So kenn ich dich gar nicht!»

«Alles okay.» Luis Battista lächelte. Etwas angestrengt. Aber immerhin waren nun seine markanten Grübchen zu erkennen.

Nachdem sie oben angekommen waren, sausten sie eine kurze Strecke auf der Piste hinunter und fuhren mit viel Schuss in eine ziemlich lange Ebene, in der Tiefschnee lag. Dadurch wurden sie stark abgebremst. Schliesslich blieben sie stehen und mussten sich noch ein gutes Stück mühsam mit den Stöcken vorankämpfen. Dann standen sie endlich vor dem Couloir, das sie vom Sessellift aus gesehen hatten.

«Das ist ziemlich steil», sagte Luis.

«Super, erst zwei Spuren im Schnee», meinte Jachen nur. «Tiefschnee fahren ist im steilen Gelände einfacher!»

«Und es ist eng!»

«Das sind drei Meter, Luis. Du machst einfach einen Schwung nach dem anderen.»

«Und wenn nicht?»

«Hey, Kurzschwung haben wir lange genug geübt. Tiefschneefahren auch. Und ich sage dir: Das ist Pulver, wie du ihn nur wenige Male pro Winter erlebst! Powder, wie die Jungen sagen, Powder, mein Lieber!»

«Der Hang hält, keine Lawine?»

«Der hält, Schattenhang, eine Stunde noch, dann wird es kritisch.»

«Bist du sicher?»

«Luis, ganz sicher ist man nie. No risk, no fun!»

«Hast recht.»

«Ich zuerst?»

«Klar, wie immer.»

Sie klatschten ab, so wie sie es seit Jahren machten, wenn sie eine besondere Herausforderung vor sich hatten. Wobei die Herausforderung für den Bundesrat wesentlich grösser war als für den Skilehrer. Dann zogen sie die Riemchen an ihren Skihelmen nach. Lawinenausrüstung hatten sie keine.

Jachen stiess sich ab in die Tiefe. «Juhuuuuu!», schrie er. Er wedelte perfekt die enge Rinne hinunter. Es sah aus, als würde er tanzen. «Juhuuuuuuuu!» Er kam den Felsen bedrohlich nahe, konnte aber immer rechtzeitig abschwingen. Der Schnee stob.

Nun Luis. Erster Schwung, zweiter Schwung …

«Mach dich leicht!», schrie Jachen. «Schwebe!»

… fünfter Schwung, sechster Schwung …

«Yeah! Super!», schrie der Herr Bundesrat zurück.

… achter Schwung, neunter Schwung …

Der zehnte Schwung misslang. Battista knallte mit seinen Ski gegen die Felsen, wurde zurückkatapultiert und tauchte kopfvoran Richtung Abhang in den Schnee. Er überschlug sich, rutschte den Hang hinunter und blieb schliesslich an Jachen hängen, der sich ihm gekonnt in den Weg gestellt hatte.

«Alles klar?», fragte Jachen.

«Verdammt nochmal!», fluchte der Bundesrat. «Was für einen Scheisshang schickst du mich runter?»

«He, alles klar, that’s snowsport …», lachte Jachen und liess seine weissen Zähne blitzen.

«Du bist doch einfach ein Arschloch!», zeterte Battista. «Verdammt nochmal, ich bin Bundesrat, ich bin einer der wichtigsten Menschen in diesem Land, was fällt dir eigentlich ein, so einen verdammten Scheiss mit mir …»

«Halt mal die Luft an, Bundesrat, da oben bist du genauso ein ‹Tschumpel› wie ich!»

Jachen half seinem Gast auf die Beine, klopfte ihm den Schnee vom Körper. Dann schwang er den Rest des Hanges, der nun breiter und flacher wurde, elegant hinunter und wartete unten. Luis Battista blieb lange stehen, fuhr dann ziemlich ungelenk hinterher.

«Sorry, Jachen, wollte dich nicht anfauchen.»

«So kenne ich dich wirklich nicht. Früher warst für jeden Spass zu haben. Was ist denn los?»

«Ach, nichts!»

Jachen bemerkte, dass Battistas Knie zitterten. «Mir kannst du nichts vormachen. Geht mich ja nichts an. Aber dass ein Kerl wegen dieser Karolina und ihren Idioten halbtot im Spital liegt, finde ich auch nicht toll.»

«Worüber sprichst du?»

Der Skilehrer erzählte ihm, was er wusste. «Keine Ahnung, was die Kerle mit dem Fotoheini gemacht haben, aber wenn der Typ stirbt, werde ich mit meinem Freund Karl Strimer von der Polizei Tacheles reden.»

Luis Battista umarmte Jachen, ohne noch etwas zu sagen.

Dann fuhr Jachen davon: «Juhuuuuu!»

LEJ DA STAZ, ST. MORITZ

Myrtas iPhone klingelte. Anrufer war der ungarische Arzt. Sie solle sofort ins Spital kommen. Joël sei erwacht, er wolle mit ihr reden. Myrta und Martin kehrten im Laufschritt zurück zum Auto und fuhren zum Spital Samedan. Der Arzt bat Myrta, nur kurz bei Joël zu bleiben, er sei noch sehr schwach. Dann betrat sie das Zimmer und ging zu Joël: «Da bin ich. Was willst du?»

Joël hustete. Röchelte. «Ich habe eine supergeile Hammer-Story», flüsterte er.

«So so», antwortete Myrta gespielt schroff und wechselte dann sofort in einen aufgeregten Ton, der ihrer Stimmung entsprach. «Das interessiert jetzt doch kein Schwein. Was ist passiert? Mein Gott! Du lebst!»

«Ja, schon gut», näselte Joël durch den Verband. «Nimm mein iPhone. Da hat es ein geiles Bild drauf. Kostet dich aber eine Kleinigkeit.»

«Hör auf, Joël. Werd erst mal gesund!»

«Quatsch, spar dir das Geschleime. Nimm das Handy, schau dir das Bild an.»

«Joël bitte, ich sterbe vor Sorge, rase hierher, und du willst mir ein Bild verkaufen.»

«Schau es dir an! Das Handy liegt da.»

«Ja, ich guck gleich.»

Myrta tippte auf den Foto-Ordner und erblickte eine ihr unbekannte junge, hübsche Frau, die Händchen hielt mit einem ihr sehr wohl bekannten mittelalterlichen, gutaussehenden Mann mit süssen Grübchen in den Wangen.

«Der glücklich verheiratete Superpolitiker Luis Battista mit einer kleinen Schlampe … Joël Thommen, das ist wirklich ein geiles Bild. Ein bisschen unscharf, aber das bin ich mir ja gewohnt von dir.»

Sie streichelte ihm über die Wange.

BERGSTATION MARGUNS, CELERINA

Seit 15 Uhr herrschte an der Bar unter dem grossen Zelt Skihütten-Stimmung. Karolina und Floriana tranken Champagner, die Herren Erdinger Weissbier, bis auf Jachen, er nippte an einem einheimischen Calanda Edelbräu.

Floriana und die vier Begleiter hatten vom Skifahren die Nase voll und wollten an der Bar ein bisschen Party machen. Luis Battista hingegen hatte noch Lust auf eine Abfahrt und fragte Karolina. Sie lächelte ihn an. Plötzlich gab sie ihm einen flüchtigen Kuss. Danach machten sie sich mit Jachen auf zur 6er-Sesselbahn Trais Fluors. Dirk tappte hinterher, sich mithilfe der Stöcke vorantreibend.

Oben angekommen, bestand Luis Battista darauf, Karolina die schwarze Piste zu zeigen. Dirk war strikt dagegen. Karolina jedoch, etwas beschwipst, hielt sich am Bundesrat fest: «Die schwarze Piste ist doch Kiki!» Sie kicherte.

Jachen war zwar nicht begeistert. Aber er war froh, dass der Bundesrat etwas lockerer drauf war. Er würde ihn und vor allem Karolina schon irgendwie den steilen Hang hinunterlotsen. Er hatte noch alle seine Gäste hinuntergebracht. Und was Dirk machte, war ihm egal.

Der erste Teil der Strecke war einfach. Da die Piste allerdings nicht präpariert war, kämpfte Karolina bereits mit den ersten Tücken des Tiefschneefahrens. Kurz darauf standen sie dann vor dem langen, steilen Schlusshang. Wenn es lange nicht geschneit hatte, war es eine Buckelpiste, die wirklich nur für sehr gute Skifahrer zu bewältigen war. Nun aber war es eine bereits von anderen Skifahrern durchpflügte Off-Piste-Abfahrt mit hohen Schneewällen dazwischen, was sie nicht einfacher machte. Jachen zeigte mit ganzem Körpereinsatz, wie man diese Schneewälle umfahren oder überspringen musste, indem er in die Knie ging, sich dann streckte und sich wieder tief hinunterkauerte. «Ihr müsst euch klein machen, dann gross, wieder klein und so weiter», wies er seine Gäste an. «Ihr müsst diese Wälle schlucken!»

«Ich schluck lieber ein Bier, Alter!», grölte Dirk.

Karolina hielt sich an Luis Battistas Arm fest und kicherte erneut.

«Alles klar?», fragte Jachen. Dann stiess er sich ab, wedelte mit eleganter Leichtigkeit den Hang hinunter und hielt nach rund einer Minute an: «Sauschön, viel Spass!»

Karolina schaffte acht Schwünge, dann fiel sie in den Schnee. Luis Battista fuhr sofort los.

«Super, Luis!», rief Jachen. «Jaaaa! Weiter so!»

Doch Luis fuhr nur bis zu Karolina und stoppte. Dirk fuhr ebenfalls los. Schon nach zwei Schwüngen begann er zu fuchteln. «Hoch, tief, hoch, tief, schlucken!», schrie Jachen.

Dirk kümmerte sich nicht darum. Ungelenk kämpfte er sich den steilen Hang hinunter, blieb kurz bei Luis und Karolina stehen und mühte sich weiter bis zu Jachen.

«Hat sich Karolina weh getan?», fragte der Skilehrer.

«Nein.»

«Was ist denn? Warum steht sie nicht auf?»

«Los, fahren wir weiter», sagte Dirk.

Jachen sah, wie sich Luis neben Karolina in den Schnee fallenliess und die junge Frau küsste.

«Los jetzt, du alter Steinbock, die beiden wollen ein bisschen alleine sein», sagte Dirk schroff. «Du weisst schon!»

AUTOBAHNRASTSTÄTTE HEIDILAND, BAD RAGAZ

Die Erleichterung war Myrta anzumerken: Sie schwieg und ass. Rösti mit Spiegelei, dazu einen mittleren Salatteller, den sie aber am Büffet so geschickt geladen hatte, dass er riesig geworden war.

Da sie noch einige Tage Ferien hatte, wäre sie gerne bei Joël im Engadin geblieben. Vor allem hatte sie noch Fragen an ihn. Wie war er an das Bild gekommen? Warum hatte er nur ein Handyfoto? Wie war der Unfall tatsächlich passiert? Doch der behandelnde Arzt hatte sie gebeten, Joël in Ruhe zu lassen. Da Martin auf seinen Hof zurück musste, beschloss sie, mit ihm nach Hause zu fahren. Natürlich hatte er ihr mehrfach gesagt, er fahre alleine zurück. Aber irgendwie wollte Myrta mit Martin die Reise beenden, schliesslich war er nur ihretwegen mitgekommen. Und da Joël laut Arzt wirklich über dem Berg war und Joël ihr klar gemacht hatte, dass er alleine klarkomme und sie sich um die Veröffentlichung seines exklusiven Fotos kümmern solle, hatte sie mit Martin gegen 17 Uhr das Engadin verlassen. Kurz nach dem Julierpass war sie eingeschlafen. Bei Chur war sie aufgewacht und hatte Martin gefragt, ob er ebenfalls Hunger habe. Martin hatte ohnehin vorgehabt, in der Raststätte Heidiland einzukehren.

Er fragte Myrta, ob sie in den nächsten Tagen mal Lust hätte auf einen gemeinsamen Ausritt.

«Ja, Lust schon …», antwortete Myrta, stockte aber.

«Doch nicht?»

«Martin, ich weiss nicht, ich bin dir wirklich dankbar, und ich mag dich auch, ganz anders als früher, du bist ein toller Mann, aber weisst du …»

«Bernd, Joël und so weiter …»

«Nichts weiter!»

«Ich meinte die Arbeit.»

«Vollpfosten!», sagte Myrta und lächelte ihn an. Ihre grossen, dunkelbraunen Augen leuchteten und wurden noch ein bisschen grösser. Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, ergriff Martins Hand und drückte sie.

Martin zog seine Hand sanft weg. «Hey, Myrta, bloss ein Ausritt, okay?»

Myrta schwieg.

«Sag mal, Myrta …»

«Ja?», fuhr Myrta sofort dazwischen. «Ja, lass uns ausreiten morgen!»

«Gut», antwortete Martin überrascht. «Eigentlich wollte ich ganz was anderes fragen.»

«Oh.»

«Was machst du jetzt mit Joëls Foto?»

«Ich habe es auf mein iPhone kopiert und muss mal schauen.»

«Du hast doch gesagt, Joël habe Battista beim Fremdflirten erwischt.»

«Ja, aber ich habe keine Ahnung mit wem.»

«Na und?»

«Ist ein bisschen heikel, ein solches Bild zu veröffentlichen.»

«Warum?»

«Wenn die Dame nur eine gute Bekannte ist, wenn sie gar eine Verwandte ist? Was sollen wir dann schreiben? Skandal? Bundesrat flirtet mit schöner Unbekannten? Flirtet er überhaupt?»

«Zeigst du mir mal das Bild?»

Tatsächlich hatte Myrta Martin in der allgemeinen Hektik von ihren Besuchen bei Joël viel erzählt, auch von diesem Bild, aber gezeigt hatte sie es ihm noch nicht. Sofort griff sie in ihre Tasche, holte ihr Handy hervor, klickte das Bild an und präsentierte es Martin.

Der schaute lange auf den Bildschirm. Dann gab er das iPhone zurück.

«Was ist?», fragte Myrta. «Erkennst du den Bundesrat etwa nicht?»

“Doch.»

«Aber?»

«Die Frau heisst Karolina Thea Fröhlicher, Besitzerin von Jack and Johnson …»

«… einem der teuersten Springpferde der Welt», ergänzte Myrta.

«Sie bezahlte einige Millionen Euro dafür. Also besser gesagt, ihr Vater, Gustav Ewald Fröhlicher, schwerreich und unter anderem Hauptaktionär der Parlinder AG.»

«Was? Dem gehört die Parlinder AG, dieser riesige Konzern?»

«Ja.»

«Oh mein Gott …»

SPITAL SAMEDAN

Als Joël langsam die Augen öffnete, erkannte er im abgedunkelten Spitalzimmer eine Person, die irgendetwas in den Wandschränken suchte. Da die Person keine helle Spitalkleidung trug, ging Joël davon aus, dass es sich um einen Besucher oder eine Besucherin handelte. Eher ein Mann, schätzte Joël, aufgrund der Grösse und der Breite. Joël konnte sich nicht vorstellen, wer ihn besuchen wollte. Wie spät war es überhaupt? Draussen war es jedenfalls schon finster. Joël schloss die Augen, blinzelte aber immer wieder.

Der Mann drehte sich zu ihm um, kam ans Bett, warf einen kurzen Blick auf ihn und griff nach Joëls iPhone, das auf dem Nachttisch lag. Wegen des hell erleuchteten Bildschirms konnte Joël nun das Gesicht sehen. Den Kerl hatte er schon einmal gesehen. Aber er wusste nicht gleich wo. War es einer der Typen in der Seilbahn? Auf dem Sessellift? Joël schloss die Augen ganz und stellte sich schlafend.

Der Kerl drückte auf dem Handy herum. Dann nahm er sein eigenes Mobiltelefon hervor und tippte irgendetwas.

Vermutlich speichert er einige Telefonnummern aus meinem Handy, dachte Joël.

«Wusste ich es doch», flüsterte der Typ plötzlich ganz leise. «Du miese Ratte hast ein Handybildchen gemacht.»

Wieder hörte Joël, wie der Mann auf den Telefonen herumtippte.

Plötzlich hatte Joël das Gefühl, den Mann riechen zu können. Ein herber Parfümgeruch vermischt mit Sonnencrème-Duft. Joël bekam Angst. Bloss nicht blinzeln! Der Kerl ist ganz nah bei mir. Schreien?

Joël erwartete, dass er gleich die Hände des Mannes an seinem Hals spüren würde.

«Pass auf, Arschgesicht!», sagte der Typ leise. «Eigentlich solltest du schon tot sein. Aber weil die Idioten dir das Handy nicht abgenommen haben …» Er hielt einen Moment inne. «Wenn das Foto irgendwo auftaucht, bringe ich es persönlich zu Ende.»

Joël spürte eine grosse, kräftige, rauhe Hand an seinem Hals und zuckte zusammen.

«Es wäre besser für dich», sagte der Mann weiter, «wenn du mir ein Zeichen geben würdest, dass du das kapiert hast.»

Joël nickte leicht.

27. Dezember

GUTSHOF IM STÄDELI, ENGELBURG BEI ST. GALLEN

Der Ausritt war phantastisch. Bei schönstem Sonnenschein ritten Myrta und Martin auf ihren Pferden Mystery of the Night und Valérie, einer siebenjährigen Stute, durch die Gegend rund um das Andwiler Moos. Mal im Schritt, oft im Trab, ab und zu im Galopp. Myrta fühlte sich wohl. Sie genoss Martins Nähe. Er strahlte etwas Beruhigendes aus.

Martin sprach nicht viel. Er fragte höchstens, ob sie da- oder dortlang reiten sollten. Dann schwieg er, und auch Myrta konnte schweigen. Bin ich jetzt gerade glücklich?, fragte sie sich. Und wenn ja, warum?

Seit sie Chefredakteurin der «Schweizer Presse» war, kannte sie solche Glücksgefühle kaum noch. Das war immerhin seit acht Monaten der Fall. Sie war damals von Jan Wigger, dem Geschäftsführer der Zanker AG, zu der die «Schweizer Presse» gehörte, engagiert worden, um das Blatt zur Nummer eins unter den Boulevard- und Frauenzeitschriften auf dem Schweizer Markt zu machen. Sie hatte zwar keine grosse Erfahrung mit der sogenannten «Yellow Press», doch weil sie bei RTL bei einem Promi-Magazin gearbeitet hatte, erhoffte man sich von ihr, dass sie dank ihrer Beziehungen an exklusive Stories käme. Zudem war Myrta selbst auch so etwas wie eine C-Prominente: Hinter den internationalen Stars der Königshäuser, des Films und der High Society, hinter den nationalen Promis aus Sport, Fernsehen und Kultur gehörte sie immerhin zum Heer der mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten, die unregelmässig in einer Zeitung oder einer Fernsehsendung auftauchen. Myrta war nur deshalb immer wieder in diesen Rubriken erschienen, weil sie es als Schweizerin bei RTL vor die Kamera geschafft hatte. Zumindest hin und wieder. Das reichte, um in die Riege der C-Promis beziehungsweise der Cervelat-Promis, wie solche Leute in der Schweiz nach der berühmtesten eidgenössischen Wurst genannt wurden, aufgenommen zu werden.

Doch die erhoffte Wende der «Schweizer Presse» hatte auch sie bisher nicht herbeiführen können. Die Auflage des Traditionsblattes liess sich einfach nicht steigern. Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger hatten bereits alles versucht: Der eine hatte das Blatt vom News-Journalismus befreit, der zweite hatte auf den Online-Markt gesetzt, der dritte – die erste Frau – hatte die Lebensberatung eingeführt, und der vierte hatte wieder vermehrt News-Stories abgedruckt, aber innert sechs Monaten Hunderte von Abonnenten verloren. Mit Myrta Tennemann sollte die «Schweizer Presse» definitiv ein People- und Boulevardmagazin werden, vermehrt junge Leute ansprechen und zu einem sogenannten Crossover-Produkt mutieren, zu einem sich gegenseitig ergänzenden Print- und Onlineportal für Fernsehen, People-News und Klatsch.

Dass Myrta gerade glücklich war, lag entweder an ihrem Pferd Mystery of the Night oder an der Sonne oder an beidem. Oder an Martin. Ein Gedanke, der ihr durchaus gefiel. Vielleicht hing ihr Hochgefühl aber auch mit Joëls exklusivem Foto zusammen, mit dem sie einen Riesenwirbel auslösen würde und ihr Magazin zumindest für eine gewisse Zeit in den Vordergrund rücken konnte.

Den silbrigen BMW 5er Touring, der vor dem elterlichen Haus parkiert hatte, sah Myrta schon von weitem.

«Bernd», sagte sie erstaunt.

«Bernd?», fragte Martin.

«Ja, mein Bernd, also Bernd halt, mein …»

«Dein Freund, ich weiss. Überrascht?»

Myrta hatte diesen Moment seit Monaten herbeigesehnt. Sie hatte sich so sehr gewünscht, dass Bernd plötzlich hier auftauchte und sie überraschte. Dass er extra von Köln hierher zu ihr fahren würde, bloss um ihr zu sagen, dass er sie liebe. Jetzt war dieser Moment da.

«Ja, ich bin sehr überrascht», sagte Myrta zu Martin.

Doch das Glücksgefühl war weg. Sie empfand die Situation als beklemmend.

Martin bedankte sich für den Ausritt und verabschiedete sich von Myrta. Etwas überhastet, fand Myrta. Martin ist wohl eingeschnappt. Männer …

«I’m a poor lonesome cowboy …», sang Martin und brachte Myrta damit zum Lächeln.

«Hey, Lucky Luke!», rief sie ihm nach. «Du bist kein einsamer Cowboy mehr!»

«Was rede ich da?», sagte sie leise zu sich selbst, hielt sich die Hand vor den Mund und führte Mystery in seine Box.

Kurz darauf tauchte Bernd auf. Dunkelblaue Steppjacke mit Fellkragen, kariertes Hemd, braune Cordhose, Fellmütze, alles von Tommy Hilfiger, Ray-Ban-Sonnenbrille, dazu ein breites Lachen, ein riesiger Blumenstrauss: «Da bin ich!»

SPITAL SAMEDAN

Es ging ihm zwar wesentlich besser, doch an ein Aufstehen oder gar an das Verlassen des Spitals war noch nicht zu denken. Die Nacht war nach dem bedrohlichen Besuch endlos geworden, vor allem, weil dieser bereits kurz vor 20 Uhr stattgefunden hatte. Joël war hellwach und konnte erst wieder einschlafen, nachdem er Medikamente erhalten hatte.

Mittlerweile hatte er sein iPhone wohl über 100 Mal überprüft und festgestellt, dass der Typ tatsächlich seine kleine Bilderserie mit dem Bundesrat und der unbekannten Schönen gelöscht hatte. Er konnte sich nicht erklären, weshalb man wegen solcher Bilder ein derartiges Theater aufführte und ihm nicht bloss die Kamera klaute. Nein, er hätte sogar sterben sollen, oder sollte es noch. Ihm war aber auch klargeworden, dass sein Problem nicht mit dem Bundesrat, sondern mit der Dame zusammenhing.

Trotzdem war Joël froh, dass Myrta sein Bild kopiert hatte. Sie wusste sicher schon längst, wer die Dame war. Sollte er Myrta erzählen, wie er an das Bild gekommen war und dass er bedroht wurde?

War auch Myrta in Gefahr?

INNENSTADT ST. GALLEN

Er habe gestern mit ihren Eltern gesprochen und erfahren, dass sie frei habe, obwohl sie ihm etwas anderes erzählt hätte. Aber das sei schon in Ordnung, was auch immer sie damit habe bezwecken wollen. Er wisse, dass er sie wegen seiner Familie oft alleine lassen müsse, aber dies wolle er im neuen Jahr definitiv ändern. Das alles hatte Bernd Myrta auf der Fahrt nach St. Gallen erzählt.

Jetzt schlenderten sie durch die Altstadt. Bernd hatte darauf bestanden, endlich einmal St. Gallen zu besichtigen. Schliesslich war seine Freundin eine Ostschweizerin und St. Gallen das regionale Zentrum.

Myrta hatte die Perlenkette, die ihr Bernd zu Weihnachten geschenkt hatte, um den Hals gelegt. Ein dicker No-name-Pulli, Jeans, kniehohe ockerfarbene Stiefel, schwarzer No-name-Mantel. Attraktiv, aber nicht sexy, das war ihr Stil für den heutigen Nachmittag.

Myrta erzählte aus der Historie der Stadt. Sie zeigte Bernd die barocke Stiftskirche und die berühmteste Sehenswürdigkeit, die Stiftsbibliothek. Allerdings nur von aussen. Und alles ziemlich emotionslos. Ihr war weder nach Stadtführung noch nach Shopping, zu viel anderes ging ihr durch den Kopf.

Plötzlich blieb sie stehen: «Bernd, was soll das? Was machen wir hier?»

Bernd schaute sie mit grossen Augen an, er war mit dieser Frage überfordert: «Wie meinst du das, meine Kleine?»

«Komm, wir gehen etwas trinken.»

Sie gingen in die Chocolaterie am Klosterplatz und bestellten sich heisse Schokolade.

«Was ist los mit dir, meine Kleine?», begann Bernd.

«Ach nichts, ich habe einfach …» Myrta wusste nicht, was sie sagen sollte.

«Was hast du? Freust du dich nicht, dass ich hier bin?»

«Doch, natürlich, aber ich habe gerade sehr viel um die Ohren.»

Es wurde ein mühsames Gespräch. Bernd redete immer wieder von der grossen Liebe, von der Liebe seines Lebens. Myrta konzentrierte sich auf praktischere Dinge. Den Zeitpunkt seiner Trennung. Das Zusammensein. Die unterschiedlichen Wohnorte, Bernd in Köln, sie in Zürich. Das Verhältnis zu seinen Kindern. Die gemeinsame Zukunft.

Sie bestellten sich nochmals Getränke. Myrta einen Espresso, Bernd wollte den «Huskafi» probieren – einen Kaffee mit einem Schuss Appenzeller Alpenbitter und Rahm.

Später sagte Bernd: «Komm, vergessen wir diese Diskussion, Kleine. Lassen wir diesen Tag weihnächtlich ausklingen. Wir lieben uns. Alles wird gut.»

Das traf Myrta mitten ins Herz. Denn das bedeutete nichts anderes als: Machen wir, dass wir schnell zu dir nach Hause kommen und Sex haben. Wie so oft.

Myrta fühlte sich nicht ernst genommen.

«Ach, Myrta», seufzte Bernd, «wenn du nur wüsstest, wie sehr ich dich liebe.» Er strahlte sie an, und Myrta wusste, dass sie nicht widerstehen konnte. Es auch nicht wollte. Ich liebe ihn doch, sagte sie sich. Sie lehnte sich über den Tisch und gab ihm einen Kuss. Der Kuss schmeckte nach Appenzeller Alpenbitter.

Sie zahlten, gingen zum Auto, fuhren nach Hause und liebten sich in Myrtas Mädchenzimmer.

Es war die eingespielte Nummer, fand Myrta. Aber okay.

RESTAURANT PITSCHNA SCENA, PONTRESINA, ENGADIN

Es war wundervoll gewesen. Jachen Gianola und seine Gäste hatten einen herrlichen Skitag erlebt. Zuerst waren sie auf der Diavolezza, später auf der Lagalb. Dort war Jachen allerdings nur mit Luis Battista. Den beiden Damen war der Berg viel zu steil erschienen. Sie verabschiedeten sich zusammen mit den Bodyguards und verabredeten sich mit dem Bundesrat zum Abendessen im Hotel Palace, St. Moritz, um 21 Uhr.

Jachen und Luis tobten sich aus. Gleich von der Bergstation stachen sie in die schwarze Piste, eine der extremsten Steilhang-Abfahrten der ganzen Alpen. Danach carvten sie wie die AbfahrtsProfis des Skiweltcups in horrendem Tempo die Piste hinunter. Völlig ausgepowert kamen sie bei der Talstation an und schaukelten gleich wieder hoch. Fünf Mal schafften sie diese Tour. Dann war Betriebsschluss.

Bei einem Ittinger Klosterbräu-Bier in der In-Bar von Pontre- sina sprachen sie nun über die neusten Ski-Modelle, über Ski-Techniken und über Hänge, die sie noch gemeinsam bezwingen wollten. Angeheitert vom Amber-Bier, fragte Jachen seinen Gast plötzlich: «Erzähl mal, was läuft da eigentlich zwischen dir und Karolina?»

Der Bundesrat antwortete diplomatisch. Nichts natürlich, sie sei bloss eine gute Freundin. Und Floriana sei wiederum eine Freundin von Karolina und reise morgen ab. Nach dem dritten Ittinger Klosterbräu allerdings gestand Luis seinem Skilehrer, dass er sich in einer Ehekrise befinde und ihm Karolina in dieser Zeit die Motivation gebe, sein schweres Amt als einer der politischen Führer der Schweiz auszuüben.

Jachen bestellte ein viertes Bier und wollte von Luis Battista wissen, wer denn diese Karolina überhaupt sei.

«Was soll ich bloss tun?», seufzte Luis Battista, ohne auf die Frage einzugehen. «Ich liebe sie. Weisst du, Jachen, es ist alles so leicht mit Karolina, so schön, so unendlich schön. Kann, soll, muss ich mich dagegen wehren?»

«Auf die Frauen!», antwortete Jachen und hob sein Glas: «Allegra!»

LABOBALE, ALLSCHWIL, BASELLAND

Um 23.06 Uhr schickte Phil Mertens seinen Bericht an die Geschäftsleitung der Labobale AG. In seinem kurzen Schreiben auf Englisch richtete er sich an den CEO der Firma, Carl Koellerer. Die übrigen drei Adressaten – seine direkte Vorgesetzte Mette Gudbrandsen und seine beiden ihm unterstellten Forscher in den Niederlanden und in China – sprach Phil lediglich mit «dear colleagues» an.

Die Mail, die er über den verschlüsselten Firmen-Server unter der Dringlichkeitsstufe «hoch» versandte, lautete: «Ich darf euch mitteilen, dass mir und meinem Team der definitive Durchbruch in der Angelegenheit BV18m92 gelungen ist. Die Schlussresultate sind einwandfrei. Best regards, Phil.»

Danach rief er den Nachtportier der Firma an und bat ihn, ihm ein Taxi zu bestellen.

Um 23.32 Uhr setzte sich Phil in einen weissen 33er-Mercedes und gab dem Fahrer seine Wohnadresse in Arlesheim an.

«Sie arbeiten auch an den Weihnachtstagen?», fragte der Chauffeur in gebrochenem Deutsch.

«Ja», antwortete Phil Mertens. Er hatte keine Lust auf Konversation. Er hatte auch keine Lust auf seine Frau, auf Weihnachten, Neujahr. Er hatte bloss noch Lust auf ein Bier. Oder einen Gin Tonic.

«Fahren Sie mich in die Stadt», bat Phil den Chauffeur, als sie rund zwei Minuten unterwegs waren.

«Nicht Arlesheim?»

«Nein, in die Stadt, zu einer Bar. Setzen Sie mich beim Claraplatz ab, bitte.»

Der Chauffeur schwieg und folgte zügig der Tramlinie 6. Beim Allschwilerplatz fuhr er geradeaus und weiter bis zum Spalentor. Links und dann runter, über die Johanniterbrücke. Phil Mertens schaute erst rechts zum Fenster hinaus, sah die Weihnachtsbeleuchtung – viele hängende Lichterketten – der Mittleren Rheinbrücke, dann links, erblickte die Gebäude seines ehemaligen Arbeitgebers Novartis AG und bereute es einmal mehr, nicht mehr dort zu sein und an irgendwelchen Medikamenten herumzutüfteln. Zudem war das Leben im Campus äusserst angenehm, alles, was man für den Alltag brauchte, war dort bequem zu haben.

Am Claraplatz angekommen, zahlte Phil Mertens mit seiner Firmen-Kreditkarte, gab zehn Franken Trinkgeld und steuerte direkt auf das Restaurant «Zum schiefen Eck» zu. Obwohl er schon x-mal an dieser Kneipe vorbeigekommen war – drinnen war er noch nie gewesen. Leute wie er, hochbezahlte Pharma-Angestellte aus aller Welt, verkehrten nicht in einem solchen Lokal. Wenn man sich einen Apéro ausserhalb des Firmengeländes gönnen wollte, ging man in die «Bar Rouge», ganz oben auf dem Messeturm. Oder in ein englisches Pub. Aber Phil wollte niemanden treffen, deshalb würde er hier ein Bier trinken.

Er setzte sich zu zwei älteren bärtigen Männern, die je ein Grosses vor sich hatten. Auf Englisch bestellte er ein Bier und zeigte der Servierdame, dass er ebenfalls ein Grosses haben wollte.

«Cheers», sagte er zu den beiden Männern.

«Proscht!», gaben die beiden zurück.

Fünf Minuten später bestellte er sich dasselbe nochmals, obwohl er das Schweizer Bier nicht mochte. Unter Engländern sprach man nur von «the Swiss piss».

«Durst?», fragte der Mann neben ihm auf Baseldeutsch, hielt den Daumen an den Mund und kippte den Kopf nach hinten.

Phil verstand die Geste. «Yes!»

«Einsam?»

Da Phil nicht antwortete, deutete der Mann mit den Händen zwei Brüste an. Phil winkte ab.

«Probleme?»

«Let’s drink», meinte Phil Mertens schliesslich und setzte das Glas an.

Zehn Minuten später stand er wieder auf dem Claraplatz und fühlte sich besser. «The Swiss piss» schmeckte ihm zwar nicht, aber im Moment ging es um den Alkohol. Nun war Zeit für Härteres. Er ging einige Meter durch die Greifengasse und bog dann in die Ochsengasse ab. Hier war er noch nie gewesen. Doch wo es rote Lampen in den Fenstern hat, gibt es sicher auch eine ordentliche Bar, sagte er sich.

“Hallo”, machte eine Dame, die an einem Hauseingang stand und ihren dicken Mantel etwas öffnete. Phil erblicke rote Unterwäsche, lächelte, winkte aber ab. Kurz darauf betrat er das Restaurant Adler und bestellte sich einen Gin Tonic.

Das Licht war düster. Aber das Strahlen der jungen Frau, die sich nach einigen Minuten neben ihn setzte, war hell und verführerisch.

«Jesus!», sagte Phil Mertens und leerte sein Glas.

Es war Zeit, diesen Tag zu beenden.

28. Dezember

REDAKTION «SCHWEIZER PRESSE», ZÜRICH-WOLLISHOFEN

Um 10.30 Uhr betrat Myrta Tennemann den Konferenzraum. Bereits anwesend waren der stellvertretende Chefredakteur Markus Kress, People-Chef Benedikt Graber, Nachrichtenchefin Michaela Kremer und Fotochefin Gabriela von Stetten.

«Ich habe meine Weihnachtsferien kurzfristig abgebrochen, weil wir dringend über eine Story sprechen müssen», begann Myrta. Sie legte ihr iPhone demonstrativ auf den Tisch. «Auf diesem Handy habe ich ein äusserst delikates und, so hoffe ich, exklusives Bild.» Sie drückte auf dem Mobile herum und gab es dann Gabriela von Stetten, die zu ihrer Linken sass.

«Bitte schaut euch das Bild zuerst genau an, bevor ihr etwas dazu sagt.»

Das Handy ging von Hand zu Hand. Nachrichtenchefin Michaela Kremer konnte ein «Ach, das ist ja schräg» nicht unterdrücken.

«Was denkt ihr?», fragte Myrta nachdem sie das iPhone zurückbekommen hatte.

«Für mich ist das eindeutig», meldete sich Michaela sofort zu Wort. «Hier sitzt unser beliebter Luis Battista mit einer unbekannten jungen Frau und flirtet, was das Zeug hält. Er hält sicher nicht nur Händchen mit der Lady.»

«Wo hast du das Bild her?», fragte die Fotochefin.

«Das spielt im Moment keine Rolle. Kennt jemand die Frau?»

Alle schüttelten den Kopf und schauten zu People-Chef Benedikt Graber.

«Hey, ich kenne auch nicht alle Leute», rechtfertigte sich der junge Abteilungsleiter. «Aber die Dame ist sicher keine Prominente.»

«Es ist Karolina Thea Fröhlicher, die Tochter von Gustav Ewald Fröhlicher.»

«Der Fröhlicher, dem die Parlinder AG gehört?», fragte der stellvertretende Chefredakteur Markus Kress und kratzte sich gleichzeitig an seiner Glatze. Benedikt Graber schaute verdutzt zu Myrta: «Sorry, aber ich …»

«Schon gut», sagte Myrta. «Man kann nicht alles wissen.» Sie lächelte und genoss es, ihrem Team gezeigt zu haben, wer der Boss war. Dann ergänzte sie: «Wir müssen es aber noch verifizieren, damit wir ganz sicher sind, dass es die junge Fröhlicher ist.»

«Wer hat das Bild gemacht? Wann? Wo?», wollte die Bildchefin wissen.

«Das Foto wurde am 25. Dezember im Skigebiet Corviglia im Engadin aufgenommen.»

«Von wem?», hakte Gabriela von Stetten nach.

«Joël Thommen.»

«Vergiss es, Myrta», sagte Markus Kress sofort. «Ich weiss, dass du mit ihm befreundet bist. Aber du weisst auch, dass wir keine Arbeiten mehr von Joël annehmen.»

«Ist gut, Markus», fauchte Myrta. «Nur weil er einmal Mist gebaut hat, heisst das nicht, dass dies immer der Fall ist.»

«Myrta! Fotos von diesem Kerl kommen mir nicht ins Blatt!», schnauzte der stellvertretende Chefredakteur.

Locker bleiben, nicht provozieren lassen, sagte sich Myrta. Sie hasste ihren Stellvertreter, konnte aber nichts gegen ihn unternehmen, weil er ihr vom Geschäftsführer als Aufpasser aufs Auge gedrückt worden war.

«Easy, mein Lieber», sagte Myrta ganz sachlich. «Wir machen Folgendes: Gabi, du checkst alle möglichen Bildquellen ab und vergleichst das Foto mit anderen Aufnahmen von Karolina Thea Fröhlicher. Dass es sich bei der anderen Person eindeutig um Luis Battista handelt, ist wohl allen klar, oder?»

Die Führungscrew nickte.

«Gut. Dann bitte ich die People- und die Nachrichtenabteilung, je einen Reporter abzustellen, die beiden sollen heute alles zu diesem Thema recherchieren. Wir und die Reporter treffen uns hier um 17 Uhr zu einer Besprechung. Okay?»

«Myrta, bitte, du hast …» setzte Kress an.

«Okay?», unterbrach ihn Myrta schroff.

LABOBALE, ALLSCHWIL, BASELLAND

Die Aussicht von Carl Koellerers Büro war nicht berauschend: Ein bisschen Grünzeug war zu sehen, vor allem aber eine Betonanlage des Zementgiganten Holcim. Gleich dahinter befanden sich die schweizerisch-französische Grenze und noch ein bisschen weiter der EuroAirport Basel-Mulhouse. Deshalb tauchten immer wieder tieffliegende Jets vor Koellerers Fenster auf. Phil Mertens stellte sich vor, in einem dieser Flugzeuge zu sitzen und wegzufliegen. Wohin, wusste er allerdings nicht.

Koellerer trug ein weisses Hemd mit einer dunkelblauen Krawatte. Er hatte die Ärmel zurückgerollt und setzte sich nun zu Phil Mertens und dessen Vorgesetzter, Forschungs-Chefin Mette Gudbrandsen. Während Phil wie fast immer seinen weissen Laborkittel trug, sass seine Chefin im dunklen Hosenanzug neben ihm und zupfte einige Fusel weg.

«Phil, Mette», begann Carl Koellerer und schaute beide nacheinander an. «Ich gratuliere Ihnen zu diesem Erfolg», fuhr er in nahezu akzentfreiem Englisch weiter. «Die Resultate sind also eindeutig?» An seinem Tonfall war deutlich zu hören, dass Koellerer diesen Satz nicht als Frage, sondern als Bestätigung verstanden haben wollte.

«Ich denke, ja», sagte Phil.

«Mette, was meinen Sie?», fragte Koellerer. Auch bei dieser Frage liess der CEO keine Zweifel darüber offen, welche Antwort er vernehmen wollte.

«Wir haben es mit unseren Teams in Holland und China überprüft», antwortete die grossgewachsene Norwegerin. «Es gibt keine Zweifel.»

«Gut», sagte Koellerer knapp.

«Natürlich handelt es sich ausschliesslich um Resultate im Labor», meldete sich Phil nun wieder zu Wort. «Und an Labortieren. Wie sich BV18m92 ausserhalb unserer Versuchsreihen …»

«Das ist mir auch klar», sagte der Deutsche ein wenig schnippisch. «So viel verstehe ich von der Forschung gerade noch. Es geht bloss darum, was wir unserem Kunden präsentieren können. Wie ich erfreut feststellen darf, haben wir seine Erwartungen sogar übertroffen. Nicht wahr?»

«Ganz ohne Zweifel», bestätigte Mette, nickte ganz leicht, wobei ihr kurzer blonder Pferdeschwanz auf und ab wippte.

«Dann sollten wir nicht zögern, unseren Kunden zu informieren.»

«Carl, darf ich Sie etwas fragen?», warf Phil ein. «Wer ist dieser Kunde, und was hat er mit unseren Forschungsergebnissen vor?»

Carl Koellerer lächelte. Mette Gudbrandsen fixierte Phil mit ihren stechend blauen Augen. Phil lächelte Mette an.

«That’s it, lieber Phil», antwortete Carl Koellerer und stand auf. «Wir sind ein modernes Unternehmen, jeder Mitarbeiter hat eine Kernkompetenz. Solche Fragen gehören nicht zu Ihrer.»

Carl Koellerer lächelte.

REDAKTION «SCHWEIZER PRESSE», ZÜRICH-WOLLISHOFEN

Da Joëls iPhone wegen der Feuchtigkeit und der darauffolgenden Akku-Austausch-Aktion von Polizist Strimer doch nicht mehr hundertprozentig funktionierte – beim Lösen der Schrauben oder beim Entfernen des Displays war wahrscheinlich ein Schaden entstanden, der zu einem Wackelkontakt geführt hatte – sprachen Myrta und Joël übers Festnetz miteinander. Myrta hatte ihn im Spital angerufen und ihn, nachdem er den üblichen Redeschwall beendet hatte, gefragt, wie er zu diesem Bild des flirtenden Superministers gekommen sei.

Sei keine schwierige Sache gewesen, antwortete Joël. Sie müssten es ja nicht an die grosse Glocke hängen, aber im Prinzip sei es purer Zufall gewesen.

«Wo hast du das Bild aufgenommen?»

«In diesem Bergrestaurant unterhalb des Piz Nair.» Trotz der gebrochenen Nase klang Joël wieder ziemlich normal.

Myrta googelte zu einer Website mit einer entsprechenden Landkarte. «Du meinst auf der Corviglia?»

«Nein, unterhalb des Piz Nair.»

Myrta scrollte nach oben. «Lej da la Pêsch?»

«Kann sein. Einfach dort, wo die Abfahrt vom Piz Nair endet und ein Sessellift hochfährt.»

«Ja, das sehe ich, müsste in der Nähe von jenem Ort sein, an dem man dich gefunden hat. Was ist dann passiert?»

«Was soll schon passiert sein?»

«Joël, du wärst schier gestorben da oben, das ist passiert.»

«Ach, das weisst du ja …»

«Nein, ich weiss, was der Polizist sagt. Du hast gesoffen, hast die Bahn verpasst, hast einen in die Fresse gekriegt, bist dann den Hang hochgelaufen, hast noch das Bein irgendwie verstaucht und wärst später fast erfroren. So war es also?»

Joël antwortete nicht.

«Ich warte, Joël. Wie war es wirklich?»

Joël zögerte: «Das bleibt aber unter uns, klar?»

«Ja.»

Seine Schilderung über die dramatischen Ereignisse auf dem Berg hörte an jener Stelle im Schnee auf, an der er nach seinem Sturz vom Sessellift eingeschlafen oder bewusstlos geworden war.

«Dann wurdest du also zufällig von Party-People entdeckt und gerettet», sagte Myrta, nachdem sie während Joëls Vortrag schon mehrmals «Oh mein Gott!» ausgerufen hatte. «Was für ein Glück du hattest!», fügte sie an.

«Jepp!»

«Und wo ist deine Kamera?»

«Weg! Die haben mir diese Idioten gestohlen. Da waren noch tolle Bilder von so einer italienischen Braut drauf!»

«Aha. Und warum sollen sie dir die Kamera gestohlen haben?»

«Weil sie dachten, sie würden Fotos von Battista darauf finden. Ich checke eh nicht, warum ein Bundesrat plötzlich solche Bluthunde an seiner Seite hat, das gab es noch nie.»

Myrta klärte Joël darüber auf, dass die Bodyguards eher wegen der Dame, Karolina Thea Fröhlicher, anwesend seien. Sie erklärte ihm auch gleich, wer diese junge, schwerreiche Dame war. Schliesslich fragte Myrta: «Warum haben sie dir denn das Handy gelassen?»

Joël schwieg. Sollte er ihr sagen, dass er bedroht wurde? Er war sich noch immer nicht sicher.

«Joël!»

«Ja, ja, ich bin noch da.»

«Also, das Handy?»

«Nichts …»

«Hör auf, ich weiss, dass da noch was ist, also raus mit der Sprache.»

Schliesslich erzählte Joël, die Täter hätten vergessen, ihm das Handy wegzunehmen, dass er aber mittlerweile Besuch bekommen habe und bedroht würde. «Aber das bleibt unter uns», betonte er zum Schluss erneut.

«Wir sollten Anzeige erstatten!»

«Vergiss es.»

«Warum?»

«Vergiss es. Ich will das Foto in der Zeitung und ein gutes Honorar dafür, und dann lassen wir die Sache gut sein. Alles andere gibt nur Ärger, zudem weiss ich nicht, wie die Kerle reagieren würden.»

«Okay.»

«Myrta, du musst einfach wissen, diese Typen werden ziemlich böse sein, wenn das Bild erscheint. Ich meine, die haben gedroht, nicht nur mich, sondern auch andere …»

«Keine Sorge. Abwarten.»

«Wie viel bezahlst du mir?», wollte Joël wissen.

«Abwarten.»

«Und erwähne bloss nie und nirgends meinen Namen.»

«Abgemacht.»

«Ich vertraue dir, Myrta. Ich vertraue dir wirklich!»

«Ich dir.»

«Kannst du.»

«Sicher?»

«Natürlich. Die andere Geschichte ist Schnee von gestern. Dumm gelaufen, okay?»

«Du hast mir saufende Fussballer verkauft und der Fotochefin erzählt, du hättest die Bilder mit dem Einverständnis des Clubs gemacht. Kress ist jetzt noch sauer auf dich.»

«Dein dämlicher Unterhund soll sich nicht so aufspielen. Die Story war gar nicht so schlecht, oder?»

«Vergiss es, Joël. Noch so ein Ding, und ich bin weg vom Fenster.»

CORVIGLIA, ST MORITZ

Jachen Gianolas Gäste speisten im exklusiven Bergrestaurant. Da die Damen heute keine grosse Freude am Skifahren gezeigt hatten, ging Jachen davon aus, dass das Essen mehrere Stunden dauern würde. Darauf hatte er keine Lust. Er holte sich sein Mittagessen im Selbstbedienungsrestaurant und setzte sich an den Skilehrertisch. Das aufgeregte Gequatsche seiner jungen Kolleginnen und Kollegen langweilte ihn aber. Er beschloss, ins Zelt hinauszugehen und sich dort ein Bier zu genehmigen.

Vorher rief er seinen Freund Karl Strimer an und erkundigte sich nach dem Zustand des auf der Lej da la Pêsch geretteten Skifahrers. Der Polizist erzählte ihm, der Typ habe wirklich Glück gehabt und werde wohl wieder gesund.

Jachen Gianola war froh.

Als Karl sich erkundigte, warum er an diesem Fall so interessiert sei, gab er zur Antwort, sein Gast, der Bundesrat, habe ihn danach gefragt.

REDAKTION «SCHWEIZER PRESSE», ZÜRICH-WOLLISHOFEN

Um 17 Uhr traf sich die Führungscrew der «Schweizer Presse» mit den zwei Reportern zur Besprechung. Fotochefin Gabriela von Stetten zeigte einige Fotos von Karolina Thea Fröhlicher. Viele waren es nicht. Und auf den meisten trug sie einen Reithelm. Trotzdem war eindeutig, dass sie es war, die Joël zusammen mit Luis Battista ertappt hatte.

Anschliessend berichteten die beiden Reporter, sie hätten auf die Schnelle keine Verbindungen zwischen der Familie Battista und der Familie Fröhlicher gefunden. Einzig bei der Verlegung des Hauptsitzes des Parlinder-Konzerns von Deutschland in die Schweiz tauche der Name Luis Battista auf. Das war vor sechs Jahren. Luis Battista sass damals noch im Parlament, war Mitglied der Wirtschaftskommission und hatte den Umzug in einem Interview begrüsst.

«Was wissen wir über die Parlinder AG?», fragte Myrta.

«Das ist ein riesiger, etwas unübersichtlicher Konzern», erklärte Nachrichtenreporterin Elena Ritz. «Seit sechs Jahren in Liestal ansässig …»

«Deshalb Battistas Freude», unterbrach der stellvertretende Chefredakteur Michael Kress. «Der ist doch Baselbieter. Parlinder und Fröhlicher sind sicher tolle Steuerzahler.»

«Fröhlicher selbst hat seinen Wohnsitz in Riehen, Kanton Basel-Stadt», fuhr Elena Ritz fort. «Über ihn ist wenig Privates zu finden. Er taucht nur im Zusammenhang mit seiner Firma auf. Und selbst da sehr selten. Parlinder ist ein Firmenkonglomerat aus allen möglichen Branchen. Gegründet 1906 von Gerhard Parlinder in Oberösterreich als Müllereibetrieb, später Ausbau zur Lebensmittelhandlung, nach dem Krieg Beginn der Zusammenarbeit mit dem deutschen Kaufmann und Handelsvertreter Gustav Fröhlicher senior. In den 50er-Jahren Übernahme durch Fröhlicher, Schliessung sämtlicher Läden, Konzentration auf die Lebensmittelproduktion und den Grosshandel. Seit 1979 wird die Firma von Gustav Fröhlicher junior geleitet, der sich offiziell Gustav Ewald Fröhlicher nennt.» Elena betonte den zweiten Vornamen. «Er hat den Rohstoffhandel stark erweitert, die Abteilung Lebensmitteltechnologie und -chemie geschaffen und auch diverse chemische Unternehmen übernommen. Heute ist die Firma auf der ganzen Welt tätig, sie geriet immer wieder in die Schlagzeilen der Wirtschaftsmedien wegen des Verdachts auf unerlaubte Absprachen und Schmiergeldzahlungen, allerdings konnte ihr nie etwas nachgewiesen werden. Der Firma scheint es gut zu gehen.»

«Danke», antwortete Myrta.

«Also, was machen wir?», fragte Michael Kress und fügte gleich hinzu: «Wenn dein Joël uns wieder verarscht und das Bild nicht echt ist, sondern im Photoshop zusammengeklickt, sind wir am Ende. Einen solchen Prozess können wir nie bezahlen. Wir müssen uns absichern. Wir sollten das mit dem Verleger besprechen.»

«Wir sollten vor allem einige Heftchen mehr verkaufen, sonst werden wir alle bald gar nichts mehr bezahlen, weil wir keinen Lohn mehr erhalten. Also, schreibt die Geschichte. Und knallt das Bild auf die Titelseite!»

«Und mit welcher Schlagzeile?», fragte Kress.

Myrta überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie: «Erwischt, Ausrufezeichen. Bundesrat Battista am Fremdflirten.»

LABOBALE, ALLSCHWIL, BASELLAND

Er verdiente zwar viel Geld, doch sein Name würde niemals an einer Universität erwähnt werden. Das hatte sich Phil Mertens zu Beginn seiner Karriere anders erhofft. Heimlich hatte er vom «Mertens-Prinzip» geträumt, das einmal den nächsten Generationen von Wissenschaftlern vermittelt würde. Tatsächlich hatten er und sein Team wohl eine spektakuläre Arbeit zustande gebracht. Aber die Welt würde nie erfahren, welches Genie dahinter steckte. Gut, er wusste, das mit dem Genie war vielleicht ein bisschen übertrieben, die Konkurrenz war auch nicht doof, aber trotzdem, ein bisschen Ruhm und Ehre hätten ihm schon gefallen.

Eine halbe Million Schweizer Franken Jahresgehalt brutto, steueroptimiert verwaltet, wie die Firma stets versicherte, mit Weissgeld-Garantie. Zusätzlich je nach Geschäftsgang bis zu einer halben Million Bonifikation in Form von Wertpapieren aller Art, ebenso garantiert lupenrein sauber. Plus ein Haus, ein Auto und alle Reisekosten, egal ob geschäftlich oder privat. Nicht schlecht in Zeiten wirtschaftlicher Depression und grassierender Finanzkrise.

Als Phil Mertens realisierte, dass er philosophierte und sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren konnte, beschloss er, Feierabend zu machen. Es war bereits kurz vor 21 Uhr. Er wollte gerade den Rechner hinunterfahren, sah aber das Fenster auf dem Computerschirm blinken, in dem die Meldung angezeigt wurde, dass sich seine Chefin Mette Gudbrandsen im Hochsicherheitslabor im U4 aufhielt.

Als er unten ankam und sämtlichen elektronischen SecuritySchnickschnack hinter sich hatte, rief er: «Na, Mette, immer noch am Arbeiten?»

«Hey, Phil, du auch?», antworte sie ganz ruhig, sie schien keineswegs von seinem Besuch überrascht zu sein.

«Ich mache Schluss», sagte Phil. «Kann ich dir helfen? Suchst du etwas?»

Natürlich war Mette die Chefin, aber das Labor war Phils Reich. Es interessierte ihn schon, was sie hier trieb.

«Nein, ich wollte bloss wieder einmal Labor-Luft schnuppern, diesen typischen Geruch von Essigsäure und Desinfektionsmittel! Schade, dass ich heute fast nur noch im Büro sitze.» Sie schaute durch die dicken Glasscheiben ins Heiligtum des Labors hinein, dort, wo all das, was sie am Computer berechnete, Wirklichkeit wurde. Jene Zone war nur mit komplettem Schutzanzug und durch Schleusen erreichbar. «Hier passiert doch der spannendste Teil der Arbeit», sinnierte Mette.

Phil glaubte ihr kein Wort, sagte aber: «Das geht uns doch allen so. Wirst du sentimental?»

«Nein, nein, natürlich nicht», antwortete Mette sofort. «Aber wenn ich schon unseren, oder besser gesagt deinen Grosserfolg als Vorgesetzte verantworten darf, möchte ich dieses Gefühl hoher Wissenschaft wieder in mir aufleben lassen.»

«Oh, ich verstehe …»

Mette lehnte sich an den Labortisch und verschränkte die Arme. Dadurch wurde ihr Busen etwas angehoben und erschien jetzt ein gutes Stück grösser. Sie griff sich an den Kopf, zog den Gummi von ihrem strengen, kurzen Pferdeschwanz, warf die halblangen, blonden Haare in den Nacken und lächelte Phil an. «Wie war dein Weihnachtsfest?»

Phil wandte den Blick sofort ab, drehte sich um und tat so, als putzte er im Schüttstein einen Fleck weg. Er spürte, wie Mette ihn anstarrte.

«Es war okay», sagte er und dachte: Wie idiotisch ist das alles? Mette ist doch eine nette Frau, eine interessante Kollegin, warum sollte sie ein falsches Spiel mit mir treiben? Warum können wir nicht normal miteinander umgehen? Warum dieses Misstrauen?

«Wünschst du dir manchmal nicht auch, Phil, wir könnten nochmals Studenten sein?», fragte sie.

«Also doch sentimental», stellte Phil fest und fügte gleich hinzu. «Bei dir ist es ja noch nicht so lange her, Mette, schliesslich bist du einiges jünger als ich.»

«Tja, zwölf Jahre …»

Phil erwartete, dass sie noch etwas anfügte. Die Pause machte ihn nervös, also sagte er rasch: «Lass uns gehen!»

Im Lift sprachen sie kein Wort. Phil achtete darauf, dass er so weit wie möglich von ihr entfernt stand und sie nicht anschaute. Wie das Labor war auch der Fahrstuhl videoüberwacht – trotzdem wollte Phil auf Nummer sicher gehen. Er war schliesslich ein Mann und sie eine Frau, langbeinig, blond, sexy. Die geringste Zweideutigkeit seinerseits könnte seine Karriere zerstören.

Legt sie es darauf an?, fragte er sich. Und wenn ja, warum? Ich werde langsam paranoid.

Um 21.36 Uhr rollte er in seinem Volvo XC90 aus der Tiefgarage der Firma. Er fuhr einige Meter bis zum Tankstellen-Shop Coop Pronto. Dieser liegt direkt vor dem Biotechnologie-Unternehmen Actelion, das mit seinem verschachtelten Bau eine architektonische Sehenswürdigkeit der gesamten Region geschaffen hat. Phil bestaunte es immer wieder. Das Gebäude mit seinen übereinander gestapelten Stahlträgern konkurrenziert locker den ebenso eigensinnigen «Campus des Wissens» des Pharmakonzerns Novartis und auch sämtliche Bauten des zweiten Basler Pharma-Riesen Roche. Dagegen war der Betonklotz von Labobale äusserst schlicht. Im Gegensatz zu den Grossen der Branche galt bei Labobale der Grundsatz: Bloss nicht auffallen. Trotzdem wäre es schön, in einem attraktiveren Gebäude zu arbeiten, dachte Phil. Ein blödsinniger Gedanke, sagte er sich sofort, denn wo er in Zukunft weiterforschen würde, hing stark von seinem Virus BV18m92 ab.

Phil kaufte sich im Shop eine Flasche Charles-Bertin-Champagner und einen kleinen Blumenstrauss. Ein bisschen Feiern mit seiner Frau dürfe er schon, fand er. Er würde Mary von einem kleinen Erfolg erzählen, mehr nicht.

Nach dem Einkauf schrieb er auf seinem privaten Smartphone, einem Samsung, eine SMS an sie und kündigte sich für die nächste halbe Stunde an. Er startete den Motor und fuhr langsam an.

Plötzlich stoppte er und griff erneut zu seinem Samsung. Er wählte die Twitter-App, meldete sich unter seinem Nickname @ spooky77 an und tippte: «Endlich Feierabend, cheers!» Er klickte auf «send» und liess diese belanglose Mitteilung via Internet in die Welt hinaus.

Dann fuhr Phil los. Links Richtung Bachgraben, Luzernerring, in den Tunnel auf die Autobahn, auf der doppelstöckigen Brücke über den Rhein. Das Radio spielte Chris Rea, «Driving home for Christmas». Phil drehte das Radio auf. Er liebte diesen Song.

Ein Blick auf sein Handy. Es zeigte eine Antwort auf seinen Tweet. @deroberti schrieb zurück: «cheers!»

Phils Information war angekommen. Er lächelte, liess seine Finger im Rhythmus der Musik auf dem Lenkrad tanzen, kalt lief es ihm den Rücken hinunter.

Ruhm und Ehre wollte er, bekam er aber nicht. Dafür hatte er Geld. Und Macht.

Das fühlte sich geil an.

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