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karo
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Peter Rieprich
Treffpunkt Mitte
Kriminalroman
edition
karo Berlin 2012
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet unter www.dnb.d-nb.de abrufbar.
Peter Rieprich, TREFFPUNKT MITTE, Kriminalroman
1. Auflage 2012
© edition karo
im Verlag Josefine Rosalski, Berlin
www.edition-karo.de, alle Rechte vorbehalten
Umschlagfoto„Invalidenfriedhof Berlin Mitte“: © Peter Rieprich
Umschlaggestaltung: Katharina Joanowitsch, Hamburg
Druck und Verarbeitung:
Verlagsservice Niederland GmbH, Mörfelden/Walldorf
ISBN 9783937881874
PETER RIEPRICH, geboren 1954 in Geesthacht bei Hamburg, studierte Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in Hamburg. Er war als Marktforscher, Werbegrafiker und Comic-Zeichner tätig, sowie auch in der bildenden Kunst: Fotografie, Siebdruck, Digital-Art. Rieprich publiziert regelmäßig Reisereportagen in Zeitschriften, Tageszeitungen und Internetportalen sowie Kurzgeschichten. 2007 veröffentlichte er einen satirischen Politthriller: Meier. Ein deutscher Geheimagent, und 2009 zusammen mit Norbert Kleemann den Kriminalroman Sieben Tage Neukölln. Peter Rieprich lebt in Berlin und Alicante/Spanien.
INHALT
Cover
Titel
Copyright
Akquisition
Angebot
Nachfrage
Vertrieb
Bilanz
Gewinn und Verlust
AKQUISITION
Nichts hasste er so sehr wie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Insbesondere sein Vater hatte die unnachahmliche Fähigkeit gehabt, ihn spüren zu lassen, dass er ihn für einen Versager hielt – natürlich ohne es auszusprechen. Seine Schwester machte kaum einen Hehl daraus, dass sie, das technische Genie der Familie, der eigentliche Erfolgsgarant der väterlichen Firma sei, und er als kaufmännischer Leiter lediglich für Misserfolge und Schwierigkeiten verantwortlich. Nun begegnete ihm diese Missachtung auch hier im Wirtschaftsministerium. Ließ man ihn doch schon eine geschlagene Viertelstunde auf dem Gang sitzen. Nun gut, der Sessel war bequem und eine Auswahl in- und ausländischer Wirtschaftspresse auf dem kleinen Tisch hätte möglicherweise eine gewisse Unterhaltung geboten, aber nicht einmal einen Kaffee oder ein Mineralwasser bot man ihm an, geschweige denn eine Erklärung oder gar Entschuldigung für die endlose Warterei. Er selbst hingegen hatte keine Mühen gescheut, hatte sich in den ungewohnten dreiteiligen Nadelstreifenanzug gezwängt – normalerweise liebte er es leger – und sich sogar ein Strafmandat beim Überfahren einer roten Ampel eingefangen, um nur ja pünktlich zum vereinbarten Termin zu erscheinen. Und nun behandelte man ihn hier wie einen lästigen Bittsteller.
Nach weiteren fünf Minuten erschien eine Sekretärin, recht erfreulich anzuschauen, aber mit einem blasierten und verächtlichen Gesichtsausdruck, für den auch die beste Schauspielerin lange hätte üben müssen
»Herr Lindemann? Herr Doktor Bruchhagen erwartet Sie jetzt.«
Kevin Lindemann folgte ihr durch das Sekretariat und betrat den Arbeitsraum des Ministerialdirektors. Ein kleiner, dicklicher Mann mit einem aufgedunsenen, geröteten Gesicht, der seine spärlichen Haare mit Pomade über den kahlen Schädel verteilt hatte, erhob sich hinter einem imposanten Schreibtisch, reichte ihm die Hand, sodass sich Lindemann weit hinüberbeugen musste, um diese zu erreichen. Doktor Bruchhagen wies wortlos auf den Besucherstuhl, setzte sich und griff nach einer schmalen Akte. Er blätterte ein wenig darin, schüttelte gelegentlich den Kopf, blätterte einige Seiten weiter und schlug dann die Akte zu.
»Ehrlich gesagt, Herr Lindemann«, begann er das Gespräch, »kann ich beim besten Willen nicht verstehen, warum Sie um einen Termin gebeten haben. Die Sachlage ist doch recht eindeutig, Ihr Antrag auf Teilnahme an dieser Ausschreibung wurde mit aller Gewissenhaftigkeit geprüft und der abschlägige Bescheid juristisch einwandfrei begründet. Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen …«
»Da muss ich entschieden widersprechen!«, unterbrach Lindemann. Das war ja wohl die Höhe. Was bildete sich dieser aufgeblasene Bürokrat ein? Saß mit seinem dicken Arsch in einem bequemen Sessel, blätterte in dämlichen Akten herum, quatschte auf irgendwelchen Meetings und glaubte ernsthaft, etwas von Wirtschaft zu verstehen, war aber wohl kaum in der Lage, eine Pommesbude zu führen. »In verschiedenen Vorgesprächen haben mir mehrere Beamte Ihrer Abteilung eindeutig zu verstehen gegeben, dass unser Antrag wohlwollend bearbeitet wird und allerbeste Aussichten bestehen, dass wir an der Ausschreibung teilnehmen können – man ließ sogar durchblicken, dass wir reelle Chancen haben, diesen Exportauftrag auch zu bekommen. Erst daraufhin haben wir umfangreiche Investitionen vorgenommen, eine neue Produktionsstätte aus dem Boden gestampft, eine Vielzahl von hochqualifizierten Arbeitsplätzen geschaffen und erste Prototypen bis zur Serienreife entwickelt. Und nun heißt es plötzlich, war alles nur dummes Geschwätz, Antrag abgelehnt. Also, so geht das doch nun wirklich nicht!«
»Herr Lindemann, ich muss doch bitten. Sie tun ja geradezu so, als ob wir einfach, willkürlich, ohne jegliche Rechtsgrundlage entscheiden würden. Sehen Sie doch einfach einmal die Fakten: Sie wollen Drohnen, militärische Hochtechnologie, nach Saudi-Arabien liefern, an einen unserer wichtigsten Verbündeten im Nahen Osten und einem der wichtigsten Stabilitätsfaktoren in dieser unruhigen Region. Dabei sind diese Drohnen – ebenfalls recht freundlich ausgedrückt – technisch nicht unbedingt ausgereift. Da haben wir doch eine gesamtstaatliche Verantwortung. Ich sage nur Made in Germany. Und ebenso eine Verantwortung gegenüber unseren Verbündeten und Partnern. So konnten wir doch gar nicht anders, als Ihren Antrag ablehnen.«
»Lieber Herr Doktor Bruchhagen, da verdrehen Sie doch ein wenig die Tatsachen. Die Behauptung, dass unser neuestes Model, die LXP 37, technisch nicht ausgereift sei, entbehrt jeder Grundlage. Bei der letzten Erprobung auf unserem Testgelände, in Anwesenheit verschiedener Militärexperten, haben wir die Einsatzfähigkeit sowohl des Aufklärungsmodells als auch der bewaffneten Variante unter äußerst realistischen Bedingungen demonstriert. Den eingereichten Unterlagen können Sie außerdem die beeindruckenden technischen Daten unseres Modells entnehmen. Zudem ist unsere Drohne mit einer Länge von gerade einmal dreieinhalb Metern deutlich kleiner und damit wendiger als alle vergleichbaren Modelle – und außerdem wesentlich preisgünstiger. Deshalb wäre es wohl das Mindeste, dass unsere Firma die Möglichkeit einer Präsentation erhält und wir die Überlegenheit unserer Entwicklung gegenüber den Modellen der Konkurrenz demonstrieren können.«
Der Ministerialdirektor schüttelte betrübt den Kopf, schaute Lindemann über seine Lesebrille an, griff zu der vor ihm liegenden Akte und schlug die erste Seite auf.
»Dann also mal Klartext, Herr Lindemann. Ihre Firma, die Lindemann KG, ist seit nahezu dreißig Jahren sehr erfolgreich auf dem Gebiet der Entwicklung und Produktion von Modellflugzeugen. Das ist gut, das ist erfreulich, das ist nützlich für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Weniger erfreulich ist allerdings, dass Sie sich jetzt auf ein völlig anderes Gebiet, die Entwicklung und Herstellung von Drohnen für militärische Zwecke, vorwagen. Dafür haben Sie einen ehemaligen russischen Militärflughafen in Brandenburg gepachtet. Dort basteln einige Hilfskräfte aus Ihrem – zugegebenermaßen eindrucksvollen – Modellflugzeug LM 12 eine Drohne, indem sie dieses Modell mit einer Amateurkamera ausstatten beziehungsweise bessere Silvesterraketen unter die Flügel hängen. Und jetzt sollen wir Ihrem Projekt sozusagen die amtlichen Weihen geben, in dem wir den Export genehmigen. Da machen wir nicht mit.«
Unglaublich, wie dieser Sesselfurzer die Tatsachen verdrehte. Im Prinzip war doch jede Drohne nichts anderes als ein etwas größeres Modellflugzeug, wobei die Spitzenmodelle der Lindemann KG auch schon mit beeindruckenden Abmessungen und Flugeigenschaften aufwarten konnten. Der Prototyp der Drohne, den seine Schwester Celine in der Tat auf Basis des LM 12 konstruiert hatte, brauchte den Vergleich mit Modellen anderer Hersteller keineswegs scheuen. Gewiss gab es noch kleinere Probleme sowohl mit der Aufklärungselektronik als auch mit der Bewaffnung. Ebenso hatten sie bei der erwähnten Vorführung der Drohne etwas schauspielern müssen, special effects sozusagen. Solche Banalitäten gaben diesem Doktor Bruchhagen aber keinesfalls das Recht, so blasiert daherzureden.
»Da sind Sie wohl etwas falsch informiert, Herr Bruchhagen, und auch nicht auf dem neuesten Stand der Dinge. Wir haben unsere Prototypen in den letzten Wochen wesentlich weiterentwickelt – und wie man so hört, gibt es bei der Konkurrenz ja auch das eine oder andere Problem.«
Der Ministerialdirektor wirkte erstaunt. Treffer, dachte Lindemann, da waren die Ingenieure der German Defence Technology also auch noch nicht allzu weit mit der Entwicklung ihrer Drohne. Natürlich hatte er nichts dergleichen gehört, auch keinerlei Kontakte in dieser Branche. Es war einfach ein Schuss ins Blaue – aber bei jeder Neuentwicklung tauchten ja unweigerlich irgendwelche Schwierigkeiten auf.
Doktor Bruchhagen schüttelte den Kopf und klappte die Akte zu.
»Ich fürchte, da gibt es nichts vorzuführen und auch nichts zu diskutieren, Herr Lindemann. Unsere Entscheidung ist endgültig. Bauen Sie doch weiter ihre schönen Flugzeugmodelle, davon verstehen Sie etwas, dort sind Sie Marktführer.«
Wenn das so einfach wäre, dachte Lindemann. Leider war der Absatz von Modellflugzeugen in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen, billigere Produkte aus Asien überschwemmten den Markt. Die Lindemann KG hatte im letzten Jahr zum ersten Mal in der Firmengeschichte erhebliche Verluste eingefahren. Daraufhin hatte er die Idee mit den Drohnen entwickelt, dort einen erheblichen Teil des Familienkapitals investiert. Außerdem liefen einige seiner privaten Finanzmarkttransaktionen leider auch nicht wie gewünscht. Dieser Drohnenauftrag musste her, koste es, was es wolle.
»So nicht, Bruchhagen, nicht mit mir«, Lindemann wurde jetzt etwas lauter, »wir hatten eindeutige Zusagen von Ihnen, Sie schwätzen dauernd daher, von Hochtechnologie- und Mittelstandsförderung und wenn es ernst wird, speisen Sie den Mittelstand mit hohlen Phrasen ab. Großbanken und Konzernen stecken Sie es vorne und hinten rein, aber …«
»Die Herren vom VDDH sind jetzt hier, Herr Doktor Bruchhagen«, quäkte es aus der Sprechanlage.
Bruchhagen drückte eine Knopf am Telefon und antwortete: »Schicken Sie die Herren herein.« Zu Kevin Lindemann gewandt sagte er: »Sie sehen ja, ich habe zu tun.«
»Nun gut, Bruchhagen,« brüllte Lindemann sein Gegenüber an, »wenn Sie es nicht nötig haben, ihrem wohldotierten Job nachzukommen, den übrigens wir Steuerzahler finanzieren, dann muss ich wohl andere Saiten aufziehen. Dann werde ich jetzt, also dann muss ich wohl …«
Der Ministerialdirektor schaute Lindemann über seine Lesebrille an, sein massiger Körper bebte, und er brach in schallendes Gelächter aus: »Sie … Sie wollen … Sie wollen mir drohen … Sie mir …?«
Kevin Lindemann griff nach seinem Aktenkoffer und lief mit hochrotem Kopf zur Tür, rempelte zwei erstaunt blickende Männer an, die gerade das Zimmer betreten wollten. Es waren wohl die Vertreter des VDDH, des Verbandes der deutschen Drohnenhersteller. Jene Lobbyorganisation, die der Lindemann KG die Mitgliedschaft verweigert hatte und somit – trotz des hochtrabenden Namens – weiterhin nur eine einzige Firma repräsentierte: die German Defence Technology. Lindemann stürzte an den beiden verdutzten Männern vorbei auf den Flur. Er stürzte die Treppe hinunter, lief an den Wachleuten vorbei, die ihm hinterherriefen »Ihren Besucherausweis, Sie müssen …« und rannte auf die Straße.
Verzweifelt blickte er sich um. Verdammt öde Gegend hier, ein großer, begrünter Platz, in der Mitte ein Becken mit einer dreieckigen, meterhohen Betonkonstruktion darin – wohl ein Denkmal
oder ein Kunstwerk –, von dem zwei Jugendliche spöttisch auf ihn herabblickten, aber nirgendwo eine Kneipe zu sehen. Er lief weiter, erblickte auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Café, sah durch die Scheibe schon die Flaschen der gut bestückten Bar. Er bestellte einen doppelten Cognac, stürzte ihn hinunter und bestellte gleich einen zweiten.
Es war ja wohl unglaublich, was dieser hergelaufene Ministerialdirektor sich erlaubte. Lebte auf Kosten der Steuerzahler, eigentlich also auf seine Kosten, wenn es ihm auch in der Regel gelang, seinen Steuersatz durch geschickte Abschreibungen gegen Null zu drücken, lebte dieser Typ also sein Schmarotzerdasein und glaubte dann auch noch, seine Forderungen ignorieren und sich sogar über ihn lustig machen zu können. Na, der würde Kevin Lindemann kennen lernen, jawohl, richtig kennen lernen würde ihn der. Denn eines war klar, wenn es nicht mit diesem Drohnengeschäft klappte, dann konnte er den Laden dicht machen. Die jüngste Finanzkrise hatte das Familienvermögen geradezu dahingerafft. Nun gut, vielleicht waren einige seiner Transaktionen etwas gewagt gewesen, aber wer nicht wagte, der konnte auch nicht gewinnen – und wenn er gewonnen hätte …
Er bestellte noch einen dritten Cognac.
ANGEBOT
I.
Schlaue oder tollkühne Pläne erscheinen anfangs gut, während man sie bei der Ausführung schwierig, beim Ausgang nachteilig findet, las er. Ein feines Lächeln durchzog das sonnengebräunte, faltige Gesicht. Der schmächtige Mann nickte, diese Aussage konnte er nur bestätigen, so hatte er es in seinem abwechslungsreichen Leben leider schon des Öfteren erlebt. Immer wieder wunderte er sich, dass so viele Menschen jahrhundertealte Erfahrungen ignorierten und dafür moderne Ratgeber lasen oder gar eine dieser unsäglichen Sendungen im Fernsehen anschauten, die angeblich umfassende Hilfe für alle Lebenslagen boten. Dabei war doch alles schon einmal gesagt oder besser aufgeschrieben worden, in diesem Fall vor mehr als fünfhundert Jahren von Niccolò Machiavelli.
Da gerade die Kellnerin einen Brotkorb und eine Aufschnittplatte brachte, legte er das schmale Büchlein neben seinen Geigenkasten auf den Korbstuhl und widmete sich dem Frühstück. Nachdem er zwei Brötchen mit Schinken und Käse vertilgt und den Orangensaft getrunken hatte – vom Rührei war auch nicht der kleinste Rest übrig geblieben –, streckte er sein faltiges Gesicht der Sonne entgegen. Es war ein wunderschöner Tag, lediglich die Temperaturen ließen noch etwas zu wünschen übrig. Daher wunderte er sich auch ein wenig, dass fast alle übrigen Gäste auf der Terrasse des Cafés am Engelsbecken doch recht leicht bekleidet waren, überwiegend kurzärmelig, teilweise sogar mit kurzen Hosen oder Röcken. Er selbst hatte seinen langen, schwarzen Mantel nicht ausgezogen und auch während des Frühstücks die dünnen, ebenfalls schwarzen Handschuhe anbehalten.
Der schmächtige Mann winkte der Kellnerin, bestellte noch einen Milchkaffee, nahm eine silberfarbene Blechschachtel aus dem Geigenkasten und steckte sich ein Zigarillo an. Glücklicherweise konnte er es sich leisten, heute, an einem Wochentag, vormittags um zehn Uhr in einem Café zu sitzen und in aller Ruhe zu frühstücken. Einer der Vorteile des freiberuflichen Arbeitens, dachte er, und einige andere Vorteile waren auch nicht zu verachten. Obwohl erst seit zwei Jahren in Berlin, hatte er sich doch schon eine recht passable Existenzgrundlage aufgebaut, die Geschäfte liefen nicht schlecht, die Kunden zahlten, nicht übermäßig pünktlich vielleicht, aber zumindest bezahlten sie. Eine feste Angestellte und mehrere freie Mitarbeiter hatte er schon einstellen können, die die laufenden Aufträge bearbeiteten und ihm selbst einige Freiräume schufen.
Aber trotz alledem war er mit seiner Arbeit nicht so recht zufrieden. Es lag wohl an der Art der Aufträge, so mutmaßte er, viel zu viel Routine und kaum jemals jene anspruchsvollen Aufgaben, bei denen seine umfangreichen Erfahrungen und speziellen Kenntnisse zum Tragen kamen. Er dachte an die Zeit, bevor er nach Berlin gekommen war, an die weltweiten Einsätze, die ausgeklügelten Operationen, die er geplant hatte, die vielen Untergebenen, die er dirigiert hatte, und die Gegner, die er – zumindest in vielen Fällen – in die Knie gezwungen hatte.
Nachdem er auch den zweiten Kaffee ausgetrunken hatte, winkte er der Kellnerin, zahlte inklusive einem kleinen Trinkgeld, verstaute das Buch in seinem Geigenkasten und verließ das Café. Er wandte sich zur Treppe, die hinauf zum Michaeliskirchplatz führte. In diesem Augenblick nahm er hinter dem Schilf am Engelsbecken ein Aufblitzen wahr. Zwischen den Schilfrohren flatterten einige Vögel auf. Er blieb stehen, tat so, als ob er diesen nachblickte und schaute sich dabei unauffällig um. Tatsächlich hockte doch da ein Mann im Laubengang hinter dem Schilf und visierte ihn mit einem Teleobjektiv an. Ein kahlgeschorener Schädel glänzte in der Sonne, und zwischen dem Schilf konnte er erkennen, dass der Mann mit einer braunen Lederjacke bekleidet war. Dieser Bursche verfolgte ihn. Schon gestern und auch vorgestern war der junge Mann ihm gelegentlich aufgefallen. Zwei oder dreimal hätte es vielleicht noch Zufall sein können. Aber so häufig? Nicht dass ihn diese Beschattung etwa ängstigte, weiß Gott nicht. Er war schon so häufig in seinem über fünfzigjährigen Leben überwacht und verfolgt worden, dass ihn dieser Knabe nicht im Geringsten beunruhigte. So dilettantisch, wie der sich anstellte, war dazu auch keinerlei Anlass gegeben. Da waren doch schon ganz andere Kaliber hinter ihm her gewesen. Interessieren würde es ihn allerdings schon, warum und in wessen Auftrag der Verfolger hinter ihm her war. Nichts einfacher als das, dachte er, er würde diesen Menschen einfach freundlich bitten, ihm mitzuteilen, wer sein Auftraggeber war und was dieser von ihm wollte.
Er nahm nicht den direkten Weg in sein Büro in der Brückenstraße, sondern wandte sich nach rechts, lief an der Kirche vorbei, durch die kleine Ansammlung von renovierten Plattenbauten. Er selbst bewohnte in einem dieser Häuser eine Zwei-Zimmer-Wohnung und wunderte sich, warum die meisten Deutschen so geringschätzig über diese Bauweise redeten. Er fühlte sich hier sehr wohl, musste keinerlei Kontakt mit den Nachbarn pflegen, und niemand kümmerte sich darum, welchen Namen er am Klingelschild und Briefkasten angab. In seiner Heimat Tadschikistan würden solche Wohnungen als der reinste Luxus gelten.
Mittlerweile hatte er die Köpenicker Straße erreicht. Der Kahlköpfige folgte ihm in weitem Abstand. Der schmächtige Mann
überlegte kurz. Das verlassene Bürogebäude gegenüber schien ihm geeignet für sein Vorhaben. Er lief über die Straße, ging durch die Einfahrt, vorbei an den mit Graffiti verzierten Wänden des vierstöckigen Baus, betrat an der Rückseite das erste Treppenhaus, dessen Tür nicht verschlossen war und drückte sich in die Nische neben der Tür. Er legte den Geigenkasten auf den Boden. Vorsichtig spähte er durch das kleine Türfenster.
Der junge Mann stand auf dem Hof, blickte sich um, schaute die Fassaden hoch und näherte sich dann dem Eingang. Als er vor der Tür stand und durch das Fenster spähte, riss der Mann im schwarzen Mantel mit der einen Hand die Tür auf und zog mit der anderen die Garotte aus der Manteltasche. Der dünne Draht wirbelte durch die Luft und legte sich um den Hals seines Beschatters. Blitzschnell zog der schmächtige Mann die Schlinge zu und zog seinen Verfolger ins Treppenhaus. Ein schneller Tritt in dessen Kniekehlen und er konnte den glattrasierten Schädel von oben betrachten.
Er beugte sich zu ihm hinunter.
»Junger Mann, warum laufen Sie mir seit Tagen hinterher?«
Als Antwort erhielt er nur ein beängstigendes Röcheln. Er lockerte die Schlinge etwas und wiederholte seine Frage.
»Hil … Hilm … Hilmar … Sch … Schulz. Bitte lassen …«
Er zog die Garotte wieder etwas fester zu.
»So Hilmar Schulz. Und, Herr Schulz, worauf beruht ihr Interesse an meiner Person?«
Wieder ertönte nur ein unartikuliertes Gestammel aus dem Mund des Mannes. Erneut lockerte er die Schlinge ein wenig.
»Presse. Ich bin … von einer Presse…agentur. Wirklich … hab Ausweis …«
»Dann sollte der Herr Schulz jetzt einmal vorsichtig in seine Jackentasche greifen und diesen Presseausweis hervorholen.«
Mit zitternden Fingern griff der junge Mann in die Tasche seiner Lederjacke, holte eine abgegriffene Brieftasche heraus, klappte diese auf und streckte den Arm nach oben. In einem Sichtfenster steckte in der Tat ein Presseausweis auf den Namen Hilmar Schulz.
Ob der Ausweis echt war? Er hatte schon so viele gefälschte Pässe und Ausweise gesehen und auch selbst benutzt, dass ihm natürlich klar war, das nichts einfacher war, als einen Presseausweis zu fälschen. Allerdings ließen ihn die Kamera und vor allem das unprofessionelle Vorgehen von Hilmar Schulz vermuten, dass dieser wirklich ein Medienvertreter war.
»Und was interessiert die Presse an meiner bescheidenen Person?«
Bei diesen Worten zog er die Schlinge fester, um sie sogleich wieder etwas zu lockerern, damit der junge Mann antworten konnte.
»Meine Chefin … mich beauftragt … Nachforschungen … Sie … Nicolesci …«
Handelte es sich also nicht um eine Verwechselung, der Bursche war auf ihn angesetzt, lautete doch der Name in seinem derzeit benutzen Ausweisdokument in der Tat Alexandru Nicolesci.
»Und wer ist, bitteschön, Ihre Chefin?«
»Dagmar … von … Mahl…zahn … Agentur … Real … life …«
»Warum interessiert sich Ihre Chefin für meine Wenigkeit?«
»Ich … weiß … nicht!«
Sofort zog er die Schlinge wieder fester zu.
»… wirk…lich … nicht!«
Noch ein wenig fester.
»Niiiiicht … mor…gen …«
»Was ist Morgen? Was?«
Nur verständnisloses Röcheln. Er lockerte die Schlinge etwas.
»Morgen … Vormittag … Chefin … Sie … im Büro … auf…suchen …«
Alexandru Nicolesci überlegte kurz. Mehr würde er aus diesem Hilmar Schulz wohl nicht herausbekommen. Er ließ die Garotte los und versetzte dem jungen Mann einen heftigen Schlag hinter das rechte Ohr, worauf dieser auf den Steinfußboden stürzte. Er steckte die Garotte wieder in die Manteltasche und packte Brieftasche und Kamera in seinen Geigenkasten. Er schaute durch das Türfenster – niemand war zu sehen –, betrat den Hof und ging wieder zurück auf die Straße.
Er lief bis zur Heinrich-Heine-Straße und bog hinter der U-Bahn-Station in die Brückenstraße. Kurz hinter der Kreuzung betrat er einen breiten Gang, der zu einem vierstöckigen Rotklinkerbau auf dem Hinterhof führte. In dem Hof waren Dutzende Fahrräder abgestellt, die teilweise den jungen Leuten gehörten, die hier ihrem Job als Webdesigner, Locationscout oder Programmierer nachgingen, zum anderen wohl den Kunden des Fahrradladens, der neben einem Tattoo-Studio im Erdgeschoss seine Dienste anbot. Nicolesci betrat das Haus, stieg eine Treppe hinauf und öffnete die Eisentür, neben der ein Messingschild verkündete, dass hier das Sicherheitsbureau Berlin seinen Sitz hatte.
»Guten Morgen, Herr Nicolesci«, begrüßte ihn eine etwa dreißigjährige Frau mit kurzgeschnittenen, blonden Haaren, die mit einem dunkelblauen, eng anliegenden Kostüm und weißer Bluse bekleidet war. Sie saß hinter einem Schreibtisch, wie er vor etwa einem halben Jahrhundert deutsche Amtsstuben geziert haben mochte. Auch die mechanische Schreibmaschine, auf der sie gerade einen Brief tippte, und das schwarze Telefon mit Wählscheibe mochten aus dieser Zeit stammen. Die weitere Ausstattung des Büros stammte ebenfalls aus längst vergangenen Zeiten. Der Nierentisch und die drei dazu passenden Sessel, die Regale an der Wand, mit altertümlichen Aktenordnern vollgestellt oder etwa der Michelin-Kalender aus dem Jahre 1986. Lediglich der Wasserspender neben der Tür war neueren Datums.
»Gibt es irgendetwas Dringendes, Frau Schaller?«
»Nee, Entschuldigung, nein Chef. Lediglich Müller hat angerufen, dass die Zielperson nach Magdeburg fährt, und er dran ist.«
»Sehr gut, gute Arbeit. Falls er nochmals anruft, sagen Sie ihm, er soll den Gengenbach keinesfalls aus den Augen lassen, egal wohin er fährt. Sie könnten dann bitte einmal alles über eine Presseagentur RealLife herauskriegen und über deren Chefin Dagmar von Mahlzahn. Bis morgen. Ach so, und notieren Sie noch einen Termin. Morgen Vormittag wird uns diese Frau von Mahlzahn aufsuchen.«
Nicolesci ging in den schmalen Flur, von dem drei Türen abgingen, öffnete die erste und betrat sein Büro. Dieses wirkte ebenso wie das Empfangszimmer wie aus längst vergangenen Tagen, eher noch etwas antiquierter. Ein schwerer Eichenholzschreibtisch, dahinter ein Sessel, rundherum Regale, in denen allerdings keine Akten aufgereiht waren, sondern unzählige Bücher, zumeist in dicken Ledereinbänden, nur gelegentlich einige Taschenbücher dazwischen. Der moderne Stahlschrank hinter dem Schreibtisch wirkte wie ein Fremdkörper.
Nicolesci setzte sich in den Sessel und streckte die Beine unter den Schreibtisch. Ilona Schaller würde in kürzester Zeit alles, was über diese Presseagentur herauszufinden war, auch herausbekommen. Denn neben dem Umgang mit der antiquierten Schreibmaschine, beherrschte sie auch die Internetrecherche wie kaum jemand anderes, hatte durch ihre freundliche und einschmeichelnde Art vielfältige Kontakte und keinerlei Schwierigkeiten allerlei Informationen aus diesen Kontaktpersonen herauszuquetschen.
Einen echten Glücksgriff hatte er mit dieser Mitarbeiterin getan. Kennen gelernt hatte er sie durch einen seiner ersten Aufträge in Berlin. Er sollte herausfinden, warum immer wieder interne Informationen aus dem Polizeiapparat an die Medien durchsickerten. Nach kurzer Recherche war er auf die Kriminalhauptmeisterin Ilona Schaller gestoßen, die seinerzeit im Referat Organisierte Kriminalität tätig war. Drei beobachtete und durch Bild- und Tonmaterial dokumentierte Treffen mit Pressevertretern führten zur umgehenden Entlassung der jungen Hauptmeisterin aus dem Polizeidienst. Kurz darauf hatte er Ilona Schaller angesprochen und ihr eine Tätigkeit in seinem neugegründeten Sicherheitsbureau angeboten, den sie dankbar angenommen hatte. Sie hatte allerdings auch allen Grund zur Dankbarkeit, hatte er doch seinem damaligen Aufraggeber ein wesentliches Ergebnis seiner Ermittlungen verschwiegen. Neben den Informationen an die Medien hatte Ilona Schaller ihre Informationen – gegen ein deutlich höheres Honorar – ebenfalls an mehrere kriminelle Gruppierungen, hauptsächlich albanische und russische, verkauft.
Was Nicolesci allerdings niemals verstehen würde, war der Grund, warum Ilona Schaller auf diese kriminelle Bahn geraten war. Hatte sie doch das nicht geringe Entgelt, das sie von Medien und Kriminellen kassiert hatte, für modische Kleidung, Schmuck und andere Accessoires sowie Kosmetika und Beautyfarmen verplempert. Allerdings, so musste auch Nicolesci zugeben, förderte dies die äußerliche Wandlungsfähigkeit seiner Mitarbeiterin, die von der femme fatal bis zum biederen Hausmütterchen reichte, und die er schon bei einigen Aufträgen erfolgreich nutzen konnte.
II.
Am nächsten Vormittag betrat Nicolesci schon um neun Uhr sein Büro. Auf das gewohnte Frühstück am Engelsbecken hatte er verzichtet, was ihm heute nicht einmal schwerfiel, da es regnete und er auf der Terrasse nicht hätte sitzen können. Die Feuchtigkeit ließ ihn zudem seine alte Knieverletzung, ein Andenken aus Afghanistan, stärker spüren. Er war auf kürzestem Weg in die Brückenstraße gelaufen und hatte lediglich ein belegtes Brötchen und eine Tasse Kaffee beim Bäcker nebenan im Stehen verzehrt.
Ilona Schaller saß noch nicht an ihrem Platz – aus gutem Grund, wie er angesichts des Papierstapels auf seinem Schreibtisch feststellte. Sie hatte wohl bis Mitternacht recherchiert und telefoniert. Nicolesci überflog die Seiten, stockte an manchen Stellen, las intensiver. Ein eigenartiges Unternehmen, diese Firma RealLife. Nach eigener Aussage eine florierende Presseagentur, spezialisiert auf Berichte über Prominente oder solche, die es zu sein glaubten, eine Vielzahl freiberuflicher Mitarbeiter wurde aufgelistet, Rechercheure, Journalisten, Fotografen. Eigenartigerweise hatte Ilona Schaller aber nur wenige veröffentlichte Beiträge finden können, die unter dem Namen der Agentur erschienen waren. Möglicherweise recherchieren sie hauptsächlich, hatte seine Mitarbeiterin am Rand notiert, und die Beiträge werden von Mitarbeitern der jeweiligen Medien geschrieben. Das soll durchaus üblich in der Branche sein. Möglicherweise. Es könnte natürlich auch sein, dass sie in ihrer Eigenwerbung maßlos übertrieben haben, dachte Nicolesci, oder aber, dass die Agentur ihr Geld nicht mit den Artikeln verdient, die veröffentlicht werden, sondern mit denjenigen, die sie nicht publizieren. Gutbetuchte Prominente zahlten sicherlich häufig besser für unangenehme Informationen über sich selbst, ihre Geschäfte oder andere Machenschaften als Zeitung, Funk und Fernsehen.
Eine halbe Stunde später hörte er Ilona Schaller im Vorzimmer rumoren, kurz darauf klopfte sie an seine Tür und brachte ihm den morgendlichen Tee, ordentlich aufgebrüht, und stellte das Kännchen auf den Samowar neben seinem Schreibtisch. Sie schaute ihn fragend an.
»Hervorragende Arbeit«, lobte Nicolesci und wies auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch, »wenn die Dame kommt, bringen Sie sie gleich zu mir herein – und bitte das Knöpfchen nicht vergessen.« Sie nickte nur und verließ sein Büro.
Mit dem »Knöpfchen« war die bürointerne Bild- und Tonaufzeichnung gemeint, die er bei allen wichtigen Besprechungen mitlaufen ließ, um Aussagen seiner Besucher lückenlos zu dokumentieren. Außerdem schaute er sich diese Aufzeichnungen gelegentlich auch nachträglich noch einmal an, um den Tonfall oder die Mimik eines Gesprächspartners zu studieren.
Zwanzig Minuten nach zehn Uhr hörte er den Summer, kurz darauf die metallene Eingangstür scheppern, er vernahm zwei weibliche Stimmen, und schon klopfte es an seiner Tür.
Er rief »Herein« und Ilona Schaller führte eine etwa vierzigjährige Frau in sein Büro. Sie trug das Outfit erfolgreicher Geschäftsfrauen, einen schwarzen Hosenanzug, das Jackett locker geöffnet, eine hellblaue Bluse und eine Laptop-Tasche in der rechten Hand. Einen Knopf mehr hätte sie an ihrer Bluse schließen können, dachte Nicolesci, die hellblauen Spitzen des BHs, die aus dem Ausschnitt hervorblitzten, trübten den seriösen Eindruck ein wenig. Aber vielleicht gehörte dies ja zu den Gepflogenheiten in der Medienbranche. Die vielen Fältchen in dem braungebrannten, dezent geschminkten und von roten Locken umrahmten Gesicht ließen auf eine bewegte Vergangenheit schließen, die braunen Augen wanderten prüfend über die Regale und richteten sich dann direkt auf Nicolesci.
»Lieber Herr Nicolesci, es ist ja so erfreulich, dass wir uns endlich einmal persönlich kennen lernen«, sprudelte es zwischen den vollen Lippen hervor, »ich habe ja schon sooo viel von Ihnen gehört und freue mich …«
»Frau von Mahlzahn?«
»Oh, entschuldigen Sie vielmals, mein lieber Herr Nicolesci, da habe ich glatt vergessen, mich vorzustellen: Dagmar von Mahlzahn, Geschäftsführerin der Presseagentur RealLife. Das ›von‹ können Sie aber gerne weglassen und das Mahlzahn ebenfalls. Sagen Sie doch einfach Dagmar, dann redet es sich gleich viel besser. Sehen Sie, mein lieber Herr Nicolesci, oder darf ich auch Alexandru zu Ihnen sagen, deshalb sind wir doch zusammengekommen, um ein wenig zu reden. Ich hoffe, Sie nehmen mir den kleinen Zwischenfall gestern nicht übel. Also, ich konnte ja nun wirklich nichts dafür. Sie kennen das ja sicherlich auch, immer diese unfähigen Mitarbeiter, man gibt ihnen klare Anweisungen, und meine Anweisungen an Hilmar waren nun wirklich klar und eindeutig, was sage ich da, unmissverständlich waren meine …«
»Möchten Sie sich nicht erst einmal setzen, Frau von Mahlzahn?«, unterbrach Nicolesci und wies auf einen der Besucherstühle vor seinem Schreibtisch.
»Nichts lieber als das, mein lieber Alexandru, nichts lieber als das, da redet es sich doch gleich viel gemütlicher, und zum Reden sind wir ja auch …«
»Darf ich Ihnen ein Gläschen Tee kredenzen? Falls Sie aber Kaffee vorziehen oder etwas Stärkeres, ich hätte da einen hervorragenden Moskovskaya …«
»Einen Tee, einen Tee, Alexandru, das wäre jetzt genau das Richtige bei diesem Wetter. Ein entsetzliches Wetter, finden Sie nicht auch? Gerade für uns Presseleute, die wir doch immer auf Achse sind. Kaum jemand kann sich ja vorstellen, welche Probleme dieses Wetter uns bereitet. Stellen Sie sich nur einmal den Fotografen oder Kameramann vor, der bei solch einem Regen irgendwo draußen auf der Lauer … Aber was erzähle ich das Ihnen … Bei ihrem Beruf ist es doch nichts anderes, immer bei Wind und Wetter …«
Eigentlich eine aparte Person, überlegte Nicolesci, wenn sie bloß nicht so viel reden würde. Höflichkeit hin, Höflichkeit her, er unterbrach ihren Redeschwall.
»Meine liebe Frau von Mahlzahn, meine Zeit ist etwas begrenzt und die Ihre sicherlich auch. Vielleicht könnten wir dann einmal zur Sache …«
»Aber natürlich, Alexandru, eigentlich sind wir ja schon mittendrin. Kurz und knapp gesagt handelt es sich um Ihre Mitarbeit. Wie ich schon ausführte, handelt es sich bei meiner Agentur um ein Unternehmen, das auf Berichte über prominente Zeitgenossen spezialisiert ist. Nun ist bei uns ein gewisser personeller Engpass entstanden, eben auch krankheitsbedingt, die Frühjahrsgrippe bei diesem Wetter, und in solchen Fällen greifen wir gerne auf externe Spezialisten zurück. Da Sie mir als ein solcher Spezialist empfohlen worden sind, von mehreren Seiten empfohlen, wie ich betonen möchte … Also man hat Ihnen allerbeste Referenzen …«
So, so, dachte Alexandru Nicolesci, man hatte ihn empfohlen. Nun gut, er hatte in den beiden Jahren, seit er in Berlin tätig war, schon vielfältige Kontakte geknüpft, also hatte ihn möglicherweise einer seiner Kunden weiterempfohlen. Was ganz sicher aber nicht stimmte, waren die krankheitsbedingten Ausfälle. Seine Beschattung hatte vor drei Tagen begonnen, und bis zu dieser Zeit hatten nahezu sommerliche Temperaturen geherrscht.
»Vielleicht könnten Sie einmal etwas konkreter werden.«
Nicolescis schmale Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln.
»Aber natürlich, mein lieber Alexandru, werden wir konkret. Meine Zeit ist ja auch fürchterlich begrenzt, mindestens achtundvierzig Stunden müsste der Tag haben, um alle Dinge gewissenhaft zu erledigen. Erst gestern hatte ich schon morgens um sechs meinen ersten Termin, eine Homestory mit Tom Blancks, Sie wissen doch der Filmstar, der erst kürzlich in der überaus erfolgreichen Hollywood-Produktion die Hauptrolle gespielt hat. Sie haben den Film sicherlich auch gesehen, ein wahnsinniger Actionstreifen, es ging da um einen amerikanischen Agenten, der gegen die chinesischen …«
»Diesen Schauspieler soll ich jetzt also überwachen?« Nicolescis Lächeln wurde etwas ironischer.
»Aber doch nicht den Tommy, also der Tommy, der …«
»Frau von Mahlzahn, kommen Sie jetzt endlich zur Sache. In zehn Minuten habe ich einen dringenden Termin, und ich pflege meine Treffen pünktlich wahrzunehmen.«
Sie schaute Nicolesci beleidigt an und zog ein Blatt aus ihrer Tasche.
»Es handelt sich um einen gewissen Doktor Herbert Bruchhagen, Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium, weitere Details finden Sie hier«, sie legte die Seite, auf der nur wenige Sätze standen, vor Nicolesci auf den Schreibtisch, »uns interessiert alles über diesen Mann, besonders natürlich Schwächen jeglicher Art, Bestechlichkeit, sexuelle Abartigkeiten, Drogenabhängigkeit und Ähnliches. Soweit alles klar? Sie übernehmen den Job?«
Nicolesci schüttelte den Kopf, sein Pferdeschwanz flog hin und her.
»Ich werde Ihre ausführlichen Unterlagen studieren«, antwortete er, »und mir die Sache überlegen. Morgen komme ich um zehn Uhr in Ihr Büro und werde Ihnen meine Entscheidung mitteilen.«
»Aber das ist doch nicht nötig, wir können doch telefonieren. Sie erreichen mich Tag und Nacht auf meinen Handy.«
Sie gab Nicolesci eine Visitenkarte.
»Ich werde morgen um zehn Uhr bei Ihnen sein, solch wichtige Dinge bespricht man doch nicht am Telefon.«
»Da haben Sie natürlich auch wieder recht. Ich kann aber auch gerne zu Ihnen kommen. Ich habe sowieso hier in der Gegend zu tun. Morgen kommt nämlich der Hansi …«
Es klopfte an der Tür. Ilona Schaller öffnete und rief: »Herr Nicolesci, Ihr Termin mit Herrn Professor Ebenrath!«
»Sie sehen Frau von Mahlzahn, leider muss ich …«, sagte Nicolesci mit einem feinen Lächeln, »ich hätte ja noch gerne weiter … bis morgen um zehn Uhr in ihrem Büro.«
Die Agenturchefin erhob sich, reichte Nicolesci die Hand und verließ wortlos das Büro.
Nicolesci betrachtete interessiert ihr wohlgerundetes Hinterteil. Eigentlich eine feine Dame, wenn sie bloß nicht so viel … und es stellte sich die Frage, ob sie wirklich eine feine Dame war oder nur im übertragenen Sinn. Denn dieser Auftrag stank zum Himmel. Welches Interesse sollte eine Presseagentur, die auf Berichte über Viertel-, Halb- und Ganzprominente spezialisiert war, an einem schnöden Ministerialdirektor im Wirtschaftsministerium haben?
Nicolesci zog den schwarzen Mantel über, nahm den Geigenkasten und ging hinüber zu Ilona Schaller.
»Frau Schaller, ich begebe mich jetzt auf Recherche. Sie könnten bitte schon einige weitere Informationen auf Ihren bewährten Kanälen …«
»Über diesen Doktor Bruchhagen?«
»Aber nicht doch. Was interessiert uns dieser Ministerialdirektor. Bevor ich morgen früh diese Frau von Mahlzahn aufsuche, brauche ich dringend mehr Informationen über ihre Presseagentur. Insbesondere versuchen Sie doch bitte herauszubekommen, ob sie wirklich für Medien recherchiert oder ihr Schweigen verkauft. Interessant wäre auch noch, ob es irgendwelche Hinweise auf geheimdienstliche Verbindungen gibt. Schicken Sie mir die Informationen per Mail und informieren Sie den Herrn Hensche, dass er noch heute die technische Überwachung vorbereitet. Ich schaue heute Nachmittag bei ihm vorbei, um die Details zu besprechen. Morgen bin ich erst gegen Mittag wieder im Büro. Sagen Sie dies auch der Frau von Mahlzahn, falls sie anruft, und sagen Sie ihr, dass ich in der Zwischenzeit nicht zu erreichen bin, aber morgen pünktlich um zehn Uhr in ihrer Agentur erscheinen werde
Alexandru Nicolesci war sicher, dass seine beiden Mitarbeiter die erteilten Aufträge gewissenhaft ausführen würden. Robin Hensche, einer seiner freien Mitarbeiter, war ein blasses, dickliches Jüngelchen, gerade einmal vierundzwanzig Jahre alt, aber ein Ass auf seinem Gebiet. Schon im zarten Alter von vierzehn Jahren war er nur durch die guten Beziehungen seines Vaters um den Verweis vom Gymnasium herumgekommen. Während seine Eltern sich Sorgen machten, ob der schüchterne Junge, der die halbe Nacht vor dem Computer saß, vielleicht spielsüchtig zu werden drohte, hatte dieser den Rechner einer bekannten Rüstungsfirma gehackt, Pläne der neuesten Panzerabwehrrakete heruntergeladen und diese dem russischen Geheimdienst angeboten. So fit wie er am Computer war, so weltfremd war er leider in allen anderen Fragen des täglichen Lebens, hatte er doch eine E-Mail an die russische Botschaft geschickt, mit der Frage, ob es dort vielleicht Interesse an den Plänen gäbe. Die Antwort kam promt, allerdings nicht von der Botschaft, sondern vom Verfassungsschutz und hätte beinahe die erfolgversprechende Karriere des jungen Mannes verhindert. Den Beziehungen des Vaters sei Dank, dachte Nicolesci, und auch der weiteren strengen Kontrolle der Eltern. So hatte Robin Hensche im Alter von siebzehn Jahren mit Bestnote Abitur gemacht, anschließend im Schnelldurchgang Informatik studiert, sich dort gleich auf die Sicherheitstechnik im Informationswesen spezialisiert und sofort nach Beendigung des Studiums eine Firma für Verschlüsselungstechnologien gegründet. Er beriet Privatunternehmen, Verbände und staatliche Einrichtungen beim Schutz ihrer IT-Systeme und Kommunikationseinrichtungen.
Nicolesci hatte den jungen Mann kennen gelernt, als dieser von einem dubiosen Finanzmakler unter Druck gesetzt worden war, um interne Informationen von Banken über geplante Firmenübernahmen zu bekommen. Einen üblen Schläger hatte dieser Finanzmakler Robin Hensche, der geradezu panische Angst vor tätlichen Angriffen hatte, auf den Hals gehetzt. Nicolesci hatte dem jungen Mann diese Unannehmlichkeit umgehend und für alle Zeiten vom Hals geschafft und seitdem einen treuen Mitarbeiter, der ihn in allen Fragen moderner Technik, mit der er selbst leider auf Kriegsfuß stand, kompetent beriet.
Als Nicolesci den überdachten Hof vor dem Klinkerbau, in dem sich sein Büro befand, verließ, schlug er den Mantelkragen hoch – der Regen hatte kaum nachgelassen – und wandte sich nach links zur U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Straße. Er betrat den Bahnhof durch den unscheinbaren Eingang neben dem Imbiss, stieg die Treppe zum Bahnsteig hinunter und bestieg den Zug Richtung Wittenau, der gerade einfuhr. Mit Belustigung registrierte er die ängstlichen Blicke, die mehrere Fahrgäste auf seinen Geigenkasten warfen. Nachdem er sich gesetzt hatte und den Geigenkasten öffnete, wurden einige dieser Blicke geradezu panisch, und die Mitreisenden entspannten sich erst, als er eine Tageszeitung herausnahm. Sie hatten wohl befürchtet, dass es eine Geige sein würde, und er dieser einige schräge Töne entlocken wollte, um anschließend mit einem Pappbecher durch den Wagon zu laufen und um einen kleinen Obolus zu bitten. Auch Nicolesci fand es äußerst entnervend, wenn
einer dieser Typen auf Akkordeon, Blockflöte, Gitarre oder gar einem Blasinstrument die Mitreisenden quälte, und er fragte sich, ob diese Musikanten finanziell nicht erfolgreicher wären, wenn sie nur mit den Instrumenten drohen würden. Er selbst wäre jedenfalls gern bereit, einen Euro zu geben, wenn ein solcher Möchtegernmusiker sein Instrument nicht benutzte.
Kaum hatte er die Hälfte des Leitartikels über die allerletzten Rettungspakete für die notleidenden Banken gelesen, erreichte der Zug schon die Station Alexanderplatz. Nicolesci stieg aus, lief durch die verwinkelten Gänge hinauf zur S-Bahn und nahm den nächsten Zug. Gerade war er darüber aufgeklärt worden, dass es keine aber auch wirklich keine Alternative zu neuen Milliardenpaketen zur Stützung der Banken gab, da fuhr der Zug schon in den Bahnhof Friedrichstraße ein. Er humpelte die Treppe hinunter und lief zum Ausgang. Er versuchte sich vergeblich zu erinnern, wo sich in früherer Zeit wohl der diskrete Übergang der DDR-Kollegen befunden hatte, den er zu Beginn seiner Laufbahn zwei- oder dreimal benutzt hatte, um in den Westen hinüberzuwechseln.
Zielstrebig ging er vom Ausgang auf das große Schaufenster zu und betrachtete fasziniert die farbenfrohen Rennautos, Boote und Flugzeuge hinter der Scheibe. Während seiner Jugendzeit vor vierzig Jahren in Duschanbe war Spielzeug Mangelware gewesen, als Ersatz hatten Jungen wie ihm alte Handgranaten und Waffenteile eines nahen Truppenübungsplatzes gedient. Er liebäugelte schon seit Langem damit, sich eine Modelleisenbahn zuzulegen oder aber vielleicht auch eines dieser großen, ferngesteuerten Flugzeuge, wie sie hier im Schaufenster zu bewundern waren. Leider würde er wohl erst die nötige Muße für ein solches Hobby haben, wenn er sich einmal in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen könnte. Er riss sich vom Anblick der bunten Modelle los und lief hinunter zur Spree. Neben einer Gruppe lautstark albernder Jugendlicher, der Sprache nach zu urteilen eine spanische Schulklasse, lehnte er sich an das Geländer. Er nahm ein kleines Fernglas aus dem Geigenkasten und schaute auf das gegenüberliegende Ufer. Nachdem er das Glas scharfgestellt hatte, konnte er die Hausnummern erkennen.
Das hinterste Gebäude – neben den grauen Plattenbauten wirkte die hellgelbe Fassade mit ihren Erkern geradezu vornehm – war die gesuchte Adresse. Dort hatte also die Agentur RealLife ihren Sitz. Nicht schlecht gewählt für eine Presseagentur, dachte Nicolesci, direkt neben RTL und ntv und gegenüber vom ARD-Hauptstadtstudio. Er ging weiter, vorbei am öffentlichrechtlichen Fernsehstudio und wechselte auf die andere Seite der Spree, schaute nur kurz auf das rot verklinkerte Gebäude der privaten Konkurrenz und blieb vor dem Eingang des Nebengebäudes stehen. Er war etwas irritiert, wies doch ein Schild an diesem darauf hin, dass hier ein Institut der Humboldt-Universität ihren Sitz hatte. Gleich darauf erblickte er ein weißes Blatt Papier, das in der Eingangtür darauf hinwies, dass noch Räume in Bürogemeinschaften zu mieten seien. Er studierte die Klingelschilder und sah auf einem den Namen RealLife – allerdings waren auf diesem noch vier weitere fantasievolle Firmennamen verzeichnet. Also reichte es bei Frau von Mahlzahn nicht einmal für ein eigenes Büro. Er schaute sich noch kurz das Schloss der Tür an – einfachste Konfektionsware – und humpelte dann weiter den Schiffbauerdamm hinunter. Im Kaffeehaus Zimt & Zucker legte er eine kleine Pause ein – das Ziehen im Knie war etwas heftiger geworden – und gönnte sich einen Milchkaffee. Nachdem er den Kaffee ausgetrunken hatte, war auch der Schmerz im Knie kaum noch zu spüren und er konnte sich auf den Weg zu Robin Hensche machen. Vielleicht, so überlegte er auf dem Weg zur Zehdenicker Straße, sollte er doch einmal über den Erwerb eines Kraftwagens nachdenken. Allerdings bewegte man sich in Berlin angesichts der Parkplatznot und der vielen Baustellen wesentlich besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln fort, und er hatte sich auch nie so recht an das Autofahren gewöhnen können. Obwohl er sieben verschiedene Führerscheine besaß, darunter einen für Kettenfahrzeuge und einen für Gabelstapler und zwei davon sogar auf den Namen Nicolesci, hatte er doch nie eine Fahrprüfung abgelegt, und es fehlte ihm eindeutig an Fahrpraxis.
Endlich hatte er die Zehdenicker Straße erreicht. Nur ein unauffälliges Schild im Fenster des Eckgebäudes wies auf die Firma SafetyNet hin. Niemand würde in diesem schon recht baufälligen Gebäude und in dieser Gegend eine erfolgreiche Firma für IT-Sicherheit vermuten. Die Vielzahl von Fahrrädern vor dem Haus, die mit Graffiti und Plakaten verzierte Wand des Nebengebäudes, die Pflastersteine, die sich an der gegenüberliegenden Straßenseite türmten, all dies ließ kaum auf eine renommierte Geschäftsadresse schließen. Nicolesci war es nur recht, da er in seiner Verbindung zu Robert Hensche viel Wert auf Diskretion legte. Er klingelte, stieg die Treppe hinauf in den ersten Stock und wurde dort von einer außerordentlich ansehnlichen, jungen Dame empfangen. Groß und schlank, mit einer Figur – betont durch den eng geschnittenen, schwarzen Hosenanzug –, die jedem Model Ehre gemacht hätte. Langes, blondes Haar umfloss ihr zart geschnittenes Gesicht, große, blaue
Augen lächelten ihn an, mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen stand sie im Türrahmen und begrüßte ihn freundlich: »Schönen guten Tag, Herr Nicolesci, kommen Sie doch bitte herein.«
Nicolesci betrat den Empfangsraum, der mit modernen Stahlrohrmöbeln ausgestattet war. Der Fußboden war mit anthrazitfarbenen Fliesen ausgelegt, die Wände weiß und ohne ein einziges Bild, lediglich über der Sitzgruppe für Besucher hing ein Monitor an der Wand. Dieser Raum sollte die Professionalität der Firma unterstreichen und Eindruck auf Kunden machen. Er wusste allerdings von früheren Besuchen, wie es hinter der Tür aussah, aus der jetzt Robin Hensche trat. Dort herrschte das reinste Chaos. Diverse Monitore standen auf unansehnlichen Tischen, eine Vielzahl von Kabeln lag kreuz und quer auf dem Fußboden, aufgeschraubte elektronische Geräte, Handbücher, Betriebsanweisungen, Werkzeuge, Aschenbecher – und noch erbärmlicher sah es in dem hintersten Zimmer aus, in dem der begnadete Techniker wohnte. Ebenso chaotisch wirkte Robin Hensche selbst. Wirr hingen ihm ungewaschene, dunkelblonde Haare in die Stirn, das beängstigend blasse Gesicht war aufgequollen, das fleckige T-Shirt zierte der Aufdruck Fuck you, der Hosenboden der löchrigen Jeans hing in den Kniekehlen und die Kippe im Mundwinkel. Dennoch, die Kunden aus Finanzwelt, Rüstungskonzernen und Ministerien waren geradezu begeistert von diesem jungen Mann – ebenso wie Alexandru Nicolesci.
Hensche nickte ihm zu, griff nach einem Becher, trank ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen und auf die Asche zu achten, die gerade seinen Kaffee würzte. Er schlug sich gegen die Stirn, schüttelte den Kopf, brabbelte etwas Unverständliches vor sich hin und verschwand wieder hinter die Tür.
»Möchten Sie auch einen Kaffee oder etwas anderes«, fragte Reginé, die blonde, junge Frau.
»Danke ich habe gerade …«
Schon erschien Hensche wieder, einen Schuhkarton in der Hand. Diesem entnahm er einige schwarze Teilchen.
»Kleben absolut Magnet … Weitwinkel … Radius zehn Meter … einer reicht … für Mobil … Empfang kein Problem … heute Nacht Festnetz Handy … gescannt … Wann?«, brabbelte er.
Diese verstümmelte Redensweise war doch einigermaßen gewöhnungsbedürftig. Im Laufe der Zusammenarbeit hatte Nicolesci den Eindruck gewonnen, dass der junge Mann durch seine ständige Kommunikation mit den Maschinen das Sprechen immer mehr verlernte. Mittlerweile hatte er sich aber einigermaßen daran gewöhnt, sodass er schlussfolgern konnte, dass die Minikameras in einem Hundertachtzig-Grad-Winkel aufnahmen und in einem Umkreis von zehn Metern auch noch das kleinste Geräusch registrierten, eine für jeden Raum reichte, Wanzen für mobile Aufnahmezwecke vorhanden waren, die Signale beider noch in mehreren hundert Metern aufgefangen werden konnten und Hensche in der Nacht den Festnetzanschluss von RealLife anzapfen und für die Mobiltelefone einen Empfänger installieren würde, der einen Sendemast simulierte und die Signale an den echten weiterleitete, während die Gespräche der interessierenden Nummern aufgezeichnet würden. Ebenfalls würden die Gespräche mit einer Spracherkennungssoftware auf bestimmte Stichworte gescannt.
»Ich bin morgen um zehn Uhr in der Agentur und werde unsere kleinen Lauscherchen installieren«, beantwortete Nicolesci die Frage nach dem Wann. »Anschließend müssten alle Gespräche aufgezeichnet werden. Es wäre schön, wenn Reginé die Aufzeichnungen zeitnah durchhören und mich auf dem Laufenden halten würde. Über die interessierenden Themen und Personen hat Sie Frau Schaller informiert?«
»No Problem, sind schon alle einprogrammiert«, antwortete die blonde Schönheit und strich dabei Robin Hensche eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Was sie wohl an diesem Typen fand, überlegte Nicolesci, das äußere Erscheinungsbild war es gewiss nicht, also Geld, Erfolg, oder aber es war einfach nur Liebe – damit kannte er sich nicht so recht aus.
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