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Peter Giesecke
Entführung in eine bessere Zukunft
Scratch Verlag
e-book 088
Erscheinungstermin: 01.01.2021
© Scratch Verlag
Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.scratch-verlag.de
Titelbild: archiv andromeda
Vertrieb: bookwire
ISBN: 978-3-940928-31-3
Peter Giesecke
Entführung in eine bessere Zukunft
Die stetig lauter werdende Melodie seines Weckers war schlicht störend. Er hatte die Nacht kaum geschlafen, zum einen, weil die Klimaanlage zu laut war, aber vor allem, weil er wieder einmal ein Problem zu lösen hatte. Er stand unter hohem Zeitdruck. Wenn er innerhalb der nächsten zwei Tage keine Lösung finden würde, würde dies den Gewinn an seinem Projekt empfindlich schmälern.
Als er endlich eingeschlafen war, hatte er geträumt: Er schwebte über einer Grube, die fast bis zum Rand mit langen, dünnen Schlangen gefüllt war. Keine besonders angenehme Situation, aber mit einiger Mühe gelang es ihm, den Schwebezustand beizubehalten. So sehr er sich auch bemühte, den Anblick zu vermeiden, musste er doch immer wieder und wieder hinunterstarren, irgendetwas hielt ihn gefangen. Es war ein sehr unwirklicher Zustand, typisch für Träume dieser Art. Der Schwebezustand blieb auch in der Aufwachphase noch eine kurze Weile erhalten, der Geist war noch nicht durch irgendwelche, hinderliche Naturgesetze eingeschränkt, aber die Wirklichkeit, und damit auch sein Problem, nahmen langsam wieder von ihm Besitz. Bei der Abnahme seines Windkanals wurde eine Zeitmessung um das doppelte überschritten, ein willkommener Grund für seinen Kunden, einen deutlichen Preisnachlass zu fordern.
Der Gedanke kam wie ein Blitz, die Lösung lag nun klar vor ihm. Es war nicht das erste Mal, dass er mit dieser Methode die Lösung eines dringenden Problems gefunden hatte. Einzige Voraussetzung war, dass man von dem Problem wirklich durchdrungen war und ständig darüber nachdachte. Irgendwann nahm man es dann mit in seine Träume, wo es ungestört von irgendwelchen Beschränkungen vom Unterbewusstsein betrachtet und analysiert wurde. Und die Aufwachphase, dieser kurze magische Zustand zwischen Traum und Realität, war der Moment, wo die Lösung dekodiert wurde. Die Schlangen symbolisierten eine Vielzahl von Schläuchen, die zur Übertragung von Drucksignalen zu den nachgeschalteten Sensoren dienten. Die Signale kamen von der Oberfläche eines Flugzeugflügels, der mit über Tausend kleinen Löchern versehen war und dessen Druckprofil im Windkanal untersucht wurde.
Und er war als Projektleiter verantwortlich für das gesamte Windkanalprojekt. Er war mit einem Schlag hellwach und konnte es kaum abwarten, den Gedanken zu überprüfen. Er ging in den Frühstücksraum des Gästehauses, wo sein Obermonteur schon auf ihn wartete und herzlich begrüßte: „Hallo Jörg, auch schon ausgeschlafen?“
Jörg antwortete ebenso gut gelaunt: „Na ja, sagen wir, aufgehört zu schlafen.“
Sein Obermonteur war ein Hüne mit fast zwei Metern Größe, eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit bestimmtem Auftreten. Neben ihm sah Dr. Jörg Breithaupt trotz seiner über einundachtzig Metern fast kleinwüchsig aus. Er war eine Person mit angenehmer Erscheinung, mit seinen vierzig Jahren hatte er sich sehr gut erhalten. In seiner Stammfirma in Darmstadt war er Leiter einer Spezialabteilung für Sondermess- und Prüfmaschinen. Er hatte einen sehr jovialen Führungsstiel, der vom Vorstand seiner Firma missbilligt wurde. Ihm war das egal, er hatte sowieso nicht vor, weiter aufzusteigen. Seine jetzige Position empfand er als Traumjob, er war neugierig auf andere Kulturen und hatte die Freiheit zu bestimmen, welche Projekte er persönlich begleitete. Er hatte einen kompetenten Stellvertreter, dem er blind vertraute.
Sein Obermonteur war neugierig. „Hast du nochmal nachgerechnet, warum die Signallaufzeit zu lang ist?“
Jetzt konnte Bernd seinen Verdacht loswerden: „Ich habe es in den letzten Tagen zig Mal nachgeprüft und komme immer zu demselben Ergebnis. Einen Rechenfehler schließe ich hundertprozentig aus. Ich habe aber einen Verdacht, und du kannst ihn vielleicht bestätigen.“ Der Obermonteur blickte neugierig.
„Erinnerst du dich noch, wie ihr die Druckschläuche montiert habt?“
Der richtete sich auf. „Na klar, wir waren zu zweit und fast zwei Tage beschäftigt. War ziemlich langweilig, für jeden der tausend Schläuche die gleiche Prozedur.“
Jörg drehte sich zum Windkanal um. „Okay, dann schauen wir uns das Ergebnis mal gemeinsam an.“
Der Obermonteur zuckte die Schultern und sie gingen zur Messkabine. Jörg entfernte die Abdeckung zum Kabelschacht und fand seine Vermutung bestätigt, die Messschläuche waren der Länge nach in Schlaufen gelegt. Er musste laut lachen, war er doch das Opfer seiner eigenen Vorsichtsmaßnahme geworden. Es gibt auf Baustellen dieser Art gewisse Klauquoten, abhängig von der Art der Objekte und dem Land, beispielsweise waren in Schwellenländern kleine Schrauben und Elektrokabel besonders gefragt. Jörg hatte also sicherheitshalber die doppelte Länge an Messschläuchen angefordert, aber dummerweise hatten die keinen interessiert. Und Monteure stellen nun mal im Zweifelsfall keine ihrer Ansicht nach überflüssigen Fragen und so verarbeiteten sie dummerweise die komplette Länge, und dies führte logischerweise zur Verdoppelung der Signallaufzeit. Murphy hatte wieder einmal zugeschlagen.
„Hey, Mr. Noproblem, was macht ihr da in unserem Kabelschacht?“ Der Fragesteller war der künftige Betriebsleiter des Windkanals, ein immer gut gelaunter, etwas wohlbeleibter Typ, der ausgezeichnet Englisch sprach.
Bernd mochte diesen Typ, er antwortete enthusiastisch: „Hallo, Mr. Bam, sie haben mich erschreckt, aber ich habe gute Nachrichten, unser Problem ist gelöst, alles was wir brauchen, ist eine Schere.“
Jörg Breithaupt war erleichtert, die Abnahme seines Windkanals war nahezu abgeschlossen, kleinere notwendige Nachbesserungen waren für seine Monteure kein Problem und stellten keinen großen Kostenfaktor mehr dar. Er übte diese Tätigkeit bereits seit fünfzehn Jahren aus, und sie hat ihn zu allen Ecken der Welt gebracht. Er war berechtigt, Businessklasse zu fliegen, und manchmal wechselte er auch zu Economy und nahm dann seinen Sohn mit. Das Geld stimmte und von der großzügigen Reisekostenerstattung konnte er sich bequem einen Urlaub leisten, den er dann nach erfolgter Abwicklung direkt vor Ort antrat. Er war durch seine häufigen Aufenthalte in Südostasien vom Buddhismus fasziniert und wollte diesmal wieder einmal nach Bali, er hatte sich dort für zwei Wochen in einem Tempel angemeldet, um abzuschalten und zu meditieren. Jörg erinnerte sich an seinen ersten Aufenthalt. Kaum hatte er damals den Flughafen von Denpasar verlassen, nahm ihn die einzigartige Atmosphäre von Bali gefangen. Der Gegensatz zu Java und insbesondere zu Jakarta mit seinen Straßenschluchten und hektischen Verkehr war enorm. An seinem ersten Wochenende übernachtete er im Nusa Dua Beach Hotel. Nauroth hatte es für ihn gebucht. Nauroth war der örtliche Repräsentant seiner Firma für den südasiatischen Raum.
Nauroth ermunterte ihn: „Gönn dir mal was ganz Besonderes, es ist das beste Hotel auf Bali, hier haben schon viele bekannte Persönlichkeiten Urlaub gemacht, Ronald Reagen sogar einige Male.“
Jörg hatte damals nur gelacht: „Und du denkst, ich könnte mich da lückenlos einreihen.“
Die Anlage war wirklich mehr als nur luxuriös, sie war verschwenderisch. Jörg hatte mit Erstaunen beobachtet, wie, nachdem er das Zimmer für eine kurze Pause verlassen hatte, ein Page hineinstürzte, um sein Bett wieder glattzuziehen. Er beschloss damals, vor dem Luxus zu fliehen, mietete sich ein Motorrad und fuhr ins Land. Der Tempel, auf den er traf, faszinierte ihn durch seine Schönheit und die Gelassenheit seiner Mönche. Er hatte damals beschlossen, sein nächstes Wochenende in genau diesem Tempel zu verbringen.
Dieses Wochenende war für ihn prägend, er hatte sich mit einem Priester angefreundet, der ausgesprochen gut Englisch sprach und ihn in die Rituale des Tempels einführte. Er musste für die Übernachtung nicht bezahlen, als Gegenleistung wurde von ihm erwartet, dass er die Wege fegte und im Garten mithalf. Sein Englisch sprechender Freund hatte sich als eine außerordentliche Persönlichkeit herausgestellt. Er war ein reiner Buddhist, im Gegensatz zu der in Bali vorherrschenden Mischung von Hinduismus und Buddhismus. Sein neuer Freund hatte in Japan studiert und auch promoviert. Ein Angebot für eine Professur hatte er abgelehnt.
Bernd war neugierig. „Warum hast du das Angebot nicht angenommen?“
Der Mönch antwortete ohne zu zögern. „Ich spüre im Innersten, was es heißt, ein wirklicher Buddhist zu sein, und möchte auch so leben. Deshalb bin ich jetzt hier.“
Jörg erinnerte sich, mit welcher Überzeugung er dies geäußert hatte, jetzt war er begierig, mehr über diese Philosophie zu erfahren. Der Flieger nach Denpasar ging in drei Stunden, er rief seinen Chauffeur. Der bemerkte bedauernd: „Tut mir leid, der Wagen springt nicht an, ich warte auf Hilfe.“
Jörg war es auch recht. „Macht nichts, ich nehme ein Taxi.“
Es war ein schrecklicher Albtraum, das Röhren des Helikopters schallte in seinen Ohren und sein ganzer Körper schmerzte. Er war im Taxi auf dem Weg zum Flughafen gewesen, als sein Fahrer plötzlich anhielt und zwei weitere Männer zustiegen. Er wollte protestieren, aber dann hatten sie ihm auch schon etwas aufs Gesicht gedrückt, er hatte Angst zu ersticken, dann verlor er das Bewusstsein. Er wollte sich endlich von diesem Albtraum befreien und versuchte mit aller Anstrengung aufzuwachen. Das Dröhnen hielt an und die Schmerzen nahmen noch zu. Er versuchte, sich zu bewegen, und bemerkte, dass ihn etwas daran hinderte. Seine Arme waren auf den Rücken gebunden und seine Füße ebenfalls gefesselt. Er bekam es mit der Angst zu tun, dass dies vielleicht sogar die Wirklichkeit sein könnte, und er versuchte schnell wieder einzuschlafen. Doch dann kamen zu dem Geräusch und den Schmerzen noch etwas anderes hinzu, ein unangenehmer Gestank nach Öl, Kerosin und Abgasen, und ihm wurde immer bewusster, dies ist kein Albtraum. Er konnte nichts sehen, seine Augen waren verbunden. Panik überfiel ihn, panische Angst vor dem, was mit ihm passieren würde. Er hatte unzählige ähnliche Szenen in Filmen erlebt und mit den Akteuren mitgezittert, aber dies war etwas völlig anderes.
Er versuchte, klar und analytisch zu denken, aber es gelang ihm nicht. Sobald er einen Gedanken gefasst hatte, kam auch schon der nächste, sein Bewusstsein drehte sich wie ein Karussell. Dann endlich konnte er einen produktiven Gedanken festhalten. Er erinnerte sich an seinen Freund aus dem balinesischen Tempel, der ihm gelehrt hatte, durch langes Luftanhalten zur inneren Ruhe zu kommen. Er atmete so tief wie möglich ein, bekam aber auf Grund des Gestanks sofort einen heftigen Hustenanfall. Er versuchte es noch einmal mit einem weniger tiefen Zug und tatsächlich gelang es ihm zumindest einen kurzen Zeitraum, den Atem anzuhalten. Endlich kamen seine Gedanken etwas zur Ruhe, er hatte jetzt zumindest den Willen, darüber nachzudenken, was er tun könnte. Eigentlich nichts, er war gefesselt und konnte nichts sehen.
Wichtig war zunächst, etwas über die gegenwärtige Situation herauszufinden. Und die war offenbar anders als in seinem Albtraum. Dies war kein Helikopter, das Geräusch hatte zwar eine entfernte Ähnlichkeit, aber er bemerkte ein spürbares hin- und herschwanken, dies war offenbar ein Boot oder ein Schiff, wobei die schnellen Bewegungen mehr auf ein größeres Boot hindeuteten. Das ohrenbetäubende Motorgeräusch und der Gestank ließen ihn vermuten, dass er offenbar im Maschinenraum untergebracht war. Er überlegte, irgendwie die Zeit zu messen, um eine Idee über die zurückgelegte Distanz zu gewinnen, verwarf den Gedanken aber wieder, weil er sowieso nicht wusste, wie lange er schon unterwegs war. Er wartete auf ein mögliches akustisches Signal eines anderen Schiffes, dies würde zumindest auf eine befahrene Schifffahrtsroute hinweisen, aber da kam nichts. Er fiel wieder in Panik, er war hilflos und noch immer ohne jede Information über seine Position oder das Fahrtziel. Er änderte die Strategie und versuchte völlig abzuschalten, sich dem Geschehen willenlos auszuliefern, egal, was da käme. Es gelang ihm, wieder vor sich hinzudämmern, und wären da nicht die Schmerzen, wäre er vielleicht sogar eingeschlafen. Plötzlich wurde das Motorgeräusch deutlich leiser und ging in ein langsames Tuckern über, dann wurde es mit einem Schlag still. Ihm dröhnten noch die Ohren und im ersten Moment hatte er das Gefühl, seine Hörfähigkeit verloren zu haben. Er spürte das Schwanken des Bootes, sonst geschah nichts. Dann hörte er plötzlich Stimmen, eine aus etwas Entfernung und eine unmittelbar über ihm. Soweit er es beurteilen konnte, sprachen sie einen arabischen Dialekt, aber er war sich nicht sicher. Dann knarrte es, offenbar wurde eine Luke oder Tür aufgestoßen. Zwei Männer packten ihn an der Schulter und zogen ihn nach oben. Sie nahmen ihm jetzt die Binde ab und er konnte ihre Gesichter sehen. Es waren wild aussehende junge Kerle, vielleicht noch nicht einmal zwanzig. Sie betrachteten ihn mit einem ausdruckslosen Blick, der ihn beunruhigte. Es wäre ihm lieber gewesen, sie hätten ihre Gesichter verborgen, als Zeichen, dass er sie später nicht wiedererkennen sollte, aber das war ihnen offenbar egal. Sie lösten seine Fußfesseln und bedeuteten ihm, aufzustehen. Als ihm das nicht gleich gelang, zogen sie ihn brutal hoch und schoben ihn vor sich her vom Boot herunter.
Der Weg führte vom Strand weg direkt in den Dschungel. Es gab keinen richtigen Weg, aber der Abstand zwischen den Bäumen war genügend groß, um ein unbehindertes Gehen zu ermöglichen. Er war jetzt hellwach und hoch konzentriert. Er merkte sich den Stand der Sonne, um eine Information über die Wegrichtung zu gewinnen. Die Sonne stand auf halber Höhe, er konnte noch nicht erkennen, ob es noch vormittags oder schon Nachmittag war, aber das war nur eine Frage der Zeit. Sie hatten die Sonne im Rücken, der Schatten fiel ziemlich genau um fünfundvierzig Grad nach rechts. Er bemühte sich, mit gewohnter Schrittlänge zu gehen und zählte die Schritte. Dies tat er im Achtertakt: hu-hu-hun-dert eins-eins-eins-eins, hu-hu-hun-dert ein-undzwanzig …
Bei hundertfünfundzwanzig angekommen, ergab das somit tausend Schritte. Die Richtung wechselte einige Male, wenn ein Sumpf oder ein kleines Gewässer im Weg war, er merkte sich auch die Schrittzahl an diesen Wendepunkten. Zum Glück war die Gesamtrichtung aber ziemlich konstant, er würde später ohne Mühe zurückfinden, vorausgesetzt, die Sonne schien. Die war inzwischen auf einem tieferen Stand, also war es Nachmittag, etwa drei bis vier Uhr. Während des ganzen Weges sprachen die Entführer kein einziges Wort, was die Situation noch unwirklicher machte. Aber es war Wirklichkeit. Nach einem Fußmarsch von etwa zweieinhalb Kilometern, dessen Weg er über seine geschätzte Schrittlänge errechnet hatte, gelangten sie auf eine Lichtung. Es war keine natürliche Lichtung, man sah deutlich die Spuren früherer Bäume. In der Mitte der Lichtung war ein fensterloses Gebäude mit einer Größe von etwa fünf Mal acht Meter. Die Tür stand offen. Seine Begleiter stießen ihn ohne irgendeinen Kommentar hinein und verschwanden. Er war überrascht und erleichtert zugleich, er war nicht allein. Die Bewohner waren genau so überrascht wie er. Sie betrachteten ihn abschätzend, offenbar waren sie im Zweifel, ob er Freund oder Feind war.
Ein Mann mittleren Alters brach schließlich das Schweigen: „Willkommen in unserer Runde, mein Name ist Ben Miller, ich komme aus Oklahoma. Verraten Sie uns bitte, wer Sie sind.“
„Gerne, mein Name ist Jörg Breithaupt, Breithaupt wie Dickkopf, und ich komme aus Deutschland.“
Seine Vorstellung brach das Eis und auch die restlichen drei stellten sich vor. Es war eine gemischte Runde. Da war Pierre Dupont, er war Franzose, und noch relativ jung. Kes Groothof war offensichtlich der Senior, er war kam aus den Niederlanden, lebte aber in Bandung, einer Industriestadt im Norden Javas. Die einzige Frau in der Runde war wohl eine Eurasierin. Sie war hübsch, schlank und sehr apart, aber sie war ungemein verschüchtert, so dass Pierre ihre Vorstellung übernahm, sie hieß Sue Maillin und kam aus Singapur. Nach der Vorstellung zog sie sich ins Innere der Hütte zurück. Jörg hatte tausend Fragen auf den Lippen, aber die anderen bedeuteten ihm erst mal, Platz zu nehmen und etwas zu trinken.
Ben übernahm wieder die Gesprächsführung. „Wir waren am Anfang nicht sicher, ob Sie vielleicht zu denen gehören und uns endlich mal sagen, was die von uns wollen.“
Die Bemerkung überraschte Jörg, offenbar wussten die anderen genau so wenig wie er. Er fragte: „Was denken Sie, warum Sie uns gekidnappt haben?“
„Wir glaubten anfänglich natürlich, es handelt sich um Lösegeld, aber wir sind schon länger hier, ohne dass irgendwelche derartigen Aktivitäten stattgefunden haben.“
Jörg fragte nach: „Aber was sagen denn unsere Entführer?“
Ben war offenbar der Wortführer, er versuchte eine Antwort. „Während der ganzen Zeit, die wir hier sind, haben sie kein einziges Wort mit uns gewechselt. Sie verpflegen uns, indem sie zweimal die Woche Brot, Gemüse und Fisch bringen, sie stellen einfach alles vor die Hütte und verschwinden wieder. Für Getränke haben wir einen Wasservorrat, der für mehrere Monate reicht, nicht besonders beruhigend, was unsere vorgesehene Verweildauer hier angeht.“
Jörg war verwirrt. „Gibt es den überhaupt keine Instruktionen?“
Jetzt übernahm Pierre die Antwort: „Nur eine, und die ist klar definiert, du kannst sie auf dem Schild am Eingang nachlesen: Sie dürfen sich auf der Lichtung frei bewegen, wer versucht, sie zu verlassen, wird getötet.“
Jörg war verstört. „Klingt ernst!“
Pierre fuhr fort. „Es ist ernst. Du hast sicher bemerkt, wie verstört Sue ist.“
Jörg bestätigte. „Ja, sie wirkt auf mich traumatisiert, so, als ob ihr etwas Schreckliches angetan wurde.“
„Nicht ihr, aber das Ergebnis ist das Gleiche.“
Kes übernahm die Aufgabe, von dem schrecklichen Ereignis zu berichten. Er wirkte ausgesprochen abgeklärt, vielleicht eine Folge seines fortgeschrittenen Alters. „Vor etwa einer Woche tauchte plötzlich ein junges Pärchen auf der Lichtung auf. Sue hatte draußen ihr tägliches Tai Chi praktiziert, wir waren im Haus und haben vor uns hin gedöst. Das Mädchen stolperte und fiel hin und Sue eilte herbei, um ihr zu helfen. Sie hatten nur ein kurzes Gespräch, die beiden waren auf einer Inseltour und wollten ein wenig wandern. Sie haben einen Trampelpfad gefunden und sind ihm gefolgt. Bis hier. Dann war buchstäblich alles zu Ende. Einer unserer Bewacher tauchte plötzlich wie aus dem Nichts auf und hat die beiden mit zwei Salven aus seiner Maschinenpistole exekutiert. Ohne jede Frage, ohne irgendeine Regung, einfach so. Sue bekam einen Weinkrampf und sackte zusammen. Wir stürmten aus dem Haus und konnten zunächst gar nicht begreifen, was gerade passiert war. Aber es war Realität, vor uns lagen zwei junge Menschen, die einige Minuten vorher wahrscheinlich noch unbeschwert gelacht hatten, und jetzt lagen sie da, reglos, leblos, tot. Der Wächter bedeutete uns mit Gesten, dass wir sie begraben sollte. Sie waren noch warm, als wir das Grab zuschauf…“
Die Stimme versagte ihm und er bedeckte seine Augen.
Ben übernahm: „Wenn wir bisher noch etwas Hoffnung gehabt hatten, dann war spätestens jetzt klar, das hier ist blutiger Ernst.“
Dieser Bericht gab Jörg den Rest, er wollte sich nur noch zurückziehen und nichts mehr hören, nichts mehr denken, nichts mehr tun. Er hatte im Haus Feldbetten gesehen und fragte, welches er benutzen könnte.
Pierre antwortete. „Es gibt nur noch eins, und du kannst es hinstellen, wo du willst. Lediglich die Lady hat ein abgeteiltes Segment.“
Jörg fiel sofort in einen unruhigen Schlaf, der immer wieder durch Aufwachphasen unterbrochen wurde, aber irgendwann kam er zur Ruhe. Es war inzwischen dunkel und er beschloss durchzuschlafen.
Er wurde durch ein Geräusch wach, das er nicht zuordnen konnte. Der Raum war halbdunkel, es war also etwa sechs Uhr morgens. Er fragte sich, ob es eine Uhr im Raum gab. Er hatte Hunger und musste auf die Toilette. Dies führte ihn nach draußen und er fand am Rand der Lichtung ein kleines Häuschen. Der Holzsitz war sauber, darunter war ein etwa zwei Meter tiefes Loch. Es gab auch Papier. Es stank und er beeilte sich, fertig zu werden. Als er wieder ins Haus kam, waren die anderen gerade dabei sich anzuziehen. Sie empfingen ihn schweigend, die Stimmung war gedrückt. Er fragte sich, ob dies wohl ein Dauerzustand war, und er fragte, wie das mit dem Frühstück geregelt war.
Es stellte sich heraus, dass die Verpflegung überraschenderweise ausgezeichnet war. Das Brot war einigermaßen frisch und schmeckte aufgebacken ausgezeichnet. Es gab Butter, Marmelade und man konnte sich Eier kochen. Zum Kochen gab es einen vierflammigen Gasherd, die Propangasflaschen waren außerhalb angebracht. Es gab Instantkaffee und Teebeutel. Ben eröffnete das Gespräch.
„Du bist gestern Abend schnell verschwunden und eingeschlafen, das ist sicher verständlich, nach dem, was dir passiert war, aber nun sind wir natürlich alle neugierig und wollen mehr von dir erfahren.“
Jörg berichtete über seine Tätigkeit auf Java, über seine Absicht, einen Tempel auf Bali zu besuchen, über die Taxifahrt, die so unvermittelt mit einer Reise in einem Boot endete, und über seinen Weg ins Camp. Ab hier wurde er ausführlicher: „Ich habe versucht, die Entfernung und die Richtung zum Camp zu bestimmen. Wir sind in nahezu senkrechter Richtung zum Strand in den Dschungel eingedrungen. Aus dem Stand der Sonne habe ich geschlossen, dass wir uns etwa in südlicher Richtung bewegten. Der Richtung war immer geradeaus, mit einigen Abweichungen, wenn ein Sumpf auf dem Weg lag. Die Entfernung der Lichtung zum Strand beträgt etwa zweitausendfünfhundert Meter. Mehr weiß ich nicht, ich habe keine Ahnung, ob dies Festland oder Insel ist.“
Ben unterbrach ihn. „Wir haben gesehen, aus welcher Richtung du angekommen bist, genau entgegengesetzt zu der Richtung, aus der wir nach und nach ankamen, das lässt jetzt zumindest den Schluss zu, dass es sich entweder um eine wirkliche Insel oder um eine Halbinsel handelt. Wir wissen, dass sich im Gebiet von Indonesien hunderte von Inseln befinden, von denen viele unbewohnt sind. Wenn ich mich und meine Opfer verstecken wollte, würde ich auf jeden Fall eine dieser Inseln wählen.“
In Jörg begann jetzt sein beruflicher Instinkt zu erwachen. „Wenn man verschiedene Informationen zusammenfügt, ist das Ergebnis oft mehr als die Summe seiner Teile. Ich schlage vor, wir fassen alles zusammen, was wir wissen, wer hat noch was beobachtet?“
Kes begann; „Ab und zu hören wir weit aus der Ferne das Horn eines Schiffes, offenbar ist eine Schifffahrtslinie in der Nähe.“
Jörg bestätigte. „Dies könnte nützlich sein. Kann man erkennen, aus welcher Richtung es kommt?“
Ben ergänzte. „Etwa aus der Richtung, aus der wir auf die Lichtung aufgetroffen sind.“
Bernd war zufrieden. „Gut, das bedeutet, in südlicher Richtung von hier aus ist ebenfalls Meer. Was wissen wir noch?“
Alle schüttelten den Kopf „Nichts.“
„Vielleicht doch, wie groß schätzt ihr die Entfernung ein, die ihr vom Strand zum Camp zurückgelegt habt?“
Die Meinungen gingen zwar etwa auseinander, aber man einigte sich darauf, dass es weniger als ein Kilometer gewesen sein müsste. Jörg fasste zusammen. „Gut, das gibt an dieser Stelle eine Breite von etwa zweieinhalb Kilometer, über die andere Ausdehnung wissen wir nichts. Wie lange hat es gedauert, bis der Wächter eintraf, nachdem das Pärchen die Lichtung betreten hat?“
Sue überlegte, es fiel ihr sichtlich schwer sich zu erinnern. „Schwer zu sagen, vielleicht fünf bis maximal zehn Minuten.“
Jörg rechnete kurz. „Gut, das bedeutet zweierlei, die Station der oder des Wächters ist in der Nähe und es gibt ein Alarmsystem.“
Ben bestätigte. „Darüber haben wir natürlich auch schon nachgedacht, aber wir konnten keinen Hinweis auf ein solches System erkennen, es gibt keine Lichtschranken, keine Näherungssensoren, es gibt noch nicht einmal Strom.“
Jörg widersprach. „Das sagt nichts, die Sensoren könnten batteriebetrieben sein und die Sensoren sich im Wald befinden. Ist schon mal jemand über den Rand der Lichtung hinaus in den Dschungel gegangen?“
Kes antwortete entsetzt. „Nein, natürlich nicht, besonders nicht nach der Erfahrung mit unserem toten Pärchen.“
Jörg dachte kurz nach. „Es äußerst wichtig herauszufinden, wie das Alarmsystem arbeitet, in diesem Zusammenhang möchte ich einen Vorschlag machen.“
An dieser Stelle wurde er von Pierre unterbrochen, seine Ausdrucksweise verriet Ärger und Ungeduld.
„Dafür, dass du noch nicht einmal einen Tag bei uns bist, riskierst du eine ganz schön große Lippe. Willst du dich etwa zu unserem Anführer aufspielen?“
Jörg blieb ruhig. „Nichts liegt mir ferner als das, und darum genau handelt es sich bei meinem Vorschlag.“
Die anderen ergriffen sofort seine Partei, dieser Pierre war offenbar ein ziemlicher Nörgler. Ben ermutigte ihn. „In unserer Situation ist jeder Vorschlag willkommen, was willst du uns sagen?“
„Eigentlich etwas Selbstverständliches: Es könnte und wird passieren, dass ernsthafte Entscheidungen getroffen werden müssen. Diese sollten natürlich nicht von einem Anführer getroffen werden, sondern durch eine demokratische Abstimmung. Wir sind zu fünft und dabei wird es wohl auch bleiben. Damit wird bei Ja-Nein-Entscheidungen immer ein eindeutiges Ergebnis zustande kommen, dieses sollte auch von denen akzeptiert werden, die vielleicht dagegen gestimmt haben.“
Ben fragte; „Das heißt?“
Jörg erklärte: „Das heißt, dass sie es nicht boykottieren dürfen. Natürlich sind sie nicht gezwungen, selbst mitzumachen, zum Beispiel wenn wir uns für einen Ausbruch entscheiden sollten. Wir können gleich beginnen, wer stimmt diesem Vorschlag zu?“
Alle waren dafür. Jörg fuhr fort: „Ich benötige noch eine gemeinsam getragene Entscheidung. Ich möchte heute Nacht damit beginnen, die Position und Wirkungsweise des Alarmsystems herauszufinden, außerdem möchte ich, wenn möglich, die Umgebung erkunden.“
Dies war das erste Mal, dass Sue in die Diskussion eingriff: „Du warst bei der Ermordung des Pärchens nicht dabei, wenn du es erlebt hättest, würdest du niemals auf einen solchen Gedanken kommen.“ Sie verstummte, ihre Augen wurden feucht.
Jörg versuchte sie zu beruhigen, „Ich bin mir über den Ernst der Lage voll bewusst und werde mich entsprechend verhalten.“
Auch diese Abstimmung verlief positiv. Ben bot sich sogar an, ihn zu begleiten, aber Jörg lehnte ab, er wollte keine Verantwortung für andere übernehmen. Inzwischen war es Mittag geworden und er erfuhr mehr über den normalen Tagesablauf. Das Mittagessen wurde jeweils von zwei Personen zugerichtet, und jede Woche gab es einen Wechsel. Diese Woche waren Kes und Sue an der Reihe. Das Ergebnis war sehr schmackhaft, was er vor allem Sue zurechnete.
Während des Essens fragte Kes: „Du hast vorhin gesagt, dass es vermutlich bei fünf Personen bleiben wird, wie kommst du darauf?“
Die Antwort von Jörg war überzeugend. „Es gibt kein weiteres Bett mehr, und diese Aktion scheint mir in aller Gründlichkeit vorbereitet zu sein. Ich vermute, dass wir in absehbarer Zeit mehr über unsere Mission erfahren werden.“
Kes fragte nach. „Was für eine Mission?“
Jörg bedauerte. „Das weiß ich nicht, aber wenn es nicht um Lösegeld geht, müssen sie irgendetwas von uns wollen. Es wäre äußerst wichtig herauszufinden, um was es sich dabei handeln könnte. Vielleicht geben unsere Berufe ja irgendeinen Hinweis. Ich selbst habe Physik und Maschinenbau studiert und arbeite als Leiter einer Entwicklungsabteilung für Sondermess- und Prüfanlagen.“
Die anderen kannten sich ja schon länger und so beschrieb Ben ihre Tätigkeiten. „Ich selbst bin Professor für automatisierte Fertigungstechnik und war vor der Entführung auf einem Kongress in Kuala Lumpur. Pierre ist Feinwerktechniker und arbeitet für eine Firma, die weltweit den Service zur Reparatur komplexer Fertigungsautomaten bereitstellt. Kes ist spezialisiert auf die Installation der Elektrik und Signalverarbeitung von Robotersystemen und Sue arbeitet in der Firma ihres Vaters, die führend ist in der Entwicklung hochentwickelter Fernsteuersysteme, der Automatic Control System Limited.“
Bei der Nennung ihres Firmennamens horchte Jörg auf, er erinnerte sich an eine Nachricht der BBC über das Verschwinden der Tochter eines Unternehmers in Singapur. Die Behörden gingen davon aus, dass wohl bald eine Lösegeldforderung eingehen wird, aber er hat nichts mehr davon gehört. Es war jetzt etwa drei Wochen her, und als er Sue von dem Bericht erzählte, bekam sie wieder einen Weinkrampf. Ihren Vater ohne jede Nachricht zu wissen, bereitete ihr körperliche Schmerzen. Er bereute, die Nachricht erwähnt zu haben, aber es war zu spät. Sue zog sich in ihre Ecke zurück und blieb stumm. Ihm wurde bewusst, dass es den anderen wohl ähnlich gehen musste. Sein Fall lag anders, er hatte sich ordnungsgemäß bei seiner Firma abgemeldet und seinem Sohn eine Nachricht geschickt, dass er die nächsten Wochen im Tempel abtauchte und nicht zu erreichen wäre. Er war dankbar, dass sich keiner Sorgen um ihn machen musste, jedenfalls jetzt noch nicht. Die anderen schwiegen, die Diskussion über ihre mögliche Mission war erst mal beendet. Er ging nach draußen und studierte die Umgebung. Die Lichtung war von Büschen und Bäumen umgeben, der Blick reichte maximal zwanzig Meter ins Innere. Einige Bäume am Rand hatten dünne Lianen, ein Umstand, den er dankbar zur Kenntnis nahm. Der Nachmittag ging mit den Vorbereitungen zu seinem nächtlichen Erkundigungstrip drauf. Er bastelte sich einen Köcher und Schnüre aus den Lianen.
Als es anfing, dunkel zu werden, legte er sich auf sein Bett und ruhte aus. Die anderen saßen schweigend vor dem Haus, Kes rauchte und die beiden anderen tranken Tee. Sue war nirgends zu sehen, wahrscheinlich war sie in ihrem Abteil und weinte. Er verfluchte sich, ihr von dem Fernsehbericht erzählt zu haben. Er versuchte zu meditieren, aber seine Meditation ging bald ihn bloßes Dösen über. Er war zu aufgeregt, um zur Ruhe zu kommen, und er dachte sich alle möglichen Strategien für seinen Ausflug aus. Um schätzungsweise zehn Uhr stand er auf. Die andern lagen inzwischen in ihren Betten und schliefen oder stellten sich schlafend. Er ging leise hinaus und schloss die Tür hinter sich. Er legte das auf ellenlänge aufgerollte dünne Seil aus Lianen über seine Schulter und nahm die vorbereiteten Stöcke auf den Rücken. Die Sicht war gerade richtig, dunkel genug, um nicht aufzufallen, aber genügend hell, um sich zu orientieren.
Am Ende der Lichtung ging er zu Boden und begann langsam zu kriechen. Er bewegte sich nur zentimeterweise vorwärts und hielt immer wieder an, um die Umgebung mit unendlicher Vorsicht abzutasten. Nach etwa einem halben Meter fühlte er beim Absetzen seiner Handfläche plötzlich einen stechenden Schmerz. Im ersten Moment glaubte er, von einer Schlange gebissen worden zu sein und er verfiel wieder einmal in Panik. Zum wievielten Mal in den letzten zwei Tagen, es wurde langsam zur Gewohnheit. Die Panik ließ nach, als er feststellte, dass es sich lediglich um einen Stachel handelte, der aus dem Boden ragte. Er konzentrierte sich jetzt darauf, seine Hände nur noch schleifend über den Boden fortzubewegen. Die nächsten zwei Meter überwand er ohne weitere Zwischenfälle, er benötigte dazu etwa eine viertel Stunde. Doch dann fühlte er plötzlich auf seinem Unterarm einen leichten Widerstand. Er zog seine Hand vorsichtig zurück. Eventuell lag die Lösung für das Warnsystem direkt vor ihm. Er wurde ungeduldig und zwang sich erst mal dazu, tief durchzuatmen. Nur jetzt keinen Fehler machen! Er nahm eine stabile Position ein, auf keinen Fall durfte er jetzt aus dem Gleichgewicht kommen. Die linke Hand flach auf dem Boden bewegte er seine rechte Hand millimeterweise vorwärts. Er betastete den Draht, ohne Kraft auszuüben. Er war etwa zwanzig Zentimeter straff über den Boden gespannt und verlief parallel zum Rand der Lichtung. Offenbar umrundete er das gesamte Areal. Etwas passte nicht ins Bild. Bei seiner Ankunft im Camp hatten er und seine Begleiter die Lichtung beschritten, ohne auf ein Hindernis zu treffen, offenbar gab es eine offene Stelle, deren Position nur ihnen bekannt war. Andererseits glaubte er nicht, dass die Planer des Verstecks eine solche Sicherheitslücke zugelassen hätten. Was hätte er getan, um sie zu schließen? Es gab nur eine Lösung, es musste einen zweiten Ring geben, dessen Öffnung zum Durchgang des ersten etwas versetzt war. Seine Erinnerung an seine Ankunft bestätigte seine Vermutung. Seine Begleiter hatten ihn kurz vor Erreichen der Lichtung grob zur Seite geschoben, er hatte das in diesem Moment lediglich als Schikane empfunden, aber jetzt erkannte er den Sinn. Zur Bestätigung kroch er zu der bewussten Stelle und fand seine Vermutung bestätigt. Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn. Er markierte die Stelle mit einigen seiner Stöcke, die er schief in den Boden stieß, damit es möglichst natürlich aussah. Er schuf so eine Reihe von genau fünf Stöcken vom Durchgang bis zum Lichtungsrand. Er schlief diese Nacht so ausgezeichnet wie schon lange nicht mehr.
Er spürte ihren Blick für einen Moment, aber sie senkte ihn wieder und sah weiterhin zu Boden. Er hatte beim Frühstück ausführlich berichtet, was er herausgefunden hatte. Er hatte ihnen die Durchgangsstelle gezeigt und die Bedeutung der Stöcke als Wegweiser erläutert, nach dem fünften Stock befand sich der Draht, zwei Handbreit über dem Boden, aber im Gras kaum zu erkennen.
Er hatte vor, in der folgenden Nacht auch den zweiten Eingang auf dem gegenüberliegenden Durchlass zu kennzeichnen und anschließend die nähere Umgebung zu erkunden. Zu diesem Zweck ergänzte er seinen Vorrat an Stöcken und fertigte ein weiteres Seil aus Lianen, das er ebenfalls in Schlaufen legte. Ben und Kees boten sich an, ihn zu begleiten, aber er lehnte ab. Kees war zu alt für ein solches Vorhaben und Ben erschien ihm zu ungeduldig für eine Mission, die absolute Konzentration erforderte. Jörg bevorzugte, allein zu handeln, nur für sich verantwortlich zu sein und sich nur auf sich selbst zu konzentrieren. Sie verstanden dies, als er ihnen erklärte, mit welcher Vorsicht er jeden einzelnen Schritt vorbereitete, sie begannen, ihm zu vertrauen, er war in der Gruppe angekommen.
Kes instruierte ihn weiter. „Weißt du, unser größtes Problem ist natürlich die Ungewissheit über unsere Zukunft, aber gleich danach kommt die Langeweile. Es klingt in dieser Situation paradox, aber wir haben seit Wochen keine Abwechslung außer Kochen und das Haus sauber zu halten. Es gibt kein Licht, die Abende sind daher besonders lang. Wenn wir früh ins Bett gehen, wachen wir nachts auf und können nicht wieder einschlafen. Mit dir ist das ganz anders, und in gewisser Weise beneiden wir dich. Du bist tagsüber mit Vorbereitungen beschäftigt, die wir nicht verstehen, es scheint dich vollständig auszufüllen, und wenn du von deiner Erkundungstour zurückkommst, schläfst du wie ein Stein.“
Jörg war neugierig. „Habt ihr nicht versucht, den Tag und den Abend zu strukturieren?“
Kes antwortete. „Das haben wir tatsächlich. Ich habe zum Beispiel vorgeschlagen, dass wir uns gegenseitig unterrichten. Praktisch jeder von uns hat ein Talent, eine Fähigkeit oder ein Wissen, über das die anderen nicht verfügen. Die letzten beiden Tage haben wir es schleifen lassen, du warst interessanter.“
Jörg war neugierig. „Welche Aktivitäten habt ihr gefunden und wie habt ihr es organisiert?“
Kes zählte auf. „Es ist ein interessantes Spektrum, Ben zum Beispiel ist ein hervorragender Jongleur, wir haben aus unseren Essensvorräten Äpfel entnommen und tragen nun Wettkämpfe aus, wer am längsten zwei Äpfel in Bewegung halten kann, wir gehen inzwischen sogar auf drei über. Ben hat uns erklärt, wie durch diese Tätigkeit völlig neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen, er ist wirklich ein toller Motivator. Sue führt uns in den achtfachen Weg des Buddha ein. Sie ist überzeugte Buddhistin und hat auf diesem Gebiet ein fundiertes Wissen.“
Jörg war begeistert. „Wahnsinn, ich versuche mich auch auf diesem Wege.“
Kes war interessiert. „Du willst Buddhist werden?“
Bernd dachte nach. „Das weiß ich eigentlich gar nicht, ich habe die Art kennengelernt, wie die Mönche leben. Ich liebe ihre ruhige Art, ich meditiere mit ihnen, aber ich könnte auf keinen Fall längere Zeit so leben. Immerhin gibt es mir so etwas wie einen Ersatz für meinen verlorengegangenen Glauben an Gott.“
Kes fragte bedauernd. „Du glaubst nicht an Gott?“
Jörg konterte. „Tust du es?“
Kes antwortete nur zögernd. „Ich weiß nicht, die Schilderungen in der Bibel halte ich für erfundene Geschichten, die wohl irgendeinen wahren Kern haben. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Jesus wirklich gelebt hat, aber ich stelle ihn mehr als eine Art Che Guevara vor, der die Welt verändern wollte und sich damit den Unwillen der herrschenden Klasse zuzog. Die angeblichen Wunder können auch tatsächlich einen logischen Kern haben, vielleicht haben ja die Fischer auf dem See Genezareth eine Luftspiegelung gesehen, als Jesus über das Wasser lief. Auch seine Auferstehung halte ich für möglich, vielleicht war er nicht ganz tot und seine Jünger haben ihn im Grab gesund gepflegt, als er dann entkommen ist, erschien die wie eine Himmelfahrt.“
Jörg unterbrach ihn: „Es gibt tatsächlich gewisse Hinweise darauf, dass er bis Indien gekommen und dort gestorben sein soll. Ich selbst kann natürlich nicht ausschließen, dass es wirklich eine Art Gott gibt, aber wenn er existiert, dann sicherlich nicht mit den Attributen, die ihm zugesprochen werden, das wäre unlogisch.“
Kes folgerte. „Du bist offenbar ein großer Logiker, der jedes Problem zerpflückt, bis nichts mehr übrigbleibt.“
Jörg bestätigte. „Wenn du es so nennen willst. Was ich meine ist, dass ein Gott, der uns geschaffen haben will, solche grausamen Dinge zulässt, wie sie Tag für Tag und Jahrhundert für Jahrhundert passieren. Man sagt, er sei allmächtig, warum verhindert er es nicht? Er will am jüngsten Tag über uns richten und die Bösen bestrafen, lächerlich. Er selbst wäre der Schöpfer dieser Bösen. Er müsste selbst in die Hölle. Ich habe mit Theologen über diesen Widerspruch gesprochen und sie sind mir entweder ausgewichen, glauben heißt einfach glauben, oder sie haben mit dem freien Willen argumentiert, nicht Gott, sondern der Einzelne selbst entscheidet, ob er böse oder gut ist.“
Kes bestätigte. „Klingt doch plausibel.“
Jörg widersprach. „Überhaupt nicht, warum hat er Menschen erschaffen, denen er über den freien Willen die Möglichkeit zu dieser Entscheidung gibt. Und haben wir überhaupt einen freien Willen. Oder stimmt die These von Descartes vielleicht doch, dass der Ablauf des ganzen Geschehens abläuft wie ein Billardspiel, jeder Stoß hat eine bestimmte Richtung und eine bestimmte Geschwindigkeit, aus diesen beiden Werten lässt sich mit absoluter Präzision der weitere Verlauf der Kugeln bestimmen, dazu genügen die Anwendung ganz einfacher Rechenvorschriften aus der technischen Mechanik. Dies würde bedeuten, dass bereits seit dem Urknall alle Abläufe absolut unverrückbar festgelegt sind, ein beklemmender Gedanke, und für Gott bleibt überhaupt kein Spielraum mehr.“
Kes wurde sehr nachdenklich. „Ich bin zwar kein Physiker, aber kommt da nicht die Quantenmechanik zu ganz anderen Ergebnissen?“
Jörg dachte nach. „Ja, aber was ist die Wahrheit?“
Kes hatte eine Idee. „Das ist eine gute Gelegenheit für unsere Freizeitgestaltung. Du kennst die Methode der Dialektik?“
Jörg bestätigte. „Vage, in meinem Job habe ich es mehr mit der Eristik zu tun.“
Kes blickte fragend. „Wie geht die denn?“
Jörg erklärte. „Das ist ebenfalls eine Diskussionsmethode, allerdings nicht mit dem Ziel die Wahrheit zu finden, sondern mit dem Ziel, die eigene Meinung durchzusetzen, unabhängig davon, ob sie die richtige ist.“
Kes zweifelte. „Und das ist eine Wissenschaft?“
Jörg bestätigte. „In der Tat, sie geht auf die Zeit des Perikles im alten Griechenland zurück. Damals war es eine Art Volkssport, Mitbürger wegen irgendwelchen erfundenen oder tatsächlichen Delikte anzuzeigen. Da die Institution des Verteidigers damals noch nicht erfunden war, war es lebensnotwendig, sich für die Selbstverteidigung schulen zu lassen. Diese Aufgabe übernahmen die sogenannten Sophisten, die sich ihre Lehre gut bezahlen ließen. Der bekannteste war übrigens ein Herr namens Protagoras, ein Meister in der Anwendung spitzfindiger Argumente. Bei ihm meldete sich eines Tages ein Schüler mit einem überraschenden Angebot. ‚Ich zahle dir das Doppelte des üblichen Honorars, sobald ich meinen ersten Prozess gewinne.‘ Protagoras war einverstanden. Nachdem ein Jahr verstrichen war, wurde er ungeduldig und klagte auf Zahlung seines Honorars.“
Kes musste lachen. „Lass mich raten: egal, wie der Prozess ausging, der Schüler kam um die Bezahlung herum.“
Jörg bestätigte. „Richtig, die Methode der Dialektik ist da bestimmt ehrlicher.“
Kes führte aus. „Sie funktioniert nach einem sehr einfachen Prinzip. Jemand formuliert eine These, beispielsweise die Definition: Gerechtigkeit ist, wenn alle gleichbehandelt werden. Die führt dann zur Antithese: Es kann nicht gerecht sein, wenn ein Verbrecher und ein guter Mensch gleichbehandelt werden. Die Antithese ist einsichtig und erfordert eine Modifizierung zur sogenannten Synthese: Gerechtigkeit ist, wenn jeder gemäß seinem Beitrag zur Allgemeinheit behandelt wird. Dies könnte dann zur nächsten Antithese führen, dass Kranke oft nicht in der Lage sind, ihren vollen Beitrag zu leisten, und so fort. Wenn sich dann im Laufe der weiteren Diskussion keine weiteren Einwände ergeben, kann man annehmen, der Wahrheit recht nahe gekommen zu sein.“
Jörg war beeindruckt. „Eine tolle Methode, vielleicht sollten wir sie mal darauf anwenden, die Wahrheit über unsere Situation herauszufinden.“
Kes stimmte zu. „Keine schlechte Idee, aber dazu bräuchten wir noch mehr Informationen.“
Jörg hatte das Bedürfnis, seine Einstellung zu Gott mit einem anschaulichen Beispiel zu demonstrieren. „Ich habe übrigens einen Lehrauftrag an der TU Darmstadt, um dort praktisches Wissen über die Anwendung technischer Lehrinhalte zu geben. Meine Studenten sind angehende Mechatronik Ingenieure und ich habe für sie einen Lehrsatz formuliert: ‚Wenn du einen Roboter mit künstlicher Intelligenz programmierst, stelle sicher, dass er später stolz auf dich ist.‘“
Kes musste lachen. „Klingt wie ein höchst intelligenter Witz.“
Jörg bestätigte. „Das soll auch so sein, aber dennoch mit einem ernsten Hintergrund. Ich möchte meinen Studenten klarmachen, welche Verantwortung sie mit der Programmierung übernehmen, schließlich erheben sie sich damit selbst zum Schöpfer.“
Sie merkten plötzlich, dass Sue und Ben ihrem Gespräch aufmerksam gefolgt waren, Pierre saß wie meistens abseits und schien gelangweilt. Es war Sue, die das Wort ergriff. Alle waren freudig überrascht, sie schien zumindest wieder für einen Moment ins Leben zurückzufinden. Ihre Stimme klang aufgeregt, sie war aufmerksam und hoffnungsvoll zugleich.
„Ich möchte unbedingt mehr darüber wissen, wie Menschen der westlichen Kultur den Buddhismus erleben, was sie empfinden, was ihnen fremd bleibt, was ihr Denken und Verhalten ändert. Bitte, ich bitte dich.“
Jörg fühlte ein angenehmes Gefühl der Wärme in sich aufsteigen. Wie konnte es sein, dass dieses herrliche zerbrechliche Wesen genau die gleichen Fragen stellte, die er mit seinem Freund im Tempel diskutieren wollte. Er hätte sie am liebsten in die Arme genommen, nur so, nichts mehr, nur ihre Wärme spürend. War da mehr in ihm als nur Interesse am Buddhismus? Die Drei schauten ihn erwartungsvoll an. Er zögerte, er wollte sie nicht durch zu viel Nähe erschrecken und wandte sich deshalb an alle drei.
„Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass man solche Fragen nicht mit einigen Sätzen beantworten kann. Ich betrachte den Buddhismus nicht als Religion, sondern als Philosophie. Religionen erschaffen einen Gott, der ihnen dazu dient, die Menschen zu manipulieren, sie zu unterdrücken und auszubeuten, sie morden zu lassen, in seinem Namen. In seinem Namen! Mit dem Versprechen, dafür im Jenseits zig Jungfrauen schwängern zu dürfen. Und die sogenannten Gläubigen glauben diesen Scheiß. Entschuldige, Sue.“
Sie nickte nur, blickte ihn weiterhin erwartungsvoll an.
„Der Buddhismus versucht, die Welt zu verstehen und zu erklären, wie die Welt wirklich ist. In seiner reinen Form dient er nicht der Unterdrückung, sondern zeigt Wege auf, die auf der Erde zu einem besseren Leben und später zu einem friedlichen Abschluss führen. Dies ist ein Ansatz, der in völligem Gegensatz zu den drei monotheistischen Religionen steht, es ist der Gegensatz zwischen Wissen und Glauben. Auch in unserer Kultur gab und gibt es Denker, die die Welt erkennen wollen, wie sie wirklich ist. Die meisten davon finden wir im antiken Griechenland, ich habe mich mit ihren Gedanken eingehend beschäftigt und war immer wieder fasziniert.“
Inzwischen hatte sich auch Pierre zu ihnen gesellt, er schien wie immer gelangweilt, konnte sich eine Bemerkung allerdings nicht verkneifen. „Aber heute wissen wir doch, das war alles Quatsch.“
Die anderen erschraken, sie hatten Angst, die Stimmung könnte kippen und Sue wieder in ihre alte Lethargie verfallen. Jörg war ebenfalls verärgert, ließ sich aber nichts anmerken, wer auf Aggression mit Aggression reagiert, lässt sich die Spielregeln des Aggressors aufdrängen, keine gute Methode.
„Ich verstehe, was du meinst, tatsächlich ist vieles durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaften überholt, aber um die Leistung dieser Denker zu begreifen, müssen wir uns in ihre Zeit versetzen. Die Beschreibung des kleinsten nicht mehr teilbaren Teilchens, das Demokrit Atom nannte, war eine großartige Leistung. Auch wenn wir heute wissen, dass sich auch Atome weiter zerlegen lassen, und dass selbst Elektronen nicht die kleinsten Teilchen sind, bleibt die Kernaussage dennoch gültig, irgendwann stoßen wir auf etwas, dass das wirklich Kleinste ist, seien es Quarks oder was auch immer.“
Sue konnte es kaum abwarten. „Du hast es genau so beschrieben, wie wir es von einem Menschen deiner Kultur erwarten würden, und im Wesentlichen stimme ich dir zu. Ich bin unheimlich neugierig, mehr über eure alten Denker zu erfahren, und am erstaunlichsten finde ich, dass sie sich solche Fragen überhaupt stellten.“
Jörg stimmte ihr dankbar zu. „Du hast den Punkt erfasst, das Stellen von Fragen ist das wesentlichste Merkmal der Philosophie, die Antworten rangieren erst an zweiter Stelle.“
Dieser Punkt verwirrte Sue etwas, offenbar waren für sie Antworten wichtiger. Sie verfiel in Nachdenken, aber ihre Körpersprache verriet, jetzt waren es positive Gedanken.
Schließlich brach Kes wieder das Schweigen. „Ich denke, wir haben in dir etwas gefunden, das unser Strukturprogramm ungemein anreichern wird.“
Sue nickte stumm. Ihre Augen glänzten. War da ein Lächeln? Sie sahen sich an, zufrieden und entspannt. Für eine Stunde hatten sie ihre Situation vollständig vergessen, waren eingetaucht in eine andere Welt.
Jörg riss sich mit Gewalt wieder in die Wirklichkeit zurück. Heute Nacht wollte er das Camp seitwärts verlassen und eine größere Strecke zurücklegen. Er wollte wissen, wie weit sich die Insel nach Südosten erstreckte, auch wenn er die Küste nicht erreichen würde, gäbe seine Exkursion doch zumindest eine untere Grenze der Ausdehnung. Sein einziges Problem war die Orientierung, er brauchte eine Methode, wieder zurückzufinden. Die Angst, entdeckt zu werden, war praktisch Null, dafür war die Insel einfach zu groß.
Und da war noch etwas, er glaubte mit ziemlicher Sicherheit, den Zweck ihrer Mission zu kennen, und für die Organisation hinter dieser Mission gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Es war völlig egal, welche der beiden wirklich verantwortlich war, die Konsequenzen waren sowieso die gleichen. Aber er war auch sicher, selbst wenn sie ihn erwischen würden, würden sie ihn nicht töten, er war für ihre Mission unentbehrlich. Er rechnete schlimmstenfalls mit Schlägen oder einer Scheinhinrichtung. Er hatte beschlossen, seinen Gefährten nichts von seinen mehr als begründeten Verdacht zu sagen, es war einfach zu furchtbar um sie zu beunruhigen, dabei dachte er vor allem an Sue. Er dachte immer öfter an sie.
Nach dem Abendessen legte er sich wieder zwei Stunden hin, um auszuruhen und seinen Ausflug mental vorzubereiten. Er hatte beschlossen, die Untersuchung des zweiten Zugangs aufzuschieben, die Erkundigung der Umgebung schien ihm wichtiger. Eine Stunde nach Anbruch der Dunkelheit machte er sich auf den Weg. Sue begleitete ihn bis zum Durchgang und berührte ihn leicht am Arm: „Bitte pass auf dich auf.“
Die Bemerkung erfüllte ihn mit Wärme, am liebsten wäre er jetzt geblieben. Nach passieren der Durchgangsstelle umrundete er die Lichtung um neunzig Grad. Da die Entfernungen zum Meer in den Richtungen Süden und Norden auf Grund seiner Schrittmessung und der Berichte seiner Gefährten etwa bekannt waren, wollte er heute Nacht versuchen, die Entfernung in Richtung Westen zu messen. Er steckte einen Stock in den Boden und befestigte daran mit Hilfe einer Schlaufe ein Seilende, dann riss er noch einen Zweig von einem Baum und steckte ihn neben den Stock. Es war Halbmond, Licht genug, um die Umgebung zu erkennen, jedoch dunkel genug, sich verbergen zu können. Er ging Richtung Westen, bis das Seil zu Ende war. Jetzt hatte er genau hundert Meter zurückgelegt. Er zog an dem Seil und die locker gebundene Schlaufe ging auf. Er steckte den nächsten Stock in den Boden, befestigte das Seil erneut und platzierte den nächsten Zweig. Dann ging er weiter nach Westen und am Ende des Seiles peilte er über die beiden Zweige und bestimmte so die gerade Verlängerung des ersten Abschnitts. Das Verfahren stellte sicher, dass er wieder zurückfinden würde und dass er den zurückgelegten Weg messen konnte. Nach einigen Seillängen hatte er Routine und bewegte sich immer schneller vorwärts. Es gab zum Glück wenig Unterholz, so dass er die Zweige meistens gut erkennen konnte. Auf dem Weg gab es einen Sumpf, den er umgehen musste, aber seine Abmessung lag innerhalb einer Seillänge und stellte somit kein Problem dar. Er merkte sich die bis jetzt zurückgelegte Strecke und setzte seinen Weg fort. Nach etwa zwei Kilometern glaubte er Meeresrauschen zu hören. Als er schließlich den Strand erreichte, hatte er ziemlich genau zweieinhalb Kilometer zurückgelegt. Er setzte sich an den Strand, er war erschöpft, aber mit sich selbst höchst zufrieden. Es war wie im Urlaub, er wäre am liebsten liegengeblieben und eingeschlafen. Der Rückweg erfolgte viel schneller und ohne Zwischenfälle. Die Zweige waren gut zu erkennen, wirkten dabei ziemlich natürlich und unauffällig, er beschloss, sie stecken zu lassen. Der ganze Ausflug hatte über vier Stunden gedauert, er war total fertig und schlief im Anschluss wie ein Stein.
Sie konnten seinen Bericht kaum glauben. Dass er wirklich bis zum Meer gekommen war, die Entfernung angeben konnte und wieder zurückgefunden hatte, erschien ihnen wie ein Wunder. Jörg erklärte seine Vorgehensweise und machte dabei eine Skizze: „Was wir bis jetzt wissen, ist Folgendes: Wir sind entweder auf einer Insel oder einer Halbinsel. Die Ausdehnung nach Norden ist etwa zweieinhalb Kilometer, wie ich aus meiner Schrittzahlrechnung berechnet habe. Die Ausdehnung nach Süden liegt nach eurer Schätzung bei etwa einem und nach Westen auf Grund meiner Messung wieder zweieinhalb Kilometer. Heute Nacht bin ich bei auf einen Sumpf gestoßen“, er zeichnete die Position in die Skizze ein und ergänzte sie um die Entfernung von vierhundert Metern. „Es handelt sich um Süßwasser, durch Stoff gefiltert kann es zum Waschen dienen, gekocht auch als Trinkwasser.“
Pierre gab seinen üblichen Kommentar ab. „Wir haben genug Trinkwasser, und wozu soll eine Karte gut sein? Wir können sowieso nicht weg.“
Jörg blieb gelassen. „Du hast recht, aber ich weiß grundsätzlich gern über meine Situation Bescheid, ob es irgendwann von Nutzen ist, kann ich auch nicht sagen. Ich werde heute Nacht einen Ausflug nach Osten machen, dann wissen wir vielleicht mehr.“
Pierre zweifelte. „Nur wenn du bis zu einer Küste kommst, wenn nicht, wissen wir immer noch nicht, ob es sich um eine Insel handelt.“
Jörg erwiderte ruhig. „Stimmt, aber immerhin kennen wir dann die minimale Ausdehnung in dieser Richtung. Ich plane weitere Ausflüge in verschiedene Richtungen, vielleicht finde ich auf diese Weise den Aufenthaltsort unserer Aufpasser.“
Sue zuckte zusammen: „Aber damit könntest du dich in große Gefahr begeben.“
Die anderen stimmten ihr zu.
Jörg beruhigte sie. „Ich werde mich mit größter Vorsicht bewegen, wenn ich eine Strecke zum ersten Mal zurücklege, außerdem bin ich überzeugt, dass sie mich im Ernstfall nicht umbringen werden.“
Kes fragte überrascht: „Wie kannst du da so sicher sein, nach der Erfahrung mit unseren beiden Besuchern.“
Jörg erklärte. „Das waren Touristen, die hier zufällig angelegt haben und die Gegend erkunden wollten. Sie sind dem Trampelpfad gefolgt, vielleicht in der Erwartung, eine Siedlung zu finden. Stattdessen trafen sie auf unsere Lichtung und den Tod. Er war aus Sicht der Entführer die logische Konsequenz, eine Gefangennahme wäre ein unnötiges Risiko, und laufenlassen hätte die Gefahr einer Entdeckung bedeutet. Bei uns ist das anders, sie brauchen jeden von uns für ihre Mission.“
Es war wieder Pierre der ihn angriff. „Was zum Teufel könnte das sein, hast du da etwa auch eine Antwort parat?“ Pierres Stimme klang gereizt, er schaute Jörg herausfordernd an.
Jörg blieb ruhig. „Darüber können wir im Moment nur spekulieren, genau deshalb versuche ich Fakten zu gewinnen.“
Pierre nörgelte weiter. „Indem du Ausflüge in die Umgebung machst? Großartige Methode.“ Pierre ging ins Haus und die anderen schauten sich an.
Kes versuchte eine Erklärung: „Er ist der einzige Nichtakademiker unter uns, ich vermute, er fühlt sich minderwertig. Wir sollten ihm zeigen, dass wir ihn wertschätzen, vielleicht könnten wir ihm eine wichtige Aufgabe übertragen.“
Die anderen nickten und Jörg dachte nach. „Was ist mit unserem heutigen Programm, wer ist dran?“
Kes meldete sich: „Ich bin am Zug, meine Themenwahl ist total egoistisch. Wie du dir vorstellen kannst, wird man im Alter körperbewusster, meine Aufmerksamkeit ist seit einigen Jahren auf den Erhalt meiner Gesundheit konzentriert. Ich habe mich mit den verschiedensten Methoden der Körperertüchtigung befasst und eine Auswahl getroffen.“
Jörg schien zu verstehen. „Also ist heute Gymnastik dran?“
Kes korrigierte. „Unser Programm ist schon etwas anspruchsvoller, ich unterrichte Tai Chi und Chi Gong.“
Jörg war begeistert. „Das habe ich schon in Serpong kennengelernt, die Frau unseres örtlichen Vertreters ist Vietnamesin. Sie hat mir erzählt, dass in Vietnam viele Menschen schon morgens um sechs in den Park gehen und gemeinsam praktizieren. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Thai Chi und Chi Gong ?“
Kes erklärte: „Thai Chi geht auf das Bestreben der Kaiser des alten China nach Unsterblichkeit zurück. Sie beauftragten ihre Mönche, ein entsprechendes Verfahren zu entwickeln, und Thai Chi war das Ergebnis. Das Wissen war damals streng geheim, schließlich sollten die normalen Sterblichen auch sterblich bleiben. Thai Chi ist ein aufeinander folgender Ablauf von verschiedenen Figuren. Sein Praktizieren hatte mehrere positive Effekte, es entschleunigt die Gedanken auf Grund seiner langsamen Bewegungen, es schult das Gleichgewichtsgefühl, weil viele Phasen auf einem Bein erfolgen, und es schult die Konzentration, weil die Einhaltung des korrekten Ablaufs sehr schwierig ist. Bei Chi Gong wird dieselbe Figur mehrmals nacheinander ausgeführt, ich werde dich in die fünfförmige Übung einführen.“
Jörg konnte es kaum erwarten. „Das klingt alles prima, ich freue mich, wann fangen wir an?“
Ben antwortete. „In einer halben Stunde, Sue und Kes haben noch Küchendienst.“
Jörg fragte interessiert. „Wann trifft es mich?“
Die Antwort von Ben beruhigte ihn. „Wir haben beschlossen, dich zu verschonen, du musst dich tagsüber von deinen nächtlichen Ausflügen ausruhen.“
Sie trafen sich zu viert hinter dem Haus. Jörg, Ben und Sue standen in einer Reihe vor Kes. Ben begann: „Wir fangen heute mit der fünfförmigen Chi Gong-Übung an, die ist auch für Ben neu. In der ersten Figur wecken wir das Chi. Unter Chi verstehen die Chinesen den Energiefluss durch den Körper. Wenn er gestört ist, wird der Körper krank. Alle Übungen des Chi Gong dienen dazu, den Fluss in Gang zu halten. Als Asiatin sind Sue die allgemeinen Grundlagen zur Ausübung der Übungen bekannt, sie wird euch gegebenenfalls korrigieren.“
Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Fluge. Kes verstand es, die Übungen humorvoll zu kommentieren und Sue erwies sich als kritische Beobachterin. Sie bemerkte jede Abweichung vom vorgeschriebenen Bewegungsablauf und achtete besonders auf den Atem. Die Einleitung jeder Bewegung erfolgte mit einem tiefen Einatmen, die Ausleitung mit einem sehr langsamen, kontrollierten Ausatmen. Jörg genoss die Berührungen von Sue, wenn sie seine Bewegungen verbesserte, und er fühlte ihre Nähe, wenn sie seinen Atem kontrollierte. Täuschte er sich oder kümmerte sie sich besonders oft um ihn? Kes beobachte jedenfalls amüsiert die Szene und Ben tat, als ob alles normal war.
Am Abend waren alle dabei, als er die Lichtung wieder verließ. Sue fragte besorgt: „Wie weit willst du gehen?“
Die Antwort von Jörg beruhigte sie nicht. „Soweit ich in drei Stunden komme. Wenn ich keine Küste erreiche, kehre ich wieder um und mache morgen weiter, ich kann dann eine größere Strecke zurücklegen, weil der erste Teil des Weges dann schon abgesteckt ist.“
„Und wenn du merkst, dass du auf Festland bist, machst du dich davon und wir werden bestraft.“
Es war natürlich Pierre, der sich diese Bemerkung nicht verkneifen konnte.
Sue fuhr ihn heftig an: „Jörg würde uns niemals im Stich lassen, wie kannst du sowas sagen?“
Die anderen pflichteten ihr bei und Pierre schwieg betreten.
Jörg erläuterte: „Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, auf eine Siedlung oder dergleichen zu treffen, dieser Ort ist sicher so gewählt, dass ein Entkommen praktisch unmöglich ist. Es käme mir vor wie ein deus ex machina, wenn das passierte.“
Sue fragte neugierig: „Wie ein was?“
Jörg erläuterte „Wie ein Gott aus der Maschine. Er war das probate Mittel, mit dem die Autoren der griechischen Antike ihre Tragödien beendeten. Nachdem alles verloren war und keiner mehr an Rettung glaubte, wurde er mit einem Seil von der Decke auf den Boden herabgelassen und löste das Problem auf göttliche Weise. Ich wünsche euch eine gute Nacht, drückt mir die Daumen.“
Die ersten vierhundert Meter verliefen ohne Zwischenfälle, er bewegte sich inzwischen sehr sicher und benötigte nur eine knappe halbe Stunde. Dann sah er sich plötzlich einer Anhöhe gegenüber. Beim Näherkommen erwies sich diese als ein Bergkamm, der parallel zu seiner eingeschlagenen Route verlief. Der Ausdruck Berg war gemessen an seinem Standard etwas übertrieben, die Höhe verlief sicher unter hundert Metern, aber immerhin, eine deutliche Markierungshilfe.
Die folgende Strecke konnte er nun ohne seine Seilmethode fortsetzen. Er zählte wieder seine Schritte und kam jetzt zügig voran. Nach etwas über drei Kilometern knickte der Bergkamm nach rechts ab. Was sollte er tun? Dem Kamm weiter folgen oder ihn überqueren? Er entschloss sich, hochzusteigen. Um sich herum sah er nur grün, soweit es das Halbdunkel zuließ, und der Abstieg sah ziemlich steil aus. Er beschloss umzukehren.
Er schlief zufrieden ein, die Entdeckung des Bergkamms war ein wichtiger Meilenstein. Am nächsten Morgen vervollständigte er seine Landkarte und erklärte sie seinen Kameraden. „Ich nenne den Bergkamm ‚Berg der guten Hoffnung‘, er bietet eine ausgezeichnete Orientierungsmöglichkeit, sobald er in Sichtweite ist, kennt man die eigene Position und die Richtung.“
Ben fragte: „Was hast du als Nächstes vor?“
Jörg zeigte auf die Karte. „Heute gehe ich auf der linken Seite entlang, die Strecke bis zum Anfang beträgt nur vierhundert Meter und ist schon markiert, so dass ich dafür nur einige Minuten benötigen werde. Die nächsten drei Kilometer sollte ich ebenfalls zügig vorankommen, ich veranschlage dafür eine Stunde. Die daran anschließende Strecke bin ich dann wieder deutlich langsamer, aber ich schätze, dass ich noch zwei weitere Kilometer zurücklegen kann. Vorausgesetzt, es liegen keine weiteren Hindernisse auf dem Weg.“
Er war sich bewusst, dass immer unerwartete Probleme auftreten konnten, aber mit dem, was ihn heute Nacht erwarteten sollte, konnte keiner rechnen. Nach dem Frühstück trafen sie sich draußen, um mehr von Sue über den Buddhismus zu erfahren. Sie bildeten vor dem Haus einen kleinen Kreis, diesmal war Pierre auch dabei.
Jörg begann mit seinem Referat. „Wie ihr wisst, ist einer der grundlegenden Unterschiede zu den Weltreligionen das Nichtvorhandensein eines Gottes. Die drei monotheistischen Religionen haben sich auf einen gemeinsamen Gott geeignet, der Hinduismus hat eine Vielzahl von Göttern, und wir haben gar keinen. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass der Buddhismus in der westlichen Welt nicht als Religion, sondern als Philosophie betrachtet wird. Tatsächlich ist er aber viel mehr. Als Erlebnis und Weg der praktischen Verwirklichung ist er eine Religion, wozu benötigt er dazu einen Gott? Als gedankliche Formulierung dieses Erlebens ist er Philosophie und als Resultat systematischer Selbstbeobachtung ist er Psychologie. Darum beginnt der achtfache Pfad des Buddha nicht mit rechter Rede, rechtem Tun und rechter Lebensweise, sondern mit rechter Erkenntnis, das heißt mit der unvoreingenommenen Einsicht in die Natur der Dinge.“
Ben unterbrach sie: „Ich bin sehr religiös aufgewachsen kann deshalb die Nichtexistenz von Gott in keiner Weise akzeptieren. Irgendjemand muss doch dies alles erschaffen haben, also muss es auch einen Schöpfer geben.“
Jörg warf ein: „Das klingt schon so wie ein Gottesbeweis. Aber so wie ich die buddhistische Lehre verstanden habe, geht sie von einem sich immer wiederholenden Erschaffen und Zerstören der Welt aus, nach der Zerstörung ist alles Vakuum, aus dem dann anschließend wieder eine neue Welt entsteht. Dieser Ablauf hat keinen Anfang und kein Ende, also braucht es auch keinen Schöpfer.“
Ben war traurig. „Das heißt, du glaubst also wirklich nicht, dass es einen Gott gibt?“
Die Antwort von Jörg war eindeutig. „Das habe ich nicht gesagt und werde es auch nie behaupten. Ich weiß nicht und kann nicht wissen, ob es Gott gibt, und ich weiß nicht und werde niemals wissen, dass es ihn nicht gibt.“
Das war der Zeitpunkt für Pierre in die Diskussion einzugreifen: „Jetzt machst du es dir aber sehr einfach, man muss im Leben Stellung beziehen, alles andere bedeutet kneifen.“
Jörg nickte. „Im Prinzip stimme ich dir zu.. Also, in meinem Weltbild besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit dafür, dass es keinen Gott gibt, das heißt aber nicht, dass ich seine Existenz für unmöglich erachte, allerdings halte ich die Vorstellung vom sogenannten guten Gott für einen Widerspruch in sich selbst. Ich möchte aber jetzt den Ball an dich zurückgeben und auch dir die Gretchenfrage stellen: Wie hältst du es mit der Religion?“
Pierre sah sich mit einem Mal in den Mittelpunkt gerückt. Er antwortete ohne zu zögern. „Ich bin als Franzose streng katholisch aufgewachsen. Meine Mutter war tiefgläubig, und ich habe erlebt, wie ihr dieser Glaube auch in schweren Situationen Stärke verlieh. Als bei meinem Vater Krebs diagnostiziert wurde, war sie es, die unserer Familie durch ihre Gebete Kraft gab. Und tatsächlich verlief die Therapie erfolgreich. In meinen Augen ist der Glaube an Gott die beste Lebenshilfe, besser als jede Therapie. Und intensives Beten hat für mich den gleichen Stellenwert wie eine tiefe Meditation.“
Sue blickte zustimmend. „Das gibt mir tatsächlich eine ganz andere Sichtweise eurer Religion, ich erkenne tatsächlich eine enge Verbindung zwischen unserer Meditation und dem Beten, wie du es beschrieben hast. Betet ihr nur, wenn ihr in Not seid und von euerm Gott Hilfe erhofft, oder betet ihr auch an glücklichen Tagen?“
Pierre fühlte sich im Focus der Aufmerksamkeit etwas unsicher. „Ich muss gestehen, die meisten beten nur, wenn sie Hilfe suchen, aber es gibt auch die wahren Gläubigen, für die das tägliche Gebet unverzichtbar ist, sie suchen ständig die Nähe zu Gott.“
Sue war seiner Ausführung aufmerksam gefolgt. „Das war wirklich sehr aufschlussreich für mich. Dass deine Religion so viel Trost spenden kann und auch Hoffnung bringt, war mir bisher nicht bewusst. Und tatsächlich sehe auch ich eine enge Verbindung zwischen unserer Meditation und eurem intensiven Beten zu Gott. Ich danke dir aufrichtig für diese Erkenntnis.“
Pierre wirkte etwas verlegen.
Ben pflichtete Sue bei. „Auch ich kenne aus meiner Kindheit ebenfalls dieses Gefühl der Geborgenheit, das die Nähe zu Gott bietet, und habe versucht, mir dieses Gefühl zu erhalten. Mich hat vor allem beeindruckt, mit welcher Offenheit du dein religiöses Empfinden geschildert hast. Wir haben immer bedauert, dass du so wenig an unseren Zusammenkünften teilgenommen hast, es wäre schön, wenn du das ändern würdest.“
Pierre zögerte etwas. „Ich muss zugeben, dass ich damit Probleme habe. Ihr seid ein Kreis von Akademikern, ich habe bei euch immer ein Gefühl der Minderwertigkeit.“
Alle waren überrascht über dieses offene Statement. Keiner hätte erwartet, dass Pierre zu so einem Geständnis in der Lage war.
Ben fasste sich als Erster. „Aber das ist vollkommener Quatsch. Ich möchte dir versichern, dass du für mich ein vollwertiger Kollege bist, wir kommen nur von verschiedenen Seiten. Ich habe immer Mitarbeiter bewundert, die Maschinen, die wir entworfen haben, dann auch wirklich realisierten. Ich sehe da überhaupt keinen Rangunterschied.“
Jörg pflichtete ihm bei. „Ich habe gerade eine Baustelle betreut und kann Ben nur zustimmen. Ich hatte ein Team von hervorragenden Monteuren, und ich sehe sie als vollkommen gleichwertig an. Ohne ihren Einsatz wäre die Realisierung unserer Ideen nicht möglich, ich habe mich deshalb immer um ein gutes Verhältnis zu ihnen bemüht, und das wurde auch von ihnen gern angenommen, wir waren sozusagen eine Schicksalsgemeinschaft. Auch ich würde es sehr begrüßen, wenn du dich uns ohne solche überflüssigen Vorbehalte anschließen würdest.“
Pierre wirkte immer verlegener. „Ich danke euch, ich werde versuchen, ab jetzt meine Einstellung zu ändern. Wenn es mir nicht immer gelingen sollte, bitte ich schon jetzt um eure Nachsicht.“
Alle waren erleichtert. Ben nahm den Faden wieder auf. „Ich für meinen Teil bete jeden Abend, dass das Ganze für uns alle gut ausgeht.“
Und Jörg ergänzte: „Wie sagt doch der wahre Gläubige? Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Ich werde heute Nacht die vierte Himmelsrichtung erkunden, danach wissen wir genügend, um über die weiteren Schritte zu entscheiden.“
Es war ein guter Wochenanfang. Diplomingenieur Robert Sommer lehnte sich zurück und las das Anschreiben noch einmal. Es war eine Anfrage für die Projektierung und Installation eines Windkanals in Malaysia. Was für ein glücklicher Zufall. Er überflog die Spezifikation. Der Kanal war gedacht für die aerodynamische Entwicklung von Personenkraftwagen und Lastkraftwagen, offenbar hatte das aufstrebende Land beschlossen, in dieser Richtung zu expandieren. Die Größenordnung und Ausstattung entsprach etwa der des Kanals in Bandung, dessen Abnahme gerade erfolgreich abgeschlossen war. Der Abschlussbericht war vor einer Woche eingegangen, alle Restmängel waren behoben und das Ergebnis vom Kunden bestätigt. Die Zahlung der Restsumme von fünf Millionen Euro war damit gesichert. Alles in allem war die Abwicklung dieses Auftrages erfolgreich, auch wenn der Gewinn wesentlich kleiner war, als ursprünglich kalkuliert. Er blätterte die Anfrage noch einmal durch und strahlte.
„Hey, Bob, what’s the matter with you, im Lotto gewonnen?““ Der Fragende war sein Chefkonstrukteur Heinz Schäfer, er hatte zwei Jahre in Boston bei der amerikanischen Schwesterfirma Trebel gearbeitet und das prägte immer noch seine Sprüche.
Sommer antwortete: „Wir haben eine Anfrage, für genau das richtige Objekt, für genau den richtigen Zeitpunkt und für genau den richtigen Ort.“
Schäfer trat neugierig näher und blätterte die Spezifikation durch. „Wahnsinn, das liegt ja nur einen Steinwurf von unserem letzten Projekt entfernt, und die Größenordnung scheint mir recht ähnlich.“
Sommer bestätigte: „Stimmt, der Unterschied besteht im Wesentlichen in der Messkabine, sie wollen eine eingebaute Drehscheibe haben, um die Seitenwindempfindlichkeit zu untersuchen, und sie wollen im Boden die Integration eines Rollenprüfstandes, um die Motorleistung unter realistischen Bedingungen zu messen.“
Sein Chefkonstrukteur nickte. „Kein Problem, das ist konventionelle Ingenieurarbeit, den Entwurf machen wir in einer Woche. Und die Genauigkeitsanforderungen sind geringer als bei dem indonesischen Kanal.“
Schäfer bemerkte: „Mr. Noproblem wird begeistert sein!“
Den Namen verdankte Jörg der Bedienmannschaft des Kanals in Indonesien, er pflegte auf Fragen mit: „No problem, you have only to …“ zu antworten.
Sommer bemerkte zufrieden: „Klar, er ist noch vor Ort und kann den potentiellen Kunden kontaktieren. Wo ist er jetzt eigentlich?“
Schäfer dachte nach. „Er hatte sich vor zwei Wochen abgemeldet, um auf Bali in einem Tempel zu meditieren.“
Sommer war ungeduldig. „Können wir ihn erreichen?“
Schäfer nickte. „Es gibt keinen Handykontakt, aber wir könnten unsern Vertreter vor Ort hinschicken, der hat sicher nichts gegen einen kleinen Ausflug.“
Am nächsten Tag war Robert Sommer beunruhigt. Die E-Mail von Nauroth ließ keinen Zweifel zu: Sein Chef Jörg Breithaupt war nie am Tempel angekommen. Und es gab keine Spur, wo er sich aufhalten könnte. Sommer überlegte, Jörgs Sohn anzurufen, aber er zögerte. Dieser befand sich bei seiner Mutter in Kanada, der geschiedenen Frau von Jörg. Er wollte ihn einerseits nicht beunruhigen, andererseits konnte dieser ihm vielleicht weiterhelfen. Robert entschloss sich schließlich zu einer unverfänglichen E-Mail an den Sohn, ob sein Vater vielleicht bei ihm war. Auch seine Antwort war negativ, mit dem Hinweis, mal auf Bali nachzufragen. Robert Sommer sah jetzt die Zeit gekommen, den Vorstand zu informieren. Das für die Entwicklung zuständige Vorstandsmitglied war Dr. Ing. Jakoby, der Mann, dem sie den Auftrag in Indonesien verdankten. Er war in früheren Jahren ein Studienfreund von Dr. Habibi gewesen, dem jetzigen Staatsminister für Forschung und Entwicklung. Habibi hatte bei Fokke Wulf promoviert und anschließend in seinem Land schnell Karriere gemacht und das Forschungszentrum Puspiptek gegründet, auf einem riesigen Gelände in Serpong. Er hatte die Vision, der erste Flugzeughersteller in seiner Region zu werden und deshalb den Windkanal in Auftrag gegeben, aber auf dem selben Gelände wurden außerdem ein Forschungsreaktor von Siemens und andere spektakuläre Einrichtungen installiert.
Jakoby teilte die Besorgnis von Sommer, er lehnte sich zurück und überlegte.
„Wir haben also drei Probleme. Das dringendste ist zweifelsohne das Verschwinden von Herrn Breithaupt. Was schlagen Sie vor?“
Sommer sagte nachdenklich: „Auf alle Fälle soll Nauroth vor Ort eine Vermisstenanzeige aufgeben, ich habe aber keine Ahnung, wie dort sowas funktioniert. Ich habe auch kein großes Vertrauen in die dortigen Behörden.“
Jacoby gab Hilfestellung: „Ich werde Habibi um Hilfe bitten, er soll veranlassen, dass die Passagierlisten aller Flüge der letzten zwei Wochen überprüft werden, vielleicht geht sowas auch für Schiffspassagen. Falls eine Meldepflicht bei den Hotels existiert, wäre das vielleicht eine weitere Möglichkeit.“
Sommer ergänzte: „Wir sollten in allen größeren Zeitungen ein Foto veröffentlichen und eine Belohnung ausschreiben.“
Jakoby stimmte zu: „Sehr gut, ich denke, zehntausend Euro wären angemessen, wenn sie zum Auffinden von Breithaupt führen. Die beiden anderen Probleme sind keine. Wir brauchen für die Zeit von Breithaupts Abwesenheit einen kommissarischen Leiter für die Abteilung, das übernehmen Sie. Und wir müssen uns um die neue Anfrage kümmern. Jemand muss vor Ort recherchieren, das übliche, wo ist der Standort, wie ist er erreichbar, welche Unternehmen kommen als Subunternehmer in Frage und so weiter. Na, Sie wissen schon.“ Sommer wusste aber bereits, wer das machen würde.
Jörg machte sich wieder auf den Weg. Es war heute etwas kühler als die Tage davor, er führte dies auf den auffrischenden Wind zurück und war dankbar für den Wechsel. Alles lief zunächst wie erwartet, er erreichte den Bergkamm und passierte ihn diesmal auf der linken Seite. Nach etwa zwei Kilometern kam er an einen ausgetrockneten Bachlauf, der vom Bergkamm wegführte. Er hatte steile brüchige Hänge, Jörg brauchte zwei Versuche, um auf der anderen Seite hochzukommen. Die Aktion hatte ihn eine viertel Stunde gekostet und er beschleunigte die Geschwindigkeit, um den Zeitverlust wieder aufzuholen.
Der Wind wurde stärker und er stolperte häufig. Er erreichte das Ende des Bergkamms, der hier nach Norden abbog. Dies war jetzt etwa die Strecke, die er am Tag zuvor zurückgelegt hatte, ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er dafür eine gute Stunde benötigt hatte. Er bemerkte, dass ihm das Ablesen der Uhrzeit schwerer fiel, offenbar war es dunkler geworden. Ihn befiel ein mulmiges Gefühl, er fühlte sich mit einmal unheimlich allein. Was machte er an diesem unwirklichen Ort? Warum konnte er nicht in seinem Tempel sein, mit seinem Freund diskutieren, die Ruhe genießen, und sich auf seine Rückkehr nach Hause freuen? Was war das für eine höhere Macht, die sein Schicksal in irgendwelche Bahnen lenkte, ohne jede Rücksicht auf seine Persönlichkeit? Es war unfair! War der Verlauf seines Lebens vielleicht wirklich bis in jedes Detail vorherbestimmt, wie ein präzises Uhrwerk, entsprechend den Gesetzen von Ursache und Wirkung? Warum sollte er dann noch eigentlich nachdenken, was er als Nächstes tun sollte, es lag ja ohnehin fest? Aber er dachte darüber nach, er konnte sich so oder so entscheiden. Also hatte er doch einen freien Willen, der die Entscheidung vornahm. Er erinnerte sich wieder an Descartes, der an seiner eigenen Existenz gezweifelt hatte. Dessen Problem war ähnlich. Descartes kam zu dem Schluss, dass er dachte, also auch existieren musste. Jörg erinnerte sich an seinen Philosophieprofessor, der den Ausspruch als Gelegenheit für einen Scherz benutzte: Coitus, ergo sum. Auch logisch. Und er erinnerte sich an die anschließende Diskussion. Es kamen Zweifel an der Schlussfolgerung von Descartes auf: Was, wenn das Gefühl des Denkens auch nur eine Täuschung war? Jörg glaubte ebenfalls, die freie Entscheidung zu haben, zum Beispiel weitergehen oder umkehren, aber vielleicht war dies ja auch nur eine Täuschung? Er dachte an Sue und entschloss sich weiterzugehen. Wieder begann das mühselige Verfahren mit den Stöcken und den Seilen, es ging jetzt wieder deutlich langsamer. Es wurde immer dunkler und er hatte zunehmend mehr Mühe, die Umgebung zu erkennen. Der Wind nahm beängstigend zu, eine Bö ließ ihn stolpern und er fiel zu Boden. Er entschloss sich für eine letzte Seillänge und dann hörte er das Rauschen der Brandung. Es war beunruhigend laut, Regen kam, plötzlich war es stockdunkel. Er konnte sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten und suchte Halt an einem Baum. Vor zwei Wochen hatte er schon mal einen Taifun erlebt, aber da hatte er sich in seinem Gästehaus in Serpong aufgehalten und fasziniert auf die aufgepeitschte Landschaft geblickt.
Jetzt geriet er wirklich in Panik, die Situation war jetzt überhaupt nicht mehr faszinierend, sondern ausgesprochen bedrohlich. Wie sollte er den Weg zurückfinden, wenn der Regen länger andauerte? Und auch wenn es aufhörte, waren seine Zweige nicht inzwischen weggefegt? Er hatte einen Anhaltspunkt, der Winkel, mit dem er auf das Ufer aufgetroffen war, war einigermaßen senkrecht. Er müsste sich also nur senkrecht zurückbewegen, um seinen Berg der guten Hoffnung wiederzufinden, aber auch dazu brauchte er Licht. Schlimmstenfalls müsste er bis zur Morgendämmerung warten. Er rechnete, das wäre etwa um sechs, dann benötigte er noch etwa drei Stunden bis zum Camp und wäre um neun wieder zurück. Das würde genügen, die Entführer kamen mit dem Proviant um elf, sein Verschwinden bliebe also unentdeckt. Er setzte sich, lehnte sich an den Baum und zwang sich zur Ruhe. Nach zwei Stunden hörte der Regen so schnell wieder auf, wie er gekommen war. Nach der absoluten Dunkelheit schien ihm der Mond jetzt taghell zu leuchten. Es war inzwischen ein Uhr nachts. Seine Zweige waren tatsächlich weggeweht, aber er war sicher, auf Grund der guten Sichtverhältnisse und der Vorgabe der Richtung die Bergkette auch so zurückfinden zu können, es handelte sich schließlich nur um einige hundert Meter. Seine Zuversicht wurde nicht enttäuscht, er war ungemein erleichtert, jetzt konnte nichts mehr schiefgehen, er dachte an Sue und war glücklich. Und dann kam er an das Flussbett. Aus dem ausgetrockneten Bachlauf war ein reißender Strom geworden. Er schien unüberwindbar, Jörg war kurz davor, sich hinzusetzen und einfach aufzugeben. Er war mit einem Mal unendlich müde, nachdem, was bisher schon passiert war, war dies einfach zu viel. Welche Möglichkeiten hatte er? Das Wasser war zu tief, um es durchwaten zu können. Zum Schwimmen war die Strömung viel zu schnell, er würde es nie schaffen, am anderen Ufer rauszukommen. Er konnte warten, bis der Wasserspiegel wieder fiel, schließlich konnte so ein kleiner Berg nicht allzu viel Wasser speichern, auch wenn der Regen sehr heftig gewesen war. Aber wie lang würde das dauern?
Er beschloss, bachabwärts zu gehen. Vielleicht fand er ja eine leichter passierbare Stelle, der Zeitfaktor war ebenfalls auf seiner Seite. Nach zweihundert Metern entdeckte er einen entwurzelten Baum, der auf die gegenüberliegende Seite ragte. Er hatte schon öfters in Filmen gesehen, wie man Baumstämme als Brücke benutzte, und setzte sich rittlings auf den Stamm. Er rutschte zentimeterweise vorwärts. Auf halber Strecke ragte ein großer Zweig nach oben, der seinen Vormarsch stoppte. Er hob das rechte Bein und bewegte es auf die andere Seite des Zweiges. Jetzt hingen beide Beine nach links. Er hielt sich weiter am Zweig fest und zog das linke Bein nach, um sich anschließend rückwärts weiterbewegen zu können. Er hatte es beinah geschafft, da drehte sich der Stamm. Jörg hielt sich krampfhaft am Zweig fest und hing jetzt senkrecht über dem Bach. Seine Beine ragten bis zu den Oberschenkeln ins Wasser hinein, die Strömung verstärkte den Zug auf seine Arme. Der nächste Zweig war einen Meter entfernt. Er nahm allen Mut zusammen und ließ eine Hand los, um den zweiten Zweig zu packen. Er versuchte, sich diesem durch Schaukelbewegungen zu nähern, aber die Strömung hielt ihn in seiner Position. Dann verließ ihn die Kraft und er fiel. Die Strömung riss ihn unbarmherzig mit sich. Er war ein guter Schwimmer, aber hier ging es nur noch darum, denn Kopf oben zu behalten und Verletzungen zu vermeiden. Seine Gedanken rasten. Wie weit war es bis zur Küste? Etwa ein Kilometer. Wie würde er dort ankommen? Am seichten Ufer oder prallte er auf ein Riff? Und würde ihn die Strömung ins Meer spülen? Wenn jetzt Ebbe war, wäre er verloren. Er drehte sich in Bewegungsrichtung und versuchte mit den Füßen Hindernisse abzufedern. Plötzlich tauchte vor ihm etwas auf, er versuchte noch unterzutauchen, aber es war zu spät. Der Schlag auf den Kopf ließ ihn fast besinnungslos werden. Er ließ sich jetzt einfach nur noch treiben, willenlos und ohne Hoffnung. Weitere Hindernisse im Wasser scheuerten ihm den Rücken auf, sein rechtes Knie prallte gegen einen Stein.
Dann ein Wunder! Auf der rechten Seite war eine Einbuchtung, die einen Teil des Wassers zur Strömungsumkehr zwang. Er kannte dieses Phänomen vom Wildwasserpaddeln, es hatte dort auch einen eigenen Namen: Kehrwasser. Jörg war in Sicherheit, und es war zum Glück auch auf der richtigen Seite. Seine Müdigkeit war verflogen, die Schmerzen vergessen. Die Bergkette war schwach zu erkennen, offenbar war der im Wasser zurückgelegte Weg sehr viel kürzer als gefühlt. Er nahm seinen Marsch wieder auf, dabei wählte er einen Winkel von fünfundvierzig Grad, um Weg zu sparen. Das rechte Knie begann zu schmerzen. Zur Entlastung suchte er sich einen Stock mit einer Gabel, den er auf die richtige Länge kürzte. Dann humpelte er langsam, aber stetig vorwärts, den verschwommen sichtbaren Bergkamm immer im Blick, auf keinen Fall durfte er jetzt die Richtung verlieren. Nachdem er zum wiederholten Mal gestolpert war, fühlte er plötzlich ein Hindernis. Es war ein Draht, zwei Handbreit über den Boden gespannt. Er war alarmiert, seine Lichtung war noch viel zu weit entfernt!
Eine Wolke schob sich vor den Mond, es wurde deutlich dunkler. Irgendetwas musste sich vor ihm befinden, und er hatte den Alarm ausgelöst, genauso wie damals die beiden unglücklichen Besucher. Dies musste das Versteck der Bewacher sein. Er kroch so schnell wie möglich zurück, bis er unter einem umgestürzten Baum Schutz fand. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Seitlich hinter ihm sah er Lichter, die auf ihn zukamen. Er erkannte vier Personen, sie rannten an ihm vorbei und übersprangen den Draht. Er richtete sich ein wenig auf, und erkannte nun im Licht ihrer Lampen die Umrisse eines Hauses. Er glaubte, auf seiner eigenen Lichtung zu sein, die Größe und Ausrichtung war gleich, sogar das provisorische Klo befand sich an der gleichen Stelle. Zwei der Gestalten nahmen mit gezückten Waffen eine Position vor dem Eingang ein, die beiden andern stürmten lautlos hinein. Lange Zeit geschah gar nichts. Die Wachen von draußen näherten sich der Tür und spähten hinein. Jörg glaubte Stimmen zu hören, aber er war zu weit entfernt, vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Die Bewacher berieten sich kurz vor dem Haus, schlossen die Tür und bewegten sich erneut in seine Richtung. Der Mond schien wieder, Jörg hatte Angst entdeckt zu werden und zog sich wieder in sein Versteck zurück. Die Männer nahmen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren. Er wartete, bis sie sich genügend entfernt hatten, und begann, ihnen zu folgen. Er war mit seinem kaputten Knie langsamer als sie, außerdem musste er sich bemühen, leise zu sein. Sie gingen in senkrechter Richtung auf die Bergkette zu, dann verschwanden die Lichter. Er war wieder allein und wollte nur noch eins: Zurück ins Camp und schlafen, es war inzwischen fast vier Uhr. Es schmerzte wieder am ganzen Körper und das Gehen wurde immer beschwerlicher. Mit letzter Kraft erreichte er die Lichtung. Ein Lichtstrahl blendete ihn.
Sue rief erleichtert aus: „Jörg, Jörg, bist du es wirklich? Wie siehst du aus, was ist mit dir passiert, warum kommst du so spät?“
Hatte Sue etwa die ganze Nacht auf ihn gewartet? Er überschritt den Draht und sie nahm ihn in ihre Arme.
„Ich hatte solche Angst, der Taifun war furchtbar und du warst ihm schutzlos ausgeliefert. Was ist mit dir passiert?“ Er schüttelte nur den Kopf. Sie nickte und führte ihn ins Haus. Ohne zögern ging sie mit ihm in ihr Abteil. Er schaute sie fragend an. Sie nickte wieder, half ihm aufs Bett und legte sich zu ihm. Sie schliefen eng umschlungen ein.
Schäfer genoss den Flug. Er hatte Emirates gebucht und der Flug ab Frankfurt hatte eine fast zweistündige Verspätung. Das hatte ihn zuerst geärgert, weil er damit seinen Anschlussflug ab Dubai verpassen würde, aber als die Stewardess ihn darüber aufklärte, dass er für die neun Stunden Wartezeit in einem Luxushotel im Flughafen untergebracht werden würde, verbesserte sich seine Stimmung wieder. Er hatte auf Bitten des örtlichen Vertreters für Singapur gebucht, dieser hatte eine Anfrage von Mannesmann, die dort ein Auslieferungslager unterhielten. Für das Problem hatte er zwei Lösungsmöglichkeiten ausgearbeitet, über die sie vor Ort mit dem Kunden diskutieren wollten. Der Besuch in Malaysia war für einen Tag später geplant. Schäfer wählte sich aus dem reichhaltigen Kinoprogramm einen Science-Fiction-Film und genoss den servierten Lunch. Er hatte Fisch gewählt, zusammen mit dem Rotwein eine gute Wahl.
Das Hotel in Dubai war tatsächlich exzellent. Er informierte seinen örtlichen Vertreter per Handy über die Verspätung und gab ihm die neue Ankunftszeit. Dann zog seine Schuhe aus und legte sich auf das Bett. Zum Schlafen war er nicht müde genug, er schaute eine Weile die Deutsche Welle im TV und döste vor sich hin, alles in allem sehr entspannend. Das Frühstück war typisch asiatisch-orientalisch, es gab alle Arten von Gemüse, Fleisch, Geflügel, kleine Würstchen und Frühlingsrollen. Er war an solches Essen am Morgen nicht gewöhnt und entschied sich stattdessen für Croissants mit reichlich Marmelade und Kaffee. Er schaute mit Bedauern auf die verschmähten Speisen, revanchierte sich aber an der Saftbar – es gab tatsächlich frisch gepresste Säfte der verschiedensten Früchte – und lehrte drei Gläser Saft derPassionsfrucht. Es war ein guter Tagesanfang.
Im Flughafen von Singapur erwartete ihn elegant gekleideter junger Mann mit einem Namensschild in der Hand.
„Hallo, Herr Schäfer, mein Name ist Nauroth. Willkommen in Singapur, das erste Mal hier?“
Sie verstanden sich sofort. „Ja, und es war ein toller Flug. Ziemlich warm hier.“
„Daran müssen Sie sich in den nächsten Tagen gewöhnen, es wird noch heißer.“
Schäfer fragte verwundert: „Für einen typisch deutschen Namen sehen Sie ziemlich asiatisch aus.“
Nauroth musste lachen. „Das sagen alle, die mich das erste Mal sehen, meine Mutter ist Vietnamesin. Ich habe in Darmstadt an der TU Wirtschaftsingenieurwesen studiert.“
„Und wie kamen Sie in unsere Firma?“
„Meine Freundin war Übersetzerin in der Exportabteilung, jetzt ist sie meine Frau und macht den Bürokram.“
„Und warum wurde als Außenstelle gerade Jakarta als Standort ausgewählt?“ „Indonesien war damals die Region mit dem größten Entwicklungspotential, wir fühlen uns dort jedenfalls beide sehr wohl. Ein großer Vorteil ist, dass die Sprache relativ leicht zu erlernen ist, die Grammatik ähnelt der vietnamesischen und die Aussprache ist unproblematisch. Meine Frau hat am Anfang versucht, vietnamesisch zu lernen, es gibt aber viele Wörter, die bis zu fünf und mehr verschiedene Bedeutungen haben, man erkennt sie nur an der Betonung. Das macht das Erlernen sehr schwierig.“
Schäfer fragte interessiert: „Wie läuft heute das Geschäft mit Vietnam?“
„Immer besser, es gibt inzwischen ein sehr gutes Bildungssystem und die Jugend ist hungrig auf technischen Fortschritt. Darf ich Sie bitten, am Ausgang zu warten, ich muss den Mietwagen holen.“
Schäfer setzte sich auf seinen Koffer und betrachtete die Umgebung. Ein dickbäuchiger Tourist rief ein Taxi heran, beendete seine Zigarette und schnippte die Kippe vor dem Einsteigen auf den Boden. Genau in diesem Moment trat ein elegant uniformierter Polizist an ihn heran und forderte ihn höflich auf, die Kippe wieder aufzuheben. Die folgende Szene erschien Schäfer zunächst ziemlich unwirklich, aber am Ende konnte er nur noch aus vollem Herzen lachen. Der Polizist war zwei Köpfe kleiner und von schlanker Statur.
Der Tourist war aufgebracht: „Do you mean this really serious, why do you not remove this yourself?”
Der Polizist blieb ausgesprochen höflich, er sprach ausgezeichnet englisch. „No problem, Sir.“ Dann zog er eine Pinzette aus der Jackentasche, hob damit die Kippe auf und steckte sie in einen kleinen Plastikbeutel. Anschließend füllte er einen Coupon aus und überreichte ihn dem überraschten Touristen.
„Now you are filed for twenty Dollar.“
Das brachte den Dicken nun völlig aus der Fassung, er brüllte los, schimpfte unflätig, und endete mit: „You are really crazy.“
„No problem, Sir.“ Es folgte ein kurzer Wink, ein Wagen erschien wie aus dem Nichts, ein zweiter Kollege legte ihm Handschellen an, dann schubsten sie ihn in den Wagen. Schäfer musste immer noch lachen, als Nauroth erschien. Er beschrieb die Episode und Nauroth bestätigte:
„Es ist hier tatsächlich strafbar, Kippen, Kaugummi und Ähnliches auf den Boden zu werfen, in diesem Fall kommt noch Beamtenbeleidigung hinzu.“
„Was passiert mit dem Mann?“
„Er kommt innerhalb der nächsten Stunde vor ein Schnellgericht, es könnte ziemlich teuer für ihn werden. Der Kaugummiverkauf ist hier übrigens verboten, es gibt ihn nur auf Rezept in der Apotheke. Kommen wir jetzt zum Geschäft, fühlen Sie sich frisch genug, mit Mannesmann zu sprechen, wir haben einen Termin in zwei Stunden.“
Schäfer nickte. „Ich habe drei mögliche Lösungen ausgearbeitet, sollten alle funktionieren.“
Nauroth hatte eine Bitte. „Ich bin übrigens Peter, wir sollten unsere Kommunikation erleichtern.“
Sie gingen das Projekt noch einmal durch. Das Problem war typisch für die kleineren Schwierigkeiten, mit denen seine Abteilung häufig konfrontiert wurde: Die im Lager gestapelten Rohre wurden über ein Rollensystem zur Verladestation geführt. Am Ende war eine Waage zur Erfassung des Verladegewichts angebracht. Gewünscht war ein System, das auf dem Weg zur Verladestation die Länge automatisch erkennen und protokollieren konnte. Im Prinzip eine leichte Aufgabe, die Schwierigkeit lag in der geforderten Genauigkeit von zwei Millimeter.
Auf der Fahrt zur Hafenanlage erhielt Nauroth einen Anruf aus Serpong. Es war Herr Bam, der Betriebsleiter des Windkanals. Was er Nauroth erzählte, war so erschreckend, dass dieser den Wagen stoppte.
Schäfer fragte erschrocken: „Was ist los?“
Die Antwort von Nauroth war beunruhigend. „Es gibt in Serpong einen Entführungsfall. Sie vermissen seit gestern einen deutschen Ingenieur, der für Siemens arbeitet.“ „Siehst du einen Zusammenhang mit Breithaupt?“
„Schwer zu sagen, aber es scheint mir doch sehr wahrscheinlich.“
Die Fahrt zu Mannesmann erfolgte in gedrückter Stimmung. Der Empfang war herzlich, Nauroth war dort gut bekannt. Schäfer präsentierte seine Vorschläge.
„Die erste Möglichkeit ist typisch mechanisch, wir installieren und integrieren ein Reibrad in die Rollenbahn und messen den Umlenkwinkel, während sich das Rohr über das Rad bewegt.“ Diese Lösung scheiterte an der geforderten Genauigkeit von zwei Millimetern.
Schäfer präsentierte den nächsten Vorschlag. „Die zweite Lösung ist rein elektronisch, wir platzieren unter der Rollenbahn eine sechs Meter lange Fotodioden-Kette mit einem Diodenabstand von einem Millimeter, das ist dann auch gleichzeitig die garantierte Genauigkeit. Die Kette wird von oben beleuchtet und die Länge ergibt sich aus der Zahl der Dunkelsignale. Dies wäre meine bevorzugte Lösung, da der Genauigkeitsnachweis garantiert ist.“
Der Betriebsleiter machte seine Hoffnung zunichte. „Das ist im Prinzip sicher richtig, allerdings scheitert diese Lösung an den Schmutzbedingungen in unseren Lagern, wir können nicht alle Stunden die Dioden saubermachen.“
Schäfer war enttäuscht, nickte aber. „Das verstehe ich. Kommen wir damit zu einer typisch mechatronischen Lösung. Dazu komme ich auf die ohnehin vorhandene Waage an der Verladestation zurück. Wenn das Rohr in einer definierten Position gestoppt wird, können wir die Länge aus dem Verhältnis der Kraftsensoren der linken zur rechten Seite berechnen. Diese Lösung erfordert den minimalsten Aufwand, wir müssen nur eine Formel in den Bilanzierungscomputer eingeben und das Problem ist gelöst. Allerdings müssen die Kraftsensoren gegen genauere ausgetauscht werden und die Signalverarbeitung muss verbessert werden, dies ist der elektronische Anteil. Letztendlich müssen wir noch einen mechanischen Stopp einfügen, der durch einen Endschalter kontrolliert wird. Es handelt sich also um eine typisch mechatronische Lösung.“
Der Einkäufer von Mannesmann war hochzufrieden.
„Dann bitten wir um die Ausarbeitung eines Preisangebotes mit möglichst kurzer Lieferzeit.“
Sie wurden zum Essen in die Werkskantine eingeladen. Der Einkäufer war neugierig.
„Sie wirken irgendwie bedrückt, gibt es dafür irgendeinen Grund?“
Nauroth berichtete über das Verschwinden der zwei deutschen Mitarbeiter aus Serpong.
„Und es gibt keine Lösegeldforderungen?“
Nauroth schüttelte den Kopf. „Nein, nichts, kein Lebenszeichen und auch keinen Hinweis, warum sie entführt worden sind.“
Ein Mannesmann-Mitarbeiter zog aus seiner Tasche eine Zeitung heraus. Es handelte sich um das Singapur News Journal, auf der ersten Seite war das Foto einer jungen attraktiven Asiatin abgebildet. Laut dem beigefügten Kommentar handelte es sich um die Tochter eines Unternehmers, der sich auf hochentwickelte Fernsteuersysteme spezialisiert hatte. Seine Tochter war die Leiterin der Entwicklungsabteilung. Sie war vor fünf Wochen spurlos verschwunden. Die erwartete Lösegeldforderung blieb bisher aus und ihr Vater machte sich große Sorgen. Er hatte eine Belohnung von hunderttausend Dollar ausgesetzt.
Um neun Uhr morgens klingelte das Telefon im Vorstandssekretariat.
„Hier spricht die Sekretärin von Dr. Habibi in Jakarta, er möchte dringend Dr. Jakobi sprechen.“
Jakobi war sofort am Telefon. „Guten Morgen, Hal, wie geht es bei euch, ihr habt sicher besseres Wetter als wir.“
„Wie man es nimmt, gestern hatten wir einen mittleren Taifun. Mein Anruf hat allerdings einen ernsten Hintergrund.“
Jakobi fragte begierig; „Etwas Neues von Breithaupt?“
„Leider nein, es ist noch schlimmer geworden. Seit gestern sind wir sicher, dass ein weiterer Kollege aus Deutschland entführt worden ist.“
„Was macht euch so sicher, dass es sich in diesem Fall wirklich um eine Entführung handelt?“
„Die Umstände, der Firmenwagen sprang nicht an und der Kollege hatte sich ein Taxi bestellt. Genau wie bei Breithaupt. Er kam nicht im Hotel an, und es gibt auch keinen Unfallbericht von der Strecke.“
„Gibt es eine Lösegeldforderung?“
„Bis jetzt noch nicht, und ehrlich gesagt, erwarten wir auch keine, die Ähnlichkeit mit dem Verschwinden Breithaupts ist offensichtlich.“
„Um wen handelt es sich diesmal?“
„Um einen Serviceingenieur von Siemens. Er ist ein bekannter Spezialist für die Kalibrierung von Kernreaktoren. Unsere Wissenschaftler am Kernreaktor wollen das Spektrum ihrer Versuche erweitern, dies erfordert eine Neueinstellung der Parameter, die die Reaktionsgeschwindigkeit bestimmen.“
„Was ist das für ein Reaktor, wie groß ist seine Leistung?“
„Es handelt sich nur um einen Forschungsreaktor, die Leistung geht bis maximal zwei Kilowatt. Der Aufbau des Kerns ist relativ einfach, zwei Kernhälften werden kontrolliert aufeinander zubewegt, bis sich die gewünschte Leistung einstellt. Die kritische Masse, bei der die Kettenreaktion beginnt, lässt sich so sicher einstellen. Der Bewegungsablauf wird durch voneinander unabhängige Sensorsysteme kontrolliert und im Störfall sofort zurückgefahren. Wir können die Geschwindigkeit sogar so einstellen, dass die Funktion einer Atombombe simuliert wird, natürlich ohne die darauffolgende unkontrollierte Kettereaktion.“
„Habt ihr entsprechende Versuchsergebnisse bereits veröffentlicht?“
„Sicher, das ist ja der Hauptzweck dieser Forschung. Der Siemensmitarbeiter hat den Mechanismus mit Hilfe eines Servicetechnikers komplett zerlegt, es müssen einige Teile neu dimensioniert und das Ganze wieder zusammengesetzt und kalibriert werden.“
„Was habt ihr jetzt vor?“
„Laut Siemens ist ein qualifizierter Ingenieur bereits unterwegs. Wir werden ihn sicherheitshalber auf dem Forschungsgelände im Gästehaus unterbringen. Ich überlege, ob zwischen unseren beiden Entführten Gemeinsamkeiten bestehen. Beide sind anerkannte und erfolgreiche Ingenieure, beide haben promoviert, und beide sind etwa dreißig-vierzig Jahre alt. Ihre fachlichen Tätigkeiten und Erfahrungen sind aber total verschieden.“ Jakobi dachte kurz nach.
„Lass mich das nochmal checken. Ich habe übrigens heute Morgen schon einen Anruf von einem meiner Ingenieure erhalten. Er ist auf Erkundungstour für einen geplanten Windkanal in Malaysia. Er hat mich über einen Zeitungsbericht informiert, in dem von der fünf Wochen zurückliegenden Entführung der Leiterin einer Entwicklungsabteilung die Sprache ist, das Unternehmen entwickelt hochspezialisierte Fernsteueranlagen.“
„Also gibt es bis auf die hochwertige Ingenieurtätigkeit auch hier keine Übereinstimmung.“
Sie beendeten das Gespräch und Jacobi forderte die Personalakte von Breithaupt an. Er hatte sich nicht getäuscht, Breithaupt hatte in Kalkar promoviert. Sein Doktorthema war die experimentelle Untersuchung von Strukturmaterialien, die für den schnellen Brüter vorgesehen waren. Nach erfolgreichem Abschluss hatte er sein Tätigkeitsfeld komplett geändert. Beim Bewerbungsgespräch gab er hierfür Gewissensgründe an. Jacobi erinnerte sich an die damalige Berichtserstattung in den Medien. Der Reaktortyp sollte angeblich während der Energieerzeugung auch noch gleichzeitig neuen Kernbrennstoff erzeugen, dies erinnerte ein wenig an ein Perpetuum mobile. Das Fatale stellte sich im Laufe der Entwicklung heraus, nämlich dass diese Annahme offenbar auf einem Fehler in der Berechnung beruhte. Da schon immense Summen in das Projekt hineingesteckt worden waren, hatte die Politik große Mühen, es zu stoppen, keiner wollte die Verantwortung übernehmen. Dazu kam, dass die angewandte Technik höchst riskant war. Die Spaltung erforderte im Gegensatz zum konventionellen Kernreaktor schnelle Neutronen, dies verbot den Einsatz von Wasser als Kühlmittel. Stattdessen wurde als Wärmeträger flüssiges Natrium verwendet. Breithaupt hatte damals drastisch geschildert, was im Falle eines Gaus passieren würde: Bei einem Leck in der Kühlflüssigkeitsleitung trat flüssiges Natrium an die Luft. Dort würde es sich sofort selbst entzünden und eine Explosion einleiten. Die Folge wäre verheerend: das im Reaktor erzeugte Plutonium, einer der giftigsten Stoffe überhaupt, würde fein verteilt in die Atmosphäre gelangen. Diese Argumentation von Breithaupt war im Vorstellungsgespräch eine überzeugende Begründung gewesen, eine mögliche Karriere aufzugeben und ganz von vorne anzufangen. Dann erinnerte Jakobi sich plötzlich an ein Interview, das vor zwei Tagen im Fernsehen gesendet worden war. Ein Reporter des „Stern“ war unter etwas mysteriösen Umständen nach Afghanistan eingeladen worden. Das Gespräch hatte unter höchster Geheimhaltung in einer Höhle in den Bergen stattgefunden. Der Bericht des Reporters barg tatsächlich eine kleine Sensation, der Interviewte sah aus wie eine Reinkarnation von bin Laden, nur jünger. Der Inhalt des Gesprächs war typisch für Gestalten dieser Art. Er beschrieb die Mitglieder des IS als Schlächter, unwürdig im Namen des Islam zu handeln. Unter ihrer Herrschaft starben wahllos neben Schiiten und Christen auch Sunniten, sie waren dafür für die Hölle bestimmt. Es sei endlich Zeit für eine radikale Lösung, an deren Ende eine wirkliche islamische Weltordnung nach sunnitischem Vorbild stünde. Die folgende Botschaft war eindeutig: „Wir werden die Welt, so wie sie jetzt besteht, vollständig vernichten.“ Der Auftrag war ihm in einer Offenbarung von Allah befohlen worden, er hätte zur Durchführung ein halbes Jahr Zeit. Die Sunniten reinen Glaubens sollten unbesorgt sein, sie würden „Hour Zero“ unbeschadet überleben und anschließend in einer Gemeinschaft leben, die Allah gefällig ist. Er wirkte auf Jakobi ungemein überzeugend, auch wenn er ihm natürlich keinen Glauben schenkte. Jedenfalls nicht vor zwei Tagen. Jakobi dachte lange nach, er versuchte die Fakten zusammenzufassen. Der Siemensmitarbeiter war ein international anerkannter Spezialist für die Einstellung bestimmter Parameter für eine gewünschte Kettenreaktion, diese schlossen auch Versuche zur Simulation von Atombomben ein. Breithaupt hatte ebenfalls ein umfangreiches Wissen auf diesem Gebiet, speziell mit schnellen Brütern. Die entführte Entwicklungsleiterin kam aus Singapur, also örtlich sehr nahe zu den beiden anderen Fällen, sie war Expertin für fortschrittliche Fernsteuersysteme und hatte sicher auch ein fundiertes Wissen über alle Arten von elektronischen Kontroll- und Steuersystemen. Ein fanatischer Fundamentalist kündigte das Ende der Welt an. Ein Verdacht keimte in Jakobi auf, der so ungeheuerlich war, dass er sofort zum Hörer griff.
„Bitte verbinden Sie mich mit Habibi in Jakarta! Sagen Sie, es ist sehr dringend.“
Habibi war sofort am Telefon. „Hallo, Hal, ich hoffe, du hast noch nicht Feierabend.“ In Darmstadt war es zwar erst Mittag, aber Jakarta war sechs Stunden voraus.
Habibi beruhigte ihn. „Ich wollte sowieso später gehen, ich warte noch auf den Bericht unseres Werkschutzes. Ich habe sie beauftragt, einen verschärften Sicherheitsplan auszuarbeiten.“
Jakobi war überrascht. „Das genau wäre meine erste Bitte gewesen.“
Er berichtete von seinem Verdacht. Habibi unterbrach ihn: „Das kannst du nicht wirklich glauben, das ist undenkbar! Niemand kann das wollen.“
Jakobi insistierte. „Und wenn er glaubt, von Gott den Auftrag bekommen zu haben?“ Er berichtete Hal von dem Interview.
Habibi dachte nach. „Bin Laden hatte mehrere Söhne, sie waren damals in Pakistan nicht dabei, der älteste müsste etwa Mitte dreißig sein, sein Name ist, glaub ich, Hamsa bin Laden. Das Alter könnte hinkommen, und die Ähnlichkeit mit seinem Vater war wirklich verblüffend. Wahrscheinlich hat er da noch etwas nachgeholfen, um seine Wirkung zu verstärken, man sagt, er hat seinen Vater sehr geliebt. Ich will nicht glauben, dass dein Verdacht zutrifft! Aber wenn es wirklich wahr ist, was sollten wir dann jetzt tun? Wir können doch nicht die ganze Menschheit in Panik versetzen.“ Jakobi stimmte zu: „Nein, wir brauchen mehr Fakten, bevor wir irgendetwas unternehmen. Wenn wir mehr Hinweise haben, müssten wir wohl irgendeinen Geheimdienst oder so was informieren. Das bringt mich zu meiner zweiten Bitte, könntest du mal nachforschen lassen, ob es in eurer Region noch weitere ähnliche Fälle unerklärten Verschwindens von Personen gibt, die ins Schema passen?“
Jörg wachte auf, als es schon lange hell war. Er und Sue hielten sich noch genau so umschlungen wie in dem Moment, als sie eingeschlafen waren.
Er fühlte ihren Oberschenkel zwischen seinen Beinen. Die Berührung ging nicht spurlos an ihm vorbei, er verstärkte den Druck. Ihm tat noch alles weh, aber das war im Moment vergessen, er genoss das Gefühl ihrer intimen Nähe. Sue erwachte und blickte ihn an.
„Entschuldige!“
Sie sah ihn einen Moment verständnislos an, dann lächelte sie und erwiderte den Druck. „Bitte bleib noch einen Moment so, ich fühle mich so unbeschwert, wie lange nicht mehr, ich könnte ewig so mit dir liegen bleiben.“
Zehn Minuten später beschlossen sie aufzustehen. Die anderen saßen draußen und schauten sie stumm an. Dann bemerkten sie seinen Zustand. Ben fuhr von seinem Stuhl hoch und ging auf ihn zu.
„Was um Gottes willen ist mit dir passiert, du siehst aus, als wenn du einen schlimmen Autounfall erlebt hättest.“
Jörg setzte sich, Sue blieb neben ihm stehen, bereit ihn zu stützen, falls er umkippen würde. „Gebt mir einige Minuten mich zu sammeln, ich habe große Lust auf einen Kaffee.“
Mit einem Becher Kaffee in der Hand fing er an zu erzählen, erst stockend und dann immer schneller. Er berichtete von seiner Ankunft an der Küste und wie ihn der Taifun überrascht hatte. Als er beschrieb, wie er in das reißende Gewässer abgestürzt war, schluchze Sue laut auf. „Ich hatte Glück und konnte mich etwas weiter unten ans rechte Ufer retten. Und was jetzt kommt, werdet ihr nicht glauben.“
Nachdem er mit seiner Schilderung fertig war, sah er in zweifelnde Gesichter. Ben fragte zweifelnd: „Bist du sicher, das nicht nur geträumt zu haben, du bist vielleicht vor Erschöpfung eingeschlafen, und nach deinem Erlebnis wäre ein Alptraum doch das natürlichste von der Welt.“
Jörg dachte kurz nach, dann sagte er mit Bestimmtheit: „Nein, auf keinen Fall, dazu ist die Erinnerung zu deutlich. Ich erinnere mich an jedes einzelne Detail, als wenn es gerade passiert wäre, wäre es ein Traum gewesen, wäre die Erinnerung schon nach einigen Minuten verflogen.“
„Aber was hat das zu bedeuten?“, fragte Kes .
„Das kann ich auch nicht sagen, im ersten Moment hatte ich geglaubt, auf das Versteck unserer Bewacher gestoßen zu sein, aber das können wir nach dem weiteren Ablauf der Ereignisse mit Sicherheit ausschließen.“
Pierre griff in die Diskussion ein: „Also gibt es noch eine zweite Gruppe, denen es genauso geht wie uns.“
Jörg stimmte ihm zu. „Davon gehe ich auch aus. Es wäre ungemein wichtig, mit ihnen in Kontakt zu treten.“
Ben stand auf. „Darüber reden wir später, jetzt werde ich mich erst mal um deine Verletzungen kümmern, Sue wird mir bestimmt gern assistieren.“
Es gab einen Medizinschrank, der erstaunlich gut ausgestattet war: Mullbinden, Pflaster, Salben, Durchfallmittel und sogar Tabletten zur Malariaprophylaxe. Jörg schaute Ben fragend an.
„Die haben wir nie genommen, die Nebenwirkungen sind unverhältnismäßig stark, besser man achtet darauf, erst gar nicht gestochen zu werden.“
Ben erwies sich als ein sachkundiger Sanitäter. „Das Schlimmste sind deine Kopfverletzung und dein geprelltes Knie. Deine Kopfwunde ist inzwischen verschorft und wir machen am besten gar nichts. Ich binde dir eine Mullbinde um, damit du dich nicht aufkratzt. Zieh dich aus.“
Er blickte auf Sue, aber sie zuckte nur mit der Schulter und nickte aufmunternd. „Du hast einige Abschürfungen, aber die sind nicht ernsthaft und werden schnell ausheilen. Sue wird auf die betroffenen Stellen eine kühlende Heilsalbe auftragen. Die Kniescheibe deines Knies ist unverletzt, es ist offenbar nur eine schmerzhafte Prellung. Ich habe ein Kühlspray gefunden, das du ab und zu verwenden solltest, ansonsten würde ich das Bein einfach ruhigstellen und hochlegen.“
Jörg ließ die Behandlung über sich ergehen und legte sich draußen in den Schatten. Sue setzte sich neben ihn und die anderen besprachen die neue Situation.
Jörg analysierte. „Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass es ihnen ähnlich wie uns geht. Aber wir wissen nicht, ob sie mit ihnen dasselbe vorhaben wie mit uns. Warum halten sie uns getrennt? Wer sind sie? Und wie viele?“
Fragen über Fragen. Sie kamen überein, dass man ihnen unbedingt einen Besuch abstatten müsste. Pierre bot sich an: „Ich bin der Jüngste und wahrscheinlich auch der Kräftigste und Schnellste.“
Kes wandte ein: „Aber du kennst den Weg nicht!“
„Jörg kann ihn mir beschreiben.“
„Wie denn, es gibt keine markanten Punkte und es ist halb dunkel.“
„Ich würde zuerst versuchen, den Bergkamm zu erreichen!“
„Selbst wenn du ihn findest, es gibt keine Zweige, die dir den Weg zur Lichtung zeigen.“
„Jörg hat sie auch gefunden!“
„Aber das war reiner Zufall.“
Die Diskussion stoppte. Alle blickten auf Jörg. Sue griff ein: „Das geht auf keinen Fall, sein Knie braucht Ruhe, das hast du selbst gesagt, Ben.“
Ben nickte. „Wir müssen abwarten.“
Am nächsten Tag fühlte Jörg sich entscheidend besser. Er hatte den halben Nachmittag und die ganze Nacht durchgeschlafen, diesmal wieder in seinem Bett. Sue und er wollten die anderen nicht provozieren. Zum Frühstück verkündete er: „Ich bin bereit, wenn mich Pierre begleitet und stützt, schaffe ich es zumindest bis in die Nähe. Sobald die Lichtung erreicht ist, zeige ich ihm den Baum, an dem man den Draht überquert, ich werde dann zurückbleiben und mich ausruhen, bis er wiederkommt.“
Sie stimmten zögernd zu. Jörg ging wieder ins Haus, um eine verbesserte Karte anzufertigen. Er hatte gerade den Bachlauf eingezeichnet, als er draußen fremde Stimmen hörte.
„Wo ist euer fünfter Mann?“
Jörg humpelte ins Freie. Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Vor ihm stand Osama bin Laden. Er schaute zu seinen Kameraden: „Aber der ist doch tot!“
Der Fremde wurde von zwei Wächtern begleitet, die im Hintergrund mit entsicherten Maschinenpistolen auf sie zielten, zwischen ihnen stand eine weitere Person mit einem Aktenkoffer. Der Mann, der wie bin Laden aussah, ignorierte seine Bemerkung.
„Was ist mit Ihnen passiert, haben Sie mit jemand gekämpft?“ Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt, er verfügte offenbar über eine gute Selbstbeherrschung.
Jörg versuchte eine Erklärung. „Ich bin gelaufen und unglücklich gefallen.“
„Ziehen Sie Ihr Hemd aus!“ Er betrachtete die Abschürfungen und rief den Wachen einen Befehl zu, die unverzüglich nähertraten und die Gewehre auf seinen Kopf richteten.
„Ihr Ungläubigen seid alle erbärmliche Lügner, aber Sie sind auch ein schlechter Lügner. Sie haben nur eine einzige Chance, dies zu überleben. Sie sagen mir jetzt die volle Wahrheit, ein Zweifel von mir und Sie sind tot.“
Sue schrie auf, die anderen blickten zu Boden. Jörg hatte keine Chance. Er berichtete von seinem Ausflug in allen Einzelheiten, wie er entlang der Bergkette gegangen war, wie er die Küste erreicht und ihn der Taifun überrascht hatte, wie er auf dem Rückweg auf den reißenden Bach gestoßen und bei dem Versuch, ihn zu überqueren, hineingefallen war und wie er sich schließlich ans Ufer gerettet hatte.
„Wie sind sie zurückgekommen?“
„Ich hatte mir ein Bein aufgeschlagen und mir deshalb eine Krücke gefertigt. Dann bin ich, so schnell ich konnte, zurückgehumpelt.“
„Was ist auf dem Rückweg passiert?“
„Nichts Besonderes, ich bin häufig gestolpert, aber ich wollte so schnell wie möglich ins Camp, ich hatte Angst, ein neuer Taifunausläufer könnte kommen und ich die Orientierung verlieren.“
„Wie weit war die Stelle, wo Sie ans Ufer gingen, vom Bergkamm entfernt?“
„Das weiß ich nicht, aber ich konnte ihn schwach in der Ferne erkennen. Ich habe deshalb einen Winkel von fünfundvierzig Grad eingeschlagen, um abzukürzen. Am Ende des Kamms angekommen, kannte ich den Weg wieder und ging auf gerader Strecke zurück.“
Bin Laden sah ihn durchdringend an. „War das Ihr einziger Ausflug?“
„Nein, ich war insgesamt fünfmal unterwegs, immer nachts.“
„Was wollten Sie mit Ihren Ausflügen erreichen?“
„Ich wollte mir einen Überblick über die örtlichen Verhältnisse verschaffen, meine Hoffnung war, dass wir vielleicht auf dem Festland oder einer Halbinsel sind. Dann hätten wir vielleicht einen Weg gefunden, um zu fliehen.“
„Was war das Ergebnis Ihrer Nachforschungen?“
„Es handelt sich um eine Insel, ich habe eine provisorische Karte angefertigt.“
Bin Laden schien mit einmal wie elektrisiert. „Zeigen Sie mir die Karte.“
Sue und die anderen erstarrten, sie ahnten, was das bedeutete. Jörg holte die Karte und übergab sie dem Mann. Der zeigte die Karte den Wächtern, sie warfen einen kurzen Blick darauf und nickten. Alle warteten auf die Exekution, Sue sank ohnmächtig zu Boden. Jörg war seltsam ruhig. Hatte er mit dem Leben abgeschlossen?
Bin Laden bestätigte. „Die Karte hat ziemlich exakte Entfernungsangaben, wie haben Sie die herausgefunden und wie haben Sie sich in der Dunkelheit überhaupt orientieren können?“
Jörg beschrieb ihm sein Verfahren in allen Einzelheiten, die Situation war unwirklich, es klang beinah wie ein Gespräch unter Bekannten.
„Wo haben Sie das gelernt?“
„So etwas lernt man nicht, man hat ein Problem, sucht nach vorhandenen Hilfsmitteln, und improvisiert.“
Bin Laden erschien mit einem Mal hochzufrieden. „Diese Fähigkeit werden Sie in den nächsten Monaten gut brauchen können, ich werde Ihnen jetzt mitteilen, warum Sie hier sind.“
Alle waren jetzt auf Höchste gespannt. Der Mann winkte einen Wächter zu sich und öffnete den Koffer. „Ich habe hier Unterlagen, die wir aus dem Internet heruntergeladen haben. Es handelt sich um allgemeine Informationen über die Funktionsweise eines atomaren Sprengkörpers. Die Beschreibungen sind teilweise sehr detailliert, aber es gibt nirgends eine exakte Konstruktionszeichnung und natürlich auch keine Detailzeichnungen. Sie sind ein Team, das über alle Fähigkeiten verfügt, die erforderlichen Konstruktionspläne anzufertigen.“
„Sie erwarten wirklich von uns, dass wir Ihnen eine Atombombe bauen?“, fragte Ben.
„Nicht nur eine, wir benötigen fünf.“
„Das werden wir nie tun, lieber lassen wir uns erschießen“, sagte Ben bestimmt.
Die anderen nickten. Bin Laden war nicht im Geringsten beeindruckt. Er stellte sich vor Ben und sah ihm durchdringend in die Augen. „Sie leben mit Ihrer Frau Louisa in Greenville, Lincolnroad 21. Ihr habt eine Tochter Maggie und einen Sohn Jonas. Eure Tochter hat einen kleinen Sohn, den sie jeden Morgen mit dem Wagen um neun zum Kindergarten bringt. Auf dem Weg dorthin ist eine Ampel, an der sie halten muss. Dort hält dann auch ein Motorradfahrer, er ist ein ausgezeichneter Schütze.“ Ben erbleichte und brach zusammen.
Bin Laden wandte sich an Sue. „Ihr Vater lebt in Singapur in der Orchadroad 57. Das Haus und auch seine Firma sind gut bewacht, aber Ihr Vater geht jeden Morgen um sieben Uhr zu dem chinesischen Tempel am Hafen, um für Sie zu beten. Wir haben unter dem Schrein eine kleine Sprengladung deponiert, die Fernzündung stammt aus Ihrer Fertigung.“ Sue schrie auf.
Jörg unterbrach ihn: „Hören Sie auf, wir haben verstanden.“
„Sie werden also die Bomben bauen?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Jörg schaute in die Runde und hob die Hand, alle folgten seinem Beispiel. „Ja.“
Nauroth und Schäfer waren auf dem Weg nach Kuala Lumpur. Nauroth hatte vorgeschlagen, die Bahn zu nehmen, das dauerte zwar länger als fliegen, aber er fand Schäfer sehr sympathisch und wollte ihn näher kennenlernen. Für einen Außendienstmitarbeiter waren gute Kontakte in die Stammfirma extrem wichtig, besonders wenn es sich um einen so kompetenten Mitarbeiter handelte. Schäfer genoss die Fahrt, der Wagen erinnerte ihn an den Orient-Express. Der Auftrag von Mannesmann war so gut wie in der Tasche. Es war kein großer Betrag, aber sie bekamen im Anschluss sicherlich auch wesentlich größere Aufträge, da war es gut, sie bei Laune zu halten.
Nauroth fragte: „Kannst du schon einen Preis nennen?“
„Gib mir eine Stunde, ich muss erst eine Fehlerrechnung machen, um die erforderliche Genauigkeit für die Kraftsensoren festlegen zu können. Das Übrige ist reine Addition, überleg dir schon mal die Gewinnspanne.“
Den Rest der Fahrt plauderten sie entspannt und betrachteten die vorbeiziehende Landschaft.
„Wie ist die Lage im guten alten Europa?“, fragte Nauroth.
„Angespannt, die EU ist kurz vor dem Auseinanderfliegen.“
„Die Flüchtlingskrise nehme ich an, in unserer Region wird darüber allerdings nur am Rande berichtet.“
„Sie ist weit weg von euch, aber so schien es uns vor einigen Jahren auch. Habt ihr nicht eine ähnliche Situation mit Miramar?“
„Ja, aber in viel kleinerem Maßstab. Ich hätte nie gedacht, dass fromme buddhistische Mönche zu solchen Gräueltaten gegenüber der muslimischen Bevölkerung fähig sind.“
„Dann müsste doch gerade Malaysia diese Flüchtlinge aufnehmen.“
„Es ist wie bei euch, jedes Land schiebt dem anderen die Probleme zu. Deutschland ist hier zurzeit die einzige rühmliche Ausnahme, aber ich finde, ihr übertreibt.“
„Das findet die Mehrzahl unserer Bevölkerung inzwischen auch. Wir stehen immer noch hinter der Entscheidung Merkels, die Grenzen in einer absoluten Notsituation zu öffnen. Aber die folgenden Signale waren katastrophal, die Kanzlerin hat den Eindruck erweckt, dass wir geradezu auf die Flüchtlinge warten. Merkel vermittelte das Bild, alle sind willkommen und für alle gibt es Arbeit und Wohlstand, so ist es jedenfalls auch in den Flüchtlingslagern angekommen. Die Folge war, dass viele Familien ein junges männliches Mitglied losschickte, dazu wurde alles verkauft, was irgendwie von Wert ist. Das Geld war für die Schlepper bestimmt, die die Zukunft in Deutschland in rosigen Farben schilderten. Die Flüchtlinge glauben ihnen, weil sie es glauben wollen.“
„Was hätte Merkel anders machen können?“, hakte Nauroth nach.
„Sie hätte klar machen müssen, dass die Öffnung der Grenze nur für eine begrenzte Zeit wirksam ist. Jetzt betrachten die anderen EU-Länder das Flüchtlingsproblem als ein rein deutsches Problem, einige offen, und die Deutschland näher stehenden Länder wie beispielsweise Frankreich versteckt. Das Fatale ist, das Merkel formal im Unrecht ist, sie hat das Schengen-Abkommen verletzt, ohne die anderen zu konsultieren. Jetzt versucht sie zu retten, was zu retten ist, dabei hofft sie sogar auf die Zusammenarbeit mit Erdogan.“ Schäfer schüttelte den Kopf.
„Mir kommt eure europäische Politik ziemlich verlogen vor. Sie ist heuchlerisch. Die Nato schickt Kriegsschiffe in die Ägäis, um Schlepperboote aufzubringen. Sie geben vor, die Schlepper zu bekämpfen, dabei ist ihr eigentliches Ziel, die Flüchtlinge in die Türkei zurückzubringen. Was wäre denn deiner Meinung nach die beste Lösung für das Flüchtlingsproblem?“
„Als Erstes müssten die bestehenden Flüchtlingslager viel mehr unterstützt werden, nicht nur durch mehr Geld, sondern auch durch die Schaffung von Strukturen für Schulbildung und Arbeitsbeschaffung. Die Länder versprechen das Blaue vom Himmel, aber die Zahlungen bleiben aus. Dabei würden sie unterm Strich eine Menge sparen, ein Flüchtling in Deutschland kostet das zigfache eines Flüchtlings im Lager. Für rational denkende Ingenieure wie wir ist das nicht zu verstehen. Ebenso wenig wie die Motive des IS und Konsorten.“
„Glaubst du, es gibt einen Zusammenhang dieser Organisationen mit unseren Entführungsfällen?“
„Ich halte es zumindest für möglich. Habibi hat eine Recherche veranlasst, Fälle unerklärten Verschwindens von Personen in den umgebenden Ländern. Stelle ich mir allerdings schwierig vor, es gibt so viele Aussteiger, die ohne Abmeldung verschwinden.“
Nauroth stimmte zu. „Die Zahl reduziert sich allerdings, wenn man den Personenkreis auf Ingenieure und Wissenschaftler beschränkt. Kommen wir zurück zu unserem Geschäft. Was ist dein Programm, wenn wir beim Kunden sind?“
Schäfer dachte kurz nach. „Zunächst sollten wir unsere Firma kurz vorstellen. Es gibt dafür eine allgemeine Powerpoint Präsentation, die einen Überblick über die verschiedenen Produktbereiche gibt. Meine Abteilung der Sonderprüfanlagen ist nur ein begrenzter Teil des Spektrums. Es gibt unter anderem eine Abteilung für die Entwicklung von intelligenten Sensoren, die für unsere Abteilung oft wertvolle Hilfestellung leistet. Ich weise immer gern darauf hin, dass diese verschiedenen Abteilungen Synergieeffekte liefern, die zum Vorteil unserer Kunden eingesetzt werden. Außerdem habe ich die Präsentation um Bilder von unserem Projekt in Serpong ergänzt, das stärkste Argument auf unserer Seite.“
Nauroth stimmte zu. „Das stimmt, der technische Stab hat bereits Kontakt zu der Bedienmannschaft in Serpong aufgenommen, ich bin sicher, Herr Bam hat nur Gutes über uns berichtet.“
Schäfer lachte. „Hast du da etwas nachgeholfen?“
„Nicht direkt, wir haben ihn und seine Frau einige Male zum Essen eingeladen. Sie lieben unsere Küche, die Frauen haben sich angefreundet.“
„Okay, besprechen wir das weitere Vorgehen. Ich möchte zunächst die Spezifikation präzisieren, die Anfrage ist in vielen Punkten ziemlich vage.“
„Aha, euer berühmtes Pflichtenheft!“
„Genau, wir wurden von Breithaupt darauf eingeschworen, vor jeder Lösungsfindung zunächst alle Forderungen genau und eindeutig festzuschreiben. Alles, was hierbei vergessen wird, geht später auf Kosten des Gewinns, der Kunde würde stets behaupten, das hätten wir wissen müssen. Kennst du die Geschichte von der guten Fee, die einem Ingenieur einen Wunsch freistellte?“
„Nein, erzähl.“
„Der Ingenieur war verheiratet, Mitte vierzig und am Beginn seiner Midlifecrisis. Er wünschte sich eine Frau, die fünfzehn Jahre jünger wäre als die jetzige.“
„Ist doch ein klar präzisierter Wunsch.“
„So scheint es, der Wunsch wurde unmittelbar erfüllt.“
„Und?“
„Jetzt ist er sechzig.“
Nauroth musste laut lachen. „Pech für ihn. Und für seine Frau.“
„Wie du weißt, bin ich Wirtschaftsingenieur, trotzdem habe auch ich manchmal Probleme mit der Mentalität von euch Ingenieuren. Ich fühle mich in meiner Position mehr als Manager, ich kümmere mich gleichzeitig um mehrere Projekte, um die Verfahrensabläufe, und die technischen Details überlasse ich euch.“
„Typisch für deine Spezies.“
„Auch dazu habe ich eine kleine Geschichte parat: Ein Mann fährt einen Heißluftballon und bemerkt, dass er trotz seiner hohen Position die Orientierung verloren hat. Er reduziert seine Höhe und bemerkt am Boden eine Person. Er lässt den Ballon noch weiter absinken und ruft: ‚Entschuldigung, ich brauche Ihre Hilfe. Ich habe meinem Freund versprochen, ihn in einer halben Stunde zu treffen, aber ich weiß nicht, wo ich mich jetzt befinde.‘ Der Mann am Boden blickte kurz auf sein Handy und antwortete: ‚Sie befinden sich in einem Heißluftballon, etwa zwanzig Meter über dem Boden.‘ Nach einem weiteren Blick auf sein Handy ergänzte er: ‚Ihre Position liegt auf exakt vierzig Grad nördlicher Breite und fünfundneunzig Grad westlicher Länge.‘ ‚Sie müssen Ingenieur sein‘, sagte daraufhin der Ballonfahrer. ‚Bin ich‘, antwortete der Mann am Boden, ‚wie kommen Sie darauf?‘ ‚Sehen Sie“, erwiderte der Ballonfahrer, ‚alles, was Sie mir gesagt haben, klingt hochpräzise und ist sicher korrekt, aber ich kann damit überhaupt nichts anfangen und weiß immer noch nicht, wo ich bin.‘ Der Mann am Boden entgegnete: ‚Sie müssen Manager sein.‘ ‚Bin ich, wie kommen Sie darauf?‘ ‚Sehen Sie‘, antwortete der Ingenieur, ‚Sie wissen nicht, wo Sie sind und wo Sie hinfliegen. Sie haben ein Versprechen gegeben, von dem Sie keine Ahnung haben, wie Sie es einhalten können, und erwarten jetzt von mir, dass ich Ihr Problem löse. Tatsache ist, Sie befinden sich noch genau in der gleichen Position, in der Sie waren, als wir uns getroffen haben, aber jetzt ist alles irgendwie meine Schuld.“
Nauroth lachte zustimmend. „Ich glaube, du hast unser Problem treffend beschrieben, ich werde dich gegebenenfalls daran erinnern.“
Schäfer bekam ein Signal, seine Mailbox zu checken. „Was für ein Ereignis, der oberste Häuptling persönlich.“ Die Mitteilung von Dr. Jakobi überraschte ihn, er antwortete mit „Okay“.
„Was will er?“
„Wenn die Sache in Malaysia erledigt ist, soll ich in Serpong bleiben. Habibi will für seinen Kanal noch eine mechanische Vorrichtung, mit der der Start- und Landevorgang mit einem Flugzeugmodell in der Strömung untersucht werden soll. Eine Konstruktionsaufgabe, wie ich sie liebe, ich soll auch noch die Fertigung und Inbetriebnahme überwachen.“
„Warum lässt er dich das nicht zu Hause machen, wäre doch billiger für euch?“
„Er sagt, er braucht einen Mann vor Ort, der bezüglich des Verschwindens unserer Männer die Augen aufhält, als Erstes soll ich Kontakt mit einem Siemensmitarbeiter aufnehmen.“
„Ich freue mich für dich, du kannst gern bei uns wohnen, wir haben ein sehr schönes Gästezimmer.“
„Das würde ich gerne machen, aber ich habe die strenge Anweisung, im Gästehaus des Geländes zu wohnen.“
„Schade, ich hätte gern mehr über die spezielle Mentalität von Chefkonstrukteuren erfahren. Was machen wir nach dem Besuch beim Kunden?“
„Wir brauchen einen Subunternehmer für den Stahlbau, wir sollten mal das Branchenverzeichnis für die Umgebung checken.“
Sie hatten sich noch nicht von ihrem Schrecken erholt. Einer blickte stumm auf den anderen, als ob er eine Antwort erwartete. Aber es gab keine Antwort, sie hatten einer Forderung zugestimmt, die sie nie erfüllen durften. Sie brannten darauf, sich auszutauschen, aber noch waren ihre Entführer anwesend. Bin Laden hatte sie aufgefordert, am Tisch Platz zu nehmen.
„So, dann besprechen wir jetzt die weitere Vorgehensweise. Sie werden als Erstes die Daten sichten und die nicht relevanten Blätter aussortieren. Das verbliebene Material werden Sie entsprechend der zeitlichen Abfolge für das Projekt sortieren. Sie werden die einzelnen Schritte in einem Arbeitstagebuch schriftlich begründen. Wenn Sie Informationen vermissen, stellen Sie diese in einer Liste zusammen. Sie haben dafür eine Woche Zeit. Mein Vertreter wird Sie alle zwei Tage besuchen und Ihren Fortschritt kontrollieren.“
Einer der Wächter nickte. Es handelte sich um einen auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Mann mittlerer Statur. Wenn man ihn allerdings genauer ansah, erkannte man sehr wache Augen, die eine hohe Intelligenz vermuten ließen.
„Geben Sie sich nicht der Illusion hin, nur zum Schein zu arbeiten, Dr. Machmud hat in den Staaten Maschinenbau studiert, er ist durchaus in der Lage, Ihre Arbeit fachlich zu verfolgen. Sollte er feststellen, dass Sie unkorrekt arbeiten, beginnen wir mit der Exekution Ihrer Familienmitglieder. Ich komme in einer Woche wieder und werde mir von ihm berichten lassen. Falls Sie irgendetwas benötigen, seien es Informationen oder Gegenstände, lassen Sie es Machmud wissen. Wenn Sie Ihre Arbeit zu unserer Zufriedenheit abgeschlossen haben, lassen wir euch zu euren Familien zurück, darauf gebe ich mein Wort im Namen Allahs.“
Bin Laden war schon im Gehen, als er sich noch einmal kurz umwandte. „Da die Drahtsicherung um das Camp offenbar unzureichend ist, wird ab jetzt einer meiner Männer die Lichtung rund um die Uhr bewachen. Er hat strikte Anweisung, sofort zu schießen, wenn jemand die Lichtung verlässt.“
Er blickte Jörg noch einmal durchdringend an und die vier gingen in den Wald zurück.
Es herrschte ein langes Schweigen, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Ben sprach als Erster. „Als du dem Typ die Skizze gegeben hast, dachte ich, das ist dein Ende. Hat er die Markierung des anderen Camps wirklich nicht erkannt?“
„Es gab noch keine. Als ich sie gerade eintragen wollte, wurde ich rausgerufen.“
„Dann hast du die Karte also tatsächlich absichtlich erwähnt?“
„Ja, es war wichtig ihm zu zeigen, dass ich nicht lüge. Und davon schien er mir danach tatsächlich überzeugt zu sein.“
„Du bist wirklich unglaublich kaltblütig.“
„Überhaupt nicht, aber wenn es ums Überleben geht, wird der Geist hellwach und es werden ungeahnte geistige und körperliche Kräfte frei. Wir werden in die Anfänge der Menschheit zurückversetzt und müssen innerhalb von Sekunden entscheiden, ob wir vor dem Sägezahntiger weglaufen oder uns dem Kampf stellen.“
„Wie steht ihr zu der Entscheidung, dem Bau der Bombe zuzustimmen?“ Es war Kes, der genau die Frage stellte, die alle beschäftigte.
Jörg zögerte. „Es war in diesem Moment unsere einzige Möglichkeit.“
Kes war entsetzt. „Aber diese Entscheidung könnte Millionen von Menschen das Leben kosten, was zählt dagegen das Leben einiger Einzelpersonen.“
Eine neue Pause entstand. Diesmal war es Pierre, der das Schweigen brach. „Wir haben auf alle Fälle Zeit gewonnen. Wir könnten einen Fehler in die Pläne einbauen, der eine Zündung der Bombe verhindert.“
Jörg stimmte ihm zu. „Du hast es auf den Punkt getroffen, es ist die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, falls uns nicht vorher die Flucht gelingt. Irgend sowas sollten wir tun, aber wir dürfen dabei Machmud nicht unterschätzen, die ersten Monate können und sollten wir unbedingt noch korrekt arbeiten. Ich gehe davon aus, dass wir auch die Herstellung übernehmen müssen, dafür spricht die Auswahl unserer Personen. Damit haben wir die Gelegenheit, den Fehler erst nach der experimentellen Erprobungsphase einzubauen.“
Sie stimmten zu, das Leben ihrer Familienmitglieder sollte nicht unnötig aufs Spiel gesetzt werden.
Pierre hatte inzwischen den Aktenkoffer gelehrt. „Hier ist ein Laptop, ich werde gleich mal eine E-Mail an meine Freundin schicken und ihr sagen, dass es heute später wird.“
Keiner konnte über seinen Scherz so richtig lachen, dazu war die Situation zu bedrückend. „Ich nehme an, der ist für unseren täglichen Arbeitsbericht.“ Jörg schaltete den Laptop ein und es erschien die erste Seite mit dem Datum von morgen.
„Heute haben wir offenbar noch frei, aber ich bin trotzdem neugierig, was die uns mitgebracht haben.“
Sie fingen an, die Unterlagen durchzublättern, Pierre wurde fündig. „Hier ist doch der richtige Einstieg: Wie baue ich meine eigene Atombombe?“ Im Normalfall hätten sie sich wohl über den Bericht amüsiert, es war eine reine Persiflage. Ein Hobbybastler erklärte darin, wie er die Bombe in seiner Garage bauen würde, und gab dabei so wertvolle Hinweise, unter anderem beim Einbringen der Plutoniummassen unbedingt Schutzhandschuhe zu tragen, um einer Vergiftungsgefahr vorzubeugen. Der Rest der Papiere war aber durchaus seriös, es handelte sich meistens um wissenschaftliche Veröffentlichungen verschiedener Universitäten und Forschungseinrichtungen. Sie enthielten zum Beispiel eine Tabelle über die Größe der kritischen Masse von Uran und Plutonium in Abhängigkeit vom Anreicherungsgrad und Berechnungen zur Ermittlung der für die Auslösung erforderlichen Menge von TNT.
Was sie allerdings wirklich nicht fanden, waren konkrete Konstruktionszeichnungen, hier hatte bin Laden recht. Das Prinzip der Bombe war erschreckend einfach, der Aufbau hatte eigentlich keinen größeren Schwierigkeitsgrad als der Aufbau einer fortschrittlichen konventionellen Bombe.
Ben fasste zusammen: „Das meiste wissen wir noch aus dem Physikunterricht, auch wenn der schon eine Weile her ist. Seit Hahn ist bekannt, dass man Atome durch Beschuss mit Neutronen spalten kann. Sie zerplatzen dann in zwei oder mehr Bruchstücke und der Fall ist eigentlich erledigt. Treffen die Neutronen allerdings auf bestimmte Anteile von Uran oder Plutonium, gibt es noch einen weiteren Effekt, neben den Spaltprodukten entstehen zusätzlich zwei bis drei weitere Neutronen, die dann entweder nach außen entweichen und von anderen Atomen absorbiert werden oder aber eine neue Spaltung verursachen. Ab einer bestimmten Menge spaltbaren Materials erzeugt jede Spaltung genau ein neues Spaltneutron. Dies ist die kritische Masse, auf diesen Gleichgewichtszustand werden Kernreaktoren eingestellt, der Prozess ist unter Kontrolle und stabil. Wird die Masse weiter erhöht, erzeugt jedes Spaltneutron mehr als ein neues Spaltneutron und es kommt zu einer Kettenreaktion, die sich selbst verstärkt. Die kritische Masse wird umso kleiner, je größer der spaltbare Anteil im Uran ist, deshalb wird es in Zentrifugen angereichert. Wer eine Bombe bauen will, muss also entweder über die entsprechende Einrichtungen verfügen oder sich das Bombenmaterial auf kriminelle Wege beschaffen.“
Kes ergänzte: „Ich könnte mir vorstellen, dass dieser bin Laden eine möglichst leichte Ausführung haben will, das erfordert allerdings hoch angereichertes Material, was entsprechend teuer und schwer zu beschaffen ist.“
Sue hatte einen Einwand. „Du sprichst immer von bin Laden, aber der ist doch längst tot.“
„Ich weiß, aber die Ähnlichkeit ist so frappierend, dass er entweder entsprechend hergerichtet wurde, um Eindruck zu machen, oder er ist ein naher Verwandter. Ich tippe auf das zweite.“
Jörg stimmte zu. „Ich ebenfalls, vom Alter her könnte er vielleicht sein ältester Sohn sein.“
Kes wandte ein: „Wurde bei dem amerikanischen Angriff die Familie nicht auch getötet?„
Jörg widersprach. „Soweit ich mich erinnere, nicht alle, einige waren in ihrer Heimat Saudi-Arabien.“
Kes resignierte. „Das heißt, der Typ hat genug Geld, das Ganze zu finanzieren. Und er hat wahrscheinlich eine gute Ausbildung genossen, vielleicht war er sogar auf einer westlichen Eliteuniversität. Er scheint gefährlich zu sein.“
Jörg stimmte ihm bei. „Von der gefährlichsten Art. Talleyrand hat mal gesagt, man könne die Menschheit in vier Klassen einteilen, in die, die fleißig und intelligent sind, aber das wäre äußerst selten. Dann gibt es die Faulen und Dummen, das sind die meisten. Die weitere Klasse sind die intelligenten Faulen, dazu zählte er sich selber. Am schlimmsten sind aber die fleißigen Dummen, die richten den meisten Schaden an. Bin Laden gehört eindeutig zur ersten Klasse, und wenn wir fleißig durch fanatisch ersetzen, gehört er zur gefährlichsten Kategorie.“
Ben bedauerte. „Das schließt also einen Besuch unseres Nachbarcamps aus?“
Jörg bekräftigte. „Definitiv, wir sehen zwar keinen Wächter, aber der könnte auch am Rand der Lichtung irgendwo verborgen sein.“
Damit war das Thema erledigt. Jörg zog sich mit Sue zurück. „Wir sollten fest daran glauben, dass das Ganze gut für uns ausgeht, Optimismus ist in unserer Lage lebenswichtig.“
Die Antwort von Sue kam für ihn völlig überraschend. „Ich habe daran nicht den geringsten Zweifel.“
„Woher nimmst du diese Sicherheit?“
„Du bist genau der Ehemann, den mein Vater sich immer für mich gewünscht hat, und er hat immer erreicht, was er wollte.“
Jörg musste laut lachen. „Ich glaube, das ist der originellste Heiratsantrag, der jemals ausgesprochen wurde.“
Am nächsten Tag begannen sie mit der Auswertung der Unterlagen. Zunächst fiel der Hauptanteil der Arbeit auf Jörg und Pierre, da der konstruktive mechanische Aufbau klassifiziert werden musste. Sue führte Protokoll, Kes und Ben schauten zu. Die prinzipielle Arbeitsweise der Bombe war einfach, es gab zwei unterschiedliche Lösungsansätze. Die Aufgabe bestand darin, zwei oder mehr unterkritische Massen zu einer überkritischen Masse zusammenzufügen. Das Zusammenfügen musste äußerst schnell erfolgen. Passierte es zu langsam, verdampfte die Masse auf Grund der einsetzenden Kettenreaktion bereits beim ersten Zusammentreffen und der Prozess stoppte zu früh. Um den Prozess möglichst intensiv verlaufen zu lassen, mussten die Massen mit maximal möglicher Geschwindigkeit aufeinander geschossen werden. Dies erfolgte durch konventionelle Sprengsätze, die hinter den Einzelmassen angebracht waren. Eine weitere Lösung bestand darin, für das Spaltmaterial eine Hohlkugel zu verwenden, die als Ganzes noch unterkritisch war. Auch hier bedurfte es einer konventionellen Explosion zur Zündung, in diesem Fall wurde eine Druckwelle ausgelöst, die die Hohlkugel kollabieren ließ.
„Das klingt doch alles sehr einfach, warum brauchen sie uns dazu?“
Ben hatte einen großen Erfahrungsschatz auf diesem Gebiet. „Es mag einfach aussehen, aber meine langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet hat mich gelehrt, wie wichtig die Details sind. Die wirkungsvolle Effektivität der Bombe erfordert höchste Präzision sowohl in der Mechanik als auch ganz besonders in der Elektrik. Der Zündzeitpunkt für die verschiedenen Sprengladungen muss praktisch absolut gleichzeitig erfolgen, die zulässige Zeittoleranz liegt in der Größenordnung von tausendstel von Mikrosekunden.“
„Zur Lösung dieser Aufgabe werden sie mich vorgesehen haben“, sagte Sue. „Ich habe vor einigen Monaten im Journal of Applied Physics eine Arbeit veröffentlicht, die sich in einem anderen Zusammenhang mit genau diesem Problem beschäftigt.“
Sie sortierten die Unterlagen entsprechend der unterschiedlichen Themengebiete und Sue dokumentierte ihre Überlegungen im Tablet.
Im großen Sitzungssaal des Pentagons herrschte gespannte Erwartung. Es gab das Gerücht, dass einige wichtige Entscheidungen anstanden, die keinen Aufschub duldeten. Der Regierungsvertreter betrat den Saal und nahm schweigend am Kopfende des langen Tisches Platz. Alle Augen richteten sich auf ihn, er wartete noch einige Augenblicke und kam dann unmittelbar zur Sache.
„Meine Herren, wie Sie sicher wissen, ist der Verteidigungsminister von Saudi-Arabien vor einer Woche gestorben.“
Alle nickten, die Sache hatte auch in der internationalen Presse für einigen Wirbel gesorgt. Die Umstände seines Todes schienen etwas mysteriös, es gab Vermutungen und wilde Spekulationen, vielleicht hatten ihn seine fünf Ehefrauen einfach überfordert. Der Regierungsvertreter fuhr fort: „Der Nachfolger ist schon im Amt und es scheinen sich einige wesentliche Änderungen in der militärischen Strategie des Landes abzuzeichnen. Wir wissen noch nicht, wie weit diese mit dem Königshaus abgesprochen sind, aber wir sollten schnell reagieren, seine Vorstellungen kommen unseren Interessen sehr entgegen. Er zeigt sich überraschend einsichtig. Die Unterstützung des IS war ein großer Fehler seines Landes, jetzt geht es nur noch darum, den Irrsinn zu stoppen. Sunniten ermorden Sunniten, der IS erobert Nachbarstaaten wie Libyen und den Jemen, das ganze ohne jeden Sinn, ihre einzige Strategie ist Zerstörung. Saudi-Arabien ist sich offensichtlich seiner Verantwortung bewusst geworden und hat vorgeschlagen, im Kampf gegen den IS die militärische Führung zu übernehmen. Sie wollen die Luftangriffe verstärken und mehr Bodentruppen schicken. Dazu benötigen sie mehr Waffen und Ausrüstung, vor allem Panzer und Kampfjets.“
„Können sie das alles bezahlen, wo der Ölpreis doch am Boden liegt?“
„Das ist kein Problem, sie haben genug Reserven, im Übrigen geht der niedrige Ölpreis sowieso auf ihre eigene Strategie zurück, sie könnten das jederzeit ändern.“
„Warum halten sie den Ölpreis so niedrig?“
„Da gibt es verschiedene Theorien, die wahrscheinlichste ist, dass sie die Investitionen in die neuen Technologien zur Ölgewinnung torpedieren wollen, Fracking zum Beispiel ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie hoffen, dass die Investitionen damit unrentabel werden und sich die Investoren zurückziehen.“
„Und danach wird der Ölpreis wieder erhöht?“
„Sehr wahrscheinlich, aber das ist heute nicht unser Problem. Wir brauchen eine Entscheidung über die Lieferung der angefragten Waffensysteme.“
„Was ist da groß zu entscheiden, wenn wir nicht liefern, liefern andere, und außerdem sind wir das unserer Wirtschaft schuldig!“
„Das sieht die Regierung auch so, von uns werden vor allem Raketenabwehrsysteme, Kampfjets und Hubschrauber gefragt, insbesondere wünschen sie die schnelle Lieferung von drei Tarnkappenbombern.“
„Warum ausgerechnet die?“
„Der IS hat einige Batterien von Flugabwehrraketen erbeutet, die Russen waren da wohl zu nachlässig.“
Nauroth stattete Schäfer einen Besuch ab. „Wie kommst du voran?“
„Bestens, in dieser Umgebung macht arbeiten so richtig Spaß. Ich fühle mich wie im Urlaub.“
Nauroth nahm gegenüber Schäfer Platz. „Wenn du schon mal hier bist, solltest du an den Wochenenden auch was unternehmen. Meine Frau und ich könnten dir da einiges zeigen.“
„Das wäre wirklich toll, bis jetzt war immer Breithaupt derjenige, der dieses Privileg genoss. Was schlägst du vor?“
„Als Erstes beginnen wir mit einem Ausflug nach Yogyakarta, in der Nähe dort befindet sich der größte buddhistische Tempel der Welt. Breithaupt war auch schon einmal da.“
„Klingt großartig! Übrigens, was gibt es Neues von der Front?“
„Habibi ist im Doppelstress, einerseits kümmert er sich um die Vermisstenfälle, andererseits bemüht er sich um einen großen Auftrag für seine Flugzeugfirma in Bandung.“
„Um was geht’s?“
„Eine Anfrage aus Saudi-Arabien. Ein privates Unternehmen will Emirates offenbar Konkurrenz machen.“
„Ein privates Unternehmen, geht das überhaupt?“
„Warum nicht, denk nur an Laudaair, das alles ist eine Frage des Kapitals.“
„Kann er liefern?“
„Im Prinzip ja, das Problem ist die Lieferzeit, sie wollen die ersten drei Maschinen schon in einem halben Jahr, sie würden dann noch weitere zehn optional bestellen, das wäre natürlich ein Riesengeschäft für Indonesien und der Durchbruch in dieser Branche. Die Maschinen könnten prinzipiell fertig sein, da die meisten Teile auf Vorrat hergestellt wurden, aber die Zulassung bei der internationalen Zulassungsbehörde dauert in der Regel mindestens ebenfalls ein halbes Jahr.“
„Dann wird das wohl nichts werden?“
„Sieht so aus, Habibi ist am Boden zerstört. Die Saudis verhandeln auch mit Boeing und Airbus, da sind die Zulassungen schon gelaufen.“
Jakobi las die E-Mail zweimal und wurde sehr nachdenklich. Es gab etwa fünf weitere Fälle von in der Region vermissten Personen, auf die die gesetzten Kriterien zutrafen. Die Liste enthielt nur ihre Namen, ihren Beruf, ihr Herkunftsland und den Zeitpunkt der Vermisstenmeldung. Er brauchte unbedingt mehr Informationen. Er klickte auf sofort antworten und schrieb: „Lieber Hal, danke für die Mail, leider ist sie eine weitere Bestätigung für meinen Verdacht. Ist es dir möglich, mehr über die Personen zu erfahren, mich interessieren vor allem ihr beruflicher Werdegang und ihre persönlichen Lebensumstände.“
Die Antwort kam zwei Stunden später: „Tut mir leid, sie kommen alle aus dem westlichen Ausland, da habe ich leider keinen Zugriff. Außerdem bin ich voll damit beschäftigt, den Flugzeugdeal mit den Saudis noch rauszureißen, wünsch mir viel Glück.“
Jakobi fühlte, dass er jetzt handeln musste. Wen konnte er ansprechen, wer ist in einem solchen Fall zuständig, der CIA, das FBI? Er entschloss sich schließlich, kleiner anzufangen und diktierte einen Brief an den Bundesnachrichtendienst.
„Die Adresse suchen Sie bitte raus, ich glaube, der sitzt in Lörrach.“ Seine Sekretärin nickte. „Sehr geehrte Damen und Herren.“ Er überlegte, ob es dort überhaupt Damen gab und begann: „Ich sehe es als meine Pflicht an, Sie über einen Vorgang zu informieren, der, sollte mein Verdacht begründet sein, von außerordentlicher Tragweite für die ganze Welt wäre.“ Seine Sekretärin zuckte zusammen. Jakobi erkannte seinen Fehler. „Ich habe es mir überlegt, stellen Sie bitte meinen Laptop auf Korrespondenz ein, ich werde den Brief selber schreiben.“
„Warum senden Sie ihn nicht als E-Mail?“
„Das wäre zu unsicher. Suchen sie mir bitte die Adresse raus und bringen Sie mir einen adressierten Umschlag.“
Er unterschrieb den Brief mit seinem vollen Namen und gab dabei auch seine Position an: Dr.-Ing. Jacobi, Vorstandssprecher der Otto Schenker AG, verantwortlich für den Bereich Forschung und Entwicklung.
Dr. Machmud erschien am Rand der Lichtung, im Schlepptau die beiden obligatorischen Bewacher. Er betrat das Haus und zog einen USB-Stick aus der Tasche. „Bitte geben Sie mir das Tablet.“ Er begann zu lesen. Dann blätterte er in einem Notizbuch und dachte nach. „Können Sie mir bitte erklären, warum Sie die Hohlkugellösung ausgeschlossen haben?“, fragte er dann.
Er war ausgesucht höflich, wirkte er aber auch irgendwie unsicher, vielleicht lag das aber auch an Sue, die unmittelbar neben ihm stand. Machmud war offensichtlich gut vorbereitet. Jörg fragte sich, ob man ihm eventuell irgendwie näher kommen könnte, ob man vielleicht eine gewisse Vertrautheit aufbauen könnte. Er erinnerte sich an das Stockholm-Syndrom.
„Wir haben diese Möglichkeit ausführlich diskutiert, wir gehen davon aus, dass die Bombe nicht zu schwer werden sollte, diese Lösung erfordert aber einen dickwandigen Stahlmantel, um dem anfänglichen Druck lange genug standzuhalten.“
„Aber der Vorteil wäre, dass nur eine Zündung notwendig wäre, damit entfällt das Problem von mehreren Zündungen, die nahezu gleichzeitig erfolgen müssten. Und wir glauben weiterhin, dass die Herstellung einer solchen Hohlkugel aus Plutonium nicht so ganz einfach ist, dagegen ist die Einbringung einzelner Spaltmaterialteile eine ganz normale mechanische Aufgabe.“
Machmud blickte skeptisch. „Aber es bietet Ihnen auch die Möglichkeit einer Sabotage im allerletzten Moment.“
„Wie meinen Sie das?“
„Halten Sie uns bitte nicht für so naiv. Natürlich werden Sie alles tun, um den Bau einer funktionsfähigen Bombe zu verhindern. Um Ihre Familien nicht zu gefährden, werden Sie versuchen, den Fehler erst im allerletzten Moment einzubauen. Falls wir uns für Ihre Lösung entscheiden, werden Sie den Zündungsablauf in mehreren experimentellen Versuchen in meiner Anwesenheit simulieren und die Größe des Zeitfensters dokumentieren. Aber ich werde jeden Schritt Ihrer Tätigkeit sehr aufmerksam verfolgen, geben Sie sich nicht der Illusion hin, mich täuschen zu können.“ Sein Ton wirkte jetzt sehr bestimmt, die Unsicherheit war verschwunden. Jörg und den anderen wurde erneut klar, dieser Mann war nicht zu unterschätzen.
„Ich komme in zwei Tagen zur gleichen Zeit wieder. Ich darf Sie bitten, bis dahin einige Skizzen für die von Ihnen gewählte Lösung anzufertigen, das ist allerdings noch keine Entscheidung.“
Nachdem er gegangen war, schauten sie sich fragend an. Pierre brachte es auf den Punkt. „Wir brauchen eine neue Strategie.“
Kes hatte eine Befürchtung. „Könnte es sein, dass sie uns abhören.“
Jörg beruhige ihn. „Wenn es so wäre, hätten sie auf unsere Bemerkungen längst reagiert, denk nur an den Lageplan.“
Ben unterbrach das darauffolgende Schweigen. „Wir müssen irgendwie unsere Familien warnen. Wenn wir das erreicht haben, sind wir nur noch für uns selbst verantwortlich.“
Pierre war wie immer ungeduldig. „Wie sollen wir das mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln anstellen, sollen wir etwa Trommeln anfertigen?“
Jörg sprang Ben zur Seite. „Wir sollten uns tatsächlich zunächst auf diesen Punkt konzentrieren. Ich schlage ein Brainstorming vor. Es gilt nur eine einzige Regel, jeder Vorschlag wird kommentarlos entgegengenommen, sei er auch noch so abwegig. Manchmal führen genau diese Ideen zu einer brauchbaren Lösung. Wir benötigen eine möglichst umfangreiche Liste an Vorschlägen.“
Sie setzten sich im Rasen in einen Kreis und dachten nach. Jörg hatte den ersten Vorschlag. „Wir haben eine Unmenge leerer Wasserflaschen. Wir können eine möglichst große Zahl mit einer schriftlichen Nachricht und einer Liste unserer Namen versehen. Wenn tatsächlich eine irgendwo auftaucht und gelesen wird, könnte man aus dem Strömungsverlauf sogar Rückschlüsse auf unseren Aufenthaltsort ziehen.“
Auch Pierre war jetzt voll bei der Sache. „Wir könnten versuchen, in den Besitz eines Handys zu kommen. Ich weiß noch nicht wie, aber vielleicht könnten wir ja darüber noch mal extra brainstormen.“
Sie nickten, das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Der Vorschlag von Ben war ziemlich unrealistisch. „Wir sollten einen Wächter auf unsere Seite ziehen, vielleicht durch Bestechung.“
Pierre hatte einen weiteren Vorschlag. „Wir könnten unseren Wächtern eine Falle stellen und dann fliehen, irgendwo gibt es sicher ein Boot.“
„Und wir könnten versuchen, einen Sender zu bauen.“ Der letzte Vorschlag kam von Sue.
„Noch irgendeine weitere irgendwie mögliche Methode, auch wenn sie völlig verrückt klingt?“ Kes bewies niederländischen Humor: „Wir versetzen uns gemeinsam in eine tiefe Meditation. Dann vereinigen wir uns zu einem Geist und kontaktieren das CIA durch Gedankenübertragung.“
Alle lachten, Jörg ergänzte: „Es gab tatsächlich solche Experimente in russischen und amerikanischen Militärforschungseinrichtungen, insbesondere zur Telekinese, leider sind die Ergebnisse nie veröffentlicht worden. Ich glaube, mehr ist im Moment nicht zu erwarten, wir sollten die Vorschläge jetzt bewerten.“
Sie diskutierten das Für und Wider und kamen zu einem Ergebnis. Die Flaschenpostlösung war auf den zweiten Blick gar nicht so abwegig, das Problem war allerdings der Transport zum Meer. Wenn das Lager wirklich Tag und Nacht unter Bewachung stand, wäre das äußerst riskant. Sie beschlossen, trotzdem zwanzig Flaschen vorzubereiten, vielleicht ergab sich ja doch irgendeine Gelegenheit.
Einen Wächter zu bestechen, musste ausgeschlossen werden, wahrscheinlich waren sie genauso fanatisch und außerdem hatten sie nichts anzubieten als Versprechungen.
In den Besitz eines Handys zu gelangen, wäre eigentlich nur durch eine Nachlässigkeit ihrer Besucher möglich, sie beschlossen trotzdem auf eine Gelegenheit zu achten.
Der Vorschlag von Sue erschien ihnen am meisten erfolgversprechend.
Jörg fragte: „Wärst du in der Lage, einen Sender zu bauen, wenn du das nötige Material hättest?“
„Das wäre für mich eine Kleinigkeit, allerdings wird es sich dabei natürlich nicht um ein Handy handeln, das wäre ohne bestimmte Module unmöglich. Ich würde vielmehr einen Sender mit variabler Frequenz basteln, wie ihn auch die Funkamateure benutzen.“
„Gibt es die noch im Zeitalter des Handys?“
„Und ob, es handelt sich hier um eine verschworene Gemeinde, die das Ganze als Sport betrachten. Es gibt sogar ein Verzeichnis aller Mitglieder mit Angabe ihrer Funkfrequenz, über das ich allerdings nicht verfüge. Wir müssen also die Frequenz immer wieder durchspielen, bis wir einen Teilnehmer bekommen.“
„Was brauchst du dazu?“
„Nur Material, das jeder Bastler normalerweise in seinem Lager hat, die wichtigste Aufgabe ist also, dieses Material irgendwie zu besorgen.“
Sie schauten sich ratlos an. „Wahrscheinlich werden wir damit warten müssen, bis wir in die Phase des Schaltungsaufbaus kommen, mach schon mal eine Liste, was du brauchst.“
Ein Anruf erreichte am frühen Morgen das Sekretariat von Dr. Jakobi. „Guten Morgen, ist Herr Jakobi heute Vormittag im Haus?“
„Er muss jede Minute kommen, mit wem spreche ich?“ Aber der Anrufer hatte schon wieder aufgelegt. Eine Stunde später erschienen zwei Herren im Foyer der Schenkerwerke. Irgendwie war es ihnen gelungen, den Pförtner zu umgehen, sie fragten nach der Vorstandsetage. Auf dem Weg zum Aufzug kam ihnen Robert Sommer entgegen. Dieser stutzte im Vorbeigehen, einer der beiden kam ihm bekannt vor. Er fragte den Boten, der den beiden den Weg gezeigt hatte:
„Wo wollen die denn hin?“
„Nach ganz oben, sie haben nach dem Vorstand gefragt.“
Die beiden betraten das Vorzimmer. „Herr Jakobi ist anwesend?“
„Ja, wen darf ich melden?“
„Danke, wir sind bereits angemeldet“.
Die Sekretärin wollte protestieren, aber sie öffneten ohne weitere Umstände das Zimmer des Vorstandchefs. „Guten Morgen, Dr. Jakobi.“
„Guten Morgen, darf ich fragen, wer Sie sind? Ich erwarte heute Vormittag eigentlich keinen Besuch.“
„Entschuldigen Sie bitte unser Eindringen, aber Sie werden gleich verstehen. Mein Name ist Steinbrecher, ich bin der stellvertretende Leiter des BND, und dies ist Herr Luchs, er ist der Terrorexperte des BKA in Wiesbaden.“
Jakobi war überrascht. „Sie kommen schneller, als ich erwartet habe.“
Sie nahmen am Konferenztisch Platz und Jakobi orderte Kaffee. Luchs übernahm das Gespräch. „Ihre Mitteilung hat uns aufs Äußerste alarmiert, und Sie haben ihren Verdacht sehr überzeugend begründet. Wir bekommen täglich viele Hinweise, die sich als falscher Alarm herausstellen, aber Ihrer fällt da total aus den Rahmen.
Steinbrecher ergänzte: „Ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen sind logisch, eigentlich kann es gar nicht anders sein, so etwas erleben wir selten.“
„Sie halten also es für realistisch?“
„Den wesentlichen Kern auf alle Fälle, sie wollen eine Atombombe, das geht eindeutig aus der Auswahl der Entführungsopfer hervor. Bezüglich des Ziels gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten, eventuell auch eine Großstadt wie New York, aber den größten Effekt erzielen sie natürlich mit der Sprengung eines Atomkraftwerks.“
„Aber warum dann gleich mit einer solch schwer zu beschaffenden Bombe, gibt es da keine einfacheren Mittel?“
Steinbrecher überlegte nur kurz. „Kernkraftwerke zählen zu den harten Zielen, die unmittelbare Umgebung wird ständig überwacht und es besteht ein Überflugverbot. Mit einer Atombombe entsprechender Sprengkraft genügt es, eine Bombe in einer Entfernung von einigen Kilometern zu zünden. In dieser Entfernung ist es leicht, eine Bombe zu deponieren, da reicht schon ein normaler Lieferwagen.“
„Und was ist mit der Möglichkeit, schnelle Brüter als Ziel zu wählen?“
„Das macht keinen Unterschied, der Effekt wäre natürlich auf Grund des großen Plutoniumanteils noch mal um ein Vielfaches höher.“
„Wie viele gibt es davon noch, Kalkar ist ja schon seit Langem abgeschaltet?“
„Die meisten anderen auch, aber weltweit sind noch sechs aktiviert, in Japan, Frankreich und Russland. Wir werden das ebenfalls in unsere Überlegungen einbeziehen.“
„Aber vergiften sie damit nicht die ganze Erde und löschen sich schließlich selbst aus?“
Luchs erläuterte: „Wir dürfen ihre Handlungen nicht mit unseren Maßstäben messen, ihr Glaube führt sie zu Taten, die für uns unverständlich sind. Denken Sie nur mal an die Selbstmordattentäter. Sie könnten glauben, dass Allah sie gegenüber Strahlenschäden immun macht, und wenn sie nur Ziele auf der nördlichen Halbkugel auswählen, trifft es vor allem die verdammten Ungläubigen.“
„Und was ist mit diesem bin Laden, ist er wieder auferstanden?“
„Das war leicht zu recherchieren. Es handelt sich hierbei um seinen ältesten Sohn Hamza bin Laden. Der war zum Zeitpunkt der Exekution seines Vaters in Riad.“
„Könnte er hinter all diesem stecken?“
„Das ist wäre reine Spekulation, aber er hat ein starkes Motiv, er hat seinen Vater über alles geliebt und Rache geschworen.“
Steinbrecher ergänzte: „Wir werden diese Möglichkeit natürlich ernsthaft in Betracht ziehen und diesen Hamza so gut wie möglich verfolgen.“
„Was kann ich in dieser Angelegenheit noch tun?“
„Gar nichts, Sie haben alles getan, was möglich war, jetzt sind wir dran. Vielleicht noch eins. Ich habe mich nach dem beruflichen Werdegang des Siemensmitarbeiters informiert, es gibt neben der Erfahrung im Kernkraftsektor noch eine weitere Gemeinsamkeit.“
„Welche?“
„Beide haben eine praktische Ausbildung in der Metallfertigung, Breithaupt hat sogar eine abgeschlossene Maschinenschlosserlehre.“
„Wir werden die Unterlagen mit den anderen vermutlichen Opfern ebenfalls abgleichen, sobald diese uns vorliegen. Vielen Dank für den Hinweis.“
„Was haben Sie als Nächstes vor?“
Die beiden zögerten. „Wir werden wohl das CIA informieren müssen, die Sache ist eine Nummer zu groß für uns. Wer hat den Brief an uns geschrieben?“
„Ich selbst auf meinem Laptop, den Brief habe ich persönlich in den Umschlag gesteckt.“
„Sehr gut, wir bitten Sie weiterhin um strengste Geheimhaltung, wir wollen die Bevölkerung nicht vorzeitig beunruhigen, und vor allem wollen wir die Täter nicht warnen.“
Beim nächsten Besuch brachte Machmud das Gespräch wieder auf die Hohlkugellösung. „Sie werden diese Lösung zunächst noch weiterverfolgen, bevor wir sie eventuell endgültig aufgeben. Wie dick müsste der Mantel der Bombe werden?“
Jörg blätterte in den Tabellen, die sie vom Laptop runtergeladen hatten. „Das können wir nicht sagen, ohne einigermaßen verlässliche Rechnungen ist keine Aussage möglich.“
„Dann fordere ich Sie auf, diese Berechnungen durchzuführen.“
Jörg dachte nach. „Für diese Art Berechnungen reichen Taschenrechner nicht mehr aus. Wir benötigen einen Computer mit installierten Rechenprogrammen.“
„Welche Programme?“
„Als Erstes natürlich Excel, aber das reicht nicht. Wir müssen Optimierungsrechnungen vornehmen, dazu brauchen wir ein Programm, das für bestimmte Parameter die Maße der Bauteile variiert. Die Struktur des Mantels ist mit den grundlegenden Gesetzen der Mechanik nicht berechenbar, wir brauchen ein mächtiges Finite Elemente Programm.“
Machmud nickte, offenbar war er mit dieser Art von Programmen vertraut.
„Weiterhin benötigen wir eine möglichst umfassende Liste der Materialparameter, Elastizitätsmodul, Streckgrenze und so weiter, Sie wissen schon. Hierbei könnten Materialien aus dem Flugzeugbau interessant sein, dort wird alles auf maximale Festigkeit bei geringstem Gewicht optimiert.“
Machmud nickte wieder. „Ich werde alles möglichst schnell beschaffen, in der Zwischenzeit werden Sie sich mit den Spaltmaterialien beschäftigen, die üblicherweise für diesen Zweck eingesetzt werden. Außerdem wünschen wir auch Informationen über den Aufwand, wenn wir die Bombe mit Deuterium befüllen wollen, die notwendigen Informationen für beide Fragen sollten Sie in Ihren Unterlagen finden. Falls Sie mehr brauchen, sagen Sie es.“
Er ging, ohne sich zu verabschieden.
Pierre war neugierig. „Was will er mit dem Deuterium?
Jörg vermutete, die Antwort zu haben. „Deuterium braucht man zur Herstellung einer Wasserstoffbombe. Aber wenn sie das wirklich beabsichtigen, können wir ihnen den Zahn ziehen. Die Herstellung ist unverhältnismäßig schwieriger.“
Pierre bohrte weiter: „Gibt es so was wie ein Finite Elemente Programm wirklich oder wolltest du Zeit gewinnen?“
„Nein, das wäre bei diesem Typ auch gar nicht möglich, er ist ein Fachmann. FE-Programme kommen zur Anwendung, wenn konventionelle Rechenmethoden nicht mehr ausreichen. Mit ihnen kann man beliebig geformte Bauteile berechnen, man legt mathematisch ein dichtmaschiges Netz über die Struktur und rechnet sich schrittweise von Segment zu Segment. Diese Programme sind vor allem für die Dimensionierung von Flugzeugstrukturen unentbehrlich.“
„Sind sie schwer zu besorgen?“
„Überhaupt nicht, man erwirbt eine Lizenz und kann sie dann runterladen.“
Sie studierten die Unterlagen bezüglich der Spaltmaterialien. Es gab Tabellen mit Reihen von unterschiedlichen Anreicherungsgraden. Je größer der Anreicherungsgrad, desto geringer war das Gewicht der kritischen Masse.
Jörg bemerkte; „Wenn sie Wert auf ein geringes Gewicht legen, werden sie sich für einen hohen Anreicherungsgrad entscheiden, der ist allerdings sehr teuer.“
Ben ergänzte: „Ich glaube nicht, dass die das abhält, die haben Geld genug, es ist wohl mehr eine Frage der Verfügbarkeit. Wo könnten sie es herbekommen?“
Jörg dachte kurz nach. „Wenn sie sich für Uran entscheiden, dann wohl am einfachsten über Pakistan. Dort wurde in den neunziger Jahren mit deutsch-chinesischer Hilfe eine Anreicherungsanlage errichtet, die pro Jahr Spaltmaterial für etwa fünf Bomben herstellt.“
„Und für Plutonium?“
„Da käme wohl vor allem Russland in Frage, dort lagern nach der Atomabrüstung jede Menge in irgendwelchen Depots. Und es gibt immer Menschen, die für viel Geld sogar ihre Großmutter verkaufen würden.“
Machmud kam diesmal erst nach vier Tagen wieder. Er wirkte wie ein seriöser Geschäftsmann, der sich für eine verspätete Lieferung entschuldigte. „Die Beschaffung des Computers und der Programme hat etwas länger gedauert. Wie weit sind Sie inzwischen gekommen?“
„Wir haben alles so zusammengefasst, dass eine Bewertung der Vor- und Nachteile möglich ist.“
„Gut, könnten Sie es kurz zusammenfassen?“
Kes übernahm die Rolle des Sprechers. Seine Stimme war sachlich, er sprach emotionslos wie ein Nachrichtensprecher. „Die einfachste Lösung ist die, die auch bei der Atombombe angewandt wurde, die über Hiroshima abgeworfen wurde. Bei dieser Bombe namens Little Boy wurde der eine Teil der Spaltmasse, in diesem Fall hoch angereichertes Uran, mittels einer TNT-Sprengmasse in einen passend geformten Hohlraum der andern Masse geschossen. Dieses als ‚gun design‘ bezeichnete Prinzip ist die einfachste Methode, sie erfordert keine Synchronisation verschiedener Sprengsätze. Die Wirkung lässt sich wesentlich verstärken, wenn mehrere Spaltmassen gleichzeitig aufeinander geschossen werden, üblicherweise werden vier verwendet. Je nach Design benötigt man zwischen fünfundzwanzig Kilogramm Uran für eine Sprengkraft von zwanzig Kilotonnen TNT. Die gleiche Wirkung lässt sich bereits mit drei bis sechs kg Plutonium erreichen, allerdings sind der konstruktive Aufbau und die Synchronbedingung für die Zündung viel schwieriger, außerdem erfordert diese Ausführung eine Ummantelung aus natürlichem Uran als Neutronenreflektor. Die Konstruktion einer Wasserstoffbombe ist um ein Vielfaches komplizierter, der Bau dieser Version liegt weit außerhalb unserer Möglichkeiten.“
Machmud nickte: „Dieses Ergebnis haben wir erwartet. Bleibt noch die Entscheidung zwischen der Hohlkugellösung und der konventionellen Methode. Wie lange werden Sie für die Berechnungen benötigen?“
Jörg übernahm. „Das ist vorwiegend meine Aufgabe. Ich habe die FE-Methode im Studium kennengelernt und bin mit dem Grundprinzip vertraut. Das ist jetzt allerdings schon über zehn Jahre her und die Programme wurden sicherlich weiterentwickelt. Mir fehlt jede Erfahrung und ich benötige erst einmal eine gewisse Einarbeitung.“
„Daran haben wir gedacht, der PC enthält ein ausführliches Lernprogramm.“
„Nehmen wir an, ich benötige eine Woche, um die nötige Routine zu gewinnen, dann erfordert die Generierung des Netzes sicher noch einige Tage. Dann müssen die Parameter eingegeben werden, das sollte schnell gehen, sagen wir einen Tag. Die Laufzeit des Programms hängt davon ab wie engmaschig das Netz ist und wie schnell der Prozessor ist, zu meiner Zeit wurden hierfür Tage bis Wochen benötigt, das wird heute wohl schneller gehen. Nach Ablauf des ersten Durchlaufs müssen die Parameter geändert werden, um im nächsten Durchlauf Tendenzen festzustellen, die das Ergebnis optimieren.“
„Und wenn die anderen mitarbeiten?
„Das wird nicht viel ändern, man kann die Dauer einer Schwangerschaft auch nicht verkürzen, indem man fünf Frauen gleichzeitig schwängert.“
Jörg bereute seinen Witz, noch während er sprach. Machmud zuckte zusammen und war kurz davor aufzuspringen. Dann entspannte er sich und ging wieder zur Tagesordnung über. Er zog einen kleinen Hefter aus der Tasche und überreichte ihn Jörg. „Hier ist die Liste der Parameter für die in Frage kommenden Materialien. Wenn Sie mehr brauchen, sagen Sie es.“
Jörg überflog die Blätter und nickte. „Ich denke, das ist genau das, was wir im Moment brauchen.“
Machmud schien zufrieden. „Für die anderen habe ich folgende Aufgabe. Wir benötigen eine Liste aller Maschinen und Materialien, die wir für die Fertigung benötigen. Zunächst genügen allgemeine Angaben. Wenn wir später ins Detail gehen, werden wir Ihnen Kataloge und Angebote vorlegen, aus denen Sie eine Auswahl treffen können.
Jörg hatte noch eine Bitte. „Bekommen wir dafür Schreibmaterial zur Verfügung gestellt, sagen wir fünf Entwurfsblöcke und natürlich Kulis und Bleistifte? Wir können dann zunächst unabhängig voneinander Aufstellungen anfertigen und diese anschließend vergleichen.“
„Das klingt vernünftig, Sie werden das Material gemeinsam mit der nächsten Essenversorgung erhalten.“
Die nächsten Tage waren alle intensiv beschäftigt, es war seltsam, sie arbeiteten, als wenn es sich um ihr eigenes Projekt handeln würde. Jörg inspizierte den PC.
„E-Mails können wir nicht versenden, aber das war wohl auch nicht zu erwarten.“
„Du hoffst wohl immer noch auf deinen deus ex machina?“, fragte Pierre.
Jörg ließ sich nicht irritieren. „Ich hoffe nicht nur, sondern habe ihn gefunden, allerdings ist er noch ziemlich klein.“ Er hatte das Gehäuse geöffnet und zeigte auf ein Teil im Chassis. Die anderen kamen neugierig näher.
„Ah, das erste Bauteil für meinen Sender, dieses Mikro ist genau, was ich brauche.“ Sue war begeistert. „Können wir den Rest hier auch noch finden?“
„Das könnte sein, aber dann funktioniert das Ding nicht mehr, vielleicht später.“
Kes wandte ein: „Das wäre gefährlich. Wenn Machmud etwas merkt, fliegt das Ganze auf.“
Jörg nickte. „Ich glaube auch, wir sollten damit warten, bis wir unsere Werkstatt bekommen, dann haben wir Material im Überfluss.“
Sue und Ben waren mit kochen dran, die anderen setzten sich nach draußen in den Schatten. Kes unterbrach das Schweigen. .„Wir werden die verdammte Bombe also auch wirklich herstellen müssen?“
Jörg nickte. „Davon gehe ich fest aus, die Frage ist nur, wieweit wir dabei überwacht werden. Das könnte die Herstellung des Senders verhindern.“
„Das glaube ich nicht, schlimmstenfalls löten wir das Ding nachts im Bett zusammen. Warum hast du gleich fünf Blöcke Papier bestellt?“
In diesem Moment hörten sie einen einzelnen Schuss. Etwa drei Sekunden später erfolgten vier kurz aufeinanderfolgende Gewehrsalven.
Nauroth erschien wie aus dem Nichts in Schäfers Container. Sie waren inzwischen gute Freunde geworden, sie hatten gemeinsame Interessen und die gleiche Mentalität. Nauroth war trotz der Hitze elegant gekleidet wie immer, Schäfer dagegen nur in Shorts, der Oberkörper war frei.
„Warum machst du die Klimaanlage nicht an?“, fragte Nauroth.
„Das Ding hat wohl einen Lagerschaden, jedenfalls rumpelt es wie eine Dreschmaschine.“ Nauroth zog seine Anzugjacke aus und lockerte seinen Schlips. „Wie geht es deiner Frau?“, fragte Schäfer weiter.
„Bestens wie meistens, sie genießt die verdammte Hitze und geht shoppen.“
„Das kenn ich, aber sie geht zumindest allein. Ich muss meine Frau immer begleiten, und wenn sie mal nur eben für drei Minuten in eine Boutique geht, heißt das für mich, eine halbe Stunde dumm rumstehen.“
Nauroth lachte. „Zeit ist eben relativ, das sagte schon Einstein: eine Minute auf einer heißen Herdplatte dauert unendlich, der Kuss eines schönen Mädchens erscheint wie eine Millisekunde.“
„Typisch für Einstein, er war ja bekanntlich alles andere als ein Kostverächter. Gibt es was Neues von Breithaupt?“
„Nein, aber es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den Entführten.“
„Woher hast du das?“
„Meine Frau ist doch mit der Sekretärin von Habibi befreundet. Dadurch erhalte ich manchmal recht nützliche Informationen, du weißt ja, der informelle Weg ist immer der effektivste. Es gab doch diese Recherche über ähnliche Fälle. Sie hat meiner Frau die Ergebnisliste gezeigt. Es gab etwa zwanzig, dreißig Fälle, aber acht Personen waren gekennzeichnet. Sie hatten eine Gemeinsamkeit, alle waren Ingenieure oder Wissenschaftler. Der Rest waren meistenteils Touristen oder Pensionäre, beispielsweise ein Pärchen aus Südkorea, die ein Boot gemietet hatten, um eine Inseltour zu unternehmen. Boot und Pärchen sind spurlos verschwunden.“
„Acht Ingenieure und Wissenschaftler, was könnte das bedeuten?“
„Ich habe lange mit meiner Frau diskutiert. Wir glauben, dass dahinter irgendeine kriminelle Vereinigung steckt.“
„Terroristen?“
„Wie kommst du da drauf?“
„Ich hatte gestern ein Telefonat mit meinem Vorturner Sommer. Er wollte sich über den Stand des Angebotes für den Malaiischen Windkanal informieren. Dabei hat er mir erzählt, dass der Vorstand am Tag zuvor Besuch aus dem BKA erhalten hat.“
„Und was wollten die?“
„Mehr weiß er auch nicht, selbst die Vorstandssekretärinnen haben nichts mitbekommen. Er hatte den Besucher auf dem Flur erkannt, weil dieser als Terrorismusexperte öfter im Fernsehen auftritt wird.“
„Das heißt, unsere beiden Männer werden mit weiteren Ingenieuren irgendwo festgehalten.“
„Das scheint sicher. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie irgendwas entwickeln müssen, mit dem sich Terroranschläge ausführen lassen.“
„Eine spezielle Waffe oder Vorrichtungen zur biologischen Kriegsführung?“
„Möglich, Osama bin Laden hat in den neunziger Jahren schon mal probiert, eine schmutzige Bombe zu bauen.“
„Was ist eine schmutzige Bombe?“
„Eine Atombombe, bei der neben der zerstörerischen Wirkung auch noch viele radioaktive Stoffe freigesetzt werden.“
„Das hat aber offenbar zum Glück nicht funktioniert.“
„Nein, er hatte damals einen Deal mit einem sudanesischen General, das Uran zu besorgen. Er hat bezahlt, aber nichts bekommen. Er wurde schlicht betrogen.“
„Netter Zug von dem General.“
„Finde ich auch, er ist ein gutes Beispiel für den Teufel aus Goethes Faust.“
„Wie meinst du das?“
„Der Teufel antwortete auf Fausts Frage, wer er sei: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.“
Nauroth musste lachen. „Klingt für mich wie ein Leitspruch des Kapitalismus.“
„Na ja, dieser bin Laden ist ja jetzt glücklicherweise tot und kann uns nicht mehr gefährlich werden.“
„Tot ja, aber gefährlich ist er vielleicht immer noch. Ich habe von einem Interview gehört, das er vor einigen Tagen im Fernsehen gegeben haben soll. Wahrscheinlich eine alte Aufzeichnung.“
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