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Paul Sanker
YOLO
Wir treffen uns im nächsten Level
AndroSF 113
Paul Sanker
YOLO
Wir treffen uns im nächsten Level
AndroSF 113
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Mai 2021
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Andreas Schwietzke
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 243 0
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 854 8
YOLO ['joʊ.loʊ]: Jugendwort 2012, Akronym für die englische Phrase »you only live once«, die Aufforderung, eine Chance zu nutzen und einfach Spaß zu haben, egal welchen Gefahren man sich aussetzt, welche Verbote man missachtet oder ob man Disziplin, Ordnung und Vernunft außer Acht lässt. Daneben ruft YOLO zu Risikobereitschaft und unkonventionellem Vorgehen auf und soll den Eindruck vermitteln, dass der Sprecher »die Lage im Griff habe«.
(nach: de.wikipedia.org/wiki/YOLO)
Prolog
Die dürre Gestalt lag wie eine gebrochene Strohgarbe auf dem alten, dunklen Eichenparkett des kreisrunden Zimmers. Der vollkommen fensterlose Raum durchmaß vielleicht zwanzig Quadratmeter, die Deckenhöhe betrug mindestens fünf Meter.
Eine breite Holzplatte war in Hüfthöhe rundherum an der Wand angebracht, lediglich unterbrochen durch eine Stahltür, die durch zwei breite Querriegel zusätzlich zu einem elektronischen Verriegelungsmechanismus verschlossen wurde.
Die kuppelförmige Decke war mit verschnörkelten Stuckornamenten verziert, dazwischen befand sich ein Fresko mit zwei gigantisch vergrößerten Händen, die sich mit ihren Zeigefingern ganz nahe kamen, ohne einander zu berühren; die Nachbildung eines Ausschnittes von Michelangelos Erschaffung Adams aus der Sixtinischen Kapelle.
Auf der Holzplatte reihten sich zahllose Computermonitore und Tastaturen nebeneinander, ebenso einige Drucker. Unter der Holzplatte standen mehr als ein Dutzend Rechner.
Die dürre Gestalt bewegte sich langsam, drehte sich wie im Zeitlupentempo auf den Rücken und breitete die Arme nach beiden Seiten aus. Die Füße schlug sie übereinander. Jetzt war zu erkennen, dass es sich um einen Mann handelte. Nein … um einen Jungen. Fast noch ein Kind. Sein Kopf war nach rechts gewandt, das Kinn berührte beinahe die Schulter. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck der Erschöpfung. Er weinte, leises Schluchzen war zu hören. Tränen liefen ihm die Wangen herab. Der Junge hatte kurze, rostrot gefärbte Haare, trug verwaschene Jeans und ein schmutziges, braunes T-Shirt. Auffällig war ein blaugrünes Medaillon, das daran steckte.
Die vielen Monitore in dem kreisrunden Raum waren ausgeschaltet. Nur auf einem Siebzehn-Zoll-Flatscreen, der sich über dem Kopf des am Boden Liegenden befand, war ein Bild zu sehen: Zwei Gestalten, beide offensichtlich tot, lagen hingestreckt auf dem Boden einer trostlosen Hügellandschaft. Es war Nacht, doch im fahlen, gespenstisch leuchtenden Dunst erkannte man im Hintergrund auf einer Erhebung drei Galgenbäume, an denen abgemagerte und in Lumpen gekleidete Kreaturen mit auf den Rücken gebundenen Armen und gefesselten Füßen hingen. Die Körper schaukelten sacht hin und her. Auf der Schulter eines Erhängten saß ein Rabe und pickte vorsichtig ein Auge aus dem Schädel des Leichnams. Wie ein dunkler Schatten flog er mit seiner Beute davon.
Die beiden Gestalten am Boden sahen ganz anders aus als die unglücklichen Galgenvögel. Offensichtlich hatte es sich bei ihnen noch vor Kurzem um stolze und mächtige Kämpfer gehandelt. Der eine – ein vornehmer Ritter aus dem Mittelalter – trug eine prächtige Rüstung. Das Helmvisier war heruntergeklappt. Ein Messer steckte in seinem Hals. Neben ihm lag ein riesiges, prachtvoll verziertes Schwert. Um den Körper des Ritters hatte sich eine dunkle Blutlache ausgebreitet.
Bei näherem Hinsehen wurde erkennbar, dass es gar keine zweite Gestalt gab. Es handelte sich vielmehr nur um einen Haufen nasser Kleider in einer Wasserpfütze. Neben einem langen, schwarzen Samtumhang lagen der breite Hut eines Magiers und ein silberner Ring in Form einer zusammengerollten Schlange.
Der rothaarige Junge auf dem Eichenparkett hatte aufgehört zu weinen. Vielleicht war er zu erschöpft. Er hielt die Augen geschlossen. »Frank, warum hast du das nur getan?«, flüsterte er. Dann schlief er ein.
1 | Das Armband
Der edle Paladin ritt mit seinem Schlachtross durch die öde Wüstenlandschaft Dalarions. Die Sonne brannte erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel herab. Trotz seiner Plattenrüstung und seines auf dem Rücken hängenden Schwertes Seelenschinder spürte Hard2drive die Hitze nicht. Er war einzig und allein auf seinen Auftrag konzentriert, zu Ehren seiner edlen Gilde die mörderische Bestie zu erlegen.
Er stieg vom Pferd, ging einige Schritte vorwärts über den staubigen, ausgedörrten Boden, der nur vereinzelt von Disteln und Unkräutern bewachsen war. Langsam zog er das Schwert aus der Scheide.
In der scharfen Klinge spiegelten sich die gleißenden Sonnenstrahlen. Das tödliche Metall glänzte wie glühende Lava. Vorsichtig schlich Hard2drive Schritt für Schritt vorwärts, bog langsam um einen Felsvorsprung und stand plötzlich vor einer Gruppe mannshoher Dornenbüsche, die nicht erkennen ließen, was sich dahinter verbarg.
Er vernahm ein leises, aber bedrohliches Knurren, klappte entschlossen das Visier seines magischen Helmes Schattenzahn herunter und ging weiter. Mit einer kurzen rituellen Beschwörung aktivierte er seine Aura Frostsphäre, die ihn vor heimtückischen Angriffen seiner Gegner schützen sollte. Ein blauer Glanz umwaberte ihn, als er aus der Deckung des vordersten Dornenbusches trat.
Da stand es vor ihm, keine hundert Meter entfernt, ein Monster von mehr als drei Metern Länge und fast zwei Metern Schulterhöhe. Die Bestie stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus, als sie ihn sah. Anfangs kam sie langsam auf ihn zu und wurde dann immer schneller.
Die Erde bebte unter ihrem massigen Körper mit dem schmutzig gelben Fell. Sie schüttelte den riesigen Schädel mit der furchterregenden Mähne. Ihr Maul war weit aufgerissen und zeigte zwei Reihen mörderischer Zähne. Zwei lange, gebogene, dolchartige Eckhauer überragten die Lefzen.
Der Paladin blieb breitbeinig stehen und erwartete regungslos den Angriff des Säbelzahnlöwen. Der war nur noch wenige Meter entfernt, da setzte er zum Sprung an und schoss mit ausgestreckten Krallen und Geifer vor dem Maul auf ihn zu.
Blitzschnell trat Hard2drive einen Schritt zur Seite, schwang sein Schwert Seelenschinder durch die Luft, traf das Untier im Genick und der Kopf der Bestie fiel wie eine reife Frucht platschend vor seine gepanzerten Stiefel.
Der riesige Körper flog noch zwei Meter weiter und landete dann mit dumpfem Aufprall auf dem ausgedörrten Wüstenboden, der nun von einer warmen Blutlache getränkt wurde.
Es war plötzlich still. Der Paladin säuberte sein Schwert am staubigen Fell des Löwen, dann steckte er es zurück in die Scheide. Zufrieden kniete er sich neben die Bestie, zog seinen Dolch Zwergenstich hervor und trennte eine der zotteligen Vordertatzen vom Körper des Untieres. Der Auftrag war erfüllt. Es lebe die Gilde des blauen Kontinents!
Henrik Wanker alias Hard2drive drückte auf Enter – das Spiel war gespeichert. Er atmete einmal tief durch, dann ging er in den Chatmodus.
Hard2drive: Blaue Gilde, hört ihr mich?
Donnergott: Hi, Pala. Was gibt's?
Hard2drive: Hab das Vieh erledigt und die Pranke eingesackt. Quest erledigt.
Donnergott: Hast du magische Gegenstände gefunden?
Hard2drive: Nur ein gelbes Amulett, das die Lebenskraft verdoppelt.
Donnergott: O stark! Brauchst du das Teil?
Hard2drive: Nö, hab ein besseres. Kann ich dir schicken.
Donnergott: Danke, Pala. Bist ein toller Kumpel. Aber ich muss Schluss machen. Essen steht auf dem Tisch.
Hard2drive: Okay. Bis später dann.
Donnergott: Bis später. Wir sehen uns mit den anderen in der Teufelsschlucht zur Lösung der nächsten Quest.
Seufzend erhob sich Henrik von seinem Platz. Es war jetzt halb acht und er saß seit fast drei Stunden vor seinem PC. Auch er hatte einen Riesenhunger.
In seinen braunen Filzpantoffeln schlurfte er Richtung Küche; dabei stolperte er fast über einen Haufen schmutziger Wäsche, der auf dem fleckigen Flokatiteppich lag.
Er fluchte unterdrückt. Am Wochenende musste er unbedingt zu seiner Mutter und ihr die Wäsche bringen. Dabei würde er sie auch gleich fragen, wann sie ihm noch mal ihre Putzfrau schicken konnte. Die Alte würde ihn zwar wieder mit ihrem Gemecker nerven, aber es fing in seiner fünfundvierzig Quadratmeter großen Bude allmählich aus mehreren Ecken an, unangenehm zu riechen.
Henrik gähnte laut und strich sich mit der Hand über das unrasierte Doppelkinn. Er war dreiundzwanzig Jahre alt, von Beruf Einzelhandelskaufmann und arbeitete in einer Discounterkette. Seine Tätigkeit bestand vor allem im Einräumen von Lebensmittelregalen. Ab und zu saß er auch an der Kasse. Aber nur selten, weil er mit dem Stress und der Hektik nicht fertig wurde, verursacht durch ungeduldige Kunden, sodass am Ende seine Kassenabrechnung oft nicht stimmte. Dafür hatte er von seinem Chef schon einmal eine Abmahnung bekommen. Dieser dumme Drecksack!
Henrik schob die düsteren Gedanken beiseite und legte sich eine Pizza Diavolo in den Backofen. Sein Magen knurrte heftig. Gedankenverloren tätschelte er seinen fetten Bauch, den das knittrige, verschwitzte T-Shirt nur bis knapp zum Nabel bedeckte. Mit seinen hundertzweiundsiebzig Zentimetern Körpergröße und einem Gewicht von vierundneunzig Kilogramm hatte er sicher keine Modelmaße – aber wahre Schönheit kam ja von innen. Er grinste bei diesem Gedanken und ging ins Bad. Nachdem er genüsslich im Stehen mit geschlossenen Augen Wasser gelassen hatte, betrachtete er sich im Spiegel. Struppiges, dunkelblondes Haar fiel über die fettig glänzende Haut seiner Stirn.
Hinter der schwarzen Hornbrille starrte ihm ein wässriges, graublaues Augenpaar entgegen. Er bleckte seine gelblich belegten Zähne und dachte, dass der Gebrauch einer Zahnbürste in naher Zukunft zu erwägen sei.
Achselzuckend schlurfte Henrik in die Küche zurück und holte die Pizza aus dem Ofen. Gierig stopfte er die vor Fett triefenden Pizzastücke in den Mund.
Er dachte schon wieder an den Computer. Heute Abend würde er mit den Mitgliedern seiner Gilde eine wichtige Quest beginnen: die Teufelsschlucht-Quest. Dabei mussten sie eine Horde Trolle in deren Lager aufspüren und vernichten. Dies würde nicht einfach sein, denn der Gegner war stark und gut bewaffnet. Aber als Belohnung winkte eine Schatztruhe voll einzigartiger magischer Gegenstände, die sie unter sich aufteilen würden.
Er war derzeit im vierundneunzigsten Level – von neunundneunzig. Damit gehörte er zu den wenigen Champions im Onlinerollenspiel Kingdom of Fantasy, kurz KoF genannt. Er spielte im Hardcoremodus. Das hieß, dass es keine Wiederauferstehung gab, wenn er getötet wurde.
Doch nur wenige hatten eine Chance, gegen ihn zu bestehen. Als Paladin war er nahezu unangreifbar. An seiner Rüstung hatten sich schon viele Gegner die Zähne ausgebissen. Seine Waffen waren mächtig und absolut tödlich. Außerdem beherrschte er eine Anzahl von wirkungsvollen Angriffs- und Verteidigungszaubern, mit denen er schon manch einen erfahrenen KoF-Spieler überrascht und ausgeschaltet hatte.
Bereits seit drei Jahren hatte er im Hardcoremodus überleben können. Dies war nur sehr wenigen Spielern gelungen. Unter den Playern genoss er einen legendären Ruf. Er war gern gesehener Mitstreiter in schwierigen Quests und Schlachten, doch meistens kämpfte er allein oder mit seiner Gilde, die er vor einem Jahr gegründet hatte.
Sie waren zu sechst. Er kannte seine Gildenbrüder lediglich als Spielcharaktere. Nur Donnergott – einen Barbaren im dreiundsiebzigsten Level – hatte er im Real Life kennengelernt.
Er hieß Tobi Krüger und war ein fünfzehnjähriger Realschüler, der in derselben Stadt wohnte. Sie hatten sich einmal verabredet, waren zusammen ins Kino gegangen und seitdem befreundet.
Tobi war der einzige Freund, den er hatte, auch wenn er ein bisschen durchgeknallt zu sein schien. Meistens schwänzte er die Schule und saß wie er vorm PC. Seinen Eltern war es egal. Der Vater war Alkoholiker und arbeitslos, die Mutter schluckte Antidepressiva und glotzte Fernsehen. Tobi hatte noch einen älteren Bruder. Frank gehörte zur Gothicszene und trug immer schwarze Klamotten. Abends trieb er sich in dubiosen Clubs rum und bekiffte sich.
Eigentlich waren Henrik Tobis Lebensumstände mehr oder weniger egal. Hauptsache, er machte seine Sache in der Gilde gut und in dieser Hinsicht war er tatsächlich recht brauchbar, auch wenn er noch in einem vergleichsweise niedrigen Level steckte.
Nachdem Henrik die Pizza vertilgt hatte, leckte er sich die Finger ab, rülpste verhalten und stand auf. Die Pizzaschachtel ließ er unbeachtet auf dem Tisch liegen. Die Putzfrau würde den Dreck sowieso wegräumen, wenn sie kam.
Ihm fiel ein, dass er seine Mutter anrufen musste, um ihr mitzuteilen, dass er die Wäsche vorbeibringen wollte. Widerwillig nahm er sein Handy und wählte ihre Nummer.
»Wanker?«, meldete sich eine Frauenstimme.
»Hallo, Mom. Ich bin’s, dein Lieblingssohn.« Henrik grinste spöttisch. »Ich wollte deine Stimme hören und fragen, wie’s dir so geht.«
»Ach, frag nicht! Wie soll’s mir schon gehen? Schlecht natürlich. Aber das interessiert dich doch gar nicht. Ich könnte in meiner Wohnung liegen und sterben. Keiner würde es bemerken. Erst wenn ich anfange zu verwesen und zu stinken.«
Henrik hielt den Hörer von seinem Ohr ab, um die grelle, keifende Stimme nicht in voller Intensität hören zu müssen.
»Ach, Mamutschka, du tust deinem Augenstern unrecht«, verteidigte er sich gelangweilt. »Jedes Wochenende komme ich dich besuchen. Ich liebe dich doch so sehr und habe solche Sehnsucht nach dir.« Er gähnte und rollte ungeduldig die Augen. Immer dieselbe Leier.
»Du bist ein unverschämter Lügner. Deine arme Mutter ist so allein in ihrem Haus und das eigene Kind kümmert das nicht im Geringsten. Andere Söhne sind fürsorglich und behandeln ihre Mutter mit Respekt. Aber du? Meldest dich nur, wenn du Geld brauchst. Aber was wundert es mich? Dein nichtsnutziger Vater war ja genau so, bevor er einfach gestorben ist und mich mit dir hat alleine sitzen lassen.«
Wie immer an dieser Stelle, an der sie seinen Vater erwähnte, fing die Mutter an zu heulen. Henrik kannte die Litanei auswendig und wollte sie nicht mehr hören, doch die Mutter redete immer weiter. Leise legte er das Handy auf den Tisch und schaltete den Fernseher ein.
Es lief gerade Günter Jauchs Wer wird Millionär – sie waren bei der Zweiunddreißigtausend-Euro-Frage. Die Kandidatin hatte soeben ihren letzten Joker verbraucht und sagte zögernd: »Ich nehme Lösung C.«
Das war leider falsch. Sie fiel auf tausend Euro zurück. Henrik grinste hämisch. »Geschieht dir recht, du blöde Schlampe.« Schicksalsergeben griff er wieder nach dem Telefon.
Die Mutter erging sich noch immer in ihrem endlosen Redeschwall, vermischt mit Heulattacken. »… und was tust du? Lässt deine arme Mutter alleine!« Sie stockte kurz, um Luft zu holen.
Diese Gelegenheit musste er nutzen. »Ich komme am Wochenende zu dir. Dann können wir zusammen essen und uns unterhalten. Bis später also und Küsschen!« Hastig beendete Henrik das Gespräch und warf das Telefon auf den Sessel. Seufzend legte er sich mit einer Tüte Chips auf die Couch und schaute weiter fern.
In Wahrheit kam die Mutter ganz gut ohne ihn aus.
Sarah Wanker war niemals das gewesen, was man gemeinhin eine treu sorgende Mutter nannte. Als sein Vater starb, war er drei oder vier Jahre alt gewesen. Danach brachte seine Mutter ihn ständig zu irgendwelchen Tagesmüttern, oft für mehrere Wochen. Sie begründete es ihm gegenüber damit, dass sie ja schließlich arbeiten müsse, um ihn ernähren zu können.
An den Vater konnte Henrik sich kaum noch erinnern. Lediglich eine Szene hatte sich in sein kindliches Gedächtnis eingebrannt: Mit zwei oder drei Jahren hatte er mit seinem Papa im Garten Ball gespielt. Er wusste genau, dass er an diesem Tag wirklich glücklich gewesen war – doch das war längst vorbei. Was sollte es?!
Zur vereinbarten Zeit loggte Henrik sich wieder ins Spiel ein. Sie trafen sich an vereinbarter Stelle am Eingang der Teufelsschlucht. Die anderen warteten schon auf ihn.
Da war zunächst Shiva-Warrior. Der Charakter aus der Schurkenklasse befand sich im zweiundsiebzigsten Level, ein kleiner, drahtiger, muskulöser Kerl mit schwarzen, kurz geschorenen Haaren, braunen Augen und Dreitagebart. Gekleidet war er in einen schwarzen Lederanzug. Seine Spezialität bestand im heimlichen Anschleichen an den Feind, um ihn hinterrücks zu meucheln. Er war bewaffnet mit zwei vergifteten Dolchen.
Neben ihm stand Deadlysorc, eine Zauberin aus dem sechsundsiebzigsten Level, deren Hauptangriffstaktik in der Erzeugung eines machtvollen Feuerregens bestand. Sie war eine gefährliche Schönheit mit roten, schulterlangen gelockten Haaren und grünen Augen. Ihr Unheil verkündender Blick konnte die Knie jedes Gegners weich werden lassen. Sie brauchte keine Waffen. Ihre Zaubersprüche und Beschwörungsformeln waren mächtiger und todbringender als jedes Schwert.
Der Dritte im Bunde nannte sich Livingdead, ein Untoter im achtzigsten Level, der Skelettkrieger beschwören konnte, die an seiner Seite kämpften. Er war mindestens ein Meter neunzig lang und spindeldürr. Sein schlohweißes, dünnes Haar umrahmte ein ausgezehrtes, knochiges Gesicht mit grauen Bartstoppeln. Auch er trug einen vergifteten Dolch unter seiner braunen Lederkutte. Doch ging er nach Möglichkeit jedem Nahkampf aus dem Weg, weil er dabei hoffnungslos unterlegen gewesen wäre. Seine aus der Unterwelt beschworenen Skelette und Zombies erledigten die schmutzige Arbeit für ihn.
Hinter Livingdead beobachtete Wiseman die Umgebung. Die Hauptaufgabe des Priesters aus dem zweiundachtzigsten Level bestand darin, verwundete Gildenmitglieder aus sicherer Entfernung mit seinem Segenszauber zu heilen. Er hatte dichtes, goldblondes Haar und strahlend blaue Augen. In seinem schneeweißen Gewand sah er aus wie einer der amerikanischen Fernsehprediger.
Als Kämpfer war er nicht zu gebrauchen, allerdings auch nicht so leicht umzubringen. Er konnte die Mitglieder der Gruppe und sich selbst durch Zauber und Heiltränke in kürzester Zeit von Verletzungen und Vergiftungen heilen. Außerdem war er in der Lage, für eine begrenzte Zeit einen undurchdringlichen Schutzschild um eine Person zu erzeugen, der diese nahezu unverwundbar machte.
Komplettiert wurde die Gruppe durch Donnergott, der im wahren Leben Tobi Krüger hieß und Hendriks einziger Freund war. Der Barbar trug lange, schwarze Haare, die von einem roten magischen Stirnband gehalten wurden. Donnergott hatte die Gestalt eines Bodybuilders. Bekleidet war er mit einem braunen Lendenschurz, Lederwams und Lederstiefeln.
Im Kampf stand er mit seiner mächtigen Axt an vorderster Front, Seite an Seite mit ihm selbst, dem Paladin Hard2drive. Henriks Avatar war ein Meter fünfundachtzig groß, schlank und trug mittellanges, braunes Haar. Sein markantes Gesicht fiel auf durch das kräftige Kinn und die strahlend blauen Augen.
Ein Paladin war eine Art mittelalterlicher Ritter. Hard2drive trug eine prächtige, silberne Rüstung. Jeder Bestandteil seiner Ausrüstung besaß magische Zusatzeigenschaften.
Der Helm Schattenzahn war zum Beispiel in der Lage, durch einen Zauber jeden angreifenden Gegner zu verlangsamen. Mit dem Schwert Seelenschinder konnte Hard2drive eine Frostschutzaura aktivieren, welche die Attacken des Feindes abschwächte. Ähnliche geheimnisvolle Attribute besaßen auch sein Dolch, die Halskette, der goldene Ring sowie die gepanzerten Handschuhe und Stiefel. So trat er vor seine Gilde und verkündete die Gefechtsordnung.
Hard2drive: Shiva, du gehst in den Schleichmodus und kundschaftest die Schlucht vor uns aus. Wenn du den Feind siehst, gibst du uns ein Zeichen.
Shiva-Warrior nickte nur kurz zur Bestätigung.
Hard2drive: Gut. Danach folgen Donnergott und ich in einem Abstand von fünfzig Metern. Wir werden den Hauptangriff der Trolle auf uns nehmen. Deadlysorc sichert unsere linke Flanke mit ihrem Feuerregen. Livingdead übernimmt die rechte Flanke und deckt sie durch seine Skelettkämpfer ab. Wiseman hält sich ganz im Hintergrund und heilt aus sicherer Distanz die Verwundeten. Alles klar?
Alle nahmen ihre Plätze in der Schlachtordnung ein. Shiva war schon in die Teufelsschlucht eingedrungen. Die anderen folgten ihm in der verabredeten Reihenfolge. Es war kurz vor Sonnenuntergang.
Sie marschierten in Kampfformation durch das steinige, mäanderförmig gewundene, ausgetrocknete Flussbett. Zu beiden Seiten des Weges wuchsen in dichten Reihen pinienartige Bäume, die sich bis zu halber Höhe der Schluchtwand hinaufzogen. Bizarre Felsformationen und Vorsprünge behinderten zusätzlich die Sicht auf das, was möglicherweise vor ihnen lauerte.
Hard2drive: He, Shiva! Wo bist du? Hast du was gefunden?
Shiva-Warrior: Alles ruhig, Pala. Nichts zu sehen. Bin etwa dreihundert Meter vor euch. Die Schlucht steigt jetzt steil an. Aber … Oh, schiet!
Hard2drive: Was gibt's?
Shiva-Warrior: Vor mir öffnet sich die Schlucht zu einem breiten Tal. Da unten ist das Lager der Trolle. Ich sehe mehrere Holzhütten und ein Lagerfeuer. Und … Ich muss weg! Die Scheißkerle haben mich gesehen.
Der Paladin zog sein Schwert und klappte das Visier herunter. Donnergott schwang brüllend die nagelbesetzte Keule über seinem Kopf. Beide setzten sich wie auf ein geheimes Kommando in Bewegung und rannten vorwärts. Die anderen Gildenmitglieder folgten in der vorgeschriebenen Formation.
Als sie um den nächsten Felsvorsprung bogen, tauchten plötzlich drei Trolle vor ihnen auf. Sie sahen mit ihren klobigen, schwarz behaarten Körpern und Gesichtern furchterregend aus. Die winzigen roten Augen starrten die Kämpfer böse und heimtückisch an.
Die Trolle waren mit Kurzschwertern bewaffnet, deren Klingen grünlich glänzten, ein untrügliches Zeichen, dass die Waffen mit Gift bestrichen waren. Zähnefletschend, mit Fäden ziehendem Schaum vor den Mäulern, griffen sie an.
Hard2drive und Donnergott erwarteten den Angriff Seite an Seite stehend. Der Paladin schwang sein Schwert und der Waffenarm des vordersten Trolls flog abgetrennt durch die Luft. Eine Blutfontäne spritzte pulsierend aus der klaffenden Wunde am Rumpf des Ungeheuers, das zu Boden stürzte und grässliche Kreischlaute ausstieß.
Den zweiten Gegner erledigte Donnergott durch einen Hieb mit der Axt, der den Schädel des Feindes mit einem kurzen Knirschen zertrümmerte.
Troll Nummer drei fiel über den Körper seines niedergestreckten Kameraden und wurde durch einen Schwertstreich des Paladins erlegt.
Ohne die drei Leichen zu beachten, lief der Trupp weiter. Kurz darauf standen die Kämpfer auch schon am Eingang des Talkessels, in dem sich das Dorf der Trolle ausbreitete.
Nun sahen sie auch Shiva-Warrior, der sich augenscheinlich in Schwierigkeiten befand. Er stand wie zur Salzsäule erstarrt inmitten einer Gruppe von fünf Trollen, die unablässig mit Knüppeln und Schwertern auf ihn einschlugen.
Shiva musste seinen Abwehrschirm aktiviert haben, sonst wäre er schon längst tot gewesen. Doch das bläuliche Schimmern um den bewegungslosen Körper des Schurken zeigte, dass etwas nicht stimmte.
Deadlysorc: Shiva wurde von einer Frostaura getroffen. Einer der Trolle muss Magier sein.
Hard2drive: Schon klar. Da hinten zwischen den Pinien sehe ich das Bürschchen.
Etwa fünfzig Meter rechts von ihnen stand ein großer Troll mit einer schwarzen Robe und einem violetten Umhang bekleidet, während seine Artgenossen nur braune, speckige Lederhosen und Wämser trugen.
Das war der Magier. Er starrte Shiva unentwegt an und rührte sich nicht.
Hard2drive: Livingdead, dein Auftritt! Schick deine magersüchtigen Freunde zu dem Bürschchen rüber. Und du, Sorc, heiz' den übrigen Typen ein bisschen ein!
Plötzlich schien die Erde zu beben und zu brodeln. Aus immer breiter werdenden Rissen zu Füßen der Gildenmitglieder erhoben sich wie aus Gräbern fünf Skelette und schritten mit Messern bewaffnet auf den Magiertroll zu. Donnergott schloss sich ihnen an.
Währenddessen ergoss sich ein Regen aus glühender Lava auf die fünf Trolle, die auf Shiva einschlugen. Erschreckt versuchten sie, zu fliehen. Der Paladin stürmte zwischen sie und schlug zweien von ihnen die Köpfe ab. Die Übrigen machten sich Richtung Dorf davon.
Inzwischen hatten die Skelette den Trollmagier erreicht. Diesem gelang es, mit dem Schwert zwei der Gerippe zu zerschlagen, doch dann wurde er von Donnergotts Keule mit einem einzigen Hieb ins Jenseits befördert.
Shiva-Warrior hatte sich aus seiner Erstarrung gelöst und torkelte benommen auf seine Gefährten zu. Ohne Wisemans Heilungszauber hätte er den heimtückischen Überfall der Trolle nicht überlebt.
In der Ferne war zu erkennen, dass sich etwa sechzig Trolle im Dorf um das Lagerfeuer versammelt hatten und die Kämpfer mit lautem Heulen und Kreischen erwarteten.
Hard2drive: Also los! Showtime, Freunde! Sorc, mach sie fertig! Alles Weitere erledigen wir.
Der Himmel über dem Dorf verdunkelte sich und ein tosender Sturm entlud sich über den Köpfen der Ungeheuer. Ein Feuerregen prasselte auf sie herab. Im Nu brannten die Hütten nieder. In Panik versuchten die Trolle zu entkommen, sofern sie nicht lebendigen Leibes verbrannten.
Doch nun setzten sich die Gildenmitglieder in Begleitung von zwanzig Skelettkriegern in Bewegung, um den Feind endgültig zu vernichten. Minuten später war das Gemetzel vorbei.
Nicht nur die Waffen der Gildenmitglieder waren danach blutbesudelt, sondern auch deren Rüstungen und die Kleidung. Die Quest war beendet.
Um Hard2drives Rüstung bildete sich eine gleißende, goldgelbe Aureole als Zeichen dafür, dass er das nächste Level erreicht hatte – Level fünfundneunzig. Zufrieden stieß er das blutige Schwert in den Boden.
Die Schatztruhe mit den verzauberten Gegenständen fanden sie in der niedergebrannten Hütte des Magiertrolls. Für jeden Spielcharakter war ein passendes Item dabei.
Deadlysorc bekam einen Ring, durch dessen Zauberkraft Feinde die Orientierung verloren und hilflos umherirrten. Donnergott erhielt ein Amulett, das ihn für zehn Sekunden unsichtbar machte. Wiseman passte ein Paar Stiefel, mit dem er doppelt so schnell laufen konnte wie gewöhnlich. Livingdead nahm sich einen Umhang, der ihn vor Fernangriffen mit Pfeilen und Speeren schützte. Für Shiva-Warrior erwies sich ein Wams als geeignet, das die Angriffsgeschwindigkeit des Schurken verdoppelte.
Schließlich blieb ein schwerer, edelsteinbesetzter schwarzer Armreif aus einem unbekannten Metall übrig. Die Gefährten betrachteten ehrfürchtig den seltsamen Gegenstand.
Donnergott: Da ist was eingraviert. Was steht da?
Wiseman: Es ist schwer zu entziffern. Die eingravierte Schrift ist ziemlich verschnörkelt und fast verblasst. Aber … Augenblick. Gleich hab ich's! Da steht: Armreif des schwarzen Schattenmagiers.
Livingdead: Wer ist denn der schwarze Schattenmagier?
Hard2drive: Völlig egal, wer der Kerl ist oder war. Jetzt gehört das Ding mir.
Damit nahm der Paladin Wiseman den Armreif aus der Hand und streifte ihn sich übers Handgelenk.
Donnergott: Was kann das Teil denn?
Deadlysorc: Ja, genau. Welche Eigenschaften hat es? Feuerzauber? Blitze? Naturzauber?
Wiseman: Oder gibt das Item einen Schutzzauber?
Hard2drive betrachtete den Armreif nachdenklich und schüttelte den Kopf. Keine Ahnung. Aber ich werde schon rauskriegen, was damit los ist.
Die Gruppe säuberte ihre Waffen und machte sich bereit für den Abmarsch.
Hard2drive: So, Feierabend für heute. Ich muss jetzt weg und noch ein paar Videos zurückbringen. Macht's gut, Leute.
Sie verabschiedeten sich voneinander.
Save game und Log-out.
Henrik Wanker fühlte sich todmüde. Ihm war übel – vermutlich von der zu hastig verschlungenen Pizza. Und Kopfschmerzen hatte er auch. Er ging ins Bad, um sich vielleicht doch die Zähne zu putzen und den schlechten Geschmack loszuwerden.
Als er in den Spiegel sah, stieß er ein erstauntes Hä? hervor. An seiner linken Wange klebte ein dünner Streifen angetrockneten Blutes. Hatte er sich beim Rasieren geschnitten? Doch ihm fiel ein, dass er das schon seit zwei Tagen nicht mehr getan hatte. Er wischte sich das Zeug aus dem Gesicht. Da zeigte sich, dass die Haut darunter unversehrt war. Es handelte sich also eindeutig nicht um sein eigenes Blut. Aber wo sollte es sonst hergekommen sein? Seltsam.
Doch dann wurde Henrik vollends von seiner Erschöpfung überwältigt, sodass er die Sache schnell wieder vergaß. Wie er war, noch in Jeans und T-Shirt, torkelte er in sein ungemachtes Bett und schlief auf der Stelle ein.
2 | Der geheimnisvolle Fremde
Am anderen Morgen schlief Henrik Wanker erst mal richtig aus. Er wurde am Samstag dem zwölften Juni, elf Uhr dreißig, von der herrlichen Frühlingssonne geweckt, die in sein Schlafzimmer schien.
Nicht nur wegen des fabelhaften Wetters war er gut gelaunt, sondern weil er sich heute die neue Grafikkarte für seinen Computer kaufen wollte. Die Bildqualität von KoF würde sich deutlich verbessern und das Spiel noch mehr Spaß machen.
Vor zwei Jahren hatte sich Henrik einen neuen Computer angeschafft. In Anbetracht des Fortschreitens der technischen Entwicklung entsprach dieser Zeitraum einer kleinen Ewigkeit. Er hatte damals das Geld dafür seiner Mutter abknöpfen können, weil er ihr vorgeschwindelt hatte, dass er den PC für ein Fernstudium brauche.
In Wahrheit hatte sich seine Mutter nie richtig dafür interessiert, welche Leistungen und Noten Henrik in der Schule erzielte. Hauptsache, sie wurde nicht durch irgendwelche blauen Briefe, die ins Haus flatterten, oder durch sonstigen Ärger belästigt. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass seine Mutter jemals einen Elternsprechtag wahrgenommen hatte. Es war ihr nicht nötig erschienen, weil sie die Ansicht vertrat, dass Lernen Henriks Angelegenheit sei und nicht die ihre. Außerdem habe sie viel zu wenig Zeit für so blödes Gequatsche wie: Wo soll der nächste Schulausflug hingehen und wer kann beim nächsten Martinslaternen-Basteln helfen? Dafür sei ihr die Zeit zu kostbar, hatte sie behauptet.
Womit seine Mutter jedoch damals ihre Tage verbracht hatte, wusste Henrik bis heute nicht. Auf seine Nachfragen hatte sie nur geantwortet, dass sie geschäftlich auf Reisen sei und er sowieso nicht verstünde, was sie Bedeutungsvolles zu erledigen habe. Später beschränkte sie sich darauf, ihn von oben herab anzufahren, dass es ihn nichts anginge, was sie mache. Er solle lieber froh sein, dass er Geld von ihr zugesteckt bekomme. Also hörte er auf, Fragen zu stellen.
Er hatte die Gesamtschule als kaum mittelmäßiger Schüler durchlaufen, sich aber dennoch dazu entschlossen, das Abitur zu machen. Nicht etwa, weil ihn der Ehrgeiz gepackt hatte, sondern weil sein Eintritt ins Arbeitsleben dadurch um drei Jahre aufgeschoben wurde.
Vom Wehrdienst war er verschont geblieben, weil er extrem kurzsichtig war und Senkfüße hatte.
Mit neunzehn Jahren machte Henrik sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von drei Komma vier. Damit war klar, dass eine glanzvolle Karriere als Arzt oder Anwalt schwierig sein würde, und er selbst bezweifelte, mit Afrikanistik oder dem Studium marokkanischer Volkstänze rasch viel Geld verdienen zu können.
Sein Vorschlag, daher erst mal ein oder zwei Jährchen zu Hause in Ruhe darüber nachzudenken, wie er seine sicher glanzvolle Karriere starten solle, stieß bei der Mutter auf wenig Gegenliebe. Vielmehr handelte sie kurz entschlossen. Sie schickte ihn zu einem Bewerbungsgespräch zu Herrn Krause, dem Filialleiter eines Discounters in der Vorstadt. Krause stellte ihn ohne Begeisterung, aber auch ohne großes Interesse für seine Schulzeugnisse als Auszubildenden zum Einzelhandelskaufmann ein. »Sozusagen aus alter Freundschaft zu deiner Mutter«, wie er mit eigenartiger Betonung auf dem Wort Freundschaft und einem anzüglichen Grinsen abschließend sagte.
Die zweite Entscheidung, die seine Mutter für ihn traf, war, dass Henrik bei ihr auszuziehen habe. Sie hatte ihm ein Appartement am anderen Ende der Stadt angemietet. Bis zur Beendigung seiner zweijährigen Ausbildung werde sie die Miete zahlen, hatte sie versprochen, danach sei er selbst an der Reihe. Es sei an der Zeit, dass er lerne, auf eigenen Füßen zu stehen. Außerdem sei das bescheidene Reihenhaus mittlerweile zu klein geworden für Mutter und Sohn. Sie sei eine Frau in den besten Jahren und brauche Raum für ihre persönliche Entfaltung.
Das mit der eigenen Wohnung empfand Henrik als gute Idee, den Job im Discounter eher weniger. Er sah aber auch den Vorteil, der darin lag, bald eigenes Geld verdienen zu können. Der Gesellschaft seiner Mutter weinte er keine Träne nach.
Wie sich bald herausstellte, war es mit dem großen Geldverdienen im eigenen Job allerdings nicht weit her. Nachdem Henrik seine Lehre beendet hatte und von Herrn Krause sogar übernommen wurde – aus alter Freundschaft zur Mutter, versteht sich – bekam er gerade mal neunhundertfünfzig Euro ausbezahlt.
Dreihundertfünfzig Euro betrug allein die Miete, die er ja von Stund an selber bestreiten musste. Dazu kamen Strom, Wasser, Telefon und so weiter. Mit dem Rest, der ihm blieb, kam er hinten und vorn nicht zurecht. Henrik Wanker war immer knapp bei Kasse.
Die Mutter steckte ihm zwar zwischendurch mal ein paar Euro zu, wenn er ihr genügend lange etwas vorjammerte, doch es reichte nie aus. Dies lag natürlich auch an seinem Lebensstil.
Ab und zu ging er zum Beispiel zur Rennbahn, und wenn er einen heißen Tipp von einem der Stalljungen bekam, wurde auch mal der eine oder andere Fuffi gesetzt. Scheiß Gäule! Aber was sollte es? Man lebt nur einmal – dafür aber mit Klasse!
Zwischendurch brauchte Henrik auch schon mal Bares, um mit seinen Freundinnen in der Kit-Kat-Bar zu feiern. Er war dort ein gern gesehener Gast und die billigste Flasche Schampus kostete in diesem Lokal hundertzwanzig Euro. Das musste man schon investieren, wenn eine der Schlampen lieb zu ihm sein sollte.
Heute nun war wieder mal Zahltag! Gut gelaunt pfeifend eilte Henrik in die Stadt, schnurstracks zu Billie, dem Pfandleiher. Er war dort Stammkunde. Immer mal wieder brachte er ihm ein paar Löffel aus Mutters Silberbesteck, eine alte Uhr oder Manschettenknöpfe, die noch von seinem Vater stammten. Das Zeug lag in irgendwelchen Schubladen oder auf dem Dachboden rum. Die Alte würde den Trödelkram sowieso nicht vermissen. Heute hatte er etwas ganz Besonderes zu verpfänden. Das würde ihn auf einen Schlag flüssig machen.
Henrik war vor dem Laden des Pfandleihers angekommen. Durch das mit einem Stahlgitter gesicherte Schaufenster lugte er in den Raum hinein.
Billie saß hinter seinem Tresen und überprüfte irgendwelche Listen, die vor ihm ausgebreitet lagen.
Beschwingt öffnete Henrik die Ladentür, die jeden Eintretenden mit einem lauten Klingelton ankündigte.
»Ach nee! Mein bester Kunde«, murmelte Billie mit einem kurzen Blick auf den Besucher. Er kniff das linke Auge halb zu, als er Henrik über die randlose Lesebrille hinweg anschaute, die tief auf seinem Nasenrücken saß. Sein linker Mundwinkel hing dabei leicht abschätzig herab.
Billies Alter war schwer zu schätzen, es lag irgendwo zwischen Mitte vierzig und sechzig. Sein Schädel war bis auf ein paar graue Haarstoppeln kahl. Der Körper wirkte dagegen wegen seiner muskulösen Arme und dem ausladenden Brustkorb auffallend durchtrainiert. Die etwas abgeplattete Nase ließ den Verdacht aufkommen, dass er früher mal geboxt hatte.
Nachdem Billie Henrik offenbar genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte, brütete er weiter über seinen Papieren.
»Hi, Billie, ich hab’ heute was ganz Wertvolles für dich.« Henrik kramte in der Innentasche seine Cordjacke herum und legte dann vorsichtig einen in Zeitungspapier gewickelten Gegenstand auf den Tresen.
Billie schielte gelangweilt herüber. »Na und? Pack’s aus und mach’s nicht so spannend.«
Henrik nickte und wickelte mit fahrigen Händen das Papier ab. Zum Vorschein kam ein breiter, goldener Armreif. Erwartungsvoll hielt er dem Pfandleiher das Schmuckstück hin.
Der nahm es entgegen, schaute es von allen Seiten an und drehte es mehrfach prüfend um. »Nicht schlecht. Wo hast du das Teil her?« Misstrauisch sah er Henrik in die Augen.
Dem standen feine Schweißperlen auf der Oberlippe und er zwinkerte nervös. »Äh … das ist … ein Erbstück … von meiner Mutter«, sagte er stotternd.
»So, so. Ein Erbstück.« Billie zog ein Vergrößerungsglas unter dem Tresen hervor und betrachtete den Reif noch eingehender. »Zur Hochzeit meinem geliebten Schatz Sarah …«, las er langsam vor.
»Hä?«, meinte Henrik.
»Na, das steht da, du Einfaltspinsel! Zur Hochzeit. Ein Geschenk deines Vaters an deine Mutter.« Billie schüttelte missbilligend den Kopf. »Und was sagt dein Vater dazu, dass du das Ding verscherbelst?«
»Äh … der ist auch tot. Ganz tragische Geschichte. Autounfall …, äh … dunkel und nasse Straße. Mein Vater wurde geblendet von der Sonne und kam – zack! – von der Straße ab.« Dabei machte Henrik mit der linken Hand eine entsprechende Bewegung, um den dramatischen Ablauf des Unfalles zu verdeutlichen.
»Es war dunkel und dein Vater wurde von der Sonne geblendet.« Mit offenem Mund starrte der Pfandleiher Henrik an.
»Nein, nein, nein! Ich meinte, er wurde vom Scheinwerferlicht eines entgegenkommenden LKW geblendet. Ja, genau so war’s.« Dabei nickte Henrik hastig zur Bekräftigung. Schweißränder zeigten sich unter den Achseln seines T-Shirts.
»So, so. In der Tat gaaanz tragisch«, meinte Billie und betrachtete erneut den Armreif.
Henrik gestattete sich ein erleichtertes Aufatmen und faselte: »Ja, es war eine schwere Zeit für mich, als ich mit zehn Jahren ins Waisenhaus musste, ganz allein, keine Verwandten.« Er schniefte gerührt und strich sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel. »Jeden Tag bekamen wir mittags Kohlsuppe. Nur am Sonntag gab es zusätzlich Tofuwurst und als Nachtisch ungezuckerten Grießbrei.«
Billie hörte schweigend zu. Er saß da, in der einen Hand den Armreif, mit der anderen stützte er sein Kinn ab und blickte Henrik unverwandt an. Es wurde mucksmäuschenstill. Nur das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke war zu hören.
Nach einer Weile stand der Pfandleiher auf. »Na schön«, seufzte er, ging zu der altmodischen Registrierkasse, entnahm ihr einen Geldschein und reichte ihn Henrik. »Hier hast du zwanzig Euro.«
Fassungslos starrte Henrik den Pfandleiher an.
»Na, nimm schon, Kleiner. Eine Quittung brauchst du ja wohl nicht.« Billie wedelte mit dem Geldschein vor Henriks Nase herum.
»Hä? Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Meine Mutter sagt, das Ding ist locker dreihundert Mäuse wert.« Henriks Gesicht war nun vor Wut puterrot angelaufen.
»Wer hat was gesagt?«, fragte Billie lauernd.
»Äh, ich meine natürlich meine Stiefmutter. Ja, die Stiefmutter, die mich mit neun Jahren aus dem Waisenhaus adoptiert hat.«
»So, jetzt reicht es mir, Bürschchen.« Drohend baute sich Billie vor Henrik auf. Mit dem Zeigefinger tippte er auf dessen schwammigen Brustkorb. »Du nimmst jetzt das Geld und machst dich aus dem Staub, oder du nimmst den Armreif zurück und machst dasselbe. Ich will dich auf jeden Fall nie mehr in meinem Geschäft sehen. Und jetzt: Zieh Leine!«
Henrik glotzte verdutzt abwechselnd auf Geldschein und Schmuckstück. Dann griff er nach dem Armreif, steckte ihn hastig wieder in seine Jacke und schrie den Pfandleiher an: »Das wird dir noch leid tun, du dummer Wichser! Wir sprechen uns.«
Als Billie einen schnellen Schritt auf ihn zu machte, drehte Henrik sich erschrocken um, riss die Tür auf und flüchtete aus dem Laden. Von draußen bedachte er den Pfandleiher mit dem Stinkefinger, dann rannte er um die nächste Hausecke. Mit Wuttränen in den Augen machte er sich auf den Weg nach Hause. Unterwegs rempelte er eine alte Frau an, die mit ihrem Dackel spazieren ging.
»Pass doch auf, du dumme Schachtel!«, giftete er sie an, worauf ihn der Hund wütend ankläffte.
»Schnauze, du Flasche!«, schrie er, hastete weiter, böse vor sich hinfluchend und mehrmals auf die Straße spuckend.
Erst daheim beruhigte er sich langsam wieder und schmierte sich ein paar Brote mit Erdnussbutter als Trostspender. Noch mit Tränen in den Augen setzte er sich an seinen Computer.
Hard2drive ritt durch den Wald von Sleepysoul. Er wollte allein sein und ohne seine Gilde durch die Fantasywelt reisen, um seine Enttäuschung zu verarbeiten. Vielleicht bekam er Gelegenheit, ein paar Gnome oder Trolle zu zerhäckseln. Auf jeden Fall musste irgendwer für die Demütigung büßen, die er bei diesem verlausten Pfandleiher erlitten hatte.
Obwohl im Real Life Frühling war, umgab den Krieger hier ein bunter Herbstwald. Pausenlos fielen Blätter von den Buchen und Eichen um ihn herum. Der Waldweg war bedeckt von einem dichten Laubteppich. Das Gebiet, das er gerade durchquerte, hatte Hard2drive zuvor noch nicht erforscht.
Das Geniale an Kingdom of Fantasy war die revolutionäre eternity-at-random-Technik oder kurz ear. Es bedeutete, der Spieler erreichte nie das Ende der virtuellen Spielewelt, weil es kein Ende gab. Der Computer generierte immer aufs Neue Landstriche und Zauberwelten.
Es gab einige Spieler, die lediglich weiter und weiter reisten, dadurch ständig Länder, Meere, Berge und Kontinente erschufen und sich an den immer neuen Anblicken und Entdeckungen berauschten. Sie lösten gar keine Quests mehr und gingen Kämpfen aus dem Weg, um ja nicht von ihrer schöpferischen Arbeit, eine neue Welt zu erschaffen, abgelenkt zu werden.
Viele von ihnen waren schon so weit gereist, dass sie den Weg zurück in ihr Ausgangsgebiet nicht mehr finden würden, selbst wenn sie es wollten. Ab und zu meldeten sich diese Forscher und Entdecker über den Chatmodus und berichteten über erstaunliche Völker, Tiere und Pflanzen, die ihnen auf ihrer ewigen Odyssee begegneten.
Mit diesen Leuten, die in Henriks Augen Spinner waren, hatte er nichts gemeinsam. Sein Bestreben war es, immer stärker und mächtiger zu werden, um es mit jedem Gegner aufnehmen zu können. Dafür durchspielte er eine Quest nach der anderen, um mächtige und einzigartige Gegenstände zu finden, die ihn im Kampf unbesiegbar machten.
Hard2drive erreichte soeben ein Dorf, das in einer breiten Waldlichtung lag und von einem Flusslauf durchzogen wurde. Die Bewohner waren freundlich gesinnt und gehörten der Rasse der Elben an: hochgewachsene, edle Geschöpfe mit langen, wallenden Haaren und bunten, weiten Gewändern, die vorwiegend Ackerbau und Viehzucht betrieben.
Die Welt des Kingdom of Fantasy befand sich etwa auf dem Entwicklungsstand des Mittelalters. Es gab keine Industrie, keine Fabriken. Die Bevölkerung lebte vorwiegend in Dorfgemeinschaften. Regiert wurde das Land von Fürsten. Sie hausten in Burgen oder Festungen, die sich in der Nähe von Siedlungen befanden. Die Herrscher waren vor allem Spieler, die sich ihre Position in langen, erbitterten Kämpfen erstritten hatten. Daneben gab es aber auch viele sogenannte Gilden oder Bruderschaften, wobei es sich letztendlich um herumvagabundierende Banden von Kämpfern und Banditen handelte. Sie erfüllten ihre Quests, indem sie plünderten oder im Auftrag der Fürsten in die Schlacht zogen.
Vor einem Gasthof hielt Hard2drive an und stieg vom Pferd. Ein Stallbursche kümmerte sich um das Tier, während der Paladin den Gasthof betrat. Die meisten Gäste an den Tischen und an der Theke waren wie der Wirt und das Schankpersonal Computercharaktere. Sie konnten nicht aktiv am Spiel teilnehmen, sondern auf Anforderung immer nur die gleichen Handlungen ausführen, zum Beispiel Nahrungsmittel und Waren verkaufen. Andere erteilten Auskünfte zur aktuellen Quest oder lieferten Wegbeschreibungen zu Personen oder Ortschaften, die ein Spieler suchte.
Lediglich ganz hinten, am letzten Tisch, saß neben dem lodernden Kaminfeuer ein weiterer Spieler. Es handelte sich um einen Druiden im sechzigsten Level, der interessiert zu Hard2drive herübersah.
Druiden hatten die Fähigkeit, sich in Tiere zu verwandeln, zum Beispiel in Wölfe, Bären oder Adler und nahmen im Kampf deren Eigenschaften an. Weiterhin waren sie hervorragende Fallensteller, in deren Hinterhalt schon so mancher Feind elendiglich verendet war. In einer Gilde wurden sie vorwiegend als Kundschafter eingesetzt, da sie in Tiergestalt enorm schnell und ausdauernd waren und weite Strecken in kurzer Zeit zurücklegen konnten.
Der Druide winkte Hard2drive freundlich zu und gab ihm ein Zeichen, dass er sich zu ihm setzen solle. Hard2drive kam näher, blieb schweigend vor dem Mann stehen und wartete ab.
Tulsadoom: Seid gegrüßt, edler Paladin. Mein Name ist Tulsadoom von der Gilde der ehrwürdigen Schlangenmutter. Es ist mir eine Ehre, den großen und mächtigen Hard2drive kennenzulernen, dessen Heldentaten in der Schlacht von Parthenon in den Hallen der Ahnen besungen werden und dessen Ruhm in unserer virtuellen Welt unvergänglich sein wird.
Der Druide lächelte breit und zeigte dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne. Zusammen mit seinem weißblond gelockten Haar und der kaffeebraunen Haut sah er aufreizend arrogant und irgendwie verlogen aus.
Hard2drive gefiel der Kerl nicht, deshalb sagte er weiterhin kein Wort.
Tulsadoom: Aber wollt Ihr Euch nicht setzen, Euer Hochwohlgeboren? Es wäre mir eine große, wenn auch unverdiente Freude, Euch an meinem Tisch in dieser bescheidenen Herberge willkommen zu heißen.
Tulsadoom stand umständlich auf und verbeugte sich theatralisch tief vor Hard2drive, sodass seine blonden Locken den Boden berührten.
Zögernd nahm der Paladin Platz. Er fand diesen weibischen Schwätzer zum Kotzen, aber er musste wissen, was der von ihm wollte.
Der Druide setzte sich ebenfalls wieder, verzog angewidert das Gesicht, als er eine Staubflocke mit spitzen Fingern aus seinen Haaren entfernte, und zeigte dann erneut sein süßliches Lächeln. Er machte dem Schankwirt ein Zeichen, der ihnen daraufhin zwei Tonhumpen mit einem bierartigen Gebräu vorsetzte.
Henrik fand dieses Getue lächerlich. Was hatte er davon, wenn seinem Computercharaker virtuelles Bier vorgesetzt wurde? Wollte der Kerl ihn provozieren?
Hard2drive: Was willst du von mir, Druide? Komm bitte schnell zur Sache! Ich will kein geschwollenes Gesabber hören, my boy.
Tulsadooms Miene verdüsterte sich. In seinen Augen vermeinte der Paladin, eine Spur von Hass zu erkennen. Doch dann kehrte das breite Lächeln wieder zurück, das aus einer Zahnarztwerbung zu stammen schien.
Tulsadoom: Warum so ungehalten, strahlender Held von KoF? Ich bin ein großer Bewunderer Eurer Herrlichkeit und entzückt von dem Glanz, der durch Eure Anwesenheit auch auf meine unwürdige Person fällt.
Hard2drive meinte, aus diesen Worten des Druiden nun ganz eindeutig Spott herauszuhören. Er erhob sich langsam und zog sein Schwert. Drohend baute er sich vor dem Lächler auf.
Tulsadoom: Nun, nicht so hastig, edler Freund. Wer wird denn gleich so ungehalten sein?
Die Stimme des Druiden gewann eine Spur an Schärfe.
Tulsadoom: Außerdem wisst Ihr doch, dass man in einem Gasthof niemanden töten darf. Der Gamemaster bestraft das mit dem Verlust von fünf Erfahrungsleveln.
Hard2drive: Vielleicht ist mir das der Spaß ja wert?
Dabei schob er sein Schwert jedoch langsam zurück in die Scheide und starrte den Druiden an.
Tulsadoom entspannte sich und verfiel in einen beiläufigen Plauderton.
Tulsadoom: Man sagt, dass Ihr und Eure Gilde in letzter Zeit viele erfolgreiche Quests erledigt habt.
Hard2drive: Sagt man das? Ist ja interessant.
Tulsadoom: Ja. Man sagt auch, dass Ihr viele seltene, magische Gegenstände gefunden habt.
Der Paladin horchte auf. Diese miese Schlange schien nun endlich zur Sache kommen zu wollen.
Hard2drive: Kann sein. Was sagt man denn noch?
Tulsadoom: Man sagt, dass Ihr erst kürzlich einen wertvollen Gegenstand gefunden habt, der Euch nicht gehört.
Hard2drive: Wer sagt das?
Tulsadoom: Nun, vielleicht der wahre Besitzer dieses Gegenstandes.
Das Lächeln war aus dem Gesicht des Druiden verschwunden. Seine Miene wirkte jetzt eher heimtückisch. Dennoch war das dem Paladin lieber als die verlogene Komödie von vorhin. Der Kerl spielte nun mit offenen Karten.
Hard2drive spürte, dass er sich vor dem Druiden in Acht nehmen musste.
Hard2drive: Von wem redest du?
Tulsadoom: Vom schwarzen Schattenmagier. Er nennt sich auch W8_4_N8.
Hard2drive: Wie?
Tulsadoom: Wait for Night. Man sagt, er sei nur nachts und da nach Mitternacht online.
Der Druide beobachtete aufmerksam die Reaktion des Paladins, wie ein Forscher das Verhalten eines interessanten Insekts.
Hard2drive: Wenn diesem Schattenmagier der Armreif so wichtig ist, warum kommt er dann nicht zu mir und holt sich das Ding?
Spielerisch drehte er das edelsteinbesetzte Schmuckstück einmal um sein Handgelenk.
Tulsadooms Augen weiteten sich überrascht. Fasziniert und gierig starrte er auf den Arm des Paladins.
Hard2drive erkannte, dass er einen Fehler begangen und dem Druiden zu viel verraten hatte.
Tulsadoom: Nun, vielleicht wäre es nicht gut, wenn der Schattenmagier selbst zu Euch käme, edler Paladin. Nicht gut für Euch, sozusagen.
Das aufreizende Lächeln war zu einem verächtlichen Grinsen geworden. Dabei warf der Druide immer wieder neugierige Blicke auf den schwarzen Armreif. Langsam und lauernd sprach er weiter.
Tulsadoom: Vielleicht wäre es klüger, wenn ein loyaler und neutraler Bote das, was Euch nicht gehört, seinem rechtmäßigen Besitzer zurückbrächte.
Hard2drive: Und dieser neutrale Bote bist natürlich du, oder?
Der Druide hielt beide Hände mit gespieltem Entsetzen abwehrend vor seine Brust und schüttelte den Kopf.
Tulsadoom: Oh nein, edler Paladin. Wo denkt Ihr hin? Nur mächtige Gameplayer wie Ihr können dem Schattenmagier gegenübertreten. Aber meinem gütigen Herrn, Lord Dragon, dem Fürsten der Gilde der ehrwürdigen Schlangenmutter, wäre es eine Ehre, diesen Freundschaftsdienst für Euch zu erledigen.
Tulsadoom verfiel erneut in sein unterwürfiges Gehabe wie zu Beginn ihres Gespräches, doch Hard2drive beachtete die Show seines Gegenübers nicht weiter. Wichtigere Gedanken beschäftigten ihn im Augenblick. Wer war dieser schwarze Schattenmagier und was wollte der von ihm? Und welche Rolle spielten diese Kakerlake Tulsadoom und deren Boss Lord Dragon?
Hard2drive: Pass mal auf, du Spinner. Sag deinem Boss Lord Schießmichtot oder so ähnlich, dass er sich seine Freundschaft sonst wohin stecken kann. Und dieser Schattenmagier kann mich gern besuchen, wenn nicht am Abend, dann von mir aus auch nachts, falls er nur um diese Zeit unter seinem Stein hervorkriecht. Er sollte sich aber warm anziehen, weil er ansonsten sein blaues Wunder erleben wird. Und wenn du noch eine Zeit lang deine hübschen Zähne behalten willst, dann stehst du jetzt auf und beleidigst meinen Sinn für Ästhetik nicht weiter mit deiner Anwesenheit.
Aus Tulsadooms Gesicht entwich die Farbe. Sein Blick war nun hasserfüllt. Er ballte die Hände zu Fäusten. Doch schnell hatte er seine Beherrschung wiedergewonnen. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und schritt zum Ausgang. Bevor er den Raum verließ, drehte er sich noch einmal um.
Tulsadoom: Wir sehen uns wieder, Pala. Und zwar schneller als du glaubst. Vielleicht nimmst du dein Maul dann nicht mehr so voll wie jetzt.
Dann war er verschwunden.
Bald darauf verließ auch Hard2drive den Gasthof und ritt weiter durch den Elbenwald. Doch die Lust am Spiel war ihm vergangen. Schon nach kurzer Zeit loggte er sich aus.
Henrik Wanker hatte schlechte Laune. Zuerst der Reinfall mit dieser Ratte von Pfandleiher und dann im Game die Begegnung mit Tulsadoom, die ihn im Nachhinein mehr beunruhigte, als er sich eingestehen wollte. Es war offensichtlich kein Zufall gewesen, dass er den Druiden getroffen hatte. Vielmehr schien der auf ihn gewartet zu haben. Was sollte das bedeuten?
Als er sich gedankenverloren am Hinterkopf kratzte, fiel etwas aus seinen ungekämmten, fettigen Haaren auf den Flokati. Er bückte sich und hielt ratlos ein gelbbraunes, vertrocknetes Buchenblatt in der Hand.
3 | Franks Bar
Henrik hatte sich mit Tobi für abends um acht zum Kino verabredet. Eigentlich wollte er den vierten Teil von Rambo sehen, doch da der Film erst ab sechzehn Jahren freigegeben war und man Tobi nicht reinlassen wollte, gingen sie stattdessen in eine Komödie mit Til Schweiger in der Hauptrolle.
Wie Henrik erwartet hatte, war der Film zum Gähnen langweilig und seine Laune daher entsprechend schlecht, als sie gegen halb elf das Kino verließen. Zu allem Übel kamen sie draußen in einen Nieselregen. Henrik hatte einen Fußmarsch von etwa einer halben Stunde vor sich. Mit dem Bus fahren wollte er nicht, da ihm das Geld dafür zu schade war. Im letzten Monat hatte man ihn bereits zweimal beim Schwarzfahren erwischt.
»Was machen wir jetzt, Keule? Der Abend ist noch lang und morgen ist Sonntag.« Tobi war bester Laune wie immer. Er hatte den Til-Schweiger-Film zum Brüllen komisch gefunden und war unternehmungslustig bis unter die Halskrause.
»Was soll’n wir schon machen?«, raunzte Henrik missmutig, den Kopf mit den nassen Haaren in den hochgeschlagenen Kragen seiner Cordjacke eingezogen. Die Hände hatte er in den Taschen seiner Jeans vergraben. »Wir machen, dass wir bei dem Mistwetter auf schnellstem Wege nach Hause kommen. Ich habe keine Lust, morgen früh mit Grippe im Bett zu liegen.« Während er sprach, beschleunigte er seinen Schritt, den Blick stur auf den Bürgersteig gerichtet.
»Ach, sei kein Spielverderber!« Tobi knuffte Henrik gegen den Arm und lachte. Er war mit seinen hundertsiebzig Zentimetern Körpergröße nicht viel kleiner als der Freund, wog aber nur fünfzig Kilo. Henrik zog ihn oft auf, indem er ihn mit Livingdeads Skelettkriegern verglich.
Tobi nahm es mit Humor. Nichts konnte ihm die Laune verderben. Mit der rostrot gefärbten Igelfrisur, dem Piercing im rechten Nasenflügel und der Lücke im Frontzahnbereich wirkte er auf seine Umgebung nicht sehr vertrauenerweckend. Insbesondere, wenn er – wie heute – das T-Shirt trug, auf dem der Schriftzug Schluck, du Luder! stand.
In Wahrheit war der Junge gutmütig und völlig harmlos. Allerdings fand Henrik, dass er für sein Alter die Klappe viel zu weit aufriss. Er hatte Tobi vor zwei Jahren kennengelernt, natürlich im KoF. Dort hatte er ihm bei einer schwierigen Quest geholfen. Seitdem verabredeten sie sich regelmäßig im Game. Eines Tages war Tobi auf die Idee gekommen, sich im Real Life zu treffen. Henrik wusste bis heute nicht, warum er darauf eingegangen war. Auf jeden Fall verabredeten sie sich zum Kinobesuch.
Obwohl Tobi ständig redete, nur Unsinn quatschte und Henrik darauf meist genervt und unfreundlich reagierte, gewöhnten sie sich schnell aneinander. Tobi lieferte immer Ideen zu irgendwelchen Unternehmungen. Egal, ob Kino, Freibad, Pizzaessen oder einfach nur in der Stadt rumhängen – Henrik ging mit. Das hielt ihn nicht davon ab, ständig an allem herumzunörgeln, doch Tobi blieb immer bester Laune und machte unermüdlich Witze.
»Komm, wir gehen ins Molocco.« Tobi zwinkerte Henrik aufmunternd zu und zog ihm am Ärmel. »Es ist gleich um die nächste Ecke. Da können wir abwarten, bis der Regen vorbei ist und uns eine Kola genehmigen.«
Henrik zögerte kurz, dann seufzte er ergeben. »Na gut. Aber nur, wenn es die Kola gratis gibt.«
Die Chancen dafür standen gut. Im Molocco arbeitete nämlich Tobis Bruder Frank als Barkeeper, weshalb auch die Türsteher Tobi gut kannten und ihn – wenn es keiner mitbekam – heimlich einließen.
So lief es auch diesmal. Das Innere des Schuppens war einer Gruft nachempfunden und daher ziemlich dunkel. Die Fackelattrappen warfen indirektes rotviolettes Licht an die schwarz gestrichenen Wände. Die Tische glichen Särgen mit Totenköpfen als Aschenbechern. Von der kuppelförmigen Decke hing ein riesiges, auf den Kopf gestelltes Holzkreuz, an dem Spots montiert waren, die im Rhythmus der Musik Lichteffekte auf die Tanzfläche projizierten.
Das Publikum war zumeist zwischen achtzehn und dreißig Jahren alt und kam überwiegend aus der Gothicszene: Nach Henriks Meinung harmlose Irre, die in gruseligen, schwarzen Klamotten umherrannten und mit den schwarz gefärbten Haaren und blassen Gesichtern wie der leibhaftige Tod aussahen.
Das Molocco war als Umschlagsplatz diverser weicher und harter Drogen bekannt. Einmal gerieten die beiden dort in eine Polizeirazzia. Tobi konnte in letzter Sekunde über ein Klofenster entkommen. Henrik dagegen wurde mit einem Joint erwischt, den Tobi ihm gedreht hatte, und musste mit aufs Revier. Die halbe Nacht hatte er dort zugebracht. Danach war Henrik stinksauer auf den Freund und beschimpfte ihn auf übelste Weise. Tobi hatte getan, was er immer tat: Er lachte sich kringelig und fand die Geschichte urkomisch.
Die Freunde wühlten sich durch die Menge und arbeiteten sich in Richtung Bartresen vor. Tobi grüßte seinen Bruder Frank mit einem kurzen »Hallo!« und bestellte dann zwei Kola.
Frank mixte einem der Gäste gerade einen »Zombie«, einen hochprozentigen, rumhaltigen Cocktail von giftig-grüner Farbe. Er bedachte die beiden mit einem spöttischen Grinsen, während er das fertige Getränk dem Kerl hinschob, der es bestellt hatte. »Na, ihr beiden Schnorrer! Ihr seid wohl ein bisschen nass geworden, was?«, stichelte er.
Tatsächlich sahen Henrik und Tobi aus wie zwei durchweichte Vogelscheuchen. Henrik blinzelte mit halbgeöffnetem Mund nervös durch seine von innen beschlagenen und von außen mit Regentropfen bedeckten Brillengläser, was ihn nicht gerade intelligent aussehen ließ, während Tobi fröhlich grinste und Grimassen schnitt. Dazu rann ihm das Wasser vom Kopf und tropfte über das Nasenpiercing auf den Boden. »Spricht man so mit seinem Lieblingsbruder und seinen treuesten Stammgästen in dieser traurigen Freakshow?«, witzelte er.
»Wer solche Stammgäste hat, braucht Bullen, Ordnungsamt und Pestilenz nicht mehr zu fürchten.« Frank zog seine buschigen Augenbrauen verärgert zusammen. Das schulterlange, schwarze Haar fiel ihm über das blasse, hohlwangige Gesicht, das nun recht bedrohlich wirkte. Doch dann grinste er versöhnlich und wies mit seinem knochigen Zeigefinger, an dem ein gigantischer Silberring in Form einer zusammengerollten Schlange steckte, in die hinterste Ecke des Etablissements. »Setzt euch da hinten hin und macht keinen Ärger. Und wenn mein Boss kommt, verpisst euch unauffällig aufs Klo! Habt ihr verstanden, ihr Spaßvögel?«
Henrik starrte weiter missmutig und schweigend mit offenem Mund Tobis Bruder an, während der Freund zwei Gläser mit Kola nahm und ihn mit einer Kopfbewegung aufforderte, ihm zu folgen.
»Alles klar, Keule!«, entgegnete Tobi, »Immer cool bleiben. Sonst gibt’s kein Trinkgeld.« Frank zeigte ihm den gestreckten Mittelfinger und raunzte: »Piss off!« Dann schenkte er den beiden keine Beachtung mehr und mixte den nächsten Cocktail.
Frank war achtundzwanzig Jahre alt und Tobis Halbbruder. Er stammte aus der ersten Ehe ihres gemeinsamen Vaters. Tobi liebte seinen älteren Bruder und sagte niemals Nein, wenn Frank ihn um einen Gefallen bat, auch wenn ihn das manchmal in Schwierigkeiten brachte. Oft handelte es sich zum Beispiel um Botengänge, bei denen es um heiße Ware ging. Oder er musste irgendwo Schmiere stehn, während der Bruder unsaubere Geschäfte abwickelte.
Frank war wegen diverser Delikte wie Diebstahl, Einbruch und Körperverletzung vorbestraft. Zuletzt musste er neun Monate Knast wegen Drogenhandels absitzen. Derzeit war er auf Bewährung frei. Henrik bezweifelte jedoch, dass dies lange so bleiben würde.
Henrik und Tobi setzten sich auf eine schmale, schwarz lackierte Holzbank hinter einer Balustrade, auf der mindestens zwanzig aufgereihte Schrumpfköpfe standen. Tobi behauptete, dass die alle echt seien. Henrik glaubte ihm das zwar nicht so richtig, dennoch überlief ihn jedes Mal eine leichte Gänsehaut, wenn er in die winzigen, gequälten Schrumpfgesichter blickte.
Von ihrem Platz aus konnten sie die Tanzfläche nicht überblicken. Das war wohl auch der Grund, warum hier niemand saß. Der Vorteil bestand darin, dass sie sich ungestört unterhalten konnten.
Seufzend zog Henrik seine patschnasse Jacke aus und legte sie neben sich auf die Bank. Mit dem T-Shirt putzte er sich die Brille sauber. Tobi saß neben ihm und ruckte grinsend mit seinem Kinn im Takt zur Musik von Sisters of Mercy, während er mit den Zeigefingern auf den Tisch trommelte.
»Cooler Ring, den dein Brüderchen da trägt«, meinte Henrik, als er endlich zufrieden an seinem Strohhalm nuckelte.
»Ja, Mann«, nickte Tobi eifrig. »Ich wollte auch so einen, doch diese Bazille will mir nicht verraten, wo er ihn herhat. Er tut mächtig geheimnisvoll und erzählt mir so einen Scheiß wie: Nur würdige Diener der Schlangenmutter tragen diesen Ring. Völlig stoned ist dieser Typ.«
Henrik nickte nachdenklich. Aus irgendeinem Grund musste er plötzlich an sein Erlebnis im Gasthof von Sleepysoul denken. »Tobi, hast du schon mal von einem KoF-Charakter mit dem Namen Tulsadoom gehört?«, erkundigte er sich vorsichtig.
»Hä?« Tobi starrte ihn fragend an.
»Ein Druide im sechzigsten Level«, erklärte Hendrik. »Linker Typ, wenn du mich fragst. Hat mich heute im Game schräg angequatscht.« Er trommelte nervös mit den Fingern auf die Tischplatte.
Tobi runzelte angestrengt die Stirn, als müsse er nachdenken. Dann hellte sich seine Miene plötzlich auf und seine Zahnlücke zeigte sich in voller Pracht. »Na klar! Bin dem Kerl mal in der Arena bei einem Übungskampf begegnet. Ziemlich arrogante Schnalle. Hatte ein paar miese Tricks drauf. Er arbeitet vorwiegend mit Giftdolchen im Stealmodus.«
Henrik nickte. Stealmodus war die Fähigkeit der Druiden- und Schurkenklasse, sich fast unsichtbar an den Gegner heranzuschleichen, um ihn hinterrücks zu erledigen. Verdammt hinterhältig, dafür äußerst effektiv.
»Was wollte der falsche Fuffziger von dir?«, wollte Tobi wissen.
»Nun, du erinnerst dich doch an mein neues Armband aus der letzten Quest? Das mit der Inschrift!« Henrik blickte den Freund aufmerksam an.
Tobi schlug sich fröhlich mit der Hand vor die Stirn, als ihm die Geschichte wieder einfiel. »Ja, klaro. Das Ding, das diesem schwarzen Schattenmagier gehört.«
»Das ist jetzt mein Armband, du Schwachkopf!«, schrie Henrik und hieb Tobi die Faust auf den Oberschenkel.
Der verzog erschrocken und in unterdrücktem Schmerz das Gesicht. »Ja, ja Alter. Ist ja gut. Immer mit der Ruhe, Bruder. Und mach keinen Terror! Die Gäste werden schon auf uns aufmerksam«, zischte er.
In der Tat schauten drei Gruftis vom Nachbartisch neugierig zu ihnen herüber. Sie hatten schon seit geraumer Zeit die Mädels auf der Tanzfläche beobachtet, mit schmutzigem Grinsen getuschelt und anzügliche Witze gerissen. Henriks Ausraster war ihnen nicht entgangen und auch Frank schaute besorgt zu ihnen hin.
Tobi winkte ihm lächelnd zu und rief: »Hey, Garçon! Bitte ein Fläschchen Dom Perignon und ein Schälchen von dem guten Belugakaviar, aber vite, vite!«
Frank schüttelte ironisch lächelnd den Kopf und widmete sich weiter seiner Kundschaft.
Die drei Gestalten vom Nachbartisch starrten immer noch interessiert zu ihnen herüber. Sie waren zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahren alt und im Vampirlook gestylt, das hieß, sie hatten lange, schwarze Haare, die Gesichter waren weiß gepudert und die Lippen rot geschminkt. Unter langen, schwarzen Ledermänteln trugen sie schwarze Jeans und T-Shirts oder Hemden.
Tobi warf ihnen einen aggressiven Blick zu und blaffte: »Na, was ist? Wollt ihr ein Passfoto, ihr Vögel?«
Die drei glotzten sich verdutzt an. Dann grinsten sie verächtlich und vertieften sich wieder in ihre Männergespräche.
Henrik redete weiter. »Also, der komische Schattenmagier nennt sich W8_4_N8. Dieser blöde MisterMister Oberclever steigt wohl immer erst nach Mitternacht ins Game ein. Angeblich will er das Armband wieder zurückhaben und ich soll das Ding einem Gildenboss – Lord Dragon – übergeben. Was hältst du von der Geschichte?«
Tobi kratzte sich nachdenklich den Igelkopf und blies seine Wangen auf. »Dieser Schattenmagier ist mir genauso ein Rätsel wie dir. Im Game ist er mir jedenfalls noch nie begegnet.« Er machte eine Pause, nippte an seiner Kola und redete weiter. »Aber Lord Dragon, der ist eine ganz große Nummer. Nicht auf dem Kontinent Arcadia – wo wir uns vorzugsweise herumtreiben –, sondern in den Ostländern des Spiels.«
Während Heavy-Metal-Klänge von Paradise Lost ertönten, erzählte Tobi weiter. »Der Typ gründete vor etwa zehn Jahren die Gilde der ehrwürdigen Schlangenmutter, die mittlerweile fast tausend Mitglieder hat. Überall triffst du auf Mitglieder der Gilde, die vor allem neue Spieler anquatschen und anwerben. Sie handeln mit magischen Gegenständen und treiben sich in allen Auktionshäusern rum, um sich bisher unbekannte, mächtige Items unter den Nagel zu reißen.«
Henrik hörte interessiert zu. Er ahnte, dass hinter der Geschichte mehr steckte als die Drohung eines beleidigten Magiers, dem ein Armreif abhandengekommen war. »Auf was für Gegenstände sind die Typen denn besonders scharf?«
Er rülpste ungeniert die Kohlensäure seiner Kola aus und tätschelte behutsam seinen Bauch.
»Oh, alles Mögliche.« Tobi schüttelte ekstatisch seinen Igelkopf zum Rhythmus der Dreadful Shadows und stampfte mit den Füßen. »Aber vor allem suchen sie nach interessanten Setgegenständen.«
Henrik runzelte fragend die Stirn. »Setgegenstände?«
»Ja, Sets.« Tobi fischte aus seinem leeren Kolaglas einen Eisklumpen und begann ihn zu lutschen. »Du weißt schon … eine Kampfausrüstung, bei der die einzelnen Gegenstände zueinander gehören. Jeder Setgegenstand, der hinzukommt, erhöht den Wert der Gesamtausrüstung mehr als es der Summe der Einzelgegenstände entspricht.«
Henrik glotzte Tobi mit offenem Mund an. »Jetzt redest du wie mein früherer Mathelehrer, der bösartige Drecksack.« Vor lauter Empörung entwich ihm ein lang gezogenes Furzen, das sogar die harten Riffs von Love like blood übertönte.
Tobi stieß ein begeistertes Kreischen aus und klatschte grölend in die Hände. Die drei Kerle vom Nachbartisch blickten verärgert und drohend zu ihnen herüber. Tobi starrte zurück und formte mit den Lippen die Worte: »Leck mich!« Dann wandte er sich wieder an Henrik.
»Also, hör zu. Das bekannteste Set heißt ›Der Zorn des Todeskriegers‹. Dazu gehören ein Dolch, ein Schild und ein Umhang. Der Dolch für sich alleine macht nicht viel her. Wenn der Schild allerdings dazukommt, verursacht auch der Dolch zusätzlichen Feuerschaden. Kommt dann noch der Umhang hinzu, ist der Dolch zusätzlich noch vergiftet und der Schild wird unzerstörbar.«
Henrik nickte anerkennend. »Wow! Ist ja stark! Ich erinnere mich jetzt auch, darüber vor Jahren in der Spielanleitung gelesen zu haben. Bisher bin ich aber noch keinem Player begegnet, der mit so einem Set auf mich losgegangen ist.«
»Na klar.« Tobi zuckte wegwerfend mit den Schultern. »So ein Set zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto. Und einzelne Setgegenstände für sich sind nicht viel wert. Daher tauschen die meisten Player einen solchen Gegenstand schnell wieder gegen ein anderes Item ein.«
»Und dieser krumme Hund, der sich Lord Dragon nennt, versucht also im ganz großen Stil, solche Sets zu ergattern«, murmelte Henrik.
»Endlich ist bei dir der Groschen gefallen, Kumpel.« Tobi tat, als müsse er sich erschöpft den Schweiß von der Stirn wischen. »Mittlerweile soll er vier oder fünf Sets komplett haben.«
Henrik pfiff anerkennend durch die Zähne. »Kompliment. Doch was will der Schwachmat damit? Sein fetter Arsch passt doch auch nur in ein Set.«
»Wer weiß? Vielleicht hat er noch nicht das gefunden, wonach er eigentlich sucht«, meinte Tobi gleichmütig.
Henriks Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ja, so konnte es sein! Der Armreif war Bestandteil eines Sets, auf das dieser Lord Dragon scharf war. Er nickte bedächtig.
»Okay, dann werde ich mit dem Typ reden, wenn nächste Woche unser alljährliches Gildentreffen stattfindet. Vielleicht erzählt er mir nebenbei einige interessante Dinge über diesen bekifften Magier.«
Die drei Typen vom Nebentisch starrten wieder ungeniert zu ihnen herüber. Tobi starrte zurück, stand plötzlich auf, drehte sich um, zog seine Jeans herunter und streckte ihnen wackelnd den nackten Hintern entgegen.
Henrik wandte sich kopfschüttelnd ab. »Lass das doch, du blöder Penner. Ich will keinen Ärger mit diesen schwindsüchtigen Sargschläfern!«
Grinsend zog Tobi die Hose hoch und wandte sich Henrik wieder zu. Ohne auf die letzte Bemerkung des Freundes einzugehen, fragte er: »Was willst du überhaupt von dem Kerl? Du hast seinen coolen Zauberreif und das war’s, oder?«
Henrik packte Tobi wütend am T-Shirt und zischte ihm heftig ins Ohr. »Hör mal zu! Ich lasse mir von einem mondsüchtigen Magier nicht drohen, und schon gar nicht aus dem Munde dieses billigen, tuntigen Druiden. Hast du das verstanden?«
Tobi wagte nur, erschrocken zu nicken. Langsam ließ Henrik ihn los. Scheinbar ruhig sprach er weiter: »Außerdem …«, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und Heimtücke klang aus seiner Stimme, »außerdem, wer weiß? Vielleicht hat dieser W8_4_N8 noch mehr schöne Sächelchen zu verschenken, hm?« Schweigen.
Doch als Tobi begriffen hatte, worauf sein Kumpel hinaus wollte, sprang er auf und knuffte anerkennend in Henriks Speckbauch, sodass dieser aufstöhnte. »Du bist ein Teufelskerl, Hard2drive. Wir werden es diesem geheimnisvollen Angeber schon zeigen!« Und dann drehte er sich unvermittelt zu den Kerlen am Nebentisch um und schrie: »Und euch auch, ihr blöden, blutarmen Kokser!«, wobei er sich obszön in den Schritt griff.
Gackernd und glucksend setzte er sich wieder, während Henrik nur fassungslos den Kopf schüttelte. Vom Tresen her schickte Frank besorgte Blicke in ihre Richtung. Die drei Gothicfreaks wandten sich jedoch ab und beachteten Tobi nicht weiter.
Der Rest des Abends verlief ereignislos. Die beiden Freunde blieben noch zwei Stunden sitzen, um die Zeit totzuschlagen, bis der Regen endlich nachließ, und weil sie hofften, dass Frank ihnen noch eine Kola spendierte. Da dies nicht geschah, standen sie schließlich auf und verließen das zwielichtige Lokal.
Mittlerweile hatte es tatsächlich aufgehört zu regnen. Als sie auf der nächtlich dunklen Straße standen, gähnte Tobi lange und herzhaft.
»Komm Alter, geh’n wir nach Hause! Ich muss pennen. Kann ich mit zu dir? Ich hab keinen Schlüssel dabei, meine Alten liegen bestimmt stinkbesoffen im Bett und kriegen nicht mit, wenn ich klingle.«
Henrik nickte schicksalsergeben und winkte Tobi zu, ihm zu folgen. Doch als sie um die nächste Häuserecke bogen, blieben sie vor Schreck wie angewurzelt stehen. Vor ihnen standen die drei Gothictypen.
»Na, ihr zwei Turteltäubchen. Wen haben wir denn da?«, fragte der größte und offensichtlich der Anführer der drei. Er hatte einen bedrohlich aussehenden Baseballschläger in der rechten Hand, mit dem er sich demonstrativ in die linke Handfläche schlug. »Geht’s nach Hause in die Heia zum Schmusen?« Seine Kumpel stießen ein dreckiges Lachen aus und klopften sich vor Begeisterung auf die Schultern.
Henrik wurde kreidebleich. Ein Kloß steckte ihm im Hals und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hätte tot umfallen wollen, als er hörte, wie Tobi antwortete: »Wenn du willst, kannst du mitkommen. Wir brauchen noch jemanden, der uns in den Schlaf bläst.«
Die drei hörten auf zu lachen. Der Anführer schien noch bleicher zu werden, als er ohnehin war. Speichel lief ihm aus dem rechten Mundwinkel. Er stieß ein tierisches Brüllen aus und stürzte sich, den Baseballschläger schwingend, mit seinen Begleitern auf Henrik und Tobi. Henrik blieb wie angewurzelt stehen, zu keiner Bewegung fähig. Er fühlte nur, wie seine Hose im Schritt feucht wurde. Tobi aber verschwand wie der Blitz auf Nimmerwiedersehen um die Hausecke.
Wie eine Dampfwalze brach das Unheil über Henrik herein. Der erste Schlag traf sein Nasenbein und den Oberkiefer. Er klappte wie ein Dominostein zusammen und spürte, wie ihm das Blut aus Nase und Mund quoll. Instinktiv rollte er sich zusammen und presste die Arme schützend über Kopf und Gesicht. Die Schläger traktierten ihn mit Faustschlägen und Tritten. Dabei stießen sie ein animalisches Grunzen und Keuchen aus.
Das Bombardement der Misshandlungen schien nicht enden zu wollen, doch da schrie ein Anwohner plötzlich aus einem der Fenster: »Hey, ihr besoffenen Schweine. Hört auf, Krach zu machen. Ich rufe die Polizei!«
Die drei Kerle hielten inne und schauten sich hastig um. Zwei suchten sofort das Weite. Der Anführer bückte sich mit seiner gespenstisch weißen Fratze noch einmal zu Henrik hinunter, packte ihn am Kragen der Cordjacke und flüsterte: »So geht es einem Pisser, der sich mit den Mächten der Finsternis anlegt.« Danach folgte er eilig seinen Komplizen.
Das Letzte, das Henrik registrierte, ehe er das Bewusstsein verlor, war ein Tattoo an der Innenseite des Unterarms des Gothickerls: In einem Herz, um das sich eine züngelnde Schlange wand, stand geschrieben: »For Tulsadoom in love«.
Als Henrik erwachte, verspürte er rasende Kopfschmerzen, als bearbeite der Drummer von Metallica seinen Schädel. Dann begriff er, dass er nicht mehr im Molocco hockte, sondern in einem Krankenhausbett lag. Augenblicklich setzte seine Erinnerung wieder ein. Stöhnend betastete er vorsichtig den Klumpen, der in der Vergangenheit mal Nase und Oberkiefer gewesen sein musste. Die Nase war mit einer Tamponade ausgestopft, die Oberlippe mit mehreren Stichen genäht. Mit der geschwollenen Zunge tastete Henrik in Zeitlupe den Mund aus und stellte fest, dass ein Frontzahn fehlte. Tränen der Wut und des Schmerzes schossen ihm in die Augen. Er wimmerte und wollte sich im Bett aufrichten, doch wie ein Blitz schoss der Schmerz durch seinen bandagierten Brustkorb, sodass er sich jammernd zurücksinken ließ. Mindestens eine Rippe musste gebrochen sein.
»Immer langsam, Herr Wanker. Kann ich Ihnen helfen?« Eine junge Krankenschwester beugte sich über ihn. Sie war vielleicht zwanzig Jahre alt, hatte eine blonde Kurzhaarfrisur und war ausnehmend hübsch. Ihr üppiger Busen wogte beunruhigend nahe vor Henriks geschundenem Gesicht. Routiniert griff sie nach Henriks Unterarm und tastete den Puls. »Möchten Sie etwas trinken?«, fragte sie freundlich.
»Nein, im Gegenteil«, nuschelte Henrik mühsam.
»Wie?«
»Nein, ich muss pissen!« Was allerdings klang wie: »Üsch musch püschen!«
Die Schwester verstand trotzdem, was er meinte und brachte ihm lächelnd die Urinflasche.
»Üsch glaube, Schü müschen mür helfen, Schweschter«, nuschelte er lüstern.
»Selbstverständlich, Herr Wanker«, antwortete sie. »Ich bin gleich wieder da.« Sie wandte sich um und verließ das Zimmer.
Nach kurzer Zeit kam sie in Begleitung eines ebenfalls weiß gekleideten, etwa vierzigjährigen, gut ein Meter achtzig großen und hundert Kilo schweren Mannes mit Halbglatze und dichtem, schwarzen Vollbart zurück. Mit seiner dicht behaarten Pranke ergriff er die Urinflasche.
»Das ist Oberpfleger Marco. Er wird Ihnen behilflich sein, Sie Armer«, sagte die Schwester und verschwand erneut.
»Äh … ich …«, stammelte Henrik. »Ich glaube, das kann ich doch alleine«, und nahm dem Pfleger die Flasche ab.
»Wie Sie wollen«, antwortete der Dicke gleichmütig. »Übrigens: Wenn Sie fertig sind – draußen wartet Besuch auf Sie.« Der Pfleger ließ ihn ohne ein weiteres Wort allein.
Wahrscheinlich war seine Mutter gekommen, die blöde Kuh. Als er die letzten Tropfen mit einer schüttelnden Bewegung in die Flasche drückte, dachte er bitter, dass sie ihm mit Sicherheit wieder Vorwürfe machen würde, weil er sich in Bars rumtrieb. Und dass er ihr absichtlich nur Ärger machen wollte.
Aber es war nicht die Mutter. Zwei uniformierte Polizisten betraten sein Zimmer. Sie nickten Henrik kurz zu, zogen zwei Stühle neben sein Bett und nahmen unaufgefordert Platz.
»Ich bin Polizeihauptmeister Bauer«, stellte sich der eine vor und wies dann auf seinen Kollegen: »Das ist Polizeimeister Wagner. Wir werden Ihnen einige Fragen zur letzten Nacht stellen.« Er räusperte sich, öffnete sein Notizbuch und zückte einen Stift. »Ihr Name?«
Henrik schaute ihn misstrauisch an. »Was soll das heißen: mein Name? Ihr Kollege hat doch meinen Personalausweis in der Hand.« Er zeigte auf Wagner und vermied dabei jede hastige Bewegung, die erneut zu Schmerzen hätte führen können.
Bauer räusperte sich erneut. »Die Fragen stellen wir. Ich darf Sie jetzt bitten zu kooperieren und mir zu antworten.« Seine Worte klangen unwillig, fast schon unfreundlich.
»Na gut, Marshall Dillon. Immer locker bleiben.« Henrik setzte zu einem Grinsen an, gab den Versuch aber schnell mit einem leisen Stöhnen wieder auf. »Mein Name ist Henrik Wanker, geboren am dreiundzwanzigsten November 1985, Sternzeichen Schütze, Schuhgröße dreiundvierzig. Ich liebe Französisch und Fesselspiele. Alles kann, aber nichts muss …«
Der Polizist Wagner stand langsam und bedächtig von seinem Stuhl auf und beugte sich so nah zu Henrik hinunter, dass diesem der üble Mundgeruch des Beamten entgegenschlug – Mettbrötchen mit Zwiebeln.
»So, du Spaßvogel«, flüsterte Wagner drohend, »du bist jetzt ein lieber Junge und hörst mit deinem Blödsinn auf, oder ich stopfe dir dein Pinkelfläschchen mit dem noch warmen Inhalt ins Maul.« Wortlos setzte sich Wagner wieder auf seinen Platz.
»Okay, okay …« Henrik drückte eingeschüchtert seinen Kopf so weit wie es ging ins Kissen zurück. »War nicht so gemeint. Ich gebe jetzt ordnungs- und wahrheitsgemäß meine Anzeige zu Protokoll, Special Agent Bauer. Also, es war so …« Henrik wollte zu einer folkloristischen Schilderung des Überfalls in der vergangenen Nacht ansetzen, aber er wurde von Bauer unterbrochen. »Wir wollten uns eigentlich mit Ihnen vor allem über die Anzeige gegen Sie unterhalten, Herr Wanker.«
»Hä? Was soll das denn heißen?« Henrik war fassungslos.
»Es liegt eine Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung vor. Ein Anwohner hat sich beschwert.« Ohne während des Sprechens den Blick zu heben, kritzelte der Beamte Notizen aufs Papier.
»Ruhestörung?« Henriks Empörung ließ ihn seine schmerzenden Rippen und den dröhnenden Kopf fast vergessen. »Ich wurde von drei beschissenen Zombies fast zu Tode geprügelt und ihr Staatsschergen sagt dazu Ruhestörung? Wie nennt ihr es dann, wenn jemand vor den Zug geschmissen wird? Gefährlicher Eingriff in den Schienenverkehr?«
Wagner wollte sich wieder von seinem Stuhl erheben, doch Bauer gab ihm ein Zeichen sitzen zu bleiben. »Beruhigen Sie sich bitte, Herr Wanker«, sagte er. »Wir sind sonst gezwungen, Sie aufs Revier vorzuladen. Also: Was haben Sie gestern Abend in der Molocco-Bar gemacht?«
»Kola getrunken«, antwortete Henrik.
Bauer und Wagner sahen sich an. Wagner schüttelte verächtlich den Kopf.
»Was passt Ihnen an meiner Antwort nicht?«, knurrte Henrik. »Kann ein rechtschaffener Bürger nicht nach getaner ehrlicher Arbeit ein belebendes Getränk in einem angesehenen Lokal der Stadt zu sich nehmen?«
Bauer blickte ihn emotionslos an. Seine Stimme hatte allerdings an Schärfe gewonnen, als er antwortete: »Erst einmal, Herr Wanker, ist dieses ›angesehene Lokal‹ ein Umschlagplatz für Drogen und Hehlerware. Zweitens bestehen berechtigte Zweifel daran, dass es sich bei dem ›belebenden Getränk‹ um Kola gehandelt hat. Aber in dieser Hinsicht werden uns sicher Ihre Blut- und Urinproben weiterhelfen. Drittens wurde der ›rechtschaffene Bürger Wanker‹ bereits einmal wegen unerlaubten Drogenbesitzes während einer Razzia in dem angeblich angesehenen Lokal festgenommen. Und viertens …«
Henrik fühlte sich, als könnten Bauers Blicke ihn in Asche verwandeln. Was kam jetzt? Er schluckte.
»Viertens waren Sie, nach Angaben von Zeugen, in Begleitung eines minderjährigen Jungen, in der eindeutigen Absicht, diesen zu verführen und sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen. Als Sie mit Ihrem Opfer auf dem Nachhauseweg waren und die Zeugen Sie zur Rede stellen wollten, sind Sie gewalttätig geworden, sodass sich die Zeugen in einer Notwehrsituation befanden.«
Henrik wurde plötzlich speiübel und schwindlig. Aber Kotzen hätte bei seinen gebrochenen Rippen sicher sehr weh getan. So beschränkte er sich auf ein kurzes Würgen. Ermattet und hilflos lag er in den Kissen. »Und was sagt der Junge zu all dem?«, fragte er vorsichtig.
Bauer räusperte sich verhalten. »Das ist das Problem. Er ist ja weggelaufen. Darum fragen wir Sie, Herr Wanker, wie der bedauernswerte Minderjährige heißt.«
Henrik hatte plötzlich einen Einfall. Er begann theatralisch zu stöhnen, fasste sich an den Kopf und verdrehte die Augen. »Oh, mir ist schlecht!«, keuchte er. »Wo bin ich? Es verschwimmt alles.« Durch halbgeschlossene Lider sah er Bauer an. »Bist du’s, Vater?« Wiederum fabrizierte er ein lautes, lang gezogenes Stöhnen. Und wirklich kam die junge Krankenschwester ins Zimmer geschossen.
»Was ist passiert?«, rief sie und beobachtete beunruhigt, den jammernden Patienten. »Oh Gott! Was haben Sie mit ihm gemacht?«, fragte sie die Polizeibeamten vorwurfsvoll.
Bauer und Wagner waren aufgestanden und warfen sich ratlose Blicke zu.
Die Schwester legte ihre Hand auf Henriks Stirn, tastete wieder nach seinem Puls. Der Patient lächelte verzückt, was ihm aufgrund des fehlenden Frontzahnes ein idiotisches Aussehen verlieh. »Mutter?«, flüsterte er.
In energischem Ton wandte sich die Schwester an die Beamten. »Wie Sie sehen, meine Herren, braucht Herr Wanker absolute Ruhe. Er leidet offensichtlich an einer Amnesie. Ich bitte Sie, umgehend das Zimmer zu verlassen, sonst muss ich den Doktor rufen.« Sie machte eine eindeutige Handbewegung in Richtung Tür.
Achselzuckend setzten sich die Polizisten in Bewegung. Bevor sie die Tür erreichten, drehte Wagner sich noch einmal um und sagte: »Wir werden uns wieder bei Ihnen melden, Wanker. Da können Sie sicher sein.«
»Du solltest nicht so ungesunde Sachen zum Frühstück essen, du Büttel«, flüsterte Henrik.
Wagner glaubte, sich verhört zu haben, aber es war unmöglich, der Sache auf den Grund zu gehen, denn die Schwester schob ihn hinter Bauer in den Korridor hinaus und schloss nachdrücklich die Tür.
4 | Rätselhafte Nachrichten
Am nächsten Morgen hatte Henrik es eilig, das Krankenhaus zu verlassen. Die Ärzte wollten zwar, dass er noch ein oder zwei Tage zur Beobachtung und zur Durchführung weiterer Untersuchungen in stationärer Behandlung blieb, doch er verspürte keine Lust, erneut Besuch von der Polizei zu bekommen. Noch immer fühlte er sich wie unter den Presslufthammer geraten. Sein Körper war von Prellungen und Blutergüssen übersät. Inzwischen hatte man zwar die Nasentamponade entfernt, aber sein Gesicht besaß die Farbe und Konsistenz eines überreifen Pfirsichs. Nach wie vor litt er unter übelsten Kopfschmerzen. Trotzdem packte er seine Sachen zusammen, so schnell es ihm in diesem Zustand möglich war. Er konnte sich ja zu Hause erholen. Nachdem er die Erklärung unterschrieben hatte, auf eigene Verantwortung das Krankenhaus verlassen zu haben, ließ er sich für seine letzten Euros ein Taxi bestellen.
Daheim angekommen legte er sich sofort wieder ins Bett, um zu schlafen. Aufgrund der ständigen Übelkeit wollte ihm das aber nicht gelingen. Stöhnend humpelte Henrik ins Bad und schluckte zwei Aspirintabletten. Er hustete, spuckte altes, klumpiges Blut aus und betrachtete sorgenvoll seine Zahnlücke im linken Oberkiefer. Voll Selbstmitleid begann er zu schluchzen und schleppte sich weiter ins Wohnzimmer. Dort bemerkte er, dass der Anrufbeantworter blinkte.
In seiner Abwesenheit hatte das Gerät sechs Anrufe aufgezeichnet. Lustlos drückte er auf den Abspielknopf, um die Nachrichten abzuhören.
Anruf Nummer eins: Zunächst nur Stille und leises Rauschen. Dann ein leichtes Räuspern. Schließlich: »Äh … Hallo, Alter! Ich bin's, dein Kumpel Tobi. Lebst du noch? Wenn ja, melde dich bei mir. War'n ziemlich beschissener Abend gestern, hä?« Klicken. Tobi hatte aufgelegt.
In Henrik stieg Wut auf. Dieser Witzbold nannte den Albtraum, in dem er fast totgeprügelt worden wäre, einen beschissenen Abend! Er schwor sich, diesem pickligen Penner richtig tief in den Arsch zu treten, sobald er wieder halbwegs bei Kräften war. Erst überredete der ihn, in diese zwielichtige Bar zu gehen. Dann provozierte er die verrückten Gruftis und ließ ihn als Krönung des Ganzen bei der Schlägerei feige im Stich. Schließlich war es ihm gewissermaßen auch zu verdanken, dass ihn die Polizei für einen beschissenen Pädophilen hielt. Es ärgerte ihn, dass er sich mit diesem ausgeflippten Milchgesicht jemals eingelassen hatte.
Erst als er sich wieder beruhigt hatte, hörte Henrik die nächste Ansage ab.
Anruf Nummer zwei: »Warum meldest du dich nicht? Man kann doch von seinem Sohn erwarten, dass er sich ab und zu mal nach dem Befinden seiner Mutter erkundigt. Aber nein! Dir ist völlig egal, wie es mir geht. Der Sohn von Frau Brinkmann bringt seiner Mutter jede Woche einen Strauß Blumen vorbei. Jede Woche! Und du? Noch nicht einmal zum Muttertag!« Klick.
Blödes Theater! Um ein Haar wäre er abgekratzt. Hatte sie sich da um sein Befinden gesorgt? Henrik gab sich keine Rechenschaft darüber, dass seine Mutter vom Krankenhausaufenthalt gar nichts erfahren hatte, und spulte weiter.
Anruf Nummer drei: »Herr Wanker? Hier spricht Braun, ihr Vermieter. Sie sind mit Ihren Mietzahlungen zwei Monate im Verzug. Ich werde mich in Kürze wieder melden.« Klick.
Henrik zog eine Grimasse. Braun, dieser dumme Zausel. Der Kerl sollte sich wegen der paar lausigen Kröten nicht ins Hemd pissen. Er ließ das Gerät weiter laufen.
Anruf Nummer vier: Sekundenlanges Rauschen. Dann Klick. Wer nicht will, der hat schon, dachte Henrik. Dann der nächste …
Anruf Nummer fünf: »Äh …Wo bist du, Alter? Machst mir richtig Sorgen, Mann. Also, wenn du Lust hast, könnten wir morgen Pizza essen gehen. Okay? Dein Kumpel Tobi zahlt auch.« Klick.
Henrik grinste spöttisch, aber schon halb versöhnt. Wenigstens ein schlechtes Gewissen schien der Torfkopf zu haben. Okay, weiter zum letzten Anruf.
Anruf Nummer sechs: Rauschen … Rauschen … zehn Sekunden … fünfzehn … Henrik wollte schon die Stopptaste drücken, da hörte er ein leises Kichern und nach einer kurzen Pause eine ihm wohlbekannte Stimme: »Seid gegrüßt, edler Paladin.« Er meinte, das unverschämte Grinsen dieses schleimigen Druiden direkt vor sich zu sehen. »Ich hoffe, es geht Euch gut? Oder fühlt Ihr Euch etwa inkommod?« Wieder das unverschämte Kichern. Dann: »Mein hochherziger Lord Dragon bittet Euch zu einer Audienz anlässlich unseres diesjährigen Gildentreffens in Blackmount Castle. Es geht um den bewussten Gegenstand, der sich in Eurem Besitz befindet, Euch aber bedauerlicherweise nicht gehört.« Schweigen. Tulsadoom atmete zischend ein und aus. »Ihr wisst doch, wovon ich rede, oder? Natürlich wisst Ihr das!« Klick.
Henriks Kopfschmerzen wurden unerträglich. Ihm wurde schwarz vor Augen. Unbeschreiblicher Hass erfüllte ihn. Er stieß unartikulierte Schreie aus und biss in die Knöchel seiner geballten linken Faust, was ihm aufgrund des ausgeschlagenen Zahnes noch mehr Schmerzen verursachte. Wie irr spuckte er immer wieder auf den Boden. Und plötzlich wurde ihm alles klar: Diese drei Gruftis aus Franks Bar, die ihm so übel mitgespielt hatten, waren Handlanger von Tulsadoom, die ihm in dessen Auftrag einen Denkzettel verpasst hatten. Die Einschüchterung sollte bewirken, dass er beim Gildentreffen klein beigab und Lord Dragon freiwillig den Armreif ablieferte. Aber die Rechnung würde nicht aufgehen. Er würde Lord Dragon den stinkenden Penis des Druiden ins hochherzige Maul stopfen und anschließend sein Schwert so tief in den Hintern des Schattenmagiers schieben, dass kein Echolot es mehr orten konnte.
Henrik war gerade auf dem Höhepunkt seiner Amokstimmung angelangt, als es an der Tür klingelte. Wutschnaubend und humpelnd wie der Glöckner Quasimodo bewegte er sich in den Korridor. Er vermutete, dass es Tobi war, der mit ihm Pizza essen gehen wollte. Deshalb riss er die Tür auf und schrie: »Was willst du gepierctes, pickelgesichtiges Klappergestell von mir?« Aber vor der Tür stand Herr Braun, sein Vermieter.
Henrik glotzte ihn verblüfft mit weit aufgerissenen Augen und halb geöffneten Mund an. Speichel tropfte ihm seitlich an der geschwollenen Unterlippe vorbei.
Herr Braun war ein kleiner, drahtiger Mittsechziger, der immer ein kariertes Jackett, weißes Oberhemd, dezente Krawatte und penibel gebügelte Bundfaltenhosen trug. Das dünne, graue Haar war sorgfältig nach links gescheitelt. Wenn er über Henriks Begrüßung oder dessen ramponiertes Aussehen geschockt war, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. »Schön, dass ich Sie mal persönlich antreffe, Herr Wanker«, sagte er kühl und mit unbewegtem Gesichtsausdruck.
Verblüfft stotterte Henrik: »Ach, Sie sind es, Braunie! Äh, ich meine natürlich Herr Braun. Wie geht’s denn so und wie geht’s der verehrten Frau Gemahlin?«
In den letzten Wochen war er Braun geschickt aus dem Weg gegangen und hatte so getan, als ob niemand daheim sei, sobald der Vermieter im Haus aufkreuzte. Doch nun hatte der Mann ihn erwischt.
»Herr Wanker, ich mache es kurz.« Braun entnahm der Innentasche seines Jacketts einen Briefumschlag und hielt ihn Henrik entgegen. »Sie sind zwei Monate mit Ihren Mietzahlungen in Verzug.«
Henrik starrte den Umschlag an, als ob der Milzbrandsporen enthielte. »Herr Braun, es ist mir … es tut mir so leid«, stotterte er. »Meine liebe Mutter musste ins Krankenhaus – schwere Lungenentzündung, die Arme. Der rechte Lungenflügel wurde entfernt. Sie glauben gar nicht, was das alles kostet, diese Arztrechnungen für die Medikamente Penicillin, Aspirin, Kodein und Kokain …«
»Kokain?« Das Gesicht des Vermieters nahm einen misstrauischen Ausdruck an.
Henrik redete unbeirrt weiter. »Deshalb hatte ich sogar einen Nebenjob als Zeitungsausträger für ›die Bäckerblume‹ angenommen. Nacht für Nacht habe ich Zeitungen verteilt, bis ich endlich auch das Geld für die ausstehende Miete zusammenhatte.« Henrik schnäuzte gerührt in sein Taschentuch und betrachtete interessiert das Ergebnis, ehe er fortfuhr: »Und dann wurde ich letzte Nacht, kurz vor Ende meiner Tour, von der Russenmafia überfallen.«
»Russenmafia«, echote Braun.
»Vielleicht waren es auch Rumänen. Jedenfalls umzingelten mich fünf Kerle – alle Bodybuilder. Zwei konnte ich in die Flucht schlagen, doch die übrigen haben mir von hinten einen Baseballschläger übergezogen. Dann wurde ich besinnungslos. Oh, es hat sooo wehgetan.« Henrik schluchzte jammervoll in sein Taschentuch.
Herr Braun schien davon wenig beeindruckt zu sein. »In zwei Tagen ist die ausstehende Miete auf meinem Konto oder ich lasse die Wohnung räumen. Guten Tag!« Er warf den Umschlag in den Korridor hinein, drehte sich auf dem Absatz um und stieg eilig die Treppe hinab.
Henrik bückte sich mühsam, hob den Brief auf und riss missmutig den Umschlag auf. Wo sollte er bloß die darin abverlangten siebenhundert Euro hernehmen?
Übers Geländer spähte er vorsichtig ins Treppenhaus hinunter. Als er sicher war, dass Braun das Haus verlassen hatte, schrie er: »Verpiss dich, du aufgeblasener Schwachmat!« Danach war ihm wohler.
Er schlug die Tür hinter sich zu und setzte sich auf die Couch, um nachzudenken, was durchaus nicht einfach war, denn sein Schädel brummte schlimmer als je zuvor. Er musste unbedingt seine Mutter besuchen, um an Geld zu kommen.
Aber etwas anderes war noch viel wichtiger. Doch was war das gewesen? Wenn er nur endlich wieder hätte klar denken können … Diese verfluchten Kopfschmerzen und diese Übelkeit! Henrik versuchte, sich zu konzentrieren.
Was, um Himmels willen, lief hier nicht richtig? Irgendetwas hakte ganz gewaltig und war systemisch absolut nicht korrekt.
Und dann – schlagartig – wurde ihm bewusst, was nicht stimmte: Die Geschichte mit dem Schattenmagier und dem magischen Armreif waren Dinge, die sich im Game abspielten, im Kingdom of Fantasy.
Aber das Tattoo am Arm des Gothics war ganz klar Real Life, ebenso die Nachricht des verdammten Magiers auf dem Anrufbeantworter.
Die Grenzen von Realität und Spiel schienen allmählich zu verschwimmen. Was bedeutete das?
Am Abend saß er dann wieder versöhnt mit Tobi zusammen im Türkenimbiss um die Ecke. Tobi schlang gierig und mit Appetit seine Pizza Diavolo hinunter, während Henrik ihm voll Neid zusah. Er war noch nicht in der Lage, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Der Imbissbudenbesitzer konnte ihm nur eine Tasse Instanthühnerbrühe anbieten.
»Ist ja völlig abgefahren, die Geschichte, die du mir da erzählst, Alter.« Tobi schmatzte hingebungsvoll und stopfte sich das nächste Pizzastück in den Mund. »Und du bist sicher, dass du wirklich mit diesem Druiden am Telefon geplaudert hast?«
»Ich habe nicht mit ihm geplaudert, du Vollidiot! Er hat auf meinen Anrufbeantworter gesprochen. Verstehst du das jetzt endlich?«
Tobi blieb vor Schreck der Bissen im Halse stecken, als Henrik ihn so anfuhr, doch nach kurzer Zeit kaute er vergnügt weiter.
»Und glaub’ mir, diese verlogene Schwuchtelstimme hör’ ich aus jedem Kirchenchor ‘raus«, grummelte Henrik und schlürfte vorsichtig einen winzigen Schluck Brühe. »Die Schlägertypen aus dem Molocco stecken ebenfalls mit dem Kerl unter einer Decke.«
»Nun ja …«, meinte Tobi unsicher und wischte sich mit dem Handrücken den fettverschmierten Mund ab. Die Pizza war vertilgt. Mit einem letzten bedauernden Blick schob er die leere Schachtel beiseite. Ein winziges Stück Pepperoni klebte weiterhin unbemerkt an seinem Nasenpiercing. »Nun ja … wir könnten Frank mal fragen, ob der was weiß.«
Henrik horchte auf. »Was hat denn dein Bruder mit der Sache zu tun?«
Tobi grinste. »Es ist so: Einmal im Monat trifft sich im Molocco eine Gruppe KoF-Spieler zu einer LAN-Party. Die Typen nehmen gemeinsam an Schlachtzügen oder Arenakämpfen teil.«
Henrik sah den Freund mit offenem Mund ungläubig an. »Und das sagst du mir erst jetzt? Das könnte eine Menge erklären.«
Tobi stand auf und legte acht Euro auf den Tisch. »Na, dann! Komm, wir besuchen Frank.«
Henrik schüttelte den Kopf. »Später. Für heute hab’ ich die Nase voll.« Dabei tastete er vorsichtig seine geschwollene und nicht ganz gerade Nase ab. »Ich schlucke noch zwei Aspirin und haue mich danach sofort ins Bett.«
Die beiden traten auf die Straße hinaus. Tobi sagte: »Geht klar, Alter«, und erkundigte sich: »Sehen wir uns morgen im Game?«
Henrik hob die Schultern. »Mal sehen. Vielleicht am Abend. Morgen muss ich endlich mal die Krankmeldung bei meinem Chef abgeben. Der ist sowieso schon angepisst. Und dann muss ich zu meiner Mutter und Geld besorgen. Vielleicht kann ich mich am späteren Abend kurz einloggen.«
»Geht klar, Alter«, meinte Tobi wieder. Er hob grüßend die Hand. Dann machten sich beide auf den Weg nach Hause.
5 | Besuch bei Mutter
Nachdem er ausgeschlafen hatte – so gegen Mittag –, suchte Henrik auf direktem Weg seine Mutter auf, denn er war zu der Einsicht gelangt, dass es wichtiger sei, zuerst Geld zu besorgen. Die Krankmeldung bei seinem Arbeitgeber konnte noch warten.
Sarah Wanker wohnte in einer Reihenhaussiedlung in einem Stadtviertel, in dem vorwiegend Rentner und Angehörige der Mittelschicht lebten. Die Vorgärten waren penibel gepflegt, ohne die Spur eines Unkräutleins.
Über Sarahs Haustür hing ein kitschiges, handgeschnitztes Willkommensschild aus Holz, das sie aus dem letzten Skiurlaub aus Davos mitgebracht hatte.
Henrik hatte sich eine halbwegs saubere Hose und ein nicht allzu verknittertes T-Shirt angezogen mit dem Aufdruck »Besser arm dran als Arm ab«. Es ging ihm heute schon deutlich besser. Die Kopfschmerzen hatten nachgelassen und auch die gebrochenen Rippen taten nicht mehr so weh, wenn er tief durchatmete. Trotzdem war ihm nicht wohl in seiner Haut.
Er verspürte immer eine gewisse Beklommenheit, wenn er die Mutter besuchte. Ihr Verhältnis war – gelinde gesagt – nicht gerade harmonisch. Henrik erschien deshalb nur bei ihr, wenn er Geld brauchte. Die Mutter dagegen machte ihm ständig Vorwürfe wegen seiner Undankbarkeit, Schlampigkeit und Faulheit.
In Wahrheit interessierten sich beide herzlich wenig füreinander. Sarah Wanker führte ein aufwendiges Leben, kaufte sich unentwegt neue Kleider, ging zur Kosmetikerin und war drei- bis viermal im Jahr auf Reisen. Henrik wusste genau, dass er von der Mutter kein Geld zu erwarten hatte, wenn er sie direkt danach fragte. So ergriff er bei jedem Besuch die Chance, alles zu stehlen, was im Hause nicht niet- und nagelfest war, um es bei Billie oder anderswo zu verkaufen. In letzter Zeit schien seine Mutter jedoch bemerkt zu haben, dass immer wieder mal etwas fehlte. Sie war offenbar misstrauisch geworden und ließ ihn nur noch selten aus den Augen, wenn er bei ihr auftauchte. Diesmal hoffte er inständig auf ihre Bereitschaft, ihm das Geld für die Miete zumindest zu leihen, weil er ja sonst auf der Straße säße.
Mit einem Kloß im Hals betätigte er die Klingel. Als hätte sie die ganze Zeit nur darauf gelauert, riss seine Mutter die Haustür auf und starrte ihn mit verkniffenem Gesichtsausdruck an. Sarah Wanker war auffallend geschminkt – knallroter Lippenstift, Rouge auf den Wangen und blauer Lidschatten. Die blonden, mittellangen Haare zierten im Pony drei pinkfarbene Strähnen, die nicht so recht zu ihren achtundvierzig Jahren passen wollten. Den Kopf missbilligend schüttelnd, winkte sie ihn ins Haus. Ihre rot lackierte Fingernägel blitzten auf wie Blutstropfen.
Henrik folgte der Mutter ins Wohnzimmer und blieb dort abrupt stehen, wie ein Tier, das von einem Scheinwerfer geblendet wird. An einem runden Eichentisch saßen die vier Freundinnen Sarah Wankers bei der allwöchentlichen Bridgepartie. Wie hatte er das nur vergessen können? Doch nun war es zu spät, sich zurückzuziehen. Henrik kannte die Frauen schon seit seiner Kindheit. Er hatte diese aufgedonnerten Hexen noch nie leiden können. Das beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit. Ihr Alter lag zwischen vierzig und fünfzig Jahren, alle gekleidet in Designerklamotten, mit Gucci- oder MCM-Täschchen – nicht besonders geschmackvoll zusammengestellt, aber auf alle Fälle teuer.
Mit verkniffenen Gesichtern starrten sie ihn an, jede in Lauerposition, zum Sprung bereit, um ihn fertigzumachen.
Da war zunächst Kirsten Stadler – schwarze Kurzhaarfrisur, Ganzkörper-Sonnenbankbräune, perfektes Make-up, äußerst gewagtes Dekolleté, enger schwarzer Lederrock, bis knapp unter die Knie, High Heels. Dann Yvonne Nordmann – schulterlange, weißblond gefärbte Haare, weißes Armani-Kostüm, extrem auf Figur gearbeitet. Beide hatten deutlich ältere Ehemänner geheiratet, die reich wie Hiob und bereits vor zehn beziehungsweise fünfzehn Jahren verstorben waren. Die untröstlichen Witwen bemühten sich seitdem nach besten Kräften, das geerbte Geld unter die Leute zu bringen.
Betty von Werdersmark hatte dagegen das zweifelhafte Glück, dass ihr Mann noch lebte. Graf Roderick von Werdersmark weigerte sich trotz seiner sechsundachtzig Lenze abzutreten. Betty zahlte es ihm heim, indem sie ihrerseits Männerbekanntschaften mit deutlich jüngeren Liebhabern pflegte. Die attraktive, brünette Frau mit dem etwas ausladenden, aber straffen Hintern und den fast zu perfekten Brüsten brauchte vorerst nicht zu befürchten, dass ihr der Nachschub an abwechslungsreichem Frischfleisch im Bett ausgehen werde.
Frau Mai-Lin Kim war unverheiratet und stammte aus Korea. Sie war für ihr Alter noch immer eine exotische Schönheit mit hohen Wangenknochen und dunklen Mandelaugen und die einzige des Kleeblattes, die nicht von einem Freund ausgehalten wurde oder auf ein Erbe zurückgreifen konnte. Auf ihren Beruf angesprochen, nannte sie sich selbst »Körpertherapeutin«. Henrik war ihr einmal aus Neugier heimlich bis zu ihrem Appartement gefolgt. Neben einem roten Klingelknopf befand sich ein Schild mit der Aufschrift: »Mai-Lins Entspannungsmassagen – Tantra. Termine nach Vereinbarung von 20.00 bis 1.00 Uhr, samstags bis 3.00 Uhr.«
Henrik bemerkte noch einen weiteren Gast. Ein schmaler, grauhaariger Mann – vielleicht Anfang sechzig – in blauer Jeans und weißem Hemd saß mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen im Sessel neben dem Bücherschrank und las die Tageszeitung. Als Henrik das Zimmer betreten hatte, waren alle Gespräche schlagartig verstummt. Der Grauhaarige unterbrach seine Lektüre, betrachtete ihn interessiert und – wie es Henrik schien – mit einem ironischen Lächeln.
»Was willst du hier?«, fragte Sarah Wanker ihren Sohn unfreundlich. »Du störst uns beim Bridgebrunch.«
Auf einem zweiten Tisch standen Fingerfoodhäppchen bereit. Das Büfett bot alles, was sich ein verwöhnter Gourmetgaumen nur wünschen konnte – angefangen von Schinken-Melonen-Streifen über Tomaten auf Mozzarella bis zu Lachsschnittchen, Putenbrust und Hähnchenspießen. Auf einer Warmhalteplatte dampfte eine Terrine mit köstlicher Kürbiscremesuppe. Das eine Ende des Tisches wurde durch eine Schüssel Belugakaviar, das andere durch eisgekühlte Austern begrenzt.
Henrik schluckte. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als ihm bewusst wurde, dass die Instantbrühe vom gestrigen Abend das Letzte war, das er zu sich genommen hatte.
Es hatte nicht nur daran gelegen, dass er immer noch nicht vernünftig kauen konnte, auch in seinem Kühlschrank herrschte bis auf ein angebrochenes Glas saurer Gürkchen und eine Tüte Frischmilch, deren Haltbarkeitsdatum seit fünf Tagen abgelaufen war, gähnende Leere. Dies lag wiederum daran, dass er sein letztes Geld für die Taxifahrt vom Krankenhaus nach Hause ausgegeben hatte. Seine ihm noch zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel betrugen exakt achtundsiebzig Cent.
»Und wie du wieder aussiehst!«, nörgelte Sarah Wanker. Angewidert verzog sie das Gesicht und musterte ihren Sohn von oben bis unten. »Konntest du meinen Gästen diesen Anblick nicht ersparen? Treibst dich nachts in zwielichtigen Bars rum, prügelst dich und machst deiner Mutter eine peinliche Szene!«
Gemurmel und Kopfnicken des Kleeblattes. Der Grauhaarige sagte nichts, grinste nur weiter.
»Szene? Was für eine Szene, verdammt noch mal?«, versuchte Henrik sich mit einem Gemisch aus Empörung und Fassungslosigkeit zu verteidigen. »Ich habe doch noch keinen Ton gesagt? Und woher weißt du überhaupt, was in der Nacht vor dem Molocco passiert ist?«
Sarah Wanker schnaufte verächtlich und zündete sich eine Zigarette an. »Zwei Polizisten haben mich informiert. Bauer und Wegner hießen sie, glaube ich.« Betont zielgerichtet stieß sie den Rauch aus und verharrte in einer affektierten Pose.
»Wagner!«, korrigierte Henrik prompt.
»Wie?« Sarah Wanker runzelte unwillig die Stirn und fixierte den Sohn angriffslustig.
»Wagner! So heißt dieser nach Zwiebeln stinkende Schmalspurderrick!«, knurrte Henrik. »Man hat dich also darüber informiert, wie übel ich zugerichtet wurde, aber du hast es nicht für nötig befunden hast, mich im Krankenhaus zu besuchen.«
Nicht, dass er seine Mutter am Krankenbett vermisst hätte, aber die anderen sollten wissen, wie es um ihre Fürsorge wirklich stand.
»Nun übertreib mal nicht so, mein Lieber.« Die stimmliche Tonlage seiner Mutter stieg. Sie lief allmählich zur Hochform auf. »Die netten Polizisten haben mich wohl darüber informiert, dass die paar Schrammen dich nicht umbringen werden. Und außerdem …« sie machte eine Kunstpause, in der sie dem Kleeblatt triumphierend zuzwinkerte, »und außerdem hast du diese Abreibung verdient, wenn du wirklich versucht haben solltest, einen kleinen Jungen zu belästigen.«
Augenblicklich wich die Farbe aus Henriks Gesicht und die Blutergüsse wurden besonders deutlich. Er stand sprachlos und wie vom Donner gerührt.
Frau Stadler entfuhr ein kurzer Aufschrei, dann hielt sie sich ungläubig die Hand vor den Mund.
Frau Nordmann fixierte ihn mit einem Grinsen, das so dreckig war, dass Henrik das Gefühl bekam, sich schleunigst das Gesicht waschen zu müssen.
Mai-Lin Kim zischte Frau von Werdersmark etwas ins Ohr. Henrik glaubte das Wort »Hinterlader« vernommen zu haben.
Der Grauhaarige erhob sich mit einem Auflachen und hielt der Mutter einen Aschenbecher hin, in den sie mit einer Geste, als habe sie soeben einen Gegner erfolgreich zur Strecke gebracht, die Zigarettenasche abklopfte. Dann legte er den Arm um ihre Schulter und beide starrten ihn an wie Präparatoren, die einen Schmetterling aufgespießt hatten.
»Es war kein kleiner Junge, sondern nur Tobi!«, schrie Henrik. Doch noch während dieses Aufschreis begriff er: Das war die falsche Antwort auf die Anschuldigung.
»Er gibt es auch noch zu, das Schwein!«, keifte Frau Nordmann.
»An eine richtige Frau traut sich der Schlappschwanz nicht ran«, höhnte Frau Stadler, schlürfte ordinär eine Auster und drehte den Glibber mit einer obszönen Zungenbewegung im Mund herum.
Mai-Lin kicherte hysterisch und klatschte in die Hände, begeistert über die zweideutige Vorführung.
»Ich … ich … ich meine …«, stotterte Henrik hilflos und rang um Fassung. »Ich meinte, ich habe niemanden belästigt und diesen Schwachkopf Tobi schon gar nicht.«
Niemand hörte ihm zu. Das Kleeblatt redete wild durcheinander und versuchte sich darin zu übertreffen, seine Abscheu Henrik gegenüber zum Ausdruck zu bringen.
Die Mutter und der Grauhaarige schauten sich nur bedeutungsvoll an und sagten kein Wort.
Schließlich erhob sich Frau von Werdersmark und wandte sich an Sarah Wanker. »Schätzchen, ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt gehen.«
Zustimmendes Gemurmel vonseiten der übrigen Damen.
»Das weitere Gespräch ist wohl eher eine Familienangelegenheit. Wenn du Hilfe brauchst, weißt du, dass du mich jederzeit anrufen kannst, Schnuck.« Betty küsste die Freundin flüchtig auf den Mund und tätschelte ihr mit der manikürten, solitärgeschmückten Hand die Wange.
›Schnuck?‹, dachte Henrik erstaunt, vergaß aber den Kosenamen seiner Mutter in Anbetracht der äußerst peinlichen Gesamtsituation schnell wieder.
Die anderen verabschiedeten sich ebenfalls.
Mai-Lin Kim schob sich an Henrik vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Nachdem sie Sarah Wanker und den Grauhaarigen umarmt hatte, meinte sie: »Wenn es Probleme gibt, kann ich euch die Adresse eines guten Anwalts geben – oder eines Therapeuten«, ergänzte sie, nun mit einem angewiderten Seitenblick auf Henrik.
»Eines Körpertherapeuten vielleicht?«, giftete Henrik anzüglich. »Ich kenne da auch eine gewisse Adresse in der Maxstraße.«
Doch die Frauen reagierten nicht auf Henriks Anspielung. Sie schoben sich plappernd in Richtung Haustür. Sarah Wanker begleitete sie, immer wieder für die peinliche Situation um Entschuldigung bittend, in der sie ihr nichtsnutziger Sohn gebracht habe. Frau Stadler versicherte für alle, dass sie als Mutter ja keine Schuld trage. Wahrscheinlich stamme diese »Veranlagung« vom Vater. Dann schloss sich die Tür hinter dem Kleeblatt und es herrschte Stille.
Henrik stopfte sich gierig Putenbrust in den Mund und versuchte, so vorsichtig wie möglich zu kauen. Doch der Schmerz bewog ihn schnell, das Stück lieber komplett hinunterzuschlingen.
Sarah Wanker kehrte wortlos ins Wohnzimmer zurück und zündete sich die nächste Zigarette an. Als sie den Sohn am Büfett schlingen sah, schüttelte sie angewidert den Kopf.
Der Grauhaarige stand immer noch mit verschränkten Armen an der gleichen Stelle und grinste belustigt.
»Wer ist dieser Ladykiller überhaupt?«, fragte Henrik mit einer Kopfbewegung in Richtung des Mannes, leckte sich die fettigen Finger ab und pulte sich mit dem Zahnstocher ein Stück Pute aus den Zähnen.
»Das ist Herr Müller, ein alter Freund und Geschäftspartner«, antwortete seine Mutter, trat neben den Grauhaarigen und hakte sich demonstrativ bei ihm unter.
Henrik nickte. Ja, so konnte man das auch nennen. Mühsam schob er sich ein Löffelchen Kaviar zwischen die Zähne. »Alt isch schon richschisch«, nuschelte er und schluckte das Zeug hinunter. »Gab’s den bei der Frühjahrstombola im Altenheim als Trostpreis?« Es gluckste belustigt über seinen Witz. Die Zahnlücke im Oberkiefer kam zum Vorschein, während die übrigen Frontzähne mit Kaviarkörnern bedeckt waren.
Die Augen des Grauhaarigen verengten sich zu Schlitzen. Hasserfüllt starrte er Henrik an. Die aufgesetzte Fröhlichkeit war plötzlich wie weggewischt.
Das reizte Henrik noch mehr zum Lachen, er verschluckte sich, würgte und hustete einen Teil des Kaviars aufs Büffet. »Sorry«, murmelte er mit hochrotem Kopf, goss sich schnell aus einer Karaffe ein Glas Wasser ein und trank, trotz Schmerzen, in möglichst großen Schlucken. »Ah …«, seufzte er dann erleichtert und wischte sich mit der Hand den Mund ab. »Jetzt geht’s mir gleich besser.«
Seine Mutter begann zu schluchzen und schmiegte ihr Gesicht an Herrn Müllers Schulter. »Wie konnte er … schluchz … mich nur so … schluchz … vor meinen Freundinnen … schluchz, schluchz … blamieren?«, jammerte sie.
Der Grauhaarige strich ihr tröstend übers Haar.
»Wer hat hier wen blamiert?« Henrik war stinksauer über das Schmierentheater, das seine Mutter aufführte. »Wer hat diesen vier Schlampen denn weisgemacht, dass der Sohn angeblich ein Perverser ist?«
»Angeblich?«, meldete sich Herr Müller ironisch.
»Ach, er kann sprechen?« Henrik tat, als sei er von dieser Tatsache überwältigt. »Ich dachte schon, dass man Häuptling ›Grauer Star‹ aus 'nem Stummfilm gecuttet hätte. Wirklich faszinierend!« Er nickte anerkennend. »Doch mal davon abgesehen frage ich mich: Was mischt sich dieser Kerl in unsere Angelegenheiten ein?«
Sarah Wanker vergaß das Schluchzen. »Herr Müller genießt mein vollstes Vertrauen.« Sie blickte mit einem zärtlichen Augenaufschlag zu dem Grauhaarigen auf und spitzte dabei den Mund. »In allen Dingen«, ergänzte sie schelmisch.
Henrik wurde beinahe übel von diesem Getue.
»Du solltest etwas rücksichtsvoller mit deiner Mutter umgehen, mein junger Freund«, sprach Müller in lehrerhaftem Ton und strich der nun wieder Tiefbetrübten erneut übers Haar.
Henrik bekam eine Gänsehaut.
»Ich kenne Sarah jetzt schon mehr als zwanzig Jahre und uns verbinden viele gemeinsame geschäftliche, aber auch persönliche Aktivitäten.« Diesmal folgte der Augenaufschlag von der Seite des Grauhaarigen, ehe er hinzusetzte: »Und ich weiß, wie sensibel und zerbrechlich meine Rose ist.«
Dann fixierte er Henrik böse. Sein linker Mundwinkel begann nervös zu zucken. Seine Lippen wurden schmal und es klang bedrohlich, als er sagte: »Ich werde nicht zulassen, dass ein Taugenichts von Sohn Sarah das Leben zur Hölle macht.«
Die Mutter gab die Schauspielerei nun endgültig auf. »Konrad ist mein Lebensgefährte. Gewöhn dich gefälligst daran!«, zischte sie.
Die beiden starrten Henrik herausfordernd an.
»Na, meinen Segen habt ihr!« Henrik winkte gelassen ab. »Ich steh’ eurem Glück sicher nicht im Weg, ihr Turteltäubchen.« Er wandte sich an seine Mutter. »Aber dann nerv’ mich auch nicht ständig mit deinen Anrufen. Hör endlich auf, Interesse für mein Leben zu heucheln.«
Schon seit geraumer Zeit hatte Henrik das vage Gefühl, dass die Mutter ihn lediglich anrief, um ihn zu kontrollieren, beinahe so, als überwache ein Privatdetektiv den des Ehebruchs verdächtigen Mann einer Klientin. Warum begnügte die Alte sich nicht mit ihrem Stecher? Doch bevor er weiter gedanklich abschweifte – er musste endlich zum eigentlichen Anliegen seines Besuches kommen.
»Ich will euch ja nicht länger stören, denn auch meine Zeit ist knapp.« Henrik unternahm den kläglichen Versuch eines Zwinkerns seines in allen Regenbogenfarben leuchtenden, geschwollenen linken Auges. »Ihr wisst schon … Termin mit meinem Broker. Heute entscheidet sich, ob ich in Badeprodukte oder Rinderhälften investiere.«
»Rinderhälften?«, echote der Grauhaarige verblüfft.
Sarah Wanker blieb unbeeindruckt. »Was willst du von mir, du Clown?«, skandierte sie ungeduldig und streute dabei die Asche ihrer Zigarette auf den Teppich.
Müller ging eilfertig in die Knie und versuchte, das graue Würstchen mit der befeuchteten Fingerspitze seiner Rechten in die linke Handfläche zu befördern.
Henrik verfolgte die Aktion verächtlich grinsend. Doch dann konzentrierte er sich auf die Mutter. »Nun, du weißt doch von meinem Studium an der Fern-Uni Motherwell. Ich brauch’ nur noch vier Semester, dann habe ich meinen Abschluss. Aber die Studiengebühren sind teuer, und ich wollte dich eigentlich nicht mit den Kosten belasten.«
Das Gesicht der Mutter zeigte keine Regung.
»Fern-Uni?« Wieder das Echo von Konrad Müller, der nun ratlos mit der aufgelesenen Asche in der Gegend herumstand.
»Glaub diesem Schwätzer kein Wort, Konrad. Der lügt, dass einem Leprakranken eine neue Nase wächst«, knurrte Sarah Wanker. »Ich weiß von keinem Fernstudium.«
Ihre Nasenflügel bebten leicht. Ein untrügliches Zeichen, dass sie dabei war, die Geduld zu verlieren. Schon als kleiner Junge wusste Henrik, dass es dann Zeit war, das Weite zu suchen, weil es sonst unweigerlich Prügel setzte.
»Aber, Mutti …« Henrik zögerte. Wie lange hatte er dieses Wort nicht mehr gebraucht? Denn mehr als ein Wort war es nicht. »Aber, Mutti«, wiederholte er, »wahrscheinlich hast du vergessen, dass ich dir vor zwei Jahren von meinem Entschluss erzählt habe, Kernphysik zu studieren. Du hast ja so viel um die Ohren – deine Geschäfte und deine Reisen. Jedenfalls musste ich die Semestergebühren bezahlen und dabei habe ich nicht bedacht, dass auch die Miete fällig ist.«
»Kernphysik?«
Langsam ging es Henrik auf die Nerven, dass der Grauhaarige sich als Echo betätigte.
»Jawohl, Kernphysik, du Pinsel!« fauchte Henrik, sodass ihm der Speichel von den Lippen flog. »Und zwar in Motherwell, das ist in Irland, damit du’s weißt und in deinem Seniorenstift in der Bastelstunde was zu erzählen hast!«
Der Lover seiner Mutter bedachte ihn mit einem seltsamen Blick, der Henrik nachdenklich gestimmt hätte, wäre er nicht damit beschäftigt gewesen, einen klemmenden Geldhahn zu öffnen.
»Wie viel?« Seine Mutter blieb kalt wie Schweineöhrchen im Kühlhaus.
»Siebenhundert Euro«, antwortete Henrik ebenso knapp. Er schluckte. Jetzt kam der Augenblick der Wahrheit …
»Keine Chance, mein Lieber!« Sarah Wanker drückte die Kippe mit einer heftigen Bewegung im Aschenbecher aus, vielmehr, sie zerquetschte sie regelrecht. »Du musst lernen, mit deinem Geld besser zu haushalten. Das sage ich dir schon seit Jahren. Ich habe auch meine finanziellen Verpflichtungen und darum nichts zu verschenken.«
»Welche Verpflichtungen?«, entließ Henrik aufgebracht. »Soviel ich weiß, lebst du sehr gut von Vaters Rente und in Vaters Haus. Anstatt jede Woche Geld für den Caterer auszugeben, um diese widerlichen Schlangen zu füttern, könntest du deinem Sohn ermöglichen, dass er nicht nächsten Monat unter der Brücke schlafen muss.«
Die Enttäuschung hinderte ihn nicht daran, sich eine Schüssel Kürbiscremesuppe zurechtzumachen und kleine Stückchen vom Baguettebrot einzutauchen, die er nun genüsslich am Gaumen zerdrückte.
»Du kriegst keinen Cent mehr von mir«, ereiferte sich die Mutter weiter. »Gib das Geld vernünftig und nicht fürs Saufen, für Drogen oder …«, ihr Mund ähnelte einem zähnefletschendem Bullterrier, als sie hervorstieß: »… für Stricher aus!«
Henrik hätte um ein Haar die Suppenschüssel fallen lassen, als seine Mutter diese Worte förmlich ausspie.
»Wie kannst du so was zu mir sagen?« Verdammt! Zu allem Unheil hatte er sich jetzt auch noch die Zunge verbrannt. Das tat beim Sprechen weh. Aber egal! Die Schlacht musste er gewinnen! »Tobi ist ein Trottel, ja! Aber kein Stricher. Und was hat das überhaupt mit unserem Problem zu tun?«
»Deinem Problem, mein Lieber, nicht unser Problem!« Sarah Wanker trat bedrohlich nahe an den Sohn heran und tippte mit dem rot lackierten Nagel ihres Zeigefingers gegen seine Brust. »Außerdem habe ich eine Alternative zu der Lösung, unter einer Brücke zu schlafen.«
»Welche?«, flüsterte Henrik und wagte die Suppenschüssel nicht aufs Büfett zu stellen. Er ahnte, dass nun die überraschende Wendung kam. Ob es sich um eine angenehme handelte, stand auf einem anderen Blatt.
»Du ziehst in meine Dachkammer ein.«
Henrik stand vor Staunen der Mund offen. Die Beiläufigkeit, mit der seine Mutter ihm den Vorschlag eröffnete, verblüffte ihn am meisten. »Vor ein paar Jahren konntest du mich nicht schnell genug loswerden und hast mir das Appartement gemietet. Und jetzt – wegen lumpiger 700 Euro – schlägst du vor, dass ich wieder zurückkommen soll?«
Da stimmte etwas nicht und stank ganz gewaltig. Doch was?
»Ich sage nicht, dass du zurückkommen sollst, mein Sohn«, schnappte Sarah Wanker zurück. »Durch dein Verhalten zeigst du aber, dass du nicht in der Lage bist, dein eigenes Leben zu gestalten. Du wurdest wegen Drogenbesitzes festgenommen, du treibst dich in zwielichtigen Etablissements herum, du wirst in Schlägereien verwickelt und, um allem die Krone aufzusetzen, wirst du auch verdächtigt, ein Sittlichkeitsverbrecher zu sein! Was soll ich noch aufzählen?« Den letzten Satz schrie Sarah Wanker fast heraus.
Henrik stand mit hängenden Schultern ratlos da. Ihm fiel kein Argument für seine Ehrenrettung ein, keine freche Pointe, keine verletzende Bemerkung, nicht mal eine billige Lüge. Die Schlacht war verloren. Plötzlich herrschte Stille im Raum.
Konrad Müller, der wie ein graues Gespenst im Hintergrund gelauert hatte, räusperte sich jetzt vernehmlich. Das süffisante Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht, als er sagte: »Übrigens, mein Junge … Motherwell liegt in Schottland, nicht in Irland.«
Henrik ließ die Suppenschüssel auf den Boden fallen, drehte sich um und verließ, so schnell es ihm möglich war, das Haus, nicht ohne die Türe wutschnaubend hinter sich zuzuknallen.
6 | Eine geniale Spielidee
Für den Rest des Tages verkroch sich Henrik voll Frust in seinem Bett. Er wollte nichts mehr hören und sehen. Am Abend rief er Tobi an. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag gegen ein Uhr. Von Tobis Wohnung aus wollten sie Frank einen Besuch abstatten, um ihn über die KoF-Spieler auszufragen, die sich regelmäßig im Molocco trafen, über deren Verbindung zu den Schlägern von neulich und über diesen Tulsadoom.
Tobi wohnte mit seinen Eltern in einem achtzehnstöckigen Hochhaus im sozialen Brennpunkt der Stadt. Die Grünanlage mit dem kleinen Spielplatz vor dem Haus war verkommen und zugemüllt. Im Sandkasten steckten neben Zigarettenkippen und verbeulten Bierdosen auch hin und wieder gebrauchte Heroinspritzen. Hinter einem kläglichen Holundergebüsch lagen ein benutztes Kondom und zerknüllte Papiertaschentücher. Die Hausfassade war mit schlecht ausgeführten oder halb fertigen Graffiti besprüht. Henrik ging achtlos an diesen traurigen Zeugnissen einer desillusionierten und chancenlosen Jugend des dritten Jahrtausends vorbei. Ihn interessierte mehr, ob dieser verdammte Aufzug funktionierte, oder ob das Ding immer noch defekt war, denn Tobis Eltern wohnten im sechzehnten Stock. Als er ins Treppenhaus eintrat, erkannte er gerade noch rechtzeitig die Lache von Erbrochenem unter den Briefkästen und sprang fluchend über den stinkenden See hinweg.
An der verbeulten Aufzugstür mit der eingeschlagenen Scheibe klebte nach wie vor ein Zettel mit der Aufschrift Außer Betrieb. Darunter war dilettantisch mit schwarzem Marker ein erigierter Penis gekritzelt.
Henrik fluchte unterdrückt. Schweren Herzens nahm er den mühsamen Aufstieg durch das verdreckte und übel riechende Treppenhaus in Angriff. Spätestens ab der sechsten Etage machten sich die zwei bis drei Pizzen pro Woche zu viel und die fehlende sportliche Betätigung unangenehm bemerkbar. Nach einem guten Dutzend weiterer deftiger Verwünschungen und fünf oder sechs Verschnaufpausen war Henrik endlich vor Tobis Wohnungstür angekommen. Völlig außer Atem drückte er auf die Klingel neben dem Namensschild Krüger.
Kurz darauf riss Tobi die Tür auf. »Ey, Alter! Da bist du ja endlich! Was ist los? Siehst gar nicht gut aus, Kumpel. Kriegst du’n Herzanfall oder so was?«
Doch ehe Henrik in der Lage war zu antworten, zog Tobi ihn in die Wohnung und redete munter weiter drauflos. »Na, komm schon, wir schieben uns gerade ein paar Burger rein.«
Im Wohnzimmer saßen Tobis Eltern auf der Couch vorm Fernseher und starrten gebannt auf die Wiederholung einer Talkshowsendung. Thema: Ich brauche jeden Tag Sex.
Vier gepiercte Jugendliche im Alter zwischen achtzehn und einundzwanzig Jahren saßen im Studio und übertrafen sich gegenseitig darin, sich auf üble Weise zu beschimpfen und Obszönitäten an den Kopf zu werfen. Eine zwanzigjährige fette Schlampe mit rot gefärbter Irokesenfrisur, weißem, durchsichtigem T-Shirt, unter dem die hüpfenden Fleischmassen ohne Büstenhalter wogten und wabbelten, machte sich über ihren Freund lustig, der neben ihr saß, und zwar darüber, wie wenig Standfestigkeit sein kleiner Ständer während ihrer letzten Liebesnacht bewiesen hatte.
Der bekannte Moderator Hugo Egon Pocher – nach hinten gekämmtes, gegeltes blondes Haar – grinste wie immer dreckig und machte anzügliche Bemerkungen in Richtung Publikum.
Karl Krüger, Tobis Vater, starrte mit der Bierflasche in der Hand auf den Bildschirm. Amüsiert kichernd kratzte er sich im Schritt seiner Trainingshose, während er fasziniert die Vorgänge auf der Mattscheibe beobachtete.
Henrik schickte ein kurzes Hallo in die Richtung der Couch. Der achtundvierzigjährige Hartz-IV-Empfänger grunzte eine Erwiderung, ohne seinen Blick vom Fernseher abzuwenden, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und rülpste vernehmlich. Frau Krüger nickte Henrik nur geistesabwesend zu, stieß ihren Mann an und rief: »Na, guck dir nur mal das dicke Mädchen an! Die isst bestimmt zu viel fettes Zeug.« Darauf widmete sie sich genüsslich schmatzend ihrem Hamburger.
Nachdem Tobi sich noch schnell zwei Cheeseburger aus der offenen Tüte gesichert hatte, verschwand er mit Henrik in seinem Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab.
Die beiden setzten sich auf die alte, abgewetzte Schlafcouch unterm Fenster. Tobi machte es sich bequem, indem er seine ausgestreckten Füße auf dem Sessel neben der Couch ablegte. Während sie aßen, besprachen sie ihre weiteren Pläne.
»Frank erwartet uns gegen zwei im Molocco«, sagte Tobi. »Was willst du denn unternehmen, wenn du erfahren hast, was du wissen willst?«
»Was ich unternehmen werde?« Henrik fletschte die Zähne, obwohl er kaute, sodass er kleine Hackfleischbröckchen auf den Teppich spuckte. »Ich werde eine Strategie entwickeln, wie ich bei unserem Gildentreffen an den Schattenmagier her-ankommen kann. Und wenn es sein muss, prügele ich die Informationen aus diesem Lord Dragon und seiner Schmeißfliege Tulsadoom heraus.« Sein Gesicht verfärbte sich rot, weil bereits wieder Wut in ihm hochstieg.
»Das wird gar nicht einfach sein, Alter«, nuschelte Tobi, die Backen vollgestopft wie ein Hamster. »Der wird ständig von seiner Gilde bewacht. An den kommst du so leicht nicht ran.«
»Mir wird schon was einfallen«, zischte Henrik böse, als säße Lord Dragon bereits neben ihm.
Tobi winkte beschwichtigend ab. »Ist ja gut, Kumpel. Ich denke, dass wir uns auf den Weg machen sollten, Frank erwartet uns.«
Sie traten wieder ins Wohnzimmer. Tobis Eltern saßen immer noch vor dem Fernseher. Mittlerweile hatte die nächste Talkshow begonnen. Thema: Hilfe, ich glaube, mein Vater ist schwul!
Kurz vor zwei Uhr kamen die beiden Freunde im Molocco an, das um diese Zeit geschlossen war.
Frank genoss das Privileg, kostenlos in einem Hinterzimmer des Etablissements zu wohnen. Noch völlig verschlafen öffnete er dem Bruder und Henrik gähnend die Tür und winkte die beiden herein. Sie folgten ihm an die Bar. Dort mixte sich Tobis Bruder einen Gin-Tonic, kippte ihn in einem Zug in sich hinein, wischte sich mit der Hand den Mund ab und seufzte: »Leute! Bin ich kaputt! Das war mal wieder ‘ne lange Nacht.«
Die schwarzen Haarsträhnen hingen Frank wirr im Gesicht. Mit verquollenen Augenlidern schaute er seine bislang stummen Besucher an. »Also, was wollt ihr Komiker von mir? Ich habe nicht viel Zeit.«
Sie setzten sich an einen Tisch neben dem Eingang. Frank holte ein Päckchen Tabak aus der Gesäßtasche seiner schwarzen Jeans und drehte sich eine Zigarette. Henrik fiel auf, dass Tobis Bruder seinen auffälligen Silberring mit der Schlange heute nicht am Finger trug. Geringschätzig zog er den linken Mundwinkel herunter: Das war eh alles nur Großmannsgehabe! Was hatte dieser Penner schon Wichtiges zu tun, außer Kotze vom Vortag aus den Klos zu wischen? Aber er würde sich hüten, solche Gedanken Frank gegenüber laut zu äußern, denn er hatte miterlebt, wie dieser eines Abends einem randalierenden Gast mit der Faust das Nasenbein gebrochen hatte. Im Zusammenhang damit fiel Henrik sein eigenes schmerzliches Prügelerlebnis wieder ein.
»Wir machen’s kurz«, sagte er. »Kennst du drei Kerle, so zwischen zwanzig und achtundzwanzig Jahren alt? Widerliche Gothics, die häufiger im Molocco rumhängen? Einer von den Typen hat ein Tattoo am Unterarm mit dem Schriftzug For Tulsadoom in love oder so ähnlich.«
Die Augen des Barkeepers blitzten wachsam auf. Er fixierte Henrik, dem sofort ein unbehagliches Gefühl aus dem Bauch aufstieg. »Warum willst du das wissen?« fragte er leise und lauernd.
Henrik schluckte. »Na, eigentlich nur so. Oder vielmehr … ich wollte …« Er geriet ins Stottern und setzte neu an. »Ich hab vor einigen Tagen im KoF mit ein paar Gamern gechattet. Einer von denen nannte sich Tulsadoom und wollte mit uns durch eine Quest ziehen. Weil ich dann nichts mehr von ihm hörte, dachte ich, dass dieser Grufti mit dem Tattoo ihn vielleicht kennt.«
Henrik hatte versucht, harmlos zu klingen und Frank in die Augen zu schauen, doch schon bald musste er den Blick senken und betrachtete nun verlegen seine lange nicht geschnittenen, unsauberen Fingernägel.
Frank grinste herablassend.
Tobi scharrte unter dem Tisch unruhig mit den Füßen und zupfte nervös an seinem Nasenpiercing.
Henrik wagte kaum, zu atmen. Er erwartete, dass Frank sie beide kurzerhand aus der Bar werfen werde.
Doch zu seiner Überraschung sagte der Barkeeper mit ruhiger Stimme: »Ja, ich kenne den Kerl mit dem Tattoo. Er nennt sich Leslie und trifft sich regelmäßig mit sechs bis acht weiteren KoF-Spielern zu einer LAN-Party hier im Molocco. Sie gehören alle derselben Gilde an.«
»Der Gilde der ehrwürdigen Schlangenmutter!«, platzte Tobi heraus. Henrik hätte ihn erwürgen können, weil er befürchtete, dass Frank misstrauisch wurde und nicht mehr weiterredete.
Doch Tobis Bruder nickte zustimmend. »Genau die meine ich. Der Boss der Gilde nennt sich Lord Dragon.«
Tobi setzte erneut zu einer Bemerkung an. Diesmal schnellte Henriks Arm wie der Leib einer Kobra vor und seine Finger krallten sich hart in den Oberarm des Freundes, sodass dieser unterdrückt aufstöhnte. »Taucht der Kerl auch manchmal hier auf?«, fragte er scheinbar beiläufig.
Frank schüttelte den Kopf, blies den Rauch seiner Zigarette Tobi ins Gesicht und grinste spöttisch. »Nein, dieser Dragon hat sich bisher nicht blicken lassen. Allerdings handelt es sich um eine Riesengilde. Man spricht von mehreren Hundert Mitgliedern im In- und Ausland. Wer weiß da schon, wo Lord Dragon im Real Life lebt.«
»Und Tulsadoom?«, fragte Tobi geradeheraus.
Henrik presste die Zähne aufeinander. Sieben Jahre Fußpilz für diesen Schwachkopf, weil der nicht das Maul hielt!
Aber auch diesmal gab Frank bereitwillig Auskunft! »Das ist, wie ich hörte, Lord Dragons Speichellecker, Laufbursche, Spion, Kundschafter, Bote – also der, der die Drecksarbeit macht. Dafür schleppt ihn Lord Dragon regelmäßig durch Schlachtzuginstanzen, levelt ihn hoch und füttert ihn zur Belohnung mit magischen Gegenständen.«
»Weil wir gerade dabei sind: Hast du schon mal was von einem Armreif des schwarzen Schattenmagiers gehört?« Henrik versuchte wiederum beiläufig zu klingen, doch er hatte den Eindruck, als zuckte Frank erschrocken zusammen. Hastig blickte er über seine Schulter, als befürchte er, sie würden belauscht. Er brachte seinen Kopf nah an Henriks Gesicht. »Was hat der Armreif mit diesem Tulsadoom zu tun?«, zischte er.
Henrik wich ein wenig zurück. »Äh …, der Kerl meinte, dass er eine Quest kennt, bei der es diesen sonderbaren Armreif als Belohnung gäbe«, log er, ohne mit der Wimper zu zucken.
Frank blickte weiterhin misstrauisch, doch nach einer Weile sprach er unaufgefordert weiter. »Na gut, damit ihr endlich Ruhe gebt … Aber für die Geschichte muss ich länger ausholen und auf die Entstehung und die Grundzüge des Spiels Kingdom of Fantasy eingehen.«
Tobi grinste vergnügt und knuffte Henrik aufmunternd vor die Brust: Die Sache läuft doch, hieß das.
Henrik schüttelte die Hand seines Freundes ab wie eine lästige Fliege. Dieser ewige Pausenclown!
Frank zündete die nächste Zigarette an und holte sich ein Glas Whiskeykola. Auf den Gedanken, seinen Besuchern etwas anzubieten, kam er nicht. Aber er erzählte nun: »Wie ihr vielleicht wisst, kam KoF vor über acht Jahren auf den Markt. Mittlerweile soll es weltweit fast neunzig Millionen User geben. Die Erfinder des Spiels – zwei Brüder namens Peter und Paul Winzig – sollen die grundlegende Spieltechnik und das Programm bereits vor über zwanzig Jahren entwickelt haben. Peter war von den beiden das Mathematik- und Computergenie und Paul derjenige, der sich um das Geschäftliche kümmerte. Ihm ist es zu verdanken, dass die Patente und Rechte der Vermarktung frühzeitig gesichert wurden. Paul starb unter dubiosen Umständen, sodass Peter zunächst des Mordes verdächtigt wurde. Es konnte ihm aber nichts nachgewiesen werden. Er tauchte später unter und arbeitete im Verborgenen an seiner Entwicklung weiter.«
Henrik gähnte demonstrativ. Die Story interessierte ihn bislang nicht wirklich. Er hoffte, dass Frank bald zur Sache käme.
Der ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen. »Die Möglichkeiten des Spieles kennt ihr beiden genauso gut wie ich. Es wurde eine virtuelle Welt erschaffen, deren Grafik der Wirklichkeit verblüffend nahe kommt. Der Computer erzeugt immer neue Landstriche, Monster und Lebewesen, sodass das Spiel nie langweilig wird. In früheren Onlinespielen mussten regelmäßig teure und aufwendige Expansions-CDs entwickelt und verkauft werden, um durch Schaffung neuer Landschaften und Quests die User zu animieren, das Game weiterzuspielen. Diese Expansionen erledigt nun das Programm von selbst. Wenn man will, kann man bis in alle Ewigkeit durch die KoF-Welt reisen. Du wirst niemals ihr Ende erreichen.«
Frank hatte sich in Begeisterung hineingesteigert. Mit glänzenden Augen starrte er auf einen imaginären Punkt an der Decke, die Hände wie ein Prediger erhoben, der seine Zuhörer segnet.
»Nun komm mal endlich zum G-Punkt, Frankie!« Henrik verlor allmählich die Geduld.
Der Barkeeper erwachte wie aus einer Trance, das Lächeln erstarb auf seinem Gesicht. Ernüchtert blickte er erst Henrik und dann Tobi an, der seinem Bruder fasziniert und andächtig zugehört hatte. Beschwichtigend winkte er ab.
»Immer mit der Ruhe, Spaßvogel. Gleich kommt’s. Also, die Fähigkeiten der Spieler vermehren sich von Level zu Level. Durch das Lösen von Quests oder das Töten von Monstern oder Feinden erhält man immer mehr Erfahrungspunkte, bis man ins nächste Level aufsteigt. Das ist natürlich noch nichts Außergewöhnliches. Die Spieler gewinnen nur mehr an Kraft, Geschicklichkeit oder Zaubertalente. Ab Level fünfundneunzig soll es aber tatsächlich außergewöhnlich werden. Es wird berichtet, dass es dann vorkommen kann, dass Dinge aus der KoF-Welt im Real Life auftauchen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein bestimmtes Set aus magischen Ausrüstungsgegenständen: Eine Rüstung, ein Helm, ein Schwert, ein Ring und ein Armreif. Wer das komplette Set besitzt, soll über unglaubliche Fähigkeiten verfügen.«
Tobi pfiff vor Verblüffung durch die Zahnlücke.
Henrik dachte stirnrunzelnd: Sollte mein Armreif Bestandteil dieses geheimnisvollen Sets sein? Das wäre dann allerdings ein Grund, warum dieser Lord Dragon und der Schattenmagier so scharf auf das Ding sind.
Frank fuhr in seiner Erzählung fort: »Ob das alles nur Gerede ist oder ob was Wahres dahintersteckt, ist schwer zu sagen. Es ist nicht einfach, über Level neunzig zu kommen. Nur etwa fünf Prozent der Gamer haben das bisher geschafft. Dazu braucht man eine optimale Ausrüstung, die richtigen magischen Waffen und man muss Tag und Nacht vor dem Computer hocken, um wie blöd jede Menge Monster abzuschlachten. Das schaffen aber nur solche Schwachmaten wie du, Wanker.« Frank richtete seinen ausgestreckten Finger auf Henrik, als wolle er ihn anklagen. »Das größere Problem besteht jedoch darin, an die magischen Setgegenstände zu kommen.« Frank rückte mit seinem Kopf näher an die beiden heran und flüsterte: »Bisher existieren erst drei oder vier ernst zu nehmende Berichte, dass Highlevelspieler angeblich für kurze Zeit ein solches Set-Item besessen haben sollen.«
Gebannt und mit halb geöffnetem Mund hörte Henrik zu.
Tobi konnte natürlich wieder mal die Klappe nicht halten. »Aber Alter!«, tönte er. »Wieso nur für kurze Zeit? Wenn ich so ein Hammerteil in die Finger kriegte, sorgte ich dafür, dass ich’s behalte. So was kann doch nicht einfach wieder verschwinden.«
Frank zog bedeutungsvoll eine Augenbraue hoch, grinste süffisant und flüsterte weiter: »Der Gegenstand verschwindet nicht allein – der Besitzer verschwindet mit ihm.«
»Was heißt das?«, fragte Henrik mit ungläubigem Gesichtsausdruck.
»Das, was ich sagte, Spacko!« Frank spuckte verärgert auf den Boden. So weit kam es noch. Diese Pappnase zweifelte seine Glaubwürdigkeit an. »Die Typen wurden nie wieder gesehen. Verschwunden ins Nirwana oder Lost in Space, wenn dir das lieber ist, du Klugscheißer.« Er klopfte zur Bekräftigung seiner Worte laut auf den Tisch. »Jedenfalls tauchten die Spielcharaktere nie wieder auf. Vielleicht hatten sie die Schnauze voll von dem Spiel, wollten was anderes machen – Schach, Halma oder Komasaufen. Scheißegal, was weiß ich!« Frank drückte seine Zigarettenkippe auf dem Tisch aus und schnippte sie geschickt hinter den Bartresen.
Tobi kannte seinen Bruder. Der konnte viel ertragen, nur nicht Zweifel an dem, was er sagte, und Henrik hatte eben diesen wunden Punkt getroffen. Also warf er sich in Positur. »Mensch, Frankie, Henrik und ich finden die Geschichte hammeraffengeil. Nicht Kumpel? Ist doch so?« Dabei knuffte er den Freund wiederum augenzwinkernd gegen die Brust und gestikulierte auffordernd mit den Armen; Na los, mach schon! Klatsch’ Beifall, hieß das.
Henriks düstere, ungläubige Miene verschwand wie auf ein geheimes Kommando. Schließlich waren sie ja gekommen, um von Frank Informationen zu erhalten. Und vielleicht war in diesem, nach seiner Meinung schwachsinnigen Gebrabbel des Barkeepers doch die eine oder andere brauchbare Message enthalten.
»Ja, Frank, Tobi hat recht.« Er grinste. »Ich bin ganz spitz drauf, deine Geschichte weiter zu hören.«
Frank nickte gnädig. Nachdem er sich die nächste Zigarette gedreht hatte, fuhr er fort. »Ja, also … bei dem Set handelt es sich um Gegenstände, die eigentlich nicht für herkömmliche Spieler entwickelt wurden. Sie sollen Peter Winzig persönlich gehören, der sein Programm perfektionierte und dem dabei ein Quantensprung gelungen sein soll – die Möglichkeit, zwischen virtueller und realer Welt zu wechseln. Das bedeutet, dass der Spieler in der Lage ist, körperlich real in der virtuellen Welt zu erscheinen und zu agieren. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich: Gegenstände aus dem Spiel können in unsere Welt gebracht werden.«
»Na toll, ich piss mir gleich in die Hose vor Begeisterung. So einen Spam habe ich ja noch nie gehört.« Jetzt reagierte Tobi ungläubig und steckte sich als Zeichen der Verachtung den ausgestreckten Mittelfinger in den Mund.
»Aber es handelt es sich dabei doch nur um Gerüchte«, knurrte Frank. »Vor zwei Jahren stand mal ein Artikel darüber in einem Computerspielemagazin. Angeblich hat es daraufhin entsprechende Nachforschungen vonseiten der Regierung und des Militärs gegeben. Für Letzteres wäre es natürlich interessant, magische Waffen abgreifen zu können. Am Ende verlief die Untersuchung im Sand. Peter Winzig konnte nicht befragt werden, da er wie vom Erdboden verschluckt schien und seine Mitarbeiter und Manager, die dafür sorgten, dass das Spiel im Netz blieb und weiter vermarktet wurde, hatten keine Ahnung, wovon überhaupt gesprochen wurde. Schließlich hielt man das Ganze für einen Werbegag und sprach nicht mehr darüber.«
Henrik konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Märchen über Reisen in virtuelle Welten der Grund für seinen Stress mit dem Schattenmagier sein sollte. Schon gar nicht vermochte er zu glauben, dass man ihn deswegen zusammengeschlagen hatte. So blöd konnten selbst diese Schwachsinnigen nicht sein, dass die den Humbug für möglich hielten. Doch ein Unbehagen blieb nach Franks Geschichte in Henrik zurück. Er verspürte einen dumpfen Druck in der Magengrube, als er sich an den Spritzer fremden Blutes auf seiner Wange erinnerte, den er sich nach der Schlacht mit den Gnomen in der Teufelsschlucht im Badezimmer abgewischt hatte. Auch fiel ihm das Eichenblatt auf dem Teppich wieder ein, das er nach seinem Ritt durch Sleepysoul dort vorgefunden hatte. Gehörte der Armreif des Schattenmagiers wirklich zu Peter Winzigs sagenhaftem Set?
Frank riss Henrik abrupt aus seinen Gedanken. »So, Leute, jetzt hab’ ich genug gequatscht.« Der Barkeeper hatte es plötzlich eilig, seine Besucher loszuwerden. »Macht, dass ihr weiterkommt, ich hab’ zu arbeiten.« Er stand auf, scheuchte die beiden aus der Bar und schloss hinter ihnen ab.
Verdutzt standen Tobi und Henrik auf der Straße herum. »Was hältst du von der Angelegenheit?«, meinte Tobi, während er mit seinem kleinen Finger im Ohr pulte und interessiert das Ergebnis seiner Grabungsarbeiten betrachtete. »Ziemlich abgefahren das Ganze, oder?«
Henrik nahm die Brille ab und putzte die hoffnungslos verschmierten Gläser mit einem Zipfel seines T-Shirts. »Ich weiß nicht, ob sich dein Bruder nun endgültig die Birne zu Schlamm gekokst hat oder ob mehr an der Sache dran ist«, sagte er nachdenklich. »Auf jeden Fall haben wir nun genug Hintergrundinfos, um Lord Dragon beim Gildentreffen auf den Zahn fühlen zu können.«
Schließlich machten sich die beiden auf den Heimweg. Sie würden sich bald im Spiel beim Gildentreffen wiedersehen.
7 | Das Gildentreffen
Am anderen Morgen ging Henrik als Erstes zum Arzt. Er brauchte unbedingt eine neue Krankmeldung für seinen Chef, sonst würde der ihn feuern. Er hatte einen Termin für acht Uhr. Gegen halb neun schlug er in der Praxis auf. Die Arzthelferin am Empfang schaute ihn missbilligend an. »Sie kommen zu spät, Herr Wanker.«
Die gouvernantenhafte Endvierzigerin in der weißen Rüschenbluse und dem karierten Schottenrock tippte mit dem Bleistift auf den Terminkalender und schüttelte empört den Kopf. Das hochgesteckte graue Haar und das braune Kassengestell der Brille, die durch ein dünnes Lederbändchen um den faltigen Hals der Frau vor ständigem Verlegen bewahrt wurde, wirkten so einladend wie ein Schild mit der Aufschrift: Hunde müssen draußen bleiben.
»Aber, Miss Moneypenny, haben Sie doch Mitleid mit einem armen, verzweifelten Patienten. Obwohl ich selber erst kürzlich nur knapp dem Tode entronnen bin, musste ich heute früh um sieben erst meine krebskranke Mutti waschen, bevor ich zu Ihnen kommen konnte. Der Pflegedienst der Caritas hat uns versetzt.« Treuherzig schniefend und mit herunterhängenden Mundwinkeln stand Henrik vor ihr.
»Herr Wanker, ich bin empört!«, fuhr die Arzthelferin auf. »Ihre Mutter ist mir bestens bekannt. Erst gestern hat sie sich ein Rezept für ein Medikament gegen Migräne abgeholt. Also tischen Sie mir nicht ihre erbärmlichen Lügengeschichten auf!« Sie knallte den Bleistift so hart auf den hellen Eichentresen, dass Henrik vor Schreck zusammenzuckte.
»Eih, nun mach mal halblang, du Schreckschraube!«, legte Henrik in üblem Jargon los, drohte mit dem Zeigefinger, hielt aber gehörigen Sicherheitsabstand. »Du wirst vom Geld meiner Krankenkasse bezahlt, merk dir das. Und nun schleich dich zu deinem Doktor House und sag ihm, dass ich ‘ne neue Krankmeldung brauche! Und wenn das nicht klappt, zeige ich euch beide wegen unterlassener Hilfeleistung an, damit ihr’s wisst!«
Mit versteinerter Miene stand die Frau auf; ohne Henrik eines Blickes zu würdigen, verschwand sie im Behandlungszimmer des Arztes. Nach wenigen Minuten kam sie zurück und überreichte ihm die Krankmeldung, dazu einen DIN-A4-Umschlag. »Hier ist Ihre Bescheinigung, Herr Wanker, und dies sind ihre Patientenunterlagen. Der Doktor lässt Ihnen ausrichten, dass Sie sich einen anderen Hausarzt suchen sollen.« Ihr Blick hatte viel Ähnlichkeit mit dem eines Sumpfkrokodils.
Henrik nahm die Unterlagen unbeeindruckt entgegen. »Warum nicht gleich so, Schwester?«, grunzte er. Ein rascher Blick auf das Formular zeigte ihm, dass er noch drei weitere Tage krankgeschrieben war. Zufrieden grinsend verließ er die Praxis.
Das, was nun anstand, war bei Weitem unangenehmer. Er musste seinem Chef die Krankmeldung vorlegen – drei Tage zu spät. War das unter Umständen ein Kündigungsgrund? Er wusste es nicht.
Mit dem Bus fuhr er bis zur Wilhelmstraße. Von da aus lief er noch zehn Minuten zu Fuß bis zu seinem Discounter.
Der Laden war seit einer halben Stunde geöffnet. Henrik hatte gehofft, unbemerkt durch den Verkaufsraum zum Büro des Filialleiters schleichen zu können. Doch als er durch die Eingangstür trat, wurde er von Gerda Finke gesichtet, die an der Kasse saß.
Die zweiunddreißigjährige, alleinerziehende Mutter mit den blond gefärbten Haaren – im Scheitelbereich sah man den schwarzen Haaransatz – warf ihm einen giftigen Blick zu. Ihre unreine Gesichtshaut bedeckte eine dicke Schicht Make-up. »Ach nee! Der gnädige Herr Wanker!«, rief sie. »Kommst du auch noch mal zur Arbeit? Oder willst du dir nur ‘ne Tüte Chips besorgen, damit dein fetter, fauler Hintern vorm Fernseher noch mehr in die Breite geht?«
Henrik wurde knallrot – nicht vor Scham, sondern vor Wut. Er hasste diese dämliche, vorlaute Zicke, die ihn von Anfang an gepiesackt hatte und ihn bei jedem kleinen Fehler beim Chef denunzierte. Er konnte es sich nicht verkneifen, ihr zuzurufen: »Hallo, Schatz. Du weißt doch, dass ich nicht in Billigläden kaufe. Ist nicht gut für den Teint, wie man an dir sieht. Oder ist es gestern Abend wieder spät geworden bei der Fellatio unter Krauses Schreibtisch?« Während er eilig zwischen den Regalen verschwand, hörte er Gerda Finkes wütenden Aufschrei.
Henrik grinste hämisch und beglückwünschte sich selbst zu der schönen Retourkutsche. Er klopfte an die Bürotür des Filialleiters und trat er ein.
Herr Krause war ein vierundfünfzigjähriger, grobschlächtiger Junggeselle mit Glatze und rotem Vollbart, in dem stellenweise bereits graue Haare wuchsen. Wie immer trug er unter dem weißen Kittel einen dunkelblauen Anzug samt schwarzer Krawatte und thronte hinter seinem Schreibtisch, vertieft in die Lektüre der letzten Quartalsbilanz. Mit dem Bleistift, der in seinen dicken, kurzen Wurstfingern zerbrechlich wirkte, unterstrich er soeben einen Posten. Unwillig blickte er auf. Als er den Eintretenden erkannte, runzelte er mit finsterem Gesichtsausdruck die Stirn und forderte ihn mit einer Geste seiner Hand wortlos auf, Platz zu nehmen.
Henrik setzte sich und schob langsam die Krankmeldung über den Tisch.
Krause studierte sie lange und sorgfältig. Dann legte er den gelben Schein beiseite und musterte sein Gegenüber weiterhin schweigend.
Henrik war unbehaglich zumute. Nervös griff er nach einem Kugelschreiber, der in seiner Reichweite lag, schraubte ihn ständig auf und zu, bis dieser plötzlich auseinanderfiel und die Einzelteile zu Boden rollten. Er machte Anstalten, sie aufzuheben, aber da begann Krause endlich zu reden.
»Lassen Sie das, Wanker!«, knurrte er.
Henrik richtete sich auf und saß nun starr wie eine Salzsäule. Mit Unbehagen bemerkte er, dass sich auf seiner Stirn und Oberlippe Schweiß bildete.
Herr Krause erhob sich, trat näher an Henriks Stuhl heran und fixierte seinen Angestellten aus dieser Position mit undurchdringlichem Gesicht. »Dass Sie es wagen, noch einmal ins Geschäft zu kommen, zeugt entweder von großem Mut oder von unübertrefflicher Dreistigkeit!«, legte er dann los, wobei ein Tropfen seines Speichels auf Henriks rechtem Brillenglas landete. »Wie ich Sie kenne, gehe ich eher von der zweiten Möglichkeit aus.«
Henrik setzte zu einer Erwiderung an, doch Krause winkte unwirsch ab. »Schweigen Sie und hören Sie genau zu: Nachdem Sie tagelang unentschuldigt nicht erschienen waren, stand für mich der Entschluss fest, Ihnen fristlos zu kündigen.« Krause hielt Henrik seine zur Faust geballte behaarte Pranke unter die Nase.
Dieser hoffte inständig, dass der Chef nicht wieder zu spucken anfing, denn er befürchtete, davon Herpes zu bekommen. Zu seiner Erleichterung nahm Krause wieder am Schreibtisch Platz, stützte die verschränkten Arme auf den Tisch und sprach nun ruhiger weiter.
»Gestern rief mich Ihre verehrte Frau Mutter an, mit der ich – wie Sie wissen – aufs Herzlichste verbunden bin.« Er kraulte sich mit den Fingern den Bart. »Sie erzählte mir, dass Sie überfallen und zusammengeschlagen wurden, mit einer Gehirnerschütterung und Gedächtnisverlust im Krankenhaus gelegen haben und sich deshalb nicht melden konnten.«
Henrik war ausnahmsweise von seiner Mutter beeindruckt. Die Idee mit dem Gedächtnisverlust hätte glatt von ihm kommen können.
»Also ist die Sache nun für mich erledigt und ich gehe davon aus, dass Sie in drei Tagen wieder pünktlich um acht Uhr im Geschäft erscheinen. Ist das klar, Herr Wanker?«, schloss Krause.
Henrik nickte eifrig.
»Gut. Im Lager warten bereits mehrere Paletten mit Ware auf Sie, die ausgezeichnet und in die Regale geräumt werden müssen.« Krause wies mit der linken Hand zur Tür.
Das war’s! Henrik atmete tief durch und wollte gerade die Tür öffnen, als der Chef ihm zurief: »Übrigens, Wanker …«
Mit Unbehagen drehte Henrik sich um.
Krause grinste schmierig. »Bestellen Sie Ihrer lieben Mutter meine besten Grüße und fragen Sie sie …«, er leckte sich kurz über die Unterlippe, »fragen Sie, ob sie nicht wieder mal meine Latte probieren möchte.«
Henrik wurde schwindlig, er glaubte, gleich umkippen zu müssen. Was redete der Chef da?
Krause lachte dröhnend. »Ja, ja, Wanker! Das hätten Sie nicht gedacht, was? Aber meinen Latte Macchiato macht mir so leicht kein anderer in der Stadt nach!«
Henrik hatte die Nase voll von diesem Blödmann. Er beeilte sich, aus dem Büro zu verschwinden. Hinter sich hörte er Krause dröhnend lachen; er schien sich köstlich zu amüsieren.
Im Laden rempelte Henrik eine Kundin an, die gerade an der Obsttheke Äpfel abwog. Sie ließ den Beutel los und die Äpfel kullerten über den Boden.
»Was fällt Ihnen ein, Sie Flegel?«, schimpfte die Frau hinter ihm her. Doch Henrik beachtete sie nicht und rannte weiter. Zufällig bemerkte er, dass Gerda ihn beobachtete, deshalb griff er sich im Vorbeilaufen drei Tüten Chips, wedelte mit ihnen demonstrativ in der Luft herum und klemmte sie sich dann unter den Arm.
»Das sage ich Krause, damit du’s weißt, Wanker!«, keifte die Kassiererin.
»Na prima, dann kannst du ja gleich auch seine Latte probieren«, rief Henrik und stürmte aus dem Geschäft.
Den Rest des Tages verbrachte er abwechselnd im Bett und auf dem Sofa vor dem Fernseher, wo er den Inhalt von zwei der drei Tüten vertilgte.
Gegen sechs Uhr loggte er sich ins Spiel ein. Er war mit seiner Gilde in Korandor verabredet, einem kleinen Dorf an der Küste, etwa drei Meilen entfernt von Blackmount Castle, dem Ort des großen Gildentreffens.
Als Hard2drive die Schenke betrat, warteten seine Gefährten bereits auf ihn. Wiseman, der Priester, sah ihn als Erster und hob zur Begrüßung die Hand. Nacheinander grüßten auch die anderen Gildenmitglieder.
Donnergott: Hei, Pala, da bist du ja endlich! Wir warten schon über 'ne halbe Stunde auf dich. Komm, setz dich zu uns, MisterMister Big, und trink einen Becher gegorenes Trollblut mit uns.«
Gut gelaunt wie immer winkte der muskelbepackte Barbar den Wirt heran, der kurz darauf mit einem schäumenden, purpurroten Getränk erschien und es vor Hard2drive auf den Tisch stellte. Doch der beachtete es nicht und wandte sich gleich an seine Gefährten.
Hard2drive: Also, zur Sache! Bevor wir nach Blackmount Castle aufbrechen, möchte ich euch auf einige wichtige Dinge hinweisen, damit auch nichts schief geht.
Er legte sein Schwert, das er für gewöhnlich auf den Rücken gebunden trug, auf den großen, hölzernen Tisch.
Shiva-Warrior, der Schurke und der Untote Livingdead rutschten etwas näher heran. Deadlysorc klebte mit ihren grünen Augen förmlich an den Lippen des Paladins und erwartete gespannt dessen Ausführungen.
Wiseman und Donnergott musterten misstrauisch die Gäste am anderen Ende des Schankraumes.
Es handelte sich um acht Kämpfer der Barbarenklasse, alle in den Achtziger-Leveln, riesige, fast zwei Meter große, stämmige Kerle mit dunkelblonden, gelockten fettigen Haaren. Sie trugen schwarze Ledermonturen und rote Umhänge, bestickt mit einer weißen Möwe. Bewaffnet waren sie mit Äxten und Keulen. Es handelte sich ganz offensichtlich um Gildenkrieger aus den Nordlanden, die sich ebenfalls auf den Weg nach Blackmount Castle gemacht hatten. Sie waren ins Gespräch vertieft und schienen kein Interesse an dem zu zeigen, was die übrigen Gäste taten. Dennoch senkte Hard2drive seine Stimme zu einem Flüstern, als er nun sprach.
Hard2drive: Dies ist das zweite Jahr, in dem wir am Gildentreffen teilnehmen. Ihr kennt also schon die wichtigsten Spielregeln. Sinn und Zweck des Treffens ist zum einen der friedliche Handel mit und der Austausch von magischen Ausrüstungen, Waffen, Zaubertränken und so weiter. Zum anderen können sich mehrere Gilden zusammenschließen und Schlachtzuginstanzen planen, um besonders schwierige Quests zu lösen. Diesmal geht es für uns allerdings um mehr. Wir müssen mit Lord Dragon sprechen und erfahren, was es mit dem schwarzen Schattenmagier auf sich hat – und mit diesem Armreif.«
Hard2drive hob seinen rechten Arm, an dessen Handgelenk das schwarze, mit Edelsteinen besetzte Schmuckstück zum Vorschein kam.
Die Gefährten starrten wie gebannt auf Hard2drives Arm. Auch die Gespräche am Tisch der Barbarengilde verstummten schlagartig und acht blond gelockte Köpfe wandten sich ihnen zu. Es war totenstill in der Schenke.
Hard2drive stand langsam auf, fixierte die Nordmänner und legte seine Hand warnend auf den Knauf seines Schwertes Seelenschinder. Zögerlich wandten sich die blonden Riesen ab und konzentrierten sich wieder auf ihre eigenen Themen.
Deadlysorc: Vielleicht solltest du den Armreif nicht so öffentlich herumzeigen. Er erregt zu viel Aufsehen.
Auch die Zauberin blickte besorgt.
Wiseman nickte zur Bestätigung und schaute mit finsterem Blick zum Tisch der Barbaren hinüber.
Hard2drive winkte verächtlich ab.
Hard2drive: Diese Typen können uns nicht gefährlich werden. Eine Gilde, die nur aus Barbaren besteht, hat keine Chance gegen uns. Aber du hast trotzdem recht. Wir sollten uns auf das Treffen mit Lord Dragon konzentrieren. Also weiter: Während des Gildentreffens gilt in Blackmount Castle und im Umkreis von einer Meile um die Festung herum absolute Friedenspflicht. Wer dagegen verstößt, verliert fünf Erfahrungslevel und all seine magischen Items. Dennoch sollten wir auf der Hut sein. Manchmal halten sich die großen Gildenbosse unter ihren Leuten Truppen von Auftragskillern, die auch in der Friedenszone auf unbequeme Gegner angesetzt werden, da die Chance groß ist, dass diese auf einen Angriff nicht vorbereitet sind. Sollte solch ein Attentäter erwischt werden, wird er seinen Auftraggeber nicht verraten und dafür später von diesem den materiellen Schaden ersetzt bekommen.
Shiva-Warrior: Kein Problem, Pala. Wir werden dich so abschirmen wie zuletzt in der Teufelsschlucht. Wir sorgen schon dafür, dass dir keiner zu nahe kommt.
Die braunen Augen des kleinen Schurken blitzten angriffslustig und zur Bekräftigung rammte er seinen Dolch in die Tischplatte.
Hard2drive: Das funktioniert leider so nicht. Pro Gilde dürfen nur zwei Mitglieder in die Festung – der Boss und ein Begleiter. Die übrigen müssen außerhalb der Burg warten. Ich habe mich entschieden, Deadlysorc mitzunehmen. Sie wird sich im Hintergrund aufhalten und die übrigen Gäste auf Blackmount Castle beobachten. Mit ihren Zaubersprüchen ist sie in der Lage, auch mehrere Angreifer auf einmal in Schach zu halten, wenn es sein muss.
Am Tisch der Barbarengilde entstand Unruhe. Die acht Krieger standen auf und schickten sich an, die Schenke zu verlassen. Der Anführer der Gruppe verließ als Letzter den Raum, ein wahrer Hüne mit Vollbart und einer dunkelblonden Mähne, die bis zu den Hüften reichte. Auf seiner Stirn war ein Totenkopf tätowiert. Vor Verlassen des Raumes drehte er sich noch einmal mit verschlagenem Grinsen zu ihnen um, winkte grüßend und verschwand.
Donnergott: Wurde Zeit, dass die Pfeifen endlich verschwinden!
Dann wandte er sich Hard2drive zu und fing an zu lamentieren.
Donnergott: Warum nimmst du nicht mich mit? Du weißt, dass ich der bessere Leibwächter bin. Was kann eine Zauberin ausrichten, wenn du von mehreren mit Schwertern bewaffneten Angreifern bedrängt wirst? Bevor sie einen Beschwörungszauber wirken kann, hat man dich längst in zwei Teile zerhackt.
Hard2drive: Ich wünsche keine Diskussion. Mein Entschluss steht fest. Es ist wichtig, dass sich mein Begleiter unauffällig im Hintergrund bewegt und mich bei meinen Aktivitäten nicht stört. Was soll ich also mit einem Barbaren, der sich benimmt wie die Sau in der Tanzschule und die Aufmerksamkeit der anderen auf sich lenkt?
Donnergott setzte zum Widerspruch an, doch ein warnender Blick Livingdeads ließ ihn verstummen.
Hard2drive: Sobald wir in der Festung sind, versuchen wir Kontakt mit Lord Dragon aufzunehmen. Wer dessen Begleiter sein wird, steht wohl fest.
Wiseman: Tulsadoom?
Hard2drive: Das ist so sicher, wie der Pastor im Beichtstuhl furzt. Leider kann ich dem Bürschchen in der Festung keinen Denkzettel verpassen. Aber ich werde schon einen Vorwand finden, um außerhalb der Friedenszone mit ihm ein bisschen Spaß zu haben. – So, Freunde, ich denke, wir haben genug gequatscht. Auf geht's nach Blackmount Castle!
Damit stand Hard2drive auf und schnallte sich sein Schwert wieder auf den Rücken. Die anderen machten sich ebenfalls fertig. Schließlich verließen sie die Schenke.
Draußen stand die Sonne schon tief über dem Ozean. Das Fischerdorf lag wie ausgestorben da, man hörte nur die leise Brandung. Der frische Wind trug den Geruch nach Tang und Meer heran.
Aus der Ferne hörte er das heisere Kreischen der Möwen. Henrik fragte sich, wie es überhaupt möglich war, dass er solch klare Sinneseindrücke empfinden konnte, obgleich sie aus einer virtuellen Welt stammten. Er glaubte sogar, das Gewicht des Riesenschwertes auf seinem Rücken zu fühlen. Erging es seinen Gefährten ebenso? Vielleicht würde er später mit Tobi darüber reden. Doch dann vergaß er diese sonderbaren Umstände schnell …
Aus einer Seitengasse stürmten die blonden Barbaren und verstellten ihnen den Weg. Mit grimmigen Mienen und kampfbereit erhobenen Äxten trieben sie Hard2drive und seine Gefährten unter das Vordach der Schenke zurück. Dort hielten sie die Gruppe in Schach. Die Gilde saß in der Falle!
Shiva-Warriors Griff ging zum Dolch und Donnergott wollte seine Axt heben, doch Hard2drive gebot ihnen mit einer Handbewegung Einhalt. Sie hatten in dieser Situation keine Chance. Der Anführer der Nordmänner trat vor und baute sich vor Hard2drive auf.
Isengard: Man nennt mich Isengard, tapferer Paladin. Ich bin der Führer der Gilde der weißen Möwe. Wir sind auf dem Weg zum großen Gildentreffen. Ihr gleichfalls, wie es scheint?
Isengard hob fragend die Stimme und runzelte die Stirn, sodass der tätowierte Totenschädel aussah, als grinse er.
Hard2drive nickte zur Bestätigung, schwieg jedoch.
Isengard: Das freut mich sehr. Ich schlage daher vor, dass unsere beiden Gilden Freundschaft schließen und gemeinsam den restlichen Weg zurücklegen. Was meint Ihr?
Hard2drive: Warum nicht? Die Straße nach Blackmount Castle ist breit genug für uns alle.
Isengard: Wohlan denn, so soll es sein. Und da wir nun Freunde sind, ist es bei uns Nordmännern üblich, dass wir unsere Waffen ablegen und Geschenke austauschen.
Isengard übergab seine Axt daraufhin einem seiner Männer und blieb mit verschränkten Armen vor Hard2drive stehen. Der zögerte, gab dann aber sein Schwert an Shiva-Warrior ab.
Isengard nickte zufrieden.
Isengard: Gut, nun möchte ich Euch als Zeichen meiner großen Wertschätzung dieses Opalamulett überreichen, auf dass es Euch immer Glück auf Euren Wegen bringen möge.
Einer von Isengards Barbaren reichte ihm einen türkisfarbenen Anhänger an einem braunen Lederband. Doch Hard2drive machte keine Anstalten, den Schmuck entgegenzunehmen.
Hard2drive: Edler Isengard, Euer Geschenk ehrt mich sehr. Jedoch kann ich es nicht annehmen, denn ich habe nichts, das ich Euch dafür anbieten könnte. Wir besitzen nur unsere Ausrüstung und unsere Waffen, also Dinge, von denen wir nichts entbehren können.
Isengard stieß ein dröhnendes Lachen aus, in das seine Männer ebenso lautstark einfielen.
Wiseman schluckte unbehaglich und Livingdead wurde noch bleicher als er eh schon war.
Deadlysorc hielt verstohlen nach einem Fluchtweg Ausschau, doch der Wirt hatte hinter ihnen die Tür zur Schenke verriegelt, sodass nach dieser Seite kein Entkommen möglich war. Isengard sprach mit drohendem Unterton weiter.
Isengard: Ihr seid zu bescheiden, tapferer Paladin. Ich denke schon, dass Ihr die eine oder andere Kleinigkeit besitzt, die uns als Zeichen Eurer Freundschaft genügen würde. Wie wäre es zum Beispiel mit dem hübschen Armreif, den Ihr tragt?
Gierig starrte er auf das rechte Handgelenk des Paladins.
Hard2drive: Leider kann ich Euch diesen Wunsch nicht erfüllen, Sire. Der Armreif besitzt für mich einen lieben Erinnerungswert an einen guten Freund. Er würde es mir gewiss übel nehmen, wenn ich ihn nicht behielte.
Donnergott stieß ein heiseres Lachen aus, als er Henriks Worte hörte. Der Paladin hätte ihn dafür am liebsten ohrfeigen mögen. Warum konnte der Kürbiskopf nicht mal sein Maul halten?
Isengard bezog das Lachen allerdings auf sich, sodass Zornesröte in seinem Gesicht aufstieg.
Isengard: Dann lass uns um den Reif kämpfen!
Ohne Vorwarnung sprang er vor und packte Hard2drive am Hals. Dieser fiel auf den Rücken, durch das Gewicht seiner Rüstung nach hinten gezogen.
Isengard kniete auf den Oberschenkeln seines Gegners und fuhr fort, den Paladin zu würgen.
Endlich löste sich die überraschte Erstarrung der Gildenmitglieder und ein wilder Kampf entbrannte.
Donnergott hieb mit seiner Axt auf den ihm zunächst stehenden Gegner ein, der den Schlag jedoch mit der eigenen Waffe abwehren konnte.
Shiva-Warrior griff blitzschnell zu seinem Wurfmesser und schleuderte es in den Arm eines Barbaren, der gerade mit seiner Axt Deadlysorcs hübschen Rotschopf traktieren wollte.
Wiseman und Livingdead beeilten sich, hinter Donnergott Deckung zu finden.
Derweil versuchte Hard2drive, sich aus Isengards Würgegriff zu befreien, indem er die Unterarme seines Gegners packte. Doch er war dem Barbaren kräftemäßig hoffnungslos unterlegen. Im Kampf Axt gegen Schwert hätte der Fünfundneunziger-Paladin mit Isengard kurzen Prozess gemacht, doch im Kampf mit bloßen Händen hatte er keine Chance.
Als Isengard den Armreif Hard2drives sah, weiteten sich seine Augen vor Gier. Er löste seine rechte Hand von Hard2drives Hals und versuchte, diesem das Schmuckstück vom Handgelenk zu reißen. Dabei geriet er durch Zufall an den großen, roten Rubin an der Innenseite des Armreifs.
Urplötzlich schoss mit lautem Knall ein greller Blitz aus dem Armreif hervor und traf Isengards Schädel, der augenblicklich mit einem Zischen verdampfte. Der kopflose Rumpf des Nordmanns erhob sich noch für Sekunden über Hard2drives Körper, dann kippte er kraftlos zur Seite in den Staub. Es roch ekelerregend nach verbranntem Fleisch und Haaren. Aus der Wunde an Isengards Hals tropfte kein Blut. Der Blitz hatte alle Blutgefäße sauber verschweißt.
Entsetzt und fassungslos wurden Freund wie Feind Zeugen dieses grauenerregenden Geschehens. Der Kampf ruhte.
Hard2drive erholte sich als Erster von seinem Schock. Er erhob sich und betastete vorsichtig den Armreif.
Hard2drive: Na, das ist ja 'ne geile Maßnahme!
Dann zielte er entschlossen auf den nächstbesten Gegner und drückte auf den Rubin. Wieder schoss ein Blitz hervor und brannte ein Loch, so groß wie ein Fußball, in die Brust des Nordmannes.
Donnergott: Na, wenn die Muschi da nicht Samba tanzt!
Tobis Avatar preschte los und hieb seine Axt einem Nordmann in den Hals, der noch immer wie angewurzelt in der Gegend herumstand. Dies war das Signal für die übrigen Beteiligten, sich erneut ins Gemetzel zu stürzen. Die Nordmänner ergriffen die Flucht.
Deadlysorc entfachte einen Feuerregen, der zwei angstvoll schreiende Gegner niederstreckte.
Shiva-Warrior sprang vor und durchtrennte einem Feind, der nicht rasch genug das Weite gesucht hatte, mit zwei Dolchhieben die Kehle.
Hard2drive visierte indes in Seelenruhe mit seinem Armreif die Barbaren an, die schon weiter entfernt waren. Der erste Blitz ließ den Rumpf des einen explodieren, der andere sackte ohne Beine sterbend zusammen.
Livingdeads Skelettkrieger mussten nicht mehr in den Kampf eingreifen – die Gegner waren alle tot.
Wiseman: Ich denke, nun kennen wir das wahre Geheimnis des Armreifes und warum dieser Schattenmagier ihn zurückhaben will.
Donnergott: Ganz genau. Mit dieser Horrorwaffe könnten wir jeden Gegner im KoF in die Hölle fegen.
Hard2drive sagte nichts. Er musste an Franks Erzählung denken und bezweifelte, dass sie die wahre Bedeutung des Armreifes und des Sets, zu dem er gehörte, auch nur erahnten. Es war klar, dass der nächste Schritt ein Gespräch mit Lord Dragon sein musste.
Die Gildenmitglieder eilten nun zu ihren Pferden und machten sich auf den Weg nach Blackmount Castle, immer an der Küste entlang.
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