Читать книгу: «Das Lager»
I. Siebengebirge, August 1944
II. Siebengebirge, Sonntag, 3. August 2014
III. Bad Godesberg, Montag, 4. August 2014
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IV. Polen, Ende April 1940
V. Bad Godesberg, Dienstag, 5. August 2014
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VI. Polen, Anfang 1940
VII. Bad Godesberg, Mittwoch, 6. August 2014
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VIII. Siebengebirge, Ende 1943
IX. Bad Godesberg, Donnerstag, 7. August 2014
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X. Siebengebirge, 1944
XI. Bad Godesberg, Freitag, 8. August 2014
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XII. Siebengebirge, August 1944
XIII. Siebengebirge, Freitag, 8. August 2014, früher Abend
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XIV. Warschau, August 1949
XV. Bad Godesberg, Sonntag, 10. August 2014, später Nachmittag
XVI. Bad Godesberg, Montag, 11. August 2014, früher Morgen
Nachbemerkung
Impressum neobooks
Das Lager
Ein Fall für die Detektei Peters
Kriminalroman
Das Buch
„Unter der Wasseroberfläche, teilweise von großen Blättern verdeckt, sah sie den Körper einer jungen Frau. Lange Haarsträhnen schwebten um das aufgequollene Gesicht, ein blassblaues Kleid umspielte ihre Figur im seichten Takt der Wellen. An einem Knöchel befand sich ein grobes Seil, dessen ausgefranstes Ende sich sanft mit der Strömung bewegte.“
In einem See wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Detektivin Laura Peters, die grundsätzlich keine gefährlichen Aufträge übernehmen möchte, sucht für ihre Klientin nach deren verschwundenem Ehemann und ahnt dabei nicht, wie eng die beiden Fälle miteinander verknüpft sind. Sie kommt einer Bande von skrupellosen Menschenhändlern auf die Spur und als sie herausfindet, dass das ermordete Mädchen nicht das einzige Opfer gewesen sein kann, ist sie dem eiskalten Mörder schon gefährlich nahe ...
Die Laura-Peters-Serie
Das Lager ist der erste Roman, in dem Laura Peters mit ihrem Team ermittelt.
Die gesamte Laura-Peters-Reihe mit
Böse Obhut – Der zweite Fall für Laura Peters,
Zweiundsiebzig – Der dritte Fall für Laura Peters,
Moloch Unsterblich – Der vierte Fall für Laura Peters,
Monströse Moral – Der fünfte Fall für Laura Peters und
Cäcilie: Eine Halloween-Novelle
ist als Taschenbuch im Internet und als E-Book in allen Online-Shops erhältlich.
Mehr Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite ‚Patricia Weiss – Autorin‘, auf Twitter ‚@Tri_Weiss‘, auf Instagram ‚@tri_weiss‘ und auf YouTube ‚Patricia Weiss Autorin‘.
Das Lager
Ein Fall für die Detektei Peters
Kriminalroman
von
Patricia Weiss
Das Lager ist als Taschenbuch und als E-Book erhältlich.
Impressum
Texte: © Copyright by
Patricia Weiss
c/o
Relindis Second Hand
Gotenstraße 1
53175 Bonn
Lektorat: Katharina Abel
Covergestaltung und Foto: Patricia Weiss
Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlichung: 2015
Für Freddie.
Pflegestelle für Ausländerkinder
Pflegestelle für Ausländerkinder wurden die Heime genannt, in denen während des Zweiten Weltkriegs die Babys von Zwangsarbeitern verwahrt wurden. Die Betreuung, die hygienischen Zustände und die Ernährung waren katastrophal.
Nur wenige haben überlebt.
I. Siebengebirge, August 1944
Die Zeit schien stillzustehen. Eintönigkeit und Angst erschufen ein Vakuum, in dem der Augenblick zur Ewigkeit wurde und die Tage nicht enden wollten. Gelblicher Staub waberte in dichten Schwaden über dem Boden, in der Luft lag der beißende Geruch von Sprengstoff. Die ohrenbetäubende Explosion hatte die Vögel verstummen lassen. Noch warfen die hohen Felswände kühle Schatten, doch die Strahlen der Sonne tasteten sich bereits in das Tal vor. Schon bald würde eine unerträgliche Hitze herrschen.
An die fünfzig Männer arbeiteten im Steinbruch. Sie standen in langen Schlangen und reichten die freigesprengten Steine von Hand zu Hand. Die Arbeit war hart und gefährlich, Entbehrungen, Strapazen und Unfälle forderten ihren Tribut. Keiner der Arbeiter sprach ein Wort, niemand sah hoch, aber alle waren wachsam. Am Waldrand saßen die Wärter rauchend im Schatten und ließen einen Flachmann kreisen. Ihr Gelächter hallte laut durch die Schlucht, die Gewehre lagen achtlos neben ihnen im Gras. Sie wirkten entspannt, geradezu harmlos.
Doch das täuschte.
In vorderster Reihe arbeitete ein sehr junger Mann, fast noch ein Junge. Mit kraftvollen Bewegungen belud er die Förderwagen, die die schwere Fracht aus dem Tal bis zur Verladestation der Steinfabrik transportierten. Seine Miene war konzentriert, undurchdringlich, doch hinter der schützenden Fassade ließ er seine Gedanken wandern, die einzige Möglichkeit, dem täglichen Grauen zu entfliehen. Früher hatte er sich oft ein Wiedersehen mit seiner Familie ausgemalt. Nächtelang hatte er gebetet, dass seine Mutter kommen und ihn befreien würde. Eine naive Vorstellung, wie er jetzt wusste. Wahrscheinlich hatte sie nie erfahren, was ihm zugestoßen war. Es hatte lange gedauert, bis er verstanden hatte, dass er auf sich allein gestellt war und sich anpassen musste, wenn er überleben wollte. Damals hatte er den Wunsch nach Rettung tief in seinem Inneren begraben. So tief, dass er ihn fast nicht mehr spürte. Angst, Demütigung und Hoffnungslosigkeit waren zu seinem Alltag und Monate zu Jahren geworden.
Doch plötzlich war ein Wunder geschehen.
Während er Felsbrocken auf die Kipploren wuchtete, dachte er an den gestrigen Abend. Es war nicht leicht gewesen, sich unbemerkt aus dem Lager zu stehlen. Und viel zu riskant. Sie setzten dabei ihr Leben aufs Spiel. Überall gab es Spitzel, die für eine Extraration Essen oder ein paar Zigaretten jeden verrieten. Würde man sie zusammen erwischen, gäbe es keine Gnade. Man würde kurzen Prozess mit ihnen machen. Auch mit ihr. Trotzdem ging sie das Risiko ein. Es rührte ihn, wie fest sie daran glaubte, dass die Liebe alle Hindernisse überwinden konnte. Ihm fehlte diese Zuversicht.
Gestern Abend wäre es beinahe schiefgegangen. Sie hatten sich im Wald getroffen, auf einem umgestürzten Baumstamm gesessen und geredet. Er hatte sich nicht sattsehen können an ihr, ihrem Gesicht, ihren Händen. Sie hatte gelacht und sich beschwert, dass er ihr nicht zuhören würde. Aber das stimmte nicht. Jedes Wort, jede Silbe hatte er sich gemerkt. Sie hatte Pläne für die Flucht geschmiedet, den Beginn ihres gemeinsamen, freien Lebens, aber er glaubte nicht, dass es klappen konnte. Sie würden es nicht einmal bis zum Bahnhof schaffen, bevor man sie erwischte. Und wenn doch, wohin sollten sie fliehen? In seine Heimat? Dort saßen die Deutschen. Sie würden ihn gleich wieder aufgreifen und deportieren. Nach England? Dort gehörte sie zu den Feinden. Nach Frankreich? Schweden? Italien? Jedes Land, das ihm einfiel, war entweder von den Deutschen besetzt oder führte gegen sie Krieg. Es schien auf der Welt keinen Ort zu geben, an dem sie beide willkommen waren. Sie konnten nirgendwohin. Alles, was ihnen blieb, war das Hier und Jetzt. Eine gemeinsame Zukunft gab es nicht, aber er hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr das zu sagen.
Plötzlich hatten sie das Geräusch gehört. Es war ein knackender Ast gewesen. In ihren Ohren so laut wie ein Peitschenknall. Dann absolute Stille. Als lauerte jemand in der Nähe. Sie hatten bewegungslos verharrt und den Atem angehalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er sich aus seiner Erstarrung lösen können und ihr bedeutet, sofort zu verschwinden. Nachdem der Wald sie verschluckt hatte, hatte er sicherheitshalber noch eine Weile gewartet, versteckt hinter einem Busch, und angestrengt in den Wald gelauscht. In einiger Entfernung hatten Blätter geraschelt, ansonsten war es ruhig gewesen. Langsam war die Anspannung von ihm abgefallen und grenzenloser Erleichterung gewichen. Sie hatten noch einmal Glück gehabt. Doch ein solches Risiko durften sie nicht noch einmal eingehen.
Ein Ellenbogen stieß ihm unsanft in die Rippen und riss ihn jäh aus seinen Gedanken.
„Trinkpause.“
Erschöpft fuhr er sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn und streckte vorsichtig die verspannten Muskeln. Die Sonne stand im Zenit, sie hatten den ersten Teil des Tagespensums geschafft. Er trottete hinter den anderen her, an den Wärtern vorbei zum Bach am Waldrand. An einer schattigen Stelle schöpfte er Wasser mit den hohlen Händen und erfrischte sich. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, lehnte er sich an einen Baumstamm und zog ein Stück hartes Brot aus der Hosentasche. Kauend ließ er seinen Blick über die Männer wandern, die in der Nähe lagerten und sich leise unterhielten oder müde vor sich hin brüteten. Er hütete sich, sich zu ihnen zu gesellen und mit ihnen zu reden. Die Gefahr war zu groß, dass er sich verriet und sein Geheimnis offenbarte.
In einiger Entfernung bemerkte er einen Fliegenschwarm. Das Summen der lästigen Insekten schien von Sekunde zu Sekunde aufdringlicher zu werden. In der Luft lag der süßlich metallische Geruch von Blut. Ein leises Unbehagen erfasste ihn, als wollte sich eine böse Vorahnung den Weg in sein Bewusstsein bahnen. Zögernd erhob er sich, um nachzusehen.
Schon von Weitem sah er ein unförmiges Bündel auf dem Boden liegen. Unbewusst beschleunigte er seine Schritte. Er registrierte verklebtes, langes Haar, ein bläulich aufgedunsenes Gesicht, blicklose Augen. Ein Mensch. Grotesk verdreht, mit gebrochenen Armen und Beinen, inmitten von Felsbrocken, Erde, Dreck. Ein Festmahl für die Aasfresser, die unbarmherzig ihr pietätloses Werk verrichteten.
Tiefe Spuren der Verwüstung hatte der Tod auf dem Körper hinterlassen, doch trotzdem war es ihm nicht gelungen, die Schönheit ganz zu tilgen. Einzelne blonde Strähnen glänzten in der Sonne, sanfte Gesichtszüge waren unter den Prellungen zu erahnen, die zerbrochenen Gliedmaßen strahlten Zartheit und Anmut aus.
Wie von selbst entstand ein Schrei in seinem Inneren. Er gewann an Volumen, wurde mächtiger, schallte hinauf in den Himmel und wurde von den Felswänden vielfach zurückgeworfen.
II. Siebengebirge, Sonntag, 3. August 2014
Für Henriette Erlenbach war das Siebengebirge ein magischer Ort, der perfekte Schauplatz für Mythen und Legenden. Wenn sie die Wälder durchstreifte, suchte sie nach der Stelle, wo Siegfried den Lindwurm getötet und in seinem Blut gebadet haben könnte, und in den mittelalterlichen Ruinen stellte sie sich die Burgfrauen vor, die in zugigen Kemenaten sehnsüchtig auf die Rückkehr der Ritter gewartet hatten. Das Gedicht von Lord Byron über den Drachenfels gefiel ihr zwar nicht besonders gut, aber es hatte im neunzehnten Jahrhundert die ersten Touristen angelockt: Reiche und vornehme Leute, elegant gekleidet, die noch die wilde Romantik des Siebengebirges zu schätzen gewusst hatten. Heutzutage heizten nur noch rücksichtslose Mountainbiker in aufreizend engen Trikot-Hosen über die Waldwege und Heerscharen von Tagesausflüglern verstreuten überall ihren Müll und belagerten die idyllischen Lokale.
Henriette Erlenbach verabscheute diese Banausen und startete ihre Touren immer so früh wie möglich, um dem Ansturm zuvorzukommen.
Es war ein strahlender Morgen, die Vögel zwitscherten und ihre Hündin Leica sprang glücklich um sie herum. Ein leichter Kopfschmerz machte sich bemerkbar, tief atmete sie die frische Luft ein, um ihn zu lindern. Am Abend vorher war es spät geworden. Sie hatte sich mit ihren drei Freundinnen getroffen, Wein getrunken und herumgeplänkelt. Zurückgeblieben war ein schales Gefühl. Warum hatten ihre Freundinnen so viel Glück im Leben und sie nicht? Sie hätte auch gerne eine Familie, aber sie hatte nie den Richtigen kennengelernt. Und jetzt, mit Anfang fünfzig, war es zu spät dafür. Frustriert trat sie einen Tannenzapfen ins Gebüsch. Leica sprang begeistert hinterher und legte ihn ihr vor die Füße. Henriette tätschelte sie abwesend und wanderte zügig weiter.
War sie zu anspruchsvoll?
Die Männer ihrer Freundinnen hätte sie jedenfalls nicht geschenkt haben wollen. Aber wenn sie ehrlich war, hatte es auch seit vielen Jahren keinen ernsthaften Interessenten mehr gegeben. Vielleicht musste sie wieder mehr ausgehen und dem Glück eine Chance geben.
Sie pfiff nach der Hündin und bog in den Weg zu den verlassenen Steinbrüchen ein. Früher war hier Basalt abgebaut und in die Umgebung verkauft worden. Die ambitionierten Bauvorhaben des Erzbistums Köln hatten über Jahrhunderte hinweg eine rege Nachfrage gesichert. Ohne Rücksicht auf die Natur waren breite Schneisen in die Felsen gefräst worden, nur die Profitgier hatte gezählt. Die Berge wären wohl irgendwann wie hohle Zähne in sich zusammengebrochen, wenn die Steinbruchkrater nicht plötzlich mit Quellwasser zugelaufen wären. So aber war eine malerische Seenlandschaft mitten im Wald entstanden.
Henriette erreichte das Ufer des Blauen Sees, der von steilen Felswänden eingefasst war. Sie schob ihre Sonnenbrille auf den Kopf und genoss die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Bewusst verdrängte sie den Ärger auf ihre Freundinnen und spürte, wie Ruhe und Entspannung sich in ihrem Körper ausbreiteten. Dann setzte sie ihren Weg fort und begab sich auf einen Kletterpfad, der den Weg zu ihrem nächsten Ziel, dem Dornheckensee, abkürzte. Anfangs kam sie gut voran, doch sie hatte die Steigung unterschätzt. Immer öfter rutschten ihre Füße weg, sie musste Halt an Baumästen oder Wurzeln suchen. Leica war ihr gefolgt, vorsichtig eine Pfote vor die andere setzend. Henriette konnte ihr Unbehagen deutlich spüren. Plötzlich blieb die Hündin stehen und schaute unverwandt auf den gegenüberliegenden Berghang. Ein dumpfes Grollen kam aus ihrer Kehle.
„Was hast du denn?“
Sie folgte dem starren Blick des Retrievers und entdeckte wenige Meter seitlich ein mannshohes Loch in der Felswand. Vor dem Eingang verlief ein Vorsprung, in den drei breite Stufen geschlagen worden waren. Etwas Weißes lag dort, es sah aus wie eine Jacke. Henriette klammerte sich an eine Wurzel und versuchte, in die Höhle zu spähen. Die Sonne stand ungünstig, die Schwärze im Inneren war undurchdringlich. Plötzlich beschlich sie das Gefühl, dass sie aus der Dunkelheit heraus beobachtet wurde. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Ihr linker Fuß rutschte weg, in letzter Sekunde konnte sie sich abfangen.
„Verdammt.“
Sie musste aufpassen, sonst würde sie noch den Abhang hinunterstürzen.
„Das ist doch alles bloß Einbildung.“
Aber Leica blickte immer noch unverwandt auf die Höhlenöffnung, leise knurrend, das Fell gesträubt.
„Komm, Leica, drehen wir um. Der Weg ist zu steil. In meinem Alter sollte man solche Experimente lassen. Gehen wir zurück.“
Vorsichtig bewegte sie sich abwärts und war erleichtert, als sie wieder wohlbehalten am Seeufer stand. Was hatte sie sich für einen Unsinn eingebildet? Es gab in der Höhle nichts, was sie beunruhigen musste. Niemand hatte sie von dort aus beobachtet, die Höhenangst hatte ihr nur einen Streich gespielt. Henriette ging den Weg ein Stück zurück und umrundete die Anhöhe auf einem sanft geschwungenen, schattigen Weg. Bald ging es spürbar bergab und nach kurzer Zeit hatte sie den Dornheckensee erreicht.
Noch vor einigen Jahren war der See dicht bevölkert gewesen. Vor allem FKK-Freunde und Homosexuelle hatten sich hier getummelt und ihre Vorlieben frei ausgelebt. Doch bald waren die Behörden eingeschritten, hatten das Baden verboten und dem Treiben ein Ende gesetzt. Angeblich drohte Lebensgefahr durch abbröckelnde Gesteinsbrocken, Wasserstrudel und eiskalte Strömungen und tatsächlich hatte es im Laufe der Jahre immer wieder tödliche Unfälle gegeben. Jetzt war es hier tagsüber still geworden, doch nachts fand der Ort immer noch keinen Frieden. Gerüchten zufolge hatte die Vertreibung der illustren Freunde der Freikörperkultur und der gleichgeschlechtlichen Liebe Platz geschaffen für weitaus finsterere Gestalten. Es hieß, kriminelle Banden nutzten den See, um ihre Widersacher für immer verschwinden zu lassen. Henriette glaubte diese Geschichten nicht, trotzdem hätten sie in der Dunkelheit keine zehn Pferde hierher gebracht.
Friedlich lag der Dornheckensee vor ihr, seine Wasseroberfläche glitzerte, als wäre das Rheingold in ihm versenkt worden. Henriette hörte Leica geschäftig am Seeufer durch die Büsche rascheln, ansonsten war alles ruhig. Merkwürdig ruhig. Kein Vogelgezwitscher. Kein Summen von Insekten. Als hätte der Ort den Atem angehalten. Sie sah sich um. Nichts regte sich.
Dann schlug Leica an.
Henriette zuckte zusammen und seufzte. Bestimmt hatte die Hündin einen toten Vogel entdeckt, den sie ihr jetzt zeigen wollte. Sie würde nicht aufhören, zu bellen, bis sie ihren Fund präsentiert hatte.
Vorsichtig kletterte sie über alte, rostige Schienen, die vom Grund des Sees herauf ans Ufer führten und dort gekappt worden waren. Früher, vor dem Wassereinbruch, hatten unzählige Menschen im Steinbruch gearbeitet und die kleine Eisenbahn als Transporthilfe genutzt. Jetzt wirkten die verlassenen Gleise wie eine Geisterbahn.
Sie fluchte leise, als sie mit dem Fuß im Schlamm wegrutschte, und das Wasser in den Schaft ihres Wanderschuhs hineinlief. Leica bellte immer noch wie rasend. Sie kämpfte sich durch die dichten Uferpflanzen und seufzte erleichtert, als sie das Tier endlich erreicht hatte.
„Ruhig, was hast du denn?“
Sie sah sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Kopfschüttelnd streichelte sie die aufgeregte Hündin und versuchte, sie mit sich zu ziehen. Doch Leica stand wie festgewachsen, bellte und starrte auf das Wasser. Henriette schaute sich noch einmal gründlich um. An dieser Stelle wuchsen lange, dicke Schilfhalme aus dem Wasser, dazwischen hatte sich eine Seerose mit weißen Blüten ausgebreitet. Wasserläufer glitten elegant über den See und ein kleiner Mückenschwarm tanzte selbstvergessen in der Sonne.
Da entdeckte Henriette, was den Hund so beunruhigt hatte: Eine zarte, weiße Hand ragte aus den Wasserpflanzen, der schmale Zeigefinger war abgespreizt und schien auf sie zu zeigen. Erschrocken sog sie die Luft ein, ihr Herz begann wild zu hämmern. Sie warf den Rucksack auf den Boden und watete in voller Montur in den See. Unter der Wasseroberfläche, teilweise von großen Blättern verdeckt, sah sie den Körper einer jungen Frau. Lange Haarsträhnen schwebten um das aufgequollene Gesicht, ein blassblaues Kleid umspielte ihre Figur im seichten Takt der Wellen. An einem Knöchel befand sich ein grobes Seil, dessen ausgefranstes Ende sich sanft mit der Strömung bewegte. Henriette war von dem Anblick wie gefangen. Das Mädchen wirkte so friedlich, als würde es nur schlafen.
Das aufgeregte Gebell der Hündin riss sie brutal in die Wirklichkeit zurück.
Sie hatte eine Leiche gefunden.
Das Mädchen war gefesselt, sie war ermordet worden.
Hastig watete sie zum Ufer, zog mit zitternden Fingern das Handy aus dem Rucksack und wählte den Notruf.
III. Bad Godesberg, Montag, 4. August 2014
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Laura Peters öffnete das verrostete Gartentor und trat feierlich in den Vorgarten des Jugendstil-Altbaus in bester Godesberger Lage. Heute nahm ihre Detektei den Betrieb auf, es war ihr erster Tag als selbstständige Detektivin.
Sie lächelte, als sie an die Bedenken ihrer Bekannten dachte. Die Idee, eine Agentur zu eröffnen, war mit deutlicher Skepsis aufgenommen worden. Das Herumschnüffeln in anderer Leute Privatangelegenheiten erschien ihnen zu indiskret, zu vulgär. Am heftigsten hatte ihre Freundin Barbara reagiert. Sie schien ernsthaft besorgt, Laura könnte in kriminelle Kreise abrutschen.
‚Wenn einmal das Böse seinen Blick auf dich richtet, gibt es kein Entkommen!'
Doch Laura hatte sich nicht beirren lassen. Sie brauchte einen Neuanfang. Scharf sog sie die Luft ein. Die Erinnerung an seinen Verrat und an die katastrophalen Folgen schmerzte. Es hatte lange gedauert, bis sie sich aus dem dunklen Tal herausgekämpft hatte. Ein Teil von ihr würde vielleicht für immer dort bleiben. Unbewusst straffte sie die Schultern. Das war Vergangenheit. Jetzt begann ein neuer Abschnitt. Es gab wieder eine Perspektive in ihrem Leben und das gefiel ihr außerordentlich gut.
Im Vorgarten ließen die vertrockneten Büsche ihre Wedel hängen. Laura merkte, dass Jeans und Leinenhemd die falsche Wahl gewesen waren für einen Tag, der die 30-Grad-Marke sicher wieder überschreiten würde. Sie betrat das kühle Treppenhaus, in dem es angenehm nach Putzmitteln roch. In den höheren Etagen hatten eine adelsbetitelte Anwältin und eine windige Immobilien-Firma ihren Sitz, Lauras Detektei nahm das gesamte Erdgeschoss ein. Sie öffnete die Wohnungstür und trat in den Vorraum, den sie mit einem Schreibtisch und drei kleinen Sesseln möbliert hatte. Irgendwann würde hier eine Assistentin sitzen und die Klienten empfangen, doch das war noch Zukunftsmusik. Zuerst musste sie den Laden ans Laufen bringen. Sie holte sich aus der Küche einen Kaffee, ging durch die hohe Flügeltür in ihr Büro und setzte sich in den bequemen Schreibtischsessel. Zufrieden nippte sie an ihrem Becher und schaute auf die kahlen Wände. Doch langsam kroch die Stille von allen Seiten auf sie zu.
Was nun?
Sie hatte in den letzten Tagen viele Anzeigen geschaltet, doch wie lange würde es dauern, bis sich der erste Kunde meldete? Vielleicht musste sie mehr tun, Firmen und Anwälte ansprechen und ihre Dienste anbieten?
Das Klingeln des Telefons durchfuhr sie wie ein freudiger Stromschlag.
„Detektei Peters, Laura Peters am Apparat.“
„Guten Morgen, können Sie mir Informationen zu einer bestimmten Person beschaffen? Und was kostet das?“ Die Frauenstimme am anderen Ende klang atemlos und gehetzt.
„Darf ich zuerst Ihren Namen erfahren?“
„Mein Name ist Jennifer Koscewskij. Ich möchte gerne mit dem Chef sprechen.“
„Am Apparat. Frau Koscewskij, was kann ich für Sie tun?“
„Hm, für eine Frau ist das vielleicht nicht der richtige Job ...“
„Frau Koscewskij“, unterbrach Laura hastig, diesen ersten Auftrag wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen, „Frauen haben durchaus Vorteile bei der Ermittlungsarbeit. Wir wirken viel harmloser als unsere männlichen Kollegen. Und sollte es hart auf hart kommen, werden meine Mitarbeiter mit jeder Situation souverän fertig.“ Jetzt improvisierte sie ungeniert über die tatsächlichen Gegebenheiten hinaus. „Sagen Sie mir doch, worum es geht.“
Ihre Gesprächspartnerin zögerte einen Moment.
„Es geht um meinen Ex-Mann. Vor zwei Monaten hat er sich aus dem Staub gemacht, ist einfach untergetaucht. Für die Kinder und mich macht er keinen Cent locker, aber für seine Geliebte hat er Geld. Doch das könnte ihm so passen. Ich möchte wissen, wo er wohnt und für wen er arbeitet. Können Sie das für mich herausfinden?“
„Natürlich. Was halten Sie davon, wenn wir uns treffen? Sie können mir dann alle Einzelheiten erzählen.“
***
Jennifer Koscewskij klingelte überpünktlich. Kritisch schaute sie sich im Vorraum der Agentur um, dann musterte sie Laura vom Scheitel bis zur Sohle. Laura hatte währenddessen ebenfalls Gelegenheit, sich einen Eindruck zu verschaffen. Ihre Besucherin war einen halben Kopf kleiner als sie, um die dreißig, mit blondgesträhnten Haaren. Das Parfüm war aufdringlich, das Lächeln wirkte angestrengt und nervös. Laura bot ihr etwas zu trinken an, doch Jennifer Koscewskij lehnte ab. Sie hatte es eilig und wollte gleich zur Sache kommen. Drei Jahre war sie mit ihrem Ex glücklich verheiratet gewesen, der dreijährige Sohn war ein gemeinsames Kind, die zwölfjährige Tochter hatte sie mit in die Ehe gebracht. Doch dann hatte er sich plötzlich von ihnen getrennt, eine Begründung hatte er nicht gegeben.
„Das hört sich natürlich nicht schön an.“ Laura blickte von ihren Notizen auf und versuchte, mitfühlend auszusehen. „Was können wir jetzt für Sie tun?“
„Ich möchte diesen Arsch drankriegen und an die Wand klatschen! Bevor er uns verlassen hat, redete er ständig davon, dass er bald sehr reich sein würde. Richtig aufgeregt war er. Und jetzt behauptet er, er hätte kein Geld. Doch das glaube ich nicht. Sie müssen mir helfen. Finden Sie heraus, wer die Schlampe ist, mit der er rummacht. Wahrscheinlich überschüttet er sie mit teuren Geschenken und wir wissen nicht, wie wir über die Runden kommen sollen.“
„Sind Sie sicher, dass er eine andere Frau hat?“
„Allerdings. Letzten Samstag haben wir die beiden zufällig an der Rheinpromenade gesehen. Ein blutjunges Ding, keine zwanzig Jahre alt, kaum älter als meine Tochter. Er hatte den Arm um sie gelegt, dass er sich nicht schämt! Das lasse ich mir nicht bieten! Ich will wissen, womit er sein Geld verdient und wer seine Freundin ist. Übernehmen Sie das für mich?“
„Gern.“ Laura beugte sich geschäftig vor und legte ein frisch ausgedrucktes Auftragsformular auf den Tisch. „Auf eine Sache muss ich Sie allerdings hinweisen: Wir übernehmen keine Aufträge, die mit schweren Verbrechen im Zusammenhang stehen, also zum Beispiel mit Mord, Entführung oder Körperverletzung. Sollten Sie uns darüber im Vorfeld nicht aufgeklärt haben, haben wir das Recht, die Arbeit einzustellen und das Honorar zu behalten.“ Sie sah ihre Besucherin ernst an, um sicherzugehen, dass sie verstanden hatte.
Jennifer Koscewskij nickte ungeduldig, schnappte sich den Vertrag und unterschrieb ihn ungelesen. Dann kramte sie in ihrer Handtasche und warf ein Foto auf den Tisch.
„Damit Sie wissen, nach wem Sie suchen: Das ist er. Sein Name ist Józef Koscewskij. Sie können das Bild für den Auftrag behalten und danach wegwerfen. Ich habe keine Verwendung mehr dafür.“
Laura sah sich das Porträt an. Józef Koscewskij war ein bulliger Mann in mittleren Jahren mit schütterem Haar, der unbewegt in die Kamera blickte. Er hatte die Arme vor dem Körper verschränkt, an der Hand trug er einen klobigen Goldring. Keiner, der besonders sympathisch wirkte, aber auch keiner, der gefährlich aussah.
Die beiden Frauen vereinbarten, dass erste Ergebnisse bis Ende der Woche vorliegen sollten. Laura sah ihrer Besucherin aus dem Fenster hinterher, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Der erste Auftrag.
Wunderbar!
Schwungvoll setzte sie sich an den Schreibtisch und gab den Namen der Zielperson in den Computer ein. Ein Józef Koscewskij veröffentliche Kinderbücher, ein anderer verkaufte Gebrauchtwagen in Norddeutschland. Alles keine brauchbaren Ergebnisse. Sie überlegte, was sie als Nächstes tun sollte und entschied sich, zu Jennifer Koscewskijs Adresse zu fahren.
Es konnte nicht schaden, mehr über ihre Auftraggeberin zu erfahren.
***
Laura fuhr zügig durch das Villenviertel von Bad Godesberg, durchquerte das beschauliche Rüngsdorf und erreichte den Ortseingang von Mehlem. Wegen der direkten Rheinlage und des wunderschönen Blicks auf den Drachenfels gehörte der frühere Luftkurort lange zu den bevorzugten Wohngegenden Bonns. Doch seit die Botschaften nach Berlin gezogen waren, hatte sich das Erscheinungsbild des Ortes verändert, die Nähe der großen Moschee und der König-Fahd-Akademie war unübersehbar. Prachtbauten aus Gründerzeit und Jugendstil waren in schlechtem Zustand und verbreiteten eine morbide Stimmung.
Vernachlässigung, Verfall und Gleichgültigkeit schienen sich immer weiter auszubreiten.
Das Navi lotste Laura in ein Wohngebiet mit schmucklosen 70er-Jahre-Häusern, in dem Jennifer Koscewskij mit ihren Kindern wohnte. Laura hatte Glück und fand einen Parkplatz gleich am gegenüberliegenden Straßenrand, von dem aus sie die Wohnung der Familie gut im Blick hatte.
In der Nähe des Eingangs belagerten lärmende Jugendliche einen Mülltonnenverschlag. Bier trinkend und rauchend riefen sie den Passanten Unflätigkeiten hinterher und lachten grölend, wenn diese ihre Schritte beschleunigten. Das vertrocknete Rasenstück vor dem Mietshaus war übersät mit Zigarettenkippen und Scherben. Graffitis in schwarz verlaufener Farbe schrien aggressive Sex- und Fäkal-Botschaften von der Hauswand und die meisten Namensschilder waren aus dem großen Klingelbrett herausgebrochen worden.
Die Haustür öffnete sich und ein untersetzter Mann verließ das Gebäude.
Hätte Laura noch Zweifel bezüglich seiner Identität gehabt, so wurden sie zerstreut, als direkt hinter ihm seine Ex-Frau aus dem Haus trat. Wie eine Furie schrie Jennifer Koscewskij auf ihn ein und gestikulierte wild mit den Händen. Der Mann beendete den Streit mit einer herrischen Handbewegung und lief mit langen Schritten in Richtung Straße. Dort stieg er in einen alten Mercedes, ließ den Motor an und brauste mit Kavaliersstart davon.
Laura folgte in vorsichtigem Abstand.
2
Eine Stunde später kehrte Laura in ihr Büro zurück. Koscewskij war ohne Umwege zu seinem Wohnort gefahren, es war ein Kinderspiel gewesen, seine Adresse herauszufinden. Zufrieden setzte sie sich mit einem Milchkaffee, ein paar Keksen und der Tageszeitung in die Kaffeeküche.
Die Schlagzeile über die Frauenleiche im Dornheckensee sprang ihr sofort ins Auge. Während sie an einem Löffelbiskuit knabberte, überflog sie den Artikel. Der Hund eines Spaziergängers hatte die Frau im See gefunden. Neben dem Text prangte das Foto eines Golden Retrievers, der treu in die Kamera blickte. Der Polizeichef wurde in gestelztem Beamtendeutsch zitiert, dass er ein Fremdverschulden, das zum Eintritt des Todes geführt habe, nicht ausschließen könnte. Um wen es sich bei der Toten handelte, war noch nicht bekannt, außerdem wurde auf das Badeverbot im See hingewiesen.
Laura starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Sie kannte den Dornheckensee gut. Früher war sie oft mit Schulfreunden dorthin zum Baden gegangen. Sie hatten ihre Decken auf der großen Liegewiese ausgebreitet und die freien Nachmittage in der Sonne genossen. Das Publikum war bunt gemischt gewesen und die Stimmung entspannt und fröhlich.
Sie nahm sich ein Wasser und ging in ihr Büro, um im Internet weitere Informationen über den Leichenfund zu suchen. Die Boulevardzeitungen übten wenig Zurückhaltung und spekulierten wild ins Rotlichtmilieu und die Türsteher-Mafia hinein. Ihrer Meinung nach war die Tote eine Prostituierte, die bei Sexspielchen mit einem stürmischen Freier gestorben war. Andere Zeitungen vermuteten, dass eine kriminelle Bande aus Köln dahinterstecken könnte. Laura kam das abwegig vor. Warum sollten die so weit fahren, um eine Leiche zu entsorgen? In der Umgebung von Köln gab es genug Seen, die schneller zu erreichen waren. Doch die Schlussfolgerung, die sich daraus ergab, verursachte ihr Unbehagen:
Trieb ein Psychopath mitten in Bonn sein Unwesen?
Das Telefonklingeln riss sie aus ihren düsteren Gedanken.
Eine Männerstimme mit leichtem Akzent, den sie nicht direkt zuordnen konnte, erkundigte sich, ob die Position als Detektiv noch frei sei. Laura hatte in den letzten Wochen mehrere Anzeigen in Zeitungen und Internetportalen aufgegeben, um Verstärkung zu finden. Die Resonanz war ernüchternd gewesen. Es hatten sich nur übergewichtige Rentner gemeldet, die nachts, wenn sie nicht schlafen konnten, gemütlich am Empfangstresen einer Firma hocken, Chips essen und fernsehen wollten. Doch dieser Mann, der sich als Marek Liebermann vorstellte, hörte sich vielversprechend an.
Erfreut lud sie ihn ein, vorbeizukommen.
***
Marek Liebermann war groß, athletisch und als er in Lauras Büro trat, schien er den ganzen Raum auszufüllen. Sie bot ihm einen Platz an und musterte ihn verstohlen. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein leicht amüsierter Gesichtsausdruck. An seinem Hals fiel ihr ein Lederband auf, das im Ausschnitt des weißen T-Shirts verschwand. Ob daran ein Anhänger befestigt war? Oder ein Ehering? An seinem Finger trug er jedenfalls keinen.
„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Dankend akzeptierte er ein Wasser und versuchte, seine großen Füße unter dem Tischchen zu platzieren.
„Sie interessieren sich für die Mitarbeit in meiner Detektei, haben Sie Erfahrung in diesem Metier?“
Marek lächelte und lehnte sich entspannt zurück. „Ich bin seit zwanzig Jahren in der Branche. Früher hatte ich eine eigene Detektei in Warschau. Vor zehn Jahren bin ich nach Deutschland gekommen und habe bei verschiedenen Agenturen gearbeitet. Wachschutz, Ermittlungen, Beschattungen, das ganze Programm.“
Laura fragte ihn nach Einzelheiten zu seinen beruflichen Stationen und sprach schließlich den letzten, heiklen Punkt an, die finanziellen Konditionen. Ein fürstliches Gehalt, wie er es vermutlich gewohnt war, konnte sie ihm nicht bieten, doch zu ihrem Erstaunen wurden sie sich schnell einig.
„Dann freue ich mich, dich in der Detektei Peters herzlich willkommen zu heißen, Marek. Auf eine gute Zusammenarbeit. Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass wir uns duzen?“ Laura erhob sich und schüttelte ihm die Hand.
„Natürlich. Ich freue mich auch.“ Marek grinste und sah sich in ihrem Büro um. Sein Blick blieb an ein paar Büchern hängen, die auf dem Schreibtisch zu einem Turm gestapelt waren. „Sherlock Holmes? Nur von den Besten lernen, hm?“
„Ich fand, es hätte eine gewisse Komik.“
Marek lachte. „Wenn man alles Unmögliche ausgeschlossen hat, muss die Wahrheit übrig bleiben, so unwahrscheinlich sie auch klingt. Das ist doch Sherlock Holmes, der das gesagt hat?“
Laura nickte.
„In der Theorie stimmt das natürlich.“ Er nahm eines der Bücher vom Schreibtisch und blätterte darin.
„In der Praxis nicht?“ Laura verschränkte die Arme und sah ihn amüsiert an.
„Doch, auch. Leider hat man nie alle Informationen vorliegen. Wenn nach dem Ausschlussverfahren eine unwahrscheinliche Lösung übrig bleibt, gibt es meiner Erfahrung nach meist eine Lösung, die man übersehen hat.“
„Alles eine Frage sorgfältiger Recherche.“
„Und Intuition und Einfühlungsvermögen. Die wahren Abgründe im Inneren eines Menschen lassen sich nicht recherchieren. Die musst du erspüren.“
„Du meinst Profiling? In den Kopf des Täters gehen, mit seinen Augen sehen, seine Gedanken fühlen?“
Marek nickte.
„Ich fürchte, dazu bin ich nur begrenzt in der Lage.“ Laura griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag, und hielt den Artikel über den Mord am Dornheckensee hoch. „Was ging in dem Täter vor, als er das Mädchen ermordete? Es wird vermutet, dass er sie vor ihrem Tod gequält und missbraucht hat. Bestimmt kriegt er nur einen hoch, wenn er die Qualen seines Opfers sieht. Ich kann das nicht nachempfinden. Es stößt mich zu sehr ab.“
Marek lachte. „Das ehrt dich, aber Vorbehalte und Schwarz-Weiß-Denken stehen einem bei unserer Arbeit nur im Wege. Die Einteilung in Gut und Böse ist irrelevant für die Suche nach dem Täter. Genauso das Mitleid mit dem Opfer. Es trübt deinen Blick. Du musst deinen Geist freimachen von Moralvorstellungen und sexueller Verklemmtheit. Es gibt nur die Bewertung, ob mir etwas Vergnügen und Lust bereitet oder ob es mich langweilt.“
„Ob es mir Vergnügen bereitet?“
„Ja, mir, dem Täter. Wenn ich in seinem Kopf bin und so denke wie er, bin ich der Täter.“
„Wird man da nicht irgendwann selbst zum Psychopathen?“
Marek lächelte sardonisch.
„Das kann passieren. Manch einer hat den Weg aus der Dunkelheit nicht wieder zurückgefunden.“ Einen Augenblick starrte er abwesend auf die Zeitung, dann wechselte er abrupt das Thema. „Haben wir schon einen Fall?“
Laura nickte und erzählte ihm bereitwillig von der ersten Klientin.
„Koscewskijs Adresse hast du also schon. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wovon er lebt und mit wem?“
„Genau. Das sollte nicht mehr allzu schwer sein. Wir können ihn morgen früh beschatten, dann werden wir sehen, wo er arbeitet.“
„Sofern er tagsüber arbeitet“, wandte Marek ein. „Für den Fall, dass er Schichtarbeit macht oder Nachtwächter ist, sollten wir uns bereits heute Abend auf die Lauer legen.“
„Stimmt, guter Punkt. Kannst du das übernehmen? Als erste Amtshandlung sozusagen?“
„Kein Problem.“ Marek sprang auf. „Ich mache mich gleich auf den Weg. Je schneller wir die Informationen haben, desto besser. Wir sehen uns morgen.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, Laura blieb allein in ihrem Büro zurück. Sie dachte über das Gespräch nach und fragte sich, ob Marek wohl immer den Weg aus der Dunkelheit zurückgefunden hatte.
3
Marek war zufrieden damit, wie der Termin verlaufen war und dass er den Job bekommen hatte. Erstaunlich, wie wenig Laura Peters von ihm hatte wissen wollen. Er hatte ihr das eine oder andere aus seiner beruflichen Laufbahn erzählt, bei keiner Gelegenheit hatte sie nachgebohrt. Seine Bewerbungsmappe hatte er dagelassen, doch darin waren nur wenige Unterlagen. Immerhin würden sie jeder Überprüfung standhalten.
Jedenfalls fürs Erste.
Sofern sie sich überhaupt die Mühe machte, weitere Nachforschungen anzustellen. Er hatte nicht den Eindruck gehabt, dass es sie sonderlich interessierte. Anscheinend hatte sie sich auf ihr Bauchgefühl verlassen, als sie ihm den Job gegeben hatte. Da hatte er Glück gehabt. Die kleine Detektei war perfekt für ihn.
Komplizierte Fälle würde es nicht geben, dafür genügend Freiraum für eigene Projekte.
Er lenkte seinen alten Fiesta durch den dichten Feierabendverkehr und wechselte die Spur, um schneller voranzukommen. Die Adresse in Tannenbusch, die Laura ihm genannt hatte, lag in einem der seelenlosen Wohnblocks im Norden von Bonn. Die Hochhäuser waren in den 70er-Jahren gegen den Wohnungsmangel und ohne Rücksicht auf Ästhetik aus dem Boden gestampft worden. Alle Wohnungen sahen von außen identisch aus, selbst die Gardinen hinter den Fenstern waren gleich schmutzig und vergilbt. Marek fuhr um den Block, um die Gegend zu erkunden. Viel zu viele Menschen lebten hier auf viel zu engem Raum, die meisten von ihnen ohne Arbeit und Perspektive. In manchen Ecken waren Schlägereien und Überfälle an der Tagesordnung. Eine Sprachenschule hatte im Internet ihre ausländischen Studenten sogar gewarnt und den Stadtteil als No-go-Area bezeichnet, was bei der Stadtverwaltung natürlich nicht gut angekommen war.
Marek parkte sein Auto und ging zu dem Hochhaus, in dem Józef Koscewskij wohnte. Während er überlegte, ob er bei einem von Koscewskijs Nachbarn läuten oder mit den Handflächen auf gut Glück alle Klingeln betätigen sollte, öffnete sich die Haustür. Ein Junge im ausgeleierten Bart-Simpson-T-Shirt trat heraus. Marek machte einen großen Schritt an ihm vorbei, um die Tür am Zufallen zu hindern, und betrat das streng nach Urin riechende Treppenhaus.
Der Junge blieb stehen. „Zu wem wollen Sie?“
Marek drehte sich um und blickte in ein schmales, sommersprossiges Kindergesicht. „Kennst du nicht, ein Bekannter von mir. Er wohnt noch nicht lange hier.“
„Der Mann, der vor ein paar Wochen eingezogen ist. Er wohnt direkt neben uns.“ Stolz sah er zu Marek auf.
„Ach, wirklich? Woher willst du wissen, wen ich meine?“
„Ganz einfach. Die meisten wohnen hier schon lange. Neue Leute ziehen nur selten her.“
„Verstehe. Kennst du ihn gut?“
„Nein. Aber ich habe ihm beim Einzug zugesehen. Warum wollen Sie das überhaupt wissen? Wir reden hier nicht gern mit Fremden. Das sagt mein großer Bruder immer. Wir halten unser Viertel sauber.“ Der Junge sah misstrauisch auf Mareks Schuhe.
„Da hat dein Bruder recht. Du solltest wirklich nicht mit Fremden reden.“ Marek nahm die nächsten zwei Stufen, da hörte er den Kleinen wieder.
„Was wollen Sie von dem Koscewskij?“
Marek zuckte die Schultern.
„Ich kann ihn in seiner Wohnung hören.“
Marek setzte seinen Weg fort.
„Er weint.“
Die Worte hallten durch das Treppenhaus.
Marek blieb stehen. „Wann war das?“
„Letzte Nacht. Er hat lange geweint. Mein Bett steht direkt an der Wand neben seiner Wohnung.“
„Kommt das öfter vor?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Nein, nur letzte Nacht. Ansonsten ist er ruhig. Kein Fernsehen. Keine Musik. Vielleicht weint er diese Nacht wieder?“
Marek gewann den Eindruck, dass dem Kleinen jemand fehlte, der ihm zuhörte und sich für ihn interessierte. Er bettelte geradezu nach Aufmerksamkeit. „Junge, das kann schon mal vorkommen, dass jemand weint. Es ist nichts Besonderes. Mach dir keine Gedanken.“
„Sie weinen bestimmt nicht. Und mein Bruder weint auch nicht. Selbst wenn er vom Freund meiner Mutter Dresche kriegt. Keinen Mucks tut er.“
Marek fühlte sich angesichts so viel Offenheit unbehaglich. Er wollte nicht in die häuslichen Probleme des Jungen hineingezogen werden, dazu war jetzt keine Zeit. „Machs gut, Junge, ich habe zu tun.“
Er stieg endgültig die Stufen hinauf.
Koscewskijs Wohnung lag im siebten Stock, der Flur war leer. Hinter einigen Türen waren Geräusche zu hören, Geklapper von Geschirr, Fernsehlärm, allerdings keine Stimmen.
Redeten die Leute nicht miteinander?
Marek schlich zur Tür von Koscewskijs Wohnung und wollte sein Ohr dagegen pressen, als sich von drinnen schnelle Schritte näherten. Gerade noch konnte er zur Seite springen und sein Gesicht in den Schatten drehen, da wurde die Tür aufgerissen. Ein Mann kam eilig heraus, schloss, ohne ihn weiter zu beachten, hinter sich ab und verschwand in Richtung Treppenhaus. Marek folgte ihm in großem Abstand. Als er aus der Haustür trat, überquerte Koscewskij bereits in einiger Entfernung die Straße. Plötzlich stand der blonde Junge wie aus dem Boden gewachsen da.
„Verfolgen Sie den Koscewskij?“
„Geh aus dem Weg.“ Marek wollte sich an ihm vorbeidrängeln, dann sah er den verletzten Ausdruck in den Augen des Jungen. „Du solltest nicht hier draußen herumlungern“, fügte er etwas freundlicher hinzu.
Dann rannte er los, ohne sich noch einmal umzusehen.
Die Fahrt ging durch die Bonner Innenstadt, wo dichter Verkehr herrschte, dann bog Koscewskij auf die Südbrücke ab. Marek verringerte den Abstand, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Mittlerweile war es fast dunkel, die Silhouette des Siebengebirges auf der anderen Rheinseite war nur noch zu erahnen. Koscewskij nahm die Schnellstraße nach Königswinter und fuhr einige Minuten später in Bad Honnef ab. Im Vorbeifahren registrierte Marek die hochherrschaftlichen Häuser, imposanten Villen und großen Parks.
Hier wohnte die reichere Klientel des Städtchens.
Koscewskij hielt vor einem Grundstück, das von einer hohen Betonmauer umgeben war. Videokameras und Scheinwerfer waren in regelmäßigen Abständen angebracht, das Anwesen strahlte den Charme eines Hochsicherheitstraktes aus. Der Besitzer legte offensichtlich großen Wert auf seine Privatsphäre.
Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, fuhr Marek mit unveränderter Geschwindigkeit an Koscewskijs parkendem Wagen vorbei. Hinter der nächsten Kurve bog er ab, stellte das Auto an den Straßenrand und lief zurück. Koscewskij hatte sein Fahrzeug verlassen und stand im grellen Lichtkegel zweier Scheinwerfer vor dem Eisentor. Er betätigte immer wieder die Klingel, doch niemand öffnete. Plötzlich geriet er in Rage und schlug die Fäuste mehrmals hart gegen das Portal. Dann taumelte er rückwärts, schaute direkt in die über ihm angebrachte Kamera und schrie:
„Du Dreckschwein! Mach endlich auf! Ich weiß, dass du da drin bist! Ich kriege dich! Du entkommst mir nicht!“
4
Es war dunkel geworden. Laura saß immer noch an ihrem Schreibtisch. Das grelle Licht des Monitors, die einzige Lichtquelle im Raum, schmerzte in ihren Augen. Sie knipste die Leselampe an und stützte den Kopf auf die Hände. Vor ihr stapelte sich ein Berg mit Rechnungen. Notar, Handelsregister, IHK, Kaution, Miete, Strom, Einrichtung, und, und, und.
Laura atmete tief durch, streckte ihren Rücken und sortierte die bearbeiteten Papiere auf einen separaten Haufen. Ein sachtes Klopfen an der Fenstertür ließ sie aufschrecken. Als sie das Gesicht ihrer lächelnden Freundin erkannte, riss sie erfreut die Tür auf.
„Bärbel.“
„Wusste ich doch, dass du noch fleißig bist. Aber du solltest es am ersten Tag nicht übertreiben. Komm, ich habe Sekt mitgebracht, wir stoßen auf deine Karriere und dein neues Leben an.“
Barbara zog eine Flasche aus ihrer großen Schultertasche und trat in Lauras Büro.
„Schön, dass du mich besuchen kommst. Setz dich, ich hole uns zwei Gläser.“
Als Laura ins Büro zurückkam, sah sie, dass ihre Freundin sich umsah und sie dann kritisch musterte.
„Was hast du mit deinen Haaren gemacht? Selbstkasteiung? Oder hast du eine Wette verloren?“
„Das ist praktischer.“ Laura presste die Lippen aufeinander.
„Praktischer? Wenn du meinst. Aber es geht dir gut, oder? Das Thema Hendrik ist endgültig abgeschlossen?“
„Klar. Sag mir lieber, wie du mein neues Reich findest?“
Barbara schaute Laura einen Augenblick prüfend an, dann entschloss sie sich, auf den Themenwechsel einzugehen.
„Sehr schön. Noch ein bisschen kahl, aber das ändert sich sicher bald. Mir gefällt der Schreibtisch. Sehr modern.“
„Vielen Dank. Ja, es ist noch viel zu tun. Aber ich muss jetzt erst mal Geld verdienen, sonst sind die Rücklagen schnell aufgezehrt. Heute ist es gut gelaufen. Ich habe den ersten Auftrag bekommen und einen Mitarbeiter gefunden.“
Die beiden nippten an ihrem Sekt, sie hatten die Sandalen abgestreift und die nackten Füße auf den Tisch gelegt. Eine angenehme Brise wehte durch die Terrassentür herein.
„Worum geht es in deinem Fall? Mord und Totschlag?“
„Natürlich nicht. Solche Aufträge nehme ich nicht an. Aber ich kann dir keine Details erzählen. Wenn ich in den Ruf komme, über meine Fälle zu reden, kann ich den Laden gleich wieder dichtmachen.“
„Ist klar. Obwohl, neugierig bin ich schon.“
„Das verstehe ich. Übrigens, hast du von dem toten Mädchen im Dornheckensee gelesen?“
„Ja, schrecklich. Ob sie aus Bonn stammt?“
„Wohl kaum, sonst hätte man sie doch längst identifiziert.“
„Wer weiß? Es gibt viele Illegale in der Stadt, die im Verborgenen leben. Wer ihr das wohl angetan hat?“
Laura zuckte die Schultern. „Ein Perverser. Sie werden ihn hoffentlich bald finden. Es ist ein unangenehmer Gedanke, ihn auf freiem Fuß zu wissen.“
„Das arme Mädchen.“ Barbara senkte den Kopf und fuhr mit dem Finger über den Rand des Glases. „Keinen interessiert es, wer sie war. Alles, was man von ihr in Erinnerung behalten wird, ist, was ihr Mörder ihr angetan hat.“
„Ja, Liebende werden durch den Tod getrennt, Opfer und Täter auf ewig miteinander verbunden. Das ist perfide.“
„Etwas pathetisch formuliert, aber leider richtig.“
Laura nickte und starrte nachdenklich auf ihr Glas. Schweigen breitete sich aus und lastete schwer wie eine Decke. Auf der Straße lachten ein paar Jugendliche, das brach den Bann.
„Jetzt lass uns nicht trübsinnig werden. Heute ist dein großer Tag, den sollten wir feiern. Erzähl mir von deinem Detektiv. Wie sieht er aus? Was für ein Typ ist er? Sag bitte nicht, dass du einen Rentner mit Bierbauch eingestellt hast.“
„Beworben haben sich jedenfalls genug. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, jemand Vernünftiges zu finden. Zum Glück hat sich Marek gemeldet. Seine Pensionierung ist noch in weiter Ferne. Allerdings scheint er eher ein Einzelgänger zu sein, der gerne seine eigenen Entscheidungen trifft.“
„Also ganz anders als du.“ Aus Barbaras Worten war die Ironie nicht zu überhören.
„Du hast ja recht.“ Laura lachte. „Ich bin auch nicht der geborene Teamworker. Aber wenn der Laden laufen soll, müssen wir zusammenarbeiten. Ich bin gespannt, ob es funktioniert.“
„Du machst dir zu viele Gedanken. Entspann dich, es wird schon klappen. Und wenn nicht, suchst du dir einfach einen anderen Detektiv. Sieht er gut aus? Wäre doch schön, wenn du mal wieder auf andere Gedanken kämest.“
„Was redest du da? Er ist sympathisch, aber irgendwelche emotionalen Geschichten sind das Letzte, woran ich zurzeit denke. Ich möchte die Agentur ans Laufen bringen. Alles andere ist sekundär.“ Sie holte tief Luft und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: „Außerdem glaube ich nicht, dass er der Typ für eine feste Beziehung ist.“
Barbara lachte laut auf. „Dann passt ihr gut zusammen. Du willst ja seit dem Desaster mit Hendrik auch keine feste Bindung mehr. Ich freue mich schon darauf, ihn kennenzulernen. So, meine Liebe, ich muss los.“
Sie sprang auf, schlüpfte in ihre Sandalen und schwang sich die reich verzierte Tasche über die Schulter. An der Verandatür drehte sie sich um.
„Ich kenne jemanden, der dich bei dem organisatorischen Kram unterstützen könnte. Eine junge Frau, eher der ungewöhnliche Typ, mit vielen nützlichen Fähigkeiten. Du kannst sie dir ja mal anschauen. Ich schicke sie dir morgen vorbei. Und lass deine Haare wieder wachsen.“
5
Marek verfolgte Koscewskij seit Stunden.
Nach dem Wutausbruch vor der Villa in Bad Honnef hatte Koscewskij sich in sein Auto gesetzt und war kreuz und quer durch die Gegend gefahren. Marek hatte den Eindruck, dass er sich erst klar werden musste, was er als Nächstes tun sollte. Schließlich fuhr er auf die Autobahn Richtung Köln und dreißig Minuten später stellte er sein Fahrzeug in der Parkgarage unter dem Dom ab.
Marek folgte ihm in die zwielichtigen Gässchen des Viertels hinter dem Hauptbahnhof. Eine Spelunke reihte sich an die andere, in dunklen Ecken wurden Drogen verkauft und Prostituierte boten ihre Dienste an. Koscewskij steuerte eine Kneipe an, schaute kurz in den Gastraum und setzte dann seinen Weg fort zur nächsten Schenke. Marek überlegte, ob er den Besitzer der Hochsicherheits-Villa suchte. Allerdings war es schwer vorstellbar, dass die Gestalten, die sich hier herumtrieben, solche Häuser besaßen.
Inzwischen waren sie bis zum finsteren Herz des Viertels vorgedrungen. Marek hatte Gerüchte gehört, dass dieser Ortsteil fest in krimineller Hand war und dass sogar die Polizei einen Bogen darum machte. Koscewskij schien das nicht zu stören. Ohne zu zögern, öffnete er die Tür der berüchtigtsten Kneipe der Stadt. Und dieses Mal kam er auch nicht gleich wieder heraus.
Marek seufzte, dann stürzte er sich in die Nacht.
IV. Polen, Ende April 1940
Es war sein Geburtstag. Er war dreizehn geworden, aber er fühlte sich schon lange wie ein Erwachsener. Von seinem Vater und von den Brüdern, die in den Krieg gezogen waren, hatten sie seit letztem September nichts mehr gehört. Er vermied es, darüber nachzudenken. Solange sie fort waren, kümmerte er sich um die Familie.
Es war das erste Mal, dass es an seinem Geburtstag keinen Kuchen gab. Seit die Deutschen einmarschiert waren, war es schwer, an Butter, Zucker oder Eier zu kommen. Mutter hatte deswegen geweint. Das war ihm peinlich gewesen. Er brauchte keinen Kuchen. Jetzt war Krieg, da musste man auf vieles verzichten.
Die Deutschen sind Bestien, sagte seine Mutter immer.
Es gab furchtbare Geschichten, die nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wurden. Von Erschießungen im Wald und von Leuten, die zum Arbeiten nach Deutschland verschleppt wurden. Jeder ab vierzehn Jahre war verpflichtet, sich zur Arbeit zu melden. Doch seit es die Gerüchte gab, wie die Menschen behandelt wurden, ging die Angst um. Viele versuchten, unterzutauchen. Militärtrupps zogen durch die Straßen und jeder, der halbwegs arbeitsfähig aussah, wurde aufgegriffen und mitgenommen. Eigentlich glaubte er das alles nicht, es war einfach zu schrecklich, um wahr zu sein. Trotzdem ging er den Deutschen aus dem Weg. Ab und zu sah er sie in ihren Militärautos vorbeifahren, in schneidigen Uniformen und mit geradeaus gerichtetem Blick, viele mit den kleinen Schnurrbärten unter der Nase. Sie sahen aus wie echte Sieger, insgeheim wünschte er sich sogar manchmal, zu ihnen zu gehören.
Es war ein sonniger Tag und er war mit seiner Schwester Zula unterwegs. Sie hatte sich nicht abwimmeln lassen, an seinem Geburtstag hatte sie ihn unbedingt begleiten wollen. Obwohl sie Zwillinge waren, hatten sie an verschiedenen Tagen Geburtstag. Er war eine Viertelstunde vor Mitternacht geboren worden, sie eine halbe Stunde später am nächsten Tag. Der Frühling hatte die Landschaft mit zartem Grün überzogen, es wehte ein laues Lüftchen und endlich war es nicht mehr so kalt. Er hatte seine Wollstrümpfe heruntergerollt und fühlte die Sonne warm auf den nackten Beinen. Krieg, Angst und Hunger schienen weit weg zu sein.
Sie wanderten über die Wiese zum Waldrand und achteten darauf, dass sie von der Straße aus nicht gesehen werden konnten. Es war seine Idee gewesen, in den Wald zu gehen, um nach Kräutern zu suchen. Wenn es schon keinen Kuchen gab, sollte ihm seine Mutter wenigstens am Abend eine leckere Suppe zubereiten. Er war fest entschlossen, erst dann den Heimweg wieder anzutreten, wenn sie ihre Beutel gefüllt hatten. Zula hatte seine Hand genommen und je tiefer sie in den Wald vordrangen, umso ängstlicher drückte sie sie.
Plötzlich sahen sie das Reh.
Es stand ruhig auf einer Lichtung und schien sie nicht bemerkt zu haben. Aufgeregt hatte er Zula ein Zeichen gemacht, dass sie nur ja keinen Laut von sich gab. Fleisch hatten sie schon lange nicht mehr gegessen. Natürlich war es verboten, Tiere zu jagen. Das war den Deutschen vorbehalten. Aber der Hunger brachte die Menschen dazu, die Regeln zu missachten und zu wildern, auch wenn sie damit ihr Leben riskierten. Im Wald und in der Umgebung des Dorfes gab es deshalb kaum noch Wildtiere. Auch keine Hunde und Katzen. Aufgeregt stellte er sich vor, was seine Mutter sagen würde, wenn er einen solchen Braten mit nach Hause brächte. Sie würden genug zu essen haben für die nächsten Wochen. Aber wie konnte er das Reh fangen?
Das Verhängnis kam ohne Vorwarnung.
Später hatte er immer wieder darüber nachgedacht, ob etwas zu hören oder zu sehen gewesen war, was sie beide hätte warnen können. Aber er war zu sehr auf das Reh fixiert gewesen. Plötzlich hatte sich eine Hand in seine Schulter gekrallt. Eine Hand, die viel zu hart zugriff und die nicht mehr losließ. Sie waren wie erstarrt gewesen. Voller Panik hatten sie aufgeblickt und in eine rotbackige Fratze mit bösartigem Grinsen gesehen.
Der Rest war in seiner Erinnerung zu einem beängstigenden Chaos zusammengeschmolzen. Dunkel erinnerte er sich an den Transporter, in dem sich angstvoll schweigende Menschen gedrängt hatten. Seine Schwester war von ihm getrennt worden, er hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Dann stand er vor einem Schreibtisch mit spiegelblanker Oberfläche, dahinter ein dicker Offizier in Uniform, der in einem Register blätterte. Dessen Worte hatte er nicht verstanden, aber neben ihm hatte ein dünner Mann mit ausgefranstem Schnurrbart und schlechten Zähnen gesessen. Den hatte er verstanden.
„Du wolltest wohl wildern? Das ist ein schlimmes Verbrechen. Aber jetzt gehst du arbeiten. Bist schon groß genug. Wir schicken dich nach Deutschland.“
Er hatte verzweifelt gerufen, dass er noch zu jung war, erst dreizehn, keine vierzehn, aber als Antwort kam nur: „Bist groß genug.“
Immer wieder hatte er nach seiner Mutter gefragt, er müsse doch seine Sachen holen, sich verabschieden, sie mache sich doch Sorgen. Aber der Dünne hatte nur gelacht.
„Wir kümmern uns um alles.“
Als Nächstes erlebte er qualvolle Enge und wildes Gedränge, zuerst in einem umzäunten Hof, der in der Nacht taghell erleuchtet war, dann in einem stinkenden Viehwaggon. Hunger, Durst, Erschöpfung und Angst, Angst, Angst!
Irgendwann stand er in einer sternenklaren, kalten Nacht auf einem Bahnsteig in Deutschland, zusammen mit müden, eingeschüchterten Gestalten, umringt von schreienden Männern in Uniformen.
Als er auf die Jacke sah, die sie ihm gegeben hatten, leuchtete ihm ein lilafarbenes P auf einer gelben Raute entgegen.
V. Bad Godesberg, Dienstag, 5. August 2014
1
Laura saß seit einer halben Stunde am Computer und suchte nach Informationen über Koscewskij. Mehrfach war sie auf den Hinweis gestoßen, dass im Register des Heimatkundemuseums Unterlagen zu dem Namen zu finden seien. Dazu musste sie jedoch vor Ort recherchieren, da die Daten noch nicht digitalisiert waren. Laura machte sich eine Notiz.
Ob Marek etwas herausgefunden hatte? Nachdem Barbara gestern Abend gegangen war, hatte er kurz angerufen. Er war mitten in der Verfolgung von Koscewskij gewesen und hatte nicht viel sagen können. Seitdem hatte er sich nicht mehr gemeldet und Laura fragte sich, wann er wohl auftauchen würde.
Als es an der Tür klingelte, sprang sie auf, lief in den Vorraum und riss erwartungsvoll die Tür auf. Doch vor ihr stand nicht Marek, sondern eine junge Frau mit langen Haaren und dunklen Augen. Wie die meisten Mädchen heutzutage trug sie enge Jeans, T-Shirt und eine Hoody-Jacke.
Laura lächelte fragend. „Ja bitte?“
Das Mädchen sah sie prüfend an und sagte mit heiserer Stimme: „Guten Morgen. Barbara schickt mich. Sie meinte, ich könnte bei Ihnen ein Praktikum machen.“
Laura riss erstaunt die Augen auf, dann schaute sie sich das Mädchen genauer an. „Wie nett, dass Sie so früh vorbeikommen. Ich suche tatsächlich jemanden, der mich unterstützt. Aber vorher sollten wir uns unterhalten. Kommen Sie herein.“
Sie vertraute Barbaras Menschenkenntnis, doch sie wollte dem Mädchen selbst auf den Zahn fühlen. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war eine Praktikantin, die sie nur von der Arbeit abhielt.
„Mein Name ist Gilda Lambi, ich bin zwanzig Jahre alt.“
„Freut mich. Laura Peters, mir gehört die Detektei. Erzählen Sie mir etwas über sich. Welche Ausbildung haben Sie? Wo haben Sie bisher gearbeitet?“
„Gern.“ Die Stimme irritierte Laura, sie wollte so gar nicht zu dem anmutigen Wesen passen. „Ich habe meinen Realschulabschluss vor drei Jahren gemacht und danach meinen Eltern ein Jahr lang im Restaurant geholfen. Mit achtzehn bin ich von zu Hause ausgezogen und habe gejobbt als Verkäuferin, im Barservice, alles Mögliche. Letztes Jahr bin ich dann nach Ibiza gegangen und habe dort in den Strandklubs als Zumba-Trainerin gearbeitet. Das war nicht schlecht. Auch von der Kohle her. Aber mein Vater ist vor einem halben Jahr sehr krank geworden, deshalb bin ich nach Deutschland zurückgekommen. Ich wohne jetzt wieder bei meinen Eltern, gleich hier um die Ecke. Es wäre echt praktisch, wenn ich den Job bekäme.“
Laura war einen Augenblick sprachlos. Das war wohl eher das Gegenteil eines lückenlosen, geradlinigen Lebenslaufs. Konnte sie so ein Mädchen hier arbeiten lassen? Wer weiß, ob sie überhaupt regelmäßig kommen würde. Womöglich ließ sie noch etwas mitgehen. Laura hatte wenig Lust, ständig ihre Handtasche wegschließen zu müssen, nur weil sie Barbara einen Gefallen tun wollte. „Können Sie mit Computern umgehen?“
„Natürlich. Am Computer kann ich fast alles. Was Sie wollen. Auch hacken.“ Gilda sah Laura mit ihren großen Kinderaugen an, als könne sie kein Wässerchen trüben.
„Das wird wohl kaum nötig sein“, entgegnete Laura hastig. „Wir halten uns hier an die Gesetze. Haben Sie ihre Unterlagen dabei? Ich meine Zeugnisse und Lebenslauf?“
Gilda schüttelte den Kopf „Nein, die habe ich bisher nie gebraucht. Mein Zeugnis von der Realschule könnte ich Ihnen kopieren. Da steht aber nicht viel drin, meine Noten waren nicht sonderlich gut. Barbara meinte, das wäre ok für Sie, Sie wären da nicht so formal.“
Laura schluckte. Was war bloß mit Barbara los? Sie war doch sonst immer so vorsichtig, alles musste sie x-mal prüfen, immer musste alles korrekt sein. Und jetzt schickte sie ihr diese Streunerin und erwartete, dass sie ihr einen Job gab.
In diesem Augenblick klopfte es laut an der Tür und schon stand Marek mitten im Büro. Er trug dieselben Sachen wie gestern, Militärjacke und Jeans, war aber frisch rasiert. Also war er nicht nur die ganze Nacht hinter Koscewskij hergejagt, sondern hatte es auch irgendwann nach Hause geschafft.
„Komm doch herein“, sagte Laura trocken.
Marek zwinkerte ihr zu, er hatte den Wink verstanden. „Guten Morgen, die Damen. Störe ich?“
„Nein, bleib ruhig, dann kann ich euch gleich miteinander bekanntmachen. Das ist Gilda Lambi. Sie interessiert sich für eine Stelle bei uns. Gilda, das ist Marek Liebermann, er ist unser zweiter Detektiv.“
Die beiden musterten sich kurz, Marek zeigte dabei freundliches Interesse, das Mädchen scheue Zurückhaltung.
„Freut mich. Willkommen bei uns.“ Marek streckte ihr die Hand zur Begrüßung hin, zuckte aber zusammen, als sie mit ihrer rauen Stimme antwortete.
„Danke. Super, dass ich hier mitarbeiten kann. Ich stelle es mir unheimlich spannend vor.“
Laura, die das Kennenlernen der beiden amüsiert beobachtet hatte, schreckte auf. Sie hatte sich doch noch gar nicht entschieden. Aber Marek hatte viel Erfahrung in der Branche und bestimmt einen guten Blick für Menschen. Sie entschloss sich, seinem Urteil zu vertrauen.
„Also schön, Gilda. Wir fangen probeweise an, um zu sehen, wie es klappt. Dein Arbeitsplatz ist im Vorraum. Wenn du möchtest, kannst du heute anfangen.“
„Toll.“ Gilda freute sich sichtlich. „Ich muss allerdings vorher noch ein paar Sachen erledigen. Am besten düse ich gleich los, umso schneller bin ich zurück.“
Laura und Marek lachten über ihren Eifer und winkten ihr zum Abschied hinterher.
Laura drehte sich zu Marek um und sah ihn mit gespielter Strenge an. „Du warst etwas voreilig. Ich hatte mich noch gar nicht entschieden, sie einzustellen.“
Marek zuckte mit den Schultern. „Wirklich? Ich hatte den Eindruck, ihr wäret euch schon einig gewesen. Sie ist eine gute Wahl, sieht hübsch aus, das wird den Klienten gefallen. Dumm ist sie auch nicht und mit der Stimme wird sie sich überall durchsetzen.“
Laura lachte. „Ja, ihre Stimme ist bemerkenswert. Mit den Rehaugen sieht sie aus wie ein Engelchen, aber wenn sie den Mund aufmacht, ist der Eindruck wie weggeblasen. Probieren wir es mit ihr. Doch jetzt zu unserem Fall, hast du gestern etwas herausfinden können?“
Marek nickte. „Augenblick, ich hole mir schnell einen Kaffee, ich hatte noch kein Frühstück. Dann erzähle ich dir alles. Möchtest du auch einen?“
„Gute Idee, gerne.“
Kurz darauf saßen die beiden mit ihren dampfenden Tassen in Lauras Büro, Laura hinter dem Schreibtisch, Marek in einem Sessel davor.
„Vor welchem Haus hat Koscewskij randaliert? Hast du die Adresse?“
„Natürlich.“ Marek zog einen zerknitterten Zettel aus der Tasche, den er lässig auf den Tisch warf.
„Merkwürdig, dass niemand reagiert hat, obwohl er vor dem Tor herumbrüllte. Vielleicht war wirklich keiner zu Hause.“
„Doch, ich bin mir sicher, dass jemand da war. Vielleicht nicht die Besitzer der Villa, aber die Security-Typen waren auf dem Posten. Ich habe gesehen, wie sich die Kameras über dem Tor bewegt haben, die wurden manuell von drinnen gesteuert.“
„Warte, ich schaue im Computer nach, wer da wohnt.“ Laura tippte die Angaben von Mareks Zettel ein. „Wilhelm Hammerstein zu Wartenberg. Was für ein Name. Ich glaube, den habe ich schon mal gehört.“ Laura spielte nachdenklich mit ihrem Kuli herum. „Sagt dir der Name etwas?“
Marek schüttelte den Kopf.
„Macht nichts. Ich werde das recherchieren. Oder Barbara fragen. Die kennt Gott und die Welt.“
„Barbara?“ Marek hob fragend eine Augenbraue.
Laura lächelte leicht verlegen. „Meine Freundin. Sie hat uns Gilda geschickt. Ich weiß, wir sollten private Kontakte nicht in unsere Arbeit hineinziehen. Das bringt nur Ärger.“
„Das sehe ich anders. Informationen sind unser Geschäft. Es ist egal, woher sie kommen. Beziehungen hat man oder man hat sie nicht. Aber wenn man sie hat, sollte man sie auch nutzen.“
„Ok, ich rede mit ihr. Doch zurück zum gestrigen Abend, was hat Koscewskij im Bahnhofsviertel gesucht? Drogen?“
Marek zuckte die Schultern. „Das glaube ich nicht, die gab es da an jeder Straßenecke. Ich bin ihm kreuz und quer durch die miesesten Kneipen gefolgt. Meiner Meinung nach hat er nach einer Person Ausschau gehalten.“
Laura nippte an ihrem Kaffee, Marek betrachtete sie abwartend.
„Eigentlich kann es uns egal sein, warum er in Köln war. Wir müssen herausfinden, womit Koscewskij sein Geld verdient. Seine Geliebte haben wir auch noch nicht gefunden. Könntest du ihn weiter beschatten? Ich werde mich um die Internet-Recherchen kümmern, zum Beispiel möchte ich mehr über diesen Karl Wilhelm Von-und-Zu erfahren, vielleicht arbeitet Koscewskij für ihn.“
Marek deutete ironisch einen militärischen Gruß an. „Zu Befehl, Chefin. Ich melde mich von unterwegs.“
Laura lachte und scheuchte ihn mit einer Handbewegung aus ihrem Büro.
***
Wilhelm Hammerstein zu Wartenberg war ein bekannter Mann, die Suche im Internet ergab unzählige Fundstellen. Laura klickte zuerst durch die Bilder. Hammerstein war ein älteres Semester, immer noch attraktiv, mit scharf geschnittener Nase und kantigem Kinn. Er schien häufig Wohltätigkeitsveranstaltungen zu besuchen und dabei meistens im Mittelpunkt zu stehen. Jetzt wusste sie auch wieder, woher sie den Namen kannte. Die örtliche Tageszeitung berichtete gerne und regelmäßig über ihn. Dann schaute sie sich die Liste der Artikel an. Es waren vor allem Gesellschaftsnachrichten, die sie vorerst nicht interessierten. Dann fand sie einen Bericht über Hammerstein und seine Familie, der vor fünf Jahren erschienen war. Überrascht stellte Laura fest, dass er bereits 87 Jahre alt war.
Das hätte sie beim Betrachten der Fotos nicht gedacht, er wirkte so durchtrainiert und fit.
Überschwänglich lobte der Bericht Hammersteins Verdienste für das Allgemeinwohl. Er hatte Spenden in nennenswerter Höhe für alle möglichen Projekte aufgetrieben und eine beträchtliche Summe aus der eigenen Tasche für das Heimatkundemuseum gestiftet. Als Erbe einer erfolgreichen Unternehmerfamilie, die im 19. Jahrhundert die Wartenberg Gruppe gegründet hatte, konnte er sich das leisten. Die Tochterfirmen der Wartenberg Holding hatten Steinabbau und Metallverarbeitung betrieben und vielen Menschen in der Bonner Region Arbeit und eine Lebensgrundlage gegeben. Wilhelm Hammerstein Wartenberg hatte sich vor fünfzehn Jahren aus dem Wirtschaftsleben zurückgezogen, daraufhin war die Unternehmensgruppe umorganisiert worden. Er hielt zwar Anteile an den Firmen, persönlich widmete er sich aber nur noch gesellschaftlichen Aktivitäten und Projekten.
In einem Artikel, der als Homestory aufgezogen war, las Laura, dass Hammerstein viele Schicksalsschläge hatte hinnehmen müssen. Die Schwester, an der er sehr gehangen hatte, war früh ums Leben gekommen, seine Eltern wenige Jahre darauf gestorben. Er hatte spät geheiratet, mit über fünfzig. Seine Ehefrau war von zarter Konstitution gewesen und kurz nach der Geburt des einzigen Sohnes war er bereits zum Witwer geworden. Geheiratet hatte er nicht wieder. Der schwärmerisch-schmalzige Ton, in dem der Beitrag geschrieben war, ging Laura zunehmend auf die Nerven.
Am Ende des Textes gab es ein Foto von der Familie. Laura zoomte das Bild näher, um Hammersteins Frau zu betrachten. Sie war sehr schmal und das schlichte, teuer aussehende Kleid hing an ihr wie ein trauriges Fähnchen. Ein Lächeln hatte sie kaum zustande gebracht. Hammerstein wirkte neben ihr geradezu aggressiv männlich. Mit leichtem Widerwillen betrachtete Laura die Gutsherrenpose mit herrisch vorgeschobenem Kinn und in die Hüfte gestütztem Arm. Den anderen Arm hatte er besitzergreifend um seine zarte Frau gelegt, die unter dem Gewicht fast zusammenzubrechen schien. Vor den beiden stand ein Junge von zehn oder zwölf Jahren, unverkennbar der Sohn.
Von wegen ‚die Frau ist kurz nach der Geburt des Sohnes gestorben', dafür ist der Junge aber ziemlich groß.
Es ärgerte Laura, wenn ein Journalist einfach alles niederschrieb, was ihm erzählt wurde, ohne nachzuprüfen, ob es plausibel war. Sie sah nach: Eine Frau hatte den Artikel geschrieben. Vermutlich hatte sie Hammerstein angeschwärmt und sich bei ihm beliebt machen wollen. Warum ließen sich manche Frauen nur so leicht ausnutzen? Aber sie war ja nicht besser gewesen. Was hatte sie für Purzelbäume veranstaltet, nur um Hendrik zu gefallen. Scham brandete in ihr auf.
Bloß nicht daran denken, sonst war der Tag gelaufen.
2
Marek hatte sich beim Bäcker mit belegten Brötchen und Eistee eingedeckt und sich dann auf seinen Posten vor Koscewskijs Haus begeben. Bisher hatte er noch nichts von ihm gesehen. Kein Wunder, Koscewskij war letzte Nacht bis in die frühen Morgenstunden unterwegs gewesen, der schlief sich bestimmt erst mal aus.
Marek biss in ein Sandwich mit Remoulade, Ei und Käse und checkte mit gerunzelter Stirn seine Nachrichten auf dem Smartphone. Eine sprang ihm direkt ins Auge. Sie war bereits gestern Abend um kurz nach neun Uhr eingegangen:
Kontakt zu Maria abgebrochen / letzte Info: Übergabe der Mädchen 23:00 Parkplatz Dornheckensee bei Bonn / bitte unbedingt eingreifen!
Ihm war, als hätte er einen Knüppel über den Kopf bekommen. Wie hatte er die Nachricht übersehen können? Er hatte gestern Abend sein Handy leise gestellt, um sich bei der Überwachungstour nicht durch ein Klingeln zu verraten. Und jetzt war alles zu spät. Was sollte er tun? Auch wenn es keinen Sinn mehr machte, er musste sofort los. Vielleicht konnte er auf dem Parkplatz wenigstens noch einen Hinweis finden.
Eilig steckte er sein Brot zurück in die Tüte. Als er das Auto anlassen wollte, sah er aus dem Augenwinkel eine Bewegung hinter den Büschen. Der neugierige Junge von gestern, der kam ihm wie gerufen. Marek sprang aus dem Wagen und lief auf das Gebüsch zu.
„Hallo, du, komm mal her. Ich sehe dich, komm da raus.“
Vorsichtig lugte das schmale Gesicht hinter den Blättern hervor.
Marek fiel auf, wie blass der kleine Kerl war. Und wie mager. Aber vielleicht war das normal in dem Alter.
„Jetzt komm schon. Ich tu dir nichts. Es ist mir auch egal, dass du die Schule schwänzt. Geht mich nichts an.“
„Was wollen Sie?“ Der Junge näherte sich misstrauisch, ständig auf der Hut davonzulaufen.
„Du kannst mir einen Gefallen tun. Ich brauche deine Hilfe.“ Gestern war der Junge doch so zutraulich gewesen? Marek versuchte, seine Gereiztheit zu unterdrücken.
„Was soll ich denn machen?“
„Du hast dir bestimmt schon gedacht, dass ich ein Detektiv bin. Ich brauche jetzt jemanden, der mich unterstützt und ein bisschen die Augen aufhält. Und da hatte ich an dich gedacht. Kannst du das für mich tun?“
Der Junge nickte eifrig, sein Gesicht rötete sich vor Aufregung. „Ich bin super als Detektiv. Das will ich nämlich später auch mal werden. Total cool. Was soll ich tun?“
Marek beugte sich zu ihm herunter und sprach in vertraulichem Ton weiter. „Das ist absolut geheim. Du darfst keinem verraten, dass du für mich arbeitest, in Ordnung? Kannst du das?“
„Klar.“ Der Junge setzte eine ernste Miene auf, konnte aber seine Neugier und seinen Stolz nicht ganz verbergen.
„Könntest du ein Auge auf deinen Nachbarn Koscewskij haben? Sag mir bitte sofort Bescheid, wenn er seine Wohnung verlässt. Dann rufst du mich an, ok? Warte, ich schreibe dir meine Nummer auf. So, hier, aber nicht verlieren. Wie heißt du überhaupt?“
„Justin.“
Natürlich. „Ok, Justin, ich bin Marek. Also, du rufst mich sofort an, wenn Koscewskij aus seiner Wohnung kommt oder wenn er Besuch bekommt. Alles klar?“
Diesmal schüttelte Justin den Kopf. „Ich hab' kein Handy“, murmelte er verschämt.
Marek war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass heutzutage jedes Kind mit einem Handy herumlief. Selbst in dieser Gegend.
„Hast du einen Freund, der eines hat und es dir leihen kann?“
Justin schüttelte wieder den Kopf, dann hellte sich seine Miene auf. „Ich rufe Dich von der Telefonzelle aus an. Da hinten ist eine.“
Marek blickte in die gezeigte Richtung und entdeckte neben einer Bushaltestelle eines der Häuschen, die im Handyzeitalter zu einem seltenen Anblick geworden waren.
„Gute Idee. Hier ist ein Vorschuss für dich. Für deine Arbeit oder wenn dir irgendwelche Kosten entstehen, zum Beispiel fürs Telefonieren.“ Er drückte dem Jungen einen Zehneuroschein in die Hand, den der Kleine ehrfürchtig betrachtete. „Ich verlasse mich auf dich, Justin. Ich muss jetzt los. Ruf an, wenn sich etwas tut, ok?“
3
Punkt zwei Uhr schleppte Gilda Lambi drei riesige Plastiktaschen in den Vorraum der Agentur. Trotz der Hitze trug sie immer noch ihre Sweatshirt-Jacke und sah darin aus wie eine kühle Brise. Laura beneidete sie. Ihr war schrecklich heiß, ihre Bluse klebte wie eine zweite Haut an ihrem Rücken und sie spürte die Röte in ihrem Gesicht.
„Was hast du da alles mitgebracht?“
„Nur ein paar Sachen. Equipment, das ich für den Computer brauche, wenn ich recherchiere. Ich habe uns auch eine Caffèttiera Napoletana mitgebracht. Damit kann ich uns richtigen Caffè machen, nicht so eine Brühe, wie ihr sie in Deutschland trinkt.“
„Richtigen Kaffee? Meinst du so eine Metall-Kaffeekanne, die man auf den Herd stellt? Für Espresso?“
„Kein Espresso, ein Caffè. Schön stark und schwarz. Davon wirst du morgens richtig wach.“ Lächelnd zog Gilda die kleine Kanne und ein eingeschweißtes Päckchen Kaffee aus einer großen Tasche. „Das können wir gleich in die Küche stellen. Möchtest du vielleicht jetzt schon einen probieren?“
Laura betrachtete skeptisch das verbeulte Ungetüm aus Blech mit den zwei Henkeln, die in entgegengesetzte Richtungen zeigten. Es sah aus wie ein Becher, auf den man eine umgedrehte Kaffeekanne montiert hatte.
„Äh, nein danke. Mir ist so heiß. Wenn ich jetzt noch einen starken Kaffee trinke, falle ich wahrscheinlich tot um.“ Laura fächelte sich Luft mit einem Fächer zu, den sie aus einem Blatt Papier gefaltet hatte.
„Ganz bestimmt nicht. Die Familie meines Vaters ist aus Neapel, da ist es noch viel heißer als hier. Sie trinken ständig Caffè. Damit kannst du die Hitze sogar besser vertragen.“
Gilda ging entschlossen in die Küche. Laura folgte ihr und sah zu, wie sie Kaffeepulver und Wasser in die kleine Blechkanne füllte und auf die Herdplatte stellte. Nach kurzer Zeit begann das Wasser zu kochen und Gilda drehte die Napoletana mit routinierter Handbewegung um.
„Ganz schön abenteuerlich, ist das nicht gefährlich?“
Gilda schüttelte lächelnd den Kopf.
Wenig später saßen sie einträchtig an dem runden Tischchen und tranken das schwarze Gebräu aus winzigen Tassen.
„Schmeckt gut“, gab Laura zu.
„Sagte ich doch. Viel besser als der Kaffee, den man sonst so bekommt. Und auch viel gesünder.“
Laura nickte, war sich allerdings nicht sicher, ob sie sich dauerhaft daran gewöhnen wollte.
„Womit soll ich jetzt anfangen?“ Tatendurstig schob sich Gilda die Ärmel ihrer Sweat-Jacke hoch.
„Verstau zuerst einmal dein ganzes Zeug, sonst stolpern uns die Kunden noch darüber.“
„Na klar. Aber das geht ruckzuck.“
„Ja? Umso besser. Ich möchte gleich auf Recherche-Tour gehen. In der Zeit werde ich das Telefon auf dich umstellen. Sollte jemand anrufen, notier dir bitte alle wichtigen Punkte.“
„Klar. No Problem.“ Gilda nickte. „Und was soll ich für dich recherchieren?“
Laura überlegt kurz. „Ich schreibe dir zwei Namen auf, dann kannst du mal zeigen, was du alles am Computer herausfindest.“
Gilda lächelte breit. „Ich finde alles heraus, was du möchtest.“
4
Im Schritttempo fuhr Laura durch das schicke Viertel von Bad Honnef, das früher als Rheinisches Nizza bekannt gewesen war. Sie war immer wieder beeindruckt von den prachtvollen Villen und den breiten Kiesauffahrten, die gut als Kulisse für Hollywood-Filme herhalten konnten. Wie reich manche Leute waren.
Aber Reichtum allein macht nicht glücklich.
Sie musste an den Sohn von Hammerstein denken, der inmitten all dieser Pracht aufgewachsen und dessen Mutter so früh gestorben war. Ob das Klischee stimmte, dass reiche, verwöhnte Kinder durch den ganzen Luxus total verkorkst wurden und tief im Inneren einsam waren?
Laura lenkte den Astra in eine schattige Parklücke. Sie wollte zu Fuß weitergehen, um ein Gefühl für die Gegend und die Leute zu entwickeln. Ein Schweißtropfen lief über ihr Gesicht, sie wischte ihn mit dem Handrücken weg. Prächtige, alte Kastanienbäume boten zwar Schutz vor der sengenden Sonne, aber die Luft war staubig und der Asphalt strahlte die Hitze ab wie eine Herdplatte. Laura hatte das Gefühl, sie würde gleich verdampfen. Auf der anderen Straßenseite entdeckte sie einen Bäcker und beschloss, sich eine Flasche Wasser zu kaufen.
Der Verkaufsraum duftete wunderbar nach frischen Brötchen und Pflaumenkuchen, ein Ventilator wehte kühle Luft von der Decke. Laura bestellte ein Wasser und ein großes Stück Kuchen mit Sahne. Beim ersten Bissen schloss sie genießerisch die Augen.
„Hm, ist der lecker. Der schmeckt so gut, wie der, den meine Großtante früher immer gemacht hat. Einfach himmlisch.“
„Vielen Dank.“ Die Bäckersfrau strahlte über das ganze runde Gesicht. „Den habe ich gebacken. Alles andere macht mein Mann, aber der Prummetaat ist von mir.“
„Einfach köstlich.“, lobte Laura mit vollem Mund.
„Es ist ein altes Familienrezept von meiner Mutter. Sie war als junges Mädchen Hausgehilfin bei der Familie Hammerstein. Schon damals hat sie den Kuchen gebacken. Und stellen Sie sich vor: Noch heute bestellen die Hammersteins den Kuchen bei mir.“ Stolz sah die dralle Bäckerin auf ihr Kuchenblech.
Laura konnte ihr Glück kaum fassen. Sie merkte, wie die Detektivin in ihr erwachte.
„Hausgehilfin bei den Hammersteins? Das ist ja interessant. Zufällig habe ich erst vor Kurzem einiges über die Familie gelesen. Er ist Witwer, nicht wahr? Seine Frau ist wohl schon vor längerer Zeit gestorben. Sie haben sie bestimmt gekannt?“
„Natürlich habe ich Frau Hammerstein Wartenberg gekannt. Schließlich gehe ich seit meiner Kindheit in diesem Haus ein und aus. Also immer, wenn ich den Kuchen dahin bringe.“
„Angeblich war die Frau aus reichem Hause. Die Arme, sie soll oft krank gewesen und früh gestorben sein.“
„Ja, das stimmt. Ich weiß nicht, welche Krankheit sie hatte, sie war sehr blass und still. Eine schöne Frau. Perfekte Figur und immer elegant gekleidet. Eben aus einer erstklassigen Familie.“ Die Bäckerin lächelte versonnen.
„Ihr Mann ist wohl das Gegenteil von ihr. Blass und still ist er jedenfalls nicht. Es gibt doch kaum eine gesellschaftliche Veranstaltung ohne ihn. Waren die beiden ein glückliches Paar?“
„Glücklich? Ja, natürlich. Sie sah doch so schön aus. Und er ist ein Bild von einem Mann. Wenn es in deren Ehe gekriselt haben sollte, habe ich das jedenfalls nicht mitbekommen. Er hätte größeren Streit auch nie geduldet, das ist klar.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie haben Herrn Hammerstein offensichtlich noch nie persönlich getroffen.“ Die Bäckerin lächelte amüsiert. „Er und seine Familie sind seit Generationen der Mittelpunkt der hiesigen Gesellschaft. Sie sehen sich als Vorbilder. Er würde es nie zulassen, dass der gute Ruf der Familie einen Kratzer bekäme. Ehestreitigkeiten wären über kurz oder lang nach außen gedrungen, das hätte man nicht vermeiden können. Deshalb gab es so etwas bei den Hammersteins erst gar nicht. Auch früher nicht, als meine Mutter noch dort gearbeitet hat. Haltung bewahren war das Motto.“
„Da wurde bestimmt so einiges unter den Teppich gekehrt.“ Laura schob sich genussvoll ein weiteres Stück Pflaumenkuchen in den Mund.
Die Bäckerin zuckte die Achseln, es war ihr anzusehen, dass sie den Klatsch genoss. „Seine Frau hatte es nicht leicht, aber sie hat sich nie beklagt. Der Sohn hingegen war nicht ganz einfach. Er war ziemlich verstockt und hat viel Ärger in der Schule gemacht. Nach dem Tod der Mutter wurde er ins Internat gegeben. Sein Vater wollte sich wohl nicht weiter mit ihm herumärgern. Ich nehme an, dass sie ihn dort endlich zur Vernunft gebracht haben.“
Laura kratzte die letzten Krümel von ihrem Teller. Ihr Blick fiel auf die Zeitung, die als Gästelektüre zusammengefaltet auf dem Stehtisch lag. Auch am zweiten Tag nach dem Auffinden war das Mädchen aus dem Dornheckensee der Aufmacher für die Titelseite. Die Polizei wusste immer noch nicht, wer die Tote war, aber sie hatten herausgefunden, dass sie missbraucht und erwürgt worden war, bevor man sie in den See geworfen hatte.
„Ist das nicht schrecklich?“ Laura war erschüttert.
„Meinen Sie das Mädchen aus dem Dornheckensee?“
Laura nickte.
„Ja, furchtbar. Ich darf gar nicht daran denken. Das hätte auch meiner Tochter passiert sein können, wir wohnen nämlich nicht weit weg vom See. Zum Glück weiß sie, dass sie nicht allein dort hingehen soll. Alles Mögliche an Gelichter treibt sich da herum und ständig gibt es neue Zwischenfälle. Aber die Polizei hält es nicht für nötig, ein für alle Mal für Ruhe zu sorgen.“ Empört stemmte die Bäckerin ihre molligen Arme in die ausladenden Hüften.
„Welche Zwischenfälle?“
„Ach, es hat immer wieder Ärger gegeben. Zum Beispiel die Geschichte vor zwei Jahren. Da wurde ein Mann von einer Bande zu Tode gequält und die Felswand hinunter geworfen. Grauenhaft. Und einmal hat sich ein Triebtäter in den Höhlen verschanzt. Sie haben ihn ewig nicht fangen können. Das unterirdische Höhlensystem ist so weitläufig, dass er sich wochenlang versteckt halten konnte. Wir haben uns damals in den Häusern verbarrikadiert und hatten schreckliche Angst. Und wenn ich mich recht erinnere, gab es früher schon einmal ein totes Mädchen im See. Meine Mutter hat mir das erzählt. Aber das ist ewig her.“
„Es gab schon mal eine Leiche im See? So wie dieses arme Ding?“ Laura deutete auf ein grobkörniges Bild in der Zeitung, das den Fundort aus großer Entfernung zeigte. „Vielleicht besteht da ein Zusammenhang?“
„Ach, das glaube ich nicht. Die andere Geschichte ist Ewigkeiten her. Vielleicht irre ich mich, es geht mich ja auch gar nichts an.“ Die Verkäuferin schien plötzlich Angst vor ihrer eigenen Courage zu bekommen und ihre Mitteilungsfreudigkeit zu bereuen. „Wenn Sie fertig sind, möchte ich Sie bitten, zu zahlen. Ich habe noch sehr viel zu tun.“
5
Marek fuhr deutlich schneller als erlaubt über die Autobahnbrücke und wechselte mehrmals die Spur. Natürlich machte es wenig Sinn, jetzt noch zum Treffpunkt zu fahren. Die Übergabe hatte bereits am Abend zuvor stattgefunden. Doch er konnte nicht anders. Er bog auf die Schnellstraße ab, nahm die Abzweigung in die bewaldeten Anhöhen und erreichte fünf Minuten später den Parkplatz des Dornheckensees. Wie erwartet war keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Marek sprang fluchend aus dem Auto, sah sich um und suchte in konzentrischen Kreisen den Boden ab. Zigarettenstummel, Kaugummipapierchen, Verpackungen von Süßigkeiten. Müll, Müll, Müll.
Nichts, was ihm weiterhelfen konnte.
Frustration und das Gefühl von Ohnmacht wollten von ihm Besitz ergreifen. Wütend straffte er seine Schultern, fokussierte sich auf die Aufgabe und versuchte, alle störenden Befindlichkeiten auszublenden. Es war keinem geholfen, wenn er jetzt die Nerven verlor.
Langsam ging er zurück zum Rand des Parkplatzes. Die Hitze hatte den Boden völlig ausgetrocknet. Auf dem staubigen Untergrund ließen sich keine Reifen- oder Fußspuren des gestrigen Treffens erkennen. Er konnte nichts weiter tun. Aber er wollte nicht aufgeben. Auf keinen Fall.
Plötzlich sah er im Augenwinkel auf dem Weg, der in den Wald führte, etwas in der Sonne aufblitzen. Eilig ging er zu der Stelle, bückte sich und hob vorsichtig eine filigrane Haarklammer auf. Es handelte sich um ein altes Stück, hatte die Form einer Krone und war mit funkelnden, dunkelroten Granatsteinen verziert. Als ihm klar wurde, was er in der Hand hielt, setzte sein Herz für einen Moment aus, dann schoss Adrenalin durch seinen Körper. Er kannte diese Haarspange. Sie gehörte Maria. Er würde sie finden. Es durfte noch nicht zu spät sein.
Eilig lief er den Weg in den Wald hinein.
6
Gilda hatte sich häuslich eingerichtet und rückte den Bilderrahmen neben dem Computer zurecht. Das Foto war letzten Sommer in Sizilien bei der goldenen Hochzeit ihrer Großeltern aufgenommen worden. Gilda hatte das Fest besonders genossen, denn, anders als ihre Eltern, fuhr sie nicht mehr jedes Jahr in die alte Heimat, um die Familie zu sehen. Zufrieden setzte sie sich in den Bürosessel, um mit den Recherchen zu beginnen. Sie wusste, dass Laura am ersten Tag keine Wunder erwartete, aber sie wollte sie wenigstens mit ein paar guten Arbeitsergebnissen überraschen.
Nach einer Stunde konzentrierter Suche hatte sie drei Blätter mit Notizen bekritzelt und beinahe das Gefühl, Wilhelm Hammerstein persönlich zu kennen. Als Geschäftsmann schien er ein harter Brocken gewesen zu sein. Einer seiner Betriebsräte hatte ihn als ‚Eisernen Lord‘ bezeichnet, der sich ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter nur am Profit orientierte. Damals waren viele Leute entlassen worden, es hatte Demonstrationen und Proteste gegeben.
Doch spektakulärer fand Gilda, dass eine Prostituierte ihn vor zehn Jahren beschuldigt hatte, sie brutal misshandelt zu haben. Allerdings war es nicht zu einer Gerichtsverhandlung gekommen, da die Frau nach einer Gegenüberstellung ihre Anklage zurückgezogen hatte mit der Begründung, Hammerstein verwechselt zu haben. Gilda schüttelte den Kopf und nagte grübelnd an ihrer Unterlippe. Merkwürdige Geschichte. Oder steckte etwas anderes dahinter? Hatte die Frau ihn nur erpressen wollen? Oder war Hammerstein schuldig und hatte sie mit Geld zum Schweigen gebracht?
An eine Verwechslung glaubte Gilda jedenfalls nicht.
7
Auf der Straße stand die Hitze wie in einem Backofen und ließ die Luft flimmern. Laura war es zu heiß, um zu Fuß bis zum Hammerstein'schen Anwesen zu laufen, sie ging zum Parkplatz zurück, um das Auto zu nehmen. Auf dem Weg ließ sie sich das Gespräch mit der Bäckerin durch den Kopf gehen. Ob es stimmte, dass es früher schon eine Mädchenleiche im See gegeben hatte? Steckte womöglich derselbe Mörder dahinter? Seit Jahren unentdeckt? Aber solche Morde wurden doch nicht ignoriert und vergessen. Die Polizei hätte längst eine Verbindung hergestellt. Sie wohnten schließlich nicht in Juárez an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, wo seit Jahrzehnten fast täglich junge Frauen verschwanden. Dort war ein Mädchenmord nur eine kurze Notiz im Lokalteil der Zeitung, wenn überhaupt. Doch in Bonn konnte ein Serienmörder nicht lange verborgen bleiben. Für einen Augenblick gab sie sich der angenehmen Vorstellung hin, was es für eine Sensation wäre, wenn sie den Mord aufklärte. Ihre Detektei wäre schlagartig berühmt. Dann schob sie den Gedanken energisch zur Seite. Sie übernahmen keine Kapitalverbrechen. Schon gar nicht einen Mord.
Sie würden schön bei den Scheidungsstreitigkeiten bleiben.
Laura stellte das Auto in der Nähe von Hammersteins Villa am Straßenrand ab und ging den Weg bis zum Eingang zurück. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei, ansonsten war es ruhig. Noch nicht einmal die Vögel zwitscherten, vermutlich war es ihnen auch zu heiß.
Im Haus gegenüber öffnete sich die Haustür, eine elegant gekleidete Frau trat in den Vorgarten. Ihr Gesicht wurde zum größten Teil von einer Sonnenbrille verdeckt. Sie hielt eine rote Leine in der Hand, doch was sich am anderen Ende befand, war nicht zu sehen. Die Frau redete eine Weile in das Haus hinein, dann ging sie ungeduldig zurück und kam mit einem weißen Fellknäuel auf dem Arm heraus. Laura zog ihr Handy aus der Tasche und tat, als müsse sie eine Nachricht lesen. Der kleine Hund fegte schwanzwedelnd auf sie zu und sprang begeistert an ihr hoch.
„Ach, bist du aber ein süßes Hündchen.“ Sie bückte sich und versuchte, das flauschige Etwas, das vor Begeisterung Purzelbäume schlug, zu streicheln.
„Jacky, lass das.“ Genervt strich sich die Frau das salongepflegte Haar hinters Ohr. „Bitte entschuldigen Sie. Er ist noch klein und weiß nicht, dass er Menschen nicht anspringen soll. Bitte streicheln Sie ihn nicht, sonst fühlt er sich belohnt für sein schlechtes Benehmen.“
Laura richtete sich auf und lächelte. „Das macht doch nichts. Wie alt ist er?“
Die Frau zerrte den Hund von einem Papierchen weg. „Drei Monate und bisher war es eine wirklich anstrengende Zeit. Immerhin schläft er jetzt durch, das ist schon mal was wert.“
„Da haben Sie ganz schön viel um die Ohren.“
„Das können Sie laut sagen. Jetzt hat unser Mädchen auch noch zwei Wochen Urlaub und ihre Vertretung möchte sich nicht mit Hunden abgeben. Hat man so etwas schon gehört?“
„Wie oft müssen Sie mit dem kleinen Kerl nach draußen?“, fragte Laura beiläufig, während der Welpe höchst interessiert den Weg nach Nachrichten seiner Artgenossen absuchte und die beiden Frauen mehrfach mit der Leine einwickelte.
„Andauernd. Jacky, lass das. Sonst macht er uns ins Haus. Er ist noch nicht stubenrein.“
Laura versuchte einen Schuss ins Blaue: „Dann haben sie sicher gestern Abend den Tumult auf der Straße mitbekommen? Da war ja einiges los.“
Überrascht schaute die Frau auf, wurde dann aber von ihrem Hund vorwärts gezerrt. Laura ging mit.
„Woher wissen Sie das? Sie sind nicht von hier. Jedenfalls habe ich Sie noch nie gesehen.“
Laura hielt dem misstrauischen Blick stand. „Ich war gestern in der Nähe eingeladen. Wir haben den Krach gehört, einer der Gäste hat uns erzählt, was draußen los war. Da ich eine Detektiv-Agentur leite, hat mich der Gastgeber gebeten, diskret Nachforschungen anzustellen. Es ist ihm wichtig, ein Auge darauf zu haben, wer sich hier so herumtreibt. Man weiß ja nie.“
„Das stimmt, wir sollten die Augen offen halten. Aber Diskretion ist uns auch sehr wichtig. Ich hoffe nicht, dass Sie die Nachbarschaft ausspähen wollen.“
„Natürlich nicht. Mein Bekannter ist ebenfalls sehr auf seine Privatsphäre bedacht. Aber wenn man im eigenen Wohnviertel nicht mehr sicher ist, geht das zu weit. Er meinte, dass alle davon profitieren, wenn er den Vorfall überprüfen lässt. Was war denn los?“
Die Frau schob ihre Sonnenbrille auf den Kopf und zog den kleinen Hund zum nächsten Baum. „Ich kann mir denken, wer Sie beauftragt hat. Er engagiert sich sehr für unser Viertel.“ Ein wissendes Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. „Ich war mit Jacky draußen, als so ein Verrückter vor der Villa der Hammersteins herumgeschrien hat. Er hat Schimpfwörter gebrüllt und mit den Fäusten gegen das Tor gehämmert. Ich dachte, diese Gegend ist sicher, aber jetzt treibt sich das Pack auch hier herum.“
„Ist so das vorher schon einmal passiert?“
„Nein, das war das erste Mal. Ich hätte fast die Polizei gerufen, aber Hammersteins haben Security im Haus, die werden allein damit fertig.“
Laura hockte sich vor das Hündchen, das sich auf den Rücken geworfen hatte, um ausgiebig am Bauch gekrault zu werden.
„Kannten Sie den Mann, der randaliert hat?“
„Natürlich nicht.“
Laura lachte entschuldigend. „Nein, ich meine, ob Sie den Mann vorher schon einmal gesehen haben?“
Die Frau überlegte einen Augenblick. „Doch, ich habe ihn davor schon zweimal bei Hammersteins klingeln sehen. Wenn ich mich recht erinnere, hatte er eine junge Frau dabei.“
„Das ist interessant. Wurde er hereingelassen?“
„Beim ersten Mal, das war am Freitag, ja. Beim zweiten Mal nicht. Er hat dann einen Umschlag in den Briefkasten geworfen und ist wieder gegangen.“
„Wie sah die Frau aus, die ihn begleitet hat?“
„Wie sie aussah? Jung, keine zwanzig. Lange, hellblonde Haare. Sie wirkte billig. Als wäre sie aus dem Osten. Russland, Polen, die Ecke. Sie hatte weiße, hochhackige Stiefeletten mit Nieten und Fransen an. So etwas trägt man bei uns nicht. Wenn ich Hammersteins nicht besser kennen würde, hätte ich gedacht, sie ist vom Gewerbe.“ Die Hundebesitzerin verzog verächtlich den Mund. „So, ich habe jetzt keine Zeit mehr, bitte entschuldigen Sie mich.“
Laura klopfte den Staub von ihrer Hose, bedankte sich und schlenderte davon.
Koscewskij und Hammerstein kannten sich also. Wer hatte Koscewskij begleitet? Konnte es die Frau sein, die Jennifer Koscewskij für die Geliebte gehalten hatte? War sie eine Prostituierte, deren Dienste Hammerstein in Anspruch genommen hatte? Erpresste Koscewskij ihn jetzt damit, um an das große Geld zu kommen? Doch warum sollte Hammerstein sich damit erpressen lassen? Er war Witwer und konnte tun und lassen, was er wollte.
Sie sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen.
Laura umrundete den Wohnblock, um zur Rückseite von Hammersteins Anwesen zu kommen. Doch die Straße seitlich der Villa war eine Sackgasse, die an einem nicht bewirtschafteten, zugewucherten Feld endete. Von hier aus ging es nur querfeldein weiter. Seufzend schaute Laura auf ihre nackten Füße in den Riemchensandalen. Doch aufgeben wollte sie nicht. Es wurde eine mühsame Tour. Ihr Fuß knickte um, als sie mit den glatten Sohlen auf einem Stein abrutschte, und mehrfach ratschte sie sich an Brombeerranken die Arme blutig. Als sie endlich die Rückseite des Anwesens erreicht hatte, lehnte sie sich gegen einen Baumstamm, rieb ihren schmerzenden Fuß und schaute sich um. Ein Stück weiter verlief ein Schotterweg durch das Gestrüpp, der von der Villa in den Wald führte.
Plötzlich ertönte lautes Quietschen, die Flügel eines automatischen Tores öffneten sich in der Mauer. Laura suchte Deckung hinter einem Busch und beobachtete, wie ein wuchtiger Geländewagen mit hoher Geschwindigkeit aus der Einfahrt preschte. Sekunden später war er im Wald verschwunden, nur noch eine dichte Staubwolke tanzte in der Luft. Wohin führte der Weg? Laura nahm sich vor, im Büro auf der Karte nachzusehen. Humpelnd machte sie sich auf den Rückweg und es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie endlich das Auto erreicht hatte. Erleichtert ließ sie sich auf den Fahrersitz fallen, zündete den Motor und fuhr zurück in die Agentur.
Zu ihrer nächsten Erkundungstour würde sie ihre Sneakers mitnehmen.
8
Marek lief so schnell, wie es das Gelände zuließ. Erst als der Waldweg sich gabelte, hielt er an, um sich zu orientieren.
Wo könnten die Mädchen hingebracht worden sein?
Bergauf führte der Rheinhöhenweg über das Siebengebirge parallel den Rhein entlang, rechts schlängelte sich ein abschüssiger Pfad zum Dornheckensee. Es war unwahrscheinlich, dass die Männer mit den Mädchen, die sich vielleicht gewehrt hatten, den schmalen Weg zum See genommen hatten. Im Dunkeln war das Gelände unwegsam und was hätte das Ziel sein sollen? Die nächsten Häuser lagen weit entfernt. Doch vielleicht hatte Maria fliehen können und versteckte sich in der Nähe? In diesem Fall hätte sie bestimmt den Pfad genommen, er bot mehr Sichtschutz als der breite Rheinhöhenweg.
Marek schlug den Weg zum Dornheckensee ein.
Als er das Seeufer erreichte, sah er sich um. Linker Hand stieg das Ufer steil an und ging in eine Felswand über, die den halben See einfasste. Marek wandte sich nach rechts, wo das Gelände von dichten Büschen bewachsen war. Plötzlich wurde ihm der Weg von rot-weißem Plastikband versperrt.
Tatortband!
Hier war vorgestern das tote Mädchen im Wasser gefunden worden. Kurz schoss ihm durch den Kopf, dass es Maria gewesen sein könnte, die man ermordet aufgefunden hatte. Aber das war nicht möglich. Gestern Abend hatte sie noch gelebt, wohingegen das Mädchen schon vor zwei bis drei Tagen umgebracht worden sein musste. Langsam umrundete er die Absperrung. Außer dem grellen Plastikband wiesen lediglich tiefe Fußspuren im flachen Teil des Sees auf den grausigen Fund vom Sonntag hin. Ansonsten herrschte Ruhe und Frieden. Die Vögel zwitscherten und die Insekten summten, als ob nichts geschehen wäre.
Plötzlich vernahm Marek ein Rascheln im Gebüsch und auf einmal standen ein großer Hund und seine Besitzerin vor ihm. Die hagere Frau musterte ihn ängstlich. Er verstand das gut. So kurz nach dem Mord wollte sie einem fremden Mann sicher nicht gern allein im Wald begegnen. Er setzte sein treuherzigstes Lächeln auf.
„Guten Tag. Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.“
Die Frau beäugte ihn weiter misstrauisch. Sie hielt ihren Hund am Halsband, als müsse sie ihn daran hindern, auf Marek loszugehen. Es wirkte nicht sehr überzeugend, da das Tier freundlich wedelnd in Mareks Richtung schnüffelte.
„Sehen Sie? Ihr Hund merkt, dass ich Ihnen nichts tun will.“
Die Frau musste lächeln, ihre Haltung entspannte sich. Den Hund ließ sie jedoch immer noch nicht los.
„Was machen Sie hier? Sind Sie von der Polizei?“
„Fast richtig geraten, ich bin Detektiv. Und was machen Sie hier?“
„Ich habe vorgestern das tote Mädchen gefunden.“ Die Frau sah sich traurig um. „Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf, deshalb dachte ich, es wäre gut, noch einmal herzukommen. Vielleicht hilft es mir, das Erlebnis zu verarbeiten.“
„Ich habe mir gedacht, dass Sie das sind. Das muss ein schlimmer Schock gewesen sein.“
„Oh ja. Ich habe ständig das Bild vor Augen, wie sie da so im Wasser schwebte. Noch ganz jung war sie. Viel zu jung zum Sterben. Das Schrecklichste war, dass die Fische schon an ihr gefressen hatten.“ Ihre Augen wurden feucht.
Der Hund, der bisher geduldig zwischen den beiden gestanden hatte, stupste sein Frauchen auffordernd an, ihn endlich loszulassen.
Sie lachte verlegen, ließ das Halsband los und wischte sich unbeholfen mit den dürren Fingern über das Gesicht.
Marek räusperte sich. „Haben Sie vorgestern etwas Ungewöhnliches bemerkt? Außer der Leiche natürlich.“
Die Frau lachte schrill auf, wurde aber gleich wieder ernst. „Nein, das habe ich den Polizisten schon gesagt. Es war niemand hier, als ich sie gefunden habe. Nur das Mädchen lag da im See.“
„Haben Sie auf dem Weg zum See oder auf dem Rückweg etwas bemerkt? Von wo sind Sie gekommen?“
Die Frau überlegte kurz, dann zeigte sie nach rechts. „Ich war am Sonntag zuerst beim Blauen See, der direkt hinter dem Dornheckensee liegt.“
„Ist Ihnen da etwas aufgefallen?“ Marek ließ nicht locker, aber die Frau schüttelte den Kopf.
„Nein, gar nichts. Es war ganz früh am Morgen, da ist noch niemand unterwegs. Die Wildschweine hatten in der Nacht ziemlich gewütet und die trockene Erde aufgepflügt. Ich hatte Angst, einem der Urviecher über den Weg zu laufen, aber Leica hätte mich gewarnt.“
„Und sonst gibt es nichts, an das Sie sich erinnern können?“
„Doch, da war etwas. Ich wollte die Abkürzung zwischen den Seen über die Felsen nehmen und bin ein Stück geklettert. Da gibt es eine Höhle in der Felswand, die man von unten nicht sehen kann. Ich glaube, im Höhleneingang lag eine weiße Jacke. Sicher bin ich aber nicht. Ich habe mich nicht getraut, zu der Höhle zu klettern. Irgendwie hatte ich das unheimliche Gefühl, dass mich jemand beobachtet.“ Sie schauderte und schlang unbewusst die Arme um den dünnen Oberkörper.
Marek versuchte, seine Aufregung zu unterdrücken.
„Die Höhle, die Sie entdeckt haben, liegt auf der Rückseite dieser Felswand?“ Er deutete auf die Steilwand schräg hinter ihr. Die Frau nickte.
„Ich werde da mal nachsehen. Vielleicht finde ich die Jacke. Möchten Sie mitkommen und mir die Stelle zeigen?“
„Auf keinen Fall.“ Die Frau zog sich einen Schritt von ihm zurück. „Ich muss gehen, wir sind schon viel zu lange unterwegs.“
„Warten Sie. Nehmen Sie meine Karte, falls Ihnen noch etwas einfällt. Mein Name ist Marek Liebermann. Darf ich ihren Namen auch erfahren?“
„Henriette Erlenbach“, murmelte sie leise und trat den Rückzug an.
Mareks Handy klingelte.
„Marek, hier ist Laura. Wie sieht es aus? Können wir uns gleich in der Agentur treffen?“
„Klar, ich könnte in einer Stunde da sein.“
„Wunderbar.“ Im Hintergrund hörte Marek einen Autoblinker klicken. „Sagen wir neunzehn Uhr?“
Marek bestätigte das und beendete das Telefonat. Wenn er pünktlich sein wollte, musste er sich beeilen. Er wollte unbedingt die Höhle finden und er musste noch bei dem Jungen in Tannenbusch vorbeifahren, um zu erfahren, was Koscewskij heute getrieben hatte.
Das konnte knapp werden.
9
Laura war froh, wieder in der Agentur zu sein. Der Ausflug in der heißen Nachmittagssonne hatte sie ins Schwitzen gebracht und ihr taten die Füße weh. Sie sehnte sich danach, die Sandalen loszuwerden und es sich in ihrem Bürosessel gemütlich zu machen. Vorsichtig hinkte sie in den Vorraum, wo Gilda sie besorgt begrüßte.
„Laura, du humpelst? Was ist passiert?“
„Nichts ist passiert. Meine Sandalen drücken nur furchtbar.“ Laura ließ sich stöhnend auf einem Besuchersessel nieder und streifte die Schuhe ab.
„Ach, das kenne ich. Komm, ich hole dir ein kaltes Wasser. Möchtest du wissen, was ich heute Nachmittag gemacht habe? Stell dir vor, jemand hat angerufen und wir haben eine neue Kundin.“
„Was?“ Laura schaute interessiert auf. „Das ist toll. Erzähl.“
Gilda berichtete Laura von einer Frau aus Köln, die ihren Ex-Ehemann, der jetzt in Bonn wohnte, bespitzeln lassen wollte.
„Wir nennen das nicht bespitzeln, sondern Nachforschungen anstellen“, korrigierte Laura automatisch. „Das klingt vornehmer, wir leben schließlich davon.“
„Ok, klar, Nachforschungen anstellen. Ich fand die Frau mega unsympathisch. Aber du hast ja gesagt, dass wir nicht wählerisch sein können. Jedenfalls nicht in der Anfangsphase. Deshalb habe ich ihr das Vertragsformular zugeschickt und sie hat gleich unterschrieben. Gut, nicht?“ Gilda wedelte aufgekratzt mit den Papieren vor Lauras Nase herum, bis Laura sie ihr endlich aus der Hand schnappen konnte.
„Überwiesen hat sie schon. Unsere Anzahlung, meine ich.“
„Super. Hast du gut gemacht. Sicherheitshalber fangen wir aber erst mit der Arbeit an, wenn das Geld auf dem Konto ist. Die Leute können uns viel erzählen.“
Gilda lächelte geheimnisvoll. „Sie hat überwiesen, das habe ich überprüft. Ich habe dir doch gesagt, dass ich mich mit Computern auskenne.“
Es dauerte einen Moment, bis Laura die Information verarbeitet hatte. „Gilda. Um Gottes willen! Ich will gar nicht wissen, wie du das meinst. Aber wehe, wir kriegen deshalb Ärger.“
„Keine Sorge, ich habe meinen eigenen Computer genommen und bin auch nicht über dein WLan gegangen. Man kann dich und die Agentur nicht damit in Verbindung bringen.“
„Du machst mir Kopfschmerzen. Die Hackerei am Computer ist mir suspekt. Erzähl mir lieber mehr über den neuen Auftrag. Hast du das Factsheet ausgefüllt, das ich dir gegeben habe?“
„Ja, habe ich.“ Kurz darauf hielt Laura das in krakeliger Schreibschrift ausgefüllte Formular in der Hand. Beim Überfliegen der Informationen stellte sie allerdings entsetzt fest, dass kaum ein Wort richtig geschrieben war.
„Gilda, es tut mir leid, dass ich das so offen sage, aber so viele Fehler habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.“
Gilda schaute verlegen auf ihre schwarzen Chucks. „Ich bin nicht gut im Schreiben. Das war schon immer so. Wahrscheinlich bin ich Legasthenikerin. Die Lehrer haben früher oft geschimpft, weil ich so schlecht in der Schule war, aber meinen Eltern war es egal. Ich konnte nicht zum Nachhilfeunterricht, weil ich im Restaurant helfen musste. Meine Eltern haben immer gesagt, ich muss nicht schreiben können, sondern kochen.“ Die letzten Worte kamen leise, doch dann legte sich gleich wieder das schalkhafte Grinsen über Gildas Gesicht. „Ich werde das Factsheet als Formular am Computer einrichten mit automatischer Rechtschreibkorrektur. Dann kann nichts mehr schief gehen! Mach dir keine Gedanken, du wirst schon sehen.“
Laura brauchte einen Moment, um das zu verdauen. Die Kundenkorrespondenz konnte sie Gilda jedenfalls nicht anvertrauen. „Schon gut. Trotzdem möchte ich dich bitten, keine Mails zu verschicken, bevor ich sie durchgesehen habe. Das ist mir sehr wichtig, hast du mich verstanden?“
Gilda nickte und wechselte das Thema. „Soll ich dir erzählen, was ich über Herrn Hammerstein herausgefunden habe?“
Doch mit Blick auf die Uhr entschied sich Laura dagegen. „Nein, danke, wir können später darüber sprechen. Um neunzehn Uhr treffen wir uns mit Marek zur Besprechung. Wenn du so lange dableiben kannst.“
„Natürlich kann ich. Dann will ich dich erst mal nicht weiter stören. Bis nachher.“
Als Gilda die Tür hinter sich zugezogen hatte, legte Laura die Füße auf den Schreibtisch, lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Sie hatte heute einige Puzzlestücke gefunden, aber ihr war nicht klar, wie das Gesamtbild aussah. Vielleicht hatte Marek ja etwas in Erfahrung gebracht, das Licht ins Dunkel bringen konnte. Der Auftrag lautete, herauszufinden, wo Józef Koscewskij arbeitete und wer seine Geliebte war. Waren sie da weitergekommen?
Nicht wirklich, es sei denn, er war von Beruf Erpresser und Zuhälter.
In dem Fall wäre es schwer für Jennifer Koscewskij, Unterhaltsansprüche geltend zu machen.
Koscewskij würde seine kriminellen Einnahmen wohl kaum bei der Steuer deklarieren.
Sie setzte sich an den Computer und suchte auf Google Earth nach Hammersteins Villa. Das Gebäude war gut zu erkennen, natürlich gab es einen Swimmingpool und einen Tennisplatz. Neben dem Haupttor erkannte sie das Pförtnerhaus, in dem die Security den ganzen Tag auf die Bilder starrte, die die Kameras von der Straße übertrugen. Am rückwärtigen Tor befanden sich mehrere Garagen.
Vorsichtig verschob sie die Karte mit dem Cursor, um zu sehen, wohin der Waldweg führte, den sie heute entdeckt hatte. Mit den Augen folgte sie der geschlängelten Linie, vorbei an einer Lichtung, auf der ein paar Scheunen standen, bis zu dem Platz beim Steinbruch. Von dort aus führten zwei Straßen wieder aus dem Wald heraus, die eine in Richtung Bonn, die andere zu den kleinen Ortschaften hinter dem Siebengebirge.
Hammerstein konnte unbemerkt ein und ausgehen, wann immer es ihm beliebte.
10
Marek joggte locker durch den Wald in die Richtung, die ihm Henriette Erlenbach beschrieben hatte. Der Waldboden federte angenehm unter seinen Füßen, die Bewegung tat ihm gut. Die Anspannung, die auf ihm gelastet hatte, löste sich, er konnte wieder klarer denken. Jetzt erst registrierte er, wie ruhig es im Wald war. Nach dem Fund der Mädchenleiche hätte er vermutet, dass der Ort eine Menge Schaulustige angezogen hätte. Es gab so viele kranke Typen, die sich gerne gruselten und am Leid anderer Menschen weideten. Aber es war niemand hier.
Vielleicht hatten die Leute Angst, dass der Mörder sich noch in der Gegend herumtrieb?
Der Weg machte eine sanfte Linksbiegung und stieg leicht an. Marek beschleunigte sein Tempo, bis er zum Scheitelpunkt gelangt war, um danach locker den Abhang hinunter zu traben. Schließlich lag der Blaue See glitzernd im Licht der Nachmittagssonne vor ihm. Zu seiner Linken entdeckte er die von Henriette Erlenbach beschriebene Abkürzung die Felsen hinauf. Nachdem er ein Drittel der Höhe erklommen hatte, sah er den Höhleneingang. Dort lag tatsächlich eine Jacke. Marek kletterte quer über das abschüssige Geröllfeld zum Eingang und hob sie auf. Die Größe konnte nur einer sehr schlanken Frau passen.
Vielleicht hatte sie dem Mädchen aus dem See gehört?
Marek untersuchte die Taschen, aber sie waren leer. Er legte die Jacke zurück auf den Boden und schaute sich aufmerksam um, aber in der Höhle war es zu dunkel, um etwas zu erkennen. Aus seiner Jackentasche zog er eine kleine, leistungsfähige LED-Taschenlampe, deren Lichtstrahl weit ins Innere des Gewölbes leuchtete. Langsam bewegte er sich vorwärts und suchte die Wände und den Boden sorgfältig ab. Die Höhle verlief röhrenförmig und war hoch genug, um aufrecht stehen zu können. So ebenmäßig, wie die Wände und der Boden waren, konnte der Tunnel kein Naturphänomen sein, sondern war von Menschenhand gebaut worden. Je weiter Marek vordrang, umso kühler wurde es. Dann machte der Tunnel eine scharfe Biegung, es wurde heller und plötzlich stand er am Rande eines Abgrunds hoch über dem Dornheckensee. Direkt unter seinen Schuhspitzen ging es bestimmt vierzig Meter in die Tiefe. Reflexartig krallte er sich an den Felsen fest.
Ein Sturz aus dieser Höhe konnte tödlich enden.
Vorsichtig beugte Marek sich vor und sah sich um. Der Ausblick auf die Felsen und Wälder war grandios. Unter ihm auf dem See schwammen gelbliche Blätter. Sie wurden von einer leichten Strömung zum Ufer getrieben. Bis zu dem Fundort des toten Mädchens, den Marek gut an den Absperrbändern der Polizei erkennen konnte. Eine Idee nahm in seinem Kopf Gestalt an:
Hatte der Mörder die Leiche des Mädchens in die Höhle geschafft und von hier oben in den See geworfen?
War sie durch die leichte Strömung zu der Stelle mit den Seerosen getrieben worden, an der man sie später gefunden hatte? Möglich war es, wenn auch sehr mühsam, mit einer solchen Last zum Eingang der Höhle zu klettern. Aber vielleicht war das Mädchen selbst gelaufen und erst hier oben ermordet worden? Marek hatte zwar keine Spuren des Verbrechens bemerkt, aber er hatte auch nicht danach gesucht.
Er sah auf seine Uhr und fluchte. Wenn er sich jetzt nicht sofort auf den Weg machte, würde es schwierig werden, noch pünktlich zur Besprechung mit Laura zu kommen. Eilig ging er durch den dunklen Felsentunnel zurück zum Höhlenausgang. Er nahm die weiße Jacke und band sie sich um die Hüften, um die Hände für die Kletterpartie freizuhaben. Als er wieder ebenen Boden unter den Füßen hatte, lief er zügig zu seinem Auto zurück.
Er musste unbedingt noch mit dem Jungen sprechen, bevor er in die Agentur zurückfuhr.
11
Das Telefon klingelte und Laura schaute auf die Uhr. Fast halb sieben, nicht mehr viel Zeit bis zur Besprechung. Sie nahm das Gerät aus der Ladestation und meldete sich.
„Laura, hier ist Barbara. Wie geht es dir? Alles im grünen Bereich? Schon die ersten Fälle gelöst?“
„Bärbel. Was gibts? Möchtest du wieder mit einer Flasche Schampus vorbei kommen?“
„Das wäre bestimmt keine schlechte Idee. Aber heute nicht.“ Barbara lachte am anderen Ende. „Ich wollte hören, ob es mit Gilda geklappt hat. Sie hat sich doch bei dir gemeldet?“
„Ja, hat sie. Danke, dass du sie mir geschickt hast. Sie kann uns wirklich nützlich sein. Sehr nett und patent, allerdings ein bisschen speziell.“
„Ich weiß. Sie ist toll. Ich kenne sie, seit sie ein kleines Mädchen war. Das Restaurant ihres Vaters ist Heinolfs und mein Lieblingsitaliener. Wir gehen da seit Ewigkeiten hin und kennen die Besitzer gut. Ich hatte immer den Eindruck, das Mädchen könnte viel mehr aus ihren Talenten machen, anstatt nur rumzujobben. Vielleicht gibt ihr die Arbeit bei dir den Anstoß, endlich etwas zu ändern. Aber ich habe aus einem anderen Grund angerufen. Hast du heute Abend schon was vor?“
„Kommt drauf an“, sagte Laura vage.
Barbara war eine begeisterte Kupplerin und hatte sie nach ihrer Beziehungsmisere, an die sie jetzt nicht denken wollte, schon so manches Mal verbandeln wollen. Aber die Männer, die sie ihr vorgestellt hatte, waren nicht Lauras Fall gewesen. Sie waren ihr langweilig und uninteressant vorgekommen. Vor allem im Vergleich zu ihm. Der Schmerz bei dem Gedanken durchfuhr sie so heftig, dass sie unwillkürlich zuckte. Schluss mit dem Thema.
Nie wieder!
„Keine Sorge, kein Vierer-Date mit Heinolf, mir und einem geheimnisvollen Fremden. Das letzte Mal habe ich noch in unangenehmer Erinnerung. Du hast gesagt, dass du nur kurz auf die Toilette wolltest, und hast dich aus dem Staub gemacht. Wir saßen da wie Piksieben und haben ewig auf dich gewartet. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich deswegen immer noch sauer auf Dich. Aber heute geht es um etwas viel Besseres: Ich spiele in einer halben Stunde bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Heimatmuseum. Nur drei Stücke, keine große Sache. Aber danach findet für ausgewählte Gäste ein Empfang bei den Hammersteins statt. Da könnten wir zusammen hingehen, uns einen schönen Abend machen und ein kostenloses Abendessen abstauben.“
Das wäre die Gelegenheit, Hammerstein aus der Nähe zu sehen, dachte Laura. „Wer kommt denn da noch hin?“
„Sagte ich doch. Ausgewählte Gäste, die Crème de la Crème von Bonn. Oder wenigstens von Königswinter, Bad Honnef und Bad Godesberg. Heinolf ist auch eingeladen, aber er kann nicht, er hat ein Abendessen mit einer furchtbar verstaubten Professorendelegation aus Ungarn.“
Heinolf war Barbaras Ehemann, Professor für neuere Geschichte an der Universität Bonn, der sich gerne auf Gesellschaften tummelte und hofieren ließ. Laura konnte ihn nicht leiden, sie hielt ihn für prätentiös und hochnäsig und vermied, so gut sie konnte, jedes Aufeinandertreffen. Die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit, tat aber zum Glück ihrer Freundschaft mit Barbara keinen Abbruch.
„Ich komme gerne mit.“
Laura war ehrlich erfreut. Ohne Barbaras spießigen Ehemann würde es ein unterhaltsamer Abend werden.
12
Marek war erleichtert, dass er den blonden Jungen gleich vor dem Hochhaus entdeckte und nicht lange nach ihm suchen musste. Doch als der Kleine ihn aus dem Auto steigen sah, lief er mit bedeutungsvollem Blick in seine Richtung die Straße hinunter und hielt erst bei der Bushaltestelle an.
Was sollte das jetzt?
Marek lief irritiert hinter ihm her und setzte sich zu ihm auf die Bank.
„Hallo, Kevin.“
„Ich bin Justin, Kevin ist mein Bruder.“
Marek hob die Hände. „Ja klar, Justin. Entschuldige. Treffen wir uns hier, weil das unauffälliger ist?“
Justin nickte eifrig. „Es ist besser, wenn wir nicht zusammen gesehen werden. Das habe ich mal in einem Detektiv-Film gesehen.“
„Gut, Junge, äh Justin. Lass uns zur Sache kommen, ich habe nicht viel Zeit. Hast du irgendetwas beobachtet? Ist Koscewskij weggegangen? Oder hat ihn jemand besucht?“
„Ich habe den ganzen Tag seine Wohnung bewacht. Er ist einmal rausgekommen, gegen Mittag, und hat sich etwas gekauft. Da hinten.“ Der Junge zeigte die Straße hinunter, wo in großen Buchstaben der Name eines Kiosks an einem Hochhaus stand. „Danach ist er gleich wieder in seine Wohnung zurückgegangen und nicht mehr herausgekommen.“
„Danke, Justin. Gut gemacht.“ Koscewskij ging also keiner geregelten Arbeit nach. Oder er hatte sich schon den zweiten Tag hintereinander freigenommen.
„Sonst hast du nichts weiter beobachtet?“ Marek durchsuchte seine Taschen nach Geld.
„Doch. Also nicht beobachtet, aber gehört. Ich habe versucht, ihn von meinem Zimmer aus zu belauschen. Er hat viel telefoniert. In einer ausländischen Sprache. Und er hat wieder geweint. Ich konnte ihn aber nicht die ganze Zeit belauschen, weil meine Mutter mich nach draußen geschickt hat. Wenn sie Besuch bekommt, darf ich nicht in der Wohnung sein.“ Eine tiefe Röte breitete sich auf seinem Gesicht aus, er guckte beschämt auf die Spitzen seiner ausgetretenen Turnschuhe.
Marek behielt seine neutrale Miene bei und tat, als ob er das nicht bemerkt hätte. Jetzt war keine Zeit, um persönliche Probleme des Jungen anzusprechen.
Das sah dieser allerdings anders, denn als Marek ihm einen Fünfeuroschein zustecken wollte, schüttelte er heftig den Kopf.
„Nein, ich möchte das Geld nicht. Ich möchte Sie von dem Geld, das Sie mir schulden, engagieren. Dafür arbeite ich auch weiter für Sie.
Bitte, Sie müssen mir helfen!“
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