Читать книгу: «Land des Geldes»

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Von heruntergekommenen Städten an der sibirischen Grenze über Steueroasen in der Karibik bis zu den Verbrechervillen in London und Manhattan – irgendwas läuft falsch in dieser Welt. Dieses Buch zeigt Ihnen, was.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte ein Amtsträger, der sich aus der öffentlichen Kasse bediente, nicht ganz so viel mit seinem Geld anfangen. Er konnte sich ein neues Auto kaufen oder sich ein schönes Haus bauen, es vielleicht noch an Freunde und Familie verschenken, aber das war es im Großen und Ganzen dann auch. Wenn er weiter stehlen würde, würden sich die Geldscheine nur in seinem neuen Haus stapeln, bis alle Zimmer voll wären oder es die Mäuse auffressen würden.

Dann hatten ein paar Banker in London eine geniale Idee …Begleiten Sie den investigativen Journalisten Oliver Bullough auf eine Reise ins »Land des Geldes« – einen grenzenlosen Staat der Superreichen. Erfahren Sie, wie die Institutionen Europas und der USA zu Geldwäscheinstituten wurden, die die Fundamente westlicher Stabilität untergraben. Entdecken Sie die wahren Kosten einer Geschäftspolitik, die weder Korruption noch Gefahr scheut. Treffen Sie die Kleptokraten und ihre schrecklichen Kinder. Und finden Sie heraus, wie heroische Aktivisten sich auf der ganzen Welt zur Wehr setzen.

Dies ist die Geschichte von Geld und Macht im 21. Jahrhundert. Es ist noch nicht zu spät, sie umzuschreiben.

Über den Autor

Oliver Bullough ist Journalist, u.a. für den »Guardian« und »The New York Times«, und Autor zweier Bücher über russische Geschichte und Politik. Er lebt in London.

Oliver Bullough

LAND DES
GELDES

MONEYLAND

Warum Diebe und Betrüger

die Welt beherrschen

Aus dem Englischen

von Jürgen Neubauer

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

1 Aladins Räuberhöhle

2 Unter Piraten

3 Die Königin der Karibik

4 Sex, Lügen und Offshore

5 Das Geheimnis der Harley Street

6 Stille Post

7 Krebs

8 Fies wie eine Klapperschlange

9 Der Passverkäufer

10 Diplomatische Immunität!

11 Die Unbeschreiblichen

12 Dunkle Materie

13 Der Atomtod klopft an die Tür

14 Ja zum Reichtum

15 Luxusimmobilien

16 Unter Plutokraten

17 Die Zerschlagung der Schweiz

18 Steuerparadies USA

19 Der Kampf gegen Moneyland

Quellen

Dank

Register

KAPITEL 1
ALADINS RÄUBERHÖHLE

DIE FRANZOSEN BEGANNEN IHRE REVOLUTION 1789 mit dem Sturm auf die Bastille, einem Symbol für die Grausamkeit ihrer Herrscher. Und die Ukrainer begannen ihre Revolution 2014 mit dem Sturm auf den Präsidentenpalast Meschyhirja, einem Symbol für die Selbstbereicherung ihrer Herrscher. Auf dem weitläufigen Gelände des Anwesens befanden sich Wasserspiele, ein Golfplatz, eine pseudoantike Tempelruine, ein Marmorpferd, das mit einer Landschaft der Toskana bemalt war, ein Straußengehege, ein Gelände zur Wildschweinjagd sowie ein fünfstöckiges Landhaus, in dem der gestürzte Präsident Wiktor Janukowytsch seiner vulgären Prunksucht frönte.

In der Ukraine wussten alle, dass Janukowytsch korrupt war, doch bis zu diesem Moment hatte sich niemand eine Vorstellung davon gemacht, wie korrupt. Zu einer Zeit, als die gewöhnlichen ukrainischen Bürger den Gürtel ein Loch ums andere enger schnallen mussten, hatten er und seine Spießgesellen Vermögen von Hunderten Millionen von Euro angehäuft. Er hatte mehr Geld, als er jemals würde ausgeben können, und mehr Schätze, als er in seinem Palast zur Schau stellen konnte.

Alle Staatsoberhäupter haben ihre Paläste, doch in der Regel befinden sich diese im Eigentum des Staats. Wenn sie sich denn einmal in Privateigentum befinden, wie der Trump Tower von Donald Trump, dann wurden sie meist vor Amtsantritt erworben. Janukowytsch hatte sich seinen Palast jedoch erbaut, während er von Steuergeldern lebte, und deshalb wollten ihn die Demonstranten sehen. Staunend liefen sie um das Hauptgebäude, die Brunnen, die künstlichen Wasserfälle, die Statuen und die exotischen Fasane. Es war ein Tempel der Geschmacklosigkeit, eine Kathedrale des Kitschs, der Inbegriff der Extravaganz. Geschäftstüchtige Anwohner vermieteten Fahrräder an die Besucher, denn das Gelände war so groß, dass man es zu Fuß gar nicht erkunden konnte, und die Revolutionäre brauchten Tage, bis sie auch in den letzten Winkel vorgedrungen waren. Die Garagen erinnerten an eine Räuberhöhle aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht, hier türmten sich Goldschätze von unvorstellbarem Wert. Die Revolutionäre ließen die Schätze später von Experten des Nationalen Kunstmuseums von Kiew abtransportieren, damit sie keinen Schaden nahmen und dem Volk erhalten blieben.

Hier stapelten sich die vergoldeten Kerzenständer, an den Wänden hingen riesige Porträts des Präsidenten, neben einer aus Elefantenstoßzähnen geschnitzten Elfenbeinpagode standen griechische Götterstatuen, Dutzende orthodoxe Ikonen, dazu historische Gewehre, Schwerter und Streitäxte. Eine Urkunde feierte Janukowytsch als »Jäger des Jahres«, aus anderen Dokumenten ging hervor, dass je ein Stern nach ihm und seiner Frau benannt worden war. An einigen der Gegenstände klebten noch die Kärtchen der Günstlinge, die sie dargebracht hatten. Es waren ihre Tributzahlungen an den Herrscher, mit denen sie sich das Wohlwollen Janukowytschs erkaufen und sicherstellen wollten, dass sie sich auch weiterhin mit ihren Gaunereien bereichern durften.

Die Ukraine ist vermutlich das einzige Land der Welt, das jahrelang von raffgierigen Ganoven ausgeplündert wurde und deren Beutestücke schließlich als Konzeptkunst ausstellte: Fundstücke aus der Rumpelkammer des Präsidenten. Die Menschen, die zusammen mit mir vor dem Museum Schlange standen, schienen unschlüssig, ob sie Stolz oder Scham empfinden sollten.

In einer der Vitrinen des Museums wurde ein altes Buch ausgestellt, das auf einer Hinweistafel als kleine Aufmerksamkeit des Finanzamtes beschrieben wurde. Es war ein Exemplar des Apostol, des ersten in der Ukraine gedruckten Buchs, von dem heute in aller Welt bestenfalls hundert Exemplare existieren. Wie kam man im Finanzamt auf den Gedanken, dass es sich um ein geeignetes Präsent für den Präsidenten handeln könnte? Wie konnte sich die Behörde so etwas leisten? Wieso kam man im Finanzamt überhaupt auf den Gedanken, dem Präsidenten Geschenke zu machen? Wer hatte das bezahlt? Fragen, auf die niemand eine Antwort wusste.

Unter einem Berg von kitschigen Vasen befand sich eine erlesene Keramik von Picasso, Herkunft unbekannt. Unter den Ikonen war wenigstens eine aus dem 14. Jahrhundert mit der typischen zweidimensionalen Darstellung. An einer anderen Wand, neben einem Porträt Janukowytschs aus Bernstein und einem anderen aus ukrainischen Getreidesamen, hingen russische Landschaftsgemälde aus dem 19. Jahrhundert im Wert von vielen Millionen Euro. In einer Vitrine war das stählerne Symbol von Hammer und Sichel zu bewundern, das Stalin einst der Kommunistischen Partei der Ukraine überreicht hatte. Wie war es in Janukowytschs Garage gekommen? Vielleicht hatte der Präsident keinen anderen Platz mehr dafür gefunden?

Die Menge schob mich durch die Räume. In einem hingen überall Gemälde von mehr oder weniger unbekleideten Frauen, die im Freien herumstanden und von bekleideten Männer umringt waren. Am Ende hatte ich nicht mehr die Kraft, die Krokodilshaut an der Wand genauer in Augenschein zu nehmen oder die Gewehre, Schwerter, Pistolen und Speere in den Schaukästen zu bestaunen. Meist sind es meine Füße, die mich bei Museumsbesuchen im Stich lassen; diesmal war es mein Gehirn.

Doch die Massen strömten unaufhörlich weiter ins Museum, tagelang standen lange Schlangen vor dem Eingang. Heiter schoben sich die Wartenden voran und verschwanden schließlich durch das Tor im Museum. Mit fahlen Gesichtern kamen sie am anderen Ende wieder heraus. Am Ausgang lag ein Gästebuch, in dem sie ihre Kommentare hinterlassen konnten. Jemand hatte geschrieben: »Wie viel Zeug braucht ein einzelner Mensch? Entsetzlich. Mir ist schlecht.«

Und das war erst der Anfang. Die Tage nach der Revolution waren im besten Sinne eine gesetzlose Zeit, keine Uniformierten hinderten die Bürger daran, ihre Neugierde zu befriedigen. Ich nutzte die Situation, um mich in möglichst vielen der abgelegenen Paläste der früheren Elite umzusehen. Eine Fahrt führte mich nach Sucholutschtschja inmitten eines Waldes vor den Toren Kiews. Die Sonne stach vom Himmel herab, die Luft waberte über dem Teer, während die Straße immer tiefer in den Wald hineinführte. Mein Begleiter Anton, der selbstständiger IT-Unternehmer gewesen war, ehe er sich der Revolution angeschlossen hatte, hielt an einem Tor, stieg aus und verschwand im Unterholz. Kurz darauf kam er zurück und hielt etwas in die Höhe: »Der Schlüssel zum Paradies!«, rief er grinsend. Er schloss das Tor auf, setzte sich wieder ans Steuer, und wir fuhren weiter.

Zu unserer Rechten glitzerte ein See, hier wurde das Wasser des Dnjepr aufgestaut. Wir fuhren über einen Damm, vorbei an einem Steg mit einem kleinen Bootshaus. Auf schwimmenden Inseln hockten Enten vor ihren Holzhäuschen. Schließlich hielten wir vor einem zweistöckigen Jagdhaus. Hierher war Janukowytsch mit alten Freunden und neuen Freundinnen gekommen, um auszuspannen.

Anton war zum ersten Mal im Februar 2014 hierhergekommen, wenige Stunden nachdem der Präsident aus der Hauptstadt geflohen war. Er hatte vor dem Tor gehalten und den Wachleuten gesagt, die Revolution habe ihn geschickt. Sie hatten ihm den Schlüssel ausgehändigt und ihn durchgewunken. Dann hatte er das Anwesen mit seinem alten Baumbestand erkundet. Es gab eine Kapelle und ein Sommerhaus mit überdachtem Grillplatz. Das Gelände neigte sich sanft hinunter zum Seeufer und einer Anlegestelle für Jachten. Die Angestellten waren herausgekommen und hatten Anton gefragt, was er im Jagdschloss des Präsidenten zu suchen habe. Anton hatte erwidert, die Revolution habe gesiegt, und das Jagdschloss gehöre jetzt dem Volk.

Anton öffnete mir die Tür und führte mich hinein. Er hatte nichts angerührt: Der lange Esstisch mit seinen achtzehn Polsterstühlen stand noch so da, wie er ihn vorgefunden hatte, genau wie der beheizbare Massagetisch aus Marmor. An den Wänden hingen pseudo-impressionistische Aktgemälde, wie sie Renoir hätte malen können, wenn er in Softporno gemacht hätte. Der Fußboden war ein Parkett aus tropischen Harthölzern, die Wände waren mit rustikalen Brettern verkleidet. Bücher waren keine zu sehen.

Anton führte mich durch die Räume und zeigte mir eine Karaoke-Maschine, ein Schwimmbad und Kinoräume. Den tiefsten Eindruck hinterließen allerdings die Toiletten. Gegenüber den Kloschüsseln waren in Sitzhöhe Fernsehapparate angebracht. Es war eine persönliche Note der ganz besonderen Art: Präsident Janukowytsch war ein passionierter Fernsehkonsument und offenbar hatte er einige Zeit auf der Schüssel verbracht. Während die Bürger seines Landes für miserable Gehälter malochten und jung starben, und während die Infrastruktur des Landes verfiel und sich Beamte und Politiker die Taschen vollstopften, hatte der Präsident Sorge getragen, dass seine Verstopfung ihn nicht am Fernsehgenuss hinderte. Für mich wurden diese Fernsehapparate zum Sinnbild all dessen, was schiefgelaufen war, und zwar nicht nur in der Ukraine, sondern in sämtlichen ehemaligen Sowjetrepubliken, in denen ich als Journalist gearbeitet habe.

Als die Sowjetunion zerfiel, war ich dreizehn und neidisch auf alle, die diesen Moment miterleben durften. Im Sommer 1991, während die Hardliner in Moskau einen letzten Versuch unternahmen, ihrem Land die alte Sowjetordnung aufzuzwingen, verbrachte ich mit meiner Familie die Ferien in den schottischen Highlands und versuchte verzweifelt, im Funkschatten der Hügel einige Radiosignale zu erhaschen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Als die Ferien zu Ende waren, war der Putschversuch gescheitert und ein neues Zeitalter war angebrochen. Der an sich eher zurückhaltende Historiker Francis Fukuyama rief das Ende der Geschichte aus. Die Welt war frei. Die Guten hatten gesiegt.

Ich interessierte mich brennend dafür, was in Osteuropa vor sich ging, und verschlang Hunderte Bücher von Autoren, die vor mir da gewesen waren. Während meines Studiums streifte ich jeden Sommer durch die Länder des früheren Warschauer Paktes, die einst unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang gelegen hatten, und freute mich an der Vereinigung Europas. Nach dem Studium wartete eine Anstellung auf die meisten meiner Kommilitonen, doch ich hatte anderes vor. Im September 1999 zog ich nach St. Petersburg, die zweitgrößte Stadt Russlands, überwältigt von Begeisterung, trunken von den Möglichkeiten des demokratischen Wandels und der Blüte einer neuen Gesellschaft. In meinem Freudentaumel bemerkte ich gar nicht, dass ich den Moment verpasst hatte, und dass er längst vorüber war, wenn es ihn denn jemals gegeben haben sollte. Drei Wochen vor meiner Ankunft auf dem Flughafen Pulkowo war ein undurchschaubarer ehemaliger KGB-Agent namens Wladimir Putin zum Premierminister ernannt worden. Statt über Freiheit und Freundschaft zu schreiben, berichtete ich während der nächsten zehn Jahre über Kriege und Missbrauch, erlebte Paranoia und Schikane. Die Geschichte war keineswegs zu Ende. Im Gegenteil, sie nahm gerade an Fahrt auf.

Als ich 2014 den präsidialen Abort in Augenschein nahm, hatte ich bereits zwei Bücher über die ehemalige Sowjetunion veröffentlicht. Der Anstoß für das erste war das Elend, das ich in und um Tschetschenien gesehen hatte, und handelte von den Kaukasusvölkern und ihren wiederholten und wiederholt fehlgeschlagenen Bemühungen um Selbstbestimmung. Das zweite Buch beschrieb die Russen und die Aushöhlung ihres Landes durch Alkoholismus und Verzweiflung. Auch wenn es mir damals nicht ganz klar war, stand hinter beiden Büchern die unausgesprochene Frage: Was ist da nur schiefgegangen? Warum ist der Traum des Jahres 1991 nicht Wirklichkeit geworden? Vor dem Thron des gestürzten Präsidenten der Ukraine drängte sich mir diese Frage mit Macht auf: Warum hatten diese Staaten nicht Freiheit und Wohlstand bekommen, sondern Politiker, denen mehr an einem gepflegten Stuhlgang gelegen war als am Wohl ihrer Bürger?

Ein wenige Hundert Meter vom Kreml entfernt gelegener Bentley-Händler verkauft Karossen im Wert von vielen Hunderttausend Euro, und die russischen Zeitungen prahlen damit, dass diese Filiale mehr von diesen Luxusschlitten verkauft als jede andere auf der Welt. Wenige Stunden entfernt lernte ich – wohlgemerkt mitten im iPhone-Zeitalter – einen Mann kennen, der mir für mein altes Nokia-Handy sein gesamtes Vermögen anbot. In Aserbaidschan beauftragte Präsident Ilham Alijew die Stararchitektin Zaha Hadid – seinerzeit die glamouröseste Vertreterin ihrer Branche – mit dem Bau eines spektakulären Museums zu Ehren seines verstorbenen Vaters (und Amtsvorgängers), und zwar in teuerster Lage in der Hauptstadt Baku. Tausende seiner Bürger leben seit dem Krieg gegen Armenien vor zwei Jahrzehnten in improvisierten Flüchtlingslagern. In Kirgisistan ließ sich der Präsident eine dreigeschossige Luxusjurte bauen (Jurten sind Zelte und haben als solche nur eine Etage), um dort als Reiternomade des Goldenen Zeitalters zu posieren, während viele Hauptstadtbewohner ihr Wasser noch am Gemeindebrunnen holen.

In der Ukraine zogen Janukowytsch und seine Clique einen Parallelstaat auf. Sie regierten nicht, sie stahlen. Wo Steuern zu zahlen waren, konnte man sich per Bestechung bei ihnen freikaufen. Wo Genehmigungen erteilt wurden, hielten sie die Hand auf. Wo Unternehmen florierten, schickten sie Polizisten, um Schutzgeld zu kassieren. Beamte und Politiker gingen ihrer lukrativen Tätigkeit in diesem Parallelstaat nach und vernachlässigten darüber ihre eigentlichen Aufgaben. Die Ukraine beschäftigte sage und schreibe 18.500 Staatsanwälte, die nichts anderes waren als die Schlägertruppe eines Mafiapaten. Wenn sie Anklage erhoben, kamen die Richter ihren Wünschen nach. Mit der Justiz auf ihrer Seite konnten die Politiker nach Belieben absahnen.

Zum Beispiel im Gesundheitswesen. Der Staat war laut Verfassung verpflichtet, bedürftige Bürger kostenlos mit Medikamenten zu versorgen, und diese Medikamente kaufte er auf dem freien Markt ein. Dabei konnte er Aufträge an jeden Anbieter vergeben, der die entsprechenden Voraussetzungen erfüllte. Tatsächlich jedoch fanden Politiker endlose Möglichkeiten, Anbieter auszuschließen, die kein Schmiergeld zahlen wollten. Mal waren die Angebote in der falschen Schriftart eingereicht worden, mal war die Unterschrift auf dem Dokument zu groß oder zu klein – was immer den Beamten gerade einfiel. Ausgeschlossene Anbieter konnten zwar Widerspruch einlegen, doch dazu mussten sie vor ein Gericht gehen, aber das war natürlich Teil des korrupten Systems und forderte ebenfalls Tribut, sodass sich die Unternehmen erst gar nicht um die Aufträge bemühten. Wenn sie Ärger machten, liefen sie Gefahr, bis ans Ende aller Zeiten von einer der ungezählten Behörden schikaniert zu werden, die Betriebsinspektionen durchführen konnten, zum Beispiel von der Brandschutzbehörde oder dem Gesundheitsamt. Daher wurde der Markt von zwielichtigen und im Ausland registrierten Briefkastenunternehmen der Freunde der Politiker beherrscht, die sich absprachen, um die Preise nach Gutdünken in die Höhe zu treiben. Der Handel hielt sich an das Gesetz, und die beteiligten Unternehmer und Politiker machten satte Gewinne.

So kam es, dass der Staat für Aids-Medikamente mehr als das Doppelte des Weltmarktpreises bezahlte, und das obwohl die Aids-Epidemie in der Ukraine schneller um sich greift als irgendwo sonst in Europa. Als nach der Revolution internationale Organisationen den Einkauf übernahmen, konnten sie die Ausgaben für Krebsmedikamente um fast 40 Prozent senken, ohne minderwertige Produkte einzukaufen. Das Geld, das sie einsparten, war früher in die Taschen der Politiker und Beamten geflossen.

Und das war nur ein winziger Ausschnitt. Der Staat musste schließlich alles von irgendjemandem kaufen, und jedes Geschäft eröffnete einem Staatsdiener die Möglichkeit zur Selbstbereicherung. Man geht davon aus, dass Betrug dieser Art den Staat bis zu 12 Milliarden Euro pro Jahr gekostet haben könnte. Im Jahr 2015 erkrankten zwei ukrainische Kinder an Kinderlähmung, obwohl diese Krankheit in Europa als ausgerottet gilt. Schuld war ein mangelhaftes Impfprogramm, ausgehöhlt von korrupten und zynischen Politikern. Was ist da nur schiefgegangen?

Glauben Sie nicht, dass diese Frage allein für die Ukraine und die übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion gilt. Die groß angelegte Korruption, die Janukowytsch reich gemacht und sein Land in den Ruin gestürzt hat, provoziert in vielen Teilen der Welt Wut und Unruhen, von den Philippinen im Osten bis nach Peru im Westen. In Tunesien nahm die Raffgier der Beamten und Politiker solche Ausmaße an, dass sich ein Straßenhändler selbst verbrannte und damit den Arabischen Frühling auslöste. In Malaysia plünderten junge Investoren einen staatlichen Gesundheitsfonds und verprassten das Geld für Drogen, Sex und Hollywoodstars. In Äquatorialguinea kaufte sich der Sohn des Präsidenten von seinem offiziellen Monatsgehalt von 4000 Dollar eine 35 Millionen Dollar teure Villa in Malibu. In aller Welt greifen Staatsdiener in die öffentlichen Kassen, horten das gestohlene Geld im Ausland und finanzieren damit ihren ausschweifenden Lebenswandel, während ihre Heimatländer kollabieren.

•

Als wir das Jagdhaus von Sucholutschtschja verließen, grübelte ich noch immer über die Toiletten, die Fernsehapparate und die schmerzlichen Fragen, die sie aufwarfen. Wie hatten Anton und seine Mitbürger das zulassen können? fragte ich ihn. Hatten sie denn nicht bemerkt, was ihre Politiker anstellten? »Von den Einzelheiten hatten wir keine Ahnung«, erwiderte er frustriert. »Das Land, auf dem wir stehen, gehört nicht mal der Ukraine. Es gehört England. Schau’s nach.«

Er hatte recht. Wenn Sie hätten wissen wollen, wem dieses 30.000 Hektar große ehemalige Naturschutzgebiet gehörte, und warum es überhaupt privatisiert wurde, hätten Sie dies einfach im Katasteramt nachschlagen können. Dort hätten Sie dann erfahren, dass der Eigentümer ein ukrainisches Unternehmen namens Dom Lesnika war. Wenn Sie nachgeforscht hätten, wem Dom Lesnika gehörte, wären Sie in einem anderen Archiv auf den Namen eines britischen Unternehmens gestoßen, und ein Blick in ein weiteres Archiv hätte Ihnen verraten, dass dieses Unternehmen einer anonymen Stiftung in Liechtenstein gehörte. Für Außenstehende hätte dies wie eine unschuldige ausländische Investition gewirkt, wie sie in allen Ländern der Welt gern gesehen werden. Wenn Sie besonders hartnäckig gewesen wären und diese Investition selbst in Augenschein hätten nehmen wollen, dann wären Sie am Schlagbaum im Wald von Polizisten angehalten worden. Das hätte Sie vielleicht stutzig gemacht, doch das war noch lange kein Beweis, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Der Diebstahl war gut getarnt.

Die Ermittler hatten Glück, denn Janukowytsch hatte genauestens Buch über seine Gaunereien geführt. Sein Palast Meschyhirja stand in einer Parklandschaft am Dnjepr, am Ufer des Flusses befanden sich ein Jachthafen und eine Bar in Form einer spanischen Galeone. Auf der Flucht hatten die Schergen des Präsidenten zweihundert Aktenordner mit Finanzunterlagen in den Hafen geworfen, in der Hoffnung, dass sie untergehen würden. Den Gefallen hatten sie ihnen allerdings nicht getan. Die Demonstranten hatten die Papiere aus dem Wasser gefischt und in der Sauna getrocknet. Damit erhielten sie einen Einblick in die Finanztricks, mit denen Janukowytsch das Land ausgeplündert hatte.

Nicht nur Janukowytschs Jagdhaus lief auf den Namen von im Ausland registrierten Firmen, sondern auch dieser Palast. Genau wie seine Kohleförderunternehmen im Donbass und seine Villen auf der Halbinsel Krim, deren Eigentümer in der Karibik registriert waren. Janukowytsch war auch nicht der Einzige, der von solchen Offshore-Konstrukten Gebrauch machte: Die Medikamentendealer saßen in Zypern, die Waffenschieber wurden bis nach Schottland zurückverfolgt, und der größte Händler mit gefälschten Markenartikeln operierte von den Seychellen aus. Ermittler, die den Filz der offiziellen Korruption durchkämmen wollten, mussten sich daher mit Anwälten und Politikern in zahllosen Steueroasen und mit Kriminalbeamten in Dutzenden Ländern herumschlagen.

»Diese Politiker sind alle im Ausland gemeldet, in Monaco, Zypern, Belize oder den Britischen Jungferninseln«, erklärte mir der ukrainische Ermittler, der die gestohlenen Vermögen zurückholen sollte. »Wir schreiben diese Länder an, und dann müssen wir uns drei oder vier Jahre gedulden, wenn wir überhaupt etwas hören. Die Britischen Jungferninseln rühren sich grundsätzlich nicht, mit denen haben wir kein Abkommen. Und das war’s, damit ist der Fall erledigt. Während wir auf eine Antwort warten, wird das Vermögen fünfmal umgemeldet. Inzwischen läuft alles auf andere Namen, und das ist unser Hauptproblem, wir müssen diese Dokumente sämtlich durchgehen und überprüfen.«

Mir wird schwindelig wie vor einer komplizierten Mathematikaufgabe, und ich spüre, wie sich zu meinen Füßen ein Abgrund auftut. Diese Immobilien und Unternehmen gehören der Ukraine, aber rein juristisch gehören sie dem Ausland, wohin man ihnen nicht folgen kann. Kein Wunder, dass die Ganoven diese komplizierten Strukturen so lieben: Sie sind undurchschaubar. Und die Ukraine ist nicht das einzige Land, das betroffen ist.

Auch Politiker aus Nigeria, Russland, Malaysia, Kenia, Äquatorialguinea, Brasilien, Indonesien, den Philippinen, China, Afghanistan, Libyen, Ägypten und Dutzenden anderen Ländern haben ihr Vermögen im Ausland versteckt, wo die Bürger ihres Landes keinen Einblick und keinen Zugriff haben. Schätzungen gehen davon aus, dass in Entwicklungsländern märchenhafte Summen gestohlen werden: Die Rede ist von 20 Milliarden bis einer Billion Dollar pro Jahr. Über verschwiegene Offshore-Verbindungen landet dieses Geld schließlich in einigen wenigen Städten des Westens: Miami, New York, Los Angeles, London, Monaco, Genf.

Es gab eine Zeit, da hätte ein Beamter oder Politiker nicht viel mit dem Geld anfangen können, das er in seinem Heimatland gestohlen hatte. Er hätte sich ein neues Auto kaufen oder das Geld unter Freunde und Verwandte verteilen können, aber das war es auch schon. Zu Hause konnte er keine unbegrenzten Summen ausgeben. Irgendwann hätten sich die Geldscheinbündel einfach bei ihm zu Hause gestapelt, bis sie zu den Fenstern hinausquollen.

Mit Offshore-Banken ändert sich das. Briefkastenfirmen werden gelegentlich als Fluchtautos für Schwarzgeld bezeichnet, doch im modernen Finanzwesen sind sie eher so etwas wie magische Teleporter. Wer Geld stiehlt, muss es nicht mehr im Safe verstecken, wo es die Mäuse auffressen. Mithilfe des Teleporters kann er es per Knopfdruck außer Landes schaffen und an jedem beliebigen Ort deponieren. Das ist so, als könnte man so viel in sich hineinfressen wie man will, ohne sich jemals satt zu fühlen. Kein Wunder, dass Politiker unersättlich geworden sind: Sie können Geld unbegrenzt stehlen und ausgeben. Wenn sie eine Jacht wollen, dann überweisen sie das Geld nach Monaco und kaufen sich dort eine auf der jährlichen Messe. Wenn sie eine Villa wollen, dann überweisen sie das Geld nach London oder New York und suchen einen Makler, der keine Fragen stellt. Wenn sie Kunstwerke wollen, dann überweisen sie das Geld an ein Auktionshaus. Offshore heißt, dass man nie genug haben muss.

Aber das ist längst nicht alles. Wenn der wahre Eigentümer eines Vermögenswerts (zum Beispiel einer Villa, eines Flugzeugs, einer Jacht oder eines Unternehmens) geschickt hinter zahlreichen verschachtelten Konstruktionen und in verschiedenen Ländern versteckt wird, lässt er sich kaum noch ausfindig machen. Selbst wenn, wie in der Ukraine, die korrupte Regierung gestürzt wird, ist es schwierig bis unmöglich, die gestohlenen Summen zu finden, zu konfiszieren und zurückzuholen. Vielleicht haben Sie gelesen, dass Abermillionen nach Nigeria, Indonesien, Angola oder Kasachstan zurücküberwiesen wurden, doch in jedem dieser Fälle kommt auf jeden gestohlenen Euro bestenfalls ein zurückgezahlter Cent. Die korrupten Herrscher verstecken ihr Vermögen inzwischen derart geschickt, dass einmal gestohlenes Geld für immer verloren ist. Selbst wenn sie ihre Ämter verlieren, behalten sie ihre luxuriösen Anwesen im Westen von London, ihre Superjachten in der Karibik und ihre Villen in Südfrankreich.

Der Schaden für die betroffenen Länder ist enorm. Die Regierung von Nigeria hat die Kontrolle über den Norden des Landes verloren und Millionen Menschen sind auf der Flucht. Libyen ist als Staat kaum noch zu erkennen, bewaffnete Banden kämpfen um die Vorherrschaft und lassen den Menschenschleppern freie Bahn. Die Korruption der afghanischen Politiker verhindert den Kampf gegen den Opiumanbau, die Schmuggler können das billige Heroin nach Belieben ins Ausland verfrachten. In Russland, einem der Hauptabnehmer des Heroins, sind mehr als eine Million Menschen mit dem HI-Virus infiziert, doch das Gesundheitswesen hat kein Geld, und die Regierung interessiert sich mehr für kurzfristige Propagandaerfolge als dafür, ihren Bürgern zu helfen.

Und die Ukraine ist eine Ruine. Die Landstraßen zwischen den größeren Städten befinden sich in miserablem Zustand, während die zwischen den Dörfern kaum noch instand gehalten werden. Eine Fahrt durch das Land ist eine Qual, die noch unerträglicher wird, weil man ständig von Verkehrspolizisten angehalten wird, die nach kleinsten Verstößen gegen die komplizierte Straßenverkehrsordnung Ausschau halten oder sie wenn nötig auch erfinden.

Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit im Jahr 1991 waren die Einwohner der Ukraine mehr oder weniger gleich arm oder reich, da die Sowjetunion ihre Misswirtschaft gerecht auf alle verteilt hatte. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat sich die Situation vollkommen verändert. Am Vorabend der Revolution des Jahres 2013 befand sich die Hälfte der Volkswirtschaft in der Hand von nur 45 Personen. Auch dies hat die Ukraine mit zahlreichen von der Korruption zerfressenen Entwicklungsländern gemeinsam. Die Tochter des langjährigen Präsidenten Angolas ist die reichste Frau Afrikas und stöckelt durch den Westen wie ein Filmstar, während der Rest der Bevölkerung in einem gescheiterten Staat ums Überleben kämpft. Die Tochter des Präsidenten von Aserbaidschan produziert Filme und verlegt Hochglanzmagazine, und die Söhne des Notstandsministers unterhielten bis vor Kurzem ein Lobbyunternehmen in der Londoner City. Es ist kaum vorstellbar, wie Länder mit einer derart zerrütteten Wirtschaft ein gesundes Gemeinwesen und eine funktionierende Demokratie auf die Beine stellen sollen, von der Landesverteidigung ganz zu schweigen.

Was das heißt, wurde kurz nach der ukrainischen Revolution auf der Krim deutlich. Die Krim gehört zur Ukraine, doch als russische Truppen – in nicht gekennzeichneten Uniformen, aber in Fahrzeugen mit russischen Militärkennzeichen – in die Städte der Halbinsel einfuhren und Militärstützpunkte blockierten, waren die Verantwortlichen derart demoralisiert, dass sie keine ernsthafte Gegenwehr leisteten. Ein Admiral ergab sich den Russen nicht nur, sondern händigte ihnen auch gleich die ukrainische Flotte aus, obwohl er angeblich seinem Land den Treueeid geschworen hatte. Im Flughafen stempelten die Grenzbeamten den ukrainischen Dreizack in meinen Pass, doch das Land, dem sie dienten, war verschwunden. Im Osten der Ukraine wiederholte sich das Spiel: Kaum jemand war bereit, die Ukraine gegen die von Russland unterstützten, gut bewaffneten und gut ausgebildeten Separatisten zu verteidigen. Die Korruption hatte den Staat derart ausgehöhlt, dass er zu einem Apparat der kriminellen Selbstbereicherung der Politiker verkommen war. Warum sollte jemand etwas verteidigen, das nur dazu da war, ihm das Leben schwer zu machen? Die Korruption hatte dem Staat jegliche Legitimität genommen.

Der Zorn darüber zerfrisst nicht nur die Ukraine, sondern auch viele andere Länder. In Afghanistan, Nigeria und dem Nahen Osten treibt er die Menschen in die offenen Arme der Terrorbanden. »Die große Gefahr für die Zukunft Afghanistans sind nicht die Taliban, nicht ihre Verstecke in Pakistan und auch nicht die aufkeimende Feindseligkeit Pakistans. Wirklich existenzbedrohend ist die Korruption«, sagte der amerikanische General John Allen, ehemaliger Befehlshaber der internationalen Mission in Afghanistan, im April 2014 in einer Anhörung vor einem Ausschuss des amerikanischen Senats. »Religiöse Aufständische, kriminelle Netzwerke und Drogenhandel sind ein gefährliches Bündnis eingegangen, das auf die Übernahme staatlicher Funktionen auf allen Ebenen zielt. Zu lange haben wir die Taliban als alleinige Existenzbedrohung Afghanistans gesehen. Aber im Vergleich mit dem Umfang der Korruption, mit der wir zu kämpfen haben, sind sie nicht mehr als ein lästiges Ärgernis.«

Ich verspüre das Bedürfnis, allen dieselbe Frage zu stellen, die ich Anton gestellt habe: Wie kann es sein, dass sie nicht wussten, was da los war? Es ist doch offensichtlich, oder? Aber nein. Anton hat recht. Es ist nicht offensichtlich. Das Geld ist nur dann leicht zu finden, wenn man schon weiß, wo es ist. Und das Problem ist nur dann offensichtlich, wenn man schon weiß, dass es existiert.

•

Am Morgen nach Halloween 2017 lag auf den Stufen eines hübschen Backsteingebäudes in der Union Street 377 im Süden des New Yorker Stadtteils Brooklyn Heights ein kunstvoll geschnitzter Kürbis. Bei genauerem Hinsehen hatte der Kürbis gewisse Ähnlichkeit mit Robert Mueller, dem ehemaligen FBI-Direktor und nun Sonderermittler, der herausfinden sollte, ob Russland in illegaler Weise in den Präsidentschaftswahlkampf der Vereinigten Staaten eingegriffen und die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten unterstützt hatte. Der Kürbis stammte von der Fotografin Amy Finkel, die an der Fassade eine Gedenktafel angebracht hatte, auf der stand: »Dieses Haus brachte einen Präsidenten zu Fall.« Die Anwohner, die bei der Präsidentschaftswahl 2016 überwiegend für Hillary Clinton gestimmt hatten, freuten sich.

Zwei Tage zuvor hatte Mueller Anklage gegen Trumps ehemaligen Wahlkampfmanager Paul Manafort erhoben, und aus der Anklageschrift ging hervor, dass dieses Haus Teil einer weit gespannten Geldwäscheoperation war. Manafort hatte das Haus 2012 für 3 Millionen Dollar gekauft, die von einem zypriotischen Konto stammten, dann hatte er es mit einer Hypothek von 5 Millionen belastet und schließlich mit diesem Geld weitere Immobilien erworben und Schulden getilgt – ein kompliziertes Manöver zur Steuerhinterziehung.

Bevor Manafort für Trump tätig wurde, hatte er Janukowytsch beraten und für beide Politiker ähnliche Wahlkampfstrategien entwickelt. Unter Manaforts Anleitung verkaufte sich Janukowytsch als Mann der Praxis, der Klartext redete und für die Vergessenen und Benachteiligten eintrat. Muellers Anklage bezog sich auch auf seine Arbeit in der Ukraine und darauf, was er mit seinem Honorar angefangen hatte. »Seine Lobbyarbeit richtete sich an Abgeordnete des amerikanischen Kongresses und zielte auf eine Aufhebung der Sanktionen gegen die Ukraine, die Anerkennung des Ergebnisses der ukrainischen Wahlen sowie der Rechtmäßigkeit der Verhaftung politischer Gegner Janukowytschs«, hieß es in der Anklageschrift.

Der ausführlichen Aufschlüsselung seiner Ausgaben nach zu urteilen, stand Manafort in seiner Liebe zum Luxus Janukowytsch kaum nach. So finden sich unter seinen Ausgaben zum Beispiel 934.350 Dollar für Perserteppiche, 849.215 Dollar für Kleidung, 112.825 Dollar für Stereoanlagen und Fernseher (vielleicht hatte er ja auch einen Apparat in Augenhöhe vor der Kloschüssel). Der größte Posten waren allerdings Immobilien. Für ein Apartment in New York blätterte er 1,5 Millionen Dollar hin, für ein Haus in Virginia 1,9 Millionen. (Wie Janukowytsch und natürlich auch Trump dankte Manafort den wirtschaftlich Benachteiligten am Wahltag für ihre Stimmen, doch als Nachbarn wollte er sie nicht haben.) Das Geld dafür kam vom ukrainischen Staat.

An diesem Punkt drängen sich einige unangenehme Fragen auf. So amüsant es ist, dass Manafort von seinen Nachbarn in Brooklyn mit einem Kürbis und selbst gemalten Protestschildern an den Pranger gestellt wurde, so besorgniserregend ist es auch, dass die amerikanischen Bürger vorher genauso wenig gewusst hatten, was da vor sich ging, wie die Ukrainer von Sucholutschtschja gewusst hatten. Aber wie sollten sie auch? Wenn sie im Katasteramt von New York den Käufer des Hauses in Brooklyn gesucht hätten, dann wären sie auf ein Unternehmen namens MC Brooklyn Holdings LLC gestoßen, aber nicht auf den wahren Eigentümer. Das Unternehmen kam offenbar aus der Region, doch es tarnte den Eigentümer des Hauses genauso wirkungsvoll, wie die Briefkastenfirmen in Liechtenstein und den Britischen Jungferninseln Janukowytsch tarnten. Wenn die amerikanischen Bürger gefragt hätten, woher das Geld stammte, mit dem Manafort diese Immobilien kaufte und renovierte oder seine eleganten Anzüge, Stereoanlagen und Perserteppiche erwarb, dann wären sie auf Namen von Unternehmen aus Zypern, Großbritannien oder St. Vincent und den Grenadinen gestoßen. Wenn man sich die Ermittlungsergebnisse von Muellers Team ansieht, tut sich einmal mehr ein Abgrund auf und es erfasst einen ein Schwindelgefühl.

Die Spur führt nicht von ungefähr nach New York, denn dieser Abgrund tut sich nicht in der Ukraine, dem südlichen Afrika oder Malaysia auf, sondern im Herzen des Westens. Reiche Menschen haben seit jeher ein Interesse daran, ihr Geld dem Zugriff des Staates zu entziehen, und dazu haben sie im Laufe der Jahrhunderte raffinierte Instrumente erfunden. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten richten Anwälte zum Beispiel Treuhandgesellschaften ein, mit deren Hilfe ihre reichen Klienten ihr Geld scheinbar für wohltätige Zwecke spenden, während sie es in Wirklichkeit weiter für sich arbeiten lassen und an ihre Kinder vererben können. In Europa gibt es dafür Stiftungen.

In den Gesellschaften des Westens (vor allem in den Vereinigten Staaten) ist die Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen seit den Siebzigerjahren immer größer geworden. Wirtschaftswissenschaftler wie Thomas Piketty sehen die Ursache darin, dass Kapitalerträge langfristig größer sind als das Wirtschaftswachstum. Solange es also nicht zu einer globalen Katastrophe kommt, öffnet sich die Schere im Westen immer weiter, es sei denn, der Staat wirkt dem entgegen. Damit könnte Piketty recht haben, aber darum geht es in diesem Buch nicht. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler und kann mich daher nicht kompetent zu Strukturproblemen äußern, die Kapitalerträge gegenüber der Arbeit begünstigen. Ich bin Journalist, und als solcher interessiere ich mich für Gauner. In diesem Buch geht es daher um Ganoven und Menschen der Art, die das Land, in das ich 1999 gezogen bin, in den Abgrund gestürzt und die Welle der Hoffnung abgewürgt haben, auf der ich in die glorreiche russische Zukunft surfen wollte.

Dass Reiche in eine Trickkiste greifen können, die dem Rest der Bevölkerung nicht offensteht, ist übrigens eine weitere Erklärung für die größer werdende Ungleichheit unserer Gesellschaften, und zudem eine, über die viel zu wenig gesprochen wird. Westliche Behörden haben ihre liebe Not, diese juristischen Kniffe zu unterbinden, doch sie haben immerhin die Institutionen und Traditionen, die nötig sind, um selbst einigermaßen ehrlich zu bleiben. In den neueren und ärmeren Staaten gibt es diese Institutionen und Traditionen jedoch nicht. Beamte und Politiker wurden von einer Flutwelle des Geldes fortgerissen. Wie mir ein ukrainischer Rechtsanwalt erklärte: »Sie haben die Wahl, die Bestechung anzunehmen oder nicht. Entweder Sie nehmen das Geld, oder die bringen Ihre Kinder um. Natürlich nehmen Sie das Geld.« Seine mexikanischen Kollegen bringen diese Wahl mit einer knackigeren Formulierung auf den Punkt: »Silber oder Blei?« Die Korruption ist derart verbreitet, dass viele Länder nicht mehr in der Lage sind, Steuern von ihren reichsten Bürgern zu kassieren, weshalb nur diejenigen den Staat finanzieren müssen, die es sich am wenigsten leisten können. Das zersetzt die demokratische Legitimität und verärgert die Bürger, die mit einem solchen Staat leben müssen. Wer an eine freiheitliche und demokratische Weltordnung glaubt, kann dieser Situation nichts abgewinnen.

Beobachter aller politischen Richtungen warnen vor den Auswirkungen der immer größer werdenden Ungleichheit auf die Gesellschaft der Vereinigten Staaten, wo der Anteil des reichsten Hundertstels der Bevölkerung am Gesamtvermögen von 1990 bis 2012 von einem Viertel auf zwei Fünftel gestiegen ist. Wenn Sie das schon für bedenklich halten, dann sollten Sie einmal einen Blick auf den Rest der Welt werfen: Allein im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stieg der Anteil des reichsten Hundertstels am Weltvermögen von einem Drittel auf die Hälfte. Einer der Motoren dieser Entwicklung sind Länder wie Russland. Zwischen 2000, dem Beginn der ersten Amtszeit von Präsident Putin, und 2015 wuchs das Gesamtvermögen der russischen Mittelschicht – rund 4 Prozent der Bevölkerung – um 137 Milliarden Dollar. (Der Global Wealth Report der Credit Suisse definiert als Angehörige der Mittelschicht Menschen mit einem Vermögen von 18.000 bis 180.000 Dollar.) Das klingt ganz ordentlich, bis man das mit dem Vermögenszuwachs der Reichen vergleicht. Die Oberschicht mit einem Vermögen von über 180.000 Dollar – etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung – wurde im gleichen Zeitraum um insgesamt 687 Milliarden Dollar reicher. In Russland besitzt das reichste Zehntel der Bevölkerung 87 Prozent des Gesamtvermögens – mehr als in jedem anderen größeren Land und ein krasses Missverhältnis für eine Gesellschaft, die noch vor drei Jahrzehnten kommunistisch war.

Möglich wurde dies nur durch westliche Strippenzieher: Anwälte, Banker und andere, die dieses Geld geschickt verschieben und verbergen. Wenn Sie einem gut informierten Russen erklären wollen, dass eine Demokratie nach westlichem Zuschnitt eine prinzipientreue Alternative für das Regime von Wladimir Putin wäre, dann fragt er Sie vielleicht, warum der Westen zuließ, dass Putins Propagandachef von seinem Beamtengehalt eine Villa in Beverly Hills kaufen konnte, oder dass der stellvertretende Premierminister Russlands Eigentümer einer Wohnung im Herzen von London ist. Diese Heuchelei ist ein Geschenk für Putin, der damit seinen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen kann, und der vor allem die westlichen Offshore-Instrumente gegen den Westen selbst verwendet: zur Finanzierung seiner Sicherheitsdienste, für antiwestliche Propaganda, und zur Unterstützung von Extremisten, die seinen Zwecken dienen. Die Korruption stärkt die Feinde des Westens, doch der Westen lässt immer weiter schmutzige Milliarden in seine Wirtschaft fließen.

Das Geld ist wie ein Strudel, der in den Abgrund zieht.

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Wir sehen die Welt gern als einen Flickenteppich von Nationen. Als Junge hatte ich ein Puzzle der Welt, und die Länder mit ihren Grenzen waren die Teile. Mit diesem Puzzle setzen heute meine eigenen Kinder die Welt zusammen. Frankreich ist ein Sechseck, Italien sieht aus wie ein Stiefel, die amerikanischen Bundesstaaten Wyoming und Colorado sind Rechtecke und schwer auseinanderzuhalten, das lange und schlanke Chile ist dagegen leicht zu erkennen. Dahinter steht ein Verständnis der Welt, das den Planeten in Staaten aufteilt, und in mancher Hinsicht ist das ja auch nützlich. Wenn wir wissen wollen, wie viele Kinder im Jahr zur Welt kommen, wie viele Menschen durch Schusswaffen getötet werden, oder wie viele Menschen sich in Fußballvereinen engagieren, dann ist diese Unterscheidung nach Ländern durchaus sinnvoll.

Aber manchmal ist sie das eben auch nicht. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International (TI), die sich die Korruptionsbekämpfung auf die Fahnen geschrieben hat, veröffentlicht jedes Jahr ihren Korruptionswahrnehmungsindex, der Länder nach ihrer Korruption ordnet, von Dänemark und Neuseeland am sauberen Ende bis zu Nordkorea, Südsudan und Somalia am schmutzigen. TI gibt auch eine Karte heraus, auf dem die Länder je nach ihrer Korruption eingefärbt werden: Afrika, Südamerika und Zentralasien leuchten erschreckend rot, während Europa, Nordamerika und Australasien in freundlichen Gelbtönen erstrahlen. Das ist alles gut und schön, und wahrscheinlich wird man tatsächlich in Kinshasa eher von einem korrupten Beamten zur Kasse gebeten als in Kopenhagen. Doch was ist mit den raffinierteren Formen der Korruption, wie sie Wiktor Janukowytsch und nach Ansicht von Sonderermittler Mueller auch Paul Manafort verwendet haben?

Auf der Karte von TI brennt die Ukraine tiefrot, auf der Korruptionsskala steht sie auf Platz 131 und ist damit neben Russland das korrupteste Land Europas. Doch ohne britische Briefkastenfirmen hätte Janukowytsch sein Vermögen niemals auf die Seite schaffen können. Warum steht dann Großbritannien neben Deutschland und Luxemburg auf einem sauberen zehnten Platz der Liste? Paul Manafort versteckte sein Geld in Banken und Unternehmen auf Zypern und St. Vincent, doch die stehen auf den relativ guten Plätzen 47 und 35. Die Vereinigten Staaten, wo das Geld schließlich endete, stehen sogar auf dem 18. Platz.

Wenn ukrainische Politiker für ihre krummen Touren auf die Mithilfe anderer Länder angewiesen sind, warum werden ihre Betrügereien dann ausschließlich auf dem Konto der Ukraine verbucht? Wenn sich Anwälte aus Großbritannien und Zypern den ukrainischen Lumpen andienen, womit verdienen ihre Länder dann ihren Ruf als ehrliche Makler? Geld kennt keine Grenzen. Es ist lange her, seit Staatsgrenzen den Fluss des Geldes behinderten. In Kiew kann ich genauso mit meiner britischen Kreditkarte bezahlen wie in Kalifornien, Cambridge oder St. Kitts. Das heißt natürlich nicht, dass es die Grenze nicht mehr gibt. Die ukrainischen Ermittler haben ihre liebe Not, an Beweise aus dem Ausland heranzukommen, und Ermittlern in anderen Ländern geht es nicht besser. Geld kennt keine Grenzen, aber Gesetze schon. Die Reichen leben global, wir Übrigen in engen Grenzen.

Zusammen mit einigen Kollegen versuche ich aufzuzeigen, was das bedeutet. Mein Freund Roman Borisovich hat sich dazu die Londoner Kleptokraten-Tour ausgedacht: Mit einem roten Doppeldeckerbus klappern wir nicht die üblichen Touristenziele ab, sondern die Immobilien russischer Oligarchen, arabischer Diktatoren, nigerianischer Provinzfürsten und anderer korrupter Politiker, die ihr Vermögen in den Ländern am unteren Ende der TI-Liste gemacht haben und es in den Ländern am oberen Ende verstecken.

In unseren Bus passen zwar nur fünfzig Leute, doch das Ziel ist einfach: Wir wollen den Schleier fortziehen, der den Missbrauch des internationalen Finanzsystems verhüllt. Es soll niemand mehr sagen können, er habe von nichts gewusst.

Ein Ort, den wir gern besuchen, ist der Eaton Square, eine der vornehmsten Adressen Londons, ein prächtiges Rechteck cremefarbener Stadtpaläste hinter schulterhohen schmiedeeisernen Gittern. Im Januar 2017 stieg eine Gruppe von Aktivisten, die sich Autonomous Nation of Anarchist Libertarians nennen (womit sie sich das hübsche Akronym ANAL verdient haben), durch ein offenes Fenster in Eaton Square 102 ein und öffnete das Haus als Obdachlosenunterkunft. Das Gebäude ist riesig, die Säulen der Fassade erinnern an einen griechischen Tempel. Als ich ankam, flatterte an einem seiner Fahnenmasten eine schwarze Fahne, und auf dem Balkon stand ein bärtiger Anarchist und rauchte. Er rief herunter, was ich wolle, und versprach, sofort herunterzukommen.

Ein älterer Herr in violetten Cordhosen und Barbour-Jackett, der Zeuge unseres Gesprächs geworden war, überquerte mit seiner Frau die Straße, um mir mitzuteilen, dass ich »Dreck« sei. Als der bärtige Anarchist zur Tür herauskam, hörte er gerade noch den Schluss unseres freundlichen Wortwechsels und grinste mich an. Er war Ungar. Er führte mich eine Treppe hinunter in den Keller und von dort durch einen Notausgang in einen Raum, der einmal ein Kino gewesen war. Ihr Einspruch gegen den Räumungsbescheid war gerade abgewiesen worden, erklärte er mir, und er werde ausziehen. Er habe allerdings nichts dagegen, wenn ich mich ein wenig umsehe. Der Fußboden war mit edlem Parkett ausgelegt, die Treppen führten hinauf zu ins Dach eingelassenen Laternen. Ein Saal führte in den nächsten. Das Graffiti an den Wänden änderte nichts an der Tatsache, dass hier jemand ein hübsches Eigenheim erstanden hatte.

Dieser Jemand war Andrej Gontscharenko, Manager einer Tochtergesellschaft des russischen Gaskonzerns Gazprom, der zwischen 2011 und 2014 eine Reihe von Immobilien im Westen Londons gekauft hatte. Mit einem Kaufpreis von 15 Millionen Pfund war das Haus am Eaton Square noch das popeligste, was vermutlich auch der Grund war, warum er es leer stehen ließ. »Uns geht es darum, auf die große Zahl der leer stehenden Häuser in London hinzuweisen und dafür zu sorgen, dass sie nicht verfallen, während immer mehr Leute auf der Straße leben«, erklärte Jed Miller, einer der Anarchisten, als er im Januar 2017 vor Gericht aussagte. »Diese Offshore-Unternehmen, die so viele leer stehende Gebäude in London besitzen, benutzen sie nur als Abschreibungsobjekte. Deswegen fehlt viel Geld für wichtige staatliche Leistungen.«

Man muss kein Freund von Hausbesetzungen sein, um zu erkennen, dass Miller recht hat, und dass er sich für einen Anarchisten noch erstaunlich gemäßigt äußert. Er verlangt lediglich, dass die Immobilien der Reichen derselben staatlichen Kontrolle unterliegen wie die aller anderen auch, was heute nicht der Fall ist. Neben Gontscharenkos Palast gehören 85 weitere Gebäude an diesem Platz anonymen Gesellschaften, die niemandem verraten, wer der wahre Eigentümer ist – auch nicht dem Finanzamt. Etwa dreißig Eigentümer sind im Handelsregister der Britischen Jungferninseln eingetragen, dreizehn auf Guernsey, sechzehn auf Jersey. Andere befinden sich in Panama, Liechtenstein, der Isle of Man, Delaware, den Kaimaninseln, Liberia, den Seychellen, Mauritius und – Manaforts Liebling – St. Vincent. Gontscharenko bevorzugte Gibraltar als Standort für sein Unternehmen MCA Shipping. In England und Wales gehören mehr als 100.000 Immobilien solchen Offshore-Unternehmen, genau wie die Besitzungen von Janukowytsch und Manafort.

Wenn irgendwann einmal jemand den Londonern die Frage stellen sollte, die ich Anton gestellt habe – Wieso haben Sie nicht bemerkt, was da vor sich ging? –, dann werden auch sie antworten, dass sie es schließlich nicht wissen konnten. Jedes dieser Gebäude könnte irgendeinem Verbrecher gehören, aber das lässt sich von außen leider nicht erkennen. Für eine Wohnung, die sich gleich über eine Etage von zwei benachbarten Gebäuden erstreckt, bezahlte Cane Garden Services Ltd., ein im Handelsregister der Britischen Jungferninseln eingetragenes Unternehmen, 13 Millionen Pfund. Diese Luxus-Briefkastenfirma nennt als Adresse ein Wettbüro an der Caledonian Road, einer schäbigen Durchgangsstraße im Norden Londons, an der man eher einen Drogendealer als einen teuren Anwalt vermuten würde. Ob da eine Alarmglocke schrillen sollte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls löst es wieder dieses Schwindelgefühl aus. Wenn man einmal auf diese Alarmglocken horcht, hört man sie überall. Die Häuser mit den Nummern 85 und 102 gehören Offshore-Unternehmen, die als Sitz dieselbe Anschrift in Hongkong angeben. Das Unternehmen aus Liberia, dem die Nummer 73 gehört, ist im Handelsregister von Monaco eingetragen. Eine Wohnung in der Nummer 86 gehört der Panoceanic Trading Corporation, einem Unternehmen aus Panama, das seinen Namen aus einem Thriller der Sechzigerjahre geborgt zu haben scheint. So dumm kann doch kein Ganove sein? Oder ist das vielleicht ein doppelter Bluff?

Auf unserer Kleptokraten-Rundfahrt besuchen wir an einem Nachmittag in der Regel sechs oder sieben Immobilien. Das heißt, wenn wir nur die Offshore-Besitzungen am Eaton Square abklappern wollten, wären wir zwei Wochen lang unterwegs. Dann würden wir uns die umliegenden Straßen vornehmen, in denen der Offshore-Anteil auch nicht kleiner ist. Alle sind sie Teil eines dichten Filzes der Irreführung und Täuschung, der ganz Großbritannien überzieht und weit darüber hinausreicht. Bevor unsere große Rundfahrt endet, müssten wir wieder von vorn anfangen. Selbst diejenigen von uns, die sich gern einreden, dass sie das alles durchschauen, tappen im Dunkeln.

Die reichen Nomaden, denen diese Immobilien gehören, nutzen die Tatsache, dass Geld keine Grenzen kennt, das Gesetz aber sehr wohl: Sie suchen sich aus, an welche Gesetze sie sich halten wollen. In Großbritannien muss man den Eigentümer einer Immobilie offenlegen, aber wenn dieselbe Immobilie in Mauritius eingetragen ist, muss man das nicht. Natürlich kostet es Geld, sein Vermögen so anzulegen, aber wenn man es sich leisten kann, erkauft man sich damit eine Anonymität, die niemand sonst im Land genießt.

Je mehr ich mich damit beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass dies nicht nur auf Eigentum zutrifft. Ein syrischer Flüchtling wird durch die internationalen Einreisebestimmungen ganz erheblich in seiner Reisefreiheit eingeschränkt. Ein reicher Syrer kauft sich dagegen einfach einen Pass von St. Kitts und Nevis, Zypern oder einem halben Dutzend anderer Länder, und schon stehen ihm alle Grenzen offen. Ein ukrainischer Normalbürger ist dem korrupten und ineffizienten Justizsystem seines Landes ausgeliefert. Ein reicher Ukrainer kann seine Geschäfte dagegen so einrichten, dass sie britischem Recht unterliegen, und kommt in den Genuss einer ehrbaren und effizienten Justiz. Ein nigerianischer Normalbürger muss klaglos hinnehmen, was die Zeitungen über ihn schreiben. Ein reicher Nigerianer heuert dagegen einen Londoner Anwalt an und verklagt die Journalisten seines Landes, weil die Artikel der Internetausgabe auch in Großbritannien gelesen werden können und damit Gegenstand der strengen britischen Diffamationsgesetze sind. Und wenn Sie Ihr Vermögen in den Vereinigten Staaten anlegen können, werden die Behörden zu Hause nie dahinterkommen (wie das funktioniert, erkläre ich Ihnen später), aber wenn Sie es zu Hause aufs Sparbuch legen, dann wissen die Behörden alles. Wer Geld hat, kann sich seine Gesetze zusammenstellen wie am Nachtischbuffet.

Der Physiker Richard Feynman soll einmal gesagt haben: »Wer glaubt, die Quantenmechanik verstanden zu haben, hat die Quantenmechanik nicht verstanden.« Genauso geht es mir mit den Offshore-Strukturen und den Verwerfungen, die sie in aller Welt bewirkt haben. Doch selbst wenn mich das Schwindelgefühl weg vom Bildschirm und hinaus auf die Straße treibt, entkomme ich dem nicht. Das Gebäude, in dem ich meinen Kaffee mitnehme, gehört einem Unternehmen auf den Bahamas. Das Haus, in dem mein Friseur seinen Salon hat, gehört einer Firma in Gibraltar. Die Baustelle auf dem Weg zur U-Bahn gehört einer Gesellschaft auf der Isle of Man. Wenn wir herausfinden wollten, was um uns herum vorgeht, kämen wir zu nichts anderem mehr. Kein Wunder, dass sich die meisten vernünftigen Menschen nicht dafür interessieren, was die Superreichen treiben. Wenn man dem weißen Kaninchen ins Loch folgt, dann macht der Tunnel plötzlich einen Knick, und ehe man sichs versieht, stürzt man in einen tiefen Schlund und landet im Wunderland. Für alle, die Geld haben, ist das ein paradiesischer Ort. Die anderen können sich die Nase an der Scheibe platt drücken, weil man sie nicht reinlässt.

Diesen Ort nenne ich Land des Geldes – Moneyland*. Die Pässe aus Malta, die Diffamierungsgesetzgebung aus Großbritannien, die Privatsphäre der Vereinigten Staaten, die Briefkastenfirmen aus Panama, Treuhandgesellschaften auf Jersey, die Stiftungen aus Liechtenstein – zusammengenommen ergeben sie einen virtuellen Ort, der viel größer ist als die Summe seiner Teile. In Moneyland gelten die Gesetze, die den Reichen gerade gelegen kommen. Wenn ein Land seine Gesetze ändert, um den Bewohnern von Moneyland Fesseln anzulegen, dann ziehen sie oder ihr Vermögen einfach an einen Ort, an dem ihnen der Gesetzgeber gewogener ist. Und wenn ein Land ein großzügiges Gesetz erlässt, das neue Möglichkeiten der Bereicherung eröffnet, dann ziehen sie ihr Vermögen eben dahin um. Es ist so, als hätten die Reichsten aus Ländern wie China, Nigeria, der Ukraine oder Russland einen Tunnel in dieses neue Land gegraben, das unter allen Ländern liegt und in dem es keine Grenzen mehr gibt. Mit ihrem Geld, ihren Kindern und ihrem Vermögen ziehen sie um, wohin immer sie wollen, und stellen sich wie am Buffet die nationalen Gesetze zusammen, nach denen sie leben wollen. Die Regeln und Einschränkungen, die den Rest der Menschheit betreffen, haben für sie keine Gültigkeit.

Das hat Folgen, die den Staat im Herzen treffen. Der amerikanische Soziologe Mancur Olson sieht den Ursprung der Zivilisation in dem Moment, in dem prähistorische »umherziehende Räuberbanden« erkannten, dass sie mehr davon hatten, wenn sie nicht mehr umherzogen und andere ausraubten, sondern sich stattdessen niederließen und ihre Opfer dauerhaft ausnahmen. Die Frühmenschen ließen sich darauf ein; sie büßten zwar einen Teil ihrer Freiheit ein, wenn sie sich diesen stationären Banditen unterwarfen, doch im Gegenzug erhielten sie dafür Stabilität und Sicherheit. Die Interessen der Räuberbanden und der Gemeinschaften näherten sich an. Da die Gemeinschaften nicht mehr in Angst vor dauernden Plünderungen leben mussten, konnten sie komplexere Gesellschaften und Wirtschaftssysteme entwickeln und wurden immer wohlhabender; auf diese Weise entstanden schließlich Staaten und Kulturen und alles, was uns heute selbstverständlich erscheint. »Die Untertanen der Tyrannen werden zwar alljährlich dem Steuerdiebstahl unterworfen, doch das ist ihnen lieber, als sporadisch von umherziehenden Banden überfallen zu werden. Streunende Banditen bedeuten Anarchie, und wenn der Staat an die Stelle der Anarchie tritt, dann ermöglicht dies spürbare Produktionssteigerungen«, schrieb Olson in seinem Buch Macht und Wohlstand.

Ein stabiler Staat ist im Interesse der Starken und der Schwachen, denn beide wünschen sich Wohlstand für alle. Die Schwachen, weil sie gern selbst wohlhabend wären, und die Starken, weil sie wollen, dass die Schwachen wohlhabend sind, um ihnen mehr Abgaben abknöpfen zu können. Olson vergleicht das mit der Schutzgelderpressung durch die Mafia. Wenn die Mafia die Gemeinschaft vollständig im Griff hat, gibt es keine Kriminalität, denn der Pate hat ein Interesse daran, dass die Unternehmen in seinem Territorium so viel wie möglich verdienen, damit er ihnen so viel Geld wie möglich abpressen kann. Kriminalität ist für die Gesellschaft unproduktiv, denn sie zwingt die Menschen, Geld für Wachen, Mauern und Türschlösser auszugeben. Ein stabiler Staat ist daher in unser aller Interesse. Doch Olson macht eine Einschränkung: Das Argument funktioniert nur, wenn alle langfristig denken. Moneyland stellt die Rechnung auf den Kopf. Da die Reichen in der Lage sind, ihr Vermögen aus der Gemeinschaft zu entfernen, die sie bestehlen, ist es ihnen egal, was auf lange Sicht passiert. Je mehr sie heute stehlen, umso mehr Geld haben sie und ihre Kinder. Sie verdienen an der Instabilität: Je mehr Konflikt es gibt, umso besser können sie absahnen.

In diesen Offshore-Banditen vereinen sich die schlimmsten Eigenschaften der alten umherziehenden Räuberbanden und ihrer sesshaften Nachfolger. Dank der Magie des modernen Finanzwesens und der Anonymität der Offshore-Justiz, denen die Herkunft des Geldes gleichgültig ist, unterdrücken sie ihre Untertanen, ohne zu Sicherheit und Wohlstand beizutragen.

Die »Revolution der Würde« des Jahres 2014 war bereits die zweite Revolution der Ukraine innerhalb von zehn Jahren. Die erste, die nach den Fahnen der Demonstranten benannte »Orange Revolution«, war eine heitere Angelegenheit, ein Straßenfest mitten im Winter. Als die Regierung schließlich einlenkte und eine von Betrugsvorwürfen überschattete Wahl wiederholte, war das Land im Freudentaumel. Ich war einer von Hunderttausenden, die in Erwartung einer besseren Zukunft tanzten und feierten. Wir freuten uns auf ein ehrliches Land, das von Regeln beherrscht würde und nicht vom Diktat korrupter Politiker. Es war, als würden die Träume, mit denen ich 1999 nach Russland gekommen war, endlich wahr werden.

Ich hätte es besser wissen sollen. Es gelang der Orangen Revolution nicht, die Korruption zu beenden. Im Gegenteil, es wurde alles noch viel schlimmer. Es ist so einfach, Geld zu stehlen und in Moneyland zu horten, wo es für immer sicher ist, dass schon eine gewaltige Willensanstrengung nötig ist, sich nicht zu beteiligen, vor allem in Ländern ohne starke Institutionen und unabhängige Justiz. Die Lektionen der Ukraine treffen auch auf Nigeria, Malaysia, Afghanistan und viele andere Länder zu. Sosehr sie sich in Sprache, Kultur, Religion und fast allem anderen unterscheiden – aus Sicht des Geldes sind sie alle gleich.

Egal wo das Geld gestohlen wird, es endet immer an denselben Orten: London, New York, Miami. Und egal wo es landet, es wird auf dieselbe Weise gewaschen, nämlich mithilfe von Briefkastenfirmen und anderen juristischen Konstrukten in einer Handvoll Ländern. In den vergangenen Jahren haben wir uns daran gewöhnt, der Globalisierung vorzuwerfen, dass sie Arbeitsplätze im Westen vernichtet und ohne Rücksicht auf Verluste in andere Länder verlagert. Die Fürsprecher der Globalisierung halten dagegen, dass die Verschiebung des Kapitals an Orte, an denen es am effizientesten ist, in Indien und China mehr Menschen aus der Armut befreit hat als je eine Maßnahme zuvor.

Aber in Moneyland funktioniert die Globalisierung anders. Es geht nicht darum, Kapital dahin zu verschieben, wo es die größten Erträge bringt, sondern darum, Kapital dahin zu verschieben, wo es den größten Schutz genießt. Das ist die dunkle Seite der Globalisierung, und deren einzige Fürsprecher sind Strauchdiebe und Halunken.

Gegen Moneyland vorzugehen ist allerdings nicht einfach. Man kann nicht mit Soldaten einrücken, denn es ist auf keiner Landkarte zu finden. Man kann keine Sanktionen dagegen verhängen und keine Diplomaten zu Verhandlungen schicken. Moneyland hat keine Zöllner, die Pässe abstempeln, keine Flagge, vor der man den Hut zieht, und keinen Außenminister, mit dem man telefonieren könnte. Es hat keine Armee, um sich zu verteidigen, aber die braucht es auch nicht. Es existiert überall da, wo jemand sein Geld dem Zugriff seines Staats entzieht und die Anwälte und Banker bezahlen kann, die ihm dabei helfen. Aber wenn wir unsere Demokratie erhalten wollen, müssen wir etwas gegen seine nomadenhaften Bewohner unternehmen und Wege finden, die Offshore-Konstrukte zu zerschlagen, mit denen sie ihr Geld vor der demokratischen Aufsicht verbergen. Von ihnen geht mindestens dieselbe Gefahr für die rechtsstaatliche Ordnung aus wie von den Terroristen und Diktatoren, von denen wir täglich hören.

Ich habe dieses Buch chronologisch und thematisch geordnet und anschauliche Beispiele aus möglichst vielen Ländern zusammengestellt, um klarzumachen, wie allgegenwärtig Moneyland ist. Zunächst beschreibe ich, wie Moneyland funktioniert und wie kleine Länder davon leben, ihre Gesetzgebung an den Interessen von Moneyland auszurichten. Dann beschreibe ich, was passiert, wenn die Mächtigen Moneyland nutzen, um sich selbst zu bereichern; dazu erzähle ich die Geschichte eines Krankenhauses in der Ukraine, die im Kleinen veranschaulicht, was in aller Welt passiert.

Drittens zeige ich, wie Moneyland seine Einwohner und ihren Reichtum schützt, wie es ihnen Pässe verkauft, wie es sie vor den neugierigen Fragen der Journalisten schützt, und wie es verhindert, dass die wahren Eigentümer ihr gestohlenes Vermögen zurückbekommen. In Moneyland kann man ungestraft morden.

Viertens zeige ich, wie die Moneylander das Geld ausgeben, das sie dort gebunkert haben – für Kleidung, Immobilien, Kunstwerke und so weiter –, und was ihre zunehmend schamlose Prunksucht mit dem Rest der Welt anstellt. Die Verschwendung der Superreichen nimmt inzwischen derart gewaltige Ausmaße an, dass sich ein eigener Wissenschaftszweig mit ihr beschäftigt, die sogenannte Plutonomie.

Und schließlich beschreibe ich, wie Staaten versuchen, sich zu wehren. Ich schildere, wie die Vereinigten Staaten versuchten, gegen Schweizer Banken vorzugehen, und wie schlaue Anwälte und Banker dies als Chance nutzten, um Moneyland stärker und sicherer denn je zu machen. Das mag kein hoffnungsvoller Ausblick sein, doch wenn der erste Schritt zur Lösung eines Problems darin besteht, es überhaupt zu erkennen, dann sind wir vielleicht jetzt auf einem guten Weg.

Die Recherchen zu diesem Buch haben sich nicht einfach gestaltet. Moneyland ist gut bewacht und gibt seine Geheimnisse nur widerwillig preis. Es stellt auch alle unsere Annahmen über die Welt auf den Kopf. Moneyland verursacht Schwindelgefühle, was auch daran liegen könnte, dass seine Existenz so vieles erklärt, wenn man sie einmal erkannt hat. Warum fahren so viele Schiffe unter ausländischer Flagge? Weil Moneyland den Eignern erlaubt, die Arbeitsschutzgesetze ihrer Heimat zu unterlaufen. Warum bauen Russen lieber Milliarden Dollar teure Brücken als Schulen und Krankenhäuser? Weil sie 10 Prozent der Baukosten stehlen und das Geld in Moneyland bunkern können. Warum leben Milliardäre in London? Weil sie dank Moneyland dort keine Steuern zahlen müssen. Warum wollen so viele korrupte Ausländer in New York investieren? Weil Moneyland ihr Vermögen dort vor dem Zugriff der Gerichte schützt.

Bei meiner Beschreibung von Moneyland und seinen Anfängen, Entwicklungen, Strukturen und Verteidigungsstrategien stütze ich mich überwiegend auf eigene Recherchen, aber auch auf die Arbeit von Ausschüssen des amerikanischen Kongresses, Nichtregierungsorganisationen wie Global Witness oder Transparency International, Wirtschaftswissenschaftlern und vielen anderen. Eines muss ich allerdings immer wieder betonen: Was ich hier beschreibe, ist keine Verschwörung. Moneyland wird nicht von einem Erzbösewicht beherrscht, der in einem Ledersessel sitzt und eine weiße Katze streichelt. Wenn jemand Moneyland kontrollieren würde, dann ließe sich das Problem ganz einfach aus der Welt schaffen. Die Wirklichkeit ist viel komplizierter und heimtückischer: Moneyland ist das natürliche Produkt einer Welt, in der Geld frei fließt und Gesetze am Schlagbaum enden, und in der man von der Ausnutzung der daraus resultierenden Verwerfungen gut leben kann. Wenn die Steuern in Jersey niedrig und in Großbritannien hoch sind, dann kann man daran verdienen, wenn man das Vermögen seiner Klienten von Großbritannien nach Jersey verlegt. Dasselbe gilt auch für den Rest der Welt: Jedes Land hat eigene Regeln und Gesetze.

Moneyland hat mehr Ähnlichkeit mit einem Ameisenhaufen als mit einer herkömmlichen Organisation. Die Ameise folgt keinen Anweisungen, sie hat keine Vorgesetzten, die sie aussenden, um Grassamen ins Nest zu bringen. Es gibt keine Ameisenpolizei, die alle verhaftet, die Grassamen für sich behalten, und keine Ameisenrichter, die sie dafür ins Gefängnis stecken. Die Ameisen reagieren einfach in berechenbarer Weise auf bestimmte Reize ihrer Umwelt. Auch in Moneyland reagieren Anwälte, Banker und Politiker in berechenbarer Weise. Wenn irgendwo ein Gesetz verabschiedet wird, das Reichen in irgendeiner Weise einen Vorteil verschafft, dann sorgen die Dienstleister von Moneyland dafür, dass die Superreichen in den Genuss dieses Gesetzes kommen, egal wo es gilt. Den Schaden haben alle anderen. Wenn man eine Ameise zerdrückt oder einen korrupten Anwalt verhaftet, machen die anderen einfach unbeirrt weiter. Deshalb müssen wir das gesamte System verändern, und das ist nicht einfach.

Daher beginne ich mit der Beschreibung von den Anfängen von Moneyland, das mit der Auflehnung gegen frühere Bestrebungen der Demokratisierung der Welt begann. In den finsteren Tagen des Zweiten Weltkriegs sahen sich die Alliierten einer Bedrohung für die freie Welt gegenüber, die größer war als alles zuvor Dagewesene. Ihre Antwort war der Aufbau einer Finanzarchitektur, die die Demokratie für alle Zeiten sichern sollte. Nie wieder sollte eine demokratisch gewählte Regierung durch Feinde bedroht werden. Der Versuch scheiterte, und damit beginnt die Geschichte von Moneyland.

* In der Übersetzung wird durchgehend für Land des Geldes der englische Begriff Moneyland verwendet.

KAPITEL 2
UNTER PIRATEN

NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG funktionierte die Welt ungefähr so wie heute, wenn auch mit weniger technischer Raffinesse. Das Geld floss mehr oder weniger nach dem Belieben seiner Besitzer zwischen den Ländern hin und her, und auf der Suche nach Erträgen brachte es Währungen und Wirtschaften aus dem Gleichgewicht. Die Reichen wurden reicher, während die Wirtschaft vor die Hunde ging. Deshalb verdanken wir den Dreißigerjahren sowohl Zärtlich ist die Nacht als auch Früchte des Zorns, sowohl Lust und Laster als auch Erledigt in Paris und London. Das Chaos führte schließlich zur Machtübernahme von Diktatoren in Deutschland und anderen Ländern, zu einer Spirale aus Währungsabwertungen und Zinserhöhungen, zu Handelskriegen und schließlich zu den Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit seinen Abermillionen Toten.

Nach dem Willen der Alliierten sollte es nie wieder so weit kommen. 1944 trafen sie sich daher zu einer Konferenz im Wintersportort Bretton Woods in New Hampshire, um die Einzelheiten einer internationalen Währungsordnung auszuhandeln und unkontrollierte Geldströme ein für alle Mal abzustellen. Damit sollte verhindert werden, dass Staaten den Handel als Waffe gegen ihre Nachbarn missbrauchten und Banker mit der Aushöhlung der Demokratie Geschäfte machten. Die erzwungene Stabilität sollte Kriege in Zukunft schon im Vorfeld verhindern und ein neues System des Friedens und der Stabilität schaffen. Die Alliierten blickten auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück, die sich (zumindest im Westen) durch freien Handel und eine stabile Weltordnung auszeichnete. Damals basierte das Währungssystem auf dem Goldstandard. Der Wert einer Währung hing von der Größe der Goldreserven eines Landes ab, die mit dem Handelsvolumen wuchsen oder schrumpften, sich damit auf die Geldmenge und Preise auswirkten und das Gleichgewicht erhielten.

Allerdings ließ sich der alte Goldstandard nicht wiederbeleben, denn 1944 befand sich der Großteil der weltweiten Goldvorräte in den Vereinigten Staaten. Also mussten sich die Delegierten etwas anderes ausdenken. Der britische Vertreter John Maynard Keynes sprach sich für eine neue internationale Währung aus, an die alle anderen Währungen geknüpft sein sollten. Sein amerikanischer Kollege Harry Dexter White war jedoch skeptisch: Er wollte nicht hinnehmen, dass der Dollar seine Stellung als wichtigste Währung der Welt verlor. Da die Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt das einzige zahlungsfähige Land der Welt waren, setzte er sich schließlich durch: Alle Währungen wurden an den Dollar geknüpft, und der wiederum basierte auf Gold. Eine Unze Feingold sollte 35 Dollar kosten.

Soweit der Grundgedanke des Systems. Das Finanzministerium der Vereinigten Staaten verpflichtete sich, jeder ausländischen Regierung, die mit 35 Dollar in der Hand anklopfte, eine Unze Gold zu geben. Außerdem wollten die Vereinigten Staaten Dollar in ausreichender Menge bereitstellen, um den internationalen Handel zu ermöglichen, und genug Gold vorhalten, damit der Dollar seinen Wert behielt. Man brauchte keine Edelmetalle, wenn der Dollar Gold wert war.

Auch die anderen Länder machten Zusagen. Wenn sie ihre Währung auf- oder abwerten wollten, würden sie dazu die Zustimmung eines neuen Organs einholen, das den Namen Weltwährungsfonds erhielt. Damit sollte verhindert werden, dass Diktatoren ihre Währung manipulierten, um ihre Nachbarn in den Ruin zu treiben und Konflikte zu schüren. Um zu verhindern, dass Spekulanten das System der festen Wechselkurse angriffen, wurden grenzüberschreitende Geldströme stark reglementiert. Man konnte Geld im Ausland anlegen, aber ausschließlich in Form langfristiger Investitionen, nicht zur kurzfristigen Spekulation mit Währungen oder Staatsanleihen.

Stellen Sie sich zur Veranschaulichung einen Öltanker vor. Wenn das Schiff nur einen einzigen großen Tank hat, dann kann das Öl in immer größeren Wogen hin und her schwappen, bis es das gesamte Schiff zum Kentern bringt. Dieses Bild steht für das System nach dem Ersten Weltkrieg, als die Wellen des spekulativen Geldes zum Untergang der Demokratien beitrugen. In Bretton Woods erfanden die Delegierten nun ein neues Schiff, in dem das Öl auf viele kleinere Tanks verteilt war, wobei jeder Tank für ein Land stand. Die Ölmenge blieb dieselbe, sie wurde nur anders verteilt. Die Flüssigkeit konnte in den kleinen Tanks herumschwappen, aber dort würde sie nicht mehr genug Schwung entwickeln, um das ganze Schiff zu gefährden. Und wenn ein Tank ein Leck bekam, dann wäre nicht mehr die gesamte Fracht bedroht. Es war möglich, Öl von einem Tank in den anderen zu pumpen, aber dazu war die Erlaubnis des Kapitäns erforderlich, und das Geld musste durch die offiziellen Pumpen des Schiffs gepumpt werden (womit die Metapher endgültig an ihre Grenzen stößt).

Wer die Finanzwelt kennt, wie sie sich seit den 1980er-Jahren darstellt, der kann sich das System von Bretton Woods kaum vorstellen, denn seither hat sich die Finanzwelt von Grund auf verändert. Unentwegt fließt Geld von einem Land ins andere, auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten in China, Brasilien, Russland oder wo auch immer. Ist eine Währung überbewertet, dann spüren die Investoren ihre Schwäche und umkreisen sie wie Haie einen kranken Wal. In globalen Krisenzeiten flüchtet sich das Geld in sichere Häfen wie Gold oder amerikanische Staatsanleihen. Zu Boomzeiten bläht es anderswo die Börsenkurse auf und sucht rastlos nach besseren Erträgen. Die Wellen des flüssigen Kapitals sind so gewaltig, dass sie selbst starke Staaten fortreißen könnten. Konzertierte Angriffe von Spekulanten auf den Euro, den Rubel oder das Pfund, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben, wären unter dem System von Bretton Woods unvorstellbar gewesen, denn das war darauf ausgelegt, genau so etwas zu verhindern.

Eine der vielleicht besten Beschreibungen dieses längst vergessenen Währungssystems stammt aus dem James Bond-Roman Goldfinger von Ian Fleming, der 1959 erschien. Der gleichnamige Film hat eine andere Handlung, doch in beiden geht es um einen sowjetischen Agenten, der das westliche Finanzsystem zum Einsturz bringen will, indem er sich an den Goldreserven vergreift. Im Roman schickt »M«, der Chef des britischen Geheimdienstes, Bond zur Bank von England, wo dieser einen Colonel Smithers kennenlernt (»Colonel Smithers sah exakt so aus, wie man sich jemanden mit dem Namen Colonel Smithers vorstellen würde«). Smithers soll verhindern, dass Gold aus England ins Ausland geschmuggelt wird.

»Gold und goldgestützte Währungen sind das Fundament des internationalen Finanzgeschäfts«, erklärt Smithers 007. »Wir wissen nur, wie stark das Pfund ist, und andere Länder wissen das nur, wenn wir wissen, wie viele echte Werte hinter unserer Währung stehen.« Das Problem ist nur, dass die Bank von England nicht bereit ist, mehr als 1000 Pfund für einen Goldbarren zu zahlen, was dem Preis von 35 Dollar pro Unze in den Vereinigten Staaten entspricht, und das, obwohl das Gold in Indien, wo die Nachfrage nach Goldschmuck hoch ist, 70 Prozent mehr einbringt. Es ist daher extrem gewinnträchtig, Gold außer Landes zu schmuggeln und im Ausland zu verkaufen.

Der Schurke Auric Goldfinger hat einen teuflischen Plan: Er will alle Pfandleiher in ganz Großbritannien aufkaufen, den Goldschmuck der Briten horten, ihn zu Tafeln schmelzen, diese in seinen Rolls-Royce einbauen, damit in die Schweiz fahren, sie dort umschmelzen und dann nach Indien bringen. Damit will er nicht nur die britische Währung und Wirtschaft untergraben, sondern mit den Gewinnen will er gleichzeitig Kommunisten und andere Missetäter finanzieren. Ein Sechstel der 3000 Mitarbeiter der Bank von England hat die Aufgabe, Betrügereien wie diese zu verhindern, erklärte Smithers, doch Goldfinger sei einfach zu gerissen für sie. Inzwischen sei er der reichste Mann Großbritanniens, in einem Banktresor auf den Bahamas stapele er Goldbarren im Wert von 5 Millionen Pfund.

»Das Gold gehört England, oder zumindest das meiste davon. Die Bank kann nichts dagegen unternehmen. Deswegen wollen wir, dass Sie Mr. Goldfinger das Handwerk legen, Mr. Bond, und das Gold zurückholen. Sie haben von der Währungskrise und den hohen Zinsen gehört? Natürlich. Also, England braucht das Gold dringend, je schneller umso besser.«

In dieser etwas langatmigen, aber unverzichtbaren Einleitung (Spoiler-Warnung: Bond schafft es tatsächlich, Goldfinger zu überwinden, doch zuvor legt er sich mit der Mafia von Chicago an, verhindert einen Überfall auf Fort Knox und verführt eine Lesbe, »die sich vorher noch nie mit einem Mann getroffen hat«) wirft Colonel Smithers eine philosophische Frage auf, die uns in das Innerste des Systems von Bretton Woods führt. Aus heutiger Sicht könnte man Goldfinger nichts zur Last legen, außer vielleicht, dass er Steuern hinterzieht. Er kauft das Gold zu einem Preis, den die Kunden akzeptieren, und verkauft es auf einem anderen Markt, auf dem sie mehr zu zahlen bereit sind. Es war sein Geld. Es war sein Gold. Er ölte das Getriebe des Handels und investierte das Kapital in effizienter Weise da, wo es den größten Ertrag erbrachte, oder etwa nicht?

Nein, denn so funktionierte Bretton Woods nicht. In den Augen von Colonel Smithers gehörte dieses Gold eben nicht nur Goldfinger, sondern auch Großbritannien. Für das System war der Besitzer des Geldes nicht der Einzige, der darüber zu entscheiden hatte, was damit passierte. Nach den ausgeklügelten Regeln hatten auch die Nationen, die das Geld ausgaben und seinen Wert hüteten, ihre Rechte daran. Um eine Wiederholung der Schrecken der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs zu verhindern, hatten die Alliierten in Bretton Woods beschlossen, dass beim internationalen Handel das Recht der Gesellschaft über dem der Reichen stand.

Das war nur eine von vielen Vorkehrungen, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren getroffen wurden, um Vollbeschäftigung, Stabilität und Wohlstand zu sichern. In den Vereinigten Staaten schob die Gesetzgebung des New Deal der Spekulation einen Riegel vor, und in Großbritannien und anderen westlichen Ländern garantierte der Wohlfahrtsstaat die medizinische Versorgung und kostenlose Schulbildung für alle. Diese Neuerungen waren erstaunlich erfolgreich: Während der Fünfziger- und Sechzigerjahre erlebte der Westen ein nahezu ungebrochenes Wirtschaftswachstum, die Infrastruktur und Volksgesundheit verbesserten sich dramatisch. Das war allerdings nicht ganz billig und wurde mit Steuergeldern finanziert: Beatlesfans erinnern sich an George Harrisons »Taxman«, den Steuereintreiber, der 19 Shilling einsteckte und ihm nur einen einzigen ließ. Das entsprach tatsächlich ziemlich genau dem, was das Finanzamt von den Einnahmen der Beatles behielt. Für die Reichen war es nicht einfach, ihr Geld vor dem Zugriff des Finanzamts in Sicherheit zu bringen – dank der Einzeltanks des Öltankers. Steuern ließen sich kaum vermeiden, es sei denn man wechselte den Wohnsitz (wie die Rolling Stones, die nach Frankreich zogen, um Exile on Main Street aufzunehmen).

Was man von dem innovativen Tanker hielt, hing davon ab, ob man zu den Leuten gehörte, die Steuern zahlten, oder zu denen, die in den Genuss eines noch nie da gewesenen Lebensstandards kamen. Die Beatles und die Rolling Stones konnten dem jedenfalls nicht viel abgewinnen, genauso wenig wie Rowland Baring, ein Spross der Dynastie der Barings Bank, Dritter Earl von Cromer und von 1961 bis 1966 Direktor der Bank von England. »Die Kontrolle der Wechselkurse stellt einen Eingriff in die Rechte der Bürger dar«, schrieb er 1963 an die britische Regierung. »Daher halte ich sie für ethisch falsch.« Seiner Ansicht nach sollten die Bürger mit ihrem Geld machen können, was sie wollten, und die Regierung dürfe ihre Rechte, dieses Geld im Ausland anzulegen, nicht beschneiden. Den neuen Öltanker hielt er für einen Irrweg. Kapitäne sollten das Öl nicht daran hindern dürfen, dahin zu schwappen, wo sein Besitzer es haben wollte, egal wie sehr es das Schiff beutelte.

»M« sah das interessanterweise genauso. Im Roman Goldfinger erklärt er James Bond, er verstehe gar nicht, wovon Colonel Smithers da rede. »Ich persönlich würde meinen, dass die Stärke des Britischen Pfunds davon abhängt, wie viel wir alle arbeiten, und nicht davon, wie viel Gold wir haben«, sagt er mit der Überheblichkeit eines Mannes, der glaubt, seine Ansichten stünden über der Politik. »Aber diese Antwort ist wahrscheinlich zu einfach für Politiker. Oder eher zu kompliziert.« Diese Ansicht war auch in der City of London verbreitet, wo die Banker glaubten, die Bewertung einer Anlage solle dem Markt überlassen werden, und nicht der Politik.

In der City war diese Ansicht vor allem deshalb so verbreitet, weil das System von Bretton Woods die Verdienstmöglichkeiten der Banker einschränkte. Vor dem Ersten Weltkrieg war das Britische Pfund die wichtigste Währung der Welt gewesen, und die Banker der City hatten mit der Finanzierung des Welthandels gute Geschäfte gemacht. Mit ein bisschen Einsatz und den richtigen Beziehungen konnte man ein gewaltiges Vermögen verdienen. Doch zwei Weltkriege später war Großbritannien verarmt, der Dollar war die neue Leitwährung, und die Banker der City drehten Däumchen.

»Es war, als würde man einen Sportwagen mit 30 Stundenkilometern fahren«, klagte ein Banker über seine Zeit an der Spitze einer britischen Großbank. »Die Banken waren gelähmt. Es war, als würde man im Traum leben.« Die Leute kamen spät zur Arbeit und gingen früh wieder nach Hause, und die Zeit dazwischen vertrödelten sie im Pub. Ein Banker erinnert sich an seine Mittagspausen auf der Themse. Mit der Fähre fuhr er flussabwärts nach Greenwich, aß an Bord Sandwiches und trank Bier, dann nahm er die nächste Fähre zurück, verdrückte noch ein paar Sandwiches, trank mehr Bier, und ging wieder ins Büro. Der Ausflug dauerte zwei Stunden, doch das interessierte niemanden, denn es gab sowieso kaum etwas zu tun. Auf diese Weise kam er wenigstens an die frische Luft. Die Banker der City verdienten nicht viel, aber ihre Arbeit war ja auch nicht sonderlich anspruchsvoll. Die Banken hielten es für anrüchig, einander die Kunden wegzuschnappen, und die wenigen Kunden, die sie hatten, konnten mit ihrem Geld nicht viel unternehmen. Bis weit in die Sechzigerjahre hinein trug die City die Narben der Bomben, die die Deutschen zwei Jahrzehnte zuvor über der Stadt abgeworfen hatten. In den Ruinen, in denen einst emsige Börsenmakler gewirkt hatten, wuchs das Unkraut und spielten die Kinder. Warum sollte man diese Gebäude auch wiederaufbauen, wenn sie doch zu nichts gebraucht wurden?

Wer die lange Geschichte Londons kannte, dem konnte das nicht gefallen. Noch vor Ankunft der Römer war der Hügel am Nordufer der Themse ein wichtiger Handelsplatz. Die Römer hatten die Sache einfach in geordnete Bahnen gelenkt, als sie hier die Provinzhauptstadt errichtet und Londinium genannt hatten (wenn es Sie interessiert und Sie sonst nichts Besseres vorhaben, können Sie sich ja an einem verregneten Nachmittag im Keller der Guildhall die Ruinen des römischen Amphitheaters ansehen). Es war eine gute Wahl, denn London ist perfekt für den Handel. Die Stadt ist trocken, leicht zu verteidigen und mit Schiffen gut zu erreichen. London blickt hinaus in die Welt, nicht hinein ins Land. Hier können Sie Ihre Fracht löschen und Ihre Waren an die Provinzler aus dem Hinterland verkaufen. Oder Sie können sie an ausländische Kaufleute verkaufen. Die City ist die Schnittstelle zwischen England und dem Rest der Welt. Die Themse und das Meer haben London reich gemacht, und reich zu werden war die Bestimmung Londons. Im Grunde ist London gar nicht die Hauptstadt von England – das ist Westminster, eine ganz andere Stadt weiter flussaufwärts, die zwar räumlich, aber nie geistig mit London zusammengewachsen ist. Westminster verzettelte sich im Kleinkram des britischen Alltags, aber London hatte immer seine eigene Politik und wurde von großen Banken beherrscht, die eher nach Manhattan oder Mumbai blickten als nach Machynlleth oder Maidenhead.

Es waren Londoner Unternehmer, die Indien, Afrika und Nordamerika eroberten, nicht der britische Staat. Sie finanzierten die Eisenbahnen und Dampfschiffe, die Kontinente miteinander verbanden, und sie versicherten die Fracht, die auf ihnen transportiert wurde. Und wenn die City unter den Bestimmungen von Bretton Woods keinen Handel mehr finanzieren, kein Geld mehr verdienen und nicht mehr überall auf der Welt bei Geschäften mitmischen durfte – und so war das in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg –, wozu war sie dann überhaupt noch da?

Das Ärgerliche war nur, dass New York brummte. Viele der Geschäfte, die früher in London abgewickelt wurden – Handelskredite, Versicherungsgeschäfte und alles andere, das man in London als angestammtes Recht ansah –, gingen nun an diese lästigen Emporkömmlinge an der Wall Street. London war zusammengeschrumpft auf das Finanzzentrum Großbritanniens und einer immer kleiner werdenden Zahl von Überseegebieten und ehemaligen Kolonien, die so konservativ waren, dass sie sich an den Sterling klammerten. Das machte keinen Spaß.

Wer heute die Schluchten aus glitzerndem Glas und Stahl sieht oder in der Abenddämmerung zwischen dem Heer der Pendler über die London Bridge geht, kann sich kaum vorstellen, dass London als Finanzzentrum beinahe vor die Hunde gegangen wäre. Aber in den Fünfziger- und Sechzigerjahren kam die City in nationalen Angelegenheiten tatsächlich kaum noch vor. Sozialgeschichten der Swinging Sixties gehen mit keinem Wort darauf ein, was in dem alten römischen Handelslager passierte, was umso seltsamer ist, als sich etwas Bedeutsames zusammenbraute – etwas, das die Welt weit mehr verändern sollte als die Beatles, Alan Sillitoe oder David Hockney, und das die vornehme Zurückhaltung des Systems von Bretton Woods über den Haufen werfen sollte. Hier öffnete sich der Tunnel von Moneyland zum ersten Mal, und die ersten Menschen erkannten, dass am Ende dieses Tunnels eine Menge Geld zu verdienen war.

Als Ian Fleming seinen Roman Goldfinger veröffentlichte, hatten die vermeintlich sicheren Tanks des Öltankers der Weltwirtschaft bereits erste Lecks bekommen. Nicht alle Länder vertrauten darauf, dass die Vereinigten Staaten ihre Selbstverpflichtung ernst nehmen und den Dollar als unparteiische internationale Währung respektieren würden, denn Washington verhielt sich nicht immer wie ein unparteiischer Schiedsrichter. In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Vereinigten Staaten die Goldreserven des kommunistischen Jugoslawien beschlagnahmt, woraufhin die Länder des Ostblocks ihre Dollars in europäischen Banken hinterlegten, und nicht mehr in New York. Der Weltwährungsfonds, der seinen Sitz in Washington hatte und sich am Gängelband seines größten Anteilseigners befand, weigerte sich, den Wiederaufbau des kommunistischen Polen zu unterstützen. Und als Großbritannien und Frankreich 1956 die Kontrolle über den Suezkanal zurückgewinnen wollten, fror Washington, das den Einsatz ablehnte, ihre Dollarguthaben ein, und damit war die gesamte Aktion beendet. Ein neutraler Schiedsrichter verhält sich anders.

Großbritannien stolperte von einer Krise in die nächste. 1957 hob es seine Zinsen an und verknappte das Pfund, um seine Währung zu stützen (das waren die von Colonel Smithers erwähnte »Währungskrise und die hohen Zinsen«). Weil den Banken der City das Pfund ausging, stiegen sie auf Dollars um; die bekamen sie aus der Sowjetunion, die sie in London und Paris lagerte, um sich vor dem Druck der Vereinigten Staaten zu schützen. Das erwies sich als profitables Geschäft. In den Vereinigten Staaten waren die Zinsen für Dollarkredite gedeckelt, nicht so in London. In den Vereinigten Staaten mussten die Banken einen Teil ihrer Dollars als Reserve vorhalten, nicht so in London. Die Banken hatten ein Loch in den Tanks des Öltankers von Bretton Woods entdeckt: Wenn sie den Dollar außerhalb der Vereinigten Staaten verwendeten, dann hatten die amerikanischen Währungshüter keinen Zugriff, und den britischen Währungshütern war es egal. Diese staatenlosen Dollars – die als »Eurodollar« bezeichnet wurden, vielleicht wegen der »Euro«-Telexadresse, die eine der sowjetischen Banken verwendete – konnten ganz wie früher ungehindert zwischen den Ländern hin und her fließen. Und das Gesetz konnte ihnen nicht folgen.

Die Behörden der Vereinigten Staaten versuchten, dem einen Riegel vorzuschieben. Die Bankenaufsicht eröffnete ein festes Büro in London, um ein Auge auf die britischen Niederlassungen der amerikanischen Banken zu haben. Doch auf der anderen Seite des Atlantiks waren sie zahnlos, denn sie bekamen keine Unterstützung von den Einheimischen. Jim Keogh von der Bank von England, der für die Aufsicht der ausländischen Banken zuständig war, sagte: »Mir ist es egal, ob die Citibank in London amerikanische Regeln umgeht. Das interessiert mich nicht. Wenn die Amerikaner meinen, dass die ihre Gesetze hier in London durchsetzen können, dann wünsche ich ihnen viel Glück.« Einen ausländischen Banker ließ er wissen, er könne in London tun und lassen, was er wolle – »aber nicht auf der Straße und nur, wenn er die Pferde nicht scheu macht«. Im Vergleich zu dem, was die amerikanischen Banken in New York bewegten, waren die Beträge in London überschaubar, doch sie wuchsen jedes Jahr um ein Drittel, und London hatte endlich eine neue Einnahmequelle gefunden.

Etwa zur selben Zeit (wobei kein Zusammenhang besteht, außer vielleicht dass damals die Rebellion in der Luft lag) bekam das britische Publikum einige neue Radiosender zu hören. Damals war die BBC der einzige in Großbritannien zugelassene Sender, und wenn es um Musik ging, war sie hoffnungslos vorgestrig. Die Jugendlichen wollten Nero, Gladiators oder B. Bumble & the Stingers hören und fanden das Programm der BBC öde. Hier sahen einfallsreiche Schiffseigner ihre Chance. Sie gingen außerhalb der britischen Hoheitsgewässer vor Anker, richteten einen Sender ein und übertrugen Popmusik auf die Insel.

Diese Radiostationen wurden bald als »Piratensender« bekannt. Manche nannten sie auch »Offshore-Sender«, was zwar weniger aufregend klingt, dafür aber korrekter ist. Diese Schiffe befanden sich gerade weit genug von der Küste entfernt, um nicht mehr unter die britische Gesetzgebung zu fallen. In den Radioapparaten waren sie zwar genauso anwesend wie die BBC, weil man ihre Sendungen problemlos hören konnte, doch juristisch waren sie abwesend und schwer zu fassen.

Diese Vorstellung von »offshore« – physisch anwesend, aber juristisch abwesend – erwies sich als nützlich, und schon bald wurde der Begriff auch auf Finanztransaktionen angewendet. Die Banken, die mit den unbeaufsichtigten Eurodollars handelten, hatten zwei Arten von Konten. Die einen für die üblichen langweiligen Transaktionen in Pfund, die sich streng an die Regeln hielten – die Onshore- oder Inlandskonten. Und die anderen für den aufregenden neuen Piratenmarkt in Eurodollar, das Öl, das aus den Tanks gelaufen war und nun im Kielraum des Bretton-Woods-Tankers herumschwappte. Diese bezeichnete man als Offshore-Transaktionen, so als fänden sie außerhalb des britischen Hoheitsgebiets statt und als hätten die britischen Gesetze hier keine Gültigkeit. Die beiden Transaktionen wurden zwar an demselben physischen Ort durchgeführt, nämlich in der Londoner City, doch aus juristischer Sicht fand eine an einem Ort statt, an dem die Regeln keine Gültigkeit hatten. Und dieser Gedanke, das »Offshore«-Konzept, demzufolge ein Vermögen zwar physisch anwesend, aber juristisch nicht greifbar ist, steht im Mittelpunkt unserer Geschichte. Denn ohne Offshore gäbe es Moneyland nicht.

Die Offshore-Geschäfte mit den Eurodollars hauchten der Londoner City Ende der Fünfzigerjahre ein wenig frisches Leben ein, aber nicht viel. Die großen Geschäfte wurde immer noch in New York abgewickelt, und das war unerfreulich. Besonders ärgerlich war, dass viele der Kreditnehmer und -geber Europäer waren, dass aber die amerikanischen Banken die fetten Kommissionen für die Geschäfte einstrichen. Europäische Regierungen und Unternehmen brauchten Geld für den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Volkswirtschaften wuchsen rasant, und die Londoner Banker sahen nicht ein, warum die Europäer keinen Teil vom Kuchen abbekommen sollten. Ein Banker, der sich ganz besonders ärgerte, war Siegmund Warburg.

Warburg war in der behaglichen Welt der Londoner City ein Außenseiter. Zum einen stammte er aus Deutschland. Und zum anderen hatte er den Gedanken nicht aufgegeben, dass sich Banker aktiv um Geschäfte bemühen sollten. Er hatte kein Interesse daran, sich zurückzulehnen und sein Plätzchen im Kartell der großen Banken der City einzunehmen – er lebte fürs Geschäft. Weil ihm ein Mittagessen nicht ausreichte, um seine Beziehungen zu knüpfen, aß er oft zweimal mit unterschiedlichen Gästen zu Mittag. Er war es auch, der die Idee der feindlichen Übernahme von Unternehmen nach Großbritannien brachte, worüber das feine Establishment pikiert die Nase rümpfte. Warburg reiste viel und webte unermüdlich an seinem Netzwerk. Im Jahr 1963 erfuhr er von einem Freund bei der Weltbank, dass rund 3 Milliarden Dollar außerhalb der Vereinigten Staaten zirkulierten und nur darauf warteten, genutzt zu werden. Davon wollte Warburg eine Scheibe abhaben. In den Zwanzigerjahren hatte er in Deutschland mit Schuldverschreibungen in Fremdwährungen gehandelt – warum sollte er das nicht wieder tun?

Schuldverschreibungen sind langfristige Anleihen, bei denen ein Kreditnehmer Geld zu einem festen Zinssatz aufnimmt und am Ende eines vereinbarten Zeitraums zurückzahlt. Für Unternehmen und Staaten sind sie ein wichtiges Finanzierungsinstrument. Wenn ein Unternehmen eine Anleihe in Dollar aufnehmen wollte, musste es dies in New York tun. Warburg wusste jedoch, wo sich ein erheblicher Teil dieser 3 Milliarden Dollar befand, nämlich in der Schweiz. Nun fragte er sich, ob er nicht einen Weg finden konnte, um dieses Geld für sich arbeiten zu lassen.

Damals lag viel Geld in der Schweiz. Seit den Zwanzigerjahren, als Frankreich seinen Spitzensteuersatz auf 72 Prozent anhob, machten die Schweizer gute Geschäfte damit, Bargeld und Anlagen von Ausländern aufzunehmen, die ihr Vermögen vor dem Zugriff durch das Finanzamt ihres Landes schützen wollten. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte sich die Summe verzehnfacht, bis schließlich 2,5 Prozent des gesamten Privatvermögens der Kontinentaleuropäer in der Schweiz lag. Die Kunden kamen überwiegend aus Frankreich und Italien. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die guten Zeiten weiter, und Anfang der Siebzigerjahre lagen bereits 5 Prozent des Privatvermögens der Europäer auf Schweizer Konten. Man packte sein Bargeld in den Kofferraum, fuhr nach Zürich oder Genf, übergab die Scheine einem diskreten Kassierer und fuhr wieder nach Hause. »Für reiche Europäer, die Steuern hinterziehen wollten, war die Situation dieselbe wie in den Zwanzigerjahren: Das Land, das den Schutz eines Bankgeheimnisses bot, war die Schweiz«, schrieb der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman 2015 in seinem Buch Steueroasen, das die Rolle der Schweiz bei der Geburt von Moneyland beleuchtet.

Das war kein Geheimnis. Im Tim-und-Struppi-Band Flug 714 nach Sydney aus dem Jahr 1968 entführt der Erzbösewicht Roberto Rastapopoulos einen Millionär, um ihm Einzelheiten zu seinem Schweizer Geheimkonto abzupressen: »Ich kenne den Namen der Bank. Ich kenne den Namen, auf den das Konto läuft. Ich habe ein paar großartige Muster der falschen Unterschrift, die Sie benutzen«, sagt Rastapopoulos zu dem Entführten. »Nur die Kontonummer kenne ich nicht, und die werden Sie mir jetzt verraten.« Es folgt das vielleicht verrückteste Abenteuer von Tim und Struppi, an dem unter anderem ein Wahrheitsserum, ein Vulkanausbruch, Außerirdische und Telepathie beteiligt sind. Es ist kein Zufall, dass inmitten des Irrsinns die Kontonummer geheim bleibt. Damit hätte die Geschichte ja auch jede Glaubwürdigkeit verloren: Es handelte sich schließlich um die Schweiz, die das Bankgeheimnis seit 1934 gesetzlich garantierte. Das Geheimnis der Schweizer Nummernkonten war so gut gehütet, dass nur drei Personen die Eigentümer kannten: zwei Bankangestellte und der Eigentümer selbst. Wenn es schon zu Comicautoren durchgedrungen war, dass Steuerhinterzieher in der Schweiz gewaltige Mengen an Bargeld horteten, dann hatten ehrgeizige Londoner Banker erst recht davon gehört.

»Die Reichen und die Berühmten, die Bösen und die Hässlichen, Geheimagenten und Mafiosi nutzten die Nummernkonten, um Geld vor Frauen, Ehemännern und Geschäftspartnern zu verbergen, kleine Kriege zu führen und Drogenkartelle zu finanzieren«, schrieb Bradley Birkenfeld, ein ehemaliger Schweizer Banker, von dem noch mehr zu hören sein wird. »Dass man den Schweizern für das Privileg, ein Nummernkonto zu besitzen, eine Pauschalgebühr bezahlen musste und auf das Geld keinen Cent Zinsen erhielt, war Nebensache. Das Guthaben war ganz allein den Träumen der Kontoinhaber vorbehalten, sicher verstaut unter Schweizer Stahlmatratzen.«

Für einen Londoner Banker der frühen Sechziger war das verlockend: In der Schweiz lag dieses ganze Geld herum und tat nicht viel, und genau das brauchte man, um wieder Anleihen verkaufen zu können. Wenn Warburg an dieses Geld herankommen, es verpacken und verleihen konnte, dann war er im Geschäft. Diese Leute bezahlten Schweizer Banker, damit sie auf ihr Geld aufpassten – es konnte doch nicht schwer sein, sie davon zu überzeugen, dass sie es vermehren konnten, indem sie seine Anleihen kauften? Zumal dieses Einkommen steuerfrei wäre. Und es konnte doch nicht so schwer sein, europäische Unternehmen davon zu überzeugen, sich Geld bei ihm zu leihen, statt die teuren Gebühren zu zahlen, die in New York fällig wurden?

Es gab allerdings ein Hindernis: das Nachkriegssystem, der Öltanker mit seinen separaten Tanks, die verhindern sollten, dass Geld zu Spekulationszwecken von einem europäischen Land ins andere floss. Wie konnte Warburg dieses Geld aus der Schweiz zu seinen Kunden in anderen Ländern bringen? Mit dieser Aufgabe beauftragte er zwei seiner besten Männer.

Sie nahmen die Verhandlungen im Oktober 1962 auf. Im selben Monat sprangen die Beatles mit ihrer ersten Single »Love Me Do« in den britischen Charts auf Platz 17 – für ein Debüt ganz nett, aber nicht spektakulär. Die Banker unterzeichneten den Vertrag am 1. Juli des folgenden Jahres, dem Tag, an dem die Pilzköpfe ihre Single »She Loves You« aufnahmen und die weltweite Beatlemania ihren Anfang nahm. In diesen außergewöhnlichen neun Monaten wurde nicht nur die Popmusik auf den Kopf gestellt, sondern auch die Weltpolitik, denn in diese Zeit fiel die Kubakrise und John F. Kennedys Ausspruch »Ich bin ein Berliner«. Unter diesen Umständen ist es verzeihlich, wenn niemand mitbekam, dass nebenbei auch in der internationalen Finanzwelt ein neues Zeitalter angebrochen war.

Warburgs neue Anleihen – die Eurobonds, wie sie in Anlehnung an die Eurodollars hießen – wurden unter Leitung von Ian Fraser ausgegeben, einem schottischen Kriegshelden, der erst Journalist, dann Banker geworden war. In seiner lesenswerten Autobiografie The High Road to England legt er in bemerkenswerten Einzelheiten dar, wie viele bürokratische Hürden er zu überwinden hatte, um die Vision seines Chefs zu verwirklichen. Er und sein Kollege Peter Spira mussten Möglichkeiten finden, den Steuern und Kontrollen den Zahn zu ziehen, die verhindern sollten, dass heißes Geld über die Grenzen floss. Außerdem mussten sie für ihr Produkt geschickt verschiedene Aspekte nationaler Regelwerke miteinander verbinden.

Da bei einer Ausgabe der Anleihen in Großbritannien eine Steuer von vier Prozent fällig geworden wäre, gab Fraser die Papiere formell im Amsterdamer Flughafen Schiphol aus. Wenn die Zinsen in Großbritannien ausgezahlt worden wären, dann wäre ebenfalls Steuer fällig geworden, weshalb Fraser dafür sorgte, dass sie in Luxemburg gezahlt wurden. Obwohl die Anleihen in Großbritannien weder ausgegeben noch ausgezahlt wurden, brachte er die Londoner Börse dazu, sie zuzulassen. Er beschwatzte die Zentralbanken Frankreichs, der Niederlande, Schwedens, Dänemarks und Großbritanniens, die die Auswirkungen der Eurobonds auf die Währungskontrolle zu Recht mit Sorge betrachteten. Und schließlich tat er so, als sei der Kreditnehmer die staatliche italienische Autobahngesellschaft Autostrade, obwohl es sich in Wirklichkeit um die staatliche Beteiligungsgesellschaft IRI handelte. IRI hätte als Kreditnehmer eine Quellensteuer abführen müssen, Autostrade dagegen nicht.*

Mit seinen juristischen Taschenspielereien schuf Fraser eine Anleihe, die gute Zinsen abwarf, auf die keine Steuern fällig wurden und die sich überall wieder zu Geld machen ließen. Das war Offshore in höchster Vollendung. »Das Geheimnis war, dass die Anleihen anonym waren, dass keine Steuern fällig wurden, und dass sie nach Fälligkeit ausgezahlt wurden, ohne dass jemand Fragen stellte«, schrieb er. Es handelte sich um sogenannte Inhaberschuldverschreibungen, das heißt, es war nicht auf einen Namen ausgestellt. Wer das Papier hatte, dem gehörte es, und der Eigentümer wurde nirgends namentlich registriert. Frasers Eurobonds waren reine Zauberei. Vor ihrer Erfindung konnte man mit den Guthaben auf Schweizer Nummernkonten nicht viel anfangen. Nun konnte man diese fantastischen Anleihen kaufen, und verdiente Geld, ohne Steuern dafür zahlen zu müssen.

Ein derart ehrgeiziges Projekt hatte die Londoner City seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gesehen, und einen Moment lang sah es so aus, als würde es an einer Lappalie scheitern: Niemand erinnerte sich, wie die komplizierten Platten gestochen wurden, mit denen Inhaberschuldverschreibungen gedruckt wurden. Zum Glück konnte man zwei Tschechen auftreiben, die das noch wussten, und dann mussten die Papiere nur noch von den Direktoren der Bank unterschrieben werden. »In Brüssel gab es eine Signiermaschine mit zwölf Federhaltern, mit der man zwölf Zertifikate auf einmal unterzeichnen konnte«, erinnerte sich Spira später. »Aber die Bank musste drei oder vier Leute eine Woche lang nach Luxemburg schicken, um die Papiere zu unterzeichnen. Da sehen Sie mal, wie bescheuert die Bürokratie damals war.«

Und wer kaufte Frasers magische Erfindung? Das war ein Geheimnis, denn die Verkäufe wurden vor allem von Schweizer Banken abgewickelt, die die Namen ihrer Kunden nicht preisgaben. Fraser hatte jedoch eine ungefähre Vorstellung. »Die wichtigsten Käufer waren Einzelpersonen, vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Lateinamerika, die einen Teil ihres Vermögens in transportabler Form anlegen wollten. Für den Fall, dass sie eilig wegmussten, wollten sie die Scheine in einem Köfferchen mitnehmen können«, schrieb er. »Damals wollten noch immer viele der überlebenden Juden aus Osteuropa nach Israel und in den Westen auswandern. Dazu kamen die üblichen gestürzten südamerikanischen Diktatoren. Sie alle hatten ihr Geld in der Schweiz.«

Spätere Historiker versuchten, Frasers Darstellungen die Spitze zu nehmen, und behaupteten, die »gestürzten südamerikanischen Diktatoren« hätten lediglich ein knappes Fünftel der ersten Anleihen gekauft. Doch Fraser selbst hatte seine Darstellung schon verharmlost; die gestürzten Diktatoren mochten in Südamerika leben, doch das war nicht unbedingt ihre Heimat. Anfang der Sechzigerjahre lebten in Südamerika noch viele Menschen, die sich während des Zweiten Weltkriegs an der Plünderung Europas beteiligt, ihre Beute in der Schweiz versteckt und sich dann nach Argentinien abgeseilt hatten. Für die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher muss es schon frustrierend gewesen sein, ihr Raubgut in der Schweiz zu haben und keine Zinsen dafür zu bekommen. Dank Ian Fraser hatten sie nun die Möglichkeit, ihr Geld risikolos und steuerfrei für sich arbeiten zu lassen.

Die verbleibenden vier Fünftel der Schuldverschreibungen wurden von den üblichen Steuerhinterziehern gekauft – den »belgischen Zahnärzten«, wie die Banker sie nannten: gut verdienende Freiberufler, die einen Teil ihres Einkommens nach Luxemburg oder Genf gebracht hatten und sich über diese hübsche Anlagemöglichkeit freuten. Fraser konnte nicht so tun, als verwundere ihn das. In seinen Memoiren erinnerte er sich daran, wie »Onkel Eric« – Eric Korner, einer von Warburgs leitenden Bankern – einen Broker in Zürich hatte, den er immer anrief, wenn ein Unternehmen bessere Nachrichten zu verkünden hatte als erwartet. Korner stieg ein, ehe der Rest des Marktes davon erfuhr, verdiente auf Kosten seiner Klienten steuerfreies Schwarzgeld und vergrößerte zugleich den Schweizer Topf, mit dem neue Anleihen gekauft werden konnten.

Das ist der Eingang zum Tunnel von Moneyland. Das Spiel geht so: Erst beschafft man Geld (ob gestohlen, unversteuert oder einfach nur verdient), dann versteckt man es, dann gibt man es aus. Früher waren nur zwei dieser drei Schritte möglich, aber nicht alle drei: Man konnte Geld beschaffen und ausgeben, doch das war riskant. Man konnte Geld beschaffen und verstecken, aber dann lag es in der Schweiz fest und man hatte nichts davon. Moneyland setzt das Vermögen frei, und es spielt keine Rolle, woher es kommt: Man kann es bis in alle Ewigkeit stehlen, verstecken und ausgeben. Das ist das schmutzige Geheimnis der Eurobonds. Möglich wurde das Ganze durch die moderne Kommunikation: erst das Telegramm, dann das Telefon, schließlich Telex und Fax, und heute E-Mail. Das ist die Schattenseite der Revolution der Nützlichkeit, die wir als Globalisierung bezeichnen.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit einem berechtigten Wunsch nach Anonymität gibt. Wie Fraser klarmacht, waren unter den ersten Kunden auch europäische Juden, die ihr Vermögen vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht hatten und nun eine Möglichkeit sahen, ein paar Zinsen damit zu verdienen. Doch die Anonymität und Übertragbarkeit war nicht nur für Holocaust-Überlebende attraktiv, sondern auch für Zahnärzte in Antwerpen, Insiderhändler in London und Altnazis in Buenos Aires. In der Schweiz kam das rechtmäßige scheue Geld in einen Topf mit dem dreisten Schwarzgeld und mit dem kriminellen Raubgut. Die Eurobonds waren eine bequeme Geldanlage für alle, die Geld verstecken wollten, egal woher es kam.

Damit war der Zaubergarten von Moneyland eröffnet. Clevere Londoner Banker hatten ein virtuelles Land für Reiche geschaffen, in dem die Gesetze keine Gültigkeit hatten, egal woher man kam, und egal woher das Geld kam. Gewöhnlichen Belgiern zog der Staat die Steuern gleich vom Monatsgehalt ab, aber Zahnärzte mit einem Schweizer Nummernkonto konnten diese Steuern nicht nur umgehen, sondern das gesparte Geld auch noch verzinsen. Die geplünderten Osteuropäer mussten schuften, um ihr Land wiederaufzubauen, während die Altnazis nicht nur das Raubgut behielten, sondern auch noch ein hübsches Sümmchen damit verdienten.

Die Tatsache, dass Steuersünder der Ersten und Kleptokraten der Dritten Welt gemeinsam in Moneyland leben, macht es besonders schwer, dagegen vorzugehen, wie wir noch sehen werden. Das haben wir Ian Fraser und seinen Kollegen bei Warburg zu verdanken.

Die erste Ausgabe der Schuldverschreibungen belief sich auf lediglich 15 Millionen Dollar. Aber sobald klar war, wie man die Hindernisse auf dem Weg des Offshore-Geldes umgehen konnte, war der Weg frei für neue Anleihen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1963 wurden Eurobonds in Höhe von 35 Millionen Dollar verkauft. 1964 waren es 510 Millionen, 1967 überstieg der Betrag erstmals die Milliarde, und heute ist es einer der größten Märkte der Welt. Selbst amerikanische Unternehmen kehrten New York mit seinen lästigen Regeln den Rücken und gaben Eurobonds aus, auch wenn sie sich dazu neue Tricks ausdenken mussten, um staatliche Bemühungen zur Eindämmung des heißen Geldes zu umgehen. Ein günstiges Steuerabkommen zwischen den Niederlanden und den Vereinigten Staaten erlaubte es amerikanischen Unternehmen, durch ausschließlich zu diesem Zweck eingerichtete Niederlassungen auf den Niederländischen Antillen in der Karibik Kredite aufzunehmen, sodass sie keine Steuern zahlen mussten.

Aber was bedeutete das für die sauber getrennten Tanks des Öltankers von Bretton Woods? Es war so, als hätten die Eigentümer des Öls ihre eigenen Pumpen eingerichtet und könnten nun ohne Erlaubnis und Wissen des Kapitäns das Öl von einem Tank zum anderen pumpen. Doch hier versagt die Metapher, denn Geld ist nicht gleich Öl. Die Dollars entkamen nach Offshore, wo sie der Aufsicht und Besteuerung durch die Regierung der Vereinigten Staaten entgingen. Aber es waren immer noch Dollars, und 35 Dollar waren immer noch eine Unze Gold wert. Die Probleme, die in der Folge aufkamen, hingen damit zusammen, dass sich Dollars nicht wie Öl verhalten. Wenn man das Öl nicht verwendet, ist es einfach da und macht nichts. Aber Dollars vermehren sich.

Wenn ich einen Dollar auf die Bank bringe, dann verwendet ihn die Bank als Sicherheit für einen Dollar, den sie an jemand anderen verleiht, das heißt, aus einem Dollar werden zwei. Und wenn der Kreditnehmer seinen Dollar auf eine andere Bank bringt, verwendet diese ihn als Sicherheit für neue Kredite, und das Geld vermehrt sich weiter. Aber da jeder Dollar eine feste Menge an Gold wert war, hätten die Vereinigten Staaten immer mehr Gold kaufen müssen, um die wachsende Dollarmenge zu decken. Aber dieses Gold hätten sie wieder mit Dollars bezahlen müssen, das heißt, sie hätten noch mehr Dollars in Umlauf gebracht, die sich wieder vermehrten, weshalb die Vereinigten Staaten wieder mehr Gold kaufen müssten, und so weiter, bis das System schließlich zusammenbrechen würde. Die Bemühungen waren fruchtlos: Mit dem Offshore-Banking konnte es nicht mithalten. Das ist so, als würde das Öl im Tanker nicht nur heimlich von einem Tank in den anderen gepumpt, sondern als würde sich das Volumen dabei jedes Mal verdoppeln.

Vielleicht ahnen Sie schon, was das bedeutet. Ausländische Regierungen hatten das Recht, Gold zu 35 Dollar pro Unze zu kaufen, doch die Dollarmenge wurde immer größer, während die Goldmenge konstant blieb. Nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage musste früher oder später ein Schwarzmarkt entstehen, so wie es in jeder Diktatur, die den Wechselkurs kontrollieren will, einen schwarzen Währungsmarkt gibt. Eine ausländische Regierung konnte Gold für 35 Dollar pro Unze kaufen, und es dann auf dem freien Markt für Eurodollars weiterverkaufen. Mit diesen Eurodollars konnte es neues Gold kaufen und auf dem freien Markt mit Gewinn verkaufen, und so weiter. Es war die Goldfinger-Masche, nur ohne Rolls-Royce und Golfspielen mit 007. Wie viel man damit verdienen konnte, hing davon ab, wie viel Washington zu verlieren bereit war. Der Betrug wurde nur verhindert, weil die Beteiligten bereit waren, nicht von einem derart offensichtlich fehlerbehafteten System zu profitieren.

Die Regierung der Vereinigten Staaten versuchte, den Goldpreis zu schützen, doch mit jeder Einschränkung des Dollarflusses wurde es lohnender, seine Dollars in London anzulegen, was zur Folge hatte, dass immer mehr Geld offshore gelangte und der Druck auf den Goldpreis immer größer wurde. Die Banker folgten dem Dollar. Für amerikanische Banker spielte London bald eine ähnliche Rolle wie China für die amerikanischen Fabrikanten von heute. In der City waren die Regeln lockerer und die Politiker entgegenkommender als an der Wall Street, und das gefiel den Banken. 1964 hatten elf amerikanische Banken ihre Filialen in der Londoner City. 1975 waren es 58. Inzwischen hatte sich Washington längst in das Unvermeidliche gefügt und war nicht mehr bereit, die Unze Gold für 35 Dollar herauszugeben. Es war der erste Schritt auf dem Weg zur allmählichen Demontage der Sicherheitsvorrichtungen von Bretton Woods.

Die philosophische Frage, wem das Geld gehörte – demjenigen, der es verdiente, oder dem Land, das es druckte –, war damit beantwortet. Dank der freundlichen Banker in London und der Schweiz konnten die Besitzer des Geldes damit anstellen, was sie wollten, und kein Staat der Welt konnte sie daran hindern. Wenn sie es versuchten, machten sie die Situation nur schlimmer. Das Geld floss weiter offshore, sosehr die Behörden auch versuchten, es zu stoppen. So lange ein Land die Offshore-Finanz duldete, so wie Großbritannien, so lange waren die Bemühungen aller anderen aussichtslos. (Wenn sie nur auf Keynes gehört und in Bretton Woods eine internationale Währung geschaffen hätten, dann wäre das alles nicht passiert.)

Damit begann die unvermeidliche Spannung zwischen Geld ohne Grenzen und Staaten mit Grenzen. Wenn die Aufsicht an der Landesgrenze endet, das Geld aber überall hinfließen kann, dann können die Besitzer jedem Aufseher ein Schnippchen schlagen. Wenn ein Boxer im Ring bleiben muss, der andere aber nach draußen springen und unentdeckt aus jeder Richtung und ohne Warnung wieder einsteigen kann, dann ist klar, auf welchen der beiden das intelligente Geld setzt.

Es blieb jedoch nicht bei einfachen Eurobonds. Das Muster ließ sich beliebig übertragen. Man wählte ein lukratives Betätigungsfeld, suchte nach einem Land, dessen Gesetz dem entgegenkam – Liechtenstein, die Cookinseln, Jersey –, und richtete dort seine nominelle Zentrale ein. Wenn man kein Land mit passender Gesetzgebung fand, drohte oder schmeichelte man so lange, bis jemand die Regeln in der gewünschten Weise änderte. Warburg machte es vor, als er der Bank von England drohte, wenn sie nicht die Regeln änderte und die Steuern senkte, dann werde er mit seiner Bank eben umziehen, zum Beispiel nach Luxemburg. Und schon wurden die Regeln geändert, und die Abgaben – in diesem Fall eine Kapitalertragssteuer auf Inhaberschuldverschreibungen – wurden abgeschafft.

In aller Welt verliefen die Reaktionen nach vorhersehbarem Muster. Wieder und wieder haben Länder versucht, Unternehmen zurückzuholen, die nach offshore abgewandert waren (so schafften die Vereinigten Staaten zum Beispiel die Kontrollen ab, die Banken umgehen wollten, indem sie nach London zogen), womit das Inland immer größere Ähnlichkeit mit der von Warburg geschaffenen Welt der Offshore-Piraten bekam. Die Politik wurde entgegenkommender, sie senkte Steuern und lockerte Regeln, nur damit sich das rastlose Geld in ihrem Land niederließ und nicht anderswo. Sobald ein Land die Regelungen lockerte, zogen die anderen eilig nach. So läuft das Spiel von Moneyland, die Regeln für die Reichen mit Geld in der Tasche werden immer lascher, nie strenger.

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Moneyland hat keine Armee, keine Flagge, keine Grenzen und keine der sonstigen Eigenschaften eines Staates. Doch es hat eine Sprache: Es ist die Sprache des Euphemismus. Wenn Sie sich mit den Anwälten und Buchhaltern unterhalten, die Moneyland verwalten, hören Sie Begriffe wie »Nachfolgeplanung«, »Steuerneutralität«, »Kommissionen« und »Beschleunigungszahlungen«. Irgendwann sprechen Sie selbst so.

Aber wie viel Geld verbirgt sich hinter diesen beschönigenden Formeln? Das ist schwer zu sagen: Geld ist unsichtbar und hoch dotierte, fantasiebegabte und intelligente Menschen sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Wie die Dunkle Materie lässt es sich nur indirekt durch seine Auswirkungen auf die sichtbare Welt erforschen.

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman hat das Schweizer Bankwesen untersucht und sich an einer Schätzung versucht. Durch eine Auswertung der statistischen Anomalien, die das Bankgeheimnis bewirkt, schätzt er, dass sich 2014 etwa 8 Prozent des Geldvermögens der Welt in Steueroasen befand: 7,6 Billionen von 95,5 Billionen Dollar. Ein Drittel davon befand sich in der Schweiz, der Rest in Singapur, Hongkong, den Bahamas, Jersey, Luxemburg und einigen anderen Ländern. Nicht eingerechnet sind andere Werte, die sich offshore befinden, zum Beispiel Kunstwerke, Jachten, Immobilien und Schmuck im Wert von weiteren 2 Billionen Dollar. (Dieses Vermögen befindet sich nicht unbedingt in der Schweiz, in Hongkong oder auf den Bahamas. Sie unterstehen lediglich der Rechtsprechung dieser Länder, befinden sich aber räumlich anderswo. Wenn Sie nicht gerade eine Vorliebe für Fudge haben, finden Sie auf Jersey nicht viel, was sich zu kaufen lohnt.)

Als ich Zucman im Berkeley besuchte, wo er unterrichtet, erklärte er mir, diese Anomalien hingen damit zusammen, dass sich Länder gern damit brüsten, wenn ausländisches Geld angelegt wird – Häuser in London, Apartments in New York City, Villen an der Riviera –, dass sie aber nur widerwillig berichten, wenn Geld abfließt. Das heißt, es gibt eine Differenz zwischen der Summe, die kommt, und der Summe, die geht. »Unser Planet als Ganzer hat Nettoschulden, was natürlich unmöglich ist«, erklärte er mir. Wenn man die Ein- und Ausgänge aller Länder der Welt addiert, müsste null herauskommen, denn die Ausgaben des einen sind schließlich die Einnahmen des anderen. Aber am Ende steht keine Null. In der Bilanz fehlt ein Land. Alphabetisch könnte man Moneyland zwischen Monaco und der Mongolei einfügen.

Zucman ist nicht der Einzige, der versucht, Moneyland zu erforschen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler James Henry veranschlagt das dunkle Geldvermögen deutlich höher, nämlich auf 21–32 Billionen Dollar im Jahr 2010. Um die Komplexität seiner Aufgabe zu beschreiben, greift er gern zu Vergleichen aus der Astronomie: »Das System, das wir messen wollen, ist die wirtschaftliche Entsprechung eines Schwarzen Lochs in der Astrophysik. Wie ein Schwarzes Loch ist es unsichtbar und gefährlich für alle, die sich zu nah heranwagen«, schrieb er 2012 in einem Artikel zum Thema. »Wir haben es mit einer der am besten verbarrikadierten Interessengruppen der Gesellschaft zu tun. Keine Interessengruppe ist schließlich so reich und so mächtig wie die Reichen und Mächtigen.«

Auf jedes Land hat Moneyland andere Auswirkungen. Die Reichen der wohlhabenden Länder Nordamerikas und Europas besitzen den größten Teil des Offshore-Geldvermögens, doch da diese Länder gleichzeitig ein großes Bruttoinlandsprodukt haben, macht es hier nur einen relativ kleinen Anteil am nationalen Gesamtvermögen aus. In den Vereinigten Staaten schätzt Zucman den Anteil auf 4 Prozent, in Westeuropa auf 10 Prozent. In Russland befinden sich dagegen geschätzte 52 Prozent des Vermögens offshore und außer Reichweite des Staates. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent beträgt der Anteil etwa 30 Prozent, in den Golfstaaten jedoch atemberaubende 57 Prozent. »Für Oligarchen in nicht-demokratischen Entwicklungsländern ist es recht einfach, ihr Vermögen zu verbergen. Damit haben sie einen gewaltigen Anreiz, ihr Land zu plündern, und es gibt keine Aufsicht«, so Zucman.

So also entstand Moneyland. Die sorgfältig aufgerichteten Schutzwälle wurden niedergerissen, und es konnte sich in aller Welt breitmachen. Nun sehen wir uns einige der Türhüter an.

* Die Londoner Banker hatten bald ein derartiges Geschick entwickelt, verschiedene nationale Rechtssysteme gegeneinander auszuspielen, dass sie zwei Jahre später das belgische Finanzamt davon überzeugten, bei einer Vertragsunterzeichnung handele es sich lediglich um eine Formalie. Damit mussten sie nicht mehr nach Luxemburg fahren, um ihre Verträge zu unterzeichnen, sondern konnten ihre Abschlüsse in Brüssel feiern. Der Grund: Luxemburg war seinerzeit eine gastronomische Wüste, während die Restaurants in Brüssel nach dem Geschmack der Banker waren.

KAPITEL 3
DIE KÖNIGIN DER KARIBIK

NEVIS IST NICHT VIEL MEHR als ein bewaldeter, in Nebel gehüllter Gipfel, der aus dem Meer ragt, wo der Atlantik auf die Karibik trifft. Die Insel ist kaum größer als Manhattan, hat aber gerade einmal 11.000 Einwohner. Als die Briten sie 1983 als Juniorpartner von St. Kitts und Nevis in die Unabhängigkeit entließen, schien sie einer trüben wirtschaftlichen Zukunft entgegenzugehen.

Damals war Simeon Daniel Regierungschef von Nevis, und seine Aufgabe war es, für die Inselbewohner zu sorgen. Die Speisekammer war leer. »Es gab nicht viele Möglichkeiten, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen«, erinnerte er sich später. Doch er hatte noch ein Ass im Ärmel.

Während der Verhandlungen um die Unabhängigkeit hatte er die größtmögliche Autonomie für Nevis herausgeschlagen. So klein die Insel war, ließ ihr die föderale Verfassung weitgehende Kontrolle über ihre Angelegenheiten. Ein Coup in Liberia eröffnete eine aussichtsreiche Chance. Amerikanische Schiffseigner zahlen hübsche Sümmchen für eine Flagge, unter der sie die heimischen Aufsichtsbehörden umschiffen können, und nach dem Sturz der Regierung in Liberia fürchteten sie, dass sie ihre Schiffe nun nicht mehr dort anmelden konnten.

Ein amerikanischer Anwalt namens Bill Barnard schlug Daniel vor, in diese Lücke zu stoßen. »Mr. Barnard und sein Team haben die ganze Infrastruktur aufgebaut«, erinnert sich Daniel. »Sie haben die Gesetzestexte entworfen, und wir haben sie dem Parlament von Nevis vorgelegt.«

Nachdem Barnard sah, wie entgegenkommend die Inselregierung war, entwarf er ehrgeizigere Ziele für Nevis. Warum sollte man nur den Schiffseignern helfen, die Regeln zu umgehen, wenn man allen helfen konnte? Barnard führte Nevis in das Geschäft mit der Verschwiegenheit ein. Sein Unternehmen, das er später Morning Star nannte, sicherte sich das Monopol für die Produkte des Landes. Barnard holte amerikanische Anwälte auf die Insel, die ein Buffet von finanziellen Leckerbissen zusammenstellten, und Nevis übernahm sie willig in seine juristische Speisekarte. Auf meine Anrufe und E-Mails hat Barnard nicht geantwortet, doch es macht ganz den Eindruck, als hätte sich sein Team das erste Fundament vor allem aus den Gesetzbüchern des amerikanischen Bundesstaats Delaware abgeschaut. Die neuen Gesetze traten 1984 in Kraft, ein Jahr später wurde das Bankgeheimnis eingeführt, und die Insel konnte loslegen. Doch das war erst der Anfang.

David Neufeld ist einer der vielen amerikanischen Anwälte, die an der Absicherung des Finanzsystems der Insel mitgewirkt haben. 1994 entwarf er ein Gesetz zur Gründung von Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Dazu bediente er sich beim Vorbild des US-Bundesstaats Wyoming und fügte noch einige andere hübsche Aspekte hinzu, von denen er glaubte, dass sie seinen Kunden gefallen könnten. »Wir haben uns die Rosinen herausgepickt«, sagte er mir. »Ich will ja nicht angeben, aber es war ein bisschen so, als hätten wir Gott gespielt. Natürlich war meine Schöpfung nicht ganz so ehrgeizig. Und ich habe am siebten Tag auch nicht geruht. Das ist der Unterschied zwischen mir und Gott: Gott arbeitet schneller.«

Die Gesetze, die Neufeld und andere nach Nevis gebracht haben, machten aus der Insel eine Festung für alle, die ihr Vermögen in Sicherheit bringen wollen. Nevis erkennt keine ausländischen Gerichtsurteile an, sodass Gerichtsstand immer Nevis sein muss. Aber um einen Prozess anzustrengen, muss man vorab als Zeichen des guten Willens 100.000 Dollar hinterlegen. Liegt der Fall mehr als ein Jahr zurück, wird er automatisch abgewiesen. Und selbst wenn man durchkommt, stehen die Erfolgsaussichten schlecht: Die Unternehmen von Nevis müssen keine Unterlagen über ihre Finanztransaktionen vorhalten, und Bilanzvorschriften, Wirtschaftsprüfung oder Buchhaltung sind auf der Insel unbekannt. Ein ausländisches Unternehmen kann jederzeit nach Nevis umziehen, und ein Unternehmen von Nevis kann die Insel jederzeit verlassen. Es muss die Behörden der Insel nicht darüber informieren, wer der wahre Eigentümer ist: Das wissen nur die Aktionäre und der gesetzliche Vertreter, und um es herauszufinden, ist eine gerichtliche Verfügung erforderlich.

Die Anwälte haben mit dem Aufbau dieser juristischen Festung eine hübsche Stange Geld verdient und sind stolz auf ihre Erfindung. »Wir haben ein Team von gut zehn Leuten aus den gesamten Vereinigten Staaten zusammengestellt und uns alle zwei Wochen anderthalb Stunden getroffen. Wir haben das Gesetzbuch auf der ersten Seite aufgeschlaggen und sind es Wort für Wort durchgegangen«, erklärte mir Shawn Snyder, ein Treuhandexperte aus Florida, der die letzte Aktualisierung der Inselgesetze leitete. »Ich sage meinen Klienten immer, es gibt eine neue goldene Regel zum Anlagenschutz: Wer das Gold hat, gewinnt.«

Lobbyarbeit gibt es überall, doch auf Nevis wurde sie auf ihren nackten Kern reduziert. Amerikanische Anwälte schreiben die Gesetze, und das Parlament von Nevis winkt sie durch, damit die Anwälte Geld verdienen und Nevis Gebühren kassieren kann. Es ist eine reine Transaktionsbeziehung. Selbstverständlich verlangt Nevis keine Steuern von den hier ansässigen Unternehmen (es sei denn, man wünscht es; das kann unter Umständen sogar seine Vorteile haben), doch die Insel ist mehr als ein Steuerparadies. Sie ist ein Schutzraum für alles und einer von einigen Dutzend staatlichen Handlangern von Moneyland, die das Vermögen all jener schützen, die sich die Gebühren leisten können.

Heute stehen rund 18.000 Unternehmen im Handelsregister von Nevis – mehr als anderthalb für jeden Einwohner der Insel. Sie bringen jedes Jahr 5 Millionen Dollar an Einnahmen und weitere 5 Millionen Dollar an Gebühren für den Staat. Dazu kommen die Steuern, die Anwälte, Buchhalter und andere Mitarbeiter der Branche zahlen. Das klingt bescheiden, doch für eine Insel, die nicht mehr Bewohner als eine Kleinstadt hat, ist es ganz ordentlich. Kein Wunder, dass der ehemalige Premierminister Daniel stolz ist auf die Saat, die er gelegt hat. »Die Finanzdienstleister haben die wirtschaftlichen Ressourcen gebracht, die den Menschen auf Nevis Wohlstand bringen«, schrieb er.

Nevis verdient sein Geld mit der Verpachtung seiner Souveränität an Reiche, die fürchten, dass die Vereinigten Staaten zu prozessfreudig sind, Frauen bei Scheidungen zu viel Geld bekommen und überall Neider mit ihren Anwälten auf die Erfolgreichen lauern. Diese Sorgen sind unter Reichen verbreitet, und Moneyland gibt ihnen die Mittel an die Hand, sich dagegen zu wappnen.

Wenn wohlhabende Amerikaner früher glaubten, dass sie von den Gesetzen benachteiligt wurden, dann versuchten sie Einfluss auf die politischen Parteien zu nehmen, um diese Gesetze zu ändern. Wenn sie glaubten, dass ihre Frauen bei einer Scheidung zu großzügig abgefunden wurden, dann verlangten sie Gesetze, um das zu ändern. Das war langwierig und das Ergebnis war nicht perfekt, aber so funktioniert eben die Demokratie.

An die Stelle dieses unschönen Hin und Her tritt heute der Vermögensschutz. Die Reichen versuchen gar nicht mehr, auf Gesetze Einfluss zu nehmen, sondern sie entziehen sich ihnen ganz einfach. Normalbürger müssen immer noch mit Prozessen und teuren Scheidungen rechnen, wie sie das Gesetz ihres Landes vorsieht. Aber wer genug Geld hat, kann die heimische Rechtsprechung umgehen und sich nach Moneyland durchgraben, wo er sein Geld vor dem Rest der Welt verbergen kann.

»Das Wort ›verbergen‹ gefällt mir nicht. Es ist geschützt, nicht verborgen. Sehen Sie es sich mal andersherum an. Viele Frauen sind nur auf Geld aus. Sie heiraten einen Mann, den sie nicht lieben, nur weil er Geld hat. Diese Leute suchen einfach nach Möglichkeiten, ihr Vermögen zu schützen«, erklärt mir Laurie Lawrence, Finanzberater der Regierung von Nevis und zuvor zwei Jahrzehnte lang Finanzminister der Insel. »Wenn Sie als Arzt in den Vereinigten Staaten wegen eines Behandlungsfehlers verklagt werden, dann kann das Ihr finanzieller Ruin sein. Deswegen ergreifen Sie Maßnahmen, und wenn etwas passiert, dann führt das nicht zu Ihrem Bankrott.«

Die Anwälte, die die Gesetze von Nevis entworfen haben, sind begeistert von ihrer Arbeit, doch den anderen, die sich dem Bollwerk der Insel gegenübersehen, gefällt sie weniger. Im Jahr 2013 gewann eine Russin das bis dahin teuerste Scheidungsverfahren der britischen Geschichte (53 Millionen Pfund), nachdem es ihren Anwälten gelungen war, das komplizierte Geflecht der Offshore-Strukturen zu entwirren, das ihr Ehemann geknüpft hatte, um ihr den Zugang zu dem in siebzehn Ehejahren gescheffelten Vermögen zu verwehren.

Wie in Zivilprozessen in Großbritannien üblich, blieben die Namen des Paars vertraulich, doch die Einzelheiten des Offshore-Geflechts des Mannes drangen an die Öffentlichkeit. Unter anderem hatte er vier teure Immobilien in drei auf Nevis registrierten Unternehmen verborgen. »Der Fall war ein fantastisches Versteckspiel mit dem Ehemann und einem zwielichtigen Strippenzieher im Hintergrund. Zu märchenhaften Gebühren (bislang 1,4 Millionen Pfund) flogen die Anwälte der Frau rund um den Globus, um das Vermögen des Mannes aufzuspüren«, schrieb Richterin Eleanor King in ihrem Urteil. Am Ende gewann die Frau, aber kann man wirklich von Gerechtigkeit sprechen, wenn man dafür 1,4 Millionen Pfund hinblättern muss?

Noch teurer war eine Scheidung zwischen dem in Finnland geborenen Tech-Millionär Robert Oesterlund und seiner aus Wales stammenden Frau Sarah Pursglove, die 2017 in einem langen Artikel in der New York Times beschrieben wurde. Offenbar hatte Oesterlund einen großen Teil seines Vermögens in einem »weltumspannenden Finanzsystem verborgen, das seine Dienste ausschließlich den Reichen offeriert und nur einem einzigen Zweck dient: den Eindruck zu erwecken, als seien die Reichsten der Welt in Wirklichkeit arm«. Zum Glück für Pursglove verpflichtete sie den gewieften Scheidungsanwalt Jeffrey Fisher, der Oesterlunds Festung aus einer Richtung angriff, die nur ihm einfallen konnte. Der Artikel ist ein faszinierender Ausflug in die Realität des Vermögensschutzes, und natürlich spielten auch Briefkastenfirmen auf Nevis eine Rolle.

»Das hat vor gut zwölf Jahren angefangen, etwa 2005«, sagte er mir, als ich ihn anrief. »Ich mache das jetzt schon lange. Früher war ich Staatsanwalt, deswegen weiß ich, wie die Leute ihr Geld verstecken. Um an das Geld eines Vermögensschutzunternehmens wie einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung auf Nevis heranzukommen, fahren Sie natürlich nicht nach Nevis, das wäre nicht besonders geschickt. Die haben ihre Gesetze so strukturiert, dass wir da gar nichts erreichen, dass es Jahre dauert und möglichst teuer wird. Wir müssen kreativer vorgehen, damit sie das Geld ausspucken.«

Aber wer sich keinen Jeffrey Fisher leisten kann, der zu den besten Scheidungsanwälten in den Vereinigten Staaten zählt, der hat keine Chance. »Wenn man sich nicht auskennt, hat man schon verloren. Und wenn man nicht die Mittel hat, um die fiesen Strukturen zu knacken, dann hat man auch schon verloren«, erklärte er mir. »Sie müssen sich klarmachen, dass es beim Vermögensschutz nicht um Milliarden geht, sondern um Billionen. Im Grunde geht es darum, zu verhindern, dass rechtmäßige Gläubiger an ihr Geld kommen. Das ist das Geschäft dieser Leute, aber so nennen sie es natürlich nicht.«

Das alles wäre noch hinnehmbar, wenn die Kunden von Nevis ausschließlich reiche Amerikaner wären, die ihr Vermögen vor ihren Mitbürgern verbergen wollen. Aber wie Warburgs Eurobonds ist die Insel mit ihrem sonderbaren Geschäftsmodell ein Magnet für Ganoven und Tyrannen aus aller Welt. Wie immer mischen sich hier dreistes und böses Geld. Egal um welchen Betrug es geht – wenn er komplex und international ist, wird irgendwo auch der Name Nevis auftauchen.

Navinder Sarao, der britische Börsenhändler, der den Flash Crash des Jahres 2016 verursachte (damals stürzte der Dow Jones innerhalb weniger Minuten um 600 Punkte ab, weil Sarao falsche Verkaufsaufträge aufgab und damit kurzfristig Kursverluste in Billionenhöhe verursachte), überwies seine Gewinne an zwei auf Nevis gemeldete Unternehmen, von denen er einen NAV Sarao Milking Markets Fund (Sarao Marktmelkfonds) nannte. Im größten Betrugsfall der britischen Geschichte verdienten Abzocker 100 Millionen Pfund, indem sie Prominenten Anteile eines nicht existierenden Umweltunternehmens aufschwatzten. Das Geld floss durch Firmen, die auf Nevis registriert waren. »Der Fall zeichnet sich durch seine kriminelle Energie, raffinierte Planung und beispiellose Gier aus«, so der Richter in der Urteilsbegründung Ende 2017. »Die Dauer der Ermittlungen ist allein der Raffinesse und Komplexität des Betrugs geschuldet.«

An einem Versicherungsbetrug, der 2015 in New York verhandelt wurde, waren auf Nevis firmierende Unternehmen genauso beteiligt wie an einem Börsenschwindel in New Jersey zwei Jahre später. Ein besonders dreister Kredithai, der bis zu 700 Prozent Zinsen kassierte, knöpfte 620.000 sozial schwachen Amerikanern insgesamt 161 Millionen Dollar ab und versteckte sie zeitweilig auf Nevis. »Das vermeintliche Offshore-Unternehmen von Hydra Lenders bestand aus einem Dienst, der Post von Adressen auf Nevis und Neuseeland in ein Büro in Kansas City weiterleitete«, so der Staatsanwalt.

Wenn Sie auf der Website des Justizministeriums der Vereinigten Staaten das Stichwort »Nevis« eingeben, spuckt diese eine ganze Liste aus. Darunter befindet sich zum Beispiel ein Unternehmen, das nur dazu da war, 250 Millionen Dollar aus Kursmanipulationen der New Yorker Börse zu waschen. Oder ein nigerianischer Unternehmer, der 100 Millionen Dollar hinterzog und sich für 80 Millionen eine Jacht mit dem Namen Galactica Star kaufte; mithilfe von Unternehmen auf Nevis verschleierte er den Besitz seines Privatflugzeugs (zurzeit ist er in Nigeria angeklagt, 1,7 Milliarden Dollar gestohlen zu haben). Oder eine Briefkastenfirma, mit der die Familie des ehemaligen Präsidenten von Taiwan Bestechungsgelder wusch und ein Apartment in Manhattan und eine Villa in Virginia kaufte.

Die Strafverfolger anderer Länder hängen ihre Erfolge weniger an die große Glocke, doch Nachrichtenarchive berichten von ähnlichen Prozessen in aller Welt. Dank der Akten, die Revolutionäre 2014 aus dem Dnjepr fischten, wissen wir zum Beispiel, dass der ehemalige ukrainische Präsident Janukowytsch Unternehmen auf Nevis verwendete, um zu verschleiern, dass er sich in den Besitz von Kohlegruben des Landes gebracht hatte. Das Geld, das korrupte russische Polizisten aus der Staatskasse gestohlen hatten, landete auf Konten in Litauen, die wiederum einem Unternehmen auf Nevis gehörten; der Rechtsanwalt und Korruptionsbekämpfer Sergei Magnitski, der das Verbrechen aufdeckte, starb später im Gefängnis, weil man ihm ärztliche Behandlung verweigerte. Angehörige des Präsidenten von Aserbaidschan besaßen Mobilfunkanbieter und Goldförderunternehmen zum Teil über Nevis. Kein Wunder, dass Gegner von Emmanuel Macron den französischen Präsidentschaftskandidaten vor den Wahlen des Jahres 2017 in den Schmutz ziehen wollten, indem sie ihm ein Unternehmen auf Nevis andichteten – die Providence LLC, benannt nach der Schule, die er besuchte – und behaupteten, dass er hier Reichtümer hortete. Das war zwar erfunden, wirkte jedoch glaubwürdig, denn korrupte Politiker haben nun mal Briefkastenunternehmen auf Nevis.

Jack Blum ist erfahrener Korruptionsermittler, der vierzehn Jahre lang Anwalt des Korruptionsausschusses des amerikanischen Senats war und bestens mit der Insel vertraut ist. »Die Direktoren und Beamte haben keine treuhänderische Verantwortung, das Gesetz verlangt nicht einmal die Aufbewahrung minimaler Unterlagen am Unternehmenssitz. Wenn jemand gegen ein auf Nevis registriertes Unternehmen ermittelt und dort hinfährt, dann könnte niemand Auskunft geben, nicht einmal unter Folter«, sagte er mir, als wir uns in seinem Wohnort Annapolis in Maryland zum Kaffee trafen. »Wer da hinfährt, vergeudet nur seine Zeit. Da gibt es nichts zu finden. Gar nichts.«

Eine der Vorzüge des Daseins als freier Autor ist, dass ich niemandem darüber Rechenschaft ablegen muss, wie ich meine Zeit vergeude. Und weil ich Herausforderungen liebe, flog ich nach Nevis. Vielleicht würde ich ja etwas entdecken, was andere übersehen hatten?

In drei Stunden ist man von Miami in St. Kitts, und dann braucht man noch einmal zehn Minuten mit dem Taxi vom Flughafen in die Hauptstadt. Basseterre ist ein gemütliches Städtchen, in dem die Nachbarn über die Straße hinweg miteinander plauschen, Hühner auf der Straße picken und Händler Bob-Marley-T-Shirts und geschältes Zuckerrohr an die Kreuzfahrttouristen verkaufen. Von hier geht es mit der Fähre zur Südküste hinunter. Auf dem kurzen Stück zwischen den beiden Inseln rollen die Wellen ungebrochen vom Atlantik heran, sodass das Bootchen kräftig schaukelt, bis man den Schatten von Nevis erreicht.

Vom Meer aus gesehen ist Nevis ein tropisches Paradies, die Hänge steigen gemächlich aus den Wellen und werden immer steiler, bis sie in den Wolken verschwinden. Es sieht aus, als liege auf dem Gipfel Schnee, weshalb die ersten Spanier die Insel Nuestra Señora de las Nieves (Unsere liebe Frau des Schnees) nannten; die Engländer verballhornten den Namen und machten daraus Nevis.

Im 18. Jahrhundert nutzten die Briten Nevis als Umschlagplatz für Zucker und Sklaven. Hier kam auch Alexander Hamilton zur Welt, einer der Väter der Verfassung der Vereinigten Staaten, der es hier erstaunlicherweise zu einer Art Popikone gebracht hat. Während des 19. Jahrhunderts gewannen Kolonien mit mehr Einwohnern und besseren Transportverbindungen die Oberhand, und Nevis verlor gegenüber St. Kitts an Bedeutung. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit war Nevis nicht einmal mehr ein verschlafenes Nest, und man muss es Barnard und seinen Offshore-Anwälten hoch anrechnen, dass sie die Insel überhaupt gefunden haben. Nördlich von Charlestown, der Miniaturhauptstadt von Nevis, befindet sich das Luxushotel Four Seasons, das 1990 eröffnet wurde und Nevis zu einem annehmbaren Urlaubsziel für die Superreichen machte. Nicht von ungefähr ist die Schnittmenge zwischen den betuchten Hotelgästen und den Kunden der Vermögensschutzdienstleister groß.

Für jeden, der sich ein wenig mit den Geschäften der Insel beschäftigt hat, ist ein Rundgang durch Charlestown ein sonderbares Erlebnis, denn hier drängen sich die nominellen Zentralen der an diesen Geschäften beteiligten Firmen. Der Briefkasten des Unternehmens, mit dem die Präsidentenfamilie von Aserbaidschan ihre Beteiligung an den Gold- und Mobilfunkunternehmen des Landes tarnt, befindet sich direkt gegenüber der Anlegestelle der Fähre. Zehn Meter weiter steht das Edith L. Solomon Building, dessen Schriftzug einige Buchstaben abhandengekommen sind: Hier hat ein skandalgebeutelter Kredithai aus Idaho seine Anschrift. In dreißig Meter Entfernung folgt das Büro von Morning Star, nomineller Sitz von Unternehmen, die allein in Großbritannien insgesamt 36 Immobilien besitzen, darunter ein Nobelobjekt im Londoner Stadtteil Mayfair mit Blick auf den Hyde Park. Insgesamt befinden sich mehr als dreihundert Immobilien in England und Wales in Besitz von Unternehmen, die als ihren Sitz eine Adresse in einem fußballplatzgroßen Areal auf Nevis angeben.

Besonders interessierten mich zwei Unternehmen, die demselben Geflecht angehörten wie zwei Konten in Litauen, mit deren Hilfe einige Milliarden Dollar aus Russland gewaschen worden waren. Journalisten, die die Operation 2014 aufdeckten, gaben ihr den Spitznamen »russischer Waschsalon«. Das Unternehmen gab als seine Anschrift Hamilton Development, Suite B in Charlestown an, genau wie die Nevis International Trust Company (NITC). Aber in der ganzen Stadt schien niemand zu wissen, wo sich dieses Gebäude befand. Daher erkundigte ich mich im Büro der Finanzaufsicht, und die Empfangsdame schickte mich den Berg hinauf.

So kam es, dass ich mich den Hang des erloschenen Vulkans hinaufschleppte. Die einzige Abwechslung auf dem einstündigen Fußmarsch waren ein paar Affen, die mich neugierig anglotzten. Als ich endlich an dem Ort ankam, den mir die Empfangsdame genannt hatte, hatte niemand eine Ahnung, wovon ich redete. Ich müsse wieder hinunter an die Küste, teilte man mir mit. Hamilton Development befinde sich an der Küstenstraße hinter dem Four Seasons. Aber auch dort hatte ich keinen Erfolg. Eine weitere Empfangsdame war so freundlich, die NITC in den Gelben Seiten nachzuschlagen und anzurufen. Die Angestellte, die ans Telefon ging, weigerte sich, mir die Adresse der NITC zu verraten oder mir Auskunft über die Unternehmen zu geben, nach denen ich sie fragte.

»Ich bin kein Einbrecher«, sagte ich schließlich.

»Das kann ja jeder sagen«, erwiderte sie. Und damit war das Gespräch beendet.

Auf der Suche nach Antworten auf allgemeinere Fragen verabredete ich mich mit Heidi-Lynn Sutton, oberste Finanzaufseherin von Nevis. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Infrastruktur der Insel nicht von Kriminellen, korrupten Politikern und Steuerflüchtlingen missbraucht wird – keine unwichtige Aufgabe. Sie kam in Begleitung dreier Kollegen. Zu viert saßen sie mir an einem Konferenztisch gegenüber wie bei einem Vorstellungsgespräch.

Ich fragte, warum das Außenministerium der Vereinigten Staaten Nevis zuletzt so kritisch beurteilt habe. Das Amt für Internationalen Drogenhandel und Gesetzesvollzug gibt jedes Jahr einen Bericht zum Stand des internationalen Kampfs gegen Geldwäsche und Finanzkriminalität heraus. Der Bericht des Jahres 2017 beschrieb Nevis als »attraktiven Standort für Kriminelle, die ihre Einnahmen verbergen wollen«. Konkret kritisierte er die anonymen Konten und das Bankgeheimnis der Insel sowie Gesetze, mit denen sich die wahren Eigentümer der dort registrierten Firmen verschleiern lassen.

Sutton klang wie eine Lehrerin, die nur mit Mühe ihre Verachtung für einen besonders unterbelichteten Schüler verbergen kann. Die Informationen der amerikanischen Regierung seien veraltet, klärte sie mich auf. Das verwunderte mich, denn ich hatte den Eindruck, es sei allgemein bekannt, dass die Eigentümerschaft auf Nevis nicht transparent war. Um das zu unterstreichen, berichtete ich ihr von meinem Abenteuer auf der Suche nach den Unternehmen, die am russischen Waschsalon beteiligt waren. Sie schien amüsiert, dass ich derartige Mühen auf mich genommen hatte, nur um ein Bürogebäude zu finden. »Wozu brauchen Sie die Information?«, fragte sie mich. Als ich die gewaschenen Milliarden erwähnte, lachte sie mich aus. »Dazu kann ich nichts sagen. Dazu kann ich wirklich nichts sagen.«

Während der nächsten halben Stunde wies Sutton pauschal jede Kritik an Nevis zurück, die ich referierte. Die Beschwerden der amerikanischen Anwälte, es sei zwecklos, in Nevis einen Prozess anstrengen zu wollen, schien sie nicht nachvollziehen zu können. »Aber amerikanische Anwälte haben uns doch bei der Ausarbeitung der Gesetzgebung unterstützt. Das wundert mich jetzt sehr.«

Aber verhinderten einige der gesetzlichen Vorkehrungen nicht, dass Frauen im Falle einer Scheidung einen gerechten Anteil am gemeinsamen Vermögen erhielten? Oder dass Opfer von medizinischen Behandlungsfehlern angemessen entschädigt wurden?, fragte ich weiter. Fand sie es nicht unverhältnismäßig, dass Kläger 100.000 Dollar hinterlegen mussten, um überhaupt Klage einreichen zu können?

»In einigen Ländern sind die Leute extrem prozessfreudig. Wenn man sich bei McDonald’s ein bisschen verbrennt, weil man sich Kaffee über die Hand geschüttet hat, dann rennt man gleich vor Gericht. Wir sorgen nur dafür, dass die Leute beschützt werden und dass unsere Gerichte nicht mit überflüssigen Verfahren überflutet werden«, erklärte sie mir. Ich sah, wie ein Kollege einem anderen unter dem Tisch ein Zettelchen gab.

Ihre Gleichgültigkeit ärgerte mich. Also fragte ich Sutton, ob sie sich bewusst war, dass korrupte ausländische Politiker die Infrastruktur von Nevis missbraucht hatten (»Das behaupten Sie, aber das heißt nicht, dass das auch stimmt«). Ich nannte konkrete Beispiele: die Präsidentenfamilie Taiwans (»Das ist eine Behauptung«); der gestürzte Präsident der Ukraine (»Dazu kann ich Ihnen nichts sagen«); der russische Waschsalon (»Gibt es dazu ein Ermittlungsverfahren?«). Sie schien sich nicht dafür zu interessieren, dass wenige Meter von ihrem Büro entfernte Unternehmen an Diebstahl in beispiellosen Dimensionen beteiligt waren. Allmählich hatte ich das Gefühl, ich würde den Verstand verlieren.

»Das können Sie Nevis nicht anhängen. Das passiert doch überall auf der Welt«, erwiderte sie selbstbewusst. »Ich kann Ihre Behauptung nicht nachvollziehen, dass unsere Infrastruktur dazu verwendet worden sein soll, um irgendetwas zu ermöglichen. Das kann ich nicht akzeptieren. Dazu kann ich nichts sagen.«

Wenn hier alles so wunderbar ist, fragte ich, warum haben dann Leute dem französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron ein Unternehmen auf Nevis angehängt, um ihn wie einen Kriminellen dastehen zu lassen? »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich kann den Leuten ja nicht in die Köpfe schauen«, erwiderte sie. »Die Leute erfinden dauernd irgendwas.«

Ich hatte im Laufe der Jahre mit vielen Aufsichtsbeamten und Ermittlern gesprochen, aber jemand wie Heidi-Lynn Sutton war mir noch nie untergekommen. Meine früheren Gesprächspartner hatten zumindest ein gewisses höfliches Interesse an meinem Anliegen geheuchelt, und manchmal hatten sie es sogar geteilt. Sutton lachte mich dagegen aus. Obwohl alles gegen sie sprach, erklärte sie mir standhaft, die Behörden der Insel seien streng, die Aufsicht funktioniere zuverlässig und entspreche in jeder Hinsicht den internationalen Anforderungen. »Sobald man ein internationales Finanzzentrum ist und bestimmte Dienstleistungen anbietet, wird man zur Zielscheibe. Das heißt aber nicht, dass die Anschuldigungen auch wahr sind.«

Möglicherweise hatte sie ja recht und bei den Beispielen, die ich ihr genannt hatte, handelte es sich um Einzelfälle. Wir haben keine unabhängige Beurteilung der Kompetenz der Aufsichtsbehörde von Nevis und wissen nicht, inwieweit die Unternehmen, die ihrer Kontrolle unterstehen, von kriminellen Aktivitäten durchdrungen sind. Es ist durchaus möglich, dass die winzige Polizei von Nevis ausreichend kompetent ist, Finanzkriminalität zu verfolgen und den beteiligten Firmen das Handwerk zu legen, statt es zu ignorieren, um mehr Geld anzulocken. Es wäre schön, wenn es so wäre.

Wenn die Erfahrungen eines anderen Finanzzentrums als Vergleich dienen können, dann sollten wir uns allerdings keine allzu großen Hoffnungen machen.

•

Jersey ist eine Insel im Ärmelkanal. Obwohl sie nur wenige Kilometer von der französischen Küste entfernt ist, gehört sie zu Großbritannien, zumindest mehr oder weniger. In den Sechzigerjahren nutzte sie ihre Autonomie zum Aufbau eines Offshore-Bankwesens, in dem die Briten ihr Geld verstecken konnten, und schon bald wurde daraus ein eigenständiges Finanzzentrum. Das Muster dürfte Ihnen inzwischen vertraut vorkommen. Jersey hat zehnmal so viele Einwohner wie Nevis, ist reicher, und das Offshore-Zentrum ist einige Jahrzehnte älter. Als Außenstehende begannen, den Geheimnissen der Insel auf den Grund zu gehen, waren sie entsetzt.

Jerseys besondere Spezialität sind Treuhandgesellschaften. Die Ursprünge dieser Rechtsform reichen zurück bis ins Mittelalter, als Ritter zu den Kreuzzügen ins Heilige Land aufbrachen und ihr Vermögen für ihre Frauen und Kinder absichern wollten. Dazu gaben sie es in die Hände eines Verwalters, mit dem Auftrag, alle Erträge an die Kinder auszuzahlen. In Ländern mit angelsächsischem Recht hat die Treuhandgesellschaft verschiedene Anwendungen, darunter auch jene Offshore-Tricks, da es den juristischen Besitz und seine Erträge trennt. Ein Apartment kann sich in New York befinden und Sie können darin wohnen, aber es gehört Ihnen nicht. Es gehört vielmehr einer Treuhandgesellschaft auf Jersey, die rechtlich dazu verpflichtet ist, es nach Ihrem Ableben an Ihre Enkel zu übergeben. Die Vorteile für die Bewohner von Moneyland liegen auf der Hand: Was ihnen nicht gehört, darauf zahlen sie keine Steuer; lediglich das Einkommen, das es abwirft, ist steuerpflichtig. Treuhandgesellschaften spielen eine wichtige Rolle bei der »Nachfolgeplanung« – ein Euphemismus für die Umgehung der Erbschaftssteuer –, und Anwälte auf Jersey sind Experten bei deren Gründung.

Wie Nevis ist Jersey bemüht, sich gegenüber der Konkurrenz Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, indem es Neuerungen aus anderen Ländern kopiert. Abgeordnete des Parlaments haben seit jeher ein offenes Ohr für die Wünsche der Anwälte, um sie auf der Insel zu halten. Oder um es mit den Worten eines Abgeordneten zu sagen: »Wenn wir das Geld nicht nehmen, dann gibt es viele andere, die es mit Kusshand nehmen. Ohne die Finanzdienstleister gäbe es hier keine sozialen Dienstleistungen.«

Aus Jerseys Sicht ist das verständlich, wirft jedoch die Frage auf, wer eigentlich das Sagen hat: das Parlament oder die Anwälte und Finanzdienstleister, die drohen, die Insel zu verlassen, wenn die Politik nicht nach ihrer Pfeife tanzt.

Diese Frage bereitete John Christensen Kopfzerbrechen. Christensen war Wirtschaftsprüfer aus Jersey, der 1987 eine Stelle beim Staat annahm. Er hatte in Großbritannien Wirtschaft studiert und war danach auf die Insel zurückgekehrt, um hier eine Familie zu gründen. »Die Finanzlobby war so stark, dass sich alles darum drehte, wie man den Finanzsektor ausbauen konnte«, so Christensen. Das war für ihn ein Problem, denn dazu sah man auf der Insel über einige höchst verdächtige Verhaltensweisen hinweg.

1996, nach einem guten Jahrzehnt in seiner Position, erhielt Christensen einen Anruf von einem Reporter des Wall Street Journal, der ihn nach einem Börsenhändler mit Sitz auf Jersey fragte. Eine Gruppe überwiegend amerikanischer Anleger warf einem Mann namens Robert Young vor, er habe 27 Millionen Dollar von ihrem Geld verzockt, aber fälschlich Gewinne ausgewiesen; die Behörden von Jersey weigerten sich, etwas dagegen zu unternehmen. Young hatte bei der Privatbank Cantrade gearbeitet, die zur UBS gehörte.

Christensen stellte eigene Nachforschungen an. Dabei erfuhr er, dass der Vorsitzende des Ausschusses, der die Beschwerden ignoriert hatte, vier Jahre lang Direktor von Cantrade gewesen war. Der Regierungschef der Insel war Seniorpartner der Anwaltskanzlei von Cantrade gewesen. Und die Prüfer von Cantrade selbst hatten den Auftrag bekommen, zu ermitteln, ob sich die Bank etwas zuschulden hatte kommen lassen. Diese kamen zu dem überraschenden Schluss, dass alles seine Ordnung hatte. Das sah nicht gut aus. Als Ermittler schließlich einen Durchsuchungsbefehl für Youngs Haus bekamen, fanden sie vierzig Taschen von Gucci und fünf Armbanduhren von Rolex. Allein im Dezember 1993 wies seine Kreditkartenabrechnung Ausgaben in Höhe von 144.000 Dollar aus.

Young und sein Wirtschaftsprüfer wurden 1998 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und Cantrade zahlte außergerichtlich eine beträchtliche Summe an die hintergangenen Anleger. Doch ausländischen Beobachtern reichte das nicht. John Moscow, der damalige Bezirksstaatsanwalt von New York, erklärte gegenüber Journalisten, er sei bei seinen Ermittlungen jedes Mal frustriert über die mangelnde Kooperationsbereitschaft von Jersey. »Es ist unerhört, dass diese britischen Dependancen als Schutzgebiete für Transaktionen dienen, die nicht einmal vom Schweizer Bankgeheimnis geschützt würden«, zürnte er.

Genau über diesen Fall sprach Christensen mit dem Reporter des Wall Street Journal. Nach seiner Meinung zu den Gesetzen der Insel gefragt, bat er den Journalisten, ihn nicht namentlich zu nennen. »Ich habe das Gefühl, sie sind hoffnungslos überfordert.« Es dauerte nicht lange, bis man auf Jersey dahinterkam, wer der Informant des Wall Street Journal war. Es war unverzeihlich. Christensen musste die Insel verlassen und aufs Festland ziehen, wo er beim Aufbau des Tax Justice Network beitrug, einer NGO, die gegen Steuerparadiese kämpft. Zwanzig Jahre später behauptet man auf Jersey immer noch, Christensen habe sich rächen wollen, weil er bei einer Beförderung übergangen wurde. »Das hat er bis heute nicht verkraftet, das wurmt ihn immer noch«, erklärte mir der Leiter der Bankaufsicht von Jersey.

Jersey hat knapp über 100.000 Einwohner und neigt wie jeder kleine Ort zu Klatsch. Die Saga um Christensen, das Wall Street Journal und Cantrade mag wie eine Provinzposse erscheinen, bis man sich die Zusammenhänge vor Augen führt. Wenn die Banker gleichzeitig die Politik, die Justiz und die Aufsichtsbehörden lenken, dann sind Insidergeschäfte vorprogrammiert. Die Autonomie der Insel wird zum Feigenblatt für die Gaunereien der Reichen auf der Insel und darüber hinaus. Der Rechtsstaat verkommt zum Witz. Wie zwei ehemals leitende Polizeibeamte erklären, die nach langen Berufsjahren von Großbritannien auf die Insel gewechselt waren, gelten die Gesetze von Jersey nicht für Menschen, die reich genug sind, sie zu ignorieren.

Aufgescheucht durch kritische Berichte, ernannte die Polizei von Jersey im Jahr 2000 einen Schotten namens Graham Power zum Polizeidirektor der Insel. Mit seiner Ernennung und der seines Stellvertreters Lenny Harper aus Nordirland sollte die Polizei von Jersey professionalisiert und ihr Image aufpoliert werden. Das Gegenteil trat ein, denn die beiden brachten die Probleme ans Licht, die sich im Cantrade-Skandal bereits abgezeichnet hatten.

Nach Ermittlungen in einem Fall von Kindesmissbrauch, der Jersey in die Schlagzeilen gebracht hatte, wurde Power 2008 vom Dienst suspendiert. Seine Beamten hatten Hinweise auf sexuellen Missbrauch in einem Kinderheim und einem Segelverein für Jugendliche gefunden, und einer der Angeklagten war ein Mann, der trotz früherer Sexualstraftaten als ehrenamtlicher Polizist tätig sein durfte. Power und Harper mussten weg. Doch es war kein leiser Abgang: Mit ihren Aussagen bei nachfolgenden Anhörungen machten sie deutlich, wie schwierig ihre Arbeit in dieser kleinen und reichen Gemeinde gewesen war. Power beschrieb etwas, das er als »Jersey-Methode« bezeichnete, inzestuöse Gepflogenheiten mit Hinterzimmer-Deals, die verhinderten, das unangenehme Themen an die Öffentlichkeit kamen.

»Die Praxis der gegenseitigen Gefälligkeiten war tief verwurzelt«, schrieb er in einer Stellungnahme. »Die Elite von Jersey rotiert durch einflussreiche Positionen. In der Kultur herrscht eine tiefe Abneigung dagegen, Staub aufzuwirbeln.« Als seine Beamten den Missbrauchsvorwürfen gegen geschätzte Angehörige der Gemeinschaft nachgingen, verlangten Politiker, die Ermittlungen einzustellen, weil sie den Ruf der Insel beschädigten. »Man geht davon aus, dass Regeln und Pflichten nur für die übrigen Inselbewohner gelten, nicht für die Mächtigen«, schrieb Power.

Die Zähigkeit der Elite von Jersey ist bekannt (Jersey ist vermutlich der einzige Ort in Europa, der vor, während und nach der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg dieselbe Regierung hatte), sie war nur noch nie von einem Kriminalermittler beschrieben worden. Powers Stellvertreter Harper, der die Ermittlungen im Missbrauchsskandal leitete, fand noch schärfere Worte. Er kam 2002 nach Jersey, nachdem er zuvor jahrelang in einigen der härtesten Polizeibezirke Großbritanniens gearbeitet hatte. »Es ist surreal. Ich habe an der Falls Road gearbeitet, in den Vernehmungszentren von Belfast, und in einigen der übelsten Gegenden von London und Glasgow«, sagte er mir am Telefon. »Aber das ist alles nichts im Vergleich zu dem, was ich auf Jersey erlebt habe.«

Er erzählte mir, die ehrenamtliche Polizei (die einer unabhängigen Leitung unterstand) habe ihn bedrängt, die Ermittlungen einzustellen. Er sei nicht in der Lage gewesen, korrupte Mitarbeiter zu entlassen. Daneben habe er einiges erlebt, was man an einem scheinbar so adretten Ort wie Jersey nicht erwarten würde. »Ich klinge jetzt wie ein Kommunist, aber ich bin keiner«, sagte er zu mir. »Diese Clique auf Jersey hat kein Interesse an neutralen Gesetzeshütern. Das ist das Letzte, was die wollen. Sie wollen, dass das Gesetz so durchgesetzt wird, wie es ihnen passt.«

Die Geringschätzung beruhte auf Gegenseitigkeit. Politiker von Jersey ließen kein gutes Haar an Harper und Power. Aber wenn man sich die Reaktion der Inselbewohner auf den Missbrauchsskandal ansieht, dann muss man der Einschätzung der Polizeibeamten zustimmen, dass die Elite von Jersey die Öffentlichkeit scheut. Der neue Polizeichef geißelte die Medien, weil sie über den Fall berichteten. »Der eigentliche Skandal ist die ungerechtfertigte und gnadenlose Schmierenkampagne gegen Jersey und seine Bewohner«, sagte Justizminister Philip Bailhache bei einer Feier zum Jahrestag der Befreiung von den Nationalsozialisten. Seine Worte kamen von Herzen, aber wenn Sie im nächsten Kapitel erfahren, wie Jersey russischen Politikern bei der Plünderung ihres Landes half, dann stimmen Sie ihm vielleicht nicht mehr zu.

KAPITEL 4
SEX, LÜGEN UND OFFSHORE

FÜR RUSSLAND WAREN DIE NEUNZIGERJAHRE eine Katastrophe. Die Armee verlor einen Krieg gegen Tschetschenien, eine Region, die weniger Einwohner hat als die russische Armee Soldaten. Die Wirtschaft brach zusammen. Der Staat konnte seine Schulden nicht mehr bedienen. Die Lebenserwartung für Männer sank unter sechzig Jahre. Epidemien grassierten. Das Land wurde von einem wirren Alkoholiker regiert, die Regierung wurde von Oligarchen gemobbt und vom Weltwährungsfonds verpfändet. Doch das, was die Spätnachrichten des staatlichen Senders RTR am 17. März 1999 ausstrahlten, war selbst für russische Verhältnisse ein Tiefpunkt.

Die Bilder waren verschwommen, doch auf ihnen war eindeutig ein untersetzter und unbekleideter älterer Herr zu erkennen, der mit zwei deutlich schlankeren, deutlich jüngeren und ebenfalls unbekleideten Damen herumtollte. Von den Damen erfuhr man nur, dass keine der beiden seine Frau war. Der Herr jedoch »ähnelte«, wie der Sprecher sagte, dem Generalstaatsanwalt Juri Skuratow, der sich an seinen Posten klammerte, obwohl Präsident Boris Jelzin ihn zum Rücktritt drängte. Um die Ausstrahlung der unerträglichen Bilder zu rechtfertigen, erklärte RTR wenig glaubhaft, man wolle den obersten Juristen des Landes vor Erpressung schützen. »RTR handelt in der Absicht, die Interessen des Staates, der Gesellschaft und des Generalstaatsanwalts zu schützen und zu verhindern, dass dieses Material zum Schaden des Staates, der Gesellschaft und des Generalstaatsanwalts verwendet wird«, erklärte der Sender.

Skuratows Erklärung war überzeugender. Seiner Ansicht nach versuchte die Regierung, ihn mit dem Video zu erpressen und ihn zu zwingen, die Ermittlungen in einem Korruptionsskandal einzustellen, in den die gesamte Regierung bis hinauf zu Boris Jelzin verstrickt sei. Er habe sich geweigert, und die Regierung habe sich zu dieser Schmutzkampagne entschlossen. Im Mittelpunkt der Untersuchungen der Staatsanwaltschaft standen Bestechungsgelder, mit denen sich eine Schweizer Baufirma die Renovierung von Regierungsgebäuden, darunter auch der beiden Parlamentsgebäude, erkauft haben sollte. Außerdem gab es einen Subventionsskandal. Das ging in dem Lärm um das Video unter, doch es war vielleicht noch folgenschwerer, denn in diesem Fall ging es um viel mehr Geld, und er reichte mindestens genauso weit in die Regierung hinein.

Im Februar hatte Skuratow dem russischen Parlament, der Duma, mitgeteilt, dass die Zentralbank zwischen 1993 und 1998 – zu einer Zeit, als sich die Finanzen des Landes in freiem Fall befanden – insgesamt 35,6 Milliarden US-Dollar, 9,98 Milliarden D-Mark, 379,9 Milliarden japanische Yen, 11,98 Milliarden französische Francs und 862,6 Millionen britische Pfund an eine undurchsichtige Offshore-Firma namens FIMACO überwiesen hatte. Das Geld stammte zum Großteil aus Krediten des Weltwährungsfonds, und FIMACO hatte es in Staatsanleihen investiert, die seinerzeit fantastische Gewinne abwarfen. Der Staatsanwalt warf den Zentralbankern vor, mit den Gewinnen aus diesen Geschäften einen ausschweifenden Lebenswandel finanziert und die Einzelheiten hinter den undurchsichtigen Offshore-Konstruktionen von FIMACO verborgen zu haben.

FIMACO war im November 1990, den letzten Tagen der Sowjetunion, ins Handelsregister von Jersey eingetragen worden und hatte dort ein ausgesprochen stilles Dasein geführt – das Unternehmen hatte keine Mitarbeiter, keine Büros und keine wie immer geartete Präsenz auf der Insel. Gegründet hatte es die Bank Commerciale pour l’Europe du Nord, eben jene in Paris angesiedelte Moskauer Bank, deren Telex-Kürzel »Euro« in den Fünfzigerjahren die Bezeichnung »Eurodollar« angeregt haben soll. Niemand wusste genau, warum die Bank dieses Unternehmen gegründet hatte, denn die Zentralbanker hatten täglich eine andere Erklärungen dafür. Mal hieß es, FIMACO solle prüfen, ob die Investitionsmechanismen wie vorgesehen funktionierten. Dann wieder hieß es, es handele sich um eine nützliche Devisenreserve. Und schließlich behauptete man, FIMACO versorge die Bank mit Expertenwissen. Letztere Erklärung war absurd: FIMACO hatte keine Experten, denn es hatte überhaupt keine Mitarbeiter. Das war so, als würde die Europäische Zentralbank heimlich Transaktionen in Milliardenhöhe durch eine Briefkastenfirma auf den Kaimaninseln schleusen und behaupten, das sei nicht nur sinnvoll und gängige Praxis, sondern diene nebenbei auch noch der Fortbildung ihrer Mitarbeiter.

Irgendwann räumte der Zentralbankchef Viktor Geraschtschenko ein, FIMACO habe dazu gedient, russisches Staatsvermögen dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen, darunter dem Weltwährungsfonds, der sich natürlich alles andere als erfreut zeigte. Er, Geraschtschenko, sei besorgt gewesen, dass Gläubiger nach einem Prozess das Auslandsvermögen Russlands pfänden könnten. Daher sei es ihm sinnvoll erschienen, das Geld im Schwarzen Loch von Jersey zu verstecken. Das war keine würdevolle Erklärung, da es Russland hinstellte wie einen untreuen Ehemann, der sein Geld auf Nevis bunkerte, um seiner Frau bei einer Scheidung keine Abfindung zahlen zu müssen. Aber es klang immerhin besser als die Erklärung, dass das Unternehmen der Selbstbereicherung der Banker diente.

Diese zweite Theorie hielt sich allerdings hartnäckig, da konnte Geraschtschenko so viel reden wie er wollte. Boris Fjodorow, der Anfang der Neunzigerjahre Finanzminister gewesen war, berichtete, er habe während seiner Amtszeit das Thema FIMACO angesprochen und zur Antwort erhalten, das gehe ihn nichts an. Er war sich sicher, dass der Sinn des Scheinunternehmens darin bestand, Politikern beim Absahnen von Kommissionen zu helfen. »Sie haben ihren Kumpanen geholfen, satte Gewinne zu machen«, sagte er Journalisten, während der Skandal zu brodeln begann. Was wirklich passierte, kam dank des Sexvideos von Skuratow nie heraus. Wenige Tage nach der Ausstrahlung entließ Jelzin den lästigen und lüsternen Generalstaatsanwalt. Sein Nachfolger genoss eine lange und erfolgreiche Amtszeit, weil er so klug war, die Ermittlungen zum Schweizer Korruptionsskandal und zu FIMACO einzustellen. Die Fälle kamen nie vor Gericht und die Öffentlichkeit hörte nie mehr etwas davon. Der Weltwährungsfonds verlangte zwar von der russischen Zentralbank eine Prüfung von FIMACO, doch das Ergebnis galt weithin als Witz, weil es sich ausschließlich auf Informationen der Zentralbank stützte und keine unabhängigen Ermittler beteiligt waren.

Journalisten, die den Fall weiterverfolgten, entdeckten allerdings eine Menge Ungereimtheiten. Einer fand heraus, dass die russische Zentralbank 1999 86.000 Mitarbeiter beschäftigte, die Bank von England dagegen nur 3000 und die Notenbank der Vereinigten Staaten nur 23.000. Geraschtschenko verdiente 70 Prozent mehr als Alan Greenspan, immerhin Chef der wichtigsten Zentralbank der Welt, und erhielt obendrein Zahlungen für seine Tätigkeit als Aufsichtsrat bei Ablegern der Bank. Die russische Zentralbank (RZB) schien keiner Kontrolle zu unterstehen und machte ganz den Eindruck einer Institution, die auf eigene Rechnung mit Staatsvermögen spekulierte.

»Da der Jahresetat der RZB nicht von der Duma bewilligt werden musste, konnten ihre Beamten die Gewinne aus den europäischen Börsengeschäften ihrer Ableger und der FIMACO nach Gutdünken ausgeben, und das taten sie offenbar auch«, schrieb der amerikanische Wirtschaftsexperte Marshall Goldman 2003 in seinem Buch The Piratization of Russia, in dem er das Scheitern der Reformen in Russland beschrieb. »Dies ist nicht nur ein Fall von Diebstahl oder Plünderung der Staatskasse, wie es in einigen afrikanischen, asiatischen oder südamerikanischen Ländern gang und gäbe ist, sondern ein weitaus raffinierteres Beispiel für den Missbrauch des Vertrauens von In- und Ausland durch staatlich geduldete Geldwäsche … Wenn der Direktor der RZB an Geldwäsche auf höchster Ebene beteiligt war, welches Vorbild ist er dann für den Rest des Landes?«

Mithilfe der FIMACO könnte die Russische Zentralbank als staatliche Behörde auch Steuern auf Börsengeschäfte umgangen haben, was verdeutlicht, wie dank der Undurchsichtigkeit der Offshore-Geschäfte selbst Institutionen und Personen, von denen man dies nie vermuten würde, Kontrollen umgehen, Einkommen verschleiern und Steuern hinterziehen. Während russische Normalbürger monatelang auf ihre Lohnzahlungen warteten, kauften diese Beamte mit Steuergeld Staatsanleihen und bunkerten die Gewinne unversteuert über FIMACO in Moneyland. Solche und ähnliche Vorgänge waren eine schwere Enttäuschung für naive Westler, die geglaubt hatten, mit dem Ende des Kommunismus und der Auflösung der Sowjetunion in fünfzehn unabhängige Staaten werde Russland nun erstmals zu einem freien und demokratischen Rechtsstaat. Gegen Ende des Jahrzehnts konnten das nur noch unverbesserliche und blinde Optimisten glauben, die willentlich die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. (Genau, Leute wie ich.) Die Plünderung des Landes, die durch Steuerparadiese wie Jersey möglich gemacht und verschleiert wurde, sabotierte jede Aussicht auf Entwicklung und belohnte genau die Leute, die dafür verantwortlich waren, dass es dem Land immer schlechter ging.

Im Jahr 1999 führte das Abgeordnetenhaus der Vereinigten Staaten eine Reihe von Expertenanhörungen durch, um zu erörtern, ob und wie schmutziges Geld aus Russland ins amerikanische Bankwesen gelangen konnte. Die Gefahr war real, denn die Bank von New York hatte unlängst festgestellt, dass über sie und durch ein Labyrinth von Konten und Briefkastenfirmen unbemerkt einige Milliarden Dollar aus Russland eingeschleust worden waren. Unter den Experten, die vor dem Bankenausschuss aussagten, waren ein ehemaliger KGB-Agent und einige Geldwäschespezialisten. Am meisten Aufsehen erregte jedoch die Aussage von Richard Palmer, der von 1992 bis 1994 Chef der CIA-Zentrale in Moskau gewesen war. Er erklärte, wie die ehemalige sowjetische Elite die Verschwiegenheit von Offshore-Zentren wie Jersey systematisch nutzte, um alles zu stehlen, was nicht niet- und nagelfest war. FIMACO war eine von Hunderten, wenn nicht Tausenden Unternehmen, die nur dazu dienten, die Souveränität Russlands auszuhöhlen und die Herrschenden zu bereichern.

»Gewinne aus solchen Operationen werden in Steuerparadiese wie die Schweiz, Zypern, der Karibik, Panama, Hongkong, Irland und die Kanalinseln überwiesen, wo sie zur Gründung anonymer Unternehmen verwendet werden«, erklärte er vor dem Ausschuss. »Der Staat wird fortwährend von Plünderung bedroht. Das Ziel besteht darin, das Geld aus Russland herauszuschaffen und dem Zugriff des russischen Staats zu entziehen.«

Er legte umfassende Beweise vor, die im Internet einsehbar sind und eine sorgfältige Lektüre verdienen, auch weil sie zeigen, wie das Geld, das aus den ehemaligen Sowjetrepubliken in die Vereinigten Staaten fließt, langfristig die Stabilität und Redlichkeit der amerikanischen Demokratie unterspült – eine prophetische Beobachtung, die schon auf Manafort, Trump und Robert Mueller zu verweisen scheint. Genauso beeindruckend sind die Ausführungen, mit denen Palmer die optimistischen Mythen über den Übergang der ehemaligen Sowjetunion zur Demokratie vom Tisch wischt. Es sei Augenwischerei, zu glauben, Russland befinde sich auf dem rechten Weg, man könne das Land mit dem Chicago zur Zeit von Al Capone vergleichen und müsse ihm nur ein wenig Zeit geben, um auf die Füße zu kommen. »Wenn die Vereinigten Staaten so wären wie das heutige Russland«, so Palmer,

»dann wäre massive Korruption unter der Mehrheit der Abgeordneten verbreitet, genau wie unter den Mitarbeitern des Justiz- und Finanzministeriums, den Agenten von FBI, CIA, DIA, den Mitarbeitern von Finanzamt, Zoll, Polizei, Notenbank, Verfassungsgericht und allen anderen Gerichten, den Konzernmanagern und der Hälfte aller Banken und der New Yorker Börse. Diese Verschwörung würde das Gold von Fort Knox und das Staatsvermögen im gesamten Bankwesen in seinen Besitz bringen. Sie würde Kontrolle über die Schlüsselbranchen der Wirtschaft übernehmen, zum Beispiel die Ölindustrie, Gasförderung, Bergbau, Erzförderung, Forstwirtschaft, Baumwollanbau, Hoch- und Tiefbau, Versicherung und Bankwesen, und diese zu ihrem Privatbesitz erklären. Die Justiz würde alle Gesetze zu Korruptionsbekämpfung, Interessenkonflikt, krimineller Verschwörung, Geldwäsche, Wirtschaftsbetrug und Steuerhinterziehung teilweise oder ganz außer Kraft setzen. Diese unheilige Allianz würde die Hälfte ihrer Milliardengewinne darauf verwenden, die verbleibenden Regierungsbeamten zu bestechen und alle politischen Parteien zu finanzieren. Der US-Präsident wäre nicht nur über diese Aktivitäten informiert, sondern er würde sie tatkräftig unterstützen, und seine Töchter sowie seine politischen und finanziellen Unterstützer einbeziehen. Außerdem würde er eine Schmutzkampagne gegen den Generalstaatsanwalt inszenieren, der gegen ihn ermittelt, und ihn entlassen.«

Das wäre allerdings noch längst nicht alles, denn dieses Horrorszenario endet natürlich nicht an den Landesgrenzen.

»Die meisten der gestohlenen Gelder, Erträge und Bestechungen würden in Offshore-Banken gehortet. Und während die Politiker den Bankrott des Landes erklären und aus dem Ausland riesige Summen zur Stützung anfordern, investieren die Verschwörer Milliarden in die Ausweitung ihrer illegalen Aktivitäten in andere Industrienationen.«

•

Der Fall FIMACO und Palmers Ausführungen verdeutlichen, wie einfach es ist, ein Land zu plündern, wenn man an den Schalthebeln der Macht sitzt. Die Möglichkeiten dazu bietet Moneyland, und die Herrschenden Russlands nutzen sie weidlich.

In den Anfangstagen der Eurobonds war Moneyland ein Instrument reicher Westler gewesen, die ihr Geld vor dem Fiskus in Sicherheit bringen wollten. Reiche Briten brachten ihre Ersparnisse nach Jersey, belgische Zahnärzte bunkerten sie in Luxemburg, Amerikaner scheffelten sie in der Schweiz. Diese Tricks und Kniffe waren von den schlauesten Bankern in London erdacht, von klugen Köpfen in Zürich und an der Wall Street weiterentwickelt und in Steuerparadiesen institutionalisiert worden, bis sich die reichen Steuerhinterzieher aus dem Westen sicher sein konnten, dass ihr Geld selbst vor den bestausgestatteten und furchterregendsten Finanzbeamten sicher war. Das war dreist, aber niemand würde so weit gehen zu behaupten, dass es teuflisch war.

Die eigentliche Revolution begann erst, als diese Tricks in Ländern ohne Rechtsstaat und ohne die stabilen politischen Institutionen des Westens zur Anwendung kamen.

Die Geburt von Moneyland nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kapitalfluss durch das System von Bretton Woods erschwert wurde, war das Ergebnis eines Tauziehens zwischen den Steuereintreibern und den Reichen, die schon seit Jahrhunderten im Clinch lagen. Dieser lang anhaltende Streit um das Geld der Vermögenden hatte einen evolutionären Wettlauf angestoßen, in dem Jäger und Gejagte einander zu immer größerer Schnelligkeit, Wendigkeit und List anspornten. Wie Tiger und Büffel passten sie sich immer besser aneinander an, nur dass ihre Waffen nicht Muskeln, Hörner, Zähne und Klauen waren, sondern Briefkastenfirmen, Treuhandgesellschaften, Nummernkonten und Inhaberschuldverschreibungen. Selbst das amerikanische Finanzamt sah gegen diese Waffen nicht immer gut aus, aber immerhin wusste man dort, womit man es zu tun hatte.

Als die Anwälte und Buchhalter diese Instrumente jedoch in die Ökosysteme Subsahara-Afrikas, Asiens und der ehemaligen Sowjetunion importierten, gerieten die Kräfte dort aus dem Gleichgewicht. Es war, als hätte man Tiger auf einen Kontinent losgelassen, auf dem nur plumpe, friedliche und flugunfähige Vögel lebten. Überforderte Steuerbehörden und unterbezahlte Ermittler sollten es plötzlich mit den raffiniertesten Ganoven der Welt aufnehmen. Sie hatten keine Chance.

So begann eine Orgie der Plünderungen, die mit Janukowytschs Palästen am Stadtrand von Kiew ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Doch sie begann schon viel früher, in den letzten Tagen des westlichen Imperialismus. Die Offshore-Finanz traf auf die gebrechlichen Regierungen Subsahara-Afrikas und der ehemaligen Sowjetunion mit der Gewalt eines Atom-Torpedos, der eine spanische Galeone auf Grund bohrt. Nichts und niemand war sicher, außer den Piraten selbst.

Wenn man sich ansieht, wie es mit den Karrieren der Beteiligten des russischen Sexvideo-Skandals weiterging, dann bekommt man einen Eindruck davon, wie ungleich die Schlacht inzwischen ist. Skuratow versuchte, seine Karriere zu retten, indem er in der Wahl des Jahres 2000 als Präsidentschaftskandidat antrat, doch mit gerade einmal 300.000 Stimmen wurde er Neunter. Danach verschwand er in der Versenkung und taucht nur gelegentlich als Witzfigur wieder auf. Das Video können Sie sich im Internet ansehen, und die Moskauer Journalisten meiner Generation müssen bei dem Wort »ähnelte« immer noch schmunzeln. Die Jüngeren können mit dem Namen nichts mehr anfangen.

Der Mann, der das Video seinerzeit beglaubigte, stellte sich 2000 ebenfalls zur Wahl und schnitt deutlich besser ab. Wladimir Putin war zur Zeit des Skandals Leiter des FSB, der wichtigsten Nachfolgeorganisation des KGB, und es geht das Gerücht, dass dieser Spionagedienst die Bilder geliefert hatte. Nachdem Putin 2000 zum Präsidenten gewählt worden war, wurde keiner der Männer verfolgt, denen Skuratow vorgeworfen hatte, sie hätten sich auf Kosten Russlands bereichert. Wenn man dem spanischen Banker Felipe Turover glaubt, der die russische Regierung in Schuldenfragen beriet und viele der Dokumente lieferte, auf die sich Skuratow und die Schweizer Staatsanwaltschaft beriefen, dann hat sich Putin selbst an ähnlichen Operationen gesundgestoßen.

»1997 wurden alle möglichen Scheinunternehmen, Kapitalgesellschaften und GmbHs gegründet. Diesen wurde die Mehrzahl der teuersten Immobilien und andere ausländische Vermögenswerte zugeschlagen. Das heißt, als das Auslandsvermögen wieder in staatliche Hände kam, war es gründlich gerupft. Und derjenige, der es gerupft hat, war der heutige Ministerpräsident.«

Das sagte Turover einem Journalisten der angesehenen russischen Zeitschrift Nowaja Gaseta Ende 1999, als Putin noch Ministerpräsident war. Als der Journalist nachhakte, erwiderte er: »Ich werde diese Frage nicht beantworten. Sie und ich wollen schließlich noch am Leben bleiben.« Später stritt Turover ab, dass er Putin in diesem Interview erwähnt habe, doch er bestand auch nicht auf einer Gegendarstellung in der Nowaja Gaseta.

Diese Vermögenswerte liegen bis heute sicher in Moneyland, zusammen mit dem Geld, das seit Jahrzehnten aus fast allen Ecken der Welt hier zusammengeflossen ist. Das ist kein Zufall. Moneyland existiert, weil seine Verwalter von seinen reichen Bewohnern großzügig honoriert werden. Die Verwalter, nicht die Bewohner von Moneyland, sind die eigentlichen Tiger. Man könnte sie als Papiertiger verspotten, doch wie wir nun sehen werden, ist mit ihnen nicht zu spaßen.

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02 октября 2024
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9783956143762
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