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Die Dubharan

Fantasy Roman

Warum ich das Buch geschrieben habe

Als meine Kinder Nils, Malte und Maraike jung waren, habe ich ihnen abends Geschichten vorgelesen. Die allabendlichen Unterbrechungen, damit der Schlaf nicht zu kurz kam, erhöhten zwar die Spannung, waren aber nicht immer willkommen.

Meine Tochter Maraike versuchte mich stets zu überreden, doch noch eine Geschichte vorzulesen, oder besser, eine ausgedachte zu erzählen.

Wenn ich dann mit dem bekannten Dreizeiler begann:

»Ein Huhn und ein Hahn — die Geschichte fängt an…«, versuchte sie sofort zu unterbrechen: »Papa! Eine andere!«

Ich fuhr fort: »Eine Kuh und ein Kalb — …«

»PAAPAA!!! Nicht diese!«, ein neuer Versuch.

»… — die Geschichte ist halb.«

»Papa, du bist gemein!«

»Eine Katz’ und eine Maus — …«

»Papa, nur eine kleine Geschichte.«

»… — die Geschichte ist aus.«

Natürlich ließ ich mich manchmal gerne überreden, doch noch eine kleine Geschichte vorzulesen, die nur ein paar Minuten dauerte.

Seit vielen Jahren trage ich die Aufforderung Maraikes in mir, eine eigene Geschichte zu erzählen. Mit dieser Trilogie ist es soweit.

In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende verpacke ich diese in den bekannten Dreizeiler:

Ein Huhn und ein Hahn — ….

Norbert Wibben

Die Dubharan

Eila – Die Leuchtende, Band 1

Dies Buch ist meiner Tochter Maraike gewidmet.

Du hast mich zu diesem Buch inspiriert.

Ich vermisse dich!

Den mørke kraften vil bare styrke én gang og grusomhetene stige, snart er det mørkt overalt.

Die dunkle Macht wird einst erstarken und die Schrecken steigen, bald herrscht Dunkelheit allenthalben.

Prolog

Sommerferien

Im Weidenweg

Ein dringender Auftrag

Plötzliche Bedrohung

Maireads Vermächtnis

Beratung mit Brian

Aufbruch

Ein neuer Auftrag

Im Turm

Fahrt mit der Eisenbahn

Sörens Erfolg

Wanderung zum Kloster

Bearachs Anweisung

Die Klosterruine

Ortung der Aktivierung

Ausbildungsbeginn

Erdmuthe

Die Jagd beginnt

Selbstverteidigung

Zurück in Coimhead

Beratung mit Professor Hlin

Angriff der Wolfskrieger

Die Befreiung

Bearach

Nach dem Kampf

Ein Fehlschlag

Ausbildung in Coimhead

Ein Plan der Fünf

Zurück bei Erdmuthe

Rettung in letzter Minute

Ungewissheit

Eine erneute Jagd

Beginn einer gefährlichen Reise

Erläuterungen

Namen

Begriffe

Zaubersprüche

Danksagung

Quellenangaben

Prolog

Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an

Vor vielen Jahrhunderten im Westen des Landes.

Eine Burg aus graugelbem Sandstein, steht auf einem steilen, sehr schroffen Felsen. Viele Türme mit Zinnen und verbindende Wehrgänge, mit umlaufenden Brustwehren, sind zu sehen. Sie erhebt sich in großer Höhe direkt über einer Meeresbucht, die tief ins Land einschneidet.

Flackernde Fackeln beleuchten eine Szene in einem karg eingerichteten Raum dieses trutzigen Gebäudes. Die vier Wände aus Sandsteinquadern besitzen keinen Schmuck. In den Raum führt nur eine schmale, dunkle Tür. Fenster sind nicht vorhanden. Einen Kamin mit Feuerstelle gibt es nicht. Zu beiden Seiten der Tür und an allen vier Wänden verteilt, brennen blakend Fackeln in ihren Halterungen.

Fünf Personen in dunklen Umhängen sitzen in der Mitte des Raumes in einem Kreis beisammen. Sie beraten bereits seit Stunden.

»Wir haben uns lange genug von den »Oberen Drei« bevormunden lassen. Wir werden »Berater« genannt, doch hören sie auf unsere Ratschläge? Nein! In Abstimmungen sind die »Sieben Auserwählten« stets auf ihrer Seite, so dass unsere Meinung mit Leichtigkeit überstimmt wird. Für sie sind alle Menschen und Zauberer gleich wichtig, obwohl sie mit unterschiedlichen Eigenschaften ausgestattet sind. Nach ihrer Auffassung hat jeder, ob Mensch oder Zauberer, gleiche Rechte. Entsprechend der Position in der Gesellschaft sind lediglich die Pflichten unterschiedlich verteilt, ihre Handlungen sollen dabei immer dem Wohl aller dienen.

Wir sehen das aber differenzierter.

Die Talente von Menschen reichen keinesfalls an unsere Fähigkeiten heran. Was also offensichtlich bedeutet, dass sie uns dienen sollen. Gleiches gilt für weniger befähigte Zauberer, da diese nicht unsere Meisterschaft erreichen. Eine Verwirklichung ihrer Anschauungen und Wünsche sollte nicht gestattet werden, es sei denn, sie fördern damit unsere Ziele!« Der Redner blickt sich im Kreis um.

»Richtig gesprochen«, antwortet einer der anderen. »Wir müssen uns diese niederen Wesen unterwerfen! Sie haben keine Daseinsberechtigung, außer unserem Nutzen zu dienen!«

Ein dritter entgegnet: »Wir werden es den anderen beweisen, nur unsere Auffassung kann zu wirklicher Größe führen. Jeder der nicht für uns ist, ist ein Gegner und muss beseitigt werden!«

»Wie an dieser stattlichen Burg zu sehen ist, können Menschen und niedere Zauberer Großes schaffen, wenn sie entsprechend angeleitet werden. Es ist doch eine herausragende Leistung von ihnen, dass sie dieses Bauwerk innerhalb eines Jahres erschaffen konnten. Andere hätten bei der propagierten Selbstbestimmung mehrere Jahre benötigt, unsere Arbeiter waren Dank entsprechender »Anleitung« besser und schneller.« Hier grinst der vierte der Anwesenden, während er bei seiner Rede an die vielen Folterungen und Todesfälle denkt.

»Jedes Mittel ist erlaubt, der Zweck heiligt sie. Ärgerlich war nur, dass wir oft neue Arbeiter benötigten, die an unser System angepasst werden mussten. Aber es gab dafür genügend Nachschub in unserem Land. Armut und Hunger trieben uns die Bevölkerung zu. Reich wurden sie nicht, dafür gab es viel Arbeit und ausreichend Nahrung.« Der fünfte Sprecher ist sich sicher, dass er mit diesem Essen keineswegs zufrieden gewesen wäre. Es gab oft nur Haferbrei, der nicht appetitlich aussah. Aber die Arbeiter aßen ihn.

»Da wir die drei Oberen und die sieben Auserwählten nicht überzeugen können, müssen wir sie töten! Dann sind wir die mächtigsten der Zauberer, so dass sich uns kein anderer Magier zu widersetzen wagt. Die Oberen und die Auserwählten unterstützen sich gegenseitig, also wären sie uns in einer direkten Auseinandersetzung überlegen. Was ratet ihr, was wir unternehmen sollten?«, fragt der erste der Zauberer.

»Wir müssen sie einzeln vernichten. Wir töten nach und nach alle uns bekannten Zauberer, die nicht eindeutig auf unserer Seite sind. Wenn bei diesen Aktionen Menschen sterben, ist das nicht weiter schlimm«, kommt es sofort vom zweiten der Männer.

Der Dritte schlägt vor: »Einige der Zauberer könnten wir vorher foltern. Vielleicht erfahren wir dadurch, wo sich die Auserwählten oder die drei Oberen befinden. Dann würden wir imstande sein, sie dort zu töten.«

»Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Oberen oder die Auserwählten bedrängten Zauberern zu Hilfe eilen. Darum müssen wir stets gemeinsam agieren, um sie überwältigen zu können. Es könnte sogar sein, dass wir auf mehrere von ihnen treffen«, wendet der Vierte vorsichtig ein.

»Damit hast du Recht! Auch wenn diese Art des Vorgehens wesentlich mehr Zeit beansprucht, werden wir dadurch letztlich erfolgreich sein!«

Alle stimmen nickend zu.

»Wir treffen uns jeden Tag hier, um unsere Informationen auszutauschen. Wir bestimmen daraufhin den nächsten Ort, an dem wir dann gemeinsam zuschlagen. Jetzt auf zum ersten Ziel im Osten.«

Die Zauberer fassen sich an den Händen und sind verschwunden.

Sommerferien

Das Internat Coimhead liegt etwa in der Mitte des Landes, nahe einer großen Stadt. Es ist ein ehemaliges Schloss und bildet ein Ensemble aus Gebäuden im klassizistischen Stil. Das Haupthaus hat drei Etagen mit vielen Fenstern. An den Seiten sind nach vorne ausgerichtete, ehemalige Kavaliershäuser mit zwei Etagen angeordnet.


Das Kellergewölbe des Haupthauses hat außer der Innentreppe einen weiteren Zugang von der Parkseite und wird als Vorratslager und Abstellraum genutzt. Das Archiv mit alten Dokumenten und Unterlagen ist vor einigen Jahren von hier unter das Dach verlegt worden. Die Feuchtigkeit im Keller begann die Dokumente zu schädigen. Im Erdgeschoss befinden sich ein großer Sportraum, einige Unterrichtsräume und der Wohnbereich der Schulleiterin Professor Rose Hlin.

Das Hausmeisterehepaar verlässt gerade seine Wohnung, die sich neben der von Professors Hlin befindet. Sie trennen sich. Die Frau geht hinüber in den angrenzenden, großen Speisesaal, in dem die langen Tischreihen bereits für das Abendessen gedeckt werden. Viele Helfer sind hier tätig. Jetzt betritt sie die Küche, um nach letzten Wünschen der Köchin zu fragen.

Der Hausmeister steigt über eine breite Innentreppe in die erste Etage hinauf. Er betritt eine große, umfangreich ausgestattete Bibliothek mit kleinem Lesebereich. Sie liegt direkt über dem Wohnbereich der Schulleiterin. Er stellt seinen Werkzeugkasten ab und untersucht die Fenster des großen Raumes. Eines davon lässt sich nicht richtig verriegeln, hatte ein Schüler berichtet. Nachdem die Reparatur erledigt ist, wirft er einen Blick in den nächsten Raum auf dieser Etage. Er wird nur selten für die medizinische Versorgung genutzt. Hier ist alles in Ordnung.

Anschließend betritt er den großen Versammlungssaal. Dieser wird für Veranstaltungen und Feiern, aber auch für Proben und Aufführungen des Schulorchesters und der Theatergruppe genutzt. Jetzt ist er prachtvoll geschmückt, da morgen die Schüler des letzten Jahrgangs hier ihre Abschlusszeugnisse erhalten sollen. Die meisten ihrer Eltern werden ebenfalls teilnehmen, so dass die vielen Stühle sehr eng angeordnet werden mussten. Aber hier gibt es für den Hausmeister nichts zu tun. Heute Morgen hatte er die letzten Girlanden angebracht.

Auf dieser Etage gibt es außerdem noch ein großes Lehrerzimmer sowie mehrere Klassenräume, in denen er in den nächsten Tagen kleinere Reparaturen ausführen wird. Diese eilen aber nicht, dafür hat er noch genügend Zeit in den kommenden Wochen der Ferien.

In der obersten Etage liegen mehrere Schlafräume für jeweils acht Schüler oder Schülerinnen der unteren fünf Jahrgänge, sowie Einzelzimmer für einige der Lehrer und Lehrerinnen. Der rechte Flügel ist für die männlichen, und der linke für die weiblichen Bewohner. Von dort hört er den Lärm vieler Kinderstimmen, während er wieder ins Erdgeschoss hinunter geht. Er lächelt verstehend. Die Schüler freuen sich auf die Ferien und packen ihre Sachen für die morgige Heimreise.

Die beiden ehemaligen Kavaliershäuser werden für die oberen drei Jahrgänge genutzt. Hier befinden sich auf zwei Etagen verteilt Zimmer für jeweils zwei oder drei Schüler bzw. Schülerinnen, sowie drei Einzelzimmer für Lehrer. Die Zuordnung der Kavaliershäuser ist wie die Aufteilung der obersten Etage im Haupthaus festgelegt: das rechte Haus ist für die männlichen, und das linke für die weiblichen Bewohner. Auch hier hat der Hausmeister demnächst Einiges zu tun.

Alle Gebäude sind aus rotem Backstein errichtet. Sie haben Fenster- und Türeinfassungen aus grau gelbem Sandstein. Dunkler Schiefer deckt die Walmdächer, aus denen mächtige Schornsteine herausragen. Mittig in der Vorderfront des Haupthauses sieht man eine fünfstufige, sehr breite Sandsteintreppe. Sie führt von einem großen, mit weißem Kies bestreuten Vorplatz zur zweiflügeligen Eingangstür des erhöht liegenden Erdgeschosses hinauf. Der Vorplatz füllt die gesamte Fläche zwischen den drei Gebäuden aus.

Zu diesem Platz führt eine Allee aus alten Eiben. Diese Zufahrt wird durch ein großes, schmiedeeisernes Tor unterbrochen. Das meistens geschlossene Tor ist Teil einer umlaufenden Backsteinmauer, die das gesamte Internatsgelände einfasst. Vor den beiden Kavaliershäusern und um sie herum wird die Kiesfläche weitergeführt. Sie umschließt somit alle Gebäude an den Seiten als breiter Weg.

An der Hinterseite des Hauptgebäudes befindet sich mittig, in Höhe des Erdgeschosses ein breites Podest. Davon ausgehend führen zwei Treppen, rechts und links, etwas geschwungen nach unten auf den Kiesweg. Der Weg geht in den Park über.

Die Schüler des Internats Coimhead sind aufgeregt. Morgen beginnen endlich die Sommerferien. Die letzten Klassenarbeiten sind bereits vor einer Woche geschrieben worden. Morgen erfahren sie die erzielten Ergebnisse. Sie erhalten ihre Zeugnisse und werden abgeholt. Einige, der von weiter weg kommenden, älteren Schüler, reisen eigenständig mit dem Zug zu ihren Familien.

Nicht jeder der Schüler im Alter von 10 bis 17 Jahren ist froh. Einige fühlen sich hier geborgener als Zuhause, manche haben hier ihre besten Freundinnen oder ihren besten Freund – auch geschlechterübergreifend. Oft vermissen sie diese jetzt schon. Unabhängig davon sind aber alle doch froh, den Abläufen und Zwängen des Internats für mehrere Wochen zu entkommen.

Eila ist eine der etwa 150 Schüler des Internats. Sie ist ein 16 jähriges Mädchen mit mittelblondem, nicht ganz schulterlangem, glatten Haar, das in der Mitte gescheitelt ist. Ihre Stirn ist sichtbar, da sie die vorderen Haare eines längeren Ponys oft hinter die Ohren streicht. Ihre Figur ist noch etwas jungenhaft. Sie ist schlank und wirkt sportlich.

Eila trägt gerne lange Hosen und dazu Pullover oder Shirts. Hier im Internat muss sie allerdings fast immer Schuluniform tragen, die keine langen Hosen für Mädchen zulässt. Da sie aber zu den Schülerinnen gehört, die die Schulpferde pflegen dürfen, trägt sie dabei selbstverständlich lange Hosen. Das ist sowohl beim Stall ausmisten, als auch beim Reiten in der Koppel durchaus angemessen. Beim Reiten fühlt sie sich glücklich, sie vergisst dann alles um sich herum. Das Mädchen kann besonders gut mit den Pferden umgehen, besser als alle anderen Schüler oder Schülerinnen.

Im Umgang mit anderen Menschen ist Eila zurückhaltend, nicht schüchtern, sondern eher etwas vorsichtig. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund. Hat sie jedoch mit jemandem Freundschaft geschlossen, steht sie ihm fest und engagiert zur Seite. Abhängig von der Situation kann sie sehr energisch sein. Dies ist immer dann der Fall, wenn es um den Schutz oder Einsatz für Benachteiligte geht.

Eila freut sich sehr, dass sie morgen zu ihrem Großvater Brian aufs Land in den Norden reisen wird. Dann kann sie täglich in Hosen herumlaufen, durch die einsame Gegend wandern und mit ihm im gemütlichen Wohnzimmer sitzen und heißen Kakao trinken. Etwas Wehmut verspürt sie aber doch, da sie während dessen nicht bei ihren geliebten Pferden sein kann. Trotzdem wird sie die Zeit mit Großvater genießen. Da ist sie sich ganz sicher!

Auch die bevorstehende Trennung von ihrer Freundin Anna versetzt ihr einen leichten Stich ins Herz. Außerdem ist da noch der gleichaltrige Simon, den sie gut leiden mag. Er ist eher still, nicht so laut, polternd und auf Selbstdarstellung fixiert wie viele andere Jungen. Er liest gern. In der Bibliothek hat sie ihn schon des Öfteren in einer Ecke lesend angetroffen. Dabei konnte sie immer wieder feststellen, dass er verstohlen zu ihr hinüberschaute. Ob sich daraus während des nächsten Schuljahres mehr entwickeln wird? Nach den Sommerferien wird sie in Coimhead die letzte Klasse absolvieren. Danach möchte sie an einer der großen Universitäten des Landes Tiermedizin studieren. Was Simon wohl werden will?

Eila hat ihre beste Freundin Anna im ersten Schuljahr im Internat kennengelernt. Bereits nach zwei Wochen waren sie unzertrennlich. Anna ist etwa gleich groß, ebenfalls schlank und sportlich aussehend. Ihre leicht gewellten, mittelblonden Haare sind etwas kürzer als Eilas. Eila und Anna bewohnen ein gemeinsames Zimmer in der oberen Etage des Mädchenhauses. Das Fenster geht zum Park hin.

Beide haben viele gemeinsame Interessen. In ihrer Freizeit lesen sie oft, albern herum, laufen durch den Park oder unterhalten sich über Jungen. Aber Anna teilt Eilas Liebe zu den Pferden nicht, sie hat eher etwas Angst vor den großen Tieren.

Die derzeitige Lieblingsbeschäftigung der beiden Mädchen ist das Erfinden und Fortführen kleiner Kurzgeschichten. Sie halten diese in einem Tauschbuch fest. Eila schreibt einen Teil einer erfundenen Geschichte und macht Zeichnungen dazu. Dann gibt sie es Anna, die in den nächsten Tagen die Geschichte weiterführt, bevor sie das Buch an Eila zurückgibt. Nun ist Eila wieder an der Reihe, usw. Beide genießen dies sehr. Oft lesen sie das bisher Festgehaltene und müssen heftig lachen.

An diesem Spätnachmittag sind die beiden Freundinnen in ihrem Zimmer. Anna liest in einem Buch, während Eila die Geschichte im Tauschbuch fortführt.

»Freust du dich auch so auf die Ferien?«, fragt Anna zu Eila blickend. »Ich kann es kaum noch erwarten, zu meinen Eltern und Geschwistern zu kommen. Wir wollen gemeinsam in die Berge verreisen. Dort werden wir zwei Wochen wandern und in Berghütten übernachten.«

Eila unterbricht ihre Zeichnung eines etwas sonderbaren, kleinen, gefleckten Hundes.

»Natürlich freue ich mich auch riesig auf die Ferien!« Helle, blaue Augen mit kleinen, grauen Einsprenkelungen blicken Anna an. Auf und um ihre gerade Nase sind vereinzelt schwache Sommersprossen sichtbar. »Es gibt dann keinen Zwang zum Tragen der Schuluniform, es stehen keine Klassenarbeiten oder Tests an, und ich kann bei Großvater Brian sein.«

»Fährst du diesmal zu deinen Eltern?«

»Nein, die müssen arbeiten. Ich fahre zu Großvater, wo ich sehr gerne bin. Wir können aber nicht verreisen, so wie ihr, dafür ist Großvater nicht mehr kräftig genug. Seine alten Knochen wollen nicht so, wie er wohl möchte, und er ist manchmal schnell außer Atem«, erwidert Eila, sie freundlich anblickend.

»Das ist schade.« Anna macht eine kleine Pause und fährt dann fort. »Es ist schön in den Bergen. Die Wanderung einen Berghang hinauf, weiter über schmale Gipfelpfade, die ungehinderte, weite Rundumsicht, und nachts das Schlafen im Heu der Berghütten, so etwas ist einfach toll. Wie du weißt, haben wir das bereits mehrfach gemacht. Ich werde dir alles berichten.«

»Gut, da freue ich mich drauf. Bitte halte das genau in deinem Tagebuch fest. — Ich werde bei Großvater in seinen alten Büchern schmökern. Er hat so viele. Es sind auch sehr interessante darunter, mit geheimnisvollen Geschichten. Du weißt, dass ich so etwas mag. Manche Geschichten sind sehr spannend. Ich weiß noch, dass ich in den letzten Ferien ein Buch mit dem Titel »Anwendung magischer Sprüche« gesehen habe. Es kommt mir immer wieder in den Sinn. Das werde ich mal studieren.«

»Willst du eine Hexe werden?«, neckt Anna sie.

»Na klar, und zwar die größte unter allen Hexen. Ich werde dann das Böse aus der Welt vertreiben und allen wird es gut gehen!«, lacht Eila. Anna vertieft sich wieder in ihr Buch und Eila denkt an ihre Familie.

Wie eben zu Anna gesagt, fährt sie zu ihrem Großvater Brian, der, seit Großmutter Maireads Tod vor zwei Jahren, jetzt alleine in dem gemütlichen Haus wohnt, das auch ihr Heim ist. Ihre Eltern, John und Maggie, sind oft auf Reisen. Sie sind Historiker und forschen an geschichtlichen Stätten. Da beide viel Erfahrung in derartigen Forschungsarbeiten haben, bekommen sie immer wieder Aufträge an oft weit entfernten Orten. Die dafür notwendige Zeit ist ziemlich groß, so dass Eila kaum mit ihnen zusammen gelebt hat. Sie wohnte also bei den Eltern ihrer Mutter, Brian und Mairead. Diese haben sie groß gezogen, bis sie ins Internat kam. In den Ferien fährt sie immer dorthin zurück.

Da so gut wie nie vorher gesagt werden kann, wann ihre Eltern ihre Arbeit beenden oder unterbrechen können, sind gemeinsame Zeiten mit ihnen nicht planbar. Besuche in Brians und Maireads Haus fanden immer unerwartet statt, meistens zur Winterzeit.

Eila erinnert sich gerne an die langen Gesprächsabende zwischen den Eltern und Großeltern, denen sie oft aufgeregt lauschte. Je älter sie wurde, desto mehr meinte sie, von den Forschungsarbeiten zu verstehen. Obwohl sie nicht oft für längere Zeit mit ihren Eltern zusammengelebt hat, liebt sie diese sehr. Eila ist ein Einzelkind – für mehr Kinder wäre es in dem kleinen Haus der Großeltern auf Dauer wohl etwas eng geworden.

Ihre anderen Großeltern sind bereits vor Eilas Geburt bei einem Unfall gestorben. Die Eltern ihres Vaters waren auch Forscher und sind bei einem Erdrutsch in einem großen Gebirgszug, fern im Osten, umgekommen.

Eila lächelt in Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihrem Großvater und zeichnet weiter an der Geschichte mit dem gefleckten Hund.

Nach etwa einer Stunde gehen Eila und Anna nach unten, über den Vorplatz, die Treppe hinauf in das Haupthaus und dort zum Speisesaal. Sie essen mit den anderen Schülern, an langen Tischen sitzend. Die Tische sind in regelmäßigen Abständen unterbrochen, damit nicht die ganze Länge der Tafeln umrundet werden müsste. Die Lehrer haben drei separate Tische, die entsprechend den drei Gebäuden besetzt werden. Sie stehen auf einem erhöhten Podest, quer zu den Tischen der Schüler. Die Schülertische sind den Lehrertischen der einzelnen Gebäude zugeordnet.

Nach dem Essen wandern die beiden Freundinnen gemeinsam durch den Park. Dort stehen verstreut angeordnet, mächtige, alte Bäume. Es sind hauptsächlich Eichen und Eiben, aber es befinden sich auch einige Blutbuchen, Maronen und Rosskastanien darunter. Zwischen den Bäumen liegen große, gepflegte Rasenflächen. Der schon etwas ältere Gärtner kann die Pflege aller Außenanlagen nicht alleine schaffen. Er erhält Unterstützung von weiteren fünf Mitarbeitern, die er, je nach Bedarf, aus der nahen Stadt anfordert.

Eila und Anna gehen an dem ehrwürdig wirkenden, großen Mammutbaum vorbei. Er steht zentral innerhalb der Parkflächen, in etwa 200 Metern Entfernung zum Hauptgebäude. Durchbrochen wird die Parkanlage von Kieswegen, auf denen auch heute Abend Schüler und Schülerinnen des Internats in kleinen Gruppen spazieren, so wie Eila und Anna.

Rechts ist im hinteren Teil des Parks eine feine Rauchfahne zu sehen. Dort duckt sich ein kleines Backsteingebäude mit niedrigem Dach. Es steht in Verlängerung zu dem Haus der älteren Jungen. Dies ist das Wohnhaus des Gärtners und gleichzeitig sein Geräteschuppen. Das Haus ist mit einem kleinen Garten umgeben, in dem er etwas Gemüse für den Eigenbedarf anbaut. In einem eingezäunten Hof laufen pickend viele große, braune Hühner und zwei Hähne. Das daran anschließende Hühnerhaus ist hinter dem Wohnhaus versteckt. Auch von der Treppe, vom Schulgebäude zum Park, ist es nicht zu sehen.

Eila und Anna kommen an der Außen-Sportanlage vorbei. Deren Rennbahnen, Weitsprunggrube, Plätze für Hochsprung und Kugelstoßen und mehrere Tennisfelder sind in einigem Abstand zu einer Pferdekoppel links im Park angeordnet. Das ebenfalls dort liegende Freibad mit mehreren Wettkampfbahnen wird besonders an warmen Tagen gern genutzt. Jetzt ist es hier aber ruhig, die sonst übliche Geräuschkulisse fehlt.

Von links hören sie ab und zu Pferdegewieher. In einem größeren Abstand zum Schlafhaus der älteren Schülerinnen steht ein weiteres, großes Backsteingebäude mit drei Toren. Daneben ist eine große Koppel zu sehen, in der eine kleine Pferdeherde grast. Das Gebäude ist Stall, Heulager und Reithalle in einem. Die Pferde werden von einigen Schülern der Oberstufe, hauptsächlich aber von den Schülerinnen, gepflegt und versorgt.

»Lass uns jetzt aufs Zimmer gehen und unsere Koffer packen«, meint Anna.

»Geh du schon vor, ich muss mich noch von den Pferden verabschieden«, entgegnet Eila. Sie trennen sich. Anna kehrt zum Mädchenhaus zurück, während Eila zur Pferdekoppel geht.

Eila ruft mit heller Stimme die Pferde mit ihren Namen. Bereits nach dem zweiten Namen kommen alle schnaubend, mit wehenden Mähnen, zu ihr ans Gatter galoppiert. Sie krault sie nacheinander zwischen den Ohren und tätschelt ihre Hälse. Das Mädchen lehnt seinen Kopf an die der Pferde und pustet ihnen langsam in ihre Nüstern.

»Ich bin für einige Wochen bei Großvater, aber ich komme wieder. Vergesst mich nicht und seid brav!« Einige der Pferde wiehern leise, sie bewegen nickend den Kopf auf und nieder, so als ob sie verstanden hätten. Eila verlässt die Pferde, blickt sich auf dem Weg zum Mädchenhaus aber noch einmal kurz um. Die Pferde stehen noch am Gatter und schauen ihr nach.

Anna ist mit dem Packen fertig, auch Eila benötigt nicht lange dafür. Anschließend lesen sie noch etwas und legen sich dann schlafen. Am nächsten Vormittag werden alle Schüler durch die Schulleiterin in die Ferien entlassen. Einige Schüler verabschieden sich etwas traurig von ihren Lehrern, besonders die jüngeren unter ihnen. Viele Schüler werden bereits von ihren Eltern mit Kutschen abgeholt. Der Vorplatz bietet kaum genügend Platz für alle.

In der Mitte des Kiesplatzes ist ein großes Blumenrondell angeordnet, das durch eine niedrige Buchsbaumhecke eingefasst ist. Das Beet ist in zwölf Kreissegmente geteilt. Felder mit dunkelroten und weißen Rosen wechseln sich ab, jeweils durch eines der insgesamt sechs, sehr schmalen Lavendelfelder getrennt. Die Felder mit den roten und weißen Rosen stehen sich jeweils gegenüber. Das Blumenbeet stellt das Wappen der Schule nach, das oben in der Front über dem Eingang angebracht ist. Heute ist das Gegenstück des Wappens nicht zu sehen, da die Kutschen es dicht an dicht umschließen.

Die von weiter entfernt kommenden Schüler, die nicht abgeholt werden, nutzen bereit stehende Fuhrwerke. Sie werden damit in Begleitung einer Lehrkraft zum Bahnhof der nahen Stadt gebracht. Natürlich nutzen Eila und Anna nebeneinander liegende Plätze in einem dieser Transportmittel. Im Bahnhofwartesaal sitzen sie noch eine halbe Stunde zusammen, dann muss Eila in den Zug Richtung Norden. Annas Zug Richtung Süden kommt erst in einigen Minuten.

»Viel Spaß in den Ferien, und pass auf den schmalen Bergpfaden auf, wohin du trittst!«, lächelt Eila, trotz ihres mahnend erhobenen Zeigefingers.

»Und du pass auf, dass du dich nicht in irgendein Fabelwesen verzauberst!«, entgegnet zwinkernd Anna.

Beide umarmen sich, dann eilt Eila zum bereits eingefahrenen Zug und steigt ein. Als sie ein freies Abteil gefunden hat, öffnet sie das Fenster und winkt zu Anna zurück, während der Zug bereits losdampft.

Im Weidenweg

Eila weilt bereits seit einigen Tagen bei ihrem Großvater, in einem kleinen Dorf im Norden des Landes. Sie hat die Hektik, Zwänge und Vorschriften des Lebens im Internat schon fast vergessen. Das Gedränge in der nahen Stadt, die sie etwa einmal im Monat zusammen mit Mitschülern der Oberstufe besuchen darf, ist ebenso schon fast vergessen.

Wie meistens sind ihre Eltern auch in diesen Ferien auf einer Forschungsreise. Sie reden nicht oft über ihre Arbeit. Aber das, was Eila darüber weiß, findet sie sehr spannend. Sie würde ihre Eltern sehr gern begleiten, doch das ist zu gefährlich, sagt ihr Vater John jedes Mal. Seine Stirn umwölkt sich dabei, und er blickt sie etwas traurig an. Vermutlich denkt er dann an den Tod seiner Eltern, auf deren letzter Forschungsreise.

Also verbringt Eila die Ferienzeit wieder einmal bei ihrem Großvater auf dem Land. Es ist nicht so, dass es ihr hier nicht gefällt. Sie ist hier groß geworden und genießt die Ruhe der sie umgebenden Natur. Sie riecht die duftenden Gräser und hört das Gesumme der Insekten. Sie saugt täglich die Bilder der leicht gewellten Hänge, der hügeligen Berge und Täler, in sich auf. Die Flächen sind mit Gras oder auch mit Heide bewachsen. Die Heidebüschel sind vereinzelt schon leicht violett überhaucht. Es dauert sicher nur noch kurze Zeit, bis alle voll erblüht sind.

Auf von Steinmauern eingefassten Weideflächen sind zottelige Schafe zu sehen, die, oft in großen Gruppen langsam weidend wandern. Manchmal ist das Geblöke von allen Seiten zu hören, trotz Eilas Entfernung zu ihnen. An vielen Stellen ist der Pflanzenbewuchs aber eher karg, so dass oft Gestein oder Geröll zum Vorschein kommt. Bäume sind dort meist nur vereinzelt zu sehen. In den saftig grünen Wiesen, in der Nähe vom Flusslauf im Tal, stehen sie auch schon mal in größeren Gruppen. Eila liebt diese Gegend, die trotz des teilweise rauen Eindrucks viel Ruhe und Frieden ausstrahlt.

Das kleine Haus des Großvaters, mit den weiß gerahmten Fenstern und einer ebenfalls weißen Eingangstür, steht etwas abseits zum Dorf, an einer, sich durch sanfte Hügel windenden Straße. Es ist von einem nicht mehr ganz weißen Holzzaun umgeben, der an vielen Stellen einen grünen Überzug aus Flechten oder Moosen aufweist.

Die altmodischen, roten Dachschindeln sind von Flechten und Moos überzogen. Durch eine mittlerweile wackelige Pforte im Zaun führt ein, mit roten Ziegeln eingefasster, gerader Kiesweg, durch die Beete des Vorgartens zum Eingang des Hauses. Dieser Vorgarten, zwischen Zaun und Haus, hat früher einmal sehr schön ausgesehen, jetzt haben sich die Stauden und Blumen aber ungehindert im Beet ausgebreitet.

Seit Eilas Großmutter vor zwei Jahren plötzlich gestorben ist, wird der Vorgarten etwas vernachlässigt. Der Großvater verlässt das Haus nur ungern, viel lieber liest er stundenlang in einem seiner vielen Bücher. Großmutter und Großvater haben sich sehr geliebt, so dass das Alleinsein für Brian nicht einfach ist. Eila ist sich sicher, dass er sich genauso auf die gemeinsame Zeit mit ihr freut, wie sie auch. Sie hat ihren Großvater sehr gern.

Innen ist das Haus heimelig eingerichtet. Vom Eingang gelangt man in einen kleinen Flur, von dem es nach rechts in eine kleine Küche mit niedriger Decke geht. Der Fußboden besteht dort aus Sandsteinplatten. Ausgestattet ist die Küche mit einem alten Herd, einem Sideboard mit dem Tagesgeschirr, einem schon wackeligen Küchenschrank für Töpfe und die Vorräte, einer Spüle und einem kleinen Ess- und Arbeitstisch mit vier Stühlen. Die Spüle befindet sich unterhalb eines zweiflügeligen Fensters mit Oberlicht, von dem aus der Vorgarten und der Weg zum Eingang einsehbar sind.

Von der Eingangstür liegt linker Hand vom Flur das Wohnzimmer. Es ist ein sehr großer Raum mit vielen Teppichen auf dem Sandsteinboden. An den Wänden stehen, bis zur Decke reichende, mächtige Bücherregale mit unzähligen Bänden. Trotzdem stapeln sich unzählige Bücher in allen Ecken auf dem Boden, für die in den Schränken und Regalen kein Platz mehr ist. Mittig im Zimmer steht ein großer, dunkelbrauner Tisch mit ovaler Platte, um den vier Stühle angeordnet sind. Zwei Ohrensessel und ein Sofa laden zum Verweilen ein. Ein offener Kamin gibt dem Zimmer, zusammen mit den Regalen und den vielen Büchern, eine besonders gemütliche Atmosphäre.

Gegenüber der Tür befindet sich ein großer Schreibtisch mit einem festen Aufsatz. Dieser besteht aus jeweils drei übereinander angeordneten Schubkästen an der linken und rechten Seite und einem offenem Fach dazwischen, mit einem Ablagebrett auf halber Höhe. Diese Schubfächer sind nie abgeschlossen und scheinen auch nichts von besonderem Wert zu enthalten. Auf dem Aufsatz stehen Bilder von Großvater zusammen mit Großmutter, je ein einzelnes von Großmutter und Eila, und eins von ihren Eltern vom letzten Treffen in den Winterferien, vor einem großen, geschmückten Baum. Links von der Tür befindet sich wiederum ein zweiflügeliges Fensters mit Oberlicht und Blick in den Vorgarten.

In diesem Zimmer liest Brian oft in einem der Bücher oder schaut sich Fotografien in Alben an. Eila kann sich ebenso wie er völlig in ein Buch versenken. Sie liest gerne, so dass sie sich mit den vielen Büchern in Großvaters Wohnzimmer wie im Paradies fühlt. Gerade wenn das Kaminfeuer lustig prasselnd wohlige Wärme abstrahlt und die Flammen Schatten und Muster über die Bücherschränke und in die Ecken wandern lässt, wirkt das Wohnzimmer zauberhaft und friedlich. Ein heißer, dampfender Kakao oder auch ein Kräutertee passen dabei vorzüglich zu den Butterplätzchen von Frau Dixon.

Die Großeltern hatten vor fünf Jahren Frau Dixon in ihre Dienste genommen. Mairead konnte Haushalt und Garten wegen ihres Alters nicht mehr bewältigen und hatte sich damals für die Pflege des von ihr angelegten Gartens entschieden. Frau Dixon übernahm die Tätigkeiten im Haushalt. Seit Großmutters Tod kommt sie weiterhin zwei bis drei mal in der Woche und unterstützt den Großvater.

Ein dringender Auftrag

Mitten in Nordland stürmt ein junger Mann in das Studierzimmer von Roarke.

Roarke ist ein älterer Mann in unbestimmbarem Alter. Er hält sich gerade und überragt die meisten seiner Landsleute. Um seine langen, etwas gewellten, dünnen Haare trägt er ein dunkelgrünes Stirnband, damit sie nicht ständig vor seine Augen fallen. Sie sind weiß mit einem leichten, silbernen Schimmer. Die Augenbrauen sind etwas buschig und ebenso wie sein langer Bart von gleicher Farbe wie sein Haar. Sein wettergegerbtes Gesicht ist oval und etwas gebräunt. Wenn die blau-grauen, mit grünen Sternchen gesprenkelten Augen auf sein Gegenüber blicken, scheinen sie bis tief in dessen Seele schauen zu können. Roarke trägt ein langes, weißes Gewand, um die Taille mit einem grünen Gürtel gerafft. Die Hände sind feingliedrig und haben lange Finger. In der linken Handfläche ist ein Sonnensymbol zu sehen. Seine Fußbekleidung ist unter dem Gewand nicht zu sehen, es sind jedoch weiche, warm gefütterte Lederschuhe.

»Maireads Armreif wurde in ihrem Haus aktiviert«, sprudelt es aufgeregt aus dem jungen Mann heraus. Er hat weder an die Tür geklopft, noch eine Anrede abgewartet. Roarke saß bis zu diesem Moment lesend und immer wieder nachdenkend in einem bequemen Lehnstuhl. Er hat dabei eine Pfeife geraucht und kleine Rauchringe in die Luft gepafft. Damit muss er bereits längere Zeit verbracht haben, da in dem Zimmer eine dichte Wolke schwebt.

Erschrocken blickt er auf und überlegt laut: »Mairead ist seit etwa zwei Jahren tot. Wer hat dann dort ihren Armreif aktiviert? Wer ist dieser Zauberer? Ist ein Mitglied ihrer Familie ein auserwählter Zauberer, der jetzt den Reif nutzt? Falls ja, ist dieser wahrscheinlich unerfahren, obwohl er sehr viel magisches Potenzial haben muss, sonst wäre er nicht auserwählt. —

Die Aktivierung dieses Armreifs ist vielleicht auch von den dunklen Zauberern bemerkt worden. Ihre Macht wird bereits seit Längerem wieder größer. Konnte der Aktivierungsimpuls auch von ihnen lokalisiert worden sein? Ich befürchte, dass das so ist. Damit ließe sich das Verschwinden von mittlerweile drei oder sogar vier der Armreife erklären. Ich weiß, dass zwei bisherige Besitzer getötet wurden, Riley und Robert, aber deren Armreife konnten nicht sichergestellt werden. Außerdem wird Knuth, ein junger Träger eines der Armreife, seit mehreren Wochen vermisst. Falls ich Recht habe, und die Dubharan tatsächlich die Aktivierung eines Armreifs orten können, bedeutet das eine Bedrohung für uns! Ich muss sichergehen und das prüfen lassen!«

Im Bruchteil einer Sekunde weiß er, wer dafür geeignet ist. Er befiehlt dem jungen Mann: »Hole schnellstens Finley zu mir!«

Der Bote stürzt zur Tür, reißt sie wieder auf und will aus dem Zimmer stürmen. Dabei stolpert er fast über einen anderen jungen Mann, der gerade an die Tür klopfen will. Beide straucheln heftig.

Der zweite Jüngling mag etwa 20 Jahre alt sein und hat ein schmales Gesicht. Seine blonden Haare sind mit einem grünen Band zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken gebunden. Er hat eine schlanke Gestalt, die durchtrainiert und etwas muskulös ist. Bekleidet ist er mit einem eng anliegenden, weißen Obergewand und einer grauen, grün abgesetzten Hose. Die Hose wird von einem dunkelgrünen Gürtel gehalten. Der Gürtel ist nur zu sehen, da das Obergewand durch den Zusammenprall etwas hochgerutscht ist. Dieser junge Mann blickt mit seinen graublauen, hellen Augen ernst zu dem anderen und öffnet den Mund.

Bevor er etwas fragen kann spricht ihn Roarke an.

»Es ist gut, dass du hier bist, Finley. Ich wollte dich gerade holen lassen. Eigentlich ist es nichts Ungewöhnliches, wenn einer der sieben Armreife aktiviert wird. Obwohl es in letzter Zeit des öfteren an ungewöhnlichen Orten geschah …«, er stockt kurz, um dann fortzufahren: »Ich habe gerade von der Aktivierung eines Armreifs an dem Wohnsitz eines Zauberers erfahren, der aber vor zwei Jahren gestorben ist. Du musst überprüfen, was das zu bedeuten hat. Stelle unbedingt sicher, dass der Armreif nicht durch einen der dunklen Magier genutzt oder erbeutet wurde. Der Aktivierungsimpuls kam aus Maireads Haus. Sei vorsichtig, vielleicht ist ein Angriff der Dubharan abzuwehren!«

Finley schaut Roarke an.

»Ich weiß, wo Maireads Haus steht, und werde das sicher mit Leichtigkeit schaffen, sei unbesorgt! Falls ich nicht gleich gegen mehrere Zauberer antreten muss, bin ich in wenigen Augenblicken wieder zurück! Falls doch, dauert das vielleicht etwas länger.«

Er hält seine linke Hand an eine Stelle seines Obergewandes vor der Brust. Unter dem Gewand trägt er, für andere unsichtbar, eine Kette mit einem goldenen Medaillon, auf dem kurz seine Hand ruht.

»Du musst vorsichtig sein!«, will Roarke noch sagen, während Finley: »Portaro«, spricht und schon verschwunden ist.

Plötzliche Bedrohung

Eila hat gerade im Wohnzimmer etwas aufgeräumt. Sie ist in dem hinteren Teil des Erdgeschosses, über eine etwas wackelige Stiege, in den Vorratskeller hinuntergegangen.

Eila steht jetzt in dem etwas spärlich erleuchteten Kellerraum. Sie will als Mittagessen Kartoffelsuppe mit Stücken von durchwachsenem Speck kochen, Großvaters Lieblingsessen. Da dafür zu wenig Kartoffeln im Korb in der Küche sind, muss sie noch einige aus dem Keller herauf holen.

Abrupt steht Eila still. Da ist ein unbekanntes Geräusch. Das hört sich nicht nach Großvater an. Der saß gerade noch im Wohnzimmer und war in ein Buch vertieft. Und Frau Dixon kommt doch heute am Mittwoch nicht.

Knarrte gerade die Stiege? Kommt jemand in den Keller? Sie spürt ein Kribbeln im Nacken.

Da vernimmt sie ein leises Zischen: »Wo ist es, wo versteckt es sich?«

Eila fühlt, wie sich ihre Härchen im Nacken aufrichten. Kann es hier im Weidenweg eine Gefahr geben? Das ist in dem gemütlichen Haus, in dem kleinen Dorf, doch nicht vorstellbar.

Jetzt sind eindeutig tastende Schritte auf der Stiege hörbar. Ein Brett knarrt. Die Luft wird kälter. Etwas Bedrohliches ist auf dem Weg in den Keller.

Eilas Gedanken rasen, ihr Herzschlag beschleunigt sich. Trotz aufkommender Panik sucht sie nach einem Ausweg, nach Hilfe. Instinktiv spürt sie, dass sie sich nicht bemerkbar machen darf. Also kann sie den Großvater nicht zur Hilfe rufen. Fluchtmöglichkeiten gibt es nicht, da nur die Stiege aus dem Keller führt. Wie kann sie entkommen, sich vor der drohenden Gefahr schützen?

Ihre Gedanken überschlagen sich. In Büchern und Erzählungen gibt es doch immer einen Ausweg!

Das Zischen kommt näher: »Wo ist es, wo versteckt es sich?«

Plötzlich ist ein Gedanke in ihrem Kopf, eine vage Erinnerung. Eilas Eltern hatten vor einigen Jahren mit den Großeltern über ein Buch gebeugt am Kaminfeuer gesessen. Sie sprachen, wie so oft, über abenteuerliche Geschichten, voller Gefahren und Magie. Aber waren es erlebte oder nur ausgedachte Geschichten? Sie war damals noch zu klein, um den Unterschied zu wissen.

Ihr rechter Fuß steht nur noch mit den Zehenspitzen auf dem Boden, ihre Ferse dreht sich dabei immer wieder nach Rechts und Links. Ein Wort oder Begriff, ein ganzer Satz tauchen aus Eilas Erinnerung auf. Die Kellerbeleuchtung beginnt zu flackern. Eilas Atem gefriert in der Kellerluft und ist als weißer Hauch zu sehen. Das Zischen scheint immer näher zu kommen. Ein eisiger Schauer läuft über ihren Rücken.

Da sie keinen anderen Ausweg weiß, hofft sie auf Hilfe durch das vermeintlich Unmögliche. Voller Angst flüstert sie die Worte dieser Erinnerung: »Incantamentum cuddio diogelu«. Ihr Haar beginnt zu knistern und leuchtet kurz mit einem rotgoldenen Schimmer an den Spitzen.

Sie kann plötzlich die Art des Bodens unter ihren Füssen fühlen, obwohl sie nicht barfuß ist, sondern Schuhe trägt. Er ist lehmig, mit feinen Quarzkristallen durchsetzt, festgestampft und trocken. Sie versinkt im Boden. Panik steigt in ihr auf. Sie verspürt aber keinen Druck der Erde auf ihren Körper und kann ungehindert atmen. Obwohl sie im Boden zu sein scheint, kann sie hören und sehen, was im Keller geschieht.

Sie hört weiter das Zischen, sieht wie eine dunkle Gestalt sich suchend durch den Keller hin und her bewegt, während ihr Herz immer stärker hämmert.

»Wer oder was ist das? Was hat es vor? Was kann ich tun?«

Das Wesen scheint sie nicht wahrnehmen zu können, hat der Spruch das bewirkt?

Da taucht plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Glitzern auf, das sich zu einer weißen Gestalt verdichtet. Kurz darauf leuchtet ein Blitz in dem kleinen Keller auf. Er blendet fürchterlich, so dass Eila einige Zeit nichts sehen kann. Dafür hört sie aber Geräusche eines Kampfes. Die beiden Wesen poltern durch den Keller. Die Regale stürzen um, die Vorräte fliegen durch den Raum. Sie wird erstaunlicherweise weder verletzt noch bemerkt.

Nach einigen Minuten kann sie wieder etwas sehen und, obwohl einige Vorratsdosen direkt durch ihren Blick auf sie zu fliegen, fühlt sie sich nicht davon getroffen. Sie erkennt eine glänzend weiße Gestalt im Kampf mit der schwarzen. Der weiße Kämpfer ist ein junger Mann. Er hat ein schmales Gesicht und blonde Haare, die mit einem Band zu einem kurzen Pferdeschwanz im Nacken gebunden sind. Der schwarze scheint einem Menschen ähnlich, der aber zwei gebogene, kurze Hörner auf seinem Kopf hat. Es könnte sich aber auch um eine Art Kopfschmuck handeln, einen Helm mit daran befestigten Hörnern. Genaueres kann Eila nicht erkennen, da die beiden einander umklammern und ringend durch den Raum wirbeln.

Kurz darauf hört sie etwas, das wie »Dealanach« klingt. Ein erneuter Blitz erhellt den Keller, von dem der dunkle Kämpfer getroffen wird. Anschließend hört sie aus der Richtung noch »Portaro«.

Jetzt ist alles ruhig im Keller. Auch das Kribbeln in ihrem Nacken ist verschwunden.

»Sind die beiden fort? Ist sie die Gefahr vorbei? War sie wirklich bedroht?«

Nach einiger Zeit kann Eila in der Kellerbeleuchtung durcheinander geworfene Vorräte und zerstörte Regale erkennen. Das Zischen, die dunkle Gestalt und der weiße Kämpfer sind verschwunden. Nur eine dunkle, etwas rauchende Stelle ist noch zu sehen, dort hatte der schwarze Kämpfer zuletzt gestanden.

Sie will so schnell wie möglich aus dem Keller, sehnt sich nach der Beruhigung durch ihren Großvater. Eila möchte dringend eine Erklärung für das gerade erlebte bekommen, aber sie kann nicht aus dem Boden »auftauchen«.

Panik steigt wieder in ihr auf: »Wer war das, was ist hier passiert, warum kann ich nicht gehen?«

Sie zwingt sich zur Ruhe: »Denk’ nach. Es muss eine logische Erklärung geben.

Was ist alles geschehen, was hast du gesagt und was hast du gehört?«

In ihrer Angst hatte sie die Worte ausgesprochen, die in ihrer Erinnerung aufgetaucht waren. Langsam formen sich weitere Teile aus der Geschichte in ihrem Kopf. »Incantamentum cuddio diogelu« sind darin magische Worte. Sie wurden genutzt, wenn sich eine Person für andere unsichtbar im Erdreich verstecken und gleichzeitig einen Schutz für sich aktivieren wollte. Aufgehoben wurde dieser Zauber durch andere Worte, aber welche waren das nur? Diese Worte kamen ganz bestimmt auch in der damaligen Geschichte vor. Obwohl sie jetzt dringend von ihr benötigt werden, kann sie sich aber nicht erinnern! Die Gedanken rasen in ihrem Kopf.

Halt, was hatte sie gerade gehört, kurz bevor der Spuk vorbei war? Richtig, es klang nach einem lateinischen Wort. Latein kennt Eila aus der Schule. Auch eines der vorhin von ihr genutzten Worte ist lateinisch.

Kann mit Worten aus dieser und aus anderen Sprachen Zauberei bewirkt werden? Warum passiert dann in der Schule beim Lateinunterricht nichts Dergleichen?

Eila überlegt lange, welche Worte sie wählen soll. Falls sie Pech hat wird ihre Situation möglicherweise schlimmer. Vielleicht wirkt jetzt jedes von ihr gesprochene Wort magisch?

»Ich muss aber etwas versuchen«, denkt Eila. Sie kneift die Augen zu und spricht: »Incantamentum finito«. Sie hält kurz den Atem an. Nichts passiert. Trotz der stärker werdenden Angst versucht sie es mit einer kleinen Änderung noch einmal: »Incantamentum inhibeo«. Ihre Haare knistern und leuchten erneut kurzzeitig mit einem rotgoldenen Schimmer an den Spitzen.

Sie kann sich wieder bewegen und ist völlig unverletzt!

Eila hastet die Stiege hinauf und eilt durch den Korridor ins Wohnzimmer zum Großvater. Er sitzt in seinem Lieblingsohrensessel und ist mit einem aufgeschlagenen Buch im Schoß eingenickt. Er hat nichts von dem Lärm gehört!

Eilas Großvater Brian sieht mit seinem verwittertem Gesicht sehr charakteristisch aus. Es ist lang und hager mit einer Adlernase. Wenn Brian wach ist, lächeln einen ein Paar freundliche, aber auch etwas listig blickende, blau-graue Augen an. Jetzt sind geschlossene Lider mit feinen blauen Äderchen in den tiefen Höhlen unter überhängenden, buschigen Brauen zu sehen. Haar und Bart sind weiß, ebenso die Augenbrauen. Wenn Brian sich aufrichtet, ist er ein großer, mittlerweile aber etwas gebeugt gehender Mann.

Eila weckt ihn und erzählt aufgeregt das soeben Erlebte, wobei der Großvater immer beunruhigter wird. Trotzdem wirkt er nach außen ruhig. Er betrachtet Eila, die mit Spuren von Erde und Spinnweben von den Wänden des Kellers verschmutzt ist. Auch im Gesicht hat sie Schmutzstreifen, aber verletzt ist sie nicht.

Sie gehen zuerst etwas zögernd, gemeinsam nach unten in den Keller, danach vor und neben das Haus. Sie betrachten forschend die vorhandenen Spuren. Die Untersuchungen zeigen, dass sie es mit vorsichtigen und erfahrenen Einbrechern zu tun haben müssen, denn der Kiesweg zeigt keinerlei Fußstapfen. Nur unter dem Badezimmerfenster sind ein paar tiefere Eindruckstellen zu sehen. Ohne Zweifel ist von hier jemand ins Haus eingestiegen. Die Kampfspuren im Keller zeigen eindeutig, dass es sogar zwei gewesen sind. Aber warum im Keller, da gibt es doch höchstens Kartoffeln oder andere Vorräte zu holen? Und warum hatten sie miteinander gekämpft?

Eila erinnert den Großvater an die Blitze und wiederholt die gehörten und die von ihr benutzten Worte. Brian eilt darauf mit Eila ins Wohnzimmer und sucht im Schreibtisch.

»Wo ist Großmutters Armreif?«, fragt er aufgeregt.

»Ist dies der Armreif?«, antwortet Eila und zeigt ihr linkes Handgelenk. Ihr Arm ist eng von einem bronzenen, fingerbreiten, schlichten Reif umschlossen. Bis auf eine strahlende Sonne ist keine Verzierung darauf. Er blickt sie an.

»Genau, das ist er. Wann hast du den denn angelegt?«

Eila blickt etwas unsicher.

»Ich fand ihn heute Morgen, als ich die gestern Abend benutzte Lupe wieder in eine der Schubladen des Schreibtisches zurücklegen wollte. Der Armreif sieht so hübsch aus, dass ich ihn probehalber anlegte. Ich klappte den zweiteiligen Reif um mein Handgelenk zusammen. Es war ein leises klickendes Geräusch zu hören. Gleichzeitig schien der Armreif kurzzeitig etwas Wärme abzugeben. Ich bekam den Verschluss nicht wieder geöffnet und wollte dich später danach fragen.«

Brian steht ruhig da und überlegt einige Zeit. Schließlich nimmt er einen seltsamen Gegenstand aus Bronze aus einer der Schubladen. Zum Teil sieht er wie ein altmodischer Brieföffner aus. Der Griff ist aber wie ein Monokel geformt, das einen weißen Kristall einfasst. Nun sucht er in den Bücherregalen, nimmt nacheinander zwei alte, dicke Bücher heraus und legt sie auf den ovalen Tisch.

Brian hält die Messerseite des Brieföffners an das Gelenk des Armreifs und murmelt: »Aperio«. Der Reif ist für einen kurzen Moment etwas warm, ein Klack ist zu hören und der Verschluss ist geöffnet.

Eila staunt ihren Großvater ungläubig an: »War das jetzt — Magie? Du hast den Armreif doch kaum berührt.«

»So etwas in der Art«, entgegnet er. »Ich werde gleich eine Erklärung versuchen, dabei hilft mir das Buch«, lächelt er. »Habe also etwas Geduld.«

Beide setzen sich an den Tisch. Eila ist aufgeregt, während Brian bedächtig in dem ersten Buch zu blättern beginnt. Ziemlich weit hinten schlägt er es dann auf. Eila erkennt verschiedene Symbole, die wie alte Zeichen aussehen. Es sind Runen, gefolgt von längeren Textpassagen. Brian nimmt erneut den Brieföffner. Er hält diesmal den Griff mit dem Kristall an den Armreif.

»Kannst du die Runen auf beiden Innenseiten erkennen?«, fragt er.

Tatsächlich erscheinen dort nach kurzer Zeit mehrere der im Buch dargestellten Runen. Aufgeregt zeichnet Eila die Symbole auf ein Blatt Papier. Danach vergleichen beide die Zeichen mit den Symbolen im Buch und lesen die zugehörigen Texte. Nach längerem Rätseln, Interpretieren, Verwerfen und wieder Probieren, sind beide sicher, dass folgende Übersetzung die richtige ist:

Der Armreif stärkt den Auserwählten,

der Armreif schadet jedem Anderen.

Großvaters Augen glänzen und seine Wangen sind, genau wie Eilas, leicht gerötet.

»Was bedeutet das«, will Eila aufgeregt wissen.

»Warte noch etwas.«

Er öffnet das zweite Buch, blättert kurz darin und fordert sie dann auf, die von ihm gezeigte Stelle zu lesen. Mit Staunen stellt sie fest, dass dies die Geschichte ist, an die sie sich vorhin im Keller erinnerte. Die von ihr genutzten Worte wirkten genauso, wie sie in diesem Buch beschrieben werden. Eila schaut erstaunt auf den Titel des Buches, er lautet: »Anwendung magischer Sprüche«.

Eila denkt an die zurück liegende Unterhaltung mit Anna. Genau dieses Buch wollte sie studieren.

»Also sind das magische Worte, die ich benutzt habe. Aber warum kann ich damit überhaupt eine Wirkung erreichen?«

»Weil du eine Hexe bist, also ein weiblicher Zauberer! Die Fähigkeiten oder Kräfte eines Zauberers werden durch bestimmte Gegenstände verstärkt. Maireads Armreif ist ein sehr mächtiger Verstärker. Auch wenn du nicht ausgebildet bist, der Armreif hat dich unterstützt, als du diesen magischen Spruch sagtest.« Eila starrt den Großvater an, weiß nicht was sie sagen soll. »Auch wenn das unglaublich klingt, es ist wahr. Das wird eindeutig durch das bewiesen, was du gerade erlebt hast.«

Eilas Gedanken überschlagen sich, ist es möglich, dass sie eine Hexe ist? Aber das kann doch nicht sein!

»Bist du ein Zauberer? Du hast gerade ein Wort gesprochen, worauf sich der Armreif öffnete. Außerdem scheinst du die Zeichen in dem Armreif bereits vorher gesehen zu haben.«

»Nein, mein Kind, ich bin kein Zauberer. Deine Großmutter war eine sehr berühmte Hexe mit großer, magischer Kraft. Sie hat mir auch die Zeichen in dem Armreif gezeigt. Von ihr habe ich einige Worte gelernt. Um sie anwenden zu können, muss ich aber ein Hilfsmittel nutzen. Das hat mir Mairead beigebracht. Ein derartiges Hilfsmittel ist dieses Ensiculus Chartorum.«

»Vielleicht erinnerst du dich daran, dass deine Großmutter öfter mal für kurze Zeiten abwesend war. Sie unterstützte andere Zauberer im Kampf gegen böse Zauberer und deren Anhänger. Sehr oft konnte sie andere vor dem Tod erretten und das Bösen zurückdrängen. Mairead war in ihrem letzten Jahr sehr unruhig. Entweder merkte sie, dass ihre Zeit bald zu Ende ist, oder dass eine Bedrohung heraufzieht. Sie hat entgegen ihrer sonstigen Art den Armreif kaum noch abgelegt. Darum denke ich, sie spürte, dass die bösen Zauberer stärker werden.

Der Armreif hat eine magische Bedeutung, obwohl er für mich immer nur ein normaler Reif war. Sie beauftragte mich, ihn dir an deinem 18. Geburtstag, zusammen mit einem Brief, zu geben, falls sie dann nicht mehr leben sollte.« Er macht eine Pause. »Ich denke, dass du ihn unbedingt bereits jetzt lesen solltest! Das, was soeben im Keller geschehen ist, gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht!«

Er steht langsam auf.

»Ich hole dir jetzt diese Nachricht. Ich denke, sie hat dir darin aufgeschrieben, was du wissen musst.«

Brian geht durch den Flur nach oben in sein Schlafzimmer und kommt nach kurzer Zeit ins Wohnzimmer zurück. Er setzt sich neben Eila und gibt ihr mit zitternden Händen einen verschlossenen Umschlag, während eine Träne über sein verwittertes Gesicht läuft.

»Dies ist Maireads Vermächtnis«, sagt er leise und mit bewegter Stimme, »bitte lies es.«

Maireads Vermächtnis

Quer über den Umschlag steht geschrieben:

»Nur für Eila und nur von ihr zu öffnen!«

Der Brief ist mit einer Schnur umwickelt, die mit einem Siegel gesichert ist. Das Siegel zeigt den Abdruck der Sonne von dem Armreif.

Eila zerbricht das Siegel und wickelt die Schnur ab. Mit dem Brieföffner schlitzt sie vorsichtig den Umschlag auf und entnimmt ihm mehrere, eng beschriebene Bögen Papier. Sofort erkennt sie Großmutters zierliche Schrift, mit deren klaren, feinen Buchstaben.

»Mein Sonnenschein!

Wenn du dies liest, kann ich dir viele wichtige Dinge nicht mehr mitteilen, ich bin dann bereits gestorben.

Was ich niederschreibe, soll dir bei deiner nun anstehenden Ausbildung zum Zauberer helfen.

Genau, du liest richtig und ich bin nicht gaga!

Falls dein Großvater Brian es dir nicht bereits verraten hat: du bist eine Hexe! Deine Zauberkunst ist bisher als Talent in dir angelegt. Dein wahres Zaubervermögen und deine Kräfte müssen aber erst noch entwickelt werden.

Du wirst jetzt 18 Jahre alt sein. Das ist das Alter, in dem Zauberer mit ihrer Ausbildung beginnen.

Ich hätte dir so gern vieles selbst gesagt, da es dann einfacher gewesen wäre. Aber ich hoffe, du glaubst mir.

Da ich ja tot bin, kann ich dir jetzt schlecht einen Beweis geben. Dir ist aber sicher aufgefallen, dass du besonders gut mit allen Tieren umgehen kannst. Für manche, normale Menschen — Nicht Zauberer — ist das bei einigen Tierarten auch nicht ungewöhnlich, bei dir ist es aber bei allen Tieren so. Und das bereits seit deiner Geburt. Das ist nur möglich, wenn man magische Fähigkeiten besitzt.

Außerdem kannst du besonders gut bei Auseinandersetzungen zwischen Menschen vermitteln und Tätlichkeiten verhindern. Deshalb bist du an deiner Schule seit mehreren Jahren als Streitschlichter tätig. Das ist gerade in der heutigen Zeit bei vielen jungen Menschen nicht üblich. Aber du bist darin sehr erfolgreich und wirst von allen geschätzt.

Das sind ebenfalls Zeichen dafür, dass du magische Fähigkeiten besitzt.

Es ist so schwer, dir dies verständlich zu machen, dir Beispiele aufzuführen. Vielleicht vertraust du aber einfach deiner alten Großmutter und liest erst einmal weiter?«

Eila schaut einen kurzen Augenblick zum Großvater, der sich in seinen Lieblingssessel gesetzt hat. Er lächelt ihr zu. Sie vertieft sich wieder in den Brief ihrer Großmutter.

»Einiges von dem, was ich schreibe, notiere ich deshalb, weil etwas, womit man vertraut ist, weniger Furcht einflößt als Dinge, die nur angedeutet oder vermutet werden.

Viele Mitglieder unserer Familie sind Zauberer.

Dein Vater und deine Mutter sind auch Zauberer, dein Großvater aber nicht.

Zauberer sind »normale« Menschen mit unterschiedlich stark ausgeprägten magischen Fähigkeiten. Die magischen Fähigkeiten können erlernt und müssen geübt werden.

Nicht jeder Zauberer erreicht gleiche Zauberkräfte wie andere. Das hängt sowohl von den bereits bei der Geburt vorhandenen Talenten, aber auch von dem jeweiligen Lehrer ab. Dieser kann einem geeigneten Schüler gleiche wie seine eigenen Kräfte weitergeben, sozusagen diese auf ihn spiegeln. Hierbei werden die vorhandenen Zauberkräfte des Schülers erweitert und verstärkt. Die Kräfte eines Zauberers hängen somit von dessen Eigenschaften, seinem Wissen und seiner Erfahrung ab, aber auch von dessen Ausbilder.

Auch wenn Zauberer, und natürlich die großen Magier unter ihnen, ohne Hilfsmittel zaubern können, verstärken Hilfsmittel deren Kraft, und damit die Ausdauer des Zauberers.

Viele Zauberer benutzen normal aussehende Gegenstände als »Hilfsmittel«, um die Wirkung ihrer Kräfte zu verstärken. Nicht vorhandene oder nicht erlernte Fähigkeiten können durch diese Hilfsmittel aber nicht erlangt werden!

Solch ein einfaches Hilfsmittel ist oft ein Stab, der in vielen Geschichten unbedingt zu einem Zauberer gehört.

Die Aktivierung eines Hilfsmittels erfolgt dadurch, dass der Zauberer eine Verbindung mit dem Hilfsmittel herstellt.

Wird ein derartiges Hilfsmittel von einem Menschen ohne magische Fähigkeiten benutzt, ist es — fast immer — wirkungslos. Es ist einfach der jeweils normale Gegenstand.

Eine Ausnahme bildet mein Brian, was er dir zum Beweis meiner Worte zeigen kann. Lass dir zum Beweis die Zeichen in meinem Armreif zeigen. Brian kann sie mit meinem Ensiculus Chartorum sichtbar machen. Vermutlich hat Brian auch Zauberkräfte, die aber nie geschult wurden. Er war früher, wie du ja weißt, ein Lehrer von »normalen« Menschen.

Die verwendeten Hilfsmittel sind unterschiedlich mächtig. Es gibt einfache Hilfsmittel, welche die Kräfte des jeweiligen Zauberers verdoppeln. Sie können nicht nur von ihrem Besitzer, sondern von jedem anderen Zauberer ohne Gefahr genutzt werden.

Es gibt aber auch ganz spezielle, sehr mächtige Hilfsmittel. Das sind sieben, bronzene, schmale Armreife mit einem Sonnen-Symbol darauf. Sie sind jeweils nur einer auserwählten Person zugeordnet. Die Nutzung dieses Hilfsmittels ist bis zu deren Tod uneingeschränkt mit diesem Zauberer verbunden. Der Versuch der Nutzung eines dieser »Sieben« durch einen nicht zugehörigen, auserwählten Zauberer ist unmöglich und für diesen gefährlich.

Will ein nicht auserwählter Zauberer eines dieser sieben Hilfsmittel trotzdem nutzen, wird es magisch wirkungslos. Der Zauberer kann die Verbindung zu diesem Hilfsmittel nicht mehr lösen. Außerdem verliert er alle seine magischen Fähigkeiten, alle bei seiner Geburt angelegten Gaben und alle erlernten Kräfte. Versucht er dann das Hilfsmittel mit Gewalt von sich zu trennen, stirbt er dabei.

Das Hilfsmittel ist dann zukünftig wirkungslos. Nur der oberste Rat, bestehend aus den drei mächtigsten Zauberern, kann eine Reaktivierung ermöglichen.

Die »Sieben« geben sich vor einer möglichen Nutzung dem Zauberer bei der Verbindungsaufnahme zu erkennen. Die Verbindung wird automatisch durch das Schließen des Armreifs um das linke Handgelenk aufgenommen. Bevor ein erster Zauber mit diesem Armreif ausgesprochen wird, muss die Art der Verbindung beachtet werden!

Wird ein warmer Impuls empfangen, ist das Hilfsmittel mit dessen auserwähltem Zauberer verbunden. Die Nutzung ist gefahrlos möglich. Alle magischen Fähigkeiten des Zauberers werden um ein Vielfaches verstärkt, sowohl die bei der Geburt vorhandenen, als auch alle dazu erlernten.

Wird ein kalter Impuls empfangen, ist das Hilfsmittel nicht mit seinem auserwählten Zauberer verbunden. In diesem Fall muss sich der Zauberer sofort davon trennen, ohne zu versuchen, seine magischen Fähigkeiten zu nutzen.

Der Armreif kann nicht einfach geöffnet werden, sobald er bei einem Zauberer um das linke Handgelenk geschlossen worden ist. Dies kann durch ein Hilfsmittel wie mein Ensiculus Chartorum, oder mittels Zauberspruch erfolgen. Der nicht erwählte Zauberer kann den Zauberspruch aber nicht anwenden, da er sonst sofort seine Fähigkeiten verliert. Das müsste durch einen anderen Zauberer erfolgen.

Stirbt einer der Zauberer, dem einer der sieben Armreifen zugeordnet ist, wird ein neuer Zauberer auserwählt, der dessen mächtiges Hilfsmittel nutzen kann. Dabei wählt der Armreif sich »seinen« Zauberer selbst aus. Meist ist dies ein Mitglied aus der gleichen Familie, aber das ist nicht immer so. Befindet sich unter diesen Mitgliedern keines mit ausreichenden Zauberkräften — bereits erlangt oder als Talent noch unausgebildet schlummernd — wird der Armreif den Zauberer einer anderen Familie wählen.

Die Drei des obersten Rates können den jeweiligen Armreif untersuchen und dadurch den neuen, auserwählten Zauberer ermitteln.

Die auserwählten, sieben Zauberer können ihre Magie nur mit dem ihnen zugeordneten Armreif in gesteigertem Umfang nutzen. Ein normales Hilfsmittel ermöglicht ihnen lediglich eine Verdoppelung ihrer Kraft, genau wie den anderen, »normalen« Zauberern. Da die sieben Zauberer aber besondere Fähigkeiten und Kräfte besitzen, sonst wären sie nicht die Auserwählten, sind sie dann trotzdem mächtiger als normale Zauberer.

Mein Armreif gehört zu den sieben Mächtigen, wie du nach meiner Beschreibung richtig vermutest.

Wird er um das rechte Handgelenk gelegt, ist er völlig wirkungslos. Er ist dann ein einfaches Schmuckstück und kann auch einfach wieder vom Handgelenk gelöst werden.

Wenn der Armreif um das linke Handgelenk gelegt ist, unterstützt er die magischen Fähigkeiten des auserwählten Trägers.

Auch wenn du jetzt weißt, dass du eine Hexe bist, versuche bitte nicht, ihn zu probieren! Wie ich beschrieben habe, ist der Armreif gefährlich für den, der nicht auserwählt ist.

Ich bin mir sicher, dass du große magische Fähigkeiten besitzt, aber ob diese für die Verbindung zu meinem Armreif ausreichend groß sind, weiß ich nicht.

Bringe darum den Armreif schnellstens zu Erdmuthe. Sie lebt in der Mitte des Landes bei dem Kloster »Das heilige Kreuz«. Sie war meine und soll auch deine erste Lehrerin sein. Sie weiß, wie mein Armreif zu einem der Drei des obersten Rates gebracht werden kann. Sie können gefahrlos den neuen, auserwählten Zauberer feststellen.

Böse Zauberer haben in der Vergangenheit immer wieder versucht, die sieben Armreife in ihre Gewalt zu bekommen und für ihre Ziele einzusetzen. Dadurch wären wir ihnen gegenüber im Nachteil.

In der letzten Zeit mehren sich die Zeichen, dass sie dies verstärkt versuchen. Erst in der letzten Woche gab es einen Angriff auf mich, bei dem versucht wurde, mich zu töten. Davon hat Brian zum Glück nichts mitbekommen. Auch wenn ich mich erfolgreich zur Wehr setzen konnte, lasse ich meinen Armreif lieber an meinem Handgelenk. Ich kann dann meine volle Kraft nutzen.

Derzeit sind mit meinem Armreif insgesamt nur fünf von den sieben aktiv. Auch daran ist zu merken, dass die dunklen Zauberer mächtiger werden.

Wir Zauberer der guten Seite nennen die bösen Zauberer »dunkle Zauberer« oder kurz »Dubharan«, weil diese auch dunkle Magie einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Dunkle Magie ist die Anwendung verbotener Zauber. Mit diesen Zaubersprüchen wird der freie Wille anderer gebrochen, Handlungen erzwungen, die nie gemacht werden würde, gefoltert oder auch getötet. Dazu gehört ebenso die Nutzung verbotener Elixiere, dunkler Kreaturen oder künstlich erschaffener Wesen.

Es ist möglich, dass zwei auserwählte Zauberer gestorben sind, ohne dass ihre Armreife einem Nachfolger übergeben werden konnten. Da der Nachfolger ja meist aus der gleichen Familie stammt, wissen deren Mitglieder auf jeden Fall, wie sie beim Tod des Trägers mit dessen Armreif verfahren müssen. Deshalb ist es seltsam, dass nicht bekannt ist, wo diese Reife sind, oder wem der jeweilige Armreif übertragen werden muss.

Da sie aber unauffindbar sind, wurden dessen Besitzer vermutlich durch die Dubharan getötet. Somit können diese Armreife in der Hand böser Zauberer sein. Selbst wenn sie nicht für ihre Zwecke nutzbar sind — was hoffentlich auch so bleibt! — fehlen sie auf unserer Seite im Kampf gegen die Bösen.

Ich will dir nicht vorenthalten, dass viele Mitglieder unserer Familie eines unglücklichen Todes gestorben sind, auf plötzliche und meistens geheimnisvolle Weise. Dafür sind oft die dunklen Zauberer oder deren Verbündete verantwortlich gewesen. Es ist unserer Familie aber bisher immer gelungen, den Armreif vor einem räuberischen Zugriff zu schützen.

Auf der Reise zu Erdmuthe wirst du mit dem Zug fahren und du musst einen langen Weg zu Fuß zurücklegen. Bitte sieh dich auf der Reise vor.

Du bist keinesfalls in der Lage, dich gegen einen magischen Angriff zu wehren.

Du bist sozusagen noch ein Zauberer-Baby.

Es könnte sein, dass versucht wird, dir den Armreif zu nehmen. Auch wenn nicht jeder Fremde gleich ein Feind ist, prüfe genau, ob jemand dich begleiten darf. Lass dich nicht in die Irre führen, auch wenn das Angebot als zu deinem Schutz erforderlich dargestellt wird. Vertraue auf dein Gefühl. Ohne Zweifel reist du mit einem von Brian ausgesuchten Begleiter sicherer!

Du solltest auf der Reise unbedingt einen verlässlichen Begleiter mitnehmen, der dich nötigenfalls verteidigen kann. Auch wenn Brian diese Aufgabe sicher unbedingt übernehmen möchte, kann er das nicht. Ich weiß und sehe, dass er mit seinen fast 80 Jahren mittlerweile nicht mehr für derartige Abenteuer geeignet ist. Er ist körperlich nicht mehr sehr belastbar. Ich weiß, wie sehr er dich liebt und dass er versuchen würde, dich zu beschützen. Lass dich mir zu Liebe nicht darauf ein, auch wenn er sehr stark drängt.

Aber bitte ihn, einen Begleiter für dich auszuwählen. Du kannst dich darauf verlassen, dass seine Wahl hervorragend sein wird.

Deine Eltern untersuchen Orte der Geschichte. Sie interessieren sich besonders für vorzeitliche Kulturen, die durch Kriege untergegangen sind. Sie haben schon viele bekannte Plätze erforscht und befürchten, dass uns dies Schicksal ebenfalls droht. Sie gehen davon aus, dass einige Kriege durch die Dubharan geführt wurden. Ihre Forschungen könnten vielleicht wichtige Hinweise liefern, wie wir unseren Untergang verhindern können!

Darum ist diese Arbeit so wichtig, dass sie sich völlig darauf konzentrieren. Die Eltern von deinem Vater führten die gleichen Forschungsarbeiten durch. Obwohl diese offiziell durch einen Erdrutsch ums Leben kamen, gehen deine Eltern und ich davon aus, dass die dunklen Zauberer Johns Eltern töteten. Der Erdrutsch war lediglich ein Ablenkungsmanöver von ihnen. Um dich keiner Gefahr auszusetzen, ließen Maggie und John dich behütet und relativ sicher bei Brian und mir aufwachsen.

Du verstehst sicher, dass sie dich nicht in Zauberei ausbilden können. Daher gebe ich dich in den Schutz von Erdmuthe. Sie wird dir erste, notwendige und wichtige Schritte beibringen. Anschließend wirst du von ihr den möglichen nächsten Ausbildungsort und Lehrer erfahren.

In Liebe und Godspeed!

Mairead

P.S.: Mit dem Kristall meines Ensiculus Chartorum kannst du magische Gegenstände erkennen und enttarnen. Benutze es!«

Beratung mit Brian

Eila ist aufgewühlt.

Die Worte ihrer Großmutter wirkten keinesfalls beruhigend. Die Vorstellung, dass böse Zauberer versuchten, ihre Großmutter zu töten, dringt nur langsam in ihr Bewusstsein. Es ist kaum zu glauben. Es gibt also wirklich Zauberer und vielleicht auch andere magische Wesen? Bisher hatte sie nur in Geschichten davon gelesen. Diese waren meistens sehr aufregend und spannend und hatten sie eigentlich immer schon fasziniert. Aber dass es das wirklich gibt? Auch eine für sie drohende Gefahr scheint nicht real zu sein.

Doch ihre Großmutter erzählte in dem Brief nicht einfach eine Geschichte, das stand für sie außer Zweifel.

»Großvater, du glaubst nicht, was ich gerade gelesen habe.« Eila blickt ihn an und gibt ihm den Brief: »Bitte lies das zuerst, dann müssen wir uns beraten!« Brian liest den Brief mit äußerster Aufmerksamkeit und lässt gelegentlich einen überraschten Ausruf hören.

Als er fertig ist, blickt er sie stirnrunzelnd an.

»Ich bin mir nicht ganz darüber im Klaren, ob dein Erlebnis vorhin im Keller auf eine direkte Gefahr für dich hinweist. Jedenfalls scheint die eine Person eine wohlwollende, die andere aber eine übelwollende gewesen zu sein. Zusammen mit dem Brief von Mairead meine ich, du solltest dich so schnell wie möglich auf den Weg zu Erdmuthe machen! Und ich möchte dich begleiten. Meine Erfahrung hebt meine körperlichen Schwächen doch mindestens auf.«

Eila stimmt ihm nicht zu, sie zögert etwas: »Ich verstehe, dass du mich beschützen willst. Aber ich finde, Großmutter hat Recht. Ich glaube, eine Reise mit langen Fußmärschen ist viel zu anstrengend für dich. Wir müssten auch Gepäck und Proviant für uns beide mitnehmen, was uns zusätzlich Zeit kosten würde. Wir kämen nicht halb so schnell vorwärts wie ich alleine. Falls es eine Gefahr auf der Reise geben sollte, wäre ich ihr alleine somit nur für eine kürzere Zeit ausgesetzt.« Nach einer Pause fügt sie mit bittendem Blick zum Großvater hinzu: »Lassen wir es dabei, wenn du ehrlich bist, musst du Großmutter und mir zustimmen. Bitte erzähle mir von ihrem Tod. Sag mir, ob sich irgend etwas Unerklärliches ereignet hat, seit Großmutter starb. Ist Großmutter vielleicht durch einen Angriff gestorben und wurde seit ihrem Tod von den bösen Zauberern versucht, den Armreif zu bekommen?«

»Soweit ich das beurteilen kann, ist Mairead eines natürlichen Todes gestorben. Sie war im Vorgarten und hat ein paar Rosen geschnitten. Die wollte sie in eine Vase im Wohnzimmer stellen. Da sie nach längerer Zeit nicht wieder kam, ging ich nachsehen. Ich habe sie im Blumenbeet gefunden. Der Arzt meinte, sie hatte einen Herzinfarkt. Es gab keine Hinweise auf einen Angriff gegen sie. Nichts deutete auf irgendeine, gegen sie gerichtete Gewalt.« Großvater überlegt. »Seit ihrem Tod ist nichts Ungewöhnliches geschehen. Es sind auch keine Versuche unternommen worden, den Armreif zu stehlen.«

»Wir müssen herausfinden, warum das vorhin im Keller geschah. War das ein Versuch der Dubharan, den Armreif zu bekommen? Und wenn ja, warum geschah das jetzt und wodurch wurde es ausgelöst?«, fragt Eila.

Nach längerem Überlegen kommen sie zu einer möglichen Erklärung. Da seit Großmutters Tod nichts Ungewöhnliches geschehen war, musste das Schließen des Armreifs das bedrohliche Geschehen ausgelöst haben.

»Kann es sein, dass das Anlegen des Armreifs eine Art Impuls ausgelöst hat, der für mich als kurzzeitige Wärme spürbar wurde?«, fragt Eila. »Dieser Impuls könnte vielleicht gleichzeitig an anderer Stelle bemerkt worden sein.«

»Ja, das scheint eine mögliche Erklärung zu sein«, meint Brian. Er fährt fort: »Und der Armreif hat dich offensichtlich auserwählt, da du etwas Wärme verspürtest. Somit konntest du ihn zur Verstärkung deiner ungeübten Fähigkeiten nutzen. So lässt sich erklären, warum diese Zauberworte wirksam wurden.

Auch wenn du den Armreif unbedenklich nutzen könntest, solltest du das unterlassen. Falls mit dem Anlegen des Reifs jedes Mal diese Art Signal gesendet wird, könnte das wieder einen Angriff herauf beschwören. Die dunklen Zauberer würden dir den Armreif leicht nehmen, wenn dann vielleicht kein Beschützer zur Stelle wäre. Deine körperlichen und magischen Kräfte können dir keinesfalls helfen. Du kennst dich ja noch nicht wirklich in Magie aus. Deine Erinnerung hat dir vorhin zufällig geholfen, aber das beruht nicht auf Wissen!«

Eila nickt bestätigend: »Es wird wohl eine Art Signal gesendet, das von Wächtern in der magischen Welt empfangen werden kann. Das Signal identifiziert möglicherweise den jeweiligen Armreif. Anscheinend wird der Ort der Signalaussendung dabei nur ungefähr bekannt, sonst hätte die dunkle Gestalt nicht danach suchen müssen. — Falls ich den Armreif nutze, könnte ich mit etwas Glück dem Zugriff durch die dunklen Zauberer entgehen. Vielleicht kenne ich bis dahin auch genügend Zaubersprüche, um mich wirksam zu schützen. Auf jeden Fall werde ich ihn dann ständig um meinem Handgelenk belassen. Somit würde er nicht jedes Mal neu aktiviert und es gäbe keine weiteren Signalaussendungen. Meine anschließenden Aufenthaltsorte blieben damit anderen verborgen!

Aber ich werde den Armreif vorläufig nicht magisch nutzen, sondern ihn als Schmuck tragen.« Damit legt sich Eila den Armreif um ihr rechtes Handgelenk.

Mittlerweile ist es spät geworden. Der Mittag und Nachmittag sind wie nur ein Gedanke verflogen. Sie verspüren beide großen Hunger. Der Großvater zündet den Kamin und mehrere Kerzen an. Dann holen sich beide heißen Kakao und etwas zu Essen aus der Küche. Sie setzen sich ins Wohnzimmer in die beiden Ohrensessel und fühlen sich nach dem Essen angenehm wohl. Ihre Augen fallen ihnen fast zu, so erschöpft sind sie.

»Kannst du mir einen Beschützer für die Reise besorgen? Großmutter war davon überzeugt, dass du einen geeigneten kennst.«

»Natürlich werde ich das, da ich nicht mit darf!« Er zwinkert ihr zu. »Mairead kannte ihn auch. Darum hat sie in ihrem Brief erwähnt, dass er geeignet ist.«

»Wer ist das denn, ein anderer Zauberer?«

Der Großvater lächelt: »Nein, kein Zauberer. Er heißt Albin. Mehr verrate ich dir heute nicht. Alles Weitere erfährst du, wenn du ihn siehst!«

Damit löscht er die Kerzen.

»Und jetzt ab ins Bett. Du musst dich unbedingt ausruhen!«

Vom Flur gelangt Eila über eine kleine Treppe in den oberen Teil des Hauses, wo sich zwei große Schlafzimmer an den Giebelseiten des Hauses befinden. Ein zweiflügeliges Fenster mit Oberlicht befindet sich ebenso in jedem Zimmer, wie darunter stehende Waschtische mit Schüsseln und Krügen darauf.

Die großen Betten und Schränke sowie die Stühle mit den gebogenen Beinen und Rückenlehne wirken zwar etwas altmodisch, aber durch den hellen Anstrich doch gemütlich. Trotz vieler Teppiche knarren etliche der Dielen des Holzfußbodens beim Herüberlaufen.

In dem links befindlichen Zimmer ist Eila aufgewachsen. Sie kennt jede Maserung des Holzbodens und weiß die unterschiedlich knarrenden Töne den einzelnen Dielen zuzuordnen.

Aufbruch

Der folgende Tag vergeht mit vielen Vorbereitungen.

Ein großer Rucksack wird gepackt und Wanderschuhe bereitgestellt. Maireads Ensiculus Chartorum kommt ebenso wie das Buch »Anwendung magischer Sprüche« in den Rucksack. Eila möchte weitere magische Worte und deren Wirkung kennenlernen, sie will danach in dem alten Buch suchen. Vielleicht muss sie ja doch weiteren Zauber auf ihrer Reise anwenden.

Am Abend sitzen sie, vermutlich für längere Zeit zum letzten mal zusammen im Wohnzimmer. Jeder hält eine dampfende Tasse Kakao in den Händen.

Brian ist aufgeregt: »Sei bitte vorsichtig auf deiner Reise. Ich habe Mairead sehr selten begleiten dürfen. Trotzdem weiß ich, dass es böse Zauberer gibt. Diese können dir gefährlich werden, dich vielleicht sogar töten!«

Eila schaut ihren Großvater liebevoll an: »Das werde ich! Aber pass du auch auf dich auf. Schone dich und drücke mir die Daumen, dass ich Erdmuthe schnell finde.«

Sie hatten in Maireads Schriftstücken und in den alten Büchern den Standort des Klosters »Das heilige Kreuz« erst nach langer Suche gefunden. Eila wird mit dem Zug fahren, aber auch längere Strecken zu Fuß zurücklegen müssen. Das Kloster befindet sich weiter im Süden, etwa in der Mitte des Landes.

Der Großvater und Eila sitzen noch lange zusammen im Wohnzimmer, während draußen der Wind heult und ein heftiger Sommerregen gegen das Fenster gedrückt wird. Eila blickt plötzlich auf: »Wenn ich morgen abreise, wann kommt dann Albin? Ich kenne ihn doch noch nicht einmal.«

Großvater lächelt: »Du wirst Albin morgen kennenlernen. Keine Angst, er passt zu dir und du wirst ihn mögen. Aber jetzt gehe zu Bett und schlafe gut!« Er haucht ihr einen Kuss auf die Stirn und löscht die Kerzen.

»Gute Nacht und schlafe auch du gut.« Eila begibt sich nach oben und hört den Regen aufs Dach trommeln.

In der vergangenen Nacht konnte Eila erst nicht einschlafen. Sie war gestern Abend viel zu aufgeregt von allem Erlebten, besonders wegen der Mitteilungen ihrer Großmutter. Auch die bevorstehende Reise und mögliche Gefahren sorgten für Unruhe. Die Gedanken rasten lange durch ihren Kopf. Erst mit beginnendem Morgengrauen fiel sie in einen leichten, unruhigen Schlaf.

In dieser Nacht ist es nicht so. Kaum liegt sie im Bett, ist sie auch schon eingeschlafen. Sie hört weder den Regen, noch wie Brian das Haus verlässt. Einer regnerischen Nacht folgt ein heiterer Morgen. Eila steht auf. Großvater ist verschwunden, er ist nirgends zu finden. Sie bereitet trotzdem ein Frühstück und wartet.

Brian taucht erst am späten Vormittag, und dazu noch völlig durchnässt, wieder auf. Begleitet wird er von einem riesigen, grauen Hund mit zotteligem Fell.

»Leider hat es wegen des Regens doch länger als erwartet gedauert. Die Wege waren teilweise überspült und sehr glitschig.« Eilas Großvater stellt seinen knorrigen Wanderstock in die Ecke des Flurs, atmet durch und fährt fort. »Das ist Albin — der beschützende Freund. Ich habe ihn heute Nacht von einem alten Einsiedler in den Bergen geholt. Er ist treu und erprobt im Kampf, nicht nur gegen Wildkatzen und Wölfe. Er wird auf der kommenden Reise dein Begleiter sein. Du darfst ihn auf unbegrenzte Zeit behalten, wenn Albin es möchte.«

Albin möchte!

Er läuft auf Eila zu und stupst mit der Schnauze ihre rechte Hand an. Eila legt ihre feingliedrige, schmale Hand auf seinen Kopf und schaut in seine treuen Augen. Sie fühlt sich in der Nähe des riesigen Tieres gleich beruhigt und wieder sicherer. Die durchgestandenen Ängste und Sorgen der vorletzten Nacht sind verschwunden.

Nach dem späten Frühstück ist es schon fast Mittag und der Zug, den Eila auf der ersten Etappe benutzen möchte, ist heute nicht mehr zu erreichen. Darum wird der Aufbruch verschoben und für den nächsten Vormittag festgelegt. Eila fühlt sich wegen der bevorstehenden Trennung vom Großvater sehr traurig. Sie sorgt sich um ihn, da er nicht mehr so rüstig und agil wie bisher erscheint.

»Hoffentlich hat er sich in der Nacht keine Lungenentzündung zugezogen«, denkt sie.

Nachmittags sitzt Brian lesend in seinem Ohrensessel, während Eila und Albin auf einer der Wiesen in der Nähe herumtollen. Als sie nach einem anschließenden Spaziergang zurückkommen, ist Großvater — wie so oft in letzter Zeit — in seinem Sessel eingenickt. Auf seinen Knien sieht sie ein aufgeschlagenes Fotoalbum. Seine Hand ruht auf einem Bild von Mairead.

Eila bereitet in der Küche zwei Tassen heißen Kakao und bringt diese ins Wohnzimmer. Sie weckt den Großvater vorsichtig.

Verschlafen blickt er zu ihr auf und lächelt: »Eben habe ich dich fast für Mairead gehalten. Sie hat mich auch oft zu einem Kakao aufgeweckt. Du bist ihr in deinem Verhalten sehr ähnlich! Hab’ ich dir eigentlich gesagt, dass du ihr auch etwas ähnlich siehst?« Er zeigt auf das Bild, worauf eine junge Frau im Portrait zu sehen ist.

»Das ist Großmutter, kurz bevor ihr geheiratet habt«, antwortet Eila lächelnd.

»Richtig. Jetzt schau dir ihr Gesicht und die aus der Stirn gestrichenen Haare an.«

»Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.« Sie betrachtet das Bild genauer, die Anordnung ihrer Augen zusammen mit der geraden Nase, um die ebenfalls schwach sichtbare Sommersprossen zu erkennen sind. Ihre hellen Augen sind strahlend zur Kamera gerichtet. Dieses junge Gesicht, mit der gleichen Art das Haar zu tragen, gleicht sehr stark ihrem eigenen. »Sie könnte glatt meine ältere Schwester sein«, staunt Eila.

»Wohl eher deine Zwillingsschwester!«, korrigiert Brian, sie versonnen anlächelnd.

Nun sitzen sie zusammen und unterhalten sich lange, nur kurz vom Abendessen unterbrochen. Albin liegt dabei zu Eilas Füßen und döst vor sich hin. Brian erzählt mit freudig leuchtenden Augen aus alten Zeiten, aus seinem und Maireads Leben. Als sie später zum Schlafen nach oben gehen, hat er gerötete Wangen und ist glücklich. Der große Hund legt sich vor Eilas Bett, schaut sie lange an und legt dann seinen Kopf auf beide Vorderpfoten.

Am kommenden Morgen scheint die Sonne strahlend in die Küche, während Eila und ihr Großvater ein frühes, aber ausgiebiges Frühstück bereiten und zu sich nehmen. Albin bekommt Wasser und ein großes Stück einer Fleischwurst. Als Proviant für die Reise nimmt Eila einige Äpfel, ein Laib Brot, eine Dauerwurst, ein Stück Hartkäse, eine mit Frau Dixons Butterplätzchen gefüllte Blechdose und eine Blechflasche voll Wasser mit.

Brian, Eila und Albin folgen der gewundenen Straße hinauf auf den nächsten Berghang. Von dort, teilweise sichtbar, schlängelt sich die Straße zwischen von Steinmauern eingefassten Wiesen Richtung Süden.

Es folgt ein angenehmer Spaziergang von etwa sechs Kilometern in der wärmenden Vormittagssonne. Schließlich erreichen sie den kleinen Nachbarort mit seinen grauen Steinhäusern. Es gibt hier zwei größere Gebäude, den Dorfgasthof und den Bahnhof.

Der Bahnhof ist reichhaltiger verziert als die grauen, schmucklosen Häuser des Ortes. Die roten Backsteineinfassungen an den Gebäudeecken und die Umrandungen der vielen Fenster und des Eingangs aus Sandstein lassen das Gebäude großartig erscheinen.

In der gefliesten, altmodischen Eingangshalle befindet sich der Fahrkartenschalter. Ein freundlicher Angestellter in dunkler Eisenbahnuniform gibt Eila die gewünschte Fahrkarte Richtung Süden.

Der Zug fährt um 10:15 Uhr, also erst in etwa zwei Stunden. Zur Verkürzung der Wartezeit gehen sie zum gegenüber liegenden Dorfgasthof. Der Gastraum ist leer. Auf ihr Rufen erscheint erst nach einiger Zeit ein kleiner Mann mit roten Wangen und einer weißen Schürze vor seinem runden Bauch.

»Was kann ich für euch tun?«, fragt er schnaufend. »Ich musste noch erst das Brot aus dem Ofen nehmen, da es sonst verbrannt wäre. Deshalb hat es etwas länger gedauert bis ich kommen konnte«, entschuldigt er sich.

»Das ist schon in Ordnung«, antwortet Brian. »Wir möchten gerne jeder eine dicke Scheibe von deinem leckeren Landbrot, dazu etwas Butter und Käse. Zu Trinken nehmen wir dazu beide einen heißen Kakao. Für unseren Hund möchten wir eine Schüssel mit Wasser und ein großes Stück Fleischwurst.« Dann setzen sie sich an einen der Tische am Fenster, mit Blick auf den Bahnhof.

Der Wirt blickt etwas ängstlich auf den großen Hund.

»Kommt sofort«, sagt er erleichtert, als sich Albin friedlich vor Eilas Füßen auf dem Boden zusammenrollt. Es dauert nicht lange, und das Gewünschte wird ihnen gebracht. Albin blickt fragend zu Eila hoch. Erst als sie ihm zunickt, steht dieser auf und beschnuppert die Wurst. Auf einmal schnappt er die Wurst, zerteilt sie mit einem Biss und verschlingt das erste Stück. Sofort danach wird auch das zweite Wurststück heruntergeschlungen. Nun steht Albin über die Wasserschüssel gebeugt und schlabbert sie leer. Zufrieden legt er sich erneut zu Eilas Füßen. Brian und Eila haben ihm zugesehen und lächeln sich an.

»Wir wollen uns das Essen jetzt auch schmecken lassen.« Sie genießen es in aller Ruhe und auch der Kakao schmeckt ihnen.

»Wirt, das war wirklich gut!«, loben beide das Essen.

Nachdem sie bezahlt haben, wechseln sie wieder hinüber zum Bahnhof. Dort gehen sie zum Bahnsteig und sitzen die verbleibenden 15 Minuten auf einer gusseisernen Bank mit grün gestrichenen Holzbrettern.

Der Zug kommt pünktlich, pustend und schnaufend fährt er vor. Die Dampflok sieht beeindruckend aus. Sie ist dunkelgrün und schwarz gestrichen, versehen mit glänzenden Messingverzierungen. Die Lokomotive zischt noch einmal, eine weiße Wasserdampfwolke umströmt sie und sie scheint weiterfahren zu wollen. Dann steht die Lok mit ihren angekoppelten acht Waggons still.

Türen öffnen sich nur im zweiten und im letzten Wagen. Eine alte Frau mit einem kleinen Hund an der Leine steigen aus dem zweiten Waggon aus. Sie wendet sich zum Bahnhofsgebäude. Aus dem letzten steigt ein Mann aus, der sich umdreht und einem kleinen Kind beim Aussteigen hilft. Anschließend gehen beide auch zum Bahnhofsgebäude, das Kind an der Hand des Mannes.

Eila und Brian umarmen sich lange Zeit.

»Pass bitte auf dich auf«, und: »Pass auf dich auf«, sagen beide gleichzeitig, während sie sich ansehen. Der Großvater blinzelt eine Träne weg. Eila und Albin – nicht an einer Leine geführt, sondern frei laufend – steigen in den zweiten Wagen ein und laufen nach hinten durch, bis zu einem freien Abteil. Brian schließt die Waggontür und Eila lässt das Abteilfenster zum Bahnsteig herunter. Sie beugt sich hinaus und winkt zum Großvater. Ein Pfiff ertönt. Die Dampflok beginnt zu zischen. Weißer Wasserdampf umwabert sie. Mit einem Ruck beginnt der Zug zu rollen. Brian winkt zurück, obwohl er wegen der aufsteigenden Tränen fast nichts erkennen kann. Eila fährt am Großvater vorbei und lässt ihn weit hinter sich zurück, während die Zugmaschine immer mehr beschleunigt.

Die Lok pfeift noch einmal durchdringend und Eila kann den Großvater nicht mehr sehen. Der Zug fährt durch eine langgestreckte Kurve. Brian sieht die letzten Waggons nach der Kurve in der Ferne verschwinden. Er schnäuzt sich mit einem Taschentuch und seufzt leise: »Mairead, behüte Eila! Ich hoffe, sie erreicht Erdmuthe ohne Zwischenfall!« Er will den Bahnsteig verlassen und dreht sich zum Bahnhofsgebäude. Aus dem Augenwinkel heraus sieht er ein kurzes Flirren der Luft. Er dreht sich wieder zurück.

»Stand dort nicht eben noch ein junger Mann? Wo ist der denn geblieben, so schnell kann er nirgends hingegangen sein?«, fragt er sich. »Hoffentlich bedeutet das nicht, dass ein böser Magier auf Eilas Fährte ist!« Beunruhigt geht Brian ins Bahnhofsgebäude und von dort auf die Straße davor. Er macht sich auf den langen Weg zurück zu seinem Haus im Weidenweg.

Unterwegs zerbricht er sich den Kopf, wie er etwas zu Eilas Schutz unternehmen könnte. Ein Zug fährt erst wieder am nächsten Tag nach Süden, dorthin, wohin Eila unterwegs ist. Dann ist sie bereits lange auf dem Weg zu Erdmuthe, so dass er sie keinesfalls mehr erreichen kann.

Mit einem heißen Kakao sitzt er dann in seinem Ohrensessel und schaut zu dem leeren hinüber. Gestern saß Eila noch dort, mit Albin zu ihren Füssen. Brian beruhigt sich etwas. Albin ist stark und treu. Er ist nicht durch Zauberer zu verwirren und wird Eila beschützen, hofft er. Als Brian kurz einnickt, glaubt er beim Erwachen Mairead im anderen Ohrensessel sitzen zu sehen. Sie lächelt ihn an und strahlt dabei eine Ruhe aus, die sich auf ihn überträgt. »Ich kann auf Maireads Vorkehrungen vertrauen. Eila ist nicht allein. Sie wird in Erdmuthe eine fähige Lehrerin finden und eine solide Ausbildung erhalten.«

Ein neuer Auftrag

Vor drei Tagen im Nordland.

Es ist etwa eine Stunde vergangen, seitdem Finley verschwunden ist. Roarke sinnt über die aktuellen Ereignisse nach, versucht Möglichkeiten durch Gewissheit zu ersetzen. Größere Auseinandersetzungen mit den Dubharan hat es in den letzten Jahren so gut wie keine gegeben. Trotzdem kamen immer wieder Zwischenfälle vor, in denen es ungewöhnliche Todesfälle gab. Diese lassen sich nur durch das Wirken von dunklen Zauberern erklären. Dies geschieht immer häufiger. Sie werden stärker und treten immer öfter aus dem Verborgenen hervor. Sie bereiten sich vielleicht auf eine letzte Auseinandersetzung vor. Besondere Besorgnis bereitet ihm der Tod von Riley und Robert, die beide Träger eines Armreifs waren.

Roarke grübelt über die ungewöhnlichen Orte nach, an denen in den letzten Wochen Aktivierungsimpulse bemerkt worden sind. Es waren eindeutig Rileys und Roberts Armreifen, aber nachdem diese getötet worden waren. Seine Beobachter der Karte sind sehr aufmerksam und zuverlässig. Kann es aber doch sein, dass seine Beobachter etwas nachlässig waren?

Jedenfalls hatten sie an zwei Orten im Westen diese Aktivierungen festgestellt, die ihn stutzig machten. Eine erfolgte in der Burg, in der vor Jahrhunderten ein heftiger Kampf zwischen ihnen und den Dunklen stattfand. Die Überprüfung zeigte aber eine menschenleere Burg, die lediglich von Seevögeln, Krähen und Dohlen bewohnt wird.

An dem zweiten Ort gab es wiederholt Aktivierungen. Das Seltsame ist, sie fanden auf einem einsamen Berg statt. Sein Späher konnte dort aber weder ein menschliches Wesen, noch eine Behausung entdecken. Er fand auch keine Ansiedlung in der näheren Umgebung. Warum gab es die Aktivierungen dort, oder hatten seine Beobachter die Orte falsch lokalisiert?

Roarke schreckt auf. Es poltert laut, dann wird heftig an die Tür seines Studierzimmers geklopft. Es hört sich so an, als solle sie eingeschlagen werden.

»Wer zum Donner ist das«, brummelt er. Laut fordert er: »Herein, aber mit etwas mehr Ruhe!« Seine Augen blicken unter den Augenbrauen erwartungsvoll zur Tür.

Trotz des immer vorhandenen blauen Dunstes in dem Zimmer, seine Pfeife geht nur selten aus, sieht er, wie die Tür schnell geöffnet wird. Im Türrahmen steht etwas atemlos, Finley. Mit seinem rechten Arm hält er eine schlaffe, gehörnte Gestalt fest.

»Also doch!«, murmelt Roarke. Dann fordert er Finley auf: »Lege den Faun dort in die Ecke. Ich werde ihn nachher verhören.« Finley legt seinen Gefangenen in die bezeichnete Zimmerecke.

Nun spricht Roarke einige Worte, während er mit beiden Händen vor der schlaffen Gestalt durch die Luft fährt. Auf der Innenseite seiner linken Hand ist dabei kurz eine Sonne zu erkennen. Silbern glänzende Eisenketten umschließen Arme und Beine des Gefangenen.

»Nun erzähle, was ist passiert?«, wendet er sich an Finley.

»Ich kam direkt vor Maireads Haus an. Sofort durchsuchte ich mit meinen Blicken den Vorgarten. Als ich nichts Verdächtiges sah, betrat ich das Grundstück und schaute durch die Fenster. Ich konnte nur einen alten Mann im Wohnzimmer entdecken, der im Ohrensessel eingenickt war. Das Badezimmerfenster stand offen, also betrat ich von dort das Haus. Ich horchte, ob außer dem Atmen des alten Mannes irgendwelche Geräusche zu hören seien.

Ich bemerkte eine Stiege, die in den Keller führt. Von dort kam ein leises Zischen. Ich hörte: »Wo ist es, wo versteckt es sich?« Vorsichtig spähte ich die Kellerstiege hinab. Eine schemenhafte, dunkle Gestalt suchte etwas im Kellerraum.

Bei der flackernden Kellerbeleuchtung sah die alte Holzstiege nicht besonders vertrauenerweckend aus. Sie würde vermutlich laut knarren, wenn ich darauf in den Keller hinabsteigen wollte. Also machte ich einen magischen Sprung direkt zu dem Wesen und versuchte es sofort mit einem Blitz zu betäuben. Leider hatte ich mich etwas verschätzt und den Gegner nicht getroffen«, Finley schaut leicht verlegen zu Roarke. Er erinnert sich nur zu gut an dessen mahnende Worte. Schnell fährt er fort: »Es gab einen heftigen Kampf zwischen dem Gehörnten und mir. Wir haben ein ziemliches Durcheinander verursacht. Der Lärm scheint aber nicht bemerkt worden zu sein, da niemand in den Keller gestürzt kam. Endlich konnte ich einen zweiten Blitz setzen. Darauf kam ich sofort zu dir zurück.« Er ist erneut etwas verlegen: »Leider bin ich direkt an deiner Tür angekommen und dagegen gefallen. Der Kampf war doch etwas anstrengend.«

Roarke schaut Finley ernst an: »Alles in allem hast du das gut gemacht. Du solltest aber zukünftig etwas weniger leichtsinnig sein. Du musst dich immer genau auf das konzentrieren, was du vorhast. Sonst ergeht es dir mal schlecht!« Finley nickt einsichtig, erwidert aber nichts.

Roarke überlegt. Er hat seine Pfeife wieder angesteckt und pafft Rauchwolken in die Luft. Nach längerer Zeit spricht er zu Finley: »Die Dubharan konnten vermutlich nicht genau feststellen, von wo das Aktivierungssignal kam. Sie haben offensichtlich Späher zu verschiedenen Orten geschickt, um zu ermitteln, an welchem Ort sich dieser Armreif befindet. Trotzdem haben sie die Aktivierung mitbekommen. Das alleine bedeutet, sie haben ihre Möglichkeiten verbessert und vermutlich ihren Einflussbereich ausgeweitet. Sie werden wieder stärker!«

Erneut schweigt er, um dann fortzufahren: »Daher ist es immens wichtig, dass Maireads Armreif vor ihrem Zugriff geschützt wird! Du musst sofort zurück und beobachten, was weiter geschieht. Falls es erforderlich ist, musst du den Armreif und dessen Träger schützen. Bitte sei diesmal wirklich vorsichtig, es steht viel auf dem Spiel!«

Roarke setzt noch hinzu: »Falls es nicht anders geht, musst du als letztes Mittel den Armreif nehmen. Damit kommst du zu mir, oder zu einem anderen der oberen Drei. Nur wir können ihn sicher verwahren, bis der auserwählte Besitzer des Armreifs gefunden ist.«

»Ich werde diesmal vorsichtiger sein und dich nicht enttäuschen!«

Finley lässt seine linke Hand auf dem Medaillon unter seinem Obergewand ruhen. Er spricht: »Portaro« und ist verschwunden.

Mittlerweile sind drei Tage vergangen, in denen Roarke unruhig auf Finleys Rückkehr wartet.

In dieser Zeit hat das wiederholte Verhör des Fauns nichts Neues ergeben. Angeblich weiß er nicht einmal, wie er in den Keller gekommen ist. Ein böser Zauberer muss ihm einen Streich gespielt und dorthin gezaubert haben. Solche Dinge geschehen immer wieder, besonders einem armen Faun kann so etwas ungestraft angetan werden. Er hat nichts Böses vorgehabt, sondern lediglich den Ausgang gesucht. Einen Auftraggeber gibt es nicht, also kann er auch keine Namen nennen. Der Faun bleibt verstockt bei seiner Version.

Am dritten Tag und nach einem weiteren, vergeblichen Verhör, sagt Roarke zu ihm: »Da du ja nur ein harmloser Faun bist, kann ich dich nicht weiter gefangen halten.«

Freudig blickt der Faun ihn an und setzt sich auf. Er zweifelt jedoch an den gehörten Worten: »Dann darf ich jetzt gehen?«

»Nein! Ich behalte dich noch etwas hier. Ich warte auf Nachrichten von einem Boten. Er versucht, die Wahrheit deiner Worte zu überprüfen.«

Niedergeschlagen legt sich der Faun wieder in die Ecke. Er faucht gehässig: »Mit einem Faun kann man es ja machen!«

Es ist kurz nach Mittag. Roarke pafft schnell nacheinander kleine Wölkchen in die Luft. Rauchringe wollen heute bei seiner Unruhe nicht gelingen. Die Luft flimmert und Finley steht mitten im Raum.

»Ah, endlich!« Roarke steht auf. »Erzähle schnell, was du festgestellt hast.«

Finley berichtet alles, was er bei Eila und ihrem Großvater beobachtet hat.

»Das Mädchen aus Maireads Haus ist zusammen mit dem großen Hund gerade im Zug Richtung Süden abgereist«, beendet er seinen Bericht.

»Gut. Gehe zu deinen Eltern und ruhe dich dort etwas aus. Am späten Nachmittag kommst du bitte wieder zu mir. Ich werde in der Zwischenzeit versuchen, einen Sinn aus deinem Bericht zu gewinnen. Vermutlich musst du noch heute Abend wieder los.«

Finley nickt kurz und verlässt den Raum. Roarke nimmt seine mittlerweile erloschene Pfeife, zündet sie umständlich wieder an. Er grübelt, die Stirn in schwere Falten gelegt. Er nimmt ein altes Buch zu Hilfe und blättert eifrig darin herum.

»Wohin geht die Reise, zu Artagan, Alveradis, Erdmuthe oder Sisgard? Nach Serengard und zu Wisgard kann ich ausschließen, da die Reise nicht in Richtung Norden erfolgt.«

Er grübelt lange weiter, bis es an der Tür klopft und Finley, auf seine Aufforderung hin eintritt. Der Rauch im Zimmer ist womöglich dichter als sonst, aber Roarke blickt zufrieden zu Finley.

»Hast du dich etwas ausgeruht?«

»Ja, ich fühle mich taufrisch.«

»Das ist gut, denn du musst auch sofort wieder los.«

Roarke erläutert Finley seine Überlegungen und schließt: »Also, das Mädchen ist Maireads Enkelin Eila. Sie ist offensichtlich der auserwählte Zauberer für Maireads Armreif. Mit Hilfe ihres Großvaters Brian, und vermutlich durch Aufzeichnungen von Mairead, wissen sie, – oder vielleicht vermuten sie es – , dass Eila in Gefahr ist. Da sie keine ausgebildete Zauberin ist, muss sie eine entsprechende Ausbildung bekommen. Brian kann sie nicht unterrichten, aber er kennt Erdmuthe als Ausbilderin aus Mairead Erzählungen und wird sie dorthin geschickt haben. Das passt auch zu der Fahrtrichtung ihres Zuges. Der große Hund ist wohl zum Schutz bei ihr, da Brian für die Begleitung auf der Reise zu alt ist.«

Finley nickt zustimmend.

»Da wir aber nicht wissen, wo sich Eila jetzt befindet, beginnst du am besten in der Nähe von Erdmuthe, also am Rande des Klosters »Das heilige Kreuz«. Von dort gehst du erst übers Moor und dann in Richtung der Eisenbahnstation, die ich dir genannt habe. So wirst du Eila finden.« Roarke fährt eindringlich fort: » Bitte beeile dich, vielleicht sind die Späher der Dubharan ebenfalls auf der Suche nach ihr!«

»Ich habe mich bereits von den Eltern verabschiedet und kann sofort los.«

»Das ist sehr gut. Und achte auf mögliche Späher. Vielleicht wirst du plötzlich angegriffen, also sei immer extrem vorsichtig!«

»Das werde ich« , erwidert er, jetzt ohne jede Überheblichkeit.

Seine linke Hand berührt sein Medaillon unter dem Obergewand, er spricht: »Portaro« und ist verschwunden.

»Und nun zu dir«, spricht Roarke den Gefangenen an.

»Kann ich jetzt gehen?«, fragt dieser harmlos zurück.

»Ja, du kannst weg von hier. Da du nichts weißt, macht deine Gefangenschaft hier keinen Sinn.«

»Wo bin ich hier eigentlich und wie komme ich zurück? Du musst mich wieder zurückbringen«, fordert er frech.

»Ich bringe dich hier weg, allerdings nicht dorthin, wohin du möchtest! Du sollst nichts verraten können und wirst an einem sicheren Ort untergebracht bleiben.« Damit umfasst er mit seiner linken Hand den rechten Arm des Faun, dann sind beide verschwunden.

Eine halbe Stunde später erscheint er wieder und setzt sich in seinen bequemen Lehnstuhl. Er lächelt etwas, stopft seine Pfeife neu, entzündet sie und pafft den ersten Ring in die Luft.

»Der Faun ist bei den Elfen in deren Festung Serengard gut und sicher untergebracht. Sobald das gefahrlos möglich ist, wird er freigelassen. Zuerst muss Eila in Sicherheit sein!«, murmelt er zufrieden. Ein weiterer Rauchring verlässt seinen Mund, von seinen Blicken verfolgt.

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9783742791160
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