Читать книгу: «Finde deine Lust!»
Nicole Siller
Finde deine
Lust!
Das Praxisbuch für weibliche Sexualität

Ich wähle hier die klassische (und nicht gendergerechte) Form des Schreibens – einfach, weil es leichter zu lesen ist.
STYRIA
BUCHVERLAGE
Wien – Graz
© 2019 by Kneipp Verlag
in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-9904-0582-6
Bücher des Kneipp Verlages gibt es in jeder Buchhandlung und unter www.kneippverlag.com
www.facebook.com/KneippVerlagWien
Illustrationen:
iStock by Getty Images: Cover (lila-es), S. 53 (sudowoodo), S. 82-83 (NLshop), S. 154-155 (NLshop), S. 187 (professorphotoshop), S. 191 (NLshop)
Ilona Braune: alle anderen Illustrationen
Autorenfoto (U4): Mirjam Reither
Cover: Oskar Kubinecz, Emanuel Mauthe
Layout und Buchgestaltung: Sebastian Carl
Lektorat: Kneipp Verlag
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Inhalt
Einleitung
Ein Streifzug durch die Vergangenheit der weiblichen Sexualität
Frauen und Sexualität heute
Den Frauenkörper verstehen: Gesundheit, Entwicklung, Anatomie
Fakten über die weiblichen Geschlechtsorgane
Wie wir ticken: Glaubenssätze, innere Regeln, Werte, Schuld, Scham
Sichtweise, Entscheidung, Haltung, Fokus
Bedürfnisse, Begehren – die Entscheidung für die Lust am Sex
PRAXISTEIL
Für Ihre sexuelle Persönlichkeitsentwicklung und -entfaltung
Bestandsaufnahme: Wie Sie in fünf Tagen erkunden, wo Sie stehen
Von der Lustlosigkeit zur sinnlichen Wahrnehmung: Eine Anregung und fünf Forschungsaufträge
Was denken Sie über Ihren Körper und über Sex? Sechs Anregungen für frische Einsichten
Orgasmus gestalten und genießen: Zwölf Anregungen für einen erhebenden Höhepunkt
Verführung, Inszenierung, Phantasie: Elf Anregungen für Singles und Paare (und eine Extra-Anregung)
Quellen
Danksagung
Einleitung
Wenn Sie diese Zeilen lesen, kann es gut sein, dass Sie sich gerade jetzt intensiver mit Lust, Sinnlichkeit und Ihrer Sexualität befassen wollen – und genau um diese Themen geht es hier in diesem Buch. Es streift kurz die „Entwicklungsgeschichte unserer Sexualität“, beleuchtet, welche Mythen damit noch immer verbunden sind, vermittelt Wissen und bringt Anregungen für die Praxis: Ich möchte mit Ihnen eine Vision entwerfen, die Sie anregt, im Sinne Ihrer eigenen Bedürfnisse zu agieren. Lassen Sie uns gemeinsam Ihre selbstbewusste, selbstverständliche, sinnliche Lust und Ihre Sexualität neu erkunden.
Es geht um Sie
Ich lade Sie ein, einen bewussteren, liebevolleren Blick auf Ihren Körper, auf Sie selbst, zu werfen. Lernen Sie die wichtigsten Fakten rund um Ihren Körper und Ihre sexuelle Gesundheit kennen. Lassen Sie sich inspirieren und mitnehmen zu mehr Freude und vielleicht sogar Begeisterung und Leidenschaft. Erkunden Sie neugierig die eigenen Gestaltungsspielräume, um Ihr Liebesleben wacher und lebendiger genießen zu können. Wenn Sie einen spielerischen Zugang zu Ihrer Sexualität entdeckt haben, werden Sie auch mutiger.
Dies ist ein Buch der Lebenslust. Entscheiden Sie, welche Anregungen Sie aufgreifen wollen. Manchmal braucht es ein bisschen Zeit, manchmal ist es nur ein einziger Schritt, den es für das Gelingen einer Veränderung braucht. Finden Sie heraus, was Sie benötigen, um Ihr eigenes Leben in neue Bahnen zu lenken und mehr Lebendigkeit zu verspüren – nicht um sich selbst zu „optimieren“, sondern um sich selbst mehr zu spüren und möglichst entspannt, sorgsam und liebevoll leben zu können. Nicht für die anderen. Für Sie. Wenn Sie für sich unterstützend und wohlwollend sorgen, geht es automatisch auch den anderen besser.
Setzen Sie sich mit Ihren – oft unbewussten – Glaubenssätzen und inneren Regeln auseinander. Wenn Sie diese erkennen, können Sie hinderliche Muster verändern oder loslassen. Finden Sie sinnliche und körperliche Anregungen, die Sie unterstützen können, Ihre wirklichen Bedürfnisse und Gefühle sowie Ihren Körper, wie er jetzt gerade ist, wieder intensiver und positiver wahrzunehmen.
Never too late
Zu Beginn einer Veränderung braucht es Erkennen und Mut. Wenn man bekannte Komfortzonen verlässt, kann es auch unbequem werden. Oft heißt es: Starten Sie jetzt, damit es am Ende gut wird. Wir wollen aber nicht auf ein Ende warten. Lebendige Sexualität verändert sich ein Leben lang, ob man will oder nicht – gestalten Sie Ihre eigene doch einfach mit. Es ist ein Weg, der niemals enden muss, auch wenn wir sicherlich mit 20, 50 oder 100 Jahren unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Falls Sie schon ein paar Jahre Erfahrungen mit Ihrem Sexualleben sammeln durften: Können Sie sich noch erinnern, was Sie im Laufe Ihres Lebens alles erlebt haben, was Ihnen richtig gutgetan bzw. was Sie so richtig erregt hat? Haben Sie Ihre erotischen Träume schon vergessen oder haben Sie noch Kontakt zu den Bedürfnissen, die in Ihnen schlummern? Worauf warten Sie? Egal ob Sie in einer Beziehung sind oder gerade allein, mit diesem Buch können Sie in jedem Fall sich selbst und Ihrer Sinnlichkeit näherkommen.
Ihre körperlichen, psychischen und mentalen Möglichkeiten und Bedürfnisse ändern sich im Laufe des Lebens. So ist es auch mit der Sexualität. Nur weil wir mit Anfang 20 vielleicht richtig viel Spaß am Sex haben und vielleicht auch ganz selbstverständlich tolle Orgasmen genießen, heißt das noch nicht, dass uns mit 57 dieselben Spielvarianten glücklich machen. Nur weil wir mit 35 noch keinen lustvollen Sex genossen haben, vielleicht noch nie einen Orgasmus hatten, heißt das noch lange nicht, dass wir nicht mit 36 oder 80 den besten Sex unseres Lebens genießen können.
Vor kurzem erzählte mir eine Frau, ihre Mutter hätte sich nun, mit 78 Jahren, einen Liebhaber zugelegt und erzähle ihr ständig, ob sie es hören wolle oder nicht, sie hätte den besten Sex ihres Lebens.
So keep on dreaming and dancing, till you meet a person you like to play with.
Vielleicht haben Sie keine Lust auf Sex und sind frustriert, weil Sie nicht wissen, wie Sie diese wieder aktivieren können? Solche Phasen gibt es im Leben fast jeder Frau (fast jedes Menschen!) – ob nach einer Schwangerschaft oder durch eine Beziehungskrise, durch Stress, Hormonumstellungen oder aus ganz anderen bzw. keinen erkennbaren Gründen. Diese Phasen können kommen und sie dürfen wieder gehen, dafür können Sie einiges tun. Und zwar genau so intensiv und in dem Tempo, wie es für Sie persönlich passt.
Ein ganzes Leben lang
Unser Bedürfnis nach Sinnlichkeit und Sexualität ist natürlich angeboren, unsere Sexualentwicklung aber dauert ein ganzes Leben, wie auch immer unser individueller Weg verläuft. Dass wir uns sexuell stetig weiterentwickeln – bewusst oder unbewusst –, ist vielen Menschen jedoch ein fremder Gedanke. Sie haben zum Teil kaum vermittelt bekommen oder gelernt, dass Sexualität etwas Wunderschönes sein kann, viel mehr als ein mechanischer Akt der körperlichen Annäherung. In unserer Gesellschaft – und ihren Medien – wird schließlich hauptsächlich suggeriert, nur junge und schöne Menschen seien attraktiv, begehrenswert und damit sexuelle Wesen.
Fakt ist jedoch, dass wir von der Entstehung bis zum Ende unseres Lebens sexuelle Wesen sind – selbstverständlich mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die mit Porno-Sex wenig bis nichts zu tun haben. Genuss und Sexualität sind nicht nur ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken, soziale Nähe und ein warmes Zuhause, sondern auch ein gar nicht so unwichtiger Faktor für Gesundheit.
Bereits 1975 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO per Definition festgehalten, dass sexuelle Gesundheit untrennbar mit Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden ist: Sexuelle Gesundheit ist ein Zustand des körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität und nicht nur das Fehlen von Krankheit, Funktionsstörungen oder Gebrechen. Sie setzt eine positive und respektvolle Haltung zu Sexualität und sexuellen Beziehungen voraus sowie die Möglichkeit, angenehme und sichere sexuelle Erfahrungen zu machen, und zwar frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Sexuelle Gesundheit lässt sich nur erlangen und erhalten, wenn die sexuellen Rechte aller Menschen geachtet, geschützt und erfüllt werden. Selbstverständlich gilt diese Definition für alle Menschen dieser Erde, egal, welcher Kultur und Religion, welchen Geschlechts oder welcher Herkunft sie sind.
Sexualität „weiterdenken“
Oft ist die eigene Sexualität tabu, während uns das Thema Sex gleichzeitig an jeder Ecke anspringt. Viele von uns durften im Heranwachsen einfach wenig sexuell wert- und lustvolle Bildung oder den entsprechenden Raum dafür genießen. Zu viele Menschen geben sich mit eingelernten Gewohnheiten, Mustern und ihren Trieben zufrieden, zu viele verheddern sich in ihrer Angst oder Scham und bleiben darin verwickelt. Wenn auch Sie dort verharren möchten, dann legen Sie dieses Buch einfach weg, verschenken Sie es oder werfen Sie es in den Müll.
Sie lesen weiter? Schön, dann können Sie sich in diesem Buch einiges bieten lassen: Ich möchte Sie hier – als Frau oder als Mann, der Frauen liebt – inspirieren, sich mit Ihrer Lust und Ihrer Sexualität auf verschiedenen Ebenen zu befassen, egal ob Sie in einer Beziehung oder „single“ sind, ob Ihr Begehr Männer, Frauen oder beide Geschlechter sind. Lassen Sie sich anregen, Ihre persönlichen Gewohnheiten und Normen zu erkennen und falls es für Sie passt, „weiterzudenken“.
Für die meisten Menschen ist es schwer möglich, in ihrem gestressten oder recht gleichförmigen Dasein auch Ekstase, Hingabe, Sexualität zu leben. Diese melden sich ja nicht immer so dringlich wie Hunger, Durst oder das Bedürfnis, zu schlafen. Sexualität ist nicht lebensnotwendig, die Lust darauf kann einfach einschlafen. Da heißt es also loszugehen – weg vom alltäglichen Funktionieren, von den Mythen und Ängsten, vom Pseudowissen und von der Unsicherheit, hin zu mehr Selbstbewusstsein, zu Spielräumen, Lust, Sinnlichkeit, Genuss und der Liebe zum Leben. Es gibt hier kein Richtig oder Falsch, solange Sie sich nicht auf Kosten oder zum Schaden anderer Befriedigung verschaffen. Es gibt hier keine Bewertung dessen, was Sie persönlich mögen oder was Sie erregt. Wann fühlen Sie sich so richtig lebendig? Wonach sehnen Sie sich? Was fehlt? Was brauchen Sie eigentlich nicht mehr? Was möchten Sie gerne beim Sex (er-)leben und wie können Sie dem näherkommen?
Wenn ich von Sexualität schreibe, meine ich damit nicht nur den Geschlechtsverkehr, auch kein „rein zielorientiertes Vorspiel mit darauffolgendem Geschlechtsverkehr“, ich betrachte Sexualität vielmehr ganzheitlich: Es geht dabei um Ihre Sinne, Ihr Wohlfühlen, Ihre Erregung, Ihre Genussfähigkeit und Freude, um Ihre Lust, Ihre Möglichkeiten, Ihre Phantasien und Ihre Körperlichkeit, Ihre Bedürfnisse.
Was die Wirtschaft mit unserem Sex zu tun hat
Was Sie hier nicht finden werden, ist ein Programm, um sich selbst zu optimieren, um „beim Sex besser zu funktionieren“, es geht nicht um Techniken und Stellungen, um Kalorienverbrauch oder Performance.
Medien und Wirtschaft präsentieren ein Zerrbild, zeigen uns, wo wir angeblich unzulänglich sind, damit wir manipulierbare Käuferherden werden bzw. bleiben. Je unzufriedener und unsicherer wir Menschen uns fühlen, umso eher kaufen wir „rasche Befriedigung“ bzw. „Belohnung“. Je öfter man uns sagt, dass wir mit Produkt X wieder sexy sind oder mit Produkt Y voll im Trend, umso kaufwilliger werden wir. Das einzige Ziel, das von der Wirtschaft und oft auch von den Medien verfolgt wird, heißt: in die eigene Börse arbeiten. Man suggeriert uns laufend, Glück sei nur etwas für die Jungen, Gesunden, Makellosen. Gehören wir nicht in diese Gruppe (und wer tut das schon?), könne man dem aber beikommen: Wir müssten uns nur jetzt dieses Produkt kaufen.
Wenn wir zu viel auf die Bewertungen anderer geben, entfernt uns das immer weiter von unserer eigenen Selbstwertschätzung und Zufriedenheit und damit auch von jener Basis, auf der entspannte, genussvolle Lust gerne wächst.
Generation Porno
In meiner Praxis habe ich immer öfter mit Menschen aus der „Generation Porno“ zu tun. Sie sind der festen Überzeugung, dass die verzerrten Spielfilmwelten einer realen Sexualität entsprechen. So erzählte mir ein Klient, Mitte 30, nennen wir ihn Max, er habe seine Freundin vor etwa zwei Jahren kennen gelernt und sei zu Beginn völlig irritiert gewesen, weil sie beim Sex „den perfekten Pornostar“ abgegeben habe. Viele junge Menschen möchten von anderen als „gut im Bett“ beurteilt werden und lassen sich nicht darauf ein, die eigene Sexualität zu entwickeln. Freilich, auch früher hat es das schon gegeben, nur verdichten sich heute durch den Pornografie-Overflow die Ansprüche. Bereits Kinder werden damit konfrontiert. Was macht es mit ihnen, wenn sie so aufwachsen und schon vor der Pubertät den Kopf voll einseitiger, oft sehr roher und verzerrter Bilder haben? Wie sollen sich da die eigene Sexualität und die eigenen Erregungsmöglichkeiten natürlich entfalten?
Zurück zu Max: Seine Freundin lernte mit der Zeit und durch seine ehrlich geäußerten Anregungen ihre eigenen authentischen Bedürfnisse in der Sexualität kennen. Das ging nicht von heute auf morgen, es brauchte offene Worte, Sicherheit und Vertrauen. Nun hat die junge Frau einen völlig anderen, lustvolleren Zugang gewonnen, sie gibt nicht mehr vor, sondern genießt und gestaltet ihre Sexualität mit einem Mann erstmals so, wie es ihr guttut – und auch Max. Wir brauchen mehr Menschen, die keine Show machen, sondern ein neugieriges und entspanntes Spiel gestalten, bei dem es vor allem um sinnliche Genüsse und echte Nähe geht.
Sie bekommen hier wohltuende Anregungen, wenn Sie …
•keine Lust auf Sex haben und nicht wissen, wie Sie die Lust wieder aktivieren können
•nicht abschalten können, weil der Kopf ständig an tausend Dinge denken muss
•schon lange keinen Sex mehr mit jemandem hatten und denken, das wird auch nichts mehr
•beim Sex einfach mitmachen, alles über sich ergehen lassen, vielleicht aus Angst, dass er oder sie sonst geht
•sich beide auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt haben und diesen laufend wiederholen
•sich in Ihrem Körper nicht wohlfühlen, wenig Zugang zu Ihrer Sinnlichkeit haben
•sich beim Sex kaum noch spüren
•Angst haben, sich nackt zu zeigen mit ihren lustvollen Bedürfnissen
•sich nicht hingeben können, aus Angst, verletzt zu werden
•Sex einfach auf Ihrer To-Do-Liste stehen haben, er erledigt wird, ohne Sie zu berühren
•in Ihrem Kopf Dinge hören wie „Das gehört sich nicht“ oder „Das tut man nicht“
•Sex nicht als sehr befriedigend empfinden, sondern nur als okay
•nicht wissen, wie Sie Ihrem Partner zeigen oder sagen können, was Sie wollen
•(und Ihr Partner?) darauf warten, dass von selbst etwas Lustvolles passiert
Ich schreibe für Sie, für die Frauen, die mehr wollen und auch bereit sind, etwas dafür zu tun. Wenn wir etwas ändern wollen, dann hilft es, einen Entschluss zu fassen, einen Sinn zu erkennen oder eine spürbare Verbesserung anzustreben. Der bestimmt aufwendigere Teil ist dann jener des Übens und Dranbleibens, bis das, was Sie sich wünschen, zur neuen, prickelnden Gewohnheit geworden ist. Hirnforscher sagen, es dauert zumindest 21 Tage, bis Sie Ihren Kopf überzeugt und eine neue Spur gelegt haben.
Das faule Gehirn braucht einen Anreiz und ein bisschen Ausdauer
Sie gehen gerne spazieren, haben Ihre bekannten Wege. Meist gehen Sie früher oder später über eine große Wiese, vielleicht auch eine größere Lichtung. Sie gehen den Ihnen bekannten und ausgetretenen Pfad – Sie sehen ihn genau, er führt quer und direkt über die Wiese, es ist ein feiner, kleiner Weg, deutlich sichtbar. Rundherum darf sich die Wiese entfalten, die Gräser und Blumen stehen manchmal kniehoch.
Nun hat Ihnen jemand verraten, dass es an einer bestimmten Stelle am Rand, ganz weit hinten und ganz versteckt, wunderbare Himbeer- und Brombeersträucher gibt. Sie sind neugierig geworden und haben Lust bekommen, die Sträucher zu suchen, verlassen also den Pfad und wandern suchend über die Wiese. Und Sie finden die Stelle! Wunderbar! Hmmm, das wird ein Fest! Die Beeren sind noch längst nicht reif, aber Sie wissen jetzt immerhin, wo sie auf Sie warten werden. Sie gehen also zurück auf den bekannten Pfad und den bekannten Weg weiter. Und Sie nehmen sich vor, nun jeden Tag zu den Beeren zu gehen, um nachzuschauen, ob Sie schon reife Früchte ernten können. Vielleicht sind die Himbeeren ja etwas früher genießbar als die Brombeeren – oder umgekehrt?
Am nächsten Tag finden Sie schon etwas rascher und direkter zu den Sträuchern. Einige Umwege, die Sie tags zuvor zurückgelegt haben, machen Sie nicht mehr. Sie entdecken, wie viele Sträucher da sind. Haben die Beeren nicht bereits einen Hauch mehr Farbe? Tag für Tag machen Sie sich nun auf zu den Sträuchern. Zu Beginn ist es noch etwas mühsam, aber nach einigen Tagen wissen Sie genau, wo Sie abbiegen müssen – Sie haben das Gefühl, dass es schon einen kleinen Trampelpfad gibt, finden sich von Tag zu Tag ein wenig besser zurecht und meinen, den Weg zu kennen.
Dann fahren Sie ein paar Tage weg, nur ein verlängertes Wochenende. Bereits auf dem Heimweg freuen Sie sich auf Ihren gewohnten Spaziergang und natürlich auf „Ihre“ Beerensträucher. Neugierig gehen Sie gleich los – und stellen fest: Da gibt es nichts mehr zu sehen. Sie haben keine Ahnung, wo der Weg gewesen sein könnte, die Wiese hat sich sofort wieder ausgebreitet, das Gras ist höher als zuvor. Aber Sie lassen sich nicht entmutigen, wissen ja bereits, was Sie erwartet, und beginnen von vorne, Ihren Weg zu suchen und zu finden.
Diesmal bleiben Sie dran: Bei Ihrem täglichen Spaziergang, manchmal in Begleitung eines netten Menschen, manchmal mit Ihrem Hund, bauen Sie den kleinen Schlenker fix ein. Sie freuen sich: Die Beeren reifen merklich. Nach einiger Zeit werden Sie endlich mit den ersten Früchten belohnt. Wie gut und süß die schmecken! Ihren Weg finden Sie inzwischen ganz selbstverständlich, Sie haben sich wieder einen zarten Pfad über die hohe Blumenwiese „ergangen“. Nach ein paar weiteren Tagen beginnt die „große Erntezeit“, Sie nehmen sogar einen Becher von zu Hause mit, den Sie mit den frischen Früchten füllen (dann haben Sie auch später noch etwas davon).
Ihr täglicher (Um-)Weg ist zu einer wohltuenden Gewohnheit geworden. Auch als längst schon alle Früchte abgeerntet sind, schlagen Sie den Haken über die Wiese, um nachzusehen, wie es Ihren Beerensträuchern geht.
Genau so funktioniert unser Gehirn: Wenn Sie etwas verändern möchten, ist es zu Beginn oft mühsam. Das Gehirn ist nämlich faul und benötigt deutlich mehr Energie, wenn es Neues verarbeiten soll. Anfangs müssen Sie vielleicht täglich aufs Neue die Entscheidung treffen, dass Sie sich auf den Weg machen wollen. Es ist noch nicht zur Gewohnheit geworden, Sie probieren erst aus und üben. Nach einigen Tagen bekommen Sie langsam eine Ahnung, ob Sie sich für den passenden Weg entschieden haben, ob es überhaupt sinnvoll ist, ihn auf diese Art und Weise zu gehen, oder ob Sie doch noch etwas verändern möchten. Auch das „innere Belohnungssystem“ will überlistet werden – sind wir es doch gewohnt und geradezu aufgefordert, rasch, sofort, gleich Erfolg zu haben: Wir wollen den schnellen Kick. Bleiben Sie dran – nach ungefähr drei Wochen läuft es schon viel besser oder sogar ganz wie von selbst.
Warum ich Ihnen das so ausführlich erzähle? Weil ich Ihnen vermitteln will, dass es auch Ihre bewusste Entscheidung ist, wie Sie „Ihr Leben leben“. Darf es lustvoll sein und Freude machen? Dürfen Sie glücklich sein? Leider sieht kein Bildungssystem der Welt derzeit vor, Menschen darin zu schulen, ihr Leben freudvoll zu gestalten (mit Ausnahme von Bhutan mit seinem „Bruttonationalglück“). Statt den Fokus in der Bildung auf die Talente, Stärken und Bedürfnisse der Schüler zu legen, lernen wir, unsere Schwächen zu bekämpfen.
Wir sind oft nicht darin geübt, Entscheidungen für etwas zu treffen, und schon gar nicht darin, wirklich lustvoll und freudig im Einklang mit unseren Bedürfnissen zu leben. Dabei ist jeder einzelne Mensch viel produktiver, motivierter und gesünder, wenn er Dinge tun kann, die er für sinnvoll erachtet, die ihm Freude bereiten, leicht fallen und gelingen. Ein lustvolles Leben ist die beste Voraussetzung, um lustvollen Sex zu haben – auch wenn da vielleicht noch ganz andere Komponenten mitspielen.
„Es gibt natürlich auch zufällig guten Sex, aber ich warte nicht darauf, dass er manchmal einfach passiert, ich möchte etwas für mein sexuelles Wohlgefühl tun!“
Eine Klientin, 39
Ein Streifzug durch die Vergangenheit der weiblichen Sexualität
Warum wir Frauen heute da stehen, wo wir stehen
Wie unsere (Ururur…-)Ahnen tatsächlich gelebt haben, lässt sich in den meisten Fällen nicht wirklich detailliert belegen. Immer noch wirft jedes „Fundstück“ neue Fragen für Archäologen und andere forschende Experten auf. Trotzdem wage ich hier eine kurze Rückschau – und ein paar Gedanken.
In jedem Fall gab es über die Jahrtausende hinweg völlig unterschiedliche Formen des menschlichen Zusammenlebens. Ob patriarchal oder durch ein Matriarchat geprägt, ob in Sippen oder familienähnlichen Strukturen organisiert – die Kulturen waren bis vor relativ kurzer Zeit ziemlich unterschiedlich, manchmal sogar von Landstrich zu Landstrich oder gar von Tal zu Tal. Wie genau sie organisiert waren, kann nur vermutet werden. Hier gibt es völlig unterschiedliche Zugänge, was wohl auch daran liegt, dass die „Beweislage“ nur sehr lückenhaft ist bzw. immer nur aus heutiger Sicht interpretiert werden kann.
Auf der Suche nach Nahrung waren die Menschen in Horden bzw. später in Sippen unterwegs. Während dieser Zeit, so vermutet man, wurden die Kinder eher den Frauen „zugeordnet“. Man nimmt auch an, dass die Frauen einer Sippe ihre Kinder gemeinsam aufzogen und sich gegenseitig unterstützten. Die Zeugung eines Kindes fand – vielleicht auch nur in manchen Kulturen? – ohne familiäre Verpflichtung für den Mann statt. Ein Liebesspiel war Wunsch der Frau. Man nimmt auch an, dass die Frau wählen konnte, mit wem sie geschlechtliche Liebe, Sexualität, genießen wollte. Rein körperliche Vereinigungen, also ohne Liebe, waren vermutlich normal, eine entsprechende Beziehung gab es angeblich nur, solange es „passte“ (Freude gemacht hat?). Man vermutet zudem, dass es möglich war, mehrere Lieben parallel zu genießen.
Moral und Macht
Vor rund 400.000 Jahren wurden die Vorfahren des heutigen Menschen durch den Klimawandel gezwungen, von Sammlern zu Jägern zu werden. Durch Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe wurde die Nahrungssuche einfacher und so konnte sich eine „kooperative Moral“ entwickeln. Vor rund 150.000 Jahren soll sich daraus dann ein gemeinsames Verständnis von Mitgefühl und Loyalität, ein Gespür für Richtig und Falsch entwickelt haben – also eine Art Gruppenmoral. Dies war die Basis für die Ausprägung eines gemeinschaftlichen kulturellen Weges und die Grundlage für eine kommunikative Kooperation, aber auch für die Entwicklung von Individualität.
Das menschliche Rollenverhalten änderte sich über die Jahrtausende durch sich ebenfalls verändernde moralische Rahmen. Ein besonders markanter Einschnitt war die Entwicklung der Landwirtschaft und der Sesshaftigkeit. Nahe dem heutigen Jericho wurde die bisher älteste Siedlung entdeckt, sie soll rund 10.500 Jahre alt sein. Mit der Sesshaftigkeit begann die Zeit der „mächtigen, starken Männer“, da eher Männer Besitz aus Beutezügen brachten. Wer Land und Besitz hatte, war mächtig (Vermögen zu sammeln und zu halten, hieß mächtiger werden) – und diese Tatsache war der Nährboden für die Entstehung des Konkurrenzverhaltens. Es kam zu Kriegen, man kämpfte, raubte und verteidigte sich. Und „man“ ist hier tatsächlich mit „Mann“ gleichzusetzen: Es waren Männer, die Kriege führten, und Männer, die Frieden schlossen.
Warum Frauen treu sein sollten
Mit der Sesshaftigkeit wurden die Kinder vermutlich den Männern „zugeordnet“. Die schlichte Formel lautete: überleben, fortpflanzen, vererben. Die Treue der Frau wurde immens wichtig, vor allem, damit der Mann auch sicher(er) sein konnte, dass er tatsächlich die von ihm gezeugten Kinder versorgte. So entwickelten sich auch bei Paaren Machtstrukturen bzw. Einschränkungen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann die Unterdrückung der natürlichen sexuellen Bedürfnisse der Frau.
Frauen wurden am eigenen und freien Lustempfinden gehindert – zum Beispiel durch äußerst harte Maßnahmen wie das Einschnüren der Füße und das Beschneiden der Klitoris, durch Keuschheitsgürtel, aber auch durch Beschimpfungen oder Beurteilungen wie Hure, Schlampe, Nymphomanin usw. Unsere Ahninnen mussten zu oft lernen, frau ist besser nicht lustvoll, denn das tut weh. Wenn frau sich auf diese Art zeigte, so war das tendenziell nicht gesellschaftskonform, es gehörte sich nicht. (Woll-)Lust wurde mit der käuflichen Liebe, also der Prostitution, verbunden. Wertvolle und ehrwürdige Frauen hingegen wurden vom Mann (Vater) an den Mann (Ehemann) übergeben und keinesfalls als selbstverantwortlicher, gleichwertiger Mensch behandelt. Eine zur (Ehe-)Partnerin gewählte Frau sollte ehr- und berechenbar, verlässlich, sanftmütig und gehorsam sein und Mann und Kinder umsorgen.
Weibliche Lust habe weibliche Autonomie und somit auch Macht bedeutet – und bedeute es auch jetzt noch, sagt Sandra Konrad in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht“. Aus heutiger Sicht wisse man, dass diese Kombination Männern durchaus auch Angst mache – was vor allem dann der Fall sei, wenn die Gesellschaft sexuellen Bedürfnissen und Frauen kritisch gegenüberstehe. Unterdrückte Begierde könne zu einer explosiven Mischung aus Scham, Schuld und Hass werden – ob im Mittelalter oder in unseren Tagen, in den USA oder im Iran, im Islam oder im Katholizismus. Und gerade diese Mischung richte sich oft gegen Frauen und/oder Minderheiten.
Der Mann wollte als Ehefrau also kein lustvolles, selbstsicheres und starkes Weib, das seine sexuelle Energie lebt und in ekstatischen Momenten außer sich geraten kann – aber natürlich wissen wir nicht, was hinter verschlossenen Türen abgelaufen ist. Akzeptiert oder gesellschaftlich anerkannt war die lustvolle Frau jedoch nicht (und das ist oft heute noch so).
Die Ehe im Wandel der Zeit
Die generellen Möglichkeiten und Rechte der Frau änderten sich auch mit der Entwicklung der „fixen Ehe“. Der Mann war in erster Linie für die materielle Basis, für Besitz und Außenleben (später das gesellschaftliche Leben) zuständig, die Frau für das innerfamiliäre Leben, also Haushalt, Kindererziehung etc.
Bildung für Frauen, das war nicht erwünscht und wurde dementsprechend nicht gefördert – es hätte zu unabhängig gemacht. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten Frauen in Deutschland ein Studium aufnehmen – was noch lange nicht hieß, dass sie Bildung tatsächlich „genießen“ durften. Auch und gerade während der Zeit des Nationalsozialismus war Bildung für Frauen kein Thema.
Zu einer weitgehenden Gleichstellung von Mann und Frau kam es zum Beispiel in Österreich erst durch die Familienrechtsreform 1975! Bis dahin konnte ein Mann den Job seiner Frau kündigen und ihr Einkommen verwalten – und somit über den Kopf der Frau hinweg entscheiden! Dieser Zeitpunkt ist mit Blick auf unsere Evolution nur einen Wimpernschlag her, also ganz und gar nicht lange.
Da die Ehe bis vor etwa zweihundert Jahren vor allem eine Versorgungseinrichtung war und Romantik und Liebe erst später entscheidend wurden, lag lange Zeit der Schluss nahe: Ehe und lustvolle Sexualität gehören nicht „logischerweise“ zusammen. Vor diesem Hintergrund sprach man über Sexualität in einer festen Beziehung wie der Ehe von ehelichen Pflichten – ein Lustkiller schlechthin (der sich sehr lange recht gut behauptete). Frau sollte sich mit ihren wahren Bedürfnissen nicht zeigen, man(n) musste sich nicht anstrengen – es ist noch nicht so lange her, da war Sexualität für viele die rasche, zielgerichtete Entladung des Mannes in der Frau. Punkt. Das reichte als schlichte Triebbefriedigung des Mannes, reichte, um Kinder zu zeugen. Man hatte ja als Mann immer noch die „weitgehend geduldete“ Möglichkeit, seine Lust an Geilheit, erotischem Spiel oder Ekstase mit Mätressen oder in Bordellen auszuleben.
Hysterische und frigide Frauen
Frauen, die ihre Lustbedürfnisse und ihre Sexualität nicht ganz unterdrücken wollten oder konnten, nannte man hysterische Frauen – und ihrer gab es nicht wenige. Manche der wohlhabenderen wurden zum Arzt geschickt, der sie gar nicht so selten manuell zum Orgasmus massierte. Was für ein Job – man stelle sich das heute vor! In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfand der britische Mediziner Joseph Mortimer Granville schließlich den Vibrator, die Handarbeit war vielen Ärzten zu mühsam geworden (danke, Joseph Mortimer Granville!).
Auf der anderen Seite wurden (und werden bis heute) Frauen als frigide bezeichnet – nämlich dann, wenn sie sich dem Sex, aus welchen Gründen auch immer (Angst, Traumata, Unwissenheit, körperliche Einschränkungen, Schmerzen, hinderliche Glaubenssätze etc.), nicht hingeben konnten, bzw. wenn es nicht möglich war, ihrem Mann durch reinen Geschlechtsverkehr seinen Orgasmus zu schenken.
Sandra Konrad weist in „Das beherrschte Geschlecht“ darauf hin, das weibliche Lust ein Mysterium war und es teilweise noch immer ist. Je nach Epoche und Zeitgeist habe eine andere Haltung vorgeherrscht: Entweder hätte sie gebändigt oder geweckt werden müssen, wäre sie gefürchtet oder herbeigesehnt, überhöht oder übersehen worden. Einst sei sie unterdrückt worden, heute werde sie per Pille verschrieben.
Ein wechselhaftes 20. Jahrhundert
Im vergangenen Jahrhundert gab es dann wohl die komprimierteste Entwicklung „rund um die weibliche Sexualität“ und starke Pendelausschläge in unterschiedliche Richtungen. Den schweren Jahren während des Ersten Weltkrieges folgten die wilden 20er und die schlimme Zeit des Zweiten Weltkrieges. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit, der Beginn der Emanzipationsbewegung und des Feminismus, das 68er-Jahr mit den Versuchen der freien Liebe – die Herausforderungen, aber auch die neuen Möglichkeiten waren da für manche groß.
Mit Willen und Mut auf neuen Wegen
Zusammenfassend kann man sagen: Trotz all der widrigen Umstände haben Frauen aber immer wieder auch Wege gefunden, ihre Sexualität lustvoll zu leben, vorausgesetzt, sie wollten es und waren mutig genug – wenn schon nicht wirklich frei, selbstbestimmt und gleichwertig.
Frauen und Sexualität heute
Männliche Sichtweisen – noch zeitgemäß?
Wir waren und sind in unserer Lust immer noch von männlich dominierten Maßstäben und Bewertungen abhängig. Gerade auf „moderneren Kanälen“ wie Instagram, Facebook, Snapchat & Co scheint sich nicht viel geändert zu haben – zu oft fragen sich Frauen dort (wenn auch nicht direkt): Gefalle ich?
Der Beginn und das wahre Leben
Heute wissen wir definitiv sehr viel darüber, wie eine sinnliche, erotische Liebe beginnt, besser gesagt, wie sie beginnen sollte. Man denke an Tinder und all die anderen Plattformen: Hier erwarten wir uns schon vor dem ersten Treffen ausreichend Wissenswertes – ein entspanntes Sich-Annähern, ein wirkliches Kennenlernen durch Begegnung braucht dann etwas Zeit. Auch die Filmindustrie zeigt uns allerorten, wie Liebe starten und sein soll: romantisch, leidenschaftlich, für immer. Allerdings endet beinahe jeder Film dort, wo das wahre Leben beginnt.
Anziehung und dann?
Wie auch immer wir „gestartet“ sind, Sexualität beginnt meist mit einer starken Anziehung – das ist heute oft DER Grund, warum wir uns für jemanden entscheiden. Falls eine Beziehung daraus wird, also mehr als nur das Begehren verbindet, eröffnen sich – theoretisch – durch gemeinsames Gestalten, Probieren, Annehmen und Verführen bzw. Sich-verführen-Lassen unendliche Spielfelder. Viele erwarten jedoch, dass es von selbst so bleibt, wie es zu Beginn war. Das passiert in den allerwenigsten Fällen.
Wie Liebe bzw. Beziehung so gelebt wird, dass sie zumindest über einen gewissen Zeitraum für beide Teile als anregend, nährend, freudig und lustvoll erlebt werden kann – das zeigen uns die Filme nicht. Aber auch im echten Leben gibt es hier oft wenig Kompetenz. Natürlich haben sich neue Formen der Partnerschaft entwickelt und sind inzwischen salonfähig geworden: Gar manche Ehe (bisweilen sogar jede zweite!) hält nicht mehr bis in alle Ewigkeit, im Laufe des Lebens gibt es für viele Menschen mittlerweile mehrere Lieben und Beziehungen (schön, dass wir heute entscheiden können). Ob die dadurch gewonnenen Erfahrungen aber immer „lehrreich“ waren oder ob die „alten“ Muster weitergelebt werden, sei dahingestellt.
Über viele Generationen vererbte und oftmals auch unbewusst weitergegebene Verhaltensmuster und Sichtweisen wirken natürlich immer noch nach. Auch wenn wir dies partout nicht mehr wollen und uns selbst ganz bewusst und achtsam verhalten, es ist unsere Entwicklungsgeschichte: So manche Denkweise, so mancher moralische Anspruch sind auch heute noch dermaßen in uns Frauen verankert, dass wir nicht erkennen, wie sehr wir uns selbst und einander einschränken. Glaubenssätze und Mythen hemmen uns heute wie damals.
Mythen, Mythen, Mythen
Es gibt reihenweise Literatur über Mythen, die uns nach wie vor prägen – hier seien nur einige erwähnt: Das erste Mal tut weh, ein Orgasmus gehört immer dazu, Männer wollen immer, Männer können immer, der Orgasmus des Mannes ist wichtiger, nur spontaner Sex ist gut, Pornos stimulieren, je größer der Penis, umso mehr Spaß für sie, nur Frauen können einen Orgasmus vorspielen, bei richtig gutem Sex kommen immer beide gleichzeitig, frau muss nicht erregt sein, einen Penis aufnehmen kann sie immer usw. usf.
Das Glück des Mannes heißt: ich will! – Das Glück des Weibes heißt: er will!
Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“
Mythos gute Mutter
Auch heute noch haben viele das Bild der „guten Frau“ im Kopf. Die Hure oder Schlampe, also der sexuell aktive, lustvolle und freie Teil der Frau, hat spätestens mit dem ersten Kind und den Herausforderungen des Alltags das Ehebett zu verlassen. Die Frauen, mit denen Männer eine alltagstaugliche Partnerschaft leben und Kinder großziehen möchten, soll doch bitte seriös, mütterlich, verständnisvoll, schon auch selbstständig, in jedem Fall aber alltagstauglich und geduldig sein.
Die Guten ins Töpfchen
Wir müssen nicht weit schauen: Einige der alten Geschichten und Verhaltensweisen sind wir vielleicht zum Teil losgeworden, dafür haben wir uns neue geschaffen: Die allgegenwärtigen Medien halten uns ständig vor Augen, wonach wir uns richten sollen, wenn wir – bis zu einem gewissen Grad – dazugehören wollen.
Wir alle sind nicht frei davon, uns manchmal zu denken: So wie die würde ich nie außer Haus gehen, die bleibt auch nur des Geldes wegen etc. Unsere Gesellschaft kennt viele destruktive Regeln, die beide Geschlechter in enge Rollen zwängen wollen, denn so ist die Masse auch leichter zu formen. Viele neue Regeln sind zu oft auch stark männlich dominiert und werden von Frauen bewusst oder unbewusst mitgetragen.
Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gelingt immer öfter, wenn wir Frauen aufhören, einander eifersüchtig zu bewerten bzw. zu bekämpfen. Es ist wunderbar, zu sehen, wie Frauen einander stärken, wohltun und Kraft schenken können. Persönlich, privat und beruflich, also in jeder Hinsicht, wenn sie wollen.
Die Generation Porno und ihre Mythen
Heute ist es in erster Linie auch die Pornoindustrie, die ständig neue Mythen schafft: Frauen kommen alleine durch wilden Geschlechtsverkehr, Analverkehr ist ganz normal, wer nicht mitmacht, ist verklemmt, Männer spritzen immer weit, alle Frauen lieben Oralsex und schlucken, Gefühle und Sex müssen nichts miteinander zu tun haben, Blasen ist ein Freundschaftsdienst, das kann frau immer, das ist kein Sex, Gruppensex ist normal, Männer können mindestens dreimal hintereinander entladen, die moderne, aufgeschlossene Frau macht alles mit. Sie und ich wissen: Diese Liste könnte noch sehr viel länger werden.
Pornos können anregen und inspirieren. Die Dosis macht das Gift – Pornos stumpfen bei häufigem oder ständigem Konsum auch ab. Wie viel Neues braucht es, was sorgt für den zusätzlichen Kick? Kann eine reale Frau, ein realer Mann noch genügen? Die eigene Phantasie wird faul – lieber konsumieren wir, als selbst auf Phantasiereise zu gehen. So bekommt uns dieser Industriezweig immer mehr in den Griff, wir wollen mehr, wir wollen es härter, brutaler … Von einer lustvollen, sinnlichen Hingabe, vom leidenschaftlichen oder liebevollen Erkunden der eigenen Bedürfnisse im erotischen Spiel, dem mutigen Sich-Zeigen und Ausprobieren sind wir hier meilenweit entfernt.
Immer öfter kommen – auch sehr junge – Menschen zur Sexualberatung. Sie sind verunsichert, weil sie ihre Sexualität real ganz anders leben möchten, aber oft nicht wissen wie. Viele bemerken, dass Sex sehr hohl sein kann, wenn es nur um raschen Konsum geht, wollen aber dennoch gefallen, „gut im Bett“ sein und mitspielen.
Eine zwanzigjährige Klientin durfte ich bei der Erforschung ihrer Bedürfnisse unterstützen – und auch dabei, „mutig“ zu werden, um ihrem Freund zeigen und sagen zu können, was sie wirklich wolle. Die beiden waren schon seit zwei Jahren zusammen und Sexualität hatte stets geheißen: Küssen mit folgendem Geschlechtsverkehr. Er wünschte sich auch für seine Freundin Orgasmen, hatte aber keine anderen Bilder im Kopf. Letztendlich brauchte es nicht viel, um die beiden zu ermutigen, sich gegenseitig neugierig und zärtlich zu „erforschen“. Die junge Frau erblühte und ihr Freund war unendlich dankbar dafür, lernen zu können. Wären doch mehr junge Menschen so mutig!
Gleichwertige Beziehung – guter Sex
Es ist nicht sexy, wenn Männer sich aus dem Haushaltsmanagement oder dem familiären Alltagsleben ausklinken. So manche Statistik belegt: Je gleichberechtigter und selbstverständlicher ein Mann zu Hause Aufgaben übernimmt, umso freudiger ist die Beziehung und umso besser ist der Sex. Das gilt übrigens auch für den Single, der seinen Haushalt selbst gut organisiert und das mit einer neuen Beziehung nicht automatisch bleiben lässt. Warum das so ist? Vielleicht deshalb: Wenn beide berufstätig sind und die Frau immer noch Regeln aufstellen, bitten oder kommandieren muss, bzw. wenn sie die Verantwortung für das Haushaltsmanagement ganz allein tragen soll, ist die Beziehung nicht gleichwertig. Punkt. Und das wirkt sich auch auf der sexuellen Ebene aus. Punkt. Welche Frau findet einen Mann, der sich quasi auf ihren Schultern ausruht oder wie ein Kind auf Anweisungen von ihr wartet, wirklich attraktiv?
An dieser Stelle möchte ich allen Frauen und Männern danken, die dazu beigetragen haben, dass Frauen anerkannt und „gleichwertig“ werden durften und wir heute da stehen, wo wir eben stehen. Wir sind unterwegs: Es gibt immer mehr Frauen, die ihre Rolle mutig, individuell und neu gestalten und immer mehr Männer, die ganz selbstverständlich ihren Part dazu beitragen.
Auch der Mann ist unterwegs
Wir dürfen nicht übersehen: Auch zahlreiche Männer sind heute in ihrer Rolle mehr als verunsichert. In vielen Bereichen müssen neue Verhaltensweisen gelernt werden, weil die alten, über lange Zeit gewachsenen, anerkannten und erwünschten nicht mehr passen. Woher bezieht ein Mann in unseren Tagen seinen Selbstwert, seine Sicherheit? Frauen brauchen Männer oft nicht mehr als Beschützer oder Versorger, welche Rolle kann und will der Mann da spielen? Machos sind nicht mehr gefragt, Softies auch nicht – was wollen wir? Wie viele Männer haben den Mut, selbstbewusst, offen, neugierig und abseits aller Performance, Frauen psychisch, emotional und körperlich nackt zu begegnen? Es braucht schon wirklich Mut und Selbstreflexion, wach und entspannt Mensch zu sein – egal, welchem Geschlecht man angehört.
Danke, Papst Franziskus!
Und weil wir gerade bei Männern sind: In den allermeisten Glaubensgemeinschaften sind sie der bestimmende Part, während das „Frauenbild“ oft mehr als antiquiert ist. Auch in unseren Tagen fördern Religionen die freie Entwicklung der Frau und – vor allem – ihre selbstbestimmte und gesunde Sexualität „eher nicht“. In vielen Kirchen herrscht nach wie vor die Meinung, Sexualität diene ausschließlich der Fortpflanzung – dabei ist sie ein so wichtiger Faktor für ein Wohlbefinden, das alle Aspekte des Menschseins umfasst. Erst im September 2018 gab es so etwas wie eine Art „Sanctus“ der katholischen Kirche, als Papst Franziskus vor einer Gruppe französischer Studenten sagte: „Sex ist eine himmlische Gabe. Die Sexualität, der Sex, ist ein Geschenk Gottes, kein Tabu“. Na, es wurde aber auch Zeit!
„Mann“ will es richtig machen
Ich arbeite manchmal mit Männern, die ihre Frau auch beim Sex mit allen Konsequenzen als gleichwertige Partnerin anerkennen möchten, jeden Handgriff sorgsam überlegen und darauf achten, dass es ihr gut geht. Es sind auch Männer, die beim sexuellen Spiel immer wertschätzend und politisch korrekt sein möchten. Die lieber zu oft fragen oder ihr einfach die Führung überlassen. Es sind Männer, die sich kaum noch trauen, zu tun, leidenschaftlich zuzupacken. Solch ein politisch korrektes Liebesspiel kann schnell kippen und zur „liebevoll gemeinten Dienstleistung an der Frau“ werden. Letztendlich sind solche Männer das Spiegelbild jener Frauen, die eben mitgespielt oder Sex über sich ergehen haben lassen. Lustvoll gemeinsam gestalten geht anders.
Apropos – was ich hier noch gesagt haben will: Halleluja, ich freue mich über jeden Mann, mit dem ich arbeiten darf, der ein ehrliches Interesse daran hat, dass die Frau, mit der er seine Sexualität langfristig teilen möchte, ihr individuelles, lustvolles, sexuelles Wesen entfalten kann.
Klarer Grundsatz – wir wollen miteinander
Ja, es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern, dem Himmel sei Dank. Es geht aber in keiner Weise darum, gegen Männer zu agieren oder sie zu bewerten – ganz im Gegenteil. Gerade unsere geschlechterspezifischen Stärken machen Reibung, Entwicklung und Anziehung aus. Wie einfach darf umdenken funktionieren? Die immer noch andauernde Berichterstattung in den Medien mit Überschriften wie „Warum es einfach nicht klappen kann mit Männern und Frauen“ wollen wir mittlerweile alle nicht mehr hören oder lesen. Da werden nur künstlich Gräben aufgerissen, die letztendlich nichts anderes tun als weh.
Die Idee einer freudigen, lustvollen und großen Vision
Heute gibt es für Frauen viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten, ihr Leben und damit auch ihr Sexualleben selbstbewusster und selbstwirksamer zu gestalten. Das Schöne ist, es gibt auch immer mehr Männer, die wissen, dass es allen besser geht, wenn frau lustvoll und gestärkt durchs Leben geht. Gute Sexualität kann starke Kraft und Energie freisetzen, sie ist ein wichtiger Bestandteil unseres Daseins und wir sollten sie in unsere Lebensgestaltung miteinbeziehen. Die gemeinsame Lust an der Leidenschaft braucht für beide Geschlechter ein Gleichgewicht der psychischen, körperlichen, sozialen und emotionalen Komponenten. Nur dann ist man in der Lage, loszulassen, sich hinzugeben, zu genießen und Raum für das gemeinsame Spiel zu finden: Wenn man sich dabei allerdings krampfhaft bemüht, „es richtig zu machen“, können kaum Überraschungsmomente entstehen.
Es wäre doch wunderbar, wenn sich mehr Frauen und Männer gerade auch in jenen sensiblen und intimen Bereich trauen würden und ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte wahrnehmen und zeigen dürften. So kann man für sich selbst und mit anderen Schritt für Schritt das Terrain erkunden und ausweiten. Niemand da draußen ist in der Lage, uns zu sagen, was uns wirklich guttut, wer wir wirklich sind, welche Wege wir am besten wählen. Wenn wir lernen, gut in uns hineinzuspüren und ein sicheres Umfeld haben, in dem wir uns selbst neu erleben können, wird das klarer und wir werden immer mutiger, uns zu zeigen – mit unseren ganz individuellen sexuellen Phantasien, Begehrlichkeiten, Attraktionscodes oder auch unseren sexuellen Erregungs- und Anziehungsmustern. Wie schön wäre es, wenn wir uns authentisch ausprobieren und erfahren dürften.
Empathie und Miteinander – von Kindesbeinen an
Schon Säuglinge haben offenbar ein Verständnis von Gerechtigkeit und Gleichheit und setzen sich frühzeitig gegen Nutznießer zur Wehr. Und einjährige Kinder helfen anderen auch dann, wenn sie nicht selbst davon profitieren – das haben unterschiedliche Experimente gezeigt.
Was wäre möglich, wenn man auf diesen wunderbaren Eigenschaften aufbauen würde? Wenn wir von klein auf ein gelingendes Miteinander leben könnten? Wenn wir lernen würden, wie man kommuniziert, zuhört, mitfühlend ist? Wenn wir spüren dürften, ohne, dass uns jemand sagt, dass es ganz anders sei. Wenn wir spüren dürften, dass wir etwas wert sind? Wenn ein Ja neben einem Nein voll akzeptiert werden würde? Wenn wir uns also natürlich entwickeln könnten?
Wie würde es uns gehen, wenn wir auch herausfordernden Gefühlen, wie Trauer, Angst, Zorn oder Scham, gesund Ausdruck verleihen dürften? Wenn wir sie ausagieren könnten – durch Umarmungen, körperliche Bewegung etc.? Wenn wir gelernt hätten, diese Gefühle weder gegen uns selbst, noch gegen andere zu richten? Wenn wir wüssten, dass sie zu uns gehören und da sein dürfen, wie auch Freude, Liebe, Begeisterung, Dankbarkeit, Gelassenheit. Wie wäre es, wenn wir ein liebevolles Miteinander leben, in dem es uns allen besser geht, weil wir einander unterstützen?
Das waren viele Fragen, ich weiß. Aber sollten wir uns die nicht hin und wieder stellen? Nicht um uns zu grämen oder Schuldige zu finden, sondern um unserem inneren Kind vielleicht jetzt selbst beizustehen. Oder um es bei unseren Kindern, so gut es geht, besser zu machen?
Ja, es wäre wunderbar, wenn wir damit aufgewachsen wären, unser Leben mit allen Sinnen, also mit Sinnlichkeit in allen Facetten, selbstverständlich zu leben. Wenn wir unseren eigenen Körper von klein auf erkunden und erfahren hätten dürfen, er uns also vertraut wäre und wir ihn mögen würden – auch wenn uns „die Wirtschaft“ in die entgegengesetzte Richtung dirigieren will. Wir wären viel gesünder, genussfähiger, erholter, achtsamer, fröhlicher – freier! Aber: Wir sind, wie wir sind. Warum nicht lieben, was wir sind und haben (und dennoch wirkliche Selbstfürsorge üben und leben)?
Wie Lust neu werden kann
Wenn wir uns frei entfalten könnten, wäre auch unsere Sexualität, unser Liebesleben ein völlig anderes. Denn sexuelle Erregung bzw. sexuelle Höhen entstehen nicht durch mechanisches Reiben oder Bespielen bestimmter Körperstellen. Sie sind das Ergebnis von erlaubter Hingabe, möglichst frei gelebter Lust und einer selbstverständlichen Vertrautheit mit dem eigenen Körper und den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten im Miteinander.
Sexualität ist eine Form der Kommunikation. Nützen wir sie.
Begehren weckt Begehren, Erregtheit weckt Erregtheit, intensivere Begegnungen sind möglich. Männer und Frauen sind aufmerksam genug, um sich auf das gemeinsame Spiel des Führens und Führen-Lassens mit allen Sinnen einzulassen.
Immer geht nicht. Punkt.
Für immer mehr interessierte Menschen ist es logisch und vertraut, dass eine Frau beim Sex selten nach einem bestimmten Muster funktioniert oder zumindest nicht zuverlässig immer nach demselben. Viele Männer funktionieren da scheinbar direkter, rascher und einfacher.
Jetzt machen wir die Klischeeladen wieder zu und dürfen einander neugierig erkunden. Dann werden wir feststellen, jeder Mensch – auch der, mit dem wir uns gerne vergnügen möchten oder es schon länger machen – hat je nach Stimmung, Zeitqualität, Stressfaktoren, Tageszeiten, Gesundheitszustand, Sorgen und Möglichkeit unterschiedliche Bedürfnisse und Gelüste.
Immer mehr Menschen, gleich welchen Geschlechts, verstehen bzw. begreifen, dass es an der Zeit ist, neue, wohltuende und wirklich wertschätzende Wege im Miteinander zu finden. So können Männlichkeit und Weiblichkeit mit ihren speziellen Qualitäten einander ergänzend und entfaltend gelebt werden.
Vom Spielen eines Klaviers
Ein Klient, Pianist, Anfang 60, wollte seine Frau nach Jahren neu „erforschen und begreifen“ und erzählte mir seine Geschichte: „Wir versuchen beide seit Jahren, uns neu zu entdecken, haben schon einiges probiert. Heute wissen wir, wir gehören zusammen, und sind dadurch mutiger und offener geworden. Es geht um schöne gemeinsame Genusserlebnisse, Qualität vor Quantität. Mein Aha-Erlebnis war, als meine Frau mich bat, mir vorzustellen, sie intim so zu berühren, als spiele ich mein Klavier. Einmal entlocke ich ihm ganz leise Töne, ganz zarte, geschmeidige Berührungen bringen die Tasten zum Schwingen, dann wieder flotte Tempi, ich mache eine kurze Kunstpause, bestimmte und sogar heftige Anschläge werden sorgsam eingesetzt … Diese Anregung hat mir neue Perspektiven eröffnet. Jetzt erspüre ich die Erregung und die Bedürfnisse meiner Frau beim Sex ganz anders, kann viel intensiver auf sie eingehen. Es ist wie ein gemeinsamer Tanz, meine Berührungen und ihre Reaktionen darauf. So ist eine neue, unglaubliche Nähe entstanden, die uns in einen gemeinsamen Rauschzustand heben kann.“
Frauen aufgewacht!
In vielen Teilen der Welt haben Frauen heute aufgrund sozial- und gesellschaftspolitischer Gegebenheiten und einer besseren (Aus-)Bildung die Möglichkeit, selbst für sich wählen und sorgen zu können. Über weite Strecken des Lebens (Babypausen oft ausgenommen!) sind sie in der Lage, Ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, bzw. einen essenziellen Teil zum Unterhalt der ganzen Familie beizutragen. Es gibt für sie keine zwingenden oder logischen Gründe mehr, sich unterzuordnen, und so bietet sich jetzt die Gelegenheit, ein neues, gesundes und viel freieres Miteinander zu gestalten. Im Sinne aller.
Sandra Konrad („Das beherrschte Geschlecht“) meint, dass die Sterne jetzt gut stünden: Die Frau von heute habe vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte die Macht, sich von Minderwertigkeiten und verschriebenen Normen zu lösen. Beide Geschlechter würden davon profitieren, wenn sie dies tatsächlich wage und tatsächlich tue.
Warum Sex auch politisch ist
Wir brauchen – auch gesellschaftspolitisch – keine mächtigen Männer bzw. keine erprobten männlichen Strukturen mehr, die uns kontrollieren. Jedes Gesetz, das zum Schutz der Frauen erlassen wird, ist zwar gut gemeint, es unterstellt der Frau jedoch auch, dass sie nicht in der Lage ist, auf sich selbst zu achten. Was brauchen wir wirklich?
Jetzt ist „eine gute Zeit“, in der wir Frauen uns deutlich mehr trauen dürfen. Was möchten Sie wirklich leben? Ja, beim Sex, aber auch generell? Es hängt alles zusammen, wir können kaum ein erfülltes Sexualleben in einem fremdbestimmten oder vom Alltagsstress dominierten Leben entfalten.
Wir können jetzt Verantwortung für unser Wohlbefinden übernehmen, wenn wir erforschen, worauf es uns eigentlich wirklich ankommt. Wir dürfen klar und so lange es geht, freundlich Grenzen ziehen. Dadurch werden neue Wege eröffnet – für Männer und Frauen. Wir müssen uns nicht mehr an die binden, mit denen wir emotional verstrickt sind, oder an die, die wir brauchen, oder an die, die Ansprüche an uns erheben. Wir dürfen Schritt für Schritt oder auch ganz schnell lernen, selbst zu wählen, mit wem wir uns umgeben, an wen wir uns – in einem gesunden Austausch – verschenken wollen. Wer stärkt, fängt, nährt und trägt uns? Wer gibt uns frei?
Selbstoptimierung versus Echtheit
Einerseits haben wir in der heutigen Zeit die besten Voraussetzungen dafür, ein gesundes, wertschätzendes und lustvolles Miteinander zu gestalten. Andererseits leben wir in einer Scheinwelt der Selbstoptimierung, wo virtuelle Präsenz und scheinbare Schönheit bzw. Likes auf Instagram, Facebook & Co mehr zählen als gute Gespräche und wahre Begegnungen. Worauf richten Sie den Fokus?
Um wie vieles reicher würde eine Kultur sein, in der Gleichberechtigung auch im Sexuellen gelingt, fragt Svenja Flaßpöhler in ihrem Buch „Die potente Frau“ – wir bräuchten zwei Geschlechter, die sich in der Fülle begegnen.
Wir können maßgeblich selbst dazu beitragen, dass wir unsere Lust und unsere Sexualität für uns passend und wohltuend frei gestalten. Sodass wir auch Männer dazu einladen können, ihre Sexualität frei von Monotonie, Performance und Leistung, Pornowahn und Konsumrausch zu entdecken. Wenn Frauen sich sexuell zeigen dürfen, wenn es selbstverständlich sein darf, Ja oder Nein zu sagen, ist Entwicklung zu einem freudigen und genussvollen Miteinander möglich.
Miteinander lustvoller gestalten
Hatten Sie selbst schon mehr als einen Sexpartner, dann wissen Sie vermutlich, dass es mit jedem anders ist. Das gemeinsame Reagieren und Agieren, das gemeinsame Spiel, die Chemie machen es aus. Es gibt kein Richtig und Falsch, solange die Beteiligten freiwillig und freudig tun und jederzeit stoppen können, wenn es nicht mehr passt. Je klarer Sie mit sich sind, umso sicherer sind Sie, umso mutiger können Sie sein, andere Spielfelder zu besuchen. Lustvolle Sexualität ist selten Porno-Performance, aber auch nicht nur freundschaftliches Kuscheln, es ist Ihr persönliches Spiel aus Nähe und Berührung, Bewegung und Erregung, Neugierde, vielleicht Ekstase. Wie das für Sie aktuell aussehen soll, wissen nur Sie.
Lebendige Sexualität bedeutet so viel mehr als nur „das Eine“. Sie ist ein gesunder und wohltuender Bestandteil des Lebens. Lust, Erotik, Wissen, Sinnlichkeit, Verführung, Ekstase, Hingabe und das eigene Körper(selbst)bewusstsein stehen in einem selbstverständlichen Zusammenhang. Nicht immer läuft’s von selbst so, dass alles passt. Aber keine Sorge: Sexualität ist ein ganzes Leben lang gestalt- und veränderbar.
Den Frauenkörper verstehen: Gesundheit, Entwicklung, Anatomie
Ja, zufriedenstellende Sexualität ist gesund – und nein, der Umkehrschluss heißt nicht: Wer keinen Sex hat, ist nicht gesund oder wird krank.
„Es ist grundsätzlich gesund, wenn Menschen Lustkompetenzen haben, dazu gehört auch die sexuelle Lust. Genussfähigkeit generell bringt den Menschen ins Spüren und das Spüren ist ein wesentlicher Teil der Ich-Wahrnehmung. Wenn wir sagen, dass Gesundheit eine Form der menschlichen Stabilität ist, können wir sagen: Je mehr Lust- und Genussfähigkeit, umso mehr gesundes Spüren, umso mehr Stabilität. Wir lernen dadurch, uns selbst und unseren Körper zu mögen.“
Bettina Weidinger (Institut für Sexualpädagogik, Wien)
Sexualität kann nicht nur ein berauschendes oder wohltuendes Erlebnis sein, sondern auch eine wirkliche Kraftquelle. Der gesamte Körper wird durch Berührungen, Bewegungen, Erregung, Anspannung und Entspannung aktiviert – und damit natürlich auch das Gehirn. Die Produktion diverser Hormone wie Oxytocin, Serotonin, Dopamin und Adrenalin wird gefördert sowie generell die Durchblutung.
Wir fühlen uns geliebt und geborgen, können dadurch entspannter, glücklicher, zuversichtlicher werden, uns zufriedener und sinnlicher fühlen und eine fröhliche und heitere Gemütsverfassung erlangen. Das Herz arbeitet beim Sex phasenweise auf Hochtouren, das ist gesund für das gesamte Herz-Kreislauf-System. Zufrieden machende Sexualität kann Stress senken, die Immunabwehr stärken und zu einem gesunden Schlaf beitragen.
Der Mensch ist von Beginn an ein lustvolles Wesen
Jedes Lebewesen hat das Bedürfnis, sich, so gut es geht, nach seinen Möglichkeiten zu entwickeln. Vom Moment der Befruchtung der Eizelle an wachsen wir körperlich, geistig, psychisch, spirituell – als gesamtes Wesen mit all unseren Sinnen.
Die Entwicklung gelingt besonders gut, wenn ein Baby möglichst sicher und gleichzeitig frei ist. Das heißt, dass es sich einerseits in einem geschützten Rahmen ausprobieren darf, um in seinem eigenen Tempo zum Beispiel greifen, sitzen, krabbeln, gehen, sprechen etc. zu lernen, und dass es andererseits spürt: Da ist jemand, der mich schützt, fängt und tröstet, also liebevoll begleitet. Werden die Fortschritte gut gefördert, Entwicklungen freudig begrüßt, begreift das Kind: Ich habe etwas Neues gut gemacht hat und bekomme dafür Anerkennung. Je öfter es solche Erfahrungen macht, umso selbstverständlicher gelingen natürliche Entwicklungsschritte und umso positiver werden sie emotional verknüpft. So kann sich ein Baby mutig entfalten.
Emotionale Grundbedürfnisse
Eigentlich beginnt unser emotionaler Entwicklungsprozess schon mit der Zeugung. Bereits jeder Embryo macht unterschiedliche Erfahrungen, die zu ganz besonderen neuronalen Verknüpfungen im Gehirn führen. Und da wir die angeborene Fähigkeit haben, Gefühle wahrzunehmen, können bereits Babys Wärme oder Kälte, Schmerz oder Lust sowie zum Beispiel auch Geborgenheit, Einsamkeit und Zufriedenheit empfinden. Und das bleibt ein Leben lang so. Diese Gefühle sind offenbar bei allen Menschen ähnlich. Niemand mag echten Hunger oder Schmerz, jeder mag ein gewisses Maß an Geborgen- und Zufriedenheit.
Unsere Gefühle verknüpfen wir unbewusst und laufend mit Erfahrungen, Bestätigungen, Belohnungen, Erwartungen, Wünschen, also mit Gedanken und Bewertungen. Diese verknüpften Emotionen sind sehr subjektiv – sie sind naturgemäß nicht für alle gleich, sondern sehr individuell, weil sie durch unterschiedliche Erfahrungen einfach anders „eingeordnet“ wurden.
In Beziehungen können wir uns durch diese Unterschiedlichkeit aufreiben. Wir denken automatisch, dass der andere das Leben durch dieselbe Brille betrachtet wie wir, während in Wirklichkeit jeder Mensch die Welt aus seinem ureigenen Blickwinkel sieht. Was bedeutet es beispielsweise, treu zu sein? Geht es dabei um körperliche Treue oder auch um emotionale? Ist bereits ein heißer virtueller Flirt ein Treuebruch? Oder erst der Geschlechtsverkehr mit jemand anderem?
Gehirnentwicklung braucht Körperkompetenz
Aus Reizeinwirkungen auf unseren Körpers werden im Gehirn Empfindungen und in weiterer Folge bewusste Wahrnehmungen. Unsere physiologische Basis wirkt also unablässig auf das Gehirn und seine Phantasien, seine Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit ein.
Jede Körpererfahrung, wie zum Beispiel eine Berührung, ist untrennbar mit der Entwicklung des Gehirns verbunden. Neuronale Verknüpfungen entwickeln unser Wesen und unsere Psyche sowie unser Gehirn, daraus entsteht unsere Persönlichkeit mit all ihren Facetten.
Unsere ersten vier Entwicklungsjahre sind entscheidend für unsere Prägungen. In dieser Zeit, an die wir uns später kaum erinnern können, speichern wir Muster und Zuordnungen, werden also quasi programmiert. Ein Kind lernt: Wenn ich das mache, bekomme ich diese Reaktion, und wenn ich mich so zeige, bekomme ich jene Reaktion, das ist richtig und das falsch, das macht Angst und das Freude. Auch wenn uns diese Dinge persönlich nicht „passen“ – wir geben Sie zum Großteil an die nächste Generation weiter.
Unsere Emotionen und Gefühle gehören untrennbar zu uns, machen uns aus und spiegeln sich natürlich auch im Körper wider. Es gibt also sichtbare und messbare physiologische Veränderungen, wie Muskelspannung oder Körperhaltung etc., die ausdrücken, wie es uns emotional geht.
Wenn wir möchten, können wir uns unsere Prägungen im Laufe des Lebens bewusster machen und spielerisch lernen, mit uns selbst und unseren Eigenheiten so umzugehen, dass sie ein bisschen besser zu unseren Bedürfnissen passen.
Wenn ihr es nicht fühlt, ihr werdet es nicht erjagen.
Johann Wolfgang von Goethe
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