Читать книгу: «Ungleich!»

Шрифт:

Nataly von Eschstruth

Ungleich
Band I

Roman

Mit Illustrationen von Hd. Wald

Saga

Ungleich - Band I

German

© 1894 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711469958

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Meinem hochverehrten Vetter

Herrn General

Wilhelm von Knobelsdorff

und seiner Gemahlin

Frau Sophie von Knobelsdorff

geb. Gräfin Pahlen, Freiin von Astrau

in herxlicher Zuneigung gewidmet.

I.

Juvivallera“ hiess er. Wie er zu diesem ganz aussergewöhnlichen Spitznamen kam, wusste eigentlich nur die alte Kinderfrau, welche den einzigen Sohn des Grafen Lankwitz grossgezogen hatte. Dermalen, als sie den kleinen Cyprian noch auf den Armen wiegte, war sie eine rüstige, kreuzfidele junge Bäuerin, welche kein besseres Schlummerlied für den jungen Herrn wusste, als das vergnügliche "Juvivallera“, welches einst ihr „Student auf Sommerfrische“ im heimatlichen Dorfkrug alltäglich geträllert!

„Juvivallera! Juvivallera!“ klang es dem Gräflein Cyprian von früh bis spät in die Ohren, — was Wunder, wenn das erste Wort, welches er lallte, nicht „Papa“ oder „Mama“, sondern in sehr spasshaften Gurgellauten: „Juvivallera“ lautete! Und als er kaum sprechen konnte, begann er auch schon zu singen, genau in der Weise seiner lustigen Frau Rosel; ein Juvivallera um das andere, — so drollig und niedlich, dass die Eltern ihn schliesslich selber den „kleinen Juvivallera“ nannten und damit das Signal zur allgemeinen Nachahmung gaben!

Und es gab wohl kaum einen Namen, welcher passender für das junge Herrlein gewesen. Verzogen und unartig, wie einzelne kleine Nesttyrannen es meistens sind, dominierte und kommandierte er das väterliche Schloss vom Keller bis zum Boden, aber in einer so gewinnend heitern und übermütigen Weise, dass kein Mensch ihm böse sein oder strafend entgegentreten konnte.

Cyprian war die verkörperte Liebenswürdigkeit neben all seinen Unarten und tollen Streichen. Wie eitel Sonnenschein strahlte es von seinem goldlockigen Köpfchen und dem lachenden, kecken Kindergesicht aus. Er war lediglich ein wilder Schlingel, um sich zu amüsieren, nicht um andere zu ärgern oder zu schädigen, und da er ohne jegliche Furcht vor irgend welcher Strafe, sehr selbstbewusst und sorglos emporwuchs, so trat er lachend für jede seiner kleinen Schandtaten ein, stets lustig und guter Dinge, frank, frei, keck und unberechenbar und dabei so herzgewinneud, dass er wie ein junger Siegesgott unter der Fanfare „Juvivallera“ seinen Triumphzug durch das Leben antrat.

Prügel hatte er nie bekommen. Als sich die Gräfin und die weiblichen Geister seiner Bedienung einst allzu bitterlich bei Graf Lankwitz beklagten, das Söhnlein wachse ihnen in geradezu beängstigender Weise über den Kopf, fasste der entrüstete Vater den martialischen Entschluss — eine Rute anzuschaffen! Das grosse Ereignis ging auch tatsächlich vor sich. Wunderschön mit Bandrosetten in den Farben des Lankwitzschen Wappens geschmückt, prangte eine nagelneue Rute hinter dem Spiegel der Kinderstube, und gefolgt von dem Personal, schritt das Elternpaar feierlich herzu, dem Sprossen die entsetzliche Bedeutung dieses Instrumentes klar zu machen.

Cyprian stand bereits, beide Fäustchen in den Taschen der blauen Sammethöschen versenkt, vor der neuen Akquisition und kam der väterlichen Rede durch die ganz entzückte Frage zuvor: „Aber Papa, was ist denn das da oben für ein famoses Ding?!“

Der Graf machte ein bitterernstes Gesicht: „Das ist eine Rute!“ sprach er mit furchtbarer Betonung.

„Eine Rute? Zu was braucht man die?“ forschte das Söhnchen mit bezauberndem Lächeln.

Mit etwas unsicherer Hand griff der Schlossherr empor und langte die farbenprächtige Peinigerin herab.

„Diese Rute ist dazu da, Cyprian, um damit zu prügeln“, begann er feierlich, aber die wohlausgedachte Ansprache gedieh nicht weiter, sie ward durch den hellen Jubel des Kleinen in der Knospe erstickt.

„Juvivallera! Juvivallera!“ jauchzte er auf, stürzte sich auf die Rute los und entwand sie den Händen des verblüfften Vaters. „Zum prügeln? Das ist ja prachtvoll!“ Und ehe die entsetzte Zuhörermenge das Überraschende fassen konnte, schwang seine kleine Hand die Birkenreiser und sauste damit züchtigend auf Frau Rosel los. Kreischend und zeternd stob die Schar auseinander, Freund Juvivallera mit lustblitzenden Äuglein hinterdrein, wie wenn der Wolf die Herde scheucht!

Fern hin verklang der Lärm, — und Graf und Gräfin sahen sich sprachlos an, bis die Mutter in ein schallendes Gelächter ausbrach und der Vater resigniert seufzte: „Diese Sache war in der Anlage verfehlt, Dorettchen! Die Rute ist jetzt wohl da, aber Herr Cyprianus geruht, sie selber zu schwingen!“ — — —

Schloss Neudeck war ein schöner und altvornehmer Besitz, aber Graf Lankwitz sah ein, dass in heutiger Zeit ein recht respektables Privatvermögen dazu gehört, einen Landbesitz über Wasser zu halten. Das Barvermögen jedoch, welches er seinem Sohn Cyprian einst hinterlassen konnte, war nicht sehr bedeutend, und darum konzentrierten sich alle Hoffnungen des gräflichen Paares auf einen alten Onkel, den Paten des kleinen Juvivallera, welcher diesen zu seinem Erben machen wollte. Onkel Adolf war pensionierter Reitergeneral, besass ganz ausserordentliche Kapitalien und war ein so eingefleischter Junggeselle, dass man kaum noch fürchten konnte, er werde jetzt als hoher Siebziger, noch auf Freiers Füssen gehen.

Zu Cyprians fünftem Geburtstag hatte Onkel Adolf seinen beglückenden Besuch in Aussicht gestellt, und das Ehepaar Lankwitz lebte seit Wochen nur den Bemühungen, ihr unberechenbares Söhnlein genügend für diesen bedeutungsschweren Tag einzudrillen. Onkel Adolf war von der Natur sehr stiefmütterlich bedacht, was äussere Reize anbetraf, und gerade, was diese seine Hässlichkeit anbelangte, war er äusserst empfindlich und sehr leicht aufs bitterste gekränkt.

Die Sorge der Lankwitzschen Eltern ging nun hauptsächlich darauf hin, Klein-Juvivallera zu bearbeiten, dem Onkel nur die allerliebenswürdigsten Sachen zu sagen, und wider Erwarten zeigte der Sprosse auch viel verständnisvolles Entgegenkommen und versprach, den gestrengen Onkel in jeder Weise zärtlich und liebevoll zu behandeln. Er hielt auch Wort.

Mit geheimem Entzücken beobachteten es die Eltern, wie herzgewinnend der kleine Bursch den wichtigen Gast umschmeichelte, wie sehr Onkel Adolf von ihm begeistert war, wie das Verhältnis zwischen beiden stets inniger und zärtlicher ward.

Die Dinergäste der umliegenden Schlösser trafen ein, darunter auch die sehr hübsche und amüsante Nichte der Baronin Bohden, welche dem General bereits aus der Residenz her bekannt war.

Mit ihr promenierte er hauptsächlich in dem schattigen Park, und dabei hielt er das weiche Händchen Cyprians in der seinen, stolz und beglückt, dass das Kind so zärtlich und anhänglich ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Und das war keine Berechnung bei Cyprian, sondern ehrliche Überzeugung, denn der alte Herr mit seinen derben Liebkosungen gefiel ihm, und seine von den Eltern so glorifizierte Persönlichkeit übte den Reiz des Neuen und Interessanten auf ihn aus.

So bestand er auch zu des alten Junggesellen besonderer Genugtuung darauf, beim Diner an der Seite des Onkels verweilen zu dürfen, und weil er sein Champagnerbecherchen sehr flott zu heben verstand, so ward das weinselige Verhältnis zwischen beiden stets inniger. Onkel Adolf war ja niemals schön, aber wenn er etwas eifrig pokulierte, gaben die erhöhten Farben seinem wulstigen Gesicht etwas geradezu lächerlich Hässliches.

Anders dachte Cyprian. Noch nie hatte er ein derartiges Antlitz gesehen, und weil es ihm so neu und an Onkel Adolf doch alles ein für allemal schön war, so benutzte er einen Augenblick feierlicher Stille, schlang sehr herzlich den Arm in den des Generals und schaute wahrhaft verliebt zu ihm empor.

„Ach, Onkel!“ rief er begeistert, „was hast du doch für bildschöne, winzig kleine Augen, für prachtvolle grosse Ohren, für eine dunkelblaue Nase und einen so herrlich grossen Mund, dass Du gewiss die Melone dort hinein stecken kannst!“

Die Wirkung dieser Liebeserklärung war unbeschreiblich, wie gelähmt vor Verblüffung sass Onkel Adolf, mit dunkelroten Köpfen prusteten die entfernter sitzenden Tafelgäste in die Servietten, dieweil die nächste Umgebung des Generals wahrhafte Anfälle von Stickhusten bekam. Nur Graf und Gräfin Lankwitz sassen bleich und verzweifelnd auf ihren Sesseln und wussten, dass in diesem Augenblick das Testament des Onkels einen völlig anderen Inhalt erhielt. —

Derselbe war und blieb auffallend verstimmt, erhob sich vor der Zeit und reiste mit einem früheren Zuge ab.

Juvivallera blieb zwar sein zärtlicher Trabant, aber der General war zerstreut und finster und schien kaum noch die Zutunlichkeit des Neffen zu bemerken.

„Nun ist alles aus! er ist wütend beleidigt und unversöhnlich! —“ schluchzte die Gräfin, und ihr Gemahl stimmte ihr seufzend bei. — Aber sie irrten sich. Nichts im Leben schien den lustigen, kleinen Juvivallera misslingen zu sollen; im Gegenteil, das Glück schien einen besonderen Narren an ihm gefressen zu haben, und je waghalsiger Cyprian mit seiner rollenden Kugel Fangball spielte, desto unzertrennlicher heftete es sich an seine Sohlen.

Onkel Adolf starb sehr unerwartet an einem Herzschlag, und sein Testament bestimmte Cyprian zum Universalerben. Aus dem hinterlassenen Tagebuch erfuhren dessen Eltern auch noch, wie sehr die verhängnisvollen Worte des Knaben, während des Diners ihm zum Segen, anstatt, wie befürchtet, zum Unheil geworden.

Just an jenem Tage war Onkel Adolf mehr denn je auf Freiers Füssen gegangen. Die Zärtlichkeit des Kindes, das weiche Anschmiegen und Kosen Cyprians hatten in dem Herzen des einsamen alten Junggesellen ganz wunderliche Gefühle erweckt. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach Niebesessenem erfüllte ihn, ein jugendfrohes Verlangen nach Liebe, Behagen und häuslichem Glück. — Und just in dieser Stimmung schickte ihm das Schicksal die Nichte der Baronin Bohden in den Weg, welche durch ihre graziöse Anmut schon in der Residenz seine Aufmerksamkeit erregt, und ihn durch ihre allerliebsten Koketterien auch jetzt im Park von Neudeck bezauberte.

Ein jäher, leidenschaftlicher Entschluss reifte in ihm. In seliger Weinlaune nach dem Diner, wenn Moët et Chandon ihm die Zunge gelöst, und die fünfmalhunderttausend Teuflein, welche in den Mousseuxperlchen wohnen, seine Befangenheit siegreich bekämpft hatten, — wollte er den kühnen Schritt wagen, Fräulein von Bohden Herz Hand und — Reichtum zu Füssen zu legen!

Da Alice von Bohden, selbst ohne jegliches Vermögen, auf die Hilfe ihrer Verwandten angewiesen war, hatte der General wohl kaum ein Körbchen zu befürchten, aber gerade der Gedanke, nur als Versorger und Ernährer gewählt zu werden, quälte sein empfindliches und liebebedürftiges Herz! Dennoch strahlten die dunklen Mädchenaugen so innig und berückend zu ihm auf, dennoch lächelten die roten Lippen so betörend — und was sie sprachen, klang lieb und zärtlich, als plaudere Alice nicht mit einem alten, grauköpfigen Invaliden, sondern mit dem jüngsten, schönsten und unwiderstehlichsten Kavalier! —

Empfand sie wirklich mehr für ihn, wie berechnendes Wohlwollen? — Fast schien es so, — und Gott Amor legte immer dichtere und rosigere Schleier über die Augen des greisen Freiers, dass er schliesslich nur das sah, was er gern sehen wollte! —

Und dann? — Dann kam die Katastrophe bei Tisch. — Cyprians Kindermund sprach treu und zärtlich seine fatale Schönheitskritik, die kränkte den General nicht, aber das Lachen und Kichern, das Blickewechseln und Husten der Anwesenden, das kränkte und schmerzte ihn bis in das tiefste Herz! —

Und am grausamsten wehe tat ihm das herzlose Lachen Alices, welche sich hinter ihrer Serviette gar nicht beruhigen konnte. Sie glaubte sich durch den hohen Blütenaufsatz den Blicken des Generals entzogen, und ahnte wohl nicht, dass gerade sie es war, welche er mit blutendem Herzen durch die Rosen- und Fliederzweige beobachtete. — Ihr Spotten und Lachen zerriss die rosigen Schleier, und sein klarer Blick sah es nun deutlich, wie Fräulein Alice mit ihrem jungen Tischnachbar in Dragoneruniform noch viel mehr kokettierte, als wie mit ihm, — dem alten Narren, der mit dem Schnee des Winters auf dem Haupt noch Myrtenblüten pflücken wollte!

Da war der kurze, späte Frühlingstraum von Glück und Liebe ausgeträumt, und der kleine Juvivallera war unbewusst seines eigenen Glückes Schmied gewesen!

Und wie er es diesmal war, so blieb er es stets. — Es gibt Glücks- und Sonntagskinder, welche unternehmen können, was sie wollen, ohne jemals übel dabei zu fahren! — So auch mit Cyprian. Sorglos, leicht, ohne leichtsinnig oder schlecht zu sein, lachend, amüsant, stets angenehm und von gewinnendem Wesen, lebte er lustig in den Tag hinein, es meisterlich verstehend, seine Erzieher und Hauslehrer für alles andere mehr zu interessieren, als für seine Unterrichtsstunden.

Er lernte nichts, und wusste dennoch genug, um überall mitreden zu können und durch kühne, stets humorvoll und amüsant durchgeführte Ansichten die Menschen trefflich zu unterhalten. Ein „Causeur“ ohne fader Schwätzer zu sein, ein Schmetterling, welcher im Sonnenglanz jedes Auge erfreut und jedem Blümlein willkommen ist, und dennoch ein loses, leichtes Ding ohne ernsten Lebenszweck ist. —

Die schwachen Eltern grämten sich wohl in dem Gedanken, dass ihr Sohn niemals ein Examen machen — oder einen Beruf ausüben werde, — aber der Juvivallera hatte ja immer Glück, — er war ein heller Kopf, und es schmeichelte seiner Eitelkeit, eine hübsche, elegante Husarenuniform zu tragen! Was Wunder, wenn er seinen langen Aufenthalt auf der Presse schliesslich doch ernst nahm, und — „um die verdammte Schulbank loszuwerden“ — endlich die notwendigen Prüfungen bestand, die ihm den Weg zum Attila eröffneten!

Die Eltern waren überselig, als sie ihren „erst“ zwanzigjährigen Leutnant umarmen konnten, und Juvivallera reiste, ohne sich im mindesten den sorgenvollen Ernst eines Leutnantsdaseins klar gemacht zu haben, in die neue, leider recht kleine Landgarnison ab.

Subordination, Respekt, Dienst — waren ihm durchaus unbekannte Begriffe — dass ein Rittmeister für seinen jüngsten Schwadronsleutnant ein unfehlbares, anbetungswürdiges Wesen ist, noch dazu in einer Garnison, woselbst nur eine Schwadron steht — das war für Cyprian Graf Lankwitz, ein äusserst fernliegender Gedanke, welcher höchstens etwas unbändig Humoristisches für den jungen Tyrannen von Neudeck hatte. — Bislang war er überall der tonangebende Herr und Gebieter gewesen, wo er geruht hatte, Stadt oder Land mit seiner Gegenwart auszuzeichnen, und nun wollte da ein Herr Rittmeister kommen, — sang- und klangloser Herr von Angerschütz, der sich einen Ton gegen ihn erlaubte — einen Ton — dass Graf Cyprian in seiner ersten Empörung geglaubt hatte, die Schmach eines offiziellen Anschnauzers nur mit Blut abwaschen zu können!

Der besonnene, sehr liebenswürdige Premierleutnant, den er zum Sekundanten erkor, konnte dem jungen Hitzkopf nur mit Mühe und Not die Unmöglichkeit seines Vorhabens klar machen, und nachdem Juvivallera von allen Seiten überzeugt war, dass der königliche Dienst stets eine kernige Sprache spricht, und ein Untergebener einen Vorgesetzten überhaupt nicht wegen dienstlicher. Differenzen fordern darf, so fügte er sich wohlgemut in das Unvermeidliche, denn seine Stimmungen wechselten wie Aprilwetter, und wenn es nicht Ehre und Reputation erforderten, nahm er gern alles auf die leichte Achsel und von der humoristischen Seite!

Der Rittmeister war kein sehr liebenswürdiger und feinfühliger Charakter. Das Duell-Attentat, welches sein jüngster Leutnant gegen ihn geplant, war ihm bei den mehr wie kleinen Garnisonverhältnissen selbstverständlich zu Ohren gekommen, und konnte er dem Herrn Juvivallera eine solche unerhörte Arroganz nie verzeihen.

Das ganze Auftreten des jungen Grafen, dem auch hier, wie überall, die Herzen im Sturme zuflogen, verdross und ärgerte ihn, und seine missgünstige und verbissene Natur suchte nun dem Grimm Luft zu machen, dadurch, dass er den Grafen Lankwitz nach aller Möglichkeit schikanierte.

Aber Juvivallera ärgerte sich nicht mehr darüber. Da er wusste, dass er seinem Vorgesetzten im Dienst sozusagen hilflos gegenüberstand, schüttelte er sich wie ein Pudel, auf den es Prügel regnet. So lange er mit Herrn von Angerschütz auf dem Exerzierplatz oder in der Kaserne verkehrte, war er Pagode, dessen marmorkühle Gelassenheit den hitzigen Gegner mehr erboste, als er ahnte; wenn aber das Terrain in Gesellschaftsräumen oder in der Kneipe neutral wurde, drehte sich das Blättchen, dann war es Graf Cyprian, der reiche, lachende, übermütige Majoratsherr, welcher durch stets neue kleine Malicen, die das Publikum ebenso amüsierten, wie ihn selber, den Rittmeister manchmal fast zur Verzweiflung brachte!

Auf diesem neutralen Boden entspann sich ein bitterer Kampf, welcher von seiten Cyprians mit stets bestem Humor, von der des Rittmeisters mit stets wachsendem Ingrimm und mancher Unklugheit geführt wurde.

Das Gerücht von der Fehde dieser ungleichen Gegner drang selbstverständlich in die Lande hinaus, und ward namentlich im Regiment mit besonderem Interesse beobachtet.

Juvivallera, der stets liebenswürdige, gefällige, zu jeder Hilfe und jedem Opfer herzlich gern bereite Kamerad, hatte die volle Sympathie der Herren für sich, die sich sogar bis zu dem schmunzelnden Wohlwollen des Obersten erstreckte, den die immer taktvolle Schlagfertigkeit seines jüngsten Leutnants aufrichtig amüsierte. Angerschütz war niemals ein sonderlich beliebter Regimentskamerad gewesen, er hatte bei manchen der jüngeren Herren eine ganze Menge auf dem Kerbholz, weshalb die Betreffenden jetzt desto eifriger Partei für Lankwitz ergriffen. In ihm erstand ein Rächer für gar manchen Schwadronskamerad, und da Lankwitz ein „uranständiger Kerl“ war, und sich glücklicherweise in einer Lage befand, welche ihn unabhängig von jedem Beruf machte, so konnte man so recht behaglich und wohlgemut zuschauen, wie sich der „Sturm im Wasserglase austoben werde!“

Juvivallera bewohnte eine, für die kleine Garnison sehr splendide Junggesellenwohnung, besass Hof, Garten und Stallungen, was Wunder, wenn der geborene Landwirt auf die anfänglich so absonderlich erscheinende Idee kam, sich einen — Ziegenbock anzuschaffen. Man lachte darüber und fand es ganz à la Juvivallera, dass der junge Offizier sich stundenlang mit besagtem Ziegenbock beschäftigte, hörte man doch munkeln, Graf Lankwitz sei bemüht, das Tier persönlich zu dressieren. Zu welchem Zweck? Man zerbrach sich vergeblich die Köpfe darüber. Wollte er irgend eine kleine Regimentstochter in seiner bekannt scharmanten Weise mit einer Ziegenbockequipage überraschen? Wohl möglich.

„Hans“ — wie der Bock hiess — (fatalerweise war auch der Rittmeister auf diesen Namen getauft) war ein strammes, riesig grosses Tier, mit imposanten Hörnern, langem, weisslockigem Fell und von einer permanenten Kampfeslust beseelt, die alle Besucher des Lankwitzschen Hofes zu einer gewissen Vorsicht mahnte. Dennoch hatte „Hans“ nie eine Attacke gegen irgend ein menschliches Wesen gewagt.

Die Wohnung des Rittmeisters lag zwei Häuser weiter zurück in der Strasse und nötigte Herrn von Angerschütz, das Hoftor Cyprians zu passieren, wenn er nach der Kaserne wollte. Eines Morgens war an die paar bestbefreundeten Leutnants eine Frühstückseinladung von seiten Juvivalleras ergangen, und mit etwas roten Köpfen und in weinseliger Stimmung lagen die Herren just im Fenster, als der Rittmeister zu Fuss auf der Strasse erschien, um die Kaserne zu revidieren.

Der Ziegenbock Hans trieb sich unter allerhand vergnüglichen Kapriolen im Hofe herum, als er plötzlich stutzte und jählings den Kopf hob. Ein scharfer, langer Pfiff Juvivalleras, aus welchem sich die Melodie: „Heil dir im Siegerkranz“ entwickelte, klang schrill über den Hof, und just, als habe der Bock nur auf dieses Signal gewartet, stürzte er sich wie rasend aus dem Hoftor, dem nahenden Rittmeister entgegen.

Mit gesenkten Hörnern ging Hans zum Angriff vor. Angerschütz sprang jäh erschrocken zur Seite, der Bock folgte; heiss bedrängt, retirierte der Rittmeister auf die Treppe des Hauses, Hans stiess wie besessen hinter ihm her, ein wilder, erbitterter Kampf entspann sich. Mit blankem Säbel hieb Angerschütz auf den Angreifer los, aber der Ziegenbock schien gegen Stich und Hieb gefeit, immer zornmutiger sprang er gegen den Feind seines Herrn an.

Publikum sammelte sich, man stand und schrie vor Lachen, dieweil des Rittmeisters Angesicht sich kirschrot färbte vor Wut.

„Lankwitz! Rufen Sie das verfluchte Biest zurück, sonst steche ich es, hol’s der Henker, über den Haufen!“

Juvivallera lockte in zärtlichsten Tönen, dieweil die anderen Herren an ihrem inneren Gelächter zu ersticken drohten — vergeblich, es war, als ob die Stimme des jungen Gebieters den Ziegenbock nur in immer grössere Wut versetzte.

Die Herren eilten schliesslich auf die Strasse, die Burschen stürmten herzu, es gelang den vereinten Kräften, den Rittmeister von seinem Angreifer zu befreien.

Angerschütz bebte vor Zorn. Er las wohl in den Mienen der Herren, dass er auf keine besondere Teilnahme derselben zu rechnen habe, darum erging er sich nur in etlichen boshaften Bemerkungen über „einen Kavalleristen, der sich wohl auf dem Pferde zu unsicher fühle“, griff kurz an die Mütze und schritt weiter.

Lankwitz hatte sich in höflichster Weise entschuldigt, die Kameraden waren darum über die ausfahrende Art des Rittmeisters doppelt entrüstet.

Am nächsten Tage ritt Angerschütz an dem Hoftor vorüber. Wie von wilder Wut gepackt, stürzte der Ziegenbock heraus und attackierte das Pferd, welches jäh entsetzt, so wild ausbrach, dass der ahnungslose Reiter es nur, nach vorn überschiessend, um den Hals nehmen konnte, sich auf dem dahinrasenden Durchgänger zu halten. Dass Cyprian just im Hofe: „Heil dir im Siegerkranz“ pfiff hatte er nicht gehört.

Die ganze Strasse belebte sich von lachenden Menschen, die spasshafte Geschichte, dass der Ziegenbock von Graf Lankwitz eine ausgesprochene Abneigung gegen den Rittmeister zeige, erregte und interessierte alle Gemüter, denn mit rechten Dingen ging das nicht zu, man ahnte jetzt zu allgemeinem Gaudium, wie und warum der Ziegenbock dressiert worden sei.

Angerschütz schnaubte vor Wut. Er liess dem Grafen sagen, er habe sofort den Ziegenbock abzuschaffen, widrigenfalls er denselben zusammenschiessen werde.

Lankwitz antwortete in einem ausgesucht höflichen Schreiben, dass er leider dem Wunsche des Herrn Rittmeisters nicht entsprechen könne. Der Ziegenbock sei Eigentum des Zirkusbesitzers R., welcher ihn dressiert und ihn nur während einer Kunstreise hierher in Pension gegeben habe. „Hans“ sei ein äusserst geschicktes und wertvolles Tier, und würde der Herr Rittmeister ein sehr hohes Reugeld für den durchlöcherten Schädel zu zahlen haben! —

Angerschütz war als sehr geizig bekannt. Wie erwartet, traf auch sein sehr formlos gehaltenes Antwortschreiben ein. Er beabsichtige nicht, sich um des Herrn Grafen willen Kosten zu machen, liesse denselben daher strengstens ersuchen, das Hoftor verschlossen zu halten, damit der Ziegenbock die Passanten nicht mehr belästigen könne. Widrigenfalles werde er andere Massregeln ergreifen.

Am nächsten Tage war das Hoftor wahrhaft verrammelt — ein mächtiger Querbalken war noch zum Schutz davor gelegt — Hans aber weidete seelenvergnügt auf der nahegelegenen Gartenwiese, und als der Herr Rittmeister ironisch lächelnd das Hoftor passiert hatte, brach sein Feind jählings aus der lückenhaften Gartenhecke hervor und bedrängte den unvorbereiteten Herrn noch härter denn je zuvor.

Was tun?

Angerschütz durchschaute es, dass die ganze Ziegenbockaffäre nur von dem Grafen in Szene gesetzt worden war, um ihm einen neuen Schabernack zu spielen, und da er erforschte, dass der listige Juvivallera sich nach allen Seiten gedeckt hatte und ein eventuelles Töten des verhassten Ziegenbockes höchstens dem Täter selbst Kosten und Unannehmlichkeiten bereiten konnte, so änderte er seinen Plan. Anfänglich versuchte er es noch mit ein paar Hunden, gegen „Hans“ anzukämpfen, doch zogen die Teckel heulend den Schwanz ein nach den ersten paar Rippenstössen des ungewohnten Gegners, und Angerschütz rettete sich nur durch schleunige Flucht und knirschend vor Ingrimm vor dem Ziegenbock, dem seine scharfe Klinge mittlerweile doch manch ernste Wunde geschlagen.

Da machte er denn während der nächsten Tage einen sehr beträchtlichen Umweg, um Kaserne und Städtchen zu erreichen, und die Bürger, Bürgerinnen und sonstigen Zuschauer der amüsanten Renkontres hielten die Angelegenheit zu allgemeinem Bedauern hiermit für abgetan.

II.

Für etliche Tage herrschte Ruhe in der gesamten kleinen Garnison, aber es war nur eine Ruhe vor dem Sturm.

In den Augen des Rittmeisters wetterleuchtete es immer unheilvoller, und das höhnisch siegesgewisse Lächeln, mit dem er seinen „kleinen“ Sekondeleutnant anzusehen beliebte, hätte jeden andern misstrauisch machen müssen, nur nicht Cyprian Lankwitz, dessen sorglose Natur jedwede Hinterlist für eine Unmöglichkeit hielt. — Einer der benachbarten Gutsbesitzer hatte Einladungen zu einer besonders viel versprechenden Treibjagd ergehen lassen, und weil Juvivallera jeglichem Sport huldigte, so war er selbstverständlich auch diesmal in den Reihen der Jäger erschienen, unter denen auffallenderweise Herr von Angerschütz heute fehlte. Niemand vermisste ihn jedoch, im Gegenteil, die jungen Offiziere atmeten sehr vergnügt und erleichtert auf, das stets jagdneidische und missgünstige Gesicht ihres Vorgesetzten nicht permanent in all der Fröhlichkeit als „Dämpfer“ vor sich zu haben.

Frau Diana schien gleich der Glücksgöttin ein besonderes Wohlgefallen an dem lachenden Gesicht Cyprians zu finden, das mit dem blond gewellten Schnurrbärtchen so keck und siegesfroh unter dem flotten Jagdhut hervorstrahlte, dass die ernste, sonst so kaltherzig und gleichgültig beanlagte Baronesse Soldau, welche zum Besuch der Tochter des Jagdgebers überraschend vorgefahren war, ganz besonders lange und nachdenklich dem hübschen Leutnant nachschaute.

Baronesse Soldau galt für die reichste Erbin der ganzen Umgegend. Als einziges Kind ihrer Eltern erbte sie einen grossen, schuldenfreien Güterkomplex mit sehr einträglichen Kohlenbergwerken, eine schlossartige Villa in der Residenz und ausserdem noch einen recht beträchtlichen Säckel voll „Kleingeld“, das ihre grosse, knochige Hand wohl für die meisten Herren recht goldig und begehrenswert erscheinen liess.

Dennoch fehlte es ihr an Freiern! Unbegreiflicherweise; denn wenn sie auch kein Bild der Schönheit war, so konnte sie dennoch mit dem eiteln Wirtstöchterlein aus Fra Diavolo singen: „Und es ward in manchem Städtchen hässlicher Bräutchen schon getraut!“

Gross, tief brünett, etwas eckig in Figur und Wesen, schaute Bianka von Soldau meist sehr kalt, sehr übellaunig und schwermütig in die Welt. Sie sah trotz ihrer zwanzig Jahre nicht jung aus und war es auch weder an Körper noch Geist. Pessimistisch beanlagt, geradezu rätselhaft streng und abweisend über die lustige Welt denkend, lebte sie nonnenhaft still und zurückgezogen, und wie man sich erzählte, war Herr von Angerschütz der erste glühende Verehrer, welcher Gnade vor ihren Augen zu finden schien, denn er war wohl ebenso erbittert und menschenfeindlich gesonnen, wie die unnatürliche junge Dame im Nonnengewande!

Man wunderte sich darum allgemein doppelt, dass Baronesse Bianka wirklich und wahrhaftig ein paar mal laut gelacht hatte, als Graf Lankwitz sie beim letzten Diner zu Tische führte, und auch heute fiel es allgemein auf, mit welch ungeteiltem Interesse ihr Blick dem jungen Jäger folgte, so oft sich dieser in ihrer Nähe zeigte. Ahnungslos dieser enormen Auszeichnung tat Juvivallera einen Meisterschuss nach dem andern und kehrte als gefeierter Jagdkönig zum Diner zurück, um in wahrhaft brillanter Laune die ganze Tischrunde zu elektrisieren, namentlich die jungen Damen, zu denen sich noch immer Baronesse Soldau als recht langweiliges Mitglied gesellte.

Anfänglich hatte sie nur eine kurze Visite abstatten wollen, doch blieb sie heute, ganz gegen ihre Gewohnheit, so auffallend lange anwesend, dass die Hauswirte nicht allzu falsch kalkulierten, wenn sie glaubten, durch eine Einladung zum Jagddiner die junge Dame zu erfreuen.

Sie akzeptierte sehr gern, und auch jetzt, während des Mahles, zeichnete sie den Grafen Lankwitz durch ihre besondere Aufmerksamkeit aus, die sich allerdings nur durch ein heiteres Lächeln und den Blick ihrer sehr schönen, grossen Augen kundtat. Dennoch ward Juvivallera weidlich geneckt mit dieser neuesten Eroberung, welche ihn selber insofern lebhaft amüsierte, als er dadurch zum Rivalen des Rittmeisters wurde.

Was konnte spasshafter und ergötzlicher sein, als Angerschütz, der sich bereits bei Fräulein von Soldau am heissersehnten Ziel glaubte, diesen Erfolg streitig zu machen? Welch eine fiebernde, verzweifelnde Angst würde ihn ergreifen, falls er sähe, dass sein Goldfischchen dicht vor dem aufgestellten Netze kehrt macht und der Angel des Feindes entgegen eilt! —

Das wäre für den geizigen, berechnenden Mann wohl der schwerste Schlag, welcher ihn und seine Börse treffen könnte, und wenn er auch im Leben alles verschmerzen würde, die Millionen der Zukünftigen niemals! —

Cyprians Augen blitzten bei diesem Gedanken, der ihm wie eine neue, köstliche Eingebung erschien! „Ja, er kann reizend sein, wenn er nur will!“ sagte man von ihm, und jetzt wollte er, wollte bestricken und berücken — und die stets heisser glühenden Wangen der Baronesse Soldau bewiesen es, dass auch die Göttin der Liebe dem lustigen Juvivallera allüberall zum Sieg verhalf. — — Man beobachtete die Courmacherei voll harmloser Heiterkeit, als eine kleine Malice des Leutnants gegen seinen Rittmeister, denn jeder ernsthafte Gedanke schien dabei wohl ausgeschlossen. Ein ungleicheres und unpassenderes Paar hätte es wohl nie geben können, wie Cyprian und Bianka, und ausserdem dachte wohl der kaum zwanzigjährige, jüngste Leutnant an alles andere eher, als an ernstliches Verloben und Heiraten!

Und mit dieser Vermutung traf man auch durchaus das Richtige. Graf Lankwitz lag zur Zeit wohl kein Gedanke so fern, als der einer Verlobung, wenngleich sein überraschender Erfolg bei der spröden Soldau seiner Eitelkeit schmeichelte, und ihre strahlend geistvollen Augen ihm von Stunde zu Stunde besser gefielen.

Endlich blies es auch bei dem Kesseltreiben „Hallali“; die Gäste verabschiedeten sich in animiertester Stimmung, und auch Juvivallera bestieg frohgemut seinen Rappen, zur heimatlichen Garnison um zurück zu reiten! —

Als er zu seinem Hoftor einritt, stand der Bursche mit auffallend verstörten und bleichen Wangen — bereits wartend an der Schwelle, — sein Herr war jedoch zu weinseliger Stimmung, um das Angesicht seines Augusts eingehender zu studieren. Er warf ihm die Zügel zu, sprang zur Erde und betrat seine Wohnung.

Mitten auf dem Tisch des Wohnzimmers, hell beschienen vom Lampenschein, blinkten ihm ein paar Goldstücke entgegen.

Cyprian trat näher und übersah das Geld. Hundert Mark? — was soll das sein? —

Er trat zurück, ging nach dem Stall und rief August. „Heda! was liegt denn drin für Geld auf dem Tisch? woher stammt das?“

August richtete sich stramm auf. Sein Gesicht zuckte wie unter Qualen der Angst, seine Stimme klang tonlos und gurgelnd.

„Das ist ja für unsern Ziegenbock, Herr Graf!“

„Für den Ziegenbock?!“ Wie ein Donner rollte die Stimme Juvivalleras durch den niedern Raum. „Himmelschockbombenelement! Was soll das heissen?!“

„So wissen der Herr Graf von gar nichts?“ stammelte der geängstigte Husar.

„Keine Ahnung habe ich! Wo ist Hans? Wo steckt er? Was ist mit meinem Ziegenbock geschehen?“

Lankwitz riss ausser sich vor Erregung die Tür zum Nebenstalle auf und leuchtete mit der Laterne hinein.

Leer, öde und still. Keine Spur von Hans. Alles Blut wich aus den Wangen des jungen Offiziers. „Was ist mit dem Bock geschehen, August? Hat man ihn etwa getötet?“ fragte er durch die Zähne.

Der Bursche richtete sich stramm auf, zu rapportieren. „Als der Herr Graf heute mittag kaum zum Hofe hinausgeritten waren, kam der Herr Rittmeister mit einem andern Herrn und gingen, ohne mich zu rufen oder zu befragen an den Stall von unserem Hans heran. Mir ahnte gleich etwas Schlimmes, darum ging ich näher und stellte mich mit allem Respekt auf. Aber der Herr Rittmeister sah mich gar nicht an, sondern fragte den anderen Herrn: ‚So, hier ist der Ziegenbock. Dressiert für die Manege, kann alle möglichen Kunststücke, was geben Sie dafür, Levi?‘“

„Der Händler, den der Herr Graf ja auch kennen, handelte hin und her, dass solch ein Vieh gar keinen Wert habe — und dann sprachen sie leise miteinander, und schliesslich schienen sie handelseinig. Der Levi zog die Börse und zahlte dem Herrn Rittmeister etwas, und der sagte: ‚Na in Teufels Namen — dann will ich noch drauf legen, damit der Herr Graf ein gutes Geschäft macht.‘ Dann band der Levi unsern Hans an eine Leine und zerrte ihn mit sich fort, und als ich mir erlauben wollte, etwas zu bemerken, schnauzte mich der Herr Rittmeister so mächtig an, dass ich in den Stall retirierte, denn sagen durfte ich ja doch nichts mehr.“ August schluckte ein paarmal krampfhaft. „Unser Hans aber ist fort — und jetzt — jetzt haben sie ihn vielleicht schon geschlachtet, denn der Levi sagte, er sei recht gut im Futter!“

Schweigend hatte Juvivallera zugehört. Seine Stirn glühte dunkelrot, seine Brauen zogen sich wie drohend Wetter zusammen. — „Gut“, sagte er kurz, „hol mir eine Liebfrauenmilch aus dem Keller, August“, — wandte dem Burschen den Rücken und schrittin die Wohnung zurück.

Die halbe Nacht sass er und blies blaue Ringel, trank ein Glas um das andere und grübelte. Endlich blitzte es hell auf in seinen Augen, ein leises Lachen klang von seinen Lippen, triumphierend hob er den Kopf. Nun wusste er, wie er dem Rittmeister antworten wollte. Seelenvergnügt begab er sich zur Ruhe und schlief bis in den hellen Tag hinein, denn am andern Morgen klangen die Sonntagsglocken, und der Herr Rittmeister verlebte jeden Sonntag in der nahegelegenen Provinzialstadt.

An diesem Sonntag kehrte Herr von Angerschütz schon sehr frühzeitig in seine kleine Garnison zurück. Seiner Gewohnheit gemäss machte er zuvor noch einen Nundgang durch Wohnung und Stall, um zu revidieren, ob alles in Ordnung sei.

Die Physiognomie seines Burschen war dem Herrn Rittmeister stets sehr gleichgültig gewesen, auch heute hatte er keinen Blick für das auffallend veränderte Gesicht seines Husaren, welcher stumm und stramm vor dem Gebieter zu verharren hatte, bis er gefragt wurde. Und heute fragte Herr von Angerschütz nichts, absolut nichts — denn er hatte sehr üble Laune. Zum erstenmal war sein Besuch bei den Eltern der Baronesse Soldau ohne triftigen Grund abgelehnt worden. Und gerade bediesem Besuch hatte er Ernst machen und sich der „goli digen“ Dame des Herzens erklären wollen! — Konnte es tatsächlich wahr sein, was er vorhin von etlichen Jägern in der Stadt erfahren, dass Lankwitz es wagte, dem Vorgesetzten in das Gehege zu kommen? Dass Fräulein Bianka ein auffallendes Interesse für den jungen Laffen, seinen stadtbekannten Gegner gezeigt?

Eine fieberische Unruhe hatte Angerschütz erfasst. Er beschloss, noch an diesem Abend nach Schloss Soldau hinaus zu reiten, um auf jeden Fall eine Aussprache und das Jawort Biankas zu erzwingen. Er hatte schon so völlig sicher mit dieser glänzenden Partie gerechnet, dass ein Ausfall der vielen Millionen von unberechenbarer Tragweite für ihn sein konnte.

Gefolgt von dem Burschen trat er in den Stall, hielt die Laterne hoch und leuchtete. — „Na nu? zum Teufel Donnerwetter — wo sind denn die Pferde?“ — rang es sich, atemlos vor Uberraschung, von seinen Lippen. Da nicht sogleich eine Antwort erfolgte, fuhr er herum und starrte den Burschen an. Wie ein Bild des Jammers, mit schlotternden Knieu und angstverzerrter Miene stand Gottlieb vor ihm.

„Kerl!“ donnerte Angerschütz, „was ist mit den Gäulen passiert?“

„Die ... die ... die hat der Herr Graf zu Lankwitz heute nachmittag an den Levi verkauft, Herr Rittmeister“, stammelte der Husar mit halbgeschlossenen Augen, „auf dem Tisch drinnen liegen zweihundert Mark — —“

Ein unartikulierter Wutschrei. Die Laterne schmetterte auf das Pflaster, die Stalltüre krachte wie ein Kanonenschlag ins Schloss, und Gottlieb sass allein im Dunkeln, stöhnend vor Herzensangst, auf der Haferkiste im leeren Stall und erwartete resigniert, dass die Welt mit ihm und dem Grafen Lankwitz untergehe. — — Nie hat eine Geschichte in militärischen Kreisen so viel Sensation erregt, wie die des kühnen Juvivallera, welcher seinem Rittmeister, der ihm den Ziegenbock verkaufte, sehr gelassen die Pferde aus dem Stall en revanche ebenso verkaufte!

Selbstredend wirbelte die Sache ungeheuren Staub auf, nahm einen ernsten Charakter an und rollte wie eine Lawine, verderbendrohend von einer Instanz zur andern. Juvivallera aber pfiff sich eins und wusste es ganz genau, wie weidlich sein Streich in allen Kreisen belacht und applaudiert wurde, auch sah das Gesicht seines Obersten gar nicht so entsetzlich menschenfresserisch aus, als der sehr beliebte Chef ihm ernsten Auges sagte: im hiesigen Regiment sei Graf Lankwitz unmöglich geworden, er möge sich auf eine Strafversetzung gefasst machen.

Das tat der junge Missetäter mit seinem einnehmendsten und liebenswürdigsten Gesicht und hatte durchaus nichts dagegen, dass er bis zur Entscheidung zu einer andern Schwadron kommandiert wurde, wo er, unter scharmantesten Vorgesetzten, ein wahres Götterleben führte.

Juvivallera hatte ja stets Glück im Leben, wie hätte ihm jetzt Frau Fortuna den Laufpass geben sollen, nachdem er das ganze Land durch seine schlagfertige Rache amüsiert hatte?

Die gefürchtete Versetzung kam, aber — ein laut donnernder Jubel tönte durch die Kneipe, in welcher Cyprian mit seinen jungen Kameraden schon seit vierzehn Tagen allabendlich den Abschied mit Tränen der Madame Cliquot-Ponsardin begoss, als er, stockend vor Überraschung, den ominösen Zettel des Regimentsadjutanten vorlas. — In das St.’r Leib-Ulanenregiment? in eines der elegantesten, besten Regimenter, in die brillanteste Garnison, woselbst ein herzoglicher Hof residierte und sein Schwiegervater bereits eine fürstliche Villa besass? — — Donnerwetter — über solchen Dusel! — Herrlichster, entzückendster Oberst, der seinem übermütigen „Jüngsten“ für eine solche „Strafversetzung“ gesorgt! — Die Ohren haben ihm geklungen von all den begeisterten Hochs, welche Juvivallera auf ihn ausgebracht!

Und Cyprians Schwiegervater? — Ja, das war noch eine Geschichte extra für sich.

An jenem Abend, da Herr von Angerschütz vergeblich nach seinen Pferden suchte, um Schloss Soldau mit einem Heiratsantrag zu beglücken, sass Juvivallera kreuzfidel zu Füssen der Baronesse Bianka und fragte sie lachend: ob sie es nicht für gar zu bodenlos frech hielte, wenn er, der jüngste Leutnant, sich bereits mit Heiratsgedanken trage?

Heiss erglühend versicherte sie, das nur als sehr vernünftig und richtig loben zu können.

„Brillant! Dann sind wir ja vollkommen einig!“ jubelte der Ermutigte, fasste die beiden kühlen, unschönen Hände der Erwählten und zog sie stürmisch an die Lippen — „und wenn Sie es von mir vernünftig finden, dass ich mich in Sie verliebte, Bianka, dann seien Sie auch vernünftig und nehmen Sie mich!“

Das hatte sie strahlenden Auges getan, und so war Juvivallera ein zwanzigjähriger Bräutigam und baldiger Ehemann geworden.

Über diesen ersichtlich nur dem Rittmeister zum Schabernack ausgeführten Streich hat man zuerst doch sehr missbilligend in der Gesellschaft die Köpfe geschüttelt, denn sich zu verloben, lediglich um einen andern zu ärgern, fand man doch etwas allzu frivol und bedauerte das verblendete Mädchen, welches sicherlich einer unbeschreiblich unglücklichen Ehe entgegengehe. Nie ward wohl ein derart schroff kontrastierendes Paar getraut wie der leichtlebige Cyprian und die so sehr ernst beanlagte Bianka. Wie schnell wird der junge Sausewind die hässliche, langweilige Gattin überdrüssig bekommen und sie vernachlässigen! Mit rechter Spannung sah man dieser wohl unausbleiblichen Katastrophe entgegen.

Aber man hatte sich gewaltig in dem braven, rechtlichen Herzen Juvivalleras getäuscht. Wenn ihm anfänglich bei seiner Verlobung auch die Tatsache, dass Angerschütz sich die Gelbsucht an den Hals ärgerte, den grössten Scherz bereitete und er seinem Quälgeist gar nicht ostensibel genug seine Rache markieren konnte, so übten dennoch die glückstrahlenden, wahrhaft überseligen Augen seiner Braut einen tiefen und rührenden Eindruck auf ihn aus, und ihr ganzes Wesen, welches nur die zärtlichste, anbetendste Liebe ausdrückte, reizte ihn in herzlicher Freude an, ihr mit gleicher Innigkeit zu begegnen.

Was anfangs etwas Erzwungenes war, ward ihm bald zur wahren Überzeugung, denn Bianka war ein sehr tief und reich beanlagtes Gemüt, welches seine Fülle an Geist und Anmut dem Gatten ebenso völlig enthüllte, wie es sich vor der Welt mimosenhaft verschloss.

Die anfänglich so sehr angezweifelte, ungleiche Ehe des Grafen Lankwitz ward eine sehr glückliche und sein Benehmen gegen Bianka ein geradezu musterhaftes.

Nach Jahresfrist ward dem jungen Paar ein Sohn geboren, und Juvivallera, der einundzwanzigjährige Vater war ausser sich vor Stolz und Glück. So beliebt, wie er überall im Leben war, war er auch in der neuen Garnison, und darum nahm man allseitig den herzlichsten Anteil an dem grossen und aufrichtigen Schmerz des Grafen, als ihm seine Gattin nach kaum zweijähriger Ehe durch den Tod entrissen wurde. Eine heftige Lungenentzündung warf sie auf das Krankenlager, und Cyprian pflegte sie voll aufopfernder Treue bis zu ihrem letzten Atemzuge, welcher noch ein Segenswunsch für ihn gewesen.

Mit Bianka verliess ihn der gute Geist, der solide und schier würdevoll unter seinem Dach gehaust. Das Pflichtgefühl und der gute Einfluss der ernsten Frau hatten ihn in Bahnen gelenkt, die aus dem übermütigen Juvivallera einen ausgezeichneten Ehemann gemacht. Jetzt stand er wieder allein, verfiel in sein altes Junggesellentemperament und ward bald wieder ganz der frühere, leichtlebige junge Mensch, dessen gutem und bravem Herzen nur ein paar allzu flotte Flügel gewachsen waren.

Er ward ein Lebemann im guten Sinne des Wortes, stets mobil, unternehmend, hübsch, sehr elegant und allgemein beliebt.

Als Rittmeister nahm er seinen Abschied und lebte viel auf Reisen, während sein Söhnchen Cyrill im Hause seiner Schwiegereltern erzogen wurde.

Wie man sagte, hatte das Kind auffallende Ähnlichkeit mit der Mutter.

Sein Wesen und Charakter wenigstens zeigte schon seit frühester Jugend eine so aussergewöhnlich ernste und nachdenkliche Richtung, dass er wie die verkörperte Unnatur gegen seine kleinen Altersgenossen abstach.

So unbändig und ungezogen einst der Vater als Knabe gewesen, so musterhaft artig war Cyrill. Es bedurfte kaum der Erziehung bei ihm. Er folgte auf das Wort, er beschäftigte sich stundenlang still und artig in seiner Spielecke, er nahm alles, was ihm befohlen ward, unendlich wichtig und schwer, und wenn er ein Versprechen gegeben, so hielt er es mit einer Pflichttreue und Konsequenz, welche die Umgebung in Staunen setzte. Allerdings hatte er auch die hohe Empfindsamkeit der Mutter geerbt.

Sehr leicht und sehr tief beleidigt, zog er sich grollend in sich selbst zurück, nicht nur verbittert über die ihm geschehene Kränkung, sondern auch — und dies streifte den Charakter des Vaters — tagelang sinnend und grübelnd, wie er sich dafür rächen könne. Und er rächte sich auch jedesmal, nicht in boshafter oder hinterlistiger Weise, sondern stets in einer Form, welche dem Beleidiger zeigte, wie bitter unrecht er dem Knaben getan, wie verwerflich und unrichtig er daran gehandelt.

Etwas schulmeisterhaft Pedantisches lag in der ganzen Art und Weise des Kindes, wenngleich es entschieden auch von der Begabung des Vaters, seinen genialen Talenten und Befähigungen geerbt hatte, denn Cyrill lernte spielend leicht, erfasste jede Aufgabe schnell, zeigte grosse Vorliebe und Verständnis für Musik und fand namentlich viel Gefallen daran, mit erstaunlicher Phantasie kleine Geschichten und Märchen zu ersinnen. Dass dieselben meist eine recht tief religiöse, streng sittliche und rechtliche Moral verherrlichten, überraschte die Welt am meisten, und man konnte nicht genugsam das eigenartige Spiel der Natur anstaunen, welche in Vater und Sohn solche direkte Extreme geschaffen.

Hatte man den flotten, lebenslustigen, mit den Jahren stets leichtsinniger werdenden Lankwitz senior im Scherze „Juvivallera“ getauft, so erfand nun ein Witzbold für den ernsten, frommen, soliden Lankwitz junior den Spitznamen „Hosianna“, und diese seltsame Namensverbindung flog lachend von Mund zu Mund, weit über des Landes Grenzen hinaus.

Dabei war das Einvernehmen zwischen Vater und Sohn ein ganz vorzügliches, ihre gegenseitige Zuneigung eine so innige und herzliche, wie selten in anderen Familien, und wer beide zusammen sah, hielt sie für Brüder, den lachenden, jugendlichen, flotten Vater in späterer Zeit sogar meist für den jüngeren, als ihm Cyrill hoch und schlank über den Kopf wuchs und mit seinen dunklen Augen ebenso vorzeitig alt in die Welt schaute wie ehemals die Mutter.

Juvivallera und Hosianna wanderten jedoch Arm in Arm, innig verbunden, durchs Leben, und je älter Cyrill ward, desto mehr nahm er den Platz der zu früh geschiedenen Mutter ein, gleich ihr zum hemmenden, versöhnenden und ausgleichenden Elemente werdend, wenn die leichte Ader des Vaters eines strengen Schutzgeistes bedurfte.

III.

Für den fünften Januar war ein Galerieball im herzoglichen Schlosse angesagt.

Die Galeriebälle erfreuten sich besonderer Beliebtheit, da sie meist nur von der ersten Gesellschaft besucht wurden, nie überfüllt waren und den Teilnehmern Gelegenheit gaben, den höchsten Herrschaften näher treten zu können wie bei den andern offiziellen Hoffesten, wo die einzelne Persönlichkeit vollkommen in der Menge verschwand.

Die ganze Residenzstadt war in modernen und elegantem Stil erbaut: breite, von Promenaden und Parkanlagen durchzogene Villenstrassen, eine luxuriöse Mittelstadt, in welcher ein Schaufenster stets prachtvoller erstrahlte wie das andere, und Plätze, um die sich in grossartiger und geschmackvollster Bauart die Museen, Ministerien, Theater und sonstigen städtischen Bauten reihten.

Diesem Rahmen entsprechend, prangte das herzogliche Schloss wie ein unsagbar schönes und ideales Gemälde auf dem mässig hohen Berg, welcher feine Gärten und Parkabteilungen bis zu den spiegelnden Bassins herab erstreckte, in die sich die treppenartigen Kaskaden und Wasserfälle schäumend niederstürzten.

Das Schloss selber war ein Kunstwerk der Neuzeit, ein wahrer Feenpalast mit Türmchen und Kuppeln, just wie sich die Phantasie im Märchen das Schloss der Elfenkönigin vorstellt.

Zart, duftig und schlank wie ein Nebelbild zeichnete es seine originellen, überreichen Konturen gegen den Himmel, und wenn man das Schnitz- und Gitterwerk der Brücke passiert hatte, vorbei an den gewaltigen Löwengruppen des Vorhofes, und in das innere Viereck des Mittelbaues trat, so hatte man die Empfindung als sei dieses den weiten Hallen der Alhambra nachgeahmt, als habe ein fernes, sagenhaftes Schloss des Morgenlandes dem Baumeister vorgeschwebt, als er all diese spitzzackigen Türmchen und Bogen, graziös wie Eisgebilde, aufgetürmt. Auch die innere Einrichtung des Schlosses war vollkommen neu und modern, mit künstlerischem Geschmack und viel Kosten ausgeführt, und üppig, entzückend und originell, wohin sich das Auge wandte.

Weisser Marmor, Goldornamente, funkelnde Kristallgehänge und schimmernder Atlas, weich, warm, duftig und hell — wahrlich! wenn es hier spukte, so waren es keine schauerlichen und gespenstischen Gestalten versunkener Jahrhunderte, keine Mönche, eisenklirrende Recken und düstere Ahnfrauen; hier konnten nur lichte, lächelnde Geister schweben — und gab’s dennoch auch hier eine dreizehnte Fee, so musste es doch eine wunderschöne wenn auch bitterböse Frau Königin sein!

Junges Leben pulsierte in dem jungen Schloss. Der regierende Herzog hatte kaum seinen sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, als ihn der Wille dessen, welcher die Schicksale der Menschen und Völker bestimmt, auf den Thron der Väter berief.

Heinrich August war ein lebenslustiger, tatenfroher Herrscher, welcher gern noch die Rosen der Jugend in den Lorbeer wand und es liebte, nach sauren Wochen frohe Feste zu feiern, im Kreise heiterer und glücklicher Menschen den schweren Ernst zu vergessen, welcher sein unzertrennlicher Genosse geworden, seitdem er an seines Volkes Spitze gestellt war, treu und fest gegen dessen innere und äussere Feinde zu kämpfen.

Seit drei Jahren mit einer ebenso schönen wie leichtlebigen Prinzessin vermählt, freute er sich des graziösen Talentes seiner Gemahlin, das heissblütige Temperament ihrer südlichen Heimat stets mehr und mehr in die deutsche Stadt herüber zu zaubern.

In dem Zeitalter der Bazillen durfte es nicht wundernehmen, wenn auch aus dem goldglitzernden Fächer und Schleier der jungen Herzogin unsichtbare Stäubchen wehten, welche sich in Herz und Augen ihrer Umgebung festsetzten und üppig wuchernd um sich griffen, die Stäubchen aufrichtigen Frohsinns, ungezwungener Natürlichkeit und geistvollen Witzes, welche freilich manch alter und steifer Etikettenform und manch vermodertem Zopf kecklich den Krieg erklärten — zur Freude der Jugend, zum grössten Entsetzen des Alters!

Wo aber die Jugend regiert, da ist es mit der Herrschaft vergangener Zeit aus und wenn auch die greise Hofmarschallin der verstorbenen Herzogin-Mutter anfänglich den Versuch wagte und in dem Witwenpalais bei Prinzessin Hermine unter mancherlei Vorstellungen die Hände rang, so halte es doch keinen andern Erfolg als den, dass die betagte Prinzessin in ihrer ernsten, zerstreuten Weise von den Büchern aufschaute und klanglosen Tones antwortete: „Ja, ja, Sie haben wohl recht, liebe Gräfin! Wir altmodischen Leute passen nicht mehr in diese moderne Welt! Wir stehen festgewurzelt auf jenem Fleckchen Zeit und Erde, wo auch wir einst zur Empörung der Grossmütter das Altehrwürdige über den Haufen warfen! — Nun wuchs die neue Generation uns ebenso über den Kopf, wie wir einst unsern Vorgängern. Wundert Sie das, liebe Gräfin? Mich nicht. Es ist Gesetz der Natur — auch für Wesen und Sitten muss es einen Frühling geben, der abgestorbene Reiser aufs neue keimen und blühen lässt. — Herzogin Renée ist solch ein Lenzeshauch, sie gibt dem Staub zurück, was sich müde und überlebt nach ihm sehnt, und wenn die Blumen und Früchte, welche sie dagegen mit sich bringt, auch für unsere Augen fremd und ungewohnt sein mögen, nun, so wollen wir ihnen den kurz gemessenen Sommer und Herbst gern gönnen — auch der Herzogin Renée wachsen Kinder und Enkel heran, welche einst die Sense an ihre Saat legen werden!“

Und Prinzessin Hermine nickte voll sinnender Wehmut vor sich hin, starrte auf ihre mächtigen Folianten und tauchte die Feder von neuem ein — da wusste die Hofmarschallin, dass auch ihre Mission und Audienz zu Ende sei.

Die Hoheit war ein Professor im Weiberrock. Sie studierte und forschte und lernte; ihres Lebens Inhalt war die gewaltige Arbeit, auf Grund vieler noch unerforschter, erst beim letzten Brand des alten Schlosses entdeckter Akten eine neue Landes- und Familiengeschichte zu verfassen, welche versprach, ein ebenso wertvolles wie hochinteressantes und verdienstreiches Werk zu werden.

Die kleine Studierlampe brannte Abend für Abend in dem stillen, einsamen Gemach der Prinzessin und der schlichte grüne Friesvorhang der Tür trennte die hohe Frau von der Aussenwelt, von dem strahlenden Märchenschloss der Herzogin Renée, durch welches eine neue Epoche den Einzug unter Flöten und Geigen hielt.

Die einzige, sehr viel jüngere Schwester des Herzogs lebte zur Zeit noch ihren Studien in der Kinderstube, der vergötterte kleine Liebling des ganzen Landes, auf welchem um so mehr aller Augen voll sorgender Zärtlichkeit ruhten, weil dem jungen Herrscherpaar vorerst leider noch jeglicher Kindersegen versagt geblieben war.

Prinzesschen Rafaela war das anmutigste, kleine Wesen, welches man sehen konnte. Von kecker, rosig pikanter Schönheit, Köpfchen und Nacken umwallt von goldbraun glänzendem Gelock, schwebte ihr graziöses Figürchen, stets in weisse Spitzen gehüllt, wie eine Sylphide durch Schloss und Park, wenn das verzogene, eigenwillige Königskind geruhte, den Bonnen und Gouvernanten für etliche Zeit durchzubrennen.

„Mein Gott, Baronin, alterieren Sie sich doch nicht so über den glücklicherweise recht gesunden Übermut der Prinzessin!“ — lachte Herzog Heinrich amüsirt, wenn ihm von der Haushofmeisterin unter Tränen ein neuer Schelmenstreich der kleinen Hoheit gemeldet wurde. „Sie ist nicht aus Holz geschnitzt, und mit zwölf Jahren will jedes Kind austoben! — Mag sie sich immerhin das Gesicht mit Oblaten bekleben und den Posten vom Fenster aus die ‚horribelsten‘ Fratzen schneiden, meine braven Grenadiere nehmens nicht übel, die waren auch ihrer Zeit unnütze Buben! — Und wenn Rafaela so gewaltiges Vergnügen daran findet, ihren Hunden die Toiletten der Hofdamen und Erzieherinnen anzuziehen und dann grossen Ball respektive Hetzjagd in der Galerie zu halten — nun — so lassen Sie ihr den Scherz und reichen Sie stillschweigend der Hofhauptkasse die Rechnung für die verdorbenen Sachen ein! Die Damen werden wohl nicht böse sein, hie und da neu equipiert zu werden!“

„Königliche Hoheit“ — seufzte Baronin Zossen mit schmerzlichem Blick, „der Verlust der Toiletten spricht in dieser Angelegenheit wohl am wenigsten mit! Halten zu Gnaden, wenn ich als verantwortliche dame d’éducation meine ernstliche Sorge ausspreche, dass der abnorme Charakter der Prinzessin geradezu ausarten wird, falls mein hoher Gebieter nicht durch rechtzeitige Strafen eine Änderung erzielen! Auf die erlauchte Tochter eines regierenden Herrscherhauses sind tausende und abertausende von beobachtenden Blicken gerichtet, und nicht ein jeder kritisiert die Prinzessin mit der anbetenden und alles verzeihenden Liebe wie wir! Wollen Königliche Hoheit nicht erwägen, dass ich es späterhin bin, welche alle Vorwürfe treffen werden, sowohl die der Untertanen, welche ein musterhaftes Vorbild für die Jugend des Landes in Prinzessin Rafaela verlangen, als wie auch die erlauchte Familie Eurer Königlichen Hoheit selber, welche das Vertrauen in mich setzte, dass ich die hohe Schutzbefohlene zu vollster Zufriedenheit und tadelloser Vollendung erziehe.“

Die Sprecherin sah sehr trostlos ans, und Herzog Heinrich reichte ihr hastig die Hand entgegen.

„Torheit, beste Zossen! Sie sehen Gespenster und werden sentimental!“ — lachte er kopfschüttelnd. „Wir alle wissen, mit welch treuer Aufopferung Sie die Pflege, die körperliche und geistige, Rafaels leiten! Sie kann und wird niemals ein Vorwurf treffen, sollte unser kleiner Schmetterling in der Tat auch etwas aussergewöhnlicher wie andere Fürstentöchter werden. Dass diese Aussergewöhnlichkeit stets in Grenzen bleibt und höchstens ein feiner Zug ins Originelle wird, davon bin ich überzeugt. — Eine Dame, liebste Zossen, eine Dame! — Wäre es ein wilder Knabe, bei dessen Erziehung jede Versäumnis zur grössten Gefahr werden kann, würde ich Ihre Sorge teilen — aber ein Mädchenherz bleibt zeitlebens weiches Wachs, und formt es sich nicht in den Händen seiner pädagogischen Modelleure, nun bleibt’s der Meisterin Liebe vorbehalten, den Puck in eine Psyche umzuwandeln! — Also keine unnötigen Alterationen, beste Baronin! — Sie werden es mir nachempfinden, wenn sowohl ich wie Herzogin Renée Anstand nehmen, die Prinzessin mit rauher Hand zu strafen. Sie ist das liebste Vermächtnis der hochseligen Eltern — aus Pietät für die Entschlafenen widerstrebt es uns, die kleine Waise streng zu erziehen — mag sie lieber ein toller kleiner Unband sein als wie ein wohl erzogenes, trauriges Wesen, welches sich im Elternhause als Stiefkind fühlt! — Bon soir, liebe Zossen! Seien Sie stets meiner herzlichen Dankbarkeit und Zufriedenheit versichert!“ — Das frische, heitere Gesicht des jungen Regenten nickte der Haushofmeisterin noch einmal in gewinnendster Weise zu, dann wandte er sich dem diensttuenden Kammerherrn entgegen, welcher mit anscheinend eiliger Meldung zwischen die Portièren getreten war.

Baronin Zossen zog sich mit tiefer Verneigung zurück. Sie hatte getan, was in ihren Kräften stand, den Extravaganzen der kleinen Prinzess einen Riegel vorzuschieben; wenn der Wille des herzoglichen Paares ihre Pläne kreuzte, so war es nicht ihr Verschulden, wenn einst das Unkraut die edle Saat überwucherte. —

Hofball in der Galerie!

Auf den Marmortreppen rauschen die seidenen Schleppen, Sporen und Säbel klirren ihren geselligen Gruss durch die strahlend erleuchteten Korridore. Lachen und scherzen! Tanzen und fröhlich sein! Die Augen der Jugend glänzen heute in doppelter Lebensfreude, denn eine längere Hoftrauer hatte ihre düstern Kreppwolken über Karnevals Rosenkranz geworfen, und die tanzlustigen Füsschen hatten sich im Opernhause höchstens sehnsüchtig im heissblütigen Takt der „Cavalleria rusticana“ regen können — ganz heimlich unter dem Sessel nur — aber gerade dieses Naschen an verbotenen Früchten reizte den Appetit! Heute waren nun wieder die farbenbunten, schillernden Schmetterlinge aus ihren dunkeln Puppen geschlüpft, und sie schwebten und wirbelten durcheinander auf den kosenden Klängen, wie eine holde Mahnung an den Lenz — an den Liebeslenz der Menschenherzen, welcher stets sein Reich behauptet, starrt die Welt auch noch so winterlich in Eis und Schnee.

Graf Cyprian Lankwitz, welcher seit seinen letzten Orientreisen dauernden Aufenthalt in der Residenz genommen, hatte seine flotte Ulanenuniform angelegt und stieg mit einem Gesicht, welches deutlich zeigte, wie „riesig“ gern er kam, die Treppe empor.

„Ewig jung und ewig schön!“ sagte man von ihm, denn die Zeit schien spurlos an seiner schlanken Gestalt und seinem lachenden Antlitz vorüberzuziehen, und das „Juvivallera“, welches einst seine Devise als jüngster Leutnant gewesen, umklang und umträllerte unverändert auch noch das schöne Haupt des pensionierten Rittmeisters, an welchem das einzig Alte — der Sohn war!

Vor einem der hohen, auf Greifen ruhenden Pfeilerspiegel der Kuppelhalle stand Cyprian momentan still und strich noch einmal mit den beiden goldziselierten Bürstchen den Scheitel des Hinterhauptes glatt. Sein Interesse galt jedoch weniger seinem eigenen Spiegelbild als dem der neuankommenden Damen, welche noch in Pelz und Schleier vermummt, der Tür der Garderoben entgegeneilten.

Für den humoristischen Sinn des Grafen hatte es stets etwas äusserst Spasshaftes, die Schönen des Festes in ihren verschiedenen Metamorphosen zu schauen, wie sich aus unförmigen Mantelklumpen mit auswuchsartig hochgenommenen Schleppen und wahren Ungeheuern von Pelzschuhen eine zarte, spitzen- und gazeduftige Menschenblüte entwickelte.

Die alten Damen und die jungen Mädchen sehen meist am abenteuerlichsten aus; die schönen, koketten Frauen, welche in dem stets geschmackvollen, routinierten Alter der „Renaissance“ stehen, wissen, dass Korridor und Treppe just so hell beleuchtet und belebt sind, wie die Gesellschaftsräume, darum sind sie nicht nur programmgemäss, sondern permanent gerüstet, auch en passant ein Männerherz als originelles Anhängsel für ihr Bettelarmband zu erobern.

Männerherzen und Weiberherzen! Wenn sie nur en gros in der Saison gehandelt werden sollen, sind sie billig. Sie wirbeln umher wie die Schneeflocken, und wer weisse graziöse Händchen hat zum fangen, oder ein paar heisse, glutvolle Augen, sie widerstandslos zu schmelzen, dem gehören sie — so lange es eben die Zeit der Schneeflocken ist; im Frühjahr zerinnen sie wie Träume und Schäume im Sonnenlicht.

Eine lange, meergrün schillernde Seidenplüschschleppe knistert über die Marmorstufen, eine mittelgrosse, üppige Frauengestalt, den weissen Pelzmantel bereits sehr wirkungsvoll über die Schultern zurückgeschlagen, dass er die elegante Figur nur umrahmt und nicht verhüllt, schreitet ihr leichtfüssig als Trägerin voran. — Ah! — Juvivallera kennt seine Pappenheimer. — Unwillkürlich klappt er die Sporen zusammen und macht Front. Er hat ein ganzes Lager diverser Blicke auf Vorrat, und jetzt wählt er als Meuschenkenner einen der interessantesten und kecklich flammendsten. — Das Füsschen im winzigen Atlasschuh zuckt auch momentan zögernd vor ihm zurück, und die Hand, von der grell aufsprühende Brillantreifen auf den vollen Arm zurückklirren, hebt sich, den Spitzenschleier vollends von dem Antlitz zurück zu schlagen.

Kein hübsches Gesicht, etwas allzufrisch und rundwangig, aber mit einem Lächeln um die roten Lippen und einem Blick ...! — Diantre! — Man weiss nicht recht, neigt sie das Köpfchen im unmerklichen Gegengruss oder veranlasst nur der Schleier die jähe Regung? Auf jeden Fall lächelt sie — blitzartig und eigentümlich — und dann rauscht die Schleppe mit geheimnisvollem Frou-Frou weiter und verschwindet hinter der Garderobentüre.

Juvivalleras Blick folgt ihr, wie sich die Sonnenblume nach der Sonne dreht.

„Alle Wetter, Vorbach! Eine total neue und fremde Erscheinung im Schloss?“ wandte er sich lachend an einen jungen Offizier, welcher grüssend zu ihm herantrat: „Jene Dame, die ich liebe, kenn’ ich nicht! Wer ist sie?“

Der Ulan zuckte humorvoll die Achseln: „Nie sollst du mich befragen — noch Wissenssorge tragen!“ sang er mit mehr Geste, wie Stimme. „Wer und was sie ist? — Falls Witwe, eine gute Partie! Donnerwetter, die Brillanten!“

Ein Lakai räusperte sich vornehmlich hinter den Herren.

Juvivallera kehrte sich ihm hastig zu: „Na, James? Was auf dem Herzen?“

Das weissgepuderte Haupt schoss diensteifrig näher: „Die Dame war die Freifrau von Ohly-Eckhof — dort steht der Herr Gemahl an der Säule und erwartet sie. Herrschaften sind neuerdings erst vorgestellt — so viel ich weiss hat der Herr Baron ein Gut in der Nähe der Residenz angekauft!“

„Merci, James. — Sind ein netter Kerl! — —“ und Lankwitz wandte sich wieder flüsternd zu Herrn von Vorbach. „Ohly-Eckhof? — kommt mir so bekannt vor, als hätte ich den Namen einmal mit viel Interesse im Leben gehört und genannt, kann mich aber beim besten Willen nicht entsinnen, wann und wo. Mit dem Gutskauf irrt sich der gute James, im ganzen Herzogtum ist seit Jahren kein herrschaftlicher Besitz in fremde Hände übergegangen. Dort, der unglaublich dicke, missvergnügte, kleine Herr ist der beneidenswerte Gatte der Brillantendame? — Verrückte Zusammenstellung! Taxiere den Fallstaff im modernen Frack viel eher auf eine perfekte Köchin als auf ein elegantes und schneidiges Weib!“

„Tatsächlich, Herr Rittmeister? Menukenner sind meist auch Gourmands des Herzens! Und die runden, schneeweissen Arme der unbekannten Göttin sahen so appetitlich aus — —“

„Pst — da naht sie wieder! Alle Achtung, — welch süsser Kern in der Pelzmantelschaale!“

„Aber hübsch nicht, Herr Rittmeister, — etwas derb und gewöhnlich aussehend!“

„Das allerdings, aber diese frische, üppige beauté du diable findet auch ihre Verehrer — und ich glaube, Madame kann sehr amüsant sein!“

„Ihrem Gatten gegenüber nicht. Man scheint recht kühl und illusionslos zusammen zu verkehren, — am liebsten möchte sie ganz auf seinen Arm verzichten, sie nimmt ihn nur, weil es der gute Ton erfordert.“

„Moderne Ehe. — Immer interessanter.“

„Lassen Sie uns folgen, Graf, — die ersten Herzen, über welche sie stolpert, sollen die unsern sein!“

„D’accord!“

Altem Brauch gemäss ward das Souper an kleinen Tischchen in den beiden langen Seitenflügeln der Bildergalerie eingenommen.

Die Schaar der Lakaien flog wie lautlose Schatten servierend hin und her, und allgemeiner Ansicht nach war diese Souperstunde die gemütlichste und amüsanteste des ganzen Abends. In der kleinen Nische, welche zwei breit vorspringende, mit Gemälden behangene Pfeiler bildeten, stand der runde Marmortisch, an welchem Graf Lankwitz für seine Dame, sich selbst und ein junges Paar belegt hatte, von dem Frau Fama behauptete, dass es nur auf den ersten günstigen Moment warte, sich der lang darauf vorbereiteten Welt als Brautpaar zu präsentieren.

Heute Abend beim Souper wollte Graf Lankwitz in menschenfreundlichster Weise für diese Gelegenheit sorgen, denn er und seine Tischnachbarin, Baronin Ohly-Eckhof, waren so völlig von ihrer Unterhaltung absorbiert, dass sie kaum einen Blick für Hummer und Austern, geschweige für ihre Nachbarn übrig hatten.

Frau von Ohly entfaltete den mächtigen, grün abschattierten Straussfederfächer und blinzelte neckisch über seinen Rand zu Juvivallera auf.

„O kurzes Gedächtnis, dein Name ist Lankwitz!“ spottete sie. „Auch ohne Menschen- und Physiognomienkenntnis hätte es selbst ein Blinder Ihrem Gesichte ansehen müssen, dass Sie keinen Schimmer hatten, welch eine alte Herzensflamme vorhin auf dem Korridor an Ihnen vorüberschwebte.“

„Allright! Wer es mit ansah, glaubte, es sei eine ganz neue, allerjüngste Königin, welche prima vista mein Herz eroberte! — Aber Scherz à bas, gnädigste Frau, wenn ein alter, gebeugter Mann wie ich, sich in Gedanken eine Jugendfreundin vorstellt, so schliesst er unwillkürlich von sich selbst auf andere und lässt es sich nicht träumen, dass auch in jetziger Zeit noch das Märchen der Ninon de Lenclos zur Wahrheit werde! Wir haben uns beide seit unserem sechzehnten Lebensjahre nicht wieder gesehen; Sie waren damals ein Knöspchen, jetzt blüht die erschlossene Rose vor mir, und ... ja zum Teufel, ich bilde mir bei diesem Anblick schier ein, dass ich auch noch ein ganz junger, feuerblütiger Kerl bin!“

„Ist Ihr Herr Sohn schon verheiratet?“

„Perfide! So stürzt man eitle Verblendung aus allen Himmeln zurück! Mein Herr Sohn! ja, Baronin, wenn man allerdings den langen Schlingel als Massstab an mein Alter legt, kann ich nicht mehr neben Ihnen bestehen. Cyrill könnte schon recht bald heiraten, wenn er dem Vorbild seines Herrn Vaters folgte; wären Sie Witwe, Madame Ninon, würde ich den Rivalen sofort auf weite Reisen schicken!“

„Lassen Sie ihn ruhig hier. Meine Tochter lässt sich schon jetzt ebenso gern Schmeicheleien sagen, wie die Mutter!“

„Tochter?“ Lankwitz setzte das Sektglas, welches er just zum Munde führen wollte, jählings nieder und starrte die Sprecherin, welche sehr gelassen die Blüten der niederhängenden Hopfengarnitur über dem Busen zurecht zupfte, einen Augenblick sprachlos an. „Tochter?“ wiederholte er gedehnt — „alle Wetter, seit wann denn das? Habe ja nie eine Silbe davon erfahren!“

„Sie scheinen überhaupt wenig Anteil an meinem Geschick genommen zu haben. Meine Prinzesse Royale hat im vergangenen Monat sieben stolze Lebensjahre vollendet, und obwohl Ihr Herz ein Strohdach zu haben scheint und auch ein Fünkchen ihm schon gefährlich werden kann, will ich Mignon doch nicht übers Meer schicken, sondern sie Ihnen baldmöglichst einmal als Dessert servieren!“

„Mignon! — Heisst die Allergnädigste etwa Mignon? Sein Vater?“

Cyprian machte unwiderstehliche Augen: „Ganz so hübsch nicht, aber bedeutend angenehmer wie der Alte!“

„Dazu gehört nicht viel. Apropos — ich nehme an, dass Sie als gebildeter Mensch auch meinem Hause eine Visite abstatten werden; wenn ich dieselbe nun als genossen ansehen würde — in Anbetracht unserer alten Bekanntschaft — und Sie nebst dem Herrn Sohn bäte, übermorgen bei uns zu dinieren?“

„Dann wären Sie zum küssen, Baronin!“

„Abgemacht. — Und nun holen Sie mir, bitte, noch etwas Eis von dem Büfett!“

„Nicht umsonst.“

„Ei, ei? Botenlohn? Dann fahre ich sparsamer mit einem Lakai!“

„Es ist keiner in der Nähe, und die Tafel der Höchsten nähert sich ihrem Ende.“

„Nun gut; Sie sollen fünf Pfennige bekommen, aber dann bitte auch — tempo vivace!“

„Fünf Pfennige?“

„Es ist unedel, bei einer Verschmachtenden Erpressungen zu machen! Was verlangen Sie?“

Alle Teufelchen des Übermuts blitzten aus seinen Augen. Er zwirbelte den Schnurrbart und neigte sich neckend näher: „Le baiser — welches zu dem Eis unzertrennlich gehört!“

Frau von Ohly warf in sittlicher Entrüstung das Stumpfnäschen zurück. „Empörend! — das wagen Sie mir Ihrer künftigen Schwiegermutter, zu bieten?“

Jetzt hatte er sie zum besten. „Ihnen bieten? — Gott soll mich bewahren! — Wer denkt an eine Schwiegermama, wenn von Küssen die Rede ist!“ schauderte er.

Sie lehnte sich voll Humor in das Goldsesselchen zurück, der grüne Plüsch schillerte um ihre jugendliche Figur, die Brillanten brannten wie aufzuckende Irrlichtflämmchen auf dem weissen Hals. „Allerdings nur der — welcher nur gern eine haben möchte, dürfte leicht in die leere Luft küssen! — Also Sie sind bescheiden in Ihrer Forderung. Von wem verlangen Sie einen Kuss — von meinem Schosshund?“

„Nein.“

„Über ein anderes Wesen habe ich leider nicht zu verfügen!“

„Angenehme Mutter! An den Schosshund denkt sie den ganzen Tag, an die Tochter nicht.“

„Ah ... Mignon?“

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiss, was ich leide!“

Die junge Frau zuckte halb mitleidig, halb wohlwollend die Achseln. „Ich bin überzeugt, dass meine Kleine, welche schon so manchen alten Onkel küssen musste, sehr kaltblütig die Portion Eis für ihre arme, halbverdurstende Mutter bezahlen wird!“

„Ausgezeichnet! Bitte, leben Sie nur noch fünf Minuten, Gnädigste, bis ich Ihnen einen Scheck zur Unterschrift vorlege!“ Er riss sein Portefeuille aus der Brusttasche und kritzelte eilig die Worte hinein: Ich erlaube dem Grafen Cyprian von Lankwitz, meine Tochter Mignon zu küssen. — — „Bitte um Ihre Unterschrift, Madame — entzückend! — — Teuerste Schwiegermama —“ der Graf neigte sich galant und küsste die Hand, welche ebenfalls nach dem Glase griff: „Ich erlaube mir auf das Wohl meiner kleinen Zukunftsgöttin anzustossen, und bitte Sie, seinerzeit meine Werbung freundlichst unterstützen zu wollen!“

Sie zuckte mit kokettem Aufblitz der Augen die vollen Schultern. „Ich mache keinerlei Konzessionen, denn ich kann nicht wissen, ob meine Tochter in zwanzig Jahren eine Passion für Antiquitäten entwickeln wird!“

„Das nenne ich boshaft!“

„Ich vorsichtig. — Wenn der ‚alte, gebeugte‘ Mann schon der Mutter gegenüber ein so schlechtes Gedächtnis entwickelte, wie sollte er sich in zwanzig Jahren noch eines ‚Heiratsantrages en passant‘ entsinnen? Übrigens ... um zurückzukommen — —“

„Auf unsern Hammel — —“

„Pardon, auf Ihren Herrn Sohn! — Wo steckt Monsieur Cyrill zur Zeit?“

Juvivallera lachte sehr animirt auf. „Er ahnt nicht, wie schlecht mir momentan mitgespielt wird, sonst käme er mir zu Hilfe! Die Ritterakademie liegt leider über eine Stunde von hier entfernt in der westlichen Vorstadt, und da man vielleicht ahnt, was für eine gefährliche Spezies von Schwiegermüttern hier lauert, bewahrt man die jungen Menschenkinder noch strengstens vor den Schicksalen eines Hofballes.“

„Sehr richtig! — Also Schüler der Ritterakademie! Ist Lankwitz junior ebenso hübsch und so unleidlich wie Ninon!“

„Es klingt allerdings empörend frivol, aber in anbetracht, dass meine Tochter erst sieben Jahre zählt und ich geradezu nach einer Erfrischung fiebere ... — lá voilà — zwar nicht mit Blut, aber mit Bleistift unterschrieben. Mignon kommt nächste Ostern wieder auf Pensionsurlaub hierher, dann können Sie den Schuldschein einlösen!“

Juvivallera faltete den unterzeichneten Zettel sorgsam zusammen und schob ihn in die Brusttasche. Sein ganzes, schönes Antlitz strahlte in Schalk und Triumph.

„Fällt mir gar nicht im Traume ein, Schwiegermama!“

„Wie? Sie lösen den Bon nicht ein?“

Da richtete sich der Graf auf und stemmte beide Hände auf die Tischplatte. Tief zu ihr niedergeneigt erwiderte er lachend: „Einlösen werde ich diesen entzückenden Schuldschein auf jeden Fall, Baronin, aber weder zu Ostern noch zu Pfingsten, sondern genau nach zehn Jahren, teuerste Schwiegermama — — dann küsst Mignon den alten Onkel vielleicht doch nicht so kaltblütig wie jetzt!“

„Verrat! — schändlicher Betrug! — ich falle in Ohnmacht!“

„Bitte warten Sie noch einen Augenblick damit — ich fliege, um das Eis zu holen!“ Und ganz, ganz langsam, Schrittchen für Schrittchen, stets lachend zurückschauend und seine Eile in übermütigster Weise persiflierend, verliess er seine Tischnachbarin, welche verzweifelt darüber war, just in diesem Augenblick an herzoglicher Tafel zu sitzen; sie konnte nicht einmal das Tischtuch zwischen sich und dem strafwürdigsten aller Kavaliere durchschneiden.

IV.

Man tanzte wieder.

Graf Cyprian gehörte nicht zu der Sorte unnatürlicher Herren, welche, kaum das Kadettenkorps oder Gymnasium hinter sich, bereits erklären: „Wir besuchen nur Diners und keine Bälle; wir tanzen nicht.“

Diese Herren hatte Herzogin Renée voll scharfen Spottes nie wieder zu den Hofbällen befehlen lassen. „Was sollen sie hier? Sie sind mir selbst als Staffage unsympathisch, denn ein junger Mensch, der nicht tanzt, hat entweder krumme Beine, und dann ziert er den Ballsaal nicht, oder er ist so krank und unappetitlich, dass er nicht unter lebensfrohe Gesunde gehört, oder er ist so unliebenswürdig blasiert, dass ich den jungen Damen solche Gesellschaft nicht zumuten kann!“

Das hatte gewirkt. Für krummbeinig, krank oder fade zu gelten, war den jungen Herren nicht angenehm, und Herzogin Renée, die leidenschaftliche Tänzerin, sah es mit Genugtuung, wie äusserst animiert und lebhaft sich ihre Tanzfeste künftighin gestalteten.

Ihr erlauchter Gemahl war durchaus einverstanden mit der scharfen Kritik, zu welcher er persönlich noch hinzugesetzt hatte: „Wer nicht tanzen kann, kann auch nicht marschieren, und wer nicht seinen Mann auf Amors Schlachtfeld steht, der leistet auch auf demjenigen des Mars nichts! Ein junger Mann, welcher ohne triftigen Grund nicht tanzt, ist schlapp und ohne Schneid, und solche Leute kann ich überall entbehren!“

Das wirkte noch mehr. Selbst die würdigen Familienväter und Stabsoffiziere wurden von ehrgeizigem Eifer beseelt. Wo die stramme, elegante Gestalt ihres Herzogs auf dem „Schlachtfelde Amors“ in flottem Galopp und Walzer vorausstürmte, folgte die Schar seiner Getreuen in lustigem Wetteifer nach; keiner wollte zurückbleiben, keiner wollte schlapp oder dienstunfähig erscheinen, das schneidige Rittertum feierte seine schönsten Siege.

Graf Cyprian hatte stets mit grosser Passion getanzt. Am Ende der dreissiger Jahre erst stehend, war seine vornehme Gestalt eine der hervorragendsten Erscheinungen bei Hofe, und seine Schönheit, seine ausserordentliche Liebenswürdigkeit und der leichtlebige Humor machten ihn auch hier, wie überall im Leben, zum Löwen des Tages, der für manch heimlichen Liebestraum sehnsuchtsvoller Mädchenherzen den Helden gab, und selbst das Ideal mancher anspruchsvollen Frauenseele verkörperte.

Sein Name klang auf allen Lippen, und während der ersten Hälfte des Balles, vor dem Souper, sah man ihn als gefeierten Mittelpunkt stets im Kreise der Damen, unermüdlich tanzend, scherzend, neckend — das belebende Element überall, wo er irrlichtartig auftauchte und wieder verschwand.

Nach dem Souper war er nirgends zu entdecken, so interessiert und erwartungsvoll auch manch schönes Auge nach ihm ausschaute. In einem schmalen, mit Blumen geschmückten Korridor, der die Galerie mit dem japanischen Saal verband, sass Juvivallera in den weichen Polstern einer Causeuse und starrte nachdenklich vor sich nieder auf das spiegelnde Parkett, das mit seinen reizenden Wappenmustern jedem Teppich Konkurrenz machte.

Er dachte weit, weit zurück. — Wie ein Mensch plötzlich vor einem Gemälde steht, welches ihm ein Stück Jugend und Heimat zeigt, so hatte Cyprian in das Antlitz der Baronin Ohly geschaut, und alles, was seit dem Einst und diesem Wiedersehen dazwischenlag, war wie mit einem Zauberschlag lebendig geworden.

Sie neckte ihn mit seinem schlechten Gedächtnis. War es wirklich so durchlöchert im Lauf der Jahre? — Oh nein; nur einen Augenblick besinnen und nachdenken — und all die Bilder, welche er längst verwittert geglaubt, werden aufs neue in frischer Farbenpracht vor seinen geistigen Augen stehen!

Florence von Ohly, geborene von Bahrenberg — gewiss, er sieht sie noch als derbes, dralles, rotwangiges, nicht sehr hübsches Backfischchen vor sich stehen, als er ihr in der Tanzstunde vorgestellt wurde. Sie und ihre Schwester Claudine waren die am wenigsten begehrten jungen Damen; Claudine noch ausgesprochen hässlicher, beide derb und ungelenk, still, verschlossen und abweisend wie die meisten Kinder, welche in der Einsamkeit des Landes aufwachsen und unselbständig und schüchtern in einen Kreis wildfremder, formengewandter Stadtmenschen treten.

Die Familienverhältnisse der Schwestern waren recht traurige. Sie hatten die Mutter früh verloren, nicht durch den Tod, sondern durch Scheidung der Eltern, und die Schuld war wohl zweifellos auf seiten der flatterhaften Frau, welche zu spät bereute, um eines grossen Reichtums willen einen auffallend hässlichen, menschenscheuen Mann geheiratet zu haben.

Die böse Welt behauptete, sie habe sich von dem Hauslehrer ihrer beiden Töchterchen entführen lassen, doch ward nie etwas Bestimmtes darüber laut. Frau von Bahrenberg lebte nach ihrer Scheidung mit ihrer Stiefschwester viel auf Reisen, gab nie Anlass zu böser Nachrede und ging keine zweite Ehe ein; sie erklärte jedem, der es hören wollte, dass sie lediglich darum das Haus ihres Mannes heimlich verlassen, weil sie einen derartigen Widerwillen gegen den eifersüchtigen, sie ständig quälenden Pessimisten empfunden, dass ihr ein ferneres Zusammenleben mit ihm unmöglich gewesen sei.

Auch hat sie verschiedentlich Versuche gemacht, ihre Kinder oder doch wenigstens eines derselben von ihrem Gatten zu erbitten — vergeblich, Herr von Bahrenberg untersagte in masslosem Hass selbst jede Korrespondenz zwischen der Mutter und den Töchtern, ja er erlaubte es sogar nicht, dass die halbwüchsigen Mädchen an das Sterbebett der Schwerkranken geholt wurden.

Einsam, freudlos, ganz unter dem Einfluss des verbitterten, menschenfeindlichen Vaters lebend, wuchsen die Zwillingsschwestern Claudine und Florence auf. Eine mitleidige Tante machte einst den Versuch, die armen jungen Wesen aus ihrer düsteren Abgeschlossenheit zu erlösen, und lud sie für einen Winter zu sich in die Residenz ein.

Wie man sagte, hatte der Vater nach heissem Kampf erst die Erlaubnis dazu gegeben, als ihm begreiflich gemacht wurde, dass die Mädchen der Musik- und Malstunden dringend bedürfen, sie seien beide aussergewöhnlich talentiert. Nur unter der Bedingung, dass die Töchter ohne jeden Verkehr mit der geselligen Aussenwelt leben sollten, hatte der Einsiedler von Schloss Nahrberg sie der Tante anvertraut. Diese meinte es gut mit den armen Mädchen, welche nie eine Freude der Jugend kennen gelernt. Sie führte sie in das Theater und zu einer Privattanzstunde. Florence war lebhaften und leicht begeisterten Temperamentes, sie genoss entzückt diese neuen Eindrücke und war unbeschreiblich dankbar dafür; Claudine jedoch, welche sehr viel ernster und schwermütiger beanlagt war, empfand es bitter schmerzlich, wie fremd und ungeschliffen sie in dieser Umgebung gegen alle anderen jungen Mädchen abstachen, wie man über sie spottete und glossierte, wie sie so peinlich zurückgesetzt wurden um ihrer Hässlichkeit willen.

Sie beklagte sich darüber bei dem Vater, und dieser holte sich voll Zorn und Entrüstung die Zwillinge nach Hause — von Stund an mit der Tante für ewige Zeiten verfeindet. Seine Töchter sollten die Welt nicht kennen lernen, diese falsche, hoffärtige, lügnerische und leichtsinnige Welt! Sie sollten auch niemals heiraten, denn dazu waren sie zu reich und zu hässlich. Aus Liebe kam kein Freier — er kam um des Geldes willen, nnd die Kinder würden ebenso aus herzloser Berechnung gewählt werden, wie einst der verblendete, unglückselige Vater!

Vor einem solchen Schicksal wollte er jedoch sein Liebstes auf der Welt bewahren!

Unter dem Einfluss seiner misantropischen Lehren heranwachsend, empfanden die jungen Mädchen auch durchaus keine Neigung, Welt und Leben kennen zu lernen, die der Vater so verächtlich schilderte und die sie selber so wenig verlockend kennen gelernt.

Es ward ein ernstes, feierliches Bündnis geschlossen, dass die Schwestern sich nie vermählen, sondern stets zusammen auf dem väterlichen Besitztum leben sollten. Ihr ganz ausserordentlicher Reichtum garantierte ihnen ein sorgloses und angenehmes Dasein — ruhig und friedlich, nie getrübt durch die Stürme der Liebe, durch die Wetterwolken der Ehe, durch das grenzenlose Elend des Verraten- und Verlassenseins!

Herr von Bahrenberg teilte seinen grossen Landbesitz genau in zwei Hälften, und da das alte Schloss baufällig geworden, so liess er für die Töchter einen „Witwensitz“ aufführen, dessen Originalität viel von sich reden machte.

Der prächtige Bau bestand aus zwei ganz gleichen Hälften, die genau in der Mitte durch eine leichte Mauer getrennt wurden. Eine Seite war vollständig gleichmässig wie die andere eingeteilt und eingerichtet. Jedes Möbel, jedes Bild, ja jeder Nagel war in einer Hälfte des Schlosses peinlich genau wie in der anderen angebracht, und Herr von Bahrenberg durchschritt den eigenartigen „Witwensitz“ seiner jungen Töchter zum erstenmal mit einem feinen Schimmer der Befriedigung auf dem finsteren Antlitz. Hier sollten seine Zwillinge leben und sterben, hier sollten sie ihre Wirtschaft einrichten, wie sie wollten. — Dauerte der schwesterliche Frieden auch ohne die strenge Aufsicht des Vaters an, nun, so konnten sie in einer Hälfte des Schlosses zusammen wohnen, schlichen sich jedoch mit dem Alter Differenzen ein, so war jede auf ihrem Gebiet selbständig und es konnten in Beziehung auf Besitz oder Vermögen niemals Zwistigkeiten entstehen. Die Teilung war so genau und zweifellos vom Vater eingeteilt, dass nie eine gerichtliche Hilfe notwendig sein wird, die Erbschaft zu regeln.

Cyprian erinnerte sich dunkel, dass diese etwas sehr eigenartige Verfügung des alten Sonderlings damals im Lande viel besprochen und belacht wurde, dass man im Interesse der jungen Herren lebhaft bedauerte, so viel herrschaftliches Vermögen brach gelegt zu sehen, und dass man hoffte, die Töchter möchten vernünftiger beanlagt sein, wie der Grillenfänger Bahrenberg.

Dann verlief die sensationelle Geschichte allmählich im Sande, und Cyprian war viel zu sehr mit sich und seinem eigenen Schicksal beschäftigt, um noch Zeit und Interesse für die Bahrenberger übrig zu haben. Die Todesnachricht des Vaters alarmierte noch einmal auf kurze Zeit die Gemüter. Man beobachtete voll Spannung das Benehmen der Töchter, und fand es unglaublich langweilig und unnatürlich, dass die kaum in Mitte der zwanziger Jahre stehenden Mädchen tatsächlich nach dem Willen des Verstorbenen in klosterhafter Abgeschiedenheit weiterlebten.

Man behauptete allerdings, es sei dies hauptsächlich der Einfluss der Claudine, welche in Wesen und Charakter genau das Ebenbild des Vaters sei, Florence habe viel mehr mütterliches Blut geerbt, wage aber nicht, der strengen, eigenwilligen Schwester zu opponieren.

Und wieder vergingen ein oder zwei Jahre, da erzählte man sich einen Roman, welcher den Namen Bahrenberg aufs neue in aller Mund brachte.

Florence hatte sich entführen lassen.

Die kleine Liebesgeschichte hatte sehr poetisch begonnen. Ein junger Maler sass Tag für Tag in einem entfernt liegenden Teile des Parkes am kleinen Weiher und konterfeite das stille, schwermütige Wasseridyll, dessen einzig belebendes Element, die türkischen Enten, täglich von Florence gefüttert wurden. Bei dieser Gelegenheit lernten sie sich kennen, und weil die junge Dame dieses Sehen und Plaudern köstlich interessant fand, hütete sie das Geheimnis vor der strengen Schwester und träumte sich, teils aus Langweile, teils aus leidenschaftlicher Sehnsucht nach Erlösung aus ihrer Nonnenhaft, in eine Liebe hinein, die dem jungen Mann lediglich darum galt, weil er der erste war, der ihren Weg kreuzte.

Baron Ohly, ein Schwede, war weder geistvoll noch sehr hübsch, aber er verstand es, das Eisen zu schmieden, so lange es heiss war —, und seine sonst so nichtssagenden Augen wurden immer heisser und flehender, sein Werben immer offenkundiger und dringender, bis Florence berauscht von dem süssen Reiz verbotener Liebesfrüchte, dem stürmischen Drängen des Barons nicht länger widerstehen konnte. Da sie die heftigsten Szenen mit Claudine und deren energischen Widerstand fürchtete, entschloss sie sich, das Schloss heimlich zu verlassen, und erst die vollendete Tatsache ihrer Vermählung der Schwester mitzuteilen.

So geschah es auch. Frau Fama hatte in dieser Zeit unglaublich viel zu erzählen. Fräulein Claudine von Bahrenberg sah in der Flucht der Schwester den lieblosesten und gemeinsten Verrat an aller Treue und allen je geleisteten Schwüren.

Schwergekränkt und unversöhnlich wie einst der Vater, sagte sie sich für ewige Zeiten von Baronin Ohly los, und wies voll hartnäckiger, hasserfüllter Bitterkeit jeden Annäherungs- und Aussöhnungsversuch des jungen Paares zurück. — Einsam und menschenfeindlich schloss sie sich in dem ihr gehörigen Teil des Besitzes ab; das Baarvermögen wurde der volljährigen Florence ausgezahlt, die Renten des ihr zugeschriebenen Gutsteiles führte der Verwalter an sie ab — von Claudine hörte die Schwester auf direktem Wege nie wieder ein Wort.

Ihr leichtlebiger Sinn setzte sich darüber hinweg, die bunte, fremde Herrlichkeit der schönen Welt nahm ihr Herz und Sinn derart gefangen, dass sie sich dem unbekannten Zauber frohen Lebensgenusses glückselig hingab.

Man behauptete zwar, Baron Ohly sei ein sehr schlauer und geschickter Intrigant, welcher die ganze Malerkomödie lediglich in Szene gesetzt habe, das Goldfischchen Florence an dem Entenweiher zu fangen.

Seine Vermögensverhältnisse waren durchaus der Auffrischung bedürftig, denn er liebte ein behagliches, materielles Leben und hatte seinem Götzen, dem Magen, bereits alles zum Opfer gebracht, was er an Mitteln besass.

Obwohl seine Gemahlin bald die Triebfeder seiner Werbung durchschaute, fasste sie die List des Barons durchaus nicht sentimental auf. Sie war durch ihn aus einem Leben voll unerträglicher Langerweile und geisttötender Einsamkeit errettet, er gab ihr, mit seinem guten Namen und sonst vortrefflichen Rénommée, eine angesehene Stellung in der Welt, und da er der beste, gutmütigste Mann war, wenn er ein gutes Diner hatte, so war das Einvernehmen der Gatten stets das beste.

Leben und leben lassen! Herr von Ohly war viel zu phlegmatisch, um eifersüchtig zu sein, er war auch — und das mit Recht — felsenfest von der Treue seiner Frau überzeugt; mochte sie sich getrost von den Herren der Gesellschaft die Cour machen lassen, es amüsierte sie so sehr, und wenn Florence sich so recht ihres Lebens freute und guter Laune war, dann stand er sich am besten dabei, denn das Menü war immer ein Spiegelbild ihrer Stimmung.

Das Regiment führte die Hausfrau.

Sie verwaltete ihr Vermögen selbst und stand ihrem Hauswesen mit aller Energie vor, der Gemahl erfreute sich guter Verköstigung und Verpflegung und beanspruchte auch nicht mehr als diese und ungestörte Seelenruhe!

Dass er die lebensfrohe Gattin manch liebe, lange Nacht zu Spiel und Tanz führen musste, war ihm eine zwar schmerzliche und sauere Verpflichtung, aber er ertrug sie mit Würde und entschädigte sich dafür am Souper, die schlaflosen Stunden holte er am Tage desto reichlicher nach.

So waltete eine schöne nie getrübte Eintracht in dem Hause Ohly, und wenn auch die Ehe weit davon entfernt war, eine zärtliche oder sehr herzliche zu sein, so freuten sich die Eltern doch in wahrer und aufrichtiger Liebe ihres niedlichen Töchterchens, auf welches sie alle Gefühle der Innigkeit übertrugen, die sie sich gegenseitig versagten.

Frau von Ohly war eine gute Mutter. Sie widmete sich während des ganzen Jahres persönlich der Pflege und Erziehung ihres Kindes, nur während der Saison — da hätte sie ihr Herz teilen müssen, denn die Feste des Winters waren ihr zu einem geradezu leidenschaftlichen Bedürfnis geworden.

Da sie ihnen trotz aller Liebe und Sorge um Mignon nicht entsagen konnte, und gern noch die paar Jahre ihrer entschwindenden Jugend geniessen wollte, um nachzuholen, was sie ehemals in Bahrenberg versäumte, so schickte sie die Kleine während der Wintermonate in ein bestempfohlenes Pensionat, in der Überzeugung, dass man dort besser für das Wohl des Mägdleins sorgen könne, wie in ihrem geselligen, stets sich im Trubel befindlichen Hause.

Diese letzte Nachricht hatte Cyprian soeben erst in Erfahrung gebracht, als eine etwas eifersüchtig werdende junge Dame, die er heute wegen Frau von Ohly sichtlich vernachlässigte, gern ein kleines Steinchen auf die Gegnerin, welche ein Kind in Pension schickt, um sich ungenierter amüsieren zu können — werfen wollte.

Gedankenvoll griff Cyprian nach dem vollen Sektglas, welches ein Lakai im Vorüberschreiten präsentierte, und schlürfte es langsam aus. Ja, er hatte sein schwaches Gedächtnis etwas aufgerüttelt, und war nun besser gerüstet, Frau von Ohly in die schelmischen, so lebenslustig blitzenden Augen zu schauen. Er erhob sich nnd strich tief aufatmend über die Stirn, gleicherzeit wandte er erstaunt den Kopf.

„Hier, junger Herr! Hier befindet sich der Herr Graf zufälligerweise ganz allein!“ flüsterte die Stimme des Hoffouriers, und als Juvivallera aufschaute, sah er seinen Sohn Cyrill zögernd an der Portiere stehen. „Papa! Tritt bitte einen Augenblick hier in den Korridor!“ bat er flüsternd.

„Potz Blitz und Knall! Junge! woher schneist du denn um Mitternacht urplötzlich hier in den Hofball hinein?“

Cyrill hob statt aller Antwort winkend eine Depesche empor.

„Na nu? Telegramm? an dich? — Immer herein, mein Sohn! ist ja Unfug, dass ich auf den Flur treten soll! Warum? siehst ja ganz salonfähig aus und hast wohl auch jetzt schon ein gewisses Anrecht auf höfisches Parkett! Komme her und setz’ dich, Boy! Eine Depesche also? — ist ja seltsam, — was soll das heissen?“

Sehr gelassen griff er nach dem ominösen Blatt, Cyrill aber trat hastig näher und berichtete: „Seit ein paar Stunden sucht dich der Bote vergeblich in der ganzen Stadt, da einer der neuengagierten Lakaien, welcher dich wohl nicht in Uniform kennt, versichert hat, du seiest nicht im Schlosse anwesend! Endlich klingelte der Beamte an der Akademie Sturm, wenigstens mich von dem eiligen Inhalt der Depesche in Kenntnis zu setzen und deinen Aufenthalt zu erfragen. Da hielt es der Vorsteher für das sicherste, mich zu beurlauben, um die Nachricht persönlich dir zu bringen!“

Cyprian hatte währenddessen gelesen: „Hm, sehr gut, mein Jungchen, — bin dir und dem Direktor sehr dankbar. Donnerwetter ja! ganz Neudeck in Flammen und die arme kranke Mutter totelend in das Dorfwirtshaus gebracht! — Greulicher Gedanke! Wieviel Uhr ist es jetzt? in zehn Minuten halb eins? trifft sich ja ausgezeichnet, da kann ich mit dem Kurierzug abdampfen und bin um sieben Uhr in Neudeck! Arme alte Frau! mag sich nicht wenig aufregen und entsetzen! — Na, Cyrillchen, nun stärke dich an einem Glase Sekt und schiess wieder unter die Bettdecke! Haha! siehst so patent aus, du Schlingel, dass ich dich am liebsten im Saal präsentierte!“

Mit stolzem Schmunzeln musterte der Sprecher die schlanke, und doch sehr markige und stramme Figur des Sohnes, welcher ihn beinahe um Handbreite überragte. Die Glieder waren noch etwas eckig und ungelenk, aber die kleidsame Uniform der Ritterakademie gab ihnen ein sehr vorteihaftes Ansehen, und da Cyrill momentan eilig und erregt war, so sprühten die dunklen Augen in aussergewöhnlichem Glanze.

Sein Antlitz war bleich, scharfgeschnitten und nicht annähernd so schön, wie das des Vaters. Es lag ein beinahe düsterer Ernst auf den jungen Zügen, eine kühle, ablehnende Reserve, welche meist für Hochmut oder Unliebenswürdigkeit ausgelegt wurde, umsomehr, als Cyrill nicht das mindeste Talent für angenehme gesellige Formen entwickelte. Was der Vater zuviel hatte, war ihm in allzu geringem Masse zuteil geworden.

Auch jetzt wandte er sich so entsetzt der Türe zu als halte er seine Einführung in den Ballsaal für etwas äusserst Unangenehmes! „Gott sei Dank, dass die Etikette solch gewagten Schritt direkt verbietet!“ antwortete er in dem schulmeisterhaft trockenen Ton, welcher ihm so leicht eigen: „Gute Nacht, Vater! Bestell der armen Grossmama tausend Grüsse, und wenn du irgendwie meiner Hilfe bedarfst — —“

„Vielleicht pumpe ich dich an mein Junge, wenn die alte Baracke zu schlecht versichert war, um eine neue ohne Unkosten aufbauen zu können!“ lachte Lankwitz senior wohlgemut, — „Adio, Boy! — komm glücklich nach Hause!!“

Cyrill wandte sich hastig zum Gehen, gleicherzeit aber prallte er jählings zurück und stand starr, wie angewurzelt, die aufflammenden Augen geradeaus gerichtet, als schaue er eine Vision.

Durch die Portiere huschte eine schlanke, entzückende Mädchengestalt, leis aufkichernd flog sie Baron Cyprian entgegen und hing sich jubelnd an seinen Arm. — Prinzessin Rafaela.

Бесплатный фрагмент закончился.

178,42 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
280 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711469958
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги