Читать книгу: «Tin Men»

DARK PLACES
Mike Knowles
Tin Men
Aus dem kanadischen Englisch von Karen Witthuhn
Herausgegeben von Jürgen Ruckh


Förderung durch Canadian Council of the Arts und Ontario Book Publisher Organization
Originaltitel: TIN MEN by Mike Knowles Copyright: Mike Knowles, 2018
First published ECW Press Ltd, 2018
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2020
Aus dem kanadischen Englisch von Karen Witthuhn
Mit einem Nachwort von Marcus Müntefering
© 2020 Polar Verlag e. K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Tobias Schumacher-Hernández, Nadine Helms
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Nicholas/Adobe Stock
Autorenfoto: © Mike Knowles
Satz/Layout: Martina Stolzmann
ISBN 978-3-948392-14-7
eISBN 978-3-948392-15-4
Für Andrea. Es könnte für niemand anderen sein.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Nicht jeder Cop ist dreckig, aber die guten schon
1
Os war auf dem Weg zu Sully’s Tavern, später als geplant, denn das Dreckstück im Kabuff hatte einfach nicht das Maul aufmachen wollen. Os hatte dem Typen gegenübergesessen und das Reden seinem Partner Woody überlassen. Wie immer hatte Woody den Kerl eingewickelt, hatte ihm verklickert, was sie bereits sicher wussten und was sie in ein, zwei Tagen würden beweisen können. Woody knackte fast jeden Fall; wenn er den Vernehmungsraum betrat, hatte er immer alle Trümpfe in der Hand. Meistens knickte der Verdächtige unter der Beweislast schnell ein, und alle konnten pünktlich Feierabend machen. Heute Abend war es anders gelaufen. Der kleine Wichser war auf frischer Tat ertappt worden. Woody hatte ihm die Aufnahmen der Kamera im Minimart auf der gegenüberliegenden Straßenseite gezeigt. Grobkörnige Bilder zwar, die aber erkennen ließen, wie er die alte Frau überfallen hatte, und Woody hatte sie ihm als Nägel zu seinem Sarg verkauft. Os hatte den Vergewaltiger beobachtet, der stocksteif dagesessen und die Wand hinter den beiden Cops angestiert hatte. Er hatte nicht nach einem Anwalt verlangt, und Woody hatte ihm in aller Deutlichkeit klargemacht, dass er nur durch ein Geständnis noch auf irgendeinen Deal hoffen konnte.
Aber der Typ war stumm geblieben, hatte zugehört und sie nicht angesehen. So war das über Stunden gegangen, dann hatte der Drecksack zum ersten Mal den Mund aufgemacht: »Anwalt.«
Os war gerade rechtzeitig wieder reingekommen, um dieses einzige Wort mitzuerleben. Die sechs Buchstaben fegten die sorgfältig eingefädelte Vernehmung vom Tisch wie eine Hand die Figuren eines Schachspiels zwei Züge vor Schachmatt. Woody hatte resigniert die Hände gehoben, gesagt »Wie du willst«, und war, die beiden Kaffeebecher in den Händen, an Os vorbei aus dem Raum gegangen. Er hatte nicht aufgegeben, er musste pinkeln. Im Laufe der Vernehmung hatte er mindestens sechs Tassen Kaffee runtergekippt und Nachschub verlangt, wann immer Os seinen Stuhl nach hinten geschoben hatte, um aufzustehen. Os sah seinem dürren Partner nach. Der Vergewaltiger starrte stur geradeaus.
»Du hättest reden sollen«, sagte Os.
Der Typ lächelte leicht.
Os spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Am liebsten hätte er den Typen mit der Fresse zuerst in die Betonwand gedonnert, hart genug, um Zähne rauszuschlagen und Knochen zu brechen, aber das ging hier drin nicht. Im Nebenzimmer stand ein Monitor, auf dem andere Detectives das Verhör verfolgten. Os hatte mehr Stunden auf diesen kleinen Bildschirm gestarrt als auf seinen eigenen Fernseher zu Hause. Er kannte den Kamerawinkel und das ziemlich unscharfe Bild genau und hatte sich absichtlich den linken Stuhl ausgesucht. So saß er mit dem Rücken zur Kamera.
Die Kamera war nach Durchschnittsmaßen ausgerichtet. Os war mindestens einen Kopf größer und fünfzig Pfund schwerer als alles, was einem Durchschnittsmenschen ähnelte. Seine Übergröße bedeutete, dass die Kamera ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht wurde, wenn sich Os auf den linken Stuhl im Vernehmungsraum setzte. Os war eins achtundneunzig groß, und wenn er sein Jackett über die Stuhllehne legte, hing es auf dem Boden. Dadurch waren seine Füße nicht zu sehen. Woody hatte vor Jahren einen Witz über Os’ XXL-Jackett gerissen: Er würde darin aussehen wie Onkel Fester von der Addams Family. Ein paar Kollegen hatten gelacht, und ein neuer Spitzname war geboren. Der Name überlebte keine Woche, aber Os hatte nie vergessen, was die Kamera sah – und was nicht.
Er stellte die beiden Kaffeebecher in die Mitte des Tisches, zog sein Jackett aus und setzte sich. »Das Gespräch war ein bisschen einseitig.«
Der Vergewaltiger beäugte den Kaffee. Nachdem er mit angesehen hatte, wie sein anderer Vernehmer Tasse um Tasse schlürfte, hatte er jetzt natürlich Durst.
Os sah die Becher an, dann den Mann. Er zuckte die Achseln. »Nur zu.«
Der Vergewaltiger streckte die mit Handschellen gefesselten Arme aus und hob langsam den Plastikbecher an den Mund. Der Kaffee war besonders schlecht und besonders heiß, wie der Mistkerl zu Os’ großer Freude schnell herausfand. Beim ersten vorsichtigen Schluck verbrannte er sich die Zunge, zuckte zusammen und wollte den Becher wieder abstellen. Als er noch etwa drei Zentimeter über der Tischplatte schwebte, streckte Os das Bein aus und schob den Stuhl des Typen ein Stück nach hinten. Die Bewegung war schnell und behände und an Os’ Oberkörper nicht abzulesen. Der Vergewaltiger hatte seine Aufmerksamkeit auf den Kaffeebecher gerichtet und kapierte einen Sekundenbruchteil zu spät. Die abgerundete Tischkante bot weniger Halt als eine alleinerziehende Alkoholikerin, und schon landete der Becher im Schoß des Vergewaltigers.
Ein Schrei, dann kippte der Stuhl um, als der Mann aufsprang und an die Wand zurückwich, wobei er krampfhaft versuchte, sich den Stoff seiner Hose vom Körper zu ziehen. Os erhob sich ebenfalls und zog umständlich Papierservietten aus der Tasche. Er hatte oft genug Kaffee auf seinen Anzug verschüttet und immer einen dicken Packen der dünnen Dinger dabei. Da der jammernde Typ keine Anstalten machte, sie zu nehmen, drückte Os sie ihm gegen die Brust und hielt sie dort fest.
»Du musst besser aufpassen. Die Becher sind echt heiß«, sagte er gerade laut genug fürs Mikrofon.
Denn Os wusste nicht nur, was die Kamera im Vernehmungsraum sah, sondern auch, was das Mikrofon hörte. Über die Jahre hatte er herausgefunden, dass es im Kabuff eine tote Zone gab, in der nichts aufgezeichnet wurde, was unter normaler Gesprächslautstärke lag. Os drückte dem erstarrten Mann die Servietten an die Brust, ließ sie dann mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung los und bohrte ihm einen Daumen in den Brustkorb. Eine von inzwischen abgekühltem Kaffee noch feuchte Hand landete auf seiner und versuchte, den eingedrungenen Daumen wegzuziehen. Os wandte das Gesicht von der Kamera ab und sagte: »Hoff mal lieber auf einen miserablen Anwalt. Vergewaltiger leben draußen gefährlich. Da können einem schlimme Dinge passieren.« Dabei senkte er seinen schweren rechten Stiefel auf den leichten Nike-Trainer des Vergewaltigers herab und erhöhte den Druck, ohne dass mehr zu erkennen gewesen wäre als ein plötzliches Aufkeuchen, zu leise für das schlechte Mikrofon. »Und jetzt entschuldige dich dafür, dass du den Kaffee verschüttet hast.«
»T-tut mir leid.«
Os hob die Stimme, damit das Mikrofon ihn hörte. »Kann ja mal passieren.«
Er nahm den Fuß weg, gab dem Vergewaltiger einen Klaps auf den Rücken und wandte sich um, um sein Jackett von der Stuhllehne zu ziehen.
»Setz dich«, sagte Os. »Ich versuch dir jetzt mal einen Anwalt zu besorgen.«
Als er endlich Feierabend hatte, war es spät geworden. Er hatte gehofft, noch rechtzeitig zum Kampf im Sully’s zu sein. Dort war es nie sehr voll, und auf Os’ Bitte hin schaltete der Barmann immer bereitwillig auf ESPN2 Classic Boxing um. Heute lief Cassius Clay gegen Sonny Liston. Os mochte Liston. Vor seiner Profikarriere war der ehemalige Schwergewichtschampion Knochenbrecher für die Mafia gewesen. Harte Muskeln und ein schwarzes Herz. Und er kämpfte, als hätte er eine Riesenwut auf die Welt. Jeder Schlag sollte wehtun – sogar seine Führhand war aus Dynamit. Clay hatte ihn geschlagen, aber Liston hatte dafür gesorgt, dass er sich den Sieg schwer erkämpfen musste; als Clay aus dem Ring stieg, wusste er, was er hinter sich hatte.
Os schaute beim Fahren immer wieder nach allen Seiten. Nach Jahren im Streifenwagen und noch mehr Jahren bei der Armee reichte ihm der Blick geradeaus auf die Straße nicht. Er fuhr zu schnell und kam trotzdem nicht weiter, weil irgendein Arschloch bei der Stadt die Ampeln so geschaltet hatte, dass niemand mehr als zwei Grünphasen hintereinander schaffte. Er drehte das Lenkrad seines Jeeps hin und her und verfluchte die Uhr. 23:14. Wahrscheinlich war der Kampf schon zu Ende. Er würde gerade noch mitbekommen, wie Liston das Handtuch warf, und dann seinen Drink zu koreanischem Pingpong leeren müssen. Durch den Vergewaltiger und den verpassten Kampf waren Os’ Nerven angespannt, und als er einen Typen gegen eine Hauswand pissen sah, rissen sie.
Drei weitere Männer hingen auf der winzigen Rasenfläche vor dem Haus rum und warteten, bis der vierte sein nasses Geschäft verrichtet hatte. In seiner Zeit in Uniform hatte Os die Tür dieses Hauses nach Beschwerden über das darin hausende Pack zweimal eingetreten. Die Tür war immer noch zugenagelt, die vier Typen waren also schlau genug, den Hintereingang zu benutzen. Os parkte drei Häuser weiter und stieg aus.
Mit gesenktem Kopf ging er die Straße entlang. Er schlug den Kragen seines Wollmantels hoch und stopfte die Hände in die Taschen. Die Temperatur war heute nicht über minus fünf gestiegen, die Nacht schien den Nachmittag als Ansporn zu nehmen und das Thermometer noch mal um zehn Grad zu drücken, nur um auf dicke Hose zu machen. Os’ Klamotten verkündeten nicht Cop, ebenso wenig wie seine Hautfarbe. Die meisten würden einen Schwarzen nicht für einen Polizisten halten. Os war scheißegal, wofür die meisten ihn hielten. Oft nutzte er den allgemeinen Rassismus zu seinem Vorteil; Vorurteile halfen ihm, viel näher an die Arschlöcher ranzukommen. Wenn die zu blöd waren, ihn für einen Cop zu halten – ihr Pech.
Die vier unterbrachen ihr lautstarkes Gegröle erst, als Os den Gehweg verließ und den schneebedeckten Vorgarten betrat. Der bräunliche Schnee hatte nichts mit dem weißen Zeug auf einer Weihnachtskarte gemeinsam. Die Stadt schüttete Unmengen von Sand und Salz auf die Straßen, und die Schneepflüge schmissen den Brei auf die Grundstücke der Anwohner. Das Gras unter dem Schneematsch überlebte nur, wenn jemand wirklich viel Zeit und tonnenweise Wasser einsetzte. Os vermutete, dass keiner von diesen Junkies irgendwas zum Wachsen bringen konnte.
»Was willste?« Die Frage kam von einem Weißen, der sich auf der Haustreppe niedergelassen hatte. Ein anderer aus der Gruppe stand auf, ein schwarzer Typ mit dem Gesicht voller Narben und zwei Zahnlücken.
Os überlegte, was die vier genommen haben mochten. Meth war allerorten, aber wie die Medien berichteten, hatte sich in letzter Zeit auch Fentanyl verbreitet. Die Notfallärzte konnten sich schon mal für die Mischung aus beiden Drogen bereit machen. Dirty hieß das. Os musterte die vier verdreckten Junkies und fragte sich, ob sie auf Ironie standen. In den vier Augenpaaren, die ihn anstarrten, war kein Fentanyl zu erkennen. Jeder der Männer hatte irgendeinen Tick, ein wippendes Knie oder schnelles Blinzeln, was nicht für ein Opiat sprach – es waren Methheads.
Os verteilte im Kopf Nummern. Der Laberer war Nummer eins, der, der aufgestanden war, seine Nummer zwei. Der dritte Typ und der Pinkelnde waren Mitläufer, die er ignorieren konnte. Alles hing von Nummer eins und zwei ab.
Os hielt seine Dienstmarke hoch. »Aufstehen.«
»Ein Scheißbulle? Scheiße, wir ham nichts gemacht. Was willst du von uns, ey? Das is’ Scheißprofiling, Mann«, sagte der Weiße.
Das gefiel Os – als schwarzer Cop für Profiling beschimpft zu werden. »Aufstehen«, wiederholte er. Er öffnete seinen Mantel, damit die vier seine Waffe sahen und kapierten, dass er es ernst meinte. Die anderen beiden, ein kleiner Latino und der Pisser, ein blasses Pummelchen, kamen jetzt auf die Verandatreppe zu. Nummer eins blieb auf seinem Arsch sitzen. Da Os nicht im Vorgarten aktiv werden wollte, hielt er ihm eine Karotte hin.
»Hände an die Seitenwand. Los jetzt.«
Os beobachtete, wie der drogenverranzte Verstand von Nummer eins diese Information verarbeitete. Es dauerte ein bisschen, bis er kapiert hatte – vier gegen einen, von der Straße nicht sichtbar. Sein Lächeln entblößte die wenigen verbliebenen braunen Zahnstummel. Was sich anscheinend nie jemand klarmachte: Wenn Meth etwas so Hartes wie einen Zahn kleinkriegte, hatten die Organe im Körper keine Chance.
»Okay, Officer«, sagte Nummer eins. »Machen wir.«
Nummer zwei lächelte und folgte Nummer eins um die Hausecke. Die anderen beiden Junkies schwangen hinterher wie ein wackelnder Arsch. Os beäugte die vor ihm trabende Meute. Meute war das passende Wort. Die Typen sahen aus wie dürre, klapprige Hunde – Kojoten. Hunde sind Aasfresser und jagen im Rudel. Sie isolieren ein schwächeres Opfer und reißen es nieder, aber immer gibt es ein Alphatier, das die Beute auswählt. Dass die vier Männer sich so spät am Abend draußen rumtrieben, bedeutete, dass sie nichts mehr zu rauchen hatten – die Meute brauchte Futter.
Jäger machen sich meistens nichts aus Kojoten – sie sind auf größeres Wild aus –, aber da entgeht ihnen was. Ein paar Wildhunde in die Ecke getrieben, das gibt einen echten Kampf. Danach interessiert einen kein Hirsch mehr.
Der schmale Durchgang neben dem Haus war auf der einen Seite von der Ziegelsteinwand, auf der anderen von einem Holzzaun begrenzt, der zum Nachbarhaus gehörte. Os konnte Nummer eins nicht sehen, als der rief: »Sollen wir die Hände hochheben, Officer?«
Os fühlte das Adrenalin losrauschen. »An die Hauswand.«
Und dann kam es.
»Zwing uns doch.«
Nummer drei und vier waren die Mitläufer, loyal, aber auch high auf etwas, das irgendein Küchenchemiker gemischt hatte. Sie brauchten eine Weile, um die Bedeutung der Worte ihrer Alphas zu verarbeiten und zu kapieren, dass das Wörtchen »uns« bedeutete, dass sie diejenigen waren, die sich als Erste bewegen sollten.
Os wartete nicht, bis die elektrischen Impulse in den Matschbirnen von Nummer drei und vier übergesprungen waren. Bevor der kleine Latino sich auch nur gerührt hatte, trat Os ihm das Rückgrat ein. Der Latino war höchstens eins fünfundsechzig und spindeldürr. Os wählte sein Ziel so, dass der kleine Mann nicht bloß von seinem Fuß abprallte, sondern der Rücken sich durchbog, und dann gab es irgendwo in seinem Inneren ein lautes »Plopp«, und der Latino fiel gegen seinen Kumpel, der daraufhin das Gleichgewicht verlor und schwankte. Os trat über den Latino hinweg und schlug dem Pisser dreimal hart auf den Hinterkopf. Er krachte mit dem Gesicht gegen die Hauswand und klappte zusammen.
Nummer eins und zwei verzogen sich in den Hinterhof. Sie hatten mehr Verstand als die anderen beiden; als Os um die Ecke kam, hatten sie bereits die Hände oben.
»Komm doch, Bulle.« Aus dem Narbengesicht klangen die Worte noch hässlicher. Nummer eins und zwei rückten ein Stück auseinander, damit Os in zwei Richtungen gleichzeitig kämpfen musste.
»Für die Marke und die Knarre gibt’s ’ne Menge Kohle«, sagte Nummer eins. »’Ne Menge.«
Os blieb an der Hausecke stehen, sodass der Seitendurchgang hinter ihm lag. Die Junkies rechneten mit ihm auf dem offenen Hinterhof, einen Plan B hatten sie nicht. Als sie kapierten, dass er nicht tat, was sie wollten, versuchten sie, ihn mit Beschimpfungen wie »Pussy« und »Feigling« aus der Deckung zu locken, aber Os rührte sich nicht vom Fleck. Er öffnete nur seinen Mantel und zeigte ihnen die Dienstmarke. Schließlich wurde Nummer zwei gierig, ließ den Plan fallen und sprang mit einem hohen Kick auf Os zu. Damit hatte er nicht gerechnet. Für einen Junkie war Nummer zwei ganz schön fix, und der Kick zielte darauf ab, Os seitlich am Kopf zu treffen. Der Methhead ließ dabei sogar ein »Hijah« hören.
Os’ Reflexe waren besser als gut, außerdem hatte er den Vorteil, dass sein Hirn nicht von Meth vernebelt war. Er bewegte sich vorwärts und flirtete zunächst mit dem Kick, um dann plötzlich die Richtung zu ändern und sich so tief zu bücken, dass der Angriff ins Leere lief. Os ließ den Tritt seinen Zenit erreichen und änderte wieder die Richtung. Der Sekundenbruchteil zwischen Höhepunkt und Rückzug reichte ihm. Explosionsartig schoss er aus der gebückten Haltung nach oben und stieß mit beiden Händen hammerartig gegen das dürre Bein, das immer noch auf Augenhöhe in der Luft hing. Nummer zwei wurde von seinem Fuß gerissen, und an der Art, wie er sein Bein festhielt, als er rücklings auf dem Boden lag, wusste Os, dass irgendwas darin gerissen war. Nummer eins holte jetzt ein Teppichmesser aus der Tasche und schob mit dem Daumen die Klinge hoch. Os hätte seine Glock ziehen können, aber er war nicht auf eine Verhaftung aus, und eine Schießerei wäre zu laut gewesen. Der Junkie kam auf ihn zu und säbelte mit großen Messerschwüngen die Luft klein. Das sollte geschickt und gefährlich wirken, sah aber bloß schludrig aus.
Dann setzte Nummer eins einen vertikalen Schwung von unten an, mit dem Ziel, Os die Messerspitze in den Bauch zu rammen und hochzureißen bis zum Hals. Os warf sich diagonal dagegen und wich der Klinge um wenige Zentimeter aus. Nummer eins hatte viel Kraft in den Angriff gelegt, und als er sein Ziel verfehlte, stolperte er nach vorne, Opfer seines eigenen Schwungs, auf einen Ellbogen zu, der direkt vor seiner Nase hing. Os erreichte mit einer Hüftbewegung maximale Drehkraft, und Nummer eins fiel um wie vom Blitz getroffen. Die harte Schneedecke brach unter seinem Gewicht und hüllte ihn ein. Im Dämmerlicht der wenigen Straßenlaternen hinter dem Haus sah Os, dass das Gesicht des Junkies ziemlich platt war.
Os hob einen Fuß und versank dabei mit dem anderen tiefer im Schnee. Die dicke Gummisohle seines Stiefels hing wie eine dichte schwarze Regenwolke über dem Gesicht des Junkies. Er wollte gerade zutreten, als sein Handy klingelte. Erst wollte er den Anruf ignorieren, aber das war nicht sein Stil – die Pflicht rief. Os setzte den Fuß wieder im Schnee ab und fischte sein Handy aus der Tasche.
»Yeah?«
»Os, ich brauch dich hier an der 110 Ferguson Avenue South«, sagte Jerry Morgan, Detective Sergeant der Mordkommission von Division 1.
Die Adresse klang vage vertraut. »Was ist los, Jerry? Ich hab gerade Feierabend gemacht.«
Jerry seufzte, und Os sah vor sich, wie der rundliche Sergeant in seinem Schreibtisch nach seinem schier unerschöpflichen Süßigkeitenvorrat kramte.
»Wir haben einen Polizistenmord. Sie war nicht im Dienst. Es ist bei ihr zu Hause passiert. Sie war auf Bandenkriminalität angesetzt. Julie Owen. Kennst du sie?«
»Nein«, sagte Os.
»Sieht schlimm aus, Os. Ich brauch dich da.«
Der Wunsch, dem Methhead die Fresse einzutreten, verschwand wie eine Münze in der Hand eines Zauberers.
Os stieg über den schlapp daliegenden Junkie hinweg und ging zur Straße. »Ich bin in zehn Minuten da.«
2
»Findest du mich fett, Jennifer?«
Das Stöhnen vor der Antwort fiel zu kurz aus, um als genussvoll durchgehen zu können. »Baby, ich heiße Jenny. Hab ich dir doch gesagt.«
Einen Moment lang vergaß Dennis seinen Bauch und lachte etwas zu laut für den Raum. »Du bist alles andere als eine brave Jenny.«
Jennifer holte scharf Luft und zog den Kopf zurück. Ihre Lippen waren gekräuselt, als hätte sie einen sehr schlechten Geschmack im Mund. »Niemand nennt mich Jennifer.«
Dennis grinste. »Ich schon.«
Jennifer erkannte die Gemeinheit in dem Grinsen und wusste, dass eine Diskussion sinnlos war. »Du klingst wie mein Vater.« Das Gemeine wurde fast boshaft.
»Echt?«
Jennifer lächelte, während sie sich langsam vorbeugte. Wenn sie etwas konnte, dann den Moment nutzen. »Ja – Daddy.«
Dennis seufzte auf, als sich Jennifer wieder daran machte, ihren Fünfziger zu verdienen. Sie war gut, und alles war auf einem guten Weg gewesen, bis Dennis zufällig sein Spiegelbild in der Balkontür erblickt hatte. Er konnte sich nicht davon abhalten, wieder hinzugucken.
»Im Ernst, findest du mich fett?«
Jennifer stand seufzend auf und ging zum Sofa. »Willst du jetzt lieber einen Personal Trainer oder machen wir hier weiter? Weil, für beides haben wir keine Zeit.«
Dennis ignorierte die Frage und strich mit den Fingern über seinen Bauch. Er beobachtete die Geste im Fenster. Das Spiegelbild bestätigte, was seine Hände ihm sagten – er war fett. Er hob seinen Bauch an und musterte jeden einzelnen der dunkelrosa Schwangerschaftsstreifen, die sich über die blasse Haut zogen. Sie waren sogar in der drei Meter entfernten Scheibe noch zu erkennen.
»Ich bin fett«, sagte Dennis, mehr zu sich selbst als zu Jennifer.
»Du bist nicht fett, Baby. Du siehst männlich aus. Wie ein Mann, der hart arbeitet. Ich kann deine Muskeln sehen, das macht mich ganz heiß.«
Dennis löste den Blick von seinem Spiegelbild und wandte sich Jennifer zu. Sie hatte die Knie unter sich gezogen. Der von der Sonne ausgeblichene Sofabezug war einst ein farbenfrohes Muster aus verschiedenen Vögeln auf beigem Hintergrund gewesen. Das kleine Schwarze, straff gestreckt und eine von Jennifers Schultern entblößend, hob sich von den ausgeblichenen Vögeln ab. Jennifers High Heels lagen umgekippt auf dem Boden.
Dennis schüttelte den Kopf und nickte mit dem Kopf in Richtung der von dem hochgerutschten Kleid entblößten Haut. »Du lügst. Ich bin zu fett für dich.«
Jennifer rutschte auf den Fußboden hinunter und krauchte langsam auf Dennis zu, wie eine Katze auf der Jagd.
»Du bist nicht fett, du bist mächtig. Und das macht mich heiß. Das kann man nicht sehen – das spürt man. Ich zeige es dir.«
Dennis vergaß die Fensterscheibe. Er vergaß alles außer Jennifers Mund, bis sein Handy zu klingeln begann, das auf dem Couchtisch lag und durch die Vibration langsam über die Glasplatte rutschte. Dennis versuchte, sich auf das Schnurrgeräusch zu konzentrieren, das Jennifer von sich gab, aber das Telefon war stärker – das Telefon war immer stärker. Er schob Jennifer weg und ging zum Couchtisch. Dabei erhaschte er in dem Spiegel neben der Wohnungstür einen Blick auf seinen Kopf und die Schultern und dachte einen Moment lang, Jennifer könnte recht haben – er sah eigentlich ganz mächtig aus. Er wischte über das Display des Smartphones und trat dichter an den Spiegel heran. Als er die Schwangerschaftsstreifen aus der Nähe sah, wandte er sich ab.
»Hamlet.«
»Dennis, Jerry hier. Ich brauch dich an der 110 Ferguson Avenue South.«
»Jerry, heute ist mein freier Tag. Ich weiß, dass der Tag praktisch um ist, aber auch die Nacht gehört mir. Komm schon, Mann, ich hab ein Mädchen da.«
Jennifer warf sich das Haar über die Schultern und ihm einen Luftkuss zu.
»Eine von uns hat’s erwischt. Julie Owen, Detective bei der GANG-Einheit. Mir egal, ob heute Weihnachten ist, du bist dran.«
»Bin sofort da.«
Dennis drückte den Anruf weg, ging zum Sofa und hob seine Unterhose auf.
»Verschwinde«, sagte er.
»Aber wir hatten doch gerade Spaß, Daddy.«
Dennis zog seine Hose an und kramte drei Zwanziger aus der Tasche. »Nimm das und geh, Benjamin.«
Jennifer stand auf und zog das Kleid zurecht. »Wer –«
»Ich kenn deine Akte – wo du gewesen bist, was du gemacht hast. Ich weiß, wie dein Vater dich genannt hat, Benjamin.«
Dennis wedelte mit den Geldscheinen, bis Jennifer sie ihm aus der Hand zog. Kaum war die Transaktion vollbracht, packte er Jennifer am Arm und schob sie zur Haustür. »Warte, meine Schuhe.«
Er stellte Jennifer an der Haustür ab. »Bleib hier«, sagte er, ging zurück ins Wohnzimmer, sammelte die High Heels vom Teppich auf und warf einen Schuh nach dem anderen in Richtung Tür. Jennifer schützte ihren Kopf mit den Händen und ließ die Schuhe gegen die Wand prallen.
»Du fängst schlechter als ein Mädchen«, sagte Dennis.
»Dafür mache ich eine Menge anderer Dinge besser als die meisten Mädchen. Leider wirst du das heute nicht rausfinden. Vielleicht morgen?«
Dennis öffnete die Tür und schob Jennifer nach draußen. Er wollte die Tür wieder schließen, hielt jedoch inne, als sie noch einen Spalt offen stand. »Vielleicht morgen«, sagte er.
»Wir haben ein Date, Daddy.«
Dennis schloss die Tür und machte sich fertig.
3
»Wo ist das verdammte Pizzastück?«
Woody bekam keine Antwort, er redete mit sich selbst. Eine schlechte Angewohnheit, die sich im letzten Jahr festgesetzt hatte wie Hautausschlag. Woody kramte durch Stapel alter Pizzaschachteln, als wären es Akten, er suchte nach den Resten der Pizza von gestern. Die Schachteln sahen alle gleich aus, und Woody versuchte, sich zu erinnern, welche Seite der Küchentheke der Anfang und welche das Ende war. Da lagen um die vierzig Schachteln, und er hatte das dumpfe Gefühl, am falschen Ende angefangen zu haben. Er stand neben dem Kühlschrank. Obwohl er gerade eine Zwölf-Stunden-Schicht und drei Bier hinter sich hatte, funktionierte seine Coplogik noch.
»Die Schachteln am Kühlschrank müssten die älteren sein, weil, da würde ich stehen und essen, wenn die Küche leer wäre. Ich würde zum Essen was trinken wollen und die Schachtel abstellen, um mir ein Bier zu holen.«
Um seine Hypothese zu überprüfen, hob Woody den Deckel der untersten Schachtel neben dem Kühlschrank an und fasste hinein. Er fand kein Pizzastück, dafür etwas, das er erst mal vom Boden der Schachtel abpulen musste. Er stieß den Fingernagel hinein, dann zog er die Hand aus der Schachtel und hielt sie sich vors Gesicht. Um Licht zu haben, musste er sich umdrehen. Die 40-Watt-Funzel, mit der er die alte Birne in der Küche ersetzt hatte, war zu schwach. Aber er hatte keine andere im Haus gehabt, und um Ersatz hatte er sich nie gekümmert. Das Dämmerlicht enthüllte, dass es sich bei dem gefundenen Klumpen ehemals um eine grüne Olive gehandelt hatte. Obendrauf spross Schimmel, aber der verschrumpelte Teil, der an der Pappschachtel festgeklebt hatte, war noch immer grünlich.
Woody nickte und umrundete die Kücheninsel, deren Granitoberfläche mit Werbewurfsendungen und alten Essensschachteln vom Chinesen übersät war. Die Kücheninsel endete am Mülleimer. Woody konnte den Abfall selbst bei geschlossenem Deckel riechen und versuchte, sich zu erinnern, wann er zuletzt den Müll rausgebracht hatte. Kein gutes Zeichen, dass er nicht wusste, an welchem Tag die Müllabfuhr kam. Das Grummeln in seinem Magen ließ ihn den Müll vergessen; er hielt direkt auf die oberste Schachtel des letzten Stapels zu und förderte ein Pizzastück von gestern mit Schinken und Ananas zutage.
»Elementar, mein lieber Watson«, sagte er laut.
Die Pizza war kalt und ziemlich fade, die Ananas aber noch ein bisschen feucht. Woody hatte sich nie was aus Ananas gemacht – das war ihr Lieblingsbelag gewesen. Woody war sicher, dass sie Ananas nur bestellt hatte, damit er ihre Pizzahälfte nicht aß. Aber ein Jahr täglichen Pizzakonsums hatte Woodys Geschmack verändert. Nach sechs Monaten war ihm schon bei dem Gedanken an Peperoni und Salami, seiner Standardbestellung, übel geworden. Also musste er entweder etwas anderes bestellen oder kochen lernen. Woody hatte begonnen, sich andere Beilagen auszusuchen, und festgestellt, dass er Pizza weiterhin essen konnte. Ananas vermied er noch ein paar Monate, aber irgendwann war er eingeknickt und hatte das Obst bestellt. Eine Zeit lang aß er wegen der Ananas dann weniger. Er starrte so lange die Pizza an, bis er weinen musste. Aber eines Abends hatte er nur noch die Ananashälfte im Haus gehabt und sie schließlich gegessen. Es war nicht so schlimm gewesen wie erwartet. Fast hatte er das Gefühl, sie wäre noch da. Die Frucht passte nicht zur Pizza, aber der Gedanke, dass sie durch die Tür kommen könnte, um ihre Hälfte zu essen, machte die Pizza genießbar.
Woody stopfte sich die letzten beiden Stücke in den Mund und kaute gerade ausreichend, um sie runterschlucken zu können. Was noch in der Kehle steckte, rutschte mit einem Schluck aus dem vierten Bier runter. Eigentlich hatte Woody keinen Appetit, sein Heißhunger galt etwas anderem. Die kalte Pizza und das Bier waren nur das Vorspiel. Er fand noch eine übrig gebliebene Kruste in der Schachtel. Die Kruste war schneller gealtert als der Rest, Woody musste kleine Stücke abbrechen und sie im Mund aufweichen, bevor er den harten Teig runterwürgen konnte. Während er an dem letzten Stück nagte, starrte er die Schublade an. Er wollte eigentlich überhaupt keine Pizza.
»Scheiß drauf«, sagte er laut.
Er warf die Kruste in Richtung Spülbecken und hörte sie gegen ein Glas klirren, das ganz oben auf dem dreckigen Geschirrstapel stand. Das Abwaschen hatte er schon vor Monaten aufgegeben, irgendwann waren ihm saubere Teller, Gläser, Besteck und Schüsseln ausgegangen. Was nicht aus einer Schachtel gegessen oder einer Flasche getrunken werden konnte, wurde in seinem Haus einfach nicht mehr verzehrt. Woody zog die Schublade auf und griff hinein. Sie war fast leer. Die Messer und Kochutensilien, die einst darin gelegen hatten, waren jetzt im Spülbecken oder unter den Müllhaufen auf der Arbeitsfläche begraben. Übrig geblieben waren nur noch ein Flaschenöffner und eine kleine Schminktasche, die ihr gehört hatte. Als Woody die Tasche zum ersten Mal in die Hand nahm, hatte sie nach ihrem Parfüm geduftet. Stundenlang hatte er daran gerochen, bis sie nur noch nach seinem schalen Atem stank. Auch jetzt verströmte sie einen furchtbaren Geruch, der ihm aber den Puls in die Höhe trieb. Es war ihm peinlich, dass der Gestank ihn mehr erregte als früher ihr Duft. Er nahm die Tasche, hielt kurz inne und zählte im Kopf nach, wann er sie zuletzt in der Hand gehabt hatte – erst vor zwei Tagen. Einen Moment lang überlegte er, sie wieder wegzulegen. Aber er war in letzter Zeit kränklich gewesen und so müde. Er arbeitete zu viel und bekam nicht genug Schlaf, war erschöpft und nervös und brauchte dringend Entspannung. Das war alles. Er griff schneller wieder zu der Tasche, als ihm lieb war und am Wochenende hatte er frei und konnte Schlaf nachholen. Mit ein bisschen Schlaf wäre bald alles wieder normal. Woody überwand seine Gewissensbisse und nahm die Tasche mit ins Wohnzimmer.
Der Fußboden war mit alten Zeitungen und noch älteren Pizzaschachteln übersät. Jedes Sofa und jeder Sessel waren von ordentlich aufgestellten Ringen leerer Flaschen umzäunt, um den La-Z-Boy-Sessel herum gleich dreireihig, hier saß er am liebsten. Woody legte die Tasche auf den Tisch neben dem Sessel und setzte sich vorsichtig hinein, um keine der Flaschen umzustoßen. Das abgenutzte braune Leder ächzte, als er sich in die Kissen lehnte. Er ließ seine Knöchel knacken und zog den Reißverschluss der Schminktasche auf. Sie enthielt eine Glaspfeife, ein Feuerzeug und einen kleinen Ball aus Alufolie. Woody zog die Folie auseinander und betrachtete die auf der zerknitterten Oberfläche liegenden Reste. Nur noch drei kleine Heroin-Rocks – weniger, als er gedacht hatte.
»Billigscheiße hält nie lange«, sagte er. Was immer Joanne ihm dieses Mal verkauft hatte, musste mit irgendwas verschnitten worden sein. Augen auf beim Drogenkauf. Egal, für heute Nacht würde es reichen. Er würde schlafen können und dann eine Weile nichts mehr brauchen. Es sei denn, die Erkältung verschlimmerte sich. Dann würde er ein bisschen Medizin brauchen, aber wahrscheinlich würde es dazu nicht kommen. Woody wurde kaum jemals ernsthaft krank.
Er hielt das Feuerzeug unter die Folie. Die Flamme erweckte das Heroin zum Leben, es zischte wie eine beschworene Schlange. Die Rocks verwandelten sich von fest zu Rauch, der sich wie eine Kobra in die Luft erhob, bevor Woody ihn mit der Pfeife in seine Lungen sog. Dort hielt er ihn, bis sein Kopf leicht wurde, dann blies er ihn aus. Den nächsten, rasch folgenden Zug hielt er noch länger. Beim Ausatmen hustete er. Nach dem dritten Zug sah er Sterne. Es dauerte kaum eine Minute, dann war alles in der Folie weggeatmet. Woody nutzte die geschwärzte Folie als Untersetzer für die Pfeife und das Feuerzeug. Mit den freien Händen suchte er auf beiden Seiten seines Hinterteils nach der Fernbedienung für die Stereoanlage, fand sie unter der rechten Arschbacke und drückte zu. Sekunden später erklangen die Anfangstöne von »Gimme Shelter« aus den Lautsprechern. Woody zog am Hebel des La-Z-Boys und lehnte sich so weit wie möglich zurück. Er war nicht high, bloß entspannt und gedankenverloren. Sein Hirn war im Leerlauf, er dachte an nichts.
So trieb er, bis ein neuer Klang im Lied, ein atonales Quietschen, ihn aus seinem Schweben im Nichts riss. Irgendwann verarbeitete sein Hirn den Ton und ordnete ihn seinem Handy zu. Woody stand auf, schlurfte in die Küche, nahm seine Jacke von dem Poststapel auf der Kücheninsel und kramte sein Telefon heraus.
»Yeah?«
»Scheiße, was ist los, Woody? Ich wollte gerade auflegen.«
»Nur die Gegenwart zählt, Jerry.«
»Witzig. Ich brauche dich an der 110 Ferguson Avenue South.«
»Ich komm gerade vom Dienst, Jerry. Jetzt ist wer anders dran. Ruf den an.«
»Würde ich gerne, aber ich hab hier einen toten Cop und bestelle dich ein.«
»Wer?«
»Julie Owen. Sie war bei der GANG-Einheit. Echt schlimme Horrorscheiße, Woody. Ich brauch dich.«
»Hast du Os angerufen?«
»Ja, er ist auf dem Weg.«
»Ich bin in zehn Minuten da.«
Als Woody auflegte, sang Mick Jagger gerade »Love in Vain«. Woody ging langsam ins Badezimmer im ersten Stock. Während das Waschbecken sich mit kaltem Wasser füllte, starrte er in den Spiegel. Er sah müde aus. Bestimmt wurde er doch richtig krank. Als das Waschbecken voll war, tauchte er sein Gesicht in das kalte Wasser. So blieb er, bis der Schock nachließ. Als er den Kopf rauszog, stellte er fest, dass er überall Wasser verteilt hatte. Er griff zu dem Händehandtuch, das er nie wusch, und trocknete sich Gesicht und Haare ab. Er ließ das Wasser ablaufen, der Rest konnte von allein trocknen. Als er seine Jacke anzog und zur Tür hinausging, fühlte er sich wach und munter.
4
Es gab keine einzige Parklücke – jeder Zentimeter der Ferguson Avenue in Sichtweite des Gebäudes war mit Einsatz- und Zivilwagen zugeparkt.
Os stellte sich auf einen Behindertenparkplatz hinter dem Gebäude und stieg aus seinem Jeep. Er trat ein paar Schritte zurück und betrachtete die heruntergekommene Fassade – das Haus war alt, niemand schien auch nur ansatzweise für seine Instandhaltung zu sorgen. Er ging um die Ecke und traf am Eingang auf die erste blaue Welle: Uniformierte Cops schwirrten dort herum, ein paar schienen sich halbherzig um das Absperren des Hauses zu kümmern, die meisten standen rum und quatschten. Noch waren keine Reporter vor Ort, und die meisten Menschen nahmen beim Anblick einer Massenansammlung von Cops Reißaus. Das Absperren war eher Formsache.
Os fiel auf, dass das Blumenbeet vor dem Haus an mehreren Stellen zertrampelt war. Sofort war er sauer, dass das Beet nicht gesichert worden war, damit die Kriminaltechniker Fotos machen konnten. Er wollte sich gerade einen der herumstehenden Uniformierten schnappen, als etwas seine Aufmerksamkeit erregte. Er stellte sich auf die betonierte Blumenbeetbegrenzung, und sein Blick folgte den heruntergetrampelten Pflanzen bis zu einer Kotzelache. Die Lache bestand aus weitgehend unverdautem Essen, und wie Os sah, hatte der, der da gekotzt hatte, vor nicht allzu langer Zeit eine Pizza verspeist. Eineinhalb Meter weiter war noch eine Lache, älter als die erste und vornehmlich aus Schaum und Gallenflüssigkeit bestehend. Ernüchtert entdeckte Os ein Stück weiter noch eine dritte Pfütze. Das Blumenbeet war kein Beweismittel, hier war kein Täter durchgerannt. Die Ersteinsatzkräfte hatten nach der Begutachtung des Tatorts ihr Abendessen erbrochen. Os starrte die drei Lachen an und fragte sich, was drei Cops dazu gebracht haben konnte. Cops hatten stärkere Mägen als die meisten Möwen. Os hatte Tote gesehen und war dann Chickenwings essen gegangen. Er hatte Burger verspeist, nachdem er verkohlte Leichen aus einem Autowrack gezogen hatte. Der Job hatte ihm noch nie den Appetit verdorben. Dafür hatte die Armee gesorgt, dort hatte er monatelang nichts essen können, bis er gegen jede erdenkliche Art menschlicher Grausamkeit abgehärtet war. Os hatte oft erlebt, dass sich Anfänger beim Anblick einer frischen Leiche die Seele aus dem Leib kotzten, aber so heftig hatte er noch nie drei Cops auf einen Tatort reagieren sehen. Er wandte sich ab und drängte sich durch den Copschwarm zum Eingang durch. Dabei fing er die Blicke von mehreren der herumstehenden Uniformierten auf, die schnell den Kopf senkten und den Boden anstarrten. Die Stimmen waren gedämpft – noch ein schlechtes Omen. Polizisten waren die Meister der schlechten Witze. Os konnte sich bei jedem Cop, dem er je begegnet war, an einen Witz erinnern. Meistens kamen sie nicht von ihm, manchmal schon. Schweigende Cops waren nicht gut.
Keiner der Uniformierten hielt Os auf, als er Julies Wohnhaus betrat. Die Tür wurde mit einem Keil offen gehalten, damit nicht jeder klingeln musste. In der Lobby standen Detectives in Zivilkleidung. Es war seltsam, wie sich die Polizei an einem Tatort immer in hierarchischen Grüppchen zusammenfand. Höherrangige sammelten sich im Gebäude an, die Uniformierten hielten sich draußen auf dem Gehweg auf. Viele der Gesichter waren Os bekannt. Als er Paul Daniels erblickte, hielt er inne.
»Paul«, sagte er.
Paul hob den Blick vom Fußboden und nickte Os zu.
»Bist du gerade gekommen?«, fragte Paul.
»Der Anruf kam vor zehn Minuten. Und du?«
»Hab’s auf Funk gehört und bin hergefahren, als es hieß, es sei eine von uns.«
»Julie«, sagte Os. Bei ihrem Namen brach ihm leicht die Stimme. Um es zu verbergen, räusperte er sich.
»Ja«, sagte Paul. »Julie.« Er sprach es ohne ein Räuspern aus. »Sieht schlimm aus da oben, Os. Echt schlimm. Da willst du nicht hoch.«
»Jerry hat mich herbestellt. Wo ist er?«
»Oben.«
»Dann bleibt mir wohl keine Wahl«, sagte Os.
Paul zuckte die Achseln, und Os drängte sich durch die dicht an dicht stehenden Männer zum Aufzug durch. Es roch nach Schweiß und Rasierwasser. Die Menge brach so plötzlich ab, als stünden die Detectives am Rande einer Klippe. Niemand wollte in der Nähe der Aufzüge stehen. Os trat in die Lücke und drückte den Knopf nach oben. Er spürte die Blicke der anderen Cops im Rücken, wandte sich aber nicht um. Er dachte an Julie und das, was ihn oben erwartete. Die Fahrstuhltür ging auf, Os trat ein und drückte die Neun.
Der Aufzug war schnell. Ein altes Modell, Komfort hatte keine Rolle gespielt. Os spürte die Geschwindigkeit im Magen, während er durch den Schacht nach oben sauste, und als der Aufzug im neunten Stock abrupt stoppte, knickten ihm kurz die Knie weg. Die Türen gingen auf, und Os erblickte die oberen Sprossen der Hierarchieleiter: Im Flur standen ein Inspector, zwei Superintendents und der Deputy Chief. Alle vier sahen ihn an, als würden sie eine Erklärung erwarten, was er hier oben unter Männern zu suchen hatte, die weitaus mehr verdienten als er.
»Jerry McLean hat mich herbestellt«, sagte Os und stieg aus.
Der Deputy Chief, ein blasser Mann Ende fünfzig mit Hasenzähnen und Ohren, die wie Satellitenschüsseln vom Kopf abstanden, nickte und sagte: »Jerry.« Er sprach so leise, dass Os ihn kaum hörte. Normalerweise wimmelte es an einem Tatort von Cops, die überall herumliefen und ermittelten, aber hier im neunten Stockwerk von 110 Ferguson Avenue South sprach der Deputy Chief gerade so laut, dass Jerry wie ein bei Fuß gerufener Hund aus der Tür kam.
Jerry sah Os, machte eine jähe Kopfbewegung in die Richtung, aus der er gerade gekommen war, und ging wieder in die Wohnung. Os folgte ihm, die vier Männer beobachteten jeden seiner Schritte, als müssten sie Punkte vergeben. Os nahm die Blicke kaum wahr, er hatte nur Augen für die Tür.
Vom Flur aus sah er rechts das Wohnzimmer und geradeaus die Küche. Das Wohnzimmer war genauso ordentlich, wie Os es in Erinnerung hatte. Auf jeder glatten Oberfläche stand irgendein Dekoartikel: Duftkerzen, Blumenvasen und Bilderrahmen, alle sorgfältig arrangiert. Die Blumen in den Vasen waren unecht, und die Bilder sahen aus, als hätte man sie aus einem uralten Fotoalbum befreit. Os ging geradeaus und war nach zwei Schritten in der Küche. Der Boden war sauber und das Spülbecken fleckenlos. Julie hatte die Angewohnheit, alle Stahloberflächen so abzuwischen, dass sie wie neu aussahen. Hinter der Küche lag das Esszimmer. Den Raum zwischen Küche und Wohnzimmer als Esszimmer zu bezeichnen, wäre vermessen gewesen, er bot kaum genug Platz für den Tisch und den Stuhl, die dort standen. Os drängte sich am Tisch vorbei ins Wohnzimmer und sah, dass Jerry auf ihn gewartet hatte und sich jetzt umdrehte, um durch den kurzen Flur ins Schlafzimmer zu gehen. Er bekam nicht mit, wie langsam Jerry sich bewegte, bis er fast in ihn hineinrannte. Der dicke Detective Sergeant holte tief Luft und betrat das letzte Zimmer. Os holte ebenfalls Luft und folgte ihm. Er sah das Bett, war eine Sekunde später wieder im Flur und stürmte zum Badezimmer.
Drei Einsätze in Afghanistan, zwölf Jahre als Cop – nichts davon hatte ihn auf das Schlafzimmer vorbereitet. Zum ersten Mal in fast dreizehn Jahren musste sich Os beim Anblick einer Leiche übergeben. Er hing tief über der Kloschüssel und würgte. Der Drink, zu dem er nie die Gelegenheit bekommen hatte, hätte alles nur lauter und unschöner gemacht. So kam nur ein bisschen Galle hoch, die Os ins Wasser spuckte. Er hob den Kopf aus der Schüssel und richtete sich langsam wieder auf. Als er sich umdrehte, merkte er, dass die Tür zu war und Jerry in dem winzigen Bad eine Menge Platz einnahm. Die starken Lampen über dem Waschbecken und die helle Deckenbirne enthüllten gnadenlos den schlechten Zustand seiner Haut. Die Nase war von dunkellila Venen durchzogen, die Wangen mit Aknenarben aus der Jugend übersät. Beim Rasieren hatte er eine Stelle am Hals übersehen. Wegen der dicken Wangen kam das vermutlich häufig vor. Außerdem war deutlich zu erkennen, dass Jerry sauer war.
»Verdammt, Os«, flüsterte er. »Ich hab dich herbestellt, weil ich den hohen Tieren gesagt hab, du kannst damit umgehen. Ich weiß, dass sie eine von uns ist, aber ich hab gedacht ... Scheiße, keine Ahnung, was ich gedacht habe.«
Os wusste, was Jerry gedacht hatte. Os kannte die Sprüche, die über ihn kursierten: Man nannte ihn Blechmann, harte Schale, kein Herz. Das war losgegangen, nachdem Os mit einem Zeugen Paschtunisch gesprochen hatte. Irgendwer hatte dann rausbekommen, dass Os in Afghanistan gedient hatte. Am nächsten Tag war Sand in seinem Schließfach gewesen, und jemand hatte einen Polizeihund zu seinem Schreibtisch geschickt, auf dem Rücken zwei Burger-Schachteln, die Kamelhöcker darstellen sollten. Damit hätte es gut sein können, aber Cops kreischen lauter als Schulmädchen. Ein paar kriegten raus, wo genau Os gewesen und was passiert war, und damit war Afghanistan der offizielle Grund, warum aus Os ein so verdammt harter Mistkerl geworden war – zudem kam das Gerücht auf, dass er um ein Haar beim Polizeipsychotest durchgefallen wäre. Os wehrte sich nicht. Seit der Blechmann-Mist in Umlauf war, quatschten ihn die anderen nicht mehr so voll und rieten ihm nicht mehr, sich zu beruhigen oder runterzukommen, wenn er mal ein bisschen die Kontrolle verlor. Seitdem konnte er bei einem Verhör oder einer Verhaftung zupacken, ohne dass jemand eingriff, als hätte ein Arzt ihm bescheinigt, dass er machen dürfte, was er wollte. In Wahrheit war sein Verhalten schon immer asozial gewesen. Während andere Kinder in der High School Football spielten, schickten seine Eltern ihn zum Boxen. Sein Vater hatte früh erkannt, was es mit Os auf sich hatte, und wenn er schon Leute verprügelte, dann wenigstens mit Handschuhen. Nach der Schule war die Armee das Naheliegende gewesen – ohne Handschuhe.
»Ich mein, du hast schon Schlimmeres gesehen, oder?«, fragte Jerry. »Du kannst damit umgehen. Die hohen Tiere draußen im Korridor sitzen mir im Nacken. Wir dürfen keine Scheiße bauen.«
Os schob Jerry zur Seite und ließ den Wasserhahn laufen. Es war klar, dass Jerry mehr zu sagen hatte, doch Os ignorierte ihn und hielt seinen Mund unter den Hahn, um von dem schwachen Strahl zu trinken. Dem verdammten Scheißkerl ging es nur darum, vor den vieren im Korridor gut dazustehen, dabei lag ein paar Meter von ihnen entfernt eine tote Kollegin. Wären sie nicht im Dienst gewesen, hätte Jerry jetzt seine Zähne vom Boden aufsammeln können.
»Alles okay, Jerry. Fangen wir an.«
Os verließ das Bad und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Er hoffte, den Anblick beim zweiten Mal nicht mehr ganz so grauenhaft zu finden, aber das war nicht der Fall. Beim zweiten Mal wusste er, was ihn erwartete, und das machte es noch schlimmer. Er hob den Blick vom Boden und drehte den Kopf langsam zum Bett hin. Unter Julies braunem Haar, das über ihrem Kopf ausgebreitet lag, war nur ein kleiner weißer Fleck auf der Bettdecke zu sehen, der Rest so tiefrot verfärbt, wie nur Blut es konnte. Kaum zu glauben, dass der menschliche Körper genug Blut enthielt, um ein Bett derart zu färben, aber Os hatte auch noch nie einen Toten gesehen, der so ermordet worden war wie Julie. Sie war nackt, Arme und Beine weit ausgestreckt, Hände und Füße waren mit etwas an die vier Bettpfosten gefesselt, das nach einem zerrissenen Laken aussah. Die linke Gesichtshälfte war eingeschlagen, der Wangenknochen völlig zersplittert. Os wollte auf Julies Gesicht verweilen, den Rest nicht sehen, aber es musste sein. Er senkte den Blick und atmete scharf durch die Nase ein, wie sonst nur, wenn er sich geschnitten hatte und darauf wartete, dass das Blut kam. Julies Unterleib war mit drei langen Schnitten aufgeschlitzt und das Fleisch aufgeklappt worden wie zwei Fensterläden. Das Blut auf dem Bett stammte aus Julies schwangerem Bauch. Nur dass sie nicht mehr schwanger war. Die Nabelschnur lag wie eine blutverschmierte blaue Schlange auf dem nackten Oberschenkel. Ein glatter Schnitt, genau wie die im Bauch. Julie sah aus wie ein Laborpräparat – irgendein Experiment auf Matratze und Bettzeug. Os liefen Tränen über die Wangen, die nur Julie sehen konnte. Diesmal rannte er nicht weg, er war wie erstarrt – und fast genauso leblos wie die Leiche vor ihm.
Jerry hatte recht. Os hatte Schlimmeres gesehen, aber da drüben war es was anderes gewesen. Tote Körper mit anonymen Gesichtern, unbekannte verstümmelte Opfer, massakrierte Fremde; nicht so hier. Das Blut, die Demütigung, die totale Missachtung für das Leben eines anderen ähnelten sich, aber keiner der Toten am anderen Ende der Welt hatte Os’ Kind in sich getragen.
Er wischte sich mit dem Ärmel das Gesicht ab und zwang die Tränen zurück. Langsam atmete er ein und aus. Dann drehte er sich zu Jerry um und sagte: »Ich übernehm das, Jerry.«
»Ich will, dass der Fall gelöst wird, Os. Ich will den Hurensohn kriegen, der das getan hat, wie, ist mir egal.«
Da, wieder. Os bekam die Erlaubnis, sich die Hände schmutzig zu machen. Das würde auch geschehen, und es war gut zu wissen, dass keiner hinsehen und sich beschweren würde. Os malte sich bereits aus, was er mit dem Scheißkerl anstellen würde, als ihm aufging, dass Jerry immer noch redete.
»Du, Woody und Dennis, ihr erstattet mir alle drei Stunden Bericht, und ich gebe das an den Deputy Chief weiter.«
»Warte, warte, warte«, sagte Os. »Mein Partner ist Wood. Wir brauchen Dennis nicht. Sieht das für dich nach einem leichten Fall aus? Weil, was anderes kann er nicht.«
»Nicht deine Entscheidung, Os. Jetzt tu mir den Gefallen und lass mich atmen.«
Os hatte Jerry gegen die Tür gedrängt. Er dachte nicht klar, in Gedanken war er bei dem Kind. Konnte man so etwas überleben? So viel Blut, solche Brutalität. Hatte das Baby eine Chance?
»Für Dennis den Babysitter zu spielen, kostet nur Zeit, und die haben wir nicht.«
»Dennis ist vieles, Os. Aber auf dem Papier ist er erfolgreich. Er löst fast so viele Mordfälle wie du und Woody. Er ist dabei. Die hohen Tiere wollen meine besten Leute, und die kriegen sie. Ende der Durchsage.«
Os spürte, wie sich seine Fingernägel in die Handflächen eingruben.
»Gut. Wunderbar. Sorg dafür, dass alle verschwinden. Alle. Von den hohen Tieren bis zum Kroppzeug, sie sollen alle abhauen. Und dann hol die KT rein.«
Jerry sagte nichts, rieb sich nur das Kinn und nickte. Os ahnte, dass er sich die politisch korrekten Worte zurechtlegte, um seinen vier Vorgesetzten im Korridor beizubringen, dass sie verschwinden sollten.
»Sind die Notfallmediziner schon hier gewesen?«
»Ja, Os, die sind gleich nach den ersten beiden Constables gekommen.«
»Was haben sie über das Baby gesagt?«
»Es ist weg, Os.«
»Wissen sie, ob es nach dem Rausschneiden noch gelebt hat?« Bei diesen Worten hätte Os am liebsten die Wand eingeschlagen.
»Soweit ich weiß, kamen sie rein und haben gesehen, dass Julie schon tot war. Sie haben sie nicht angerührt, weil sie nichts mehr tun konnten. Sobald ich hier war, habe ich die Rechtsmedizin angerufen.«
»Fahr nach unten und organisiere die Uniformierten. Ein paar sollen hier oben bei den Nachbarn klopfen. Wir müssen rauskriegen, wer was gesehen hat.«
Jerry schaute zur Tür hin, blieb aber stehen.
»Jerry, ich hab gesagt, ich übernehm das. Sorg dafür, dass sich alle an die Arbeit machen.«
»Okay, okay. In drei Stunden will ich einen Bericht.«
Os folgte ihm zur angelehnten Wohnungstür und schloss sie hinter ihm. Dann lehnte er sich dagegen und ließ sich zu Boden gleiten. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit weinte er. Um das Geräusch zu dämpfen, biss er sich in die Faust. Niemand durfte von ihm und Julie oder dem Baby erfahren. Er wusste, wie Cops waren; wenn rauskam, dass er der Vater des Babys war, das man der toten Kollegin aus dem Leib geschnitten hatte, hätte er nichts Gutes zu erwarten. Julie hatte nie jemandem von ihnen erzählt, das wusste er mit absoluter Sicherheit. Aber wenn er freiwillig zugeben würde, der Vater des Kindes zu sein, dann würde man die Prellungen in Julies Gesicht vor acht Monaten mit ihm in Verbindung bringen. Das Baby war wie ein Zeitstempel, der Os mit dem Moment verband, als ihm bei Julie die Nerven durchgegangen waren. Er wusste, wie das aussah. Er hatte kein Alibi – die Meth-heads würden sicher nicht für ihn bürgen. Besser, er hielt den Mund. Sonst würde er zu einem Verdächtigen werden, und Verdächtige dürfen keinen Mord bearbeiten, den sie verdächtigt werden, begangen zu haben. Os musste an dem Fall dranbleiben. Er musste rausfinden, wer Julie und das Baby ermordet hatte, und dann würde er ihn umbringen.
5
Als Woody 110 Ferguson erreichte, fuhr gerade ein Streifenwagen los, dessen Parklücke er übernahm. Die Straße war voll von Uniformierten, die von dem Gebäude wegstrebten. Die Scheiße musste also echt krass sein. Woody tastete nach den Augentropfen in seiner Jackentasche und kippte den Kopf geübt an der Nackenstütze vorbei nach hinten. Während er blinzelte, damit die Tropfen schneller wirkten, griff er nach dem Mundwasser im Handschuhfach. Die Flasche versprach, neunundneunzig Prozent aller Bakterien abzutöten. Bakterien waren Woody egal, Hauptsache, das Mundwasser tötete mit hundertprozentiger Sicherheit den Geruch von Heroin in seinem Atem ab.
Woody wirbelte die grauenhafte Flüssigkeit im Mund herum, bis ihm die Wangen brannten. Er schluckte, das Zeug brannte sich seinen Weg die Kehle runter, und Woody hoffte, damit das Risiko biergetränkter Rülpser für die nähere Zukunft eingedämmt zu haben. Er stieg aus dem Wagen und ging auf den Hauseingang zu. Die Nachtluft war kalt – wahrscheinlich um die zehn Grad minus. Woody vergrub seine Hände in den Jackentaschen und steckte sein Kinn unter den Schal.
Jerry stand draußen und gab einem Haufen Constables Befehle. Woody stellte sich dahinter und hörte sich die Ausführungen des Detective Sergeant zur Kontrolle von Menschenansammlungen und zum Umgang mit der »scheißneugierigen Presse« an. Die Mienen der jungen Cops waren grimmig. Sie nahmen den Mord an der Kollegin ernst. Bis jetzt hatten diese Constables vermutlich geglaubt, den besten Job der Welt zu haben: Verfolgungsjagden, eine Knarre, und sich von niemandem etwas bieten lassen müssen. Dass der Job das Leben kosten konnte, wussten sie bloß vom Hörensagen. Niemand glaubte, es könnte einen von ihnen treffen. Und wenn das passierte, war das ein Riesenschock.
Woody hatte Schwierigkeiten, sich auf Jerrys Worte zu konzentrieren. Sie klangen, als würden sie unter Wasser ausgesprochen. Woody zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf die Lippen des Detective Sergeant zu richten, aber sein Hirn spielte ihm Streiche. Es war, als würde darin ein Kleinkind sitzen, das ständig nach dem nächsten Bauklotz griff. Zu Hause hätte Woody immer noch den Stones gelauscht und seinen Gedanken freien Lauf gelassen, während sein Arsch am Sessel klebte. Stattdessen stand er hier auf dem Gehweg und hatte alle Mühe, die Auswirkungen von Schlafmangel, zu viel Bier und vielleicht ein bisschen zu viel Heroin zu bekämpfen.
Woody legte den Kopf in den Nacken und zählte die Stockwerke des Gebäudes. Als er bei fünf war, fiel ihm Jerry wieder ein. Er sah zu ihm hinüber, der Detective Sergeant leierte immer noch vor sich hin, hatte aber jetzt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er sah aus wie ein pummeliger George S. Patton. Woody kicherte, bis ihm einfiel, wo er war und warum er hier war. Das verdammte Kleinkind im Hirn. Eine Polizistin drehte sich zu ihm um. Ihr missbilligender Blick verschwand, als sie sah, dass da nicht irgendein uniformierter Kollege lachte. Sie blickte Woody in die Augen und tat dann so, als würde sie nach jemand oder etwas anderem suchen. Das Manöver konnte Woody nicht täuschen. Er sah sie direkt an. Sie war etwa eins fünfundsechzig groß und hatte blonde Haare, gerade lang genug, um als Pferdeschwanz unter die Mütze ihrer Winteruniform zu passen. Sie war auf zickige Weise ganz süß. Jetzt wandte sie sich wieder Jerry zu, und Woody merkte, dass der Detective Sergeant sie beide anstarrte. Während Jerry begann, Aufgaben zu verteilen, ging Woody zu seinem Wagen.
»Ich brauch eine kleine Stärkung«, sagte er sich.
Auf der Rückbank fand er zwei Dosen Red Bull. Er schloss die Tür und lehnte sich an den Wagen. Die erste Dose sprudelte beim Öffnen über, aber Woody schlürfte die Brause schnell ab und trank die Dose mit zwei Schlucken leer, dann machte er sich an die nächste. Das Bier und das Heroin hatten ihn zu sehr runtergebracht, er brauchte etwas, das ihm wieder Schwung gab. Das Red Bull würde zwar gegen das H nicht viel ausrichten können, war aber wenigstens ein Anfang.
Auf dem Weg zum Eingang musste Woody an der kleinen Blonden vorbei. Sie warf ihm einen eiskalten Blick zu und drehte den Kopf in die andere Richtung. Woody rauschte an ihr vorbei und stieß drinnen bei den Aufzügen auf Jerry.
»Jerry.«
Jerry drehte sich um und hob seine dicke Pranke, zum Zeichen, dass Woody warten sollte, bis er zu Ende telefoniert hatte. Aus seinem Mund flossen eine Menge Ja, Sir und Ich verstehe.
Woody sah sich in der Lobby um. Der Teppich war abgetreten und sicher mindestens zehn Jahre alt. Die Glastüren zur Straße hin waren mit fettigen Fingerabdrücken verschmiert, im unteren Teil der linken war das Glas gesprungen. Das Klingelbrett war alt, über den rechteckigen Plastikknöpfen klebten billige Namensschilder. Woody konzentrierte sich, um seinem Hirn Julies Nachnamen zu entlocken. Er fluchte leise; er hätte sich nicht so schnell wieder abschießen sollen, aber es war nicht anders gegangen. Er war in letzter Zeit so unglaublich müde und konnte nicht schlafen, das Wochenende war noch lange hin, und bis dahin musste er durchhalten. Dann konnte er seine Batterien aufladen und sich sortieren.
»Woody, warum hast du so lange gebraucht? Os ist schon oben.« Jerry hatte seinen Anruf beendet und stand in Flüsternähe vor ihm. »Es ist schlimm da oben, Woody. So was hab ich noch nie gesehen. Und um alles noch schlimmer zu machen, sitzen mir die Sesselfurzer im Nacken. Der Fall muss unbedingt gelöst werden. Julie ist noch nicht mal kalt, und die sitzen mir im Nacken. Ist das zu glauben? Sogar der Deputy Chief war schon hier, verdammte Scheiße.«
»Die wollen bloß, dass der Mörder gefasst wird. Wir müssen auf unsere Leute aufpassen, Jerry.«
Der fette Detective Sergeant sah beschämt aus. »Das weiß ich. Das weiß ich doch.«
Er wusste es, sorgte sich aber vor allem wegen der Arschlöcher mit mehr Streifen als er selber und weniger darum, sich vielleicht bis zum Ende seiner Karriere mit einer verpfuschten Ermittlung in einem Polizistenmordfall auf dem Gewissen herumplagen zu müssen.
»Ich hab dich und Os darauf angesetzt. Und Dennis.«
»Dennis?«
»Verdammt, nicht du auch noch. Hör zu, wie ich schon zu Os gesagt habe, Dennis löst Fälle. Ich weiß, dass er ein ziemlicher Vollidiot ist, aber mit ihm sind noch zwei Augen mit fast zwanzig Jahren Erfahrung an dem Fall dran. Gebt ihm zu tun. Er wird euch helfen, das Arschloch zu kriegen.«
Woody nickte und ging zum Aufzug. Argumentieren war zwecklos. Jerry war von den hohen Tieren so eingeschüchtert, dass er sich niemals umstimmen lassen würde.
»Woody.«
Woody wandte sich um. »Ja, Jerry.«
»Wenn ihr den Typ habt … lass Os auf ihn los.«
Woody betrachtete forschend Jerrys Gesicht. Er meinte es ernst, das war deutlich zu sehen. Woody konnte nicht erkennen, ob Jerry das sagte, um so zu tun, als machte es ihm was aus, oder ob es ihm wirklich was ausmachte. Woody nickte und stieg in den Aufzug.
»Neunter Stock«, sagte Jerry.
»Ich weiß.« Woody hatte die Nummer auf der Klingel gesehen. Das Koffein in Kombination mit der kalten Nachtluft und dem Herumlaufen ließen den Rausch allmählich abklingen. Das Kleinkind döste, und Woody kam langsam wieder auf Touren.
Der Aufzug erschreckte ihn zu Tode. Woody kam sich vor wie Lois Lane, die von Superman in die Höhe gezogen wird. Er stellte sich der Aufgabe, den Namen der hässlichen Bratze, die die Figur gespielt hatte, aus seinem Hirn zu ziehen. Dass er schneller auf Margot Kidder kam, als er für Julies Nachnamen gebraucht hatte, verbuchte er als Fortschritt.
Als die Anzeige über der Tür verkündete, dass der Aufzug am siebten Stock vorbeischoss, griff Woody nach dem hölzernen Handlauf, der sich um drei Seiten der Kabine zog. Er war diverse Male mit Glanzlack nachlackiert worden und von jahrelangem Gebrauch durch fettige Hände ganz glitschig geworden. Der Aufzug hielt abrupt an, und Woody knickten die Knie weg. Er trat aus der Kabine, wischte sich die Hände an der Jacke ab und machte sich auf die Suche nach Julies Wohnung. Dort klopfte er an die Tür und wartete auf seinen Partner.
Os öffnete die Tür, und Woody war froh, dass ihm kein Gestank entgegenschlug. Das bedeutete, die Leiche war noch frisch. Mit einer frischen Leiche ließ sich mehr anfangen. Spuren trocknen schneller als Wasser in der Wüste, und Woody hoffte, es waren noch genug da, um nasse Füße zu bekommen.
»Hey, Os.«
»Wood.«
Woody trat ein und sah sich um. Die Wohnung war klein, er konnte durch die Küche ins Esszimmer gucken. Zur Rechten ging ein Flur ab, der vermutlich zum Wohnzimmer führte. Geradeaus führte ein anderer Flur dahin, wo das Schlafzimmer liegen musste.
Os beobachtete Woody. Os war stiller als sonst, und das wollte was heißen. Er hielt sich meistens kurz. Sie quatschten und scherzten nicht viel. Sie waren wie ein gut eingespieltes Ehepaar, vieles blieb ungesagt, aber kaum etwas wurde missverstanden.
»Was ist mit deiner Hand passiert?«, fragte Woody.
Os betrachtete seine geschwollenen Knöchel.
»Die war vor ein paar Stunden noch nicht so.«
Os schüttelte den Kopf und wandte sich um. »Hier lang.«
Os’ Fingerknöchel waren nicht zum ersten Mal geschwollen. Woody erlebte regelmäßig mit, wie er seine Hände traktierte, indem er auf irgendwelche Leute losging. Normalerweise erklärte Os das Geschehen immer so, als wäre es das Normalste der Welt. Woody verdrängte einen vertrauten Gedanken: Wenn er nicht zu uns gehören würde, stünde er auf der anderen Seite.
»Er wäre der Schlimmste von allen«, sagte Woody.
Os sah ihn über die Schulter hinweg an, Woody winkte ab. Os war an Woodys einseitige Unterhaltungen gewöhnt. Beide Männer waren aneinander gewöhnt. Sie akzeptierten die Macken des anderen und ließen sich davon bei der Arbeit nicht stören.
Woody merkte, dass Os immer langsamer wurde, je näher sie der Schlafzimmertür kamen. Er legte die Hand auf die Klinke und hielt inne, atmete tief ein, seine Schultern zogen sich nach oben. Woody nutzte die Pause, um sich in der Wohnung zu orientieren. Von hier aus konnte er das Wohnzimmer nicht sehen, es lag hinter der Küchenwand. Schräg rechts lag der andere Teil des Esszimmers. Eine Schiebetür führte vom Esszimmer auf einen Betonbalkon hinaus. Zur Linken sah Woody ein kleines Badezimmer und eine faltbare Schranktür.
Als er sich wieder umwandte, öffnete Os die Schlafzimmertür und trat ein. Woody folgte ihm, und was er sah, durchschlug ihn wie ein Schuss in den Magen. Julies Bauchhöhle lag offen da, darin ein leerer Abgrund. Woody konnte keine Organe sehen – nur eine dunkle, leere Höhle. Er versuchte, den Anblick zu verarbeiten, zu verstehen, was er sah, und dann fiel sein Blick auf die Nabelschnur auf dem nackten Oberschenkel.
Das Blut, die Nabelschnur, die entblößte Leiche – all das brachte Woodys Hirn zum Rasen, und hier im Schlafzimmer wurde er damit nicht fertig. Er drehte sich um und stolperte aus dem Raum. Seine Schulter prallte gegen die Wand, er nutzte sie auf dem Weg ins Badezimmer als Halt, stieß hinter sich die Tür zu und hielt sich mit beiden Händen am Waschbecken fest. Es war dunkel im Bad, zuerst konnte er nichts erkennen. Aber die Dunkelheit löste sich schnell in eine helle, lebendige Erinnerung auf. Woody sah seine tote Frau. Ihre Oberschenkel mit schwarzem Blut verkrustet. Seine kleine Tochter in ein Handtuch eingewickelt. Das Handtuch bedeckte das Gesicht des Babys, und Woody wünschte sich, es würde so bleiben, aber seine Halluzination wollte es anders. Das Handtuch wurde zurückgezogen, und Woody konnte nicht wegschauen – konnte nicht mal die Augen schließen. Er sah ein unschuldiges Gesicht ohne Leben. Die Haut war bleich, fast sah es aus, als würde sie schlafen. Fast. Das Gesicht war zu still und die Muskeln zu schlaff, als dass sie nur schlafen würde. Die Geburt war für beide zu viel gewesen, und Woody blieb allein mit der winzigen Leiche in einem Handtuch zurück.
Woody hatte diese Vision schon früher gehabt, aber in den letzten Monaten war sie seltener geworden. Vielleicht, weil er jede Nacht weniger schlief. Er war einfach so müde. Er wurde krank und brauchte Schlaf. Reine Erschöpfung, das war alles. Er machte Rückschritte, aber das konnte er wieder in den Griff kriegen – er brauchte bloß mal eine Pause. Er tastete nach der Tür und an ihr entlang zum Lichtschalter an der Wand. Die starken Birnen über dem Spiegel explodierten mit grellen hundert Watt. Woody erblickte sich im Spiegel – der Dreitagebart, die roten Augen, die eingefallenen Wangen. Er sah aus wie eine der Geiseln, die man nach einem Monat in Gefangenschaft von IS-Terroristen im Fernsehen sah. »Nicht so schlimm«, sagte er. Ein Monat in der Wüste war nichts, er lebte seit über einem Jahr in der Hölle.
Er drehte den Hahn auf und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Die Kälte tat ihm gut, beim zweiten Blick in den Spiegel sah er schon ein bisschen menschlicher aus. Er drehte das Wasser ab und sah sich im Bad um. Der Waschbeckenrand war nass. Woody tauchte einen Finger ein und stellte fest, dass das Wasser wärmer war als das, mit dem er sich gerade das Gesicht nass gemacht hatte. Noch jemand hatte mit Wasser herumgespritzt. Os? Woody schüttelte den Kopf. »Passt nicht zu ihm.« Os ließen Leichen kalt. Aus seinem Mund stammten einige der kranksten Witze über Tote. Die meisten Mordermittler fanden Os’ Witze großartig, weil sie immer zu den unangemessensten Zeitpunkten kamen. Nicht immer lachten sie gleich, aber wenn sie später über den Tatort sprachen, erzählten sie sich, was Os gesagt hatte. Die Witze waren wie ein Geburtstagskuchen – am nächsten Tag noch besser.
Woody sah sich das Wasser genauer an. Es waren keine Seifenblasen darin.
»Und nirgendwo abgetrocknet«, sagte er.
Dann sah er sein Gesicht im Profil und bemerkte den Arzneischrank über dem Spülkasten. Er machte vier Schritte und öffnete den Schrank mit einem Kugelschreiber, den er in der Tasche hatte. Die drei Regalbretter waren gefüllt mit frei verkäuflichen Medikamenten und mehreren kleinen, orangefarbenen Plastikfläschchen mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Auf den Fläschchen klebten weiße Etiketten von verschiedenen Apotheken. Es waren einige Antibiotika darunter, mehrere Medikamente für die Schwangerschaft, und ein Regal war voller Pillenpackungen mit langen, langen Namen. Woody erkannte einige. Julie hatte zahlreiche Antidepressiva im Schrank. Er las die Namen, ignorierte das Prozac, suchte nach etwas Besserem, entdeckte Adderall, nahm das Fläschchen aus dem Regal und öffnete den Deckel. Adderall wirkte aufputschend und würde mehr gegen das Heroin ausrichten als Koffein. Woody schluckte drei Tabletten trocken herunter und drückte den Deckel wieder auf das Fläschchen. Er wollte es gerade in die Tasche stecken, als die Badezimmertür aufging. Woody drehte sich um und erblickte Os.
»Alles in Ordnung?«, fragte Os.
Woody hielt die Tabletten hoch. »Julie hat ein paar heftige Medikamente genommen. Hier stehen ein Haufen Antidepressiva aus verschiedenen Apotheken.«
»Ich nehme nur eins«, sagte Os.
»Das ist üblich. Wer mehr will, holt sich von mehreren Ärzten Rezepte und geht in unterschiedliche Apotheken.«
»Kommst du wieder rein?«, fragte Os.
Woody nickte. Er hätte gern noch ein paar Minuten gewartet, damit das Adderall seine Wirkung tun konnte. Wenn er wieder Visionen bekäme, wäre er nutzlos. Aber es gab keinen guten Grund, länger im Bad rumzuhängen.
»Geht hier die Party ab?«
Verdammter Dennis.
6
»Was machst du da in der Ecke, Woody?« Dennis stellte die Frage auf Zehenspitzen. Er hatte versucht, einen Spalt im Türrahmen zu finden, der nicht von Os’ massiger Gestalt verstopft war, und einsehen müssen, dass eine Aussicht nur möglich war, wenn er sich auf die Zehen stellte. Dabei bemühte er sich, über Os’ Schulter hinwegzusehen, ohne mit ihr in Berührung zu kommen. Dennis Hamlet maß keine eins siebzig und war eher dick als rundlich. Nicht so wie Jerry, aber auf dem Weg dahin. Es sah aus, als würde er unter seinem Anzug noch eine Schicht Kleidung tragen. Wenn man Dennis wie eine von diesen russischen Puppen auseinandernehmen würde, müsste man Hülle um Hülle von Fett abziehen, um endlich das innere Arschloch im Kern zu finden. Sein Lieblingsthema war er selber, er konnte tagelang mit seinen Ermittlungserfolgen angeben, ebenso wie mit den unzähligen Frauen, die er angeblich gevögelt hatte. Wer ihm zuhörte, konnte den Eindruck gewinnen, kein anderer hätte je irgendeinen Verbrecher gefasst. Man ließ ihm seine Storys, was hieß, niemand sagte ihm je, dass er die Schnauze halten solle. Woody kaufte ihm keine einzige ab. Er bezweifelte nicht, dass Dennis seine Fälle löste, war aber sicher, dass es nie so ablief, wie Dennis behauptete. Jede von Dennis’ Geschichten triefte vor Eigenlob und ging wenig ins Detail. Cops stehen auf Details. Nichts ist ihnen lieber als ein Verdächtiger, der sein Leben so weit im Griff hat, dass er sagen kann, was er wann wo getan hat. Sobald ein Detail ausgelassen wird, merkt der Cop das und wird sauer. Er wird sauer, weil es für ihn eine Beleidigung ist. Wenn man mit etwas durchkommen will, indem man etwas auslässt, hält man den Cop für dämlich. Kluge Cops wissen genug, um sauer zu werden. Die dämlichen, die nie etwas schnallen, rollen so lange im Streifenwagen durch die Gegend, bis ihre Pension reicht, um die Rechnungen zu bezahlen. Dennis’ Geschichten ließen in Woodys Kopf die Alarmglocken klingeln; jede einzelne war wie ein »Fuck you« mit endlosen Windungen.
Woody sah, dass Os die Augen verdrehte und nach vorne trat, um Dennis abzuschütteln. Er wusste, was Os von dem drallen Cop hielt.
»Hey, Dennis, was geht?«
»Ich würde sagen, eine Menge, mit der kleinen blonden Fotze da draußen. Wenn nicht sonst jemand seinen Finger drauf hat?«
Os und Woody ließen die Bemerkung kommentarlos verpuffen. Woody wusste nichts zu sagen, die Leiche im Schlafzimmer tauchte bei jedem Blinzeln vor seinen Augen auf.
Dennis hielt das Schweigen für Ermutigung. »Dann steche ich da später mal meine Fahne rein –«
Os drehte sich um. Dennis trat eilig einen Schritt zurück und schaffte es gerade noch, Os auszuweichen, bevor der an ihm vorbeimarschierte.
Dennis sah Woody an und fragte: »Was ist los?«
Woody zuckte die Achseln, gab die Hoffnung auf eine baldige Wirkung des Adderall auf und folgte Os. »Im Schlafzimmer geht’s ab, Dennis. Also los.«
Dennis folgte ihm so dicht auf den Fersen, dass er seinen schnellen Atem hörte.
»Was ist denn passiert? Raub? Ehekrach? Was?«
Woody sagte nichts. Er sah Os mit gesenktem Kopf ins Schlafzimmer gehen. Er bewegte sich immer noch so schwerfällig, als würde er auf das tiefe Ende eines Schwimmbeckens zuwaten. Woody holte tief Luft und betrat das Schlafzimmer. Er sah das Bett und sah Natasha darin liegen. Seine Frau trug noch den Krankenhauskittel, der rechte Arm war von der Bettkante gerutscht. Das Patientenarmband hing lose an ihrem schmalen Handgelenk.
Woody schüttelte den Kopf und ging in die Ecke des Raums. Er blinzelte zweimal und rieb sich die Augen. Das Bild verschwand, Julie war wieder da, tot und entblößt. Er sah Dennis an, der erstarrt in der Tür stand – ein weiteres Opfer der ermordeten Medusa auf dem Bett.
»Was … was zum Henker ist hier passiert?«
Niemand antwortete.
»Im Ernst. Woody, Os – was zum Teufel ist passiert?«
Dennis machte einen Schritt auf das Bett zu. Woody beobachtete ihn, froh, seine Aufmerksamkeit kurz auf etwas anderes als die Leiche richten zu können. Während er Dennis’ Reaktion abschätzte, merkte er, dass sein Fuß sich selbstständig gemacht hatte und klopfte – das Adderall sagte Hallo.
Бесплатный фрагмент закончился.
