Читать книгу: «Der Finder»
Michael Schreckenberg
Der Finder
Endzeit-Thriller
INHALTSVERZEICHNIS
Cover
Titel
Impressum
Danksagung
Prolog: Die leere
Erster Teil: nach dem Ende
Zwischenspiel: Winter
Das Ende des Weges
Epilog: am Anfang
Über den Autor
Weitere Romantipps
Impressum
© 2010 Michael Schreckenberg
Alle Nutzungsrechte dieser Ausgabe bei
Gardez! Verlag
Michael Itschert
Richthofenstraße 14
42899 Remscheid
www.gardez.de
JUHR Verlag
Waldweg 34a
51688 Wipperfürth
www.juhrverlag.de
Lektorat
Daniel Juhr
Satz
Daniel Juhr
Titelreinzeichnung
Reprosatz Neumann GmbH, Remscheid, www.reprosatz.de
2. Auflage 2013
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Alle Hauptfiguren und Handlungen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.
Titelfotografie:
AALEXX Buchproduktion, Großburgwedel. Printed in Germany.
Das Werk ist vollumfänglich geschützt. Jede Verwertung wie zum Beispiel die Verbreitung, der auszugsweise Nachdruck, die fotomechanische Verarbeitung sowie die Verarbeitung und Speicherung in elektronischen Systemen bedarf der vorherigen Genehmigung durch die Verlage.
ISBN: 978-3-94262-523-4
Wer einen Roman verfasst, muss der Geschichte lauschen und sie niederschreiben. Und er braucht Freunde, Verbündete und Kritiker, um die Geschichte zu pflegen und zu ihren Lesern zu bringen. Ich bin meinen Freunden, Verbündeten und Kritikern zu tiefem Dank verpflichtet.
Danke:
Claudia
Stefan
Elke
Peter
Steffi
Sarah
Daniel
und Muriel für die Hilfe beim Titel
Ich gehöre zu der Sorte Autoren, die beim Schreiben einen Soundtrack braucht. Ohne die Musik wäre die Geschichte nicht die, die sie ist. Den Soundtrack zu diesem Buch lieferten vor allem:
16 Horsepower
Bad Behaviour
Black Sabbath
Calexico
Guano Apes
Leonard Cohen
Nick Cave and the Bad Seeds
The Boozehounds
The Stranglers
XTC
PROLOG: DIE LEERE
Where is Mona?
She’s long gone
Where is Mary?
She’s taken her along
But they haven’t put their mittens on
And there’s fifteen feet of pure white snow
(Nick Cave, Fifteen feet of pure white snow)
Als die Leere mich schließlich überkam, dachte ich, ich würde wahnsinnig. Jetzt doch – erst jetzt. Ich hatte lange ausgehalten, immerhin. Aber dann hatte ich die Schlösser gesehen, und auf ihre Weise waren die Schlösser schlimmer gewesen als alles andere. Sie hatten der Leere Namen gegeben.
Bis dahin war es ein vergleichsweise normaler Tag gewesen, ein guter sogar. Ich hatte im Bergischen Land, gar nicht so weit von unserem Hof entfernt, eine Spur gefunden und folgte ihr jetzt seit ein paar Tagen. Die letzte Nacht hatte ich in einer Kirche verbracht, ich war vor dem Morgengrauen aufgestanden, hatte das Pferd gesattelt, meinen Hund gerufen und mich auf den Weg zum Fluss gemacht. Ich wollte ihn auf einer der großen Brücken überqueren und auf der anderen Seite weiter suchen. Ich war abgesessen und hatte mein Pferd auf die Brücke geführt. Es war später Herbst, fast schon Winter, und der Wind über dem Fluss stach mir ins Gesicht. Aber der lange Mantel hielt mich warm. Alles lief gut, und ich war zuversichtlich. Die Leere war da, aber ich kannte sie ja. Ich hatte mich daran gewöhnt.
Dachte ich.
Und dann sah ich die Schlösser. Menschen hatten sie an den Zaun gehängt, Liebespaare hatten ihre Namen oder Initialen darauf geschrieben und die Schlüssel in den Rhein geworfen. Ewige Liebe …
Ich stand vor dem Zaun und starrte die Schlösser an. So viele Schlösser. So viele Menschen. Ich taumelte weg vom Zaun, blind, prallte gegen das Brückengeländer und schaffte es gerade noch, mich festzuhalten, bevor ein plötzlicher Brechreiz mich zusammenklappte. Ich übergab mich nicht.
Statt dessen begann ich zu schreien. Die Leere! Sie war um mich, hinter mir, in Leverkusen, Hilden, Wuppertal, überall. Und vor mir lag die Silhouette der größten Stadt weit und breit, der Dom, der Bahnhof, der Fernsehturm, Groß St. Martin, Straßen, Häuser … Und es war alles leer. Ich befand mich mitten auf der Hohenzollernbrücke, und kein Zug war hier, und kein Schiff auf dem Rhein und kein Auto auf den Straßen und kein Mensch weit und breit, und es würde auch keiner kommen. Nur ich. Und mein Pferd. Und mein Hund. Ich schrie! Und schrie!
Kein Mensch hörte mich. Und die Leere kroch in mich, sie breitete sich aus und begann mich zu fressen. Und es war natürlich Esther, die sie aufhielt. Meine Liebe. Denn es gab noch Menschen. Hinter mir, jenseits des Rheins, einige Tagesmärsche entfernt, gab es einen Hof, und dort lebten Menschen. Ein kleiner, übriggebliebener Rest. Und vielleicht auch vor mir. Ein weiterer Rest. Denn ich hatte eine Spur gefunden. Und der musste ich nun folgen.
Aber die Leere war so groß und so mächtig und ich fürchtete mich vor der Stille der Stadt. Vor dem, was einmal eine Stadt gewesen war, noch vor Kurzem, als dort eine Million Menschen gelebt hatte. Denn es hatte diese Menschen gegeben, und es war noch gar nicht lange her, da war die Welt voller Menschen gewesen.
In einer warmen Nacht im Frühsommer, wenige Monate bevor die Leere mich auf der Hohenzollernbrücke auf die Knie warf, da war alles noch so gewesen, wie immer, auf diesem Planeten mit seinen sechs Milliarden Bewohnern. Und meine Freunde und ich, wir hatten in dieser Nacht gefeiert …
ERSTER TEIL: NACH DEM ENDE
I see a bad moon rising
I see trouble on the way
I see earthquakes and lightnin’
I see a bad time today
(John Fogerty, Bad Moon Rising)
You’re one microscopic cog
in his catastrophic plan
designed and directed
by his Red Right Hand
(Nick Cave, Red Right Hand)
1
Ich stolperte aus dem Wagen auf die Straße, warf die Tür hinter mir zu, fingerte nach dem Schlüssel und rettete mich in die Dunkelheit des Hausflurs. Dunkel. Gut. Nur kein Licht. Kühl war es hier. Gut. Ich öffnete die Augen vorsichtig weiter als einen Spalt, stellte fest, dass nichts Schlimmes passierte und öffnete sie ganz. Dunkel. Gut. Immerhin hell genug, ein wenig zu sehen. Ich hob meinen Arm in Augenhöhe und starrte eine Weile auf meine Armbanduhr, bis ich verstand. Zehn Uhr. Besser nach oben. Besser nochmal ins Bett. Ich dachte kurz an den Schlafsack und das ganze Zeug. Im Auto. Draußen. Schlecht. Ich zog mich zwei Treppen hoch bis vor meine Wohnungstür. Wieder Schlüssel. Ich schleppte mich durch die Tür, warf sie hinter mir zu, stellte fest, dass die Jalousien vor allen Fenstern halb runtergezogen waren, stolperte durch den Flur ins Schlafzimmer, zog mir dabei die Schuhe von den Füßen, kickte sie in die Gegend und fiel ins Bett. Noch ein letztes Mal durchzuckte mich ein Rest von Energie, ich schaffte es, den Gürtel aufzumachen und mir die Jeans vom Körper zu schütteln, dann lag ich einfach schlaff und bewegungslos da, starrte an die Decke und genoss die fast vollständige Abwesenheit von Licht. Ruhe. Kühle. Dunkelheit. Gut. Draußen raste ein brüllend heller Tag im heißesten Frühsommer seit Jahren dem Mittag entgegen. Oh mein Gott. Was für eine Party.
Was für eine Frau.
Esther.
Meine Augen fielen zu, und ich wollte schlafen. Es ging nicht. Bilder von gestern Abend im Kopf. Die Party im alten Bunker. Zehn Jahre Abi. Natürlich war ich hingegangen. Was ist aus dem geworden, wen hat die geheiratet, was machen die heute … es war egal. Es war völlig egal, wer Arzt geworden war, wer Banker, wer Bildhauer, wer immer noch studierte. Natürlich sprachen wir darüber. „Nein, toll, dass du auch da bist, was machst du denn so …“ Nach zwei Stunden waren trotzdem wieder alle die Alten. Ich habe zum ersten Mal seit etwa acht Jahren wieder Karikaturen auf Bierdeckel gezeichnet. Ich zeichne fast gar nicht mehr, schon gar keine Karikaturen (weil ich keine Karikaturen kann, ich habe das mit etwa zwanzig eingesehen). Ich fotografiere. Ich bin Fotograf und seit etwa zwei Jahren der neue Name für Friedhöfe, Kathedralen und ähnlich heimelige Orte. Ich zeichne nicht mehr? Ich habe fast die gesamte Gesellschaft schlecht karikiert und sie haben gejohlt und gejubelt. Sie wollten sogar noch die alten Lehrerportraits. „Mach doch nochmal den …, kannst du den noch?“ Natürlich konnte ich sie noch, abgesehen davon, dass ich sie nie gekonnt hatte. Ich karikierte sie alle, und sie liebten mich dafür, wie sie Carmen dafür liebten, dass sie immer noch Gitarre spielte (sie hatte das wirklich gekonnt) und Jan dafür, dass er wieder den dämlichen Clown gab, den er neun Jahre lang gegeben hatte. Im wirklichen Leben war er inzwischen Oberleutnant. Vor wenigen Monaten war er noch in Afghanistan gewesen.
„He, du hast Esther noch nicht gemalt. Mal mal Esther!“
Esther? Esther wer? Esther Brandt. Ganz entfernt sagte der Name mir was. Ich schaute suchend von meinen Bierdeckeln auf … und sie fängt mich mit ihren Augen.
Ich starre sie so lange an, dass sie unsicher wird und ihr erwartungsvolles Mädchenlächeln (wir waren ja alle plötzlich und wunderbar zehn Jahre jünger geworden) sich verzieht.
„Ist was?“
Ich fange mich und schüttele den Kopf. „Nee, warte mal.“
Bierdeckel, Bleistift, zwei, drei Striche, nein, neuer Bierdeckel, Striche, nein, dritter Bierdeckel, nein, Bierdeckel wird geknickt und in die Ecke geschmissen, ich stehe auf und zucke mit den Schultern.
„Geht nicht. Ich kann nicht malen.“
„Quatsch, du malst toll.“ Sie lächelt wieder, aber immer noch unsicher. Ich bin nicht mehr neunzehn, ich bin wieder neunundzwanzig und alles in mir schreit nach meinen Kameras, das heißt, alles, was nicht nach ihr schreit. „Du bist zu schön.“
Jetzt lacht sie wieder richtig. Sie meint, ich scherze. Thank God for little favours. Wo sind eigentlich die anderen? Ich sehe mich um, und sie sind natürlich alle noch da und starren mich an. Inmitten ihrer Party ist plötzlich ein Geist aufgetaucht. Und für mich sind sie mit einem Mal Gespenster aus der Vergangenheit. Mich gruselt und ich drehe mich wortlos um, gehe die Treppe runter nach draußen, lehne mich an die kühle Betonwand und atme durch. Wie schön ruhig die Sommernacht ist. Wie angenehm kühl und rau die Wand des alten Bunkers. Ein Auto fährt vorbei, die Musik, die durchs Treppenhaus nach unten kommt, stört kaum. Ich atme noch einmal durch, schaue in die Sterne und fummele die Bensons aus meiner Brusttasche. Zigarette an, zwei Züge, schmeckt köstlich. Was ist eigentlich passiert?
Schritte auf der Treppe. Oh, bitte, bitte, bitte. Ja, sie ist es. Kommt um die Ecke, sieht mich und lächelt wieder unsicher. Wunderschöne Augen, wunderschöne Haare, wunderschöner Körper, wunderschöne Frau.
„Was war denn?“
Ich schüttele den Kopf. „Nichts, wirklich. Ich kann nur nicht malen.“
„Natürlich kannst du das. Du hast alle gemalt. Fast alle.“
„Ja, ja.“ Jetzt ist es an mir, unsicher zu werden. „Aber eigentlich kann ich es nicht.“
„Wieso?“
„Esther, bitte …“, ich fuchtele mit den Armen herum, meine Zigarette fliegt in hohem Bogen durch die Luft. Ich schaue ihr verständnislos nach. Sie lacht, und ich gewinne einen Rest meiner Fassung wieder. „Nein, ich kann es eigentlich wirklich nicht. Guck dir die Sachen doch mal an. Ich meine, mal eben Jans Nase, gut und schön, aber dich … Das wäre ein Verbrechen.“
Sie lacht wieder und diesmal versteht sie mich und freut sich wirklich.
„Danke.“
„Bitte.“
Wir stehen eine Weile nur rum und gewöhnen uns aneinander. Sie taucht ganz auf und ist bei mir, in der wirklichen Welt.
„Du bist jetzt Fotograf, oder?“
„Ja.“
Sie nickt. „Und was fotografierst du? Ich meine, Werbung oder Mode oder sowas?“
„Nein, hauptsächlich Gebäude. Und Friedhöfe.“
„Friedhöfe?“
„Ja.“
„Wofür fotografiert man Friedhöfe?“
„Für Agenturen. Ich kann ganz gut so Stimmungen fotografieren. Gruselige Atmosphäre. Solche Sachen sind gefragter, als man denkt. Und ich habe schon zwei Bildbände gemacht.“ Oh Himmel, ich fange an anzugeben. Sie merkt es aber nicht und lacht wieder.
„Bildbände über Friedhöfe?“
„Ja, der zweite. Der erste war mit Kirchen.“
„Kirchen?“ Sie grinst.
„Ja.“ Ich fange auch an, es lustig zu finden. Warum?
„Und die verkaufen sich?“
„Wie bescheuert.“ Jetzt grinse ich.
„Bist du so gut?“
„Ich bin in Mode. Aber ich kann schon auch ganz gut fotografieren. Ich kann nur nicht malen.“
Sie überlegt einen Augenblick. „Nee, kannst du wirklich nicht.“
Jetzt lachen wir beide, und in diesem Moment ist alles perfekt. Gehen wir gemeinsam durch die nächtliche Stadt spazieren, und ich nehme beiläufig ihre Hand? Nein. Ich zünde mir eine zweite Zigarette an, biete ihr auch eine an, sie schüttelt den Kopf und wir starren beide eine Weile in die Gegend. Dann schmeiße ich die Kippe auf den Boden, trete sie aus und frage, ob wir wieder hochgehen sollen. Sie nickt, und wir tauchen wieder in die Party. Wir werden beide angesprochen, verlieren uns, ich fange an zu trinken. Und höre nicht mehr damit auf. Gegen fünf beginnen alle, ihre Schlafsäcke auszurollen, ich auch. Ich fühle mich ungeheuer wohlig und schwer und krieche hinein. Dann entdecke ich, dass sie direkt neben mir liegt. Sie schaut mich an, zwinkert und wünscht mir eine gute Nacht. Ich versuche zu antworten und schlafe stattdessen ein.
Am Morgen (nein, Vormittag) um halb zehn war es brüllend hell, und ich wachte auf. Sie war weg. Ich rollte meinen Schlafsack ein, sprach ein paar Worte, schüttelte ein paar Hände, klopfte auf ein paar Schultern und war draußen. Fand meinen Wagen. Warf mein Zeug auf den Beifahrersitz, klemmte mich hinters Steuer und fuhr mit etwa dreihundert Promille Restalkohol nach Hause. Das war’s. Ende der Geschichte.
Ich lag auf meinem Bett und versuchte zu schlafen. Ging nicht. Wegen Esther. Ich setzte mich auf den Bettrand, zog Zigaretten aus der Nachttischschublade, zündete mir eine an und versuchte nachzudenken. Es konnte eigentlich nicht schwer sein, ihre Telefonnummer rauszukriegen, oder? Es sei denn, sie hieß jetzt anders. Weil sie zum Beispiel verheiratet war. Wer hatte die Party organisiert? Denk nach! Wer hat die Einladung unterschrieben? Kerstin, Matthias, David. Die mussten es ja wissen. Und was, wenn sie jetzt am Arsch der Welt wohnte, Australien zum Beispiel oder München? Nun, ich war freier Fotograf, oder? Von wo aus ich meine Bilder schickte, war wirklich egal. Ich stand auf, ging ins Bad, warf die Kippe ins Klo und pinkelte hinterher. Ein Mundvoll kaltes Wasser, ausspucken und zurück ins Bett. Matthias anrufen. Morgen. Sofort. Ich schlief ein.
Ich wachte auf, tastete nach meinem Wecker, fand ihn, hielt ihn mir vors Gesicht und öffnete die Augen. Viertel nach vier. Ich fühlte mich wach und gut. Im Zimmer war es immer noch grau, weil ich den Sommer wirksam ausgesperrt hatte. Ich ging ins Bad und zog mir mit einem gewissen Ekel die verschwitzten Klamotten vom Körper. Dann putzte ich mir die Zähne und duschte ausgiebig. Ich fand in meinem Schrank eine Unterhose, ein T-Shirt und eine lange Sporthose, zog alles an und griff mir ein paar Landkarten und meinen Laptop. Auf dem Esstisch wartete eine Flasche Cola auf mich. Ich breitete die Karten aus. Friedhöfe suchen. Es klingelte. Ich hatte keine Lust auf Leute und ließ es klingeln. Etwa achtmal. Dann fluchte ich, ging zur Tür und drückte den Summer. Ein paar Sekunden später stand sie vor mir. Haare, Augen, Top, geblümter Rock, Beine und sagte: „Hallo.“
Ich sagte nichts. Ich konnte nicht. Nicht mit dem Mund. Aber während ich schwieg, führten unsere Augen eine fröhliche Unterhaltung. Ich nahm sie bei der Hand und zog sie rein. Sie küsste mich, und während mein Kopf noch versuchte zu registrieren, was eigentlich gerade passierte, hatten meine Hände längst begriffen, was unsere Augen beschlossen hatten, freuten sich unbändig und versuchten, überall gleichzeitig zu sein, Po, Beine, Bauch, Brüste, Haare, Gesicht, alles. Ich war, glaube ich, zeitweise im Besitz von mehr Zungen, Lippen, und Händen als mir zustanden, dafür hatte ich kein Gehirn und keine Sprache, aber wen störte das? Ich weiß nicht wie und warum, aber wir schafften es irgendwie in mein Bett, und sie nahm mich so weich und leicht auf, als gehörte ich nur dorthin und nirgendwo sonst. Wir kamen schnell und fast gleichzeitig und nichts explodierte in meinem Kopf, mein Kopf explodierte einfach selbst.
Wir lagen teilweise neben-, teilweise übereinander und japsten. Dann bekamen wir beide einen Lachkrampf und ich nahm sie in den Arm und küsste sie, und das war fast das Schönste. Dann rangen wir wieder ein wenig nach Luft. Mein Gehirn und meine Sprache kamen vorbei, fragten schüchtern nach, und ich ließ sie gnädig wieder ein.
„Schön, dass du vorbeikommst“, sagte ich.
„Ja, nicht wahr?“ Sie schaute mich an, schmunzelte mit dem Mund, sprühte mit den Augen vor Lachen und ich liebte sie. Gestern hatte ich mich verliebt, eben hatte ich den Sex meines Lebens gehabt, jetzt liebte ich sie.
„Ich hatte überlegt, ob du wohl verheiratet bist oder in Australien wohnst“, sagte ich. „Ich wollte Matthias anrufen und fragen, aber ich bin eingeschlafen.“
„Ich war schneller. Ich habe David gefragt, bevor ich gegangen bin. Ich bin nicht verheiratet und wohne in Quettingen.“ Sie kicherte.
„Warum bist du vorbeigekommen?“
„Ich wollte früh weg nach der Party und habe dann ehrlich befürchtet, dass du dich an nichts mehr erinnerst. Du warst dermaßen besoffen.“
Sie schob sich auf mich und küsste mich auf den Mund. Ich spielte ein wenig mit ihren Haaren und genoss das Gefühl ihrer Haut auf meiner Haut.
„Und warum bist du also vorbeigekommen?“
„Habe ich doch gesagt, weil du so beso …“
„Das meine ich nicht.“
Sie schaute mich nachdenklich und ein wenig misstrauisch an und ich verfluchte mich.
„Weil ich mich in dich verliebt habe, das weißt du doch.“
Ich prüfte meine Erinnerung und fand nichts Entsprechendes.
„Nein, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich mich in dich verliebt hatte.“
Sie lachte, alles war wieder gut. „Das wusste ich auch.“
Aha, so offensichtlich war es also gewesen. „Wieso?“
„Ich wusste es, als du deine Kippe durch die Gegend geschossen hast. Das war klasse.“ Sie lachte wieder, aber so lieb, dass mir Bilder von Ewigkeit durch den Kopf schwammen. Sie hatte mich voll erwischt, entwaffnet und annektiert. Ich hakte gedankenverloren ihren Rock auf, den wir beim Kleiderentfernen irgendwie übersehen hatten, warf ihn weg und streichelte ihren Po und das Stück Rücken darüber. Sie floss um mich. Diesmal dauerte es sehr, sehr lange.
Später lagen wir nebeneinander und tranken abwechselnd aus der Colaflasche. Esther hatte sie geholt, während ich auf dem Klo war, und meine Karten gesehen.
„Willst du verreisen?“
„Nein. Ich suche neue Friedhöfe.“
„Ach ja, die Friedhöfe. Ich habe mir ja einen berühmten Fotografen geangelt.“
In meinem Kopf führte ich einen wilden Freudentanz auf. Sie hatte geangelt gesagt.
„Ja, Deutschlands neuen Stern am Gruselfotografenhimmel. Nicht, dass es da allzu viele Sterne gäbe.“
Sie schaute mich mit schräg gelegtem Kopf an. „Verdienst du viel?“
„Führen wir Verhandlungen über einen Ehevertrag?“
„Nein, ich bin nur neugierig. Habe ich jetzt einen reichen Liebhaber?“
„Hast du dich in der Wohnung mal umgesehen?“
„Kaum. Der Inhalt hat mich mehr interessiert.“
„Du würdest enttäuscht sein.“
„Na, vielleicht hast du ja alles in dein Haus auf den Bahamas gesteckt.“
„Ich kann davon leben und nicht schlecht. Das ist alles.“
„Ist egal. Du musst nicht reich sein. Du bist ja dafür im Bett wie ein …, nee, egal.“
„Ich kann mich auch nicht beklagen.“
„Wir sind schon toll.“
Jetzt hatte sie wir gesagt. Ich genoss es eine Weile still, dann begann sich in mir Neugierde zu regen.
„Und was machst du jetzt so?“
„Ich habe einen Hostessenservice.“
Ich prustete eine Ladung Cola über die Bettdecke.
„Was?!“
„Messehostessen, Mann!“ Hatte ich sie beleidigt?
„Klar. Nur, weil du … ich meine, wie du angezogen warst …“ Ich stammelte noch ein paar Dämlichkeiten und hielt dann meinen Mund. Sie schaute mich mitleidig an.
„Meinst du, ich laufe deshalb jetzt mein Leben lang im Kostümchen rum oder was?“
„Entschuldige, ich bin ein Idiot.“
„Du bist gerade noch zu ertragen.“ Sie hatte mir schon wieder verziehen und küsste mich. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
„Wie kommt man zu sowas?“, wollte ich wissen.
„Wie kommt man dazu, Friedhöfe zu fotografieren?“
„Ich habe zuerst gefragt.“
„Okay. Ich war erst Krankenschwester und habe dann Medizin studiert. Das Studium habe ich mir unter anderem als Hostess finanziert. Irgendwann haben ein paar Kunden angefangen, mich direkt zu buchen, nicht mehr über die Agentur. Und ich habe gemerkt, dass ich dazu entschieden mehr Talent habe als zur Medizinstudentin, habe abgebrochen und mich mit zwei Freundinnen selbstständig gemacht. Meine Kunden blieben bei mir, wir haben ein paar Mädchen und Jungs unter Vertrag genommen, die anderswo unzufrieden waren, voilà. Inzwischen gehe ich fast gar nicht mehr auf Messen, ich mache den ganzen Kundenkontakt.“
„Und, bist du denn reich?“
Sie grinste. „Ich kann davon leben und nicht schlecht. Aber wir haben natürlich noch Schulden am Arsch.“
Ich fühlte vorsichtshalber: „Nein, da ist nichts.“
„Blödmann. Und, warum fotografierst du Friedhöfe?“
„Ein Freund von mir, Sven, schreibt Kurzgeschichten. Horror, Grusel, so’n Kram. Und weil ich nun mal Fotograf bin, hat er mich gebeten, sie zu illustrieren. Ich habe alte Häuser fotografiert, Wasserspeier, Grabsteine, alles auf unheimlich. Hat Spaß gemacht. Wir haben das Zeug an Verlage geschickt, irgendwer hat irgendwem die Fotos gezeigt und ich war im Geschäft. Nie wieder Hochzeiten. Ich hatte einfach Glück.“
„Du musst auch gut sein, sonst klappt sowas nicht.“
„Hm.“
„Und dein Freund? Haben sie seine Geschichten auch gekauft?“
„Nein.“
„Ist er noch dein Freund?“
„Ja.“
„Du hast echt Glück.“
Ich wühlte ein wenig in alten Erinnerungen.
„Ich konnte mich gestern fast nicht an deinen Namen erinnern. Ich habe dich in der Schule kaum wahrgenommen.“
„Ich dich schon. Ich fand dich langweilig.“
„Wieso?“
„Weiß nicht. Ich fand dich eben öde.“
„Aha.“
„Tut mir leid.“ Sie drehte sich zu mir und begann, von meinem Hals abwärts zu wandern. Etwa auf Höhe meiner Brust murmelte sie: „Außerdem habe ich mich, glaube ich, geirrt.“
Wieder etwas später stand ich am Fenster, rauchte und schaute hinaus. Ich dachte, sie schlafe. Ich hatte die Jalousie hochgezogen und genoss die Nachtbrise. Es musste etwa vierundzwanzig Stunden her sein, dass ich es nicht geschafft hatte, sie zu zeichnen. Nachts mag ich den Sommer fast so sehr, wie ich ihn tagsüber verabscheue.
„Es ist so ruhig“, sagte ich zu niemandem.
„Ach ja, darüber wollte ich mit dir noch reden, als ich angekommen bin“, kam es schlaftrunken vom Bett.
Ich lächelte aus dem Fenster. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass du reden wolltest.“
„Wollte ich dann auch nicht mehr.“
Dann sagte sie wieder lange nichts, ich schaute hinaus und dachte wieder, sie sei eingeschlafen.
„Ich liebe dich, Daniel.“
„Ich liebe dich auch, Esther“, hörte ich mich sagen und erschrak. Und dann merkte ich, dass die Antwort kein alberner Reflex gewesen war. Es stimmte. Ich begriff nicht, warum, ich kannte das gar nicht, so schnell, so zweifelsfrei – aber es stimmte. Ich war glücklich.
Ich legte mich wieder ins Bett, betrachtete eine Zeitlang ihren Rücken und streichelte sie.
„Worüber wolltest du mit mir reden?“
Aber sie schlief schon.
2
Wir fanden Zutaten für ein fast komplettes Frühstück in meiner Küche. Ich würde ja gerne erzählen, wie ich ihr das Frühstück ans Bett gebracht habe, aber sie war zuerst wach und ich konnte sie gerade noch davon abhalten, mich zu bedienen. Sie stand entzückend nackt in der Küche und suchte den Kaffee. Ich holte ihn aus dem Wandschrank.
„Ich trinke fast nur Tee“, erklärte ich.
„Ach so. Ich finde mein Höschen übrigens nicht.“
„Oh.“
„Hast du eine Ahnung, was du damit gemacht hast?“
„Gefressen vermutlich. Ich wollte alles fressen.“
„Nein, ernsthaft. Es ist etwas“, sie zuckte mit den Schultern, „etwas blöd so.“
„So viel zu Männerphantasien.“
„Tut mir leid, dich zu enttäuschen.“
„Ich schlage vor, du suchst es, und ich mache das Frühstück.“
Sie fand es nicht, aber als sie aufgab, hatte ich den Tisch fertig gedeckt. Ich bot ihr an, sich bei meinen Shorts umzusehen und sie fand welche, die halbwegs saßen.
Wir saßen einander gegenüber und schauten uns lange an. Ich fand nichts in mir, das zweifelte, und langsam regte sich die Angst.
„Stimmt alles noch?“
„Ja.“
Natürlich sah sie den Felsblock, der mir vom Herzen fiel. Sie lächelte, beugte sich über den Tisch und küsste mich. „Guten Morgen, Liebster.“
Als ich wieder zu mir kam, strich sie gerade Marmelade auf ihr aufgebackenes Brötchen und sah sehr zufrieden mit sich und der Welt aus.
Ich saß wieder über meinen Landkarten, als sie kreischte. Sie war unter der Dusche und sie schrie dermaßen laut, dass ich vor Schreck meinen kalt gewordenen Tee über den Tisch schoss. Die Tasse fiel auf der anderen Seite polternd aufs Parkett, aber das hörte ich nur noch am Rande, weil ich in Rekordzeit im Bad war. Sie stand in der offenen Duschkabine, tropfte und schaute den Duschkopf anklagend an.
„Das Wasser ist kalt. Ganz plötzlich.“ Sie zitterte. „Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.“
„Ich kenne das. Aber ich dachte, dir wäre sonstwas passiert.“
„Kommt sowas hier öfter vor?“
„Eigentlich nur, wenn jemand gleichzeitig am Waschbecken heißes Wasser anmacht.“
„Hmmhm.“ Esther probierte das Wasser erneut aus – es blieb kalt. Sie seufzte. „Muss wohl so gehen.“
„Ich kann dich wärmen.“
Sie lachte. „Später.“
Immerhin durfte ich ihr ein Handtuch bringen. Während sie sich abtrocknete, starrte ich durch die Badezimmertür auf mein Faxgerät im Flur. Fax. Fax. Irgendwas stimmte nicht mit dem Fax. Ach ja. Keine Uhrzeit. Keine Uhrzeit. KEINE UHRZEIT. Ich ging zum nächsten Lichtschalter. Knipsknipsknips. Nichts. Radio. Auch nichts.
„Wir haben Stromausfall.“
„Was?“ Sie kam gerade aus dem Bad.
„Stromausfall. Deshalb ist das Wasser plötzlich kalt gewesen.“
„Das Wasser wird doch nicht kalt, wenn der Strom ausfällt. Du hast doch keinen Durchlauferhitzer, oder?“
„Nein …“
Ich fühlte mich ziemlich trottelig. Ich hatte keine Ahnung von Strom. Ich war Fotograf, kein Elektriker. Sie vermittelte Messehostessen. Trotzdem fand sie blitzschnell den Sicherungskasten und untersuchte ihn auf eine Weise, die mir sehr fachmännisch vorkam.
„Die Sicherungen sind alle in Ordnung.“
Ich ging ins Bad und probierte den Heißwasserhahn. „Das Wasser ist immer noch kalt.“
„Hm.“
„Wir können ja Wasser kochen und mit kaltem mischen. Dann kannst du warm baden.“
„Kochen? Ohne Strom, du Genie?“
„Ach ja.“
„Hast du Nachbarn, die du ein bisschen kennst?“
„Ja, Lebers unten.“
„Wenn es dir nichts ausmacht, gehe ich mal eben runter und frage, ob die Strom haben.“
„Ziehst du dir vorher was an?“
Sie schaute mich erstaunt und belustigt an. „Nein, ich tanze nackt durch euer Haus, Daniel, das mache ich gerne. Was ist los mit dir? Habe ich dir den Verstand rausgevögelt?“
Ich seufzte. „Ich glaube schon. Frag sie ruhig, ich halte derweil meinen Kopf unter Wasser. Kalt genug ist es ja.“
Sie lachte und gab mir einen schnellen Kuss auf den Mund. „Stell dich ans offene Fenster, du Gemüse, ich bin gleich wieder da.“
Sie tanzte schnell durch meine Wohnung, sammelte ihre (meine) Shorts, den Rock und eins von meinen T-Shirts ein, zog alles an und verschwand winkend durch die Tür.
Ich war zum ersten Mal seit gestern Nachmittag wieder alleine und atmete durch. Anstatt mich ans offene Fenster zu stellen, ging ich ins Bad, setzte mich auf den Boden und lehnte meinen Rücken an die wunderbar kalten Kacheln. Was war eigentlich passiert? Ich hatte mich verliebt und betrunken, hatte sie gehen lassen, sie hatte mich gefunden, ich hatte mehr Sex gehabt als in den letzten zwölf Monaten zusammen, und? Ich prüfte mich, so ruhig wie möglich und mit großer Vorsicht. Mein Verstand war mit Macht zurückgekommen. Es änderte nichts. Ich war glücklich.
So fand sie mich, im Badezimmer, mit geschlossenen Augen an den Kacheln lehnend.
„Alles in Ordnung, Daniel?“
„Ja, klar. Wie bist du herein gekommen?“
„Ich hatte die Tür nur angelehnt. Wirklich alles in Ordnung?“
Ich öffnete die Augen und sah, dass sie ehrlich besorgt war.
„Wirklich.“
Sie kniete sich neben mich. „Und weshalb siehst du so traurig aus?“
„Sehe ich traurig aus?“
„Ja.“
„Ich bin so glücklich wie lange nicht.“ Es war die Wahrheit, und sie merkte es.
„Das ist schön. Ich auch. Deine Nachbarn sind nicht da.“
„Nicht? Komisch.“
„Sie werden einen Ausflug machen oder so. Nicht alle verbringen komplette, schöne warme Sommertage im Bett, so wie wir.“
„Nein, wir sind klüger als die. Und es gibt keine schönen warmen Sommertage. Entweder sie sind schön oder warm.“ Ich grübelte ein wenig. „Aber es ist wirklich komisch, dass Lebers nicht da sind. Sie haben eigentlich ein ziemlich eingefahrenes Leben. Feste Gewohnheiten. Sonntags wird mittags gegessen. Es ist schon ein paar Mal vorgekommen, dass sie mich einladen wollten und dann wach geklingelt haben.“
Sie sah plötzlich sehr nachdenklich aus, ging zurück ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa, zog die Beine an und starrte aus dem Fenster. Ich wartete.
„Daniel, hast du seit gestern, seit du von der Party zurück bist, jemanden gesehen?“
„Ja, dich. Von vorne, hinten, oben, unten …“
Sie griff nach einem Bleistift, der auf der Fensterbank lag, und warf ihn in meine Richtung, ohne vom Fenster wegzugucken.
„Außer mir, meine ich.“
„Ich bin nicht vor der Tür gewesen.“
„Du bist vom Bunker hier hingekommen.“
„Da habe ich auch nur dich gesehen. Vor meinem geistigen Auge.“
„Du bist sehr süß, mein Schatz, aber hör bitte für einen Moment mal auf, mit deinem Schwanz zu denken. Hast du jemanden gesehen? Es ist wichtig.“
Ich kramte in meiner Erinnerung, aber das Ergebnis war sehr unergiebig.
„Tut mir leid, Esther. Ich war müde, noch etwas betrunken, und es war mir viel zu hell. Ich glaube nicht, dass ich jemanden gesehen habe. Aber ich könnte es nicht beschwören.“
„Kam dir nichts komisch vor?“
„Genau genommen war ich froh, dass ich es in mein Bett geschafft habe und nicht auf der Treppe umgefallen bin. Eine lila Kuh in meinem Wohnzimmer wäre mir nicht komisch vorgekommen.“
„Dann will ich dir mal was erzählen. Ich wollte es dir eigentlich schon gestern Nachmittag sagen, als ich die Treppe hochkam. Und dann wollte ich es dir gestern Abend erzählen, als du am Fenster gestanden bist, aber dann war ich zu müde.“
„Und?“
„Ich bin mit dem Rad zu dir gefahren. Gestern am helllichten Nachmittag. Ich hatte es sehr eilig, okay, aber ich habe keinen einzigen Menschen gesehen. Am Samstagnachmittag.“
„Wo bist du denn hergekommen? Durch die Stadt?“
„Nein, aus Quettingen durch den Bürgerbusch.“
„Ja, siehst du, durch den Wald. Und es war sehr heiß.“
„Es sind nicht alle so lichtscheu wie du. Und noch was: Ich habe unterwegs mindestens drei Autos gesehen, die mitten auf der Straße standen. Einfach so.“
„Hm.“ Ich versuchte, mir einen Reim darauf zu machen. Erfolglos.
„Ich habe ein komisches Gefühl, Daniel.“
„Was für ein Gefühl?“
„Komm doch bitte mal her und sieh aus dem Fenster.“
Ich schaute aus dem Fenster und sah meine Straße. Häuser. Fenster. Ein Stück Brachland. Am Bürgersteig ein paar Autos.
„Was siehst du?“
„Ich weiß nicht, was du meinst. Ich sehe nichts.“
„Genau. Nichts. Keine Menschen.“
„Das ist eine sehr ruhige Straße, Esther. Ich weiß nicht, was du …“
„Nichts, Daniel. Keine Menschen. Keine Menschen auf der Straße, keine Menschen auf den Balkonen, niemand am Fenster, kein Auto fährt durch, nichts, gar nichts.“
Sie sprang plötzlich auf, griff an mir vorbei, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus und brüllte aus Leibeskräften: „Haaaaallooooo! Ist da jemand?!“
Ich zog sie peinlich berührt zurück. „Esther, bitte …“
Sie drehte sich heftig zu mir um. Ihre Lippen waren fest zusammengekniffen, weiß. Ihre Finger deuteten aus dem Fenster, sie schubste mich vor die Fensterbank. Ich sah hinaus.
Nichts.
Alles so wie vorher. Kein Kopf reckte sich aus irgendeinem Fenster, um zu sehen, welche Irre da so schrie. Keine Balkontür ging auf. Niemand schaute hoch zu uns.
Nichts.
„Daniel, da ist niemand“, sagte sie, und ich sah die mühsam unterdrückte Panik in ihren Augen.
„Das kann nicht sein.“ Aber langsam kroch in mir das Gefühl hoch, dass sie Recht haben könnte. Ein sehr, sehr kaltes Gefühl.
„Komm mit mir runter. Bitte.“
Ich nickte, zog mich schnell und wortlos um und verließ mit ihr die Wohnung. Wir traten aus dem Haus und spürten es.
Es war gespenstisch.
Alles war leer.
3
Wir gingen über viele Umwege zu ihrer Wohnung in Quettingen und es war, wie sie gesagt hatte. Wir begegneten niemandem. Auf den Straßen standen Autos herum. Wir sahen sie näher an und stellten fest, dass alle Schlüssel steckten. Ein paar Radios liefen noch, aber die meisten Batterien waren leer. Es war, als wären die Fahrer einfach während der Fahrt verschwunden. Wir klopften an Fenster und Türen. Wir schrieen. Als wir in ihrer Straße ankamen, waren wir verzweifelt dazu übergegangen, Steine in Fensterscheiben zu werfen. Wir wären glücklich gewesen, wenn uns jemand angezeigt hätte. Aber nichts regte sich. Nirgendwo.
Sie öffnete die Haustür, wir klopften bei all ihren Nachbarn, ohne Erfolg. Schließlich führte sie mich in ihre Wohnung. Als sie die Tür öffnete, kamen ihr zwei Katzen entgegen. Mit einem lauten Schluchzer nahm sie beide in den Arm und rief in die leere Wohnung.
„Andy!? Andy!?“
Richtig, sie hatte mir erzählt, dass sie mit einer Freundin zusammenwohnte. Eine von denen, mit denen sie den Hostessenservice aufgezogen hatte.
„Andy! Wo bist du?“ Sie starrte in die leere Wohnung. Und brüllte. Die Katzen sprangen erschrocken aus ihrem Arm.
„Andy, wo bist du?! Bitte, Andy, ich habe einen neuen Freund, ich möchte, dass du ihn kennen lernst, Andy, bitte, bitte!“ Sie schrie am Ende ihrer Kraft und brach weinend zusammen.
Ich kniete mich neben sie und nahm sie in den Arm. „Sie ist weg, Esther.“
„Vielleicht hat sie mir einen Zettel da gelassen. Sie lässt mir immer einen da. Sie ist wahnsinnig lieb, du musst sie kennen lernen …“ Sie konnte kaum noch atmen.
Ich konnte nichts sagen. Die Kälte lähmte mich. Ich hatte nicht gewusst, wie kalt Angst sein kann.
„Wo ist sie?“, wimmerte Esther. „Wo sind alle, Daniel?“
„Ich weiß nicht“, sagte jemand von weit her. Ich merkte erstaunt, dass ich es gewesen war. „Ich weiß es nicht.“
„Hast du Eltern, Geschwister? Hast du Freunde? Den mit den Geschichten, diesen Sven?“
„Ja.“ Oh mein Gott. Es war so kalt.
„Sind die auch alle weg? Wie meine liebste Freundin?“ Ihre Stimme kippte, sie stand kurz vor der Hysterie.
„Ja … ich glaube …“ Oh Gott, oh mein Gott.
„Ich habe Angst, Daniel“, flüsterte sie gepresst. Ich schwieg. Und hatte auch Angst. Angst!
Sie presste sich an mich und ich hielt sie so fest ich konnte. Weil mir so kalt war, begann ich, sie zu streicheln und sie streichelte mich. Ich trug sie durch die Wohnung, fand ein Bett und legte sie darauf. Sie zog mich zu sich. Es war die Art von Sex, die man nach Beerdigungen hat. Wir schliefen miteinander, um uns zu beweisen, dass wir noch da waren. Und um zu vergessen, was wir scheinbar verloren hatten.
Sie schlief, und ich taumelte durch die Wohnung. Ziellos. Ich kam am Telefon vorbei und fand einen großen, gelben Klebezettel an der Wand.
Andy,
endlich zu Hause?
Es ist kurz nach vier, ich fahre nochmal weg. Ich nehme das Rad. Ich habe jemanden kennen gelernt (oder wie nennt man das bei Klassentreffen – wiedergetroffen?). Er heißt Daniel und war in der Schule völlig lahm.
Ich glaube, er hat sich verändert.
Mach dir keine Sorgen, wenn ich heute Abend nicht nach Hause komme.
E.
P.S.: DRÜCK MIR DIE DAUMEN!!!!!!!!!!!!!!!!
Ich betrachtete den Zettel eine Weile, knüllte ihn zusammen und warf ihn in den Papierkorb, der neben dem Telefontischchen stand. Dann sank ich an der Wand zusammen und zitterte und heulte, bis ich vor Panik und Kopfschmerzen bewusstlos wurde.
Es war schon dunkel, als wir auf ihrem Bett saßen und versuchten, eine Erklärung zu finden. Die Angst und das Entsetzen hatten uns so betäubt, dass wir stumpf genug waren, das Ganze wie ein Rätsel zu betrachten. Ich hatte mehr Vorschläge, denn ich hatte mehr Science-Fiction gelesen. Aber nichts klang irgendwie logisch. Schließlich kam ihr eine Idee.
„Vielleicht sind wir tot.“
„Was?“ Mir war nicht sofort klar, was sie meinte.
„Ja, wäre das nicht vernünftig? Ich meine, dann sind nicht alle anderen verschwunden, sondern nur wir.“
„Hm.“ Der Gedanke breitete sich in mir aus, er war so unsagbar tröstlich, dass er mich wärmte. Zum ersten Mal seit Stunden konnte ich denken, ohne die Kälte zu spüren, von der ich gedacht hatte, dass sie mich umbringen würde. Natürlich – wenn wir tot waren, dann war eigentlich gar nichts geschehen. Die Welt, wie ich sie gekannt hatte, war gar nicht leer. Nur ich hatte sie verlassen. Gemeinsam mit dieser wunderbaren Frau. Wie schön. Esther schien die Idee ebenso zu gefallen, sie begann zu erläutern: „Es gab da mal einen Film. Da war die Welt auch plötzlich leer, ich weiß nicht mehr, irgendwas ist passiert, und danach waren nur noch die da, die in dem Moment, als es passiert ist, zufällig gerade gestorben sind.“
„Du meinst, wir sind tot?“, fragte ich, zunehmend begeistert.
„Ich meine gar nichts“, sagte sie. „Aber es wäre logisch, oder?“
„Keine Ahnung“, meinte ich aufgeräumt. „Ich war noch nie tot. Ich weiß nicht, wie das ist.“
„Vielleicht bin auch nur ich tot.“ Sie grinste. „Ich bin tot, im Himmel. Du bist mein persönlicher Engel.“
„Erbarmen“, sagte ich, zog sie zu mir und gab ihr einen langen Kuss.
Sie knuffte mich.
„Komm, trag’ zur Lösung des Problems bei.“
Ich bemühte mich. Ich wollte diesen großen Trost unbedingt logisch untermauern. „Also, wenn jemand tot ist, dann wir beide, denn ich weiß, dass ich noch lebe.“
„Das ist großer Quatsch, den du da redest“, sagte sie freundlich.
Ich hatte es gerade auch gemerkt und versuchte zu präzisieren. „Also, ich weiß, dass ich noch hier bin. Weil ich bin. Also, weil ich es weiß. Ich bin ja da …“, ich brach verwirrt ab.
„Cogito ergo sum?“
„Ja, so in etwa.“
„Ich will dir mal glauben. Jedenfalls: Es ist viel angenehmer, mit dir tot zu sein als alleine.“ Sie küsste mich lange und warm.
„Also“, sagte ich, als ich wieder sprechen konnte, „sagen wir mal, wir sind tot. Wann sind wir gestorben?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Gestern oder vorgestern.“
„Nicht später, als du zu mir gefahren bist?“, überlegte ich. „Denn da war ja schon alles leer. Wann bist du von der Party nach Hause gefahren?“
„Ganz früh. So gegen sieben.“ Sie dachte nach. „Ich habe niemanden gesehen. Aber ich glaube, es waren auch noch keine leeren Autos auf der Straße. Ich weiß es aber nicht.“ Sie zog gedankenverloren an ihrer Unterlippe. „Ich kann mich ehrlich nicht erinnern. Ich glaube aber, ich habe auch kein fahrendes Auto gesehen. Aber das kommt vor, am Samstagmorgen.“
„Also irgendwann in der Nacht oder Samstag am Morgen.“ Ich dachte nach, immer noch auf morbide Weise verliebt in den Gedanken. „Ich vermute, wenn du Recht hast, sind wir in der Nacht gestorben. Wahrscheinlich, als wir unten standen.“
„Oh, wie schade.“ Sie lächelte mich an. „Das war so schön.“
„Ja, aber ist doch logisch“, führte ich aus. „Wenn wir zusammen gestorben sind, muss es ein Unfall oder ein Verbrechen gewesen sein. Wir sind zu jung und gesund, als dass es wahrscheinlich ist, dass wir gleichzeitig einen Herzinfarkt bekommen, oder sowas.“
„Ja, du bist jung und gesund.“ Ihre Augen glitzerten.
„Jetzt denkst du mit dem Unterleib.“
„’Tschuldigung.“
„Wenn nämlich auf der Party etwas passiert wäre“, überlegte ich weiter, „dann wäre es nur logisch, dass ein paar von den anderen auch noch da sind.“
„Ja, und?“, fragte Esther erstaunt.
„Wie, und?“
„Spricht irgendwas dagegen, dass sie noch da sind?“
Ich überlegte eine Weile. „Nein, du hast Recht. Sie könnten noch da sein.“
Ich merkte, dass ich langsam schläfrig wurde, und ihre Hand, mit der sie meinen Bauch streichelte, wurde auch immer langsamer.
„Lass uns morgen nach ihnen suchen“, schlug ich vor.
„Gute Idee“, murmelte sie.
Sie küsste mich auf den Arm, der gerade in Reichweite ihrer Lippen war, und schlief ein. Ich betrachtete sie noch eine kleine Weile und glitt in die Dunkelheit.
4
Wir brauchten nicht zu suchen. Wir wurden geweckt. Ich wachte von Glockengeläut auf und dachte zuerst, was für ein irrer Traum das gewesen war. Dann sah ich, dass Esther senkrecht neben mir im Bett saß – ihrem Bett – und wusste, dass ich nicht geträumt hatte. Die Kälte kam zurück und ich rief mir den tröstlichen Gedanken von gestern Abend ins Gedächtnis zurück. Niemand war fort – außer uns.
„Daniel? Bist du wach? Was ist das?“
„Glocken“, sagte ich. „Kirchenglocken.“
„Ja, klar. Aber so komisch.“
Ich sah sie unschlüssig an. „Sollen wir hingehen?“
Sie überlegte eine lange Weile, während die Glocken nervtötend läuteten. Kein angenehmes Dong-Dong, Dong-Dong, sondern Pong, Pong, Pong, Pong. Dann nickte sie.
„Ja. Was auch immer das ist, ich will es wissen.“
„Gut, ich auch.“
Wir wuschen uns kurz und zogen uns schnell an. Zwischendurch hörten die Glocken einmal auf, aber gleich darauf ging es wieder los. Pong, Pong, Pong, Pong, es war grauenhaft. Aber es gab keine Musik, die ich in diesem Moment lieber gehört hätte. Da war jemand. Wir waren nicht ganz allein. Bevor wir die Wohnung verließen, schaute Esther die beiden Katzen lange an, nahm jede für sich auf den Arm, drückte sie an sich und öffnete mit einem schnellen Rundgang durch die Wohnung alle Fenster und die Balkontür. Dann nahm sie mich am Arm und zog mich hinter sich her, aus der Wohnung. Als wir auf der Straße waren, hörten die Glocken wieder auf, aber Esther hatte das Geräusch schon lokalisiert. Sie zeigte auf den weißen Kirchturm, der über die Häuser ragte, und begann zu rennen. Mir blieb gar nichts übrig, als hinterherzulaufen. Sie war schnell und ich konnte gerade so mithalten. Keine zehn Minuten später standen wir vor der Kirchentür, keuchend. Als sie vorging, um die Tür zu öffnen, hielt ich sie zurück.
„Warte.“
„Was ist?“
„Lass mich zuerst. Wenn da irgendetwas Gefährliches …“
Sie schaute mich wieder mit diesem lieb-mitleidigen Blick an.
„Du bist süß und wunderbar und mein Held, aber wenn da irgendwas Gefährliches drin ist, werden wir zusammen sicher besser damit fertig als du alleine, oder?
Wir öffneten vorsichtig die Tür und gingen in das kühle Kirchschiff. Da saß jemand mit dem Rücken zum Eingang. Breite Schultern, kurze blonde Haare. Neben ihm, im Mittelgang, lag ein großer Vorschlaghammer. Daher also das komische Geräusch.
„Hallo?“ Sie war wieder schneller als ich. Mist, ich wollte doch ihr Held sein.
Er drehte sich um und ich erkannte ihn sofort. Vor zwei Nächten und einer Ewigkeit hatte ich Esther erklärt, dass seine Nase leichter zu malen sei, als sie. Es war Oberleutnant Jan Müller, der Klassenclown. Er kniff die Augen zusammen, klar, wir kamen aus der Sonne hinein.
„Wir sind’s, Esther und Daniel.“
„Ah.“ Er war etwas kurzatmig, kein Wunder, er hatte lange den Hammer geschwungen. „Hallo, Daniel, schön dich zu sehen. Richtig schön. Esther?“
„Esther Brandt“, erklärte ich. „Wir hatten auf der Schule nicht viel mit ihr zu tun. Dumm von uns.“
„Ah, Esther, ja. Entschuldige. Ich konnte mit dem Namen gerade kein Gesicht verbinden.“
„Sowas Ähnliches hat mir dieses Wochenende schon mal jemand gesagt.“ Sie knuffte mich in die Seite. „Dem hier hab ich’s ausgetrieben.“
Er schaute kurz verwirrt, erinnerte sich dann, verstand und lächelte.
„Ah ja, stimmt. Ihr wart mal kurz zusammen draußen. Genau, du hast dann später alle verrückt gemacht, weil du seine Adresse haben wolltest. Anstatt ihn einfach zu wecken.“
„Hast du?“, fragte ich.
„Ich war nicht sicher“, erklärte sie, ohne mich zu beachten, „dass er seine Adresse zu dem Zeitpunkt wusste.“
Er lachte, hustete und setzte sich. „Schön für euch, herzlichen Glückwunsch. Entschuldigt, aber ich bin etwas kaputt.“
„Schon klar“, sagte ich. „Wir haben …“
„Hallo?“
Noch ein Gesicht von der Party, der Name fiel mir nach ein paar Sekunden ein: Daniela Pracht. Sie schwebte wie ein Geist in die Kirche, den Blick starr an uns vorbei gerichtet. Schließlich drehte sie sich zu uns und lächelte. Das heißt – ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. In ihren Augen glänzte leeres Entsetzen. „Ich habe das Läuten gehört“, flüsterte sie. „Wart ihr das?“
Eine halbe Stunde später saßen wir zu neunt vor der Kirche. Außer Daniela hatten sich noch Lars Brandhorst und Eva Lupzig eingefunden, die ich beide kaum kannte, Matthias Belchart und David Renner, Mitorganisatoren der Fete, und Susi Pferch. Matthias war zu Schulzeiten ein guter Freund von mir gewesen. Lars und Eva waren, wie ich den Gesprächen entnahm, seit der Schulzeit ein Paar und wohnten schon lange in Quettingen. Susi war eine Freundin von Esther. Eigentlich wohnte sie neuerdings in München, aber die beiden waren in regelmäßigem Mail- und Facebook-Kontakt. Sie war in einer ähnlichen Verfassung wie Daniela in die Kirche gekommen, zitternd, mit verweinten Augen, aber dann hatte sie Esther gesehen und sich auf sie gestürzt, wie eine Ertrinkende auf einen Rettungsring. Und im selben Maße, in dem immer mehr Leute in die Kirche geströmt waren, hatte sie sich beruhigt. Sie war, so erfuhr ich, schon vorher ziemlich alleine gewesen, Single, neu in einer fremden Großstadt, beide Eltern schon gestorben, keine Geschwister … als sie sich dann gestern morgen im Hotel wortwörtlich alleine wiedergefunden hatte, hatte sie zuerst an einen Traum geglaubt – und dann an eine Strafe, an irgendeine große, bösartige Macht, die sich vorgenommen hatte, sie ganz persönlich zu quälen. Die offensichtliche Tatsache, dass zumindest diese Befürchtung nicht richtig war, war eine Erlösung für sie.
Daniela aber war ein Wrack. Sie wohnte in Opladen noch bei ihren Eltern – beziehungsweise hatte bei ihnen gewohnt, bis sie verschwunden waren. Seither war sie durch die Straßen geirrt. Sie war die Verstörteste von uns allen. Die anderen schienen, nach ihren Erzählungen, Ähnliches durchgemacht zu haben wie Esther und ich. Unglauben, Panik, Angst – und dann irgendein tröstlicher Gedanke, an den sie sich geklammert hatten, um zu überleben und geistig gesund zu bleiben. Wahrscheinlich waren diese tröstlichen Gedanken überhaupt der Grund, der es uns möglich gemacht hatte, hier zusammenzukommen, viel mehr als Jans Geläut. Irgendwo in mir pochte der dumpfe Gedanke, dass es nur zwei Gründe gab, aus denen ich noch lebte: Esther und unsere Idee vom Leben nach dem Tod. Ohne dies hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht oder würde jetzt wahnsinnig durch die leere Stadt stolpern, bis ich von irgendeiner Brücke fallen, von der Hitze niedergestreckt oder sonst irgendwie erlöst würde. Ich hatte so eine Idee, dass Daniela nicht weit von diesem Schicksal entfernt war.
Wir waren vor die Tür gegangen, Esther, Susi und ich hielten uns etwas abseits, weil ich im Schatten bleiben wollte. Ich hatte meinen Kopf in Esthers Schoß gelegt und döste vor mich hin. Jan lehnte in der Kirchentür, gab seinen Kräften Zeit, zurückzukommen und unterhielt sich leise mit David, der neben ihm stand. Die anderen saßen in einem lockeren Halbkreis vor dem Kirchtor. Matthias, Lars und Eva diskutierten die Frage, die uns von nun an in unendlichen Gesprächen beschäftigen sollte: Was ist passiert? Lars und Eva waren zu der Annahme gelangt, wir seien in eine andere Dimension gewechselt. Matthias hatte eine komplizierte Erklärung, in der mehrere Parallelwelten vorkamen. Daniela klammerte sich wie eine Stürzende an den Gedanken, dass sie träume. Ich schlug von unserem Platz aus vor, dass wir alle tot seien. Die Idee wurde aufgenommen und diskutiert.
Susi griff in ihre Tasche, zückte ein iPhone und betrachtete es bitter. „All persons I’ve called are temporarily not available. Du übrigens auch nicht, Esther.“
Esther nickte. „Ich wollte mein Handy gestern ausprobieren. Aber der Akku war leer.“ Sie lachte gallig. „Endgültig.“
Ich sah auf. „Wann war das?“
Sie strich mir übers Haar und küsste mich. „Da hast du geschlafen, süßer Mann.“
„Ich habe alles versucht, echt“, fuhr Susi fort. „So lange es Strom gab, und dann so lange der Akku von meinem Netbook und dem iPhone noch Saft hatten. Alles. Alle Mailadressen, Facebook, Xing … Facebook war ziemlich bald unten und kam dann nie wieder hoch, Twitter war auch schnell weg, trotzdem … Ich habe wirklich Kontakte überall, in den Staaten, in Frankreich, Schweden, in Korea, Japan, Australien … Nichts. Gar nichts. Niemand hat geantwortet. Die ganze Welt …“ Sie stockte. „Die ganze Welt …“, wiederholte sie dann leise.
Esther legte einen Arm um Susi, aber in dem Blick, den sie mir zuwarf, stand dasselbe Entsetzen, das mich ergriffen hatte. Wieder. Und nicht zum letzten Mal, ich begann zu ahnen, dass es immer da sein würde, von nun an. Die ganze Welt …
Vor dem Kirchentor wurde die Diskussion über die Frage nach dem Was? und Warum? derweil immer schwungvoller, bis das kam: „Es ist mir, ehrlich gesagt, scheißegal. Deshalb habe ich euch nicht hergerufen.“
Jemand hatte Jan gefragt, was er glaube. Das war die Antwort. Sie starrten ihn verständnislos an. Matthias fing sich als erster.
„Aber wir müssen doch wissen, was passiert ist.“
„Später vielleicht. Erstmal nicht.“
Das klang interessant. Ich setzte mich auf. Jan grinste zu uns hinüber.
„Ah, auch wach?“
„Erzähl“, sagte ich, „wir sind ganz Ohr.“
Er nickte. „Gut.“
Jan setzte sich in die Tür. Wir kamen etwas nach vorne, so dass wir nun fast einen Kreis bildeten.
„Es ist offensichtlich, dass alle verschwunden sind“, begann er. „Also, fast alle. Ich denke, dass wir erstmal planen müssen, wie wir überleben. Nicht warum. Es wird hier bald sehr gefährlich werden. Wir müssen aus der Stadt raus. Und wir müssen uns zusammentun, so viele wie möglich. Deshalb die Sache mit der Glocke.“
Jan hatte länger als wir alle darüber nachgedacht. Er war etwa im selben Zustand wie ich von der Party gekommen und hatte auch erstmal geschlafen. Aber dann war niemand gekommen, um sein Leben zu bereichern, wie bei mir, sondern er hatte sich entschlossen, das Wochenende in der Kaserne zu verbringen und ein bisschen zu arbeiten, Papierkram zu erledigen. Sobald er nach draußen gegangen war, hatte er gemerkt, was passiert war. Er hatte wenig Leute gehabt, um die er hätte trauern können und niemanden, um Theorien zu besprechen. Also war er auf eine andere Überlebensstrategie verfallen – Pragmatismus. Er hatte die Situation überdacht und war zu einigen beunruhigenden Ergebnissen gekommen. Die größte Gefahr, so erklärte er uns, war Feuer. Solange noch Strom da war, mussten Kochplatten und vielleicht auch ein paar Bügeleisen an gewesen sein. Zigaretten waren auf den Boden gefallen. Flugzeuge abgestürzt.
„Ich glaube“, erklärte er, „dass schon jetzt überall in der Stadt Brände schwelen. Über kurz oder lang wird Feuer ausbrechen und solange brennen, bis es keine Nahrung mehr hat. Und denkt an das Bayer-Werk.“
Er hatte sich einen Plan ausgedacht. Und stellte ihn uns vor. Er wollte ins Bergische Land ziehen, mit so vielen Gleichgesinnten wie möglich. Weg von den Städten und ihren Gefahren. Nah an einen Fluss, am besten die Wupper oder die Düssel. Dort einen Hof suchen, ein paar Häuser darum bauen und zu überleben versuchen. Es war unfassbar, wie konkret er alles vor Augen hatte. Er dachte nur an das Wie. Es war zu viel. Das war zu schnell. Oder war es seine Form von Flucht? Radikaler Pragmatismus. Tun. Nur nicht denken. Er fragte nach unseren Berufen. Die Ausbeute war kärglich. Matthias war zum Beispiel Lehrer für Deutsch und Pädagogik, Eva Versicherungskauffrau, Daniela Finanzbeamtin, ich Fotograf.
„Schade“, sagte Jan, „nehmt es mir nicht übel, aber wirklich nützlich sind für uns jetzt nur Lars und Esther. Architekt und Krankenschwester, das ist gut. Pädagogen brauchen wir frühestens, wenn wir Kinder haben, wenn überhaupt, und mit Versicherungen, Finanzämtern und Fotografie ist es erstmal vorbei. Mit Armeen, was mich betrifft, wohl auch.“
„Aber als Soldat bist du trotzdem nützlich“, meinte ich.
„Schön, dass du das so siehst. Ich wüsste nicht, wieso.“
„Du kannst im Freien überleben. Du kannst Feuer machen, Flöße bauen, all sowas.“
Er lachte bitter. „Warst du beim Bund?“
„Ja.“
„Noch Fragen?“
„Na, ich denke, du warst etwas länger da als ich.“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht. Wenn es darum ginge, unseren Platz im Bergischen gegen Luftangriffe zu verteidigen, dann könnte ich helfen. Aber das wird wohl nicht nötig sein. Und was meine Survival-Fähigkeiten angeht, schlage ich vor, dass wir aus irgendeinem Trekking-Laden ein paar entsprechende Bücher mitnehmen. Die sind besser als alles, was ich euch beibringen kann.“
Am Ende fragte er uns, ob wir mitmachen würden. Wir bejahten alle, erleichtert, etwas zu tun zu haben, ein Ziel, eine Perspektive. Wir beschlossen, uns um acht Uhr abends wieder vor der Kirche zu treffen.
„Bis dahin nehmt alles mit, was ihr für nötig haltet. Nötig, versteht ihr? Ihr müsst es tragen können. Besorgt euch Rucksäcke und Schlafsäcke. Esther, du solltest alles besorgen, was wir deiner Meinung nach als Grundstock für eine medizinische Versorgung brauchen. Oder besser – wir gehen zuerst nach Hilden, zu meiner Kaserne. Da können wir uns mit Werkzeug, Medizin und Waffen ausrüsten.“
„Waffen?“, fragte Eva.
„Ja, Waffen. Nein, versteht das nicht falsch.“ Er sah unsere Gesichter. „Wir werden, glaube ich, kein Problem mit anderen Menschen haben. Jeder in unserer Situation wird froh sein, sich einer Gruppe anschließen zu können. Aber die Tiere. Denkt an Hunde. Rudel von verwilderten Haushunden. Die, die überleben, werden gefährlich sein. Und es wird auch wieder Wölfe geben in ein paar Jahren und Bären. Ich halte es sogar für möglich, dass ein paar Tiere aus den Zoos ausbrechen.“
„Und wir werden jagen müssen“, meinte Lars.
„Aber keine Feuerwaffen“, überlegte ich laut. „Bald wird es keine Munition mehr geben.“
„Die reicht noch für ein paar Generationen“, entgegnete Jan.
„Wir sollten uns nicht dran gewöhnen.“
„Besorg dir was anderes, wenn du willst. Ich kann nur Gewehre und Pistolen beschaffen.“
„Ich finde ja“, sagte David gedehnt, „dass nicht nur die Munition noch für ein paar Generationen reichen wird.“
Jan grinste und sah ihn an. „Noch nicht überzeugt?“
„Nicht die Spur“, sagte David, ebenfalls grinsend. Wir anderen sahen verwirrt von einem zum anderen.
„Wir haben eben schon eine Weile darüber gesprochen“, erklärte David. „Während ihr … ein spöttisches Lächeln huschte über sein Gesicht, „ähm … Theorien diskutiert habt.“
Matthias schaute ihn säuerlich an, sagte aber nichts.
„Was die Prioritäten betrifft“, er nickte Jan zu, „da bin ich ganz bei dir, Jan. Ich will es gar nicht wissen. Ich will auch gar nicht darüber nachdenken, ehrlich. Mir reichen meine Träume. Ich habe gestern Nacht von meiner Freundin geträumt, und …“ Er schluckte. „Na, egal. Ihr seht – das führt zu nichts, das macht uns nur fertig. Jan hat Recht: Wir müssen als erstes klären, wie wir überleben. Und ich finde auch, wir sollten zusammenbleiben. Warum wir dafür aber gleich das Mittelalter neu eröffnen müssen, das ist mir nicht klar. Ehrlich, Leute: Hier stehen überall Autos herum. Die Supermärkte sind voller Konserven. Die halten nicht ewig, aber während wir die verspeisen, können wir doch, sagen wir, fünf bis zehn Jahre darüber nachdenken, wie wir weiter machen wollen. Anstatt irgendwo in der Pampa einen auf Bauer zu machen, würde ich erstmal fahren, fahren, fahren um das halbe Land nach Menschen zu erkunden und alle Tanken leermachen, die es gibt. Dabei könnten wir in Villen und den nobelsten Hotels der Welt leben. Warum, in Gottes Namen, sollten wir eine Kommune gründen und uns den Hintern wieder mit Gras abwischen?“
„Niemand will das Klopapier abschaffen“, sagte Jan sanft.
„Du weißt, was ich meine.“
„Gegenfrage“, meinte Esther. „Warum sollten wir mit Autos durch die Gegend fahren? Wohin? Gibt es noch irgendeinen Ort, an den wir schnell müssen? Wir haben alle Zeit der Welt, und wir haben kein Ziel. Es wird viel wichtiger sein, alles genau zu erkunden. Was wissen wir denn über die Welt, wie sie jetzt ist? Gar nichts. Ich hätte einfach Angst, irgendetwas zu übersehen, wenn ich mit hundertzwanzig Sachen daran vorbeirase. Gerade, wenn … also falls es noch andere Menschen gibt.“
„Aber Esther“, sagte David, „mal ehrlich – wie stellst du dir das vor? Willst du im Märzen die Rösslein anspannen? Das ist doch völlig sinnlos.“
Sie lachte. „Also gegen einen Trecker hätte ich nichts.“
„Hast du schon mal versucht, Auto zu fahren? Seit … seit alle weg sind, meine ich?“, fragte Lars.
David sah ihn erstaunt an. „Nein. Warum, das war nicht nötig. Aber wo soll das Problem liegen?“
Eva schüttelte mit bitterer Miene den Kopf. „Wir haben es versucht. Also … nicht nur versucht, gemacht. Unser eigener Wagen steht leider völlig unerreichbar in unserer Garage – elektronisches Rolltor. Aber wie du gesagt hast – es stehen ja genug rum. Also haben wir uns gedacht, wir nehmen einfach irgendeinen Wagen und fahren zu meiner Schwester, die Schlüssel stecken ja alle. Das Dumme war nur – wo die Schlüssel steckten, waren fast überall die Batterien leer, weil die Radios noch an gewesen waren oder das Licht oder beides. Und außerdem sind die meisten Autos, die da rumstehen, irgendwo gegen gefahren, ineinander oder in den Bordstein oder in ein Haus oder einen Baum. Die … die Fahrer sind wohl … also es sieht aus, als ob die alle während der Fahrt …“ Sie schluckte schwer und atmete ein paarmal zitternd ein, dann sprach sie weiter: „Die meisten sind nicht wirklich schlimm kaputt, aber irgendwie beschädigt und ich traue denen dann jedenfalls nicht mehr.“
„Schließlich haben wir doch einen Wagen gefunden, der ging“, nahm Lars den Faden auf. „Und damit sind wir dann nach Leichlingen gefahren. Das war übrigens auch nicht so einfach, die Straßen sind an den unmöglichsten Stellen von herumstehenden Autos blockiert. Und dann …“, er hustete und sprach heiser weiter, „na ja, dann sind wir wieder nach Hause gefahren. Ich brauche kein Auto mehr. Ich will auch keins mehr. Mir ist wichtig, dass wir zusammenbleiben. Wenn ihr derselben Meinung seid wie David, klar, dann fahre ich mit. Aber eigentlich will ich nichts mehr von der Welt sehen. Nicht mehr als nötig.“
„Ich will auch, dass wir zusammenbleiben“, sagte Susi. „Ehrlich“, sie warf einen fast panischen Blick in die Runde, „lasst uns zusammen bleiben. Aber David hat doch Recht. Du redest von Blockhäusern, Jan – und es gibt Millionen von festen, sicheren Häusern und bequemen Betten, in denen wir schlafen können. Lasst uns die Welt erkunden. Lasst uns vielleicht irgendwohin fahren, wo es warm ist, wo es schöner ist als hier. Wart ihr schon mal in Norditalien, oder im Ardèche? Wenn wir uns schon irgendwo ansiedeln, warum nicht da? Klar, irgendwann ist wahrscheinlich das Benzin alle und das Zeug aus den Supermärkten ist vergammelt, aber dann haben wir immer noch Zeit, wieder Bauern und Jäger und Sammler oder sowas zu werden.“
„Warum es aufschieben?“, fragte Esther leise.
„Esther …“, sagte Susi gequält.
Wir saßen eine ganze Weile still beisammen.
„Ich fürchte, wir werden uns nicht einigen“, sagte Jan schließlich.
„Nein“, meinte David unglücklich. „Was sollen wir machen?“
„Abstimmen!“, sagte Matthias. David sah ihn finster an. Es war offensichtlich, dass er eine Abstimmung verlieren würde. Esther schüttelte den Kopf.
„Quatsch, abstimmen. Wir können David und Susi doch kein Leben aufzwingen, das sie nicht wollen.“
„Nein!“, rief Matthias erschrocken. „Natürlich nicht.“
„Ich schlage Folgendes vor“, sagte Jan. „Wir sind so oder so zu wenige, ob wir jetzt Bauern sein wollen oder Nomaden der Landstraße oder was auch immer. Aber es scheint doch so, als ob alle, die noch da sind, auf der Party waren, oder?“
„Das ist Blödsinn“, sagte Lars. „Wieso …“ Jan hob die Hand.
„Bitte – wir wollten uns mit dem Wieso doch später beschäftigen. Alle, die hier sind, waren auf unserer Party. Andere Menschen hat keiner von uns gesehen. Es klingt irre, aber es ist nun mal so. Und David und Matthias haben die Party doch organisiert. Also wisst ihr doch auch am besten, wo man die Leute eventuell finden kann, oder? Habt ihr eure Listen noch?“
Die beiden sahen sich an. „Klar“, sagte David. „Alles fein säuberlich ausgedruckt, liegt bei mir zu Hause immer noch auf dem Schreibtisch.“
„Dann klappert die Leute doch ab. Sucht so viele ihr könnt, erzählt ihnen von unseren Ideen, und dann treffen wir uns heute Abend hier. Vielleicht finden wir dann eine Lösung. Und wenn nicht, können wir ja vielleicht zwei Gruppen bilden, die beide groß genug sind.“ Er seufzte. „Obwohl ich es besser fände, wenn wir uns nicht trennen würden.“
„Ich auch“, sagte David. „Was meint ihr, um acht wieder hier? Heute Abend?“
Wir nickten. David wandte sich zum Gehen. „Kommst du, Matthias?“
„Wartet“, sagte Susi und sprang auf. „Ich komme auch mit.“
Als sie gegangen waren, sah Jan in die Runde.
„Sehe ich das richtig? Nur Bauern hier geblieben?“
Wir lachten, aber nicht besonders fröhlich. Er nickte.
„Also, David hat zumindest Recht, was die Probleme angeht. Ich möchte daraus keinen Glaubenskrieg machen. Mir geht es mehr um das, was Esther gesagt hat: Keine Eile, dafür viel Sorgfalt und besser jetzt anfangen als später. Aufschieben bringt nichts. Aber wenn wir, was weiß ich, schwere Lasten transportieren müssen oder so, dann würde ich auch nicht gerne auf Lkw und all das verzichten. Aber was die alltägliche Fortbewegung angeht …“
„Was ist mit Pferden?“, fragte Daniela. Es war das erste Mal, dass sie etwas sagte.
Jans Gesicht hellte sich auf. „Ja, genau. Kannst du mit Pferden umgehen? Könntest du uns welche besorgen?“
„Ja. Ich bringe Kindern Reiten bei. Am Gut Reuschenberg, nach der Arbeit. Ich meine, bevor …“
„Schon klar, das ist super. Du wirst uns allen das Reiten beibringen. Aber hol erstmal nur ein oder zwei Pferde, als Lasttiere, okay?“
Sie nickte.
Wir planten und verteilten Aufgaben. Das tat gut. Es stellte sich heraus, dass ich der Einzige war, der die Gegend, in die wir wollten, gut kannte. Auf meiner Suche nach gruseligen Plätzen war ich zu Fuß weit herumgekommen. Ich würde also so eine Art Scout sein. Es tat mir gut, auf diese Art auch eine sinnvolle Aufgabe zu haben, und das sagte ich Esther, als wir später in ihrer Wohnung ein paar Sachen zusammenpackten.
„He, du bist auch so nützlich“, lachte sie. „Du musst mir viele starke Siedlersöhne machen.“
„Ich meine das ernst, Esther. Du wirst auch gebraucht, bitter nötig sogar. Aber wofür bin ich gut?“
„Ich meine es auch ernst. Ich brauche dich.“ Sie schloss die Augen, zog die Luft scharf ein und sprach stockend weiter. „Von allen Menschen, die ich geliebt habe, gibt es nur noch dich. Ich habe auf der ganzen Welt nur noch dich.“
„Zweckgemeinschaft also?“
Sie wirbelte herum und zischte mich an: „Mach es nicht herunter, du Arschloch. Ich liebe dich, und ich will dich. Egal ob es sechs Milliarden Menschen auf der Welt gibt oder sechzig. Ist das klar?“
„Es tut mir leid, Esther.“
„Das sollte es auch.“ Sie lehnte sich an die Wand und ich sah, dass sie zitterte. „Das sollte es auch.“ Ich nahm sie in den Arm.
„Entschuldige bitte.“ Die Kälte war wieder da. Aber bei ihr fror ich nicht. Sie seufzte und schmiegte sich an mich.
„Mach sowas nicht nochmal. Wir sind zwar erst zweieinhalb Tage zusammen, aber du wirst mir schon vertrauen müssen. Wir beide sollten immer zusammenhalten. Willst du das?“
Ich schaffte ein halbes Lächeln. „Ist das ein Heiratsantrag?“
„Von mir aus“, sagte sie sehr ernst.
Ich küsste sie. „Ja. Und danke.“
„Bitte. Jetzt lass uns packen. Und dann shoppen gehen.“
5
Als wir am Abend wieder zur Kirche kamen, war eine kleine Menschenmenge zusammengekommen. Matthias, Susi und David waren die Liste der Partygäste durchgegangen, denn es war offensichtlich, dass – warum auch immer – nur wir übrig geblieben waren, unser Abijahrgang. Sie hatten so viele abgeklappert wie möglich und mehr als vierzig gefunden, von denen die meisten froh waren, sich uns anschließen zu können. Aber sie hatten auch anderes gefunden. Einige hatten sich umgebracht. Und einige wollten alleine bleiben. Aus einem Fenster, hinter dem die ehemalige Schlagzeugerin unserer Schulband mit ihrer Familie gewohnt hatte, waren sie mit Geschirr und Messern beworfen worden. Matthias und David luden alle, die nicht mitkommen wollten, ein, nachzukommen. Sie hatten außerdem ein paar Zettel geschrieben und unterwegs aufgehängt. Dann hatten sie sich getrennt – David und Susi hatten noch etwas besorgen wollen, wie David gesagt hatte.
Esther und ich hatten gerade unsere Rucksäcke an die Kirchenwand gelehnt, als wir sahen, was er gemeint hatte. Aus der Maurinusstraße bogen hupend ein gewaltiger Mercedes, ein Abschleppwagen mit Kran und zum Schluss ein wirklich unverschämt komfortabel wirkender, großer Reisebus. Susi steuerte den Mercedes, David den Bus und hinter dem Lenkrad des Abschleppwagens saß Doris Jovic – bis vor wenigen Tagen Juniorchefin des größten Abschleppunternehmens Leverkusens. Ich kannte sie seit dem Kindergarten und war irgendwann, als ich vierzehn oder fünfzehn war, mal einige verlegene Monate mit ihr zusammengewesen. Als sie ihr Gefährt zischend vor der Kirche zum Stehen brachte, trat ich an das Fahrerhäuschen. Sie lehnte sich grinsend aus dem Fenster.
„Na?“, fragte sie. „Was sagst du?“
„Ich frage mich, was du damit willst. Ich habe meine Kameras zu Hause gelassen.“
„David hat mir von Lars’ und Evas Problem mit liegengebliebenen Autos erzählt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja – kein Problem für mich.“
Ich nickte anerkennend. „Gute Idee.“
„Willst du wirklich Farmer werden? Klingt gar nicht nach dir.“
„Ja, will ich. Ich bin zu platt, um durch die Welt zu reisen, Doris. Ich glaube, ich muss sie erstmal neu kennen lernen. Und das lieber gründlich und in kleinen Schritten.“
Sie grinste. „Und eine gewisse rothaarige Dame hat gar nichts damit zu tun?“
Ich erwiderte ihren Blick vielleicht etwas zu ausdruckslos. „Wir sind uns da einig.“
Esther kam hinzu und lehnte sich an mich. „Hübscher Wagen“, sagte sie zu Doris.
Doris lachte. „Danke. Aber ich bewundere dich. Daniel häuslich zu machen in … wie viel Tagen? Das ist ’ne Leistung.“
Esther lächelte sie an. „Ich habe gar nichts Besonderes gemacht.“
Doris zwinkerte ihr zu. „Jede Wette.“
Jan und David erklärten uns allen noch einmal ihre unterschiedlichen Standpunkte. Es war deutlich, dass es keinen Kompromiss geben würde – unsere erste Handlung als Gruppe Überlebender würde sein, dass wir uns gleich wieder trennten, in zwei Gruppen. Viele von uns waren immer noch so geschockt und verstört, dass sie eigentlich gar nicht in der Lage waren, etwas alleine zu tun oder irgendeine Entscheidung zu treffen, aber jeder und jede von den Geschockten hatte irgendwen gefunden, an den sie sich hängten und dessen Entscheidung sie mitmachten. Bei allen Differenzen waren wir bemüht, uns im Frieden zu trennen. Wir luden uns ein, gegenseitig, scherzhaft und freundschaftlich, einander wieder zu besuchen, falls wir uns umentscheiden würden – wie auch immer das klappen sollte. Aber uns war allen klar, dass die Trennung wahrscheinlich endgültig war. Esther und Susi hielten sich lange im Arm. Sie weinten beide.
„Schick mir ’ne Mail“, sagte Susi. „Oder blip mir mal ein Lied.“
Esther nickte schluchzend. „Mach’s gut.“
Hatte David noch am Nachmittag eine Mehrheit gegen sich gehabt, so hatte er nun mehr Leute überzeugen können als Jan. Als sie hupend die Quettinger Straße hinunter in Richtung Autobahn davon fuhren, waren wir, die wir winkend zurückblieben, die kleinere Gruppe.
Von denen, die fortgefahren waren, sah ich keinen je wieder.
Wir waren neunzehn, die gemeinsam aufbrachen.
Es war ein schöner, kühler Abend, der bessere Teil des Sommertages begann für mich gerade erst. Auf meinem Rücken trug ich einen Rucksack, wie alle. Daran hatte ich einen Bogen aus Fiberglas befestigt, den ich in einem Waffengeschäft gefunden hatte, und einen Köcher mit Pfeilen.
„Ah“, sagte Jan grinsend, als er mich sah, „keine Patronen.“
Ich grinste zurück. „Keine Patronen“.
„Kannst du damit umgehen?“
„Ich werde es lernen.“
Wir hatten alle so ziemlich dasselbe eingepackt – Schlafsack, robuste Kleidung für verschiedenes Wetter, ein bisschen Proviant, mehr oder weniger umfangreiche Verbandskästen, ein paar persönliche Erinnerungen. Manche hatten Messer, einige Seile, ich hatte einen Kompass. Daniela führte zwei Pferde heran, vier schoben Fahrräder. Unsere Liste der brauchbaren Berufe war um eine Hebamme, eine Botanikerin und einen weiteren Architekten gewachsen – Stefan. Er hatte als Dreingabe auch eine Zimmermannslehre. Als alle bereit waren, es war inzwischen zehn Uhr abends, schaute Jan mich an.
„Du führst uns?“
„Wenn ihr wollt.“
„Gut. Dann den ganzen Weg, von hier an. Ich will keine große Marschordnung aufmachen, nur – wer ist schwach? Wer kann nicht gut marschieren und hat wenig Kondition, ganz ehrlich?“
Es gab eine kurze Stille. Dann meldete sich Ben, der bis vor Kurzem ein Computerfachmann gewesen war. Er hatte mindestens zwanzig Kilo Übergewicht und keuchte jetzt schon unter seinem – zugegeben riesigen – Rucksack. Aber er hatte Courage. Ich weiß nicht, ob ich mich gemeldet hätte. Ich grübelte erfolglos, in der Schule war er mir nie aufgefallen. Ich sah Esther an und sie nickte. Offenbar kannte sie ihn.
„Klasse. Danke, Ben.“ Jan legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du gehst vorne mit Daniel und Esther. Du gibst das Tempo an. Daniel wird sich nach dir richten.“
Ich nickte.
„Ich gehe hinten. Keiner geht hinter mir. Okay? Dann los.“
Wir gingen zur Autobahnauffahrt und auf die A3.
Erst hier, auf der Autobahn, zwischen all den stummen Resten unserer eben noch so lebendigen Zivilisation, wurde mir klar, was wir wirklich verloren hatten. Alles, was gewesen war. Alles, was wir gelernt oder gewusst hatten. Ich hatte meine Eltern verloren und meine Schwester, aber der Verlust an Menschen war so allumfassend und gewaltig, dass ich kaum trauern konnte. Ich hatte wirklich eher das Gefühl, ich sei es, der fort sei, der Gedanke, dass all die Verschwundenen wirklich tot sein könnten, war zu groß, zu unfassbar und irreal. Aber die leeren, wie hingestreut herumstehenden Autos hier, die waren geradezu schmerzhaft real. Hier, über der Autobahn, lag wirklich Friedhofsstille. Wir sprachen wenig und wenn, dann leise. Hier war eine gespenstische, lauernde Stille über allem. Leere Autos. Eine Ratte, die über die Fahrbahn lief. Sonst nichts, nur das Klok, Klok der Hufe und das Quietschen der Fahrräder. Esther nahm irgendwann meine Hand.
Wir waren etwa eine Stunde unterwegs, als Ben unvermittelt sagte: „Ich komme mir vor wie ein Telefondesinfizierer.“
„Was?“ Ich glaubte, mich verhört zu haben, aber Esther lachte.
„Mach dir nichts draus. Daniel geht’s nicht anders.“ Sie drückte meine Hand und flüsterte mir ins Ohr: „Nicht böse sein.“
„Ich bin nicht böse. Was ist ein Telefondesinfizierer?“
„Kennst du Per Anhalter durch die Galaxis?“, fragte Ben.
„Ich erinnere mich dunkel.“
„In unserer Klasse hatten wir einen großen Anhalter-Fanclub, in der Neun oder Zehn“, erklärte Esther. „Ben und ich gehörten dazu. Es gab da im zweiten oder dritten Band dieses Raumschiff, voll mit Menschen, die nutzlose Berufe hatten. Telefondesinfizierer waren auch dabei.“
„Ach so. Ja, dann bin ich auch ein Telefondesinfizierer, stimmt.“
Esther schüttelte lächelnd den Kopf. „Ihr habt beide immer noch nicht begriffen, was das hier bedeutet. Wir sind so wenige, dass jeder irgendwie gebraucht wird, früher oder später. Du, mein Held, bist an einem Nachmittag vom Telefondesinfizierer zum Pfadfinder aufgestiegen.“
„Hm.“
„Du kannst auch irgendwas“, sagte sie zu Ben.
„Was?“
„Keine Ahnung. Wird sich zeigen.“
Er lachte. „Weißt du, was du bist?“, fragte er mich.
„Na?“
„Ein glücklicher Bastard.“
„Ich weiß.“
Ich schaute mich um, sah die Schemen der Gruppe hinter mir und fühlte mich plötzlich unsagbar lebendig.
Es war kurz nach halb eins, als wir an der Raststätte Ohligser Heide ankamen. Wir vergewisserten uns, dass von der Tankstelle keine Gefahr ausging und schlugen hinter dem Shop unser Lager auf – wenn man eine Ansammlung von Schlafsäcken so nennen will. Esther und ich nutzten ihren Schlafsack als Unterlage und meinen als Decke und hatten so ein recht komfortables Doppelbett. Kurz vor der Dämmerung wachte ich auf. Ich ging ein Stück die Autobahn hinunter, setzte mich auf eine der Spurmarkierungen, zündete eine Benson an und schaute in die verblassenden Sterne. Irgendwann spürte ich Esther hinter mir.
„Hast du Sorgen?“
„Ist das ein Traum, Esther?“
„Ich weiß es nicht, was glaubst du?“
„Ich weiß es auch nicht. Es ist komisch.“
Ich spürte ihre Hände auf meinen Schultern. „Ich bin so traurig, wegen Andy und allem. Aber ich will auch, dass es echt ist. Wegen uns.“
„Ja.“
„Dann ist es echt, oder?“
Wir gingen zurück. In meinem Traum sah ich einen Mann über einem Abgrund. Er sah ein bisschen aus wie ich. Aber ich war es nicht. Ich stand hinter ihm. Der Mann hatte keinen Kopf. Den Kopf hielt ich in der Hand. Er sah mich aus schwarzen, sehr lebendigen Augen an. Dann öffnete der Kopf den Mund und stieß einen grauenvollen, heulenden Schrei aus.
Davon wachte ich auf.
Wir beschlossen, erst am späten Nachmittag weiterzuziehen und bis in die Nacht hinein zu marschieren, um die Mittagshitze zu vermeiden. Ein Plan, der mir sehr zusagte. Jan und ich beratschlagten eine Weile über den besten Weg zur Waldkaserne, dann ging er zu Daniela. Die beiden hatten vor, auf einem der Pferde früher aufzubrechen, um in der Kaserne Vorbereitungen zu treffen.
Ich hatte fünf Bücher mitgenommen – eine schmerzliche Beschränkung, und ich hatte lange gezaudert. Letztlich hatte ich mich für Zen in der Kunst des Bogenschießens entschieden, weil es klein war, leicht, nützlich und gut. Dazu Das Buch der fünf Ringe aus der Feder des japanischen Schwertkämpfers Musashi, Tolkiens Herr der Ringe und Das Silmarillion. Das einzige Buch, das nicht aus meinem Regal, sondern aus einem Laden stammte, an dem Esther und ich auf unserer Shoppingtour vorbeigekommen waren, war ein Lehrbuch für Sportbogenschützen. Das steckte ich in die Tasche, hängte mir den Köcher mit den Pfeilen an den Gürtel, nahm meinen Bogen und ging üben. Etwas abseits versenkte ich mich in das Buch und übte die grundlegenden Griffe. Als ich glaubte, diese halbwegs zu beherrschen, nahm ich die fünf Pfeile aus dem Köcher, die laut ihrer Verpackung „Sportpfeile“ waren. Die anderen waren „Jagdpfeile“, verfügten über scharfe Spitzen und Widerhaken. Die Sportpfeile waren nur konisch zugespitzt. Ich suchte mir einen Baum als Ziel, legte den ersten Pfeil auf, spannte den Bogen und zielte. Dann versuchte ich ruhig zu atmen und wartete, bis der Schuss von mir abfiel, wie ich es in der „Kunst des Bogenschießens“ oft gelesen hatte. Der Moment kam. Ich sah den Baum, mein Blick drang in ihn ein, und meine Hand ließ die Sehne wie von selbst los. Der Pfeil schnellte davon.
Es war gar nicht so schwer, ihn danach wiederzufinden, ich suchte nur etwa drei Minuten. Ich hatte den Baum schon mehrmals gestreift und einmal getroffen, als Esther zu mir kam.
„Hallo, Robin Hood. Klappt’s?“
„Ich werde besser.“
Sie schaute meine Pfeile an. „Immerhin scheint noch keiner kaputt zu sein.“
„Danke, du bist ein Schatz.“
Sie umarmte mich. „Für dich gerne. Pack mal dein Zeug zusammen, wir wollen los.“
„Schon?“
„Es ist fast fünf.“
„Oh.“
Sie strich mir übers Haar. „Hast du irgendwas für deinen Kopf? Wenn wir jetzt so über die Autobahn spazieren?“
Warum grinste sie so?
„Nein, habe ich vergessen.“ Ich ärgerte mich, weil ich nicht daran gedacht hatte, aber sie zog zwei große Tücher aus der Tasche. Geblümte Tücher. Sie hatte es ja mit Geblümtem.
„Ich habe dran gedacht. Eins für dich, eins für mich.“ Sie schlang sich eines um den Kopf, hielt mir das andere vors Gesicht und feixte. „Steht dir sicher gut.“
Wir machten uns wieder auf den Weg. Jan und Daniela waren inzwischen wie geplant auf einem der Pferde vorausgeritten, um in der Kaserne schon ein paar Dinge rauszusuchen, das andere Tier führte jetzt Eva. Auf der A46 rochen wir zum ersten Mal Feuer. In Hilden schien es zu brennen. Nachdem wir die Autobahn im Hildener Kreuz verlassen hatten, rasteten wir. Der Anstieg der Straße einige Kilometer vor dem Kreuz hatte sich – mit Gepäck und Hitze – als anstrengender erwiesen, als wir gedacht hatten. Esther und Mark, der Medizinstudent gewesen war (ich hatte ihn hauptsächlich als reichen Sohn und Besitzer eines BMW-Cabrios sofort nach bestandenem Führerschein in Erinnerung), versorgten ein paar Wehwehchen, hauptsächlich Blasen. Carmen, die so gut Gitarre spielte, hatte sich den Fuß verstaucht. Esther sah sich die Bescherung an und kam zu mir.
„Sie sollte nicht weiterlaufen.“
„Ja, und?“
„Wir sollten sie auf das Pferd setzen und das Gepäck verteilen.“
„Dann macht das doch.“
Sie legte zwei Finger über die Nasenwurzel und schaute mich genervt an. „Sie will nicht, Daniel. Sie will laufen. Sag du es ihr bitte.“
„Warum ich? Du bist die Medizinerin.“
„Weil du unser Führer bist. Du bist für den Marsch verantwortlich, du bestimmst.“
„Quatsch.“
Sie seufzte. „Menschen sind halt so. Also bitte.“
Ich ging notgedrungen mit. Carmen saß auf dem Boden und fluchte. Ich hockte mich neben sie.
„Was ist?“
„Ich bin umgeknickt. Scheiße. Esther sagt, ich soll reiten, aber ich kann laufen.“
„Hast du was gegen Pferde?“
„Nein. Aber das ist doch zu blöd.“
Ich schüttelte den Kopf und hoffte, dass es entschieden aussah. „Nein, du bist zu langsam. Du würdest uns aufhalten.“
Das Wunder geschah — ich hatte Erfolg: Sie ließ sich aufhelfen, hüpfte von Esther gestützt zu dem Pferd (es hieß Django) und ließ sich von Ben und mir rauf helfen. Sie hatte zwei Gepäckstücke, einen Rucksack und die Gitarre. Den Rucksack legten wir vor sie auf das Pferd, die Gitarre nahm Ben.
Wir ließen uns jetzt Zeit, und als wir die Kaserne erreichten, dämmerte es schon. Daniela stand vor dem Tor und streichelte Fjalar, unser zweites Pferd. Sie hatte sich erstaunlich gemacht seit gestern, als sie verwirrt und ängstlich in die Kirche gestolpert war. Sie sprach ruhig mit dem Tier und lachte, als sie uns die Straße heraufkommen sah.
„Da seid ihr ja. Wir warten seit Stunden auf euch.“
An diesem Abend, soviel war klar, würden wir nicht mehr viel tun können, geschweige denn weiterziehen. Wir aßen gemeinsam aus unseren Vorräten zu Abend. Um uns herum konnten wir Brände sehen. Feuer in Haan, Wuppertal und Hilden. Ich glaubte sogar, Benzin riechen zu können und nickte Jan zu.
„Du hast Recht gehabt.“
„Womit?“
„Feuer. Überall.“
„Ja.“
Er betrachtete nachdenklich den Feuerschein in der Ferne.
„Meinst du, das kann uns gefährlich werden?“
„Hier? Nein, ich denke nicht. Habt ihr Brände bemerkt, als ihr hierher gekommen seid?
„Ja. Aber nur von weitem.“
„Rechts von euch? Als ihr auf der B8 wart?“
Ich überlegte kurz. „Ja.“
Jan nickte. „Das war im Westen von Hilden. Das Zentrum scheint zu brennen. Da ist die Autobahn zwischen, sollte mich wundern, wenn ein Feuer die überqueren kann.“
Um Mitternacht waren die meisten von uns eingeschlafen. Wir hätten es uns in den Gebäuden bequem machen können, aber nur wenige taten das. Vielleicht aus Scheu, vielleicht auch einfach, weil die Nacht so mild war und die Wiesen zwischen den Gebäuden so einladend. Esther und ich hatten uns wieder unser Zwei-Schlafsäcke-Sandwich Doppelbett gebaut, etwas abseits von den Grüppchen. Ich setzte mich neben sie auf den Schlafsack und zündete mir eine Zigarette an, die erste seit dem Morgen. Ich hatte ein seltsames Gefühl. Ich fühlte mich nicht sicher. Es hatte nichts mit den Bränden zu tun, die ich sehen und riechen konnte, Jan hatte mich von der Qualität der Autobahn als Feuerschneise überzeugt. Ich horchte angestrengt in die Nacht und wartete auf etwas. Ich hörte nichts, was nicht ins Bild passte, aber ich blieb unruhig. Sie merkte es.
„Ist was?“
„Ich weiß nicht. Ich habe so ein Gefühl. Wir sollten Wachen aufstellen.“
„Wozu?“
„Ich weiß es nicht.“
Sie setzte sich auch auf und horchte. Abgesehen vom fernen, rollenden Geräusch der Feuer, gedämpften Gesprächen und dem gelegentlichem Schnauben der Pferde, die in der Nähe grasten, war es still.
„Es ist genau wie letzte Nacht.“
„Nein, das ist es eben nicht.“
„Was ist denn jetzt anders?“
Ich versuchte es zu packen, erfolglos. „Ich habe so ein Gefühl. Irgendwas ist ganz anders.“
„Meinst du wirklich, wir sollen Wachen stellen?“
„Nein. Die anderen würden mir was husten. Ich weiß ja nicht mal, was mit mir los ist.“
„Komm her.“
Ich schlief in ihrem Arm ein, aber ich kam nicht zur Ruhe. Im Traum floh ich. Ich weiß nicht, wovor. Es war hinter mir in der Dunkelheit und heulte.
In dieser Nacht geschah nichts und am Morgen kamen mir meine nächtlichen Ängste albern vor.
Später sollte ich lernen, ihnen zu vertrauen.
Wir verbrachten den Großteil des nächsten Tages damit, uns einzudecken. Hier in der Kaserne gab es feste Kleidung, Schuhe, Riemen, Schlafsäcke, Decken, Konserven und allerlei nützlichen Kram im Überfluss. Ich nahm mir ein Taschenmesser, eine Schirmmütze um das Tuch loszuwerden, ein paar Handschuhe, vier Wasserflaschen und mehrere Riemen. Außerdem packte ich mehrere Feldjacken ein und ließ zwei Pullover dafür zurück. Den arg mitgenommenen Gürtel an meiner Jeans ersetzte ich durch ein Koppel. Esther und Mark plünderten den Sanitätsbereich. Jan hatte viele Gewehre getestet und fünfundzwanzig ausgewählt, die er für gut hielt. Dazu hatte er Unmengen an Munition und einen Klappspaten für jeden zusammengetragen. Wir sammelten Äxte, Hämmer, Hacken, Seile, Nägel, kurz, alles ein, was uns irgendwie nützlich oder notwendig erschien. Als wir unsere Sammlung betrachteten, war klar, dass die Pferde nicht reichen würden. Jan fuhr einen Unimog aus einer der Hallen und wir beluden ihn mit allem, was wir gefunden hatten. Danach war er noch nicht voll und wir sammelten weiter Kleidung, Munition, Werkzeug und Konserven, bis es fast nicht mehr ging. Dann warfen wir unsere Rucksäcke auf die Ladefläche. Wir übernachteten in der Kaserne und verließen sie am nächsten Mittag, alle halb in Uniform und Zivil, die meisten mit einem Gewehr über der Schulter. Esther, Ben und ich gingen wieder an der Spitze, der Rest der Gruppe kam locker hinterdrein, Daniela führte die Pferde, am Schluss fuhren Carmen und Jan mit dem Unimog im Schritttempo. Die perfekte Karikatur einer Soldateska.
Schade, dass niemand da war, um zu lachen.
Drei Tage später fanden wir am Morgen, kurz nachdem wir aufgebrochen waren, was wir gesucht hatten. Meine Erinnerung hatte mich nicht getrogen. Auf einem Hügel, etwa einen Kilometer von einem kleinen See entfernt, lag an einer Landstraße ein großer Bauernhof.
6
Über den Nachmittag hatte sich unsere Stimmung geändert. Am Morgen, als wir den Hof entdeckt hatten, waren wir euphorisch und ausgelassen gewesen. Nach Tagen der Wanderung waren wir endlich am Ziel – und an was für einem Ziel. Das Gehöft bestand aus einer Scheune, den Ställen und einem großen Wohnhaus, dazwischen ein staubiger Hof, eine Wiese und Beete, die schon zu verwildern begonnen hatten, das Ganze umfriedet von einer fast zwei Meter hohen Mauer aus Natursteinen. Ein Teil der Scheune war zu einem Hofladen ausgebaut worden – alles in allem eher ein kleiner Gutshof als das, was ich mir unter einem Bauernhof vorstellte. Viel Platz und malerischer, als die meisten von uns es sich erträumt hatten. Direkt, als wir ankamen, war uns ein Esel entgegengekommen, der sich offenbar gut alleine gehalten hatte, nun aber froh schien, wieder Menschen zu sehen. Jemand taufte ihn spontan „Hannibal“, nach irgendeinem literarischen Esel, und es schien uns fast folgerichtig, dass dieser Traumhof uns nicht ohne Begrüßung empfing. Wir hatten begeistert angefangen, ihn zu untersuchen und in Besitz zu nehmen.
Den Hof aber in Besitz zu nehmen, ihn auch nur oberflächlich so weit vorzubereiten, dass wir das Gefühl hatten, hier länger bleiben zu können, das war harte Arbeit, und zwar von Beginn an. Die Menschen, die hier gelebt hatten, hatten offenbar die übliche Mischung aus Ackerbau und Milchwirtschaft betrieben, dazu ein paar Hühner gehalten. Die Hühner hatten das Verschwinden ihrer Herren scheinbar alle überlebt – wir fanden im Hühnerstall zumindest keine toten Tiere. Allerdings auch nur noch zwei Lebende, der Rest – und der Zahl der Boxen nach mussten es mindestens zwölf gewesen sein – war verschwunden. Später stellten wir fest, dass die wenigen, die es geschafft hatten, auch ohne ihre menschlichen Beschützer eine Weile zu überleben, wieder zu dem Leben als Waldbewohner zurückgekehrt waren, das ihre Ahnen geführt hatten. Zunächst aber wussten wir nur, dass wir nun Besitzer eines fast leeren Hühnerstalls und zweier trotziger Hennen waren.
Leer war auch der Hundezwinger. Sein Bewohner hatte es geschafft – vermutlich rasend vor Durst – die Tür aus Maschendraht zu durchbrechen und war verschwunden. Dafür gab es eine Menge Katzen, die wir aber zunächst gar nicht bemerkten. Im Laufe des Tages entdeckten wir immer mehr von ihnen, mal schlenderte eine über den Innenhof, dann begegneten wir ihnen in der Scheune und im Haus – sie waren überall und lebten vermutlich kaum anders als vor dem großen Verschwinden. Wir fanden es bemerkenswert, dass sie die beiden verbliebenen Hühner unbehelligt gelassen hatten. Aber sie konnten es sich wohl leisten, wählerisch zu sein. Wir waren froh, dass sie da waren und täuschten uns darin nicht. Auch wenn sie niemals zahme Hauskätzchen wurden – was sie als Hofkatzen vermutlich auch nie waren – sie waren zuverlässige Verbündete gegen Ratten und Mäuse, die uns sonst sicher größere Probleme gemacht hätten.
Das Problem waren die Kühe des Hofes. Zu Beginn unseres Exodus hatten wir oft in der Ferne das Gebrüll von Kühen gehört. Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht. Trotz meiner ausgedehnten Wanderungen in den letzten Jahren war ich durch und durch ein Stadtkind, ich brachte das ferne Brüllen zwar damit in Verbindung, dass die Kühe wohl ihre Herren und die damit verbundene Routine des Melkens vermissten. Dass ich Zeuge wurde, wie rings umher Geschöpfe, die wir in eine widernatürliche Abhängigkeit gezüchtet hatten, qualvoll eingingen, war mir nicht klar. Uns allen nicht. Von daher bemerkte ich auch kaum, dass das Geschrei der Kühe nach und nach weniger wurde.
Als wir den Hof erreicht hatten und oberflächlich zu erkunden begannen, sah ich mir vor allem den Hühnerstall und die Scheune an und kümmerte mich nicht um das große, flache Gebäude dahinter. Ich entdeckte die beiden Hühner, begegnete einigen Katzen, schaute mich in der Scheune um, fand alles, soweit ich das beurteilen konnte, stabil und gut und überlegte schon, ob und wie wir die Gebäude nutzen konnten. In diese Gedanken versunken kam ich zurück auf den Innenhof, wo ich Esther fand, die Carmens Knöchel untersuchte. Unsere Verletzte lag halb auf einer Bank vor dem Haupthaus, lehnte sich an Ben und fluchte hin und wieder leise, wenn Esther an ihrem Fuß drückte, drehte und zog.
„Autsch. Scheiße.“
„Tut mir leid“, sagte Esther automatisch.
„Kannst du das nicht irgendwie anders …“ fragte Ben.
„Ich könnte sie röntgen“, entgegnete Esther, ohne aufzuschauen. „Habe ich mal auf ’ner Fortbildung gelernt. Wenn du eben den Apparat vorbereiten würdest.“
Ben schwieg verlegen, aber Carmen lachte. „Lass mal, das geht schon …“, sie zog zischend die Luft ein.
„Bin gleich fertig“, sagte Esther, mit so etwas wie Mitleid in der Stimme. Ich trat hinzu.
„Und?“
„Immer noch dasselbe.“ Sie legte den Fuß ab, und Carmen ließ sich auf Ben sinken, was dem ziemlich recht zu sein schien. „Ich bleibe dabei – kein Bruch, kein Riss. Überdehnt vermutlich.“ Sie sah Carmen streng an. „Wenn du gestern nicht rumgelaufen wärst, hättest du sicher kaum noch Probleme.“
„Ja, aber das Pferd …“
Esther lachte und winkte ab. „Wie auch immer. Das wird wieder. Am besten, du reitest runter zum See und legst den Fuß rein. Morgen oder übermorgen sollte das Thema durch sein. Hattest du schon mal einen Bänderriss da unten? Oder ’ne Dehnung?“
„Nein.“
„Gut. Mit etwas Glück bleibt davon nichts zurück.“
In diesem Moment kamen Jan und Daniela zwischen Scheune und Haupthaus hindurch auf den Innenhof. Jan sah grün aus, Daniela weinte. Ich sprang auf.
„Was ist?“
„Die Kühe.“ Jan deutete mit dem Daumen über die Schulter, in Richtung Scheune und den dahinter liegenden Stall. „Die hat seit Tagen keiner mehr gemolken …“
Ich verstand nicht. „Kann einer von uns das? Vielleicht sollten wir sofort …“
Carmen lachte bitter. „Das wird wohl kaum was nutzen, oder? Sie sind tot, denke ich.“
Jan nickte. „Fast alle. Zwei leben noch. Aber die …“ er schüttelte den Kopf. Inzwischen waren Lars, Erkan und Christos aus der Haustür gekommen.
„Was ist denn?“, fragte Lars. Jan erzählte. Im Stall lagen elf Kühe, neun davon tot. Einige waren schon aufgedunsen, alle angefressen, vermutlich von Hunden und Vögeln. Auch an den beiden noch lebenden Tieren hatten sie gefressen, die Kühe waren offenbar schon lange zu schwach, um sich noch zu wehren. Die Lebenden blökten und keuchten nur noch leise vor sich hin.
„Was sollen wir machen?“, fragte Erkan.
Wir taten alle ziemlich ratlos, obwohl wir natürlich genau wussten, was zu tun war. Aber es tat wohler, ein wenig über das Für und Wider, Ob und Wie zu diskutieren, als es wirklich zu tun. Ich bemerkte, dass Carmen sich an Ben hochgezogen hatte und leise mit ihm sprach. Er nickte, griff nach dem Gewehr, das neben ihm an der Wand lehnte, stand auf und reichte Carmen die Hand. Sie stützte sich auf ihn und erhob sich. Ben gab ihr die Waffe und sie gingen, sie auf seine Schulter gestützt, in Richtung Scheune. Jan rief ihr hinterher:
„Carmen, was …“
„Na, was wohl?“, rief sie zurück. Dann verschwanden die beiden zwischen Scheune und Haus. Eine kleine Weile verstrich, dann hörten wir einen Schuss. Kurz darauf zwei weitere. Als sie zurück kamen, setzte Ben sich wieder auf die Bank, Carmen legte sich neben ihn, den Kopf auf seinen Beinen, legte den Fuß hoch und rieb sich die Ohren. „Das piept noch bis übermorgen“, murmelte sie. „Scheiße laut, das Ding.“
Die Beseitigung der Kühe nahm den Großteil des restlichen Tages in Anspruch. Wir zerrten sie aus dem Stall, in dem es bestialisch stank. Dann wurde uns klar, dass wir sie mit reiner Muskelkraft wohl kaum sehr weit vom Hof würden entfernen können, jedenfalls nicht schnell. Es gab einen Traktor, aber niemand von uns konnte ihn fahren. Es stellte sich aber heraus, dass das nicht besonders kompliziert war, und so schleiften Micha und Jan die Kühe am Nachmittag mit Traktor und Unimog vom Hof. Als sie die letzte Fuhre machten, trotteten die meisten von uns erschöpft hinterher, nur Erkan, Kathrin und Simone blieben zurück, um aus dem, was wir an Konserven und haltbaren Lebensmitteln im Haus gefunden und mitgebracht hatten, ein Abendessen für alle zu bereiten. Carmen war, von Ben begleitet, zum See hinuntergeritten, wie Esther es ihr empfohlen hatte.
Durch die Sache mit den Kühen wurde uns unsanft wieder klar, dass wir scheinbar die letzten Menschen waren. Wir hatten ein riesiges Erbe anzutreten – und zwar mit allen Konsequenzen. Aber während wir arbeiteten, die Kühe aus dem dreckigen, stinkenden Stall zerrten, den Stall säuberten, Müll und Unrat beseitigten, wurde uns auch klar, dass wir hier buchstäblich an unserer Zukunft bauten. Das war eine Erfahrung, die mir zumindest neu war, und die meine anfängliche Niedergeschlagenheit in eine erschöpfte Befriedigung verwandelte.
Jan und Micha hatten die Kühe auf eine Wiese etwa zwei Kilometer vom Hof entfernt gebracht und dort mit den Fahrzeugen zusammengeschoben. Erst als Micha sie großzügig mit Benzin besprengte, machten wir uns die Mühe, den Wind zu prüfen. Er stimmte. Ob instinktiv oder zufällig – die beiden hatten die Kadaver mit dem Wind vom Hof entfernt, so dass der Rauch nicht zu uns zurückgeblasen würde. Jan tränkte einen Lappen mit Benzin, wickelte ihn um einen großen Ast, zündete ihn an und warf die Fackel auf den Haufen der Kadaver. Die heftige Verpuffung, die folgte, überraschte uns. Jan, Mark und Christos, die ganz vorne gestanden hatten, sprangen gerade noch schnell genug zurück. Michael hatte nicht mit dem Benzin gespart. Er stand etwas weiter hinten, neben mir an den Traktor gelehnt. Auch wir spürten die Hitzewelle.
„Ups“, sagte er.
„Ja. Das war heftig.“ Ich fuhr mir unwillkürlich durchs Gesicht. Die Kühe brannten, es stank nach verbranntem Haar. Gar nicht nach Grillfest, wie ich es mir vorgestellt hatte. Eine der aufgedunsenen Kühe explodierte mit einem seltsamen, fetten Ploppen. Mein Magen zog in Betracht, sich umzudrehen und ich suchte nach einem Gedanken, um mich abzulenken. Mir fiel etwas ein. „Kann es sein, dass ich neulich von dir in der Zeitung gelesen habe?“, fragte ich Micha. „Keine Ahnung in welchem Zusammenhang, aber …“
Er nickte. „Fußball wahrscheinlich. Ich spiele … ich habe zweite Liga gespielt.“
Ich staunte ihn an. „Echt? Du bist Fußballprofi?“
„Ja.“
„Wow.“ Ich überlegte. „Ich kann mich gar nicht erinnern … hast du früher auch schon gespielt? Ich meine – als wir noch in der Schule waren?“
„Woher sollst du das auch wissen, wir haben uns doch damals kaum gekannt. Aber klar, habe ich. Erst beim SV Schlebusch. Dann in Köln.“
„FC?“
„Ja. In den Jugendmannschaften. Dann erst in Düsseldorf und bis jetzt bei Kaiserslautern.“
„Hey. Dann spielst du ja jetzt bald Bundesliga.“
Er lachte. „Nein, Daniel. Jetzt fahre ich den Trecker.“
Ich lachte mit ihm. Für einen Moment hatte ich es wirklich vergessen. „Genau. Sorry.“
„Ach, ich weiß nicht. Ich bin alt für einen Fußballer, Daniel. Und ich habe es nie wirklich ganz nach oben geschafft.“ Er schaute auf und grinste mich an. Das Grinsen hatte etwas Gespenstisches. „Und ich wollte immer einen Hof haben, nach der Karriere. Ich hatte schon einen Makler darauf angesetzt. Für mich und die Frau und die Kinder.“
Ich sah ihn erschrocken an. „Du hattest Kinder?“ Ich dachte an die, die sich umgebracht hatten. Sie hatten alle Familie gehabt. Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Mein Magen gewöhnte sich an den Geruch und wir schauten noch eine Weile in die Flammen. Dann brachen wir auf. Michael und Jan fuhren mit Traktor und Unimog voraus und waren bald außer Sicht. Aber wir hörten sie die ganze Zeit – die Welt war leiser geworden. Esther und ich ließen uns ein wenig zurückfallen. Wir gingen Hand in Hand hinter dem großen Pulk und sprachen wenig. Als wir auf dem Hof ankamen, war das Essen fast fertig. Mittels eines Schwenkgrills und eines großen kupfernen Kessels, der als Dekoration im Hofladen gestanden hatte, hatten Erkan, Kathrin und Simone Nudeln gekocht und eine Soße aus Corned Beef und Zwiebeln gezaubert. Als Carmen und Ben zurückgekommen waren, hatten sie geholfen. In der Scheune hatten sie Partytische und Bänke gefunden. Müde aßen wir unser wohlverdientes Abendessen, zufrieden, die erste große Aufgabe gemeistert zu haben.
Wir fühlten uns stark.
Nach dem gemeinsamen Essen verteilten wir uns bald auf die oberen Etagen des Haupthauses. Hier waren bis vor wenigen Tagen vier Wohnungen gewesen. Die größte, auf der ersten Etage, hatte eine Familie mit zwei Kindern bewohnt. Jan und Ben hatten die Tür aufgebrochen, danach konnten wir uns auf zivilisiertere Weise umsehen – Schlüssel zu allen Räumen des Hofes hingen sauber beschriftet im Flur dieser Wohnung. Die beiden kleineren Wohnungen auf der zweiten Etage waren auf eine unpersönliche Weise gemütlich, wir vermuteten, dass sie an Feriengäste vermietet worden waren. Unter dem Dach war noch einmal eine kleine Wohnung, die Spuren deuteten auf nur einen Bewohner.
Das Erdgeschoss bestand fast zur Gänze aus einem einzigen, großen Raum, dessen genauer Zweck sich uns nicht erschloss. Der Raum war nackt, der Betonboden ohne Belag, die Wände roh verputzt ohne Tapete. Mehrere Fahrräder standen hier, mehrere Pappkartons, die Geschirr enthielten, stapelbare Stühle und ein Deckenfluter. Dennoch schien das kein einfacher Abstellraum zu sein – die drei großen Fenster waren doppelverglast, an der Decke war ein sichtbar teures Strahlersystem befestigt.
Es schien, als sei dieser Raum für den Ausbau vorgesehen gewesen und nur vorübergehend als Lager genutzt worden. An den großen Raum schlossen sich ein kleiner Abstellraum voller Reinigungsmittel und ein Vorratsraum an, in dem sich neben einem Kühlschrank und einer Gefriertruhe auch ein Regal voller Konserven, Getränke und haltbarer Lebensmittel befand. Dieses kleine Lager – verbunden mit dem, was in den Wohnungen und dem Hofladen zu finden war – gab uns eine kleine Atempause, bevor wir uns selbst um unser Essen würden kümmern müssen.
Esther und ich einigten uns wortlos darauf, im ehemaligen Wohnzimmer zu schlafen. Der Gedanke, im Schlafzimmer der Verschwundenen oder gar in einem der Kinderzimmer zu nächtigen machte mir Angst. Es war seltsam – noch vor einer Woche war ich ein großer Fan von Horrorfilmen gewesen, insbesondere von japanischen Geisterfilmen und ihren amerikanischen Remakes. Mir gefielen die Ideen und die Machart – besonders beängstigend fand ich sie nicht. Nun allerdings kam mir die Vorstellung, dass dies ein von Geistern bewohntes Haus war, gar nicht so abwegig vor. Oder waren wir am Ende die Geister? Ich musste an The Others und The Sixth Sense denken. Sie wissen nicht, dass sie tot sind … Wie auch immer – ich wollte nicht in einem Zimmer schlafen, das noch vor wenigen Tagen sehr deutlich einem anderen gehört hatte. Also gingen wir ins Wohnzimmer. An der Wand hing ein großer Plasmafernseher, darunter eine Stereoanlage, ein DVD-Player und eine Wii-Konsole, in einigem Abstand die entsprechend ausgerichtete Sitzgruppe mit Couchtisch. Ein gewaltiger alter Schrank beherbergte diverse Alkoholika, Gläser, Bücher, DVDs, Wii-Spiele, CDs und Gesellschaftsspiele. Esther sah sich um.
„Wo willst du schlafen? Sofa?“
Ich überlegte kurz. „Eigentlich lieber auf dem Boden. Neben dir. Das Sofa ist zu schmal.“
„Okay.“ Sie küsste mich und begann, den Couchtisch zur Seite zu schieben. Ich half ihr – das Ding hatte eine eingelassene Marmorplatte und war verdammt schwer. Wir waren gerade fertig und breiteten unsere Schlafsäcke auf dem Boden aus, als Simone durch die Tür spähte.
„Oh – ihr seid hier?“
„Ja.“ Esther stand auf. „Aber ist kein Problem. Du kannst gerne hier rein, wenn woanders kein Platz mehr ist.“
„Platz wäre schon, aber …“, sie zuckte mit den Schultern. „Jan, Erkan und Micha sind im Esszimmer und Eva und Lars im Schlafzimmer. Eine Wohnung oben ist voll und die andere ist ganz leer und, na ja – ich wollte nicht ganz alleine sein und auch nicht in eins von den Kinderzimmern.“
Ich nickte. „Kann ich verstehen. Komm rein. Kannst das Sofa haben.“
„Echt? Super!“
Ich schaute aus dem Fenster.
„Stefan hat wieder sein Zelt aufgebaut. Will der echt noch draußen schlafen?“
Simone trat neben mich.
„Ja, hat er gesagt. Er will sich gar nicht mehr an Gebäude gewöhnen, sagt er. Da ist er wie du mit deinem Bogen.“
„Er ist Architekt.“
„Vielleicht gerade deshalb. Guck mal, er ist nicht alleine.“
Mark und Christos kamen aus dem Haus, beide mit ihren Zelten in der Hand. Sie unterhielten sich kurz mit Stefan, lachten und begannen, aufzubauen. Wir hatten uns alle mit einfachen, schnell zu errichtenden Zelten ausgerüstet und so dauerte es nicht lange, bis im Hof ein kleines Lager entstanden war.
Esther untersuchte den Inhalt des Schrankes und pfiff durch die Zähne.
„Wow.“
Ich drehte mich um. „Was ist?“
„Die haben nicht schlecht gelebt hier. Single Malt, Portwein, Cognac – alles vom Feinsten. Will jemand ’nen Schluck?“
„Ich weiß nicht … ich glaube nicht.“
„Quatsch“, sagte Simone und ging begeistert zum Schrank. „Port hast du gesagt?“
„Yep. Und Whisky … mein Gott, der Craggie hier ist sechsunddreißig Jahre alt. Und das da … willst du echt nicht, Daniel?“
„Esther …“
„Cragganmore, Liebster. Sechs-und-drei-ßig-Jah-re. Verschlossen. Fassstark.“
Simone hatte sich eine bauchige Portweinflasche genommen, las das Etikett mit Kennerblick, schnalzte mit der Zunge, zog ohne Weiteres ihren Leatherman vom Gürtel und schnitt das Siegel auf. Ich konnte mir nicht helfen – es fühlte sich falsch an.
„Esther, ehrlich. Das … das ist doch trotz allem nicht unseres.“
Sie schaute mich lange an – traurig.
„Doch, Daniel. Das ist jetzt unseres. Daran sollten wir uns gewöhnen. Es waren unsere toten Kühe und es ist unser Haus und unser Schnaps. Wir sind übrig. Und es ist alles unseres. Und wenn wir unsere Kuhkadaver verbrennen und unseren stinkenden Stall ausmisten, dann dürfen wir auch unseren Whisky trinken, oder?“
„Und die anderen?“
„Welche anderen? Die anderen sind weg.“ Sie schluckte, als es ihr klar wurde. Wieder einmal. Wie jedem von uns, mehrmals am Tag. „Alle sind weg.“
„Nein, ich meinte die anderen von uns.“
„Oh, die.“ Sie lachte. „Ich habe nicht vor, die ganze Flasche von unserem Cragganmore alleine zu trinken. Aber ein Glas … Also – wie ist es?“ Sie schüttelte ihre Feldflasche. „Mit echtem, klaren Wupperwasser?“
Ich kapitulierte grinsend. „Okay.“
Wir hatten beide tatsächlich nur je ein Glas getrunken – es würde bald keinen Whisky mehr geben. Und keinen Cognac. Keine Cola. Keinen Kaffee. Keine Eiscreme. Es war besser, sparsam zu sein. Simone schien etwas Ähnliches zu denken – nach zwei Gläsern Port hatte sie sich auf dem Sofa zusammengerollt und eine Decke über sich gezogen. Wir legten uns zwischen die Schlafsäcke und unterhielten uns noch eine Weile leise. Plötzlich klopfte es an die Tür.
„Hallo? Daniel, Esther? Seid ihr noch wach? Oder … äh …“
„Weder äh noch schlafend“, sagte ich. „Was ist denn?“
Jan kam rein. „Ich dachte nur … ob wir Wachen aufstellen sollen?“
„Wachen? Wieso denn?“
„Ich bin auch nicht sicher. Ich dachte nur … es wäre vielleicht besser.“
„Was soll denn passieren?“, fragte Esther.
Er wand sich ein wenig. „Keine Ahnung. Nur so ein Gefühl.“
Ich dachte an mein Gefühl in der Kaserne und sah Esther an. Sie erinnerte sich auch.
„Was sagen denn die anderen?“
„Matthias ist total dagegen. Carmen ist dafür, kann aber selbst nicht, wegen ihres Fußes. Ben ist auch dafür. Alle anderen finden die Idee albern oder es ist ihnen egal. Mit denen unten in den Zelten habe ich noch nicht gesprochen. Und Simone …“
Simone erhob sich halb auf dem Sofa. Im Zwielicht war deutlich erkennbar, dass sie schon geschlafen hatte.
„Was’n?“
„Ach, da bist du“, sagte Jan.
„Jan meint, wir sollten vielleicht Wachen aufstellen“, erklärte ich.
„Wachen? Wieso?“
„Weiß ich auch nicht so genau …“
„Brauchn keine Wachen. Aber wenn ihr meint, sagt mir Bescheid. Weiterschlafn.“ Und sie legte sich wieder hin.
„Das war wohl ein eingeschränktes Nein“, sagte Esther.
„Ja.“ Jan kratzte sich am Kopf. „Ich gehe mal runter, zu den Campern. Ich sage euch dann Bescheid.“
Wenig später kam er zurück und teilte uns mit, dass Stefan, Christos und Mark die Wachpostenidee auch eher lustig fanden. Aber sie hatten versprochen, uns zu warnen, falls irgendetwas passieren würde. Damit ging er.
„Die werden gar nichts machen – außer genauso zu schlafen wie wir“, meinte ich.
Esther schaute nachdenklich zur Decke. „Meinst du denn wirklich, dass wir uns schützen müssen?“
Ja! wollte ich schreien. „Nein“, sagte ich. „Wovor denn schon?“
7
Ich erwachte und wusste sofort, wo ich mich befand. Jeden Morgen, vom ersten Tag an, als ich neben Esther aufgewacht war, hatte ich Schwierigkeiten gehabt, mich zu orientieren. Ob es in Betten gewesen war, auf der Autobahn oder noch gestern Morgen, als wir im Wald kampiert hatten – immer hatte ich mich einige Momente lang gefragt, wo ich eigentlich war und warum. Meine Hand wanderte zu Esther, die neben mir immer noch schlief. Ich berührte ihr Haar, vorsichtig bedacht, sie nicht zu wecken. Bei ihr war es anders gewesen. Die Orte hatte ich nicht erkannt – wer da neben mir lag, das wusste ich immer. Es gab keinen Zweifel, dass ich dort war, wo ich hingehörte. Neben ihr. War es mit diesem Raum in diesem Haus auf diesem Gehöft ebenso? War ich angekommen – wo auch immer? Es fühlte sich so an.
Ich schälte mich vorsichtig aus den Schlafsäcken. Jede Bewegung schmerzte. Die gestrige Arbeit hatte mir einen hübschen Muskelkater eingetragen – und der würde, aller Erfahrung nach, morgen noch schlimmer sein. Ich seufzte. Was sollte es. Je schneller ich mich an harte, körperliche Arbeit gewöhnte, desto besser.
Ich schaute auf Esthers Armbanduhr. Halb sieben. Ich angelte nach meiner Jeans und meiner Feldjacke, zog mich an, suchte kurz meine Schuhe und verließ dann leise, darauf bedacht, Esther und Simone nicht zu wecken, den Raum und die Wohnung, ging die Treppe hinunter und trat auf den Hof.
Für einen Moment war es völlig still und ich hatte das irritierende Gefühl, zurückgekommen zu sein an einen Ort, der nur für mich existierte – und schon vor langer Zeit existiert hatte. Der Hof, das Haus, der nahe Wald, diese ganze, leere Welt – als wäre ich vor zehn oder mehr Jahren schon einmal hier gewesen und nun zurückgekehrt, ohne mich zu erinnern, wo ich zwischendurch gewesen war. Dann gewöhnte ich mich an die Stille und merkte, dass sie keinesfalls still war. Vom Wald her kam Vogelgezwitscher, in der Wiese raschelte irgendein kleines Tier, es ging etwas Wind, die Bäume rauschten – was fehlte, waren die typischen, menschlichen Geräusche, an die ich gewöhnt war, und die ich sonst nie bemerkt hatte: Ein Auto in der Ferne, ein Flugzeug, eine Stimme. Die anderen waren noch nicht wach – und das machte mich womöglich zum einzigen Menschen bei Bewusstsein in Hunderten von Kilometern im Umkreis. In Deutschland? In Europa? Auf der ganzen Welt? Der Gedanke war zu groß, um ihn zu fassen. Ich ließ ihn.
Während ich solcherart grübelnd da stand, kam Stefan durch das Tor, sah mich, und kam grinsend auf mich zu. So viel zum Thema einziger Mensch bei Bewusstsein. Er hatte ein Handtuch locker um seinen nackten Oberkörper gehängt, sein Haar war nass.
„Morgen. Sind die anderen auch schon wach?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Wo warst du?“
„Schwimmen, im See. Ganz schön kalt. Und voller mistiger Unterströmungen, das war mir gar nicht klar.“ Er lachte. „Ich stehe gerne früh auf. Normalerweise jogge ich dann zum Schwimmbad. Na ja.“ Er schüttelte versonnen den Kopf.
„Es ist komisch, oder?“
Stefan zog die Schultern hoch. „Komisch? Keine Ahnung. Ich denke wirklich nicht darüber nach, sonst würde ich wahrscheinlich durchdrehen. Es ist, wie es ist. Ich versuche nicht, es zu verstehen.“
„Hm.“
„Du?“
„Was, ich?“
„Machst du dir Gedanken darüber, Daniel?“
Ich wusste für einen Moment keine Antwort. Wieder kam es mir zu groß vor. Ich versuchte, es in Worte zu fassen:
„Ich weiß nicht. Ich würde gerne, glaube ich. Aber ich kann nicht. Egal, wie ich mich der Sache nähere – sie ist zu groß, um sie zu begreifen. Alle Menschen … weg, die ganze Welt … leer? Das … da gibt es einfach keinen Punkt, an dem ich anfangen kann, oder?“
„Doch, den gibt es schon“, meinte er nachdenklich. „Du musst nur klein anfangen. Pragmatisch, so wie Jan. Die naheliegenden Fragen. Bleiben wir hier? Reisen wir weiter? Alles zu Fuß oder zu Pferd? Und so weiter.“
„Ich habe bestimmt gestern nicht diese ganze Kuhvernichtungsscheiße mitgemacht, um heute weiter zu ziehen. Dafür sucht euch ’nen anderen Scout.“ Ich lachte, gar nicht bitter, wie ich erstaunt feststellte. Es stimmte – ich würde hier bleiben. Ich war zu Hause. Und ich wäre nicht alleine. Esther würde bei mir bleiben. Das reichte.
Stefan nickte. „Keine Sorge, ich bin ganz deiner Meinung. Das hier ist ein guter Platz. Und wir sollten zusammenbleiben. Wir müssen uns nur überlegen, wie wir wohnen wollen.“
„Was meinst du?“
„Na ja, das Haus reicht nicht für alle, oder? Es geht zur Not, aber drei Wohnungen für neunzehn Leute, das ist eng. Und vielleicht kommen ja noch welche dazu. Wir werden mehr Raum brauchen.“
„Wir könnten die Scheune ausbauen.“
„Kaum. Die werden wir als Scheune brauchen. Wir werden Bauern sein, oder?“
Er hatte Recht. Die Berufswahl war sehr eingeschränkt, neuerdings. Wir würden alle hauptberufliche Bauern, Jäger und Sammler sein, mit dem einen oder anderen Nebenberuf für Leute wie Esther, die andere, nützliche Kenntnisse hatten. Dummerweise würden wir unsere Hauptberufe alle neu lernen müssen. Meine Gedanken kehrten zurück zur Wohnsituation.
„Denkst du an Zelte?“
Er wiegte nachdenklich den Kopf. „Vielleicht. Aber nicht die kleinen Dinger, in denen wir jetzt schlafen, die sind gut für ein paar Nächte, aber nicht auf Dauer. Nicht im Winter. Aber große, feste Zelte … also mir würde das gefallen. Ich dachte aber eher an Blockhäuser.“
„Blockhäuser? Hier? Wo denn? Und wer soll die bauen?“
Stefan grinste. „Ich. Zimmermann und Architekt, schon vergessen? Ich habe in meiner Lehre einige von den Dingern gebaut und mein Diplom darüber geschrieben. Da ging es allerdings mehr um Niedrigenergiebau. Aber ich habe schon mal darüber nachgedacht – ganz einfache Hütten, zwei oder drei Räume, eine Feuerstelle – das zu planen ist nicht schwer, vor allem, wenn Lars mitmacht. Der versteht sehr viel von Statik. Wir haben schon darüber gesprochen.“ Er klopfte an die Steinmauer, die den Hof umgab. „Die Mauer kann beim Stabilisieren helfen. Und wenn alle mitmachen, können wir da schnell einiges schaffen.“
„Und das Material? Aus dem Wald, oder wie?“
Er schaute nachdenklich zum Wald hinüber. „Später, ja. Wie man fällt und zuschneidet, kann ich euch zeigen. Man kann ein ganzes Haus ohne einen einzigen Nagel oder Winkel bauen.“ Er lachte über mein entsetztes Gesicht. „Aber erstmal werden wir auf Holzhandel und Baumärkte angewiesen sein. Bauholz muss lagern. Aber wir werden schon bald anfangen müssen, es einzulagern. Ich habe mich gestern und vorhin, auf dem Weg zum Fluss, schon mal umgesehen. Kiefern und Buchen gibt es hier genug. Buchen sind besonders gut.“
„Aber selber bauen? Für uns alle? Das dauert ewig.“
„Nein, nein, lass dich überraschen. Eine römische Legion war angeblich in der Lage, an einem Abend ein komplettes Feldlager zu errichten. Da werden wir ja wohl ein paar Hütten zu Stande bringen.“
Ich blieb skeptisch – aber andererseits war mir klar, dass er Recht hatte. Im Haus war jetzt schon nicht genug Platz. Wenn wir zusammen hier bleiben wollten, dann würden wir dazu bauen müssen. Und zusammenbleiben bedeutete nicht mehr, in wenigen Kilometern Entfernung zu wohnen, dass man sich schnell mal mit dem Auto besuchen konnte. Zusammen hieß wirklich: Zusammen. Einerseits gefiel mir der Gedanke von Gemeinschaft und Geborgenheit. Andererseits beunruhigte er mich. Ich war lieber allein, ich war kein Gemeinschaftsmensch. Ja, ich wollte mit Esther zusammen sein – aber am liebsten nur mit ihr. Der Gedanke, auf engstem Raum mit mindestens siebzehn weiteren Menschen zu leben, so ehrlich und gerne ich sie mochte, war nicht gerade verlockend. Stefan bemerkte meine Zweifel nicht.
„Stell dir das vor – eine richtige kleine Hofschaft, mit fünf, sechs oder mehr Hütten, je nachdem, wie viele Einzelwohner, Paare, Familien oder Gruppen wir haben. Wir alle, eine Gemeinschaft, ein Clan, wie früher, bevor es große Städte gab. Irgendwie ist das doch auch eine Chance, neu anzufangen.“
„Ja. Super.“
Er sah mich etwas irritiert an, aber bevor wir das Thema vertiefen konnten, kam Erkan aus dem Haus.
„Ah, ihr seid auch schon wach. Wie ist es mit Frühstück?“
„Kaffee schwarz, zwei Croissants und etwas Erdbeermarmelade für mich, danke Schatz“, sagte Stefan. Erkan sah ihn irritiert an.
„Hä?“
„Ich nehme schwarzen Tee“, sagte ich. „Zwei Brötchen. Nutella und Geflügelwurst.“
„Ihr seid blöd. Also, nochmal: Wisst ihr, ob die anderen auch schon wach sind? Sollen wir gemeinsam essen? Wann? Würdet ihr euch an den Vorbereitungen beteiligen?“
Ich versuchte eine konstruktive Antwort.
„Esther und Simone schlafen noch, glaube ich. Machst du das Frühstück? Wie können wir dir helfen?“
Zwei Stunden später hatten wir gegessen und saßen alle zusammen in dem großen Raum im Erdgeschoss, den wir bald nur noch den „Versammlungsraum“ oder „Gemeinschaftsraum“ nennen würden. Wir hatten aus den Vorräten des Hofes gefrühstückt, fast wie früher: Mit Tee und Kaffee, Dauerwurst, Käse und Marmelade, nur an Brötchen oder frischem Brot hatte es gefehlt. Wir hatten Knäckebrot genommen oder ganz darauf verzichtet. Dann hatte Jan uns gebeten, ins Erdgeschoss zu kommen. Wir saßen mehr oder weniger im Halbkreis, nur Carmen hatte sich auf eine der Fensterbänke gesetzt, um den Fuß hoch zu lagern, und Ben saß wieder neben ihr. Jan stand vor uns und suchte nach geeigneten Worten für den Start.
„Also“, sagte er grinsend, „schön, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid.“
Gelächter.
„Ähm … gestern ist das ein wenig untergegangen, wegen den Kühen und allem, aber ich dachte, wir bedanken uns erst nochmal bei Daniel, dass er uns hierher geführt hat. Das ist echt ein guter Platz, wie du gesagt hast. Danke, Daniel.“
Sie johlten, pfiffen, klatschten und trampelten und ich erhob mich und verbeugte mich in alle Richtungen – auch in die, in der niemand saß. Als ich mich wieder setzte, legte Esther den Arm um mich und drückte mich.
„Telefondesinfizierer“, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich küsste sie.
„Na ja“, fuhr Jan fort, als sich der Tumult legte, „und da wir uns einig sind, dass das ein guter Platz ist, frage ich mal in die Runde: Wollen wir erstmal hier bleiben? Oder ist jemand der Meinung, wir sollten einen anderen Ort suchen?“ Die Frage, ob wir überhaupt zusammenbleiben wollten, stellte er gar nicht – und auch keiner der anderen schien sie zu stellen. Wenn jemand zweifelte, so wie ich, dann sprach er nicht – so wie ich. Jan schaute in die Runde:
„Also – hier bleiben? Ich weiß nicht, sollen wir abstimmen?“
Matthias hob die Hand. Jan sah ihn irritiert an und nickte ihm dann zu.
„Vielleicht sollten wir, bevor wir abstimmen, einen Protokollführer wählen?“
Jan nickte. „Klar. Wir werden so viel besprechen müssen, das müssen wir auf jeden Fall aufschreiben. Willst du? Ich habe jetzt kein Papier, aber …“
„Oben im Wohnzimmer ist welches“, sagte Esther.
„Okay, dann …“
„Nein, Jan“, unterbrach Matthias ihn. „Ich meinte, wir sollten einen Protokollführer – wählen!“
„Was? Okay, wenn du willst – jemand dagegen, dass Matthias das macht?“ Er schaute Matthias an. „Wenn er will?“
Wir klatschten wieder, aber Matthias winkte ab. „Nein, darum geht es doch gar nicht. Aber du kannst dich doch nicht einfach hier hinstellen und sagen, tut dies, tut jenes …“
„Mache ich doch gar nicht!“
„Ja, nicht so richtig, aber wir hätten vielleicht schon vorher über eine Tagesordnung beraten sollen.“
Jan starrte ihn an wie etwas höchst Fremdartiges. Simone, die auf der anderen Seite neben Esther saß, stöhnte hörbar auf. Sie war nicht die Einzige. Matthias war beleidigt.
„Ja, ihr mögt ja glauben, dass das nicht wichtig ist. Aber wir sind eine Gemeinschaft, wir müssen uns doch Regeln geben, wenn wir zusammenleben wollen. Ich finde, wir sollten auf der Grundlage der Verfassung anfangen, und erstmal aufschreiben, was unsere unveräußerlichen Rechte sind. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist, dass …
„Matthias“, sagte Jan, und er klang ehrlich belustigt, „niemand will deine Würde antasten, aber wir brauchen was zu futtern, wenn die Vorräte hier aufgebraucht sind. Wir müssen sehen, wie wir uns hier einrichten, wir sollten uns die Umgebung ansehen, wir müssen organisieren, wer was macht und kann, es … es gibt so unendlich viel zu tun. Praktisch, meine ich.“
„Oh ja, und zack, haben wir eine Diktatur der Pragmatiker. Du bestimmst doch schon alles, Herr Oberleutnant.“
Jan wurde rot. „Was? Was hat das denn damit zu tun, verdammt? Wir sind doch alle vernünftige Menschen, wir müssen doch nicht erst ausdiskutieren, was wir …“
„Doch, genau das müssen wir. Ich will jedenfalls nicht, dass wir den Neuanfang mit denselben alten Fehlern machen, dass einer bestimmt und alle anderen sich dem fügen. Fügen müssen.“
„Du musst nicht, Matthias. Niemand zwingt dich.“
„Oh, ja klar, aber wenn ich nicht will, dann kann ich gehen, was?“
„Das! Habe! Ich! Nicht! Gesagt!“
„Aber gemeint!“
„Könntet ihr jetzt bitte mal mit dieser Hahnenkampfscheiße aufhören?“
Die beiden drehten sich erstaunt zu Esther, die äußerlich immer noch ganz lässig auf ihrem Stuhl saß. Aber ich spürte, dass ihr Arm zitterte. Wir alle hatten relativ perplex das Schauspiel zwischen den beiden verfolgt.
„Esther“, sagte Matthias, „das hat mit Hahnenkampf nichts zu tun, aber wir müssen …“
„Klar ist das ein scheiß Hahnenkampf“, unterbrach sie. „Und wir müssen gar nichts. Wir können hier auch tagelang diskutieren, bis der erste verdurstet ist, aber das wäre irgendwie nicht optimal, da gebe ich Jan Recht.“
„Aber …“
„Und klar müssen wir uns Regeln geben, über die wir uns alle einig sind, sonst richten wir ganz pragmatisch ein Chaos an, da hast du Recht. Dass wir dazu als allererstes einen Grundrechtekatalog brauchen, wage ich mal zu bezweifeln, aber es kann auch nicht schaden, wenn wir uns darauf einigen, dass wir uns gegenseitig achten. Jetzt und in Zukunft. Aber wir sind alle erwachsene Menschen, oder? Jeder von uns ist in der Lage, sich genauso viele Gedanken zu machen wie ihr beide. Also …“
„Esther, ich wäre ja auch für eine basisdemokratische Lösung, aber dafür müssen wir …“
„Lass mich ausreden, verdammt!“
Matthias schwieg bestürzt.
„Ihr seid doch schon dabei, das alles hier zu sprengen, merkt ihr das nicht? Wenn wir zusammenbleiben wollen, müssen wir zusammenhalten. Kompromisse finden. Hier also mein Kompromissvorschlag: Wir planen jetzt, was wir erledigen müssen, in welcher Reihenfolge und wer was macht. Und da Jan sich darüber anscheinend die meisten Gedanken gemacht hat, soll er das Gespräch ruhig leiten, was spricht denn dagegen? Und heute Abend machen wir es uns gemütlich und beraten unsere künftige Staatsform, oder wie immer du das nennen willst. Oben im Wohnzimmer sind etwa zwanzig Liter harte Alkoholika, die werden uns dabei sicher helfen.“
Wir brachen in erleichtertes Gelächter aus und klatschten ihr Beifall.
„Im Hofladen ist Bergisches Bauernbier!“, verkündete Christos, was den Beifall noch einmal aufbranden ließ. Zu meiner großen Erleichterung lachten auch Jan und Matthias.
Als wir dann darüber berieten, was wir tun mussten, wurde uns erst einmal klar, was wir alles nicht wussten. Niemand von uns hatte Ahnung von Ackerbau. Das es für eine Aussaat zu spät war, war uns allen klar – immerhin hatten wir alle im Kindergarten die Lieder aus der schönen alten Agrarwelt gesungen: „Im Märzen der Bauer …“ Jemand brachte den Begriff „Wintergetreide“, aber da niemand etwas damit anzufangen wusste, waren zwei Dinge klar: Frisches Obst, Getreide und Gemüse würden wir vorerst nur aus den bereits bestellten Feldern und Gärten der Umgebung bekommen können, beziehungsweise aus den Vorratsräumen der Häuser und Geschäfte. Wir würden uns also schnellstens einen Überblick über die Umgebung verschaffen müssen. Ebenso schnell mussten wir lernen, wie man Lebensmittel haltbar macht. Bis zur Ernte würden wir noch etwas Zeit haben – aber nicht viel. Wir durften uns nicht ausruhen, wir mussten schnell arbeiten und lernen.
Nachdem wir festgestellt hatten, wie schwer es sein würde, uns zu ernähren, war es eine Erleichterung, dass Stefan und Lars sich schon Gedanken über unsere Wohnsituation gemacht hatten. Stefan stellte den Blockhüttenplan noch einmal detailliert vor, und wir feierten die beiden begeistert für ihre Idee. Das klang doch schon sehr nach Zukunft. Meine Zweifel an meiner Eignung als Gemeinschaftswesen verschwanden fürs Erste hinter einer romantischen Wolke aus Gedanken an eine gemeinsame Blockhütte für mich und meine Liebste.
Die Notwendigkeiten bestimmten unsere Aufgaben. Grundsätzlich waren wir alle, wie Stefan gesagt hatte, erst einmal Sammler und Bauern, das mit den Jägern kam später. Esther, Mark – der Medizinstudent – und Simone, die Hebamme war, bildeten unseren medizinischen Stab. Ihr Wissen war von immensem Wert für uns. Kathrin und Erkan wurden unsere Köche. Nicht etwa, weil sie mehr als andere vom Kochen verstanden, da waren die meisten von uns interessierte Amateure. Aber die beiden konnten etwas viel Wichtigeres – sie kannten Methoden, Lebensmittel anders haltbar zu machen, als sie einzufrieren. Das hatte mit Hobbys und Interessen „vorher“ zu tun und es bewährte sich jetzt. Erkan konnte trocknen und räuchern, Kathrin verstand viel vom Pökeln und richtigen Einlagern. Es waren sowieso meist die ehemaligen Freizeitbeschäftigungen, die uns weiterhalfen, nicht die Berufe. Die einzige Ausnahme, neben unseren Medizinerinnen und Medizinern, bildeten Lars und Stefan, die Baumeister und Tanja, die Botanikerin. Aber die anderen mussten ihre Hobbys zum Beruf machen. Buchstäblich. Daniela kannte sich mit Pferden aus, Gina mit Hühnern. Damit war ein Anfang gemacht, der die beiden zu Fachfrauen für all unsere Tiere machte. Außerdem brachte Daniela uns das Reiten bei – mit unterschiedlichem Erfolg. Zu meiner eigenen Überraschung bewies ich dabei großes Talent. Im Leben „davor“ hatte ich um Pferde lieber einen großen Bogen gemacht.
Eva und Oliver hatten Gärten gehabt und bewirtschaftet – was sie neben Tanja zu Chefpflanzerin und Chefpflanzer machte. Michael, in dessen Profifußballerkörper sich ein leidenschaftlicher Sammler verbarg, wurde unser Lagerverwalter. Er verwaltete so inbrünstig, dass er mir später zuweilen schwer auf die Nerven ging, aber seine Leistung war von unschätzbarem Wert.
Unser abendliches politisches Symposion fand tatsächlich so statt, wie Esther es vorgeschlagen hatte. Genau so! Wir dezimierten Whisky, Cognac, Grappa und diverse edle Liköre ziemlich hemmungslos. Und im Gegensatz zu dem, was Matthias befürchtet hatte, nahmen wir die ganze Sache sehr ernst. Wie wollten wir zusammenleben? Wir waren uns darüber einig, dass wir keine Staatsform brauchten als die direkte Demokratie – wobei wir es uns zur Regel machen wollten, nur dann abzustimmen, wenn sich auch nach längerer Zeit kein Kompromiss finden ließ. Unsere Gesellschaft war klein genug dafür. Was die Gesetze betraf, so wollten wir über Streitfälle und Regelungen entscheiden, wenn sie anfielen – und dann unsere Entscheidungen aufschreiben, uns also sozusagen unser eigenes Rechtssystem by doing schaffen. Matthias übernahm die Aufgabe, unsere Sitzungen zu protokollieren und unsere Entscheidungen niederzuschreiben. Außerdem bot er an, unser Chronist zu sein – die Geschichte unserer Gemeinschaft zu schreiben und das, was andere schrieben, zu sammeln. Wir nahmen das Angebot dankbar an. Später dehnte Matthias seine Arbeit auf die Verwaltung unserer kleinen Bibliothek aus, viele Lehr- und Sachbücher fasste er handschriftlich zusammen. Jan andererseits baten wir, da weiterzumachen, wo er angefangen hatte – unsere Entscheidungen zu exekutieren, unsere Aufgaben zu planen, zu organisieren und zu ordnen. Am nächsten Mittag, als wir mehr oder weniger verkatert auf die Ergebnisse unserer nächtlichen Arbeit schauten, waren wir alle zufrieden. Jan setzte ein Dokument auf, in dem er unsere Beschlüsse zusammenfasste, wir unterzeichneten es feierlich und empfanden das schon als bedeutenden Moment. Ich hätte die Unterzeichnung gerne fotografiert.
Ben, Carmen und Christos wurden Jäger und lernten das, was sie gejagt hatten, auch zu schlachten. Der fette Computerfachmann, der neben mir gegangen war, um das langsamste Tempo anzugeben, wurde binnen Wochen ein stämmiger, ausdauernder Läufer. Das mochte mit dem Nahrungsmangel und der harten Arbeit zusammengehangen haben, aber auch mit der Tatsache, dass Carmen, sobald sie wieder richtig laufen konnte, ihr Gewehr nahm, in den nahen Wald ging und einen Tag später mit unseren ersten beiden Hasenbraten zurückkam (und mit sechzehn Patronen weniger, aber auch sie lernte). Ihr Vater war Metzger und Hobbyjäger gewesen. Gegen Ende des Herbstes tauschte sie ihre Hütte mit Matthias, der direkt neben Ben gewohnt hatte.
Die ersten Hütten wurden tatsächlich schneller fertig, als wir gedacht hatten, der Prototyp, in den Lars und Eva einzogen, stand zwei Wochen nach unserem Einzug, die anderen folgten schnell. Wie Stefan gesagt hatte: einfache, kleine Häuser mit einem oder zwei Räumen, meist an die Hofmauer gelehnt. Ich war glücklich, als ich endlich mit Esther in unser eigenes Heim ziehen konnte. Andere lebten lieber weiter als Gruppe – Mark, Oliver, Christos, Simone und Kathrin rissen ihre Hütten bald wieder ein und bauten sich mit Hilfe unserer Architekten ein Gemeinschaftshaus.
Das ehemalige Wohnhaus erfüllte bald mehrere Zwecke. Nachdem wir alle Besitztümer der früheren Bewohner entfernt hatten, die wir nicht brauchen konnten oder die uns unangenehm an die Zeit vorher erinnerten – und das waren die meisten – führten wir das Haus seiner neuen Bestimmung zu. Es wurde so etwas wie unser Verwaltungsgebäude. Oben hatten wir die Bibliothek untergebracht – alle Bücher, die wir mitgebracht hatten. In anderen Räumen planten Lars und Stefan unsere Bauten und Jan unser Leben. Auch die überzähligen Waffen und die Munition waren hier untergebracht, ebenso alles, was wir an Papier und Stiften zusammensammeln konnten. Unten blieb unser Gemeinschaftsraum. Wir besahen uns unser neues Leben und begannen, uns darin einzurichten.
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