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BÄR
Die seltsamen Abenteuer des Kootenai Brown
CHIMÄRA

Die Bordtagebücher 1-4:

1: DRACHENZÄHNE

2: CRAZY HORSE

3: STERNENTIGER

4: WOLFSARENA

Ein Science-Fiction-Roman

von

Michael Nolden

Inhaltsverzeichnis

Titelbild

Titel

BORDTAGEBUCH 1: DRACHENZÄHNE

1: ANKUNFT

2: DRACHENZÄHNE

3: ZISTERNE

4: RIKTER-CODE

5: LIV

6: VERTRAUEN

7: KRIEG

8: ABREISE

BORDTAGEBUCH 2: CRAZY HORSE

1: BLACK HILLS

2: CRAZY HORSE

3: ROBOTER

4: HOFFNUNG

5: SCHATZ

6: UNTER DRUCK

7: OPFER

8: FRIEDEN

BORDTAGEBUCH 3: STERNENTIGER (Teil 1 von 2)

1: TIGERKLAUEN

2: GEISELHAFT

3: 50-JAHRESPLAN

4: CHIMÄRA

5: GULAG

BORDTAGEBUCH 4: WOLFSARENA (Teil 2 von 2)

1: LUNA

2: KHAN

3: SKLAVEN

4: VERRÄTER

5: SKATE-SHOOTER

Rechtliche Hinweise

Impressum neobooks

BORDTAGEBUCH 1: DRACHENZÄHNE

Lasst uns ganz am Anfang beginnen ...

Vor mehr als eintausend Jahren wurde ein neuer Mensch erschaffen, der HOMO NOVUS. – Ja, tatsächlich. Der neue Mensch.

Mein Lehrmeister erklärte mir, die Bezeichnung gehe auf einen Begriff zurück, der von einer Kultur namens Römern vor mehr als dreitausend Jahren verwendet worden war. Wenn es jemandem aus dem einfachen Volk gelang, sich in die politische Oberschicht einzureihen, auf die Ebene des Adels und der Reichen also, galt er als Aufsteiger, war er ein HOMO NOVUS. Im Allgemeinen wurden solche Menschen höchstens hinter vorgehaltener Hand bewundert. Ansonsten war Geringschätzigkeit das dem neuen Menschen entgegengebrachte vorherrschende Gefühl.

Uns trafen dieselben Emotionen. Gezüchtet. Genmanipuliert. Dazu geformt und trainiert, unter extremsten Bedingungen im Weltall zu überleben. Zu siedeln, zu arbeiten – und zu kämpfen.

Wir waren in allem besser als der alte Mensch. Wir waren intelligenter. Stärker. Weniger anfällig für alle der Menschheit bekannten Krankheiten. Durch die Einschleusung artfremder DNS in unser Erbgut heilten Verletzungen um ein Vielfaches schneller, wurden Strahlenschäden, resultierend aus unserem fortwährenden Leben im Weltraum, in kürzester Zeit neutralisiert. Und dennoch waren wir für unsere Erschaffer kaum mehr als Diener. Nach dem Untergang der Zivilisationen auf der Erde eroberte sich die durch Umweltverschmutzung und Überbevölkerung gequälte Natur ihren angestammten Platz zurück. Brutal zwangen uns die Menschen mittels Explosivimplantaten unters Joch, behandelten uns offen und selbstherrlich als die Sklaven, die wir sowieso seit Jahrzehnten für sie waren.

Die Exilanten der Erde trieben uns an, ihre Städte auf dem Mars zu errichten. Über ein Jahrhundert lang entstanden neue Reiche auf dem Roten Planeten. Am Ende waren sie nur Kopien der alten Welt, wiederholten sie ihre Fehler, ohne das Geringste aus dem ersten Scheitern gelernt zu haben – inklusive Krieg. Sie hetzten uns gegeneinander. Für Rohstoffe, ein Stück vielversprechendes Land, eine strategisch wichtige Position. Bis zum Tag des Aufstandes, unserer Revolution. Unserer Befreiung. Fortan gaben wir uns einen anderen Namen. Wir nannten uns nicht mehr nach etwas, das einzig eine Sklavenbezeichnung gewesen war: Homo Novus. – Fortan waren wir Marsianer.

Über Jahrhunderte wandelte der Rote Planet sein Gesicht. Terraforming verdrängte die lebensfeindliche Atmosphäre und schuf die Basis für eine Gesellschaft, die sich vollkommen abgekoppelt von ihren irdischen Nachbarn entwickelte.

Längst haben sich die Marsianer den Weg ins Sonnensystem und darüber hinaus gebahnt. Sie bevölkern Luna und andere Monde sowie eine Unzahl von Raumstationen. Sie haben Generationenschiffe ins All hinausgeschickt. Das furchtbare Vermächtnis der Erde und ihrer Bewohner gilt als abgeschüttelt. Die Ruinen der alten Welt dienen einigen exzentrischen Abenteurern vom MARS nur noch als Schrottplatz, der bedenkenlos ausgeschlachtet werden darf.

Mein Name ist Kootenai Brown. Meine Freunde nennen mich – seit ich denken kann – BÄR. Frei nach meinem Totem, dem mächtigen Kodiakbären. Und behaupten, ich wäre einer dieser exzentrischen Abenteurer.

Wenn Sie in den Besitz dieser Aufzeichnungen gelangt sind, kann das nur eines bedeuten: Die Boje mit den Bordtagebüchern wurde ausgeklinkt. Diese Notfallprozedur wird erst im Falle der Zerstörung meines Schiffes ausgelöst ...

1: ANKUNFT

Der kleine Mensch floh über den Dünenkamm. Er war nicht besonders schnell, obwohl er sich in seiner verzweifelten Flucht sehr bemühte, im tiefen Sand Tritt zu fassen. Mehrmals fiel er vornüber, raffte sich tapfer auf und, nach ein paar langsameren Schritten, rannte wieder los.

»Figürlich unklar«, urteilte Jiminy auf seinem Stammplatz neben mir im Cockpit. Jedes der zehn Gliedmaßen des Roboters, die ausgreifenden Fühler nicht mitgerechnet, war beschäftigt, gab Daten ein, las sie aus, hielt ihn auf seiner speziellen Sitzkonstruktion fest. »Kleinwüchsig? Der geduckte Lauf ist seltsam. Vielleicht mutiert. Vielleicht ein Kind. Es fehlen Informationen.«

Jiminy hatte mir empfohlen, ein Bordtagebuch zu führen. Nicht zum ersten Mal. In den gut fünfzig Jahren unserer gemeinsamen Reise im Sonnensystem hatte er mich mehrfach darauf hingewiesen, meine Erinnerungen zu speichern. Er hatte die Wichtigkeit dieser Maßnahme mit seinen eigenen vergessenen einhundert Jahren begründet. Jiminy schämte sich immer noch für den Ausfall diverser Speichereinheiten, die punktuell Phasen aus seiner eintausendjährigen Existenz und seines gesammelten Wissens vernichtet hatten, bewusst oder unbewusst gelöscht, von ihm persönlich oder von Unbekannten. Eine Rekonstruktion war ihm unmöglich gewesen. Wenn ihm langweilig war, jammerte er über sein Unvermögen, möglicherweise einmal lebensrettende Sachkenntnis besessen zu haben. So wie heute. Kurz bevor wir die Flucht unter uns entdeckt hatten.

Meterlange, dunkle Stoffbahnen umwehten den Flüchtling bei jedem Sprung. Konkrete Formen waren unter dem Gewand nicht ablesbar. Seine Zweifüßigkeit war eindeutig. Die Bewegungsabfolge ließ auf zwei Arme schließen. Sie ruderten wild umher. Die fliehende Gestalt versuchte um jeden Preis, das Gleichgewicht auf dem unebenen und losen Untergrund zu wahren.

Ich hatte noch nie Menschen von der Erde gesehen. Im Gegensatz zu Jiminy, der auf einem Kontinent namens Nordamerika gebaut worden war, damals noch viel kleiner und weitaus weniger leistungsfähig.

»Ich vergrößere«, kündigte Jiminy an. Nasal und ungewöhnlich laut klang die elektronische Verzerrung seiner Stimme durch die Pilotenkanzel.

Sie knarzte in meine Konzentration hinein. Menschen. Menschen von der Erde. Ich konnte mir meine Anspannung nicht erklären. Jiminy hatte mir allerhand Material aus der Vergangenheit gezeigt. Bilder. Töne. Filme. Holografische Aufzeichnungen aus jener Periode, spätes 20. bis frühes 22. Jahrhundert, gab es so gut wie keine. Die frühen Entwicklungen korrespondierten nicht mit unserer heutigen Technik. Die späteren waren im Dritten Weltkrieg der Erde größtenteils zerstört worden. Das Auftreten starker elektromagnetischer Felder kurz nach den Nuklearangriffen hatte die meist gering gesicherten Archive und ihre eingelagerten technischen Geräte in den getroffenen Gebieten unbrauchbar gemacht.

Die Menschen waren einmal die Guten. Sie hatten ein paar tolle Ideen gehabt. Sie hatten sie bis hin zu einem beachtlichen Grad umgesetzt. Ausgereicht hatte es nicht. Jetzt werden sie als die Ausgestoßenen des Sonnensystems betrachtet. Argwöhnische Blicke verfolgen das Geschehen auf der Erde. So nah wie möglich, vom Hass und Ekel abgestoßen. Radiosignale werden aufgefangen, neue Ansätze von Bildübertragungen aus einem Chinkorusreich. Eines fürchten alle ringsherum im All. Dass sich jemals wieder ein irdisches Raumfahrzeug von dort erhebt und den Zwist mit uns, den Marsianern, sucht.

Ich kniff die Augen zusammen und spürte, wie sehr ich diese Ängste verinnerlicht hatte. Die Szene auf dem Bildschirm spielte sich einen halben Kilometer unter uns ab.

Nachdenklich strich ich über mein unrasiertes Kinn. In der Oberfläche des Monitors spiegelte sich mein Gesicht. Die langen Stoppeln auf der violetten Haut. Die Müdigkeit in den schwarzen Augen. Der leichte Schimmer vom Schweiß. Dank eines defekten Wasseraufbereiters hatte ich mich über zwei Wochen, Bordzeit, nicht mehr gewaschen. Trinken und Bewässern war wichtiger als Hygiene. Und als wäre das noch nicht genug, begriff die Ultraschalldusche die mangelnde Funktionalität ihres mechanischen Kollegen wohl als Streikauftakt und gab bei ihrer letzten Inbetriebnahme ein unmusikalisches Jaulen von sich. Daraus enstand ein Pfeifen, das in einem fast organischen Seufzen endete. Fast meinte ich ein geflüstertes »Kaputt« zum Schluss zu hören. Mir fehlten die Ersatzteile, ebenfalls solche Werkstoffe zum Nachbau in der bordeigenen Werkstatt.

Unser Hinflug ohne Zwischenstopps hatte uns einige Entbehrungen und Problemlösungen abverlangt: Ein paar ausgebrannte Module in der Ladebucht. Ein Piratenboot voller inzestiöser Kannibalen. Eine außer Kontrolle geratene Pilzkultur in der Botaniksektion. Meine Leguankatze Pockels, die sich zur Geburt ihres Nachwuchses ausgerechnet mein kuschelig warmes Maschinendeck ausgesucht hatte. Und fehlende Sauberkeit.

Jiminy besaß zwar Geruchsrezeptoren, beurteilte die Qualität von Düften oder Gestank aber grundsätzlich nicht. Meine Ausdünstungen waren für ihn lediglich chemische Zusammensetzungen. Er ertrug sie ohne zu murren.

Plötzlich fegten knapp hinter der rennenden Person Sandfontänen in die Luft.

»Sie schießen«, stellte Jiminy fest. »Keine Energiewaffen. Altmodische Projektile. Antiquierte Technik, möchte ich behaupten.« Seine acht optischen Einheiten begutachteten die Genauigkeit der Einschläge. »Es wäre ein Leichtes, ihr Ziel auf diese Entfernung zu treffen. Selbst mit diesen – Dingern«, fügte er mit elektronischer Geringschätzung an.

»Sie wollen es nicht verletzen. Brauchen es noch«, dachte ich laut. »Ein Sklave? Jemand von Wert?« Der nächste Gedanke missfiel mir sehr. »Die schießen absichtlich daneben. Wollen ihren Spaß haben.«

Der Flüchtling schlug Haken, tat einen Fehltritt und kullerte den Dünenkamm entlang, überschlug sich, grub die Arme in den Sand, lag schließlich still.

»Ich mag das nicht.« Die Tönung meiner violetten Haut über der Nasenwurzel färbte sich bläulich. Wut kroch in mir hoch. Marsianische Geschichte hatte mich – und alle anderen auf meinem Heimatplaneten – eines gelehrt: Sklaventreiber waren um jeden Preis zu bekämpfen.

»Vorsicht«, meinte Jiminy, »wir wollen uns nicht gleich mit den Menschen hier anlegen.«

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte ich genervt über die überflüssige Belehrung. Meine Sympathien für Jiminy waren denen ähnlich, die ich für meine Brutkastengeschwister hegte. Wir halfen uns, brauchten einander, hatten uns oft gegenseitig aus Lebensgefahr gerettet – na, gut, er mich öfter, als ich ihn. Trotzdem! Mit meinen einhundert Marsjahren Lebenszeit war ich weit darüber hinaus, wie ein Kind behandelt zu werden. »Will nur meinen Spaß haben«, sagte ich und aktivierte das im Vergleich zum Rest des Schiffes lächerlich winzige Gaussgeschütz, einzig zu atmosphärischen Einsätzen eingebaut. »Klingt das für dich unvernünftig?«

Das Verständnis von Ironie gehörte nicht zu Jiminys Stärken. Eingeschnappt schwieg er.

»Gib mir was auf die Ohren.«

»Gib mir was auf die Ohren. – Bitte!« Der Roboter rührte sich nicht.

Ich holte tief Luft. »Gib mir was auf die Ohren. – Bitte.«

Meine Vorlieben für solche Fälle waren Jiminy sattsam bekannt. Meine Vorfahren – noch von der Erde – entstammten nordamerikanischen Ureinwohnern. Mit der für eine KI typisch leidenschaftslosen Analyse hatte er zu Beginn seiner Lehrtätigkeit an meinem fünften Geburtstag aufgelistet, welche Genschnippsel sich in meiner DNS verbargen. Crow, Cherokee, Apachen, Kiowa, Cheyenne, Chickasaw und Irokesen – »Daher stammt bestimmt deine Vorliebe für diesen stacheligen Haarschnitt«, hatte der Roboter damals behauptet. Nun, vielleicht. Diese Vorliebe hatte ich mir bewahrt. – Ganz bestimmt jedoch war meinen marsianischen Ururgroßeltern eine Präferenz für Kriegstrommeln und Schlachtgesänge eingepflanzt worden. Diese hatten den Sklavensoldaten dazu gedient, die Adrenalinausschüttung zu erhöhen und eine enorme Leistungssteigerung zu erreichen. Allerdings war die dazu erforderliche Musik in den Datenbanken keineswegs üblich. Kampfschreie, das knochige Paukengeknüppel und überdimensionale, dröhnende Vuvuzelas jener vergangenen Zeit waren nie aufgezeichnet worden. Absichtlich? Ich weiß es nicht. Wir behalfen uns deshalb anders.

»Frühes 21. Jahrhundert. Gruppe: Disturbed. Song: Down with the Sickness«, schlug Jiminy vor.

»Trommeln?«

»Bestätigt.« Der Roboter fuhr die Lautstärke auf den höchsten Pegel.

»Lass es krachen!«, jubelte ich.

Ein donnerndes Stakkato erfüllte das Raumschiff vom Bug bis zum Heck. Das rhythmische Schlagen wurde vom Flüstern eines Mannes flankiert. Gitarrenriffs drängelten sich nach vorne. Abgehackte Schreie beendeten das Intro, gaben dem sägenden elektrischen Geräusch den Startschuss zu einem Wettrennen der Instrumente. Die Gitarre verbiss sich in das Schlagzeug, hastete dem Vorsprung der hämmernden Schlägel hinterher, immer auf Haaresbreite heran.

Jiminy hatte mein Faible für diese Musik – er hatte das Wort Vandalenkrawall benutzt – mit meinem genetischen Erbe begründet. Mir erklärt, warum dieser Lärm half, mich auf eine gefährliche Aufgabe zu konzentrieren. Die Parallele zum Bärentanz der Sioux war nicht seine Idee gewesen. Er hatte sie aus einer uralten Datenbank des Projekts HOMO NOVUS ausgegraben. Trommelklänge hatten auf die Jagd nach dem Grizzly vorbereitet und den Geist des Kriegers auf seine Aufgabe fokussiert. Außerdem war es eine Herausforderung an sich selbst und an den Bären, den Gegner. Ganz ähnlich zum Haka, dem rituellen Tanz der Maori, unseren einstigen Feinden auf dem Mars.

Ich liebte den Song sofort. Nicht wenige Wortfetzen aus diesem Englisch waren in unsere Sprache hinüber mäandert. Ich verstand Shit. »Shit!«, rief ich übermütig aus. »Shit!« Bei den Sittsamen unserer Gesellschaft galt die Benutzung des Wortes als unerwünscht. Ich liebte es schon deswegen.

Jiminy stellte zwei seiner optischen Einheiten über kreuz. Das war seine Variante eines human organischen Kuriosums, wie er es nannte, des Augenbrauenhochziehens.

Mein Blut pulsierte, auf meiner violetten Haut entstand ein irisierendes Farbenspiel. Die Zielerfassung senkte sich mittig zwischen Verfolger und Flüchtling. Gerade weit genug von beiden entfernt, so dass keine Seite Schaden nehmen konnte, ganz im Sinne von freundlicher Verständigung, die uns das Dasein, den Aufenthalt auf der Erde erleichtern half.

»Ein Versehen. Wir sagen, es war ein Versehen, falls ich doch jemanden treffe.«

»Mr. Brown«, sagte Jiminy in hochoffiziellem Tonfall. »Unser Leichter Frachter, die SCHILDKRÖTE III, wird exakt in Balance über dem Geschehen gehalten. Niemand wird einer Ausrede glauben, derselbe Mann, der auch dieses Raumschiff fliegt, habe einen der durch den Sand staksenden Anwesenden versehentlich verletzt. – Oder Schlimmeres.«

»Ein Fehler in der Elektronik?«, spekulierte ich leicht verschnupft über seine Nörgelei und glaubte bereits, er habe mich unter all dem Vandalenkrawall nicht gehört, da wurde ich eines Besseren belehrt.

»Du solltest dich nicht an Standardausreden gewöhnen, Mr. Brown. Das könnte eines Tages in deine Hose gehen.«

»In die Hose. Allgemein gesprochen. Soviel weiß ich über irdische Redewendungen. Ein Test, was? Also, nicht in meine ...«

»Schießt du jetzt?«

Ich betätigte den Abzug. Eine Millisekunde später jagte die von den Magnetfeldern aufgeheizte Eisen-Cobalt-Kugel, zehn Zentimeter im Durchmesser, in die Tiefe und schmolz beim Aufprall ein vor glühender Hitze dampfendes Loch in die Düne.

Verschiedene Aufträge hatten uns auf die Erde geführt. Über ein Jahr waren wir von Station zu Station, von Konvoi zu Konvoi, von Mond zu Mond – sogar nach Luna – geflogen und schließlich in die Erdatmosphäre eingedrungen. Endlich! Berauscht von all den Eindrücken aus Jiminys Erzählungen, den schönen Dingen, der Kunst, wie er es nannte, der Popkultur, der Musik waren wir sehr langsam zum ehemals Blauen Planeten herabgestiegen. Von der azurfarbenen, von Jiminy gepriesenen Pracht war nicht viel übrig geblieben. Die vorherrschende Palette setzte sich aus Grüntönen, Ocker und fadem Braun zusammen. Anders die Wasseradern und -reservoire der Erde; ihre geschrumpften Ozeane und vereinzelten Seen strahlten in Schlieren aus Kupfer und Silber durchsetzt mit Grünspan.

Und nun unter uns: Wüste. Das Dünenmeer wanderte gen Norden. Aus dem in kaum fünfzehn Kilometern unser Ziel, die Drachenzähne, aufragte, pechschwarz, spitz, vom steten Scheuern des Sandes angenagt, löchrig, schartig wie ewig gebrauchte Dolche, für das bloße Auge leicht erkennbar.

Jiminy schaltete das Angriffstrommeln ab. Disturbed verklang mitten im Kampfschrei. Schlagartig herrschte eine fast peinliche Stille in der Pilotenkanzel.

»Ein perfektes Manöver!« Es hatte fröhlicher klingen sollen. Die Sache war noch nicht gelaufen. Ich musste eine Entscheidung treffen. Wenn ich meinem Bauchgefühl folgte, würde ich damit Jiminy auf dem Grund seines elektronischen Kerns eine verärgerte Reaktion entlocken. Er hasste – ja, das konnte er, obwohl er es stets verneinte – unnötigen Ärger.

Die Verfolgungsjagd am Boden mündete in einen Stillstand. Tröpfelnd kamen die einzelnen Figuren zum Stehen. Zuletzt der Flüchtling. Er sackte, nachdem er mühselig versucht hatte aufzustehen, erneut auf alle Viere nieder. Sein Kopf wandte sich gen Himmel, in unsere Richtung, dennoch blieb das Gesicht im Schatten seiner Kapuze verborgen.

Unausgewogene Chancen waren mir zuwider. Hier einer, der genau das erkannt hatte und die Beine unter den Arm nahm. Da an die dreißig Gegner, die, je länger ich darüber nachdachte, den Flüchtigen gar nicht einholen wollten. Weil es offensichtlich bequemer war, ihn vor sich herlaufen zu lassen. Wohin sollte er auch verschwinden? Treibsand mochte das Spiel rasch beenden, falls die arme Kreatur es in eines der Dünentäler hinunter schaffte.

»Auf was sitzen die da?«, wollte ich von Jiminy wissen. Es interessierte mich nicht wirklich – solange es nicht mit Leguankatzen zu tun hatte. Aber ich wusste: Ein dozierender Jiminy ist ein kurzzeitig zufriedener Jiminy.

»Kamelartige«, erwiderte der Roboter so nahtlos, als habe er die Frage erwartet.

»Kamel-was?«

»Kamelartige. Eine tierische Lebensform, angepasst an besonders trockenes Land. Wüsten. Eine gute, funktionelle Wahl, es als Reittier in diesen Gegenden zu benutzen.«

»Oder es ist einfach eine alternativlose Tradition?«

Jiminy imitierte ein Nicken, das wegen seiner wippenden Fühler stets merkwürdig aussah und mich zum Lachen reizte. »Ist das komisch?«

»Gar nicht«, feixte ich und deutete zur Ablenkung auf den Monitor.

In letzter Sekunde zügelte ein Reiter sein Kamelartiges, bevor herabrutschender Sand ihn und sein Tier im kreisrunden Abgrund des Geschosskraters begrub.

»Glück gehabt«, kommentierte ich und meinte den Fremden – und uns.

»Du hast recht, Mr. Brown. Der Sturz hätte uns angelastet werden können. Ich schätze jedoch, dass es sich weniger um Glück als um die sorgsame Handhabung des Kamelartigen handelt, beruhend auf langjähriger Erfahrung dieses Einheimischen.« Am Ende eines seiner Gliedmaßen, aus der zweiten Reihe, weit oben an seiner Konstruktion, wo bei einem Marsianer der Brustkorb gewesen wäre, entfaltete sich die vierfingrige Kopie einer Hand, ein Daumen, drei Finger. Höchst sensibel dirigierte Jiminy damit die Kamera und suchte sich das vordere Dutzend der mit graugrünen Stoffen vermummten Menschen heraus.

Einer löste sich aus der Menge. Stattlich, leidlich gepflegter, die Stoffbahnen akkurater gelegt und gebunden. Breite Schultern, insgesamt riesig auf dem nicht eben kleinen Kamelartigen. Seine Haltung strotzte vor Selbstbewusstsein. Er wirkte aristokratischer als seine Gefährten. Auf dem Mars wurde diese Ausstrahlung verachtet. Hier verschaffte sie anscheinend Respekt. Sein Umfeld suchte Abstand. Der Anführer, unzweifelhaft männlich, schob seine Kopfbedeckung zurück. Im eng bandagierten Gesicht war ein Schlitz für die Augen frei gelassen worden. Die Konturen des Schädels waren kantig, fast eckig zu nennen. Die Kinnpartie ragte brachial zum Rest der ästhetischeren Proportionen hervor. Eine rostrote, ziemlich dickgliedrige Kette hing dem Mann um den Hals bis hinunter zur Brust. Dort baumelte ein Medaillon, darauf, wie eingraviert, ein unbekanntes Symbol. Nicht genau zu erkennen. Die Vergrößerung geriet hier an ihre Grenzen.

»Sie fühlen sich offenbar durch uns bedroht.« Ein lapidarer Satz, dessen Umkehrschluss auf der Hand lag. Jiminy hatte bestimmt die Reichweite der Geschosse sowie ihre Geschwindigkeit vermessen und ihre Durchschlagskraft geschätzt. Hätte ich sein Talent besessen, wäre ich so vorgegangen. Gegen die Panzerung des Leichten Frachters würde diesen archaischen Waffen kein Erfolg beschert sein.

Ob es der Kerl am Boden nun wusste, ahnte, ob er einfach zu blöd war, das war aus seiner Aktion nicht abzulesen, wie er sich daran machte, eine Art extrem langläufiges Gewehr vom Gurt an seiner Schulter zu ziehen und auf uns anzulegen. Dass Jiminy an Intellekt und Rechenleistung einen deutlichen Vorteil besaß, gestand ich ihm neidlos zu. In marsianisch-menschlichen Angelegenheiten hatte ich ihm einiges voraus. Es war kristallklar, wie sehr sich der Typ jetzt produzieren musste, damit er nicht an Autorität verlor.

»Eine charakterlich nicht ganz einwandfreie Reaktion auf unser Eingreifen«, befand Jiminy. »Der Mann sollte, selbst im stupidesten Winkel seines Gehirns, begreifen, wie sinnlos das Abfeuern der Waffe ist.«

»Das ist nicht der Zweck der Übung, Jiminy. Das hat mit Stolz zu tun.«

»Oder Jähzorn.«

Mag sein, dass der Roboter es besser verstand, einen Charakter zu entschlüsseln, als ich es für möglich gehalten hätte. Ich war – zugegeben – das lebende Anschauungsmaterial an seiner Seite. Nicht selten schlug ich die klugen Ratschläge der Roboter-KI in den Wind. Wut war, je nach Situation, ein starker Antrieb, ganz besonders, wenn das Überleben im Vordergrund stand.

Etwas Qualm stieg von der Mündung des Gewehres auf, sobald der vermummte Mann zwei Schüsse in kurzer Folge abgab. Kein Geschoss fügte uns einen Schaden zu. Das Klimpern an der Bordwand bildete ich mir wahrscheinlich ein.

»Er hätte mit Steinen werfen können.« Jiminy verschob den Bildausschnitt auf dem Monitor. »Die haben genug. Und ihr Ausreißer ist in Reichweite. Er ruft ein paar aus der Karawane zusammen. Mr. Brown, siehst du die Handzeichen? Man will den Flüchtling einfangen. Es ist vorbei. Wir können uns wieder unserer Aufgabe zuwenden.«

»Wir stehen nicht unter Zeitdruck, oder?«

»Mr. Brown? Was soll das heißen?«

»Mr. Jiminy«, imitierte ich ihn, unterdrückte einen grunzenden Lacher, ehe ich in ein nasetriefendes Prusten ausbrach, weil gleich vier optische Einheiten an der Frontseite seines Schädels über Kreuz hingen, »Mr. Jiminy, hast du den Greifer an der Ladebucht, wie kürzlich besprochen, einer Wartung unterzogen?«

»Den Greifer, Mr. Brown?«, erwiderte der Roboter mit der ihm einprogrammierten Humorlosigkeit – von der ich überzeugt war, dass er sie nur vortäuschte. »Ich habe die turnusmäßige Wartung durchgeführt. Ich fand die Besprechung zuvor gänzlich unnötig ...«

»Wir schnappen ihnen ihre Beute weg!« Meine Begeisterung über diesen albernen Coup brach sich Bahn, und ich heulte überschwänglich durch das Cockpit. »Wir sinken ein paar Meter und holen uns den Flüchtling mit dem Greifer.«

»Darf ich anmerken, dass der Greifer für den Einsatz im Vakuum geschaffen wurde, das Endstück über Steuerungsdüsen verfügt, die einem Menschen schwere Verbrennungen zufügen können. Ganz im Gegensatz zu den schwebenden Containern der von dir aufgebrachten Schiffe.« Entrüstet, da die Myomerfasern seiner Optikhalterungen verkrampften, entknotete er die fehlgestellten Stränge manuell.

»Legal gekapert!«

»Was dem einen legal, ist dem anderen illegal, Mr. Brown. Dieser Flüchtling ist anscheinend im Besitz jener Bewaffneten ...«

»Ich diskutiere nicht mit dir! Das nicht!«, brüllte ich, ganz wie es mein Totem von Zeit zu Zeit von mir verlangte. Dann leiser, weil er nicht der Adressat meines Zorns war: »Ich muss dir nichts über die Auswirkungen von Sklaverei erzählen. Für ein Volk. Für den Einzelnen.«

»Nein – Mr. Brown. Musst du nicht. Ich gebe nur zu bedenken, dass eine moralisch richtige Entscheidung nicht automatisch die beste Entscheidung ist«, sagte Jiminy mit einem Unterton, der mich an meinen leiblichen Vater erinnerte.

Tief im Innersten rührte mich das Schicksal dieses Flüchtigen an. Allzu gerne rettete ich mich in Unsinn, wenn es zu ernst wurde. Wenn die Vergangenheit mich nachts im Traum folterte. Ich machte meine Witze über Sklaverei. Und ich verabscheute sie aus tiefster Seele! »Moral? Wann habe ich mich je von einer ethischen Einstellung leiten lassen?«

Der Roboter zögerte einen Moment. Eine bewusst gewählte Einleitung. »Du lässt dich von deinem Herzen leiten, Mr. Brown. Zufällig sind beide, Herz und Moral, in dieser Angelegenheit deckungsgleich. Ich weiß, wie wenig du der Vernunft – mir – in solchen Situationen den Vorrang gibst.«

Am Boden löste sich eine kleine Gruppe aus der Karawane. Sie nahmen die geduckte Person von zwei Seiten in die Zange. Die vierfüßigen Kamelartigen durchpflügten den Sand äußerst plump. Man hätte annehmen können, sie fielen im nächsten Augenblick. Es geschah flink, geprobt. Was hatte ich über Tradition gesagt? Auch Sklavenjäger besaßen irgendwann Routine.

Uns – mir blieb nicht mehr viel Zeit. Jiminy unterstützte mich notgedrungen und erfüllte damit das Versprechen, das er am Tag meiner Geburt meiner Mutter gegeben hatte. Ich übergab die Flugkontrolle an meinen robotischen Partner. Anschließend rief ich mir die Steuerung des Greifers auf die Konsole. Niemand hatte daran gedacht, ein vergleichbares Gerät für atmosphärische Einsätze zu konstruieren. Frachten wurden in Raumdocks oder -häfen eingeladen. Nach Abschaltung der Sicherung – die eigentlich verhindern sollte, dass der Greifer in der Gashülle eines Planeten zweckentfremdet wurde – visierte ich das menschliche Bündel in seiner Sandkuhle an. Meine Finger zitterten. Der nächste Knopfdruck rettete dem Flüchtigen das Leben oder brach ihm das Rückgrat. Eine Landung unter wildem Feuer kam auf einem Boden, dessen Standfestigkeit nicht einschätzbar war, unmöglich infrage. Wir konnten es uns nicht erlauben, auf der Erde, oder genauer, hier zu stranden. Obwohl meine Kriegerseele die direkte Konfrontation bevorzugt hätte. »Ziel erfasst!«

»Im Logbuch vermerkt.« Jiminys Bestätigung folgte das schräge Signalpiepen als Zeichen eines unlöschbaren Eintrags.

Drei Reiter waren von ihren Kamelartigen gesprungen. Zwei von ihnen spannten ein aus dünnen Riemen geflochtenes Netz zwischen sich auf, bereit, es über denjenigen zu werfen, der da, am Ende seiner Kräfte, als hilfloses Bündel versuchte, sich mit verkrümmten Händen tiefer in den Sand zu graben. Ein sinnloses Unterfangen, mitleiderregend geradezu.

Mein Daumen senkte sich auf den in einem klassischen Rot pulsierenden Abschussknopf.

»Es gäbe eine Alternative der Rettung.« Kühl, fast beiläufig vorgebracht. Auf den Punkt serviert, just da eine Schweißperle von meiner Nasenspitze tropfte.

»Was?!«

»Ich wollte deine Konzentration nicht stören, Mr. Brown. Ich habe in den vergangenen zehn Sekunden verschiedene Varianten deiner Geschicklichkeit simuliert. Die Ergebnisse waren durchweg ernüchternd. Für den Leidtragenden, den Flüchtling, war von schweren Verbrennungen mit Todesfolge bis über Knochenbrüche mit Todesfolge bis Tod durch Gewehrfeuer, am Greifer hängend, alles gleichermaßen unerfreulich. Darf ich die Alternative erläutern?«

»Rasch!«

Es ging anders. Jiminy hatte es sich sehr gut überlegt. Ich konnte es tatsächlich schaffen. Die Überlebenschancen der zu rettenden Person stiegen dramatisch, während meine eigenen etwas ins Minus rutschten. Ich beeilte mich, zur Laderampe und der Ausstiegsluke für die Mannschaften – also nur für mich – zu gelangen. Eine halbe Minute, mehr benötigte ich nicht. »Bin gleich soweit«, rief ich ins Comlink an meiner Schulter. »Status?«

»Der Gefangene wehrt sich. Optische Analyse zeigt ein Kind.«

»Ein Kind?« Panik überfiel mich. Fast hätte ich bei der Anlegeprozedur des Sicherungssystems einen Fehler begangen, einen fatalen Fehler. Ich korrigierte ihn hastig. Schulter-, Brust-, Bauch- und Beinriemen lagen eng an. Die Schnappverschlüsse rasteten klickend ein. Kleine Servos zogen das Gurtgeflecht stramm. Das Allerletzte, was ich wollte, war, bei dem zweifellos halsbrecherischen Einsatz aus der Gurtkonstruktion herauszurutschen. »Aktion starten!«

»Aktion läuft. Erhöhe Geschwindigkeit. Sobald der Gefangene an einem Kamelartigen festgebunden ist, kann es nicht mehr gelingen. Sinke jetzt.«

Die rapide Beschleunigung schlug zu. Mein Magen drückte gegen das Herz. Der Leichte Frachter beschleunigte und brachte uns von fünfhundert Metern in drei Sekunden auf einhundertundachtzig Meter, um per rabiat gezünderter Bremsdüsen schaukelnd über dem Geschehen, in das wir einzugreifen gedachten, in der Luft zu verharren. Ich hakte die Enden der Sicherheitsleine links und rechts an die Hüftgurte. In meinem Hinterkopf meldeten sich Bilder von in jugendlichen Jahren begangenen Mutproben, sämtlich waghalsiger als das, was nun vor mir lag.

Die Leine maß eine Länge von zweihundert Metern. Dem Elektromotor am oberen Ende war einprogrammiert worden, bei einer Falltiefe von einhundertundsiebenundsiebzig Metern zu stoppen. Hing ich nun kopfüber an der Leine, ergaben sich zuzüglich von meiner Körpergröße von 2,10 Meter und einer Armlänge von etwas mehr als einem Meter der perfekte Abstand, damit ich den Flüchtling packen konnte. Danach sollte die Leine blitzartig eingeholt werden. Im besten Fall mit mir und dem geretteten Kind. Womöglich unter Beschuss aus der Karawane. Das war die Theorie.

»Trägst du die Atemmaske?«

»Jiminy! Viren und Bakterien und Parasiten sind im Augenblick mein geringstes Problem!« Ungehalten tastete ich nach dem Schutzequipment im Bereitschaftskasten neben der Luke.

»Bär, wir wollen keine Kontamination riskieren.« Imitierte Jiminy da die Stimme meiner Mutter? Ebenso die Ansprache?

»Was soll das jetzt?« Laut gesagt, aufmüpfig, gequengelt.

»Bär, ich diskutiere das nicht!«

»Ich trage sie! Ich trage sie!«, schnauzte ich und sog gierig die Bordluft ein, gewöhnte mich an das leicht erschwerte Atmen. Aber tatsächlich: Unter der Maske roch die Luft besser, und sie schmeckte besser.

»Fertig?« In Jiminys Frage hinein hörte ich wieder das Klimpern gegen die Bordwand. »Sie haben das Feuer eröffnet. Ich zähle sieben Schützen. Aktion abbrechen?«

»Nein, auf keinen Fall!« Ein heiser gebellter Befehl. Die Ausstiegsluke glitt zur Seite. Ich roch echte Erdenluft. Alles saß. Ich hielt mich mit den Arbeitshandschuhen am Rand der Öffnung fest. Auf mein Vorbeugen hin gab der Elektromotor leicht nach, von einem beruhigenden Surren begleitet. »Bin fertig! Auf dein Zeichen!« Brütendheißer Aufwind peitschte mir ins Gesicht.

»Schiff in Position. Genau drüber.« Unheimlich leise klang die Stimme des Roboters gegen das Rauschen von draußen. »Drei, zwei, eins – Sprung!«

Ich sprang, die Arme weit voraus gestreckt, nicht so elegant wie die Bungeenauten in den Mariner-Tälern, die es wagen, sich gleich sechs Kilometer in die Tiefe zu stürzen. Außerdem meditierte ich nicht dabei. Im Gegenteil. Da bemerkte ich es. Etwas fehlte! Der Fall riss mir die vor Überraschung geflüsterten Worte aus dem Mund. Dann hörte ich meinen alten Freund gegen den Lärm rufen.

»Gruppe: Sisters Of Mercy. Song: Temple Of Love!«

Schneller Vandalenkrawall, eine dunkle, magisch anziehende Stimme, beschwörend – der düsteren Vorhersage eines Schamanen auf dem Mars würdig - der forsche Takt eines Schlagzeugs. Kurz vor dem Zupacken: Lauter, die Schlägel hetzten den Sänger vor sich her. Sofort sah ich klarer!

Die Kugeln pfiffen um mich herum. Genauer abgefeuert, als mir lieb war. Rechts, links, hinter meinem Rücken, vor der Brust. Ein stummes, auf den Lippen zerbissenes Gebet, niemand möge es in die Mitte des gedachten Vierecks schaffen. Ein paar Reiter zogen armlange Säbel aus den Schwertscheiden auf ihren Rücken. Sie mussten annehmen, ich wolle nach diesem Sturzflug als dunkelvioletter Dämon über sie kommen. Falsch gedacht! Um Haaresbreite jagte ich an dem Anführer vorbei, die Finger meiner Hände abgespreizt, das Singen des Motors übertönte den Schamanen in meinen Ohren, stoppte mich wenige Zentimeter vor dem Sandhügel, ausreichend nah, damit ich zupacken konnte. Ich verkrallte mich in schmalen Schultern, riss an der mageren Gestalt, eingezwängt in ein ledriges Netz, das zu meinem Erschrecken für einen Sekundenbruchteil nachgab und ich schon befürchtete, das Fliegengewicht in meinen Händen ginge mir verloren. Summend katapultierte uns der Elektromotor rasant in die Höhe, beinahe so furchtbar schnell, wie eben noch der Fall. Die Leine zog mit einem solchen Ruck an mir, dass ich augenblicklich glaubte, meine Rippen würden brechen.

»Habe euch!«

Kein zweites Mal in meinem Leben habe ich Jiminys elektronisches Organ derart gern auf den Ohren gehabt wie in diesem Moment!

2: DRACHENZÄHNE

Völlig unerwartet hatten wir in der Nähe der Drachenzähne eine uralte Plattform gefunden. Vom Zahn der Zeit abgeschliffene Mauerabgrenzungen deuteten auf einen ehemaligen Siedlungsgrund hin. Zwar von unzähligen Rissen weitestgehend unbrauchbar gemacht, leicht schräg am langen Ende im Sand versunken, war es Jiminy gelungen, eine halbwegs stabile Ecke für unseren Leichten Frachter zu finden. Andere Segmente der betonierten Ebene wurde als eine Art Markt genutzt, sehr gering besucht allerdings. Die SCHILDKRÖTE III machte enormen Eindruck auf die Einheimischen. Sie gafften, zeigten auf die Front des Schiffes und wedelten sich die Rauchschwaden der Landungsdüsen aus dem Gesicht. Die abgerissenen Gestalten, derangierter noch als die Leute aus der Karawane, konnten mit den Teilen des Leichten Frachters bestimmt einiges anfangen. Damit erst gar nicht irgendwelche Begehrlichkeiten aufkamen, schwenkte ich das Buggeschütz zwei-, dreimal im Kreis, ebenso die Torpedowerfer an der Ober- und Unterseite des Schiffes. Diese waren völlig unnütz in der Atmosphäre. Die Hinterwäldler konnten es nicht wissen. Das düsterblaue Glosen in den Abschussrohren verhieß ihnen nichts Gutes. Das genügte. Mehrere stolperten zurück. Einer setzte sich gar ehrfürchtig auf seinen Hintern und starrte mit offenem Mund zur Pilotenkanzel empor.

Der Anflug war meine Aufgabe gewesen. Jiminy hatte sich derweil um unseren Gast gekümmert. Der hatte sich als zänkisch und undankbar herausgestellt.

Kleines Mädchen, vielleicht elf oder zwölf Jahre alt. Wenn Jiminys Schätzung stimmte, denn sie hatte ihn nicht für eine Blutprobe an sich herangelassen und sich mit Händen und Füßen gegen das gewehrt, von dem ich ihr – in meiner Sprache, noch ein Fehler – erklärt hatte, es handele sich um einen intelligenten Roboter mit einer in über eintausend Jahren entwickelten Persönlichkeit. Ohne Frage hatte sie kein Wort verstanden. Sie war zweifelsohne schockiert von der mechanischen Konstruktion, die einem irdischen Clown-Fangschreckenkrebs nachempfunden war. Wäre er nicht schon seit mehreren hundert Jahren ausgestorben, wäre ihr in dieser Wüste ohnehin nie ein echter über den Weg gelaufen.

Irgendwie, sehr geduldig, war es Jiminy gelungen, ihr wenigstens die Kapuze vom Kopf zu streifen. Haare und Haut besaßen die Farbe von Sand, so enthüllt sicherlich eine perfekte Tarnfarbe. Das Gesicht war annähernd oval, dicht beeinander stehende Augen betüpfelten eine kräftige breite Nase. Schmal, dünnlippig überflog der winzige Mund eine spitze Kinnpartie.

Und laut war sie! In all den Jahren unseres Zusammenseins hatte ich gelernt, die Körpersprache des Roboters zu lesen – fast eine kleine Wissenschaft, von der er behauptet hatte, sie sei unmöglich von mir zu erlernen. Aber ich hätte geschworen, mein Vandalenkrawall wäre ihm jederzeit lieber gewesen, als das Kind in einer Ecke unserer Ladebucht, dem es gelang, mit seinem Gekreisch noch den hintersten Winkel unseres Leichten Frachters zu erreichen. Trotz der Schutzmaske, die Jiminy dem Mädchen überfallartig – wegen ihrer propellerhaft kreisenden Arme – übergestreift hatte. Klemmverschlüsse hielten das Filterutensil an ihrem Hinterkopf fest.

Der Plan war einfach. Die Kleine sollte bei freien Menschen untergebracht werden, schlicht in Sicherheit.

Jiminy hatte wirklich versucht, sich mit dem Mädchen zu verständigen. Zu seiner Verwunderung war es ihm nicht geglückt. Ein Wirrwarr von Worten, vielleicht auch Unsinn, war auf den Roboter eingeprasselt und, wie er mir versichert hatte, hatte er sich die größte Mühe gegeben, die eingehenden Daten zu verarbeiten und so etwas wie eine Syntax daraus abzuleiten, von Wortbedeutungen ganz zu schweigen. Die unverschlüsselte Kommunikation aus den Drachenzähnen, seit Jahren von Überwachungsstationen auf Luna mitgeschnitten und in ihre Bestandteile zerlegt, half ihm kein Quäntchen weiter.

Bei mir arbeiteten die Übersetzungsprogramme zu meiner vollen Zufriedenheit. Kurz nach dem Aufsetzen, da eine Beruhigung der Gemüter rings um uns eingekehrt war, marschierte eine Abordnung von drei Frauen und zwei Männern vor der SCHILDKRÖTE III auf. Offenbar verwirrt, wohin sie sprechen sollten, rief die zuvorderst stehende Frau ein leuchtendes Positionslicht neben unserer Abfallentsorgungsluke an.

Mode war uns im Sonnensystem nicht fremd. In erster Linie war sie funktional und mitunter sogar farbenfroh, erst recht bei uns auf dem Mars, die wir von Gottheiten und Feiertagen nicht genug bekommen konnten und jede Gelegenheit nutzten, uns auszustaffieren.

Hier auf der Erde, zugegeben, es war erst das zweite Beispiel nach den Leuten von der Karawane, gab man sich eher trist. Die Abordnung der Drachenzähne trug grüne, meist dunkelgrüne Stoffe. Anders als bei dem Anführer der Karawanenreiter gab es bei diesen Abgesandten kein Zeichen eines Vorsprechers, ersten Bürgers oder was auch immer.

Wir hatten nach Metallen an ihren Körpern gescannt, auf der Suche nach versteckten Waffen und nichts gefunden. Was nicht hieß, dass sie zugeschnitzte Knochen oder Hiebwerkzeuge aus Kunststoffen bei sich trugen. Doch um das zu entdecken, besaßen wir nicht die Mittel. Plastik und Skelette erwartete niemand auf Asteroiden zu finden. Aus diesem Grund hatte keiner ein technisches Gerät dafür gebaut. Es hätte keinen Verdienst eingebracht. Ganz im Gegensatz zu den beiden baugleichen Apparaturen, die ich mit mir nach draußen nahm.

Ich öffnete die Ausstiegsrampe und übergab das Schiff in die Obhut von Jiminy.

Der Roboter klinkte sich von der Ladebucht aus in die Systeme der SCHILDKRÖTE III ein und behielt von dort die Übersicht über den Frachter – und das Mädchen, dem er es zutraute, in seiner Abwesenheit sein schönes Frachtdeck zu ruinieren.

Langsam, feierlichen Schrittes, in einer leidlich gesäuberten Arbeitsmontur, die rechte Hand mit den kleinen Geräten vorgestreckt, die Schutzmaske proper über dem Gesicht platziert, inklusive der Augen, ging ich den Gesandten der Drachenzähne entgegen. Hinter meinem Rücken glitt die Ausstiegsrampe in die Höhe. Jiminy machte die Schotten dicht.

Vor ihnen zu stehen, muss ein nettes Bild abgegeben haben. Ich nahm an, Jiminy zeichnete alles auf. Zwei Köpfe größer als meine Gegenüber, violetter Kopf, blaugraue Schutzmontur, häuptlings eine stachelige Bürste mit einem schwarzbläulichen Glanz machten den Marsianer aus. Grün gekleidete Menschen mit rasierten Köpfen, der gleichen sandfarbenen Haut wie unser junger Gast, dafür jedoch mit weiß geschminkten Gesichtern, was ihnen eine alterslose Erscheinung gab. Mönchsgleich im Wind wallende Gewänder kaschierten ihre wahren Konturen.

Ich reichte der vorne wartenden Frau einen der beiden rechteckigen Apparate und demonstrierte ihr die Verwendung, indem ich es vor den Mund hielt.

»Leckmichdesöckwatisdatdannfünnejedöns?«, schallte es, bevor das Übersetzungsprogramm die verbale Eingabe erfasste.

»Sie müssen es mehr vor den Mund halten, dann übersetzt es Ihre Sprache in meine und umgekehrt«, sagte ich freundlich, wohl wissend, dass emotional leichte Schwingungen der Stimme in der Übertragung so gut wie nicht auftauchten.

»... enne Marsmänsch?!«, tönte es kurz, sogleich, für mich verständlicher: »Sie sind ein Marsianer?!« Die Fassungslosigkeit im Ton der Frage klang aus dem Mikrolautsprecher fast überzeugend remoduliert.

»Ja«, antwortete ich, steuerte der Minimalbekundung noch ein Nicken bei. Sollte mein Geruch sie gestört haben, äußerte sich das in keiner wie auch immer gearteten Regung des Missfallens.

»Wir haben noch nie einen Marsianer gesehen.« Sie zögerte. »Wir wussten natürlich, dass es sie gibt«, fügte die Frau hastig hinzu. Hinter der Übersetzung hörte es sich schüchtern an. »Manchmal sahen wir ein Raumschiff. In großer Höhe. Es überflog die Gegend und landete nie.«

»Immerwidersonndachs«, warf ein Mann aus der zweiten Reihe ein. Der Translator erfasste das Wort von hinten nicht.

»An Sonntagen«, sagte die Frau stattdessen. »Ich bin unhöflich. Mein Name ist Babbellies. Ich bin die erste Vorsteherin der Gemeinde. Willkommen in der Kolonne 50.« Ein neuerliches Innehalten. »Alle in der Kolonne, die von Ihrer Landung erfahren haben, sind sehr neugierig auf Sie. Aber die Menschen aus der Kolonne fürchten sich auch. Darf ich erfahren, welchem Umstand wir Ihren Besuch verdanken?«

»Wasser«, erwiderte ich und genoss die Verwirrung der Einheimischen.

Sie achteten auf jede Regung von mir, beäugten misstrauisch den Irokesenschnitt und schauten heimlich zu meinen Ohren, zum Nacken. Dort endete bei Ihnen die Schminke. Wahrscheinlich kam ihnen meine Hautfarbe nicht ganz echt vor. Möglicherweise glaubten sie, dass bei mir das Violett ebenfalls in die bei ihnen übliche Sandfarbe übergehen musste. Verblüfft tat einer der Männer einen Schritt rückwärts.

»Mein Schiff braucht außerdem ein paar Reparaturen. Falls ich Ersatzteile bei Ihnen finde – ich würde das alles gerne einhandeln. Tauschen. Über örtliche Bezahlmittel verfüge ich leider nicht. Geld.«

Die Frau überfiel ein nervöses Augenzucken. »Geld? Geld ist ein archaisches Konzept ...« Sie legte fragend den Kopf schräg.

Ich wachte aus meiner herablassenden Haltung auf. »Bär. Mein Name ist Bär.« Warum sollte ich diese Menschen mit meinem richtigen Namen überfordern?

»Bär«, wiederholte Babbellies ohne Übersetzung. Ein Name ist eben ein Name. Ihre unverfälschte Stimmlage geriet sehr einschmeichelnd, ohne einstudiert zu wirken. »Bär, Sie sind uns willkommen.«

»Und Sie sind an Bord meines Schiffes willkommen.« Von Jiminy, der mithörte, erscholl ein dreifaches Klicken der Entrüstung. Wären ihm Atemorgane eingebaut worden, wenigstens Imitationen von solchen, hätte er bestimmt die Luft scharf eingesogen. »Sie können auf den Boden spucken und der Leguankatze auf den Schwanz treten.«

Jetzt sprang die versammelte Mannschaft wie auf ein Kommando zurück. Sie sahen mich an, als hätte ich sie beleidigt. Was in Mars' Namen hatte der Apparat ihnen übersetzt?

»Wir spucken nicht auf den Boden.« Nüchtern aus der Box kommentiert, umso – ja, angepisster im Hintergrund in ihrer echten Sprache.

Sand knirschte unter meinen Stiefeln. Sand, so weit das Auge reichte. Klar, kein passender Spruch. Wer hier lebte, bewertete Flüssigkeiten höher als anderswo. »Verzeihung! Ich bitte um Verzeihung. Es ist nur eine Floskel. Das heißt, Sie sollen sich an Bord meines Schiffes wie zuhause fühlen. Das heißt es.« Pockels würde einem dieser Wüstenbewohner den Kopf abreißen, wagte es jemand, ihr auf den Schwanz zu treten.

Meine Entschuldigung fand nicht die erwünschte Resonanz. Babbellies winkte mir wortlos, ihnen zu folgen. Die übrigen vier Gestalten liefen uns voraus, scheuchten ein paar Gaffer aus dem Weg, der zu den gut fünfundzwanzig Meter aufragenden Drachenzähnen führte. Die drei Knarren – im Rücken-, Schulterhalfter und am rechten Unterschenkel festgebunden – sowie das Messer, nach einem alten Rebellenrezept aus durchsichtigen Polymeren gefertigt, gaben mir ein beruhigendes Gefühl. Bis wir den Zugang erreichten.

Zwei Wachen behielten eine Bodenklappe aus Holz und Eisen im Auge. Ersteres Material war in dieser Umgebung eine Sonderbarkeit, auf zweiterem lag eine Rostschicht, ein roter Klecks als nostalgische Farbdosis an diesem Tag. Beides war unerklärlich. Das Duo beidseitig des Eingangs zu den Drachenzähnen gab sich martialisch. Schwarze Brust- und Schulterpanzer sahen moderner als der Rest der grünblauen Kutten aus. Offenbar geschmiedet. Großkalibrige Schusswaffen, gar nicht mal besonders antik, wurden professionell vorgehalten.

Breite Streuung, dachte ich. Schrot. Damit jagten wir Schweinewolfhyänen in den Tarpejischen Gärten am Sockel des Olympus Mons. Der Bumms würde selbst mich von den Füßen holen.

»Bär«, sagte Babbellies zu mir, »sollten Sie Waffen besitzen, bitte ich Sie, diese bei den Wächtern abzugeben. Das ist vorgeschrieben. Sie erhalten sie bei Verlassen unserer Gemeinde zurück.«

3: ZISTERNE

Notgedrungen verzichtete ich auf die Knarren. Jiminys in weiser Voraussicht gefällter Ratschlag, nur altes Zeug mitzunehmen, war goldrichtig gewesen. Das konnten sie sich ansehen, klauen, was auch immer ihnen in den Sinn kam. Neue Erkenntnisse konnten sie daraus keine ziehen. Schießeisen waren meine Passion. Ich besaß ein komplettes Arsenal davon. Mir blieb noch genügend Auswahl für die Zukunft übrig. Das Messer hatte ich behalten. Niemand wagte es, mich zu durchsuchen. Jeder, selbst der größte Wächter von ihnen, war von meiner Andersartigkeit abgeschreckt.

Wie mitten den Beinen eines teuflischen Gottes waren wir zwischen den Drachenzähnen in die Tiefe geklettert. Betongänge, solide Treppen, Beleuchtung mittels Leuchtröhren, allein das war mehr, als ich erwartet hatte. Auf vereinzelten Etagen führten Verbindungsröhren zu weiteren finster daliegenden Räumen, über deren Zweck mich keiner aufklärte. Nach mehreren Minuten stillen Gehens sagte ich: »Das mit dem Wasser war eine dumme Frage von mir. Die Wüste – da gibt es bestimmt nichts zu teilen. Wenn Sie mir mit Ersatzteilen aushelfen, dann ...«

In der nächsten Sekunde umrundeten wir eine mächtige Säule, und ich wurde geblendet von tausendfach gespiegelten Lichtern. Ein Portal gab den Weg zu einer glitzernden Wasserfläche frei, genau unter uns, vier, fünf Meter entfernt, so breit und so lang, dass ich unseren Leichten Frachter darin hätte versenken können. Ein bogenförmiges Dach schirmte das Bassin nach oben hin ab. Seltsam mythisch anmutende Architektur begrenzte die Wassermassen. Überall strahlten die Leuchtröhren. Die Tiefe des Beckens abzuschätzen, ließen sie aber nicht zu. Nach maximal einem Meter gähnte eine beängstigende Schwärze. Die flößte selbst mir Angst ein, obwohl ich das All durchflog. Aber so viel Wasser auf einem Haufen hatte ich noch nie gesehen. Meine Schwimmlektionen hatte ich in Tümpeln und Schwimmhallen absolviert.

»Beeindruckend«, flüsterte ich unbewusst.

»Nicht wahr?«, entgegnete Babbellies. »Etwas Wasser können wir entbehren.« Stolz glitt ihr Blick über das Reservoir. »Vielleicht können Sie uns auch helfen.«

Die Frau erzählte davon, dass die Drachenzähne seit mehr als zehn Generationen im Besitz der Kolonne 50 war. Man hatte sie nach einer Völkerwanderung durch Zufall entdeckt, einen guten Schutz gegen Sandstürme dort vermutet und sich vorübergehend niederlassen wollen. Bis ein Paar für ein Stelldichein ein Versteck suchte und durch eine dünne Schicht Sand brach. Man fand sie mit gebrochenem Genick auf einer aus einem groben Block herausgeschlagenen Treppe. Die Gemeinschaft hängte für die Toten an eben jenem Flecken eine Gedenktafel auf. – Wenn ich es bedenke, ist der Mars voll von solchen Tafeln. – Das Wasser verbesserte ihr Leben sondergleichen. Sie produzierten Strom über Wasserkraft, legten unterirdische Farmen an. Vom UV-Licht bestrahlt, sprossen von alten Kulturpflanzen gerettete Samen aus extra angemischten Böden und Nährlösungen. Man erweiterte die unterirdischen Kavernen, schuf Platz für einen wachsenden Verbund. Die Kolonne 50 wurde zu einem Ort des Handels und der Begegnung. Das weckte irgendwann Neid. Es gab Überfälle. Beim Gedanken daran stieß Babbellies ein freudloses Lachen aus. Sie wehrten sich erfolgreich. Bis heute. Doch Menschen waren nicht der einzige Feind. Die Zeit fiel langsam ins Gewicht. Die Anlage war alt. Was ich als Zisterne zu Gesicht bekam, war nie als solche gedacht gewesen.

»Ein Fluss fließt unter uns. Wir wissen nicht, wie tief unter uns. Er steigt hoch, füllt das Reservoir. An einigen Durchbrüchen oben, nur wenig unter dem Wasserspiegel, haben wir Wasserräder eingebaut. Für die Stromgewinnung. Seit ein paar Wochen sinkt das Wasser. Es muss weitere Durchbrüche geben. Das Wasser versickert.« Ihr Blick war durchdringend, einen Lidschlag lang war Hilflosigkeit darin zu sehen. »Oder der Fluß versiegt. Das wäre das Ende.« Sie klopfte mit den Fingern auf ein Geländer. »Falls es Durchbrüche sind, können sie repariert werden. Unsere Mittel für Tauchgänge sind beschränkt. Wenn Sie ...«

»Ich kann«, sagte ich schnell, denn ihr Gesuch kam mir sehr entgegen. Ich tippte an meine Maske. »Das eignet sich zum Tauchen. Mit ein, zwei kleinen Erweiterungen. Wenn Ihr Reservoir undicht ist, finde ich den Schaden.«

»Danke.« Das Wort knackte aus dem Übersetzungsgerät.

»Danken Sie mir nicht zu früh«, erwiderte ich. »Ich habe ebenfalls eine Bitte.« Mein Bericht über unseren Wüstenfund geriet militärisch knapp.

Alsbald gab sie mir zu verstehen, wie sehr sie bereits über all diese Ereignisse informiert war. »Wir lassen niemanden unbemerkt in unsere Nähe. Wir haben Späher, Verstecke im Wüstensand. Bunkeranlagen aus alter Zeit, mit denen wir in Verbindung stehen. Sie wurden lange vor Ihrer Ankunft gesehen.«

Ich erzählte ihr von dem Mädchen, von dem ich hoffte, es werde bei ihr, den freundlichen Leuten, ein Zuhause und Schutz vor den Karawanenreitern finden.

Babbellies bekräftigte, dass sie sich auf das Kind freue, dass sie bei ihnen besser aufgehoben sei als in der Glut der Wüste. Kinder seien selten in der Kolonne 50 und dringend gewünscht, sicherten sie doch auf Dauer den Bestand der Drachenzähne.

Ihre mit aufrichtig erfreuter Miene vorgebrachten Sätze aus der Übersetzungsbox erfüllten mich mit Zuversicht und einer gewissen Befriedigung, das Richtige getan zu haben.

4: RIKTER-CODE

Den Rest des hellen Tages verbrachte ich in den Drachenzähnen, weitestgehend allein, nur von einem Mann bewacht, der mir ziemlich dezent hinterherging. Ich sah mich im Reservoir um und erklärte es als Vorbereitungen auf den Tauchgang am kommenden Tag. Ein tragbarer Scanner lieferte erste brauchbare Ergebnisse über den Zustand und die Tiefe der Zisterne. Einhundertfünfzehn Meter und mehr weitete sich das Bassin nach unten aus. Einige Stellen reichten weiter runter als andere. In den unheimlichen Seiten, neben säulenähnlich aufgebauten Wänden, waren große Glaspartien eingefasst. An die musste ich heran. Außerhalb waren sie abgeschirmt von einer Zementmasse. Einige dieser Schutzwände waren brüchig und nicht sehr dick. Dahinter drückte der allgegenwärtige Sand gegen das Gemäuer.

Abends, zurück auf der SCHILDKRÖTE III, überflog ich die gesammelten Daten im Cockpit und wurde durch die geöffneten Sichtluken Zeuge eines Disputs zwischen Babbellies und dem Anführer der Karawane. Lautstark, einer brüllte den anderen an, seltsamerweise setzte sich die Frau durch, wortgewandt. Bis der Mann einen Säbel zog, geschickt in der Luft herumwirbelte und damit ihr Gefolge auf Abstand hielt. Dann geschah irgendeine Art der Einigung. Abschließend kreuzten sie ihre Unterarme und verbeugten sich.

»Man kennt sich«, kommentierte Jiminy.

»Ja, komisch«, meinte ich nachdenklich. »Sie schien mir nicht so angetan von diesem Nomadenstamm.« Nach einem Schulterzucken: »Na, sie kommen nicht auf den Gedanken, das Kind an sie zurückzugeben.«

Die Karawanenleute luden frisch gefüllte Wasserbehälter auf, brachen vor einem brennenden Sonnenuntergang ihr Lager ab und stapften, geschaukelt vom seemännischen Schwanken ihrer Kamelartigen, davon.

»Du hast den RIKTER-CODE lokalisiert?«, fragte mich der Roboter.

»Er ist hier«, antwortete ich und deutete auf einen Punkt in der holografischen Nachbildung der Zisterne. »Das Glas zu entfernen, wird mir nicht möglich sein. Nicht unter Wasser. Scannen, so genau es geht, mehr ist nicht drin. Zeile für Zeile.«

»Die Farben sollen genau erfasst werden«, betonte Jiminy. »Und selbst dann – der Code wurde nie geknackt.«

»Unser Auftraggeber bekommt, wofür er bezahlt, den Code, nicht das Fenster«, erwiderte ich. Der Anblick, allein in der miniaturisierten und nur angedeuteten Darstellung der elftausendzweihundertunddreiundsechzig Farbquadrate, verwirrte mich. Sie sollten sich aus zweiundsiebzig Farben zusammensetzen. Jemand auf Luna glaubte, ein für die Marsianer lebenswichtiger Code verstecke sich dahinter. Das behauptete eine zweifelhafte Überlieferung. Genaue Bilddaten des Codes waren über die Jahrhunderte verloren gegangen. »Das war ein – ein was war das?«, wollte ich von Jiminy wissen.

»Ein Kirchenfenster.«

Eine nüchterne Feststellung der Roboter-KI, die mir nicht weiterhalf. »Kirche?«

»Ich habe alte Verkehrswege eruiert. In deren Zentrum stand ein Dom, eine sehr große Kirche. Ein Tempel für eine einzige Gottheit.« Eine diagnostisch vorgetragene Erklärung angesichts des heiklen Wesens dieses Bauwerks.

»Ein Tempel für eine einzige Gottheit«, wiederholte ich. »Wie barbarisch.« Unter Jiminys gestrengem Blick wanderten meine Schuhsohlen auf das Kontrollpult. Lang ausgestreckt betrachtete ich die hereinbrechende Nacht. Einen ähnlichen Lichtwechsel hatten wir seit Wochen nicht mehr gesehen. »Ich sollte schlafen«, sagte ich, obwohl ich mich an diesem einfachen Naturereignis kaum sattsehen konnte.

»Geh schlafen«, empfahl der Roboter, zwei optische Einheiten über kreuz gelegt, »ich poliere inzwischen die Kommandotafel wieder auf Hochglanz.«

Aus dem Maschinendeck stieg nur ein vages Summen empor. Die Energieversorgung des Schiffes war bis auf das benötigte Minimum für die Standardverbraucher heruntergefahren worden. Halb schlafwandelnd wankte ich zu meiner Kajüte und fiel in meine ungemachte Koje. Jiminy hielt sich, ungern, wie er stets betonte, von ihr fern, weil Unordnung den Drang in ihm weckte, diese zu beseitigen. Aber mein Verbot, mein persönliches Chaos unangetastet zu lassen, wurde von ihm respektiert.

Am nächsten Morgen plagte mich die Schwerkraft. Auf dem Mars ist sie um gut zwei Drittel geringer als auf der Erde.

Wir Marsianer trainieren von Kindesbeinen an, um mit den Erfordernissen unseres langen Lebens umgehen zu können, in Gravitationskammern. Anders wären unsere Minenzentren auf Uranus, Neptun und Venus nicht denkbar. Während des Flugs verabreiche ich mir auch mal eine Portion dreifache marsianische Schwerkraft. Die Umstellung ist schleichend, kräftezehrend. Eine Eingewöhnung benötigt mehrere Tage.

Ich wusste jetzt schon, dass ich es genießen würde, eine Zeitlang unter Wasser meiner Arbeit nachzugehen.

Es wird der Tag kommen, an dem ich mich nicht mehr ohne Exoskelett bewegen kann, weil die Knochennekrose unaufhaltbar geworden ist. Das ist die Rechnung, die von vielen Marsianern im letzten Viertel ihres Lebens bezahlt wird, wenn die bei der Geburt eingeschossenen Nanobots in unserem Blut solche Schäden nicht mehr richten können.

Ich hatte es mit einem Dauerlauf zum Reservoir versucht. Es war mühselig gewesen und tötete jeglichen Enthusiasmus ab. Ein paar Kinder sowie der obligatorische Wächter liefen mir, dem schwerfälligen Marsianer, zur Zisterne hinterher. Die Kleinen tuschelten und wurden vom Wachmann zurechtgewiesen und fortgescheucht. Eines der Kinder war das Mädchen. Sie verständigte sich mit den anderen, lachte, rannte mit ihnen davon. Jiminy, dachte ich, hatte die falschen Sprachansätze im Translator benutzt. Wenn die Karawane öfters bei den Drachenzähnen Halt machte, hatten die Nomaden genug von der örtlichen Sprache zur Verständigung gelernt. Wie es zwangsläufig jeder Händler irgendwann unternimmt. – Ich war ein wenig verwundert über Jiminys mangelnde Experimentierfreude. Dass er die Sprache der Kolonne 50 nicht ausprobiert hatte. - Das hätte diesem Hüter der Variablen eigentlich einfallen sollen ...

5: LIV

Meine Atemmaske war um drei Bauteile erweitert worden. So ausgerüstet filterte das Gerät Sauerstoff aus dem Wasser. Ich tauchte in den Südteil des unter Wasser stehenden Innenlebens dieser, wie Jiminy sie genannt hatte, Kirche. Dort, in einem quer abzweigenden Gang des, nach neuen Maßstäben, Reservoirs gelegen, befand sich der RIKTER-CODE in der Wand eingelassen. Von oben schien das Licht der Leuchtstoffröhren herab, nicht hell genug zwar, zur Orientierung genügte es allemal.

Zeilenweise tat ich meine Arbeit, oben beginnend, dann ließ ich mich absinken. Jedes Quadrat hatte eine Seitenlänge von 9,4 Zentimetern. Eine Stirnlampe riss die Farben aus der Dunkelheit. Sorgsam erfasste der Scanner die kantenklar voneinander separierten Flächen. Mir wurde der meditative Charakter meiner Tätigkeit bewusst. Es genügte nicht viel und ich hatte die Zeit vergessen. Zunehmende Tiefe brachte stärkere Trübnis. Schwebeteilchen und winzige Luftblasen wiesen mich auf feinste Strömungen hin. Je länger ich unter Wasser war, dem Grund näher kam, desto öfter entdeckte ich minimalste Abflusslöcher im Gestein. Ich war darauf vorbereitet. In meinem Rucksack führte ich einen Spezialzement und Werkzeug mit. Band die Mischung in den Löchern ab, würde sie vorher in jede Ritze quillen. Aber es gab ein Problem. Die Zisterne war riesig. Befand sich das übrige Mauerwerk in einem ähnlichen Zustand, steckten Jiminy und ich noch eine Ewigkeit bei den Drachenzähnen fest. Ich konnte ihn im Geiste argumentieren hören, dass eine undichte Zisterne nicht unser Problem war. Ich sah das anders. Man war uns freundlich und vertrauensvoll begegnet. Prinzipiell galt es, solches Verhalten zu honorieren. Jiminy war eher pragmatisch und egoistisch eingestellt. In seinen eintausend Jahren Existenz im Dienste diverser Herren, aufreibend, verzichtsreich oft, selbst für einen Roboter, bestritt ich die Wirkung dieser Einstellung nicht. Ich hatte mir ein anderes Verhalten angewöhnt. Gewünscht. Hilfe hinterließ Freunde. Meistens. Jiminy würde es noch lernen. Da war ich sicher.

Ein Sicherheitszeitmesser gab mir das Zeichen zum Auftauchen. Langsam glitt ich in die Höhe. Der Scanvorgang war beendet, das erste Leck gestopft. Mitten im Reservoir durchbrach ich die Wasseroberfläche. Kaskaden tanzender Lichter empfingen mich. Ein befreiendes Gefühl. Ein leises Plätschern. Brückenähnliche Gitter verbanden die die Langseiten des Reservoirs. Eines hing direkt über meinem Kopf. Zusätzlich waren Stahlseile über die Wasserfläche gespannt worden. Vereinzelt hingen Eimer und Wasserschläuche von dort herab. Längs des Bassins waren außerdem Laufstege und Treppen installiert. Trippelnde Schritte hallten zu mir herüber. Kinder. Sie lachten diesmal nicht. Sie waren beschäftigt, trugen schwer an Gepäck, auf dem Rücken, vor sich auf den Armen. Kein Schwatzen, nur Keuchen, Schniefen vor Anstrengung. Es hallte durch das schwarze Gestein der Zisterne. Ich zählte neun Kinder. Alle in einem ähnlichen Alter, nahm ich ihre Größe als Maßstab. Hinterdrein, in einigen Schritten Abstand, marschierte ein Wächter, einen Stock aus Metall in der Hand. Unregelmäßig tickte der Mann damit drohend gegen das Geländer.

Eines von den Kindern vertrat sich auf den feucht glänzenden Gitterrosten des Stegs. Ihr Bündel fiel herab. Die übrigen acht Kinder gingen einfach weiter. Der Wachmann stellte sich hinter dem Kind auf. Als ihr Gesicht sich drehte, wurde es von einer Leuchtstoffröhre angestrahlt. Das war – das Mädchen. Die Situation sah nicht nach dem aus, was ich mir für sie erhofft hatte. Gar nicht! Ich schwamm auf sie zu, ignorierte den Mann anfangs, trat Wasser, machte Lärm, gewann beider Aufmerksamkeit. Der Metallstock tippte ihr auf die Schulter, bedeutete ihr unmissverständlich, das Stückgut vor sich aufzuheben. Dabei sah mich der Mann an.

»Machdirkennekopp! Alleshalvsuwild!«

Ohne Translator war das lediglich Wortsalat. Ich schlug eine Armlänge vor dem Mädchen an den Laufsteg an und zog mich aus dem Wasser. Jetzt konnten sie nicht an mir vorbei. Über den Kopf des Kindes hinweg reichte ich dem Mann ein Übersetzungsgerät aus einer wasserdichten Tasche an meinem Gürtel und machte ihm den Gebrauch vor.

»Was ist hier los?«

Unsicher hielt sich der Wächter das Gerät vor den Mund und erwiderte: »Sie arbeitet. Was soll los sein?«

»Sie arbeitet?«

»Ja«, erwiderte der Wachmann eindeutig verwundert über meine Begriffsstutzigkeit.

»Geben Sie mir das Gerät zurück«, forderte ich. Mein zorniger Bass übertönte beinahe die Worte aus dem Mikrolautsprecher. Ich hielt den Translator dem Mädchen hin. »Ich weiß, dass du ihre Sprache sprichst. Also, antworte mir. Was tust du da?«

»Arbeiten«, entgegnete das Kind. Ihre Stimme war ein singendes Flüstern unter der elektrisch generierten Übersetzung.

»Warum arbeitest du? Du bist ein Kind!« Wasser tropfte an mir herab. Es plitschte auf meine Füße.

»Ich arbeite«, antwortete sie stockend, »für Wasser.«

»Wasser?« Einfältig von mir gefragt.

»Für Wasser. Ich arbeite hier. Dafür bekommen meine Leute Wasser. Solange ich hier arbeite, haben meine Leute Wasser«, erklärte sie dem violetten Idioten von außerhalb.

»Du bist eine Sklavin?« Ich wollte es genau wissen.

»Das ist so Brauch.« Eine gruselige Begründung für den Besitz von Menschen, ausgespuckt aus der Box in ihrer schwieligen Kinderhand.

»Wie ist dein Name?«, fragte ich nach einer Pause.

Sie legte interessiert den Kopf schräg. »Liv«, sagte sie. »Mein Name ist Liv.«

6: VERTRAUEN

Wutentbrannt turnte ich durch das Schiff, nach oben, nach unten, ich rutschte über die Geländer herab und schlug im Vorübergehen gegen einen alten Container. Der konnte einiges vertragen und hatte bereits etliche Dellen von früheren Ausbrüchen ähnlicher Natur. »Warum hast du mir das verschwiegen?«, schrie ich in der Gegend herum. Über die Bordanlage hörte mich Jiminy überall. Wenn er wollte. »Das hättest du mir sagen müssen! Wir sind ein Team!«

Ein zirpendes Knacken aus einem Lautsprecher in der Ladebucht kündigte Jiminys Antwort an. »Du hättest sofort den Retter spielen wollen.« Es hatte eine nüchterne Feststellung sein sollen und klang doch wie eine Anklage. »Die Kolonne 50 hat nicht genug Platz, um jeden Hilfsbedürftigen aufzunehmen. Manche wollen gar nicht an einem Ort leben. Aber alle wollen sie Wasser. Das ist eine vernünftige Lösung. Sie nehmen einen auf, gegen die gelieferte Arbeitskraft gibt es eine bestimmte Menge Wasser. Da drin arbeiten alle. Das ist keine Sklaverei. Der- oder diejenige muss sich keine Gedanken mehr über Hunger oder Durst machen, Kinder lernen hier etwas, erhalten eine Ausbildung.« Eine Pause extra für mich zum Nachdenken. »Das ist keine Sklaverei. Das ist so ...«

»Ja, ist so Brauch!«, grunzte ich. Meine Beine stemmten sich gegen die irdische Schwerkraft. Ein Sprung in die Höhe, hin zu meinem Boxcontainer, ein Tritt, und die nächste Vertiefung deformierte den Transportbehälter.

Ich war nicht bereit, mich mit den Gegebenheiten abzufinden. Gedankenexperimente donnerten durch meinen Kopf. Nichts führte zu einem befriedigendem Ergebnis. Am Ende hatte Jiminy recht. Wir waren fremd hier. Wer war ich, dass ich binnen kürzester Zeit ein System auf den Kopf stellen wollte? Für eine einzige Person? Die ich nicht einmal kannte? Nur flüchtig gesprochen hatte. Einer, der sich auf die Fahne geschrieben hatte, professionell und kalt Aufträge zu erledigen, wofür andere zu unfähig waren. Der harte Brocken, der starke Bär, von dem eine nicht unbeträchtliche Anzahl Bewohner auf dem Mars gehört hatte. Gutes, Schlechtes und aus meiner Sicht immer irgendwie schmeichelhaft. Ein Krieger, ein Schmuggler, einer, der niemals aufgab. Letzteres gab mir wieder zu denken. Das widersprach meinem mechanischen Gewissen namens Jiminy. Indes, eine Lösung wollte mir nicht einfallen.

Die Nacht senkte sich erneut über unsere Hälfte der Erde herab. Schmollend hatte ich meinen Pilotensitz erklommen und starrte von dort aus der Sichtluke. Ich sah Sterne über der Wüste funkeln. Grünlich gedimmt strahlten die meisten abgeschalteten Instrumente dagegen an.

Im schummrigen Licht bemerkte ich die Annäherung von Pockels zuerst nicht. Ein krummer, wenig artistisch ausgeführter Satz, gleichfalls gegen die Schwerkraft angekämpft, brachte sie auf meine Schulter. Ihre aus Schuppen und borstigen Haaren bestehende Oberfläche rieb kratzig gegen meine Wange. Pockels knurrte verliebt.

Ich streichelte über ihren bunten Kragen. »Wo sind deine Jungen?«, nuschelte ich schläfrig. »Würdest du die auch gegen Wasser eintauschen?« Über die Sicherheitskameras holte ich mir ein Bild von Pockels' Wochenbett auf den Kontrollmonitor. Nicht weit von der Ummantelung des Fusionsreaktors entfernt, unter einem Dach aus rot lackierten Streben, rekelte sich ihr Nachwuchs in der wohligen Wärme. Fünf blinde Leguankatzen. Der erhöhte Zug an ihrem Körper schien ihnen nichts auszumachen. »Musst du die nicht füttern? Milch geben?«

Sie nieste in meinen Nacken.

Etwas Glibber floß meine Haut hinab. »Bah! Pockels!«, rief ich und stieß die Leguankatze von der Schulter.

»Bist du noch beleidigt?«, meldete sich Jiminy in das gekränkte Miauen von Pockels hinein.

Mein Schmusetier verschwand aus dem Cockpit.

»Würde es etwas ändern?«, schnauzte ich. Bedachte der Roboter Tonfall, Tonhöhe und Geschwindigkeit meiner Gegenfrage, sollte ihm meine Stimmung kein Geheimnis und seine Frage somit beantwortet sein.

»Ich habe den RIKTER-CODE einer neuerlichen Prüfung unterzogen. Unter Zuhilfenahme der jüngst gewonnenen Daten. Es ist interessant. Farbnuancen in den Quadraten sind ein Teil des Rätsels Lösung. Ich denke, nach meiner bisherigen Erkenntnis, dass neben einer Botschaft sich eine Ortsangabe darin verbirgt. Der RIKTER-CODE verweist auf ein Ziel irgendwo auf diesem Planeten. Ich denke, dass ich das schon bald genauer bestimmen kann.«

Selbstzufrieden lehnte ich mich in meinem Sitz zurück. »Wir haben nicht die Aufgabe übernommen, den RIKTER-CODE zu entschlüsseln. Wir werden nicht dafür bezahlt. Im Gegenteil! Wir könnten Ärger bekommen, wenn wir – du eine Lösung findest, von der wir nichts wissen sollen! Wer bringt uns denn jetzt in Schwierigkeiten? Hm? Wer? Wer, frag ich dich?« Ich schwieg eine Weile, während derer sich Jiminy einer Antwort ebenfalls durch Schweigen entzog. »Oder hast du einen zusätzlichen Auftrag angenommen? Etwas, von dem ich schon wieder nichts weiß?« Peinlich berührtes Knistern aus den Bordlautsprechern. Das war wenigstens meine Interpretation. »Jiminy?«

»Ich ...« Die Roboter-KI wand sich, versuchte es mit einer Fehlfunktion. Die letzte echte hatte er vor zwanzig Jahren gehabt.

»Hör auf damit!«, sagte ich.

»Darf ich eintreten?« Von der Kanzeltür her, elektronisch schüchtern vorgetragen. Sechs Gliedmaßen klackten über den Boden, mit vieren hielt er sich am Eingangsrahmen fest, als wolle er sich größer machen. Angesichts seines fragilen Aufbaus war das noch nie gelungen. Er versuchte, mich auf eine verspielte Art zu beeindrucken und krabbelte über den Rahmen hin zur Decke des Cockpits, krallte sich in den Vertiefungen der dort angebrachten Instrumente fest und baumelte genau über meinem Kopf. Seine acht optischen Einheiten glotzten auf mich herab. »Ich seh dir in die Augen, Kleiner«, brummte er.

»Lass den Unsinn!«, maulte ich. »Das zieht jetzt nicht.«

Er presste seine Optiken paarweise gegeneinander. Merkwürdig anzuschauen, wie er sich selbst die Sicht nahm. Ein Eingeständnis seiner Scham.

Das hatte bei meinen Eltern funktioniert. Mich fing er damit nicht ein. »Hör auf. Ich möchte bloß wissen, warum du mich hintergangen hast.«

»Tamati Tane gibt mir etwas für Erkenntnisse über den RIKTER-CODE.« Zwei optische Einheiten lösten sich voneinander und starrten auf mich nieder. »Als Gegenleistung verspricht er, elf Jahre meines gelöschten Datenspeichers wieder herzustellen. Elf wichtige Jahre, sagt er.«

»Wie das?«, fragte ich elektrisiert, weil ich wusste, wie viel ihm daran lag. »Woher will er die haben?«

Jiminy wagte es und legte die nächsten zwei Optiken frei. »Das wollte er mir nicht offenbaren. Allerdings hat er einen Beweis für die Existenz der Daten abgeliefert. Eigentlich waren es zwölf Jahre. Er hat mir eines zum Beweis geschenkt. Die Daten fügen sich nahtlos in meine ein. Unterbrochene Stränge, teils nur einzelne Pixel aus Bildern, Rasterlinien aus Holografien, Texte, verschollene Tagebücher deiner Großeltern, Tonfragmente sind plötzlich wieder da. Es passt, Bär. Alles passt.« Ein elektronisches Äquivalent von Aufregung überkam den Roboter. Jiminy nutzte meine nachdenkliche Minute zur Freilegung eines weiteren optischen Paares. Zu einem Viertel blind hob er schließlich an: »Und? Bär?«

»Und was?« Es mochte der allgegenwärtige Druck auf mir sein, dass es mir nur schwer gelang, meine Emotionen in eine verzeihende Richtung zu lenken.

»Mein Gedächtnis, Bär«, meinte Jiminy, »ich weiß nicht, wieso die Löschungen vorgenommen worden sind. Die eine Lösung könnte zur anderen führen.«

Ich grinste böse. »Und wenn du es gar nicht wissen sollst? Es selber gelöscht hast? Uns die Lösung nur Schwierigkeiten macht? Uns allen beiden? Hast du das bedacht?« Meine Fäuste hieben auf die Lehnen des Pilotensitzes. »Natürlich hast du. Seltsam genug, dass es dir egal ist! Jiminy, wir müssen dringend an unserer Komunikation arbeiten.«

Alle acht Optiken des Roboters gafften mich an. Zwei der Einheiten stellten sich über kreuz.

Als ich die Kanzel mit der Eleganz eines fußkranken elysischen Büffels verließ, hing er, eingefroren in der Bewegung, an der Instrumententafel für die Startsequenz und sinnierte vor sich hin.

7: KRIEG

Der nächste Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, brachte althergebrachte Schlepperei von Ersatzteilen, Metalle, die ich in der Werkstatt in die benötigten Formen zu schmelzen gedachte. Wasser pumpte derweil aus dem Reservoir in unsere Vorratsbehälter. Es würde guttun, frisches, neues Wasser zu trinken. Obwohl die Aufbereitungsanlage bestens arbeitete. Aber da ich wusste, woher das tägliche Wasser kam, welchen Weg es genommen hatte, ging mit ungebrauchtem Wasser nicht nur eine geschmackliche, sondern auch eine gedankliche Wohltat einher.

Babbellies zeigte sich großzügig, nachdem ich ihr erklärt und gezeigt hatte, wo überall in der Zisterne Bruchlöcher und Risse existierten und wie der Spezialzement anzufertigen, die Löcher danach zu verschließen seien, damit die Mischung aushärtete. Eine in Goldblech eingebrannte Übersichtskarte der Zisterne markierte für die Gemeinschaft die zu reparierenden Stellen. Ich übergab ihr zwei Masken, die für dauerhaftes Tauchen umgebaut waren, beschrieb die Verwendung und wie alles nach Gebrauch zu reinigen war. Babbellies nickte zu den Geschenken, lächelte freudig und bedankte sich mit einem intensiv ausgeführten Händeschütteln, das in mir die Befürchtung weckte, sie wolle mich nie wieder loslassen. »Bär«, meinte sie flüsternd. Das Übersetzungsgerät raspelte dasselbe Wort mit der Feinfühligkeit eines Schneidbrenners darüber. »Bär, ich bedanke mich im Namen der Kolonne 50. Sie werden uns immer willkommen sein.«

Ich deutete eine Verbeugung in der Enge der Beratungskammer an. »Leider kann ich nicht mehr für Sie tun. Ich habe keinen Spielraum in meinem Zeitplan.«

Babbellies bot mir an, zu meiner bevorstehenden Abreise ein irdisches Essenspaket zu schnüren. So könne ich die Inhaltsstoffe an Bord zuvor einer Prüfung unterziehen, ob Allergene oder sonstige für mich unverträgliche Zutaten darin waren.

Die öffentlichen Einrichtungen, all jene Anlagen einer Gemeinschaft, in denen die Verrichtungen zum Erhalt einer Gemeinde stattfinden, vornehmlich Energiegewinnung, Produktion und Lagerhaltung, waren mir gezeigt worden. Nun führten die Treppen noch tiefer in die Eingeweide der Erde hinab, und je weiter es hinunter ging, desto älter waren die Gänge, poröser. Nachrichten waren ins Gestein geschlagen worden. Netze aus Linien, zackig wie ein Schaltplan, auf rechteckig gestreckten Plaketten. Farben darüber geschmiert, einst unterschiedlich, jetzt alles Grau in Grau, verschnörkelt. Ich erkannte Worte. Kacke und Crap hatten es ins Marsianische geschafft. Herzchen, aufgerissene Mäuler, explodierende Körper. Kurz vor der untersten Ebene, vor den Gemeinschaftsräumen, wo das Treppenhaus heller wurde, waren die Bilder an den Wänden besonders schräg und zeugten von dem, was Menschen einander antun können. Oder einstmals getan hatten.

»Bilder und Nachrichten des Krieges«, erläuterte Babbellies. »Wir haben diese Graffitis nie entfernt. Werden es auch nicht. Die Vergangenheit soll uns eine ewige Mahnung sein.«

Mein Zeigefinger deutete auf ein sehr grausames Abbild von Folterungen, vielleicht eine massenhafte Gefangenenhinrichtung. Die Gepeinigten waren von Figuren in einheitlicher Kleidung, Uniformen, umgeben. »Das da ist doch eine Fantasie? Oder Propaganda?«

Die Vorsteherin schüttelte betrübt den Kopf. Was hätte sie auch sagen sollen?

Es war äußerst surreal, dort zu stehen, die Niederungen menschlicher Eigenschaften zu betrachten, und gleichzeitig wurden einem Essensdüfte in die Nase geweht. Ich betrat nach Babbellies einen breiten und sehr gestreckten Korridor, welcher der Länge nach von zwei Vertiefungen geteilt wurde. Darin standen Tische, unterschiedliche Sitzgelegenheiten, viele belegt mit Erwachsenen und Kindern im vorherrschenden Kleidungsgrün. Unter letzteren entdeckte ich das Mädchen Liv. Nichts an ihrem Verhalten ließ vermuten, dass sie vor Kurzem noch nicht dazu gehört hatte. Dank ihres weiß geschminkten Gesichts hätte ich sie fast nicht erkannt. Teller und Schüsseln waren vor ihnen platziert. Die Menschen aßen, schwatzten, ein freundlicher Singsang erfüllte das Gewölbe. An einer Reihe von Kochstellen holten andere einen Nachschlag. Das Essen sah appetitlich aus, was nicht hieß, dass ich es vertrug.

»Vieles ist auf Algenbasis. Wir essen sie oder düngen mit getrockneten Algen. Wir haben Früchte, Getreide, Gemüse. Von Karawanen handeln wir mitunter Milch ein«, sagte Babbellies.

»Milch?«, fragte ich erstaunt. »Von welchen Tieren?«

Die Vorsteherin sagte ein Wort. Der Translator ließ es unübersetzt, wiederholte es bloß. Sie ahnte meine Ratlosigkeit wohl und ahmte die Konturen des milchgebenden Tieres mit den Händen nach.

»Kamelartige?«, entfuhr es mir verblüfft. Ich skizzierte in der Luft den Kopf dieser merkwürdig aussehenden Geschöpfe und erntete ein von einem Lächeln untermaltes Nicken. Daraufhin stutzten wir beide.

Zuerst war es ein mehrsekündliches, noch piepsiges Heulen aus der Dunkelheit des Tunnels, an dessen finsterem Schlund der Küchenbereich der Gemeinschaft endete und zwei Wachen standen, welche die bescheidene Völlerei im Blick behielten. Nichts zum Ernstnehmen, dachte ich. Ein Ruf des Kochs zum Nachtisch, oder so. Aus dem leisen Geheule, auf das niemand reagiert hatte, wurde eine gräßliche Sirene, die jedes Gespräch erstickte, Körper zum Erstarren brachte und Besteck und Geschirr aus zittrigen Händen fallen ließ.

»Wir werden angegriffen«, schrie Babbellies. Laut genug für den Translator, ihre Stimme aufzufangen und den Inhalt zu übersetzen.

Ich sah mich schockiert um. Im Gegensatz zu mir wusste jeder um das richtige Verhalten in einem solchen Augenblick. Ich beschloss, mich nach Babbellies zu richten. Die gab mir Zeichen. Ich rannte ihr hinterher. Wir drängten uns die engen Gänge hinauf. Die kleine Vorsteherin verschaffte mir, dem violetten Brocken unter all den grünen flatternden Gestalten, ausreichenden Raum. Keuchend, die verdammte Atemmaske im Gesicht, überwand ich zwei, drei Stufen mit einem Schritt. Vorangepeitscht von der klagenden Sirene. Schüsse hallten von unten herauf, Querschläger pfiffen, Schmerzensschreie überlagerten die Knallerei. Ich hatte mein Messer, auch geglaubt, ich werde nichts anderes brauchen. Mein Verzicht auf Schusswaffen rührte von den guten Erfahrungen zu Beginn her. Die eingeschworene Gemeinschaft gedieh unter einer Kuppel ausgeklügelter Sicherheitssysteme. »Jiminy«, rief ich in den Kommunikator, »die Zisterne wird angegriffen. Unterirdisch.« Es krachte von oben. »Und von der Oberfläche!« Feinstes Rauschen antwortete mir. War ich zu sehr durch das Gestein abgeschirmt? »Jiminy?« Ein paar Stufen höher angelangt, versuchte ich es erneut. »Jiminy? Hörst du mich?«

Einige Verantwortliche scharten sich um Babbellies. Sie erhielten von ihr Befehle. Die ersten Einheimischen mit Schusswaffen verteilten sich unter den Fliehenden. Die Menschen liefen zu den Produktionsstätten und den Wasserrädern, den Herzstücken der Gemeinschaft. Immer mehr Erwachsene mit Gewehren kehrten aus Seitengängen zurück und schirmten die Flüchtenden gegen die nachfolgenden Eindringlinge aus dem Tunnel ab. Feuerblitze und Geschossknallen kündeten vom Aufholen der Angreifer. Einzig die schmalen Gänge verlangsamten ihre Attacke und gab den Verteidigern die Gelegenheit, sich an Ecken und Treppenabsätzen einzuigeln.

»Jiminy? Jiminy?« Ich war noch ein paar Stufen nach oben gelaufen. Eine Mutter und ihr Kind hatte ich mir dabei einfach rechts und links unter den Arm genommen und setzte sie etliche Meter entfernt vom Getümmel ab. »Jiminy?«

Im Ohr kratzend tönte der Roboter aus dem Kommunikator: »Bär? Endlich höre ich deine Stimme! Das Signalzeichen schlug in den letzten Minuten aus, eine Übertragung fand aber nicht statt! Ich habe mir Sorgen gemacht!«

»Wir werden angegriffen, Jiminy! Kannst du von draußen sehen ...«

Mein robotischer Freund ratterte dazwischen: »Die Karawanenmenschen. Mehr als bei unserer Ankunft. Annähernd sechzig. Sie haben das Tor gestürmt. Sie ignorieren die SCHILDKRÖTE III und sind nur mit der Zisterne beschäftigt.«

Eine Kugel schlug neben mir ein. Die Betonwand unter einem der Graffitis zersplitterte neben meinem Kopf. »Das ist – Jiminy! Hier wird’s brenzlig. Die kommen von unten. Wie haben die ...«

»Ich habe herausgefunden, was die von Babbellies so genannten Bunkeranlagen sind, Bär. Die Rekonstruktion alter Schienenwege legt nahe, dass es sich um ehemalige Bahnhöfe einer Untergrundbahn handelt. Von da aus haben die Einheimischen uns beobachtet. Beobachten sie alles. Sie gehen unter dem Sand durch, geschützt. Einer der Bahnhöfe muss eingenommen worden sein. Was wirst du tun?«

Ich riss die Augen auf. Ein Mann hatte sich zu weit aus der Deckung gewagt und wurde von mehreren Kugeln durchsiebt. »Was ich – was kannst du tun? Jiminy? Mit der Bordkanone?«

»Ich fürchte, Bär«, erwiderte Jiminy sachlich, »wenn ich das Gaussgeschütz abfeuere, werden die Geschosse mehr Schaden an der Zisterne anrichten als alles andere. Dieser marode Beton hält den Einschlägen kaum stand. Kurzum, ich habe keine Möglichkeit dir beizustehen.«

Noch geduckt, gab ich ein perfektes Ziel ab. Trotzdem versuchte ich es, hielt mich so gut es ging aus der Schusslinie. Die Angreifer nahmen derweil Verteidiger weiter die Treppe runter, zum Tunnel hin, unter Feuer. Meinen Vandalenkrawall vermissend, nahm ich das Gewehr des Gefallenen an mich. Eine simple Konstruktion, auf Robustheit ausgelegt, ein durchsichtiges Magazin zeugte noch von knapp dreißig Patronen. Ein Dutzend Karawanenleute wollte aus dem Kellergewölbe der Kolonnenanlage die nächste Etage stürmen. Ich stellte mich breitbeinig hin, verdammt wütend bis in die pochenden, dunkelvioletten Schläfen, brüllte bärenhaft vom Grunde meiner Kehle und mähte einen Feuerstoß über die Köpfe der Verteidiger hinweg in die Angreifer. Sekundenlang schien jeder Mensch, wie zu Stein erstarrt, auf seinem Platz zu verharren. Die Männer der Kolonne 50 fingen sich schneller als die Nomaden aus der Wüste. Wo die Munition fehlte, droschen die Verteidiger mit den Gewehrschäften auf die Eindringlinge ein. Auf beiden Seiten wurden Messer gezogen. Ich sah einen gänzlich waffenlosen Mann. Sein weiß geschminktes Gesicht hieb mit der Stirn gegen die bedrohlich verzerrte Fratze eines Angreifers. Dann biss er dem anderen die Nase ab. Einer der Nomaden packte haltsuchend eine Leuchtstoffröhre. Sie barst unter seiner Hand, Finger gerieten an die Stromzufuhr. Er riss den Mund zu einem fürchterlichen Gebrüll auf. Kleine blaue Blitze tanzten über sein Gebiss, Rauch stieg auf. Als der erbitterte Abwehrkampf die erste Angriffswelle zum Erliegen brachte, etliche Minuten des Hauens und Stechens später ein Ende absehbar war, und einige Nomaden ihre bloßen Hände zum Zeichen der Aufgabe über die Köpfe hoben, scheuchten mich meine Gastgeber zu den Zugängen der Zisterne hinauf. Der Kampf war noch nicht beendet.

»Jiminy? Hörst du mich?« Hastig überwand ich die nächste Passage und fand mich eine Etage höher wieder. Der Klangteppich des Gemeuchels erstarb in meinem Rücken. Mein Atem ging schwer. »Jiminy?«

»Bär!« Kristallklar tönte mein Name aus dem Kommunikator. »Bär, was geht da vor? Geht es dir – bist du verletzt?«

»Der Angriff aus dem Tunnel! Sie halten ihn auf. Was oben – bin gleich da.« Mein Dasein wurde auf eine harte Probe gestellt. Meine Muskeln reagierten zunehmend widerwillig gegen die für sie unnatürliche Anstrengung. Es wurde dunkler. Zu Beginn dachte ich, mir würde schwarz vor Augen. Aber es war die Beleuchtung. Die Leuchtstoffröhren waren ausgeschaltet worden, absichtlich, wegen eines technischen Defekts oder aus taktischen Erwägungen. Mir war es einerlei, denn im nächsten Moment schlug etwas im düster rötlichen Notlicht gegen meine Schulter, kein Geschoss, sondern ein Mensch. Eine Faust traf mein Kinn eine Sekunde darauf. Blindlings prasselten meine Hiebe zur Antwort auf den Fremden nieder. Wir umfassten uns, pressten uns gegenseitig die Luft aus den Lungen, nach Art hellenisch-marsianischer Ringer, und wankten geradewegs auf das Bassin zu. Ich kann nicht mehr sagen, woher es plötzlich in unser Sichtfeld gelangte oder wie wir in die Nähe des Reservoirs gekommen waren. Nach Luft zu japsen und zur selben Zeit von der Schwerkraft niedergedrückt zu werden, vertrug sich einfach nicht mit einem ungetrübten Sehvermögen. Ich roch das graugrüne Tuch meines Gegners, nach einem gemeinsamen Taumeln nicht einmal mehr das. Der nächste Schritt brachte uns über den Rand der Zisterne hinaus und hinein ins Wasser. Wir wanden uns auf Leben und Tod, jeder versuchte den anderen in den Griff zu bekommen. Mir gelang es, den Gegner an den Schultern herabzudrücken. Ich war in meinem Element. Wasser ist nur vage vergleichbar mit dem Vakuum des Alls. Es gibt Widerstände. Dennoch bewegte ich mich leichter, teils vom Druck befreit. Der Mann wollte nicht aufgeben. Es gelang ihm, sich an meine Beine zu klammern, eine Klinge reflektierte Licht. Ich gab seine Schultern frei, tastete nach seinem Hals, bekam Kettenglieder zwischen die Finger. Sie riss nicht, so sehr er auch zerrte, um sich zu befreien, also drehte ich an ihr, schraubte sie enger und enger um den Hals des Feindes. Niemals war der Mann ein Schwimmer, der Kerl war ein Wüstennomade. Er hatte keine Ahnung von Atemtechniken, keine Ahnung, wie sich Kleidung mit Wasser vollsog und tonnenschwer an einem hing. Ihm wurde der Sauerstoff knapp. Bläschen sausten an mir vorüber in die Höhe, blubberten aus seinem erschreckend weit aufgerissenen Rachen, der nach Luft schnappte und Wasser in die Lungen soff.

Wir haben diesen Spruch auf dem Mars. Wenn dich ein Gepardenraptor ins Wasser verfolgt, halt dich an ihm fest, tauch unter und das einzige, was du tun musst, ist länger die Luft anzuhalten als er. Wahrscheinlich hat jede Kultur eine ähnliche Weisheit mit einem räuberischen Fleischfresser.

So wartete ich eine kleine Weile und sah ihn neugierig an. Jeder reagierte anders auf Auswegslosigkeit. Die Augen meines Gegners quollen hervor, die Zunge zappelte. Seine Kräfte erlahmten, die Griffe an meiner Schulter, meinem Arm lösten sich. Sobald ich sicher war, dass ich nicht mehr mit einer Gegenwehr rechnen musste, packte ich ihn am Stoff um seinen Nacken und gemeinsam brachen wir durch die Wasseroberfläche.

Von den Gitterrosten rings um das Reseroir hatte man das Schattenspiel unseres Zweikampfes beobachtet. Ohne dass jemand auf den Gedanken verfallen wäre, mir zu helfen. Nun, ich war ein Fremder, ein geduldeter zwar, aber ein Fremder. Warum für so jemanden sein Leben riskieren? Letztendlich half man uns beiden aus dem Wasser. Mir mit ausgestreckten Händen und einem aufmunterndem Grinsen im weiß verschmierten Gesicht, ihm, indem man ihn aus dem Bassin riss, ungeachtet dessen, wo sein Kopf und seine Extremitäten überall anschlugen.

Wasser perlte mir aus den Ohren. Meine patschnasse Stachelfrisur hing mir strähnig über die restliche Glatze.

»Drietsackjesich«, raunte jemand in meiner Nähe und trat dem bewusstlosen Nomadenanführer in die Seite. Keine Ahnung, was er gesagt hatte, aber irgendwie konnte ich es mir denken.

Ein anderer aus der Kolonne 50 zog dem Gefangenen die Kette über den Kopf, bedachte das Medaillon daran mit einem prüfenden Blick und warf es mir zu. »Vüürdämüssjöh!«

Ich nickte dankend. Eine Trophäe, kreisrund, ungepflegt, golden unter einer Schmutzschicht. Im Zentrum eingraviert ein Kreuz, darüber, nachträglich eingekratzt eine mir unbekannte Sternenkonstellation. Darunter, am Rand, eingelassen, drei lilafarbene Schmucksteinchen. Ich steckte das Medaillon ein. »Jiminy? Jiminy, hörst du mich.« Meine Stimme krächzte, noch belegt vom Wasser und einem klebrigen Sekret in Nase und Hals, eindeutig mit Blut vermischt, wie der metallische Geschmack im Mund verriet.

»Bär? Du lebst!« Elektronischer Jubel. »Bär? Ich nehme doch an, du wirst diesem Ort jetzt den Rücken kehren und an Bord der SCHILDKRÖTE III zurückkommen?«

Ich sah mich um. »Da spricht wohl nichts gegen. Gebadet habe ich ausgiebig. Sportlich betätigt genauso. Ich sollte einen Gang in die Gravitationskammer ausfallen lassen können.«

»Versuchst du witzig zu sein, Bär? Denn es ist nicht witzig.«

»Jiminy, keine Vorwürfe, ja?« Ich seufzte. »Stehe jetzt auf und bin auf dem Weg.«

8: ABREISE

»Dünger.«

Meine fragende Kopfneigung stand universell für Unverständnis in unserem Sonnensystem und wurde wortlos verstanden, so dass Babbellies ihre Aussage wiederholte.

»Dünger.«

Die Steigerung meines Nichtverstehens durch ein sachtes Kopfschütteln rang ihr eine traurige Miene ab. Über meine, ihrer Meinung nach, Dummheit? Ich zwang mich zur Zurückhaltung.

»Dünger«, sagte sie. »Das ist sein Schicksal. Wir können es uns nicht erlauben, jegliches Quäntchen Rohstoffe zu verschwenden. Der Wüstensand ist unfruchtbar und toxisch. Nach seiner Hinrichtung wird der Skorpion zu Dünger für Nährlösungen verarbeitet, die wir in unseren hydroponischen Gärten einsetzen.«

»Skorpion, wie? Er nennt sich – nannte sich – der Skorpion?«

»Ja.« Die Frau lächelte mich an. Ich kam nicht umhin bei ihrem Anblick an einen Clown zu denken. Unsere Pierrots auf dem Mars verwendeten den gleichen Trick zur Verfremdung, wenn die Festumzüge unserer Befreiungstage stattfanden. Es machte sie alterslos. »Der Bär schlägt den Skorpion«, führte Babbellies aus. »Ein gutes Bild. Wir werden es bewahren.«

Ich überlegte. Ich taugte nicht als Wandikone. Das Schicksal des Skorpions war nicht der wahre Grund für meinen letzten Besuch in der Kolonne 50. Einer der Wachleute hatte mir ein Gerücht zugetragen. »Das Mädchen. Liv, so heißt sie. Die auf der Flucht war. Die ich in der Wüste gerettet habe. Ich habe gehört, sie hat mit den Nomaden zusammengearbeitet?«

Babbellies' Gesichtsausdruck geriet undeutbar für mich. Ihre Schminke begann einzutrocknen. Ein Stirnrunzeln zersplitterte die Maskerade in unschöne Risse. Ein Schmunzeln verwandelte sich in Charons Fratze, des Fährmanns, der die Verstorbenen ins Totenreich brachte. Nicht, dass ich daran glaubte, wie überhaupt an keinen Gott oder Dämon oder einen ihrer Helfershelfer. Auf der Schiffshülle der SCHILDKRÖTE III stehend, hatte ich zu allen Seiten ein Meer von Sternen tanzen sehen. Keine Götter. Wir feierten sie bloß, damit es etwas zum Feiern gab. »Liv hat uns verraten«, sagte Babbellies und unterbrach meine abschweifenden Gedanken.

Wir schlenderten die umlaufende Anlage des Reservois entlang. Die Vorsteherin erzählte mir von dem kleinen Trick, den die Nomadenbande vor den Beobachtungsposten abgezogen hatten, so dass jedermann annehmen musste, Liv sei vor diesen Leuten auf der Flucht. Das sollte Vertrauen schaffen und Liv frühzeitige Bewegungsfreiheit innerhalb der Drachenzähne geben. Ich quittierte diese Information mit einem beschämten Zähneknirschen. Tröstend war einzig, dass die Bewohner der Kolonne 50 der gleichen Täuschung erlegen waren. Die Wüstenbewohner hatten nicht gewusst, von wo man ihnen nachspionierte. Das umfangreiche Wissen der Kommune dessen, was im Umfeld der Zisterne alles geschah, ließ die Nomaden einen oder mehrere Beobachtungsposten erahnen. Eine heimliche Suche über Monate hinweg war ergebnislos geblieben. Daher der Plan, eine traditionelle Übereinkunft zu riskieren, für den einen Überfall, der sie in den Besitz der Zisterne bringen sollte.

»Sie haben unsere Erinnerungswand gesehen. Wir werden der Chronik unserer Kämpfe einen weiteren Sieg hinzufügen.«

»Und Liv? Was geschieht mit ihr?«, wollte ich wissen.

»Sie ist ein Kind«, antwortete Babbellies.

»Ja«, entgegnete ich zögerlich.

»Wir können kein Kind hinrichten«, stellte die Vorsteherin fest und bemerkte mein befreites Aufatmen, nur um meine Erleichterung mit dem nächsten Atemzug zunichte zu machen. »Wir setzen sie aus. Ein Akt der Milde.«

Babbellies verstand ihre Aussage als echte Begründung, keinesfalls meinte sie es spöttisch. Es widersprach einem ungeschriebenen Kodex der Gemeinschaft, ein Kind einer Erwachsenenstrafe zu unterziehen. Selten nur wurden solche drakonischen Strafen überhaupt in Erwägung gezogen. Ein Kind beging keine Morde. Falls es doch einmal einen Zusammenhang mit einem Jugendlichen gab, waren stets Unfälle die Ursache von Toten, und niemals steckte Absicht dahinter. Innerhalb der Kolonne 50 war die atmende, intelligente und gesunde Existenz ein nahezu heiliges Gut. Wahrscheinlich, weil so wenig davon zu ihrer Kommune gehörten. Aber jedem Verantwortlichen war bewusst, dass dem Mädchen Liv nie mehr vertraut werden konnte. Ihr Mitwirken an dem Angriff, der elf Erwachsenen und zwei Kindern der Gemeinschaft das Leben gekostet hatte, war allgemein bekannt. Dergleichen würde ihr niemand verzeihen.

»Sie ist ein Kind.« Ein Fakt, wie ein Vorwurf in Babbellies' weiße Fratze geschleudert. Atemlos gezischt, denn ich hätte lieber vor Wut gebrüllt. Jiminys Unterricht in Diplomatie behielt die Oberhand. Noch. Immerhin übertrug der Translator meinen Einwurf mit der gleichen absoluten Emotionslosigkeit, die mir von der Vorsteherin entgegenschlug.

»Ja«, erwiderte sie ungerührt.

»Ich kann sie stattdessen mit an Bord nehmen und weit, weit fortbringen.« Kaum war der Vorschlag ausgesprochen, wusste ich, was sich daraus ergeben würde. Ärger. Seitens Jiminy. Eine Tirade aus Einwänden würde auf mich niederprasseln wie ein Eisregen auf dem Jupitermond Europa. Seitens Liv. Ich konnte ihre Zornes- und Verzweiflungsschreie schon jetzt auf dem ganzen Schiff hören. Und wenn sie den Umgang mit dem Übersetzungsgerät vernünftig lernte oder sofort unsere Sprache, sogar verstehen.

»Weit? Wie weit?«, fragte Babbelies.

»Weg von der Erde«, lautete meine Erwiderung. Ich wusste nicht, wieso ich so geantwortet hatte. War es, weil mich das widerspenstige Ding an mich erinnerte? An den jungen Kootenai Brown, Anführer einer Jugendbande. Dem man eine zweite Chance gegeben hatte. Eine Ausbildung. Ein Ziel. Im Geiste vernahm ich Jiminys Begründung. Weil die Familie der Browns angesehen auf dem Mars war. Keine dahergelaufenen Verbrecher. Vor allem keine Mörder.

Babbellies starrte mich lange aus wässrig umwölkten Augen an. Zweifel, Interesse, Trauer waren darin zu lesen. »Wenn sie es selber möchte. Wenn sie mit zu den Sternen reisen möchte und nie zurückkehrt. Dann sollen Sie, Bär, Ihren Willen haben.«

Das Gefängnis der Drachenzähne war ein wenig genutzter Ort. Ein vergorenes Gebräu aus Algen und kostbarem Holz verschaffte der Einrichtung manchmal Insassen zur Ausnüchterung. Ansonsten standen die Handvoll Zellen leer. An diesem Tag hielt sich nur Liv hinter einem der Gitter auf.

Die Vorsteherin wies wortlos zu der Gefangenen. Babbellies machte bereits Anstalten, den Vorraum zu den Zellen zu verlassen, da berührte sie mich schmetterlingsgleich am Arm und sagte: »Seien Sie vorsichtig.« Anschließend händigte sie mir den Translator sowie den Zellenschlüssel aus und verschwand über eine Treppe nach oben.

In meinem Hirn war ein Wortschwall geboren worden und gestorben, ehe ich diese Abteilung betreten hatte. Worte des Trostes, Erheiterung, Motivation. Warum ich das tat. Welches Leben sie erwartete. Wie das Leben über den Wolken war. Sein konnte. All das war am Ende Unsinn. Es lief auf viel weniger hinaus. Ich reichte Liv das Übersetzungsgerät. »Du weißt, dass deine Leute tot sind? Alle? Du weißt, was die Kolonne 50 mit dir vorhat? Welches Urteil die Gemeinschaft über dich gefällt hat?«

Sie nickte. Die puppenhaft weiße Maskerade blieb unbewegt.

»Wir, Jiminy und ich – du hast Jiminy kennengelernt – wir können dich von hier fortbringen. Weg von der Erde. Da oben hin. Zum Mond, zu den Sternen. Oder – wir finden anderswo ein Zuhause für dich. Auf der Erde. Wenn du willst. Die Erde ist groß. Am Ende steht auf jeden Fall, dass du überlebst.«

Neuerliches Nicken, ein Schimmer von Hoffnung in den Augen.

»Es ist einfach. Du bleibst, du stirbst. Du kommst mit, du lebst«, fasste ich zusammen. »Wie entscheidest du dich?« Das waren die Worte meines Vaters gewesen. Vor langer Zeit.

Bevor Liv antwortete, wischte sie an der weißen Schminke auf ihrem Gesicht herum. Graue Striemen durchzogen die cremeartige Substanz, machten sie häßlich, monströs, bedrohlich. Wie sie auf ihrer Pritsche saß, die Knie bis zu den Schultern hochgezogen, ähnelte sie den Schattenwichten des Mars oder den Strahlungsversehrten in den Umlaufstationen von Ganymed. Jiminy hätte dieser Anblick zu einer heftigen Argumenation veranlasst, warum es besser wäre, Liv nicht mitzunehmen. Das Mädchen säuberte ihre Hände an ihrer Kleidung. Ein paar helle Flecken, auf Nase, Stirn und Kinn waren übriggeblieben. Sie zupfte den Translator aus einer Stofffalte an ihrer Halsbeuge. Kurz betrachtete sie das Gerät. »Ja«, sagte sie daraufhin, ohne die Übersetzungsmatrix in Anspruch zu nehmen.

»Gut«, entgegnete ich.

Wahrscheinlich hatte Jiminy an Bord begonnen, den Lehrmeister zu spielen. Ja. Nein. Da. Hier. Oben. Unten. Zuversicht erfüllte mich. Ein starkes Gefühl. Ein gutes Gefühl. Aus dem heraus ich Jiminy überzeugen wollte. Flugs war Liv mit einer Schlüsseldrehung aus ihrer Zelle befreit. Ich drehte ihr den Rücken zu. Vertrauen gegen Vertrauen. Die labyrinthartige Anlage war in manchen Bereichen, solchen, die der öffentlichen Sicherheit dienten, mit Wegweisern versehen. Deshalb stieg ich mit sicheren Schritten und frohen Mutes voran. Das Konzept von Loyalität gehörte zu den Dingen, die mich in der Vergangenheit in Schwierigkeiten gebracht hatten. Familiäre Bande, getragen vom selben Konzept, waren es gewesen, die mich von zerstörerischen Pfaden erretteten. Ich verstand, was Liv bewogen hatte, für ihre Leute einzutreten. Sie kannte nichts anderes in ihrem Leben. Dachte ich gerade – als sich, vor einem Torbogen stehend und das von den Wänden funkelnde Wasser der Zisterne vor Augen, mir die Nackenhaare aufstellten und ich den Geruch des Kodiakbären um mich herum wahrnahm. Mein Totem – es warnte mich! Nicht in letzter Sekunde. Nein, sanft, voller Enttäuschung. Soldatisch, auf dem Absatz schwang ich zu Liv herum, erwartete sie mit einem Schlagwerkzeug vor mir verharren zu sehen, noch in der Bewegung gefangen, aufgehalten von der Überraschung, ganz sicher nicht von einem schlechten Gewissen. Liv hingegen war zu einer ängstlichen, waffenlosen Statue eingefroren. Angriffslustig, von Urinstinkten befeuert, war ich es, der violette Klotz, der sie zum Fürchten brachte. Und ich verstand nicht wieso. Plötzlich sprangen sie aus ihren Verstecken hervor, uninteressiert an dem Marsianer, nur auf Liv fixiert. Drei Kinder, so groß wie das Mädchen, einheitlich gekleidet wie alle hier, Knüppel aus Werkzeugabfall in den Händen, von schaurig entschlossener Stille umgeben. Ich war zu perplex, um sogleich zu reagieren. Die Hiebe schwangen unkordiniert auf Liv zu. Zwei der Kinder behinderten sich gegenseitig, trafen einander an den Unterarmen. Eines jaulte vor Schmerz auf. Seine improvisierte Waffe polterte zu Boden. Ein kaputter Lötkolben krachte dem Mädchen vor den Oberkörper. Liv purzelte rückwärts vom Treppenabsatz. Ihr Hinterkopf knallte auf die Kante einer Stufe. Gegen Kinder zu kämpfen, widerstrebte mir. Ich war kräftig und schnell genug, diese Möchtegernattacken auf andere Weise zu unterbinden. Ich packte eines am Nacken, warf es mir über die Schulter, ignorierte das Fäustegetrommel auf meinem Rücken, schnappte mir das zweite, das gegen das dritte Kind, zufällig und in irrer Panik, austrat und ein Schienbein erwischte. Den zweiten Tölpel klemmte ich unter dem Arm ein. Den dritten, noch auf einem Bein tanzenden Hilfskrieger hielt ich am Genick in einer säuerlich blau verfärbten Pranke, marschierte stracks die letzten Meter zum Bassin und schleuderte sie überhaupt nicht freundlich hinein.

»Kann mal jemand die Bande rausfischen?«, schrie ich wütend quer durch die Halle, ohne Benutzung des Translators.

Aus dem Augenwinkel sah ich jenseits des Beckens einen Mann, der sich mit meiner Tauchermaske vertraut zu machen schien. Aufgeschreckt vom Platschen der Kinder glitt er ohne Ausrüstung ins Wasser und paddelte ungelenk zu den unglücklichen Rabauken hinüber. Sie würden alle absaufen, war mein erster Gedanke. Die ungewöhnlichen Geräusche lockten weitere Mitglieder der Kolonne 50 an. Nach und nach versuchten mehrere Erwachsene die drei Kinder aus dem Reservoir zu bergen. Quälend langsam gelang die Rettungsaktion. Inzwischen war ich um das Wohlergehen von Liv besorgt, die, eine Blutung am Hinterkopf, bewusstlos auf der Treppe lag. Immerhin bot sie mir auf die Art einen Vorwand, sie an Bord der SCHILDKRÖTE III zu tragen, in die Krankenstation, und Jiminy aufzufordern, er möge seine ärztlichen Fähigkeiten spielen lassen. Weil man sie in der Kommune nicht auf eine Gehirnerschütterung untersuchen könne. Eine Notlüge von mir. Natürlich. Die er bemerkte, kaum dass sie mir über die Lippen gekommen war, und er sich davon überzeugt hatte, dass faktisch wirklich eine Gehirnerschütterung vorlag.

Es ist nicht einfach, jemanden hereinzulegen, der den Puls eines Marsianers hören, seine Atemfrequenz zählen, Schweißausdünstungen, Körpertemperatur und Hautverfärbungen aus der Entfernung messen kann.

»Du willst sie mitnehmen? Wie es dir gleich zu Anfang in den Sinn kam, Mr. Brown, gib es nur zu.« Der Roboter gab sich jovial, und das beunruhigte mich sehr.

Liv lag auf der einzigen Bettstatt unserer Krankenstation, den Kopf auf die rechte Wange gedreht. Eine Platzwunde klaffte, Blut floss keines mehr.

Jiminy säuberte die Verletzungsstelle chirurgisch präzise und sorgfältig. Die Roboter-KI ahnte nicht, wie sehr sie sich durch ihr Verhalten verriet. Jiminy hatte bereits ein neues Besatzungsmitglied vor sich. Eigentlich war jede weitere Argumentation überflüssig. Ein medizinisches Vielzweckgerät, von Jiminy in Zeitlupe geführt, verschloss das Gewebe mit einer glänzenden Naht. Danach verabreichte er Liv ein Schmerzmittel. »Sie wird eine ganze Weile ruhen. Die Aufregung, Schock, Schmerz. Das braucht Zeit. Sie wird das verkraften.«

»Den Verlust?«, fragte ich leise.

»Sie wird es lernen«, konstatierte der Roboter. Behände fixierte er Liv mit einem Brustgurt auf der Liege, damit sie nicht herunterfiel, sobald sie sich rührte. Würde sie wach werden, war es ein Leichtes für sie, die Schlaufen selber zu lösen.

»Was willst du?«, lautete meine logisch abgeleitete Frage.

»Was ich will?« Es stand einer Roboter-KI niemals gut zu Gesicht, sich dumm zu stellen.

Daraus konnte eine unnötige Reparatur resultieren. Eine grimmige Eingebung. Ich behielt die blödsinnige Drohgebärde für mich. Was würde ich denn ohne Jiminy machen? »Wenn Liv an Bord bleibt. Du hättest schon protestiert! Aber du willst etwas im Ausgleich? Was ist das?«

Geheimnisvoll legte Jiminy eine Fingerimitation auf einen nichtexistenten Mund und forderte mich auf, ihn in der Pilotenkanzel zu treffen. Später – es vergingen unglaubliche zehn Minuten – brachte er zwei kleine, bronzefarbene Metallzylinder mit ins Cockpit und stellte sie nebeneinander auf die vordere Konsole. »Für unseren Kunden. Eines davon. Eine holografische Darstellung des RIKTER-CODES, absolut farbgetreu. Dieses hier.« Er rückte den linken Zylinder ein Stück von dem rechten ab. »Der andere Datenspeicher ist zusätzlich mit Lösungsansätzen und ersten Ergebnissen versehen.« Jiminy blickte mich mit seinen acht optischen Einheiten an. »Ich habe Kopien. In meinen Speichern und in der SCHILDKRÖTE III. Aber ich kann mir den Verlust dieser Daten nicht erlauben. Ich möchte dir den Chip in diesem Zylinder subkutan injizieren. Wir werden alles auf diesen Speichern zusammentragen, das mir hilft, meine fehlenden Erinnerungen wiederzufinden.«

»Ich verfüge bereits über ein paar Speicher in meinem Körper«, hielt ich dem Vorhaben entgegen.

»Diese Daten, Bär, sollen von den anderen getrennt sein. Das ist der Sinn und Zweck der Aktion. Es ist zu wichtig für mich.« Jiminy faltete vier Gliedmaßen in einer unterwürfigen Geste. Sehr marsianisch geriet die innere Haltung, wie wir es nannten, die Einkehr vor Augenzeugen, die verdeutlichen sollte, wie intensiv sich jemand mit einer bedeutsamen Frage auseinandergesetzt hatte und nun den wichtigen Schritt in die Öffentlichkeit wagte. Das nötigte allgemein Respekt ab und verriet mir, dass der Roboter mit sich gerungen hatte. Sonst nannte er dergleichen Theatralik im marsianischen Miteinander einen symbolleeren Eiertanz. An fünf Fingern abzählbar waren die Gelegenheiten, bei denen ich die innere Haltung verwendet hatte, umso schwerer wog es für mich, sie bei meinem langjährigen Freund zu sehen, der sich meist gegen gesellschaftlich aufgepflanzte Riten sperrte.

»Ja, ist ja gut«, wiegelte ich ab. Seine Demut machte mich verlegen. »Was macht dich so sicher, dass du auf der richtigen Spur bist?«

Hingestellt auf zwei seiner Extremitäten breitete Jiminy die restlichen acht wichtigtuerisch aus.

Das war der Jiminy, den ich kannte. Und liebte wie einen Bruder. Ich grinste ihn breit an. »Also, was jetzt?«

»Der RIKTER-CODE wurde nicht entworfen, Mr. Brown, er wurde benutzt. In früheren Zeiten, noch bevor man mich erschuf, nahm man Buchtexte zur Hand, zur Verschlüsselung einer Botschaft. Absender und Empfänger verfügten über die gleiche Ausgabe. Anstelle der Botschaft wurden Seitenzahlen, Zeilenzahlen und die jeweilige Stelle eines Buchstabens übermittelt. Wer es gemäß des Buches wieder zusammenfügte, konnte den Klartext lesen.«

»Buchtexte?«, fragte ich.

»Geschichten. Lehrmittel und Unterhaltung.« Ein elektronisches Seufzen. »Mr. Brown, es ist mir ernst.«

»Verzeihung, ich wollte nicht – mach weiter.«, nuschelte ich. »Der RIKTER-CODE ist also ein – Buch?«

Jiminy widersprach mir selbstredend. Der RIKTER-CODE sei ein zufällig entstandenes Bild. Jemand habe die Lage, die Tonnuancen der 72 unterschiedlichen Farbquadrate, ihre vielfältige Wiederkehr, ihre relativen Abstände zueinander, die Häufigkeit ihres Auftretens zeilenweise und spaltenweise und einige Faktoren mehr dazu verwendet, einen umfangreichen Codeschlüssel zu entwerfen. Meine Abwesenheit in den Drachenzähnen war für ihn ein günstiger Zeitpunkt gewesen, in der ruhigen Abgeschiedenheit ohne Ablenkung seiner Rechenleistung – wenn der Angriff der Nomaden großzügig übersehen wurde – tausende von Möglichkeiten zu prüfen. So lange, bis ein Ergebnis Sinn ergab. »Ich habe einen Schlüssel«, sagte Jiminy durchaus stolz.

»Wofür? Wofür all der Aufwand?« Gespannt klopfte ich einen brutalen Takt auf die Armlehnen.

»Das weiß ich nicht.« Er sackte auf alle zehn Gliedmaßen herab. Ein unzufriedenes Brummen knirschte aus unentschlossen gesteuerten Servos. »Ich weiß nicht, welche Information durch den Schlüssel umgewandelt werden kann.«

Ehrlich enttäuscht sank ich zurück. »Dann war alle Mühe umsonst?«

»Nicht ganz. Eine Information ist aus dem RIKTER-CODE übersetzbar. Koordinaten. Es ist keine zufällige Übereinstimmung. Ich spekuliere: Dort wird der Schlüssel anwendbar sein.« Jiminy nahm meinen Takt auf und tippte forsch gegen die Eingabetasten unter dem Bildschirm der Navigationskonsole. Ein Zielpunkt erstrahlte auf der globalen Übersichtskarte der Erde. »Das ist der Kontinent, der früher Nordamerika genannt wurde. Der kümmerliche Rest davon.« Ein rascher Fingerzeig Jiminys vergrößerte die Markierung. »Sehr zentral gelegen. Leicht zu finden.«

»Hm«, machte ich, »da wurdest du gebaut.«

»Nicht da genau. Diese Landmarke ist für jemand anderen weitaus wichtiger.« Hörte ich etwa ein Lächeln in Jiminys Artikulierung? »Für dich.«

Aus seinen existierenden Datenbanken zauberte der Roboter drei Bilder hervor. Das erste offensichtlich eine Nahaufnahme. Das zweite eine Totale. Das dritte Einstellung, eine jämmerliche Frühholografie, zeigte ein Panorama. Ich verschluckte meinen Atem, als mir die Proportionen bewusst wurden. »Darauf weisen die Koordinaten hin? Wirklich?«

»Exakt«, bestätigte der Roboter.

Sprachlos tastete ich mit den Augen das unvergleichliche Motiv ab. Wäre mir jemals eine Erzählung über ein solches Objekt unterbreitet worden, ich hätte sie als die üblichen Spinnereien unter Weltraumfahrern abgetan. Auf dem Mars besaßen wir nichts derartiges. »Fliegen wir hin?« Die Frage war überflüssig, aber der Theatralik wegen stellte ich sie.

Jiminy krabbelte auf den Copilotenplatz und richtete sich in seiner Sitzschale ein. »Bereit«, sagte er.

»Ich brauche was auf die Ohren«, bat ich den Roboter. »Vandalenkrawall.«

»Liv könnte davon geweckt werden«, gab Jiminy zu bedenken.

»Übertragung nur im Cockpit. Vorschläge?« Ich leitete den Startvorgang ein. Die SCHILDKRÖTE III sandte mir über das Triebwerk ihr zischendes Einverständnis.

»Frühes 21. Jahrhundert. Gruppe: Suicide Silence. Song: You only live once.«

»Dann lass es krachen!«, rief ich und wir hoben ab.

ENDE DIESES EINTRAGS

Fortsetzung der Serie in

BORDTAGEBUCH 2: CRAZY HORSE

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9783754171875
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