Читать книгу: «Das Moordorf»
Max Geißler
Das Moordorf
Kulturroman in zwei Büchern
Mit Federzeichnungen von I. v. Eckardstein
Siebentes und achtes Tausend
Saga
Erstes Buch.
Erstes Kapitel.
„Dat wier damals, as de Smuggelei noch in Gang wier,“ sagte Ham Rugen. Mit diesen Worten begann der alte Mann alle seine Berichte, mit diesen Worten schloss er sie: „Jaja, dat is all so, un dat wier damals, as de Smuggelei noch in Gang wier.“
Und wenn er so gesprochen hatte, war’s, als schaue sein Auge in eine andere Zeit. Um diese Zeit trauerte Ham Rugen.
Er hatte mit „de Kontrolörs“ manchen Kampf gekämpft, wenn er aus Bremen heraus in das Moordorf Tabak, Salz, Zucker, Kaffee geschmuggelt hatte. Im Winter ging’s über eisige Weiten, über die der Schneewind stob. Je wilder der dreinfuhr und je schwärzer die Nacht war, desto frohgemuter schlug Ham Rugens Herz.
Im Schutze der Nacht war alle Wachsamkeit der „Kontrolörs“, die so scharf hinter ihm drein waren, eben doch nicht rege und ihre List nicht gross genug, Ham Rugen in die Falle zu locken. Wenn die Beamten mit geladenem Gewehr, das so rasch von ihrer Schulter flog, sich hinter Busch und Rohr auf die Lauer gelegt, so stapfte Ham Rugen lächelnd auf moorigem Pfad anderswo der heimischen Hütte entgegen und überdachte zufrieden den Gewinn, den ihm der nächtliche Schleichgang abwarf.
Mehr als einmal hatten ihn die Kugeln der „Kontrolörs“ umpfiffen. Aber selbst an jenem grauen Spätherbstmorgen, durch den der Regen in die Nebel peitschte, war er nicht in die Hände der Zollbeamten gefallen. Das war damals, als sie ihm hart auf den Fersen waren und drei Schüsse hinter ihm geknallt hatten. Die Nebel flatterten zwischen ihn und seine Verfolger und schützten ihn. Weil aber die Schritte der Kontrolleure auf seiner Fährte folgten, flüchtete er auf die Diele von Jan Gerkens Haus.
Von der Diele führte die Leiter ins Heu unters Dach. Die stieg er empor. Vor dem Hause vernahm er die Stimmen der Männer, die ihn suchten. Sie entfernten sich; durch die Luke im Giebel erspähte Ham Rugen, wie sie sich — zu fünft — im Nebel des Graumorgens verloren. Sie wollten seiner heute allen Ernstes habhaft werden.
Jan Gerken und seine Leute waren im Torf. Die Kühe liefen, unter Decken, noch auf der Weide. Nur der Fuchs stand zu seiten der Diele; der hatte sich Drüsen geholt, und Jan Gerken hatte ihm eine wärmende Hülle um den Kopf geschlungen.
An den Fuchs dachte Ham Rugen, während er lauschend unter dem Heu lag. Dann knüpfte er seine Säcke so aneinander, dass er sie vor sich auf den Rücken des Pferdes legen konnte, band den Gaul los, zog ihm eine Leine, Zaumzeug und Zügel zugleich, durchs Maul, und in sausendem Galopp stob er quer über die Weiden durch die Reihe der Beamten hindurch und verschwand im Nebel. Die Kugeln, die sie ihm nachschickten, suchten ihn vergeblich.
Aber es fiel Ham Rugen nicht ein, auf dem Fuchs bis zu seiner einsamen Hütte zu reiten.
Unterwegs, als kein Hufschlag den Verfolgern verriet, wohin er sich gewendet, stellte er Jan Gerkens Fuchs in den Stall eines einsamen Gehöfts, auf dem kein Mensch daheim war. Sie luden draussen Torf; und am Nachmittag erschien Ham Rugen, um die erstaunten Leute, die den Fuchs aus Vieland an der eigenen Krippe vergnüglich kauend vorgefunden, über den Gang der Dinge aufzuklären.
„Dat hat he fien makt,“ sagten die lachend, die von der Geschichte hörten; und ähnlich dachte auch Ham Rugen, als er auf dem „Totenweg“ in die Nacht hineintrabte, um Jan Gerken sein Rösslein wiederzubringen.
„Dat wier en anner Tiet, as de Kontrolörs noch in Gang wiern.“
In jener andern Zeit war Ham Rugen alt geworden; und die wenigen Jahre, seit denen andere Gesetze gekommen und das einträgliche Gewerbe des Schmuggels nicht mehr bestand, hatten ihn überflüssig gemacht.
„Was will einer auf der Welt, wenn’s nix mehr zu schmuggeln gibt?“ fragte Ham Rugen. Und die, denen er in einem Moordorfe diese Frage vorlegte, waren mit ihm darüber einig, dass „de olle Tiet en better Tiet wesen“ und die neue nichts gelassen habe, als die harte Arbeit im Moor.
Nun standen die Menschen den Tag über draussen mit Esker und Spaten, an den Füssen die breiten Brettholzschuhe, und schaufelten den nassen, schweren „Klipp“ aus den unteren Moorschichten herauf, traten und schnitten den Backtorf und wurden stiller denn je.
Ham Rugen aber arbeitete nicht. Er hatte die Taler, die ihm der Schmuggel eingebracht, im Strumpf unter dem Bettstroh verborgen, das heisst, so viel ihrer noch übrig geblieben waren nach dem Bau der Hütte, die er sich mitten ins Moor gesetzt.
Das war durch zehn Jahre weitum die einzige. Ham Rugen hatte sie in den Schutz regellos, aber dichtstehender Moorkiefern geborgen, hatte zwei Reihen Pfähle schräg in den Torf getrieben, so dass die sich mit den oberen Enden berührten und fest auf einem Querbalken ruhten. Über die Pfähle hatte er in einer dicken Schicht das Rohr des Moores gelegt. Den First umkleidete er mit hartem Heidesoden. Die gezäunten Giebelwände, in deren einer das Fenster, in deren anderer die Tür sich befand, bewarf er mit Lehm. Und als er unter dem Dache noch sein Strohlager von der Diele geschieden und in der andern Ecke für die Hühner eine Horde und für die Ziege einen Stand geschaffen, dachte Ham Rugen, das habe er fein gemacht, und meinte, er könne in diesem Hause wohl eine Frau brauchen.
Während er rings um die buschigen Kiefern einen Graben ins Moor schaufelte, welcher die Wasser sammeln und in den Schiffgraben führen sollte, der in die Hamme lief, dachte er ans Freien. Aber so „en Frugensminsch“ ist von zu ängstlicher Art, und für einen Mann, der auf den Schleichwegen der Schmuggler geht, ist kaum eine gemacht.
Und dann — ja, Ham Rugen dachte auch, er sei noch zu jung zum Freien. Zwar: seine Haare waren grau geworden. Aber mit achtundfünfzig Jahren kann einer noch Kinder haben — das Geschick hat närrische Einfälle, und Ham Rugen hatte das Gefühl, als werde es ihn in diesem Punkt überlisten. Im übrigen getraute er sichs schon zu meistern.
So war das Freien mit allerhand Gefahren verknüpft, und mit den Worten: „Täuw noch en beten, Ham“, stieg er aus dem Torfgraben, den er in den braunen, weichen Grund gestochen, und vergass im eintönigen Laufe der Tage, dass er durch eine kurze Spanne Zeit den Gedanken erwogen, ein Weib in die Einsamkeit der Moorhütte zu führen.
Tagelang rief ihn sein lichtscheues Gewerbe aus der Hütte fort.
Die Hühner pattelten in dem Heideried und plusterten sich in der Sonne. Wollte eine für Ham Rugen ein Ei legen, so schlüpfte sie durch das Loch im Dielentor und fand ihren Weg durch das dämmerige Licht des lautlosen Raumes zum Neste.
Die Ziege stand angebunden vor der Hütte. Ham Rugen hatte ihr ein Dächlein aus Heidekraut gebunden. Dort fand sie Unterschlupf, wenn ein Wetter über das Moor niederging.
Und dann kam die Zeit, in der das Schmuggeln von Bremen heraus übrig wurde — die traurige Zeit, die Ham Rugen über Nacht zu einem trutzigen Schweiger machte, der sich plötzlich in die schwere Eintönigkeit eines Lebens verbannt sah, mit dem er nichts anzufangen wusste.
Ham Rugen hasste diese Arbeit, dieses armselige Mühen im Torf, dieses Hacken und Roden — schon der Gedanke, dass er zu einem Moorbauern in Tagelohn treten sollte, machte ihn verdriesslich.
„Gotts Dunner“, fluchte er und schimpfte auf die „Kontrolörs“, weil sie nicht mehr da waren. Die hatten wenigstens für Kurzweil gesorgt; ihretwillen musste einer doch offene Augen und feine Ohren, flinke Beine „un en grote Portschon“ Schlauheit besitzen.
Nun war das alles überflüssig geworden, wie Ham Rugen selbst. Allmählich schwand das ruhlose Umherblicken seiner Augen, die sich gewöhnt hatten, von ferne durch jeden Busch im Moor zu dringen und kein Wehen des Rohrs an den Torfgräben oder im Wiesenland zu Seiten der Hamme unbeachtet zu lassen. Und in sein Auge kam eine freudlose Müdigkeit.
Langsam gingen die Jahre.
Ham Rugen sass durch den rauschenden Spätherbst und den wehenden Winter an der Feuerstatt auf der Diele und starrte in den glimmenden Torfbrand. Ein feiner Rauch wirbelte aus dem lautlosen Glimmen empor und machte das Gebälk des Hauses schwarz und glänzend. Er spann unter dem Rohrdach hin, er spann unter dem oberen Querbalken der niederen Hüttentür in sanftem Blau hinaus. Aber er legte seine Schleier auch ganz leise über Ham Rugens blanke, fernhinschauende Augen.
Und langsam gingen die Jahre.
In den Tagen, in denen Ham Rugen ein Birkenreis auf das andere legte und Besen band — mehr, um sich die müde, schleichende Zeit zu kürzen, als die Besen um karge Pfennige einem Bauern zu verkaufen — dachte er wieder daran, ein Weib zu nehmen.
Er legte die Handvoll Birkenreiser beiseite, griff in die Hosentasche und nahm mit Daumen und Zeigefinger ein wenig schwarzen feingeschnittenen Tabak aus dem zerknüllten Papier. Ham Rugen priemte den Rauchtabak. Er schob das Knöllchen behende zwischen Lippe und Kiefer. Dann legte er die Arme mit den Ellbogen auf die Knie und starrte in den glosenden Torf. Im russigen Kessel sang das teebraune Moorwasser.
„Dat’s nu ok tau lat“, sagte er — „zu spät zum Freien! Nun, da einer keine Arbeit hat, kein Geld ins Haus bringt und keine Freude mehr am Leben hat — da ist’s zu spät!“
Er ging, setzte sich auf das Bett und wühlte im Stroh — da war der Strumpf. Er zählte — zählte: 76 Taler.
Das war freilich ein schön Stück Geld und reichte zum leben, reichte noch manches Jahr, auch wenn Ham Rugen nicht arbeitete. Für einen, der nicht mehr schmuggeln kann, nicht in Bremen in der Schifferkneipe die Nacht erwarten muss, für einen, der toteinsam im Moore sitzt und nur Kartoffeln und Buchweizen zu kaufen braucht, reicht das über Jahre.
„Hm“, machte Ham Rugen, „Bookweetzen un Kartuffeln?“ —
Die andern bauten sie ja auch selber. Warum sollte er so etwas kaufen für sein mühsam erspartes Geld? Dieses Geld für Dinge ausgeben, mit denen er das im Grunde verpfuschte Leben fristete? Ja, die andern hatten aber Streifen Landes, die sie im Schweiss ihres Angesichts ertragfähig gemacht hatten! ...
Der Winterwind heulte über das Moor und warf Schnee gegen die Scheiben.
Da ward das Licht in der Hütte Ham Rugens noch dämmeriger. Um das Gebälk spann die langen Tage der Rauch des Torffeuers und bräunte den Speck, der in den Wiemen hing. Den hatte Ham Rugen ungeräuchert für Waren eingetauscht, als noch die fröhliche Zeit des Schmuggelns war.
„Ä!“
Er schob die Glut auf den Klinkersteinen mit einem Stück Torf zusammen und warf den braunen Brocken hinein.
„Ä, dat’s en karge Tiet“, murmelte er unwillig und sann in den Frühling.
Arbeiten? Ja, wenn die Arbeit nicht so reichlich und nicht für einen andern ist — da lässt sich das schon überlegen.
Und als die Aprilwinde sausend über das Moor fuhren, stand Ham Rugen wahrhaftig im Torf. Das Gerücht, dass er arbeite, flog durch die fernen Häuser der Moordörfer. Es waren Leute gekommen, die hatten Ham Rugen mit ihren eigenen Augen Torf stechen sehen.
Rings um die Hütte schichtete er die dunkelbraunen Torfziegel zu Haufen und stach den Graben, den er im Vorjahr angelegt, um zwei Fuss breiter, damit er für den flachen Kahn, den ‚Seelenverköper‘, schiffbar werde, den er noch aus der ‚andern‘ Zeit besass und der nun zwecklos, wie er, sein Leben fristete. Er dachte, er wolle den gewonnenen Torf auf dem kleinen Kahne zu einem Schiffgraben führen und von dort aus in einem der fernen Dörfer zum Verkauf bieten.
Ehe der Frost der Spätherbsttage kam, sah Ham Rugen die Mühen des Sommers belohnt. Wenn jemand einen Hunt Torf bei ihm bestellte, lieferte er weniger und schwur, er wolle sich den Tod trinken, wenn es kein ganzer sei. Ham Rugen wusste viel zu genau, dass er im nächsten Jahre, weil er betrog, keine Hand voll verkaufen werde, und dachte die Gunst der Stunde zu nützen.
Er hatte seinen Vorrat früh genug verhandelt. Was noch vorhanden war, stand geborgen unter dem Dache der Hütte, damit es der Frost nicht zerfriere.
Er hatte die Giebelwand, in der sich das Fenster befand, an der Innenseite dicht mit Torfziegeln versetzt. So gedachte er der Winterkälte von dieser Seite her den Eingang zu wehren. Der Lehm an der gezäunten Wetterwand war brüchig geworden, und da und dort begann der Wind sich ein Loch zu wühlen, durch das er heimlich hindurchlangen und den morschen Lehm während des Winters stückweis herausbrechen wollte.
Aber in diesem Jahre geschah es, dass der Himmel weit in den Oktober hinein wie eine blanke Kuppel über dem Moore stand. Die Nebel wälzten sich des Morgens nicht in trägen Ballen schwerfällig über dem braunen Lande, wie sonst in den Tagen des nahen Novembermonats. Sie spannen in schneeweissen Flächen über dem Moor und schlugen sich unter dem blitzenden Lichte der Sonne als blanker Tau ins Ried. Das Wollgras wehte noch, und über dem Riede der Heide lag das Rosa der Blüten fast mit dem gleichen sanften Leuchten wie im August.
Da begann Ham Rugen das Heidekraut über eine Strecke abzuhauen und trug es in seine Hütte. Dann fuhr er in dem flachen Kahne Sand von entfernter Stelle des Landes, mischte den schwarzen Moorboden damit und stürzte ihn. Er dachte, der Winter solle mit seinem Froste hineinfrieren und das Land mürb erhalten. Aber wenn er zwei Spatenstiche tief in das Erdreich drang, füllte sich die Vertiefung mit sanftrinnendem braunen Gewässer.
Da beschloss Ham Rugen, er wolle noch mehrere tiefe Gräben ziehen, in welche die zu reichliche Feuchtigkeit seiner kleinen Felder rinnen könne, und sehen, ob er dadurch ein Land erziele, das für den Anbau der Kartoffel in dieser Gegend des Teufelsmoors geeignet sei.
Und wie hernach das Licht der Herbstsonne doch endlich in den schweren, dumpfigen Nebeln des Novembers erlosch, und wie der Regen in grauen Saiten in das Moor regnete, kam er Ham Rugen noch viel zu früh.
Der stand immer noch gebückt mit der Heidelee in der Hand und sichelte das kniehohe Kraut dicht über dem Boden ab; denn er hatte geplant, im Spätjahr ein Stück Moor zu brennen und in die Asche den Samen des Buchweizens zu streuen. In die mannshohen Haufen der Heide, die er aufgestapelt, legte er den Torfbrand, und der Wind kam und blies die Glut zur Flamme. Prasselnd schlug sie empor, und der Regen zischte darein, und der Wind riss Fetzen grauen Rauchs von den brennenden Haufen und warf sie in die Nebel.
Wie Ham Rugens Feuer ausgelöscht waren, stob der Winter über die Moorflächen und sang um den First der Hütte.
Alles war gestorben in dieser Einsamkeit; und wenn auch der Wind sich müde gelaufen hatte, dann kam nur hin und wieder das Krachen des Eises von den Schiffgräben der Ferne herüber.
Ham Rugen sass in seiner Hütte am rauchigen Torfbrand und dachte, ob er das begonnene Werk wohl weiterführen werde? Manchmal war er allein mit dem einzigen Gedanken, es könne die Stunde kommen, wo die Glut auf den Klinkersteinen verlöschen werde, ohne dass er es wahrnehme, die Stunde, in der die Ziege nach Futter verlange, ohne dass er ihr mahnendes Meckern höre.
Ham Rugen zog das schmutzige Papier aus der Tasche, in dem der schwarze krause Tabak sich befand.
Es fror ihn leis ins Herz. Er stand auf von dem Schemel, auf dem er gesessen und von dem aus er schweigsam in die Glut gestarrt hatte, und schritt über die Diele.
Draussen wirbelte der Wind den feinen Schneestaub vom Heidesoden des Firsts herab und hatte einen silbernen Streifen durch den Spalt der handbreit geöffneten Tür geweht.
Der Alte strich wie liebkosend über das weisse Fell der Ziege und legte sich auf das Stroh seines Bettschranks. Er schloss die Augen. Er lauschte, wie der Wind den körnigen Schnee gegen die Scheiben klirrte, lauschte, wie das Pendel der Uhr im Kasten in dumpfen gemessenen Schlägen schlug.
Ham Rugen dachte: das ist der Schritt der Zeit. So wandert sie immer, ohne Rast, ohne Ruh, und ich habe sie dennoch nie schreiten hören. Warum vernehm’ ich ihr unaufhaltsames Wandern denn nun heute? Sie läuft vernehmbarer, sie läuft gewichtiger, wenn der Mensch an ihrer Hand in die Nähe des Grabes gelangt ist. Das ist’s!
Dann dachte er auch: Es ist der Tod, den ich wandern höre; denn keiner schreitet mit so gemessenem Schritt und in unbeirrtem Gleichmass über dies winterliche Land, auf dem sich dem Fuss allenthalben ein Hindernis entgegenstellt. ...
Die Tür knarrte. Ham Rugen richtete sich erschreckt empor und steckte den Kopf aus dem Bettkasten, zu sehen, wer da komme.
Der Wind hatte gegen die Türe gestossen.
Der Wind — ja der Wind wird dann auch über das Moor fegen, von Haus zu Haus laufen und durch die Ritzen der Türen und Fenster heulen: Ham Rugen ist tot, Ham Rugen ist tot!
Aber die Leute werden ihn nicht verstehen.
Dann muss der tote Mann wochenlang auf dem Stroh liegen, und die Ziege, die angebunden hinter dem Gatter steht, muss verhungern; und wenn endlich von ungefähr ein Mann aus dem Moore des Weges kommt, wird der Mann sehen, dass die Tür zu Ham Rugens Hütte offen steht und der Wind mit ihr spielt. Und weil der Mann den Rauch des Torfbrands nicht unter dem Türbalken hervorspinnen sieht, wird er einen Augenblick still stehen und denken: „Warum hat Ham Rugen das Feuer ausgehen lassen?“ Da wird ihm der Wind einen Geruch von Moder und Verwesung um das Gesicht wehen ...
„So sterben die Hunde auf der Heide,“ sagte Ham Rugen, stand vom Lager auf und band die Ziege los.
Ich will sie nun immer frei umhergehen lassen und die ganze Hütte mit ihr teilen, dachte er, damit sie Futter findet, wenn es doch einmal kommt, dass der Tod die Hütte im Moor betritt.
Und wie die weisse Ziege, des Strickes ledig, dennoch nicht auf die Diele heraustrat, deren Grund nur aus hartgestampftem Lehm bestand und nicht mit Brettern belegt war, vergass Ham Rugen sein Sinnen nicht.
Er schürte mit der Torfzange den Brand ein wenig und überlegte, warum ihm wohl jetzt eine Furcht in das Herz gekommen. Er dachte: die Einsamkeit macht die Menschen, die in ihr leben, tiefer als andere, die im Getriebe des Tages hinhasten. Und der Mensch im Moor, der selten mit andern zusammentrifft, und auch Ham Rugen, der vordem in rastloser Hast seine Tage verlebt, hat sich gewöhnt, an Dinge zu denken, die er vorher gar nicht gesehen und gefühlt hat. In der Einsamkeit wird man sich selbst besser Freund.
Oder es kam ihm noch ein anderer Gedanke: ob er sein Herz an das Werk gehängt habe, das er im vorigen Jahr begonnen, und ob er fürchte, es nicht zu Ende bringen zu können, weil ihm der Tod die Hacke aus der Hand nehmen werde ...
Es war eine sonderliche Zwiesprache, die Ham Rugen mit seiner Seele hielt. Er forschte, er drang in sie.
Aber es war, als ob diese Seele, um die er sich sein Lebtag nicht gekümmert hatte, ihn nicht verstehe, oder ob sie das Sprechen verlernt habe. Sie war verkümmert. Und Rugen dachte, er wolle sich noch mit ihr auseinandersetzen. Zeit genug, in sie hineinzuhorchen, habe er ja wohl.
Zweites Kapitel.
In den Mooren war das feine Rinnen der Wässer, das man nie zwischen den braunen Schollen, nie in dem weichen, schwarzen Grunde hört, als in der Zeit, da der Frühling in goldenen Schuhen durch das Heidegestrüpp wandert.
In diesen Tagen des jungen Lichts, das mit sanften Händen das duftige Grün aus den Spitzen der Knospenhüllen auf den Birken herauszupfte, stand Ham Rugen auf dem Lande, das er dazu ausersehen hatte, Samen aufzunehmen und Früchte zu tragen.
Aber als er mit dem Spaten die lockere Erde spaltete, die er im Herbst mit weichem Heidesande gemischt hatte, fand er, dass das Grundwasser im neuen Acker immer noch zu hoch stand.
Da tat Ham Rugen seine Torfstiefel an, die ihm bis über die Knie reichten und reichlich mit Tran getränkt waren, und stand wieder in den Gräben, die er im Vorjahr gezogen, um sie noch mehr zu vertiefen. Er sah, dass sofort mit der Arbeit begonnen werden müsse, damit die Ostwinde, die gegen Ende März über die weiten Flächen des Tieflands wehen, die Trocknung des Erdreichs beschleunigten. Die Gräben konnten das wegen ihrer zu geringen Tiefe nicht in ausreichendem Masse vollbringen.
Als auch diese Arbeit getan und die Wasserrinne, die dem breiteren Schiffgraben entgegenführte, so tief war, dass Ham Rugen bis an die Brust darinstand, musste er den zähen Klipp des schwarzen Grundes schier über sich werfen. Fast bis zu den Knien reichte ihm das braune Wasser, das an den steilrechten Wänden des Torfgrabens herabrieselte.
Und Ham Rugen schuf der Bahn, die er dem rinnenden Gewässer gab, ein sanftes Gefälle, ohne jedoch so tief in den zähen Grund zu gehen, dass dieser dem Spiegel des Schiffgrabens gleichkam. Er dachte, das Wasser werde sonst von dorther seine Gräben füllen.
Endlich verloren sich die Märznebel. Der Himmel stand in mattem Blau über der Welt. Schmale, dünne Wolkenstreifen schlugen sich in glänzendem Weiss durch das blaue Gewölbe, und in den Birken waren die Schleier aus feiner grüner Seide noch von dem rötlichen Braun der Knospenhüllen und Reiser durchsponnen.
Ham Rugen wusste: nun werden die Ostwinde durch lange Tage über das Moor laufen. Die ferne Geest zeigte eine scharfe Linie gegen den Himmel nach Norden, und Kiefern und Eichen der Weiten, die Firste der fernen Dächer und was sonst noch in die klare, kühle Frühlingsluft hineinragte — alles stand hart gegen die Bläue des Himmels. Nur der Wind aus Osten, der über die endlosen Landstrecken gewandert, schafft diese kalte Klarheit der Linien, wie sie das ganze Jahr über im Moore nicht vorhanden ist.
Allenthalben hatte der Frühling leise Spuren künftigen Glücks zurückgelassen. Nur die niederen Buschkiefern, die da und dort auf der Fläche standen und die auch Ham Rugens Hütte umgaben, waren noch ganz freudlos. An den Spitzen ihrer Zweige brannten noch nicht die rötlichen Lichter, die erst zur Maifeier aufgesteckt werden und nicht früher erwachen, bis die Nachtigallen in dem glänzenden Grün der Stechpalmen ihre Sommerwohnungen eingerichtet haben.
Und der Ostwind kam und dörrte das Land.
Ham Rugen legte Glut von seinem Herd in einen Torfhaufen, den der Winter zu Müll zerfroren; er warf den qualmenden Torf durcheinander.
Der Wind lief um den Brand; aus allen Seiten glomm es hervor, und als der ganze Haufen glosende Glut war, warf der Mann den glühenden Torf über jene Strecke des Moorlandes, auf der er im Regen des Spätherbstes die Moormyrte und das Heidekraut bis an die Wurzeln gemäht hatte.
Da brannte das Moor. Nirgend war eine Flamme, aber allenthalben war Glut.
Ham Rugen hatte das Glühen an die Morgenseite der Fläche gelegt, quer über die Grenze des Landstrichs, den er in Asche zu verwandeln gedachte. Eine Spanne tief glomm die Glut. Und der Wind blies scharf hinein; da frass sie sich in den Torf und frass weiter bis zu dem Graben, den der Alte jenseits des Brandes gezogen.
Schwer quoll der Qualm aus dem Grund; aber der Wind fasste ihn an, zerriss ihn und wirbelte die Fetzen in die Luft.
Drei Tage lang brannte das Moor.
Am dritten Tag, als der Ostwind nicht mehr über die Fläche stob, fiel ein sanfter, lauer Frühlingsregen. Da schwand das letzte winterliche Braun aus den Birken, und darüber war ein freundliches, zitterndes Grün.
Nun erglommen auf dem schwarzen Moorgrunde die goldenen Sterne der Sumpfdotterblumen, und das Wollgras schoss aus den Schollen und spann seine weiche silberne Seide über das Schwarz und Grün der Moorflächen.
Immer noch kräuselte der Rauch über dem brennenden Torf, und über dem grauen Felde war das sanfte Zischen der Tropfen. Der rinnende Regen fiel in die heisse Asche, und der Qualm kroch träg in das Gestrüpp und um die niederen Moorkiefern, die noch immer trutzig verzogen, ihre Kerzen zu Ehren des Frühlings aufzustecken.
Ham Rugen schritt durch den bleigrauen Morgen. Er hatte den Esker über der Schulter und die Moorstiefel an. Wie der Frost kaum aus dem Erdreiche gewichen, war er zu dem Moortümpel gegangen, der sich unweit jenes Landstreifens befand, den er im Vorjahre mit Sand gemischt und den er so austrocknen zu können hoffte, dass in der Scholle die Kartoffel zu gedeihen vermöge.
Aber die Rinnen, die er von dem fauligen Wasser in seinen Graben geleitet, hatten nur einen kargen Abfluss geschaffen. Schilfblätter schossen hervor wie blanke Schwerter, und Sumpfflanzen aller Art drängten sich ans Licht.
Ham Rugen durfte nicht lange sinnend auf dem Flecke stehen, denn er fühlte den Grund unter seinen Füssen weichen. Weil er sich aber sagte, dass der Tümpel, der wohl schon Jahrhunderte gestanden hatte, aus jener Zeit übrig geblieben war, da das Moor ringsum sich zu Torf verdichtete, so vermutete er einen unterirdischen Zufluss.
Der Tümpel selbst war vielleicht ein unergründliches, tiefes Sammelbecken für die Moorwässer, die von dieser Stelle aus sein urbar gemachtes Land immer von neuem sauer machten.
Da zog Ham Rugen abermals einen Graben, der den Tümpel entwässern sollte. Und als auch diese Arbeit geschehen, nahm er zu seiner Freude wahr, dass der Spiegel des faulen Gewässers um zwei Fuss gesunken und in dem neuen Graben eine müde, aber deutliche Strömung war.
Die folgenden Tage zog Ham Rugen Furchen in das sandige Feld und legte Kartoffeln.
Dann ging er wie ein Sämann über die Asche, aus der die Zeit vorher der Rauch des Torfbrandes gequollen war, und streute Buchweizen hinein. Immerfort fiel das sanfte Nass des Himmels, oder es war die windlose, weiche Stille über dem Lande, durch die der müde Qualm ferner Moorbrände sich wälzte.
Während Ham Rugen den körnigen Buchweizen an den weichen Grund warf, schritten die Hühner hinter dem Manne drein und pickten den Samen aus der Asche, oder sie scharrten den staubigen Grund und wühlten sich voll Behagen hinein, weil sie fühlten, wie das Bad ihrem Gefieder wohltat.
Da baute Ham Rugen an der Sonnenwand der Hütte aus Zäunung einen Stall, in den er die Hühner mit einer Handvoll der begehrten Körner lockte, und deckte darüber einen Rest armen Drahtgeflechts, das er zwischen dem Gebälk des Daches geborgen und für das er nie eine Verwendung gewusst hatte. Bis die roten Spitzen der keimenden Saat ihre zarte Weichheit gegen das härtere Grün eingetauscht hätten, sollten die Hühner in dem Stalle verbleiben.
Als auch die Bestellung der beiden Streifen Landes vollbracht war, die ersten Blätter der Kartoffeln das sandige Erdreich zerbrachen und die zahllosen Pflänzlein des Buchweizens aus der Asche stiegen, an denen die beiden Keimblätter noch zusammengefaltet und mit einem Tropfen Frühtau behängt waren, in dem sich das Morgenlicht brach, sass Ham Rugen an der Sonnenseite der Hütte.
Er sah übers Feld, sah voller Freude, wie die Wässer in den neuen Torfgräben rannen, und kaute Tabak.
Da kam einer quer durch das Moor gestapft. Er hatte es nicht eilig und tat keinen Sprung, sondern umging die sumpfigen Stellen gemächlich. Und weil bald da ein Tümpel faulen Wassers, bald dort ein Morast vor ihm lag und dann das lockere Moor über seinen Füssen zusammenschlug, näherte sich der Mann in seltsamem Zickzackgang, auf dem er bald diese, bald eine andere Richtung einzuschlagen gezwungen war.
„He, Martin Kaiser“, rief ihm Ham Rugen entgegen und nahm die Hand von der Stirn, mit der er das schützende Dächlein über den Augen gegen die blitzende Maisonne gebildet hatte, „bist ok all upstahn?“
„Hm“, sagte der andere, „un wat makst du dor?“
„Ik wöll en beten Kloogheet sammeln“, rief Ham Rugen und lachte.
„Wer weet, wo dat good för is“, entgegnete Martin Kaiser gelassen. „Un hast ok good slapen äwer Nacht?“ setzte er hinzu und schaute Ham Rugen forschend an.
Das Gerücht, dass Ham Rugen das Moor baue und Kartoffeln lege, hatte den alten Martin Kaiser in sprachloses Staunen versetzt.
„Ja“, sagte Ham Rugen, „ganz good, man güstern Abend, as ik eben to Bett wier, steek mi en Floh in Kopp.“
„Oha“, lachte Martin Kaiser, der merkte, dass Ham Rugen seinen Spott mit ihm treibe, „na, lat mi man ins (einmal) hen.“
Damit schob er Ham Rugen ein wenig auf der Brettbank beiseite und setzte sich neben ihn. So sassen sie eine Weile.
Ham Rugen dachte: „Wat he woll will?“ Und Martin Kaiser sann: „Wenn he mi mal satt eten und drinken laten will, will ik him woll en gooden Rat gäwen.“
Er nahm schweigend das zerknüllte Papier aus der Tasche der Hose, zupfte ein wenig von dem schwarzen Shagtabak ab und schob es in den Mund.
Dann sassen sie wieder eine Weile, blinzten in die Sonne und spuckten abwechselnd in den Sand.
„He wöll nich“, dachte Kaiser und sagte: „Do is dor woll en Bur (Bauer) wesen, Ham Rugen?“ Er deutete bei diesen Worten auf die junge Saat.
„Wird woll“, sagte Ham Rugen.
Dann sassen sie wieder eine Weile, blinzten in die Sonne und spuckten abwechselnd in den Sand.
„Mit dat Smuggeln, dat is nu all vörbi“, begann Kaiser eine Viertelstunde später zu reden.
„Dat’s all vörbi“, antwortete Ham Rugen.
Ein Fischreiher flog mit schwerem Flügelschlag den Wiesen der Hamme entgegen. Es war, als wirble das Gold des Maimorgens unter seinen Schwingen. Die Sonne hatte den Tau fortgetrunken, der an den Spitzen der Gräser gehangen, und faltete mit den blanken Fingern die Keimblätter des Buchweizens auseinander.
„Du bist dein Lebtag kein Freund vom arbeiten gewesen, Ham Rugen: was soll das heissen?“ fragte Kaiser und deutete auf den bestellten Moorgrund und die keimende Saat, als der Reiher im Licht des Morgens verschwunden war.
„Das soll heissen, dass ich den Bauern und Kaufleuten nicht mein mühselig Erspartes hingeben will für Dinge, die einer nur zum Essen braucht, und die imgrunde nichts wert sind. Da hab’ ich gedacht, soviel, wie Ham Rugen nötig hat, wirds wohl bringen.“
„En swor Stück Arbeit, Ham Rugen, en sihr swor Stück Arbeit.“
„Is ook“, entgegnete Ham Rugen, „äwerst nu is doahn.“
„Hm“, sagte Martin Kaiser, „ob du nicht am Ende einen Platz für mich hättest? Du bist ja doch allein in der Hütte.“
„Für dich? Halbpart meinst du?“ sagte Ham Rugen und blickte erstaunt auf den alten Mann neben sich. „Du, das ist ja wohl nicht dein Ernst?“
Als Martin Kaiser nickte und seine Augen fragten: „Nicht mein Ernst? Und warum nicht?“ fuhr Ham Rugen fort:
„Du meinst: ich habe geschmuggelt, und du hast gestohlen, und mit Schmuggeln und Stehlen sind wir beide gekommen bis auf den heutigen Tag — ... So? Meinst du?“ ....
Dann nahm Ham Rugen den Tabak zwischen die Zähne und schob ihn mit der Zunge wieder an seinen Platz. Er wollte den alten Schleicher belehren.
„Das war auch ein ander’ Ding um das Schmuggeln als um das Stehlen“, fuhr er fort und setzte dem Martin Kaiser auseinander, dass es heisst: „Du sollst nicht stehlen“, vom Schmuggeln aber sei nirgends die Rede, und na: Martin Kaiser wier en ollen Sünner, während Ham Rugen bloss getan hätte, was recht und gut wär’; denn erstens mussten die Kontrolörs hinters Licht geführt werden. Dass das verdienstlich gewesen, darüber seien sich die Leute im Teufelsmoor weit und breit einig, und zum andern sei im ganzen Moore keiner, der nicht geschmuggelt habe. Aber stehlen? Stehlen geht nur Martin Kaiser! Und darum wolle Ham Rugen wohl gut Freund mit ihm sein, aber es wär’ ihm schon recht, wenn er nicht zu oft seinen Besuch in der Hütte mache. Übrigens: zu holen gäb’s hier gar nichts, rein gar nichts, weil Ham Rugen sein Geld in die Sparkasse getragen habe.
„Heww ik di all wat stohlen?“ fragte Kaiser.
„Nee.“
„Na, dann swik ok still.“
„Ham Rugen“, sagte Kaiser nach einer Weile, „dor is in Klinkerberg en Mann un en Fru, de wölln en Hütt köpen — for 40 Toler, segg ik.“
„For 40 Toler bar Geld?“ fragte Ham Rugen und sah Kaiser lauernd von der Seite an.
„Ik segg di dat, Ham Rugen. Wenn Ham Rugen aber en Bur sien will, denn is dor ja woll nix tau maken.“
Nun war der lauernde Blick in den Augen Martin Kaisers. Der pendelte mit dem rechten Bein, das er über das linke Knie gelegt hatte, und in den Winkeln seines Mundes war ein unruhig Zucken.
Ham Rugen sagte:
„Zum Freien ist einer zu alt. Manchmal, wenn ich den Winter in der Hütte beim Feuer gesessen, hab’ ich die Zeit schreiten hören. Mit langen Schritten ist sie unaufhaltsam ihren Weg gegangen, oder ich hab’ auch gedacht — na, genug davon. Das sind wohl so Dinge, die einem in der Stille des Winters kommen. Nun bin ich die grosse Einsamkeit und Leere, die hier draussen ist, gewöhnt. Freilich hab’ ich auch gedacht, es wäre doch gut, wenn die Hütte da in der Nähe von Menschen stände. Wie’s nun aber ist, so könnt einer daran denken, auf andere Weise Nachbarn zu bekommen. Du hast recht, Martin Kaiser, ich will die Hütte verkaufen ...“
Drittes Kapitel.
Am nächsten Tag in der Frühe kamen Hinnerk und Gesche Stelljes in Begleitung Kaisers über das Moor, die Hütte Ham Rugens zu besehen.
Ham Rugen wollte den „Altenteil“ haben, dafür aber das urbar gemachte Land mit der diesjährigen Ernte, die Ziege, die Hühner und alle Vorräte im Haus geben. Nur ein Kastenbett musste Hinnerk Stelljes zimmern, gross genug für ihn und Gesche.
Als die blonde Gesche, deren Haar aussah, als wär’s einmal golden gewesen wie die Sonne, nun aber von braunem Moorwasser missfarbig geworden, noch gefragt hatte, wie alt denn Ham Rugen beim Schmuggeln geworden sei, und erfahren hatte, dass er im sechsundsechzigsten Jahre stehe, ward der Handel geschlossen. Gesche Stelljes nestelte den Beutel aus der Tasche ihres Rockes und zählte Ham Rugen 40 Taler auf die Holzbank an der Sonnenseite der Hütte.
Hinnerk Stelljes aber zog seinen Rock aus, nahm die Säge von der Wand, die ja nun ihm gehörte, mass in der Hütte und begann draussen Bretter zu schneiden für den Bettschrank, der in die Ecke zu stehen kommen sollte, welche dem Lager Ham Rugens gegenüber war.
Währenddem hatte Martin Kaiser Ham Rugen hinter die Hütte gerufen und ihm zu verstehen gegeben, dass er die Käufer hergebracht habe; das forderte ein Entgelt.
„Fif Groschen“, sagte Ham Rugen.
„Sewwen un en halwen“, forderte Martin Kaiser.
Da erhielt er sieben und einen halben Groschen und trollte sich seines Wegs.
Ham Rugen war Hinnerk Stelljes zur Hand beim Bau des Bettschranks. Hinnerk Stelljes hatte kurzgeschorenes, rötliches Haar und ein bartloses Gesicht.
Woher sie kämen?
„Von der Geest“, sagte Stelljes. Und die Gesche sei aus Moorende gebürtig. Auf der Geest habe sie gedient. Sie hätten noch nicht lange zusammengeheiratet. Das Kind sei ihnen gestorben; das habe Stelljes’ Mutter gepflegt. Hinnerk wolle in Tagelohn gehen oder selbst Torf graben — er sei schon zweimal zurückgestellt worden, und nun fürchte er, beim dritten Mal doch noch Soldat werden zu müssen. Weil die Leute aus dem Moor vorerst noch vom Militärdienst befreit seien und er doch Gesche nicht gern wieder dienen schicken möchte, wollten sie’s im Moor versuchen.
„He hätt nix hewwt“, sagte Gesche, die mit dem russigen Kessel aus der Tür trat, um diesen im Graben zu waschen, „nix nich! De vierzig Toler sin mien Geld.“
Sie hatte das Gespräch der Männer gehört und warf ihnen die Worte zu wie den Hühnern die kargen Krumen vom Tisch.
Ham Rugen sah, dass Gesches Rock über dem rechten Knie zerschlissen war. Nun kauerte sie am Graben und scheuerte mit einem Bündel Binsen, das sie manchmal in den Sand tupfte, den berussten Kessel. Der hatte vor einer Stunde noch Ham Rugen gehört.
„Wenn’s nich wegens Militär west wier, ik hätt nix köpt. Nie nich! Dienen is beter as im eegen Hus hongern.“
Gesche sprach, ohne dabei aufzuschauen, während sie vom Graben mit dem leidlich sauberen Kessel zurückkehrte.
Vor der Tür der Hütte blieb sie ein wenig stehen und schob mit dem nackten Fuss vorjährig verwittertes Laub aus dem Winkel, der von der Lehmwand des Ziegenstalls und der des Hauses dicht neben der Tür gebildet wurde. Dann ging sie in die Hütte.
Ham Rugen hielt das Brett an einem Ende, das Hinnerk Stelljes mit der Säge zerschnitt.
Ehe der Abend kam, war der Bettkasten, der keine Schiebtür besass, zusammengeschlagen: zwei Brettwände, über die das Rohrdach lief; und die dritte Wand wurde durch die Mauer der Hütte gebildet. In der Langseite befand sich das Loch, durch das Hinnerk und Gesche Stelljes auf das Stroh krochen. Quer hindurch lief der Bettboden. Auf den breitete Gesche Ham Rugens Vorrat an Streu. Und weil der nicht so reichlich war, tat sie zu unterst eine Lage federndes Heideried. Über das Stroh breitete sie die Wolldecke und legte darauf das Bett, das sie in der Kiepe auf dem Rücken hergetragen hatte.
Wie die Scheibe der Sonne hinter den Horizont gesunken war und nur noch das feurige Rot am Westhimmel stand, welches zeigte, wo sie in strahlender Schönheit entschwunden, sassen die drei Bewohner der Hütte auf der Bank.
Hinnerk Stelljes hatte zuvor einen Gang über das nahe Moor getan, war die Gräben entlanggeschritten, die Ham Rugen die Zeit her gezogen, und sagte, er wolle versuchen, vielleicht ein wenig mehr Land zu bebauen; aber er wolle auch einen Torfstich von grösserem Umfang anlegen. Die Arbeit im Torf lohne besser als der Feldbau.
In den Wassern stand noch der blutrote Schein des sterbenden Tages. Die Kiefern und die Birken schoben sich in tiefem Schwarz gegen den Westhimmel in das flammende Leuchten über dem abendlichen Horizont.
Im Schilfe zwitscherten die Rohrsänger, und über den braunen, sanften Linien der Ebene, über den weichen Flächen des Moores lohte der purpurne Brand des Himmels. Es war ein goldiger Ton im Gelände, der war aus Braun, Purpur und Glanz gemischt, und war, als klinge die Luft. Und in dem tönenden Golde standen die silbernen Säulen der Birken. Da und dort stieg ein Rauch auf wie der Rauch aus unsichtbaren Opferschalen.
Auch aus der Tür der Hütte wehte ein weicher, blauer Dunstschleier: der Qualm vom Herdbrand. Er wehte über den First, auf dessen Heidesoden der Frühling das Moos schwellte. Die Birken, die der Wind als Samen in das Rohr des Hüttendachs gelegt und die nun schon über fusshoch gewachsen waren, trugen junges Laub. Sie zerrissen den sanften Schleier des Torfrauchs über dem Dach, und der leise Odem des Windes wehte das bläuliche Gespinst von dannen.
Ham Rugen sann lange hinein in das goldene Leuchten des Maiabends.
Die Schatten der Birken wurden lang und spannten sich wie grosse, schier endlose schwarze Brücken herüber zur Hütte. In den Buschkiefern brannten die roten Kerzen des Frühlings.
„Das ist nun schon lange so gewesen und ich nahm es doch vordem niemals wahr“, sagte Ham Rugen. Sein Auge schaute fernhin und sah, wie der Goldgrund des Himmels den Bäumen und allem, was auf dem Moore gegen den brennenden Westhimmel stand, eine Grösse verlieh, die die Dinge in Wirklichkeit nicht besassen.
„Und war doch vordem niemals“, wiederholte er nach einer Weile in tiefem Sinnen.
Ham Rugen hatte in Fernen gespäht, in denen er all die Jahre nicht zu Gaste gewesen war.
Hinnerk Stelljes war wieder aufgestanden, tat einige Schritte gegen den Graben, schaute über das Feld und ermass seufzend die Arbeit und Mühe, die ihm die Tage nun bringen würden.
Auch Gesche ging ab und zu in die Hütte, wenn ihr einfiel, sie habe noch dies und jenes zu tun, oder sie wolle sehen, ob Ham Rugen dies oder das Hausgerät besessen habe. Sie fragte den alten Mann auch um manches. Er sagte, das Gefragte müsse wohl da sein, und er nannte ihr einen verborgenen Winkel im Halbdunkel der Hütte, in dem sie es finden werde.
Selbst ein Spinnrad stand unter dem Gerümpel hinter der Häckselschneide. Staub lag darauf, und ein Säcklein Wolle hing daran. Die Wolle hatte Ham Rugen selbst gekratzt und hernach gesponnen — in jenem Winter, da er sich auf der glatten Eisfläche bei der Flucht vor den „Kontrolörs“ das Bein zerfallen.
Ham Rugens Sinnen und abgerissene Reden dauerten fort.
Als die Lichter in den Moorgräben zu erlöschen, die goldenen Ströme in der Luft zu versiechen begannen und nur noch da und dort ein Schein in dem Moorgraben stand, den eine rosige Wolke aus dem Zenit hineinspiegelte, hob der Alte seine Augen auf und schaute zu dem Quell roten Lichts empor.
Er hatte vergessen, dass Hinnerk Stelljes neben ihm sass, und blickte ihn erstaunt an, wie der halb lachend fragte:
„Du bist weit weg, Ham Rugen?“
„Wohl, wohl“, antwortete der nach geraumer Zeit. „Man hat so allerhand Gedanken, wenn man allein mit der Stille lebt, die im Moor ist.“
Gesche Stelljes kehrte mit dem schmutzigen Gansflügel den Staub vom Spinnrad. Sie warf die Wolle aus dem Säcklein fort, die die Motten zerfressen hatten.
„Wie lange bist du allein gewesen, Ham Rugen?“ fragte Hinnerk.
„Mehr als acht Jahre. Mit wem redet einer da? Mit sich selbst. Monatelang ist keiner an der Hütte Ham Rugens vorbeigegangen. Man macht sich da allerhand Gedanken, Hinnerk. Auch mit dem Tode lernt man reden. — Ja, was ich sagen wollte: die Ziege könnt ihr nun wieder anbinden. Ich hab’ sie frei laufen lassen, seit ich hörte, wie die Zeit ging — oder der Tod ...“
Und Ham Rugen erzählte von jenem Wintertag, an dem er den Tod über das Heidemoor kommen hörte.
Hinnerk Stelljes lachte.
„Wenn man jung ist“, sagte Ham Rugen, „ist das anders. Und wenn man sein Lebtag in der Moorkuhle gestanden hat, wird das Denken und das Reden der Männer und Frauen zäh wie der Klipp, der zu unterst im Torf liegt. Aber weisst du, wenn man in andern Tagen ein anderes Leben gelebt hat, ich mein’, wie das Schmuggeln noch im Gang war, da ist das doch auch ein ander Ding. Ich möchte sagen: wenn einer lange auf der Wanderschaft gewesen ist und Länder und Menschen gesehen hat oder gar in England war, dann weiss er erst, was ‚daheim‘ bedeutet. Dann erst sieht er, was anders ist an der Scholle und an der Hütte, die auf dieser Scholle steht. Er sieht was besser ist, und was zu bessern sei, damit es auch gut werde.“ —
„Ham Rugen is en ollen Mann“, sagte Hinnerk Stelljes.
Dann kam wieder die lautlose Stille und setzte sich zwischen die beiden. Ein geller Ruf flog aus der Hütte, hart und spitz.
„Wie der eines Vogels in den Hammewiesen“, dachte Ham Rugen, und um seine Lippen ging ein kluges Lächeln.
„Es ist schon richtig, Hinnerk Stelljes. Denkst du: draussen, wo die Berge sind, oder in England ruft einer so wie Gesche? So kreischen die Moorvögel. Mich wundert’s nicht, Hinnerk, dass unsern Frauen und unsern Kindern dieser Ton im Ohr klingt, den die Moorheide hat, und dass sie ihn annehmen.“
„Gesche Stelljes schreit wie’n Kiewit!“ lachte Hinnerk.
Darüber traten sie durch die Tür der Hütte. Gesche hatte zum Essen gerufen und warf Ham Rugen einen Blick zu, bei dem er empfand: „In Gesches Augen ist der Schein, der im Moor ist, wenn das Wetter leuchtet und die Irrlichter laufen.“
Dann setzten sie sich an den Tisch und assen den Buchweizenpfannenkuchen, den Gesche über dem Torfbrande gebacken hatte. Sie schwiegen. Nur die Glut knisterte über den Klinkern, und der Torfrauch spann durch die Hütte.
Ham Rugen dachte, während er mit dem Taschenmesser ein Stück von dem Kuchen aus der gemeinsamen Pfanne holte:
„Der gebackene Buchweizen ist trocken wie der gebackene Torf. Die Leute im Moor backen den Buchweizen, weil sie das Backen aus der Torfkuhle her im Griff haben. Wenn es regnet, isst und trinkt der dürre Torf. Dann ist ein leises Knistern in den braunen Schollen, und ein weicher Erdrauch spinnt sich darüber. Aber es ist nirgends ein Laut — gerade wie da in der Hütte.“
Und er sah wieder das missfarbige Haar Gesches, das war wie die trockenen Torfbrocken, über die der Regen von Jahren gelaufen.
Es waren nur zwei Stühle in der Hütte und der Schemel, bei dem das eine Bein fast eine Hand hoch durch das Sitzbrett ragte. Den hatte Gesche Ham Rugen hingeschoben. Nun lehnten die Jungen in den Stühlen und Ham Rugen, auf dem Schemel sitzend, gegen die Wand. Sie bohrten mit den Messern zwischen den Zähnen.
Die Glut knisterte über den Klinkern, und der Torfrauch spann durch die Hütte.
Ham Rugen stand auf, ergriff den Schemel und nahm die Säge vom Balken herab. Er wollte dem kippelnden Sitz die Stützen gleichmässig versägen; denn er dachte: wenn die beiden die Stühle für sich beanspruchen, werde er mit dem Schemel vorlieb nehmen müssen; aber er sagte: es könne nichts schaden, wenn der Schemel instand gesetzt werde, da ihn Gesche dann besser zu allerhand häuslichen Verrichtungen brauchen könne.
Da litt es die Frau, dass Ham Rugen in den dämmerigen Abend ging und den Sitz in Ordnung brachte.
Gesche kniete neben der Ziege, die noch draussen im Grase stand, und melkte. Wie sie damit fertig war und das Tier im Stall angebunden hatte, sass Ham Rugen auf dem Schemel, den er zu der Bank an die Fensterwand der Hütte gestellt hatte. Hinnerk Stelljes sass rauchend daneben.
Die Sterne brannten an, und ein Streifen silbernen Lichts verkündete, dass der Mond dicht unter dem Horizonte stehe. Immer blanker wurden die Wipfel der Birken, immer silberner ihre Stämme, und als die halbe Scheibe langsam in die lautlose blaue Nacht emporschwebte, wandelten sich die Blätter der schwarzen Stechvalmen in Silber.
„Ziküh! Ziküh! Ziküh!“
Die Nachtigall stimmte in dem Stechpalmbusch. Und auch von drüben flogs herüber wie Spiel aus goldener Flöte.
Ham Rugen lauschte und sagte:
„Vordem hab ich nicht hingehorcht, wenn die Nachtigallen schlugen. Warum hör’ ich das jetzt wohl? Und warum dünkt es mich das Lieblichste, was im Moor ist? Ja, es ist lieblicher als alle Vogelstimmen, die sonst im Lande sind. Und in keinem Gelände sind diese Vögel so zahlreich als in unserm stillen Moore. Vielleicht scheuen sie die belebten Gegenden. Aber vielleicht auch ...“
Ham Rugen ward still und sann.
Immerfort sprang der Quell der süssen Töne im Stechpalmbusch.
„Vielleicht auch, weil die Moorheide gar nichts besitzt, was lieblich oder schön ist. Und darum sind ihren Nächten diese klingenden Flöten gegeben, dass auch sie einen Reichtum habe vor anderm ...“
Wie Hinnerk Stelljes den alten Mann so sprechen hörte, stand er auf.
Gesche lehnte an der andern Schmalseite der Hütte in der Tür.
„De Olle trömt“, sagte er. „He redt as en Pastor.“
„Lat hem.“
Hinnerk kroch zu Bett. Nach einer Weile kroch Gesche nach. Die Tür der Hütte blieb offen.
In den Stechpalmbüschen schlugen die Nachtigallen.
Viertes Kapitel.
Der Mond schwamm allmählich höher; die linke beschattete Hälfte war von einem sanften Silberzirkel umgrenzt.
In dem Schilfe der Moore war hin und wieder ein sanftes Klucksen, hin und wieder flog auch der dumpfe Ruf der Rohrdommel durch den Maitraum der Torfheide oder der schrille Schrei des Rebhahns.
Und immer schlugen die Nachtigallen.
Ham Rugen, der noch immer auf dem Schemel vor der Hütte sass, sah den sanften Glanz, der in der Welt war, und lauschte, ob nicht die zitternden Rinnsale des Lichts, die in silbernem Fall über die Blätter der Stechpalmen rannen, einen Klang gäben. Die Luft war so blank, dass der Flug der Käuze einen Schatten auf den lichten Grund warf. Der flog so leise wie der Vogel selbst und verschwand.
Ham Rugen schlug die Arme über der Brust zusammen und lehnte den Kopf gegen die Wand.
„Sonst habe ich dieses Licht der Nächte gehasst“, sagte er, „und ich dachte nicht, dass die Zeit komme, da ich es liebe.“
Und er sann ein ganzes Leben zurück und erinnerte sich, wie vor vielen, vielen Jahren Tage gewesen waren, in denen er auch eine seltsame Lust an dem Leben der Moore gefunden habe. Dann aber wandelte sich sein Herz und die Träume wurden verscheucht, die er gehabt, als er hinter den Ziegen seiner Mutter durch die sommerstille Blütenheide lief oder auf dem Knie Weidenflöten schlug.
In der blühenden Heide oder wenn die weisse Seide des Wollgrases weich um die nackten Füsse spielt oder der Morgentau klingend darumspringt — da mag einer träumen; die Pfade, die Ham Rugen später geschritten war, heischten List und Verschlagenheit, offene Ohren und tausend wachsame Augen. Die Traumbahnen im Heidemoor konnte einer mit gesenkten Lidern wandern. Aber von Bremen heraus war jeder Strauch ein Schutz für die „Kontrolörs“, und jede Weide in der Wiese, jeder Busch Schilf am Ufer der Hamme konnte einen Verfolger bergen. Und die Nächte waren Ham Rugen nicht schwarz genug gewesen.
Nun dachte er wieder jener alten Tage und redete mit seiner Seele, in die er hineinhorchen wollte, weil ihn deuchte, sie habe Geheimnisse, oder er verstehe diese Seele nicht mehr.
„Wir sind einen langen Weg gewandert, wir zwei“, sagte er.
Manchmal sprach er so laut, dass Gesche im Kastenbett Hinnerk Stelljes anstiess. Der knurrte unwillig und wollte schlafen. Manchmal bewegten sich nur die Lippen Ham Rugens, um die die tiefen Falten geschlagen waren, die Fäden, welche die Spinne Zeit kreuz und quer über sein bartloses Gesicht gesponnen hatte. Nur unter dem Kinn lief ihm der graue Bart, die ‚Schifferkrause‘, von Ohr zu Ohr.
„Aber in dieser Gegend sind wir vor fünfzig Jahren schon einmal gewesen und haben all die Dinge schon einmal gern gesehen und lieb gehabt ...“
Nun waren Haus und Torf und die beiden urbar gemachten Moorstreifen nicht mehr sein — er hatte nichts mehr als eine weite Fläche totes Moor. Nur drei Dinge waren, die seiner warteten: das Geld im Strumpf unter dem Bettstroh, von dem niemand wusste und niemand erfahren sollte; seine wiederentdeckte Seele, die ihm zur Stunde noch ein schleiervolles Rätsel war; und der Tod. Um den brauchte er sich nicht zu mühen, der werde kommen, wenn seine Zeit um sei, dachte Ham Rugen.
Und so blieben ihm eigentlich nur zwei Dinge, an die er täglich denken wollte: das Geld war seine Sorge und die Einkehr in sich selbst sein Zeitvertreib.
Und in den Stechpalmbüschen schlugen die Nachtigallen.
Da war ein Brechen in der Moormyrte und ein flüchtiges Stampfen über dem Torf: drei Rehe flogen vorüber.
Ham Rugen lehnte nicht mehr gegen die Hüttenwand. Er sass hochaufgerichtet auf dem Schemel und spähte in die Nacht, aus deren Silber das fluchtgescheuchte Wild hervorgebrochen.
Es war nichts weitum im Moore, das die Rehe zu schrecken vermocht hatte. Es war kein Weg in der Nähe, auf dem ein Mensch zu irgendeinem Moordorfe wandern, ein Wagen rollen konnte. Und doch flohen die Tiere. Ham Rugen wusste: sie ziehen äsend ihres Wegs und heben nur manchmal den Kopf, wenn ein Rebhahn knarrt oder ein Moorvogel, von dem Rascheln des Heiderieds unter ihren Hufen aus dem Traume gestört, emporschwirrt.
Die Moormyrte, die unter den flüchtigen Hufen gewogt, die Buschkiefern, die noch eine kurze Spanne Zeit geschwankt hatten, standen wieder still in dem Schimmerlichte der Nacht. Der Schlag der eilenden Hufe, der über der Moorheide zu dumpfen Dröhnen wird, wie alles Leben hier sich machtvoller und trotziger auslebt, war verhallt.
Ham Rugen hatte sich von seinem Sitz erhoben und schaute unverwandt in die Ferne. Es müsse sich ein Fremdes zeigen, dachte er.
Und wie er mit verhaltenem Atem noch immer stand und spähte, da war drüben über den Gagelbüschen ein rotes Leuchten, da war goldenes Haar und ein weisses Antlitz.
Ham Rugen stemmte den Arm gegen die Lehmwand der Hütte. Eine alte Sage ward in ihm lebendig — die Sage von den Moorjungfrauen. Die tanzen des Nachts über die weiten Flächen, und ihre goldenen Haare wehen im Winde. Die flechten das weiche Silber des Wollgrases in ihr Haar als blanken Schmuck ihrer Scheitel und Stirnen. Eine Stadt sei vor tausend Jahren versunken, sagen die Leute. Nun deckt sie der schwarze schwammige Grund. Und die Irrlichter, die des Nachts um das Schilf wehen, sind die Seelen toter Menschen. Weisse Schleierkleider wallen um die tanzenden Moorfrauen ...
Wie die Irrlichter flatterten Ham Rugens Gedanken heran und davon.
Und drüben über der Moormyrte bewegte sich immer das rote Leuchten, und das weisse Gesicht, um welches das gelbe Haar floss, ward deutlicher.
Und in den Stechpalmbüschen schlugen die Nachtigallen.
„Gotts Dunner, en Kind!“ sagte Ham Rugen und rieb sich die Augen, als wolle er sie blank machen.
Ham Rugen rief das Mädchen an.
„Is das die Hütte von Gesche Stelljes?“ fragte das Kind.
„Is sie“, sagte Ham Rugen. „Willst du zu Gesche Stelljes?“
„Ja, ich will.“
„Und wo läufst du her — so durch die Nacht? Weisst du nicht, dass man im Düwelsmoor zuschanden werden kann?“
„Ich dachte nicht daran“, antwortete das Mädchen. „Ich lief nur immer und lief.“
„Was willst du von Gesche Stelljes?“
Das Mädchen legte die Hand in die Ham Rugens, liess sich über den Graben leiten und setzte sich neben den Mann auf die Bank an der Hütte.
„Gesche ist meine Schwester. Ich bin Wöbke Dierks. Weil Gesche Stelljes ihr Kind wieder gestorben ist, das ich zu warten hatte, wenn es nicht bei Hinnerk Stelljes’ Mutter war, hat sie mich zu Martin Kaiser und seiner Frau gegeben.“
„Aber Gesche Stelljes hiess doch vordem Gesche Otten“, fragte Ham Rugen.
„Ja, wir sind nur Halbschwestern, Gesche Stelljes’ Vater ist tot. Und Muttern ihr zweiter Mann hiess Jan Dierks. Die beiden sind aber schon lange nach Amerika ausgewandert. Und Martin Kaiser und seine Frau sagten, sie wollten mich nehmen, da mich nun die Gesche nicht mehr für die Kleine brauche, die ja doch tot geblieben ist.“
„Nun sag mir einer“, fragte Ham Rugen, „warum du aus Klinkerberg fortgelaufen bist? Kind, das sind zwei Stunden durchs Moor.“
„Ja“, sagte das Mädchen, und in seiner Stimme verzitterte ein Weinen. „Martin Kaiser hiess mich bei Tina Tölken, die die Woche über im Hüttendorf an der Hamme bleibt, die Ziege losbinden. Er wolle sie heut nacht schlachten, sagte er. Ich solle nur warten, bis Leidchen Tölken gemolken hat. Leidchen Tölken wohnt in dem andern Haus und kommt immer die Ziege melken, solange Tina Tölken in den Hammehütten ist. Wie die Nacht kam, hat mich Martin Kaiser gehen heissen. Aber anstatt in Tina Tölkens Hütte die Ziege stehlen, bin ich ins Moor gelaufen, immer weiter, immer weiter. Ich wollte laufen, bis der Tag käme, und dann fragen, wo Gesche Stelljes wohnt oder Ham Rugen. Bist du Ham Rugen?“
„Ja, Kind. Das ist nun wieder einmal wundersam! Ich weiss nicht, ob ich jemals im Mondschein gesessen, den Nachtigallen zugehört und gedacht habe, dass es doch von sonderlicher Lieblichkeit sei, wenn alle Büsche klingen. Und in dieser einen Nacht kommt auf Wegen, die gar keine Wege sind, ein Menschenkind. Und gehen doch nie Menschen über das Moor und gar niemals um solche Mitternacht.“
Ham Rugen verfiel in schweigendes Sinnen.
„Und stehlen will ich nicht. Die Leute mögen von Martin Kaiser nichts wissen, und die Kinder in Klinkerberg sagen zu mir: ‚Mausewöbke‘, weil ich bei Martin Kaisern bin. Ist das denn wahr — sie sagen auch, Martin Kaisern hätten sie 36 Jahre von seinem Leben im Gefängnis behalten?“
„Wohl, Kind, wohl“, antwortete Ham Rugen.
„Und er hätt’, wie er jung gewesen, doch die Kinder schreiben und rechnen gelehrt und die zehn Gebote?“
„Auch das ist wohl einmal gewesen“, sagte Ham Rugen.
„Und zu Martin Kaisern will ich nicht mehr. — Ob mich Gesche Stelljes behält?“ fragte das Mädchen nach einer Weile. Ihre Stimme klang zag, und wieder war das heimliche Weinen darin. An den dunklen Wimpern der grossen Augen hingen zwei blitzende Tropfen.
„Weinen sollst du nicht“, sagte Ham Rugen und legte Wöbke Dierks die Hand auf das goldene Haar. „Wenn Gesche Stelljes deine Schwester ist, wird sie dich wohl nehmen.“
„Sie sagt, sie hätte nicht Geld genug“, entgegnete Wöbke und blickte wieder stumm an die Erde. Dann horchte sie in das Schlagen der Nachtigallen.
„So müssen wir sehen, was zu tun ist. Wie alt bist du denn?“
„Ich werde zwölf.“
Ham Rugen schritt mit Wöbke Dierks um die Hütte. Seine Tritte versanken im Gras. Wöbke war barfuss.
An der offenen Tür lauschte der alte Mann. Die Ziege raschelte in der Streu. Die tiefen Atemzüge verrieten, dass Hinnerk und Gesche Stelljes schliefen.
Ham Rugen nahm das Kind an der Hand und sagte, Wöbke solle sich mit auf sein Stroh legen.
Da kroch das Mädchen in den Bettkasten. Ham Rugen plusterte das Stroh am Fussende ein wenig auf, damit es einen erhöhten Pfühl für den Kopf gebe. Dann legte er sich auch schlafen.
Die Uhr ging im Kasten — immer im Gleichtakt. Ham Rugen legte dem Schrittmass des Pendels Worte unter ...
Und in den Stechpalmbüschen schlugen die Nachtigallen.
Fünftes Kapitel.
Als Gesche Stelljes die Ziege im Morgentau auf die Weide band und im nassen Grase kniete, das Tier zu melken, schlüpfte Wöbke Dierks aus Ham Rugens Bettkasten.
Hinnerk Stelljes, der noch auf dem Stroh lag, und der die Gunst der Viertelstunde nützte, in welcher er sein Lager nicht mit Gesche zu teilen hatte, hob den Kopf ein wenig, als er Wöbkes rote Jacke sah, deren kurze Ärmel die runden weissen Arme der Deern freiliessen. Er hatte oft schon gedacht: so zarte Haut hat keine Deern im Moor, und keine hat so goldenes Haar wie Wöbke Dierks.
Hinnerk Stelljes’ Augen blieben weit offen.
„Na“, sagte er, „dat gift en gooden Dag.“
Wöbke sah drein wie ein gefangenes Reh. Hinnerk Stelljes hatte ausgesprochen, was sie längst gedacht hatte.
Die Deern schaute zu Ham Rugen. Der richtete sich im Bett auf und schwieg, wollte sich aber für alle Fälle bereit halten und kroch aus dem Kasten. Dann erzählte er Hinnerk mit zwei Worten, wie er die Deern im Moor entdeckt habe, und warum sie gekommen sei.
„Dat gift en gooden Dag“, wiederholte Stelljes und zog die Augenbrauen in die Höhe; das tat er immer, wenn er ein Wetter im Anzuge wusste. Aber das Wohlbehagen der Alleinherrschaft im Bettkasten war in diesem Augenblick lebhafter als der Gedanke an ein Wetter mit Blitz und Donner, das an Hinnerk Stelljes vorüberzog.
Holla — da stand Gesche schon in der Tür.
„Deern! Deern!“ schrie sie.
Die Überraschung, die ihr der unerwartete Anblick der Halbschwester schuf, war so über alle Massen gross, und das Bedürfnis, zu erfahren, wie Wöbke Dierks über Nacht von Klinkerberg in die ihr unbekannte Hütte gelangt, war so rege, dass kein Wort aus Gesches offenem Munde flog.
Hinnerk Stelljes wartete verborgen der Dinge, die da kommen sollten.
Ham Rugen lehnte mit über der Brust verschlungenen Armen am Tisch.
Wöbke Dierks blickte stumm zu Boden. Sie hielt die Schürze, die vordem ein Sack gewesen war, in der Hand.
Dann erzählte Ham Rugen.
Was nun mit der Deern werden solle? fragte Gesche. Hier könne sie doch nicht bleiben.
Ham Rugen meinte, das werde sich finden.
Da begann Gesche zu kreischen. Ham Rugen musste wieder an den Ruf der Greta denken, des schreienden Moorvogels — dessen Ruf schlägt einem der Wind auch so um die Ohren.
Den Alten hätten sie sich schon aufgeladen, behauptete Gesche, und es könne niederträchtig genug kommen, dann müssten sie ihn noch zehn Jahre füttern; und die Deern, für die keine Arbeit im Hause sei, auch noch? Da werde nichts daraus!
Während Gesche die Eier aus dem Hühnernest in der Ecke der Diele nahm und allerlei Hantierung verrichtete, schimpfte sie geläufig weiter.
Dann band sich Wöbke die grobe Schürze vor, nahm den Eimer und ging, Wasser zu holen.
Um das Wasserloch draussen vor der Hütte lief ein niederer Zaun; ein Haken lag über dem vermorschten Staket. Wöbke liess den Eimer daran hinab und zog ihn, zur Hälfte mit dem teefarbigen Wasser gefüllt, heraus.
Während Hinnerk Stelljes die Zeit für gekommen erachtete, sein Tagewerk zu beginnen, schüttete Wöbke Wasser in den Kessel und blies den Torf an.
Nicht lange danach löffelten sie zu viert den Buchweizen aus der Schüssel. Wöbke Dierks stand zwischen Ham Rugen und dem Fenster. Ham Rugen dachte, er wolle noch einen Schemel zimmern.
Als das Frühmahl vorüber war und Ham Rugen draussen im Morgenlichte stand, hörte er, wie Wöbke Dierks die Diele mit dem Rutenbesen kehrte. Als sie damit zu Ende gekommen, ging er mit Hinnerk und dem Mädchen an dem urbargemachten Landstreifen entlang.
Der Tau blitzte an jedem Buchweizenpflänzlein; der ganze Strich, auf dem Ham Rugen vor wenig Wochen das Moor gebrannt hatte, lag wie ein schwellendes Kissen in der braunen Landschaft, in das tausend und tausend Nadeln gesteckt waren. Und jede trug ein flimmerndes Kleinod.
Hinnerk Stelljes schritt in die Hütte zurück; und während Ham Rugen mit Wöbke Dierks in der Torfkuhle stand und dem Mädchen zeigte, wo er die Jahre her gestochen und wie er die Gräben gezogen, liess er seine Augen mehr auf dem Kind als auf den braunen triefenden Moorwänden ruhen.
Die Schweigsamkeit, die in Wöbke ist, hat sie vom Gelände, in dem sie lebt, dachte er. Aber das goldene Haar und die weiche Sanftheit der Haut hat ausser ihr keiner. Er meinte auch, er habe noch nie einen Menschen gesehen, der einen so strahlenden Blick gehabt wie Wöbke und wusste nicht, woher dem Kinde diese fremde Schönheit komme.
Über den Mooren war an diesem Morgen zum ersten Mal das Zittern des Lichts. Die Grillen sangen schon, und die Lerchen stiegen. In den Schatten, welche die Birken warfen, war gar keine Bewegung; blank und golden tropfte der Schein der Sonne hinein, und nur ab und zu, wenn der Wind mit sanftem Atmen vorüberlief, begannen die Blätter der Birken ihr Lispeln, oder das Wollgras am schwarzen Moorgrunde wiegte die seidigen Hütlein.
Ham Rugen sagte sich, man wisse nicht, ob die Sonne mit der strahlenden Hand oder der sanfte Hauch des Windes das weiche Wehen hervorgebracht.
Wie er ein Stück durch den Torf geschritten war, um zu sehen, ob sich das Wasser in der tiefen Kuhle verlaufen habe, schaute er zurück und sah Wöbke noch schärfer gegen die dunkelbraune Torfwand sich abheben. Ringsum war flitterndes Licht, ein fast blendender Glanz, und aus den geraden Linien der Ebene, in der die scharfen Schnitte der Torfstiche standen, hoben sich die Kronen der Birken auf den silbernen Säulen. Die Moormyrte hatte sich mit rötlichen Blütenkätzchen behängt und wob da und dort einen rosigen Schimmer in das Grün.
Und über allem wölbte sich die blaue Kuppel des Himmels.
Die Rosmarinheide, die ihre roten Glöcklein im frühen Frühling über dem Moore läutet, und das seidene Flockengras sind auch von so lieblicher Schönheit, dachte Ham Rugen, dass man sie gar nicht im Heidemoore vermuten könnte. Und die Nachtigallen in den Stechpalmbüschen sind auch da — warum soll nicht eine Menschenblume dem schwarzen Grund entsteigen, die lieblicher und leuchtender ist als alles ringsumher? Der harte Heidewind weht auch um das zarte Silber der Birken und um die grünen Schleier ihrer Äste, und die Stämme bleiben doch immer wie silberne Säulen, und die Schleier der Birken flattern gar holdselig über den blanken Säulen und wandeln sich unter dem zitternden Schimmer der Sommersonne in leuchtendes Gold.
Sechstes Kapitel.
So erschien Ham Rugen das Moor mit seinen stillen Linien und schwermütigen Farben allgemach reicher an Lichtern und Formen, die er vordem nie wahrgenommen zu haben glaubte. Seit er nicht mehr mit dem Esker in der Torfkuhle oder im Moorgraben stand und das Blau des Himmels sich öfter in seinen Augen spiegelte, als das Braun oder Schwarz des triefenden Grundes, war ein mildes Licht in diese Augen gekommen. Das war nicht so, wie der flackernde Glanz, den das Prüfen der Büsche und das hastige Suchen versteckter Gefahr auf heimlichem Schmuggelpfade hineingebracht; es war auch nicht das blanke Leuchten, das mit der Jugend erlischt, sondern es war wie der sanfte Strahl einer Kerze, die späte Liebe entzündet und in diese Augen gestellt hatte.
Ham Rugen ging aus der Torfkuhle, um deren Ränder ein weicher, samtiger Rasen schwellte und auf denen Wöbke die Ziege führte, zu dem Moortümpel.
Da fand er, dass das faule Wasser den Weg geflossen war, den er ihm gezeigt hatte. Die Sonne hatte das schlammige Becken fast ganz ausgetrocknet, und Ham Rugen rief Hinnerk Stelljes und sagte ihm: wenn sie, während die Kartoffeln wüchsen und das Heidekorn der Ernte entgegenreife, noch mehr Gräben durch jene Stelle des Moores zögen, so werde der Grund, der hier nur aus schwarzer Moorerde bestehe, den Sommer über austrocknen. Sie könnten dann später das schwarze Erdreich, das Neigung zum Sauerwerden zeige, mit weichem, trockenen Heidesande mischen und das Land gegen den Herbst hin so tief lockern, als der Frost des Winters hineingefrieren müsse, um es vollends mürbe zu machen. Wenn das alles geschehen und Hinnerk Stelljes ein Stück Land von der Ausdehnung eines Morgens mit Kartoffeln bebauen könne, so bekomme er Futter genug, um neben der Ziege noch eine zweite und dritte, im nächsten Jahre wohl auch eine Kuh und zwei Schweine zu halten.
Hinnerk Stelljes sagte nicht „ja“ und nicht „nein“.
Ham Rugen sah ihm in die Augen. Aber auch die grauen Augen, vor denen die roten Wimpern waren, sagten nichts. Hinnerk Stelljes meinte schliesslich, das sei ein schwer Stück Arbeit, und er ziehe vor, wenn nun einmal gearbeitet sein müsse, im Torf zu stehen.
Da dachte Ham Rugen, er wolle auf die Ernte warten und aus den Erträgnissen der beiden im Vorjahr angelegten Äcker berechnen, ob der Bau von Feldfrüchten nicht auch so vorteilhaft sei wie die mühevolle Arbeit im Torf.
Dann ging er wieder zurück in die Kuhle. Was Wöbke wohl da treibe, wollte er sehen, und ob ...
Da sass sie ja auf einer Torfstufe, die die braune Wand entlang lief. Man konnte von der Hütte aus nicht bis zu ihrem Sitze sehen, der infolge des ringsumher abgestochenen Torfs tiefer lag. Ausserdem waren Buschkiefern und Jungbirken um die Ränder des Torfstichs gewachsen. Und die Moormyrte blühte allenthalben.
Wöbke Dierks hatte ein Sträusslein Rosmarinheide in der Hand. Die weisse Ziege schnubberte an den zartroten Glöckchen.
„Rosmarinheide blüht sonst ein wenig früher im Jahre“, meinte Ham Rugen. „Es ist des Moorfrühlings erste Blüte, und sie ist schon da, ehe die goldenen Sterne der Dotterblumen in dem feuchten Grund aufgehen.“
„Ich habe sie im Schatten der Buschkiefern gesammelt“, sagte das Mädchen, „vielleicht ist dahin der Frühling später gekommen als an die Ränder, an denen die Sonne zuerst und den ganzen Tag über liegt.“ —
„Das hast du gut gedacht, Wöbke“, antwortete Ham Rugen und setzte sich neben das Kind.
„Woher wusstest du, dass man die roten Glöckchen ‚Rosmarinheide‘ heisst?“ — fragte der alte Mann nach einer Weile. Er bückte sich dabei und schüttelte die Bröcklein des Heiderieds aus den Holzschuhen, die sich in diesen während des Ganges über das Moor gesammelt hatten.
„Ich wusste es nicht“, sagte das Mädchen, „und dachte auch nicht, dass man diese Blumen ‚Heide‘ nenne, weil sie viel grösser sind als die der gewöhnlichen Heide, und weil auch die Stengel und grünen Blättlein ganz anders geartet sind.“
„Bist du nicht in die Schule gegangen?“
„O doch, früher! Drei Jahre lang. Das war aber, als Mutter noch nicht in das Land Amerika gezogen war und wir noch auf der Geest wohnten. Nachher ging das nicht mehr, weil entweder keine Schule da war, oder weil ich nach kurzer Zeit immer wieder bei andern Leuten wohnen musste. — Ich hab’ aber, wenn ich die Schafe oder die Ziegen hütete, meine Schiefertafel und mein Buch mit hinaus ins Moor genommen und habe geschrieben, weil ich’s gerne tat, und weil ich auch nicht immer stricken wollte.“
„Hm“, machte Ham Rugen.
Er sann rückwärts.
„Die Alten im Moor sind doch fast alle in einer Schule gewesen. Nicht weil es hierzulande Lehrer gegeben, aber weil sie einst nicht im Moore geboren, sondern aus andern Gegenden zugewandert sind.
„Es waren wohl immer recht arme Leute, die es an dem Platz, an dem sie gerade wohnten, zu nichts Rechtem bringen konnten und denen das Geld fehlte, zu Schiff nach Amerika zu fahren, wie es deine Eltern getan haben.
„Hier in den Mooren bekamen sie das Land geschenkt oder, wenn sie sich nicht im Torfe mühen wollten, schmuggelten sie allerhand Dinge von Bremen heraus und erwarben sich damit ein schön Stück Geld.
„Seit ich in dem ‚Einhaus‘ wohne — diesen Namen haben die Leute der Hütte gegeben, die nun Hinnerk und Gesche Stelljes zu eigen ist — und weil ich in der grossen Stille, die ringsumher ist, mich allgemach zurechtfinden gelernt, hab’ ich über manches nachgedacht, was von den Kanzeln gepredigt und wovon in den Schulstuben wohl auch geredet wird.
„Wie sich die Vögel ihre Nester bauen und eine Menge Halme und Reiser herzutragen, bis alles endlich soweit gediehen ist, als sie wünschen, hab’ ich allerhand Gedanken gesammelt, weil ich sie für wert hielt, sie nicht zu vergessen. Es ist ein wunderlich Ding um dies und das in der Welt und ein wunderlich Ding um Gott, der alles so lenkt, dass es gehe, wie’s gut oder richtig ist.
„Siehst du, da rollt die Sonne des Abends hinunter und des Morgens herauf. Und der Mond und die Sterne und die Winde und die Wasser und die Tage und die Jahre laufen ihren Lauf, und es wächset und vergehet — alles zu seiner Zeit. Und allenthalben ist Gott und zeichnet jedem seine Bahn.“
„Das hat uns auch der Lehrer auf der Geest erzählt: Gott sei überall oder Gott sei allgegenwärtig. Aber das kann ich nicht verstehen.“
„Ich will dir sagen, wie ich mir das denke, mein Kind“, antwortete Ham Rugen. „Seit ich mit der Stille um das ‚Einhaus‘ ganz allein gewesen bin, ist mir manches klarer geworden, als damals, wie ich’s vom Lehrer oder Pastor vernommen habe.“
Ham Rugen redete laut und feierlich. Er hatte die Arme gehoben und hielt die Hände wie segnend in die Sonne.
Wöbke Dierks schaute mit halbgeöffnetem Munde zu ihm auf.
Er hörte, wie tief und lange das Mädchen atmete, als er gesprochen hatte.
„Ich hatte alles ringsum vergessen, Ham Rugen“, sagte sie ernst, „weil ich dich reden hörte, wie nie zuvor einen Menschen.“
„Ich denke, ich will mit dir im Laufe der Tage noch über manches reden. Ich weiss nicht, ob das alles richtig ist, was ich dir sage. Aber wie ich es dir sage, wirst du vieles besser verstehen lernen, als wenn du es von andern hörest.“
Die weisse Ziege zupfte wählerisch die weichen Gräser, die kaum erst die Scholle durchbrochen hatten.
Ab und zu gab die Glocke, die sie an dem Riemen um den Hals trug, einen schüchternen, halbverträumten Klang. Die Glocke trug sie noch aus der Zeit, da Ham Rugen die Absicht hatte, das Tier weder im Stalle noch auf der Weide anzubinden.
Über Wöbkes Stirne fiel ein Strähn der goldenen seidigen Haare, die das Mädchen nicht offen trug wie gestern abend, sondern die über dem Nacken zu einem Knoten geschlungen waren.
Die Sonne hatte nun allen Tau aus dem Ried getrunken. Es war, als habe jeder Halm eine Stimme, so wirbelte das Zirpen der Grillen und das Singen der Heimchen in das rastlose Zittern des goldigen Tags.
Ab und zu schwebte die weisse Feder aus einem Samenbüschel des Löwenzahns langsam über die Torfkuhle, wenn die Ziege an eins der weissen stillen Lichter gestossen hatte, die da und dort schon neben den goldenen Körblein dieser Blumen standen.
Ham Rugen deutete auf den schwebenden Samen und sagte:
„Das ist etwas ganz Kleines und ist unscheinbar — ein Samenkorn, das Flügel hat.“
„Ich wusste nicht, dass dies der Same dieser gelben Maiblume sei“, entgegnete Wöbke. „Die Kinder blasen immer hinein in die weichen zarten Federkugeln und sagen: so oft sie blasen müssen, bis das letzte der weissen Federchen davongeflogen, so viele Jahre würden sie noch leben.“
„Und dann?“ fragte Ham Rugen und schaute das plaudernde Kind an, „und dann?“
„Dann werden wir begraben. Manche sagen, wir kommen zu Gott. Auch das versteh ich nicht, Ham Rugen. Sie sagen, was nicht stirbt, sei die Seele. Und die Seele lebe fort wie die Engel und sie lebe mit Gott. Und dass sie bei ihm lebe, habe der Sohn Gottes vollbracht, den sie ans Kreuz genagelt haben.“
„So glauben wir“, sagte Ham Rugen, und so belehrte er das Kind an diesem Tage und später, wenn er allein mit Wöbke Dierks in der Einsamkeit war.
„Es gab eine Zeit“, sprach er, „da dacht’ ich an nichts als an mein Tagewerk — jetzt aber ist mein Sinnen anders geworden, ganz anders. Ich möchte wohl, dass ich auch Hinnerk und Gesche Stelljes in der Stille des Feiertags manches erzählen könnte. Aber wenn wir zwei miteinander reden können, freut mich das auch. — Hättest du Lust, in dem Einhause zu bleiben?“
„Ja, Ham Rugen. Aber Gesche wird mich nicht mögen“, sagte das Mädchen traurig.
„So will ich mit Gesche reden und will ihr Geld geben für dich, dass sie dir Speis’ und Trank gibt und ein Lager für die Nacht. Jetzt, solang ich nicht krank bin, will ich das meine mit dir teilen. Und ich will Gesche auch sagen, dass sie dich umsonst behalten möge, wenn du dich ihr nützlich machen und ihr dienen kannst. Und das kannst du, wenn Gesche wieder ein Kind haben wird, sie selbst aber draussen im Torf an der Arbeit steht.“
Ham Rugen sagte nun zu Wöbke, sie solle die Ziege am Halsband jenseits der Hütte in die Moorheide führen, damit sie nicht das junge zarte Heidekorn abnage. Da führte Wöbke Dierks die Ziege fort und fragte Gesche, ob sie ihr eine Arbeit verrichten könne.
Ham Rugen aber wählte unter den umherliegenden Hölzern Stücke, aus denen er einen Schemel zum Sitze für das Mädchen zimmern könne.
Siebentes Kapitel.
Manchmal flog ein rauschender Zug Stare durch den Nebel der Moore. Aus den Stechpalmbüschen waren die Nachtigallen mit dem Sommer gezogen. Und die Sommerfäden schwammen im Lichte der letzten Sonne.
Ham Rugen hatte mit der Sense im Heidekorn gestanden und gemäht. Er hatte die Hacke geschwungen und die Kartoffeln dem lockeren Erdreich entnommen.
Hinnerk Stelljes und Gesche standen im Torf, und Wöbke Dierks hielt an der Sonnenwand des Hauses das Kind im Arm, welches im September in der Hütte zur Welt gekommen war.
Ham Rugen hatte ein Boot gezimmert, eins von den flachen, wie das andere war, das er Hinnerk Stelljes mit seinem Anwesen verkauft hatte — Hinnerk Stelljes oder auch Gesche könne später das torfbeladene Fahrzeug zum Schiffgraben und von da zur Hamme leiten, wo das grosse Torfschiff ‚Bremen‘ die Ladung der Kähne aus den Mooren löscht.
Der Alte hatte in der Zeit, da die ersten Herbstregen fielen, zu Bett gelegen. Die Gicht plagte ihn. Die in Wind und Wetter oder in Winterfrost und Schneesturm unter freiem Himmel verbrachten Nächte wiesen ihre Rechnung auf, und Ham Rugen, dem die Zeit immer tiefere Falten um den Mund und in die Stirne schlug, musste bezahlen. Schweigend ertrug er die Schmerzen.
Manchmal setzte sich Wöbke Dierks mit dem Kleinen auf den Rand seines Lagers und hörte den alten Mann von wunderlichen Dingen reden, die sie nicht immer verstand.
Aber die Regen gingen vorüber und die Winde aus Norden bliesen nicht mehr. Noch einmal leuchtete die Sonne in die Tage des Herbstes. Da war alles Grün Gold geworden, und wenn ein Wind über das Moor lief, wirbelten die Blätter der Birken in die klare Luft. Die war in diesen Tagen von schimmernder Reinheit und liess die Höhen der Geest in grössere Nähe gerückt erscheinen, als sonst, wenn ein weicher milchiger Hauch über allen Linien der Ferne lag und alle Weiten umspann mit einem sanften Gespinn aus goldenen Strahlen und kräuselnden Rauchschleiern, die den weiten Mooren entstiegen.
Die Gicht mit ihrem zuckenden Schmerz war es auch, die Ham Rugen die feuchte Torfkuhle meiden liess. Wie aber die Sonne wieder da war und die Schmetterlinge in der warmen Luft schwammen und in das goldige Licht noch einmal das nimmermüde Zittern kam, das in den Augusttagen von früh bis spät darin ist, bestellte Ham Rugen die Äcker und bereitete das Land für die Ruhe des Winters.
Währenddem beluden Hinnerk und Gesche Stelljes die flachen Boote mit dem Torf und führten sie durch die Gräben. Auf dem breiteren Schiffgraben und die Hamme hinab gingen in gemächlicher Fahrt Hunderte der braunen Segel von andern Booten aus andern Gegenden des Moors.
Zum erstenmale kamen auch die Leute vom ‚Einhaus‘, um die Frucht der Arbeit ihres einsamen Sommers zu Gelds zu machen. Für einen Teil des Erlöses erstanden sie in einer der Hammehütten Hausgerät oder Werkzeug oder Mehl zum Backen des schwarzen Brotes. Hinnerk Stelljes hatte aus Lehm und dem Häuflein Ziegel, das noch aus Ham Rugens Zeit hinter der Hütte stand, einen Backofen unfern des Einhauses ins Moor gesetzt.
In der Frühe eines der letzten Oktobertage lag das Heidemoor in mattem Silberschimmer. Wie die Sonne kam, war ein Flimmern und Blitzen in Ried und Halm und die goldenen Blätter der Birken fielen in leisem Falle, manche wirbelten kreiselnd zur Erde, manche fielen schwer wie goldene Tropfen aus dem Geäst. Und doch wehte kaum ein Wind. Das verrieten die braunen Segel, die da und dort aus den Schiffgräben tauchten. Ham Rugen wusste, dass die Torfschiffer den Staken oder das Ruder gebrauchen mussten; denn der Wind dachte nicht daran, die Leinwand an den niederen Masten zu füllen. — Hinnerk und Gesche waren im Grau des Morgens mit den beladenen Booten davongefahren.
Der Alte stand am Fenster der Hütte.
Wöbke Dierks hatte das Kleine versorgt und kniete nun neben der Ziege, um sie zu melken.
Als sie damit fertig war und geschäftig die andere Hausarbeit versorgte, sah Ham Rugen, wie die Deern in den Tagen der Sonne noch blankere Augen bekommen hatte: die ganze Freudigkeit des Sommerhimmels stand darin. Und doch war ihre Stirn weiss geblieben wie einst. Ihre Arme hatten sich gerundet, und die ganze Gestalt des Kindes zeigte die sanften Formen frühzeitiger Entwicklung.
Ham Rugen dachte: unter dem mancherlei Wunderbaren, das sein Auge in diesen letzten Jahren ringsum wahrgenommen, sei dieses Kind das Seltsamste. Wöbke Dierks und ihre schuldlose Schönheit, ihre kindliche und doch so verträumte Seele, der Glanz ihrer Augen, hinter dem nur für Ham Rugen eine schier unergründliche Versonnenheit sich barg — das alles war dem Greis ein ungelöstes Rätsel, zu dem er den Schlüssel vergeblich suchte.
Das kam wohl daher, dass Ham Rugens Blick geschärft war in den Gefahren, die ihn vordem in den Waaken der Hammewiesen, in den heimtückischen Tümpeln der Moore umlauerten. Die Eintönigkeit des Mühens, die sich die Seelen der Torfgräber mitleidlos stimmt und Auge und Herz auf den engen Gesichtskreis einstellt, der die Kuhle umläuft — diese Eintönigkeit hatte sich den Alten nicht mit harten Händen geformt.
Aber Hinnerk und Gesche Stelljes standen mit beiden Füssen fest in dem zähen Grunde des Moors und in ihren Augen war das trübe Licht, das dieser farbenarme Grund zurückstrahlt. Es ist, als trinke der alle Sonne des Himmels und lasse nichts übrig für die Menschen, die sich in ihm mühen.
„Do mösst en Jong wesen, Deern“, sagte Ham Rugen, als Wöbke Dierks hinzutrat, um den glosenden Torf unter dem Kessel zusammenzuschieben.
Er wandte sich wieder und sah durch die trüben Scheiben, über die das Moor seinen bräunlichen Hauch geweht hatte.
Er wusste, dass Hinnerk und Gesche kaum in die Hamme gelangt sein konnten, denn die Sonne hatte die Silberschleier der Reifnacht erst da und dort zu heben vermocht.
Dann winkte er das Mädchen zu sich heran.
Er setzte sich auf den Rand des Bettes und wühlte im Stroh. Wöbke Dierks sah ihm schweigend zu, und Ham Rugen wühlte den Strumpf mit den klirrenden Talerstücken hervor. Er war so gross, dass er ihn nicht mit der Hand umspannen konnte.
„Das hab ich mir zurückgelegt im Laufe der andern Jahre“, sagte er, „es sind sechsundsiebzig Taler. ‚Warum?‘ fragst du, weil ich das Geld ja doch nicht verwende oder mir eine Freude damit mache? Warum?“
Er tat den Lederriemen ab, mit dem der Beutel fest verschnürt war, und legte ihn auf sein Knie. Dann wühlte er mit der Hand in den Talern, schob sie im Beutel zur Seite und zog ein zerknittertes Papier unter dem Gelde hervor. Das faltete er mit der rechten Hand auseinander und hielt es weit von sich.
„Es kann ein jeder lesen. Du auch, Deern?“ fragte er und reichte ihr das Papier hin.
Wöbke erfasste den Zettel und las laut: „Dieses Geld — insgesamt sechsundsiebig Taler — soll nach meinem Tod in Besitz von Wöbke Dierks übergehen und soll ihr anheimgegeben sein, es zu verwenden, wie ihr gut dünkt. Harm Rugen im Einhaus am 20. Mai des Jahres 18 ..“
Wöbke gab Ham Rugen den Zettel zurück.
„Du sollst nicht sterben, und ich wollte, ich brauchte das viele Geld recht lange nicht zu nehmen.“
„Ich bin froh, min Deern, dass du so redest“, sagte der Alte und streichelte ihre Hand. „Vielleicht kennst du den Wert des Geldes nicht und weisst nicht, wie heiss die Menschen im Moor und auch an andern Orten danach trachten. Das da ist mit viel Mühe erworben, und es gab eine Zeit, die noch gar nicht lange vorbei ist, da hielt ich’s am höchsten von allem, was mir das Leben gegeben hat.
„Und ich hab auch die Tage her einen andern Zettel geschrieben. Das war zu der Zeit, als ich daran denken konnte, wieder in die Herbstsonne hinauszugehen, weil mich die Gicht nicht mehr so hart plagte wie in den Tagen der Nebel und Regen, mit denen der Herbst in das Moor kam. Ich dachte erst, ich wolle selbst in die Hammehütte gehen oder den Kahn suchen, den Clas Böschen fährt.“
„Wer ist Clas Böschen?“ fragte Wöbke Dierks.
Ham Rugen blieb still und blickte durch das Fenster — weit über die Ebene, bis hinüber, wo er das braune Segel eines Torfboots im Schiffgraben gegen die Hamme hin entschwinden sah.
Wöbke Dierks dachte: Ham Rugen schaut wieder in die andere Zeit.
„Clas Böschen“, begann er endlich, während sich das Mädchen am Torfbrand zu schaffen machte, „Clas Böschen war ein Junge, den ich das Schmuggeln lehrte. Er hatte helle Augen unter der Stirn und ein freudig Lachen — so froh, wie es sonst nirgends im Moore daheim ist. Die Menschen im Moore lachen nicht oft, und sie singen nie. Das lernen sie vom Gelände, auf dem sie stehen — das hat auch keinen Klang als das Klagen der Sumpfvögel. Und die Nachtigallen, die im Dunkel schlagen, hören die Menschen zu wenig oder gar nicht.
„Clas Böschen aber war ein frohgemutes Kind. Nun ist er achtzehn Jahre geworden, und ich habe gedacht: wenn der Junge auf Wege kommt, die nicht gut sind, so werden die Leute sagen: das hat Ham Rugen getan. Und wenn die Leute sehen: Clas Böschen ist verschlagen wie ein Fuchs, so werden sie sagen: Ham Rugen hat ihn so gemacht, wie er ist. Clas Böschen war um mich Tag und Nacht. In der Koje des Torfboots hab ich mein Lager mit dem Jungen geteilt — ich braucht’ ihn, denn er hatte flinkere Beine als ich.
„An Clas Böschen hab ich einen Brief geschrieben und gedacht, du möchtest hinüber zu den Hütten laufen, ihn suchen und ihm den Brief geben und sagen: Ham Rugen schickt mich. — Ich könnte ihn durch Hinnerk oder Gesche Stelljes hinbringen lassen. Weil ich aber glaube, sie haben nicht Zeit genug, oder sie werden den Brief einem andern geben, der Clas Böschen zu kennen vorgibt, und das Schreiben dann erst viel später oder gar nicht in die Hände dessen gelangt, für den es bestimmt ist, so will ich Hinnerk und Gesche nichts von meinem Vorhaben sagen. Es ist auch noch aus einem andern Grunde besser, der dir ganz gleichgültig wäre, wenn ich ihn dir nennen wollte.“
Wöbke Dierks schaute nach dem Bettschrank, in dem das Kind von Gesche Stelljes schlief.
„Um den Kleinen lass dir nicht bange sein — ich will ihm die Milch geben und will sonst an ihm tun, was du tätest, wenn du da wärst“, fuhr Ham Rugen beruhigend fort.
„Ich weiss“, sagte Wöbke Dierks, „dass du es dem Kind an nichts fehlen lassen wirst. Übrigens werd’ ich so rasch laufen, dass ich wohl früher zurück zu dem Einhause bin als Gesche. So gib mir den Brief, damit ich gehe.“
Wöbke fuhr mit den blossen Füssen in die Holzschuhe, schob den Brief unter die rote Jacke, band sich eine graue saubere Schürze vor, und nachdem sie noch einmal in das Bett geschaut und einen Topf mit Milch bereit gestellt hatte, lief sie aus der Hütte.
„Du kannst frühestens kurz nach Mittag wieder hier sein!“ rief ihr Ham Rugen nach.
Nun hörte Ham Rugen die Stille wieder schreiten wie in jenen Tagen, da ausser ihm niemand in dieser Gegend der Moorheide gelebt hatte.
Die Uhr, deren Pendelschlag von dem Geräusche der mancherlei Hantierung in der Hütte übertönt worden, sprach wieder wie einst ihr vernehmliches und gemessenes Tick-tack-tick-tack. Der Rauch vom Torffeuer schwelte wie immer in einer blauen kräuselnden Säule gegen den Boden des Kessels, teilte sich dort und schwamm in dünnen Schleiern um das Gebälk.
Vom Bettkasten her klangen die leisen Atemzüge des Kindes, das des Alten Wartung während der Stunden oblag, in denen Wöbke vom Hause fernblieb.
Nun wendete sich das Kleine im Bett.
Ham Rugen, der gerade ein Stück Torf in die Glut legen wollte, liess den Torf fallen und lief ruhelos auf der Diele hin und her. Er lief an das Fenster, weil das Kind zu schreien begann, und sah, ob Wöbke Dierks komme.
Die war ja noch nicht einmal in den Hammehütten und konnte noch drei Stunden fortbleiben oder auch viel länger, wenn sie Clas Böschen nicht fand.
Und Gesche Stelljes? — Wenn das Torfschiff nicht mehr in der Hamme lag und erst morgen früh ein anderes kommt, so würde sie mit Hinnerk Stelljes über Nacht in der Koje des Torfbootes schlafen. Dann musste das Kleine schreien bis in die sinkende Nacht ...
Ham Rugen schob die Mütze aus der Stirn und kraute sich hinter den Ohren. Er dachte, was Wöbke Dierks wohl immer gemacht hatte, wenn das Kleine schrie. Aber er wusste es nicht. Da trat er auf die Diele, zog die Holzschuh aus und nahm sie in die Hände Er trat vor den Bettkasten und schlug sie hart aneinander. Einen Augenblick lauschte das Kind — dann setzte es sein Schreien um so herzhafter fort. Ham Rugen schlug die Holzschuh immer heftiger aneinander er pfiff — und endlich sang er und sprang wie toll vor dem Bett herum:
En lüttje Deern bin ik,
Fien Garn spinn ik,
Kann knütten, kann neien,
Kann Sülverdraht dreien ...
Aber so beharrlich Ham Rugen hüpfte und dem Kleinen beteuerte, dass er en lüttje Deern sei, der Junge schrie, was er konnte.
Endlich fiel des Alten verzweifelter Blick auf den Milchtopf, den Wöbke Dierks dicht neben das Feuer aus den Schemel gestellt hatte. Ham Rugen setzte ihn in den Torf und dachte, er wolle das Kind aus dem Bett nehmen. Aber — mit diesen Händen!
„Dat Kind blievt foken dod un is mit eens entwei“, sagte er.
Und doch schlich er sich ganz leis an das Bett und fasste nach dem Kleinen. Er schob ihm die Hand unter den Rücken und wollte ihn aufsetzen. Da kippte das Kind vornüber in die Decken: zum sitzen hatte es sein Lebtag noch niemand aufgefordert. Nun wollte sich’s die Seele aus dem Leibe schreien.
Dem Alten perlte der Schweiss in heissen Tropfen von der Stirn. Da begann ein Brodeln und Zischen hinter ihm und in quirlenden Wolken stieg der Dampf: die Milch schoss brausend über den Rand des Topfes in die Glut.
Aber Ham Rugen hatte den Jungen auf dem Arm.
Er sang das schöne Lied vom Kuckuck und dem Kiewitt, de danzten up dem Dyk — den Kleinen kümmerte das nicht. Ham Rugen setzte sich auf den Schemel zum Feuer und schürte, als er den Milchtopf endlich zur Seite gerückt, mit der Zange in dem Brand, dass die Funken flogen. Er goss von der Milch in die Pfanne, in der Gesche den Buchweizen buk, damit sie kühl werde. Dann legte er das schreiende Kind um und flösste ihm mit dem Löffel die laue Milch ein.
Das half. Der Kleine schlürfte gierig den süssen Trank von der Spitze des Löffels.
Ham Rugen atmete auf und dachte, das wolle er die drei Stunden so fortsetzen, bis Wöbke Dierks wiederkomme. Alles, alles wollte er tun!
Da wendete der Kleine den Kopf und schlief ein.
Ham Rugen stand mit vor der Brust gefalteten Händen in der Mitte der Diele: „Dat’s slimmer as de Kontrolörs!“ sagte er und atmete tief.
Dann schlich er fort und ging auf den Zehen aus der Tür. Mehr als eine Stunde musste noch vergehen, ehe er Wöbke auf dem Moor erblicken konnte.
Achtes Kapitel.
Aber die Stunde verging.
Der Alte war zweimal auf den Torfhaufen geklettert, um weiter hinüberschauen zu können. Da leuchtete Wöbkes rote Jacke, und ihre goldenen Haare strahlten fernher übers Moor. Und neben ihr — wahrhaftig, das ist Clas Böschen!
„Dat hät goodgangen“, murmelte Ham Rugen und zog das Papier mit dem krausen Shagtabak aus der Tasche. Er wickelte sich behaglich sein Röllchen und schob’s in den Mund.
Dann ging er quer über den Buchweizenacker und sah, wie die beiden eiligen Schritts der Hütte zustrebten. Als sie in Rufweite waren, begann Wöbke zu laufen. Die Sorge um das ihr anvertraute Kind trieb sie.
Ham Rugen erzählte ihr, wie er dem Kleinen die Milch eingeflösst habe — Wöbke erschrak; ob Ham Rugen denn nicht gesehen habe, dass sie auch die Saugflasche bereit gestellt habe?
„Woll, woll!“ — aber er habe dennoch nicht daran gedacht.
Während Wöbke in die Hütte eilte, war Clas Böschen herzugetreten. Er grüsste den Alten mit festem Händedruck. Die Freude des Wiedersehens lachte aus seinen blauen Augen.
„Siehst du ein Segel in den Gräben, Clas Böschen?“ fragte Ham Rugen und spähte umher.
„Nein! Meinst du das von Hinnerk Stelljes?“
„Ja.“
„Der kommt heut nicht. Das Torfschiff ist nicht da. Kommt erst heut abend. Und Hinnerk Stelljes wird nicht in der Nacht fahren.“
„Nee“, sagte Ham Rugen. „Is good, is good.“
„Was wolltest du von mir? Weil das Schiff nicht da ist, konnte ich mit Wöbke Dierks gehen.“
„Du musst zum Militär, Clas Böschen?“
„Aufs Frühjahr stell ich mich.“
„Ich bin dir noch manches schuldig. Junge.“
„Mir?“ fragte Clas Böschen verwundert.
„Is aus dir was Rechts worden?“
„Ich denke“, lachte Clas Böschen.
„Wenn du eine Frau hättst und ein Haus und Grund und Boden, brauchtest du nicht fort.“
Clas Böschen lachte wieder.
„Hör zu“, sagte Ham Rugen und zog den jungen Torfschiffer neben sich auf die Bank. „Ich habe noch fünfunddreissig Taler von dem, was mir Hinnerk Stelljes für das meinige gezahlt hat. Ich will dir das Geld leihen, wenn du dir eine Hütte neben das Einhaus baust.“
„Ham Rugen, das willst du?“
„Will ich!“ sagte Ham Rugen. „Weisst du, ich hab so meine Gedanken. Das Land ist hier so, dass Torf und Ackergrund nebeneinander liegen, das heisst, wenn man den Boden bestellt, wie ihn der Feldbau braucht.“
Er fasste Clas Böschen am Ärmel der Jacke und führte ihn zu den Streifen Land, die er selbst im Vorjahre für den Bau der Kartoffeln und des Buchweizens bereitet hatte. Clas Böschen sah’s.
„Ich hab’ das verpasst und hätte zehn Jahre früher denken müssen wie heute. Aber wenn einer an die siebzig heran ist, dann gibt’s da nicht mehr viel vorzunehmen. Und Hinnerk Stelljes? Na, Hinnerk Stelljes, das ist so einer“ —
Ham Rugen deutete mit dem Daumen über die Achsel nach rückwärts.
„Solche gibt’s schon viel im Moor. Die kratzen den Torf und kratzen doch nichts heraus. In Hinnerk Stelljes ist keine Freude. Aber in dir ist sie, Clas Böschen! Und du müsstest bei dem Einhause sitzen und die Scholle krüppeln! Ich helf dir, willst du?“
„Na, ob ich will!“ lachte Clas Böschen und ergriff die Hand des Alten. „Ham Rugen, Ham Rugen!“ rief er, „35 Taler un en Hütt un en Fru ...“
„Heft ok en Fru, Jong?“ fragte der Alte erstaunt.
„En Fru? Nee. Äwerst ik weet een!“
„So nimm sie!“
Clas Böschen sprang in die Luft.
„Ich habe keine Frau gehabt und keine Kinder mein genannt, Clas Böschen. Aber die Jahre her, in denen ich nicht einmal Menschen um mich gesehen, hab ich mit meinem Herzen geredet und gedacht: ich will nicht alles Glück meines Lebens versäumen. Ich will dies und das nachholen so gut es geht und so lange ich noch dazu Zeit habe.
„Und was ich dir noch sagen wollte: Hinnerk und Gesche Stelljes sollen nicht erfahren, dass ich dir Geld gebe, und auch nicht, dass ich dir gesagt habe, du möchtest beim Einhaus und in dieser Mooreinsamkeit wohnen. Verstehst du?“
Clas Böschen nickte, was in diesem Falle heissen sollte: er verstehe zwar nicht, aber er wolle schon schweigen.
Ham Rugen schritt mit dem Jungburschen auf ein Stück Land über dem Graben, das um die Buschkiefern vor dem Einhause lief, und sagte: hier solle die Hütte Clas Böschens stehen, in der er mit seinem jungen Weib einziehen werde. Er habe den Plan, den er in dieser Stunde Böschen mitgeteilt, nicht erst seit heute morgen, und der Brief sei schon seit Wochen geschrieben, als ihn, den Alten, die Gicht auf das Stroh geworfen habe. Und nun freue er sich, dass Clas Böschen Lust habe, das Leben an der Hamme mit der Einsamkeit des Landes um das Einhaus zu vertauschen.
Eigentlich wisse er doch noch nicht, warum Ham Rugen das alles so wolle, wie er es ihm gesagt habe, meinte Clas.
Während der Alte bald da und bald dorthin deutete, und sagte: dort werde Clas Böschen Gräben ziehen und dort das Moor brennen, damit in der Asche der Buchweizen gedeihe, und wie er ihm noch manches andere gesagt, was zu tun nötig sei, fuhr er fort:
„Ich weiss, dass den Menschen im Moore die Freude fehlt, die Liebe zu der Scholle, die sie nährt, die Lust am Dasein, das sie leben. Nicht als ob sie untätige Träumer wären — aber sie verhandeln ihren Grund, damit sich die andern damit die Stuben warm machen. Das ist’s!“
Ham Rugen sprach lauter und heftiger, als es sonst seine Art war.
„Das ist’s, Clas Böschen! Und denkst du etwa, der deutsche Bauer wäre einer, vor dem man in der Welt den Hut zieht, wenn er seine Scholle nicht lieb hätte? Und warum hat er sie lieb? Etwa nur deswegen, Clas Böschen, weil sie ihm Geld einbringt?
„Das kann die braune Torfkrume auch, und sie bringt ihren Erlös nicht unwilliger, als jener Ackergrund, der den Schweiss der Bauern trinkt. Aber siehst du, gerade weil dort die gleiche Scholle immer von neuem die gleiche Mühe fordert, weil sie mit dem Pfluge gebrochen, weil sie gewalzt und geeggt werden muss, und weil sie die grösste Pflege mit um so grösserer Dankbarkeit lohnt, und weil sie am Ende eine einzige Sippe durch viele Geschlechter trägt und segnet — darum ist das eine ganz andere Sache wie hier bei uns im Teufelsmoor.
„Clas Böschen, ich sage dir, wir sind von gestern! Erst seit anderthalbhundert Jahren haben sich die Menschen in die Moorheide verlaufen. Ja, verlaufen, Clas Böschen! Oder es waren Leute, die aus dem Lichte der weissen Strassen verschwinden mussten und in die Dämmernisse unserer Moornebel krochen! Oder es waren solche, um die man nicht trauerte, wenn sie draussen nicht mehr zu finden waren!
„Freilich — nun ist das auch anders! Es ist ein gutes, tüchtiges, starkes Geschlecht gross geworden im Moor. Aber mich deucht, nicht stark genug, diese zähe Scholle zu zwingen.
„Weisst du, bei uns ist das so; die Leute im Moor fügen sich dem Grund und Boden, auf dem sie stehen, werden unfreudig wie der, werden still und versonnen wie das Gelände, das um sie ist.
„Das liegt aber auch daran, dass diese Scholle es unsern Leuten in einer Art zu leicht macht: sie stechen sie einfach ab und verhandeln sie. Das macht faul im Denken, Clas Böschen! Deshalb sage ich: einsilbig, wie unser Land ist, sind unsere Menschen. Und anstatt dass sie sich den Acker formen und wandeln, wie sie ihn gern mögen, und wie das der Bauer mit dem seinen tut, macht der Grund sich die Leute, die sich in ihm mühen. Der ist noch stärker als wir.
„Wir müssen unsere Scholle bauen, Clas Böschen, wir müssen Bauern werden!
„Ich weiss, sie lachen über solche Weisheit und sagen: der Torf in unsern Mooren langt für hunderte von Jahren. Mag sein oder nicht, ich weiss es nicht — aber ich weiss: nicht allenthalben, wo die Torflager abgestochen, oder wo man das Land bauen könnte, weil’s nur darauf wartet, wird es gebaut, sondern es lieg brach und trägt Binsen und Heidekraut. Und liegen doch Reichtümer darin so gut wie in der Geest oder der Marsch.
„Ich denke, ich will dir noch manches sagen, Clas Böschen. Und ich werde Zeit und Gelegenheit finden, wenn du dein Haus gebaut hast — lass es nur eine Hütte sein wie die da, die nur die Giebelwände hat. Werden einmal doch vier Mauern daraus, Mauern aus roten Ziegelsteinen, Mauern mit weissen Fugen und grünen Balken und einem Sprüchlein über der Türe.
„Ich denke, auf diesem Wege gehen wir der Freude am Leben entgegen. Und Freude muss sein!“
So redete Ham Rugen, der Alte.
Dann ging Clas Böschen den Weg zurück, den er gekommen; er ging quer übers Moor, über das braune, herbstliche Moor, auf dem nirgend die bunten Sterne der Blumen leuchteten. Aber Clas Böschen ging dennoch der Freude am Leben entgegen.
Neuntes Kapitel.
Nicht lange nach diesen Tagen, wie aber immer noch der blaue Glanz des Herbsthimmels über dem Moore stand, lief ein braunes Segel im Schiffgraben daher.
Dort, wo Ham Rugens Graben, der vom Einhause herüberleitete, in den breiteren Fahrweg mündete, legte das Boot an, und Clas Böschen kletterte die Böschung empor. Er spähte nach der Hütte herüber.
Hinnerk und Gesche Stelljes, die den unverkauft gebliebenen Torf unter Dach und Fach schleppten und damit auch die dünnen Wände des Ziegenstalles aussetzen wollten, liessen die Torfstücke fallen, die sie gerade erfasst hatten.
„Dat’s Clas Böschen“, sagte Hinnerk.
„Clas Böschen?“ fragte Gesche. „Welkeen is dat?“
Hinnerk vergass zu antworten und starrte mit weit geöffnetem Munde nach dem Standort des Torfschiffers.
Überdem war Ham Rugen aus der Hütte getreten und stapfte Clas Böschen entgegen.
Wöbke Dierks kam mit dem Kind auf dem Arme heraus und schaute dem Alten nach. Manchmal liess sie ihre Augen nach Hinnerk und Gesche Stelljes in den Torfstich über den Feldern gehen — was die wohl dazu sagen würden?
Nun sahen sie vom Torflager aus, wie Ham Rugen Clas Böschen die Hand gab. Die beiden hatten die Rücken gegen die Stelljes gewendet und deuteten nach dem Boot im Graben. Dann schritten sie den schmalen Graben entlang bis zur Hütte und schoben das flache Boot, das in der Wasserrinne unter den Buschkiefern lag, mit dem Staken den Graben hinauf.
„Wat schall denn dor wesen?“ fragte Gesche ihren Mann und stieg aus den Torf, um besser sehen zu können.
Dann standen die beiden wieder still wie die Stämme der Birken.
Und die Herbstsonne warf ihr goldenes Licht in die schwarze Torfkuhle.
Währenddem war Clas Böschen in das Segelboot gesprungen, hatte die Leinwand gerefft und schob Balken aus dem einen Boot ins andere. Dann stieg er heraus, und mit zwei Haken schoben Ham Rugen und Clas Böschen, der eine diesseits, der andere jenseits des Grabens, das Boot der Hütte entgegen.
„Wat schall denn dor wesen? kreischte Gesche herüber.
Während Clas Böschen die Balken, die das Dach seiner Hütte tragen sollten, herauswarf, stapfte Ham Rugen zu den Stelljes und erzählte ihnen, was Clas vorhabe. Er sagte auch, dass Böschen gestern Hochzeit gehalten.
Gesche bückte sich und begann von neuem, Torfstücke auf die Trage zu laden. Hinnerk stand noch eine Weile in stummem Sinnen.
„Dor mösst he tau’s Eenhus kamen?“ fragte sie.
Ham Rugen sagte: „He makt, wat he mög“ und stapfte wieder zu Clas Böschen.
Gegen Mittag tauchte ein zweites Segel im Schiffgraben auf.
„Dat’s Wischen!“ rief Clas, als er die braune Leinwand lautlos durch das Moor schwimmen sah.
Und nicht lange nachher lag das Boot der jungen Frau vor der Stauklappe, die die Gräben schied, wo es von Hain Rugen und Clas erwartet worden war.
Ein Sechzehnjähriger war mit Wischen (Lieschen, Luise) Böschen im Boot — Jan Klüwer, der Bruder von Wischen, die gestern noch Wischen Klüwer war.
Ham Rugen liess sein Auge froh auf den drei jungen Menschen ruhen. Und sein altes Herz begann zu lachen, als er in die blanken Augen der dreie sah.
Ehe der Mittag herankam, war das Holz von den Booten geladen.
Das Rohr und Stroh zur Dachung der Hütte komme bald nach, sagte Wischen und hob die Hand an die Stirn, um in die Richtung zu spähen, aus der sie das Boot segeln zu sehen vermeinte.
Ham Rugen hatte während der letzten Tage einen Standort für die Hütte Clas Böschens gewählt, der ein wenig weiter von der des Hinnerk Stelljes ablag, als ursprünglich in Aussicht genommen war. Der Alte hatte Clas die Gründe dafür flüsternd auseinandergesetzt und dabei mehrfach Bewegungen mit dem Kopfe gegen Gesche Stelljes gemacht.
Clas Böschen verstand.
Während Wischen und Jan Klüwer ein Feuer anzündeten, um das mitgebrachte Essen zu wärmen, begab sich auf den Ruf Gesches auch Ham Rugen zum Essen in die Hütte.
Gesche, die ihren Platz neben dem Alten hatte, setzte sich breiter an den Tisch als sonst und gab Ham Rugen Gelegenheit, ihre Kehrseite zu sehen.
Der Alte richtete einige Fragen an Wöbke Dierks, die zwischen ihm und dem Fenster sass. Es war, als habe ihn das Zusammensein mit den frohmütigeren Menschen, die im Verkehr mit anderen beweglicher geworden, gesprächig gemacht.
„Welkeen’ is dat — bi Clas Böschen?“ fragte Gesche nach einer Weile.
„Sien Fru“, antwortete Ham Rugen, „wat vördem Wischen Klüwer wier.“
„Un de Jong?“
„Jan Klüwer.“
„Blievt de ok?“
„Woll, woll.“
Dann war wieder nichts hörbar als das Abstreichen der Löffel am Schüsselrande.
„Wat wöll he dor?“ fragte Gesche, als sie ihren Löffel auf den Tisch gelegt hatte. Hinnerk schnitt sich noch ein Stück Schwarzbrot ab und kaute bedächtig weiter.
„Wat schall he wöllen?“ antwortete Ham Rugen, „wat anner ook.“
„Hät he Land köpt?“
„Hät he.“
Von wem, wollte Gesche wissen.
„Mien eegen“, sagte Ham Rugen gelassen.
„Dien? Dien?“
Gesche stand auf und stemmte die Arme in die Seiten.
„Dien?“ sagte sie noch einmal, und „Mien“ sagte der Alte.
Und weil jetzt auch Hinnerk die Zeit für gekommen hielt, das Kauen einzustellen, da ihm in diesem Augenblicke das Hören wichtiger schien, erzählte Ham Rugen:
„Das ist schon lange und war zu der Zeit, da die Hannöversche Regierung das Land verschenkte, wenn einer war, der sich darauf ansiedeln und das Land bebauen wollte — was man die ‚Kolonisten‘ nennt. Damals hat mein Vater zweihundert Morgen erhalten, und wie er starb, siel es mir zu. Was kann ich dafür, dass niemand oder doch nur wenige darum wissen? Wert is ja nix. Aber — ich hab’ mir das Einhaus doch nicht zum Vergnügen mitten ins Teufelsmoor gebaut und doch nu mal gar nicht aus Angst vor die Kontrollörs.“
„So! So!“
„Und Ham Rugen hat für die 40 Taler sauer erspartes Geld Gesche und Hinnerk Stelljes nur die Ecke Moorheide gegeben? So!“
Gesche zischte wie eine Heidenatter und kreischte wie ein Kiebitz, den der Sturm unter den Flügeln fasst und in das Röhricht wirft. Darüber wolle sie noch mit Ham Rugen rechnen! Sie fuhr auf der Diele umher wie eine verflogene Eule.
Hinnerk Stelljes griff von neuem nach dem Löffel, um den Rest der Grütze am Boden der Schüssel zusammenzustreichen. Gesche zog ihm den Napf unter dem Löffel fort.
Ham Rugen ging aus der Hütte. Im Gehen wickelte er sich ein Knöllchen Shag; er schob das Papier in die Tasche und das Röllchen in den Mund.
Gesche Stelljes keifte hinter ihm drein.
„Vom Moor is die nich“, dachte Ham Rugen in diesem Augenblick, „im Moore sind die Leute geübter im Schweigen.“
Und Hinnerk Stelljes trottete dem Alten nach — hinüber zu Clas Böschen und seiner Frau.
Ob Hinnerk Stelljes mit bauen helfen wolle? fragte Wischen Böschen.
Da wandte sich Hinnerk Stelljes mit einem deutsamen Blick zurück nach der Hütte. Wie er aber vernahm, dass er Stundenlohn erhalten solle, begann er Balken aus dem Haufen Holz zu ziehen, das die Boote gebracht hatten. Er war also mit dem Vorschlag einverstanden.
In der Ferne lief lautlos ein braunes Segel. Und da noch eins: die Boote führten Stroh und Röhricht zur Dachung herbei. Den Heidesoden für den First hatte Ham Rugen schon gestochen.
Und der Bau der Hütte, die Clas Böschens und seines Weibes junges Glück beschirmen sollte, begann.
Wie die Nacht die weissen Nebel aus den Mooren spann und die Gräben ringsum in die Dämmerung zu rauchen begannen, fuhren Clas und Wischen in dem einen, Jan Klüwer in dem andern Boote heimwärts.
Das Gerüst der Hütte stand.
Und die kommenden Tage sahen die gezäunten Giebelwände, sahen das Dach entstehen.
Während Hinnerk Stelljes den Lehm zum Bewurf der Zäunung rührte und bedächtig das braune Moorwasser über die zähe Erdmasse goss, zählte er die Stunden zusammen, die er an der Arbeit gewesen war, und berechnete den Lohn. Er hoffte damit Geschcs Zorn zu dämpfen.
Und wie auch der Lehm gegen die gezäunten Felder geworfen und glatt gestrichen war, erschien das Boot mit dem kärglichen Hausrat, das Jan Klüwer führte.
Dann ward die ‚Hüsung‘ bereitet. Und Clas Böschen mit seinem jungen Weib und mit seinem jungen Glück zog ein. Der Bettkasten ward aufgeschlagen; die Hühner hatten ihre Horde und die Ziegen ihren Stand.
Zehntes Kapitel.
Am nächsten Morgen, als der schmale Sonnenrand seinen Purpur über das Reifsilber der Moorheide legte und an die Torfwände Flammen warf, stand Claus Böschen mit der Heidehaue im Ried, schnitt das harte Kraut für die Streu der Ziegen und bereitete das Land für den Brand, den er hineinzulegen gedachte.
Wie Jan Klüwer am andern Tage den Torfhaufen glühte, von dem Claus das Feuer auf die Fläche zu werfen gedachte, war Ham Rugen vom grauenden Tag an in Böschens Hütte. Bald hatte er für den Jungen einen Rat, bald ging er Wischen zur Hand, richtete die Klinker für den Herd, hing die Ketten darüber ins Gebälk, oder er schob auch den von ihm gezimmerten Kahn die Gräben entlang zu der Stelle, an welcher der Sand zur Mischung der schweren Moorerde zu finden war.
Claus Böschen schaufelte den Sand in das Boot, drückte dieses zurück bis in die Nähe der Hütte und entlud es.
Wie aus dem Torfhaufen eine gelblichgraue Säule hervorstieg, die aber nur kurze Zeit senkrecht emporwirbelte, um alsbald zu brechen wie eine Birke, die der Sturm unter der Krone geknickt und die dann, träge sich ausbreitend, über die Moorheide kroch, deutete Ham Rugen mit der Hand danach.
„Siehst du“, sagte er zu Jan Klüwer und „siehst du“, sagte er zu Claus Böschen, der eine neue Ladung Sand herandrückte, „das gibt ander’ Wetter. Wenn der Qualm unter das Ried kriecht, ist’s nicht mehr weit.“
Weiter sagte Ham Rugen: er spüre den Wetterwechsel auch daran, dass die Gicht sich melde; die nächsten Tage würden Sturm oder Regen bringen. Claus Böschen solle nur immer Sand booten, er selbst werde das Moor brennen.
Ham Rugen fasste den Torfspaten und warf die Glut aus dem schwelenden Haufen über das Land. Allenthalben rauchte der Brand, der fauchte und zischte, und der Qualm quirlte herauf: ein dichter, missfarbiger Nebel wälzte sich in das Moor.
Ham Rugen und Jan Klüwer standen darin; dem Jungen liefen die Augen über. Er hustete. Wie Schatten standen die beiden in dein rollenden Gewölk.
„Das löscht noch die Sonne aus“, dachte Jan Klüwer — er sah die goldene Scheibe aus dem Dunste des Moorbrandes wie einen dunkelroten Kürbis im Himmel hängen.
Weil Gesche Stelljes wusste, dass der kriechende Rauch schlecht Wetter verkünde, hatte sie für Hinnerk allerlei Arbeit in der Hütte. Sie sagte, die andern möchten nur sehen, wie sie weiter kämen. Ob Ham Rugen ihnen geholfen habe wie jenen? Ob er ihnen so viele Morgen gegeben wie Claus Böschen? Gesche hatte immer neue Fragen, und Hinnerk Stelljes hielt doch niemals für nötig, eine Antwort zu geben. Das hatte er sich abgewöhnt, weil er wusste: wenn Gesche einmal redet, dann redet sie auch alles, und er war in solchen Fällen überflüssiger denn je.
Wöbke Dierks, die mit dem Kind auf dem Arm in der Sonne des Herbstmittags sass, mit dem Rücken gegen die untere Leiste des Fensters gelehnt, vernahm ein Geräusch in der Hütte wie Rascheln von Stroh. Sie wendete sich und sah, wie Gesche aus Ham Rugens Lager einen Arm voll Streu herausnahm und in das eigene Bett breitete. Weil sie Ham Rugen noch im Rauch stehen sah, fasste sie mit beiden Händen von neuem in den Bettschrank — da rann Wöbke Dierks das Blut zum Herzen: wenn Gesche den Strumpf mit dem Gelde fand, wenn sie ...
Wöbke Dierks mochte nicht daran denken. Sie stürzte in die Hütte.
„Ham Rugen sagte, er habe das Zucken in den Beinen“, rief Wöbke und ihre Stimme zitterte.
„Dumme Deern, was geht’s dich an?“
„Ich hab nur gemeint ...“
Du sprang Gesche hinzu und schlug Wöbke Dierks mit der flachen Hand über das Gesicht. Klatsch, klatsch —
„Zucken in den Beinen ...“
„Du stiehlst Ham Rugens Bettstroh!“ schrie das Mädchen in furchtbarem Schmerz.
Klatsch, klatsch! Wieder flog ihr die harte Hand Gesches in das weisse Gesicht. Wöbke Dierks lief laut weinend von dannen.
Als Ham Rugen den Angstruf des Mädchens hörte und aus dem Torfrauch trat, sah er, wie sich Wöbke schluchzend ins Gras warf. Sie hatte das Kind im Arm und hielt die freie Hand vor das schmerzende Gesicht.
„Deern!“ rief Ham Rugen, „Deern, was ist dir?“
Auch Jan Klüwer war hinzugetreten.
„Gesche hat mich geschlagen!“
„Warum?“
„Sie sollte dir die Streu nicht aus dem Bette nehmen, Ham Rugen — ich dachte ...“
Wöbke Dierks sprach nicht weiter. Ihre Stimme erstickte in den Tränen. Ham Rugen war in die Hütte gelaufen, aber Gesche Stelljes sagte, die dumme Deern lüge, oder sie sähe Gespenster.—
Am andern Tage stand nicht mehr die glänzende blaue Kuppel des Himmels über dem Moore.
Die Birken hatten ihr goldenes Laub verloren; nur an den Enden der Zweige sassen noch dünne Häuflein lispelnder Blätter und zitterten, weil der Wind bald aufwachen und sie fortwirbeln werde.
Aber der Wind kam nicht. In gleichmässigem Grau hing der Himmel über den müden Farben der Ebene, flach, tief, und nur eine kaum merkliche Bewegung war in der eintönigen Schwere der Wolken — von Abend nach Morgen.
Und da und dort spannen sich die Nebel der Moore über den Grund. Zäh, träge. Und die braunen Segel der Torfboote tauchten auf — verschwanden. Aber kein Wind rührte sie an. Und kein Duft einer späten Blume war in dem grauen Tag, und kein Glanz ging hindurch. Müde und mit schweren Schwingen flog ein Reiherpaar seine Bahn.
Aus der Hütte trat Ham Rugen in den müden Morgen, und Wöbke Dierks folgte ihm. Die beiden gingen quer übers Moor, gingen schweigend in den bleigrauen Tag.
Ham Rugen hatte Stiefel an den Füssen, wie sie die Leute aus dem Moore kaum Sonntags auf dem Kirchgange trugen. Wöbke Dierks war barfuss in den klappernden Holzschuhen.
Als sie so weit gekommen waren, dass die Dächer der Einhäuser in dem Graunebel des Moores nur noch von denen gesehen werden konnten, die wussten, dass sie dort seien, und der Damm, auf dem an manchen Tagen auch wohl ein Wagen fuhr, noch nicht in der Nähe war, blieb Ham Rugen stehen und schaute nach allen Seiten über das Gelände.
Als er gar nichts Lebendes bemerkte und auch nicht einmal ein Segel in einem der Schiffgräben gleiten sah, bückte er sich und legte den Beutel mit dem Gelde, den er in der Tasche getragen, unter einen Stechpalmbusch, der sein Gezweig bis auf das verblühte Kraut der Heide herabhing, und deckte ihn mit schwarzer Moorerde zu.
Wöbke Dierks betrachtete des alten Mannes tätige Sorge und sagte: „Daran hätt’ ich nicht gedacht, Ham Rugen. Aber ich will mir den Stechpalmbusch mit merken, damit wir nicht lange suchen müssen, wenn wir zurückkehren.“
„Es ist recht, Kind“, sagte Ham Rugen. „Aber ich weiss, es sind nur drei Sträucher dieser Art auf dem Wege von den Einhäusern bis zum Damm, und im Schirme des mittleren hab’ ich das Geld verborgen.“
Die dämmrige Stille stimmte sich die Herzen, und es war, als wage sich kein Laut von den Lippen der wandernden Menschen, denn es war kein Ton in der nebelgrauen Einsamkeit. Selbst ihre Tritte versanken lautlos in dem feuchten Sande des Moordamms, auf den sie nun gelangt waren.
Wie sie fast zwei Stunden schweigend nebeneinander geschritten, während welcher der alte Mann manchmal einen Blick nach den ferne ziehenden Segeln geworfen, und wie sie nur selten die Mauern eines Gehöfts oder das Dach einer einsamen Moorhütte hatten auftauchen sehen, drängten sich nun die steinernen Häuser bis dicht an die breite Strasse heran, auf der sie schon seit geraumer Zeit gewandert waren.
Nicht mehr fern lag der Weyerberg, den die Leute in anderer Zeit, da noch die See über das Moor gegangen sein soll, als Düne gegen die drohenden Wasser errichtet hatten. Jetzt schaute auch der weisse Turm des Kirchleins über die Bäume des Berges hinweg.
„Dorthin wollen wir gehn“, sagte Ham Rugen, „und wenn wir erreicht haben, was ich will und für nötig halte, wollen wir ruhen und wieder zu den Einhäusern zurückwandern.“
Kurze Zeit danach betraten sie das Pfarrhaus neben dem weissen Kirchlein. Ham Rugen redete mit dem greisen Pastor. Er redete auch mit dem Gemeindevorsteher, der auf die Pfarre gebeten worden war.
Wöbke Dierks verstand nicht alles, was die Männer miteinander sprachen. Aber sie nahm wahr, dass von ihr die Rede sei und Ham Rugen wünsche, zum Vormund für das Mädchen bestellt zu werden, da dieses als elternlos zu betrachten sei. Er sagte auch, dass er es nicht für gut halte, wenn Gesche Stelljes die alleinige Fürsorge für das Kind anheimgegeben sei. Manches sprachen die Männer leise.
Dann machten sich die beiden wieder auf den Weg zu den Einhäusern, von denen auch die Rede zwischen Ham Rugen und dem Pastor gewesen war.
Der Gemeindevorsteher sagte, es werde schon alles nach dem Wunsche Ham Rugens in die Wege geleitet werden. Er werde bald ein Schreiben empfangen, aus dem alles zu ersehen sei, was er zu wissen nötig habe. Auch an Gesche Stelljes und ihren Mann werde die Mitteilung gelangen, dass sie sich den Bestimmungen, die Ham Rugen als Vormund von Wöbke Dierks für gut halte, zu fügen haben.
Wie Ham Rugen mit dem Kinde die breite Strasse zurückgelegt, und wie sie auch den Damm entlang gegangen waren, schritten sie wieder über die pfadlose Moorheide.
Ein sanfter Regen hatte zu fallen begonnen. Aber die Stille war noch über den Weiten. Bloss ein leises Zischen war in der Luft — so fein, wie man es nur in der Moorheide vernehmen kann, in der gar kein Laut ist, und in der auch der Fuss so weich schreitet wie nirgend sonst auf einem Wege.
Wöbke Dierks sagte, dieses sanfte Klingen in der Luft müsse wohl entstehen, wenn der rinnende Tau des Himmels sich im Fallen streife.
Überdem waren sie an den Stechpalmbusch gekommen, unter dem Ham Rugen den Strumpf mit dem Gelde verborgen hatte. Er steckte ihn wieder zu sich, und sie gingen ihren Weg zu Ende.
Elftes Kapitel.
Wie drei Jahre vergangen waren, seit Claus Böschen seine Siedelei in das Moor gesetzt, sass Ham Rugen im warmen Licht eines Spätsommertags und hatte die Hände im Schoss gefaltet.
Er hatte die Hose aus Leder, die er, als er noch schmuggelte, von einem Schiffer in der rauchigen Kneipe an der Weser erstanden, über den Knöcheln gebunden. Den Stock, an dem er seit dem letzten Herbst gehen musste, hatte er neben die Bank in den Sand gesteckt. Er liess sich die Stirne von der goldenen Hand der Sonne streicheln und hatte das silberne Haar über den Schläfen nach vorn gestrichen.
Wöbke Dierks kam über den Steg und trug in einem Napf dampfendes Essen herüber. Sie setzte dem alten Mann die Schüssel in den Schoss und sagte:
„Es ist ein süsser Milchbrei, Ham Rugen, und ich hab’ ihn selbst für dich gekocht. Und Wischen lässt dir sagen, du möchtest doch auch einmal zu ihr hinüberkommen, wenn du froh seist, damit du ihr erzählen könnest, solange sie zu Bett liegen müsse. Wischen hört dich gern reden von alten Tagen und von solchen, die erst kommen werden.“
„Ich will zu Wischen Böschen gehn, wenn mir etwas einfällt, davon ich ihr erzählen kann“, sagte Ham Rugen.
Wöbke Dierks sprang rasch zu den drei Kindern hinunter, die nicht weit von den Buschkiefern entfernt in dem warmen Sande sassen und mit den Löffeln Gräben in das Erdreich zogen. Sie hatten auch dürre Stäbchen in den Sand gesteckt und die roten Ähren des Heidekrauts dazu und sagten, das sei ihr Garten.
Als das Mädchen dem einen der Kinder ein Körnlein Sand aus dem Auge gewischt hatte, das ihm hineingeflogen war, erhob der dreijährige Jan Stelljes die Hand, die den Löffel hielt, und wollte nach Wöbke Dierks schlagen. Die sah das Kind in dem zerschlissenen roten Kittelchen mitleidig an und sagte zu Ham Rugen, als sie sich wieder neben den Alten auf die Bank gesetzt hatte:
„Es tut mir leid um die beiden, um Jan und um die Kleine. Wischen Böschen ihrer, der doch um mehr als ein Jahr jünger ist als Jan Stelljes, ist auch so gross wie der und kann noch mehr reden als der Dreijährige.“
„Hm“, machte Ham Rugen und reichte Wöbke Dierks den leeren Napf. Dann zupfte er sich ein Prislein Shag und schob’s in den Mund.
„Das ist das, was wir von dem Moor angenommen haben.“
„Wie meinst du das, Ham Rugen?“ fragte Wöbke Dierks.
„Hm. Hm. Ich möchte sagen: die Stelljes stecken bis an die Knie in der Moorkuhle, können nicht heraus, und alles, was sie tun, tun sie eben von dort aus, wo sie hineingesunken sind. Wenn du mich noch nicht verstehn solltest — ich weiss gar nicht: manchmal reissen mir die Gedanken so ab, oder ich finde die Worte nicht mehr für das, was ich denke — so sieh doch einmal über das Land, das um dich ist.
„Vor dreizehn Jahren war die Hütte Ham Rugens hier ganz einsam mitten im Moor. Die blieb zehn Jahre und blieb ganz allein. Vor drei Jahren kam Clas Böschen, im Vorjahre baute Heme Jensen sein Haus. Er nahm rote Ziegel zu den Wänden. Und dann kam Jan Otten und baute ein gleiches. Und hernach kamen andere vom Klinkerberg und fingen an, ihre Hütten wieder in den Grund zu graben, weil sie gar kein Geld hatten, Mauern oder gezäunte Wände aufzuführen.“
Ham Rugen deutete in die Moorheide hinaus.
Drei Rauchsäulen standen drüben auf dem Gelände. Die standen nicht fern voneinander und es war, als habe einer drei Torffeuer in dem Heidemoor angeglommen. Aber die Rauchsäulen standen nicht auf dem Grunde, sondern gingen aus drei Löchern hervor, die waren in Erdhaufen, die nur ein geringes über die Fläche emporragten. Und unter jedem der schwelenden Löcher war fast in gleicher Höhe mit dem ringsliegenden Land ein flaches Dach. Jedes der drei Dächer deckte einen Wohnraum. Der war in den Torf geschaufelt, o dass die Wände des Loches die Umfassungsmauern der ‚Erdhütte‘ bildeten. Das Licht rann von der Seite durch den Eingang in die Hütte. Dieser Eingang bildete das Ende eines schräg hinabführenden Weges.
Ham Rugen sagte:
„Jene da hätt’ ich den Einhäusern gern erspart oder hätte lieber gesehen, sie wären anderswo daheim, wo in derlei Hütten die Armut hungert. Aber die Tagelöhner sind in den Einhäusern nicht mehr übrig, und es mag sein, dass Clas Böschen und Heme Jensen im neuen Jahre, wenn sie noch mehr Moor urbar machen, noch andere Leute brauchen, die für sie arbeiten.
„Das alles wollt’ ich dir nur sagen, Wöbke Dierks, um dir zu zeigen, dass in drei Jahren sieben Familien in den Einhäusern sich angesiedelt haben, während vor dem nur ein einziger Mann da war, der lange Zeinicht wusste, was er mit der Einsamkeit anfangen sollte, die stundenweit über den Mooren lag.
„Sieh dir das Land an, das um dich liegt. Weisst du noch, wie wir zum Pastor nach dem Weyerberg schritten? Damals war kein Weg bis hinüber zum Fahrdamm, und ich dachte: man sollte Stangen mit Strohbüscheln stecken, damit sich in Jahren ein Pfad trete, auf dem man am kürzesten zu der Strasse gelangt, die durch das Moor läuft. Heute haben Clas Böschen und Jan Otten Stege mit Leitstangen über die Gräben gespannt und eine Menge neuer Wasserläufe sind im Moor und es ist viel urbar gemacht — entweder dort, wo man die Torflager abgestochen hat, oder wo vor zehn Jahren noch stinkende Tümpel waren und fauler Schlick lag. In den neuen Gräben ist das Wasser langsam abgeronnen. Langsam — wie alles langsam geht auf der Moorheide, in die der Fuss beim Schreiten oft bis an die Knöchel einsinkt. Manchmal kommt’s auch, dass das heimtückische Moor seinen Schlund öffnet und den ganzen Menschen hinabschlingt. Es sind viele, von denen wir wissen, dass sie über die schwarze Heide gegangen — die Nebel sind gefallen und haben sie eingesponnen. Nirgend ist ein Licht gewesen und nirgend ein Weg. Und sie sind nicht dahin gelangt, wohin sie gehen wollten. Aber sie sind auch nicht zurückgekehrt.“
Ham Rugen verfiel in jenes stille Sinnen, über dem ihm die Augen weit wurden.
Aber er schaute nicht hinaus gegen den Rand des Himmels, der in der fernen Klarheit des Tages stand, sondern er sah hinab auf die Spitze seines Holzschuhs.
In seiner Stirn stand die tiefe Falte und um seinen Mund war die herbe Verschlossenheit.
Wöbke Dierks dachte, das müsse der Gram gewesen sein, der in einem langen Leben Furchen um diese Lippen gezogen habe, die jetzt so trutzig aussahen und die doch so sanft reden konnten.
„Ich weiss noch alles, Ham Rugen, wie es war, da ich durch die klingende Sommernacht gegen das Einhaus lief.“
Und als ob dieses Wort den alten Mann wieder aus seinem Sinnen geweckt habe, begann er von neuem zu sprechen:
„Ich dachte, du solltest dir einmal durch den Sinn gehen lassen, wie das alles geworden ist, wie sich das zum besseren geändert hat und wie nur die Felder von Hinnerk Stelljes schlecht geblieben sind wie sie waren. Da ist kein Fuss breit Land hinzugekommen. Hinnerk Stelljes wirft in jedem Frühjahr den Buchweizen in den Acker, auf dem er im Herbst zuvor Buchweizen gemäht hat. Und Gesche Stelljes wühlt in jedem neuen Mai die Kartoffeln wieder in die Scholle, die ihr voriges Jahr auch Kartoffeln getragen hat. Da wird die Ernte in jedem Herbst kärglicher: die Kartoffel findet nicht mehr, davon sie schwillt, und der Buchweizen nicht, davon er wächst. Clas Böschen dagegen und Heme Jensen haben zu jeder Frist Neuland gewonnen und haben so viel, dass sie dorthin Kartoffeln legen können, wo vordem der Buchweizen geblüht, und dass sie dort, wo vordem Buchweizen war, Roggen säen können. Roggen, Wöbke Dierks!
„Es sind acht Morgen Land um die Einhäuser, auf denen nun das Korn hohe Halme treibt, dunkelgrüne fette Halme mit schweren Ähren — fast so hoch wie auf jenen gesegneten Stellen, die man die Marschen nennt.
„Wöbke Dierks, hast du das gesehen? Und verstehst du nun, was ich sagen wollte mit den Worten: Hinnerk und Gesche Stelljes stecken bis zu den Knien im Moor? Bei ihnen hat sich nur der Torfstich ein wenig vertieft und erweitert. Sie haben noch die eine Ziege im Stall — sie sind nicht vorwärts gekommen!
„Aber es wird eine Zeit sein, da wird ein noch grösserer Teil der zweihundert Morgen, die mir gehörten, wogende Halmfrüchte tragen, und die Einhäuser werden eine Gemeinde sein, und es wird Leben sein und eine Kirche! Und das mag nicht mehr lange währen, bis es so weit ist, Wöbke Dierks. Denn eine Scholle, wie die ist, auf der wir sitzen, ist dankbar und hat viel unverbrauchte starke Kraft. Aber die Kraft schläft, und sie muss geweckt werden. Wenn nun einer schläfrig seinen Pfad geht und nur immer wirken mag, wie man seit Jahren an diesem Orte gewirkt hat, dann bleibt er stehen. Und Stehenbleiben ist im Moor ein gefährlich Ding und ist an vielen Stellen gleich mit stillem qualvollen Versinken.
„Einmal, wie ich im Abendlichte schritt und wie die Sonne ihr Gold über die frischgebrochenen Schollen von Clas Böschens Feldern warf, dacht’ ich: Das ist das Gold, das die Sonne in dies Land legt, damit es die Menschen als goldene Frucht wieder herausgraben und in goldene Münze wandeln. So ist der Weg, aus dem aller Reichtum des Bauern kommt: erst ist es strahlendes Gold des blanken Himmelslichts und sind sanfte silberne Regenkugeln, die in klingendem Fall in den Acker rinnen. Das ist der Wandel der Dinge. Und von dem Versinken des warmen Lichts und der Quelle des Regens bis zu dem Tage, da der Bauer im Moor diese beiden als gemünzt’ Gold in der Hand hält, ist ein weiterer und mühevollerer Weg, als ihn der Bauer zu gehen hat, der über die Marsch oder die Geest schreitet.“
Ham Rugen erfasste den Stock mit der Rechten und schritt neben Wöbke Dierks gegen die Hütte Clas Böschens.
„Ich will mit zu Wischen“, sagte er.
Als er über den Steg ging, liess er die linke Hand über die Leitstange gleiten, stand einen Augenblick auf die Stange gestützt und schaute den Graben entlang. Seit er den gestochen, hatten ihm die Jahre den Rücken gebogen. Ham Rugen war alt geworden, sehr alt.
Hinter Clas Böschens Hütte standen zwei Scheunen, die ein wenig kleiner waren als das zuerst errichtete Haus.
Wischen, die im Bette lag und das Neugeborene im Arme hielt, berichtete Ham Rugen, dass Clas im neuen Frühjahr ein Wohnhaus aus Ziegeln zu bauen gedenke mit einer geräumigen Diele und einem Flet, welches durch eine querlaufende Wand von den zwei daranstossenden, nebeneinanderliegenden Stuben getrennt sein solle.
Zwölftes Kapitel.
Während Ham Rugen an Wischens Bette sass und die Augen der jungen Frau zukunftsfroh zu ihm herausleuchteten, war Wöbke Dierks wieder in die sonnige Heide geschritten und hatte Menne Böschen, den zweijährigen tapferen Jungen, der ihr zwei Fäuste voll flammender Lichtnelken entgegenhielt, an die Hand genommen. Die Kinder Stelljes, die im Sande hockten, schauten ihr stumpfsinnig nach und wischten sich die braune Erde unter die unsauberen Nasen. Wöbke Dierks sah, dass Jan Stelljes kein Hemd anhatte, sondern das zerrissene Rotröckchen auf dem blossen Leibe trug. Das sah Gesche Stelljes ähnlich! So hielten’s die Leute in Klinkerberg, und so hielten’s auch die in den Erdhütten; denn sie sagten, ihre Väter und sie selber seien ohne Hemd doch auch nicht gestorben. Die Knochen der beiden Kinder waren dünn und an den Gelenken aufgetrieben. So kam’s, dass der dreijährige Jan Stelljes nicht so fest auf den Beinen stand als Menne Böschen auf seinen jüngeren.
„Ich habe mit Wöbke gesprochen“, sagte Ham Rugen, „und während ich so zu euch herüberging und die Kinder spielen sah, Stelljes zwei und deinen, da dachte ich: wie das doch so geht! Vor drei Jahren haben wir angefangen. Das waren die gleichen Dinge, die für Clas Böschen da waren und für Hinnerk Stelljes. He is en Troompott un en Simpel und Clas en tüchtigen Kirl. He geiht rückwarts as en Krebs und Clas nah vorn un is nahstens en Bur (Bauer).“
Wischen Böschen lächelte frohgemut.
Währenddem war Wöbke Dierks mit Menne Böschen weiter in die Heide gelaufen. Nun sass sie in den Binsen und flocht Blumen, die das Kind herbeitrug, zu einem Kränzlein.
Wöbke Dierks hatte den himmelblauen Kattunrock an, das rote Mieder, das die runden Arme frei liess, die aller Sommersonne zum Trotz nicht das bräunliche Rot zeigten, das die Arme der Frauen hatten, welche den Backtorf traten oder schnitten. Wöbke’s flachsenes Haar verhüllte der Schleierhut aus weissem Kattun, den auch die Frauen in der Torfkuhle tragen.
Die Häuser standen scharf gegen das reine Blau des mittäglichen Himmels; die Stimmen der Männer, die den Grund für Clas Böschens neues steinernes Wohnhaus in der Torfkuhle freilegten, waren kaum vernehmbar.
Nur das Singen der Grillen zitterte aus dem Ried und die Bienen summten geschäftig über das rosige Leuchten der blühenden Heide. Wenn ein Wind durch das flimmernde Licht lief, gingen die Nelken in Wogen, wie die Ähren in Clas Böschens gilbendem Roggen.
Menne Böschen bekam ein Kränzel ins Haar. Er kauerte neben Wöbke im Ried.
„Du“, sagte er. „Du!“
Damit riss er sich die Blumen von den gelben Haaren und zog Wöbke den Hut in den Nacken, wobei sich der Knoten ihres Haars löste. Wöbke band die Kopfhülle ab. Das Haar floss ihr offen über die Schultern. Es war blank wie Gold und glänzte wie knisternde Seide. Menne Böschen drückte Wöbke den Kranz auf den Scheitel und schob ihr rote Heide in das flutende Haar.
Da kam einer den schmalen Sandpfad herüber, den die Männer aus den Einhäusern erst im Vorfrühling hergestellt hatten, ehe die Arbeit auf den Feldern begann. Er trug einen breiten Filzhut auf dem Kopf und ein Ränzel auf dem Rücken.
Wöbke Dierks liess die Hände in den Schoss sinken, und Menne Böschen, der auch den Weg entlang schaute, als er Wöbke schweigend immer nach einer Stelle blicken sah, lallte: „Wekeen is dat?“
Aber Wöbke Dierks antwortete nicht. Sie dachte, das sei der erste Fremde, der auf dem Pfade nach den Einhäusern gehe, und er werde — da ihm ringsum kein anderes Dach den Weg weise — in der endlosen Ebene die Richtung verloren haben und irr gegangen sein.
„Ich suche die Einhäuser“, sagte der Fremde als er herangekommen und Menne Böschen, der mitten in den Weg getreten war, an den Flachshaaren zupfte.
„Das sind sie“, sagte Wöbke, die den jungen Mann verwundert anschaute. „Ihr kommt da schon recht.“
„Wo ist das Wirtshaus?“ begann der Fremde alsbald zu fragen, während er zu den wenigen Dächern hinüberschaute.
„Ein Wirtshaus?“ fragte Wöbke erstaunt. „Das ist bei den Einhäusern nicht.“
Der Mann stützte sich verwundert auf seinen Krückstock. „Ich komme von Bremen und bin müde.“
„Von Bremen?“ fragte Wöbke fast ungläubig. „Da bin ich noch nie gewesen. Da müsst Ihr aber frühzeitig aufgebrochen sein!“
Währenddem hatte sich der Wanderer auf der andern Seite des Weges Wöbke gegenüber ins Gras gesetzt. Menne Böschen liess kein Auge von ihm, und weil er sah, dass der Mann etwas auf dem Rücken trug, trippelte er hinüber, besah sich den braunen Kasten und das Ränzel und betastete beides neugierig.
„Wie heisst du denn?“ fragte der Fremde das Mädchen.
„Wöbke Dierks.“
Sie liess Menne Böschen ruhig gewähren.
„Ich bin ein Maler. Ich möchte die Landschaft malen, die hier anders ist als dort, wo ich daheim bin, und die mir sonderlich gut gefällt.“
Wöbke Dierks dachte an Ham Rugen, der hatte ihr einmal gesagt — ja, so war’s! Sie sann ein Weilchen, dann sagte sie:
„Ham Rugen sagt, es sei allerhand Schönes in dem Heidemoore, was die Menschen hier gar nicht sähen. So meint Ihr also auch wie Ham Rugen?“
„Wer ist das, Ham Rugen?“
„Nun, eigentlich heisst er Harm Rugen, aber wir sagen immer nur Ham zu ihm, wie wir auch Clas sagen, wenn einer Claus heisst. Menne Böschens Vater heisst Clas.“
„Du wolltest mir sagen, wer Ham Rugen ist.“
„Ach so. Ham Rugen ist ein alter Mann — siebzig Jahr ist er und muss am Stocke gehen, weil er die Gicht hat, aber auch weil er alt ist. Der hat zehn Jahre lang allein hier im Teufelsmoore gewohnt und hat zuerst den Gedanken gehabt, ein Dorf an diese Stelle des Moores zu setzen. Clas Böschen, was Menne Böschens Vater ist, meint, die Einhäuser wären auf dem besten Wege dazu. Den Clas Böschen hat sich Ham Rugen ins Moor geholt — das heisst: erst war schon Hinnerk Stelljes da. Aber mit dem hat Ham Rugen nichts anfangen können. Und Gesche Stelljes, die Frau von Hinnerk, ist meine Halbschwester.“
Wöbke Dierks berichtete die Chronik der Einhäuser und plauderte wie ein Bergquell.
„Und wie heissen denn deine Eltern?“ fragte der Maler.
Da sah Wöbke Dierks auf die Erde und sagte:
„Die sind fort, weit fort — in Amerika. Und wir wissen gar nichts von ihnen. Ham Rugen ist mein Vormund, und seitdem bin ich in der Hütte von Clas Böschen, wo auch Jan Klüwer war, bis er in einem der andern Häuser wohnen musste.“
„Wer ist denn das, Jan Klüwer?“
„Das ist der Bruder von Wischen Böschen, die erst Wischen Klüwer hiess, und der muss die ‚Kolonie‘ mit machen helfen — wie er sagt, und worauf er sehr stolz ist. Er sagt, er sei ein ‚Kolonist‘; aber nächstes Jahr muss er zum Militär. Ham Rugen meint, Clas Böschen hätte nicht Soldat werden müssen: einer, der dem Kaiser Land gewänne, täte wohl einen ebenso guten Dienst als die bei dem Militär.“
Und nach einer Pause setzte sie hinzu: „Früher, da war ich bei Gesche Stelljes. Aber das ging nicht mehr. Wenn Ihr in die Einhäuser kommt, so wird Euch Ham Rugen viel mehr und schöner erzählen, als ich das kann, denn Ham Rugen ist sehr klug, denn er war früher Schmuggler. Aber das ist jetzt nicht mehr. Und zu Ham Rugen bin ich auch in die Schule gegangen — so klug ist er.“
„Wie alt bist du denn?“
„Sechzehn.“
„Du siehst aus wie achtzehn und redest, als wärst du zwölf“, sagte der Maler lachend.
„Ach!“ sagte Wöbke Dierks. Das Blut flog ihr in die Stirn, und sie schlug die Augen nieder.
„Wenn Ihr jetzt mit in die Einhäuser gehen wollt, so kommt!“ sagte sie nach einer Weile, während der Maler mit dem Kleinen gelacht hatte. „Wie heisst Ihr denn?“
„Ich heisse Hubert Rot“, sagte der Maler und stand auf. Er nahm Menne Böschen an der Hand und schritt mit ihm hinter Wöbke den schmalen Sandpfad zwischen den Birken und Heideföhren entlang.
Als die Männer im Torfstich den Fremden des Wegs kommen sahen, stemmten sie die Spaten in den Grund.
„Es kommen wohl selten Leute von draussen in die Einhäuser?“ fragte Hubert Rot.
„Ihr seid ausser dem Postboten, der wohl auch einmal den Heidepfad geht, der Erste in den drei Jahren, die ich hier bin“, antwortete Wöbke.
Ein Ruf des Erstaunens sprang von des jungen Malers Lippen.
„So möcht’ ich, dass es mir und den Einhäusern zum Glücke sei“ sagte er, während er zu den Männern in der Kuhle hinübergrüsste, die ihm wortlos nachsahen.
„Der alte Mann, den Ihr dort an der Sonnenseite der Hütte sitzen seht, ist Ham Rugen“, begann Wöbke Dierks wieder zu sprechen.
Menne entwand dem Maler seine kleine Hand und trippelte, so rasch er konnte, vorauf.
„Wollt Ihr zu Ham Rugen oder zu Wischen Böschen?“ fragte das Mädchen. „Wischen Böschen wohnt hier“, setzte sie hinzu und deutete auf den Eingang der Hütte.
Der Maler, der mit hineinging, schaute sich fast betroffen auf der Diele um.
„Ich stehe zum erstenmal in einer Moorhütte.“
Sein Blick irrte unter dem russigen Gebälk umher und flog um das leise rauchende Torffeuer.
„Ist Frau Böschen daheim?“ fragte er Wöbke nach einer Weile.
„Wischen ist hier im Bett“, antwortete Wöbke und sagte zu der Wöchnerin:
„Ein fremder Mann, der die Einhäuser abmalen will und die Birken, und was sonst im Moor ist. Er heisst ... wie heisst er doch ...“
„Hubert Rot“, ergänzte der Maler lachend.
Er reichte Wischen die Hand in den Bettschrank.
„Entschuldigen Sie, ich wusste aber weder, dass Sie zu Bett liegen, noch dass dies ein Bett sei“, sagte er und errötete leise.
Wischen lächelte und schwieg.
„Wenn Sie erlauben, komm ich in den nächsten Tagen noch einmal, wenn mein Besuch weniger störend ist“, fuhr er fort.
„Sie dürfen kommen, wenn Sie Zeit und Lust haben“, sagte Wischen freundlich.
Der Maler reichte ihr und Wöbke die Hand.
Während er zu dem Graben und über den Steg schritt, war Jan Klüwer herübergelaufen und erfuhr nun vor der Tür, unter die Wöbke getreten war, um dem Maler nachschauen zu können, was es mit dem Manne für eine Bewandtnis habe.
Ham Rugen rückte sich die Mütze ein wenig zurecht, die er zum Schutze gegen die blendende Sonne tief über die Augen gezogen hatte, und liess sich, als der Maler ihn gegrüsst hatte, erzählen, was schon Wöbke draussen im Ried erfahren hatte, die nun ihrerseits eifrig am Bett Wischens berichtete.
Jan Klüwer erzählte das Gleiche drüben im Torf.
Gesche Stelljes, die mit Hinnerk in der eigenen Kuhle stand, lief eilig herbei, als sie gesehen, dass der Fremde sich neben Ham Rugen auf die Bank setzte, trocknete sich im Laufe die Hände an der Sackschürze ab und stellte sich hinter das Fenster der Hütte, um zu hören, was den Mann in die Einhäuser treibe.
Ham Rugen und Rot redeten lange miteinander — das Bett wolle er wohl mit ihm teilen, sagte der Alte und sah den Maler noch einmal vom Hut bis zur Stiefelsohle an, aber er sei auch nur im ‚Altenteil‘ und könne deshalb nicht einmal über sein Lager verfügen. Aber er wolle versuchen ...
Da Ham Rugen Gesche nicht im Torf sah, ging er zur Hüttentür.
Der Maler folgte ihm.
Der Alte sprach halblaut mit Gesche in einem Platt, von dem Hubert keine Silbe verständlich wurde. Dann sagte Ham Rugen:
„Wenn Sie der Frau fünfzig Pfennige für die Nacht geben wollen, sollen Sie bleiben.“
Der Maler bejahte froh und ging in die Hütte.
Gesche hatte den Torf auf dem Klinkerherd angeblasen, und der Rauch schwelte gelb und beissend um das Gebälk.
Hubert Rot schaute sich betroffen um.
Die Kinder, die neben der Türe draussen im Sande kauerten, hatten ihn fast erschreckt.
Während ihm Ham Rugen einen Stuhl unter dem Tische vorzog und er selbst sich auf seinen Schemel an das Fenster setzte, sagte der Alte:
„Herr, sie sind hier nicht gewöhnt, einen Fremden zu sehen. Wenn die Frau von Clas Böschen wieder auf ist, wird sich drüben etwas tun lassen. Ich will mit Clas und Wischen reden. Dort werden Sie besser aufgehoben sein, als hier, wo Ihnen manches wunderlich erscheinen wird.“
„Ich dank’ Ihnen“, erwiderte Rot und fuhr sich mit der Hand über die braunen Haare, die ihm in grossen Ringeln über die Stirne fielen.
Er hatte seinen Ranzen an einen der Nägel in dem Dachbalken gehängt und bat Ham Rugen um ein wenig Wasser zum waschen.
Der Alte zog einen Blechnapf unter der Häckselschneide hervor.
„Bei uns machen sie das draussen am Torfgraben ab“, sagte er. „Das muss Sie aber nicht wundern — freilich — ein Handtuch brauchen Sie auch ...“
Ham Rugen hob den Deckel seiner Lade und entnahm ihr ein grobes Linnen. Dann forderte er Hubert Rot auf, mit hinauszugehen.
Er schöpfte aus dem Trinkbrunnen und stellte die gefüllte Schüssel auf den Torfhaufen, mit dem die zerfallende Wand des Stalles versetzt war.
Während er zu Clas Böschens Hütte stapfte, überliess er den Maler seinem Schicksal.
Der versuchte bei dem Gang in die Hütte, während er die Blechschüssel wieder an die Stelle tat, an der Ham Rugen sie gefunden, sich mit der Armut des Raumes vertraut zu machen.
Der Torfrauch lag so dicht über der Diele, kroch in allen Winkeln herum, kroch in die Betten, dass Hubert Rot verzweifelt den Kopf schüttelte, wenn er an die Nacht dachte, die er in diesem Raume zubringen werde. Er tat auch einen Blick auf das Strohlager Ham Rugens.
„Entsetzlich“, murmelte er, „Stumpfsinn, Armut, Verkommenheit, Schmutz.“
Die Kinder vor der Türe stierten ihn an, lachten nicht, weinten nicht. Er setzte sich auf die Bank in die Sonne und atmete tief — so hatte er den Segen der Sonne nie empfunden wie in diesem Augenblick.
„Und diese eine vermorschte Wand vernichtet ihn, und diese Sorte Menschen geht an diesem Segen vorüber und verachtet ihn“, dachte Hubert Rot.
Überdem kam Ham Rugen mit Wöbke Dierks aus Böschens Hütte, die Rot nach den letzten Wahrnehmungen als ein Muster von Sauberkeit, Anmut und Behagen erschien.
Ham Rugen setzte sich wieder neben ihn auf die Bank.
„Es ist eine fremde Schönheit in diesem Kinde“, dachte Hubert Rot, als er Wöbke Dierks ins Gesicht geschaut hatte, die den Männern gegenüberstand. Hinter ihr waren die dunklen Buschkiefern. „Nun, da ich weiss, was an Kraut und Unkraut um diese Blume wächst, ist es erkennbar.“
Und er wusste nicht, woher der Glanz in diese Augen, die Reinheit über diese Stirn, die junge Kraft in diese schwellenden Glieder und das Lachen auf diese Lippen kam. Ringsum war nichts, was an dieser heiteren Schönheit teilhaben konnte, oder was sich in ihr spiegelte ...
Ham Rugen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wie sagte Wischen?“ fragte er Wöbke.
„Sie könnten von morgen an bei uns schlafen — auch schon heute“, wandte sich das Mädchen an den Maler.
Wöbke hatte inzwischen von Ham Rugen erfahren, dass man zu Stadtleuten ‚Sie‘ sage.
„Aber heute — Wischen meint, Gesche habe schon immer einen Zorn auf sie, und der werde dadurch wohl noch grösser werden, wenn Sie nun heute nicht bei Gesche Stelljes sind: weil Sie ihr doch Geld für das Schlafen geben.“
„Freilich, fein ist’s da auch nicht“, setzte Ham Rugen hinzu, „ich meine bei Clas Böschen. Aber weil der das Heu und das Stroh nicht unter dem Dache, sondern in den Scheunen hat, ist auf der oberen Diele, die unter dem Dache ist, leicht ein Lager zu machen. Es ist auch eine Luke im Giebel bei Clas Böschen. Sie müssen da auf der Leiter von der Diele aus hinaufsteigen. Eine Bettstatt ist in den Einhäusern nicht übrig — ist auch zu niedrig dafür dort oben. Aber Clas Böschen wird Stroh breiten und Decken darüber legen. Wollen Sie lang in den Einhäusern bleiben?“ fragte er Hubert Rot.
„Wenn ein Gasthaus dagewesen wäre, wollt’ ich bis in den Herbst bleiben — ich hatte nicht gedacht ...“
Ham Rugen lachte.
„Ja, in dem Moor ist das nun mal nicht anders. Aber es lässt sich doch dabei auch leben.“
Nicht lange nachher stand Hubert Rot auf. Er sagte, er wolle noch ein wenig in der Umgebung der Einhäuser durch die Moorheide streifen, da er doch gekommen sei, zu malen.
Dann ging er. Die leuchtende Sonnenstille, die über der Ebene lag, lockte ihn unwiderstehlich hinaus. Die Dünste, die um die Hütte woben, dieses traurige Schwarz im Innern, dieses freudlose Grau der Gewände an der Aussenseite, die Menschen in den schweren Holzschuhen, die Unsauberkeit der Stelljes und die Armut und Sorge, die der junge Künstler in allen Winkeln hocken sah — alles verstimmte ihn. Und auch dies Land. Wie anders hatte er sich die Einsamkeit der Moorheide gedacht!
Nun, wie er auf dem weglosen Grunde hinschritt — nirgend ein Dach, nirgend ein fröhlicher Mensch, aber ringsum die Weite in ihrer grenzenlosen Eintönigkeit — da ward sein Herz zag.
Ganz fern gegen Westen standen die Türme Bremens in dem milchigen Lichte des verschleierten Horizonts.
Hubert Rot hielt den Atem an. Er dachte, es müsse ein Laut von dem brandenden Leben der Stadt herüberwehen und vernehmbar werden in dieser Stille. Und tausend Wege sah er plötzlich laufen durch die wegelose Weite, alle hinüber in den Westhimmel, der sich allmählich zu röten begann, weil die Sonne müde sich neigte. Und auf allen diesen Wegen lief die Sehnsucht des jungen Malers und rief nach dem Leben, nach dem Leben!
Als das Wogen von Purpur und Gold, in dem der Tag mit dem Abend kämpfte, über dem bläulichroten Blütenmeere der Heide war, sass der Maler, im Sinnen verloren, in Gras und Einsamkeit.
Er dachte an die Nacht, die er mit Ham Rugen in einem halbgeschlossenen Kasten verbringen werde. Er wollte sich halbangekleidet auf das knisternde Stroh legen und dachte an Hinnerk und Gesche Stelljes, die im andern Winkel der Hütte schlafen sollten, und an die Kinder, für die die braune gemeinschaftliche Bettstatt mit dem Kopfpfühl aus Heidekraut neben dem Ziegenstand aufgestellt war.
Aber in dem Sonnenzauber, der über dem Heidemoor lag, und in dem einige der Birken, die er in dieser Vollkommenheit sonst nirgend gesehen, wenn sie im rechten Lichte standen, wie lodernde Feuer brannten, zerflossen ihm die Gedanken an das Elend der Hütte.
Seine Seele, die so zag geworden war, liess die Fülle des Heidesonnenglanzes über sich fliessen, und sein Auge sah einen Reichtum von Farben, voll so tiefer gesättigter Reinheit, wie er sie vordem wohl gewünscht, aber noch nie gefunden hatte. Und es war ein Zusammenklang der Farbentöne, der seine Sinne fesselte, wie nie vorher beim Anblick einer Landschaft. Es war auch ein nimmermüder Wechsel in den Farben der Moorheide um diese Tageszeit und in dem Lichte, das darüber spann.
Hubert Rot dachte: es sei doch eine Welt voll so starker Eigenart, wie sie nicht sein könne, wenn seine Vorstellungen der Wirklichkeit entsprochen hätten, die er mit seinen Freunden auf der Akademie zu Düsseldorf sich gemacht hatte.
Und sinnend schritt er der Hütte entgegen.
Er wollte ein wenig essen, es musste sich noch ein Rest von Nahrungsmitteln von der Wegfahrt her in seinem Ränzel befinden.
Wie er den Inhalt seiner Tasche auf der Bank am Haus ausgebreitet hatte und Ham Rugen ihn von dem Mitgebrachten essen sah, sagte der Alte:
„Es ist gut, dass Sie genug für ein Nachtmahl mit über das Moor getragen haben. Ich habe schon daran gedacht, dass in der Hütte nichts sei, was Ihnen Gesche bieten könne, da Sie ja Grütze oder Ziegenmilch, in die wir das schwarze Brot brechen, nicht zu essen gewöhnt sein werden.“
Als die Sonne gleich einer Scheibe aus kirschrotem Samt in das Dunstmeer versank, das auch über den Türmen Bremens wogte, ging Ham Rugen mit Hubert Rot über die Felder, die während der letzten drei Jahre entstanden waren, und sagte:
„Vordem war an all diesen Stellen nichts als Heide und Moormyrte oder Kieferngebüsch. Und wenn Sie in Jahren wieder einmal in den Einhäusern sein würden, würden Sie sehen, dass die Felder sich noch viel weiter ausdehnen, und dass dort, jenseits der Hütten, wo gegenwärtig die karge Grasfläche ist, die Clas Böschen nur eine Kuh zu halten erlaubt, sich weite Wiesen mit üppigem Graswuchs dehnen.
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