Читать книгу: «Claus Hipp»
Beat Balzli (Hg.), Martin Seiwert
Claus Hipp
Mein Leben, meine Firma,
meine Strategie

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Das E-Book basiert auf dem 2020 erschienenen Buchtitel »Claus Hipp – Mein Leben, meine Firma, meine Strategie« von Beat Balzli (Hg.) und Martin Seiwert © 2020 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Buchausgabe: 978-3-96739-006-3
ISBN epub: 978-3-95623-988-5
Lektorat: Anke Schild, Hamburg
Umschlaggestaltung: Martin Zech, Bremen | www.martinzech.de
Coverillustration: Nigel Buchanan
Beratung Coverillustration: Patrick Zeh
Bildredaktion: Patrick Schuch, Düsseldorf
Satz und Layout: Lohse Design, Heppenheim | www.lohse-design.de
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Inhalt
Vorwort
ERSTES KAPITEL
Das Leben heute und damals
Zwischen Natur und Büro
Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit
Religion und Familie: Fürchte Gott, tue recht und scheue niemand
Studentenjahre: Vorgezeichnete und zufällige Wege
Einsatz auf allen Ebenen
Unternehmerfamilie und Familienunternehmen
ZWEITES KAPITEL
Exkurs: Die nächste Generation – ein Interview mit Stefan Hipp
Einstieg der vierten Generation
Hipp-Produkte in Deutschland und der Welt
Die Welt und die Umwelt im Blick
Neue Märkte und Innovationen: Windeln und mehr
Markenpositionierung heute
Corona: Krisenerfahrungen und Erkenntnisse
DRITTES KAPITEL
Erfolgsgeheimnisse
Mit begeisterten Menschen Begeisterung schaffen
Kunst: Der Meisterschüler
Innovation und Wachstum
VIERTES KAPITEL
Politik und Wirtschaft
Deutschland, Europa und Bayern
Anstand
FÜNFTES KAPITEL
Der Unternehmer und sein Umfeld
Führung: Mit Wohlwollen und Gerechtigkeit
Geld: Sparsamkeit, Wohlstand, Luxus
Ökologie: Klimawandel, Bioprodukte und Artenschutz
Die Coronakrise
Claus Hipp privat
Zeittafel: Von der Konditorei zum Bioimperium
Über die Autoren
Bildnachweis
Vorwort
Die zentralen Fragen des Lebens kommen meist schlicht daher. »Wie baue ich erfolgreich ein Unternehmen auf?« ist so eine. Ein Heer von Gründerinnen und Gründern stellt sie sich regelmäßig. Ein Heer von Coaches, Unternehmensberatern und Managementgurus glaubt, die Antwort zu kennen.
Doch in Wahrheit ist alles viel komplexer. Von der DNA des Erfolges gibt es beinahe so viele Varianten wie von der menschlichen. Aber das richtige Zusammenspiel unzähliger Bausteine funktioniert nach ein paar Gesetzen, die sich in vielen Aufsteigergeschichten wiederholen. Diesen Regeln des richtigen Handelns will die WirtschaftsWoche mit der neuen Buchreihe Mein Leben, meine Firma, meine Strategie nachspüren. Ganz bewusst handelt es sich dabei nicht um herkömmliche Biografien. Stattdessen erzählen prominente Unternehmerpersönlichkeiten, die in ihrem Leben Außergewöhnliches geschaffen haben, über Höhen und Tiefen, ihre Stärken und Schwächen, ihre Tops und Flops. So kommen Nahaufnahmen von Menschen zustande, die sich sonst nur einem engen Kreis Vertrauter öffnen. Sie lüften Geheimnisse, sprechen über richtiges Timing, falsche Freunde, einmalige Chancen, umstrittene Entscheidungen, großes Glück, große Fehler – und den unbedingten Willen, es trotzdem zu schaffen.
Kaum einer wirkt bei diesen Erzählungen so authentisch wie Claus Hipp. Er ist der Mann, dem ein ganzes Land den Appetit seiner Kleinkinder anvertraut. In der legendären Fernsehwerbung für seine Babynahrung steht er in blühenden Landschaften und sagt: »Dafür stehe ich mit meinem Namen.« Glaubwürdiges Marketing eben. Hier spricht kein bonusgetriebener Konzernmanager, sondern ein tiefgläubiger Unternehmer, der für seine Verfehlungen haftet – und darum schon vor Jahrzehnten den Gedanken der ökologischen Verantwortung verinnerlichte. Er hat die Generation Greta mit aufgezogen, ist er überzeugt: »Man müsste sich mal anschauen, wie die Generation Greta in der Kindheit ernährt wurde. Meine Vermutung ist: Die haben viele Bioprodukte von Hipp bekommen.« Als Visionär würde er sich selbst nie bezeichnen. Alle anderen schon. Hat er Fehler gemacht? Garantiert. Hat der Hobbymaler, Messdiener und Musterschüler mehr falsch als richtig gemacht? Unwahrscheinlich. Selbst die Nachfolge scheint vorbildlich geregelt. Seine Söhne übernahmen schon vor Jahren das Ruder.
WiWo-Redakteur Martin Seiwert traf Vater und Sohn Stefan mehrmals zu stundenlangen Gesprächen – und kam so dem Hipp-Geist auf die Spur.
Beat Balzli

Claus Hipp ist für Millionen Menschen der Mann aus der Fernsehwerbung. Der, der in der blühenden Natur steht und sagt: »Dafür stehe ich mit meinem Namen.« Bei kaum einem anderen Produkt zählt Vertrauen in ein Unternehmen so sehr wie bei Babynahrung: Die Kleinsten sollen nur das Beste bekommen. Dass Claus Hipp dafür persönlich bürgt, ist cleveres Marketing – aber nicht nur: Hier verschmelzen für den Kunden ein Unternehmen, das als eines der ersten weltweit den Gedanken der ökologischen Verantwortung verinnerlichte, und ein Unternehmer, der keine Scheu hat, religiöse und ethische Überzeugungen zu vertreten und sich an diesen hohen Ansprüchen auch selbst messen zu lassen. So logisch diese einzigartige Verbindung von Hipp und Hipp-Gläschen heute auch erscheinen mag, der Weg dorthin war alles andere als vorgezeichnet. Er war kurvenreich, inspirierend und voller Überraschungen.
ERSTES KAPITEL
Zwischen Natur und Büro
Herr Hipp, viele Deutsche kennen Ihr Gesicht aus der Werbung. Sonst weiß man aber nicht viel über Sie. Verraten Sie uns doch mal: Wie leben Sie?
Ganz einfach, wie ein Bauer. Ich habe meinen Hof und die Tiere; dort lebe ich mit meiner Frau, meiner Tochter und ihrem Mann. Mein Schwiegersohn ist Diplomlandwirt und leitet den Betrieb, der macht das alles sehr gut und professionell. Wenn Not am Mann ist, dann helfe ich auch mit. Seit über 60 Jahren wird auf unserem Hof biologischer Landbau betrieben. Heute kümmern wir uns besonders um den Erhalt der Artenvielfalt. Wir machen das aber nicht selbstgestrickt, sondern in engem Austausch mit Universitäten und Umweltorganisationen. Dabei haben wir beachtliche Erfolge.
Wie groß ist der Hof?
Wir bewirtschaften 180 Hektar. Unsere Rinder sind Original Braunvieh. Das ist eine Rasse, die ursprünglich aus der Schweiz und dem Allgäu kommt. Die ist schon so selten geworden, dass der Staat ihren Erhalt aus Artenschutzgründen unterstützt. Das ist eine Rinderrasse, die leichter ist als die heutigen Arten, sie ist robuster und nicht so krankheitsanfällig. Die Tiere können deshalb im Freien leben, im Wald oder auf der Wiese. Die Kälber kommen in der Natur zur Welt und bleiben bei der Mutter, bis sie groß genug sind.
Ein typischer Tag im Leben des Claus Hipp, wie muss man den sich vorstellen?
Ins Detail will ich eigentlich nicht gehen. Sonst hat die Polizei Sorge, dass ich möglichen Tätern in die Hände spiele.
Fürchten Sie eine Entführung?
Die Polizei rät zur Vorsicht, weil ich eben eine gewisse Bekanntheit habe. Aber ich kann Ihnen verraten, dass ich vor 5 Uhr aufstehe. Nach dem Frühstück fahre ich los und schließe eine Kirche auf, die ich vor über 40 Jahren einmal renoviert habe.
Warum haben Sie eine Kirche renoviert?
Es handelt sich um eine allein stehende Wallfahrtskirche auf einem kleinen Berg im Wald, sie war sehr verfallen. In den 1970er-Jahren habe ich mich dafür eingesetzt, dass sie renoviert wird. Das Ordinariat hat Material und Farbe zu Verfügung gestellt und ich habe mit freiwilligen Helfern die Arbeiten übernommen. Als der emeritierte Papst Joseph Ratzinger noch Kardinal in München war, hat er mich gebeten, mich um die Kapelle zu kümmern – und das mache ich auch.
Sie stehen so früh auf, um die Kirche zu öffnen? Das kann doch auch jemand anderes machen.
Bestimmt, aber ich mache das gern. Dort habe ich ein paar ruhige Minuten zu Tagesbeginn. Das verhindert, dass der Tag zu hektisch wird. Danach gehe ich in die Firma. Meine Sekretärin ist schon ab 6 Uhr hier. Dann kümmere ich mich um die Dinge, die man erledigen sollte, bevor der Geschäftsbetrieb so richtig losgeht, lese zum Beispiel meine Post.
»Meine Mutter hat mir die Beziehung zur Natur von klein auf beigebracht. Der biologische Landbau bei Hipp geht schlussendlich auf sie zurück.«

Claus Hipps Mutter Anny Hipp-Metzner mit dem Ökolandbau-Pionier Dr. Hans Müller und Alfred Kolb, dem damaligen Betriebsleiter des familieneigenen Landguts »Ehrensberger Hof«
Sie sind aber nicht nur in Pfaffenhofen, sondern auch oft in München.
Ja. Dort habe ich auch ein Büro. Ich bin Honorarkonsul von Georgien für den Amtsbezirk Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen. Manche Leute, die mich treffen wollen, kommen lieber in das Konsulat nach München als an den Hauptsitz von Hipp in Pfaffenhofen, weil München besser zu erreichen ist.
Sie haben Ihre Firma mit rund 3500 Mitarbeitern, den eigenen Hof, die Verpflichtungen als Honorarkonsul, Sie halten Vorlesungen als Professor, Sie malen und musizieren in einem Orchester. Habe ich etwas vergessen?
Das war es im Wesentlichen, glaube ich.
Welchen Platz kann bei einem solchen Programm die Familie noch haben?
Die Familie ist mir das Wichtigste und hat immer Priorität. Sie kann jederzeit vorbeikommen. Wir sehen uns hier in der Firma, wir sehen uns zu Hause beim Essen. Wenn jemand mehr Zeit braucht, dann muss er sich nur melden, dann kriegt er sie. Das weiß jeder in der Familie.
Hätten Sie als junger Student gedacht, dass Sie einmal ein solches Leben führen würden?
Nein.
Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit
Sie wurden 1938 geboren, kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Was waren das für Verhältnisse, in die Sie hineingeboren wurden?
Ich wurde in München geboren. Das Unternehmen war dorthin umgezogen, weil mein Vater und die ganze Familie gegen die Nazis waren. Auf dem Land kannte jeder jeden, wusste, wie er eingestellt ist. In der Stadt war es anonymer.
Können Sie sich an den Krieg erinnern?
Ja, ich habe einige Erinnerungen an den Krieg. In München gab es natürlich Luftangriffe, die sich mir eingeprägt haben. Dann sind wir in den Luftschutzkeller gerannt, was ich als Kind sehr lustig fand. Das war für mich ein Spiel. Dort war es so eng, dass einmal einer stolperte und dann alle anderen umgefallen sind wie Dominosteine. In der Nachkriegszeit habe ich gesehen, wie die Flüchtlinge bei uns angekommen sind und dann einen sehr erheblichen Teil der Bevölkerung ausgemacht haben.
»Dreimal in der Woche hatten wir für eine Stunde Schulunterricht. Die Kinder mussten ein Stück Holz oder ein Stück Kohle zum Heizen mitbringen.«

Claus Hipp, geboren 1938, hat die Bombenangriffe auf München im Zweiten Weltkrieg überlebt – nach dem Krieg gehörten Mangel und Flüchtlingselend zum Alltag
Wie hat das Zusammenleben mit den Fremden geklappt?
Die Lehrer haben wir teilweise sehr schlecht verstanden, weil wir eben doch einen ganz anderen Dialekt gewöhnt waren. Wir mussten langsam sprechen, dann ging es. Nur dreimal in der Woche hatten wir für eine Stunde Schulunterricht. Das Schulhaus war im Krieg in ein Lazarett umgewandelt worden, deshalb hat der Unterricht in Wirtshäusern stattgefunden. Die Kinder mussten ein Stück Holz oder ein Stück Kohle zum Heizen mitbringen. Das meiste haben wir zu Hause gelernt, es gab immer Hausaufgaben. Unsere Lehrer waren vielfach aus dem deutschen Osten. Von der bayerischen Lebensart und Kultur hatten sie kaum eine Ahnung. Unser Unterricht bestand dann mehr aus Riesengebirge und Rübezahl als aus bayerischer Geschichte. Aber es hat uns nicht geschadet.
Für Ihre Eltern war es sicher keine leichte Zeit nach dem Krieg.
Sie waren natürlich froh, dass der Krieg zu Ende war. Aber die Not war nicht vorbei. Es kam eine ökonomisch sehr schwere Zeit, in der wir wirtschaftlich wirklich sehr auf der Kippe standen.
Wie kam das?
Als sich die Währungsumstellung abzeichnete und die D-Mark eingeführt werden sollte, hat der Handel mit der alten Währung riesige Warenmengen eingekauft und die Lager gefüllt. Als dann die neue Währung da war, wurden die Läden mit der gelagerten Ware geflutet. Mein Vater, der ein sehr ehrbarer Kaufmann war, musste feststellen, dass die Ware, die vom Handel auf Vorrat gekauft worden war, nach einiger Zeit nicht mehr in Ordnung war. Das war alles voller Klumpen. Er wollte aber, dass seine Produkte die besten sind. Deshalb hat er gesagt: Wir müssen die alte Ware umtauschen und neue liefern. Sie können sich sicher vorstellen, dass das nur eine Zeit lang gut gegangen ist. Produzieren und liefern ohne neue Erlöse, das hält kein Unternehmen lange aus.
Stand eine Insolvenz im Raum?
Das hätte passieren können. Die Mitarbeiter haben das natürlich mitbekommen. Die Führungskräfte sind zu meinem Vater gegangen und haben gesagt: Wenn Sie uns nur das geben, was wir zum Leben brauchen, um unsere Familien über Wasser zu halten, dann sind wir damit erst einmal zufrieden. Das andere können Sie uns vielleicht später einmal nachzahlen.
»Nach Kriegsende begegnete uns der Schuldirektor. Meine Schwester und ich sagten brav: ›Heil Hitler, Herr Direktor!‹ Wir kannten ja nichts anderes. Da sagte mein Vater: ›Jetzt könnt ihr wieder ›Grüß Gott‹ sagen.‹«

Claus Hipp (stehend) mit seinen Geschwistern. Der Firmen-Lkw – ein umgebauter Militärwagen – transportiert eine neue Glocke für die Pfaffenhofener Kirche
Und, hat das geholfen?
Kurzfristig sorgte es für Erleichterung. Und dann hat sich plötzlich die korrekte Einstellung meines Vaters ausgezahlt. Die amerikanischen Besatzer haben für die sogenannten Schulspeisungen Lebensmittel geschickt: Zucker, Mehl, Milchpulver, Kakaopulver. Das sollte vermischt werden, sodass in der Schule nur noch Wasser hinzugefügt werden musste. Diese Aufträge wurden an örtliche Unternehmen vergeben. Da wurde dann ausgehandelt, dass ein gewisser Schwund durch den Mischprozess stattfinden darf. Manche haben sieben Prozent ausgehandelt, aber mein Vater hat gesagt: Ein Prozent ist genug. Dadurch erhielt er so viele Aufträge, dass wir wirtschaftlich erst mal über den Berg waren.
Ihre erste Lektion über den ehrbaren Kaufmann?
Ja. Die anderen Unternehmen konnten sich zwar einiges von den Lebensmitteln der Amerikaner abzweigen, aber das hat ihnen nur kurzfristig geholfen. Auf lange Sicht standen wir besser da.
Was war eigentlich noch übrig von dem Unternehmen Hipp nach dem Krieg? Waren die Mitarbeiter noch da, die Maschinen, die Gebäude?
An unserem Stammsitz in Pfaffenhofen hatten wir keine Bombenschäden. Aber in München. Dort war unsere Verwaltung ansässig. Wegen des Schadens mussten wir sie nach Pfaffenhofen verlegen. Aber nach zwei Wochen ist alles normal gelaufen.
(Das Handy klingelt. Er telefoniert kurz.)
Sie gehen konsequent an Ihr Handy. Wird Ihnen das manchmal nicht ein bisschen viel?
Nein, denn nicht jeder hat die Nummer. Wer anruft, mit dem spreche ich auch. Für mich ist es ein gutes Gefühl, erreichbar zu sein. Das beruhigt mich. Wenn ich nicht erreichbar bin, dann denke ich, es könnte dieses und jenes passiert sein. Natürlich prasseln jeden Tag auch viele nutzlose Informationen auf uns ein, was eine Belastung ist.
Es war jetzt unvermeidlich zu lauschen. Das muss ein Anruf von der Schweizer Verwandtschaft gewesen sein. Sie haben direkt auf Schwyzerdütsch umgeschaltet.
Ja, der Anruf kam aus der Schweiz.
Ihre Mutter war Schweizerin, Ihr Vater Deutscher. Aufgewachsen sind Sie aber vor allem in Deutschland. Was bedeutet Ihnen die Schweiz?
Mein Lebensmittelpunkt war die meiste Zeit in Deutschland. Aber ich habe schon auch Heimatgefühle für die Schweiz. Nach dem frühen Tod meines Vaters ist meine Mutter in die Schweiz gegangen. Die Hälfte meiner Verwandtschaft lebt dort. Also das ist schon auch meine Heimat.
Wie haben Sie die amerikanischen Besatzer wahrgenommen? Ihre Familie war gegen die Nazis. Waren die Amerikaner die Guten, die Deutschen die Bösen?
Die Amerikaner waren die Retter. Aber man hat schon auch einige unschöne Dinge über sie gehört. Sie sollen recht ungeniert und brutal mit den Leuten umgegangen seien. In München gab es zum Beispiel die Familie Böhmler, die ein großes Möbelhaus hatte. Ihre Villa ist im Krieg nicht zerstört worden, also sind die Amerikaner dort reingegangen und haben die Böhmlers rausgeschmissen. Sie mussten dann in unser beschädigtes Haus ziehen, das in der gleichen Straße war. Die Böhmlers hatten eine sehr schöne Einrichtung in ihrer Villa. Was haben die Amerikaner gemacht? Sie haben die Türfüllungen rausgeschnitten, damit ihre Hunde vom einen Zimmer in das andere gehen konnten. Vielfach waren die Amerikaner echte Banausen und hatten überhaupt kein Gespür für Kultur. Darunter leiden sie manchmal noch heute …
Der Aufstieg der Nazis in den 1930er-Jahren hat auch innerhalb Ihrer Familie zu Spannungen geführt, denn Ihre Mutter war Schweizerin, Ihr Vater Deutscher. Die Gräben zwischen beiden Familien sollen anfangs sehr tief gewesen sein.
Es war so schlimm, dass die bevorstehende Heirat meiner Eltern von der Schweiz aus hintertrieben wurde. Mein Vater durfte meine Mutter nicht mehr treffen, durfte ihr nicht mehr schreiben. Aber meine Mutter hat Wege gefunden, dass es doch noch Kontakt geben konnte, ohne dass sie ihr Versprechen gebrochen hätte. Schlussendlich hat meine Mutter ihn geheiratet. Aber im Krieg war es für meine Mutter natürlich nicht leicht in Deutschland. Ein paar Hundert Kilometer weiter südlich, in der Schweiz, wäre sie in Sicherheit gewesen und es hätte ihr an kaum etwas gefehlt. Nach dem Krieg waren wir einmal im Kino, der Film hieß Marie-Louise. Es ging um ein Mädchen aus Frankreich, das im Krieg seine Heimat verlassen musste und in die Schweiz gebracht wurde. Dort im Kino sah ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Mutter weinen. Sie hatte ihr Heimatland gesehen, die Natur, die Schweizer Fahne. Das hat sie sehr berührt.
Gab es in Ihrer Familie nach dem Krieg Schuldgefühle wegen des Unrechts der Nazizeit?
Nein, denn die Schuldigen waren die anderen. Das sage ich nicht einfach so. Meine Familie hat gegen die Nazis gekämpft. Sicherlich haben meine Verwandten hinterher auch gedacht, dass sie manchmal noch hätten mehr tun können. Aber da muss man auch bedenken: Dadurch wäre die Familie noch mehr in Lebensgefahr gebracht worden.
»Meine Eltern waren natürlich froh, dass der Krieg zu Ende war. Aber die Not war nicht vorbei. Es kam eine ökonomisch sehr schwere Zeit, in der wir wirtschaftlich auf der Kippe standen.«

Claus Hipps Eltern, Georg Hipp und Anny Hipp-Metzner, ließen sich anlässlich ihrer Silberhochzeit 1961 fotografieren. Die schwere Nachkriegszeit hatte das Unternehmen da schon überstanden
Erinnern Sie sich, dass im Krieg über die Nazis und den Widerstand gesprochen wurde?
Darüber wurde kaum gesprochen. Mir wurde eingetrichtert, in der Öffentlichkeit nicht über Privates zu reden. Meine Eltern hatten Angst, dass ich draußen etwas über ihre Haltung gegenüber den Nazis erzählen würde.
Und, hat es mit der Diskretion geklappt?
Es hat zumindest so gut funktioniert, dass niemand von uns im Konzentrationslager landete. Die Geheimnistuerei hatte ich auch wirklich sehr verinnerlicht. Nach dem Krieg haben wir in einem kleinen Haus am Firmengelände gewohnt. Irgendwann hat mich ein Mitarbeiter gefragt, was es denn bei uns zum Mittagessen gebe, und ich habe geantwortet: »Das musst du meinen Vater fragen.«
Mir wurde in der Nazizeit eingetrichtert, in der Öffentlichkeit nicht über Privates zu reden.
Ihr Onkel war Oberbürgermeister von Regensburg. Er hat aus seiner Abneigung gegenüber den Nazis keinen Hehl gemacht.
Ja, er hat sich gegen die Nazis starkgemacht, weshalb er neun Monate im Konzentrationslager Dachau verbracht hat. Er hatte Adolf Hitler in Regensburg Redeverbot erteilt. Dann haben sie ihn geholt.
So offen hat Ihr Vater nicht gegen die Nazis gekämpft.
Nein, er war in Opposition zu Hitler, aber nicht so offen. Viele haben so agiert. Zum Beispiel am Geburtstag von Adolf Hitler. Da mussten die Geschäfte mit Hitler-Darstellungen dekoriert werden, was nicht jedem gefallen hat. Ein Kunde von uns wurde von seinen Mitarbeitern dazu gedrängt, eine Gipsbüste von Hitler in sein Schaufenster zu stellen. Er sagte zu den Mitarbeitern: »Der Gipskopf kommt mir nicht ins Fenster!« Das wurde der NSDAP gemeldet und er musste sich dort rechtfertigen. Er erklärte den Nazis, er habe das nicht abschätzig gemeint, sondern einfach eine Büste aus Gips als nicht hochwertig genug empfunden. Die Partei hat ihm das offensichtlich abgekauft. Es war eben eine Diktatur, und manche Leute haben es verstanden, zwischen den Zeilen ihren Protest zum Ausdruck zu bringen. Nach dem Attentat auf Adolf Hitler soll Kardinal Michael von Faulhaber im Münchner Dom gebetet haben: »O Gott, halte deine schützende Hand über unseren Führer.« Für die Nazis klang das gut. Die Gläubigen aber kannten den ganzen Gebetstext: »Bewahre uns vor den Nachstellungen des Satans, halte deine schützende Hand über ihn.« Der Satz bezog sich also auf den Satan.
Viele deutsche Unternehmen haben in der Kriegszeit ihre Produktion umgestellt und kriegswichtige Güter hergestellt. Hat Hipp Nahrungsmittel für die Soldaten geliefert?
Wir haben hier ein Brot entwickelt, das eine besondere Eigenschaft hatte. Wenn man von einem Flugzeug Lebensmittel abwarf, dann wurde das Brot faktisch gefriergetrocknet. Denn dort oben herrschen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad. Die Folge war, dass das Brot unten steinhart und trocken ankam. Das konnte man kaum noch essen. Uns ist es gelungen, ein Brot zu erfinden, bei dem das nicht passiert. Mein Vater sollte das für das Militär produzieren, aber er hat sich geweigert, denn er wollte das Unrecht nicht unterstützen. Wirtschaftlich wäre es natürlich sehr attraktiv gewesen. Viele Familienunternehmen haben für das Militär gearbeitet und entsprechend gut verdient. Es gab aber auch einige, die Rückgrat bewiesen.
»Mein Vater hat es immer gehasst, wenn ich in meinen Reitstiefeln zu Hause ankam. Es erinnerte ihn an die Uniformierten im Dritten Reich.«

Claus Hipp bei einem Reitturnier – mit der Pferdezucht verdiente er schon als Schüler Geld
Ich nehme an, die Erleichterung über das Ende des Naziterrors war groß in Ihrer Familie.
Sehr. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit meiner Schwester und meinem Vater kurz nach dem Krieg durch die Stadt ging. Da begegnete uns der Direktor der Schule. Meine Schwester und ich sagten, wie es uns über Jahre eingetrichtert wurde, brav: »Heil Hitler, Herr Direktor!« Wir kannten ja nichts anderes. Da erklärte mein Vater: »Jetzt könnt ihr wieder ›Grüß Gott‹ sagen.« Mein Vater hat es auch immer gehasst, wenn ich später in meinen Reitstiefeln zu Hause ankam – es erinnerte ihn zu sehr an die Uniformierten im Dritten Reich.
Ihr Onkel war Bürgermeister, auch andere Verwandte hatten wichtige Ämter. Wie wichtig war Erfolg in Ihrer Familie?
Es war schon wichtig, Ziele zu haben und dafür hart zu arbeiten. Auch die Bildung hatte einen hohen Stellenwert.
Große Teile Ihrer Familie kamen aus Handwerk und Landwirtschaft. War Ihrem Vater eine Bäckerei nicht genug?
Mein Vater war Handwerker. Er hatte nicht studiert. Aber er wollte etwas Großes schaffen, das war klar. Der Erfolg des Unternehmens war absolut kein Zufall. Mein Vater war mutig und ist vorangegangen, hat Dinge einfach probiert. Nach dem Tod des Großvaters verzichtete mein Vater auf den Erbteil am elterlichen Konditoreibetrieb und erhielt das alleinige Recht zur Produktion des Kinderzwiebackmehls. Das spielte damals im Geschäft noch eine eher untergeordnete Rolle. Er kaufte einen Backofen und mietete sich eine ehemalige Hopfenhalle für die weitere Produktion an. Die Produkte hat er dann mit dem Fahrrad von Haus zu Haus gefahren und verkauft, ist immer größer geworden und hat 1932 die Firma Hipp Nährmittel gegründet.
Mein Vater wollte etwas Großes schaffen, das war klar.
Sie sagten, Ihr Vater wollte etwas Großes schaffen. Also ein großes Unternehmen?
Ja, er wollte einen großen Betrieb.
Wäre ihm Hipp heute groß genug?
Das Unternehmen, wie es heute ist, würde ihm schon Freude machen.
Vielleicht auch ein bisschen Angst, angesichts der Dimensionen?
Er war nicht ängstlich.
Religion und Familie: Fürchte Gott, tue recht und scheue niemand
Das Motto Ihres Vaters soll gewesen sein: Fürchte Gott, tue recht, scheue niemand.
Das galt nicht nur für ihn, das war immer schon eine Richtschnur für die Familie.
Auch heute für Sie?
Ja, das passt schon. Wenn ich nur die Gesetze fürchte, tue ich, was legal ist. Wenn ich Gott fürchte, tue ich, was legitim ist.
Ist es so, fürchten Sie niemanden außer Gott?
Das versuche ich, aber es kann schon sein, dass mir Menschen Angst machen.
Wer könnte das sein?
Politiker, die furchtbare Dinge beschließen. Menschen, die Streit und Krieg entfachen.
Verraten Sie uns, wie Sie sich Gott vorstellen?
Er ist gütig, er will mein Bestes, und ich habe Vertrauen zu ihm, dass ich mit allem kommen kann. Und dass es mir besser geht, wenn ich ihn anerkenne und ihn ehre.
»Das Motto meines Vaters war: Fürchte Gott, tue recht, scheue niemand. Wenn ich nur die Gesetze fürchte, tue ich, was legal ist. Wenn ich Gott fürchte, tue ich, was legitim ist.«

Produktion der Firma Hipp in Pfaffenhofen um 1960
Und warum muss ich ihn dann fürchten?
Da ist wohl eher Ehrfurcht als Furcht gemeint.
Wie wirkt sich das in Ihrer Arbeit aus?
Das spielt jeden Tag eine Rolle. Es gibt immer die Versuchung, Erfolge auf zweifelhafte Weise anzustreben. Wenn ich mich dann anders entscheide, dann tue ich das auch aufgrund meines Glaubens.
Braucht es dafür einen Gott? Es sagt mir doch schon die Vernunft, dass zweifelhafte Methoden auf Dauer nichts bringen.
Es geht vielleicht auch so. Aber für mich wäre der Weg ohne Gott der schwierigere. Ich stelle mir ein unternehmerisches Leben ohne Glauben und ohne meine Heimat in der Kirche viel schwieriger vor.
Die Missbrauchsskandale haben die katholische Kirche viel Ansehen, viele Spenden und Einnahmen aus Kirchensteuern gekostet. Wenn die Kirche ein Unternehmen wäre: Drohte die Pleite?
Grundsätzlich sehe ich die Kirche in einer guten Verfassung. Schließlich sind wir alle die Kirche, nicht nur das Kirchenpersonal. Es sind allerdings in der Tat schreckliche Dinge passiert, die niemals passieren dürfen. Entsprechend schlecht sind die Schlagzeilen.
Wenn man mit einem hohen moralischen Anspruch auftritt, muss man sich daran auch messen lassen.
Ja, klar. Die Kirche steht mit ihrer Fürsorgepflicht hier in besonderer Verantwortung. Aber wenn einseitig nur die Kirchen kritisiert werden, verzerrt es das Gesamtbild, was der Sache nicht dienlich ist. Wir brauchen hier viel mehr Aufklärung und aktives Hinschauen – das gilt in der Kirche, in Sportvereinen, der Schule oder im privaten Umfeld.
Sie haben Bücher geschrieben, in denen es sehr stark um Theologie geht. Wenn man das liest, fragt man sich, ob an Ihnen ein Theologe verloren gegangen ist.
Theologie und Philosophie waren in meiner Erziehung schon ein wichtiger Teil. Das mag ich nicht missen, das halte ich für sehr wichtig.
Wollten Sie es unbedingt weit bringen, sei es als Unternehmer oder auch als Reitsportler oder Maler?
Der Wille war stark. Aber ich fühlte auch eine Verpflichtung, als ältester Sohn mit dem Unternehmen weiterzumachen und es auf Wachstumskurs zu halten. Das hat mein Vater von mir erwartet und das habe ich dann auch gern gemacht.
Aber ich fühlte auch eine Verpflichtung, als ältester Sohn mit dem Unternehmen weiterzumachen.
War es nur Ihre Position als Erstgeborener, weshalb Ihre Eltern erwartet haben, dass Sie in die Fußstapfen des Vaters treten? Oder waren es auch Ihre Fähigkeiten, Ihre Art?
Wir sind drei Brüder und vier Schwestern. Nach der Vorstellung unseres Vaters waren für die Nachfolge bei einem Unternehmen eigentlich nur die männlichen Nachkommen vorgesehen. Denn man wusste nicht, wen die Töchter einmal heiraten würden.
Davon einmal abgesehen – wären Ihre Schwestern gute Unternehmerinnen geworden?
Teilweise wären sie sehr geeignet gewesen. Aber sie haben eben einen anderen Weg genommen, weil er damals so vorgegeben war. So lief es dann auf uns Brüder hinaus.
Ihre Brüder haben sich in der Öffentlichkeit kaum blicken lassen.
Wir wurden gleichberechtigt persönlich haftende Gesellschafter. Ich war das Gesicht in der Werbung, habe auch immer mit den Medien gesprochen. Mein Motto war: Wer fragt, bekommt auch eine Antwort. Meine Brüder haben oder hatten auch wichtige Funktionen, aber eben eher intern. Mein nächstjüngerer Bruder Georg ist leider krank geworden und hat dann nicht mehr in der früheren Funktion für das Unternehmen gearbeitet. Diesen Oktober ist er verstorben. Mit meinem Bruder Paulus habe ich noch lange Jahre das Unternehmen gemeinsam geführt. Er ist zwölf Jahre jünger und weiterhin aktiv.
Welche beruflichen Wege haben Ihre anderen Geschwister eingeschlagen?
Meine älteste Schwester war sprachlich und literarisch sehr begabt. Sie hat für Zeitungen geschrieben. Die nächstältere Schwester ist Apothekerin geworden. Sie hätte auch sehr gut ins Unternehmen gepasst. Die darauffolgende Schwester hat die Hotelfachschule besucht und in der Gastronomie gearbeitet. Sie war dann lange bei uns in der Entwicklungsabteilung tätig. Die jüngste Schwester war eher künstlerisch interessiert.
»Wir sind drei Brüder und vier Schwestern. Nach der Vorstellung unseres Vaters waren für die Nachfolge bei einem Unternehmen nur die männlichen Nachkommen vorgesehen.«

Familie Hipp 1956 bei einem Ausflug in den Chiemgau (Claus Hipp 2. von links)
Studentenjahre: Vorgezeichnete und zufällige Wege
Es muss schon sehr früh festgestanden haben, dass Sie die Nachfolge Ihres Vaters antreten werden. Denn als Ihr Vater starb, waren Sie 29 Jahre alt und waren schon einige Jahre lang auf die Nachfolge vorbereitet worden.
Nach dem Abitur hat mein Vater mich gefragt: »Willst du arbeiten oder studieren?« Ich habe gesagt, ich wolle studieren. Das führte zu der nächsten Frage: »Wie lange dauert das?« Ich habe geantwortet, dass ich schon vier Jahre brauchen werde. Dann hat mein Vater gesagt: »Gut, dann hast du vier Jahre. Wenn du dann fertig bist, kannst du hier einsteigen; wenn nicht, dann war’s das.« Bloß wusste ich da noch gar nicht, was ich studieren sollte. In meiner Verzweiflung bin ich dann an der Münchner Uni einem Klassenkameraden in die Arme gelaufen. Der hat mich mitgenommen in eine Vorlesung über Rechtsgeschichte bei Professor Englisch. Das fand ich ganz gut, das habe ich verstanden. Irgendwie war es so wie in der Schule. Also habe ich mich für Jura eingeschrieben. Der Klassenkamerad ist dann ein guter Orthopäde geworden. Und ich ein Unternehmer – aber mit Jura-Abschluss.
Sie haben auch einmal überlegt, ein landwirtschaftliches Studium aufzunehmen. Warum haben Sie das dann doch nicht gemacht?
Ich hatte einen Mentor in der Schweiz, Dr. Hans Müller. Er war der Begründer des Biolandbaus. Von ihm habe ich unglaublich viel über Landwirtschaft gelernt. Allerdings fürchtete er, dass ich in die konventionelle Landwirtschaft gehen würde, wenn ich Agrarwissenschaften studiere. Er war der Ansicht, dass es stattdessen Leute brauche, die für den biologischen Landbau kämpfen. Was ich an fachlichen Dingen über die Landwirtschaft wissen müsste, so sagte er, könne auch er mir beibringen.
Wie konnte Hans Müller Sie unterrichten? Sie hatten doch genug mit Schule und Studium zu tun.
Sein Unterricht fand beim Abendessen statt, wenn er bei uns zu Besuch war. Und wenn ich zusammen mit ihm zu Landwirten rausgefahren bin und wir mit ihnen über Biolandbau gesprochen haben.
Und dann sind Sie auch noch regelmäßig in die Kunstschule gegangen?
Ja, nach der Schule.
Es war damals nicht unbedingt das Naheliegendste, ein Kind in die Kunstschule zu schicken. Wie sind Sie dort gelandet?
Es gibt bei uns in der Familie eine künstlerische Tradition. Mein Vater hat erfolgreich Bilder gemalt und auch schon mein Großvater. Mütterlicherseits gab es auch einige studierte Maler, Porträtmaler etwa oder Landschaftsmaler, Kirchenmaler, Dekorationsmaler. Einer der Vorfahren, der Kirchenmaler war, hat einmal eine Kirche in der Nähe von Solothurn hergerichtet. Aber der Pfarrer hat ihn nicht bezahlt. Dann hat er gesagt: »Dann lasse ich es eben halb fertig stehen.« Sie haben dann hin und her verhandelt. Am Ende hat der Maler gesagt, er würde die Kirche fertigstellen, wenn er das Brett bekomme, das hinter der Orgel steht. Das Brett war eine Madonna von Holbein. Er hat das Bild bekommen und seine Arbeit fertig gemacht.
Eine Holbein-Madonna? Die Bilder gehören heute zur wertvollsten Kirchenkunst der Welt. Danach musste Ihr Verwandter wahrscheinlich keine Kirchen mehr restaurieren!
Nein, er hat sich nicht bereichert. Er hat sie nur vor dem Verfall gerettet. Das Gemälde wurde später in Augsburg restauriert und wieder in die Schweiz gebracht. Heute hängt es im Solothurner Museum.
Bei so vielen Malern und Kunstinteressierten müsste trotzdem ein kleiner Kunstschatz in der Familie Hipp zusammengekommen sein.
Eigentlich nicht. Wir haben selbst viel gemalt, waren aber keine Sammler. Ich kaufe öfter Kunst, aber vor allem von Studenten, um sie zu fördern. Was ich mit dem Verkauf der eigenen Bilder verdiene, gebe ich wieder für die Unterstützung junger Künstler aus. Aber ich habe keine große und wertvolle Kunstsammlung wie einige andere Unternehmer.
Sie haben auch mal ein bisschen mit der Schauspielerei geliebäugelt. Wie kam es dazu?
Nun, ich habe während des Studiums beim Film gearbeitet, vor allem wenn es mit Reiten zu tun hatte, weil ich schon länger im Reitsport aktiv war. Das war auch nötig.
Ach so, Sie brauchten das Geld.
Ja, klar, das war eine wichtige Geldquelle für mich.
Dann sagen Sie doch mal, was hat denn ein kleiner Reit-Stunt so eingebracht?
Was ich genau bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Ich habe eben Stürze und solche Sachen gemacht oder andere Tricks mit Pferden.
»Mein Vater hatte nichts gegen das Schauspielen. Er hat gesagt: ›Frei reden, vor Menschen auftreten, das kann man immer brauchen.‹«

Claus Hipp und Filmstar Liselotte Pulver 1959 bei Dreharbeiten zu dem Film »Gustav Adolfs Page« – Hipp war als Stuntman engagiert
Ihre Ambitionen für das Schauspielen stießen bei Ihrem Vater wahrscheinlich nicht auf Begeisterung. Er muss befürchtet haben, dass er seinen potenziellen Nachfolger an die Schauspielerei verliert.
Nein, gegen das Schauspielen hatte er nichts. Er hatte früher selbst als Laie viel Theater gespielt. Sogar eine einjährige Ausbildung in der Schauspielerei hätte er mir genehmigt. Er sagte: »Frei reden, vor Menschen auftreten, das kann man immer brauchen.«
Sie können den Unternehmer wirklich nicht verleugnen. Für das Reiten haben Sie Geld bekommen und auch mit den Pferden haben Sie Geld verdient.
Ich habe mir eine Zucht aufgebaut, das stimmt. Die Pferde habe ich selbst zugeritten und dann verkauft. Das fing irgendwann an, weil ich ein besseres Pferd haben wollte. Ich habe meines zum Verkauf ausgeschrieben und dann hat sich Eberhard von Brauchitsch gemeldet. Er war ein Wirtschaftsmann, die rechte Hand des Industriellen Friedrich Flick …
… und später die zentrale Figur des Flick-Parteispenden-Skandals.
Ja. Ich habe ihn jedenfalls im Büro meines Vaters in München empfangen und wir haben eine Stunde lang über den Kauf verhandelt. Mein Vater hatte mir das Büro überlassen, aber nach einer Stunde kam er dann herein und sagte: »Ihr müsst jetzt langsam mal zum Ende kommen.« Ich glaube, Herr von Brauchitsch hatte einfach Freude daran, mit einem Kind zu verhandeln.
Und so ging es dann weiter? Sie haben Pferde gekauft und mit Gewinn weiterverkauft?
Ja, so habe ich mir eine Pferdezucht aufgebaut.
Betreiben Sie die heute noch?
Die Zucht ist nicht mehr hier, sondern bei meinem Sohn Stefan, der in den Masuren in Polen einen Biobetrieb hat. Das ist dort auch ideal für die Pferdezucht.
Ihr Vater hatte Ihnen ein Limit von vier Jahren gesetzt für das Studium. Haben Sie das geschafft?
Zwar habe ich kein berühmtes Examen gemacht, aber ich habe es in kurzer Zeit hinbekommen.
Und Sie haben es geschafft zu promovieren? Wie das?
Für eine Promotion in München haben meine Noten nicht gereicht. Also bin ich nach Köln gegangen und habe mir einen Termin bei Professor Nipperdey, der sehr berühmt war und viele Doktoranden hatte, geholt. Als er sah, dass ich kein tolles Staatsexamen hatte, hat er mich gefragt, was ich sonst noch so zu bieten hätte. Zum Beispiel, welche Sprachen ich spreche. Dass ich Russisch spreche, fand er gut, denn er hatte ein Buch über russisches Arbeitsrecht geschrieben. So gab er mir das Dissertationsthema »Die Arbeitsverfassung der Sowjetunion«. Ich habe die Arbeit geschrieben, er hat sie korrigiert, dann wollte er noch eine Arbeit zur Rolle der sowjetischen Gewerkschaften. Das habe ich auch noch gemacht und dann ist er gestorben. Also musste ich mir einen neuen Doktorvater suchen, aber in Köln gab es keinen Professor, der mich mit diesem exotischen Thema genommen hätte. Für mich war es an dieser Stelle vorbei mit der Promotion.
Sie sind aber promoviert. Wie haben Sie die Kurve gekriegt?
Irgendwann hatten wir in der Firma ein Hochwasser. Im Keller lag meine Doktorarbeit und wurde nass. Eine Mitarbeiterin hat sich die Mühe gemacht, die Arbeit zu retten. Sie hat die einzelnen Seiten im Gang zum Trocknen ausgelegt. Das hat mir dann natürlich die ganze Arbeit wieder in Erinnerung gerufen. Als ich dann mal in Salzburg war, kam in einer Runde das Gespräch darauf, wie schwer es die Professoren mit den heutigen Studenten hätten. Da habe ich mir erlaubt zu sagen, dass es aber auch Studenten schwer haben mit ihren Professoren, und habe die Geschichte meiner Promotion erzählt. Einer der Zuhörer bot an, er könne mal schauen, ob man in Salzburg vielleicht einen Professor für mich finde. Und so bin ich an den Professor Putzer gekommen. Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, bin ich furchtbar erschrocken. Denn er hatte eine faustgroße Delle im Kopf. Da war einfach ein Loch. Aber er war gescheit und wir kamen miteinander klar. Allerdings musste ich noch einmal studieren und Klausuren in Kirchenrecht, Völkerrecht und Rechtsgeschichte schreiben, um an dieser Uni promovieren zu dürfen. Schließlich ging es an die mündliche Prüfung. Ich habe den Professor gefragt, auf welche Themen ich mich denn einstellen müsste. Er erwiderte: »Von Ihnen möchte ich etwas, was Sie in der Literatur wahrscheinlich sowieso nicht finden. Aber Sie werden das schon irgendwie schaffen. Mich würde interessieren, wie im Kommunismus verschiedene demokratische Bewegungen überlebt haben.«
Googeln ging damals noch nicht …
Nein. Ich war also ratlos. Dann aber habe ich Gabriela von Habsburg getroffen und ihr das alles erzählt. Sie hat gesagt: »Das ist gar kein Problem, da fragen wir meinen Vater, der hat das alles drauf, der spricht ja immer darüber.«
Wer war der Vater?
Dr. Otto von Habsburg, der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich. In den 1980er- und 1990er-Jahren saß er für die CSU im Europäischen Parlament. Wir haben ihn vom Flughafen abgeholt, ich habe ihm ein Tonbandgerät hingehalten und er hat geredet und geredet und geredet. Gott sei Dank war viel Stau. So hatte ich am Ende eineinhalb Stunden Referat über demokratische Bewegungen im Kommunismus auf Band.
Das Examen war also gerettet?
Nicht ganz. Beim mündlichen Examen habe ich gemerkt, dass sich der Professor nicht mehr daran erinnerte, was er mir als Thema gegeben hatte. Stattdessen wollte er nun von mir einen Bericht über die unterschiedliche Stellung des Arbeitnehmers im Kaiserreich und im Kommunismus. Dazu hatte ich natürlich nichts vorbereitet und musste mir etwas aus den Fingern saugen. Ich bin aber mit der Note »gut« rausgegangen und hatte verstanden: Reden können ist auch wichtig.
Ich hatte verstanden: Reden können ist auch wichtig.
Warum haben Sie Jura studiert und auch noch promoviert, wenn doch immer klar war, dass Sie in der Firma landen würden? Oder haben Sie insgeheim mit einem anderen Weg geliebäugelt?
Nein, nie. Beim Staatsexamen war ein Prüfer aus der Justiz dabei. Der wollte wissen, was ich später einmal machen wollte. Da bin ich dem Rat von anderen Studenten gefolgt und habe geantwortet, ich wolle vielleicht in der Verwaltung arbeiten. Da hat er gesagt: »Sie werden doch nicht so blöd sein und in die Verwaltung gehen!« Ich solle nach Hause gehen, hat er gesagt, und für mein Unternehmen arbeiten. Dummerweise wusste er, wer ich war.
Sie waren 29 Jahre alt, als Ihr Vater völlig überraschend an einem Herzinfarkt verstorben ist und Sie Chef werden sollten. War das ein Wendepunkt für Sie? Oder einfach nur ein weiterer Schritt auf einem vorgezeichneten Lebensweg?
Danach habe ich noch oft geträumt, dass ich am Schreibtisch sitze, mein Vater ins Zimmer kommt und seinen Platz wieder einnehmen möchte. Da hatte ich wohl ein paar Dinge noch nicht ganz verarbeitet. Aber ein wirklicher Wendepunkt war der Tod meines Vaters in dieser Hinsicht nicht, denn es war einfach logisch, in seinem Sinne weiterzumachen. Mein Vater hatte mir einmal erzählt, wie sein Vater gestorben war. Da war er auch noch relativ jung. Wie der Großvater dann da tot im Bett lag, hat mein Vater gedacht: »Jetzt bin ich endlich mal frei.«
Das ist schlimm.
Man muss wissen: Mein Großvater war sehr streng mit meinem Vater. Er hat ihm kaum Freiraum gelassen. Als mein Großvater einmal krank war und Kostprobenbeutel im Betrieb gepackt werden mussten, hatte mein Vater eine gute Idee. Er fand es umständlich, dass die Packungen oben zugeklebt werden mussten, und besorgte einen Apparat, mit dem man die Packungen oben zuklammern konnte. Als mein Großvater wieder in den Betrieb kam und den Apparat sah, war er furchtbar wütend. Er nahm das Ding und warf es unter ein Sofa. Er war empört, dass mein Vater dafür Geld ausgegeben hatte – vor allem auch, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. Mein Vater war tieftraurig, weil er es für eine gute Idee gehalten hatte. Als er später von seiner Wanderschaft als Geselle zurückkam, musste er feststellen, dass man den Apparat wieder hervorgeholt hatte und die Päckchen nun immer klammerte.
War Ihr Vater mit Ihnen auch so streng?
Weniger streng als der Großvater. Aber ich empfand es trotzdem als sehr strikt. Vielleicht habe ich das auch gebraucht. Aber ich war mit meinen Kindern sicherlich nicht so streng.
Wie war Ihre Mutter? Auch streng?
Nein, meine Mutter war ein sensibler Mensch, sehr empfindsam. Sie kam teils aus der Landwirtschaft, teils aus dem Schweizer Großbürgertum. Einmal, als ich noch ein Kind war, ist bei uns ein Lastwagen gegen einen Birkenbaum gefahren und dann stand die Rinde am Stamm richtig ab. Ich habe die Rinde dann ganz abgerissen, weil ich das Holz darunter so schön fand, diese rosa Farbe. Da hat mich meine Mutter an den Haaren gezogen und gesagt: »Schau, dem Baum tut das genauso weh wie dir jetzt.«
Das ist ein ziemlich romantisches Bild von einem Baum.
Ja. Das war damals ungewöhnlich. Aber ich habe es nie vergessen. Meine Mutter war es, die mir den Respekt vor jeder Pflanze und vor jedem Tier, und sei es noch so klein, beigebracht hat.
Kommen wir noch mal zu Ihrem Studium. War Jura eigentlich das richtige Fach, um den Betrieb zu führen? Wäre Wirtschaft nicht besser gewesen?
Im Nebenfach habe ich Volkswirtschaft studiert. Die Betriebswirtschaft habe ich zu Hause im Unternehmen gelernt, jeden Abend beim Abendessen mit den Eltern.
Sorgen um die Firma, um den richtigen Kurs waren eigentlich immer da.
Bei solchen Abendessen, bei denen es um die Firma geht, kann es auch sehr kontrovers zugehen. Wie war das bei Ihnen?
Sorgen um die Firma, um den richtigen Kurs waren eigentlich immer da. Nennen Sie mir ein Familienunternehmen, bei dem das nicht so ist. Die Angst, dass etwas misslingt, dass ein Fehler passiert, dass es einen wirtschaftlichen Einbruch gibt, das gehört einfach dazu.
»Nach dem Tod meines Vaters habe ich noch oft geträumt, dass ich am Schreibtisch sitze, mein Vater ins Zimmer kommt und seinen Platz wieder einnehmen möchte.«

Claus Hipp übernahm als 29-Jähriger die Firmenleitung, nachdem sein Vater früh und völlig überraschend gestorben war
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