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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich
Ralph Weber
Martin Beckstein
Politische Ideengeschichte
Interpretationsansätze in der Praxis
Vandenhoeck & Ruprecht
Dr. Ralph Weber ist Oberassistent am Universitären Forschungsschwerpunkt Asien und Europa an der Universität Zürich und Lehrbeauftragter für Politische Ideengeschichte und Politische Theorie an der Universität St. Gallen.
Dr. Martin Beckstein ist Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Politische Philosophie der Universität Zürich sowie am Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Internationalen Beziehungen der Universität St. Gallen.
Mit 10 Abbildungen, 10 Grafiken und 11 Tabellen
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de
Bibliografisch e Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Umschlagabbildung: Diego Rivera, Der Steinmetz (1944). Privatsammlung. © Banco de México
Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México D.F./2014 ProLitteris, Zurich. Foto: The Bridgeman Art Library.
© 2014, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Satz: Ruhrstadt Medien AG, Castrop-Rauxel
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ulm
UTB-Band-Nr. 4174
ISBN: 978-3-8252-4174-2
eISBN: 978-3-8463-4174-2
Inhalt
Verzeichnis der Reflexionsboxen
Verzeichnis der Grafiken
Vorwort
Einleitung: Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte
Wozu politische Ideengeschichte?
Wozu Interpretationsansätze?
Politik – Ideen – Geschichte
Mediale Ressourcen der politischen Ideengeschichte
Vielfalt der Ansätze – Eine Typologie
Auswahl der Texte
Kapitel 1: Der analytische Ansatz: Am Beispiel des Federalist Paper Nr. 10
1. Zur Theorie des analytischen Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: James Madisons Federalist Paper Nr. 10
3. Vom Wortlaut zum Aussagegehalt: Die Argumentation des Federalist Paper Nr. 10
3.1 Untersuchungsziel und Hauptaussagen des Texts
3.2 Begriffsklärungen
3.3 Rekonstruktion der Argumente
4. Möglichkeiten und Grenzen des analytischen Ansatzes
Kapitel 2: Der biografische Ansatz: Am Beispiel von Platons Der Staatsmann
1. Zur Theorie des biografischen Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: Platons Leben und Werk
3. Der Text als Ausdruck des Lebens des Autors: Platons zweite Sizilienreise und die Gesetze in Der Staatsmann
3.1 Identifizierung und Textdatierung von Der Staatsmann
3.2 Zusammenfassung des Dialogs
3.3 Identifizierung des interpretationsbedürftigen Texts
3.4 Interpretation: Platons neuer Realismus
4. Möglichkeiten und Grenzen des biografischen Ansatzes
Kapitel 3: Der werkimmanente Ansatz: Am Beispiel von Olympe de Gouges’ Drei Urnen
1. Zur Theorie des werkimmanenten Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: De Gouges und ihr Text Die drei Urnen
3. Vom Werkbezug zur Textbedeutung: Die drei Urnen im Licht des Werks
3.1 Textaneignung und Interpretationsbedürftigkeit
3.2 Autoridentifizierung und Werkaneignung
3.3 Werkimmanente Interpretation durch Herstellung von Bezügen
4. Möglichkeiten und Grenzen des werkimmanenten Ansatzes
Kapitel 4: Der esoterische Ansatz: Am Beispiel von Verfolgung und die Kunst des Schreibens
1. Zur Theorie des esoterischen Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: Leo Strauss’ Verfolgung und die Kunst des Schreibens
3. Vom Text zum Subtext: Die versteckte Lehre von Verfolgung und die Kunst des Schreibens
3.1 Der Text im Wortsinn
3.2 Hinweise auf die Existenz einer esoterischen Lehre
3.3 Adressaten und Inhalt der esoterischen Botschaft
4. Möglichkeiten und Grenzen des esoterischen Ansatzes
Kapitel 5: Der kontextuelle Ansatz: Am Beispiel des Epos des mexikanischen Volks
1. Zur Theorie des kontextuellen Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: Diego Riveras Epos des mexikanischen Volks
3. Über den Kontext zu den Wirkabsichten des Texts: Das Epos des mexikanischen Volkes ein Plädoyer für aztekischen Sozialismus?
3.1 Der Kontext: Der politische Diskurs im postrevolutionären Mexiko der 1920er und 1930er Jahre
3.2 Der Text: Das Epos des mexikanischen Volks
3.3 Der Sprechakt: Das Plädoyer für einen aztekischen Sozialismus?
4. Möglichkeiten und Grenzen des kontextuellen Ansatzes
Kapitel 6: Der hermeneutische Ansatz: Am Beispiel von Huang Zongxi und seinem Mingyi daifang lu
1. Zur Theorie des hermeneutischen Ansatzes
1.1 Gadamer
1.2 Ricoeur
1.3 Angewandte Hermeneutik?
2. Das Anwendungsbeispiel: Huang Zongxi und sein Mingyi daifang lu
2.1 Zu Huangs ideengeschichtlicher Bedeutung
2.2 Vorverständnisse des Mingyi daifang lu vor der Lektüre
3. Hermeneutische Lektüren: Kap. 1 – Über den Herrscher
3.1 Strukturelle Erklärung
3.2 Interpretation
3.3 Hermeneutische Distanz: verfremdende und vermittelnde Sprache
4. Möglichkeiten und Grenzen des hermeneutischen Ansatzes
Kapitel 7: Der rezeptionstheoretische Ansatz: Am Beispiel der Deutungen von Der Fürst
1. Zur Theorie des rezeptionstheoretischen Ansatzes
2. Das Anwendungsbeispiel: Machiavellis Der Fürst
3. Über die Leser zur Bedeutung des Texts: Die Rezeption von Machiavellis Der Fürst vor der Publikation (1513–1532)
3.1 Machiavelli als ‚erster Leser‘ von Der Fürst
3.2 Distanzierungsbestrebungen von Machiavelli und anderen Lesern
3.3 Vier Veröffentlichungsversuche
3.4 Die Funktionswandlung von Der Fürst durch die Frühstrezipienten
4. Möglichkeiten und Grenzen des rezeptionstheoretischen Ansatzes
Kapitel 8: Der begriffsgeschichtliche Ansatz: Am Beispiel des Vertrags in Die Würdenträgereide des Arnuwanda
1. Textinterpretation und darüber hinausführende Ansätze
2. Die Begriffsgeschichte als Ideengeschichte?
3. Zur Anwendung des begriffsgeschichtlichen Ansatzes
3.1 Forschungsinteressen
3.2 Der Begriff als Zugriff
3.3 Textverständnis der Begriffsgeschichte
4. Zur hethitischen Begriffsgeschichte des Vertrags
4.1 Zur altorientalischen Vorgeschichte
4.2 Frühes hethitisches Vertragsdenken
4.3 Die mittelhethitische Blütezeit: Die Instruktionen und Eidesleistungen
5. Die Würdenträgereide des Arnuwanda (CTH 260)
Epilog
Von prinzipienbasierter zu zweckorientierter Methodenauswahl
Vom beliebigen zum philosophischen Eklektizismus
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Verzeichnis der Reflexionsboxen
| Reflexionsbox 1: | Sexistische Sprache |
| Reflexionsbox 2: | Überzeitliche Ideen |
| Reflexionsbox 3: | Aussagegehalt und Autorintention |
| Reflexionsbox 4: | Die Tücken der Chronologie |
| Reflexionsbox 5: | Nochmals – der Siebte Brief und der biografische Ansatz |
| Reflexionsbox 6: | Werkimmanenter Ansatz und Intertextualität |
| Reflexionsbox 7: | Ko-Autorschaft und Werkimmanenz |
| Reflexionsbox 8: | Die Bedeutung des Autors im werkimmanenten Ansatz |
| Reflexionsbox 9: | Werkimmanenter Ansatz oder Entwicklungsansatz |
| Reflexionsbox 10: | Strauss und die Politik |
| Reflexionsbox 11: | Selbstanwendung eines Interpretationsansatzes |
| Reflexionsbox 12: | Welche Quellen dürfen beim esoterischen Ansatz miteinbezogen werden? |
| Reflexionsbox 13: | Wirkabsichten des Autors und des Texts |
| Reflexionsbox 14: | Sind Kunstwerke relevante Quellen der politischen Ideengeschichte? |
| Reflexionsbox 15: | Adressierte und tatsächliche Leser |
| Reflexionsbox 16: | Übersetzung, wessen Horizont und wessen Welt? |
| Reflexionsbox 17: | Der Autor als erster Leser |
| Reflexionsbox 18: | Nutzen eines differenzierten vorbestimmten Begriffs |
Verzeichnis der Grafiken
Infografik: Der analytische Ansatz
Grafik: Grobstruktur des Federalist Paper Nr. 10
Infografik: Der biografische Ansatz
Infografik: Der werkimmanente Ansatz
Infografik: Der esoterische Ansatz
Infografik: Der kontextuelle Ansatz
Infografik: Der hermeneutische Ansatz
Infografik: Der rezeptionstheoretische Ansatz
Grafik: Systematischer Überblick der Frühstrezeptionen von Der Fürst
Infografik: Der begriffsgeschichtliche Ansatz
Vorwort
Dieses Buch legt das Augenmerk auf Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte. Es geht in entscheidender Weise über eine theoretische Behandlung des Gegenstands hinaus, indem es grundlegende Interpretationsansätze in der Praxis thematisiert. Der gedankliche Ausgangspunkt war für uns die Situation, in der man einen Text konkret vor sich hat: Wie soll man nun lesen? Worauf muss der Fokus gelegt werden und was darf man getrost ausblenden? Wie kann von der Lektüre eines Texts zum Verständnis von dessen Bedeutung vorgedrungen werden? Diesen letzten, konsequenten Schritt zu wagen, hat uns Motivation über die Jahre hinweg gegeben, an denen wir kontinuierlich – freilich mit unterschiedlicher Intensität – an diesem gemeinsamen Projekt gearbeitet haben. Dass den Schritt zu wagen sich lohnte, davon sind wir heute umso mehr überzeugt, zumal wir entgegen anfänglichen Erwartungen rasch selbst vor allem zu einem wurden: zu Lernenden, voneinander, gegeneinander, miteinander, immer wieder am Gegenstand und letztlich an der Weite des noch zu Ergründenden selbst. Den Leserinnen und Lesern unserer Ergebnisse hoffen wir ein nützliches anwendungsorientiertes Lehrbuch über Interpretationsansätze der politischen Ideengeschichte vorzulegen, oder zumindest ein didaktisch angeleitetes Lesebuch. Im besten Fall ist es beides.
Die Anwendungsbeispiele nicht nur auf Klassikertexte und unsere eigenen Spezialisierungen zu beschränken, sondern mitunter neues Terrain zu erschließen, war uns ein besonderes Anliegen. Dieses Wagnis galt es natürlich mit einem nüchternen Eingeständnis eigener Grenzen einzugehen. Damit unsere Grenzen Leserinnen und Lesern nicht zum Nachteil gereichen, baten wir Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung und haben tatkräftige und vielfältige Hilfeleistungen erfahren. An dieser Stelle möchten wir uns deshalb bei Rebecca Anders, Max Gander, Andrea Jud, Prof. Jared Miller, Fernando Noriega Díaz, Dr. Marta Pallavidini und Reto Zöllner bedanken. Prof. Thomas Fröhlich, Prof. Roland Kley und Prof. Urs Marti haben unser Projekt darüber hinaus in intensiven Gesprächen, mit Fragen und kritischen Einwänden, und auf je eigene Weise gefördert. Für die Erlaubnis, Teile eines bereits veröffentlichten Texts abdrucken zu dürfen, möchten wir uns beim Verlag Barbara Budrich sowie der Zeitschrift für Politische Theorie bedanken. Prof. Gerfrid G.W. Müller, Prof. Silvin Košak und Prof. Joachim Marzahn waren bei der Beschaffung des abgedruckten Bildmaterials zur hethitischen Keilschrifttafel überaus hilfsbereit. Der Universitäre Forschungsschwerpunkt Ethik der Universität Zürich ist freundlicherweise für die Kosten rund um die Bildrechte an den Gemälden von Rivera, Orozco und Siqueiros aufgekommen. Nicht zuletzt möchten wir auch Kai Pätzke vom Verlag Vandenhoeck & Ruprecht danken, der uns in angenehmer und effektiver Weise durch den Prozess der Drucklegung begleitet hat.
Einleitung Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte
Weshalb lohnt sich die Beschäftigung mit Interpretationsansätzen in der Disziplin der politischen Ideengeschichte? Und noch grundlegender, weshalb ist es überhaupt lohnenswert, sich mit politischer Ideengeschichte zu befassen? Weshalb legen wir Aristoteles, Jean-Jacques Rousseau und Mary Wollstonecraft nicht einfach ad acta und beschränken uns in der wissenschaftlichen Forschung auf das gegenwärtige politische Denken? Natürlich steht es jedem frei, sich privat für jahrhundertealte Texte zu interessieren, weil sie „da“ sind, so wie Edmund Hillary sich bekanntlich für den Mount Everest interessierte, „weil er da ist“. Aber es ist nicht ersichtlich, weshalb intellektuelle Erkundungslust von öffentlicher Hand zu subventionieren ist; und weshalb ein allgemeines Interesse darin bestehen sollte, die Texte von politischen Denkerinnen und Denkern vergangener Zeiten nicht nur einmalig auszuwerten, sondern immer wieder zu interpretieren. Auch wäre der gesellschaftliche Nutzen der Disziplin eher gering einzuschätzen, wenn es allein darum ginge herauszufinden, ob heutige Gedanken zur Politik schon früher gedacht wurden, wer der Erste war, der etwas gedacht hat, und inwiefern das gegenwärtige politische Denken durch frühere Reflexionen geprägt wurde. Die akademische Beschäftigung mit Texten der politischen Ideengeschichte ist kein Selbstzweck und gleiches gilt in noch stärkerem Maße für die Auseinandersetzung mit Interpretationsansätzen, doch für beides lassen sich gute Gründe anführen.
Wozu politische Ideengeschichte?
Die Beschäftigung mit Texten der politischen Ideengeschichte ist nicht zuletzt deshalb lohnenswert, weil es zu klären hilft, was Politik ist, was wir politisch tun können und was wir politisch tun sollten. Die Disziplin der politischen Ideengeschichte kann uns bei der Klärung dieser Fragen schon deshalb helfen, weil die Texte der politischen Ideengeschichte, die uns überliefert sind, eine Vielzahl von theoretischen Werkzeugen enthalten; sie artikulieren Annahmen, entwickeln Konzepte, konstruieren Argumente und liefern Antworten. Wenn wir uns mit gegenwärtigen Problemen auseinandersetzen, können wir auf dieses Sammelsurium von theoretischen Werkzeugen zurückgreifen und sie uns zunutze zu machen versuchen. Einige dieser Werkzeuge erweisen sich vielleicht als geeignet, Antworten auf heute dringliche Fragen zu finden; andere mögen uns helfen, die entscheidenden Fragen überhaupt zu stellen oder an unsere Zwecke angepasste Werkzeuge nachzubauen; und selbst Werkzeuge, die sich als dysfunktional erweisen, können uns immerhin lehren, welche Fragen wir nicht zu stellen brauchen oder welche Antworten wir verwerfen müssen.
Neben dem Zweck der Bergung von potenziell nützlichen politiktheoretischen Werkzeugen hilft die Beschäftigung mit der politischen Ideengeschichte uns zur Klärung, was politisch der Fall, möglich und wünschenswert ist, indem sie unser historisches Bewusstsein schärft. Indem wir untersuchen, wie frühere Denkerinnen und Denker gedacht haben, können wir besser verstehen, wie wir denken. Vielleicht finden wir heraus, dass wir einige ihrer Ansichten teilen und können uns durch das Studium ihrer Texte ein klareres Bild davon verschaffen, was diese Ansichten bedeuten und implizieren. Andere ihrer Ansichten werden uns fremd erscheinen, so dass uns die Eigenartigkeit und Fragwürdigkeit der von ihnen wie der von uns für selbstverständlich gehaltenen Ansichten vor Augen geführt wird.
Wozu Interpretationsansätze?
Was spricht nun aber für die Auseinandersetzung mit Interpretationsansätzen? Sind methodische Reflexionen wirklich nötig oder hilfreich für die Beschäftigung mit der politischen Ideengeschichte? Oder drohen wir uns dadurch in metatheoretischen Scheindebatten zu verlieren, die den potenziellen Nutzen des ideengeschichtlichen Studiums schmälern anstatt realisieren helfen. Es mangelt nicht an Stimmen, die den Nutzen von methodischer Reflexion über die Praxis der ideengeschichtlichen Forschung bestreiten.1 Zudem wird in Lehrbüchern und Überblickswerken, wie Busen und Weiß kürzlich festgestellt haben, in der Regel von nennenswerten Bemerkungen zur Methodik abgesehen.2 Dabei ist der Verzicht auf eine Methode gerade keine Option in der politischen Ideengeschichte. Die Frage ist nicht, ob man einen Interpretationsansatz praktiziert, sondern welchen; wie plausibel der verwendete Ansatz ist und wie konsistent man ihn anzuwenden versteht. Um theoretische Werkzeuge aus ideengeschichtlichen Texten zu bergen und über die Vergangenheit unsere eigene Situation zu reflektieren, können wir unterschiedliche Analysestrategien verfolgen. Jede Analysestrategie basiert auf unterschiedlichen Annahmen, eröffnet spezifische Möglichkeiten und impliziert spezifische Grenzen. Manche Analysestrategien eignen sich zum Beispiel zu ergründen, was Autoren gedacht haben oder was ihre Texte aussagen; andere erschließen, was ihre Texte mitteilen wollten, und wieder andere, welche Bedeutung die Texte vermittelt haben. Ein kritisches Bewusstsein über die Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlicher Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte zu erlangen ist nicht zuletzt deshalb nützlich, weil ein solches Bewusstsein vonnöten ist, um die Möglichkeiten des Machbaren auszureizen und um die Grenzen des Machbaren nicht zu ignorieren.
Dieses Lehrbuch setzt sich zum Ziel, die Möglichkeiten und Grenzen grundlegender Interpretationsansätze in der politischen Ideengeschichte theoretisch zu bestimmen und praktisch zu illustrieren. Wir teilen nicht die Vermutung, dass ein Ansatz allgemein richtig ist und alle anderen inadäquat. Vielmehr gehen wir davon aus, dass Möglichkeiten auf Chancen zur Erkenntnisgewinnung hinweisen und Grenzen auf etwas, das mit wissenschaftlicher Redlichkeit nicht zu überschreiten gehofft werden darf. Insofern ein Ansatz derartige Möglichkeiten hat – und nur so weit – ist er notwendigerweise adäquat.
Bevor wir zur theoretischen Darstellung und praktischen Anwendung der Interpretationsansätze übergehen, gilt es noch vorab zu klären, womit sich die Disziplin befasst und woran Interpreten überhaupt ansetzen, wenn sie Texte der politischen Ideengeschichte erforschen.
Politik – Ideen – Geschichte
Die Disziplin der politischen Ideengeschichte studiert die Geschichte der politischen Ideen. Was meint das genau? Fachvertreterinnen und Fachvertreter geben auf diese Frage sehr unterschiedliche Antworten. Grund dafür ist zunächst der Terminus der „Ideen“, der in seiner Bedeutung eine Bandbreite von einer mit metaphysischem Anspruch ausgestatteten Idee bis zu einem bloßen Gedanken aufweisen kann. Grob vereinfacht ausgedrückt hat sich die politische Ideengeschichte seit ihren Anfängen als selbstständige Disziplin immer weiter von einem starken Ideenbegriff verabschiedet. Ging man zunächst davon aus, dass über die Jahrhunderte hinweg dieselben Ideen gleichsam zeit- und ortsunabhängig verhandelt worden sind (in der deutschsprachigen Tradition paradigmatisch bei Meinecke, in der amerikanischen Tradition bei Strauss und bei Lovejoy), so werden diese – insoweit heute überhaupt noch von Ideen gesprochen wird – heuristisch oder im Sinn von „Motiven“ verstanden. Aller Unkenrufe zum Trotz ist es aber keineswegs so, dass stärkere Ideenbegriffe gar nicht mehr vertreten würden. Dies zeigt sich zum einen in systematischen Untersuchungen, die mehrere Schriften und Autoren versammeln und sie auf ein Problem hin analysieren oder die Entwicklung einer sich formierenden und ausdifferenzierenden Idee historisch nachzeichnen.3 Vielleicht wäre es aus dieser Perspektive betrachtet angemessener zu sagen, dass sich im Zuge einer disziplinären Weiterentwicklung eine Reihe weiterer Verständnisse neben dasjenige einer metaphysischen Idee gestellt haben, womit die Bezeichnung politische Ideengeschichte für viele zunehmend befremdender, in heutiger Zeit für einige gar schlicht anachronistisch geworden ist.
Es erstaunt daher nicht, dass derzeit mehrere Bezeichnungen eine weitgehend deckungsgleiche Verwendung finden, so etwa „Geschichte des politischen Denkens“, „Geschichte der politischen Philosophie“, oder „Geschichte der politischen Theorie“. John Gunnell hat dementsprechend kürzlich festgestellt:
Ob man von der Geschichte der politischen Philosophie, von der Geschichte der politischen Theorie oder von der Geschichte des politischen Denkens spricht, der Verweis zielt für gewöhnlich auf eine grundsätzlich gleiche fachliche Tätigkeit.4
Die Bedeutungen dieser Bezeichnungen sind natürlich nicht vollends deckungsgleich. Jede Bezeichnung trägt eigene Konnotationen: „politisches Denken“ mag eine besondere Breite anzeigen, „politische Philosophie“ der Kanonisierung von „Klassikern“ Tribut zollen und „politische Theorie“ eine systematische Vorgehensweise mit besonderem Anspruch auf Gegenwartsrelevanz verbinden.5 Auch die Bezeichnung „politische Ideengeschichte“ trägt, wie wir gesehen haben, eine solche besondere Konnotation. Vereinfacht lässt sich sagen, dass die Bezeichnungen und Konnotationen den unterschiedlichen Gewichtungen, Fokussierungen, Interessen und Zielen geschuldet sind, mit denen die „grundsätzlich gleiche fachliche Tätigkeit“ im Rahmen der Fachdisziplinen der Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichtswissenschaft betrieben werden.
Wir sprechen in diesem Band durchgängig von „politischer Ideengeschichte“, ohne aber damit einer bestimmten Konnotation den Vorzug geben zu wollen. Vielmehr gebrauchen wir die Bezeichnung, die historisch der Disziplin ihren Namen gegeben hat, weil sie noch am Besten geeignet scheint, um das überlappende Feld der „grundsätzlich gleiche[n] fachlichen Tätigkeit“ abzustecken. Im Grunde rekurrieren wir auf eine geläufige Begebenheit. In Bibliotheken werden in der Regel Bücher in einem gemeinsamen Regal, z.B. unter der Rubrik „Einführungen in die politische Ideengeschichte“, versammelt, von denen manche einen systematischen Fokus auf Argumente, andere einen historischen Fokus auf klassische Autoren und Werke und noch andere den Fokus auf Diskurse legen. Aus der Perspektive, die diesem Band zugrunde gelegt ist, stehen diese drei Bücher mit Fug und Recht im selben Regal; sie könnten aber auch ohne Weiteres in drei verschiedenen Regalen auf Leserschaft warten, je eines z. B. im Fachbereich der Politikwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und der Philosophie. Immerhin stützt man sich trotz der Kontroverse, ob es um „Ideen“, „Theorien“, „Denken“ oder „Denker“ geht, unisono auf die Termini „Geschichte“ und „Politik“.
Das heißt nicht, dass es nicht auch zu den Termini der „Geschichte“ und „Politik“ viel Kontroverses zu berichten oder gar ganze Ideengeschichten zu schreiben gäbe.6 Beide Termini verhalten sich zur Disziplin in einem zirkulären Verhältnis, insofern neue Verständnisse von „Geschichte“ neue Wege, politische Ideengeschichte zu schreiben, ermöglichen und neue Verständnisse von „Politik“ (oder auch „des Politischen“7) den Gegenstandsbereich möglicher Objekte der Reflexion erweitern oder auch einengen. Wenn beispielsweise Karl Löwith seine Ausführungen in Weltgeschichte und Heilsgeschehen mit der Gegenwart beginnen lässt und sich sukzessive in die Vergangenheit vorarbeitet, dann begründet er dies zum einen didaktisch; zum andern ist das Vorgehen aber auch Ausdruck einer grundsätzlichen Neubestimmung des Historischen selbst.8 Oder wenn ein feministisches Politikverständnis, welches die Privatsphäre für politisch erklärt, neu artikuliert wird und Verbreitung findet, dann lassen sich neue politische Ideengeschichten schreiben. Sie fordern uns dann beispielsweise zur Berücksichtigung von Forschungen auf, die zuvor eher in der Sozialgeschichte (also außerhalb der politischen Ideengeschichte) verortet waren.
Mediale Ressourcen der politischen Ideengeschichte
Um theoretische Werkzeuge zu bergen und in Auseinandersetzung mit der Vergangenheit uns selbst besser zu verstehen, untersucht man in der politischen Ideengeschichte in der Regel Texte. Texte können aber recht unterschiedlicher Art sein. Welche Textarten zählen also zu den relevanten medialen Ressourcen des ideengeschichtlichen Studiums? Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ist man immer mehr von einer restriktiven Antwort auf diese Frage abgekommen. Heute gilt es, Texte unterschiedlicher Formate und soziokultureller Herkunft zu berücksichtigen.
Vom engen zum weiten Textbegriff
Texte sind der Gegenstand der ideengeschichtlichen Reflexion, und zunächst finden wir diese in der Form von Büchern. Wir gehen in die Bibliothek, steuern das entsprechende Regal an und nehmen Aristoteles’ Politik oder Das kommunistische Manifest zur Hand. Texte der politischen Ideengeschichte finden sich in Monografien; dazu kommen Sammelbände, Zeitschriften und Zeitungen, in denen politische Denkerinnen und Denker ihre Artikel und Interviews veröffentlichen und viele weitere Textformate, die wir beim Gang in die Bibliothek leicht vergessen: Hannah Arendt hat ihr politisches Denken zu Teilen über Radiovorträge vermittelt, Michel Foucault und Noam Chomsky ihre philosophischen Differenzen in Fernsehsendungen verhandelt. Wichtige Einblicke in das politische Denken der Renaissance sind uns mit Gemälden gegeben. Claude Lefort sieht die aussagekräftigsten Texte für den ideengeschichtlichen Übergang vom Absolutismus zur modernen Demokratie gar in monarchischen Begräbniszeremonien.9 Auch die neuen Medien stellen Foren etwa in Form von Blogs bereit, in denen politiktheoretische Reflexion einen zunehmend bedeutsamen Platz findet. Und wenngleich es nahe liegt, sich die unterschiedlichen Textformate entlang einer Achse vorzustellen, dessen einer Pol einen (alten) engen und dessen anderer Pol einen (neuen) weiten Textbegriff kennzeichnet, so ist zu bedenken, dass selbst die Klassiker des politischen Denkens weit über diese Achse verstreut sind. Aristoteles’ Politik basiert auf Vorlesungen und hat in der Form eines Buchs erst im Mittelalter, vermittelt über arabische Kommentatoren, Eingang in unsere Regale gefunden. Das kommunistische Manifest war ursprünglich eine Flugschrift.
Von der Hoch- zur Populärkultur
Während in der Disziplin schon immer auf ideengeschichtliche Texte unterschiedlichsten Formats als Reflexionsgegenstand zurückgegriffen wurde, so besteht eine genuine Neuerung hinsichtlich der Einbeziehung von Texten unterschiedlicher soziokultureller Herkunft. Erst im späten 20. Jahrhundert wurde der Blick von Texten der sogenannten ‚Hochkultur‘ systematisch auf die ‚Populärkultur‘ ausgedehnt. Texte der politischen Ideengeschichte werden seither nicht mehr nur bei akademischen und politischen Eliten vermutet, sondern auch im Alltagsleben gesucht. Die Gründe hierfür sind dreierlei: Erstens sind bedeutende politische Ideen nicht selten aus den Niederungen des politischen Tagesgeschäfts hervorgegangen, ehe sie philosophisch geschärft und modifiziert in Texten der Hochkultur artikuliert werden konnten.10 Zweitens kann nie mit Sicherheit vorausgesagt werden, aus welchem gesellschaftlichen Kreisen ein Text von herausragender ideengeschichtlicher Bedeutung und Qualität hervorgeht. Die Autorschaft des anonymen Online-Pamphlets Der kommende Aufstand, das für große Aufregung sorgte, wurde zunächst bei einer Gruppe Nonkonformisten aus dem Dorf Tarnac vermutet, woraufhin die französische Polizei im Jahr 2008 einen Klarinettisten, eine Krankenschwester und einen Gemüsehändler festnahm, auch wenn sie deren Urheberschaft schließlich nicht nachweisen konnte.
Schließlich ist ein dritter Grund, dass ideengeschichtliche Texte nicht auf einen Ort auf einer Achse soziokultureller Textwertigkeit festgeschrieben sein müssen, weil Hochkultur und Populärkultur in einem dynamischen Verhältnis stehen. Kulturelle Wertigkeit impliziert Bewertung, und diese kann sich gerade mit historischem Abstand deutlich verändern. Hochkultur kann Populärkultur werden, und umgekehrt, wie Machiavellis Der Fürst für beiderlei Dynamiken belegen mag. Ist die Schrift doch sicherlich keine repräsentative Quelle des frühneuzeitlichen Gelehrtentums, wird sie seit Langem zum Grundkanon politischer Ideengeschichte gezählt; im 20. Jahrhundert hat sie den Status von Ratgeberliteratur wiedergewonnen (unter Titeln wie Machiavelli für Frauen, Machiavelli für Manager, oder Machiavelli für Streithammel), wenngleich in etwas vulgärer Form.
Vielfalt der Ansätze – Eine Typologie
Politische Ideengeschichte ist also vornehmlich eine Textwissenschaft, wobei je nach engem oder weitem Textbegriff und soziokultureller Herkunft verschiedene Objekte Gegenstand der Untersuchung und Reflexion sein können. Ausgangspunkt ist die Identifizierung eines als interpretationsbedürftig wahrgenommenen Textmaterials. Die Herausforderung für die Ausdifferenzierung von Interpretationsansätzen besteht darin, die Analyseschritte aufzuzeigen, mithilfe derer ein als interpretationsbedürftig wahrgenommenes Textmaterial ausgelegt wird. Welche Analyseschritte für die Interpretation zielführend sind, hängt natürlich von dem genauen Leitinteresse ab, ob also wie zuvor erwähnt das Denken des Autors oder die Aussage seiner Texte erschlossen werden soll, oder die in den Texten angelegte Mitteilung an eine Leserschaft, oder aber die Bedeutung, die die Texte ihrer Leserschaft vermittelt haben. Die unterschiedlichen Leitinteressen suggerieren ihrerseits aber wiederum spezifische Verständnisse dessen, als was ein Text im Allgemeinen überhaupt zu verstehen ist. Die nachfolgende Typologie versucht daher Klarheit in das Dickicht der vielfältigen Interpretationsansätze zu bringen, indem die Interpretationsansätze anhand des angesetzten Textverständnisses geordnet werden.
Textzentrierte Ansätze: „ein Text ist der Gehalt seiner Aussagen“
Ein Text kann einfach als Text verstanden werden, als ein Argument, das jenseits der Prosa des Texts im Gehalt seiner Aussagen besteht. Der analytische Ansatz abstrahiert dementsprechend von der sprachlichen Präsentation, um den Gedanken selbst zu erfassen. Für den analytischen Interpreten macht es keinen Unterschied, ob ein Satz auf Englisch, Deutsch oder Sanskrit geschrieben ist, wie auch grammatikalische Konstruktionsarten, Akzentuierungen oder schlicht Rhetorik nicht ins Gewicht fallen. Ein einziger Aussagegehalt kann daher auf vielfache Weise ausgedrückt werden. Erasmus von Rotterdam zählte beispielsweise 195 lateinische Varianten des Satzes „Ihr Brief hat mir sehr gefallen“ auf; die Aussage des Satzes war ihrem Gehalt nach stets dieselbe.11 Bei einer analytischen Textinterpretation steht also der Aussagegehalt im Vordergrund. Im Idealfall lässt sich dieser in Form von Prämissen und Schlussfolgerungen darstellen, so dass im Anschluss an die Interpretation, der argumentative Inhalt des Texts auf Validität und Konsistenz geprüft werden kann.
Interessante Ansätze, die ebenfalls als textzentriert gelten können, sich bisher jedoch noch nicht innerhalb des Mainstreams etablieren konnten, sind in der Semiotik (Umberto Eco) und im (Post)-Strukturalismus zu verorten. Im Gefolge von Roland Barthes’ und Michel Foucaults Erklärungen zum Tod des Autors und Jacques Derridas Dekonstruktivismus haben sich neue Möglichkeiten ergeben, auch Texte aus der politischen Ideengeschichte neu zu interpretieren. Bei der ausführlichen Darstellung und Illustration von textzentrierten Ansätzen beschränken wir uns jedoch auf den analytischen Ansatz.
Autorzentrierte Ansätze: „ein Text ist von jemandem geschrieben“
Man kann einen Text aber auch als etwas verstehen, das von jemandem geschrieben wurde; der Autor rückt ins Zentrum. Die damit einhergehende Prämisse ist, dass man etwas über den Autor des Texts in Erfahrung bringen muss, möchte man das interpretationsbedürftige Textmaterial verstehen. Explizit finden autorzentrierte Ansätze in der ideengeschichtlichen Praxis Anwendung, wenn biografische Informationen über den Autor argumentativ in eine Textinterpretation eingewoben werden. Häufig wird beispielsweise behauptet, der Leviathan von Thomas Hobbes lasse sich nicht ohne dessen Erfahrung des englischen Bürgerkriegs verstehen. Nur impliziter, aber nicht weniger prämissenbehaftet, wird von einem solchen Zusammenhang des Lebens eines Autors und der Bedeutung eines seiner Texte ausgegangen, insofern der inhaltlichen Diskussion eine biografische Notiz vorangestellt wird. Warum sonst sollte das intime Verhältnis von Simone de Beauvoir mit Jean-Paul Sartre erwähnenswert sein in einer Abhandlung, die sich mit de Beauvoirs Text Das andere Geschlecht zu befassen behauptet? Misst man dem Zusammenhang von der Person des Autors einerseits und der Bedeutung des Texts andererseits die Hauptrolle zu, so kann man von einem biografischen Ansatz sprechen. Genau genommen wird dann ein Text als Ausdruck des Lebens eines Autors verstanden: Der Text hätte, angesichts der Biografie des Autors, gar nicht anders lauten können als er lautet.
Im Unterschied dazu unterstellt ein werkimmanenter Ansatz, dass man einen Text eines Autors am besten dann versteht, wenn man ihn im Zusammenhang mit den anderen Texten des Autors sieht. Dieser Ansatz kommt etwa zum Tragen, wenn man bei der Interpretation eines Texts die Qualifizierung hinzufügt, dass es sich um einen frühen Text des Autors handelt, da die späteren Texte doch alle durch das Hinzutreten eines bestimmten Motivs gekennzeichnet sind. (Hinsichtlich des Werks von Platon wird beispielsweise häufig gesagt, dass Sokrates nur anfangs eine zentrale Rolle einnimmt und in späteren Schriften immer mehr in den Hintergrund rückt.) Im Extremfall wird ein Text unter Anwendung des werkimmanenten Ansatzes in seiner Stellung innerhalb des Gesamtwerks der einem Autor zugeschriebenen Texte verstanden. Das Leben des Autors ist nicht primär für die inhaltliche Interpretation ausschlaggebend. Aber nur mittels der Identifikation des Autors können die verschiedenen Texte überhaupt als Texte des Gesamtwerks eines Autors verstanden werden.
Adressatenzentrierte Ansätze: „ein Text ist für jemanden geschrieben“
Ein Text kann aber auch so verstanden werden, dass er in der Hauptsache „für jemanden geschrieben“ ist; ein bestimmter Adressatenkreis nimmt also den Platz des Autors im Zentrum des Textverständnisses ein. Es wird daher nach der Botschaft gesucht, die der Autor mit seinem Text an seine Zeitgenossen vermitteln wollte oder tatsächlich sendete.
Der esoterische Ansatz von Leo Strauss bezieht die Möglichkeit in Betracht, dass Autoren nicht beabsichtigt haben mochten, ihre Erkenntnisse offen und explizit zu kommunizieren. Vielleicht drohten Freigeistern Repressionen; oder sie glaubten, die Gesellschaft vor unbequemen Wahrheiten schützen zu müssen; oder aber sie meinten, dass sich Leser philosophische Einsichten nicht in der gleichen Weise wie Sachinformationen aneignen können. Autoren könnten dementsprechend der adressierten Leserschaft ihre eigentliche Lehre zwischen den Zeilen zu vermitteln gesucht haben. Das, was auf den Zeilen geschrieben steht, wäre dann nur Zensoren, der politisch korrekten Öffentlichkeit oder Philosophieunempfänglichen zugedacht.
Der kontextuelle Ansatz geht hingegen davon aus, dass Autoren nicht in ein überzeitliches Gespräch mit vergangenen und zukünftigen Generationen (und zuletzt uns) eintraten, sondern ihren politischen Zeitgenossen eine Mitteilung machten. Sie taten dies nicht so sehr, weil sie es wollten, sondern weil sie gar nicht anders konnten. Die Autoren ideengeschichtlicher Texte werden als Kinder ihrer Zeit begriffen, die in historisch und kulturell kontingenten sprachlichen Konventionen, intellektuellen Traditionen und politischen Kontroversen gefangen waren. Laut dem bekanntesten Vertreter eines kontextuellen Ansatzes, Quentin Skinner, stellen ideengeschichtliche Texte ideologische Interventionen in das politische Tagesgeschäft dar. Dementsprechend richten sich die von ihm empfohlenen Analysestrategien auf die in einem Text angelegten Anspielungen auf parteiische Positionen, Bewertungen und Akzentverschiebungen. Wer die politische Rhetorik des Entstehungskontexts von Daniel Defoes Schrift Der kürzeste Weg mit den Dissentern in die Interpretation miteinbezieht, so Skinner zum Beispiel, erkenne, dass Defoe seinen Zeitgenossen keineswegs empfahl, mit Andersgläubigen kurzen Prozess zu machen, sondern sie mithilfe der ironischen Überspitzung zu größerer Toleranz bewegen wollte.12
Leserzentrierte Ansätze: „ein Text ist von jemandem gelesen“
Ein weiterer Typ von Interpretationsansätzen versteht Texte als etwas, das vor allem von jemandem gelesen wird; die Leseerfahrung wird in den Vordergrund gerückt. Dabei kann auf die Leseerfahrung eines Einzelnen oder die Gesamtheit aller Leser fokussiert werden.
Beim hermeneutischen Ansatz dreht sich alles um die Fremdheit, mit der ein Interpret als Leser eines ideengeschichtlichen Texts konfrontiert ist. Problematisiert wird dabei die zeitliche, kulturelle, sprachliche, milieubezogene und politisch-soziale Differenz, die dem Bemühen nach Verständnis entgegensteht. Der Leser tritt notwendig mit Vorannahmen und Vorurteilen an einen Text heran. Ziel ist, sich dieser bewusst zu werden und sie produktiv zu wenden. Dabei wird nicht davon ausgegangen, dass es ein letztes Wort über einen historisch in den Text hineingelegten Sinn zu sprechen gälte. Vielmehr nimmt, wie Hans-Georg Gadamer es ausdrückte, die „Ausschöpfung des wahren Sinns“ kein Ende. Durch das Bemühen des Lesers ergeben sich neue Verständnisse und Sinnbezüge. Die Differenz zwischen Interpret und Text schließt sich letztlich nicht, sie ist in „ständiger Bewegung und Ausweitung“ begriffen.13
Der rezeptionstheoretische Ansatz sucht hingegen der unterschiedlichen Deutungen von Lesern gewahr zu werden, die von einem Text über die Zeit entstanden sind. Der Interpret setzt also an den Deutungen der Sekundärliteratur an und schlägt im Extremfall den interpretationsbedürftigen Text selbst gar nicht auf. Diese Vorgehensweise rechtfertigt sich entweder, weil die Bedeutung von Texten als uneindeutig und durch die Leserschaft mitkonstituiert gilt; oder weil die Auswertung der kaleidoskopischen Vielfalt von Rezeptionsdispositiven indirekt eine Interpretation des Texts ermöglicht, die weniger von den persönlichen Voreinstellungen des Interpreten belastet ist; oder einfach weil das Maßgebliche von Texten nicht in der Bedeutung erkannt wird, die sie vermitteln wollten, sondern in der Bedeutung, die sie faktisch vermittelten.
Ansätze, die über die Interpretation eines Einzeltexts hinausgehen
In der politischen Ideengeschichte gibt es über die bereits erwähnten Ansätze hinaus eine Reihe von Interpretationsansätzen, die nicht in erster Linie einen Einzeltext in den Blick nehmen, sondern sich von vornherein auf ein Kollektiv von Texten konzentrieren, dem das eigentliche Interesse gilt. So auch in der Begriffsgeschichte, die wir von diesem Typ von Ansätzen in diesem Band detailliert betrachten werden. Bei der Begriffsgeschichte spielen Texte gegenüber den Begriffen, die sie verhandeln, eine untergeordnete Rolle. Texte werden allenfalls als Sammelsurium von Bestimmungen und Deutungen bestimmter politischer und anderer Begriffe verstanden. Begriffsgeschichtler, wie ihr prominentester Vertreter Reinhart Koselleck, versuchen Entwicklungen von Begriffen über viele Texte hinweg nachzuzeichnen, um so letztlich sozialen und politischen Wandel historisch greifbar zu machen. Gerade bei der Begriffsgeschichte hat sich der Fokus über die letzten Jahrzehnte merklich weg von Höhenkammliteratur zu institutionellen Texten und Texten der Populärkultur geweitet.
In diesem Band nicht behandelt, aber gleichermaßen erwähnenswert sind eine Reihe anderer Ansätze, die in ähnlicher Weise über die Interpretation eines Einzeltexts hinausgehen und die ebenfalls in der Disziplin verfolgt werden. Wie die Begriffsgeschichte beziehen sie die Interpretation des einen Texts auf ein Kollektiv von Texten, dem das eigentliche Interesse gilt. Stichwortartig seien hier die Problemgeschichte, die Mentalitätengeschichte sowie diskurs- und systemtheoretische Ansätze erwähnt. Diese Ansätze sind nicht zuletzt durch ihr, über einen Einzeltext weit hinausreichendes Interesse überaus komplex konzipiert; sie kommen aber allesamt nicht umhin, sich mit Einzeltexten zu beschäftigen, so dass ein Verständnis der in diesem Band vorgestellten Interpretationsansätze gleichsam als Vorbereitung für diese weiterführenden Ansätze verstanden werden darf.
Damit sind abschließend zwei wichtige Punkte angesprochen. Erstens ist es durchaus ein Aspekt der Diskussion um Ansätze in der politischen Ideengeschichte, was denn nun als eigenständiger Ansatz gelten kann. Es scheint zumindest so zu sein, dass die eben erwähnten Ansätze, die auf ein Kollektiv von Texten abheben, je schon ein Textverständnis bei der Lektüre des Einzeltexts ansetzen. Wenn man zum Beispiel Problemgeschichte betreibt und sich dem Problem der sich durch Macht einstellenden Korrumpierbarkeit widmet, dann kann man die Texte und den darin enthaltenen Beitrag zur Problembehandlung noch immer als von jemandem geschrieben oder als für jemanden geschrieben oder einfach auch nur als vorliegenden Text lesen. Damit ist letztlich auch verständlich, warum es strittig ist, ob etwa der Feminismus einen eigenständigen Ansatz bereitstellt. Er könnte sich durchaus mit manchen der in diesem Lehrbuch versammelten Ansätze kombinieren oder aber als unabhängiges Set von Analysestrategien ausdifferenzieren lassen.
Zweitens sind natürlich im Grunde auch die von uns ausgewählten, grundlegenden Interpretationsansätze in ihrer Ausgestaltung durch eine anhaltende Fortschreibung auf theoretischer Ebene sowie durch konkurrierende Anwendungen in der Praxis gekennzeichnet. Im Rahmen dieses Bands kann auf diese vielfältigen Entwicklungen nur punktuell eingegangen werden. Größeres Gewicht wird dagegen darauf gelegt, die ausgewählten, grundlegenden Interpretationsansätze in Modellform zu präsentieren. Denn durch die modellhafte Darstellung und Illustration werden Vorzüge und Nachteile der einzelnen Ansätze deutlicher sichtbar, so dass gehofft werden darf, das Bewusstsein für die jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen zu fördern und zu einem (selbst-)kritischen Umgang mit dem methodischen Handwerkszeug der politischen Ideengeschichte zu motivieren.
Auswahl der Texte
Im vorliegenden Lehrbuch werden die Analysestrategien der ausgewählten Interpretationsansätze erläutert und durch Anwendung auf je einen Text illustriert. Die Auswahl der Texte berücksichtigt die Kriterien unterschiedlicher Textformate sowie soziokultureller Herkunft. Dabei beschreiten wir einen Mittelweg zwischen „Klassikern“ (Platons Staatsmann, Machiavellis Der Fürst, Strauss’ Verfolgung und die Kunst des Schreibens und Madisons Federalist Paper Nr. 10) und eher vernachlässigten Texten (De Gouges’ Drei Urnen, Riveras Die Geschichte Mexikos, Huangs Mingyi daifang lu und dem hethitischen Text Die Würdenträgereide des Arnuwanda). Was die Autorschaft der Texte anbelangt, so wird ebenso einerseits auf Familiarität gesetzt, und andererseits auf noch nicht oder nur namentlich bekannte Autoren zurückgegriffen. Schließlich, auch wenn die Auswahl nur exemplarisch und ohne Anspruch auf Repräsentativität erfolgen konnte, wurden nicht nur Texte von männlichen, weißen Europäern miteinbezogen.
Männliche, weiße Europäer? Reden wir damit nicht einer politischen Korrektheit das Wort, die wir in unserer eigenen Schreibpraxis gar nicht einlösen? Haben wir nicht durchgängig von Autoren in der männlichen Form gesprochen? Darüber wollen wir in Form einer Reflexionsbox kurz nachdenken.
Reflexionsbox 1: Sexistische Sprache
Wäre es nicht gerade in einem Lehrbuch nötig, auf geschlechtsneutrale Sprache zu achten? Nicht alle Autoren der politischen Ideengeschichte waren Männer und auch nicht deren Adressaten oder Leser. Die standardmäßige Verwendung der männlichen Form suggeriert eine falsche Normalität. Umgekehrt kann eine geschlechtsneutrale Sprache über die faktisch vorherrschenden patriarchalen Verhältnisse hinwegtäuschen. Das Dilemma lässt sich nicht leicht umgehen. Im einen Fall laufen wir Gefahr, Studierende an eine sexistische Konvention zu gewöhnen. Im andern Fall würden wir einem idealisierenden Anachronismus erliegen, indem wir unser heutiges Selbstverständnis in die Vergangenheit projizieren.
Für uns ausschlaggebend war die Befürchtung, mit einer konsequent geschlechtsneutralen Sprache oder mit im Deutschen ungebräuchlichen Alternativen die Reflexion über Ansätze in der politischen Ideengeschichte zu erschweren. Wir haben uns daher in einigen Fällen des Schlüsselvokabulars für die Verwendung des generischen Maskulinums entschieden, ohne zu meinen, damit die richtige Lösung, oder auch nur die beste aller schlechten, gefunden zu haben.
1 Siehe z. B.: Ball, Terence. 1995. Reappraising Political Theory. Revisionist Studies in the History of Political Thought. Oxford: Clarendon, S. 5; Sontag, Susan. 2009. „Against Interpretation“. In: dieselbe, Against Interpretation and Other Essays. London: Penguin, S. 3–14.
2 Busen, Andreas und Weiß, Alexander. 2013. „Ansätze und Methoden zur Erforschung politischen Denkens: The State-of-the-Art?“. In: dieselben (Hg.), Ansätze und Methoden zur Erforschung des politischen Denkens. Baden-Baden: Nomos, S. 15–39.
3 Siehe z. B.: Kersting, Wolfgang. 2009. Die Politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Riklin, Alois. 2006. Machtteilung. Geschichte der Mischverfassung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
4 Gunnell, John. 2011. „History of Political Philosophy as a Discipline“. In: Klosko, George (Hg.), The Oxford Handbook of the History of Political Philosophy. Oxford: Oxford University Press, S. 60–72; hier S. 60.
5 Ottmann, Henning. 1996. „In eigener Sache: Politisches Denken“, Politisches Denken, Jahrbuch 1995/96: S. 1–9; Ottmann, Henning. 2001a. Geschichte des Politischen Denkens. Band 1/1: Die Griechen. Von Homer bis Sokrates. Stuttgart: Metzler, S. 1–6.
6 Für einen Klassiker, siehe: Collingwood, Robin George. 1994. The Idea of History. Oxford/New York: Oxford University Press.
7 Zum Unterschied zwischen Politik und dem Politischen, siehe: Röttgers, Kurt und Bedorf, Thomas (Hg.). 2010. Das Politische und die Politik. Berlin: Suhrkamp Verlag.
8 Löwith, Karl. 2004. Weltgeschichte und Heilsgeschehen: Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart: Metzler.
9 Lefort, Claude. 1988. Democracy and Political Theory. Cambridge: Polity Press.
10 Ottmann, 2001a, S. 2.
11 Siehe: von Rotterdam, Desiderius Erasmus. 1978. „Copia: Foundations of the Abundant Style (de duplici copia verborum ac rerum commentarii duo)“, übersetzt von Betty I. Knott, in: Collected Works of Erasmus: Literary and Educational Writings 2, hg. von Craig R. Thompson, Toronto: University of Toronto Press, S. 348–354.
12 Skinner, Quentin. 2009. Visionen des Politischen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 74–75.
13 Gadamer, Hans-Georg. 1990. Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr, S. 303.
Kapitel 1 Der analytische Ansatz: Am Beispiel des Federalist Paper Nr. 10
Der analytische Ansatz zur Interpretation von Texten der politischen Ideengeschichte – zuweilen auch Oxford Ansatz genannt – bedarf im Grunde nicht langatmiger Erläuterung. Er bezeichnet das, was wir ohnehin intuitiv tun zu müssen glauben, wenn wir uns einen Text nicht nur ansehen, sondern ihn wirklich studieren wollen. Anstatt das Geschriebene nur zu überfliegen und ein wenig in die Einleitung und den Schluss hineinzulesen, nehmen wir uns vor, genau zu betrachten, was die einzelnen Sätze des Texts besagen. Wir versuchen uns in die Lage zu bringen, den Text in eigenen Worten wiederzugeben, um dessen Inhalt uns selbst und anderen erklären zu können. Weil der analytische Ansatz vergleichsweise ebenso naheliegend wie theoretisch schlicht und praktisch einfach zu handhaben ist, findet er in Lehrbüchern wie Vorlesungen zur politischen Ideengeschichte (und Philosophie) nur selten Erwähnung.
Drei Gründe sprechen dennoch für eine systematische Darlegung des analytischen Ansatzes. Erstens kann nicht davon ausgegangen werden, dass jedem völlig klar ist, wie gemäß dem analytischen Ansatz genau vorzugehen ist. Zweitens erachten unseres Wissens alle heutigen Fachexegeten von Texten der politischen Ideengeschichte den analytischen Ansatz als defizitär und legen ihren Arbeiten andere Interpretationsansätze zugrunde. Die genaue Kenntnis des analytischen Ansatzes ist also auch deshalb wichtig, weil wir sonst nicht wissen können, welche Grenzen unserer intuitiven Herangehensweise an Texte gesetzt sind. Schließlich ist die Kenntnis des analytischen Ansatzes für die ideengeschichtliche Interpretationspraxis deshalb von Vorteil, weil er Analysestrategien bereitstellt, auf die fast alle anderen Ansätze trotz ihrer Ablehnung des analytischen Ansatzes in „Reinform“ in der ein oder anderen Weise doch zurückgreifen.1
Der analytische Ansatz versteht Textinterpretation nach seinen Maßstäben als eine recht bescheidene Aufgabe. Es sollen lediglich im Text befindliche Fragen, Thesen, Argumente, Theorien und Antworten identifiziert werden. Die Aufgabe der kritischen Prüfung, ob die im Text identifizierten Fragen, Thesen, Argumente, Theorien und Antworten funktionstüchtige politiktheoretische Werkzeuge und somit für uns relevant sind, wird vom analytischen Ansatz nicht übernommen. Er verrichtet nur die notwendige Vorarbeit dafür. Er unterzieht die Texte einer deskriptiven Analyse, um eine systematische Diskussion zu ermöglichen. Vereinfachend gesagt wird ein Text zu verstehen gesucht, indem zerlegt, sortiert und zusammengefasst wird, was Schwarz auf Weiß im Text geschrieben steht.
1. Zur Theorie des analytischen Ansatzes
Der analytische Interpretationsansatz ist theoretisch und in der praktischen Anwendung maßgeblich durch Philosophen und Philosophinnen geprägt worden, die im 20. Jahrhundert an der Universität Oxford tätig waren. Ihr Beitrag bestand dabei nicht zuletzt darin, dass sie die „analytische Methode“ (die vorab durch Philosophen aus Cambridge wie G.E. Moore entwickelt wurde), auf den Bereich der politischen Philosophie übertrugen.2 Für die Interpretation von Texten bedeutete dies zunächst, dass man sich auf die sprachphilosophische Klärung von politischen Begriffen und den Nachweis konzeptueller Fehler und methodischer Missverständnisse beschränkte. In der Folge ging man aber dazu über, in weniger destruktiver Absicht die logische Verknüpfung der politischen Begriffe zu Argumenten und Theorien nachzuvollziehen und die Texte als Antwortversuche von politischen Autoren auf „permanente oder zumindest wiederkehrende Probleme der Philosophie“ zu deuten.3
Reflexionsbox 2: Überzeitliche Ideen
Der Begründer der Disziplin der politischen Ideengeschichte, Arthur Oncken Lovejoy, gab als Ziel der Disziplin das Studium von überzeitlichen Grundideen (unit ideas) aus. In detaillierten Analysen sollte die Geschichte dieser überzeitlichen Grundideen nachvollzogen werden, d. h. wie Begriffe (z. B. Recht, Freiheit, Vertrag) im Laufe der Geschichte bestimmt, modifiziert, mit anderen Begriffen kombiniert und artikuliert wurden.4 Die Vertreter des analytischen Ansatzes insistierten nicht unbedingt auf der Existenz von überzeitlichen Ideen, suggerierten aber wohl, dass sich einige Ideen (oder zumindest Fragen) als ziemlich langlebig erwiesen und sich historisch nur wenig verändert haben. Kritiker, die von einer stärkeren Beeinflussung von Autoren durch ihren historischen intellektuellen Kontext ausgehen, charakterisieren das Ideengeschichtsverständnis des analytischen Ansatzes deshalb überspitzt als fiktives Gespräch zwischen antiken, neuzeitlichen und modernen Autoren in einem zeitlosen Elfenbeinturm. Die Vertreter des analytischen Ansatzes entgegneten darauf nicht ganz zu Unrecht, dass die Klassiker der politischen Ideengeschichte in einen eben solchen überzeitlichen Dialog einzutreten gewillt gewesen scheinen. Die Vertreter des analytischen Ansatzes konnten ihnen somit in gewisser Hinsicht besser gerecht werden als ihre Kritiker, indem sie z. B. Hobbes als einen Menschen des 20. Jahrhunderts diskutierten, so wie Hobbes Aristoteles als seinen Zeitgenossen ansprach.
Für den analytischen Ansatz ist zentral, was in einem Text steht. Warum jemand den Text geschrieben hat, wer dieser Jemand war und welche Absichten dieser Jemand mit dem Text im Sinn hatte, wird konsequent ausgeklammert:
Manche meinen, um zu verstehen, was ein Mann sagte, müssten wir wissen, warum er es sagte. Das ist falsch. Wir müssen nur betrachten, wie er Wörter verwendete. Um Hobbes zu verstehen müssen wir nicht wissen, welchen Zweck er mit dem Leviathan verfolgte und was er über die rivalisierenden Ansichten der Royalisten und Parlamentarier dachte. Wir müssen nur wissen, was er mit Wörtern wie Recht, Freiheit, Vertrag und Verpflichtung meinte […] Ich beschränke mich [deshalb] darauf, was meine Autoren zu sagen haben und lasse die Ursprünge ihrer Theorien oder die Umstände, in denen sie entwickelt wurden, fast vollständig außer Acht.5
Um gemäß der Theorie des analytischen Ansatzes einen Text zu verstehen, braucht man also nicht den historischen Kontext, die Biografie des Autors, weitere Texte des Autors und seiner Zeitgenossen oder spätere Rezeptionen zu beachten; alles, was es herauszufinden gilt, steht im zu untersuchenden Text selbst.
Reflexionsbox 3: Aussagegehalt und Autorintention
Wenn wir über ideengeschichtliche Texte sprechen, sagen wir häufig so etwas wie „Im Text kritisiert Thomas Hobbes die Position Y“ oder „Was Hannah Arendt meint, ist Z“, wodurch die Person des jeweiligen Autors ins Spiel gebracht und suggeriert wird, dass entscheidend ist, was er oder sie beim Schreiben im Kopf hatte. In den Kopf eines Autors hineinzusehen ist naturgemäß schwierig. Verlässlicher scheint zu sein, darauf zu fokussieren, was ein Autor schrieb. Der analytische Interpretationsansatz beschränkt sich dementsprechend auf die Aussagen, die Schwarz auf Weiß in den Texten geschrieben stehen. Im Rahmen einer analytischen Interpretation geht es deshalb nicht darum, was Hobbes oder Arendt „eigentlich meinten“, sondern nur darum, welche Aussagen die Sätze ihrer Texte treffen.
Wie ist vorzugehen, wenn man einen Text für interpretationsbedürftig oder, mit Blick auf den analytischen Ansatz, analysebedürftig befunden hat? Drei Analyseschritte lassen sich unterscheiden: Die Analyse des Aussagegehalts, die Klärung der Begriffe und die Rekonstruktion der Argumente des Texts.
Im ersten Analyseschritt wird der inhaltliche Aussagegehalt des Texts identifiziert. Die Sätze eines Texts beherbergen dessen inhaltliche Aussagen, fallen aber nicht unbedingt mit diesen zusammen. Allerdings sind die Sätze der meisten Texte der politischen Ideengeschichte sehr wortreich und schließen Füllwörter, literarische Floskeln, rhetorische Wendungen und Umschreibungen mit ein, die dem Sprachrhythmus, der besseren Lesbarkeit oder effizienteren Überredung der Leser dienen, aber keine zusätzlichen, im engeren Sinn inhaltlich relevanten, Informationen liefern. Sie können deshalb gestrichen werden. Selbiges gilt für ganze Sätze, die beispielsweise bereits getätigte Aussagen wiederholen, zusammenfassen oder mit weitgehend überflüssigen Details und Beispielen ausschmücken. Sogar in extrem technisch anmutenden Traktaten können Streichungen geboten sein. Das bekannteste Beispiel stellt der Nachsatz an einen logischen Beweis „quod erat demonstrandum“ (was zu beweisen war) dar. Andere Sätze können durch Paraphrasierung stark gekürzt werden. Ein Beispiel aus Platons Der Staat mag dies illustrieren:
| Text | Aussagen |
| SOKRATES: Kannst du mir aber eine größere und heftigere Lust nennen als die, die man mit der Aphrodite verbindet? GLAUKON: „Nein“, versetzte er, „und auch keine wahnsinnigere.“ (403a) | A: Die mit der Aphrodite assoziierte Lust ist die stärkste Lust. |
Eine Herausforderung bei der Identifikation und Paraphrasierung des inhaltlichen Aussagegehalts eines Texts ist mitunter grammatischer Art. Allem voran gilt dies für Pronominalbezüge, denn häufig ist nicht eindeutig, auf welches Subjekt des Vorsatzes sich Pronomen (wie z. B. er, sie, es, dieser, jenes, etc.) beziehen. Beim Satz „Die Regierung, sagt die Kanzlerin, könne der Gesellschaft nicht helfen. Sie ist innerlich zerrissen“ ist unklar, auf wen oder was sich das Personalpronomen „sie“ bezieht, ob also die Regierung, die Kanzlerin oder aber die Gesellschaft zerrissen ist. Manchmal geben die zuvor oder danach stehenden Sätze Aufschluss über den Pronominalbezug. Wenn dies nicht der Fall ist, können nur Hypothesen aufgestellt werden, die sich eventuell im Zuge der Interpretation stützen oder zurückweisen lassen (A’: Die Regierung ist zerrissen; A’’: Die Kanzlerin ist zerrissen; A’’’: Die Gesellschaft ist zerrissen).
Sobald die Einzelaussagen des Texts identifiziert und so klar und knapp wie möglich aufgelistet sind, können die Hauptaussagen, die Leitfrage und das Untersuchungsergebnis des Texts bestimmt werden. Damit kann ein grober Überblick über die Argumentationsstruktur des Texts gewonnen werden.
Im zweiten Anaylseschritt klärt man die Begriffe des Texts, wobei solche im Vordergrund stehen, die unklar oder in politikphilosophischen Diskussionen umstritten (wie z. B. Gesetz, Verpflichtung, Freiheit) sind. Wenn der Text Definitionen dieser Begriffe bereitstellt, hilft das natürlich sehr. Zusätzlich müssen aber sämtliche Stellen, an denen die jeweiligen Begriffe vorkommen, auf Kohärenz und zusätzliche Definitionskriterien untersucht werden. Diese Parallelstellenstrategie kann zudem auf sehr ähnliche Begriffe oder andere Begriffe, die womöglich als Synonyme fungieren, ausgeweitet werden. Unmittelbar im Anschluss an den oben zitierten Textausschnitt aus Platons Der Staat wird so die mit der Aphrodite assoziierte Lust als die Liebe gekennzeichnet. Die Aussage des Textausschnitts kann deshalb durch die Begriffsbestimmung noch prägnanter reformuliert werden: „Die Liebe ist die stärkste Lust.“
Die Analyse der Aussagen und Begriffe dient der Vorbereitung des dritten Schritts, der Rekonstruktion der Argumente. Mit der Rekonstruktion der Argumente ist nicht gemeint, die im Text vorkommenden Argumente auf ihre Richtigkeit zu überprüfen und zu korrigieren. Eine solche systematische Diskussion von Argumenten bietet sich zwar im Anschluss an die Interpretation eines Texts mit dem analytischen Ansatz an, ist aber nicht Teil davon. Bei der Rekonstruktion der Argumente geht es allein darum, die Aussagen des Texts, die Bestandteile von Argumenten sind, zu identifizieren und deren logischen Zusammenhang nachzuvollziehen.
Ein Argument besteht in der Regel aus mindestens zwei Prämissen und einer Schlussfolgerung. Zum Beispiel:
| Alle Menschen sind sterblich. | = Prämisse |
| Sokrates ist ein Mensch. | = Prämisse |
| Sokrates ist sterblich. | = Schlussfolgerung |
Selten werden Argumente in Texten der politischen Ideengeschichte so klar und geordnet präsentiert. Prämissen können nach der Schlussfolgerung nachgereicht und Schlussfolgerungen können als Behauptungen vorausgeschickt werden. Die erste Frage des dritten Analyseschritts richtet sich dementsprechend darauf, welche Aussagen als Prämissen und welche als Konklusionen fungieren. Auf Signalwörter der Logik ist hierfür besonders zu achten. Prämissen können durch Wörter wie „da“, „weil“, „insofern“ oder „wenn“ angezeigt werden und Schlussfolgerungen durch Wörter wie „also“, „daraus folgt“, „deshalb“ oder „dann“. Ebenso häufig wie (aus logischer Sicht) ungeordnete Argumente kommen unvollständige Argumente vor, bei denen eine logisch notwendige Prämisse unerwähnt bleibt (sogenannte Enthymeme) oder komplexe Argumente, die Zwischenschlussfolgerungen überspringen. Für die Rekonstruktion der Argumente des Texts kann es schließlich nützlich sein, die Typen der jeweiligen Argumente zu bestimmen. Handelt es sich z. B. um induktive oder deduktive Argumente, Analogien oder kausale Argumente.6
Infografik 1: Der analytische Ansatz
Der analytische Ansatz interpretiert einen Text, indem systematisch ausgewertet wird, was der Text inhaltlich und explizit aussagt.

Aus Gründen des Platz- und Zeitmangels wird man im Rahmen einer analytischen Interpretation nicht sämtliche fehlenden Prämissen und Schlussfolgerungen ergänzen und sämtliche Einzelargumente rekonstruieren können. Man muss also beurteilen, welche Argumente einer detaillierten Analyse unterzogen werden sollen und dem verbesserten Verständnis der Gesamtargumentation des Texts am meisten zuträglich sind.
2. Das Anwendungsbeispiel: James Madisons Federalist Paper Nr. 10
Den analytischen Ansatz wollen wir anhand des Federalist Paper Nr. 10 von James Madison illustrieren. Bei diesem Text handelt es sich um einen Kommentar zur Amerikanischen Verfassungsdebatte, der heute als eines der wichtigsten Dokumente der konstitutionellen Gründungsgeschichte der USA gilt. Veröffentlicht wurde der Artikel am 22. November 1787 in der Zeitung New York Packet unter dem Pseudonym „Publius“. Neben James Madison verwendeten auch John Jay und Alexander Hamilton dieses Pseudonym. Gemeinsam veröffentlichten sie zwischen Oktober 1787 und August 1788 insgesamt 85 Zeitungsartikel, um die Ratifikation des Amerikanischen Verfassungsentwurfs zu befördern. (Man bezeichnet sie als die Föderalisten.) Gegen Publius erhoben Autoren ihre Stimme, die ihrerseits unter Pseudonymen, wie z. B. Cato, Brutus, Centinel oder Federal Farmer schrieben (die sogenannten Anti-Föderalisten).
All dies muss uns aber im Folgenden nicht interessieren, denn der historische Kontext, die Biografie des Autors und die Rezeptionsgeschichte spielen beim analytischen Ansatz keine Rolle. Es geht nur um das, was explizit im Text geschrieben steht, die Interpretation erfolgt textimmanent. Wie zuvor dargelegt, muss deshalb im Folgenden lediglich der Aussagegehalt bestimmt und die zentralen Begriffe geklärt werden, um daraufhin die Argumente des Federalist Paper Nr. 10 rekonstruieren zu können.
3. Vom Wortlaut zum Aussagegehalt: Die Argumentation des Federalist Paper Nr. 10
3.1 Untersuchungsziel und Hauptaussagen des Texts
Das Federalist Paper Nr. 10 ist weitgehend klar geschrieben, so dass der erste Analyseschritt – die Identifikation des Aussagegehalts – keine allzu großen Herausforderungen bereithält. Nehmen wir uns die ersten Zeilen des Texts im Detail vor. Zunächst filtern wir die Einzelaussagen („A“) aus dem Text heraus. Dabei heben wir sogleich uneindeutige Pronominalbezüge (durch eckige Klammern) und klärungsbedürftige Begriffe (durch Unterstreichung) hervor.
| Text | Aussagen |
| „Keiner der vielen Vorteile, die von einer sinnvoll aufgebauten Union zu erwarten sind, verdient sorgfältiger untersucht zu werden als der, mittels ihrer die Gewalt der Faktionen brechen und unter Kontrolle halten zu können. Nichts lässt den Befü rworter der Volksregierung so sehr um deren Ruf und Schicksal bangen wie das Wissen, welch starke Neigung zu diesem gefährlichen Laster ihr zueigen ist. Er wird deshalb jeden Plan gebü hrend zu wü rdigen wissen, der ein geeignetes Heilmittel dagegen bereitstellt, ohne dabei die Prinzipien zu verletzen, die fü r ihn bindend sind.“ (P1)7 | A1: Eine wohlgeordnete Union verspricht viele Vorteile. A2: Die Fähigkeit, die Gewalt der Faktionen zu unterbinden, ist ein solcher Vorteil. A3: Die Integrität und die Existenz von Volksregierungen wird durch [dieses] Problem gefährdet. A4: Volksregierungen sind für das Problem anfällig. A5: Befürworter von Volksregierungen streben nach einer Lösung für das Problem, die nicht die Prinzipien der Volksregierungen verletzt. |
Den unterstrichenen unklaren Begriffen (Union, Gewalt der Faktionen, Volksregierung, Prinzipien der Volksregierung) kann sinnvoll erst nachgegangen werden, sobald alle Aussagen des Texts identifiziert sind, da sich später möglicherweise Definitionen finden lassen. Zunächst gilt es die Einzelaussagen im Text zu Hauptaussagen zu komprimieren. Die fünf Einzelaussagen des zitierten Textausschnitts lassen sich aber vereinfachend unter folgender Überschrift zusammenfassen: Faktionen sind ein Problem für Volksregierungen. Aufgrund des grammatisch uneindeutigen Pronominalbezugs in A3 („dieses“) muss allerdings in Betracht gezogen werden, dass das Problem weniger in den Faktionen selbst, als vielmehr in einem bestimmten Aspekt von Faktionen, nämlich „der Gewalt von Faktionen“, besteht.
Hauptaussage Paragraf 1
Faktionen sind ein Problem für Volksregierungen.
Oder:
Die Gewalt, die von Faktionen ausgeht, ist ein Problem für Volksregierungen.
Im zweiten Paragrafen wird sehr wortreich ausgeführt, dass die Hauptkritikpunkte an der Amerikanischen Volksregierung zum Abfassungszeitpunkt – „Misstrauen gegenüber Verpflichtungen der öffentlichen Hand und das Bangen um private Rechte“ – auf den „Faktionsgeist“ zurückzuführen ist. Der dritte Paragraf reicht eine Definition von „Faktion“ nach und im vierten Paragrafen erweist sich, dass die Doppeldeutigkeit des Pronominalbezugs im ersten Abschnitt, die unklar ließ, ob das Problem in der Gewalt der Faktionen oder den Faktionen selbst besteht, beabsichtigt gewesen war, da nun zwei Vorschläge zur Problemlösung unterbreitet werden:
Es gibt zwei Methoden, das Übel der Faktion zu kurieren: erstens, durch Beseitigung ihrer Ursachen; und zweitens, durch Kontrolle ihrer Wirkungen. (P4)
Hauptaussage Paragraf 4
Das mit den Faktionen verbundene Problem kann gelöst werden, indem entweder die Bildung von Faktionen verhindert wird oder aber die Auswirkungen von Faktionen reguliert werden.
Die folgenden Paragrafen verfolgen zunächst den ersten Problemlösungsvorschlag und dann den zweiten. Wenn man das Übel an der Wurzel packen wolle und die Bildung von Faktionen verhindern möchte, könne dies nur dadurch geschehen, dass entweder die Freiheit der Bürger unterminiert wird oder alle Bürger dazu gebracht würden, dieselben Meinungen, Interessen und Leidenschaften zu teilen. Dieser erste Problemlösungsvorschlag wird daraufhin verworfen. Nimmt man sich stattdessen vor, nur die Auswirkungen des Problems zu regulieren, dann zeigt sich, dass das Problem im Rahmen einer Volksregierung tatsächlich nur bei Mehrheitsfaktionen besteht. Unterschiedliche Formen von Volksregierungen („reine Demokratien“ und „Republiken“) stellen wiederum unterschiedliche Möglichkeiten zur Regulierung der Effekte von Faktionen bereit, wobei auch die Anzahl der Bürger und die Größe des Territoriums relevante Faktoren seien. Die Diskussion wird durch die Aussage abgeschlossen, dass eine große Republik am Besten die Auswirkungen der Faktionen regulieren könne. Die Struktur der Gesamtargumentation des Texts, inklusive der Leitfrage der Untersuchung, kann damit wie folgt dargestellt werden:
Grobstruktur des Federalist Paper Nr. 10

Natürlich lässt es diese Darstellung nicht zu, sämtliche Einzelaussagen oder auch nur die Hauptaussagen wiederzugeben. Sie gibt lediglich einen Überblick über die thematische Anordnung des Aussagegehalts des Texts und bezeichnet somit nur die Zusammenfassung des Ergebnisses des ersten Analyseschritts, der aus der Identifikation aller Einzelaussagen, der Klärung von zweideutigen Pronominalbezügen und der Komprimierung auf Hauptaussagen besteht, so wie er am ersten Paragrafen im Detail durchgeführt wurde. Im dritten Analyseschritt – der Rekonstruktion der Argumente des Texts – werden wir nochmals genauer auf einige Einzel- und Hauptaussagen zurückkommen. Zuvor gilt es aber klärungsbedürftige Begriffe näher zu bestimmen.
3.2 Begriffsklärungen
Bereits im ersten Paragrafen sind uns einige klärungsbedürftige Begriffe aufgefallen: Union, (Gewalt der) Faktionen, Volksregierungen, Prinzipien der Volksregierung. In den folgenden Paragrafen kommt eine Vielzahl von weiteren klärungsbedürftigen Begriffen (wie z. B. Freiheit, Eigentum, reine Demokratie, Republik) vor und wir sind gezwungen, uns auf die Klärung jener Begriffe zu beschränken, die die größte Bedeutung für die systematische Rekonstruktion der Argumente des Texts haben. Dies sind Faktion, öffentliches Wohl und Republik.
Faktion
Der Begriff der Faktion ist von entscheidender Bedeutung für die Interpretation des Federalist Paper Nr. 10. Die Leitfrage des Texts zielt ja auf die Lösung des mit der Existenz von Faktionen verbundenen Problems ab. Die Bestimmung des Begriffs der Faktion wird dadurch unterstützt, dass der Text eine ausführliche Definition bereitstellt:
Unter einer Faktion verstehe ich eine Anzahl von Bü rgern, sei es die Mehrheit, sei es eine Minderheit, die von gemeinsamen Leidenschaften oder Interessen getrieben und geeint sind, welche im Gegensatz zu den Rechten anderer Bü rger oder den ständigen Gesamtinteressen der Gemeinschaft stehen. (P3)
Eine Faktion erfüllt gemäß dieser Definition drei Kriterien: (i) es handelt sich um eine Gruppe von Bürgern, (ii) die Gruppe teilt bestimmte Leidenschaften oder Interessen und (iii) die Handlungsabsichten der Gruppe sind mit den Rechten anderer Bürger oder den ständigen Gesamtinteressen der Gemeinschaft inkompatibel. Auch wenn die Definition weitgehend verständlich ist, verweist sie aufgrund des dritten Kriteriums auf eine weitere klärungsbedürftige Unterscheidung, nämlich die zwischen den Interessen einer Faktion und den ständigen Gesamtinteressen der Gemeinschaft. Bevor wir aber dieser Unterscheidung (über den Begriff des öffentlichen Wohls) nachgehen, gilt es erstens zu kontrollieren, ob die Verwendung des Begriffs der Faktion an anderen Stellen des Texts Aspekte miteinschließt, die über die Definition hinausgehen oder ihr widersprechen, sowie zweitens, ob im Text andere Begriffe im selben oder ähnlichen Sinn verwendet werden.
Im Hinblick auf Ersteres ist festzuhalten, dass der Begriff der Faktion an sämtlichen Stellen des Texts im Sinn der Definition verwendet zu sein scheint. Allerdings werden neben der Definition weitere, für die Begriffsbestimmung potenzielle relevante, Informationen gegeben, die untereinander nicht völlig harmonieren. Paragraf 9 beginnt damit, dass Faktionen letztlich von der menschlichen Natur herrühren („Die verborgenen Ursachen für die Entstehung von Faktionen liegen also in der menschlichen Natur“). Die Wortwahl in der Diskussion von konkreten Ursachen für die Bildung von Faktionen im Text suggerieren aber, dass Faktionen nicht essenziell mit der menschlichen Natur verbunden sind, sondern vielmehr von kontingenten Umständen abhängen. Faktionen entstünden beispielsweise solange Eigentum ungleich verteilt sei oder solange die Regierung die unterschiedlichen Fähigkeiten der Bürger, Eigentum zu erwerben, schütze (P8). Insgesamt seien Versuche, Faktionen zu unterbinden entweder unweise oder kaum realisierbar; als theoretisch unmöglich werden sie aber nicht bezeichnet (P7).
Im Hinblick auf Begriffe, die in ähnlichem Sinn wie „Faktion“ verwendet werden, fällt der Begriff der Partei auf. Zunächst wird auf den Unmut von amerikanischen Bürgern verwiesen, das öffentliche Wohl und die Rechte von Minderheiten würden zu oft in den Konflikten der rivalisierenden Parteien ignoriert (P2). Dies legt nahe, dass Parteien nicht identisch mit Faktionen sind, weil Faktionen ja definitionsgemäß – und nicht nur empirisch gesehen häufig – dem öffentlichen Wohl oder den Rechten von Bürgern entgegenstehen. An anderer Stelle aber werden Faktionen und Parteien gleichgesetzt: „So ist zu erwarten, dass die zahlenmäßig stärkste Partei oder mit anderen Worten: die mächtigste Faktion die Oberhand gewinnen wird“ (P11). Wie sich in diesem Zitat bereits andeutet, ist im Text eine leichte Begriffsverschiebung zu konstatieren, da Faktionen nach der Gleichsetzung mit Parteien zunehmend mit der größten oder dominanten Partei identifiziert werden. Doch diese Begriffsverschiebung scheint durch den Gang der Untersuchung gerechtfertigt zu sein, da in den Paragrafen 15 und 16 zu erkennen gegeben wird, dass nur Mehrheitsfaktionen ein Problem für die Volksregierung darstellen, da Minderheitsfaktionen aufgrund des Majoritätsprinzips in Schach gehalten würden.
Öffentliches Wohl
Für den Begriff des öffentlichen Wohls stellt der Text keine Definition bereit. Wir müssen uns daher Einsichten über die Bedeutung des Begriffs im Text durch die Parallelstellenstrategie erhoffen. Dafür sind zunächst alle Verwendungen des Begriffs „öffentliches Wohl“ relevant sowie weiter die Stellen an denen andere Begriffe synonym verwendet werden. „Öffentliches Wohl“ scheint im Text im selben Verständnis wie „Öffentliches Gut“, „Wohl des Ganzen“, „Gemeinwohl“, „ständige Gesamtinteressen der Gemeinschaft“ sowie ferner sogar „Erforderniss[e] der Gerechtigkeit“ oder „Gerechtigkeit“ verwendet zu werden, denn die Frage danach, was Faktionen ignorieren und verletzen, wird scheinbar austauschbar mit dem einen oder anderen Begriff beantwortet. Die Analyse des Begriffs der Faktion hat gezeigt, dass Faktionen (bzw. Parteien) immer (oder meist) das Wohl ihrer Mitglieder auf Kosten des Wohls anderer Bürger und der Gesamtgesellschaft zu vergrößern suchen. Dies impliziert, dass dominante politische Gruppierungen den Staat zur Förderung von ihren Partikularinteressen einspannen. Allerdings impliziert es auch, dass die anderen politischen Gruppierungen nur dadurch abgehalten werden, ihrerseits den Staat zu instrumentalisieren, da sie zahlenmäßig unterlegen sind. Faktionen rivalisieren um die Geltungsmacht ihrer jeweiligen Partikularinteressen. Worin besteht dann das öffentliche Wohl? Kann es dergleichen überhaupt als politiktheoretisch fassbare Kategorie geben, wenn, wie vom Text suggeriert, die Neigung zur Faktionsbildung in der Natur des Menschen liegt und Parteien nicht nur meistens, sondern notwendig das eigene Wohl über das anderer stellen? Welche Politik könnte anstatt auf der Förderung von Partikularinteressen auf das öffentliche Wohls ausgerichtet sein?
Aufgrund dessen, dass sich der Begriff des öffentlichen Wohls textimmanent nur vage bestimmen lässt, können nur unterschiedliche Hypothesen aufgestellt werden: Das öffentliche Wohl könnte die Summe sämtlicher rivalisierender Partikularinteressen bezeichnen. Für diese Hypothese spricht, dass der Begriff des öffentlichen Wohls anscheinend synonym mit dem Ausdruck „Gesamtinteresse der Gemeinschaft“ verwendet wird. Da die Partikularinteressen untereinander aber in Konflikt stehen und auch die Begriffe „Erfordernisse der Gerechtigkeit“ und „Gerechtigkeit“ synonym anmuten, könnte das öffentliche Wohl alternativ einen fairen Kompromiss zwischen den rivalisierenden Interessen bezeichnen. Dementsprechend findet sich im Text die Überlegung, dass sich eine politische Ordnung nicht auf die Anwesenheit von „aufgeklärten Staatsmänner“ verlassen könne, obschon diese imstande wären, die „widerstreitenden Interessen auszugleichen und sie alle dem Gemeinwohl dienstbar zu machen“ (P12).
Denkbar wäre aber auch, dass die gesellschaftlichen Gesamtinteressen utilitaristisch zu deuten sind, womit die Beförderung eines bestimmten Partikularinteresses unter Umständen den gesellschaftlich größten Nutzen verspricht und die Zurückstellung anderer Partikularinteressen legitimiert. Schließlich könnte das öffentliche Wohl aber auch gänzlich getrennt von den konkreten Interessen der einzelnen Bürger und Gruppierungen sein. Dem öffentlichen Wohl wäre dementsprechend mit einem libertären Minimalstaat gedient, der keinen Zweck außer der Gewährleistung von Individualrechten hat, so dass die Bürger ihre Zwecke (ausschließlich) privat verfolgen können. Gegen Ende des Texts steht dementsprechend, dass eine religiöse Sekte zu einer politischen Faktion degenerieren könne (P27), womit einerseits die spezifischen religiösen Überzeugungen von Gruppierungen legitimiert werden, solange sie privat ausgelebt werden, und andererseits die Illegitimität von Faktionen darin verortet wird, dass sie legitimen Privatinteressen öffentliche Geltung verschaffen wollen.
Republik
Der Begriff der Republik wird im Text wiederum definiert und zwar erstens mittels einer positiven Definition und zweitens mittels der Abgrenzung gegen die Regierungsform der Reinen Demokratie. Die Definition lautet: „Eine Republik hingegen, also eine Regierungsform mit Repräsentativsystem […]“ (P18). Die im Text vorgenommene Abgrenzung zur Reinen Demokratie offenbart, dass die Republik als eine Unterform der Volksherrschaft aufgefasst wird, in der die Bürger nicht wie in der Reinen Demokratie direkt mit Regierungsaufgaben betraut sind (P17). Stattdessen herrschen die Bürger nur indirekt durch Repräsentation, indem sie eine beschränkte Anzahl von Bürgern durch Wahl zu Volksvertretern bestimmen. Im weiteren Unterschied zur Reinen Demokratie ist die Republik aufgrund des Mittels der Repräsentation über ein größeres Territorium und eine größere Anzahl von Menschen ausweitbar (P19). Eine Republik kann damit hinreichend als repräsentative Demokratie (im Gegensatz zur direkten Demokratie) charakterisiert werden.
3.3 Rekonstruktion der Argumente
Nach der textimmanenten Bestimmung von zentralen Begriffen kann zur Rekonstruktion der Argumente des Texts übergegangen werden. Wiederum sind wir hier gezwungen, uns auf die Wichtigsten zu beschränken. Erstens das Argument, dass Faktionen ein Problem für die Demokratie darstellen, und zweitens das Argument, dass das Problem der Faktionen nicht an den Ursachen angegangen werden kann; und drittens, dass repräsentative Demokratien die negativen Auswirkungen von Faktionen besser in den Griff bekommen als direkte Demokratien.
Argument 1: Faktionen sind ein Problem der Demokratie
Dass Faktionen ein Problem für Volksregierungen (bzw. Demokratien) darstellen, wird zu Beginn des Federalist Paper Nr. 10 behauptet. Im direkten Anschluss folgt die Begründung. Diese soll nun im Detail betrachtet werden. Dafür wird die Textstelle auf der Grundlage der tabellarischen Gegenüberstellung von Text und Aussagen, wie sie im ersten Analyseschritt erstellt (wenngleich nur anhand der ersten Zeilen des Texts illustriert) wurde, auf Prämissen und Schlussfolgerungen hin untersucht.
| Text (mit Auslassungen) | Aussagen |
| „Instabilität, Ungerechtigkeit und Konfusion waren, wenn sie in die öffentlichen Institutionen Einzug gehalten hatten, in der Tat die tödlichen Krankheiten, an denen die Volksregierung ü berall zugrunde gegangen ist. Zugleich sind sie nach wie vor ein beliebtes und ergiebiges Thema, aus dem die Gegner der Freiheit ihre am bestechendsten wirkenden Argumente beziehen. […]. Überall hört man die Klagen der besonnensten und ehrbarsten Bü rger, die sich ebenso sehr fü r öffentliche und private Redlichkeit einsetzen wie fü r die öffentliche und persönliche Freiheit, dass unsere Regierungen zu instabil sind, dass das Gemeinwohl in den Konflikten der rivalisierenden Parteien missachtet wird und dass zu oft Maßnahmen beschlossen werden, die nicht den Erfordernissen der Gerechtigkeit und den Rechten der Minderheit entsprechen, sondern nur aufgrund der größeren Macht einer interessengeleiteten und erdrückenden Mehrheit durchgesetzt werden. [… Solche Missstände] sind wohl hauptsächlich, wenn nicht sogar ausnahmslos Auswirkungen der Unbeständigkeit und Ungerechtigkeit, mit denen der Geist der Faktionen unsere öffentliche Administration vergiftet hat.“ (P1–P2) | A6: Instabilität, Ungerechtigkeit und Konfusion sind die Ursachen für das Scheitern von Demokratien. A7: Demokratiekritiker konstatieren der gegenwärtigen Ordnung eben diese Missstände. A8: Die tugendhaftesten Demokratiebefürworter konstatieren der gegenwärtigen Ordnung ähnliche Missstände. A9: Derartige Missstände sind Auswirkungen der Instabilität und Ungerechtigkeit. A10: Instabilität und Ungerechtigkeit sind Auswirkungen von Faktionen. |
Die zu Beginn des Federalist Paper Nr. 10 aufgestellte Behauptung, dass Faktionen ein Problem für die Demokratie darstellen, soll durch die Aussagen A6 und A10 begründet werden. Vereinfacht stellt sich das Argument wie folgt dar:
| Argument 1a | |
| Instabilität und Ungerechtigkeit sind die Ursache für das Scheitern von Demokratien (A6). | = Prämisse |
| Faktionen verursachen Instabilität und Ungerechtigkeit (A10). der Demokratie. | = Prämisse |
| Faktionen bedrohen die Demokratie. | = Schlussfolgerung |
Das Argument ist – formal betrachtet – schlüssig. Die Konklusion folgt logisch aus den Prämissen. Wie überzeugend das Argument ist, hängt deshalb von der Plausibilität der beiden Prämissen ab. Während die Evaluation der Argumente erst der Gegenstand einer systematischen Diskussion des Federalist Paper Nr. 10 wäre, die an die (deskriptive) Analyse sich anzuschließen anbietet, ist bereits hier zu kontrollieren, ob der Text selbst die Prämissen untermauert. Die Aussagen A7, A8 und A9 sind hierfür nur bedingt ergiebig. Die Aussagen A7 und A8 fungieren lediglich als Prämissen für die unausgesprochene Konklusion, dass die gegenwärtige Demokratie an Missständen leidet, die in früheren Situationen zum Scheitern von Demokratien geführt haben.
| Argument 1b | |
| Instabilität und Ungerechtigkeit sind die Ursache für das Scheitern von Demokratien (A6). | = Prämisse |
| Die gegenwärtige Demokratie leidet an Missständen wie Instabilität und Ungerechtigkeit, und zwar gemäß Kritikern (A7) wie Befürwortern (A8) der Demokratie. | = Prämisse |
| Die gegenwärtige Demokratie ist vom Scheitern bedroht, wenn nicht sowohl die Kritiker wie die Befürworter der Demokratie falsch liegen. | = Schlussfolgerung |
Die Aussage A9 behauptet schließlich ohne weitere Begründung das kausale Verhältnis zwischen den von Zeitgenossen wahrgenommenen Missständen einerseits und der Instabilität und Ungerechtigkeit der gegenwärtigen Regierung andererseits, ebenso wie die Aussage A10 einen kausalen Zusammenhang zwischen Instabilität und Ungerechtigkeit einerseits und der Existenz von Faktionen andererseits behauptet. Textimmanent lassen sich keine weiteren offensichtlichen Begründungen der Behauptung finden, dass Faktionen ein Problem für die Demokratie darstellen. Denkbar scheint lediglich, dass der Begriff des Gemeinwohls – je nachdem wie er bestimmt wird (siehe 3.2) – eine Begründung ex negativo impliziert, weil das Gemeinwohl ja den Faktionen definitionsgemäß zuwider steht.
Argument 2: Das Problem der Faktionen kann nicht an den Ursachen behandelt werden
Für eine Lösung des Problems der Faktionen könne man, wie zuvor festgestellt (Hauptaussage 4), entweder an den Ursachen oder den Wirkungen von Faktionen ansetzen. Im Paragrafen 5 wird daraufhin ausgeführt, dass der ursachenorientierte Lösungsansatz untauglich ist und die Paragrafen 6–8 begründen diese Behauptung mit zwei Argumenten. Das erste Argument besagt, dass Freiheit eine notwendige Bedingung für Faktionsbildung sei. Die Freiheit abzuschaffen wäre aber töricht.
| Text (mit Auslassungen) | Aussagen |
| „Bei keiner Methode könnte man mit größerem Recht sagen, dass das Heilmittel schlimmer ist als die Krankheit, als bei der erstgenannten. Freiheit ist fü r Faktionen, was die Luft fü r das Feuer ist: die Nahrung, ohne die es augenblicklich erlischt. Aber es wäre nicht weniger töricht, die fü r das politische Leben unverzichtbare Freiheit abzuschaffen, weil sie die Faktionsbildung nährt, als die Abschaffung der fü r das animalische Leben unentbehrlichen Luft zu fordern, weil sie dem Feuer seine zerstörerische Macht verleiht.“ (P6) | A11: Das Mittel zur Problemlösung ist schlimmer als das Problem. A12: Freiheit ist eine notwendige Bedingung für Faktionen. A13: Freiheit ist eine notwendige Bedingung für das politische Leben. |
Die analytische Herausforderung besteht zunächst darin, den Aussagegehalt der Analogie zu identifizieren. Es ist unerheblich, ob Freiheit Ähnlichkeiten mit Luft und Faktionen Ähnlichkeiten mit Feuer besitzen; worauf es ankommt, ist das analoge Verhältnis von einerseits Freiheit/Faktionen zu Luft/Feuer sowie andererseits Freiheit/politisches Leben zu Luft/animalisches Leben. Während die erste analoge Proportion für sich allein betrachtet den logischen Schluss impliziert, dass wir die Freiheit zerstören sollten, da sie Faktionen ermöglichen, versinnbildlicht die zweite analoge Proportion die Widersinnigkeit eines solchen Schritts: Weil Freiheit eine notwendige Bedingung nicht nur für Faktionen, sondern für das gesamte politische Leben ist, schütte der ursachenorientierte Lösungsansatz das Kind mit dem Bade aus.
Die Triftigkeit des Arguments hängt damit vor allem an der Richtigkeit der analogen Proportionen, sowie daran, ob die Aussage A13 eine plausible Prämisse darstellt. Die Textstelle betrachtet es als eine selbstevidente Wahrheit, dass Freiheit eine notwendige Bedingung für Politik darstellt, was an sich eher zweifelhaft erscheint. Indem der restliche Text mitberücksichtigt wird, erweist sich aber, dass Freiheit, Politik und selbst Regierung in einen konzeptuellen Zusammenhang mit Demokratie gestellt werden – Demokratiekritiker werden z. B. als „Gegner der Freiheit“ bezeichnet (P1) –, so dass die Abschaffung der Freiheit als Mittel zur Beseitigung von Faktionen abgelehnt zu werden scheint, weil dadurch die Demokratie abgeschafft würde. Und wie zu Beginn des Texts erläutert, wird eine Lösung für das Problem der Faktionen gesucht, das mit den Prinzipien der Demokratie kompatibel ist (P1).
Auch das andere Argument hebt die Inkompatibilität des ursachenorientierten Ansatzes mit den Prinzipien der Demokratie hervor. Anstatt die Freiheit abzuschaffen, könne man das Problem zwar alternativ durch Gleichschaltung8 lösen – indem man „jedem Bürger dieselbe Meinung, dieselben Leidenschaften und dieselben Interessen verschafft“ (P5) – doch würde auch dadurch notwendig die Demokratie abgeschafft. Während die Behauptung nur Wenigen kontrovers erscheinen wird, ist die im Text gelieferte Begründung bemerkenswert. Denn abgesehen davon, dass es schwer realisierbar sei, die unterschiedlichen Meinungen und Leidenschaften (die Menschen nun einmal haben) anzugleichen, so Madison, dürfte eine Demokratie nicht die Eigentumsverhältnisse angleichen, die ihrerseits zur Ausprägung von unterschiedlichen Interessen führten (in P8–P10):
| Argument 2 | |
| (1) Aufgrund von unterschiedlichen individuellen Begabungen gelingt es manchen Menschen besser als anderen, sich Eigentum anzueignen. | |
| (2) Reiche Menschen haben andere Interessen als arme Menschen. | |
| (3) Damit die Bürger eines Staats dieselben Interessen hätten, müsste das Eigentum gleich verteilt werden. | |
| (4) Aber der Hauptzweck eines demokratischen Staats ist der Schutz der individuellen Begabungen (inklusive jener, die der Aneignung von Eigentum dienen). | |
| (5) Folglich ist Gleichschaltung (durch Angleichung der Interessen) keine akzeptable Lösung für das Problem der Faktionen in der Demokratie. | |
Argument 3: Das Repräsentationsmodell ist die Lösung zum Problem der Faktionen
Nachdem ursachenorientierte Lösungsansätze verworfen wurden, geht das Federalist Paper Nr. 10 zur Frage nach wirkungsorientierten Lösungsansätzen über. Faktionen seien in der Demokratie bei zahlenmäßig unterlegenen politischen Gruppierungen kein Problem, da der Angriff von Minderheitsfaktionen auf das öffentliche Wohl oder die Rechte Anderer durch das Majoritätsprinzip vereitelt wird (P14). Mehrheitsfaktionen hingegen stellen ein Problem dar, da sie durch das Majoritätsprinzip gerade zur politischen Gestaltung ermächtigt werden (P15). Die entscheidende Frage ist also, ob demokratische Systeme eine Lösung für das Problem der Mehrheitsfaktionen haben.
Reine Demokratien, in denen alle Bürger direkt an der Regierung beteiligt sind, heißt es daraufhin, verfügten im Gegensatz zu Republiken über keinen institutionellen Schutzmechanismus (P17–P18). Wie ist diese Behauptung begründet? Weshalb können Republiken besser die Auswirkungen von Mehrheitsfaktionen kontrollieren als Reine Demokratien? Paragraf 19 rekapituliert zwei Unterschiede der beiden Typen von Volksregierungen. In den Folgeparagrafen werden daraufhin die institutionellen Vorteile von Republiken für die Kontrolle der negativen Effekte von Mehrheitsfaktionen diskutiert.
Der erste Unterschied zwischen Republiken und Reinen Demokratien ist, dass in der Republik die Bürger nicht direkt sondern nur mittels Repräsentanten an der Regierung beteiligt sind. Im besten Fall würde die Weisheit der Repräsentanten als Filter dienen, durch welchen die eigenwilligsten Meinungen, Leidenschaften und Interessen der einzelnen Bürger aus dem politischen Prozess herausgehalten oder zumindest abgeschwächt werden könnten. Im schlechtesten Fall aber würden sich besonders bornierte und hinterlistige Menschen erst die nötigen Wählerstimmen erschleichen, um dann die Interessen der Bürger zu betrügen (P20). Zwar ermögliche die Feinjustierung des Verhältnisses von Anzahl von Repräsentanten zu Anzahl von Bürgern die schlechten Fälle zu minimieren (P22– P23), doch könne nicht gänzlich verhindert werden, dass sich das Instrument der Repräsentation manchmal verschärfend auf das Problem der Mehrheitsfaktionen auswirke.
Dem zweiten Unterschied wird deshalb mehr Relevanz attestiert. Republiken seien Reinen Demokratien bezüglich der Kontrolle von Mehrheitsfaktionen überlegen, weil sie sich über eine größere Spannweite des Territoriums und Anzahl der Bürger erstrecken lassen:
| Text | Aussagen |
| Je kleiner eine Gemeinschaft ist, umso geringer wird wahrscheinlich die Zahl der Parteien und Interessengruppen sein, aus denen sie sich zusammensetzt. Je geringer die Zahl der Parteien und Interessengruppen, um so eher wird eine Partei die Mehrheit erringen. Und je kleiner die Zahl der Individuen, die eine Mehrheit bilden, und je kleiner der Bereich, innerhalb dessen sie operieren, umso leichter werden sie zu einer Einigung gelangen und ihre Unterdrü ckungsabsichten ausfü hren können. Erweitert man den Bereich, so umschließt er eine größere Vielfalt an Parteien und Interessengruppen. Damit verringert sich die Wahrscheinlichkeit, daß eine Mehrheit ein gemeinsames Motiv hat, die Rechte anderer Bü rger zu verletzen. Wenn aber ein solches gemeinsames Motiv besteht, wird es fü r alle, die es teilen, schwerer, sich der eigenen Stärke bewusst zu werden und gemeinsam zu agieren. (P25) | A14: Je kleiner das Territorium und die Anzahl der Bürger, desto weniger politische Splittergruppen. A15: Je weniger politische Splittergruppen, desto leichter kann eine Gruppierung zur Mehrheitsfaktion werden. A16: Je kleiner das Territorium und die Anzahl der Bürger, desto leichter können Allianzen geschmiedet werden. A17: Wh. A14. A18: Wh. A15. A19: Wh. A16. |
Die sechs Aussagen A14–A19, die zur Begründung der Behauptung dienen, dass Republiken aufgrund der größeren Spannweite des Territoriums und der Anzahl der Bürger Vorteile im Umgang mit Mehrheitsfaktionen gegenüber Reinen Demokratien haben, können auf drei reduziert werden, da die drei Vergleichssätze in der Form von drei Konditionalsätzen mit (nahezu) identischem propositionalen Gehalt wiederholt werden. Die Aussagen A14 und A15 (bzw. A17 und A18) liefern dabei eine Begründung, die Aussage A16 (bzw. A19) eine zweite.

Republiken sind Reinen Demokratien im Hinblick auf die Kontrolle der Auswirkungen von Mehrheitsfaktionen weniger aufgrund der Institution der Repräsentation überlegen, sondern aufgrund der Größe des Territoriums und der Anzahl der Bürger, die jeweilige Staaten umfassen kann. Der letzte Argumentationsschritt des Federalist Paper Nr. 10 wendet diese Einsicht analog auf Republiken selbst an: Große Republiken können die Bildung von Mehrheitsfaktionen und deren partikularistische Machenschaften besser als kleine Republiken hemmen (P26).
4. Möglichkeiten und Grenzen des analytischen Ansatzes
Der analytische Interpretationsansatz erlaubt es, die Argumentation des Federalist Paper Nr. 10 durch die Analyse dessen, was wörtlich im Text ausgesagt ist, zu rekonstruieren. Die Interpretation geht über eine textimmanente Klärung der Aussagen und deren argumentative Anordnung nicht hinaus. Während hier einige Stellen übersprungen und Begriffsklärungen weggelassen werden mussten, kann man sich das Ergebnis einer vollständigen analytischen Interpretation des Federalist Paper Nr. 10 ohne allzu große Vereinfachung als eine prägnantere, genauer formulierte, klarer strukturierte – und damit aus analytischer Sicht: bessere – Version des Texts vorstellen. Wenn die textimmanente Klärung der Aussagen des Federalist Paper Nr. 10 und deren argumentativer Anordnung richtig und vollständig durchgeführt wurde, gäbe es aus analytischer Sicht keinen Grund, weshalb Studierende sich überhaupt noch den Originaltext vornehmen sollten – es sei denn zum Zweck der Einübung des analytischen Ansatzes.
Durch den Fokus auf die Argumente eines Texts bereitet der analytische Ansatz die weiterführende theoretische Reflexion über Politik sehr gut vor. Er hilft uns Argumente zu identifizieren, die wir in heutige Diskussionen z. B. über die Vor- und Nachteile von direktdemokratischen und repräsentativen Mechanismen einbringen können. Auch lädt er dazu ein, im Rahmen einer systematischen Diskussion die im Text vorgebrachten Argumente auf Plausibilität zu prüfen, weiter zu entwickeln oder zu modifizieren. Um den in Argument 2 vorgebrachten starken Zusammenhang zwischen unreguliertem Eigentumserwerb und Demokratie (bzw. freiheitlicher Ordnung) zu untermauern, könnte beispielsweise auf Robert Nozicks Anarchie, Staat, Utopia zurückgegriffen werden. John Rawls’ Eine Theorie der Gerechtigkeit böte sich dahingegen für eine Entgegnung an.
Bei der Analyse eines Texts kommt man kaum um den analytischen Interpretationsansatz umhin. Die meisten anderen ideengeschichtlichen Interpretationsansätze zielen dementsprechend auch auf die Aneignung des argumentativen Inhalts eines Texts ab. Allerdings wird sich in den folgenden Kapiteln zweierlei zeigen: Erstens wird weniger Wert auf eine akribische textimmanente Analyse des Aussagegehalts, der Begriffe und Argumente gelegt. Zweitens wird in der textimmanenten Analyse nur ein erster Analyseschritt gesehen, dem andere, nicht textimmanente Analyseschritte folgen müssen, um die Bedeutung des Texts wirklich zu verstehen. Es wird also davon ausgegangen, dass der analytische Ansatz allein unzureichend für eine adäquate Interpretation ist.
Eine Grenze des analytischen Ansatzes, die hinsichtlich des Federalist Paper Nr. 10 ins Auge springt, ist die (willentliche) Ignorierung von Rhetorik. Von den stilistischen Mitteln, mit denen ein Autor seine Leser für seine Ansichten zu gewinnen versucht, wird bei der analytischen Rekonstruktion der Argumente ja abstrahiert, aber die Argumentation des Federalist Paper Nr. 10 lebt nicht zu geringem Anteil gerade davon, dass der Text ein rhetorisches Meisterwerk ist. Am Deutlichsten zeigt sich dies vielleicht durch den rhetorischen Ausschluss von alternativen Lösungsmöglichkeiten: Das Problem der Faktionen könne nur über die Ursachen oder Wirkungen gelöst werden – wieso aber sollte es unmöglich sein, an den Faktionen selbst anzusetzen und beispielsweise bestimmte Arten von Faktionen (die z. B. verfassungsfeindliche Positionen vertreten) zu verbieten?9
Damit verbunden ist eine zweite Grenze, nämlich die Nichtberücksichtigung des historischen Kontexts. Warum machte sich Madison die Künste der Rhetorik zunutze und bemühte sich nicht, seine Argumente maximal klar und transparent zu präsentieren? Nun, wahrscheinlich weil er überzeugen wollte, und zwar weniger das Tribunal der universellen Vernunft, als vielmehr konkrete Zeitgenossen – eben jene, die im Staat New York über die Annahme oder Ablehnung des Amerikanischen Verfassungsentwurfs zu entscheiden hatten. Die Betrachtung dieser Motivation zur Abfassung des Texts beeinflusst die Interpretation maßgeblich. Es wird ersichtlich werden, dass der letzte, marginal wirkende Argumentationsschritt, in dem analog große Republiken gegenüber kleinen bevorzugt werden, der entscheidende ist. Gegner der Amerikanischen Verfassung (die Anti-Föderalisten) hatten nämlich argumentiert, dass die Schaffung einer föderalen Republik der Vereinigten Staaten von Amerika aufgrund ihrer Größe zum Scheitern verurteilt sei. Madison widmet sich dem Problem der Faktionen deshalb wohl weniger, weil er sich für das „überzeitliche“ politiktheoretische Problem der Faktionen interessierte, als mehr deshalb, weil er so ein Argument für eine möglichst große Republik auf dem Amerikanischen Kontintent konstruieren konnte. Entscheidend ist, dass sich durch die Miteinbeziehung des historischen Kontexts das Verständnis der Leitfrage des Texts verändert. Anstatt der Frage, wie das Problem der Faktionen gelöst werden kann, wird untersucht, was für die Ratifizierung des Verfassungsentwurfs spricht. Im Federalist Paper Nr. 2 – das ebenfalls unter dem Pseudonym Publius veröffentlicht, wenngleich von John Jay geschrieben, wurde – gibt es bezeichnenderweise gar kein Problem der Faktionen. Amerika, heißt es dort, bietet optimale Voraussetzung für eine vereinte Union, weil es „ein vereintes Volk [hat] – ein Volk, das von denselben Ahnen abstammt, dieselbe Sprache spricht, sich zu demselben Glauben bekennt“, etc.10
Die Konzentration auf den isolierten Text in seinem Wortlaut kann also dazu führen, dass wir zwar verstehen, was im Text geschrieben steht, aber nicht, welche Sicht der Text im historischen Kontext legitimiert hat und worum es dem Autor eigentlich ging. Wenn das Plädoyer für eine große Republik, wie gesagt, gar nicht die Schlussfolgerung einer zunächst ergebnisoffenen Untersuchung über das Problem der Faktionen, sondern von vorneherein der Zweck des Federalist Paper Nr. 10 war, fragt sich, was das Plädoyer für eine große Republik letztlich motivierte. Charles Beard, der das Federalist Paper Nr. 10 als einer der ersten aus ideengeschichtlicher Warte interpretierte, argumentiert z. B., dass sich Madison von der Ratifizierung der Amerikanischen Verfassung vor allem die Festigung der ökonomischen Oberklasse erhoffte.11
Ein anderes Beispiel als das Federalist Paper Nr. 10 macht die Gefahr des Missverständnisses der Bedeutung eines historischen Texts, die dem analytischen Ansatz immanent ist, noch deutlicher. Wie allgemein bekannt ist, wurde Galilei von der Römischen Inquisition zum Widerruf seines Dialogo über das ptolemäische und das kopernikanische Weltbild aufgefordert, der einen Beweis dafür zu liefern beansprucht, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. Galilei widerrief vor Gericht, doch glaubten schon damals nur die Wenigsten, dass er dies aus eigener Überzeugung tat. Gemäß einer Legende soll Galilei deshalb beim Verlassen des Gerichtsgebäudes gemurmelt haben „… und sie bewegt sich doch“. Dem analytischen Ansatz folgend dürfte man aber streng genommen weder die historischen Umstände (Gerichtsprozess) noch die Rezeption (Legende) mit einbeziehen, und müsste die Interpretation auf das beschränken, was tatsächlich im Text, bzw. den Texten (dem Dialogo und der Widerrufserklärung) steht. Als das „letzte Wort“ Galileis zum kopernikanischen Weltbild müsste dementsprechend die Aussage der Widerrufserklärung gewertet werden: „Die Erde bewegt sich nicht“.
Die willentliche Außerachtlassung des historischen Kontexts und das Desinteresse an den eigentlichen Intentionen des Autors kann selbst für die richtige Erfassung der Argumente eines Texts ein Hindernis darstellen.12 Dies zeigt sich besonders deutlich im Hinblick auf den Schritt der Klärung von Begriffen, die im Text selbst nicht eindeutig definiert werden. Wenn Begriffe textimmanent unterbestimmt sind, dann verleitet der analytische Ansatz aufgrund des Verzichts auf kontextualistische Analysestrategien dazu, sich bei deren Verständnis an heutigen Wortverwendungen zu orientieren. Da der Begriff „Parteien“ im Federalist Paper Nr. 10 nicht näher bestimmt ist, wird man dem analytischen Ansatz folgend nicht davor geschützt, sie im heute dominanten Sinn als verfassungskonforme Instrumente des demokratischen Systems zu verstehen, die von partikulären Interessensverbänden unterschieden sind (die deutsche Parteienrechtskommission hielt so z. B. 1957 fest, dass die „Tätigkeit der Parteien … dem Wohle des ganzen Volkes [dient]“13). Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff der Partei hingegen beinahe entgegengesetzt als Verschwörung gegen das öffentliche Wohl verwendet. Es darf als wahrscheinlich gelten, dass Madison eher von diesem als dem heutigen Verständnis von Parteien ausging.
Der Verzicht auf methodische Mittel, die historische Bedeutung eines Texts zu verstehen, spricht noch nicht gegen den analytischen Interpretationsansatz, da es seinen Anwendern ja um eher philosophische als historische Einsichten beschaffen sein kann. Insofern es um die Bergung von theoretischen Werkzeugen geht, spielt es eigentlich keine Rolle, ob der Autor eines Texts wirklich dieses und nicht eigentlich ein ganz anderes Werkzeug entwickeln wollte. Unerfreulich ist eher, dass die theoretischen Werkzeuge, die die Autoren in ihrem historischen Kontext eigentlich entwickelten, für uns heute spannender sein könnten. Auch mag die Gefahr der fälschlichen Zuschreibung von Aussagen und Argumenten gegen analytische Ansätze vorgebracht werden. (Eine kontextuelle Interpretation könnte unter Umständen zeigen, dass das Argument X gar nicht aus dem Text des Autors Y stammt, sondern erstmals im Kommentar des Interpreten Z vorgebracht wurde.) Schließlich muss eingeräumt werden, dass eine Untersuchung mit dem analytischen Ansatz ihrem Anspruch nicht völlig gerecht werden kann, da eine vollkommen textimmanente Interpretation stets unmöglich bleiben muss. Abgesehen davon, dass für eine textimmanente Interpretation die Kenntnis der Sprache, in der der Text vorliegt, nötig ist, werden Interpreten immer eine Reihe von weiteren Vorkenntnissen über den historischen Kontext mitbringen, die bewusst oder unbewusst die Interpretation des Texts beeinflussen werden.
1 Das philosophische Methodenbuch von Damschen und Schönecker stellt eine der wenigen Einführungen dar, die den analytischen Interpretationsansatz immerhin zu rekonstruieren ermöglichen. Sie selbst erachten den analytischen Interpretationsansatz allerdings nicht als tragfähig und empfehlen bei der Interpretation von Texten in synkretistischer Manier auf text-, autor-, adressaten- und selbst leserzentrierte Interpretationsstrategien zurückzugreifen. Siehe: Damschen, Gregor und Schönecker, Dieter. 2012. Selbst Philosophieren. Ein Methodenbuch. Berlin: De Gruyter.
2 Zentrale Figuren waren dabei unter anderem Thomas D. Weldon, Margaret Macdonald, John Plamenatz und Anthony Quinton. Für einen Einblick in die anfänglichen Debatten, die zur Ausprägung des analytischen Ansatzes führten, siehe: Miller, David. 1983. „Linguistic Philosophy and Political Theory“. In: derselbe und Larry Siedentop (Hg.). The Nature of Political Theory. Oxford: Clarendon Press, S. 35–52.
3 Quinton, Anthony. 1982. Thoughts and Thinkers. London: Duckworth, S. ix. Vgl. Plamenatz, John. 1938. Consent, Freedom and Political Obligation. London: Oxford University Press, S. x; Plamenatz, John 1963. Man and Society. A Critical Examination of Some Important Social and Political Theories from Machiavelli to Marx. Bd. 1. London: Longmans, S. xvii.
4 Lovejoy, Arthur O. 1993. Die große Kette der Wesen: Geschichte eines Gedankens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
5 Plamenatz, 1963. Man and Society, S. ix, xvi. Vgl. auch Russell, Bertrand. 1900. Critical Exposition of the Philosophy of Leibniz. Cambridge: Cambridge University Press, S. vi: „Ohne auf Daten oder Einflüsse zu achten, streben wir einfach danach, die großen Arten von möglichen Philosophien zu entdecken. Orientierung finden wir bei unserer Suche, indem wir die Systeme der großen Philosophen der Vergangenheit studieren.“
6 Eine von vielen brauchbaren Einführungen in die Argumentationstheorie und unterschiedliche Typen von Argumenten ist: Weimar, Wolfgang. 2005. Logisches Argumentieren. Stuttgart: Reclam.
7 Die zitierten Textausschnitte orientieren sich an der deutschen Übersetzung von Barbara Zehnpfennig: Hamilton, Alexander, Madison, James und John Jay. 1993. Die Federalist Papers. Übersetzt und eingeleitet von Barbara Zehnpfennig. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, S. 93–100, „Federalist Paper Nr. 10“. Die Verweise beziehen sich auf die sich durchnummeriert vorzustellenden Paragrafen (P) des Texts.
8 Die Bezeichnung „Gleichschaltung“ ist wesentlich mit der Erfahrung des Totalitarismus im 20. Jahrhundert verbunden. Aus historisch kontextualistischer Sicht stellt diese Umschreibung für einen Gedanken eines im 18. Jahrhundert geschriebenen Text somit einen Anachronismus dar. Insofern mit dem analytischen Ansatz aber das Federalist Paper Nr. 10 als Beitrag zum überzeitlichen Gespräch über Politik gewertet wird, ist „Gleichschaltung“ eine legitime Zusammenfassung des Gedankens von Madison, dass man Faktionen durch die Angleichung der Meinungen, Leidenschaften und Interessen der Bürger unterbindet.
9 Für eine Analyse der Rhetorik des Federalist Paper Nr. 10, siehe: Ashin, Mark. 1953. „The Argument of Madison’s Federalist No. 10“, College English 15/1, S. 37–45.
10 Hamilton, Madison und Jay, 1993, S. 58.
11 Beard, Charles. 1913. An Economic Interpretation of the Constitution of the United States. New York: Macmillan.
12 Vgl. Skinner, Quentin, Dasgupta, Partha, Geuss, Raymond, Lane, Melissa, Laslett, Peter, O’Neill, Onara, Runciman, W.G., und Andrew Kuper. 2002. „Political Philosophy. The View from Cambridge“, The Journal of Political Philosophy 10/1, S. 1–19, hier S. 2 f.
13 Parteienrechtskommission. 1957. Rechtliche Ordnung des Parteiwesens. Probleme eines Parteiengesetzes. Bericht der vom Bundesminister des Innern eingesetzten Parteienrechtskommission. Frankfurt a.M.: Metzner Verlag, S. 73.
Kapitel 2 Der biografische Ansatz: Am Beispiel von Platons Der Staatsmann
In Forschungsbeiträgen zur politischen Ideengeschichte sind biografische Ansätze grob in zwei Formen zu finden. Zum einen gibt es Interpretationen, die bewusst und explizit mittels der Biografie eines Autors das gesamte Werk oder einzelne Texte zu erklären versuchen. Als Beispiele für den biografischen Ansatz mit Blick auf das gesamte Werk eines Autors dürfen etwa die große Max Weber Biografie von Joachim Radkau oder das im Kontext dieses Kapitels besonders bedeutsame Buch von Ulrich von Willamowitz-Moellendorf zu Platon gelten.1 Solche groß angelegten Versuche sind in der derzeitigen Forschung eher unpopulär. Henning Ottmanns Einschätzung in Bezug auf Marx verdeutlicht den Zeitgeist: „Die Person ist das eine, die Lehre das andere. Ein Blick auf die Person kann die Marxsche Theorie weder bestätigen noch widerlegen.“2 Ottmann denkt dabei insbesondere an die Versuche seitens Karl Löwith und Arnold Künzli, die beide Marx’ jüdische Herkunft als für die Interpretation seines Werks relevante biografische Information hervorheben.3
Zum andern ist der biografische Ansatz in der Forschungspraxis implizit präsent, um nicht zu sagen: omnipräsent. Dass der Biografie eines Autors in Fachkreisen häufig eine erklärende Kraft für das Verständnis eines Texts zugeschrieben wird, lässt sich schon an der Tatsache ablesen, dass der Interpretation von Texten in Lehrbüchern und Forschungsbeiträgen regelmäßig wie selbstverständlich eine Tafel mit den Lebensdaten des Autors oder eine kurze Vita vorangestellt wird. Es resultiert ein weitgehend unkommentiertes Nebeneinander von Biografie und Interpretation. Auch Henning Ottmann lässt das Kapitel zu Platon (wie die meisten Kapitel) in seiner Geschichte des politischen Denkens mit dem „Leben und Werk“ beginnen, und schon gleich zu Beginn liest man dort, dass Platon aus dem Schicksal des Sokrates eine Lehre gezogen habe, die seine Philosophie beeinflusst hat.4 Die Person und die Lehre erscheinen hier also keineswegs als etwas Trennbares. Dass ein Blick auf die Person eine Theorie weder bestätigen noch widerlegen kann, ist plausibel, und Ottmann bestreitet auch nur, dass es „einen direkten Weg“ gebe, da die Sache „komplizierter“ sei.5 Dennoch ist das Kapitel zu Marx in den „jungen“ und „älteren“ Marx unterteilt und beginnt mit einem Abschnitt „Persönliches“. Darüber hinaus endet das Kapitel mit einer Übersicht, die nochmals eine Kurzbiografie von Marx auf vierzehn Zeilen präsentiert.6 Auch wenn sich Ottmann von der Biografie keine Bestätigung oder Widerlegung der Marxschen Lehre erhofft, so wird hier doch immerhin das Leben der Person für die Strukturierung und Erklärung der Lehre herangezogen.
Noch eindringlicher zeigt sich die Omnipräsenz des biografischen Ansatzes in der Forschungspraxis der politischen Ideengeschichte an Bezügen in Textinterpretationen, wenn etwa in einem Nebensatz eine Tatsache aus der Biografie angeführt oder gar explizit interpretativ Verwendung findet. Dass man dadurch den biografischen Ansatz zur Anwendung bringt, wird selten erwähnt. Warum sonst sollte man aber einen Bezug zwischen dem Leben des Autors und dem Text herstellen, wenn man der biografischen Information nicht auf irgendeine Art und Weise eine erklärende Wirkung zuschreiben wollte?
1. Zur Theorie des biografischen Ansatzes
Entscheidend für den biografischen Ansatz ist die Interpretationsrichtung. Die Biografie soll das Werk oder einzelne Aspekte daraus erklären helfen. Dies ist zu unterscheiden von dem gegenläufigen Erkenntnisinteresse, bei dem man die Person des Autors besser zu verstehen trachtet und dafür dessen Werk beleuchtet. Im Vordergrund des biografischen Ansatzes steht die Interpretation eines Texts. Der Text drückt die Ansichten und Absichten eines Autors zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben aus, weshalb ein adäquates Textverständnis – so die methodische Grundannahme des Ansatzes – sich eben nur vor dem Hintergrund der Biografie des Autors erarbeiten lässt. Kurzum: Wer den Text oder auch nur eine bestimmte Stelle im Text eines Autors verstehen möchte, der muss die spezifische biografische Situation des Autors (potentiell in allen Facetten, bis hin zur psychischen Innenwelt) zum Zeitpunkt der Abfassung des Texts so gut wie möglich kennen. Der Ansatz ist folglich autorzentriert, da der Text vor allem anderen als etwas verstanden wird, das von jemandem geschrieben ist.
Aber welche Aspekte eines menschlichen Lebens sollen beim biografischen Ansatz beachtet werden? Etwa nur autobiografische Zeugnisse? Oder die Handlungen des betreffenden Autors, wie sie in Zeugnissen Dritter erscheinen? Was ist mit der weiteren Struktur und Beschaffenheit des Umfelds, in dem sich ein Autor bewegt, also das Leben verbringt? Soll man etwa auch den intellektuellen Kontext berücksichtigen? Oder alle historischen Ereignisse, die einen Eindruck auf den Autor und vielleicht eine Reaktion gezeitigt haben (könnten)? Es ist offensichtlich: Welche dieser Aspekte für den biografischen Ansatz relevant ist, lässt sich in dieser Allgemeinheit nicht bestimmen.
Der biografische Ansatz kann indes gleichermaßen von zwei historischen Interessen abgegrenzt werden: dem realhistorischen einerseits und dem philosophiegeschichtlichen andererseits. Obwohl Realgeschichte wie auch Philosophiegeschichte in der Biografie eines ideengeschichtlichen Autors eine große Rolle spielen, interessiert sich der biografische Ansatz für mehr als realgeschichtliche Fakten oder philosophiegeschichtliche Daten. Ein biografischer Ansatz bemüht sich nämlich immer zu zeigen, dass eine Begebenheit im Leben des Autors einen entscheidenden Einfluss auf dessen Werk hatte, ihn also dazu brachte, einen Text so und nicht anders zu schreiben, eine Meinung so und nicht anders zu vertreten, oder das Argument vorzubringen, das er vorgebracht hat, anstatt einem anderen. Der biografische Ansatz sucht einen Text (oder eine Textstelle), die einen Interpretationsbedarf aufweist, mittels Rückgriff auf eine Begebenheit im Leben des Autors zu erklären. Eine Relevanz für den biografischen Ansatz haben demnach diejenigen historischen Ereignisse, für die ein Einfluss auf das Werk argumentativ geltend gemacht werden kann. Der Einfluss muss dabei dergestalt sein, dass er für die Interpretation des Texts oder der Textstelle erklärende Kraft entfaltet.
Die Tatsache, dass jeder Autor Eltern hat, hilft dieses Relevanzkriterium zu illustrieren: Während die Identität der Eltern immer eine relevante Information für einen Biografieschreiber darstellt, ist sie es für den Interpreten, der einen Text mittels des biografischen Ansatzes erklären will, nicht zwingend. Die Identität der Eltern eines Autors ist für eine Interpretation mit dem biografischen Ansatz nur dann eine relevante Information, wenn dadurch ein Text des Autors besser verstanden werden kann. Dass John Stuart Mill der Sohn von James Mill war, findet in Interpretationen des politischen Denkens des John Stuart Mill häufig Erwähnung, weil die väterliche Erziehung wohl letztlich zu seinem geistigen und körperlichen Zusammenbruch führte.7 Dass der Vater von Thomas Hobbes ein einfacher Landpfarrer war, wird in Interpretationen Hobbes’ politischen Denkens zwar selten erwähnt, mag allerdings nicht unerheblich sein, wenn man an die schwierig zu erklärenden, sich an der Bibel orientierenden dritten und vierten Teile des Leviathan denkt. Dass der Vater Landpfarrer nicht irgendwo, sondern nahe Malmesbury in der Graftschaft Wiltshire war, scheint hingegen für einen biografischen Ansatz tatsächlich irrelevant zu sein. Wie dem auch sei, ob einer Begebenheit oder einem Ereignis für einen biografischen Ansatz Relevanz zugeschrieben wird, ist letztlich eine Entscheidung, die der Interpret vornimmt und mit der er sich der Fachwelt gegenüber zu rechtfertigen hat.
Ein eindrückliches Beispiel für die Vielfalt von als relevant erachteten Begebenheiten im Leben eines Autors ist Nicolaus Sombarts sexualpathologische Erklärung des so zentralen Begriffs der Entscheidung (Dezision) im Werk von Carl Schmitt:
Die Entscheidung ist dann eben die so entschlossene wie verzweifelte Option für den alles dominierenden Signifikanten (der Männergesellschaft), den Phallus, den ‚nom du père‘ oder einfach die Ent-Scheidung – wortwörtlich – die Abwehr und Abkehr von der ‚Scheide‘, der Vulva. Entscheidung ist die Fixierung auf den Phallus, um der schrecklichen Gefahr zu entrinnen, von der klaffenden Öffnung, der ‚béance‘, dem Abgrund verschlungen zu werden, in den man nur zu gerne hinein möchte.8
Der berühmte Satz zu Beginn der Politischen Theologie, „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“, wird von Sombart konsequent im Sinn der männlichen Erektion interpretiert, die – selbst ein Ausnahmezustand – gerade nicht zur Etablierung dauerhafter männlicher Herrschaft genüge. Sombart weiter:
Alles deutet daraufhin, dass seine politische Theorie mit ihren berühmt-berüchtigten Formeln der ‚Unterscheidung von Freund und Feind‘, von ‚Ausnahmezustand‘ und ‚Entscheidung‘, ‚Chaos‘ und ‚Anarchie‘ die typische Neurose der wilhelminischen Männergesellschaft auf den Begriff gebracht hat.9
Die unterschiedlichsten Aspekte eines Lebens können für einen biografischen Ansatz relevant sein. Im eben angeführten Beispiel wird Schmitts psychisches Innenleben als biografische Tatsache angeführt; aber wie das letzte Zitat zeigt, spiegelt sich darin eine Sozialpathologie, die eine gesamte Gesellschaft gekennzeichnet haben soll, die also die Umstände betrifft, in denen Schmitt gelebt hat und die über ihn als individuellen Autor hinausgehen. Von Bedeutung sind diese Umstände, weil sie – wie sich Sombart zu zeigen bemüht – sowohl für das Schmitt’sche Gesamtwerk wie auch für eine schwierig zu interpretierende Stelle erklärende Kraft entfalten.
Vor diesem Hintergrund lassen sich wohl auch einige feministische und marxistische Interpretationsansätze (die in diesem Lehrbuch nicht behandelt werden) als Sonderfälle eines biografischen Ansatzes fassen, insoweit auch sie (wie Sombarts Sozialpathologie der wilhelminischen Männergesellschaft) gesellschaftliche Umstände als vorrangige erklärende Faktoren in Anschlag bringen. Das Schreiben eines Autors wird so immer von den Produktionsverhältnissen seiner Gesellschaft oder von vorherrschenden Genderkonzeptionen geprägt wenn nicht gar determiniert gelten. Die gesellschaftlichen Strukturen wirken sozusagen durch den Autor hindurch; sie, die Strukturen, sind der eigentliche Autor. In einer radikalen Deutung spielt es dann weitgehend keine Rolle mehr, welcher Autor den Text geschrieben hat; jeder, der unter bestimmten Produktionsverhältnissen (z. B. im Kapitalismus) lebt und gleichermaßen unter einem ‚falschem Bewusstsein’ leidet, oder an bestimmte Geschlechterrollen gewöhnt ist, hätte nur so schreiben können. Freilich läuft eine solch radikale Analysestrategie Gefahr, einen Text schon vor der Lektüre abschließend interpretiert zu haben. Viele marxistische und feministische Ansätze sind deshalb auch weniger radikal, entsprechend komplexer und damit aussagekräftiger. Trotzdem deutet sich über diese strukturelle Ähnlichkeit ein spannendes Spektrum biografischer Ansätze an: An einem Pol interessiert die Biografie hinsichtlich der Merkmale eines Autors, die er mit anderen teilt (mit allen anderen Zeitgenossen, mit anderen Philosophen über alle Zeiten hinweg, mit anderen Großgrundbesitzern, mit anderen Männern, etc.). Am anderen Pol interessiert die Biografie hinsichtlich der Merkmale eines Autors, die ihn und nur ihn auszeichnen (sein Genie, seine Außergewöhnlichkeit, seine Einzigartigkeit). Die nachfolgende Anwendung des biografischen Ansatzes auf Platon und seinen Der Staatsmann verfolgt keine radikale Variante, wird aber eher die Individualität Platons denn strukturelle Merkmale der athenischen Gesellschaft in den Vordergrund stellen.
Infografik 2: Der biografische Ansatz
Der biografische Ansatz sucht einen Text oder eine Textstelle mittels Rückgriff auf eine Begebenheit oder ein Ereignis im Leben des Autors zu erklären.

2. Das Anwendungsbeispiel: Platons Leben und Werk
Ein biografischer Ansatz ist zunächst darum bemüht, möglichst alles über das Leben des Autors und dessen Umstände in Erfahrung zu bringen, auch wenn sich davon bei weitem nicht alles als relevant erweisen wird. Allerdings ist mit dem Zeitpunkt der Abfassung des zu interpretierenden Texts eine Grenze gesetzt. Was im Leben des Autors nach diesem Zeitpunkt geschehen ist, kann für eine Interpretation mit dem biografischen Ansatz nicht relevant sein. Selbst wenn das Gesamtwerk eines Autors mittels der Biografie interpretiert werden soll, so ist mit dem Ableben des Autors und einem allenfalls unbeendeten Werk (wie es in Platons Fall die Gesetze sind), eine Grenze gegeben. Das bedeutet aber auch, dass eine möglichst exakte Datierung des zu interpretierenden Texts für den biografischen Ansatz äußerst bedeutsam ist, da mit dem Zeitpunkt der Niederschrift ein terminus ad quem gegeben ist, bis zu dem hin es die Biografie zu berücksichtigen gilt.
Aber was wissen wir heute denn eigentlich noch über Platons Leben? Von Willamowitz-Moellendorf hat es auf den Punkt gebracht: „Was wir außer den Werken Verlässliches über Platons Leben erfahren, lässt sich auf ein Quartblatt schreiben.“10 Wer sich darauf einlässt, Platons Biografie zu erkunden, ist bald vor die Aufgabe gestellt, dieses wenige Verlässliche im Haufen der Anekdoten und Fiktionen nicht aus dem Auge zu verlieren. Stets stellt sich die Frage nach der Authentizität des Berichteten. Natürlich unterscheiden sich die Menge und Art der Informationen, welche als verlässlich eingestuft werden. In ihren Anmerkungen zum Staatsmann (Politikos) führt Julia Annas eine Tafel zum Leben von Platon an, welche sehr strenge Kriterien der Verlässlichkeit anwendet. Die Tafel enthält nur sieben Einträge:
| Platons Leben | |
| 469 | Sokrates wird geboren. |
| 429 | Platon wird geboren. |
| 399 | Sokrates wird hingerichtet. |
| 384 | Aristoteles wird geboren. |
| 380–370s | Zu einem Zeitpunkt beginnt Platon formale Ausbildung im Gymnasium der Akademie anzubieten; daraus entwickelt sich die Akademie als philosophische Schule, über deren institutionelle Struktur wir fast nichts wissen. |
| 367 | Aristoteles tritt der Akademie bei. |
| 347 | Platon stirbt. |
Annas fügt der Tafel einen erklärenden Satz hinzu: „Andere Ereignisse in Platons Leben, die antike Biografien erwähnen, sind von zweifelhafter Chronologie und oft von zweifelhafter Historizität.“11 Ganz anders handhabt beispielsweise Michael Erler dies, der ebenfalls große Vorsicht walten lässt, aber eine viel umfassendere Zeittafel zusammenstellt.12
Dazu kommt, dass manches, was eine umfassende Variante (vielleicht zu Recht) für glaubwürdig hält, aus einer Quelle stammt, die im zeitlichen Abstand von mehreren hundert Jahren berichtet (wie z. B. durch Diogenes Laertios). Diese Quellen stützen sich wiederum auf überlieferte Texte, die nicht erhalten geblieben sind (so sind etwa frühe Biografien aus dem Umfeld von Platons Schülern bezeugt). Platons Dialoge sind bekannt dafür, dass sie allerlei historische Charaktere enthalten, über Platon selbst aber kaum Auskunft geben.13 Für den biografischen Ansatz kommen nur wenige, aus viel späterer Zeit stammende Quellen in Frage, die aber von legendenhaften Zügen durchsetzt sind und teils Widersprüchliches berichten – mit der gewichtigen Ausnahme des Siebten Briefs, der vielleicht von Platon selbst und vielleicht in autobiografischer Absicht geschrieben wurde.
Im Siebten Brief findet sich interessantes Material das Leben Platons betreffend. Platon blickt darin auf sein Leben zurück, erklärt sein politisches Verhalten und berichtet von seinen Sizilienreisen (die auch bei Cornelius Nepos, Diodor oder Plutarch bezeugt sind). Die Echtheit des Siebten Briefs wird seit Langem kontrovers diskutiert. Er wurde immer wieder für unecht gehalten (was nichts Unerhörtes bedeuten würde; in der Antike haben Schreiberlinge zur Übung Briefe berühmter Leute verfasst).14 Gegenwärtig überwiegt hingegen die Meinung, dass der Brief echt sei oder wenn nicht echt, dann von jemandem verfasst, der so gut Bescheid wusste, dass die im Brief enthaltenen Informationen für verlässlich gehalten werden dürfen.15
Nebst der Biografie stellt uns auch die Chronologie der Dialoge vor Probleme. Man hat in der Forschung verschiedene Wege angewendet, um die Abfolge der Werke ermitteln zu können:16 (1) Interne Kriterien orientieren sich an Querverweisen in den Dialogen selbst, so dass z. B. sowohl aus dem Sophistes (217a) wie auch aus dem Staatsmann (258b) hervorgeht, dass der Sophistes früher verfasst wurde.17 (2) Externe Kriterien stellen realgeschichtliche Personen und Ereignisse dar, die in den Dialogen erwähnt werden. Der Tod des Sokrates im Jahr 399 v.Chr. bietet Gewähr dafür, dass all diejenigen Dialoge, die dieses Ereignis erwähnen (und das sind bei Platon viele), nach diesem Datum verfasst worden sein müssen. (3) Sachlich-autorbezogene Aspekte stützen sich auf der Annahme ab, dass Platon einzelne inhaltliche Positionen von früheren zu späteren Werken verfeinert. Erler führt jedoch schwerwiegende Zweifel an diesem Vorgehen an, da Platon z. B. Sokrates nicht immer alles sagen lässt, was er weiß, sondern dieser sich aus Rücksicht auf die Dialogteilnehmenden oft zurückhält und nur andeutet, dass er mehr wüsste, oder da man sich dadurch auch auf die weitergehende, aber ebenfalls nicht zwingend einleuchtende Annahme verpflichten würde, dass Platon immer alles so niederschrieb, wie es sein Wissensstand zuließ.18 Kurzum, der literarische Charakter der Dialoge steht diesem Vorgehen im Weg. (4) Stilistische Kriterien und insbesondere stilometrische Verfahren, bei denen die Dialoge teils computergestützt auf Sprache und Stil ausgewertet werden, haben die größten Erfolge in Sachen Chronologie hervorgebracht, auch wenn sich letztlich auch auf diesem Weg keine Gewissheit erreichen lässt.
Die meisten akzeptieren heute die auf stilistischer Grundlage basierende Dreiteilung des platonischen Werks in eine erste, zweite und dritte Gruppe und akzeptieren des Weiteren auch, dass sich eine genauere Abfolge innerhalb dieser Gruppen nicht ermitteln lässt, außer dort, wo interne oder externe Kriterien angeführt oder überzeugende Argumente hinsichtlich sachbezogener Aspekte vorgebracht werden können.19 Bezüglich der dritten Gruppe hat in jüngster Zeit ein weiterer Gesichtspunkt vermehrt Aufmerksamkeit gewonnen. Es wird vermutet, dass die Gesetze, bei denen die abschließende Textredaktion durch den Platonschüler Philipp aus Opus bekannt ist, keinen Einzelfall darstellen, ja dass in den späten Dialogen öfters mehrere Hände mitgewirkt haben.20
Ein biografischer Ansatz sieht sich bei Platon vor große Hürden gestellt. Diese schwierige Ausgangslage setzt einer biografischen Deutung enge Grenzen und sie muss sich in den angeführten Argumenten und Vermutungen adäquat spiegeln, wenn man den Ansatz seriös verfolgen möchte. Freilich eignet sich aus diesem Grund Platon besonders, um die Herausforderungen, die sich an eine jede Interpretation mit dem biografischen Ansatz stellen, herauszuarbeiten und kritisch zu diskutieren.
Reflexionsbox 4: Die Tücken der Chronologie
Wenn man den Siebten Brief und seine Ausführungen zu Platons erster und zweiter Sizilienreise als erklärenden Text für die biografische Interpretation des Staatsmanns heranzieht und sich zugleich auf die Chronologie erste und zweite Sizilienreise – Abfassung Der Staatsmann – Abfassung Siebter Brief verpflichtet, ergibt sich eine besondere und etwas heikle interpretative Konstellation. Genauso wie die zwei ersten Sizilienreisen den Inhalt des Staatsmanns beeinflusst haben können, so kann auch die Niederschrift des Staatsmanns die Ausführungen im Siebten Brief beeinflusst haben. Beim Siebten Brief handelt es sich um eine Quelle, die vermutlich im Abstand von einigen Jahren über die Ereignisse Auskunft gibt (nach 354 v.Chr. geschrieben). Der Rat, den Platon im Siebten Brief an die Syrakuser gibt (337c–d) und der zum im Staatsmann Gesagten passt, mag vom Staatsmann beeinflusst sein, kann diesen rückwirkend aber unmöglich erklären. („Sind aber die auf dem sittlichen Gefühle des Volks beruhenden Gesetze aufgestellt, so liegt alles Heil des Staates an ihrer Befolgung, denn erst dann wenn die obsiegende Partei sich selbst mehr zu Knechten der Gesetze macht als die Besiegten,
ist überall Heil, Glück und Befreiung von allen früheren Übeln.)“21. Völlig unklar ist denn die Situation zum Beispiel hinsichtlich des Wortes kairos, welches im Brief Verwendung findet (327e), als Dion den Platon des günstigen Zeitpunkts wegen nach Sizilien bewegen möchte, und welches im Staatsmann in dieser Bedeutung einen Schlüsselbegriff darstellt. Was hier was beeinflusst hat, kann kaum geklärt werden.22
3. Der Text als Ausdruck des Lebens des Autors: Platons zweite Sizilienreise und die Gesetze in Der Staatsmann
3.1 Identifizierung und Textdatierung von Der Staatsmann
Dass Der Staatsmann dem Platon zugeschrieben werden kann, der Dialog also authentisch ist, gilt heute in der Forschung als „unumstritten“; im 19. Jahrhundert wurde im Kontext eines neuen, durch die Romantik beförderten historischen Bewusstseins und im Zuge eines daraus erwachsenden Hyperskeptizismus jedoch die Echtheit mitunter in Abrede gestellt, während zuvor die Frage schlicht niemanden großartig interessiert hatte.23
Was lässt sich zum Abfassungszeitpunkt des Texts sagen? Welcher Teil von Platons Biografie ist also für die Interpretation relevant? Auch der Abfassungszeit des Staatsmanns wird in der Forschung in den oben beschriebenen Weisen nachgegangen. Einerseits interessiert die relative Abfassungszeit im Vergleich mit anderen Dialogen; andererseits das absolute Datum, wobei es bei Platon um die Angabe einer Jahreszahl oder eines Zeitraums geht. Beide Weisen sind für den biografischen Ansatz von Bedeutung. Bereits verfasste Texte sind Teil der Biografie des Autors und können über diese auch Auskünfte enthalten. Der Staatsmann kann aufgrund stilistischer Merkmale den späteren Dialogen zugerechnet werden, ist also etwa nach den Dialogen Der Staat, Phaidros, Thaitetos oder Parmenides entstanden. Interne Kriterien lassen darauf schließen, dass der Text nach (oder allerhöchstens gleichzeitig mit) dem Sophistes verfasst wurde. Mit Bezug auf ein absolutes Datum finden sich hauptsächlich Vorschläge, die eine Abfassung zwischen 367/5 und der ersten Hälfte der 350er Jahre für wahrscheinlich halten. Mit der Periode 367/5 wird auf die zweite Sizilienreise von Platon verwiesen. Damit ist für die Interpretation so etwas wie ein terminus post quem gegeben, da abweichende Vorschläge die Abfassungszeit allesamt später ansetzen. Allerdings wird die zweite Sizilienreise im Dialog selbst nicht explizit erwähnt und gibt damit kein externes Kriterium für die Abfassungszeit her. Implizite Bezugnahmen wurden etwa für 292aff. und 296bff. behauptet.24 Weiterhin bleibt so die Möglichkeit durchaus im Raum, dass Der Staatsmann auch erst nach der dritten Sizilienreise 361/0 v.Chr. verfasst worden ist. Der in diesem Kapitel vorgestellte biografische Ansatz stützt sich deshalb hauptsächlich auf die zweite Sizilienreise als entscheidendes Ereignis für die Interpretation des Staatsmanns.
Das relevante biografische Ereignis muss nicht zwingend zeitnah zur Abfassungszeit vermutet werden. So kann die Verurteilung des Sokrates 399 v.Chr. ein relevantes Ereignis sein, obwohl zwischen der Abfassung des Staatsmanns und dem Schierlingsbecher 40 Jahre liegen. Die Handlung im Staatsmann spielt ja direkt vor dem Prozess gegen Sokrates. In einem gewissen Sinn beziehen sich sogar alle Texte Platons auf die Verurteilung des Sokrates – insoweit nämlich diese tatsächlich dafür Anlass gegeben haben soll, dass Platon zunächst von einer politischen Karriere absah und sich dem Schreiben zuwandte. Damit ist aber keineswegs gesagt, dass jeder Text und jeder sich daraus ergebende Interpretationsbedarf mit Vorteil auf dieses Ereignis bezogen werden kann. Beispielsweise mag sich der Interpretationsbedarf aus dem Vergleich zwischen zwei nach dem Ereignis verfassten Texten ergeben, weil vielleicht ein Gesinnungswandel des Autors vermutet wird, oder ein bisher vernachlässigter neuer Gesichtspunkt an Prominenz zu gewinnen scheint. In diesem Fall muss entweder auf zusätzliche Ereignisse verwiesen werden, die zwischen der Abfassung der zwei Texte liegen, oder eine Erklärung vorgebracht werden, wieso dem Ereignis in den zwei Texten eine je andere Bedeutung zukommt. Es könnte schließlich sein, dass ein zurückliegendes, im früheren Text weitgehend wirkungsloses Ereignis durch ein neues Ereignis erst wieder ins Bewusstsein eines Autors gerückt ist, ihn umtreibt und zu einem Gesinnungswandel führt, der sich erst im späteren Text manifestiert.
3.2 Zusammenfassung des Dialogs
Wer den Dialog Der Staatsmann liest, der sieht sich zu Beginn noch mit einem kurzen Austausch zwischen Sokrates und Theodoros konfrontiert, bevor diese Figuren vollständig in den Hintergrund treten und sich ein Gespräch entwickelt zwischen einem Gast (dem Fremden aus Elea) und einem Schüler, der ebenfalls den Namen Sokrates trägt und im Dialog als der jüngere Sokrates bezeichnet wird. Der Dialog präsentiert ein Lehrgespräch zwischen den zweien: Der Fremde leitet das Gespräch und setzt derweil zu längeren Ausführungen an, wohingegen der jüngere Sokrates Nachfragen stellt oder zumeist lediglich affirmative Floskeln beisteuert („gewiss“, „gut gesagt“, „richtig“, „das soll geschehen, sprich nur weiter“, etc.). Nur ganz am Ende meldet sich der ältere Sokrates nochmals zu Wort und bedankt sich beim Fremden dafür, dass er so schön ausgeführt hat, was sich als zentrale Frage des Dialogs präsentiert: „Vortrefflich, o Gastfreund, hast du uns nun auch den Herrscher und Staatsmann dargestellt“ (311c).25
Genauer geht es im Dialog um die Bestimmung und Darstellung des wahren Staatsmanns. Eine erste begriffslogische Bestimmung des Staatsmanns definiert ihn als „Hirten der Menschen“, was sich dann sogleich als unbefriedigend erweist, wenn aus einem groß angelegten Mythos vom goldenen Zeitalter des Kronos die Pointe entspringt, dass ein göttlicher Hirte der menschlichen Herde im Zeitalter des Zeus (also in dem Zeitalter, in dem der Dialog spielt) schlicht nicht auffindbar sei. Man habe, so der Fremde, „einen Gott statt eines Sterblichen“ beschrieben (275a) und auch anderweitig gefehlt, was im Text zu einer Neubestimmung führt: Der wahrhafte und wirkliche Staatsmann ist derjenige, der die Kunst der „freiwilligen Herdenwartung“ (die nun von der Aufzucht der Herde losgelöst ist) über „freiwillige zweibeinige lebendige Wesen“ beherrscht (276e). Der Diskussion über das Wesen des Beispiels (277d–277e) schließt sich ebenfalls beispielhaft eine weitere begriffslogische Bestimmung an, dieses Mal eine Bestimmung der Webkunst (279a–281d) sowie eine Erörterung über das Wesen des Maßes (283b–287a). Die politische Thematik tritt in der Folge alsbald expliziter in den Vordergrund (und Überlegungen zur begriffslogischen Methode der Dihairesis entsprechend in den Hintergrund), wenn der Fremde vorschlägt: „Lass uns jetzt wieder zum Staatsmann zurückkommen und das vorher durchgeführte Beispiel der Weberei an ihm versuchen“ (287a–287b). Dieser Versuch rückt einen neuen Gesichtspunkt ins Zentrum der Diskussion:
DER FREMDE: Notwendig ist also auch unter den Staatsverfassungen, wie es scheint, diejenige die richtige vor allen andern und einzige Staatsverfassung, in welcher man bei den Regierenden wahrhafte und nicht nur eingebildete Erkenntnis findet, mögen sie nun nach Gesetzen oder ohne Gesetze regieren und über Gutwillige oder Gezwungene und arm sein oder reich, denn davon ist gar nichts niemals irgendwie für die Richtigkeit mit in Anschlag zu bringen.
DER JÜNGERE SOKRATES: Schön. (293c)
Die Ausführungen zum wahren Staatsmann verbinden sich nun mit Fragen der richtigen Staatsverfassung, in der es schon vorkommen kann, dass der Staatsmann „einige töten oder verjagen, und so zu seinem Besten den Staat reinigen“ muss (293c).26 Es ist dennoch nur diese die einzig richtige Staatsverfassung; alle anderen, die man vielleicht auch so nennt, sind „Nachahmerinnen jener, von denen die wohlgeordneten sie besser, die anderen schlechter nachahmen“ (293d–293e).
Dass Gesetze keine Rolle spielen sollen, das findet der jüngere Sokrates dann doch nicht schön, sondern „hart anzuhören“ (293e). Es folgt ein Exkurs zu den verschiedenen nachahmenden Staatsverfassungen, wobei sich das Königtum, die Aristokratie und die bessere Form der Demokratie als „gute“ oder „bessere“ Abbilder (mimemata) der einzig richtigen Staatsverfassung genau dann erweisen, solange sie, „wenn ihre Gesetze einmal bestehen, niemals etwas tun, weder gegen die geschriebenen noch gegen die väterlichen Gebräuche“ (301a). Der Grund dafür ist, dass unter ihnen keine „Kunstverständige“ seien, welche die „Staatswissenschaft“ beherrschten, was vonnöten wäre, um Gesetze sachgemäß zu ändern. „Gute“ Nachahmungen der einzig richtigen, auf einen wahren und wissenden Staatsmann aufbauenden Staatsverfassung sind demnach solche, die auf Gesetzen beruhen und diese unberührt lassen. Der Text lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um „gute“ Gesetze handeln muss.
Der Dialog endet mit einer letzten Bestimmung des wahren Staatsmanns, die nun tatsächlich auf das Beispiel der Weberei abhebt (305d–305e; 310d–311c). Der wahre Staatsmann ist laut dem Fremden aus Elea derjenige, der ein Experte darin ist, die unterschiedlichen grundlegenden Charaktere und Temperamente und die sich dahinter verbergenden Tugenden, besonders die Tapferkeit und die Besonnenheit, „zusammenzuweben“ (306a). Würden diese „in Feindschaft und Zwietracht“ (306b) belassen, müssten zwangsweise politische Probleme resultieren. Die Staatskunst erweist sich als übergelagerte Expertise, den „richtigen Moment“ (kairos) für die Anwendung anderer Arten von Expertenwissen zu erkennen. Damit scheint der Dialog inhaltlich in Umrissen eine klare Position zu vertreten (wobei letztlich aber unklar bleibt, ob der Dialog insgesamt nicht eher auf methodische Aspekte abzielt oder beides in bedeutsamer Weise zusammenhängt). Die politische Kunst ist einigen Wenigen vorbehalten – ja, wie der Dialog suggeriert, zu Zeiten des Geschehens wohl von niemandem beherrscht.
3.3 Identifizierung des interpretationsbedürftigen Texts
Natürlich ließe sich diese Schlussdefinition des Staatsmanns als Weber in vielerlei Hinsicht weiterverfolgen und hinterfragen. Mit Blick auf die Gesamtstruktur des Dialogs erweist sich jedoch auch der Teil zu den Gesetzen und ihrer unterschiedlichen Rolle zum einen in der einzig richtigen Staatsverfassung und zum andern in den diese nachahmenden Staatsverfassungen als interpretationsbedürftiger Exkurs. Auch wenn die Dramaturgie des Dialogs insgesamt auf eine Darstellung des wahren und wissenden Staatsmanns hinausläuft, so rückt der Exkurs ein Thema in den Vordergrund, das nicht ohne Grund prominent behandelt wird und dessen Bedeutung an Aktualität kaum eingebüßt haben dürfte. Auch demokratisch verfasste Staatsverfassungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts basieren auf dem Prinzip der Gesetzmäßigkeit.
Vielen, die den Dialog studiert haben, ist ein Problem aufgefallen, das damit zu tun hat, wie und was genau nachgeahmt wird. Es ist unklar, was die auf unabänderlichen Gesetzen beruhenden Staatsverfassungen noch mit der auch ohne Gesetze auskommenden, einzig richtigen Staatsverfassung gemein haben sollen, da hier die Gesetze jederzeit verändert werden dürfen. Was rechtfertigt es, von „Abbildern“ oder „Nachahmungen“ zu sprechen? In anderen Worten: Wie kann man behaupten, dass Verfassungen, deren Hauptmerkmal unabänderliche Gesetze sind, gute „Nachahmungen“ einer Verfassung darstellen, deren Hauptmerkmal auf dem Wissen des wahren Staatsmanns und explizit gerade nicht auf der Existenz und Bedeutung von unabänderlichen Gesetzen beruht? Wäre es nicht gar naheliegender, wenn die „schlechten“ Verfassungen (also die Tyrannis, die Oligarchie und die schlechte Form der Demokratie“) sich als die „besseren“ Abbilder entpuppten, da ihr Hauptmerkmal ja ebenfalls in der Abwesenheit guter Gesetze besteht?
Genau besehen scheint die ‚Nachahmung‘ auf einem Paradox zu beruhen, wie dies z. B. an einer Stelle auch Melissa Lane beschreibt.27 Einige Erklärungen für das Paradox sind schnell zur Hand, aber wohl auch ebenso schnell entkräftet. So kann man getrost die Möglichkeit ausschließen, dass Platon sich des Paradoxes vielleicht nicht bewusst war, hat er doch ausführlich zum Wesen der Nachahmung geschrieben, nicht zuletzt im Der Staatsmann selbst im Rahmen seiner Untersuchung zum Wesen des Beispiels (paradeigma) und der Rolle, die dabei die Ähnlichkeit spielt.28 Auch scheint die Erklärung wenig überzeugend, dass der Fremde glauben machen möchte, dass der beste Weg, die einzig richtige Staatsverfassung zu imitieren, eben darin bestünde, nicht zu versuchen, sie zu imitieren.29 Eine weitere Erklärung versucht die Nachahmung so zu präzisieren, dass die gesetzmäßigen Verfassungen unabänderliche gute Gesetze hätten, die von einem wissenden Gesetzgeber in der Vergangenheit übernommen worden seien. In Abwesenheit dieses Gesetzgebers wäre dann das Festhalten an den Gesetzen die bestmögliche Lösung. Auch diese Erklärung überzeugt jedoch nicht, da ihr gemäß streng genommen gar nichts mehr nachgeahmt wird, sondern man einfach in der Situation der Abwesenheit des wissenden Staatsmanns verharrt, die auch der Dialog in seinen Ausführungen zur einzig richtigen Staatsverfassung behandelt. Dort ist im Übrigen zudem festgehalten, dass der „wissende Gesetzgeber in der Vergangenheit“ die Gesetze notwendigerweise aus Unwissenheit aufgestellt hat. Wie der Fremde von Elea erwähnt, hat er doch lediglich auf seine Erfahrung und die Meinung der Mehrheit zurückgegriffen (298a–299c).30
Eine interessante Erklärung, die nicht so leicht von der Hand zu weisen ist, streicht ebenfalls die Situation der Abwesenheit des wissenden Staatsmanns hervor, behält aber die Trennung von nachgeahmter und nachahmenden Staatsverfassungen bei.31 Indem die nachahmenden Staatsverfassungen vorsehen, dass die Gesetze nicht geändert werden können, imitieren sie ein Merkmal der einzig richtigen Staatsverfassung, das dort eben relevant wird, wenn der wissende Staatsmann abwesend ist. Insoweit ein solcher Staatsmann den nachahmenden Staatsverfassungen ebenfalls nicht zur Verfügung steht, es um sie also so bestellt ist, als wäre ein zur Verfügung stehender wissender Staatsmann soeben abwesend, findet tatsächlich eine Nachahmung statt. Das Merkmal, das für die Nachahmung konstitutiv ist, also dafür sorgt, dass überhaupt etwas nachgeahmt wird, bezieht sich nur auf einen Teilaspekt der einzig richtigen Staatsverfassung. Es handelt sich um eine Art Notfallregelung, die im Dialog in praktischer Hinsicht als unumgänglich eingestuft wird und angesichts der schieren Anzahl von Einzelfällen der Praxis des wissenden Staatsmanns zugestanden wird. (Auch er wird ja Gesetze erlassen müssen, da er nicht fähig ist zu tun, wozu sein Wissen ihn prinzipiell befähigen würde, nämlich jeden Einzelfall in seiner Besonderheit zu beurteilen, cf. 295a.) Im Prinzip wird im Dialog aber diese Notwendigkeit, sich auf Gesetze stützen zu müssen, unmissverständlich als eine Abweichung vom Ideal ausgewiesen.
Eine ähnliche, ebenfalls ausführlich argumentierte Erklärung betont, dass die eben erwähnte Notwendigkeit, dass auch der wissende Staatsmann Gesetze erlassen muss, die einzig richtige Staatsverfassung zunächst einmal „rehabilitiert“.32 Im Dialog wird ja auch die Möglichkeit erwogen, dass die als Memoranda erlassenen Gesetze nicht so rigide sein können, dass ein vorzeitig zurückkehrender wissender Staatsmann sie bei geänderten Umständen nicht anpassen könnte. Nur in dieser Hinsicht erfüllten Gesetze in der einzig richtigen Staatsverfassung eine wichtige Funktion. Den Gesetzen werde im Dialog, in der Diskussion um die nachahmenden Staatsverfassungen, also durchaus „eine neue Rolle“ gegeben.33 Die einzig richtige Staatsverfassung wird „so weit wie möglich“ (eis dunamin) nachgeahmt, indem die Gesetze nicht geändert werden; dieser Ausdruck und die darin erwähnte Möglichkeit sind nun so zu verstehen, dass „im Kontext einer Anwendung des Ideals auf eine begrenzte und fehlerhafte materielle wie menschliche Welt … unweigerlich substantielle Änderungen involviert sein werden“ – und der Dialog im Staatsmann handle im Exkurs zu den Gesetzen genau von einem solchen Anwendungskontext.34 Nachahmung sei im Der Staatsmann nicht so zu verstehen, als ginge es darum, möglichst ähnlich wie ein Modell zu sein (eine Sicht, die in den Dialogen Der Staat und Timaeus propagiert werde). Vielmehr basiere das Wesen der Nachahmung im Der Staatsmann auf einem Merkmal „zweiter Ordnung“, welches dem Modell wie der Nachahmung gemeinsam ist. Diese Sichtweise der Nachahmung erlaubt es, dass Modell und Kopie sehr verschiedener Gestalt sein können. Auch hier handelt es sich bei diesem Merkmal darum, dass sowohl die nachahmenden Staatsverfassungen wie die einzig richtige Staatsverfassung ihre Gesetze nicht ändern, solange dafür keine Expertise vorhanden ist:
Der Staatsmann, der in den zweitbesten Städten nicht erschienen ist, ist vergleichbar mit dem Staatsmann in der besten Stadt, der weggeht und geschriebene Instruktionen hinterlässt. In keinem Fall werden die Gesetze geändert bis dass der Experte (wieder) erscheint. Dies verbindet die zweitbesten Staatsverfassungen mit der idealen nur in Hinblick auf das Merkmal zweiter Ordnung ‚nicht die Gesetze ändern ohne den Rat des Experten‘. Oberflächlich werden sie ziemlich verschieden sein. Jedes wird seine eigenen Gesetze herleiten, im Fall des Ideals in Form von Memoranda, und im Fall der Zweitbesten aus Erfahrung und Überredung. Es gibt keinen Grund zu erwarten, dass der Inhalt dieser Gesetze irgendwie ähnlich sei. Nachahmung der idealen Verfassung ‚so weit wie möglich‘ ergibt keine plausible Ähnlichkeit auf der Oberfläche, aber eher – mit Blick auf das radikal unterschiedliche Material, das aus der Anwesenheit oder Abwesenheit von Wissen resultiert – eine strukturelle Gemeinsamkeit unter der Hautoberfläche.35
Die in der Sekundärliteratur zu Der Staatsmann zahlreichen, mit Blick auf die paradox anmutende Nachahmung vorgebrachten Erklärungen zeigen, dass der Dialog an dieser Stelle im Exkurs zu den Gesetzen einen Interpretationsbedarf aufweist, der als solcher im Fachdiskurs anerkannt ist. Nachfolgend soll nun mittels einer Interpretation mit dem biografischen Ansatz ein Klärungsversuch unternommen werden. Diese Herangehensweise unterscheidet sich von den genannten Interpretationen nur teilweise, denn auch sie erhoffen sich nicht selten Klärung durch die Herstellung von Bezügen zu Platons Leben. Von Willamowitz-Moellendorfs Anfang des 20. Jahrhunderts verfasstes Buch wendet den biografischen Ansatz sogar konsequent an. Zur Rolle der Gesetze, der in der nachstehenden Anwendung mit dem biografischen Ansatz detailliert nachgegangen werden soll, ist so Folgendes zu lesen:
Platon selbst hat den durch keine Gesetze auf die beschränkte Wirksamkeit eines Beamten herabgedrückten, in wahrhaft königlicher Freiheit zum allgemeinen Segen herrschenden Weisen hier zwar vorgezeichnet, aber gerade hier denkt er nicht daran, dass er jetzt oder jemals in Erscheinung treten soll. Gerade hier hat er durchaus das praktisch Durchführbare im Auge; kein Zweifel, dass er an Syrakus denkt. Daher ist ihm die durch eine Verfassung gebundene Monarchie die beste mögliche Staatsform (305e).36
3.4 Interpretation: Platons neuer Realismus
Lässt sich die paradox anmutende und interpretationsbedürftige Rolle der Gesetze in der einzig richtigen Staatsverfassung und den sie nachahmenden Staatsverfassungen mittels Rückgriff auf ein Ereignis oder eine Begebenheit im Leben Platons erklären? Für von Willamowitz-Moellendorf ist es klar, dass Platon Syrakus vor Augen hatte – und Platons zweite Reise dorthin bietet tatsächlich den naheliegendsten Kandidaten für ein Ereignis, das Platons Denken über die Rolle von Gesetzen verändert haben könnte. Hatte Platon sich nach dem Tod des Sokrates von einer politischen Karriere zunächst abgewendet und sich ganz dem Philosophieren verschrieben (und vielleicht bereits einen guten Teil vom Der Staat verfasst37), so hat sich ihm mit der Einladung an den Königshof des Dionysios I. nach Syrakus eine Gelegenheit geboten, sich politisch zu betätigen. Platon nahm diese Einladung an, lernte dort Dion kennen, und wurde aber aufs Neue enttäuscht. So soll er, nach Athen zurückgekehrt, dort seine Akademie begründet haben und sich ganz aufs Unterrichten konzentriert haben.
Auch wenn die erste Sizilienreise in einer Enttäuschung geendet hat, so hat sie Platon auch die Freundschaft mit dem Dion gebracht, der viele Jahre später Platon ein zweites Mal nach Sizilien zu bewegen vermochte. Dieses Mal sah er sich einer gänzlich neuen Situation gegenüber. Inzwischen war Dionysios I. verstorben und ihm sein Sohn Dionysios II. auf den Thron gefolgt. Inzwischen hatte Platon auch seinen Dialog Der Staat (Politeia) mit der zentralen Idee der Philosophenkönige fertig geschrieben, damit in Athen aber kaum ein Echo hervorrufen können. Als er die Einladung nach Syrakus erhielt, schien sein Moment gekommen. In Dionysios II. muss er die Chance gesehen haben, das in Der Staat ausgeführte Ideal in die politische Wirklichkeit umzusetzen. Freilich kam es nicht dazu. Dionysios II. war für Platons Vision nicht zugänglich. Nur mit Mühe konnte Platon überhaupt aus Sizilien wieder ausreisen und schrieb in Athen angelangt bald darauf den Staatsmann. Die erneute Enttäuschung in Sizilien führte dazu, dass sich im Dialog Der Staatsmann ein neuer Realismus bei Platon zeigt, unter anderem, was die Rolle von Gesetzen anbelangt. Gesetze dürfen nun im Rahmen der das Ideal nur nachahmenden Staatsverfassungen nicht mehr übergangen werden, wenn sich der Staatsmann als wissend gebärdet, ohne es zu sein. Das Ideal eines keiner Gesetze bedürfenden wahren und wissenden Staatsmanns bleibt im Dialog bestehen. Daran wird nicht gerüttelt. Gerade weil es sich bei den behandelten zweitbesten Staatsverfassungen nur um „Nachahmungen“ handelt, ermöglicht es Platon mit einem im Licht seiner Sizilienerfahrung gewonnenen, neuen Realismus auch philosophisch neue Wege zu gehen. Dass die „Nachahmung“ nicht vollends aufzugehen scheint und paradox anmutet, scheint er bewusst in Kauf genommen zu haben. Derart einschneidend war das Erlebte in Syrakus.
Worauf stützt sich diese biografische Deutung? Es scheinen folgende Ereignisse und Begebenheiten für die Interpretation besonders bedeutsam:
(a) Abwendung von der Politik nach dem Tod des Sokrates bis auf Weiteres.
(b) Die erste Sizilienreise als neuerliche Hinwendung zur Politik.
(c) Entwurf der idealen Staatsverfassung in Der Staat, die praktisch umgesetzt werden sollte oder wenigstens praktisch umgesetzt werden könnte.
(d) Zweite Sizilienreise als Chance, die ideale Staatsverfassung umzusetzen.
(e) Enttäuschung der zweiten Sizilienreise; Erkenntnis, dass sich die ideale Staatsverfassung nicht einfach umsetzen lässt; Herrschaft guter, unveränderlicher Gesetze als beste Nachahmung der idealen Staatsverfassung.
Sind diese Ereignisse und Begebenheiten durch frühe biografische Quellen abgestützt und welche zusätzlichen Einzelheiten können aus diesen des Weiteren herbeigezogen werden?
Der Siebte Brief
Die bei weitem ergiebigste Quelle für Platons Leben wie auch für eine biografische Deutung des Staatsmanns und des darin enthaltenen Exkurses zur Rolle der Gesetze ist der bereits mehrfach erwähnte Siebte Brief.
Reflexionsbox 5: Nochmals – der Siebte Brief und der biografische Ansatz
Wenn die Informationen im Siebten Brief für verlässlich gehalten werden können, dann dürfen diejenigen, die den Brief nicht Platon selbst, sondern dem engeren Umfeld zuschreiben, die im Brief zum Ausdruck gebrachten Gefühle und Motivationen argumentativ nur mit Vorsicht in Betracht ziehen, wohingegen diejenigen stärker psychologisieren dürfen, die den Brief für vollständig authentisch halten. Der Unterschied ist graduell, da ja ein naher Vertrauter durchaus auch etwas über die Motivationen und Gefühle von Platon wissen könnte. Die in diesem Kapitel vorgebrachten Verweise zum Siebten Brief gehen davon aus, dass der Brief von einem nahen Vertrauten geschrieben wurden. Sollte der Brief tatsächlich von Platon stammen, ändert das die vorgebrachte Interpretation nur insoweit, als dass ihr noch größere Überzeugung zukäme.
Zu (a)
Der Siebte Brief unterteilt Platons Abwendung von der Politik in zwei Phasen. Nachdem die Absicht des jungen Platons betont wird, sich nach dem Heranreifen „an der Verwaltung des Staates zu beteiligen“ (324c), wird eine ersten Abwendung geschildert, nachdem die dreißig Tyrannen (denen Platon laut Brief zunächst Vertrauen schenkte, 324d–e) den Sokrates vergeblich für ihre Zwecke einspannen und ihn „ausschicken wollten, um ihnen einen der Bürger mit Gewalt zur Schlachtbank zu führen“ (324e). Im Brief heißt es in der Folge: „Als ich, sag’ ich, alle diese und noch etwelche andere Gräueltaten ansah, da bekam ich einen Ekel an dieser neuen Politik und zog mich zurück von der damaligen Misswirtschaft“ (325a–b). Nach dem Sturz der dreißig Tyrannen erwägt Platon wiederum eine politische Aktivität mit den zurückgekehrten „Demokraten“, die verständlicherweise, so der Briefautor, „Repressalien“ ergreifen würden, denen er aber auch „Mäßigung“ attestiert (325b–c). Doch „ein Unstern“ kündigte sich in Platons politischem Leben an, der zu einer zweiten Abwendung führen sollte, als Sokrates von einer „Stimmenmehrheit“ wegen „Gottlosigkeit“ zum Tod verurteilt wird. Der Brief beschreibt die Abwendung folgendermaßen:
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