Читать книгу: «Tribometrie»

Шрифт:


TRIBOLOGIE

SCHMIERUNG, REIBUNG, VERSCHLEIß

Herausgegeben von Dr. Manfred Jungk

Die Tribologie ist ein interdisziplinäres Fachgebiet, mit Schwerpunkten aus den Bereichen Maschinenbau, Chemie, Physik und Werkstoffwissenschaften. Entsprechend vielfältig sind die Forschungsthemen und Anwendungen.

Die Reihe Tribologie – Schmierung, Reibung, Verschleiß behandelt sowohl Grundlagen des Themengebietes für Anwender:innen, Wissenschaftler:innen und Studierende als auch moderne Trends wie Nachhaltigkeit, tribologische Aspekte der Industrie 4.0 und Herausforderungen durch die Elektromobilität.

Markus Grebe

Tribometrie

Anwendungsnahe tribologische Prüftechnik als Mittel zur erfolgreichen Produktentwicklung


Umschlagabbildung: © iStock.com/cturtletrax

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2021 · expert verlag GmbH

Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autoren oder Herausgeber übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen.

Internet: www.expertverlag.de

eMail: info@verlag.expert

CPI books GmbH, Leck


ISBN 978-3-8169-3521-6 (Print) ISBN 978-3-8169-8521-1 (ePDF) ISBN 978-3-8169-0020-7 (ePub)

Vorwort

Die tribologische Prüftechnik ist und bleibt das wichtigste Hilfsmittel bei der Optimierung tribologischer Systeme. Modell- und Simulationsprüfungen sind in der tribologischen Forschung und Entwicklung unersetzlich. Sie sind notwendig, um unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen verbesserte tribologische Systeme zu entwickeln. Es ist daher wichtig, sich Gedanken zu den Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Prüfverfahren und deren Aussagefähigkeit zu machen. Hierzu sind aber sowohl Tribologie-Kenntnisse als auch ein guter Überblick über die möglichen Tests, ihrer Vor- und Nachteile sowie ihrer Anwendungsgebiete notwendig.

Leider müssen wir in letzter Zeit feststellen, dass der Gedanken des tribologischen Systems und der Systemanalyse im Umfeld der Tribometrie teilweise verloren geht. Tribologische Versuche werden ohne das nötige Knowhow von unerfahrenen Personen geplant, durchgeführt und ausgewertet. Unter Kosten- und Zeitdruck werden unsinnige Tests mit Alibi-Charakter durchgeführt. Ein Problem, das diesen Trend unterstützt, sind moderne teil- oder vollautomatische Tribometer, bei denen die Nutzer relativ blind den ausgegeben Werten vertrauen, ohne sich die Proben oder Messdaten detailliert anzuschauen und diese ggf. zu hinterfragen. Letztendlich schädigt das den Ruf der Tribometrie, da die Ergebnisse solcher Prüfungen in aller Regel nicht auf die Praxis übertragbar sind. Fehler in der tribologischen Erprobung im Prüffeld, können schnell kostspielige Folgen haben, wenn z. B. eine Produktentwicklung in der Vorserie abgebrochen werden muss oder sogar Rückrufaktionen notwendig werden.

Dieses Buch soll den interessierten Leser aufzeigen, welche Potentiale in der anwendungsnahen tribologischen Prüftechnik stecken. Um diese allerdings wirkungsvoll nutzen zu können, müssen neben den Vorteilen auch die Grenzen der Laborprüfung bekannt und bewusst sein, da es sonst vorkommen kann, dass man Schlussfolgerungen aus einer Prüfung zieht, die über die geprüfte Einzeleigenschaft hinausgehen. Häufig ist auch eine Vielzahl an Prüfungen auf verschiedenen Prüfgeräten notwendig, um unterschiedliche Eigenschaften unter unterschiedlichen Randbedingungen (Beanspruchungskollektive) zu testen, da tribologische Systeme in der Praxis extrem komplex sind und die Funktionalität nahezu nie von einer Einzeleigenschaft abhängt. Eine einzelne Modellprüfung hat somit noch keine Aussagekraft für das reale Bauteil. Auch hierfür sind ein hohes tribologisches Verständnis und breitgefächerte Wissen notwendig.

Dieses Buch soll dazu dienen, den Wert und den wissenschaftlichen Anspruch der modernen Tribometrie darzustellen. Basierend auf der tribologischen Systemanalyse und der darauf aufbauenden Prüfstrategie können durch den Einsatz sinnvoller Laborprüfungen, verschiedene Optimierungsansätze in einem sowohl zeit- als kostentechnisch akzeptablem Rahmen evaluiert werden. Es wird aufgezeigt, wie ein anwendungsnaher Tribometerversuch aufbauend auf der Systemanalyse entwickelt werden kann und was dabei zu beachten ist. Die wichtigsten Modell- und Labortribometer werden ebenso erläutert, wie die in den Prüffeldern eingesetzten Bauteilprüfstände.

Ein weiterer häufig unterschätzter Aspekt ist die wissenschaftliche Planung, Auswertung und Bewertung der durchgeführten Versuche. Hier werden sowohl die eingesetzten Messverfahren und Sensoren beschrieben wie auch Hinweise zur Statistik und Darstellung der Messdaten gegeben. Zusätzlich werden in diesem Buch auch wichtige Randaspekte wie Oberflächenkennwerte und Oberflächenanalytik beleuchtet sowie die Bedeutung die Computersimulation mit ihren Anwendungsgebieten und Grenzen erläutert.

Ein großer Dank geht an dieser Stelle an zahlreiche Kollegen in den Prüffeldern von Firmen und in Forschungsinstituten auf deren Ergebnisse, Bilder und Erkenntnisse ich im Rahmen dieses Buches zurückgreifen konnte. Insbesondere möchte ich hier meinen Co-Referenten beim jährlichen TAE-Tribometrieseminar danken:

Dr. Martin Jech – Austrian Competence Center for Tribology (AC2T)

Dr. Tarek Lutz - Naturwissenschaftliches Institut Reutlingen (NMI)

Dipl.-Ing. Wilhelm Rehbein – Lanxess AG

Dr. Jürgen Rigo – Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM)

Dr. Christian Seyfert - Fuchs Schmierstoffe GmbH

Dipl.-Ing. Mario Witt - KS-Gleitlager GmbH

Obwohl in einem solchen Buch aufgrund des begrenzten Umfangs sicher nicht alle Aspekte eines jeden Themas hinreichend detailliert beschrieben werden können, so hoffe ich doch, dass es ein wichtiges Hilfsmittel und Nachschlagewerk für Personen wird, die sich für die moderne anwendungsnahe Tribometrie interessieren.


Mannheim, 14. Februar 2021 Markus Grebe

Abkürzungen


AE engl. Accoustic Emission – akustische Emission (Geräusch)
ANSI American National Standards Institute
ASTM American Society for Testing Materials
AW engl.: Anti wear (additives) – Verschleißschutz(additive)
BOTP engl.: ball on three plates; typische Prüfkonfiguration
BoR engl.: block on ring; typische Prüfkonfiguration
CEC Coordinating European Council
DLC engl. Diamond Like Carbon – diamantähnlicher Kohlenstoff
EBSD engl. Electron backscatter diffraction
EDX Energiedispersive Röntgenanalyse
EHD Elasto-Hydro-Dynamik
EP engl.: Extreme pressure (additives) – Hochdruck (-Additive)
DIN Deutsche Industrie Norm
DMS Dehnungsmessstreifen
DOE engl.: Design of experiments
f Reibwert (von engl.: fricition); auch μ
FIB engl.: Focused ion beam = fokusierter Ionenstrahl
FTIR Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer; engl.: Fourier transformed infrared spectrometer
GfT Gesellschaft für Tribologie
ISO International Standardization Organisation
OF Oberfläche
OFAT engl.: One factor at a time; Versuchsmethode
PT Temperaturfühler mit positivem Temperaturkoefizient
MEMS Micro-Electro-Mechanical System
MPR Micropitting-Rig; Rollenprüfstand der Fa. PCS Instruments
MTM Micro-Traction-Machine; Wälzprüfstand der Fa. PCS Instruments
NN Normalnull
NTC Temperaturfühler mit negativem Temperaturkoefizient
ppb engl.: parts per billion, Teile pro Billionen
REM Rasterelektronenmikroskop
SEM engl.: Scanning electron microscope (engl. für REM)
SIMS Sekundär-Ionen-Massenspektrometrie
SNMS Sekundär-Neutralteilchen-Massenspektrometrie
SRV Schwingungs-Reibverschleiß-Prüfstand (Fa. Optimol Instruments)
TAE Technische Akademie Esslingen
TC engl.: Thermo couple; Thermoelement
TEM Transmissions-Elektronen-Mikroskopie
TOF engl.: Time of flight; Messmethode z. B. in einem Flugzeitmassenspektrometer (engl.: Time-of-flight mass spectrometer)
UMT Universal Material Tester (Fa. Bruker)
VKA Vierkugel-Apparat
WLI Weißlicht-Interferometrie
XPS Röntgen-Photonen-Spektrometrie
ZnDTP Zinkdialkyldithiophosphat (auch ZDDP)
μ Reibwert (Quotient aus Reibkraft / Normalkraft); auch f

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Tribometrie

1.2 Background: Das Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM) an der Hochschule Mannheim

1.3 Bedeutung und Aufgaben der Tribologie

1.4 Die tribologische Beanspruchung

2 Erläuterung der Systemanalyse

2.1 Definitionen

2.2 Das Beanspruchungskollektiv

2.2.1 Elemente eines tribologischen Systems

2.2.2 Aufbau metallischer Oberflächen

2.2.3 Geometrische und wahre Kontaktfläche

2.2.4 Kontaktzustand

2.2.5 Schmierungszustand

2.2.6 Wechselwirkungen zwischen den Elementen

2.3 Verschleißmechanismen und deren Verschleißerscheinungsformen

2.4 Systemanalyse

3 Tribologische Prüftechnik

3.1 Messtechnik (Theorie)

3.2 Tribologische Messgrößen

3.2.1 Reibung

3.2.1.1 Reibungsmessgrößen

3.2.1.2 Reibungsmesstechnik

3.2.1.2.1 Kraft- und Drehmomentensensoren auf DMS-Basis

3.2.1.2.2 Piezosensoren

3.2.1.2.3 Oberflächen-Dehnungssensoren

3.2.2 Verschleiß

3.2.2.1 Verschleißmessung und Verschleißmessgrößen

3.2.2.2 Verschleißmesstechnik

3.2.3 Temperatur

3.2.3.1 Temperaturmesstechnik

3.2.3.1.1 PT100 / PT1000 (PTC-Sensoren) und NTC-Sensoren

3.2.3.1.2 Thermoelemente

3.2.3.1.3 Infrarot-Thermometer / Thermografie

3.2.3.1.4 Aufgedampfte Temperaturaufnehmer

3.2.3.1.5 Mehrpunkt-Messungen mit Faser-Bragg-Gitter-Sensor

3.2.3.1.6 Allgemein

3.2.4 Schwingungsmesstechnik

3.2.5 Sonstige Sensoren / Kombisensoren

3.3 Tribologische Prüfkategorien

3.3.1 Übersicht Modellprüfsysteme

3.3.1.1 Modellprüfsysteme für Abrasivverschleiß-Untersuchungen

3.4 Modellprüfgeräte / Labortribometer

3.4.1 Vierkugel-Apparat (VKA)

3.4.2 Schwing-Reib-Verschleiß-Prüfgerät (SRV)

3.4.3 Brugger- / Reichert-Prüfung

3.4.4 Bruker Universal Material Tester (UMT)

3.4.5 Timken-Prüfmaschine

3.4.6 Oszillierender Gleitreibungsprüfstand nach „Tannert“ / Tannert-Gleitindikator

3.4.7 Rotationstribometer

3.4.8 Mini-Traction-Machine (MTM)

3.4.9 Zwei-Scheiben-Prüfstände

3.4.10 Rollenprüfstände / Micro-Pitting-Rig (MPR)

4 Modell- und Simulationsprüfung

4.1 Modellprüfung (Kategorie VI)

4.1.1 Vorgehen bei der Modellprüfung

4.1.2 Modellprüfung in der Praxis

4.1.3 Aussagefähigkeit der Modellprüfung

4.2 Simulationsprüfung (beanspruchungsähnlicher Versuch mit Probekörpern, Kategorie V)

4.2.1 Vorgehen bei der Simulationsprüfung

4.3 Wie kann die Aussagekraft einer Laborprüfung verbessert werden?

4.3.1 Optimale Messtechnik

4.3.2 Festlegung der Prüfparameter

4.3.3 Berücksichtigung der Energiedissipation (Tribomutation)

4.3.3.1 Dynamische Einflüsse

4.3.3.2 Festlegung der geeigneten Prüfdauer

4.3.3.3 Statistische Absicherung der Ergebnisse

4.3.3.4 Unvermeidliche Toleranzen

4.3.3.5 Sonstige Einflussquellen

4.3.3.6 Abbruchkriterien

4.3.3.7 Dokumentation

4.3.3.8 Sonstiges

4.4 Auswertung und Interpretation tribologischer Messgrößen

4.5 Beispiele für anwendungsorientierte Bauteilprüfungen in Labortribometern

4.5.1 Kolben eines Klimakompressors im SRV

4.5.2 Kolbenring / Liner-Prüfung im SRV Prüfstand

4.5.3 Ventilschaftprüfung im SRV-Prüfstand

4.5.4 Frettingversuche an Stangenführungen

4.5.5 Prüfung von Kolbenstangendichtungen im SRV-Prüfstand

5 Bauteilprüfung

5.1 Wälzlagerprüfung

5.1.1 FE8 Prüfung (DIN 51819-2)

5.1.2 FE9-Prüfung (DIN 51821)

5.1.3 Komponentenerprobung

5.2 Zahnradprüfung / Getriebeölprüfung im FZG-Prüfstand

5.2.1 FZG-Fresstest (Laststeigerungslauf)

5.2.2 FZG-Langsamlauf-Verschleißtest

5.2.3 FZG-Pitting-Test und Graufleckigkeitstests

5.2.4 FZG-Wirkungsgrad-Test (Energieeffizienz-Test)

5.2.5 Übersicht Norm- und Standard-Prüfungen im FZG-Prüfstand

5.3 Hydrauliköl-Tests

5.3.1 Flügelzellenpumpentests Vickers V104C und Eaton 35VQ25

5.3.2 Denison-Pumpe

5.3.3 Bosch-Rexroth-Hydraulikfluid-Test

5.4 Gleitlager-Prüfung

5.4.1 Fresslasttest

5.4.2 Dauerlauf-Ermüdungstest

5.4.3 Partikelverträglichkeitstest / Test der Einbettfähigkeit

5.4.4 Dauerlauf-Verschleißtest / Start/Stopp-Test

5.4.5 Notlauftest

5.4.6 Sonstige nicht-motorische Gleitlagerprüfung

5.4.6.1 Versuche zur Ermittlung des maximalen pv-Wertes

5.4.6.2 Schwenklagerprüfung

5.4.6.3 Stoßdämpferlagerprüfung

5.5 Kupplungen, Bremsen, Synchronisierungen und Reibbeläge

6 Kunststoffprüfung

6.1 Besonderheiten bei Kunststoffen als Reibpartner

6.1.1 Randzone / Spritzhaut / Orientierung

6.1.2 Elastisch/plastisches Verhalten (Fließen)

6.1.3 Einfluss der Gegenkörperrauigkeit

6.1.4 Thermische Effekte

6.2 Reibungsuntersuchung / Kennlinienfelder

6.3 Verschleißuntersuchung

6.3.1 Versuchsdauer

6.4 Typische Modellprüfsysteme für die Kunststoffprüfung (DIN/ISO 7148)

6.4.1 Stift/Scheibe (Pin-on-Disc, PoD)

6.4.2 Ring/Platte oder Ring/Scheibe

6.4.3 Kugel/Prisma oder Ball-on-three-plates (BOTP)

6.4.4 Block auf Ring (Block-on-Ring, BoR)

6.4.5 Radialgleitlager

6.4.6 Linear-oszillierender Flächenkontakt

6.5 Stick-Slip-Untersuchungen

7 Design of Experiments (DOE) / Statistik

7.1 Grundprinzipien der Statistischen Versuchsplanung

7.2 Verschiedene Experimentier-Methoden

7.2.1 One-factor-at-a-time (OFAT)

7.2.2 DoE: Vollfaktorieller Versuch (auf mind. 2 Stufen)

7.2.3 DoE: Teilfaktorieller Versuch

7.2.3.1 Beispiel Basketball-Experiment

7.3 Statistik

7.3.1 Gauß-Verteilung

7.3.2 Definition von Ausreißern

7.4 Auswertung / Darstellungsarten

7.4.1 Boxplots

7.4.2 Haupteffektdiagramm (Main Effect Plot) und Wechselwirkungen

7.4.3 Kontur-Plot

7.4.4 Pareto-Diagramm

7.4.5 Histogramm

7.4.6 Weibull-Verteilung

7.4.7 Weitere Verteilungsfunktionen

7.5 Zusammenfassung DOE und Statistik

8 Oberflächenmesstechnik

8.1 Grundlagen und Begriffe

8.2 Messverfahren

8.2.1 Autofokussensor

8.2.2 Weißlicht-interferometrie (WLI)

8.2.3 Konfokalmikroskopie

8.2.4 Laserscanning-Mikroskop

8.3 2D-Oberflächenparameter

8.3.1 Amplitudenkennwerte

8.3.2 Traganteilskurve (Abbott-Firestone-Kurve)

8.4 3D-Oberflächenparameter

8.4.1 Vorteile der 3D-Messtechnik und Einteilung der Kennwerte

8.4.2 Amplitudenparameter

8.4.3 Hybridparameter / Mischparameter

8.4.4 Fazit 3D-Kennwerte in der ISO 25178

8.5 Filter und Fehlstellenkorrektur

8.6 Praxisbeispiel mikrostrukturierte Kunststoffgleitfläche

9 Oberflächenanalytik und chemische Analysen

9.1 Rasterelektronenmikroskopie (REM) mit energiedispersiver Röntgenanalyse (EDX) und Focus-Ion-beam-Technologie (FIB)

9.2 Fourier-Transformations-Infrarotspektrometer (FTIR) und Ramanspektroskopie

9.3 Röntgen-Photonen-Spektroskopie (XPS)

9.4 Sekundär-Neutralteilchen-Massenspektrometrie (SNMS) und Sekundär-Ionen-Massenspektrometrie (SIMS)

10 Computersimulation

11 Was zeichnet ein gutes Labor-Tribometer aus?

12 Zusammenfassung

13 Literaturhinweise und Quellenangaben

13.1 Veröffentlichungen und Bücher

13.2 Internet

13.3 Normen

14 Stichwortverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Tribometrie

Die Tribometrie beschäftigt sich mit dem Messwesen auf dem Gebiet der Tribologie.

Dies sind insbesondere die eingesetzten Prüfmaschinen (sog. Tribometer) und die aufgenommenen Messgrößen.

Die tribologische Prüftechnik ist und bleibt das wichtigste Hilfsmittel bei der Optimierung tribologischer Systeme. Obwohl in vielen Bereichen des täglichen Lebens und der Wissenschaft Computer die Arbeit übernommen haben, sind und bleiben mechanisch-dynamische Prüfungen auf Prüfständen in der tribologischen Forschung und Entwicklung unersetzlich. Sie sind notwendig, um unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen tribologische Systeme zu entwickeln und zu optimieren.

Prinzipiell erstreckt sich das Gebiet der Tribometrie von der Erprobung im Feld bis hin zum einfachen Laborversuch. Somit kann man jede Maschine auf der tribologische Fragestellungen untersucht werden, als Tribometer bezeichnen. In der Praxis versteht man unter Tribometer-Versuchen aber meist die relativ einfachen Laborprüfungen der Kategorie VI und V (Modell- und Probekörperversuche). Sowohl auf die unterschiedlichen Prüfmaschinen als auch die Prüfkategorien wird im Rahmen des Kapitels „3.4 - Modellprüfgeräte / Labortribometer“ noch detailliert eingegangen.

Neben der Beschreibung der wichtigsten Modell- und Bauteiltribometer werden auch wichtige Randthemen wie die eingesetzte Messtechnik, Oberflächenkennwerte und -analyse sowie auch Hinweise zur Statistik behandelt, um ein ausreichend breites Basiswissen zu schaffen, das es dem Leser letztendlich erlaubt, das volle Potential der Tribometrie auszuschöpfen.

Ein wichtiges Ziel dieses Buches ist es zu verdeutlichen, dass es in der modernen Tribometrie nicht mehr darum geht, blind Kennwerte zu erzeugen, sondern dass sie das Mittel ist, ein tiefgreifendes Verständnis für tribologische Vorgänge zu generieren.

1.2 Background: Das Kompetenzzentrum Tribologie Mannheim (KTM) an der Hochschule Mannheim

Das Kompetenzzentrum Tribologie verfügt zurzeit über mehr als 50 verschiedene Tribometer für Modell- und Freigabetests und zur Simulation unterschiedlichster tribologischer Systeme. Ergänzt wird der umfangreiche Prüfmaschinenpark durch Geräte und Apparaturen zur hochgenauen Analyse und Dokumentation von Oberflächen sowie für die Viskosimetrie, die Untersuchung des Alterungsverhaltens und die Ermittlung chemisch/physikalischer Kennwerte. Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind Untersuchungen unter Grenz- und Mischreibungsbedingungen. Das Kompetenzzentrum Tribologie arbeitet bei der Optimierung von tribologischen Systemen nach einem ganzheitlichen, systemanalytischen Ansatz (Abbildung 1). Das heißt, dass prinzipiell erst einmal alle möglichen Optimierungsansätzen wie Werkstoffe (Metalle, Keramiken, Kunststoffe), Beschichtungen und Schmierstoffe (Öle, Fette, Feststoffe) in Betracht gezogen werden. Ganz wichtig ist aber auch, nach maschinenbaulichen Lösungen zu suchen. Häufig liegt das Problem bereits in einer ungünstigen Konstruktion, ungeeigneter Endbearbeitung oder anderer systematischer Mängel. Mögliche Lösungsansätze werden dann in speziell und individuell geplanten Tribometerversuchen evaluiert. Erst am Ende erfolgt die Bewertung, in die dann auch wirtschaftliche Gesichtspunkte eingehen. Neben den öffentlich geförderten Projekten stellen auch bilaterale Kleinprojekte für KMU sowie der Technologietransfer einen Schwerpunkt der Arbeit dar.

Abbildung 1: Design-Thinking-Ansatz des KTM zur Problemlösung bzw. Optimierung tribologischer Systeme

In Rahmen der täglichen Arbeit stellt sich immer wieder die Frage über den Nutzen von Modell- und Laborprüfungen. Insbesondere die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Praxis wird hierbei häufig von skeptischen Kunden angezweifelt. Leider basieren viele dieser Zweifel tatsächlich auf schlechten Erfahrungen. Viele Kunden berichten von vollkommen gegensätzlichen Ergebnissen in den Modelltests und später in der Anwendung. Bei genauerer Betrachtung solcher Fälle muss man häufig feststellen, dass die Laborversuche für die praktische Fragestellung falsch ausgewählt, mit falschen Parametern durchgeführt oder einfach falsch interpretiert wurden.

In den letzten Jahren mussten wir mehrfach feststellen, dass es häufig an einem wissenschaftlichen Ansatz und ausreichend tribologischem Background fehlt. Teilweise kaufen sich Institute oder Firmen, die sich jahrelang mit anderen Themen beschäftigt haben, ein modernes Tribometer und wollen nun „auch noch den tribologischen Kennwert ermitteln“ (Originalzitat einer Firma, die sich zuvor auf chemische Materialanalysen konzentriert hatte). Das gleiche Problem sehen wir bei Instituten oder Abteilungen, die bisher auf die Computersimulation spezialisiert waren und denen nur noch der „tribologische Kennwert“ fehlt, um ein tribologisches System hochgenau im Computer abbilden zu können. Unterstützt wird diese Entwicklung von den Prüfstandsherstellern, die natürlich ein großes Interesse haben, ihre Geräte so zu bewerben, als ob jeder, ohne große Vorkenntnisse, problemlos tribologische Versuche durchführen könne. Das mag für einfache Modellprüfungen nach Norm vielleicht noch gelten. Werden die Versuche aber etwas anspruchsvoller, sind Bediener ohne Tribologie- und Maschinenbaukenntnisse häufig überfordert.

Dieses Buch soll dabei helfen, eine wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Auswahl und dem Design geeigneter Laborprüfungen aufzeigen sowie Hinweise zur Auswertung der Versuche geben. Daneben werden zahlreiche Randaspekte betrachtet, die für die Interpretation der durchgeführten Versuche und für das Verständnis der tribologischen Vorgänge hilfreich sind.

1.3 Bedeutung und Aufgaben der Tribologie

Auf der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Tribologie (GfT) 2014 gab es eine Podiumsdiskussion zur Zukunft der Tribologie. Damals war gerade die aktuelle „GfT-Tribologie-Studie 2014“ vorgestellt worden. Der so genannte Tribo-Talk stand daher unter dem Titel „Aufbruch oder Ernüchterung“. Alle Redner bestätigten dort die große Bedeutung der Tribologie für die Volkswirtschaft und Wissenschaft. Trotzdem klang bei allen etwas Wehmut heraus, da diese Bedeutung zwar in Fachkreisen unbestritten ist, sich der Allgemeinheit aber eher nicht erschließt. In Erinnerung geblieben ist mir der etwas resignierende Ausspruch eines Redners: „Tribologie ist halt nicht sexy“. Junge Menschen aber auch Politiker tendieren dazu in Schlagworten zu denken. Worte wie Klimaschutz, CO2-Neutralität, E-Mobility, Digitalisierung, Industrie 4.0, Additive Fertigung usw. hören wir tagtäglich in den Nachrichten. Das Wort Tribologie hört man dort nie. Selbst Fachleute können mit dem Begriff häufig nicht viel anfangen. Schaut man sich aber einmal die Aufgaben der Tribologie an (Abbildung 2), dann sind gerade wir Tribologen es, die die Lösungen zu den zuvor genannten Fragestellungen liefern können und müssen.

Abbildung 2: Aufgaben der Tribologie in Hinblick auf Nachhaltigkeit

Durch Reibung und Verschleiß entstehen den jeweiligen Volkswirtschaften der Industrieländer jährliche Verluste in Höhe von etwa 1,4% [HOLM2017] bis 7% [GFT2021] des Bruttosozialproduktes; das bedeutet für Deutschland mindestens 47 Milliarden EUR/Jahr. Durch konsequentes Umsetzen des bereits vorhandenen tribologischen Wissens könnten davon bereits große Teile eingespart werden. Durch weitere tribologische Forschung kann dieses Sparpotential noch gesteigert werden.

Die verstärkte Berücksichtigung tribologischer Kenntnisse bewirkt beträchtliche Einsparungen bei Energie- und Materialeinsatz, Produktion und Instandhaltung. Energie- und Rohstoffressourcen werden geschont, Umweltschäden vermieden und der Arbeitsschutz verbessert.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die weltweiten Klimaschutzziele nur erreicht werden können, wenn es gelingt, neue umweltfreundliche Technologien so attraktiv zu machen, dass sie sich auf dem Markt durchsetzen. Betrachtet man einmal den Anteil Deutschlands an den weltweiten Energieverbräuchen oder dem CO2-Ausstoß erkennt man schnell, dass eine auf Deutschland begrenzte Verbotspolitik nur einen symbolischen Charakter und global nahezu keine Wirkung hat. Stattdessen brauchen wir mehr Forschung und Innovationen, um eine globale Vorreiterrolle einzunehmen. Wir Wissenschaftler und Ingenieure sind also die Gestalter der Zukunft.

So „unsexy“ ist die Tribologie also eigentlich gar nicht. Wir müssen sie nur noch effektiver nutzen und vielleicht auch den Bekanntheitsgrad dieser Nischen-Disziplin erhöhen.

1.4 Die tribologische Beanspruchung

Der wesentliche Unterschied zwischen einer tribologischen und einer mechanischen Beanspruchung liegt in folgenden Punkten:

I.) Eine tribologische Beanspruchung ist primär in den Oberflächenbereichen von Werkstoffen wirksam.

II.) Bei tribologischen Beanspruchungen sind außer den kräftemäßigen auch stoffliche Wechselwirkungen zwischen den Partnern zu beachten.

Tribologische Kennwerte sind daher keine Werkstoffeigenschaft, sondern immer vom tribologischen Gesamtsystem abhängig!

Für tribologische Phänomene spielen daher vorwiegend die obersten Nanometer einer Oberfläche die entscheidende Rolle. Was dabei zu beachten ist, wird im Kapitel „2.2.2 - Aufbau metallischer Oberflächen“ verdeutlicht.

Wie komplex das Wechselspiel zwischen den Elementen des Tribosystems ist, wird dann im Kapitel „2.2.6 – Wechselwirkungen zwischen den Elementen“ detailliert beleuchtet.

Der Systemgedanke in der Tribologie wird sich wie ein roter Leitfaden durch das ganze Buch ziehen. Ohne ein hinreichendes Verständnis für diesen Aspekt sind sinnvolle tribologische Prüfungen, wissenschaftliches Arbeiten und allgemein tribologische Optimierungen nicht möglich.

2 Erläuterung der Systemanalyse

Basis aller tribologischen Begutachtungen ist die Methodik der Systemanalyse zur Beschreibung von Reibungs- und Verschleißvorgängen, die von CZICHOS Anfang der 1970er Jahre eingeführt wurde [CZIC1974]. Sie erlaubt die Erfassung und Ordnung aller wichtigen Größen in der Tribologie. Der erste Schritt besteht darin, die Bauteile einer Maschine oder Anlage, deren tribologisches Verhalten untersucht werden soll, räumlich von den anderen Bauteilen abzugrenzen („Freischneiden“). Dazu legt man in geeigneter Weise eine sogenannte Systemeinhüllende um die tribologisch beanspruchten Bauteile und um die anderen daran beteiligten stofflichen Partner (Abbildung 4). Die Bauteile und die stofflichen Partner bezeichnet man als die Elemente des Tribosystems. Bei einem Gleitlager bestehen sie z.B. aus der Welle, der Lagerschale, dem Schmierstoff und der Umgebungsatmosphäre. Die Elemente machen zusammen mit ihren Eigenschaften und Wechselwirkungen, zu denen wesentlich die Verschleißmechanismen gehören, die Struktur des Tribosystems aus, wobei man als Tribosysteme alle technischen Systeme bezeichnet, in denen Reibungs- und Verschleißprozesse ablaufen.


Abbildung 3: Bausteine der Systemanalyse

Abbildung 4: Funktion des Tribosystems nach CZICHOS/HABIG [CZIC2015]

2.1 Definitionen

In der Wissenschaft ist es wichtig, exakte Begriffsdefinitionen zu haben. Ursprünglich waren die wichtigsten Begriffe in der Tribologie in zahlreichen DIN-Normen zusammengestellt (DIN 50281, DIN 50320, DIN 50322, DIN 50323, DIN 50324). Diese wurden allerdings allesamt zurückgezogen, da das Firmeninteresse an der Mitarbeit in solchen Grundlagenarbeitskreisen gesunken ist. Die Definitionen sind aber weiterhin gültig und wichtig, weswegen sie in dem Arbeitsblatt 7 „Tribologie“ der deutschen Gesellschaft für Tribologie (GfT) zusammengefasst wurden [GFT7]. Aufgrund seiner Bedeutung kann dieses Arbeitsblatt kostenlos auf den Seiten der GfT heruntergeladen werden.

Kostenloser Download des Arbeitsblattes Nr. 7

unter https://www.gft-ev.de/arbeitsblaetter.htm


2.2 Das Beanspruchungskollektiv

Die wichtigsten Größen des Beanspruchungskollektivs sind:

• Bewegungsform

• Bewegungsablauf

• Belastung FN

• Geschwindigkeit v

• Temperatur T

• Zeit tB oder Weg s

Jede dieser Einzelbegriffe kann weiter unterteilt werden. So kann die Bewegungsform in

• Gleiten,

• Wälzen,

• Rollen,

• Stoßen oder Prallen,

• Strahlen und

• Strömen

unterteilt werden. Der Bewegungsablauf kann hierbei

• kontinuierlich,

• intermittierend (unterbrochen),

• repetierend (in einer Richtung wiederholend) oder

• oszillierend (hin und her)

sein.

Bei allen Größen ist der zeitliche Verlauf entscheidend. So hat ein zyklisches Be- und Entlasten eine vollkommen andere Wirkung auf das Tribosystem als eine konstante Kraft.

Auch bei der Temperatur ist beispielsweise ein stetiger Temperaturwechsel deutlich kritischer einzustufen als eine konstante Temperatur, da es dabei zu Kondensationseffekten und damit zum Wassereintrag kommen kann. Bei dem Faktor Zeit sind auch Stillstandszeiten zu berücksichtigen, weil es bei diesen zu einem Anstieg der Haftreibung, zum Wegfließen von Schmierstoff oder zu Korrosionseffekten kommen kann. Bereits kurze Stillstandszeiten helfen einem Tribosystem aber auch, sich thermisch zu erholen.

2.2.1 Elemente eines tribologischen Systems

Innerhalb der Struktur von Tribosystemen können vier Elemente unterschieden werden:

• Grundkörper

• Gegenkörper

• Zwischenstoff

• Umgebungsmedium


Abbildung 5: Elemente des Tribosystems

Jedes dieser Elemente kann durch verschiedene Eigenschaften beschrieben werden. Beim Grund- und Gegenkörper sind dies die Volumen- und Oberflächeneigenschaften. Auch diese können noch einmal unterteilt werden (siehe Tabelle 1). Beim Zwischenstoff erfolgt die Hauptunterteilung nach dem jeweiligen Aggregatzustand, d. h. ob der Zwischenstoff fest, flüssig oder gasförmig vorliegt. Detailliert wird diese Information durch die jeweiligen Stoffeigenschaften; im Fall des festen Körpers zusätzlich durch dessen Formeigenschaften. Auch beim Umgebungsmedium unterteilt man zuerst nach dem Aggregatzustand und im nächsten Schritt nach den jeweiligen Stoffeigenschaften.

Tabelle 1: Eigenschaften der Elemente


Grund-/ Gegenkörper Zwischenstoff Umgebungsmedium
1. Volumeneigenschaften Aggregatzustand Aggregatzustand
1. fest 1. flüssig
1.1. Stoffeigenschaften 1.1. Stoffeigenschaften 1.1. Stoffeigenschaften
- chem. Zusammensetzung - chem. Zusammensetzung - Volumen
- Struktur - Struktur - Dichte
- Festigkeit - Viskosität
1.2. Formeigenschaften 1.2. Formeigenschaften
- Gestalt - Gestalt
- Abmessungen - Abmessungen
2. Oberflächeneigenschaften 2. flüssig 2. gasförmig
2.1. Stoffeigenschaften 2.1. Stoffeigenschaften 2.1. Stoffeigenschaften
- chem. Zusammensetzung der - Volumen - Druck
Oberflächenschicht - Dichte - Feuchte
- Härte der Oberflächenschicht - Viskosität - Temperatur
2.2. Formeigenschaften
- Dicke der Oberflächenschicht
- Rauheit
3. gasförmig
3.1. Stoffeigenschaften
- Druck
- Feuchte
- Temperatur

Auf den ersten Blick sieht dies recht einfach aus, da man davon ausgeht, dass man diese Informationen in den entsprechenden Datenblättern oder Konstruktionszeichnungen finden kann. In der Praxis stößt man aber schnell auf Probleme. Bei den Zwischenstoffen enthalten die Datenblätter der Schmierstoffe aus Geheimhaltungsgründen häufig nicht die Informationen, die man für eine wissenschaftliche Bewertung benötigt. Auch die Stoffeigenschaften von Grund- und Gegenkörper sind nicht einfach zu finden. Aus den Konstruktionsunterlagen erhält man sicherlich Informationen, was für ein Material eingesetzt werden soll und wie der Vergütungszustand sowie die Form- und Rauheitseigenschaften der Oberfläche sind. Hierbei handelt es sich allerdings um theoretische Daten und Werte. Schaut man sich einmal eine reale metallische Oberfläche an - was heute dank moderner oberflächenanalytischer Verfahren möglich ist (siehe Kapitel 9) - so erkennt man, dass die für die tribologische Beanspruchung wichtige Oberfläche in ihrer Zusammensetzung und ihren Eigenschaften nicht dem Grundmaterial entspricht (Abbildung 6).

2.2.2 Aufbau metallischer Oberflächen

Jede reale Oberfläche ist in der Praxis von einer Adsorptionsschicht bedeckt, die nur wenige Nanometer dick ist, aber bereits einen signifikanten Einfluss auf das tribologische Verhalten hat.

Abbildung 6: Aufbau metallischer Oberflächen.

Ein bekannter Tribologe, der GfT-Vogelpohl-Ehrenpreisträger Werner Stehr, bezeichnet diese Schicht gerne als „Schlonz“. Dieser schwäbische Begriff verdeutlicht sehr schön, wie wenig man in der Praxis über die Zusammensetzung dieser oberflächennahen Schichten weiß.

Untersuchungen an Pressverbänden von Turboladern am Kompetenzzentrum Tribologie haben gezeigt, dass bereits das Berühren von zuvor gereinigten metallischen Bauteilen Haftreibwerte um den Faktor zwei reduzieren können. Für die praktische Anwendung bedeutet dies, dass der Reinigungszustand sehr genau beschrieben werden muss. Für anwendungsnahe tribologische Versuche muss man sich Gedanken machen, wie der Oberflächenzustand in der Praxis ist. Eine chemisch optimal gereinigte Oberfläche ist für die Wiederholbarkeit eines Laborversuchs vielleicht vorteilhaft, kann aber vollkommen andere Ergebnisse liefern als real kontaminierte Bauteile.

Unterhalb dieser Adsorptionsschicht findet man bei Metallen eine Oxid- oder Reaktionsschicht, die man heute beispielsweise im TEM oder im FIB/XB gut nachweisen kann (Abbildung 7 und Abbildung 8).

Abbildung 7 TEM-Darstellung einer Reaktionsschicht [Quelle: NMI Reutlingen]

Abbildung 8 FIB/XB-Darstellung des OF-nahen Gefüges [Quelle: NMI Reutlingen]

2.2.3 Geometrische und wahre Kontaktfläche

Die Oberfläche ist aber nicht nur chemisch schwer zu beschreiben, auch die Bestimmung der wahren Kontaktfläche ist kompliziert. Die wahre Kontaktfläche ist immer um Größenordnungen kleiner als die geometrische Kontaktfläche, die sich beim ebenen Kontakt aus Länge mal Breite berechnet. Die wahre Kontaktfläche hingegen ist die Summe aller Mikrokontakte, die sich aus der elastisch/plastischen Deformation in Abhängigkeit der Normalkraft ergibt.


Abbildung 9: Wahre Kontaktfläche

Betrachtet man einmal, wie sich die wahre Kontaktfläche in Abhängigkeit der Normalkraft ändert, so erkennt man, dass die tatsächliche Berührungsfläche annähernd im selben Maß wächst, wie die Normalkraft. Das bedeutet, dass die reale Flächenpressung quasi immer gleichbleibt (Abbildung 10). Diese Aussage basiert zwar auf einer sehr idealisierten Annahme, sie verdeutlicht allerdings das grundsätzliche Phänomen.

Abbildung 10: Tatsächliche und scheinbare Berührfläche (nach [GÄNS1960])

Wie die wahre Kontaktfläche mit der Normalkraft steigt, lässt sich schön mit einem transparentem Silikonstempel auf einer rauen Oberfläche zeigen (Abbildung 11).

Abbildung 11: Ausbildung der wahren Kontaktfläche zwischen einem Silikonstempel und einer rauen Oberfläche [PERS2009]

Um die wahre Kontaktfläche berechnen oder zumindest abschätzen zu können, ist eine genaue Beschreibung der Oberflächen notwendig. Die entsprechenden 2D- und 3D-Rauheits- und Topografiekennwerten werden im Kapitel 8 behandelt.

2.2.4 Kontaktzustand

Wie Grund- und Gegenkörper miteinander in Kontakt kommen, wird vom Kontaktzustand beschrieben. Hier unterscheidet man die geometrische Konformität, die Form der Tribokontaktfläche und das Eingriffsverhältnis (Abbildung 12).

Abbildung 12: Beschreibung des Kontaktzustandes

Die geometrische Konformität (Schmiegung) beeinflusst vorwiegend die Pressung und im Falle eines geschmierten Systems das hydrodynamische Verhalten. Hier unterscheidet man konforme und kontraforme Kontakte. Ebenfalls für die Pressung und das Schmierungsverhalten relevant ist, ob ein Flächen-, Linien- oder Punktkontakt vorliegt. Die Schmierung und die Kontaktart beeinflussen die Pressung im Bereich von mehreren Zehnerpotenzen. So liegen typische Pressungen für technische Systeme im Flächenkontakte im Bereich unter 150 N/mms2; für Linienkontakte unter 1500 N/mm2 wohingegen Punktkontakte häufig Pressungen deutlich über einem Gigapascal aufweisen.

Die Pressung in einem Punkt- oder Linienkontakt lässt sich relativ einfach mit den Formeln nach Hertz berechnen [HERT1881]. Obwohl diese nun über 140 Jahre alt sind, ergeben sich mit diesen Formeln bereits sehr gute Näherungswerte, die für Abschätzungen in aller Regel vollkommen ausreichen.

Abbildung 13: Pressungsberechnung mit den Formeln nach Hertz (in Anlehnung an [WITT1991])

Die Hertzschen Formeln wurden erst im Jahre 1971 von JOHNSON, KENDAL und ROBERTS um die Adhäsionskräfte erweitert (JKR-Theorie [JOHN1971]). Weitere Forscher entwickelten ähnliche Theorien, die sich aber nur gering in den Ergebnissen unterscheiden, sodass sich die JKR-Theorie durchgesetzt hat. Der wesentliche Unterschied zum nicht-adhäsiven Kontakt besteht darin, dass an den Rändern des Kontaktgebietes die Spannung nicht null ist, sondern einen unendlich großen negativen Wert annimmt. Die Berücksichtigung der endlichen Reichweite der Adhäsionskräfte beseitigt in der Realität diese Singularität. Dennoch erreichen die Spannungen laut POPOV an den Rändern eines adhäsiven Kontaktgebietes relativ große Werte in der Größenordnung der theoretischen Festigkeit der Van-der-Waals-Bindungen [POPO2009].

Neben den absoluten Pressungen ist auch die Spannungsverteilung für die Beanspruchung entscheidend. So tritt bei einem statisch belasteten Walzenpaar die Maximalspannung in einer Tiefe von 0,78-mal der halben Kontaktbreite auf (Abbildung 14). Das bedeutet, dass der Ort der Rissentstehung voraussichtlich unter der Oberfläche liegen wird (zum Beispiel bei Zahnrädern bei ausreichender Schmierung).

Abbildung 14: Spannungsverteilung bei einem Walzenpaar und passend skaliertes Schliffbild mit einem Riss in der Tiefe (in Anlehnung an [BROS1982])

Die Formeln nach Hertz basieren allerdings auf einigen idealisierten Annahmen. So gelten sie nur für isotope und rein elastische Körper mit ideal glatten Oberflächen. Daneben gelten sie ausschließlich für den statischen Fall. Betrachtet man nun eine dynamische Beanspruchung, so verschieben sich die Spannungsmaxima in Richtung der Oberfläche. Die nachfolgende Abbildung zeigt, wie mit steigendem Reibwert das Spannungsmaxima an die Oberfläche wandert (Abbildung 15).

Abbildung 15: Spannungsmaxima mit steigendem Reibwert (in Anlehnung an [BROS1982])

2.2.5 Schmierungszustand

In geschmierten Systemen ist die tribologische Beanspruchung stark von den hydrodynamischen Bedingungen abhängig. Eine vereinfachte, idealisierte aber sehr bekannte Darstellung ist die sogenannte Stribeckkurve. Sie zeigt, wie sich der Reibungskoeffizient eines geschmierten Gleitlagers mit steigender Drehzahl verändert. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die dynamische Viskosität und die Normalkraft während des Versuchs nicht ändern. Dies ist eine idealisierte Annahme, die in der Praxis häufig so nicht gilt.


Abbildung 16: Idealisierte Stribeckkurve eines geschmierten Radialgleitlagers

Der Begriff Stribeckkurve wird teilweise auch als Synonym für die Veränderung des Reibwertes in Abhängigkeit der Gleitgeschwindigkeit verwendet. Man findet diesen Begriff daher teilweise auch bei trockenen Tribosystemen.

2.2.6 Wechselwirkungen zwischen den Elementen

Neben der exakten Beschreibung der Oberflächen stellen auch die Wechselwirkungen zwischen den Elementen des Tribosystems ein großes Problem dar. Jedes der vier Elemente agiert mit einem anderen Element. So beeinflussen sich beispielsweise Grund- und Gegenkörper durch die später noch detailliert beschriebenen Verschleißmechanismen. Zwischen Grund- und Gegenkörper und dem Umgebungsmedium kommt es zu Absorptionsprozessen, chemischen Reaktionen und Sublimation. Besonders kompliziert ist das Zusammenspiel mit dem Zwischenstoff (Abbildung 17). Neben der gewünschten Wirkung der Additive des Schmierstoffs gibt es hier auch vielfältige und teilweise negative Wechselwirkungen.

Abbildung 17: Übersicht über die möglichen Wechselwirkungen zwischen den Elementen (nach [CZIC10])

2.3 Verschleißmechanismen und deren Verschleißerscheinungsformen

Wie zuvor bei den Wechselwirkungen schon angedeutet, beeinflussen sich Grund- und Gegenkörper über die Verschleißmechanismen. In der Tribologie hat man vier Hauptverschleißmechanismen definiert. Adhäsion, Abrasion, Oberflächenzerrüttung und tribochemische Reaktion (Tribooxidation) (Abbildung 18).

Abbildung 18: Übersicht über die vier Hauptverschleißmechanismen

Jeder dieser Verschleißmechanismen zeigt typische Verschleißerscheinungsformen. Diese sind in Abbildung 19 dargestellt. Die Verschleißerscheinungsformen sind ein wichtiges Puzzleteil bei der Schadensanalyse. Anhand der richtigen Deutung der Verschleißerscheinungsformen sowie weiterer Informationen zum Tribosystem kann eine Hypothese über mögliche Ursachen aufgestellt werden. Dies ist von entscheidender Bedeutung, um geeignete Abhilfemaßnahmen zu finden und diese im Labor zu testen. Eine vereinfachte Übersicht über Möglichkeiten die jeweiligen Hauptverschleißmechanismen einzuschränken, findet sich in Abbildung 20. In der Praxis ist die Bewertung der Verschleißerscheinungsformen allerdings nicht so einfach. Häufig sind ursprüngliche Schäden bereits durch Folgeschäden verdeckt. So führt ein einzelner Partikel, der beispielsweise infolge von Oberflächenzerrüttung entstanden ist, sehr schnell zu einer deutlichen Riefung (Abrasion) und gegebenenfalls auch zu Adhäsionserscheinungen. Es ist daher wichtig, Bauteile zu analysieren, bei denen der Schaden gerade eben erst aufgetreten ist. Diese sind allerdings in der Praxis schwer zu finden, da es nur selten gelingt, eine Maschine zum richtigen Zeitpunkt und schnell genug abzuschalten.

Abbildung 19: Typische Verschleißerscheinungsformen der vier Hauptverschleißmechanismen

Abbildung 20: Mögliche Lösungsansätze zur Reduzierung von Schäden in Abhängigkeit der wirkenden Hauptverschleißmechanismen

2.4 Systemanalyse

Bei der Systemanalyse versucht man, das vorliegende reale tribologische System möglichst genau zu beschreiben. Erst wenn man diese Informationen zusammen hat, kann man einen geeigneten tribologischen Versuch im Labor planen.

Am Beispiel eines stirnradverzahnten Getriebes sind die zu bestimmenden Größen in Abbildung 21 dargestellt.

Abbildung 21: Systemanalyse an einem Getriebe

3 Tribologische Prüftechnik

Die Aufgaben tribologischen Prüftechnik sind vielfältig:

• Bestimmung verschleißbedingter Einflüsse auf die Gesamtfunktion von Maschinen.

• Überwachung der verschleißabhängigen Einsatzfähigkeit von Maschinen.

• Diagnose von Betriebszuständen.

• Optimieren von Bauteilen bzw. tribotechnischen Systemen zum Erreichen einer vorgegebenen verschleißbedingten Gebrauchsdauer.

• Schaffung von Daten für die Instandhaltung.

• Vorauswahl von Werkstoffen und Schmierstoffen für praktische Anwendungsfälle.

• Qualitätskontrolle von Werkstoffen und Schmierstoffen.

• Verschleißforschung, mechanismen-orientierte Verschleißprüfung.

Um diese Aufgaben erfüllen zu können, müssen belastbare Kenngrößen aufgenommen werden. In diesem Kapitel soll daher auf die wichtigsten Messgrößen und die entsprechenden Messtechniken eingegangen werden.

3.1 Messtechnik (Theorie)

Bevor in den nächsten Kapiteln auf die Messung der wichtigsten tribologischen Kenngrößen eingegangen wird, sollen in diesem Kapitel die notwendigen theoretischen Grundlagen vermitteln werden.

Eine Messung liefert die quantitative Information über den aktuellen Zustand einer physikalischen Größe, die ansonsten nur abgeschätzt werden könnte. Messungen sind daher in allen Bereichen der Wissenschaft unerlässlich.

Eine Messkette besteht aus drei Elementen: dem Sensor, der Signalkonditionierung und der Auswertung und Aufzeichnung. Der Sensor hat die Aufgabe, die Messgröße in eine detektierbare analoge Form zu überführen. In der Signalverarbeitung wird das Signal so aufbereitet, dass es über größere Strecken sicher transportiert werden kann. Am Ende der Messkette steht die Datenaufzeichnung und Auswertung (Abbildung 22).

Abbildung 22: Aufbau der Messkette

Keine Messung ist zu 100 % perfekt und korrekt. In der Realität muss man daher immer mit einer Messunsicherheit rechnen. Das bedeutet, dass eine endliche Anzahl von Messwerten um das eigentliche Ergebnis einer Messgröße verteilt ist. In der Praxis ist es wichtig, diese Messunsicherheit zu kennen. Im üblichen Sprachgebrauch ist das Wort Unsicherheit nicht gerade vertrauensbildend. Im technisch-wissenschaftlichen Bereich sieht das aber anders aus: Hier ist es ein Qualitätsmerkmal und zeigt, dass ein angegebener Kennwert durch mehrere Messungen statistisch abgesichert ist.

Das Internationale Wörterbuch der Metrologie [VIM1993] definiert Messunsicherheit als einen Kennwert, der den Bereich der Werte charakterisiert, die der Messgröße durch die durchgeführte Messung vernünftigerweise zugeschrieben werden können. Die nach einem einheitlichen Verfahren berechnete und in einer bestimmten Weise mitgeteilte Messunsicherheit drückt so die Stärke des Vertrauens aus, mit der angenommen werden darf, dass der Wert der gemessenen Größe, unter den Bedingungen der Messung, innerhalb eines bestimmten Werteintervalls liegt [KESS1998].

Auch hier ist es zum Verständnis notwendig, bestimmte Fachbegriffe zu definieren:

Dies ist zum einen die äußere Genauigkeit (engl. accuracy). Sie gibt die Abweichung zwischen dem gemessenen Wert und dem unbekannten wahren Wert an. Bei einer schlechten äußeren Genauigkeit liegen die Messwerte zwar nah beieinander; ihr Mittelwert weicht aber stark von dem wahren Wert ab (siehe Abbildung 23, 2. Bild v. links).

Die Präzision (engl. precision) wird auch Wiederholgenauigkeit oder innere Genauigkeit genannt und gibt die Verteilung der Werte bei wiederholter Messung an. Hierbei unterscheidet man zwischen der Wiederholbarkeit (engl. repeatability) und der Vergleichbarkeit (engl. reproducability). Die Wiederholbarkeit gibt an, wie gut sich ein Versuch von derselben Person, am selben Ort, mit demselben Gerät wiederholt lässt. Die Vergleichbarkeit gibt an, wie gut sich Messungen von unterschiedlichen Personen an verschiedenen Orten vergleichen lassen. Diese beiden Größen werden in Prüfnormen durch Ringversuche bestimmt und müssen regelmäßig überprüft und aktualisiert werden.

Es ist sehr wichtig, sich diese Werte in den entsprechenden Normen genau anzuschauen, da ansonsten Unterschiede in den Messergebnissen überinterpretiert werden. Gerade bei älteren Prüfungen sind die Werte für diese beiden Kenngrößen häufig sehr schlecht (siehe zum Beispiel VKA Schweißkraft – DIN 51350 T2 und T4).

Abbildung 23: Äußere und innere Genauigkeit

Weitere wichtige Begriffe in der Messtechnik sind die Auflösung (engl. resolution) und die Empfindlichkeit (engl. sensitivity). Die Auflösung ist definiert als der kleinste messbare Unterschied am Anzeigegerät. Dies ist also die letzte Stelle, welche am Anzeigegerät dargestellt wird. Nach DIN 1319 [DIN1319] versteht man unter Empfindlichkeit die „Änderung des Wertes der Ausgangsgröße eines Messgerätes bezogen auf die sie verursachende Änderung des Wertes der Eingangsgröße“.

Das Ergebnis einer Messung stellt eine Annäherung oder Schätzung aufgrund der gemessenen Werte der Messgröße (Stichproben) an den „wahren“ und unbekannten Wert der Grundgesamtheit (unendliche Population) dar. Ein Messergebnis ist nur dann vollständig, wenn eine Angabe der Messunsicherheit erfolgt. Die Angabe einer Messunsicherheit verdeutlicht, dass der „wahre“ Wert einer Messgröße nicht bekannt sein kann.

Messungen sind Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten unterworfen, die nicht exakt quantifiziert werden können. Einige von ihnen haben ihre Ursache in zufälligen Effekten (Typ A), wie kurzzeitigen Schwankungen der Temperatur oder der Luftfeuchtigkeit der Umgebung. Auch die nicht gleichmäßige Leistungsfähigkeit des Beobachters, der die Messung ausführt, kann Ursache zufälliger Effekte sein. Ein gutes Beispiel sind Ablese- oder Einstellfehler bei analogen Messgeräten. Messungen, die unter den gleichen Bedingungen wiederholt werden, zeigen auf Grund dieser zufälligen Einflüsse unterschiedliche Ergebnisse.

Andere Unzulänglichkeiten und Unvollkommenheiten haben ihre Ursache darin, dass gewisse systematische Effekte nicht exakt korrigiert werden können (sog. Bias-Fehler, Typ B) oder auch nur näherungsweise bekannt sind. Systematische Fehler liefern einen konstanten Unterschied zwischen dem gemessenen Wert und den wahren Wert und können daher nicht mit statistischen Mitteln behandelt werden. Hierzu gehören u. a. die Nullpunktsabweichung eines Messinstrumentes (Tara-Fehler), die Veränderung der charakteristischen Werte eines Normals zwischen zwei Kalibrierungen (Drift), die Voreingenommenheit des Beobachters (Erwartungshaltung) einen zuvor erhaltenen Wert bei der Ablesung wiederzufinden, oder auch die Unsicherheit, mit der der Wert eines Referenznormales oder Referenzmaterials angegeben wird. Systematische Fehler lassen sich nur durch den Einsatz unterschiedlicher Messinstrumente und unterschiedlicher Personen analysieren. Zufällige Fehler lassen sich dahingegen statistisch in den Griff bekommen. Ihre Ursache ist zum Beispiel das Rauschen eines Messsignals, die ungenügende Genauigkeit der Messinstrumente und Fluktuationen.


Abbildung 24: Summe aller Fehler

Rechnet man mit Messwerten, so muss man beachten, dass sich dabei auch die Unsicherheiten der Messungen verändern (Fehlerfortpflanzungsgesetz). Bei Addition und Subtraktion addieren sich die absoluten Fehler; bei Multiplikation und Division addieren sich die relativen Fehler; bei Potenzen vervielfachen sich die relativen Fehler um den Exponenten. Zur Abschätzung der Fehlerfortpflanzung gibt es verschiedene mathematische Modelle, die hier aber nicht näher betrachtet werden sollen (Gauß‘sches Fehlerfortpflanzungsgesetz, Taylor Polynom, …).

Weitere Informationen insbesondere zur Auswertung mittels statistischer Methoden werden im Kapitel „7.3 - Statistik“ behandelt.

3.2 Tribologische Messgrößen

Die beiden wichtigsten Messgrößen in der Tribologie sind die Reibung und der Verschleiß. In der modernen Tribometrie versucht man aber, möglichst viele Messgrößen aufzunehmen. Zum einen helfen einige von ihnen, andere Größen zu bestätigen oder besser interpretieren zu können; zum anderen liefern zusätzliche Größen wie Beschleunigung (Schwingungen, Geräusch), Kontaktstrom oder Übergangswiderstand sowie Schmierfilmhöhe und –druck weitere wichtige Informationen über den Zustand des Tribosystems.

Ein gutes Beispiel wie eine weitere Messgröße zur Interpretation herangezogen werden kann, ist die Temperaturmessung zur Analyse eines Reibungssignals. Beispiele, wie dies praktisch genutzt werden kann, finden sich im Kapitel 4.4. Ebenso wird dort gezeigt, wie beispielsweise das Kontaktstromsignal hilft, Schmierfilmversagen festzustellen.

3.2.1 Reibung

Reibung äußert sich als Widerstandskraft sich berührender Körper gegen die Einleitung einer Relativbewegung (Ruhereibung, statische Reibung) oder deren Aufrechterhaltung (Bewegungsreibung, dynamische Reibung) [CZIC2015]. Neben dieser „äußeren Reibung“ gibt es die „innere Reibung“ von Stoffen (Viskosität), welche in das Fachgebiet der Rheologie gehört und daher hier nicht weiter vertieft werden soll.

Die Einteilung der Reibung in Festkörper-, Grenz- und Mischreibung sowie Hydrodynamik wurde bereits beim Thema Stribeckkurve erwähnt (Kapitel 2.2.5). Darüber hinaus ist zwischen Haft- und Gleitreibung zu unterscheiden. Diese Begriffe werden im Kapitel Kunststoffprüfung und beim Thema Stick-Slip noch einmal näher beleuchtet (Kapitel 6.2 und 6.5).

Die Einzelprozesse der Reibung lassen sich aus physikalischer Sicht nach CZICHOS in einer Energiebilanz wie folgt zusammenstellen:

I. Energieeinleitung

Berührung technischer Oberflächen

Bildung der wahren Kontaktfläche

Mikrokontaktflächenvergrößerung („junction growth“)

Delamination von Oberflächen-Deckschichten

Grenzflächenbindung und Grenzflächenenergie

II. Energieumsetzung

Deformationsprozesse (mikroskopisch/atomar und makroskopisch)

Adhäsionsprozesse (Energieumsetzung beim Trennen adhäsiver Bindungen)

Furchungsprozesse (Deformation)

III. Energiedissipation

Thermische Prozesse (makroskopisch)

Erzeugung von Wärme (mechanisches Wärmeäquivalent)

Energieabsorption

Phononen-/Elektronenanregungen

Elastische Hysterese

Gitterdeformationen

Erzeugung und Wanderung von Punktfehlern und Versetzungen

Ausbildung von Eigenspannungen

Mikro-Bruchvorgänge

Phasentransformationen

Tribochemische Reaktionen

Energieemission

Wärmeleitung

Wärmestrahlung

Schwingungsausbreitung / Phononenemission

Schallemission

Photonenemission (Tribolumineszenz)

Elektronen- und Ionenemission.

Die Reibungsmechanismen lassen sich grob in folgende Einzeleffekte aufteilen:

• Adhäsion und Scheren

• Plastische Deformation

• Furchung

• Elastische Hysterese und Dämpfung.

In praktischen tribotechnischen Systemen überlagern sich im Allgemeinen diese elementaren Reibungsmechanismen mit nicht erfassbaren, zeitlich und örtlich im Kontaktbereich wechselnden Anteilen, so dass das praktische Reibungsverhalten nicht theoretisch, sondern nur experimentell charakterisiert werden kann, womit wir wieder bei der Bedeutung der tribologischen Prüftechnik angekommen wären.

Um den Umfang dieses Buches nicht zu sprengen, soll das umfangreiche und hochwissenschaftliche Thema Reibungstheorien hier nicht weiter ausgeführt werden. Hier wird auf typische Grundlagenbücher wie das Tribologie-Handbuch von CZICHOS/HABIG oder das Buch „Kontaktmechanik und Reibung“ von POPOV verwiesen [POPO2009].

3.2.1.1 Reibungsmessgrößen

Es gibt vielfältige direkte und indirekte Reibungsmessgrößen. Die nachfolgende Übersicht zeigt die wichtigsten Größen:


Abbildung 25: Übersicht Reibungsmessgrößen

Unterschiedliche Reibungsmessgrößen haben dabei unterschiedliche Aussagen. Es ist daher wichtig, sich Gedanken zu machen, welche Größen welchen Einfluss auf das Realsystem haben. Häufig ist beispielsweise die (spezifische) Reibungsleistung wichtiger als einfache Kennwerte (Reibkraft, Reibungszahl). Dieser energetische Ansatz wird später im Kapitel 6.2 (Kunststoffprüfung) noch detailliert erläutert.

Ein schönes Experiment von Herrn Stehr ist in Abbildung 26 dargestellt. Es zeigt eine „einfache“ Möglichkeit, die Reibung eines Tribosystems auf ein Zehntel zu reduzieren. Der aufmerksame Leser wird aber sicher gleich bemerken, dass man sich diese Reibungsoptimierung mit einer deutlich höheren Kontaktpressung erkauft. Durch den um den Faktor 10 kleineren Lagerdurchmesser erzeugt die an der Kontaktfläche zwischen Welle und Lager wirkende Reibkraft ein 10-mal geringeres Reibmoment als das größere Lager – unter der idealisierten Annahme, dass der Reibwert gleich ist. Die „sture“ Betrachtung des Reibwertes kann also in die Irre führen.

Abbildung 26: Experiment zum Einfluss des Lagerdurchmessers [Quelle: W. Stehr]

3.2.1.2 Reibungsmesstechnik

In der Kraftmesstechnik und damit auch in der Reibkraftmessung kommen verschiedene Messprinzipien zum Einsatz. In der Praxis durchgesetzt haben sich vorwiegend zwei Prinzipien: piezoelektrische Sensoren und Kraftsensoren basierend auf Dehnungsmessstreifen (DMS).

3.2.1.2.1 Kraft- und Drehmomentensensoren auf DMS-Basis

Zur Messung von Verformungen an Bauteilen werden vorwiegend Dehnungsmessstreifen (DMS; englisch: strain gauge) eingesetzt. Sie ändern bei Verformungen ihren elektrischen Widerstand und werden als Dehnungssensoren eingesetzt. Man klebt sie mit Spezialkleber auf Bauteile, die sich unter Belastung minimal verformen. Diese Verformung (Dehnung/Stauchung) führt dann zur Veränderung des Widerstands des DMS. Über die Verformung kann auf die wirkenden Spannungen und Kräfte zurückgeschlossen werden, wenn Geometrie und E-Modul bekannt sind (Experimentelle Beanspruchungsanalyse, Spannungsanalyse). DMS sind das Kernstück vieler Aufnehmertypen zur Kraft- und Drehmomentenmessung, weswegen sie hier etwas detaillierter behandelt werden. Sie sind vergleichsweise günstig und können vom statischen Fall bis in den Kiloherzbereich eingesetzt werden.


Abbildung 27: Kraft -> Dehnung -> Widerstandsänderung -> Spannung [Quelle: Baumer GmbH]

Ein DMS besteht aus einem Trägermaterial (z. B. dehnbare Kunststofffolie) mit aufgebrachter Metallfolie, aus welchem – je nach Anforderung in sehr verschiedenen geometrischen Formen - ein Gitter aus elektrisch leitfähigem Widerstandsmaterial herausgearbeitet wird. Dabei wird das Verhalten ausgenutzt, dass bei Dehnung eines metallischen Leiters seine Länge zu- und der Durchmesser abnimmt, wodurch schließlich sein elektrischer Widerstand proportional steigt:

ΔR/R = k * ε

Dabei entspricht ΔR/R der Widerstandsänderung bezogen auf den Ausgangswiderstand; ε = ΔI/I der Längendehnung; die Dehnungsempfindlichkeit wird als k-Faktor bezeichnet. Daraus resultiert auch die charakteristische Bahnführung innerhalb des DMS: die Widerstandsbahn ist mäanderförmig, d.h. "in Schlangenlinien", ausgeformt, um eine möglichst lange Strecke der Dehnung auszusetzen.

Die Widerstandsänderung eines einzelnen DMS kann grundsätzlich durch eine einfache Widerstandsmessung ermittelt werden. In der Praxis werden aber üblicherweise ein, zwei oder vier DMS in einer wheatstoneschen Brücke angeordnet (-> Viertel-/Halb-/Vollbrücke), dabei ist der Nennwiderstand (Impedanz) R0 aller DMS (und der ggf. verwendeten Ergänzungswiderstände) üblicherweise gleich (R1=R2=R3=R4=R0). Im unbelasteten Zustand sind typische R0-Werte 120 Ω, 350 Ω, 700 Ω und 1 kΩ. Da alle Widerstände gleich sind, ist die Diagonalspannung UD 0 V (Abbildung 28).

Die Vollbrücke ist die optimale Konfiguration, da sie die besten Eigenschaften aufweist in Hinblick auf Linearität bei Strom-/Spannungsspeisung, 4-fache Empfindlichkeit gegenüber der Viertelbrücke, sowie systematische Kompensation von Störeinflüssen wie Temperaturdrift und Kriechen. Um die hohe Empfindlichkeit zu erreichen, werden dabei die vier einzelnen DMS auf dem Träger so angeordnet, dass je zwei gedehnt und zwei gestaucht werden.

Abbildung 28: Viertel-, Halb- und Vollbrückenschaltung

Um die geringen Brückenspannungen prozesssicher übertragen und auswerten zu können, werden DMS-Messverstärker eingesetzt, die aus der geringen Diagonalspannung im Bereich von wenigen Millivolt Ausgangsspannungen im Bereich mehrerer Volt erzeugen.

Ein eher seltener Spezialfall von DMS sind optischen DMS (z. B. mit Faser-Bragg-Gitter (FBG)), bei denen die Krafteinwirkung auf eine als Sensor genutzte Faser eine proportionale Veränderung von deren optischen Eigenschaften bewirkt. Dieser Typ gewinnt aber im Bereich der experimentelle Spannungsanalyse immer mehr an Bedeutung, da diese Sensoren bestens für neue Materialien wie glas- und kohlefaserverstärkte Verbundwerkstoffe geeignet sind, die häufig in modernen Konstruktionen eingesetzt werden, die hohen Beanspruchungen unterliegen wie beispielsweise Flugzeuge und Windkraftanlagen. Bei diesem Sensortyp wird Licht mit einer bestimmten Wellenlänge in eine Glasfaser geleitet. Je nach Verformung des in den Sensor eingelaserten Gitters durch die mechanische Beanspruchung wird ein Teil des Lichts reflektiert und mit einem geeigneten Messwertaufnehmer (Interrogator) ausgewertet. Die genaue Beschreibung dieser Technik findet sich im Kapitel 3.2.3.1.5, da mit dieser Methode auch lokale Temperaturen in einer langen Glasfaser gemessen werden können (Mehrpunktmessung). Solche optischen Sensoren sind immer dann eine gute Wahl, wenn die erforderliche Anzahl an Einzelmessstellen relativ groß ist und/oder wenn die Abstände zu und zwischen den Messstellen relativ groß sind. Laut des deutschen Messtechnikspezialisten HBM sind Sensoren mit einer Länge von bis zu mehreren Dutzend Kilometern möglich. Solche Sensoren kommen beispielsweise in Fahrbahnen zum Einsatz.

Klassische Kraftsensoren gibt es in den unterschiedlichsten Bauformen. Am einfachsten und günstigsten sind sogenannte S-Beams. Für Waagen werden häufig Biegebalken eingesetzt. Bei beschränktem Bauraum ist der Einsatz von (Miniatur)Kraftmessdosen angezeigt (Abbildung 29).

Abbildung 29: Bauformen von Kraftsensoren


Abbildung 30: Verschiedene Bauformen und -größen von DMS-Kraftsensoren [Quelle: HBK – Hottinger Brüel & Kjaer GmbH]

Wichtige Kennwerte von Kraftsensoren sind die Nennlast, der Nennkennwert und die Genauigkeitsklasse. Die Nennlast gibt die maximal zulässige Belastung für normalen Betrieb an. Üblicherweise sind die Sensoren in gewissen Grenzen überlastbar (oft um bis zu 100%), ohne dass Sie zerstört werden. Das Signal ist in diesem Bereich aber nicht mehr linear. Außerdem legt man die Messkette so aus, dass die maximale Spannung bei Nennlast erreicht wird. Höhere Werte sind dann nicht mehr darstellbar.

Der Nennkennwert gibt das Ausgangssignal in Abhängigkeit der Versorgungsspannung an. Ein Nennkennwert von 2mV/V bedeutet beispielsweise, dass bei einer Sensor-Versorgung mit 10 V (UV) und bei Nennlast die maximale Ausgangsspannung UD = 10 V * 2mV/V = 20 mV beträgt. Der Nennkennwert ist immer ein nomineller Wert - bei guten und kalibrierten Sensoren ist ein Herstellerprüfprotokoll beigegeben, das den exakt ermittelten Kennwert auf mehrere Nachkommastellen mitteilt.

Unter Einwirkung der zu messenden Kraft verformt sich der Kraftaufnehmer entsprechend. Der Nennmessweg gibt an, wie groß diese Verformung bei Nennkraft ist. Er ist eine wichtige Kenngröße, weil er zusammen mit der Nennkraft die Steifigkeit eines Aufnehmers bestimmt, die wiederum entscheidend für die Resonanzfrequenz des Kraftaufnehmers ist. Die maximale Verformung üblicher DMS-Aufnehmer in S-Form liegt im Bereich von 70 μm bis 150 μm bei Nennkraft [ME2020].

Die Genauigkeitsklasse gibt den höchstzulässigen relativen Fehler in Prozent vom Messbereichsendwert (Nennlast) an, und zwar unter Nennbedingungen (Temperatur, Nennlage, Nennfrequenz u.a.) (siehe auch VDI Richtlinie 2638: "Kenngrößen für Kraftaufnehmer"). Typische Werte sind hier 0,05% für sehr hochwertige Aufnehmer, 0,1% für gute Sensoren und 0,2% für günstige Standardsensoren. Da man in der Tribologie mit relativ großen Streuungen rechnen muss, reicht häufig die Genauigkeitsklasse 0,2% vollkommen aus.

Hauptvorteil der DMS-Technologie ist, dass sie praktisch driftfrei ist und daher für Langzeitmessungen bestens geeignet ist. Trotzdem gibt es einige mögliche Fehlerquellen beim Einsatz von DMS-Kraftsensoren:

Abbildung 31: Mögliche Fehlerquellen bei der DMS-Messung

3.2.1.2.2 Piezosensoren

Kann oder möchte man diese großen Sensorverformungen nicht akzeptieren, oder müssen sehr hochfrequente Schwingungen gemessen werden, empfiehlt sich der Einsatz von piezoelektrischen Sensoren

Bei den piezoelektrischen Kraftsensoren basiert das Messelement auf einem Kristall, der unter Belastung eine zur Kraft proportionale elektrische Ladung abgibt. Der piezoelektrische Effekt äußert sich, indem piezoelektrische Materialien (z.B. Quarz) bei mechanischer Belastung auf den Außenflächen positive bzw. negative elektrische Ladungen erzeugen. Die Ladung wird dadurch generiert, dass sich die positiven und negativen Kristallgitterbausteine gegeneinander verschieben, wodurch ein elektrischer Dipol entsteht. Die Ladung, welche dabei generiert wird, ist proportional zur Kraft, die auf den Kristall einwirkt [KIST2020].

Um Sensoren mit einer höheren Empfindlichkeit herzustellen, können mehrere Kristallscheiben aufeinandergestapelt und elektrisch parallelgeschaltet werden. Alternativ kann ein piezoelektrisches Material mit höherer Empfindlichkeit eingesetzt werden. Verkleinert oder vergrößert man die Fläche der Kristalle, so ändert sich die Empfindlichkeit nicht, was einen wesentlichen Unterschied zu Sensoren auf DMS-Basis darstellt, bei denen die Empfindlichkeit von der Nennkraft abhängig ist. Man kann folglich mit einem beliebigen Sensor auch kleinste Kräfte messen. Dadurch ist ein großer Messbereich und ein hoher Überlastschutz sichergestellt [HBM2020].


Abbildung 32: Ladungserzeugung durch Verformung des Piezo-Kristalls

Eine piezoelektrische Messkette besteht aus dem Piezosensor, einem abgeschirmten und hochisolierendem (> 1013 Ohm) Verbindungskabel zum Transport der kleinen Ladungen und einem Ladungsverstärker zur Wandlung des Ladungs- in ein Spannungssignal. Der Ladungsverstärker wandelt die negative Ladung, die der piezoelektrische Sensor unter Belastung einer Kraft abgibt, in eine positive Spannung proportional zur Ladung bzw. wirkenden Kraft, die dann an die Datenerfassung weitergeleitet wird.

Piezoelektrische Kraftsensoren weisen bei statischer Belastung prinzipbedingt eine gewisse Drift auf. Da der Driftwert bei statischer Belastung unabhängig von der gemessenen Kraft gleichbleibt, ist der relative Messfehler, der durch die Drift verursacht wird, immer dann besonders hoch, wenn kleine Kräfte über einen langen Zeitraum gemessen werden sollen. DMS-basierte Sensoren hingegen arbeiten weitestgehend driftfrei und sind somit für solche Anwendungen zu bevorzugen. Obwohl Ladungen kurzgeschlossen werden können und damit ein Reset des Sensorausgangs des Piezosensors vor Messbeginn möglich ist, sind für langfristige Monitoring-Aufgaben DMS-Sensoren die bessere Wahl.

Die Hauptstärke von Piezosensoren liegt dahingegen bei hoch dynamischen Messungen, da sie unter Belastung wegen ihrer hohen Steifheit eine sehr geringe Verformung aufweisen. Hieraus ergibt sich eine hohe Resonanzfrequenz, die grundsätzlich sehr günstig ist für dynamische Anwendungen. Zusätzlich beeinflussen die geringen Verformungen den Versuchsaufbau und die Ausrichtung der Proben zueinander weniger als die weichen DMS-Sensoren. Im Vergleich zu herkömmlichen DMS-Sensoren bauen Piezosensoren auch deutlich kleiner.

Piezosensoren sind wie auch DMS-Sensoren als 1-Komponentensensor (Kraft oder Drehmoment), 2-Komponenten-Sensoren (2x Kraft oder 1x Kraft und 1x Drehmoment) und 3-Komponentensensoren (3x Kraft oder 2x Kraft + Drehmoment) verfügbar und eignen sich somit auch für komplexere kombinierte Messaufgaben im Tribometer (Reibkraft oder Reibmoment in Abhängigkeit der Normalkraft).

3.2.1.2.3 Oberflächen-Dehnungssensoren

Ein recht junges Sensorelement zur Spannungsmessung sind sogenannte Oberflächen-Dehnungssensoren (auch „Dehntrafos“). Sie kombinieren die Eigenschaften von klassischen geklebten Folien-DMS mit Piezomesstechnik. Es handelt es sich hierbei um ein indirekt messendes System, d.h. es ist nicht direkt in den Kraftfluss integriert, sondern misst die Längenänderung eines verbauten Elements oder Bauteils. Neben dem geringen Montageaufwand ist damit auch eine einfache Nachrüstung an der bestehenden Applikation möglich. Da die Bauteilstruktur die gesamte Kraft aufnimmt, können sehr große Kräfte überlastsicher gemessen werden. Daraus ergeben sich aber zwangsläufig Nachteile in der Auflösung und der Möglichkeit zur Kalibrierung.


Abbildung 33: Oberflächen-Dehnungssensor [Quelle: Kistler Instrumente GmbH]

3.2.2 Verschleiß

Verschleiß ist der in aller Regel unerwünschte Materialverlust der Kontaktflächen eines Tribosystem infolge mechanischer, chemischer oder sonstiger Ursachen. Verschleiß begrenzt die Lebensdauer von Maschinen.

Reibung ist nicht gleich Verschleiß!

Über die Reibung wird Energie in die Oberflächen von Grund- und Gegenkörper eingeleitet. Wie hoch der Verschleiß ist hängt davon ab, wie die eingesetzten Werkstoffe mit dieser Energie umgehen können und ob sie schnell genug abgeführt werden kann. Die Verschleißbeständigkeit ist daher keine Werkstoffeigenschaft, sondern immer die Eigenschaft eines Tribosystems.

Abbildung 34: Typischer Verschleißverlauf über der Zeit

Tribosysteme zeigen in aller Regel zu Beginn eine etwas erhöhte Verschleißrate, den sogenannten Einlaufverschleiß, bei dem sich Grund- und Gegenkörper aneinander anpassen. Danach stabilisiert sich das System und es kommt bei stationären Bedingungen häufig zu einer linearen Entwicklung des Verschleißes. Gegen Ende der Lebensdauer tritt dann häufig ein progressiver Verschleißverlauf auf, der dann schnell zum Ausfall führt. Abbildung 34 zeigt, wie Einlaufverschleiß und Verschleißrate die Lebensdauer beeinflussen. Um die Verschleißraten eines Tribosystem sowohl im Labor als auch in der Praxis beurteilen zu können ist es notwendig, hochgenaue Online-Messtechnik einzusetzen. Welche Möglichkeiten es dazu gibt, zeigt das Kapitel Verschleißmesstechnik (3.2.2.2).

3.2.2.1 Verschleißmessung und Verschleißmessgrößen

Die Methoden der Verschleißmessung können grundsätzlich in drei Hauptgruppen eingeteilt werden:

I.) Erfassung der verschleißbedingten Maßänderungen der tribologischen Bauteile

II.) Sammlung und Analyse der Verschleißpartikel

III.) Indirekte Verschleißmessmethoden

Die Verschleißmessgrößen unterteilt man dann in direkte, indirekte und bezogene Verschleißmessgrößen.

Die direkten Verschleißmessgrößen geben die Gestalt- oder Masseänderungen eines Verschleißkörpers an. Eine Übersicht der Messgrößen zeigt Tabelle 2.

Tabelle 2: Übersicht über die wichtigsten direkten Verschleißmessgrößen mit Formelzeichen und Einheiten


Verschleißbetrag allgemein W m, m2, m3; kg
Linearer Verschleißbetrag WI m
Planimetrischer Verschleißbetrag wq m2
Volumetrischer Verschleißbetrag Wv m3
Massenmäßiger Verschleißbetrag Wm kg
Relativer Verschleißbetrag wr Verhältniszahl
Verschleißwiderstand 1/W m-1, m-2, m-3, kg-1,
Relativer Verschleißwiderstand 1/Wr Verhältniszahl

Online kann man meistens nur den linearen Verschleißbetrag von Grund- und Gegenkörper bestimmen. Den planimetrischer Verschleißbetrag oder volumetrischen Verschleißbetrag (Abbildung 35) ermittelt man üblicherweise nach dem Versuch mittels taktiler oder optischer Messsysteme (siehe auch Kapitel 8 - Oberflächenmesstechnik).

Abbildung 35: Linearer, planimetrischer und volumetrischen Verschleißbetrag im Vergleich

Indirekte Verschleißmessgrößen geben die Dauer an, in der ein verschleißendes Bauteil seine Funktionsfähigkeit verliert. Anstatt der Dauer kann auch eine Durchsatzmenge angegeben werden. Diese Angabe ist zum Beispiel bei Rohrleitungen oder Förderanlagen sinnvoll.

Tabelle 3: Übersicht indirekte Verschleißmessgrößen


Verschleißbedingte Gebrauchsdauer (nach Abzug der Stillstandszeiten) TW h
Gesamt Gebrauchsdauer (inkl. Stillstandszeiten) TG h
Verschleiß-Durchsatzmenge Dw m3; kg; Stück

Bezogene Verschleißmessgrößen werden aus den direkten Verschleißmessgrößen abgeleitet, indem diese auf die Beanspruchungsdauer, den Beanspruchungsweg, den Durchsatz oder gegebenenfalls auch auf eine andere geeignete Größe bezogen werden.

Tabelle 4: Übersicht bezogene Verschleißmessgrößen


Verschleißgeschwindigkeit W/h m/h, m2/h, m3/h; kg/h
Verschleiß-Weg-Verhältnis W/s m/m, m2/m, m3/m; kg/m
Verschleiß-Durchsatz-Verhältnis W/z W/m3: W/kg; W/Stück
Verschleißkoeffizient k m3/Nm, μm3Nm

Weltweit wird heute als Verschleißreferenzgröße der sogenannte „Verschleißkoeffizient“ nach ASTM (engl.: specific wear rate; wear rate oder wear factor) verwendet. Er gibt eine auf die Belastung normierte Verschleißrate an, d. h. das Verschleißvolumen Wv in [mm3] pro Gleitweg s in [m], dividiert durch die Normalkraft FN in [N]. Diese Gesetzmäßigkeit wurde von ARCHARD gefunden [ARCH1953], wobei dort k noch mit der Härte des weicheren Reibpartners multipliziert wird, so dass eine dimensionslose Größe K (engl.: wear coefficient) entsteht.

Die Kenngröße k gibt den bei einer konstanten Last nach einem bestimmten Gleitweg eingetretenen Volumenverlust pro Lasteinheit eines Tribosystems an. Er gilt nur bei Gleitreibung und setzt eine proportionale Abhängigkeit des Verschleißvolumens von diesen Größen voraus. Er hat eine recht breite Verwendung gefunden, weil er in einer ersten Näherung Verschleißergebnisse untereinander vergleichbar macht, die mit unterschiedlichen Geometrien, Dichten, Versuchszeiten und Lasten gewonnen wurden. Man muss aber beachten, dass es sich dabei um ein einfaches, mechanisches Modell handelt. Das Modell funktioniert für trockene Tribosystem unter reiner abrasiver Beanspruchung recht gut. Geschmierte Systeme mit anderen dominierenden Verschleißmechanismen können weniger gut damit abgebildet werden. Allgemein birgt ein solcher scheinbar allgemeingültiger Koeffizient die große Gefahr, dass der Systemgedanke der Tribologie vergessen wird.

Formel 1: Verschleißmodell nach Archard (mechanisches Modell)


Heute spielen energetische Ansätze, wie beispielsweise der von FLEISCHER [FLEI1990] eine größere Rolle, da sie nicht nur den abrasiven Verschleiß berücksichtigen.

Formel 2: Vergleich der Ansätze nach Archard und Fleischer


Die k-Werte finden sich auch in zahlreichen Webebroschüren von Kunststoff- und Gleitlagerherstellern wieder. Ohne genaue Angabe des zugrundeliegenden Beanspruchungskollektivs sind die Werte allerdings nicht belastbar.

3.2.2.2 Verschleißmesstechnik

Um eine gute Übertragbarkeit von Tribometertests auf die praktische Anwendung zu erreichen ist es wichtig, mit moderaten Energieeinträgen zu arbeiten (siehe auch Kapitel 4.3.3). Gut funktionierende geschmierten Systeme haben allerdings in der Praxis sehr kleine Verschleißraten. So beträgt beispielsweise die lineare Verschleißrate eines Kolbenrings etwa 3 bis 4 Nanometer pro Stunde (das sind grob 30 bis 40 Atomlagen!). Für die Laborprüfung bedeutet dies, dass solch kleine Beträge sauber ermittelt werden müssen. Ansonsten ist keine Onlinemessung möglich und die Versuche müssten so lange laufen, bis ein sicher bestimmbarer Wert für den Verschleiß ermittelt werden kann. Übliche digitalen Längenmesssysteme haben eine Auflösung von etwa 0,1 μm. Das bedeutet, dass am Beispiel des eben genannten Kolbenrings erst nach etwa einem Tag eine Änderung um ein Digit erfolgen würde. In der Vergangenheit hat man daher häufig die Lasten so erhöht, dass in akzeptabler Prüfzeit, ausreichend messbarer Verschleiß entsteht. Dies führt aber zu einer extremen Überbelastung des Tribosystems und zu vollkommen unrealistischen Ergebnissen. Je nachdem welche Verschleißraten ein reales System aufweist, müssen daher geeignete Sensoren und Messtechniken an den Tribometern eingesetzt werden. In diesem Kapitel sollen die gängigsten Messmethoden vorgestellt werden. Darunter ist auch eine Methode, die die zuvor genannten 3 bis 4 nm/h sicher auflösen kann.

Eine der einfachsten Methoden, um Verschleiß zu bestimmen, ist die Wägung der Proben vor und nach dem Versuch. Mit guten Wagen können hier Auflösungen von 1 μg bei Probenmassen bis 30 g und 10 μg bei Probenmassen bis 250 g erreicht werden. Für schwerere Bauteile, wie zum Beispiel die Zahnräder des FZG-Prüfstandes, werden Komparatorwaagen eingesetzt, die eine Auflösung von besser als 1 mg erreichen. Ein Nachteil ist, dass die Gewichtsmessung von zahlreichen Randbedingungen ungünstig beeinflusst werden kann:

• Fremdstoffe/Verschmutzung (Ölreste, Staub, Partikel)

• Feuchtigkeitsaufnahme (wichtig und problematisch bei Polymeren)

• adsorbierter Wasserfilm (3 nm bei 300 mm2 Oberfläche ~1 μg)

• Elektrostatische und magnetische Kräfte (z.B. bei geschliffenen und nicht entmagnetisierten Proben)

• Korrosion (Oxide sind schwerer als das Grundmaterial)

• Beschädigung bei der Handhabung und Montage

Für die online-Verschleißmessung kommen üblicherweise verschiedenste Arten der Abstands- bzw. Wegmessung infrage. Die einfachsten Messysteme sind ohmsche Längenmesssysteme, bei denen ein Schleifer auf einem Widerstand läuft und je nach Position, einen entsprechenden Widerstand liefert. Diese Systeme haben eine geringe Auflösung aber sehr große Messbereiche. Sie kommen daher eher zur Bestimmung der Position als des Verschleißes zum Einsatz.

Deutlich bessere Auflösungen haben Wirbelstromsensoren. Hier enthält der Sensor eine Sende- und eine Messspule (Abbildung 36). Das elektromagnetische Spulenfeld induziert Wirbelströme im Messobjekt. Dies funktioniert nur bei leitenden Materialien und nur wenn der minimale Durchmesser des zu vermessenen Objektes mindestens 1,5-mal größer ist als der Sensordurchmesser. Moderne induktive Sensoren auf Wirbelstrombasis werden heute für vielfältige Messaufgaben in der industriellen Anwendung eingesetzt. Ein großer Vorteil dieser Sensoren ist, dass sie sehr robust sind. So können spezielle Typen bei Drücke bis 4000 bar und in einem weiteren Temperaturbereich vom -40°C bis 200°C (Sondersysteme sogar bis 700°C) eingesetzt werden. Aufgrund ihrer hohen Grenzfrequenz bis 100 kHz sind sie auch für hochdynamische Prozesse geeignet. Die Auflösung geht in den Submikrometerbereich. Induktive Wirbelstromsensoren können sowohl bei ferromagnetischen Objekten wie zum Beispiel Stahl, als auch nicht ferromagnetisch Objekten wie Aluminium eingesetzt werden. Aufgrund ihrer Robustheit eignen sie sich beispielsweise zur online-Vermessung von Rund- und Planlauffehlern an Maschinen, zur Schmierspaltbestimmung an Lagern oder zur Vermessung der Exzentrizität von Wellen in Kraftwerken [MIKR2020].

Abbildung 36: Prinzip Wirbelstromsensor

Induktive Sensorsysteme besitzen in der Regel eine Primärspule, welche mit konstanter Wechselspannung gespeist wird und ein Signal in die Sekundärspule induziert (Abbildung 37). Je nachdem wie tief der Kern in die Spulen hineinragt, ändert sich die Induktion und damit das Ausgangssignal. Die theoretische Auflösung eines solchen induktiven Sensors liegt bei ~150 nm.

Abbildung 37: Prinzip induktiver Sensor

Das dritte hochauflösende Messprinzip basiert auf der kapazitiven Messung. Der Sensor und das Messobjekt bilden mit dem dazwischen liegenden Spalt einen Kondensator. Unter der idealisierten Annahme, dass sich der Zwischenstoff (Dielektrikum) nicht ändert, ist das Signal nur vom Abstand des Sensors vom Objekt abhängig. Das zu vermessende Objekt muss mindestens zweimal größer sein als der Sensordurchmesser, der in aller Regel mehrere Millimeter beträgt. Mit kapazitiven Sensoren sind im statischen Fall theoretische Auflösung von ~1 nm und im dynamischen Fall von ~ 20 nm (bei 8,5 kHz) möglich - bei einem Messbereich von 0,8 mm [JECH2019].


Abbildung 38: Prinzip kapazitiver Sensor [Quelle: Micro-Epsilon Messtechnik GmbH & Co. KG]

Nach den elektrischen Messsystemen sollen nun noch einige optischer Messsysteme beschrieben werden, die zur Verschleißmessung eingesetzt werden können. Das erste ist der konfokale Abstandssensor (Abbildung 39). Bei diesem projiziert der Sensor einen ca. 10 mm großen Messfleck auf das Messobjekt. Hierzu wird üblicherweise Weißlicht verwendet. Die theoretische Auflösung dieses Sensors liegt bei ~10 nm bei einem recht kleinen Messbereich von 0,3 mm [JECH2019].

Abbildung 39: Prinzip Konfokalsensor [Quelle: Micro-Epsilon Messtechnik GmbH & Co. KG]

Die höchste Auflösung aller Sensoren zur Abstandsmessung haben Sensoren auf Basis messender Weißlicht-Interferometrie. Das Weißlicht-interferometer nutzt einen Lichtstrahl, der von einer Hochleistungslichtquelle ausgesendet wird. Ein Teil des Lichts wird auf ein Referenzspiegel abgeleitet, während der andere Teil des Lichts direkt auf die Messoberfläche trifft. Das reflektierte Licht beider Strahlen wird zusammengeführt und auf dem Detektor in die Auswerteinheit geleitet. Aufgrund der verschiedenen Laufwege der beiden Strahlen resultiert eine Phasendifferenz, welche zur Verstärkung und zur Auslöschung der Lichtwelle führt. Dieses Interferenzmuster wird vom Spektrometer erfasst und vom Controller anhand verschiedener Auswerteverfahren in ein Abstandsignal umgerechnet. Die Auflösung dieses Verfahrens liegt unter 1 nm, die maximale Messrate beträgt bis zu 6 kHz. Der Lichtfleck hat einen Durchmesser von nur 10 μm; der Messbereich beträgt bis zu 10 mm [MIKR2020]. Der Hauptnachteil ist, dass der Sensor nur in absolut sauberer Umgebung arbeiten kann. Dadurch ist er für den Einsatz am Tribometer üblicherweise eher nicht geeignet.

Ein weiterer optischer Sensortyp sind konfokale chromatische Sensoren. Diese haben sehr hohe Messraten bis zu 70 kHz und einen sehr kleinen Lichtpunkt (< 3 μm). Die Auflösung in Messrichtung liegt bei > 3 nm. Typische Messbereiche liegen zwischen 0,3 und 1 mm bei einem Grundabstand von über 25 mm [MIKR2020]. Neben der reinen Höheninformation können durch eine Intensitätsauswertung auch optische Unterschiede auf dem Messobjekt „sichtbar“ gemacht werden. Auch diese Sensoren reagieren empfindlich auf Verschmutzung, was den Einsatzbereich am Tribometer einschränkt.

Mittlerweile sind Lasermesssysteme deutlich günstiger geworden und stellen damit eine gute Alternative zu den bisher vorgestellten Abstandsmesssystemen dar. Ein Vorteil von Laser-Messsystemen ist, dass sie in Regel eine sehr gute Auflösung bei einem großen Messbereich aufweisen. Abbildung 40 zeigt die prinzipielle Funktionsweise dieses Sensors. Das Laserlicht wird an der Oberfläche des Messobjektes reflektiert. Der Strahlengang wird durch eine Objektivlinse auf den CCD-Sensor gelenkt. Über die trigonometrischen Zusammenhänge kann der Abstand ermittelt werden. Lasersensoren stellen eine gute Kombination aus Geschwindigkeit (bis ca. 10 kHz) und Genauigkeit (bis zu 0,003% des Messbereichs) dar und sind ideal für dynamische und hochauflösende Messungen [MIKR2020]. Bei der Auswahl ist darauf zu achten, dass der Sensor eine ausreichend hohe Fremdlichtbeständigkeit hat, da es sonst im Laborumfeld zu Fehlmessungen kommen kann.

Abbildung 40: links: Funktionsweise Lasertriangulationssensor; rechts: Laserdistanzsensor der Fa. Baumer [Quelle: Baumer GmbH]

Bei all diesen vorgestellten Messsystemen muss man jeweils die vertikale und laterale Auflösung berücksichtigen. Während die vertikale Auflösung häufig in den Nanometerbereich hineinreicht, beträgt die laterale Auflösung häufig nur einige Quadratmillimeter. Das bedeutet, dass das Messignal nicht von einem einzelnen Punkt zurückgegeben wird, sondern von einem Flächenintegral. Je nach Rauigkeit und Topografie der Probe kann dies zu signifikanten Verfälschungen führen. So ignoriert ein Wirbelstromsensor die Oberflächenrauheiten, da sein Signal vorwiegend aus dem Grundmaterial kommt, wohingegen die Information eines kapazitiven Sensors vorwiegend genau aus diesen Spitzen stammt (Abbildung 41), da sich dort die Ladungen ansammeln.

Abbildung 41: Quelle des Signals bei Wirbelstrom- und kapazitivem Sensor

Gerade bei Onlinemessungen im Tribometer oder am Prüfstand werden die Ergebnisse zusätzlich von der thermischen Ausdehnung, plastischen und elastischen Verformungen, Vibrationen sowie dem Schmierstoff und möglichst Verschleißpartikel beeinflusst. In der Realität lassen sich daher deutlich schlechtere Genauigkeiten erzielen als es die theoretischen Kennwerte der Sensoren vorgaukeln.

Für hochgenaue Messungen muss man daher auf andere Verschleißmessverfahren zurückgreifen, die nicht auf einer Wegmessung basieren. Eines ist die optische Emissionsspektroskopie (ICP-OES). Mittels dieses Verfahrens werden Ölanalysen beispielsweise an Gebrauchtölen durchgeführt. Das Gerät kann aber auch in einen Bypass einer Ölumlaufschmierung integriert werden und so eine kontinuierliche Bestimmung der Elementkonzentration im Öl liefern. So kann über die Art und Konzentration der Elemente das Verschleißverhalten unterschiedlicher Komponenten in einem Aggregat online beurteilt werden. Die Auflösung des Verfahrens in Öl liegt bei etwa 100 ppb.

Eine andere speziell im Motorentest häufig eingesetzte Messmethode basiert auf der Messung mit radioaktiven Isotopen (Radionuklidtechnik – RNT). Dieses Verfahren wird schon seit einigen Jahrzehnten erfolgreich bei Motorentests eingesetzt. Die zu beobachtenden Bauteile, wie zum Beispiel die Kolbenringe, werden hierbei radioaktiv markiert. Hierzu werden beispielsweise Eisenatome im Zyklotron in das Cobalt-Isotop 56Co umgewandelt. Ein Sensor misst die zunehmende Radioaktivität im Öl bei zunehmendem Verschleiß des aktivierten Bauteils. Da das Handling mit radioaktiven Proben anspruchsvoll ist und relativ hohen Sicherheitsauflagen unterliegt kommt diese Methode üblicherweise nur bei Vollmotorentest zum Einsatz. Seit einigen Jahren gibt es nun eine Methode, die auf einem ähnlichen Prinzip basiert aber mit deutlich geringeren Aktivierungsraten auskommt. Die Messmethode wurde am Austrian Competence Center for Tribology (AC2T) in Wiener Neustadt (Österreich) entwickelt. Sie wurde kommerziell erstmals am SRV 4 unter dem Namen nVCT angeboten. Heute ist die gleiche Technik auch unter dem Namen Radio Isotope Concentration Methode (RIC) bekannt. Der Trick dieses Verfahrens ist, dass die Aktivierung der Reibpartner unter der gesetzlichen Freigrenze geschieht. Die Proben gelten also vor dem Gesetzgeber als nicht radioaktiv. Dadurch ist der Sicherheitsaufwand deutlich geringer und auch für den allgemeinen Laborbetrieb praktikabel. Das Standardverfahren ist zur Messung metallischer Werkstoffe geeignet und benötigt den Schmierstoffkreislauf zum Transport der Partikel. Das Verschleißvolumen oder die lineare Verschleißhöhe werden durch spezielle Algorithmen basierend auf dem Aktivierungstiefenprofil berechnet. Dieses muss für jeden Werkstoff einmal als Basis ermittelt werden. Die Aktivierung der Teile erfolgt durch Bestrahlung im Teilchenbeschleuniger (Zyklotron). Um die Probenaktivität unter der Freigrenze zu halten, kann nur ein sehr kleiner Bereich und eine sehr geringe Tiefe von wenigen Mikrometern aktiviert werden. Für Tribometertests reicht dies aber in der Regel für eine aussagefähige Messung aus. Mit diesem Verfahren sind Auflösungen unter einem Nanometer möglich (abhängig von Aktivität und Probenmaterial). Da die Aktivierung nicht günstig ist, macht das Verfahren vorwiegend für Bauteiluntersuchungen Sinn, durch die deutlich teurere Aggregate- und Komponententests eingespart werden können. Es ist mittlerweile für die Untersuchung von Kolbenring/Liner-Verschleiß etabliert und wird teilweise auch am Vollmotor eingesetzt [JECH2019].


Abbildung 42: Schema RIC-Messung im SRV-Prüfstand [CORN2009]


Abbildung 43: Exemplarisches Messergebnis für eine Kolben/Liner-Paarung im SRV-Prüfstand [Quelle: AC2T research GmbH]

3.2.3 Temperatur

Gerade bei der Temperaturmessung gilt leider der verzweifelte Spruch eines Messtechnikers: „Was mich interessiert, kann ich nicht messen und was ich messen kann, interessiert mich nicht“ [Quelle leider unbekannt].

Eigentlich würde man als Wissenschaftler gerne die Temperaturen im Reibkontakt und ggf. sogar an einzelnen Rauheitsspitzen messen aber genau da kommt man nicht hin. Deswegen muss man sich damit zufrieden geben, in der Nähe der Reibstelle zu messen. Zudem läuft man Gefahr, durch die Temperatursensoren ggf. auch das tribologische System zu verändern, indem man Wärme zu- oder abführt. Wichtig ist demnach zu wissen, wie und wo eine angegebene Temperatur aufgenommen wurde. Nur so kann man diese richtig bewerten. Im einfachsten Fall ist das die Schmierstofftemperatur im Bad oder den Leitungen oder die Temperatur des Körpers (engl. bulk). Die Blitztemperaturen an den sich kontaktierenden Rauheitsspitzen (siehe auch Bloksche Theorie [BLOK1957]) bleiben leider unbekannt und können nur nach dem Versuch z.B. durch werkstoffkundliche Gefügeumwandlungen nachgewiesen werden.

3.2.3.1 Temperaturmesstechnik

In der industriellen elektrischen Temperaturmesstechnik werden hauptsächlich zwei Gruppen von Sensoren verwendet:

• Widerstandsthermometer (RTD) wie z.B. PT100 oder PT1000

• Thermoelemente (TC) unterschiedlicher Typen

Wie immer haben beide Sensorarten ihre Vor- und Nachteile. So liegen die Stärken der PT100-Messwiderstände im unteren bis mittleren Temperaturbereich (-200 … +60 °C). Thermoelemente hingegen haben (von wenigen Ausnahmen abgesehen) ihre Vorzüge bei höheren Temperaturen (bis 1700 °C, Sondermaterialien sogar höher). Ein weiteres Kriterium, das ggf. für den Einsatz eines Thermoelements spricht, ist der kleinstmögliche Durchmesser, der bei Mantel-Thermoelementen bis auf 0,25 mm heruntergeht.

In Europa werden für den moderaten Temperaturbereich häufig PT100-Sensoren eingesetzt wohingegen in Nordamerika ein deutliches Übergewicht in Richtung Thermoelement festzustellen ist [WIKA2016].

3.2.3.1.1 PT100 / PT1000 (PTC-Sensoren) und NTC-Sensoren

Widerstandstemperaturfühler mit PT100-Sensoren sind Temperaturfühler, die auf der Widerstandsänderung von Platin unter Temperatureinfluss basieren. Diese werden auch als Kaltleiter (PTC) bezeichnet und bei Temperaturmessung im Bereich –200 °C bis 850 °C eingesetzt. Jeder Sensor hat eine eindeutige Widerstandskennlinie. Der PT100- bzw. PT1000-Sensor wird durch seine Charakteristik bei einer Temperatur von 0 °C bezeichnet, bei der dieser einen Nennwiderstand von 100 bzw. 1000 Ohm besitzt. Die Widerstandsänderung ist in der DIN IEC 60751 festgelegt.

Ein umgekehrtes Temperaturverhalten zeigen Heißleiter (NTC-Thermistor), die ihren Widerstand bei steigender Temperatur verringern. Sie bestehen aus einer Mischung von Halbleiterwerkstoffen, Eisenoxid (Fe2O3), ZnTiO4 und Magnesiumdichromat (MgCr2O4). Temperatursensoren aus NTC-Widerständen werden im Temperaturbereich von –80°C bis +250°C eingesetzt und in der Gebäudeautomatisierung, Medizintechnik, Biotechnologie, Lebensmittelindustrie etc. verwendet.

3.2.3.1.2 Thermoelemente

Thermoelemente dienen der Temperaturmessung in industriellen Prozessen, um auch bei hohen Temperaturen sowie rauen Umgebungsbedingungen einen genauen Messwert zu erhalten. Ein Thermoelement besteht aus zwei unterschiedlichen Metalldrähten (z.B. Eisen und Konstantan), die an beiden Enden miteinander verbunden sind. Durch den sogenannten Seebeck-Effekt wird bei einer Temperaturdifferenz zwischen dem einen Ende des Leiters (Sensorspitze) und dem Referenzende (üblicherweise im Messgerät) eine Thermospannung erzeugt, welche als Messgröße dient.

Es gibt zahlreiche Materialkombinationen für unterschiedliche Temperaturbereiche und Anforderungen. Jede dieser Materialkombinationen ist ein spezieller Typ und wird mit einem Buchstaben bezeichnet. Am bekanntesten und weit verbreitetsten sind Thermoelemente des Typs K. Diese findet man auch bei üblichen Handmessgeräten. Die anderen Typen werden eher im industriellen Umfeld eingesetzt.

Es besteht prinzipiell auch die Möglichkeit, Grund- und Gegenkörper aus Materialien zu wählen, die direkt im Reibkontakt eine Thermospannung erzeugen (sog. dynamisches Thermoelement). Allerdings ist eine exakte Kalibrierung der Thermospannung aufgrund verschiedener verfälschender Einflüsse, wie Oxidfilme, Verunreinigungen oder Reaktionsschichten, sehr schwierig. Außerdem muss man dazu Werkstoffe verwenden, die in der Praxis nicht für Reibpaarungen eingesetzt würden, was wieder dem Systemgedanken der Tribologie widerspricht.

Die Thermospannungen sind sehr klein, weswegen sie relativ früh in der Messkette verstärkt werden müssen. Außerdem dürfen die Leitungen nur mit den zum Typ passenden Kabeln verlängert werden.


Abbildung 44: PT100 und Thermolemente [Quelle: W. Stehr]

3.2.3.1.3 Infrarot-Thermometer / Thermografie

Infrarot-Thermometer (Pyrometer) nutzen den physikalischen Effekt, dass jedes Objekt, dessen Temperatur über dem absoluten Nullpunkt von -273,15°C (0 Kelvin) liegt, eine Infrarotstrahlung (auch Wärmestrahlung) aussendet. Infrarot-Messgeräte können diese Strahlung, auch von vermeintlich kalten Körpern, aufnehmen und verarbeiten.

Der Hauptvorteil ist die schnelle, berührungslose Messung der Oberflächentemperatur selbst bei dynamischen Prozessen oder an schwer erreichbaren Stellen. Infrarotkameras zeigen zudem auch die Temperaturverteilung und bieten somit einen deutlichen Informationsgewinn. Hauptnachteil ist, dass IR-Messungen relativ ungenau sind und von vielen Effekten negativ beeinflusst werden.


Abbildung 45: IR-Messung an einer mit dem Finger gezogenen Reibspur auf einer Tür [Quelle: W. Stehr]


Abbildung 46: Thermographiebild eines Pin-on-disc-Versuchs

Vorteile

• Gefahrlos

Es spielt keine Rolle, wie heiß oder gefährlich das Messobjekt ist - mit Hilfe eines Infrarot-Thermometers kann ausreichend Sicherheitsabstand eingehalten werden. Typische Beispiele sind heiße und/oder rotierende Maschinenteile, Gegenstände, die unter Strom stehen, oder auch aggressive Chemikalien.

• Schnell

Bei professionellen Geräten dauert die Temperaturmessung nur wenige Mikrosekunden, bei einfachen Infrarot-Thermometern maximal eine Sekunde.

• Sehr große Messbereiche

Zwar kommt es hierbei sehr stark auf das jeweilige Gerät an, jedoch kann man mit einem Infrarot-Thermometer grundsätzlich Temperaturen von -50 bis hin zu +4.000 Grad Celsius messen.

• Verschleißfrei

Beim Einsatz von Infrarot-Thermometern kommt es aufgrund des mangelnden physischen Kontakts zu keinerlei Verschleißerscheinungen – weder beim Messgerät selbst noch beim Gegenstand, dessen Temperatur gemessen werden soll.

• Bestimmte Messfehler sind ausgeschlossen

Es gibt keinerlei Messfehler aufgrund von mangelndem Kontakt zwischen Sensor und Objekt. Dafür entstehen allerdings an anderen Stellen zum Teil relativ große Messfehler (siehe Nachteile).

• Messung bewegter Objekte möglich

Eine Temperaturmessung kann aufgrund der berührungslosen und sehr schnellen Messung auch bei bewegten Objekten problemlos durchgeführt werden.

Nachteile

• Bestimmte Parameter des Messobjekts müssen bekannt sein

Wenn eine wirklich präzise Temperaturmessung benötigt wird, müssen der Emissionsgrad des Materials, die Temperatur und die Wellenlänge bekannt sein.

• Variation des Emissionsgrades

Die Temperaturmessung wird ungenau, wenn der Emissionsgrad variiert. Das ist insbesondere bei Metallen ein Problem, die sich beispielsweise im unbehandelten und im polierten Zustand extrem voneinander unterscheiden, obwohl es sich um ein und dasselbe Material handelt und lediglich anders bearbeitet wurde.

• Hochglänzende Oberflächen

Wenn die Oberfläche eines Gegenstandes hochglänzend ist, ist eine präzise Temperaturmessung nicht möglich. Für solche Fälle gibt es allerdings spezielle Infrarot-Aufkleber, die man an den Gegenstand anbringen kann, um eine präzisere Temperaturmessung durchführen zu können. Alternativ empfiehlt sich das Auftragen von Farbe – sofern es das Objekt erlaubt.

Бесплатный фрагмент закончился.

3 586,41 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
0+
Объем:
385 стр. 242 иллюстрации
ISBN:
9783816900207
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги