Читать книгу: «Wagen 8»
Inhalte
1 Titelangaben
2 Figurenregister
3 Prolog
4 Kapitel 1
5 Kapitel 2
6 Kapitel 3
7 Kapitel 4
8 Kapitel 5
9 Kapitel 6
10 Kapitel 7
11 Kapitel 8
12 Kapitel 9
13 Kapitel 10
14 Kapitel 11
15 Kapitel 12
16 Kapitel 13
17 Kapitel 14
18 Kapitel 15
19 Kapitel 16
20 Kapitel 17
21 Kapitel 18
22 Kapitel 19
23 Kapitel 20
24 Kapitel 21
25 Kapitel 22
26 Kapitel 23
27 Kapitel 24
28 Kapitel 25
29 Kapitel 26
30 Kapitel 27
31 Kapitel 28
32 Kapitel 29
33 Kapitel 30
34 Kapitel 31
35 Kapitel 32
36 Kapitel 33
37 Epilog
38 Danksagung
39 Info
Mario Schulze
Wagen 8
Harz-Krimi
Prolibris Verlag
Handlung und Figuren dieses Romans entspringen der Phantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt. Einige Handlungsorte werden die Besucher des Harzes oder seine Bewohner jedoch bestimmt wiedererkennen.
Alle Rechte vorbehalten,
auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der fotomechanischen Wiedergabe
sowie der Einspeicherung und Verarbeitung
in elektronischen Systemen.
© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2021
Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29
Titelfoto © Markus Behrla, Bergkamen
Schriften: Linux Libertine
E-Book: Prolibris Verlag
ISBN E-Book: 978-3-95475-235-5
Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.
ISBN: 978-3-95475-226-3
www.prolibris-verlag.de
Die wichtigsten mitwirkenden Figuren:
Richard (Rick) Emmeran - Unternehmer und Bäcker
Sophie Emmeran - Ballonfahrerin und Ricks Frau
Ulrich Medow - Ricks Schwager
Die Bahnangestellten
Ernst Urbanek - Rangierlokführer
Conrad Fichte - Fahrdienstleiter
Ralph Bärbaum - Conrads Chef
Simone - Zugbegleiterin
Die Polizeibeamten
Marvin Mölter - Kriminaloberkommissar beim Landeskriminalamt Magdeburg (LKA)
Robert König - Gruppenleiter des Spezialeinsatzkommandos Magdeburg (SEK)
Sören Schmieder - Mitglied des SEK
Habermann - Kriminalrat beim LKA
Lore Sikora - Polizeibeamtin und Fahrgast in Zug 8925
Holger Matthies - Lores Kollege
Roth und Schwarz - LKA-Beamte
Achtendorff - Polizeipsychologe
Weitere Fahrgäste im Zug
Nadja Thimm - Zockerin
Franz Berger - ohne seine Frau, aber mit einem Koffer
Frau Freytag - kann nicht rückwärtsfahren
Nils + Wilma Langhans - wollen am Mammutmarsch teilnehmen
Sonstige
Claudius Eisen - Handelsvertreter für Heizungsanlagen
Victoria - Claudius’ Ehefrau, aber seit über 13 Jahren tot
Hermann Prior - ist ebenfalls tot
Heiner Auck - Revierförster
Ines Kraff - eine Zeugin, die sich irrt
Dr. Helge Rüdenbach - Oberstaatsanwalt, der es eilig hat
Henning Gabler - rechtmäßig verurteilter Steuerverkürzer
Bärbel Knecht - Urbaneks Freundin, versteht etwas von Blumen
Holly - versteht etwas von Heißluftballons
Mörke - versteht etwas von Milchvieh
Tomáš - Mörkes Landarbeiter
Prolog
Daniela war ein paar Stunden zu früh. Alle, die davon etwas verstanden, hatten ihre Ankunft erst für den angehenden Nachmittag erwartet. Doch nun war sie da. Zornig kam sie daher und unbändig, wich keinem der Hindernisse aus, arbeitete sich an Tälern und Bergkuppen ab, an Brücken, Dächern und Masten, an Werbebannern und Baukränen.
Schon seit fast zwei Wochen war es ununterbrochen windig gewesen in Norddeutschland. Ein Umstand, dem die Einheimischen im Harz mit Gleichmut begegneten. So etwas war man hier gewöhnt. Nur die wenigen Touristen, die sich um diese Jahreszeit hierher verirrten, traf es unvorbereitet. Als Daniela von Süden und Westen kommend die ersten Höhenzüge des kleinen, aber stolzen Mittelgebirges erreichte, war Cora, ihre kleine Schwester, bereits seit einigen Stunden fort. Ab den späten Abendstunden dieses Novembertages war es unvermittelt völlig windstill gewesen, und das hatte Nachtarbeiter oder die Menschen, die aus Sorge um ihr Habe oder aus anderen Gründen schlecht schlafen konnten, aufatmen lassen – in der trügerischen Hoffnung, das Gröbste hinter sich zu haben. Auf die Wetterleute verließ man sich hier nicht. Wind und Wolken trieben es rund um den Brocken nach ganz eigenen Gesetzen.
Doch nun war Daniela da. Im Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin hatte es zunächst Diskussionen um den Namen gegeben. Nach Cora war nun der Buchstabe D an der Reihe, Dorothea hätte ganz passabel gepasst, nur hatte es vor nicht allzu langer Zeit bereits ein Hoch dieses Namens gegeben. Einer der Meteorologen schlug Dagmar vor, in Würdigung seiner Frau, die just am gestrigen Tag ihren fünfzigsten Geburtstag begangen hatte, doch dieser Kollege war im Institut nicht sehr beliebt, und so überging man ihn einfach und schließlich wurde an die Nachrichtenagenturen der Name Daniela gemeldet.
Daniela kam zunächst aus Neufundland, wo sie einfach so geboren worden war. Ein ganz normales Tiefdruckgebiet, wie es sie zu jeder Zeit unzählige Male auf der Welt gab. Doch immer mehr warme Luft stieg nach oben, Daniela wuchs heran und zog deshalb schnell die Aufmerksamkeit der Meteorologen auf sich. Sie beobachteten ihre nach Osten verlaufende Bahn über den Atlantik genau und erkannten bald, dass man es hier mit einem Orkan zu tun haben würde, wenn die Front Europa erreichte. Sie würde nicht so gewaltig sein wie einige berühmte Vorfahren, etwa Lothar oder Kyrill, aber dennoch so stark, dass man es für besser hielt, eine Unwetterwarnung herauszugeben.
Nachdem Daniela über die Britischen Inseln hinweggezogen war, traf sie auf das Festland, beschleunigte wiederum und benötigte daher nur noch eine Nacht bis zu den westlichen Ausläufern des Harzes.
Danielas Kraft würde – so hatten es die Wissenschaftler errechnet – in ein paar Stunden merklich nachlassen. Aber noch war dieser Zeitpunkt nicht gekommen. Der hoch aufragende Brocken wirkte wie eine Flasche, an der sich der Windstrom teilte, um hernach dicht an seinem Bauch entlangzuströmen. Auf der Rückseite des Berges bündelte er seine Kräfte wieder und zog weiter gen Osten. Seine Energie reichte durchaus noch, um den ohnehin bereits geschwächten Baumbestand auf den Höhenzügen des Ostharzes anzugreifen. Denn auch der Boden war durch den spärlichen Regen der letzten beiden Sommer entkräftet. Deshalb konnte er besonders die dort reichlich vorhandenen Flachwurzler nicht halten. Und so geschah es, dass am Morgen dieses Novembertages die ersten besonders exponiert stehenden ausgewachsenen Fichten ihren Widerstand aufgaben und ganz in der Nähe des Großen Thumkuhlenkopfes mit mächtigem Getöse zu Boden stürzten.
Kapitel 1
09.58 Uhr. Auch im Stellwerk Wernigerode, dem Herz der Harzer Schmalspurbahnen, wurde unterdessen aufmerksam registriert, dass der Orkan Daniela ungestümer als erwartet auf den Westharz getroffen war. Bald würde er auch hier angekommen sein. Der diensthabende Verantwortliche für den Fahrbetrieb, Ralph Bärbaum, telefonierte in diesem Augenblick mit dem zuständigen Wetteramt, denn er stand vor der Frage, ob er den Zug 8925, der in siebenundzwanzig Minuten Abfahrt in Richtung Brocken haben würde, noch freigeben sollte. –
Rick Emmeran hingegen, der nur zweihundert Meter vom Stellwerk entfernt auf dem Gelände des Wernigeröder Bahnhofs stand, hatte Angst, und diese Angst war jetzt so stark geworden, dass sie in seinen Hals hineinwuchs. Verzweifelt schloss er die Augen, kurz nur; er versuchte, diese Nähmaschine in seinen Fingern zu beruhigen.
Die Umgebung beobachten, hatte Ulrich gesagt. Zunächst nur beobachten. Achte auf alles, was ungewöhnlich ist. Das wirst du ja wohl noch hinbekommen. Das bekam er hin. Hier war nichts Auffälliges zu sehen. Der Bahnsteig war ohnehin fast verwaist. Es regnete.
Gemächlich rollte, geschoben von einer brummigen weinroten Diesellok, ein leerer Zug in den kleinen Kopfbahnhof ein. Noch achtzig Meter vielleicht, dann würde er zum Stehen kommen müssen. Grüne Leuchtbuchstaben auf der schmächtigen elektronischen Anzeigetafel verrieten, dass dies ein Zug zum Brocken war. Zehn Uhr fünfundzwanzig ab Wernigerode Hauptbahnhof. Bis zur Abfahrt blieb zum Glück noch etwas Zeit.
Rick, der eigentlich Richard hieß, aber von niemandem so genannt wurde, weil das klänge, als wäre es der Name seines Vaters, Rick gewann wieder die Kontrolle über seinen Körper. Er ballte in den Taschen seiner dunkelblauen, festen Regenjacke die Fäuste zusammen, bis die Daumen schmerzten. Das Zittern musste ganz verschwinden. An Sophie zu denken, half etwas. Der vom langsam aufkommenden Sturm getriebene Niesel an diesem nasskalten, ungemütlichen Tag im November, der den Menschen schon seit dem Aufstehen die Laune verdorben hatte und die Bahnsteige glänzen ließ, legte sich auf die Gläser seiner Brille.
Warum hatte er sich damals nur auf diesen ganzen Irrsinn eingelassen, dachte er voller Selbstmitleid. Dann würde er jetzt hier nicht stehen. Dann würde sein Leben ganz normal weitergehen und niemand wäre in Gefahr.
Rick bemerkte nun auch die für die Fahrt zum Brocken vorgesehene Dampflok. Noch stand die nicht an ihrem Zug. Ihr Heizer war draußen im Bahnhofsvorfeld auf einen altertümlich anmutenden blauen Drehkran geklettert und füllte ihren Tender nun mit anthrazitfarbenen, regennassen Kohlebrocken. Aber Rick hatte nicht lange Sinn für die Szenerie. Wie schon mehrfach in den letzten Minuten blickte er sich verstohlen um. Für Ulrichs Vermutung, er könnte beobachtet werden, fand er nicht den geringsten Hinweis. Doch das musste nichts bedeuten. Gar nichts musste das bedeuten.
Vielleicht fünfzehn Meter fehlten dem Zug nun noch bis zum Erreichen des Prellbocks. Es wurde Zeit für den Rangierer, das mächtige Ungetüm am anderen Ende des Zuges, das damit beschäftigt war, die Wagenkette in den Bahnsteig zu drücken, zu zügeln. Im Schritttempo näherte sich diese ihrem Ziel. Routiniert sprang der Mann mit der verschmutzten, einst signalfarbenen Arbeitskluft von der unteren Stufe des letzten Waggons auf das nasse Pflaster und griff sogleich nach den Hebeln des Paneels, das er vor seinen Bauch geschnallt hatte. Der Mann bediente die Maschine per Funkfernsteuerung. Oben in der Kanzel der Lokomotive saß niemand. Der Führerstand war leer.
Die Bremsen schlugen an und gaben ein kurzes, markantes Quietschen von sich. Der Zug stand. Nun, da die Waggons an ihrem Platz waren, würde der Mann nach vorn gehen, die Diesellok abkuppeln, sich auf ihren Rangiertritt stellen und ihr mit seinen Hebeln den Befehl geben, allein davonzubrausen, eine Rußfahne in den Himmel stoßend. Danach setzte sich die schwarzglänzende Dampflok, deren Männer nun noch damit beschäftigt waren, ihre Wasservorräte zu ergänzen, vor den Zug, um ihn bald darauf die steilen Hänge des Harzes hinaufzuschleppen.
»Bin wieder bei dir. Alles okay?«
Endlich! Rick atmete auf. Ulrich hatte es doch noch rechtzeitig geschafft. Als die SMS gekommen war, die Rick befahl, sich zum Bahnhof zu begeben, hatte Ulrich nach seiner Jacke gegriffen, das Auto verlassen und war überhastet davongeeilt. Er werde pünktlich da sein, hatte er ihm noch zugerufen.
»Hier ist niemand«, antwortete Rick knapp. Nichts war los hier. Der Bahnsteig zeigte sich beinahe menschenleer. Gut für sie. Das Wetter war auf ihrer Seite. Rick zog sich die Kapuze seiner Jacke tiefer über die Augen. »Sie müssen die Lok erst austauschen. Die Dampflok muss an den Zug. Kann aber nicht mehr lange dauern«, ergänzte er.
Ulrich warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Noch haben wir ein bisschen Reserve. Knapp vierzig Minuten braucht der Zug bis Drei Annen Hohne.«
Unvermittelt wechselte Ulrich das Thema. Er müsse nicht so ein Gesicht machen, alles werde nach Plan verlaufen, umarmte ihn sein Schwager und drückte ihm dabei unauffällig den warmen, glatten Stahl einer Pistole in die Hand. »Die Beretta 92. Solide Waffe. Eins der ersten Stücke aus meiner Sammlung. Versagt nie. – Aber pass auf, sie ist geladen.«
»Spinnst du? Das war nicht ausgemacht!« Rick wurde schon wieder schlecht. Wozu brauchte er eine Waffe? Sie waren doch keine Verbrecher.
Er solle sie ja nicht benutzen. Aber man wisse nie, was alles passieren könne. Vielleicht müsse er sich verteidigen oder jemanden in Schach halten. Und wenn es darauf ankomme: Besser dieser Dreckshund als Sophie.
Rick griff nur widerwillig nach der Beretta. Ungelenk steckte er sie in den Gürtel, nachdem er sich zuvor bei Ulrich vergewissert hatte, dass sie nicht entsichert war. Er verstand nicht viel von Waffen. Ulrich dagegen schon. Sein Schwager besaß eine ganze Vitrine voll davon. Von jedem Auslandsurlaub brachte er sich eine neue mit. Rick hatte keine Ahnung, wie er sie sich beschaffte. Er würde hohe Wetten eingehen, dass die meisten davon nicht einmal registriert waren. Vor ein paar Jahren hatte Ulrich ihn sogar einmal in einen alten Steinbruch mitgenommen, um Schießübungen zu machen. Rick hatte nie wieder danach gefragt. Er fürchtete sich vor Waffen.
Jetzt galt es erst einmal, kein Aufsehen zu erregen. Sonst war alles verloren. Niemand beachtete sie. Die Zugbegleiterin war soeben, mit einem Regenschirm über dem Kopf, auf dem das Logo der Bahngesellschaft prangte, aus ihrem Dienstabteil gestiegen, das sich im Waggon direkt hinter der Lok befand. Nun ging sie die Wagenreihe entlang, warf einen prüfenden Blick auf die Bremsen und klebte danach in die Fenster des vorletzten Waggons Zettel, auf denen man in fetten, roten Buchstaben das Wort Reserviert lesen konnte. Offenbar erwartete sie nachher noch eine Reisegruppe, die vorbestellt hatte. Viele Touristen stiegen erst in Drei Annen Hohne oder Schierke zu. An einem verregneten, windigen Novembertag wie diesem allerdings, noch dazu mitten in der Woche, fanden sich normalerweise kaum Fahrgäste, die hoch hinauf in den Harz wollten. Es waren die Schönwettertouristen, die die Züge auf den Brocken füllten.
Ulrich zündete sich mit einiger Mühe noch eine letzte Zigarette vor der Abfahrt an, da öffnete sich plötzlich die Tür des kleinen Bahnhofsgebäudes hinter ihnen. Etwa eine Handvoll Menschen quoll heraus und hastete auf den Zug zu. Drei weitere folgten ein paar Schritte später. Sie hatten offenbar den Schutz des Wartehäuschens, in dem auch ein Fahrkartenschalter untergebracht war, genutzt, um nicht nass zu werden. Wind und Wasser trotzend, liefen die Leute zu ihrem Bahnsteig, und einige Sekunden später schon begannen sie, in den letzten Waggon zu steigen, denn der war dem Bahnhofsgebäude am nächsten. Niemand wollte länger als nötig dem Regen ausgesetzt sein. Ein älteres Ehepaar, mit Wanderstöcken, Rucksack und schweren Schuhen beladen, bildete den Schluss und mühte sich die eisernen Stufen am Ende des Zuges hinauf. Sie war einen Kopf kleiner als er, weshalb ihr Abstand und Höhe der Stufen Mühe bereiteten. Der Mann half ihr und schloss anschließend geräuschvoll und mit einem kräftigen Ruck die Schiebetür des Waggons.
Rick sah seinen Schwager ratlos an. Er hatte gehofft, dass sie vielleicht allein in ihrem Wagen sitzen würden. »Was machen wir nun?«
Ulrich, der die kleine Menschengruppe ebenfalls aufmerksam verfolgt hatte, zog an seiner Zigarette und ließ den grauen Qualm aus seinem halb geöffneten Mund kriechen. »Nichts. Was kümmern sie uns.«
»Wir könnten einen anderen Waggon nehmen.«
»Können wir nicht. Das weißt du.« Er hielt Rick sein Handy hin. Auf dem Display war die Nachricht mit der unmissverständlichen Anweisung zu lesen.
Rick spürte sofort wieder das Gefühl der Panik in seinem Magen. »Woher weiß er, dass wir seine Forderungen befolgen?«
»Weil er uns immer zwei Schritte voraus ist. Und weil wir keine Wahl haben.« Ulrich rauchte hastig. Er hielt die Zigarette zwischen Zeigefinger und Daumen. Das machte er sonst nie. »Wenn der Rangierer fertig ist, steigen wir ein. Wir setzen uns auf unsere Plätze und sind zwei ganz normale Reisende. Alles geht glatt.«
»Und wenn die Zeit doch knapp wird?«
»Keine Sorge. Wir haben zwanzig Minuten Reserve. Wir schaffen es.«
»Wir müssen noch Fahrkarten holen«, fiel Rick plötzlich ein. Wie hatte er das vergessen können!
»Das habe ich bereits getan.«
Rick atmete durch und war wieder einmal froh, dass er seinen Schwager hatte. Allein hätte er das hier bestimmt nicht durchgestanden. Ulrich mochte genauso nervös sein, doch er traf klare, richtige Entscheidungen.
Die unsichtbare Stimme am Mikrofon für die Lautsprecherdurchsage meldete sich mit der Mitteilung, dass der Zug um 10.25 Uhr zum Brocken aufgrund der extremen Witterung heute nur bis Schierke verkehren würde. Man bitte um Verständnis. Ihre Blicke trafen sich. Na und? Das ist unwichtig für uns, sagte Ulrich stumm, die Anweisung lautete, in Drei Annen Hohne auszusteigen. Ein kleiner Ort mit nur wenigen Häusern auf halber Strecke zum Brocken. Was danach geschah, war gleichgültig. Rick deutete ein Nicken an. Ulrich hatte ja recht.
»Glaubst du wirklich, er beobachtet uns?«
Ulrich wiegte den Kopf. »Nicht ausgeschlossen. Vielleicht hat er aber auch einen zweiten Mann hier irgendwo. Möglicherweise sogar im Zug. Oder er steigt später zu. Wir sollten die Fahrgäste unbedingt im Auge behalten.«
Ricks unglückliche Miene veranlasste den Schwager, ihm einen Klaps auf die Schulter zu geben. »Kopf hoch. Das wird schon.«
Der Rangierer schien es heute nicht besonders eilig zu haben. Er machte nun eine hohle Hand, um sich eine Zigarette anzustecken, dann schwatzte er noch ein wenig mit der Zugbegleiterin, die ihm einen Platz unter ihrem zerzausten Schirm anbot, den sie kaum zu bändigen vermochte. Während sie fast nur zuhörte und fortwährend über seinen Monolog lachte, hatte der Mann das Paneel mit den kleinen Hebelchen, das Rick eher an die Steuereinheit einer Modelleisenbahn erinnerte, nun abgeschnallt und über die Schulter gehängt. Gestenreich untermalten seine Hände die Worte, die den Mund verließen. Die Zigarette zwischen den Lippen wippte dabei ständig auf und nieder.
Rick rümpfte die Nase. Er hatte nicht daran gedacht, einen Schirm mitzunehmen. Langsam kroch die Nässe auf seine Schultern. Da verabschiedete sich der Rangierer nach einem Blick auf die Uhr von seiner Kollegin, die ihm das Paneel aus der Hand nahm und sich zurück an die Spitze des Zuges begab. Im Gehen winkte sie ihm noch einmal zu.
»Der hat Feierabend! Sie bringt die Fernsteuerung zu einem anderen Rangierer! Was machen wir jetzt, Ulrich?«
»Nichts, Mann. Es ist doch völlig zweitrangig. Reiß dich jetzt zusammen, Rick!« Der Schwager brauchte nicht viel Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. »Los! Wir gehen.«
Ulrichs schroffe Erwiderung machte Rick bewusst, wie schwer es ihm selbst gerade fiel, Dinge richtig einzuordnen. Er griff nach der fliederfarbenen, gut gefüllten Sporttasche, die bis eben zu seinen Füßen auf dem nassen Pflaster gestanden hatte und an ihrem Boden nun einige dunklere Flecken zeigte, und ging eiligen Schrittes dem Schwager hinterher. Doch er merkte selbst, dass ihm die Souveränität fehlte. Wie ein Kind sehnte er sich jetzt in seine Hexenküche zurück, einem kleinen Backstübchen zum Ausprobieren und Kreativsein, sozusagen das Hirn seiner Bäckerei Emmeran, die jeden Tag den halben Landkreis mit frischem Brot und knusprigen Brötchen versorgte.
Diese Hexenküche war einer seiner Lieblingsplätze. Dort konnte er Entscheidungen treffen, die sich richtig anfühlten, die die Firma voranbrachten. Dafür hatte er ein Händchen. Für Aktionen wie diese hier war er einfach nicht geschaffen.
Der Rangierer kam ihnen nun vom Ende des Bahnsteigs entgegen, hatte sich den Kragen seines Pullovers hochgeschlagen und die Schultern in den Nacken gedrückt, um dem Regen zu trotzen. Er hielt auf den Ausgang zu. Als sein linker Arm in einem Augenblick der Unachtsamkeit mit Ricks Sporttasche kollidierte, die dieser gerade wie einen Obstkorb in der Armbeuge trug, weil er dabei war, sich mit dem Taschentuch die Brille zu säubern, geschah etwas, das für die Ereignisse danach nicht folgenlos bleiben würde. Rick merkte es sofort, ohne dass er es noch verhindern konnte. Die Beretta, die unter seiner Jacke aus dem Gürtel gerutscht war, fiel direkt vor dem Mann auf das Pflaster. Eine Chance, dass der Rangierer die Waffe übersah, gab es nicht.
Sie wirkte eher unscheinbar und auf jeden Fall harmlos, wie sie da einen halben Meter von Ricks Füßen entfernt lag. Schwarzer Stahl und klare Linien. Doch die Reaktion des Bahnangestellten war genau die, die man von ihm in einer solchen Situation erwarten musste. Eine Sekunde benötigte er, um die Lage zu erfassen, dann kickte er die Waffe beiseite und griff schon zu seinem Handy. Ohne zu zögern, drückte Ulrich, der das verräterische Fallen der Waffe ebenfalls gehört hatte, dem Mann die Mündung der eigenen Pistole an den Hals. »Zurück zum Waggon!«
Ulrich musste seine Aufforderung wiederholen, ehe der Mann sich zögernd bewegte. Rick klaubte die Beretta wieder auf und hielt sich dicht hinter den beiden, sicherte so leidlich ab, dass diese Geiselnahme der Welt zunächst verborgen blieb. Der Rangierer war kräftig, hatte breite Schultern. Er blieb sogar unbewaffnet ein nicht zu unterschätzender Gegner, sollten sie unvorsichtig sein. Er hatte begriffen, dass er von zwei Männern mit einer Pistole bedroht wurde, aber den Sinn dieser Aktion verstand er selbstredend nicht. »Was soll das werden?«, fragte er mit fester, kratziger Stimme. »Halten Sie das da für einen Postzug voller Geld?«
»Maul halten! Schneller, gehen Sie! Wir meinen es ernst! Zurück zum Waggon! Steigen Sie wieder auf die Plattform und tun Sie genau das, was ich Ihnen sage. Die Knarre ist geladen und ich kann damit umgehen!«
Rick zitterte schon wieder. Ulrich klang jetzt tatsächlich wie ein Verbrecher. Bloß keinen Fehler machen. Selbst einfache Handlungen wie das Einsteigen in einen Zug wuchsen plötzlich zu großen Herausforderungen heran.
Tatsächlich. Es funktionierte. Nach einem Moment des trotzigen Zögerns ging der Mann nun, mit kleinen Schritten zwar, aber dennoch zielgerichtet los, erreichte den letzten Waggon, fasste nach der Haltestange und zog sich mit geübtem Griff auf die Plattform hoch. Ulrich folgte ihm, dann Rick. Die Mündung von Ulrichs Waffe zeigte wieder auf das Gesicht des Rangierers.
»Was wollen Sie?«, fragte der nochmals und versuchte das Kratzen wegzuräuspern.
»Rufen Sie jetzt die Zugbegleiterin zurück!«
Kopfschütteln. Seine Kollegin bringe er nicht in Gefahr, krächzte der Mann trotzig. Erst als Ulrich die Waffe mit einem deutlich hörbaren Klicken entsicherte, überlegte er es sich anders.
Rick verfolgte Ulrichs Aktion mit Fassungslosigkeit. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sein Schwager plante. Er wusste nur, dass sie dafür in den Knast wandern würden. Bisher hätte alles noch als eine Art Notwehr gelten können, doch dies war eine Geiselnahme! Man konnte nicht ein Verbrechen mit einem anderen bekämpfen.
Der Rangierer beugte sich vor, um Sichtkontakt zu bekommen, und rief energisch den Namen Simone. Als sie reagierte, winkte er ihr, zurückzukommen.
Rick und Ulrich hatten sich bis zum letzten Moment auf der Plattform vor ihr verborgen; als sie nahe genug war, sprang Ulrich vom Waggon. Mit der Waffe in ihrem Rücken schob er die überraschte Frau nach oben zu den anderen und schloss den Sicherheitsbügel hinter sich. Es war nun eng auf dem kleinen Vortritt des Wagenkastens. Rick war unschlüssig, was er tun musste. Sollte er die Tür öffnen und in den Waggon hineingehen?
»Das Bedienpult!«, forderte Ulrich im nächsten Moment von der Zugbegleiterin. Mit schreckgeweiteten Augen, aber ohne ein einziges Wort reichte die Frau ihm das Paneel.
»Was hast du vor?«, fragte Rick zischelnd. Dass er seine Ahnungslosigkeit preisgab, war ihm nun egal. »Der Zug fährt erst in knapp zwanzig Minuten! Das schaffen wir nie, so lange hier nicht aufzufallen! Bis dahin hat der ganze Bahnhof mitbekommen, was hier vor sich geht!«
»Abwarten!« Ulrich schob dem Rangierer das Pult in die Hand. »Sie starten jetzt den Zug!« Um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, drückte er die immer noch entsicherte Waffe in dessen Gesicht. »Machen Sie schon!«
Der Eisenbahner, dessen stoppelige, wettergegerbte Wangenhaut vom Lauf der Pistole nun seltsam deformiert war, begann einen letzten, vorsichtigen Versuch des Widerstands. »Hören Sie! Das hier ist keine Straße. Wir haben eine eingleisige Strecke mit anderen Zügen im Gegenverkehr. Sie kommen nicht weit.«
Der Schuss durchschlug mit einem fürchterlichen, trockenen Knall das Tonnendach des Waggons und hinterließ ein kleines, aber eindrückliches Loch in seinem Blech. Feiner, kaum sichtbarer Rauch kroch aus der Mündung der Waffe.
Nun wusste der Rangierer, dass Ulrich nicht bluffte. »Sind Sie irre?«, entfuhr es ihm, doch er griff ohne weiteres Zögern zu seinem Paneel und nach zwei, drei Handgriffen gehorchte die Diesellok: Der Motor schlug mit einem kurzen Bellen an, ging dann in ein dumpfes Brummen über und entfaltete vorsichtig seine Kräfte. Der Zug setzte sich tatsächlich in Bewegung. Bänke, Masten und zwei tropfnasse Fahrräder, die zur Verladung bereitstanden, zogen vorbei. Die wenigen Menschen, die sich bei dem Wetter neugierig und in Regencapes gehüllt auf die große Aussichtsplattform gleich neben dem Stellwerk gewagt hatten, um den Dampflokschuppen zu besichtigen, hatte der Knall der Beretta erstarren lassen.
Die Zugbegleiterin, die noch immer kein einziges Wort gesagt hatte, schwebte offenbar in Todesangst, denn mit ungeahnten Kräften stieß sie Rick, der ihr im Weg stand, beiseite, öffnete den Sicherheitsbügel auf der anderen Seite und sprang ab, bevor der Zug zu schnell geworden war. Mit den Armen über dem Kopf blieb sie am Rande des Schotterbetts liegen.
Rick überforderte die Situation nun endgültig. Er schob Ulrich ein wenig beiseite, damit der Rangierer nicht mithören konnte. »Was machst du? Wir können doch nicht so losfahren? Von hier hinten! Auf der Lok ist kein Mensch!«
»Wir können und wir werden. Wir müssen das hier jetzt zu Ende bringen. Denk an Sophie! Oder hast du eine bessere Idee? Außerdem sparen wir so noch ein bisschen Zeit! Wer weiß, wozu das gut ist.«
»Und die Leute im Waggon?«
»Betrachte sie als unsere Lebensversicherung.«
»Aber wenn einer von denen draufgeht?«
»Wenn alles nach Plan läuft, passiert keinem was.«
Rick war noch nicht überzeugt von Ulrichs Worten. »Und was ist, wenn uns wirklich ein Zug entgegenkommt? Hast du daran auch gedacht?«
Ulrich grinste triumphierend. »Lass dich nicht von diesem Rangierer ins Bockshorn jagen, Rick! Ich habe den Fahrplan gelesen. Der erste Zug des Tages startet von Drei Annen Hohne um 11.08 Uhr. Da sind wir längst oben. Und wenn nicht, dann wartet er.«
Langsam bewegte sich die Wagenschlange mit der weinroten Diesellok an der Spitze aus dem Bahnhof heraus. Der blaue Kohlekran wurde passiert und die kräftige Dampflok, die eigentlich diesen Zug zum Brocken schleppen sollte.
»Wir haben soeben ein rotes Signal überfahren …«, setzte der Rangierer vorsichtig an, offensichtlich noch immer in der Hoffnung, die Katastrophe abwenden zu können.
»Geben Sie mir das Funkgerät!«, verlangte Ulrich und riss es dem Mann fast aus der Hand.
Dem Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk war längst aufgefallen, dass sich der Zug ohne Abfahrauftrag in Bewegung gesetzt hatte. Ulrich ließ ihn nicht zu Wort kommen, sondern erteilte mit klaren Worten seine Anweisungen. Der Mann da oben würde sie sehen können, in diesem Moment passierte der letzte Waggon des Zuges die Höhe des Stellwerks. Deutlich sichtbar hielt Ulrich ihrer Geisel die Waffe an den Kopf. »Freie Fahrt in Richtung Drei Annen Hohne, alle Signale auf Grün, keine Störungen, sonst wird es Tote geben!«
Kapitel 2
10.10 Uhr. Nicht nur im Wagen 8 des Zuges 8925 hatte man wahrgenommen, dass soeben ein Schuss gefallen war. Sein Knall rollte durch den ganzen Bahnhof. Menschen drehten sich um, Fenster wurden geöffnet. Und so dauerte es nicht lange, bis auch die große Maschinerie der polizeilichen Gefahrenabwehr begann, die dafür vorgesehenen Routinen abzuspulen. –
Lore Sikora hörte für zwei Sekunden auf zu atmen, als der Schuss fiel. Ihre Hand fuhr, dem Reflex folgend, an die rechte Hüfte, doch sie griff ins Leere. Dafür kullerte die kleine Porzellaneule von ihrem Schoß auf den Boden des Waggons.
Lore hatte gerade versucht, die filigrane Figur mit den großen blauen Glasaugen in einem mit Seidenpapier ausgeschlagenen Schächtelchen unterzubringen, das noch eine rote Schleife bekommen sollte. Es war das Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter, die heute siebenundsiebzig Jahre alt wurde. Eulenfiguren waren ihre große Leidenschaft, sie sammelte sie seit Jahren. Manche von ihnen waren richtig wertvoll, man würde dreistellige Summen dafür bekommen. Da war es schwer, noch eine zu finden, die nicht schon in der gläsernen Vitrine mit den Perlmuttgriffen ihren Platz gefunden hatte. Einer von Lores Kollegen aus dem Revier, der kürzlich in Italien im Urlaub gewesen war, hatte ihr eine mitgebracht, die in der Sammlung noch fehlte. Mutter würde sich freuen.
Doch nun hatte Lore keinerlei Gedanken mehr an den Geburtstag. Das Geräusch eines Schusses kannte sie genau. Lore war Polizeibeamtin. Die Stunden auf dem Schießstand zählte sie längst nicht mehr. Das war vor wenigen Sekunden nicht etwa die spektakuläre Fehlzündung eines Pkw oder das Herunterknallen eines stumpfen schweren Gegenstands auf eine Stahlplatte gewesen, wie es bei Eisenbahnen manchmal vorkommen konnte. Hier hatte jemand gerade aus nächster Nähe eine Waffe abgefeuert und deren Kugel hatte irgendwo die Haut dieses Waggons durchschlagen. Jeder hier konnte eben die kurze Resonanz an den Wänden spüren. Das Entsetzen stand den Reisenden ins Gesicht geschrieben.
Seit sie vor vier Jahren, kurz nach ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag, nach Schierke gezogen war, um näher bei ihrer Mutter zu wohnen, nahm sie täglich die Bahn. Und normalerweise fuhr sie in Uniform. Wegen der erhöhten Sicherheit für die Fahrgäste. Eine Vereinbarung mit der Bahngesellschaft. Aber heute würde Lore die Zeit nicht reichen, um vor dem Mittagessen bei ihrer Mutter noch einmal nach Hause zu fahren, um sich umzuziehen, deshalb saß sie ausnahmsweise in Zivil in diesem Zug. Und das verschaffte ihr nun möglicherweise einen kleinen strategischen Vorteil.
Lore blieb ganz ruhig, zitterte nicht. Ihre Finger hätten einen Faden durch ein Nadelöhr bringen können. Die Routine ihrer vielen Dienstjahre ließ sie auch in gefährlichen Situationen besonnen reagieren. Erfahrung lernte man nicht auf der Polizeischule. Lore war heute Morgen nach einem anstrengenden Dienst, der auch noch mit einem Gewaltverbrechen hatte enden müssen, erst mit großer Verspätung aus der Dienststelle herausgekommen und hatte sich ein wenig sputen müssen, den Zug noch zu erreichen. Das Frühstück in der Bäckerei Emmeran ganz in der Nähe ihres Kommissariats, das sie sonst nach einer Nachtschicht gerne nahm, musste ausfallen. Dabei war ihr Kollege Holger am Schluss noch so nett gewesen, ihr den anstehenden Papierkram abzunehmen. Das machte er manchmal. Texte zu verfassen war nicht so ihre Sache, auch wenn das neue Rechtschreibprogramm, mit dem das System jetzt arbeitete, es schaffte, für sie die größten Klippen zu umschiffen. Längst hatte Holger ihr kleines Problem erkannt und einfach den Mund gehalten. Die meisten anderen auf der Wache ahnten davon nicht einmal etwas, obwohl sie nun schon so viele Jahre dabei war. Jeder, dem es ähnlich erging wie ihr, entwickelte seine kleinen Strategien, damit umzugehen. Aber Holger hatte sie durchschaut. Er sah eben Dinge, die nicht jedem auffielen. Lore wäre froh, säße er jetzt ebenfalls in diesem Zug.
Sie orientierte sich kurz. Der Wagen war zum Glück nur mäßig besetzt. Insgesamt befanden sich zehn Personen darin, sie eingeschlossen. Vorne links ein Pärchen, beide so um die sechzig, vielleicht auch ein bisschen älter. Sie trugen trotz des unwirtlichen Wetters Wanderkleidung. Auf der anderen Seite, in die Ecke gefläzt, ein Mädchen, vielleicht gerade so volljährig, tätowiert und mit einer schwarzen Wollmütze auf dem Kopf, unter der lange braune Haare hervorquollen. Sie starrte auf ihr Handy, auch der Schuss hatte sie nicht ablenken können. Eine Reihe davor zwei junge Frauen. Sie waren wahrscheinlich Kellnerinnen in einem Hotel in Schierke, die sonst das Auto nahmen und nur wegen des aufkommenden Sturms heute lieber im Zug saßen. Lore hatte bis eben unfreiwillig ihrem ungenierten Gespräch folgen können. Wieder eine Reihe weiter, mit dem Rücken zum Klo, ein älterer Mann, der ganz so aussah wie ein Feriengast: im staubgrauen Regenmantel mit Gürtel und mit einem völlig aus der Mode gekommenen karierten Reisekoffer. Ganz hinten, in der letzten Reihe, dann noch zwei Männer. Der linke, am Fenster, ein schmächtiger Kerl. Fettig wirkende Haare, Seitenscheitel und Kinnbart, feste Wetterjoppe und gute Winterschuhe. Er hatte sich die ganze Zeit in regelmäßigen Abständen eine Handvoll Erdnüsse aus der Jackentasche geholt, um sie sich mit zwei Fingern einzeln in den Mund zu schieben. Nun tat er das nicht mehr. Neben ihm, etwas älter wirkend, ein gut aussehender Mann im schwarzen Anorak. Das Haar schon etwas schütter, die Haut glattrasiert, neugierige braune Augen mit gepflegten Augenbrauen darüber. Die beiden schienen sich zu kennen, denn sie hatten sich zuvor vertraut miteinander unterhalten.
Außerdem war da noch Frau Freytag, die Lore gegenübersaß. Lore kannte sie flüchtig, weil die alte Dame ebenfalls manchmal den Zug benutzte. Gelegentlich hielten sie ein Schwätzchen miteinander. Sie fuhr nicht gerne rückwärts, setzte sich stets in Fahrtrichtung. Nun stand ihr Mund offen und ihre dürren weißen Finger krallten sich ins Sitzpolster.
Die augenblicklich eingetretene Stille im Waggon war noch nicht vorüber. Totenstille. Niemand der anderen Fahrgäste tat etwas. Genau diese Art von Ruhe, wie sie oft unmittelbar vor einer Massenpanik auftrat. Lore musste vermeiden, dass es dazu kam. Sie erhob sich vorsichtig, las noch die kleine Eule vom Fußboden auf und bewegte sich langsam auf die Tür am Ende des Zuges zu. Auf der Plattform standen mehrere Menschen. Von dort musste der Schuss gekommen sein. Lore war sich nicht ganz sicher, doch sie meinte, aus ihren Augenwinkeln durch das kleine Fenster in der Tür ein Mündungsfeuer wahrgenommen zu haben. Um von draußen nicht bemerkt zu werden, duckte sie sich tief ab und presste sich schließlich dicht neben die Tür. In diesem Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung.
»Das ist viel zu früh! Meine Frau! Meine Frau ist noch gar nicht da!«, stammelte halblaut, jedoch ein zweites Mal sichtlich erschreckt der alte Herr im grauen Mantel. Das stimmte. Genau sechzehn Minuten fehlten noch bis zur planmäßigen Abfahrt. Als kurz darauf abermals eine Hand mit einer Pistole an dem Fenster in der Tür vorbeihuschte, fehlte nicht mehr viel, und die Panik wäre ausgebrochen.
Der Mann, der seine Frau vermisste, stand plötzlich auf und langte nach dem roten Griff über seinem Kopf. Die Bewegung des Zuges machte es ihm nicht ganz leicht, die Notbremse zu greifen.
Lore war schneller, schaffte es, dass er sich wieder setzte. Mit beiden Händen versuchte sie, die Menschen zu beruhigen, was nur leidlich gelang. »Hören Sie bitte zu!«, rief sie mit gedämpfter Stimme, damit nichts nach außen drang. »Ich bin Polizeibeamtin. Bewahren Sie Ruhe und begeben Sie sich bitte sofort in den nächsten Waggon!« Sie hielt gut sichtbar ihren Dienstausweis hoch.
Es brauchte nur diese Initialzündung, die Gewissheit, dass es für ihre Situation nicht irgendeine harmlose Erklärung gab, sondern etwas Schreckliches passiert sein musste oder gleich passieren würde, einerlei – jeder der Passagiere folgte nun seinem natürlichen Fluchtinstinkt. Alles ging furchtbar schnell. Lore bildete den Schluss der Gruppe und blickte dabei immer wieder über ihre Schulter, um den Gefahrenherd im Auge zu behalten.
Doch schon auf den Übergangsblechen zum nächsten Waggon kam der kleine Menschenstrom zum Stillstand und plötzlich strebte alles zurück. »Die Tür lässt sich nicht öffnen!«, rief der Mann in der Wanderkluft. Die Reservierung! Die Zugbegleiterin hatte den vorletzten Wagen wahrscheinlich verschlossen. Die Schilder an den Fenstern hatten ihr nicht genügt. Alle Blicke waren nun auf Lore gerichtet. Dass sie sich als Polizistin zu erkennen gegeben hatte, brachte sie von ganz allein in die unangenehme Lage, Antworten geben zu müssen, Entscheidungen zu treffen.
Inzwischen hatte der Zug den Bahnhofsbereich verlassen. Durch das Türfenster sah sie in der Ferne den auffälligen blauen Kohlekran langsam kleiner werden. Der Zug beschleunigte noch einmal. Einfach abzuspringen war nicht mehr möglich.
»Alle setzen sich in den Bereich hinter der Toilette!« Die hölzerne Kabine für die Notdurft war ungefähr in der Mitte des Waggons eingebaut und bildete in der Tat eine gewisse Nische, um vom anderen Ende des Waggons nicht gesehen zu werden. Zwölf Personen konnten hier Platz finden. Das reichte. So fühlten sich die Menschen vorerst einigermaßen sicher.
»Bald kommt der Bahnhof Westerntor, da können wir bestimmt raus.« Frau Freytag war es, die diesen Satz gesprochen hatte, voller Inbrunst und unerschütterlicher Überzeugung. Worte, an die sich ihre Mitgefangenen klammern konnten. Ein Strohhalm Hoffnung, nicht mehr. Eine Minute später wusste Lore, dass diese Aussicht nichts als ein fataler, vorhersehbarer Irrtum war.
Die hintere Waggontür öffnete sich, zuerst schob sich die Pistole in den Spalt, dann ein ganzer Arm, schließlich drängte einer der drei Männer von der Plattform ins Innere des Waggons. Ganz in Schwarz gekleidet, von den Schuhen bis zur durchfeuchteten Schirmmütze, die er sich nun herunterriss und neu aufsetzte. Auch seine Haare waren schwarz. Glatt, voll und nach hinten gekämmt. Er schien Ende dreißig oder Anfang vierzig zu sein und wirkte durchtrainiert und entschlossen.
Lore, die einen Sitzplatz am Gang gewählt hatte, wiederum mit Blickrichtung zum Zugende, kannte ihn nicht. Sie hatte ihn noch nie in ihrem Leben gesehen. Doch sie erkannte von den beiden, die draußen geblieben waren, wenigstens einen. Es war der Rangierer, der noch immer diese orangefarbene Warnweste trug. Er dürfte nicht zu den Kriminellen gehören. Der dritte Mann schien ihn ebenfalls mit einer Waffe in Schach zu halten.
Der Schwarzhaarige sah sich kurz um, trat näher an die kleine, auf ihren Sitzen kauernde Menschengruppe heran. »Jeder bleibt an seinem Platz. Wenn Sie tun, was wir sagen, passiert niemandem etwas. Betrachten Sie sich weiterhin als Fahrgäste, nicht als Geiseln. Das bleibt auch so, wenn Sie unsere Anweisungen befolgen.« Er sprach nicht sehr laut. Mit der Mündung der Waffe bedeutete er den Leuten, dass er es ernst meinte. »Unsere Waffen werden wir zur Not auch benutzen, das haben Sie ja sicherlich mitbekommen. Wie gesagt, nur im Notfall.«
Er versuchte irgendwie, nicht bedrohlich zu wirken, sondern zu beruhigen, was jedoch völlig misslang. Die bloße Nähe zu dieser Waffe, die erst vor ein paar Augenblicken abgefeuert worden war, ließ die meisten Reisenden vor Angst erstarren.
Dem Gangster fiel etwas ein und er ging zurück zu seinem Kumpan, der ebenfalls aufgetaucht, aber zunächst im Türrahmen stehen geblieben war. Der andere war ein Typ ebenfalls so um die vierzig. Sein kurzes Haar begann sich bereits zurückzuziehen und zeigte schon deutliche Spuren einer Graufärbung, wie auch der Dreitagebart. Moderne Brille mit schwarzem Horngestell. Ein offenes Gesicht. Jeans, durchnässte dunkelblaue Winterjacke, sportliche Schuhe. Als wollte er zum Training, hing über seiner Schulter eine fliederfarbene Tragetasche, die er nun absetzte und etwas unbeholfen unter die erste Sitzbank auf der linken Seite schob. Lore war sich sicher, dass sie es nicht mit Profis zu tun hatten. Die beiden flüsterten miteinander, als der Rangierer ihnen von draußen etwas zurief. »Wir erreichen den Bahnhof Westerntor. Soll ich halten?«
»Durchfahren! Ohne zu drosseln durchfahren!« Der Schwarzhaarige drängelte sich nach draußen und fuchtelte mit der Waffe herum. »Geht das nicht schneller?«
»Die Lok hat eine Höchstgeschwindigkeit von fünfzig«, rief der Mann ungerührt gegen den schweren Fahrtwind an, »die haben wir bereits.«
»Und die Schranken? Ulrich, direkt hinter dem Bahnhof kommt doch der Bahnübergang an der Mittelstraße!« Der mit der Brille stürzte ans Fenster, um irgendetwas zu erkennen.
»Hupen Sie! Los, hupen Sie!«, befahl der Schwarze.
Der Rangierer gehorchte offenbar, denn gleich darauf gab das Typhon der Lok seinen dröhnenden Pfeifton von sich, immer wieder. Menschen auf dem Bahnsteig mit verblüfften Gesichtern zogen vorbei, das Bahnhofsgebäude, die offenen Schrankenbäume.
»Wir fahren jetzt auf die große Westerntorkreuzung zu!« Der mit der Brille klebte weiterhin an der tropfenfeuchten Scheibe, war kurz davor, die Kontrolle zu verlieren. Doch der Schwarzhaarige, den er mit Ulrich angesprochen hatte, blieb ganz ruhig.
Der Rangierer war es, der die Situation erst einmal entspannte. »Keine Sorge«, konnte Lore mühsam verstehen, »die Ampeln der Kreuzung werden vom Zug automatisch auf Rot gestellt. Die Autos müssen warten. Es kann also erst einmal nichts passieren.«
Lore hatte die Szene ebenso angespannt verfolgt wie die anderen Geiseln; doch sie beobachtete auch genau. Die beiden kannten sich hier aus. Niemand von außerhalb würde den Namen der winzigen Straße kennen, die sie gerade passiert hatten. Und Ulrich hatte nicht reagiert, als eben sein Name gefallen war. Es schien den beiden also egal zu sein, dass sie schnell zu identifizieren sein würden.
Der Zug fuhr nun eine langgezogene Rechtskurve und passierte, wiederum laut pfeifend, unbehelligt die belebte Kreuzung. Alles war wie immer. Man erkannte Autoschlangen an den Ampeln und Passanten, die geduldig warteten, bis der Zug die Kreuzung verlassen hatte. Der Brillenträger atmete durch, lächelte sogar ein wenig, kam nun auf die Fahrgäste zu, die gleichzeitig ja doch seine Geiseln waren. Was er sah, ließ das Lächeln sofort wieder verschwinden. Das junge Mädchen, das sich abermals ihren Platz ganz in der Ecke ergattert hatte und nun mit angezogenen Beinen anscheinend teilnahmslos dasaß, tippte auf ihrem Handy herum. Offenbar war sie dabei, eine Nachricht zu versenden. Als der Mann es ihr aus der Hand riss, fuhr sie hoch und griff danach. Er stieß sie weg, doch das schreckte sie keineswegs, sie sprang geradezu auf ihn los, klammerte sich an seiner Jacke fest und versuchte, ihr Eigentum zu erreichen. Dass er eine Waffe hatte, schien nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen. Bevor die Situation weiter eskalierte, war Ulrich herbeigeeilt und versetzte dem Mädchen einen kraftvollen Stoß, der sie unsanft auf ihren Platz zurückbeförderte.
»Die Handys! Von allen!«, forderte er, ging durch den Gang und kassierte sie der Reihe nach ein. Die Handfeuerwaffe in der Hand des Mannes, deren Mündung vor ihren Gesichtern kreiste, ließ alle anderen ohne Widerstand gehorchen. Bis auf Frau Freytag, die kein Mobiltelefon besaß. Der Kerl musste sich die Geräte in die Tasche stopfen, mit einer Hand konnte er nicht alle halten. Doch nun fackelte er nicht lange. Fünf Sekunden später lagen sie allesamt im Gleisbett, während der Zug davoneilte.
»Reiß dich jetzt zusammen!«, zischte er seinen Komplizen an und schloss von außen die Waggontür. Dem Brillenträger blieb wiederum die Aufgabe, ihre Geiseln zu bewachen.
Das junge Mädchen hatte noch nicht aufgegeben. Unvermittelt sprang sie auf und stürzte auf die Notbremse zu, hatte sie sogar schon beinahe erreicht, da griff sie der Kidnapper am Arm und fauchte: »Setz dich wieder hin. Bitte!« Er konnte offenbar zupacken; das Mädchen riss sich los, rieb sich den Oberarm und verzog sich in ihre Ecke.
»Ihr Verbrecher!«, schimpfte der alte Mann. »Meine Frau steht noch auf dem Bahnsteig!«
»Die wird schon auf Sie warten …«, bekam er als Antwort.
Die Wanderliebhaberin hatte zu weinen angefangen. Ihr Mann hielt ihre Hand und versuchte, sie zu trösten. Zwischendurch machte er dem jungen Mädchen mit der Wollmütze leise Vorwürfe. Wäre es nicht so provokant aufgetreten, dann hätten sie ihre Handys jetzt noch. Die Kleine schaute wütend durch das tropfenbenetzte Fenster und reagierte nicht.
Lore hatte ihr Telefon noch in der Tasche. Das Diensthandy war soeben auf den Gleisen zerschellt. Ihr privates hatte sie nicht herausgerückt. Es war ein Risiko gewesen, doch mit ihrer Einschätzung, dass die beiden vergessen würden, nach einem Zweithandy zu fragen, hatte sie richtiggelegen. »Darf ich mal auf die Toilette, bitte …«, fragte sie, nachdem sich alle etwas beruhigt hatten.
Kapitel 3
10.18 Uhr. Rangierlokführer Urbanek überlegte angestrengt, was er gegen die beiden Kriminellen, denen offensichtlich die Sicherungen durchgebrannt waren, tun konnte. Und er ärgerte sich. Hätte er die Funkfernsteuerung ordnungsgemäß seinem Kollegen übergeben und nicht einfach Simone, der Zugbegleiterin, in die Hand gedrückt, wäre dies vielleicht alles nicht passiert. –
Holger Matthies, Polizeibeamter im Revierkommissariat Wernigerode, ahnte in diesem Augenblick noch nichts von der Entführung des Zuges, doch selbst wenn er es täte, würde es ihn vermutlich auch nicht mehr erstaunen. Manchmal erwischte man in der Reihe der ungezählten ruhigen, oft sogar eintönigen Schichten so eine wie heute, da kam eben alles zusammen.
Wie meistens war er mit seiner Kollegin Lore Sikora auf Streife gefahren und es schien eine ganz normale Nacht zu werden. Er mochte Lore. Man konnte sich auf sie verlassen.
Lore war zehn Jahre älter als er, also fünfzig, und einen Dienstgrad höher. Ihr Lockenschopf umrahmte ein etwas grob geschnittenes, immer braungebranntes Gesicht. Sogar jetzt noch, im November, wo alle Leute blass waren wie ein Eimer Kalk. Wie sie das anstellte, war ihm ein Rätsel. Dass sie sich unter eine Sonnenbank legte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie war keine Schönheit, keine Frau, auf die die Männer flogen. Eher der Typ zupackende Bäuerin. Seit sie sich kannten – seit fünfzehn Jahren –, war sie solo und stets auf der Suche.
Wenn man unzählige Stunden zusammen in einem Streifenwagen verbrachte, erzählte man sich so manches. Besonders in den Nachtschichten. Wernigerode war nicht Hamburg St. Pauli oder Berlin Kreuzberg. Neben den üblichen Einsätzen, von Verkehrsunfällen bis zu ruhestörendem Lärm aus einer Wohnung, hatten sie es vor allem mit Kleinkriminalität zu tun. Der Klientenkreis war überschaubar. So ein Fall wie vor einer Woche, als alle vier Räder von einem Mazda gestohlen worden waren, zählte dann schon zu den größeren Vorkommnissen. Die Täter hatten die Dreistigkeit besessen, das Fahrzeug immer an einer Ecke anzuheben und auf ein paar Betonpflastersteine aufzubocken. Es mussten drei gewesen sein, denn die Spurensicherung hatte von allen Fingerabdrücke gefunden, die eindeutig der Tat zuzuordnen waren. Dann konnten sie in aller Ruhe die Räder abschrauben. Gefasst hatten sie die Typen noch nicht. Doch das würde noch passieren, irgendwann. Holger war sich sicher.
In der Regel jedoch schoben sie einen ziemlich ruhigen Dienst. Da geschah auch schon einmal zwei Stunden gar nichts. Freitags vielleicht oder samstags, da war mehr los. Da wollten die Leute das Wochenende feiern. Doch heute war Dienstag. Wenn man nicht wieder einrücken sollte, fuhr man in gemächlichem Tempo mehr oder weniger ziellos durch die Straßen oder postierte sich am Bahnhof oder in der Nähe einer der wichtigen Kreuzungen der Stadt. Und dann kam man ins Plaudern, sprach neben dem üblichen Klatsch über Kollegen auch Dinge aus, die man bei Tage niemals preisgegeben hätte. Später, wenn man darüber nachdachte, bereute man es vielleicht. Die Nacht schaffte sich ihre eigenen Regeln.
Lore wollte stets viel über seine Familie wissen, obwohl es da im Grunde genommen kaum etwas zu berichten gab. Seit er verraten hatte, dass Luna, seine Frau, schwanger war, ließ sie nicht mehr locker. Luna war erst im dritten Monat. Er glaubte, dass sie ein Problem damit hatte, sechzehn Jahre nach der Geburt von Daniel noch ein zweites Kind zu bekommen. Über weiteren Nachwuchs hatten sie nie geredet. Für Holger war ihre gemeinsame Familienplanung eigentlich abgeschlossen gewesen. Als sie ihn dann an einem Sonntagabend nach der Schicht mit der Nachricht überraschte, freute er sich, wie er sich lange nicht gefreut hatte. Sie aber beobachtete ihn und verlor später über eine mögliche Abtreibung nie auch nur ein einziges Wort. Nun also doch noch eins, wieder alles von vorn. Windeln, Fläschchen, Babysitter. Er durchschaute sie. Sie wollte das eigentlich nicht mehr. Doch zugeben würde sie es niemals. Stattdessen ging sie neuerdings gerne ihre eigenen Wege. Entweder saß sie stundenlang, den Harz durchstreifend, auf ihrem Mountainbike und kam mit Morast bekleckert zurück oder sie schrieb langweilige Kochbücher über ernährungsphysiologisch wertvolle Speisen. Zwei hatte sie bereits fertig. Die schickte sie dann an Verlage und Frauenzeitschriften in der Hoffnung, dass jemand auf sie aufmerksam würde. Zusammen unternahmen sie nicht mehr viel. Früher war das anders gewesen. Holger hoffte, dass sich das wieder änderte, wenn das Kind erst da war.
Lore selbst erzählte von ihren Männerbekanntschaften. Holger fragte nicht danach. Sie tat es von allein. Er hätte gern auf ihre Geschichten verzichtet, wollte sie jedoch nicht vor den Kopf stoßen. Besser so, als wenn sie sich stundenlang anschwiegen. Gelegentlich gabelte sie jemanden auf, der dann für eine Nacht blieb, niemals länger. Sie sprach erst nach ein paar Tagen darüber, vielleicht auch erst nach Wochen. Mit genügend Abstand wusste sie, dass es wieder nicht der Richtige gewesen war. Meist redete sie dann verächtlich von ihm. Dass er dabei grunzte, störte sie, oder sein langes, dichtes Nasenhaar. Wie sie die Kerle kennenlernte, wusste Holger nicht. Er vermutete, dass sie auf irgendeinem Dating-Portal unterwegs war. Wenn das stimmte, hätte er gerne gewusst, wie sie sich dort beschrieb.
Er hatte sich auch schon vorgestellt, wie es wäre, wenn er mit ihr schliefe. Dabei mochte er weder Locken noch stand er auf ältere Frauen. Einmal hatte er von ihr geträumt. Sie hatte es ihm angeboten. »Wilden, animalischen Sex. Hier direkt auf dem Schreibtisch. Die Akten schieben wir beiseite. Aber das geht nicht. Ich bin dir zu alt.«
Er wollte verneinen, gleichzeitig bekunden, dass er kein Interesse hatte, nicht auf sie bezogen, sondern an dieser Idee im Allgemeinen, verhaspelte sich, stotterte sich in einen roten Kopf. Sie lachte, dass ihr die Tränen kamen, und ging zum Schredder, um alle seine Akten zu schnitzeln.
Nach dem Aufwachen hatte er wie vor den Kopf geschlagen im Bett gesessen und sich gefragt, was das wohl über ihn verriete, wenn er so etwas träumte. Aber das war schon ein paar Jahre her und nie wieder vorgekommen. Heute konnte er nur noch verwundert darüber grinsen.
Gleich ihr erster Einsatz hatte sie gestern Abend an den Stadtrand zu einer Gruppe kiffender Jugendlicher geführt, die sich mit ihren Mopeds oder Fahrrädern immer an einem Rastplatz für Wanderer trafen. Unter einer Straßenlaterne stand dort ein hölzernes Wetterdach mit ein paar Sitzbänken. Lore, die am Steuer saß, fuhr im Schritttempo heran und hielt in einem Abstand von etwa fünfzehn Metern an. Sie stiegen aus, und obwohl alle Jugendlichen ein Kapuzenshirt trugen, erkannte Holger sofort, dass sein Sohn unter ihnen war. Er hatte schon vorher gewusst, dass Daniel heimlich kiffte. Es ihm auszutreiben, war ihm bisher nicht gelungen. Daniel hatte stets alles abgestritten und wollte nicht mehr über das Thema reden. Irgendwie war ihm der Draht zu seinem Jungen gerissen.
Lore, die sich Ausweise zeigen ließ und Daniel kannte, gab ihm dann die Chance, zusammen mit zwei seiner Kumpane zu fliehen, bevor er an der Reihe war. Holger nahm die Verfolgung auf. Er hatte sie weder darum gebeten noch dergleichen erwartet, und trotzdem war er froh, dass Daniel auf seinem Rad nach ein paar Häuserecken seinen Blicken entschwunden war. Dass die drei anderen, die sie erwischt hatten, die Klappe halten würden, war sozusagen Ehrensache, von ihnen drohte keine Gefahr für Daniel. Holger glaubte auch nicht, dass Daniels Freunde wussten, was sein Vater von Beruf war. Damit prahlte man nicht in seinen Kreisen.
Holger kannte Lore fast ebenso gut wie seine eigene Frau. Sie verstanden sich blind. Dennoch wusste er nicht, wie er mit der Sache umgehen sollte. So ein Fall, der ins Private abdriftete, ging ihm an die Nieren. Damit hatte er keinerlei Erfahrung. Nachher im Wagen verlor er über den Vorfall nicht ein einziges Wort, und auch sie schien zu spüren, dass sich ein Gespräch darüber zu einem Fiasko entwickeln könnte.
Noch auf der Rückfahrt machten sie einen fünfzigjährigen Mann dingfest, der sich – betrunken, wie er war – vorgenommen hatte, in der Innenstadt sämtliche Straßenlaternen zu zertrümmern. Zu diesem Zweck trug er eine Stofftasche mit Schottersteinen bei sich, die, wie er nachher freimütig zugab, aus dem Gleisbett der Schmalspurbahn an der Westerntorkreuzung stammten. Dabei war er allerdings so alkoholisiert, dass es meistens bei einem kläglichen Versuch blieb; nur zweimal waren die Scheiben zu Bruch gegangen. Kaum saß er auf der Rückbank ihres Einsatzwagens, kotzte er Holger ohne jede Vorwarnung in den Nacken, um dann augenblicklich einzuschlafen. Holger kochte vor Wut. Er musste duschen gehen und sich aus seinem Spint ein neues Hemd besorgen, während sich Lore um den Mann kümmerte. Sie konnte zupacken und schaffte es auch allein, ihn auf die Wache zu verbringen. Während sie die Anzeige wegen Sachbeschädigung schrieb, wollte Holger sich noch um einen neuen Einsatzwagen kümmern. Hätte er sich dafür etwas mehr Zeit gelassen, wären sie vielleicht um den letzten Einsatz ihrer Schicht herumgekommen.
Leblose männliche Person im Stadtteil Nöschenrode. Hier, wo sich der Zillierbach von Drei Annen Hohne kommend in das Mühlental schlängelte und sich eine Weile seinen Weg gemeinsam mit der Bundesstraße 244 hinunter in die Stadt suchte, hatte um diese Zeit schon ein Jogger, mit Stirnlicht und Schrittzähler ausgerüstet, seine Trainingseinheit absolviert und dabei den Mann entdeckt. Als sie ankamen und ihren Wagen vorläufig am Straßenrand parkten, war es bereits ein paar Minuten nach sieben Uhr. Ihre Schicht hätte längst zu Ende sein müssen. Der Morgen dämmerte, doch so richtig hell wurde es nicht. Das Wetter hatte sich plötzlich verschlechtert. Es regnete und stürmte.
Der Sportler, der den Toten gefunden hatte, stand auf einer klapprigen, offenbar kaum noch genutzten Brücke über dem Wasser und behalf sich mit einigen gymnastischen Übungen, um die unfreiwillige Pause zu kompensieren und nicht auszukühlen. Ein junger, hoch aufgeschossener Mann in schwarzer Hose und neongelbem Oberteil. Am Oberarm eine durchsichtige Handytasche. Sein Stirnlicht hüpfte hin und her, als wäre es noch stockfinster. Dass er einen kaltblütigen Mord entdeckt hatte, schien ihn nicht weiter zu berühren. »Moin«, begrüßte er die Beamten und wies auf den Bachlauf direkt unter der Brücke.
Dem Toten fehlte das halbe Gesicht. Er lag im Wasser, das jedoch bisher nicht die Kraft aufgebracht hatte, ihn fortzutragen. Vollständig bekleidet, der Kopf in Fließrichtung, Rückenlage, ein Bein leicht angewinkelt. Eine Schussverletzung, wahrscheinlich aus nächster Nähe, befand Lore, die den gespenstischen Anblick, der sich ihnen bot, nicht lange ertragen konnte. Der Mann musste schon eine ganze Weile tot sein, denn es fanden sich keinerlei frische Blutspuren mehr. Die Wunde war vollkommen getrocknet.
Sie taten das, was getan werden musste. Tatort absichern, Personalien aufnehmen, den Kriminaldauerdienst informieren, ebenso die Staatsanwaltschaft. Die Kollegen der Mordkommission mussten aus Magdeburg anrücken, das würde eine ganze Zeit dauern. Einen pünktlichen Dienstschluss konnten sie somit vergessen. Sie verjagten den Jogger von der Brücke und verfrachteten ihn auf den Rücksitz ihres Dienstwagens, wo er warten sollte, bis die Kollegen eingetroffen waren. Die würden sicher noch Fragen an ihn haben. Ob er ihnen bei der Aufklärung des Falls weiterhelfen konnte, bezweifelte Holger.
»Aber nicht jetzt auch noch kotzen«, sagte Holger, unterdrückte ein Gähnen und schlug mit Schwung die Autotür zu. Der Regen kam nun unangenehm von der Seite. Der Jogger verstand nicht und zeigte ihm durch die Scheibe einen Vogel. Er war wohl wütend, dass er jetzt nicht pünktlich nach Hause kommen würde. Dabei hatte er eine Adresse angegeben, die nur ein paar Hundert Meter entfernt von ihrem Standort lag. Vielleicht musste er zum Dienst oder hatte andere Pläne, die sie gerade durchkreuzten. Holger ließ die Beleidigung ungeahndet, ging um den Wagen herum und setzte sich auf den Fahrersitz. So konnte er dem hässlichen Wetter wenigstens ein paar Augenblicke entgehen.
»Laufen Sie hier jeden Morgen?«
»Wird das hier jetzt ein Verhör?«
»Wenn, dann wäre es eine Vernehmung. Aber dafür sind meine Kollegen zuständig. Nennen wir es einfach ein Gespräch.«
Der junge Mann nickte knapp. »Immer vor der Arbeit. Außer am Wochenende, da schlafe ich aus.«
»Kann es sein, dass der Tote hier schon gestern im Wasser lag und Sie ihn übersehen haben?«
Holgers Zeuge verzog den Mund zu einem schwachen Grinsen. »Unmöglich. Den kann doch jeder sehen. Und ich bin nicht der Einzige, der hier joggt. Das ist eine beliebte Laufstrecke. Glauben Sie mir, der lag hier gestern noch nicht.«
Wer machte sich die Mühe, sein Mordopfer, das wahrscheinlich schon seit längerer Zeit tot war, hier draußen abzulegen, wo es dann innerhalb von Stunden gefunden wurde?
Lore kam auf den Wagen zu, das blau-weiße Absperrband in der Hand, um es in den Kofferraum zurückzulegen.
Holger stieg wieder aus. »Alles in Ordnung?« Er war sich nicht sicher, ob es ihr gutging.
Sie reagierte auf ihn mit einer Gegenfrage. »Hast du die Jacke erkannt?« Lore schien offenbar etwas bemerkt zu haben, das ihm entgangen war. Erneut betraten sie die Brücke. Sie kniete sich hin und leuchtete mit ihrer Taschenlampe zwei Meter nach unten. Das stärker werdende Tageslicht half ebenfalls. Holger konnte alle Einzelheiten gut erkennen. Eine schwarze hüftlange Jacke aus Baumwollstoff oder grobem Leinen, die der Tote offen trug, innen und am Kragen mit Pelzimitat gefüttert, Knöpfe aus Metall, wie man sie an Jeanshosen findet. Am Ärmel eine silberne Plakette aufgenäht.
»Erkennst du sie?«
»Prior«, erwiderte er. Und Lore nickte. Sie hatten die Leiche eines ehemaligen Kollegen gefunden.
Kapitel 4
10.21 Uhr. Niemand der Passanten, die sich in der Nähe der Westerntorkreuzung aufhielten, bemerkte, dass an diesem nasskalten Dienstagmorgen ein gekaperter Zug ohne einen Mann auf dem Führerstand durch die Innenstadt von Wernigerode fuhr. Alles schien wie immer, sah man vielleicht von der Tatsache ab, dass es keine Dampflokomotive war, die diesen Zug schleppte. –
Conrad Fichte wusste es natürlich, denn er war an diesem Tag der diensthabende Fahrdienstleiter und somit zuständig für die sichere und reibungslose Fahrt von 8925. Er wusste aber auch, dass er eigentlich in ein Bett gehörte. Warum war er heute Morgen nur nicht zu Hause geblieben? Jetzt bereute er sein Pflichtbewusstsein zutiefst. Er hatte auf einen ruhigen Dienst spekuliert. Daraus wurde nun definitiv nichts mehr. Das, was da in seinem Körper rumorte, fühlte sich an wie eine ausgewachsene Grippe. Er schwitzte sichtlich. Nicht nur unter den Armen und an den Handflächen. Auch an seinem Rücken klebte das Hemd bereits, obwohl es hier oben auf dem Stellwerk nur mäßig warm war. Auf seinem Schreibtisch vor den drei Monitoren, die alle Zugbewegungen von hier bis zum Bahnhof Eisfelder Talmühle abbildeten, lagen, frisch von der Apotheke besorgt, Nasenspray und Aspirin bereit. Und eine Packung Taschentücher. Doch das alles war jetzt nicht wichtig.
Er musste es irgendwie schaffen, 8925 zu stoppen, den zwei oder mehr bewaffnete Irre anscheinend in ihre Gewalt gebracht hatten. Der Grund dafür blieb vorerst im Dunkeln. Vielleicht hatten sie es mit einem terroristischen Anschlag zu tun. In Zeiten wie diesen war alles möglich. Einen Augenblick hatte Conrad vermutet, dass es sich nur um einen dummen Scherz zweier Saufbrüder handeln könnte, die in ihrem Rausch auf diese Idee gekommen waren und nun dem Urbanek, ihrem Rangierer, einen gehörigen Schrecken einjagten, um sich nachher auf die Schenkel zu klopfen. Wer kaperte schon einen Zug, und das nicht irgendwo in einem abgelegenen Wüstenstaat, sondern mitten in Deutschland? Das kurze Gespräch über Funk mit einem der Gangster, als der Zug losfuhr, hatte ihn eines Besseren belehrt.
Für solch einen Fall gab es keinen Havarieplan. Für solch einen Fall gab es überhaupt nichts. Da hieß es zunächst einmal: Ruhe bewahren.
Seine erste Maßnahme war ein Anruf bei seinem Chef gewesen, der sich zu diesem Zeitpunkt unten in der Werkstatt aufgehalten hatte. Conrad ging gern auf Nummer sicher. Damit war er die Verantwortung für die ganz großen Entscheidungen schon einmal los. Sofort danach das Telefonat mit der Polizei. Conrad hatte tatsächlich drei Mal erklären müssen, was passiert war. Der Mann schien ihm einfach nicht glauben zu wollen.
Nun war das Spezialeinsatzkommando auf dem Weg, doch es rückte aus Magdeburg an. Das konnte dauern. Wenigstens kam der diensthabende Kripobeamte vom Nicolaiplatz herüber. Dreihundert Meter Luftlinie. Er musste jeden Augenblick hier eintreffen. Der hatte bestimmt die bessere Ausbildung, wie man mit solch durchgeknallten Typen in einer Ausnahmesituation wie dieser sprechen musste. Wenn das überhaupt möglich war. Vorerst jedenfalls war jeder Kontakt zu den Gangstern abgebrochen. Sie reagierten nicht auf seine Anrufe. Doch sein Monitor verriet ihm: Der Zug fuhr noch. Und zwar mit Höchstgeschwindigkeit. Inzwischen hatte er den Haltepunkt in der Kirchstraße passiert und bewegte sich in Richtung des Stadtteils Hasserode. Eine gefährliche Ecke, wenn das Triebfahrzeug unbesetzt war und der Urbanek praktisch ohne Sicht fuhr, vom Ende des Zuges aus. Die Gleise verliefen in diesem Streckenabschnitt teilweise direkt auf der engen Straße. Hatte dort irgendein Anwohner oder Tourist sein Auto gedankenlos zu nah am Gleis geparkt, gab es einen Crash in der ungebremsten Version.
Schlimmer noch war aber ein anderes Problem. 8925 entgegen kam 89601 aus Nordhausen. Ein Sonderzug, gechartert von niederländischen Eisenbahnliebhabern, die auf einer Rundreise durch Deutschland waren. Von Wernigerode aus sollte es weiter nach Goslar gehen. Die Zugbegleiterin hatte ihm schon Meldung gemacht. Etwa hundertfünfzig Fahrgäste, alle bei bester Stimmung. Kreuzen sollten sich die Züge planmäßig im Bahnhof Hasserode. Doch 8925 war zu früh losgefahren und würde dort vermutlich nicht warten. Die Anweisung des Kidnappers war eindeutig gewesen. Jetzt konnten sie es nur noch im Bahnhof Steinerne Renne. Und das auch nur theoretisch. Denn 89601 war von der Station im Augenblick noch ungefähr vier Kilometer entfernt. Zu weit, um bei Normalgeschwindigkeit rechtzeitig da zu sein. Der gekaperte Zug würde Steinerne Renne früher erreichen. Was passierte, wenn die Kidnapper ihre Ankündigung wahrmachten und den Bahnhof ohne Halt durchfuhren?
Um die Katastrophe zu vermeiden, müsste 8925 die Geschwindigkeit deutlich drosseln. Die Möglichkeit, dass 89601 nach Drängetal zurücksetzte, schloss er aus. Bei einem Triebwagen wäre dies vielleicht eine Option gewesen, aber nicht mit einer Dampflok an der Spitze. Der Stopp auf abschüssiger Strecke, die steile Bergfahrt, rückwärts, das Umlegen der Einfahrweiche von Hand … Es wäre risikovoll und die Zeit würde nicht reichen.
Ohne weiteres Zögern griff Conrad zum Funkgerät und nahm Kontakt mit dem Lokführer des Sonderzuges auf. Talfahrt mit Höchstgeschwindigkeit. Ebenfalls ein riskantes Unterfangen bei nur wenig Aussicht auf Erfolg. Conrad wusste es. Ein Strohhalm, nichts weiter. Doch er sah keine andere Möglichkeit. Mehr als eine Minute konnte der Zug nicht bis Steinerne Renne herausholen. Das reichte nie und nimmer.
Die Tür ging auf. Sein Chef kam herein. Hinter ihm ein Mann, den Conrad nicht kannte.
»Wie ist die Lage?«
Conrad schnäuzte sich und beschrieb sie in knappen Worten. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde es in ein paar Minuten zum Frontalzusammenstoß zweier Züge irgendwo hinter Steinerne Renne kommen. Und Conrad sah zurzeit keine Möglichkeit, dem gekaperten Zug mitzuteilen, dass er langsamer fahren musste.
Sein Chef hieß Bärbaum und so ungefähr konnte man sich ihn auch vorstellen. Er wog gute hundertzwanzig Kilo und war mindestens eins neunzig groß. »Was ist das für eine verdammte Scheiße«, knurrte er. »Übrigens: Das ist Kriminaloberkommissar Mölter vom LKA in Magdeburg. Er wohnt zufällig im Harz und hat deshalb den Auftrag bekommen, den Einsatz zu leiten. Er wird mit uns zusammen versuchen, unser Problem zu lösen. Dies hier ist damit ab jetzt sozusagen die provisorische Einsatzzentrale der Polizei. Habe ich das richtig verstanden?«
Mölter kam näher und nickte. Die Hand gab er ihm nicht. Bestimmt sah man Conrad an, dass er ins Bett gehörte. »Es ist ein wenig ungewöhnlich, aber in diesem speziellen Fall die beste Lösung. Die Männer mit der Technik werden gleich da sein. Sie brauchen einen größeren freien Tisch.«
Bärbaum nickte und wollte sich darum kümmern. Dieser Mölter war klein und schmächtig, konnte ohne Probleme hinter Bärbaums Rücken verschwinden. Nur sein Hals war ungewöhnlich lang. Conrad nieste heftig, griff nach den Papiertaschentüchern und erklärte ihm kurz, was auf den Monitoren zu sehen war.
»Wie viele Fahrgäste sitzen im gekaperten Zug?«, fragte der Polizist ohne lange Vorrede.
Conrad machte eine ratlose Handbewegung. Sie wussten es nicht genau. Viele konnten es erfahrungsgemäß nicht sein. Simone, die Zugbegleiterin des 8925, die sich durch einen tollkühnen Sprung vom Zug hatte retten können und gerade ihren verstauchten Arm behandeln ließ, hatte von etwa sechs bis acht im letzten Wagen gesprochen. Die anderen, so glaubte sie, waren leer geblieben.
Seine nächste Frage galt der Anzahl der Kidnapper. Auch dazu konnte Conrad keine endgültige Antwort geben. Es waren mindestens zwei, so viel war sicher.
»Sind im Bahnhofsareal Überwachungskameras angebracht, auf deren Bändern man die Täter vielleicht erkennen kann?«
Abermals musste Conrad passen. Davon war ihm zumindest nichts bekannt.
»Gibt es eine Möglichkeit, den Zug zum Entgleisen zu bringen?«, fragte der LKA-Mann weiter. Harte, faktenorientierte Fragen. Er hatte eine Stimme, die überhaupt nicht zu seinem Äußeren passte. Sie klang ganz so, als spräche er in eine leere Tonne.
Bärbaum sah Conrad an. Der schüttelte den Kopf. »Nur, wenn Sie unterwegs das Gleis manipulieren. Schutzgleise gibt es bis Drei Annen Hohne keine mehr. Im Bahnhof Hasserode existiert noch ein Stumpfgleis zur alten Ladestraße, es endet an einem Prellbock. Aber die Weiche dafür müsste von Hand gestellt werden. Nicht zu schaffen. Der Bahnhof ist unbesetzt. Der Zug erreicht ihn in vier Minuten. Doch selbst wenn wir einen Mann vor Ort hätten, davon würde ich sowieso abraten. Der Zug wird, wie Sie ja sicherlich bemerkt haben, von unserem Rangierer vom letzten Wagen aus gesteuert. Die Lok ist unbesetzt. Unser Rangierer würde mit der neuen Situation nicht rechnen und möglicherweise viel zu spät bemerken, dass der Zug in das Stumpfgleis eingefahren ist. Es gibt kein Signal vor Ort, das die neue Weichenstellung anzeigt. Es dürfte mit einer Katastrophe enden.«
»Und später?« Der Mann wollte wohl noch nicht wahrhaben, wie ernst die Lage war. Erneut erntete er nur Conrads Kopfschütteln. »Wie gesagt: Bis zum Bahnhof Drei Annen Hohne kommt da nichts mehr.«
»Wann rechnen Sie mit dem möglichen Zusammenstoß?«
»In fünfzehn Minuten etwa.«
»Wie viele Fahrgäste sitzen in dem Gegenzug?«
Einhundertfünfzig. Conrad registrierte sehr wohl, dass die Zahl den Polizisten beeindruckte. »Wenn sich keine andere Möglichkeit ergibt«, verkündete dieser, »müssen wir in spätestens drei Minuten den Gegenzug evakuieren. Notfalls auf freier Strecke. Nehmen Sie schon einmal Kontakt mit dem Lokführer auf. – Können die Fahrgäste über Lautsprecher in den Waggons direkt informiert werden?«
Conrad nickte. Dass der Zug voller Holländer war, fiel ihm erst danach ein. Nun behielt er es für sich. Mölter ging ein paar Schritte beiseite, zückte ebenfalls sein Handy und telefonierte mit dem Leiter des offenbar schon angeforderten Spezialeinsatzkommandos, um ihm die neuen Erkenntnisse durchzugeben. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, informierte er die Eisenbahner im Raum: »Ein Teil der Einsatzgruppe kommt mit dem Helikopter. Acht Mann. Sie gehen in diesem Augenblick auf dem Landeplatz des Klinikums runter. Ein näher gelegener Landeplatz, etwa auf einer Wiese, kommt nicht in Betracht. Das Wetter ist zu schlecht.«
Conrad kommentierte diese Feststellung nicht. Er dachte sich seinen Teil. Der Bursche mit dem Kommandoton glaubte wohl, wenn diese Rauftruppe aus Magdeburg auf der Bildfläche erschien, ließ sich damit jedes Problem lösen. Der entführte Zug würde in ein paar Minuten im Wald verschwunden sein, und was immer diese Irren mit ihren Kanonen auch vorhatten, dort konnten sie sich erst einmal sicher fühlen. Es gab kaum vernünftige Zufahrtswege bis dicht an die Bahnlinie heran, die die Polizisten benutzen konnten. Dafür brauchte man gute Ortskenntnisse. Und selbst wenn sie die haben sollten, die Zeit war einfach viel zu knapp. Diese Sache konnte nicht gut ausgehen.
Conrad nahm einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche. Trinken sollte ja immer helfen, wenn man krank war. Das flaue Gefühl im Magen bekämpfte er damit jedoch nicht. Er sollte auch etwas essen. Dass er nun seine Brotdose hervorkramte, gefiel Bärbaum, diesem Fettsack, überhaupt nicht. Ob er unbedingt jetzt seine Frühstückspause machen müsse. Als Antwort nieste Conrad so heftig, dass man sehen konnte, wo die Tröpfchen überall gelandet waren. Hinter ihm rückte dieser Mölter einen Tisch zurecht. Zwei weitere Männer kamen in den Raum; Techniker der Polizei, mit Kabeln über der Schulter und Koffern aus Metall unter den Armen. Ein hektisches Treiben begann. Conrad drehte sich wieder um zu seinem Monitor. Bekümmert bemerkte er, dass seine Tempos bald aufgebraucht sein würden.
Der Kontakt mit 89601 kam nicht sofort zustande. Das war nicht ungewöhnlich, schließlich lagen ein paar Berge zwischen dem Zug und der Einsatzzentrale hier unten im Hauptbahnhof. Bärbaum stand hinter ihm und nervte mit überflüssigen Fragen. Endlich, nach etlichen Versuchen, klappte es doch noch.
Im Augenblick, als Conrad die Anweisung zum Stopp des Zuges und zur sofortigen Evakuierung aller Fahrgäste geben wollte, änderte sich die Situation vollkommen. Er war gerade dabei, sich ein Aspirin aus dem Blister zu klauben, da sprang er vor Überraschung auf. »8925 ist zum Stehen gekommen!«
Mölter drängelte sich an den Monitor und schob dabei den dicken Bärbaum einfach beiseite. »Wo?«, fragte die Blechstimme.
»Kurz vor Einfahrt in den Bahnhof Hasserode. Etwa hundert Meter. Das ist in der Burgmühlenstraße! Immer noch außerhalb des Bahnhofsareals.«
»Können Sie erkennen, warum?«
Conrad schüttelte den Kopf. »Das Einfahrsignal zeigt Grün«, ergänzte er und würgte mit einem Schluck Wasser die Tablette herunter.
Der LKA-Mann schaltete augenblicklich, griff zum Handy und setzte sein unterbrochenes Gespräch fort. »Alle verfügbaren Männer sofort zum Bahnhof Hasserode!«
Kapitel 5
10.23 Uhr. Der ein oder andere Bewohner Wernigerodes blieb auf seinem Gang zum Bäcker oder zum Arzt neugierig stehen, rätselnd, was denn passiert sein könnte. Denn man erlebte hier nicht alle Tage, dass zwei schwarze Vans mit getönten Scheiben und Martinshorn durch die Straßen der beschaulichen Kleinstadt am Fuße des Harzes jagten, Katzen verschreckten und alte Leute, um in Richtung Drei Annen Hohne davonzueilen. –
Ulrich Medow wusste davon in diesem Augenblick noch nichts. Er hätte jetzt viel für eine Kopfschmerztablette gegeben. Doch von allen Wünschen, die er heute bisher gehabt hatte, schien ihm dieser der unwichtigste zu sein. Der Zug war zum Stehen gekommen.
Ulrich hatte sich ein paar Minuten zuvor auf der engen, rutschigen Plattform niedergelassen, um sein linkes Bein etwas zu schonen. Seit einem Sportunfall vor zwei Monaten puckerte der Meniskus. Manchmal mehr, manchmal weniger. Heute war es nur schwer zu ertragen. So ließ er es gestreckt, so gut es ging, was angesichts der Knappheit des Platzes schon eine Herausforderung war. Doch es tat gut. Ansonsten hockte er da, zusammengekauert wie ein Eichhorn, das rechte Knie zur Brust herangezogen.
Der Rangierer schaute gelegentlich zu ihm herunter, dachte sich seinen Teil. Wahrscheinlich hoffte er, dass Ulrich schlappmachte. Da konnte er lange warten. Die Waffe steckte vorne in seinem Gürtel, seine rechte Hand lag locker auf ihrem Schaft, so wie man das in alten Westernfilmen manchmal sah. Er hatte die Augen halb geschlossen, was jedoch keineswegs bedeutete, dass er den Rangierer aus dem Blick verlieren würde. Im Gegenteil. Der Mann stand unter seiner Beobachtung, jede einzelne Sekunde. Er lehnte gerade am rechten Sicherheitsbügel, hatte den Oberkörper leicht nach außen gebeugt und beobachtete auf diese Weise die Strecke. Viel sah er von seinem Platz aus nicht, das wusste Ulrich. Der ganze Körper des Mannes verriet es. Fuhr der Zug eine Linkskurve, wechselte auch er sofort die Seite, indem er über Ulrichs Bein stieg. Der Mann provozierte ihn nicht, blieb nicht scheinbar unabsichtlich mit dem Fuß daran hängen oder trat einfach darauf. Sie wussten natürlich beide, dass Ulrich auf den Rangierer angewiesen war. Ohne ihn wäre alles verloren. Doch der Mann wusste auch, dass er nur ein Leben hatte und es jederzeit vorbei sein konnte.
Überdies durfte er sich nicht ablenken lassen, zu gefährlich war die Fahrt durch die Straßen der Stadt, fast ohne Sicht. Ulrich hatte sich davon überzeugt. Nur ein schmaler Winkel blieb hier hinten, um Hindernisse vor der Lok rechtzeitig zu erkennen. In kurzen Abständen ertönte nach wie vor ihr Pfeifsignal. Wenigstens regnete es nicht mehr. Mit einer Art Joystick auf seinem Bedienpult steuerte der Mann das Tempo des Zuges.
»Wo sind wir jetzt?«, wollte Ulrich wissen. Von seiner Position aus, auf dem Boden der Plattform sitzend, bot sich nur ein begrenzter Blick auf die Umgebung.
»Wir kreuzen gleich die Friedrichstraße. Dann noch dreihundert Meter bis zum Bahnhof Hasserode.«
Ulrich nickte. Er kannte die Stelle. Ein seltsames Gefühl der Zufriedenheit machte sich in ihm breit, ganz kurz nur. Bis hierher war die Fahrt eigentlich relativ gut verlaufen. Den Umständen entsprechend, würde wohl ein Notarzt sagen. Etwa alle zwei Minuten kam ein Funkspruch für Ulrich an, und jedes Mal spielten sie dann dasselbe Spiel: Der Rangierer schaute ihn an mit der stummen Frage, ob er annehmen solle, und Ulrich schüttelte immer wieder ebenso stumm den Kopf. Es gab nichts zu bereden, erst recht nichts zu verhandeln.
»Ich möchte Sie was fragen«, sagte der Rangierer unvermittelt. Sein Blick kam nicht bei Ulrich an, der Mann beobachtete weiterhin konzentriert, fast verbissen, die Strecke.
»Was gibt es?«
»Was tun wir, wenn in Steinerne Renne kein Zug steht? Dann ist 89601 nämlich noch auf der Strecke.«
»Wovon reden Sie?«
»Das war vorhin nicht nur so dahergesagt. Ein Sonderzug aus Nordhausen kommt uns entgegen. Der steht nicht im Fahrplan. Sie wissen, die Strecke ist eingleisig.«
Ulrich dachte einen Augenblick nach. »Welche Station liegt davor?«
»Drängetal. Ein Betriebsbahnhof. Etwa in der Mitte zwischen Drei Annen Hohne und Steinerne Renne.«
»Dann wird dieser Sonderzug bereits dort gehalten haben«, entgegnete Ulrich aufgeräumt. »Dein Chef auf dem Stellwerk weiß das doch auch. Er wird ja nicht unnötig Menschenleben riskieren. So dumm ist er nicht. Oder?«
Statt einer Antwort war die Notbremsung gekommen. Die Wucht des plötzlichen Geschwindigkeitsverlusts hatte Ulrich gegen den Wagenkasten geschleudert. Er war gerade dabei gewesen, wieder aufzustehen, da kreischten die Räder des Zuges, übertönten das Motorengeräusch der Lok, von den Bremsklötzen sprühten Funkenregen zur Seite.
Die Notbremsung ließ die Menschen und Gegenstände unsanft dem Gesetz der Trägheit folgen, und Ulrich, der das Gleichgewicht verlor, kippte vornüber, um mit dem linken Arm voran gegen die Stirnwand des Waggons zu knallen. Doch zum Glück war er schon immer schnell in seinen Reaktionen, die rechte Hand fühlte noch den Griff der Pistole, er hatte sie nicht losgelassen, und der Schmerz an der Schulter war halb so schlimm, sein Kopf hatte kaum etwas abbekommen.
Der Zug stand.
Ulrich sprang auf und schrie: »Was machst du?«
Der Rangierer, der als Einziger gewusst hatte, was kommen würde, als er mit der Faust den feuerroten Nottaster auf seinem Steuerungspaneel schlug, hatte die Haltestange in seine Armbeuge gepresst und stand so unversehrt an seinem Platz. »Glauben Sie vielleicht, ich überfahre ein Kind?«
Direkt neben dem Zug, keine drei Meter vom Gleisbett entfernt, rollte ein roter Ball.
Ulrich schaltete abermals sofort und stürzte auf die andere Seite der Plattform. Tatsächlich, da stand ein kleiner wuschelköpfiger Junge in einem Anorak mitten auf der Straße, nicht älter als sechs oder sieben. Regungslos verharrte er mitten auf der Fahrbahn. Der Schreck hatte seine Augen geweitet. Als er Ulrich sah, rannte er zurück auf den Bürgersteig.
Keine Toten. Das würde alles verändern. Ulrich musste dem Rangierer eigentlich dankbar sein, dass er so schnell reagiert hatte. Welche Idioten ließen ihre Kinder bei diesem Wetter draußen spielen?
Die Waggontür öffnete sich einen Spalt und Ricks Kopf erschien. »Was ist passiert?«
Ulrich rieb sich vorsichtig die Schulter. »Nichts. Da war nur ein Kind an den Gleisen. – Ist drinnen alles in Ordnung?«
»Ja. Ein paar Schrammen und einer blutet an der Hand. Halb so wild.«
Da bemerkte Ulrich, wie das junge Pärchen auf der anderen Seite des Waggons die Plattform hinunterkletterte und davonlief.
»Scheiße! Geh wieder rein und pass auf die Leute auf!«
Rick gehorchte sofort. Ulrich ließ die Tür jetzt lieber offen, denn er wollte verfolgen können, was sich drinnen tat. Die anderen Fahrgäste waren noch dabei, die Auswirkungen der Notbremsung auszumerzen, alles schien durcheinandergeraten. Ein karierter Koffer war von der Gepäckablage über den Köpfen der Fahrgäste auf den Boden gestürzt. Er hatte ein paar Schrammen davongetragen, seinen Inhalt jedoch nicht preisgegeben. Sein Besitzer, der ältere Mann im grauen Trenchcoat, kümmerte sich schon darum.
Rick kam zurück und raunte seinem Schwager zu: »Das Pärchen ist abgehauen und die beiden Frauen da wollten es auch versuchen. Hab es gerade noch bemerkt. Sollten wir sie hier nicht freilassen? Wir brauchen sie doch nicht mehr.«
Ulrich dachte nach. Sie standen unmittelbar vor dem Bahnhof Hasserode, er konnte den leeren Bahnsteig erkennen. Dies war eher eine Station für einheimische Ausflügler und die waren bei diesem Wetter nicht unterwegs. Gleich würde der Zug das Stadtgebiet von Wernigerode verlassen und die Hänge des Harzes hinaufklettern. Dort waren sie sicherer.
Er wollte schon zustimmen, doch da überlegte er es sich noch einmal anders. Denn er hörte, leise zwar, aber schnell näher kommend, die Sirenen von Einsatzfahrzeugen.
»Die Bullen! Die stürmen den Wagen, wenn wir allein sind, oder sie knallen uns gleich ab. Weiterfahren!« Ulrich hielt dem Rangierer die Waffe an den Kopf. Hier, direkt neben der Straße, war es für ein Spezialeinsatzkommando der Polizei eine Kleinigkeit, sie zu überwältigen. Dann wäre alles verloren.
Ulrich sah seinem Schwager an, dass er mit dieser Entscheidung haderte. Er würde ewig ein Zauderer bleiben. Doch auch diesmal fügte er sich, obgleich beide wussten, dass ihnen die Sache ganz schön aus dem Ruder gelaufen war.
Der Rangierer hatte jedenfalls verstanden und hantierte bereits ohne jede Hektik an seinem Pult. »Dauert einen Moment«, kommentierte er krächzend seine Handgriffe, »durch die Gefahrenbremsung ist die Hauptluftleitung vollständig entleert. Sie muss sich erst wieder füllen. Sonst lösen sich die Bremsen nicht.«
Ulrich trieb ihn an. Die Sirenen waren bedrohlich laut geworden. Er rechnete jeden Moment damit, dass die Polizeiwagen in ihre Straße einbogen. Nun war es mit seiner Ruhe, die bis jetzt so souverän gehalten hatte, ebenfalls vorbei.
Als der erste von ihnen um die Ecke jagte, zog die Lok an. Viel zu langsam, dachte Ulrich, und tatsächlich erreichten die beiden Autos noch die Höhe des letzten Waggons. Polizisten in schwarzen Kampfuniformen sprangen aus den Autos und rannten mit kraftvollen Schritten dem Zug hinterher. Noch waren sie schneller, holten auf. Einen musste Ulrich mit einem derben Schlag auf die Hände abwehren. Aber der Zug nahm Fahrt auf, schüttelte die Verfolger ab. Ulrich ballte die Faust. Das Gleis entfernte sich nun von der Straße, verlief durch den menschenleeren Bahnhof, an einer Wiese vorbei und erreichte bald darauf den Waldrand.
»Die sind Sie noch nicht los«, kommentierte der Rangierer trocken und deutete mit dem Finger nach links. Tatsächlich, die Einsatzwagen hatten den Bahnhof umrundet und waren ihnen wieder auf den Fersen. Ab und zu konnte Ulrich sie zwischen den Bäumen noch sehen. Sie folgten unbeirrt der Straße.
»Wo führt die hin?«
Der Rangierer konzentrierte sich wieder auf die Streckenbeobachtung. Vielleicht hatte er ihn auch einfach nicht gehört.
»Die Straße? Wo geht die hin?«
»Die endet direkt am Bahnhof Steinerne Renne«, antwortete der Mann nun doch, »und da die schneller sind als wir, werden sie uns dort wohl erwarten.«
»Verdammt.« Nun schien alles gegen sie zu laufen. Steinerne Renne noch, dann wären sie die Verfolger los. Ulrich schlug mit dem Griff der Waffe gegen die Wand. »Wir fahren durch, hörst du? Es wird keinesfalls mehr angehalten! Egal, was passiert. Hole alles aus der Maschine raus!« Es würde schon gutgehen. Es musste einfach gutgehen!
Der Rangierer deutete ein Nicken an. Ulrich beobachtete ihn. Dabei suchte er nach einer besseren Lösung für das Problem mit den Fahrgästen. Im Inneren des Waggons wurde es schon wieder unruhig. Es würde schwierig werden, sie ständig zu bewachen. Vielleicht kam einer von denen noch auf die Idee, während der Fahrt abzuspringen. Ulrich wollte nicht, dass es Verletzte gab. »Hast du einen Schlüssel für die Waggons?«
Der Eisenbahner zögerte eine Sekunde zu lange und Ulrich bemerkte es. »Versuche nicht, mich zu belügen! Wenn du die Züge rangierst, dann musst du einen haben!« Er behielt recht. Ein paar Sekunden später hatte Rick die vordere Tür des letzten Wagens verschlossen. Nun konnte niemand mehr auf die Idee kommen zu türmen.
Im nächsten Moment ertönte von irgendwo aus dem Wald ein deutlich wahrnehmbares Pfeifsignal. Einmal, zweimal.
»Jetzt wird’s lustig. Das war der 89601«, erklärte der Mann. Er sagte es nicht sehr laut, eher für sich selbst. Es fehlte wiederum der Triumph in seiner Stimme, doch Ulrich hatte auch so verstanden, was das bedeutete. Der Gegenzug hatte nicht in Drängetal gestoppt. Er war noch auf der Strecke.
Kapitel 6
10.25 Uhr. Dass die vordere Waggontür soeben von den Verbrechern verschlossen worden war, empfanden alle zehn Geiseln, die sich jetzt noch im Zug befanden, als eine weitere Bedrohung, auch wenn sich objektiv an ihrer Lage kaum etwas änderte. Der einzige Weg in die Freiheit, der jetzt noch blieb, führte an den Waffen ihrer Kidnapper vorbei. –
Marvin Mölter, Polizeibeamter beim LKA Magdeburg, hatte dieses Problem nicht; hier oben auf dem Stellwerk gab es zwar ebenfalls nur einen Weg nach draußen, doch der war vergleichsweise ungefährlich. Er haderte dafür mit einem anderen Ungemach. Er hatte schon immer darunter gelitten, rote Flecken in der Halsgegend zu bekommen, wenn ihm die Dinge zu entgleiten drohten. Bereits als Kind war das so. Sonst war seine Gesichtsfarbe eher blass. Menschen, die ihn kannten, konnten ihn deshalb gut einschätzen, zumal Marvins Hals auffallend lang war. Niemand freute sich über den Spitznamen Giraffe, schon gar nicht in einer Schule, dem Hort mitleidsloser Barbarei und Anarchie.
Dass er deutlich spürte, wie sein Hals jetzt wieder jene Maserung bekam, stand aber nicht im Zusammenhang mit der Zugentführung. Seine Frau hatte ihm vor fünf Sekunden eine Nachricht geschrieben. Sie war dabei, ihre Koffer zu packen. Wenn er heute Abend nach Hause kam, würde sie nicht mehr da sein. Ilka schaffte es sogar noch, ihm ein schlechtes Gewissen einzupflanzen, wenn sie selbst eindeutig die Ursache eines Konflikts war. Sie hatte sich gestern zu ihm an den Abendbrottisch gesetzt – was sie sonst nie tat, denn sie aß um diese Tageszeit nichts mehr, damit sie nicht fett würde – um ihm zu beichten, dass sie während ihrer sechswöchigen Kur dreimal mit einem anderen Mann geschlafen hatte. Nein, das war das falsche Wort. Da sie es nicht im Bett getrieben hatten, bei Kerzenschein und Wein, sondern in einem Wäldchen unweit der Kurklinik auf dem Tisch eines Wanderrastplatzes, zwischen feuchtem Holz und oktobermüden Ameisen, hatte sie sich von ihm ficken lassen. Anders konnte man es nicht nennen. Von einem Fünfundzwanzigjährigen. Ilka war achtundvierzig, genau wie Marvin. Im umgekehrten Fall hätte sie ihn rausgeworfen, erklärte sie ihm, während er wie betäubt und ohne eine Erwiderung im Kopf zu haben zuhörte. Da er es nicht getan hatte, ging sie eben selbst. Welche Logik dahintersteckte, war ihm nicht klar. Bis jetzt hatte er geglaubt, mit ihr eine gute Ehe geführt zu haben.
Marvin war sich nicht sicher, ob sie wirklich von allein gekommen wäre, ihm davon zu erzählen. Denn er hatte sie ja quasi überführt. Als er nämlich am Nachmittag zuvor im Keller dabei gewesen war, die Buntwäsche zu sortieren, hatte er gleich zwei Kleider von ihr mit einem völlig verschmutzten Hinterteil gefunden. Solche Tische im Wald an den Rastplätzen für erschöpfte Wanderer waren im November eben selten sauber und trocken. Auf seine arglose Frage hatte sie zunächst einmal gar nichts erwidert und war dann an den Tisch gekommen, wo sie ihm, während er mit seinen Bratkartoffeln beschäftigt war, dann alles ins Gesicht erzählt hatte. Fast triumphierend. So, als hatte sie sagen wollen: Siehst du, ich werde auch noch von anderen Männern begehrt. Eines musste man Ilka lassen: Lügen waren nicht so ihre Sache.
Als ihn dieser Bärbaum unvermittelt ansprach, drückte er den Text ihrer Nachricht weg. Er müsse wissen, was sie jetzt tun sollen, brummelte der dicke Kerl. Und: »Wenn Ihnen das mal nicht auf die Füße fällt.« Für den Augenblick war Ilka wieder vergessen.
Bärbaum meinte die Entscheidung, die Marvin vor fünf Minuten getroffen hatte und die nun schwerwiegende Folgen haben konnte. Er hatte, als noch Zeit dafür gewesen wäre, beschlossen, den 89601 nicht evakuieren zu lassen. Eine solche Aktion war ihm einfach zu riskant. Er kannte die Gegend wie seine Westentasche, insofern hielt er sich auch für den idealen Mann für diesen Einsatz. Den Weg vom Gasthaus Drei Annen parallel zur Bahnlinie bis hinunter nach Steinerne Renne war er mit Ilka schon oft gewandert. Es gab reichlich Stellen an der Strecke, da konnte man einen Zug nicht so einfach verlassen. Der Bahndamm war an dem manchmal abschüssigen Hang oft steil aufgeschüttet und der parallel verlaufende Wanderweg lag bis zu zehn Meter höher. Für Leute, die nicht mehr gut zu Fuß waren, eine schier unüberwindliche Hürde. Und dann noch dieses Wetter.
Zunächst hatte ja alles gut ausgesehen. 8925 war in Hasserode aus noch unbekannten Gründen auf freier Strecke zum Stehen gekommen und die Männer vom SEK befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zu der Stelle. Vom Klinikum bis zum Bahnhof Hasserode waren es ungefähr drei Kilometer Wegstrecke. Das konnte man mit Sondersignal in wenigen Minuten schaffen. Vielleicht hatte es am Zug einen technischen Defekt gegeben oder die Entführer waren in einen Streit geraten. Möglicherweise hatten sie den Zug ja auch verlassen, um zu fliehen. Oder es war zu einer Kollision mit einem Pkw gekommen. Die unverantwortliche Fahrt per Funkfernsteuerung durch die belebte Innenstadt schloss dies nicht aus.
Nach Marvins Einschätzung hatte tatsächlich eine reelle Chance bestanden, dass es der 89601 rechtzeitig in den Bahnhof Steinerne Renne schaffen würde. Noch drei Minuten, vielleicht vier, hätten gereicht. Doch der gekaperte Zug hatte sich schneller wieder in Bewegung gesetzt, als Marvin gehofft hatte.
Und nun zeigte der Bildschirm auf dem Platz des Fahrdienstleiters, dass sich beide Züge gnadenlos aufeinander zubewegten. Die Kreuzungsstation lag ungefähr in der Mitte. In weniger als zwei Minuten würden beide Steinerne Renne erreichen. War der 89601 aus Nordhausen schneller, konnte er im Bahnhof den Gegenzug abwarten. Dann wäre die Katastrophe erst einmal abgewendet. Wenn der Zug mit den Gangstern jedoch die Station zuerst erreichte und nicht stoppte, kam es unweigerlich zur Kollision. 8925 reagierte nicht auf seine Notrufe.
Marvin hatte angeordnet, dass 89601 ununterbrochen Warnsignale abgab. Er wohnte am Stadtrand von Wernigerode und wusste, wie weit sie an dieser Stelle durch das Tal schallten. Sie waren bei günstigem Wind noch unten am Westerntorbahnhof zu hören. Dieser Bärbaum hatte ihm versichert, dass der Rangierer den heutigen Fahrplan kannte. Er musste wissen, dass 89601 noch fehlte.
»Was ist mit Ihrem Hals los?«, erkundigte sich der fette Mann. Marvin schüttelte die Frage ärgerlich ab und rollte mit seinem Drehstuhl einen Platz weiter. Er musste etwas tun und wollte wieder den Kontakt mit den Männern vom SEK aufnehmen.
Konzentriert lauschte er den Worten, die aus seinem Telefon drangen. Dabei war er aufgestanden und lief mit vorsichtigen Schritten, so als träte er auf morastigen Grund, wie ein Zootiger von Wand zu Wand des beengten Stellwerkraums. Er konnte nicht anders. Bei wichtigen Telefonaten musste er immer herumlaufen. Nur so kam er auf die besten Gedanken und traf die richtigen Entscheidungen. Dass die anderen Männer im Raum ihn verwundert mit den Augen verfolgten, störte ihn nicht.
Der Gruppenleiter, der das Team zum Bahnhof Steinerne Renne geführt hatte, hieß König. Robert König. Marvin, der seit knapp zwei Jahren dem LKA angehörte, kannte eigentlich jeden in ihrem Verein. Das SEK war Teil des Landeskriminalamts. Da begegnete man sich schon mal in der Kantine oder bei einer Besprechung. Doch König war neu beim SEK. Zurück aus Niedersachsen gekommen, hieß es. Der Mann war Anfang dreißig, der Stimme nach zu urteilen.
König berichtete ihm mit knappen Worten, dass sich seine Leute inzwischen dem Bahnhofsgelände näherten. Eine Minute noch, dann waren sie vor Ort. Er wollte wissen, auf welchem Gleis der gekaperte Zug einfahren würde.
Marvin gab die Frage an den schniefenden Mann vor den Bildschirmen weiter.
Der warf ein benutztes Taschentuch in den Papierkorb neben seinem Arbeitsplatz und drehte sich um. »Der Bahnhof ist mit automatischen Rückfallweichen ausgerüstet. Das heißt, dass alle Züge, die ihn durchfahren, immer das für sie rechte Gleis benutzen, egal aus welcher Richtung sie kommen. Unser Zug fährt also in das Gleis 1 am Berghang ein, der andere auf der Seite des Empfangsgebäudes.«
Marvin nickte und König hatte mitgehört. Dieser Fahrdienstleiter achtete darauf, sich klar auszudrücken. Missverständnisse konnten hier fatale Auswirkungen haben. Dass der Mann Fichte hieß, würde Marvin schmunzeln lassen, wäre die Situation nicht so kompliziert. Der Name passte perfekt in den Harz.
Steinerne Renne war für den geplanten Einsatz vergleichsweise günstig. Eine bessere Stelle würden sie jedenfalls nicht bekommen. Der Bahnhof lag in einer beträchtlichen Steigung und außerdem in einer S-Kurve. Beides kam ihnen entgegen. Denn der Zug musste hier langsam fahren. König und seine Männer wollten versuchen, möglichst ungesehen aufzuspringen, sich bis zum letzten Wagen vorzuarbeiten und eine passende Gelegenheit zu nutzen, um die Geiselnehmer zu überwältigen.
»Was ist mit seinem Mann am Bahnübergang?«, brummelte Bärbaum hinter ihm, obwohl dies eindeutig dessen Kompetenzen überschritt. Dennoch wiederholte Marvin die Frage. Er hätte sie sowieso gestellt.
Es war die Idee des Fahrdienstleiters gewesen, einen von den SEK-Leuten an diesem günstig gelegenen unbeschrankten Bahnübergang in der Nähe einer Batteriefabrik aufzustellen. Er sollte Kontakt mit dem Rangierer aufnehmen. An dieser Stelle war die letzte Gelegenheit dafür. Der Zug passierte dort einen kleinen Wanderparkplatz. Mit unbeteiligten Spaziergängern, die die Aktion gefährden könnten, würde heute kaum zu rechnen sein. Urbanek, der Rangierer, hätte freie Sicht auf die Stelle. Das war wichtig. Fichte war nämlich das alte Zs 5 eingefallen: »Ein Signalzeichen für den Lokführer, den Zug zu verzögern, um am danach folgenden und im Moment noch Halt zeigenden Signal nicht stoppen zu müssen«, erklärte er. »Eigentlich ein Blechschild. Es wurde früher vom Stellwerk einfach aus dem Fenster herausgehalten. Unter den Eisenbahnern heißt es schlicht L-Tafel. Ein großes L auf weißem Grund mit rotem Rand. Heutzutage wird dieses Signal kaum noch benutzt. Aber Urbanek wird es verstehen!«
Es ging möglicherweise um Sekunden. Wenn es dem Rangierer gelänge, die Geschwindigkeit des Zuges zu drosseln, könnte alles gutgehen. Vom Bahnübergang waren es noch etwa fünfhundert Meter, bis der Zug eine enge 180-Grad-Kurve durchfahren musste, ein kleines Wasserkraftwerk passierte und unmittelbar danach den Bahnhof erreichte. Die Strecke, die der talwärts fahrende 89601 noch vor sich hatte und die er nun mit maximaler Geschwindigkeit bewältigte, war mutmaßlich noch etwas länger, aber die Topografie verschaffte ihm einen kleinen Vorteil.
Königs Stimme aus dem Funkgerät war klar und deutlich zu verstehen. Er musste das nicht erst überprüfen. »Mein Mann steht bereit. Er sieht den Zug schon kommen. Noch dreihundert Meter.« König wollte noch etwas sagen, doch wenige Augenblicke später hörte Marvin einen Fluch von ihm. Irgendwas lief gerade schief.
Kapitel 7
10.26 Uhr. Dass jemand in einem Wald keinen abgebrochenen Ast findet, erscheint schwer vorstellbar. Doch genau dies war dem Polizeibeamten Peer Wittich vor wenigen Minuten widerfahren. Große Dinge scheitern manchmal an unscheinbaren Kleinigkeiten, über die es nicht gelohnt hatte, nachzudenken. So musste er tatsächlich zu seiner Waffe greifen und deren Lauf dafür benutzen, ein großes L in einem langgezogenen Viereck gut sichtbar in den Waldboden zu kratzen. –
Ernst Urbanek, derjenige, der dieses Zeichen sehen sollte, spürte, wie ihm der Schweiß den Nacken hinabrann. Er ließ das Hemd am Körper kleben, obwohl es lausig kalt war und die Jahre als Heizer auf einer der alten Dampfloks, auf denen man auch bei solchem Wetter schnell ins Schwitzen kam, längst vorbei waren. Nur gelegentlich half er noch aus, wenn der Krankenstand wieder einmal so hoch war, dass Züge aus Personalmangel auszufallen drohten. Zeiten waren das!
Ernst hatte sich in seinem gesamten Arbeitsleben, das nun immerhin schon knapp vierzig Jahre andauerte, noch nicht einen einzigen Tag krankgemeldet. Darauf war er ein wenig stolz. Das konnte vermutlich niemand seiner Kollegen von sich behaupten. Die jüngeren schon gar nicht. Verweichlichte Innendienstler waren das. Er war sozusagen die fleischgewordene Zuverlässigkeit. Gebrechen machten einen großen Bogen um ihn. Als Kind war er einmal von einem Heuboden gefallen, mit dem Knie in die Zinke einer Mistforke, die irgendein Dussel einfach auf der Erde liegengelassen hatte. Aber eine richtige Krankheit war das ja auch nicht gewesen.
Ganz anders seine ehemalige Frau. Elke hatte sich oft nicht wohlgefühlt. Es war ihr immer unangenehm gewesen, ihm zur Last zu fallen, wenn er Medikamente besorgen sollte, ihr einen Tee gekocht oder sie zum Arzt begleitet hatte. Dann war sie ihm mit einundfünfzig an Krebs weggestorben. Im Krankenhaus, als er gerade auf Schicht gewesen war. Bis heute hatte er sich das nicht verziehen. Nach langer schwerer Krankheit, stand damals in der schwarz umrandeten Anzeige, die ihre beiden Kinder in der Zeitung drucken ließen und die er sich ausgeschnitten hatte. Acht Jahre war das jetzt her.
In letzter Zeit dachte er nicht mehr so oft an sie. Er würde sie ja da oben wiedersehen. Auch wenn sie darauf noch ein bisschen warten musste. Sie hatte irgendwie immer auf ihn gewartet. Mit dem Mittagessen, mit der Wurzelbürste, um ihm unter der Dusche den Kohlenstaub und das Maschinenöl von Rücken und Hals zu schrubben, mit der Krawatte in der Hand, wenn sie ihn wieder einmal rumgekriegt hatte, mit ihr ins Theater zu gehen. Das fand er langweilig.
Manchmal meldete sich deshalb sein schlechtes Gewissen. Seit Bärbel bei ihm wohnte. Bärbel war fünf Jahre jünger als er, führte ein eigenes kleines Blumengeschäft in einem Edeka-Supermarkt und hatte ihm schon gefallen, als Elke noch lebte. Trotzdem musste sie erst sechs Jahre tot sein, bis er sich getraut hatte, Bärbel anzusprechen. Es hatte ja auch an Gelegenheiten gemangelt. Ernst würde sich nicht unbedingt als Blumenfreund bezeichnen, was sollte ihn also in ihr Geschäft führen? Jetzt hatte sie ihre eigene Wohnung aufgegeben, ihm ein zweites Leben geschenkt, das intensiv nach Pflanzerde roch. Es störte ihn nicht. Sie fasste ihm gern in sein grau gewordenes, lockiges Haar und griff nach seinen Ohren, während er in der Küche das Mittagessen kochte.
Doch dafür war jetzt kein Gedanke übrig. Ernst stand noch immer auf der Plattform von Wagen 8, auf seinem Bauch das Steuerpult der 199 861. Die Lok zog außerplanmäßig und entgegen jeder Vorschrift, jedoch seinen Befehlen gehorchend, den von zwei durchgeknallten Kriminellen entführten 8925 in Richtung Drei Annen Hohne. Er konnte ihre Dieselfahne im Fahrtwind riechen. Ab und zu musste er nach links schauen und einen schmalen Blick auf einen der beiden Kerle werfen, um sich zu vergewissern, dass sich dieses surreale und absurde Schauspiel nicht nur in seinem Kopf abspielte, so als ob er ein paar Bierchen über den Durst getrunken hätte. Nein, diese Verrückten mit der Knarre in der Hand, den Finger ständig am Abzug, existierten wirklich. Nur was sie vorhatten, verstand er nicht. Wer entführte denn eine Schmalspurbahn?
Vorhin, als es den beiden Kerlen mit ein paar Griffen und Drohungen gelungen war, ihn zu überwältigen, hatte er kurz die Orientierung verloren. Das war ihm noch immer peinlich. Und außerdem ärgerte es ihn. Er war einfach nicht darauf vorbereitet gewesen. So etwas verschaffte jedem Gegner einen unschätzbaren Vorteil. Dabei war er doch in der Lage, sich zu wehren, auch gegen zwei. Für ihn waren das hohle Hosen, unsicher und schlecht vorbereitet. Mit denen wäre er schon fertig geworden – hätte er im Vorfeld nur den leisesten Verdacht gehabt. Er hatte sich überrumpeln lassen. Ernst konnte mit dem Gefühl, nicht mehr Herr über das eigene Handeln und jemand anderem vollkommen ausgeliefert zu sein, nicht besonders gut umgehen.
Am liebsten wäre er hingegangen, um ihnen das Steuerpult über die Rübe zu knallen und sie anschließend mit einem kräftigen Tritt in den Hintern von der Plattform zu befördern. Aber er hatte genug damit zu tun, Lok und Fahrweg im Auge zu behalten. Es war schwierig hier. Die vielen Bäume, die nun an der Strecke standen, reckten ihre Arme bis dicht an das Gleis heran. Ernst musste sich manchmal weit über den Sicherheitsbügel strecken, um etwas zu erkennen.
Dennoch war der Rangierer für den Augenblick zumindest erst einmal erleichtert. Die Höllenfahrt durch die engen Straßen der Stadt hatten sie ohne Blessuren überstanden. Nun, da sie den Wald erreicht hatten, war die Gefahr eines Unfalls mit Straßenfahrzeugen oder Menschen deutlich geringer geworden.
Wäre da nicht der 89601. Seit einiger Zeit waren nämlich in kurzen Abständen die Warnsignale des Gegenzuges zu vernehmen, die bedrohlich durch das Tal rollten. Sein Kollege am Regler war also über die Situation informiert. Die ständigen Pfeifzeichen konnten nur bedeuten, dass der Sonderzug aus Nordhausen noch immer in Bewegung war. Also sollte er Steinerne Renne früher erreichen und dort die Kreuzung abwarten. So musste es sein.
Ernst hatte angestrengt überlegt, was er tun konnte, um seinen Zug zu stoppen, ohne sich oder die Fahrgäste in Gefahr zu bringen. Nur, um ganz sicherzugehen, dass 89601 genügend Zeit blieb. Noch war ihm nichts eingefallen. Die Kontaktaufnahme zu der Polizeibeamtin, die er in einem günstigen Moment unter den Reisenden im Waggon erkannt hatte, schien ihm aussichtslos. Nichts deutete darauf hin, dass sie vorhatte, die beiden Verbrecher zu überwältigen. Sie saß unauffällig auf ihrem Platz. Ernst sah sie sowieso nur in den kurzen Momenten, wenn er, um die Strecke im Blick zu behalten, von der einen Seite des Wagens zur anderen wechseln musste. Eine Chance, ihr zu zeigen, dass er wusste, wer sie war, sah er nicht. Einen Sinn darin allerdings auch nicht.
Das Einfachste schien, wenn er in einem günstigen Moment einfach abspränge. Den Sicherheitsbügel hochreißen, zur Fahrtrichtung springen und sich dabei zur Seite hin abrollen, um sich nicht die Beine zu brechen. Das Sicherheitssystem der Lok würde wenige Zehntelsekunden später anspringen und eine Vollbremsung veranlassen. Der Gegenzug hätte alle Zeit der Welt, im Bahnhof zum Stehen zu kommen.
Doch das wagte er nicht. Es war nicht das Alter. Auch wenn er auf die Sechzig zuging, so einen Sprung traute er sich noch zu. Schließlich war er Rangierer. Er wusste, wie sich so etwas anfühlte. Er hatte vor etwas anderem Angst. Der Schwarzkopp, den sein Kumpan Ulrich nannte, behielt ihn ständig im Auge. »Versuchst du es, bist du tot«, hatte er mit ruhigen Worten gedroht, »verlass dich drauf, ich kann hiermit umgehen.« Und er grüßte kalt lächelnd mit seiner Waffe. Ernst traute ihm zu, dass er schoss. Und dann wäre er schneller wieder bei seiner Elke, als ihm lieb war. Der mit der Brille, der würde es nicht tun, das war ein Waschlappen, aber der Schwarzhaarige, der bestimmt. Und er selbst würde wahrscheinlich nicht schnell genug aus der Schusslinie kommen. Denn wenn das Steuerpaneel merkte, dass er gestürzt war, stoppte es den Zug ebenfalls automatisch mit einer Notbremsung. Noch nicht weit genug entfernt, um der Kugel zu entkommen. Vor dem Tod, da hatte jeder Respekt.
Schwarzkopp, der ihn wieder scharf beobachtete, schien seine Gedanken erraten zu haben. »Was passiert, wenn du ohnmächtig wirst oder tot umfällst?«, hatte er plötzlich ganz freundlich gefragt.
»Der Sender der Funkfernsteuerung hat eine Wachsamkeitsfunktion. Wenn sich das Gerät zu viel neigt, stoppt der Zug.« Die Kasko-Versicherung des Ernst Urbanek.
»Wirklich?« Schwarzkopp schien ihm nicht glauben zu wollen. Als ob er so etwas nur so dahersagen würde.
»Wollen wir es mal probieren? Jetzt gleich?«, hatte Ernst da provokant zurückgefragt und damit gewonnen. Der andere hatte seine Ablehnung dadurch ausgedrückt, dass er nicht mehr antwortete.
Abermals meldete sich der Fahrdienstleiter über Funk, wollte mit 8925 sprechen. Schwarzkopp reichte es. »Ausschalten!«, befahl er. Ernsts Versuch, dagegen anzureden, unterband er mit einer eindeutigen Handbewegung. Damit waren sie möglicherweise von lebenswichtigen Informationen aus der Zentrale abgeschnitten.
Der Mann stand jetzt wieder direkt neben ihm, nur einen Meter entfernt. Ernst hatte nichts, womit er ihn überwältigen konnte. Er müsste ihm die Waffe aus der Hand schlagen. Wenn die aus dem Spiel wäre, bekäme er eine Chance. Es musste schnell gehen. Dann würde er es schon schaffen. Aber der Schwarzkopp passte auf wie ein Luchs. Er schien Probleme mit seinem Bein zu haben. Ab und zu musste er sich hinhocken auf der engen Plattform. Dann belauerte er Ernst noch schärfer, witterte in jeder seiner Bewegungen einen möglichen Angriff.
Aber nun beobachtete er schweigend, jedoch mit Adleraugen die Strecke. Er schien nachzudenken. Immer wieder pendelte er von der linken Seite des Zuges zur rechten. Ernst wusste, was ihn beschäftigte. Die Leute vom SEK waren vor zwei Minuten an ihnen vorbeigefahren. Man konnte die Straße zwischen den Bäumen geradeso erkennen. Zwei schwarze Kleinbusse mit hoher Geschwindigkeit. Also möglicherweise zwölf Mann. Sie dürften ihnen irgendwo auflauern, getarnt von Buschwerk und Laub. Wahrscheinlich im Bahnhof Steinerne Renne. Da konnte man einen Zug leicht übernehmen. Vielleicht schossen sie aber auch einfach los. Die hatten doch bestimmt Scharfschützen dabei. Schließlich war das hier eine Ausnahmesituation. Solche Spezialisten trafen das Auge einer Fliege auf einen Kilometer. Bloß gut, dass er noch seine Arbeitsklamotten trug. Der neonrote Overall rettete ihm jetzt vielleicht das Leben. Den konnte kein Scharfschütze übersehen.
Aber dieser Ulrich war nicht dumm. Er vermied es, dass er und sein Kumpel gleichzeitig auf der Plattform waren und damit ein leichtes Ziel für die Scharfschützen bildeten. Auf diese Weise hatten sie eine Chance.
Nun ließ auch Ernst wieder das Typhon der Lok ertönen. Laut hallte das Rufzeichen durch den Talkessel. Sie näherten sich dem nächsten Bahnübergang, kurz vor der Batteriefabrik. Hier kreuzte der Weg zum Bahnhof das Gleis.
Das Wort POLIZEI erkannte er zuerst, denn das war auch noch bei extrem schlechten Lichtverhältnissen lesbar. Der Mann, auf dessen Brust es prangte, stand mit einer Art Kampfuniform am Wanderparkplatz und gestikulierte. Ernst kniff die Augen etwas zusammen. Es schien, als deutete er auf den Boden. Als der Zug herankam, ging der Mann in Deckung. Erst spät begriff Ernst, was der Polizist meinte. Bei dem trüben Wetter war die Sicht unter den Bäumen nicht scharf genug, um schon von Weitem alle Einzelheiten zu erkennen. Doch jetzt, da sie nahe genug heran waren, hatte der Rangierer keinen Zweifel. In den Waldboden hatte jemand ein riesiges Symbol geritzt, ein Zeichen. Die Linien bildeten die Form des alten Sondersignals Zs 5: ein großes L in einem auf der Spitze stehenden Rechteck. Geschwindigkeit drosseln! 89601 ist noch nicht im Bahnhof!
Ernst ließ einen kurzen Achtungspfiff ertönen und gab damit zu erkennen, dass er verstanden hatte. Doch auch dem Kerl mit der Waffe war aufgefallen, dass seine Geisel etwas bemerkt hatte. Was los sei, wollte er wissen. Der Rangierer deutete auf das soeben an ihnen vorübergezogene Zeichen auf dem Waldboden. »Ein Verzögerungsanzeiger. Der Gegenzug ist noch nicht da. Wenn wir die Geschwindigkeit halten und im Bahnhof nicht stoppen, kommt es zur Katastrophe.«
Der Schwarzkopp verzog den Mund. »Die Striche da? Hältst du mich für blöde?«
»Sie konnten uns über Funk nicht erreichen. Das war die letzte Möglichkeit, uns zu warnen!«
Er schaute Ernst durchdringend an. »Das riecht doch nach einer Falle …«
»Hören Sie: Wenn wir jetzt nicht drosseln, können wir nachher nur noch eine Vollbremsung einleiten! Was ist Ihnen lieber?«
Die beständigen, jedoch langsam lauter werdenden Pfeifsignale aus dem Wald schienen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Der Kidnapper änderte tatsächlich seine Meinung. »Fahr etwas langsamer.«
Ernst atmete auf. »Spät kommt sie, die Einsicht. Aber sie kommt.« Sofort drosselte er den Dieselmotor. 20 km/h. Dennoch würde es knapp werden. Viel zu knapp, befürchtete er.
»Ulrich! Sieh mal nach links! Sieh doch!« Die Brille hatte die Waggontür aufgerissen und deutete mit dem Arm gestikulierend die Waldstraße entlang.
Der Schwarzkopp folgte seinem Blick. Und grinste.
Kapitel 8
10.27 Uhr. Im selben Moment saß der Innenminister des Landes bei einem Arbeitsfrühstück mit seinen Amtskollegen aus den anderen Bundesländern in Cochem an der Mosel zusammen, um die Möglichkeiten einer stärkeren Zusammenarbeit im Bereich der Absicherung von Demonstrationen auszuloten. Als man ihm mitteilte, dass in diesen Minuten ein von Hijackern gekaperter Zug durch die Wälder des Harzes dröhnte, war sein erster Gedanke der an einen terroristischen Akt. Möglicherweise benutzten die Täter diesmal keine Flugzeuge als Waffe, sondern die Eisenbahn. Besorgt fragte er nach, ob bei der Aktion der Ruf »Allahu akbar« gefallen sei. Niemand wusste etwas davon, doch das musste noch nichts heißen. –
Robert Königs Job war es nicht, über den Innenminister nachzudenken. Das sollten andere tun. Robert war nur für seine Männer verantwortlich. Er drehte sich in diesem Moment um und bekam gerade noch mit, dass der Zug, der vielleicht zweihundert Meter Luftlinie von seinem Standort entfernt vorüberzog, tatsächlich die Geschwindigkeit verringerte. Wittichs Botschaft auf dem Waldboden musste der Rangierer also verstanden haben. Eine Minute bliebe ihnen noch, vielleicht zwei, bis der Zug den Bahnhof Steinerne Renne passieren würde.
Doch sie hatten verloren.
Ihre Einsatzfahrzeuge steckten beide fest. Außer Gefecht gesetzt von einem Sattelschlepper, der gerade die Batteriefabrik verlassen hatte und nun die schmale Straße hinauf zur Bahnstation blockierte. Vierhundert Meter vor ihrem Ziel. Robert war ausgestiegen und lehnte sich resigniert an das Dach des schwarzen Vans, der von den beiden der hintere war. Es hatte keinen Sinn, den Truck zurückzuwinken; bis die Straße wieder frei war, hatte der Zug Steinerne Renne längst verlassen.
Der Wind pfiff hier oben schon bedrohlich. Er musste plötzlich an seine Tochter denken. Er konnte schon verstehen, dass man für die Truppe am liebsten Männer auswählte, die ungebunden waren. Am besten sogar ohne feste Freundin.
Seine Emily war jetzt gerade einmal vier Wochen alt. Es war eine komplizierte Geburt gewesen. Beckenendlage, hatte der Arzt erklärt und sich dennoch gegen einen Kaiserschnitt entschieden. Die Schreie von Bella, seiner Frau, setzten ihm damals weit mehr zu als dieser Einsatz hier. Alles, was sie heute taten, hatten sie immer wieder trainiert. Es gab keine wirklich neuen Situationen.
Die Ironie bei der ganzen Angelegenheit war, dass der Zug in wenigen Augenblicken direkt an Robert und seinen Männern vorbeifahren würde. Die Strecke verlief in einer relativ starken Steigung etwa fünfzehn Meter oberhalb der Straße. Doch von hier unten war sie weder einsehbar noch erreichbar. Den Hang bedeckte undurchdringliches Dickicht. Man benötigte schon eine Machete, wollte man es bezwingen.
»Schmieder ist auf dem Weg zum Zug!«
Einer seiner Männer aus dem vorderen Wagen war ausgestiegen und hatte ihm diese Worte zugerufen.
Robert verstand nicht. Sein Befehl per Funk, die Aktion abzubrechen, war doch eindeutig gewesen. Sein Kollege klärte ihn auf. Als der Funkspruch kam, war Schmieder bereits losgelaufen, gerade noch an dem Truck vorbei.
Sören Schmieder. Im Alleingang, im Vollsprint, mit kompletter Ausrüstung und gegen das stürmische Wetter. Zweifellos ein guter Mann, einer seiner besten, der jedoch bisweilen zu nicht ganz ungefährlichen Alleingängen neigte. Bis an den Bahnsteig war es eine Strecke von etwa einem halben Kilometer. Und zusätzlich musste er noch aufpassen, von den Tätern nicht frühzeitig entdeckt zu werden. Roberts Aufgabe wäre es jetzt eigentlich gewesen, zum Funkgerät zu greifen und Schmieder zurückzupfeifen. Doch er tat es nicht. Auch wenn es nur eine kleine Chance war, es war immerhin eine.
Der Lkw-Fahrer hupte und winkte ihm zu, die Straße freizugeben. Er wollte weiterfahren. Robert ignorierte ihn einfach, griff stattdessen wieder zum Funkgerät, um Mölter Meldung zu machen, dass die Aktion gescheitert war. Der konnte es kaum fassen. Stille in der Leitung. Robert meinte, die Enttäuschung des Einsatzleiters geradezu spüren zu können. Nach ein paar Sekunden war Mölter aber wieder da. »König, Sie kehren um und verfolgen den Zug über die L 100 in südlicher Richtung bis zum Gasthaus Drei Annen. Da ist eine kleine Lichtung. An dieser Stelle überqueren die Gleise die Straße. Der Zug muss etwas langsamer fahren. Ihr neuer Einsatzbefehl lautet: Versuchen Sie, auf die führerlose Lok zu kommen und die Maschine zum Stehen zu bringen, bevor der Zug den Bahnhof Drei Annen Hohne erreicht. Fahren Sie mit Sondersignal. Ihnen bleiben genau fünfzehn Minuten, dann passiert der Zug das Gasthaus! Es wird knapp, aber Sie können es schaffen!«
»Einer meiner Männer ist noch draußen. Er versucht, den Zug zu erreichen.«
»Allein?«
»Ja.«
»Wie konnte das passieren?«
»Er war schon weg, bevor der Befehl zum Abbruch kam. Vielleicht hat er eine Chance.«
»Was meinen Sie?«
»Schwer zu sagen. Fünfzig-fünfzig, würde ich sagen.«
»Also gut. Lassen Sie einen der beiden Wagen zurück und teilen Sie Ihr Team. Aber bleiben Sie auch in ständigem Kontakt mit den anderen Männern.«
Robert ließ fünf seiner Leute in den hinteren Gruppenwagen einsteigen und losfahren. Wittich, der dem Rangierer das Zeichen gegeben hatte, war bereits wieder zu ihnen gestoßen, also konnten sie sofort abrücken. Er selbst blieb zurück, um mit den restlichen beiden Männern Schmieder zu folgen. Der hupende Truck, der weiterfahren wollte und dem der andere Van noch immer direkt vor der Motorhaube stand, interessierte ihn jetzt einen Dreck. Er hörte das Pfeifen der Diesellok, der Hinweis darauf, dass sie in diesem Augenblick in einer engen Linkskurve den kleinen Bahnübergang direkt auf der Höhe des Wasserwerks passierte, den nur Wanderer benutzten. Am Ende dieser Kurve lag die Einfahrweiche für den Bahnhof.
Irgendetwas stimmte jedoch nicht. Soeben hatte der Gegenzug aus Richtung Drei Annen Hohne einen Warnpfiff abgegeben. Das hieß, er war bisher nicht im Bahnhof eingetroffen! Er war so nahe, dass man ihn schon hören konnte, trotzdem nach Roberts Schätzung noch mindestens einen halben Kilometer entfernt. Und ohne Mühe, mit stoischer Gleichförmigkeit zog die klobige weinrote Maschine langsam, aber unverdrossen ihre Wagenschlange aus der Linkskurve die beginnende Steigung hinauf in den Bahnhof. Noch dreihundert Meter, dann würde sie auch die Ausfahrweiche von Steinerne Renne passieren und die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. Es musste zur Kollision kommen.
König und seine beiden Männer rannten los.
Kapitel 9
10.28 Uhr. Im Zug 8925 hatten die Fahrgäste, die den zweiten Teil dieses Wortes derzeit wohl eher als Hohn begriffen, ebenfalls längst bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte. Keinem von ihnen war das ständige aufgeregte Pfeifen der beiden Loks entgangen. Kirsten Seibt, Kellnerin in einem Schierker Gasthaus und eigentlich auf dem Weg zur Arbeit, wurde plötzlich bleich und sackte wenige Augenblicke später auf ihrem Sitz zusammen. –
Ulrich Medow hatte im selben Moment, als der Zug die letzte Kurve vor dem Bahnhof nahm, erkannt, dass der zweite Bahnsteig leer war. Der Gegenzug befand sich noch auf der Strecke. Der Rangierer hatte mit seiner Warnung recht gehabt. Da stand Ulrich nun, mit einer Knarre in der Hand und entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen, doch er musste einsehen, wie endlich seine Macht war. Ihr Zug erreichte den Bahnsteig, fuhr immer weiter. Wenn er nicht in der nächsten Sekunde eine Entscheidung traf, war es danach gleichgültig, wie diese ausfiel. Dann gab es nichts mehr zu entscheiden.
Der Rangierer sah zu ihm herüber, mit dem Handballen über dem dicken roten Notschalter, und im nächsten Augenblick quietschten die Bremsen. Er hatte ihm die Entscheidung einfach abgenommen.
Wieder flog alles, was nicht so stark war wie die Fliehkraft, nach vorne, doch ganz so schlimm wie beim ersten Mal war es nicht, denn der Zug war diesmal langsamer unterwegs. Ulrich, die Faust an der Haltestange, konnte den Stoß abfangen. Und abermals gab es, als ihr Waggon endlich stand, diesen Moment aufatmender Ruhe, die Gewissheit, der Katastrophe entkommen zu sein.
»Wie heißt du?«, fragte Ulrich leise.
»Urbanek.«
»Und mit Vornamen?«
»Ernst.«
»Ernst also.«
Ihre Blicke trafen sich erneut. Ernst nickte ein wenig.
»Weiterfahren, Ernst!« Ulrich hatte am oberen Bahnhofsende die schwarze Dampflok des Gegenzuges ausgemacht. Sie würde jeden Augenblick die Weiche zum Nachbargleis passieren. Nur zehn Sekunden, lächerliche zehn Sekunden hatten gefehlt.
Da wurde die Waggontür aufgerissen, Rick fuchtelte mit der Beretta in der Hand herum. »Ich glaube, die eine von den Frauen hier klappt uns gleich zusammen. Wir müssen sie rauslassen, Ulrich!« Als dieser nicht sofort reagierte, suchte sein Schwager nach weiteren Argumenten. »Die Gelegenheit ist doch gut. Die Bullen haben wir abgehängt!«
»Steck die Knarre weg, sonst passiert noch was!« Ulrich sah ihm über die Schulter, steckte den Kopf durch die Tür. In der Tat lag eine der Frauen auf der Sitzbank und atmete schwer.
Draußen ertönte ein langer Pfiff, am Fenster huschte der Gegenzug vorbei und kam mit der Dampflok unmittelbar neben ihrem Wagen zum Stehen.
»Was ist denn mit euch los, Ernst? Ihr seid doch viel zu früh!« Der Heizer hatte den Kopf aus dem Führerhaus gesteckt. Trotz des Wetters schien er ein Schwätzchen mit seinem Kollegen halten zu wollen. Ulrich hatte er noch nicht wahrgenommen und anscheinend ebenso wenig begriffen, dass Urbanek den Zug steuerte. Ulrich konnte jetzt nicht noch ein Problem gebrauchen, so zückte er seine Waffe und nötigte die Besatzung des Gegenzuges mit wenigen, aber energischen Worten dazu, ihre Fahrt unverzüglich fortzusetzen.
»Dem haben Sie jetzt aber einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wenn das mal gutgeht. Paul hat ein schwaches Herz«, kommentierte der Rangierer den Vorfall trocken und fast amüsiert.
Ulrich ging nicht darauf ein. Das eben war nichts als Theater gewesen. Niemand konnte ihm erzählen, dass die Besatzung des Gegenzuges nicht über die Entführung Bescheid wusste. Aber das spielte keine Rolle. Er musste die Sache mit den Geiseln zu einem Ende bringen. Gut, er war einverstanden. Die Frau sollte raus. Und noch ein paar von den anderen. Rick krauste die Stirn und sah ihn fragend an. Er verstand mal wieder nichts. Ja, Ulrich hatte seine Meinung geändert. Aber das war jetzt nicht wichtig. Er konnte es ihm später erklären.
Die Rentnerin, die den Eindruck machte, als wäre sie die nächste Kandidatin für einen Kreislaufkollaps, die kranke Frau und ihre Freundin, den Kerl in der Lederjacke, den anderen daneben und den Trottel mit dem karierten Koffer – sie alle winkte er mit einem Kopfnicken zur Tür. Die zickige Kleine, die ihn ansah, als wäre sie eine Hexe und könnte ihn in einen Hammel verwandeln, und die Frau mit dem Lockenkopf fuhren weiter mit ihnen. Das Wanderpärchen auch, die waren harmlos. Man wusste nie, wofür es gut war.
Alle konnte er nicht gehen lassen. Ohne Geiseln würde es leicht sein, ihn und Rick zu überwinden. Es war nicht abzusehen, was sich die Bullen noch ausdachten. Vielleicht ließen sie den Zug entgleisen und lauerten ihnen an einem der zahlreichen Waldwege auf.
Und er musste Frauen als Geiseln behalten. Ulrich hatte schon die ganze Zeit das Gefühl, dass Henning Gabler immer genau wusste, was sie gerade taten. Vielleicht war Gabler auf die Idee gekommen, einen von seinen Kumpanen als ganz normalen Fahrgast auftreten zu lassen. Nur hätte der Kerl dafür ganz gewiss keine Frau ausgewählt.
Als der Rangierer sah, dass alle Freigelassenen wieder festen Boden unter den Füßen hatten, schien er zum ersten Mal auf dieser Reise zufrieden zu sein, ließ die Lok pfeifen und drückte den Joystick nach vorne, um der Maschine langsam ihre Bewegungsenergie zurückzugeben.
Kapitel 10
10.30 Uhr. Dann war da noch Franz Berger, eine der Geiseln in Wagen 8. Derjenige, dessen Frau am Bahnhof Wernigerode zurückgeblieben war. Dass Kleider Leute machten, wusste schon Gottfried Keller, und Franz war froh darüber, dieser bescheidenen Erkenntnis auch diesmal die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Denn die Tatsache, dass die Entführer ihn während der gesamten Zugfahrt in Ruhe gelassen und nun zur Freilassung im Bahnhof Steinerne Renne ausgewählt hatten, dürfte vor allem dem Umstand geschuldet sein, dass er in seinem grauen Trenchcoat daherkam wie ein harmloser Pauschalreisender. Niemand hatte sich für seinen Koffer interessiert. Dabei enthielt er Amphetamine im Wert von achtzigtausend Euro, die Berger bei einem Abnehmer alsbald zu Geld machen musste, sonst konnte er das Haus nicht mehr halten. –
Marvin Mölter wusste davon nichts; er blickte wie alle anderen im Stellwerk auf Fichtes Bildschirm und atmete tief durch. Sein Hals war nun feuerrot und der Puls schlug so heftig, dass er meinte, die Menschen neben ihm müssten ihn hören. Das hätte gerade verdammt ins Auge gehen können.
Der 8925 stand.
Alles andere war nachrangig.
Fichte, der unermüdliche Stellwerker, den er für verlässlich und absolut loyal hielt, war von seinem Platz aufgesprungen und konnte nicht mehr an sich halten. »Das machen Sie kein zweites Mal mit mir, verstanden? Auch wenn Sie hier die …«, er suchte nach dem richtigen Wort, »… Befehlsgewalt haben, bin ich doch letztlich für den Zugbetrieb an diesem Platz verantwortlich! Glauben Sie, ich will hier Tote haben, während meines Dienstes, nur weil Sie ein bisschen Gott spielen wollen? Nicht noch einmal!«
Marvin ging auf Fichte zu und gab ihm einen Klaps an die Schulter. Der Mann zitterte, so sehr hatte ihn seine letzte Anweisung mitgenommen. Der würde doch wohl jetzt nicht schlappmachen? Fichte wehrte ihn nicht ab, ließ ihn gewähren.
Letztlich war das alles nur eine Frage der Psychologie. In seiner Ausbildung, die nun auch schon wieder zehn Jahre zurücklag, war er beim Unterrichtskomplex Gesprächsführung mit Geiselnehmern stets einer der Besten gewesen. Und auch wenn ein Gespräch zwischen ihm und den beiden Kidnappern überhaupt nicht zustande gekommen war, glaubte er, sie bis zu einem gewissen Grade lesen zu können.
Er hatte Simone, die couragierte Zugbegleiterin, die ihren waghalsigen Sprung vom anfahrenden Zug zum Glück nur mit einem verstauchten Arm bezahlen musste, nach ihrem persönlichen Eindruck gefragt. Und sie hatte sein Bauchgefühl bestätigt. Marvin war sich nun sicher: Diese beiden Kerle waren nicht so brutal und rücksichtslos, wie sie taten. Das war nur Fassade. Sie opferten, um ihr Ziel zu erreichen, eher ihre Prinzipien als Menschenleben. Allein die ungewöhnlichen Umstände dieser Entführung sprachen eindeutig dafür.
Was machte es für einen Sinn, einen fast leeren, relativ langsam fahrenden Zug zu kapern? Schließlich musste dieser Zug ja auch irgendwann zum Stehen kommen. Spätestens am Prellbock auf dem Brocken oder in Nordhausen war dann Schluss, was die Geiselnehmer auf jeden Fall unter Zeitdruck setzte. Die Unwägbarkeiten, die bei dieser Aktion zuhauf auftreten konnten, waren einfach zu hoch. Warum hatten die Entführer zum Beispiel nicht gewartet, bis die reguläre Lokomotive am Zug war? Sie zu besetzen wäre deutlich vorteilhafter gewesen. Stattdessen überwältigten sie den Rangierer. Ein Zug, der vom letzten Waggon aus gesteuert wurde, war doch auf einer solchen topografisch schwierigen Strecke praktisch unkontrollierbar.
Wie man es auch drehte und wendete: Diesen Zug zu entführen zeugte entweder von grenzenloser Naivität und ebensolcher Dummheit oder es geschah aus einer Zwangslage heraus. Vielleicht erpresste sie jemand, der sich außerhalb des Zuges befand, aber alle Fäden in der Hand hielt. Nicht die beiden Kidnapper waren dann die Irren, sondern dieser Jemand.
Und dem schien es nicht ums Geld zu gehen. Dafür sprach die Tatsache, dass die Kerle bisher keine Lösegeldforderung gestellt hatten. Denn das Geld müsste erst beschafft werden, was schließlich Zeit kosten würde. Nein, alles deutete darauf hin, dass die Geiselnehmer eine ganz andere Mission verfolgten, und die war ihnen so wichtig, dass sie es nicht zu einer Katastrophe kommen lassen würden.
Und deshalb war Marvins Entscheidung, dem Gegenzug aus Nordhausen zum Schluss zu befehlen, seine Geschwindigkeit wieder zu drosseln, richtig gewesen. Auch wenn das niemand hier im Raum verstanden hatte und Fichte ihn jetzt für übergeschnappt hielt.
Denn die Übernahme durch seine Männer hätte genauso klappen können. Und deshalb hatte er es riskieren müssen. Die Aktion war gut durchdacht gewesen und der Platz dafür dank seiner hervorragenden Ortskenntnis perfekt gewählt. Nur ein dummer, unvorhersehbarer Zufall hatte es verhindert. Hätte da nicht dieser elende Truck gestanden und den Weg versperrt, dann wäre die Geiselnahme in diesem Moment bereits beendet gewesen. Dass für die Männer vom SEK die Überwältigung eines stehenden Zuges kein Problem sein sollte, war freilich eingepreist. Dafür waren sie ausgebildet.
Marvin hörte über das offene Mikrofon von König mit, was er auch auf Fichtes Monitor sah, nämlich dass der Zug im Bahnhof Steinerne Renne gerade dabei war, seine Fahrt fortzusetzen. Das Röhren des Dieselmotors konnte man deutlich wahrnehmen. In wenigen Augenblicken würden König und seine Männer ihn aus den Augen verlieren. Sie hatten es nicht geschafft.
Nun musste die Aktion als gescheitert angesehen werden. Ab jetzt wurde ein Zugriff ungleich schwieriger. Der Plan, den Zug oben am Gasthaus, etwa einen Kilometer vor Erreichen des Bahnhofs Drei Annen Hohne, durch ein Hindernis im Gleis zum Stillstand zu bringen, war aufgrund der Lagebewertung Marvins ursprüngliche Idee gewesen. Dort musste der Zug die L 100 überqueren und unmittelbar darauf eine Rechtskurve fahren. Eine unübersichtliche Stelle und eine gute Möglichkeit für einen Zugriff.
Doch da hatte sich noch nicht die günstige Gelegenheit mit Steinerne Renne geboten. Nun war die Zeit das Problem. Sollte der Zug mit voller Geschwindigkeit durchfahren, konnte König es nicht mehr schaffen. Vielleicht die Kollegen im anderen Van, die vorausgefahren waren. Doch auch das war keineswegs sicher. Marvin musste darauf hoffen, dass irgendein äußerer Umstand ein weiteres Mal die Fahrt des Zuges behinderte.
Vielleicht hieß dieser Umstand Lore Sikora.
Eines der Telefone auf Fichtes Arbeitstisch hatte vor ein paar Minuten geklingelt. Fichte hatte ihn daraufhin angestupst und ihm den Hörer gereicht. »Sollten Sie sich anhören.«
Es war Holger Matthies gewesen, ein uniformierter Beamter aus dem Wernigeröder Revier, den Marvin ganz gut kannte. Sie waren sich ein paar Mal bei verschiedenen Fortbildungskursen begegnet. Erst hatte sich Matthies die SMS seiner Kollegin nicht zusammenreimen können, doch als dann die Meldung von der Entführung des Zuges auf seinem Diensthandy aufgeploppt war, hatte er den Sinn verstanden.
Offenbar befand sich eine Kollegin unter den Fahrgästen. Sie schien bisher noch nicht enttarnt worden zu sein.
10 GEISELN IM LETZTEN WAGGON. ALLE NOCH WOHLAUF. 2 TÄTER. EINER HEISST ULRICH. BEIDE MIT HANDFEUERWAFFEN. SPORTTASCHE MIT UNBEKANNTEM INHALT. ZIEL UNBEKANNT. LORE
Nachdem Marvin sich die SMS von Holger Matthies vorlesen lassen hatte, ballte er die Faust. Das war eine völlig neue Situation, aber endlich einmal eine gute Nachricht. Jetzt galt es, diesen Trumpf möglichst optimal zu nutzen. Matthies hatte ihm versichert, dass seine Kollegin erfahren genug war, die Lage richtig einzuschätzen und umsichtige Entscheidungen zu treffen. Außerdem wollte er sich unverzüglich ins Stellwerk am Bahnhof begeben. Er hatte sofort mit dem zuständigen Leitenden Einsatzbeamten vom Dienst telefoniert und das abgeklärt. Der hatte auch noch zur Unterstützung der Kollegen sofort drei Streifenwagen zum Bahnhof Steinerne Renne geschickt. Sie mussten jeden Augenblick eintreffen.
Wenn Holger Matthies die Kollegin Sikora so gut kannte, wie es schien, konnte Marvin seine Dienste gewiss gut gebrauchen. Blieb nur die Frage, wie sie helfen konnte, die Täter zu überwinden. Ihre Dienstwaffe lag jedenfalls im Waffentresor in der Einsatzstelle.
Diese SMS hatte ihnen ja bereits geholfen. Es waren also mit Sicherheit zwei Täter und einer von ihnen hieß Ulrich. Damit musste doch etwas anzufangen sein.
Die Kollegen im LKA in Magdeburg sollten den Namen durch den Computer jagen. War das der Vor- oder Nachname? Auch als Vorname kam er nicht sonderlich häufig vor. Vielleicht landeten sie ja einen Treffer.
König meldete sich schon wieder. Die Zahl von zehn Geiseln stimmte derweil nicht mehr. Sechs der Geiseln hätten die Täter am Bahnsteig in Steinerne Renne unerwartet aussteigen lassen. Drei Frauen und ein Mann befänden sich weiter in ihrer Hand.
Schon die zweite gute Nachricht! Marvin atmete auf. »Wie geht es den Fahrgästen?«
»Sind alle wohlauf. Eine von ihnen hat wohl einen Schwächeanfall simuliert, sodass die Täter sie freigelassen haben. Ziemlich schlau. Sie hat den Wernigeröder Kollegen gerade erzählt, dass sie in einem Laientheater spielt. Sie scheint Talent zu haben«, kommentierte König belustigt. Dennoch würde Marvin noch einen Rettungswagen zu ihnen schicken.
Lore Sikora gehörte nicht zu den Freigelassenen. Zum Glück. Und die Streifenwagen waren auch eingetroffen. Marvin verspürte für einen Moment so etwas wie Erleichterung.
Zur Zentrale in Magdeburg existierte inzwischen eine Standleitung. Habermann fragte ständig nach, welche neuen Entwicklungen sich ergeben hätten. Marvin musste ihm früher oder später über den Fehlschlag in Steinerne Renne noch Meldung machen. Über die Reaktion machte er sich keine Illusionen, da half es auch nicht, dass nun sechs Geiseln frei waren. Er wusste, dass Habermann, sein Chef beim LKA in Magdeburg, Vorbehalte gegen ihn hegte. So würde er es gegenüber einem Kollegen formulieren. Marvin hatte es, als Ilka ihn einmal danach fragte, anders ausgedrückt. Habermann, dieser Stiefel, konnte ihn nicht ausstehen und würde ihn wahrscheinlich am liebsten loswerden. Das war von Anfang an so. In den zwei Jahren, die Marvin jetzt unter Habermann arbeitete, hatte er niemals ein wertschätzendes Wort von ihm zu hören bekommen. Wohl aber fielen schon mal abfällige Bemerkungen. Über sein Halsproblem zum Beispiel. Puter nannte er ihn, wenn er glaubte, Marvin bekäme es nicht mit. Oder wenn Marvin keine Lust hatte, sich mit den Kollegen beim Kegeln zu besaufen, und lieber nach Hause fuhr: Pantoffel. Häufig hatte Marvin das Gefühl, als wartete Habermann geradezu darauf, dass er einen Fehler machte.
Wenn Marvin ihm dafür wenigstens einen Grund geliefert hätte. Doch das Gegenteil war der Fall. Nie fehlte er. Sämtliche Qualifizierungsmaßnahmen hatte er mit guten oder sehr guten Ergebnissen abschließen können, schwarz auf weiß nachprüfbar. Einige davon hatte er sogar auf Wunsch Habermanns durchgeführt. Mit besserem Abschluss als die meisten in der Truppe. In theoretischen Belangen war er schon immer gut. Das schien seinen Chef aber nicht im Geringsten zu beeindrucken.
Fachlich war gegen Habermann nichts einzuwenden, da machte ihm keiner so leicht etwas vor. Von Polizeitaktik oder Ermittlungsarbeit verstand er etwas. Aber menschlich war er eine Katastrophe. Ein elender Intrigant. Ein Charakterschwein, der es liebte, wenn da einer war, der für seine Launen den Blitzableiter spielte.
Und so hatte Marvin bis heute noch nicht einen einzigen Einsatz geleitet. Selbst die kleinen wie einfache Festnahmen übertrug Habermann stets an Kollegen, die er schon ewig kannte und die gleichsam zu seinem Inner circle gehörten. Eine Handvoll Beamte, die er duzte und bei Gelegenheit offen protegierte.
Deshalb war gewissermaßen heute ein Wunder geschehen. Sein Chef hatte ihm vor zehn Minuten mit trockenen Worten die Einsatzleitung für diesen Fall übertragen. »Erst einmal vorläufig. Bis auf Weiteres. Vermasseln Sie das nicht. Ich versuche noch, Verstärkung und Unterstützung für Sie zu bekommen. Ich verlasse mich auf Sie, Mölter, verstehen Sie?«
Wenn Habermann so weit ging, musste die Not in Magdeburg groß sein. Die Dinge hatten sich offensichtlich gerade überschlagen.
Die Rede war von einem zweiten Einsatz in der Nähe von Dessau im Rahmen einer bundesweiten Aktion gegen die organisierte Kriminalität, der praktisch gleichzeitig stattfand und etliche Kräfte band – inklusive Habermann selbst. Ein weiterer Helikopter war vorläufig auch nicht verfügbar, sodass es viel Zeit kosten würde, bis Verstärkung eintraf. Mindestens noch dreißig Minuten. Das Spezialeinsatzkommando in Magdeburg war nur achtundfünfzig Mann stark. Seit Jahren wurde mit erheblichem Aufwand um Nachwuchs geworben, doch die mörderharten Aufnahmeprüfungen schaffte kaum einer. Drei Viertel der Bewerber fielen durch oder brachen von selbst ab. Also musste Marvin zunächst mit den neun Leuten auskommen, die schon vor Ort waren.
Er würde diesen Einsatz erfolgreich zu Ende führen. Er würde nicht nur Habermann, sondern allen zeigen, dass er einer solchen Aufgabe gewachsen war. Das war seine Chance. Vermutlich hatte längst das Innenministerium beim Chef des LKA geklingelt und dessen Chef bei Habermann. Und der musste jetzt hoffen, dass Marvin die Geiseln da lebend herausholte und die Geschichte möglichst unspektakulär zu ihrem Ende führte.
Wenn er die Sache mit der Sporttasche an Habermann weitermeldete, war ab sofort auch der Staatsschutz mit im Boot. Theoretisch war es möglich, dass sich in der Tasche eine Bombe befand. Es also nicht zu tun, wäre eine grobe Pflichtverletzung. Die Kollegen durften keine Zeit verlieren. Es würde also bald voll werden hier oben auf dem Stellwerk.
Dabei hielt Marvin die Theorie, dass in der Tasche ein Sprengsatz versteckt war, für unwahrscheinlich. Terroristen verhielten sich anders. Sie würden mit der Bombe drohen. Wenn keiner davon wusste, blieb ja nur, dass sie ohne Vorwarnung gezündet werden sollte. Dafür jedoch war ausgerechnet der letzte Wagen der schlechteste Platz im Zug. Außerdem würde man dies an einem Ort tun, an dem ein Sprengsatz die größtmögliche Wirkung entfaltete. Da fiel Marvin nur die Innenstadt von Wernigerode ein und die hatten sie bereits passiert. Und wenn sie möglichst viele Menschen töten wollten, hätten die angeblichen Terroristen keine Geiseln freigelassen.
Marvin blieb dabei. Dies hier war keine normale Geiselnahme, wenn es so etwas überhaupt gab. Er hatte es vorerst auch aufgegeben, weiterhin den Kontakt zu den Entführern zu suchen. Der eine von ihnen hatte ihm das gerade nachdrücklich klargemacht. Keine Störungen mehr. Alle Signale auf Grün. Ansonsten passierte ein Unglück. Es war also sinnlos.
Fichte, der ihm seine waghalsige Aktion eben wohl noch nicht verziehen hatte, und dieser Bärbaum verfolgten mit einer Mischung aus Befremden und Ehrfurcht seine Telefonate und Anweisungen. Sie konnten ihm für den Augenblick keine Hilfe sein. Obendrein schienen sich die beiden gegenseitig nicht besonders zu mögen. Sie sprachen kaum miteinander. Vor allem dieser Bärbaum störte eigentlich nur. Eine merkwürdige Ruhe hatte sich nach dem Rückschlag in Steinerne Renne hier oben im Stellwerk ausgebreitet, wenn Marvin gerade nicht telefonierte. Nur das Hüsteln und Schniefen des verschnupften Fichte war gelegentlich zu hören. Der würde noch alle hier im Raum anstecken.
Im Moment konnte Marvin nicht viel tun. Der Zug fuhr nun durch waldiges, unwegsames Gelände. An den kamen seine Einsatzfahrzeuge jetzt nicht so schnell heran.
Dass immerzu irgendein Telefon klingelte, daran hatte er sich inzwischen gewöhnt. Abermals reichte ihm Fichte den Hörer hin. »Für Sie.«
Nun war die Geschichte auch bis zum Landrat durchgedrungen. Er sei tief besorgt, versicherte er, nachdem er von Marvin zu hören bekommen hatte, was er eh schon wusste, und er hoffe, dass diese Geschichte bald zu einem glücklichen, vor allem aber unblutigen Ende geführt werden könne. Er habe dabei vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten unserer Polizei. Sätze, die zu einem Haufen hohler Wörter zerbröselten.
Dann war König wieder dran. »Schmieder fehlt.«
Schmieder war einer von Königs Männern. Einer von den dreien, die versucht hatten, den Zug noch zu erreichen. Warum war er nicht sofort damit herausgerückt?
»Was heißt das?«
»Wir können ihn nicht erreichen. Kein Funkkontakt. Er hat einen anderen Weg gewählt als wir. Nach einem Drittel der Wegstrecke ist er direkt die steile Böschung hoch. Wir haben ihn dabei aus den Augen verloren …«
Marvin war sich noch nicht schlüssig, was sie tun konnten. »Habt ihr alles abgesucht?«
Diese Frage nahm König persönlich. Ob er glaube, dass ihm das Leben eines Kollegen gleichgültig sei, grummelte er.
Habermann würde explodieren, wenn er von Schmieders Verschwinden erfuhr. Marvin konnte nicht ohne den Mann zurückkommen. Eigenschutz stand grundsätzlich an erster Stelle. Auch wenn die konkrete Einsatzentscheidung vor Ort bei König lag, war Marvin jetzt in der Verantwortung. Er konnte nur hoffen, dass alles gut ausging.
»Wie ist deine Erklärung, Kollege?«, bohrte Marvin. Die Zeit drängte.
»Er ist im Zug.« König machte eine kleine Pause, bevor er weitersprach. »Schmieder ist einer der Besten. Niemand hat es gesehen, aber es gibt in meinen Augen keine andere Möglichkeit als die, dass er es in der kurzen Zeit geschafft hat, noch aufzuspringen. Wir sind selbst nur eine halbe Minute zu spät gekommen.«
»Obwohl du davon ausgehst, dass er im Zug ist, habt ihr keinen Funkkontakt?«
König bestätigte.
»Aber Schmieder ist doch mit einem BOS-Funkgerät ausgestattet?«
BOS. Der neue Funkstandard für die verschiedenen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Nicht nur die Polizei arbeitete damit jetzt, sondern alle Blaulichtorganisationen wie das Technische Hilfswerk oder die Feuerwehr konnten so im Notfall zusammengeschaltet werden, um ihre Arbeit optimal zu koordinieren. Die neuen digitalen Funkgeräte waren wirklich gut und hatten kaum noch etwas mit dem störanfälligen alten analogen Polizeifunk zu tun. Bei einer fast hundertprozentigen Netzabdeckung waren auch die paar Berge kein Problem mehr. Wer so ein Ding bei sich hatte, der fand seine Leute und der wurde gefunden. Wenn er das wollte.
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