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Marie Louise Fischer
Schatten der Schuld
SAGA Egmont
Schatten der Schuld (Adoptivkind Michaela)
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)
represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1966 by LübbeVerlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711742365
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
I
Es war kalt.
Die Straßenlaterne vor der kleinen Villa in München-Bogenhausen brannte schon lange, als Schneiders aus ihrem kobaltblauen Wagen stiegen. Sie hatten bis nach neun Uhr die Frühjahrsmodelle, die am nächsten Montag in die Herstellung gehen sollten, überprüft. Anschließend hatten sie eine private Verabredung mit einem ihrer wichtigsten Geschäftsfreunde gehabt, die aber im letzten Augenblick abgesagt worden war. So kam es, daß sie an diesem Samstag zwar spät, aber immer noch früher, als erwartet, nach Hause kamen.
Erhard Schneider trat als erster in die Diele, ein breiter, untersetzter Mann, dessen spiegelnde Glatze von einem Kranz lockiger, grauer Haare umgeben war, die ihm das Aussehen eines Künstlers gaben. Tatsächlich war er Kaufmann. Er zeichnete Verantwortlich für Kalkulation und Vertrieb des Hauses Schneider & Torsten, Herstellung von Damenoberbekleidung, während die herbe, kluge Isabella Schneider, geborene Torsten, für die modische Gestaltung und die Herstellung zuständig war.
Ohne besonderes Interesse begann Erhard Schneider den kleinen Stoß Post durchzusehen, der auf dem braungekachelten Dielentisch auf ihn wartete.
Er wollte die Post schon achtlos in seine Jackentasche schieben, als er plötzlich stutzte.
Isabella trat, ihren Ozelot über dem Arm, näher. »Was ist?« fragte sie. »Etwas Unangenehmes?«
»Keine Ahnung. Ein Brief von Michaelas Schule.«
»Lies doch schon!«
Erhard Schneider riß den Umschlag auf und überflog schnell die wenigen Zeilen.
Trotzdem fragte ihn Isabella noch einmal ungeduldig: »Was ist?«
Er ließ den Brief sinken und sah sie an. »Michaelas Versetzung ist gefährdet.«
»Mein Gott!« Isabella nahm ihm den Brief aus der Hand. »Warum hat sie uns davon nichts gesagt?«
»Michaela!« brüllte Erhard Schneider, und als Frau Beermann, die Haushälterin, atemlos die schmale, geschwungene Treppe heruntergerannt kam, fragte er, immer noch mit beachtlicher Lautstärke: »Wo steckt Michaela?«
»Oh, guten Abend! Ich wußte gar nicht … sie ist nicht da«, stotterte Frau Beermann.
»Nicht zu Hause?« fragte Isabella erstaunt. »Aber … das verstehe ich nicht ganz!«
»Sie ist fortgegangen, vor etwa einer halben Stunde.«
»Spazieren? Bei der Kälte?« Erhard Schneiders Kopf war rot angelaufen.
»Nein, ich glaube … sie hat gesagt, sie wolle ins Kino.«
»Da hört sich doch alles auf! Die Schulbehörde schickt uns einen Brief ins Haus … und was tut Michaela? Sie geht ins Kino.«
»Aber, Erhard, sie wußte doch sicher gar nichts von diesem Brief«, versuchte Isabella ihn zu beruhigen.
»Unsinn. Man weiß, ob man versetzt wird oder nicht. Mach mir nichts vor, so etwas weiß man sehr genau.«
Frau Beermann hatte Isabella den Pelzmantel abgenommen. »Haben die Herrschaften sonst noch Wünsche?« fragte sie.
»Nein, nichts«, sagte Erhard Schneider grob. »Sie hätten besser auf das Kind aufpassen sollen, wozu haben wir Sie denn engagiert?«
»Bitte, Erhard!« Isabella warf Frau Beermann einen entschuldigenden Blick zu. »Es hat wirklich keinen Sinn, alle Welt für diese Sache verantwortlich zu machen.« Sie ging vor Erhard Schneider her in den kostbar und geschmackvoll eingerichteten Wohnraum.
»Du wirst wenigstens zugeben, daß ich dir schon oft gesagt habe …« Erhard Schneider öffnete den kleinen Bar-Schrank, holte eine Flasche französischen Kognak und zwei Gläser heraus.
»Was?« fragte Isabella.
»… daß Michaela faul und oberflächlich ist … Da, lies doch, was der Direktor schreibt!« Er nahm Isabella den Brief wieder aus der Hand. »Da steht es, schwarz auf weiß … begabt und von schneller Auffassungsgabe, aber völlig desinteressiert und ohne nötigen Ernst. Da hast du es!«
»Sie ist noch so jung, Erhard!«
»Sechzehn Jahre. Mit sechzehn Jahren habe ich schon längst als Lehrling gearbeitet und du …«
»Ach, Erhard, heute ist das doch alles ganz anders! Die Zeiten haben sich geändert und …«
Erhard Schneider hatte die beiden Gläser vollgeschenkt und reichte ihr eines. »Ich mache dich ja nicht verantwortlich, Isa«, sagte er in verändertem Ton. »Ich weiß, du hast dich um das Kind gekümmert wie kaum eine andere Mutter. Aber vielleicht ist es das gerade. Du hast sie zu sehr verwöhnt.«
»Du etwa nicht?«
»Ja, ich auch. Aber ich habe gedacht, daß sie es uns anders danken würde. Was soll nun werden?«
Isabella nahm einen Schluck Kognak. »Nun, das beste wird sein, wir lassen ihr jetzt Nachhilfestunden geben, denke ich. Vielleicht kommt sie doch noch mit. Oder sonst muß sie das Jahr eben wiederholen.«
»Das meine ich nicht.« Erhard Schneider stellte sein Glas hart auf den Tisch. »Glaubst du, daß sie je das Zeug haben wird, die Firma zu übernehmen?«
Ehe Isabella Schneider antworten konnte, trat Frau Beermann ein. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie, »draußen ist ein Herr, der Sie sprechen möchte.«
»Wer?« fragte Erhard Schneider böse.
»Er hat mir seinen Namen nicht genannt.«
»Na, erlauben Sie mal! Wie oft müssen wir Ihnen noch sagen, daß Sie niemanden hereinlassen sollen, wenn Sie nicht wissen, wer er ist!«
»Ja, natürlich, Herr Schneider, ich habe das nicht vergessen, nur … er sagte, es sollte eine Überraschung für Sie sein.«
»Eine Überraschung am Samstagabend?«
»Er ist sehr … liebenswürdig.«
Erhard Schneider entging es nicht, daß sie leicht errötete. Eine böse Ahnung stieg in ihm auf. »Na, dann wollen wir mal sehen«, sagte er. »Nein, laß nur, Isa, das werde ich schon allein erledigen.« Er nahm noch einen Schluck aus seinem Glas, dann stellte er es aus der Hand und ging zur Tür.
Isabella Schneider holte tief Atem, dann öffnete sie ihre Handtasche und zündete sich eine Zigarette an. Mit leichtem Ärger bemerkte sie dabei, daß ihre schlanken, gepflegten Hände zitterten.
»Danke, Frau Beermann«, sagte sie, »ich brauche Sie nicht mehr.«
Sie ließ sich in einen der hochlehnigen Gobelinsessel fallen. Sie fühlte sich müde und zerschlagen. Also war er doch wiedergekommen. Sie hätte es sich ja denken können.
Sie Spürte zu ihrem eigenen Entsetzen, daß sie ihn haßte. Sie haßte ihren eigenen Bruder, Till Torsten.
In der Diele standen sich Till Torsten und Erhard Schneider gegenüber. Der schmale, geschmeidige Till wirkte neben seinem schweren, wuchtigen Schwager wie ein Windhund, der um einen Bernhardiner herumschwänzelt.
»Ich verstehe natürlich, daß du überrascht bist, mich zu sehen«, sagte er und zeigte mit einem kleinen Lächeln seine kräftigen weißen Zähne.
»Durchaus nicht.«
»Es ist eben so, Menschen wie ich, die kein Zuhause haben … das soll natürlich kein Vorwurf sein, lieber Erhard, versteh mich bitte nicht falsch … aber man möchte eben doch ein paar …«
»Wieviel brauchst du?« fragte Erhard Schneider scharf.
»Ich verstehe dich nicht.« Till Torsten hob mit gespieltem Erstaunen die Augenbrauen.
»Wieviel?«
»Tausend.«
»Du bist verrückt.«
»Bitte, wie du willst!« Till Torsten gab sich den Anschein, als ob er sich zum Gehen wenden wollte. »Grüße meine Schwester von mir … oder auch nicht. Ganz wie du willst. Adieu.«
»Gut. Ich werde dir einen Scheck geben. Aber nur unter der Bedingung, daß du Isabella endgültig in Ruhe läßt.«
»Scheck kann ich nicht brauchen, Schwager.«
»Na, bitte. Dann bekommst du die tausend Mark bar … aber nur gegen Quittung. Als kurzfristiges Darlehen.«
»Und du glaubst, daß ich so etwas unterschreibe?«
»Ganz bestimmt. Sonst bekommst du das Geld nämlich nicht.« »Bildest du dir im Ernst ein, du würdest es von mir zurückkriegen?«
»Nein.«
»Wozu willst du dann die Quittung?«
»Nur so. Also … entweder du schreibst mir so einen Wisch aus oder …«
»Na schön. Wenn es dir Spaß macht. Ich sehe den Sinn zwar nicht ein, aber immerhin …« Till Torsten zog seine Brieftasche aus dem Jackett seines tadellos sitzenden dunkelgrauen Anzugs, fand einen leeren Zettel und kritzelte, über den Dielentisch gebeugt, ein paar Zeilen darauf. »Genügt es so?« fragte er und hielt seinem Schwager die Quittung hin.
»Danke.« Erhard Schneider nahm die Quittung entgegen, zählte aus seiner Brieftasche zehn Hundertmarkscheine. »Du hast Glück, daß ich das Geld überhaupt bei mir habe …«
»Ich habe immer Glück, mein Lieber, das solltest du wissen.«
»Um so besser für dich … wenn es dir so vorkommt.«
Till Torsten knöpfte sich seinen dunkelblauen Wintermantel zu. »Also, schönen Dank, Schwager … und von mir aus keinen Gruß an Isabella.«
»Paß auf, Till … ich will kein Versprechen von dir, ich weiß, daß dein Wort nichts gilt, aber ich warne dich. Wenn du noch einmal unser Haus betrittst … oder wenn du ein einziges Mal versuchen solltest, dich hinter meinem Rücken mit Isabella in Verbindung zu setzen …«
»Was dann?«
»Dann wirst du von mir nie wieder, unter gar keinen Umständen, auch nur einen einzigen Pfennig herausholen. Hast du mich verstanden?«
»Du hast dich ungewöhnlich deutlich ausgedrückt, Schwager!« Till Torsten drückte sich den weichen Hut auf den Kopf, tippte mit einem spöttischen Lächeln an die Krempe, drehte sich um und ging aufreizend langsam zum Ausgang. Erhard Schneider folgte ihm bis zur Haustür, und als die Tür hinter dem unangenehmen Gast ins Schloß gefallen war, drehte er den Schlüssel zweimal um und schob den Riegel vor.
Der Beat-Schuppen lag im Keller eines alten Schwabinger Hauses und wurde nur von Jugendlichen besucht.
Der Alkoholverbrauch war sehr gering. Die Mädchen tranken ausschließlich Coca-Cola und Fruchtsäfte, die Jungen mal ein Bier und nur wenige einen Schnaps zwischendurch – wenn sie überhaupt tranken, denn die meiste Zeit verbrachten sie auf der Tanzfläche.
Sie waren gekommen, sich auszutoben, und sie tobten sich aus. Die Musikbox, auf größtmögliche Lautstärke eingestellt, war unentwegt in Betrieb. Platten der Beatles, Rolling Stones und der Rainbows wurden bevorzugt.
Michaela Schneider hatte die Augen mit den dunklen Wimpern leicht geschlossen, das blütenhafte Gesicht zu Gregor Hellmer erhoben. Sie genoß den betäubenden Rhythmus und die körperliche Nähe des jungen Mannes.
Dann war die Platte abgelaufen. »Komm!« sagte Gregor und nahm Michaela bei der Hand. Er zog sie an einen Tisch, der eng an der Rückwand eines Raumes stand, sie setzten sich. Gierig saugte Michaela an ihrem Strohhalm. Gregor zündete sich eine Zigarette an.
Michaela sah ihn von unten herauf mit schrägen Augen an. »Sag mal, Greg, was hättest du eigentlich gemacht, wenn ich heute abend nicht gekommen wäre?«
Er grinste. »Wahrscheinlich hätte ich mich in mein Bettchen gelegt und hätte geweint.«
»Nein, ich meine … im Ernst! Mit wem hättest du getanzt?«
»Sieh dich mal um. Es sind massenhaft Mädchen da.« Sie sagte, ohne den Blick von ihm zu lassen: »Eine gräßliche Fülle!«
»Was willst du? Samstagabend.«
»Warum …« begann sie, aber dann unterbrach sie sich selber: »Ich merke schon, ich falle dir fürchterlich auf die Nerven …«
»Überhaupt nicht. Spuck heraus, was du auf dem Herzen hast!«
Sie schlug die Augen nieder und zeichnete mit ihren spitzgefeilten, zartrosa lackierten Fingernägeln Striche und Kreise auf die Tischplatte. »Ich meine nur, du weißt genau, daß ich mich am Samstagabend am schlechtesten freimachen kann … und überhaupt, Samstag ist ein scheußlicher Tag zum Ausgehen. Warum also …«
»Weil ich wochentags arbeiten muß, Micky … Sonntagmorgen kann ich mich ausschlafen. Das ist die ganze Erklärung.«
»Du bist ein schrecklicher Spießer, nicht wahr?«
Er zuckte die Achseln. »Kann sein.«
»Wenn dir ein bißchen an mir liegen würde …«
Er legte seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. In seinen braunen Augen stand freundlicher Spott. »Was erwartest du eigentlich von mir? Daß ich dir einen Heiratsantrag mache, weil ich dich für das bezauberndste Wesen der Welt halte?«
»Warum eigentlich nicht?«
»Weil dir noch die Eierschalen hinter den Ohrwatscheln kleben und ich selber … also bitte, Micky, mach dich nicht lächerlich. Ich bin jetzt das erste Jahr bei der Dresdner Bank … mein erstes Lehrjahr. In sieben Jahren verdiene ich frühestens genug, um … du siehst gerade so aus, als wenn du sieben Jahre auf einen Mann warten würdest.«
»Warum nicht? Dann bin ich dreiundzwanzig, das wäre doch noch nicht alt.«
Er beugte sich über sie und küßte sie auf die Nasenspitze. »Wenn du zweiundzwanzig bist, reden wir wieder darüber, ja?«
»Du bist gemein.«
»Klar bin ich das.« Er horchte auf, der Automat hatte eine neue Platte aufgelegt, einen heißen Beat. »Komm!« sagte er, reichte ihr die Hand und zog sie hoch.
Sie tanzten ganz dem Rhythmus hingegeben. Michaela hielt ihren strahlenden Blick auf Gregor geheftet. Ihr blondes, schulterlanges Haar umschwebte ihren kleinen Kopf wie eine seidig schimmernde Wolke, der leuchtend rote Pulli und der dunkle kniekurze Bleistiftrock standen ihr gut.
Michaela und Gregor klatschten wie die anderen in die Hände. »Balla, balla«, brüllten die Burschen aus vollem Halse – da unterbrach Gregor den Tanz … so plötzlich, daß Michaela aus dem Rhythmus gerissen, stolperte. Er fing sie in seinen Armen auf. »Schnell!« flüsterte er. »Komm!«
Sie verstand nicht, sträubte sich gegen seinen Griff, wollte ihn zurückreißen. Aber er war stärker als sie und hatte sie schon mitgezerrt, bevor sie wußte, was vor sich ging. »Razzia!« sagte er scharf. Er hatte als erster die drei Herren in Zivil bemerkt, die langsam die Kellertreppe herunterkamen …
Von einer Sekunde auf die andere wechselte ihr Gesichtsausdruck, die ausgelassene Freude machte tiefem Schrecken Platz. »Was nun, Greg? Was sollen wir tun?«
Wortlos riß Gregor sie durch die Hintertür hinaus, sie glaubte, ihn verstanden zu haben und wollte in einer der Damentoiletten verschwinden. Aber er zerrte sie am Handgelenk durch einen halbdunklen Gang mit sich fort, stieß eine eiserne Tür auf – sie standen im Heizungskeller.
»Meinst du, hier können wir bleiben?« flüsterte sie atemlos, als er sie losließ.
»Du mußt raus!« sagte er und machte sich schon daran, das Kellerfenster aufzustoßen.
»Aber …«
»Tu, was ich dir sage!«
Er faltete seine Hände zu einem Korb, sie trat hinein, er hob sie hoch und half ihr, durch das schmale Fenster hinauszukrabbeln.
»Halte dich nach rechts!« rief er ihr zu. »Da ist ein Torweg … immer nach rechts! Und dann in der Garderobe vom Studio fünfzehn. Warte auf mich!« Ihm fiel ein, daß sie draußen entsetzlich frieren mußte, er riß sich die Jacke herunter und stopfte sie ihr durch das Fenster nach.
»So … und nun lauf!«
Das Klappern ihrer halbhohen Absätze war noch auf dem Pflaster zu hören, als die Tür des Heizungskellers aufgestoßen wurde und einer der Herren in Zivil eintrat. Gregor angelte in seiner Hosentasche nach seinem Zigarettenpäckchen, steckte sich eine Zigarette an und gab sich Mühe, so gelassen wie nur möglich auszusehen.
»Was machen Sie denn hier, junger Mann?« fragte der Kriminalbeamte nicht einmal unfreundlich.
Gregor nahm einen tiefen Zug, bevor er antwortete: »Habe meine Dame nach Hause gebracht.«
Der Kriminalbeamte runzelte die Stirn. »Nach Hause?«
»Na klar. Durchs Fenster.«
Der Kriminalbeamte ging zum Fenster, öffnete die Klappe, ließ sie wieder fallen. »Und wie hieß die Dame?«
»Keine Ahnung. Habe sie erst heute abend aufgerissen.«
»Hm.« Der Kriminalbeamte ging zur Heizung, öffnete die Klappe und warf einen Blick hinein.
»Ich habe sie nicht verbrannt, wenn Sie das glauben!«
»Na, vielleicht nicht die Dame, aber …« Er bückte sich und nahm einen Stummel auf, zerfetzte das Papier und hob es prüfend an die Nase.
»Seit wann sammeln Sie Stummel, Herr Kommissar?«
»Nie was von Marihuana gehört?«
»Gehört schon.«
Der Kriminalbeamte schnupperte dem Rauch von Gregors Zigarette nach, dann sagte er: »Ihren Ausweis, bitte!«
Gregor fuhr sich mit der Hand zur Brust, siedendheiß fiel ihm plötzlich ein, daß sein Ausweis in der Jacke war, die er Michaela mitgegeben hatte. »Verdammtes Pech.«
»Ausweis wohl vergessen, was?«
Gregor hatte sich schon wieder gefaßt. »Nicht doch, Herr Kommissar! Ich habe ihn im Mantel, drinnen!«
»Na schön, dann holen Sie ihn. Sie werden ihn brauchen können.«
Langsam ging Gregor durch den halbdunklen Gang zurück. Er überlegte fieberhaft. Durch die Toiletten konnte er nicht, dort würde bestimmt ein Beamter postiert sein. Es hatte gar keinen Zweck, es zu versuchen. Er mußte sich auf ein paar Stunden auf dem Polizeipräsidium gefaßt machen. Es würde einen furchtbaren Krach zu Hause geben. Aber das war nicht das Schlimmste.
Wie sollte Michaela nach Hause kommen? Sie hatte ihre Handtasche auf dem Tisch liegenlassen, und in seiner Jacke war kein Geld. Sie würde sich eine Erkältung, wenn nicht noch Schlimmeres holen, wenn sie in ihrem dünnen Seidenpulli nur mit seiner Jacke darüber, zu Fuß den weiten Weg von Schwabing nach Bogenhausen machen mußte. Etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig. Sie würde auf ihn warten, warten und warten und immer verzweifelter werden …
Nein, das durfte nicht geschehen, irgendwie mußte er hier heraus. Er mußte es mit Frechheit versuchen.
Als er in das Lokal zurückkam, stand einer der Kriminalbeamten noch immer auf der Treppe. Der andere ging von Tisch zu Tisch und prüfte die Ausweise. Die Musikbox spielte nicht mehr. Die jungen Leute saßen und standen in dumpfem Schweigen. Gregor ging ruhig, nicht zu schnell und nicht zu langsam, zu seinem Tisch zurück, nahm Michaelas Mantel über den Arm, legte seinen Ulster darüber, steckte ihre kleine Handtasche ein und bahnte sich einen Weg zur Treppe. Der Kriminalbeamte, der dort stand, ein älterer Herr mit dem Ansatz eines Bauches, versuchte, den ganzen Raum im Auge zu behalten, und er sah ihn erst, als er vor ihm stand.
»Na?« fragte er.
»Ich möchte nach Hause, Herr Kommissar!«
»Ihren Ausweis, bitte!«
»Den habe ich schon Ihrem Kollegen gezeigt … hinten im Heizungskeller!«
»Na, dann zeigen Sie ihn mir eben noch mal!«
In diesem Augenblick entstand ein Geräusch im Hintergrund des Lokals. Unwillkürlich blickte Gregor sich um. Er sah, daß ein breitschultriger junger Mann seinen Stuhl zurückgeschoben hatte und blitzschnell, statt seinen Ausweis zu zeigen, dem Beamten, der ihn kontrollieren wollte, die Faust unters Kinn schlug. Der Hieb hatte gesessen, der Kriminalbeamte brach stöhnend zu sammen. Wie auf Kommando erhoben mehrere Burschen ihre Stühle und zerschlugen die Birnen an der Decke. Der Kriminalbeamte neben Gregor zog seine Trillerpfeife und ließ einen schmerzhaft schrillen Pfiff ertönen. Gregor verlor keine Sekunde. Er raste an dem Beamten vorbei, die Treppe hinauf und ins Freie.
Vor dem Eingang stand ein Funkstreifenwagen, der Fahrer, der den Pfiff gehört hatte, stieg aus und lief zum Eingang.
»Rasch! Beeilen Sie sich!« rief Gregor ihm zu. »Da drinnen ist was fällig!« Dann ging er, nicht zu schnell und nicht zu langsam, über die Straße hinunter und sah aufatmend die Neonbeleuchtung über dem Studio fünfzehn.
Michaela wartete, wie verabredet, an der Garderobe auf ihn.
Er zog seine Jacke an, half ihr in ihren Mantel, gab ihr die Handtasche und schlüpfte in seinen Ulster.
Dann traten sie zusammen ins Freie. Gregor nahm Michaelas kleine Hand und steckte sie zu sich in die Tasche seines Ulsters.
»Hattest du Angst, Micky?« fragte er.
»Ein bißchen schon. Aber … es war alles aufregend! Toll aufregend, was?«
»Kann man wohl sagen.«
»Wie hast du es bloß fertiggebracht …«
»Dusel«, sagte er kurz. Dann lachte er. »Es hat manchmal doch was für sich, wenn man mit nem Spießer ausgeht, was?«
»Greg … das hatte ich doch nicht so gemeint! Ich weiß doch, daß du dufte bist! Wirklich, du bist der tollste Bursche, den ich kenne. Eigentlich …« Sie stockte.
»Na, was?«
»Eigentlich ist es schade, daß du nicht mein Bruder bist!«
Er blieb stehen und sah ihr lächelnd in die Augen. »Na, so schade ist das nun auch wieder nicht.« Er beugte sich zu ihr und küßte sie zärtlich auf den Mund.
II
Die Schneidersche Villa war vom Mondlicht fast taghell beleuchtet, als Michaela und Gregor in die kleine Seitenstraße in Bogenhausen einbogen. Trotzdem sah Michaela sofort, daß im Wohnzimmer noch Licht brannte.
»Verflixt«, murmelte sie und kramte in ihrer Handtasche.
»Was ist? Schlüssel vergessen?« fragte Gregor.
»Ach wo. Aber«, sie machte eine Handbewegung zum Wohnzimmerfenster, »sie sind schon zu Hause.«
»Und nun?«
Sie legte ihm den Finger auf den Mund. »Pst … Ich werde mich reinschleichen müssen!«
Wortlos und so leise wie möglich durchschritten sie den Vorgarten und traten unter das Vordach der Haustür. Michaela steckte den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn sachte um – die Tür gab nicht nach. »Zugeriegelt«, sagte sie verblüfft.
»Auwei!«
»Komm«, flüsterte sie und zog ihn an der Hand hinter das Haus.
»Was willst du machen?«
»Ich muß da rauf«, sagte sie mit einer Kopfbewegung zum Spalier hin, und bückte sich schon, um ihre schmalen, halbhohen Pumps abzustreifen.
Er schaute unbehaglich die Hauswand hinauf. »Bist du sicher, daß ein Fenster offen ist?«
»Na klar. In meinem Zimmer immer.« Sie rollte sich mit geschickten Händen die Strümpfe herunter, stopfte sie in ihre Handtasche. »Meinst du, daß du mir das hinaufwerfen kannst?«
»Gib her, ich werde es versuchen.«
Sie küßte ihn rasch auf die Nasenspitze, dann wandte sie sich ab und begann, gewandt wie eine Katze, das Spalier hinaufzuklettern. Gregor wurde es klar, daß sie nicht zum erstenmal auf diesem Weg ins Haus gelangte. Das morsche Holz knackte ein bißchen, unwillkürlich trat er einen Schritt vor und breitete die Arme aus, um sie aufzufangen, aber es war nicht nötig.
Sie hatte sich schon zum Fenster hinaufgeschwungen. Jetzt öffnete sie beide Flügel. weit und winkte ihm zu. Er trat einen Schritt zurück, zielte genau, dann flog die Handtasche mit Schwung durchs Fenster. Der erste Pumps folgte, der zweite war zu tief geworfen, er prallte von der Mauer ab und fiel auf den hartgefrorenen Boden. Es gab einen kleinen Lärm, beide er schraken.
Dann, als nichts geschah, löste sich ihre Aufregung in unterdrücktes Gelächter. Beim zweiten Wurf klappte es. Michaela beugte sich weit vor, sandte Gregor eine Kußhand zu, bevor sie das Fenster schloß. Er wartete, bis ein gedämpfter Lichtschein durch die zugezogenen Vorhänge fiel, dann wandte er sich ab und verschwand mit raschen Schritten.
Wenige Minuten später lag Michaela im Bett. Sie hatte ihr Kopfkissen zusammengerollt und hielt es fast zärtlich an sich gepreßt. Um ihren vollen kindlichen Mund spielte ein Lächeln. Sie war müde und ganz wunschlos.
Plötzlich durchfuhr sie ein Gedanke. Im selben Moment war sie wieder hellwach und richtete sich steil im Bett auf. Wenn die Eltern nun gemerkt hatten, daß sie nicht zu Hause gewesen war? Wenn sie auf sie warteten?
Michaela überlegte eine Sekunde, dann kletterte sie aus dem Bett, öffnete behutsam die Zimmertür und schlich auf nackten Sohlen die schmale, geschwungene Treppe hinunter.
Aus dem Wohnzimmer kam kein Laut. Michaela preßte ihr Ohr an die Tür. Es war so still, daß sie glaubte, das zarte, unablässige Ticken der kleinen antiken Uhr vernehmen zu können. Sie warf einen Blick über die Schulter. Die vertraute Diele wirkte im fahlen Mondlicht, das durch einen breiten Spalt des Vorhangs fiel, kalt und ganz fremd. Eine Treppenstufe knarrte.
Michaelas Herz klopfte bis zum Hals. Am liebsten hätte sie sich umgedreht, wäre wieder hinaufgelaufen und hätte die Tür ihres Zimmers hinter sich abgeschlossen. Aber sie wußte, daß sie jetzt kein Auge zutun konnte, bevor sie nicht Gewißheit hatte.
Plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter, seltsam verändert, spröde, fast tonlos. »Bitte, Erhard … ich habe keine Zigaretten mehr.«
»Ist auch besser so«, erwiderte der Vater rauh, und Michaela spürte, daß er unter der Grobheit seine eigene Erregung verbergen wollte. »Komm, gehen wir schlafen.«
»Glaubst du, daß ich ein Auge zutun könnte?«
»Natürlich kannst du. Du brauchst bloß zu wollen. Nimm von mir aus ein Schlafmittel.«
»Ach, Erhard …!«
Wieder Stille, eine Stille, die mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, gleichsam überladen war. Michaelas Knie zitterten. Sie mußte sich an die Wand lehnen.
»Ich begreife nicht, wie sie uns das antun kann«, hörte sie ihren Vater sagen.
»Das arme Kind!« Die Stimme der Mutter war kraftlos. »Ich … mein Gott, wir … was haben wir falsch gemacht, Erhard?«
»Wir … wir … immer wir! Warum suchst du die Schuld bei uns? Warum suchst du sie nicht dort, wo sie wirklich liegt? Wir haben alles für sie getan, was in unseren Kräften steht. Sie hat, was sie braucht und noch mehr. Wenn trotzdem solche Sachen Vorkommen, dann kannst du die Schuld doch nicht bei uns suchen! Dann ist das Kind einfach zu … na, sagen wir … labil!«
»Und wenn sie das ist, ist es ihre Schuld?«
Nach einer kleinen Pause sagte der Vater: »Na ja, vielleicht hast du recht, wer kann schon für seine Veranlagung … Ich hätte damals eben nicht nachgeben sollen. Es war ein zu großes Risiko, sie anzunehmen.«
»Glaubst du, bei einem eigenen Kind wäre das Risiko geringer?«
»Vielleicht nicht. Aber dann weiß man doch wenigstens …«
Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu Ende zu sprechen. Ehe Michaela noch wußte, was sie tat, hatte sie die Tür aufgerissen und war ins Zimmer gestürzt. Sie starrte die Eltern mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ich … ich bin nicht euer Kind?« stammelte sie.
Isabella und Erhard Schneider starrten Michaela wortlos an. Dann löste sich Isabellas Verkrampfung. Sie sprang auf, eilte auf das Mädchen zu und schloß es zärtlich in ihre Arme.
»Gott sei Dank, daß du wieder da bist, Liebling … Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht«, stammelte sie.
Michaela fühlte die Tränen ihrer Mutter auf der Stirn. Auch sie mußte plötzlich weinen. »Mutter«, flüsterte sie, »ist es wahr … ich bin nicht euer Kind?«
»Natürlich bist du unser Kind … unser kleines Mädchen«, erwiderte Isabella. »Spürst du das denn nicht?«
»Aber, ihr habt doch selbst gesagt …«
»Wann?« fragte Erhard Schneider.
Michaela errötete. »Eben. Bevor ich ins Zimmer kam …«
»Du hast gelauscht?«
»Ich habe es gehört.«
»Dann passe das nächstemal besser auf, wenn du schon an den Türen horchst.«
»Aber ich habe mich nicht geirrt …«
»Unsinn. Willst du etwa behaupten, daß wir dich belügen?«
Michaela schwieg verwirrt.
»Na also. Und jetzt möchte ich endlich wissen, wo du herkommst.«
Michaela sah an ihrem kurzen Nachthemd hinunter. »Aus dem Bett.«
»Willst du uns vielleicht weismachen, daß du den ganzen Abend friedlich geschlafen hast, während die Mutter und ich vor Sorgen fast verrückt geworden sind?«
»Nein.«
»Wann bist du nach Hause gekommen?«
»Ich weiß es nicht … Ich habe nicht auf die Uhr geschaut.«
»Vielleicht kannst du uns wenigstens sagen, wie du ins Haus gekommen bist. Die Haustür ist nämlich seit Stunden verriegelt.«
»Ich bin über das Spalier in mein Zimmer geklettert.«
»Um Himmels willen, Kind … du hättest dir ja die Beine brechen können«, rief Isabella Schneider entsetzt.
»Reg dich nicht auf, Isa«, sagte ihr Mann. »Du siehst, daß ihr nichts passiert ist. Wahrscheinlich hat sie diese Kletterpartie nicht zum erstenmal gemacht, oder?«
Michaela warf trotzig ihr langes blondes Haar über die Schultern zurück. »Was hätte ich sonst tun sollen? Du sagst ja selbst, die Tür war verriegelt.«
»Klingeln … zum Beispiel.«
»Ich wollte euch nicht wecken.«
»Hast du dir wirklich eingebildet, wir wären zu Bett gegangen, während du dich bis nach Mitternacht irgendwo in der Stadt herumtreibst?«
»Ich habe mich nicht herumgetrieben.«
»Nein? Wo warst du dann?«
»Tanzen.«
Erhard und Isabella Schneider wechselten einen Blick.
»Mit wem?« fragte Isabella.
Keine Antwort.
Isabella blickte lange in das verstockte Gesicht ihrer Tochter.
»Du weißt doch, daß wir es nur gut mit dir meinen.«
Aber Michaela schwieg weiter.
»Du packst sie ganz falsch an, Isa«, sagte Erhard Schneider wütend. »Ich habe dir schon tausendmal gesagt, daß du sie zu sehr verwöhnst. Jetzt hast du das Ergebnis … Ein verstocktes, verlogenes Kind, das sich nachts in Tanzlokalen herumtreibt.«
Er zog das Schreiben von Michaelas Schuldirektor aus der Tasche. »Kennst du den Brief?«
»Nein …«, erwiderte Michaela leise.
»Du weißt also nicht, daß dein Direktor uns geschrieben hat? Daß deine Versetzung gefährdet ist?«
»Von dem Brief habe ich nichts gewußt. Aber der Direx hat mir natürlich schon gesagt, daß ich schlecht stehe.«
»Und wie soll das nun weitergehen mit dir?«
»Ich werde mich eben mehr anstrengen müssen.«
»Schön, daß wir uns wenigstens in diesem Punkt verstehen … Warum bist du erst nach Mitternacht nach Hause gekommen?«
»Ich wollte tanzen, Paps … wozu habe ich es denn gelernt, wenn ich es nicht darf?«
»Du kannst ja mit uns ausgehen.«
»Wann? Und überhaupt: Das ist doch nicht dasselbe.«
»Immerhin hätten wir dich pünktlich nach Hause gebracht, wie es sich gehört. Mit wem warst du tanzen?«
»Mit Greg.«
»Das ist doch kein Name.«
»Mit Gregor Hellmer. Er arbeitet in einer Bank.«
»So, so. Wie alt ist dieser Knabe eigentlich?«
»Zwanzig …«
»Na hör mal, ein zwanzigjähriger Mann, der schon im Leben steht, ist kein Umgang für ein Schulmädchen. Seit wann kennst du ihn?«
»Schon ne ganze Weile.«
»Hat er jemals etwas von dir verlangt …«
Seine Frau unterbrach ihn. »Nicht, Erhard. Bitte nicht.«
»Wunderbar. Du weißt es wieder einmal besser.«
Erhard Schneider füllte sich ein neues Glas Kognak ein und leerte es in einem Zug. »Diesen Greg siehst du nicht wieder!«
»Aber … Greg kann wirklich nichts dafür, daß es so spät geworden ist. Er ist anständiger, als ihr glaubt. Er ist mein einziger Freund.«
»Das wird ja immer schöner. Mit sechzehn braucht man keinen Freund. Und schon gar keinen Zwanzigjährigen, der sicherlich schon einiges erlebt hat … Damit du nicht in Versuchung kommst, diesen Burschen wiederzutreffen, verbiete ich dir hiermit, das Haus ohne Erlaubnis zu verlassen.«
»Paps, ich …«
»Michaela«, sagte Isabella sanft. »Hab Vertrauen zu uns. Wir wollen doch nur dein Bestes. Du bist noch viel zu jung, um dies alles zu verstehen. Später wirst du uns einmal dankbar sein.«
Michaela sprang auf. »Dankbar? Dafür, daß ihr mich einsperrt?«
»Kind, sei vernünftig …«
»Schluß mit dem Gerede«, befahl jetzt Erhard Schneider laut. »Michaela, du hast dich unglaublich benommen. Ich habe zumindest etwas Einsicht von dir erwartet. Aber anscheinend habe ich mich auch darin getäuscht. Verschwinde jetzt in dein Bett. Ich hoffe, daß du morgen früh vernünftiger bist.«
Mit Tränen in den Augen sah Michaela ihre Eltern an. Dann drehte sie sich ohne Gruß um und rannte aus dem Zimmer.
Am nächsten Morgen läutete es kurz vor neun an der Schneiderschen Villa. Anna Beermann, die Haushälterin, öffnete. Eine blonde, nicht mehr ganz junge Dame im grauen Persianermantel trat ein.
»Könnte ich Frau Schneider sprechen?« fragte sie atemlos. »Es ist sehr dringend.«
»Ich fürchte, das ist unmöglich«, sagte die Haushälterin, »die Herrschaften schlafen noch.«
»Aber es ist wirklich ungeheuer wichtig … Bitte, wecken Sie Frau Schneider. Sagen Sie, Gerda Ackermann ist da.«
»Anna, was ist denn los?« ertönte plötzlich Isabellas Stimme vom Obergeschoß des Hauses, wo die Schlafgemächer lagen.
»Eine Frau Ackermann möchte Sie sprechen«, gab die Haushälterin zurück.
»Augenblick … ich komme sofort!«
Wenige Minuten später kam Isabella die geschwungene Treppe zur Diele herunter. Über ihrem Pyjama trug sie einen eleganten Morgenrock aus blauer Seide, der das Blau ihrer Augen unterstrich. Ihr braunes Haar war vom Schlaf noch in Unordnung.
Sie nickte Gerda Ackermann kurz zu und ging voraus ins Wohnzimmer. »Komm herein«, sagte sie hastig zu der Besucherin. Bereits in der Tür wandte sie sich noch einmal um. »Anna, achten Sie darauf, daß wir nicht gestört werden … Falls mein Mann oder Michaela herunterkommt, sagen Sie mir sofort Bescheid.«
Sie schloß die Tür und sah Gerda Ackermann an. »Was willst du? Wir hatten abgemacht, daß wir uns nur außer Haus treffen …«
»Es ist etwas Furchtbares passiert, Isa … Till Torsten, dein Bruder, ist wieder in München.«
»Ich weiß«, sagte Isabella Schneider gelassen.
»Warum hast du mich nicht gewarnt?«
»Damit mußten wir rechnen. Was regt dich daran so auf?«
»Das fragst du noch?«
»Du hast keinen Grund, dich vor Till zu fürchten. Er hat nicht die leiseste Ahnung, wie du jetzt heißt, daß du verheiratet bist, wo du wohnst … vielleicht erkennt er dich überhaupt nicht mehr wieder … nach all den Jahren …«
»Ich jedenfalls habe ihn wiedererkannt.«
»Ja du … das ist doch kein Vergleich. In deinem Leben hat es zwei Männer gegeben, Till Torsten und Arnold Ackermann. Aber was glaubst du, wieviel Frauen in seinem Dasein eine Rolle gespielt haben?«
»Ich habe entsetzliche Angst, Isa.«
»Wovor denn? München ist eine Millionenstadt. Eine Begegnung wäre unwahrscheinlich. Und selbst wenn … was hätte es zu bedeuten? Ich kann mir kaum vorstellen, daß du noch einmal auf Till hereinfallen wirst.«
»Darum handelt es sich doch gar nicht. Es ist nur … Arnold weiß nichts von der Geschichte.«
Isabella hob die geschwungenen Augenbrauen. »Du hast ihm nichts erzählt?«
»Wie sollte ich. Arnold trägt mich auf Händen. Und da soll ich ihm sagen, daß ich ihm von Anfang an etwas verheimlicht habe?«
»Immer noch besser, als wenn er es durch Till erfährt. Das fürchtest du doch?«
»Ja.«
»Till macht nur Sachen, die ihm etwas einbringen.«
»Eben.«
In diesem Augenblick wurde leise gegen die Tür geklopft. Die beiden Frauen fuhren erschreckt zusammen. »Was ist?« fragte Isabella.
Hinter der Tür war die Stimme der Haushälterin zu hören. »Ihr Gatte und Michaela sind zum Frühstück heruntergekommen.«
»Ich komme gleich. Sie sollen schon anfangen.«
Isabella wandte sich an die Besucherin. »Du mußt schnell durch die Diele zum Ausgang.«
Als die Haustür hinter Gerda Ackermann ins Schloß gefallen war, kam Erhard Schneider, die Serviette in der Hand, aus dem Frühstückszimmer. »Was war das für ein Besuch?«
Isabella lächelte ihn an und küßte ihn rasch auf die Wange.
»Nichts Wichtiges, Erhard«, sagte sie. Aber sie spürte, wie eine jähe Angst in ihr hochkroch.
Nach dem Mittagessen, als die Eltern sich niedergelegt hatten, gelang es Michaela, das Haus ungesehen zu verlassen.
Die Schuhe in der Hand, schlich sie die Treppe hinunter und ließ die Tür so leise wie möglich ins Schloß fallen.
Erst hinter der Vorgartentür begann sie zu laufen. Sie rannte, bis sie vor dem kleinen Café in der Holbeinstraße ankam.
Das Telefon stand hinter der Kuchentheke. Noch war kein Gast da, der ihr Gespräch hätte mit anhören können.
Das Mädchen wählte Gregors Nummer. Er war selbst am Apparat. »Greg«, sagte sie atemlos, »hast du Zeit?«
»Wo brennt’s denn?« war seine erstaunte Stimme zu hören.
»Das kann ich nicht am Telefon erzählen … Bitte, komm mal, Greg, ich bin im Café Holbein. Ich warte auf dich«, sagte sie eindringlich und legte schnell den Hörer auf.
Michaela setzte sich an einen der kleinen weißlackierten Tische und bestellte eine Tasse Tee mit Zitrone. Die Zeit wollte und wollte nicht vergehen. Alle zwei Minuten sah sie auf die Armbanduhr.
Plötzlich war eine Viertelstunde vorbei, und Gregor war immer noch nicht gekommen. Wenn er sie nun im Stich ließ? Seine Stimme am Telefon hatte nicht besonders freundlich geklungen. Vielleicht glaubte er, daß sie ihm nachliefe. Das wäre das Allerschlimmste …
Als Gregor endlich das Café betrat, hatte Michaela schon alle Hoffnungen aufgegeben. Sie mußte ihre ganze Kraft zusammennehmen, um sich gleichgültig zu stellen. Sie beugte sich tief über ihren Tee und tat, als ob sie ihn nicht bemerkt hätte.
»Hallo, Micky«, sagte Gregor.
Michaela hob den Kopf. »Greg … etwas ganz Scheußliches ist passiert … Gestern abend haben mich meine Eltern erwischt.«
»O je … wieso denn …?«
»Vielleicht war es blöd von mir … aber ich bin noch mal runtergegangen ins Wohnzimmer … Ich hatte das Gefühl, daß sie mein Wegbleiben bemerkt hatten.«
»Und?«
»Sie waren im Bilde.«
Die beiden jungen Leute schwiegen, während die Serviererin den Tee für Gregor brachte.
»Das schlimmste ist«, sagte Michaela, »meine Eltern sind gar nicht meine Eltern.«
»Wie kommst du denn darauf? Haben sie dir das gesagt?«
»Ich habe es ganz zufällig gehört. Bevor ich zu ihnen ins Zimmer ging.«
»Hast du sie denn gefragt, und was haben sie dir erwidert?«
»Sie tun so, als ob ich mich verhört hätte.«
Gregor zündete sich eine Zigarette an. In seinen Augen stand freundlicher Spott.
»Du glaubst mir nicht?«
»Nein, das ist doch Irrsinn. Wenn sie wirklich nicht deine Eltern wären, warum sollen sie es dir dann nicht sagen?«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie zögernd.
»Aber ich weiß es. Das ganze ist Quatsch … Hast du mich etwa nur herbestellt, um mir diesen Unsinn zu erzählen?«
»Natürlich nicht … sie haben mir verboten, dich zu treffen. Sie tun, als wäre es wegen der Schule. Aber in Wirklichkeit …« Sie stockte.
»Na?«
Michaela errötete. »Es ist deshalb, weil du schon zwanzig bist … Und kein Schüler mehr … Du weißt, was ich damit meine.«
»Aber das ist doch Unsinn, daß wir … etwas miteinander haben.«
»Red du es ihnen doch aus!«
»Das werde ich auch.«
»Sie glauben, wir treiben uns rum … Du darfst ihnen deshalb nicht sagen, daß wir schon öfter zusammen aus waren. Ich wollte gar nicht lügen, aber sie waren so aufgeregt.«
»Schade, du hättest ihnen alles erklären sollen.«
»Zu spät. Jetzt müssen wir dabei bleiben.«
Greg drückte seine Zigarette aus. »Dann geht es nicht.«
»Wieso?«
»Du glaubst doch nicht, daß ich deine Eltern anlügen werde?«
»Warum denn nicht?«
»Micky, nimm endlich Vernunft an … Ich kann nicht zu ihnen hingehen und sagen: Mir könnt ihr eure Tochter ruhig anvertrauen, ich werde schon auf sie aufpassen, wenn ich im gleichen Atemzug lüge?«
»Eltern wollen es nicht anders, Greg. Glaub es mir.«
»Egal. Ich kann es nicht.«
»Greg«, sagte Michaela und legte ihre Hand auf Seinen Arm. »Hast du mich eigentlich lieb?«
»Ja.«
»Dann ist ja alles gut. Wir werden uns also weiter treffen. Ich muß in Zukunft bloß vorsichtiger sein.«
»He«, erwiderte Greg, »so geht das nicht … Natürlich ist nichts dabei, wenn wir zusammen tanzen gehen. Im Grunde haben deine Eltern doch recht. Du bist noch zu jung für so was.«
»Auf einmal?«
»Gar nicht auf einmal. Ich habe mir das schon oft gedacht.«
»Aber gesagt hast du es mir bisher noch nie. Du hast jetzt ein fach Angst, sie könnten uns erwischen und mein Vater würde zu deinem Alten gehen oder zu deiner Bank, oder was weiß ich. Das ist alles.«
»Denk, was du willst«, Gregor stand auf. »Machen wir uns doch nichts vor, die Kiste ist verfahren. Das beste wird sein, wir lassen Gras darüber wachsen. In zwei Monaten oder drei sieht die Geschichte schon ganz anders aus.«
»Drei Monate? Greg, das halte ich nicht aus.«
»Du wirst, Micky«, lächelte er. »Wenn du dich richtig hinter deine Schularbeiten kniest, wirst du nicht einmal mehr Zeit haben, an mich zu denken.«
»Du bist gemein, Gregor … Oh, bist du gemein. Wenn ich deine Freundin gewesen wäre … so richtig deine Freundin, hättest du sicherlich nicht so zu mir gesprochen.«
Michaela stand hastig auf. Sie rannte zum Ausgang.
Sie verließ nicht nur das Lokal. Sie verließ Greg.
Sie war fertig mit ihm …
Als Michaela nach Hause kam, achtete sie nicht mehr darauf, ob die Haustür laut oder leise hinter ihr ins Schloß fiel. Sie war so verzweifelt, daß ihr alles gleichgültig geworden war. Sie erschrak nicht einmal, als sie in der Diele ihren Eltern, die zum Kaffeetrinken heruntergekommen waren, geradewegs in die Arme lief.
Isabellas Augen wurden dunkel vor Enttäuschung, als sie ihre Tochter sah: »Michaela, du hast uns doch versprochen …«
Erhard Schneider packte seine Tochter beim Handgelenk. »Wo bist du gewesen?«
»Ich habe mit Gregor Schluß gemacht.«
Sofort ließ Erhard Schneider sie los.
Isabella sagte erleichtert: »Michaela … Ich habe ja gewußt, daß du ein vernünftiges Mädchen bist.«
Sie wollte ihre Tochter in die Arme schließen. Doch Michaela wich vor ihr zurück, wandte sich ab und ging schnell die Treppe hinauf. Die Eltern hörten, wie die Tür ihres Zimmers hinter ihr ins Schloß flog. Sie hörten, wie Michaela den Schlüssel zweimal umdrehte.
»Michaela«, rief ihre Mutter und wollte ihr nach.
»Laß das, Isa«, sagte Erhard Schneider und legte seinen Arm um ihre Schulter. »Du siehst doch, sie ist ganz durcheinander … Wir müssen ihr jetzt Zeit lassen. Glaub mir, es wird alles gut werden.«
Noch nie in seinem Leben sollte sich Erhard Schneider so geirrt haben …
Zwar sah es in den nächsten Tagen ganz so aus, als wenn alles wieder in Ordnung gekommen wäre. Schneiders richteten es so ein, daß wenigstens Isabella jeden Abend frühzeitig nach Hause kam, damit sie sich um ihre Tochter kümmern konnte.
Michaela schien ganz verwandelt. Mit überraschender Energie stürzte sie sich in ihre Schulaufgaben. Das Benehmen den Eltern gegenüber war höflich, wenn auch etwas kühl. Sie schien Gregor vollständig vergessen zu haben.
Wenn Isabella vorsichtig versuchte, dieses Thema zu berühren, wich sie sofort aus.
»Das ist doch ganz uninteressant, Mutter.«
Sie kam jeden Tag von der Schule ohne Umweg nach Hause. Und wenn sie angerufen wurde, waren es Klassenkameradinnen, die ihre Aufgaben mit Michaela besprechen wollten Ihr Vater strahlte. Für ihn war die Schlacht bereits gewonnen.
Nur Isabella betrachtete das Betragen ihrer Tochter mit Besorgnis. Sie konnte ein Gefühl des Unbehagens nicht loswerden.
Michaelas Verschlossenheit erschreckte sie. Ihre Freudlosigkeit tat ihr weh.
Schließlich war sie es, die Michaela zuredete, ihre beiden Schulfreundinnen Stefanie und Heidi ins Luitpold-Kino zu begleiten. Als die drei Mädchen nach der Vorstellung ins Freie traten, gingen gerade die Straßenlaternen an. Tauwetter hatte eingesetzt, und das Schneewasser rauschte gurgelnd in die Gullys. Sie hatten keine rechte Lust, nach Hause zu gehen.
Die dunkle Stefanie war es, die zuerst das Auto sah, das wenige Meter von ihnen am Bordstein hielt. »Schaut mal«, rief sie, »schicke Karre, was?«
Michaela drehte sich um. Am Steuer des weißen Sportwagens saß Till Torsten.
Er hatte das Wagenfenster heruntergekurbelt und winkte ihr zu.
»Ein guter Bekannter«, sagte Michaela hastig zu ihren Freundinnen. »Ich muß los. Bis morgen, ihr beiden. Tschau …«
Ohne sich noch einmal umzusehen, lief sie auf den Wagen zu. »Schöner Bekannter«, sagte Heidrun neiderfüllt hinter ihr her. »Der könnte ja zweimal ihr Vater sein.«
»Onkel Till … du?« fragte Michaela den Mann am Steuer und stieg in den Wagen.
Till Torsten lächelte, langte an ihr vorbei und zog die Tür ins Schloß. »Wenn du ein nettes Mädchen bist, sagst du nie wieder Onkel zu mir.«
»Warum nicht?« fragte Michaela verständnislos. »Du bist doch mein Onkel.« Und mit plötzlichem Mißtrauen fügte sie hinzu: »Oder etwa nicht?«
»Natürlich … trotzdem mag ich es nicht von dir hören. Onkel steht mir nicht. Es macht alt.«
»Ach, deshalb«, sagte Michaela erleichtert. »Ich dachte schon …«
Sie schwieg und biß sich auf die Lippen. Fast hätte sie von ihrem Verdacht erzählt, daß sie nicht das wirkliche Kind ihrer Eltern wäre. »Warum kommst du uns denn nicht mehr besuchen?«
»Haben sie dir das nicht gesagt?« fragte Till Torsten und blickte sie forschend von der Seite an.
»Nein … sag mal, wohin fahren wir eigentlich?«
»Ich habe mir gedacht, wir gehen irgendwo eine Tasse Kaffee trinken.«
»Nein, das geht auf keinen Fall«, erwiderte Michaela sofort.
Till Torsten zeigte ihr nicht, daß er beleidigt war. »Also auch du willst nichts von mir wissen«, sagte er spöttisch. »Ich hätte es mir denken können.«
»Doch nicht deswegen, mir ist es doch ganz egal, weswegen du dich mit Paps zerstritten hast, er paßt in letzter Zeit höllisch scharf auf mich auf. Ich darf nirgends mehr hin. Nichts darf ich mehr.«
Er begriff sofort. »Was ausgefressen?«
»Meine Eltern tun so, als wenn ich wer weiß was angestellt hätte. Nur weil ich tanzen war«, sagte sie bitter. »Wozu haben sie mich dann erst in die Tanzstunde geschickt?«
»Mach dir nichts draus, Kleines. Alles geht vorüber. Aber das ist ein schlechter Trost.«
Michaela berührte seinen Arm. »Sag nicht Kleines zu mir, du willst ja auch nicht, daß ich …«
»Schon recht. Wie soll ich dich dann nennen?«
»Micky. So wie meine Freunde.«
»Gut, Micky, abgemacht.«
Till Torsten fuhr ruhig und sicher durch das Gewühl des abendlichen Verkehrs. Er nahm den Weg über die Friedensbrücke und am Friedensengel vorbei.
»Bitte«, sagte Michaela, »setz mich nicht gerade vor unserem Hause ab. Ein paar Straßen früher, damit meine Eltern es nicht merken.«
»Geht es wirklich nicht, daß du dich noch einmal von zu Hause wegschleichen kannst?« fragte er. Als er merkte, daß sie zögerte, setzte er rasch hinzu: »Warum sollten wir beide nicht einmal zusammen bummeln gehen? Es wäre wunderbar. Ich kenne die schicksten Lokale und die besten Kapellen …«
»Du weißt genau, wie gern ich ja sagen möchte.«
»Dann tu’s doch … oder geht es wirklich nicht?«
Michaela dachte nach. »Höchstens Freitag«, sagte sie zögernd. »Da sind meine Eltern zu Geschäftsfreunden am Tegernsee eingeladen. Eine wichtige Sache, die sie nicht absagen können.«
»Na also«, sagte Till zufrieden. »Also Freitagabend … um wieviel Uhr?«
»Aber da ist noch Frau Beermann … unsere Haushälterin.« Er lachte. »Mit der wirst du doch spielend fertig.«
Sie hatten den Stadtteil Bogenhausen erreicht, und Till Torsten bremste hart.
»Freitagabend acht Uhr erwarte ich dich hier. Hier, an dieser Stelle.«
»Und wo kann ich dich erreichen, wenn es nicht klappt?«
»Es muß klappen … ich bin sicher, daß du mich nicht enttäuschen wirst.«
Michaela nickte und stieg aus.
Nein, sie hatte bestimmt nicht vor, ihren charmanten Onkel zu enttäuschen.
Der Freitag kam.
Michaela hatte sich immer wieder den Kopf zerbrochen, wie sie am Abend das Haus verlassen sollte, ohne daß die Haushälterin, Frau Beermann, ihren Eltern davon Mitteilung machte.
Vielleicht war es doch besser, wenn sie sich frühzeitig auf ihr Zimmer zurückzog und kurz vor 8 Uhr über das Spalier entwischte. Aber das war ziemlich unbequem. Man konnte sich, wie Michaela aus Erfahrung wußte, leicht die Strümpfe dabei zerreißen.
Das Problem wurde von selbst gelöst. Nachmittags erhielt Frau Beermann plötzlich ein Telegramm aus Rosenheim. Darin teilte ihr eine Bekannte mit, daß ihre Mutter schwer erkrankt wäre. Michaela redete ihr mit Nachdruck zu, sofort zu ihr zu fahren und nach dem Rechten zu sehen.
Frau Beermann zögerte.
»Morgen früh können Sie doch schon wieder zurück sein«, lockte Michaela.
»Ja, aber … versprichst du mir, vernünftig zu sein?«
»Ich habe einen ganzen Haufen Schularbeiten. Sie dürfen Ihre Mutter nicht im Stich lassen. Sie wohnt doch ganz allein, haben Sie mir erzählt.«
»Manchmal kannst du sehr lieb und vernünftig sein, Michaela«, sagte Frau Beermann.
Sie dachte sich nichts dabei, als Michaela verlegen die Augen senkte …
Kurz nach 6 Uhr verließ Frau Beermann das Haus, um zum Münchner Hauptbahnhof zu fahren.
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