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Maria Helleberg

Die Winterkönigin - Ein historischer Roman

Saga

Die Winterkönigin - Ein historischer Roman Übersetzt Kerstin Schöps Copyright © , 2019 Maria Helleberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726355123

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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I. Das Königskind

1.

Margarete kletterte auf das Fensterbrett und versteckte sich. Die Fenster hatten kleine Sitzbänke mit Kissen, und unter den Kissen würden sie sie nicht finden. Die Fenster waren aus klarem Glas, und man konnte sie auch öffnen. Aber das durfte sie nicht.

Es regnete, und sie war wütend. Die Sonne war verschwunden, und nichts passierte. Sie hatte am Morgen solche Bauchschmerzen gehabt, und jetzt dröhnte es in ihrem Kopf. Obwohl sie ganz lange geschlafen hatte, war sie so müde, daß sie sich am liebsten auf den Boden gelegt hätte und gleich wieder eingeschlafen wäre.

Es kam ihr so vor, als ob sie schon seit einer Ewigkeit hier auf Vordingborg sei, ohne Vater und ohne Mutter. Jeden Morgen stand sie auf, zog dieselben Kleider an, bekam dieselbe Grütze zu essen und wurde sich dann selbst überlassen.

Kristoffer fehlte ihr. Soweit sie wußte, ging es ihm schon wieder viel besser.

Sie war kurz davor, Ingeborg zu vermissen. Zwar hatte sie immer mit ihrer großen Schwester gestritten, aber wenn Ingeborg auf Vordingborg wäre, würde doch immerhin irgend etwas passieren.

Ingeborg war nach Mecklenburg geschickt worden. Das vergaß Margarete jede Nacht und wunderte sich dann am Morgen, wo ihre große Schwester war. Ingeborg würde wohl nie wieder zurückkommen.

Sie könnte sich ja auch runter zu den Mönchen schleichen. Aber letztes Mal hatte sie ein Tintenfaß umgeworfen, so daß ihr der Zutritt verboten wurde. Sie könnte auch zu den Ställen gehen, doch die Pferde waren so groß und gefährlich, wenn man nicht auf ihrem Rücken saß. Sie könnte sich auch verstecken und darauf warten, daß man sie suchte, aber das langweilte sie auch, und darum fing sie an, an Ort und Stelle vor sich hin zu summen und zu singen.

Einige Zeit später fanden sie sie.

Sie wurde vom Fensterbrett heruntergehoben, und die große Frau, die sie nicht kannte, knetete ihre kalten, fast steifen Hände.

»Du bist ja vollkommen durchgefroren, Kind!« sagte sie und nahm ihr Gesicht in ihre rauhen Hände, die schrecklich kalt waren.

Früher hätte sie gebissen, jetzt aber zuckte sie nur zusammen. Die Hände waren noch kälter als ihre Wangen.

»Allmächtiger Gott«, sagte die Frau und nahm sie in ihre Arme, »das überlebt sie nicht.« Auch ihre Kleidung war kalt, und ihr grober Mantel kratzte an ihrem Hals.

Die Frau packte sie mit einer Hand am Genick, so daß sie beinahe keine Luft bekam. Sie schloß die Augen und hoffte, bald abgesetzt zu werden. Ihre Füße baumelten vor dem Bauch der Fremden. Sie war sechs Jahre und eigentlich schon zu alt, um noch getragen zu werden. Nur Vater trug sie ab und zu, und das auch nur, weil sie so klein und leicht war.

Endlich wurde sie auf ein großes Bett gelegt. Sie zitterte schon bei dem Gedanken an die klammen, blanken, eisigen Bettlaken und Decken. Aber die Frau nahm ihren pelzgefütterten Mantel und deckte sie damit zu, hob ihre Füße hoch, wickelte sie darin ein und schob warme Steine ins Bett.

Es war ein komisches Gefühl, wie ein kranker Säugling behandelt zu werden.

Mutter hatte zwei kleine kranke Kinder bekommen, die gestorben waren. Sie hatten viel geschrien und waren dann in kleinen Holzkisten verschwunden. Und dann gab es da die Pest, die sie noch nie gesehen hatte, nur ihr Spuren. Vater wollte nicht, daß über die Pest gesprochen wurde, das würde sie herbeibeschwören. Doch sie hatte Tote am Wegesrand gesehen. Das waren ihre Spuren.

Sie brachten einen Zuber mit warmem Wasser, zogen ihr die Kleider aus und setzten sie hinein. Sie gossen Wasser über ihren Kopf und drückten sie tief in den Zuber hinein, so daß es ihr den Atem nahm. Gleichzeitig wurde sie ganz schläfrig.

»Er verzeiht es uns niemals, wenn sie stirbt«, hörte sie die große Frau sagen, die noch weitere Steine unter die Decke schob. Dann machte sie sich daran, ihr langes schwarzes Haar zu kämmen, das sich so oft verfilzte. Normalerweise schrie sie dabei immer vor Schmerzen, aber die fremde Frau war so behutsam, daß sie ganz ruhig war.

»Kleines Mädchen«, sagte die Frau, »du darfst nicht krank werden. Wir haben einen Boten zu deinem Vater geschickt. Wir trauen uns nicht, deiner Mutter eine Nachricht zu senden, bevor wir nicht sicher sind, daß du dich wieder erholst.«

Ihr war das ganz egal. Sie konnte sich auch nicht mehr erinnern, wie sie hieß oder wo sie gerade war. Nur die Hände, die ihr über das Gesicht streichelten, waren im Moment wichtig.

Das letzte Mal, als ihr Vater zu Besuch kam, hatte sie gesehen, wie die Fahne mit dem Löwenbanner auf dem Turm gehißt wurde. Kristoffer hatte ihr gerade erzählt, was es damit auf sich hat. Sie war schnell vom Salzhaus weggerannt und die äußere Treppe hinunter in den Burghof gelaufen. Auf dem Weg dorthin lag ein kleiner Hügel, den sie Schweinekamm nannten. Dort stolperte sie.

Vaters Pferd scheute und bäumte sich vor ihr auf. Er trug sie zurück in die Burg zu Kristoffer und Mutter. Schon am nächsten Tag reiste er wieder fort. Sie konnte sich nicht erinnern, wieviel Zeit seitdem vergangen war. Ihre Sehnsucht war als bitterer Schmerz zurückgeblieben und verblich langsam. Nun war nur noch ein kleiner Rest übrig.

Als sie plötzlich Getrappel hörte, setzte sie sich im Bett auf. Laute Hufschläge und das Wiehern vieler Pferde im Burghof hatten sie geweckt. Das mußte Vater sein. Denn sie riefen da unten alle durcheinander, und die Fanfaren wurden geblasen. Doch die Signale sagten ihr nichts. Vielleicht war es auch nur Kristoffer. Im Moment wäre auch Kristoffer genug.

Die große Frau öffnete die Tür, knickste kurz und fing an, mit einer vollkommen anderen Stimme zu reden. Sie plapperte in einem fort, als gälte es ihr Leben.

Vater trat ins Zimmer. Er hörte ihr nicht zu, ging zum Bett und nahm Margarete mitsamt der schweren Decke in seine Arme und trug sie hinaus.

»Sie ist ja nur Haut und Knochen«, sagte er, »was habt ihr mit ihr gemacht?«

Die große Frau lief hinter ihm die enge Treppe hinunter und erklärte, daß sie das einzig Richtige getan und sie gewaschen und ins Bett gesteckt hätten. Aber sie hätte keine Beulen und Flecken, es sei also nicht die Pest.

Erst als Vater am Fuße der Treppe angelangt war, drehte er sich um und brachte die Frau dadurch zum Stehen – und zum Schweigen. Er trug Margarete über den Burghof in das Holzhaus direkt an der Mauer. Er schloß die Tür und setzte sie auf dem Tisch ab.

»So, laß uns jetzt mal sehen, was mit dir los ist«, sagte er und nahm die Decke von ihren Schultern. Er nahm eine ihrer Hände, drehte sie hin und her und suchte sie nach Flecken oder anderen Zeichen einer Krankheit ab.

»Nun ja, klein bist du wirklich, aber das kann sich noch alles geben«, sagte er.

Erst da wurde ihr klar, daß er sie noch gar nicht begrüßt hatte, ihr noch nicht einmal einen Kuß gegeben hatte. Er hatte sie behandelt wie ein Pferd, das er kaufen wollte.

Die Tür ging auf. Die große Frau blieb in der Tür stehen.

»Danke du deinem Gott, daß sie nicht krank ist«, sagte Vater mit dem Rücken zur Tür, er wußte offenbar, wer da stand. »Und hol ihre Sachen. Ich möchte auch Ingeborgs weißes Kleid sehen, wir werden es benötigen.«

»Aber sie ist doch so viel kleiner«, wandte die Frau leise ein und schloß hinter sich die Tür.

Margarete wußte das. Es war ihr größter Fehler: Sie war klein und dunkelhaarig. Vater liebte Ingeborg, die ihm so ähnlich sah. Ingeborg war hochgewachsen, üppig und stattlich.

Als Ingeborg sechs Jahre alt war, konnte sie schon mit den Pferden umgehen, sie benutzte ihre Sporen, ihre Peitsche und vor allem ihren starken Willen. Margarete traute sich nicht, allein zu reiten. Wenn sie reiste, saß sie entweder zusammen mit einer der Frauen im Sattel oder in einem Wagen, der langsam durch die Landschaft schaukelte.

Vater nahm ihre andere Hand und öffnete sie mit seinen langen rauhen Fingern.

»Wie konntest du nur so klein und fein werden?« fragte er. »Man hat Angst, daß dich der nächste Windstoß umwerfen kann. Aber da irren wir uns bestimmt.«

Dann küßte er ihre Stirn und griff in ihre Haare, die ungewaschen und schwer waren.

»Wie ein Rabenkind«, sagte er mit einem Lächeln.

Dann erhob er sich wieder, und seine Gedanken richteten sich auf etwas anderes. Sie blieb in ihrem Hemdchen auf dem Tisch stehen und fror, traute sich aber nicht, die Decke aufzuheben, um sich darin einzuwickeln.

Den ersten Tag der Reise schlief sie fast die ganze Zeit, obwohl sie im Arm der großen Frau lag, deren Namen sie immer noch nicht kannte. Die Frau sprach die ganze Zeit über, aber nie mit ihr. Das wunderte sie nicht besonders, so behandelten sie fast alle. Also konnte sie auch genausogut schlafen.

Sie ließ sich tragen und bewegen wie ein kleines Paket, und es war ihr gleich, wo die Reise hinging. Wenn sie angekommen waren, würden ihre Kleider und Spielsachen ausgepackt werden, wie immer. Eigentlich war es gut, endlich von Vordingborg weg zu sein, wo sie die ganze Zeit nur allein gewesen war.

Sie schreckte auf, als ihr Vater angeritten kam. Ohne jede Ankündigung nahm er sie aus den Armen der namenlosen Frau. Er hielt sie viel zu fest und drückte ihr die Brust zu. Sie wollte sich beklagen, wußte aber genau, daß es nichts nützen würde. Wenn er unterwegs war, trug er immer diese schuppige Rüstung, die aus vielen kleinen Eisenteilen bestand. Sogar sein Arm und seine Handschuhe waren aus Eisen, das sich kalt durch ihre Kleider drückte. Die Kälte ging ihr durch Mark und Bein.

Während er vom Pferd abstieg, hielt er sie weiter fest im Arm. Steifbeinig erklomm er die Treppen eines Turmes und stellte sie oben auf einem Tisch ab, so wie er es auf Vordingborg getan hatte. Fremde Menschen nahmen ihm seinen Mantel ab und fingen an, das ganze Eisen von seinem Körper zu lösen, so daß er langsam wieder begann, ihrem Vater zu ähneln. Aber sie kannte ihn ja. Er sah ihr in die Augen, die Tür stand offen, und das Licht fiel herein, funkelnde Sonnenstrahlen.

»Du bist doch nicht mehr krank?« fragte er, und sie wußte, daß es auf diese Frage nur eine Antwort gab. Endlich hatte er sich von seiner Rüstung befreit und kam zu ihr. Er war so groß, daß sie ihn nur umarmen konnte, wenn sie auf einem Tisch stand.

Er löste ihre Umarmung und nahm ihr Kinn in seine Hand.

»So klein, wie du bist. Auf dich müssen wir gut aufpassen. Eberstein hat einen Boten geschickt, der Ingeborgs schönstes Kleid bringen soll. Sie sind gerade dabei, es für dich umzunähen. Übermorgen sind wir in Kopenhagen. Du sollst heiraten, mein Mädchen. Ich kenne keine, die so jung geheiratet hat. Wir wollen hoffen, daß sich die Schweden zufriedengeben mit einer, die so klein ist.«

Sie sah ihm die ganze Zeit in die Augen, um zu verstehen, was er sagte. Aber dann schwieg er, lächelte und streichelte ihr mit der Hand über das Gesicht. Seine Hand war so groß, daß sie ihr ganzes Gesicht bedeckte. Eberstein, dachte sie, wer ist das? Ein großer, rauher und kalter Stein. Wie die Hand ihres Vaters.

Auf einmal war Vater wieder fort, und sie stand auf dem Tisch und wußte nicht, ob sie dort stehenbleiben oder hinunterklettern sollte.

Vater war größer als alle anderen, und sie hatte noch keine Tür gesehen, die groß genug war für ihn. Er mußte sich immer vornüberbeugen, und dann sah man seinen Kopf mit dem hellen lockigen Haar. Seine Haare und Augen waren wie die von Ingeborg, Margarete hingegen ähnelte ihrer Mutter. Das war ihr größter Fehler. Wenn sie Ingeborg und ihrem Vater ähnlicher sehen und schneller wachsen würde, würde alles anders sein. Mit Ingeborg redete er wie mit einer Erwachsenen.

Zeit verstrich, und keiner kam. Sie sprang vom Tisch und ging zu der geöffneten Tür. Draußen schien immer noch die Sonne, aber es war kalt, und darum ging sie nicht weiter, sondern blieb in einer windgeschützten Ecke stehen und sah hinunter auf die Wiese.

Dort unten war Kristoffer! Auf Vordingborg hatte sie ihn so sehr vermißt, und hier war er plötzlich. Sie wollte sofort zu ihm hinunterlaufen. Aber er stand mit Vater zusammen, hielt seinen Helm in der Hand. Nicht den großen Turnierhelm, sondern den, den er beim Training aufhatte. Dazu trug er den zerschlissenen braunen Brustpanzer aus Leder, der viel zu groß für ihn war.

Sie setzte sich auf die oberste Stufe der Treppe, wo die geöffnete Tür ihr Windschutz bot, und sah hinunter auf ihren Vater und Bruder. Kristoffer war wie sie, zu klein und schwach, um wirklich von Nutzen zu sein. Jede Krankheit erwischte ihn, und er wuchs einfach nicht. Doch jetzt, in seinem Panzer und mit dem Schwert, sah er Vater sogar ähnlich.

Sie hatte einmal einen Mönch beobachtet, der das Bild eines Königs auf eine Kirchenwand malte. Er war stolz auf sein Bild, bis Vater an seine Seite trat und ihn fragte, ob er noch nie zuvor einen richtigen König gesehen habe. Das Bild zeigte einen kleinen dünnen Mann mit einer Krone. Ihr Vater trug nie eine Krone. Sie zweifelte sogar daran, daß er eine besaß. Die Würde eines Königs sei auch ohne Krone spürbar, hatte er dem Mönch erklärt, und so müsse ein König auch gemalt werden.

Warum sollte eigentlich Kristoffer nicht zuerst heiraten? Er war viel älter als sie, wenn auch nicht viel größer. Sie kannte niemanden, der mit sechs schon verheiratet war. Vielleicht würde sie von zu Hause wegziehen müssen. Vater und Mutter waren verheiratet, aber sehr selten zusammen. Und das war auch gut so.

»Da hockst du hier und frierst!« kam eine laute Stimme von unten. Die große Frau raffte ihre Röcke und beeilte sich, die Stufen hinaufzulaufen. Sie wollte nicht schon wieder getragen werden und machte einen Schritt rückwärts in den Turm hinein.

»Ich bin nicht krank, und ich kann selbst gehen«, sagte sie zornig, »und wer bist du?«

Die große Frau starrte sie an mit ihren kugelrunden Augen.

»Du bist also wieder ganz gesund, wie ich höre«, sagte sie und verbeugte sich. »Ich bin Margarethe von Eberstein, und dein Vater hat mir die Verantwortung für deine Person übergetragen.«

Meine Person, dachte Margarete. Das hätte Vater niemals so gesagt. Sie schritt an dieser Eberstein vorbei die Treppe hinunter. Im Eingang des Turms blieb sie demonstrativ stehen und schaute zu ihrem Vater und Kristoffer. Ihr Bruder hatte einen kleinen runden Schild, mit dem er die Schläge parierte. Sie konnte genau sehen, daß Vater nicht mit ganzer Kraft zuschlug, sondern Kristoffer die Möglichkeit bot, sich zu verteidigen. Es war ein zäher Kampf, und Kristoffer schwitzte, schimpfte laut, sank nieder und stützte sich auf das Knie. Mit einer Hand strich er sich den Schweiß aus der Stirn, während er das Schwert mit der anderen zitternd festhielt.

Eberstein war ebenfalls die Treppe hinuntergekommen und stellte sich schwer schnaufend hinter Margarete. So war sie wenigstens schön windgeschützt, wenn sie sich gegen deren dicke Beine lehnte.

Vielleicht sollte ein Turnier zu ihrer Hochzeit stattfinden. Vielleicht hatte Vater deshalb begonnen, mit Kristoffer zu üben. Das letzte Mal hatte er aus lauter Wut das Schwert von sich geworfen, so daß es sich in die weiche Erde bohrte und vibrierte. Das war auf Vordingborg gewesen.

»Warum heiratet Kristoffer nicht zuerst?« fragte sie Eberstein, die von dieser Frage überrascht wurde.

»Der König entscheidet für seine Kinder«, antwortete Eberstein. Es war deutlich, daß dies nicht die richtige Antwort war, aber daß sie irgend etwas sagen mußte, um Margarete die Antwort nicht gänzlich schuldig zu bleiben. So war es mit fast allen Erwachsenen. Sie glaubten immer, daß sie die Wahrheit nicht verstehen würde.

Sie wurde in den Saal mit den spitzen Fenstern gebracht. Der Raum kam ihr bekannt vor, aber wo genau sie war, wußte sie nicht.

Als erstes fiel ihr der gedeckte Tisch auf. Es sah so aus, als würde sie heute auch mit ihren Eltern und nicht nur mit Eberstein essen. Im Halbdunkel sah sie eine Frau. Es war ihre Mutter.

Fast ein Jahr war es her, daß sie sich gesehen hatten. Voller Schmerz und Verwirrung erinnerte sie sich an ihre Abreise damals: ein dunkler Abend, Fackeln und Geschrei, große Pferde, die ihr angst machten, und ihr Vater, der sie hochhob und einem Reiter aufs Pferd setzte.

Das war die Nacht, in der ihre Geschwister starben.

»Geh schon rein«, sagte Eberstein und gab ihr einen kleinen Schubs. »Deine Mutter ist wieder gesund«, fügte sie hinzu, »geh hinein und begrüße Königin Helvig.«

Trotzdem traute sie sich nicht sofort, zu ihrer Mutter zu gehen.

»Geh und begrüße deine Mutter, und denk daran, dich tief zu verbeugen«, flüsterte Eberstein.

Etwas zögerlich ging sie endlich über den Fußboden, an den sie sich auch noch erinnern konnte: schöne Steine mit Bildern von Löwen und Lilien. Hier war sie gewesen, bevor sie nach Vordingborg gebracht wurde. Wie konnte sie das nur vergessen haben?

Ihre Mutter saß an der Mitte des Tisches. Sie war allein im Raum. Mutter sah kaum anders aus als früher, immer noch schmächtig und zerbrechlich und vollkommen von Kleidern umhüllt. Nur ihr Gesicht und die Hände waren nackt. Das Gesicht war blaß und schmal, mit ganz dunklen Augen und einem kleinen runden und bemalten Mund.

Schließlich wagte Margarete es doch, die letzten Schritte zu ihrer Mutter zu gehen. Sie umrundete den Tisch, näherte sich vorsichtig und verbeugte sich, so wie Eberstein es immer machte, in gutem Abstand.

»So schön bist du geworden«, sagte ihre Mutter. »Bist du meine tote oder meine lebende Margarete?«

Margarete war nach ihrer verstorbenen großen Schwester und ihrer ebenfalls verstorbenen Tante benannt worden, aber ihre Mutter mußte doch sehen können, daß sie lebte. Margarete hatte auch ganz vergessen, daß ihre Mutter so eine merkwürdige Stimme hatte. Alle Erwachsenen konnten sich hinter Worten verstecken, die man nicht verstand. Vater hatte ihr beim letzten Mal, als sie sich hier sahen, versprochen, ihr Deutsch beizubringen. Doch dann passierte all das andere, und dann kam Vordingborg. Mutter und Vater sprachen nur dänisch, wenn sie zusammen waren.

»Wie groß du geworden bist«, sagte ihre Mutter. Das weiße Kopflinnen war straff über ihre Wangen und ihre Brust gezogen, und auf ihrem Scheitel prangte ein großer schwarzer Ring, der das schwarze Übertuch zusammenhielt. Dies fiel über ihre Schultern, so daß sie aussah wie eine Nonne. Wenn man nahe genug bei ihr stand, konnte man sehen, daß der Ring wie eine Krone geformt war. Sie hätte so gerne diese merkwürdige Krone berührt.

»Setz dich zu mir«, sagte ihre Mutter, deren Hände immer noch unbewegt auf dem Tisch lagen, links und rechts von dem Teller. Sie sah aus wie eine Holzstatue.

Margarete mußte ihre Mutter berühren, streckte ihre Hand aus und legte sie vorsichtig neben die kleine erwachsene Hand mit all den Ringen an den Fingern.

»Nein! Laß mich!« zischte Helvig, zog aber nicht die Hand, sondern den Blick fort.

Margarete gehorchte sofort und setzte sich.

Kristoffer hatte versucht, es ihr zu erklären. »Unsere Mutter ist krank«, hatte er gesagt, »darum hat Vater sie fortgeschickt.« Das war in der Nacht, in der die Zwillinge starben. Aber das waren für sie nur Worte. Sie verstand es nicht.

»Ich habe so lange darauf gewartet, dich wiederzusehen«, sagte ihre Mutter. Margarete sah sie an und versuchte ihren Blick einzufangen, aber es war, als ob die schmalen dunklen Augen keinen Blick mehr hatten.

Genau hier war es geschehen. Sie wollte sich um keinen Preis daran erinnern, aber es war genau hier geschehen.

Die Tür ging auf, und ihr Vater und Kristoffer kamen herein, begrüßten Helvig und setzten sich. Dann wurde das Essen aufgetragen, ein Gang nach dem anderen. Sie hatte noch nie zuvor nur mit ihren Eltern und Kristoffer gegessen. Es war sehr still. Kristoffer schnitt ihr Essen in kleine Stücke und probierte jeden Gang zur Sicherheit vorher, denn sie war sehr wählerisch. Sie weigerte sich, Rote Bete zu essen. Darum würgte er sie an ihrer Stelle hinunter.

»Vielleicht wächst man von Roter Bete«, flüsterte er ihr zu. Das wäre sehr gut, dachte sie, dann wäre Vater bestimmt zufrieden mit ihm. Dann könnte er ja auch heiraten.

Es war nicht gern gesehen, daß die Kinder beim gemeinsamen Essen laut am Tisch miteinander sprachen. Aber sie hatten sich so lange nicht gesehen, daß niemand sie wegen dieses Verstoßes zurechtwies. Kristoffer gratulierte ihr zu ihrer bevorstehenden Hochzeit.

»Hat Vater daran gedacht, dir zu erzählen, wen du heiraten wirst?« fragte er, während er seine Pastete aß. Sie schüttelte den Kopf. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht, es war doch ohnehin schon alles abgemacht.

»Kannst du dich an Håkon erinnern?« fragte er leise. »Meinen Freund Håkon? Er ist viel größer als ich und auch älter. Blankas Håkon«, fügte er hinzu.

Wie sollte sie sich an ihn erinnern? Menschen kamen und gingen. Sie erkannte sie, wenn sie sie wiedertraf, aber Namen allein sagten ihr nichts. So war es auch mit Kristoffers Geschichte über die toten Zwillinge und die Krankheit ihrer Mutter. Sie wußte schon, worüber er sprach, aber für sie, in ihr, sah es ganz anders aus.

Sie hatte ihre Mutter gesehen, halbnackt, ihre langen schwarzen Haare hingen ihr wie Schlangen auf Schultern und Arme. Sie hatte ein totes nacktes Baby herumgetragen. Sie hatte es im Arm hin und her geschaukelt. Das Kind hatte keinen einzigen Laut von sich gegeben. Auf dem Boden hatte das andere Kind gelegen, klein und still.

Zuerst hatte sie gedacht, es seien Puppen. Doch nein, es waren ihre neugeborenen Geschwister, sie hatte sie in der Wiege liegen sehen, zwei kleine Jungen. Sie hatten schon Namen erhalten, waren getauft worden und waren also zwei kleine christliche Menschen, die man berühren durfte. Doch auf einmal lagen sie auf dem kalten Boden, oder Mutter trug sie umher. Aus ihrem Mund war ein seltsamer, schriller Laut gedrungen, sie war umhergelaufen und hatte gestampft, aber nur mit dem rechten Fuß, und sie hatte mit sich selbst in einer fremden Sprache gesprochen. Dann hatte sie das Kind fallen lassen, war zum Fenster gegangen und hatte sich niedergekniet.

Margarete hatte nicht mehr sehen können, denn dann waren andere Leute hereingestürzt. Sie hatten die kleinen stummen Babys zugedeckt und sie mit aus dem Zimmer genommen. Ihr waren die Augen zugehalten worden, sie hatte geschrien und in die Hand gebissen, die ihr die Sicht versperrte. Erst in den Armen ihres Vaters konnte sie sich wieder beruhigen, fest hatte sie seinen Hals umschlungen. Sie war sich so sicher gewesen, daß er sie beschützen und alles Böse und Unbegreifliche von ihr fernhalten würde.

Aber nein. Er hatte ihren Griff gelöst und sie in die Arme anderer weitergereicht. Und dann war sie auf einmal von viel Lärm, Pferden, Dunkelheit und Fackeln umgeben gewesen, und sie hatte geweint. Kristoffer hatte versucht, es ihr zu erklären. Weil die zwei Kleinen gestorben waren, war ihr Leben in Gefahr. Vater hatte sie fortgeschickt, um ihr Leben zu retten.

Nun saßen sie wieder hier, in dem gleichen Saal. Aber nichts war wie vorher, sie durfte ihre Mutter nicht berühren und hatte Angst, ihr in die Augen zu sehen. Ihre Mutter konnte zwar essen und trinken, aber ihr Vater wachte über jede ihrer Bewegungen. Er füllte ihren Becher und half ihr, das Fleisch in kleine Stücke zu schneiden. Und jedesmal, wenn sie ihre rechte Hand zum Mund führte, folgte sein Blick ihrer Bewegung.

»Wir werden morgen weiterfahren«, sagte ihr Vater, während ihre Mutter sorgsam ihr Gesicht abwischte und immer und immer wieder ihre Hände in einer Schale wusch. Das war sein erster richtiger Satz gewesen, abgesehen von den Begrüßungen und Anweisungen an die Dienerschaft. Margarete beobachtete, wie ihre Mutter bei diesen Worten erstarrte und beide Hände auf den Tisch legte, obwohl sie noch naß waren.

»Warum hast du keine Frau für Kristoffer?« fragte sie. Ihre Stimme klang fremd, so als hätte sie selbst vergessen, wie sie klang, und als würde sie nach ihr suchen. Kristoffer saß vollkommen still da. Er hoffte wohl, übersehen und vergessen zu werden, wenn er keinen Laut von sich gab.

»Sieh ihn dir doch an«, sagte Vater. »Er muß sich erst wesentlich verbessern, bevor ich ihn zu Kaiser Karl schleppen und vorstellen kann.«

»Aber Margarete kannst du verschenken, gerade einmal sechs Jahre alt«, erwiderte ihre Mutter. Margarete hatte genau hingesehen und eine Art Lächeln im Gesicht ihrer Mutter entdeckt. Während ihr Vater seine Frau die ganze Zeit über ansah, starrte die unentwegt in die Luft.

»Und dann zu diesen Menschen!« fügte sie hinzu und lachte bitter auf. »Es gibt keine Sünde, die sie nicht begangen haben. Letztes Jahr noch wolltest du Magnus beim Papst anklagen und ihn verbannen lassen, und jetzt sollen wir ihn und seine verzogenen Söhne empfangen und ihnen unsere Kinder schenken. Ob Magnus seine Liebhaber mitbringt, was meinst du? Was ist mit dem Sohn, gegen den er Krieg führt? Wie kannst du auch nur daran denken, uns mit dieser sündigen schwedischen Brut und diesen häßlichen Menschen zu verbinden?«

»Magnus begreift nur direkte Handlungen, die gegen ihn gerichtet sind«, sagte Vater in einem Tonfall, als spräche er mit einem Kind. »Und noch ist gar nichts entschieden. Wir behalten sie bei uns und können alles auch jederzeit rückgängig machen, wenn sie unseren Erwartungen nicht entsprechen.«

»Du hast also gar nicht vor, den Vertrag einzuhalten?« fragte ihre Mutter. Sie wandte sich abrupt zu ihrem Mann und sah ihm in die Augen. »Du hast gar nicht vor, sie ihnen auszuhändigen? Habe ich es mir doch gedacht! Alle, die man zum Narren halten kann, sollen ruhig zum Narren gehalten werden. Alle, die man ausnutzen kann, sollen ruhig ausgenutzt werden. Glaubst du nicht, ich kenne dich? Alle Menschen sind nur für dich und deine Pläne da. Und wenn es nicht so geschieht, wie du es willst, dann schlägst du zu. Meiner willst du dich hoffentlich nicht so entledigen wie der drei bei Middelfart, die du hast töten lassen.«

»Ich habe niemanden getötet!« schrie Margaretes Vater und blieb aufgelöst und mit offenem Mund sitzen. Seinen Arm, in dessen Hand er das Messer hielt, hatte er vor sich auf dem Tisch ausgestreckt, und die Klinge zeigte drohend nach oben. Diese Hand schien dem, was er soeben beteuert hatte, widersprechen zu wollen.

Ihr Vater hörte nicht auf, sich zu erklären und sich zu verteidigen. Margaretes Mutter erhob sich geräuschvoll von ihrem Stuhl. Ihr Blick bat um Hilfe, und Kristoffer erhob sich auch sofort. Doch zu spät. Die Füße versagten ihr den Dienst, sie strauchelte und konnte sich gerade noch fangen. Ihr Mann rührte sich nicht von der Stelle. Sie winkte Kristoffer zu sich und ließ sich von ihm stützen. Stehend war sie eine weit weniger imposante Erscheinung, als es diese steife Statue am Tisch gewesen war.

Erst jetzt erhob sich der König und gab dem Diener, der an der Tür gestanden und gewartet hatte, ein Zeichen. Ihre Mutter verließ den Saal, und auf einmal wimmelte es von Menschen, die den Tisch abräumten. Ihr Vater ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Margarete sah hinüber zu Kristoffer. Blaß und still saß er da und aß sein Brot, aber nur die weichen Krümel. Die harte Kruste blieb auf dem Tisch liegen, denn er hatte so empfindliche Zähne, und sein Zahnfleisch blutete schnell.

Kurz darauf kam Eberstein zurück und holte sie. Aber dieses Mal nahm sie Margarete an der Hand, und das war viel besser, als getragen zu werden. Sie würden jetzt das schöne Kleid für den morgigen Tag anprobieren gehen, sagte sie.

»Morgen werden wir in Kopenhagen ankommen«, fügte Eberstein hinzu, während sie ausgezogen und vermessen wurde. Sie bekam ein dünnes Hemdchen aus furchtbar hartem Stoff übergestreift, das so oft zusammengesteckt wurde, bis es ganz eng an ihrem Körper saß.

Sie wollten sichergehen, daß das feine, edle Kleid, das sie darüber tragen würde, nicht beschädigt wurde. Vier junge Frauen saßen daran und nähten es für sie um. Es war Ingeborgs prächtiges Verlobungskleid, das sie nun erben würde. Ingeborg hatte es nur ein einziges Mal getragen, aber danach angekündigt, daß sie es auch zu ihrer Hochzeit tragen wolle.

Als Ingeborg damals das Kleid bekommen hatte, war Margarete ganz krank und unglücklich vor Neid gewesen. Ihr Vater hatte keine Königskrone, und seine Kinder mußten jeden Tag mit grauen Wollkleidern herumlaufen und trugen ihre Schuhe so lange, bis sie in Stücke fielen. Sie aßen Grütze und andere einfache Gerichte und tranken ihr Bier mit Wasser verdünnt. Nur zu besonderen Anlässen gab es Pasteten und Wein. Mehr konnten sie sich nicht leisten.

Sie hatte sich immer darüber gewundert, daß sie, Ingeborg und Kristoffer so viel ärmlicher lebten als die Kinder der Gutsherren. Wenn sie die Klöster oder die Höfe der Adligen besuchten, sah sie immer Kinder, die so feine Kleider trugen wie ihre Mutter. Jeden Tag aßen sie festlich und glaubten gewiß, daß es so auch im Hause des Königs zugehen würde.

»Da kannst du einmal sehen, wie arm der König ist«, hatte ihr Vater immer gesagt, wenn sie nach einem solchen Besuch den Hof wieder verließen. Und sie hatte nie gewußt, ob er das gut oder schlecht fand. Aber sie wünschte sich so sehr schöne Kleider und schönen Schmuck. Sogar ihre Spielsachen waren alt.

Ingeborgs Kleid hatte den ganzen Weg aus Italien hinter sich. Von dort kamen die Ballen mit dem weißen Stoff, in den Silberfäden und Perlen eingewirkt waren und der dann von Königin Helvigs Zofen und Kammerfrauen in dieses wunderschöne Kleid verwandelt wurde. Ingeborg hatten sie von Kopf bis Fuß vermessen, dann den Stoff ganz vorsichtig zugeschnitten und ihren Körper wie den einer Puppe darin eingenäht. Sie hatte zum Schluß wie ein Engel ausgesehen, mit ihren langen blonden Haaren, die ihr über die Schultern fielen. Aus der Domkirche zu Lund hatte Vater den goldenen Blumenkranz Unserer Gnädigen Frau geliehen, der über und über mit Juwelen besetzt war. Den trug Ingeborg auf ihrem goldenen Haar. Margarete hatte nicht mitbekommen, ob sie den Kranz auch dieses Mal wieder aus Lund hatten kommen lassen, aber vielleicht sollte es auch eine Überraschung sein.

Schließlich zogen sie ihr ein ganz neues und sehr dünnes Hemdchen an und umhüllten sie dann mit dem silbrigen Stoff.

Er roch trocken und duftete ein wenig nach Frühling. Doch er legte sich um ihren Körper wie ein Korsett aus Seide. Die Ärmel waren so eng, daß sie die Arme nicht beugen konnte. Das Kleid und das Leibchen darunter zwangen sie in eine Körperhaltung, die sie während der gesamten Feierlichkeiten einhalten sollte: leicht angewinkelte, vor dem Körper hängende Arme, so daß sie lange stehen und etwas Schweres halten konnte. – Sie steckte in einem vornehmen Käfig, so als wäre das Kleid eine sehr strenge Erzieherin, noch strenger als Eberstein und weitaus fordernder als ihr Vater. Früher hatte sie öfter zusammen mit ihren Eltern wichtigen Versammlungen auf dem Thingplatz beiwohnen müssen. Da war sie dann nach einer Stunde einfach umgefallen. Das letzte Mal war sie mit Vater allein dort gewesen, und er hatte sie auf Mutters leeren Stuhl gesetzt, auf dem sie sofort in einen tiefen Schlaf gefallen war.

»Wir können das Kleid soviel enger und kürzer machen, wie wir wollen, aber wir werden es nie wieder auftrennen können«, sagte Eberstein und drehte sie zwischen ihren Händen hin und her. Das brachte sie zum Lachen, und sie gab sich selbst noch ein bißchen Schwung und drehte sich immer schneller. Sie versuchte, sich die Augen zuzuhalten, konnte ihre steifen Arme aber nicht hochheben. Die Frauen griffen erschrocken nach ihr und brachten sie zum Stehen.

»Herrgott, Mädchen, sei doch vorsichtig! Sieh mal, schon ist eine der Perlen abgefallen!« riefen sie alle gleichzeitig und hielten sie fest. Ihr wurde das Kleid vom Körper gezerrt. Das fühlte sich an, als ob sie gehäutet werden würde, sie jammerte und wehrte sich nach Kräften.

»Sie ist so klein«, sagte eine der Frauen.

»Und das schwarze Haar sieht so ganz anders aus auf dem weißen Kleid«, sagte eine andere.

»Wie ein Rabenkind«, sagte die dritte.

Das sagte ihr Vater immer zu ihr, wenn er ihr über das Haar strich. Ihres hatte dieselbe Farbe wie das Haar ihrer Mutter. Doch das hatte sie seit dem Tod der Zwillinge nicht mehr gesehen. Und daran wollte sie sich auch nicht erinnern, nie mehr.

Das alte, vertraute Wollkleid wurde ihr wieder angelegt, ihr Haar wurde gekämmt und geflochten. Nun sah sie überhaupt nicht mehr aus wie eine Königstochter. Sie sah aus wie ein Kind von einem Jedermann.

Sie erkannte den Geruch einer Stadt schon von weitem. Burgen hatten keinen Geruch, nur der Wallgraben. Und Klöster dufteten. Aber Städte sandten einen scheußlichen Gestank aus, eine Mischung aus allerlei übelriechenden Essenzen. Sie war sich sicher, daß die Burgen deshalb etwas außerhalb der Städte und für sich allein standen. An Riberhus konnte sie sich gut erinnern, dort hatte es ihr am besten gefallen. An Kopenhagen konnte sie sich zwar nicht mehr erinnern, als sie aber in die Stadt ritten, fiel ihr doch eine Sache wieder ein: Der Gestank dieser Stadt hatte noch zusätzlich einen besonderen Geruch, sie roch nach Fisch. Nach Hering und Salz. Dieser Geruch war bis in die Burg vorgedrungen und hatte sich überall festgesetzt, sogar in den Bettlaken.

Nun regnete es auch noch in Strömen, und das Wasser tropfte nur so von Reitern und Pferden herab. Sie fing an, sich nach Vordingborg zurückzusehnen, vor allem als Eberstein sie auszog und wieder nach Spuren einer gefährlichen Krankheit untersuchte. Es war feucht und kalt in dem Raum.

Am nächsten Morgen erkannte sie, daß es weder ein rauschendes Fest noch ein Turnier geben würde. So etwas fand wohl nur bei richtigen Hochzeiten statt, sie sollte ja nur verlobt werden, wie man ihr inzwischen erklärt hatte. Ihre Eltern ließen sich nirgends blicken, überhaupt schien keiner so richtig Verwendung für sie zu haben, also schlenderte sie ziellos umher. Die Burg war so viel kleiner als Vordingborg, gleichzeitig waren aber viel mehr Menschen hier, die alle geschäftig umhereilten.

Es müßten doch eigentlich Gäste gekommen sein, dachte sie, jemand müßte doch mit ihrem Vater besprochen haben, daß sie verlobt werden sollte. Warum hätten sie denn sonst Ingeborgs Kleid umnähen sollen? Jemand müßte doch gekommen sein, um sie zu sehen. Aber für sie interessierte sich im Moment offensichtlich kein Mensch.

Kristoffer war nirgendwo zu finden, also ging sie in die Kapelle, in der es wie immer ganz still war. Es gab keine Stühle und Bänke dort, aber sie konnte sich in eine Fensternische setzen. Von dort würde sie auch sofort sehen können, wenn Vater kam. Er war auf der Burg, das hatte sie an dem Löwenbanner erkannt, das auf dem höchsten Turm im Wind wehte.

Aber kaum hatte sie sich eine Nische ausgesucht, als auch schon ein großer, weiß gekleideter Mann mit Tonsur auf sie zugestürzt kam.

»Kannst du da wohl rauskommen!« schrie er. »Jetzt ist hier schon wieder eines von diesen Wendenkindern. Die muß hier weg, sonst haben wir wieder überall Läuse!«

Ein zweiter Mönch kam angerannt. Er hatte seine Kutte mit beiden Händen hochgehoben, und Margarete konnte einen Blick auf seine behaarten Beine erhaschen. Auch er brüllte wütend: »Raus mit dir, du Bettelkind!«

Sie rührte sich nicht von der Stelle. Das war ihr Haus, ebenso wie es das Haus ihres Vaters war. Er hatte ihr einmal erklärt, daß die Kirche ein Ort für alle sei. Alle wären dort willkommen, vom König bis zum Bettler. Die Burg war das Haus des Königs, aber die Kirche war das Haus Gottes und offen für alle. Das verstanden sie bestimmt nicht, diese dummen Mönche. Der eine ergriff ihren geflochtenen Zopf und zerrte sie daran hinter sich her. Sie wehrte sich, machte sich schwer und ließ sich über den Boden schleifen. Der Schmerz auf der Kopfhaut betäubte alles andere, sie schloß die Augen und versuchte nicht zu schreien. Sie trat wild um sich und griff mit ihren kleinen Händen nach der Kutte des Mönchs.

»Was ist denn hier los?« fragte eine Frauenstimme. Die Tür stand sperrangelweit offen, und der kalte regnerische Wind schlug Margarete entgegen. Endlich wagte sie es, ihrem Schmerz nachzugeben und zu schreien. Die Tränen flossen ihr die Wangen hinunter. Der Mönch ließ sie los, und sie fiel auf die Knie. Was für eine Erleichterung! Mit gepeinigtem Blick sah sie zu Eberstein hoch, die den ganzen Türrahmen ausfüllte. Verglichen mit ihr waren die Mönche kleine Buben, die jetzt vor Scham erröteten.

»Wir dachten, sie sei von unten aus der Stadt«, stammelten sie. Margarete stand auf und legte beide Hände auf ihren Kopf. Es fühlte sich an, als wären Kopf und Gesicht zum Zerreißen gespannt. Eberstein zog sie zu sich und legte ihre großen weißen Hände auf ihre Schultern.

»Dies ist das Königskind, König Håkons Verlobte«, sagte sie. »Seht genau hin, und prägt euch ihre Gesichtszüge ein. Wenn ihr einst Äbte sein werdet, ist sie die Königin von Norwegen. Seid froh und dankbar, daß ich nicht vorhabe, dem König von eurem Fehltritt zu berichten.«

Das schöne weiße Kleid wurde ihr angezogen, und danach wurde sie vom Ankleidetisch auf den Boden gesetzt. Dort stand sie ganz still, während ihr Haar gekämmt und mit einem Blumenkranz geschmückt wurde. Es war kein gewöhnlicher Blumenkranz, stellte sie fest. Er war mit Stahldraht geflochten, so daß er sich nicht auflösen und herabfallen konnte. Aber es war auch nicht der Kranz aus der Domkirche, den Ingeborg damals getragen hatte. Vielleicht würde sie den zur Hochzeit tragen dürfen.

Auch die Festlichkeiten enttäuschten sie sehr. Eberstein begleitete sie in den großen Festsaal, und alle erhoben sich, als sie hereinkam. Aber es gab weder Musik noch einen Bräutigam. Da sie ihre Arme nicht beugen konnte, blieb ihr nichts anderes übrig, als still neben ihrem Vater zu sitzen, der ihr das Essen in kleine Stücke schnitt und sie wie ein Baby fütterte.

Das hier entsprach so überhaupt nicht ihren gespannten Erwartungen.

Das einzig Spannende war, wie sich Eberstein vor ihrem Vater verneigte. Sie verneigte sich so tief, daß man ihre großen weißen Brüste sehen konnte, die von dem zur Seite fallenden Halstuch entblößt wurden. Ihre Brüste sahen aus wie riesige weiße Tauben. Als sie sich wieder aufrichtete, schaute sie ihm in die Augen. Margarete folgte ihrem Blick und beobachtete das Gesicht ihres Vaters. Seine Wangen waren gerötet, und sein Mund stand offen. Aber er sagte nichts. Statt dessen griff er unbeholfen nach seinem Becher und stieß ihn dabei um. Er war leer und wurde sofort von einem Diener mit Wein gefüllt. Schnell nahm er einige Schlucke und wandte seinen Blick von Eberstein ab. Margarete vergaß das Geschehene sofort wieder.

Sie bekam ein Glas Wein mit Wasser verdünnt und mit Honig gesüßt. Plötzlich trat ein Mann an ihre Seite und las laut einen langen Brief vor. Danach tat ihr Vater das gleiche, und zum Schluß wurde ihr ein Ring überreicht. Da dieser aber viel zu groß für sie war, verwahrte ihn Vater in einem kleinen Kästchen. Schließlich zeichnete er den Brief mit seinem Siegel, und der Fremde tat es ihm nach.

Mutter saß still an der Tafel und aß nur wenig. Vater wachte die ganze Zeit über ihre Bewegungen. Sie achteten nicht auf Margarete, die Kristoffer am anderen Ende des Tisches zuwinkte. Er lächelte und winkte zurück, obwohl er immer ängstlich darauf bedacht war, nicht zu jung und kindlich zu wirken, wenn fremde Menschen dabei waren.

Die Stimme ihres Vaters weckte sie auf. Er war wütend. Sie erinnerte sich langsam, wo sie waren und daß sie nun verlobt war. Und trotzdem hatte sich nichts geändert.

»Ich lasse dich nicht gehen«, sagte er. Er mußte ganz in der Nähe sein, und sie machte sich ganz klein und versteckte sich unter den Decken. Sie standen mitten im Zimmer, Vater und Mutter. Ihre Mutter trug ein langes weißes Nachtkleid, ihr Vater war nackt.

»Ich lasse dich nicht wieder davongehen«, sagte er, während er versuchte, sie in den Arm zu nehmen. Aber sie wand sich aus seiner Umklammerung, schlug stumm und verbissen nach ihm. Er drehte ihr beide Arme auf den Rücken, und sie sank mit einem merkwürdigen, halberstickten Laut auf die Knie. Er kniete sich neben sie, und seine langen weißen Arme umschlangen sie.

»Ich lasse dich nicht gehen«, wiederholte er. »Es gibt nichts, was ich nicht kann. Es gibt keinen, den ich nicht erreichen kann.«

»Ja, Eberstein hast du auch erreicht«, sagte Margaretes Mutter und warf ihren Kopf nach hinten. Ihr langes schwarzes Haar floß über den Steinfußboden, und sie ließ sich nach hinten auf den Rücken sinken. Mit ausgebreiteten Armen lag sie da, ihren Kopf warf sie von einer Seite auf die andere und lachte dabei. Er legte seine Hand auf ihren Mund und sagte ihr, sie solle leise sein. Er streckte sich neben ihr aus, legte eine Hand um ihren Nacken und zog sie zu sich heran. Leise flüsterte er auf sie ein, während heftige Zuckungen und Stöße durch ihren Körper gingen. Zum Schluß zuckten nur noch ihre kleinen nackten Füße.

Dann hob er sie hoch und trug sie zum Bett. Sie mußte schwerer sein, als sie wirkte, denn er ließ sie ins Bett fallen.

»Aber ich will keine toten Kinder mehr haben«, sagte er dann, drehte sich um und ging zur Tür hinaus. Einen Augenblick später war es wieder ganz still.

2.

Wie eine geschlossene Front kamen sie auf sie zu. Sie erkannte nur Eberstein, die allerdings hinter den beiden schritt, als hätte sie keinerlei Bedeutung. Das verhieß nichts Gutes. Es trat dann jedoch Eberstein zu ihr, verneigte sich und fragte, ob sie Zeit habe, die beiden Gäste zu begrüßen. Sie kämen von ihrem Herrn.

Sie liebte dieses Wort, schließlich war es das einzige, was sie von ihm besaß. Håkon hatte sie noch nie gesehen, und das schöne Kleid war gleich nach der Verlobung weggeschlossen worden. Sie würde es wohl nie wieder tragen. Die ganze Verlobung hätte auch ein Traum gewesen sein können, wenn nicht ihr Vater ständig ihren Herrn in der Ferne erwähnen würde. Håkon war in Norwegen, ihr Vater auch, und in Schweden herrschte Krieg. Mehr wußte sie auch nicht. Die Verlobung hatte aber auch etwas Gutes nach sich gezogen. Jeden Tag wurde sie nun von einem Mönch aus Roskilde unterrichtet, der ihr beibrachte, Dänisch zu lesen und zu schreiben.

Die zwei Fremden betrachtete sie sehr eingehend, denn wenn sie eines Tages nach Norwegen kommen würde, wären sie auch dort. In den ersten Tagen nach der Verlobung hatte sie alle Leute, auf die sie traf, gefragt, ob sie nach Norwegen fahren oder von dort kommen würden, doch alle hatten nur verneinend mit dem Kopf geschüttelt. Darum fragte sie auch dieses Mal die große schlanke Frau, die sich vor ihr verneigte, ob sie aus Norwegen käme – allerdings mit wenig Hoffnung, eine positive Antwort zu bekommen. Im Gesicht der Frau erwachte etwas, sie schien nicht auf eine Frage gefaßt gewesen zu sein. Sie blieb in der Hocke sitzen und sah Margarete fest in die Augen, ohne den Blick zu senken. So sah ihr Vater sie an, wenn er glaubte, einer Lüge auf der Spur zu sein. Seinem Blick konnte sie nie standhalten.

»Nein, ich komme aus Schweden, aber wir sind im Gefolge von Königin Blanka auf dem Weg nach Norwegen«, antwortete sie. »Sie hat mir die Aufgabe zugedacht, Ihre Hausverwalterin zu sein. Wir werden gemeinsam nach Norwegen reisen.«

»Wie heißen Sie?« fragte Margarete. Namen hatten vor der Verlobung keinerlei Bedeutung für sie gehabt. Sie selbst war immer sie selbst gewesen. Vater war Vater und Mutter war Mutter gewesen. Nun hatten sie alle auf einmal Namen erhalten: Valdemar, Helvig, Håkon. Und sie war mit einem Schlag zu Margarete geworden.

»Ich bin Merete Ulfsdotter«, antwortete die Frau. »Mein Vater war Ulf Gudmarsson, Stadtvorsteher in Östergötland, und meine Mutter ist Birgitta Birgersdotter aus Finsta. Aber ich komme nicht in eigener Angelegenheit zu Ihnen. Ich bitte Sie, meinen Schwager zu empfangen und anzuhören.«

Margarete sah ihr in die Augen: Diese große, erwachsene Frau hatte sie um einen Gefallen gebeten. Frau Merete hatte weder Vater, Mutter noch den Kanzler gefragt. Statt dessen war sie zu ihr gekommen. Sie wandte ihren Blick dem Mann zu, der etwas abseits gewartet hatte. Er kam näher und sank auf sein Knie.

Sie erkannte sofort, daß ihm dies Schwierigkeiten und Schmerzen bereitete. So hatte sich ihr Vater bewegt, als er aus Jütland wiederkam, wo er im Kampf verwundet worden war. Sie streckte ihre Hand aus und berührte sein Knie.

»Sind Sie verletzt?« fragte sie ihn.

Seine Augen leuchteten auf, und er lächelte, ergriff ihre Hand und küßte ihre Finger.

»Nein, kleine Königin, aber ich habe jetzt eine ganze Woche im Sattel gesessen, auf der Flucht vor meinen Feinden in Schweden«, antwortete er.

Er schien immer noch ganz außer Atem zu sein. Der Geruch von Pferden hing in seinen Kleidern. Doch Margarete mochte ihn, er mischte sich mit dem Herings- und Salzgeruch Kopenhagens.

Diese zwei Menschen hatten sie aufgesucht, weil sie ihnen helfen konnte – soviel hatte sie verstanden. Es hatte mit ihrem Herrn und mit Norwegen zu tun. Aber das konnte einfach nicht stimmen, sie mußten sich irren. Sie konnte doch gar nichts tun, sie hatte noch nicht einmal ihren Verlobungsring. Dennoch bat Eberstein sie, ihr in den kleinen Kräutergarten zu folgen. Sie setzte Margarete zwischen die beiden Fremden auf die Bank unter den Apfelbäumen. Sie wußte selbst nicht, warum, aber sie war weder beunruhigt noch ängstlich. Im Gegenteil, sie fühlte sich sicher und geborgen bei ihnen. Sie waren Gesandte der neuen Welt, in die sie sich bald begeben würde, nach der Hochzeit mit Håkon.

Darum betrachtete sie die beiden jetzt eingehender: Der Mann war viel schlanker und zarter als ihr Vater, und sie war sehr überrascht, daß er weder Mönch noch Priester war. Er war sogar schlanker als die beiden Frauen an seiner Seite. Sie hatte zuvor noch nie ein so schönes Gesicht gesehen. Sie hatte große Lust, es zu berühren: seine schmalen, mageren Wangen, die langen Wimpern, die dunklen Augen und das goldgelockte schulterlange Haar.

»Mein Schwager, Bengt Algotsson, wurde aus seiner Heimat Schweden aufgrund nicht bewiesener Gerüchte vertrieben«, sagte Frau Merete.

Margarete überlegte, was diese Worte bedeuteten

»Meine Flucht hat König Magnus daran gehindert, zur Verlobung nach Kopenhagen zu kommen«, fügte der Mann hinzu.

König Magnus war ihr Schwiegervater und König von Schweden. Seinetwegen hatten sie das Kleid umgenäht. Es gab für sie keinen Grund, ihn gern zu haben. Ihre Schwiegermutter war Königin Blanche aus Namur und wurde Blanka genannt. Margarete hatte bisher noch keinen von ihnen kennengelernt. Ihr Vater hatte ihr lediglich geraten, sich an die Königin zu halten, sollte sie bei Margaretes Ankunft in Akershus ebenfalls noch in Norwegen sein. Sie hatte daraufhin gefragt, warum der König und die Königin von Schweden in Norwegen leben würden.

»Sie wurden aus ihrem Reich vertrieben«, hatte ihr Vater kurz angebunden geantwortet. Sie erfuhr jedoch nicht, von wem. Doch sie erinnerte sich noch, daß die jütländischen Adligen ihren Vater vertreiben wollten. Das war dasselbe Wort, es mußte auch dasselbe bedeuten. Diese Jütländer hatten ihren Vater in einer Schlacht verwundet. Er besiegte sie zwar, aber sie blieben gefährlich. Vielleicht hatten sie zuvor Magnus und Blanka aus Schweden vertrieben. Sie wollte später Vater dazu befragen.

»König Magnus wurde von seinem eigenen Sohn Erik vertrieben. Håkon hat seinen Eltern in Norwegen Bleiberecht gewährt. Aber das kann er nicht auch für mich tun. Ich muß mich versteckt halten, und König Valdemar hat mich hier unterkommen lassen. Doch ich kann hier nicht für immer bleiben. Ansonsten riskiert er einen Krieg mit den schwedischen Adligen und Krieg mit Erik. Ich besitze nichts mehr, mein Eigentum in Schweden wurde mir genommen. Ich kann nur in Norwegen in Sicherheit sein – wenn die zukünftige Königin von Norwegen mir Asyl gewährt.«

Trotz seiner Beschwerden kniete er erneut vor ihr nieder, so elegant er konnte.

Ihr Blick blieb an seiner Kleidung hängen. Er mußte tatsächlich sehr arm sein. Ihr Vater liebte es, sich mit Rüstungen, großen viereckigen Helmen mit gewaltigen Aufsätzen, schweren und pelzgefütterten Mänteln herauszuputzen. Er trug bevorzugt Kleidungsstücke, die seine Größe betonten. Aber wenn diese Pracht entfernt wurde, kamen die bunten Lappen, die zerrissenen Strümpfe und die alten Hemden zum Vorschein. Der Anblick, den andere zu sehen bekamen, der sollte erhaben und großartig sein, das, was keiner sonst sah, durfte ruhig abgetragen und schäbig sein.

Bei diesem Flüchtling nun war es genau andersherum. Seine Kleidung war schäbig und zerschlissen, aber er trug sie, als bestünde sie aus Seide, Brokat und teuersten Pelzen.

»Wer sind Sie?« fragte sie schließlich, und Frau Merete kniete sich neben ihn: »Das ist der Bruder meines Mannes, Bengt Algotsson«, erklärte sie und legte eine Hand auf seinen Arm. »Er wurde der schlimmsten Sünden wider die Natur angeklagt und aus seiner Heimat vertrieben. Liebe kleine Königin, werden Sie ihm in Norwegen Asyl gewähren?«

Sünden wider die Natur, das war etwas Neues. Ihre Mutter hatte etwas Häßliches über ihre Schwiegereltern gesagt, als sie über die Verlobung gesprochen hatten. Aber mehr wußte sie nicht. Vielleicht sollte sie einen ihrer Lehrer fragen. Aber nein, der Ausdruck klang so grauenerregend, daß er ihn erschrecken könnte. Sie würde auch das ihren Vater fragen, und keinen sonst.

»Ich bin Herzog von Finnland«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu, »und Statthalter von Schonen. Aber dort hat der neue schwedische König Erik ein Kopfgeld auf mich ausgeschrieben. Kleine Königin, ich habe die Meinen verraten, im Dienste und zum Guten des Königs, des rechten Königs, des Freundes Ihres Vaters und des Vaters Ihres Mannes. Werden Sie mir Obdach geben?«

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und legte ihre Hand auf seine Wange. Mit Erstaunen stellte sie fest, daß seine Haut so weich wie ihre eigene war. Sie hörte nicht auf, ihn zu streicheln, er lachte leise und legte schließlich seine Hand auf die ihrige. Sie würde ihm mit dem größten Vergnügen Schutz und Bleibe gewähren, aber sie war doch ihrem Vater und Håkon untergeben, und die hatte der Herzog von Finnland bestimmt noch nicht gefragt. Sie waren zu ihr gekommen, weil sie noch ein Kind war.

Sie erkannte ihn wieder, den schönen Mann, den Herzog von Finnland. Er saß auf der Bank zwischen den Rosen. Die hatte Vater in Avignon vom Papst geschenkt bekommen, aber sie wollten hier in Kopenhagen nicht so recht wachsen. Sie sah ihn dort sitzen, nachdem sie die Turmtreppe heruntergelaufen war und mit großer Mühe die schwere Tür zum Garten geöffnet hatte. Sie verstand selbst nicht, warum sie ihn nicht sofort grüßte, sondern sich versteckte. Aber ihr war auf einmal bewußt, daß er nicht auf sie gewartet hatte.

Er saß sehr aufrecht und angespannt auf der Bank. Er erinnerte sie an Kristoffer, wenn Vater mit ihm schimpfte. Das Schwert hatte er zwischen seine Beine gestellt und die Hände auf den Schaft gestützt. So saß er und schaute gedankenversunken in den Garten.

Jemand kam die Treppen vom Salzhaus herunter. Es war König Magnus, ihr Schwiegervater. Er trug kein Schwert und war mit einem schweren zerschlissenen Gewand und langen Stiefeln für einen langen Ritt bekleidet. Der Herzog von Finnland sprang von der Bank auf und ließ sein Schwert fallen. Sie gingen aufeinander zu, als aber Magnus die Arme ausbreitete, um ihn zu begrüßen, stürzte der Herzog vor ihm auf die Knie und küßte seine Hand.

»Mein teurer Herr«, sagte er und sah zu ihm hoch.

Sie hörte Geräusche hinter sich und schloß die Tür, so leise sie konnte, und drehte sich kampfbereit um. Sie war bereit, sich jedem in den Weg zu stellen, der diese beiden Männer, die sich im Garten ihres Vaters getroffen hatten, stören wollte. Mein teurer Herr, das war die schönste Anrede, die sie jemals gehört hatte. So wollte sie Håkon begrüßen.

3.

Eines frühen Morgens auf Vordingborg bemerkte Margarete, daß sich etwas verändert hatte. Eberstein war damit beschäftigt, ihre Sachen durchzusehen. Alle Spielsachen waren in einen Sack gesteckt worden; die sollten bei ihrer Abreise an die Waisenkinder in den Klöstern verteilt werden. So hatte es der König befohlen, wie Eberstein ihren Vater nannte. Ihre Stimme hatte dabei immer einen drohenden Klang. Nie nannte sie ihn Valdemar, sie sprach immer nur vom König. Aber Margarete wollte an ihren Vater nicht als den König denken, und auch Valdemar klang so groß, kalt und angsteinflößend, daß sie dabei immer ihren Vater auf dem schwarzen gepanzerten Streithengst vor der Zugbrücke von Vordingborg sah.

»Muß alles weg?« fragte sie vorsichtig, und Eberstein nickte nur.

Margarete wußte genau, daß es keinen Zweck hatte, zu weinen und zu klagen, wenn ihr Vater einen Befehl gegeben hatte. Es war besser, gar nicht erst anzusehen, was Eberstein ihr alles wegnahm, und darum ging sie aus dem Zimmer. Von nun an würde das viele Gepäck, das ihr von Burg zu Burg folgte, immer weniger werden. Wenn sie doch nur schneller wachsen würde. Sie war immer noch so klein.

Als sie zurückkehrte, standen zwei Priester bei Eberstein und warteten auf sie. Eberstein wirkte erleichtert, sie zu sehen, und erklärte ihr, daß diese beiden Priester ihre Lehrer für Deutsch und Latein sein würden. Der König hätte es so bestimmt, da ihr diese Sprachen später von Nutzen sein würden. Im stillen hatte sie gehofft, daß Håkon doch noch erscheinen würde, aber er war nicht nach Vordingborg gekommen.

Als sie nach ihm fragte, erfuhr sie, daß sein Bruder Erik, der zum Aufstand gegen seinen eigenen Vater angestiftet hatte, tot sei. Möglicherweise hatten die Aufständischen sich seiner entledigt, vielleicht hatte ihn die Größe seines Vergehens und seiner Sünden umgebracht. Er war auf jeden Fall tot. Und dasselbe Schicksal hatten auch seine Frau Beatrix und die Zwillinge ereilt, die sie kurz vorher zur Welt gebracht hatte. Es hieß, daß die Pest in Schweden wütete. Beatrix war zuerst krank geworden und hatte ihren Mann angesteckt, als er sie und seine Söhne besuchte.

»Und warum kommt Håkon nicht?« platzte es aus ihr heraus. Eberstein reagierte, wie sie es immer tat. Sie zuckte mit den Schultern und verwies sie an ihren Vater. Margarete war sich sicher, daß Håkon, wäre es nach ihrem Vater gegangen, bereits bei dem mißglückten Verlobungsfest hätte anwesend sein sollen. Es mußte etwas anderes dazwischengekommen sein.

Als ihr Vater gegen Schonen in den Krieg zog, blieb sie zum ersten Mal in atemloser Spannung zurück. Bei seinem Feldzug gegen die aufständischen Jütländer hatte sie keinen Augenblick an seinem Sieg gezweifelt, aber sie hatte auch nicht die geringste Ahnung gehabt, was Krieg bedeutete. In den schönen Büchern jedoch, mit denen sie nun lesen lernte, waren Bilder vom Krieg. Das alles mußte ihr Vater also erleben, Kämpfe mit Lanzen, Streitpferden und Waffen. Die Schläge mit den Schwertern waren nicht so wie auf den Wiesen von Vordingborg. Das waren nur Übungen. Im Krieg aber konnte man sterben.

Es ärgerte sie, daß sie Merete Ulfsdotter und den Herzog von Finnland, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnerte, nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, bevor der Hof Kopenhagen verlassen hatte und nach Vordingborg zurückgekehrt war. Sie hatte ihrem Vater die Bitte vortragen wollen, obwohl sie vermutete, daß er sie ablehnen würde. Ansonsten wären die beiden doch bestimmt sofort zu ihm gegangen.

Nein, Håkon war derjenige, den sie fragen mußte, aber ihn konnte sie nicht erreichen. Noch nicht einmal mit dem Brief, den sie mit soviel Mühe geschrieben hatte. Ihr Vater hatte zwar seine Kuriere, aber sie traute sich nicht, zu ihnen zu gehen und sie zu bitten, den Brief nach Norwegen zu bringen. Håkon müßte doch in Norwegen sein, oder? So sicher war sie sich auf einmal nicht mehr. Sie wollte nach Vaters Rückkehr aus dem Krieg den richtigen Augenblick abwarten und den Brief dann mit einem seiner Kuriere nach Norwegen schicken. Dagegen konnte er doch nichts haben.

Den Brief hatte sie mit ihrem eigenen kleinen Siegel versehen, den Eberstein zusammen mit dem Verlobungsring unter Verschluß hielt. Sie hatte sie gefragt, ob sie sich das Siegelbild ansehen dürfe, und Eberstein hatte ihn ihr ausgehändigt, begleitet von vielen Ermahnungen, damit vorsichtig umzugehen. Aber eigentlich vertraute Eberstein ihr, obwohl sie ganz anders als die milden Mädchen war, die vor der Verlobung auf sie aufgepaßt hatten. Eberstein war barsch, immer ein wenig abwesend und liebkoste sie nur, wenn sie sehr krank war.

Kristoffer erklärte ihr den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Spielsachen und der Ankunft der Lehrer. Er war sieben Jahre alt gewesen, als er dasselbe erleben mußte. Das machten alle Eltern mit ihren Söhnen so. Ihr Vater hatte damals sogar erwogen, ihn zum Kaiser nach Prag zu schikken, um ihn dort bei sehr guten Erziehern aufwachsen zu lassen. Aber er mußte dann aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben, er war ständig krank und wollte nicht recht wachsen. Außerdem war er auch der einzige Erbe. Ingeborg dagegen waren nie die Spielsachen weggenommen worden. Aber mit Margarete sei das eben etwas anderes. Ingeborg lebte ja schon mit ihrem Mann in Mecklenburg. Margarete aber sollte schließlich eines Tages die Königin von Norwegen werden.

»Da wieder Frieden herrscht und Vater Schonen zurückerobert hat, kann es durchaus sein, daß er mich jetzt reisen läßt«, sagte Kristoffer. Sie erkannte plötzlich, daß er, wie eigentlich alle, die sie kannte, immer zuallererst an sich dachte. Sie war sich noch nicht im klaren, ob sie jetzt schon nach Norwegen gehen wollte. Aber sie wußte ganz sicher, daß sie Håkon nun endlich kennenlernen und ihm den Brief schicken mußte. Wenn er ihn nicht bald bekäme, könnte es zu spät sein.

Sie sprach später an diesem Tag noch einmal mit Kristoffer darüber. Alle hatten versprochen, daß ihr Vater sehr bald aus dem Krieg zurückkehren würde. Schonen war mit Leichtigkeit zurückerobert worden, und so war er weiter nach Gotland gezogen und hatte dort die große und bedeutende Handelsstadt Visby eingenommen. Nun waren offenbar alle Kriege überstanden, und er befand sich wohlbehalten auf dem Heimweg.

Ihre Mutter hatte sie seit der Verlobung nicht mehr gesehen. Sie wußte noch nicht einmal genau, wo sie wohnte. Kristoffer hatte gefragt und als Antwort erhalten, sie würde sich an einem Ort aufhalten, der zu ihrem Besten sei. Daraus hatten die Geschwister geschlossen, daß sie immer noch krank war. Aber vielleicht würde Vater sie wieder zurückholen, jetzt, wo er mit guten Neuigkeiten heimkehrte. Die trostlosen Tage waren endlich vorbei, diese Tage voller Ungewißheit.

Aber es kam anders. Kristoffer legte zur Feier des Tages seine schönsten Kleider an, dieselben, die er auch bei der Verlobung getragen hatte. Eberstein hatte sich geweigert, ihr Ingeborgs weißes Kleid anzuziehen. Er kam in dem dichten Nebel auf sie zu, nahm sie an der Hand und ging mit ihr in das Zimmer, das Eberstein ihr vor einigen Tagen eingerichtet hatte. Sie wohnte jetzt in einem der Holzhäuser, die sich an die Innenmauer von Vordingborg schmiegten.

»Ich habe einen Brief von Vater erhalten«, sagte er und wartete, bis sie sich hingesetzt hatte. Dann ging er zum Fenster, um den Brief in dem spärlichen Licht, das von dort ins Zimmer fiel, zu lesen. Es war zu kalt, um draußen zu stehen, und in den Räumen war es zu dunkel, um lesen zu können.

»Die Schweden können König Magnus nicht verzeihen, daß er Vater Schonen so kampflos überlassen hat«, sagte er und faltete den Brief zusammen. Seine Hände zitterten, und er mied ihren Blick. Etwas Fürchterliches mußte geschehen sein. Etwas, das gegen sie gerichtet war.

»Es hat sich eine neue Gruppe von Aufständischen gebildet. Dieses Mal ist Håkon ihr Anführer. Er hat mit Vater gebrochen und die Verlobung aufgehoben. Er fordert den Ring zurück und zertrennt das Band zwischen Dänemark und Norwegen.«

Nun hatte sie Håkon verloren. Ohne ihn war sie nichts. Merkwürdigerweise hatte sie nie darüber nachgedacht, was sie gemacht hätte, wenn Håkon gestorben wäre.

»Es gibt noch so viele andere gute Ehemänner auf der Welt«, sagte Kristoffer schnell. »Vater hat mir bereits eine Liste mitgeschickt, an die ich mich halten kann. Er benötigt neue Bundesgenossen. Den englischen König beispielsweise kennt er gut, vielleicht wirst du statt dessen die Königin von England. Wer braucht schon Norwegen?«

»Hat er sich mit einer anderen verlobt?« fragte sie. Sie spürte, daß er Zeit gewinnen wollte und daß es noch weitere schreckliche Nachrichten gab. Kristoffer errötete und faltete den Brief wieder auseinander. Dann kam er zu ihr, setzte sich neben sie und sprach mit weicher, kindlicher Stimme. Aber das konnte sie jetzt nicht gebrauchen. Ihre Welt war gerade zusammengestürzt, und er verhielt sich, als hätte ihre Puppe einen Arm verloren.

»Elsebeth von Holstein befindet sich auf dem Weg nach Norwegen«, lautete seine knappe Antwort.

»Wie alt ist sie?« Margarete blieb hartnäckig.

»Sie ist so alt wie Håkon«, räumte er ein. Das war zuviel. Margarete sprang auf, prallte dabei gegen sein Knie und stöhnte vor Schmerzen. Sie stieß die Tür auf und rannte den ganzen Weg bis zur Spitze des Turms, ohne daß sie jemand aufhielt. Hinter einer großen Kiste versteckte sie sich. Die Kälte drang durch jede Faser ihrer Kleidung und machte sie zittern, aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

Er hatte sich also eine erwachsene Frau genommen, die er sofort heiraten konnte. Eberstein hatte ihr vor einiger Zeit eröffnet, daß sie erst dann nach Oslo fahren könne, um auf Akershus Königin zu werden, wenn sie mannbar sei. Und keinen Tag vorher.

Seitdem hatte sie alle jungen Frauen genau beobachtet und Eberstein gefragt, ob diese oder jene mannbar sei. Kristoffer war bei ihrer Frage feuerrot geworden und hatte ihr erklärt, daß eine Frau erst dann heiraten könne, nachdem sie die monatliche Heimsuchung bekommen hätte. Das hatte sie allerdings auch nicht viel klüger gemacht. Zu guter Letzt fragte sie ihre Lehrer, aber die waren entsetzt über ihr Interesse an diesem Thema und weigerten sich strikt zu antworten.

Elsebeth von Holstein war ohne Zweifel mannbar. Elsebeth war eine erwachsene Frau, mit der Håkon sofort Kinder bekommen konnte. – Margarete wäre ihm zuliebe so gerne schneller gewachsen, aber das ging wohl nicht. Ansonsten hätte Kristoffer bestimmt längst ein paar Ellen zugelegt.

Erst am nächsten Morgen traf ihr Vater in Vordingborg ein. Er hatte Kristoffer in einem weiteren Brief mitgeteilt, daß er auf Gurre sein Lager aufgeschlagen hatte. Vielleicht war das der Ort, an dem ihre Mutter untergebracht worden war. Gurre war abgelegen. Tief in den Wäldern versteckt, ragte sein hoher Turm auf, der von einer dichten Mauer mit kleinen Türmchen geschützt wurde. Sie mochte diesen Ort nicht so gerne, aber Vater zog Gurre all seinen anderen Burgen vor, denn hier konnte er allein sein. Auf Gurre vermißte sie all das, wovon er frei zu sein sich wünschte. Schon als sie hörte, daß der Brief aus Gurre geschickt worden war, wußte sie, daß etwas bevorstand, was weit dramatischer war als Håkons Aufstand gegen seinen Vater. Und sie erwartete das Schlimmste, auch wenn er ja eigentlich als Sieger heimkehrte.

Er ritt zwar mit fliegenden Fahnen auf Vordingborg ein, aber übersah Margarete und Kristoffer, die im Burghof zur Begrüßung standen. Er ging einfach an ihnen vorbei und lief geradewegs in die Burg. Nur wenige folgten ihm. Sie aßen allein mit Eberstein und den drei jungen Schildknappen, die Vater Kristoffer in seiner Abwesenheit zur Seite gestellt hatte. Es herrschte keine Heiterkeit und keine Feststimmung, weder der Sieg noch die Rückkehr des Königs wurden richtig begangen. Drei lange Tage dauerte es, bevor Kristoffer und Margarete wieder hoch in die Burg umzogen. Sie verstanden das nicht, schließlich herrschte doch jetzt Frieden im Land, sogar in Schweden war wieder Frieden eingekehrt, Schonen war zurückgewonnen, und Gotland gehörte zum dänischen Reich. Gerade jetzt konnte man doch aus den klammen Steinhäusern der inneren Burg hinunter in die warmen Holzhäuser der Vorburg ziehen. Dort gab es mehr Platz, es war nicht so laut, und im Sommer war es schön kühl. Das ganze Jahr über in den Steinhäusern zu wohnen war gleichbedeutend mit Unfrieden – das hatten die beiden mittlerweile gelernt.

Margarete sah ihren Vater erst, als sich der gesamte Hof im Hauptsaal zum Essen versammelte. Er selbst aß nicht viel, trank nur Wasser und sprach mit niemandem. Es schien, als sei es ihm beinahe zuwider, überhaupt jemanden in seiner Nähe zu haben. Margarete vergaß vor Aufregung zu essen, obwohl sich die Tafel unter den herrlichsten Gerichten förmlich bog. Sie hatte nur Augen für ihren Vater.

Etwas an ihm war gänzlich verändert. Sie hatte junge Knappen in den Krieg ziehen und zurückkehren sehen, entstellt durch furchtbare Verletzungen, verstümmelte und fehlende Gliedmaßen. Die Verwandlung ihres Vaters war nicht so offensichtlich. Aber es war etwas geschehen. Etwas, das sich in all seinen Zügen widerspiegelte: Seine Schultern, die früher so breit und kräftig gewesen waren, fingen an rund zu werden. Seine geraden langen Beine waren vom vielen Reiten ganz krumm. Der Bart war lang und voll, aber sein Kopfhaar lichtete sich und wurde dünner. Er sah keinem ins Gesicht, auch ihr nicht. Er verließ den Saal und ging in Begleitung eines Priesters, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, in die Kapelle und schloß sich dort ein.

»Vater wird bestimmt bald wieder auf Reisen gehen«, sagte Kristoffer voller Zuversicht nach dem Essen, das sie so traurig gemacht hatte. Kristoffer schien nichts bemerkt zu haben.

»Du wirst doch nicht einen Aufstand gegen Vater anstiften, so wie Håkon?« fragte sie ernst und zog an seinem Ärmel, um ihn festzuhalten.

»Die Schweden schaffen das schon allein«, antwortete er. Sie verstand seine eigenartige Sorglosigkeit nicht. Sah er denn nicht, was sie sah?

»Was ist dort auf Gotland geschehen?« fragte sie. Vielleicht konnte sie Kristoffer dazu bringen, ihr Dinge zu erzählen, für die sie laut Eberstein noch zu jung war, um sie zu verstehen.

»Er hat Visby eingenommen«, sagte er ausweichend und wollte sich frei machen. Aber sie ließ ihn nicht los, und so fuhr er fort: »Die Bauern haben sich gegen sein Heer erhoben, die Stadt aber nicht. Als das Bauernheer dann auf der Flucht um Hilfe bat, gewährte ihm die Stadt keinen Schutz. Vaters Männer haben sie alle getötet.«

»Alle Bauern Gotlands?« fragte sie entgeistert und ließ seinen Ärmel los.

Gemessen an der Ermordung aller gotländischen Bauern, war ihr Wunsch, Håkon den Brief über den Herzog von Finnland zu schicken, eine sehr kleine Sünde. Eigentlich könnte sie die Kuriere jetzt sofort aufsuchen. Vielleicht würden sie sich weigern, einen Brief zu einem Mann zu bringen, mit dem sie gar nicht mehr verlobt war. Aber sie mußte es wenigstens versuchen.

4.

Margarete hatte sich damit abgefunden, nun nicht mehr Håkons Verlobte, sondern nur noch Tochter und Schwester zu sein. Das war ihr im ersten Jahr sehr schwer gefallen, und zwischendurch hatte sie mit Bemerkungen immer wieder ihre Gedanken verraten. Eberstein hatte sie dann kurz und schnell berichtigt, Vater hingegen hatte ihr immer und immer wieder erklärt, daß die Hoffnung noch nicht verloren war. Doch Margarete hoffte schon lange nicht mehr.

Die schwedische Gesandtschaft traf eines späten Abends auf Vordingborg ein. Ein kalter Regen hatte alle schon seit langem ans Haus gefesselt. Der Winter wollte einfach nicht kommen. Statt des erwarteten Schneefalls regnete es in Strömen, dazu kamen Schneeregen und Hagel. Jeden Morgen mußte Margarete daran denken, ganz vorsichtig zu gehen, wenn sie das Haus verließ und auf die Grasfläche zwischen den Häusern in der Vorburg trat. Das Gras war vollkommen durchweicht, der Schlamm widersetzte sich jeglicher Trokkenlegung, obgleich jeden Tag Sand und Kies gestreut wurden.

Sie hatte bis zu diesem Tag keine Antwort auf ihren Brief an Håkon erhalten. Mit großer Sorgfalt hatte sie damals das Siegel unter das Schriftstück gesetzt, damit es aussah wie ein offizielles Schreiben. Der Kurier war zurückgekehrt, und sie hatte ihm zur Belohnung einen kleinen Ring gegeben, den sie vor langer Zeit von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte. Er hatte sich geweigert, ihn anzunehmen. Vor ihr kniend, hatte er beteuert, daß es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, dem König und seinen Kindern zu dienen. Aber sie hatte ihm dennoch den Ring überreicht, und nun trug er ihn.

Sie vermißte den Ring, schließlich hatte sie so wenig Dinge, die sie an ihre Mutter erinnerten. Aber sie hatte dem Kurier doch ein Geschenk geben müssen. Sie konnte nicht einfach allen Leuten befehlen, dies oder jenes für sie zu tun, so wie ihr Vater es tat.

Nun stand sie also vor dem Haus in dieser feuchten Luft, die sich auf ihre Haut legte und ihr Haar schwer machte, und sie beobachtete, wie die Fremden auf Vordingborg eintrafen. Die drei vordersten Pferde trugen große Decken, die vor Nässe nur so trieften. Wie schwer das für die Tiere sein mußte, überlegte Margarete. Die Pferde wirkten sehr erschöpft und trotteten mit hängenden Zügeln umher. Nur der Reiter an der Spitze des Zuges schien sich sehr genau umzusehen. Margarete war davon überzeugt, daß der Reiter eine Frau war, obwohl die Person in viele Lagen Kleider und Mäntel gehüllt war. Sie ließ sich als erste vom Pferd gleiten und zog sich die Handschuhe aus.

Margarete war neugierig und ängstlich zugleich. Die Fremden mußten ohne das Wissen ihres Vaters gekommen sein, er hätte seinen Hof ansonsten auf sie vorbereitet. Dann hätte nämlich jemand die Gäste in Empfang genommen und ihr Banner neben dem des Königs auf dem Turm gehißt.

Vater hielt sich zur Zeit meistens oben in der Burg auf und zeigte sich sehr selten. Er hatte sich von seiner Umwelt zurückgezogen, war nur von wenigen Dienern umgeben, und nahm seine Mahlzeiten allein im Turm ein. Aber spätestens jetzt müßte er sich doch zeigen, dachte sie, er müßte herunterkommen und seine Gäste willkommen heißen. Es waren schließlich vornehme Leute.

Sie waren lange und ohne großes Gefolge unterwegs gewesen. Nur fünf Pferde trugen Spaltsattel, die mit Gepäck beladen waren. Sie führten weder Wagen noch Pferde zum Wechseln mit sich, darum waren die Tiere auch so erschöpft.

Verlegene Stalljungen und Knappen tauchten auf und nahmen sich der Pferde und Gäste an, die nur zögernd ihre Füße auf das matschige Gras von Vordingborg setzten. Aus der Burg war noch immer niemand heruntergekommen. »Ist denn keiner in der Burg?« fragte die Frau. Sie ging ein wenig auf und ab, mit den Handschuhen in der einen Hand. Schließlich griff sie mit der anderen nach einem Stalljungen. Ob denn der König nicht in der Burg sei, fragte sie erneut. Er zeigte wortlos und mit roten Wangen auf das Banner und führte ihr Pferd an den Zügeln fort. Das genügte ihr nicht als Antwort. Sie raffte ihre langen Röcke zusammen, die ihre Füße umwallten. Alles war schon ganz steif vom Schlamm, aber sie wollte es wohl nicht noch schlimmer kommen lassen.

Sie hatte Margarete entdeckt, die sich in diesem Moment wünschte, gar nicht erst aus dem Haus gegangen zu sein. Vom Fenster aus hätte sie alles sehr gut unbeobachtet verfolgen können. Nun würde sie wieder für etwas herhalten müssen, wie damals, als der Herzog von Finnland sie aufsuchte. In diesem Augenblick kam ein Mädchen aus Ebersteins Haus vorbei, und Margarete fragte sie, wer die Fremden seien.

»Das sind Schweden«, sagte sie und rümpfte die Nase.

Das konnten doch unmöglich ihre Schweden sein, schoß es ihr durch den Kopf. Sie war noch nicht bereit dazu. Sie hatten sie ohne Freude angenommen, waren zu ihrer Verlobung gar nicht erst erschienen und hatten ohne jede Erklärung mit ihr und ihrem Vater gebrochen und den Ring zurückgefordert. Und jetzt suchten sie sie hier auf. Die wollen sich absichern, dachte sie, und sie entführen, so wie in den Märchen und Liedern, die sie kannte. Bald würde sie in Schweden sein, wo alle machen durften, was sie wollten, sogar sich gegen den eigenen Vater auflehnen und ihn aus dem Land jagen.

Sie konnte nicht mehr fliehen. Die Frau in den wallenden Gewändern stand bereits direkt vor ihr. Margarete wollte sie nicht grüßen. Vielleicht würde die Fremde auch glauben, sie sei ein Bettelkind. Aber nein! Die Frau hatte schon alle ihre Röcke angehoben und ging in diesem Augenblick vor ihr in die Hocke.

»Wie du doch deiner Mutter ähnelst«, sagte sie und streckte ihr eine Hand entgegen. »Du bist meine kleine Schwiegertochter. Ich heiße Blanka und bin Håkons Mutter, einst Königin von Schweden und nun Regentin von Norwegen. Komm mit mir, mein hübsches Mädchen, wir werden gemeinsam deinen Vater suchen.«

Die Hand, die ihre ergriff, war klein, aber kräftig. Ihre Augen waren wie die von Margaretes Mutter, schmal und dunkel, aber offen und lebendig. Ihr Gesicht war rund und glatt, doch als sie lächelte, tanzten tausend kleine Falten darauf. Sie war doch nicht so jung, wie Margarete zuerst gedacht hatte.

Hand in Hand gingen sie hinauf zur Burg. Margarete sah über ihre Schultern zurück, aber Blanka hielt sie fest an der Hand und zog sie weiter.

»Sei vorsichtig, kleines Mädchen, damit du nicht stolperst«, sagte sie. Margarete jedoch begriff, daß es um etwas anderes ging. Nur mit ihr an der Hand konnte Blanka überhaupt bis zum König gelangen und dort Gehör finden. Es war kein Zufall, daß ihr Vater die Schweden so lange in der Vorburg hatte warten lassen. Er ließ seine Handlungen nicht von so einem unberechenbaren Besuch steuern.

Während sie zur Burg hochstiegen, merkte sie auf einmal, wie die Kälte vom Wasser herüberkam. Der Regen wurde von einem kalten Wind getragen, und kleine Schneeböen schlugen gegen ihre Rücken. Blanka nahm ihren Pelzmantel ab und legte ihn um Margarete, so daß sie vor dieser unwirtlichen Welt versteckt und geschützt war.

Ihr Vater stand draußen vor dem Turm, die Hände in die Seiten gestemmt, und wartete ungeduldig, was die Fremde ihm zu sagen hatte. Er trug sein langes Schwert, wie Margarete verwundert feststellte. Ob er auch die Rüstung unter seinem Gewand anhatte? Seinen Bart hatte er wohl gestutzt, denn er sah wieder so aus wie vor dem Krieg auf Gotland. Aber damals hätte er diese Gäste mit Respekt empfangen. Nun tat er so, als würden sie ihm seine kostbare Zeit stehlen.

Blanka kniete vor ihm nieder, und Margarete tat es ihr nach. Lieber wollte sie knien, als neben ihr mit dem schweren Pelzmantel auf den Schultern stehen zu bleiben.

»Magnus, Håkon und ich sind gekommen, um die Gnade des dänischen Königs zu erbitten«, sagte sie mit ihrer süßen singenden Stimme. »Unsere Jungfrau Maria hat mir meine Schwiegertochter geschickt, das erste freundliche Gesicht im Hause der dänischen Krone.«

Blanka ließ sie nicht los. Margarete bewegte sich nicht und merkte, wie Kälte und Feuchtigkeit aus den runden Steinen durch Strümpfe und Kleider drangen und sich um ihre Beine legten. Der Schnee wirbelte um den Turm. Ihr Vater stand geschützt, aber der Schnee legte sich auf Blankas dunklen Mantel und auf ihren Hut, der ihr Haar verbarg. War sie genauso schwarzhaarig wie ihre Mutter Helvig? Wenn Vater sie doch nur endlich hereinbitten würde. Aber er schwieg.

»Wir haben keinen Ort, an dem wir uns ausruhen und Schutz vor diesem Wetter finden können«, sagte Blanka schließlich. »Wir haben keine anderen Freunde und keinen, bei dem wir Zuflucht finden können. Unsere Pferde sind am Rande der Erschöpfung. Bitte gestatten Sie uns Einlaß, vergeben Sie uns, und gewähren Sie uns Unterschlupf.«

»Vergebung, Obdach, Schwägerschaft, Geld, Heer und Verhandlungsbeistand«, erwiderte ihr Vater. »Wir haben Ihnen Zugang zu Vordingborg gewährt, der Rest wird folgen.«

Blanka erhob sich sofort, als hätte sie keine andere Antwort erwartet. Dennoch ließ sie Margaretes Hand nicht los. Sie aber wollte viel lieber zurück in die Vorburg und endlich Håkon sehen. Er war doch auch in ihrem Gefolge. Sie mußte dafür sorgen, daß er nicht sofort wieder aus ihrem Leben verschwand.

Als sie sich gerade umdrehen wollte, um die beiden zu verlassen, traf ihr Blick den ihres Vaters, und sie gab ihr Vorhaben augenblicklich auf. Das würde er nicht billigen.

»Es ist so lange her seit meinem letzten Besuch auf Vordingborg«, sagte Blanka. »Vergeben Sie mir, aber ich kann mich nicht erinnern, wo sich die Wohngemächer der Königin befinden.« Der Gastgeber überhörte diese Anspielung und machte keinerlei Anstalten, sie hinunterzubegleiten.

»Wir haben sie nicht benutzt, seit Helvig umgezogen ist«, antwortete er in einem Tonfall, als würde er jede weitere Unterhaltung verhindern wollen. »Die Wohngemächer der Königin befanden sich in dem langen Gebäude.« Er zeigte in die Richtung des Hauses.

Blanka war nicht hoch gewachsen, aber wenn sie aufrecht stand, war sie durchaus eine imposante Erscheinung.

»Es ist doch sicherlich nicht so schlecht um sie bestellt, daß man diese Räume nicht wieder öffnen könnte für die Königin von Schweden, ihre Zofen und ihre Schwiegertochter.« Auf einmal sprach da nicht mehr eine demütige Bittstellerin.

Und schon war sie auf dem Weg zum besagten Haus, und Margarete folgte ihr, gleichermaßen verzückt und verschüchtert. Ihr Vater ließ sich von Blankas Benehmen nicht beeindrucken, aber er wußte offenbar auch nicht, wie er sie zum Schweigen bringen konnte.

In dem Augenblick, als sie beide das Haus betraten, konnte sich Margarete plötzlich erinnern. Es war, als hätte Blanka ein Buch für sie geöffnet, das sie vor langer Zeit einmal gelesen hatte. Hier hatte sie ihre ersten Lebensjahre verbracht. Sie erinnerte sich an die großen Kleiderkisten, die an den Wänden standen, an die gemalten Blumenranken, die jedes der schmalen Fenster umrahmten, und an die gelben Steine im Boden.

Blanka sah sich im Raum um und zog sich ihre feuchten und schmutzigen Überkleider und Mäntel aus, eine Schicht nach der anderen. Sie war offenbar nicht zufrieden mit dem, was sie vorfand.

»Hier müssen doch Teppiche an den Wänden hängen, schließlich ist es Winter«, sagte sie. »Irgendwo wird er sicher die schönen Möbel von früher versteckt haben. Es ist ja recht und billig, daß er hervorhebt, ein Freund des Kaisers zu sein! Aber er hat keine Zeit, sich um seine Kinder zu sorgen. Komm her, mein kleines Mädchen, sonst erfrierst du noch.«

Sie wickelte Margarete in ihren Mantel und setzte sie in eine Ecke des Raumes. Dann machte sie sich daran, die Kisten zu öffnen und nach den Wandteppichen zu suchen. Zwei junge Männer kamen herein und brachten neue Kisten, die sie in der Mitte des Raumes abstellten. Blanka rief sie zu sich und wies sie an, die verstaubten Teppiche an die Wände zu hängen und Möbel zu holen.

»Wenn ihr keine finden könnt, dann fragt euren König«, fügte sie spöttisch hinzu. So hatte Margarete noch niemanden über ihren Vater sprechen hören. Ihn fürchteten doch alle – alle außer dieser schwedischen Dame.

Bei ihrem geschäftigen Treiben in den Wohngemächern kam Blanka immer wieder bei Margarete vorbei und lächelte ihr zu. Zum Schluß ging sie vor ihr in die Hocke und legte ihre schmalen Hände auf ihre Schultern. Ihre Finger gruben sich in ihre Haut. Blankas Augen funkelten. Alle sagten, daß ihre Mutter so überirdisch schön sei, aber Blankas Gesicht war noch schöner als das der Jungfrau Maria in der Kapelle von Vordingborg. Man konnte die Augen nicht von ihr lassen. Margarete versuchte, sie zu berühren, und streckte ihre Hand aus. Die schöne zierliche Frau lachte auf, griff nach ihrer Hand und küßte ihre Fingerspitzen.

»Du wunderschönes Kind, man könnte meinen, du seist meine Tochter«, sagte sie. »Du ähnelst deinem Vater nicht im geringsten. Man würde erwarten, daß Valdemar nur große und helle Töchter bekäme. Du wirst einmal eine anmutige und reine Jungfer, aber groß wirst du wohl nie werden.«

Sie nahm einen großen Ring von ihrem Finger und legte ihn in Margaretes Hand, mit dem Gebot, ihn niemandem außer ihrem Vater zu zeigen.

»Wir haben leider so wenig zu geben«, sagte sie. »Aber ich bin so froh, daß mein Jüngster eine von Valdemars Töchtern zur Frau bekommen wird. Håkon ist so schön wie sein Vater. Ihr werdet ein wundervolles Paar. Wenn du zwölf wirst, können wir euch zum Brautbett führen. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wir brauchen dringend einen Erbfolger.«

Blanka nahm sie an die Hand und führte sie zu einer der Kisten. Sie kletterten hinauf und saßen mit ausgestreckten Beinen wie zwei Kinder nebeneinander und unterhielten sich. Margarete erzählte Blanka, was für Spiele sie spielte und daß alle ihre Spielsachen von Eberstein weggeräumt und verschenkt worden seien.

»Na ja, eine Puppe dann und wann wird der Königin von Norwegen schon nicht schaden«, sagte Blanka und lachte. »Ich werde dir alle Puppen beschaffen, die du haben möchtest. Ach, ich würde dich so gerne mit nach Tunsberghus in Norwegen mitnehmen. Dort werde ich zusammen mit Håkon wohnen. Tunsberghus gehört mir, weißt du?«

Sie erzählte und erzählte. Über Burg Akershus zum Beispiel, die sie am Anfang so an die Burg ihrer Mutter in Namur erinnert habe, wie sie da erhaben über der Stadt lag. Ihre Mutter, Marie von Artois, habe alles für sie getan, als der junge König Magnus Eriksson mit seinem Gefolge auf Brautsuche nach Namur gekommen sei. Ihre Familie habe nur gewußt, daß Namur mit Schweden viel Handel treibe. Und da stand nun der König dieses Landes in ihrem Empfangssaal. Sie habe noch nie zuvor einen so schönen Mann gesehen und wollte ihn, vom ersten Augenblick an.

Magnus habe besser getanzt als jeder Mann, den sie je zuvor getroffen habe. Am dritten Tag seines Aufenthaltes in Namur habe er sie im Rosengarten aufgesucht und sie ganz zart auf den Mund geküßt. So zärtlich. Und dann habe er um ihre Hand angehalten. Denn er wollte nicht, daß seine Ratsherren für ihn entscheiden. Er hatte sich Blanka ausgesucht und wollte auch, daß sie ihn erwählte.

Margarete lauschte ihr gebannt und verwundert. Sie hatte immer gedacht, daß alle Menschen auf dieselbe Art und Weise zueinander fanden wie sie und Håkon, daß immer die Eltern bestimmten, was gut und nützlich war. Aber sie konnte gut verstehen, daß sich Magnus in Blanka verliebt hatte. Ihre Liebesgeschichte klang wie eine wunderschöne Tanzmelodie.

Die gesamte schwedische Gesandtschaft hatte sich zum Essen in dem großen Saal versammelt. Blanka und sie gingen direkt von den Wohngemächern dorthin. Blanka schien offensichtlich davon ausgegangen zu sein, daß die vornehmen Gäste gebührend gefeiert würden, und glücklicherweise war der dänische König derselben Ansicht gewesen. Blanka hielt Margaretes Hand immer noch fest in ihrer, als sie in den Saal traten. Sie grüßte mit einem anmutigen Nicken nach rechts und links und steuerte zielstrebig zu den vornehmen Plätzen am Tischende neben dem Thron. Der eine Platz neben dem Thron blieb leer.

Margarete bekam den Platz zwischen zwei Männern zugewiesen, von denen sie nur einen kannte. Das mußten König Magnus und sein Sohn Håkon sein. Erst jetzt konnte sie sehen, wie hübsch sie alle waren, die Fremden. Nachdem ihre Mutter verschwunden war, hatte Schönheit keinen Platz mehr gehabt in der Welt ihres Vaters. Der Krieg hatte Valdemars Zeit geraubt, die Wohngemächer der Königin waren verschlossen worden, ihr Hofstaat wurde aufgelöst, und Eberstein war allein verantwortlich für Margaretes Erziehung. Es gab am dänischen Königshof keine Mätressen, keine Hofdamen und Zofen und keine jungen Frauen für ihre Erziehung und Betreuung. Jetzt erkannte sie, was ihnen die ganze Zeit gefehlt hatte. Sogar die Männer besaßen diese außergewöhnliche Schönheit, die ihr auch schon bei dem Herzog von Finnland aufgefallen war.

»Ist sie das?« fragte der jüngere der beiden Männer Blanka. Sie antwortete nur mit einem Nicken.

Erst jetzt wagte sie es, ihn anzusehen. Håkon, der sie und ihren Vater verraten hatte, von dem sie die ganze Zeit versucht hatte, sich ein Bild zu machen: Er war ein erwachsener Mann – und so schön. Er ähnelte seiner Mutter, groß, schlank und dunkel war er, aber seine Gesichtszüge waren die seines Vaters. König Magnus war ein wenig gebeugt und grauhaarig, aber seine Züge waren noch feiner als die seines Sohnes. Auch sein Blick war fest auf sie gerichtet. Sie fühlte sich von allen dreien beobachtet und begutachtet.

»Hättest du gewußt, was für ein bezauberndes Mädchen das ist, das du da verschmäht hast, hättest du doch bestimmt nicht versucht, Elsebeth von Holstein an ihrer Statt zu bekommen, nicht wahr, Håkon?« sagte König Magnus lachend.

Håkon antwortete nicht, sondern sah sie nur lächelnd an. Seine Augen waren wie die Blankas, groß, dunkel und leuchtend.

»Du hast mir einen Brief geschrieben«, sagte er und strich mit seinem Zeigefinger über ihre Hand, vom Handgelenk bis hinauf zum Nagel ihres Mittelfingers. »Ich habe dir den Rücken gekehrt, aber du hast mir trotzdem geschrieben. ›Mein teurer Herr‹ hast du geschrieben. Darf ich es überhaupt wagen zu hoffen, daß du mich immer noch als deinen ›teuren Herrn‹ ansiehst?«

Sie errötete. Eine gewaltige Hitze strömte in ihr Gesicht, es pochte in ihrer Kehle und an den Schläfen. Als sie den Kopf fortdrehen wollte, hielt er mit einer Hand ihr Kinn fest und blickte ihr in die Augen.

»Du hast mich gebeten, den Herzog von Finnland zu beschützen, als er auf der Flucht war«, sagte er. »Aber du hast auch hinzugefügt, daß ich mich so entscheiden soll, wie ich es für richtig halte. Du bist wirklich die Tochter deines Vaters.«

Er beugte sich zu ihr, schloß die Augen und küßte sie mit einem kleinen Seufzer auf die Stirn. In diesem Augenblick hätte sie alles gegeben, um endlich erwachsen zu sein. Es würden noch so viele Jahre vergehen, bis sie mannbar wäre. So lange konnte er bestimmt nicht warten.

»Was ist aus deiner Braut Elsebeth geworden?« fragte sie, denn der Name war wie ein Blitz in sie gefahren. »Hast du sie geheiratet?«

»Ach nein, das haben Gott und der Erzbischof von Lund geregelt«, antwortete Håkon leise. »Der Wind und die starke Strömung haben ihr Schiff an die Küste Schonens getrieben. Sie ist jetzt wieder zurück in Holstein, und ich bin hier bei dir.«

Sie errötete erneut, senkte den Kopf und starrte auf den Tisch. Vielleicht könnte ihr Vater dafür sorgen, daß sie schneller mit Håkon verheiratet wurde.

Noch immer sehr verwirrt, sah sie sich die Gesichter der hier Versammelten an. Heute abend waren wenigstens auch Frauen am Tisch, Blanka mit ihren zwei Zofen und Eberstein. Die übrigen Gäste waren Männer. Sie hoffte so sehr, daß ihr Vater jetzt endlich erkennen würde, was ihrem Haus fehlte.

Kristoffer fehlte.

Sie hatte ihn ganz vergessen, ihre Gedanken an Håkon hatten ihn verdrängt. Kristoffer war gleichzeitig mit ihr in Vordingborg angekommen. Vielleicht war er wieder krank geworden. Der Sommer war sehr hart für ihn gewesen. Er war bei der Überquerung des Flusses vom Pferd gefallen und hatte sich danach nicht mehr richtig erholt, war sehr kränklich und schweigsam geworden. Vater hatte ihn auch zum wiederholten Male darauf hingewiesen, daß er kein kleiner Junge mehr sei, sondern ein erwachsener junger Mann von zwanzig Jahren, der schon längst hätte verheiratet sein sollen.

Sie wollte ihren Vater nach Kristoffer fragen, aber der war in ein Gespräch vertieft. Der Anblick seines lebhaften und frohen Gesichtsausdruckes überwältigte sie vor Freude. Ja, genauso war er früher gewesen, als sie noch ein Kind war und bevor ihre Mutter krank wurde. So hatte er damals gelacht, lauthals, und mit seinem Lachen alle Gespräche übertönt. Er unterhielt sich mit Blanka in einer Sprache, die sie nicht verstand. Aber sie erkannte, daß es Französisch war. Dann hatte er doch nichts gegen Blanka, wie sie zuerst gedacht hatte. Das war gut so, jetzt hatte sie Håkon endlich wieder zurück.

»Holt die Musiker herein!« rief ihr Vater auf dänisch und erhob sich. Jetzt sah er wieder aus wie der alte König Valdemar, und das war Blanka zu verdanken. Drei kleine Männer näherten sich der Tafel mit Laute, Harfe und Trommeln. Sie verneigten sich tief vor dem König und der schwedischen Königin. Sie erhob sich nicht, sondern neigte zur Begrüßung nur ihren Kopf mit geschlossenen Augen. Sie muß sehr müde sein, dachte Margarete. König Magnus war mit den Speisen beschäftigt, doch als er die Musiker mit ihren Instrumenten sah, lehnte er sich an Blanka vorbei hinüber zu König Valdemar.

»Woher kommen Ihre Musiker?« fragte er interessiert, während Valdemar wieder Platz nahm. »Sind sie aus Paris oder Reims? Unsere letzten Musiker kamen aus Reims, nicht wahr?«

Zum ersten Mal seit Ankunft des Besuches wirkte Margaretes Vater verwirrt. Er sah zu den Musikern hin und biß sich auf die Lippen. Dann plötzlich kehrte sein Lächeln zurück, und er lehnte sich mit einer solchen Wucht auf den Tisch, daß das Holz nur so krachte.

»Ich glaube, sie stammen alle aus Randers!« rief er heiter und winkte sie herbei, um Genaueres zu erfragen.

Margaretes Blick ruhte unbeirrt auf Blankas Gesicht. Diese lehnte mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen in ihrem Stuhl, so als würde sie nichts von dem wahrnehmen, was um sie herum geschah. Aber ein Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht ausgebreitet. Es war eine Mischung aus Zärtlichkeit, die man für ein Kind empfindet, und leisem Spott für jemanden, von dem man weitaus mehr verlangen kann, als man es tut.

»Wie viele Pferde haben Sie bei sich?« fragte König Valdemar, während er sich das Essen munden ließ. Er kaute fröhlich drauflos und schaute erwartungsvoll zu König Magnus. Nun war es an ihm, sich ratlos im Saal umzuschauen, als sei von dort eine Antwort zu erwarten.

»Weißt du das, Blanka?« fragte er schließlich. Blanka legte ihr feines kleines Silbermesser auf den Teller, nahm ihre Serviette, tupfte damit beide Mundwinkel ab und steckte sie wieder zurück in ihren Ärmel, bevor sie anfing, alles aufzuzählen, was sie in ihrem Gefolge mit sich führten. König Magnus entfuhr ein erleichterter Seufzer, und er nahm einen großen Schluck von dem Rheinwein. Margarete beobachtete, wie er seine Augen vor Genuß schloß und bald darauf den Zeremonienmeister zu sich winkte, um den Becher auffüllen zu lassen. Blanka bemerkte das alles nicht, sie arbeitete.

5.

Der Nebel lag noch immer dicht und schwer über der ganzen Gegend. Valdemar ritt ohne Hast, und der Falke auf seinem Arm behielt seine Haube auf. Schließlich hielt er an und gab den Vogel an den Falkner zurück. Das verwirrte Margarete. Diese Jagd war ihr zu Ehren veranstaltet worden, denn sie hatte am selben Morgen ein Geschenk von Håkon erhalten, als Besiegelung ihrer Verlobung. Das Geschenk war ein weißer isländischer Jagdfalke, und sie hatte das wertvolle Präsent sehr stolz mitgenommen. Es war das erste Mal gewesen, daß ihr Vater sie mit auf eine Jagd nahm.

»Weiß!« hatte ihr Vater ausgerufen, als das Geschenk überreicht wurde. Er selbst liebte schwarze Pferde und schwarze Jagdhunde – Hunde, so schwarz wie ein Heer des Teufels aus der Dunkelheit, hatte sie andere sagen hören. Es schien, als ob er dieses Geschenk als persönliche Kränkung empfand. Und darum hatte er jetzt auch keine Lust, mit ihm jagen zu gehen.

Es begann wieder zu regnen. Er kam auf sie zugeritten und ergriff ihre schlaff herunterhängenden Zügel. Sie würden auf der Stelle zur Burg zurückkehren. Auf dem Heimweg machten sie halt unter ein paar großen Bäumen und warteten, geschützt von ihren hochgeschlagenen Kragen und Kappen, daß der Regen nachließ. Sie spürte, daß ihr Vater das Gefühl hatte, er würde seine Zeit vergeuden. Wenn er unzufrieden war, strahlte er die Unruhe eines wütenden Tieres aus.

»Nun bist du mit einemmal wichtig für sie geworden«, sagte er, während der Eisregen auf sie niederging. Ihr Vater merkte das gar nicht, aber Margaretes Kappe war durchnäßt, und die eisige Feuchtigkeit kroch ihr den Nacken und Rükken hinunter.

»So wichtig, daß sie ihren Sohn auf dich loslassen wie einen Birkhahn auf eine Henne! Du sollst wissen, daß ich ihnen nicht vertraue. Wir müssen zusehen, daß wir dich bald mit ihm verheiraten, auch wenn es vielleicht ungehörig wirken mag. Aber sonst laufen wir Gefahr, daß sie sich wieder nicht an die Absprache halten. Verstehst du das?«

Das traf sie wie ein Peitschenschlag. Sie nickte betroffen. Der Jagdfalke auf ihrem Arm war schwer, sie würde das Geschenk von Håkon leider nicht ausprobieren können.

»Du hast ihm doch damals geschrieben, als er dich verraten hatte«, sagte er dann in einem milderen Tonfall. »Was hast du ihm eigentlich geschrieben?«

»Der Herzog von Finnland hatte mich um Asyl gebeten«, antwortete sie. Ihren Vater konnte sie nicht anlügen. Er würde die Wahrheit früher oder später sowieso erfahren.

Sie hatte nicht erwartet, daß er plötzlich in schallendes Gelächter ausbrechen würde. Er griff ihren Arm und schüttelte sie sanft.

»Oh, du süßes wunderbares Mädchen, die es allen recht machen will!« sagte er. »Sogar dem Liebhaber von Håkons Vater wolltest du helfen. Jetzt weiß ich, daß alles gutgehen wird. Mein kleines gutes Mädchen! Gott sei’s gedankt, daß du ihm nicht noch mehr geholfen hast. Sie erschlugen ihn, als er sich nach Schonen wagte.«

Dann gab er seinem Pferd die Sporen und machte sich auf den Weg zurück zur Burg. Die Heiterkeit kam und ging bei ihm in schnellem Wechsel. Margarete wußte nicht, was sie noch hätte sagen können. Sie wünschte sich nur, daß er sie so schnell wie möglich Håkon zur Frau geben würde.

Diese Reise nach Kopenhagen unterschied sich sehr von den vorherigen. Sie wachte sehr aufmerksam über Håkon, er sollte sie nicht noch einmal so enttäuschen. Und auch ihren Vater nicht. Da Blanka so gut reiten konnte, wollte es Margarete ihr nachtun und bestand darauf, ebenfalls den ganzen Weg zu Pferde zu bestreiten.

»Ein sehr kluger Entschluß. Dann können die Leute dich sehen«, sagte ihr Vater. Sie erkannte, daß er eigentlich eine Möglichkeit suchte, ihr ein Lob auszusprechen.

Einst waren sie so viele am dänischen Königshof gewesen. Nun gab es nur noch Kristoffer und sie. Kristoffer ritt nicht selbst, er lag auf einer Trage, die von Pferden gezogen wurde. Margarete genoß während der gesamten Reise die größte Aufmerksamkeit, denn Blanka wich keinen Augenblick von ihrer Seite.

Blanka war auch diejenige, die das etwas mitgenommene weiße Kleid wiederentdeckte, das Margarete zur Verlobung getragen hatte. Sie zog es mit einem erfreuten Ausruf aus einer der Kleiderkisten hervor und hielt es ihren Zofen hin, damit sie es bewundern konnten.

»Es ist nur eine Schande, daß sie es so verschnitten haben«, sagte sie. »Aber in der Stadt muß es ähnliche Stoffe geben. Schaut nach, ob die Bischöfe Mäntel aus dem gleichen Stoff haben. Das Kleid muß überall verlängert werden, und unten an den Saum soll eine Bordüre genäht werden.«

Vielleicht würde sie doch noth als Braut in Ingeborgs Kleid zum Altar geführt werden. Sie verfolgte, wie die Zofen sich förmlich darum schlugen, den entstandenen Schaden auszubessern. Sie trennten alle Nähte auf und machten sich daran, den Stoff zu verlängern, zu heften und zu besticken. Blanka steuerte ein feines Leinentuch aus ihren Beständen bei. Sollte es keinen perlenbesetzten Stoff geben, würde man eben welche aufsticken müssen.

Obwohl sie noch nicht wieder Frieden mit ihrem Land geschlossen hatten, wollte Blanka wohl unbedingt beweisen, daß sie so gut und edel wie ihre Gastgeber waren.

Nur Kristoffers Krankheit warf einen Schatten auf die Vorbereitungen zu dem großen Fest. Sie hatte ihn seit ihrer Ankunft in Kopenhagen nicht mehr gesehen. An dem Tag, als Blanka mit einer großen Menge weißen, edlen Stoffes aus der Stadt kam, um das Kleid fertigzustellen, beschloß sie, ihn zu suchen.

Sie tat das nicht nur für sich oder um seinetwillen. Sie machte sich auch auf die Suche nach ihm, weil sie vor kurzem Blanka und König Magnus belauscht hatte, als sie darüber sprachen, wer Dänemark eines Tages regieren würde. »Wenn Kristoffer stirbt, dann wird Ingeborg als älteste Tochter nachrücken«, hatte Magnus gesagt, ganz ruhig, so als ob er sich sehr sicher war, daß Kristoffer nicht mehr lange leben würde.

»Und sie kann dann ohne Schwierigkeiten alle Länder vereinen«, hatte Blanka mit leiser, spitzer Stimme erwidert. »Sie und die Mecklenburger, sie und der eingebildete Sohn deiner Schwester. Diese Untauglichkeit in Person. Wenn doch nur Valdemar weiser gewesen wäre bei der Wahl des Bräutigams für seine älteste Tochter. Dann hätte sie jetzt zwei Söhne haben können. Es wird noch Jahre dauern, bis uns das kleine Mädchen hier nützen kann.«

Damit war sie gemeint.

Aber die meiste Zeit hatten sie über Kristoffer geredet.

Ihr war der Gedanke gekommen, daß Kristoffer vielleicht die Pest hatte. Schließlich hatten sie ihn von den anderen isoliert. Vielleicht würde er eines Tages einfach spurlos verschwinden, so wie ihre Mutter plötzlich verschwunden war.

Sie fand ihn in der Kammer, in der er immer wohnte. Hier lag er, ganz allein. Als sie die Tür öffnete, kam ihr nicht der bekannte Gestank von Krankheit und Tod entgegen. Und sie konnte keine Anzeichen von Pest entdecken. Es war ganz still im Raum, und er wirkte, als hätte er sich gerade hingelegt, um sich kurz auszuruhen. Sie haben gelogen, erkannte sie, natürlich, was sonst? Sie haben gelogen, um die Gäste in die Irre zu führen.

Sie setzte sich neben ihn aufs Bett und erzählte, was so alles geschehen war. Daß Blanka ihr Kleid von der Verlobung umnähen ließ, daß ein Turnier zur Hochzeit stattfinden und es auf dem Burgberg Tanz geben werde. Und vielleicht würde auch ihre Mutter kommen dürfen.

»Das glaube ich nicht«, unterbrach Kristoffer ihren Erzählstrom. Sie schwieg und sah ihn an. In dem grauen und diesigen Licht wirkte er gar nicht so schwach und farblos wie in ihrer Erinnerung. Aber er hatte sehr abgenommen. Er war jetzt zwanzig Jahre alt und ein erwachsener Mann. Als ihr Vater so alt war, regierte er schon als König. Einen Kopf größer als alle anderen war er gewesen, der Königssohn ohne Land, der Prinz ohne Vermögen. Er hatte die Gelegenheit beim Schopf gefaßt, als der Kaiser sich seiner Sache annahm. Er war nach Norden gezogen, hatte Helvig von Südjütland geheiratet und sich zum König von den Teilen des Landes gemacht, die er erobern konnte.

Kristoffer hatte nur sein Bett und seinen Beichtvater.

»Mutter ist in Ringsted, sagen sie«, fügte Kristoffer hinzu. »Ihr geht es gut, dort, wo sie ist. Sie konnte Vater nicht wiedererkennen, als er sie das letzte Mal besuchte. Aber wenigstens ist sie keine Gefahr mehr für sich selbst.«

»Wenn ich Vater darum bitte, würde er sie dann zum Fest kommen lassen?« fragte sie.

»Nein. Er hat sich entschieden, und sie ist nicht mehr Teil seiner Welt«, antwortete Kristoffer.

Unwillig begriff sie, was er ihr eigentlich sagte: Vater sprach mit ihm wie mit einem erwachsenen Mann, wie mit seinem Erbfolger, trotz alledem. Kristoffer sagte er Dinge, die er ihr nicht sagen konnte, weil sie noch ein Kind war.

In diesem Augenblick kam er herein. Sie drehte sich um und erwartete das Schlimmste, aber er hatte keine Augen für sie, sah nur seinen Sohn.

»Hoch mit dir und raus aus dem Bett. Laß ein bißchen Farbe in dein Gesicht«, sagte er. »Es ist ein schöner Tag und Zeit, sich hinauszuwagen. Die Bürger wollen ihren Prinzen sehen. Und die jungen Mädchen wollen ihn erst recht sehen.«

Wie immer gehorchte Kristoffer. Er kletterte vom Bett und stellte sich auf den Boden. Sein Vater half ihm beim Anziehen des schweren Lederrockes. Er selbst zog sich zuvor das dünnere Unterkleid über den Kopf und schnürte es fest um die Arme. Voll bekleidet, gegürtet und geschmückt mit dem Lederrock sah er sehr erwachsen aus, fand Margarete.

»Steh gerade!« befahl der Vater und schlug ihm seine Knöchel zwischen die Schulterblätter. »Alle Blicke werden auf dich gerichtet sein, wenn du mit mir die Burg verläßt. Es wird Zeit, daß du zeigst, wer du bist. Gegen deine Größe kann man nichts ausrichten, aber gegen deine krumme Haltung!«

Kristoffer gab sich große Mühe. Aber er wußte, daß es nicht genug war.

»Nimm dich zusammen!« schrie sein Vater und stieß ihm mit seinen harten Fingern gegen das Schlüsselbein. Kristoffer sackte zusammen und mußte sich wieder aufs Bett setzen, verwirrt und schamrot. Er sank zur Seite, schüttelte den Kopf und stöhnte vor Schmerzen.

»Schon gut, schon gut!« sammelte er sich und erhob sich, fiel aber sofort wieder um. »Mir ist so schwindlig, gib mir einen Augenblick, bis ich mich wieder erholt habe.«

»Raus mit dir! Liegst hier rum und trödelst wie eine kranke alte Nonne!« schrie sein Vater. Er riß die Tür zum Söller auf und ließ kühle Luft herein, die angenehm süß duftete. Es wurde gerade Brot für die Hochzeit gebacken. Kristoffer erhob sich erneut, aber war immer noch sehr wacklig auf den Beinen. Er mußte sich festhalten, und es gab keinen anderen als seinen Vater, der ihn stützen konnte. Sein großer, stählerner Arm beugte sich, und Kristoffer hing an ihm wie ein Schiffsbrüchiger. Wieder knickte er ein, verbarg sein Gesicht in den Händen und blieb wimmernd auf der Bettkante sitzen.

Keiner von beiden hatte bis dahin Margarete beachtet. Als ihr Vater nun einen Schritt auf Kristoffer zu machte, um ihn zu greifen und zu schütteln, krabbelte sie blitzschnell quer übers Bett. Sie erreichte ihn in letzter Sekunde und schlug mit ihrer geballten Faust gegen seine Brust, um ihn aufzuhalten.

»Nein, Vater!« sagte sie mit fester klarer Stimme. Er sah sie an, starr vor Verwunderung. Dann verschloß sich sein Blick, und sein Gesicht wurde ausdruckslos. Das geschah so schnell, als hätte jemand eine Kerze ausgeblasen. Ihr stand es eigentlich nicht zu, ihn zurechtzuweisen. Aber er hörte auf sie.

6.

Håkon war nicht auf Akershus, obwohl sich der gesamte schwedische Hof in Norwegen aufhielt. Wenn sie nach ihm fragte, bekam sie nur halbe oder ausweichende Antworten. Sie war ein Kind, das es zu schonen galt. Das Königskind, wurde sie genannt.

Schon am Hochzeitstag hatte sie ihren Håkon über die Mecklenburger befragt, und es war ihr gelungen, einige wenige, aber wichtige Informationen aus ihm herauszulocken. Die Schwester seines Vaters war verheiratet mit dem Herzog von Mecklenburg. Diese Ehe schien damals eine gesunde Allianz, da Schweden in Magnus nur einen Kindskönig hatte, der seit seinem dritten Lebensjahr sowohl König von Norwegen als auch von Schweden war.

»Mein Großvater, Herzog Erik, wurde von seinem eigenen Bruder, König Birger, auf Nyköpinghus ermordet. Aber das weißt du sicherlich schon längst«, hatte ihr Håkon erklärt. Doch sie hatte keine Ahnung, hatte weder von einem Herzog Erik noch von einem König Birger aus Nyköping gehört.

Später wurde es immer offensichtlicher, daß die Mecklenburger die Hoffnung hegten, Schweden zu unterwerfen, um sich daran zu bereichern. Leider waren die Adligen unzufrieden mit König Magnus gewesen und hatten sich zuerst an den einen seiner Söhne, dann an den anderen und schließlich an die Mecklenburger gewandt, um ihn loszuwerden.

Das hatte irgend etwas mit dem Herzog von Finnland zu tun. Aber sie traute sich nicht mehr zu fragen, denn die Schweden reagierten merkwürdig, wenn sie seinen Namen nannte.

Sie ließ sich von ihrem Pferd gleiten, um endlich Akershus in Besitz zu nehmen, das Haus ihres Mannes, Håkons feste Burg.

Vater hatte oft von dieser uneinnehmbaren Burg gesprochen, aber erst jetzt begriff sie, was er damit gemeint hatte. Sie sah aus wie eine geballte Faust. Man konnte nicht direkt bis in die Kernburg reiten, sondern mußte durch viele Gänge mit Falltüren, Fallgittern und steilen Treppen, um in ihr Inneres zu gelangen.

Sie hatte gedacht, daß in Dänemark soviel Unfriede herrschen würde, vor dem man sich schützen mußte – hier schien es noch viel schlimmer zu sein. Sie hatte gedacht, Dänemark sei nach der Pest und all den Bürgerkriegen vor der Regentschaft ihres Vaters vollkommen verarmt. Ein Irrtum.

Blanka hatte zwar versucht, sie schonend auf das vorzubereiten, was sie hier in Norwegen erwarten würde. Aber sie war auf der Hochzeit zu benommen gewesen vor Freude über das weiße Kleid, den goldenen Kranz von der Jungfrau Maria, Håkons schöne schlanke Gestalt an ihrer Seite. Während der langen Messe war sie eingeschlafen und das Kleid verrutscht, auf das ihr vorher Rote Bete gefallen war. Aber Håkon hatte sie zum Tanz geführt. Er hatte sie auf seinen Schultern getragen und war mit ihr durch die Menge getanzt.

Oslo löste in ihr keine Begeisterung aus. Die Stadt war klein und lag fast ängstlich hinter der Burg. Es gab nur wenige Häuser, und die Kirchen waren nach der Pest nur noch halb voll. Eine der größeren Kirchen war bereits ganz baufällig, gewaltige Holzgerüste im Chorraum drohten jederzeit einzustürzen, und die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Sie mußte Håkon bitten, dagegen etwas zu tun, wenn er zurückkehrte. Wie kostspielig das wohl sein mochte?

Wenn doch nur Blanka bei ihr sein würde. Sie hatte versprochen, daß sie auch nach Oslo kommen würden. Schließlich hatten sie und König Magnus nicht so viele andere Orte, an denen sie sich niederlassen konnten. Kristoffer hatte Margarete mit aufrichtiger Sorge in der Stimme gefragt, ob sie denn wirklich mit ihrer Schwiegermutter unter einem Dach wohnen wolle. Sie hatte nur gelacht und ihm erklärt, daß es noch Jahre dauern werde, bevor sie ihre eigene Herrin sei, auch wenn sie schon Königin war. Auf Akershus regierte Frau Merete, und sie würde sicherlich dafür sorgen, daß es noch lange so bliebe.

Blanka hatte Margarete ihren mit Marderfell gefütterten Mantel geschenkt. Das himmlisch weiche Fell erinnerte sie an Blanka, sie fand sogar, daß der Mantel immer noch ihren süßen Duft ausströmte. Wie mußte Håkon glücklich sein, daß er sein ganzes Leben lang so eine Mutter gehabt hatte.

Aber Blanka war nicht da, und keiner machte sich die Mühe, ihr zu erklären, wo sie sich gerade aufhielt. Sie hatte die ganze Zeit auf Akershus und auf Tunsberghus gelebt und ihrem jungen Sohn beim Regieren geholfen. Håkon war auch nicht da, er hielt sich in Bergen auf und versuchte, ein Heer für seinen Vater aufzustellen, der Schweden zurückerobern wollte. So als hätte er noch ein schlechtes Gewissen wegen seines Verrats. Sie wußte, daß er ihr gegenüber eines hatte, und das stimmte sie mild.

Frau Merete erwartete sie im engen, inneren Burghof. Margarete kam schlechtgelaunt aus den verwinkelten Ecken der Burg, sah sich um, hielt die Luft an und dachte: Das kann einfach nicht wahr sein. Hier kann man nicht leben! Der höchste Turm nahm ihnen sowohl die Luft als auch das Licht, er beugte sich förmlich in den Burghof, massiv und schwer.

Frau Merete hatte sich nicht im geringsten verändert. Sie war noch immer dieselbe große schöne Frau wie auf ihrem Verlobungsfest in Kopenhagen.

Margarete wollte gern ein paar Worte über ihr Wiedersehen und über Norwegen sagen, aber Frau Merete hatte keine Zeit für so etwas. Sie habe ja nun Margarete unter ihrer Aufsicht, teilte sie ihr mit. König Håkon habe ihr die Erziehung seiner Königin übertragen.

Erziehung? dachte Margarete. Sie war doch bald erwachsen. Sie hatte genug Zeit gehabt, sich ein Bild vom Leben in Norwegen zu machen, und Blanka war dabei sehr wichtig gewesen. Von Håkon ganz zu schweigen. Wenn sie noch Erziehung benötigte, dann könnten die beiden das übernehmen. Mutter und Sohn.

Norwegen hatte sie mürrisch gemacht. Das Land sah so anders aus als das, was sie darüber wußte. Die Ankunft hatte sie sich auch anders vorgestellt, so wie die Einfahrt in den Hafen von Nyborg oder Vordingborg. Sie war irritiert von dem Anblick, der sie erwartete. Die Stadt lag eingeklemmt im Fjord, zu allen Seiten erstreckten sich Berge, die soviel höher waren als die zu Hause. Nun war es Sommer, aber im Winter und bis weit ins Frühjahr hinein lag Schnee auf den Felsen. Während sie vom Hafen zur Burg hochritten, hatte sich Margarete sehr genau umgesehen. Sie würde viel ausreiten und die Umgebung erkunden müssen. Aber es schien, als ob gleich hinter den Städten und der grauen Kirche in Aker die dichten Wälder beginnen würden.

Vater kannte die ganze Welt. Er war sogar schon in Jerusalem gewesen, am Heiligen Grab, und in Deutschland, Frankreich und England. Sie hingegen war auf die Bilder in den Büchern der Priester und an den Wänden der Kirchen angewiesen gewesen. Norwegen hatte nichts gemein mit diesen bunten Bildern. Vater hatte versucht sie auf seine nachlässige und abgehetzte Art vorzubereiten. In ihrer neuen Heimat sei fast jeder zweite Mensch der Pest zum Opfer gefallen, das Land habe seit über vierzig Jahren keine eigene Regierung mehr gehabt, die Armut habe sich darin ausgebreitet und sogar schon die großen Städte erreicht. Das einzig Gute daran, Königin von Norwegen zu sein, wäre, daß es dort keine Adligen und Fürsten geben würde, die so brutal und hochmütig wie die Schweden waren.

Sie versuchte sich an all das zu erinnern, während sie da vor Frau Merete stand, die unbeirrt ihre neuen Pflichten aufzählte. Frau Merete war Schwedin. Auch in Margaretes Wohngemächern gab es keine einzige Norwegerin, abgesehen von den Dienstmädchen, die in der großen Burgküche arbeiteten. Und in den Wohngemächern herrschte Frau Merete. Diese Frau hatte nicht die Absicht, auch nur einen Zoll zu weichen, und schon gar nicht einem Kind, das sie nun unter ihrer Aufsicht hatte.

Frau Merete beendete ihre Anweisungen zum korrekten Verhalten, räusperte sich, faltete ihre Hände im Schoß zusammen und sagte mit verräterisch milder Stimme: »Und nun wird uns Margarete erfreuen, indem sie zeigt, wie gut sie zugehört hat, und alles wiederholt, was ich soeben gesagt habe.«

»Ich kann mich nicht an jedes Wort erinnern«, antwortete sie mit dünner, ängstlicher Stimme und wußte sofort, daß sie damit keinen guten Eindruck machte.

»Dann müssen Sie das dort eben jeden Tag lernen«, sagte Frau Merete mit derselben Stimme und wies mit einer ausladenden Handbewegung hinauf zu den Steinhäusern. Auf Akershus wohnte man offenbar das ganze Jahr über in der inneren Burg und nicht in den gemütlichen, geräumigen und licht- und luftdurchfluteten Häusern in der Vorburg. Margarete war auf das Schlimmste gefaßt. Von nun an mußte sie auf der Hut sein und verhindern, daß Frau Merete ihre Fehler und Versäumnisse entdeckte.

»Meine Mutter, Frau Birgitta, hat mich gelehrt, nicht sparsam zu sein mit der Rute, wenn man sie mit Liebe benutzt und damit das Gute zum Vorschein bringt«, erklärte Frau Merete und zeigte dabei auf die lange Rute, die deutlich sichtbar an der Innenseite der Tür hing.

Margarete atmete erleichtert auf. Das war alles? Sie hatte gedacht, Frau Merete spreche von ausgeklügelter Rache und Strafe. Die Schläge mit der Rute würde sie allemal ertragen.

Zu ihrer Überraschung entdeckte sie in den Wohngemächern sowohl Webstuhl als auch Spindel. Es schien, als ob Frau Merete und ihre Damen sich die Zeit damit vertrieben, wie Bäuerinnen zu arbeiten. An den Wänden hingen Teppiche, also mußte Blanka hier gewohnt haben. Aber Margarete konnte sich einfach nicht vorstellen, daß sich Blanka an einem solchen Webstuhl verausgaben würde. Oder gar ihre eigene Mutter.

Von den Wohngemächern gingen sie weiter zum Kronsaal. Frau Merete öffnete die Tür und hieß sie eintreten, die Stimme voller Stolz. Mit gutem Grund, denn der große Saal war prächtiger und größer als der Saal auf Vordingborg und viel heller. In die eine Giebelwand war ein Fenster in Form einer Rose eingelassen. So etwas Schönes hatte sie bisher nur in großen Kirchen gesehen. Die Wände waren allesamt so bemalt, daß es aussah, als würden daran kostbare Teppiche an vergoldeten Haken hängen. Norwegen mußte einst, als diese Halle gebaut wurde, sehr reich gewesen sein, mit Adligen und einem stolzen Hof.

Als Margarete nun aber durch den Saal wanderte, wirkte er verstaubt und ungenutzt. Håkon und sie würden ihn wieder öffnen und Gäste zu Hof bitten, denn der Saal war das einzig Schöne hier auf Akershus. Warum sollte ausgerechnet er verschlossen bleiben und verrotten?

Von dort gingen sie zurück zu den Wohngemächern, und Margarete setzte sich so weit wie möglich entfernt vom Webstuhl an eines der großen Fenster. Sie hatte ihre Lehrer aus Vordingborg mitgenommen, und zu dieser Zeit hatte sie üblicherweise Unterricht. Sogar auf dem Schiff hatten sie diese Routine nicht unterbrochen. Es wunderte sie auch, daß Frau Merete kein Fest anläßlich ihrer Ankunft vorbereitet hatte. Es gab keine Gäste auf Akershus und kein Bankett.

»Die kleine Königin kann jetzt hinausgehen und spielen«, wies sie Frau Merete an, »sie wird dann gerufen, wenn es Zeit für das Abendbrot ist.«

Spielen? dachte sie mit Grauen und erhob sich. Sie hatte nicht mehr gespielt, seit Eberstein ihr die Spielsachen weggenommen hatte. Nun sollte sie also auf einmal wieder Kind sein. Das würde nicht einfach werden. Plötzlich vermißte sie Eberstein, die zwar nie besonders liebevoll zu ihr gewesen war, aber wenigstens so schnell wie möglich aus Margarete eine Erwachsene hatte machen wollen.

Sie hatte Frau Merete so verstanden, daß sie auch gern die Gemächer verlassen dürfe, und so zwängte sie sich schnell durch die schwere Holztür hinaus in den Burghof. Dort prallte sie mit einem großen blonden und etwas drallen Mädchen mit strahlend blauen Augen zusammen. Ihr geflochtener Zopf hing ihr über die Schulter, die Kleider waren überall ausgebessert, und ihre Schürze hing – viel zu kurz – über ihren Knöcheln.

Margarete dachte, sie sei eines von den jungen Mädchen, die für Frau Merete arbeiteten, und wollte an ihr vorbeigehen. Die Blonde aber hielt Margaretes Arm mit einer gebieterischen Geste fest.

»Wo willst du hin?« fragte sie mit einer singenden Stimme. »Suchst du mich? Ich bin Ingegerd!«

Margarete machte sich von ihr los und strich ihre Ärmel glatt. Frau Merete würde sie sicher bestrafen, wenn sie ihre Kleider zerriß. Keiner hatte von einer Ingegerd gesprochen, und sie mochte auch nicht so festgehalten werden.

Sie hatten ihr Håkon und Norwegen versprochen, doch alles, was sie bekommen hatte, war eine verlassene Burg, die auf den nächsten Krieg wartete, eine Erzieherin, die sie für ein ungehorsames Kind hielt, und grenzenlose Einsamkeit. Sie fühlte sich wie die Jungfrau, die in einem Berg gefangengehalten wurde. Und jetzt kam auch noch diese Ingegerd daher.

»Hat sie dich schon mit der Rute geschlagen?« fragte Ingegerd. »Sie hat dich noch gar nicht geschlagen? Oh, du Glückliche. Sie hat die ganze Zeit davon gesprochen, daß sie dir deinen Stolz schon noch austreiben werde. Könige und Königinnen sollen Demut zeigen. Wo ist denn dein Buch mit den Stundengebeten?«

Margarete begriff nur, daß sie bisher offensichtlich Glück gehabt hatte und noch keinen größeren Fehler begangen hatte. Stundengebete, dafür hatte man doch Priester und Mönche, dachte sie. Ihr Vater hatte oft die Messe frühzeitig verlassen. Die eine sei wie die andere, hatte er einmal gesagt. Da zog er es vor, neue große Glocken für die Klöster in Lund und Sorø gießen zu lassen.

Sie hatte kein Gebetbuch. Vielleicht war das auch ein großer Fehler. In Frau Meretes Gegenwart war sie tatsächlich wieder zum Kind geworden. Und zwar ein Kind, das sie vorher nie gewesen war, das vollkommen machtlos war. Dieses Mädchen hier war der einzige richtige Mensch, den sie bisher auf Akershus getroffen hatte.

»Nein, sie hat mich noch nicht geschlagen«, antwortete Margarete. »Darf ich dein Gebetbuch borgen?«

»Man muß sich einfach nur selbst kneifen, wenn sie einen schlägt«, sagte Ingegerd, »dann tut es nicht so weh.«

»Wer ist eigentlich Frau Birgitta?« fragte Margarete.

»Sie ist meine Großmutter!« erwiderte Ingegerd voller Stolz. »Und Frau Merete ist meine Mutter. An mir hat sie den Umgang mit der Rute zuerst geübt. Traust du dich, oben auf dem Dach vom Wagehals zu tanzen? Einer der Gesellen hat es versucht. Aber er war betrunken, ist runtergefallen und hat sich das Genick gebrochen. Sie haben drei Tage lang gebraucht, um das Blut wegzuwaschen.«

7.

Jede Übertretung von Frau Meretes Regeln wurde hart bestraft. Aber Margarete würde niemals Schwäche zeigen. Das hatte sie sich beim ersten Mal geschworen. Frau Merete hatte ihr befohlen, ihre Hände auf den Tisch zu legen, und hatte dann die Rute geholt. Sie war nicht wütend oder genoß etwa das Schlagen. Es war ein Prinzip. Es half leider nur für einen kurzen Augenblick, sich zu kneifen. Der Schmerz, der den Schlägen folgte, drang durch Mark und Bein.

»Viele Schläge für kleine Sünden, wenige für große Sünden. Denn ein gutes Kind wird die großen Sünden ohnehin bereuen, aber die kleinen, die können noch wachsen«, sagte Frau Merete mit ihrer singenden Stimme. Und dann erzählte sie, daß sie genauso von ihrer Mutter, Frau Birgitta, erzogen worden war.

Nach einiger Zeit ermüdeten Margarete die Geschichten von dieser Frau Birgitta, die niemals gefehlt hatte. Diese prächtige Frau hatte kein Gesicht für sie, obwohl Frau Merete die Mädchen jeden Tag einige Kapitel aus den Offenbarungen ihrer Mutter laut vorlesen ließ. Margarete fand viele Übereinstimmungen zwischen den beiden: Frau Birgitta war – genauso wie Frau Merete – Burgfräulein gewesen. Sie hatte gewußt, wie man Butter herstellt und die Reife von Getreide bestimmt. Sie erzählte davon, wie die Geburt eines Kindes den Körper der Mutter vor Schmerzen zerriß und wie Sorgen schmeckten.

Einmal jedoch geschah etwas Unvorhersehbares.

Margarete las nuschelnd und wie im Halbschlaf den Text vor. Sie wachte erst auf, als sie Frau Merete vor sich stehen sah, leichenblaß und mit schmalen bebenden Lippen. Margarete ließ ihren Blick über die Textstelle und die schönen und so sorgfältig geschriebenen Buchstaben gleiten: Frau Birgitta hatte nicht gewollt, daß ihre jüngste Tochter den Mann heiratete, in den diese sich verliebt hatte. Aber Birgittas Mann, Herr Ulf, mochte diesen Hurensohn gern, setzte sich durch und ließ seine Tochter ihn heiraten. In der Hochzeitsnacht schloß sich Frau Birgitta ein. Und während sie Gott darum bat, sie sterben zu lassen, begann eine noch unentdeckte Leibesfrucht sich in ihrem Körper zu regen und um ihr Leben zu bitten.

»Das war meine Schwester Cecilia«, sagte Frau Merete mit gepreßter Stimme und nahm Margarete das Pergament aus den Händen. »Das ist eine Geschichte, die für Kinder nicht von Nutzen ist und die sie nicht verstehen«, fügte sie hinzu. Das verwunderte Margarete noch mehr. Normalerweise erklärte Frau Merete sich nie, sie schlug.

»Und wer war die jüngste Tochter, die ihren Verführer heiratete?« fragte Margarete nichtsahnend.

Sie schaffte es nicht mehr, die Augen zu schließen, bevor Frau Meretes Hand ihre Wange traf. Sie stöhnte auf und hielt sich beide Hände vors Gesicht, um sich vor einem weiteren Schlag zu schützen.

Die Tochter war Frau Merete selbst, schoß es ihr durch den Kopf – wie ein Echo der Ohrfeige.

Die zwei Mädchen kletterten jeden Tag auf das Dach des Wagehals und saßen dort im Windschatten und genossen den Ausblick über Fjord, Stadt und Felsen. Sie konnten die Kirche in Aker sehen, den Stadtrand im Norden und die Klostergärten, in denen die Nonnen arbeiteten, an deren schwarzen Kleidern und Kopftüchern der Wind zerrte. Sie konnten den Reisenden auf den hellen Wegen folgen, die sich durch die Landschaft zogen, und die Schiffe sehen, die sich dem Hafen näherten.

Als sie zum ersten Mal dort oben waren und Margarete sich in dem steifen Wind das Reich ansah, das sie vor kurzem erst betreten hatte, hatte Ingegerd ihre Arme ausgebreitet und sich johlend im Kreis gedreht.

Margarete sah mit den Augen ihres Vaters, daß die Burg gut lag und man von hier aus alle Wege in den Norden Norwegens beherrschen konnte.

Wenn doch nur Håkon endlich kommen würde.

An seiner Statt kam ein Kurier und brachte Briefe von ihrem Vater. Mitunter vergaß er in seinen Briefen, wem er eigentlich schrieb, und gab Befehle oder stellte Fragen. Diese leitete sie dann an Frau Merete weiter. Er erzählte auch nur wenig davon, wie es König Magnus in Schweden ergangen war, aber aus dem bißchen konnte sie erkennen, daß er sich offensichtlich noch immer auf der Flucht befand. Warum kam er dann nicht nach Akershus, wunderte sie sich. Er sollte auf jeden Fall Blanka mitbringen. Blanka würde es nicht dulden, daß Frau Merete die norwegische Königin verprügelte.

Aber Frau Merete verbat es sich, über Blanka zu sprechen, und so wappnete sich Margarete mit Geduld.

In einem der Briefe erwähnte Vater, beinahe wie in einem Nebensatz, daß ihr Bruder Kristoffer seiner »Entkräftung« erlegen und in Roskilde begraben worden sei. Er habe Glück gehabt und ein englisches Grabmal bekommen können, das günstig zu erstehen gewesen sei. Im Vergleich zu den Grabmalen der englischen Könige sei dies zwar nicht so prächtig, aber es sei besser als alles andere, was er zuvor in Dänemark gesehen habe.

Vater hatte Kristoffer damit zwar das Begräbnis eines Thronerben zukommen lassen, aber sie konnte zwischen den Zeilen seine schuldbewußte Erleichterung über Kristoffers Tod lesen. Er habe ferner, schrieb Vater weiter, die Absicht, nun bald nach Krakau zu reisen, zur Hochzeit des Kaisers, seines Freundes. Auf dem Weg könne er neue Freundschaften schließen, alte auffrischen und die Kunst des Burgenbaus studieren. Auf seinem Heimweg habe er vor, dem Papst in Avignon einen Besuch abzustatten.

In dem Brief klang es so, als sei der Papst ein enger Freund von ihm und hätte ihn auf Knien gebeten vorbeizukommen, um einige wichtige Dinge für ihn zu erledigen. Ihr Vater war Ritter des Heiligen Grabes in Jerusalem und hatte das geteilte Reich seines Vaters zurückerobert. So kannte der Papst ihren Vater, dachte Margarete, aber er wußte nicht, wie arm und bedroht er war.

Sie wurde weder zum Begräbnis noch zur Reise eingeladen. Aber immerhin hatte er ihr davon erzählt.

Sie las seine Sätze wieder und wieder, bis sie sich ihre Bedeutung wirklich eingestanden hatte. Da spülte eine Welle des Zorns durch ihren Körper.

Warum hatte er sie nicht gebeten, mit auf die Reise zu kommen? Warum hatte er sie nicht früher von den Geschehnissen unterrichtet? Warum wurde Kristoffer überhaupt in Roskilde begraben und nicht wie sein Großvater in Ringsted oder gar in Sorø? Warum hatte er ihr das Recht abgesprochen, bei Kristoffer zu sein? Vater hatte gewiß Ingeborg einen Boten geschickt und sie und ihren Mann und Schwiegervater, Albrecht von Mecklenburg, den neuen König von Schweden, zu sich gebeten. Mit denen wollte er sich gut stellen.

Daheim in Dänemark war vor kurzem ihr einziger Bruder gestorben, und sie konnte noch nicht einmal ihrem Vater einen Brief schreiben. Sie konnte nur im Dunkeln sitzen, die Arme eng um ihre Beine geschlungen, und versuchen sich an die Vergangenheit zu erinnern.

Es war noch nicht einmal ein Jahr vergangen seit ihrer Hochzeit in Kopenhagen, von der sie sich so viel versprochen hatte. Und nun saß sie hier, allein. Ihre einzige Gesellschaft bestand aus Ingegerd und Frau Merete, die nur ihre Gebete aufsagte, schlug und strafte, geizte und sparte und graue Wollkleider nähte.

Nun war ihr Vater gezwungen, einen Erben einzusetzen. Die Mecklenburger drängten ihn bestimmt schon. Sie hatten Glück gehabt. Sie würden wohl Ingeborgs Sohn zum Thronfolger machen. Er war bestimmt ein hübscher kleiner Junge. Und wer würde dann nach dem Tod ihres Vaters Dänemark regieren? Ingeborg, ihr Mann und deren Söhne. Lauter Deutsche, deutsche Hauptmänner als Landesherren und Gebieter über die Burgen, deutsche Bischöfe. So war es schon einmal gewesen, damals, als das Reich aufgeteilt und ausgeblutet wurde. Ihr Vater und ihre Lehrer hatten ihr von diesen schrecklichen Jahren erzählt, in denen Bürgerkrieg, Hungersnöte und Krankheiten herrschten. Das Elend währte so lange, bis ihr Vater Dänemark zurückgewonnen hatte.

Margarete erwachte von einer zarten, ungewohnten Berührung. In den letzten Jahren hatte sie keiner gestreichelt, und auf einmal waren da diese weichen, zärtlichen Hände, die ihr das Haar aus dem Gesicht strichen. Der Zopf, den sie am Abend so stramm geflochten hatte, hatte sich gelöst.

Verängstigt setzte sie sich auf und wollte schnell ihre Haare neu flechten, um einer weiteren Strafe zu entgehen. Aber es war nicht Frau Merete gewesen, die sie geweckt hatte. Ein Mann im Reisemantel saß auf ihrer Bettkante. Er zog seinen Hut vom Kopf, und sie erkannte ihn. Stürmisch warf sie sich an seinen Hals.

»Meine süße kleine Frau!« sagte er und lachte. Er zögerte etwas, bevor er seine Arme um sie schlang, und sie wußte, daß er enttäuscht sein würde. Sie war nicht viel gewachsen, und ihre Brust war noch so flach wie am Hochzeitstag. Nach jedem Bad hatte sie ihren nackten, mageren Körper inspiziert. Aber er schien unveränderbar.

In diesem Augenblick war ihr das vollkommen unwichtig. Håkon war wieder bei ihr, er atmete, er war echt und sorgte sich um sie. Das genügte ihr.

»Laß mich dich richtig anschauen«, sagte er und löste erst seine und dann ihre Umarmung. »Bist du gewachsen seit dem letzten Mal?«

Sie hatte Angst ihn zu enttäuschen, kletterte aber trotzdem vom Bett auf das Podest. Sie wollte sich nicht auf den Boden stellen, denn dann hätte er sehen können, wie klein sie war. Voller Angst sah sie zu ihm hoch.

»Bleibst du bei uns?« platzte es aus ihr heraus. Er nahm seinen Mantel ab, und sie versank in seinem Anblick. Er hatte dieselben eleganten, feinen Bewegungen wie Blanka und war der schönste Mensch, den sie je gesehen hatte.

»Wir bereiten einen Feldzug gegen Albrecht vor«, sagte er – wie zu sich selbst – und wandte sich zu ihr um. »Du weißt doch, daß Albrecht von Mecklenburg jetzt König von Schweden ist? Zusammen mit deinem Vater wollen wir ein Heer aufstellen, gegen ihn ziehen und dann meinen Vater als rechtmäßigen König wiedereinsetzen.«

»Bleibst du denn jetzt bei uns?« fragte sie erneut.

»Ich könnte dich mitnehmen. Frau Merete sagt, daß du wie ein Mann reiten kannst«, antwortete er. Sie konnte zwar sehen, daß ihm der Gedanke erst in diesem Moment gekommen war, freute sich aber dennoch über den Vorschlag. Er umfaßte ihre Taille, hob sie zu sich hoch und setzte sie auf sein Knie. Das war ein schöner Ort, sie lehnte sich an seine Brust und konnte seinen Atem spüren. Er war echt, und er gehörte ihr.

»Hast du mich so sehr vermißt?« fragte er verwundert und nahm ihre Hand in seine, ohne zu wissen, was er damit anstellen sollte. Sie drückte ihr Gesicht an seinen Hals und schloß die Augen. Wie konnte er daran nur den geringsten Zweifel haben, sie hatte hier doch niemanden und nichts.

König Magnus war nur noch Haut und Knochen. Er saß, in viele Mäntel eingehüllt, im Wohngemach von Frau Merete, das Essen und das Bier vor sich auf dem Tisch hatte er noch nicht einmal angerührt. Es waren die gleichen kargen Speisen, die auch ihr jeden Tag serviert wurden, seit sie auf Akershus angekommen war. Es war kein schöner Anblick, ihren Schwiegervater so gealtert zu sehen. Seine Augen waren gerötet und lagen tief in ihren Höhlen, in seinem feinen Gesicht lagen die Falten wie ein dichtes Netz um die Wangen.

Håkon hatte Frau Merete gebeten, seiner Frau, der Königin, die besten Kleider anzuziehen. Aber Frau Merete wollte die guten Sachen, die Margarete aus Dänemark mitgebracht hatte, nicht verschleißen. Und darum stand Margarete also in denselben grauen Wollkleidern vor ihrem Schwiegervater, die sie jeden Tag trug, und ihr Haar war zu einem strammen langen Zopf geflochten. König Magnus starrte sie an, als könne er sie nicht wiedererkennen. Dann verbeugte sie sich tief, viel tiefer, als Frau Merete sich jemals vor ihr verneigt hatte, nahm seine Hand und küßte sie.

»Aber sie ist ja überhaupt nicht gewachsen!« rief Magnus mit seiner hellen Stimme. Er zog sie hoch und ließ seine Hände über ihren Körper gleiten. Sie erzitterte und wollte sich aus der Berührung befreien, aber Magnus hielt sie am Handgelenk fest.

»Vielleicht hast du recht«, sagte er in einem ruhigeren Ton. »Wir können sie auf jeden Fall schon vorzeigen, als Valdemars Tochter, so daß die Leute sehen, daß wir mit seiner Unterstützung rechnen können. Aber Söhne wird sie in nächster Zeit gewiß nicht bekommen.«

Endlich ließ er sie los und wandte sich an Frau Merete, die blaß und mürrisch hinter ihnen gestanden und ihre Hände geknetet hatte.

»Ingegerd Knutsdotter ist ein hübsches Mädchen«, sagte er zu ihr. »Hat sie vielleicht vor, Håkons Mätresse zu werden? Es gibt ja noch keine anderen Erben. Alle schwedischen Adligen behaupten zwar, sie seien Nachfahren meiner Familie, aber wir haben gleichwohl noch keinen rechtmäßigen Erben.«

Sein Blick blieb auf Frau Merete haften, die steif und unbeweglich stehen bliebund nach einer Antwort suchte. Ihr Mund bebte, und sie räusperte sich, aber gab keine Antwort.

»Weißt du eigentlich, kleines Mädchen, wie ihre Mutter, die heilige Frau Birgitta, deine Hochzeit mit Håkon genannt hat? Ein Spiel mit Puppen. Und sie war der festen Ansicht, daß die Vereinigung zu nichts Gutem führen würde. Nun verhält es sich aber so, daß alles, was Frau Birgitta als schädlich für unser Reich ansieht, in meinen Augen in höchstem Maße förderlich ist. Ich hoffe sehr, daß mein Sohn nicht zu früh ein Kind mit dir zeugt, so daß du im Wochenbett stirbst und das Kind mit dir nimmst. Wir brauchen so dringend einen Erben. Gib ihr noch ein Jahr. Dein Bruder, Håkon, hatte es mit seiner Beatrix zu eilig.«

Margarete sah heimlich von Vater zu Sohn. Sie ähnelten sich und gleichzeitig auch nicht. König Magnus sah in ihr gewiß nur Valdemars Tochter, ein unreifes zwölfjähriges Mädchen, eine Figur in einem großen Spiel. Vielleicht waren alle Menschen einfach nur Spielfiguren für ihn.

»Wer regiert denn das Reich, wenn Vater im Ausland ist?« fragte sie.

Diese Frage hatte sie beschäftigt, seit sie den Brief über Kristoffers Tod und sein Begräbnis erhalten hatte. Ihre Mutter war fort, ihre Schwester Ingeborg war mit den Feinden aus Mecklenburg verheiratet, und sie saß hier und war von keinerlei Nutzen.

Håkon und Magnus wechselten schnell einige Blicke, dann winkte Magnus sie zu sich und erklärte ihr, daß man für solche Zwecke und Aufgaben einen Drost habe. Henning Podebusk heiße dieser Hofverwalter ihres Vaters. Er stamme von Rügen, und sein Name sei eigentlich von Puttbus. König Valdemar habe den Namen zunächst nur zum Scherz ins Dänische übersetzt, ihn aber seitdem nur noch den Podebusk genannt.

»Dann herrscht wieder Frieden zu Hause«, entfuhr es ihr. »Meine Mutter regierte damals an Vaters Statt, als er nach Jerusalem zog, um Ritter des Heiligen Grabes zu werden.«

Darauf war sie so stolz, aber Magnus’ ausdrucksloser Blick veränderte sich kein bißchen. Er hatte sein eigenes Reich nicht erobern und gewinnen müssen, es war ihm einfach geschenkt worden. Valdemar aber hatte damals alles auf einmal bewältigen müssen: heiraten, Erben zeugen, sein Reich zurückkaufen und erobern, seinen Nachbarn Respekt einflößen und sich in Europa behaupten. Aber das imponierte Magnus nicht im geringsten.

»Henning Podebusk«, sie ließ den Namen leise auf der Zunge zergehen, nachdem Magnus das Gespräch auf andere Themen gelenkt hatte. Das war so ein schöner Name, den durfte sie nicht vergessen. Und dieser Mann regierte also das Reich, während ihr Vater fort war, und träumte offensichtlich auch nicht davon, sich Albrecht von Mecklenburg zu Hilfe zu rufen, so wie es die schwedischen Adligen getan hatten.

Sie suchte in jedem Haus und in jedem einzelnen Zimmer auf Akershus. Sie suchte nach ihrem Mann und war zutiefst erschrocken, als ihr in einem Gang plötzlich Ärzte entgegenkamen. Sie versuchte ihren schnellen Schritt abzubremsen, aber sie hatten sie bereits gesehen und verneigten sich tief vör ihr. Keiner auf Akershus zollte ihr soviel Respekt, und sie mußte unwillkürlich lächeln. Sie nickte zur Begrüßung leicht mit dem Kopf und versuchte den Blick eines jeden einzelnen zu fangen, so wie sie es bei ihrem Vater beobachtet hatte.

»Ich sehe, daß die Königin gekommen ist, um ihre Schwiegermutter zu sehen«, sagte der älteste der weißgekleideten Männer und öffnete die Tür. Sie befanden sich im Wagehals. Jetzt, da König Magnus sich wieder bei ihnen einquartiert hatte, war fast die gesamte Burg bewohnt, und die Menschen schliefen an den eigentümlichsten Orten. Sie hatte sich noch nicht einmal den Geheimgang entlangschleichen können, um ungehindert die Geschehnisse in der Vorburg zu beobachten. Überall waren die Fremden.

Blanka lag in einem kleinen Raum mit einem runden Fenster. Hier hatte man ausnahmsweise richtiges Glas eingesetzt, richtiges Glas mit einem Bild einer Heiligen, die Margarete nicht kannte. Das Licht aber, das durch das Bild der Heiligen ins Zimmer fiel, tauchte ihre Schwiegermutter in blutrotes Licht. Im Bett lag eine kleine zerfallene Frau mit grauem Haar.

Es gab keine weiteren Möbel im Raum, nur ein Kreuz hing an der Wand, so als hätte man Blanka damit strafen wollen, ihr Sterbelager in eine Klosterzelle zu verwandeln. So hatte Frau Merete doch noch ihre späte Rache bekommen.

Margarete griff sich draußen auf dem Gang einen dreibeinigen Schemel und setzte sich ganz dicht an Blankas Bett, nahm ihre Hand und fing an, vom schönen Wetter zu berichten.

Blanka lag mit dem Gesicht zur Wand und bewegte sich nicht. Schließlich sagte sie, langsam und mit gepreßter Stimme: »Ja, das habe ich mir schon gedacht, als ich das Kleid der heiligen Cecilia habe leuchten sehen. Etwas anderes bekomme ich hier oben ja nicht zu sehen. Sie wagen nicht, das Fenster zu öffnen, aus Angst, ich würde fortgeweht werden.«

Sie lachte und mußte husten. Margarete sprang vom Schemel auf und wollte sie an den Schultern stützen, aber das magere, gelbgefleckte kleine Gesicht verzog sich vor Schmerzen. Blankas Augenlider waren blau, und der Mund lag eingefallen in dem blassen Antlitz. Nur die Augen waren so dunkel wie früher, aber beunruhigend groß.

»Ich habe auf dem Weg hierher so wunderbar geträumt. Ich träumte davon, daß ich wieder zu Hause auf meiner Burg in Namur wäre«, sagte sie lächelnd und war für einen kurzen Augenblick wieder die alte Blanka. »Von dort kann man Vaters ganzes Reich sehen, alles ist so freundlich dort. So ganz anders als hier. Ich habe Håkon gesagt, er solle dir ein guter Mann sein. Ich selbst habe alles verkehrt gemacht und Großes verbrochen, ich wage kaum, daran zu denken, wie viele Jahre ich für meine Sünden im Fegefeuer sitzen werden muß. Die schlimmsten Sünden jedoch, derer man mich beschuldigt, habe ich gar nicht begangen. Aber ich bin so oft mit ihnen belastet worden, daß ich mittlerweile selbst glaube, daß ich schuldig bin. Du weißt doch sicherlich, was Frau Birgitta über mich gesagt hat: Ich sei eine untreue Frau, die ihren eigenen Sohn getötet hat, um ihrem nutzlosen Mann zu helfen. Schlimmere Vorwürfe kann man wohl kaum erheben. Aber ich kann nicht verurteilt werden, denn ich hatte gute Gründe für die Sünden, die ich tatsächlich begangen habe, auch wenn sie im Vergleich zu Birgittas Anschuldigungen geradezu klein und ärmlich wirken.«

Margarete hieß sie sich zu beruhigen und legte ihre kühlen Finger erst auf Blankas Stirn und dann auf ihre Lippen. Es mußte einen anderen Weg geben, der nicht in Sünde und Verdammnis endete.

Ihr Vater und König Magnus waren so unterschiedlich, aber keiner von beiden war besonders froh oder heiter. Ihr Vater war ein guter König, Magnus hingegen ein schlechter, den sein Volk abgesetzt hatte. Und nun lag Blanka hier, krank und aus ihrem Land vertrieben. Sie konnte unmöglich schuld an allem sein.

»Sind wir auf Tunsberg?« fragte Blanka und drückte Margaretes Hand mit aller Kraft. Ihre Hände waren eiskalt und steif, aber ihre Haut war klebrig vor Schweiß. Sie wurde in regelmäßigen Abständen von Schüttelkrämpfen erfaßt, und ihre Zähne klapperten, so als könne sich ihr Körper nicht entscheiden, ob er auf Wärme oder auf Kälte reagieren solle.

»Ich habe Tunsberghus so gemocht«, sagte sie. »Ich habe die Burg damals als Morgengabe von meinem teuren Herrn bekommen. Es bedrückte ihn so, daß ich sterben werde. Grüße ihn von mir und bitte ihn für mich um Vergebung. Was haben sie dir als Morgengabe geschenkt, die reichen Folkunger?«

»Schweden, glaube ich«, antwortete Margarete, ohne nachzudenken.

Blanka lachte ein trockenes Lachen, fing wieder an zu husten und drückte Margaretes Hand. »Ja, das glaube ich gerne. Sie schenken immer Dinge, die sie gar nicht besitzen. Versuche das herauszubekommen, kleines Mädchen, bevor es zu spät ist. Deine Morgengabe können sie dir nicht mehr wegnehmen, noch nicht einmal, wenn Magnus und Håkon entmachtet werden und fliehen müssen. Magnus sieht es nicht gerne, daß wir uns unterhalten. Ich habe einen schlechten Einfluß auf dich, denkt er. Wenn Magnus noch immer glaubt, ich hätte Erik und seine Frau getötet, wird es Zeit, daß er diesen Gedanken aufgibt. Ich war bereit, es zu tun, ja, das war ich, aber die Pest ist mir zuvorgekommen. Ich hatte das Gift dabei, aber Erik lag bereits im Sterben, als ich kam. Und kurze Zeit später starben auch seine kleine Frau Beatrix und ihre zwei Neugeborenen. Wenn er noch immer glaubt, daß ich es war, mußt du ihn eines Besseren belehren.«

Margarete versprach es, konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, wie Magnus und sie jemals ins Gespräch über Blankas tatsächliche und erdichtete Verbrechen kommen sollten. Magnus sah in ihr doch beständig den von Valdemar gesandten Spion – ein unbedachtes Kind, das ihm noch zu nichts nutze war, aber das sicher jede Unterhaltung wortwörtlich niederschrieb und als Brief zu seinem Vater schickte.

»Weißt du, wie Frau Birgitta deinen Vater nannte?« fragte Blanka mit ihrer schwachen, aber singenden Stimme. »Dein Vater sei der Wolf, der Schweden und Magnus eines Tages roh verschlingen werde. Sie hat sich geirrt. Ihre eigenen Genossen sind die Wölfe. Du, kleines Wolfsjunges, bist das Beste, was meiner Familie widerfahren ist, seit ich Håkon zur Welt gebracht habe.«

Blanka konnte unmöglich so krank sein, wie alle behaupteten, dachte Margarete erleichtert.

In der Nacht wurde sie von Lärm, Schreien und Gepolter im Hof und in der Vorburg geweckt. Sie war allein, also kletterte sie aus dem Bett und öffnete die Fensterläden. Durch den Nebel sah sie das kleine Gefolge, das mit Fackeln durch den Geheimgang zog. Sie dachte zuerst, es sei eine Gruppe auf dem Weg zu einem nächtlichen Treffen, die über den bevorstehenden Feldzug von König Magnus beraten wollte. Dann fiel ihr Blick auf das längliche Bündel, das sie mit Würde zu tragen versuchten, das aber immer wieder ihren Händen entglitt und zu der einen und der anderen Seite rutschte. Schließlich warf sich einer der Männer das Bündel über die Schulter. Erst in diesem Augenblick begriff Margarete, daß Blanka gestorben sein mußte.

So trugen sie also Königin Blanka aus der Burg Akershus und hatten weder Geld für eine Totenfeier noch für ein Grabmal. Warum bestatteten sie Blanka nicht in der Kapelle im Wagehals, dort war genug Platz. Sie hätte so gern die jährliche Totenmesse für ihre Schwiegermutter gesungen.

Von König Magnus bekam sie später ein kleines zerkratztes Kätchen, das alles enthielt, was Blanka ihr vererbt hatte. Blanka wurde »auf eigenen Wunsch« in der Kapelle von Tunsberghus beigesetzt.

Auch diese Beisetzung hatten sie ihr, Margarete, verwehrt. Was hätte dagegen gesprochen, daß sie ihre Schwiegermutter auf ihrer letzten Reise nach Tunsberghus begleitete? Und das Erbe lastete wie eine schwere Anklage auf Blankas Angehörigen. Sie war damals mit der größten Morgengabe nach Schweden gekommen, die man je gesehen hatte. Kisten, gefüllt mit Seide, prächtige Streitpferde, Wagen und Sänften, Kronen und Edelsteine hatte sie mitgebracht, und alle waren überzeugt, daß mit ihrer Ankunft nun für alle eine großartige Zeit bevorstand. Jetzt fand ihr ganzes Leben, das sie in Schweden verbracht hatte, in einer kleinen schäbigen Schachtel Platz.

Margarete fing an zu weinen, als sie da mit Blankas Habseligkeiten saß. Sie wollte nicht, daß auch nur ein Laut über ihre Lippen kam, aber ihre Schultern zuckten. König Magnus war ihr gleichgültig, aber Blanka mußte gerächt werden.

Das Testament war zum Jammern: Blanka hatte geglaubt, daß sie reiche Geschenke zum Grab von Karl dem Großen nach Aachen schicken lassen könnte, einen goldenen Kelch etwa – aber woher sollte der kommen? Solch einen Kelch würde sie eines Tages für ihre Schwiegermutter überbringen, schwor sich Margarete. Auch wenn sie nicht wußte, wie sie jemals die Mittel und die Gelegenheit bekommen sollte, um durch Europa zu reisen.

Blanka hatte wenig besessen: einige zerschlissene Leinenballen, zwei alte Tischtücher, eine kleine Decke für die Füße, zwei Messer und vier Silberlöffel, ein paar feine Stoffe und ein Kleid für den Kirchgang, ein Stück Seide aus Paris und dazu grobes Seidengarn, einen kleinen Schrein, dessen Schloß mit drei kleinen Smaragden besetzt war, und schließlich eine Schale mit Silberdeckel sowie Kräuter für Arzneien. Das Kleid für den Kirchgang war bereits so abgetragen, daß sich alle Querfäden an der Armunterseite aufgelöst hatten. Während ihrer Flucht hatte sie wohl angefangen, aus den feinen Stoffen und der Seide neue Kleidungsstücke zu nähen, war aber nicht weit gekommen.

Als Margarete diese kläglichen Besitztümer in den Kleiderkisten im Wagehals verstaute, spürte sie zum ersten Mal jene Bitterkeit gegen die Mecklenburger in sich aufsteigen, die ihr Mann und ihr Schwiegervater fortwährend hegten. Wenn man sich mit den Mecklenburgern anlegte, konnte man genauso elendig enden wie Blanka. Das hatte sie nicht vor. Wenn der Tag kommen würde, wäre sie bereit, den Kampf mit den Mecklenburgern aufzunehmen. Und sie würde kämpfen, bis sie sich ergäben.

Noch blieb ihr nur, um ihre Schwiegermutter zu trauern, die aus ihrem Leben gegangen war. Blankas zwei kleine, gichtgeplagte Hunde aus Namur suchten überall wimmernd nach ihr und wollten weder fressen noch trinken. Sie wimmerten auch noch, wenn sie sich am Fußende des Bettes zusammengerollt hatten und schliefen.

»Wenn Håkon zurückkehrt und sich hier niederläßt, darf ich dann bei euch bleiben?« fragte Ingegerd eines Nachts, als sie zusammen im selben Bett schliefen.

»Wir werden dich nicht entbehren können, wenn Håkons Söhne und Töchter großgezogen werden«, sagte Margarete und fand, daß sie wie Frau Merete klang. »Dann haben wir endlich einen richtigen Hof, wie damals zu Hause. Wir werden Frauengemächer haben und Frauen, die ornamentieren«, fügte sie hinzu. Sie wußte gar nicht genau, was dieses Wort bedeutete, aber sie hatte so eine Vorstellung davon, daß Königin Blanka ihre Tage als junges Mädchen mit ebensolchen Dinge zugebracht hatte.

»Wir werden Turnierspiele veranstalten und Musiker auftreten lassen«, plapperte sie weiter, »dann öffnen wir den Kronsaal und laden alle norwegischen Adligen ein. Es wird Tanz geben auf dem Burgberg, und französische Köche sollen uns verwöhnen. Wir werden Kirchen bauen lassen und zur Messe nach Oslo fahren. Es wird alles gut.«

»Aber ich soll ins Kloster«, unterbrach sie Ingegerd.

Margarete wurde abrupt aus ihren Träumen gerissen. Ingegerd lag neben ihr, lang, schmal und steif vor Furcht, Margarete konnte nicht an sie herankommen. Wir liegen hier wie zwei Skulpturen auf einem Grab, dachte sie.

Als sie ein ganz kleines Mädchen war, hatte Vater ihr alle Gräber in Ringsted und Sorø gezeigt, die Grabmale aller Familienmitglieder, auf die er sehr stolz war. Damals schon hatte sie gedacht, wie schrecklich es sei, sein Abbild dort verewigt zu haben. In Hunderten von Jahren würden die Menschen noch vorbeigehen und ihre steinernen Familienmitglieder anstarren. Das Schlimmste daran war aber, daß sie im Boden eingelassen waren. So wollte sie nicht begraben werden, da war sie fest entschlossen.

Unter der Decke suchte sie nach Ingegerds Hand, und dann lagen sie ganz still, Hand in Hand. Aber das war auch keine Lösung, dachte Margarete. Frau Merete hatte offensichtlich schon ihre Entscheidung getroffen.

»Wohin?« fragte sie.

»Großmutter will Tante Katarina zur Äbtissin in Vadstena berufen, also wird es wohl Vreta werden«, flüsterte Ingegerd. »Vater ist nicht mit Magnus zurückgekommen, er würde es nicht zulassen, mich ins Kloster zu stecken, das weiß ich.«

»Magnus hat deine Mutter gefragt, ob sie dich mit nach Akershus genommen hat, um dich zu Håkons Mätresse zu machen«, sagte Margarete in die Dunkelheit. Ingegerd ließ ihre Hand los und setzte sich auf, um ihr in die Augen zu sehen, aber es war zu dunkel.

»Das hätte ich dir doch niemals angetan!« rief sie mit belegter Stimme.

»Wo liegt Vreta?« fragte Margarete. Im Gegensatz zu Vordingborg gab es keine einzige Karte auf Akershus.

»Vreta liegt in Östergötland. Die Familie meines Vaters hat früher von dort immer Nonnen entführt und sie dann geheiratet«, fügte sie hinzu, wie um sich damit ein wenig aufzuheitern. »Wo ist nur Vater? Warum ist er nicht mit den anderen heimgekommen?«

»Vielleicht ist er bei Blanka«, sagte Margarete und legte ihre Arme um Ingegerd. Zwar wohnten die beiden zusammen, schliefen in einem Bett und wurden gemeinsam unterrichtet und bestraft, aber sie waren sich noch nie so nah gewesen wie in diesem Augenblick. Margarete mit ihrer zerbrechlichen Freude und Ingegerd mit ihrer plötzlichen Angst.

»Wenn Håkon und ich einen Sohn bekommen haben, dann schicken wir den schönsten norwegischen Adligen nach Vreta, um dich zu entführen«, versprach sie und strich die Tränen von Ingegerds Wangen.

Männer trafen selbst die Entscheidung, ins Kloster zu gehen, und sie wurden aufgenommen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Frauen und Mädchen wurden von ihren Familien ins Kloster geschickt und mußten auch noch dafür bezahlen.

Ingegerd hatte an ihrer Aussteuer genäht, seit sie fünf Jahre alt war und eine Nadel halten konnte. Sie hatte Margarete beigebracht, daß Nähen nicht zwangsläufig eine langweilige Zeitverschwendung sein mußte. Sie konnte dabei wunderschön singen und Märchen erzählen, und sie tanzte so wunderbar und leicht auf ihren kleinen Füßen.

»Die alte Äbtissin Ingrid wurde damals als Novizin von Folke Algotsson entführt«, flüsterte Ingegerd, und ein wenig Hoffnung schwang in ihrer Stimme mit. »Sie bekamen Kinder und waren auf der Flucht. Als er starb, kehrte sie zurück und wurde Äbtissin. Sie hat alles haben dürfen. Warum kann ich das nicht?«

Sie konnte nicht aufhören, zu weinen und von ihrer Mutter und Großmutter zu erzählen. Sie hätten selbst wählen dürfen. Frau Birgitta sei damals, als sie Witwe wurde, nicht ins Kloster gegangen, sondern in die weite Welt hinausgezogen. Das letzte, was sie von ihr gehört hätten, sei, daß sie in Neapel lebe und es sich dort am königlichen Hof gutgehen lasse. Wenn Frau Merete einst Witwe werden würde, könnte sie sich nach Vreta zurückziehen.

»Und wenn ich dann Nonne werde, ist Mutter sicher Äbtissin. Ich komme niemals von ihr los!« schluchzte sie. Margarete streichelte über ihr heißkaltes Gesicht, legte ihr die Finger auf die Lippen und beruhigte sie. Aber ihre Gedanken waren nicht bei Ingegerd.

8.

Am nächsten Tag traf Ingegerds Vater auf Akershus ein.

Er hatte einen kleinen Trupp von Reitern im Gefolge, einer von ihnen trug das Banner des schwedischen Königs. Ingegerd hatte die ganze Zeit auf dem Dach Wache gehalten und kam nun durch den kleinen Burghof gestürzt. Sie verlangte mit lauter Stimme, in die Vorburg gelassen zu werden. Margarete schloß sich ihr an, denn sie war neugierig und wollte endlich Ingegerds Vater kennenlernen. Frau Meretes Ehemann zu sehen lohnte sich bestimmt.

Sie hatte es nicht so eilig wie Ingegerd, die auf ihrem Weg zu den Reitern über ihre Füße und Röcke stolperte. Der vorderste Reiter, der auf einem großen schwarzen Pferd saß, das sich eher für Turnierspiele als für lange Ritte zu eignen schien, sprang herunter und lief Ingegerd mit ausgebreiteten Armen entgegen. Er fing sie auf, umarmte sie und wirbelte sie herum. Margarete blieb kurz stehen und ging dann den Neuankömmlingen würdevoll entgegen. Sie war trotz allem eine Königin. Außerdem wollte sie Ingegerd und ihrem Vater genügend Zeit lassen, sich zu begrüßen.

Sie kamen ihr entgegen, Hand in Hand, und in diesem Augenblick brach die Sonne zwischen den Wolken hervor.

Sie hatte dem Wetter bis dahin keine Aufmerksamkeit geschenkt, aber die Sonne schien alle Farben um sie herum zu entzünden, das Gras und die Mauern, die Pferde und die Waffen. Alles um sie herum erzitterte mit einemmal in gleißender Schönheit, bis genauso plötzlich alle Farben wieder verblichen.

Vor ihr stand ein Mann, an den sie sich gut erinnern konnte. Darum blieb sie abrupt stehen und starrte ungläubig auf dieses Gesicht aus ihrer Vergangenheit. Es war der Herzog von Finnland, der sie damals in Kopenhagen aufgesucht hatte. Damals war sie sechs Jahre alt gewesen.

Er schien ihre Verwirrung bemerkt zu haben und kniete nieder, beugte sich vor und legte die Hände an seine Brust. »Ich grüße die Königin von Norwegen und danke ihr, daß sie meiner Frau und Tochter Obdach gewährt hat«, sagte er und sah ihr in die Augen.

»Und ich glaube mich recht zu erinnern, daß die Königin einst meinen Bruder Bengt Algotsson, den Herzog von Finnland, getroffen hat, damals im Jahr vor seinem schändlichen Tod in Schonen«, fuhr er fort. Erleichterung durchströmte ihren Körper, und ihre Glieder entspannten sich wieder. Sie lächelte, nickte und reichte ihm ihre Hand.

Ingegerd hatte ihr eines späten Abends alles erzählt, was sie von Bengt Algotsson wußte, dem Herzog von Finnland. Jung und hübsch war er an den Hof gekommen, und König Magnus hatte sich in ihn verliebt. »Aber das ist doch unmöglich«, hatte Margarete lachend erwidert, »Männer verlieben sich in Frauen und umgekehrt, so steht es doch auch in den Liedern.« Aber Ingegerd blieb dabei, König Magnus hatte sich in Bengt verliebt und wollte mit ihm leben. Und Blanka hatte sich ebenfalls in diesen Bengt verliebt, ohne einen Verdacht zu schöpfen. So hatten sie alle wider die Natur gesündigt. Nun endlich verstand Margarete diesen Ausdruck, über den sie sich schon bei der Lektüre der Offenbarungen von Frau Birgitta gewundert hatte.

Auch König Magnus zeigte keinerlei Anzeichen von Wiedererkennen oder Zärtlichkeit, als Knut Algotsson ihn in Frau Meretes Gemächern zusammen mit seiner Tochter und Margarete aufsuchte.

König Magnus hatte endlich wieder angefangen, die kargen Speisen, die auf Akershus serviert wurden, zu sich zu nehmen. Er schlief lange, ging ab und zu zur Messe und saß die restliche Zeit mit seinen Beratern über den Rechnungen und Schriftwechseln, ohne daß dabei besonders viel herauskam. Margarete bemerkte, wie selten er einen Boten auf den Weg schickte und wie wenig Besuch er bekam. Sie kannte es anders von ihrem Vater, bei dem es überall, wo er sich aufhielt, immer sehr geschäftig zuging.

König Magnus aber war träge und kraftlos, auch als er Knut Algotsson empfing, der ohne Umschweife anfing, ausführlich und eifrig von den Vorbereitungen für den kommenden Kriegszug zu erzählen.

Auch Håkon saß still und untätig dabei. Und als Margarete ihn bat, mit ihr hinauszugehen, schien er beinahe erleichtert zu sein. Das verstand sie noch weniger, schließlich war doch Akershus seine Burg, Norwegen sein Land, und dennoch saß er bloß stumm daneben und ließ andere die Entscheidungen treffen. Sie nahm ihn mit hinauf zur Kronhalle und stieß die Tür auf, so daß er vor ihr eintreten konnte.

»Wir müssen hier dieses Jahr ein richtig großes Weihnachtsfest veranstalten«, sagte sie und zog ihn in die Mitte des Raumes. »Wenn du zu Hause bist, können wir Bischöfe und Adlige einladen. Ich kenne keinen hier in Norwegen, und du warst so lange fort.«

»Warum möchtest du denn so unbedingt, daß wir ein Weihnachtsfest machen?« fragte er und lachte.

»Menschen, dann kommen endlich Menschen«, antwortete sie eifrig.

»Aber wer?«

»Na, die norwegischen Adligen«, antwortete sie. Håkon schüttelte den Kopf. »Die norwegischen Könige haben diese Kronhalle gebaut, als Norwegen sehr reich war. Jetzt gibt es kaum noch norwegische Adlige, ich bezweifle, daß wir diesen Saal überhaupt mit Gästen füllen können.«

Er sah sich um und wirkte dabei sonderbar niedergeschlagen. All die Dinge, die sie sofort in diesem Raum gesehen hatte, schienen ihm völlig verborgen zu bleiben. Er sah nur die Armut und die immergleichen Speisen, die tagaus, tagein in den Holzschüsseln serviert wurden.

»Wir könnten doch Frau Meretes Damen bitten, im Kräutergarten Kohl anzubauen«, schlug sie vor. »Und auf dem Burgberg könnten wir Schafe halten und in der Vorburg Hühner und Gänse. Das ist doch nicht so teuer. Wir haben kein Vieh, also auch keine Milch, und müssen jeden Herbst Fleisch für den Winter kaufen. Du weißt doch selbst, wie es um unsere Speisekammern bestellt ist.«

Håkon hockte sich vor ihr nieder und schlang seine Arme um sie. Sie war tatsächlich ein wenig gewachsen, und darum sah sie nun auf sein lachendes Gesicht hinab.

»Du nimmst einem den Atem, meine kleine Frau«, sagte er. »Du kommst ganz nach deinem Vater.«

»Tust du das auch? Nach deinem Vater kommen?« fragte sie. Er verstummte sofort, als hätte jemand das Licht gelöscht. Sie hatte das Falsche gefragt. Wenn sie nur endlich anfangen würden, ihr alles zu erzählen, was sie wissen mußte. Doch sie war meist die letzte, die etwas erfuhr. Sie, die Wolfsbrut.

»Was war meine Morgengabe?« fragte sie ihn statt dessen. Håkon hob seine Augenbraue und lachte sie an, aber sie blieb ernst und bestimmt – das war sie Blanka schuldig.

»Wer hat dir von deiner Morgengabe erzählt?« fragte er zurück.

»Keiner, darum frage ich auch, denn du solltest es doch wissen«, antwortete sie und sah ihm voller ängstlicher Hoffnung ins Gesicht.

»Die Region Bohus mit dem dazugehörigen Lehen und der Burg Bohus, Värmland, Dalsland und einen Teil von Västergötland. Und keiner kann dir diese Morgengabe wegnehmen«, sagte er. Wenn er es doch so genau wußte, warum hatte er ihr nie erzählt, daß sie etwas besaß, was ihr keiner nehmen konnte?

Knut Algotsson und Frau Merete trafen sich erst später, und gewiß war es nicht vorgesehen, daß Margarete oder Ingegerd an diesem Treffen teilnehmen sollten. Margarete wußte, daß sie nicht an Türen lauschen durfte. Aber wenn sie nicht ab und zu lauschte, erfuhr sie nie etwas.

Knut Algotsson trug noch immer seine Reisekleidung und die schweren Stiefel, aber den Mantel hatte er schon abgenommen. Er war der erste Mann, den Margarete in Norwegen gesehen hatte, der sie an ihren Vater erinnerte. Und dann war er dieses unheimliche Abbild seines Bruders.

Das Eigentümliche an diesem Treffen war aber keineswegs Knut Algotsson, sondern Frau Merete. Margarete hatte sie bisher nie als eine Frau betrachtet, die sich mit ihrer Mutter oder Blanka hätte messen können. Sie war nur eine Festung aus Drohungen, Strafen und Kontrolle gewesen. Und nun sah Margarete eine ganz andere Frau vor sich. Frau Merete hatte sich ihre schönsten Kleider angezogen, das Haar neu geflochten und sich mit gestärktem Kopftuch und einem goldenen Gürtel geschmückt. Sie wirkte so jung. Erwartungsvoll wie eine Braut ging sie auf ihren Mann zu. Sie verneigte sich nicht und blieb auch nicht stehen, sondern schwebte förmlich in seine ausgebreiteten Arme.

»So lange ist es her«, sagte sie, doch er legte seine Finger auf ihre Lippen und fragte, wie es ihr ergangen sei, ob die zwei Mädchen sie sehr geplagt hätten. Frau Merete schüttelte den Kopf und verschloß seinen Mund mit ihren Lippen. Sie küßte ihn auf eine ungewöhnliche Art, von unten. Sie stand auf den Zehenspitzen und zog ihn zu sich herunter.

Sie küßten sich nicht mit dem schnellen Streifkuß auf Wangen und Mund, so wie es üblich war zwischen Familienmitgliedern und Ehepartnern. Sie taumelten engumschlungen durch die Tür von Frau Meretes Schlafzimmer. Die Tür wurde geschlossen – und verriegelt. Das erinnerte Margarete ein wenig an das heimliche Treffen von König Magnus und Bengt Algotsson damals in Kopenhagen.

Håkon hatte einen Brief von ihrem Vater mitgebracht. Darin wurde sie in großen Zügen über das Wichtigste informiert. Ihre Mutter war in das Zisterzienser-Kloster in Esrum verlegt worden, wo es ihr offenbar sehr gutging. Ingeborg hatte mit ihrem mecklenburgischen Mann einen zweiten gesunden Sohn bekommen. Margarete wunderte sich, warum sich ihr Vater keine neue Frau genommen hatte, als er in Krakau beim Kaiser gewesen war. Schließlich ließen sich doch alle Ehen auflösen, und ihr Vater schien doch mit dem Papst in Avignon auf gutem Fuß zu stehen.

All das hätte sie so gern mit ihrem Mann und Schwiegervater besprochen, aber sie brachte es nicht fertig, ein so erwachsenes Gespräch einzuleiten. Obwohl sie wußte, daß die beiden sicherlich die Antworten auf die Fragen hatten, über die sie sich Tag und Nacht den Kopf zerbrach.

Håkon hatte ihr zwar sein Siegel und damit das Recht gegeben, seine Kuriere zu benutzen. Und er versicherte ihr auch, daß er sein Versprechen, sie auf die nächste Reise mitzunehmen, nicht vergessen hatte. Aber Akershus hatte sich nicht grundlegend verändert, nur weil der schwedische Hof nach Oslo verlegt worden war. Im Gegenteil, die Armut wurde nur noch unerträglicher, weil es nun mehr Menschen geworden waren, um das Wenige zu teilen.

Håkon wunderte sich, daß sie in der langen Zeit, die sie schon auf Akershus lebte, nie die Erlaubnis erhalten hatte, Oslo zu besuchen. Ob denn Frau Merete sie tatsächlich wie eine Gefangene auf der Burg gehalten habe, fragte er sie im Scherz, aber sie nahm seine Frage wörtlich und nickte ernst. Sie, die so gut und sicher reiten konnte, hatte ausschließlich zusammen mit solchen Männern ausreiten dürfen, die Frau Merete vorher für gut befunden hatte – alte Männer, die gemächlich ausritten. Darum war sie auch nicht mehr so gewandt und sicher, als sie mit ihrem Mann die Burg verließ und gen Stadt ritt.

Frau Merete hatte sie zwar seit Håkons Ankunft nicht mehr geschlagen, und ihre wunden Hände waren verheilt, aber sie wußte genau, jedes noch so kleine Vergehen könnte neue Strafen nach sich ziehen.

Es war viel einfacher, die Zügel mit Händen festzuhalten, die nicht aufgeplatzt und geschwollen waren. Håkon mochte wohl ihren Beteuerungen, daß sie gut reiten könne, nicht so ganz glauben. Vielleicht hatte er auch die Befürchtung, daß der große Hengst, den Knut Algotsson sonst ritt, zu ungestüm und gefährlich für sie sein könnte. Aber das Tier benahm sich sanft und aufmerksam, so als hätte es begriffen, daß mit der leichteren Last auch eine geringere Stärke einhergehen würde.

Ihr war sehr daran gelegen, Håkon die verfallene Hallvardskirche zu zeigen, die ihr so ans Herz gewachsen war. Zwei Jahre lang hatte Margarete nun schon mit dem Wissen von dieser baufälligen Kirche leben müssen, und jetzt gab es endlich die Möglichkeit, etwas für sie zu tun. Und für die Priester, die beim Anblick der beiden auf die Straße liefen. Keiner in der Stadt würde sich an sie erinnern, weil ihr letzter Besuch so lange her war, aber Håkon erkannten sie sofort wieder.

Håkon hob sie von dem großen Pferd und blieb neben ihr stehen, mit der Hand auf ihrer Schulter. Margarete zog sich schnell die Handschuhe aus, denn drei Priester standen schon in Reih und Glied zur Begrüßung vor der Kirchenpforte, und weitere fanden sich ein.

»Das ist der König!« schrie ein Mann, der ganz in der Nähe stand, so laut, daß es ihr in den Ohren klingelte. Sie lachte, aber Håkon sah blaß und angespannt aus. Er wandte sich zu dem Mann um und legte seine Hand an sein Schwert.

»Und das kleine dänische Mädchen ist seine Königin!« rief eine kleine dicke Frau mit einem Korb voller Fische im Arm. Ihre kugelrunden Augen musterten Margarete von oben bis unten.

»Das ist aber ein schöner Mann«, sagte sie zu den Männern, die sich hinter ihrem Rücken versteckten.

»Ja, er scheint sich zumindest etwas aus Frauen zu machen – ganz anders als sein Vater«, sagten sie.

Der älteste der Priester begrüßte Håkon formvollendet und begann in der singenden Mundart dieser Region seine Freude darüber auszudrücken, den König endlich in Oslo willkommen heißen zu dürfen. Endlich? dachte Margarete. Hatte er die Stadt wirklich nicht besucht, bevor sie ihn heute hierhergelockt hatte? Vielleicht meinte er auch, daß Håkon die Armut und den Mangel in den Kirchen zum ersten Mal sah. Aber beides konnte ja schließlich behoben werden.

Sie unterbrach den Redefluß des Priesters, nahm Håkon an der Hand und bat darum, ihnen die zerstörten Glasfenster zu zeigen. Es wurde ihnen erzählt, daß ein Sturm die Fenster zerstört und man alle Scherben aufgesammelt habe, aber nun leider keine Mittel da seien, sie wieder in die Fenster einsetzen zu lassen. Englische Glasbaumeister hätten damals diese außergewöhnlichen Fenster im Chorraum angefertigt, aber es wäre kein Geld da, um heute ausländische Meister anzufordern.

»Wir haben großartige Glasbaumeister in Roskilde, ich könnte meinem Vater einen Boten senden und ihn bitten, uns einen zu schicken«, unterbrach sie irritiert.

Nur wenige Augenblicke später verstand sie, daß sie schon wieder eine ungeschriebene Regel gebrochen hatte. Verzweifelt wanderte ihr Blick von den Priestern zu Håkon. Sie hatte geglaubt, daß sie über ihr Angebot erfreut sein würden, aber das Gegenteil war eingetreten.

Als Håkon sie wieder auf Knut Algotssons Pferd hob, sagte er wütend: »Sprich nie wieder von ›wir‹, wenn du von den Dänen redest. Die Norweger haben nichts, die Dänen alles, dank deines Vaters.«

Am Abend saß Margarete noch lange bei Håkon und schaute ihm zu, wie er mit seinem Vater Brettspiele spielte. König Magnus fiel es schwer, sich zu konzentrieren. Er kam oft vom Thema ab und genoß es aber, sich selbst reden zu hören. Håkon unterbrach ihn selten, er gab nur kurze, bekräftigende Laute von sich, die Magnus eher anspornten fortzufahren.

So viele Fragen brannten Margarete auf der Zunge. Wenn sie ihr schon nicht mehr über Norwegen erzählen wollten, so könnten sie ihr wenigstens erklären, was es mit dem Krieg auf sich hatte, den sie vorbereiteten. Schließlich war das doch der Grund für König Magnus’ Anwesenheit auf Akershus.

Kurz darauf wurde König Magnus wütend, weil er nicht gewann, schlug das Spielbrett zu und verließ den Tisch. Ein schlechter Verlierer, dachte sie. Etwas so Unwichtiges wie ein Brettspiel dürfte einen nicht so aus der Fassung bringen, da gab es im Moment weitaus wichtigere Dinge.

So kam es, daß sie wieder das Thema ansprach, das ihr so am Herzen lag: die Fenster der Hallvardskirche. Sie hatte kein Gespür für Geld, schon gar nicht in diesem Land, doch wußte sie immerhin, daß sie es nicht im Überfluß hatten.

»Können wir nicht meine Mitgift benutzen, um den Priestern von der Hallvardskirche zu helfen? Alle in Oslo werden es sehen können, alle werden erfahren, daß wir die Fenster haben reparieren lassen.«

»Deine Mitgift?« wiederholte Håkon und fing an, die kleinen Spielfiguren zusammenzusammeln. »Davon ist nichts übrig. Ich habe fast alles verpfändet: meine Krone, deinen Verlobungsring, meinen goldenen Gürtel mit dem Edelstein und den Schmuck meiner Mutter.«

»Und das alles nur für deinen Vater!« sagte sie. Sie wollte den bitteren Unterton in ihrer Stimme unterdrücken, aber die Tränen schossen ihr in die Augen. Er würde alles Erdenkliche für seinen Vater tun, aber nichts für sie oder für Norwegen. Solange sie hier in der Burg wohnten und nichts für die Stadt taten, würden sie als Fremde betrachtet werden. Warum verstand er das bloß nicht? Und warum war das für sie so klar und deudich? Du kommst ganz nach deinem Vater.

»Wir müssen doch Einnahmen aus der Landsteuer haben? Treibt ein König nicht Steuern in seinem Reich ein?« flüsterte sie. Håkon starrte auf die Tischplatte, sein schönes Gesicht war bleich und angespannt.

»Wir haben alles für die Aufstellung des Heeres verwendet, mit dem wir Schweden wiedergewinnen wollen«, flüsterte er. »Und dennoch haben wir Schulden. Aber wenn Vater Schweden zurückerobert hat, sind wir Herren über alle Lehen und Burgen dort und können im ganzen Land Steuern eintreiben. Dann werden die guten alten Zeiten wiederkehren.«

Håkon hatte ihr sein Wort gegeben, sie nie wieder allein in Akershus zurückzulassen. Mit diesem Versprechen nahm er es offenbar nicht so genau. König Magnus und er schmiedeten Pläne für ihren gemeinsamen Feldzug, und die bezogen sie in keiner Weise mit ein. Natürlich nicht, dachte sie, wütend über ihre eigene Dummheit. Was sollten die auch im Krieg mit einem Kind anfangen, obendrein noch mit einem Mädchen?

Einen Tag bevor Håkon und Magnus Akershus verlassen wollten, kam das Geschenk von König Valdemar. Margarete hatte zwar die Aufregung in der Vorburg bemerkt, aber Frau Merete wollte ihr nicht erklären, was dort geschah. Schließlich ging sie zu Knut Algotsson, und er nahm sie an die Hand und begleitete sie hinunter.

Sie erkannte die drei großen Pferde wieder, sie stammten vom Streithengst ihres Vaters ab, waren auf Vordingborg gezeugt und aufgezogen worden. Knut Algotsson ließ ihre Hand los, um sich die Tiere genauer anzusehen. Er setzte sich in die Hocke und berührte ihre kräftigen Beine und bewunderte ihre gebogenen Rücken und die schönen schmalen Köpfe. Ihr Vater wußte, daß sie eine gute und begeisterte Reiterin war, und vielleicht war es ihm zu Ohren gekommen, was sie hier in Norwegen für ein bescheidenes Leben führte. In einem Weidenkorb saßen drei kleine bellende langhaarige Hunde aus Frankreich. Die solle sie besser nur in der inneren Burg laufen lassen, sonst würden die Wach- und Jagdhunde sie in Stücke reißen, sagte Knut Algotsson. Dafür würde ihr aber bestimmt der dritte Teil des Geschenkes am meisten Freude bereiten: Stoffe für neue Kleider und ein pelzgefütterter Mantel mit einer Silberschnalle.

Die Pferde und Hunde waren wenigstens lebendige Wesen, die waren ihr zur Freude und zum Nutzen, doch wer würde sie schon in den neuen Kleidern betrachten können? Jemand mußte Vater von ihrer Armut erzählt haben, aber wer? Sie grübelte darüber nach, während sie die Geschenke in ihre Gemächer schleppte. Håkon kam herunter, um sie sich anzusehen. Er fingerte lange an den dünnen ausländischen Stoffen herum und stand eine Zeitlang mit der silbernen Mantelschnalle in der Hand still da.

»Ich dachte, ihr hättet das Heer schon zusammengestellt«, sagte sie und sah ihm in die Augen. Er ließ den Mantel sinken und traf ihren Blick, merkwürdig schuldbewußt.

»Warum sagst du das?« fragte er.

»Für diese Schnalle wirst du nicht viele Söldner bekommen«, sagte sie gerade heraus.

»Aber ich habe keinen Augenblick daran gedacht, sie dir zu stehlen. Das schwöre ich dir!« rief er und klang ehrlich erschrocken. Sie war sich allerdings nicht im klaren, ob er über sich oder ihren Vorwurf entsetzt war. Eigentlich hätte sie es besser gefunden, wenn er sich aufgebracht verteidigt hätte. König Magnus hingegen war äußerst zufrieden mit den Geschenken für seine Schwiegertochter: So habe sie wenigstens eine Beschäftigung, solange sie fort wären. Und sie würde standesgemäß als Königin von Norwegen auftreten können, wenn seine erneute Thronerhebung in der Domkirche zu Uppsala gefeiert werde.

Das sagte er bei einem Mittagessen, und alle verhielten sich wie immer und begleiteten die Prophezeiungen des Königs mit kleinen beifälligen Zwischenbemerkungen. Sogar Knut Algotsson machte mit.

War sie wirklich die einzige, die Zweifel hatte? Warum gab es so wenige schwedische Adlige im Kreis um König Magnus? Warum kamen nie schwedische Geistliche zu Besuch? Woher sollte die Unterstützung kommen, die ihm helfen sollte, das Reich zurückzuerobern?

Alle diese Gedanken mußte sie für sich behalten, Håkon konnte sie unmöglich fragen. Sie hatte ihn schon ausreichend verletzt, als sie ihn des Diebstahles ihrer Geschenke verdächtigte. Ingegerd würde kein Wort verstehen und nicht wissen, worum es hier ging. Wenn sie ihrem Vater schriebe, könnte der Brief unter Umständen von Magnus’ Feinden abgefangen werden. Und Frau Merete würde sich die Finger blutig schlagen, wenn sie nur ihre Gedanken erführe.

Also nahm sie gesittet und still auf dem Burgberg Abschied von ihrem Mann, verhüllt von dem großen Mantel, den ihr Vater geschickt hatte. Håkon schien der Abschied schwerer zu fallen als ihr. Er beugte sich vom Pferd herab, hob sie hoch und küßte sie. Ihr blieb nichts anders übrig, als ihn fest zu umklammern.

Mit einem Fuß fand sie endlich im Steigbügel Halt. Er küßte sie erneut, so wie Knut Algotsson seine Frau geküßt hatte. Seine sonst so sanften Lippen öffneten sich, und als er sie von ihr löste, legte er ihren Kopf an seine Brust, so daß sie spüren konnte, wie er vor Verlangen brannte.

»Wenn wir uns wiedersehen …«, hörte sie ihn flüstern, »meine teure Frau.«

Ich bin doch schon zwölf Jahre alt, dachte sie, als er sie wieder auf den Boden gehoben und, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus der Burg geritten war. Ich bin doch schon zwölf Jahre alt! Er hätte mich schwanger zurücklassen können, statt dessen ist er jetzt fortgeritten und tut die Dinge, die er mir versprochen hatte, nicht zu tun. Und das nur, weil sein Vater es ihm befohlen hat.

Ingegerd reiste mit zwei gesattelten und bepackten Pferden nach Vreta. Ihr ganzes Hab und Gut war verstaut worden. Es schien, als ob Frau Merete jede Spur ihrer Tochter auf Akershus und in Margaretes Erinnerung auslöschen wollte.

Ingegerd und Margarete hatten tränenreich Abschied voneinander genommen in dem kleinen Kräutergarten, den König Magnus hatte anlegen lassen. Als sie sich dann später unter Frau Meretes Beobachtung Lebewohl sagten, gelang es Margarete, kühl und ruhig zu wirken. Sie wollte Frau Merete nicht die Genugtuung gönnen, sie trauern zu sehen.

Nachdem Ingegerd abgereist war, blieb ihr nur eines, auf das sie warten und hoffen konnte, Briefe von Ihrem Vater und Håkon. Es wunderte sie jedoch, daß ihr keiner von beiden schrieb. Jede Nacht schreckte sie aus dunklen Träumen hoch. Was würde mit ihr geschehen, wenn Håkon fallen sollte? Gab es außer Håkon noch andere, die das Erbe Norwegens antreten konnten? Würden die Mecklenburger mit ihrem Heer in Norwegen einfallen?

Dieser Mann, den sie mehr fürchtete als das Böse selbst und den sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte, dieser Albrecht von Mecklenburg, war der Sohn von König Magnus’ Schwester. Ja, er würde gewiß eine Flotte nach Oslo schicken, sie gefangennehmen und Håkon entmachten. Ihre ganze Welt würde damit zusammenstürzen.

Weder Heer noch Helfer standen ihr zur Seite. Und ihr Vater war weit weg und antwortete nicht auf ihre Briefe. Und so wanderten die immergleichen Gedanken durch ihren Kopf, während sie still den Kräutergarten bewirtschaftete, nähte und stickte, die Bücher las, die ihr die Lehrer gaben, und mit ihrem kleinen Hausstand und Frau Merete zu Tisch saß.

Wenn sie entmachtet würde, bliebe ihr nur die Hoffnung, daß König Valdemar einen neuen Ehemann für sie suchen würde. Witwe und Jungfrau, dachte sie, das war also alles, was das Leben für sie bereithielt.

Wenn sie doch bei Håkons Abreise nur schwanger gewesen wäre. Aber davor hatte sein Vater ihn bestimmt gewarnt. Wenn sie schwanger wäre, könnten sie sie nicht ohne weiteres loswerden, falls sich ein noch aussichtsreicherer Bund ergeben sollte. Vielleicht stand Elsebeth von Holstein noch zur Verfügung.

Eines Tages, ein Sturzregen hatte den Kräutergarten in ein Meer aus Schlamm und Morast verwandelt, zerstörte sie voller Zorn alle Beete mit den feinen Kräutern und Blumen. Sie verschonte nur den Kohl, den würden sie im Winter bitter nötig haben, um nicht nur von schmierigem Brei und ranzigem Speck leben zu müssen. Durchnäßt und wütend ging sie zurück in die Kernburg, zog sich um und setzte sich hin, um an ihren Vater und Håkon zu schreiben, dessen Aufenthaltsort sie nicht kannte. Sie hatte schon so viele Briefe an Håkon geschrieben und sie nie abgeschickt, sondern allesamt versteckt.

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9788726355123
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