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Manfred Eisner
Leise Musik aus der Ferne
Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
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Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Über den Autor
Danksagung
Wie der Zufall so spielt
1. Clarissa
2. Erinnerungen
3. Geisterstunde
4. Alltag
5. Sonntag
6. Gedanken
7. Eintönigkeit
8. Buß- und Bettag
9. Sonnabend
10. Der Ball
11. Tante Alexandra
12. Hausmusik
13. Familiendünkel
14. Aus Clarissas Tagebuch
15. Das Idol
16. Gildefest
17. Abstieg
18. Heiko
19. Aussprache
20. Onkel Suhl
21. Frühling
22. Elend
23. Das Testament
24. Neuanfang
25. Musik aus der Ferne
26. Epilog
Der Autor
Manfred Eisner, Jahrgang 1935, geboren in München, erlebte Kindheit und Jugend als Emigrant in Südamerika und kehrte erst 1957 nach Deutschland zurück. Er studierte Lebensmitteltechnologie im damaligen West-Berlin und war in diesem Beruf bis 1998 als Angestellter und noch bis 2009 freiberuflich als Industrieberater tätig. Er hielt weltweit Vorträge und schrieb zahlreiche Artikel, die – ebenso wie sein bekanntes Fachbuch – in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Seit 1981 wohnt er mit Ehefrau Anke in einer denkmalgeschützten Kate am Elbdeich in Schleswig-Holstein.
Lieber Leser,
es gibt, zweifelsohne, unzählige Liebesgeschichten. Diese hier möchte ich aber erzählen, weil mir sehr daran gelegen ist, dass deren Zeitkulisse noch mal in Erinnerung gebracht wird. Wir erleben leider eine Zeit, in der offensichtlicher Fremdenhass gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern abermals ausbricht. Haben wir denn aus der Geschichte wirklich nichts gelernt?
Mein verbindlicher Dank an meine Familie sowie an alle gleichgesinnten Freunde.
Wie der Zufall so spielt
An jenem kaltfeuchten und nebligen, späten Herbstnachmittag war ich in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes mit hochgeschlagenem Regenmantelkragen neugierig vor einem Plakat am Deutschen Schauspielhaus stehen geblieben, um mir die Übersicht des Spielplans anzusehen. Ganz plötzlich begann es heftig zu regnen und ich suchte rasch Unterschlupf in der ersten offenen Tür, die sich mir in der Nähe bot.
Die feuchte Kneipenwärme schlug sich augenblicklich auf meine Brillengläser nieder. Während ich die Brille mit dem Taschentuch reinigte, sah ich mich in dem von Rauch benebelten Lokal um. Sämtliche Tische waren besetzt und auch an der Theke herrschte reger Andrang. Lesend saß ein einsamer Gast an einem Ecktisch im Hintergrund vor einem halbvollen Bierglas. Ich trat an ihn heran und fragte, ob ich an seinem Tisch Platz nehmen dürfe. Er blickte von dem abgegriffenen, dicken Heft auf und nickte mir freundlich zu.
Ich hängte meinen nassen Regenmantel an einen Garderobenhaken und setzte mich an seinen Tisch. Bei dem schwitzenden Kellner, der gerade eilig vorbeihuschte, bestellte ich ein Alsterwasser. Danach wandte ich mich meinem Tischnachbarn zu, der sich inzwischen wieder seiner Lektüre widmete. Es war ein älterer, grauhaariger Mann. Seine leicht gebräunte Haut ließ den Südländer vermuten. Als ich ihn vorher angesprochen hatte, waren mir die dunklen Augen aufgefallen, die mich mit einem lebhaften Blick unter seinen buschigen, ebenfalls ergrauten Augenbrauen aufmerksam gemustert hatten. Er hatte ein von den Jahren gegerbtes, interessant wirkendes Gesicht und seine Stirn war von tiefen Falten zerfurcht. Diese verliefen so gleichmäßig wie mit einem Pflug auf dem Acker gezogene Gräben. Trotz der muffigen Wärme im Lokal trug er einen leger um den Hals geschlungenen roten Wollschal und einen ziemlich abgetragenen grünen Lodenjanker, unter dem ein dunkelgrüner Rollkragenpullover zum Vorschein kam.
Der Kellner brachte mir das Alsterwasser. Der Mann blickte von seiner Lektüre auf und ich prostete ihm zu. Freundlich lächelnd griff er nach seinem Bierglas und hob es mir entgegen. Hastig trank ich einen langen Schluck.
„Haben Sie großen Durst?“, fragte er mit verständnisvollem Schmunzeln. Seine Stimme war tief und männlich und klang sehr melodisch. Obwohl seine Aussprache durchaus korrekt war, hörte ich einen unverkennbar ausländischen Akzent heraus.
„Oh, ja, sogar einen riesigen!“, gab ich aufrichtig zu und stellte mein Glas auf dem Bierdeckel ab. „Leben Sie schon lange in Deutschland?“
„Schon seit fast fünf Jahren“, erwiderte er, indem er sein Heft zuklappte und es auf den Tisch legte, wohl als freundliches Zeichen dafür, dass er sich gern mit mir unterhalten wollte.
„Sie sprechen sehr gut deutsch“, stellte ich der Höflichkeit halber fest.
„Wissen Sie, ich komme aus Brasilien, aus dem Staate Rio Grande do Sul, wo es schon seit vielen Generationen eine Menge deutschstämmiger Brasilianer gibt. Ich bin dort in einer der kleineren Städte geboren und aufgewachsen, besuchte aber im Ort eine Schule, in der die deutsche Sprache als Wahlfach bis zum Abitur belegt werden konnte. Dafür hat mein Vater gesorgt, denn er hatte eine besondere Vorliebe für deutsche Komponisten und Schriftsteller. Er gab mir sogar einen deutschen, na ja, sagen wir eher, einen fast deutschen Vornamen. Da wir schon bei diesem Thema angelangt sind“, sagte er, indem er sich förmlich erhob und mir seine Hand entgegenhielt, „darf ich mich doch vorstellen: Érico Veríssimo.“
„Welch ein Zufall!“, entgegnete ich vergnügt und ergriff die dargebotene Hand. „Mein Vater hieß ebenfalls Erich.“ Ich stellte mich vor.
„Sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich weiß, hier sagt den Leuten mein Name nicht viel. Ich bin Schriftsteller, und in meiner Heimat sogar ein ziemlich bekannter“, sagte er, nicht ohne einen gewissen Stolz.
„Ach“, sagte ich, „das ist ja sehr interessant. Es ist doch für einen Schriftsteller sicherlich sehr beschwerlich, außerhalb seines heimatlichen Sprachgebietes zu wirken. In diesem Zusammenhang fällt mir gerade Stefan Zweig ein. Kurz nach der Machtergreifung durch die Nazis und dem Anschluss Österreichs zog er es vor, Deutschland zu verlassen und fand Zuflucht in Brasilien. Obwohl er dort sein wunderbares Werk ‚Brasil‘ schrieb, als Dank an Ihr Land, das ihm so gastfreundlich Asyl gewährte, konnte er die Trennung von seinem eigenen sprachlichen Umfeld nie verwinden, war voller Heimweh und nahm sich schließlich das Leben.“
„Ja, das war wirklich eine tragische Geschichte. Ich bin ihm leider nicht persönlich begegnet, weil er in Petropolis bei Rio wohnte, sehr weit weg von meiner Stadt. Allerdings war er mir als Autor schon damals bestens bekannt und ich hatte die meisten seiner Novellen und Biografien mit Begeisterung gelesen.“ Er machte eine Pause. „Da gibt es auch eine gewisse Parallelität der Ereignisse“, sagte er dann: „Sehen Sie, auch ich musste leider aus ähnlichen Gründen wie Stefan Zweig meine Heimat verlassen!“
„Wieso?“ Ich sah ihn verwundert an. „Wurden Sie etwa auch verfolgt? In Brasilien?“
„Bedauerlicherweise ja! Sicherlich wissen Sie es, mein Land leidet schon seit Jahren unter einer Militärdiktatur. Kaum jemand im Ausland kann es ahnen, wie gemein und brutal diese Schergen jeden verfolgen, der es wagt, gegen ihre Willkür aufzumucken und etwa ihre Schandtaten öffentlich beim Namen zu nennen. Wer nicht kuscht, muss hart darunter leiden! Als Schriftsteller ist man natürlich besonders gefährdet, außer man ist gewillt, sich denen unterzuordnen oder wenigstens folgsam zu schweigen. So musste ich wegen eines recht kritischen politischen Artikels fliehen, den ich in einer der wenigen damals noch erscheinenden, frei denkenden Zeitungen verfasst hatte.“
Mehrfach hatte ich bei seinen Worten zustimmend genickt. Auch mir war hinreichend bekannt, wie wenig zimperlich lateinamerikanische Diktatoren mit ihren Gegnern umzugehen pflegten.
„Glücklicherweise“, setzte er fort, „wurde ich von einem Vetter, einem Polizisten, noch gerade rechtzeitig vor meiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt. In derselben Nacht verließ ich mein Haus und machte mich zu Fuß auf den Weg. Nach einer langen Woche, während der ich mich tagsüber versteckt hielt und nur bei Anbruch der Dunkelheit auf die Straße wagte, überschritt ich heimlich die Grenze zu Uruguay, das ja an den Staat Rio Grande do Sul angrenzt. Dort war ich in Sicherheit! Mir wäre es mit Bestimmtheit sehr übel ergangen, hätten mich diese bösen Buben erwischt!“
Wir schwiegen. Diese Schilderung hatte offensichtlich in ihm die ganze Tragödie seines Schicksals aufgewühlt, denn er schnaufte heftig und aufgeregt. Seine Augen verrieten die aufgestaute Wut und den Hass auf seine Verfolger. Als ob er einen bitteren Geschmack in seiner Kehle wegwaschen wollte, leerte er das Bierglas mit einem Schluck.
Ich tat es ihm gleich. Dann winkte ich den Ober heran und bestellte für uns beide nach.
„Und wie kamen Sie dann hierher?“, fragte ich neugierig. Sein ärgerlicher Blick wich ebenso rasch, wie er aufgekommen war.
„Für einige Monate lebte ich in Montevideo. Dort ergab sich jedoch für mich keine Möglichkeit, Fuß zu fassen. Die dortige Landessprache ist zwar Spanisch, die ich auch spreche und verstehe, da sie dem brasilianischen Portugiesisch ziemlich ähnlich ist.“ Er lächelte: „Wir nennen dort aus Spaß die bunte Mischung aus beiden Sprachen ‚Portuňol‘. Daher beherrsche ich das Kastilianische eben doch nicht gut genug, um in dem Stil, der mir eigen ist, Essays oder Romane zu schreiben. Ich schrieb also zunächst in meiner Muttersprache, fand aber in Brasilien keinen Verlag, der es nach meiner Flucht gewagt hätte, meine im Exil geschriebenen Werke zu publizieren. Anfänglich erhielt ich noch eine kleine finanzielle Unterstützung seitens meiner Familie, aber die hatte es auch ziemlich schwer und so konnte es einfach nicht weitergehen. Damals kam mir der Zufall zu Hilfe, in Form einer Begegnung mit dem Kulturattachée der Deutschen Botschaft. Dieser Herr freute sich sehr, mich kennenzulernen, denn ich war ihm als Autor bekannt. Als er mehrere Jahre an der Botschaft Ihres Landes in Brasilien gewesen war, hatte er einige meiner Bücher gelesen. Mit seiner freundlichen Unterstützung und mit Hilfe des Goethe-Instituts erhielt ich bald darauf ein Stipendium von einer privaten Stiftung für Fortbildung von Künstlern, um in Deutschland für zwei Jahre meine Sprachkenntnisse zu verbessern.“
Er machte eine kurze Pause und wir tranken aus den Gläsern, die uns der Kellner zwischenzeitlich gebracht hatte. Dann fuhr er fort: „So kam ich vor fünf Jahren nach Deutschland. Erst lebte ich in Bonn. Später, nach Beendigung des Studiums, zog ich nach Hamburg. Hier hatte man mir eine Stellung als Übersetzer für Portugiesisch angeboten. Ich kann davon eigentlich gut leben. Ganz bescheiden, keine großen Sprünge, verstehen Sie? Aber ich bin zufrieden. Ein alter Mann wie ich hat keine extravaganten Bedürfnisse mehr!“
„Schreiben Sie noch?“
„Oh, ja, leidenschaftlich gern. Und nicht nur auf Portugiesisch. Weil Sie mich gerade fragen: Sehen Sie, hier“, sagte er, indem er auf das dicke Heft auf dem Tisch deutete: „Ich habe mich sogar schon in der deutschen Sprache versucht!“
„Und was ist es, etwa ein Roman?“, fragte ich gespannt.
Veríssimo nickte lächelnd. „Ja, genau! Ein Roman. Und für mich sogar ein ganz besonderer. Aber ich weiß nicht, ob Sie das überhaupt interessieren wird.“
„Doch, doch, erzählen Sie, bitte!“, bedrängte ich ihn. Er hatte mich tatsächlich neugierig gemacht.
„Also gut. Die Originalfassung dieses Romans habe ich schon vor vielen Jahren, genauer gesagt im Jahre 1934, in Brasilien geschrieben, um an einem Literaturwettbewerb teilzunehmen. Er wurde prämiert und das Buch wurde sogar ein Erfolg.“ Er machte eine Pause und setzte nachdenklich fort: „Vielleicht wissen Sie, wie es in der Gedankenwelt des Autors einer von ihm verfassten Geschichte geht. Mit der Zeit identifiziert er sich dermaßen mit den Personen seines Werkes, dass diese für ihn an Realität gewinnen, so als ob sie in Wirklichkeit existierten. Er beschäftigt sich mit ihnen derart intensiv, bis sie seine Gedanken vollkommen beherrschen. Er kommuniziert und lebt sozusagen Tag für Tag mit ihnen. So ging es auch mir mit meiner ‚Musica ao Longe‘. Vor etwa einem Jahr kam mir zunächst die Idee, dieses Buch ins Deutsche zu übersetzen. Aber dann fand ich, dass es für den hiesigen Leser wohl kaum besonders interessant sein würde. Die damalige Zeit liegt weit zurück und der Ort und die Hintergründe der Handlung würden hierzulande kaum Anklang finden. Daher ließ ich diesen Gedanken fallen.
Dann geschah plötzlich in meiner Gedankenwelt eine eigenartige Metamorphose: Meine Hauptfiguren, Clarissa und Vasco, spukten immer heftiger in meiner Fantasie herum, und siehe da, eines Tages verwandelten sie sich in Clarissa und Heiko! Und so entstand nach und nach diese ‚Leise Musik aus der Ferne‘.“ Er blätterte in dem abgegriffenen Heft. „Aus dem kleinen Städtchen Jacarecangá im Staate Rio Grande wurde Oldenmoor, irgendwo im Nordwesten Schleswig-Holsteins zwischen Marsch und Geest. Die stolze Sippe der Albuquerques wandelte sich in die herrschaftliche Familie von Steinberg; Seu Locadio Santarem, mein liebenswerter und schalkhafter Pseudoweise, schlüpfte in die Hülle von ‚Onkel‘ Harald Suhl. Aus dem italienischen Bäckersohn ‚Pé de Cachimbo‘ Gamba wurde sein polnisches Konterfei ‚Klumpfuß‘ Rembowski. Den anderen Romanfiguren erging es ebenso.“
Er trank einen Schluck und besann sich für einen Augenblick. Dann fuhr er fort: „Die geänderten Persönlichkeiten, der Umzug aus dem fernen Brasilien in die hiesige Umgebung, eine vollkommen anders geartete Welt, und, vor allem, der rundweg ungleiche zeitlichhistorische Hintergrund, der gerade in dem Deutschland der schicksalhaften neunzehnhundertdreißiger Jahre eine so bedeutende Rolle spielt, verliehen den Figuren und deren Rollen in meinem Roman eine besondere Eigendynamik, die allerdings, wie ich recht hoffen will, dem Charme meiner ursprünglichen Geschichte keineswegs geschadet hat.“
Ich hatte ihm aufmerksam zugehört und war tief beeindruckt. „Könnte ich mir vielleicht das Buch einmal ansehen?“, fragte ich darauf.
„Ich hätte eigentlich nichts dagegen“, antwortete er mit dem ihm so eigenen Schmunzeln. „Doch leider ist meine Handschrift ziemlich unleserlich und dieses Manuskript steckt voller Korrekturen. So ergibt es wirklich keinen Sinn!“
Während der folgenden Pause sah er mich an. Dabei musste er offensichtlich die Enttäuschung, die auf meinem Gesicht geschrieben stand, bemerkt haben, denn er fügte rasch hinzu: „Wenn Sie es aber wirklich möchten, kann ich Ihnen ein wenig daraus vorlesen.“
„Das finde ich sogar noch viel besser!“, sagte ich.
Der Schriftsteller klappte sein Manuskript auf und las mit melodischer Stimme vor.
1. Clarissa
Clarissa zeichnet mit Kreide jene Landschaft auf die Tafel, die ihre Schüler später nachzeichnen sollen. Ein Häuschen mit Tür und Fenstern auf einem Hügel, daneben eine mächtige Esche. Wie bei uns zu Hause, denkt sie im gleichen Augenblick, in dem sie den mächtigen Stamm und die Äste zeichnet. Dazu einen Weg, der sich durch die Landschaft schlängelt, um sich am Horizont zu verlieren. Kreidewölkchen auf dem schwarzen Tafelhimmel, eine runde und fette Sonne mit funkelnden Strahlen, ein kleiner Teich, in dem Enten schwimmen …
Clarissa geht einige Schritte zurück, um ihr Werk zu begutachten. Das Murmeln der Stimmen hinter ihr nimmt zu und ebbt wieder ab, wie Orgelmusik. Ein Stuhl fällt um. Explosives Lachen.
„Ruhe!“, ruft die Lehrerin, indem sie sich den Schülern zuwendet. „Passt jetzt gut auf und seht euch das Bild, das ich auf die Tafel gezeichnet habe, genau an.“
Alle Augen richten sich auf das schwarze Rechteck. Ein kleiner Finger zeigt zur Decke.
„Fräulein von Steinberg!“
„Was willst du, Hannes?“
„Wie kommt es, dass das Dach von dem Haus bis in die Wolken hineingeht?“
Gelächter. Clarissa unterdrückt ein Lächeln. „Pst! Ruhe!“, ruft sie streng. Und dann fährt sie mit einer weichen Stimme fort: „Nein, Hannes. Das Dach ragt nicht in die Wolken hinein. Wenn man ein Haus von Weitem ansieht, bekommt man zwar diesen Eindruck, und auch auf Bildern und Fotografien ist es immer auf diese Weise zu sehen. Es kann ja auch gar nicht anders sein.“
Hannes gibt nicht auf. „Warum nicht?“
„Weil es nicht anders geht.“
Eine andere Hand schnellt hoch.
„Was ist, Gisela?“
„Hat das Haus nicht auch einen Schornstein?“
Clarissa lächelt. „Möchtest du, dass ich einen Schornstein hinzufüge?“
Gisela nickt eifrig mit dem Kopf.
„Also zeichnen wir eben einen Schornstein hinzu.“ Sie baut einen Schornstein aus Kreidestrichen auf das Dach.
Noch ein piepsiges Stimmchen: „Es feh’t noch was, Fräu’ein ’ehrerin!“
„Also sag schon!“
„Der Rauch.“
„Ach so. Ja, du hast recht!“ Und bald steigt Rauch aus dem Kamin in die Wolken empor. „Fehlt noch irgendetwas?“
„Es fehlt!“
„Was denn?“
„Eine Kuh.“
Lachen.
Die Lehrerin wirft einen hilflosen Blick auf ihre Schüler.
„Um Gottes willen, Wiebke! Warum willst du denn ausgerechnet eine Kuh auf diesem Bild haben?“
„Weil mir Kühe so gut gefallen.“
„Na gut. Wir zeichnen also noch deine Kuh hinein …“
Sie wendet sich wieder der Tafel zu und fängt an, die Kuh zu skizzieren. Die Schnauze, die Hörner, den Nacken, den Körper, den Schwanz …
„Da fehlt noch etwas, Fräulein von Steinberg!“
„Sag, Jochen, was fehlt?“
„Der Titt!“
Lautes Lachen, Aufruhr.
Clarissa schreit: „Ruuuhe! Jochen, benimm dich!“
Jochen senkt die Augen.
Clarissa bittet um Aufmerksamkeit. „Jetzt schaut euch bitte alle diese Landschaft genau an. Danach werde ich das Bild löschen und jeder von euch wird es in seinem Heft aus dem Gedächtnis nachzeichnen.“ Sie lässt einige Minuten verstreichen. „Achtung, ich lösche jetzt.“
Sie nimmt den Schwamm und die Landschaft aus Kreidestrichen verschwindet in einem weißen Nebel.
„So, und jetzt los, alles zeichnet!“
Sie geht an ihr Pult zurück. Vom Podium aus sieht sie auf ihre Schüler herab, und als sich die kleinen Köpfe über die Hefte beugen, hat sie den Eindruck, als ob eine Vielfalt farbiger Früchte – blond, braun, rötlich und hier und da dunkel – auf den Wellen eines Stromes schwimmen würde.
Welch eigenartiger Vergleich! Früchte! Wer weiß wohl, was einmal aus diesen Kindern wird? Wie viele große Männer und Frauen der Zukunft sitzen hier auf ihrer Schulbank, mit der Bleistiftspitze an der Zunge, eifrig bemüht, die Landschaft aufs Papier zu zaubern, die ihnen das „Fräu’ein ’ehrerin“ auf der Tafel vorgezeichnet hat?
Clarissa versinkt in ihren Gedanken. Helles Licht scheint durch die Fenster. Der Vormittag altert dahin. Ein Kalenderblatt an der Wand verkündet, dass wir heute den 20. September 1931 haben. Eine Weltkarte behauptet, dass die Erde eine Kugel mit abgeflachten Polen sei. Von den anderen Klassen dringen markante Stimmen herüber: Lehrer, die laut sprechen. Die dunkle Stimme von Herrn Möller aus der Fünften, Heikes schrille Stimmlage aus der Zweiten.
Clarissa steigt vom Podium herab und wandert mit den Händen auf dem Rücken durch die Reihen der Schulbänke. Sie gewöhnt sich jetzt langsam an die Kleinen. In den ersten Tagen war es ihr sehr mulmig zumute: Sie stand zum ersten Mal allein vor einer Schulklasse und sie hatte sogar Hemmungen, laut zu sprechen. Sie wurde rot, wenn sie sprach. Diese kleinen Gesichter – einige ernst, andere boshaft oder gehässig, andere wieder anscheinend gleichgültig oder frech und alle insgesamt irgendwie geheimnisvoll – hielten sie stets in Alarmbereitschaft. Sie befürchtete, dass irgend so ein kleiner Lümmel sie beschimpfen würde oder dass sie sich alle weigern würden, ihre Anordnungen zu befolgen.
Ihre Ängste schwanden jedoch nach und nach. Jetzt ist sie Herr der Lage – natürlich nicht immer …! Die Namen der meisten ihrer Schüler kennt sie bereits auswendig. Sie mag sie schon sehr, als ob sie ihr gehörten, ihre Brüder und Schwestern, ihre Kinder wären …
Eine schwache Stimme ist zu hören: „Fräulein von Steinberg!“
„Was ist, Beate?“
„Wenn man nicht zeichnen können …“
„Kann, Beate, kann …“
„Wenn ich nicht eine Kuh zeichnen kann, darf ich dafür eine Katze zeichnen?“
„Du darfst.“
Clarissa wandert weiter durch die Klasse. Sie verweilt vor einem Fenster. Wie verschieden ist doch eine wirkliche Landschaft von der, die man mit Kreide auf eine schwarze Tafel malen kann! Unmöglich, den ungewöhnlich blauen Septemberhimmel, die überwiegend noch grünen, aber schon leicht gelblich schimmernden Blätter der Bäume, die dunkle Marscherde, die grünen Wiesen und die Häuser aus roten Backsteinen nur schwarz-weiß wiederzugeben … Aber um bei der Wahrheit zu bleiben: Die von Malern erzeugten Bilder sind manchmal doch sehr viel schöner als die echte Natur, ist es nicht so?
Es vergehen einige Minuten. Clarissa fühlt eine Leere im Magen. Hunger? Ihr Blick wendet sich zur Uhr: halb zwölf.
In ihren Gedanken läuft ein Kurzfilm ab: die Diele im Herrenhaus, der Papa, die Mama, Tante Therese, das Esszimmer, der gedeckte Tisch, die schmackhafte frische Suppe, die das Lenchen in ihrer Küche zubereitet hat.
„Fräulein von Steinberg! Ich kann die Sonne nicht malen … sie wird nicht rund!“
Clarissa setzt sich neben Petra auf die Bank, nimmt ihr den Bleistift aus der Hand und zeichnet in deren Heft eine schöne, runde Sonne auf den Himmel aus kariertem Papier.
Der Unterricht ist für heute zu Ende. Die Schule, denkt Clarissa, gleicht einem riesigen Drachen, der durch das Maul des Hauptportals die Kinder ausspeit, die schreiend in einem Reigen aus farbigen Kleidern herausströmen. Genau wie die Tiere in den Märchen …
Der Drachen aus rotem Backstein mit den zwanzig Augen seiner Fenster wohnt auf einem Hügel. Zu seinen Füßen liegt Oldenmoor in der strahlenden Mittagssonne: Die vielen dunklen Reetdächer, vermischt mit hell- und dunkelroten Dachpfannen, kontrastieren mit dem bereits herbstgefärbten Laub der Bäume, mit den abgeernteten und längst wieder gepflügten Feldern, mit dem Grün der Tannen und Fichten. Die mit Katzenköpfen gepflasterten Straßen sehen aus wie dunkle Narben im Körper der Kleinstadt. Hoch über den Dächern ragt der mit Grünspan überzogene Kirchturm auf dem Marktplatz hervor.
Clarissa wartet auf Heike. Während des Wartens denkt sie nach. Wenn die Felder ein Meer wären – die durch die Entwässerungsfleete durchzogene Marsch besteht eher mehr aus Wasser als aus Land –, dann wäre Oldenmoor eine Insel. Eine verlorene Insel. Ein kleines Eiland mit eigenartigen, komischen Bewohnern. „Onkel“ Suhl, Hein Piepenbrink, Herrn Johansens Tanzkapelle, das Colosseum, der „Bildpalast“ – Herrn Ehlers’ Kino, das Café Petersen am Marktplatz …
Heike unterbricht Clarissas Gedankenausflug: „Wollen wir, Clarissa?“
„Ja, lass uns gehen!“
Gemeinsam gehen sie den Weg von der Schule hinunter in die Stadt. Heike, mit ihrer verbogenen Brille auf der roten, glänzenden Nase, beschwert sich unaufhörlich über ihre Klasse. Diese unruhigen, geschwätzigen, schlecht erzogenen Gören! Nicht zum Aushalten! Sie hat eine metallische Stimme, die sich anhört wie energische, rhythmische Hammerschläge. Sie spricht mit einem autoritären, belehrenden Gehabe, das manchen von denen, die immer unterrichten, so eigen ist. Stets sitzen ihre Strümpfe schief – Wollstrümpfe, dünne Beine, ausgetretene Schuhe. Trotzdem, Clarissa mag sie. Sie ist ihr die liebste ihrer Kollegen. Nicht eingebildet, gerade heraus, einfach. Und außerdem verlangt sie nicht einmal, dass man viel spricht: Sie sprudelt einfach los, und es stört sie nicht im Geringsten, wenn man ihr weder zuhört noch antwortet.
„Das Pensum ist ein Wahnsinn! Das Schuljahr ist viel zu kurz, um das alles zu schaffen!“ Sie spricht mit übertriebenem Staccato, als ob sie unsichtbare Nägel in die Luft einschlagen wolle. „Ich möchte gern denjenigen sehen, der das alles schaffen kann!“
Heike spricht weiter, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, so als ob sie sich bei den Wolken beschweren wolle. Clarissas Gedanken wandern auf eigenen Wegen.
Die beiden Freundinnen biegen in die Deichstraße ein. Mit lautem Geratter fährt ein Automobil an ihnen vorbei. Ein Hund hebt das Bein und hinterlässt flüssige Arabesken an einem Lichtmast. Die Sonne wird von einer dicken Wolke verschluckt. Sie gehen weiter. Die blitzblanken Glasfenster der Häuser glitzern in der Sonne, die jetzt wieder vom blauen Himmel herunterscheint.
„Hast du die neuen Hüte im Modehaus Suhr gesehen?“
Clarissa schüttelt den Kopf: Sie hat nicht. Sollte etwa Heike diese komische neue Mode mögen, mit dem winzigen Kopfteil und den riesigen, weit herabhängenden Krempen, diese Hüte, die man so ganz hoch oben auf dem Scheitel trägt? Nein, nicht möglich! Heike trägt immer nur Baskenmützen. Einfach und billig.
Sie gehen jetzt schweigend nebeneinander her. In der Rathausstraße begegnen sie mehreren Passanten, die man gewohnheitsmäßig grüßt und die ebenso automatisch zurückgrüßen. Gegenüber dem Colosseum steht Frisör Johansen, der auch die Tanzkapelle leitet, vor seiner Tür und blättert in der Lokalzeitung. Sie sind an Heikes Wohnhaus angelangt.
„Tschüss!“
„Tschüss!“
Sie geben sich einen Kuss. Heike hat diese ekelige Angewohnheit, auf den Mund zu küssen. Clarissa muss sich zusammennehmen, um ihren Widerwillen zu verbergen.
In der Kaiserstraße kommt sie am Haus von Harald Suhl – „Onkel Suhl“ – vorbei, das hellbraun getünchte Gebäude mit dem spitzen Giebel, an dessen Obergeschoss der kunstvoll aus Eisen geschmiedete, grün gestrichene Balkon mit den schönen weißen Schwänen hervorragt. Und oben auf dem Dachfirst die Windfahne mit dem dürren, schwarzen Wetterhahn. Wie viele Erinnerungen sind mit diesem Hause verbunden! Als sie noch ein kleines Mädchen war, kam Clarissa eines Abends dort hin, um mit ihren Spielkameraden durch das Teleskop von Onkel Suhl zu schauen, eine von Grünspan überzogene Metallröhre. Der Alte mit seiner brüchigen Stimme gab seltsame Sprüche von sich, die niemand so recht verstand, lutschte ständig Pfefferminz-Pastillen und trug eine kleine Wollmütze auf dem kahlen Kopf.
„Kommt her, ihr dürft durch das Teleskop gucken“, lud er die Bande ein und knurrte wie ein misstrauischer, junger Hund.
Clarissa schaute durch das Okular des Rohres. Onkel Suhl erklärte alles: „Der Mond ist ein Satellit der Erde. Was du da gerade siehst, sind die Krater der erloschenen Vulkane auf der Mondoberfläche …“
Was Clarissa in Wirklichkeit sah, war irgendetwas Weißliches, Undeutliches und Undefinierbares.
„Hast du auch die Berge bemerkt?“, fragte er mit eigenartiger Stimme. „Und auch die Seleniten, die Mondmenschen?“
Clarissa hatte Angst vor Onkel Suhl. Sie bejahte, nur damit er nicht ärgerlich wurde. Aber Vetter Heiko lachte frech in das Gesicht des Alten: „Ach was! Nix ist da zu bemerken! Dein Periskop taugt nix, Onkel Suhl!“
„Du Lump!“, fuhr ihn der Alte an, in einem Ton zwischen Entrüstung und Belustigung.
Sie zuckte zusammen. Was für ein furchtloser Knabe war doch der Heiko. Er hatte tatsächlich den Mut, dem Onkel Suhl zu widersprechen …
Danach stieg die ganze Bande die dunkle Stiege hinab. Aufgescheuchte Mäuse huschten an ihnen vorbei. Auf dem Schreibtisch dieses seltsamen Alten lag ein furchterregender Totenkopf. Clarissa schloss fest ihre Augen und eilte an diesem vorbei. Ach! Dieses obere Stockwerk war doch sehr geheimnisvoll!
Während Clarissa weitergeht, wandern auch ihre Gedanken. Junge Menschen lernen, durch Studium und Bücherlesen vieles besser zu verstehen. Eigenartigerweise fühlen sie später trotzdem oft noch genau dasselbe, was sie schon als Kinder einmal empfanden. Manche Eindrücke sind auch durch den gereiften Verstand nicht zu verdrängen … So behaupten wir zum Beispiel, dass wir nicht an Geister glauben. Aber die Wahrheit ist doch, dass wir nicht ohne eine gewisse Angst ein dunkles Zimmer betreten oder an Spukhäusern oder am Kirchhof rasch vorbeieilen, ohne hinzusehen …
Das Lenchen serviert das Mittagsmahl. Sie bringt die Suppenterrine auf einem Tablett herein. Mit ihrem ergrauten Haar und ihrer weißen Küchenschürze um die volle Taille erinnert sie Clarissa an eine Reklame für Scheuermittel, die sie in einer Zeitschrift gesehen hat: „Ich putze meine Töpfe nur mit Blitzblank!“
Der Papa sitzt an seinem angestammten Platz. Er bindet sich eine Serviette um den Hals, nachdem er damit – unausbleiblich! – sorgfältig seinen Löffel geputzt hat, und hüstelt.
Die Mama hebt den Deckel der Terrine an. Dampf steigt in die Luft und verbreitet einen appetitlichen Duft. Frau Annette taucht die silberne Suppenkelle in die Schüssel. „Suppe, Hans-Peter?“
Der Gatte nickt.
„Auch du, meine Kleine?“
„Ja, bitte.“
Tante Therese mit ihren großen, rehbraunen Augen in dem gelblichen Gesicht versichert, dass sie keinen Hunger habe und lehnt dankend ab.
„Vergiss deine Lebertropfen nicht, Schwester.“
Tante Therese ist die Schwester der Mama. Seit zwölf Jahren ist sie mit Hein Piepenbrink verlobt. Die ganze Familie fragt sich: „Also, wann wird nun endlich geheiratet?“ Der Bräutigam beteuert immer wieder, dass er sofort heiraten werde, wenn man ihm endlich die versprochene Gehaltsaufbesserung auszahle; diese jedoch lässt schon sehr lange auf sich warten. Und so vergeht ein Tag nach dem anderen.
„Heute habe ich wieder mit der Bank verhandelt“, klagt Hans-Peter. „Ich kriege schon graue Haare wegen dieser verwünschten Wechsel …“
Frau Annette seufzt. Hans-Peters Gesicht verfinstert sich. Und Clarissa ahnt, dass das, was jetzt kommen wird, ja kommen muss, das, was die Frauen so fürchten: Geschäftliches!
In den Wirren der Inflation verlor der Papa das gesamte Gut mit all seinen Gebäuden, Wäldern, Ländereien und dem Vieh. Es verblieb ihnen fast gar nichts. Jetzt besitzt man nur noch dieses riesige Stadthaus, aus dem aber die Freude ausgezogen ist. In früheren Zeiten lachten alle und unterhielten sich angeregt bei den Mahlzeiten. Jetzt herrschen nur noch Mutlosigkeit und Traurigkeit und es wird lediglich vom Sparen gesprochen: weniger Fleisch, keine Butter, nicht so viel Strom zu verbrauchen, nicht so viele Kohlen zu verheizen … Gelegentlich scheint es, als ob man die Sorgen vergessen hat und es belebt sich die Unterhaltung. Wenn aber jemand das leidige Wort „Geld“ ausspricht – dann passiert es: Alle verharren mit betrübten Gesichtern.
Geld, Geld! Gibt es denn auf dieser Welt nichts Wichtigeres als Geld? Beklommen stellt sich Clarissa selbst diese Frage.
Der Papa erwähnte soeben die Bankwechsel. Niemand hat jetzt noch Appetit.
Clarissa versucht die Situation zu retten, das Gespräch in andere Bahnen zu leiten: „Heute gab ich meinen Schülern die Aufgabe, eine Landschaft mit einem Haus …“
Niemand hört ihr zu. Anscheinend hat der Papa lediglich das Wort „Haus“ wahrgenommen, weil er sofort die Tochter unterbricht, indem er bemerkt: „Wenn ich schließlich und endlich wenigstens dieses Haus retten kann, dann wäre ich schon sehr zufrieden …“
Er schiebt den Suppenteller von sich. Tante Therese zählt zwanzig Lebertropfen auf einen Suppenlöffel.
„Lene, servieren Sie jetzt bitte den Hauptgang“, sagt Frau Annette.
An der Wand hängt in einem versilberten Rahmen eine Kopie des „Letzten Abendmahls“ von Leonardo da Vinci. Brot und Wein. Clarissa wirft ihren Blick auf das Bild und vertieft sich in ihre Gedanken … Plötzlich hat sie den Eindruck, als ob Jesus sie vom Bild herab etwas spöttisch anblicke und ihr sagen wolle: „Wir zwei sind uns wohl nicht so ganz einig, nicht wahr, Clarissa?“
2. Erinnerungen
Clarissa betritt den geräumigen Salon, die gute Stube, die den bedeutenden Besuchern des Hauses vorbehalten ist. An der Wand hängt oberhalb des breiten Kamins das riesige Portrait des Urgroßvaters: In voller Größe steht der Held des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 bis 1871 da, gekleidet in seine Galauniform mit goldenen Achselklappen, die Brust mit Orden behängt, die Hände in weiße Handschuhe gehüllt. Eine davon umfasst den Griff des mächtigen Kavallerie-Säbels. Das strenge Gesicht des Generals ist von buschigen, schneeweißen Koteletten umrahmt.
In der Stube herrscht Dunkelheit. Seit ihren Kinderjahren hat Clarissa dieses Bild immer wieder betrachtet. Der Papa erzählt viele Geschichten über den General, der ein sehr gerechter und sparsamer Mensch, Wohltäter der Armen, guter Herr seiner Knechte und Tagelöhner war. Er dichtete Sonette, spielte die Geige, hielt jeglichen Verdruss von seinem Hause und den Seinen fern; er war Seiner Majestät, dem Kaiser, wohlbekannt, kämpfte wie ein Löwe unter General von Moltke bei der Belagerung von Metz und fiel ehrenhaft für das Vaterland auf dem Schlachtfeld von Sedan.
Clarissa kennt diese Geschichten auswendig. Aber als sie noch klein war, ging sie nie allein in diese Stube, vor allem nicht, wenn es dunkel war. Dieses verschlossene Gesicht und die riesige, von Gold bedeckte Gestalt flößten ihr ungeheure Furcht ein. Und wenn plötzlich der General aus dem Rahmen spränge, mit dem blanken Säbel in der rechten Hand durch das Haus liefe, Stühle umwerfend, Porzellan zertrümmernd, Menschen tötend? Clarissa betrachtet das Ölgemälde des Urgroßvaters. Obwohl sie jetzt eine erwachsene junge Dame ist, kann sie das Quäntchen Angst nicht unterdrücken, das sie noch empfindet: Ihr ist bange vor diesem brummigen Riesen mit der mächtigen Gestalt …
Die Stube hat einen ganz besonderen Duft. Als Clarissa noch klein war, dachte sie, dass der merkwürdige Geruch von diesem Gemälde ausginge. Auch heute besteht bei ihr noch dieser Eindruck, wenn auch in abgeschwächter Form. So sehr sie sich auch darum bemüht, gelingt es ihr nicht ganz, diese Empfindung loszuwerden.
Sie öffnet ein Fenster: Die Nachmittagssonne strömt herein und erleuchtet das Portrait des Generals. Die brüchigen Stellen am bemalten Gewebe werden sichtbar, die güldenen Achselklappen, Litzen, Knöpfe und Orden glänzen jetzt besonders. Der gesamte Salon offenbart dem starken Licht mit einem Mal seine Geheimnisse: die alten Möbel aus dicker Eiche, der gepolsterte Diwan, die hübsche Obstschale aus bemaltem Ton in der Mitte des mit rotem Samt bedeckten, ovalen Tisches. An der Wand das Bild der Großmutter Henriette; der ovale Spiegel in dem dicken, mit schwungvollen Ornamenten übersäten Rahmen.
Der Papa wiederholt immer: „In diesem Salon war einmal der Kaiser zu Gast, als er noch König von Preußen war.“ Kater Moritz jedoch ignoriert dies gänzlich und zollt der Erinnerung an den hohen Besuch keineswegs den gebührenden Respekt. Clarissa blickt erstaunt auf den Boden, auf den kleinen, dunklen See, in dem die Sonne kleine Feuersterne malt. Dieser Schurke! „Kathrein“, ruft sie, „komm schnell und sieh dir an, was der ungezogene Moritz in der Stube hinterlassen hat!“
Clarissa öffnet den grünen Deckel ihres Tagebuches und schreibt: Ich möchte Dir, liebes Tagebuch, alles anvertrauen, alles, was ich fühle, alles, was ich denke. Obwohl man ja eigentlich nie alles niederschreibt, was man wirklich denkt. Warum ist es so, dass wir nur im tiefsten unserer Gedanken absolut ehrlich sind?
Ich muss mich mit Dir unterhalten, ich habe sonst niemanden, dem ich meine Gedanken anvertrauen kann. Meine Lehrer-Kollegen an der Schule mögen mich nicht sehr (ich weiß nicht wieso!). Die Einzige, mit der ich mich unterhalte und die mich gelegentlich aufsucht, ist Heike.
Mit dem Tagebuch ist es so, als ob ich mich mit mir selbst unterhalte. So gewinne ich eben den Eindruck, dass ich nicht so allein bin.
Was kann ich sonst noch erzählen? Heute ist ein wunderschöner Herbsttag, richtiger Altweibersommer. Im Garten vorm Haus blühen die Astern. Schande! Eine Lehrerin, die „vorm“ sagt! Es heißt doch richtig auf Hochdeutsch „vor dem Hause“. Das hört sich ganz besonders pedantisch an … Warum schreiben die Leute nie so, wie sie wirklich sprechen? Na, macht ja sowieso nichts, niemand wird je mein Tagebuch lesen. Und wenn ich sterben sollte? Wenn ich sterbe, dann wird die Mama nach der Beerdigung, ganz in Schwarz gekleidet, hier hereinkommen, um meine Sachen zu ordnen. Stell dir vor, sie findet dieses Tagebuch, öffnet es, liest darin und erfährt so alle meine Geheimnisse!
Nein, nur das nicht! Ich muss dieses Tagebuch vernichten, bevor ich sterbe. Das Schlimme ist, dass man nie genau weiß, wann einem die Stunde schlägt.
Wie ich schon sagte, blühen in unserem Garten vor dem Hause die Astern neben dem Fliederbaum. In der Frühe zwitschern die Vögel und machen einen Heidenradau. Wenn ich richtig malen könnte, würde ich gern unseren Garten malen.
Heute war ich in der Stube. Ich habe wieder das Gleiche gefühlt wie früher, als ich noch klein war. Als ich das riesige Bild meines Urgroßvaters ansah, hatte ich den Eindruck, dass er plötzlich aus dem Rahmen springen und hinter mir herrennen würde. So ein Blödsinn! Ein Bild ist ja nur ein Bild. Wenn die anderen von meinen Ängsten wüssten, würden sie mich ganz schön auslachen! Aber das ist eben, was ich fühle. Ich darf nicht lügen, wenigstens darf ich mich nicht selbst belügen.
Gestern Abend war ich unten, mit den Verlobten. Tante Therese und ihr Hein sagen sich immer dasselbe. Als ich sechs Jahre alt war, versprach Hein ihr die Ehe, kam fast jeden Abend zu uns, um sich mit ihr zu unterhalten, und ich saß oft auf seinem Schoß. Er brachte mir immer Bontjes mit – und ab und zu ein Malbuch. Damals sollte nach einem Jahr die Hochzeit stattfinden. Heute, viele Jahre später, sind Tante Therese und Hein immer noch Verlobte, sitzen stets am gleichen Ort in der Stube und aus der Hochzeit ist bis jetzt nichts geworden. Hein Piepenbrink ist ein sehr witziger Mensch. Er kann das „r“ nicht richtig aussprechen, meistens verschluckt er die Worte mir „r“, damit man es nicht so „meakt“. Sein Gesicht ähnelt einem Kürbis (ich weiß nicht wieso, ich habe mir immer ein Kürbisgesicht so vorgestellt). Hein Piepenbrink – sogar sein Name ist ulkig. Er passt so ganz und gar zu ihm. Als er damals zu uns kam, wurde mir sein Name beigebracht, ich musste ihn immer wieder aufsagen und sollte ihn mit vornehmer Stimme aussprechen. Am Abend, als er dann kam, kriegte ich dabei einen solchen Lachanfall, dass ich trotz aller Bemühungen um Beherrschung nichts weiter als „Hein Piep-pieppiep-piep“ herausbrachte. Er wurde vor Verlegenheit ganz rot und Tante Therese zog mich an einem Ohr aus der Stube. Draußen kriegte ich noch einen Klaps auf den Hintern.
Wie sich doch die Welt verändert! Heute spricht mich Hein Piepenbrink mit „Fräulein Clarissa“ an, er gibt sich mir gegenüber sehr höflich. Während sie sich unterhalten, sehe ich die Hefte meiner Schüler nach oder lese einen Roman. Gelegentlich tue ich so, als ob ich ganz in meine Arbeit vertieft sei, und lausche ihrer Konversation. Tante Therese und Hein Piepenbrink streiten sich ständig um Nichtigkeiten. Stets sind sie am Diskutieren, meistens über etwas Blödsinniges. Sie sagt: „Der letzte Film hat mir sehr gefallen.“ Er antwortet: „Mir überhaupt nicht.“ Und sie: „Aber mir hat er gefallen.“ Er: „Ich fand ihn ausgesprochen langweilig.“ Sie: „Das ist mir egal, du Ekel!“ Er: „Therese, ich habe dir schon oft gesagt, du sollst mich nicht ‚Ekel‘ nennen.“ Sie: „Das ist mir trotzdem egal.“ Hein: „Du bist albern.“ Sie: „Und du bist widerlich!“
Und all dies flüstern sie sich ganz leise zu. Dann schaltet Tante Therese mit einem Mal auf stur und die Unterhaltung verstummt für eine Weile. Hein Piepenbrink spielt unterdessen mit seiner Uhrenkette, um sich die Zeit zu vertreiben (Uahenkette, wie er sagt), so lange, bis Tante Therese seufzt. Danach gibt sich Hein einen Ruck und sagt mit einer sehr süßen Stimme: „Therese, Liebling, wollen wir uns nicht wieder vertragen?“ Sie zuckt nur mit den Schultern. Da er ihre sture Haltung nicht länger ertragen kann, beschließt er, auch böse zu sein und geht nach Hause.
Die Mama betet täglich dafür, dass diese Heirat endlich stattfinden möge. Alle Welt spricht davon, dass sie auf den Sankt-Nimmerleinstag festgelegt worden sei. Hein Piepenbrink ist Kontor-Angestellter bei den Lederwerken Gebr. Christiansen. Er behauptet, erst dann heiraten zu können, wenn man ihm dort die versprochene Gehaltserhöhung gibt.
Als ich gestern Abend zu Bett ging, war die klare Nacht herrlich, ganz hell vom Vollmond erleuchtet. Selbst wenn ich es wollte, könnte ich diese Schönheit nicht in Worten beschreiben. Das schaffen die Menschen eben nicht. In den Büchern und Schriften ist immer alles anders. Ich erinnere mich eines Aufsatzes, den ich damals aufhatte, als ich am Lehrerseminar in Flensburg studierte. Er handelte von einem Ausflug. Ich beschrieb eine Reise auf die Insel Ærø, die ich zusammen mit den Mitbewohnern des Studentenpensionats unternahm. Ich begann mit der Schilderung der Schiffsfahrt durch die Flensburger Förde und über die durch den Sturm aufgewühlten Ostseewellen. Ich beschrieb den dunklen, mit grauen Wolken verhangenen Himmel, den kleinen Hafen, den malerischen Ort Ærøskøbing. Beim späteren Lesen des Aufsatzes konnte ich den wirklichen Ablauf dieser Reise eigentlich nicht mehr erkennen. Es war ja alles ganz anders gewesen. Wenn man schreibt, ist die Wahrheit nicht mehr so ganz wahrhaftig. Es werden unwahre Worte eingefügt, beschönigende Fantasien, und am Ende ist alles Lug und Trug. Ich erinnere mich besonders an einen Satz aus meiner Erzählung: „Peter schüttelte einen Apfelbaum, und wir alle rannten, um die fallenden Äpfel aufzufangen.“ Da haben wir’s. Das mit dem Auffangen war glatt gelogen. Keiner schaffte es, die fallenden Äpfel in der Luft zu greifen. Wir konnten sie schließlich nur noch vom Boden aufsammeln. Aber es hörte sich eben besser an und ich schrieb es nieder, um eine gute Note zu bekommen; es war aber nicht die reine Wahrheit! Und es ist eben leider immer so. Für heute habe ich schon zu viel geschrieben.
Wir haben den 1. Oktober. Ich weiß nicht genau warum, aber heute kamen mir Erinnerungen aus meiner Kindheit in den Sinn. Wir waren eine Bande von sieben Kindern: der Vetter Heiko, der Josef, Sohn des polnischen Bäckers, die Zwillinge Gesche und Gesine, der Rollo und die Heide. Josef hatte von Geburt an einen missgebildeten Fuß und Rollo gab ihm den Spitznamen „Klumpfuß“. Josef lief jedes Mal vor Wut rot an und fluchte mit furchtbaren Schimpfwörtern, wenn man ihm „Hoppla, hoppla, Klumpfuß!“ nachrief. Aber irgendwie hat er sich nach und nach mit diesem Spitznamen abfinden müssen. Gesche und Gesine sahen sich wie zwei Wassertropfen ähnlich. Ich konnte sie nie auseinanderhalten; beide waren sehr wehleidig und weinten beim geringsten Anlass laut los. Sie waren stets gleich gekleidet, und das einzige Merkmal, an dem ich sie unterscheiden konnte, war, dass Gesine Lakritze mochte, Gesche dagegen überhaupt nicht. Rollo war ein durchtriebener Gauner, der insgeheim das Apfelgelee aus Mamas Speisekammer klaute. Sein eigentlicher Name war Roland. Meistens spielten wir alle auf dem Hof unseres Hauses. Rollo und Heide machten sich einen Spaß daraus, in den Wasserbrunnen zu spucken. Wir lehnten uns über den Brunnenrand und unsere Gesichter spiegelten sich auf der weit unten gelegenen Wasseroberfläche. Wenn die Spucke auf dem Wasser aufschlug, verzerrten sich unsere Gesichter.
Da Klumpfuß nicht recht laufen konnte, hatten wir uns mehrere Spiele ausgedacht, bei denen er leichter mitmachen konnte. Wenn wir ihn aber ärgern wollten, dann spielten wir Kriegen oder Hinkefuß. Ich weiß, dass alles, was ich hier niederschreibe, schrecklich albern klingen muss, aber ich habe eine solche Sehnsucht nach meiner Kindheit und der damaligen, so schönen Zeit. Wenn ich das hier schreibe, dann wird diese Sehnsucht etwas gemildert.
Josef war äußerst misstrauisch. Wenn wir anderen uns etwas leise zuflüsterten, drehte er sich rasch um und wurde wütend: „Ihr redet schon wieder über meinen Fuß, ihr Schamlosen!“ Eines Tages fuhr Heide auf und sie rief ihm ins Gesicht: „Dein Vater ist ein Polacke!“ Josef schaute sie mit vor Zorn funkelnden Augen an und schrie voller Wut zurück: „Du schmutziger Bastard!“ Er spuckte sie an und entfernte sich humpelnd in Richtung der Bäckerei seines Vaters. Heide weinte bitterlich. Sie war ein lediges Kind und hatte ihren Vater nie gesehen.
Heiko war der Tunichtgut unserer Clique. Er behandelte uns nie wie seinesgleichen. Mit mir sprach er kaum, und wenn er überhaupt etwas sagte, war es stets in einem anmaßenden Ton, als sei er der Herrscher, der Vorgesetzte. Eines Tages verschwand er von zu Hause. Tante Alexandra, seine Großmama, kam weinend zum Papa, um zu berichten, dass ihr Enkel vermisst werde. Die Polizei wurde alarmiert, viele Leute in Oldenmoor begaben sich auf die Suche, auch im Courier wurde darüber berichtet. Nach zwei Tagen fand man den Ausreißer frisch und munter an der Elbe; er hatte sich in einem Wäldchen am Außendeich eine rustikale Unterkunft gebastelt und saß an einem Lagerfeuer. Tante Alexandra weinte vor Glück. Da Heiko keinen Vater mehr hatte, dachte der Papa, dass er ihm ins Gewissen reden müsse. Heiko wurde frech und antwortete ihm, dass er uns alle satt habe, lieber hinter dem Deich bleiben und dort allein leben wolle.
Nach diesem Abenteuer wurde er nur noch „Deichkater“ genannt. Heiko gab sich nie viel mit uns ab, er war ein verschlossener, stolzer Bursche, ja sogar manchmal boshaft. Eines Tages schloss er mich im dunklen Keller ein und rief dann von draußen: „Da drin bleibst du jetzt, bis dich die Ratten und die Spinnen aufgefressen haben. Ich hasse dich, weil du ein Weib bist!“ Noch heute erinnere ich mich an die Angst, die ich ausgestanden habe.
Man erzählte sich, dass es in unserem Keller spukte. Ich fühlte die Gespenster, die Schlangen, die Ratten und die Spinnen, die über mich herfielen, über meine Arme und den Hals krochen und zwischen meine Beine schlüpften. Ich schrie laut und heulte vor Angst, und als das Lenchen mich endlich befreit hatte, zitterte ich am ganzen Körper und musste mit hohem Fieber ins Bett. Der Papa zog dem Deichkater den Hosenboden stramm und versohlte ihn mit dem Weidenstock. Am nächsten Tag verschwand Heiko wieder von zu Hause.
Ich konnte Heiko nie richtig leiden und ihm nicht direkt in die Augen sehen. Jetzt geht er so seines Weges, ist einundzwanzig Jahre alt und hat immer noch seine arrogante Haltung. Onkel Johann sagt, dass Heiko das schwarze Schaf der Familie ist. Der Deichkater hat sein Abitur bestanden. Danach wollten sie ihn nach Hamburg an die Universität schicken, damit er Medizin studiert. Der Deichkater weigerte sich und meinte, es gäbe bereits genügend irrende Doktoren auf dieser Welt. Er hat obskure und verrückte Gedanken in seinem Kopf. Er trägt keinen Hut, wechselt häufig seine Arbeitsstelle und lebt allein, ziellos, so einfach drauflos wie eine verlorene Seele.
Lieber Gott, warum gibt es solche Menschen auf dieser Welt?
Und warum verschwende ich eigentlich so viele Worte über den Heiko? Gestern ging er an mir vorbei und tat so, als ob er mich überhaupt nicht bemerkt hätte.
Der Josef ist auch ganz anders geworden. Er leitet das Schreibkontor in der Bäckerei seines Vaters. Er ist sehr unnahbar und misstrauisch; wenn er kann, weicht er mir immer aus. Er befürchtet wohl, dass ich ihm „Hoppla, hoppla, Klumpfuß!“ nachrufe. Das Schlimme ist, dass er tatsächlich für mich noch derselbe Klumpfuß ist. Ich muss mich immer sehr zusammennehmen, wenn ich ihn anspreche, um ihn nicht bei seinem Spitznamen zu nennen. Dieser krumme Fuß ist der hauptsächliche seelische Kummer, den der arme Josef mit sich herumschleppt.
Ich habe noch nie ein so albernes Tagebuch gelesen wie dieses!
3. Geisterstunde
Langsam bricht der Abend herein. Das Licht im Esszimmer des Herrenhauses wurde noch nicht angezündet und es ist düster.
Die Fenster lassen das Zwielicht fahl durchscheinen; es verleiht den Gegenständen im Raum den Anschein eines Friedhofes im Mondschein. Alles ist still. Die schweren Möbel werfen dunkle Schatten auf den Boden. Die verstorbenen Ahnen auf den großen Gemälden mit den vergoldeten Rahmen sehen noch viel verblichener aus. Der riesige Kristalllüster, der von der Decke herunterhängt, strahlt einen eiskalten Glanz aus, als ob er aus weißen Gerippen bestünde.
Die bequemen, mit rotem Samt bezogenen Sessel stehen um den gewaltigen Eichentisch herum, auf dem die ebenfalls rote Samtdecke mit der goldenen Borte liegt. In der Mitte der langgezogenen Anrichte thront eine marmorweiße Büste von Kaiser Wilhelm I. An der gegenüberliegenden Wand hängt der überdimensionale ovale Spiegel – ähnlich einem leblosen See, auf dem sich eine vor langer Zeit versunkene Landschaft widerspiegelt.
Minuten verstreichen. Das Licht schwindet zusehends. Stille kehrt ein. Sie wird nur durch das monotone Ticken der Standuhr unterbrochen, die unaufhörlich am Zeitvergehen strickt. Plötzlich ertönt ein dumpfes Schlagen, noch eins, ein weiteres, drei, fünf. Es ist so, als ob diese Laute aus weiter Ferne kämen, aus längst vergangenen Zeiten, und durch sie die Geister der Vergangenheit geweckt würden.
Könnten nur die Holzdecke und die dicken Balken die Stimmen der Vergangenheit hervorbringen, die einst zu ihnen emporstiegen … Vermochte der Spiegel allein die erloschenen Bilder aus jener Zeit widerzuspiegeln …
* * *
Ein Märzabend im Jahre 1910.
Der alte Oliver von Steinberg betritt das Esszimmer, hüstelt trocken, streicht über seinen mächtigen weißen Schnurrbart, der dicht über dem Mund durch das Rauchen vergilbt ist. Er kommt gerade vom Rasieren und verbreitet den leisen Duft seines Gesichtswassers. An seiner schwarzen Fliege schimmert matt eine kleine runde Perle. Er geht ein wenig gebückt, aber man merkt es ihm an, dass er sich eisern um eine gerade Haltung bemüht.
Die Söhne – Hans-Peter, Johann, Ewald und Christian – stehen rasch auf und begrüßen ihn voller Respekt.
Der mit brennenden Kerzen bestückte Lüster erhellt festlich den Raum. Auf der Anrichte leuchten neben der kaiserlichen Büste weitere Kerzen in einem silbernen Kandelaber. Der Spiegel vervielfältigt den Schein der Lichter.
Der Tisch ist für den späten Abendtee gedeckt. Der Hausherr liebt Blumen auf dem Tisch: In dessen Mitte steht eine hohe Kristallvase voller Osterglocken.
Oliver setzt sich und gibt seiner Schwester ein Handzeichen: „Nun, liebe Schwester, lass bitte den Tee auftragen.“
Tante Alexandra läutet mit der kleinen Silberglocke. Als das Lenchen mit dem Teeservice den Raum betritt, schlägt die große Uhr. Lenchen schenkt den Tee in die schönen Porzellantassen mit dem Goldrand ein. Am Kopf des Tisches blickt der Alte auf Christian und lächelt. Er ist sein Jüngster, dichtet Sonette; er hat die gleichen Augen wie seine geliebte, selige Frau.
„Na, mein Sohn, was machen denn deine Balladen?“ Für Oliver sind Balladen und Sonette das Gleiche.
Christian erwidert mit weicher Stimme: „Lieber Papa, ich dichte Sonette, keine Balladen.“
Der Alte gibt sein kurzatmiges Lachen von sich und streicht sich mit einer ihm eigenen Bewegung über den Schnurrbart. „Wer sagt es denn: ein wahrhaftiger Poet in unserer Familie.“
Die anderen lächeln.
Christian senkt verlegen die Augen. Tante Alexandra blickt liebevoll auf die jungen Neffen.
„Meine Selige dichtete ebenfalls Sonette, als sie noch ein junges Mädchen war …“ Der alte Oliver wendet seinen Blick auf das Bildnis an der Wand, auf seine geliebte Henriette, schon vierzigjährig heimgegangen. Der Maler besaß eine besonders glückliche Hand, hatte er doch den Ausdruck dieser blauen Augen, die wunderschön geformten Lippen und die gerade, noble Nase vorzüglich festgehalten.
Oliver blickt zurück auf die Söhne und fühlt sich von einer tiefen Traurigkeit ergriffen. Wenn nur seine Henriette die erwachsenen Söhne hätte erleben können … Ach, was soll’s, auch ich werde bald sterben, und wenn es einen Himmel gibt, dann werde ich sie dort wiedertreffen und zu ihr sagen: „Mein Liebling, unsere Söhne sind herangewachsen und wohlgeraten. Hans-Peter wird bald heiraten, Johann hat seine kaufmännische Lehre fast beendet. Ewald wird Wald- und Forstwirtschaft studieren, und stell dir vor, der Christian dichtet Sonette …“
Tante Alexandra ist erstaunt über das Schweigen des Bruders: „Fehlt dir etwas, lieber Bruder? Ist es etwa deine Leber?“
„Ach was, Leber!“ Hand an den Schnurrbart, Hüsteln. „Nichts, ich habe nur nachgedacht …“
Das Gespräch flackert wieder auf: die Schweinepreise, die Lokalpolitik, das zunehmende Wachstum der Gewerkschaften, die schon zwei Millionen Mitglieder zählen sollen. Draußen jagt ein Frühlingssturm die schwarzen Wolkenfetzen über das Firmament, die Fenster klirren ab und zu, wenn die heftigen Windböen dagegenprallen.
Während seine Hand über den Schnurrbart streicht und ab und zu von seinem Hüsteln unterbrochen wird, erzählt der alte Oliver von Steinberg wieder einmal die Geschichte des Kaiserbesuches in Oldenmoor.
„In diesem Raum speiste Kaiser Wilhelm I., Gott sei seiner Seele gnädig. Ich erinnere mich daran noch ganz genau, so als ob es gestern gewesen wäre. Ich war damals ein sehr kleiner Junge und habe die Bedeutung nicht begriffen … Der Papa zog seine Generalsuniform an, um den Kaiser zu empfangen. Als Seine Majestät dort durch diese Tür schritt, hatte ich ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Die Begrüßungsworte, die ich aufsagen sollte und so oft geübt hatte, blieben mir einfach im Halse stecken. Ich kniete vor dem Kaiser nieder und küsste seine Hand. Er sah mich nur an und lächelte mir nickend zu.“
Alle schmunzeln schweigend.
* * *
Ein Sommernachmittag im Jahre 1911.
Tadeusz Rembowski, der Pole, der eine kleine Bäckerei im angrenzenden Haus betreibt, klopft an die Haustür der Familie von Steinberg und bittet um Einlass, um den „hohen Herrn“ zu sprechen.
Man führt ihn ins Esszimmer. Da steht er, unbeholfen und unruhig, blickt mit angsterfüllten Augen auf sein Spiegelbild. Er hat einen verzweifelten Ausdruck in seinen braunen Augen. Schweißperlen glänzen auf Nase und Stirn. Das gerötete Gesicht ist eine Maske voller Beklommenheit. Er wartet voller Ungeduld und mit krampfhaft verschlungenen Händen.
Schritte nähern sich. Der Bäcker dreht sich um: Der Hausherr betritt den Raum.
„Wie geht es Ihnen, Herr Rembowski?“
„Danke, Herr Oberst, danke …“
Sie geben sich die Hände.
„Nehmen Sie doch Platz.“
Tadeusz setzt sich. Unbeholfen wagt er sich kaum auf den Sessel. Er sitzt gerade, knapp auf der Vorderkante des Polsters. Oliver von Steinberg lehnt sich gemütlich in den gegenüberstehenden Sessel zurück und fragt mit gönnerhaften Stimme: „Und wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?“
Anfänglich scheint Tadeusz Rembowski die Frage nicht verstanden zu haben. Danach, plötzlich, als ob er von einem Traum erwacht, gibt er ein „gut“ von sich, das in seinem Weinen erstickt.
Oliver von Steinberg blickt ihn verwundert an: „Aber, um Gottes willen, was haben Sie denn, Herr Rembowski?“
Der Bäcker zieht ein zerknülltes Taschentuch hervor und wischt sich die Tränen aus den Augen.
„Ist jemand gestorben?“
Tadeusz schüttelt den Kopf. Oliver steht auf und legt seine Hand auf die Schulter des Nachbarn. „Verdammt noch mal, Mann, erzählen Sie schon, was Sie derart bedrückt!“
Hüsteln, Hand an den Schnurrbart.
„Was hat man denn Ihnen angetan?“
Das Gesicht im Taschentuch verborgen, schluchzt der Bäcker: „Die Bank, die verwünschte Bank …“
„Potz Teufel! Erzählen Sie mir doch die ganze Geschichte geradeheraus, Herr Rembowski.“ Er gibt seiner Stimme einen beleidigten Unterton, den er gar nicht so meint. „Weinen Sie nicht, ein Mann darf doch nie weinen!“
Tadeusz Rembowski hebt das Gesicht. Die Tränen kullern ihm über die Wangen und tropfen auf den Kragen seines grauen Hemdes. Und dann erzählt er in seinem Kauderwelsch, dass die Bank ihm angedroht habe, einen von ihm unterschriebenen und überfälligen Wechsel zu protestieren, weil er nicht bezahlen könne. Es werde ein Unglück geschehen, seine Kreditwürdigkeit gehe verloren, niemand mehr werde in der Bäckerei Rembowski einkaufen wollen. Seine Frau werde vor Kummer an Herzversagen sterben, eine Katastrophe!
Sein Gesicht versinkt abermals im Taschentuch und er setzt sein Weinen noch lauter fort.
Der alte Oliver hüstelt und streicht sich über den Schnurrbart. Er geht im Esszimmer schweigend auf und ab, bleibt dann vor dem Stuhl Rembowskis stehen und fragt: „Wie viel müssen Sie zurückzahlen, Herr Rembowski?“
„Zwölfhundert Mark, Herr Oberst“, stammelt der Bäcker ganz leise.
Der Alte kratzt sich am Kinn, denkt noch einen Augenblick nach und sagt dann: „Könnten Sie Ihr Leben mit dreitausend Mark wieder in Ordnung bringen?“
Der Pole springt erregt auf. „Dreitausend Mark? Aber … das würde ja bedeuten … ja, das wäre ja die Rettung, ein Versprechen des Wohlhabens, eine … eine …“
Ihm versagte die Stimme. Die Hände des Bäckers sind wie zum Gebet gefaltet, danach fuchtelt er wild in der Luft herum und versucht noch etwas zu sagen, Deutsch mit Polnisch vermischt, er kann es nicht fassen! Dreitausend Mark! Die Rührung überwältigt ihn.
Der alte Oliver lächelt und legt seine Hand auf die Schulter des Nachbarn: „Also, Sie gehen jetzt ganz ruhig nach Hause, lieber Freund. Morgen früh schicke ich Ihnen die dreitausend Mark hinüber. Sie zahlen sie mir zurück, sobald Sie können. Wenn Sie es nicht können, dann eben auch nicht. Darüber werden wir nicht streiten. Danken wir dem guten Gott, dass ich in der erfreulichen Lage bin, meinem Nachbarn helfen zu können …“
Tadeusz Rembowski ist noch immer sprachlos. Oliver wiederholt sein Versprechen und führt den noch verdatterten Bäcker behutsam in Richtung Haustür.
Der Pole ist derart von seinem Glück erfüllt, dass er keine Worte findet, um seinen Dank auszusprechen. Und als er auf die Straße tritt und dann eiligen Schrittes in sein Haus gelangt, schließt Oliver langsam die Haustür, kehrt in das Esszimmer zurück und bleibt vor dem Bild seiner Henriette stehen. Er erinnert sich an die stürmische Novembernacht, in der sie verstarb.
* * *
Nun spiegeln sich im großen Spiegel des Esszimmers drei schwarz gekleidete Herren wider, die mit ernsten Gesichtern in den Sesseln sitzen. Der alte Oliver schreitet vor ihnen nachdenklich auf und ab, hüstelt gelegentlich und streicht sich wie gewöhnlich über seinen Schnurrbart.
Alle Kerzen des Lüsters brennen. Draußen weht ein eisiger Dezemberwind und wirbelt die Schneeflocken durcheinander. Nur das Brummen des Motors eines sich auf der eisigen Straße quälenden Fahrzeuges bricht gelegentlich die Stille.
Der älteste der drei ergreift das Wort: „Überlegen Sie wohl, Herr Oberst. Sie sind ein hochgeschätzter Mann und einer der beliebtesten Bürger unserer Gemeinde. Wenn Sie dieses Amt nicht annehmen, wer wird es dann tun? Unsere Partei verlangt von Ihnen dieses Opfer. Stimmen Sie doch bitte Ihrer Kandidatur zu. Die Opposition wird es gar nicht einmal wagen, gegen Sie anzutreten. Niemand wird gegen einen Herrn von Steinberg stimmen, nicht wahr, meine Herren? Jeder mag und respektiert Sie.“
Er unterbricht seine Rede, als ob er durch die Überzeugungskraft seiner schwerwiegenden Argumente selbst ermattet wäre. Er drückt verstohlen die weißen Manschetten zurück, die aus den Ärmeln seines Gehrockes auszubrechen scheinen, und blickt verlegen auf die Spitzen seiner blank geputzten schwarzen Gamaschenschuhe, an denen der Schnee feuchte Ränder hinterlassen hat. Die beiden anderen Herren sehen sich gegenseitig mit ernsten Mienen an und nicken zustimmend mit ihren ergrauten Häuptern.
Oliver sieht die drei Besucher nacheinander an, streicht sich über den Schnurrbart und antwortet mit einem verstohlenen Lächeln: „Ich habe es bereits abgelehnt, Udo Dammann.“
„Aber, Herr von Steinberg“, beharrt dieser, „unsere Stadt benötigt Ihre Dienste, Sie können und dürfen sich dieser Verantwortung doch nicht so einfach entziehen. Sie sind der geeignete Mann, um den drohenden Vormarsch der Linken in den Stadtrat zurückzudrängen.“
Oliver hüstelt trocken und bleibt bei seiner Ablehnung, die er durch ein Kopfschütteln ausdrückt.
Ein anderer Besucher beginnt langsam und mit sehr wichtigem Gehabe zu reden: „In meiner Eigenschaft als Vertret…“
Udo Dammann fällt ihm nervös ins Wort: „Gedenken Sie doch Ihres werten Herrn Vaters, dem hochwohlgeboren Herrn General Peter von Steinberg, der seinem Vaterland bis zuletzt gedient hat und sein Leben ehrenvoll bei der Schlacht von Sedan ließ.“
Der vorher unterbrochene Redner macht einen erneuten Versuch: „Wie ich bereits vorhin sagte …“
Und Udo Dammann bekräftigt: „Also, Herr von Steinberg, überdenken Sie es noch einmal.“
Es vergehen einige Minuten. Oliver von Steinberg stellt sich vor die drei Herren und spricht, während er seinen Schnurrbart zwirbelt: „Ich bedaure sehr, meine Freunde, es kann nicht sein.“ Hüsteln. „Ich habe leider keinerlei Beziehung zur Politik. Es wäre ein furchtbarer Reinfall. Für uns alle! Die von Steinbergs sind für so etwas nicht geschaffen …“
„Aber, aber!“
„… wenn wir etwas sagen möchten, dann nennen wir es auch beim Namen. Ohne den Herren zu nahe treten zu wollen, wir haben nur ein Wort. Nun denn, Sie wissen genau, dass ein so offenherziger Bürger wie ich einen miserablen Politiker abgeben würde, der am Ende dadurch auch noch seiner eigenen Partei einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen könnte.“
Dammann macht einen letzten Versuch: „Aber es geht ja nicht nur um die eigene Partei, es …“
Oliver unterbricht ihn bestimmt mit einer Geste: „Ich hoffe sehr, dass Sie mir meine Offenheit nicht übel nehmen … Ich kann wirklich nicht annehmen … Ich danke Ihnen!“
Die Kommissionsmitglieder erheben sich. Sie ziehen ihre Wintermäntel über. Drei Händedrücke. Alle gehen zur Haustür. Als die zwei ersten Besucher bereits auf der Straße sind, hält Oliver Udo Dammann am Pelzkragen seines Wintermantels zurück und flüstert ihm leise zu: „Hör zu, du Heuchler, das nächste Mal brauchst du dich mir gegenüber nicht derart zu verstellen, auch wenn du mit solch einer hochkarätigen Abordnung zu mir kommst! Mein guter, alter Freund Udo macht ein Gehabe, als ob er ein Lord im britischen Oberhaus wäre. Nicht zu glauben!“ Dabei lächelt er und hüstelt.
Dammann sagt: „Aber, aber, mein lieber Oliver!“, lächelt zurück und drückt ihm dabei beide Hände. Danach eilt er seinen vorangegangenen Begleitern auf dem mit Schnee bedeckten Gehweg hinterher.
* * *
Juni 1912.
Der alte Speisesaal glänzt für ein besonderes Fest.
Hans-Peter und seine Frau feiern mit der ganzen Familie die Taufe ihrer ersten Tochter. Die Namensgebung gab Anlass zu längeren Diskussionen. Hans-Peters Brüder waren der Meinung, dass das Mädchen den Namen seiner Großmutter tragen solle. Der Vater dagegen war von einem Roman begeistert, dessen Heldin Lady Clarissa hieß. Dieser Name gefiel ihm außerordentlich. „Meine Tochter wird Clarissa heißen!“ Oliver von Steinberg stimmte ihm zu. Und so wurde das Kind auf den Namen Clarissa getauft. Johann und Tante Alexandra waren die Taufpaten.
Jetzt feiern alle das freudige Ereignis. Der Saal ist voller Leute, die sich recht angeregt unterhalten. Onkel Suhl spielt auf seiner Flöte und wird am Klavier von Tante Alexandra begleitet.
Mit seinem Töchterchen auf dem Arm tritt der stolze Vater ein. Alle treten näher, um das Baby zu betrachten.
Clarissa öffnet die blauen, runden Äuglein, die sich, vom Licht geblendet, gleich wieder schließen. Das noch runzlige Gesicht verzieht sich mit einem Ausdruck des Missfallens. Die winzigen Händchen fuchteln in der Luft herum.
„Ist sie nicht allerliebst?“
„Ganz der Papa!“
„Ich finde, sie sieht eher ihrem Großvater ähnlich, kein Zweifel.“
Oliver von Steinberg zwirbelt stolz seinen Schnurrbart. „Typisch, die Nase der von Steinbergs.“
Gelächter.
Am Rande des Zimmers beschreibt Tadeusz Rembowski, ganz in einen steifen Kragen und in neue, offensichtlich zu enge Stiefeln eingepfercht, einem Gast die bahnbrechenden maschinellen Neuerungen, die er in seiner Bäckerei eingeführt hat.
* * *
September 1914.
Christian von Steinberg ist bei der mörderischen Schlacht an der Marne gefallen. Die Überführung des Sarges mit seinen sterblichen Resten nach Oldenmoor wurde durch den besonderen Einsatz des Vorsitzenden des Stadtrates, Udo Dammann, ermöglicht.
Die Nachricht verbreitet sich rasch. Die Freunde der Familie sammeln sich nach und nach im Hause. Der große Spiegel ist zum Zeichen der Trauer verhängt. Oliver von Steinberg ist völlig zusammengebrochen: Er kann es immer noch nicht fassen, dass der jüngste und insgeheim der bevorzugte seiner Söhne nicht mehr ist.
Der Sarg wird zunächst in der Diele des Hauses aufgebahrt, um dann, unter reger Anteilnahme der riesigen Trauergemeinde, mit militärischen Ehren in der Familiengruft der von Steinbergs beigesetzt zu werden.
Christians ältere Brüder, Hans-Peter, Johann und Ewald, erhielten zur Beerdigung Heimaturlaub. Stumm stehen sie in ihren Uniformen um ihren Vater herum: Der Älteste ist bei der Feld-Artillerie, die beiden anderen sind Infanteristen.
Der alte Oliver liest immer wieder den letzten Brief Christians, zwei Tage vor seinem Tode geschrieben:
An der französischen Front, den 13. September, 1914.
Lieber Papa,
ich hoffe sehr, dass diese Zeilen Dich bei bester Gesundheit erreichen. Nachdem die ersten euphorischen Wochen des Krieges verstrichen sind, fange ich langsam an, über den Sinn und den Unsinn dieses gegenseitigen Völkermordes nachzudenken. Wir hatten schon den Fluss Marne überquert, da haben die Franzosen eine starke Gegenoffensive entfaltet und eine riesige Bresche in unsere Front geschlagen, so dass wir den Befehl zum Rückzug erhielten. Wir haben uns hinter der Aisne eingegraben und halten hier die Stellung.
Die Franzosen – von den Engländern unterstützt – versuchen immer wieder, uns weiter zurückzudrängen. Bisher ohne Erfolg. Aber bei jedem ihrer Angriffe sowie auch bei unseren Gegenangriffen (zwei Mal versuchten wir bereits den Fluss zu überqueren, um Brückenköpfe am anderen Ufer zu bilden) bleiben Hunderte von Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld liegen oder ertrinken im Fluss.
Es ist grauenvoll. Wir liegen im Schützengraben und hören das Schreien und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden. Es ist wie ein Albtraum!
Ich sende Dir, lieber Papa, diesen Brief mit einem verwundeten Kameraden; er hat einen Lungen-Steckschuss und wird heute nach Hause, nach Rendsburg, verschickt. Der Stabsarzt sagte mir, er wird es wahrscheinlich nicht mehr bis zu seinem Ziel schaffen. (Hoffentlich kommen diese Zeilen irgendwie in Deine Hände, ich hätte es nicht gewagt, diesen Bericht über den – wahrscheinlich zensierten – Feldpostweg zu senden).
Wie geht es meinen Brüdern? Von ihnen hörte ich nichts und bete darum, dass Gott sie beschützen möge, damit wenigstens sie heil aus diesem Inferno herauskommen.
Verzeih mir, lieber Papa, aber ich habe die Vorahnung, dass ich von diesem Jüngsten Gericht nicht mehr lebend zurückkommen werde. Sollte mir etwas zustoßen, so bitte ich Dich, meinem letzten Willen zu entsprechen und alle meine Gedichte – Balladen, wie Du immer zu sagen beliebtest – zu vernichten. Es darf keines davon je veröffentlicht werden. Vergib mir, Vater, auch der liebe Gott möge uns allen dieses begangene Unrecht vergeben.
Es umarmt Dich und alle zu Hause in Liebe
Dein Christian
Der Brief war bei der Post in Rendsburg aufgegeben worden.
* * *
April 1915.
Wieder herrscht Trauer im großen Hause, die Spiegel sind mit schwarzen Tüchern verhängt.
Der Leichnam des alten Oliver von Steinberg ist in seiner Uniform eines Obersten der Kavallerie im Salon aufgebahrt. Die Standuhr, ahnungslos, dass dies in diesem Augenblick des Schweigens vollkommen unpassend sei, schlägt dumpf drei Mal und erntet dafür die vorwurfsvollen Blicke der Trauernden. Das Lenchen eilt hinzu und hält das Pendel an.
Die Kerzen brennen. Zahlreiche Bewohner der Stadt Oldenmoor wollen von dem angesehenen Toten Abschied nehmen. In sämtlichen Räumen des Hauses drängeln sich die Kondolierenden. Tante Alexandra versucht zu weinen, sie kann es aber nicht. Hans-Peter, inzwischen zum Artillerie-Fähnrich avanciert, und Johann stehen in ihren Uniformen neben dem Sarg und blicken den Verblichenen traurig an. Ewald ist noch nicht eingetroffen.
Harald Suhl, der enge Freund der Familie, dichtet bereits in Gedanken die Inschrift für Oliver von Steinbergs Grabstein: „Er war ein guter Sohn, ein musterhafter Vater und ein treuer Freund, Wohltäter der Armen, der Ehrlichste unter den Ehrlichen. Ruhe in Frieden für alle Ewigkeit.“
Das Lenchen weint bitterlich und blickt betrübt auf den Leichnam ihres geliebten Herrn, der nie wieder zurückkehren wird.
* * *
Ein Nachmittag im November 1918.
Die Familie ist nach dem Ende des furchtbaren Krieges wieder vereint. Die drei Brüder sind nach Hause zurückgekehrt; als Letzter Ewald, der einige Monate in einem Lazarett verbringen musste, um sich von den Folgen einer zwei Wochen langen Verschüttung in einer Wehrbefestigung an der belgischen Küste zu erholen.
Alle sind froh, dass zumindest Hans-Peter, Johann und Ewald die schlimme Zeit überlebten. Hans-Peter hält die Hand seiner Frau Annette, während Clarissa still auf den Knien ihres Patenonkels sitzt und mit ihren wachen, blauen Augen munter in die Runde blickt.
Das Lenchen schenkt die Bierkrüge mit dem Gerstensaft aus Udo Dammanns Brauerei voll und alle prosten sich gegenseitig zu. Hans-Peter erhebt sich.
„Ihr Lieben! Leider Gottes war es weder unserem lieben Papa noch unserem armen Bruder Christian vergönnt, diese Stunde zu erleben und mit uns zu verbringen. Ich bitte euch, euer Glas auf das Andenken unserer lieben Toten zu heben.“ Nachdem alle seiner Aufforderung Folge geleistet haben, führt er fort: „Dieser verlorene Krieg wird für unsere Heimat und auch für uns bittere Folgen haben. Wir alle werden es zu spüren bekommen und es sehr schwer haben. Deshalb müssen wir, mehr denn je, zusammenhalten und mit vereinten Kräften die auf uns zukommenden Widrigkeiten erfolgreich meistern und überwinden.“
Eine stille Träne kullert an Tante Alexandras Gesicht herab. Geistesabwesend trocknet sie ihre Wange mit einem Taschentuch.
* * *
Die Gestalten der Vergangenheit und ihre Stimmen sind für immer der Zeit gewichen. Doch das alte Esszimmer und der Salon blieben erhalten. Und jetzt, im Zwielicht des hereinbrechenden Abends, träumen sie von den Verblichenen.
4. Alltag
Plötzlich zerbirst der Zauber. Das Lenchen tritt ein und schaltet das elektrische Licht ein, um den Tisch zu decken. Bereits vor mehreren Jahren – als Oldenmoor an das Stromnetz angeschlossen wurde – hatte man den gewaltigen Lüster mit elektrischen Kerzen ausstaffiert.
Die Helligkeit verjagt die Gespenstererscheinung und verschluckt deren bläuliches Szenarium. Das Esszimmer kehrt in die Gegenwart zurück. Nicht aber das Lenchen, gleicht es doch selbst eher einem Geist aus der Vergangenheit.
Sie breitet das Tischtuch aus, deckt das Teegeschirr auf und kehrt mit ihrem schweren, wiegenden Gang in die Küche zurück.
Hans-Peter und Frau Annette kommen herein. Ein wenig später stoßen Tante Alexandra, Johann und Ewald dazu.
Auch Clarissa erscheint, ganz leise, mit einem Buch unter dem Arm. Sie begrüßt Tante Alexandra, ihre Eltern, danach Onkel Ewald und zuletzt ihren Patenonkel mit einem Kuss auf die Wange. Johann blickt sie mit seinen trüben Augen an und murmelt einige unverständliche Worte als Begrüßung vor sich hin.
Clarissa bemerkt mit Widerwillen die starke Alkoholfahne, die ihrem Patenonkel anhaftet. Sie setzt sich in einen Sessel in der Nähe der Uhr und beobachtet von dort aus unauffällig Onkel Johann, der sich mit gespreizten Beinen, die Arme über seinem umfangreichen Leib hängend, auf dem Sofa ausgebreitet hat: Seine Augen sind fast geschlossen, wie die eines schläfrigen Ochsen; das gerötete Gesicht, die schlaffen Wangen, das Doppelkinn über dem Stehkragen, die lichten, dünnen Haare, die seine Glatze nicht mehr verbergen können. Ab und zu, ohne erkennbaren Anlass, öffnet er die Augen einen Schlitz weit und gibt seufzend sein übliches „Ach, mein lieber Gott!“ von sich.
Auch wenn sie noch so intensiv versucht, sich dazu zu zwingen, vermag Clarissa es einfach nicht, ihren Patenonkel – diese stets nach Alkohol übelriechende Person – wirklich gern zu mögen. Ganz Oldenmoor weiß, dass Johann von Steinberg, Sohn des seligen Herrn Oberst Oliver von Steinberg, ein Trinker ist, der nicht arbeitet und den ganzen Tag müßig herumhockt; seine Hauptbeschäftigung ist es, auf den Abend zu warten, um sich dann in seiner Stammkneipe „Zur Schleuse“ volllaufen zu lassen.
Mit finsterer Miene sitzt Hans-Peter am Kopf des Tisches, sehr tief in ernste Gedanken versunken.
Tante Alexandra strickt und zeigt dabei Frau Annette ein neues Muster: „Schau mal, eine Masche rechts, dann eine Masche abheben …“, erklärt sie.
Frau Annette meint: „Ach, das ist ja gar nicht so kompliziert, wie ich zunächst dachte, Tante Alexandra!“
„Na siehst du!“
Die Augen auf den Boden gerichtet, spielt Ewald, ganz in seinen Gedanken verloren, mit einer Streichholzschachtel. Er ist sehr mager und hat eine gelbliche, ungesunde Gesichtsfarbe. Seine Haut wirkt derart durchsichtig, dass man glaubt, seinen Schädel durch sie hindurch sehen zu können. Dann und wann verzieht er das Gesicht mit einer gequälten Grimasse.
Clarissa lauschte eines Tages einem Gespräch der Leute in der Stadt: „Siehst du, da geht Ewald von Steinberg, ein guter Kerl, aber hoffnungslos drogensüchtig. Eines Tages wird er elendig krepieren …“
Und sie fühlt, dass alle im Hause von Onkel Ewalds Laster wissen. Man weiß es, man spricht aber nicht darüber.
Hans-Peter blickt seine Frau an. „Annette, lass doch bitte den Tee servieren.“
Die Mama erhebt sich und geht in die Küche. Tante Alexandra, die Brille auf ihre runzlige Nase geklemmt, senkt ihren Vogelkopf über das Strickzeug und hantiert verbissen mit den grünen Galalit-Nadeln herum.
Im Salon nebenan sitzen Tante Therese und Hein Piepenbrink und unterhalten sich sehr leise.
Ab und zu fährt ein Automobil vorbei. Gelegentlich hört man einen Hund bellen oder das jammervolle Liebesgeschrei von Katzen.
Alle setzen sich an den Tisch und das Lenchen serviert den Tee. Tante Alexandra und Annette unterhalten sich jetzt über Stickereien. Johann schlürft mit tödlicher Verachtung seinen Tee und seufzt: „Ach, mein lieber Gott!“
Ewald lehnt widerwillig die selbstgebackenen Kekse ab, die Clarissa ihm anbietet.
Stille. Stille, nur von dem unaufhörlichen, rhythmischen Ticken der Uhr begleitet.
„Welch eine traurige Gesellschaft!“, denkt Clarissa beklommen.
Mit wehleidiger Stimme murmelt Johann seinen Brüdern zu: „Morgen ist die Hypothek für das Reetdachhaus fällig.“
Clarissa setzt eine betrübte Miene auf: Hier kommt das peinliche Thema „Geld“ wieder …
Ewald zuckt mit den Schultern. Tante Alexandra unterhält sich sehr angeregt mit Frau Annette.
„Und der Rembowski, will er nicht verlängern?“, fragt Hans-Peter.
Johann weiß nicht so recht und meint, unsicher: „Vielleicht nochmals für sechs Monate.“
„Was, nur für sechs Monate? Verfluchtes Polacken-Gesindel!“
Hans-Peter steht wütend auf. Er geht zum Fenster und sieht hinaus. Dort gegenüber steht die „Bäckerei T. Rembowski u. Sohn“. Gestern noch war es eine kleine Bruchbude, eine Tür, ein kleines Ladenfenster. Heute ist es eine Brotfabrik.
Hans-Peter blickt durch das Fenster und erinnert sich …
Damals, als Tadeusz Rembowski aus Polen ankam, mit einem Bündel Kleider als seine gesamte Habe, seinem Weib und seinem kleinen Sohn, gehörten noch fast alle Häuser in seinem Blickfeld den von Steinbergs. In Oldenmoor pflegte man zu sagen: „Ich gehe in das Von-Steinberg-Viertel.“ Nun gut. Der alte Oliver von Steinberg starb. Der Krieg ging vorbei. Steuern und Inflation verzehrten das geerbte Vermögen, das sowieso längst nicht seinen Erwartungen entsprochen hatte. Mit dem Lauf der Jahre häuften sich die Schulden und es mussten Hypotheken auf die Häuser aufgenommen werden. Als diese dann später fällig wurden, hatte man wiederum kein Geld, um sie abzulösen. Also gingen die Häuser nach und nach in das Eigentum der Rembowskis über. Denen ging es immer besser; sie hatten genügend Geld. Darüber hinaus hatten sie rasch erkannt, dass man mit dem Verleihen von Geld an die von Steinbergs schnell und billig an deren Häuser kam. In einigen Monaten würde auch noch das Haus der armen, alten Tante Alexandra in ihr Eigentum übergehen …
Hans-Peters Augen blicken wütend auf die weiß getünchte Bäckerei-Fassade, deren Fenstergläser spöttisch das Mondlicht widerspiegeln.
„Ausländer-Bagage!“
Ein tiefer Groll wächst in Hans-Peters Brust. Denn er ist ein von Steinberg und diese Ländereien gehörten bereits vor vielen Generationen derer von Steinberg. Sie führen einen geachteten Namen. Sie haben eine ehrenwerte Tradition, die auf einige Jahrhunderte zurückgeht. In Oldenmoor war ihr Name einst eine Institution. Niemandem im Umkreis von fünfzig Meilen wäre der verstorbene Oliver von Steinberg ein Unbekannter gewesen!
Heute aber sind seine Nachkommen völlig erschlafft, untätig, ohne jegliche Hoffnung und befinden sich auf dem sicheren Weg in die Armut, abhängig von der Duldsamkeit eines dahergelaufenen polnischen Bäckers, der nicht einmal seinen eigenen Namen richtig schreiben kann!
Hans-Peter kehrt an den Tisch zurück.
„Gibt’s denn hier nichts zu trinken?“, fragt Johann.
„Möchtest du noch eine Tasse Tee?“, lächelt Frau Annette.
„Ach, mein lieber Gott!“, gibt er entmutigt zurück.
Clarissa liest Verse von Reimer Madrigal, ihrem Lieblingsdichter. Es muss ein Künstlername sein, denkt sie. Der Name ist viel zu schön, um echt zu sein. Das Buch heißt „Gedichte auf dem Wasser“. Wie herrlich sie doch sind! Alles, was er schreibt, kann man wirklich nachempfinden. Manchmal sind ihr einige Verse zwar nicht ganz verständlich, aber schön sind sie trotzdem … Reimer Madrigal schrieb sein Buch in Flensburg. Er stellt sich sicherlich nicht vor, dass in einem großen, alten Haus inmitten eines Städtchens auf dem Lande sein Buch von einem jungen Mädchen im Kreise einer solch traurigen Familie eifrig gelesen wird.
Ewald steht auf, steckt die Hände in die Hosentaschen und fängt an, mit einem zunehmenden nervösen Zucken im Gesicht auf und ab zu gehen. Lächelnd bemerkt Tante Alexandra: „Ach, diese ungeduldigen Jungs! Es bleibt mir ja wohl nichts anderes übrig, als mit ihnen nach Hause zu gehen.“ (Für die Alte sind Hans-Peter und seine Brüder immer noch jene Jungs, die sie auf dem Arm trug, als diese noch Kinder waren.) „Kaum sind sie einige Minuten beisammen, wollen sie schon wieder raus. Da war doch Christian der Häuslichste …“
Auf einmal sind alle sehr still und gedenken des lieben Gefallenen. Für einige Augenblicke beherrscht die Seele des Toten die Erinnerung der Lebenden.
Dann öffnet sich die Tür und Heiko erscheint aus der Dunkelheit der Diele.
Tante Alexandra setzt die Brille ab und fragt: „Wer ist dort, Annette?“
„Es ist Heiko.“
„Komm her, mein Junge.“
Heiko geht auf sie zu, beugt sich über sie und küsst sie sanft auf die Stirn: „Guten Abend, Großmama.“
„Wo treibst du dich denn noch so spät herum?“
„Ach, so überall und nirgends …“
Der Bursche wirkt zerstreut, greift ungeniert nach einem Keks von dem Teller, der auf dem Tisch steht, und beginnt zu kauen.
Unauffällig beobachtet Clarissa ihren Vetter. Heiko sieht sie nicht einmal an. Da steht der Deichkater unter dem Lüster, die wilden, blond gelockten Haare auf dem Kopf, das braungebrannte Gesicht mit dem entschlossenen, harten Blick, die Krawatte lässig um den geöffneten Hemdkragen gelockert …
Jetzt konzentrieren sich alle Blicke auf ihn. Hans-Peter muss seinen Groll auf die Rembowskis auf irgendjemanden entladen: „Sag mal, Heiko, das sind ja schöne Geschichten, die ich über dich heute erfahren musste …“
„Ach, wirklich? Sieh mal einer an!“ Heiko setzt sich auf die Sessellehne neben Tante Alexandra, legt seinen Arm liebevoll über ihre Schultern und sagt – Hans-Peter vollkommen ignorierend – mit einem Lächeln: „Großmama, du musst aber jetzt ins Bett. Dies ist keine Zeit für kleine Mädchen, um noch auf zu sein …“
Welch eine Frechheit!, denkt Clarissa. Er beachtet den Papa überhaupt nicht. Heiko müsste dafür Hiebe bekommen. Es stimmt also doch, dass er der Tunichtgut der Familie ist.
Hans-Peter pflanzt sich vor den Deichkater. Da der Junge keinen Vater hat, meint wohl der Hausherr, dass er den Platz des Erziehers einnehmen müsse; er fühlt sich hierzu als der Älteste der männlichen von Steinbergs geradezu berufen. „Du Faulpelz bist heute nicht bei der Arbeit erschienen! Hauke Holm hat sich bei mir beschwert.“ Er verschränkt seine Arme. „Glaubst du nicht, dass es langsam Zeit wird, dass du zur Vernunft kommst?“
Johann öffnet die Augen: „Ach, mein lieber Gott!“
Ewald schreitet weiter im Zimmer auf und ab, wie ein Raubtier im Käfig.
Heiko lächelt herablassend. (Er zieht eine Fratze wie der Teufel, denkt Clarissa.) Kaltschnäuzig blickt er in Hans-Peters Augen: „Faulpelz? Arbeiten? Aber ich tue doch genau das Gleiche wie ihr alle! Überhaupt, ich habe bisher niemals jemanden von euch arbeiten sehen. Für diese gesamte Abteilung herrscht wohl ständig Ruhepause, was?“
Er lässt das gleiche mokierende, kurze Gelächter los wie in seiner Kindheit.
Hans-Peter tritt nervös von einem Bein auf das andere. Seine Frau sieht ihn vorwurfsvoll an, als ob sie ihm sagen wolle: „Hans-Peter, warum lässt du nicht von dem Jungen ab? Er ist doch nicht dein Sohn!“
Heiko greift nach einem weiteren Keks, bricht ein Stück davon ab, wirft es in die Luft und fängt es mit dem Mund auf.
„Du ungezogener Flegel!“, brüllt Hans-Peter.
„Mit deiner viel gerühmten, guten Erziehung hast du doch auch nicht viel erreicht, nicht wahr?“, kontert Heiko wie aus der Pistole geschossen, indem er aufsteht, sich ihm gegenüber aufstellt und ihm scharf in die Augen blickt.
Hans-Peter zittert, ballt seine Fäuste und explodiert: „Du verfluchter …!“ Er blickt auf die Frauen, dann aber wieder auf Heiko. Er kann das beleidigende Wort „Hurensohn“ gerade noch verschlucken, bevor es über seine Lippen kommt. Es verbleibt ihm ein bitterer Geschmack im Munde.
Verängstigt und erregt sitzt Clarissa in ihrer Ecke. Weshalb ist denn Heiko so? Warum provoziert er stets die Älteren? Immer rebellisch, seit seiner Kindheit. Wie schön wäre es, wenn Heiko vernünftig wäre. Eigentlich sieht er doch nicht hässlich aus, er hat ein männliches, charaktervolles Gesicht, ist groß gewachsen, gewandt …
„Streitet euch nicht, Kinder!“, versucht Tante Alexandra zu schlichten.
Hans-Peter macht auf seinen Absätzen kehrt, geht zum Fenster, öffnet es und holt tief Luft. Ewald greift nach seinem Hut und verlässt wortlos den Raum.
„Ach, mein lieber Gott!“, gibt Johann mit schläfriger Stimme von sich.
Von dem Streit angelockt, stehen Hein und Tante Therese wortlos und verängstigt in der Tür zum Salon.
Hans-Peter kehrt an den Tisch zurück und setzt sich an das Kopfende. Er breitet seine Arme auf der Tischdecke aus und sagt, auf Heiko deutend: „Hätte der alte Oliver von Steinberg diesen Taugenichts noch erlebt, dann wäre er sicherlich vor Kummer gestorben.“
Ungerührt fixiert Heiko die Zimmerdecke.
„Ich weiß, ich weiß, für euch bin ich das schwarze Schaf der Familie …“, mokiert er sich.
„Du bist der Schandfleck der Familie!“, krächzt Johann mit matter Stimme, der die Überzeugung fehlt.
„Lasst doch den armen Jungen endlich in Ruhe!“, gebietet Tante Alexandra.
Der Deichkater pfeift leise vor sich hin.
„Wo ist denn Ewald hingegangen?“
„Sicherlich dorthin, wo er sich sein Kokain besorgen kann.“
Aufruhr!
„Heiko! Das ist aber eine geschmacklose Respektlosigkeit!“, zürnt Hans-Peter und sieht ihn wütend an.
„Es ist keine Respektlosigkeit, es ist einfach die Wahrheit! Ihr wisst doch genauso gut wie ich, dass Onkel Ewald seit seiner Verschüttung im Krieg nicht mehr ohne dieses Zeug leben kann. Oder wollt ihr es einfach nicht wissen?“
„Junge!“, ruft Frau Annette ihm vorwurfsvoll zu und blickt erschrocken zu Tante Alexandra, die, ohne etwas verstanden zu haben, ruhig lächelt.
Clarissa mustert ihren Vetter Heiko. Sogar sein Name klingt hart, er hört sich wie ein Peitschenhieb an: Heiko! – Etwas Wendiges, Raues, Schroffes. Sie denkt verängstigt an jenen Tag zurück, an dem er sie in den Keller einsperrte, und an die Panik, die sie vor dem Ungeziefer ausgestanden hatte. Seit diesem Tage fürchtete sie sich vor diesem Verrückten … Seitdem war die Zeit vergangen, beide waren älter geworden, jeder auf seine Weise, fast ohne einen Kontakt miteinander zu pflegen. Und jetzt steht Heiko auf einmal wieder da, ein ganzer Mann, allerdings mit einem sonderbaren, fremdartigen Gesichtsausdruck, mit Manieren, die ganz anders als die üblichen sind – herb, lässig, provozierend, aggressiv, unerzogen –, aber eben seine eigenen, niemand anderem ähnlich.
Clarissa sieht Heiko direkt ins Gesicht und vermag nicht zu entscheiden, was sie genau für ihn empfindet: Sympathie oder Hass. Hass? Was für ein hochtrabendes Wort!
Heiko schlägt vor: „Großmama, lass uns bitte jetzt gehen, ja?“
Johann steht schwerfällig auf: „Ein sehr guter Vorschlag, ich habe einen riesigen Durst!“
Hein erscheint in der Tür: „Gute Nacht euch allen!“
Seit zwölf Jahren wiederholt er allabendlich, pünktlich um zehn Uhr, diese Worte.
Hans-Peter und Frau Annette küssen Tante Alexandra. Sie verlässt das Haus, auf Heikos Arm gestützt. Johann folgt ihnen mit schweren Schritten bis zur nächsten Straßenecke. Dann schlägt er eilig die Richtung zu seiner Stammkneipe ein.
Tante Therese verabschiedet sich von ihrem Verlobten und zieht sich anschließend in ihr Zimmer zurück. Hans-Peter, seine Frau und die Tochter verbleiben im Esszimmer. Der Papa hadert mit dem Zeitgeist: „Es ist doch unglaublich, dass die heutige Jugend keinen Respekt mehr vor dem Alter hat. Tradition bedeutet ihr überhaupt nichts mehr! Was soll aus dieser Welt noch einmal werden? Alles hat sich verändert.“ Pause. „Clarissa!“
Ach, dass man sich meiner überhaupt noch erinnert! „Ja, Papa?“
„Wie hieß noch jener bekannte Schriftsteller, der einmal sagte, dass die Jugend die Alten nicht verstehen kann und die Alten die Jungen nicht verstehen möchten?“
Clarissa denkt kurz nach. „Tut mir leid, Papa, der Name fällt mir gerade nicht ein.“
„Macht nichts. Jener Herr Schriftsteller, wie er auch heißen mag, irrt gewaltig. Die Jugend kann, aber möchte nicht verstehen. Die junge Generation ist viel zu haltlos, sie ist verloren! Ich verabscheue diese Modernismen. Und ich wünsche nicht, dass mein Fräulein Tochter mit solchen Individuen Umgang hat! Habe ich mich wohl deutlich genug ausgedrückt?“ Der Unterton in seiner Stimme enthält eine unverhüllte Drohung.
„Ist schon gut, Hans-Peter“, besänftigt ihn Frau Annette. „Schimpf nicht mit Clarissa, sie kann doch nichts für Heikos flegelhaftes Benehmen.“
Clarissa, gekränkt, senkt ihre Augen auf das Buch. Ihr Poet sagt: „Im Grunde existiert nur diese traurige Wahrheit: Wir alle leben in Einsamkeit.“
Frau Annette und ihr Gatte verlassen das Esszimmer. Clarissa schließt das Buch und geht hinauf in ihr Zimmer. Sie tritt ans Fenster und öffnet es. Ein heller Halbmond erleuchtet die klare Nacht. Aus der Ferne erklingt leise Musik.
Ohne zu wissen warum, verspürt sie auf einmal ein unwiderstehliches Gefühl, weinen zu müssen.
5. Sonntag
Am Sonntagmorgen erwacht Clarissa als Erste im Herrenhaus. Das starke Sonnenlicht, das durch den Vorhang schimmert, scheint ihr direkt ins Gesicht. Sie reibt sich die Augen wach, kriecht unter der schweren Federdecke hervor und steckt ihre Füße in die Hausschuhe. Dann stellt sie sich mit prüfendem Blick vor ihrem geöffneten Kleiderschrank auf. Welches Kleid soll sie heute anziehen?
Noch immer unentschlossen, geht sie zunächst ins Badezimmer hinunter und wäscht sich. Während sie sich abtrocknet, fällt sie ihre Entscheidung: das blaue mit dem weißen Kragen. Sie geht zurück in ihr Zimmer, setzt sich vor die Frisierkommode und blickt in den Spiegel, wobei ihr ein trauriger Gedanke in den Sinn kommt, der ihren Blick verfinstert: Ich werde immer hässlicher. Früher habe ich sehr oft gelächelt, heute tue ich das kaum noch. Wir haben ja hier nicht viel, über das man lachen könnte. Ich mache ein ernstes, murriges Gesicht, das mit Falten durchzogen, blass und mager geworden ist. Typisch! Ganz das Fräulein Lehrerin! Dieser Gedanke trotzt ihr dennoch ein Lächeln ab.
Sie kämmt ihre kastanienfarbenen, langgelockten Haare, die in der strahlenden Morgensonne glänzen.
Im Herrenhaus ist es noch still. Keiner außer ihr mag am Sonntag früh aufstehen. Das Lenchen behauptet immer, dass Clarissa mit ‚de Vogels opwoken dait‘.
In der Tat, die Vögel zwitschern vergnügt und spazieren, auf der Suche nach fetten Regenwürmern für ihr Frühstück, gemächlich auf dem Rasen herum. Sie hat den Vorhang zur Seite gezogen und das Fenster ganz geöffnet. Ein feuchter Lufthauch mit dem Geruch nach frischer Landluft weht ihr ins Gesicht. Für einen Augenblick empfindet Clarissa das Gefühl von Fröhlichkeit.
Alles erscheint wie neugeboren an diesem wunderbaren Morgen! Sogar das alte Gemäuer sieht aus wie neu und der Himmel gleicht einem Freskengemälde. Stiegen die weißen Wölkchen noch höher in den blauen Himmel empor, würden sie sich sicherlich blau verfärben. Unten ist der Rasen noch recht grün, wenn auch schon viele Blätter von den Bäumen darauf gefallen sind.
Im Hintergrund des Hofes steht der alte Brunnen. Man erzählt sich, dass in jenen Zeiten, als Tante Alexandra noch ein junges, hübsches Mädchen war und große Bälle im Hause des Generals Peter von Steinberg veranstaltet wurden, eine hohe Wasserfontäne aus dem Brunnen empor sprudelte. Chinesische Lampions leuchteten über dem Hof. Vornehme Gäste – adelige Gutsherren, Offiziere in schmucken Uniformen, Künstler und Dichter mit langen Haarmähnen, Damen mit festlichen Reifröcken – waren zu diesen festlichen Anlässen geladen. Man tanzte bis in die frühen Stunden des nächsten Tages hinein. Tante Alexandra hatte ihr einmal erzählt, dass sich dort, weiter hinten, neben der hohen Esche, zwei Männer ihretwegen duelliert hatten.
Welch ein herrlicher Morgen! Clarissa lehnt sich aus dem Fenster und blickt über die Hecke hinweg auf die Straße hinab. Keine Menschenseele ist in Sicht. Die Sonne entreißt den Backsteinen der Häuserwände und den Pflastersteinen wahre Glitzerfunken. Die Schwan-Apotheke gegenüber ist geschlossen. Sie hat heute wohl keinen Notdienst. Hier und dort sprießen Grashalme zwischen den Steinen. An ihnen hängen Tautropfen, von der Sonne mit ihren magischen Kräften in strahlende Diamanten verwandelt.
Clarissa geht ins Zimmer zurück, zieht ihr Nachthemd über den Kopf und kleidet sich an. Zuletzt steigt sie in das blaue Kleid. Wieder vor dem Spiegel korrigiert sie ihre Frisur, legt ein wenig Puder auf die Nase und einen Hauch Lippenstift auf ihre wohlgeformten Lippen, die sie danach fest aufeinanderpresst. Ein Blick auf die Armbanduhr sagt ihr, dass es erst sieben Uhr ist.
Was tun, um die Zeit bis zum Frühstück zu überbrücken? Sie greift nach ihrem geliebten Buch und setzt sich in den Sessel. „Gedichte auf dem Wasser“.
Sie öffnet es an einer zufällig aufgeschlagenen Stelle und liest: „Die Liebe, die sich noch nicht erklärte, ist wie eine Melodie, deren Tonfolge noch unbestimmt ist. Sie lässt das Herz mitunter freudig, manchmal unruhig schlagen und hat dennoch den flüchtigen und geheimnisvollen Zauber einer Weise, die von Weitem, aus der Ferne erklingt …“
Clarissa legt das Buch beiseite, lehnt sich im Sessel zurück, schließt die Augen und beginnt nachzudenken. Musik aus weiter Ferne … das ist wirklich hübsch gesagt. Solch eine Liebe muss schön sei, wie die Liebe in den Romanen. Wie mag wohl dieser Dichter Reimer Madrigal aussehen?
Sie versucht ihn sich vorzustellen … In ihren Gedanken nimmt er Gestalt an: schlank, groß, blass, nobles Gesicht. Dunkelbraune, heiß blickende, tief liegende Augen. Reimer Madrigal fand schon ganz gewiss die große Liebe seines Lebens. Wer weiß? Vielleicht sogar eine unerwiderte, unglückliche Liebe. Er spricht mit sanfter Stimme. „Eine Stimme wie eine Fontäne“, so beschreibt er in seinen Gedichten die Stimme der Geliebten. Clarissa würde sich gern mit ihrem Dichter unterhalten. Am liebsten in ihrem schönen Garten … Reimer würde sich ihr anvertrauen, ihr von seinem Leid erzählen. Sicherlich würden sie sehr gute Kameraden werden. Er würde doch auch einige Verse für seine Freundin dichten. Worauf reimt sich eigentlich Clarissa? Ach, es ist so schwierig, für diesen „undeutschen“ Namen etwas Passendes zu finden; er ist zweifellos ungeeignet für Poesie. Na, was für ein Glück, dass die Gedichte von Reimer Madrigal nicht aus gereimten Versen bestehen … Gereimt oder nicht, er würde ihr, Clarissa, sicherlich ein wunderschönes Gedicht widmen. Jawohl, auch sie würde ihm ihren Schmerz anvertrauen. Etwa so: „Ich bin von Natur ein fröhliches Mädchen, aber es gibt so vieles hier, was mich traurig stimmt. Dieses riesige, alte Haus, in dem die Gespenster unserer Ahnen und unsere familiäre Vergangenheit herumspuken. Papas Geschäfte, die alle schiefgehen. Die traurigen Augen der Mama. Der altersbedingte Verfall unseres Lenchens. Die Flegeleien meines Vetters Heiko. Die Trinksucht meines Patenonkels Johann. Die gequälten Grimassen von Onkel Ewald, der nicht die Willenskraft aufbringt, seine Drogensucht zu bezwingen. Diese Zustände machen mich sehr, sehr traurig, lieber Reimer (es wäre doch schön, ihn so nennen zu dürfen, einfach ‚Reimer‘, nicht etwa ‚Herr Madrigal‘ …). Manchmal habe ich den großen Wunsch, all dies einfach zu verlassen und über alle Berge, weit, weit weg zu flüchten. Aber wohin fliehen? Und selbst wenn mir hierauf eine Antwort einfiele, fehlte mir dazu der Mut. Ich liebe meine Familie, ich mag dieses Haus, in dem ich geboren wurde. Aber ich werde immer trauriger, weil ich hilflos mit ansehen muss, wie hier alles unaufhaltsam zerfällt …“
Reimer Madrigal würde ihre Hände in die seinen nehmen und ihr ein Gedicht ins Ohr flüstern, eine traurige Geschichte der jungen Clarissa, die in einem kalten Schloss von einem fürchterlichen Ungetüm gefangen gehalten war, bis sie eines Tages von einem romantischen Kavalier befreit wurde. Sie verliebte sich in ihren Retter, der sie mitnahm in ein fernes Land, wo sie beide miteinander glücklich lebten bis an ihr Ende.
Clarissa senkt ihren Kopf und lächelt amüsiert über ihren Gedankenausflug. Sie kann es einfach nicht lassen, sich in ihrer Fantasie zu verlieren, Geschichten und Romane zu erfinden. Manchmal, in der Schule, träumt sie mit offenen Augen inmitten ihrer Schüler, während einer Lektion. Wenn sie wieder in die Wirklichkeit zurückfindet, umgibt sie der Heidenlärm ihrer Kinder. Der Rektor hat sie bereits deswegen ermahnt …
Clarissa klappt das Buch zu. Der Duft von Morgenkaffee aus der Küche steigt ihr in die Nase und bringt sie in die Gegenwart zurück: Sie hat Hunger. Geräusche dringen aus der Küche, Sicherlich bereitet Kathrein heißes Wasser, um die Frühstückseier zu kochen.
Clarissa öffnet die Tür und geht hinunter in das Esszimmer. Die Verbindungstür zum Salon ist geschlossen. Dort, im Dunkeln, befindet sich das Bild des Generals. Clarissa geht geschwind daran vorbei, ohne hinzusehen.
Sie ruft in die Küche: „Kathrein, bringst du mir bitte den Kaffee?“
Kurz nach neun Uhr erscheinen Gesche und Gesine, beide in knalligen, gelben Kleidern, um sie zur Kirche abzuholen.
Gesche stottert: „Cl… C… Cla…“
Gesine kommt ihrer Schwester zu Hilfe: „Clarissa.“
Gesche führt fort: „Wwwwwie ffff… findest du un… unsere Kk… Kk…“
„Kleider?“, beendet Gesine die Frage.
Clarissa findet sie grauenhaft, die grelle Farbe tut den Augen weh. Sie kommt aber um die Notlüge nicht herum: „Sie sind wirklich sehr nett. Wer hat sie denn gemacht?“
Gesche versucht zu antworten, aber, wie üblich, ist es Gesine, die eine verständliche Antwort gibt: „Unsere Tante Rosa, sie ist ja Schneiderin.“
Sie machen sich auf den Weg. Die Zwillinge gehen kleine Schritte. Clarissa hakt sich bei beiden unter und schon laufen die drei Mädels ihren Schatten vorweg. Drei junge Gesichter: eines in zweifacher Ausführung, rundlich, mit vollen, rötlichen Wangen, knolligen Nasen, lustigen Äuglein. Das dritte, oval, apart und hübsch, mit himmelblauen Augen. Die Sonne beleuchtet die drei Gesichter mit der gleichen Intensität, ohne eines davon zu bevorzugen. Trotzdem, jene jungen Männer Oldenmoors, die ihnen begegnen und sie grüßen, lassen ihre Augen länger auf Clarissas Gesicht ruhen, bevor sie vorbeigehen: Hannes Suhr vom Modehaus, Friedrich Winkler, Redakteur bei der Lokalzeitung, Detlef Bartels, Referendar beim Notariat.
Gesine beginnt eine Unterhaltung: „Clarissa, rate mal, wen ich heute früh schon gesehen habe?“
„Keine Ahnung, sag schon!“
„Den Deichkater.“
„Was, Heiko?“
„Ja, den Heiko.“
„Wo denn?“
„Auf dem Marktplatz; er saß auf einer Bank.“
„St… stell dir vor, eeer hh… hat u… u…“, versucht sich Gesche, vergeblich. Gesine ergänzt: „Er hat uns nicht einmal gegrüßt!“
Was geht mich das eigentlich an?, fragt sich Clarissa. Diese dummen Gänse schnattern wirklich nur über belangloses Zeug. Was habe ich mit dem Heiko zu tun? Bin ich denn seine Mutter? Nee! Ich trage doch keine Schuld daran, dass er solch ein Rüpel ist. Ich kann ihn nicht erziehen und zwingen – gerade den Deichkater! –, dass er diese Gänse grüßt. Was für ein Schwachsinn!
Manche Leute gucken aus den offenen Fenstern und genießen den herrlichen, sonnigen Morgen.
„Guten Morgen!“
„Moin, moin!“
Überall „Guten Morgen!“
Für jeden ein freundliches Lächeln. Alle Gesichter sind bekannt. Man muss also höflich grüßen, sonst geht das Gerede hinter dem Rücken los: „Die ist aber hochmütig!“ Und dies und das …
„Guten Morgen!“
„Moin, Moin, guten Morgen!“
Sie kommen auf den Marktplatz, in dessen Mitte die Kirche thront.
Gesine meint: „Last uns schnell hineingehen, dann kriegen wir einen guten Platz.“
Sie beeilen sich und betreten die Kirche. Typischer Kirchengeruch umfängt sie. Clarissa hat hierfür nie eine andere Bezeichnung finden können. Sie setzen sich auf eine Bank in der vorletzten Reihe.
Mit einem humorvollen Lächeln auf den Lippen bittet Clarissa während der Andacht den lieben Gott stumm um genügend Geduld, um Gesche und Gesine ausstehen zu können. Die beiden sind doch wirklich so einfältig, dass es ihr oft schwerfällt, sie auszuhalten.
Das Mittagessen geht zu Ende und die Mama bittet das Lenchen, die Nachspeise zu servieren.
Clarissa sieht ihren Vater an. In dem kunstvoll verzierten Eichensessel am Kopfende des Tisches, in dem früher der alte Oliver von Steinberg den Familienvorsitz führte, kauert Hans-Peter. Von Zeit zu Zeit seufzt er und blickt deprimiert vor sich hin.
Kathrein bringt die Teller mit dem Nachtisch: Arme Ritter.
Hans-Peter schaut lustlos auf die in Fett gebackenen Brotscheiben, die mit Zucker und Zimt überstreut sind. „Haben wir nichts Besseres zum Nachtisch?“
„Nein, leider nicht“, antwortet Frau Annette beklommen.
„Warum lässt du denn nichts Ordentliches vom Café Petersen holen?“
Der stumme, ausdrucksvolle Blick von Frau Annette ist eine ausführliche Antwort.
Hans-Peter begreift. „Ach so, lassen die auch nichts mehr anschreiben?“
Die Mama nickt.
Hans-Peter springt wütend vom Sessel auf, wirft seine Serviette auf den Teller und läuft aufgeregt und mit kreideweißem Gesicht im Esszimmer auf und ab: „Verfluchtes Gesindel! Mir den Kredit zu verweigern! Mir! Gerade mir! Ungeheuerlich!“
Tante Therese isst ihren Armen Ritter mit gesenktem Kopf. Frau Annette schaut ihrem Mann nach, während es Clarissa nicht wagt, die Augen von ihrem Teller zu heben.
Wie ein wildes Tier im Käfig wandert Hans-Peter aufgeregt zwischen Tisch und Fenster hin und her, die Fäuste tief in den Hosentaschen geballt. Hin, her, hin, her … „Undankbare Mistkerle! Der alte Oliver hat euch ernährt, als ihr hungertet, hat euch erwärmt, als ihr gefroren habt! Und jetzt erdreistet ihr euch, seinem Sohn den Kredit für ein Stück Kuchen zu verweigern!“
Frau Annette schüttelt traurig den Kopf. Tante Therese fragt, ob sie noch ein Stück der Nachspeise haben darf.
„Der Petersen!“, fährt Hans-Peter heftig fort. „Gerade dieser Petersen, der zerlumpt und arbeitslos in der Gegend herumlief! Der Papa ließ ihn kommen, gab ihm Haus, gab ihm zu essen und obendrein noch Geld, damit er sich eine Existenz aufbauen konnte. Und heute hat dieses Subjekt die Stirn, mir den Kredit für ein paar Stücke Kuchen zu verweigern. Undankbarer Schweinehund!“
„Aber Hans-Peter, das ist ungerecht von dir!“, fährt Frau Annette dazwischen. „Der Arme hat ja gar nicht so unrecht, wir schulden ihm bereits seit fünf Monaten die gelieferten Waren. Er kann auch nicht nur von leeren Versprechungen leben …“
Hans-Peter bleibt abrupt stehen, wendet sich seiner Frau zu, richtet seinen Zeigefinger auf sie und brüllt sie wütend an: „Das fehlt noch! Du, meine Ehefrau, gibst diesem miesen Kerl auch noch recht? Diesem Petersen?“ Er verlässt das Zimmer mit lautem Schritt, die Tür knallt hinter ihm ins Schloss. Er geht ins Schlafzimmer, um seinen heiligen Mittagsschlaf zu halten. Die Wut, die in seiner Brust kocht, hindert ihn zehn Minuten lang am Einschlafen. Erregt liegt er mit offenen Augen im Bett und blickt stur zur Decke. Allmählich schwinden Petersen, Nachspeise und Ärger. Der Schlaf schleicht sich lautlos ins Zimmer und schließt sanft die Augen des Hans-Peter von Steinberg.
Das Schweigen im Esszimmer wird erst nach einigen Minuten durch Frau Annette gebrochen. Kopfschüttelnd versucht sie den Ehemann vor der Tochter zu rechtfertigen: „Dein Vater ist so ungehalten, seit er das Gut verloren hat.“ Sie reinigt sich die Zähne mit einem Zahnstocher. Dann fährt sie fort: „Er war eben immer nur an das gute Leben gewöhnt. – Es ist zum Verrücktwerden! Wie soll das nur weitergehen?“
Tante Therese steht auf. „Ich gehe, um mich fertig zu machen, der Hein wird ja bald kommen.“ Erwartungsvoll wie eine junge Braut geht sie hinaus, um sich das Gesicht zu pudern und Rouge aufzutragen.
Clarissa und Annette sehen sich einen Augenblick stumm an.
„Mama …“ Clarissas Stimme ist dünn und gebrochen.
„Ja, mein Kind?“
„Was hat der Papa eigentlich gegen mich?“
„Gegen dich? Wie kommst du nur auf einen solchen Gedanken?“
Trotz ihrer Anstrengung, nicht zu weinen, kann Clarissa das Herunterkullern einer Träne auf ihrer Wange nicht verhindern. „Ich bemerke das schon seit längerer Zeit. Der Papa sieht mich kaum an, spricht nicht zu mir. Und wenn er überhaupt spricht, dann böse …“ Weitere Tränen folgen der ersten und gleiten am Gesicht hinab.
„Du musst nicht weinen, Dummerchen. So unwirsch verhält sich der Papa leider zu uns allen.“
Obwohl sie sich darum bemüht, kann Frau Annette einfach nicht zärtlich sein und ihre Tochter trösten. Ihre unnahbare, derbe Art lässt solche Zeichen der Zuneigung anderen Menschen gegenüber nicht zu.
Clarissa hat ihren Kopf zwischen den Armen aufgestützt und ihre Tränen benetzen den Armen Ritter auf ihrem Teller. „Ich weiß, der Papa wollte lieber einen Sohn haben.“
„Lass das, Kind, was soll denn dieses Gerede?“
„Doch, ich weiß es! Er sagt, die Familie würde aussterben, der Heiko sei ein Taugenichts und ich hätte lieber als Junge geboren werden sollen.“
„Was hast du nur für dumme Gedanken in deinem Kopf!“
„Aber ich … Ich trage doch nicht die Schuld, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein!“
Frau Annette lächelt verlegen. Anstatt Clarissa zu umarmen und ihr mütterlichen Trost zu spenden, ist ihre Art, Liebe zu zeigen, eine ganz andere, eine unauffällige. Sie streichelt ihre Tochter nicht, sie näht ihr schöne Kleider. Sie schließt sie nicht in ihre Arme, sie bringt ihr in den kalten Winternächten ein Glas heißer Milch ans Bett und kuschelt sie in die Federdecke ein, wacht um ihre Gesundheit, gibt ihr Ratschläge. Aber Küsse, Umarmungen … wozu?
„Kathrein, bitte räume den Tisch ab!“, ruft sie plötzlich.
Kathrein kommt.
Frau Annette steht auf und geht in die Küche, während Clarissa am Tisch sitzen bleibt. Kathrein trällert ein Lied, bringt die Teller in die Küche hinaus, kommt zurück und hebt die Tischdecke ab. „Geht das gnädige Fräulein heute ins Kino?“
Clarissa verneint.
„Tanzen? Ins Colosseum?“
„Auch nicht.“
Kathrein singt weiter, während Clarissa ans Fenster geht und sich die Tränen aus den Augen wischt.
So ein schöner Sonntag! Sonne über der sonntäglichen Ruhe, stillstehende Schatten, keine Bewegung. Nur dort oben im blauen Himmel dreht ein Raubvogel seine Flugrunden, ohne mit den Flügeln zu schlagen …
Jetzt ist vollkommene Ruhe. Oldenmoor gleicht einer verlassenen Stadt.
Der Papa und die Mama halten ihren Mittagsschlaf. Tante Therese liest im Salon eine Zeitschrift und wartet auf ihren Verlobten. Das Hauspersonal hat Ausgang.
Clarissa geht auf ihr Zimmer und lehnt sich aus dem Fenster. Sie blickt auf die Hagebuttenhecke, in der sich die Vögel laut kreischend und streitend an den reifen, roten Früchten sattfressen. Lieber Gott, denkt sie, gibt es denn nichts Wertvolles in diesem Leben?
In rascher Bildfolge sausen die bekannten Personen und Szenen, die sie umgeben, durch Clarissas Gedanken: Gesche und Gesine in knallgelben Kleidern, der flötenspielende Onkel Suhl, der grimmige Papa mit seinen Kraftausdrücken, der schläfrige Onkel Johann, die Grimassen des Onkel Ewald, Hein Piepenbrink mit seinem Goldzahn, die ewig gelbliche Haut der Tante Therese, die Schule – ihre Schüler –, Heike, Tante Alexandra, Heiko …
Ein Hahn kräht in der Ferne. Es gibt also doch noch zwei lebendige Wesen in der Stadt: den Hahn und Clarissas Herz, das wild und heftig schlägt.
Sie kehrt ins Zimmer zurück. Der Spiegel zeigt ihr ein bekümmertes Gesicht.
Was nützt ihr dieses hübsche, blaue Kleid? Wozu der Spiegel, das nett eingerichtete Zimmer mit der lustigen Tapete? Und dort, die Blumen? Wozu dient der Drang der Menschen, sich mit schönen Gegenständen zu umgeben? Warum hat man stets den Wunsch, gute Freunde zu haben, inmitten fröhlicher Menschen zu leben?
Und was bedeutet all dies, wenn die „anderen“ einen einfach nicht verstehen wollen, einem nicht entgegenkommen? Mein Gott! Wenn sie wenigstens jetzt irgendjemanden hätte, einen Freund, um mit ihm zu reden …
Sie greift zu ihren „Gedichten auf dem Wasser“. Reimer Madrigal kann ihr diesmal auch nicht helfen, er hat keine Antwort auf ihre ungeduldigen Fragen.
Clarissa öffnet also ihr Tagebuch, um sich wenigstens mit sich selbst zu unterhalten.
6. Gedanken
Als ich ein Kind war und noch in die Schule ging, wollte ich schon sehr viel älter sein und das Leben kennenlernen. Ich träumte von einer schönen, heilen Welt. Damals waren für mich der Mond viereckig und die Sterne zum Greifen nahe. Später, als ich in Flensburg das Lehrerseminar besuchte und im Studentenheim wohnte, lernte ich dort viele eigenartige Leute kennen.
Gustav war ein sehr traurig aussehender Jüngling, ein Einzelgänger, der nie gern mit den anderen sprach. Er hatte ein Klavier in seinem Zimmer und komponierte eigenartige Musikstücke, die keine richtige Melodie hatten und unharmonisch und laut klangen. Da er so verschlossen war, verdächtigte ich ihn zunächst des Stolzes; erst später kapierte ich, dass es einfach seine Art war. Zu meinem damaligen Geburtstag schenkte mir Gustav einen Goldfisch. Ich habe mich dermaßen gefreut, dass ich Lust hatte, zu ihm zu gehen, um ihn zu umarmen und zu küssen. Ich erinnere mich sehr genau an diesen Tag, weil ich später viel darüber nachgedacht habe. Wenn die Leute Lust verspüren, jemanden zu umarmen und zu küssen, warum tun sie es dann nicht einfach? Was ist Schlechtes an einer Umarmung, wieso ist es verwerflich, die eigenen Lippen auf die einer anderen Person zu drücken? Warum kann ein Mädchen nicht ein anderes Mädchen oder ein Junge nicht ein Mädchen küssen, ohne dass hieraus eine große Affäre gemacht wird? Mit der Zeit habe ich gelernt, dies zu begreifen. Es war für mich eine ziemliche Enttäuschung, dass man solch ehrlichen Gefühlen der Freundschaft keinen freien Lauf lassen darf, weil die Gesellschaft dies falsch auffassen könnte.
Ich hatte in Flensburg eine sehr durchtriebene und erfahrene Schulfreundin. Sie hieß Olga. Sprach sie manchmal über gewisse Dinge, die ich nicht verstand, dann warf sie mir vor, ich sei entweder eine Heilige, eine dumme Gans oder ein falsches Luder. Ich verstand sie wirklich nicht. Später fing ich allmählich an zu verstehen, was sie gemeint hatte: Ich las Bücher und Zeitschriften, hörte gewissen Unterhaltungen zu. Eines Tages fand ich ein Buch mit einem lustigen Titel, begann es zu lesen und entdeckte darin schlimme Geschichten, die mich sehr schockierten. Ehrenwort, ich habe vorher nie geglaubt, dass das Leben und die Menschen so sein könnten.
Wurde ein Baby geboren, glaubte ich fest daran, dass es der Storch gebracht hatte (Schande! Ich hätte ja schreiben müssen: „dass es der Storch war, der es gebracht hatte“. Wenn mein Schuldirektor dieses Tagebuch lesen würde, schlüge – oh, welch ein furchtbares Wort! – er seine Arme entsetzt über den Kopf! Ach, was geht mich das an? Ich schreibe ja nur für mich selbst, einfach so, wie ich denke!).
Heute weiß ich, wie die Babys geboren werden. Um die Wahrheit zu sagen, weiß ich es eigentlich nur so ungefähr, genau kann ich mir das Ganze nicht vorstellen. Schade! Ich fand die Geschichte mit dem Storch viel schöner. Wieder so eine Enttäuschung.
Eines Tages beobachtete ich, wie Frau Johansen, die Leiterin des Studentenheims, einen jungen Mann namens Uwe fest in den Armen hielt und ihn auf den Mund küsste. Ich dachte, ich würde vor Aufregung tot umfallen. Ich empfand es als ungeheuerlich, dass eine verheiratete Frau so etwas tat. Ich wusste, dass diese Tat verwerflich war, und trotzdem konnte ich nichts Schlimmes an ihr entdecken. In mir war eine fürchterliche Mischung von gegensätzlichen Gedanken, die in meinem Kopf herumlaborierten.
Es gab da noch etwas, das ich nicht verstehen konnte: Neben dem Studentenheim lag ein großes, schönes Haus, das sehr wohlhabenden Leuten gehörte. Sie hatten ein Grammophon, ein luxuriöses Automobil mit Chauffeur, einen herrlichen, von drei Gärtnern gepflegten Garten und sehr viele Bedienstete. Die Hausbewohner waren stets äußerst nobel gekleidet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war da eine kleine, fast zerfallene Kate, feucht und heruntergekommen, in der eine arme Witwe hauste; sie pflegte ihren schwerbehinderten Sohn, der bei einem Arbeitsunfall das rechte Bein verloren hatte.
Ich dachte damals, diese Welt wäre ungerecht und die Menschen würden irren. Alle müssten genügend Geld haben. Es dürfte keine Reichen und keine Armen geben. Aber in Wirklichkeit gibt es sie eben doch. Und wenn die Reichen ihr Geld an die Armen verteilten? Zum Beispiel könnten doch die reichen Nachbarn ihr Automobil verkaufen und das Geld der armen Witwe geben. Das Auto war ja nicht unbedingt nötig … Ich habe dies dem Herrn Hansen gesagt, er runzelte böse die Stirn und fragte mich, ob ich, Clarissa von Steinberg, eine Kommunistin geworden sei. Ich war verdutzt und verstand diese Frage nicht. Heute verstehe ich sie. Ich weiß ungefähr, was der Kommunismus ist. Unser Pastor in Oldenmoor hielt heute seine Predigt gegen den Kommunismus und die Kommunisten. Was ich ganz und gar nicht verstehe, ist, wieso er danach auch noch behaupten konnte, dass wir Kinder Gottes sind, die alle einen Anspruch auf das gleiche Glück haben. Haben dies auch die Kommunisten oder haben sie es nicht? Wie kann man so etwas miteinander vereinbaren?
(Ich finde überhaupt, dass ich sehr dumm und ungebildet bin!)
Der Papa ist ausgesprochen absonderlich zu mir. Eines Tages hörte ich ihn zufällig zu Onkel Suhl sagen, er hätte es viel lieber gehabt, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Onkel Suhl bemerkte darauf, der Papa könne doch sehr froh sein, dass aus mir so eine tüchtige Lehrerin geworden sei.
Obwohl ich Onkel Suhl für seine Verteidigung sehr dankbar bin, habe ich bemerkt, wie sehr sich der Papa verändert hat. Als ich acht war, war er wie ein Gott für mich. (Verzeih mir, lieber Gott!) Für mich gab es niemanden, der schöner, reicher, intelligenter oder lieber gewesen wäre. Ich kam von der Schule nach Hause und fragte ihn: „Papa, warum kommt am Tag die Sonne und der Mond in der Nacht?“ Papa nahm mich auf seinen Schoß und erklärte mir alles. Ich habe es nicht verstanden, aber dabei gedacht: Der Papa ist viel weiser als die Lehrerin. Und wenn mich jemand auf der Straße belästigt oder gehauen hat, dann sagte er streng: „Ich lasse jetzt auf der Stelle diesem Lump eine ordentliche Tracht Prügel verpassen!“ Und dabei lachte er herzhaft. Ich habe immer geglaubt, dass er auch das tun würde, was er sagte.
In der damaligen Zeit hatte der Papa noch das Gut und sehr viel Geld. Hier, im Herrenhaus, wurden glanzvolle Feste gefeiert. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Es kamen zahlreiche Gäste, alle Zimmer und der Salon waren hell erleuchtet und es wurde getanzt. Onkel Suhl spielte auf seiner Flöte immer dieselbe Melodie, die ich bald auswendig konnte. Es kamen der Bürgermeister, die Stadträte und viele junge Damen und Herren aus Oldenmoors bester Gesellschaft. Eines Tages musste ich ein Gedicht aufsagen. Es war „Der Baum“ von Rolf Brandt. Ich war sehr aufgeregt und verschämt und sagte die Verse mit der Hand vor meinem Mund auf. Danach gab es einen Applaus für mich und alle streichelten mein Gesicht und sagten: „Wie niedlich! Das hast du aber sehr schön vorgetragen.“ Danach sprach der Papa noch einige Worte und erntete ebenfalls viel Applaus und freudige Zustimmung. Als ich das sah, dachte ich: Der Papa ist der schönste und beste Mensch auf der Welt!
Wäre ich zu ihm gegangen und hätte ihn gebeten: „Kaufst du mir den Mond, lieber Papa?“, so glaubte ich damals, würde er sofort das Lenchen kommen lassen, ihm einige Geldscheine in die Hand drücken und zu ihm sagen: „Lenchen, bitte gehen Sie sofort und besorgen Sie den Mond für meine Clarissa!“ Eines Tages, im Zirkus, war ich sehr erschrocken, als der Dompteur in den Käfig eines Löwen stieg. Als ich nach Hause kam und den Papa sah, hochgewachsen und laut sprechend, dachte ich: Der Papa kann es sogar mit fünf Löwen in einem Käfig aufnehmen!
Sehr oft bewunderte ich ihn im Stillen und himmelte ihn an. Wenn er es merkte, lächelte er mir zu, und das machte mich sehr glücklich.
Heute ist leider alles ganz anders. Man wächst, wird älter, lernt und studiert, beobachtet und versteht, dass die Dinge nicht so sind, wie man sie sich damals in der Kindheit eingebildet hat.
Vor allem: Der Papa ist nicht mehr der Riese, tausend Mal größer als ich. Das Traurige an dieser Feststellung ist nicht, dass ich gewachsen bin, sondern meiner Meinung nach leider er derjenige ist, der geschrumpft ist. Natürlich sind auch das Herrenhaus, der Salon, der Hof und der Rasen für mich kleiner geworden, seit ich gewachsen bin.
Ich fing an, an meinem Papa Fehler zu entdecken. Eines Tages verwendete er ein falsches Wort. Zunächst war ich schockiert, beim späteren Nachdenken fand ich dies aber nicht mehr so wichtig. In der Tat war es ja auch eine Nichtigkeit. Ein anderes Mal diskutierte der Papa sehr heftig mit Onkel Suhl, und dabei wurde mir leider bewusst, dass sein Wissen viel geringer war, als ich immer gedacht hatte. Die Diskussion wurde heftiger, beide waren ziemlich aufgeregt und plötzlich, inmitten anderer Leute, sagte der Papa ein hässliches Schimpfwort. Ich errötete vor Scham; ich hatte wieder eine schwere Enttäuschung erlebt.
Später kamen weitere Beobachtungen hinzu. Der Papa und die Mama verstehen sich nicht mehr so gut. Sie ist stets traurig und schon oft habe ich sie beim heimlichen Weinen entdeckt. Als ich eines Tages ahnungslos mitten in einem heftigen Streit das Schlafzimmer der beiden betrat, sah ich, dass der Papa die Mama geohrfeigt hatte.
(Sollte irgendjemand dieses Tagebuch lesen, sterbe ich vor Scham!)
Immer wieder versuche ich, den Papa beim Sprechen nicht allzu kritisch zu taxieren, leider vergebens. Stets erwische ich mich dabei, alles, was er sagt und tut, genau zu beobachten und zu bewerten. Eigentlich steht mir dies gar nicht zu. Ich bin doch letztendlich seine Tochter und liebe ihn sehr.
Was mich außerdem noch traurig macht, ist, dass meine Mutter mich nie umarmt oder küsst. Ich lebe hier allein vor mich hin, wie eine ungeliebte Katze. Als ich in der Ferne war, dachte ich, dass ich bei meiner Rückkehr ins Elternhaus alle froh und munter vorfinden würde. Ich erinnerte mich an meinen Patenonkel Johann, sehr dick und gemütlich, der mir immer schöne Geschichten erzählt hatte; an Tante Alexandra, die im groten Schapp auf der Diele ihres schönen, alten Reetdachhauses stets eine herrlich verzierte Dose, gefüllt mit leckeren Kokos- und Zimtplätzchen, aufbewahrte; an meine Spielgefährten Rollo, Heide, Klumpfuß, Heiko, Gesche und Gesine. Ich habe fast jede Nacht von ihnen geträumt.
Was ich dagegen vorfand, waren entfremdete Gesichter. Alle klatschen über den armen Onkel Johann, der sich so sehr betrinkt. Oder über Onkel Ewald (na ja, wenigstens dieser war mir nie besonders lieb) mit seiner Drogenabhängigkeit. Rollo ist zum Militär gegangen und hängt jetzt daran fest wie an einer Kette. Die Heide hat sich mit irgend so einem Kerl verheiratet und ich habe sie nicht mehr gesehen. Gesche und Gesine sind zwei einfältige Geschöpfe, sie haben außer Kleidern und dem Tanzen keinerlei Interessen. Der Klumpfuß ist heute der vornehme Herr Josef Rembowski, geschäftsführender Direktor der Backwarenfabrik Rembowski und Sohn, der mich mit einem strafenden Blick ansieht, als ob ich die Schuld an seinem verwachsenen Fuß trüge. Alles ist so verändert. Es ist wirklich zum Heulen!
Das Leben spielt verrückt. Ich habe oft den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, bis in das Jahr, in dem ich sieben war. Damals war die Welt noch wirklich in Ordnung.
Onkel Suhl war für mich ein wahrhaftiger Zauberer. Wenn ich sein gelbliches Gesicht, seinen weißen Spitzbart und seine kleinen Äuglein sah, überkam mich eine köstliche Empfindung. Es war keine wirkliche Angst, aber wiederum war mir doch bange. Eine Art Respekt, oder besser gesagt eine Mischung aus Empfindungen, in der auch Bewunderung enthalten war. Onkel Suhl führte uns Zauberstücke vor, die uns unheimlich erschienen. Er griff an meine Nase und zog ein Ei aus ihr heraus. Alles lachte, auch Onkel Suhl mit seinem grunzenden Unterton, und ich war so sehr verlegen, dass ich mit offenem Mund stehen blieb.
Am meisten beeindruckte mich das geheimnisvolle Haus von Onkel Suhl in der Kaiserstraße. Es hat ein oberes Stockwerk und alle munkelten, dass der Alte nicht geheiratet hatte, weil er zu Hause eine Hexe versteckt hielt, die am Tage die Gestalt einer Krähe annahm und auf die Felder flog, um sich Nahrung zu suchen. Auch ich glaubte fest daran. Mich befiel eine furchtbare Angst vor diesem Hause, andererseits aber eine unwiderstehliche Neugier, dort hineinzugehen. Wie an dem Tage, wo wir alle bei Onkel Suhl waren und durch sein Teleskop den Mond beobachteten. Viele Leute in Oldenmoor kamen damals bei Nacht in Onkel Suhls Haus. Er erklärte ihnen alles, benannte die Entfernung des Mondes zur Erde, zeigte ihnen die erloschenen Vulkane und sagte mysteriöse Worte, die niemand verstand. Als ich damals durch das Rohr guckte, sah ich keinen Mond, keine Krater, nichts von dem, was Onkel Suhl vorbrachte. Ich sah lediglich eine weiß schimmernde, undefinierbare Kugel. Aber als Onkel Suhl mich fragte, ob ich dies oder jenes gesehen hatte, bejahte ich vor lauter Angst. Als wir dann später gingen, sagte er uns noch: „Ihr müsst am Tage des Heiligen Nimmerlein wiederkommen!“ Ich habe diese Worte nie vergessen, sie damals auch nicht so recht begriffen. Jedenfalls bin ich nie wieder in diesem Haus gewesen. Und dies ist jetzt schon länger als acht Jahre her.
Onkel Suhl ist auch heute noch der engste Freund der Familie. Er hat noch dasselbe Gesicht, er hat sich nicht verändert. Manchmal erscheint er unverhofft und bringt seine Flöte mit, um bei uns zu spielen. Er liebt die Daheim-Kalender sehr und jedes Jahr bringt er mehrere Ausgaben mit, die er unter uns verteilt. Er murmelt dabei immer wieder: „Leider konnte ich dieses Jahr die Darmstädter Kunstzeitschriften nicht bekommen, die sind ja führend für den guten Geschmack …“ Überhaupt gibt er ständig unverständliche Sätze von sich, dieser kauzige, liebenswerte Onkel Suhl!
In der letzten Zeit habe ich sehr intensiv über ihn nachgedacht. Man erzählt sich so vieles über ihn. Jetzt, wo ich nicht mehr an Hexen und Magie glaube, versuche ich in das geheimnisvolle Leben dieses rätselhaften Menschen einzudringen. Weshalb wird er wohl nicht geheiratet haben? Es muss wahrscheinlich in seiner Jugend eine große, unerfüllte Liebe gegeben haben. Ich bin mir nicht ganz so sicher, ob es vielleicht Tante Alexandra gewesen sein mag. Wenn er manchmal des Abends bei uns ist und auf seiner Flöte spielt, scheint es mir, als ob er ihr heimliche Blicke zuwirft, die einem sehr zu denken geben. Ach, könnte ich nur eines Tages in Onkel Suhls Haus eindringen, um sein Geheimnis aufzudecken.
Ich kann eben doch nicht recht glauben, dass sich das Leben so sehr von den Romanen unterscheidet.
Ich höre soeben einige Geräusche da unten. Wahrscheinlich ist es Hein, der seine Verlobte besucht. Ich kann die beiden selbstverständlich von hier aus nicht beobachten, aber ich könnte wetten, dass er ihr wieder die billigen Lutschbonbons mitgebracht hat. Tante Therese behauptet, dass er ihr anfänglich die köstlichsten und teuersten Pralinen mitbrachte. Nach und nach wurden diese durch einfachere Bonbons ersetzt, und heute gibt es nur noch eine kleine Tüte voll klebriger Karamell-Plombentrecker. Eigenartig. Sie behauptet, dass er sie wegen Geldmangels noch nicht heiraten könne. Wenn er dagegen das gesamte Geld, das er in all diesen Jahren für Pralinen und Bonbons ausgegeben hat, in den Bau eines Hauses gesteckt hätte, könnten die beiden sicherlich heute dort einziehen. Es könnte allerdings auch sein, dass dieses gesamte Geld nicht für den Bau eines Hauses ausgereicht hätte, ich bin ja im Rechnen nicht so gut bewandert und mit den Baupreisen kenne ich mich auch nicht aus.
Eben bin ich ans Fenster gegangen und habe hinausgesehen. Kein Mensch war auf der Straße zu sehen. Es schien, als ob alles ausgestorben wäre.
Als ich dann die Esche hinten im Garten erblickte, musste ich mich an unsere Kinderspiele erinnern. Klumpfuß war mein Papa (man stelle sich dies nur einmal vor!). Rollo war mein Page, wie in den Romanen. Gesche und Gesine waren meine Gesellschaftsdamen. Ich war die „Prinzessin von der madigen Erbse“. Es war Heiko, der mir diesen Namen verpasste. Ich war damals sehr böse auf ihn. Ich hatte doch einen schönen, einen romantischen Namen erwartet. Das Spiel war sehr spannend. Heiko, der Deichkater, war ein Räuber, der kam und mich entführte. Als er dies erfuhr, kam Klumpfuß laut schimpfend angehumpelt, rief Rollo und sagte: „Hole schnell die Pistolen, wir verfolgen den Lump, der die Prinzessin entführt hat!“ Heiko schleppte mich an das andere Ende des Gartens in ein Gebüsch, das hinter dem Brunnen wuchs. Er hatte sich ein Tuch um das Gesicht gebunden, wie die Banditen im Kino, und hielt mich an den Handgelenken fest. Ich flehte ihn an: „Deichkater, drücke nicht so fest, du tust mir ja weh!“ Er aber drückte noch fester zu und brüllte wie ein Löwe. Dann kamen Klumpfuß und Rollo, mit Hölzern bewaffnet, die wie Pistolen aussahen. Der Deichkater ließ ein zynisches Gelächter los, wie in einem Theaterstück, das ich im Colosseum einmal gesehen hatte, und rief ihnen zu: „Ihr kriegt sie nur über meine Leiche!“ Der Klumpfuß schrie: „Feuer auf ihn!“ Beide erhoben ihre Waffen, zielten auf den Deichkater und riefen: „Peng! Peng!“ Aber Heiko lachte sie aus und blieb stehen. Den Spielregeln zufolge hatte er verwundet hinzufallen, aber er richtete sich nie danach. Wütend schoss Klumpfuß erneut: „Peng! Peng!“ Gesche und Gesine verfolgten den Kampf von Weitem. Klumpfuß hieß ihn: „Stirb doch, Heiko!“ Darauf stürzte sich der Deichkater auf den Josef, nahm ihm die Waffe weg und zwang ihn zu Boden. Der Klumpfuß stand auf, rot vor Wut, und humpelte dem Banditen hinterher. Dieser aber kletterte mit Leichtigkeit auf die Esche und bewarf uns alle von oben mit den Samenhülsen, die er zuvor von den Ästen abgetrennt hatte. Klumpfuß hatte eine grenzenlose Wut, konnte er doch wegen seiner Behinderung nicht auch auf den Baum klettern. Eines Tages war sein Groll derart gewaltig, dass er einen großen Stein in den Baum warf und Heiko damit am Kopf traf. Als er bemerkte, dass sein Spielgefährte am Kopf blutete, lief er erschrocken weg und verkroch sich in der Bäckerei seines Vaters.
Der Deichkater kletterte, ohne zu weinen, vom Baum herunter und sagte mit dramatischem Tonfall: „Ich bin tödlich verwundet: Ich sterbe für mein Vaterland! Lebt wohl!“ (Auch dies stammte aus dem Theaterstück im Colosseum. Es war am Ende, bevor der Vorhang fiel.) Gesche und Gesine begannen laut zu heulen. Ich war furchtbar erschrocken und hatte Tränen in den Augen, während Rollo den Papa herbeiholte. Als Heiko sah, wie erschrocken wir waren, ließ er sich auf den Boden fallen und wälzte sich hin und her. Aber als der Papa erschien, stand er rasch auf, klopfte sich den Staub von seiner Kleidung und gab sein lautes, freches Lachen von sich. Man verarztete die Kopfwunde mit Jod, aber der Deichkater zuckte nicht einmal mit der Wimper. Als die Operation beendet war, war er sehr stolz auf die Bandagen um seinen Kopf, sah er doch jetzt wie ein wahrhaftiger Verwundeter aus. Er sagte später zu Rollo: „Gehe hin und sage dem Klumpfuß, dass ich nicht böse auf ihn bin.“
Um beim Deichkater zu bleiben: Ich weiß nicht recht, was ich heute von ihm halten soll. Manchmal erscheint es mir, dass er irgendetwas verheimlicht, irgendetwas sehr Mysteriöses; dagegen kommt es mir andere Male vor, dass er einfach ein ungezogenes Geschöpf ist, das die Älteren stets auf Trab hält und ihnen Verdruss bereitet. Tante Alexandra ist die Einzige, die mit ihm Geduld hat, weil Heiko der Sohn ihrer Tochter Elisabeth ist, die kurz nach seiner Geburt als Zwanzigjährige verstarb. Ich kann Heiko einfach nicht verstehen. Er ist unfolgsam, arbeitet nicht gern und wollte auch nicht studieren.
Würde er sich ordentlich benehmen, könnten wir sogar Freunde werden. Aber so ist es leider unmöglich. Ich kann den großen Schrecken nicht vergessen, den er mir einjagte, als er mich damals in den dunklen Keller sperrte.
Der Klumpfuß geht an mir vorbei, als ob wir nie Spielgefährten gewesen wären. Er grüßt immer sehr vornehm und zieht dabei den Hut. Oft hatte ich schon Lust, ihm zuzurufen: „Was ist, Klumpfuß, weißt du denn nicht mehr, wer ich bin? Hast du die Zeiten vergessen, als wir alle unter der hohen Esche saßen und Zwieback mit Honig gegessen haben? Du hattest immer Hosen an, die an einer gewissen Stelle geflickt waren, erinnerst du dich nicht? Heute tust du so vornehm! Hoppla, hoppla, Klumpfuß!“
Aber auch ich sage nichts und erwidere ebenso ernst seinen Gruß. Wenn Klumpfuß einen Ball besucht, steht er meistens im Hintergrund, an eine Wand gelehnt, und blickt traurig auf die Tanzenden. Der Arme kann ja nicht mitmachen. Vielleicht ist er deswegen so kontaktarm.
Eines Tages, beim Kirchen-Basar, stand er neben mir und war derart verunsichert, dass er kaum sprechen konnte; er verhaspelte sich andauernd, entschuldigte sich und sagte, es sei ihm unerträglich heiß. Während er mit mir sprach, beobachtete ich, dass er sehr bemüht war, seine Missbildung zu verstecken. Natürlich tat ich so, als ob ich es überhaupt nicht bemerkte.
Stehe ich gelegentlich am Fenster, wenn er unten vorbeigeht, beobachte ich, dass er errötet, versucht zu gehen, ohne zu humpeln und nicht genau weiß, was er mit seinen Händen anstellen soll.
Wahrscheinlich ist es meine eigene Schuld. Ich sollte nicht so viel beobachten und außerdem damit aufhören, immer darüber nachzudenken. Ach, könnte ich doch nur einfach leben und glücklich sein! Wenn man so viel beobachtet, entdeckt man all das, was auf dieser Welt so hässlich ist!
Als ich anfing zu schreiben, war es zwei Uhr. Jetzt ist es fast schon fünf. Die Zeit verging so schnell und ich bin nun etwas freundlicher gestimmt. Clarissa und ich sind zwei gute Freundinnen, wir verstehen uns bestens. Obwohl es wiederum traurig ist, feststellen zu müssen, dass ein solches Verständnis nur mit sich selbst möglich ist. Mit den anderen, wie sehr man auch mit ihnen befreundet sein mag, gibt es immer wieder Differenzen und Meinungsverschiedenheiten, die dazwischenkommen. Es sollte ja eigentlich nicht so sein, aber so ist es eben.
Heute Abend gehen wir ins Kino. Morgen früh beginnt wieder der Ernst des Lebens: Es geht schon früh auf, in die Schule. Ich vermisse meine Schüler bereits. Der Einzige, den ich nicht mag, ist der Rektor mit seinem verkniffenen Gesicht. Aber was kann ich schon dagegen tun?
Ich hab es ja schon mal geschrieben, aber sollte irgendwann dieses Tagebuch jemandem in die Hände fallen, sterbe ich auf der Stelle vor lauter Scham! Ich habe schon oft daran gedacht, dass es besser wäre, alles zu zerreißen. Wenn ich in der Schule bin, erschrecke ich auf einmal, mitten im Unterricht: Ich stelle mir vor, jetzt geht gerade jemand in mein Zimmer, findet das Tagebuch und fängt an zu lesen. Um Gottes willen, was würde er bloß denken?
Aber niemand liest es. Dieses Buch wird mit einem Schlüssel sicher verschlossen. Was ist dies nur für eine traurige Welt, in der man alles mit Schlüsseln versperren muss …
Seht mal her, ich habe meine schriftstellerische Ader entdeckt. Schreiben tut einem sehr wohl, die Zeit vergeht rasch und angenehm und man fühlt sich danach so erleichtert. Der Papa erzählt immer, dass mein Urgroßvater, der General auf dem Bild, sehr gern schrieb. Habe ich es gar von ihm geerbt? Aber nein, er war ja auch sehr tapfer, während ich ein Angsthase bin, der sich sogar vor Spinnen fürchtet.
7. Eintönigkeit
Die Tage vergehen. Clarissa geht zur Schule, kommt zurück, geht immer dieselben Straßen entlang, sieht stets die bekannten Häuser und Gesichter, hört die gleichen Begrüßungen und Phrasen. Zu Hause angekommen, nimmt sie am Tisch Platz, blickt in das grimmige Gesicht des Papas, das gallig-gelbe Angesicht der Tante Therese, das Märtyrerantlitz der Mama; sie hört das ständige Lamentieren über Geldmangel und Schulden. Zieht sie sich dann auf ihr Zimmer zurück, verbringt sie ihre Zeit mit Lesen, Schreiben, Aus-dem-Fenster-gucken, Schlafen, Träumen. Und wenn sie am nächsten Tag aufsteht, beginnt der ganze Ablauf wieder von vorn.
Ist dann endlich der Samstagabend gekommen, läuft ebenfalls das übliche Ritual ab: Die Familie ist beisammen. Onkel Johann breitet sich auf dem Sofa aus, die Hände über dem umfangreichen Leib gefaltet, seufzt, wiederholt ständig sein „Ach, mein lieber Gott!“ und geht dann weg, um in der Kneipe seinen Weltschmerz in mehreren Litern Bier zu ertränken. Ewald wandert ruhelos hin und her, spricht über Politik, hüstelt, zwirbelt seinen Schnurrbart zurecht. Steckt er sich eine Zigarre an, zieht er ein paar Mal daran und geht dann mit den Worten ins Freie: „Ich gehe lieber hinaus und rauche draußen, damit ich euch nicht so sehr mit dem Zigarrenrauch belästige.“ Es ist auffällig, wie ruhig und unbeteiligt er ist, wenn er wieder hereinkommt. Er sitzt in seiner Ecke, rührt sich kaum und sagt nichts, bis der Tee getrunken wird. Die Mama und Tante Alexandra unterhalten sich natürlich über neue Strickmuster. Im Salon nebenan streiten sich Tante Therese und Hein sehr leise, wie üblich um nichts, nur um die Gewohnheit aufrechtzuerhalten. Manchmal hört man eine Lokomotive pfeifen, ein Auto hupen, Hunde bellen, Katzen miauen, die Trompete aus der Garnisonskaserne, die melancholisch den Zapfenstreich in die Nacht hinausschmettert. Schlägt dann die Uhr dumpf zehn Mal, schrecken alle auf, als ob Gespenster in der Ecke erschienen wären, wünschen „Gute Nacht“ und gehen schlafen.
An den Sonntagen holen Gesche und Gesine Clarissa zur Kirche ab. Stets erscheinen dieselben Leute in denselben Sonntagskleidern. Die Kirche hat denselben Geruch, der Pastor immer den gleichen nasalen Ton, seine Predigt ist jedes Mal monoton und sterbenslangweilig.
Zum Mittagessen gibt es stets einen Sonntagsbraten; allerdings ist dieser mit der Zeit ziemlich eingeschrumpft: In dem Maße, in dem das Stück Fleisch kleiner wurde, wuchs die Anzahl der Kartoffeln. Pünktlich um drei Uhr erscheint dann Hein Piepenbrink mit seiner billig erstandenen Tüte Karamellen.
Das gesamte Leben in Oldenmoor ist ebenfalls einer lähmenden Routine verfallen. Sonntags, so gegen elf, spielt die Blaskapelle des Infanterie-Regiments No. 27 auf dem Podium, das auf dem Platz vor dem Colosseum aufgestellt wird. Unter der Leitung ihres Dirigenten, eines dicken, immer schwitzenden und schlecht gelaunt aussehenden Hauptmanns, vergewaltigen die Bläser Märsche, Polkas, Walzer und Heimatweisen. Während die Vormittagsluft voller Töne schwingt, spaziert man ständig hin und her, grüßt höflich diesen und jenen, beobachtet, wer jetzt von wem begleitet wird. Man weiß, wer mit wem verlobt ist und bald heiraten wird: Konditor Franz Petersen mit Lisa Redeker, sie ist die Apothekertochter, seine Cousine zweiten Grades. Alfred Lorenzen, der Schuster aus Eutin, der erst kürzlich den Laden des alten Meisters Adler übernommen hat, mit dessen Tochter Ulrike, die acht Jahre älter ist als er.
Sonntagnachmittags treffen sich die jungen Leute im Colosseum zum „Fünf-Uhr-Tee“, zum Tanzen. Früher nannte man es „Five O’Clock Tea“, aber in der letzten Zeit gibt es eine immer stärker werdende Neigung, ausländische Namen und Bezeichnungen durch deutsche Wörter zu ersetzen. An den Abenden trifft man sich dann oft im „Bildpalast“, dem Kino, in dem Herr Ehlers diejenigen Filme zeigt, die sich nach jahrelangem Hin- und Herreisen endlich nach Oldenmoor verirrt haben. Auf der Leinwand öffnen die Helden ihre Münder und ihre Stimmen erklingen, wenn überhaupt, blechern, fremd und unnatürlich. Dann geht plötzlich das Licht an und Clarissa blickt überrascht und ungläubig auf die leere, weiße Leinwand …
Während mancher Nacht kommt es auch zu Streit und Schlägereien; mitunter wird auch mal geschossen. Es gibt da neuerdings eine stets zunehmende Gruppe von aggressiven Männern in braunen Uniformen mit Hakenkreuz-Binden an den Ärmeln, die streitlustig von Kneipe zu Kneipe ziehen, provozierend laut ihre kämpferischen Lieder singen und jeden brutal zusammenprügeln, dessen Gesicht sie nicht mögen. Treffen diese Schergen auf jene Gruppen von Arbeitern, die sich Kommunisten oder Sozialisten nennen, dann gibt es kein Halten mehr. Die Ortspolizei tut oft so, als ob sie das Ganze gar nicht bemerke oder hierfür überhaupt nicht zuständig sei. Wird sie gerufen, trifft sie so spät wie möglich ein und verhaftet dann meistens die Arbeiter. Es scheint, als ob sie vor den Braunhemden zu viel Respekt oder gar Angst hat.
Am nächsten Tag werden diese Ereignisse am Marktplatz, in den Geschäften und Gastwirtschaften ausgiebig diskutiert. Einige ergreifen Partei für die Braunen, die sich „SA“ nennen und den Nationalsozialisten – den Nazis – angehören. Weniger laut sind diejenigen, die den Roten, den Kommunisten und Sozialdemokraten, recht geben. Daraus entstehen oft weitere Streitereien, die in Schlägereien ausarten. Die Politik drängt sich in den Vordergrund und setzt sich mehr und mehr in Szene, die Argumente werden lauter, die Diskussionen heftiger, die Tätlichkeiten häufiger.
Aber das Leben geht weiter.
Und Clarissa beobachtet sehr genau das Leben in ihrer Stadt. Sie sieht, fühlt, untersucht eingehend die Geschehnisse und analysiert sie. Sie stellt sich vor, wie das Leben sein könnte. Für sie haben alle Menschen, die ihr begegnen und die sie zu sehen bekommt, zweierlei Seiten: die tatsächliche und diejenige, die sie ihnen verleiht, sozusagen als Ergebnis ihrer Überlegungen. Clarissa bemüht sich stets, jedem Menschen einen eigenen Farbton zu verleihen, einen, der immer brillanter und schöner ist als der, den die gewöhnlichen Augen der anderen Beobachter erfassen können.
Da geht zum Beispiel der Barbier Voss auf der Straße vorbei. Er sieht aus wie ein armer Teufel. Trotz seines Berufes geht er fast immer unrasiert umher, mit seinem traurigen Augenausdruck, der einem geprügelten Hund ähnelt. Mager, gebückt und kraftlos schleift er seine Beine durch die Gegend. Man sagt ihm nach, er sei ungebildet, könne kaum lesen und schreiben, sei bösartig, ein Intrigant und dass er sich am Wochenende immer mit Köm sinnlos betrinke. Da geht er nun, die Barbiertasche unter den Arm geklemmt, mit seinem eigenartigen Gang, der an ein müdes Kamel erinnert. Herr Voss! Eine unsympathische, unsaubere, ja fast widerliche Erscheinung. Aber Clarissa sieht ihn ganz anders und weigert sich, diese Realität anzuerkennen. Selbstverständlich ist eine unglückliche Liebe daran schuld, dass er derart verkommen ist. Als er jung war, war auch er gut aussehend, gepflegt, kräftig und er bewahrte Haltung. Er war sehr in seine Frau verliebt. Eines Tages, als er von der Arbeit nach Hause kam, fand er das Nest leer vor: Die Frau war mit einem anderen Mann durchgebrannt, wahrscheinlich mit einem Reisenden … Danach begann Herr Voss zu trinken, vernachlässigte sich selbst und ist dadurch heruntergekommen. Es muss einfach so gewesen sein …
Für Clarissa gibt es keine hässlichen Kreaturen, weil sie sich in ihrer Fantasie immer eine passende Geschichte zurechtlegen kann, um solche Tatsachen zu beschönigen.
In der Schule, vor ihren Schülern, ist sie oft in ihre Gedanken vertieft. Sie erfindet eine eigene Geschichte für jedes dieser Gesichter. Dieser wohnt im Arbeiterviertel, er ist der Sohn eines Infanteriefeldwebels. Jene wohnt in der besten Gegend Oldenmoors, in einem wunderschönen, reetgedeckten Haus, und ist der Liebling ihrer Eltern. Der andere ist der einzige Sohn einer Witwe und ist sehr lieb zu seiner Mutter.
Clarissa denkt auch viel über ihre Familie nach. Der greisen Tante Alexandra fallen manchmal die etwas konfusen Geschichten ihrer Jugend wieder ein. Einmal zeigte sie Clarissa Fotos ihres verstorbenen Gatten, eines äußerst gut aussehenden Leutnants der Kavallerie. Er hatte freche Koteletten und strahlte freundlich, aber bestimmend von dem Bild. Mit ihrer brüchigen Stimme erzählte sie: „Mein Papa, dein Urgroßvater, der liebe Gott habe ihn selig, gab eines Tages einen großen Ball, zu Ehren Kaiser Wilhelms. Ich war damals siebzehn Jahre alt und sehr begehrt …“ An dieser Stelle hielt sie inne, lächelte mit ihrem zahnlosen Mund und ihre sonst schon trüben Augen erhellten sich. „Auf diesem Ball lernte ich Leutnant von Aulendorf kennen.“ Tante Alexandra betonte besonders den Namen, als ob sie ihn unterstreichen wolle. „Wir tanzten sehr lange miteinander und unterhielten uns danach draußen im Garten. Er sagte mir, dass ich die schönste junge Dame sei, die er je gesehen habe.“ Erneutes Lächeln und Räuspern. Die Geschichte ging weiter: Liebesbriefe, heimliche Verabredungen, alles sehr diskret; endlich das Anhalten um ihre Hand, die Verlobung, die Hochzeit. Sie lebten einige Jahre sehr glücklich miteinander, bis er bei einem Manöver auf unerklärlicher Weise ums Leben kam. An einem nebligen Herbsttag im Jahre 1893 fand man die Leiche des Leutnants von Aulendorf am Ufer einer Wettern. Er war durch einen Schuss in den Rücken tödlich verletzt worden. Sein Pferd graste in der Nähe.
Jedes Mal, wenn Clarissa das Ende dieser Geschichte hört, läuft es ihr kalt den Rücken herunter. Sie kann es nicht fassen, dass es Menschen gibt, die es fertigbringen, ihren Nächsten einfach zu töten. Und die Heldengeschichten von Schlachten und Kriegen, die man sich in ihrem Hause erzählt, sind voll von Erschossenen und Erstochenen. Manchmal kommen vornehme Herren mit grauen Haaren zu Besuch, mit grimmigen oder lächelnden Gesichtern. Sie sind im Ort gut bekannt, angesehene Bürger. Sie kommen, trinken Schnaps und Bier, rauchen, unterhalten sich, lachen, erzählen so manches und gehen wieder. Und wenn sie gegangen sind und sich die Tür hinter ihnen geschlossen hat, bemerkt Tante Alexandra trocken: „Das ist ein ganz schöner Verbrecher. Der war mit Carl Peters in Tanganjika und man hat mir erzählt, dass er dort zehn unschuldige Neger einfach an die Wand stellen ließ und sie eigenhändig mit seinem Säbel erstochen hat.“
In der darauf folgenden Stille stellt sich jeder gedanklich das grausame Bild vor.
Danach bemerkt Hans-Peter von Steinberg mit einem vorwurfsvollen Blick auf Tante Alexandra: „Ja, Tantchen, aber er ist sehr tapfer! Bei dem Herero-Aufstand war er auf einmal von fünf Kriegern umzingelt und kämpfte sie alle nieder. Für mich besteht kein Zweifel, dass er ein ganzer Kerl ist!“
Es folgen weitere grausame Kriegsgeschichten. Und in jeglicher Erzählung wird Blut vergossen, schreien die Verwundeten, liegen die Toten haufenweise auf dem Schlachtfeld herum. Der Angriff der Kavallerie, das Pfeifen der Granaten, die das Lied des Todes singen. Seeschlachten, bei denen Kriegsschiffe wie verwundete, vorsintflutliche Riesentiere versinken und Hunderte von Unglücklichen mit sich in die Meerestiefen reißen. Und Namen, Generäle, Admirale und Kapitäne, Soldaten, Matrosen … Begeisterungs- und Bewunderungsausrufe für die Helden:
„Das war ein tapferer Kommandeur!“
„Welch heldenhafter Offizier!“
„Da hatte aber der Feind nichts mehr zu lachen!“
„Ein echter, deutscher Soldat!“
In diesem Zusammenhang darf auch der Name der von Steinbergs nicht fehlen. Man erinnert sich an den General, der auf dem Bildnis verewigt wurde. Johann öffnet halb die Augen und gibt sein „Ach, mein lieber Gott!“ von sich. Sogar Ewald erwacht aus seiner Lethargie und nimmt an der Unterhaltung teil. Auch Tante Alexandra fallen die „alten Zeiten“ wieder ein und sie erzählt. Hans-Peter, im Patriarchensessel des Vaters und des Großvaters zurückgelehnt, ist in sich gekehrt und träumt von der ruhmvollen Vergangenheit seiner Familie.
Bei solchen Gelegenheiten kommt bei Clarissa das bekannte Gefühl auf, dass augenblicklich der General mit gezogenem Säbel aus seinem Bilderrahmen herausspringen würde. Nach den vorangegangenen, blutrünstigen Erzählungen ist ihr diese Ahnung keineswegs angenehm.
Noch mehr Erinnerungen kommen zur Sprache. Voller Begeisterung entfährt es Tante Alexandra zum hundertsten Male und mit sehr erhabener Miene: „Clarissa, du musst wissen, dass unsere Familie vom dänischen Königshause abstammt.“
Clarissa nickt. Die Unterhaltung erlahmt und geht in Schweigen über. Johann wird schläfrig. Plötzlich unruhig geworden, verlässt Ewald den Raum. Tante Alexandra vergisst die toten Helden und unterhält sich wieder mit Frau Annette über Strickereien.
Clarissa ist innerlich furchtbar aufgewühlt. Sie findet dies alles abscheulich, widerlich, erschreckend, böse. Solch brutale Bilder: ein wild galoppierendes Pferd mit schäumendem Maul, mit einem Reiter auf seinem Rücken, der einen Feind verfolgt, um ihm mit seinem Säbel den Schädel zu spalten … Warum protzen überall die Männer immer mit Tapferkeit und Streit; warum mordeten unsere Vorfahren und warum werden wir und unsere Nachkommen in gleicher Weise zum Töten angestiftet?
Gelegentlich sieht man auch in Oldenmoor Menschen, die Schlagstöcke und Gott weiß noch welche Waffen mit sich tragen. Dann hört man ab und zu Schüsse in der Nacht. Bei diesen Krawallen soll es auch schon Tote gegeben haben. Können denn die Menschen nichts anderes als töten? Wo bleibt da die Nächstenliebe, die unser Pastor jeden Sonntag in seiner Predigt beschwört?
Ihr Herz schlägt rascher, obwohl es ihr in ihrer Beklommenheit vorkommt, als ob es eingeschnürt sei. Manchmal befürchtet sie sogar, dass es zu schlagen aufhört …
Sie geht auf ihr Zimmer, schließt die Tür und verkriecht sich in ihrer Welt. Hier ist alles anders, hier ist sie erleichtert. Ihre Umgebung ist freundlich und rein, sogar die Luft riecht anders: nach Tinte, nach frischer Landluft, weil sie meistens das Fenster geöffnet lässt. Darunter liegt der Garten, auf der Wiese blühen die Blumen. Denn obwohl die Beete nicht mehr gepflegt und voller Unkraut sind, bestehen die Blumen darauf zu blühen und zu duften.
Wenn Clarissa in hellen Mondnächten ins Bett geht, löscht sie das Licht und lässt den Vorhang auf. Dann liegt sie in ihrem Bett und beobachtet, wie das Mondlicht an ihrem Fenster vorbeistreicht. Sie sieht die Sterne am Himmel glitzern, lässt das Tagesgeschehen noch einmal Revue passieren, versucht in die Zukunft zu sehen.
Unglücklich? Vielleicht ein wenig. Jedenfalls ist dies überhaupt nicht das Leben, das sie sich erträumt hatte.
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