Читать книгу: «Der Krieg im 20. und 21. Jahrhundert»

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Der Autor


Dr. Malte Riemann, geb. 1982 in Wilhelmshaven, lehrt seit 2014 Verteidigungs- und Sicherheitspolitik an der Royal Military Academy Sandhurst, GB. Studium in Bremen, Pietermaritzburg (SA) und Reading (GB), 2003–2009; Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes; Stipendiat der Earhart Foundation; Promotion zum Dr. phil. 2016 in Reading (GB). Seine Forschung konzentriert sich auf die Historizität gewalttätiger, nichtstaatlicher Akteure, Praktiken der Militarisierung, Internationale Politische Soziologie und das Verhältnis zwischen Medizin, Bevölkerungsgesundheit und bewaffneter Gewalt. Er ist Gründer und Mitherausgeber der Sandhurst Trends in International Conflict Buchreihe (Howgate Publishing) und seine Aufsätze erschienen in verschiedenen Fachzeitschriften, darunter das Journal for Global Security Studies, Critical Public Health, RUSI Journal, Small Wars Journal, Peace Review und Discover Society.

Malte Riemann

Für meine Eltern

Christel und Lutz Riemann

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Umschlagbild: Lancashire Fusiliers Trench Beaumont Hamel, 1. Juli 1916, Imperial War Museum, Wiki Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lancashire_Fusiliers_trench_Beaumont_Hamel_1916.jpg (abgerufen am 07.05.2020).

1. Auflage 2020

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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-032767-2

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Inhaltsverzeichnis

1  Vorwort

2  1 Krieg und Kriegsführung

3  1.1 Kriegsursachentheorien

4  1.2 Kriegsformen

5  1.3 Moderne Kriegsführung

6  1.4 Kriegsfolgen

7  2 Der Erste Weltkrieg

8  2.1 Entwicklungen der Kriegsführung vor und zu Beginn des Ersten Weltkrieges

9  2.2 Kriegsführung im Ersten Weltkrieg

10  2.3 Der Erste Weltkrieg: ein totaler Krieg?

11  3 Der Zweite Weltkrieg

12  3.1 Entwicklungen der Kriegsführung vor und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges

13  3.2 Der Kriegsverlauf in Europa

14  3.3 Der Zweite Weltkrieg zu See: Die Atlantikschlacht

15  3.4 Der Luftkrieg

16  3.5 Irreguläre Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg

17  4 Der Kalte Krieg

18  4.1 Was war der »Kalte Krieg«?

19  4.2 Nuklearstrategien im Kalten Krieg

20  4.3 Heißer Friede: Insurgency und Counterinsurgency im Kalten Krieg

21  5 Der Krieg nach dem Ende des Kalten Krieges

22  5.1 Revolution in Military Affairs?: Der Erste Irakkrieg (1990–1991)

23  5.2 Die »Neuen Kriege«

24  6 Der Krieg im 21. Jahrhundert

25  6.1 Der Krieg gegen den Terrorismus

26  6.2 Hybride Kriege

27  6.3 Remote warfare: Kriegsführung aus sicherer Distanz

28  6.4 Der Cyber-Krieg – Kriegsführung im Informationszeitalter

29  7 Die Zukunft des Krieges: Ein Ausblick

30  7.1 Künstliche Intelligenz und autonome Waffensysteme

31  7.2 Urbane Kriegsführung: die Rückkehr der Stadt als Schlachtfeld

32  7.3 Neurologische Kriegsführung

33  Literaturverzeichnis

34  Abbildungsverzeichnis

Vorwort

Im Jahre 1898 erschien das nicht weniger als 4 000 Seiten umspannende Werk Der Krieg des polnischen Bankiers Ivan Bloch. In diesem Werk, welches im folgenden Jahr als Übersetzung in verschiedenen europäischen Sprachen veröffentlicht wurde, argumentierte Bloch, dass die Industrielle Revolution und die hierdurch möglich gewordenen neuen Technologien ein Anzeichen dafür sind, »dass der künftige Krieg zur Unmöglichkeit wird.« (Bloch 1899, XI) Zur Begründung seiner These führte Bloch die enorme Steigerung der Feuerkraft moderner Waffen an, welche den Krieg zu einer selbstmörderischen Angelegenheit machen würde. Auf einer ähnlichen Logik fußten politische und militärstrategische Überlegungen nach dem Ersteinsatz nuklearer Kernwaffen zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Diese Waffen, so schien es, machten die Kriegsführung so gefährlich, dass sie aufhörten, eine politische Funktion, welche bloße Gewalt von Krieg unterscheidet, zu erfüllen. Das Zerstörungspotential nuklearer Kernwaffen im Einklang mit Blochs Überlegungen über den Krieg an der Schwelle zum 20. Jahrhundert machte den Krieg nun erst recht zu einer selbstmörderischen Angelegenheit. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara gab dieser Auffassung mit seiner in den frühen 1960er-Jahren formulierten Strategie der mutually assured desctruction Ausdruck, welche mit dem passenden Akronym MAD (verrückt) abgekürzt wurde. Obwohl beide Voraussagungen auf menschlicher Vernunft und der Logik der Selbsterhaltung basierten, so lagen sie dennoch falsch, denn Staaten haben seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nicht aufgehört, Kriege zu führen. Tatsächlich war das zurückliegende Jahrhundert zweifellos die blutigste Periode in der Geschichte der Menschheit und auch das 21. Jahrhundert ist bisher von Kriegen geprägt. Dieses Buch bietet eine Einführung in die Geschichte des Krieges und der Kriegsführung im 20. und 21. Jahrhundert.

Thematisch beginnt dieses Buch mit der Frage nach dem Wesen des Krieges. ( Kap. 1) Hierbei werden verschiedene Kriegsursachentheorien angeführt, unterschiedliche Kriegsformen beleuchtet, die Ebenen der modernen Kriegsführung beschrieben und ein Ausblick auf die Folgen des Krieges angestellt. Dieser Ausführung über den modernen Krieg folgen sieben chronologisch aufgebaute Kapitel mit unterschiedlichen Fallstudien. ( Kap. 2–6) Die erste Fallstudie bildet hierbei der Ersten Weltkrieg (1914–1918). ( Kap. 2) Im Fokus der Analyse stehen der Stellungskrieg in Europa sowie den sich hiervon unterscheidenden Krieg in den Kolonien der europäischen Mächte. Hierauf folgt eine Betrachtung des Zweiten Weltkrieges (1939–1945). ( Kap. 3) Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den europäischen Schlachtfeldern. Thematisch wird zunächst der konventionelle Krieg zwischen den Achsenmächten und den Alliierten beleuchtet, um diesen dem Partisanenkrieg in den besetzten Territorien gegenüberzustellen. Auf dieses Kapitel folgt eine Betrachtung des Kalten Krieges. ( Kap. 4) Im Zentrum dessen stehen einerseits die militärstrategischen Überlegungen der ideologisch verfeindeten Blöcke in Bezug auf die Nuklearstrategie und andererseits Theorien des Aufstandskampfes sowie der Aufstandsbekämpfung. Im darauffolgenden Kapitel werden die Kriege nach dem Ende des Kalten Krieges beleuchtet. ( Kap. 5) Statt einer Beschreibung verschiedener Konflikte, welche in den 1990er-Jahren stattfanden, stehen zwei unterschiedliche Theorien zur Transformation des Krieges im Zentrum der Analyse. Die vorletzte Fallstudie betrachtet die gegenwärtige Entwicklung des Krieges. ( Kap. 6) Im Vordergrund stehen hierbei der Krieg gegen den Terror als neue, globale Form des Krieges, der Vormarsch hybrider und asymmetrischer Kriegsführung, die durch technologische Entwicklungen, wie etwa Kampfdrohnen, zunehmende Kriegsführung auf Distanz (remote warfare) sowie die immer größer werdende Rolle des Cyber-Krieges als Folge der digitalen Revolution. Den Abschluss bildet ein Ausblick auf die Zukunft des Krieges. ( Kap. 7)

Ein so weitläufiges Phänomen, welches der Krieg und die Kriegsführung im 20. und 21. Jahrhundert darstellen, kann natürlich in einem Buch nicht vollständig, wenn dies überhaupt im Bereich des Möglichen liegt, erfasst werden. Für eine Vertiefung bezüglich der betrachteten Teilbereiche sei deshalb auf die zitierten Quellen verwiesen.

1 Krieg und Kriegsführung

»Der Krieg […] ist ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert.«

(Carl von Clausewitz 1989, S. 212)

Was ist Krieg? Diese Frage mag zunächst trivial klingen, glauben wir doch, dass dieses Phänomen für uns klar zu erkennen ist. Wir beziehen uns hierbei zumeist auf gegenwärtige (Syrien, die Ukraine) und geschichtliche Ereignisse (der Erste und Zweite Weltkrieg), welche mit diesem Begriff beschrieben und dadurch begreifbar werden. Darüber hinaus benutzen wir den Begriff des Krieges, um unterschiedliche Aspekte wie Kriegstechniken, Motivationen und Ursachen verschiedener Kriege und Kriegsformen begrifflich einzuordnen. In diesem Sinne finden wir eine endlose Liste an Kriegsbegriffen: totaler Krieg, Kalter Krieg, Weltkrieg, konventioneller und nuklearer Krieg, Angriffs- und Verteidigungskrieg, Stellvertreterkrieg, Revolutionskrieg, Unabhängigkeitskrieg, Dekolonisationskrieg, Eroberungskrieg, Guerillakrieg, Heiliger Krieg, ethnischer Krieg, Bürgerkrieg, humanitärer Krieg und viele andere. Aufgrund dieser unterschiedlichen Kriegsbegriffe stellt sich die Frage, ob der Krieg ein Wesen hat. Oder anders ausgedrückt, ob diese unterschiedlichen Konfliktformen und Begriffe etwas ihnen Inhärentes haben, welches die Benutzung des Begriffes Krieg ermöglicht. Um den Krieg somit zu ergründen, benötigen wir zunächst eine Definition. Hierbei wird schnell das klar, dass es für Krieg keine allgemein akzeptierte Definition gibt. Bluhm und Geis geben dieser Problematik Ausdruck:

»In den Sozialwissenschaften kann man sich selten auf eine allgemeingültige Definition von Begriffen einigen, pluralistische Deutungen und unterschiedliche konzeptuelle Zuspitzungen von sozialen Phänomenen, die historischem Wandel unterliegen, sind die Regel.« (Bluhm/Geis 2004, S. 420)

Schon ein kurzer Blick auf die Geschichte des Krieges reicht aus, um sich der Schwierigkeit eines solchen Unterfangens bewusst zu werden, da die Bedeutungen, Absichten, Mittel, Wege und Ergebnisse des Krieges einer immerwährenden Transformation unterworfen sind. Der Krieg, wie der berühmte preußische General Carl von Clausewitz (1780–1831) bereits im 19. Jahrhundert anmerkte, ist somit ein Chamäleon, welches sich seinen Umweltbedingungen anpasst. Moderner drückt dies der Politikwissenschaftler Sven Chojnacki aus: »Weil Krieg immer auch mit den Strukturen und dem Wandel interner und externer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen verkoppelt ist, unterliegt er als soziale und politische Praxis vielfältigen, historisch kontingenten Veränderungsprozessen«. (Chojnacki 2004, S. 403) Dass der Krieg »zugleich auch selbst Motor des Wandels« (Chojnacki 2004, S. 403) ist, der Geschichte verändert und transformiert, erschwert darüber hinaus eine begriffliche Definition. Der Krieg ist in diesem Sinne ein Chamäleon, das sich nicht nur seiner Umgebung anpasst und somit seine Gestalt wandelt, sondern das auch seine Umgebung verwandelt. Anna Geis merkt deshalb an: »Krieg ›wesenhaft‹ oder zeitlos gültig zu definieren, ist angesichts seiner Historizität, seines Gestalt- und Formwandels im Laufe der Geschichte, seiner vielfältigen Erscheinungsformen wohl kaum möglich.« (Geis 2006, S. 14)

Trotz dieser definitorischen Probleme oder gerade deswegen ist der Krieg Gegenstand wissenschaftlicher und politischer Debatten, in denen wir »unterschiedliche Konzepte und Deutungsrahmen von dem, was Krieg ist« finden. (Ehrhart 2017, S. 9) Ein Ansatzpunkt ist es Krieg, quantitativ zu erfassen. Am bekanntesten ist die an der University of Michigan entwickelte Correlates of War Datenbank. Diese klassifiziert gewaltsame Konflikte mit mindestens 1 000 kampfbedingten Todesopfern innerhalb eines Zeitraums von zwölf Monaten und an denen organisierte Streitkräfte beteiligt sind als Krieg. (Sarkees/Wayman 2010) Dieser Ansatz ist vielfältig kritisiert worden. Erstens ist die Schwelle von 1 000 Kriegstoten schwer nachzuvollziehen (können etwa gewaltsame Konflikte mit 999 Todesopfern nicht als Krieg gelten?). Zweitens sind präzise Daten über Kriegsopferzahlen oft schwer zu erhalten. Und drittens stellt sich die Frage, ob Krieg nur über dessen physische Auswirkungen definiert werden sollte.

Ein anderer Ansatz ist es, den Krieg qualitativ anhand seiner funktionalen Charakteristika zu erfassen. Clausewitz tat dies als einer der ersten in seinem unvollendeten Hauptwerk Vom Kriege (1832). Für Clausewitz ist der Krieg die »Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel«. (Clausewitz 1980, S. 674) Krieg wird als »politisches Werkzeug« verstanden, dessen Ziel es ist, einem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen. Den Krieg verbindet hierbei »stets die Tirade aus Ziel (Niederwerfen des Gegners), Mittel (Anwendung physischer Gewalt) und politischem Zweck (Aufzwingen des eigenen Willens).« (Tsetsos 2014, S. 22) An Clausewitz’ Kriegsdefinition wird vornehmlich kritisiert, dass diese zu kurz greift, da »neben politischen Zwecken Kriege auch aus anderen Gründen geführt werden. Die Motive reichen von ideologischen und religiösen Ansichten über persönlichen Geltungsdrang von Eliten bis hin zur individuellen Bereicherung.« (Tsetsos 2014, S. 23) Weitergefasst lässt sich Krieg in Anlehnung an Clausewitz als organisierte Gewalt zwischen zwei oder mehreren organisierten Gruppen zur Durchsetzung politischer, wirtschaftlicher, ideologischer und militärischer Interessen verstehen.

Neben quantitativen und qualitativen Ansätzen hat sich in den letzten Jahren der Ansatz der kritischen Kriegsstudien (Critical War Studies) (Barkawi/Brighton 2011) entwickelt. Aus dieser Perspektive, angelehnt an das Werk des französischen Philosophen Michel Foucault, wird der Krieg als ein ontogenetischer Moment des sozialen Lebens verstanden. Der Krieg wird den Critical War Studies folgend als ein generativer und produktiver Gewaltakt definiert, der kein Wesen hat, sondern als transformative Kraft verstanden werden muss. Hüppauf sieht deshalb Krieg als etwas an das sich aus Gewalt und Diskurs zusammensetzt. »Es gibt keinen Krieg ohne einen gesellschaftlichen Diskurs aus Reflexion, Imagination und Gedächtnis. Der Diskurs ist im Krieg. Zugleich ist auch der Krieg stets im Diskurs.« (Hüppauf 2013, S. 32)

Was als Krieg bezeichnet wurde und wird, ist somit historischen Veränderungen unterworfen und in hohem Maße von politischen Interessen, rechtlichen Interpretationen, ideologischen Standpunkten und kulturellen Traditionen abhängig, auf welche der Krieg selbst transformativ einwirkt. Aufgrund dieser Vielzahl von Kriegsverständnissen ist aus der Sicht des Völkerrechtes »der Begriff des Krieges funktionslos geworden« (Bothe 2007, S. 469) In der Charta der Vereinten Nationen kommt der Begriff nur einmal vor und die »stattdessen verwendeten juristischen Bezeichnungen lauten ›internationaler bewaffneter Konflikt‹ und ›nichtinternationaler bewaffneter Konflikt‹« (Ehrhart 2007, S. 9) Abschließend ist somit festzuhalten, dass der Krieg ein definitorisch schwer erfassbares Phänomen ist.

1.1 Kriegsursachentheorien

Neben der Frage, was der Krieg ist, ist auch die Frage nach den Gründen des Krieges umstritten. Dieser Frage wird in der Kriegsursachenforschung nachgegangen. Es gibt in der Kriegsursachenforschung keine einheitliche Theorie, vielmehr finden sich verschiedene Erklärungsmodelle, auf welche im Folgenden eingegangen werden soll. Kriegsursachen zwischen Staaten können in drei unterschiedliche Analyseebenen unterteilt werden: »das Individuum, die Gesellschaft bzw. der Staat und das internationale System.« (Bonacker/Imbusch 1996, S. 88) In der Kriegsursachenforschung finden sich für jede dieser drei Analyseebenen unterschiedliche Erklärungsmodelle.

1) Auf der Ebene des Individuums stehen zwei Erklärungsansätze im Mittelpunkt.

• Einerseits wird postuliert, dass der Krieg zur Natur des Menschen gehört. »Hier wird der Mensch mit seinen Neigungen, Trieben und seinem Machwillen als Quelle der Gewalt ausgemacht, die die Ursache für Konflikte im allgemeinen und Kriege im Besonderen ist.« (Bonacker/Imbusch 1996, S. 88)

• Ein zweiter individualistischer Ansatz leitet die Kriegsursache von der Natur spezifischer Individuen (z. B. Staatsoberhäupter, religiöse Führer) ab. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass die psychologischen und persönlichen Charakteristika von Personen in Führungspositionen die Entscheidung zum Krieg beeinflussen. Kriege, nach diesem Ansatz, wären anders verlaufen oder hätten nicht stattgefunden, wenn ein bestimmtes Individuum keine politische Macht innegehabt hätte. (Tsetsos 2014) So stellt sich hier z. B. die Frage, ob der Zweite Weltkrieg auch ohne Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ausgebrochen wäre.

2) Auf der gesellschaftlichen Ebene wird der Ausbruch organisierter Gewalt in der Organisation und Struktur der kriegsführenden Akteure verortet. Der amerikanische Politikwissenschaftler Kenneth Waltz fasste diesen Erklärungsansatz mit der Prämisse »bad states lead to war« (Waltz 1959, S. 122) zusammen. Dieser Prämisse folgend bestimmen die Binnenstruktur eines Staates (politisch-gesellschaftlich), dessen Verfassungsform und die von dieser Verfassungsform maßgeblich geprägte politische Praxis das internationale Verhalten eines Staates. (Waltz 1959) Despotische Unrechtsregime, z. B. tendieren eher dazu, binnen- sowie außenpolitische Konflikte mit Gewalt zu lösen als rechtsstaatlich verfasste Gemeinwesen.

3) Das internationale System bildet den dritten Kriegserklärungsansatz. Diesem liegt eine spezifische Interpretation der internationalen Politik zugrunde, nach der die Struktur des internationalen Systems durch die Abwesenheit einer höheren Autorität gekennzeichnet ist. Durch ihre Abwesenheit finden sich Staaten in einem anarchischen Selbsthilfesystem wieder. Da Anarchie »Zwangsregulierung seitens einer übergeordneten Autorität entbehrt« (Herz 1974, S. 57), zwingt der reine Selbsterhaltungswille die Staaten zum Machtwettstreit; »ihrer eigenen Sicherheit wegen müssen sie, wenn sie nicht den Untergang riskieren wollen, auf Verteidigung gegen einen möglichen Angriff gerüstet sein«. (Herz 1974, S. 57) Dies führt zu einem Sicherheitsdilemma, in welchem Staaten kontinuierlich ihre eigene Sicherheit erhöhen (z. B. durch Aufrüstung), welches gleichzeitig in anderen Staaten ein Gefühl der Unsicherheit hervorruft und diese ebenfalls dazu zwingt, ihre eigene Sicherheit zu erhöhen. Obwohl die Sicherheitserhöhung der Verteidigung dienen soll, wird diese oft als Bedrohung wahrgenommen, welche unter Umständen zum Krieg führen kann. Der internationale Erklärungsansatz betrachtet den Krieg somit als endemische Eigenschaft des Staatensystems, welcher nur durch eine grundlegende Änderung dieses Systems überwunden werden kann. Innerhalb der Disziplin der Internationalen Beziehungen ist dieser Erklärungsansatz jedoch stark umstritten. Die Kritik reicht hierbei von einer Ablehnung der Annahme, dass das internationale System inhärent anarchisch ist (Wendt 1992), das internationale Kooperation den Effekt der Anarchie regulieren kann (Milner 1991) und das Anarchie nur eine diskursive Konstruktion ist. (Ashley 1988)

Neben diesen unterschiedlichen Analyseebenen sind speziell seit dem Ende des Kalten Krieges und dem gesteigerten Interesse an innerstaatlichen Konflikten weitere Gründe für den Ausbruch des Krieges angeführt worden. Eine der prägendsten Wissenschaftlerinnen in dieser Debatte ist die Engländerin Mary Kaldor. Basierend auf einer qualitativen Analyse des Konfliktes in Bosnien und Herzegowina argumentiert Kaldor, dass in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren eine neue Art von organisierter Gewalt (Gewalt zur privaten Bereicherung) entstanden ist, die als »Neuer Krieg« bezeichnet werden kann. ( Kap. 5.2) Diese Kriege müssen im Kontext der Schwächung der staatlichen Souveränität durch die Globalisierung verstanden werden, welche zu innenpolitischen Krisen durch die internationale Verflechtung mit anderen globalen Risiken wie der Ausbreitung von Krankheiten, der Anfälligkeit für Katastrophen und Armut führt. (Kaldor 2000) Kennzeichnend für diese Kriege ist eine spezifische Kriegsökonomie. Diese basiert auf Raub und Kriminalität, weshalb Konfliktparteien kein Interesse an einer Beendigung des Konfliktes besitzen, da die Re-Etablierung eines staatlichen Gewaltmonopols negative Auswirkungen auf diese hätte. Neben der Kriegsökonomie wurde auch besonderes Augenmerk auf die Rolle von Ethnizität als Konfliktursache »Neuer Kriege« gelegt. Jüngste Beispiele sind der Völkermord in Ruanda und die Balkankriege. Ethnizität schließt Identitätskonflikte mit ein, bei denen kriegsführende Gruppen aufgrund einer bestimmten Identität (z. B. Stammesverband), Religion oder Sprache politische Machtansprüche stellen. Die beiden wichtigsten theoretischen Diskurse über ethnische oder kulturelle Konflikte sind erstens die primordialistische und zweitens die konstruktivistische Theorie. Der primordiale Ansatz meint, dass ethnische Konflikte in uraltem Gruppenhass und Gruppenloyalitäten verwurzelt sind und dass diese alten Quellen der Feindseligkeit und Erinnerungen an vergangene Gräueltaten kollektives Selbstverständnis und Handeln bestimmen, wodurch Gewalt nur schwer zu vermeiden ist. (Kaplan 1994) Die konstruktivistische Konflikttheorie nimmt an, dass Ethnizität ein soziales Konstrukt ist, welches von Eliten als Instrument zur gewaltsamen Mobilisierung missbraucht wird.

»Die konstruktivistische Perspektive verdeutlicht, dass die Identität jedes Individuums und jeder Gruppe keineswegs nur durch ethnische Merkmale bestimmt wird. Daneben besteht eine Vielzahl weiterer Prägungen: Stand, Dynastie, Religion, Weltanschauung, Klasse, Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildung usw.« (Schrader 2012)

Durch den Prozess der »Ethnisierung« werden solche Eigenschaften marginalisiert oder durch ethnische Eigenschaften ersetzt. Kritiker der ethnischen Konflikttheorien argumentieren, dass diese zu monokausal seien und oftmals die politischen und wirtschaftlichen Wurzeln von Konflikten nicht angemessen analysieren. (Stewart 2002) Untersuchungen zur relativen Benachteiligung in Gesellschaften und ihrer Assoziation mit Konflikten kommen zu dem Ergebnis, dass bei einer signifikanten Diskrepanz zwischen dem, was Menschen glauben, das ihnen zusteht, und dem, was sie glauben zu bekommen, die Wahrscheinlichkeit eines (gewaltsamen) Konflikts besteht. (Gurr 1970) Politische Gewalt wird als wahrscheinlicher angesehen, wenn die Bevölkerung glaubt, dass die derzeitige politische Führung und/oder das sozioökonomische/politische System ihre Ansprüche nicht erfüllen kann oder rechtswidrig handelt. (Gurr 1970) Frances Stewart merkt hierzu an, dass Identität, Religion, und Klassenunterschiede Bevölkerungsgruppen entzweien könnten, aber diese Gruppenunterschiede führen nur dann zu Konflikten, wenn es Unterschiede in Bezug auf die Verteilung und Ausübung politischer und wirtschaftlicher Macht gibt. (Stewart 2002) Unterprivilegierte Gruppen könnten Gewalt als Mittel ansehen, um den Status quo zu verändern und ihre eigene Position zu verbessern, während privilegierte Gruppen möglicherweise Gewalt ausüben, um ihre Privilegien zu schützen, wenn sie glauben, dass diese gefährdet sind. Neben wirtschaftlichen, ethnischen und sozio-politischen Erklärungsansätzen hat die Konfliktforschung in neuerer Zeit auch auf die Folgen des Klimawandels als Konfliktkatalysator hingewiesen. Thomas Homer-Dixon argumentiert, dass Klimawandel und Bevölkerungszunahme die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen erhöhen und eine Verknappung erneuerbarer Ressourcen wie Ackerland, Wasser und Wälder verursachen werden. Diese Verknappung kann tiefgreifende soziale Folgen haben, die zu ethnischen Zusammenstößen, Aufständen, städtischer Gewalt und anderen Formen von Konflikten führen können, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass es schwierig ist, einen direkten Kausalzusammenhang zwischen Umweltveränderungen und Konflikten nachzuweisen. Dieser Kritikpunkt lässt sich gleichwohl auf alle Erklärungsmodelle anwenden, da kein allgemeines Erklärungsmodell alle Ursachen eines so komplexen Phänomens, wie es der Krieg ist, erfassen kann. Andreas Herberg-Rothe drückt diese Problematik wie folgt aus: »Wir haben es mit einem allgemeinen Problem der Sozialwissenschaft zu tun: Wie lässt sich in komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen mit unzähligen Wechselwirkungen und unbeabsichtigten Folgen nach eindeutigen Ursachen forschen?« (Herberg-Rothe 2003, S. 85)

1.2 Kriegsformen

Trotz der Problematik das Phänomen des Krieges zu definieren und dessen Ausbruchsursachen zu bestimmen, lässt sich doch eine konzeptuelle Unterscheidung zwischen Kriegsformen anstellen. Hierbei können Kriege in zwei unterschiedliche Typologien aufgeteilt werden. (Ruloff 2004) Einerseits gibt es konventionelle, auch symmetrisch genannte Kriege, bei denen beide Konfliktparteien aus Staaten mit regulären Streitkräften bestehen. Andererseits finden wir irreguläre Kriege, welche auch als unkonventionell oder asymmetrisch bezeichnet werden. Bei diesen Kriegen sind auf mindestens einer Seite irreguläre, nichtstaatliche Akteure wie Rebellen, Partisanen und Aufständische beteiligt. Diese beiden Kriegsformen strukturieren den weiteren Verlauf dieses Buches. Im Folgenden soll ein kurzer Einblick auf diese beiden Kriegsformen angestellt werden, bevor in den weiterführenden Kapiteln genauer auf Beispiele dieser Kriegsformen eingegangen wird. ( Kap. 2–6)

Konventionelle Kriege

Der konventionelle Krieg bezeichnet den klassischen Krieg zwischen staatlich organisierten und staatlich gelenkten Streitkräften, welcher durch eine relativ begrenzte Dauer, eine klare politische Zielsetzung und einer Trennung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten gekennzeichnet ist. Konventionelle Kriege beschreiben somit einen Idealtypus des Krieges, welcher charakteristisch für europäische Kriege vom späten 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts steht. (Kaldor 2000) Diese Kriege, wie der Politikwissenschaftler Charles Tilly anmerkt, waren eng mit dem Aufstieg des modernen Nationalstaates verbunden und somit ein zentraler Faktor des europäischen Staatsbildungsprozesses. (Tilly 1992) Der Krieg ermöglichte dem Staat die schrittweise Errichtung eines Gewaltmonopoles, was zu einer gleichzeitigen Eliminierung privater Gewaltakteure auf dem Staatsgebiet führte. Das Erheben von Steuern ermöglichte die Finanzierung von Berufsheeren und die Administration dieser Heere bereitete den Weg für die Errichtung modernen Bürokratiestrukturen. Tilly fasst diesen Prozess mit seinem bekannten Diktum »war made the state, and the state made war« (Krieg machte den Staat und der Staat machte Krieg) zusammen. (Tilly 1975, S. 42) In diesem Sinne sind konventionelle Kriege in ihrer Form symmetrisch. Symmetrie bezeichnet hier jedoch nicht einen Zustand von gleicher Stärke, sondern bezieht sich auf die Gleichartigkeit der Akteure, nämlich Staaten als Monopolisten des Krieges. Dieser Idealtypus des Krieges wurde zumindest theoretisch nach Regeln des internationalen Rechtes, wie etwa jenen in den Genfer und Haager Konventionen, geführt. Zu diesen Regeln gehört z. B. eine Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, der Schutz der Zivilbevölkerung und gefangener Soldaten, eine klare Kriegserklärung zu Beginn sowie ein Friedensschluss am Ende der Kriegshandlungen. Diese Verstaatlichung und Verrechtlichung des Krieges werden in diesem Zusammenhang auch oft als »Hegung des Krieges« bezeichnet (Schmitt 1974), da sie die Kriegshandlung eingrenzen und zu einer Humanisierung der Kriegsführung beitragen sollen. Kennzeichnend für diese Kriege ist somit eine klare Unterscheidung zwischen öffentlich und privat, intern und extern, Ökonomie und Politik, zivil und militärisch, sowie Kombattanten und Nichtkombattanten.

Irreguläre Kriege

Irreguläre Kriege müssen im Gegensatz zu regulären Kriegen verstanden werden. Diese Kriege bezeichnen Konflikte, in denen ein oder mehrere Staaten gegen irreguläre Kampfgruppen wie etwa Rebellen, Partisanen, Guerilleros oder Terroristen kämpfen. (Heuser 2013) Kennzeichnend für diese Form des Krieges ist das asymmetrische Verhältnis der Kriegsteilnehmer. (Münkler 2006) Diese Asymmetrie ist sowohl konzeptueller Natur, da sich nichtstaatliche und staatliche Kampfgruppen als Gegner gegenüberstehen, als auch materieller Natur, da irreguläre Kräfte zumeist über weit geringere Ressourcen als deren staatliche Gegner verfügen. Da irreguläre Kräfte im Allgemeinen nicht über weitreichende Ressourcen verfügen, ist das Kampfgebiet der irregulären Kriege zumeist das Land. Obwohl irreguläre Kräfte meist qualitativ und quantitativ schwächere Kräfte im Vergleich zu dessen staatlichen Kontrahenten haben, so können sie jedoch auf besondere Stärken zurückgreifen. Dies sind »ihre Beweglichkeit, ihr Tarnvermögen aufgrund ihrer geringen Stärke und leichten Bewaffnung und ihrer Möglichkeit, Zeit und Ort des Angriffs bestimmen zu können.« (Heuser 2013, S. 16) Hinzukommt, dass die ihnen zahlenmäßig und qualitativ überlegenen konventionellen Truppen in einem irregulären Krieg selbst Schwächen aufweisen. Konventionelle Truppen müssen meist in einem ihnen unbekannten Gebiet und inmitten einer fremden Kultur operieren. Außerdem stellt die Versorgung konventioneller Truppen oft eine Achillesferse dar. Irreguläre Kriege machen gegenwärtig die Mehrzahl der weltweiten kriegerischen Konflikte aus. In der Forschung hat sich daraufhin der Begriff der »Neuen Kriege« etabliert (Kaldor 2000; Münkler 2002), um diese von den regulären Kriegen, welche als »alte Kriege« bezeichnet werden, abzugrenzen. ( Kap. 6)

Tab. 1: Unterschiede zwischen regulären und irregulären Kriegen.


Reguläre KriegeIrreguläre Kriege

1.3 Moderne Kriegsführung

Dieses Buch beschreibt Entwicklungen des modernen Krieges. Hierbei soll jedoch nicht der philosophischen Frage nachgegangen werden, was »modern« bedeutet oder die »Moderne« als Epoche ist. (siehe hierzu z. B. Habermas 1989; Walker 1993; Bauman 2005) Moderne Kriegsführung in diesem Buch bezieht sich auf Entwicklungen des Kriegsgeschehens seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Obwohl sich der Krieg, wie oben beschrieben, nicht oder nur schwer definieren lässt, so muss doch eine Abgrenzung zu früheren Kriegen erfolgen. Dennoch lassen sich beim modernen Krieg eigentümliche Prozesse identifizieren, die den modernen Krieg von vorherigen Kriegen unterscheidet. Der moderne Krieg ist das Produkt dreier eigenständiger, jedoch eng miteinander verbundener Prozesse und Veränderungen, welche bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen. Diese sind administrativer, technologischer und ideologischer Natur.

Der administrative Aspekt des modernen Krieges bezieht sich auf den Aufstieg des modernen Staates. Die Schaffung von Staatlichkeit und staatlichen Streitkräften führte zu klaren Unterscheidungen, die zuvor nicht existierten oder vage waren. Zu diesen gehören die Unterscheidung zwischen

1) öffentlich und privat (d. h. staatlich und nichtstaatlich);

2) intern (was innerhalb des klar definierten Staatsgebiets geschieht) und extern (außerhalb dieses Gebiets);

3) dem rechtmäßigen Waffenträger (Soldat) und dem unrechtmäßigen (Kriminellen);

4) der zivilen und militärischen Domäne.

Auf der technologischen Ebene ist zunächst die sich stetig erhöhende Feuerkraft seit dem 16. Jahrhundert hervorzuheben. Hinzukommt die durch technologische Entwicklungen möglich gewordene Erschließung weiterer Ebenen (z. B. unter Wasser und in der Luft) der Kriegsführung. Ein letzter Aspekt bezieht sich auf die Kommunikationstechnologie. Telegrafen, Telefone, Computer und andere Informationssysteme erhöhten die Mobilisierungsgeschwindigkeit, verbesserten die Gefechtssteuerung und kreierten eine, wenn auch umstrittene (Rid 2018), neue Domäne der Kriegsführung (Cyber). Die ideologische Komponente bezieht sich auf die vor allem durch die Französische Revolution (1789) beschleunigte Verbindung von Massenarmee und Nationalismus, welche den Weg in eine Totalisierung des Krieges ebnete.

Ebenen der Kriegsführung

Generell wird bei der Führung eines Krieges zwischen drei Ebenen mit andersgearteter Entscheidungsgewalt unterschieden. ( Abb. 1)

• Die strategische Ebene der Kriegsführung ist der Politik zuzuordnen. In einem militärischen Konflikt formuliert die politische Ebene die Zielsetzung und legt das grundsätzliche militärische Vorgehen fest. Unter der Ägide der strategischen Zielsetzung ermittelt und bestimmt die Politik die nationalen Ressourcen, welche zur Erfüllung dieser notwendig sind und im Bereich des Möglichen liegen.

• Die operative Ebene der Kriegsführung bezieht sich auf die Planung und Ausführung militärischer Operationen im Hinblick auf die strategische Zielsetzung. Aufgabe der operativen Führung ist es, politische Absichten und militärstrategische Vorgaben in Befehle an die taktische Führung zu vermitteln. Hierbei definiert die operative Führung mögliche Ziele, fasst diese in operative Konzepte, Operationspläne sowie Operationsbefehle und koordiniert die Gesamtheit der dazu erforderlichen taktischen und logistischen Maßnahmen.

• Die taktische Ebene der Kriegsführung umschließt alle Sphären des direkten militärischen Gefechtes. Aufgabe der taktischen Ebene ist es, die Zielsetzungen der operativen Stufe durch die Planung und Ausführung militärischer Schlachten und Auseinandersetzungen auf dem Gefechtsfeld umzusetzen.


Abb. 1: Ebenen der Kriegsführung.

Formen und Domänen der Kriegsführung

Da unter dem Begriff Kriegsführung im Allgemeinen die Anwendung oder gedrohte Anwendung militärischer Gewalt verstanden wird, muss eine Untersuchung zur Kriegsführung den Fokus auf Kampfhandlungen, die eigentliche Raison der Streitkräfte, legen. Zunächst muss hierfür eine Beschreibung der unterschiedlichen Bereiche, in welchen Krieg geführt, wird angestellt werden. Im Folgenden sollen hierbei die drei Domänen, zu Lande, zur See, und in der Luft, welche den Krieg im 20. und 21. Jahrhundert geprägt haben, beleuchtet werden. In Kapitel 6 wird hinterfragt, ob mit der Cyber-Domäne eine weitere Kriegsdomäne hinzugekommen ist. ( Kap. 6)

Kriegsführung zu Lande

Denken wir an den Krieg, so denken wir zumeist als erstes an Konflikte, welche auf dem Land ausgetragen werden. Der Landkrieg umfasst die operativen und taktischen Kriegshandlungen, welche zur offensiven oder defensiven Kontrolle einer bestimmten Landmasse herangezogen werden. Heere sind die idealtypischen Akteure eines Bodenkrieges. Die Kriegsführung zu Lande wird durch vier wesentliche Merkmale gekennzeichnet, welche diesen von anderen geostrategischen Umgebungen unterscheidet. Dies sind:

1) die politische Bedeutung der Landdomäne,

2) die Vielfalt,

3) die Friktion

4) sowie die Undurchsichtigkeit der Landmasse. (Tuck 2016)

Der Krieg bietet die Möglichkeit, Territorien zu erobern und zu kontrollieren, welches oftmals zu ausschlaggebenden, politischen Konsequenzen führt. In diesem Sinne merkte der britische Strategietheoretiker Colin S. Gray an, dass der Kriegsführung zu Lande die Kraft innewohnt, eine politische Entscheidung herbei zu führen. (Gray 1999) Der Fähigkeit, eine Landmasse zu erobern und zu halten, kommt somit eine ausschlaggebende Rolle in militärischen Handlungen zu, da territoriale Kontrolle einen wesentlichen Teil der Funktionsfähigkeit und Legitimität von Regierungen bildet. Die kurzfristige Okkupation oder dauerhafte Annexion eines politischen Territoriums entscheidet deshalb oftmals über den Erfolg oder Misserfolg einer militärischen Operation. (Tuck 2016)

Neben der politischen Signifikanz bildet die topografische Vielfalt der Landmasse ein weiteres, herausstellendes Merkmal der Kriegsführung zu Lande. Dass der Bodenkrieg in unterschiedlichen topografischen Umgebungen geführt wird, unterscheidet diesen vom Seekrieg und Luftkrieg. Das Land ist eine komplexe Umgebung, welche Landstreitkräfte vor mehrere Probleme stellt.

»Im Dschungel wird die Bewegung und Versorgung schwerer Kräfte beeinträchtigt; Probleme mit der Sichtbarkeit und Navigation machen Koordination eine Herausforderung. In der Wüste stellen extreme Hitze und Sand die Zuverlässigkeit von Ausrüstung und die Ausdauer von Truppen vor Probleme. Mit der Ausnahme weniger Orientierungspunkte wird die Navigation in diesem Gebiet problematisch, wenn Globale Positions Systeme (GPS) nicht verfügbar sind. Schnee und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt können gleicherweise die Effektivität von militärischen Organisationen beeinträchtigen.« (Tuck 2016, S. 85)

Die Besonderheit der Friktion ist ein weiteres Merkmal des Landkrieges. Schon der simple Akt der Truppenbewegung sowie der Transport von Logistikmaterial stellen eine physikalische Herausforderung dar. Um dieser Friktion entgegen zu wirken, hat sich der Mensch verschiedener Hilfsmittel bedient (Straßenbau, Schienennetze usw.). Diese Mittel haben jedoch oft den Nebeneffekt, dass sie Bewegung einengen, Flexibilität reduzieren und Angriffspunkte für den Feind schaffen. (Tuck 2016)

Das vierte wesentliche Merkmal des Landkrieges ist die Undurchsichtigkeit der Landmasse, welche zu Sichtbehinderungen führt. Sichtbehinderung entstehen durch Anhöhen wie etwa Gebirgsmassiven, Vegetation und Gebäuden. Diese Anhöhen bedingen Möglichkeiten und Beschränkungen der Landkriegsführung gleichermaßen. Einerseits erschwert die Topografie die Kommunikation und Koordination von Truppenteilen sowie die Auffindung von militärischen Zielen. Andererseits bietet die Topografie Möglichkeiten der Tarnung und Deckung, welche zur militärischen Vorteilsgewinnung genutzt werden können. (Tuck 2016)

Bodentruppen, die in der Landdomäne operieren, sind durch ihre Komplexität, Vielseitigkeit, Beständigkeit und Entschiedenheit gekennzeichnet. (Tuck 2016) Ihre Komplexität ergibt sich daraus, dass Bodentruppen nicht nur aus Gefechtselementen, sondern auch aus gefechtsunterstützenden Gefechtsdienstleistungen und kommandierungsunterstützenden Elementen bestehen. (Tuck 2016) Als gefechtsunterstützende Elemente werden z. B. die Artillerie, Ingenieure und Luftverteidigungseinheiten verstanden. Diese unterstützen die Gefechtseinheiten durch Luftverteidigung, Aufklärung, Feuerunterstützung und Pioniertätigkeiten. Gefechtsdienstleistungen beinhaltet u. a. logistische Unterstützung, militärische Versorgung und medizinische Hilfe. Kommandierungsunterstützung bezieht sich vor allem auf Kommunikations- und Informationsunterstützung z. B. durch technisches Equipment und Spionage. Die Vielseitigkeit von Bodentruppen ergibt sich aus ihrer Anpassungsfähigkeit, weshalb diese weniger von der Technologie abhängig sind als die Marine oder die Luftwaffe. Darüber hinaus können Bodentruppe Aufgaben übernehmen, die das volle Spektrum der Kriegsführung abdecken und außerdem auch in friedensunterstützenden Operationen eingesetzt werden. (Tuck 2016) Aufgrund dieses breiten Aufgabenspektrums sind Bodentruppen vielseitiger einsetzbar. Die Beständigkeit der Bodentruppe bezieht sich auf ihre Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum in einem bestimmten Gelände aufhalten zu können. Bodentruppen können somit Territorien halten und kontrollieren, was die Luftwaffe und die Marine nicht können. General Norman Schwarzkopf, Oberbefehlshaber der Koalitionsstreitkräfte im Zweiten Golfkrieg (1990–1991), merkte im Hinblick hierauf an: »Es gibt in der ganzen Welt keinen Kommandeur, der behaupten würde, ein Objekt eingenommen zu haben, indem er darüber geflogen ist.« (Schwarzkopf zitiert nach Londsdale 2016, S. 88) Obwohl es für eine erfolgreiche Kriegsführung oft kein adäquates Ersatzmittel für Bodentruppen gibt, um die Landmasse zu kontrollieren, so kann ihre langwierige Stationierung innerhalb eines politischen Gebietes eine Reihe von Problemen verursachen. Eine dauerhafte Präsenz macht Bodentruppen z. B. angreifbar. Des Weiteren kann eine beständige Anwesenheit politische Probleme verursachen, welche sich oftmals aus Spannungen zwischen den militärischen Einheiten und der Bevölkerung des Landes ergeben. Zuletzt zeichnen sich Bodentruppen durch ihre Fähigkeit aus, eine Entscheidung herbeizuführen. Milevski bezeichnet Bodentruppen in diesem Sinne als fortissimus inter pares, da nur diese die Fähigkeit besitzen, Gebiete zu erobern und zu halten und somit den größten strategischen und politischen Effekt im Krieg erzielen können. (Milevski 2012, S. 10)

Die oben aufgeführten Charakteristika des Landkrieges haben und hatten einen grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung der modernen Kriegsführung zu Lande. In Bezug auf den Landkrieg lassen sich Veränderungen in fünf Bereichen feststellen, die den Krieg im 20. und 21. Jahrhundert geprägt haben:

• der Maßstab,

• die Feuerkraft,

• das Kommandieren und Kontrollieren von Truppen,

• die Logistik

• sowie die gemeinsame Kriegsführung mehrerer Teilstreitkräfte (Land, See und Luft).

Eine der größten Veränderungen der Kriegsführung betrifft den sich erhöhenden Maßstab des Landkrieges. Waren Armeen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch relativ klein, Napoleons Armee z. B. zählte nicht mehr als 70 000 Soldaten in der Schlacht bei Austerlitz, so standen sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg Millionen gegenüber. Dies hatte Auswirkungen auf das Kommandieren und Koordinieren von Armeen. Die immer größer werdende Komplexität moderner Armeen im Sinne ihrer Organisation, Spezialisierung, Größe und Mobilität machen Bodentruppen schwierig zu kommandieren und koordinieren. (Tuck 2016) Des Weiteren hatten und haben technologische Entwicklungen einen Einfluss. Computer, Satelliten, Radar und Sonar, um nur einige zu nennen, stellen Armeen vor die Herausforderung wie diese Systeme und die durch diese ermöglichte Maße an Informationen, effektiv organisiert und integriert werden. Eine weitere Veränderung betrifft die Logistik. Die logistische Versorgung von Bodentruppe hat seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts an Komplexität gewonnen, welches hauptsächlich mit der sich verändernden Größe von Armeen zusammenhängt. Logistik hat sich deshalb als zentraler Teil der modernen Kriegsführung etabliert und ist Kernteil der Planung militärischer Operationen geworden. Der amerikanische General Dwight D. Eisenhower gab der Wichtigkeit der Logistik im modernen Krieg Ausdruck: »Die Versorgung beeinflusst alle Schlachten und entscheidet viele.« (Eisenhower zitiert nach Jahns/Schüffler: 2018, S. 146) Die letzte fundamentale Veränderung, welche die Kriegsführung im 20. und 21. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst hat, ist das koordinierte Zusammenspiel verschiedener Teilstreitkräfte in der Kriegsführung. (Tuck 2016; Kap. 3)

Kriegsführung zur See

Die Kriegsführung zur See unterscheidet sich maßgeblich vom Landkrieg. Zunächst ist hier der Unterschied zwischen dem Land und dem Meer als Kriegsdomäne hervorzuheben. Die maritime Umgebung, in welcher die Marine Krieg führt, umfasst die Hochsee, Küstengebiete, Buchten und Meeresmündungen. Küstengebieten kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Aufgrund der Nähe zu menschlichen Siedlungen konzentrieren sich Marineaktivitäten zwangsläufig auf den Bereich, an dem Land und See aufeinandertreffen. Nichtsdestotrotz verstehen wir unter der maritimen Domäne hauptsächlich die Region der offenen See. Drei bestimmende Charakteristika kennzeichnen diese Domäne:

1) Die erste und offensichtlichste ist die Größe der Ozeane. Über 70 Prozent der Erdmasse sind von Wasser bedeckt. Aufgrund dieser Größe erstreckt sich die Seekriegsführung über hunderte, teils tausende Kilometer. Admirale müssen deshalb langfristige Manöver koordinieren, weshalb die Seekriegsführung im Bereich der strategischen Kriegsführung ( Abb. 1) verortet wird. (Speller 2016) Neben dessen Größe ist das Meer durch eine fast vollständige Abwesenheit topografischer Elemente gekennzeichnet. Es existieren somit keine unterschiedlichen Gelände wie Dschungel, Sumpf oder Berge, welche die Bewegungsfreiheit von Einheiten begrenzen und somit können sich maritime Streitkräfte nahezu gleichgut durch das Kampfgebiet bewegen. Fahrwassertiefe spielt nur in Küstennähe oder bei U-Booten eine Rolle. Darüber hinaus bietet das Meer keine Deckung im Gelände oder Höhen, welche eine bessere Feuerposition ermöglichen.

2) Die maritime Domäne zeichnete sich zweitens dadurch aus, dass das Seegebiet zum größten Teil verbunden ist. (Speller 2016) Es eröffnet der Marine somit die Möglichkeit, global zu operieren. Darüber hinaus und im scharfen Kontrast zum Land und dem Luftgebiet über dem Land, welches durch physikalische und politische Barrieren begrenzt ist, ist das Seegebiet eine Domäne, welche in Friedenszeiten allen offensteht. Dies wird generell unter dem Begriff der Meeresfreiheit verstanden. Die Idee der Meeresfreiheit wurde in ihrer modernen Form zuerst von dem niederländischen Juristen und Philosophen Hugo Grotius in seinem Buch Mare Liberum (1609) formuliert. Hierin legte Grotius dar, dass das Meer als internationales Territorium zu verstehen ist, welches allen Völkern zum Seehandel offensteht. (Weiß 2009) Hierdurch rückt die ökonomische Wichtigkeit dieser Domäne in den Fokus. Gegenwärtig werden über 96 Prozent der global gehandelten Güter auf diesem Wege transportiert, da das Meer, abzüglich der zwölf Meilenzone des souveränen Staatsgebietes angrenzender Staaten, ein uneingeschränktes Gebiet ist. (Speller 2016) Der maritime Handel führt der Seestrategie damit eine ökonomische Dimension zu.

3) Der dritte entscheidende Unterschied zwischen See und Land neben seiner Fläche, Verbundenheit und Freizügigkeit ist dessen Unbewohnbarkeit. (Speller 2016) Da der Mensch nicht auf dem Meer leben kann und sich auf dem Meer nur auf speziellen, hierfür gefertigten Plattformen (z. B. Schiffen, U-Booten, Bohrinseln) aufhalten kann, ist das Meer eine Umgebung, die nicht unter direkte physische Kontrolle zu bringen ist und somit nicht im gleichen Sinne wie das Land beherrscht werden kann.

Die Seekriegsführung hat deshalb zwei Aspekte zum Ziel. Einerseits soll Kontrolle über die Meeresdomäne erlangt werden, andererseits diese dem Gegner verwehrt werden. (Speller 2016) Die Freiheit des Meeres selbst zu nutzen und diesen Nutzen dem Gegner zu versagen wird im Allgemeinen als die Herrschaft zu See (command of the sea) bezeichnet. Diese zu erringen, ist die Hauptaufgabe der Seestreitkräfte. Seestreitkräfte, auch Flotte oder Marine genannt, übernehmen die Kriegsführung zur See. Diese bestehen aus den eigentlichen militärischen Einheiten, der Flotte, den diese unterstützenden Einheiten, Einrichtungen zu Lande sowie deren Administration. Um die Kontrolle über das Meer zu erhalten und diese dem Gegner zu verwehren, stehen den Seestreitkräften verschiedene Optionen offen. Bezüglich der Kontrolle stehen die Entscheidungsschlacht und die Seeblockade im Zentrum der maritimen Strategie. Bei der Entscheidungsschlacht handelt es sich um ein Seegefecht, bei dem die Hauptflotte des Gegners besiegt oder besser noch zerstört wird. Einer der Vordenker der Entscheidungsschlacht zur See war der Amerikaner Alfred Thayer Mahan, der sie in seinem Buch The Influence of Sea Power Upon History, 1660–1783 (1890) ausführte. Trotz der überzeugenden Logik der Entscheidungsschlacht hat sich diese in der Geschichte jedoch oft nicht bewahrheitet und kann sogar als Mythos bezeichnet werden. Bekannte Entscheidungsschlachten zu See wie etwa die Seeschlacht von Trafalgar (1805) waren meist eine Vielzahl kleiner Schlachten. Aufgrund dessen ist die Entscheidung zu See meistens das Ergebnis einer Vielzahl kleiner Auseinandersetzungen und nicht das Ergebnis eines einzigen, entscheidenden Gefechtes. (Speller 2016) Darüber hinaus muss auch die Entscheidungskraft selbst in Frage gestellt werden. Eine Seeschlacht kann großen Einfluss auf den Seekrieg ausüben, aber dessen Einfluss muss sich nicht zwangsläufig auf den Landkrieg übertragen. »Der Britische Sieg bei Trafalgar z. B. konnte nicht verhindern, dass Napoleon die englischen Verbündeten, Österreich und Russland, in der Schlacht bei Austerlitz besiegte.« (Speller 2016, S. 167) Ein weiteres Problem der Entscheidungsschlacht zur See ist der Gegner selbst, der, vor allem wenn dessen Seestreitkräfte schwächer sind, eine Entscheidungsschlacht zu vermeiden versucht. Aufgrund der Größe der maritimen Domäne und der Abwesenheit einer zu verteidigenden Bevölkerung bietet das Meer im Gegensatz zum Land die Möglichkeit, einer Entscheidungsschlacht auszuweichen. Darüber hinaus kann eine schwache Flotte Zuflucht in einem Hafen suchen und somit die stärkere Feindflotte binden. Diese Strategie wird als Präsenzflotte (fleet-in-being) bezeichnet. Eine Präsenzflotte zwingt den Gegner, ausreichende Streitkräfte bereitzuhalten für den Fall, dass die Präsenzflotte auslaufen sollte. Obwohl die Präsenzflotte nicht direkt agiert, so hat sie hierdurch doch Einfluss auf den Seekrieg, da der Gegner seine Streitkräfte nicht anderweitig einsetzen kann.

Die durch die Präsenzflotte erzwungene Bindung der eigenen Streitkräfte hatte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der zweiten maritimen Strategie zur Erlangung der Seekontrolle: die Blockade. Hierbei wird zwischen der küstennahen und küstenfernen Blockade unterschieden. (Speller 2016) Bei der küstennahen Seeblockade werden die Streitkräfte so positioniert, dass es ihnen möglich ist, Schiffe abzufangen, die versuchen, in den Hafen zu gelangen oder aus diesem herauszukommen. Die küstenferne Seeblockade hat nicht zum Ziel, die Ausfahrt oder Einfahrt in den Hafen zu verhindern, sondern ihr Ziel ist es, dem Gegner bestimmte Meeresareale zu verwehren. Diese Form der Seeblockade hat den Vorteil, dass der Gegner den Hafen verlässt und es somit zu einer Entscheidungsschlacht kommen kann. Aufgrund von militärtechnologischen Entwicklungen ist heutzutage jedoch kaum noch eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Blockadeformen anzustellen. (Speller 2016) Ist eine direkte Kontrolle der See nicht zu erreichen, kann das Verwehren der See eine praktikable Alternative in der Seekriegsführung darstellen. Eine Strategie der Seeverwehrung (sea denial) zielt auf die beschränktere Aufgabe, dem Gegner die Kontrolle über die See zu entziehen, ab. Eine effektive Seeverwehrung benötigt oftmals ein niedrigeres Maß an Fähigkeiten und Anstrengungen als die Strategie der Seekontrolle. Aufgrund dessen beschreibt der amerikanische Admiral Stansfield Turner die Seeverwehrung als »Guerillakrieg zu See«. (Stansfield Turner zitiert nach Speller 2016, S. 170) Einer Strategie der Seeverwehrung steht eine Vielzahl von Optionen offen, um diese umzusetzen. Diese reichen von dem Legen von Seeminen, die den Zugang zu Häfen oder die Nutzung von Seestraßen verwehren, über überfallartige Angriffe auf Handels- oder Marineschiffe bis hin zur Strategie der Präsenzflotte. Eines der bekanntesten Beispiele der Seeverwehrung war die deutsche U-Boot Strategie während des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die hauptsächlich darauf abzielte, dem Gegner die Nutzung der See zu verwehren.

Kriegsführung in der Luft

Das 20. Jahrhundert führte der Kriegsführung neben den Domänen des Landes und der See die Domäne der Luft zu. Der erste Einsatz eines Flugzeuges zu Kriegszwecken fand am 23. Oktober 1911 während des italienisch-türkischen Krieges in Form eines Aufklärungsfluges statt. Diesem folgte am 1. November 1911 der erste Bombenangriff. Seitdem ist der Luftkrieg ein fester Bestandteil der Kriegsführung geworden. Bei dem Luftkrieg handelt es sich um eine Form der Kriegsführung, bei der Luftstreitkräfte, auch Luftwaffe genannt, und Luftkriegsmittel anderer Teilstreitkräfte militärische Operationen ausführen. Diese Art der Kriegsführung lässt sich in zwei Teilbereiche unterteilen: »Krieg in der Luft« und »Krieg aus der Luft«. Unter dem Begriff »Krieg in der Luft« wird einerseits der Kampf zwischen Luftfahrzeugen, z. B. der durch Jagdflugzeuge ausgetragene Luftkampf (dogfight), und andererseits der Kampf zwischen Luftfahrzeugen und bodengestützten Flugabwehren verstanden. Bei dem »Krieg aus der Luft« handelt es sich vor allem um die Aufklärung und Bekämpfung von Bodenzielen. Der »Krieg aus der Luft« lässt sich auch als taktischer Luftkrieg bezeichnen. Hierbei wird zwischen zwei Aufgaben oder Zielen unterschieden. Zunächst ist hier die Luftnahunterstützung zu nennen, die den Einsatz von Lufteinheiten zur direkten Unterstützung von Bodenstreitkräften bezeichnet. Neben der Luftnahunterstützung ist ein weiteres Einsatzverfahren der Luftwaffen die Gefechtsfeldabriegelung. Hierbei werden taktische Ziele wie Brücken, Straßen und Versorgungskonvois im Rückraum der Kriegsfront angegriffen, um z. B. das Eintreffen von neuen, feindlichen Bodentruppen zu verhindern.

Krieg in der Luft zu führen, stellt den Menschen vor extreme Herausforderungen. Zunächst ist hier die Flughöhe zu beachten. Je höher ein Pilot steigt, desto dünner wird die zum Atmen benötigte Luftdichte. Dies hat Saustoffmangel zu Folge, was die Fähigkeiten des Menschen einschränkt und zu Bewusstlosigkeit und Tod führen kann. Neben dem Sauerstoffmangel stellt die extreme Kälte ein weiteres Problem da. Technologische Entwicklungen, die speziell seit dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben wurden, machten es möglich, immer neue Höhen im Luftkrieg zu erschließen. (Jordan 2016) So wurden seitdem Sauerstoffmasken, Spezialkleidung, druckausgleichende Cockpits und Kompressionsanzüge, durch die der Einfluss der Gravitation minimiert wird, eingeführt. Neben diesen Herausforderungen für den menschlichen Körper zeichnet sich der Luftkrieg durch vier Eigenschaften aus, die die Luftkriegsführung vom Landkrieg und Seekrieg unterscheiden. Diese sind

• der Aktionsradius,

• die Geschwindigkeit,

• die Flexibilität

• sowie die Untauglichkeit von Luftstreitkräften, Gebiete zu besetzen. (Jordan 2016; Angerer 2010)

Bezüglich des Aktionsradius ist zunächst festzustellen, dass im Gegensatz zu Land- oder Seestreitkräften der Einsatz von Luftstreitkräften nur von wenigen geografischen Hindernissen eingeschränkt wird. Die Luftwaffe kann unzugängliche Gebiete über- oder umfliegen. Hinzukommt, dass das Einsatzgebiet der Luftwaffe global ist, da der Luftraum weltumspannend ist. Neben dem Aktionsradius zeichnen sich Luftstreitkräfte durch ihre Geschwindigkeit aus. »Militärische Luftfahrzeuge sind schnell und wendig und besitzen eine große Reichweite. Dadurch können Operationen tief in feindlichem Gebiet durchgeführt werden.« (Angerer 2010, S. 92)

Ein weiterer Aspekt der Geschwindigkeit bezieht sich auf die relative Schnelligkeit, mit der Luftstreitkräfte zum Einsatz gebracht werden können. Sie können schneller in Krisengebiete entsandt werden als andere bodengestützte Fahrzeuge. Luftstreitkräfte sind zudem durch eine enorme Flexibilität gekennzeichnet. Dies bezieht sich einerseits auf den strategischen Effekt, den Luftstreitkräfte genieren können, und andererseits auf deren Gefechtswert. Der strategische Effekt reicht vom eigentlichen Gefecht über die Informationsgewinnung durch Aufklärungsflüge bis hin zum Transport von Nachschub und Truppenkontingenten. Der flexible Gefechtswert von militärischen Luftfahrzeugen ergibt sich je nach ihrer Auslegung und technischen Spezifikationen aus der großen Mengen an Waffensysteme, die diese an Bord haben und welche es diesen ermöglicht, unterschiedliche Aufgaben während einer Operation zu übernehmen. Zuletzt ist der größte Nachteil von Luftstreitkräften zu nennen. Ihnen ist es nicht möglich, Gebiete einzunehmen, weshalb Bodenstreitkräfte fast immer eine Luftkampagne unterstützen. (Jordan 2016) Hinzukommt, dass sich militärische Luftstreitkräfte trotz der Möglichkeit der Luftbetankung nicht permanent über einem Gebiet aufhalten können. Aufgrund dessen kann eine permanente Luftpräsenz über dem Schlachtfeld nur dann aufrechterhalten werden, wenn eine Konfliktpartei über ausreichende Ressourcen hierfür verfügt. Die war jedoch selbst während des Zweiten Weltkrieges, zu einer Zeit, in der die Konfliktparteien über tausende von Luftfahrzeugen verfügten, unmöglich. Der technologische Fortschritt in der Entwicklung von unbemannten Luftfahrzeugen, auch Drohnen genannt, scheint in der Zukunft jedoch die permanente Luftpräsenz möglich zu machen. ( Kap. 6)

1957 erschloss sich der Luftkriegsführung mit der Positionierung des sowjetischen Satelliten Sputnik 1 in der Erdumlaufbahn der Weltraum. Sputnik 1 führte zu einer Militarisierung des Weltalls und eröffnete dem Krieg eine vierte Dimension. In der Literatur über den militärischen Nutzen des Weltraums ist die Antwort auf die Frage umstritten, ob die Kriegsführung im Weltraum als eigenständiges Feld zu verstehen ist oder ob diese nur eine Erweiterung der Luftkriegsführung darstellt. (Jordan 2016) Trotzdem lässt sich feststellen, dass der Weltraumkrieg zwei Charakteristika des Luftkrieges, wenn auch im verstärkten Maße, besitzt. Diese sind der Aktionsradius und die Geschwindigkeit, die im Zusammenspiel den militärischen Nutzen des Weltraums verdeutlichen. (Jordan 2016) Da das All Zugriff auf den gesamten Erdball ermöglicht, erlaubt die militärische Nutzung des Weltraums einen globalen Aktionsradius. So lassen sich z. B. aus dem All die Land-, See- und Luftdomänen überwachen. Dieser Vorteil ergibt sich aus der Geschwindigkeit im All positionierter Weltraumplattformen, da diese je nach Orbit und Antrieb den Globus innerhalb von 24 Stunden mehrfach umrunden können und somit in der Lage sind, eine fast lückenlose, globale Aufklärung zu gewährleisten. Die militärische Nutzung des Weltraums beschränkt sich derzeit auf drei verschiedene Anwendungen:

1) Satelliten erlauben, wie oben angemerkt, die Überwachung des Gefechtsgebietes und bieten somit dem Militär einen Informationsvorteil.

2) Der zweite Nutzen bezieht sich auf militärische Gegenmaßnahmen zu dieser Aufklärung. Sogenannte antisatellite capabilities zielen darauf ab, gegnerische Satelliten zu stören oder zu zerstören. Das Stören oder Zerstören kann auf unterschiedliche Weisen, welche zum Teil auch außerhalb des Weltraums stattfinden, erreicht werden. So kann z. B. die Kommunikationslinie zwischen Satelliten und Bodenstationen unterbrochen oder Bodenstationen oder Satelliten zerstört werden. Die Mittel hierfür können von elektronischer Kriegsführung, die die Kommunikationswege stört oder Störungen verursacht, Angriffen auf erdgebundene Anlagen, die Verwendung von Antisatellitenwaffen, die mit Sprengkörpern ausgerüstet gegnerische Satelliten zerstören, und Hochfrequenzwaffen bis zu gezielten Energiewaffen (Lasern), dem Ändern von Umlaufbahnen, umso Satelliten mit anderen Satelliten zu rammen, oder dem Einsatz von Atomwaffen reichen. (Lupton 1998)

3) Der dritte Nutzen ergibt sich aus im Weltraum stationierter Waffensysteme (space-to-earth weapons), welche Angriffe auf Bodenziele aus dem All ermöglichen. Diese sind jedoch größtenteils noch in der Entwicklungsphase, und deren militärische Vorteile sind umstritten. (DeBlois 2004) Trotz dieser Militarisierung des Weltraums wurde der Krieg bisher noch nicht in das All hineingetragen.

»Die gegen Weltraumziele gerichtete Kriegsführung hat bislang ebenso wenig stattgefunden wie der Einsatz im Weltraum stationierter Waffen gegen terrestrische Ziele.« (Hansel 2010, S. 261) In den letzten Jahren hat sich die Gefahr dessen jedoch erhöht. So hat die NATO 2019 den Weltraum als separate Domäne für militärische Operationen anerkannt und Präsident Trump 2018 den Aufbau einer Space Force in Auftrag gegeben. Dies könnte zu einem neuen Wettrüsten im Weltraum führen.

1.4 Kriegsfolgen

Eine Betrachtung des Krieges kann die Kriegsfolgen nicht ignorieren. Dem Krieg folgen Tod, Leid und Zerstörung. Da Kriegsfolgen weitreichend sind, sollen im Folgenden drei Dimensionen untersucht werden. Hierbei wird eine Einschränkung in gesellschaftliche, politische und ökonomische Kriegsfolgen unternommen. Diese unterschiedlichen Dimensionen sind oft eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.


Abb. 2a: Dresden. Blick vom Rathausturm nach Süden mit der Allegorie der Güte (auch: Bonitas; Skulptur von August Schreitmüller, entstanden 1908/1910), Aufnahme von 1945.

Gesellschaftliche Kriegsfolgen

Die Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft sind vielfältig. Am offensichtlichsten treten bei einer Betrachtung der gesellschaftlichen Kriegsfolgen zunächst die Opfer ins Auge. Der Krieg verletzt, verstümmelt und tötet unzählige Menschen. Die Kriegsopfer des Zweiten Weltkrieges werden auf über 60 Millionen geschätzt. Hierbei lässt sich vor allem seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts feststellen, dass der Anteil von Zivilopfern zunimmt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schätzt den Anteil von Zivilopfern während des Ersten Weltkrieges auf 5 Prozent, während dessen Anteil gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf 90–95 Prozent gestiegen ist. Laut Mary Kaldor ist die Wahrscheinlichkeit eines gewaltsamen Todes im Krieg heutzutage achtmal höher für die Zivilbevölkerung als für Angehörige der kriegsführenden Parteien.


Abb. 2b: Die Altstadt von Frankfurt nach den schweren Bombardements durch Alliierte. Luftbild von Juni 1945.

(Kaldor 2002) Neben zahlreichen Todesopfern führt der Krieg auch zu Flucht und Vertreibung. Der Krieg hat darüber hinaus weitreichende Auswirkungen auf das Gesundheitswesen. Hierbei ist zwischen physiologischen und psychologischen Folgen zu unterscheiden. Bezüglich der physiologischen Folgen lässt sich zunächst feststellen, dass Kriege oft zu einer Notfallsituation bei der humanmedizinischen Versorgung führen. Krankenhäuser werden zerstört oder sind durch den plötzlichen Anstieg an Verletzten und Verwundeten überlastet. Erschwert wird diese Situation oftmals durch den Ausbruch von Infektionskrankheiten, die aufgrund der mangelnden Gesundheitsversorgung schnell endemische Ausmaße annehmen können. Darüber hinaus führt der Krieg oft zu einem Zusammenbruch der pharmazeutischen Versorgung, was einen Mangel an Medikamenten und Impfstoffen zu Folge hat, was ebenfalls den Ausbruch von Infektionskrankheiten begünstigt. Häufig ist eine vom Krieg betroffene Bevölkerung auch der Unterernährung ausgesetzt, da Landwirtschaft und Handel zum Erliegen kommen. Auf die körperliche Gesundheit bezogen lässt sich allgemein feststellen, dass in Zeiten des Krieges die Lebenserwartung sinkt. Der Krieg hat neben den Auswirkungen auf den Körper auch folgenschwere Auswirkungen auf die Psyche. Die Schrecken des Krieges führen zu Depression und Trauma. Posttraumatischen Belastungsstörung sind die Folge. Von diesen psychologischen Begleiterscheinungen des Krieges sind sowohl Zivilbevölkerung als auch Kombattanten betroffen. Außerdem hat die moderne Kriegsführung weitreichende ökologische Folgen. Während des Vietnamkrieges z. B. versprühten die USA über 70 Millionen Liter Entlaubungsmittel, um die Nachschubrouten der nordvietnamesischen Armee, die sogenannten Ho-Chi-Minh Pfade, sichtbar zu machen. Dies zerstörte ca. 15 Prozent des vietnamesischen Ökosystems. Nach dem Ende des Krieges wurden diese Gebiete neu besiedelt und seitdem zeigt sich in diesen Gebieten eine auffällig hohe Anzahl an Fehlgeburten.


Abb. 3: Vietnamkrieg, flüchtende Mutter mit Kindern.

Politische Kriegsfolgen

Auch die politischen Kriegsfolgen sind vielfältig. Zunächst haben Kriege oft maßgeblichen Einfluss auf die Regierungsstrukturen eines Staates. In demokratischen Systemen kann ein von der Bevölkerung nicht hinreichend unterstützter Krieg zu einem Regierungswechsel führen. Kriege führen aber auch zu einem extern aufgezwungenen Wandel in der Regierungsform, wie etwa in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Neben einem Wandel der Regierungsform kann der Krieg auch zur Herausbildung neuer Staaten führen. So entstand Jugoslawien etwa nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall Österreich-Ungarns und zerfiel dann selbst zwischen 1991 und 2006 in verschiedene Staaten (Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, Slowenien). In seinem seminalen Werk Coercion, capital, and European states, AD 990–1992 (1992) geht der amerikanische Historiker Charles Tilly sogar so weit, zu behaupten, dass der Krieg im Kontext der europäischen Geschichte den Staat erst schafft. Nach Tilly führt der Krieg durch die Wechselwirkungen von vier Prozessen zur europäischen Staatenbildung:

1) Kriege, die in der Ausschaltung lokaler Rivalen wie etwa Prinzen, Baronen und anderen lokalen Machthabern gipfelten, führten zu einer Zentralisierung der Staatsmacht und der Einrichtung eines weitreichenden Gewaltmonopols.

2) Dieses Gewaltmonopol des Staates wurde zunehmend ausgeweitet und führte zur Bildung von Polizeikräften.

3) Kriegsführung und militärische Expansion wären nicht möglich, ohne der Bevölkerung Ressourcen zu entziehen und Kapital zu generieren. Dies führte zur Einrichtung von staatlichen Bürokratien, um Soldaten aus der eigenen Bevölkerung zu rekrutieren und Steuern zu erheben.

4) Schließlich forderten die Bevölkerungen des Staates Rechtsgarantien und repräsentative Institutionen. Diese staatlichen Zugeständnisse ermöglichten es der Bevölkerung, ihr individuelles Eigentum ohne Gewaltanwendung zu schützen, das das staatliche Gewaltmonopol gefährdet hätte.

Ökonomische Kriegsfolgen

Neben den gesellschaftlichen und politischen Folgen hat der Krieg massiven Einfluss auf die Ökonomie. Während des Krieges und nach dem Krieg ist die Wirtschaft schwerwiegenden Schäden ausgesetzt. Durch die Zerstörung von Industrieanlagen und infrastrukturellen Einrichtungen, die Verkehr, Kommunikation und Energieversorgung gewährleisten, kann der Krieg bis zum Zusammenbruch der Wirtschaft eines Staates führen. Arbeitslosigkeit und ein Anstieg der Armut sind häufige Folgen. Durch die Vernetzung der Weltwirtschaft sind meist auch andere Länder indirekt von wirtschaftlichen Kriegsfolgen betroffen. So können Kriege z. B. zu einem Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise und sogar zum Einbrechen der Börsenkurse führen. Angrenzende Staaten spüren die Auswirkungen meist direkter. Zwischenstaatlicher Handel kann zum Erliegen kommen und das plötzliche Eintreffen von Flüchtlingen kann finanziellen und politischen Druck auf die Regierungen angrenzender Staaten ausüben. Somit lässt sich oft eine durch den Krieg hervorgerufene regionale Schwächung der Wirtschaft feststellen. Zudem vernichtet der Krieg auch persönliches Eigentum, was weitreichende gesellschaftliche Folgen bezüglich eines Armutsanstieges hat. Die Zerstörung von Industrieanlagen und Infrastruktur verschlimmert diese Situation mit schweren Folgen für den Arbeitsmarkt und die Schaffung neuer Eigentumswerte. Der Krieg hat dazu einen direkten Einfluss auf die Arbeitskraft eines Landes. Durch den gewaltsamen Tod wird ein Verlust von Arbeitnehmern verursacht. Geringere Geburtenraten, erhöhte Kindersterblichkeit und eine vor dem Krieg flüchtende Bevölkerungen führen zu drastischen demografischen Veränderungen, welche zu einer Minderung der Produktivität führen. Im Jahr 2012 schätzte das Institute for Economics and Peace den durch den Krieg hervorgerufenen weltweiten, wirtschaftlichen Schaden auf 9,46 Billionen US-Dollar. (2012)

2 Der Erste Weltkrieg

»Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa.«

(Großbritanniens Außenminister Sir Edward Grey, 3. August 1914 zitiert nach Stier 1962, S. 898)

Der Erste Weltkrieg, außerhalb Deutschlands auch als der Große Krieg (the Great War, la Grande Guerre) bezeichnet, war ein vier Jahre dauernder Konflikt (1914–1918), dessen Ausgangspunkt in Europa lag. (Münkler 2014) Auslöser dieses Krieges war die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo durch den jungen bosnischen Serben Gavrilo Princip. Mit diesem Attentat begann eine internationale Krise (Juli-Krise), welche eine Kettenreaktion in Gang setzte, die in einem Krieg zwischen den Großmächten mündete. Ein Hauptfaktor dieser Eskalation war das komplexe Geflecht europäischer Allianzen, das sich nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) entwickelte. Um einen Krieg zu verhindern, hatten die europäischen Großmächten des 19. Jahrhunderts ein ineinandergreifendes System zweier sich feindlich gegenübergestellter Allianzen konstruiert. Auf der einen Seite standen die zwei zentraleuropäischen Imperien, das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, die sich 1879 zu dem sogenannten Zweibund zusammenschlossen, dem 1881 Italien beitrat. Demgegenüber stand die 1894 geschlossene Allianz zwischen Frankreich und Russland. Dieser ungewöhnlichen Allianz zwischen der französischen Republik und dem russischen Zarenreich wurde ab 1904 durch Großbritannien erweitert. Dieser Zusammenschluss begann mit der Entente cordiale (französisch für herzliches Einverständnis), einem Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien, das als Ziel eine Lösung des Interessenkonfliktes in der Afrikapolitik beider Staaten hatte. Dieses Abkommen wurde 1907 durch Russlands Beitritt zur Triple Entente. Beide Allianzen basierten auf dem Übereinkommen, dass sich ihre Mitglieder im Falle eines Konfliktes unterstützen, sodass der Angriff einer Großmacht auf eine andere zu einem europaweiten Krieg führen würde. Obwohl dieses Allianzen-Geflecht zu einem gefährlichen Balanceakt führte, so war es doch erfolgreich, den Frieden in Europa für eine Generation zu gewähren. Zwischen dem Russisch-Türkischem Krieg 1878 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 gab es weder einen Krieg in Europa noch einen Krieg zwischen den europäischen Großmächten über ihre kolonialen Besitzungen außerhalb Europas und das trotz teils erheblicher Zwischenfälle. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zeigte jedoch, wie fragil dieses Gebilde war, denn was zunächst den Anschein eines lokalen Konfliktes zwischen Österreich-Ungarn und Serbien hatte, eskalierte schnell zu einem europäischen und später globalen Flächenbrand. Dieses von Zeitgenossen als »Urkatastrophe« titulierte Ereignis wird in der Geschichtsforschung oft als Zäsur oder Epochenumbruch beschrieben, da es als markanter Einschnitt in der Weltgeschichte verstanden wird. (Münkler 2017, S. 11) Diese Zäsur ergibt sich aus seiner bis dahin ungekannten Form der Massengewalt, durch die Millionen ihr Leben ließen, sowie aus politischen Umwälzungen, die dem Krieg folgten wie etwa der Russischen Revolution, dem Ende des deutschen Kaiserreiches, der Schaffung neuer Staaten wie Polen und der Tschechoslowakei und der Zerstückelung des osmanischen Reiches. Im Folgenden widmet sich dieses Kapitel nicht einer detaillierten Beschreibung des Kriegsverlaufes. Stattdessen sollen taktische und technologische Veränderungen in der Kriegsführung Betrachtung finden. Der Fokus hierbei liegt auf der Westfront und einer kurzen Darlegung der Kriegsführung in Deutsch-Ostafrika. Zunächst setzt dieses Kapitel den Ersten Weltkrieg in einen militärhistorischen Kontext und beschreibt militärstrategische Überlegungen vor dem Ausbruch des Krieges. ( Kap. 2.1) Hierauf folgt eine Auseinandersetzung mit den technologischen und taktischen Entwicklungen der regulären Kriegsführung in Westeuropa und eine Betrachtung der irregulären Kriegsführung in Deutsch-Ostafrika. ( Kap. 2.2) Zum Abschluss dieses Kapitels wird der Frage nachgegangen, ob der Erste Weltkrieg ein totaler Krieg war, und es werden drei Paradigmenwechsel in der Kriegsführung aufgezeigt. ( Kap. 2.3)

2.1 Entwicklungen der Kriegsführung vor und zu Beginn des Ersten Weltkrieges

Um die Zäsur, die der Erste Weltkrieg (1914–1918) darstellt, historisch zu fassen, ist es unabdingbar, die diesem Krieg vorrangehende Periode zu beleuchten. Der englische Historiker und Soziologe Eric Hobsbawm nannte diese Periode das »lange 19. Jahrhundert« (Hobsbawm 2017), das den Zeitraum vom Ausbruch der Französischen Revolution (1789) bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges umspannt. Im Hinblick auf die Entwicklung des Krieges sind vor allem zwei Revolutionen, die in dieser Periode stattfanden, von großer Bedeutung: die Französische und die Industrielle – erste im Hinblick auf die ideologische Komponente, die zweite aufgrund der hierdurch ermöglichten materiellen und technologischen Errungenschaften zur Kriegsführung.

Die der Französischen Revolution folgende Entfesselung des Nationalismus hat die Natur des Krieges maßgeblich verändert. Von nun an war der Krieg nicht länger allein eine Angelegenheit der Regierungen, sondern eine Angelegenheit, die die gesamte Bevölkerung betraf. Der Krieg wurde zu einer totalen Aktivität und damit von der geografischen Einengung des Schlachtfeldes gelöst. Die Idee des totalen Krieges war damit aus der Büchse der Pandora entwichen. ( Kap. 2.3) Es sollte jedoch knapp 100 Jahre dauern von der Niederlage Napoleons in Waterloo (1815) bis zum Ausbruch des Erster Weltkrieges, bis der Krieg wieder in einer, wie Clausewitz es nannte, absoluten Form geführt wurde.

Während die Französische Revolution die soziale und ideengeschichtliche Basis für eine Entfesselung des Krieges bereitete, so waren es die Entwicklungen der Industriellen Revolution, die diesem entgrenzten Krieg seine materiellen Voraussetzungen zuführte. Der durch die Industrielle Revolution möglich gemachte technologische Fortschritt hatte einen direkten Einfluss auf den Wandel des Krieges. Vor allem zwei Erfindungen waren hierbei von besonderer Bedeutung: die Eisenbahn und der Telegraf. Durch diese Entwicklungen wurde es möglich, die strategische Bewegung und Verschiebung von Truppen und Nachschub sowie den Versand von Nachrichten in einer vorher undenkbar gewesenen Geschwindigkeit und über große Entfernungen zu organisieren. Auch erhöhten beide Erfindungen die strategische und taktische Flexibilität. Die Eisenbahn z. B. erlaubte es, Truppen an einer zentralen Stelle zu sammeln und sie von dort aus zielgerichtet an strategisch relevante Positionen zu bewegen. Obwohl die Eisenbahn und der Telegraf viele strategische Probleme der Moderne lösten, so kreierten sie auch neue. Die statische Natur der Eisenbahnstrecken und des Telegrafennetzwerks machte beide anfällig für Angriffe, weshalb diese mit hohem personellem Aufwand geschützt werden mussten. Des Weiteren erlaubte die moderne Kommunikationstechnik, dass Monarchen, Politiker und vom Kriegsgeschehen weit entfernte Generäle direkt mit ihren Feldarmeen kommunizieren konnten. Obwohl dies den Vorteil hatte, große Armeen effektiver zu befehligen, so stellte es Kommandeure doch vor Probleme, denn sie mussten sich mit einem vorher ungekannten Informationsüberschuss auseinandersetzten und konstant auf Informationsanfragen ihrer Vorgesetzten reagieren. Auch erlaubte diese neue Art der Kommunikation eine permanente Einmischung der Monarchen und der Regierungen in das direkte Kriegsgeschehen, die vielen Militärs missfiel. Der preußische Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke (1800–1891) quittierte diese Entwicklung 1866 mit dem folgenden Kommentar: »Kein Kommandeur ist weniger glücklich als jener, welcher mit einem Telegrafenkabel in seinem Rücken arbeiten muss.« (von Moltke zitiert nach van Creveld 1985, S. 146) Neben Eisenbahn und Telegraf erlaubte die moderne Massenproduktion und Schwerindustrie die Anfertigung von Kriegsmaterialien in einer bis dato nicht möglich gewesenen Schnelligkeit und Menge.

Kult der Offensive

In den Jahrzehnten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelte sich in Europa ein Phänomen, das mit dem Begriff »Kult der Offensive« treffend beschrieben ist. (van Evera 1984) Trotz der Vorteile der Verteidigung, die Erfindungen wie das Maschinengewehr, der Stacheldraht und die Ausdehnung des Eisenbahnnetzes ermöglichten, setzte sich in europäischen Militärzirkeln die Überzeugung durch, dass der Angreifer Vorteile im modernen Krieg besitzen würde und dass zukünftige Kriege einem »kurzem Sturm«, wie der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg anmerkte, gleichen würden. Diese Annahme lag in der Erfahrung zweier vorangegangener Kriege zugrunde. Der Burenkrieg (1899–1902) sowie der Russisch-Japanische Krieg (1904–1905) legten zeitgenössischen Betrachtern nahe, dass moderne Schlachten so intensiv und brutal geführt würden, dass sich eine Armee von Wehrpflichtigen bereits nach einigen Tagen im offenen Kampf geschlagen geben müsse, der zu einem entscheidenden Sieg und einem generellen Zusammenbruch der Feindstreitkräfte führe. Des Weiteren wurde bezweifelt, dass industrielle Staaten die Möglichkeit besaßen, Waffen und Munition in riesigem Umfang und über einen langen Zeitraum zu produzieren, oder dass Staaten überhaupt die Kosten für einen langwierigen Krieg tragen könnten. Unter diesem Einfluss wurde die Offensive glorifiziert und Militärs entwickelten ganz auf die Offensive fokussierte Militärdoktrinen, die unter dem Primat des Angriffs standen. Der Burenkrieg und der Russisch-Japanische Krieg hatten jedoch bereits offengelegt, dass eine rein auf die Attacke ausgelegte Kriegsführung unmöglich war. Beide Kriege zeigten auf, dass in Zeiten, in denen verschanzter Gewehrbeschuss zur Möglichkeit wurde, Infanterieattacken einem Himmelfahrtskommando glichen. Europäische Betrachter betrachteten dies jedoch nicht als Hindernis, sondern sahen das Versagen der Infanterie in diesen Gefechten hauptsächlich in einer Abwesenheit soldatischer Tugenden und einem Mangel an Courage und Moral begründet. (Meschnig 2015) Die Fokussierung auf die Offensive war jedoch von einem weiteren Faktor entscheidend mitbeeinflusst. Der »Angriff bis zum Äußersten« war der Krieg, den die Militärs führen wollten und den sie sich wie die Gemälde aus der Zeit der Napoleonischen Kriege ausmalten, der auf Entscheidungsschlachten basierte, die Ehre und Anerkennung versprachen. Ein langsamer, auf Stillstand basierender Krieg, in dem schlammgefüllte Gräben den Schlachtschauplatz dominierten und der hauptsächlich mit der Artillerie geführt wurde, lag nicht in ihrem Interesse. Diese Argumente schienen vor Kriegsausbruch die Militärdoktrinen europäischen Staaten entscheidend beeinflusst zu haben, wie die folgende Ausführung über die deutschen und die französischen Kriegspläne offenlegen. Als der Krieg 1914 ausbrach, wiesen die Kriegspläne aller europäischen Großmächte, getrieben vom Kult der Offensive, gravierende Ähnlichkeiten auf. Trotz Unterschiede im Detail teilten sie eine gemeinsame Prämisse. Alle Pläne basierten auf der schnellen Einberufung und Mobilisierung riesiger Armeen wehrpflichtiger Soldaten, die per Eisenbahn schnellstmöglich an die Front transportiert werden sollten. Großbritannien bildete die einzige Ausnahme, da es die Wehrpflicht erst später einführte und zum Kriegseintritt zuerst ihre 100 000 Mann starke British Expeditionary Force mobilisierte.

Der Schlieffen-Plan

Die deutschen Kriegsplanungen vor dem Ersten Weltkrieg wurden maßgeblich von Deutschlands geostrategischer Lage bestimmt. Als Mittelmacht, die für Angriffe aus dem Westen (von Frankreich) und aus dem Osten (von Russland) offen war, sah sich das Deutsche Reich einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt. Hinzukam, dass die kombinierten deutschen und österreichisch-ungarischen Streitkräfte zahlenmäßig einem europäischen Bündnis unterlegen wären. Diese numerische Unterlegenheit würde ihre volle Wucht entfalten, sollte Deutschland sein Heer zu gleichen Teilen aufteilen, um sich im Westen gegen Frankreich und im Osten gegen Russland zu stellen. Der Kriegsplan, den Deutschland unter diesen Vorrausetzungen entwickelte, wurde von Graf Alfred von Schlieffen (1833–1913), Generalstabschef von 1891 bis 1905, erstellt. Sein Plan sah vor, dass der einzige Weg für Deutschland angesichts eines Krieges an zwei Fronten darin bestand, die Streitkräfte zu konzentrieren, um erst einen Feind zu besiegen, sich dann umzudrehen und sich dann dem anderen Feind zu stellen. Deutschland müsste buchstäblich zwei getrennte, aufeinander folgende Kriege führen, wodurch fast die gesamte Armee für beide Kriege verfügbar wäre. Diese Vorgehensweise war nur möglich, weil Deutschland aufgrund seines überlegenen Schienennetzes und seiner kleineren Landfläche viel schneller mobilisieren konnte als Russland. Schlieffens Vorschlag war es, die resultierende Zeitlücke zwischen der Vollendung der deutschen und russischen Mobilisierung für einen plötzlichen Angriff auf Frankreich zu nutzen. Drei Überlegungen machten Frankreich zum Ziel des ersten Angriffs:

1) Frankreich konnte schneller mobilisieren als Russland, was es anfangs zum gefährlicheren Gegner machte.

2) Die russische Konzentration der Streitkräfte könnte zu weit im Osten stattfinden, als dass die deutschen Streitkräfte sie schnell erreichen könnten, was wahrscheinlich dazu führen würde, dass ein Angriff nicht erfolgreich wäre.

3) Die russischen Streitkräfte könnten sich in das Innere ihrer enormen Landmasse zurückziehen und so Deutschland den schnellen Sieg nehmen, den es brauchte.

Der zeitliche Abstand zwischen dem Abschluss der deutschen und der russischen Mobilisierung wurde auf maximal als sechs Wochen geschätzt. In dieser Zeit musste Frankreich besiegt werden, um Deutschland die Möglichkeit zu eröffnen, sich nach Osten zu wenden. Wie aber sollte Frankreich innerhalb von nur sechs Wochen geschlagen werden? Die deutsch-französische Grenze war über 150 Kilometer lang und die Hälfte davon war von den Vogesen bedeckt. Nur die Lücke um das Gebiet von Belfort ermöglichte einen schnellen Angriff auf Frankreich. Die Situation wurde dadurch erschwert, dass Frankreich seine natürliche Verteidigungsposition um eine Kette von Befestigungsanlagen erweitert hatte, die sich von Belfort über Verdun bis an die Grenzen von Luxemburg und Belgien erstreckten. Schlieffen war davon überzeugt, dass ein Frontalangriff nur begrenzten Erfolg haben könne, da der Feind seine strategische Tiefe nutzen würde, um sich zurückfallen zu lassen, um Deutschland so den schnellen Sieg zu nehmen. Aus deutscher Sicht war ein solcher Krieg gefährlich, denn mit jedem Tag, an dem sich der Sieg im Westen verzögerte, würden die russischen Truppen im Osten an Stärke gewinnen. Aus seinem Studium der Militärgeschichte, vor allem der Schlacht von Cannae (216 v. Chr.), schloss Schlieffen, dass ein schneller Sieg nur möglich sei, wenn die französischen Streitkräfte eingekesselt werden könnten. (Neiberg 2011) Ein Durchmarsch entlang der rechten französischen Flanke durch Luxemburg, Belgien und dem südlichen Teil der Niederlande sollte dies ermöglichen. Der völkerrechtswidrige Durchmarsch durch diese neutralen Länder wurde billigend in Kauf genommen, da davon ausgegangen wurde, dass Frankreich diese Neutralität zuerst verletzen würde, um die französische Verteidigungslinie bis nach Belgien hinein vorzuschieben. Schlieffens Plan sah vor, zehn Divisionen in Ostpreußen zu positionieren, um sich gegen eine russische Invasion zu verteidigen. Der gesamte Rest der deutschen Armee würde im Westen gegen Frankreich eingesetzt. Dessen größter Teil würde an der rechten Flanke stationiert, um durch Belgien und Nordfrankreich zu marschieren und die Seine im Nordwesten von Paris zu überqueren. Von dort aus sollten die Truppen Paris von Süden und Westen umgehen und der französischen Armee in den Rücken fallen, sodass diese zwischen den deutschen Streitkräften und den Ardennen eingekesselt würde. Die rechte Flanke sollte deshalb so stark wie möglich sein und Schlieffen teilte dieser 79 Divisionen zu. Auf der linken Flanke, die von Metz bis zur Schweizer Grenze reichte, sollten nur neun Divisionen und einige Reservetruppen stationiert werden. Bis zum Kriegsausbruch 1914 wurde der Plan von Schlieffens Nachfolger als Generalstabschef Helmuth von Moltke (der Jüngere) erheblich geändert. Von Moltke sah diesen als zu riskant an. Er befürchtete, dass eine schwache linke Flanke von Metz bis zur Schweizer Grenze die Gefahr eines französischen Durchbruches begünstigt, deutsche Streitkräfte einschränken und dessen Kommunikationslinien unterbinden würde. Von Moltke ordnete daher entgegen Schlieffens Rat an, die linke Flanke zu stärken. Diese Änderung minderten die Kampfkraft des rechten Flügels zugunsten des Schutzes des deutschen Territoriums. Zu von Moltkes zusätzlichen Änderungen gehörte die Entscheidung, die niederländische Neutralität zu achten, um von dort aus im Falle eines längeren Krieges Nahrungsmittel zu importieren. Zudem ließ sich durch diese Entscheidung, die Niederlande nicht zu besitzen, die Abstellung weiterer Truppen vermeiden. Des Weiteren ging der Generalstab irrtümlicherweise davon aus, durch eine Achtung der niederländischen Neutralität den Kriegseintritt Großbritanniens vermeiden zu können. Die Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs dagegen sah von Moltke als ein notwendiges Übel an, dessen Vermeidung ein langwieriger Aufmarsch des deutschen Heeres durch das schwer passierbare Gelände der Ardennen notwendig gemacht hätte und somit das Ziel eines schnellen Sieges vereiteln würde.

Der französische Plan XVII

Der französische Kriegsplan, der vom Conseil Supérieur de la Guerre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges entwickelt wurde, trug den Namen Plan XVII. Es war der 17. Plan, den die französische Führung seit dem Ende des Deutsch-Französischen-Krieges (1870–1871) für den Fall eines erneuten Krieges mit Deutschland entwickelt hatte. Frühere Planungen hatten sich zunächst auf eine Vertiefung der Verteidigungslinien konzertiert. Dies lag zum Teil daran, dass der Grundriss des Schlieffen-Plans sowie von Moltkes Änderungen Frankreich bekannt waren. (Schmidt 2009; Stevenson 2010) Eine Fokussierung auf die Defensive, so die französischen Überlegungen, würde das strategische Kalkül des deutschen Planes untergraben, der auf einem schnellen Niederwerfen Frankreichs basierte, um so einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Mit der Ernennung Joseph Joffres (1852–1931) zum Generalstabschef am 28. Juli 1911 änderten sich die französischen Planungen und es wurde, getrieben vom Kult der Offensive, zu einer offensiveren Militärdoktrin übergegangen. »Unter seiner Leitung gab man die für mehrere Dekaden verbindliche Maxime der Defensive auf und nahm einen Primat des uneingeschränkten Angriffs an.« (Schmidt 2009, S. 105) Statt defensiv zu handeln, lag der Fokus von Plan XVII auf der aktiven Bekämpfung eines deutschen Angriffes. Dieser Angriff bis zum Äußersten (offensive à outrance) sollte mit allen verfügbaren Mitteln geführt werden, um den Willen und die Moral des Gegners zu brechen. Plan XVII sah »eine Offensive aus Lothringen gegen die Gelenkstelle des deutschen Aufmarschs« vor, »um nach einer erfolgreichen Durchbruchschlacht bis zum Rhein und darüber hinaus ins Ruhrgebiet vorzustoßen«. (Münkler 2017, S. 46) Im Gegensatz zum Schlieffen-Plan enthielt der französische Plan »kein festgehaltenes übergreifendes Ziel und keine ins Einzelne gehende Aufstellung militärischer Aktionen.« (Meschning 2008, S. 69) Tuchman merkt deshalb an:

»Es war kein Operationsplan, sondern ein Aufmarschplan mit Direktiven für verschiedene Angriffsmöglichkeiten jeder Armee, die jeweils von den Umständen abhängig waren, aber kein Ziel vorschrieben. Da der Plan im Wesentlichen eine Antwort, einen Gegenschlag auf den deutschen Angriff darstellte […] musste er, wie Joffre sagte, notwendigerweise ›a posteriori und opportunistisch‹ sein. Die Intention blieb unverändert: Angriff!« (Tuchman 2001, S. 49)

In der Forschung wurde der Plan XVII auch aufgrund des schnellen Erliegens des französischen Angriffes lange Zeit als eine strategische Fehlplanung dargestellt, die auf einer fanatischen Erhöhung der Offensive beruhe. In den letzten Jahren hat die Forschung diese Sichtweise jedoch differenziert und eine neue, ausgewogenere Interpretation des Plan XVII angestellt. Sie konnte aufzeigen, dass die Flexibilität des Plan XVII auch zu militärischen Erfolgen geführt hat (z. B. in den Ardennen) und nicht gänzlich als militärisches Hasardeurtum abgetan werden kann. (House 2014)


Abb. 4: Schlieffen-Plan aus dem Jahr 1905.

2.2 Kriegsführung im Ersten Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg am 28. Juli 1914, genau einen Monat nach dem tödlichen Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand, mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien begann, endete eine über 40-jährige Periode des Friedens in Westeuropa. Mit fortschreitender Kriegsdauer wurden weitere Parteien in den Krieg hineingezogen. Das Osmanische Reich (Oktober 1914) und Bulgarien (Oktober 1915) schlossen sich den Mittelmächten an, während sich Japan, das Königreich Serbien und das Königreich Montenegro (August 1914), Italien (Mai 1915), Rumänien (August 1916), die Vereinigten Staaten von Amerika (April 1917) sowie Brasilien (Oktober 1917) mit der Triple Entente verbündeten. Der globale Charakter des Ersten Weltkrieges verfestigte sich durch den Umstand, dass viele der Kriegsparteien ebenfalls über Kolonien verfügten. Da eine umfassende globale Betrachtung des Ersten Weltkrieges außerhalb der Möglichkeiten dieses Kapitels liegt, fokussiert sich der folgende Teil auf den Krieg an der Westfront.

Vom Schlieffen-Plan zum Stellungskrieg

Zu Beginn des Krieges, wie oben ausgeführt, gingen die strategischen Planungen auf allen Seiten der kriegsführenden Parteien von einem Krieg aus, der auf Bewegungsschlachten basierte und nur von kurzer Dauer sei. Wie im Schlieffen-Plan angedacht, stieß der rechte Flügel der deutschen Truppen unter der Verletzung der belgischen Neutralität nach Frankreich vor, um so die französische Armee im Rücken anzugreifen. Frankreich reagierte auf den deutschen Angriff mit einem Einfall in das damals noch deutsche Elsass-Lothringen. Die französische Offensive wurde in der Schlacht bei Mülhausen (19. August) sowie in den Schlachten in den Vogesen und in Lothringen (20. bis 22. August) abgewehrt. Deutsche Kräfte rückten unterdessen durch Nordfrankreich vor und vier Wochen nach dem Einmarsch sah es so aus, als wäre der Schlieffen-Plan von Erfolg gekrönt. Der rechte Flügel hatte sich weit nach Frankreich vorgeschoben und bedrohte Paris. Anfang September 1914 hatten große Teile der Bevölkerung sowie die französische Regierung Paris verlassen. (Woodward 2015) Der schnelle Vormarsch stellte die deutschen Truppen jedoch vor eine logistische Herausforderung, die dieser nicht gewachsen waren. Auch ließen sich Kommunikationslinien zwischen Heeresleitung und Fronttruppen nicht aufrechterhalten, was zu Missverständnissen führte. (Müller 2018) Ab Mitte September kam der deutsche Angriff zum Erliegen. Die deutsche Armee zog sich hierauf auf gut zu verteidigende Geländepositionen zurück und begann, diese zu befestigen, um so gewonnenes Gelände zu halten. (Raths 2011) Solche Befestigungen begannen die gesamte Westfront zu kennzeichnen. Die Versuche deutscher und französischer Streitkräfte, den Feind mit Umfassungsmanövern in eine Kesselschlacht zu zwingen, führten regelmäßig dazu, dass die Streitkräfte improvisierte Feldbefestigungen aufbauten, wo immer die beiden Armeen aufeinandertrafen. Diese waren zunächst weit entfernt von den ausgedehnten Grabensystemen der späteren Kriegsjahre, doch konnten sie Stellungen mit einer geringen Anzahl an Truppen halten, wodurch Kapazitäten für die Verwendung an anderer Stelle freigegeben wurden. (Foley 2014) Hierdurch stellte sich nach und nach eine Patt-Situation ein, die kennzeichnend für die gesamte Kriegsdauer wurde. Zwei miteinander verbundene Faktoren waren für diese Entwicklung hauptsächlich verantwortlich.

• Erstens verursachte die Kombination aus Befestigung und Feuerkraft ein taktisches Problem für den Angreifer. Feldbefestigungen boten den verteidigenden Truppen zwar Schutz, z. B. vor Artilleriebeschuss, sobald aber zum Angriff übergegangen wurde, mussten sich die eigenen Truppen über offenes Gelände bewegen und waren so Gewehr- und Maschinengewehrfeuer sowie Artilleriebeschuss schutzlos ausgesetzt.

• Zweitens kam zu dieser taktischen Herausforderung ein operatives Problem hinzu. Die defensive Wirksamkeit der Frontgräben sowie die erhöhte Feuerkraft bedeuteten, dass Gelände von relativ wenigen Truppen gehalten werden konnte.

Im Verlauf des Krieges wurden die beiden Probleme enger miteinander verknüpft und ab Ende 1915 wichen die einfachen Feldbefestigungen komplexen Verteidigungssystemen von beträchtlicher Tiefe. Der britische Kriegsminister Herbert Kitchener quittierte diese Entwicklung mit dem Ausspruch: »Dies ist kein Krieg mehr.« (Kitchener zitiert nach Herberg-Rothe 2003, S. 8) Trotz des schnellen Durchmarschs der deutschen Streitkräfte kam es somit nicht zu der sich von den Militärs vorgestellten Kesselschlacht. Obwohl der Angriff zunächst der Verteidigung überlegen schien, fanden sich beide Seiten zu einer Defensivschlacht gezwungen.

Der Grabenkrieg

Da keine der kriegsführenden Parteien die gegnerische Seite ausmanövrieren konnte, begannen diese, großangelegte Befestigungsgräben anzulegen. Um auf einem Schlachtfeld zu überleben, das von Maschinengewehren und Artillerie dominiert wurde, bot einzig das Eingraben den Soldaten Schutz. Beide Seiten konstruierten eine vom Ärmelkanal bis in die Alpen reichende, fast durchgängige Verteidigungslinie aus Gräben, die ein »Niemandsland« voneinander trennte. Die (Über-)Lebenswelt in den Gräben war von miserablen Bedingungen gekennzeichnet. Soldaten sahen sich Krankheiten, Scharfschützen, Artilleriebeschuss, extremer Kälte, Schlafentzug, Nässe und Versorgungsengpässen ausgesetzt. (Woodward 2015)

Entwicklungen in Bezug auf die Kriegsführung im Grabenkrieg lassen sich anhand der deutschen Erfahrungen verdeutlichen. Raths identifiziert drei kennzeichnende Entwicklungen: statische, lineare Verteidigung (1915), mobile, lineare Verteidigung (1916) und flexible Flächenverteidigung (1917–1918). (Raths 2011) Die statische Verteidigungsdoktrin hatte zur Grundlage, mittelfristig wieder in den Angriffskrieg übergehen zu können. Es entwickelte sich eine Verteidigungslinie aus drei parallel verlaufenden Gräben, »wobei der erste Graben als Alarm- und Vorpostengraben fungierte, der mittlere Graben als Kampfgraben und der dritte Graben als Reservegraben.« (Raths 2011, S. 398) Obwohl diese Stellungen gut zu verteidigen


Abb. 5: Ein von britischen Soldaten des Cheshire Regiments besetzter deutscher Schützengraben in der Nähe der Albert-Bapaume-Straße bei Ovillers-la-Boisselle, Juli 1916 während der Schlacht an der Somme.

waren, war der Einbruch in diese nicht völlig unmöglich. Um dies zu verhindert, entwickelte sich deshalb eine zweite Verteidigungslinie in einem Abstand von 1–3 Kilometer hinter der ersten Linie. Dies vergrößerte die Probleme des Angreifers exponentiell.

• Erstens entfernte sich der Angreifer weit von seiner eigenen Infrastruktur, die den Angriff erst möglich machte.

• Zweitens brach die Kommunikationsverbindung durch die Entfernung zusammen, was die Führung des Angriffs sowie die Kontrolle über eigene Truppen erschwerte.

• Drittens war der Angriff körperlich erschöpfend und frische Reserven konnten nur schwerlich herangeführt werden.

• Viertens, je weiter sich die angreifenden Truppen von ihren eigenen Stellungen entfernten, umso weniger konnte die eigene Artillerie unterstützend wirken.

»Während also beim Angreifer jeder gewonnene Meter Kommunikation, Kontrolle und Unterstützung mehr und mehr zusammenbrachen, trat beim Verteidiger genau der gegenteilige Effekt ein: Der Gegner bewegte sich quasi freiwillig in das immer dichter werdende Feuer der Verteidiger, neue Kräfte konnten […] per Bahn leicht herangeführt werden und die Kontrolle stellte im eigenen, gut ausgebautem Grabensystem kein Problem dar.« (Raths 2011, S. 399)

Um aus dieser Situation auszubrechen, entwickelte das deutsche Heer neue taktische Konzepte, während die Alliierten vornehmlich auf neue Technologien wie den Panzer setzten ( Der Panzer). Zunächst entwickelte sich eine neue Verteidigungsstrategie. Ab 1916 ging das deutsche Heer von einer statischen zu einer mobilen, linearen Verteidigung über. Auslöser hierfür war der alliierte Artilleriebeschuss, der sich bei einem Angriff der Alliierten drastisch verstärken würde. Aufgrund der Anweisung, keinen Meter preiszugeben, wurde die vordere Linie unbedingt gehalten. Dies erforderte eine hohe Anzahl von Soldaten im zweiten Graben, um Verluste im ersten schnell auszugleichen. Der zweite Graben kam somit jedoch unter vermehrten Artilleriebeschuss, was zu hohen Verlusten führte. Daraufhin wurde von dem Plan abgerückt, jeden Meter zu halten und Grabenabschnitte wurden geräumt, wenn diese unter schweren Artilleriebeschuss kamen. Sobald der Beschuss nachließ, sollten diese wiederbesetzt werden. Der Wettlauf mit dem Feind, um diese Gebiete wieder zu besetzen, konnte jedoch nur selten gewonnen werden. Zumeist folgte ein offensiver Angriff auf die nun vom Feind besetzten Gebiete, um Gelände vom geschwächten Angreifer zurückzuerobern.

»Fest zur Verteidigung gehörten damit jetzt der Gegenstoß (sofortige Wiedereroberung von Gelände in kleinem taktischem Maßstab) und der Gegenangriff (etwas länger geplante Wiedereroberung von verlorenem Gelände in größerem taktischem Maßstab).« (Raths 2011, S. 400)

Im Vergleich zur statischen Verteidigung blieb das Ergebnis das Gleiche, die Verluste waren jedoch geringer.

Die mobile, lineare Verteidigung entwickelte sich zwischen 1917 und 1918 zur flexiblen Flächenverteidigung weiter. Der hauptsächliche Teil dieser Weiterentwicklung lag in der gezielten Auflösung der Einheiten. »Da das vernichtende Feuer des Grabenkrieges große Formationen von Soldaten augenblicklich auslöschen konnte, mussten sich die Männer im Gelände verteilen.« (Raths 2011, S. 400) Dieser Schritt wurde von der militärischen Führung nur widerwillig umgesetzt, da die vorherrschende Sichtweise davon ausging, dass sich in großen Formationen hohe Feuerkraft zusammenfassen ließe und solche Formationen darüber hinaus den einzelnen Soldaten unter Kontrolle halten und dieser so nicht den Kampf einstellen könne. Zum Ausgleich des Kontrollverlusts wurde die externe Kontrolle durch eine interne, die auf Pflichterfüllung und Patriotismus setzte, ersetzt. Mit der Aufgabe der linearen Verteidigung, die darauf setzte, sich tiefer einzugraben, »wurde nun angestrebt, das feindliche Feuer durch eigene Verteilung ›zeitlich und räumlich zu zersplittern‹ und den eigentlichen feindlichen Angriff im eigenen Gelände aufzufasern, umzuleiten und versickern zu lassen.« (Raths 2011, S. 401)

Um dies zu gewährleisten, wurde der Raum in drei sich über mehrere Kilometer erstreckende Kampfzonen unterteilt. In der ersten sollten schwache Kräfte den Angriff bremsen, indem sich die Verteidiger dem Gelände anpassen, Schutz in Granattrichtern suchen und so dem Feind erste Verluste zufügen und dessen Angriff verlangsamen.

In der zweiten Zone, der Großkampfzone, verstärkte sich der Widerstand, da diese aus einem verschachtelten System von Verteidigungsanlagen zur Infanterie- und Artillerieabwehr bestand. In einem Abstand von mindestens 3 Kilometern hinter der Großkampfzone befand sich die rückwärtige Kampfzone, dessen Tiefen über 10 Kilometer erreichte. In diesen Zonen sollten sich die Verteidiger frei bewegen und kämpfen und auch Gelände preisgeben, wenn dies nötig wurde. »Die Stärke dieses Konzeptes lag also nicht mehr in immer massiveren Bauten, sondern in der Initiative, der Bewegung und der offensiven Moral.« (Raths 2011, S. 401) Ziel dieser Verteidigung war es, sobald der Angreifer ausreichend geschwächt war, in den Gegenangriff überzugehen und verlorenes Gelände zurückzuerobern. Die Kriegsführung war somit nicht mehr statisch, sondern zunehmend von Dynamik geprägt. »Anders als der Mythos vom stumpfen Anrennen gegen Stacheldraht und Maschinengewehre glauben machen will, versuchten alle Armeen der Westfront durchaus Wege aus dem Patt des Grabenkrieges zu finden.« (Raths 2011, S. 400)

Neben dem taktischen Wandel fand auch ein Wandel auf der strategischen Ebene der Kriegsführung statt. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen die Oberkommandos auf beiden Seiten der Grabenlinie zu dem Schluss, dass es an der stark verteidigten Westfront unmöglich war, die Verteidigungslinie des Feindes schnell zu durchbrechen und einen ›echten‹ Mobilitätskrieg wiederherzustellen. (Foley 2006) Französischen, deutschen und britischen Feldkommandeure gingen zunehmend in ihren Planungen davon aus, dass der Krieg nur durch ein Erschöpfen der Ressourcen des Feindes gewonnen werden konnte. Während des Jahres 1915 hatte keine Seite ihre strategischen Ziele erreicht. Die Franzosen hatten es nicht geschafft, die deutschen Truppen aus dem französischen Hoheitsgebiet zu vertreiben, und die Deutschen waren dem Ziel, einen Keil zwischen die feindlichen Kräfte zu schlagen, nicht nähergekommen. Darüber hinaus hatten die taktischen Ansätze auf dem Schlachtfeld keine nennenswerten Ergebnisse erzielt und beide Seiten erkannten die Notwendigkeit, ihre Strategie für die kommenden Jahre zu überdenken. Das Ergebnis dieser Neubewertung war auf beiden Seiten der kriegsführenden Parteien die Entwicklung einer Zermürbungs- oder Ermattungsstrategie.

Das deutsche Konzept der Ermattungsstrategie wurde von Erich von Falkenhayn (1861–1922) entwickelt. Dieser hatte nach dem Misserfolg des Schlieffen-Plans von Moltke am 14. September 1914 als Feldmarschall ersetzt und die Heeresleitung übernommen. Von Falkenhayn war davon überzeugt, dass der Krieg aus eigener Kraft nicht mehr gewonnen werden konnte. Frieden zwischen der Entente und den Mittelmächten sollte durch die Erschöpfung des Gegners erreicht werden. Ziel war ein Frieden ohne Sieger und Besiegte. Von Falkenhayn war davon überzeugt, dass ein geschwächtes Frankreich einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich schließen würde. Hierdurch wäre Deutschland in einer strategisch vorteilhaften Lage, um anschließend auch Großbritannien zu einem Friedensschluss zu zwingen. Von Falkenhayns Konzept der Ermattungsstrategie basierte darauf, anstatt anzugreifen, um den Feind zu zermürben, die Entente-Armeen dazu zu zwingen, starke deutsche Verteidigungsstellungen anzugreifen und diese dadurch auszubluten. Dies sollte erreicht werden, indem eine deutsche Offensive ein Ziel bedrohte, das die feindlichen Kräfte unter keinen Umständen aufgeben würden. (Stachelbeck 2017) Als Ziel für diese Offensive wurde Verdun gewählt. Von Falkenhayn ging davon aus, dass die Franzosen es sich nicht leisten konnten, diesen Ort aufzugeben, da dieser ein strategischer Knotenpunkt der Ostverteidigung Frankreichs war und somit französische Kräfte gezwungen wären, diesen bis zum Äußerten zu verteidigen. Gleichzeitig lag es in der Nähe der von Deutschland kontrollierten Eisenbahn in Metz, was bedeutete, dass die deutschen Truppen schnell mit Nachschub versorgt werden konnten. Die Schlacht begann am 21. Februar 1916, dauerte zehn Monate an und führte zu über 700 000 Verlusten auf beiden Seiten. (Philpott 2014) Verdun war somit die längste und verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkrieges. Trotz hoher Verluste auf beiden Seiten ging von Falkenhayns Strategie, die darauf abzielte, dass ein bei Verdun geschwächtes Frankreich aus dem Krieg ausscheiden würde, was zu einem Zusammenbruch der Entente führen würde, nicht auf. Am 29. August 1916 wurde von Falkenhayn abgesetzt und durch Paul von Hindenburg und dessen Stabschef Erich Ludendorff (1865–1937) ersetzt. Beide hatten zuvor das Oberkommando über die Ostfront. Im Gegensatz zu von Falkenhayn waren Hindenburg und Ludendorff keine Befürworter eines Ausgleichsfrieden, sondern sahen einen militärisch erzwungenen Sieg als das beste Mittel für eine Beendigung des Krieges an. Statt einer Ermattungsstrategie setzte die Oberste Heeresleitung nun wieder auf eine Vernichtungsstrategie, die die Kräfte der Entente in Entscheidungsschlachten besiegen sollte. (Woodward 2015) Nach mehreren fehlgeschlagenen Offensivanstrengungen setzte das deutsche Heer am 1. Januar 1918 zu einer Großoffensive an. Bis zum 26. März 1918 hatte das deutsche Heer die Front um 20 Meilen nach vorne geschoben, die fünfte britische Armee zur Auflösung und die französischen Kräfte zum Rückzug vor Paris gezwungen. Diese Offensive hatte die deutsche Verteidigungslinie von 242 auf 317 Meilen erweitert, zu dessen Verteidigung die deutsche Truppenstärke allerdings nicht ausreichend war. (Woodward 2015) Nachschub wurde knapp, die deutschen Truppen waren der Erschöpfung nahe und mit dem Eintreffen britischer und französischer Verstärkungen kam die Offensive zum Erliegen. Am 4. Mai 1918 stellte Ludendorff die Offensivanstrengungen ein. Im August 1918 begannen die Alliierten mit einer Gegenoffensive und am 11. November wurden die Kampfhandlungen mit einem Waffenstillstand beendet.

Der Gaskrieg

Der erste Einsatz chemischer Kampfstoffe während des Ersten Weltkrieges erfolgte am späten Nachmittag des 22. April 1915. (Moore 1987) Mitglieder einer Spezialeinheit der deutschen Armee öffneten die Ventile von mehr als 6 000 Stahlzylindern, die entlang ihrer Verteidigungslinie im belgischen Ypern in Gräben lagen. Innerhalb von wenigen Minuten waberten 160 Tonnen Chlorgas hinüber in die gegenüberliegenden französischen Schützengräben. Die langsame vorrückende Gaswolke tötete innerhalb kürzester Zeit mehr als 1 000 französische und algerische Soldaten und verwundete etwa 4 000 weitere. (Fitzgerald 2008) Abgesehen von Geheimdienstberichten über die seltsamen Zylinder vor dem Angriff waren die französischen Truppen völlig unvorbereitet auf diese neue Form der Kriegsführung. Die überraschende Verwendung von Chlorgas ermöglichte den Deutschen, die französische Linie entlang einer 6 Kilometer langen Front zu durchbrechen, was zu einem panischen und chaotischen Rückzug auf französischer Seite führte. (Fitzgerald 2008) Überrascht durch den offenkundigen Erfolg des Angriffs und in der Abwesenheit eines Planes nach dem Gasangriff konnten die Deutschen die Lage nicht ausnutzen. Bereits nach wenigen Tage standen sich beide Armeen wieder in denselben Schützengräben gegenüber. Der Angriff markierte dennoch einen Wendepunkt in der Militärgeschichte, da er als der erste erfolgreiche Einsatz tödlicher chemischer Waffen auf dem Schlachtfeld gilt. (Fitzgerald 2008)

Mit Verlauf des Krieges intensivierten britische, französische und deutsche Militärplaner und Wissenschaftler die Forschung auf dem Gebiet des Gaskrieges und es entwickelte sich eine Art technisches Schachspiel. (Fitzgerald 2008) Neuen offensiven Bedrohungen wurde durch eine Reihe von defensiven Gegenmaßnahmen wie der Entwicklung von Gasmasken gekontert. Zum Frühjahr 1917 waren die Abwehrmaßnahmen der alliierten Armeen zur Eindämmung der deutschen Gasbedrohung zumindest im Hinblick auf die Begrenzung der Todesfälle zunehmend erfolgreich. Überraschenderweise gelang dieser defensive Erfolg zu dem Zeitpunkt, als der offensive Einsatz von Gaswaffen immer ausgeklügelter wurde. Seit 1915 ermöglichte die Integration der Forschung auf den Gebieten der Chemie, der Meteorologie und der Waffenentwicklung, dass die taktische Planung des zielgeführten Einsatzes von Gas zuverlässiger wurde. Dem Zerstörungspotential bestimmter Chemikalien waren jedoch Grenzen gesetzt. Beide Seiten erkannten, dass ein Gasangriff, bei dem entweder Chlor oder Phosgen eine große Anzahl von Todesopfern unter optimalen Bedingungen verursachen konnten, bei vorbereiteten und ausgerüsteten Truppen zu relativ geringen Todesfällen führte. (Fitzgerald 2008) In einem blutigen Zermürbungskrieg hatte die Fähigkeit, den Gegner zu verletzen statt zu töten, jedoch taktischen und strategischen Wert. Der verletzungsbedingte Abzug einer großen Anzahl von kampfbereiten Truppen aus dem Frontgebiet, selbst für kurze Zeit, beeinträchtigte die Fähigkeit des Feindes, erfolgreiche Operationen durchzuführen. Wegen der durch Chlorgas und Phosgen verursachten Atemwegsschädigung benötigten Soldaten eine lange Rekonvaleszenz, bevor sie wieder an der Front eingesetzt werden konnten. (Joy 1997) Darüber hinaus sah die deutsche Heeresleitung Gas als ein effektives Mittel an, das feindliche Kräfte aus dem Schützengräben zwang, um sie dann mit konventionellen Waffen zu töten oder kampfunfähig zu machen. (Moore 1987) Obwohl Chemiewaffen verhältnismäßig wenige Soldaten im Ersten Weltkrieg töteten, hatte der »Gasschreck« starke psychologische Auswirkungen auf Soldaten und Zivilisten. Dies führte zu einer weitreichenden Ächtung der chemischen Kriegsführung. Zwischen dem Waffenstillstand von 1918 und dem Jahr 1933 fanden mehrere internationale Konferenzen statt, um den Einsatz chemischer Waffen zu begrenzen oder abzuschaffen. Hierzu gehörten die Washingtoner Konferenz (1921–1922), die Genfer Konferenz (1923–1925) und die Welt-Abrüstungskonferenz (1933). (Russel 2001) Obwohl nach dem Genfer Protokoll von 1925 Fortschritte beim Verbot der Verwendung giftiger Gase gemacht wurden, wurden die Programme und Forschungen während der gesamten Zwischenkriegszeit und während weiter Teilen des Jahrhunderts trotz der öffentlichen Ablehnung dieser Waffen fortgesetzt.

Der Panzer

Um aus der Pattsituation der Grabenkämpfe an der Westfront auszubrechen, entwickelten vor allem die Alliierten gepanzerte Fahrzeuge. Obwohl das Konzept der gepanzerten Fahrzeuge dem Ersten Weltkrieg vorausging, so wurde es hier doch durch die Einführung des Panzers entscheiden fortentwickelt. Die ersten Panzer-Prototypen wurden von den Briten nach einem Vorschlag von Oberstleutnant Ernest Swinton (1868–1951) entwickelt. Hierauf folgte die zwischen August und September 1915 von Sir William Tritton (1875–1946) und Leutnant Walter Gordon Wilson (1874–1957) entworfene Lincoln-Maschine Nr. 1 (Little Willie). Noch während des Baus begannen Tritton und Wilson mit der Arbeit an dessen Weiterentwicklung. Die neue Maschine, die im Januar 1916 fertiggestellt wurde, war der Mark I, auch als Big Willie oder Mother bezeichnet. Diese ersten Panzer waren im Allgemeinen langsam und schwer zu manövrieren und hatten große Probleme im schroffen Gelände. Obwohl sie Schutz vor Stacheldraht, Kleinwaffen und Granatsplitter boten, waren ihre primitiven Panzerungen dennoch für schweres Maschinengewehrfeuer und direkte Treffer von Artilleriegeschossen anfällig. (Pöhlmann 2015) Zum ersten Mal brachte Großbritannien am 15. September 1916 Panzer an der Somme auf das Schlachtfeld. Von den 49 eingesetzten Mark I-Panzern überquerten nur 31 aufgrund mechanischer Probleme die deutschen Linien. Neben den mechanischen Problemen krankte der frühe Panzerkrieg auch an unerfahrenen Besatzungen und dem Fehlen einer Doktrin hinsichtlich ihrer Integration in die Kriegsführung. Dennoch war das britische Oberkommando vom Potential dieser neuen Waffe überzeugt und weitete die Produktion aus. Nur ein Jahr nach der Schlacht an der Somme setzten die Briten in der Schlacht von Cambrai (20.–30. November 1917) bei ihrem Angriff über 400 Mark IV-Panzer ein. Die Mark IV hatte eine achtköpfige Besatzung, ein Gewicht von 28 Tonnen und einen Sechszylinder-Motor, mit dem eine Höchstgeschwindigkeit von 6 Stundenkilometer erreicht werden konnte. In Kombination mit einem Angriff der Infanterie und Artillerie gelang es, mit Hilfe der Panzer 8 Kilometer tief in das feindliche Gebiet vorzudringen und dabei nur einen Bruchteil der bis dato typischen Verluste zu erleiden. Obwohl Deutschland bereits im September 1916 eine eigene Panzerabteilung bildete, war der einzige im Krieg eingesetzte deutsche Panzer der Sturmpanzerwagen A7V, der erst Anfang 1918 auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurde. (Pöhlmann 2015) Der A7V hatte eine Höchstgeschwindigkeit von 8 Stundenkilometer und eine Reichweite von nur 24 Kilometer aufgrund seiner Größe. Neben der geringen Reichweite war der A7V anfällig für Überhitzung und erforderte eine Besatzung von 18 Mann. Die erste Panzerschlacht in der Geschichte fand am 24. April 1918 in Villers-Bretonneux, Frankreich, zwischen drei britischen Mark IV und zwei deutschen A7V statt. Während des Krieges produzierte Deutschland nur zwanzig dieser A7V-Panzer, während die Alliierten über 6 000 Panzer verschiedener Modelle anfertigten. Obwohl die Alliierten einen signifikanten zahlenmäßigen Vorteil in Bezug auf die gepanzerten Fahrzeuge besaßen, war die neue Waffe nicht der entscheidende Faktor für den Kriegsausgang. Panzer konnten in einigen Fällen taktische Gewinne erzielten, ihre bis zum Kriegsende begrenzten Fähigkeiten und der Mangel an einer militärischen Doktrin verhinderten, dass der Panzer der Schlüssel zum Sieg der Alliierten auf dem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges wurde.

Der Luftkrieg

Eine weitere technologische Neuerung des Ersten Weltkrieges war der Einsatz von Flugzeugen in der Kriegsführung. Der Luftkrieg war aber keineswegs eine Erfindung des Ersten Weltkriegs. Bereits während der napoleonischen Kriege und des französisch-preußischen Konflikts (1870–1871) wurden Heißluftballons zur Beobachtung und Propagandaverteilung eingesetzt und während des italienisch-türkischen Krieges (1911–1912) führten Flugzeuge Bombenangriffe durch. Die Luftkriegsführung während des Ersten Weltkrieges stellte jedoch einen Bruch mit diesen vergangenen Beispielen dar. Es war der erste Konflikt, an dem Flugzeuge in großem Umfang beteiligt waren und eine bedeutende Rolle spielten. Zu Beginn des Krieges wurde der militärische Nutzen von Luftfahrzeugen auf allen Seiten mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Im ersten Jahr des Konflikts war die militärische Rolle von Luftfahrzeugen vor allem auf Beobachtungsmissionen beschränkt. Rascher technologischer Fortschritt verbesserte jedoch die Leistungsfähigkeit von Flugzeugen. Eine entscheidende Entwicklung geht auf den niederländischen Flugzeughersteller Anthony Fokker (1890–1939) zurück, der für die Deutschen arbeitete. 1915 perfektionierte er eine französische Erfindung, die es ermöglichte, durch den eigenen Propellerkreis zu feuern. (Morrow 2010) Die revolutionäre Konsequenz dieser Entwicklung war die Anfertigung der ersten Jagdflugzeuge. Dieser Flugzeugtyp verschaffte den Deutschen ab 1915 den Vorteil der Luftüberlegenheit, die bis ca. Mitte 1916 andauerte. Der Luftkrieg war zunächst größtenteils auf Einzelflugangriffe beschränkt. Ab 1916 entstanden feste Fliegerstaffeln und die Kriegsparteien gingen vom Einzelflug zum Luftkampf in Gruppenformationen über. Ab Mitte 1916 erlangten die alliierten Streitkräfte durch die Schaffung französischer Kampfstaffeln und den Ausbau des britischen Royal Flying Corps mehr und mehr die Luftdominanz. Diese fiel in der ersten Hälfte des Jahres 1917 wieder an die Deutschen zurück, nachdem diese mit der Einführung der Albatros D-III über ein schnelles, leistungsstarkes und robustes Flugzeug verfügten, das den alliierten Flugzeugen in Bezug auf Schnelligkeit, Wenden und Querneigen überlegen war. Im April 1917 verloren die Briten eine Vielzahl an Flugzeugen. Die Verluste lagen viermal höher als jene der Luftwaffe, weshalb der April 1917 als »blutiger April« bezeichnet wurde. Erfolgreiche Reorganisationen der Luftstreitkräfte in Frankreich und Großbritannien brachten die Luftkontrolle bis zum Waffenstillstand jedoch endgültig zurück. Drei Hauptentwicklungen in der Luftkriegsführung lassen sich über den Zeitraum des Ersten Weltkrieges feststellen.

• Als erste Entwicklung lässt sich die Rolle des Flugzeuges von einem Aufklärungsmittel zu einem Angriffsmittel beschreiben, das Ballons, Zeppeline, Aufklärungs- und Bombenflugzeuge bekämpfen und den Kampf gegen andere Jagdflugzeuge aufnehmen konnte. (Morrow 2010)

• Die zweite Entwicklung bezieht sich auf die Luftunterstützung des Bodenkrieges, indem Flugzeuge durch direkten Beschuss die Besatzungen von Schützengräben in Deckung zwangen und Artilleriestellungen angriffen. Entscheidend für die Unterstützung des Bodenkrieges waren auch Entwicklungen auf dem Gebiet der Luftbildfotografie. (Busquets 2018) Fotos, die aus einer Höhe von 16 000 Fuß aufgenommen wurden, konnten eine Fläche von zwei mal drei Meilen erfassen und ließen so selbst die kleinsten Verschiebungen von Maschinengewehrpositionen, Artilleriepositionen, Versorgungslinien und Truppen genau lokalisieren.

• Die dritte Entwicklung betrifft den strategischen Bombenkrieg, der mit den Bombenangriffen deutscher Zeppeline auf Ziele in Frankreich und Großbritannien ein neues Kapitel in der modernen Kriegsführung einleitete. (Morrow 2010) Mit Angriffen auf das feindliche Hinterland sollte die Kampfmoral gebrochen und die Kriegswirtschaft gestört werden, was den Bereich der Kriegsführung extrem ausweitete und zu einem Verschwimmen der Trennung zwischen Front und Heimat führte und die Zivilbevölkerung zunehmend in das Kriegsgeschehen mit einbezog.

Abschließend ist jedoch festzuhalten, dass die Luftkriegsführung in der Bedeutung für die Kriegshandlungen bis 1918 insgesamt relativ gering blieb. (Morrow 2010) Dies änderte sich mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, in dem sich das zerstörerische Potential der Luftstreitkräfte und dessen verheerende Wirkung auf die Zivilbevölkerung entfalteten.

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Дата выхода на Литрес:
25 июля 2025
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314 стр. 24 иллюстрации
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9783170327696
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