Читать книгу: «Unsere Kinder in der digitalen Welt»
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Willkommen in der digitalen Welt der Kinder
Begreifen. Warum verstehen besser ist als verbieten
Eine neue Welt
Virtuelle Beziehungen sind real
Der geheime Garten
Das digitale Baumhaus
Eine Frage des Vertrauens
Was passiert da im Internet?
Information ist Belohnung
Naturalisierung von Technik
Die eigene kritische Haltung
So nah wie noch nie
Passt perfekt zu mir
Was ist heute noch privat?
Jugendkultur ist Digitalkultur
Lernen im digitalen Zeitalter
Vom Zuschauen zum Begleiten
Die wichtigste Frage
Wer sind unsere Vorbilder?
Der Zeitpunkt für ein eigenes Smartphone
Neugierde als Eintrittskarte
Die wichtigsten Dienste
Hauptberuflich spielen
Was ist heute noch wahr?
Grenzen in der digitalen Welt
Regeln und Grenzen
Der Medienvertrag
Wiedergutmachung
Technische Sperren
Wie viel ist zu viel?
Digitalisierte Gewalt
Und wie geht’s weiter?
Eine Anmerkung zu Links, Apps und Verweisen im Internet
Copyright


Vorwort
In meiner täglichen Arbeit als Psychotherapeut und Medienpädagoge bin ich immer wieder mit den unterschiedlichsten Fragen in Bezug auf Smartphone und Co konfrontiert. Wie viel ist zu viel? Was ist gefährlich? Wie kann ich mein Kind unterstützen? In der Rolle als Experte ist es meine Aufgabe, bei diesen Fragen zu helfen und Familien zu unterstützen. In meiner Rolle als Vater stehe ich plötzlich auf der anderen Seite. Auch meine Tochter ist fasziniert von Laptop und Tablet und hat schon früh ein eigenes Wort für Computer entwickelt. Sie weiß, dass sie mit diesen Geräten Kontakt mit den Großeltern aufnehmen kann, auch wenn diese gerade nicht da sind. Wir können Fotos und Videos anschauen und gemeinsam Musik hören. Plötzlich bin ich nicht Medienexperte, sondern ein Vater, der das eigene Kind begleitet, gelegentlich nachsichtig ist und doch auch immer wieder auf Regeln und Grenzen besteht.
Wie kann es uns gelingen, Kinder in eine digitalisierte Welt zu begleiten? Eine Welt, in der Smartphone, Bildschirm und Internet allgegenwärtig sind? Digitaler Kindergarten, E-Learning, Tabletklassen und digitale Kompetenzen sind Wörter, die in unseren Sprachgebrauch eingezogen sind. In den letzten Jahren ist meine Arbeit zunehmend komplexer geworden. Ich spreche mit anderen Pädagoginnen und Pädagogen, mit Kinderpsychiaterinnen und Kinderpsychiatern und beobachte so gut wie möglich die globale Medien- und Technologieszene. Am wichtigsten für mich aber: In Workshops und Therapie arbeite ich täglich mit Kindern und Jugendlichen und lasse mir von ihnen im wahrsten Sinne des Wortes »die Welt erklären«. So kann ich Lernender bleiben, kritisch hinterfragen und unterstützen, wo es Probleme gibt.
Dieses Buch ist die Sammlung meiner Erfahrungen der letzten Jahre. Es basiert auf hunderten Vorträgen, Workshops, Gesprächen mit Familien und Therapiestunden, auf Expertengesprächen und Beobachtungen – und auf den Erfahrungen, die ich selbst als Vater gemacht habe. Mein Ziel ist es, Eltern und Familien etwas in die Hand zu geben, was Licht in den digitalen Dschungel bringt. Ein Buch, das sowohl kritisch hinterfragt als auch konkrete Anleitungen und Ideen liefert. Ich bin mir sicher, dass wir es als Gesellschaft, als Familien und als Eltern gemeinsam schaffen, gute Rahmenbedingungen für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum zu schaffen, damit diese sich entfalten und ihr Potenzial verwirklichen können. Dabei sehe ich uns als Wegbegleiter und Unterstützer, kritisch hinterfragend und gleichzeitig immer dabei, Orientierung zu geben. Unsere Kinder sind immer ihre eigenen Wege gegangen. Die digitale Welt ist auf diesem Weg nur eine weitere Abzweigung.
Willkommen in der digitalen Welt der Kinder
»Das einzige Gerät, das sie jemals brauchen werden.« So könnten Smartphones beworben werden. Apple brachte 2007 das erste iPhone auf den Markt. In keiner Form war absehbar, was dies für die Welt bedeuten würde. Das Smartphone war als Technologie in erster Linie für den Arbeits- und Businessbereich gedacht. Es sollte Telefon, E-Mail, Kalender, Musikplayer und Internetbrowser in einem Gerät vereinen. Durch die sinkenden Preise und die zahlreichen Möglichkeiten dieser Technologie erwarben immer mehr Menschen ein Smartphone. Im Zuge dieser Verbreitung sickerten Smartphones vom High-End-Bereich zunehmend in den Alltag von Erwachsenen. Ab 2010 verbreiteten sich die digitalen Alleskönner unter Jugendlichen, ab 2015 dann zunehmend auch unter Kindern. Die Entwicklung passierte quasi von »null auf hundert«: 2019 besaßen bereits 95 Prozent der 11- bis 13-Jährigen in Österreich und Deutschland ein Smartphone (OÖ Kinder- und Jugendmedienstudie und Bitkom Research Deutschland), in der Gruppe der 8-bis 9-Jährigen immerhin 33 Prozent.
Kinder, die nach 2007 geboren sind, haben eine Welt ohne ständige mobile Vernetzung niemals erlebt. Während die heutige Großelterngeneration von Vierteltelefonen erzählt (wo man immer hoffen musste, dass die Nachbarn nicht gerade telefonierten) oder von einer Zeit, in der es nicht rund um die Uhr unterschiedlichstes Fernsehprogramm gab, müssen wir der neuen Generation von einer Zeit berichten, in der nicht jede Information jederzeit auf Knopfdruck verfügbar war. Wir erzählen von einer Zeit, in der nicht jeder immer sofort erreichbar war und in der es vielleicht noch gar keine Mobiltelefone gab. Damals (also vor 2007), als Google Maps als Navigationssystem nicht auf jedem Smartphone verfügbar war. Oder damals, als es eigene Geräte zum Musikhören gab. Der Walkman, der Discman und der MP3-Player sind ganze Gerätetypen, die durch das Smartphone nahtlos ersetzt wurden.
Von Eltern wird ein pädagogisch sicheres Handeln mit Technologien erwartet, die sie selbst vielleicht nie hatten, und in digitalen Lebenswelten, die sie nicht verstehen oder noch nicht kennengelernt haben. Von Lehrerinnen und Lehrern wird gefordert, neue Medien im Unterricht zu verwenden und über diese zu informieren und zu sprechen, auch wenn dieses Thema kaum oder gar nicht Teil ihrer Ausbildung war. Die sogenannte digitale Revolution hat uns überholt und wir suchen laufend nach Antworten. Apps und Computerspiele können im Monatstakt wechseln, und während ein Trend erforscht wird, wurde er schon vom nächsten abgelöst. Wir bestaunen moderne 3D-Grafik, und der nächste angebliche Trend, die virtuelle Realität mittels Virtual-Reality-Brille, steht schon in den Startlöchern.
Wie viel ist zu viel? Wie kann ich etwas begleiten, was ich selbst nicht verstehe? Wie kann ich mein Kind unterstützen, wenn es selbst das Gerät weitaus besser bedienen kann als ich? Was ist die Faszination dieser Videos und Spiele? Warum fällt es so schwer, abzuschalten, und wie kann das trotzdem gelingen? Wie kann ich mein Kind vor möglichen Gefahren im Internet schützen? Wie kann es gelingen, ein mündiger und verantwortungsvoller Internetnutzer zu werden?
Dieses Buch soll dabei unterstützen, auf diese Fragen Antworten zu finden. Wichtig ist hierbei, dass es keine Standardantworten gibt, die für alle Familien passen. Alle Kinder und Jugendlichen sind unterschiedlich und ebenso alle Familien. Die digitalen Technologien und Trends ändern sich rasend schnell und die Forschung zur Wirkung digitaler Medien auf Erwachsene, aber noch mehr auf Kinder und Jugendliche, hinkt durch das hohe Tempo der Entwicklung hinterher. Das Buch soll eine Begleitung durch den digitalen Dschungel darstellen und dabei helfen, eigene Lösungen als Familie zu erarbeiten. Mit meiner Arbeit will ich Eltern, Bezugspersonen und Pädagoginnen und Pädagogen helfen, Kindern und Jugendlichen in ihren digitalen Lebenswelten zu begegnen, sie zu verstehen und zu begleiten. Damit soll dieses Buch eine unterstützende Funktion bei der Erfüllung unserer Aufgabe als Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen haben, Kindern sichere Rahmenbedingungen zu bieten, damit diese selbstständig die Welt um sie herum entdecken können.
Heranwachsen in einer vernetzten Welt sieht heutzutage anders aus als die Medienerfahrungen der 90er-Jahre und des frühen neuen Jahrtausends. Als Neugeborener wurde er bereits von den Eltern mit der Handykamera fotografiert. Die Bilder wurden stolz in der WhatsApp-Familiengruppe geteilt und an Freunde verschickt. In diesem Stil werden auch die ersten Wochen und Monate von Klaus von Medien geprägt sein, von jeder Bildaufnahme, vom Videotelefonat über Skype mit den Großeltern und dem Läuten des Handys der Eltern, wenn Freunde telefonisch zu seiner Geburt gratulieren wollen. Selfies mit Klaus, süße Videos und vielleicht auch Fotos für den eigenen Blog oder Instagram-Account sind die früheste Form der Mediengestaltung, an der er, wenn auch noch passiv, teilnimmt.
Klaus sieht seine Eltern täglich mit diesen magischen Geräten interagieren. Sie leuchten, piepen, läuten, blinken und üben damit eine unglaubliche Anziehung aus. Gleichzeitig haben sie oft auch den Ruf des Verbotenen. Der Zugang zu diesen Geräten wird häufig durch die Eltern limitiert. Diese Verhaltensweise macht die Anziehung noch größer. Mit zwei oder drei Jahren beginnt Klaus, mit Kinder-Apps am Tablet zu spielen und gemeinsam mit der Mutter Fotos am Handy anzuschauen. YouTube-Videos ersetzen das Nachmittagsfernsehen, da hier alles immer auf Wunsch (möglichst kindergerecht) abrufbar ist. Auf »Shaun das Schaf« muss nicht gewartet werden, denn Shaun ist immer mit dabei. Beim Besuch der Freunde ist Ruhe, denn die Kinder schauen gemeinsam YouTube-Videos und haben dabei längst entdeckt, dass jede Berührung des Bildschirms eine direkte Reaktion des Geräts bewirkt. Neugierig, wie Klaus ist, beginnt er bereits, diese digitale Welt zu erforschen. In seinem Umgang mit der digitalen Welt ist Klaus dabei viel natürlicher als Erwachsene. Während die Generation der »Digital Immigrants«, also der digitalen Immigranten, die vor 1980 geboren wurden, mehr über Folgen und Komplikationen, Bezahlabos oder pornografische Inhalte nachdenkt, tippt Klaus fröhlich auf das erste blinkende Bild, um zu schauen, was passiert. Klaus ist ein sogenannter »Digital Native«, ein digitaler Eingeborener. Während die Digital Immigrants in eine digitale Welt erst nach und nach eingezogen sind, wurde Klaus als Digital Native bereits in diese Welt hineingeboren.
Mit sieben Jahren hat Klaus ein eigenes Tablet. Natürlich ist der Zugang zu diesem Gerät zeitlich limitiert, doch Klaus kann davon kaum genug bekommen. Um jede weitere Runde im Spiel und jedes weitere YouTube-Video wird mit den Eltern verhandelt: Noch eine Runde spielen, noch ein Video schauen, dann ist aber wirklich Schluss. Zur Erstkommunion bekommt Klaus ein eigenes Smartphone. Damit wird für ihn der Einstieg in die schon lange angekündigte Welt von WhatsApp und anderen Messengern möglich. Vorher hatte Klaus jahrelang Zeit, die Eltern im Umgang mit diesen Medien zu beobachten: Bilder verschicken, Nachrichten versenden, in Gruppen aktiv sein. Beim Essen läutet das Handy und der Vater erzählt von seiner Freundesgruppe, die sich zum Volleyball verabredet. Selbstverständlich will Klaus an dieser Welt der ständigen Verfügbarkeit und Kommunikation teilnehmen. Mit dem eigenen Handy werden Klaus endlich diese digitale Welt und die mit ihr verbundenen Möglichkeiten, wie Fotos und Videos zu verschicken, den eigenen Standort zu teilen und vieles mehr, eröffnet. Eine der größten Herausforderungen wird für ihn sein, von dieser Welt bewusst Abstand zu nehmen und Abgrenzung zu erlernen. Welchen Druck es bedeutet, ständig erreichbar zu sein, wird Klaus nun kennenlernen.
Spätestens mit Eintritt in die Unterstufe ist ein eigener Computer notwendig. Zunehmend werden auch in Volksschulen bereits Computer verwendet. E-Homework will erledigt werden, die Lehrerinnen und Lehrer schreiben E-Mails mit Zusatzaufgaben und Informationen zum Klassenausflug und Hausübungen dürfen statt mit Hand und Füllfeder mit Microsoft Word geschrieben werden. Die Zeiten von COVID-19 haben deutlich gemacht, wie sehr gesellschaftlich und politisch davon ausgegangen wird, dass alle Kinder Laptop und Internetanschluss besitzen und diese Technologien auch entsprechend bedienen können. Mit dem eigenen Computer wird auch die Spielewelt vom Handy auf den großen Bildschirm erweitert. Seine Freunde haben schon lange Spielkonsolen wie Xbox oder PlayStation, also möchte auch Klaus langsam eine eigene. Manche Freunde wollen nicht mehr zu Besuch kommen, da er keine Konsole besitzt.
Nach WhatsApp folgt ein Snapchat-Account, welcherdie Kommunikation mit Freundinnen und Freunden weiter beschleunigt. Darauf folgt der Instagram-Account. Klaus ist inzwischen zu einem Jugendlichen geworden und nutzt das Internet mit 14 Jahren etwa sechs Stunden pro Tag (ARD-ZDF-Onlinestudie 2019). Die durchschnittliche Nutzungsdauer ist 2019 im Vergleich zum Vorjahr um weitere 15 Minuten angestiegen. Fließend wechselt er zwischen WhatsApp, Snapchat, Instagram, Handy- und Konsolenspielen. Abgeschaltet wird ungern. Es gibt immer noch etwas, was wichtig ist – und selbstverständlich haben angeblich alle Klassenkolleginnen und Klassenkollegen unbegrenzten Zugriff auf ihre Geräte und viel weniger strenge Eltern.
Die Eltern von Klaus sind manchmal ratlos. Sie selbst hatten in ihrer eigenen Kindheit vielleicht einen Super Nintendo als Spielkonsole, aber diese modernen Geräte mit ständiger Internetverbindung hatten sie nicht. Sie verstehen manchmal nicht, worin die Faszination für Klaus liegt. Ihnen fällt jedoch auf, dass Regeln oft ignoriert werden und ständig über die Nutzungsdauer verhandelt werden muss. Das neue Handy ist schnell nicht mehr gut genug und überhaupt will Klaus einen umfassenderen Handyvertrag, da das Downloadvolumen von mehreren Gigabyte schon wieder aufgebraucht ist. Gleichzeitig sind sie der Überzeugung, dass diese Technologien nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart sind. Klaus muss lernen, sie zu bedienen, in beinahe jedem Job wird eine Vertrautheit im Umgang mit neuen Medien als selbstverständliche Voraussetzung gesehen.
Die neuen Generationen aber wachsen in Bezug auf Technologie vollkommen anders auf als noch ihre Eltern. Das Internet war immer Teil ihrer Lebenswelt. Fernseher, Beamer, Tablet und Smartphone sind Technologien und Geräte, die für sie immer da waren. Kleinkinder behandeln Printmagazine wie Tablets und versuchen, von einer Seite auf die nächste zu wischen. Kinder im Alter von vier Jahren nutzen Videotelefonie ganz selbstverständlich am Telefon der Eltern, spielen Spiele oder sehen Fotos an.
Für diesen Generationenwechsel lässt sich kein genauer Zeitpunkt festmachen. Die Kinder der späten 80er und frühen 90er Jahre sind eine Art Sandwich-Generation. Viele hatten in ihrer Teenagerzeit bereits Mobiltelefone, jedoch keine Smartphones. Die Spät-80er und 90er kauften ihr erstes Smartphone mit Anfang 20. Momentan findet der Einstieg in die Welt der Smartphones mehr als zehn Jahre früher statt. Das Smartphone ist zum beliebtesten Geschenk zur Erstkommunion geworden, also für Kinder im Alter von circa 8 bis 9 Jahren. Die Zahlen für Deutschland sprechen eine klare Sprache: Bereits 33 % der Kinder im Alter zwischen 8 und 9 besitzen ein eigenes Smartphone, im Alter von 10 bis 11 Jahren sind es dann schon 75 %. Eine Studie des Vereins Safer Internet Österreich berichtet davon, dass 33 % der Kinder zwischen null und sechs täglich internetfähige Geräte nutzen weitere 46 % der Kinder mehrmals pro Woche. Im Durchschnitt waren die Kinder bei ihren ersten Versuchen ein Jahr alt. Der Großteil der Kinder hat zum Zeitpunkt des ersten Eigenbesitzes also schon über sechs Jahre Medienerfahrung.
Mit den technologischen Möglichkeiten haben Smartphones für Kinder immens an Anziehung gewonnen. Kleine Kinder sind fasziniert vom Smartphone der Eltern. Viele Jugendliche sind technologisch voll ausgestattet – Smartphone, Tablet, Smartwatch, eBook-Reader, Laptop. Sie wachsen in einer vernetzen Welt auf.
Welche Geräte hatten Sie in Ihrer Jugend?
Was hat Sie an diesen Geräten fasziniert?
Das vorliegende Buch gliedert sich in drei große Abschnitte: Begreifen, Begleiten und Begrenzen. Im ersten Abschnitt wollen wir gemeinsam die Faszination und Magie des Internets und der digitalen Geräte verstehen und herausfinden, wie sie funktionieren und welche Mechanismen sie so attraktiv für uns Menschen machen. Nur das, was ich verstehe, kann ich reflektieren und ändern. Im zweiten Abschnitt – Begleiten – wird es darum gehen, wie wir Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt unterstützen können. Wie viel müssen wir wirklich wissen? Wie können erste Schritte gelingen? Welche Rolle spielt Kontrolle? Wie kann die digitale Welt gemeinsam erschlossen werden? Der letzte Abschnitt – Begrenzen – widmet sich der Frage, wie ein Rahmen für Kinder und Jugendliche geschaffen werden kann. Welche Grenzen oder Regeln sind notwendig und wie können wir sie durchsetzen? Sind technische Sperren sinnvoll?
Im Lauf des Buches finden Sie immer wieder Reflexionsfragen. Diese Fragen sollen Ihnen helfen, sich an eigene Erlebnisse zu erinnern, die eigenen Positionen zu hinterfragen und eine Haltung zum Thema Neue Medien zu entwickeln. Sie sind eine Einladung, zu reflektieren und mit Freundinnen und Freunden oder der Partnerin oder dem Partner zu diskutieren.
Das Buch will Mut machen und dazu anregen, die digitale Welt (gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen) zu entdecken und sich diesen neuen Herausforderungen in unterschiedlichsten Kontexten zu stellen. Das Internet bietet gegenüber älteren und digitalen Technologien wie dem Fernsehen einen großen Vorteil: Es ist ein partizipatives Medium. Wir alle können es mitgestalten. Durch unsere Nutzung, durch Inhalte, die wir hochladen, durch das Akzeptieren oder Verneinen von Geschäftspraktiken und durch Regeln und Grenzen. Wenn wir uns diesen neuen Herausforderungen der Mitgestaltung in der digitalen Welt stellen, kann es uns gelingen, dieses Medium nach unseren Wünschen zu formen und die neuen digitalen Generationen gut in diese spannende Welt voller Wunder zu begleiten.
Begreifen.
Warum verstehen besser ist als verbieten
Eine neue Welt
»Mama, Lisa und ich sind jetzt bei Discord. Und nachher spielen wir wieder LOL oder Minecraft PvP.« Verstehen Sie auch manchmal nur Bahnhof?
Unseren eigenen Garten oder den Lieblingsspielplatz unseres Kindes kennen wir gut. Vielleicht haben wir den Garten sogar selbst angelegt, verbringen in den warmen Jahreszeiten täglich mehrere Stunden dort und kennen alle Winkel und Verstecke. Den Spielplatz haben wir jahrelang ohne Kind im Vorbeifahren gesehen und dann gemeinsam mit unserem Kind erforscht. Wir sitzen auf der Bank und schauen beim Spielen zu oder beobachten durch das Küchenfenster, was unsere Kinder im Grünen gerade entdecken.
Auch wir sind möglicherweise draußen groß geworden. Der Garten oder der Spielplatz sind Welten, in denen wir selbst Erfahrungen gesammelt haben, die uns vielleicht noch überraschen, uns aber nicht gänzlich unbekannt sind. Der Garten wurde nicht erfunden, als wir 30 Jahre alt waren, und wir haben nicht mit 18 Jahren das erste Mal einen Spielplatz gesehen. Mit dem Smartphone verhält sich das anders. Nicht nur weil wir später mit diesen Technologien in Kontakt gekommen sind, sondern weil sie für sich abgeschlossener sind. Das Handy bedienen wir eher alleine; es ist ein Mikrokosmos, der nur ein kleines Fenster hat und gleichzeitig wenig oder gar keine Grenzen. Jedes Smartphone öffnet automatisch ein Fenster in die unbegrenzten Weiten des Internets.
Mit dem Einzug der Smartphones ab dem Jahr 2007 ist eine neue Welt entstanden. Diese gab es in der Kindheit und Jugend der meisten Eltern noch nicht. Ihre damalige digitale Welt war eine des Fernsehens (und das war oft noch analog). Als der Fernseher zunehmend in die Haushalte einzog, gab es große Aufregung. Fernsehen mache angeblich dumm oder süchtig, außerdem auch kurzsichtig und führe dazu, dass Kinder die Welt draußen vernachlässigen würden. Es gab eine Phase der Überforderung mit und Angst vor dieser damals neuen Technologie. Das, obwohl das Angebot an Sendern beschränkt war. Erst das Satellitenfernsehen Anfang der 90er-Jahre machte eine sehr große Sendervielfalt für mehr Menschen zugänglich. Die große Aufregung um Fernseher legte sich mit den Jahren. Die Geräte wurden Teil unserer Lebenswelt und Familien entwickelten unterschiedliche Strategien, um mit dem Fernsehkonsum ihrer Kinder umzugehen. Der Fernseher ist damit eine Technologie, an die die jetzige Elterngeneration gewöhnt ist. Die Frage nach dem angebrachten Fernsehkonsum taucht zwar nach wie vor auf, aber sie baut auf einer Vertrautheit mit dem Medium auf.
Können Sie sich an Ihre erste Fernsehsendung erinnern? War Fernsehen damals noch etwas Besonderes oder war die Grenze zum Alltäglichen schon überschritten?
Hier ist es wichtig, die technologische Verbreitung in Betracht zu ziehen. Die Verbreitung des Fernsehens im Haushalt ist an einer Statistik aus Deutschland ablesbar. Während 1956 4 % der Haushalte einen Fernseher hatten, waren es 1965 64 % und im Jahr 1971 schon 88%. Bei Kindern und Jugendlichen war 2007 circa 1 % in Besitz eines eigenen Smartphones. 2015 waren es laut der deutschen QIM-Studie 97,5 % der befragten Jugendlichen. Wir erleben somit eine Technologie, die von 0 % auf beinahe 100 % in weniger als zehn Jahren gesprungen ist. Dies ist in der Geschichte der Menschheit die schnellste Verbreitung einer Technologie, die es jemals gab. Im Vergleich dazu: Die ersten Telefongespräche in Österreich mit damals 154 Anschlüssen fanden 1881 statt, 1972 gab es die letzte Handvermittlung in einer Telefonzentrale. Das Telefonsystem war ab dann vollständig automatisiert. Im Jahr 1958 gab es 369 626 Hauptanschlüsse für Telefone in Österreich, wie das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung 1959 erhob. 2018 gab es in Österreich knapp 11 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Das bedeutet, dass jede Österreicherin und jeder Österreicher zum aktuellen Zeitpunkt im Schnitt 1,5 SIM-Karten besitzt.
Die Folge davon: Wir können uns mit rasant wachsenden Technologien nicht vollständig auskennen. Smartphones sind ein Phänomen der letzten zehn Jahre. Sie haben in unserer Kindheit und Jugend nicht existiert und ihre stetige Veränderung und Verbreitung machen es beinahe unmöglich, auf dem Laufenden zu bleiben. Während die Zeilen für dieses Buch entstehen, ist das Bildschirmspiel Fortnite (in dem es darum geht, alle Gegenspieler abzuschießen und als Letzter zu überleben) noch ein großer internationaler Trend, aber bereits leicht rückgängig in den absoluten Nutzungszahlen. Virtual-Reality-Brillen sind nicht im täglichen Einsatz, aber die Entwickler von Bildschirmspielen zeigen mehr und mehr Interesse an dieser Technologie. Hunderte Hersteller veröffentlichen beinahe wöchentlich neue Smartphones, die sich technologisch jedoch immer ähnlich werden und selbst für Expertinnen und Experten Unterschiede zwischen den Modellen schwer erkennbar machen. Die Verkaufszahlen für Laptops und PCs sind leicht rückgängig, da die Nutzerinnen und Nutzer ihre Geräte länger besitzen und nicht so schnell austauschen. Facebook ist für junge Userinnen und User uninteressant geworden (zumindest in Österreich, nicht so in den USA), Instagram und WhatsApp sind alltäglich, Snapchat ist es in den letzten beiden Jahren auch geworden. Discord wird zur Kommunikation bei Bildschirmspielen genutzt. Microsoft und Sony haben bereits ihre nächste Generation an Spielkonsolen angekündigt, während Google eine Art »Netflix für Computerspiele« entwickelt, unter dem Namen Stadia. Mit Stadia wird es möglich sein, modernste Spiele auf dem Computer zu streamen, sie sind damit ohne Installation spielbar und werden – ähnlich wie Netflix – im Abo erworben. Ein solches Spiel-Streaming würde den gesamten High-End-Markt bei Computern verändern. Der ständige Austausch von Technologie würde endgültig überflüssig werden, selbst ältere Computer könnten modernste Spiele darstellen.
5 G löst das deutlich langsamer LTE-Netz zunehmend ab, in Ballungszentren in Österreich wird es bereits als Alternative angeboten. Die durchschnittliche Internetgeschwindigkeit wird damit um ein Vielfaches steigen. Durch COVID-19 sind Onlinekonferenzen von einem Tag auf den anderen allgegenwärtig geworden. Früher noch als Telework bezeichnet ist das Homeoffice plötzlich weit verbreitet. Unterschiedliche Tools kommen hier zum Einsatz, Schulen setzten anfangs noch auf Zoom, dann zunehmend auf datenschutzfreundlichere Systeme. Die Office-Produkte von Microsoft gibt es nur noch vereinzelt als lebenslange Lizenz, größtenteils werden sie per Onlineabo gemietet. Die letzte Videothek hat in Österreich im Jahr 2017 zugesperrt. Im Jahr 2020 startete Disney mit dem Streamingangebot Disney+ einen direkten Konkurrenten für Netflix. In den ersten drei Monaten konnte Disney+ weltweit 50 Millionen Kundinnen und Kunden aufbauen.
Diese schnell aufgezählten Beispiele sollen noch einmal deutlich machen, dass es für uns als Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen unmöglich geworden ist, mit dieser Verbreitung und rasanten Entwicklung Schritt zu halten. Bis Sie dieses Buch in den Händen halten, werden wieder neue Plattformen und Technologien die alten abgelöst haben. Die Digitalisierung ist ein ständiger Sprint geworden und das Tempo wird laufend höher.
Smartphone und Tablet sind eine Entwicklung der letzten zehn Jahre. Durch die rasante Verbreitung sind mehr als 90 % der über 11-Jährigen in Österreich mit einem oder mehreren Geräten ausgestattet. Die Forschung darüber hinkt hinterher und die aktuelle Entwicklung und weitere Verbreitung legt tendenziell an Tempo zu.
Virtuelle Beziehungen sind real
Klaus hat durch sein Lieblingscomputerspiel ein nettes Mädchen kennengelernt. Sie haben ein paar Wochen lang immer wieder im Voice Chat im Spiel geplaudert, vielleicht sogar ein bisschen geflirtet. Jetzt plötzlich ist sie weg und Klaus ist am Boden zerstört.
Was bei Eltern manchmal auf Unverständnis stößt, ist eine der wichtigsten Entwicklungen, die es zu verstehen gilt. »Virtuell ist real« bedeutet nämlich vor allem, dass Kinder und Jugendliche zwischen »Online-Beziehungen« (freundschaftliche, romantische und andere Beziehungen) und »Offline-Beziehungen« viel weniger Unterschied machen als die vorhergegangenen Generationen. Die digitale Generation lebt ihre Beziehungen nahtlos online und offline. Mit dem besten Freund kann am Heimweg im Schulbus noch der Tag besprochen werden und nach dem Aussteigen geht das Gespräch direkt auf WhatsApp weiter. Wo Instant-Messaging-Dienste für die Elterngeneration eher dem Informationsaustausch dienen, sind sie für Jugendliche ein Weg, um Beziehungen digital weiter zu leben. »Ich hab’ gestern mit meiner Freundin geredet – auf WhatsApp.« Dieser typische Satz von Jugendlichen bringt es auf den Punkt.
Jugendliche können digital Freundschaften schließen und sich online verlieben. Diese »digitalen« Beziehungen sind nicht weniger real als die »Offline-Beziehungen«, die Erwachsene leben. Das bedeutet auch, dass der dort erlebte Schmerz über Streit und Trennung ebenso real ist. Manchmal gibt es bei älteren Generationen die Vorstellung, dass dies ohnehin nur »virtuell« sei; dass Beziehungen im digitalen Raum nicht so »echt« seien wie die zu unserem besten Freund, mit dem wir schon in den Kindergarten gegangenen sind. Die digitale Welt begreifen bedeutet auch, sich von dieser Vorstellung zu trennen. Ein Vergleich, der manchmal hilfreich ist: Eine Brieffreundschaft (eine Form der Freundschaft, die inzwischen so gut wie verschwunden ist) war in unserem Verständnis auch eine Freundschaft. Ein Telefonat ist auch ein »echtes« Gespräch, selbst wenn die Person nicht unmittelbar anwesend ist. So sind alle Beziehungserfahrungen, die Kinder und Jugendliche im digitalen Raum machen, ebenfalls echt.
Hatten Sie früher eine Brieffreundschaft? Oder eine E-Mailfreundschaft? Haben Sie schon einmal online jemanden kennengelernt? Wenn ja, wie hat sich das angefühlt?
Für uns als Eltern bedeutet dies, dass wir mit den Online-Erfahrungen unserer Kinder respektvoll umgehen müssen. Wir müssen uns bewusst sein, dass das, was dort passiert, nicht nur virtuell oder simuliert ist. Es sind echte Erfahrungen, die Freude auslösen oder verletzend sein können, die Kränkungen zur Folge haben oder Bauchkribbeln verursachen.
Mit diesem Verständnis im Hinterkopf wird auch klarer, warum für viele Kinder das Wegnehmen des Smartphones als Konsequenz so schlimm ist. Smartphone-Entzug ist der neue Hausarrest. Hier schneiden wir den Kindern und Jugendlichen die Nabelschnur zu ihrer digitalen Welt ab und setzen Freundschaften auf Pause. Diese Maßnahme löst daher oft eine sehr starke Reaktion aus. Jugendliche werden wütend, schmeißen vielleicht die Tür zu oder schreien die Eltern an. Manchmal sind wir durch diese Reaktion verstört und haben Angst, sie sei ein Zeichen, dass unser Kind süchtig nach der Technologie ist. Glücklicherweise kommt eine Internetsucht nur sehr selten vor (und hat meist Gründe, die viel eher in der Familie als im Internet liegen). Der plötzliche Abbruch der digitalen Kommunikation ist vergleichbar mit Isolationshaft – auch wenn es für uns manchmal unverständlich wirken mag. Kinder sind – wie alle Menschen auf der Welt – also viel eher süchtig nach Beziehungen. Ohne Beziehungen zu anderen Menschen können wir nicht überleben und der Smartphone-Entzug kappt eben diese so wichtigen Beziehungen manchmal radikal. Besonders im Teenager-Alter werden dann die Beziehungen zu Freundinnen und Freunden noch einmal wichtiger. Teenager brauchen Rückmeldung und Bestätigung aus der Peergroup, der Aufbau eines Netzwerks an Beziehungen außerhalb der Familie ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe. Der Smartphone-Entzug unterbricht diese Entwicklung radikal. Alternative Handlungsmöglichkeiten finden Sie im dritten Teil des Buches.
Hinzu kommt, dass bestimmte Apps (beispielsweise Snapchat) massiv auf einem Belohnungs- / Bestrafungssystem aufbauen. Dieses System macht es notwendig, spätestens alle 24 Stunden einen Blick in die App zu werfen und bestimmte Nachrichten (sogenannte Snaps) zu beantworten. Macht man das nicht, »bestraft« die App sowohl mich als auch die Person, mit der keine Snaps ausgetauscht wurden. Für jeden Tag, an dem ein Snap hin- und hergeschickt wird, zählt die App einen Punkt dazu. Ein sogenannter Snapstreak hat die Form einer Flamme, in der eine immer höhere Zahl steht. Nach 30 aktiven Tagen beispielsweise »30«. Wenn aber an einem Tag ausgesetzt wird, verschwindet die Flamme bei mir und meinem Chatpartner und wir starten wieder bei null. Es entsteht somit auch ein sozialer Druck, möglichst oft die App zu öffnen und Nachrichten auszutauschen. Diese Wirkmechanismen werden uns im Laufe des Buches noch beschäftigen – wir treffen im Internet ständig auf sie. Manche Jugendliche in meiner psychotherapeutischen Praxis haben einen Snapstreak von 200 oder 300. Die persönlichen und sozialen Kosten diesen zu verlieren, steigen also zunehmend an. Snapchat visualisiert damit genau so wunderbar, wie trickreich soziale Beziehungen und die bereits getätigte Investition an Zeit und Aufwand sein können. Mit der Zeit wird es somit immer schwieriger, aus dem System auszusteigen.
Tobias kam auf Wunsch der Eltern zu mir in Therapie. Die Eltern waren sehr besorgt: Tobias war von seinem Smartphone fast nicht mehr zu trennen, verbrachte täglich acht bis neun Stunden an seinem Gerät und auch die Schulnoten waren schon schlechter geworden. Die Eltern hatten bereits probiert, ihm sein Smartphone wegzunehmen. Ihre Idee war, dass ein radikaler Entzug Tobias helfen könnte, in die Realität zurückzufinden. Im Erstgespräch mit den Eltern war Tobias sehr still und wirkte leicht genervt auf mich. Die Eltern überlegten lange und laut, was wohl der Grund für die mögliche Smartphonesucht sein konnte und wollten von mir konkrete Ideen, wie sie Tobias vom Smartphone trennen konnten. Den täglichen Streit über das Gerät hatten sichtlich alle Familienmitglieder satt. In der zweiten Stunde – wie eigentlich immer – kam Tobias dann ohne seine Eltern. Kaum war er ohne Eltern, begann er von seinen digitalen Abenteuern zu erzählen und dem Freundeskreis, den er auf unterschiedlichen Plattformen gefunden hatte. In der Klasse war es immer wieder schwierig für ihn, Anschluss zu finden, und er war sich nicht sicher, ob die Schule wohl die richtige für ihn sei. Die digitale Welt aber, die war in Ordnung. Dort konnte er Freundschaften und Hobbys leben. In der nächsten Stunde holten wir die Eltern wieder dazu. Gemeinsam gelang es uns, ein bisschen von dieser digitalen Welt zu erzählen. Den Eltern gelang es im Gegenzug, ehrliches Interesse für die für sie anfangs unverständliche Lebenswelt von Tobias zu entwickeln. Plötzlich war wieder ein Gespräch über Medien möglich, das nicht von Streit geprägt war. Tobias fühlte sich zunehmend verstanden und für ihn wurde es möglich, auch die Ängste der Eltern zu verstehen. Unsere Arbeit endete an dieser Stelle – von Sucht war keine Rede mehr.
»Virtuell ist real« bedeutet jedoch nicht, dass Kinder nicht zwischen Realität und Computerspiel unterscheiden können. Zahlreiche Studien (Sie finden einige davon unter www.lukas-wagner.at/links) zeigen eindeutig, dass Jugendliche, die gewalttätige Computerspiele spielen, nicht automatisch zu Amokläufern werden. Kinder und Jugendliche wissen sehr wohl, was Realität und was nur im Computerspiel möglich ist. Die aufgehobene Unterscheidung zwischen real und virtuell betrifft ausschließlich den Bereich der Beziehungen zu Freundinnen und Freunden, zu den Eltern oder Partnerinnen und Partnern. Der Streit mittels WhatsApp ist genauso real, aufwühlend und wirkungsvoll wie das Schreiduell am Schulhof. Im späteren Teil dieses Buches finden Sie noch ein ausführliches Kapitel unter dem Titel »Hauptberuflich Spielen« zum Thema Bildschirmspiele und der Abgrenzung von digitalen Abenteuern, Gewaltbereitschaft und Sucht.
Für uns als Eltern bedeutet dies vor allem, dass wir das, was im digitalen Raum passiert, mindestens genauso ernst nehmen müssen, wie das, was analog passiert. Würde unser Kind in der Schule mit dem besten Freund furchtbar streiten, kämen wir nicht auf die Idee, ihm zu erklären, dass das ohnehin nicht echt war und nicht so schlimm ist. Wir geben uns Mühe, liebevoll zuzuhören, nehmen es vielleicht in den Arm und helfen ihm, sich zu beruhigen und den Streit aus dem Weg zu räumen. Das gleiche sollten wir im digitalen Raum machen, ganz egal ob es sich um Streit, Verliebtheit, Liebeskummer oder Ärger handelt. Es ist eben doch alles nicht weniger echt.
Kinder unterscheiden bei Beziehungen viel weniger zwischen virtuell (»nur online«) und real als die Elterngeneration. Onlinebeziehungen sind genauso echt wie die Freundschaft zu Klassenkolleginnen und Klassenkollegen. Dies müssen wir als Eltern würdigen und ernst nehmen und die Kinder in ihren neuen Beziehungsideen respektieren. Dennoch bedeutet dies nicht, dass Kinder Computerspiele und Realität nicht auseinanderhalten können.
Der geheime Garten
Thomas ist komplett in sein Smartphone vertieft. Immer wieder lacht er und schaut aufgeregt. Wenn ihm seine Eltern zu nahekommen, dreht er sich so, dass sie nicht auf den kleinen Bildschirm in seiner Hand sehen können. »Das ist privat!«, brüllt er, wenn die Eltern versuchen, einen Einblick zu bekommen.
Mit dem Einzug der Smartphones in die Hände von Kindern und Jugendlichen ist ein geheimer Garten entstanden. Die kleinen Bildschirme sind wie Fenster in eine Welt, in die andere schwer hineinblicken können. Es ist hilfreich, sich diese digitale Welt wie einen geheimen Garten vorzustellen. Wenn wir an einen solchen denken, dann hat dieser etwas Faszinierendes, Magisches, manchmal sogar Verbotenes. Manche wissen nicht, dass es ihn gibt. Wir aber haben den Schlüssel, er ist wie unser eigenes Reich, das wir nach und nach erforschen können. Der digitale Garten, die neue Welt des Internets, wird durch ein Fenster betreten, das wir in der Hand halten können und immer mit uns führen. Er ist ständig in Veränderung, passt sich all unseren Wünschen an, bietet täglich neue Abenteuer und ist gefüllt mit anderen Besuchern und versteckten Orten. Er gehört nur uns, wir können ihn nach unseren Vorstellungen einrichten und Gäste einladen. Gleichzeitig aber kann ihn ohne unsere Erlaubnis nur schwer jemand betreten.
Welche Geheimnisse hatten Sie früher vor Ihren Eltern? Wobei durften Ihre Eltern Sie nicht erwischen?
Lassen wir für einen Moment außen vor, ob wir diese digitale Entwicklung gut oder schlecht finden. Alleine die Möglichkeiten des Internets sind zutiefst beeindruckend. Der größte Abenteuerspielplatz der Welt ist immer im Hosentaschenformat verfügbar. Wir können unsere Abenteuerwelt nicht nur immer mit uns mitführen, sondern sie ist auch leicht geheim zu halten. Das Fenster zum geheimen Garten ist handflächengroß. Wer da hineinschauen will, muss uns schon über die Schulter sehen. Kinder müssen das Smartphone aus der Hand geben, damit Eltern Einblicke bekommen. Technisch wäre es natürlich möglich, ein gewisses Level an Kontrolle einzuführen. Wir können als Eltern relativ problemlos mit Spezialsoftware kontrollieren, welche Apps unsere Kinder benutzen, welche Webseiten sie besuchen oder worüber sie auf WhatsApp schreiben. Fast immer aber führt diese Form von Kontrolle dazu, dass Kindern beginnen, bestimmte Verhaltensweisen zu verstecken. Kinder erkennen schnell, was erwünscht und unerwünscht ist. Das bedeutet nicht, dass sie dann kein unerwünschtes Verhalten an den Tag legen. Sie lernen eher, dass Eltern nicht mitbekommen sollten, wenn sie etwas Unerwünschtes tun. Die meisten Kindern im Alter von zehn oder elf Jahren können selbst aufwändige technische Sperren innerhalb von kurzer Zeit austricksen oder deaktivieren. Videos zu diesen Themen finden sich zu hunderten auf YouTube. Auch die beste Sperre der Welt kann außerdem nicht verhindern, dass Kinder bei ihren Freundinnen und Freunden Apps nutzen oder Spiele spielen, die wir als Eltern vielleicht noch verbieten. Oft kennen nur die Kinder selbst alle versteckten Winkel, alle Tricks oder die notwendigen Passwörter auf ihren Geräten. Auch auf YouTube zu finden sind selbstverständlich entsprechende Anleitungen, wie beispielsweise bestimmte Fotos oder Apps auf einem Smartphone vor den Augen der Eltern versteckt werden können.
Es reicht schon, ein bisschen über den Vergleich von digitaler Welt und geheimen Garten nachzudenken, um das Interesse von Kindern und Jugendlichen an Smartphone und Internet besser zu verstehen. Menschen sind Entdecker und soziale Wesen. Wir wollen Neues erkunden und uns mit anderen verbinden, Teil einer Gemeinschaft sein. Die digitalen Lebenswelten bieten das in einem nie dagewesen Ausmaß. Es gibt nicht eine spannende Sendung, es gibt tausende Sendungen. Nicht ein Spiel, das gerade im Freundeskreis gespielt wird, sondern hunderte Spiele, die um die Gunst und Aufmerksamkeit eines jungen Publikums kämpfen. Es gibt nicht 20 Klassenkolleginnen und -kollegen, sondern über 1,5 Milliarden User auf Instagram. Das Internet und der digitale Raum verbinden damit unsere sozialen Grundbedürfnisse nach Vernetzung und Verbundenheit mit dem starken Wunsch, etwas Eigenes und Geheimes zu besitzen. Wie kleine Kinder sich Ritterburgen bauen, die die Eltern nicht betreten dürfen, ist der digitale Raum oft der erste wirklich große Raum, der vor den Blicken der Eltern geschützt ist. Immer wieder auch nicht nur durch kindliche Verbote, sondern durch technische Zugangsbarrieren und Wissen, in dem die Kinder immer wieder einen Vorteil ihren Eltern gegenüber haben. Kinder entdecken und bauen dort innerhalb kürzester Zeit eine eigene Welt. Und wir alle wollen eine eigene Welt haben, die uns gehört. Wir brauchen Geheimnisse.
Geheimnisse sind wichtig. Erst mit Geheimnissen ist es möglich, etwas zu besitzen, was nur uns gehört. Um zu einem eigenen Menschen zu werden und sich von den Eltern abzugrenzen, braucht es Geheimnisse. Das Internet ist wie geschaffen dafür, Kindern für ihre kleinen Verstecke Raum zu bieten. Uns als Eltern macht das oft Sorgen. Folgender Vergleich kann hier hilfreich sein: Manchmal sammeln Kinder beim Spielen für sie wertvolle Dinge – Steine, Schneckenhäuser, Muscheln. Sie verstecken diese dann an einem sicheren Ort. Selbst wenn wir nachfragen, wollen sie uns manchmal nicht erzählen, wo die Schätze versteckt sind. Wir finden das meistens rührend, sind von der Kreativität vielleicht sogar begeistert und können verstehen, dass Kinder versteckte Orte brauchen. Wir wissen aber eben auch, dass dort höchstwahrscheinlich keine Gefahr lauert.
Mit dem Internet verhält es sich ein wenig anders. In unserer Wahrnehmung ist das Internet oft voller Gefahren. Abofallen, Pornografie, unwahre oder nicht altersadäquate Informationen, Spiele mit Suchtfaktor, angebliche Freunde und vieles mehr stellen eine ständige Bedrohung dar. Gerade wenn wir eine mögliche Gefahr mit den Kindern besprochen haben, droht eventuell schon die nächste. Diese digitale Welt ist nicht nur von außen schwer einsehbar, oft wissen wir noch nicht einmal, ob die Kinder dort Geheimnisse haben. Manchmal wird wenig erzählt, oft aber verstehen wir auch nicht, was die Kinder in ihrem geheimen Garten machen. Es fällt uns vielleicht schwer, zu beurteilen, ob dort überhaupt Gefahren herrschen. Weil wir unsere Kinder schützen wollen, reagieren wir mit Angst. Schon befinden wir uns als Eltern in einem Spagat. Kinder haben ein Recht auf Geheimnisse und auf eigene Entdeckungsreisen. Wir aber haben den Wunsch nach Sicherheit. Wir wollen vermeiden, dass unsere Kinder schlimme Dinge erleben oder mit Inhalten konfrontiert werden, für die sie vielleicht unserer Wahrnehmung nach noch zu jung sind.
Hier passiert oft eines der größten Missverständnisse im Familienalltag. Als Eltern stellen wir Regeln und Grenzen auf, um den Internetkonsum zu bändigen. Wir tun dies aber nicht aus Gemeinheit oder um zu zeigen, dass wir Macht haben, sondern um unsere Kinder zu schützen. Kinder nehmen dies oft anders wahr. Sie reagieren mit Unverständnis auf unsere Regeln, sehen sie als willkürlich und unbegründet an. Die möglichen Gefahren, die wir sehen, sehen die Kinder oft nicht. Da wir aus einem Bauchgefühl handeln und oft selbst nicht genau sagen können, was unsere Sorgen sind, wird die Situation für Kinder noch undurchsichtiger. Warum ist nach 30 Minuten Schluss? Warum nicht nach 45 Minuten? Kinder stellen uns oft berechtigte Fragen und bringen uns in Argumentationsnot. Unsere Sorge führt zu Ärger bei den Kindern, da sie als grundlose Kontrolle und Einschränkung und nicht als ernst gemeinte Sorge verstanden wird. Der Ärger der Kinder wiederum ärgert uns, denn wir haben uns doch nur Sorgen gemacht. Schon sind wir mittendrin in einem Missverständnis, das so alt ist wie die Menschheit selbst – und sich im 21. Jahrhundert oft am Thema Medien aufhängt. Genau dieses Missverständnis ist in zahlreichen Familientherapien ein Thema. Kinder denken, dass Eltern sie kontrollieren, um ihnen den Spaß zu verderben oder weil sie überfürsorglich sind und sich grundlos Sorgen machen. Sie fühlen sich oft eingeschränkt und gegängelt. Eigentlich wollen sie ja nur online Freundinnen und Freunde treffen, ein neues Spiel spielen oder die Videos ihrer Lieblings-YouTuberinnen anschauen. Dann jedoch kommen die viel zu strengen Eltern und verbieten das. Die Eltern sagen: »Du musst jetzt aufhören.« Manchmal frage ich die Kinder, wie dieser Satz denn weitergehen könnte, wenn die Eltern eine Begründung anfügen würde. Typische Antworten der Kinder sind dann: »Du musst jetzt aufhören, weil ich nicht will, dass du Spaß hast.« Oder auch »Du musst jetzt aufhören, weil wir dir nicht vertrauen, dass du nicht süchtig wirst.« Beinahe täglich geht es in meiner Arbeit darum, dass wir als Eltern dort schwer vertrauen können, wo wir uns nicht gut auskennen und wo wir wenig Einblick haben. Die Kinder aber spüren das ganz gut und wehren sich gegen das fehlende Vertrauen. »Die Mama macht sich viel zu viele Sorgen, es ist ja eh alles okay.« Dieser Satz fällt in meiner Praxis mehrmals pro Woche. Spannend ist, wie hier aus der liebevoll gemeinten Fürsorge für die Kinder schnell Kontrolle entsteht. Für Eltern ist es wichtig, dass sie gut auf ihre Wortwahl gegenüber den Kindern achten. »Manchmal, wenn du viel spielst, mache ich mir Sorgen. Ich habe das Gefühl, dass zu viel spielen vielleicht ungesund ist. Wie siehst du das?« Dieser Satz kann manchmal schon etwas bewirken. Wenn Kinder die Sorge der Eltern spüren und von Kontrolle unterscheiden können, kann das bereits hilfreich sein.
Der geheime Garten aber ist nicht nur magisch und abenteuerlich. Er ist für uns auch manchmal gefährlich, unzugänglich und eine große Unbekannte. Wir wollen einen Blick in diesen geheimen Garten wagen und versuchen, ihn ein bisschen besser kennenzulernen (ohne dabei die Kinder zu stören). Das soll uns helfen, unsere Sorgen auf festes Fundament zu stellen. Muss ich mir wirklich Sorgen machen? Und wenn ja, kann ich meinem Kind auch sagen warum? Überall dort, wo Kinder gute Antworten bekommen, entsteht Verständnis. Dort, wo Verständnis füreinander herrscht, wird weniger gestritten und mehr verhandelt und kooperiert.
Das Smartphone ist ein kleines Fenster in eine digitale Welt. Diese bleibt oft geheim, da wir unseren Kindern nicht immer über die Schulter schauen können oder wollen. Kinder haben ein Recht auf Geheimnisse, Eltern ein Recht darauf, sich zu sorgen. Gegenseitiges Verständnis hilft, um diese Situation aufzulösen.
Das digitale Baumhaus
Vom geheimen Garten zum digitalen Baumhaus.
Wohin soll die Reise in Sachen Medien gehen? Was ist eigentlich das Ziel einer gelungenen Medienerziehung? Was ist eine medienkompetente Familie? Das ist eine Frage, die ich immer wieder gerne am Anfang von Workshops oder Vorträgen stelle. Spannend ist, wie unterschiedlich die Antworten hier oft ausfallen. Durch die rasante digitale Entwicklung hatten wir als Gesellschaft, als Eltern und als Familie wenig Zeit, uns mit dieser Frage zu beschäftigen. Was bedeutet Medienkompetenz eigentlich, fernab von wissenschaftlichen Definitionen? Ich sammle immer wieder die Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ganz oben auf der Liste: Kinder sollen abdrehen, wenn Eltern es sagen. Kinder sollen nichts Verbotenes machen. Kinder sollen in der Realität leben, nicht im Internet.
Diese Antworten sind insofern spannend, als dass sie wenig mit Medienkompetenz zu tun haben. Stellen wir uns dieselben Sätze mit dem Thema Ernährung und Essen vor, wird das deutlich: Kinder sollen aufhören zu essen, wenn Eltern das sagen. Kinder sollen nichts Verbotenes essen. Kinder sollen echte Dinge essen, keine virtuellen. Aufhören, wenn die Eltern es sagen, hat aber wenig mit Kompetenz zu tun, sondern vielmehr mit Autorität. Eltern wünschen sich hier eher durchsetzungsstark zu sein. Und dass Kinder nichts Verbotenes tun, ist wohl ein Wunsch von Eltern, der zehntausende Jahre alt ist. Und für Kinder ist das Internet nicht weniger real als der Spielplatz nebenan. Beim Thema Medienkompetenz in Familien fehlt uns noch viel Dialog. Für das nächste Familienessen und das nächste Treffen mit Freundinnen und Freunden wäre es spannend einmal zu fragen: Was ist Medienkompetenz für euch? Was ist eine medienkompetente Familie? Nicht, weil alle so gute Antworten liefern können, sondern weil wir uns austauschen müssen, um unsere eigenen Antworten und Ideen zu verbessern. Es gibt in diesem Fall keine richtige und keine falsche Position. Medienkompetenz kann zeitgerechtes Abdrehen sein oder kritisches Hinterfragen. Eine gute und offene Kommunikation mit den Eltern oder ein selbstständiges Entdecken. Medienkompetenz ist auf jeden Fall nicht, alle Befehle der Eltern zu befolgen oder schöne Präsentationen mit PowerPoint erstellen zu können (auch wenn das schulisch immer wieder als Medienkompetenz verstanden wird).
Hilfreich ist hier das Bild von einem digitalen Baumhaus. Die meisten Kinder lieben Baumhäuser. Das Baumhaus hat mit dem geheimen Garten einiges gemeinsam. Es ist ein versteckter Ort, der hauptsächlich den Kindern gehört. Es ist ein Platz für Abenteuer und kleine Geheimnisse. Es ist oft nicht leicht zugänglich und darf nur mit Einladung betreten werden. Es gibt aber auch ein paar wichtige Unterschiede zu einem geheimen Garten.
Baumhäuser sind nicht einfach da. Nur wenige Eltern werden ihrem Kind sagen: »Okay Karl, geh alleine in den Wald und bau ein Baumhaus, aber sei zum Essen wieder da.« Ein Baumhaus wird zusammen mit einer Person gebaut, die die nötige Expertise besitzt. Diese Person hat ein Auge auf die Sicherheit und Stabilität des Baumhauses. Gemeinsam mit dieser Person (hier ist es ganz egal, ob das Mama, Papa, Tante, Onkel oder jemand anderes ist) wird der Platz ausgesucht. Es gilt, den richtigen Baum zu finden. Es braucht entsprechende Materialien und einen Plan. Kinder sprechen beim Design mit. Ein Baumhaus kann in unterschiedlicher Höhe gebaut werden, groß oder klein sein. Während die Kinder gemeinsam (und damit unter Aufsicht) am Baumhaus bauen, können wir sie begleiten und sie dort unterstützen, wo sie Hilfe brauchen. Am Ende gibt es einen eigenen Platz für Kinder, ein Abenteuerhaus, das zahlreiche Möglichkeiten bietet und dennoch in einem sicheren Rahmen entstanden ist.
Stellen wir uns jetzt ein digitales Baumhaus vor. Auch hier braucht es eine Person, die bei der Anschaffung mithilft (die wenigsten Kinder kaufen ihr erstes Smartphone ohne Wissen und Unterstützung der Eltern). Kinder brauchen jemanden, der es mit ihnen plant und einrichtet (ohne SIM-Karte wird es kein Vergnügen). Diese Person kann das Kind weiterhin begleiten, die ersten Apps mit ihm gemeinsam einrichten und dabei immer im Austausch sein. »Warum willst du WhatsApp?« ist eine der zentralsten Fragen, um mit Kindern ihr digitales Baumhaus einzurichten. Auch hier soll am Ende ein Ort stehen, der dem Kind selbst gehört, den wir aber gemeinsam mit dem Kind auswählen, entdecken und vorbereiten. Das hat mehrere Effekte: Zum einen lernt das Kind, dass Smartphone und Internet etwas sind, was nicht geheim gehalten werden muss und gemeinsam genutzt und entdeckt werden kann, zum anderen haben wir einen Einblick in die digitale Welt unseres Kindes jenseits von Kontrolle und Überwachung. Wir können etwas Gemeinsames im digitalen Rahmen machen und müssen die Kinder nicht sich selbst überlassen.
Ein Ziel in der Medienpädagogik und dem täglichen Umgang mit Kindern kann sein, etwas Gemeinsames zu erschaffen. Wenn Medien ein gemeinsames Abenteuer werden, lassen wir Kinder nicht alleine und können sie unterstützen, begleiten und ihnen dort, wo es notwendig ist, über die Schulter schauen.
Eine Frage des Vertrauens
Wie ein »analoges« Baumhaus ist auch ein digitales Baumhaus eine Frage des Vertrauens. Teil davon ist immer ein Vertrauensvorschuss. Beim klassischen Baumhaus müssen wir unserem Kind vertrauen, dass es nichts macht, was zu gefährlich ist. Aber wir müssen auch darauf vertrauen, dass es zu uns kommt, wenn ein Ast morsch wird oder das Baumhaus wackelt. Beim digitalen Baumhaus ist es ähnlich. Wir können nicht alles und jede Gefahr absolut vermeiden, aber wir können die Kinder ermutigen, zu uns zu kommen, wenn sie unsicher sind oder für sie schlimme Dinge gesehen haben. Kinder stolpern im Internet oft zufällig über pornografische Inhalte oder Gewaltvideos, ohne nach diesen gesucht zu haben. Für eigene digitale Abenteuer braucht es Vertrauen als Grundbaustein. Nur daraus kann das Fundament des digitalen Baumhauses bestehen.
Vertrauen ist manchmal eine schwierige Sache. Wenn wir abends unser Kind ins Bett bringen, können wir darauf vertrauen, dass es morgen noch da ist. Schließlich ist unsere Wohnungstüre zu und wir liegen im Zimmer nebenan. Das ist eine Situation, die wir kennen, und hier fällt es uns nicht schwer zu vertrauen. In der weiten Welt des Internets sieht dies oft anders aus. Oft können wir nicht einmal uns selbst vertrauen. Die meisten kennen das: Der Plan war eigentlich, nur schnell fünf Minuten E-Mails durchzuschauen. Knapp drei Stunden später hat man eine Folge der Lieblingsserie auf Netflix gesehen, ein Paar Schuhe bestellt und über zwei Videos von Skateboardfahrenden Hunden mit Sonnenbrillen auf YouTube gelacht. Das Internet hat uns durch seine unendliche Masse an Inhalten von unserem Plan abgebracht. Wir zweigen gerne ab und Kindern geht es ähnlich. Zwischendurch sind wir jedoch auch über Inhalte gestolpert, die für Kinder nicht geeignet wären. Neben den Skateboard-fahrenden Hunden wurden Videos von Autounfällen vorgeschlagen und Amazon verkauft nicht nur Schuhe, sondern zeigt uns auch Sexspielzeug.
Das Internet ist eine digitale Welt, die – anders als die analoge – keine Zäune kennt. Dem Internet können wir nicht vertrauen, es entzieht sich unserer Kontrolle. Darum fällt es aber auch manchmal schwer, Kindern zu vertrauen. Wir können zwar technische Sperren errichten, diese wirken jedoch niemals zu 100 Prozent und lassen sich leicht überwinden. Selbst wenn wir in bester Absicht für unser Kind eine Sperre aktivieren, kann es vielleicht bei seiner besten Freundin das Internet ohne jeden Filter nutzen. Wir brauchen also einen anderen Weg, der uns einerseits diesen Vertrauensvorschuss ermöglicht und andererseits genug Sicherheit gibt.
Wie steht es um Ihr Vertrauen zu Ihrem Kind? Gab es in Ihrer Kindheit Zeiten, wo Ihre Eltern Ihnen weniger vertraut haben? Oder gar Sie den Eltern?
Vertrauen kann nur auf beiden Seiten entstehen. Kinder leisten hierzu ihren Beitrag, aber auch wir als Eltern sind gefragt. Wie entsteht Vertrauen? Wir können uns der Inhalte im Internet nicht sicher sein. Dieser Tatsache müssen wir uns bewusst sein. Wir können gewalttätige und pornografische Inhalte nicht verhindern. Cybermobbing kann stattfinden, selbst wenn wir alle erdenklichen Filter der Welt einstellen und die Handys unserer Kinder täglich kontrollieren. Werbung für Glücksspiel wird unsere Jugendlichen erreichen und fast wöchentlich wird es neue Computerspiele geben, die noch umstrittener sind als die der letzten Woche.
Ähnlich wie mit dem Baumhaus bietet sich hier der Vergleich mit dem Schulweg an. Unsere Kinder bewältigen den Schulweg ab einem gewissen Zeitpunkt alleine, selbst wenn sie dafür mit der Straßenbahn fahren oder eine stark befahrene Straße queren müssen. Auch am Weg zur Schule kann immer etwas schiefgehen (auch deswegen geben wir ihnen ein Smartphone mit auf den Weg), aber wir wissen, dass sie sich melden, falls etwas passiert. Genau hier ist unsere Chance, gemeinsam mit unseren Kindern die digitale Welt zu erleben. Wir müssen den Kindern immer wieder und sehr deutlich Mut machen, zu uns zu kommen, wenn etwas passiert oder sie unsicher sind.
Wenn es um digitale Inhalte geht, melden sich Kinder und Jugendliche oft sehr spät oder gar nicht bei ihren Eltern. Dies hat mehrere Gründe, die wir uns im Folgenden einzeln anschauen wollen (und auch gleich versuchen werden, etwas dagegen zu unternehmen).
1. Jugendliche glauben, ihre Eltern wissen nichts über das Internet
»Mama, die anderen in der Klasse haben Klaus auf Snapchat und Insta gemobbt.« Wer hat was wo gemacht, fragen sich manche Eltern. Oft erzählen Kinder nichts von schlimmen Erfahrungen, weil sie der Meinung sind, dass ihre Eltern ohnehin nicht verstehen, worum es geht. Hier zeigt sich, wie wir als Eltern den Anschluss zu unseren Kindern in der digitalen Welt verloren haben. Wir kennen nicht alle Social Media Plattformen oder die neueste App. Wenn wir sie doch kennen, wissen wir nicht immer, was dort genau passiert oder was die Faszination ausmacht. Und falls wir selbst auf diesen Plattformen sind, nutzen wir sie anders als die Kinder.
Aber wir müssen als Eltern nicht alles über die digitale Welt wissen. In vielerlei Hinsicht gelten online die gleichen Regeln wie offline. Ich darf offline niemanden mobben oder fertigmachen, also darf ich es online auch nicht. Die Dienste, Spiele und Plattformen, die Kinder nutzen, ändern sich sehr schnell. Die Grundregeln aber bleiben immer gleich. Deswegen ist es wichtig, dass wir mit Kindern über genau diese Regeln sprechen. In den Abschnitten »Begleiten« und »Begrenzen« wird darauf noch näher eingegangen.
Der Lösungsansatz: Für Kinder ist es wichtig, dass wir ihnen zwei Dinge vermitteln. Einerseits, dass wir nicht alles wissen müssen, um ihnen helfen und zuhören zu können. Die meisten Menschen wissen nicht genau, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert. Dennoch können sie sich gut im Straßenverkehr bewegen. Detailliertes Wissen ist nicht notwendig, um Grundregeln einhalten zu können. Und falls wir uns nicht sofort konkret auskennen, haben wir immer die kleinen Expertinnen und Experten an der Hand: die Kinder selbst. Die meisten Kinder und Jugendlichen zeigen gerne neue Apps, Plattformen und Spiele her, wenn sie spüren, dass ihre Eltern ernsthaft daran interessiert sind und nicht zu Kontrollzwecken einen Blick hineinwerfen möchten. Andererseits müssen wir ihnen klarmachen, dass offline und online dieselben Grundregeln im Zusammenleben gelten. Denken Sie daran: Virtuell ist auch real. Damit gibt es so etwas wie virtuelle Gewalt nicht. Gewalt ist immer Gewalt, egal in welchem Raum sie stattfindet. Die Grundregeln für ein menschliches Zusammenleben haben sich für die digitale Welt nicht verändert. Sie werden dort immer wieder verletzt oder ignoriert, sind jedoch nicht aufgehoben. Dies bildet sich auch zunehmend in der internationalen gesetzlichen Lage ab: Cybermobbing und Cyberstalking beispielsweise sind zunehmend Strafbestände, die als solche auch anzeigbar sind. Unsere Aufgabe ist es, Kindern in Gesprächen, Diskussionen und als lebende Modelle klarzumachen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist. Wenn dieser Transfer gelingt, kann viel digitalisierte Gewalt verhindert werden. Im späteren Teil des Buches widme ich diesem Thema noch ein ausführliches Kapitel.
2. Jugendliche glauben, ihre Eltern interessieren sich nicht für ihre digitale Lebenswelt
Der zweite Punkt ist dem ersten sehr ähnlich. Kinder haben oft das Gefühl, dass ihre Eltern sich ohnehin nicht für ihre digitale Lebenswelt interessieren. Wenn wir als Eltern dieses Gefühl vermitteln, werden Kinder nicht dazu ermutigt, zu erzählen und uns einen Einblick in ihre Welt zu geben. Ein Beispiel dazu: Wenn wir uns dafür interessieren, was in der Schule passiert, werden wir erfahren, wenn etwas nicht passt oder das Kind schlechte Noten hat. Wir hören, wenn Mitschülerinnen und Mitschüler gemein sind. Wenn uns aber egal ist, was dort passiert (oder wir dem Kind das Gefühl vermitteln, dass es uns egal ist), werden wir nicht merken, wenn es Probleme gibt. Das Kind wird dann auch keinen Ansporn spüren, uns etwas zu erzählen und uns teilhaben zu lassen. Wenn wir das Gefühl vermitteln, dass das, was dort passiert, ohnehin nicht real ist und wir nichts darüber wissen wollen, werden Kinder uns auch nichts erzählen.
In der digitalen Welt verstehen wir oft nicht, was an YouTube-Videos oder YouTube-Stars lustig oder interessant sein könnte. Vielleicht kennen wir den Messengerdienst Snapchat nicht (immerhin inzwischen einer der am schnellsten wachsenden Sofortnachrichtendienste). Wir finden die Inhalte schwachsinnig (und sagen das unseren Kindern auch) und erklären ihnen, dass das alles ohnehin Zeitverschwendung ist und nichts bringt. Würde unsere beste Freundin so etwas über unser Lieblingshobby sagen, hätten wir wahrscheinlich einen handfesten Streit – oder würden einfach aufhören, von etwas zu erzählen, was uns am Herzen liegt.
Helena kam zu mir in Therapie, weil sie in ihrer Kindheit und frühen Jugendzeit in Klassen immer wieder Gewalt in Form von Cybermobbing erfahren hatte. Von Anfang an war Helena äußerst verschlossen. Die Therapiestunden waren anstrengend: Nach meiner Anfangsfrage, wie es ihr an dem Tag ginge, gab es ein kurzes Schulterzucken und dann herrschte manchmal 40 – 45 Minuten Stille. Ich versuchte nach allen Regeln der therapeutischen Kunst, Helena dazu einzuladen, zu erzählen und zu berichten, es wollte mir aber nicht gelingen. Nach einigen Stunden frage ich sie, was sie denn eigentlich gerade lieber machen würde, als hier zu sitzen. Ihre Antwort: Animes auf Netflix schauen. Wenn es eine Serien- und Filmkategorie gibt, mit der ich persönlich nichts anfangen kann, dann ist das Anime (eine aus dem Japanischen stammende Form von Zeichentrickfilmen). In der nächsten Stunde hatte ich meinen Laptop mitgebracht und Helena zeigt mir ihre Lieblingsanimes. Das sonst so stille Mädchen taute plötzlich auf. Für Animes interessierte ich mich immer noch nicht, aber sie konnte spüren, dass ich mich dafür interessierte, was ihr an Animes so gut gefiel. Die weitere Therapie war immer wieder nicht ganz unkompliziert, aber mit diesem Einstieg in ihre Lebenswelt und meinem ernstgemeinten Interesse gelang es plötzlich, Kontakt herzustellen und Eintritt in ihre Welt zu bekommen.
Dies bedeutet nicht, dass wir jedes Video und jedes Spiel toll finden müssen. Natürlich steht es uns zu, Inhalte auch zu bewerten oder zu kritisieren. Aber wir müssen die Faszination der Kinder verstehen und uns für das interessieren, was dort passiert. Wenn wir es nicht verstehen, haben wir die besten Expertinnen und Experten an unserer Seite: unsere Kinder. Sie lieben es, herzuzeigen und zu erklären. Hier sind sie die Fachfrauen und Fachmänner und uns als Elterngeneration um Längen voraus. Dort, wo wir uns etwas von ihnen zeigen lassen, begleiten wir sie, ganz ohne Kontrolle und Regelregime. Wir können in die Welt der Kinder eintauchen und sie besuchen. Um die Faszination der Kinder besser zu verstehen, sollten wir als Eltern auch einen Blick in diese Welt werfen und dabei gleich die Kinder um Erklärungen bitten.
3. Jugendliche haben Angst vor der Reaktion ihrer Eltern
Oft erzählen Kinder zuhause nichts von schlimmen Vorfällen, da sie sich vor der Reaktion der Eltern fürchten. Wenn ein Nacktbild von einem Kind in der Schule die Runde macht oder Kinder von Klassenkollegen gemobbt werden, schweigen sie, weil sie Angst haben, die Eltern könnten wütend auf sie oder von ihnen enttäuscht sein. Manchmal wird auch nichts erzählt, weil die Scham gegenüber den Eltern verständlicherweise groß ist. Manchmal kommt es auch zu Schuldzuweisungen: »Du bist ja selbst schuld, wenn so ein Foto von dir die Runde macht. Hättest du es halt nicht verschickt.« Diese Art von Schuldzuweisung kann dazu führen, dass Kinder nicht erzählen, wenn etwas passiert ist. Kinder haben Angst, dass ihre Eltern an die Decke gehen oder kein Verständnis haben.
Genau hier liegt auch die Lösung. Vor jeder Konsequenz und Maßnahme und vor jedem nächsten Schritt brauchen Kinder vor allem eines: Verständnis. Verständnis dafür, dass manchmal Dinge schief gehen und es ungewollte Vorfälle geben kann. Verständnis dafür, dass Fehler passieren und wir manchmal unüberlegte Entscheidungen treffen. Wenn Kinder spüren, dass dieses Verständnis existiert, trauen sie sich auch, etwas zu sagen. Wenn sie wissen, dass es kein Verständnis, sondern Strafe und Konsequenzen gibt, werden sie eher versuchen, das zuzudecken, was passiert ist. Damit müssen wir uns auch von der Idee trennen, dass etwas oder jemand schuld sein muss. In manchen Situationen ist die Schuldfrage einfach zu klären: Eine Klassenkollegin hat ohne Erlaubnis ein Nacktbild ihres besten Freundes an die Klassengruppe versandt. Aber nur wenige Geschichten sind so schwarzweiß wie diese. Ein Kind, das aus Versehen ein Abo abschließt oder Geld über die Kreditkarte der Eltern ausgibt, ist sich oft der Konsequenzen gar nicht bewusst. Auch in Cybermobbingsituationen kommt es immer wieder zu Dynamiken, die nicht im Vorhinein abschätzbar sind. Im Internet kann schnell das Gefühl entstehen, etwas falsch gemacht zu haben, vor allem dann, wenn das Smartphone in der Erziehung immer schon als Ort von Gefahr gesehen wurde. Mit diesem Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, trauen sich Kinder dann oft nicht zu den Eltern.
Manche Kinder trauen sich zuhause nie etwas von Mobbing oder anderen Gewalterfahrungen zu erzählen. Hier liegt das Problem. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, Kindern das Gefühl zu geben, dass sie mit allem immer zu uns kommen können. Dass sie keine Angst vor unserer Reaktion haben müssen, wir uns Mühe geben, ihnen aufmerksam und liebevoll zuhören und zuerst mit Verständnis entgegenzukommen.
Verständnis bedeutet nicht, dass wir alles gutheißen. Verständnis bedeutet, dass es für Geschehnisse einen Grund gibt und wir das Passierte im Nachhinein nur schwer ändern können. Hier müssen wir manchmal zwei Dinge trennen, nämlich das Kind von dem was passiert ist. Zuerst braucht unser Kind Verständnis, für das, was es gerade erlebt. Das könnte Ärger sein oder Trauer, vielleicht auch Angst oder Verzweiflung. Aber nicht alle Taten brauchen unser Verständnis, nicht alles was passiert, ist auch in Ordnung. Das Verständnis der Eltern muss der Not des Kindes gelten. Wenn wir unserem Kind wirkliches Verständnis geben und Einsicht zeigen, merken wir, dass es oft kaum noch Grund gibt, böse zu sein. Unsere Kinder brauchen Unterstützung und Hilfe. Sie brauchen keine ausufernden emotionalen Reaktionen von ihren Eltern, vor allem dann, wenn sie sich ohnehin gerade in einer schwierigen Situation befinden. Für jedes Verhalten haben Kinder einen für sie guten Grund. Vielleicht finden wir den Grund nicht immer gut, aber ein Perspektivenwechsel kann hilfreich sein, um die Dinge aus Sicht der Kinder besser zu verstehen.
Elisabeth hat es in der Therapie auf den Punkt gebracht. Ich habe sie gefragt, warum sie den Eltern nichts vom Cybermobbing in der Klasse erzählt hat. Staubtrocken hat sie geantwortet: »In dem Moment, wo ich zuhause etwas erzählt hätte, hätten meine Eltern die Direktion, die Polizei, die Cobra, das Militär und die anderen Eltern angerufen. Mir hätte niemand mehr zugehört.«
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