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Lothar Streblow
Manka, das Mammut
SAGA
Manka, das Mammut
Copyright © 1990, 2018 Lothar Streblow und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711807583
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
„Die Frage nach dem tierlichen Bewußtsein hat die Menschen schon immer gefesselt, weil Haus– und Wildtiere gleichermaßen unsere Bewunderung und Neugier erregen. Sie verlocken uns dazu, in ihre Haut zu schlüpfen und uns vorzustellen, wie ihr Leben sein mag. “
Donald R. Griffin
„Gefühle sind es, die alle Kreatur dazu drängt, etwas zu tun oder, wenn es ängstliche Stimmungen sind, etwas zu unterlassen. “
Vitus B. Droscher
In der Tundra geboren
Sommerlicht glühte über der Tundra. Hoch stand die Sonne am blaßblauen Himmel; die kleinwüchsigen Zwergbirken warfen kaum Schatten. Nur am Horizont bildete schütterer Nadelwald eine dunkle Linie. Dazwischen schimmerten silbrig zahllose von Wollgras umwucherte Tümpel.
Mitten in dieser endlosen Weite bewegten sich Gestalten, massige Gestalten: tonnenschwer mit langen Rüsseln an wuchtigen Schädeln, riesigen gebogenen Stoßzähnen und zottelig-dichtem rostbraunem Fell. Eine Mammutherde wanderte weit auseinandergezogen durch die Kältesteppe der letzten Eiszeit, folgte einem uralten Wechsel.
Am äußersten Rand ästen vereinzelt ein paar mächtige Bullen, geführt vom alten Rasu. Weiter innen trottete eine Gruppe von Kühen mit halbwüchsigen Kälbern, weidete gemächlich Tundrakräuter. Und in der Nähe eines von Mücken umsurrten Schlammpfuhls rauften ausgelassen einige Jungtiere.
Plötzlich ertönte ein schrilles Trompetensignal. Die Herde stockte wie auf Kommando. Eine kleinere Gruppe im Zentrum bewegte sich nicht weiter, bildete dicht zusammengedrängt einen schützenden Ring um eine stöhnende Kuh. Heftige Geburtswehen erschütterten ihren Körper.
Rasu, der alte Leitbulle, schien genau zu wissen, was da vorging. Längst schon hatte er mit der empfindlichen Spitze seines Rüssels die frische Spur eines Wolfsrudels am Boden gewittert. Seine Erfahrung sagte ihm, daß die Wölfe dem Neugeborenen gefährlich werden konnten. Die trächtige Kuh brauchte Zeit, in der deckungslosen Tundra ihr Baby ungestört zur Welt zu bringen. Und solange würde die Herde bei ihr Wache halten.
Zwei ältere Kühe standen bei ihr, umsorgten die Mutter. Und es dauerte nicht lange. Als das Kleine kam, fingen sie es mit ihren Rüsseln auf, damit es nicht zu tief stürzte, lösten es behutsam aus den Eihäuten und halfen ihm auf die Beine.
Manka fühlte sich noch ein bißchen taumelig. Erschöpft lehnte sie sich gegen die stützenden Rüssel. Viel sah sie noch nicht von der unbekannten Welt, nur die gewaltigen wollhaarigen Leiber der Großen, ihre stämmigen Säulenbeine und die gelblich schimmernden Stoßzähne. Manka reichte ihnen kaum bis an die Knie. Und als aus einem der mächtigen Bäuche neben ihr ein dumpfes Kollern ertönte, erschrak sie heftig.
In diesem Augenblick spürte sie eine sanfte Berührung. Ihre Mutter hatte sich ihr zugewandt und strich mit dem Rüssel über ihr vom Fruchtwasser noch feuchtes Gesicht. Und weiter tastete der Rüssel über ihre kleinen Ohren und die Stirn bis zu ihrer leicht eingerollten Rüsselspitze.
Manka seufzte leise. Nach der warmen Geborgenheit im dunklen Leib ihrer Mutter war ihr alles hier draußen fremd: die bunten Blüten im frischen Grün voll summender Insekten, der kühle Wind, der durch die Tundragräser strich, die ungewohnte Helligkeit. Aber die zärtliche Berührung beruhigte sie, die schützende Nähe. Und sie atmete den vertrauten Geruch.
Allmählich stand Manka schon etwas sicherer auf den Beinen. Die Großen um sie herum grollten und quietschten leise. Es war, als wollten sie das Neugeborene begrüßen.
Manka gab einen noch zaghaften Laut von sich. Dabei baumelte ihr kleiner Rüssel wie ein schlaffer, kraftloser Schlauch hin und her. Instinktiv suchte sie nach den beiden Milchdrüsen zwischen den Vorderbeinen ihrer Mutter. Sie spürte ein seltsames Gefühl im Magen, spürte zum erstenmal Hunger.
Aber so schnell fand sie nicht, was sie suchte. Noch war ihr kurzer Rüssel nicht voll benutzbar. Aber getrunken wurde nicht mit dem Rüssel, sondern mit dem Mund. Und das war für das winzige Mammutbaby gar nicht so einfach.
Ihre Mutter bemerkte Mankas unbeholfene Bemühungen. Behutsam schob sie sich halb über sie. Jetzt hatte Manka es leichter. Trotzdem dauerte es noch eine ganze Weile, bis sie eine der Zitzen fand. Dann aber saugte sie gierig, trank die warme nahrhafte Milch.
Doch auch das Trinken war anstrengend. Immer wieder legte Manka eine kurze Pause ein, um zu verschnaufen. Endlich fühlte sie sich satt. Die Milch hatte ihr geschmeckt. Jetzt spürte sie eine große Müdigkeit. Sie schloß die Augen und döste ein wenig.
Inzwischen war über eine Stunde vergangen. Wolkenfetzen schoben sich vor die sinkende Sonne. Es wurde kühler. Ein Kolkrabenpaar kreiste in großer Höhe über der Stelle, wo Manka geboren worden war, lauerte auf bequemes Futter. Am Horizont verschwand leichtfüßig ein Rudel Wildpferde.
Die Mammutherde zog langsam weiter. Und die kleine Gruppe um das Neugeborene wollte nicht Zurückbleiben. Sie brauchte den Schutz der übrigen Herde, die Geborgenheit in ihrer Mitte. Zwar hatten die Mammuts kaum Feinde, doch den Kleinen drohten vielerlei Gefahren, von denen Manka noch nichts wußte. Deshalb bildeten immer einige der großen Mammutkühe einen Schutzring um die Jungtiere. Und Manka war nicht das einzige Baby. So mußte auch Manka sich wohl oder übel auf ihren noch unsicheren Beinen in Bewegung setzen.
Die Großen aber machten es ihr leicht, halfen ihr fürsorglich weiter. Von der einen Seite spürte sie den haarigen Rüssel ihrer Mutter unter ihrem kleinen Bauch, von der anderen Seite den Rüssel einer der großen Kühe, die bei der Geburt geholfen hatten. Manka fühlte sich leicht angehoben. Und teils von Rüsseln sorgsam gestützt, teils von ihnen getragen, machte Manka zwischen den beiden Großen ihre ersten tapsigen Schritte in die frühsommerliche Tundra.
Sommerliche Tage
Die Nacht war sternenklar und voller Geräusche. Gegen Abend hatte die Mammutherde eine Gegend erreicht, wo die flache Tundra in eine hügelige Taigalandschaft überging. Der im Sommer sehr feuchte Dauerfrostboden der Tundra, der nur oberflächlich abtaute und das Wasser nicht versickern ließ, lag ein Stück hinter ihnen.
Hier zwischen den schütter stehenden Erlen, Fichten, Birken und Weiden war der Boden trockener, die Pflanzendecke vielfältiger. Und Mammuts legten sich nicht gern zum Schlafen auf feuchten Untergrund.
Manka lag eng angeschmiegt zwischen ihrer Mutter, ihrem vier Jahre älteren Bruder Ranko und der hilfsbereiten Tante auf einem weichen Graspolster. Nach dem anstrengenden Tag schlief sie tief und fest, wohlig geborgen zwischen wärmenden Leibern. Sie hörte weder das laute Schnarchen der Herde noch das dumpfe Kollern ihrer Bäuche. Und sie sah auch nicht, wie in kurzen Abständen immer wieder ein paar der Großen aufstanden und einige der im Stehen dösenden Wachen ablösten, die sich dann niederlegten.
Erst als die rötliche Morgensonne über die fernen Höhenzüge stieg und Mankas Mutter sich erhob, erwachte Manka. Sie vermißte die Wärme. Auch ihr Bruder Ranko war schon aufgestanden. Geschickt drückte er mit dem Rüssel einige Birkenzweige nieder, um an die Blätter zu kommen. Fast die gesamte Herde stand schon auf den Beinen und suchte zwischen Gras und Gesträuch nach Nahrung. Ein neuer Tag hatte begonnen. Und das erste, was Manka spürte, war Hunger.
Noch ein wenig schläfrig, blinzelte Manka unter ihren langen Wimpern in die Sonne. Über ihrem Kopf summte ein Mückenschwarm. Als sie gähnend ihren kleinen Rüssel anhob, spürte sie, wie ein anderer Rüssel ihr zärtlich über den Körper tastete. Ihre Mutter hatte auf Mankas Erwachen gewartet und half ihr vorsichtig beim Aufstehen.
Das konnte Manka schon fast allein. Sie war nur noch etwas taumelig vom Schlaf. Und kaum stand sie aufrecht, suchte sie eifrig nach ihrer Morgenmilch. Geduldig ließ ihre Mutter sie trinken, bis sie satt war. Nur, das dauerte eine Weile. Erst dann fühlte Manka sich zufrieden.
Jetzt begann auch ihre Mutter ihre Morgenmahlzeit. Wie alle Elefanten futterten auch die Mammuts einer Herde immer gemeinsam, abgestuft nach der Rangordnung. Die Ranghöchsten besetzten die ergiebigsten Stellen. Und nur langsam bewegten sich die einzelnen Tiere weiter, wenn sie einen Fleck abgegrast hatten.
Neugierig beobachtete Manka das Treiben der Großen. Ihr Bruder riß gerade einige Birkenzweige ab, zerkleinerte sie sorgfältig und schob sie sich mit dem Rüssel in den Mund. Ihre Mutter hielt sich mehr an das üppig wuchernde Gras, bündelte es mit ihrem Rüssel und klopfte die anhaftende Erde an ihren Säulenbeinen ab, bevor sie es gemächlich zwischen ihren Mahlzähnen zerkaute.
Das interessierte Manka. Sie drängte sich an ihre Mutter und betrachtete neugierig ihre halbgeöffneten Kiefer, die seltsam breiig-grüne Masse.
Davon etwas abhaben wollte sie noch nicht. Sie war ja noch ein Milchkind und satt von ihrer Morgenmilch.
Zutraulich tappte sie zu ihrem Bruder, der sich ausgiebig an einem Birkenstamm scheuerte. Ihm juckte das Fell. Ranko war mit seinen vier Jahren nur knapp einen halben Meter größer als sie selbst, hatte aber schon kleine Stoßzähne. In seinem zottigen Fell hafteten Grashalme und Blätter. Und er begrüßte seine kleine Schwester mit einem Quietschlaut.
In diesem Augenblick ertönte rasch näher kommendes Stampfen. Im Eilschritt rannte ein anderer junger Mammutbulle auf die beiden zu. Manka erschrak. Doch der junge Bulle wollte gar nichts von ihr, er wollte mit dem gleichaltrigen Ranko raufen. Und Ranko reagierte sofort.
Kampfbereit hob er seinen zotteligen Kopf und schwang seinen Rüssel über die Stirn. Mit abgestellten Ohren näherten sich die beiden. Doch bevor sie mit ihren Rüsselansätzen aufeinanderstießen, fühlte Manka sich von einem viel größeren Rüssel vom Kampfplatz gezogen.
Es war ihre Mutter, die sie vor dem Ungestüm der beiden Raufbolde bewahren wollte. Aufatmend lief Manka neben ihr her, blickte aber zwischendurch immer wieder zurück. Dabei sah sie, wie die beiden jungen Bullen ihre Rüssel um den Kopf des anderen schlangen und mit durchgestemmten Beinen den Gegner zurückzudrängen versuchten. Das sah ziemlich gefährlich aus, war aber nur Spiel. Und Manka war sehr froh, als sie mit ihrer Mutter auf eine Gruppe großer Kühe traf, die zwei andere Mammutbabys umringten.
Die beiden Kleinen schnupperten aufgeregt. Und auch Manka schnupperte neugierig. Die beiden waren nur wenige Tage vor Manka geboren worden, also Babys wie sie. Ihre Mütter hatten die drei Kleinen zusammengeführt, um gemeinsam einen Kindergarten von Mammutbabys zu bilden. Sie sollten zusammen in der Herde aufwachsen und miteinander spielen. So ließen sie sich auch leichter beaufsichtigen.
In dieser Gesellschaft fühlte Manka sich wohler als bei den älteren Jungbullen. Und beschützt von den Großen, wanderten sie dicht beieinander in den Morgen.
Unverhofftes Bad
In den nächsten Tagen blieb es sonnig. Die Mammutherde war weiter in die baumlose Tundra gezogen, vorbei an Seen und Tümpeln, an düsteren Mooren und blütenübersäten Sumpfrändern, über flechtenbedeckte Steinhalden und durch seichte Flüsse und Bäche. Vogelschwärme zogen am klaren Himmel. Im Frühsommer bot die sonst karg wirkende Kältesteppe reichlich Nahrung. Das wußten die alten, erfahrenen Mammuts. Unbeirrt folgten sie den uralten Wanderwegen.
Erst als am Horizont die gewaltige Eisbarriere der von Norden vordringenden Gletscher aufschimmerte, bogen die Leittiere nach Süden ab. In dieser lebensfeindlichen Eiswüste gab es für sie kein Überleben.
Die weiten Ebenen, die man später das Norddeutsche Tiefland nennen würde, waren damals vor rund vierzigtausend Jahren, in der Würm-Eiszeit, von einem dicken Eispanzer überzogen. Und von den Alpen im Süden schoben sich die Berggletscher nordwärts. Alles Leben in Tundra und Taiga war zwischen zwei sich langsam bewegenden Eisströmen gefangen. Dazwischen aber gab es Raum genug für zahllose Tiere und auch für Menschen.
Manka sah kaum etwas von dem eisigen Horizont. Sie spürte nur den kalten Wind, der von den zerfurchten Gletschern herüberwehte. Doch ihr dichtes, wolliges Fell schützte sie vor der Kälte. Und die kleine Gruppe, in deren Mitte sie langsam über die Tundra wanderte, bot ihr Geborgenheit.
Inzwischen kannte Manka die einzelnen Mitglieder des Kindergartens: Rundu und Singa, die beiden Mamrnutbabys, und ihre Mütter, Rundus dreijährige Schwester Malu, die kinderlose Tante, die bei der Geburt geholfen hatte, und Singas vierjährigen Bruder Kolo, der immer mal wieder mit Ranko raufte.
Im Moment benahmen die beiden jungen Bullen sich recht friedlich. Ranko lief sogar dicht neben Manka und half seiner kleinen Schwester fürsorglich über die Unebenheiten des Geländes, während Mankas Mutter sie von der anderen Seite stützte.
Überall zwischen dem wuchernden Grün lagen kleinere und größere, von den Eismassen rundgeschliffene Felsbrocken, die vom letzten Gletschervorstoß zurückgeblieben waren. Und nicht immer konnte die Mammutherde dem Moränenschutt ausweichen. Zum Klettern aber waren die Mammutbabys noch zu ungeschickt. Dann schob Mankas Mutter ihren mächtigen Rüssel vorsichtig unter Mankas Hinterteil und hob sie auf das Hindernis. Und Ranko schob ihr stützend seinen Rüssel unter den Bauch.
Manka gefiel es auf einem der flechtenüberzogenen Felsbrocken. Von hier aus bekam sie einen besseren Überblick. Neugierig sah sie sich um.
Vorn an der Spitze der Herde liefen sichernd ein paar einzelne große Bullen, angeführt vom alten Rasu. Danach folgten Gruppen von Kühen mit halbwüchsigen Jungen. Der Kindergarten mit Manka befand sich in der Mitte. Und hinter ihnen kamen Gruppen von Jungtieren. Den Schluß bildeten wieder einzelne große Bullen.
In der Ferne jedoch zeichneten sich Umrisse von Tieren ab, die Manka noch nicht kannte. Dort zog in gewundener Reihe eine Rentierherde durch die Tundra. Und unweit der vorderen Mammutbullen trottete gemächlich ein mächtiges Wollhaarnashorn mit Kind. Von anderen Tieren sah Manka nichts; sie wichen der Mammutherde aus.
Mit einemmal bekam Manka einen sanften Stoß. Ihre Mutter und Ranko trieben sie behutsam weiter: herunter von dem Felsbrocken. Doch als Manka mit ihrer Hilfe das Steingewirr schnaufend überklettert hatte, stand sie vor einem neuen Hindernis. Und diesmal war es Wasser.
Zögernd beäugte Manka den träge fließenden Schmelzwasserbach. Unter der dünnen Grasnarbe am Uferrand schimmerte eine dicke Eisschicht. Entschlossen watete Mankas Mutter in den flachen Bach und erstieg das jenseitige Ufer. Sie wußte, daß Manka das noch nicht allein schaffte, wandte sich ihr zu und versuchte, sie mit dem Rüssel vorsichtig hochzuziehen.
Manka aber geriet in ihrer Ungeschicklichkeit mit den Füßen an das glatte Eis, glitt ab und rutschte spritzend halb ins Wasser. Die nasse Kälte erschreckte sie. Und sie begann heftig zu zappeln.
Im gleichen Augenblick spürte sie von hinten einen anderen Rüssel, der sie hochhob. Die Tante hatte energisch mit zugepackt. Und mit vereinten Kräften zogen die beiden Großen die tropfnasse Manka aufs Trockene.
Noch etwas verdutzt über das unverhoffte Bad stand Manka am Ufer. Da platschte es direkt hinter ihr, Wasser spritzte über sie hinweg. Rundu war ebenfalls in den Bach gefallen, nur noch weiter hineingerutscht. Hilflos trompetete er seine Angst über die Tundra. Doch auch er wurde von seiner Mutter und seiner größeren Schwester rasch ans Ufer befördert. Und die wärmende Sonne trocknete den beiden Kleinen das Fell.
Begegnung am Pingo
Von Osten her begann es zu dämmern. Die Sonne blieb noch hinter fahlem Grau verborgen. Und viel heller wurde es auch nicht. Ein trüber Tag hüllte die Tundra in mageres Licht. Leichter Nieselregen näßte Blüten und Gräser. Und im dichten Wollhaar der Mammuts hingen winzige Tropfen.
Die Großen hatten sich längst erhoben. Mammuts hatten einen kurzen, tiefen Schlaf, wie alle Elefanten. Meist schliefen sie nur zwei bis drei Stunden, beschützt von einander sich ablösenden Wachen, erhoben sich dann, entleerten sich und suchten nach Nahrung. Als schlechte Futterverwerter hatten sie eigentlich dauernd Hunger. Essen war ihre Hauptbeschäftigung während des Tages.
Mammutbabys aber schliefen länger; sie brauchten viel mehr Schlaf. Auch Manka schlief noch, zusammen mit Rundu und Singa, den Kopf auf einem moosüberzogenen Stein, ihre kurzen Beine behaglich von sich gestreckt. Das harte Nachtlager in der Tundra störte sie nicht.
Plötzlich fühlte sie sich sehr unsanft geweckt. Ihr Bruder Ranko scheuerte gemächlich sein Hinterteil an ihrem Rücken. So was störte zwar erwachsene Mammuts nicht, die dabei ruhig weiterschliefen, Manka jedoch rutschte durch die unerwartete Berührung mit ihrem Kopf von dem Stein. Unwirsch trompetete sie durch ihren kleinen Rüssel.
Auch Ranko wurde durch Mankas Trompeten erschreckt. Fürsorglich beruhigte er sie. Immer wieder strich er ihr mit seinem Rüssel behutsam übers Gesicht. Sie hörte auf zu trompeten. Doch nun spürte sie das Knurren ihres Magens. Und bei Ranko gab es keine Milch.
Mit erstaunlicher Geschwindigkeit stellte sie sich auf ihre kurzen Beine und blickte sich suchend um. Ihre Mutter stand nur wenige Schritte entfernt und sah sie an; sie hatte die beiden genau beobachtet. Aber sie kam nicht näher. Geräuschvoll klatschte sie mit ihren beiden Ohren; so rufen alle Elefanten ihre Kinder. Und dieses Signal mußte Manka lernen.
Manka begriff, daß sie selbst zu ihrer Milchquelle gehen mußte. Noch ein wenig steif vom Schlaf tappte sie hinüber. Ihre Mutter begrüßte sie liebevoll, tätschelte sie mit ihrem Rüssel und stellte sich über sie, damit Manka bequem trinken konnte.
Als Manka satt war, suchte sie jemand zum Spielen. Doch Rundu und Singa schnarchten noch. So blieb ihr nur ihr älterer Bruder.
Inzwischen hatte Ranko sich ein Stück entfernt. Gar nicht weit erhob sich mitten in der Tundra mehr als hundert Meter hoch ein riesiger Pingo, wirkte wie ein kleiner Vulkan. Diese mächtigen Frostaufbrüche bestanden in ihrem Innern aus massivem Eis, die dunkel-erdige Außenhülle jedoch war mit einer dichten Pflanzendecke bewachsen. Und hier suchte Ranko sein Morgenfrühstück.
Dieser seltsame Hügel interessierte Manka. Unbekümmert lief sie hinter Ranko her, der gemächlich mit seinem Rüssel Pflanzen abrupfte und sich in den Mund schob. Und es schien ihm zu schmecken.
Bereitwillig bot er seiner kleinen Schwester etwas von dem vorgekauten Grünzeug an. Er wußte genau, daß es zu den Aufgaben der älteren Geschwister gehörte, die kleineren zu beschützen und zu füttern, auch wenn er sich selbst manchmal noch gern füttern ließ.
Manka zögerte kurz, naschte dann aber ein wenig Pflanzenbrei von Rankos Rüsselspitze. Mehr mochte sie nicht. Milch schmeckte ihr entschieden besser.
Ein flatterndes Geräusch lenkte sie ab. Oben auf dem Gipfel des Pingos bewegte sich etwas. Ein Gerfalk hatte sich die Pingospitze als Aussichtspunkt gewählt, um nach Beute auszuspähen. Er beachtete Manka überhaupt nicht.
Nur kamen nicht alle Geräusche von dem Greifvogel. Am unteren Rand des Pingos bewegte sich noch etwas anderes, bewegte sich sehr geräuschvoll mit höchst eigenartigen Lauten. Noch war nichts zu erkennen. Aber kurz darauf tauchte hinter der Rundung des Abhangs ein massiges Tier auf: wollhaarig wie ein Mammut, mit tonnenschwerem Körper, aber kurzen Beinen und zwei mächtigen spitzen Hörnern auf der Nase.
Manka blieb erschrocken stehen. Ein Nashorn war ihr noch nie so dicht begegnet. Und auch das Nashorn schnaubte überrascht, musterte die beiden jungen Mammuts mißtrauisch aus kleinen Augen. Dann wandte es sich gleichmütig ab, zerkaute gemächlich die harten Steppengräser. Offenbar fühlte es sich durch die Gesellschaft der Kleinen nicht gestört.
Von Nashörnern hatte Manka noch keine Ahnung. Mit einer Mischung aus Ängstlichkeit und Neugier betrachtete sie den hornbewehrten Koloß.
Ihr Bruder aber futterte unbeeindruckt weiter am Rand des Pingos. Ranko kannte sich mit Nashörnern aus. Er wußte aus Erfahrung, daß sie manchmal mitten in einer Mammutherde ästen. Und meist duldeten die Mammuts sie auch. Nur selten scheuchte ein alter Mammutbulle sie weg. Und die Nashörner zogen sich dann prustend zurück.
Allmählich kam das Nashorn immer näher: mit bedrohlich wirkenden Hörnern. Und jetzt wurde es Manka doch ein bißchen unheimlich. Schutzsuchend drängte sie sich an ihren Bruder, während Ranko und das Nashorn friedlich miteinander futterten. Und sie blieben auch friedlich. Manka hatte wieder etwas gelernt.
Schlammspiele
Mücken tanzten in der Mittagssonne, umsurrten die haarigen Gestalten. Manka trottete mit Rundu und Singa einträchtig zwischen den Großen. Die Herde wanderte auf einer schmalen Mammutstraße durch die Tundra.
Weithin war die flache Landschaft von Tümpeln und Sümpfen durchzogen, nur selten unterbrochen von kiesigen Flächen und Gestein. Aber der alte Rasu und die Bullen an der Spitze wußten genau, wo der unsichere Boden sie trug. Und die Herde verließ sich darauf.
Schmackhaftes Futter gab es hier genug. Noch leuchtete die Tundra bunt, schimmerte mit silbrig glänzenden Schöpfen das Wollgras, blühten goldgelb die Halbkugeln des Tundraflohkrauts auf nassen Böden. An trockneren und steinigen Stellen wuchsen Flechten und Moosbeeren und die flammend roten Blätter der Bärentraube, dazwischen zahllose grüne Kräuter und Gräser und ein paar vereinzelte Zwergbirken.
Die Mammuts waren nicht wählerisch, auch wenn ihnen manches besser schmeckte als anderes. Sie futterten, was ihnen vor die Rüssel kam, mästeten sich gemächlich Fettpolster an für den langen harten Eiszeitwinter.
Auch Manka naschte jetzt öfter von dem vorgekauten Pflanzenbrei. Und die Großen gaben ihr bereitwillig davon ab. Sich selbst Futter zubereiten konnte Manka noch nicht. Und zusammen mit der körperwarmen Muttermilch gab das eine nahrhafte Kost.
Mit einemmal stockte die Spitze der Herde. Am lichtblauen Himmel türmten sich mächtige Kumuluswolken. Kein Windhauch bewegte die laue Luft. Zu Hunderttausenden stiegen Mücken und Fliegen aus den Sümpfen. Trotz des wollig-dichten Mammutfells fanden sie immer noch genügend freie Stellen für ihre Stiche: im Innern der Ohren, am Rüsselende und rund um die Augen. Und gegen Insektenstiche waren die mächtigen Dickhäuter sehr empfindlich.
Verdrossen tappte Manka hinter ihrer Mutter her zum Rand eines Schlammpfuhls. Ranko und Kolo wälzten sich vergnügt im Morast, suhlten sich schon mit den anderen Kleinen. Und Manka zögerte nur einen Moment, ihrer Mutter zu folgen. Die Schlammspiele reizten sie. Platschend stapfte sie in die Suhle. Und solange der Matsch am Körper haftete, spürte sie nichts von den Plagegeistern.
Das flache Wasser im Tümpel war nicht sehr kalt, hatte tagsüber Sonnenwärme gespeichert. Manka fühlte sich wohl hier. Plötzlich riß Singas vierjähriger Bruder Kolo seinen Rüssel hoch, einen Batzen Grünzeug am Rüsselfinger, und fuchtelte übermütig damit durch die Luft. Einzelne Stücke lösten sich, spritzten in die Gegend. Mit einem klatschenden Geräusch landete einer der schlammigen Batzen auf Mankas rechtem Auge. Und sie spürte einen stechenden Schmerz.
Mankas Mutter putzte sie fürsorglich, danach sorgte sie energisch für Ordnung. Sie war die Leitkuh der Kindergartengruppe. Und sie spreizte nur kurz die Ohren ab. Kolo verstand sofort. Und mit nach hinten eingerolltem Rüssel trollte er sich folgsam aus der Suhle.
Doch am Ufer empfing ihn seine eigene Mutter. Und sie klatschte ihm einmal strafend mit dem Rüssel übers Hinterteil: Die Größeren sollten lernen, achtsamer mit den Kleinen umzugehen. Gleich darauf streichelte sie ihn tröstend; sie wußte um die Wirkung von Lob und Tadel, von Strafe und versöhnlicher Zärtlichkeit.
Manka aber vergaß Kolo diesen Streich nicht. Immer noch spürte sie ihr schmerzendes Auge. Als sie später erneut in einem Tümpel suhlten, rächte sie sich auf ihre Weise. Kolo wühlte gerade mit seinen kurzen Stoßzähnen im Uferschlamm, da ließ Manka sich scheinbar unbeabsichtigt direkt vor seinem hocherhobenen Rüssel in den Morast platschen. Der Schlamm schwappte hoch, schwappte Kolo mitten zwischen seine geöffneten Kiefer. Er schluckte und prustete. Und als er sich die morastige Brühe mit dem Rüssel aus den Augen gewischt hatte, wollte er wütend auf Manka los. Doch Manka hatte sich vorsichtshalber zwischen die stämmigen Beine ihrer Mutter geflüchtet. Schadenfroh genoß sie die Narrenfreiheit der Kleinen.
Noch eine ganze Weile danach ging Manka dem jungen Bullen aus dem Weg. Doch auf die Dauer ließ sich eine Begegnung kaum vermeiden. Und im Grund mochte sie den ungestümen Kolo. Nur hielt auch Kolo auf Abstand, bis er einmal an einer Engstelle von Ranko unversehens gegen Manka gedrängt wurde.
Zuerst erschrak Manka, dann hob sie unbeholfen ihren kleinen Rüssel und streichelte Kolo schüchtern am Ohr. Verdutzt hielt Kolo still. Von da ab brauchte Manka keine Angst mehr vor ihm zu haben. Kolo war versöhnt.
Kleine und große Tiere
Wochen waren seitdem vergangen. Wochen mit wechselhaftem Wetter. Allmählich wurden die Tage kürzer, versank die Sonne früher am Horizont. Graue Wolken zogen auf. Es wurde merklich kühler, vor allem in den Nächten. Und Manka war etwas gewachsen, nur wenige Zentimeter.
Die Herde graste in einer hügeligen Landschaft, weit auseinandergezogen in einzelnen Gruppen zwischen flachen Kuppen und strauchbewachsenen Ebenen. Die Bullen und Halbwüchsigen hatten sich etwas abgesondert. Mankas Kindergarten weidete in einer Senke an Zwergbirken und Weidengesträuch. Und manchmal verschwanden die Kleinen auf ihren Ausflügen in dem unübersichtlichen Gelände.
Ein frischer Wind raschelte durch die Zweige. Im Tundragras jagte eine Schnee-Eule nach Lemmingen. Manka sah nur einen weißen Schatten lautlos über dem Gebüsch verschwinden. Neugierig wie alle Elefantenkinder rannte sie ihr nach. Von der Schnee-Eule war nichts mehr zu sehen. Dafür entdeckte Manka etwas anderes.
Ein Schneehase, der sich ins Tundragras geduckt hatte, sprang auf und hoppelte plötzlich los. Dieses langohrige Wesen mit dem sommerfarbigen Fell interessierte Manka. Im Eilschritt stapfte sie hinterher, brach durch Gesträuch und stolperte über Steinbrocken. Dabei entfernte sie sich immer weiter von ihrer Mutter, die mit halbgeschlossenen Augen gemächlich äste und Manka noch in ihrer Nähe glaubte. Doch der Hase verschwand fast so schnell wie die Eule.
Mit einemmal stutzte Manka. Hinter einer Gruppe von Weidenbüschen dehnte sich ein flacher Sumpf. Wollgras wippte im Wind. Wasserlachen schimmerten zwischen üppigem Grün. Und mitten im Sumpf stand ein riesiger Elch, bis zum Bauch im Wasser, und weidete geruhsam Sumpfgräser. Als er Manka herantrampeln hörte, hob er seinen langen Kopf mit dem mächtigen Schaufelgeweih und äugte zu ihr hinüber.
Verblüfft blieb Manka stehen und betrachtete das seltsame Tier. Elche kannte sie noch nicht, jedenfalls nicht aus der Nähe. Und dieses geweihbewehrte Tier war wesentlich größer als sie.
Das schien auch der Elchbulle zu wissen. Mammuts hielt er nicht für gefährlich, schon gar nicht die kleinen. Und ohne sich weiter um Manka zu kümmern, senkte er seinen Kopf ins Wasser, um nach Pflanzen zu suchen.
In diesem Augenblick raschelte es hinter ihr im Gebüsch. Stampfende Schritte brachen Zweige nieder. Ein freundliches Grollen ertönte, klang wie eine Begrüßung.
Dieses Geräusch kannte Manka. Und sie erkannte Ranko an der Stimme. Ihr Bruder war ihrer Spur gefolgt, um sie fürsorglich zurückzuholen. Und er strich ihr mit dem Rüssel sanft über ihre haarigen Wangen. Manka quietschte leise und haschte nach seinem Rüssel.
Doch so eilig hatte Ranko es nicht mit der Rückkehr. Ein Stück vom Sumpfrand entfernt entdeckte er zwischen dem Grün der Kräuter einige orangefarbene Moltebeeren. Ranko mochte diese kleinen nahrhaften Früchte. Im Spätsommer waren sie reif und besonders gut. Er konnte gar nicht genug kriegen von den Beeren.
Manka sah ihm eine Weile aufmerksam zu und blickte ihn dann auffordernd an. Ranko begriff sofort, was sie wollte. Bereitwillig angelte er etwas von dem halbzerkauten Beerenbrei hervor und schob ihn mit dem Rüssel seiner kleinen Schwester in den Mund.
Manka schleckte genießerisch. Die Moltebeeren schmeckten ihr. Und sie wollte noch welche. Aber an dieser Stelle gab es keine mehr.
Ranko trieb inzwischen schon etwas anderes. Geschickt brach er mit seinem Rüsselfinger einen dünnen Birkenzweig ab, schwang seinen Rüssel nach hinten über den Kopf und kratzte sich mit dem Zweig am Rücken. Das hatte er dem alten Rasu abgesehen, der öfter zu verschiedenen Zwecken ein kleines Stöckchen benutzte. Damit konnte er Stellen erreichen, an die er sonst nicht hinkam. Daraus hatte Ranko gelernt. Und er hatte es ihm nachgemacht.
Das wollte Manka auch mal probieren. Nur war sie mit ihrem kurzen Rüssel noch viel zu ungeschickt. Doch beim Herumtappen am Gesträuch scheuchte sie ahnungslos einen Berglemming auf. Angriffslustig reckte der kleine Nager seinen Vorderkörper hoch, bleckte die Schneidezähne und fauchte wütend Mankas pendelnden Rüssel an.
Erschrocken starrte Manka auf das winzige buntfellige Tier und wich ängstlich zurück. Auch Ranko unterbrach sein Kratzen. Das Fauchen des Lemmings verblüffte ihn. Doch so viel Angst wie Manka hatte er nicht. Entschlossen stieß er seinen rechten Vorderfuß gegen den Boden und bewarf den Lemming mit einer Ladung Erde. Der Lemming duckte sich. Und raschelnd verschwand er im Gesträuch.
Manka atmete aufgeregt. Nun hatte sie endgültig genug von ihrem Ausflug. Und folgsam trabte sie hinter Ranko her zu ihrer Mutter.
Überfall nach der Dämmerung
Nebel stiegen aus den Sümpfen, löschten die Konturen der niedrigen Sträucher. Am westlichen Himmel verlosch das letzte Abendlicht. Die kleine Gruppe um Manka stand dösend beieinander im Halbkreis. Nur die Kleinen schliefen.
Als ein fahler Mond die ziehenden Nebelschwaden durchbrach, drangen von fern Geräusche aus der dämmernden Nacht: ein dumpfes Brüllen und Stampfen. Manka hörte nichts davon; sie schlief tief und fest. Die Bullen aber, die auf einer steinigen, flechtenüberzogenen Anhöhe rasteten und abwechselnd Wache hielten, spreizten lauschend die Ohren.
Unruhe bedeutete immer Gefahr, besonders bei Nacht, in der auch Mammuts nicht gut sehen. Und trotz der Windstille witterten die Mammutbullen einen fremden Geruch. Und diesen Geruch kannten sie.
Was da in der Ferne brüllte und stampfte, waren Wisente, riesige, hornbewehrte Wildrinder mit dichter Mähne. Und mit Wisenten lebten die Mammuts in Frieden, weideten sogar in unmittelbarer Nähe. Doch dieses nächtliche Gebrüll klang ungewöhnlich. So verhielten Wisente sich nur im Kampf. Und zwischen ihrem Brüllen ertönte mitunter ein schrilles Geheul und vereinzeltes Bellen.
Jetzt wußten die Mammuts, was dort vor sich ging. Offenbar hatte in der mondhellen Nacht ein Rudel Wölfe die schlafende Wisentherde angegriffen, um sich ein paar Kälber zu holen. Das hatte den Aufruhr verursacht. Und das Gebrüll wurde lauter, schien näher zu kommen. Die Wölfe flüchteten vor den wehrhaften Wisenten.
Plötzlich schreckte Manka auf. Dicht neben ihr trompetete ihre Mutter dröhnend in die Nacht. Jenseits der Anhöhe, wo die Mammutbullen standen, hatte sich ein vom Rudel abgesprengter Wolf durch den niedrigen Bewuchs geschlichen, den Babygeruch der kleinen Mammuts gewittert und seinem Rudel Signal gegeben. Das Wolfsrudel war seinem Ruf gefolgt. Zwischen Strauch und Busch bewegten sich flinke Schatten. Und einer der Schatten schnappte nach Mankas Ohr.
Doch kaum war der Trompetenton von Mankas Mutter verklungen, trompetete es von allen Seiten. Rasu stampfte als erster heran, gefolgt von der ganzen Bullenherde. Und mit seinen mächtigen Säulenbeinen zertrampelte er wutschnaufend einen der Wölfe.
Manka zitterte am ganzen Körper. Noch nie war sie von jemand ernsthaft angegriffen worden. Und im Dunkel konnte sie kaum etwas erkennen. Sie spürte nur den Schmerz in ihrem Ohr, die scharfen Reißzähne.
Der Wolf hatte sich festgebissen, ließ nicht los. Verzweifelt wirbelte Manka herum; der Wolf wurde mitgeschlenkert, stieß dabei vor den Rüssel ihrer Mutter. Und die riesige Mammutkuh packte zu mit ihrem Rüssel, schleuderte den Wolf hoch in die Luft. Mit krachenden Knochen landete er winselnd am Boden.
Die Mammuts aber tobten weiter, stampften und brüllten, immer neue Sippen trafen zur Verstärkung ein, mit ohrenbetäubendem Trompeten, walzten nieder, was ihnen in den Weg kam. Steine und Erdbrocken wirbelten umher und zerbrochene Holzstücke. Büsche und Sträucher barsten. Der Boden dröhnte unter den tonnenschweren Kolossen. Und in panischer Flucht suchten die Wölfe einen Ausweg aus dem Inferno.
Plötzlich spürte Manka etwas Fremdes um ihren Leib. Mit energischem Druck schubste ihre Mutter sie mit dem Rüssel unter ihren Bauch, barg sie zwischen ihren schützenden Beinen. So konnte kein verirrter Wolf an sie heran. Hier fühlte Manka sich sicher. Nur ihr zerbissenes Ohr schmerzte. Und sie spürte das Pochen ihres Herzschlags in der Wunde.
Allmählich ebbte der Lärm ab. Die erregten Mammuts beruhigten sich wieder. Sie wußten: So bald würden die Wölfe nicht mehr angreifen. Der Zusammenhalt der Herde hatte sich wieder einmal bewährt; ohne ihn wären die Babys verloren gewesen, denn eine Mutter allein kann sie nicht schützen. So hatte das Trompetensignal ihrer Mutter auch Manka gerettet. Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis Manka sich wieder unter ihrem Bauch hervorwagte.
Manka lernt Schnorcheln
Windböen fegten über die Tundra. Zwischen treibenden Wolkenfetzen schimmerte nur selten noch ein wenig Blau. Am Himmel zogen die letzten Sommervögel südwärts: Wildgänse und Enten, Kraniche und Schwäne und die verschiedenen Arten der Regenpfeifer. Und wenn ein Regenschauer niederprasselte, troff das Wasser von den Zottelpelzen der Mammuts.
Als im September die Temperaturen weiter fielen, mischten sich schon vereinzelt Schneeflocken unter die Regentropfen. Noch war der Schnee wäßrig und blieb nicht liegen. Aber die Schneehühner wechselten schon das Gefieder von rostbraun in weiß. Und Polarfüchse und Schneehasen bekamen ihr tarnendes Winterfell.
Auch die Rentiere wanderten nach Süden, Kühe und Hirsche gemeinsam in einer Herde mit den jungen Kälbern. Und die herbstlich bunten Blätter der Zwergbirken ließen die karge Tundralandschaft in seltenen Sonnenstunden noch manchmal aufglühen.
Jetzt schloß die Mammutherde sich wieder enger zusammen. Die Mutterfamilien und Jungtiere folgten den Bullengruppen. Und wieder lief der alte Rasu an der Spitze.
Wenn die Nahrung knapper wurde, stiegen auch die Gefahren. Höhlenlöwen streiften umher auf der Jagd nach Beute. Wolfsrudel heulten in den Nächten. Und die riesenhaften Höhlenbären suchten nach den letzten Tundrabeeren. Auch sie konnten den Mammutbabys gefährlich werden.
Inzwischen war Mankas Bißwunde verheilt, der juckende, rissige Schorf abgefallen. Doch sie hatte nichts vergessen. Sie wußte nun, daß es auch für Riesentiere wie Mammuts Gefahren gab, selbst von kleineren Tieren. Nur war es auch für Mammutkinder schwer, zwischen bitterer Erfahrung und unbezähmbarer Neugier einen Mittelweg zu finden.
Als an einem hellen Herbstmorgen die Sonne noch einmal die Luft voll tanzender Mücken erwärmte und auch die Oberfläche der seichten Gewässer, stürmte Manka ungestüm über das verschlammte Ufer in einen träge fließenden Bach. Sie mochte Baden und Planschen im Wasser. Und sie ahnte wohl, daß es damit bald vorbei sein würde. Rundu und Singa rannten durch den Morast platschend hinter ihr her.
Doch der Bach war durch den Regen angeschwollen und tiefer, als Manka glaubte. Mit einemmal verlor sie den Grund unter den Füßen. Sie tauchte unter. Klatschend schlugen die Wellen über ihrem Kopf zusammen.
Augenblicke lang hörte sie nur dumpfes Brausen, sah nur sprudelnde Luftblasen und aufgewühlten Schlamm. Sie schluckte Wasser, bekam keine Luft mehr. Angst schnürte ihr die Kehle zu. Und irgend etwas Schweres drückte sie zum Grund hinab. Es war Rundu, der gestürzt und auf sie gefallen war, dann aber seitlich von ihr abrutschte.
Verzweifelt strampelte Manka mit den Beinen, fuchtelte mit ihrem Rüssel. Und dabei stieß ihre Rüsselspitze über die Wasseroberfläche. Prustend blies Manka eine Wasserfontäne hoch. Plötzlich bekam sie Luft, schnaufte und schniefte, sog mit dem Rüssel Luft ein wie durch einen Schnorchel. Und diesen schnorchelnden Rüssel sah ihre Tante. Gemeinsam mit ihrer Mutter hievte sie Manka entschlossen aus dem Bach.
Kurz danach kam auch Rundu aus dem Wasser. Er war dichter am Rand gewesen und hatte es allein geschafft. Und er hatte weniger Wasser geschluckt.
Noch ein wenig benommen stand Manka am Ufer, triefend vor Nässe. Die Lust zum Baden war ihr vergangen, jedenfalls im Moment. Sie hatte zu viel Wasser schlucken müssen, zu viel Angst gehabt. Und als nach einer Weile die Herde den Bach an anderer Stelle überquerte, hielt Manka sich ängstlich zwischen ihrer Mutter und der hilfsbereiten Tante.
Rasu und die Fallgrube
Unaufhaltsam zog die Mammutherde dem Süden zu: aus der an die Gletscher des Inlandeises grenzenden Tundrazone in die hügeligere Taiga. Es war ein weiter Weg bis zu den bewaldeten Ausläufern der Mittelgebirge.
Die erfahrenen Bullen und Kühe folgten zielsicher den uralten Mammutpfaden. Sie wußten: In den waldreichen Tälern waren sie den eisigen Winterstürmen nicht so schutzlos ausgeliefert wie in den baumlosen Ebenen der kargen Tundra mit ihrem Dauerfrostboden. Und dort gab es neben den Steppenpflanzen auch junge Laub– und Nadelbaumsprossen.
Neugierig beobachtete Manka die unbekannte Landschaft. Hier war sie ja noch nie gewesen, hatte noch keine Herbstwanderung mitgemacht. Mit ihren knapp vier Monaten kannte sie nur den Tundrasommer. Inzwischen war sie ein wenig gewachsen. Und jetzt konnte sie auch ihren kleinen Rüssel schon richtig benutzen. Schnüffelnd pendelte sie mit der Rüsselspitze über den Boden.
Zwischen niedergetretenem Gras und Gesträuch roch es fremdartig. Nicht nur Mammutherden waren hier durchgezogen. Auch Rentiere und Auerochsen, Wisente und Wildpferde, Riesenhirsche, Wollhaarnashörner und Moschusochsen wanderten auf den bequem flachgewalzten Mammutstraßen. Und ihnen folgten Höhlenlöwen, Säbelzahntiger, Wölfe und Höhlenbären auf der Suche nach Beute.
Doch es gab auch noch andere Wesen, die mit lauerndem Blick die Spuren der südwärts ziehenden Tiere beobachteten: seltsame, aufrecht gehende Wesen mit gedrungenen, fellbekleideten Körpern und spitzen Speeren in den Händen. Manka sah nur einmal flüchtig ein paar Späher von fern. Sie wußte noch nichts von der Gefährlichkeit der eiszeitlichen Jäger, von ihrer listenreichen Jagd.
Manka merkte nur, daß die Bullengruppe an der Spitze der Herde sich mit äußerster Vorsicht bewegte. Das mählich ansteigende Tal wurde an dieser Stelle ziemlich eng: an der einen Seite begrenzt von einem über Geröll plätschernden Wildbach vor unwegsamem Urwald, an der anderen Seite von einem felsigen Steilhang.
Mißtrauisch stapfte Rasu vornweg. Er kannte diesen Engpaß, war in seinem langen Leben diese Strecke schon oft gegangen. Hier war die Herde schon häufig in Gefahr geraten. Und Rasu vergaß nie etwas, das ihn einmal bedroht hatte. Er besaß ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Und er hatte aus seinen Erfahrungen gelernt.
Wie meist trug er einen stattlichen Ast in seinem Rüssel, um sich sein dichtes Zottelfell zu kratzen, wenn es ihn juckte. Und es juckte ihn ziemlich oft. Auch jetzt wieder. Gerade hatte er sich ausgiebig gekratzt, dabei aber den Weg vor sich nicht aus den Augen gelassen.
Plötzlich blieb er stehen, legte den Ast ab, trompetete lautstark und nahm den Ast wieder auf. Die riesige Herde stand wie angewurzelt, lauerte auf die von Rasu signalisierte Gefahr.
Vorsichtig begann Rasu, mit dem Ast im Rüssel auf den Boden zu stoßen. Noch klang das Klopfgeräusch wie gewohnt. Doch nicht lange. Schon nach wenigen Schritten blieb der dumpfe Ton des aufstoßenden Holzes aus. Es klang irgendwie hohl. Und der Ast stieß mit deutlich vernehmbarem Rascheln durch welkes Gestrüpp und loses Gras ins Bodenlose.
Rasu wußte genau, was das bedeutete. So tarnten die Eiszeitjäger ihre Fallgruben. Und schon manches unerfahrene Mammut war darin eingebrochen und hatte sich an den eingerammten Pfahlspitzen tödlich verletzt. Das hatte Rasu früher schon ein paarmal hilflos mit ansehen müssen. Seine Erfahrung und seine Vorsicht aber retteten ihn und seine Gefährten. Nur: Der Weg war versperrt.
Entschlossen riß Rasu mit dem Rüssel die losen Äste und Zweige von der Grube. Jetzt konnte jeder die Gefahr erkennen. Dann stapfte er gemächlich in den Wildbach und über das nasse Geröll seitlich an der Fallgrube vorbei. Und die Herde folgte ihm durch das eiskalte Bergwasser.
Als Manka an der Grube vorbeikam, streckte sie neugierig ihren kleinen Rüssel über das tiefe Loch, sah die spitzen Pfähle, schnupperte den fremden Geruch. Es roch nach Mensch. Und sie spürte eine dumpfe Angst.
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