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Lise Gast
Die schönsten Pferdegeschichten
Saga Egmont
Die schönsten Pferdegeschichten
Copyright © 1991, 2018 Lise Gast und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711509135
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
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Anja hat nur einen Wunsch
Alles wird anders
„Anja! Anja, wo steckst du?“
Das war Mutter. Immerzu rief sie, immerzu sollte man etwas, hier nur mal anfassen und dort zugreifen, den Koffer holen und das Paket aufschnüren – nicht eine Sekunde blieb einem für sich selbst. Und Anja hatte sich so gefreut, daß nun alles anders, besser, schöner würde.
Mutter hatte nun wieder geheiratet. Einen jungen, freundlichen, netten Mann – es war nichts gegen ihn zu sagen. Und als sie dann nach einem Jahr Zwillinge bekam, zwei kleine Brüder für Anja, hatte die sich auch gefreut – immer hatte sie sich Geschwister gewünscht. Und nun war die Familie auch noch umgezogen, hatte ein hübsches Reihenhaus am Rand der Stadt gemietet, sogar mit einer Art Garten drum herum, auch das hatte sich Anja gewünscht. Daß man in einem neuen Haus nicht von heute auf morgen eingerichtet sein konnte, sondern erst einmal in einem Wust von Koffern, Kartons, Taschen und aufeinandergestapelten Umzugskisten unterging, das hatte sie nicht voraussehen können; es war ja der erste Umzug, den sie erlebte. Solange sie sich zurückerinnern konnte, hatte sie mit Mutter in einer kleinen Etagenwohnung in der Stadt gewohnt. Beinahe wünschte sie sich jetzt, es wäre alles beim alten geblieben.
Nein, das doch nicht. In der alten Wohnung war es sehr eng, und auf der Straße konnte man nur auf dem Fußweg gehen und auch dort nur an der Häuserseite, so eng war alles, so nahe rauschten die Autos vorbei. Hier lief die Hauptstraße ein ganzes Stück entfernt vorüber, man hörte die Autos zwar, aber nur wie ein schwaches Zischen. Die Straße, in die sie gezogen waren, lag abseits, und wenn ein Auto kam, dann gehörte es hierher und fuhr langsam.
Vor dem Haus, das nun „ihr“ Haus sein würde, öffnete sich sogar ein kleiner Platz, auf dessen gegenüberliegender Seite sich ein niedriger Einkaufsladen befand. Und ein Stück entfernt, aber doch nahe genug, daß man sagen konnte „bei uns“, stand eine moderne Kirche, grau, mit bunten Fenstern und einem Turm, der ein Stück vom Hauptgebäude entfernt aufragte. Anja fand die Kirche von Anfang an wunderbar.
Mutter hatte aufgehört zu rufen. Na schön, da brauchte man also nicht zu antworten. Anja drückte sich am Zaun entlang davon. Bald hörten die Häuser auf, und man kam auf freies Gelände. Das war neu für sie, die mitten aus der Stadt kam, und hatte etwas Aufregendes, Erregendes an sich, so, als wäre plötzlich eine alte Haut von einem abgefallen. Ähnlich war ihr zumute gewesen, als sie zehn Jahre alt wurde, den ersten Geburtstag mit zwei Zahlen feierte. Zehn – das war mehr als ein Jahr älter, das war ein Schritt in eine neue Landschaft.
So war es auch jetzt und hier. Anja ging langsam und wie tastend um das letzte Haus herum, kroch unter einem Zaun durch, der hier eine weite freie Fläche abgrenzte, und stand auf einer Wiese. Drüben, ziemlich weit entfernt, sah man einen Bahndamm, darüber die Autostraße, dahinter, aufsteigend, den Wald. Das Ganze hell, weit – ein wenig blaß; die Sonne hatte um diese Jahreszeit keine große Kraft mehr – und fremd. Anja blieb stehen. Nein, nicht weiter, nicht ganz allein in dieser Weite sein müssen. Lieber hielt sie sich am Zaun. Bis sie etwas sah …
Auf der Wiese, nicht weit von ihr entfernt, stand etwas Großes, Dunkles, Lebendiges – Anja holte kurz Atem: ein Pferd. Ein richtiges Pferd, dunkelbraun mit einer gelblichen Mähne, die teils rechts, teils links am Hals herunterhing, in groben Wellen, die wie Bindfäden aussahen. Anja merkte nicht, wie sie sich in Bewegung gesetzt hatte und, wie magnetisch angezogen, auf das Pferd zuging, Schritt für Schritt. Jetzt wandte es den Kopf und sah zu ihr her.
„Ja, du, wie heißt du denn?“ hörte Anja sich selbst halblaut fragen. „Heißt du Fury? Nein, sicher nicht. Fury sieht anders aus, ganz anders. Darf man dich streicheln?“
Es war kein schönes Pferd, kein Bild auf Glanzpostkarte mit rassigem Kopf und wildschönen Augen. Und es stampfte nicht feurig mit den Vorderbeinen, sondern stand still und ein wenig X-beinig da, schlug ein bißchen mit dem Schweif, daß er an den Flanken entlangstrich, und war bei aller Größe und Breite ziemlich mager. Die Knochen rechts und links an der Kruppe stachen vor, man sah auch die Rippen. Und auf der Nase entlang zog sich ein heller Streifen, er ging von der Stirn bis auf die Oberlippe herunter. (Man nennt das „Laterne“, wie Anja später erfuhr.) Um die Nüstern herum hatte es einzelnstehende, ziemlich grobe Haare. Anja streckte schüchtern die Hand aus.
Zucker müßte man haben oder Brot oder eine Mohrrübe. Das Pferd sah sie so zutraulich an, so überzeugt davon, daß sie ihm etwas brachte. Ganz schnell fuhr sie mit beiden Händen in die Taschen ihrer Jeans. Vielleicht war doch … richtig, Hustenbonbons! Vater – der neue Vater – hatte ihr gestern welche gekauft.
„Süßigkeiten sind nichts Gutes, aber wenn man so schrecklichen Husten hat wie du …“ Er blinzelte sie vergnügt an, während er ihr die Tüte zusteckte. Sie hatte ein einziges Mal gehustet, und das nur, weil sie sich verschluckt hatte.
Mit ein wenig fahrigen Fingern wikkelte sie das erste Bonbon aus und steckte das Papier in die Tasche zurück.
„Komm, hier, siehst du? Magst du so was?“ schmeichelte sie und hielt es dem Pferd auf der flachen Hand entgegen. Daß man das so macht, wußte sie, sie hatte ja schon oft Pferde mit Zucker gefüttert, wenn sie mit Mutter spazierengegangen war.
Die Lippen des Tieres fuhren suchend über ihre Hand, nahmen das Bonbon, und dann knirschte es zwischen den Zähnen. Anja wickelte das nächste aus. Und dann, während das Pferd dieses zerbiß, trat sie näher heran und legte den Arm um den herniedergebogenen Pferdehals. „Bist mein Gutes, Gutes“, flüsterte sie zärtlich.
Lockere, warme, blanke Haut. Ein Geruch, mit keinem anderen zu vergleichen. Ein leises Schnauben, das „Ja!“ hieß, ganz deutlich „Ja!“. Anja lächelte zu dem Pferdekopf empor.
Später hörte sie Schritte. Jemand kam auf sie und das Pferd zu, ruhig, langsam, so, daß man nicht erschrak. Anja nahm den Arm nicht vom Hals des Pferdes, sie sah zu dem Mann auf, der herangetreten und neben ihr stehengeblieben war.
„Na, da hat ja unser Kerlchen jemanden gefunden, der mit ihm schmust“, sagte eine freundliche Stimme. Anja lächelte und drückte ihre Wange noch fester an den Pferdehals.
„Heißt er Kerlchen?“ fragte sie. Sie war überhaupt nicht schüchtern wie sonst, wenn sie mit fremden Leuten zusammenkam, sondern ganz und gar einverstanden damit, daß sie sich hier mit einem fremden Menschen unterhielt. Er sah sie aufmerksam an.
„Eigentlich heißt er Rodi. Aber ich nenne ihn immer Kerlchen, weil er so – so ein armes Kerlchen ist.“ Der Mann lächelte. Sein Gesicht wurde dadurch unwahrscheinlich freundlich, dieses altersgraue, mit tiefen Falten durchsetzte Männergesicht. Es war nicht schön, aber unbeschreiblich angenehm, es strahlte eine tiefe und überzeugende Fröhlichkeit aus – Anja hatte so etwas noch nie erlebt.
„Ja?“ fragte sie halblaut, beglückt.
„Ja. Das gefällt ihm, daß du ihn liebhast.“
Sie standen ein Weilchen, Anja streichelte das Pferd, und der alte Mann sah ihr dabei zu. Dann fragte er:
„Willst du mal rauf?“ Dabei deutete er mit dem Kinn nach dem Rücken des Pferdes.
„Oh! Wenn ich darf?“
„Natürlich darfst du. Er ist ganz brav.“ Er trat an sie heran. „So, nun pack mal die Mähne, dort, ja, siehst du, du erreichst sie gerade. Und jetzt – mach mal mit dem linken Bein so –“ Er zeigte ihr, wie sie das Bein anwinkeln sollte. Sie tat es ihm nach. Ganz sanft legte er zwei Finger der einen Hand unter ihren Spann und gab ihr einen fast unmerklichen, federleichten Druck von unten nach oben. Ohne sonstige Hilfe, sich an der Mähne haltend, glitt sie auf den Rücken des Pferdes, saß oben, das rechte Bein darübergeschwungen, als wäre sie schon hundertmal so aufgestiegen. „Hach!“ seufzte sie unwillkürlich.
„Nicht wahr?“ Er lächelte zu ihr hinauf. „Breit ist er ja, und man sitzt gut, wenn er auch mager ist. Ich kriege und kriege nichts auf seine Rippen, sosehr ich mich auch mühe. Dabei frißt er ganz ordentlich.“
Anja antwortete nicht. Eine Erinnerung, längst verweht, streifte sie – oder war es vielleicht ein Traum, den sie irgendwann einmal geträumt und dann wieder vergessen hatte, der sich jetzt meldete? Sie hatte das schon einmal erlebt, das warme Fell an der Innenseite ihrer Beine, den merkwürdig schwebenden und doch irgendwie ansaugenden Sitz.
„Schön, nicht? Und wie weit man sieht.“
„Ja. Viel weiter als von unten.“
„So, nun muß ich ihn mitnehmen, er muß heim. Es wird dunkel. Morgen kommt er wieder“, sagte der freundliche Mann und hob den Arm, um Anja herunterzuheben.
„Danke, nein, ich kann allein.“ Sie hatte das rechte Bein zurück über die Kruppe geschwungen und ließ sich an der linken Seite des Pferdes heruntergleiten. Bums, da stand sie. Er sah sie lächelnd an.
„Gut gemacht. Bis morgen also. Wie heißt du denn?“
„Anja. Und Sie?“
„Anders. Nein, so meinte ich es nicht –“ Er lachte jetzt ganz richtig. „Ich heiße ‚Anders‘. Mit dem Familiennamen. Bin Pferdepfleger im Reitverein, da drüben. Auf dem Eulengut. Kennst du es nicht?“
„Nein. Wir sind erst hierhergezogen.“
„Aha. Du bist neu. Sonst hätte ich dich ja auch schon gesehen.“ Herr Anders hatte Kerlchen an der Mähne gefaßt und ging mit ihm los, im gleichen Schritt. Anja lief nebenher.
„Gute Nacht, Kerlchen! Schlaf schön – gute Nacht, Herr Anders. Und danke fürs Aufsitzen!“
„Bitte. Bist du morgen wieder da?“
Er hätte nicht zu fragen brauchen.
„Mutter, ich hab’ ein Pferd kennengelernt, es heißt Rodi, aber es wird Kerlchen genannt. So groß – und so lieb –“ Anja erzählte und erzählte. Mutter wickelte gerade den einen der kleinen Buben in eine schimmerndweiße, weiche Windel.
„Das ist aber schön! Ein Pferd – da können die kleinen Brüder später reiten lernen –“
„Ich – ich bin schon – nein, ich hab’ nur drauf gesessen. Geritten bin ich nicht, aber drauf durfte ich …“
„Weißt du, was Anja erlebt hat? Sie erzählte es mir vorhin, strahlend und glühend vor Glück. Sie hat auf einem Pferd gesessen, hier irgendwo muß ein Reitverein sein.“ Mutter goß Tee ein und lächelte, während sie ihrem Mann die Tasse hinüberreichte. Er klopfte ihr zärtlich auf die Hand, sah sie an.
„Vielleicht findet sie dort Freundinnen. Na, jetzt hat sie ja auch Brüder. Sie schließt sich schwer an, oder?“
„Ja, das typische Einzelkind. Gewesen, gottlob!, wenn die Brüder auch sehr viel jünger sind. Aber – du, weißt du, woran ich denken mußte, als sie mir das vorhin erzählte? Ich ahne ja nicht, wie weit Erinnerungen zurückgehen können, aber … ihr Vater, Walter also, hat sie mal auf ein Pferd gesetzt, als sie ungefähr ein Jahr alt war oder etwas darüber, ich weiß es nicht genau. Er liebte ja Tiere so, am meisten Pferde. Immer sagte er, Anja würde mal eine große Reiterin. Und da hat er sie auf ein Pferd gehoben, und sie wollte absolut nicht wieder runter, klammerte sich fest und schrie: ‚Leiben! Leiben!‘ Das hieß ‚bleiben‘. Und als er sie schließlich herunternahm, hat sie bitterlich geweint. Meinst du, daß sie sich daran noch erinnert?“
„Bewußt sicher nicht. Aber vielleicht unbewußt. Es muß aber nicht sein. Das erstemal auf einem Pferd zu sitzen, das ist auf alle Fälle ein Erlebnis. Ach ja, unsere kleine große Anja – ob die Jungen später auch mal so verrückt auf Pferde sein werden? Mir wär’ es jedenfalls lieber als auf Motorräder.“ Beide lachten.
„Mir wahrhaftig auch! Nein, nur nicht Motorräder. Ach, ein Glück, daß sie noch so klein sind …“
Anja wachte auf, ehe Mutter sie weckte.
Es war noch ganz dunkel. Sie lag still und versuchte, sich an das zu erinnern, was sie geträumt hatte.
Von etwas Großem, Warmem, Lebendigem – von Kerlchen natürlich! Er stand und schnoberte an ihr herum, und sie zog eine Mohrrübe nach der anderen aus der Tasche. Anja lachte. Das mußte kein Traum bleiben. Wenn sie heute hinlief, um ihn zu treffen, würde sie bestimmt Mohrrüben mitnehmen. Erst aber kam die Schule. O weh!
Eine neue Schule, eine neue Klasse, in der sie kein Kind kannte, und alle untereinander kannten sich – das war keine schöne Aussicht. Ob Mutter sie hinbringen würde? Hoffentlich. Oder Vater?
Es wäre vielleicht besser, Vater ginge mit, da würden die anderen gleich sehen, daß sie einen Vater hatte. So lange hatte sie keinen gehabt. Es brauchte ja niemand zu wissen, daß es ihr zweiter Vater war. „Stiefvater“ wollte sie nicht denken, das war ein häßliches Wort. Und Vater war wirklich kein böser Stiefvater.
Auf einmal merkte Anja, daß sie weinte. Es weinte einfach aus ihr heraus, sie hatte gar nicht gemerkt, wann es anfing. Schleunigst kroch sie mit dem Gesicht unter das Deckbett, zog es mit beiden Händen über sich und hielt die Zipfel fest. Wenn Mutter kam und sie wecken wollte und merkte, daß sie weinte, und dann fragte …
Sie konnte ja nicht erklären, warum sie weinte, das wußte sie genau. Sie hatte Angst – vor der neuen Schule, vor der neuen Klasse, vor dem neuen Leben. Nicht aufstehen müssen, nicht in die neue Schule gehen – wenn Mutter kam, würde sie sagen, sie hätte Kopfschmerzen – oder ihr wäre schlecht – oder –
Dann aber konnte sie nachmittags nicht zu Kerlchen laufen. Er würde stehen und auf sie warten, umsonst – sicherlich würde er das. Wenn sie ihm auch nur Hustenbonbons gebracht hatte. Nein, sie mußte aufstehen, sie mußte in die Schule. Es half nichts. Zu Kerlchen wollte sie.
Sie hatte aufgehört zu weinen, zog das Deckbett vom Gesicht und guckte zum Fenster hinüber. Das war jetzt ein graues Viereck, es begann zu dämmern. Gleich würde Mutter kommen.
Aber Mutter kam nicht. Anja hörte sie hin- und hergehen, zur Küche und zurück ins Schlafzimmer, hörte sie zärtlich beruhigend reden mit den kleinen Jungen, denen sie die Flasche gab, mit Vater lachen. Warum kam sie nicht? Sicherlich war es doch höchste Zeit …
Anja gab sich einen Ruck und kroch aus dem Bett. Im Schlafanzug und barfuß tappte sie durchs Zimmer, machte die Tür einen Spaltbreit auf.
„Mutter?“
„Ja, Anja! Bist du wach? Komm schnell, du frierst doch.“
In der Küche war es warm, Mutter stellte gerade die Kaffeekanne auf den Tisch.
Vater stand am Herd und ließ ein Ei nach dem anderen ins zischende Fett gleiten. Sein Gesicht war vergnügt, er nickte Anja zu.
„Heute frühstücken wir amerikanisch, mit Speck und Eiern, magst du das?“ fragte er munter. Anja mochte es nicht, sie nickte aber trotzdem.
„Setz dich. Du kannst nachher duschen, damit wir zusammen frühstükken können. Komm, hier ist Platz für dich.“
Die Küche war schon ganz gemütlich, Vater und Mutter mußten gestern noch fleißig gewerkelt haben. Der viereckige Tisch stand vor der Eckbank, eine bunte Decke darauf – Vater nahm gerade die roten Teller vom Bord. Sogar das Tellerbord hatte er schon angeschraubt, die Küche sah wohnlich und reizend aus.
„Nicht wahr? Wir haben die schönste Küche der Welt“, sagte er und ließ, ein Spiegelei auf Anjas Teller rutschen, „dort ist Brot – was willst du trinken? Kakao? Hier ist dein Becher.“
„Muß ich nicht in die Schule?“ fragte Anja nun doch. Sie hatte es so lange bei sich behalten, wie es ging, jetzt aber meinte sie, sie verpaßte die Zeit, wenn sie noch länger schwieg. Mutter hatte sich gerade gesetzt, sie sah so jung und eifrig und rotbackig aus, ein bißchen zerrauft, aber das stand ihr gut.
„Ach, heute noch nicht“, sagte sie und goß sich Milch in den heißen Kaffee, „du fängst doch diesen Herbst mit der höheren Schule an. Da lohnt es nicht mehr, in eine andere Volksschule zu gehen. Die Arbeiten zur Aufnahmeprüfung habt ihr doch schon geschrieben.“
„Und da brauch’ ich jetzt nicht …“ Anja sah Mutter mit weit aufgerissenen Augen an.
„Nein. Nächsten Montag bringt dich Vater ins Gymnasium, dann sind dort die mündlichen Prüfungen. Nach dem, was du schriftlich geleistet hast, brauchen wir keine Angst zu haben“, sagte Mutter. „Er war bei deiner Klassenlehrerin. Es wird schon alles klappen, Anja. Nun iß – nachher läufst du mir rasch zum Einkaufen. Gegenüber, weißt du, das Geschäft am Platz. Ist das nicht praktisch für uns, es so nahe zu haben?“ Mutter plauderte weiter. Anja saß und schluckte an dem Stück Brot, das sie sich abgebröckelt hatte, schluckte und schluckte. Es wurde immer mehr im Mund.
Vielleicht bin ich wirklich krank, oder ich werde krank, ich ziehe einen Bären, wie Mutter das früher nannte, wenn ich mich schlecht fühlte. Nächste Woche in die höhere Schule, Aufnahmeprüfung, lauter neue Kinder, die einander noch nicht kannten. Das war doch dann nicht so schlimm, oder es war für alle gleich schlimm …
Sie versuchte, sich das einzureden. Sie wollte auch nicht krank werden. So verlockend die Vorstellung war, zurück ins Bett zu kriechen und die Dekke über den Kopf zu ziehen, zu sagen: „Mir ist nicht gut“ – der Gedanke an Kerlchen, der auf sie wartete, war stärker. Nein, nicht krank werden! Sie wollte Mutter gern helfen, wenn sie nachmittags wieder hinauslaufen und Kerlchen füttern konnte, vielleicht wieder aufsitzen, vielleicht ein Stück reiten …
Eins aber wußte sie genau, wenn sie es auch nicht denken mochte. Jetzt war alles, alles anders als früher. Nicht nur die Wohnung, die Wohngegend, die Schule – alles war anders, das ganze Leben. Erschreckend, beängstigend, bedrückend anders, sie kam nicht daran vorbei. Aber inmitten dieser fremden und gefährlichen Weite stand etwas Warmes, Lebendiges, Gutes, etwas, das auf sie, Anja, wartete.
Petra
Der Regen fegte schräg herab, es war abscheulich kalt. Anja hatte sich nicht die Zeit genommen, den Wintermantel herauszusuchen, sondern war in ihren Sommeranorak geschlüpft, um endlich fortzukommen. Der Anorak war dünn, vorn und an den Schultern glänzte er dunkel vor Nässe. Schnell, schnell in den Stall hinein!
Wenn nur der Reitlehrer nicht drin war! Der konnte es nicht leiden, daß man kam, ohne zur Stunde angemeldet zu sein. „Hier ist kein Spielplatz für Kleinkinder“, hatte er einmal gebrummt, als sie sich gerade mit Othello neckte. „Oder reitest du heute?“
„Nein, ich –“, hatte sie gestammelt und nicht weitergewußt. Da aber kam Herr Anders mit der Karre und gab ihr die Gabel in die Hand.
„Anja hilft, sie ist furchtbar tüchtig“, sagte er und lächelte den Reitlehrer an. Der zögerte eine Sekunde und ging dann hinaus. Anja hatte den Atem angehalten. Herr Anders lachte leise.
„Natürlich darfst du bleiben, so fleißig, wie du bist.“
Aber Respekt vor dem Reitlehrer hatte sie eben doch noch. Es wäre jedenfalls besser, wenn er nicht da wäre.
Sie luchste durch den Türspalt. Die Stallgasse war leer. Gottlob! Hineingeschlüpft, Anorak aus, über den Pfosten geworfen. Warme, ein wenig feuchte, dunstige Luft, Geruch nach Heu, Stroh, Mist – und Pferden. Wunderbarer Geruch.
„Grüß dich, Anja. Wieder mal durchgebrannt zu Hause?“
Das war Herr Anders. Er trat aus dem Stand von Faruk, die Mütze ein wenig schief auf dem Kopf, und lächelte Anja an. Sie lachte ihm zu, jetzt ganz selbstvergessen und glücklich.
„Ja, das heißt, ich darf! Mutter hat gesagt, ich kann laufen, weil ich vormittags fleißig war. Wenn ich vormittags helfe, darf ich nachmittags her, wissen Sie.“
„Dann hilf nur vormittags tüchtig. Damit ich nachmittags hier Hilfe hab’.“
Herr Anders war früher Lehrer gewesen, eine der Reitschülerinnen hatte ihr das erzählt. Lehrer an einer Sonderschule, also bei schwach begabten Kindern, jahrelang. Und dann war er pensioniert worden und als Pferdepfleger hierhergekommen.
„Prima, nicht?“ sagte Petra, die schon zwölf Jahre alt war und seit längerem hier ritt. „Ich werd’ auch Pferdepfleger, aber schon eher. Nicht erst mit sechzig.“ Petra lachte, in ihren Augen tanzten die Funken. Sie trug neuerdings ihr Haar ganz kurz, abgeschoren wie ein Schäfchen, nur vorn über der Nasenwurzel war es ein ganz klein wenig länger und stand im Wirbel empor. „Was glaubst du, wie meine Mutter geschimpft hat, als ich so nach Hause kam“, erzählte sie und kratzte dem Condor den Huf aus, „steh still, alter Zausel, ich tu’ dir schon nicht weh! Aber es war nicht mehr zu ändern, was ab ist, ist ab. Ich habe es ja nur abschneiden lassen, weil er“ – damit meinte sie den Reitlehrer – „dauernd über meine langen Haare schimpfte. Er behauptete, ich hörte nichts, wenn sie mir so über die Ohren wüchsen, und es wäre kein Wunder, wenn ich keine richtige Antwort geben könnte. Beim Reiten müßte man denken, und wenn man denken wollte, müßte man hören, was er sagte.“ Sie lachte, ihre Augen wurden zu ganz schmalen Schlitzen über den prallen, runden Wangen. Petra lachte eigentlich immer, sogar, wenn sie runterflog, noch in der Luft, so hatte es Anja erlebt.
Gerade kam sie hereingeschusselt, das Gesicht so naß vom Regen wie Anja vorhin, und vergnügt! „Bist du schon da? Na prima. Du wohnst aber auch nahe, ich muß mit dem Fahrrad herstrampeln. Wen krieg’ ich denn heute? Die Wanda? Das darf doch nicht wahr sein!“
„Doch, die Wanda“, sagte Herr Anders und hob eine Gabel voll Mist auf die Karre, „die Wanda hat ja monatelang nichts getan, die dicke Kuh.“
„Du bist keine Kuh, hör ja nicht drauf!“ Petra lachte und schob die dralle Kruppe der Haflingerstute an die Seite, um in ihren Stand hineinzukönnen. „Dick bist du, wahrhaftig, aber deshalb noch lange keine Kuh.“
Wanda und Bubi standen in einem Behelfsstand am Ende der Stallgasse, sie waren die einzigen Haflinger im Stall, alles andere Großpferde. Dadurch wirkten sie kleiner und gedrungener, als sie waren, Speckfett und stramm. Petra klatschte Wandas Hals.
„Dich soll ich in der Halle um den Hufschlag bringen? Lieber Himmel, da brauch’ ich ja Sporen. Dich vorwärts zu kriegen, dazu gehört Kraft!“
„Sag das nicht. Die Wanda ist schnell“, sagte Herr Anders und blieb am Stand stehen, „sie hat lange nichts getan, war bis jetzt Besitzerpferd, und der hatte nie Zeit. Vorige Woche hat der Reitverein sie übernommen.“
„Und ich bekomme also die ehrenvolle Aufgabe, sie zu reiten?“ sagte Petra. „Na, gute Luft. Komm her, erst wollen wir dich mal schönmachen.“
Anja stand, in einer Hand den Striegel, in der anderen die Kardätsche, und sah Petra an. Sie bewunderte die Ältere, ohne es zu wissen, hingegeben und sehnsüchtig. Petra machte sich aus nichts etwas draus, aus keinem Anpfiff des Reitlehrers und keiner Schelte zu Hause. Sie ging in jeden Stand hinein, ohne sich in acht zu nehmen, sprach das jeweilige Pferd zwar an, wie man es tun soll, aber es machte ihr überhaupt nichts aus, wenn es unruhig hin und her trat oder sie an den Rand drängte. Petra benahm sich überall, als sei sie zu Hause, beneidenswert, fand Anja. Wenn Petra in ihre Klasse ginge …
Aber die war natürlich zwei Jahre über ihr. Anja strich den Gedanken an die Schule schnell wieder aus und ging zu Kerlchen in den Stand, um ihn zu putzen. Sie putzte ihn jeden Tag, Herr Anders sagte, das täte ihm gut, auch wenn er nicht geritten würde. Gut geputzt ist halb gefüttert, eine alte Weisheit. „Jaja, du bist doch mein Bester.“ Petra schimpfte mit Wanda, Anja hörte es bis hierher.
„Steh still, alte Scharteke, oder es setzt was. Na, weißt du, der unterste ist meiner. Runter von meinem Fuß!“
Herr Anders lachte, leise amüsiert. Man hörte, wie er die Karre absetzte. „Geh rum – so ist’s schön.“
Anja reckte sich, um auf Kerlchens Rücken hinaufzureichen. Es war ein so gutes Gefühl, mit der Bürste über das blanke Fell zu fahren, mit Druck, trotzdem sanft. Nur mit dem Striegel kratzte sie nicht gern, sie hatte immer Angst, dem Pferd damit weh zu tun. An manchen Stellen aber ging es nicht ohne Striegel, vor allem, wenn Kerlchen draußen gewesen war. Die Wiese hatte lehmige Stellen, und dann klebte der Schmutz in den langen Fesselhaaren, wenn er getrocknet war, so daß man ihn kaum herausbekam.
„So schön, so brav – hoi!“ Anja tat einen kleinen Schrei, jemand hatte sie von hinten geschubst, und sie war gegen die Flanke des Pferdes gefallen. Jemand? Othello natürlich, der Zwergziegenbock. Wie in vielen Reitställen gab es auch hier einen Ziegenbock, halb als Maskottchen, halb aus dem alten Aberglauben heraus, daß Pferde nicht krank werden, solange ein Ziegenbock im Stall ist.
Wieweit das stimmte, wußte Anja nicht. Herr Anders hatte es ihr damit erklärt, daß Ziegenböcke sehr stark röchen, sehr scharf, und Ratten könnten diesen Geruch nicht leiden. Ratten übertragen oft ansteckende Krankheiten. Wo Hafer ist, stellen sich Ratten und Mäuse automatisch ein, also wäre es schlau, einen Ziegenbock zu halten und dieses Ungeziefer damit fernzuhalten. Auch Katzen gab es in fast allen Reitställen, und viele Reiter und Reiterinnen brachten ihnen regelmäßig etwas mit, Wurstreste oder auch Fisch. Anja hatte das bei einer Reiterin erlebt, die nur einmal die Woche kam, um zu reiten. Sie war nicht sehr groß, schlank wie ein Junge und von einer frischen Resolutheit, die Anja gefiel.
„Die? Die ist Ärztin“, hatte Petra berichtet, als Anja sich nach ihr erkundigte. „Soll sehr tüchtig sein, hat deshalb wenig Zeit. Cornelia nennen wir sie. Ich weiß nicht, ob das stimmt, sie sagte es so, daß man nicht wußte, ob sie Spaß macht. Und sie wäre fünfhundert Jahre alt, hat sie geantwortet, als Elke sie nach ihrem Alter fragte.“
„Geh weg, du Ekel“, sagte Anja jetzt und versuchte Othello aus dem Stand zu schieben. Sie konnte ihn gut leiden, den kleinen schwarzen Teufel mit den winzigen spitzen Hörnern. Othello ging im Stall umher, als gehörte der ihm allein, bei jedem Pferd im Stand schlief er, wie es ihm gerade paßte, stahl sich Hafer und griff alle, die er nicht leiden konnte, von Zeit zu Zeit an, wütend, die Hörner gesenkt, oft auch Männchen machend, was sehr drollig aussah. Aber mitunter tat er einem auch richtig weh, wenn er einen unvermutet schubste und man gegen etwas Härteres flog als gegen Kerlchens weiche Flanke. Ein einziges Glück, daß dieser nicht erschrocken war, als Anja gegen ihn fiel.
Aber Kerlchen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, schnoberte nur ein wenig zu ihr hin, indem er den Hals drehte, und pustete dann wieder in seine leere Krippe hinein.
„Ja, ich hab’ dir doch was mitgebracht.“ Anja grub in ihrer Hosentasche und ließ ein paar Möhrenstückchen in die Krippe fallen, die Kerlchen sogleich mit den Lippen aufnahm und zu kauen begann. Ein Glück, daß die kleinen Brüder jetzt schon Möhrenbrei bekamen. Da blieb immer etwas beim Putzen zurück, und das steckte Anja sofort ein. Sie erzählte das Petra, während sie beide um die Wette striegelten.
„Und wenn die Jungen erst Spinat bekommen …“Petra lachte. „Mein kleiner Bruder bekam immer Spinat, na, der spuckte was zusammen!“
„Du hast auch einen kleinen Bruder?“ fragte Anja. „Ich hab’ zwei. Zwillinge, noch ganz klein.“
„Meiner ist schon neun, aber gräßlich verwöhnt“, sagte Petra. Man hörte ihre Stimme dumpf von unten kommen, sie kratzte Wanda gerade den Bauch sauber. „So was von Heulemeier. Denkst du, der reitet? Der brüllt, wenn man ihn aufs Pferd setzt.“ Abgrundtiefe Verachtung klang aus ihrer Stimme. „Aber das kommt davon, wenn sich Eltern wie verrückt Söhne wünschen. Wir sind drei Schwestern, zwei sind größer als ich, die reiten schon lange. Aber der Herr Kronprinz, nicht um die Welt!“
„Vielleicht ist er mal tüchtig abgeschmiert?“ fragte jetzt eine andere Stimme dazwischen. Anja und Petra hoben die Köpfe. Ach so, Cornelia.
„Heut ist doch nicht Mittwoch“, sagte Petra verwundert. Sie hatte die Stundenpläne der Reitenden haarscharf im Kopf. Die Ältere lachte.
„Ich reite trotzdem, wenn du gestattest. Wen krieg’ ich denn?“
„Ich seh’ nach.“ Petra schoß aus dem Stand heraus und durch die Tür, hinüber zur Baracke. Dort lagen die Nummern der Pferde aus, zusammen mit den Namen der Reiter für diesen Tag.
„Den Creon“, berichtete sie, wieder hereinflitzend, und strahlte Cornelia an. „Soll ich ihn Ihnen satteln?“
„Menschenskind, Petra! Ist nett gemeint, aber seh’ ich aus wie jemand, der sich das Pferd satteln läßt?“
„O Entschuldigung, nein. Ich meinte nur –“
„Du meintest es gut. Na, Creon, wie ist das mit uns beiden? Werden wir uns vertragen?“
„Reiten Sie mit uns? Jetzt, um zwei?“ fragte Petra atemlos. Cornelia lachte.
„Wenn der Gestrenge mich in eure fortgeschrittene Abteilung hineinnimmt?“
„Och, Sie können doch viel mehr. Sie reiten doch sicherlich schon fünf Jahre!“
„Aber meist nur einmal die Woche, wenn überhaupt. Wer tut sonst noch mit? Paul und Thilo und – du auch, Anja?“ Sie fragte es freundlich und gar nicht spottend. Anja wurde feuerrot.
„Ich reite überhaupt noch nicht – ich –“
„Du hilfst nur? Siehst du, so hab’ ich auch angefangen“, sagte Cornelia freundlich und hob den Sattel vom Bock, „immer im Reitstall herumgekrochen und geputzt und ausgemistet, bis ich die Eltern soweit hatte, daß sie es erlaubten. Und den Reitlehrer, daß er mich nahm.“
„Warum wollte er denn nicht?“ fragte Petra und griff nach der Decke, die Cornelia eben entfaltet hatte und neu Zusammenlegen wollte. „Warten sie, ich helf Ihnen.“
„Weil ich kein Junge bin. Damals durften nur Jungen reiten, jedenfalls dort, wo ich anfing.“
„Gemein“, sagte Petra tief überzeugt. „Man kann doch nichts dafür, daß man kein Junge ist. Ich wäre nämlich gern einer. Ich sollte unbedingt ein Sohn werden, Peter sollte ich heißen.“
„Sei froh, daß du eine Tochter bist. Wenn Töchter brav und sanft sind und Puppenkleider nähen, sind die Eltern froh, und wenn sie lieber reiten oder herumtoben, sind sie auch froh – und stolz.“ Cornelia lachte leise, während sie die gefaltete Decke auf Creons Rücken legte.
„Puppenkleider nähen!“ murmelte Petra. „Komm, Wanda, mein Püppchen, soll ich dich auf den Arm nehmen?“
Anja hielt die Tür auf, als Petra mit Wanda und Cornelia mit Creon hinaus wollten. Es regnete im Augenblick nicht, sie kamen trocken hinunter zur Halle. Paul und Thilo waren schon drin und bewegten ihre Pferde. Sie ritten Besitzerpferde, Paul einen etwas massigen Schimmel, Wisky, und Thilo seinen Skanda. Anja lief durch die trockene Lohe und setzte sich jenseits der Bande auf die Bank. Von hier aus konnte sie die Halle gut übersehen. Gleich darauf erschien der Reitlehrer.
Er hatte schlechte Laune, wie man sogleich merkte. Nein, Anja war doch froh, daß sie noch nicht mitritt. Was würde er ihr alles an den Kopf werfen, wenn sie sich anfangs dumm anstellte, wo er schon bei Petra dauernd etwas auszusetzen fand!
Die kam mit ihrer Wanda auch wirklich nicht zurecht. Erst ließ die Stute nicht aufsitzen, trat hin und her, und Petra, schon im linken Bügel, mußte den Fuß wieder herausnehmen. Und dann, als sie sich beim zweiten Versuch rasch und geschickt hochgezogen hatte, ging Wanda los wie das Donnerwetter und ließ sich nicht aufnehmen. Der Reitlehrer tobte und brüllte etwas von Gernegroß und Pferde reiten wollen, mit denen man nicht fertig wird …
Als ob Petra sich das Pferd ausgesucht hätte! Anja fühlte eine dumpfe Wut in sich aufsteigen, wie immer, wenn sie Ungerechtigkeiten erlebte. Sie konnte es einfach nicht ertragen, wenn jemand für etwas angepfiffen wurde, wofür er nichts konnte. Vielleicht kam das daher, daß ihre Mutter immer sehr darauf bedacht gewesen war, gerecht zu sein.
Petra ließ sich nichts anmerken. Sie ritt mit zusammengebissenen Zähnen und einem verschlossenen Gesicht, sah jetzt viel älter aus, als sie war. Nachdem sie Wanda in die Abteilung hineingebracht hatte – hinter Paul, dessen Wisky ruhig und unerregt ging –, schien es besser zu werden. Wanda schnaubte zwar noch aufgeregt und versuchte sich auf das Gebiß zu legen, aber Petra war auf der Hut. Sie gab nach und nahm den Zügel wieder an, weich und fast unmerklich – Wanda versuchte es noch ein paarmal, wurde dann vernünftiger. Anja hatte beide Daumen in die Fäuste gepreßt und stand so da, an die Bande gelehnt, die Zähne in die Unterlippe gegraben.
Es wurde keine gute Stunde. Beim Angaloppieren ging Skanda seinem Reiter davon, überholte einfach die anderen und riß Creon, der bis dahin ganz gut gegangen war, mit sich. Cornelia verlor den einen Bügel und mußte schwer schaffen, um ihr Pferd durchzuparieren, ohne allzu hart zu werden. Creon ließ sich keine harte Zügelfaust gefallen, er wurde dann bockig und fing an, rückwärts zu schieben – setzte man die Gerte ein, erst recht.
„Das ist keine Abteilung, das ist ein Sauhaufen“, knirschte der Reitlehrer. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgeschoben, und Herr Anders kam, „Tür frei?“ fragend, herein, die Florett am Zügel. Manchmal unterrichtete der Reitlehrer vom Sattel aus, das schien heute geplant zu sein. Anja hatte es noch nicht erlebt.
Herr Anders führte das Pferd in die Mitte der Halle, der Reitlehrer kam herüber, prüfte den Gurt, zog ihn nach und saß dann auf. Freilich, man sah sofort, daß er ein guter, ein hervorragender Reiter war. Florett schien es auch zu merken, sie ging sanft und geschmeidig unter ihm, vom ersten Schritt an. Er ließ sie an die Spitze der Abteilung gehen, hinter ihm ritt Cornelia, dann Petra, dann die beiden Jungen. Auf einmal war Ordnung in der Abteilung. Petra grinste verstohlen, als sie an Anja vorbeiritt. Anja verstand: Wenn er die Abteilung führte, konnte er nicht alles sehen. Insofern war das günstig.
Ach ja, reiten müßte man können! Nicht nur drauf sitzen, nicht nur das Pferd rundum mitlaufen lassen – Anja fühlte genau den Unterschied, wenn sie so die Reitenden miteinander verglich. Auch Cornelia, die einen sehr guten Sitz hatte, war mit dem Reitlehrer nicht zu vergleichen. Petra hielt sich wacker auf ihrer widerspenstigen Wanda, mehr aber brachte sie nicht zustande. Als das Schlußkommando kam: „Rechts dreht, links marschiert auf!“, waren alle außer dem Lehrer verschwitzt und atemlos, Anja merkte es genau. Sie sprang in die Halle hinunter und streichelte erst Wisky, dann die anderen – nach der Stunde durfte man das. Cornelia schob die Reitkappe aus der Stirn und blies die Backen auf.
„Puh! Na, ein Vergnügen war das nicht!“
Beim Hinausführen der Pferde passierte es dann. Petra, jetzt wohl nicht mehr so achtsam wie die ganze Stunde lang, führte ihre Wanda durch die Tür, als ein Hund heransprang; er gehörte wohl einem Reitschüler, der eben erst gekommen war und aus dem Auto stieg. Der Hund, ein ziemlich großer schwarzer, zottiger Kerl, sprang ohne böse Absicht heran, jappend, nicht einmal richtig bellend, aber Wanda erschrak anscheinend sehr. Sie riß den Kopf hoch, Petras Arm mit, duckte sich dann und fegte davon, am Misthaufen entlang zur Außenbahn, die jetzt nicht benutzt wurde und zur Hälfte unter Wasser stand. Petra, im Augenblick nicht darauf gefaßt, ließ den Zügel nicht los, wurde mitgerissen und versuchte, Wandas Tempo zu halten. Das gelang ihr anfangs auch. Man merkte, daß sie eine gute Läuferin war, vor allem eine, die sich auf Blitzstarts verstand. Alle, die es sahen, verfolgten die beiden mit weit aufgerissenen Augen – erst sah es bedrohlich aus, dann so, als würde es doch glimpflich ablaufen, eben, weil Petra so gut zu Fuße war, dann aber konnte man genau sehen, daß es auf die Dauer nicht gutgehen konnte. Das durch Wochen ausgeruhte, wenn auch gedrungene Pferd war eben erheblich schneller als seine Reiterin, und nun schlug Wanda auch noch einen unvermuteten Bogen, und Petra stürzte, noch immer den Zügel haltend. Sie landete mit ausgestrecktem Arm auf dem Bauch, wurde noch ein Stück mitgerissen, dann gab sie den Zügel frei.
„Liegen lassen!“ rief Cornelia mit klarer, befehlender Stimme, als sie sah, daß der Hundebesitzer hinüberrannte und sich über Petra beugte. Anja fühlte den Zügel von Creon in der Hand – hatte Cornelia ihn ihr gegeben‚ oder hatte sie selbst zugegriffen? Sie wußte es später nicht mehr – Cornelia spurtete den Hang hinunter.
Petra rührte sich soeben, versuchte sich aufzurichten und fiel ächzend zurück. Jetzt war auch der Reitlehrer da.
„Nichts passiert. Nichts Schlimmes“, hörte man Cornelias Stimme. „Aber bleib liegen, Petra, rühr dich nicht, Warte ab.“
„Die Wanda! Daß sie nicht auf die Straße läuft!“ rief Petra halblaut. Cornelia machte eine beruhigende Handbewegung.
„Keine Angst, wir sind genug Leute, um sie einzufangen. Bleib liegen.“ Sie rannte über den Reitplatz, das Wasser spritzte hoch. Wanda hatte an der schmalen Seite des Platzes gebremst, schien zu überlegen, ob sie weiterlaufen sollte, wandte sich dann um. Cornelia fiel sofort in Schritt, grub in der Hosentasche und ging dann mit ausgestreckter Hand auf die Stute zu. „Ruhig, ruhig – ja, du bist doch die Beste! Komm, hier …“
Wanda legte die Ohren zurück, während sie den Hals streckte – sie sah wahrhaftig nicht wie „die Beste“ aus, sondern ausgesprochen tückisch und boshaft. Jetzt zog sie auch noch die Oberlippe zurück und bleckte die braungefleckten Zähne.
„Olga, das Mistvieh, wie es leibt und lebt“ ‚murmelte Cornelia den Titel eines Buches mit Pferdeanekdoten vor sich hin, auf dessen Umschlag ein solches Tier abgebildet war, schob sich aber vorsichtig näher. „Komm, komm, meine Gute, ich hab’ was für dich.“
Nein, Wanda widerstand der Versuchung nicht. Sie machte sich lang und länger, um den Zucker zu erreichen – und als sie ihn hatte, hatte auch Cornelia ihr Backenstück erwischt. Ganz langsam und behutsam schloß sie die Finger darum, damit Wanda ja keinen Ruck spürte, und führte sie dann, freundlich mit ihr sprechend, zurück zu den anderen.
„So, da hätten wir dich also. Ja, Thilo, kannst du sie nehmen? Ich will mich mal um Petra kümmern.“
Es war dann ein Schlüsselbeinbruch, „die übliche Reiterfraktur“. Cornelia sagte das so und klopfte Petra freundlich auf die Wange. „Ist nicht die erste, nein? Na, siehst du. Und wird nicht die letzte sein. Eigentlich holt man sich solch einen Bruch meistens, wenn man im Hechtsprung vom Pferd schießt, nicht beim Nebenherhoppeln. Egal, ehrenvoll ist es doch, oder nicht? Wenn du jetzt nicht in die Schule kannst, klingt das gut: ein Reitunfall. Alle werden dich beneiden. Ein Glück, daß es rechts ist.“
„Na, wahrhaftig.“ Petra saß auf dem Tisch in der Baracke, sie hatten ihr Pullover und Bluse vorsichtig ausgezogen, und Cornelia war dabei, ihr eine elastische Binde umzuwickeln. An der heilen Schulter fing sie an, führte die Binde über den Rücken zur rechten, schlang sie dort herum und wieder kreuzweise zur anderen. „Merkst du, daß es stützt? Ist wahrscheinlich nur angebrochen.“ Sie tastete noch einmal mit den Fingerspitzen vorn, dort, wo das Schlüsselbein die Verbindung zwischen Brustbein und Schulter bildet. „Na, vielleicht doch ganz durch, man merkt hier eine Stufe. Die kann aber auch vom vorigen Mal sein. Wann war denn das? Und auch rechts?“
„Vor zwei Jahren. Auch rechts.“ Petra nickte mit zusammengepreßten Zähnen. Cornelia lachte.
„Und wie oft hat Helga Köhler das Schlüsselbein gebrochen? Weißt du das?“
„Neunzehnmal“, brummte Thilos Baß von hinten. „Du hast also noch siebzehnmal vor dir, Petruschka.“
„Danke schön – ihr habt gut lachen!“ Petra versuchte es auch. Aber es wurde mehr ein Grinsen, das nicht sehr fröhlich aussah.
Cornelia blickte sie unauffällig prüfend an.
„Wird dir schlecht?“ fragte sie leise.
„Ist schon“, meldete Petra und verzog das Gesicht. Paul sprang mit einem Eimer zu. Petra würgte.
„Aha. Also auch eine Gehirnerschütterung“, stellte Cornelia fest. „Am besten, ich bring’ dich selbst nach Hause. Wirst du Krach kriegen? Reitverbot für zehn Jahre? Oder ‚du Armes!‘ und Küßchen und derartige Köstlichkeiten, die man so gern hat?“
„Keins von beiden. Meine Eltern sind Kummer gewöhnt. Die beiden Schwestern von mir haben – pfui Teufel!“ Sie würgte wieder. Cornelia hielt ihr die Stirn.
„Jaja. ‚Das Pferd ist ein gefährliches Tier, das dem Reiter nach dem Leben trachtet‘ – so steht es in vielen Reithallen angeschrieben. Geht‘s wieder? Dann komm, ich bring dich heim. Wenn jemand meinen Creon absattelt –“
„Der wird weiter geritten, von drei bis vier“, sagte Thilo und hielt ihr die Tür auf. Sie hatte Petra auf den Arm gehoben, geschickt und geübt, und trug sie zum Auto. „Bis bald, Struwwelpeter!“ rief Thilo Petra noch nach. „Komm ja bald wieder! Wir weinen uns die Augen nach dir aus!“
Petra war schon wieder soweit getröstet, daß sie ihm die Zunge herausstrecken konnte.
Solche Tage gibt es
„Wie weit bist du mit den Schularbeiten, Anja?“
„Hab’ keine auf.“
„Keine auf? Auch kein Latein?“ Mutter wunderte sich. Anja hatte die ganzen Wochen lang, die sie nun schon in die neue Schule ging, täglich gestöhnt, sie bekämen so viel auf. Mutter hatte nie Latein gelernt, sie hielt das für geistiges Steineklopfen, und ihre kleine Tochter tat ihr leid. Um so erstaunter war sie heute sowohl über das „Hab’ keine auf“ wie über den Ton, in dem Anja es gerufen hatte. Es klang gar nicht fröhlich und erleichtert, im Gegenteil. „Da stimmt doch was nicht“, dachte Mutter und ging nun doch in Anjas Zimmer. Bisher hatte sie von der Küche aus gerufen. Anja war in Mantel und Mütze.
„Wolltest du Weggehen?“
„Ja.“
„Und weshalb hast du nichts auf?“
„Ach, ich hatte schon. Ich hab’ es in der Schule gemacht. Wir hatten eine Hohlstunde.“
„Eine Hohlstunde? Aha, eine ohne Unterricht, oder? Du, Anja, wenn du nichts aufhast und sowieso raus wolltest – es ist ja so schön heute, der reinste Frühling –, da könntest du doch die Jungen mitnehmen. Im neuen Wagen. Eine Stunde oder zwei. Ich hab’ so viel zu tun.“
Am kommenden Sonntag sollte getauft werden, in der schönen neuen Kirche. Vier Paten waren eingeladen worden und wollten auch kommen, für jeden Jungen zwei. Anja konnte es schon nicht mehr hören.
Geschwister hatte sie sich wohl gewünscht, als sie noch mit Mutter allein war, aber welche zum Spielen und Rumspringen, gleichaltrige, mit denen man radeln und Verstecken spielen und sonstwas unternehmen konnte. Aber keine, die man „behalten“ mußte, stundenlang.
„Ich – ich wollte –“
„Was wolltest du denn?“ Mutters Stimme klang ungeduldig. In letzter Zeit war das oft so. „Immer“, dachte Anja rebellisch. „Immer ist Mutter jetzt ungeduldig, immer hat sie keine Zeit, immer ist wichtiger, was sie will, als das, was ich möchte.“ Sie kam sich schlecht behandelt vor.
„In den Reitverein“, sagte sie patzig. „Du hast doch gesagt, wenn ich mit den Schularbeiten fertig bin, kann ich gehen.“
„Aber du warst doch gestern erst dort, und vorgestern – überhaupt die ganze Woche. Sag, hast du die Klapper gesehen, die Volker so gern hat? Die mit dem weißen Griff? Wenn er die in der Hand hat, ist er zufrieden. Ach, dort liegt sie. Gib sie doch mal rüber! Und mach mir die Tür auf …“
Anja gehorchte stumm. Mutter hatte die beiden kleinen Jungen fertig angezogen und in den neuen Wagen gelegt. Es war kein wirklich neuer, sondern ein gebraucht gekaufter, breiter als ein gewöhnlicher Kinderwagen, man sah sofort, daß es ein Zwillingswagen war.
Anja fand das gräßlich. Jeder, dem man auf der Straße begegnete, machte den Hals lang und guckte hinein. Kinderwagenschieben war überhaupt nur für Mütter schön, und nun gar einen so auffallenden …
Sie sagte das nicht. Schweigend half sie Mutter, den Wagen vom Flur über die kleine Treppe hinunterzutragen, und öffnete das Gartenpförtchen.
„Ja, jetzt habt ihr es schön! Anja führt euch! Daß wir noch solche Tage bekommen, ehe es richtig kalt wird schwatzte Mutter und zupfte den beiden die Kapuzen zurecht. „Ja, da lachst du, kleiner Mann, nicht wahr? Das gefällt dir.“
„Wie lange muß ich denn …“, fragte Anja maulig. Mutter sah auf ihre Armbanduhr.
„Um fünf wird es dunkel. Sagen wir bis fünf. Ich hab’ soviel zu tun, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Aber jetzt los.“
Sie winkte den beiden Kleinen zu, lachend und zärtlich, ehe sie ins Haus zurückhuschte.
Anja war die Petersilie verhagelt. Bis fünf – das kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Der ganze Nachmittag war hin – sie schluckte, einmal, noch mal, ein drittes Mal. Der Klumpen, der ihr im Hals saß, ging nicht hinunter.
Immerzu die beiden Kleinen. Immerzu: „Komm, faß mal an, halt mal, hilf mal.“ Erst hatte sie es auf den Umzug geschoben. Daß beim Umzug mehr zu tun war als gewöhnlich, das war ihr klar. Aber jetzt war der Umzug doch vorbei. Dafür kam jetzt die Taufe und der viele Besuch, und dann kam vermutlich wieder etwas, und –
Nun würde Kerlchen umsonst warten. Herr Anders hatte ihn bestimmt auf die Weide gebracht, wenn es dort auch nicht mehr viel zu knabbern gab. Aber er bekam Luft und Sonne, der arme alte Kerl, und nun stand er und wartete, und sie kam nicht. Mißmutig schob sie den Kinderwagen den Fußweg entlang.
An der Ecke der Straße stand ein Telefonhäuschen. Es war neu, leuchtend gelb – Anja sah es an, gleich darauf fuhr sie mit der Hand in die Tasche. Der Geldbeutel – nein, sie hatte ihn nicht mit. Nur Möhrenstückchen und Zucker waren in der Tasche, die brauchte sie nun nicht, und sie halfen ihr nicht. So was Dummes! Da hätte sie doch wenigstens Petra anrufen können.
Petra lag tagsüber, das wußte Anja, daheim im Wohnzimmer auf der Couch, direkt neben dem Telefon. Cornelia hatte ihr das erzählt, am Tag nach dem Unfall.
„Man kann sie also jederzeit anrufen, ist das nicht prima? Eine Gehirnerschütterung ausliegen, das dauert mindestens zehn Tage. Und da langweilt man sich schrecklich, weil man ja nicht fühlt, daß man krank ist. Ruf sie doch mal an, sie freut sich bestimmt.“
Und nun hatte sie kein Geld dabei! Heute ging auch alles schief.
Das mit den fertigen Schularbeiten stimmte nämlich auch nicht, jedenfalls nicht so ganz. Sie hatte in der Freistunde in der Schule zwar etwas getan – die Vokabeln, die sie lernen sollten, herausgeschrieben, aber richtig gelernt hatte sie sie noch nicht. Zum richtigen Lernen kam man in der Hohlstunde nicht, die Jungen nutzten die Zeit immer aus, um Unfug zu treiben – in ihrer Klasse des Gymnasiums waren mehr Jungen als Mädchen, und die paar Mädchen – drei außer ihr – mochte sie nicht sehr. Keine von ihnen hatte Interesse an Pferden …
Wenn sie doch in Petras Klasse wäre! Aber Petra war zwei Jahre über ihr, und selbst, wenn sie sitzenblieb – sie sagte manchmal, dieses Jahr würde es sie erwischen, ihre Schwestern wären auch mal sitzengeblieben, na was denn! –, selbst dann wäre noch ein Jahrgang zwischen ihnen. Anja hatte das Gefühl, als gäbe es überhaupt keinen Lichtpunkt mehr für sie, auf den sie zuleben, nichts, auf das sie sich freuen könnte. Trübe sah es aus.
„Na, du machst ja ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter“, hörte sie plötzlich jemanden sagen, und gleich darauf strahlte ihr Gesicht auf: Cornelia. Sie kam den Fußweg entlang, in Cordhosen und Gummireitstiefeln, die Schultertasche links, in der rechten Hand eine Tüte vom Supermarkt. Ihr Wagen parkte am Gehsteig gegenüber, ein alter roter, nicht sehr eleganter VW. Aber er paßte so richtig zu Cornelia.
„Ach. Weil ich –“ Sie wies mit dem Kinn auf ihre Kinderwagenfracht. „Immer muß ich die kleinen Brüder ausfahren, das ist so langweilig.
„Immer? Ach, so oft doch vielleicht nicht. Gestern warst du doch den ganzen Nachmittag im Reitverein.“ Cornelias Stimme klang munter, und sie hatte solch einen flotten, vergnügten Schritt – Anja schloß sich unwillkürlich ihrem Tempo an.
„Sind Sie heute geritten?“ fragte sie. Cornelia nickte.
„Ausnahmsweise. Was glaubst du, wie schwierig es ist, daß ich mal zwei Tage hintereinander kann. Eigentlich langt es nicht auf einmal. Wie geht‘s Petra? Hast du sie angerufen?“
„Nein, ich wollte. Aber ich hab’ mein. Geld zu Hause liegengelassen.“ Anja schwieg und gab sich dann einen Stoß. „Könnten Sie mir bitte drei Zehner borgen? Dann würde ich –“
Cornelia lachte. Sie blieb stehen, setzte die Tüte ab – ein paar Apfelsinen rollten heraus, Anja sprang hinterher und fing sie ein – und riß die Schultertasche auf.
„Da. Nicht geborgt, geschenkt. Ruf sie an und grüß von mir. Ich käme mal vorbei. Ich hab’ sowieso ein miserables Gewissen, daß ich noch nicht wieder dort war. Unser Peterlein, mußte ihr das passieren! Sie wollte so gern das Nikolausreiten mitmachen!“
„Danke!“ Anja nahm die zwei Groschen und schloß die Faust drum. „Vielen Dank. Ich grüß’ sie. Und Sie meinen, sie kann das nun nicht? Es ist doch aber noch lange bis zum Nikolaus!“
„Ja, aber vorher muß trainiert werden. Ein paar Wochen schon. Sie sollte das erstemal mitreiten.“ Cornelia wartete am Bordstein, bis die Straße frei war. „Ich muß fort, tschüs, wie gut, daß ich dich getroffen hab’!“
Sie lief rüber. Anja sah ihr nach.
Wie Cornelia müßte man einmal werden, so munter, so lebendig, so ansteckend fröhlich. Anja guckte ihr nach, winkte, als der rote VW losbrummte, und drehte dann eilig und eifrig um. Hoffentlich war niemand in der neuen Telefonzelle, so daß sie gleich hineinkonnte. Die kleinen Jungen lagen ja gottlob noch in ihrem Wagen, rausfallen würden sie bestimmt nicht. Anja langte am Telefonhäuschen an – es war leer – und schlüpfte hinein, nachdem sie die Bremse des Kinderwagens angezogen hatte. Durch das Ribbelglas hindurch konnte sie den Kinderwagen sehen, während sie wählte. Die Nummer wußte sie auswendig.
Sie bekam Petra sofort.
„Hier Petra Hartwig, guten Tag.“
„Hier ist Anja.
„Ach du, altes Monstrum! Wunderbar! Ich langweile mich zu Tode. Warst du im Reitverein? Was macht Wanda? Hat sie schon wieder jemanden ins Krankenhaus gebracht? Keinen? Wie schade. Und wie geht’s Othello? Cornelia hast du getroffen? Na, weißt du, du hast’s gut! Du kannst rumsausen, und ich muß hier auf dem Schmerzenslager ausharren.“ Sie lachte, man hörte es deutlich. Anja mußte auch lachen.
„Rumsausen. Hast du eine Ahnung. Meine Brüder muß ich ausfahren!“
„Das hab’ ich nicht gemußt. Meiner ist ja nur drei Jahre jünger als ich. Ein Ekel, immerzu kommt er mich ärgern. Sei froh, daß deine noch so klein sind.“
Wie eine Mühle ging ihr Mundwerk, wie eine Plappermühle. Anja wurde richtig vergnügt, ohne es zu merken.
„Natürlich bin ich bald wieder auf. Die zehn Tage – außerdem brauch’ ich keine Schularbeiten zu machen, und wenn ich jetzt klebenbleib’, schieb’ ich es darauf. Wunderbar, nicht? Ich wäre wahrscheinlich sowieso fällig gewesen. Dauernd schreiben sie jetzt Arbeiten …
Wann besuchst du mich? Morgen? Du weißt nicht, ob du wegkommst? Na hör mal, eine schwerkranke Freundin besuchen, die im Bett liegt, das muß man doch dürfen. Also du kommst, ich sag’ meiner Mutter Bescheid. Sie soll Obstsalat machen, magst du doch, oder? Na, ich auch.
Weißt du, du solltest in den Reitverein. Nein, nicht nur so, daß du kommst und hilfst, sondern richtig. Als Mitglied. Dann mußt du einfach von zu Hause wegkönnen, verstehst du.“ Anja war ganz atemlos, als sie endlich eingehängt hatte, weil draußen schon Leute klopften. Zwei Frauen standen vor dem Häuschen und sahen sie vorwurfsvoll an. So lange zu quatschen, unerhört!
Sie konnte doch nicht sagen, daß sie mit einer Kranken telefoniert hatte. Schnell faßte sie den Griff des Kinderwagens, wollte losschieben, hatte vergessen, die Bremse aufzumachen, und mühte sich vergeblich. Als sie dann endlich fort war, merkte sie, daß Volker seine Klapper nicht mehr in der Hand hielt. Sie fuhr zurück und hielt wieder an der Telefonzelle.
„Nein, noch mal gehst du nicht rein, jetzt komm’ ich erst dran“, sagte die Frau giftig, die vorhin die andere hatte vorlassen müssen.
„Ich will ja gar nicht“, sagte Anja und hob die Klapper auf, „nein, die darfst du jetzt nicht haben, du steckst sie in den Mund, und sie hat gerade hier auf der Straße gelegen.“ Sie wendete den Wagen und schob ihn im Eiltempo Richtung Heimat. Sie mußte die Klapper abwaschen.
„Ja, Anja, bist du schon wieder da? Aber es ist doch noch gar nicht fünf, nicht mal vier! Nein, das gibt es nicht, mir die Jungen schon wiederzubringen.“ Mutter sah sehr ärgerlich aus, als sie die Tür geöffnet hatte. „Nun sei vernünftig, und bleib noch draußen.“
„Ich will ja nur …“
„Nein, Schluß, keine Debatte.“ Mutter schlug die Tür nachdrücklich zu. „Ein einziges Mal …“ Anja stand einen Augenblick still, dann schmiß sie die Klapper wütend auf die Erde, ließ sie liegen und ging wieder los. Gut, dann mußte Volker eben ohne Klapper glücklich sein, und wenn er aus vollem Halse schrie. Mutter wollte es ja nicht anders …
„Na, was hat denn unser Goldtöchterchen? Läuschen übers Leberchen gelaufen?“ fragte Vater am Abendbrottisch. Anja hatte noch keinen Bissen gegessen; bei allem, was Mutter ihr zuschob, schüttelte sie stumm den Kopf.
„Keinen Hunger? Na, dann laß. Die meisten Menschen essen zuviel, zum Beispiel ich“ ‚sagte Vater friedlich und nahm sich ein Brot. „Aber du willst doch groß und stark werden. Ist dir nicht gut?“
„Ich hab’ noch Schularbeiten“, sagte Anja bockig. „Darf ich aufstehen? Ich hab’ den ganzen Nachmittag die Kleinen fahren müssen, da bin ich zu nichts gekommen.“
„Aber, Anja, du hast mir doch gesagt, du hättest alles in der Schule gemacht?“ sagte Mutter und sah sie verblüfft an. „Bestimmt hast du das gesagt. Ihr hättet eine Hohlstunde gehabt.“ Mutter erinnerte sich genau. Sie hatte den Ausdruck „Hohlstunde“ das erstemal gehört.
„Ja, schon. Aber nicht alles. Die Jungen aus meiner Klasse machen immer solchen Klamauk, weil kein Lehrer zur Aufsicht da ist. Da kann man nicht richtig lernen.“
Schweigen. Vater sah unauffällig von einer seiner zwei Frauen, der großen und der kleinen, zur anderen.
„Na, dann lauf. Wenn du nichts essen willst – komm, nimm dir wenigstens noch einen Apfel mit“, sagte er dann freundlich. Anja schnupfte und schüttelte den Kopf.
Später kam Vater in ihr Zimmer. Sie saß am Tisch, hatte die Bücher vor sich ausgebreitet, Arme und Kopf darauf gelegt und heulte. Er setzte sich sachte neben sie.
„Anja. Was gibt‘s denn? Wo steckt der Kummer?“
„Ich – ich will in den Reitverein“, stieß Anja hervor. Es klang ausgesprochen ungezogen, sie merkte es selbst. Aber manchmal kann man nicht anders … Sie war so wütend, sie kam sich schlecht und ungerecht behandelt vor und tat sich schrecklich leid. „Alle dürfen, und Petra sagt es auch, und –“ Sie glaubte jetzt selbst, was sie sagte. Vater antwortete nicht, er sah nachdenklich vor sich hin.
„In den Reitverein? Richtig als Mitglied? Wird man denn da mit zehn Jahren schon genommen?“
„Klar. Mit neun schon. Petras kleiner Bruder ist neun.“
„Und der ist schon Mitglied? Und was kostet es? Weißt du das?“
„Nein, aber für Kinder – für Kinder ist es sicherlich billiger –“ Anja hatte sich darüber auch schon Gedanken gemacht. „Petra hat erzählt, daß er – er hat bloß entsetzliche Angst zu reiten, so was! Und heult, wenn man ihn drauf setzt. Und ich darf nicht – und immer muß ich die Jungen ausfahren –, und – und wenn man nicht zeitig anfängt, lernt man es nie, sagt Cornelia.“
„Wer ist denn Cornelia?“
„Eine Ärztin. Die reitet auch. Und sie hat gesagt –“
„Was hat sie denn gesagt?“
„Daß sie viel zu spät angefangen hat. Mit über zwanzig erst, ganz alt. Und jetzt hat sie zuwenig Zeit, und – und Mutter erlaubt ja nicht mal, daß ich zum Zugucken hingeh’ –“ Sie weinte jetzt richtig. Vater schüttelte den Kopf.
Abends sprach er mit Mutter. Mutter war empört, als sie hörte, was Anja gesagt hatte.
„Es war das erstemal seit Wochen, daß ich sie gebeten hab’, mir die Jungen für eine Weile abzunehmen. Nein, wenn sie so anfängt, kommt sie nicht in den Reitverein. Sie steckt sowieso dauernd dort.“ Sie sagte noch mehr. Vater hörte schweigend zu.
„Ach ja, es ist nicht so einfach, für beide nicht“, dachte er. „Für Mutter nicht, auf einmal drei Kinder und einen Mann zu haben, und für Anja nicht, nicht mehr die einzige zu sein. Vielleicht wäre es doch gut, sie ginge in den Reitverein, dort hat sie, scheint’s, Leute gefunden, an die sie sich anschließt.“
Aber wenn sie sich so benahm, wie Mutter es geschildert hatte, konnte man sie nicht zur Belohnung in den Reitverein schicken. Das ging nicht, Vater sah das ein. Er seufzte.
Ein lustiger Krankenbesuch
Anja sprang vom Fahrrad und schob es den Fußweg hinauf; jetzt müßte eigentlich die Hausnummer kommen, die sie im Telefonbuch herausgesucht hatte. Eine lange weiße Mauer, dahinter Bäume, wie man sah, jetzt eine Haustür mit einer schmiedeeisernen Zahl darüber: 68. Und da stand auch der Name, ebenfalls in Schmiedeeisen: Hartwig. Sie war also an der richtigen Stelle.
Sie lehnte das Fahrrad an die Mauer und ging zur Tür. Jetzt müßte sie läuten – sie hob die Hand und ließ sie gleich darauf wieder sinken. Immer war das so bei ihr – wenn sie in ein Haus gehen sollte, in dem sie noch nie gewesen war, verließ sie plötzlich der Mut. Sie mußte sich ganz schrecklich überwinden, um hineinzugehen. Wenn Mutter sie schickte, gab sie sich früher oder später einen Stoß und läutete Sozusagen mit geschlossenen Augen, da mußte man eben. Wenn sie aber freiwillig irgendwohin ging, das erstemal …
Petra würde ihr bestimmt nicht aufmachen. Die lag im Bett, und das war der Grund, sie zu besuchen. Wer aber würde ihr öffnen? Petras Mutter? Woran sollte sie erkennen, ob sie das war? Oder eine von Petras Schwestern? Oder …?
Nein, sie drehte lieber wieder um. Irgendwo hier war vielleicht eine Telefonzelle, und da konnte sie anrufen und so tun, als wollte sie sich nur nach Petras Befinden erkundigen, und wenn diese dann sagte: „Kommst du nicht mal?“ Dann konnte sie antworten: „Ja, warum nicht, aber bei euch ist ja zu“, oder so ähnlich.
Sie nahm das Fahrrad wieder auf und schob es an den Rand der Straße. In diesem Augenblick bremste ein Wagen hinter ihr, und unwillkürlich drehte sie sich um. Gleich darauf waren alle ihre Sorgen vergessen.
Diesen VW kannte sie doch!
„Na, Anja, warst du bei Petra? Das ist recht, daß du dich um deine Freundin kümmerst!“ sagte Cornelia freundlich und klappte die Autotür zu. Sie trug einen weißen Mantel, aus dem am Halsausschnitt weißes, wolliges Fell hervorkam, darunter flaschengrüne Hosen, und sah darin bezaubernd aus. Anja fühlte, wie sich ihr Herz dehnte.
„Ich war noch nicht drin. Ich wollte eben wieder ausreißen“, sagte sie wie im Traum, sah Cornelia an und lachte. Immer, wenn sie mit dieser jungen Ärztin zusammen war, hatte sie das Gefühl, als müßte alles gutgehen. Alles, alles. Als könnte sie dann alles sagen, was sie bedrückte, und brauchte sich nie zu genieren, wenn sie sich dumm und falsch benahm. O Cornelia!
„Ausreißen wolltest du? So was gibt’s ja nicht“, sagte Cornelia munter und nahm ihre Hand. „Komm, wir wagen es zu zweit. Hast du geläutet?“
„Eben nicht.“ Anja lachte, Cornelia führte ihre Hand nach oben und drückte mit Anjas Zeigefinger auf den Knopf unter dem schmiedeeisernen Namen.
„Siehst du, so macht man das. Und das nächstemal kannst du es allein. Und wenn jetzt jemand kommt, da sagt man – na, wie sagt man?“
„Guten Tag, ich bin Anja und möchte Petra besuchen“, sagte Anja, und es ging ganz leicht und glatt.
„Genau. Achtung, jetzt geht’s los!“
Wirklich ging die Tür auf, und ein freundliches Mädchen sah heraus. Anja sagte ihren Spruch auf, während sie ihre Hand noch in Cornelias liegen hatte. Dann durften sie beide eintreten, und gleich darauf standen sie vor Petras Couch in einem weiten, hellen, wunderschönen Raum, dessen Wände mit Holz verkleidet waren, was das Zimmer so herrlich gemütlich machte. Anja sah sich um, unauffällig, aber genau. Die Decke war nicht glatt wie bei anderen Zimmern, sondern sie bildete einen sicherlich acht Meter hohen Giebel, der in der Mitte einen dunklen Balken hatte; ringsum an den Wänden standen Bücherregale, die so hoch hinaufreichten, daß man mit einer Leiter hinaufklettern mußte, wenn man etwas aus den obersten Reihen herausholen wollte. Die Leiter stand auch da, im selben hellen Holz. Allein die Leiter überwältigte Anja. Ja, hier gefiel es ihr. Hier würde sie auch gern im Bett liegen wollen, das Telefon neben sich, Bücher ringsum, den Fernseher in greifbarer Nähe – Anjas Eltern hatten kein Fernsehen –, und den Meisen zusehen, die sich vor dem Fenster tummelten, an aufgehängten Futterbällen pickten und in das große, flache, strohgedeckte Futterhäuschen hüpften, wieder herauskamen, wieder wegflogen und im Sturzflug zurückkamen.
„Na, du sagst ja gar nichts, Anja. Du guckst dich nur um, und das lohnt sich hier auch. Habt ihr es aber gemütlich! Weißt du, Petra, daß Anja gerade ausreißen wollte, als ich kam? Sie hatte wahrscheinlich Angst, daß ein Gespenst aus der Haustür kommen und auf sie losgehen könnte, wenn sie klingelte“, erzählte Cornelia und legte drei Apfelsinen vor Petra hin. „Ich kam gerade im letzten Augenblick, um diese Flucht zu vereiteln.“
„Das war lieb von Ihnen!“ Petra strahlte. Sie sah überhaupt nicht krank aus, war es ja auch nicht im eigentlichen Sinne. Gleich darauf ging die Tür, und Petras Mutter kam herein. Sie begrüßte Cornelia und Anja und setzte sich zu ihnen, fragte, ob Cornelia Kaffee haben wollte, und gab dann durchs Haustelefon Bescheid. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und sah gepflegt und vornehm aus. Anja war goldfroh, daß Cornelia mit war und die Unterhaltung führte.
„Ach, die Gehirnerschütterung!“ sagte Frau Hartwig und sah erst Petra und dann Cornelia an. „Sie sind Ärztin und waren dabei, habe ich gehört. Also wird es wohl alles mit rechten Dingen zugehen. Ja, ja, ich bin etwas mißtrauisch. Wissen Sie, was mir mal passiert ist? Mit meinen beiden größeren Töchtern, die auch reiten?“
„Nein. Erzählen Sie!“ bat Cornelia.
„Ja, also, die waren in den Osterferien bei Bekannten eingeladen, wo sie reiten durften – woandershin fahren meine Töchter überhaupt nicht, alle drei reiten ja – na, ich auch, ich kann eigentlich nichts dazu sagen. Nun also, am letzten Ferientag machten sie mit meiner Freundin, die sie eingeladen hatte, und deren Kindern noch einen größeren Ritt, und eine von meinen, die mittlere, schmierte ab. Nicht schlimm, halt so, wie man runtersaust; es war dunkel geworden, und sie beeilten sich heimzukommen und galoppierten einen Feldweg entlang, der weich war und sich zum Galopp anbot. Martina flog runter, war aber gleich wieder auf den Beinen, sagte, es wäre nichts passiert, und ritt noch mit heim. Am nächsten Tag kam meine Freundin, um die Mädels zu wecken; sie schliefen in einem Zelt auf der Koppel. Sie hatten sich das sehnlichst gewünscht. Meine Freundin blieb stehen, weil sie vor dem Zelt, das halb offen war, die Spur davon sah, daß jemand gebrochen hatte. Aha, also doch, dachte sie und guckte ins Zelt. Die drei Mädchen waren gerade aufgewacht. ‚Dir ist schlecht geworden, Martina? Ach du armer Kerl! Ich dachte gar nicht, daß es gestern abend ein ernstlicher Sturz war. Von nun an wird aber nur mit Sturzkappen geritten, das sage ich euch. Mit Kappe hätte es nichts geschadet. Ja, Martina, du kannst nun nicht heim, Gehirnerschütterungen muß man ausliegen. Da bleibst du noch acht Tage hier.‘
Die Mädels schrien vor Begeisterung. Martina wurde ins Haus bugsiert und ins Bett gesteckt, und einen Tag blieb sie auch darin liegen. Die nächsten Tage aber, du lieber Himmel!
,Ich habe ja selbst vier Kinder und kenne mich in manchen Dingen aus‘, schrieb mir meine Freundin damals, ‚aber so was von Temperament auf dem Krankenlager habe ich noch nie erlebt. Wie muß Martina erst sein, wenn sie gesund ist!‘
Ich fuhr natürlich sofort hin und redete Martina gut zu, still zu liegen, aber sobald wir den Rücken drehten oder das Zimmer verließen, war der Teufel los. Sie hopsten herum und trieben das Kalb aus, wir waren machtlos.“
Cornelia lachte. „Es war wahrscheinlich nur eine ganz leichte Gehirnerschütterung gewesen, meine ich, oder?“
„Überhaupt keine war es! Zwei Jahre später erfuhr ich durch Zufall, was es gewesen war. Das Häufchen vor dem Zelt stammte von einer Katze; meine Freundin hatte eine Katze, die sehr an den Kindern hing. Die muß ihnen nachspaziert sein, und da hat sie vielleicht einen Mäusebraten nicht recht vertragen und wieder von sich gegeben. Die Kinder wußten das, aber sie fanden es so herrlich, daß Martina nun noch acht Tage bleiben durfte, daß sie allesamt den Mund gehalten haben. ‚Es ist unhöflich, Erwachsenen zu widersprechen‘, sagte eine dieser freundlichen Blüten süffisant, als sie zur Rede gestellt wurde – was sollte man machen, nach zwei Jahren!“
Sie lachten alle.
„Und dann – erzähl von der Zeltlampe, Mutter!“ drängelte Petra. Frau Hartwig stand auf, gerade schob das Mädchen einen Teewagen mit Tassen und Kanne und frischen Brötchen durch die Tür. Sie nahm ihn entgegen und begann einzugießen, während sie erzählte.
„Ja, das war auch so eine Geschichte. Da waren sie bei anderen Reitbekannten, Petra und Angelika. Sie lassen sich ja mit Vorliebe dorthin einladen, wo es Pferde gibt und sie im Gelände reiten können. Bei diesen Bekannten durften sie im sogenannten Sommerstall schlafen, einem Holzgebäude, das auf einer etwas abgelegenen Weide steht. Vorn können die Pferde hinein, hinten ist Heu gelagert. In diesem Heu schliefen sie mit ihren Schlafsäcken. Das war das schönste. Dafür mußten sie Wasser tragen, die Wiese von Pferdemist säubern – der Fohlen wegen wird dort jeder Mist abgelesen – und auch sonst helfen. Das taten sie gern und ordentlich, wie mir berichtet wurde. Das war Ehrensache.
Nun haben meine Töchter außer ihrer Passion zu reiten noch eine, nämlich zu lesen. Auf deutsch, sie verschlingen alles, was ihnen an Gedrucktem vor die Augen kommt. Und einschlafen, ohne gelesen zu haben, können sie alle nicht. Ich hatte sie hingebracht und mir ihre Schlafgelegenheit angesehen, und da ich sie kenne, spendierte ich ihnen eine Lampe. Es gibt elektrische Zeltlampen mit Batterie, die man an die Decke hängt. Eine andere wäre nie in Frage gekommen, wegen des Heus. Aber ich stellte eine Bedingung: Sie durften diese Lampe nur haben, wenn sie versprachen, jeden Tag zu duschen.
Es ist nämlich leider bei uns so, daß die Kinder wahre Wasserfanatiker sind, wenn es um Schwimmen oder Bachwaten geht. Sollen sie sich aber waschen, auch nur warm in einem warmen Raum, dann tun sie, als wollte man ihnen ans Leben. Jeden Tag versuchen sie, sich darum zu drücken, und das ist ein Punkt, an dem ich keinen Spaß verstehe. Ungewaschene Leute, puh, scheußlich! Mögen sie im Dreck waten, da habe ich nichts dagegen. Aber einmal am Tag muß man sauber sein, das gehört zu den allerersten Regeln, finde ich.
Sie versprachen goldene Berge. Ich fuhr ab. Nach acht Tagen kam ich sie besuchen, und im Laufe des Tages fielen mir die Zeltlampe und meine Bedingung ein. Ich fragte meine Bekannte, ob sich die Mädels auch jeden Tag duschten.
,Nie‘, sagte sie, ‚noch kein einziges Mal. Ich habe mich schon gewundert.‘
Na, ich wurde wütend und stellte meine lieben Töchter zur Rede, sobald ich ihrer habhaft wurde.
,Ihr habt doch versprochen zu duschen. Nur deshalb hab’ ich euch die Zeltlampe spendiert‘, sagte ich, begreiflicherweise empört.
,Aber wir – wir haben doch oft gebadet. Jeden Tag – im Bach‘, versicherten sie. Ich aber war voller Zorn, mir war es auch peinlich meiner Bekannten gegenüber, und ich ging stracks zum Sommerstall und holte mir die Zeltlampe.
,So, nun könnt ihr abends nicht mehr lesen‘, sagte ich strafend. Die Mädchen standen mit eingezogenen Köpfen da und sahen mir nach. Sie wissen, ich fackele nicht lange.
Abends saß ich mit meiner Bekannten und deren Mann noch ein wenig hinter dem Haus, von wo aus man die Weide mit dem Sommerstall sehen kann. Wir unterhielten uns und tranken etwas und dachten an nichts Böses. Auf einmal sagte meine Bekannte: ‚Haben Sie den Kindern die Zeltlampe nicht weggenommen? Ich hörte doch so was. Aber da hinten ist doch Licht im Stall, sehen Sie? Oder täusche ich mich?‘
Ich guckte zum Stall hinüber. Wahrhaftig, da war Licht, nicht immerzu, aber immer wieder. Manchmal sah man es und manchmal nicht. Wir spähten alle drei aus.
,Ob sie sich eine Kerze mitgenommen haben?‘ fragte der Vater nach einer Weile. ‚Das wäre ja –‘
,Das wäre unerhört. Also das gibt’s nicht’, sagte meine Bekannte und stand auf. ‚Eine Kerze dort, wo Heu liegt –‘
Sie ging los, so schnell, daß ich kaum mitkam. Ich betete innerlich, daß nicht meine auf diese schreckliche Idee gekommen sein möchten – Heu und offenes Licht – da gibt es kein Pardon. Wir gingen immer schneller, alle drei, zuletzt liefen wir fast, denn es war ganz bestimmt Licht dort …“
„Hatten sie wirklich eine Kerze?“ fragte Anja gespannt, als Frau Hartwig eine Pause machte und Cornelia noch einmal Kaffee eingoß. „Hatten sie wirklich –“
„Nein, sie hatten keine Kerze“, sagte Petras Mutter, und ihre Augen funkelten vor Vergnügen, „wissen Sie, was sie sich ausgedacht hatten, die Schlawiner? Sie hatten eins ihrer Fahrräder mitgenommen, an dem am hinteren Rad ein Dynamo war. Dieses Fahrrad hatten sie verkehrt herum an den Eingang des Stalles gestellt, dorthin, wo kein Heu lag, auf Lenkstange und Sattel, so, wie man es macht, wenn man etwas daran repariert. Die Lampe zeigte in Richtung auf ihr Lager. Dort rekelten sich alle in ihren Schlafsäkken, die Bücher vor den Nasen, und eine von ihnen – das Los bestimmte die erste, dann ging es reihum nach der Uhr, jeder zehn Minuten lang – eine von ihnen also mußte die Pedale des Fahrrads drehen, damit die anderen Licht hatten. Es ging wirklich ganz gut, natürlich nicht so gleichmäßig wie mit der Zeltlampe, aber immerhin, Licht hatten sie.
,Die Batterie war sowieso fast aus‘, berichteten sie, ‚und hier gab es keine Batterie, die nachließ. Wir haben keine Kerze genommen. Daß man im Heu kein Streichholz anzündet, na, das wissen wir auch, wir sind ja keine Säuglinge. Und es ging ganz gut so.‘
Wir haben sehr gelacht. Der Mann meiner Bekannten sagte, die Mädels hätten eins zu null gegen uns gewonnen, und ich besorgte am nächsten Tag eine neue Batterie für die Zeltlampe und gab ihnen die wieder. Diesmal ohne Bedingungen, weil wir es genial fanden, wie die Kinder sich geholfen hatten. Und was glauben Sie, von da an duschten die Mädels, jeden Tag taten sie es, sagte meine Freundin, als ich sie abholte, gewissenhaft und pünktlich. Was sagen Sie dazu?“
„Dasselbe wie Sie: eins zu null für die Kinder“, sagte Cornelia und lachte auch. „Sich so zu helfen, alle Achtung! Ja, wo viele zusammen sind, kommt immer eins auf den richtigen Trichter. Drei Töchter haben Sie?“
„Ja. Angelika, Martina und Petra. Und einen Sohn, den Werner. Der kommt nach Petra. Als er geboren wurde, telegrafierte meine Schwester an uns: Endlich erreicht! Ich habe mich natürlich auch sehr gefreut, noch einen Sohn zu bekommen, unseren Werner, aber erfindungsreich sind Töchter auch, wie man sieht, und manchmal schwieriger als Söhne.“
Da öffnete sich die Tür, und ein Junge, etwas kleiner als Anja, erschien im Zimmer. Er sah Petra ziemlich ähnlich, hatte dasselbe emporstrudelnde Haar über der Stirn und braune Augen. Er begrüßte die Anwesenden mit einem flauen „Tag!“ und setzte sich an den Teewagen, um sich dort, stumm und ohne Pause, voll frischer Brötchen zu stopfen, bis seine Mutter „Schluß!“ sagte und den Wagen aus seiner Reichweite schob. Petra sah Werner entrüstet an.
„Du kannst auch nichts als futtern“, sagte sie und machte ein Gesicht wie Anjas Lateinlehrerin, „einmal wirst du platzen. Lieber solltest du reiten, du Angsthase!“
„Hab’ keine Angst. Hab’ bloß keine Lust“, nuschelte Werner, den Mund noch voller Brötchen, „wenn man von früh bis abends nichts anderes hört als reiten und reiten und reiten –“ Er stand auf und verließ den Raum, und man sah ihm von hinten an, was er für ein Gesicht machte.
„Ihr sollt ihn in Ruhe lassen. Er kommt schon von selbst auf den Geschmack“ ‚sagte Petras Mutter und lächelte ein wenig betrübt. „Mein Kummer ist es ja auch, daß er nicht aufs Pferd will. Und mein Mann bedauert es ebenso.“
„Wie alt ist er?“ fragte Cornelia.
„Neun. Da kann es ja noch kommen.“
„Ich hab’ von klein auf vom Reiten geträumt. Aber erst als Studentin bekam ich Gelegenheit dazu. Und Sie, Sie reiten auch? Ich hab’ Sie noch nie im Verein getroffen.“
„Wir reiten immer früh, mein Mann und ich. Mein Mann ist von der Firma sehr eingespannt, da geht es nicht anders als morgens um sechs. Sie kennen unsere Pferde sicher, oder? Ja, sie stehen im Vereinsstall, rechts vorn, in Laufboxen. Lady und Rumpel, die Namen passen wahrhaftig nicht zueinander, aber wäre Rumpel männlichen Geschlechts, so hätten wir sie wahrscheinlich in Lord umgetauft. Aber es sind zwei Stuten.“
Sie mündeten in ein Gespräch über Pferde, bei dem Anja und Petra schweigend und aufmerksam zuhörten. Petras Mutter hatte früher Remonten zugeritten, verstand also wirklich etwas vom Thema. Kein Wunder, daß die Töchter so passioniert waren.
Als Anja heimradelte, war sie tief in Gedanken. So eine Mutter müßte man haben! So ein Zuhause. Sie hatte sich gut umgesehen: Überall hingen Pferdebilder, überall standen Pferdebücher. Ein Schrank stand voller Preise – Pokale, Teller aus Silber, eingravierte Daten. Der Garten, der ums Haus lag, war geradezu ein Park. Und Frau Hartwig! Schön und schlank gewachsen und gepflegt und trotzdem nicht „feun“, wie Anja Leute nannte, die sich Schmuck umhängten und nirgends hinfassen mochten, wo sie sich vielleicht ein wenig schmutzig machen konnten. Ja, wenn Mütter reiten … Anja dachte an ihre eigene, die rotbackig und rundlich war, den ganzen Tag mit Wickelschürzen herumlief, mit weißen, wenn sie die Jungen versorgte, sonst mit bunten, hübsch und appetitlich, das schon, aber …
Die sich gar nicht dafür interessierte, wenn man von Pferden erzählen wollte, die verstrubbelte Haare hatte und sich einfach ein Kopftuch darüber knüpfte, weil sie es selbst nicht mehr mit ansehen konnte …
Freilich, keiner will seine Mutter tauschen. Aber ein bißchen ändern könnte sich ihre Mutter schon, dachte Anja rebellisch, nicht nur das Muttertier für die beiden kleinen Jungen sein, die sie von morgens bis abends versorgte, fütterte, badete, schlafen legte oder herausnahm – etwas anderes tat sie eigentlich nicht mehr, so schien es Anja. Die beiden Kerlchen waren süß, zugegeben, aber es gab ja auch noch andere Dinge auf der Welt.
Und Werner, dieser Dummkopf! Könnte dreimal die Woche reiten – Petra ritt dreimal, wenn es mit der Schule einigermaßen paßte – und mochte nicht! So dumm, so unverständlich dumm! Wenn sie an seiner Stelle wäre, sie wüßte, was sie täte! Sogar eigene Pferde hatten Hartwigs, und –
„Na, Anja, du kommst ja so verträumt daher ‚daß du nicht mal deinen Vater erkennst!“ hörte sie es sagen – sie war eben in ihre Straße eingebogen.
„Ach, Vater, du! Ich war bei Petra, weißt du, die aus dem Reitverein, die die Gehirnerschütterung hat. Ja, es geht ihr gut, nur aufstehen darf sie noch nicht.“
„Hauptsache, es ist nichts Schlimmes. Komm, ich trag’ dir das Rad in den Keller – lauf zu Mutter, sie ruft.“
Anja hatte es schon gehört.
„Anja – endlich! Ich hab’ den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Wo warst du denn wieder, natürlich im Reitverein, oder?“
„Nein. Ich soll ja nicht.“ Anjas Stimme klang jetzt anders als vorhin, da sie mit Vater gesprochen hatte. Wütend, verbockt …
Es wurde kein schönes Heimkommen.
„Mit Anja ist wirklich nichts anzufangen, ich komm’ mit ihr in letzter Zeit überhaupt nicht zurecht“, klagte Mutter am Abend. „Den ganzen Nachmittag läßt man sie laufen, wohin sie will, und wenn sie dann endlich kommt, ist sie bockig und unfreundlich.“
„Zu mir war sie freundlich. Sie hat eine Freundin besucht, die im Bett liegt“, sagte Vater vorsichtig. „Daß es eine aus dem Reitverein ist, sag’ ich jetzt besser nicht“, dachte er und schwieg. Aber es nutzte nichts.
„Ja, Petra wahrscheinlich. Es ist ja nett von ihr ‚sich um sie zu kümmern, aber den ganzen geschlagenen Nachmittag dort zu hocken, ohne daß sie vorher sagt, wohin sie geht … ich habe mich gesorgt! Ach ja, mit ihr ist es zur Zeit wirklich schwierig.“
Vater schwieg. Er mochte seine neue Tochter ausgesprochen gern, wünschte sich sehr‚ ein gutes Verhältnis zu ihr zu bekommen. Das aber mußte man behutsam anfangen. Und daß seine Frau so gar kein gutes Haar an dem Kind ließ, machte ihn doch nachdenklich.
So, wie sie es sagte, war es sicherlich auch nicht. Aber Anja wurde meistens sofort unzugänglich und patzig, wenn ihre Mutter etwas von ihr wollte. Mit Vorwürfen aber änderte man da nichts.
Er unterrichtete Kinder im Alter von Anja, und da erlebte er oft, sehr oft, daß Mütter kamen und behaupteten, mit ihren Töchtern wäre überhaupt nicht auszukommen; er aber fand in der Schule, daß es nette und aufgeschlossene und gescheite Schülerinnen waren.
„Abwarten“, sagte er. Aber Abwarten war nicht so leicht, wenn man das Temperament von Anjas Mutter besaß …
„Ich bin geritten!“
„Holen Sie ihn schon?“ fragte Anja. Es klang enttäuscht. Sie hatte sich soeben, später als sonst, von zu Hause wegstehlen können und war diese Sekunde erst bei Kerlchen angekommen, der am Zaun der Koppel stand und wahrhaftig nach ihr Ausschau gehalten hatte. Jedenfalls guckte er in die Richtung, aus der sie kam – und nun war Herr Anders von der anderen Seite her gekommen und wollte ihn holen. „Heute gehst du mal nicht in den Reitverein“, hatte Mutter gesagt. „Es muß auch mal ohne gehen.“
Hier auf der Koppel zu stehen und Kerlchen zu streicheln, das war nicht „in den Reitverein gehen“. Sie sah zu Herrn Anders auf. „Aber die Möhre darf er doch noch fressen, so eilig ist es nicht, nein?“
„Nein. So eilig nicht. Ich hab’ Zeit. – Du, Anja?“
„Ja?“
„Wie wäre es – willst du ihn mal versuchen?“
„Kerlchen? Ihn reiten? Im Ernst?“ Anjas Augen waren ganz groß und rund geworden. „Darf ich wirklich? Darf er denn geritten werden?“
„Bis zum Stall gewiß. Ich hab’ das Reithalfter mitgebracht“, sagte Herr Anders. Er wartete, bis Kerlchen die Möhre verschnorpst hatte, und streifte ihm dann das Kopfstück über. Vorsichtig schob er das Gebiß ins Pferdemaul, schloß die Schnalle des Kinnriemens und dann die Schnallen am Kehlriemen. „Siehst du, so macht man das. Hier muß es eng anliegen, und hier muß eine Faust dazwischen passen. Probier mal. Ja, so. Und nu –“
Anja stand schon links neben dem Pferd bereit, das eine Bein angewinkelt, wie Herr Anders es ihr damals gesagt hatte. Er legte die Hand darunter – schon war sie oben.
„Und nun: schön aufgerichtet sitzen, Schultern zurück, Beine lang. Fußspitzen anheben, Hacken runter, auch ohne Bügel. Ja, so. Ganz locker dabei – nun, das alles kommt mit der Zeit. Hier die Zügel. Sie müssen zwischen Ring- und kleinem Finger durchlaufen und zwischen Daumen und Zeigefinger – ja, du weißt es wohl schon. Hast gut aufgepaßt, wenn du bei der Reitstunde zugesehen hast. Fäuste aufrecht, Daumen wie kleine Dächer darüber. Fein. Und jetzt klopfst du ein wenig mit den Hacken, ein wenig nur – richtig. Das tut ihm nicht weh, das sagt ihm nur: ‚Los, jetzt wollen wir.‘ Na also, er versteht dich ja!“
Kerlchen hatte sich, sobald Anja mit den Fersen an seine Flanke kam, Richtung Stall gewandt und ging im Schritt los. Anja fühlte den warmen, mächtigen Körper unter sich in Bewegung kommen, sie drückte die Knie fest an und die Fersen nach unten, wie der Reitlehrer es oft und oft gesagt hatte. Mitsamt dem Zügel hatte sie ein Büschel Mähnenhaar erwischt, das gab ihr noch mehr das Gefühl, dem Pferd nahe zu sein.
„Nein, nicht schneller. Heute noch nicht. Heute reiten wir Schritt“, sagte Herr Anders, der nebenherging, ohne den Zügel anzufassen. „Schritt ist das erste und nicht das leichteste, das glaubt einem anfangs niemand. Und Stürze aus dem Schritt sind oft schlimmer als andere.“
Das konnte sich Anja nicht vorstellen. Ein Sturz bei einem Sprung, ein Hineinsegeln ins Hindernis, wie sie es schon mehrmals gesehen hatte, oder ein Aus-dem-Sattel-Kommen, wenn das Pferd bockelte, erschien ihr viel gefährlicher. Sie sagte aber nichts; das wußte sie schon von den Stunden, die sie miterlebt hatte: Widersprechen durfte man nicht, nie. „Morgen oder übermorgen traben wir dann ein Stückchen, heute noch nicht“ ‚fuhr Herr Anders mit gleichmäßiger, freundlicher Stimme fort, „merkst du es – er weiß genau, was er tun soll, ja? Guter alter Knochen, wie viele Kinder hat er getragen, so wie dich jetzt, vorsichtig und voller Behutsamkeit. Er war auch eine Weile Voltigierpferd. Was Voltigieren ist, weißt du, oder? Da läuft das Pferd an einer Leine im Kreis, an der Longe, heißt das, und die Kinder machen Turnübungen daran, springen auf und ab und machen die Fahne und die Mühle –“
„Das hab’ ich mal bei unseren Nachbarn im Fernsehen gesehen, bei einem großen Reiterfest. Da waren auch ganz kleine Kinder dabei, höchstens fünf Jahre alt, vielleicht erst vier.“
Anja wurde ganz eifrig. Herr Anders merkte, wie sie sich entspannte, während sie erzählte. Das hatte er gewollt.
„Die Mädels hatten winzige Röckchen an und die Jungen grüne Hosen, manchmal waren zwei auf dem Pferd und hielten sich aneinander fest, manchmal sogar drei, und eins hing mit dem Kopf nach unten.“
„Kosakenhang heißt das“, ergänzte Herr Anders.
„Und zuletzt machten sie eine Pyramide am Pferd, drei saßen drauf, und zwei standen, und rechts und links machte eins Handstand am Pferdehals … ich möchte auch voltigieren lernen – oder bin ich schon zu groß dazu?“
„Aber woher denn! Es gibt auch Voltigiergruppen aus Erwachsenen – freilich ist es gut, wenn man früh damit anfängt, genau wie beim Reiten.“
„Gibt es das hier im Reitverein?“ fragte Anja dringend. „Hier bei Ihnen?“
„Doch, ja, von Zeit zu Zeit machen wir Kurse. Und da mitzutun ist nicht so teuer wie Reitstunden, weil eben viele Kinder miteinander üben, an einem Pferd. Mindestens sechs sollten es sein, damit jedes nach seiner Übung verpusten kann. Beim Voltigieren kommt man nämlich sehr schnell außer Atem, das kann ich dir sagen! Vielleicht kannst du beim nächsten Kurs mitmachen?“
„Oh, das wäre schön! Nur – wissen Sie – meine Eltern! Meine Mutter … ja, also gern sieht sie es nicht, wenn ich zu Ihnen gehe. Sie war ja auch noch nie mit und hat sich nicht angesehen, wie es bei Ihnen ist.“
„Die meisten Eltern sehen es nicht so gern, wenn sie ihre Kinder dann für ganze Nachmittage los sind. Und die Schularbeiten liegen da und werden nicht gemacht, und geholfen wird nicht‚ während man im Reitverein gern hilft.“ Herr Anders lachte leise. „Aber das gibt sich. Und wenn man so schön nahe wohnt wie du … du wohnst doch da drüben, gegenüber dem Einkaufsladen? Na, siehst du. Und schon sind wir angekommen.“ Sie standen vor dem Stall.
„Schade“, sagte Anja und seufzte aus Herzensgrund. „Schade – aber es war schön – ach, herrlich! Darf ich wieder mal?“
„Natürlich darfst du. Komm – aha, da brauch’ ich gar nicht zu helfen. Du kommst allein runter.“ Anja hatte sich seitlich hinabgleiten lassen und stand jetzt wieder an Kerlchens Kopf, glühend vor Aufregung und Glück.
„Danke, Kerlchen, das war schön! Morgen bring’ ich dir wieder Mohrrüben – oder hartes Brot. Ist doch besser als Zucker, nicht wahr, Herr Anders?“
„Viel besser. Zucker nur in ganz kleinen Mengen, als große Belohnung. Im Zoo ist mal ein Elefant an Würfelzucker gestorben, weil ihn die Leute so sinnlos fütterten. Zucker übersäuert den Magen, so komisch das klingt. Und nie Schokolade geben, verstehst du? Ach, was die Leute manchmal Unsinniges füttern.“
Ich bin geritten, ich bin geritten, ich bin geritten, sang es in Anjas Herzen. Ich bin auf Kerlchen geritten, ganz allein. Er hat den Zügel nicht angefaßt, ist nur nebenhergegangen, der Herr Anders. Ich bin allein geritten …
Sie rannte heim. Wenn sie ganz schnell wieder zu Hause war, würde Mutter vielleicht nichts merken. Sie mußte nur ins Haus hineinkommen, ohne zu läuten – einfach durch den Keller. Und dann so tun, als wäre sie die ganze Zeit zu Hause gewesen, hätte Schularbeiten gemacht oder …
Und sie konnte Mutter ja auch helfen, von sich aus. Fragen: „Was kann ich tun, Mutter? Soll ich einkaufen gehen? Brauchst du noch was?“ Meist brauchte Mutter noch was, auch wenn sie schon Besorgungen gemacht hatte.
Alles ging gut. Anja schlich durch den Keller, stand mit klopfendem Herzen auf der obersten Stufe der Treppe, huschte durch den Flur in ihr Zimmer. Gerettet! Und jetzt zu Atem kommen, und dann ganz harmlos hinübergehen, so, als wäre man überhaupt nicht draußen gewesen …
Ich bin geritten! Wie einen kostbaren Schatz trug sie dieses Wissen in sich, einen Schatz, den sie nie verlieren konnte. Ich bin geritten, vielleicht reite ich morgen wieder. Oh, Reiten, das Schönste auf der Welt! Sie hätte am liebsten die ganze Welt umarmt.
„Was glaubt ihr – es schneit!“
Vater stand in der Tür, noch im Mantel, der wahrhaftig an den Schultern weiß gepudert war. Anja fühlte ihr Herz hüpfen. Jedes Kind freut sich über den ersten Schnee. Gleichzeitig aber fuhr es ihr wie ein Stich hindurch: Schnee! Dann konnte Kerlchen vielleicht nicht mehr auf die Weide?
Vielleicht doch. Vielleicht blieb der Schnee nicht liegen – aber es wäre andererseits eben wunderbar, wenn er liegenbliebe. In den letzten Jahren hatte es doch so wenig geschneit …
„Oh, da werden sich die kleinen Jungen aber freuen!“ sagte Mutter sofort.
„Und die große Anja erst recht“, schmunzelte Vater und sah zu seiner Tochter hin. Mutter lachte.
„Na klar! Das sowieso. Aber für die Jungen ist es doch etwas Neues! Und wir kaufen einen Rodelschlitten mit Lehne, da packen wir Volker und Reinhold hinein, mit Kissen und Wärmflaschen, und Anja kann sie ausfahren, das macht viel mehr Spaß als mit dem Kinderwagen. So einen Schlitten hatte ich auch für dich, als du klein warst.“
„Ja, aber den Schlitten schaffen wir gleich an, nicht erst zu Weihnachten!“ sagte Vater und hängte seinen Mantel in den Flur. „Nicht mal bis zum Nikolaus warten wir! Wenn Schnee kommt, muß man ihn nutzen. Wie lange ist es denn noch bis zum Nikolaus?“
„Drei Wochen und zwei Tage“, kam es blitzschnell von Anja. Er streifte sie mit einem Blick. Dann sagte er lachend: „Schnell und genau. Antwortest du in der Schule auch immer so? Dann wünschte ich, ich hätte dich in meiner Klasse.“
Anja schwieg. Sie wußte, warum sie so genau hatte Bescheid geben können – sie dachte an das Nikolausreiten! Immerzu dachte sie daran, ob Petra bis dahin soweit gesund wäre, daß sie mitreiten könnte. Und ob Cornelia den Flieder bekam, den sie sich so heiß wünschte, und ob die Familie Hartwig ihren dickköpfigen Kronprinzen dazu bringen würde mitzureiten.
Was hieß in diesem Falle reiten! Anja kannte das Festprogramm auswendig. Da war der erste Punkt: Vorstellen aller Pferde, Besitzer und Vereinspferde. Und dabei sollte Petra die Rumpel haben, Angelika die Lady und Werner den Kerlchen. Die dritte Schwester war für Wanda vorgesehen, die bei solchen Gelegenheiten, wo viele Pferde mitgingen und es etwas eng würde, sehr grätig werden konnte, aber Martina traute sich zu, mit ihr fertig zu werden. Das Nikolausreiten – Anja zählte die Tage bis dahin, und deshalb hatte sie Vater so präzise antworten können.
Am nächsten Nachmittag lief sie gleich zur Wiese. Es hatte die ganze Nacht über geschneit, und die Siedlung sah ganz anders aus als vorher, wie aus einem Bilderbuch. Anja hatte den alten Lodenmantel angezogen und die Taschen vollgestopft mit Brotstückchen, die hart geworden waren; immerzu Möhren stiebitzen konnte man ja auch nicht. Viel Hoffnung, Kerlchen zu treffen, hatte sie nicht, aber …
Doch, da stand er! Herr Anders hatte ihn also doch herausgelassen, wahrscheinlich, damit er recht viel gute Luft bekam. Am Rand der Koppel war jetzt eine kleine überdachte Raufe aufgestellt. Anja sah sie zum erstenmal. Wie eine Wildfütterung, nur etwas höher – Kerlchen hatte das Heu, das darin gewesen sein mochte, gewissenhaft bis zum letzten Halm verzehrt, aber diese Raufe gab Anja die Hoffnung, daß er auch später noch bei Schnee hier sein würde.
„Hurra, mein Kerlchen!“
Sie schwang sich über den Koppelzaun und lief zu ihm hin, glücklich, erleichtert. Und wirklich, er drehte sich, als sie ihn anrief, sah ihr entgegen und kam dann sogar ein paar Schritte auf sie zu. Beglückt nahm sie ihn um den Hals.
„Alter guter Knochen“, so sagte Herr Anders immer. Das Pferd stand still bei ihren Zärtlichkeiten, bog dann den Hals und schnupperte an ihrer Manteltasche. Und plötzlich – raaaz – hatte er sie aufgerissen, indem er seine dicke Nase hineinversenkte.
„Kerlchen, du Grobian!“ Anja lachte zärtlich. „Die Tasche muß ich aber wieder annähen, sonst merkt Mutter, daß ich bei dir war. Was, in die andere willst du auch noch hinein mit deinem gierigen Maul …“
Später, als Herr Anders kam, erzählte sie es ihm und zeigte ihm die halbabgerissene Tasche. Herr Anders lachte still in sich hinein.
„Das ist seine Art. Immer muß er in alle Taschen hinein, am liebsten mit dem ganzen Kopf. Wie viele Taschen hat er schon aufgerissen! Wir sagen nichts, wenn neue Leute in den Reitverein kommen; früher oder später macht er das bei allen. Willst du ihn wieder reiten?“
Und ob sie wollte! So eine Frage! Strahlend saß sie auf, und strahlend ritt sie die kurze Strecke bis zum Stall, rutschte dort hinunter und gab Kerlchen zum Dank das letzte aufgesparte Stück Brot und einen Kuß auf die Nase.
„Lieber, lieber Kerlchen!“
Heute hatte Mutter nicht gesagt: „Diesmal ist es nichts mit dem Reitverein.“ So konnte sie am Abend – sie brachte es nicht fertig, es bei sich zu behalten – den Eltern erzählen, daß sie geritten sei. Mutter sah sie an und schüttelte ein wenig den Kopf, aber sie sagte doch: „Na, das ist aber fein!“, und Vater gratulierte ihr feierlich. „Vielleicht wirst du mal Olympiasiegerin!“ sagte er und verbeugte sich. Bei ihm war solch ein Spaß nie kränkend, sondern nur lustig.
Abends konnte Anja nicht einschlafen. Hätte sie doch nichts davon erzählen sollen? War es dumm gewesen? Vater würde sicherlich nichts dagegen haben, wenn sie in den Reitverein ging – oder doch wenigstens einen Voltigierkursus mitmachte. Aber Mutter …
Sie hatte solchen Durst; so stand sie noch einmal auf. Barfuß tastete sie sich durch den Flur, der Küche zu. Die Eltern saßen im Wohnzimmer, von dem aus eine Durchreiche – Vater nannte sie „Freßloch“ – wie ein Fensterchen in die Küche führte, durch die man Teller und Tassen, Kaffeekanne und Suppenterrine hindurchgeben konnte. Diese Durchreiche stand halb offen, so daß Anja in der Küche kein Licht zu machen brauchte. Das war gut. Mutter konnte es nämlich gar nicht leiden, wenn man aus dem Bett noch einmal zurückkam, um etwas zu holen. Sie hatte das früher ‚als sie noch klein und allein mit Mutter war, manchen Abend fünf- bis zehnmal getan, und Mutter nannte es das „Wiedergehen“. Jetzt, da Anja größer war und nur bei wirklichen Anlässen noch einmal zurückkam, schalt sie nicht mehr so. Aber Anja ging dann unwillkürlich sehr leise, auch heute. Sie schlich zum Küchenschrank, nahm ein Glas heraus und füllte es lautlos am Wasserhahn. Dabei hörte sie etwas …
„Ach ja, der Reitverein, der Reitverein, der Reitverein. Beim Aufwachen, beim Einschlafen, den ganzen Tag über. Es würde mich nicht wundern, wenn sie in der Schule, nach irgendeiner Vokabel gefragt, ‚der Reitverein‘ antwortete. Sie ist wie verhext.“
„Na, so ein Unglück ist das ja nicht.“ Vater brummte vor sich hin, schien die Zeitung zu lesen. Anja verstand ihn aber doch. Sie stand da und hielt den Atem an. Wenn er jetzt doch sagte: Da schicken wir sie doch hin …
Nein, er sagte es nicht. Er sagte etwas anderes. „Ich meine, wenn sie dorthin läuft, wissen wir wenigstens, wo sie steckt. Wir bekamen nämlich heute in der Schule einen Hinweis, wir Lehrer nur – ja, es soll zunächst nicht veröffentlicht werden, weil der Betreffende dann selbst gewarnt würde – es ist, kurz und schlecht, wieder mal einer von diesen schrecklichen Gesellen in der Stadt, die Kinder an sich locken und mitnehmen. Nun, nun, mach nicht so ein verstörtes Gesicht. Etwas Ernstliches ist noch nicht passiert, er ist zweimal beobachtet und gestört worden – das heißt, das Kind ist im letzten Augenblick ausgerückt, wer aber weiß, wie es das nächstemal ausgeht. Das ist ja wie eine Krankheit bei diesen Leuten, sie können nichts dafür, trotzdem ist es eine große Gefahr. Die Polizei ist verständigt, sie haben ihn auch ums Haar erwischt, er entkam dann aber doch. Vielleicht verläßt er die Stadt ja auch, wenn er merkt, daß man aufpaßt.“ Vater hatte gesehen, wie entsetzt Mutter schaute.
„Da darf Anja nie mehr allein –“
„Aber Erika“, sagte Vater begütigend, „wir können sie doch nicht festbinden. Warnen müssen wir sie, und das tu’ ich morgen auch, und zwar eindringlich. Sie aber deshalb zu Stubenarrest zu verdonnern, dafür bin ich nicht. Dieser Mann ist übrigens ziemlich leicht zu erkennen, soll eine Narbe auf der linken Wange haben, die man gut erkennt. Wenn man den Kindern das sagt, so ist damit schon viel gewonnen. Außerdem waren es beide Male kleine Jungen, die er versuchte mitzulocken, keine Mädchen.“
„Ach, heutzutage, wo alle in Hosen rumlaufen und die gleichen langen oder kurzen Haare tragen …“Mutters Stimme hörte man an, daß sie ganz außer sich war vor Sorge. „Nein, nein, Anja muß jetzt immer sagen, wohin sie geht, und pünktlich wieder zu Hause sein. Ich gebe ihr von morgen an meine Armbanduhr, sie hat sich mal eine gewünscht, die dann aber sehr bald verloren. Für mich reicht die Küchenuhr, die sehe ich ja immer. Sie bekommt meine!“
Anja hatte das Glas leer getrunken, ohne es zu merken. Sie stellte es lautlos weg, schlich rückwärts zur Tür. Wenn sie ihr jetzt verboten, zu Kerlchen zu gehen – sie würde es heimlich tun. Sie würde, würde – aber eine eigene Uhr zu haben wäre gut. Im Reitstall hing keine, nur in der Halle die große. Es würde gut sein, immer zu wissen, wie spät es ist, man konnte sich dann zu Hause zeigen und wieder entwischen …
Trotzdem lag Anja noch lange wach. Ob es auch so schreckliche Männer gab, die Pferde stahlen? Dann mußte sie erst recht auf Kerlchen aufpassen, wenn er auf der Weide stand. Nein, zu Hause bleiben und überhaupt nicht mehr wegdürfen, auch nicht zum Helfen, das gab es nicht. Da machte sie nicht mit. Außerdem – mit fremden Männern ging sie sowieso nicht, das hatte Mutter ihr schon immer gesagt, so dumm war sie nicht. Mutter dachte ja immer, man wäre noch ein Baby, vollkommen kindisch und blöd …
Geritten war sie, das zweitemal schon, und morgen würde sie wieder reiten. Morgen und übermorgen und jeden Tag. Wenn Herr Anders es ihr von sich aus erlaubt, ja angeboten hatte, so würde er das bestimmt wieder tun. Wenn doch alle so wären wie Herr Anders …
Anja seufzte und drehte sich auf die andere Seite. Ob Kerlchen schon schlief? Und dann sah sie ihn über die weiße, verschneite Koppel auf sich zukommen, vertraut und lieb, und mit der Nase ihre Manteltasche durchsuchen –
„Die muß ich ja noch annähen“, dachte Anja noch und lachte ein bißchen, gleich darauf war sie fest eingeschlafen.
Eine Taufe, und was man dabei erleben kann
Das Innere der Kirche war hell, weiß und glatt, ohne Schmuck, nur neben dem Altar stand eine schöne barocke Figur. Und auf der anderen Seite lag der Adventskranz auf einem weißen Steinsockel; eine seiner dicken Kerzen brannte. Anja blickte die ganze Zeit in dieses am hellen Vormittag fast unwirklich scheinende Licht und hörte nur mit halbem Ohr auf das, was der Pfarrer sagte. Vater und Mutter hatten je einen der Zwillinge auf dem Schoß, sie wiegten sie ein wenig hin und her und versuchten, sie zu beruhigen und zu beschwichtigen, wenn sie mauzen wollten. Schließlich durften sie aufstehen und an den Taufstein treten. Anja stand auch auf und folgte ihnen. Außer ihr waren noch zwei Paten da, Vaters jüngerer Bruder Kurt für Volker und Mutters Kusine für Reinhold. Mutter hatte keine Geschwister.
Jetzt setzte die Orgel ein, rauschend, gewaltig. Die Erwachsenen sangen mit, Anja kannte das Lied nicht, aber sie fand es schön. Zum Schluß kam dann noch eins, das sie konnte und mitsang, sogar die Melodie, die sie so liebte. Es war ein Adventschoral.
Es war ja Advent, erster Advent, und draußen immer noch Schnee. Ob der bis Weihnachten blieb? Das wäre etwas ganz Besonderes! Vielleicht konnte sie sich zu Weihnachten wünschen, daß sie in den Reitverein dürfte, richtig als Mitglied, zum Reitenlernen? Das war teuer, sie hatte es von verschiedenen Seiten gehört. Wenn sie sich nichts, aber auch gar nichts anderes wünschte, nur das?
„Na, du guckst ja so verträumt – wo warst du denn mit deinen Gedanken?“ fragte die junge Tante munter, als der Taufakt vorbei war und sie auf die Kirchentür zugingen. „War es nicht schön? Ich wünsche mir auch Zwillinge, und die taufe ich dann auch zu Advent, und dann bist du Patin, so wie ich jetzt bei deinem Brüderchen. Wirst du ja sagen?“
„Wenn man sich Zwillinge einfach so bestellen kann …“
„Leider nicht. Und ich habe noch nicht einmal einen Mann, also kannst du dir’s noch überlegen“, sagte Tante Sabine und nahm Mutter das Baby ab. „Aber einen Patensohn hab’ ich nun wenigstens, und um den werde ich mich kümmern, das könnt ihr glauben! Ich hab’ mich so gefreut, daß ihr mich für dieses Ehrenamt erwählt habt! Und auf den Besuch bei euch und auf die Taufe und alles.“
Anja hatte sich auf die Taufe überhaupt nicht gefreut. Immerzu: Das müssen wir zur Taufe haben und jenes – und wenn erst Taufe ist – und: aber zur Taufe …
Auch jetzt fand sie es nicht überwältigend. Die Feier war schön in dem hellen Gotteshaus, und daß erster Advent war, freute sie auch, aber den ganzen Nachmittag nur mit Erwachsenen zusammensein zu müssen und zu helfen und zu laufen und zu springen, um die anderen zu bedienen, das war keine wunderbare Aussicht. Um so mehr leuchtete ihr Gesicht auf, als sie, aus der Kirche heraustretend, Petra sah. Petra! Sie stand auf der obersten Stufe der Kirchentreppe und hielt einen riesigen Rosenstrauß in den Händen.
„Für Sie – und für Ihre beiden Jungen – und Mutter läßt grüßen und einen wunderschönen Tag wünschen –“
Anjas Mutter sah sie gerührt an.
„Du bist Petra, nicht wahr? Von der Anja immer erzählt. Woher wußtest du denn –“
„Ihr Mann hat mich eingeladen“, berichtete Petra sprudelnd vor Eifer, „er sagte, für Anja wäre es vielleicht ein bißchen langweilig, wenn nur große Leute da sind. Darf ich den Täufling mal halten? Ich kann es bestimmt, ich lass’ ihn nicht fallen. Früher dachte ich immer, Täufling kommt von Teufel.“
„Ich auch“, sagte Mutter lachend und übergab ihr das Bündel vorsichtig, aber ohne Besorgnis. „Du läßt ihn schon nicht fallen, da bin ich ganz sicher. Das war aber lieb von Vater‚ dich einzuladen –“ Sie blickte Anja auffordernd an. ‚Na los, nun sag schon‘, hieß dieser Blick.
„Ja. Danke, Vater“, sagte Anja nach einem Augenblick des Zögerns. Doch, es war lieb von Vater und nett ausgedacht, nur –
„Ich hab’ schon gehört, wie hübsch ihr wohnt, ihr seid ja erst hergezogen“, schwatzte Petra und trug den kleinen Jungen vor sich her, immer wieder in sein Gesicht hineinlachend. „So nahe am Reitverein – ja, wer das Glück hätte! Aber bei euch drin war ich noch nie!“
„Komm, Anja, nimm den anderen“, flüsterte Vater und legte ihr den kleinen Bruder auf den Arm. „Das ist hübsch anzusehen, wie ihr da an ihnen schleppt, das muß ich festhalten fürs Familienalbum. Ich hab’ den Fotoapparat da.“ Er machte nicht nur ein Bild. Der Schnee und die Sonne, die schöne Kirche im Hintergrund – alles bot sich geradezu an, geknipst zu werden, und auch Mutter und die Paten mußten immer wieder stillhalten, mit und ohne Täuflinge. Erst nach einer Weile setzte sich der kleine Zug endgültig in Bewegung, Richtung nach Hause, wo schon der gedeckte Tisch wartete.
„Wir trinken gleich Kaffee, wir feiern eine Kaffeetaufe“, erklärte Mutter, „so hab’ ich es auch bei Anja gehalten. Nach der Kirche einen tüchtigen Kaffee und dazu Kuchen und abends dann etwas Warmes. Ich hab’ ja jetzt so viele und tüchtige Helfer!“
Anja sah ein wenig geniert zu Petra hin. Die war ja nun wahrhaftig nicht zum Helfen eingeladen worden! Aber sie schien geradezu mit aufgekrempelten Ärmeln hergekommen zu sein, sie fragte sofort von sich aus, ob sie Kaffee holen oder Sahne schlagen oder Kuchen aufschneiden dürfte, und war entzückt von der Durchreiche.
„Nein, so was Schönes haben wir in unserem ganzen Haus nicht! Da kann man ja durchkriechen – also ich käme durch, bestimmt! Und jemandem, der im anderen Zimmer ist, einen Ball an den Kopf werfen und sich dann dukken, damit er sich wundert, oder Kasperle spielen. Ja, Kasperle! Das machen wir später, wenn die Jungen größer sind und es schon kapieren, wollen wir, Anja? Ich hab’ Kasperpuppen zu Hause, die bring’ ich mit!“
„Wunderbar. Da ladet ihr mich aber dazu ein, das möchte ich miterleben“, sagte die junge Tante. „Hier, nimm bitte den Kuchen.“ Sie stand in der Küche und reichte Petra eine Platte nach der anderen durch. „Bist du zu Hause auch so patent und brauchbar?“
„Nein. Ein Faultier, wie es im Buche steht“, gestand Petra vergnügt. „Meine Mutter ärgert sich grün und gelb über mich. Aber hier gefällt es mir eben.“
„So ist es wohl immer. Woanders sind die Kinder hilfsbereit und tüchtig, und zu Hause lassen sie sich jeden Handgriff abkaufen“, dachte Mutter, die dieses Gespräch zufällig mitbekommen hatte, „vielleicht benimmt sich Anja bei Hartwigs auch aufmerksam und gefällig. Hoffentlich …“
Sie tat es übrigens auch heute und hier. Angesteckt von Petra, lief sie hin und her und brauchte überhaupt nicht erst aufmerksam gemacht zu werden, wenn etwas fehlte, sondern wetteiferte mit der jungen Tante und Petra darin, tüchtig zu sein. Mutter konnte nur staunend den Kopf schütteln, aber sie lachte dabei.
Der Tisch war mit Kerzen und Tannengrün geschmückt, er sah wirklich hübsch aus. Und die Täuflinge benahmen sich hervorragend, nuckelten ihre Fläschchen und schliefen dann im Nebenzimmer, wohin man sie verfrachtet hatte, dick und satt ein.
„Dick und satt bin ich auch“, verkündete Tante Sabine, die eine Taille hatte wie eine Mondscheinprinzessin, „ich muß mich jetzt unbedingt rühren, sonst habe ich fünf Pfund Schlachtgewicht drauf, und dann paßt mir kein Kleid mehr. Darf ich spülen gehen?“
„Nein, das darfst du nicht!“ sagte Mutter mit lachenden Augen. „Weißt du, was mein Teurer mir zur Taufe geschenkt hat? Eine Spülmaschine! Ist das nicht wunderbar? Nun brauche ich nie mehr abzuwaschen!“
„Und ich nicht mehr abzutrocknen, das hasse ich!“ flüsterte Anja so laut zu Petra hinüber, daß alle es hörten und lachen mußten. Mutter erhob sich. „Aber einräumen darfst du die Maschine, Sabine, wenn du möchtest. Komm, ich zeige dir, wie man es macht. Und dann …“
„… gehen wir ein Stück in den Schnee hinaus, ehe es dunkel wird“, schlug Vater vor. „Die Jungen schlafen, und die frische Luft und etwas Bewegung täten uns allen gut.“
„Ja! Zum Reitverein!“ rief Petra sofort. „Dort wird heute geübt fürs Nikolausreiten, ich wäre dabei, wenn ich nicht hierher eingeladen worden wäre. Aber die Rumpel macht bestimmt, was sie soll, ich komm’ gut mit ihr aus, auch wenn ich sie einen Tag weniger reite. Kommen Sie?“
Ihr Gesicht war eine einzige Frage. Vater lachte.
„Dir kann man nicht widerstehen. Und wir wollten schon lange einmal hin und uns ansehen, was Anjas ein und alles ist, seit wir hier wohnen.“ Er sah seine Frau an und nickte ihr zu. „Meinst du, die Jungen tun uns den Gefallen und schlafen noch ein Weilchen?“
„Bestimmt. Es sind ja nur ein paar Schritte!“ sagte Mutter. Und dann zogen sie alle miteinander los.
Anja war nicht recht wohl in ihrer Haut. Nie, niemals hätte sie gewagt, die Eltern einfach aufzufordern, daß sie mitgingen; vielleicht war das dumm. Vielleicht fanden sie es wunderschön dort …
Eltern finden ja immer ein Aber. Immer, immer. Wenn man von irgendwas begeistert ist, finden sie es gefährlich oder nicht passend – „dazu bist du noch zu klein“ – oder zu teuer. Anja kannte das schon. Sie war so lange Mutters Einzige gewesen, ihr ein und alles, gewiß, aber doch lebenslang ihr Baby. Nicht auf der Straße radfahren, nicht allein oder mit Freundinnen schwimmen gehen, nie später als um sieben zu Hause sein. Und so klein ist man mit zehn Jahren doch wahrhaftig nicht mehr. So ging sie also mit etwas zwiespältigen Gefühlen an diesem Adventssonntag mit der ganzen Familie den Weg, den sie sonst jeden Tag heimlich lief, eilig, sich dauernd umgukkend, ob Mutter ihr etwa nachsah.
Der alte Stall mit dem gemütlichen Walmdach machte sich im Schnee wunderschön, und der Halle, die, etwas unterhalb gelegen, modern und zweckmäßig gebaut war, stand der weiße Schmuck auch gut. Sie gingen darum herum und an der anderen Seite hinein, weil geritten wurde. Petra schob die schwere Tür lautlos auf, und nacheinander traten sie an die Barriere. Dort standen ein paar Bänke, so daß man sich setzen konnte. Es war kalt, man sah den Hauch vor dem Mund.
Die Halle war schon für das Nikolausreiten vorbereitet und wirkte deshalb verändert. In der Mitte hatte man vier Hindernisse zu einem Kreuz aufgebaut, in dessen Mitte ein riesiger Tannenkranz lag. Die Hindernisse waren nicht hoch, etwa 80 Zentimeter, und an ihren Enden stand je eine dicke Kerze, die aber heute noch nicht angezündet war. Vier Reiter in schwarzen Jacken und Kappen bewegten ihre Pferde, ritten zunächst nur auf dem Hufschlag in der Halle rundum, erst im Schritt, später im Trab. Der Reitlehrer stand etwas abseits der Hindernisse und gab die Kommandos.
„Dort ist meine Rumpel, Paul reitet sie heute“, flüsterte Petra aufgeregt. „Es müssen vier sein, sonst geht es nicht auf. Sie reiten eine Springquadrille.“
Ja, es wurde sehr spannend. Petras Aufregung steckte an. Jetzt hieß es „Galopp marrrrsch!“, und sogleich fielen alle vier in Galopp. Erst auf dem Hufschlag, dann, nachdem der Reitlehrer ein Zeichen gegeben hatte, im Kreis und so, daß sie jedesmal eins der Hindernisse nahmen. Das sah leicht und gefällig aus, war aber, wie Petra hinterher erklärte, „sauschwer“, denn jedes Pferd mußte genau im selben Moment springen wie die drei anderen, und keines durfte aus dem Takt kommen. Heute war ja erst Probe und Training, und Flieder hatte, wie man sah, seinen widerspenstigen Tag. Er weigerte sich gleich das erstemal und mußte mit der Gerte zurechtgewiesen werden, was er sehr übelnahm. Man sah seinem Schweif an, mit dem er seitlich schlug, wie ärgerlich er war. Sein Reiter mühte sich nach Kräften, ihn im Takt zu halten, er ritt im leichten Sitz und trieb‚ daß ihm das Wasser von den Schläfen an den Wangen heruntersikkerte.
„Da – da – na, es ging gerade noch“, flüsterte Anja und ließ kein Auge von ihm. Petra hatte die Zähne in die Unterlippe gegraben und verfolgte schweigend den Ritt, was bei ihr ein Zeichen von sehr starker Konzentration war. Sonst schwätzte sie ohne Pause, jetzt aber war sie unheimlich still.
Nach einer Weile ging es wieder rundum im Galopp, ohne zu springen. Reiter und Pferde atmeten auf, dann aber kam eine neue, schwierigere Aufgabe. Zwei Reiter mußten von der einen Seite über den großen Kranz springen und zwei von der anderen, aber abwechselnd, immer einer nach dem anderen. Auch das sah einfach aus, wie eine Art Reigen, es klappte aber überhaupt nicht. Flieder scheute vor dem Kranz und ging hoch, so daß sein Reiter fast aus dem Sattel kam, und Wisky drehte überhaupt ab und wandte dem Hindernis den Schweif zu, unmißverständlich zeigend: „Ich mach’ euren Quatsch nicht mit.“ Thilo, der drauf saß, ließ ihn ein paar Runden im schnellen Galopp gehen, um ihn mürbe zu machen. Der Reitlehrer schimpfte.
„Der ist wohl sehr streng?“ fragte Vater Petra ganz leise. Petra nickte, ohne den Blick von den Pferden zu wenden. Anja sah den Reitlehrer an, vor dem sie immer schon großen Respekt gehabt hatte.
Eigentlich sah er gut aus. Er hatte ein faltiges, verschlossenes Gesicht, war meist ruhig. Seine Bemerkungen aber, wenn jemand mit seinem Pferd nicht zurechtkam, waren bissig und von allen Schülern gefürchtet. Auch Thilo, ein anerkannt guter Reiter, hatte jetzt vor Verlegenheit einen roten Kopf.
„Und noch mal – erst Flieder, dann Rumpel –“
Beide sprangen.
„Jetzt Wisky – los, treib ihn, er muß tun, was der Reiter will!“
„Himmel, nein, das ist kein Kinderspiel. Und da reitest du schon mit?“ fragte Vater, als in der Halle eine Pause eingelegt wurde. Die Reiter durften im Schritt rundum reiten, sie wischten sich die Stirn und klopften ihren Pferden die Hälse. Die Pferde dampften so, daß die Spiegel rechts und links an den langen Seiten der Halle beschlugen. „Wie alt bist du denn?“
„Zwölf. Ich werde nächstes Jahr aber schon dreizehn“, sagte Petra eilig. „Und so schwer‚ wie es aussieht, ist es gar nicht. Die Rumpel – ich kenn’ sie doch. Ich kenn’ sie besser als Paul, wenn der auch gut reitet. Er ist Bereiterlehrling, wissen Sie.“
„Hm. Und da muß man von Anfang an solche Figuren reiten und wird angeschimpft, wenn das Pferd es nicht tut?“ Vater machte ein bedenkliches Gesicht. In Petras Kopf ging ein Licht auf.
„Zu Anfang? Keine Spur!“ eiferte sie. „Das macht man doch erst, wenn man schon lange reitet, schon jahrelang.“
„Jahrzehnte“, vollendete Vater trocken, „du bist wohl schon als Baby geritten.“
„Aber nein, so doch nicht.“ Petra mußte lachen. „Als Anfänger reitet man nur Schritt und Trab in der Abteilung, das heißt, die allerersten Stunden sogar an der Longe.“ Galopp unterschlug sie, sie wußte aus langer Erfahrung, daß Leute, die nichts vom Reiten verstehen, Galopp für schwer und gefährlich halten, und dabei ist Galopp so leicht und so angenehm …
„Na, ich weiß nicht.“ Vaters Gesicht blieb skeptisch, zumal Rumpel jetzt wirklich Schwierigkeiten machte. Sie übten wieder.
„Ach, wenn ich doch drauf säße.“ Petra trappelte zwar lautlos, aber hochgradig nervös hinter der Bande hin und her. „Paul ist viel zu grob. Die Rumpel muß mit Gefühl geritten werden, mit Fingerspitzengefühl …“
„Dann spring doch runter!“
„Was glauben Sie, was da passierte!“ Petra streifte Vaters Gesicht sekundenlang mit einem Blick. „Der Reitlehrer würde mich – in den Boden stampfen wäre gar nichts. Nie wieder dürfte ich auf ein Pferd, auch nicht auf mein eigenes …“
„So streng geht das hier zu?“
„Noch strenger!“
Als die Stunde zu Ende war, ohne daß einer der Reiter den Sattel geräumt hatte, atmeten alle auf. Mitwirkende und Zuschauer.
„Am besten ritt der Junge auf dem Rappen, fand ich“, sagte Onkel Kurt, Vaters Bruder, und wunderte sich, daß Petra und Anja gleichzeitig in Lachen ausbrachen. „Etwa nicht?“
„Der Junge ist eine Dame“, erklärte Petra, „das ist Cornelia. Aber die ist mutig wie ein Mann, wahrhaftig.“
„Was? Eine Dame? Cornelia? Wie heißt sie denn weiter?“
„Cornelia Nolde, Dr. Cornelia Nolde, Kinderärztin mit rotem VW – und ein Schatz. Ganz, ganz goldig“, berichtete Petra. „Da staunen Sie, was? Sie hat schon Jagden mitgeritten und eine L – wissen Sie, was das ist?“
Vaters Bruder staunte noch mehr, als sie erwartet hatte. „Cornelia Nolde, die kenn’ ich ja! Mit der hab’ ich studiert“, rief er, und seine Augen hinter den dicken Brillengläsern blitzten auf. „Du, sag mal, kann man sie mal sprechen? Jetzt gleich? Oder darf man nicht?“
„Doch, doch, können Sie. Sie muß aber erst den Flieder fertigmachen“, sagte Petra, „absatteln, Trense abspülen, Hufe auskratzen und Sattellage und Fesseln auswaschen. Das dauert eine Weile, aber dann können Sie schon.“
„Ich warte. Ich muß sie sprechen“, sagte Onkel Kurt bestimmt, „nein, so ein Zufall! Jahre und Jahre haben wir uns nicht gesehen. Wollt ihr auch warten?“
„Ich möchte eigentlich heim, wegen der Jungen“, sagte Mutter schüchtern. „Aber ihr könnt ja noch bleiben.“
„Wir gehen mit. Kurt bleibt, bis die Dame fertig ist, und begrüßt sie“, entschied Vater. „Wirst du zurückfinden?“
„Wir bleiben auch!“ erboten sich Anja und Petra wie aus einem Mund, und Onkel Kurt nahm sie sogleich rechts und links an die Hand.
„Ja, wunderbar! Und ihr führt mich zu Cornelia. Es ist schon so lange her, daß wir uns das letztemal sahen. Womöglich fällt sie hintenüber, wenn sie mich erkennt!“
„Ach was, Cornelia ist hart im Nehmen“, sagte Petra und zog ihn an der Hand mit sich, „Überraschungen sind immer schön. Kommen Sie.“ Kurt mußte im Laufschritt mitrennen, über den festgetretenen Schnee zum Stall hin. Anja zog an der anderen Hand. Atemlos kamen sie an.
„Laßt mich nur erst Luft holen“, stöhnte Onkel Kurt, „ich bring’ ja sonst kein Wort über die Lippen. Nein, was man alles erleben kann bei einer normalen Taufe!“
„Na, normal! Immerhin eine Zwillingstaufe“, japste Petra, und die beiden anderen mußten lachen. Und lachend traten sie in den Stall, der nach der Schneehelle draußen dämmerig und behaglich wirkte.
„Dort steht sie – dort steht Cornelia“, flüsterte Anja.
Ja, dort stand sie, Flieders Huf auf ihrem Knie, während sie mit einer Hand die Fessel umspannte und mit der anderen die Lohe aus der Höhlung des Hufs heraushebelte.
„Steh still, mein Guter, ja, so ist es brav. Siehst du – ja, einen schönen sauberen Huf haben wir …“
Sie ließ los, und er setzte den Fuß wieder ins Stroh. Cornelia sah auf.
„Nein! Kurt!“ Sie starrte ihn an, mit halboffenem Mund. Dann lachte sie. „Wie kommen Sie denn hierher?“
„Mit diesen beiden Stallburschen da.“ Er wies auf die Mädchen. „Wahrhaftig, Cornelia Nolde, und ich hielt Sie beim Reiten für einen jungen Mann. Dabei haben Sie sich überhaupt nicht verändert!“ Sie gaben einander die Hand. Petra versetzte Anja einen Schubs.
„Komm, wir gehen mal zur Rumpel rüber.“
Ein Reiterfest …
„Elendskerl! Angsthase! Feigling! Du sollst ja weiter nichts als drauf sitzen!“
„Ich will aber nicht!“
„Ich halte ihn an der Trense, ich führe ihn.“
„Nein –“
„Jetzt los! Die anderen warten schon. Du kannst doch nicht den ganzen Verein aufhalten!“
„Ich will aber nicht!“
Petra stand, die eine Hand an Kerlchens Backenstück, mit der anderen hatte sie Werners Jackettkragen gepackt. Werner drehte und wand sich, um aus ihrem Griff zu entkommen. Anja trat, dahinter stehend, von einem Fuß auf den anderen, sie wußte nicht, ob sie zugreifen sollte oder nicht.
Ringsum ging es zu wie in einem Bienenschwarm oder wie in einem Ameisenhaufen, in den jemand mit einem Stock hineinfuhr und wo alles fieberhaft damit beschäftigt ist, wieder Ordnung zu schaffen.
Auf höchsten Hochglanz geputzte Pferde traten in der Stallgasse hin und her, während ihre Reiter, selbst im schönsten Dreß, noch immer an ihnen herumputzten oder ihre Stiefel, mit denen sie im Stand waren, aufs neue blank rieben. Schweife wurden verlesen, damit sie schön locker fielen, Pferdenasen ausgewischt und Schöpfe geordnet. Jeder sprach mit jedem, und keiner hörte auf den anderen.
„Wenn du jetzt nicht aufsitzt …“ Petras Stimme klang nach höchster Alarmstufe.
Werner fing an zu heulen.
„Ich will aber nicht!“
„Dann ist Kerlchen ohne Reiter. Wir rechnen doch mit dir! Das gemeinste ist, jemanden sitzenzulassen, der mit einem rechnet. Siehst du das nicht ein?“ fragte Petra verzweifelt. Vorgestern bei der Hauptprobe war Werner gnädiger Laune gewesen und mitgeritten, ganz ordentlich. Es war ja kein Reiten in diesem Sinne, er mußte nur drauf sitzen und eine einigermaßen gute Figur machen, während Kerlchen, neben und hinter den anderen, in die Halle hinuntertrottete und sich dort vorstellte. Also eine Sache ohne jedes Risiko. Herr Anders hatte sich sogar erboten, Kerlchen bis an die Hallentür zu führen.
„Vorgestern ist es doch auch gegangen! Also wenn du jetzt nicht augenblicklich –“
„Was findet denn hier für ein Ringkampf statt?“ fragte jemand hinter ihnen. Petra drehte sich um, ohne Werner loszulassen.
„Werner will nicht, er bockt!“ Petras Stimme klang verzweifelt. Herr Anders sah sie nachdenklich an.
„Dann laß ihn doch laufen, den dummen kleinen Kerl“, sagte er freundlich; es klang, als handele es sich um eine Nichtigkeit und nicht um das Nikolausreiten, das einmal im Jahr stattfand. „Wer nicht will, der hat, und wer nicht ißt, ist satt“, sagte Herr Anders heiter, „wie wär’s, wenn Anja einspränge?“
„An…“ Petra blieb der Mund offenstehen. Auch Anja starrte Herrn Anders an, als verstünde sie die Welt nicht mehr: Der lachte.
„Sie hat doch schon oft auf Kerlchen gesessen, wenn auch ohne Sattel. Aber mit Sattel ist es auch nicht schwieriger. Und ich führe ihn bis unten. In der Halle geht er wie eine Eins, mitten zwischen den anderen. Also, Anja, willst du, oder willst du nicht?“
„Oh –“ Diese eine Silbe sagte genug. Petra sah die Freundin einen Augenblick an, ließ dann Kerlchen los – der stand und geduldig wartete auf das, was da kommen würde – und zog ihrem lieben Bruder das schwarze Jackett vom Leibe, das noch von ihr stammte.
„Los, Anja, anziehen! Paßt dir bestimmt. Die Hose können wir nicht mehr wechseln, aber auf die guckt keiner. Geht’s? Na, wunderbar siehst du aus, wie ein Derbysieger.“
Anja trug zufällig einen weißen Rollkragenpullover, wie viele Reiter sie unter den schwarzen Jacketts anhatten. Freilich, die helle Turnierhose, die dazugehörte, besaß sie nicht, dafür aber hatte sie heute schwarze Gummistiefel an, die man bei flüchtigem Hinsehen für Reitstiefel halten konnte, und eine hellgraue Ribbelsamthose. Petra riß dem lieben Bruder mit einem geübten Griff die Sturzkappe vom Kopf.
„Aua!“
„Macht nichts, warum bist du so stur.“
Die Kappe paßte. Anja schlug das Herz bis zum Hals. Sie sollte mitreiten! Wenn nur der Reitlehrer nicht im letzten Augenblick doch noch dazwischenfunkte, denn sie war ja nicht im Reitverein.
„Ach was, der hat heut anderes im Kopf“, sagte Herr Anders und half ihr in den Sattel, „nichts tun als die Zügel halten, ohne daß du ihm weh tust, ihn nicht im Maul stören, verstanden? Kannst du längst, wie oft hast du draußen schon drauf gesessen. Und du, Petra, wen hast du heute?“
„Die Rumpel. Ich hol’ sie.“
Die Reiter formierten sich. Die meisten saßen erst unten vor der Tür der Halle auf, ritten hindurch und ordneten sich vor der Zuschauertribüne. Anja kam mit Kerlchen, den Herr Anders hier losließ, neben Wisky, den ein Mädchen, kaum älter als sie, ruhig und sicher hineinlenkte. Kerlchen ließ sich gutwillig neben ihm halten, alles ging viel glatter, als sie gefürchtet hatte. Trotzdem schlug ihr das Herz wie verrückt, und ihr Gaumen fühlte sich ganz trocken an vor Aufregung.
Die ersten Reiter reihten sich vor der Tribüne auf, einer neben dem anderen. In die zweite Reihe kamen Wisky und Kerlchen, ziemlich weit links. Anja war froh, neben Wisky bleiben zu können und nicht etwa eine neue Reihe anfangen zu müssen. Petra, so sah sie, aus den Augenwinkeln seitwärts schielend, reihte sich in der dritten Reihe ein, aber das machte nichts. Sie war es ja gewöhnt, Rumpel zu dirigieren.
Die Musik schmetterte los, und ein Zucken ging durch Kerlchens Körper.
„Ruhig, ruhig“, sagte Anja halblaut, wie sie es oft von den anderen gehört hatte, „keiner tut dir was. Du brauchst nicht zu erschrecken. So, so, siehst du, jetzt ist es gar nicht mehr schlimm, nur anfangs. Ich bin ja auch erschrocken.“
„Wisky, du Walroß. Wirst du wohl!“ hörte sie von nebenan. Wisky war also auch zusammengefahren. Warum stellten sie auch die Musik so laut…
Das war tatsächlich ein Fehler gewesen. Anja sah, wie viele Pferde unruhig wurden, nicht nur die von Kindern gerittenen. Creon ging wie ein Schaukelpferd vorn und hinten hoch, Flieder feuerte aus und traf Condor, und der, beleidigt, wandte sich um und biß Flieder in den Widerrist. Cornelia hatte alle Hände voll zu tun, ihn zu beruhigen, außerdem versuchte sie, den Schaum, der von dem Biß an Flieders Hals zurückgeblieben war, mit der einen Hand abzuwischen. Anja hielt sich so still wie möglich auf ihrem Kerlchen und flehte ihn innerlich an, nicht auch verrückt zu spielen. Jetzt wurde die Musik leiser. Ein einziges Glück – die Pferde beruhigten sich, die Reiter entspannten sich. Nun begann die Rede des Vereinsvorsitzenden.
Die mußte man in Ehren überstehen, da half nichts. Anja verstand kein Wort davon, sie war nur bemüht, möglichst gut und korrekt zu sitzen und ihren Kerlchen bei der Stange zu halten. Es gelang. Und jetzt endete der Redner, die Zuschauer applaudierten, eine neue Unruhe ging durch die Reihen der Pferde, wurde gedämpft, und nun begann das Hinausreiten. Dadurch wurde alles besser, man kann mit einem Pferd immer besser auskommen, wenn es in Bewegung ist. Aber so richtig aufatmen konnte Anja erst, als sie am Stall angelangt war und absitzen durfte. Herr Anders hatte sich unauffällig zu ihr hingeschoben und hielt Kerlchen, während sie sich heruntergleiten ließ.
„Na, das hast du ja fein gemacht“, lobte er, während sie die Kappe zurechtschob. „Der Werner wird sich schön ärgern. Hinterher ist man dann wütend, wenn man nicht mutig war. Ja, ja, geschenkt wird einem beim Reiten nichts, man muß sich zusammennehmen und es selbst schaffen. Du hast heute damit angefangen.“ Er lächelte ihr zu. Anja wurde feuerrot.
„War ich gut? Hab’ ich anständig gesessen?“
„Sehr anständig. Wirst es auf den Bildern sehen, die in den Zeitungen erscheinen.“
„Was? In die Zeitung kommen wir?“ Anja erschrak fürchterlich. Dann sahen es ihre Eltern womöglich, daß sie mitgeritten war.
„Was hast du denn? Was ist dehn los?“ fragte Herr Anders, der gemerkt hatte, wie sehr sie erschrak. Sie stammelte etwas von „Vater und Mutter“ und „nicht wissen“.
„Ach, laß gut sein. Die Bilder in den Zeitungen sind meist nicht sehr scharf. Und wer es nicht weiß, erkennt dich nicht. In Jackett und schwarzer Kappe sehen alle sehr ähnlich aus.“
Das stimmte. Anja hatte oft beobachtet, wie sehr man sich da irren kann. Wenn sie auf Cornelia wartete und dachte, jetzt müßte sie kommen, dann war es ein paarmal gar nicht Cornelia gewesen, sondern jemand anderes. Vielleicht sah man sie ja auch gar nicht auf dem Foto, weil sie von einem Reiter aus der ersten Reihe verdeckt war. Das wäre übrigens andererseits schade …
„Und außerdem sind Eltern dann meist doch stolz, wenn alles gutgegangen ist. Laß es drauf ankommen, ob sie es sehen oder nicht“, riet Herr Anders ihr.
Anja nahm den Zügel ab und machte Kerlchen das Stallhalfter an; den Sattel nahm Herr Anders herunter, so hoch reichte sie nicht hinauf. Sie wusch Kerlchen die Nüstern und die Sattellage und die Fesseln, wie man es nach einer Reitstunde tut, trödelte aber nicht, denn sie wollte wieder in die Halle. Dort lief ja jetzt das Programm weiter, und sie wollte sowenig wie möglich verpassen. Als der letzte Huf ausgekratzt war, rannte sie hinunter. Sie kam gerade zur Springquadrille zurecht.
Es ritten Cornelia auf Flieder, Petra auf Rumpel, Paul auf Wisky und Thilo auf Creon. Die Musik hatte man abgestellt, der Reitlehrer fand das besser. Die Zuschauer, die nach dem Vorstellen der Pferde geschwatzt und gelacht hatten, schwiegen jetzt und drängten sich an die Barriere.
O ja, es war spannend. Das Tempo scharf, schneller als neulich beim Training, die Pferde flogen nur so über die Hindernisse. Und die Wendungen! Die Halle war relativ eng. Anja stand die ganze Zeit nur auf einem Bein, die Faust zwischen die Zähne gedrückt. Einmal erwischte es Paul, er räumte den Sattel; sie hatte nicht mitgekriegt, warum, weil sie gerade zu Cornelia hingesehen hatte, sah nur, wie er sich wieder am Sattel emporzog, katzengleich, gewandt. Es gelang ihm so schnell, daß keine Verzögerung eintrat – wahrhaftig ein Meisterstück, fand sie. Die anderen fanden das übrigens auch. Als die Quadrille zu Ende war, wurde laut geklatscht, und viele sagten, Paul gebühre die Krone, er sei zwar ausgestiegen – „herunterfallen“ sagt kein Reiter –, aber doch unglaublich geschickt wieder in den Sattel gekommen. Ein Zuschauer lachte allerdings und meinte, oben bleiben wäre vielleicht noch verdienstvoller gewesen …
„Ja, bleiben Sie mal oben, wenn –“ Anja sah zu ihm auf und sprach nicht weiter, so erstaunt war sie. Das war ja Onkel Kurt, der da neben ihr stand!
„Wie kommst du denn hierher?“ fragte sie nicht gerade sehr geistreich.
„Auf meinen zwei Beinen, wenn du gestattest. Ich wollte so gern – nachdem ich die Hauptprobe sah –“ Er war tatsächlich etwas verlegen. „Du, Anja, eigentlich brauchst du das zu Hause nicht zu erzählen, ich meine –“
„Warum denn nicht? Aber ich tue es schon nicht. Erzählst du aber dann auch nicht, daß ich vorhin mitgeritten bin?“ Etwas hatte Anja schon von Petra gelernt. Onkel Kurt sah belustigt auf sie herab.
„Gut, was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Sag, reitet Cornelia noch was mit?“
„Nein, ich glaub’, sie ist fertig. Willst du zu ihr? Ich geh’ mit. Bis zur nächsten Nummer dauert es sowieso noch ein Weilchen, weil sie erst die Hindernisse wegräumen müssen. Du, ich hab’ Durst, könnten wir nicht einen Sprudel trinken?“
„Gibt’s hier welchen? Dann los, von mir aus. Aber schnell.“ Sie drängten durch die Menge. Unten in der Halle waren die Kerzen ausgeblasen worden, der Kranz wurde hinausgetragen, und die Hindernisse verschwanden. Alles ging schnell und reibungslos, der Reitlehrer hatte seine Helfer gut im Zug.
Anja rannte, Onkel Kurt hinter sich, erst zum Reiterstübel und trank dort ihren Sprudel. Sie hatte wirklich einen schrecklichen Durst gehabt, von der Aufregung, vom Schnellatmen beim Reiten. Dann zog sie ihn zum Stall. Darin guckte sie sich um, sah Cornelia, die im Stand bei Flieder war, und rief ihr zu: „Jemand will Sie sprechen! War wunderbar, alles ist begeistert. Ich geh’ wieder hin.“ Weg war sie. Onkel Kurt trat zu Cornelia in Flieders Stand.
„Vorsicht!“ sagte die und lachte. „Er mag es nicht, wenn zwei in seinen Stand kommen. Dann drängelt er und läßt einen nicht mehr raus.“
Sie war froh, daß Flieder diese Unart hatte. So konnte sie einigermaßen gut verbergen, daß sie rot geworden war, ziemlich rot und verlegen. Onkel Kurt merkte es nicht, er stand zwischen Flieders Hinterteil und der Boxenwand eingeklemmt und sah sie hilfesuchend an. Sie lehnte sich gegen Flieders Flanke und schob und schob mit ihrem ganzen Gewicht – nun konnte das Rotwerden auch davon kommen, wenn er es überhaupt hier im Dämmern des Stalles sah …
Unten in der Halle fanden jetzt ein paar lustige Spiele statt, die der Reiternachwuchs bestritt. Drei ungefähr gleichaltrige Reiterinnen mußten mit ihren Pferden an der kurzen Seite der Halle halten, während an der gegenüberliegenden, also direkt bei den Zuschauern, drei Eimer mit Wasser aufgestellt wurden. In jeden kam ein Apfel hinein. Dann wurde das Startzeichen gegeben.
Die Reiterinnen trieben ihre Pferde so schnell wie möglich auf die Eimer zu, sprangen ab und versuchten, mit den Zähnen den Apfel aus dem Eimer zu fischen, während sie mit einer Hand das Pferd am Zügel hielten. Die Äpfel waren nicht sehr groß, man konnte sie mit weit aufgerissenem Mund schon erwischen, aber es sollte ja ganz schnell gehen. Immer wieder plumpste ein Apfel zurück, die Reiterin wurde bespritzt, das Pferd warf den Kopf – alles lachte. Endlich hatte eine es geschafft, schwang sich, den Apfel im Mund, auf ihr Pferd und preschte zurück, die beiden anderen nacheinander ihr nach. Atemlos nahmen sie die Äpfel aus dem Mund und verfütterten sie an ihre Pferde, während die Zuschauer klatschten. Und dann kam ein neues Wettspiel dran, genauso spannend und erheiternd.
In der Mitte der langen Seiten war je ein etwa ein Meter hoher Leuchter aufgestellt, und darauf stand eine dicke, brennende Kerze. Nun mußten die Reiter – diesmal waren es sechs, drei Jungen und drei Mädchen – im Galopp vorbeireiten und sie ausblasen. Wer als erster eine Kerze ausblies, hatte gewonnen. Es war gar nicht so leicht, immer wieder galoppierten sie so nahe wie möglich vorbei und bliesen und pusteten, die Flammen der Kerzen bogen sich zwar zur Seite und flackerten, aber aus gingen sie nicht.
Und dann kam die „Reise nach Jerusalem“ zu Pferde dran, das war der Höhepunkt.
In der Halle wurden sieben Stühle im Kreis aufgestellt, und acht Reiter mußten rundum reiten, diesmal in flottem Trab. Der Reitlehrer stand mit den Zuschauern auf der Tribüne und hatte eine Tischglocke in der Hand. Wenn er klingelte, mußten die Reiter absitzen und, die Pferde hinter sich am Zügel, zu den Stühlen rennen, um sich zu setzen. Einer der Reiter blieb übrig, und der schied aus. Dann wurde ein Stuhl weggenommen, und es ging von vorn los.
Diesmal war auch Petra dabei, und zwar nicht auf Rumpel, sondern auf Moni, einer etwas hibbligen Araberstute – warum, wußte Anja nicht. Sie sah wie gebannt auf die Freundin, die es kaum fertigbrachte, Moni im Trab zu halten. An jeder Ecke versuchte die Stute, in Galopp zu fallen, bockte oder hob sich auf die Hinterbeine – Petra war darauf gefaßt und beugte sich vor, legte beide Arme um den Pferdehals, balancierte das Pferd aus. So, jetzt stand es wieder auf vier Beinen, los, weiter …
Alle Zuschauer hielten den Atem an. Und Petra mußte zum allgemeinen Bedauern schon beim zweitenmal ausscheiden, weil sie keinen Stuhl erwischte. Sie lachte aber und machte sich nichts draus, wie man deutlich sah. Moni hinter sich herziehend, verließ sie winkend die Halle und hatte noch einen kleinen Sonderapplaus.
Und wieder einmal ging es durch Anjas Herz hin: So wie Petra müßte man sein. So vergnügt, so mutig, so unbefangen. Alle liebten Petra – nie, ach, nie würde sie, Anja, so sein können.
… und was beinahe dabei passiert wäre
Anja schob sich zwischen den Zuschauern durch, um zu Petra zu gelangen. Es war schwierig; die Leute standen dicht an dicht, und sie kam nicht vorwärts. Schließlich gab sie auf. Petra hatte sicher schon abgesattelt und stürzte sich nun ihrerseits in das Gewühl, das auf der Tribüne herrschte. Gleich darauf klingelte es, und die Tür der Halle ging auf: Der Nikolaus kam.
Na, dann blieb sie also, wo sie war, um so mehr, als sie sah, daß der Nikolaus von einem Engelchen begleitet wurde, das sie sogleich erkannte: Petra. Sie mußte sich in rasender Eile umgezogen haben; sie trug jetzt ein langes weißes Nachthemd – über Hose und Stiefeln, wenn man genau hinsah hatte eine Perücke mit goldenen Lokken auf, die sie sehr veränderte, und sogar ein paar Flügel an die Schultern geschnallt. Ihr rundes Lausejungengesicht als Engelsköpfchen – alle lachten. Sie zog ein Pferd hinter sich her, das zwei vollgestopfte Säcke auf seinem Rücken trug. Das Pferd war Kerlchen. Anja fand es einerseits etwas belämmernd, daß man gerade Kerlchen genommen hatte; denn eigentlich kommt der Nikolaus ja mit einem Esel. Stufte man Kerlchen, der das Gnadenbrot bekam und höchstens hie und da einmal aushalf, jetzt als Esel ein? Andererseits war sie in seinem Sinne geschmeichelt. Es war doch eine Ehre, mit dem guten und geliebten Kinder-Heiligen gehen zu dürfen. Der Nikolaus hatte einen roten Mantel an mit weißem Fell innen, das am Kragen und an den Rändern eine ganz schmale Pelzkante bildete, auch die Taschen waren verziert. Er trug eine Maske, so daß man nicht sehen konnte, wer darunter steckte. Der Reitlehrer sicherlich nicht, zu ihm paßte die Rolle des Nikolaus’ auch nicht, er war eher streng als gütig. Eine hohe rote Mütze machte ihn noch größer.
Anja war von den immerzu drängelnden Zuschauern nach vorn an die Barriere geschoben worden und stand nun dort, hatte die beste Sicht und lachte Petra zu, die sie sah und ein wenig zu ihr emporwinkte. Mit dem Nikolaus, dem Engel und Kerlchen war noch jemand in die Halle gekommen: Othello. Er machte sich sehr drollig in seiner kleinen schwarzen Dickbäuchigkeit. Die Zuschauer lachten. Er ging um Kerlchen herum, hob die freche Nase und stellte sich dann zum Nikolaus, der ein Gedicht aufzusagen begann. Erst verstand man nicht viel, dann aber, nach einem allgemeinen Zischen: „Ruhe! Wir wollen was hören!“, legte sich das Gemurmel der Zuschauer, und nun konnte man verstehen, was der Heilige sagte. Es bezog sich auf die Reiterei, das Pech oder das Glück der einzelnen Reitvereinsmitglieder, das sie im letzten Jahr gehabt hatten, und war in drollige Verse gekleidet. Immer wieder gab es Gelächter bei den Zuhörern.
Dann hob der Nikolaus mit Hilfe seines Engelchens den ersten Sack von Kerlchens Rücken herunter, machte ihn auf und entnahm ihm ein eingewikkeltes Geschenk nach dem anderen. Auf den Päckchen stand in großen Buchstaben der Name des jeweiligen Vereinsmitgliedes, und der Nikolaus las ihn, sagte zwei Zeilen, die darunter standen, etwa:
„Ein Mähnenkamm für Thilos Flieder,
und für ihn selbst auch hin und wieder“,
und dann lachte alles, weil Thilo zu den jungen Männern gehörte, die sich mit wallenden Locken schmücken, ob es Mode ist oder nicht, und diese nicht ganz so sorgsam pflegen, wie das bei einer solchen Haartracht nun einmal nötig ist, mögen sie Männer oder Mädchen tragen. Der Jubel der Zuhörer war jedesmal groß.
Freilich, einer störte diese hübsche Vorführung: Othello. Er fand sich wohl zuwenig beachtet, jedenfalls lief er dauernd zwischen dem Nikolaus und seinem Engel, der die Geschenke auf die Tribüne hinaufreichte, hin und her, knabberte am Sack und steckte seine lackschwarze Nase hinein, und wenn der Nikolaus ihn wegscheuchte, erhob er sich drohend auf die Hinterbeine, legte den Kopf schief und boxte nach ihm. Die Zuschauer lachten. Dann aber begann er, Kerlchen zu ärgern – er stieß ihn gegen die Vorderbeine und biß schließlich in seinen Schweif.
Kerlchen, sonst rührend geduldig, fing nun auch an, unruhig zu werden. Er schubste Othello mit seinem großen Kopf weg, so daß dieser ein Stück durch die Halle sauste, begann hin und her zu treten und ging schließlich rückwärts.
Der Nikolaus, durch seine Maske am Sehen etwas behindert, verlor sein Konzept, und die ganze Aufführung geriet ins Wackeln.
„Schmeiß ihn raus!“ brummte er Petra zu. Die lief hinter Othello her, der sich an die Barriere flüchtete. Dort aber bekam Petra überraschend Hilfe. Anja war blitzschnell auf die hölzerne Schranke gestiegen und in die Halle hinuntergesprungen, zu zweit erwischten sie den kleinen Bock sogleich, und Anja zerrte ihn an seinen Hörnern mit sich, dem Ausgang zu. Othello, der sich nicht gern an den Hörnern packen ließ, stemmte sich und versuchte zu stoßen, aber es half ihm nichts, Anja blieb Sieger.
„Gut so, endlich hat man seine Ruhe!“ brummte der Nikolaus, rückte seine Maske zurecht und grub aufs neue in seinem Geschenksack, während Anja, nachdem sie den Bock hinausgeschoben hatte, die Tür schnell wieder schloß. Sie blieb aber vorsichtshalber in der Halle, gewärtig, noch einmal aus diesem oder jenem Grund einspringen und helfen zu können. Gerade lachten die Zuschauer wieder laut, es wurde sogar geklatscht – Anja sah auf und verstand sogleich, warum: Kerlchen hatte, um auch etwas von der Bescherung abzubekommen, seine Nase in die eine Tasche des Nikolausmantels gesteckt und diese, wie es seine Spezialität war, dabei halb abgerissen.
„Also, man kommt doch zu keiner vernünftigen Arbeit“, schalt der Heilige und betrachtete seinen lädierten Mantel, „da wird die Mutter Maria aber ärgerlich sein, wenn sie mir die Tasche wieder annähen muß.“
„Ich mach’ es dir, Nikolaus!“ rief Petra beschwichtigend. „Die Mutter Maria hat jetzt vor Weihnachten so viel zu tun, da kann sie nicht noch Flickarbeiten verrichten. Der Stall wird renoviert, weil es durchs Dach regnet, und die Krippe von Ochs und Esel soll mit einer automatischen Tränke versehen werden.“ Alle Reitvereinsmitglieder lachten schallend und klatschten in die Hände. In den letzten Wochen hatte der Streit um solche Tränken im Stall wild getobt, man behauptete, es sei nicht zumutbar, daß immerzu das Wasser in Eimern herbeigeschleppt werden müsse. Das war echt Petra, darauf anzuspielen. Der Vorsitzende des Vereins, Herr Heinrich Starke, sah sich ein wenig verlegen lächelnd um – alle lachten ihn an und winkten ihm zu. Nun würde er wohl diese Neuerung genehmigen müssen.
Die Bescherung ging weiter, nun ohne Unterbrechung von anderer Seite. Einmal kam Petra zu Anja herüber und flüsterte ihr etwas zu.
„Im Stand von Kerlchen, vorn auf der Krippe, liegt noch ein Paket, das soll der Nikolaus haben. Ich überreiche es ihm dann“, flüsterte sie. „Kannst du es holen? Hat Zeit, mit dem zweiten Sack haben wir ja erst angefangen, und der Nikolaus bekommt das Päckchen erst zum Schluß.“
Anja nickte. Sie sah noch ein Weilchen zu, dann ging sie unauffällig rückwarts und schlüpfte aus der Tür. Sie hatte schon wieder solchen Durst. Schnell lief sie den kleinen steilen Weg zum Stall hinauf, ging hinein und hielt erst einmal den Mund unter den Wasserhahn. Hach, tat das gut! Und dann ging sie in Kerlchens Stand und fand auch sogleich das Paket.
„An den ehrwürdigen und schenkfreudigen Nikolaus als kleine Gegengabe für noble Weihnachtsgeschenke“, las sie. Es war schwer. Was mochte darin sein?
Als sie den Berg wieder hinunterging, vorsichtig am Rand, wo es nicht so glatt war, sah sie sich noch einmal um, ob sie im Stall auch das Licht ausgedreht hatte. Da stutzte sie. An der Längswand des Stalles, dort, wo der Weg zwischen Mist und Stallgebäude hindurchführte, stand der Nikolaus und sprach mit einem kleinen Jungen, den er an der Hand hielt. Besser: den er an der Hand mit sich fortzuziehen versuchte, wogegen der Junge sich aber wehrte.
„Nein, ich will nicht!“ hörte Anja. Die Stimme kannte sie doch! Und den bockigen Ton! Natürlich, der Junge war Werner, jetzt erkannte sie ihn, Petras kleiner Bruder. Genauso hatte er heute gekreischt, als er Kerlchen reiten sollte.
„Komm, komm, ich hab’ auch was Schönes für dich!“ lockte der Nikolaus halblaut. Anja war, eigentlich einer ihr selbst nicht erklärlichen Regung folgend, wieder bergauf gelaufen und hatte sich hinter die Stallecke gestellt. Um diese spitzte sie nun herum – was machte denn der Nikolaus hier draußen? Er konnte doch nicht alle in der Halle im Stich lassen, nur um sich um Werner Hartwig zu kümmern?
Es begann schon zu dämmern. Aber Anja sah den Nikolaus noch ziemlich genau, seinen roten Mantel, seine Stiefel, seine Maske und die hohe Mütze. Die Stimme konnte sie nicht erkennen, durch eine Ganzmaske hört man sie nicht so gut, und er stand auch etwas entfernt von ihr. Aber vorhin in der Halle hatte sie auch nicht feststellen können, wer den Nikolaus spielte. Herr Anders sicherlich nicht, den kannte sie an den Bewegungen. Hinter dem Nikolaus und Werner tauchte jetzt Othello auf und guckte die beiden aufmerksam an. Anja blickte von ihm zum Nikolaus und zu Werner hin, und plötzlich fühlte sie einen heißen Schrecken: Der Nikolaus hatte sich, weil Werner versuchte, seine Hand aus der des Nikolaus’ zu ziehen, ein wenig gedreht, und man sah ihn jetzt von der rechten Seite. Die Manteltasche dort war nicht abgerissen … Und Kerlchen hatte doch vorhin seine Nase hineingesteckt und sie zur Hälfte abgefetzt!
Oder war es die linke gewesen?! Anja glaubte ganz sicher zu wissen, daß es die rechte war …
Einer blitzschnellen Überlegung folgend, rannte sie um den Stall herum und guckte von der anderen Seite zu den beiden hin. Jetzt sah sie den Nikolaus von links. Auch dort war die Tasche in Ordnung. Und weiße Pelzkanten an der Kapuze konnte sie auch nicht erkennen. Es mußte ein anderer Nikolaus sein.
„Lassen Sie Werner los!“ hörte Anja sich schreien, während sie aus ihrem Versteck heraus auf die beiden zurannte.
„Werner, komm her – lassen Sie ihn los, oder ich hole jemanden!“
Der Nikolaus hatte sich aufgerichtet und starrte einen Augenblick zu ihr hinüber. Dann drehte er sich um und lief weg.
„Werner! Werner! Komm her!“ gellte Anjas Stimme. Der Nikolaus hatte ihn losgelassen, er rannte jetzt am Rand des hier aufgestapelten Misthaufens entlang, der großen Straße zu, Anja hinterher. Sie wußte selbst nicht, warum sie hinterherrannte, sie würde einen großen und starken Mann nicht aufhalten können, aber sie lief, so schnell sie konnte!
Und da passierte es. Othello war schuld. Er hatte wohl angenommen, das wäre ein lustiges Spiel, und war halb neben, halb vor dem Mann im roten Mantel über den Schnee gesprungen, manchmal bockelnd, manchmal verharrend.
Als der Nikolaus einmal eine kleine Kurve um einen der Pfosten herum machen mußte, die hier den Mist vom Weg abgrenzten, kam ihm der Ziegenbock vor die Füße. Er stolperte, fluchte, versuchte sich zu fangen, und es sah einen Augenblick lang so aus, als käme er wieder ins Gleichgewicht. Dann aber fiel er doch vornüber, in den Schnee, die Maske löste sich von seinem Gesicht und flog voraus, und da sah Anja etwas.
Sie sah es nur einen ganz, ganz kurzen Augenblick lang. Dann hatte der vermeintliche Nikolaus sich aufgerafft, die Maske ergriffen und wieder vors Gesicht gesetzt, und nun rannte er, rannte, rannte –
Aber sie hatte die Narbe gesehen. Eine Narbe, die sich an der linken Wange entlangzog, von der Schläfe bis zum Mundwinkel. Wenn Anja vorher nur rein gefühlsmäßig gemeint hatte, hier lauere Gefahr, so wußte sie es jetzt klar und genau: Dieser Nikolaus mußte der Mann sein, von dem Vater damals erzählt hatte. Der Mann, der kleine Jungen an sich lockte und mitnahm, vor dem die Lehrer gewarnt hatten, wegen dem die Eltern auf ihre Kinder aufpassen sollten …
Was tun? Hinterherrennen? Sie konnte ihn nicht festhalten. Jemanden holen? Wen?
Irgendeinen Erwachsenen.
Ohne weiter zu überlegen, fegte Anja zurück, an Werner, der verdutzt und mit offenem Mund stehengeblieben war, vorbei, der Reithalle zu. Und wie es manchmal der Zufall fügt: Dort kam ihr jemand entgegen, in Stiefeln, Reithosen, die Kappe in der Hand: Cornelia. Besser konnte es gar nicht sein!
„Cornelia! Cornelia! Ein Mann – ein – ein – er hat sich als Nikolaus verkleidet und wollte Werner mitnehmen –“
„Was sagst du?“ fragte Cornelia. Anjas Worte überstürzten sich. Gleich darauf hatte die junge Ärztin verstanden.
„Komm“, sagte sie nur und rannte los. Ihr VW stand an der Schmalseite des Stalles, vorn, also nicht zwischen Halle und Stall, sondern auf der entgegengesetzten Seite. Cornelia riß die Tür auf und war schon drin, stieß die andere nach außen.
„Komm rein! Roter Mantel, sagst du? Den finden wir!“
Sie startete. Die Gebäude des Reitvereins lagen etwas außerhalb der Siedlung, ein Weg – für Kraftfahrer verboten, für Anlieger frei – führte hin. Cornelia konnte hier nicht allzuschnell fahren, aber schneller als ein rennender Mensch war ihr Wagen natürlich immer noch. Am Ende des Weges sah sie eine Gestalt …
„Ist er das?“ fragte sie und deutete mit dem Kinn nach vorn. Anja strengte ihre Augen an.
„Ich weiß nicht –“
„Guck genau hin.“
„Und was machen wir, wenn er es ist?“ fragte sie dann. Cornelia hob die Schultern.
„Ja, was! Einen Polizisten suchen.“
Wo sollte wohl hier ein Polizist auftauchen! Die Gestalt, die sie beide vorhin gesehen hatten, war jetzt verschwunden. Wo konnte der Mann hin sein?! Cornelia hatte die Straße erreicht und nahm das Gas weg. Einfach ins Blaue oder besser Graue hineinzurasen hatte keinen Zweck. Da sah sie das Telefonhäuschen.
„Warte, dort …“
Sie hielt, sprang aus dem Wagen, riß die Glastür auf. Anja krabbelte auch heraus, sah die Straße hinauf und hinunter. Nichts. Wo konnte der Kerl nur hin sein?
Sie sagte das zu Cornelia, als diese wieder herauskam. Die wunderte sich auch.
„Nicht wahr? Wie vom Erdboden verschluckt.“
Gleich darauf war der Streifenwagen da. Cornelia gab kurz Bescheid, der Polizist hörte zu, stellte ein paar Zwischenfragen, auch an Anja, sie antwortet so genau wie möglich. Daß es dunkel wurde, war natürlich ärgerlich.
Sie fuhren dann zurück, Richtung Reitverein, und sahen sich dort um. Am Rand des Fahrweges stand Werner, Othello neben sich. Der Polizist fragte auch ihn aus. Er wußte nicht viel, nur daß der Nikolaus ihm allerlei versprochen hatte, wenn er mitkäme.
„Und es war der Nikolaus. Ich habe ihn doch in der Halle gesehen! Mit dem roten Mantel!“
„Ja, ja“, sagte der Polizist und nahm Werners Hand, „zeig mir mal, wo er gestanden hat. Und wohin ist er denn gelaufen?“
Der Schnee war überall von unzähligen Fußspuren zertreten; es war unmöglich, eine Spur zu finden.
„Dort rüber“, sagte Werner unsicher. Da wurde auf einmal Cornelia aufmerksam.
„Dort rüber, sagst du?“
Auf der anderen Seite des großen Misthaufens ging es steil bergab – hier war es ja überhaupt nicht eben, auch die Halle lag unterhalb des Stalles –, auf dieser Seite befand sich der kleine Sprunggarten. Der große für die Turniere lag hinter der Halle, nach dem Wald zu, der kleinere hier. Hier wurden von den Anfängern die ersten Sprünge gemacht, im Sommer standen blauweiße und rote Hindernisse aufgebaut, auch einen Graben und einen Tiefsprung gab es.
„Kommen Sie“, sagte Cornelia halblaut und machte dem Polizisten ein Zeichen. Und dann gingen sie los, kletterten quer über den Berg aus gefrorenem Mist und dann zum kleinen Sprunggarten hinunter. Hier gab es so gut wie keine Möglichkeiten, sich zu verstecken; nur dort, wo eine Senkung ausgehoben worden war, damit der Reiter hinunterreiten, unten einen Sprung machen und wieder hinaufreiten mußte; Tiefsprung nennt man das. Und dort – wahrhaftig, als sie näher kamen, sahen sie es –, dort kauerte ein Mensch.
Er trug keinen roten Mantel mehr, den hatte er ausgezogen und in einem Klumpen zusammengeballt auf der Erde neben sich liegen. Auch die Nikolausmaske hatte er nicht mehr auf, nur die Mütze. Die hatte er tief ins Gesicht gezogen.
Cornelia fühlte trotz Zorn, Aufregung und Empörung ein tiefes Mitleid mit diesem Menschen in sich aufsteigen. Sie versuchte es zu unterdrücken. Aber es blieb. Sie als Ärztin wußte zu genau, daß es oft nur eine schreckliche Veranlagung ist, die einen Menschen zu solchen Dingen treibt, eine Art Krankheit, eine Besessenheit. Eine schuldlose –
Deshalb aber mußten die Kinder doch vor ihm bewahrt werden. Es half nichts.
Sie stand und beobachtete den Polizisten, wartete, ob sie noch irgendwie gebraucht würde. Als sie sah, wie der Verfolgte sich aufrichtete, auf Geheiß des Polizisten den Mantel nahm und wortlos vor ihm hertrottete, wandte sie sich ab, Anja zu. Die stand halb neben, halb hinter ihr, mit aufgerissenen Augen, blaß und verängstigt.
„Komm“, sagte Cornelia und faßte Anjas Hand, „hier haben wir nichts mehr zu tun. Komm, und sei nicht so verschreckt. Es gibt halt solche Dinge in der Welt, Dinge, die man nicht ändern und nur schwer begreifen kann, auch als Erwachsener.“
„Kommt er – muß er jetzt ins Gefängnis?“ fragte Anja leise. Cornelia drückte ihre Hand warm und gut.
„Ins Gefängnis nicht. Er kommt in eine Art Krankenhaus, wo er behandelt wird, weißt du. Vielleicht ist es sein Glück, daß man ihn gefunden hat. Und du hast dich so tüchtig und tapfer benommen!“
„Hab’ ich?“ fragte Anja und sah zu ihr auf. In ihren Augen leuchtete es. Cornelia lächelte ihr zu.
„Ja, du hast. Woher wußtest du denn davon?“
Anja erzählte von dem Gespräch ihrer Eltern, das sie mit angehört hatte.
„Aber nicht an der Tür gehorcht, es war reiner Zufall“, versicherte sie. Cornelia nickte ihr zu.
„Das glaub’ ich dir. Da ist ja auch Werner. Na, Werner, warum strolchst du auch hier draußen herum, wenn drin in der Halle der Nikolaus ist?“
„Ach, ich –“ Werner war sehr verlegen. Daß er sich heute geweigert hatte zu reiten, wußte Cornelia hoffentlich nicht. „Ich wollte nur – Othello war aus dem Stall ausgerissen und lief hier draußen herum, da wollte ich ihn wieder hereinbringen.“
„Das ist recht. Sehr vernünftig“, sagte Cornelia und nahm Werners Hand.
„Jetzt aber gehen wir alle wieder zu den anderen. Vielleicht sind sie noch nicht fertig mit der Feier, und keiner hat uns vermißt.“
„Halt! Halt! Ich muß ja noch das Geschenk für den Nikolaus holen. Für den richtigen!“ Anja sauste ab, dem Stall zu. Cornelia stand, Werner an der Hand, und wartete auf sie. Jetzt erst kam das Gefühl der Erleichterung in ihr hoch, daß alles gutgegangen war, die Gefahr abgewendet, ein Unheil verhütet. Einen Augenblick lang war ihr ganz schwindlig und schwach vor Dankbarkeit und Erlösung – sie meinte, seit Jahren nicht mehr so glücklich gewesen zu sein wie in diesem Augenblick. Was hätte geschehen können, heute und weiterhin …
„Es schneit! Sehen Sie, es fängt wieder an zu schneien!“ sagte Werner in diesem Moment. Seine Stimme klang hell und froh und glücklich. „Anja, es schneit!“
„Wunderbar, nicht?“ rief Anja, den Weg herunterrennend, glitt aus und landete genau vor Cornelia und Werner auf dem Hosenboden. „Aua – lach nicht, Werner, du Ungeheuer –“
Werner lachte trotzdem weiter. Und Cornelia mußte auch lachen, es hatte zu komisch ausgesehen.
„Ärgere dich nicht, Anja, ärgern macht häßlich.“
„Und schön bist du so nicht, sonst wirst du gräßlich“, ergänzte eine fröhliche Männerstimme. Sie guckten alle drei – Onkel Kurt.
„Wo wart ihr denn? Drinnen sind sie gleich fertig mit der Bescherung“, sagte er. Anja hatte sich aufgerappelt und hielt das Paket in der Hand, das für den Nikolaus bestimmt war.
„Wenn jetzt was kaputt ist. Wenn da was Zerbrechliches drin war“, sagte sie düster.
„Wird schon nicht“, sagte Onkel Kurt tröstend, „warum soll denn was Zerbrechliches drin gewesen sein.
Heute ist doch ein Glückstag, oder nicht?“
„Wenn du wüßtest“, dachte Cornelia, aber sie sagte es nicht. Alle vier wandten sich wieder der Halle zu. Ach doch, es war ein Glückstag, dieser Nikolaustag, den sie nie vergessen würden. Gott sei Dank!
Eine neue Welt
„So, das war die letzte Gabel. Der Wagen ist leer. Hätte auch nichts mehr Platz“, seufzte Petra und winkte Herrn Anders zu, der das Heu heraufgegabelt hatte. Sie hatte es an der Luke angenommen und nach hinten zu Anja gegeben, die es stopfte. Kein anderer vom Reitverein war dagewesen, als der Bauer es brachte. Dieser mußte den Tag wahrnehmen, an dem es nicht schneite, damit das Heu trocken auf den Boden kam. Er war mit dem Trekker hier, wendete jetzt und zog den leeren Wagen hinter sich her, zur Straße hinunter.
Petra ließ sich ins Heu fallen, blies die Backen auf und pustete.
„Ja, wenn wir nicht wären! Der Reitverein weiß gar nicht, was er an uns hat!“
„An dir. Ich bin ja gar nicht drin, leider.“
„Was nicht ist, kann ja noch werden. Aber Spaß macht es zu schuften, nicht? Ich find’ es prima, grade dazusein, wenn jemand gebraucht wird. Da behandeln sie einen immer, als wäre man erwachsen.“
„Ja. Na, Herr Anders tut das eigentlich sowieso. Wieviel mag es gewesen sein?“
„Zwanzig Zentner sicherlich. Und gutes Heu. Ein einziges Glück, daß es nicht in Ballen kam.“
Wenn das Heu in Ballen gepreßt geliefert worden wäre, hätten sie es kaum einräumen können. Ein Ballen wog ungefähr einen Zentner, und man mußte sie stapeln. Anja schnaubte sich die Nase aus, in die lauter Heustaub gekommen war, und zog das Kopftuch vom Haar, das Petra ihr zugeworfen hatte, ehe sie auf den Heuboden hinaufturnten: „Hier, umbinden, sonst mußt du heute abend den Kopf waschen, und deine Mutter wundert sich über die schwarze Brühe.“ Sie selbst hatte auch eins um, das sie jetzt abnahm. Ihr Haar war schon wieder ein wenig nachgewachsen, noch immer aber sah sie aus wie ein Stoppelkopf. Anja betrachtete die Freundin nachdenklich, dann seufzte sie wieder.
„Komm, wir ruhen uns noch ein Weilchen aus, das haben wir verdient“, sagte Petra und ließ sich ins Heu zurückfallen. „Nirgends liegt es sich so gut wie im Heu. Im Sommer, wenn es frisch ist – das duftet! Aber da darf man nicht drin schlafen, da bekommt man Kopfweh. Jetzt ist es abgelagert.“
„Hast du schon im Heu geschlafen?“ fragte Anja sehnsüchtig. „Ich noch nie.“
„Ich oft. Mit meinen Schwestern zusammen.“
Sie lagen nebeneinander auf dem Bauch und guckten zur Luke hinaus. „Einmal, bei Bekannten – wir verreisen doch immer nur zu solchen Leuten, die auch Pferde haben, oder wenigstens Ponys. Da durften wir mit unsern Schlafsäcken auf dem Heuboden schlafen, und einmal hat mich nachts eine meiner Schwestern geweckt, Angelika, die älteste – die sagte, eine von den Stuten fohlte. Ich war ganz verdattert und verpennt, und als ich es endlich kapierte und hinunterkletterte, war das Fohlen schon da. Es lag hinter der Mutter, winzig klein, noch naß, sein Fell war ganz gelockt. Also so was Süßes, sag’ ich dir!“
„Ja? So schnell ging das?“
„Ganz schnell. Wie ein Wunder.“
„Ich möchte das auch mal erleben“, sagte Anja leise. „Gibt’s bei Pferden auch manchmal Zwillinge?“ Es war wohl naheliegend für sie, das zu fragen. Zu Hause hörte man ja immerzu nur: die Zwillinge, die Zwillinge.
„Ganz selten. Einmal hab’ ich es erlebt. Da hatte die Stute eines Bauern, von dem wir auch Heu beziehen, in der Osternacht Zwillinge bekommen, und im September war sie noch im Turnier gegangen, hatte sogar den Zweiten im Springen gemacht mit ihrem Reiter. Fichte hieß sie.“
„Und wieso hast du sie gesehen?“
„Ach, so was spricht sich rum, schneller als ein Alarmsignal, sagt mein Vater immer. Und Mutter ist ja sowieso überall, wo was los ist. Wir sind also sofort hingefahren, als ich davon hörte. Früh um zehn waren wir dort. Und schon kam das Fernsehen und hat gefilmt, am ersten Osterfeiertag, stell dir vor –“
„Na endlich! Hier seid ihr?“
Petra und Anja fuhren zusammen. An der Luke war ein Kopf erschienen, jetzt kam er höher, sie konnten aber nicht erkennen, wer es war, sahen nur den überstrahlten Schattenriß vor dem weißlichen Himmel, der gegen das Dämmerlicht hier auf dem Heuboden sehr hell wirkte. Ächzend stemmte der Mann sich hoch, stieg von der Leiter auf den Heuboden, sich seitlich setzend, während seine Beine noch hinunterhingen. Jetzt erkannten sie ihn – es war Onkel Kurt.
„Was machst du denn hier?“ fragte Anja maßlos erstaunt.
„Euch suchen. Herr Anders wies mich endlich auf eure Fährte. Ich suche schon anderthalb Stunden lang.“
„Hat Mutter dich etwa geschickt?“ fragte Anja erschrocken. Immer hatte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich heimlich in den Reitverein absetzte.
„Keine Ahnung, Mutter doch nicht. Sie ist mit den Jungen heute zum Kinderarzt. Nein, zu Hause ist niemand. Auch Vater nicht, und er hat auch nicht nach dir gefragt, als er ging.“
Anja atmete auf. Wenn Onkel Kurt „nur so“ kam, war keine Gefahr. Er war seit ein paar Tagen bei ihnen zu Gast, und alle freuten sich darüber, keiner fragte, warum. Jetzt saß er da und kaute an einem Heuhalm.
„Du, Petra …“, sagte er nach einer Weile, brach aber wieder ab.
„Ja?“ fragte Petra vorsichtig.
„Ich wollte – also du kennst doch Cornelia, wie ihr sie nennt. Übrigens heißt sie wirklich so, ihr tut immer, als wäre es ein Spitzname. Kennst du sie näher?“
„Was heißt näher? Wenn sie kommt, begrüße ich sie halt. Und ich mag sie furchtbar gern, weil sie so nett zu uns ist. Gar nicht wie sonst Erwachsene, sondern so, als wären wir gleich alt.“
„Aber –“, er gab sich einen Stoß. „Aber – weißt du zum Beispiel, ob sie verheiratet ist? Ich habe sie früher gekannt, im Anfang unseres Studiums –“
„Sie heißt aber doch Cornelia Nolde, hieß sie nicht damals auch schon so?“ fragte Petra pfiffig. Onkel Kurt sah einen Augenblick lang zu ihr hin, senkte die Augen aber sofort wieder.
„Das hat doch heutzutage nichts zu sagen. Frauen können ihren Namen jetzt beibehalten, wenn sie – also, sie ist nicht verheiratet?“ fragte er gleich darauf schnell. Petra schüttelte den Kopf.
„Nein. Auch nicht verlobt. Aber das war sie mal.“
„Verlobt? Und war? Und ist nicht mehr?“
„Nein. Das hat sie mir zufällig mal erzählt. Sie hat kurz vor ihrer Hochzeit, also vielleicht vier Wochen vorher, Kuchen war noch nicht gebacken, aber sonst alles fertig, das Aufgebot bestellt, die Kirche, die Predigt, alles – da hat sie wieder abgesagt. Einfach ganz schnell von einer Sekunde zur anderen. Weil –“, sie machte eine Pause. Sie fand es selbst spannend, aber daß Onkel Kurt es noch spannender fand, das merkte sie genau, Anja übrigens auch. Sie beneidete Petra wieder mal.
„Weil – ja, ihr damaliger Verlobter mochte keine Tiere. Weder Hunde noch Pferde noch sonstwas. Und –“
„Und?“ Onkel Kurt sah sie an, als hinge sein Seelenheil von ihrer Antwort ab.
„Und – ja, und er war kein Arzt. Kein Mediziner. Mit dem Mediziner – sagte sie damals – fängt bei mir der Mensch an. Jedenfalls der, mit dem ich ein Leben lang zusammensein könnte. Das hatte ich mir vorher nicht genau genug überlegt. Ist er keiner, dann ade. So sagte sie, ungefähr so, ich weiß es nicht mehr wörtlich.“
„Ach.“ Onkel Kurt hatte jetzt die Beine heraufgezogen und angewinkelt und die Ellbogen drauf gestützt. „Das also ist es.“ Dann schwieg er wieder.
Petra betrachtete ihn heimlich, mit spitzbübischer Aufmerksamkeit. Sie hatte es ja von Anfang an gemerkt.
„Und warum fragen Sie?“ fragte sie nach einer Weile scheinheilig. Anja knuffte sie noch, aber zu spät.
„Ach, nur so. Tja, horcht mal, ihr beiden“, sagte er dann, und man merkte richtig den Schubs, den er sich geben mußte, um das zu sagen. „Eure Cornelia hat doch am Mittwochnachmittag frei. Sagte sie jedenfalls mal. Morgen ist Mittwoch. Wollen wir da – würdet ihr da –, also, ich hab’ eine große Bitte an euch. Ich möchte mal nach Hause, nachsehen, wie es dort geht. Wenn man fort ist, ist ja meistens der Teufel los, das werden eure Eltern auch sagen, wenn sie mal wegfahren müssen und euch allein lassen. Und ich finde, es wäre ein hübscher Ausflug. Hättet ihr Lust mitzufahren? Ich hab’ auch – also Pferde hab’ ich nicht, das sag’ ich gleich. Aber hm – einen Hund schon – oder besser – na ja, egal. Und da wäre es doch herrlich, wenn eure Cornelia auch mitkäme. Sie allein mitzunehmen, trau’ ich mich nicht, lacht ruhig, ihr albernen Gören. Aber wenn ihr sie bittet, ihr – dann sagt sie vielleicht nicht nein?“
Es klang sehr bittend. Petra lachte.
„Klar fahren wir mit. Wenn wir abends wieder zu Hause sind. Meinst du, ob du darfst, Anja? Aber schließlich ist es ja dein Onkel. Und ich komm’ eher mal weg von zu Hause, ich hab’ nicht solchen Seltenheitswert wie du.“ Sie lachte aus vollem Halse. Anja mußte auch lachen.
„Würdest du für mich fragen, Onkel Kurt?“ bettelte sie. „Ich möchte schrecklich gern mit!“
„Natürlich frage ich für dich. Und für dich, Petra. Ich kann doch deine Eltern anrufen?“
„Geht vielleicht auch so. Wenn Cornelia mitkommt, die war ja schon bei uns, damals, als ich im Bett lag. Hat mich besucht und kennt meine Mutter. Also, das wird schon in Ordnung gehen. Was für einen Hund haben Sie denn?“
„Einen? Ach, lassen wir das mal, die Rasse kennst du sicher nicht. Nein, man muß sich auch mal überraschen lassen können. Könnt ihr das? Na also. Und Cornelia, ob sie das auch kann?“
„Cornelia, Cornelia, alles reimt sich bei ihm auf dasselbe“, lachte Petra, als Onkel Kurt gegangen war. „Merkst du es? Bis über die Ohren verschossen. Na, an uns soll es nicht liegen, Hauptsache, du bekommst die Erlaubnis.“
Anja bekam sie. Natürlich dürfe sie mit, sagte die Mutter, als Onkel Kurt sein Sprüchlein gestammelt hatte, „wenn sie nicht in den Reitverein muß?“ Mutter blinzelte, Anja wurde rot, hauptsächlich aus Ärger. Sie wollte etwas Patziges sagen, aber Onkel Kurt trat ihr so heftig auf den Fuß, daß sie vor Schreck stöhnte.
„Entschuldige, aber –“, und dann drängelte er sie hinaus und flüsterte im Flur nur: „Tut mir leid, kriegst ein Schmerzensgeld. Aber jetzt, wo sie ja gesagt hat, ist doch alles andere Nebensache …“
Ja, er mußte sehr verliebt sein. Denn die Geschichte mit dem Reitverein war keineswegs Nebensache, fand Anja, und sie mußte wieder einmal über die Erwachsenen seufzen. Die hatten Sorgen! Wenn man dagegen an sich selbst dachte!
Es wurde wahr. Cornelia sagte ahnungslos zu, als Onkel Kurt ihr den Vorschlag machte, am Mittwoch nachmittag ein Stück mit den beiden Kindern und ihm zu fahren; er habe Winterreifen und im Kofferraum Schneeketten, und es würde bestimmt nichts passieren, und – und – und –
Cornelia saß vorn neben Onkel Kurt, Petra und Anja hinten. Kinder müssen hinten sitzen, das ist Vorschrift. Die beiden hatten nichts dagegen, von hinten sah man genausoviel, und sie konnten sich gut unterhalten. Das taten sie auch, flüsterten und kicherten und prusteten. Onkel Kurt dagegen zog seinen Wagen schweigend und aufmerksam durch eine Kurve nach der anderen. Es war schönes Wetter, hell durch den Schnee, schneite aber nicht. Sogar der Wald, der die Straße rechts und links begleitete, war weiß, es hatte noch nicht gestürmt, und die Bäume trugen ihren Schmuck mit Stolz.
„So ein wunderschönes Vorweihnachtswetter hatten wir lange nicht“, plauderte Cornelia, als Onkel Kurts Schweigen beklemmend zu werden drohte. Und als er darauf immer noch nichts antwortete, wandte sie sich ein wenig zurück zu den beiden Mädchen. „Habt ihr eigentlich dieses Jahr schon Wunschzettel geschrieben? Oder tut man das heute nicht mehr? Ich fand es eigentlich immer praktisch, den ‚Großen‘ eine Auswahl an Wünschen vorzulegen. Sie konnten sich dann etwas heraussuchen, sich für ein neues Fahrrad oder einen Fingerhut entscheiden, je nachdem, wie dick und voll ihr Geldbeutel im Augenblick war.“
„Was ist denn das, ein Fingerhut?“ fragte Petra. Cornelia lachte.
„Wahrhaftig, das weiß heute niemand mehr. Genäht wird mit der Nähmaschine, und geflickt überhaupt nicht mehr. Wenn was kaputt ist, schmeißt man es weg. Viele Leute jedenfalls, die ich kenne, machen das so.“
„Haben Sie sich mal einen – nun, so einen Nähhut gewünscht?“ fragte Petra, und man hörte ihrer Stimme an, wie verächtlich, ja unwürdig sie das gefunden hätte. „Ich kann mir Sie nicht vorstellen, wenn Sie nähen. Ich wünsche mir dies Jahr eine neue Reithose, die alte platzt schon überall. Und eine Sprunggerte. Ich will im Sommer das Jugend-Reitabzeichen machen, das kann ich mir leider nicht wünschen, sondern muß es selbst schaffen. Das ist viel schöner. Ein geschenktes Abzeichen würde ich nie anstecken.“
„Aber ein erworbenes?“ fragte Cornelia.
„Klar. Sogar an den Schlafanzug. Himmel, wenn ich mir vorstelle“ Ihre Augen blitzten wieder einmal. „Springen muß man da auch, aber wenn ich den Abglanz bekomme, der springt! Bei mir jedenfalls.“ Sie starrte in die Luft und schien eine Vision zu haben.
„Und du, Anja?“ fragte Cornelia nach einer Pause.“
„Ich? Ich brauch’ keinen Wunschzettel.“
„Weil du dir nichts wünschst?“
„Ich wünsch’ mir nur eins. Aber das krieg’ ich nicht.“ Es klang bockig und auch ein wenig traurig. Cornelia merkte, daß sie einen wunden Punkt berührt hatte.
„Vielleicht ist es ein zu teurer Wunsch? Ein unverschämter?“ fragte sie sachte.
„Ach, ich weiß nicht. Wenn man sich aber nur eins, nur ein allereinziges wünscht, das aber so sehr –“
„Tja, es kommt halt drauf an.“ Cornelia dachte sich ihr Teil. Sie meinte aber, es sei vielleicht besser, nicht in Anja zu dringen. Vielleicht sprach sie einmal mit deren Eltern …
„Und Sie? Was wünschen Sie sich?“ fragte plötzlich Onkel Kurt. Er hatte also zugehört, der Heimtücker, und nur so getan, als gäbe es für ihn nichts anderes auf der Welt als Autofahren, Überholen oder auf Ampeln aufpassen.
„Ich? Eigentlich gar nichts“, sagte Cornelia vergnügt. „Ich hab’ ja, was ich mir ein Leben lang gewünscht habe: eine gute Praxis, einen kleinen Wagen, um zum Reitverein fahren zu können, eine Menge befreundeter Familien – ja, doch, etwas mehr Zeit für mich selbst könnte ich schon gebrauchen. Damit ich dreimal und nicht nur zweimal die Woche reiten kann.“
„Sonst nichts?“
Sie lachte.
„Natürlich auch sonst noch verschiedenes. Der Mensch ist ein Geschöpf, das immer wünscht. Bei Busch heißt es:
Ein jeder Wunsch, der sich erfüllt,
kriegt augenblicklich Junge.
Ist es nicht so? Hat man das Studium beendet, wünscht man sich eine Praxis, und hat man die, dann möchte man viele Patienten haben. Und wenn man diesen Wunsch erfüllt bekam, dann wünscht man sich mehr Zeit für sich selbst … übrigens alles Dinge, die man nicht auf einen Wunschzettel schreiben kann. Und so geht es allen, glaube ich.“
„Meinen Eltern jedenfalls ging es so. Sie haben mir oft erzählt, daß sie sich sehr einen Sohn wünschten. Na, den haben sie nun, Werner. Und jetzt wünschen sie sich, daß er auch reitet“, erzählte Petra und lachte. Anja hatte bisher geschwiegen.
„So wäre ich nicht“, sagte sie jetzt, und es klang sehnsüchtig und ein wenig traurig. „So würde ich auch nie werden –“
„Ich auch nicht“, behauptete Petra. „Erwachsene sind blöd. Ich mach’ es mal anders, wenn ich groß bin.“
„Und wie wirst du es machen?“ fragte Onkel Kurt.
„Ich wünsche nicht. Ich nehme mir was vor. Ganz fest. Ich nehme mir vor, zu erreichen, was ich haben will. Ich spare wie verrückt auf ein eigenes Pferd, kauf’ mir nichts, nichts, nichts anderes, nichts zum Anziehen, kein Eis, keine Schallplatte. Wenn man wirklich etwas will, bekommt man es auch, sagt mein Vater immer.“
„Es gibt aber Dinge, die man mit allem Willen nicht erreichen kann“, sagte Anja heftig. „Wo Sparen gar nichts hilft, und kein eiserner Wille. Und andere bekommen es geschenkt – und wollen es sogar nicht mal –“ Sie schwieg. Alle schwiegen. Jeder dachte so vor sich hin. Auf einmal fuhr Onkel Kurt rechts an den Straßenrand und bremste. „Wir sind da“, sagte er halblaut. Es klang zaghaft – warum eigentlich? Petra hinten lachte.
„Jetzt haben wir von der Fahrt gar nichts gemerkt! Hier wohnen Sie?“
Sie waren in einer Siedlung einer kleinen Stadt angekommen, links von der Straße ging es einen Hang hinauf und rechts hinunter zu einem breiten Flußtal. Jenseits des Bürgersteiges, an dem der Wagen hielt, stand eine dicke, im Sommer wahrscheinlich frischgrüne, jetzt braungekräuselte Hecke mit einer dicken Schneehaube. Onkel Kurt war hastig ausgestiegen und hatte sich neben die kleine Eingangstür gestellt. Er hielt sie für Cornelia auf und verdeckte mit seinem Körper das Messingschild, das neben dem Gartenpförtchen in der Hecke hing. Es fiel ihr nicht auf, auch den beiden Mädchen nicht.
„Bitte!“ sagte er.
Cornelia ging durch die kleine Tür, Petra und Anja folgten. Man kam hier auf eine kleine Brücke, die zum Haus hinüberführte. Das lag etwas unterhalb am Hang im Garten, und wenn man über das Brückchen ging, kam man im oberen Stock an.
„Wunderbar! Wie die Zugbrücke einer Burg!“ sagte Petra und ließ ihre Augen flink umherspähen. „So was hab’ ich in Wirklichkeit noch nie erlebt. Höchstens im Fernsehen. Und jetzt –“
Nein, so was hatten weder sie noch Cornelia noch Anja je erlebt. Onkel Kurt hatte die Haustür mit einem Drücker geöffnet, und im selben Augenblick waren die Ankommenden von einer Schar winziger Hunde umringt, die allesamt jaulten und quiekten, an den Menschenbeinen emporsprangen, bellten – was man bei solch kleinen Geschöpfen bellen nennen konnte – und hechelten. Petra und Anja quietschten vor Entzücken mit, so außer sich gerieten sie über diesen Schwarm von Kleinsthunden, die edel und komisch zugleich wirkten. Jeder trug ein seidiges, lockeres Fell, manche in Schwarz, manche in Schwarzweiß, andere hellbraun und wieder andere ganz weiß. Ihre Ohren waren das drolligste: Sie standen wie Tüten gefaltet aufrecht und waren viel größer, als man bei solch kleinen Hunden erwartet hätte, so daß sie etwas Fledermausähnliches hatten. Aber entzückend waren die Tiere, eins wie das andere. Die meisten standen jetzt, da die vier Menschen hereingekommen waren, auf den Hinterbeinen und bewegten die Vorderpfötchen, bettelnd oder winkend, und quiekten durcheinander.
Petra hatte schon eins der Hündchen auf dem Arm und streichelte es entzückt, während sie immerzu rief, so etwas Süßes habe sie noch nie gesehen. Anja fischte sich einen anderen heraus.
„Sie beißen nicht, nie“, erklärte Onkel Kurt und sah Cornelia von der Seite an. „Mögen Sie Hunde? Es sind Chihuahuas, eine sehr alte Rasse, aber bei uns noch sehr wenig bekannt. Sie stammen aus Mexiko, dort gibt es auch einen Staat dieses Namens. Früher sollen die Azteken sie als Lieblingshunde gehabt haben.“
„Und das sind alles Ihre? Und selbst gezogen, gezüchtet – sagt man auch bei Hunden so?“ fragte Petra.
„Die meisten selbst gezogen. Ich habe mich nun einmal in diese Rasse verhebt. Sie besitzen überhaupt keinen Eigengeruch, sonst könnte man solch eine Menge in einem Zimmer überhaupt nicht ertragen. Freilich sind sie auch viel im Garten, denn sie brauchen ja Auslauf wie alle Hunde, aber im Zimmer riecht man sie nicht. Und sie sind an sich unwahrscheinlich sauber.“
„Aus Mexiko?“ fragte Cornelia. Sie hatte sich in einen Sessel gesetzt, den er ihr hinschob, und gleich drei Hündchen auf den Schoß genommen. „Nein, so etwas Reizendes! Und sie sind nicht künstlich kleingehalten, wie man es mitunter mit Zwergpudeln macht?“
„O nein, das hasse ich. Diese künstlich kleingehaltenen Hunde sind auch gar nicht langlebig, weil sie widernatürlich aufgezogen werden. Diese hier bekommen soviel zu essen, wie sie mögen, natürlich braucht so einer weniger als ein Bernhardiner beispielsweise. Aber heikel sind sie nicht.“
„Meiner sieht aus wie ein Fuchs!“ sagte Anja, die einen kleinen hellbraunen auf dem Arm hielt. Onkel Kurt nickte ihr zu.
„Gut beobachtet! Sie ähneln den Feneks, den kleinen Wüstenfüchsen – ich will mir auch davon ein paar anschaffen. Man kann sie mit den Chihuahuas zusammen halten. In Tunesien bekommt man eventuell noch welche. Sie sind süß, genauso keck wie diese und vielleicht sogar noch schlauer. Schlaue Füchse halt. Würden Sie es schön finden, wenn ich auch noch Wüstenfüchse züchtete?“ fragte er und sah Cornelia an.
Sie erwiderte seinen Blick, diesmal lachte sie nicht, sondern lächelte nur ein ganz klein wenig mit den Augenwinkeln.
„Ich“, sie betonte dieses Wort ein klein wenig mehr als die anderen, die jetzt folgten, „ich fände es schön. Aber Ihnen müssen sie ja gefallen!“
„Mir – mir gefällt eigentlich nur noch, was Ihnen gefällt“, stieß Onkel Kurt jetzt mit Todesmut hervor, „nein, hier kann man ja kein Bein auf den Boden bekommen und keinen Satz zu Ende reden. Hinaus mit euch, ihr Quieker.“ Er öffnete die Verandatür. Sofort überstürzten sich die Hündchen, um hinauszugelangen. Draußen schloß eine Treppe an die Veranda an, die in den Garten führte. Wie ein Wasserfall stürzten und kugelten die Hündchen treppab. Anja und Petra hatte es mitgenommen wie ein reißender Strom …
„So, jetzt ist man endlich allein, zu zweit wenigstens“, sagte er aufatmend. Cornelia lachte.
„Irrtum, zu dritt!“ Sie hatte noch ein Hündchen auf dem Schoß, es war halb in ihren Pullover hineingekrochen. „Hier ist noch jemand!“
„Dieser Jemand stört nicht“, sagte Onkel Kurt. Er sprach jetzt leiser als vorhin, weil er keine dreißig Hundestimmen mehr zu übertönen brauchte. „Es ist übrigens einer meiner Lieblinge, Winki heißt er. Sehen Sie nur seine blanken Augen! – Cornelia, Petra hat mir etwas verraten. Daß Sie keinen Menschen leiden können, der es nicht mit Tieren hält – nun, da brauche ich jetzt wohl nichts mehr zu beteuern, für mich sprechen dreißig kleine Lebewesen. Und daß der Mensch bei Ihnen erst mit dem Arzt, dem Mediziner beginnt. Darf ich da eine Frage stellen? Gilt ein Tiermediziner auch? Ein Dr. med. vet.? Ich habe nach dem Physikum umgesattelt und bin Tierarzt geworden, und ich hab’ es nie bereut. Es ist der Beruf für mich, nicht leicht, aber schön. Ob er jedoch auch Ihnen gefällt …“
Und eine schöne Aussicht
„Hallo, ihr beiden! Was macht ihr denn hier im Garten?“
Petra und Anja sahen sich um. Aus einem der Nebengebäude, die hier in den Hang hineingebaut waren, war ein junges Mädchen herausgetreten, in Hosen und Lederschürze, ein Kopftuch ums Haar geknüpft. „Wollt ihr was kaufen, oder seid ihr zu Besuch hier?“
„Zu Besuch nur, leider“, sagte Petra, „oben sitzt noch wer. Man hat uns rausgeschmissen. Und Sie?“
„Ich bin die Schwester vom Vertreter des Doktors. Himmel, und oben ist noch ein erwachsener Besuch? Hoffentlich geht der nicht durch alle Zimmer?“
„Cornelia? Warum sollte sie? Und warum sollte sie nicht?“ fragte Petra vergnügt, der das junge Mädchen gefiel. Mit manchen Leuten ist man sofort in Kontakt, so, als kenne man sich schon ewig.
„Weil ich noch keine Betten gemacht hab’, seit ungefähr hundert Jahren. Ich bin viel lieber bei den Hündchen und kümmere mich um sie.“
Das konnten Petra und Anja nun ohne Erklärung verstehen. Petra war natürlich wieder diejenige, die das Richtige sagte.
„Kommen Sie, wir helfen Ihnen. Wo geht’s rein ins Haus, ohne daß wir oben bei den beiden stören?“
„Hier. Ich heiße Marianne, und ihr?“
Petra und Anja liefen hinter Marianne her, eine Treppe hinauf, kamen in einen Flur. Alle Türen standen offen, und es sah wahrhaftig so aus, als habe man seit hundert Jahren nicht aufgeräumt. Nicht nur ungemachte Betten waren zu sehen, sondern hochgetürmte Kleidungsstücke darauf, offene Schränke, heruntergefallene Bücher, leere Teetassen.
„Wirklich, hier könnte man mal –“, und Petra war schon dabei aufzuheben, was auf der Diele lag, und Tassen aufeinanderzustapeln. Marianne machte die Betten, und Anja hob die Zeitungen auf, die rundherum verstreut lagen. Binnen kurzem sah das erste Zimmer wieder ordentlich aus, und nun machten sie sich an das zweite.
„Ein Glück, daß ihr es nur seid“, seufzte Marianne nach einer Weile, als das Haus schon anfing, freundlicher auszusehen. Drei tüchtige Aufräumer schaffen schon einiges in kurzer Zeit. „Ich dachte nämlich, der Herr Doktor selbst wäre gekommen, um mal nach seinen Hündchen zu sehen. Na, der hätte sich schön hingesetzt! Der hält mich für eine perfekte Hausfrau, weil ich versprochen habe, meinen Bruder zu betreuen, solange er hier die Vertretung macht. Es ist seine erste Vertretung, er hat gerade erst Examen gemacht. Dabei haben mich nur die Hunde verlockt hierzubleiben. Hausfrauenarbeit ist nicht meine Stärke.“
„Die Hunde müssen schließlich auch versorgt werden, sie sind wichtiger als Staubwischen“, sagte Petra ernsthaft, „außerdem sieht man auf hellen Möbeln keinen Staub, und hier sind ja lauter helle. Hübsch eingerichtet ist es. Sie stand und sah rundum. „Ein wenig wie in Schweden, jedenfalls stell’ ich mir das so vor. Ob der Doktor mal in Schweden war?“
„Onkel Kurt? Soviel ich weiß, ein Jahr“, sagte Anja. „So, und welches Zimmer jetzt?“
„Die Wohnstube. Aber da sitzt der Besuch“, sagte Marianne und zögerte.
„Und der Doktor. Er ist mit hier. Es ist Anjas Onkel“, erklärte Petra. „Macht nichts, im Wohnzimmer war es ordentlich. Ich jedenfalls hab’ nichts gesehen als die Hunde, und das geht Cornelia sicherlich genauso. Außerdem ist Cornelia nicht pingelig, sondern furchtbar nett.“
„Ein einziges Glück“, seufzte Marianne, „kommt, dann kochen wir jetzt einen Kaffee. Kaffee ist immer richtig, vor allem, wenn man in Schweden war. Da kommt doch in jedem Buch der Kaffeekessel vor. Hier geht’s zur Küche. Erzählt mal, wo ihr herkommt!“
Es war spät geworden, viel später als geplant. Onkel Kurt war aber rücksichtsvoll, hielt unterwegs an und telefonierte mit Anjas Eltern, als er merkte, daß sie wie auf Kohlen saß. Sie wären nicht verunglückt, sondern kämen, und Anjas Mutter möchte so gut sein und Petras Eltern Bescheid geben. Sie versprach es, erleichtert, daß nichts passiert war.
„Meine Mutter ist nun mal so“, erklärte Anja beschämt, „ich kann nichts dafür. Sie ängstigt sich bei jedem Anlaß und ist dann ganz außer sich.“
„Na, wenn deine Brüder erst groß sind! Da kann sie sich ja auf was freuen“, sagte Petra und riß das Papier von der Tafel Schokolade, die Onkel Kurt gekauft und ihnen nach hinten gereicht hatte. „Durch vier teilt sich’s leicht. Nußschokolade, hmmm! So einen Onkel lass’ ich mir gefallen, vor allem einen mit Hunden. Meine Mutter ist vernünftiger, ich bin ja auch nur die dritte, und meine Schwestern haben vorgearbeitet und sie abgehärtet.“
Ein bißchen erschrak sie dann aber doch, als sie im Flur von Anjas Eltern stand und an der Garderobe einen Mantel hängen sah, den sie kannte: den ihrer Mutter. Was machte denn ihre Mutter hier bei Anjas Eltern?
„Jetzt krieg’ ich den Wind von vorn“, flüsterte sie und zog den Kopf ein. „Wir hätten eben doch eher losfahren sollen. Unheil, nimm deinen Lauf!“
Als sie ins Wohnzimmer kamen, sah es aber gar nicht nach Unheil aus. Vater hatte eine Flasche Wein neben sich, Gläser standen auf dem Tisch und Salzgebäck, und die beiden Mütter, Anjas und Petras, unterhielten sich ziemlich lebhaft.
„Aha, da seid ihr ja“, begrüßte Vater die vier Ankommenden.
„Ich muß noch mal um Entschuldigung bitten, daß es so spät wurde“, setzte Onkel Kurt zerknirscht an, Cornelia aber unterbrach ihn, ehe er weitersprechen konnte.
„Bitte nicht böse sein, schuld bin ich“, sagte sie schnell und sehr eindringlich, „wirklich, nur ich! Es war so schön – bei ihm …“ Sie nickte zu Onkel Kurt hin. „… einmalig schön, eine neue Welt. Oder etwa nicht?“ Jetzt sah sie Petra und Anja an.
„Wunderbar! Beinahe so schön wie –“ Anja hielt sich erschrocken den Mund zu.
„Wie was?“ fragte Petras Mutter und lachte. „Was wolltest du denn sagen?“
„Wie im Reitverein!“ vollendete Anja halblaut, ein wenig geniert. Was würden die Eltern sagen, wenn sie nun wieder auf das alte Thema zurückkam? Hatte sie nicht oft genug erlebt, wie wenig es ihnen gefiel, daß sie immer und immer vom Reitverein schwärmte? „Ich meine, beinahe so schön wie …“
„Sag doch ruhig, was du denkst“, fiel ihr Petras Mutter fröhlich ins Wort, „sie sind nun mal alle so schrecklich gern dort, unsere Töchter ja auch. Und vielleicht auch eines Tages Werner – na, lassen wir das. So ein dummer Mutterwunsch, aber er ist nun einmal da. Bleiben wir lieber beim Thema. So gern bist du im Reitverein? Wir sprachen nämlich gerade davon, deshalb bin ich hergekommen.“
„Deshalb?“ fragte Petra erleichtert. „Nicht, weil wir so lange fortgeblieben sind?“
„Nein. Dafür konntet ihr ja nichts, und euer Fahrer und Beschützer hat von unterwegs angerufen. – Nein, ich kam aus einem anderen Grund … Ich hab’ durch Zufall erfahren – wirklich nur nebenbei, und aus diesem Grund hab’ ich noch ein Hühnchen mit Petra zu rupfen, so was erzählt man doch! –, also, ganz nebenbei erfuhr ich, daß du, Anja, uns einen großen Gefallen getan hast. Am Nikolaustag, im Reitverein, ja. Du – und Frau Dr. Nolde. Und unsereins ahnt nichts …“
„Ich hätte es Ihnen schon eines Tages erzählt“, sagte Cornelia und sah Petras Mutter an, „bei Gelegenheit, wenn es sich mal ergab. Die Gefahr war ja vorbei, passieren konnte nichts mehr. Es war halt – ich wollte nur nicht –“
„Sie sind viel zu bescheiden, Frau Nolde“, sagte Frau Hartwig heftig und herzlich und griff nach Cornelias Hand, „wie ich Ihnen danken soll, weiß ich wahrhaftig nicht. Wir sprechen noch drüber. Wenn ich mir vorstelle – o nein! Aber Anja – für Anja wüßte ich schon etwas zum Danken, nur müßten Anjas Eltern einverstanden sein …“
„Ich hab’ doch nur –“ Anja war sehr rot geworden und mochte nicht aufsehen. Ihr war es entsetzlich peinlich, daß hier über die Sache geredet wurde, als habe sie eine Heldentat vollbracht.
„Doch! Eine Tat war das schon. Du hast nicht gedacht: ‚Was geht mich das an?‘, wie viele in deinem Alter reagiert hätten, sondern gehandelt, mutig und richtig“, sagte Frau Hartwig bestimmt. „Und deshalb möchte ich dir zum Dank etwas schenken dürfen, wenn deine Eltern nichts dagegen haben. Darf ich Ihre Tochter Anja dazu einladen, daß sie Mitglied im Reitverein wird?“ fragte sie halblaut, aber sehr dringlich.
„Die Eintrittsgebühren für sie bezahlen und im ersten Jahr je eine Wochenstunde? Bitte, bitte lassen Sie mir die Freude“, bat sie und sah Anjas Eltern nacheinander an. „Sie möchte doch sicherlich gern Mitglied sein und reiten dürfen, und sie hat uns einen ganz, ganz großen Dienst erwiesen. – Oder hat es einen bestimmten Grund, daß sie es bisher nicht erlaubten?“
Mutter schüttelte jedoch heftig den Kopf.
„Aber nein. Wir wußten nur nicht, ob die Begeisterung auch anhält. So viele Kinder schwärmen heute vom Reiten, besonders Mädchen, hängen sich Pferdebilder übers Bett und denken, damit ist es schon getan. Lesen Pferdebücher und träumen sich hinein, eine Reiterin zu sein und überall die ersten Preise zu machen, in die Zeitung zu kommen …“ Anja zuckte ganz leicht, aber Petra packte sie am Handgelenk und drückte sie fest. „… und ähnliches. Da wollten wir abwarten, ob es nur ein Strohfeuer ist. Außerdem ist es teuer, und wir müssen sehen, wie wir hinkommen, gerade jetzt nach dem Umzug. Man soll ja auch den Kindern nicht jeden Wunsch erfüllen.“
„Aber ich hab’ doch sonst gar keinen!“ rief Anja jetzt, von plötzlicher Seligkeit bei der Aussicht in tiefe Angst gestoßen. Eben sah es noch so aus, als sollte ihr das Allerallerschönste im Leben zuteil werden, und da kam Mutter mit solchen Ansichten dazwischen! Als ob sie jemals anders denken würde als jetzt! „Ich hab’ nur diesen einzigen Wunsch, und schon so lange!“
„Und den möchten wir dir erfüllen“, sagte Frau Hartwig noch mal. „Bitte erlauben Sie es uns doch! Petra würde sich auch so freuen!“
„Klar! Und wenn du erst ein paar Longenstunden nimmst, kommst du vielleicht sogar mit mir in eine Abteilung“, sagte Petra eifrig. „Bei uns sind welche, die können gar nicht viel, und nur, weil sie schon lange Mitglied sind, reiten sie bei uns. Herr Anders spricht sicher mit dem Reitlehrer, wenn ich ihn drum bitte.“
„Longenstunden, was ist denn das?“ fragte Mutter jetzt, und man hörte ihrer Stimme an, daß sie überzeugt war, dies sei etwas ganz besonders Gefährliches.
Cornelia fing an zu erklären. Sie hatte eine sachlich beruhigende Art, tat so, als habe sie Mutters bebende Angst gar nicht gespürt. Petra und Anja saßen stumm dabei, die Augen aufgerissen. Vater und Mutter hörten mit Interesse zu, und Onkel Kurt ließ keinen Blick von Cornelia. Nach einer Weile seufzte Mutter auf – erst wurde also an der Longe geritten, das Pferd konnte nicht davongehen. Das war doch sehr tröstlich.
„Du, das hat sie hingekriegt“, flüsterte Petra, als sie sich verabschiedeten.
„Ja, große Klasse“, antwortete Anja ebenso leise und kniff Petra in den Arm. „Wenn ich mir vorstelle, ich darf nun mit …“
„Wunderbar, nicht?“
„Das hast du großartig gemacht, Cornelia“, sagte auch Onkel Kurt, als er sie an den Wagen brachte. Der stand unten auf dem Platz, mit weißer Mütze auf dem Dach. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Die Siedlung sah aus wie aus einem Bilderbuch herausgesehnitten, mit der beschneiten Kirche, den weißen Hauben auf den Zaunpfählen der Gärten, dem stillen Platz. „Wann seh’ ich dich morgen? Sag schnell –“
„Ich reite um sechs. Ist dir das zu zeitig? Wenn du um sieben da bist, könnten wir zusammen frühstücken. Wollen wir, bei mir?“
„Sie duzen sich“, tuschelte Petra Anja gerade noch zu, ehe sie zu ihrer Mutter in den Wagen schlüpfte, „ich hab’ es gleich gemerkt. Gleich – bei den Hündchen. Kommst du morgen in den Reitverein? Ich bin um halb zwei drüben.“
„Aber ja, ich auch!“ rief Anja glücklich.
Und bei sich, unhörbar für die anderen, fügte sie hinzu: „Im Reitverein – morgen – und dann immer!“
Aufgesessen, Anja!
Ein toller Plan
„Anja? Grüß dich, hier ist Petra. Hör zu, du mußt unbedingt – ach so, Verzeihung! Ja, hier ist Petra Hartwig. Kann ich Anja sprechen? Oder ist sie nicht da?“
„Doch, doch, sie ist schon da. Ich hol’ sie.“
Mutter seufzte und legte den Hörer hin. Seit ein Telefon in der Wohnung war – Vater hatte es ihr zu Weihnachten geschenkt –, klingelte es zu jeder Tageszeit, und wenn man alles aus den Händen warf, was man gerade vorhatte – entweder eins der Babys wickelte oder die Hände im Kuchenteig stecken hatte –, dann war es meistens Petra.
„Ist Anja da?“
„Ich muß Anja sprechen –“
„Kann Anja zurückrufen, wenn sie kommt?“
„Ich ruf noch mal an –“ Es war kaum zu ertragen. Mutter versuchte sich mit dem einsichtigen Gesangbuchvers zu trösten, der da heißt: „Alles Ding hat seine Zeit …“, und sich zu sagen, daß auch die aufregendsten technischen Dinge eines Tages den Reiz verlieren und alltäglich uninteressant werden. Aber noch befand sich das Telefon nicht darunter. Sie ging, die Tochter zu suchen.
Anja saß in ihrem Zimmer, das heißt, sie lag über das Bett hingeworfen, das Mutter vorhin so schön gemacht hatte, ihre Stiefel bildeten ein Stilleben auf der Erde, und der Anorak hing schief auf der Stuhllehne. Mutter holte Atem, um etwas zu sagen, hielt dann aber inne. Es war so zwecklos …
„Anja?“
„Hm?“
„Könntest du nicht –“, setzte Mutter nun doch an, ließ es aber dann lieber bleiben.
„Petra ist am Telefon.“
„Petra?“
Sofort war Anja munter. Sie warf das Buch weg, in dem sie gelesen hatte, sprang auf und rannte los, an Mutter vorbei und durch den Flur ins Wohnzimmer.
„Ja?“ fragte sie atemlos in den Hörer.
Mutter war in Anjas Zimmer zurückgeblieben. Mechanisch hob sie die Stiefel auf, stellte sie nebeneinander an die Heizung und angelte nach der Gerte, die halb unter dem Bett hervorsah. Mit dem Ordnunghalten soll es ja nach den neuesten Erkenntnissen der Erziehung ähnlich sein wie mit der Sauberkeit des Kleinkindes: Hat man genug Geduld, so stellt sie sich eines Tages von selbst ein. Dieser Tag erschien Mutter weltenfern …
Sie ging hinüber. Anja hockte auf dem Schreibtisch ihres Vaters, baumelte mit den bestrumpften Beinen und sprach und lachte ins Telefon. Sie sah bezaubernd aus, fand Mutter: das Gesicht unter den kurzen Haaren munter und lebendig, die Haut glatt und ganz leicht bräunlich, die Augen blitzend. Mutter erinnerte sich nicht, sie je so gesehen zu haben, wenn sie sich mit ihr oder Vater unterhielt. Nun ja, es war Petra, ihre Freundin, ihre angebetete, zwei Jahre ältere, großartig reitende und auch sonst in jeder Beziehung nachahmenswerte Freundin, mit der sie sprach. Freundinnen sind wichtig, gerade in diesem Alter.
„Na sicher! Aber klar! Denkst du, ich möchte nicht?“
Endlich legte sie auf.
„Mutter, ich muß unbedingt –“
„Was mußt du denn wieder unbedingt?“ fragte Mutter und ärgerte sich, obwohl sie es nicht wollte. „Immer mußt du unbedingt etwas, wenn Petra anruft. Immerzu –“
„Aber das ist ein wirklicher Notstand! Das ist was ganz Wichtiges! Das ist –“
„Was um Himmels willen ist denn nicht wichtig, wenn es von Petra kommt“, sagte Mutter. Ihr Ton war jetzt so, daß Anja erschrocken zu ihr herübersah.
Das wiederum tat Mutter leid.
Nein, es war nicht leicht. Von einer Mutter wurde wahrhaftig einiges verlangt: der Tochter gerecht zu werden, während man zwei winzige Söhne zu versorgen hatte, die genug Arbeit machten, den Mann nicht zu vernachlässigen und dabei freundlich, geduldig und immer fröhlich zu sein, allezeit, in allen Situationen. Auch, wenn die Tochter überhaupt nichts mehr von einem wissen wollte und nur noch an Petra und den Reitverein dachte, und das mit zehn Jahren …
„Im Reitverein? Gar nichts“, sagte Anja jetzt gerade patzig, „und du erlaubst es ja doch nicht. Nie erlaubst du was. Petra darf, sie darf immer. Petras Mutter reitet selber und weiß deshalb –“
„Eine Mutter, die nicht reitet, gilt ja überhaupt nichts“, sagte Mutter, nun doch zornig geworden. „Immer nur Hartwigs, und wie schön es dort ist, und der Reitverein und –“
„Ist aber nicht im Reitverein –“ Anja schrie es beinahe, und so konnte es Vater, der gerade durch den Flur kam, sehr deutlich hören. Die Türen standen sowieso alle offen. Jetzt kam er herein, blieb vor seinen beiden Frauen stehen und sah sie an, die eine und die andere.
„Na?“ fragte er sachte, freundlich und belustigt, wie das meist seine Art war. „Ein Wintergewitter? Wie schön, das reinigt die Atmosphäre kurz vor dem Jahreswechsel.“
„Ach, Anja will –“
„Aber Mutter will nicht –“
„Ich habe überhaupt noch nicht –“
„Du hast gesagt –“
„Was denn?“ fragte Vater freundlich. Seine Art zu fragen war so, daß beide, Anja und Mutter, einen Augenblick innehielten und dabei, wie aus einem Mund, aufschnupften. Das klang so komisch, daß alle drei lachen mußten.
„Na, das war wenigstens ein Wort“, sagte Vater, obwohl keine eins gesagt hatte. „Nun kommt, ich mach’ uns einen schönen Silvesterpunsch! Warum sollen wir damit bis abends warten? Ein Glas trinken wir jetzt schon. Und dabei unterhalten wir uns sehr gemütlich und ganz ohne Aufregung. Nein, ich will jetzt nichts hören, erst gibt’s ein Glas heißen Roten, ich hab’ nämlich auch eins verdient. Draußen ist es ganz schön kalt.“
Er wandte sich um und ging zur Küche. Mutter und Anja folgten ihm. Beide waren tatsächlich schon wieder den Tränen nahe gewesen, Anja aus Wut und Mutter aus aufgestautem Kummer.
Wie gut, daß es Vater gab!
In der Küche war es warm und eigentlich sehr gemütlich, jedenfalls jetzt, da die Zwillinge nicht da waren. Sie schliefen, dick eingemummelt, in ihrem breiten Wagen im Gärtchen unten hinterm Haus, sorglich unter das schützende Dach der Veranda geschoben. Diese Stunden der „Winterfrische“ waren die einzigen des Tages, in denen man sozusagen Mensch war, meinte Anja. Sie hatte sich früher, als sie noch die einzige war, immer Geschwister gewünscht gehabt, aber jetzt kam sie sich manchmal vor wie der dumme Mann im Märchen, der sich tausend Taler gewünscht hatte, die nun auf ihn niederprasselten, so daß er stöhnte: „Es ist auch nicht das richtige, wenn der Segen so knüppeldicke kommt.“ Zwei kleine Brüder auf einmal – was das bedeutete, konnte nur jemand nachfühlen, der ähnliches erlebte.
Ja, auch das Wünschen will gelernt sein!
„So, und jetzt raus mit der Sprache!“ sagte Vater und stellte drei Gläser auf den Tisch, vor jeden eins. In Mutters und seinem befand sich ein kräftiger Glühwein, in Anjas hatte er einen guten Schuß Apfelsinensaft dazugegossen, aber etwas Rotwein war auch dabei.
„Jetzt ist die Zeit der heißen Getränke, jetzt, zum Jahreswechsel“, sagte er behaglich, „vor allem diesmal, da wir ein programmäßiges Wetter bekommen haben. Prost, große Tochter, versuch mal, ob es schmeckt.“
O ja, es schmeckte. Anja fand zwar, daß der bitterliche Rotweingeschmack gut hätte fehlen können, aber dafür war es eben fast ein Erwachsenentrunk. Sie leckte sich die Lippen, nachdem sie das Glas abgesetzt hatte. Und jetzt fiel es ihr viel leichter zu antworten, als Mutter nun erneut fragte – es war, als hätte Vaters Freundlichkeit zusammen mit dem heißen Getränk ihre Zunge gelöst.
„Petra will – eine Bekannte aus dem Reitverein, Dagmar, du kennst sie noch nicht, sie ist etwas älter als wir –“ setzte sie an. „Ja, sie haben zu Hause auch Pferde, und ihre Eltern sind verreist, und sie hütet das Haus und die Hunde und alles – die hat sich also die Hand gebrochen oder jedenfalls angebrochen, und jetzt war sie beim Röntgen und ist in Gips gekommen und kann gar nichts mehr tun, es ist auch noch die rechte –“
„Aha. Und was hat das alles mit dir zu tun?“ fragte Vater in seiner behutsamen Art, als Anja stockte. Sie sah ihn flehend an.
„Petra hat versprochen, dorthin zu gehen und ihr zu helfen, und da wollte sie – da will sie – es wäre doch besser, wir wären zu zweit –“
„Wo wohnt diese Dagmar denn?“ fragte Vater nach einer kleinen Weile. Anja gestand, daß sie das nicht wüßte. Vater meinte, das wäre dann wohl das erste, was man feststellen müßte.
„Irgendwo auf dem Land hier in der Nähe. Sie haben außer den Pferden auch Hunde –“
„Solche wie Onkel Kurt?“
Vater lachte. Kurt, sein jüngerer Bruder, der Tierarzt war, besaß eine große Menge winziger Hündchen, die Anja vor einiger Zeit kennengelernt hatte. Anja mußte auch lachen.
„Nein, solche nicht. Solche sind bestimmt sehr selten. Sie haben große. Eine Dogge, soviel ich weiß, und einen Windhund, aber einen anderen, wie man denkt – er ist nicht gefleckt –“
„Und was noch?“
„Mehr weiß ich nicht. Aber –“ Anja verstummte. „Vater“, sagte sie dann, und es klang auf einmal ganz erwachsen und vernünftig, „wir haben doch noch Ferien. Und wenn ich dorthin ginge, könnte ich vieles lernen beim Helfen. Ihr habt mir erlaubt, daß ich in den Reitverein gehen darf, ab Januar im nächsten Jahr, aber ich versteh’ doch gar, gar nichts von Pferden. Und dort sind welche, und ich könnte lernen, wie man mit ihnen umgeht, wie man sie putzt und was sie zu fressen bekommen und das alles. Petra kann das, ihre Eltern hatten immer Pferde, sie weiß alles, was ich noch nicht weiß. Ich könnte dort vielleicht auch ein Tagebuch schreiben. Nach den Ferien kriegt man in der Schule meistens einen Aufsatz auf: Mein schönster Ferientag oder so ähnlich. Da könnte ich alles genau beschreiben, einen Bericht, nicht nur so in der Phantasie, bei der alles nur ausgedacht ist, sondern wirkliche Tatsachen –“ sie verstummte. Vater lächelte ihr zu.
„Und damit du einen recht schönen, selbst erlebten Aufsatz schreiben kannst, willst du also mit Petra zu Dagmar? Nur deswegen?“ fragte er.
„Aber Vater! Natürlich nicht! Ich möchte halt gern hin, und Dagmar braucht wirklich Hilfe, das siehst du doch ein –“
„Und Mutter? Mutter bleibt ohne Hilfe?“
Anja schwieg. Was war dazu zu sagen? Hilfeflehend sah sie zu Vater hin. Der guckte verschmitzt.
„Hör zu, große Tochter“, sagte er. „Erst erkundigen wir uns mal bei Dagmar, ob sie wirklich Hilfe braucht. Vielleicht fahren wir einfach mal hin und sehen uns dort um. Ich habe ja auch noch Ferien, genau wie du. Wenn ich auch einiges tun muß, was ihr Schüler nicht braucht … Lehrer haben es ja nicht so leicht wie ihr – ja, da könnte ich Mutter ja solange helfen, bis du wieder da bist. Solange ich keine Schule habe, könntest du Anja vielleicht entbehren, Mutter?“ fragte er vorsichtig.
Mutter schwieg.
„Wenn sie verspricht, später –“, sagte sie dann. Es klang zögernd, ein wenig mutlos.
Anja hörte genau heraus, was sie jetzt dachte. Sie wurde dunkelrot.
„Versprechungen verlangen, sich auf später vertrösten zu lassen, das ist eine Sache, die ich eigentlich gar nicht gern habe“, sagte Vater, ehe Anja antworten konnte, und wiegte den Kopf. „Ich bin weniger für Versprechen als für Halten. Wollen wir es nicht Anja überlassen, ob sie nicht nur jetzt bei Dagmar, sondern später auch Mutter hilft, von sich aus? Auch, wenn wir keine Pferde und Doggen und keine Windhunde haben, sondern nur –“, er betonte dieses Wörtchen lustig und so, daß es wirklich keinem weh tun konnte – „ein paar süße kleine Buben, die eine große Schwester sehr nötig brauchen, neben der Mutter, wenn der Vater wieder Stunden halten und Hefte korrigieren muß? Na, wie wäre das?“
„O Vater! Ich verspre … – nein, du wirst es aber erleben! Darf ich? Darf ich Petra anrufen und ihr sagen –“
„Anrufen darfst du sie, sollst du sogar. Sie muß ja wissen, woran sie ist. Am besten, du sagst ihr, sie soll ganz schnell mal herkommen. Sie hat doch ein Fahrrad, oder? Na, siehst du. Und da unterhalten wir uns erst mal ein bißchen mit ihr. Das Weitere findet sich.“
„Danke! Danke! Ich ruf’ gleich an!“ Anja stürzte aus der Küche, gleich darauf hörten Vater und Mutter das leise „Kling“ des abgenommenen Hörers. Sie sahen einander an.
„Wir kennen doch die Leute gar nicht. Und Anja war noch nie allein weg von uns“, sagte Mutter. Es klang verzagt.
Vater lachte.
„Erstens kann man Leute, die man bisher noch nicht kannte, kennenlernen. Das heißt, wenigstens diese Dagmar mit der verknacksten Pfote. Das hab’ ich ja gesagt. Und allein fort? Sie geht ja mit Petra dorthin, und Petra und ihre Eltern kennen wir ja nun schon eine ganze Weile. Und“, er zog das Wort in die Länge und sah Mutter an, jetzt ernst, ein bißchen mahnend.
„Und?“ fragte sie, als er innehielt.
„Und? Auch kleine und bisher einzige Töchter werden eines Tages groß und wollen sich in der Welt bewähren, nicht nur immerzu zu Hause bleiben und Muttern helfen“, sagte Vater leise. „Hast du dir das schon mal überlegt? Diesmal ist es das erste Mal, und alles, was das erste Mal ist, ist eine große Sache. Besinnst du dich noch darauf, wie es war, als Anja das erste Mal allein in den Kindergarten ging? Und das erste Mal allein in die Schule …“
Er sah Mutter an. Um ihren Mund zuckte es, aber sie versuchte zu lächeln. Er legte den Arm um ihre Schulter.
„Es wird ihr guttun, keine Frage“, sagte er herzlich, „und dir auch. Eine Trennung ist manchmal sehr heilsam, denn gar zu einig seid ihr ja wohl in letzter Zeit nicht gewesen, Anja und du, oder? Na also. Und dann hast du etwas, worauf du dich freuen kannst, wenn sie wiederkommt. Ist das nicht hübsch?“
Drüben telefonierte Anja, daß man denken konnte, der Telefondraht müßte ins Glühen kommen.
„Sicherlich erlauben sie es – aber wissen wollen sie natürlich, wo es ist –, wir müßten jemanden finden, der uns hinfährt, meine Mutter ist nun mal so, immer hat sie Angst um mich. Ob deine Mutter es nicht täte? Die ist doch immer so toll – fragst du sie mal? O Petra, bis zum Schluß der Ferien sind es noch zehn Tage. Zehn Tage Pferde und Hunde und wir beide zusammen, und –“
Das alles in Lautstärke zwölf, als könnte Petra sie sonst nicht verstehen.
„Und – und – und –“
Vater und Mutter sahen einander an und mußten lachen.
Ja, es war wirklich ein toller Plan!
Wie manche Leute wohnen
Dagmars Eltern wohnten wirklich „Hinter Pfui-Teufel“, wie man zu sagen pflegt. Frau Hartwig jedenfalls machte ein etwas pikiertes Gesicht, als sie den Wagen durch eine enge Kurve zog und immer noch kein Schild mit „Hinterhopfingen“ kam. Gerade hatten sie eine Brücke überquert, und der Nebel hüllte den Wagen ein, daß man mit Licht fahren mußte, und das am hellen Vormittag.
„Wo mögen die Kinder wohl in die Schule gehen?“
„Sie fahren zweiundzwanzig Kilometer“, meldete Petra von hinten, die sich immer und überall orientierte, „und der Schulbus kommt auch nicht bis ran. Ich meine, bis an Dagmars Dorf. Sie muß früh ein ganzes Stück laufen.“
„Da habt ihr es ja gut dagegen“, sagte Mutter. Anja fand das wieder einen richtigen Mutter-Ausspruch. War es nicht viel romantischer, früh durch Nacht und Nebel laufen zu müssen, als vom Schulbus an der Tür abgeholt zu werden? Petra meinte das übrigens auch.
Sie fuhren eine enge Waldstraße entlang, dann kam ein Schild: Für Kraftfahrzeuge verboten, Anlieger frei. Frau Hartwig bog ein, ein wenig zweifelnd, ob es richtig war. Petra zappelte auf ihrem Rücksitz und deutete aufgeregt auf ein Stück Weideland, um das ein doppelter Drahtzaun lief, etwa in Höhe von fünfzig und achtzig Zentimetern. Der Draht ging von Pfosten zu Pfosten und war an honigfarbenen, durchsichtigen Haltern angebracht.
„Elektrozaun, das macht man für Pferde!“ verkündete sie aufgeregt. „Wir sind bestimmt richtig!“
Wirklich, jetzt kam ein Dorf. Keins, in dem reiche Fabrikanten sich geschmackvolle Eigenheime mit schönen Gärten gebaut hatten, sondern ein richtiges Bauerndorf mit Scheunen und Ställen. Ziemlich schmutzig, fand Anja, sagte aber nichts. Petra deutete wild winkend nach links.
„Dort müssen wir einbiegen, Dagmar hat mir‘s am Telefon genau beschrieben. Ein schmaler Weg links, auf dem man nicht mehr umdrehen kann.“
„Und wie soll ich wieder rauskommen?“ fragte ihre Mutter und fuhr langsamer.
„Ach, irgendwie. Rückwärts vielleicht. Dort! Dort! Das Haus muß es sein! Seht ihr nicht, da hängen Hufeisen über der Tür!“
„Das hat nichts zu sagen, die gibt‘s jetzt überall“, sagte Vater. „Hufeisen oder alte Wagenräder oder Mistkarren und solchen Klimbim – man ‚trägt Pferd‘, das ist jetzt Mode.“
„Aber Nummer 69! Das hat Dagmar gesagt. Seht ihr nicht, dort hängt doch eine 69, aus Hufeisen gemacht!“
Wirklich, über der Tür des langgestreckten Bauernhauses rechts von der Straße hingen zwei alte, geschickt zurechtgebogene Hufeisen, dünn gewetzt, blinkend, eins wie eine Sechs aufrecht stehend und eins daneben umgekehrt, wie eine Neun. „Hier ist es. Bestimmt, hier wohnen sie!“
Frau Hartwig fuhr dicht heran und hielt. Petra und Anja purzelten mehr heraus als daß sie ausstiegen, und gleichzeitig ging die Haustür auf. Ein junges Mädchen in Reithosen und Gummistiefeln trat heraus, mit einer Hand einen großen schwarzen Hund am Halsband zurückhaltend, der vorwärts zog – die andere Hand war umwickelt.
Das mußte Dagmar sein, kein Zweifel! Sie lachte den Ankommenden entgegen, das wunderschöne rötliche Haar aus der Stirn schüttelnd.
„Grüß dich, Dagmar“, schrie Petra aufgeregt, „kann ich sie halten? Die Hündin, meine ich. Weil du doch nur eine Hand hast. Komm, laß mich –“
„Ich hab‘ noch zwei“, lachte Dagmar und übergab ihr das Halsband. „Denkst du, die andere ist ab? Nicht mal gebrochen, wie sich beim Röntgen rausstellte, nur verstaucht. Der Arzt sagte, wir brauchten keinen Gips, ein Zinkleinenverband genügte. Und ich hab’ euch herzitiert … aber eine kleine Hilfe tut mir eben doch furchtbar gut, das seht ihr ein, nicht wahr? Ich kann ja fast – fast – fast gar nicht zufassen –“, sie lachte so kläglich wie möglich. „Da, halt die Brumme, Petra, ja, so. Sie tut immer mächtig wütend, ist aber im Grunde ganz lieb. Sie ist alt und etwas wunderlich geworden, das werden Menschen ja auch manchmal. Im großen und ganzen kommt man schon mit ihr aus, und wachsam ist sie, alle Achtung!“
„Und das? Wer ist das?“ fragte Petra weiter. Ein schmaler Hund, halb groß, braun gelockt, guckte jetzt aus der offenstehenden Tür.
„Das ist die Prinzessin. Komm, Zessi, und stell dich vor. Sie ist noch jung und dumm, aber eine Seele von Hund. Ja, kannst sie ruhig streicheln, Anja – das bist du doch, oder?“ Sie lächelte Anja an.
Anja konnte sich noch nicht recht entschließen zuzugreifen. Sie war als kleines Kind einmal von einem Hund angefallen und umgeworfen worden und hatte das nicht vergessen. Zögernd trat sie näher heran.
„Du brauchst sie ja nicht gleich am Halsband zu nehmen“, sagte Vater beruhigend hinter ihr, „laß sie an dir schnuppern, dann mag sie dich sicher sogleich gern, weil du nach Pferden riechst.“
„Riech’ich denn?“ fragte Anja beglückt. Vater lachte.
„Und ob! Wie eine ganze Kavalkade, wenn du aus dem Reitverein kommst. Man riecht das schon auf zehn Meter Entfernung. Siehst du, Zessi tut dir nichts.“
„Aber ihr habt doch noch mehr Hunde?“ fragte Petra eifrig.
„Natürlich, die Willia und ihre Jungen. Sieben waren es, vier haben wir noch. Ich zeige sie euch gleich. Aber erst –“
„Erst die Pferde!“
„Nein, erst kommen Sie doch bitte herein, ich hab’ Kaffee gekocht“, sagte Dagmar zu den drei Erwachsenen, „Kaffeekochen kann man auch mit einer Hand. Aber sonst ist eben doch manches zu tun, was ich einhändig nicht so recht hinkriege. Meine beiden Schwestern sind mit meinen Eltern verreist, wissen Sie –“ Sie schloß die Haustür hinter sich. „Hier, legen Sie doch bitte ab, denn ein bißchen Zeit haben Sie doch hoffentlich mitgebracht?“
Es klang herzlich bittend. Mutter fand Dagmar sehr sympathisch – gleichzeitig bescheiden und vernünftig.
„Nicht sehr viel, aber etwas“, sagte sie und schlüpfte aus ihrem Mantel. „Ich habe zu Hause zwei Babys, und es war nicht leicht, eine Nachbarin zu finden, die sie für einige Zeit zu sich nimmt. Zwei auf einmal will niemand so sehr gern übernehmen.“
Dagmar hatte ihr den Mantel abgenommen. Vater sah sich aufmerksam um. Ja, umsehen mußte man sich hier, bereits der Flur war so, daß sich das Umsehen lohnte.
Ein altes Haus, neu gerichtet. Die Decke war mit hellem Holz getäfelt, mitten im Flur aber stand ein alter Balken, der diese Decke trug, richtig knorrig und voller schräg laufender Risse. Aber man sah, daß er ordentlich mit einer scharfen Bürste bearbeitet worden war, so daß man ihn anfassen und streicheln konnte, ohne sich Splitter einzuziehen. Er lief oben in drei Teile auseinander, wie eine Geburtsrune, und stützte die Decke. Die Treppe, die links davon in den oberen Stock führte, war auch aus so altem, nachgedunkeltem Holz; sie besaß kein Geländer, aber an ihrer Seite lief ein fast armdicker Strick, an dem man sich festhalten konnte. Der Fußboden des Flures bestand aus hellen Klinkern, rechts hingen Mäntel und Jacken an unregelmäßig eingefügten Holzhaken, auch ein Waldhorn und ein Feldstecher in ledernem Etui. Eine Tür stand auf; sie führte ins Wohnzimmer.
Ach, das Wohnzimmer! Sogar Petra und Anja, die eigentlich nur auf Pferde und Hunde und anderes Getier warteten, merkten, daß hier eine besonders glückliche Hand am Werk gewesen sein mußte, als man aus einem alten Bauernhaus einen Wohnsitz nach heutigem Geschmack machte. Wunderschön war es geworden, mit weißen Wänden und schwarzen Balken an der Decke und einem Kaminplatz mit Rundbank, die etwas tiefer lag, so daß man auf Stufen hinuntersteigen mußte. Dort saß man sicherlich herrlich, wenn das Feuer flackerte und draußen der Sturm heulte. Die Möbel waren alt, meist dunkel, sicherlich ererbt oder zusammengesucht; an der einen Wand stand ein schöner bunter Bauernschrank.
„Och, hier gefällt mir’s“, seufzte Petra unwillkürlich. Sie war noch nie bei Dagmar gewesen.
Diese nötigte ihre Gäste in ein zweites Zimmer, das an das erste anschloß und fast ganz ausgefüllt war von einem riesenhaften Tisch. Hier mochte früher das Gesinde gesessen und gegessen haben, als es noch Gesinde gab. Dagmar hatte den Tisch hübsch gedeckt mit dunkelroten Bechern und ein paar Kerzen in der Mitte, auch die Kaffeekanne stand schon parat auf einem schmiedeeisernen Stövchen, aus dem eine Wärmekerze herausschimmerte. Die Angekommenen setzten sich, und die Unterhaltung ging gleich los.
Dagmars Eltern waren mit den zwei jüngeren Schwestern nach Wien gefahren, zu einem berühmten Arzt, der die kleinste untersuchen sollte.
„Sie ist nicht meine richtige Schwester, sondern ein Waisenkind aus Korea. Meine Eltern haben sie adoptiert“, erzählte Dagmar. „Wir haben sie seit drei Jahren. Aber irgend etwas stimmt nicht bei ihr, und deshalb sind meine Eltern nach Wien gefahren. Es soll ein sehr guter Psychologe sein, zu dem sie sie bringen wollen, vielleicht kann er ihr helfen. Wir haben sie sehr lieb.“
Später führte sie ihren Besuch auf dessen Wunsch durch das ganze Haus. War schon der untere Teil wunderschön, so konnte man im oberen, wo die drei Mädchen wohnten, von einem Entzücken ins andere fallen. Die Räume dort waren nicht durch Türen voneinander getrennt, sondern gingen ineinander über; unter schrägen Wänden, die meist getäfelt waren, standen bunt zugedeckte Betten, mal hier eines und eines dort, bäuerliche Kommoden dabei, drehbare Lampen, bei denen man, unterm Fenster sitzend, lesen konnte, die aber auch eine Eisenbahnanlage beleuchteten, die die Kinder durch alle Räume hindurch auf der Erde aufgebaut hatten. Man mußte vorsichtig darüber wegsteigen und sich auch immerzu wegen schräger Balken bücken, auf denen buntes Spielzeug stand, Schwedenpferdchen, weiß und blau und rot, oder an denen die Kinder bunte Wimpel und hübsche Pferdebilder angepinnt hatten. Petra war begeistert von der Eisenbahn.
„Oh, mit der spielen wir auch!“ sagte sie sofort. „Abends, wenn die Pferde und Hunde versorgt sind und –“
„Ich denke, Eisenbahn spielen nur Jungen?“ fragte Mutter verwundert. Vater lachte.
„Heutzutage, da Mädchen in Hosen herumlaufen und Jungen lange Locken tragen, gibt’s diese Unterschiede nicht mehr. Am liebsten würde ich selber mitspielen.“ Er kniete schon am Transformator und schaltete ihn ein. Ein rotes Licht flammte auf, und aus dem Nebenraum kam eine winzige Lok angeschnauft, die nur darauf gewartet zu haben schien, lostuckern zu dürfen. Und nun war Vater nicht mehr wegzukriegen; er mußte noch den anderen Zug laufen lassen … Mutter stand ein bißchen wie auf Kohlen neben ihm, weil sie immer an ihre Jungen dachte. Frau Hartwig lachte und machte Petra ein Zeichen: Komm, wir lassen ihn spielen und gehen inzwischen zu den Pferden! Denn sie merkte natürlich, daß es die Mädchen dorthin zog.
Dagmar verstand den Wink und ging voran, die Treppe hinunter, und dann kamen sie in einen Raum, der früher wohl die Milchkammer gewesen sein mußte. Von dort aus ging es in den Stall. Schon der vertraute Geruch hätte einen geleitet.
Der Stall war groß und hell, enthielt Laufboxen, über deren Bretterwände die Köpfe der Pferde guckten. Sie reckten sich und bewegten die Lippen, weil sie hofften, etwas zugesteckt zu bekommen, und wieherten leise und vertraut. Man hörte das Wiehern kaum, denn es wurde übertönt von einem unausgesetzten Blaffen, einem „Wauwau“ und „Weffweff“, das einem in den Ohren gellte. Petra rannte dem Radau entgegen – da guckten über eine etwas niedrigere Bretterwand vier schwarze Köpfe mit schwarzen Nasen, blinkenden Augen, einer wie der andere, und rechts und links neben jedem Kopf sah man zwei dicke, merkwürdig unförmige Pfoten, schwarz mit weißen Tupfen. Wenn ein junger Hund große Pfoten hat, so kann man mit Sicherheit annehmen, daß er groß und wahrscheinlich auch dick werden wird. „Nach diesen Pfoten“, schrie Petra entzückt, als Dagmar ihr das erklärt hatte, „werden aus diesen vier Jungen elefantengroße Riesenhunde! So groß, daß man darauf reiten kann!“ Sie maß die vermutliche Höhe vom Boden her ab. „O Dagmar, wie schön! Dann haben wir sieben Hunde, einer schöner als der andere.“ Sie hatte die Mutter der vier Sprößlinge entdeckt, die ruhig an der Schmalseite der Box lag und zu ihnen aufblickte. „Drei erwachsene und vier junge, wie wunderbar! Hat sie die vier auf einmal gekriegt?“
Das war natürlich eine dumme Frage, aber Petra konnte in dem Tempo, in dem sie lebte, oft nicht überlegen. Dagmar lachte.
„Vier? Sieben! Sieben waren es. Und so dumm ist es gar nicht gefragt, es ging gar nicht auf einmal, ich habe zwölf Stunden bei ihr gesessen. Die andern drei sind schon verkauft.“
„Wie schade“, sagte Anja. „Aber das muß man wohl. Ich hab’ mal gehört, man darf einer Hundemutter nur sechs lassen. Wenn man ihr mehr läßt, werden sie alle miteinander mickrig. Die überzähligen muß man zu einer Amme bringen oder mit der Flasche aufziehen.“
„Eigentlich ja“, gab Dagmar zu. „Aber wir haben ihr alle sieben gelassen, sie waren alle gleich schön und stark. Nun bekommen wir eben keine Papiere für sie. Aber so schöne Hunde kann man auch ohne Papiere verkaufen. Die Leute, die sie kaufen, dürfen nur nicht mit ihnen züchten.“
Gerade kam Vater in den Stall.
„Hier seid ihr“, wunderte er sich, „na ja, ich hätte es mir ja denken können. Auf einmal wart ihr weg und ich allein mit meiner Eisenbahn. Und dann fand ich mich oben gar nicht zurecht. Das ist ja das reinste Labyrinth, ich kam und kam nicht an die Treppe. Schließlich hab’ ich eine kleine Tür gefunden, und als ich die aufmachte, stand ich im Freien. Auf einem winzigen, ein wenig vorspringenden Dachsims. Ja, Anja, du kannst es glauben! Und weil dort eine kleine freundliche Leiter hinunterführte, kletterte ich also hinab und kam von außen an den Stall. Ihr Haus ist wirklich etwas Besonderes, Dagmar!“
„Ach, Sie haben unsere Feuerleiter entdeckt“, sagte Dagmar und lachte. „Die haben wir gebaut, weil es da oben so verwinkelt ist. Cosy, unsere kleine Beinahe-Schwester, hatte die Idee. Sie meinte, wenn man innen nicht hinunterfindet, müßte man draußen etwas einrichten, um ausreißen zu können, wenn etwa einmal Feuer ausbräche. Unser Vater hörte sich das an und überlegte einen Vormittag lang, und dann ließ er die Luke und die Leiter bauen.“
„Und wie man sieht: Ich fand die Treppe wirklich nicht, obwohl kein Feuer ausgebrochen war“, sagte Vater. „Es hat also sehr wohl seine Berechtigung, dies so einzurichten.“
„Das müssen wir auch sehen! Da müssen wir auch runterklettern!“ rief Petra und zog Anja mit sich, aus dem Stall heraus und an die Längsseite des Hauses. Dort fanden sie wirklich das Leiterchen, und schon ging es in affenartiger Geschwindigkeit hinauf. Mutter, die etwas später kam, sah gerade noch Anjas Beine verschwinden.
„Wenn sie aber nun –“
„Du malst dir natürlich jetzt aus, daß sie nachts oder bei dickem Nebel zu der kleinen Tür herausfallen und sich Hals und Beine brechen“, sagte Vater belustigt und hakte Mutter unter, um sie ins Haus zu führen. „Denk doch ein einziges Mal daran, daß auch kleine Mädchen lieber mit ungebrochenen Beinen und Armen herumspringen und sich also schon ein bißchen in acht nehmen werden. Nicht wahr, Dagmar? Von Ihrer Leiter ist noch keiner gepurzelt?!“
Er zwinkerte Dagmar zu. Die lachte.
„Nein, wahrhaftig. Und Anja und Petra sind ja schon groß. Als Hedi, meine richtige Schwester – sie ist vier Jahre jünger als ich – zehn war, also ungefähr so alt wie Anja, fuhr sie uns jeden Tag den Mist weg. Ganz selbständig. Wir packen den täglich anfallenden Mist auf einen Wagen, der am Stallausgang steht, und vor den spannte sie ganz allein unsere Lotte, fuhr den Mistwagen weg, lud ihn ab und brachte ihn leer zurück. Einmal ging ihr die Stute durch, es passierte gottlob nichts, nur die eine Deichsel war verbogen, als Lotte endlich hielt und wir nachkommen konnten. Von da an aber sagte Vater, wir sollten jetzt den Mist gemeinsam wegfahren, es wäre doch sicherer. Ich meine also: Mit zehn Jahren ist man vernünftig genug, nicht nur selbständig arbeiten zu können, sondern sich auch in acht zu nehmen. Hedi war sehr geschickt abgesprungen, ebenso, wie Vater uns das erklärt hatte. Da werden die beiden ja auch aufpassen, daß sie nicht von der Leiter fallen. Daß ich diesen blöden Knacks gekriegt habe“ – sie lachte und hob die verbundene Hand ein wenig an –, „das war einfach Pech. Ich bin in der Küche ausgerutscht und hab’ mich auf eine dumme Art abgestützt, als ich auf dem Hosenboden landete. So was kann jedem immer und überall passieren. Küchen sind in jeder Wohnung, dazu braucht man nicht aufs Dach zu klettern.“
Das mußte Mutter zugeben.
„Aber ihr klettert trotzdem nicht –“, setzte sie an, brach dann aber schnell wieder ab. Was nützte es, den Kindern Vorschriften zu machen, wenn man sie für viele Tage hier allein ließ. Mutter kam die eine Woche, die vorgesehen war, wie eine Ewigkeit vor. Anja war noch nie so lange von ihr fort gewesen.
„Ich pass’ schon auf. Sie können unbesorgt sein“, tröstete Dagmar sie halblaut. „Ich bin es doch gewöhnt, auf Jüngere aufzupassen. Bei jeder Gelegenheit heißt es: du als Älteste … Das ist nun wieder der Tick meiner Eltern. Alles kommt immer auf mich.“
„Wie man sieht, haben demnach alle Eltern einen Tick“, sagte Frau Hartwig vergnügt. „Auch solche, die ein derartig schönes Haus bauten. Ja, Dagmar, Ihr Zuhause ist wunderschön, und ich gönne es Petra, daß sie eine Woche hier wohnen darf. Nur lassen Sie sie nicht gar zu sehr verwildern, bitte! Einmal am Tag waschen ist vielleicht nicht übertrieben …“
„O nein. Und – sie sind ja zum Helfen gekommen“, sagte Dagmar ernsthaft. „Die vielen Tiere machen eine ganze Menge Arbeit, so daß einem die Flausen vergehen. Es wird schon alles gut werden, Sie können ja immer mal anrufen, ob die Mädchen noch leben“, setzte sie lachend hinzu.
Dies war der Augenblick, da Mutter die Neueinrichtung des Telefons segnete, über das sie bisher immer nur geseufzt hatte. Ja, sie würde anrufen, jeden Abend …
Endlich im Sattel
„Aufwachen, Schlafmütze, aufwachen! Herrje, wie tief schläfst du denn!“
Petra konnte selbst die Augen noch nicht richtig aufbekommen. Es war gestern abend spät geworden, so hübsch hatten sie es gefunden, um den Kamin zu sitzen und sich mit Dagmar zu unterhalten. Jetzt erwies es sich als Schwerstarbeit, Anja wach zu bekommen. Sie lag so in ihre Decken gewühlt, daß man nur ein Bein herausgucken sah. Kopf und Arme waren unterirdisch, auch der sonstige Körper. Petra kniff schließlich in dieses Bein.
„Aua!“
„Na endlich! Wir müssen füttern gehen!“
„Ist es denn schon …“
„Natürlich! Dagmar ist sicherlich schon im Stall.“
„Ach, das weißt du nicht mal? Sie hat doch versprochen, uns zu wecken. Wenn sie also noch nicht –“
„Klar hat sie. Sie hat von unten gerufen: Aufstehen! Und an die große Schelle gehauen, die im Flur hängt, an die Kuhglocke, du hast sie doch gestern gesehen. Und dann ist sie los –“
„Die Glocke?“
„Quatsch, Dagmar. Also wenn du jetzt nicht kommst –“
Petra brauchte nicht weiter zu drohen. Anja hatte sich aus ihren Decken gewickelt, zog in Eile ihren Anorak über den Schlafanzug und fuhr ohne Strümpfe in die Gummistiefel.
„Hättest du das doch gleich gesagt! Wenn Dagmar geweckt hat, müssen wir los!“ Sie war schon halb die Treppe hinunter, ihre Stimme verklang. Petra rannte hinterher.
Wirklich, Dagmar war schon im Stall. Das heißt, sie befand sich gerade über dem Stall, auf dem Heuboden, wo Heu und Stroh lagerten. Dort gab es eine Luke, durch die man hinaufkam, und dort oben wurden die Heunetze gefüllt. In diesem Stall fütterte man das Heu in großen Perlonnetzen, die man über die Krippen hängte. Aus denen zogen es die Pferde mit den Lippen heraus, Halm für Halm, und nichts davon ging verloren. Sonst wühlen manche Pferde darin herum und werfen Heu herunter, das dann in die Streu getreten wird.
„Ich hab’ die Netze schon hier“, sagte Dagmar, als Anja und gleich hinter ihr Petra durch die Luke kamen, „das dort ist schon voll. Das kriegt die Lotte, dort an den Haken kommt es. Und das ist für Ströppchen, den kleineren in der Ecke drüben. Hier, nimm es. Die Haken findet ihr schon, an die die Netze kommen.“
Petra und Anja liefen hin und her, schoben die Riegel der Boxentüren auf, drängten sich hinein, sprachen und schalten mit den Pferden, die begierig herankamen, und fühlten sich wie echte Stallburschen. Dann wurden noch die Eimer geholt, gesäubert und frisch mit Wasser gefüllt. Kraftfutter gab es erst abends.
„Was man früh füttert, geht in die Krippe, was man abends gibt, in die Kruppe, heißt eine alte Futterregel“, erklärte Dagmar, als Petra nach Hafer fragte. „Wenn die Pferde sehr beansprucht sind, füttern wir früh und abends Kraftfutter, jetzt aber nur abends. Sie haben ja ein faules Leben zur Zeit.“ Sie patschte der Lotte freundlich auf die Kruppe.
„Tun sie gar nichts?“ fragte Anja vorsichtig, aber Petra war weniger schüchtern und fragte geradeheraus: „Können wir nicht wenigstens einmal am Tag reiten? Es sind doch drei, und …“
„Natürlich können wir“, sagte Dagmar vergnügt, „das heißt: Wenn ihr könnt. Daß du, Petra, auf jedem Pferderücken sitzt, der sich anbietet, das weiß ich ja, aber wie ist es mit Anja?“
„Ich gehe ab Januar auch in den Reitverein“, sagte Anja eilig, und Petra schnitt ihr das Wort ab.
„Wir können sie doch an den Führzügel nehmen, jedenfalls zu Anfang.“ Dagmar lachte. Sie hatte die große Karre in die Stallgasse geschoben und zeigte den beiden Mädchen, wie man den nachts gefallenen Mist sammelt, ohne allzuviel von der Streu mitzunehmen, und ihn in die Karre wirft. Dabei erzählte sie:
„Ich hab’ mal ein sehr hübsches englisches Kinderbuch gelesen. Und in England wird ja überall geritten, die Kinder wachsen dort sozusagen auf Pferden auf. Richtige Wege, um Kinderwagen zu schieben, gibt es in vielen Gegenden gar nicht, da kommen die kleinen Kinder in ein Körbchen, an dem ist ein Strick und auf der anderen Seite ein eingewickelter Stein, der das Gleichgewicht hält. Der Strick kommt über den Ponyrücken, und das Pony wird geführt, und so schaukeln die Kinder durch Wind und Regen. In England regnet es ja sehr oft. Die größeren Kinder reiten natürlich. Das ist für die Mütter lustiger, als den Kinderwagen zu schieben. Oft machen es auch die größeren Geschwister oder andere Kinder, die sich ein paar Pence verdienen wollen.
In dieser Geschichte nun kam ein Stadtkind, ein Einzelkind ohne Geschwister, zu einer Familie aufs Land, in der es mehrere Kinder gab, die alle reiten konnten.
,Du kannst doch auch‘, sagten sie, und die Kleine war zu schüchtern, um zu widersprechen. Sie nahmen sie mit – und als sie wieder zu sich kam, lag sie auf der Couch im Wohnzimmer, und die Mutter der Familie beugte sich über sie und sagte: ‚Ich werde es mir nie verzeihen, solche idiotischen Kinder in die Welt gesetzt zu haben.‘ Es war weiter nichts passiert, halt der Film gerissen, nachdem die Kleine abschmierte – das gibt es. Man erinnert sich dann an nichts mehr. – Aber du bist doch schon geritten, Anja, oder?“
„Ein bißchen“, sagte Anja kleinlaut und hoffte inbrünstig, daß Petra nicht sagen würde, wie klein dieses bißchen gewesen war. Nur im Schritt, und eigentlich nur drauf gesessen …
„Na, wir werden sehen. So jedenfalls wie diese englischen Kinder machen wir es nicht“, versprach Dagmar gutmütig. „Nehmt die Karre und fahrt sie raus, ja, danke. Etwas Streu kommt jetzt noch herein, unsere Pferde sollen es schön haben. Und dann rüber ins Haus und frühstücken. Habt ihr noch keinen Hunger?“
Doch, bei beiden meldete sich jetzt der Magen.
„Aber die Hunde müssen doch noch was kriegen“, erinnerte Petra. Dagmar lachte.
„Die haben schon. Denen geb’ ich ihr Teil immer schon gleich zu Anfang, damit sie mich nicht dauernd daran erinnern, daß sie noch da sind und Kohldampf haben. Man hat dann ein Morgenkonzert gratis, daß einem die Ohren gellen. Ich finde es schöner im Stall, wenn es still ist. Wenn man nur die Pferde kauen hört und im Stroh rascheln und mal an die Wand bollern …“
Anja stellte sich auf die Zehen und guckte über die Bretterwand in die Hundebox hinunter. Willia, die Doggenmutter, hatte ihren Napf sauber ausgeleckt und lag nun wieder seitlich im Stroh, ihre vier Sprößlinge in Richtung ihrer Beine, also quer zu ihr, nebeneinander ausgerichtet, die Mäulchen an ihrem Gesäuge.
Es war ein bemerkenswertes Bild des Friedens und des gesättigten Mutterglücks.
Sie gingen durch die Milchkammer und begegneten im Flur Zessi und der alten Brumme. Auch diese beiden Hündinnen hatten schon gefrühstückt. Sie begrüßten die Mädchen wedelnd und mit vorgestreckten Nasen. Dagmar nahm sie mit in die Küche.
Diese Küche war auch sehr gemütlich: mit einer Eckbank um einen klotzigen Tisch.
„Unser Landsknechtstisch“, sagte Dagmar zärtlich und streichelte ihn im Vorbeigehen. „Setzt euch, ihr bekommt gleich was Warmes zu trinken.“
Während des Frühstücks wurde beraten.
„Am besten geben wir dir die Lotte“, sagte Dagmar und ließ einen dünnen Pfannkuchen auf Anjas Teller rutschen. „Wir frühstücken heute amerikanisch wie die Cowboys, mit Speck und Eiern und Pfannkuchen, auf diese Weise sparen wir das Mittagessen“, erklärte Dagmar. „Lotte ist unsere Älteste und vernünftig, wenn sie nicht gerade mit dem Mistwagen durchgeht. Und du kriegst keinen Sattel, sondern einen Gurt mit Griff, an dem du dich festhalten kannst – oder nein, noch besser: Wir nehmen den Westernsattel für dich. Hast du schon mal einen gesehen? Der ist tief eingeschwungen und hat vorn einen Sattelknopf, um den die Cowboys ihre Lassos wickeln, wenn sie sie nicht brauchen. An diesem Horn, wie man es nennt, kann man sich gut festhalten. Überhaupt ist es beinahe unmöglich, aus einem Westernsattel abzuschmieren. Höchstens kann einem das Pferd durchgehen, aber dafür nehmen wir dich ja an den Zügel. Wißt ihr was? Wir könnten eigentlich gleich ein richtiges Stück reiten, zur Mühle unseres Nachbardorfes. Dort will ich sowieso Hafer bestellen und Weizenkleie. Wir könnten ja auch anrufen, jedenfalls beim Nachbarn, denn der Müller selbst hat kein Telefon.“
„Wir werden doch um Himmels willen den Nachbarn nicht bemühen, daß er den weiten Weg hinüberläuft“, sagte Petra sofort, zutiefst davon überzeugt, daß man so etwas nicht tut. „Nein, da reiten wir lieber rüber, das nehmen wir auf uns. Wie weit ist es denn?“
„Na, so fünf Kilometer schon. Traust du dir das zu, Anja?“ fragte Dagmar und goß ihr eine Tasse Tee ein.
„Natürlich. Vor allem mit dem Westernsattel“, sagte Anja so gleichmütig wie möglich. Sie hoffte nur, Dagmar würde nicht ahnen, daß sie einen solchen Sattel in Wirklichkeit noch nie gesehen, geschweige denn angefaßt oder gar darin gesessen hatte.
„Na gut. Dann reiten wir also gleich nach dem Frühstück. Man weiß nicht, was für Wetter wir bekommen.“ Dagmar sah aus dem Fenster. „Es sieht fast so aus, als käme was. Die Wettervorhersage hab’ ich heute noch nicht gehört. Na, ihr habt ja Anoraks mit und Gummistiefel. Auch Handschuhe?“
„Alles.“ Petra und Anja waren auf einmal satt. Nichts ging mehr in den Mund hinein, höchstens der letzte Schluck Tee. Aber essen war auf einmal unmöglich.
„Schön, dann können wir also gleich los, die Pferde haben jetzt aufgefressen. Nur die Betten machen wir noch. Unsere vielgepriesene Art, ohne Türen zu leben – jedenfalls im oberen Stock ist –, auch ein wenig unbequem – oder gerade erzieherisch, wenn man es so nimmt. Wer uns besucht, ist sofort mittendrin, wenn er die Treppe erklommen hat, und da ist es etwas blamabel, wenn die Betten noch zerwühlt sind oder auf der Erde liegen.“
„Kommt denn Besuch einfach so rein, wenn wir nicht da sind?“ fragte Anja verwundert. „Bei uns wird immer abgeschlossen, wenn man weggeht.“
„Bei uns auch, aber wir haben viele gute Freunde, die uns besuchen, und die kommen manchmal zu den komischsten Zeiten. Oft liegt früh jemand im Bett, der uns nicht mehr geweckt hat, weil er das unhöflich gefunden hätte – einer unserer alten Reitfreunde zum Beispiel. Sein Pferd steht dann in der Besuchsbox, und er schläft. Oder –“
„Ja, wie kommen die denn aber herein?“ fragte Anja. Dagmar lachte.
„An unserer Haustür, in der Ecke, dort, wo der Gartenzaun anfängt, steht ein Blumentopf, unauffällig, etwas Reisig drüber. Darin liegt ein Extraschlüssel. Mit dem kann jeder, der es weiß, herein. Er muß ihn nur wieder hinlegen und zudecken. Wer das nicht tut, darf nie wieder kommen, haben wir ausgemacht. Bisher hat ihn deshalb jeder wieder hingelegt. Auch wenn es schneit, findet man ihn dort, denn das Reisig kann man ja vorsichtig anheben. Ich glaube nämlich, heute –“, sie witterte wieder zum Fenster hin.
„Glaubst du, daß wir Schnee bekommen?“ juchzte Anja unterdrückt. Jetzt auch noch Schnee – es wäre nicht zu fassen!
„Beinah ja. Wir hatten diesen Winter schon welchen, und da haben wir den Pferden die Eisen abgenommen. Sie gehen im Schnee besser ohne, rutschen nicht und stollen nicht auf. Aufstollen nennt man, wenn sich in der Höhlung des Hufes Schneeklumpen ansammeln und immer größer werden. Damit treten die Pferde unsicher und können sich sogar ein Bein brechen, wenn sie umknicken. Nein, die Eisen sind runter, wir können ruhig reiten. Natürlich möglichst auf weichem Untergrund, solange kein Schnee liegt.“
„Wunderbar!“ Anja rannte die Treppe hinauf. „Ich mach’ eure Betten gleich mit“, rief sie noch hinunter, „ihr braucht nicht erst zu kommen!“ Und hatte ganz vergessen, wie überflüssig sie es fand, wenn sie daheim ihr Bett machen sollte. Zu schade, daß Mutter sie nicht sah! So aber ist das nun mal im Leben …
Übrigens bekam ihre Mutter doch das Staunen nachgeliefert, nämlich durchs Telefon. Sie hatte es sich nicht versagen können, schon jetzt, vormittags, kurz anzurufen – Vater war gerade aus dem Haus gegangen, um Zigaretten zu holen. Da ließ sie alles stehen und liegen und wählte mit vor Eile zitternden Fingern die Nummer, die sie sich von Dagmar hatte aufschreiben lassen. Dagmar war am Apparat.
„Ja, danke, alles in Ordnung. Möchten Sie Anja selbst sprechen, soll ich sie holen? Nicht nötig?
Ja, sie ist eben hinaufgelaufen und macht die Betten –“
„Anja macht Betten!“ sagte Mutter vor sich hin, während sie ins Kinderzimmer hinüberging, um dort aufzuräumen. Sie hatte vorhin etwas von dort holen wollen und war fast umgefallen, als sie sah, wie Anja es verlassen hatte: als Schlachtfeld, wild und wüst. „Anja macht Betten, Anja macht Betten“, murmelte sie immer wieder vor sich hin und schüttelte den Kopf. „Immerhin, es gibt nichts, was es nicht gibt“, seufzte sie und hängte Anjas Schulkleid auf einen Bügel. „Vielleicht wird sie doch eines Tages noch –“ Da kam Vater. Und damit war es zu Ende mit den Selbstgesprächen.
Die Mädchen sattelten. Dagmar führte eins der Pferde nach dem anderen in die Stallgasse, zeigte Anja, wie man dem Pferd das angewärmte Gebiß zwischen die Lippen schob, wie man putzte und gurtete. Petra konnte dies alles schon, und auch Anja hatte im Reitstall oft zugesehen und geholfen. Nur der Westernsattel war ihr neu. Sie bewunderte ihn: die zwei Gurte, von denen der eine durch einen Ring lief, und die merkwürdigen Bügel, die wie Lederschuhe aussahen.
„Sie schützen den Cowboys die Beine und Füße, denn die müssen ja Rinder treiben, und die Rinder gehen die Reiter manchmal mit den Hörnern an“, erklärte Dagmar.
Auch das Horn befühlte Anja. Es war natürlich wichtig, weil es eine gewisse Sicherheit bedeutete.
Und dann waren alle drei Pferde fertig und wurden hinausgeführt. Anja fühlte das Lampenfieber in sich aufschießen – wenn sie jetzt versagte? Ihr war zumute wie damals, als sie in einem Krippenspiel mittun sollte und im Scheinwerferlicht plötzlich kein Wort mehr von ihrer Rolle wußte.
„So. Ja, du machst es richtig. Nun hochziehen“, hörte sie Dagmars Stimme. Sie hatte den linken Fuß im Bügel und schwang das rechte Bein über das Pferd. Und dann saß sie im Sattel, endlich im Sattel!
„Mein erster Ausritt“
Eigentlich kam Anja erst richtig zu sich, als sie das Dorf schon hinter sich gelassen hatten und einem Feldweg folgten, der leicht bergan führte. Sie ritten im Schritt. Dagmar hatte den Zügel von Lotte in der rechten Hand, und Lotte ging brav neben Ströppchen her. Anja rückte sich zurecht; der Sattel war wirklich sehr tief, man fühlte sich darin irgendwie geborgen und sicher.
„Ich hab’ lieber Ströppchen genommen, weil er sich mit Lotte verträgt. Bei Pußta ist das nicht so sicher“, sagte Dagmar. Petra folgte mit Pußta. Die warf mit dem Kopf und versuchte, an Ströppchen vorbeizukommen und schneller zu werden. Dagmar sah kurz zu ihr hin.
„Laß die Unterschenkel ein bißchen weg, Pußta ist kitzlig“, sagte sie, „aber du, Anja, kannst sie anlegen. Versuch, die Knie dicht am Pferd zu halten, Lotte ist das nämlich gewöhnt.“
„Und Pußta nicht? Ich merk’s“, sagte Petra vergnügt. „Ola, ola, meine Gute –“ Pußta hatte einen Satz gemacht. Petra sprach beruhigend auf sie ein. „Immer dasselbe, was ein Pferd für Macken hat, wird einem immer erst gesagt, wenn man drauf sitzt. Warum eigentlich nicht vorher?“
„Macke! Daß sie ein bißchen kitzlig ist, ist ja noch keine Macke“, sagte Dagmar friedlich. „Und Lotte hat überhaupt keine Macken, höchstens, wie gesagt, vorm Wagen. Beim Reiten geht sie nicht durch. Hier, du kannst die Zügel selbst haben, Anja, du siehst ja, sie bleibt neben mir. Nimm sie auf, so, wie ich sie halte – Fäuste aufrecht, ja, gut so. Und aufrecht sitzen, aber kein hohles Kreuz machen. Komm neben uns, Petra, dann geht die Pußta auch wie eine Eins. Traben können wir später. So, auf meine linke Seite, mit der Lotte ist sie manchmal etwas giftig.“
„Wieder was, was man vorher nicht erfuhr“, sagte Petra, gehorchte und kam an Dagmars Seite. „Nun sag nur noch, daß sie sich im Galopp aufs Gebiß legt.“
„Wir galoppieren ja noch gar nicht“, sagte Dagmar vergnügt, „nein, jetzt wird erst Schritt geritten. Wie fühlst du dich, Anja? Gut, was?“
„Wunderbar“, seufzte Anja. Es war die Wahrheit. Sie holte tief Atem und sah nach vorn: „Ich reite!“
„Der Kopf sei der höchste Punkt des Reiters, die Schultern sollen ein wenig zusammengenommen werden, kein Hohlkreuz bitte, das Gesäß im Sattel vorschieben, die Oberschenkel angesaugt, die Unterschenkel nur ganz leicht am Pferd, so daß ein Seidenpapier dazwischen nicht zerknittert würde – die Hacken nach unten gedrückt und die Fußspitzen in Richtung des Pferdekörpers angehoben, Arme leicht gewinkelt und Fäuste aufrecht – locker und ungezwungen bleiben“, betete Petra halblaut vor sich hin. „Das letzte finde ich immer als Höhepunkt. Für alles, für jedes einzelne Fingerglied gibt es Vorschriften, und dann wird verlangt, daß man ganz natürlich und ungezwungen sitzen soll …“
„Ja. Später ist einem das alles ganz selbstverständlich“, sagte Dagmar. „Anfangs klingt es unmöglich. So, und jetzt traben wir an. Keine Sorge, Anja, Lotte wirft so gut wie überhaupt nicht, sie geht so weich, daß man denkt, sie läuft auf Daunen.“
Anja konnte das nicht finden. Lotte hatte sich gehorsam in Trab gesetzt, und das war wahrhaftig etwas anderes als vorhin der Schritt. Vielleicht war Lottes Trab gegen den anderer Pferde wirklich weich, Anja aber hatte das Gefühl, als hopste sie auf und ab, fiel einmal rechts und dann wieder auf der anderen Seite aufs Pferd zurück, wurde geschüttelt und geworfen …
Ein Glück, daß sie sich am Horn festhalten konnte. Sie tat es, und als Dagmar dann auch noch zu ihr herüberschauend: „Gut so, sehr gut“, sagte, kam sie langsam wieder zu Atem.
„Mach die Beine lang, so lang es geht“, sagte Dagmar, „ja, so sitzt man sicherer. Wie eine Kneifzange. Sobald du dich nach vorn beugst, rollst du seitlich ab. Schön aufrecht!“
Wahrhaftig, Anja merkte es. Und dann hieß es zum großen Glück wieder: „Schritt!“, und man konnte aufatmen.
Petra kämpfte ein wenig mit ihrem Pferd, das den Kopf warf und mit dem Schweif schlug.
„Gib acht, daß du mit dem Zügel kein Mähnenhaar erwischst, das mag sie nicht“, rief Dagmar zu ihr hinüber, „dann schüttelt sie. Na, du wirst dich wohl nicht mehr an der Mähne halten müssen, nicht wahr!?“
„Nein, aber aus Versehen kriegt man manchmal eins zu fassen“, sagte Petra und bekam ihre Stute endlich in Schritt, versuchte, sie wieder an Ströppchens Seite zu bugsieren. „Das kommt bloß von den Handschuhen. Kannst du sie nehmen?“ Sie hatte sie mit den Zähnen abgezerrt und reichte sie Dagmar hinüber. Die nahm sie ihr ab und stopfte sie in die Jackentasche. „Aber frieren wirst du jetzt.“
„Na, wenn schon. So, so, Pußta, jetzt geht‘s besser, nicht wahr?“
Während die beiden miteinander beschäftigt waren, versuchte Anja zu begreifen, daß endlich wahr geworden war, was sie seit Monaten ersehnte: Sie ritt! Sie ritt wirklich, saß nicht nur auf einem Pferd, das jemand führte, sondern ritt neben anderen aus, die Zügel selbst in der Hand. Weit lag das Land vor ihr, ein wenig wellig, nicht bergig, sondern sanft auf und ab schwingend. Und jetzt – es war, als sollte das Glück vollkommen werden – begann es ganz, ganz sachte zu schneien. Erst waren es nur ein paar winzige Flöckchen, die herabtaumelten, hier eins und dort eins, dann aber besann sich der Himmel und öffnete sich. Petra behauptete, sie wäre schon ganz weiß vorn. „Hier, mein Anorak, seht ihr?“ Dagmar lachte sie aus. „Denkst du, bei uns ist es anders? Ich hab’ den Schnee doch bestellt, extra für euch. Da will ich auch was davon abkriegen!“
Als sie eine kleine Steigung hinter sich hatten, sahen sie das Dorf, zu dem sie reiten wollten.
Die Mühle war allerdings noch nicht auszumachen, sie lag im Tal.
„Es ist eine Wassermühle, keine Windmühle“, erzählte Dagmar, „und sie wird seit einigen Jahren elektrisch betrieben. Aber es spukt noch immer dort. In Mühlen spukt es ja oft. Das Rad ist noch zu sehen, ich zeig’ es euch.“
„Spukt es wirklich?“ fragte Anja, als Dagmar einen Augenblick schwieg. Sie hatte das so erzählt wie alles andere, sachlich und ruhig, so, wie wenn man sagt: Es ist kalt heute. Spuk – den gab es doch nicht!
„Doch, ja, irgendein alter Müller geht da um. Aber nicht am Tag. So, nun können wir noch mal traben und dann ein Stück galoppieren, damit Anja weiß, wie das ist. Wenn sie hinterher absteigt und zum Nachhauseritt wieder aufsitzt, ist sie schon ganz zu Hause auf dem Pferd. Also – Terrab – so –“, die Pferde gehorchten, „und jetzt – Galopp marsch!“
Anja hatte es oft gehört und nie geglaubt, aber es stimmte: Galopp ist die leichteste Gangart. Wenn man beim Trab von rechts nach links geschüttelt wird, wiegt man dagegen im Galopp gleichmäßig vorwärts. Der Galopp wiegt einen; jedenfalls tat er es bei Lotte, sanft und gleichmäßig.
„Na?“ fragte Dagmar, als sie am Ende des Feldwegs, der hier in eine größere Straße einmündete, wieder in Schritt gefallen waren.
„Wunderbar“, seufzte Anja, und im gleichen Augenblick quiekte sie auf, erschrocken und unkontrolliert. Ein paar Schritte vor ihr, links von Ströppchen, war Petra von ihrer Stute geschossen, die aus einem unerfindlichen Grund plötzlich gestoppt hatte. Sich in der Luft zusammenkugelnd, überschlug sich Petra und landete in einem Haufen Gestrüpp, das hier am Wege stand. Anja war furchtbar erschrokken.
Dagmar nicht. Sie hatte ihren Ströppchen sofort neben Pußta gedrängt und erwischte deren Zügel.
„Hast du dir weh getan?“ rief sie zu Petra hinüber.
Die stand aber schon wieder auf den Beinen. „I wo. So steig’ ich immer ab“, behauptete sie und lief zu ihrem Pferd hin. „Danke. Aber wenn du wieder mal so plötzlich stoppst, geliebte Pußta, sag es vorher!“ Schon war sie wieder oben.
Sie ritten dann das letzte Stück im Schritt, hier war die Straße hart. Als sie an der Mühle angekommen waren, sprang Dagmar ab, hielt Lotte, damit Anja absitzen konnte, und führte die Pferde in den Hof. Die Frau des Müllers kam ihnen entgegen und begrüßte sie freundlich. Sie durften die Pferde einstellen – die Mühle hatte noch einen richtigen Stall dabei –, absatteln und anbinden. Jedes bekam einen Armvoll Heu vor die Nase gelegt, und sogleich fingen sie an zu fressen. Dagmar zeigte Anja, wie man den Sattel aufhängt, und dann drängten sie alle hinüber ins Haus, in die Küche, ins Warme.
„Ich bin gerade beim Backen“, sagte die Müllersfrau. „Ihr kommt genau richtig.“
Sie zog soeben ein Blech mit Hefegebäck aus dem Ofen. Es roch süß und gut, nach Zimt und zerlassener Butter. „Setzt euch, ihr bekommt gleich etwas Warmes zu trinken.“
„Danke. Ach, wunderbar!“ Es tat unbeschreiblich wohl, die Anoraks auszuziehen und sich zu strecken – irgendwie muß man nach dem Reiten ja wieder stehen, laufen und sitzen lernen – so jedenfalls empfindet es der Anfänger. Alle Muskeln sind anders beansprucht worden als gewöhnlich, und ein bißchen spürt man auch die Knochen, von denen man sonst keine Ahnung hat, daß sie überhaupt vorhanden sind. Nirgends aber konnte einem wohler sein als in dieser süß duftenden Mühlenküche, meinte Anja, und die anderen schienen es genauso zu fühlen.
Die Müllerin goß ihnen heiße Milch ein und rührte Honig dazu. Anja merkte erst jetzt, wie ausgekühlt sie war. Vor allem spannte die Haut im Gesicht, aber der warme Trunk wirkte Wunder. Petra hatte sofort – woher, wußte der Himmel – eine Katze auf dem Schoß, mit der sie schmuste, und Dagmar unterhielt sich mit der Müllersfrau, bestellte, was sie bestellen wollte, und bekam eine freundliche Zusage. Anja machte Dagmar heimliche Zeichen. ‚Frag nach dem Spuk!‘ sollte das heißen, und als die Frau einmal kurz hinausging, erinnerte sie Dagmar noch einmal rasch und dringend daran.
„Ja, ja“, verhieß diese, und als die Müllersfrau wieder hereinkam, tat sie es auch, unbefangen und selbstverständlich.
„Ja, er war mal wieder zugange, der Alte“, sagte die Müllerin. „Ich traf ihn draußen am Brunnen. Wir haben doch noch einen richtigen Brunnen im Hof, obwohl natürlich längst eine Wasserleitung im Haus liegt. Aber der Brunnen ist so hübsch, wir lieben ihn sehr, und außerdem ist er eine Sicherheit mehr, wenn das Wasser mal abgestellt ist. Ihr könnt nachher die Pferde noch mal ranführen, Brunnenwasser ist gesünder als anderes. Nun, da stand er und machte mir ein Zeichen, ich sollte aufpassen, daß der Brunnen nicht einfriert. Wir bekommen Kälte, meine ich – mir ist so.“
„Hat er – hat der alte Müller das gesagt?“ fragte Anja scheu, aber doch begierig, etwas davon zu hören. „Und wie sah er aus?“
„Gesagt hat er nichts, aber ich verstand schon, was er meinte“, sagte die Frau freundlich. „Komm, Dagmar, streich mir flink den Kuchen, da liegt der Pinsel. – Und wie er aussah? Halt wie ein Müller, hell angezogen, ich sah ihn nur einen Augenblick lang und ein bißchen verschwommen. Er tut einem nichts“, setzte sie hinzu, nachdem sie kurz in Anjas Gesicht gesehen hatte, „er hat noch nie jemandem was getan. Ich denke immer, es ist der, der die Mühle hier gebaut hat, vor Jahrhunderten. Sie ist nämlich sehr alt. Und er sorgt sich darum, daß alles gutgeht damit. Vor dem großen Sturm vor zwei Jahren, als überall die Dächer abgedeckt wurden, hat er mich auch gewarnt. Nein, nein, er ist nicht das, was man ein böses Gespenst nennt.“
Sie sprach von ihm wie von einem Bekannten, der manchmal zu Besuch kommt. Anja wagte nicht weiterzufragen. Aber als sie ein wenig später durch die Mühle gingen – Dagmar hatte gebeten, den Jüngeren alles zeigen zu dürfen, und die Frau hatte lächelnd dazu genickt –, war das erste, was Anja fragte: „Glaubst du im Ernst –“
„In Mühlen spukt es oft, oder man glaubt, daß es spukt“, sagte Dagmar. „Da klopft es hier und dort, immer gibt es Geräusche, es klappert und bewegt sich was, ähnlich wie auf einem Segelschiff. Dort ist es dann der Klabautermann und hier eben der Mühlengeist. Jetzt, wo die Mühle elektrisch läuft, fällt es nicht mehr so auf. Aber gerade hier“, sie deutete auf eine Art Aufzug, mit dem man Säcke hinauf- und hinunterschicken konnte, um sie nicht mühselig über die Treppe tragen zu müssen, „hört man es oft klappern und bumsen, und dann heißt es, es spukt. Solche Aufzüge gibt es in allen Mühlen. Sie werden mit einem Strick bedient, an dem man zieht.“
„Aber wenn sie ihn doch getroffen hat, draußen!“ staunte Anja, noch immer ganz erfüllt von dem, was die Müllerin erzählt hatte.
„Da bin ich überfragt. Ich wohne ja nicht hier“, sagte Dagmar und zuckte ein wenig mit den Achseln. „Du möchtest hier nicht wohnen müssen, oder?“ lächelte sie.
„Lieber nicht“, gestand Anja. Petra aber rief:
„Ich schon! Ich würde ihm auflauern und ihn dann ansprechen. Ihn fragen, wie es früher war, als er hier lebte – und dann würde ich –“ Hinter ihr gab es einen Bums. Sie fuhr herum, nun doch erschrocken.
„Diesmal war es nicht der Müller. Diesmal war es der Besen“, sagte Dagmar trocken und hob ihn auf. „Und nun kommt! Wenn er gerade da war, am Brunnen, meine ich, dann treffen wir ihn jetzt sicher nicht. Ich will euch das Mühlrad zeigen. Ja, das ist noch das alte, echte, und es würde sich auch noch drehen, wenn man das Wasser darüber leitete.
Sie standen und staunten – das riesige Rad aus dunklem Holz sah wirklich aus, als gehörte es in ein Märchenbuch.
„Wenn ich groß bin, male ich die Bilder zu Märchenbüchern“, dachte Anja, „und dann kommt diese Mühle mit hinein. Große Bilder mit vielen Farben, farbigem Himmel und blaugrünen Wäldern, und ganz kleine Häuser, auch die Mühle ganz klein, in einer Ecke, aber alles ganz genau, vor allem das Rad …“
Sie gingen dann über den Hof, noch mal zum Stall, um nach den Pferden zu sehen. Die standen und fraßen, artig nebeneinander. Es schneite noch immer. Sie kamen ganz gepudert zurück in die Küche, wo die Müllersfrau inzwischen den Tisch mit buntglasiertem Geschirr gedeckt hatte.
„So, der Hefezopf ist jetzt so weit ausgekühlt, daß ihr ihn essen könnt. Hier, nehmt Hagebuttengelee dazu, das schmeckt am besten.“
Sie schob ihnen das Glas hin. Es leuchtete dunkelrot, ach, und es schmeckte köstlich, wenn man es auf den frischgebackenen Kuchen strich. Sie schwelgten, und die Müllersfrau hatte sich zu ihnen gesetzt und erzählte von ihren Kindern.
Die waren schon groß, zwei studierten. Die Tochter hatte ihr Lehrerinnenexamen gemacht und war dann wieder zu einer ihrer großen Wanderungen aufgebrochen, diesmal nach Indien. Sie war ein Mensch, der es nie länger als ein paar Monate an einem Ort aushielt. Sie war schon in Lappland und Kanada, in Nordafrika und Sardinien gewesen.
„Ach ja, das Wandern ist des Müllers Lust“, seufzte sie. „Ich wünschte, sie bliebe endlich einmal daheim. Immer muß ich in Sorge um sie sein, und wenn ich abends bete für sie, weiß ich nicht, wo ich sie suchen soll.“
„Schreibt sie denn manchmal?“ fragte Petra. „Da könnte man es doch am Poststempel sehen. Ich finde es wundervoll, so viele Länder zu sehen. Geht sie immer allein los?“
„Meist ja. Diesmal sind sie zu dritt, ein einziges Glück. Zwei Studenten, ein junger Mann und seine Schwester, haben sich ihr angeschlossen. Das ist doch ein gewisser Schutz. Sie kann ja unterwegs auch mal krank werden oder sich was brechen, oder jemand überfällt sie und nimmt ihr das Geld weg. Da ist es doch besser, ein Mann ist dabei. Ja, sie schreibt schon, wunderbar lange, lange Briefe, in ganz winziger Schrift, damit recht viel drauf geht. Sogar meist ohne Anrede, um Platz zu sparen, nur manchmal steht am Anfang: ‚LE‘, das heißt: ‚Liebe Eltern‘, und an den Schluß setzt sie ein klitzekleines Herz und ein I hinein. Sie heißt Irmgard“, erzählte die Müllerin. „Soll ich euch mal einen von ihren Briefen zeigen?“
„O bitte, ja!“
Dann saßen sie am Tisch und versuchten, das kleine krause Geschreibsel zu entziffern. Anja gelang es am besten, sie hatte scharfe Augen. Halblaut las sie vor, was da stand, und Irmgards Mutter war neben ihr stehengeblieben, in der einen Hand den Fettpinsel, in der anderen das Pfännchen mit zerlassener Butter und horchte, als hörte sie Musik.
„Ich kann es nämlich nicht mehr recht entziffern, meine Augen wollen nicht mehr, und mit der Brille komm’ ich nicht zurecht“, gestand sie, als Anja schwieg. „Da ist es schön, wenn du mir vorliest.“
Anja sah mit weit aufgerissenen Augen zu ihr auf.
„Darf ich den Brief mal mitnehmen? Mein Vater gibt nämlich Erdkunde, den wird das sehr interessieren. Ich verlier’den Brief bestimmt nicht!“
Als sie später zu den Pferden hinübergingen, sagte Dagmar: „Da hast du der Frau aber eine große Freude gemacht, als du ihr den Brief vorlast.“
„Ja, und weißt du, was ich mir ausgedacht hab’? Ich nehme ihn meinem Vater mit, und der tippt ihn ihr ab, wenn ich ihn ihm diktiere. Ganz groß und deutlich, das kann sie dann vielleicht selbst lesen. Es gibt Schreibmaschinen mit großem Druck, sie haben so eine in der Schule, das weiß ich“, erzählte Anja eifrig. „Meinst du, das könnte man machen?“
„Natürlich! Da tust du ihr einen Riesengefallen.“
Sie sattelten im Stall, weil es so schneite. Die Müllersfrau trat noch einmal aus der Tür, als sie schon aufgesessen waren.
„Paßt nur gut auf, auf euch – und auf den Brief!“ setzte sie noch schnell hinzu, ein wenig verlegen. Alle drei nickten.
„Wir versprechen es! Und wir kommen wieder und bringen ihn persönlich zurück, schicken ihn nicht mit der Post, damit er ja nicht verlorengehen kann“, versprachen sie eifrig. Sie hatten es vorhin schon beim Satteln besprochen. Die Müllerin winkte ihnen nach.
„Das war schön“, seufzte Petra. „Nun sei brav, Pußta, und ärgere mich nicht. Nein, jetzt wird Schritt geritten.“
„Ja. Wir müssen erst ausprobieren, wie der Untergrund jetzt ist. Beim ersten Schnee weiß man nicht so genau, ob es drunter glatt ist.“ Dagmar sprang noch einmal von ihrem Ströppchen und fuhr mit dem Stiefel im Schnee hin und her. „Sehr glatt ist es nicht, auf dem Feldweg können wir dann wieder traben. Na, bist du schon ein bißchen zu Hause in deinem Westernsattel?“ fragte sie zu Anja hinauf. Die nickte strahlend.
Der Heimritt wurde wirklich wunderbar. Der Schnee fiel dicht und beständig, und die Pferde schienen sich darüber genauso zu freuen wie die Menschen.
„Na, und die Hunde erst! Wir hätten sie mitnehmen sollen, wenigstens Zessi“, sagte Dagmar. „Ich wollte nur nicht, weil ich dachte, sie springt vielleicht um die Pferde und macht Lotte nervös, und das wäre beim erstenmal nicht gut für Anja. Aber wir lassen sie nachher hinaus und tüchtig toben. Was glaubt ihr, wie Hunde sich über den ersten Schnee freuen! Sie sind dann ganz verrückt, stecken die Nasen hinein und hopsen herum, es ist zu nett anzuschauen.“
„Auch die Kleinen? Dürfen die Kleinen auch schon mit raus?“ fragte Petra begierig. „Die vier Hundebabys?“
„Klar! Die lassen wir auch eine Viertelstunde toben“, verhieß Dagmar, „wir müssen sie nur hinterher richtig abrubbeln. So, nun traben wir mal wieder an. Ströppchen versteht schon die Welt nicht mehr, weil er weiß, hier geht es nach Hause, und hier darf er sonst immer losgehen, so schnell er will …“
Anja faßte nach dem Sattelknopf, aber ganz anders als vorhin. Sie hatte keine Angst mehr, wenigstens nur ein ganz, ganz kleines bißchen. Herunterfallen wollte sie eben doch nicht. Und als sie dann galoppierten und der Schnee ihr ins Gesicht wehte, daß sie nur noch rot und grün sah, war ihr doch ein wenig bange zumute. Dann aber hieß es wieder „Scheritt!“, und sie atmete auf und lachte und wischte sich die Nässe vom Gesicht.
„Reiten wir morgen wieder?“ fragte sie, als sie am Haus angekommen waren. Dagmar nickte ihr zu.
„Natürlich. Jeden Tag, wenn es geht. Aber jetzt erst einmal hinein mit den Pferden, die freuen sich auch, wenn sie wieder daheim sind. War es schön?“
Sie brauchte nicht zu fragen. Anjas strahlendes Gesicht sagte genug. Sie brachte ihre Lotte selbst in die Box, nahm ihr Sattel und Kopfstück ab, streichelte sie und gab ihr ein Stück Zucker, das sie sich heute früh eingesteckt hatte. Sehr viel Zucker sollen Pferde ja nicht bekommen, Mohrrüben sind besser. Vater hatte ihr, als sie sich verabschiedeten, ein bißchen Geld zugesteckt, „für alle Fälle“, davon würde sie heute im Laden des Dorfes Mohrrüben kaufen, und …
„Ich möchte was besorgen gehen“, sagte sie zu Dagmar, als alles im Stall fertig war, „ich geh’ in das Geschäft, an dem wir vorhin vorbeigeritten sind. Darf ich Brumme mitnehmen? Ich führ’ sie auch an der Leine.“ Sie wußte, daß die alte Hündin nicht mehr sehr gut sah. Aber sie sollte doch auch in den schönen Schnee hinausdürfen. „Kann ich dir noch was mitbringen?“
„Ja, Salz ist fast keins mehr da. Bring ein Pfund – und vielleicht noch ein paar Apfelsinen. Hier hast du Geld.“
Anja ging. Sie kaufte noch etwas anderes in dem Laden, in dem es, wie es sich auf dem Dorf gehört, alles gab, was man brauchte: frische Brötchen und Schuhkrem, Besen, Kochtöpfe und Zeitungen. Ein Heft! Ein dickes, in schwarzes Wachstuch gebundenes Heft. Als sie damit heimkam, rannte sie die Treppe hinauf, hockte sich auf ihr Bett und schlug das Heft auf.
„Tagebuch“ schrieb sie ganz groß auf die erste Seite und darunter das heutige Datum. Und darunter wieder kam, in großer, deutlicher, schön gemalter Schrift: „Mein erster Ausritt“. Dazu malte sie eine kleine Mühle, so wie sie die Mühle im Gedächtnis behalten hatte, mit dem großen Rad und dem Brunnen im Hof. Damit sie auch immer wußte, wohin ihr erster Ausritt geführt hatte.
Als ob man so etwas je vergessen könnte!
Ein schöner Silvestertag …
„Na, was gibt’s denn?“ fragte Dagmar in harmlosem Ton und versteckte ein Lächeln. Anja kam die Leiter zum Heuboden so langsam herauf wie ihre eigene Großmutter. Dann setzte sie sich seitlich auf den Rand der Luke und versuchte, die Beine übereinanderzuschlagen.
„Oooooch“, stöhnte sie als einzige Antwort.
„Müde?“ fragte Dagmar hinterhältig.
„Auch. Aber –“, wieder ein Stöhnen. Dagmar platzte heraus.
„Entschuldige, wenn ich lache. Ich wußte, was kommt. Weißt du, was du hast? Muskelkater. Reitfieber. Das mußte ja kommen. Wenn man das erste Mal ein ordentliches Stück geritten ist, ohne es gewöhnt zu sein, und hinterher nicht sofort in die heiße Wanne oder wenigstens unter eine warme Dusche geht, kann man am anderen Tag nicht leben und nicht sterben. Gestern abend hab’ ich mit keinem Gedanken dran gedacht. Du warst mit uns geritten, als rittest du schon lange. Später, wenn man es gewöhnt ist, merkt man überhaupt nichts mehr. Oder hast du etwa Muskelkater, Petra?“ rief sie über Anja weg in den Stall hinunter, wo man Schritte kommen hörte.
„Dankeschön, keine Spur. Auch früher hatte ich nie welchen. Jedenfalls kann ich mich nicht besinnen. Aber andere schon. Wir hatten mal Besuch, der durchaus reiten wollte, eine Kusine aus dem Rheinland. Meine Mutter fragte, ob sie Stunden hätte, und diese Base sagte, sie ritte zweimal die Woche. Na, da nahmen wir sie halt mit. Aber so nach zwei, drei Stunden sagte sie überhaupt nichts mehr, und als wir einmal Schritt ritten, stieg sie ab und meinte, sie wollte lieber führen …“ Petra lachte aus vollem Hals. „Die beiden Stunden wöchentlich waren gelogen, sie hatte seit Urzeiten nicht mehr auf einem Pferd gesessen.“
„Ja, ja. Lügen haben kurze Beine. Und wenn wir gefüttert haben, gehst du auch heute noch ins heiße Bad, Anja, damit der Muskelkater etwas eher weggeht, hörst du? Wir wollen doch nachmittags wieder reiten.“
„O ja! Aber erst – uuuuah – soll ich die Netze stopfen?“ fragte Anja todesmutig, aber mit verzerrtem Gesicht. Die beiden anderen mußten bei allem Mitgefühl wieder lachen.
„Ja, los. Je eher wir fertig sind, desto besser. Zu dritt geht alles schneller.“
Nach dem Füttern verschwand Anja und kam erst wieder zutage, als die anderen schon kräftig beim Frühstücken waren – hochrot vom heißen Wasser und mit nassen Haaren. „Besser?“ fragte Dagmar und goß ihr ein.
„Gut“, sagte Anja tapfer, wenn auch nicht wahrheitsgemäß. „Ich kann heut nachmittag bestimmt wieder mit. Und einen Hunger hab’ ich! Bitte frühstückt noch eine Weile, damit ich euch einholen kann.“
„Heute ist Silvester“, sagte Dagmar und schob ihr die Marmelade hin, „da bleiben wir wach und feiern. Was wollen wir trinken?“
„Jedenfalls lieber keinen Punsch, wie ihn die Erwachsenen gut finden. Die haben einen Geschmack –“ Anja schüttelte den Kopf. „Jedenfalls meine Eltern. Sogar in den Obstsalat tun sie was, was bitter schmeckt. Danke, ohne mich. Apfelsinensaft oder so was schmeckt viel besser, auch heiß, aber nicht mit so was verdorben, bei dem die Großen die Augen verdrehen.“
„Schön, keinen Punsch. Wie wär’ es mit Eis?“ fragte Petra mit glitzernden Augen. „Eis zum Sattessen, das kriegt man sonst nie.“
„Eis zu Silvester? Etwas kalt für die Jahreszeit“, sagte Dagmar nachdenklich, „aber warum nicht. Ich könnte auch einen Apfelstrudel backen.“
„Apfelstrudel ist immer gut, heiß mit kalter Schlagsahne! Hmm! Vielleicht aber hinterher doch noch Eis?“
Sie einigten sich auf diese Speisefolge, und Dagmar begann, auf einem Zettel zu notieren, was sie alles kaufen mußten. Es wurde eine lange Liste. „Morgen ist schließlich Feiertag, und da sind die Läden zu, das müssen wir einkalkulieren.“
„Die Läden! Es gibt ja nur einen einzigen in eurer Metropole“, sagte Petra, „das ist ja das praktische. Dort kriegt man alles. – Und das willst du alles schleppen?“ fragte sie bedenklich, als Dagmar noch immer notierte.
„Ich denke ja nicht dran. Wißt ihr, was wir machen? Wir spannen Brumme vor den Rodelschlitten, und auf den Schlitten stellen wir den Wäschekorb. Da kommen die Einkäufe hinein. Wollen wir? Das mach’ ich immer so, wenn Schnee ist und Mutter mich einkaufen schickt.“
„Richtig, Schnee! Ist noch welcher dazugekommen?“ Petra war schon am Fenster. „Und wieviel! Herrlich! Aber Brumme ist schon eine alte Dame …“
„Einen Schlitten mit Einkäufen kann sie immer noch ziehen, das wirst du erleben“, sagte Dagmar. „Sie sieht halt nur ein bißchen schlecht. Wir führen sie. Sie ist immer sehr begeistert, wenn sie mitdarf.“
Nun war es vorbei mit dem Frühstückshunger. Petra rannte, um den Schlitten zu holen, und Dagmar ging in die Sattelkammer und suchte nach dem Hundegeschirr. Schließlich fand sie es. Es war ein selbstgebasteltes Brustblatt mit kleinem Kammdeckel und dazugehörigem Bauchgurt, daran lederne Zugstränge. Sehr einfach, aber ausreichend.
„Früher hat Brumme uns gezogen, aber wie! Wie eine Wilde! Man kann einem Hund ja keinen Zügel anlegen, sondern muß ihn mit der Gerte lenken, wenn man selbst fährt. Das haben wir im Fernsehen bei Eskimos gesehen, nur daß es da nicht ein Hund ist, sondern viele. Brumme ging immer los wie das Donnerwetter, und weil der Schlitten keine Deichseln hat, muß man aufpassen, daß es glatt ist oder bergab geht. Aber jetzt, wenn wir sie führen, kann nichts passieren. Komm, hier, trag das.“ Sie legte Anja das ganze Lederzeug in den Arm. „Ich hol’ inzwischen den Korb.“
Das ganze Dorf war verändert. Dikke Schneelasten auf Dächern und Zäunen, überall schippten die Leute die Gehsteige frei.
„Das müssen wir auch noch tun“, sagte Dagmar, „wir sind ja jetzt Hausherren und verantwortlich“, und sie versuchte, ein würdiges Gesicht zu machen.
Wenige Autos waren unterwegs; sie hatten rüttelnde Schneeketten angelegt. „Vielleicht können wir welche mit den Pferden aus dem Schnee ziehen, das hab’ ich schon gemacht“, erzählte Dagmar. „Da kriegt man Trinkgeld. Hoffen wir das Beste.“
Vor dem Geschäft, in dem Anja gestern ihr Tagebuch gekauft hatte, befahl Dagmar: „Sitz!“, und Brumme ließ sich gehorsam nieder. Sie nahmen den Korb und gingen in den Laden. Und nun wurde eingekauft, daß es eine Freude war.
„Ja, Schlagsahne, das haben wir doch ausgemacht, die brauchen wir zum Apfelstrudel und zum Eis. Mutter sagt, Schlagsahne muß man über die Feiertage immer auf Vorrat haben, es kann ja Besuch kommen.“
„Na, hoffentlich nicht“, sagte Petra menschenfreundlich und verstaute ein paar Büchsen Hundefutter zwischen den Apfelsinen, „lieber mehr für die Tiere als für Besuch. So, reicht das bis nächstes Jahr? Oder wollen wir noch mehr nehmen?“
„Ich glaube schon, daß es reicht. Ja, ein Bündel Mohrrüben kannst du noch dazutun, Anja, heute nacht bekommen die Pferde welche, wir gehen doch zu ihnen, wenn es zwölf ist. Auch noch Äpfel, ja, dort die dicken roten. Und –“
Als sie aus dem Laden kamen, den vollen Korb zwischen sich, war Brumme samt Schlitten verschwunden. Sie guckten alle auf die Stelle hin, auf der sie gelegen hatte, und dann einander an.
„Na so was! Nun aber los, Herrschaften! Hinterher!“
Petra war schon mit ihrem bekannten Blitzstart losgefegt, Dagmar und Anja folgten langsamer, weil sie den Korb zwischen sich trugen. Trotzdem beeilten sie sich, so sehr sie konnten. Anja rutschte einmal aus und setzte sich auf den Hosenboden, und Äpfel und Apfelsinen kullerten durch den Schnee. Sie sammelten in Eile alles auf und gingen nun vorsichtiger.
„Es hat keinen Zweck zu rennen, wir holen sie sowieso nicht ein, und wohin soll sie denn gelaufen sein, wenn nicht nach Hause“, sagte Dagmar atemlos.
So war es auch. Zu Hause vor der Tür hockte Brumme. Sie war ganz verwickelt in die Zugstränge, und Petra kniete neben ihr und versuchte sie zu befreien. Dagmar und Anja setzten aufatmend den Korb ab.
„So. Das war eine schöne Kraftersparnis“, seufzte Dagmar, „ein kleiner Silvesterscherz von Brumme. Eigentlich hätte ich ja mehr Einsicht von dir erwartet, Alte, du siehst doch, daß wir uns halb tot geschleppt haben.“
Brumme, jetzt vom Geschirr befreit, wedelte heftig und raste dann laut bellend ins Haus, als Dagmar die Tür aufgemacht hatte. Sie sprang die Treppe hinauf und bellte oben, dann kam sie wieder heruntergerast, wobei sie Anja, die gerade hinaufwollte, beinahe mitnahm. Anja konnte sich noch nach der Seite biegen und am Strick festklammern. Eine Dogge, die auf einen springt, hat eine ganz schöne Wucht.
„Was ist nur in sie gefahren, sie wird ja geradezu wieder jung“, sagte Dagmar kopfschüttelnd und zerrte den Korb in die Küche. „Wir müssen alles einräumen, vor allem das, was in den Kühlschrank gehört. Wenn man Hunde hat, darf nichts herumstehen. Zessi ist auch noch jung und sehr vernascht, sie macht alle Pakete auf, die herumliegen. Und dann gehen wir Straßenfegen. Oder fangt ihr schon an?“
Der Vormittag war schon weit fortgeschritten, und sie beschlossen, nachher gleich zu reiten.
„Mittagessen kann man das ganze Jahr über“, sagte Dagmar, „aber jetzt, wo die Tage so kurz sind, muß man die Zeit zusammennehmen. Willst du wieder Lotte, oder versuchst du mal Ströppchen, Anja?“
„Lotte“, schrie Anja, „und den Westernsattel –“ Sie war schon vorangelaufen, den Besen in der Hand. Petra folgte mit dem anderen. Draußen hatte es wieder angefangen zu schneien.
Dagmar beeilte sich in der Küche und kam Anja und Petra nach.
„Es reicht, morgen fegen wir wieder“, sagte sie, „wir wollen lieber satteln. Das alte Jahr trabt uns sonst davon.“
Heute hatten sie kein direktes Ziel, und so lenkte Dagmar zum Wald hinüber. Dort zu reiten war bei solchem Wetter ein besonderes Ereignis. Noch keine Spur war zu sehen, weder von einem Menschen noch von einem Fahrzeug, nicht mal von einem Tier, denn alles schneite ja sofort wieder zu. Ganz, ganz weiß und unberührt waren die Wege, und weil nicht der geringste Wind ging, lag der Schnee auf Ästen und Ästchen, ja sogar auf den Dolden der Schafgarben und auf Schlehen- und Hagebuttengesträuch. Der Waldrand sah geradezu zauberhaft aus.
„Das ist etwas sehr Seltenes“, sagte Dagmar. „Wir hatten in den letzten Wintern fast gar keinen Schnee. Am Heiligen Abend war dies Jahr etwas gefallen, immer wünscht man sich da ja welchen, und diesmal gab sich der Petrus Mühe. Es war nicht viel, aber es sah doch weihnachtlich aus, und dann kommt man in die richtige Weihnachtsstimmung. Zu Silvester gehört eigentlich auch Schnee, finde ich. Wir gehen heute in die Kirche, um fünf, wollen wir? Unser Pfarrer ist jung und denkt sich immer etwas Besonderes aus. Aber allein schon durch das verschneite Dorf zu gehen und die goldenen Kirchenfenster im Dämmern leuchten zu sehen und die Orgel zu hören, lauter, wenn jemand die schwere alte. Tür aufschiebt, und dann wieder leiser, wenn sie zugeht, das ist so schön …“
Sie ritten Schritt, einerseits, um sich unterhalten zu können, andererseits aber auch, um „nichts kaputtzumachen“, wie Petra sagte. Einmal sprangen drei Rehe vor ihnen ab, grazil und leicht, quer über den Weg – danach weigerte sich Pußta weiterzugehen; sie dachte vielleicht, der Weg sei jetzt verzaubert. Petra versuchte sie weiterzutreiben, aber Pußta schnaubte und stieg und war nicht zu bewegen.
„Wir reiten voran, Anja und ich, da wird sie schon nachkommen. Pferde kleben ja bekanntlich aneinander. Sie sollen es eigentlich nicht, aber sie sind nun einmal Herdentiere. Wir versuchen es. Komm, Anja!“
Sie ritt vorwärts, und Lotte folgte. Aber Pußta dachte nicht daran nachzukommen.
Petra saß ab und versuchte, sie zu führen. Auch dazu war Pußta nicht zu bewegen. Sie stemmte die Vorderfüße in den Schnee und schnaubte und ließ sich keinen Zentimeter vorwärtszerren.
Dagmar und Anja kehrten wieder um.
„Laß mich mal versuchen“, sagte Dagmar, stieg ab und nahm Pußta am Zügel.
„Komm, komm, es ist ja nichts Schlimmes“, sprach sie ihr zu, „es waren doch bloß Rehe. Komm.“
Aber auch ihr gelang es nicht. Schließlich meinte sie, es wäre doch vielleicht klüger, umzukehren und einen anderen Weg zu reiten.
„Vielleicht sitzt irgendwo ein Fuchs oder ein Dachs, und sie wittert ihn und fürchtet sich zu Recht. Mit Gewalt möchte ich es nicht durchsetzen“, sagte sie. „Natürlich soll ein Pferd wissen, daß es gehorchen muß, manchmal aber ist es klüger als der Reiter. Lassen wir es lieber.“
„Gibt es hier denn noch Dachse?“ fragte Anja mit großen Augen. „Wie sehen die denn aus?“
„Schwarzweiß, und sie sind etwa so groß wie ein ausgewachsener Fuchs, etwas größer vielleicht“, erklärte Dagmar. „Ich bin mal einem begegnet. Da war ich – na, wartet mal, höchstens acht. Ich fuhr mit dem Fahrrad den Waldrand entlang, wollte Schlehen pflücken, war ganz allein. Und da saß einer mitten auf dem Weg. Ich war gerade abgestiegen und hatte immerzu nach rechts geguckt, wo die Schlehenbüsche stehen. Dann aber guckte ich nach vorn, und da saß er.“
„Und, was dann?“ fragte Anja gespannt.
„Ja, da wurde mir doch ein bißchen bange zumute. Ich wußte ja nicht, ob Dachse einen annehmen – das heißt, auf einen losgehen. Und da war ich froh, das Fahrrad dabeizuhaben, nicht um auszureißen – denn dazu war ich viel zu neugierig, das könnt ihr euch denken –, sondern um etwas zwischen ihm und mir zu haben. Ich wollte ihn genau angucken – denkt nur, einen Dachs in freier Wildbahn zu treffen, das haben viele alte Förster noch nicht erlebt. So schob ich das Rad ganz langsam auf ihn zu, aber so, daß es zwischen ihm und mir war, und guckte ihn mir ganz genau an. Dann machte er sich davon, nicht sehr schnell, mehr trottelnd. Zu Hause hab’ ich sofort in meinem Zoo-Buch nachgesehen, ob es wirklich einer gewesen sein kann. Es war einer, genau wie auf der Abbildung. Ich war vielleicht stolz, das erzählen zu können!“
„Sind Dachse so selten?“ fragte Petra. „Ich möchte auch mal einen treffen. Hallo, Dächslein, wo steckt ihr? Kommt, wir tun euch nichts!“
Die anderen lachten.
„So kriegst du keinen zu Gesicht!“
„Kann ich mir denken. Aber wie?“
„Ja, da müssen wir leiser sein. Ganz still, kein Wort. Wenn man Wild sehen will, muß man den Mund halten.“
„Aber die Pferde! Man hört sie doch trappsen!“
„Eben nicht. Vor dem Trappsen unbeschlagener Hufe fürchtet sich das Wild so gut wie überhaupt nicht. Man sieht, wenn man zu Pferde ist, viel mehr Wild als zu Fuß. Im Schnee schon gar. Morgen können wir ja mal einen Schweigeritt machen, wenn ihr es fertigbringt.“
Sie galoppierten dann noch ein Stück, und diesmal hatte Anja fast gar keine Befürchtungen mehr. Sie genoß es, sich vorwärts wiegen zu lassen; nur eins hätte sie sich gewünscht: daß sie sich verirrten. Es wäre doch zu schön, später erzählen zu können, daß sie sich bei einem weiten Silvesterritt im Schnee verirrt und nur mit Mühe nach Stunden heimgefunden hätten. Das aber genierte sie sich auszusprechen, bis Petra plötzlich sagte: „Ach ja, da ist also Hinterhopfingen wieder zu sehen. Und ich hatte so sehr gehofft, daß wir uns verirrt hätten.“
„Ich auch!“ gluckste Anja, und nun lachten sie alle drei. Dagmar schüttelte den Kopf.
„Wenn wir selbst nicht heimfänden, die Pferde würden es. Sie finden von überall her nach Hause.“
Und das war anderseits auch gut, fanden Petra und Anja. Auf jeden Fall war es ein wunderbarer Silvesterritt.
… und eine merkwürdige Neujahrsnacht
Der Gottesdienst, zu dem sie gerade noch zurechtkamen, war wunderschön. Die Christbäume in der Kirche waren noch einmal angezündet worden, und statt der Predigt, bei der man sich ja oft langweilte, ließ der Geistliche die Kinder des Dorfes Sprüche und Gedichte aufsagen, für jeden Monat des vergangenen Jahres einen. Auch Kinder von Ausländern taten mit, ihre ein wenig mühsame Aussprache wirkte sehr rührend. Und dann sang die Gemeinde mit den Kindern zusammen das schöne Silvesterlied: „Das Jahr geht still zu Ende“. Dagmar sagte nachher, das wäre eins ihrer Lieblingslieder, und ohne es wäre es kein richtiger Jahresschluß für sie. Das Ganze war schön und feierlich, und Anja und Petra gingen still neben Dagmar heim, als es zu Ende war. Erst zu Hause fanden sie ihre Lustigkeit wieder.
„Ich bin jetzt Hausfrau und nicht zu sprechen“, sagte Dagmar und band sich eine riesige weiße Schürze um, „ihr könnt inzwischen den Tisch dekken und –“
Wumm! fuhr Brumme an ihnen vorbei, die Treppe hinauf. Sie hatte vorher im Flur gelegen und auf die Mädchen gewartet, Zessi neben sich. Oben bellte sie eine Weile wie verrückt. Petra klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Sie ist wohl ein bißchen Lüttüttüh!“ sagte sie nachsichtig. „Naja, alte Leute werden wunderlich.“
„Vielleicht liegt es an dir! Erst Pußta, die nicht weiterwollte, und jetzt Brumme, die verrückt spielt. Pußta ist ja noch nicht alt“, sagte Dagmar. „Ich nehme die Hunde jetzt mit in die Küche, damit ihr Ruhe habt. Ihr könnt schon anfangen zu füttern.“ Sie öffnete die Küchentür, lockte Brumme und Zessi zu sich und schloß sie wieder. Anja lief die Treppe hinauf, um sich umzuziehen. Für die Kirche hatten sie sich natürlich anders anziehen müssen. Petra ging schon zum Stall hinüber.
Als Anja nach ein paar Minuten auch in den Stall kam, sagte sie: „Du, ich bin vorhin aber erschrocken. Ich komme rauf, ganz allein – Dagmar ist ja in der Küche, und du warst schon hier, und beide Hunde bei Dagmar –, da gibt es oben einen lauten Bums. Wo, hab’ ich nicht genau feststellen können, dort geht’s ja um tausend Ekken. Ich bin vielleicht zusammengefahren, sag’ ich dir.“
„Vielleicht ist eine Tür zugefallen“, sagte Petra ziemlich uninteressiert und schob die Karre die Stallgasse entlang, „weil es gezogen hat, oder –“
„Tür zugefallen! Dort oben gibt’s ja gar keine“, sagte Anja beleidigt und holte die Gabel. „Wo soll denn da oben eine Tür zukrachen? Es war ein richtiger Krach, du kannst es glauben. Warte, ich lade auf, und du schiebst weiter. Nein, so was war es nicht. Ich hab’ mich auch umgeguckt, ob irgendwas runtergefallen ist, aber ich wollte doch auch schnell herkommen und dir helfen.“
„Wahrscheinlich spukt’s“, sagte Petra friedlich, „vielleicht ist der Müller uns nachgekommen, der in der Mühle umgeht.“
„Das glaubst du doch selber nicht! Spuk bleibt immer dort, wo er hingehört, also der Müller in der Mühle, oder was meinst du? Ich hab’ jedenfalls mal gelesen, daß es ausgesprochene Spukhäuser gibt. Im Baltikum vor allem gab es die, aber auch in Westfalen und in der Heide. Es sind immer alte Häuser. Und irgendwann früher ist darin etwas passiert.“
„Alt ist das Haus hier aber auch“, sagte Petra nachdenklich. „Es ist ein altes Bauernhaus, mindestens zweihundert Jahre. Aber Dagmar hat nie etwas davon gesagt, daß es hier spukt.“
„Vielleicht will sie es nicht sagen, weil sie denkt, wir fürchten uns dann? Aber gebumst hat es vorhin, ganz bestimmt. Das bilde ich mir nicht ein. Ich war ja gar nicht auf so was gefaßt.“
„Wir sehen nachher noch mal alles durch, ob was auf der Erde liegt, was vorher nicht dalag“, sagte Petra in ihrer vernünftigen Art. „Ich jedenfalls glaube nicht, daß es so was gibt. Auch die Sache mit dem Müller … glaubst du wirklich, die Müllersfrau hat ihn gesehen? Da würde sie vor Schreck ja tot umgefallen sein. Ein Geist dicht neben einem! Das denke ich mir gräßlich.“
„Ich ja auch. Na, hier im Stall gibt’s bestimmt keine Geister. Gottlob –“
„Und oben im Haus auch nicht. Das wüßte Dagmar doch. Sie schläft doch schon immer dort oben, und wir können ja auch die Hunde mit hinaufnehmen. Die würden schon merken, wenn da was umginge.“
„Aber Brumme ist doch auch raufgerannt und hat gebellt.“
„Meinst du –“ Petra unterbrach sie. „Da kommt Dagmar. Sag lieber nichts, sie denkt sonst, wir sind hysterisch. Ja, raus mit der Karre und ausleeren, damit wir sie morgen früh gleich wieder nehmen können. Du, Dagmar, darf ich nachher mal kurz meine Eltern anrufen? Um ihnen ein gutes neues Jahr zu wünschen. So was finden sie nett, weißt du, und warum soll man nicht.“
„Natürlich! Und Anja auch. Deine Mutter hat sowieso vorhin angeklingelt, und ich hab’ gesagt, du rufst zurück. Wenn ich sage, es geht dir gut, du mistest den Stall aus, da denkt sie wunder was.“
Anjas Mutter rief jeden Tag an und bat immer sehr, Anja selbst sprechen zu dürfen. Sie glaubte wohl nur, daß diese noch lebte, wenn sie die Stimme der Tochter hörte. Es war zum Auswachsen, fand Anja. Von sich aus hätte sie nie telefoniert, aber wenn Petra es tat …
Sie versorgten die Pferde, fütterten die Hunde und verließen dann den Stall, der blank und schön aussah, mit dem Versprechen, um Mitternacht noch einmal zu kommen.
„Damit ihr euch nicht fürchtet, wenn draußen die Knallerei losgeht“, sagte Dagmar und streichelte Lotte über ihre Blesse. „Ich find’ es blöd, in der Neujahrsnacht solchen Rabatz zu machen, aber das ist nun einmal so Sitte. Das soll davon kommen, daß die Leute sich vor bösen Geistern und Dämonen fürchteten und sie durch den Radau zu vertreiben glaubten. Zu blöd. Mir tun jedes Jahr die Pferde leid. Na, und die Hunde werden auch immer ganz rabiat.“
Sie gingen sich waschen und fanden sich dann in der Küche ein, um Abendbrot zu essen. Erst der lange Ritt, dann der Gottesdienst und nun die Stallarbeit – Anja konnte sich nicht besinnen, zu Hause jemals solchen Hunger gehabt zu haben. Dagmar zog ihren Apfelstrudel aus dem Herd. Er duftete verheißungsvoll.
„Wir lassen ihn erst ein bißchen abkühlen, während ich noch die Sahne schlage“, sagte sie und kramte im Kühlschrank. „Wo ist die bloß? Haben wir die im Schnee verloren?“
„Nein, ich weiß genau –“ Anja hatte sich neben sie vor die Tür des Kühlschranks gehockt. „Es waren zwei Pappbecher, sie sind mit rausgeflogen, aber ich hab’ sie wieder reingestellt in den Korb. Ich dachte noch, hoffentlich haben sie keinen Riß bekommen und laufen nun aus.“
„Da ist der eine“, sagte Dagmar und holte ihn heraus, „der genügt erst mal. Der zweite ist für das Eis um Mitternacht.“
„Aber er müßte doch dasein“, sagte Anja und kramte weiter. „Ich seh’ ihn nicht. So was Komisches.“
„Ach laß, das hat doch Zeit. Komm, wirf den in den Abfalleimer.“ Dagmar reichte ihr den leeren Becher hinüber und stellte die geschlagene Sahne auf den Tisch. „Dort steht er, in der Ekke.“
Anja öffnete den Deckel und warf den Becher in den Eimer – da sah sie den zweiten darin, er war leer.
„Hier ist ja der andere. Oder ist das einer von gestern?“
„Gestern haben wir keine Schlagsahne gegessen. Und vorgestern auch nicht – na so was!“ wunderte sich Dagmar. „Hat eine von euch –“, aber sie sprach nicht weiter. Beide schüttelten so unmißverständlich den Kopf, daß sich jede Frage erübrigte. „Nein, das hätte ich auch nie gedacht. Nun sagt bloß –“
„Wahrscheinlich hat sie der Geist ausgetrunken, der hier umgeht. Anja hat er vorhin auch erschreckt“, sagte Petra und blies über ihre Portion Apfelstrudel hin, der noch sehr heiß war. „Aber jetzt will ich erst mal in Ruhe essen, laßt mich bloß in Frieden. So einen Apfelstrudel gibt es bei uns zu Hause nie. Du bist ein Genie, Dagmar, nicht nur im Sattel, sondern auch in der Küche.“
„Na, na“, sagte Dagmar geschmeichelt, „weder das eine noch das andere, leider. Ich bemühe mich halt. Und andere Sachen kann ich nicht so gut wie gerade diesen Apfelstrudel. Nun laßt ihn euch schmecken. Was spielen wir nachher, damit die Zeit vergeht? Könnt ihr Schreibspiele?“
„O ja! Wir spielen Stadt – Land – Fluß!“ schlug Petra vor, „und dann kenne ich noch eins, das ist furchtbar lustig.“
„Na wunderbar, da kann man ja noch was lernen“, sagte Dagmar. „Seid ihr satt? Dann los, Tisch leer gemacht, abgewischt und Stifte her. Papier liegt da drüben.“ Sie verstaute Teller und Reste. „Und Stifte –“
„Sind nur zwei da“, meldete Petra.
„Dann hol doch deinen, Anja“, sagte Dagmar, „du hast doch gestern einen gekauft, nicht wahr?“
Anja lief hoch. Nach ein paar Minuten kam sie wieder, kreidebleich, ohne Stift.
„Was hast du denn?“ fragte Dagmar und sah sie verwundert an.
„Ach nichts. Ich – ich finde meinen Stift nicht –“
„Na, das ist ja nicht so schlimm. Wir suchen einen anderen.“ Dagmar zog die Tischschublade auf und kramte darin. „Siehst du, hier ist einer. Mutter hat meistens in der Küche einen Stift in Reichweite, sie hört immer Radio beim Kochen und schreibt sich dann allerhand auf, Buchtitel oder Rezepte oder die Kontonummer von jemandem, dem man helfen soll. Es kommen doch immer mal solche Dinge im Radio.“
Inzwischen hatte Anja Zeit gehabt, sich zu fassen. Sie nahm den Stift, den Dagmar ihr herübergab, und legte ein Stück Papier vor sich hin. Dann begannen sie zu spielen. Petra wartete, bis Dagmar einmal aufstand – sie ließ Zessi hinaus, die gequiekt hatte –, beugte sich über den Tisch und fragte halblaut: „Was war denn vorhin? Sag! Hast du –“
„Laß. Später. Da war was –“
„Oben?“
„Ja. Als ich wegen dem Stift hoch ging. Es rannte vor mir weg.“
„Du bildest dir was ein. Die Geschichte mit dem Müller hat dir angst gemacht, weiter nichts.“
„Aber ich hab’ es doch gehört, ganz deutlich.“ Anja weinte fast. „Ganz nahe – und du willst es mir nicht glauben!“
„Ganz nahe? Ein Mensch?“
„Ich weiß nicht. Es rannte. Ja, es rannte, es huschte nicht. Ein Gespenst müßte doch eigentlich huschen.“
„Weiß man‘s? So was lernt man ja nicht in der Schule. Leider. Das wär’ doch endlich mal was Interessantes. In so einer Stunde würde ich direkt aufpassen.“
„Du glaubst es ja immer noch nicht“, sagte Anja kläglich, „und ich soll nachher – ich geh’ nicht wieder rauf!“ Das letzte klang entschlossen. Petra wollte eben antworten, da kam Dagmar wieder herein.
„Kinder, draußen ist so herrlicher Schnee, es ist eine Schande, hier zu sitzen. Kommt, wir gehen noch mal rodeln.“
„In dieser Finsternis?“ fragte Petra. Dagmar aber lachte.
„Ist gar nicht finster. Der Schnee leuchtet. Kommt, am Haselberg sind schon viele aus dem Dorf, die rodeln. Wer weiß, wie lange der Schnee bleibt.“
„O ja, wir gehen rodeln!“ sagte Anja erleichtert. „Wir gehen raus. Wir rodeln im Mondschein!“ Ihr war vor allem wichtig, aus dem Haus zu kommen, das ihr angst machte. Petra mußte sich entschließen mitzukommen.
„Na schön, von mir aus. Und ich fand es gerade so gemütlich hier.“ Sie seufzte.
„Gemütlich sein kannst du auch noch in fünfzig Jahren, du Faulpelz“, lachte Dagmar. „Jacke an, Handschuhe, los! Wir – was war denn das?“ unterbrach sie sich und blieb mit halboffnem Mund horchend stehen. Anja und Petra lauschten auch.
„Gar nichts“, sagte Petra ärgerlich. „Was ihr nur habt. Immerzu ist was –“
„Wieso denn immerzu?“ wunderte sich Dagmar.
„Ach was. Jetzt gehen wir. Wenn ihr mich schon aus der warmen Küche gezerrt habt, will ich jetzt auch rodeln. Her mit den Schlitten – einer steht ja noch draußen von vorhin, als Brumme ihn ziehen sollte. Den nehm’ ich. Dürfen die Hunde mit?“
„Natürlich! Die freuen sich.“
Es war wirklich einiges los am Haselberg. Kinder und Erwachsene tobten dort, zogen ihre Rodelschlitten bergauf, schrien: „Aus der Bahn!“, wenn sie hinabsausten, und lachten, wenn ein anderer kippte oder im Haselbach landete, der unterhalb des Hügels vorbeifloß. Er war nur an den Rändern zugefroren und in der Mitte noch offen, und es gab viel Geschrei und Gekreische, wenn jemand hineinfuhr.
So vergingen die letzten Stunden des alten Jahres sehr schnell; einer nach dem anderen sah auf die Uhr, die sich im Halbdämmern schwer erkennen ließ, und wandte sich dem Dorf zu.
„Wir müssen auch heim, es ist fast Mitternacht“, mahnte Dagmar, und befriedigt zogen sie ihre Schlitten heimwärts. „Brumme, Zessi, wo steckt ihr! Kommt, es gibt heute nacht noch was Gutes!“
Hach, war es schön, wieder in die Wärme der Küche zurückzutauchen! Petra und Anja sahen einander an und lachten – sie hatten beide knallrote Gesichter und nasse Schöpfe, denn Mützen hatten sie nicht aufgehabt. Dagmar kam mit einem Frottiertuch und rubbelte sie trocken, und sie schrien ach und weh. Dann stellten sie das Radio ein und warteten, bis „Prost Neujahr!“ gesagt wurde. Lachend wünschten sie einander ein gutes neues Jahr, und schon schrillte das Telefon.
„Richtig, wir hatten ja vergessen –“
Beide Elternpaare riefen an, und gleich danach auch Dagmars Mutter. Sie wünschte ihnen allen dreien ein gesegnetes neues Jahr und berichtete glücklich, daß der Professor sich über die kleine Cosy im besten Sinne geäußert hätte. „Sie wird bestimmt ganz gesund, hat er gesagt“, erzählte sie, und man hörte ihrer Stimme ihre große Freude und Erleichterung an. Dagmar freute sich sehr.
„Das ist die schönste Neujahrsbotschaft für uns alle“, sagte sie, „ich hatte nicht gewagt zu fragen. Wie wunderschön! Und jetzt wird Blei gegossen“, bestimmte sie, „das hätten wir beinahe vergessen.“ Sie holte eine Schüssel mit Wasser und alles andere, was noch dazugehörte: Blei und eine Kerze und einen Blechlöffel, und nun drängten sie sich um den Tisch, denn jede wollte anfangen.
„Halt, halt, wir waren ja noch gar nicht bei den Pferden!“ erinnerte Petra. Ja, das ging vor. Sie eilten in den Stall und verteilten die Mohrrüben und wünschten allen Tieren einen guten Jahresanfang. Dann machten sie sich ans Bleigießen. Sie knobelten, wer anfangen dürfte, und es traf Petra. Sie goß ein Pferd, wie sie behauptete – der Klumpen Blei, den sie aus dem Wasser gefischt hatte, sah zwar überhaupt nicht danach aus, aber sie fand, es wäre eins. Anja, die nun drankam, konnte an ihrem Bleiklumpen keins entdekken, sosehr sie auch daran herumrätselte. Und bei Dagmar sah das blinkende Bleistückchen eher aus wie ein Papagei, so meinte sie, und Papageien liebte sie wirklich nicht, wie sie beschämt zugab.
„Man kann nicht alles gleich gern haben, ich mag halt Pferde am allerliebsten und dann Hunde, aber Federvieh – ich weiß nicht … Aber jetzt ins Bett, Herrschaften! Füttern müssen wir morgen zur richtigen Zeit, da gibt’s kein Längerschlafen. Pferde haben ihr Recht. Wir können ja, wenn wir sehr müde sind, nachher wieder ins Bett kriechen.“
„Du, Dagmar, könnten wir heute nacht nicht –“ Anja stockte und sah hilfeflehend zu Petra hinüber. Die verstand.
„Anja meint, oben spukt es“, sagte sie lustig und so, als wäre es nur ein Spaß. „Der Müller geht ihr im Kopf herum, sie denkt, er ist uns nachgekommen und spukt oben. Deshalb –“
„Aber ja, warum denn nicht?“ sagte Dagmar gutmütig und lachte auch. „Wir können noch ein bißchen Radio hören, ehe wir einschlafen. Heute ist allerlei Lustiges im Programm, paßt mal auf. Und zwei Couchen haben wir ja hier, eine schläft dann eben auf dem Fell.“ Sie zog von der einen Truhe ein dickes Schaffell herunter und breitete es auf dem Teppich aus. „Das machen wir manchmal, wenn viel Besuch kommt. Man schläft wundervoll darauf.“
„O ja! Ich möchte auf das Fell!“
„Nein, ich! Bitte, bitte ich!“
Nun mußte geknobelt werden, und Petra gewann. Anja war so froh, daß sie nicht hinaufmußte, daß sie gern verzichtete.
„Nur die Schlafanzüge müssen wir noch holen“, sagte Dagmar und gähnte. „Na, ich werde großmütig sein und eure mitbringen. Wenn das Gespenst kommt, schrei’ ich. Nehmt euch die Decken dort.“ Sie ging zur Treppe. Anja sah ihr angstvoll nach.
„Wir müßten eigentlich mit – jedenfalls eine von uns“, flüsterte sie und rührte sich nicht.
„Laß“, sagte Petra. „Wenn sie sich nicht fürchtet!“
„Du meinst, dann tut ihr das Gespenst nichts?“
Gottlob, da war Dagmar wieder. Sie warf jeder der beiden den Schlafanzug zu und rief dann nach Brumme.
„Du legst dich unten an die Treppe. Ja, komm, du kriegst deine Decke dorthin. So, leg dich. Brav, meine Alte.“
Zessi kam ungerufen und nahm neben Brumme Platz.
„Also! Doppelt genäht hält besser. Jetzt kann kein Müller herunterkommen, ohne über die beiden zu stolpern“, sagte Dagmar zufrieden und rollte sich auf ihrer Couch zusammen. „Gemütlich haben wir’s, oder? Wer erzählt jetzt noch was?“
„Du!“ riefen die beiden anderen wie aus einem Mund.
„Auch das noch. Mit mir könnt ihr’s ja machen –“
Dagmars Stimme verklang in Murmeln. Gleich darauf hörte man sie halblaut und melodisch schnarchen. Anja und Petra mußten lachen.
Bei solch einem friedvollen Schnarchen kam bestimmt kein Spuk ins Zimmer. Überhaupt – Spuk …
„Es gibt ja gar keinen“, sagte Anja noch, und Petra brummte zustimmend: „Hab’ ich ja immer gesagt. War meine Rede Tag und Nacht –“, und dann schliefen auch die beiden ein, von einer Sekunde zur anderen.
Zwei neue Hausgenossen
Sie hatten gefüttert, nachdem Dagmar die beiden Jüngeren mit großer Mühe wach gerüttelt hatte – nur eine alte Jakke überm Schlafanzug und die nackten Füße in Holzpantoffeln. „Wenn Mutter mich so sähe – dann gute Nacht!“ dachte Anja. Den Stall konnten sie auch später noch machen. Jetzt fanden sie sich erst einmal in der Küche ein, mit ganz kleinen Augen und gräßlich verschlafen. Dagmar hantierte am Herd, machte Milch heiß und fragte, ob sie einen Löffel Pulverkaffee hineinhaben oder gleich weiterschlafen wollten.
„Mir bitte keinen, ich habe vor, bis morgen früh zu pennen“, stöhnte Petra. „Abends könnt ihr allein füttern, das werdet ihr wohl fertigbringen.“
„So siehst du aus. Wir denken nicht dran“, sagte Dagmar und schob ihr den Milchbecher hin. „Komm, trink, ich hab’ Honig reingetan. Wie in der Mühle. Nun sagt bloß, was mit euch gestern abend los war. Habt ihr wirklich gedacht, der Müller geht oben um? Oder wart ihr nur zu faul, die Treppe hinaufzuklettern?“
„Ach – es hat oben mal gepoltert, als keiner von uns dort war, auch die Hunde nicht“, sagte Anja verlegen, „und da –“
„Jetzt sind die Rauhnächte, die zwölf heiligen Nächte, da geht so manches um“, sagte Dagmar – sie sagte es so ruhig und sachlich wie vorhin etwa: Möchtet ihr Pulverkaffee? – und schob auch Anja einen Becher zu. „Da darf man zum Beispiel keine Bettwäsche aufhängen und –“
„Warum denn nicht?“ fragte Petra erstaunt dazwischen.
„Weil das Unglück bringt. Es ist ein Aberglaube“, erklärte Dagmar und lachte. „Bleigießen und daraus die Zukunft sehen ist auch einer. Oder an Holz klopfen und toi, toi, toi sagen. Oder –“
„Du meinst also –“, setzte Anja an, hielt dann aber inne. Dagmar sah sie freundlich an.
„Daß es spuken kann? Im Dorf erzählen sie es. Die alten Leute jedenfalls. Natürlich kann ich mir nicht vorstellen, daß der Müller auf einmal neben mir steht und mich daran erinnert, daß kein Salz mehr im Haus ist – Himmel, hätte er doch! Das haben wir gestern vergessen!“
„Dann müssen wir eben ohne glücklich sein, das ist außerdem viel gesünder“, sagte Petra. „Aber an so was hat er die Müllersfrau gar nicht erinnert, sondern –“
„Nun ja, an was schon? Ich kann mir’s nicht vorstellen. Manchen Aberglauben aber finde ich hübsch, zum Beispiel, daß es Glück bringt, wenn man ein vierblättriges Kleeblatt findet, oder daß man sich was wünschen darf, wenn der Mond im ersten Viertel steht und man ihm drei Knickse macht.“
„Darf man das?“ fragte Anja.
„Ja, und –“
„Und daß wahr wird, was man in der Neujahrsnacht in Blei gießt. Das glaube ich wahrhaftig auch“, sagte Petra jetzt, und es klang überhaupt nicht mehr verschlafen. „Du hast doch gestern abend einen Papagei gegossen, besinnst du dich? Guck mal zum Fenster raus, da sitzt er!“
Dagmar und Anja fuhren herum. Wirklich, in den Ästen des einen Apfelbaumes, der seine Zweige bis zum Haus herüberstreckte, saß ein Papagei, bunt, sehr fremd im Weiß ringsum, unzweifelhaft ein lebendiger Papagei.
„Nein, so was!“
„Wahrhaftig!“ riefen Dagmar und Anja zu gleicher Zeit aus, und Petra lachte befriedigt und triumphierend, als wäre es ihr Werk, ihn dort hingesetzt zu haben. Immerhin war ein bunter Papagei am Neujahrstag auf dem verschneiten Apfelbaum etwas, was einem nicht allzuoft begegnete. Noch dazu einer, der einem durch das Bleigießen vorhergesagt worden war. Nein, was hier alles passierte!
„Kinder, den müssen wir fangen! Der gehört jemandem, und er ist bestimmt nicht an Schnee gewöhnt, sondern an ein warmes Zimmer.“
„Womöglich erfriert er sich die Krällchen!“ rief Petra. „Auf zum Papageienfang! Los! Habt ihr ein Netz?“
„Was denn für ein Netz?“
„Na, eins zum Drüberwerfen. So eins, mit dem man Schmetterlinge fangen kann.“
„Haben wir nicht. Das ist zuviel verlangt. Habt ihr etwa eins? Na also. Wir müssen es anders machen. Ihn mit Futter locken und dann fangen. Was fressen Papageien denn am liebsten?“
„Keine Ahnung. Sonnenblumenkerne vielleicht. Die habt ihr doch sicher, die hat doch jeder, der im Winter Vögel füttert.“
Ja, Sonnenblumenkerne waren im Haus. Dagmar rannte, um eine Handvoll zu holen. Dann aber standen sie da und sahen die Kerne an und wieder den Papagei draußen und wußten nicht weiter. Ob er sich herunterlocken ließ? Sie gingen durch die Hintertür aus dem Haus und standen nun im Schnee, das Lockfutter hochhaltend, und schmeichelten:
„Komm, komm, mein Schöner!“
„Willst du nicht mal probieren?“
„Lora, Lora, guck, was wir haben!“ Das war Petra.
„Woher weißt du denn, daß er Lora heißt?“ fragte Anja.
„Alle Papageien heißen Lora. Lora, gute, komm, komm!“ säuselte Petra. Es klang blödsinnig.
Der Papagei saß da und guckte auf sie herunter; er hielt den Kopf manchmal schief, manchmal nickte er auch.
„Wir müßten eine Leiter haben. Habt ihr denn keine?“ fragte Anja.
„Doch, aber wenn wir sie anlehnen, fällt der Schnee von den Ästen und stäubt auf, und er kriegt Angst und – aber jetzt weiß ich, was wir machen können! Wir haben eine Malerleiter, so eine, die zwei Beine hat. Die könnten wir nehmen und vorsichtig neben dem Baum aufstellen, nicht dranlehnen! Ob sie wohl lang genug ist?“
„Wir holen sie!“
Dagmar und Petra rannten los. Anja blieb stehen, die Körner in der Hand, und lockte und rief. Dann kamen die beiden wieder, sie hatten die Leiter wirklich gefunden und schleppten sie an den Baum heran.
„Vorsicht, Vorsicht, langsam! Nicht an die Äste stoßen.“
Jetzt stand die Leiter. Dagmar hielt mit jeder Hand einen Holm, und Petra kletterte hinauf. Sie hatte sich von Anja das Futter geben lassen, in der andern Hand hielt sie ein Perlonnetz, wie man es zum Einkaufen nimmt. „Vielleicht kann ich ihm das überstülpen.“
„Menschenskind, da müßtest du drei Hände haben – warte, ich komm mit rauf – Anja, halt du die Leiter –“ Dagmar klomm auf der anderen Seite aufwärts. Der Papagei saß aber immer noch höher oben. Petra streute das Futter auf das obere Brett, das die Leiter sozusagen als Plattform abschloß, und duckte sich dann, machte Dagmar ein Zeichen, es ebenso zu machen. So lauerten sie. Der Papagei schien zu überlegen, ob er das Stück herabfliegen sollte. Dabei sagte er etwas. Er sagte es schnarrend und so, daß sie es nicht verstehen konnten. „Ja, ja“, antwortete Petra jedoch, als habe sie ihn genau verstanden, beruhigend wie zu einem scheuenden Pferd, „ja, ja. Jetzt kommen wir ja, und du kriegst was Schönes zu fressen –“
Wirklich, er rührte sich. Er wackelte hin und her, guckte nach dem Futter und spreizte ein wenig die Flügel. Dann drückte er wirklich ab, flog das Stück herunter und landete am Rand der Plattform, also oben auf der Leiter, eifrig pickend. Die drei Mädchen hielten den Atem an.
Dann schob sich Petra, die es nicht mehr aushielt, langsam aufwärts. Sie hatte das Perlonnetz in der rechten Hand und hielt sich mit der linken fest. Jetzt – jetzt – „ooooh!“
Sie schrien es alle drei. Der Papagei hatte das Netz im letzten Augenblick gesehen, war aufgeflogen, landete zunächst auf einem höheren Ast und flog dann, zielsicher, als täte er das jeden Tag, auf das Haus zu und husch! in die Luke hinein. In die Luke, die wahrhaftig offenstehen mußte – man konnte das von unten nicht genau sehen bei dem Schnee auf allen Simsen. Jedenfalls war er weg.
Petra begriff zuerst. Sie sprang von ihrem erhöhten Platz herunter, ohne ein Wort zu sagen, landete im Schnee, taumelte und riß sich wieder hoch. Schon war sie am Leiterchen, das zur Luke führte, und turnte wie ein Affe hinauf. Jetzt war sie oben – klapp! Zu! Der Papagei war im Haus!
„Hurra, hurra! Da kriegen wir ihn irgendwie!“ schrie Dagmar und sprang nun auch herunter. Anja war schon auf dem Weg ins Haus. Petra folgte. Sie rannten, diesmal ohne jegliche Rücksicht auf Gespenster oder Müllererscheinungen, die Treppe hinauf und hielten im ersten Stock erst mal an, atemlos.
„Wo – wo ist er –“
„Dort flattert was!“
„Ruhig, ihr erschreckt ihn noch mehr.“
„Sind auch alle Fenster zu?“
Ja, alle waren zu. Und auch die Luke, die Petra ja von außen zugeklappt hatte.
„Wieso war sie eigentlich vorher auf?“ wunderte sich Dagmar jetzt. Sie sahen einander an. Endlich gestand Petra: „Kinder, vielleicht war ich das. Am ersten Tag, als ihr mal nicht da wart, bin ich rausgeklettert. Ich wollte mal sehen, wie das so ist. Und da muß ich sie –“
„Offengelassen haben? Du bist mir ein Held! Da konnte also jeder, der wollte, ins Haus, trotz verschlossener Haustür und wachsamer Hunde am Fuß der Treppe.“
„Ja“, gab Petra beschämt zu, „aber – aber den Papagei hätten wir sonst nicht gekriegt.“
„Wir haben ihn ja noch gar nicht!“
„Aber im Haus ist er.“
„Los, wir suchen!“
Sie liefen durch die Räume. Im hinteren Winkel, wo Cosys Kasperletheater stand, rührte sich etwas.
„Ich hab’ was gehört. Dort muß er stecken!“ rief Petra, riß das Theater zur Seite und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr, in die Ecke gepreßt, stand ein Junge, etwa so alt wie sie selbst, mit ziemlich langem Haar, und guckte sie entgeistert an. Eine Sekunde lang glaubte sie, der Papagei habe sich verwandelt …
„Nanu“, sagte sie dann halblaut – ihre eigene Stimme klang ihr fremd. Und dann sagte sie etwas ganz Dummes, noch aus dem vorigen Gedanken heraus, worüber sie später immer wieder lachten. Sie sagte: „Bist du etwa der Papagei?“
„Nein, wirklich nicht“, sagte der Junge verstört, „aber ich hab’ einen gesehen. Ich wollte ihn locken – gehört er euch?“
Jetzt waren auch Dagmar und Anja herangekommen. Sie blieben neben Petra stehen, ohne zunächst etwas zu sagen. Der Junge guckte mit scheuem Blick, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, von einer zur anderen.
„Was machst du denn hier?“ fragte Dagmar dann langsam. Ihr ging ein Licht auf. Das Poltern, das Huschen, das Wegrennen, die ausgetrunkene Schlagsahne aus dem Kühlschrank … „Wie lange bist du denn schon hier?“
„Seit vorgestern.“ Er senkte den Blick. „Seit – na, seit einer Weile halt.“
„Und gehört dir der Papagei?“
„Aber wo, den hab’ ich hier zum erstenmal gesehen. Wo –“ Er brach ab, gerade flatterte etwas um die Ecke, und nun sahen sie alle vier, wie der Papagei die Kurve nahm, auf die Luke zusteuerte und, als er sie verschlossen fand, auf der Schrankecke landete.
„Da kriegen wir ihn! Wartet.“ Der Junge schlich sich – er war sowieso in Strümpfen – an der Wand entlang bis zum Schrank, reckte sich und griff mit beiden Händen zu.
„Bitte!“ Er hatte den Papagei wirklich erwischt. Sein Gesicht war wie verwandelt, strahlend hielt er ihn den drei Mädchen hin.
„Toll!“ sagte Petra anerkennend. „Großartig! Wie du das kannst! Mit dem ersten Griff hast du ihn erwischt!“
„Wir haben zu Hause viele Vögel, kleinere natürlich, einheimische – auch ein paar Exoten. Da muß man immer mal einen herausgreifen, wenn er beringt werden soll oder eine Wunde hat oder so was“, erklärte er. „Ja, mein Guter, keiner tut dir weh. Du mußt keine Angst haben. Wohin soll er?“
„Ich weiß –“ Dagmar war davongerannt, die Treppe hinunter. Unten im Milchgewölbe hörte man es poltern, dann die Tür schlagen, und schon erschien Dagmar wieder mit einem Drahtkorb, der ziemlich groß war, an sich dafür bestimmt, Rüben oder Kartoffeln zu transportieren. Den stellte sie verkehrt herum auf die Erde, schob noch ein Fußbänkchen hinein – “damit er was zum Sitzen hat“ – und hob dann den Korb etwas an.
„So, dahinein. Da kannst du erst mal wohnen“, sagte sie und machte dem Jungen ein Zeichen, den Papagei hineinzusetzen.
Der tat es, und Dagmar beschwerte den Korb mit einem dicken Buch.
„Großartig. Siehst du, jetzt fühlst du dich schon ganz zu Hause.“ Der Papagei war auf das Fußbänkchen gehüpft und hielt den Kopf schief. Dann sagte er wieder etwas.
„Ja, ja, du hast recht“, sagte Petra in beruhigendem Ton, „ganz recht hast du.“ Endlich kamen sie alle zu Atem und konnten sich dem anderen Fremdling im Haus, dem Jungen, zuwenden.
„Komm mit runter in die Küche, wir wollen noch mal frühstücken“, sagte Dagmar, „so was am hellen Morgen geht einem ja an die Nerven. Das Jahr fängt gut an.“
Sie hockten sich in der Küche um den Tisch, und Dagmar wärmte wieder einmal Milch. Der Junge war in die Bankecke gerutscht. Sie stellte einen Becher vor ihn hin und schnitt dann ein Stück Weihnachtsstollen für ihn ab.
„Hier, iß. Und dann erzähl.“
Er gehorchte, jedenfalls was das Essen betraf. Die anderen futterten auch. Ihnen war, als hätten sie eine dreitägige Elefantenjagd hinter sich, so hungrig waren sie schon wieder. Und beim Essen kam so langsam eins nach dem andern aus dem Jungen heraus.
Er hieß Heiner, war zwölf Jahre alt wie Petra und ging ins Gymnasium einer kleinen Stadt, etwa dreißig Kilometer entfernt. Dagmar kannte sie. Seine Eltern wohnten etwas außerhalb, der Vater hatte dort eine kleine Fabrik. Geschwister besaß er nicht.
Soviel erzählte er. Dann kam nichts mehr. Petra wollte fragen, aber Dagmar trat ihr auf den Fuß.
Laß! hieß das. Petra verstand. Sie schob ein riesiges Stück Weihnachtsstollen in den Mund und sagte dann während des Kauens – es klang undeutlich und sehr gleichmütig: „Na, dann wollen wir mal in den Stall. Jetzt sind wir alle munter. Schade, daß ihr nur drei Pferde habt, Dagmar.“
„Ja, schade. Schlimmstenfalls können wir uns ja eins dazuborgen. Es gibt hier im Dorf noch mehr. Erst wird aber ausgemistet, daß ihr’s wißt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Alle waren einverstanden. Zu viert trottete man dem Stall zu.
Eine Reitstunde. Heiner erzählt
„Dagmar?“
„Nein!“
„Wo bist du?“
„Weg!“
„Kommst du?“
„Nein!“
Petra probierte an der Klinke der Wohnungstür. Verschlossen. Sie verstand die Welt nicht mehr.
Bis vor fünf Minuten hatten sie „Mensch ärgere dich nicht“ in der Küche gespielt, alle vier, und schrecklich dabei gelacht, wenn einer herausflog. Dann hatte Dagmar auf die Uhr gesehen, war aufgestanden und hinausgegangen und nicht wiedergekommen. Sie hatten anfangs eine Weile gewartet, dann war Petra losgegangen, und nun stand sie hier vor der verschlossenen Tür, und Dagmar antwortete derart idiotisch. Petra biß sich auf den Knöchel des Zeigefingers, während sie dastand und nachdachte. Dann ging sie langsam zur Küche zurück.
„Wir sollen weiterspielen, ohne sie“, sagte sie und setzte sich. Heiner ließ den Würfel fallen.
„Sechs“, schrie er. Anja hatte gesehen, daß es nur eine Vier war.
„Du mogelst!“ rief sie aufgebracht. Heiner riß den Würfel an sich.
„Es war aber eine Sechs!“
„Dann hättest du sie ja liegenlassen können. Petra, sag du mal –“
„Was recht ist, kommt wieder. Würfle noch mal, Heiner“, sagte Petra. Heiner würfelte. Eine Eins. „Siehst du! Das ist die Strafe!“
„Wofür denn Strafe, möcht’ ich wissen –“
„Weil du geschwindelt hast –“
„Es war aber eine Sechs –“
„Das kann man jetzt nicht mehr beweisen –“
Gerade ging die Tür.
„Was ist denn hier los? Warum habt ihr euch denn in den Haaren?“ fragte Dagmar. „Ich finde überhaupt, wir sollten raus, nicht hier in der Stube hocken. Das ist doch Blödsinn. Keine Lust zum Reiten?“
„Dumme Frage!“
„Natürlich haben wir Lust!“
„Aber leider nur drei Rösser –“
Sie hatten vorhin beim Nachbarn angefragt, ob sie sich dort eins seiner Pferde leihen könnten. Er war sehr freundlich, Dagmar hatte das schon manchmal tun dürfen, aber heute wäre sein eigener Sohn mit Freunden unterwegs, morgen könnten sie eins haben. Sie sollten aber noch mal nachfragen.
„Dann reitet eben ihr drei. Auf dem Platz“, sagte Dagmar. „Wir haben doch Gott sei Dank seit zwei Jahren einen Reitplatz. Ich mach’ den Lehrer. Bist du schon mal geritten, Heiner?“
„Ja, öfter. Ich hab’ einen Freund mit zwei Ponys.“
„Reitverein?“
„Noch nicht, aber –“
„Na, wir werden ja sehen. Los, vorwärts, umgezogen, angezogen. Wer hat ein Paar Stiefel für Heiner?“
Petra schrie: „Ich!“ Sie besaß ein Paar richtige Reitstiefel, geerbt von ihrer größeren Schwester, und ein Paar aus Gummi, auch Reitstiefelform, wie man sie vielfach bei schlechtem Wetter trägt. Er quälte sich hinein, seine Jeans in die engen Röhren stopfend, und Petra hänselte ihn mit seinen dicken Beinen. Nun ging es darum, wer welches Pferd bekam.
„Heiner sollte Lotte nehmen, für den Anfang“, sagte Dagmar. „Lotte ist das problemloseste Pferd. Anja, wie ist es, traust du dich auf Ströppchen?“ Anja sah sie zweifelnd an.
„Wir versuchen es. Ihr könnt ja immer noch tauschen.“
„Eins jedenfalls weiß ich“, dachte Anja, während sie etwas langsamer als sonst durch die Stallgasse zu Ströppchens Stand hinübertrottete, „beim Reiten wird immer mehr von einem verlangt, als man kann.“
„So ist es“, sagte Dagmar zu ihrer Verblüffung halblaut neben ihr. Es war, als hätte sie Anjas Gedanken erraten, „man muß immer zwanzig Zentimeter höher als das Hindernis springen, in Wirklichkeit und im übertragenen Sinne. Das ist die allererste Erkenntnis, die einem beim Reiten aufgeht. Bei dir kommt sie zeitig.“
„Und was für Erkenntnisse kommen noch?“ fragte Anja schüchtern und sah zu Dagmar auf.
„Daß man auf dem Pferd sehr allein ist. Daß es da auf einen selbst ankommt“, sagte Dagmar in ihrer ruhigen Art. „Jedenfalls, sobald man dem Führzügel und der Longe entwachsen ist. Das sind Hilfsmittel, die nur ganz zu Anfang angewendet werden. Später – sehr bald also, du reitest ja auch schon ohne Führzügel – kommt es auf dich an und auf sonst gar nichts.“
„Und das dritte? Meistens sind es doch drei Weisheiten, jedenfalls in den Märchen“, fragte Anja und hob Ströppchen den Hinterhuf auf, um ihn zu säubern. „Steh, steh. Na?“
„Du bist ein kluges Kind. Die dritte Weisheit stammt von einem Berliner Wachtmeister, einem alten Pferdemann, den nichts außer Pferden interessierte. Dem sie alles waren, Lebensinhalt und Glück und Aufgabe, und der sie kannte wie kaum ein anderer. Von dem stammt der Spruch: ‚Reiten lernt man bloß vons Reiten.‘ Grammatikalisch nicht einwandfrei, aber gut berlinerisch. Und wahr! Auf also, und wenn man mit einem Pferd klarkommt, sobald es geht, aufs nächste. Und wenn man achtzig wird, im Sattel lernt man doch immer was dazu.“
„Wirklich?“ fragte Anja leise.
„Wirklich. Es gibt natürlich auch Bücher, die einem weiterhelfen, gute Anleitungen, gewiß. Dadurch lernt man sicherlich was dazu, auch durch gute Lehrer, die einem die Fehler sagen, und durch das Beobachten von guten Reitern. Das alles aber bringt einen nur dazu, etwas besser zu reiten. Richtig reiten lernt man nur vom Reiten.“
Anja schwieg. Dann fragte sie: „Wie lange reitest du denn schon? Steh doch, Ströppchen. Ja, ist ja gut. Wann hast du angefangen?“
„Sehr zeitig. Weil wir schon immer Pferde hatten. Mein Vater hat mich mit zwei Jahren schon drauf gesetzt. Ja, aber Reiten hab’ ich natürlich erst später gelernt, als ich es wollte, richtig wollte. Daß jemand als Reiter geboren wird, das gibt es nicht. Davon träumen so viele, vor allem kleine Mädchen, aber auch größere. Sie hängen sich Pferdepostkarten übers Bett und lesen Pferdebücher und seufzen: Ich könnte reiten! Ich bin ein Pferdenarr. Mir fehlt nur das eigene Pferd, und mein Vater kauft mir keins. – Solche gibt’s massenhaft“, fuhr Dagmar nach einer kleinen Weile fort, „und wenn sie dann was tun sollen – ich meine, wir haben manchmal welche zu uns eingeladen, die sehr darum bettelten –, dann war ihnen schon beim zweitenmal der Eimer zu schwer und der Mist ekelhaft und die Karre zu groß. Das Pferd war ,so gemein‘, wenn es sie absetzte – nein, solche Pferdenarren, vielen Dank.“
„So bin ich aber nicht!“ rief Anja sofort. Dagmar lachte.
„Nein, du nicht. Nun komm, bring Ströppchen raus, es geht gleich los. Wollen mal sehen, wie dieser Heiner sitzt.“
Der Reitplatz war ein ziemlich großes, von Stangen eingefriedetes Rechteck, mit Sand gefüllt, den man jetzt nicht sah, weil alles verschneit war.
„Sand gefriert nicht, da kann man auch bei Frost reiten“, erklärte Dagmar, „und im Sommer auch bei Regen. Er wird nicht glatt und rutschig wie Grasnarbe. Nun los, ihr drei Hübschen, führt eure Rösser hinein und stellt euch mit ihnen auf, ihr wißt ja vom Reitverein her, wie.“
„Was bedeuten denn die Schilder?“ fragte Anja. In der Mitte der langen und kurzen Seiten des Rechtecks hingen weiße Schilder mit roten Buchstaben, an den langen Seiten auch noch an anderen Stellen.
„Das sind Abwendepunkte, die erklär’ ich euch später“, sagte Dagmar. „Jetzt ist die Hauptsache, daß ihr ‚ganze Bahn‘ reitet, also ringsherum, oder ‚auf dem Zirkel‘, das ist ein Kreis an einem Ende der ganzen Bahn. Petra nimmt die Tete, die kennt die Hufschlagfiguren ja hoffentlich!“
Sie stellten sich nebeneinander auf, die Pferde an ihrer rechten Seite, Petra mit Pußta, Heiner mit Lotte, Anja mit Ströppchen.
„So. Ehe ihr aufsitzt, kontrolliert noch einmal die Gurte“, sagte Dagmar. „Später wird vom Sattel aus noch mal nachgegurtet, die Pferde blasen sich ja auf, das wißt ihr. Und bei den ersten Schritten lassen sie dann die Luft ab. Nun – Abteilung aufgesessen!“
Für Anja war es das erste Mal, daß sie aufsitzen sollte, ohne daß jemand ihr das Pferd hielt. Sie angelte mit dem linken Fuß nach dem Bügel, der ihr himmelhoch hängend vorkam, bekam aber den Fuß nicht hinein. Petra saß schon oben, aber Heiner wollte es mit Lotte auch nicht recht gelingen. Dagmar trat zu ihm und gab ihm ein paar Anweisungen. In der Zeit hatte Anja endlich den Fuß im Bügel, zog sich am Sattel hoch – und war oben. Gottlob! Und Ströppchen hatte stillgehalten, der Gute!
„Im Schritt anreiten, auf die linke Hand gehen.“ Petra machte es vor, und die anderen folgten. Dagmar korrigierte einiges am Sitz des einen und anderen, und Anja hielt sich an den kleinen Trick, den Petra ihr einmal verraten hatte: Wenn der Lehrer an einem anderen Schüler etwas aussetzt, etwa, Hacken tiefer!‘ oder, Hände aufrecht!‘ sagt, dann denk, er meint dich, und richte dich danach aus. Daran hielt sie sich auch jetzt. Sie trabten dann an, alles ging glatt. Ströppchen, hinter Pußta, war etwas faul, und Dagmar rief ein paarmal: „Anja, treiben! Von selbst läuft er nicht!“ Und sie hatte Angst gehabt, er würde ihr unter der Hand weggehen!
Heiner hielt sich wacker. Lotte machte ihm keine Schwierigkeiten, aber neu war sie für ihn doch. Dagmar lobte ihn ein paarmal, und da wurde er rot vor Verlegenheit. Einmal, als sie auf dem Zirkel ritten, machte Ströppchen in der Ecke Terror, stemmte erst die Vorderbeine ein und fing dann an zu bockeln, und Anja hatte ihre liebe Not, oben zu bleiben. Aber sie schaffte es. Und dann ließ Dagmar noch kurz angaloppieren: „Eine runde ganze Bahn!“, und siehe da, alle drei Pferde taten es willig, sie kannten ja das Kommando, und alle drei Reiter blieben oben.
„Noch einmal – durch die ganze Bahn wechseln“, befahl Dagmar, als sie wieder im Schritt ritten, und dann durften sie noch mal auf der rechten Hand galoppieren. Auch das ging gut.
„So, und nun: Zügel lang, Pferde loben und im Schritt durcheinanderreiten, damit die Pferde abdampfen“, sagte Dagmar abschließend. Sie war selbst froh und erleichtert, daß alles gutgegangen war.
Als sie später in der Küche saßen und Zitronentee tranken – Reiten macht durstig –, lobte Dagmar noch einmal alle drei. „Manchmal geht es besser, als man denkt. Du bist schon oft geritten, Heiner, oder?“
„Ziemlich!“ Heiner strahlte. Sein Gesicht war ganz verändert, offen und glücklich. „Aber eine Reitstunde hatte ich noch nie.“
„Kinder, der Papagei. Habt ihr ihn schon gefüttert?“ rief Petra.
„Ich hol’ ihn“, erbot sich Heiner. „Er soll doch nicht den ganzen Tag unter dem Korb sitzen.“
„Aber paß auf!“ Petra und Anja rannten mit, als er hinaufging. Wirklich, es gelang Heiner, den Papagei aus dem Korb zu nehmen, ohne daß er wegflatterte. Er ging mit ihm in die Küche hinunter, und dort legten sie ihm Futter vor, das er aufpickte. Er schien sich in Heiners behutsamen Händen sehr wohl zu fühlen.
„Daß du so mit ihm umgehen kannst!“ bewunderte ihn Anja. „Mir wäre er unheimlich.“
„Weil er spricht?“ fragte Heiner und lachte. „Sag mal was, du!“
Der Papagei sah ihn an, dann ruckte er den Kopf wieder herum. Und dann schnarrte er ein paar Worte vor sich hin.
„Da! Habt ihr verstanden? Er sagte –“
„Was denn? Sag noch mal, Lora! Laß ihn noch mal sprechen!“ drängte Anja fasziniert.
Heiner schüttelte ihn ein wenig.
„Na? Komm schon, antworte.“
„Rararara“, verstanden die anderen.
„Schön! Spricht er nicht deutlich? Rabestraße acht“, sagte Heiner. Die anderen starrten ihn mit offenem Mund an.
„Noch mal!“
„Na, sag noch mal was! Wo wohnst du?“
Diesmal verstanden es auch die Mädchen. Oder bildeten sie es sich ein?
„Rabestraße acht, nun müßte man nur noch wissen, in welchem Ort es eine Rabestraße gibt“, sagte Dagmar. Sie überlegten und berieten. Ob man die Polizei anrief?
Dagmar sah, wie Heiner zusammenzuckte. Sie tat, als habe sie nichts gemerkt.
„Ich weiß nicht. Unsere Polizei hier im Dorf? Die sollte ich fragen: ‚Verzeihung, wo gibt es denn eine Rabestraße im Umkreis von fünfzig Kilometern?’ Die halten mich ja für verrückt. Nein, lassen wir lieber die Polizei. – Aber vielleicht steht was in der Zeitung.“
Sie suchten das Blatt von gestern. Aber sie fanden nichts.
„Um so besser. So können wir ihn noch eine Weile behalten“, sagte Heiner. Zessi stand, an sein Knie gelehnt, und sah zu ihm und dem Papagei auf, aber nicht so, als wollte sie den Papagei erbeuten, sondern voller Liebe und Hingabe.
„Ja, du bist ein guter Hund, Zessi. Zessi hat heute nacht bei mir geschlafen“, erzählte Heiner und rieb sein Knie ein wenig an ihrem Kopf, „sie mag mich.“ Er sah zärtlich auf die Hündin herab.
„Du hast es wohl überhaupt mit Tieren?“ fragte Anja und lachte. „Zu dir kommen sie, von dir lassen sie sich anfassen. Habt ihr zu Hause auch welche außer den Vögeln?“
„Wir hatten eine Hündin.“ Er schwieg.
„Hattet?“ fragte Petra scheu.
„Sie ist überfahren worden.“ Heiner gab den Papagei an Dagmar weiter, tätschelte Zessi und hielt dabei sein Gesicht so, daß die anderen es nicht sehen konnten. Sie taten, als merkten sie es nicht, und keine sagte etwas. Dann auf einmal rief Dagmar: „Übrigens – wir bekommen Besuch! Cornelia kommt! Vorhin rief sie an. Was sagt ihr?“
„Wunderbar!“ schrien Petra und Anja wie aus einem Mund. „Cornelia! Die muß mit uns reiten! Bringt sie Onkel Kurt mit?“
„Davon hat sie nichts gesagt. Nein, ich glaube, sie kommt allein. Aber da müssen wir mal was kochen.“ Dagmar sah nicht sonderlich glücklich aus, als sie das sagte. Die anderen lachten sie aus.
„Wegen Cornelia doch nicht!“
„Wer ist denn Cornelia?“ fragte jetzt Heiner.
„Eine aus dem Reitverein. Sehr nett. Reitet Klasse. Wir mögen sie alle schrecklich gern. – Übrigens, Heiner, gut, daß Zessi sich so an dich angeschlossen hat. Paß gut auf sie auf, ja? Ich fürchte, sie wird läufig – ihr wißt, was das ist? Dasselbe, wie wenn eine Stute roßt. Zweimal im Jahr werden Hündinnen läufig, sehnen sich nach der Liebe und gehen einem davon, wenn man nicht aufpaßt wie ein Heftelmacher. Und die Kavaliere kommen und belagern das Haus – was sage ich!“ rief Dagmar und lachte. „Da ist schon der erste!“
Sie wies auf das Fenster. Wirklich, da grinste ein Hundegesicht herein, zum Erschrecken. Ein Dalmatiner, weiß mit schwarzen Flecken, das Gesicht fast ganz weiß, so daß man es für ein Menschengesicht hätte halten können.
„Mach dich fort, du Kerl!“ schimpfte Dagmar und wedelte mit dem Küchentuch am Fenster hin und her. „Das gäbe eine Mischung! Außerdem ist Zessi noch viel zu jung zum Jungekriegen. Weg, du Ekel!“ Dann band sie das Küchentuch um die Reithose und krempelte die Ärmel hoch.
„So, nun wird gekocht! Anja schält Kartoffeln, Petra putzt Möhren – vorher beides gut waschen, denn die Schalen kriegen die Pferde, mit etwas Hafer vermischt –, und ich werde einen hervorragenden Braten aus der Kühltruhe herausholen und in den Ofen schieben. Das kann nur ich!“
Die anderen schrien Protest.
„Und Heiner? Der tut gar nichts?“
„Der füttert die Hunde. Zuerst machst du die Näpfe sauber.“
Heiner sah kurz auf. „Dachtest du, ich wasch‘ sie nicht aus?“ fragte er halblaut. Dagmar wurde ein bißchen rot.
„Verzeih. Ich hätte mir’s denken können. Dort steht das Futter, da die Haferflocken. Auf dem Herd heißes Wasser. Was brauchst du noch?“
„Eine rohe Mohrrübe – ich habe meiner Mia immer eine ins Futter gerieben wegen der Vitamine. Und Lebertran – habt ihr welchen?“
„Natürlich. Dort drüben. Und die Mohrrübe gibt dir Petra. So, und jetzt, wo wir so gemütlich beisammensitzen, erzählst du. Warum bist du ausgerückt von zu Hause? Ich hab’ heut früh ein bißchen Radio gehört, verstehst du. Nun erzähl mal, wir verraten dich nicht.“
„Hast du – haben meine Eltern –“ Heiner stand, die Mohrrübe in der einen Hand, die Reibe in der anderen, und sah zu ihr herüber. Seine Augen flackerten.
„Sie suchen dich. Sie ängstigen sich um dich“, sagte Dagmar leise. Die beiden anderen, Anja und Petra, sahen nicht auf, hielten aber den Atem an. Würde er jetzt etwas sagen?
Erst schwieg er. Dann aber, als auch Dagmar schwieg, fragte er, und es klang angstvoll, ja verzweifelt: „Wissen sie –“
„Sie wissen gar nichts, nur, daß du abgehauen bist. Und sie bitten um Bescheid, wenn jemand etwas weiß.“
„Ihr sagt nichts – oder hast du schon angerufen?“ Heiners Gesicht war dunkelrot geworden. „Bitte – bitte, bitte –“
„Wir verraten dich nicht, wenn du es nicht willst“, sagte Dagmar leise. Sie wußte nicht, ob es richtig war, dies zu versprechen, sie fühlte nur seine jagende Angst. „Großes Ehrenwort. Also?“
„Ihr beiden auch? Wirklich großes Ehrenwort?“ Er sah Anja und Petra an, sie nickten verstört. „Aber wenn ihr’s nicht haltet! Ich renn’ wieder weg, auch von euch! Ich renn’ über Land, solange ich kann, in den Wald – und wenn ich müde genug bin, leg’ich mich irgendwohin und erfriere. Das ist ganz einfach, es steht in allen Lesebüchern. Man merkt dann gar nichts. Und finden tut ihr mich nicht, das kann ich euch sagen. Außerdem hab’ ich noch ein paar Tabletten zum Einschlafen, die lagen bei meiner Mutter im Nachttisch. Ich wollte ja eigentlich schon vorher –“ Sein Gesicht sah jetzt so aus, daß sie ihm jedes Wort glaubten. Alt, verfallen, fast unkenntlich. Es schauderte sie. Er würde Ernst machen, das merkte man.
Dagmar sagte noch einmal: „Wir verraten dich nicht. Dann aber bleibst du bei uns und machst keinen Unfug, verstanden? Das wieder versprichst du uns. Tust du das? Gut, ein Mann, ein Wort. Und nun erzähl, was hast du ausgefressen?“
„Was Furchtbares. Also –“ Man merkte, wie es ihm wohltat, endlich sprechen zu können. Er begann dabei, die Mohrrübe zu raspeln, rieb sich in den Finger, leckte das Blut weg, rieb weiter, ohne es wahrzunehmen. „Also, wir sollten die Zeugnisse erst nach den Ferien bekommen, am ersten Schultag im Januar. Aber unser Klassenlehrer geht weg, und wir kriegen einen neuen, und da bekamen wir sie schon vorher. Und ich hatte einen Fünfer, von dem ich nichts wußte und meine Eltern auch nicht. Man rechnet sich ja immer die Noten aus, nach den Arbeiten. In einem Hauptfach, in Mathe. Da bin ich schlecht, aber so schlecht, das wußte ich nicht. Und da habe ich – ja, ich hab’ halt anstelle meines Vaters unterschrieben, weil ich so Angst davor hatte, was er sagen würde. Und dann bekam ich noch mehr Angst, denn Unterschriften fälschen, das ist ja schon kriminell. Meine Eltern ahnten nichts, die dachten ja, wir kriegten die Zeugnisse erst später. So stand es in der Zeitung.
Und dann – ja, meine Mutter hatte ein großes Feuer im Hof gemacht, das macht sie immer nach den Feiertagen. Es wird alles verbrannt, was weg soll, Einwickelpapier und Kartons und so was. Zufällig kam ich dazu. Und da dachte ich, wenn das Heft weg ist, ist auch die falsche Unterschrift weg, und wenn wir einen neuen Lehrer kriegen, dann stell’ich mich einfach dumm und sag’, ich hab’ kein Zeugnis bekommen. Irgendwie würde es dann schon klappen. Jedenfalls – ich hab’ also das Zeugnisheft mit ins Feuer geschmissen. Meine Mutter stand daneben. Sie dachte natürlich, es wäre irgendein altes. Sie sagte sogar, ich solle holen, was ich nicht mehr brauche, und mit verbrennen. Die Reste vom alten Jahr soll man ins Feuer werfen …
Ja, und später packte mich die Angst erst recht. Und da bin ich weg. Einfach losgerannt, so, wie ich war. Erst zu meinem Freund, aber der war nicht da, verreist – ich stand vor der verschlossenen Tür. Und nach Hause traute ich mich nicht zurück, ich dachte, sie sehen es mir an.
Einmal hat mich ein Auto ein Stück mitgenommen, dem Fahrer hab’ ich vorgeschwindelt, ich müßte zur Apotheke und was holen. Und dann bin ich halt weitergelaufen, bis hierher. Ich hab’ euch gesehen, wie ihr mit den Pferden losgegangen seid – und dann sah ich die kleine Leiter und die Luke. Da bin ich raufgeklettert – bloß mal, um nachzugucken – und drin war es schön, und Hunger hatte ich auch –“ Er schwieg.
„Und da hast du den Kühlschrank inspiziert“, sagte Petra vergnügt. „Stimmt’s? Und da stand Schlagsahne drin.“
„Ja“, sagte Heiner verlegen, „ich hatte solchen Hunger.“
„Und wir haben uns gegenseitig verdächtigt“, lachte Dagmar, „jemand mußte die Sahne ja getrunken und den Becher schön säuberlich in den Abfall getan haben. Ordentlich bist du, das muß man sagen!“
Die beiden anderen lachten ebenfalls.
„Ich hab’ aber niemanden verdächtigt“, verwahrte sich Anja. „Ihr wahrscheinlich mich!“
„Na, jemand mußte es ja gewesen sein“, sagte Dagmar, und Petra krähte: „Ich dachte, es wäre der Müller!“
„Quatsch, da wußten wir ja noch gar nichts vom Müller und seinem Erscheinen“, sagte Anja. „Gott sei Dank, daß du es warst, Heiner, und kein Gespenst! Wir dachten nämlich schon, es spukt.“
„Im Haus?“ fragte Heiner ungläubig. Und dann lachten sie alle vier und fanden es wunderbar, daß es Heiner und kein Spuk gewesen war.
Cornelia
Es gibt Menschen, die kommen ins Zimmer, und man hat das Gefühl, ein Fenster voller Sonne geht auf. So war es bei Cornelia. Anja wußte das, sie empfand es aber wieder neu, als Cornelia plötzlich da war – sie stand auf einmal in der Küche, in flaschengrünen Hosen und einer karierten Jacke, das kurze Haar mit Schneeflocken besternt, und alles war anders, alles war neu.
„Cornelia!“ schrien Anja, Dagmar und Petra wie aus einem Mund, und alle drei sprangen auf sie zu, so daß sie umgeflogen wäre, wenn der Ansprung nicht von drei Seiten stattgefunden hätte.
„Himmel, laßt mich leben!“ sagte sie und drückte alle drei auf einmal an sich. „Die Haustür war auf, da hab’ ich mich reingeschlichen. Ist das hier immer so?“
„Auf? Ich meine: offen?“ fragte Dagmar sofort erschrocken. Cornelia lachte.
„Nein. Nicht sperrangelweit, sondern nur nicht verschlossen. Warum erschrickst du denn so?“
„Nur wegen Zessi. Zessi darf nicht allein raus, aber sie ist ja da.“ Sie deutete zu Heiner hinüber, der sich gerade erhob, um Cornelia zu begrüßen, Zessi an seiner Seite.
„Das ist Heiner, unser männlicher Schutz. Er ist extra zu uns gekommen, damit wir uns nicht fürchten, wir drei Weiber allein. Aber jetzt sind Sie ja da. Wunderbar!“
„Ja, ich find’s auch wunderbar. Ich wollte unbedingt mal nach euch sehen. Ich war bei deiner Mutter, Anja. Ihr wohnt ja so nahe am Reitverein. Sie läßt grüßen – und dein Vater auch. Und die Zwillinge – nein, sind die niedlich!“
Cornelia hatte sich gesetzt, ihr Gesicht glühte in der Wärme der Küche nach der Kälte draußen. „Meine Heizung im Wagen tut’s nicht, weiß der Teufel, was da nicht stimmt. Ich bin halb erfroren auf der Fahrt“, erzählte sie.
Dagmar brachte ihr einen heißen Tee und verkündete: „Gleich gibt’s Mittagessen.“
Cornelia lachte. „Jetzt? Am Abend?“
„Ja, wir wußten doch nicht, wann Sie kommen und für wie lange. Bis morgen bleiben Sie doch auf jeden Fall?“ Sie sahen sie alle drei bittend an.
„Klar bleib’ ich“, sagte sie vergnügt, „ich hab’ mir den ganzen morgigen Tag für euch reserviert. Wollen wir reiten?“
Ob sie wollten! Es sollte jedoch ganz anders kommen …
Nachdem sie gegessen hatten, setzten sie sich, Cornelia zu Ehren, ins Wohnzimmer an den Kamin. Sonst waren sie immer in der Küche geblieben, aus Faulheit und weil man dort am Tisch schön spielen konnte. Mit Cornelia wollten sie erst einmal richtig schwätzen, und das Kaminfeuer war natürlich eine feine Sache. Heiner baute die Scheite auf, wie Dagmar es ihm vormachte, und Petra fuchtelte mit den langen Kaminstreichhölzern herum und machte mehr Schaden als Nutzen, wie Dagmar behauptete. Cornelia hatte eine Flasche Wein mitgebracht und zauberte daraus einen Punsch, der sogar Anja schmeckte. Und nun mußte Cornelia erzählen.
Es war ihnen, als wären sie schon viele Wochen nicht mehr im Reitverein Eulengut gewesen, und sie fragten und fragten: wie es Herrn Anders ginge, dem Pferdepfleger, und ob der Reitlehrer grimmig wäre oder gnädig, und wie oft Othello, der kleine Ziegenbock, sich unnütz gemacht habe. Der ging in jeden Stand, fraß, wo er konnte, den Pferden den Hafer weg, boxte die Reitvereinsleute und legte sich manchmal mitten in der Stallgasse zur Ruhe, so daß alle, Menschen und Pferde, vorsichtig um ihn herumgehen mußten, um ihn nicht zu wecken. Bei Othello tat das sogar der Reitlehrer.
„Alles noch, wie es war, nur ihr fehlt“, sagte Cornelia. „Wenn ihr nicht da seid, ist der ganze Reitverein wie eine Suppe ohne Salz. Niemand bricht sich das Schlüsselbein“, sie versuchte, ein sehr betrübtes Gesicht zu machen –, „und niemand wird angeschnauzt, weil er –“
In diesem Augenblick läutete das Telefon. Cornelia strahlte und sprang hinüber, als Dagmar, die abgehoben hatte, sie herbeiwinkte.
„Das ist Onkel Kurt“, flüsterte Anja Petra so laut ins Ohr, daß es jeder gehört hatte, nur Cornelia nicht. Sie saß und lauschte in die Muschel, und ihr Gesicht wurde immer verklärter.
„Kommt, wir wollten doch noch –“ murmelte Dagmar und machte den anderen ein Zeichen. Sie verließen das Zimmer.
„Die turteln ja nach Noten. Natürlich, weil es Onkel Kurt ist. Sind sie nun verlobt oder noch nicht ganz?“ fragte Dagmar. Anja lachte.
„Wenn ja, sind wir schuld, Petra und ich. Wir haben die zwei zusammengebracht, nicht wahr, Petra? Wir haben Onkel Kurt in den Reitverein geschleppt, und dort fand er, daß ‚der Junge‘ bei der Quadrille der Beste war, und das war Cornelia …“ Sie lachten, und Petra sang:
„Gut läßt sich’s turteln
mit Onkel Kurteln –“
Sie hatte das Wort „turteln“ erstmals in diesem Sinne angewandt gehört und fand es wunderbar.
Nach einer langen Weile, als sie aus dem Wohnzimmer nichts mehr hörten, gingen sie wieder hinein, einzeln und wie von ungefähr. Eine brachte ein Tablett mit Gläsern, die andere eine Büchse Keks – für Heiner hatten sie keine Aufgabe gefunden. Er hielt Zessi am Halsband.
„Da hätte er sowieso nur eine Hand frei“, sagte Dagmar, hielt das Tablett schief, und: klirr, klirr, lagen die Gläser am Boden.
„Nein, so was Dummes, schneidet euch nur nicht!“ rief sie. Sie sammelten alle miteinander die Scherben auf. Es waren nur zwei Gläser kaputt, die anderen hatten den Unfall heil überstanden.
„Scherben bringen Glück“, sagte Heiner.
„Na, Glasscherben auch?“ zweifelte Cornelia. „Überhaupt – das ist doch nur eine dummer Aberglaube.“
Stichwort Aberglaube! Jetzt mußten sie erzählen, nachdem sie Cornelia ausgefragt hatten, und sie taten es, alle drei auf einmal. Vom Müller, vom Papagei – „Den holen wir! Heiner, du kannst das doch am besten.“ – und von all den seltsamen Dingen, die sie erlebt hatten. Cornelia hörte aufmerksam zu. Als Heiner ging, um den Papagei zu holen, fragte sie halblaut: „Wer ist denn das? Gehört der zu dir, Dagmar?“
„Nein, ich kenne ihn auch erst seit kurzem. Genauso lange wie die anderen. Er ist uns – nein, das dürfen wir nicht erzählen, das heißt, eigentlich könnten wir schon, den Anfang jedenfalls.“
Aber da war Heiner schon wieder da. Er hielt Cornelia den Papagei hin, und sie bewunderte ihn gebührend.
„Kann er auch sprechen?“ fragte sie, wie jeder fragt, dem ein Papagei vorgeführt wird.
„Nein, du Schwein!“ schnarrte der Papagei prompt – und so deutlich, daß alle es verstanden. Alle und ganz genau. Sie lachten, daß ihnen die Tränen kamen.
Ja, und Cornelia wußte tatsächlich eine kleine Stadt, nicht allzuweit entfernt, mehr einen Marktflecken, wo es eine Rabestraße gab.
„Ich weiß es so genau, denn dort wohnt eine Bekannte von mir. Soll ich mal anrufen?“
Sie drängten sich aufgeregt ums Telefon, während Cornelia sprach, und versuchten mitzuhören, atmeten auf, als sie dann berichtete.
„Es gibt dort natürlich eine Nummer acht, aber meine Bekannte kennt niemanden, der darin wohnt. Morgen früh will sie hingehen und sich erkundigen. Mehr ist eigentlich erst mal nicht zu machen.“
„Dann gehört er uns wenigstens noch bis morgen“, sagte Heiner und drückte den Papagei an sich. „Aber wenn niemand, nie–nie–niemand sich findet, dem er gehört?“
„Dann kannst du ihn bestimmt behalten“, sagte Cornelia, die dem Jungen wohl ansah, was er dachte. „Papageien werden sehr alt. Du kannst ihn vielleicht dein ganzes Leben lang haben, in der Schule und später während des Studiums, und wenn du heiratest, bringst du ihn als Mitgift mit in die Ehe. Und deine Kinder lernen von ihm sprechen.“
„Und wenn du ein Opa bist, sitzt du hinter dem Ofen, und der Papagei fliegt dir auf den Griff von deinem Krückstock und singt: Schlaf, Alter, schlaf“, fiel Petra ein. Heiner lachte, dann wurde er wieder ernst.
„Ich würde ihn gern behalten. Aber dazu möchte ich noch einen Hund haben. So einen wie Zessi“, sagte er leise. „Mit einem Hund kann man rennen und sich jagen und spielen und ihm was beibringen, und abends schläft er neben dem Bett –“
„Und ich möchte ein Pferd. Eins für mich ganz allein“, sagte Anja, „ein eigenes Pferd!“
„Na, ihr seid ja alle sehr bescheiden“, sagte Cornelia, „das muß ich wirklich feststellen. Nur einen Hund aus bester Rasse, nur ein eigenes Pferd … Wißt ihr, was ich mir wünschte, als ich so alt war wie ihr? Einmal, ein einziges Mal nur ein Pferd streicheln zu dürfen. Wir wohnten in der Stadt, in einer Etage, niemals in hundert Jahren sah man ein Pferd. Es gab so gut wie keine mehr. Auch in der Landwirtschaft nicht mehr. Und reiten, oh, das war so unmöglich wie auf den Mond fahren. Pferde gab es kaum mehr im Zoo.“
Das konnten sich die Mädchen nicht vorstellen.
„Erzählen Sie doch noch mehr von damals“, baten sie, „zum Kaminfeuer gehört, daß einer erzählt. Bitte, bitte! Wie kamen Sie denn überhaupt auf den Gedanken, reiten zu wollen?“
„Ja, das ist so eine Sache. Aus Mode reite ich wirklich nicht“, sagte Cornelia, „so, wie es jetzt viele machen. Weil es schick ist und weil man auch mitreden will und weil der Reitanzug einem so gut steht. Na, bei euch ist das ja auch nicht so. Ich habe mich in ein Pferd verliebt, als ich noch sehr klein war. Mein Vater war Arzt, wir wohnten in Schlesien. Damals war Krieg, und es gab kein Auto und kein Benzin und nichts, und er mußte doch zu seinen Patienten. Da hat er sich ein Pferd gekauft, ein Beutepferd, es war wohl ein polnisches Pony. Mit dem fuhr er auf Krankenbesuch übers Land. Ich durfte oft mit, um das Pferd zu halten, während er bei den Patienten war. Das war manchmal nicht leicht, so klein wie ich war, aber er behauptete, es käme nicht drauf an, wie groß man ist, sondern nur auf den Willen. Ich habe meinen Vater sehr geliebt und ihm alles geglaubt, er hat mich auch nie beschwindelt.“
Sie schwieg. Die Mädchen wagten nicht weiterzufragen.
„Er ging auch nicht weg, als die Russen kamen. Uns schickte er weg, Mutter und uns Kinder, zu Verwandten in den Westen. Er sagte, er könnte nicht von seinen Patienten weg. Wir haben nie wieder von ihm gehört.“
„Auch nichts von dem Pony?“ flüsterte Anja.
„Auch nicht. Sie werden wohl miteinander umgekommen sein. Es war ein fürchterlicher Winter damals, der letzte Kriegswinter, bitterkalt. – Doch, ich weiß, wie es war“, sagte Cornelia nach einem Augenblick Schweigen, und ihre Stimme klang jetzt anders als vorhin, behutsam, zart. „Ich muß es geträumt haben, aber es war bestimmt so. Mein Vater ist gar nicht gestorben. Als alle Deutschen fort waren, ist er über Land gefahren, durch den Schnee; er hatte Glocken vorn am Geschirr des Ponys, die klangen im Dreiklang, wunderschön abgestimmt. Und dann fing das Pferd ganz sachte an, sich in die Luft zu heben. Es war ein braunes Pony, mit heller Mähne, und er hat gesehen, daß es auf einmal Flügel hatte, schöne, starke Flügel, die rechts und links aus dem Rücken herauswuchsen. Mit denen hat es geschlagen, und da hob sich auch der Schlitten sanft in die Luft und schwebte – er schwebte immer höher und höher und landete auf einer Wolke. Und da kam ihm Petrus entgegen und sagte: ‚Ach, der Herr Doktor Nolde! Ja, schön, daß Sie da sind, der liebe Gott wartet schon, und für das Pony hab’ ich soviel goldenen Hafer hier, wie es nur mag.‘“
Sie schwiegen. Anja fühlte, wie ihr etwas über die Backe lief. Sie wischte es weg.
Man durfte nicht weinen. Cornelia weinte ja auch nicht, sie hatte auch damals bestimmt nicht geweint. Cornelia war tapfer – sie, Anja, wollte auch tapfer werden, so tapfer wie diese junge Ärztin. Sie nahm es sich fest, ganz fest vor.
„Bestimmt, so war es!“ sagte sie und lächelte Cornelia zu, und diese erwiderte das Lächeln.
Es wurde dann noch ein lustiger Abend. Cornelia wußte viele Spiele, die man ohne Tisch spielen kann, Rate- und Gesellschaftsspiele. Erst als sie todmüde waren, gingen sie schlafen. Dagmar hatte für Cornelia in Mutters Zimmer ein schönes Bett auf der Couch vorbereitet.
„Wir drei schlafen wieder so wie gestern, diesmal komm’ ich auf das Fell!“ bestimmte sie. „Heiner mit seinem Papagei geht nach oben. Nimm ihn mit, Heiner, und setz ihn auf Nummer Sicher!“
„Klar, mach’ ich“, versprach Heiner und nahm ihn aus Dagmars Hand. Bisher hatte immer einer von ihnen den Vogel gehalten, gestreichelt, an sich gedrückt. Er schien das gern zu haben.
„Aber Zessi nehme ich auch mit. Nicht wahr, Zessi, du kommst mit mir.“
Das ging noch mal gut
Cornelia kam vom Duschen, im Bademantel von Dagmars Mutter, der neben ihrem Bett gelegen hatte, ein Frottiertuch um den Kopf als Turban. Sie guckte aus dem rückwärtigen Fenster – da stand ihr roter VW im Hof, und aus dem Seitenfenster, das nur ein Stück heruntergekurbelt war, streckte Zessi den schmalen Kopf. Sie konnte gerade mit der Schnauze durch. Jemand sprach mit ihr aus dem Inneren des Wagens heraus.
„Heiner?“ rief Cornelia halblaut hinunter. Sie hatte das Flurfenster aufgemacht. Sogleich erschien Heiners Gesicht neben Zessis Kopf.
„Ja? Guten Morgen! Ich krieg’ es hin!“
„Was?“ fragte Cornelia.
„Die Heizung! Sie sagten doch, sie tut es nicht mehr. Ich hab’ den Fehler gefunden!“
„Nein, Heiner, du bist ja ein As!“
Cornelia lachte und lief ins Zimmer. Da war der Junge doch wahrhaftig vor Tau und Tag aufgestanden und bastelte an ihrem Wagen rum!
Sie zog sich in Eile an und lief hinaus. Im Hof stolperte sie und wäre fast gefallen, weil ein kleiner schwarzer Pudel ihr vor die Füße lief. Sie schalt. Um die Ecke kam soeben ein Dalmatiner. Nein, dieser Andrang von Kavalieren!
„Heiner, woran lag es denn?“ Sie öffnete gedankenlos gewohnheitsmäßig die Tür des Wagens – wie aus der Pistole geschossen sauste ihr Zessi entgegen und sprang mit einem weiten Satz an ihr vorbei. In den Hof, zu den beiden Rüden, dem kleinen schwarzen und dem größeren schwarzweißen und ab mit ihnen, ums Haus herum, auf die Straße und weg. Cornelia hatte den Mund zu einem Schrei geöffnet, blieb aber stumm und schlug sich nur wütend mit der Hand vor die Stirn. Dafür schrie Heiner.
„Zessi! Zessi! Wir müssen ihr nach!“
Cornelia begriff sofort. Sie saß schon im Wagen, Heiner neben ihr, und wendete. Während sie aus dem Hof steuerte, sah sie Petras Kopf am Fenster.
„Wir holen Zessi! Sie ist uns durch die Lappen gegangen! Das heißt mir!“ rief sie hinauf. Petra machte wilde Winkbewegungen, wahrscheinlich wollte sie mit. Cornelia bremste nicht.
„Ganz schnell hinterher, dann kriegen wir sie vielleicht noch“, sagte sie zu Heiner und hakte den Gurt fest. „Schnall dich auch an!“
Auf der Straße angekommen, guckten sie nach rechts und links. Links ging es ins Dorf, rechts aufs freie Feld hinaus. „Wohin?“
„Dort! Dort!“ Heiner deutete nach rechts. Wahrhaftig, da sah man etwas Schwarzes verschwinden: den Pudel, der in eiligen Hoppelsätzen davonlief, sicherlich den anderen nach, die längere Beine hatten und deshalb ungleich schneller waren.
„Hinterher!“ rief Cornelia und ließ den Motor aufheulen. Es ging ein wenig bergauf, und als sie oben waren, hatten sie eine ganz gute Rundsicht. Dort, wo der Pudel sich um eine größere Geschwindigkeit abmühte, sah man in der Ferne zwei kleine Bälle, einen schwarzweißen und einen braunen.
„Na also, da sind sie ja! Die kriegen wir!“ sagte Cornelia und gab Gas. „Hast du eine Leine mit?“
„Ja. Und ein Halsband hat sie auch.“
Heiners Stimme klang wie abgewürgt. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen den Hunden nach, die immer kleiner wurden. Kein Wunder, sie rannten querfeldein, während Cornelia sich mit dem Wagen an die Wege halten mußte. Schlecht genug fuhr es sich auch da, alles war ja voller Schnee.
„So, verschwunden“, sagte Cornelia nach einer Weile wütend, nahm Gas weg und ließ den Wagen auslaufen, „verdammt, verdammt und zugenäht! Wie kriegen wir sie nun wieder!“
Sie sah zu Heiner hin, der neben ihr saß. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.
„Na, na“, sagte sie schnell tröstend und ein wenig gutmütig spottend. „Vielleicht tut es ihr gut, sich einmal richtig auszurennen.“
„Aber – aber –“
„Wie lange ist sie denn schon läufig? Erst den zweiten Tag? Da passiert nichts“, tröstete Cornelia, „und nach Hause findet sie sicherlich auch. Solche Hunde haben gute Nasen.“
„Aber es kann doch – wenn sie nun überfahren wird“, stammelte Heiner. Cornelia dachte an das, was Dagmar ihr erzählt hatte. Eine Hündin von Heiner war überfahren worden …
„Das muß ja nicht passieren. Hier auf den Feldern schon gar nicht.“
„Aber wenn sie woandershin läuft? Der Dalmatiner gehört doch jemandem, der vielleicht in der Stadt wohnt, wo viel Verkehr ist.“
„Das ist möglich“, sagte Cornelia und versuchte den Wagen zu wenden. „Sei so gut und steig aus, damit du mich einwinken kannst – ja, noch weiter zurück? Oder lande ich da im Graben?“
„Hier ist keiner“, schnupfte Heiner, „noch ein Stück – so, und jetzt nach links einschlagen!“
„Du fährst wohl manchmal heimlich mit dem Wagen von deinem Vater?“ fragte Cornelia freundlich. Sie wollte ihn ein wenig auf andere Gedanken bringen. „Ich meine, weil du mit der Heizung so gut Bescheid wußtest. Dafür danke ich dir übrigens schön. Sie tut’s wieder, wie man merkt.“
„Es war nur eine Kleinigkeit. Ich hätte Zessi nicht mitnehmen dürfen“, flüsterte er, „aber sie wollte mit in den Hof. Sie hing an mir –“ Er brach ab.
„Du hattest sie ja im Wagen eingesperrt“, sagte Cornelia müde. Der Junge war nicht abzulenken. „Ich hab’ sie rausgelassen. Ich bin schuld.“
„Wollen wir nicht doch – könnten wir nicht – irgendwo muß sie ja sein“, sagte er verzweifelt, „in den Dörfern ringsherum fragen, meine ich – Vielleicht hat jemand sie gesehen?“
„Wir fahren erst einmal zurück“, sagte Cornelia, „vielleicht weiß Dagmar, wohin der Dalmatiner gehört. Dann fahren wir dorthin.“
„Ja! Ja! Und vielleicht –“, er brach ab. Dann kam es, stoßweise, halblaut, außer sich: „Es war nämlich – es war gerade heute vor einem Jahr, als meine – als unsere Mia überfahren wurde.“
„Heute vor einem Jahr? Ach, armer Junge“, sagte Cornelia sachte, „da kann ich mir denken, wie dir zumute ist. Es muß aber trotzdem nicht –“
„Es war so entsetzlich – so –, ich habe um diese Zeit, um Silvester herum, nie Glück“, sagte Heiner nach einer Weile; es klang gleichzeitig ergeben und bitterlich traurig, „immer erwischt mich gerade da etwas Furchtbares!“
„Das ist doch Aberglaube. Das muß nicht jedes Jahr zutreffen“, sagte Cornelia herzhaft. Sie sagte es gegen ihr eigenes Gefühl. Natürlich gibt es Zeiten – in denen man Glück hat und einem alles gerät, und dann wieder welche, in denen alles schiefgeht.
„Man muß in solchen Zeiten besonders tapfer sein“, sagte sie aus diesen Überlegungen heraus, „besonders tapfer und besonders vorsichtig. Auf der Hut. Das hat mit Feigheit nichts zu tun. Vorsicht ist einfach Klugheit.“
„Ich hab’ das auch gedacht. Ich habe schon immer Angst um Zessi gehabt, deshalb hab’ ich so auf sie aufgepaßt.“
„Wir finden sie sicherlich wieder.“ sagte Cornelia und gab Gas. „Vielleicht ist sie schon zu Hause.“
Das war Zessi leider nicht. Dagmar wäre ins Dorf gelaufen, erzählte Petra, und Anja suchte auf der Koppel hinter dem Stall. Petra hatte sich erboten, am Telefon zu wachen, sosehr sie auch darauf brannte, mitzusuchen.
„Aber jetzt sind Sie ja da. Ich renne und suche wenigstens Dagmar“, sagte sie und lief ins Haus. Cornelia goß sich geistesabwesend eine Tasse Kaffee ein und trank sie im Stehen.
„Trink auch was, Heiner“, sagte sie.
Er gehorchte, aber er war vollkommen abwesend. Cornelia beobachtete ihn eine Weile, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Dann gab sie ihm einen kleinen Schubs.
„Heiner! Sei doch nicht so verzweifelt! Wir werden sie schon finden. Sobald Dagmar kommt –“
Da kamen sie schon, Dagmar und Petra. Dagmar sah erschöpft aus und zog die Tür hinter sich zu.
„Ein Glück, daß Sie da sind. Ja, ich weiß, wohin der Dalmatiner gehört. Er kam schon früher immer, wenn Brumme sich in diesem Zustand befand. Ich kenne den Kerl.“
Sie schien erleichtert zu sein und sagte: „Wir rufen dort an. Sie sind über die Felder gerannt, querfeldein. Das ist gut. Da kommen sie von hinten an das Haus der Leute, denen Lord gehört. Ja, er heißt Lord, der Schlawiner. Der hat uns das Leben schon vergällt, dieser Lord, erst mit Brumme –“ Dagmars Worte verloren sich in Murmeln. Sie war schon am Telefon. Nach einer Weile kam sie wieder
„Nichts. Es meldet sich niemand.“
„Sicher suchen sie nach Lord.“
Sie saßen da und sahen einander an. Was konnte man noch unternehmen?
Nichts. Abwarten. Das war sehr schwer. Sie blieben im Zimmer, um dazusein, wenn jemand anrief. Ans Reiten dachte keiner.
Einmal ging das Telefon. Alle sprangen auf. Aber es war nur Cornelias Bekannte aus der Rabestraße.
„Doch, es kann stimmen“, sagte sie. „Die Leute, denen der Papagei gehören soll, hab’ ich zwar nicht gesprochen, aber es gibt dort ein Ehepaar, das einen hat. Ich versuche es später noch einmal. Nein, Telefon haben die Leute selbst nicht.“
Immerhin, das war ein Hinweis. Cornelia sah zu Heiner hinüber, dessen Augen noch trostloser geworden waren. Er hatte den Papagei auf der Hand sitzen und streichelte ihn unablässig. Er dauerte sie.
„Nun sei nicht so verzagt! Es kann mit Zessi immer noch gut werden“, sagte sie, als sie es nicht mehr mit ansehen konnte. „Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt. Wir geben nicht auf. Weißt du was, Junge? Wir fahren zu den Leuten, denen Lord gehört. Vielleicht ist er inzwischen heimgekommen, mit Zessi im Kielwasser. Ihr Mädchen bleibt hier und achtet aufs Telefon.“
Sie nickte den dreien zu. Die seufzten, sagten aber ja. Unterwegs gab sich Cornelia einen Ruck und sagte: „Heiner, ich hab’ die anderen absichtlich zu Hause gelassen. Ich wollte mit dir allein reden. Wirst du mir antworten?“
Heiner schniefte.
„Ja, wenn Du willst“, sagte er dann leise.
„Also. Du bist durchgebrannt von zu Hause. Weswegen, weiß ich nicht. Ich frag’ dich auch nicht. Ich möchte dir nur etwas sagen: So, wie du jetzt Angst um Zessi hast, so haben deine Eltern Angst um dich. Überleg dir das mal. Und zwar haben sie diese Angst bereits seit Tagen. Haben sie das verdient?“
Sie sah nicht zu ihm hinüber, sondern konzentrierte sich auf die Straße.
„Jetzt links – ja, den kleinen Weg dort. Der führt wahrscheinlich hin –“ Mehr sagte Heiner nicht.
Dies war das richtige Dorf. Sie fragten nach den Leuten, denen Lord gehörte, und bekamen sofort freundlich Bescheid.
Cornelia sah zu Heiner hinüber – was machte er für ein Gesicht? Verschlossen? Verbockt? Oder nur verzweifelt? Vielleicht ein wenig aufgelockert? Sie wurde nicht klug daraus.
„Das Haus muß es sein! Heiner, nun sag doch was!“
„Ja doch. Ich will ja. Wenn wir zurück sind, ruf’ ich meine Eltern an“, sagte er leise.
Cornelia wagte nicht aufzuatmen, aber ihr fiel ein Stein vom Herzen. Ganz kurz faßte sie nach seiner Hand und drückte sie.
„Bravo“, sagte sie, „gut so, Heiner. Und nun gehst du rein und fragst, und wenn sie nichts wissen, ist auch noch nicht alles verloren. Verstanden? Nun geh, mein Junge!“
Heiner stieg langsam aus. Erst war es, als könnte er nicht vorwärts, als hielte es ihn magnetisch fest. Dann gab er sich einen Stoß und rannte los. Er verschwand im Haus und kam nach drei Minuten wieder herausgeschossen.
„Sie ist da! Sie ist da!“ schrie er und winkte Cornelia zu, rannte zurück, drehte wieder um, zögerte und kam dann an die linke Autotür, die Cornelia soeben aufgestoßen hatte, um auszusteigen. Er stieß mit dem Kopf an, schrie: „Au!“, lachte und fing dann an zu schluchzen.
Cornelia war inzwischen ausgestiegen und drückte ihn an sich. „Na also! Na also! Wunderbar! Und nun heul mal tüchtig, damit du nachher wieder lachen kannst!“
Sie machten dann doch noch einen Ritt, aber erst spät am Nachmittag. Einen kurzen. Heiner blieb daheim, er winkte ihnen nach, ohne Bedauern, Zessi am Halsband. Auch Dagmar verzichtete, damit Cornelia mitreiten konnte.
Wenn Cornelia mitritt – sie hatten ihr Pußta gegeben –, konnte sie gut daheim bleiben. Sie wußte Cornelia paßte schon auf, eine so gute Reiterin, wie sie es war.
„Komm rein, Heiner, du frierst“, sagte sie, „wir machen inzwischen ein schönes Abendbrot zurecht.“
Heiner hatte daheim angerufen. Die Eltern hatten sehr freundlich reagiert. Vater sagte, alles andere wäre Nebensache, wenn er nur gesund wäre; Mutter weinte, was Heiner nicht ausstehen konnte, er hörte es durchs Telefon und zog eine Grimasse. Vater versprach, sofort zu kommen.
Hier nun hatte sich Cornelia eingeschaltet. Sie hatte das Gespräch mitgehört und nahm Heiner den Hörer sanft aus der Hand.
„Hier spricht Frau Dr. Nolde, Kinderärztin. Ja, ich habe die Geschichte so ziemlich miterlebt“, sagte sie. „Und Heiner hat sich ganz prima benommen, er gefällt mir sehr. Darf ich Sie um etwas bitten? Kommen Sie doch bitte erst heute abend. Ich würde gern noch ein wenig mit ihm Zusammensein.“ Heiners Eltern stimmten zu.
Dann waren sie geritten, Petra, Anja und Cornelia. Dagmar und Heiner gingen in die Küche, Dagmar wollte etwas Gutes zum Abendbrot vorbereiten.
„Und wenn Zessi eines Tages Junge bekommt, kriegst du eins davon“, versprach sie Heiner. „Das setze ich bei meinen Eltern durch. Wir lassen jede Hündin einmal Junge bekommen, denn es verlängert ihr Leben. Und die kleinen Zessis sind sicher süß, noch süßer als die von unserer Willia. Möchtest du?“
„Oh, schrecklich gern. Glaubst du wirklich, deine Eltern haben nichts dagegen?“
„Bestimmt nicht. Ich glaube, das kann ich dir fest versprechen. So, da bimmelt das Telefon schon wieder. Nicht einen Augenblick hat man Ruhe!“
Sie lief hinüber, Heiner mit Zessi folgte. Er stand in der Tür, während Dagmar telefonierte. Sie lachte und antwortete, und dabei sah sie Heiner an, so strahlend froh, daß er ganz neugierig wurde. Was konnte das sein? Daß es ihn anging, merkte er deutlich.
„Aber natürlich! Mit dem größten Vergnügen –“
Endlich legte sie auf.
„Heiner, Glückskind! Und du hast zu Cornelia gesagt, du hättest um diese Jahreszeit immer Pech! Weißt du, was ich eben angeboten bekam?“
„Na?“ fragte er gespannt. Jetzt mußte ja etwas Gutes kommen, das sah er Dagmar deutlich an.
„Es war Cornelias Bekannte, du weißt schon. Sie hat das Ehepaar, dem der Papagei entflogen ist, gefunden. Und die beiden alten Leutchen sagten – na, nun rate mal!“ Dagmars Augen kobolzten vor Vergnügen.
„Was denn?“ fragte Heiner gespannt.
„Sie sagten, sie gingen nächstens ins Altersheim, und da könnten sie die Lora leider nicht mitnehmen. Wenn sich also jemand fände, bei dem sie es gut hätte –“
„Dann – dann?“
„Ich sagte, dieser Jemand sei schon gefunden. Und dieser Jemand hieße Heiner.“
„Ich darf Lora behalten?“ Heiners Stimme überschlug sich fast. „Das erlauben meine Eltern bestimmt, sie mögen doch Vögel so gern!“
„Du darfst. Und das ist doch ein Trost, und was für ein schöner! Wir sollen den Käfig abholen, und dabei wollen sie dich kennenlernen, denn sie haben ihre Lora sehr lieb und wollen natürlich gern wissen, zu wem sie kommt. Wie gut, daß dich dein Vater erst abends holt! Da können wir noch mit Cornelia dorthin fahren. Sie fährt uns bestimmt, wenn wir sie bitten!“
Gerade kamen die Reiter zurück. Man hörte ihre Stimmen, und Heiner rannte sofort in den Stall, Zessi neben sich. Dagmar folgte.
„Natürlich kommt mein festliches Abendbrot wieder nicht zustande“, sagte Dagmar und tat, als ärgere sie sich. „Na, wenn schon. Da bekommt ihr eben trocknes Brot und damit basta.“
„Das macht uns nicht soviel aus!“ juchzte Petra. „Hauptsache, Heiner kriegt den Papagei. Und später eine kleine Zessi. So eine möchte ich aber auch. Was kriegen wir denn, Anja und ich, bitte schön?“
„Einen Patsch auf den Bauch“, sagte Dagmar, „ihr werdet jetzt erst einmal füttern!“
„Sind schon dabei!“ keuchte Anja und kam mit zwei vollgestopften Heunetzen. „Denkst du, wir vergessen die Pferde? Das wäre ja noch schöner. Ich bestimmt nicht.“
„Nein, Anja. Du vergißt die Pferde nicht, nie“, sagte Cornelia und sah sie zärtlich an, „aber für die anderen leg’ ich auch die Hände ins Feuer, daß sie die Pferde nie vergessen. Es gibt einen Spruch, den finde ich sehr schön. Er hängt in manchen Ställen, schön eingerahmt. Ich möchte ihn Dagmar für ihren Stall schenken, als Dank für den schönen Tag hier bei euch.“
Sie sahen alle zu ihr hin. Cornelia sagte:
„Das lachende Wissen
daß Gott uns liebt,
solang es auf Erden
die Pferde gibt.“
Anja und der Reitverein
Was man alles wissen muß
„Los, Anja, los! Du bist dran!“ flüsterte Petra. Sie flüsterte es so laut, daß man es über mindestens drei Kilometer hätte hören können. Anja fuhr zusammen.
Sie hatte gerade bewundernd auf Gero geschaut, der an der Rosina voltigierte. Rosina, sicherlich das dickste Pferd des Reitvereins, galoppierte im Kreis, von der Longe, einer langen Leine, geführt, die der Reitlehrer in der Hand hielt, mitten im Kreis stehend. Rosina galoppierte pomadig rundherum, gleichmäßig, ergeben – sie kannte es seit Jahren, daß kleine und größere Kinder an ihr hochhampelten, auf ihrem Rücken saßen, die Schere, Fahne oder Mühle machten, manchmal standen sie auch auf oder hingen im Kosakenhang seitlich an ihr. Ein Genuß ist das nicht für ein Pferd, aber man gewöhnt sich an alles. Jetzt, da Gero heruntergeglitten war, genoß sie es sichtlich, „leer“ zu laufen. Erst, als Petra ihr noch einen gutgemeinten, aber etwas zu kräftigen Schubs gegeben hatte, stolperte Anja vorwärts, wäre beinahe gefallen, fing sich und rannte hinter Rosina her, ungefähr in Höhe von deren Schweif, vergeblich versuchend, schneller zu werden. Sie mußte ja den Ledergriff erwischen, der am Voltigiergurt angebracht war, damit man sich daran hochzog. Aber bei aller scheinbaren Gemächlichkeit war Rosina doch schneller.
„Nicht hinterherrennen! An der Longe lang!“ Wie oft mußte der Reitlehrer das den Anfängern sagen! Immer wieder, Jahr um Jahr …
„Kann man denn nicht erst einmal am stehenden Pferd versuchen hinaufzukommen?“ hatte Anja Petra gefragt, als die ersten Kinder der Voltigierabteilung an der Reihe waren. Petra lachte und schüttelte den Struwwelkopf.
„Kriegst du nicht hin! Viel zu schwer!“
Zu schwer? Und am galoppierenden Pferd? War das nicht viel, viel schwerer? Jetzt aber war keine Zeit mehr geblieben weiterzufragen, Anja mußte ran, und sie lernte damit gleich eine der allerersten Regeln, die beim Reiten gelten: Man muß immer mehr können, als man eigentlich kann. Wirf dein Herz voran und spring nach! So heißt es auch beim Voltigieren.
Der Reitlehrer winkte. Anja verstand, daß sie erst zu ihm in den Kreis laufen sollte, und gehorchte. Nun stand sie neben ihm, und er machte ihr ein Zeichen, daß sie an der Longe lang auf den Kopf von Rosina zulaufen sollte, so, wie es die anderen machten, die schon länger voltigierten. Anja gehorchte, kam an das Pferd heran, versuchte, im gleichen Schritt wie dieses zu galoppieren – auch das hatte der Reitlehrer ihr zugerufen –, und packte die Griffe. Zum Glück war sie größer als beispielsweise Gero, bei dem man überhaupt nicht dahinterkam, wie er es fertigbrachte, aufs Pferd zu kommen, winzig, wie er war. In verzweifeltem Schwung warf sie die Beine nach hinten hoch und den Kopf nach unten, wie sie es bei den anderen gesehen hatte, und, o Wunder!, auf einmal saß sie auf dem Pferd! Was sie am stehenden Pferd nie und nimmer geschafft hätte, gelang ihr am galoppierenden. Der Vorwärtsschwung im Galopp zog einen hinauf. Sprachlos und mit offenem Mund saß Anja rittlings auf Rosina, die ungerührt und gleichmäßig weiter ihre Runden drehte. Die anderen Kinder lachten laut über Anjas dummes Gesicht.
„Na? Das ist eine Überraschung, was? Mir hast du es nicht geglaubt“, sagte der Reitlehrer halblaut und lachte dabei. „Nun mach den Mund zu, es zieht. Gleich beim erstenmal raufzukommen ist schon Klasse. Laß die anderen nur lachen …“
„Und jetzt?“ fragte Anja gespannt.
„Jetzt springst du genauso ab. Beide Beine nach hinten werfen, so hoch es geht, später noch höher, und gestreckt, wie beim Barren – und dann links vom Pferd herunter. Achtung – hopp!“
Anja gehorchte, so gut sie konnte. Sie landete links neben Rosina im Kreis, versuchte, vorwärts zu laufen, fiel dann aber doch noch auf die Nase. Das tat hier in der weichen Lohe der Reithalle nicht weh. Überhaupt purzelten auch die anderen beim Voltigieren dauernd – das gehörte einfach dazu, und keiner nahm es ernst. Man tat sich dabei nicht weh, das war das merkwürdige daran.
Überhaupt war manches merkwürdig. Wie sicher man saß, obwohl das Pferd galoppierte! Anja hatte, wie die meisten Anfänger, immer gedacht, Galopp wäre etwas sehr, sehr Schwieriges, was gottlob erst später drankam, vielleicht in der zehnten oder fünfzehnten Reitstunde. Jetzt, beim Voltigieren, ritt man sozusagen überhaupt nur Galopp, wenn man Draufsitzen als Reiten bezeichnen wollte, und man saß wie auf dem stehenden Pferd. Später lernte Anja, daß Trab viel schwerer für den Anfänger war. Trab stieß einen auf und ab, und man hatte das Gefühl, seitlich hin und her zu rutschen – manche sagten, wie ein Stück Butter auf einer heißen Pellkartoffel. Galopp aber wiegte einen vor und zurück, ähnlich wie auf einem Schaukelpferd.
Dies alles überlegte Anja natürlich nicht während des Voltigierens. Da tat sie, verzweifelt entschlossen, nur das, was der Reitlehrer ihr zurief, und war jedesmal erstaunt, wenn es klappte.
Natürlich klappte nicht alles auf Anhieb. Immer muß man lernen, wenn man etwas Neues anfängt, der gute Wille allein schafft es nicht. Es gehört auch eine gewisse Erfahrung dazu, die man erst nach und nach bekommt. Zum Beispiel zu wissen, wann man mit der einen Hand losläßt, um mit der anderen herumzugreifen bei der „Mühle“. Das ist eine Übung, bei der man erst, im normalen Reitsitz, das rechte Bein über den Pferdehals nach links schwenkt, also in den Damensitz kommt; dann hebt man das linke über die Kruppe auf die andere Seite und sitzt rückwärts. Dabei muß man die Hände, die sich am Griff halten, wechseln. Das ist nicht leicht, und man lernt es erst durch das Ausprobieren.
„Merk dir: immer gerade sitzen. Nie nach vorn fallen“, sagte Petra, als Anja, nach Atem ringend, von ihrem ersten Versuch wiederkam. „Das ist überhaupt das A und O beim Reiten. Solange du aufrecht sitzt, sitzt du sicher. Freilich darfst du dabei kein Hohlkreuz machen.“ Sie lachte, als sie Anjas einigermaßen ratloses Gesicht sah. Aufrecht, aber kein Hohlkreuz, fest, aber nicht verkrampft, ruhig, aber schnell – Himmel, wer sollte das je lernen!
„Na, wir haben es ja auch begriffen, warum sollst du es nicht kapieren, du bist ja auch nicht dümmer als wir“, sagte Petra vergnügt tröstend, als Rosina am Ende der Reitstunde hinausgeführt worden war. Sie hatte Anjas hilfloses Gesicht gesehen. „Und jetzt komm mit, ich zeig’ dir alles, was zum Reitverein gehört.“
„Na, manches kenn’ ich ja schon. Den Stall – und die Reithalle“, sagte Anja, lief aber trotzdem mit. „Was gibt’s denn noch zu sehen?“
„Die Baracke. Da kann man sich umziehen, und dort kauft man auch die Reitkarten und gibt sie vor jeder Stunde ab. Das mußt du auch wissen. Und in der Baracke hängen neuerdings auch die Sättel. Früher kamen sie auf die Böcke hinter jedem Stand, auch die Kopfstücke. Aber im Stall ist es manchmal feucht, etwa wenn die Pferde im Winter abdampfen. Und das ist nicht gut für das Leder. Außerdem sind sie in der Baracke doppelt eingeschlossen, Sättel sind ja sehr kostbar. Es sind auch eine Anzahl Privatsättel dabei von Leuten, die ihre Pferde hier stehen haben. Für die ist der Verein auch haftbar.“
„Eigenes Pferd – und eigener Sattel –“, sagte Anja nachdenklich. „Ob man irgendwann auch mal –“
„Warum nicht? Man muß nur wollen. Nicht nur ‚sich wünschen‘“, sagte Petra und zog Anja mit sich fort. „Mit ‚sich wünschen‘ kommt man nicht weit. Wie viele Mädchen wünschen sich ein Pferd, aber wenn sie ein einziges Mal auf den Fuß getreten werden, brüllen sie und tun, als wären alle Zehen ab. Und wenn sie einen Eimer Wasser holen sollen, ist der das zweitemal schon so schwer, daß sie ihn nicht schleppen können und ein anderer es tun muß. Und erst Hufe auskratzen, danke schön! Das alles ist ihnen viel zu unbequem. Aber komm, jetzt zeig’ ich dir das Reiterstübel.“
An einem Ende der Reithalle, der Tür gegenüber, befand sich eine verglaste Empore. Dort standen Tische und Stühle und eine kleine Theke, wo man Kaffee, Cola oder auch ein Viertel Wein bestellen konnte, wenn man saß und in die Halle hinuntersah, wo geritten wurde. Da man dort etwas verzehren und natürlich bezahlen mußte, war Anja noch nie dort gewesen. Petra aber kannte die junge Frau, die den Kaffee kochte und die anderen Getränke ausschenkte, sie hatte ihr oft geholfen, wenn beim Turnier oder beim Weihnachtsreiten sehr viel zu tun war.
„Das ist unsere liebe, gute Toni“, stellte sie vor, „und das ist Anja, seit gestern im Reitverein. Dürfen wir Ihnen was helfen, Müllbeutel wegtragen oder –“
„Im Augenblick nicht, danke.“ Fräulein Toni lächelte. Sie kannte Petra und mochte sie sehr gern. „Ein paar Briefe könntet ihr nachher mitnehmen und einstecken, ja? Ich kann hier nämlich nicht weg. Aber nicht in die Tasche, sondern in den Briefkasten stekken, bitte schön.“
„Wir schwören! Komm, Anja, jetzt gehen wir noch zur Mutter Taube. Das ist die Mutter vom Reitlehrer, und sie wohnt hier.“ Sie drängte sich an der Theke vorbei und kletterte eine schmale und steile Treppe hinauf, Anja hinter sich herziehend. „Du mußt doch alles kennen, und gerade Mutter Taube braucht manchmal jemanden …“ Petra klopfte an eine Tür. Von drinnen hörte man ein freundliches „Herein!“.
Petra öffnete. Ein winziges Zimmer, zwei Fenster übereck, helle, bunt bezogene Möbel. Unter der Dachschräge eine Schlafcouch, am Fenster ein Großmutterstuhl, ein richtiger Ohrenbackensessel von früher, breit, gemütlich, mit Armlehnen. Auf dem Fensterbrett blaue, rote und weiße Hyazinthen, die süß dufteten. Im Lehnstuhl saß eine Frau, nicht mehr jung, aber auch noch keine Großmutter. Sie hatte kurzes, gelocktes Haar, in dessen Dunkel weiße Fädchen schimmerten, und die schönsten braunen Augen, die Anja je gesehen hatte.
„Guten Tag, Frau Taube“, rief Petra und zog Anja, die hinter ihr stand, vor den Großmuttersessel. „Das ist Anja, meine allerbeste Freundin. Und das ist die Täubin, die Mutter von unserem verehrten und gefürchteten Reitlehrer. Er war übrigens heute recht sanft und milde, sanft wie sein Name, wahrscheinlich, um Anja nicht zu vergrämen. Sie hatte ihre erste Voltigierstunde, da können Sie sich ja vorstellen, wie ihr zumute war.“
„Das kann ich.“ Frau Taube nickte, legte ihr Strickzeug aufs Fensterbrett und streckte Anja die Hand entgegen. „Wie nett, daß ihr mich besucht! Du willst also reiten lernen?“
„Ja. Furchtbar gern. Am allerliebsten von allem“, sagte Anja. Sie war kein bißchen verlegen.
„Du hattest heute die erste Stunde? Da bist du bestimmt furchtbar durstig. Petra –“
„Ich weiß, ich weiß! Himbeere oder Zitrone?“ fragte Petra eifrig, die inzwischen in einem Eck des Zimmers ein Schränkchen aufgemacht hatte. „Hier, beides da, was soll ich bringen?“
„Was möchtest du, Anja?“ fragte Frau Taube.
„Zitrone bitte, wenn ich darf. Die löscht besser“, sagte Anja. Ihr klebte die Zunge am Gaumen.
„So, hier.“ Petra stellte ein großes Glas vor Anja auf den Tisch, der neben dem Lehnstuhl stand. „Und Sie bekommen Kaffee, Frau Taube, nicht wahr? Sie möchten doch immer Kaffee.“
„Ja, bitte. Schon allein wegen des Duftes. Weißt du, Petra, daß jeder Monat bei mir einen bestimmten Duft hat? Der Februar zum Beispiel, den wir jetzt haben, duftet nach Hyazinthen und Bohnenkaffee, und die Sonne muß draußen auf den Schnee, der auf dem Fensterbrett liegt, scheinen, so wie jetzt …“
„Und sonst? Wie riecht der März?“ fragte Anja – sie hatte im März Geburtstag –, nachdem sie nach einem langen Zug das Glas geleert und abgestellt hatte.
„Was für eine Frage! Nach Veilchen! Der März ist doch der Monat der allerersten Blumen, und das sind, nach den Schneeglöckchen, die Veilchen.“
„Und zum Juni gehören die Rosen!“ rief Petra aus ihrer Kochecke heraus. „Im Juni hab’ ich Geburtstag. Ich bin ein Junikäfer!“
„Haben wirklich alle Monate einen Duft?“ fragte Anja jetzt ein wenig zweifelnd. „Der Dezember riecht bestimmt nach Kerzen und bitterem Tannenduft und Pfefferkuchen und Gutseln. Aber zum Beispiel der November?“
„Der hat auch einen ganz bestimmten Duft“, sagte Frau Taube und lachte. „Der November – weißt du, daß ich den ganz besonders liebe? Weil ihn sonst niemand leiden kann, den armen. Dabei kann er wunderschön sein, geheimnisvoll mit Nebel und gegen Ende mit dem ersten Schnee, auf den man sich ja immer so freut. Aber vorher, von Anfang an, da riecht er nach –“
„Nach?“ fragten beide Mädchen wie aus einem Mund, als Frau Taube innehielt.
„Nach neugestrichenem Ofenrohr“, sagte sie und lachte über die verblüfften Gesichter der beiden. „Man streicht doch im Herbst die Ofenrohre neu mit Silberfarbe, und wenn man dann das erstemal heizt, riecht, richtiger: stinkt es danach. Ganz unvergeßlich!“
„Wirklich?“ fragte Petra ein wenig schüchtern, die in einem Haus mit Zentralheizung aufgewachsen war. Vielleicht machte Frau Taube nur Spaß.
„Wirklich! Und nach Zusammenrücken und Gemütlichsein und Einanderliebhaben“, sagte diese ganz leise und ernsthaft. „Ich hatte eine Tante, die sagte an einem der ersten Tage mit garstigem Wetter immer: ‚Kinder, die schlechte Jahreszeit kommt, wir wollen einander noch lieber haben.‘ Das hab’ ich nie vergessen.“
„Das ist auch schön“, sagte Petra nach einem Augenblick des Schweigens. „Das gefällt mir. Und ich will es auch nicht vergessen.“
„Und der Oktober riecht nach Herbstlaub, nach Jagden über gemähte Wiesen und Stoppelfelder.“
„Hach ja, wunderbar! Vielleicht reite ich im Herbst eine Jagd mit“, sagte Petra.
Frau Taube sah sie an.
„Ich wünsch’ es dir. Ich bin viele Jagden geritten.“
„Ja? Haben Sie auch –“
„Den Fuchsschwanz erwischt? Siebenmal!“ Frau Taube nickte und deutete zum Kopfende ihrer Schlafcouch hin. „Dort hängen sie und auch die Brüche. Man bekommt doch bei jeder Jagd einen Bruch, den hebt man sich auf. Seht euch nur alles an, auf den Schleifen steht, wann es war und welche Jagden es waren. Dort eine Waldjagd, und da eine mit Meute …“
„Mit Meute?“ fragte Anja.
„Ja, man nennt das so, wenn Hunde voranlaufen. Braungefleckte Hunde, immer zwei und zwei zusammengekoppelt. Das alles wirst du noch erleben. Das alles wartet auf dich. Freust du dich?“
„O ja! Aber –“
„Was denn, aber?“ fragte Frau Taube.
„Weil Sie jetzt –“ Anja sprach nicht weiter. Frau Taube schien auch so zu verstehen, und sie nickte.
„Du meinst – nun ja. Alles zu seiner Zeit. Ich erzähl’ dir später davon, wenn es einmal paßt. Heute erzählt lieber ihr mir etwas! Wollt ihr?“
„Anja ist raufgekommen auf die Rosina, gleich beim erstenmal!“ sagte Petra eifrig, hob den Wasserkessel und goß den Kaffee auf, so daß es wunderbar bitter duftete. „Sie ist in den Weihnachtsferien das erstemal geritten. Draußen, im Gelände. Bei Bekannten. Und in der ersten Voltigierstunde kam sie sofort rauf.“
„Das ist gut. Mit Voltigieren fängt es an. Mit Voltigieren und Runterpurzeln und wieder Aufstehen und von neuem probieren …“
„Kann sie gar nicht mehr laufen?“ fragte Anja, als sie sich verabschiedet hatten und miteinander die steile Treppe hinunterstiegen. Petra sah sich um.
„Frau Taube? Doch, etwas. Aber nur sehr mühsam … Es war übrigens kein Sturz vom Pferd, sondern ein Autounfall, glaub’ ich. Aber sie ist vorher viel geritten und läßt sich überhaupt nichts anmerken. Das ist doch großartig. Tapfer sein, ohne es zu zeigen, das ist, meine ich, die allergrößte Tapferkeit. Und sie würde so gern wenigstens jeden Tag Pferde sehen, hat Toni mir mal gesagt. Dort oben wohnt sie, weil sie vom Fenster aus in den Sprunggarten gucken kann. Im Sommer, wenn die Sprungabteilung dran ist, kann sie zuschauen, und bei den Turnieren auch. Nur sind die eben nur einmal im Jahr, und das ist ein bißchen wenig. Aber im Sommer, wenn wir in der Abteilung draußen reiten, ist sie immer sehr glücklich. Und sie kann in ihrer kleinen Wohnung wenigstens ein bißchen riechen, wie eben Stall und Halle riechen. Sie kennt jedes Pferd beim Namen, weiß alle Eigenschaften, kennt alle Reitschüler. Ich mag Frau Taube sehr gern.“
„Oh, ich auch. Wir wollen sie immer besuchen, wenn wir hier sind“, sagte Anja. „Gut, daß du mich mit hergenommen hast. Viele wissen sicherlich gar nicht, daß sie dort wohnt, oder?“
„Nein, der Reitlehrer erzählt es niemandem. Sie will nicht bedauert werden. Ich hab’ es auch nur durch Zufall erfahren. Aber ich dachte, du mußt es wissen.“
„Natürlich! Und wenn du einmal keine. Zeit hast, kümmere ich mich um sie.“
„Dann ist da noch was“, erzählte Petra, als sie miteinander zum Stall hinübergingen. „Sie hat auch eine Tochter, die reitet. Die ist aber von ihr weggegangen, im bösen, verstehst du. Nach einem Streit. Frau Taube hat es mir einmal erzählt, als ich zu ihr kam und merkte, daß sie geweint hatte. Ich tat natürlich so, als ob ich nichts gesehen hätte. Aber sie fing von selbst davon an. Daß sie sich mit der Tochter zerstritten hat, weil sie ihr nicht erlauben wollte, eine Military mitzureiten. Dem Sohn hatte sie es erlaubt, oder vielmehr, er tat es einfach. Aber bei der Tochter hat sie nein gesagt und deren Nennung zurückgezogen. Die war damals noch nicht achtzehn. Weißt du, eine Military ist ein ganz schwerer und gefährlicher Geländeritt. Und da ist die Tochter abgehauen.“
„Für immer?“ fragte Anja bang.
Petra zuckte die Achseln.
„Weiß man’s? Jedenfalls im Zorn. Weg, nicht wiedergekommen. Sie ist jetzt in England. Es ist schon ein paar Jahre her.“
„Daß sie in England ist, weiß ihre Mutter?“
„Ja. Auch, wo sie wohnt. Sie hat da einen Verleihstall aufgemacht mit Ponys, einen Kinderreitstall. Sie ist vielleicht vierundzwanzig Jahre alt. Erst hat sie dort nur geholfen, jetzt leitet sie den Stall. Sie muß sehr tüchtig sein und sehr gut reiten können.“
„Und schreiben tut sie nie?“
„Doch, manchmal. Aber sehr selten. Sag nichts davon, daß ich es dir erzählt habe. Ich sag’ es auch sonst keinem. Aber ich finde, du mußt es wissen. Wir kümmern uns um sie, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Anja.
Und wenn ihre Eltern ihr einmal etwas verbieten würden, was sie sich sehr, sehr wünschte?
Aber jetzt hatten sie ihr ja erlaubt, in den Reitverein zu gehen.
Ach, der Reitverein!
Die erste Reitstunde
„So, fertig“, sagte Anja und faßte nach dem Backenstück an Wiskys Halfter, um ihn aus dem Stand zu führen.
„Halt, halt! Die Hufe müssen noch ausgekratzt werden!“ rief Petra. Sie hatte die ganze Zeit bei Wisky im Stand gestanden und beobachtet, wie Anja ihn zum Reiten fertigmachte. Erst geputzt, so sauber und blank, daß er spiegelte; dann Stallhalfter herunter und Reithalfter drauf, wobei man das Gebiß mit Liebe und Vorsicht ins Maul mogeln mußte; dann den Sattel vom Bock geholt und aufgelegt, den Gurt provisorisch angezogen, die Bügel hochgeschoben – und nun, hatte Anja gedacht, sei alles fertig. Sie hatte sich ausbedungen, jeden Handgriff selbst zu tun, Petra durfte nur zusehen, damit alles stimmte. Und nun hatte sie vergessen, die Hufe sauberzumachen!
„Richtig! Hast du einen Hufkratzer da?“ fragte sie und streckte die Hand aus. Petra bohrte in ihrer hinteren Hosentasche und brachte einen zutage.
„Mußt dir mal einen eigenen wünschen. Die sind billig – aber nie findet man einen, wenn man ihn braucht. So, nun lehn dich ein bißchen gegen das Pferd, damit es das Gewicht auf die andere Seite verlagert, und streich am Bein herunter. Dann sagst du: ‚Fuß!‘ oder: ‚Gib aus!‘, und dann gibt er den Fuß. Und dann kratzt du alles raus, was er reingestampft hat, aus einem richtig ausgekratzten Huf muß man Sekt trinken können. Ja, so ist’s richtig, auch am Rand putzen. Aber den Strahl nicht verletzen! In der Mitte geht der Strahl lang, siehst du ihn? Den darfst du nicht ankratzen. Ja, so ist es gut. Jetzt das nächste Bein.“
Anja hingen die Haare über die Augen, wie sie so gebückt dastand und an dem Riesenhuf herumhantierte. Gegen die Hufe der kleineren Pferde, die sie bei Dagmar geritten hatte, erschien ihr der von Wisky wie ein Suppenteller. Aber Wiskys Hufe waren schön gewölbt, und was er sich an Mist hineingetreten hatte, konnte man gut in Klumpen heraushebeln.
„Fein. Jetzt ist er fertig“, lobte Petra. Sie hatte ihren Flieder bereits in der Stallgasse stehen, trat jetzt zu ihm hin und nahm ihn am Halfter. „Vergiß nicht nachzugurten, ehe du aufsitzt. Und dann die richtige Bügellänge einstellen.“
„Ja, ich weiß.“ Anja hatte vor Aufregung ganz rote Backen. Heute sollte sie, nach drei Einzelstunden an der Longe, zum erstenmal richtig in der Abteilung mitreiten.
Das war seit Monaten ihr heißer Wunsch, seit sie auf der Koppel Kerlchen kennengelernt hatte, den alten, gutmütigen Fuchs mit heller Mähne, der eigentlich nur noch das Gnadenbrot bekam. Mit dem hatte sie geschmust, ihm Zucker gebracht und ihn immer wieder besucht, und auf dem hatte sie das erstemal gesessen, als Herr Anders ihn zum Stall führte. Damals war der Wunsch in ihr wachgeworden, reiten zu lernen. Und im Stall hatte sie dann Petra kennengelernt, nicht nur Petra, sondern auch die anderen Mitglieder des Reit- und Fahrvereins. Auch Cornelia, die junge Ärztin, die jetzt gerade mit ihrer Moni in die Halle kam. Cornelia ritt heute mit!
„Wieso denn? Sie gehören doch wahrhaftig nicht mehr in die Anfängerabteilung“, wunderte sich Petra, die so eben den Bügel an ihrem Flieder herunterzog und seine Länge prüfte. Man macht das, indem man den eisernen Steigbügel, der am Riemen hängt, unter die Achsel hält und dabei mit ausgestrecktem Arm nach der Schnalle fühlt, mit der man den Riemen verlängern oder verkürzen kann. Wenn die Spitze des Mittelfingers den Dorn berührt, ist die Länge richtig.
„Ich kann mich heut nur um diese Zeit freimachen. Hoffentlich erlaubt der Gestrenge, daß ich mit euch reite“, sagte Cornelia vergnügt. Sie trug keine Kappe, hatte das Haar glatt zurückgestrichen und im Nacken zusammengebunden. Ihr Gesicht sah dadurch noch klarer und, so fand Anja, noch schöner aus als sonst. Sie hatte zu der jungen Ärztin, die sich gern mit ihr und Petra abgab, eine stürmische Zuneigung gefaßt.
Cornelia ritt heute Moni, einen etwas nervösen, hochbeinigen Schimmel, der viel Araberblut haben mußte. Petra hatte ihn schon ein- oder zweimal gehabt und war nur mühsam mit ihm zurechtgekommen. Außer ihnen ritt noch die kleine Bettine auf dem Pferd ihres Vaters, dem Jagdprinz, mit. Bettine war jünger als Anja, aber schon ein paar Jahre im Reitverein. Anja hatte einen heillosen Respekt vor ihr.
Sie selbst hatte immer wildes Herzklopfen, wenn sie aufsitzen sollte, so wie schon bei Dagmar, wo die Pferde doch wirklich gutmütig und leicht zu reiten gewesen waren. Jetzt und hier aber war ihr direkt schwindlig vor Lampenfieber.
„Wart nur, wenn du erst oben bist, wird es besser“, tröstete Cornelia sie in diesem Augenblick halblaut. „Ich kann mir gut vorstellen, wie dir zumute ist. Wenn ich auf ein Pferd steige, das ich noch nicht kenne“, sie klopfte sich mit der Faust auf die Brust, „da randaliert es hier immer.“
„Bei Ihnen auch?“ Anja staunte.
„Bei mir auch. Und das wird wohl so bleiben, bis ich am Stock gehe. Weißt du, wenn es da drin nicht mehr bummert, ist das Beste sowieso vorbei.“ Sie lachte, wie nur Cornelia lachen konnte. Anja seufzte tief auf und zog den Sattelgurt noch ein Loch enger.
Dann war es wirklich so. Kaum hatte sie sich, den linken Fuß im Bügel – wie hoch so ein Pferd war! – und beide Hände am Sattel, hochgezogen und das andere Bein hinübergeschwungen, da war ihr bereits besser. Sie probierte die Bügellänge, legte die Knie an und drückte, wie Petra es ihr gesagt hatte, die Absätze nach unten. Dann nahm sie die Zügel auf. Wisky stand, ohne Zicken zu machen, und wartete darauf, daß das Kommando kam. Die andern waren auch aufgesessen, und jetzt schob der Reitlehrer die Tür auf.
Er ging von einem Pferd zum andern, prüfte Kopfstück und Enge des Gurtes, sagte hier halblaut „Zügel verdreht“ oder „Noch ein Loch nachgurten“ oder „Warum keine Gerte?“ und ging dann auf seinen Platz mitten in der Bahn. Von hier aus hieß es: „Im Schritt anreiten, auf die linke Hand gehen“, und Anja war endlich dort, wohin sie sich so lange Zeit gewünscht hatte: im Reitverein, in der Abteilung.
Die Pferde gingen lautlos in der Lohe, sie hatten sich nach Anordnung des Reitlehrers eingeordnet. Vorn – man sagt: „an der Tete“ – Moni mit Cornelia, dann Petra auf Flieder, dann Bettine mit Jagdprinz und als Schlußlicht Anja auf ihrem Wisky.
„Flotten Schritt reiten, eins, zwei, eins, zwei“, sagte der Reitlehrer, und so ging es ringsum. Anja fühlte, wie ihr Herzklopfen etwas nachließ. So viele lernten reiten, warum sollte sie es nicht lernen? Es war doch keine Hexerei, und wenn man sich alle Mühe gab, mußte es doch möglich sein.
Freilich, die Selbstverständlichkeit, mit der Bettines kleine Hände in den Reithandschuhen – echten Reithandschuhen aus Leder mit ausgespartem Rücken! – die Zügel hielten und wie sie mit den Hacken in die Seiten des Pferdes puffte, war bewundernswert, und sie zu erlangen dauerte sicherlich ein paar Jahre. Und ein sehr, sehr häufiges Reiten. Bettine ritt sicherlich jeden Tag hier, jedenfalls hatte Anja sie immer getroffen, an welchem Wochentag sie auch herkam.
„Und nun: im Arbeitstempo Terrab! Leicht traben!“ rief der Reitlehrer. Wisky, der die Kommandos natürlich seit Jahr und Tag kannte, setzte sich gehorsam in Trab, und Anja merkte jetzt den Unterschied zwischen den Pferden, die sie bisher geritten hatte, und diesem genau. Ein großes Pferd hat meist viel weitere Gänge, andererseits aber trabt es auch weicher. Anja bemühte sich, in den leichten Trab hineinzufinden, sich bei jedem zweiten Schritt emporheben zu lassen und beim nächsten niederzusitzen. Es ging erstaunlich leicht. Sie hatte durch Zufall den richtigen Fuß gefunden; man trabt auf dem inneren Fuß. Im Gelände wechselt man, trabt mal auf dem rechten, mal auf dem linken; in der Halle aber, wo es rundum geht, ist es ein schwerer Fehler, auf dem falschen Fuß zu traben.
Petra mußte das heute passiert sein, denn der Reitlehrer schnaubte sie sogleich an: „Kannst du noch nicht einmal das? Wie lange reitest du denn eigentlich?“
Petra sagte nichts, sie sah nur geradeaus. Vom Pferd aus antworten durfte man nicht, nie – es sei denn, der Reitlehrer stellte direkte Fragen. Dann mußte man genau, klar und laut antworten, nicht etwa herumstottern. Anja hatte viele Reitstunden als Zuschauer miterlebt und wußte daher einiges.
„Auf welchem Fuß trabt man, Petra?“
Das war eine exakte Frage.
„Auf dem inneren Hinterfuß.“ Petras Antwort kam sofort.
„Und das heißt?“ fragte der Reitlehrer weiter.
„Man hebt sich in dem Augenblick, in dem das Pferd das äußere Bein vornimmt.“
„Hm. Scherrit.“
Anja atmete unhörbar auf. Sie rückte sich im Sattel zurecht, drückte die Fersen von neuem nach unten und bemühte sich, kein Hohlkreuz zu machen.
Jetzt ließ der Reitlehrer Cornelia allein angaloppieren. „Hoffentlich muß ich das nachher nicht auch“, dachte Anja und folgte ihr mit den Blicken. Moni sprang in der Ecke gehorsam in den Galopp an, dann aber schien es mit ihrem Gehorsam zu Ende zu sein. Sie kürzte die nächste Ecke ab, legte sich auf das Gebiß und ging mit ihrer Reiterin davon wie das Donnerwetter. Cornelia saß tief im Sattel und versuchte, das Pferd mit dem Gewicht zu lenken. An der nächsten schmalen Seite der Halle hatte sie ihre Moni wieder in der Hand.
„Gut so, richtig, nichts durchgehen lassen“, sagte Herr Taube befriedigt. „Die Abteilung überholen, ja, so. Und noch einmal, dann auf den Zirkel gehen.“
Während Cornelia ihre Lektion ritt, gingen die anderen weiter im Schritt rundum. Endlich hieß es: „Hinten anschließen. Die nächste.“
Das war Petra. Sie hatte natürlich schon darauf gelauert. Ihr Flieder ging sofort in einen verhaltenen, gut kontrollierten Galopp; man sah die Hilfen nicht, die die Reiterin gab. Unerregt und gleichmäßig wie ein Uhrwerk absolvierte Flieder seine Aufgabe. Dann kam die Reihe an Bettine.
„Und ich? Muß ich auch – alleine –“, dachte Anja und preßte die Fäuste um die Zügel. Aber siehe da, der Reitlehrer hatte ein Einsehen.
„Jetzt der Wisky. Terrab!“ kommandierte er, und Trab war Anja schon geläufig. Sie ließ Wisky eine Runde gehen und schloß sich hinten wieder an. Herr Taube lobte sie.
„Gut so. Ganze Abteilung haalt!“
Wie die Stunde verging, wußte Anja später nicht. Gegen Ende schielte sie häufig zu der großen Uhr rüber, die neben dem Spiegel hing, erst nur prüfend, allmählich sehnsüchtig. Der Zeiger kroch – waren es immer noch zehn Minuten, die man aushalten mußte? Endlich, endlich das Kommando: „Rechts dreht, links marschiert auf.“
Nun standen die Pferde nebeneinander, die Köpfe zum Reitlehrer gewandt, und es hieß: „Absitzen.“ Anja erinnerte sich noch daran, daß Petra ihr gesagt hatte: „Nimm ja beide Füße aus den Bügeln, ehe du abspringst!“ und tat es. Lieber Himmel, wie hoch war Wisky, sie hatte das Gefühl, eine wahre Luftreise zu machen, ehe sie in der Lohe landete. Und da passierte es ihr: Sie landete zwar auf den Füßen, setzte sich dann prompt auf den Hosenboden. Alle lachten. Nein, das war kein „Verbrechen“, sondern nur ein kleines Pech. Gott sei Lob und Dank, es war alles gutgegangen!
„Na? Hast dich brav gehalten“, lobte Cornelia, als sie in die Stallgasse neben Anja trat. „Die erste Stunde, das ist immer so eine Sache. Nun hast du es hinter dir, alles ging gut. Gratuliere!“
„Danke!“
Anja war erschöpft und verschwitzt, sie fühlte die Schultern feuern und die Knie zittern, aber sie ließ sich nichts anmerken. Als sie ihr Pferd, genau wie die anderen, nach Vorschrift versorgt hatte, setzte sie sich einen Augenblick auf die Futterkiste.
„Für heute langt’s mir. Aber schön war’s doch“, sagte sie, als Petra sich mit einem „Na?“ daneben hockte. Sie sagte es mit einem seligen Gesicht. Nicht ausgestiegen, nicht einmal angeschnauzt worden – war es nicht herrlich auf der Welt?
„So, und nun gehen wir noch einen Augenblick zu dir“, sagte Cornelia, zu den beiden tretend, „ich möchte deiner Mutter guten Tag sagen. Sie hat mich gebeten, die beiden Buben anzusehen.“ Anja hatte zwei kleine Brüder, Zwillinge, noch nicht ein Jahr alt. Anja und Petra sprangen von der Kiste.
Es war immer ein Fest, wenn Cornelia ein wenig Zeit für sie hatte. Sie war erwachsen und sprach mit den Mädchen, als wären die es auch. Vernünftig, lustig, ehrlich eigenen Schwächen gegenüber – so, wie es eigentlich Erwachsene sonst nie können. Die biederten sich entweder süßlich-kindlich an oder sahen erhaben auf einen herab. Seit Cornelia durch Anja und Petra auch noch Onkel Kurt, einen Studienkameraden von früher, wiedergetroffen hatte – er war der jüngere Bruder von Anjas Vater –, war die Freundschaft der drei besiegelt. Sie gingen zu Cornelias leicht mitgenommenem rotem VW und stiegen mit ihr ein.
Anjas Mutter freute sich sehr, als Cornelia kam.
„Wie schön! Volker hustet nämlich ein bißchen, und Reinhold –“ sie zog Cornelia ins Schlafzimmer, wo die Zwillinge zur Zeit stationiert waren. Anja und Petra verdrückten sich in die Küche. Sie hatten, wie immer nach dem Reiten, Durst, und suchten eifrig nach etwas Trinkbarem.
„Du möchtest sicherlich Sprudel“, sagte Anja etwas schüchtern. „Mein Vater mag nicht, daß ich welchen trinke. Entweder Milch oder Kräutertee mit Zitrone, sagt er. Die Sprudel sind heutzutage alle mit irgendwelcher Chemie versetzt.“
„Sagt meine Mutter auch. Ich krieg’ nie welchen“, sagte Petra gleichmütig und lachte. „Trinken wir halt Milch. Wenn sie nur kalt ist. Ich hab’ vielleicht geschwitzt auf dem ollen Flieder, den man nur mit aller Kraft vorwärts kriegt.“
Anja atmete insgeheim auf. Immer hatte sie Angst, Petra könnte es bei ihnen nicht schön finden, in der kleinen Wohnung mit den Zwillingen, die ewig umsorgt werden mußten. Petra hatte zwar auch Geschwister, aber größere. Und sie wohnte in einem schönen, großen Haus, das ihren Eltern gehörte. Ihr Vater war Architekt und hatte es selbst gebaut. Anja war manchmal dort.
„Bei euch ist es gemütlich“, sagte Petra in diesem Augenblick und setzte sich mit ihrem Glas Milch aufs Fensterbrett. „Hier kann man so richtig lümmeln. Ich will später auch mal eine Wohnküche haben, Holzwände, Balken an der Decke, schwarze, weißt du, richtig urige. Und einen Herd, in den man noch Holz stecken kann, Reisig, das so prasselt, wenn es richtig dürr ist. Nicht bloß so elektrische Sachen, an denen man knipst, und alles ist fertig.“
„Unser Herd ist aber auch elektrisch“, sagte Anja vorsichtig. Petra lachte.
„Ja, aber sonst ist es schön hier. Vor allem so nah bis zum Reitverein! Ich muß immer erst wer weiß wie weit radeln. Ich würde gern hier wohnen.“
Gerade kamen Mutter und Cornelia herein, jede trug einen der Zwillinge auf dem Arm. Petra sprang vom Fensterbrett und nahm der Mutter Volker ab.
„Welcher ist es denn? Max oder Moritz? Ich werde sie in alle Ewigkeit nicht unterscheiden können.“
„Sie heißen gar nicht –“
„Max und Moritz, weiß ich doch. Volker und Reinhold heißen sie. Aber mit den zweiten Namen hätte ich sie wenigstens Max und Moritz genannt. Ich wünsche mir später auch mal Zwillinge. Die nenn’ ich dann so.“
„Und wenn es Mädchen werden?“ fragte Cornelia amüsiert. Sie mochte Petras sprudelnde Lebhaftigkeit sehr.
„Dann heißen sie – herrjeh, jetzt fällt mir nichts ein! Oder doch, ja – die eine Cornelia, das steht fest. Und Sie müssen Pate sein. Und die andere – fix, sagt doch mal einen Namen, der dazu paßt!“
„Amalia“, schlug Mutter vor. Petra platzte fast vor Lachen.
„Amalia, die Kanallia, mit der engen Talia! Abgekürzt heißen sie dann Corni und Ami. Nein, dann lieber Max und Moritz. – Anja ist heute das erstemal in der Abteilung mitgeritten“, sagte sie dann.
Sie fand, Anjas Mutter müsse das wissen. Es war so wichtig.
„Und?“ fragte diese denn auch sofort gespannt.
„Sie hat es großartig gemacht, ganz toll. Keinen Schnitzer“, sagte Cornelia.
Anja wurde rot.
„Ich brauchte auch nicht zu galoppieren wie die anderen, allein an der Abteilung vorbei“, stammelte sie. Das mußte Mutter schließlich auch wissen.
Mutter sah sie an.
„Fein, Anja“, sagte sie herzlich. „Du, mein Kind, ich muß das unbedingt mal selber sehen. Darf man zusehen kommen? Wenn ich jemanden finde, der mir die beiden Kleinen solange versorgt, komm’ ich zur nächsten Reitstunde mit. Heute in acht Tagen, ja? Darf ich?“
Nun erst fand Anja, daß die erste Reitstunde im Reitverein wirklich schön gewesen war.
… und die erste Fahrstunde
„Was bringst du denn da angeschleppt?“ fragte Herr Anders, als er, um den Stall herumkommend, Petra begegnete. Er war in Hut und Mantel und sah sehr „städtisch“ aus; er hatte heute frei. Petra zog pustend und schnaufend einen merkwürdigen Wagen hinter sich her; zweirädrig, nicht mehr neu, aus Holz, mit Motorrad-Rädern und einer Scherendeichsel aus Leichtmetall.
Anja schob hinten. Beide waren ziemlich atemlos und blieben stehen, als Herr Anders, der Pferdepfleger, sie anredete.
„Einen Dogcart, geschenkt bekommen“, meldete Petra und wischte sich über das Gesicht. „Sogar mit Geschirr. Von Bekannten, die früher Pferde hatten. Schön, nicht wahr?“
„Sehr schön. Und den habt ihr durch die ganze Stadt geschleppt?“
„Nur durch die halbe. Gott sei Dank wohnen die Leute nicht am andern Ende. Trotzdem –“
„Trotzdem. Na, wir werden sehen, was damit zu machen ist“, meinte Herr Anders und ging weiter.
„Nun können wir den Wagen ausprobieren“, sagte Petra zu Anja, die wieder anschob, und nahm die Deichseln auf. „Beim erstenmal ist es vielleicht gut, wenn wir es ohne Erwachsene probieren. Die sehen ja überall nur Schwierigkeiten, wo keine sind.“
Anja schob schweigend weiter. Sie war immer einverstanden, wenn Petra etwas ausheckte; Petra war zwei Jahre älter als sie und seit eh und je im Reitverein. Wenn sie also sagte, sie wollten es ohne Erwachsene probieren, dann war es wohl das richtige. Obwohl – ein kleines Bedenken schlummerte in ihrem Herzen, aber sie drängte es tapfer beiseite. Aufatmend stellten sie den Wagen vor dem Stall ab.
„So, das wäre geschafft. Was wir alles für den Reitverein tun!“ sagte Petra. „Die wissen gar nicht, was sie an uns haben. Mal sehen, ob noch jemand da ist.“ Heute war Montag, Stehtag, wie in allen Reitvereinen. Da viele Leute nur sonntags zum Reiten kommen können, wird an diesem Tag oft von früh um sechs an geritten und auch nachmittags, je nachdem, wie viele Interessenten kommen. Dafür ist Montag Ruhetag für die Pferde. Wer gern ausgeruhte, muntere Reitpferde haben will, schreibt sich für die Stunden am Dienstag ein. Petra wußte das natürlich. Heute war deshalb kein Mensch zu sehen.
„Fein, paßt wunderbar“, sagte sie, „vor dem Abendfüttern ist Herr Anders nicht wieder hier. Komm, wir holen uns Kerlchen.“
„Warum gerade Kerlchen?“ fragte Anja.
„Na ja, ich möchte nicht gern ausgerechnet die Moni einspannen. Womöglich geht sie die ganze Zeit auf zwei Beinen. Ob sie jemals vorm Wagen gegangen ist, weiß ich nicht. Kerlchen aber –“
„Meinst du, Kerlchen war früher ein Wagenpferd?“
„Wenn nicht, wird er es jetzt. Ich bin entschlossen, mit ihm zu fahren. Brav und friedlich, wie er ist, wird er uns keine Schwierigkeiten machen.“
„Na schön.“ Anja war nicht ganz wohl zumute, als Petra den alten guten Kerlchen aus dem Stand holte, ihm das Kopfstück überstülpte und ihn dann vor den Dogcart führte. Aber Petra mußte es ja wissen.
Sie legten ihm den Kammdeckel auf und schnallten ihn unterm Bauch fest, streiften das Brustgeschirr über und schnallten an den Zugsträngen herum, bis sie die richtige Länge zu haben schienen. Das dauerte eine Weile. Sie probierten hin und her, und dann hing in der Mitte noch ein Stück Riemen herunter, mit dem sie nichts anzufangen wußten.
„Der ist unnötig. Da sieht man mal wieder, wie man Leder sparen könnte“, brummte Petra vor sich hin. „Aber abmachen können wir ihn auch nicht, er ist angenäht. Na, soll er hängen. So, wo ist die Peitsche? Jetzt geht’s los.“
„Wozu denn die Peitsche?“ fragte Anja besorgt. „Du willst doch nicht etwa einen Schnelligkeitsrekord aufstellen?“
„Ach wo. Nur, zum Fahren, merk dir, gehört eine Peitsche. Du weißt ja, wir sind nicht im Reitverein, sondern im Reit- und Fahrverein. Da muß man auch vorschriftsmäßig fahren. Nach Achenbach, verstehst du.“
„Achenbach?“
„Das erklär’ ich dir später. Los, steig ein.“
„Soll ich nicht lieber …“
„Nebenherlaufen? Anja! Reiten lernt man nur vom Reiten, das weißt du ja, und mit dem Fahren ist es ebenso. Also: Willst du oder willst du nicht?“
Sie selbst war schon auf den Wagen hinaufgeturnt und hob die Zügel, damit Anja darunter durchschlüpfen konnte. Anja überwand das letzte Zögern und tat es ihr gleich. Nun saßen sie nebeneinander, Petra rechts, Anja links, Petra die Zügel in beiden Händen.
„Setz dich lieber rechts hin und übernimm die Bremse. Wenn es nötig sein sollte“, sagte Petra. „Da, die Drehbremse. Versuch sie mal. Ja, so. Sehr schön. Quietschen tut sie, wir müssen sie nachher ölen. Also, Kerlchen, nun kann’s losgehen!“
Sie schnalzte mit der Zunge und berührte Kerlchens Flanke mit der Peitsche. Das Pferd zog gehorsam an. Petra lenkte ihn an der Reithalle bergab, langsam und vorsichtig, und bog dann in den kleinen Weg ein, der um den Sprunggarten führte.
„So ist’s recht, guter Kerlchen, brav, brav. Und jetzt – Terrab!“
Sie hatten den ebenen Weg erreicht, und Kerlchen setzte sich, ohne zu zögern, in Trab. Petra strahlte.
„Siehst du. Er ist ganz vortrefflich eingefahren. Das merkt der Fachmann sofort. Na, wie findest du es?“
„Wunderbar“, seufzte Anja. Dann drehte sie den Kopf.
„Ob Frau Taube uns sieht? Dort oben sind ihre Fenster. Frau Taube, juhu!“ Sie wagte nicht, richtig laut zu rufen, um Kerlchen nicht zu erschrecken. Aber mit der linken Hand konnte sie ein bißchen winken, die rechte lag an der Bremse. Und es war ihr auch, als winkte es oben hinter der Scheibe zurück. Genau konnte sie es nicht erkennen, denn sie guckte immer nur ganz schnell hinauf und dann wieder auf das Pferd.
Einmal sanken sie plötzlich beide weit nach hinten auf ihrem Sitz, und die Deichseln gingen hoch.
„Huch!“ schrie Anja. Petra aber hatte sich geistesgegenwärtig sofort nach vorn gebeugt und erlangte dadurch das Gleichgewicht des Wagens wieder.
„Na, so was. Das darf doch nicht vorkommen“, murmelte sie. „Wir müssen es beim Sitzen ausbalancieren, damit es nicht wieder passiert. Ja, so geht’s.“
Auf dem Weg war der Schnee festgestampft und hart, auf den Wiesen rechts und links lag er noch locker. Es fuhr sich schön, Kerlchen trabte, eins, zwei, eins, zwei, als wäre er im Leben nie anders als vor der Kutsche gegangen, und die beiden Mädchen wurden immer vergnügter.
„Wenn Herr Anders wiederkommt, erzählen wir es ihm“, sagte Petra, „oder wir fahren ihn mal aus. Er ist alt und sollte doch endlich einmal so richtig verwöhnt werden.“
„Ja, und weißt du, wen wir auch mal ausfahren müßten? Frau Taube. Die kommt doch überhaupt nicht aus der Bude.“
„Wenn man sie nur die Treppe runterkriegte“, sagte Petra und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ein paar Schritte gehen kann sie ja, also meinetwegen bis zum Wagen, das würde schon reichen. Nur unten müßten wir sie erst mal haben.“
Der Weg bog jetzt nach links ab und in den Wald hinein.
„Für Autos und Motorräder verboten, genau das, was wir brauchen“, sagte Petra zufrieden, „für Anlieger frei, das macht uns nichts. Hier gibt’s bestimmt wenig Anlieger.“
Sie zottelten dahin, Kerlchen in gleichmäßigem, ruhigem Trab, ganz, als habe er wirklich nichts anderes im Leben getan, als den Dogcart gezogen.
„Vielleicht war er mal ein Milchpferd“, sagte Petra versonnen.
„Was ist denn das?“ fragte Anja.
„Na, halt ein Pferd vor dem Milchwagen. Früher wurde die Milch doch ausgefahren, und der Kutscher hatte eine große Schelle, mit der klingelte er. Dann kamen die Hausfrauen mit ihren Kannen und kauften. Sehr hygienisch war das nicht, weil der ganze Staub und Dreck von der Straße mit hineinflog, aber lustig. Jetzt ist die Milch steril verpackt. Ich würde lieber an einem Milchwagen kaufen.“
„Ich auch. Vieles muß früher komischer gewesen sein“, sagte Anja. „Wenn mein Vater manchmal ins Erzählen kommt –“
„So, jetzt drehen wir um. Du, ich glaub’, dazu steigen wir lieber aus“, sagte Petra. „Ein Dogcart, der nur zwei Räder hat, dreht zwar auf der Stelle, aber vielleicht –“ Sie war schon abgesprungen, Anja folgte. „Brav, Kerlchen, und jetzt schön nach links, ja, so.“
Kerlchen wendete. Er trat erst vorsichtig im Kreis, dann aber, als ihm klarzuwerden schien, daß es nun heimwärts ging, zog er gewaltig an.
„Langsam, langsam – warte –“Petra stemmte sich gegen den Zügel, aber Kerlchen schien das mißzuverstehen. Er ruckte herum, nein, jetzt wollte er heim. So ein Pferd, auch wenn es alt und gutmütig ist, hat schon seine Kraft. Einen Augenblick kämpften sie beide, Petra und Kerlchen, miteinander, dann siegte Kerlchen. Er bog ganz kurz um, der Dogcart kippte auf das äußere Rad, das innere ging hoch, und bums lag der Wagen auf der Seite. Kerlchen erschrak und zog mit einem Ruck an. Petra ließ den Zügel nicht los, wurde aber mit vorwärts gerissen.
„Halt, halt!“ schrie Anja, aber mit Schreien war natürlich nichts geholfen. Sie rannte also hinterher und griff nach der Lehne des Sitzes, die jetzt senkrecht stand, erwischte sie auch und versuchte, den Wagen zu bremsen. Der schleifte, halb umgekippt, hinter dem Pferd her, das jetzt ganz gedreht hatte und in eiligem Trab, viel schneller als vorhin, der Heimat zustrebte, die beiden Mädchen hinter sich herziehend. Beide versuchten abzustoppen, aber sie konnten gegen den Stalldrang des Pferdes nicht viel ausrichten.
„Halt, halt! Brrrr, du Himmelsziege! Du darfst ja heim, aber erst –“
Nun kam die Kurve, und das in diesem Tempo. Petra hatte sie vorausberechnet, war etwas seitwärts gesprungen und kam auch gut herum. Anja wurde zur Seite geschleudert, hing einen Augenblick am Wagen, beide Beine hinter sich herschleifend, und ließ dann doch los. Nun lag sie auf dem Bauch. Doch sie rappelte sich so schnell wie möglich auf und versuchte, dem Fahrzeug nachzurennen, mußte aber aufgeben. Beide Knie wollten nicht recht, sie taten sehr weh, aber gebrochen war nichts, das merkte Anja gleich. Sie humpelte, so gut es eben ging, dem entschwindenden Wagen nach.
Petra dagegen ließ nicht los. Mehr geschleudert als gezogen, riß es sie am Sprunggarten vorbei, den kleinen Weg zur Halle hin. Dort ging es, gottlob, ziemlich steil bergauf. Da wurde auch Kerlchen das Ziehen des umgekippten Wagens zuviel; er fiel erst in Schritt und blieb dann sogar stehen. Petra auch. Sie pustete.
„Du bist mir der Rechte. Erst tust du so, als wärst du ein Leben lang Wagenpferd gewesen, und bei der ersten Gelegenheit … Wo ist übrigens Anja geblieben. Die haben wir wohl verloren. Anja, lebst du noch?“ rief sie nach hinten.
„Ja! Ich komme!“
„Na, du siehst ja ganz hübsch geküßt aus“, fand Petra, als Anja herangehinkt kam. „Warum steckst du eigentlich die Nase in den einzigen Haufen Pferdeknetel, der auf dem ganzen Weg zu finden war?“
Anjas Gesicht sah nämlich nicht ganz so sauber aus wie vorher, als sie losfuhren. Sie wischte mit dem Ärmel drüber.
„Dumme Frage. Das war weicher als die Straße“, brummte sie und spuckte ein bißchen. „In den Mund hätte ich es ja nicht zu nehmen brauchen …“
„Find’ ich auch. Also los, erst mal den Wagen aufgestellt. Oder spannen wir lieber vorher aus?“
Das erwies sich als das klügere. Die eine Deichsel war stark verbogen – zum Glück waren es Leichtmetalldeichseln und keine hölzernen.
„Die wären womöglich gesplittert, und das hätte Kerlchen verletzen können“, sagte Petra und bekam noch im nachhinein weiche Knie, wie sie sagte. „Mensch, wenn der Wagen kaputt ist, das macht nichts. Oder du oder ich. Aber Kerlchen – dem durfte nichts passieren.“
Petra hatte das Geschirr abgemacht und hob es dem Pferd über den Kopf. Dann nahm sie Kerlchen am Halfter.
„Komm, mein Süßer. Da hat der heilige Georg aber gut aufgepaßt, daß dir nichts passiert ist.“
Sie führte ihn den Weg hinauf in den Stall. Anja folgte mit dem Geschirr. Das hängte sie dann hinter die Tür und sah ihre Knie an.
„Die Hosenbeine sind durch. Nur gut, daß es meine alte Hose ist und nicht die Reithose.“
„Na, überhaupt. Glück haben wir schon gehabt. Der Wagen ist auch noch ganz, bis auf die verbogene Deichsel.“
„Das Sitzkissen haben wir verloren“, sagte Anja. „Ich geh’ es holen. Nein, laß mal, ich kann schon. Versuch du, die Deichsel geradezubiegen.“ Anja humpelte davon. Es ging bei jedem Schritt besser. Brennen tat es natürlich noch, aber wenn schon. Sie wanderte den Weg zurück, hob das Kissen auf und kehrte damit um. Während sie so ging und zur Reithalle hinaufsah, fiel ihr etwas auf. Sie blieb stehen und blickte genauer hin – das war doch Frau Taube, die da am Fenster winkte! Anja winkte zurück, setzte sich dann in Trab und kam im Stall an, als Petra eben den letzten Handgriff an Kerlchen getan hatte.
„Du, Frau Taube winkt. Wir gehen mal zu ihr.“
„Wahrscheinlich hat sie uns und unsere Fahrt ins Grüne beobachtet. Ach, die petzt schon nicht. Komm, los!“
Miteinander liefen sie über den festgetretenen Schnee der Halle zu.
Lauter Pläne
„Na, ihr beiden? Kommt nur ruhig näher, ich freu’ mich sehr, daß ihr mich besucht“, sagte Frau Taube. Sie saß im Lehnstuhl und hatte vor sich auf dem Tischchen einen Kasten stehen, dessen Deckel zurückgeschlagen war. Petra machte den Hals lang, dann lachte sie.
„Verbandszeug! Was Sie nicht immer alles parat haben. Und immer genau das Richtige!“
„Kunststück! Ich habe ja aus dem Fenster geguckt. Und hinter mir im Regal steht alles, was ich so brauche: Bücher und Nähzeug, Verbandsachen und Papier und Kulis zum Schreiben. Mein Sohn räumt mir das immer alles ein, jeden Tag fragt er: ‚Was geruhen Eure Hoheit heute zu tun?‘ Und dann legt er mir alles griffbereit hin.“
„Und heute wußte er –“
„Daß ihr einen Dogcart-Ausflug mit Kerlchen machen würdet? Nein, in die Zukunft sehen kann er nicht. Aber der Verbandskasten steht immer vorne an. Und nun her mit den Knien, Anja.“
Anja kam heran. Frau Taube hatte eine so freundliche, herzliche Art, daß das gar nicht peinlich war. Sie wollte die Hosenbeine hochschieben, aber Frau Taube winkte ab.
„Ganz ausziehen, anders geht es nicht. Ich muß ja auch die Hosen flikken, nicht nur die Knie.“
Die waren ganz schön aufgeschürft. Frau Taube drückte Salbe auf ein breites Pflaster und klebte das auf das eine Knie, wickelte eine Mullbinde darum und tat dann dasselbe mit dem anderen. Danach fädelte sie einen dunklen Faden ein und ließ sich die beschädigte Hose reichen.
„Damit deine Mutter nicht in Ohnmacht fällt.“
Petra hatte inzwischen Kaffee gekocht. Sie brachte ihn herüber. Frau Taube lachte.
„Danke dir. Alles hat sein Gutes. Wenn ihr nicht mit dem Dogcart umgeschmissen hättet, bekäme ich jetzt keinen Kaffee.“
„Werden Sie es erzählen?“ fragte Petra gespannt.
„Daß du mir Kaffee gekocht hast? Vielleicht“, sagte Frau Taube harmlos. Petra lachte.
„Das doch nicht. Das mit Kerlchen – daß wir ihn genommen haben, heimlich.“
„So heimlich war das doch gar nicht. Wenn niemand hier ist, kann man ja niemanden fragen“, sagte Frau Taube. „Nein, ich werde nicht petzen“, setzte sie in anderem Ton hinzu. „Warum sollte ich auch. Ist ja alles gutgegangen.“
„Na, so gut auch wieder nicht. Ich hatte gedacht, so ein Wagen ist sicherer. Wir würden Sie nämlich gern einmal damit ausfahren“, sagte Petra jetzt geradeheraus, setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und betrachtete ihre Hände von innen. „Anja wird natürlich verbunden und gesalbt, und mit ihr wird ‚ei, ei‘ gemacht, aber ob Petra Wunden davongetragen hat, darum kümmert sich kein –“ Sie hielt inne.
„Kein?“ fragte Frau Taube verschmitzt.
„Kein – kein Täubchen“, sagte Petra vergnügt. „Hatten Sie etwas anderes erwartet? Ist übrigens nicht schlimm. Nein, braucht nicht verbunden zu werden. Das würde nur auffallen. – Ja, wir hätten Sie gern spazierengefahren, aber jetzt, wo Sie gesehen haben, wie leicht so ein Dogcart kippt, da wird Ihnen wohl die Lust vergangen sein.“
„Ach was, mehr als rausfliegen kann man nicht“, sagte Frau Taube und nahm sich das zweite Hosenbein vor. „Ich müßte eben nur unten wohnen. Dann führe ich sofort mit euch. Aber zu ebener Erde gibt es leider keine Dachstübchen, so ist das im Leben.“
„Und umziehen möchten Sie nicht?“ fragte Petra.
„Nein, denk mal an. Ich hab’ mich hier sehr gut eingewöhnt, und im Sommer sehe ich ja auch mehr. – Zieht mal die Schublade dort auf, die zweite von der Kommode, und guckt hinein. Da muß noch was Süßes drin sein, ein Kasten mit Keksen. Ja, dort. Also wie wär’s? Wenn ihr mich schon mal besucht …“
„Du, die wäre wirklich gern mitgefahren. Das heißt, sie möchte das immer noch“, sagte Petra, als sie nach einer Weile miteinander die Treppe hinunterstiegen. „Wir müssen mal gut überlegen, wie wir ihr helfen könnten. Sie ist wirklich ein Schatz.“
„Und sie petzt bestimmt nicht. Kerlchen ist ja auch nichts passiert“, sagte Anja. Nebeneinander rannten sie über den Platz vor dem Stall. Petra holte ihr Fahrrad, das an der hinteren Stallwand lehnte, und befahl: „Los, auf den Gepäckträger! Ich fahr’ dich heim. Es ist schon wieder so spät.“
Spät wurde es immer, wenn man im Reitverein war. Das sagte auch Mutter, als Anja heimkam. Anja brummte, sie wäre heute gar nicht geritten, und dann erzählte sie von der Mutter des Reitlehrers, die sie besucht und der sie Kaffee gekocht hatten. Mutter schwieg. Ganz überzeugt von Anjas Edelmut war sie anscheinend aber nicht.
Ach ja, der Reitverein.
Schularbeiten waren auch noch nicht gemacht, das aber fiel Anja erst ein, als Mutter sie zum Einkaufen schicken wollte. Da wurde Mutter ärgerlich und schalt, und Anja bockte. In diese reizende Familienszene hinein platzten Vater und Onkel Kurt, den er vor dem Haus getroffen und dem er ein lustiges Abendessen versprochen hatte. Das paßte ja wundervoll.
„Ich fürchte, hier hängt der Haussegen schief“, sagte Onkel Kurt, zog den Kopf ein und machte ein Gesicht, als stünde er allein auf weiter Flur unter einem Gewitter, das sich haargenau über seinem Kopf entlud. „Bei so was hilft nur Tapetenwechsel. Darf ich was vorschlagen? Ich ruf’ Cornelia an, daß wir sie allesamt zum Abendbrot überraschen und die Hähnchen dazu mitbringen. Die beiden Kleinen werden mitgenommen, damit Mutter sich keine Gedanken machen muß. Na, was meint ihr?“
„Wundervoll“, sagte Vater und öffnete die Tür zu seinem Zimmer. „Bitte ruf an. Cornelia wird vor Freude auf einem Bein hüpfen, wenn sie hört, daß wir zu sechst kommen.“
„Du wirst lachen, sie freut sich wirklich!“ verkündete Onkel Kurt, nachdem er mindestens eine Viertelstunde am Telefon „geturtelt“ hatte. „Auf geht’s, schlüpft in die Pelze, und steigt in meinen Rolls-Royce, der vor der Tür wartet. Ich fahre dann am Wienerwald vorbei und besorge die Flattermänner. Wie ist das, essen die Buben jeder schon ein ganzes Hähnchen, oder genügt ihnen ein halbes?“
Anja kannte Cornelias Wohnung noch nicht und war sehr gespannt darauf. Schade nur, daß Petra nicht dabei war! Aber mit Petra ging sie bestimmt bald einmal hin.
Die Wohnung lag im Westen der Stadt in einem neuen Viertel. Sie war klein, aber hell und reizend eingerichtet. Cornelia hatte bereits den Tisch gedeckt, Papierservietten gefaltet und Brot zurechtgestellt. Auch ein paar Flaschen Rotwein standen auf dem Tisch.
Auf einmal war alles gut. Sie saßen und knabberten ihre Hähnchen, während die Zwillinge auf dem Teppich herumkrochen.
„Das dürfen sie ruhig“, sagte Cornelia, „der Teppich ist gerade heute erst aus der Reinigung zurückgekommen. Und einen Hund habe ich nicht, leider. In diesem Falle allerdings …“
„Dafür hab’ ich ja genug Hunde“, sagte Onkel Kurt und wurde im selben Augenblick so rot, daß sich alle fast vor Lachen verschluckten. Seine Verlobung mit Cornelia lag seit ein paar Wochen so sichtbar in der Luft, daß sich dauernd jemand versprach. Warum gaben sie sie auch nicht zu!
Natürlich kam die Unterhaltung auch auf den Reitverein, und Cornelia fragte, was sie anziehen sollte. Es war nämlich üblich, daß am Faschingsdienstag verkleidet geritten wurde. Voriges Jahr war der Reitlehrer als Frau gekommen, mit einem Sommerkleid über den Reitstiefeln, zum Schießen komisch. Es war jedes Jahr ein großer Spaß.
Mutter schlug vor, Anja könnte ja als Heinzelmännchen gehen, weil sie daheim so ungeheuer fleißig sei und ihr jede Arbeit aus der Hand nähme, und Anja brachte es fertig, nicht einzuschnappen, sondern fröhlich und freundlich die Teller einzusammeln, als alle fertig waren, die Papierservietten fortzunehmen, ein neues Tischtuch zu holen und all das so hübsch und nett und geschickt zu tun, daß alle sie lobten.
„So ist sie zu Hause nie“, flüsterte Mutter, als sie einmal in der Küche war und es nicht hören konnte, halb stolz, halb kummervoll. Cornelia lachte und drückte Mutters Arm.
„Das ist nun mal so auf der Welt. Kennen Sie nicht die Geschichte von den beiden Familien mit größeren Kindern, die jede in eine neue Wohnung ziehen, einander gegenüber. Die Mutter hofft nun, daß ihr Sohn ihr wenigstens die Lampen installiert. Aber nein, er denkt nicht daran und ist dauernd weg, wenn man ihn braucht. Dafür kommt zum Glück der Sohn der anderen Familie, der bereits einer der Töchter tief in die Augen gesehen hat, und hilft. Eines Tages erzählt die Mutter das der anderen Mutter. Die lacht.
„Sie sagen, mein Sohn hat Ihnen geholfen, als Sie hier einzogen? Wissen Sie, was Ihrer tat? Er hat drüben bei mir alle Lampen installiert, tadellos und ohne daß ich darum bat. Er war so hilfsbereit und nett, nur meinen eigenen bekam ich nicht zu sehen. Bei ihm habe ich so was noch nie erlebt.“
Alle lachten über diese hübsche Geschichte.
„Ja, als was werden Sie sich nun verkleiden zum Faschingsreiten?“ fragt Vater dann Cornelia und goß ihr ein. „Haben Sie schon ein Kostüm in Aussicht?“
„Als Fee“, schoß Onkel Kurt los, gleich darauf wurde er wieder rot vor Verlegenheit. Alle wußten ja, wie verliebt er in Cornelia war, aber alle meinten, sie müßten so tun, als merkten sie es nicht.
„Ich weiß nicht, ob man als Fee gut reiten kann“, sagte Cornelia. „Mit so flatternden Gewändern um einen herum, oder nicht?“ sagte Vater trocken. „Sag, Anja, als was will Petra denn eigentlich gehen, die hat doch immer so herrliche Ideen.“
„Sie weiß schon, als was! Als Kosak. Sie kann doch den Kosakenhang – man hängt seitlich am Pferd, den Kopf nach unten, ein Bein in der Schlinge und eins nach oben gestreckt!“ sagte Anja. „Und mich hat sie gefragt, ob ich nicht Cowboy sein will. Das ist zwar ein Kostüm, was viele tragen, aber wir könnten uns dazu den Westernsattel von Dagmar borgen. Die hat einen echten. Und Cowboy ist leicht zu machen. Zu Jeans einfach eine karierte Bluse, wenn’s geht, eine Weste dazu, Hüte gibt’s aus Pappe.“
„Halt, halt! Ich besitze einen echten Westernhut, den borg’ ich dir“, fiel hier Onkel Kurt ein. „Ich war doch mal in Amerika, von dort habe ich ihn mitgebracht.“
„Wunderbar! Und als Lasso nehme ich eine Wäscheleine.“
„So eine moderne, ganz dünne aus Perlon“, neckte Cornelia, „die man nicht sieht?“
„Nein, eine altmodische. Und einen Colt muß ich mir besorgen.“
„Den kriegst du auch von mir“, versprach Onkel Kurt. „Einen echten, aber ungeladen. Knallen kannst du nicht damit.“
„Das will ich ja gar nicht. Nie würde ich das tun, da könnten die Pferde doch erschrecken. Nein, erschrecken darf man Pferde nie.“
Anja konnte es kaum erwarten, Petra dies alles zu erzählen. Am anderen Tag suchte sie auf dem Schulhof so lange, bis sie die Freundin erwischte.
Und nun schüttete sie ihre ganze Begeisterung über Petra aus.
Die hörte mit funkelnden Augen zu. „Machen wir. Wir müssen am schönsten verkleidet sein, du und ich und natürlich Cornelia. Meinen Kosakenkittel näht Frau Taube, das hat sie mir schon vor einem Jahr versprochen. Das heißt, sie hat einen, den macht sie mir enger. Ich sollte ihn schon voriges Jahr tragen, aber da ging ich als Teufel. Weißt du, Frau Taube müßte beim Faschingsreiten zusehen können. Sie möchte es so gern. Vielleicht reiten wir ja draußen, wenn das Wetter danach ist. Aber womöglich regnet es. Schnee wäre ja nicht so schlimm. Im Regen findet das Faschingsreiten aber bestimmt in der Halle statt.“
„Ja, auf den Petrus ist kein Verlaß.“ Sie standen da und sahen einander nachdenklich an.
„Man müßte …“
„… mit dem Reitlehrer sprechen!“ schlug Anja vor. „Ihn bitten …“
„Ich weiß nicht. Ich finde, wir sollten es ohne ihn versuchen. Bei allen Festen – Turnier oder Weihnachtsreiten oder so – ist er immer furchtbar beschäftigt und entsetzlich streng. Nein, besser, wir finden allein eine Möglichkeit.“
„Vielleicht könnten wir …“
„Jetzt weiß ich was!“ unterbrach Petra Anja. „Jetzt – also hör mal zu! Wir besorgen uns …“Da schrillte die Schulglocke: Pause vorbei. Alles drängte dem Tor zu. Petra verdrehte die Augen auf eine komisch-verzweifelte Art.
„Immer, wenn man was Wichtiges bespricht, kommt die blöde Schule dazwischen! Ich muß sofort in meine Klasse, wir schreiben jetzt eine Arbeit. Aber ich weiß was ganz Schönes! Ich erzähl’ es dir heute nachmittag. Bist du im Reitverein?“
„Klar! Und du weißt wirklich was?“
„Ja. Ich hab’ einen tollen Plan. Du kannst dich schon vorfreuen.“
Damit war Petra verschwunden, untergegangen im Schwarm der anderen Schüler. Anja ließ sich vom Sog der Hineindrängenden mitziehen. Petra fand ja immer einen Weg …
Faschingsreiten
„Nein, Petra, ich kann jetzt wirklich nicht weg!“
Anjas Stimme klang verzweifelt. Sie saß daheim, Mutter hatte ihr die Zwillinge übergeben; sie mußte aus irgendeinem dringenden Grund zur Krankenkasse. Die befand sich nicht hier in der Wohnsiedlungsgegend, sondern in der Stadt, und da wollte Mutter gleich einen Großeinkauf anschließen und sich von Vater abholen lassen, damit er ihr tragen helfe. Anja konnte wahrhaftig nicht weg.
„Deuwel noch mal“, sagte Petra. Man sah durchs Telefon, wie sie an ihrem gekrümmten Zeigefinger nagte. Das tat sie immer, wenn sie scharf nachdachte. „Überhaupt nicht weg? Auch nicht für eine Viertelstunde? Ich bin nicht sehr weit von eurem Haus entfernt. Ich habe bei Bekannten was abgeholt. Kannst du denn wirklich nicht – du mußt mir nämlich tragen helfen. Es ist was ganz Wichtiges. Du wirst staunen.“
„Für den Fasching?“
Morgen fand das Faschingsreiten statt. Anja schob den einen Zwilling, der sich am Tischbein aufzurichten versuchte, mit der einen Hand weg, während sie mit der anderen den Hörer umklammerte. Gleich darauf hatte Volker trotzdem das etwas herunterhängende Tischtuch erwischt und so erfolgreich daran gezogen, daß sich alles, was auf dem Tisch gestanden hatte, samt Decke über ihn ergoß. Gottlob keine Vase oder Kaffeekanne, sondern nur Anjas Schularbeitssachen. Volker war über den Erfolg seines Griffes selbst so erstaunt, daß er nicht einmal schrie, obwohl er natürlich versuchte, sich aus dem Wust herauszuarbeiten. Anjas Buntstifte rollten in alle Himmelsrichtungen. Sie hatte versucht, während des Kinderhütens wenigstens eine Zeichnung für die Schule fertigzumachen.
„Himmel, muß das sein!“ stöhnte sie.
„Was denn?“ fragte Petra interessiert am anderen Ende der Leitung.
„Daß Volker sämtliche Dinge, die auf dem Tisch lagen, in alle Winde verstreut hat –“
„Du, ich hab’ eine Idee. Stopf die Jungen in den Kinderwagen, und fahr mir mit ihnen entgegen. Eine Hand wirst du ja frei haben – ich brauch’ dich wirklich. Bin an der Ecke der Fasanenstraße in der Telefonzelle.“ Petra beschrieb ihren derzeitigen Standort genau. Anja hörte zu und versuchte sich alles zu merken, während sie die beiden kleinen Jungen in Schach hielt. Ja, vielleicht ging es.
„Ich komme“, sagte sie nach einigem Zögern. Allein die Aussicht, hier nicht weiter aufpassen zu müssen, erschien ihr verlockend. Sie hörte sich an, wie Petra ihr den Weg beschrieb, damit sie einander auf keinen Fall verfehlten.
„Langsam komm’ ich dir entgegen, ich kann hier nicht stehen und warten, das kann ich wirklich nicht.“ Anja sah das ein. Petra war sicherlich der ungeduldigste Mensch der Welt, wenn es sich nicht um Pferde handelte. Da hatte sie Geduld …
So schnell wie möglich zog Anja ihre beiden kleinen Brüder an. Aufräumen konnte sie nicht mehr, das mußte sie auf nachher verschieben. Hoffentlich war dieses „Nachher“ ein Zeitpunkt vor Mutters Heimkunft. Sonst fiel die wahrscheinlich in Ohnmacht, wenn sie die Stube betrat.
Der breite Zwillingswagen stand gottlob im Flur. Den brachte sie allein die drei Stufen in den Garten hinunter, nachdem sie die beiden Kinder hineingepackt und angegurtet hatte. Nun los, im Sturmschritt Richtung Stadt, Petra entgegen.
Auf den Straßen lag kein Schnee mehr, nur noch in den Vorgärten. Das Wetter war undurchsichtig, es sah eigentlich nach Regen aus. Zu blöd, sie wollten doch draußen reiten, und wenn es regnete, würden sie bestimmt in der Halle bleiben müssen. Das war nur halb so schön, und Frau Taube würde überhaupt nichts vom Faschingszug sehen können.
Anjas Kostüm war fertig, auch den Westernsattel hatte sie. Sie freute sich unbändig, mitreiten zu dürfen, und zwar auf Kerlchen. Mit dem hatte sie bestimmt nicht die geringsten Schwierigkeiten. Vielleicht kamen auch ihre Eltern, um zuzusehen; Onkel Kurt würde sowieso dasein. Als was Cornelia kommen würde, hatte sie nicht verraten. Das gab dem Ganzen noch eine Spannung mehr.
Anja schob den Kinderwagen, so schnell sie konnte, vor sich her. Einmal rannte sie damit fast eine Frau um, die aus einem Laden kam. Die schimpfte, Anja entschuldigte sich und stürmte weiter. Hoffentlich war es der richtige Weg!
Jetzt mußte die Fasanenstraße kommen. Sie bog um die Ecke – und wirklich, dort hinten stand Petra und winkte mit beiden Armen. Ein einziges Glück! Anja nahm alle Kraft zusammen und fiel mit ihrem Wagen in Trab, wie der Reiter sagen würde. Atemlos und keuchend langte sie bei Petra an.
„Wa – was hast du denn da?“ fragte sie, ehe sie sich überhaupt begrüßt hatten. Petra stand neben einem hellgrauen, länglichen Blech, das sie an die Hausmauer gelehnt hatte und das sie an Länge weit überragte. „Was willst du denn damit?“
„Das ist – also, Bekannte von mir hatten eine Rutsche für den Garten gekauft, schon vor langer Zeit mal. Ihre Kinder sind jetzt zu groß zum Rutschen, aber früher war ich manchmal dort und – na, kurz und klein, ich hab’ gefragt und sie bekommen. Aber allein kann man so ein Ding nur sehr schwer tragen. Ich hab’ gesagt, ich werde abgeholt. Zu zweit schaffen wir es sicher, auch wenn wir außerdem diese Kutsche schieben müssen.“ Sie sah abschätzend von der Rutsche zum Kinderwagen und zurück. „Vielleicht können wir es sogar drauf laden?“
„Drauf laden? Den Jungen auf die Köpfe? Du bist ja plemplem“, sagte Anja. „Nee, das geht nicht. Aber – nun, einer faßt vorne an und einer hinten, und den Wagen schiebt der, der hinten geht, mit der anderen Hand.“
„Oooooder –“, sagte Petra und hob den Zeigefinger, „wir schieben es unten hinein, zwischen die Räder. Breit ist es ja nicht, aber der Zwillingswagen ist breit. Vorn und hinten kann es ja herausstehen.“
„Und wie willst du dann schieben?“ fragte Anja.
„Seitlich, du Depp. Natürlich geht es so. Komm, los, wir probieren es. Na, was hab’ ich gesagt? Geht wunderbar! Nun los.“ Petra hatte den Griff des Kinderwagens an der einen Seite gepackt und schob an, Anja folgte auf der anderen. Es ging.
„Aber eins – warte! Ehe wir jemanden auf die Hörner nehmen …“ Soeben hatten sie nämlich einen älteren Herrn, der zwar den Kinderwagen, aber nicht das herausstehende Blech gesehen hatte, um ein Haar angefahren. „Wenn man sperrige Güter transportiert, muß man einen roten Lappen anhängen. Einen richtigen Blickpunkt, der auffällt. Warte, ich hab’ was.“ Sie hatte ihren roten Anorak schon ausgezogen, warf ihn über den Kinderwagen, zerrte ihren Pullover, der tatsächlich knallrot war, über den Kopf und befestigte ihn nicht ohne Mühe vorn an der Blechrutsche. Dann schlüpfte sie wieder in den Anorak und kam nun zufrieden an den Wagen, um zu schieben. „So, nun kommen wir, ohne Schaden anzurichten, zum Reitverein.“
„Und was willst du damit?“ fragte Anja jetzt endlich. Bisher hatte sie diese Frage nirgends dazwischenschieben können.
„Dreimal darfst du raten – kannst du es dir wirklich nicht denken? Wer möchte denn so gern den Faschingszug sehen? Und kann die Treppe nicht runter? Na? Frau Taube doch wohl, oder nicht? Die Treppe, die zu ihr hinaufführt, ist genauso lang wie die Rutsche, ich hab’ es ausgemessen. Wenn wir die Rutsche drauflegen und oben richtig festmachen, dann kann Frau Taube morgen bis ins Reiterstübel hinunterrutschen, sich dort ans Fenster setzen und den ganzen Fasching miterleben. Was sagst du dazu?“
„Klasse! Und du hast dir das ganz allein ausgedacht? Du bist wirklich ein Genie, Petra!“
„Nicht wahr? Aber keiner darf es wissen. Auch Frau Taube nicht. Sonst erzählt sie es womöglich jemandem, und wenn Erwachsene sich bei so was einmischen, wird es immer nichts, weil sie tausend Bedenken haben. Überall sehen sie Schwierigkeiten, wo keine sind.“
Das fand Anja auch. Sie schoben also den Kinderwagen mit der langen Blechschiene weiter durch die Straßen, mußten immer wieder „Vorsicht!“ und „Achtung!“ schreien und kamen endlich an den Weg, der zum Reitverein abzweigte. Sie fuhren um den Stall herum und an die hintere Schmalseite der Halle. Dort kam nicht jeden Tag jemand hin. Hier luden sie die Rutsche ab.
„So, und nun marsch, marsch nach Hause“, sagte Anja. „Du kommst doch mit? Bei uns sieht es aus wie nach dem Türkenkrieg, und ich möchte meiner Mutter diesen Anblick ersparen.“
Petra erklärte sich sofort einverstanden zu helfen. Sie erreichten Anjas Wohnung zum großen Glück noch vor den Eltern.
„So, jetzt können sie kommen“, erklärte Petra, als sie den letzten Buntstift vom Boden aufgehoben und ins Etui gesteckt hatte. „Morgen mußt du aber zeitig drüben sein, lange, bevor es losgeht. Ich geh’ gleich von der Schule aus hin, hab’ zu Hause gesagt, ich müßte helfen. Muß ich ja auch, und wie! Tschüs, bis dahin! Vergiß nicht deine Cowboy-Ausrüstung.“
„Werd’ ich schon nicht“, sagte Anja und winkte ihr nach. Etwas vergessen, auf das man sich wochenlang freut!
Am anderen Tag regnete es tatsächlich. Anja hatte sich sofort nach Tisch verdrückt und auf dem Küchentisch einen Zettel hinterlassen: „Beginn um vier. Kommt bitte pünktlich.“
Denn zusehen sollten ihre Eltern, das wünschte sie sich sehr.
Beim Reitverein angekommen, traf sie sogleich auf Petra. Sonst waren noch nicht viele Mitglieder da. Herr Anders kehrte die Stallgasse, in der Halle hingen bunte Girlanden.
„Hoffentlich scheuen die Pferde deswegen nicht“, sagte Anja, aber Petra lachte. „Besonders dein Kerlchen!“
„Ach, Kerlchen hat ein ganz schönes Temperament. Das hast du ja neulich gemerkt, als wir ihn einspannten.“
Sie liefen miteinander hinter die Halle, holten die Rutsche und trugen sie zum Reiterstübel. Toni, die Wirtin, war schon da; sie polierte gerade ihre Theke und sah etwas verwundert drein, als Petra und Anja mit dem Blechding ankamen.
„Was, um Himmels willen, wollt ihr denn damit?“
„Pscht, Geheimnis!“ sagte Petra. Sie richteten die Rutsche auf – und wirklich, sie paßte auf die Treppe. Petra hatte bereits für Stricke gesorgt, um sie festzumachen. Toni stand dabei und schüttelte den Kopf, war aber gutmütig genug, mit anzufassen. Mit ihrer Hilfe wurde alles ordentlich und so, daß man sich keine Sorgen machen mußte.
„Nun rutschen wir erst mal Probe“, befahl Petra und tat es. Ssssst – war sie unten. Toni lachte.
„Ob Frau Taube auch so runtersausen will?“ fragte sie zweifelnd. Petra bohrte den Zeigefinger in die Schläfe. „Natürlich nicht. Wir halten sie und lassen sie langsam runterfahren.“
„Na schön, ich helfe.“
Zu dritt erschienen sie in Frau Taubes Reich, klopften, hörten „Herein!“ und waren schon mitten im Erklären und Beschreiben ihrer herrlichen Idee. Frau Taube war ganz gerührt. Sie ließ sich von ihnen bis zur Treppe führen.
„Und wie komm’ ich wieder rauf?“ fragte sie zwar noch, aber Petra tat das ab.
„Das findet sich! Erst mal runter, und dann setzen wir Sie ins Reiterstübel ans Fenster, und Sie übersehen die ganze Halle. Das wird herrlich.“
Ja, das verlockte Frau Taube natürlich. Und man merkte ihr an, daß sie Reiterin gewesen war und sicherlich nicht so leicht ein Risiko gescheut hatte, früher, als sie noch Remonten zuritt. Sie setzte sich, ohne sich zu sperren, auf die Rutsche und ließ sich, von Petra und Anja rechts und links gehalten, hinuntergleiten, während Toni unten stand und sie auffing. Denn sehr langsam ging es trotz aller Bremserei nicht. Aber es ging! Unten angekommen, stand sie auf und wanderte an Tonis Arm bis zum ersten Tisch im Reiterstübel, wo sie sich aufatmend niederließ.
„Kinder, ist das schön! Mal wieder woanders sein! Mal wieder in der Reithalle!“ Sie strahlte. Die Mädchen strahlten auch. Toni, die noch nichts zu tun hatte, setzte sich zu Frau Taube.
„Wir müssen jetzt zu unseren Pferden“, sagte Petra. „Aber wir kommen wieder. Und hinauf kriegen wir Sie auch wieder, irgendwie geht das schon.“ Sie stoben ab.
Im Stall war jetzt schon viel los. Die meisten Reitvereinsmitglieder waren schon in Kostümen gekommen, weil sie sich hier nicht umziehen wollten. Sie boten einen bunten Anblick. Da putzte ein Bäckerlehrling mit einer großen Brezel auf dem Rücken sein Pferd, dort kratzte ein Königssohn Hufe aus, und Gero, der winzige, hatte sich tatsächlich als Gartenzwerg verkleidet. Er sollte heute den Freiherrn reiten, ein besonders hohes Pferd, auf dem er sicherlich noch kleiner aussehen würde, als er schon war. Petra platzte fast vor Lachen, als sie Gero da oben hocken sah. Er war probeweise aufgestiegen. Cornelia war noch nicht da. Auf sie waren die Mädchen besonders gespannt.
Der Reitlehrer schien heute besserer Laune zu sein als sonst bei solchen Veranstaltungen. Er trug eine Husarenuniform, die ihm sehr gut stand.
Inzwischen fanden sich immer mehr Schaulustige ein und füllten das Reiterstübel, so daß man dort kaum mehr einen Stehplatz ergattern konnte. Petra sollte heute Desirée haben, hatte sie geputzt und dann Anja zum Halten übergeben, um noch schnell Cornelias Creon fertigzumachen. Cornelia kam und kam aber nicht.
„Sie ist doch sonst so pünktlich“, jammerte Anja, aber Petra sagte sorgenvoll: „Ihr Beruf geht vor. Wenn nun gerade ein Kind auf den Kopf gefallen ist und genäht werden muß …“
„Ausgerechnet heute“, seufzte Anja. Der Reitlehrer kommandierte schon, daß der Zug sich ordnen solle. Da kam Cornelia endlich um die Ecke gesaust, einen Mantel über ihrem Faschingskostüm.
„Petra, du bist ein Engel, daß du mir Creon fertiggemacht hast! Ich konnte nicht eher.“ Sie japste. Petra übergab ihr den Zügel und ordnete sich mit ihrer Desirée ein. Die ersten Pferde des Zuges setzten sich schon in Bewegung, es war wirklich allerhöchste Zeit.
Weil es bergab ging, führten die Reiter bis zur Halle und saßen erst dort auf. Anja hatte schreckliches Lampenfieber, ob sie auch auf Kerlchen hinaufkommen würde. Es mußte an der Tür der Halle schnell gehen, und sie hatte keine Zeit mehr gehabt, den linken Bügel länger zu schnallen. Petras Pferd machte Schwierigkeiten, trat hin und her und riß am Zügel. Beide konnten sich nicht mehr nach Cornelia umdrehen.
Am Eingang der Halle stand zum großen Glück Herr Anders. Er lächelte Anja ermutigend zu und legte seine Hand unter ihr gewinkeltes linkes Bein. Hopp, war sie oben, auch ohne Bügel. Er half ihr noch hinein. Petra war schon aufgesprungen, sie kam auch ohne Bügel auf ziemlich hohe Pferde. Sie ritten in die Halle ein.
Und jetzt, als der Zug rundum ging, konnten sie auch Cornelia bewundern. Wirklich bewundern – sie sah entzükkend aus. Zu einem weißseidenen Anzug trug sie eine weiße Perücke und in der einen Hand eine silberne Rose. Später erfuhren die Mädchen, daß sie den Oktavian aus dem „Rosenkavalier“ darstellte. Sie war bestimmt die Schönste der ganzen Runde.
Alles ging glatt. Anja wagte es ein einziges Mal, zu Frau Taube hinaufzublinzeln, die mit einem entzückten Ausdruck zu ihr heruntersah. Ihre Eltern erblickte sie nicht, auch nicht Onkel Kurt, der natürlich versprochen hatte zu kommen. Die Musik setzte ein, es war über die Maßen schön und prächtig. Der Zug ging dreimal um die ganze Halle, also konnte man jeden einzelnen Reiter und sein Kostüm genau betrachten.
„Wer ist denn das?“ fragte Petra einmal halblaut, als sie in der Ecke wendeten. Hinter Cornelia ritt ein schwarzer Ritter, ganz in Eisen – es war sicherlich eine Papprüstung, aber es sah aus wie Eisen –, das Visier des Helmes heruntergeklappt. Er hatte ein schwarzes Pferd, das sie nicht kannte.
„Keine Ahnung. Wenn du es nicht weißt.“
Die Pferde waren von der Musik etwas nervös, sogar Kerlchen fing ein paarmal an zu tänzeln. So war Anja froh, als der erste Reiter zur Halle hinauslenkte. Nun war ihr eigener Auftritt zu Ende, und sie konnte mit Petra den Vorführungen, die noch kamen, in Ruhe zusehen, nachdem sie ihre Pferde versorgt hatten. Sie atmete auf, als sie sich vor der Halle von Kerlchen gleiten ließ.
„Guter, Lieber. Hast es brav gemacht. Ich hab’ auch ein paar schöne knackige Mohrrüben für dich. Die bekommst du jetzt.“ Sie zog ihn mit sich, die Steigung hinauf. Eben verschwand Petra mit ihrem Pferd im Stall.
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