Читать книгу: «Geschichten, die Mut machen»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Zitat 4
Gedanken zum Buch 5
Landleben im 20. Jahrhundert 7
Mit der Familie auf Wanderschaft 14
Der Wiederaufbau 21
Maschinen erobern die Landwirtschaft 25
Jahrhunderthochwasser 1954 28
Die bescheidenen Bildungsmöglichkeiten 31
Eröffnung des Kirchenwirtes 34
Kinderarbeit infolge Landflucht 45
Jugendliche brauchen Freunde 53
Landwirt als Berufung? 61
Bauernhof ist kein Streichelzoo 71
Freizeitverhalten am elterlichen Betrieb 78
Unterhaltung als Teenager 83
Bildungsmöglichkeiten für Landarbeiter 88
Militärdienst als Neustart 92
Arbeitssuche mit falscher Qualifikation 106
Von der Schreibkraftzum Straßenbauer 111
Die Bedeutung von Mädchenfreundschaften 121
Familiengründung 124
Der Weg zum Eigenheim 129
Hochzeit der anderen Art 132
Zusammenhalt durch äußeren Druck 137
Ruf der Öffentlichkeit 144
Neuorientierung am Campus 153
Mit Handicaps zurück ins Leben 161
Berufliche Veränderung 166
Neu gewonnene Freizeit 173
Das Familienleben 188
Der Anfang vom Ende 194
Start in eine ungewisse Zukunft 200
Abschied vom Berufsleben 206
Leben als Single 209
Die große Liebe kam zuletzt 214
Match made in Jamaica 235
Das Leben in vergrößerter Familie 246
Schlussbetrachtung 254
Impressum
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-057-1
ISBN e-book: 978-3-99130-058-8
Lektorat: Tobias Keil
Umschlagfoto: Wanchai Yoosumran, Nemar74 | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Leo F. Aichhorn
www.novumverlag.com
Zitat
Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen?
Georg Christoph Lichtenberg1
Claudia
One Love
Hinweis: In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.
1 Georg Christoph Lichtenberg war ein dt. Physiker, Naturforscher, Mathematiker, Schriftsteller im 18. Jahrhundert.
Gedanken zum Buch
Aus den zahlreichen Gesprächen mit meinen studierenden Enkeln ist mir aufgefallen, dass ihnen das Leben der Menschen im vorigen Jahrhundert weitgehend unbekannt ist. Aber woher sollten Jugendliche wissen, wie die Menschen in ihrem Kulturkreis früher ohne Autos, Flugreisen, Fernseher, Computer und Streaming-Angebote leben konnten? In meiner Kindheit und Jugendzeit war das anders. Schon in jungen Jahren war ich ein aufmerksamer Zuhörer und Beobachter von zahlreichen Geschichten und Erlebnissen auf dem Gast- und Bauernhof meiner Eltern. Der Gasthof war seit jeher ein Veranstaltungslokal für Selbstdarsteller und Therapiezentrum für all diejenigen, denen es gerade nicht so gut ging und die sich am Biertisch Ratschläge und Trost von ihren Zeitgenossen holten. Besonders die Erzählungen der älteren Generation zu meiner Teenagerzeit hatten es mir angetan, reichten sie doch aus Berichten ihrer Eltern oder aus eigenen Erlebnissen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Die Landwirtschaft war schwer und entbehrungsreich und prägte das traditionsreiche und gesellschaftliche Leben am Land. Das vergangene Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen, den politischen Umstürzen und den Hungerjahren hatte den Menschen, die diese schreckliche Zeit überlebten, alles abverlangt. Mit den Geschichten über die Arbeitsprozesse und das gesellschaftliche Leben der Landbevölkerung will ich mehr Verständnis für deren damaliges Verhalten schaffen und den Lesern eine objektivere Einschätzung unserer Vergangenheit ermöglichen. An einigen Beispielen will ich aufzeigen, dass der Wille ein entscheidender Faktor für das Erreichen von Zielen ist. „Wer will, der kann, wer nicht will, muss.“ Dieses Zitat ist mehr als 2.000 Jahre alt und stammt von Lucius Annaeus Seneca, dem meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Mit seinem Lied You can get it, if you really want wollte Jimmy Cliff 1970, und später viele andere Interpreten, den Menschen ebenso Mut machen, wenn sie nicht mehr weiterwissen und glauben, vor unlösbaren Problemen zu stehen. Aber wir sollten auch zu uns selbst ehrlich sein, wenn wir sagen, dass wir etwas nicht können und wir im Grunde genommen nicht wollen. „Geschichten, die Mut machen“ beschreiben über viele Jahre, was die Menschen in der Vergangenheit alles konnten, weil es ihnen alternativlos abverlangt wurde. Den Menschen der Vergangenheit wiederherstellen zu wollen, wäre albern. Vielmehr liegt es in unserer Macht, eine gebührende Achtung vor dem Gewesenen zu erwecken. Dieses Buch soll dazu in gewisser Weise als Zeitdokument dienen. In den folgenden Seiten finden sich neben den Geschichten auch Anregungen, die nachahmenswert und erreichbar sind oder vermieden werden sollten. Sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Erklärungen dienen dem Zweck, Ursachen und Hintergründe etwas zu beleuchten. Anekdoten sollen zum Schmunzeln anregen und aufzeigen, dass Gemütlichkeit und Humor wichtige Faktoren menschlicher Zufriedenheit sind. Natürlich ist auch dieses Buch nicht frei von autobiografischen Einflüssen.
Landleben im 20. Jahrhundert
Am 5. März 1920 kam Ludwig auf einem Bauernhof in einer Nachbargemeinde von Linz, der Landeshauptstadt von Oberösterreich, auf die Welt. Die Vorfahren von ihm wurden nach der Aufhebung der Erbuntertänigkeit im Jahr 1848 Grundeigentümer des dortigen Bauernhofes und Betreiber einer eigenen Landwirtschaft. Ludwig war das dritte Kind seiner Eltern und bekam noch den jüngeren Bruder Franz, der als Hoferbe vorgesehen war. Ludwig lernte seinen Vater nicht wirklich kennen, da er krankheitsbedingt starb, als er sechs Jahre alt war. Seine Mutter führte mit ihren Kindern und dem Gesinde den Bauernhof auf den Ausläufern des Pfenningberges weiter. Der Hof war alt und mit Stroh gedeckt, nur die bescheidenen Wohnräume mit kleinen Fenstern und die Stallungen waren aus einem Gemisch von Steinen und Ziegel gemauert. Scheune und Heuboden waren aus heimischem Holz errichtet. Umgeben war das landwirtschaftliche Anwesen von hügeligen Feldern, Wald, blumigen Wiesen und zahlreichen Obstbäumen, um ausreichend Most als wichtigstes Getränk für die schwer arbeitenden Menschen verfügbar zu haben.
Im Gegensatz zum urbanen Leben in den größeren Städten des deutschsprachigen Raumes, wo im 19. Jahrhundert eine Gesellschaft aus Aristokratie, aus einer einflussreichen Kirche, einem zwischenzeitlich entstandenen Geldadel und einem gebildeten Bürgertum etwa aus Ärzten, Lehrern und Beamten bestand, sorgten auf dem Land einfach gebildete Menschen für die Produktion von Nahrungsmitteln. Bildungsmöglichkeiten und Kulturzentren waren weit weg und für die zu Fuß gehende Landbevölkerung kaum erreichbar und schon gar nicht finanziell erschwinglich. Als wichtigste Veranstaltungen am Land galten kirchliche Feiertage bzw. Festivitäten, die von den örtlichen Blasmusikkapellen umrahmt wurden. Hausmusik und Traditionen erfüllten das kulturelle Bedürfnis der Menschen auf dem Land.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren etwa drei von vier erwerbstätigen Personen in der Landwirtschaft beschäftigt. In der Mitte dieses Jahrhunderts waren es immer noch mehr als ein Drittel. Die zahlreichen und vielfältigen Arbeiten mussten mit den Händen vorgenommen werden. Und Hände konnten an einem Bauernhof nicht genug sein. Daher hatten die Menschen auf dem Land viele Kinder zur Arbeit und zur Altersversorgung. Ein Phänomen, das heute noch in vielen Entwicklungsländern zu beobachten ist.
Die Ausstattung von Bauernhöfen in der Zwischenkriegszeit war für heutige Verhältnisse unvorstellbar: Pferde und Ochsen waren die einzigen Zugtiere für Holzwägen, Pflüge und Eggen. Nutztiere wie Rinder und Schweine wurden aus baulichen Gegebenheiten meist in schwer zugänglichen Ställen gehalten, die ein Füttern und Entmisten zur Schwerstarbeit machten. Hühner, Enten und Gänse waren in den Gärten, auf dem Misthaufen und in allen Bereichen des Bauernhofes anzutreffen. Nicht selten auch in Wohnbereichen. Die hygienischen Bedingungen für Menschen waren nach heutigen Maßstäben katastrophal: Striegel und Bürsten zur Fellpflege von Pferden und Rindern waren öfter vorzufinden als Zahnbürsten. Duschen oder Baden mit Warmwasser war in Ermangelung von Badewannen und warmem Fließwasser nicht möglich. Die wöchentliche Körperreinigung erfolgte meist in der Form, dass Wasser am Holzofen erwärmt, in Lavoirs oder Bottiche gegossen wurde, wo die Menschen das Wasser zum Waschen entnahmen. Nicht selten diente das gebrauchte Wasser für einen weiteren Waschvorgang. Während der heißen Heu- oder Getreideerntezeit suchten die verschwitzten Landarbeiter auch Abkühlung in einem Bach. Mit der von zu Hause mitgenommenen Seife wurde gleichzeitig die Ganzkörperreinigung vorgenommen. Das klarfließende Wasser in den Bächen wurde von den Anwohnern auch zum Waschen ihrer Wäsche verwendet. Webereien und Färbereien nutzten die naturbelassenen Fließgewässer für ihre Produktionsprozesse ohne Abwasserreinigungsanlagen, woran noch die Namen „Bleicherbach“ erinnern. Geschlafen wurde meist auf Strohsäcken, was nicht wirklich zur Entspannung beitrug. Das Gesinde hatte eine klare und straffe Organisationsstruktur: Bauernknechte und Bauerndirnen (-mägde) waren die Wichtigsten in der Hierarchie, dann kamen die einfachen Knechte und Dirnen (Mägde), denen Schweine- und/oder Kuhdirnen (-mägde) folgten. Letztere waren entweder für die Schweine oder die Kühe verantwortlich. Das sogenannte „Mensch“ war die Letzte in der Hierarchie und Mädchen für alles. In dieser hierarchischen Abfolge durften sich die Angestellten nach dem Bauern und der Bäuerin am gemeinsamen Mittags- oder Abendtisch bedienen. Die Suppe wurde gemeinsam aus einer großen Schüssel gelöffelt. Die Letzten an dieser „Tafel“ gingen nicht selten unterversorgt oder leer aus, wenn der Bauer frühzeitig aufstand und damit das Essen für alle beendete. In Anbetracht dieser Essgewohnheiten, der vorwiegenden Hauptnahrungsmittel Kraut und Kartoffel und der zu verrichtenden Schwerarbeit ist es verständlich, dass bei den Menschen in diesen Zeiten eher Mangelerscheinungen als Übergewicht feststellbar waren.
Ludwig war sehr aktiv und engagiert in seiner Kindheit. Schon als Schüler der Grundschule ging er zum benachbarten Gasthaus, das eine Kegelbahn betrieb, und stellte dort an Sonn- und Feiertagen die von Spielern umgeworfenen Kegel wieder auf und ließ die Kugeln durch ein Gefälle zu den Spielern zurückrollen. Damit verdiente er sich ein Taschengeld, das er sonst nicht hatte. Der Beitritt zur örtlichen Freiwilligen Feuerwehr war zu dieser Zeit für Jugendliche eine willkommene soziale Bereicherung. Mit 16 Jahren baute er eine Bandsäge, um lange Bretter durchschneiden zu können, die nach 85 Jahren im familiären Betrieb noch immer funktionsfähig ist. Seine größte Herausforderung als Teenager hatte Ludwig als Maschinist einer Wanderdreschmaschine. Diese Maschine begleitete er als Verantwortlicher von Bauernhof zu Bauernhof, wo das in einer Scheune gelagerte Getreide nicht mehr mit Dreschflegeln auf der Tenne, sondern nunmehr maschinell aus dem Stroh gedroschen wurde. Angetrieben wurde das hölzerne Monster durch einen Dampfkessel, der über eine Riemenscheibe für die erforderlichen Drehbewegungen sorgte. Als Maschinist hatte er dafür zu sorgen, dass das Gerät sachgerecht aufgestellt war, einwandfrei funktionierte und der Input von Getreidegarben und der Output als Stroh und Körner friktionsfrei abliefen. Zu beachten galt es auch, dass die zahlreichen Personen im Arbeitsprozess entsprechend der Leistungsfähigkeit der Dreschmaschine und ihren körperlichen Fähigkeiten eingeteilt wurden. Es war in der Landwirtschaft der Beginn eines halbmaschinellen Arbeitsprozesses, indem sich der Mensch der Leistungsstärke der Maschine anpassen musste. Wenn etwa ein Sack bei der Abfüllanlage mit Getreidekörnern gefüllt war, musste er sofort durch einen leeren ersetzt, geschultert und in einen Getreidekasten im ersten Stock zur Lufttrocknung gebracht werden.

Diese Säcke hatten ein Gewicht zwischen 80 und 100 Kilogramm und konnten nur von sehr starken Männern über die steilen Holzstiegen getragen werden. Andererseits musste das Stroh von der Maschine entfernt werden, damit es keinen Stau gab. Der Einsatz einer Dreschmaschine erforderte mehr Personal, als üblicherweise auf einem Bauernhof beschäftigt war. Daher war Nachbarschaftshilfe angesagt. Am Ende eines langen und schweren Arbeitstages stand ein kräftiges Abendessen mit Most, das nicht selten einen musikalischen Ausklang hatte.
Die Dreschmaschine war sehr schwer, ohne Luftpneus bereift und konnte auf schmalen und unbefestigten Hohlwegen im bergigen Gelände oft nur mühsam transportiert werden, vor allem dann, wenn der Weg durch Regen aufgeweicht war. In Fällen, in denen die Pferde versagten, mussten Ochsen vorgespannt werden, die die Sache langsamer, aber dafür mit mehr Kraft angingen.
Anfang der 30er Jahre heiratete die Mutter von Ludwig ihren Bauernknecht, wodurch dieser zum Bauern aufstieg. In dieser Rolle veränderte er sich stark: Er arbeitete immer weniger und gab das Geld, das er beim Verkauf eines Stieres vom Fleischhauer bekam, in den von ihm häufig besuchten Gasthäusern aus, von wo er dann betrunken nach Hause kam. Er wirtschaftete den Hof in den Ruin. In der ehelichen Beziehung wurde er vermehrt gewalttätig, und als er eines Tages wieder seine Frau schlug und Ludwig mitansehen musste, wie er seiner Mutter körperliche Gewalt antat, warf Ludwig im Alter von 16 Jahren seinen Stiefvater mit den Worten aus dem Haus: „Verschwinde und komm ja nie wieder zurück!“
Wie alle wehrfähigen Männer musste auch Ludwig als 19-Jähriger 1939 zur Deutschen Wehrmacht. Der von Adolf Hitler zunächst als Vergeltung gegenüber den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und als Eroberung gestartete Krieg wurde in der Folge zum weltweiten Vernichtungskrieg mit noch nie da gewesenen Gräueltaten, Verletzten, Toten und am Ende traumatisierten Menschen. Von den Zerstörungen ganz zu schweigen. Ludwig, als ein 182 cm großer und durch sein Anpacken in der Landwirtschaft kräftiger und selbstbewusster Mann, brachte es bis zum Unteroffizier (nach dem Oberfeldwebel der dritthöchste Rang bei den Unteroffizieren). Seine Führungsqualitäten waren seinen Vorgesetzten nicht verborgen geblieben. So forderten sie ihn auf, die Offiziersschule zu besuchen und die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Seine Ablehnung brachte ihn fast vor das Kriegsgericht wegen Wehrdienstverweigerung. Erst als er argumentierte, dass er nach dem hoffentlich bald zu Ende gehenden, siegreichen Krieg wieder als Bauer arbeiten möchte, wurde von einem folgenschweren Gerichtsverfahren abgesehen. Seine Einsätze als Infanterist führten ihn in die Ukraine und nach Russland mit den kältesten Wintern. Bei Temperaturen bis -40° C wären ihm beinahe die Hände eingefroren. Nur einem gefangenen russischen Soldaten verdankte er, dass er keine bleibenden Schäden davontrug, indem er ihm die Hände mit Schnee einrieb und so über die angeregte Durchblutung wieder Leben in die Hände brachte.
Sein jüngerer und als Hoferbe vorgesehener Bruder Franz verlor wie so viele seiner Kameraden als Soldat in Russland sein Leben, und niemand in seiner Familie erfuhr jemals etwas über seine letzte Ruhestätte, wenn von einer solchen überhaupt geredet werden kann. Die Mutter von Ludwig starb in den Kriegsjahren, wodurch er den Bauernhof am Pfenningberg erbte. Während seiner Militärzeit führte seine ältere Schwester mit zwei Frauen aus Polen den Hof, die von der deutschen Regierung zur Zwangsarbeit abgestellt wurden. Bei seinen wenigen Heimaturlauben überzeugte sich Ludwig, dass der Betrieb zufriedenstellend geführt wurde und es den Zwangsarbeiterinnen an nichts fehlte. Schon in der Zwischenkriegszeit war der Hunger in der städtischen Bevölkerung groß, und die Lebensmittelmarken reichten kaum zum Überleben. Daher scheuten die Stadtmenschen den weiten Fußmarsch zu den Bauern am Pfenningberg nicht, um sich dort mit Milch, Eiern, Butter und Brot einzudecken. Die Lebensmittelknappheit machte die Bauern damals zu Direktvermarktern, wie wir sie heute von Biobauern kennen.
Gegen Ende des Krieges bombardierten die alliierten Streitkräfte die Infrastrukturanlagen in Deutschland und in der Ostmark (Österreich). Da Hermann Göring auch in Linz ein Stahlwerk für die Rüstungsindustrie bauen ließ, wurde dieses ein Ziel der englischen Bomber. Viele Bomben verfehlten ihr Ziel und flogen in und über den Pfenningberg und richteten großen Schaden an. Als Ludwig nach Kriegsende und wochenlangen Märschen über Polen und Tschechien schwer erschöpft endlich nach Hause kam, traf ihn fast der Schlag. Der gesamte Bauernhof war zerbombt, und er fand nicht einmal seine Zivilkleider vor, um endlich die Soldatenuniform ablegen zu können. Der riesige Bauernhof war ein Trümmerhaufen. Mehr als fünf Jahre seines Lebens hatte er als junger Soldat dem wahnsinnigen Hitler und seinem Regime geopfert, permanent in Lebensgefahr geschwebt und war mehrmals verwundet worden, und nun dieses Desaster. Abgemagert und psychisch gebrochen ging er zu seinem Nachbarn und bat um Hilfe. Doch als er in Soldatenuniform den Hof betrat, wurde er von befreiten Insassen aus dem Konzentrationslager Mauthausen umstellt. Sie hielten Gewehre im Anschlag, die sie auf Grund ihres körperlichen Zustandes kaum halten konnten, und drohten ihm sofort mit dem Erschießen. Nur dem beherzten Einschreiten seiner beiden Zwangsarbeiterinnen aus Polen mit den Worten: „Nix schießen, das gute Bauer!“ verdankte er sein Leben. Er wurde aufgefordert, sofort zu verschwinden. Aber wohin? Sein menschenwürdiges Verhalten, das auf der Grundlage seines christlich-sozialen Weltbildes beruhte, rettete ihm das Leben.
Mit der Familie auf Wanderschaft
Nach Jahren in der Fremde und vor dem Nichts zu Hause war für Ludwig ein Neubeginn alternativlos – beruflich und familiär. Bekanntlich gab es nach dem Krieg keine Online-Partnerbörsen, wo man sich zwischen hunderten von Frauen oder Männern entscheiden kann. Die spärlichen Veranstaltungen und Personen mit häufigen Hauskontakten waren wesentliche Vermittler bei der Suche nach einem geeigneten Partner oder einer geeigneten Partnerin. Nicht selten hatten beispielsweise Schweinehändler nicht nur Kenntnis über den Schweinebestand an einem Bauernhof, sondern auch über die eine oder andere Heiratspartie. Vor allem deshalb, weil zu diesen Zeiten nicht die Charaktereigenschaften einer Frau oder eines Mannes im Vordergrund standen, sondern die Größe des bäuerlichen Betriebes und die damit verbundene Mitgift. Die persönlichen Wünsche und Eigenschaften der Partnerwahl wurden als vernachlässigbar angesehen, da sie von der künftigen, schweren Arbeit überlagert wurden. Ludwig ging den traditionellen Weg und lernte über eine Tanzveranstaltung in der näheren Umgebung Johanna kennen.
Johanna war um ein Jahr älter als Ludwig und entstammte einer Großfamilie mit elf lebenden Kindern. Ihr pfeiferauchender Vater war von mittlerer Größe mit einer etwas rundlichen „Bauchmuskulatur“ und dem obligatorischen Oberlippenbart. Auf seinem Pfeifenständer am Fensterbrett stellte er sein Rauchequipment, sortiert nach Wochen- und Feiertagspfeifen, ab. Als Glasermeister in Heimarbeit war er viel zu Hause und beschäftigte sich wohlwollend mit den Kleinkindern. Für ihn war nichts ein Problem, da er sich an der Kindererziehung und Haushaltsführung nach dem Prinzip „Es wird sich schon alles irgendwie von selbst richten“ nicht beteiligte. Johannas Mutter war das Exekutivorgan in der Familie. Sie sagte, wo es langgehen sollte, und war in der Kindererziehung streng. Bei dieser hohen Anzahl an Kindern aus Gründen des Selbstschutzes verständlich. Obwohl der Vater von Johanna als Glaserer unterwegs war, um bei den Bauern die gebrochenen Fensterscheiben zu reparieren, konnten er und seine Frau ihre Kinder nicht bis ins Erwachsenenalter ernähren. Schon im Alter der Grundschule kamen die Kinder zu Bauern, wo sie ernährungsmäßig versorgt wurden, die Schule besuchten und mitarbeiten mussten.
So kam auch Johanna mit zwölf Jahren zu einem Bauernhof mit angeschlossener Wäschereinigung in der Nähe von Linz. Sie war das Mädchen für alles und musste ihre unbeheizte und schlecht gelüftete Schlafstätte mit anderen Bediensteten teilen und gelegentlich mitanhören, wenn diese ihre sexuellen Bedürfnisse nicht auf dem Heuboden, sondern im gemeinsamen Schlafraum erfüllten. Das führt bei einem Mädchen in der vorpubertären Phase und ohne sexuelle Aufklärung unweigerlich zu Irritationen. Der Tag war lang und auch am Samstag wurde gearbeitet. Lediglich am Sonntag durfte sie ihre Familie besuchen. Der Fußweg war lang und führte durch einen Wald, wo sie bei Dunkelheit nicht selten das Gefühl der Angst überfiel. Meist pfiff sie in der Annahme, dass sie durch das Pfeifen als ein Junge wahrgenommen werden würde und daher weniger zu befürchten hätte. Nach Beendigung der Pflichtschule arbeitete sie als Köchin für die etwa 30 Bediensteten.
Johanna zählte mit ihren 160 cm nicht zu den größten Frauen, aber sie war hübsch mit braunen, langen Haaren und ein Energiebündel mit enormer Schaffenskraft. Als sich Ludwig und Johanna erstmals sahen, war das Liebe auf den ersten Blick. Erst später erfuhr Ludwig, dass Johanna bereits einen einjährigen Sohn namens Andreas hatte. Mit Johanna, ihren Eltern und Geschwistern kam Ludwig in eine große Familie, die ihm so fehlte. Darüber hinaus stand ihm mit Johanna eine kongeniale Partnerin für das Start-up-Unternehmen Bauernhof zur Seite. Im Mai 1948 schlossen Ludwig und Johanna den Bund fürs Leben und Ludwig adoptierte Andreas als Sohn, womit die damals noch nicht gesellschaftsfähige Patchworkfamilie verborgen blieb. Die Hochzeitsfeier in einem Landgasthof war nur dadurch möglich, dass Ludwig dem Gastwirt ein Schwein aus eigenem Bestand lieferte, da Fleisch eine Mangelware war. Für Johanna war auch kein Hochzeitskleid aufzutreiben. Deshalb schneiderten sie und ihre jüngere Schwester Anni ein Hochzeitskleid aus bestehenden Vorhängen. Johanna hatte ein langes, weißes, hochgeschlossenes Kleid mit langen Ärmeln an. Auf ihren dunklen langen Haaren saß ein selbstgefertigtes Diadem, das in einen schulterlangen Schleier überging. Trotz der widrigen Umstände kam sie ihrer Rolle als Braut bemerkenswert nach und stach am Hochzeitsbild markant hervor. Ludwig trug einen geliehenen, dunkelgrauen Anzug, der nicht ganz seiner Größe entsprach. Die Hose war um einiges zu kurz und das Sakko hätte einem etwas fülligeren Mann besser gepasst. Sein weißes Hemd war keine Attrappe wie in früheren Zeiten, sondern hatte auch Ärmel und ein Rückenteil. Die Hochzeitsgäste räumten jeweils ihr bestes Kleidungsstück hervor, aus dem man zu diesen Zeiten in Ermangelung von Nahrung nicht herauswuchs.
Ludwigs Elternhaus war eine Ruine und irreparabel. Daher entschlossen sich die jungen Eheleute einen Bauernhof auf dem Truppenübungsplatz in der Nachbargemeinde zu pachten. Daran knüpften sie die Hoffnung, dass dieser nach dem Übergang vom Deutschen Reich in österreichisches Staatseigentum käuflich erworben werden könne. Da, den Friedensbedingungen entsprechend, Österreich nach dem Krieg über kein eigenes Militär verfügen durfte. Noch vor der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Gabriele übersiedelten sie mit den beiden älteren Geschwistern von Ludwig auf den gepachteten Bauernhof und starteten ambitioniert durch. Im Februar 1950 kam Martin, ihr gemeinsamer Erstgeborener, bei einer Hausgeburt auf die Welt. Um 06:00 Uhr morgens lief die Schwester von Johanna zu Ludwig in den Stall, der gerade mit dem Kuhmelken beschäftigt war, und teilte ihm mit, dass er einen Sohn habe. Sofort sprang er auf und lief in das Geburtszimmer, um seinen Stammhalter zu bewundern und in die Arme zu nehmen. Seine schwere Kindheit und die brutalen Erlebnisse im Krieg hatten dazu geführt, dass er Gefühlsregungen und sichtbare Rührungen als Schwäche ansah und weitestgehend unterband. Doch als er Martin sah, kamen ihm vor Freude und Stolz die Tränen.
Johanna kümmerte sich fürsorglich um die drei Kinder, um den Haushalt und darum, dass alle am Hof Wirkenden genug zu essen hatten. Denn Essen war in Zeiten der Handarbeit der Treibstoff. Zusätzlich schaute sie auch noch auf die von den Hühnern gelegten Eier und fand bald heraus, dass der Bruder und die Schwester von Ludwig den Ab-Hof-Verkauf auf eigene Rechnung immer noch praktizierten. Es kam zu einem Konflikt, der letztendlich dazu führte, dass die Schwester den Hof verließ und Magd auf einem Bauernhof im Traunviertel wurde. Der ältere Bruder von Ludwig wurde mit Hilfe des befreundeten Bäckers mit einer Stadtbäuerin im nördlichen Linz verkuppelt. Es war ein Kleinbetrieb, der durch Gemüseanbau und Grundverpachtung das Einkommen sicherte. Die Bäuerin verkaufte am Linzer Markt ihr Gemüse, während ihr Ehemann den Trank zum Füttern der Schweine von den Stadtwirten abholte.
Ludwig und Johanna waren mit ihren Kindern nunmehr allein am Bauernhof und hatten für arbeitsintensive Zeiten Tagelöhnerinnen engagiert. Frauen, die für einen Tageslohn arbeiteten, gab es genug, da zu diesen Zeiten fast nur der Mann einer erwerbsmäßigen Vollzeitstelle nachging und sich die Frauen gerne etwas dazuverdienen wollten. Gelegentlich kam auch Hans von der Nachbarfamilie und half bei den verschiedensten Arbeiten mit. Vor allem die Pferde hatten es ihm angetan. Nach Beendigung seiner Pflichtschule wurde Hans fixer Mitarbeiter am Hof von Ludwig und Johanna. In Erntezeiten war bei den landwirtschaftlichen Arbeiten auch die Mithilfe von Johanna unentbehrlich. In diesen Fällen kam öfters ihre verwitwete Tante aus der Stadt und kümmerte sich um die Kinder und das Essen. Eines Tages wollte die Tante das in steinernen Bottichen eingelegte Kraut aus dem Keller holen. Der Keller war kalt, finster und die Stufen waren durch den Temperaturunterschied nass und rutschig. Sie rutschte aus und stürzte kopfüber in einen Krautbottich und konnte sich selbst nicht mehr befreien. Ihre Hilferufe blieben ungehört, doch als sie nach einiger Zeit nicht zurückkam, ging Hans sie suchen und zog sie aus dem Krautbottich. Ihr Sturz ging glücklicherweise mit ein paar blauen Flecken glimpflich aus. Seit dieser Zeit war sie für alle die „Krauterl-Tante“.
Die schöne und glückliche Zeit am Bauernhof des Truppenübungsplatzes fand ihr Ende, als sich herausstellte, dass der Übungsplatz vom deutschen Eigentum in das Eigentum der Republik Österreich übergangen war und als militärisches Übungsgelände bestehen blieb. Somit waren die Gedanken von einem Erwerb illusorisch und die Suche nach einem anderen Bauernhof begann. Durch Zufall traf Ludwig seinen ehemaligen Kompaniekommandanten aus der Militärzeit, der zwischenzeitlich Bezirkshauptmann der nördlich von Linz angrenzenden Bezirksverwaltungsbehörde war. Dieser verriet Ludwig, dass in einer kleinen Gemeinde im fruchtbaren Eferdinger Becken ein Bauernhof mit 20 Hektar Grund zum Verkauf ausgeschrieben sei. Die verwitwete Bäuerin hatte den Hof ihrem Neffen vererbt, der kein Interesse am landwirtschaftlichen Betrieb hatte und diesen nunmehr an Ludwig und Johanna mit dem Wohnrecht seiner Tante verkaufte. Die Altbäuerin war sehr verärgert über diesen Verkauf. Die Freude bei den damals bestimmenden Großbauern im neuen Ort hielt sich ebenso in Grenzen, da sie selbst die Gründe kaufen wollten. Obwohl sie demnach einigen nicht sehr willkommen waren, kauften Ludwig und Johanna den Hof.
Im April 1950 zog das Ehepaar mit den Kindern, den Noriker Pferden Fritz und Bubi, den Rindern, Schweinen und Hühnern sowie mit Heu und Stroh von den hügeligen Wiesen und Felden im Osten von Linz nach Westen in die Tiefebene der Donau. Es erinnerte an die Tracks, die im 19. Jahrhundert vom Osten in den Westen der USA für ein besseres Weideland zogen. Andreas war vier Jahre, Gabriele eineinhalb Jahre und Martin sechs Wochen alt. Sie waren robust genug und überlebten ebenso wie die Hühner und die Schweine die Übersiedlung, ohne Schaden zu nehmen.
Gleich nach Ankunft erkundigte sich Ludwig beim Gemeindesekretär, der nebenbei auch Versicherungsvertreter war, über die Versicherungshöhe des Bauernhofes. Als er erfuhr, dass die Versicherungssumme des Gebäudes lediglich 100.000 Schilling betrug, wollte er sofort eine Erhöhung beantragen, was der Schreiber2 wegen mangelnder Kaufvertragsurkunden nicht vornehmen konnte. Dieses Begehren sollte Ludwig noch Schwierigkeiten bereiten. Vier Tage nach dem Umzug fuhr er mit dem Fahrrad in das 6 Kilometer entfernte Lagerhaus, um Grassamen für die Neuanlage der alten Wiesen zu besorgen. Während seiner Besorgungstätigkeit hörte er, dass in seiner Gemeinde ein Bauernhof in Brand stehe. Gedanken schossen durch seinen Kopf, ob es vielleicht sein Bauernhof sei. Sein Blutdruck schnellte in die Höhe, während er den Sack am Gepäckträger befestigte, sich auf das Fahrrad schwang und wie ein Verrückter nach Hause radelte, wo er nur mehr die Brandruine seines Hauses vorfand. Die von der Freiwilligen Feuerwehr vorgenommenen Löscharbeiten verdienten nicht einmal ihren Namen: Der Schuster als Feuerwehrkommandant fand in der Hektik des Einsatzes nicht den Schlüssel zum Feuerwehrdepot. Erst mit einem Ersatzschlüssel gelang den Florianijüngern der Zugang zur Wasserspritze, die damals noch händisch bedient werden musste. Der Löschvorgang begann zu spät und die Löschwirkung war ähnlich gering, als würde man mit einer Wasserpistole ein Sonnwendfeuer löschen.
Johanna und Ludwig waren am Ende ihrer sonst so starken psychischen Kräfte angelangt und an eine therapeutische Hilfe war nicht zu denken. Nach dem zerbombten Elternhaus und den zweimaligen Übersiedlungen eines landwirtschaftlichen Unternehmens standen sie nunmehr wiederum vor dem Nichts. Sie kannten keine Menschen in diesem Ort und hatten deshalb auch keine Freunde, die ihnen mit aufmunternden Worten zur Seite hätten stehen können. Als die Kriminalabteilung der Gendarmerie feststellte, dass es sich bei diesem Brand um Brandstiftung gehandelt hatte, wurde Ludwig dieser Tat verdächtigt und stundenlang verhört. Verdächtigt wurde er, weil er sich vorher nach der Versicherungssumme erkundigt hatte, was objektiv gesehen als absoluter Schwachsinn bezeichnet werden kann. Wer zündet schon sein Haus an, wenn er der Meinung ist, dass es unterversichert ist. Für Ludwig, der stets um Redlichkeit bemüht war, brach eine Welt zusammen. Eine Welt, die es wirklich nicht gut mit ihm und seiner Familie meinte, die ihn permanent zurückwarf und seine Ehre zutiefst verletzte. Erst einige Wochen später konnten die Brandstifter ermittelt werden. Ein Knecht eines örtlichen Bauern war mit dem Pferdefuhrwerk in unmittelbarer Nähe des Hauses gewesen, als er zum Tatzeitpunkt zwei Buben im Alter von sechs und acht Jahren aus dem später brennenden Heustadel herauslaufen sah. Die minderjährigen Nachbarbuben gestanden gegenüber der Gendarmerie, dass sie von der Altbäuerin zu dem Brandanschlag angestiftet worden waren. Ludwig war damit zwar rehabilitiert, litt aber noch lange unter dem falschen Verdacht.
2 So wurde damals der Gemeindesekretär bzw. Amtsleiter genannt und sogar sein Sohn Josef hörte auf den Namen Schreiber Peperl.
Der Wiederaufbau
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war etwa ein Zehntel aller Wohnungen in Österreich zerstört und die Verkehrsinfrastrukturbauten und Produktionsmittel waren so schwer beschädigt, dass das Bruttoinlandsprodukt 1946 erst rund 60 Prozent von 1913 oder 1937 erreichte.3 Die Lebensmittelknappheit der breiten Masse, die mit 600 bis 800 Kilokalorien pro Person und Tag auskommen musste, führte zur Unterernährung der Bevölkerung.
1950 war die wirtschaftliche Situation durch die Kriegsereignisse immer noch trist. Nicht zuletzt durch den Verlust von Millionen Männern, die ihr Leben für einen gewalttätigen und sinnlosen Krieg gegeben hatten und nun beim Wiederaufbau in den von Krieg betroffenen Ländern fehlten. Dadurch musste ein beträchtlicher Teil der Arbeits- und Versorgungslast von den Frauen getragen werden. Erschwert wurde der Wiederaufbau durch die zerstörten Infrastrukturen und Industriebetriebe, die vornehmlich militärische Produkte erzeugten. Baumaschinen wie etwa ein Kran oder eine Mischmaschine waren nicht verfügbar. Die Ziegelindustrie musste neu aufgebaut werden und konnte den damaligen Bedarf nur sehr verzögert erfüllen. Deshalb wurden aus den Unmengen an Bauschutt von den zerbombten Gebäuden, brauchbare Ziegel herausgearbeitet, mit Maurerhämmern vom Mörtel befreit und wiederverwendet. Der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der Menschen nach dem Krieg waren größer als das Elend, das sie zu bewältigen hatten. Getragen vom unerschütterlichen Glauben, dass sie das alles schaffen werden, packten sie an, wo immer „Not am Mann“ war. So stellten mehrere Nachbarn unentgeltlich ihre Bediensteten für den Wiederaufbau des Bauernhofes von Ludwig und Johanna ab und halfen dadurch mit, dass die Neuankömmlinge am Ende des Jahres wieder ein Dach über dem Kopf hatten. Johanna war nicht nur mit Kindererziehung und Hausarbeit beschäftigt, sondern auch als Kostgeberin für die helfenden Hände verantwortlich.
In derselben Gemeinde wie Ludwig und seine Familie waren kurz zuvor auch Karl und Anni gelandet. Die kinderlose Anni hatte den Hausbrand mitbekommen und sich sofort angeboten, sich um den sechs Wochen alten Martin zu kümmern. Für Martins Eltern war das gerade in der Zeit des Wiederaufbaues eine große Hilfe, zumal ein Baby mehr Aufmerksamkeit als laufende Kinder benötigt. Diese Obsorge wiederholte sich häufig, wodurch eine intensive und langjährige Freundschaft entstand. Der Zusammenbruch der Monarchie brachte es mit sich, dass der 1909 im böhmischen Pardubice geborene Karl nach Wien kam und dort seine Anni kennenlernte und ehelichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog es die beiden nach Oberösterreich. Anni hatte den Beruf einer Schneiderin erlernt, war eine gepflegte, attraktive Frau und immer gut angezogen. Mit ihrer vornehmen Art versuchte sie eine Exklusivität zu vermitteln, die man eher Menschen am ehemaligen Kaiserhof zubilligen würde. Mit ihrer gewählten Sprache und ihrem vornehmen Gang unterstrich sie dieses Erscheinungsbild. Deshalb sagte sie auch immer, dass ihr Karl als Elektriker nicht zur Arbeit, sondern in den Dienst gehe. Von ihrer Eleganz blieb offenbar auch ihr Hausarzt nicht unberührt, der sie auch dann besuchte, wenn sie nicht krank war. Karl war von mittlerer Größe, sehr sympathisch und nicht arrogant.
Die ersten Jahre nach der Übersiedlung in die fruchtbare Niederung des Donauraumes waren für Ludwig und Johanna so etwas wie eine Herkulesaufgabe. Einerseits galt es die verwahrlosten Gründe wieder in einen ertragreichen Zustand zu bringen und andererseits die erforderlichen Bauarbeiten am Bauernhaus fertigzustellen. Für die Kinder blieb dadurch wenig Zeit. Andreas und Gabriele beschäftigten sich mit sich selbst, Martin schlief ohne Betreuung fest im Kinderwagen, sodass seine Mutter öfter Nachschau hielt, um sicherzugehen, dass es ihm gut ging. Obwohl das Leben am Land zu dieser Zeit höchst ungefährlich war, wurde Martin im Kinderwagen vom Haushund Strolchi „bewacht“. Er war von mittlerer Größe, kräftig gebaut und ließ nur Familienangehörige zum Kinderwagen. Hundemarken gab es nicht und sein Stammbaum war nicht belegbar. Aber auch ohne entsprechende Hundeschule wusste Strolchi, was an einem Bauernhof zu tun ist. Allerdings hatte er keine Freude mit uniformierten Personen. Der Briefträger Matthias war ein Mann wie zu Zeiten der Habsburger Monarchie. Er hatte einen großen Schnurrbart, einen aufrechten Gang und er trug seine Uniform, als würde er als Postbeamter über die gesamte Staatsgewalt verfügen. Was ja auch verständlich war, er überbrachte schließlich nicht nur Bescheide von Behörden, sondern wickelte auch den gesamten Geldverkehr ab, und Respekt gegenüber Uniformträgern hatten die Menschen so kurz nach dem NS-Regime irgendwie immer noch. Banken gab es ausschließlich in größeren Städten, Girokonten oder eBanking sollte es erst Jahrzehnte später geben. Wenn Briefträger Matthias zum Haus kam und Strolchi sah, beschimpfte er ihn als blöden oder hässlichen Hund. Gewiss, einen Preis für Reinrassigkeit und Schönheit hätte er nicht gewonnen, aber das wusste der treue Vierbeiner ja nicht. Als der Postbeamte eines Tages auch noch mit einer Fußbewegung andeutete, der Hund solle verschwinden, riss Strolchi die Geduld und er biss den Uniformträger in den Fuß. Das war ein Eklat. Wie kann ein dahergelaufener Hund einen hochangesehenen Beamten beißen? Ludwig und Johanna hatten große Mühe, Matthias zu beruhigen, wobei er weniger an seinen physischen Schmerzen litt als an der Verletzung seiner Autorität als Staatsbeamter.
Im zweiten Lebensjahr begann Martin zu laufen und war nur schwer unter Kontrolle zu halten. Krabbelstuben oder Kindergarten gab es nicht. Spielzeuge auch nicht und wenn, dann mussten sie aus Holz selbst gemacht werden. Vielfach diente einfach ein umgedrehter Radlbock, ein Schiebekarren mit Querlatten zum Transport von sperrigen Gütern wie Gras oder Heu, auf dem Martin saß und dessen frei laufendes Rad er drehte. Ein Stück Holz wurde als Auto umfunktioniert, das von den Kindern im Sandhaufen bewegt wurde. Unter den Christbäumen lagen keine Geschenke, sondern nur die Hoffnung auf bessere Zeiten und trotzdem strahlten die Kinderaugen im Glanz der Kerzenlichter.
Eines Tages entschwand Martin der Obhut von Krauterl Tante (die in den Krautbottich gefallene Tante aus Linz) und ging durch die offene Tür in den Pferdestall. Er näherte sich dem Pferd Bubi von hinten und hielt sich an dessen beiden Hinterbeinen fest. Ein Schlag mit einem seiner Beine hätte das junge Leben von Martin abrupt beendet. Aber Bubi blieb ruhig, als wüsste er, dass ihm keine Gefahr droht und er den Kleinen schützen muss. Die Krauterl Tante fiel beinahe in Ohnmacht, als sie Martin im Pferdestall entdeckte, und hatte keine Ahnung, wie sie Martin vom Pferd unbeschadet trennen sollte, ohne es zu erschrecken. Noch nie zuvor hatte sie eine so schwierige Entscheidung zu treffen gehabt. Mit dem Mut der Verzweiflung, jetzt ja keinen Fehler zu machen, ging sie mit ruhiger Ansprache in den Stall und brachte Martin wieder sicher heraus. Es war, als fiele ihr ein Stein vom Herzen. Nach einiger Zeit, als die Selbstvorwürfe über ihre unzureichende Aufsicht über Martin vergangen waren, war sie stolz über ihren Mut.
Wochen später waren Johanna und Hans, der mitgereiste Nachbarjunge vom Truppenübungsplatz, bei der Heuernte. Hans lud das Heu mit der Gabel auf und Johanna verteilte es geschickt, sodass eine hohe Heufuhre entstand. Martin spielte im Schatten eines großen Obstbaumes. Da der Weg nach Hause lang war, entschieden sich die beiden mit Martin auf dem Heuwagen Platz zu nehmen. Auf halbem Weg blieben plötzlich die Pferde stehen. Als nach dem dritten „Wia“ (Aufforderung an die Pferde zum Weitergehen) Bubi und Fritz immer noch standen, schauten sie hinunter und sahen, dass Martin von der Heufuhre gefallen war, zwischen den Pferden lag und sie deshalb stehen geblieben waren. Geschockt stieg Hans hinunter und holte den jungen Mitfahrer wieder an Bord. Dank der gutmütigen Pferde war nichts passiert. Bubi und Fritz waren offenbar deshalb gute Pferde, weil sie auch gut behandelt wurden. Wenn sie Ludwig im Stall abhängte, war ihr erster Weg zum Küchenfenster, wo sie von Johanna mit Würfelzucker verwöhnt wurden. 1953 gingen die beiden in den Ruhestand, da ab diesem Zeitpunkt ein Steyrer Traktor mit 30 Pferdestärken ihre Aufgaben übernahm.
3 https://www.mediathek.at/staatsvertrag/wiederaufbau/nachkriegswirtschaft/
Maschinen erobern die Landwirtschaft
Mit dem Traktor und seinen Einsatzmöglichkeiten änderte sich viel in der Landwirtschaft. Neben der höheren Leistung hatte diese Zugmaschine auch eine hydraulische Hebemöglichkeit und über die Zapfwelle mit ihrer Drehbewegung konnten Maschinen in Schwung gebracht werden. Damit konnten nunmehr Pflüge mit mehreren Pflugscharen und Eggen gehoben werden und man benötigte keine Räder mehr zum Wenden oder für den Transport. Darüber hinaus war das eiserne Pferd stärker und schneller. Je nach Motorleistung war ein Traktor bei der Feldarbeit um das 5- bis 10-Fache schneller als Pferde im Doppelgespann. Ein Traktor, vornehmlich aus der Werkstätte im oberösterreichischen Steyr, war zu dieser Zeit Ausdruck der Modernität und vielfach auch ein Prestigeobjekt. Häufig fuhren die Landwirte damit auch am Sonntag zur Kirche.
Auch Ludwig wollte dazugehören und kaufte 1953 einen Steyr Traktor mit 30 Pferdestärken (PS) und zwei Zylindern, während die meisten anderen Bauern im Ort sich mit einer 15-PS-Variante und einem Zylinder begnügten. Die neue Zugmaschine hatte noch keinen elektrischen Starter und musste daher mit einer Handkurbel gestartet werden. Das war schon ein Kraftakt samt Geschicklichkeit beim Start eines Dieselmotors. Denn der selbstzündende Motor benötigte eine sehr hohe Verdichtung im Zylinder und konnte ohne Dekompressor, der die Luft entweichen lässt und den Widerstand aussetzt, händisch nicht in Schwung gebracht werden. Erst bei entsprechender Umdrehung und dem Schließen des Entlüftungsventils entstand die erforderliche Kompression und der Motor sprang an. Bei sehr kalten Tagen im Winter musste der Selbstzündmechanismus im Zylinder durch ein „Brandl“ (einen Brandbeschleuniger) unterstützt werden. Die Inbetriebnahme der Traktoren der ersten Generation erforderte starke und geschickte Menschen, die vornehmlich aus der Männerwelt kamen. Erst später wurden die landwirtschaftlichen Zugmaschinen mit einer Batterie und einem elektrischen Starter serienmäßig ausgestattet. Da in den fünfziger Jahren noch kein Frostschutzmittel im Handel erhältlich war, musste in der kalten Jahreszeit das Kühlwasser der Traktoren nach Stillstand abgelassen werden. Im Alter von 12 Jahren vergaß Martin nach dem Einparken den Kühlwasserhahn zu öffnen. Als nach Tagen die Zugmaschine wieder in Betrieb gehen und Kühlwasser eingefüllt werden sollte, stellte sich das Unglück heraus. Das Wasser war gefroren und hatte den Motorblock gesprengt, wodurch Kühlwasser in den Ölkreislauf gelangt war und eine Inbetriebnahme nicht möglich gewesen wäre. Martin war ziemlich zerknirscht, obwohl ihm seine Eltern infolge seiner jugendlichen Unerfahrenheit keine Vorwürfe machten.
Mit der Anschaffung dieser Zugmaschine war es nicht getan. Es mussten ein neuer Pflug und eine neue Egge angeschafft werden. Auch die Pferdeanhänger mit einer Deichsel und einer langen Wagenstange konnten nicht mehr benutzt werden. Daher kaufte Ludwig gebrauchte Achsen mit Rädern von demolierten Militärfahrzeugen und baute diese mit ebenen Bodenflächen und Bordwänden zu funktionsfähigen Traktoranhängern um.
Traktor und Anhänger waren die Universalgeräte in der Landwirtschaft und beschleunigten die Arbeitsprozesse gewaltig. Bei der Einbringung des täglichen Grünfutters für die Rinder und Schweine oder bei der Heuernte wurden nach der händischen Mahd zwei Zeilen mit dem Erntegut geschaffen, damit der Traktor samt Anhänger in der Mitte fahren konnte und die Landarbeiter links und rechts davon den Anhänger beladen konnten. Martin fuhr schon als 6-Jähriger mit dem Traktor so weit nach vorne, dass der Anhänger wieder im Bereich des Ladegutes zu stehen kam und das Heu oder das Getreide im kurzen Weg mit der Gabel aufgeladen werden konnte. Wegen seiner kurzen Beine musste er sich mit der Schulter am Ende des Fahrersitzes abstützen, um den langen Kupplungsweg durchtreten und den ersten Gang einlegen zu können. In dieser waagrechten Position verlor er den Überblick und sah nicht, was rundherum passierte. Erst als er die Kupplung wieder ausließ, er sich von der horizontalen in die vertikale Position brachte und der Traktor einen Sprung nach vorne machte, konnte er wieder steuernd eingreifen. Im Laufe der Jahre bekam Martin nicht nur längere Beine, sondern auch mehr Übung und wurde zum unverzichtbaren „Nachvornefahrer“, zum angesehenen Maschinisten, wie sein Vater Ludwig einer war.
Jahrhunderthochwasser 1954
Das Eferdinger Becken umfasst im Wesentlichen die Gemeinden Feldkirchen, Goldwörth, Walding und Ottensheim nördlich der Donau sowie Aschach, Pupping, Eferding, Alkoven und Wilhering südlich des Donaustroms. Seit Jahrtausenden wurde dieses Gebiet westlich von der Landeshauptstadt Linz vom längsten Strom Europas in unterschiedlicher Höhe überschwemmt. Daran hat sich die betroffene Landbevölkerung gewöhnt, da der Ertragsdruck in der Landwirtschaft früher noch nicht so hoch war wie heute. Die Donau hat durch ihre Hochwässer natürliche Retentionsräume in Form von großen und langen Gräben geschaffen, die kleinere Hochwässer auffingen und mit ihren Brackwässern und durch den Bewuchs von Stauden und Bäumen wichtige Rückzugsräume der dortigen Fauna bildeten. Durch das ebene Gelände im Eferdinger Becken verminderte sich die Fließgeschwindigkeit des Stromes und lagerte Sedimente in Form von Schlamm ab. Es entstanden äußerst fruchtbare Böden wie im Machland, Marchfeld und wie das in der Bibel als Paradies beschriebene Zwischenstromland, das Euphrat und Tigris im heutigen Irak eingrenzen. Im Jahr 1954 gab es im Eferdinger Becken entlang der Donau das Jahrhunderthochwasser. Tausende Hektar Wiesen und Ackerland wurden bis 3 m hoch überschwemmt.

Viele Familien wurden mit Schiffen von den Häusern abtransportiert, da ohne Strom und Trinkwasser selbst ein Wohnen im Obergeschoß nicht möglich war. Die Bauern schleppten ihre Rinder, Schweine und das Federvieh auf den Heuboden in der Annahme, dass sie dort sicher waren. Das war kein einfaches Unterfangen, denn welches Tier geht schon freiwillig aus dem Stall und dann noch über einen behelfsmäßig angelegten Aufgang in eine ihm unbekannte Umgebung. Hier waren Mensch und Tier in einem noch nie da gewesenen Ausmaß gefordert. Martin war mit seinen Geschwistern im Obergeschoß eingeschlossen, sah, wie das Wasser durch die Scheune in den Hof und von dort mit hoher Geschwindigkeit über die Hofausfahrt wieder hinausrann. Nur mehr zwei Stufen der Stiege ins Obergeschoß ragten aus dem Wasser. Der Vierjährige wollte unbedingt in das Wasser, weil er fälschlicherweise überzeugt war, schwimmen zu können. Dieses Bedürfnis erhöhte sich beträchtlich, als er seine Lederhose davonschwimmen sah. Ludwig blieb mit seinem Bediensteten Hans im Haus, um die Tiere zu versorgen. Damit dies möglich war, mussten sie ein Loch in die Feuermauer, die aus Brandschutzgründen das Wohn- vom Wirtschaftsgebäude trennte, machen, um zu den Haustieren zu gelangen. Johanna wurde mit ihren Kindern von der Freiwilligen Feuerwehr mit einem Boot abgeholt und in die Nachbargemeinde gebracht, wo sie am höhergelegenen Ortsteil Tabor bei Bekannten Unterschlupf und Versorgung für die nächsten Tage erhielten.
Für Ludwig und Johanna war diese Überschwemmung mit 1,76 cm Wasserstandshöhe im Erdgeschoß nach dem zerbombten Haus, dem kurzen Intermezzo auf dem Truppenübungsplatz und dem Brandanschlag vor vier Jahren erneut ein „Keulenschlag“, der auch vitale Menschen depressiv werden lässt. Aber sie machten sich nach Abfluss des restlichen Wassers unverzüglich an die Arbeit. Das gesamte Haus musste rechtzeitig vom Schlamm befreit werden, da dieser nach seiner Austrocknung hart wie Beton wird. Ebenso waren die Wohnungsräume durch offene Fenster zu belüften und auf diese Weise zu trocknen, da es elektrische Trocknungsgeräte noch nicht gab. Die Fenster und Türen mussten ausgehängt werden, damit sie mit Wasser gewaschen und in der Sonne getrocknet werden konnten. In den Häusern und auf den umliegenden Wiesen und Feldern existierte ein fremder Geruch des fauligen Schlamms. In den zahlreichen kleinen Vertiefungen befanden sich Fischen, die den Abfluss des Hochwassers verpasst hatten und im Brackwasser verfaulten. Die Wiesen mussten umgeackert und mittels Grassamen neu angelegt werden, da die Graswurzeln keine Chance gegen den oft 10 cm dicken Schlamm hatten. Ebenso wurde auch auf den Feldern der Schlamm mit dem Pflug eingearbeitet, damit sie bald wieder befahrbar waren und bebaut werden konnten.
Auch das geliebte Motorrad, Ludwigs einziges Fortbewegungsmittel, stand bis über den Lenker im Wasser und war instandsetzungsbedürftig. Vorsorglich hatte er zwar seine 1.000er Panter (1.000 Ccm Hubraum) auf die Hobelbank in der Werkstätte gestellt im Glauben, da könnte es vom Hochwasser unbeschadet bleiben. Dem war aber leider nicht so und er hatte viel zu tun, um den Einzylinder mit langem Hubraum mit nur etwa 60 Umdrehungen pro Minute im Standlauf4 wieder in Fahrt zu bringen. Aber wie immer schaffte er auch diese Herausforderung mit viel Geduld und Ausdauer.
4 Die heutigen Bikes haben die 25-fache Umdrehungsgeschwindigkeit.
Die bescheidenen Bildungsmöglichkeiten
Im Jahr 1953 wurde in der 500-Seelen Gemeinde von Ludwig und Johanna eine neue Volksschule gebaut. Den Pflichtschulbesuch konnte man in Österreich bis in den 60er Jahren mit 8 Jahren Volksschule absolvieren. Erst später wurde mit dem polytechnischen Lehrgang die allgemeine Schulpflicht auf 9 Jahre verlängert und in der Folge der verpflichtende Besuch einer Hauptschule (als Sekundarstufe) nach dem vierten Volksschuljahr eingeführt. Wer eine Hauptschule besuchen wollte, musste am frühen Morgen mit dem Postautobus in den 6 km entfernten Nachbarort fahren und kam erst abends mit diesem wieder zurück.
Martin hatte eine große Freude, als er mit sechs Jahren in die Schule gehen und endlich lesen, schreiben und rechnen lernen durfte. So etwas wie einen Kindergarten gab es nicht und daher auch keine Vorkenntnisse für den Schulbeginn. Freudig erregt und angespannt machte sich Martin auf den Weg zum 300 m entfernten Schulgebäude. Die lederne Schultasche mit der hölzernen Federschachtel am Rücken marschierte er, entsprechend dem damaligen Rechtsgehgebot, am rechten Straßenrand der Schotterstraße im großen Bogen um den Mesnergarten, um zur Schulstraße zu gelangen. Normalerweise nahm er immer die Abkürzung durch den Mesnergarten, aber der erste Schultag war für ihn etwas Besonderes. So als würde er schon auf dem Weg zur Schule von den Lehrern für sein Verhalten benotet. Das Schulgebäude hatte zwei Schulklassen im Erdgeschoß und eine Schulklasse im ersten Stock, wo sich auch die Wohnung des Schuldirektors befand. Trotz der drei Schulklassen gab es nur zwei Lehrpersonen: eine junge Lehrerin und einen Lehrer, der gleichzeitig Schuldirektor war. Eine Hauptschulpflicht gab es im elften Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht. Außerdem waren die meisten Eltern der schulpflichtigen Kinder Landwirte oder bei solchen beschäftigt und sahen keine Veranlassung, ihren Kindern einen höheren Schulabschluss, als sie ihn selbst hatten, zu ermöglichen, da sie ja auch ohne diesen durchs Leben kamen.
Diese Einstellung führte dazu, dass drei von vier Schülern die 8-jährige Volksschule bis zu ihrem Ende besuchten. Mit zwei Lehrpersonen in zwei Klassen. Wie ging das?, werden sich heute viele fragen, die lediglich den Präsenzunterricht von einem Jahrgang in einer Klasse mit einer Lehrperson oder dem Teamteaching mit zwei Pädagogen sowie das Homeschooling kennen. Die junge Lehrerin unterrichtete in ihrer Klasse die Jahrgänge 1 bis 3 und der Direktor brachte den Schülern der Jahrgänge 4 bis 8 das Grundwissen bei. Die Lehrerin unterteilte die Jahrgänge in die Abteilung 1 mit den Schulanfängern und in die Abteilung 2 mit den Jahrgängen 2 und 3. Der Schuldirektor unterteilte wiederum seine Jahrgänge in die Abteilung 1 mit den Jahrgängen 4 und 5 und in die Abteilung 2 mit den Jahrgängen 6 bis 8. Während die Pädagogen die Schüler einer Abteilung unterrichteten, wurde den Schülern der anderen eine Aufgabe gestellt und umgekehrt. Das bedeutete, dass die Jahrgänge 2 und 3 sowie 4 und 5 zwei Jahre und die Jahrgänge 7 bis 8 drei Jahre lang im Wesentlichen dasselbe präsentiert bekamen. Der Unterrichtsstoff war wenig, jedoch die geistige Verankerung durch das mehrmalige Wiederholen dauerhaft. Wettrechnen war eine sehr beliebte Methode des Direktors, um kognitive Fähigkeiten und logisches Denken bei den Schülern herauszufinden, und beeinflusste auch die Mathematikbenotung. Dabei stellte er verbal eine Rechenaufgabe und wer sie am schnellsten gelöst hatte, lief mit dem Ergebnis zu ihm und bekam ein Hakerl oder eine Eins. Martin musste sich in dieser Disziplin nur selten geschlagen geben.
Die pädagogischen und didaktischen Methoden von damals unterscheiden sich erheblich von den heutigen. Jede Woche wurden zwei Schüler verpflichtet für den Klassendienst: Die Tafel musste gelöscht werden und im Winter waren Holzspäne zum Anzünden des Klassenofens zu hacken, Brennholz in die Klasse zu tragen und die Aschenlade war zu leeren. Vor Unterrichtsbeginn mussten täglich die „Klassendienstler“ in Ermangelung von Fließwasser frisches Wasser von einer Handwasserpumpe in einem Lavoir bereitstellen. Wer seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, musste nach Schulschluss mindestens eine Stunde in der Klasse nachsitzen und irgendetwas abschreiben oder das Einmaleins auswendig lernen. Kleinere disziplinäre Vergehen wie Schwätzen oder Abschreiben ahndete der Direktor meist durch Schläge mit dem Lineal auf die Finger oder durch Ziehen an den Haaren.
Der Schuldirektor hatte in Geschichte nie über den Zweiten Weltkrieg gesprochen und wenn die schrecklichen Kriegsereignisse trotzdem thematisiert wurden, beendete er die Diskussion mit dem Hinweis, dass die Schüler keine Ahnung davon hätten. Das war zwar richtig, aber kein Grund, nicht mehr darüber zu erfahren. Vielleicht war seine Zurückhaltung sogar besser, da den Schülern eine sehr subjektive Sichtweise vermittelt worden wäre. Augenscheinlicher wurde seine frühere politische Einstellung beim Turnunterricht. Geräteturnen war wegen der fehlenden Geräte nicht möglich. Statt Kastenspringen hüpften die Schüler laufend über ihre vorderen Kollegen, die einen „Bock“ machten. Begonnen wurde aber jede Turnstunde der Buben mit dem Antreten in einer Reihe und der Größe nach. Mit „Habt acht!“ und „Rechts um!“ ging es im Laufschritt rund um die Tische im Klassenzimmer. Dabei mussten die Schüler über den Haselnussstab, den der Direktor in einer Höhe von 50 bis 60 cm hielt, springen. Wer das nicht schaffte, bekam den „Herrn von Haselnuss“ zu spüren. Nur alle zwei Jahre gab es am provisorischen Fußballfeld eine Leichtathletik-Turnstunde, die Martin besonders liebte. Körperliche Ertüchtigung eigneten sich die Buben ohnedies auch in der einstündigen Mittagspause auf der „Blutwiese“ an, einer Wiese in Schulnähe, wo die Halbwüchsigen durch unblutige Raufereien ihre Rangordnung herstellten. Rangordnungen in Gesellschaften sind auch heute noch festzustellen. Allerdings weniger in Form von körperlicher Kraft, sondern die eher durch Bildungs- und Vermögensunterschiede, die vornehmlich durch Markenklamotten, Smartphones u. dgl. dokumentiert werden.
Eröffnung des Kirchenwirtes
Das Bauerngasthaus neben der Kirche schloss Anfang der 50er Jahre seine Pforten. Damit gab es im unmittelbaren Umkreis der Kirche kein Gasthaus mehr, wohin sich die Männer am Sonntag nach dem Gottesdienst zurückziehen konnten, um ihren Frauen bei der Zubereitung des Sonntagsbratens nicht im Wege zu stehen bzw. ihnen die volle Entfaltungsmöglichkeit geben zu können. Angesichts dieser von der Männerwelt sehr positiv empfundenen Nebeneffekte wurde der Besuch der Sonntagsmesse in Kauf genommen. Diese Beweggründe hatte der Pfarrer, neben dem Lehrer der einzige „Gstudierte“ im Ort, rasch erkannt und drängte Ludwig und Johanna ein Gasthaus zu eröffnen. Vor allem war ihm wichtig, dass Gösser Bier ausgeschenkt wird, was ihm selbst vermutlich am besten schmeckte. Als gläubige Menschen beugten sich Ludwig und Johanna den Wünschen des Botschafters Gottes auf Erden und eröffneten 1956 ihr Gasthaus neben der Kirche in der Annahme, dass mit kirchlichem Beistand nichts schiefgehen könne. Wie vermutet war das Gasthaus am Sonntag nach der Messe gut besucht. Bier und eine kleine Jause in Form von Würstel oder Gulasch ließen die mahnenden Worte des Pfarrers in seiner Predigt leichter verdauen. Überdies erfolgte in dieser medienarmen Zeit der Informationsaustausch vornehmlich in Dialogen, die nicht selten zu leidenschaftlichen Debatten über die besten Auto- oder Traktormarken führten.
Soziologisch interessant ist das Phänomen der Gruppierung der Gasthausbesucher:
Da gab es den Bürgertisch, an dem der Pfarrer, der Schuldirektor, der Bürgermeister, der Jagdleiter und die „größeren Bauern“ saßen (Bauern mit den meisten Grundflächen).
Am Jungbauerntisch saßen die visionären Bauernsöhne, die in absehbarer Zeit den Hof der Eltern übernehmen sollten oder aus der Landwirtschaft ausscheiden mussten, und diskutierten heiß über die technischen Entwicklungen und ihre künftigen Möglichkeiten. Die eigene Traktor- oder Mähdreschermarke war stets die beste und die Vorzüge der eigenen Landmaschinen wurden mit großer Leidenschaft diskutiert.
Der Arbeitertisch war der Platz für die unselbständigen Männer und dort bildeten vorwiegend Arbeitnehmerrechte und dementsprechend politische Forderungen die Gesprächsgrundlage. Vielfach waren diese Themen auch eine Möglichkeit, die eigene Qualifikation oder den beruflichen Erfolg in der Runde bekannter zu machen, um das Image steigern zu können.
Am Junggesellentisch nahmen mehrheitlich Junggesellen Platz (der Begriff Singles war noch unbekannt): Männer in allen Altersstufen und solche, die in Ermangelung von ausreichendem Selbstbewusstsein sich eher zu der wenig erfolgreichen Gruppe gesellten. Dieser Tisch stand am Eingang in die Gaststube und ersparte diesen Männern den Gang durch die gesamte Gaststube und von allen angesehen zu werden, ein Phänomen, das heute noch bei Besuchern von Vorträgen und Konzerten zu beobachten ist.
Diese nicht vorgegebene Sitzordnung blieb über Jahrzehnte als Verhaltensmuster unverändert und erhielt durch die vielen Wiederholungen sogar noch einen Verstärkereffekt. Ausnahmen bildeten lediglich Personen, die sich in einer Debatte nicht verstanden oder persönlich beleidigt fühlten und sich vorübergehend oder dauerhaft einer anderen Tischgruppe zuordneten. Sozialpsychologisch ist bekannt, dass Personen gefühlsmäßig jene Tischrunde bevorzugen, an der sie einen übereinstimmenden Meinungsaustausch mit ähnlichen Zielen und Meinungen erwarten dürfen. Umgekehrt führt eine Divergenz in der Kommunikation zu kognitiven Dissonanzen, also einem erkenntnismäßigen Unbehagen, das es allgemein zu vermeiden gilt. Daher wird von vielen Diskussionsteilnehmern im Gespräch versucht, andere Meinungen mit der eigenen in Einklang zu bringen.
Eine Ausnahme der vorhin erwähnten Sitzordnung ergab sich lediglich in den Sommermonaten, wenn man sich nach der Sonntagsmesse im Gastgarten beim Kirchenwirt traf. Hier waren die Tische nicht separiert, sondern aneinandergereiht, sodass es eine große Tafel ergab. In diesen Fällen ergab sich die Sitzordnung chronologisch und zufällig. Soziologisch gesehen passierte es, dass neben dem einflussreichen Großbauern schon einmal ein Klein- oder Nebenerwerbsbauer oder gar ein Knecht mit geringem sozialen Status zu sitzen kam. Josef war ein solcher Diener der Bauern und an seiner Nachbarschaft konnten sich die angesehenen Gemeindebürger nicht wirklich erfreuen.

Aber Josef war kein gewöhnlicher Landarbeiter, er war der heimliche „Primar“, der in der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg von einem Chirurgen gelernt hatte, wie man Schwangerschaftsunterbrechungen vornimmt. Josef hatte keine Ordination, sondern war zur Stelle, wenn junge Frauen wegen mangelnder Kenntnisse über Empfängnis oder Empfängnisverhütung schwanger wurden und ihr Leben einen Makel zu bekommen drohte, und er befreite sie von diesem bevorstehenden Übel.
Denn bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Mütter von unehelichen Kindern von der katholischen Kirche geächtet und im Todesfall meist außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt. Mütter lediger Kinder waren gesellschaftlich gebrandmarkt als „leichte Mädchen“ und dieses eingebürgerte Vorurteil begleitete sie wie ein unsichtbares Tattoo. Sie hatten kaum eine Chance, sich dieser unehrenhaften Bewertung zu entziehen. Der „Primar“ Josef war weder in einem Telefonbuch zu finden, noch gab er seine Dienstleistungen öffentlich zu, trotzdem war er weit über die Gemeindegrenze hinaus eine wichtige Adresse, wenn Frauen durch ungewollte Schwangerschaften verzweifelt waren und Hilfe suchten, zumal durch das gesetzliche Verbot der Abtreibung von Ärzten keine Hilfe zu erwarten war.
Die Eröffnung des Gasthauses im Ortszentrum war allerdings nicht nur eine Win-win-Situation für Pfarrer und Wirtsleute, sondern für den gesamten Ort und darüber hinaus. Hochzeiten, Bälle, Konzerte der Blasmusikkapelle sowie kirchliche Veranstaltungen wären ohne gastronomische Versorgung nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich gewesen. Vor allem wäre die Sehnsucht nach musikalischer Unterhaltung erheblich beeinträchtigt worden, da sich das Musikangebot auf den Rundfunk beschränkte, dessen Beiträge vorwiegend der älteren Generation und selten den jungen Menschen entsprachen.
Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre kam mehrmals im Jahr das Wanderkino in den Ort und zeigte im großen Saal von Ludwig und Johanna bewegende Heimat- und Liebesfilme, die stets einen guten Ausgang nahmen. Das Bedürfnis nach Filmen, die anstelle von schöngefärbten Wochenschauen während der Kriegsereignisse nunmehr schöne Landschaften mit Liebesromanzen von Schauspielern wie etwa O. W. Fischer, Hans Moser, Maria Schell, Theo Lingen oder Heinz Rühmann zeigten, war kaum zu stillen. Sogar ein Wandertheater baute für einige Wochen seine Bühne auf, um den Menschen „Theaterluft“ zu vermitteln. Davon waren auch Gabriele und Martin angetan und sie stellten eine vorgetragene Wildererszene mit einem Regenschirm als Gewehr auf dem meterbreiten Fensterbrett im Wohnzimmer nach. Offenbar hatte sich dabei ein „imaginärer Schuss“ gelöst und die Fensterscheibe ging in die Brüche. Die Eltern waren alles andere als erfreut und die nachahmenden, jungen Künstler konnten ihre Ambitionen als Schauspieler begraben.
An einem normalen Wochentag kamen schon am Vormittag die ersten Gäste ins Gasthaus, um sich von oder vor der schweren Arbeit zu stärken. So passierte es nicht selten, dass sich im Laufe des Vormittags die Tischrunde erheblich vergrößerte mit Bauern, die ihre Dienstboten und ihre Familie am Feld arbeiten ließen. Der Schweinehändler Fritz besichtigte und kaufte schon am frühen Morgen die Ferkel von den Bauern und war einer der Ersten im Gasthaus. Er hatte die Angewohnheit, die weiche Masse einer Semmel stundenlang zwischen Daumen und Finger zu kneten. Dadurch wurden seine Finger zwar sauberer, aber der Teig immer unansehnlicher. Der Bäcker aus der Nachbargemeinde, der seine Brote bereits verkauft hatte, gesellte sich zu ihm. Vielfach nahm auch der Rayonsleiter vom Elektrizitätsversorgungsunternehmen am Stammtisch Platz, nachdem er bei Neubauten schaute, ob der Strom ungestört durch die Leitungen fließen konnte, und er die Anzahl der Steckdosen ermittelte. In bestimmten Abständen stieß auch der Rauchfangkehrer dazu, der manchmal seinen VW-Käfer mitten auf der Straßenkreuzung hinter dem Gasthaus bei laufendem Motor stehen ließ und sich an mehreren Glas Bier delektierte. Gelegentlich sah auch die Exekutive aus der Nachbargemeinde in dieser Runde nach dem Rechten und erfuhr so aus den Gesprächen viel über das Sozialverhalten der Gemeindebürger. Eine Amtshandlung des Gendarmes war nie notwendig, zumal die damaligen Delikte wie etwa ein Raufhandel eine Bagatelle und nicht ahndungswürdig waren. Und wenn dennoch alkoholbedingt eine Rauferei stattfand, warfen Ludwig und später sein Sohn Martin die aggressiven Männer aus dem Haus. Aus Erzählungen war bekannt, dass in der Zwischenkriegszeit bei einer Veranstaltung im zweiten Gasthaus des Ortes einmal eine Rauferei stattfand. Als Tage später ein Gendarm routinemäßig vorbeikam und sich über den Veranstaltungsverlauf erkundigte, meinte die Wirtin: „Nichts ist passiert, Herr Inspektor, alles war in Ordnung, lediglich einem Mann wurde das linke Auge ausgestochen.“ Was ebenso zu keiner Untersuchung führte. Verständlich, dass die Kriminalstatistik noch sehr gering war.
Ein Gasthaus zu dieser Zeit war auch ein Treffpunkt für junge, unverheiratete Männer wie etwa Joachim und Hubert, die mit ihrer Freizeit wenig anzufangen wussten. Joachim war als Gartenarbeiter beim Gartenamt der Landeshauptstadt beschäftigt und wegen seiner Hemmung gegenüber Frauen nie in einer weiblichen Beziehung. Der führerscheinlose Arbeiter fuhr an Wochenenden mit seinem Moped von einem Gasthaus in ein anderes, damit die Menge seines gesamten Bierkonsums an einem Tag nicht sichtbar wurde. Trotzdem wies er gelegentlich mit schwerem Zungenschlag darauf hin, dass der soeben bestellte Gerstensaft bereits sein 25. Glas Bier zu je einem halben Liter sei. Angesichts der großen Flüssigkeitsmengen konnte sich Joachim nicht über Nierensteine beklagen, jedoch seine angegriffene Leber verhinderte, dass er 50 Jahre alt wurde. Ähnliches Verhalten zeigte auch Hubert, der Sohn der örtlichen Greißlerin, der mit einem missgebildeten rechten Arm auf die Welt kam. Er spürte infolge seiner Missbildung die Geringschätzung durch seine soziale Umgebung und war sehr bemüht, durch ein aktives Verhalten Aufmerksamkeit zu erregen und Anerkennung zu erhalten. Das galt einerseits für seine Arbeitsweise als Maler, bei der er, sehr zur Verwunderung seiner Vorgesetzten und Kollegen, hervorragende Arbeit leistete. Andererseits suchte er den Anschluss an Gleichaltrige in seiner Umgebung, die er mit Einladungen in Gasthäusern und hohem Alkoholgenuss zu beeindrucken versuchte. Ein Viertelliter Glas Rotwein leerte er stets mit dem ersten „Schluck“ und seinem Schluckauf-Geräusch „Chup“ beinahe gänzlich. Deshalb erhielt Hubert den Spitznamen „Chup“. Das Erstaunen seiner Beobachter und deren Hinweise auf das ungesunde Trinkverhalten sah er nicht als Fehlverhalten, sondern als Leistungsstärke. Selbst im Krankenhaus, wo seine Organe gerettet werden sollten, spielte Hubert noch den „starken Mann“, indem er trotz Infusion im Krankenhausbuffet auf seinen Weinkonsum stolz war. Auch Hubert erreichte nicht das 50. Lebensjahr. Diese Beispiele erlauben den Hinweis an den Schweizer Arzt, Alchemist, Mystiker und Philosoph Paracelsus, der meinte: „… allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“
An Abenden kamen die Besucher einzeln und zufällig ins Gasthaus. Es waren ausschließlich Männer, die ihren Frauen, sofern bereits vorhanden, die Programmauswahl im österreichischen Zweikanalfernsehen überließen. Sie setzten sich an einem Tisch zusammen und redeten über aktuelle Themen, über ihre Erlebnisse und nicht selten über die damalige Politik und verglichen sie oftmals mit jener im Nationalsozialismus, die sie miterlebt hatten. Mit zunehmender Alkoholisierung, und je nach Sympathie für das erlebte Regime, wurden die Debatten leidenschaftlicher. Nichtkriegsteilnehmer hielten sich infolge von Unkenntnis und aus Respekt eher zurück, während Gleichgesinnte vielfach ihre verbale Übereinstimmung genossen, wenn sie einen Sinn in ihrer unfreiwilligen, langjährigen und folgenschweren Kriegsteilnahme suchten, um den Verlust ihrer besten Jahre, ihre Verwundung und das Sterben von Kameraden leichter verarbeiten zu können. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es kaum eine Familie, bei der nicht ein Mitglied verloren gegangen und ein Haus zerstört worden war. Manche Männer kamen ausgehungert von Krieg oder Gefangenschaft nach Hause und fanden ihre Ehefrauen in anderen Männerhänden. Mit dem Verlust des Krieges und dem Niedergang des „1.000-jährigen Reichs“ hatten viele Soldaten den Sinn ihres Lebens verloren. Und das Verlustgefühl war umso höher, je größer das Engagement bzw. die Sympathie zu dieser Schreckensherrschaft war. Im Gegensatz zu heute gab es damals keine psychologische Betreuung in Form eines Kriseninterventionsteams (KIT). Notgedrungen rückten die ehemaligen Kriegsteilnehmer am Biertisch zusammen, redeten in einem Kreis, in dem sie sich verstanden fühlten, und sangen gemeinsam neben Heimat- auch Soldatenlieder wie etwa das Panzerlied. Bei entsprechender Alkoholisierung auch mit Hitler-Gruß:
„Ob’s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht,
der Tag glühend heiß oder eiskalt die Nacht.
Verstaubt sind die Gesichter, doch froh ist unser Sinn.
Ja, unser Sinn.
Es braust unser Panzer im Sturmwind dahin. …“
Der Biertisch war so etwas wie eine Couch in einer Psychotherapie der den Kriegsteilnehmern half, ihrer unrühmlichen Vergangenheit einen Sinn zu geben und das widerfahrene Leid erträglicher zu machen.
Einer der kein militärisches Trauma verarbeiten musste war Sepp. Der Bauernsohn war von kleiner Gestalt und kein Schweregewicht. Durch seine verkrümmte Wirbelsäule war er so beeinträchtigt, dass er als einer der wenigsten Männer im Ort vom Kriegsdienst befreit war. Am elterlichen Bauernhof arbeitete er im Rahmen seiner Möglichkeiten, um einen Beitrag für die Versorgung des deutschen Volkes mit landwirtschaftlichen Produkten sicherzustellen. Gerüchten zu Folge, sollte er sich während des Krieges auch um jene Frauen besonders gekümmert haben, die sehr an der Abwesenheit ihrer Männer litten. Ganz besonderes Geschick hatte Sepp beim Umgang mit den Pferden, den wichtigsten Zugtieren zu dieser Zeit. Und nach einigen Gläschen Rotwein, brachte er seine gute Beziehung zu den Pferden mit seinem Lieblingslied zum Ausdruck:
„I hab a paar kohlschwarze Rappen,
san eing’spannt in mein Jukkerwagn.
A Freud is’s wia di zwoa so trag’n,
das kann i koan Mensch’n nit sag’n.
I schrei Hü! Aba i schrei Ho!
Ja i schrei alleiweil Hüst! A ha ho.“
Als häufiger Gast und seinen gleichen Trinkgewohnheiten wusste das Wirtspersonal aufgrund seiner Stimmungslage ohne Angabe oder Aufzeichnung, was und wieviel der Sepp getrunken hatte. Saß eine Frau an seinem Tisch, die ihm aus Spaßgründen Avancen machte, fühlte er sich im endlosen Liebeshimmel und reagierte mit verbalen Küssen. Bekam er jedoch das Gefühl verarscht zu werden, konnte er bei entsprechendem Alkoholspiegel auch heftig reagieren und drohte seinem vermeintlichen Aggressor nicht selten mit dem Umbringen und Niederstechen. Was wegen seinem gewaltlosen Leben in der bekannten Runde stets für Gelächter sorgte. Sepp war ein Original im Ort und im Gasthaus gerne gesehen. Vor allem aber, weil er sich stets bemühte, aus seinem Leben das Beste zu machen.
Manchmal gab es auch Spaß: Fritz, der Schweinehändler, war alles andere als ein Sympathisant von Hitler. Er war groß und hatte einen großen Bauch, der in der hochgeschnittenen Hose verschwand. Ähnlichkeiten mit Obelix waren sichtbar. Er hatte eine Glatze, die er stets mit seinem Spruch verteidigte: „Das Haar ist eine Sumpfpflanze, wächst nur auf einem Wasserkopf.“ Er rauchte helle Zigarren und seine Lieblingsgetränke waren Bier und gespritzte Weißweine. Auch er musste seinen Militärdienst in Afrika unter Feldmarschall Rommel leisten und kam später in die USA in Gefangenschaft. Von diesen großen Ereignissen und den schwarzen Menschen, die er vorher noch nie gesehen hatte, erzählte er ab einer bestimmten Promillehöhe oft und gerne. So wurde ihm scherzhaft manchmal unterstellt, dass er mehrere Liebschaften mit schwarzen Frauen gehabt hätte, was er eher mit einem gewissen Stolz nicht abstritt. Eines Tages besuchte ein Student der Technischen Universität Wien mit seinem schwarzen Studienkollegen das Gasthaus. Der junge schwarze Mann hieß Jason und wurde von einem Gast heimlich über den Militäreinsatz von Fritz informiert und sollte sich spaßhalber als sein Sohn ausgeben. Nach einem kurzen Gespräch von Fritz über seinen Einsatzort in Libyen stellte Jason fest, dass das auch sein Heimatort und seine Mutter von einem weißen Soldaten aus Österreich geschwängert worden war. Damit war für alle beteiligten Gäste Fritz als Vater ermittelt und Jason fiel ihm mit dem Wort: „Papa“ rührend um den Hals. Fritz, dessen Alkoholspiegel schon ziemlich hoch war, glaubte diese Inszenierung tatsächlich und war zu Tränen gerührt. Für ihn gab es keine Zweifel, dass Jason sein Sohn war, nachdem dieser ihm auch das Gefühl dazu gab. Selbst nach einer Stunde hatte Fritz noch feuchte Augen und war noch nicht klar im Kopf. Die zwischenzeitlich geleerten Gläser Wein verschlimmerten eher die Gedächtnisleistung. Einerseits erfüllte es Fritz mit großem Stolz, einen weiteren Sohn zu haben, andererseits hatte er keine Ahnung, wie er das seiner resoluten Frau erklären sollte. „Die bringt mich um“, war seine Befürchtung. Die Teilnehmer an dieser Liebesgeschichte konnten sich vor Lachen kaum halten. Erst am nächsten Tag und bei entsprechender Nüchternheit wurde er von dem spaßigen Drehbuch informiert. Er nahm es wie immer mit Humor.
Fritz war so etwas wie ein Stammgast, der beinahe täglich und stets bis Mitternacht das Gasthaus besuchte. Und da er keine alkoholfreien Getränke konsumierte, war er nicht selten so betrunken, dass er sein Moped für die Heimfahrt selbst nicht mehr starten konnte und fremde Hilfe benötigte. Für die ersten Meter seiner wackeligen Fahrweise benötigte er noch die gesamte Breite des Kirchenvorplatzes. Mit zunehmender Geschwindigkeit wurde jedoch sein Fahrstil gradliniger. Im Dunkel der Nacht glaubte er ein Hindernis auf der Straße zu sehen und bremste plötzlich ab. Das Hindernis war ein Gendarmeriebeamter, den er beinahe überfahren hätte. Der Uniformierte meinte zu Fritz: „Jetzt hast du aber ein Glück gehabt!“ Worauf ihm Fritz antwortete: „Wer hat jetzt ein Glück gehabt, ich doch nicht, du wärst ja tot gewesen!“ Nachdem die vermeintliche Todesfrage ausdiskutiert war, fragte der Gendarm Fritz, von wo er herkomme. „Ich komme vom Kirchenwirt, dort gibt es lauter Betrunkene, ich war der einzige Nüchterne“, antwortete Fritz. Nachdem die Amtshandlung beendet war, ging der Gendarm zum Kirchenwirt und musste feststellen, dass das Gasthaus bereits geschlossen hatte und er angelogen wurde. Beim nächsten Zusammentreffen der beiden zahlte Fritz dem Staatsbeamten ein Bier und eine Jause, damit dieser seinen damaligen Ärger leichter verarbeiten konnte.
Musikboxen mit ihren kleinen Schallplatten gab es erst Mitte der 60er Jahre und dann nur in Bars. Daher war der Gesang von Volks- oder Wanderliedern in einer geselligen Runde ein beliebtes Mittel, um Harmonie und Entspannung nach einem arbeitsreichen Tag zu erlangen. Lieder aus der Jägerschaft und Wienerlieder, mit Texten über Wein und Fiaker, bereicherten die Gesangsliste. Kontemporäre Schlagermusik wie von Freddy Quinn, Peter Alexander, Roy Black oder Rex Gildo erweiterten die Gesangsauswahl. Die vielfach gesungenen Lieder waren deshalb auch textlich weitgehend bekannt. Jedenfalls die erste Strophe davon. Textsicherer sind bekanntlich Musiker, weil es entweder ihr Beruf oder meist ihre Passion ist. Um den damaligen nicht orchestrierten „Gesangsverein“ jederzeit unterstützen zu können, gab es fast in jedem Landgasthof eine Gitarre. Manchmal kam auch ein Ziehharmonikaspieler dazu und die Band war perfekt. Der Abend im Gasthaus wurde zum unvergesslichen Erlebnis.
Kinderarbeit infolge Landflucht
Mit Beginn der 60er Jahre im 20. Jahrhundert erhielt die maschinelle Entwicklung in der Landwirtschaft eine noch nie da gewesene Dynamik. Die Traktoren wurden größer und bekamen drei oder vier Zylinder, die ersten Mähdrescher und Ladegeräte wurden auf Bauernmärkte mit Volksfestcharakter präsentiert und veränderten die landwirtschaftliche Arbeit enorm. Die Mähdrescher trennten schon am Feld die Getreidekörner vom Stroh. Die Ladegeräte transportierten das Heu, das Stroh oder die schweren Blätter von Zuckerrüben mittels einer „Pick-up-Vorrichtung“ und eines Förderbands auf den nachgezogenen Traktoranhänger. Vereinzelt waren schon Melkmaschinen im Einsatz und entleerten die Euter der Milchkühe ohne Handarbeit. Melklehrer wurden mit einem Schlag arbeitslos.

Die menschliche Arbeitskraft wurde zwar nicht zur Gänze, aber im hohen Maße durch halbautomatische Maschinen entbehrlich. Die Abwanderung der Landarbeiter in den produzierenden Sektor wurde insbesondere durch die starke Industrialisierung vorangetrieben. Der Glaube an das eigene Land und nicht zuletzt der Wiederaufbauplan ERP (European Recovery Programm – „Marshall-Plan“) der USA schafften ein Wirtschaftswunder namens „Golden Age“ in Europa. Nachdem sich die Kriegsindustrie in eine Technologie- und Konsumgüterindustrie umgewandelt hatte, tausende Autos von den Fließbändern rollten und die Fabrikarbeiter allein mit ihrem Urlaubsgeld in den Süden fahren konnten, war das Arbeiten in der schlecht bezahlten Landwirtschaft für die meisten keine Alternative mehr. Arbeiteten zu Beginn der 50er Jahre noch 33 Prozent5 der Erwerbstätigen im primären Sektor, so waren es knapp 60 Jahre später nur mehr 4,3 Prozent6, die Freude an der landwirtschaftlichen Arbeit fanden. Ohne die Industrialisierung der Landwirtschaft wäre die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen, da nicht genug Hände und Köpfe für die Fabriken und Dienstleistungsbetriebe zur Verfügung gestanden hätten.
Dieser Strukturwandel stellte die Landwirte vor kaum bewältigbare Herausforderungen. Auch die aus dem Mühlviertel stammende Magd Manuela und der aus Mittersill angereiste Knecht Heinz verließen 1960 den Hof von Ludwig und Johanna, obwohl sie sich hier wohlgefühlt hatten. Manuela war groß, für eine Frau unheimlich kräftig, und hatte riesigen Spaß, wenn sie den wohl kernigen, aber kleineren Dienstbotenkollegen Heinz ihre überlegene Stärke etwa beim händischen Lufteinpumpen von Anhängerreifen zeigen konnte. Manuela war schon zuvor der Liebe ihres Lebens begegnet und gründete mit dem etwas älteren Herrn aus der übernächsten Gemeinde eine Familie. Auch für Heinz war es ein „herzlicher Abschied“, da auch er zu seiner Angebeteten zog und künftig sein Geld in einem Industrieunternehmen verdiente. Dieser personelle Abgang konnte nicht allein durch den maschinellen Einsatz kompensiert werden. Im selben Jahre beendete der adoptierte Sohn Andreas seine 8-jährige Pflichtschulzeit und trat als Landwirtschaftslehrling in den Dienst seiner Eltern. Für arbeitsintensive Zeiten wie etwa im Frühling das Vereinzelnen der zahlreich aufgegangenen Zuckerrüben- und Zichoriepflänzchen (Einkornsamen wurden erst später gezüchtet), das Aufklauben von maschinell freigelegten Zuckerrüben, Kartoffeln und dem von den Bäumen heruntergefallenen Mostobst im Herbst wurden Hausfrauen aus dem Ort als Tagelöhnerinnen engagiert. Später verstärkte noch Gabriele mit ihren Händen den Familienbetrieb, bevor sie und ihr älterer Bruder Andreas sich nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten umsehen mussten.
Große Erwartung hatten Ludwig und Johanna auf Martin gesetzt, der als ältester gemeinsamer Sohn als Hoferbe vorgesehen war und daher nicht früh genug mit der verantwortungsvollen Aufgabe eines Landwirtes vertraut werden konnte. Vor allem aber auch seine Geschicklichkeit beim Traktorfahren war Ursache für das nicht selten vorzeitige Ende des Schultages, wenn Johanna vormittags in die Schule ging und dem Direktor eröffnete, dass Martin zum Pflügen oder Eggen benötigt wird. Diesem Begehren kam der damalige Schuldirektor nicht ungerne nach, wurde doch sein Entgegenkommen am sonntägigen Stammtisch meist mit einem oder mehreren Gläsern Rotwein honoriert. Auch beim „Saustechen“ dachte man an die guten Beziehungen zur Schuldirektion und legte ein schönes Stück Fleisch für sie zur Seite. Die Frau des Schuldirektors, von allen Menschen in der Gemeinde als Frau Direktor angesprochen, nahm sich als Tochter eines Fleischhauers der weiteren Verarbeitung gerne an. An den Tagen ohne vorzeitiges Ende des Unterrichts wurde Martin zu Hause die Schultasche abgenommen und ihm die Tasche mit einem gewässerten Most, eingehüllt in ein nasskaltes Tuch zur Kühlung, ausgehändigt. Damit wurde er aufs Feld geschickt. Dort musste er mitarbeiten bis abends und fiel nicht selten erschöpft ins Bett.
Martin hatte oft nicht einmal Zeit, seine Hausaufgaben zu machen. Durch seinen leichten Schlaf stand er oft zu einer Zeit auf, wo noch Gäste anwesend waren, und legte sich wieder in das Bett. Nicht selten stand er um 2 oder 3 Uhr früh auf und machte bei Kerzenlicht seine Hausaufgaben. Erst danach konnte er wieder einschlafen. Schon mit sechs Jahren wurde Martin Ministrant und führte mit dem Pfarrer den liturgischen Dialog in lateinischer Sprache. Des Öfteren wurde er kurz vor 07:00 Uhr geweckt, wenn der Mesner zur Mutter lief und Martin als Ministrant für die tägliche Messe verlangte. Erst das 2. Vatikanische Konzil, das 1965 endete und u. a. den Priestern die Hinwendung zu den Kirchenbesuchern und den Dialog mit ihnen erlaubte, ermöglichte auch die Messfeier in der jeweiligen Landessprache. Damit wurden die Ministranten vom „kleinen Latinum“ befreit und der überwiegende Teil der Kirchenbesucher verstand erstmals, was hier eigentlich gebetet wurde. Ein ähnlicher Vorgang wie die Übersetzung der Bibel vom Lateinischen ins Deutsche durch Martin Luther. Für Martin kam diese Änderung zu spät, da er 1964 nach acht Jahren Kirchendienst ausscheiden musste. Andererseits beherrschte er die lateinischen Texte im Zwiegespräch mit dem Priester längst perfekt. An Wochentagen gab es nur stille Messen ohne Orgelmusik oder gesangliche Begleitung. Entsprechend der gotischen Architektur war es an Tagen mit geringem Sonnenschein in der Kirche sehr finster und die wenigen, meist älteren Frauen mit ihren dunklen Kleidern waren kaum sichtbar – und hörbar schon gar nicht. Es hatte etwas Gespenstisches. Um 07:30 Uhr war die Messe aus und Martin lief nach Hause, um sich vor dem um 08:00 Uhr beginnenden Schulunterricht noch schnell am Frühstückstisch zu laben.
Ministrant zu sein bedeutete nicht nur eine liturgische Verpflichtung bei einer Messfeier, sondern auch einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten anzugehören und für Gott und die Kirche etwas Positives zu leisten. Und alternative Gemeinschaften für Kinder und Jugendliche gab es in der kleinen Gemeinde ohnehin nicht. Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten traten Martin und viele seiner Freunde der Katholischen Jungschar bei. Spielerisch und singend lernten sie die religiösen Werte kennen und wurden ermuntert, nach diesen Wertvorstellungen zu leben. Unvergesslich für Martin blieben ihre Aktivitäten, die von der Diözese Linz veranstaltet wurden. Einige Tage auf einer alten Burg im oberösterreichischen Kremstal wurden für alle 8- bis 10-Jährigen zum unvergesslichen Erlebnis. Die geisterhaften Nächte zwischen den Burgmauern, die nächtlichen und angsteinflößenden Entdeckungsmärsche durch den Wald sowie der Badeausflug über den bewaldeten Berg in die 12° Celsius kalte Steyr waren weitreichende Lernprozesse und unvergessliche Erlebnisse. Ebenso die Österreichische Jugend-Olympiade in der Steiermark, an der Martin mit seinem Freund Joachim teilnehmen durfte. Mehr als 2.000 Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren aus allen Teilen des Landes nahmen an den sportlichen Wettkämpfen mit großem Eifer teil. Die Jugendlichen schliefen in Zelten, wo sie sich auch von ihrem sportlichen Wettbewerben erholten. Martin und Joachim konnten sich mangels eines Trainers und mangels verfügbarer Trainingsgeräte nur für den 60 m-Lauf und im Schlagball vorbereiten, wo sie nicht so schlecht abschnitten. Im Schwimmen war Martin durch sein Donautraining ziemlich gut, als er auf dem dortigen Schwimmteich neben einer Ringelnatter seine Distanz bewältigte und schneller als sie war. Wie hoch dabei der Angstfaktor war, wurde nie erforscht.
Wenn allerdings saisonale Schwerstarbeit am Programm stand und mit den üblichen Personalressourcen nicht das Auslangen gefunden wurde, erwies sich die Großfamilie von Johanna als Glücksfall. Ihr älterer Bruder Edi und ihr jüngerer Bruder Hans halfen an Wochenenden, wenn der große Misthaufen auf die Felder auszubringen oder das Heu auf den Heuboden zu bringen war. Der Eisenbahner und der gelernte Glasermeister waren höchst motiviert und vermittelten das Gefühl, alles im Vorbeigehen erledigen zu können. Auch wenn ihr Gefühl mit der praktischen Umsetzung selten in Einklang zu bringen war. Der Eisenbahner war eher der Schlaue und etwas Schlitzohrige und hatte großen Spaß, wenn sich sein jüngerer Bruder ärgerte. So kam es schon manchmal vor, dass Edi beim Aufladen von Schweine- und Kuhmist zu schwungvoll war und sein Bruder „irrtümlich“ etwas Mist im Gesicht abbekam. Wobei dieser wütend schimpfte und sich der Missetäter heuchlerisch entschuldigte. Ähnlich war es beim Abladen von Heu von einer hohen Fuhre, wo Edi nicht immer die Einzugsvorrichtung des Heugebläses, sondern seinen Bruder am Kopf traf.
Hans war schon frühzeitig von seiner Frau, einer Wirtin am Stadtrand von Linz, geschieden und hatte keine Familie. Sein früherer Bezug zum Gasthaus qualifizierte ihn, bei Bällen und Hochzeiten im Obergeschoß den Getränkeausschank zu bedienen. Edi, der Eisenbahner, war ein guter Schriftführer und notierte die Getränke der Kellnerinnen für die spätere Abrechnung. Beide machten einen hervorragenden Job und delektierten sich auch am frisch gezapften Bier. Es wurde sehr spät und die beiden waren froh, dass sie im Wohnzimmer ihrer Schwester schlafen konnten, denn am Montag um 05:45 Uhr mussten sie den Postbus erreichen. Als Hans am frühen Morgen in die Küche zum Frühstücken ging und seinen Schwager Ludwig und seine Geschwister traf, konnten sich diese nicht mehr halten vor lauter Lachen. Das war für ihn unverständlich und machte ihn wütend. Damit entstand eine wechselhafte Steigerung von Wut auf der einen und Lachen auf der anderen Seite. Erst als sich Hans in den Spiegel sah, verstand er, warum die anderen einen Lachkrampf bekamen. Er war im Gesicht schwarz von Ruß, der aus dem Kaminloch kam und ihn aussehen ließ wie einen Rauchfangkehrer. Sein Schwager hatte am Tanzboden einen weiteren Ofen in Betrieb genommen und dazu das freistehende Ofenrohr im Wohnzimmer abmontiert. Durch das offene Kaminloch blies der Wind den Ruß in den Raum und schwärzte Hans so sehr, als hätte er alle Kamine in der Gemeinde gereinigt. Als sich das Gelächter legte und sich Hans beruhigt hatte, versuchte er seine Schuhe anzuziehen. Edi machte ihn aufmerksam, dass er die falschen Schuhe anhabe, nämlich jene von seinem Schwager Ludwig. Da unter der Sitzbank mehrere Schuhe standen, war Hans irritiert und zog seine eigenen Schuhe wieder aus und schlüpfte erst recht in jene von Ludwig. Als ihm auch dieser Versuch ausgeredet wurde, griff er intuitiv erneut, aber höchst verunsichert zu seinen Schuhen. Seine Verwirrung war perfekt. Dieses Spiel an unwahren Behauptungen und verständnislosen Entgegnungen dauerte an, und Hans wusste am Ende wirklich nicht mehr, welche Schuhe nun tatsächlich seine waren. Bis Johanna die Komödie mit klaren Worten beendete und ihre Brüder aufbrachen, um den Postbus gerade noch zu erreichen.
Ein besonderer Helfer in Zeiten mit Arbeitsspitzen und an Wochenenden zur Unterstützung der jugendlichen Kinder bei der Stallarbeit war Poschko. Poschko war ein groß gewachsener Mann aus Serbien, der im Zuge des Zweiten Weltkriegs in die Gemeinde von Ludwig und Johanna kam und dort eine Kriegerwitwe mit zwei Kindern kennen und lieben lernte. In seine Heimat wollte er nicht mehr zurückkehren. Seine Herkunft war ziemlich dubios, da er keinen Pass hatte und weder sein Geburtsdatum noch seinen Geburtsort kannte. Der damalige Gemeindesekretär schätzte sein Alter und stellte ihm eine Geburtsurkunde aus, damit er später eine österreichische Staatsbürgerschaft erhalten konnte. Einen Arbeitsplatz fand er in einem Ziegelwerk in der Nachbargemeinde, den der Führerscheinlose mit dem Fahrrad leicht erreichen konnte. Da niemand in seiner Umgebung Serbokroatisch sprach und er sich in Deutsch sehr schlecht verständigen konnte, war die Kommunikation mit ihm schwierig. Niemand wusste so richtig, ob seine auch nach Jahrzehnten noch schlechten Deutschkenntnisse an seiner geringen Lernleistung oder an seiner mangelnden Lernwilligkeit lagen. Ungeachtet dieses Mangels war Poschko ein Mann, der wie seine Partnerin gerne als Tagelöhnerin in seiner Freizeit bereitwillig am Bauernhof von Ludwig und Johanna anpackte. Als offensichtliche Motivation dafür konnte seine Liebe zu Schnaps, Zigarren und kräftigem Essen angesehen werden. Das ihm von Johanna heimlich zugesteckte Geld nahm er natürlich auch gerne entgegen.
An Wochenenden klopfte er bereits um 04:30 Uhr mit einer Stange an das Schlafzimmerfenster von Andreas und Martin, damit ihm geöffnet wurde. Da Andreas meist tief schlief und seinen Unterstützer nicht hörte, öffnete ihm meist Martin die Tür. Noch bevor er die Stallarbeit begann, verlangte er Schnaps und Zigarren mit der Begründung: „So viel schlegte Magen, muss ma Stampal trinken, elpa zwei!“ Diese Versorgungswünsche waren verständlich und mit 1/8 Liter Schnaps oder Weinbrand und mehreren Zigarren leicht erfüllt, da der Stallgeruch schon schwer zu ertragen war. An Samstagen waren auch die Schweineställe zu entmisten. Auch jener vom etwa 250 kg schweren Eber, der für die Zucht gehalten wurde, was sich im Poschko-Deutsch so anhörte: „Muss ma Hutschivater seine Aport putzen!“ Poschko wurde von seinen Bekannten wegen seiner sprachlichen Eigenheiten und seiner humorvollen Einstellung gleichermaßen geliebt und geschätzt. Nur wenige Ereignisse konnten ihn aus der Reserve locken. An einem Herbsttag brachte er Martin mit seinem Fahrrad auf die Weide, um das Vieh heimzutreiben. Die Kühe kannten zwar den Weg nach Hause, machten jedoch immer eine Abkürzung durch Nachbars Garten, wo leckeres Obst am Boden lag. Um Ärger zu vermeiden, versuchte der Serbe mit seinem Fahrrad die junge Kuh Berta zurück auf die Straße zu drängen. Davon unbeeindruckt stieg Berta mit ihrem Fuß in das Hinterrad und verbog die Felge derart, dass man mit dem Fahrrad nicht mehr fahren konnte. Poschko schimpfte, verfluchte das blöde Tier und schulterte seinen Drahtesel, um diesen nach Hause zu bringen. Er hatte sich noch gar nicht beruhigt, als es einen lauten Knall gab und nun auch die Luft draußen war. Damit war der ruhige Serbe am Ende seiner Geduld angelangt, war doch sein einziges und wichtigstes Fortbewegungsmittel unbrauchbar geworden. Er beruhigte sich erst wieder, als ihm Ludwig sein Fahrrad zur vorübergehenden Nutzung anbot. Als Poschko am Folgetag damit von der Arbeit wieder heimfahren wollte, wurde er von einem Gendarm wegen des defekten Lichts aufgehalten und mit 5 Schilling bestraft. Dafür zeigte er absolut kein Verständnis, da es ja nicht sein, sondern das Fahrrad vom Kirchenwirt war und dieser seiner Meinung nach dafür zahlen sollte. Seine Aufregung war groß und legte sich erst, als ihm Johanna einen Schnaps reichte und den Betrag refundierte.
5 Institut für Wirtschaftsforschung: Die Wertschöpfung der österreichischen Land- und Forstwirtschaft in den Jahren 1937 und 1949 bis 1956. In: Beilage Nr. 47, XXX. Jahrgang, Nr. 6, Juli 1957
6 Bundesanstalt für Agrarwirtschaft: http://www.agraroekonomik.at/index.php?id=allgdaten
Jugendliche brauchen Freunde
Freunde, mit denen man Erfahrungen sammeln und sich austauschen kann, sind in allen Altersgruppen unverzichtbar. Ganz besonders für jene, die sich noch nicht oder nicht mehr am Arbeitsplatz austauschen können. Bei Kindern und Jugendlichen ist dies besonders wichtig, da sie wegen ihrer geringen Erfahrungen ihre Persönlichkeit noch entwickeln müssen. Daraus leitet sich der landläufige Spruch ab: „Sag mir, mit wem du zusammen bist und ich sage dir, wer du bist!“ Freundschaften entstehen meist zwischen Menschen mit ähnlichem Alter, gleichen Ansichten und Interessen. Vor dem Handy-Zeitalter war auch die räumliche Nähe ein Kriterium. Die Pubertierenden hatten zu Beginn der 60er Jahre keine Möglichkeit der sexuellen Aufklärung. Familiengespräche wurden mit der Bemerkung: „Schindeln am Dach“ gestoppt, wenn die Themen der Erwachsenen in Richtung Sexualität abzugleiten drohten. Sexuelle Aufklärung stand zu diesen Zeiten an keinem Unterrichtsplan einer Pflichtschule und war kein Thema in den Massenmedien. Erst Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre änderte sich das durch Oswald Kolle, den Aufklärer der deutschen Nation. Seine Beiträge in den Zeitschriften wie Quick und Neue Revue sowie seine Filme „Dein Kind, das unbekannte Wesen“ oder „Das Wunder der Liebe“ kamen für Martin und Pauli zu spät. So wurde Martin im Alter von 12 Jahren von einem älteren Jugendlichen informiert, dass sich auch mit Masturbation der Überschuss an Testosteron abbauen lässt.
Ähnlich ging es Pauli, dem zweitältesten Sohn einer achtköpfigen Arbeiterfamilie, die im alten Schulgebäude wohnte. In diesem, an den Pfarrhof angrenzenden Haus, war zuletzt noch das Postamt untergebracht. Geschlafen haben Eltern, Kinder und Großmutter in einem großen Raum, was selten störungsfrei ablief. Als „Waschküche“ diente vor dem Haus, und damit im freien Friedhofsgelände, ein händisch zu bedienender Brunnen. Dieser Brunnen lieferte auch das Trinkwasser aus dem dortigen Grundwasser. Weder die Behörde noch die sich versorgende Familie hatten Bedenken bezüglich der Genießbarkeit dieses unverzichtbaren Lebensmittels, zumal eine Überprüfung des Trinkwassers gesetzlich noch nicht geregelt war. Pauli hatte mit Fritz einen um zwei Jahre älteren Bruder, der geistig behindert war. Er konnte sich nicht verständigen, nahm als 15-Jähriger immer noch Steine in den Mund und lief planlos durch die Gegend. Für seine jüngeren Geschwister war er manchmal störend und peinlich, wurde aber von allen Kindern mehr oder weniger so akzeptiert, wie er war. Irgendwie gehörte er zu ihnen.
Für Pauli war es ein Bedürfnis sich vom engen Korsett der Familie innerhalb der Friedhofsmauern zu befreien und zu den umliegenden Bauern zu gehen, um an dem aktionsreicheren Leben in einer Landwirtschaft teilhaben zu können. Martin und Pauli begegneten sich beinahe täglich und es entwickelte sich eine dauerhafte Freundschaft. Gerne gingen beide oder Pauli allein zum Nachbarhof, wo Rupert mit seiner Frau Josefine und ihren drei Kindern Bertl, Gusti und Greti den Betrieb führten. Rupert musste den Bauernhof unvorhergesehen übernehmen, da sein Cousin als vorheriger Bauer und Sympathisant der Nationalsozialisten seine Zwangsarbeiter offenbar schlecht behandelte und nach Kriegsende von diesen mit einer Schaufel erschlagen wurde. Rupert war alles andere als radikal und für die jungen Buben so etwas wie ein Großvater, von dem die Jungs viel lernen konnten. Von März bis November ging er barfuß und selbst am etwa 40 Grad heißen Misthaufen verweigerte er Schuhe oder Gummistiefel, wenn der Dünger aufgeladen und auf die Felder auszubringen war. An Sonntagen ging er gerne in die Au und zeigte mit großer Erfahrung den Buben, wo die Vögel ihre Nester hatten oder wie man Fische im Bach mit der Hand fangen kann. In der großen Bauernstube von Rupert und seiner Familie waren die Buben gerne gesehen und durften sich am Jausenbrot bedienen, wann immer sie wollten. Zu dieser Zeit backten die Bäuerinnen ihr Schwarzbrot selbst und daher schmeckte das Brot beim Nachbarn anders und „besser“. Den Buben fiel auf, das Rupert stets die Rinde vom Brot trennte, was die beiden gerade wegen der Kruste gerne aßen. Erst später fanden sie heraus, dass seine wenigen Zähne der Grund dafür waren. Da sich Rupert nach dem Essen gerne eine Zigarette gönnte, hatte er auch nichts dagegen, wenn Pauli und Martin ebenfalls rauchten. Eine Solidaritätsbekundung der besonderen Art.
Da die Eltern von Martin durch die Land- und Gastwirtschaft sieben Tage in der Woche zwischen 15 und 19 Stunden arbeiteten, hatte sie keine Zeit für die Erziehung ihrer Kinder. Pauli und Martin waren gerne im Auwald, fischten im Bach und brieten sich die Barben an einer selbst gegrabenen Feuerstelle. Retteten einem Frosch das Leben, der zuvor von einer Ringelnatter geschluckt wurde, indem sie diese mit einem Messer öffneten. Bei einem Streifzug durch einen ausgetrockneten Wassergraben entdeckten sie ein für sie unbekanntes Kriegsrelikt und nahmen es mit. Am Heimweg trafen sie auf einen alten Mann aus dem Nachbardorf, der mit seinem Ziehwagen Grünfutter nach Hause brachte. Sie warfen mehrmals das Kriegsrelikt auf seinen Wagen, von dem es mehrmals wieder runterfiel. Zu Hause angekommen fiel der Vater von Martin fast in Ohnmacht, als er das Kriegsrelikt als Panzerfaust identifizierte. Glücklicher Weise ist nichts passiert, sonst wären alle drei Personen gestorben und die Kühe ohne Grünfutter gewesen.
Ein 10-Jähriger von damals hatte bis dato noch keinen nackten Menschen gesehen. Martin bekam Schamgefühle und errötete, als er mit acht Jahren vom Garten aus zufällig sah, wie sein kleiner Bruder Fritz von der Mutter am Fensterbrett gestillt wurde. Nacktsein oder sich so zu zeigen, war zu dieser Zeit höchst unmoralisch. Dennoch existierte am anderen Ende der Gemeinde in Donaunähe eine FKK-Siedlung, die Martin und Pauli nicht verborgen geblieben war. Im Sommerbetrieb schlichen sich die beiden an das Gelände heran, um die eine oder andere nackte Frau zu sehen. Das war immer ein gefährliches Unterfangen, denn meist wurden die unerwünschten Beobachter entdeckt und von den wütenden Männern durch den Auwald gejagt. Dabei hatten sie meist das Gefühl, als müssten sie um ihr Leben laufen.
Beliebte Gruppenspiele mit weiteren Schulfreunden waren neben der Errichtung von Schneemännern im Winter das Fang- und das Versteckspiel. Bei ersterem musste der Davonlaufende schneller und wendiger sein als der nachlaufende Fänger. Schnelligkeit und Geschicklichkeit waren wichtige Kriterien, um erfolgreich zu sein. Unbewusst trainierten die Jugendlichen damit ihren Körper, was für ihre Entwicklung bzw. ihr späteres Leben wichtig war. Beim Versteckspiel musste der Erstgefundene, nachdem er mit geschlossenen Augen an einem bestimmten Platz bis 30 zu zählen hatte, die anderen suchen gehen. Wenn jemand ungesehen seinen Zählplatz erreichte, konnte er sich mit den Worten: „eins, zwei, drei, ich bin frei!“ freischlagen. Martin und Pauli liebten dieses Spiel auf einem Bauernhof, wenn sie sich mit einem Mädchen ihres Alters am Heuboden verstecken konnten. Um so wenig wie möglich gesehen zu werden, musste man sich natürlich eng zusammenkuscheln. Es ergaben sich die ersten Möglichkeiten, ein Mädchen zu berühren, zu küssen und auf seine Reaktion zu warten. Denn es sollte ja noch mehr geben als das bloße Aneinanderpressen der beiden Lippenpaare. Weniger angenehm war ein Versteckspiel von Martin mit seinem Freund Ferdinand in der Wohnung seiner Eltern. Der übermütige Martin lief von der Küche in das Wohnzimmer und hüpfte auf das dortige Sofa, das ihn mit seinen Federn an die Wand warf. Martin war einige Zeit nicht ansprechbar und bekam auf der linken Stirnhälfte eine riesige Beule. Aber den Eltern sagte er nichts davon, weil er Angst hatte, auch noch beschimpft zu werden. Und aufgefallen ist es ihnen auch nicht. Mit Ferdinand, der um eineinhalb Jahre älter war als Martin, sprang er auch gerne in den Bachtümpel, der in der Nähe seines Elternhauses war und einen einfachen Übergang hatte. Viele Stunden verbrachten die beiden in der natürlichen Umgebung. Durch den Besuch des Stiftsgymnasiums von Ferdinand schwächten sich die gemeinsamen Jugendaktivitäten leider ab.
Ein besonderes Ereignis für Kinder und Jugendliche war der jährliche „Leonhardikirtag“, der am 6. November eines Jahres zu Ehren des heiligen Leonhard im Nachbarort abgehalten wurde. Zuvor allerdings musste Martin mit seinen Ministrantenkollegen den Pfarrer und die betende Prozession in den 3 km entfernten Ort begleiten und in der dortigen Kirche eine Messe zu Ehren des Heiligen aus dem 7. Jahrhundert mitfeiern. Die liturgischen Notwendigkeiten und den damit verbundenen Fußweg nahmen die Kinder und Jugendlichen aus dem Nachbarort gerne in Kauf, wenn sie an die vielen und seltenen Angebote dachten. Im Ortszentrum und den angrenzenden Wiesen standen einfache Karusselle und Ringelspiele, die die Kinder gerne nutzten, um in den Genuss der Fliehkraft zu gelangen. Schießbuden wurden gestürmt, um eine Rose für ein sympathisches Mädchen zu erlangen. Für die jugendlichen „Schleckermäuler“ gab es Schokolade in vielfältiger Art und Form, „Negerbrot“ (einfache Milchschokolade mit Haselnüssen), Lebkuchenherzen zum Verschenken an die Liebste, Schaumrollen und vieles mehr. Auch Strickwaren und Kleidungsstücke konnte man erwerben. Was Martin und seine Freunde jedoch am meisten interessierte, waren Revolver, die mit Stoppeln oder Kapseln geladen wurden. Die Stoppeln waren aus gepressten Sägespänen, gefüllt mit Zündplättchen und entsprechenden Oxidationsmitteln, die beim Abfeuern einen großen Knall wie eine echte Faustfeuerwaffe machten. Der aufgesetzte Stoppel flog 1 bis 2 m weit, was beim Einsatz zu berücksichtigen war. Der Kapselrevolver wurde bestückt mit einer kleinen Papierrolle, auf der die Knallkörper in Tropfenform eingeschlossen waren und erst durch einen Schlagbolzen explodierten und dadurch zu hören waren. Die jungen Knaben kratzten ihr Taschengeld zusammen, um sich mit „Waffe und Munition“ längerfristig einzudecken. Denn Cowboy- und Indianerspiele ohne Waffen waren angesichts der Karl May-Impressionen undenkbar.
Eine besondere Reizfigur für alle Jugendlichen im Ort war der Bauhilfsarbeiter August, der mit seiner Steffi in einem alten Haus eines Bauern wohnte. Bei ihm gewann man den Eindruck, dass seine Gedächtnisleistung mit seinen schnellen Aktivitäten nicht Schritt halten konnte. Steffi hingegen war eine äußerst gutgläubige Frau. In ihrer Wohnumgebung war ein Graben, der sich schon bei leichten Überflutungen der Donau mit Wasser füllte. Die Geschwindigkeit des Anstiegs war und ist ein wichtiger Indikator über die Höhe bzw. Gefährlichkeit des Hochwassers. August fühlte sich wie ein Mitarbeiter des hydrografischen Dienstes, wenn er den Wasserstand beobachtete und seine Einschätzung der übrigen Bevölkerung gerne und mit bestimmender Gewissheit mitteilte. Dazu steckte er einen Holzstock am Wasserrand in die Erde und beobachtete diesen in Abständen von etwa von einer Stunde. Wenn sich das Wasser vom Stock entfernte, bedeutete das einen Rückgang des Hochwassers. Wenn jedoch der Stock im Wasser stand, war das ein Alarmzeichen für ein Ansteigen des Hochwassers. Martin und Pauli beobachteten ihn und in einem unbemerkten Augenblick zogen sie den hölzernen Messpegel heraus und setzten diesen ins Wasser. Als August seinen Kontrollgang machte und seinen Messstab tief im Wasser sah, schlug er Alarm und rannte zu seiner Steffi, um die Evakuierungsarbeiten im und ums Haus zu beginnen. Er war wie verrückt, denn, wenn das Hochwasser in dieser Geschwindigkeit weitersteigt, steht nach seiner Expertise das Erdgeschoß innerhalt von wenigen Stunden unter Wasser. Erst als die beiden begannen, das an der Hausmauer aufgeschichtete Holz auf den Dachboden zu bringen, wurden sie von Martin und Pauli aufgeklärt, dass sich „Unbekannte“ einen Spaß erlaubten und den Messstab versetzten. August war wütend, jedoch wiederum froh, dass er und Steffi die Evakuierungsmaßnahmen beenden konnten.
Ein andermal machte August bei jenem Bauern, der ihm seine „Villa“ zu einer Anerkennungsmiete überließ, Vorbereitungen für das Sprengen der Obstbaumstöcke. Der Bauer hatte die Obstbäume in seinem Garten umgeschnitten, weil er aus dem Obstgarten ein Feld machen wollte. Deshalb mussten die Baumstöcke mit ihren starken und weitverzweigten Wurzeln aus der Erde geschafft werden, um den Garten umpflügen zu können. Am einfachsten gelingt so ein Vorhaben durch eine Sprengung – und August war ein Experte dafür. Gegen Abend bohrte er die 20 Wurzelstöcke an, füllte die Löcher mit Schwarzpulver und verband die explosive Masse mit einer Zündschnur. Pauli und Martin waren interessierte Zuschauer dieses nicht alltäglichen Ereignisses. Da es nach Ende der Arbeit bereits finster war und bei einer Sprengung allfällige Schäden nicht eruierbar gewesen wären, entschied er sich, die Sprengung am nächsten Tag vorzunehmen. Pauli und Martin nahm er die Verpflichtung ab, den geladenen Baumstöcken nicht zu nahe zu kommen, was beide einmütig versprachen und sie entfernten sich. Doch ihre Versuchung war stärker als ihr Versprechen und als August kaum zuhause beim Abendmahl saß, explodierten mehrere Baumstöcke mit ungeheuerlichem Lärm. Nachbarn, die den lauten Knall hörten, liefen zur vermutlichen Lärmquelle, um nach den Rechten zu sehen. Schreiend lief August durch das explosive Gelände und schrie: „Wo sind diese A…löcher, ich bringe sie um!“ Im gesicherten Versteck beobachteten Pauli und Martin diese Erregung und hatten sichtlichen Spaß daran.
Die Freundschaft zwischen Pauli und Martin bekam auch durch den Griff zum Glimmstängel eine neue Qualität. In einer unversperrten Lade des elterlichen Gasthauses von Martin befanden sich die Zigaretten zum Verkauf. Die gängigsten Marken waren damals Austria 2 und Austria 3, hergestellt in der Tabakfabrik Linz. Sie waren ohne Filter und hatten eine ovale Form und passten sich den Lippen ergonomisch gut an. Die in der Umgangssprache 2er und 3er genannten Zigaretten wurden auch einzeln verkauft und die offenen Schachteln luden die Jungraucher förmlich ein, sich daran zu bedienen. Meist gingen sie, um beim Rauchen im Alter von 12 Jahren nicht gesehen zu werden, in die Au oder in eine wenig frequentierte Hütte. Wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs waren und ihnen Menschen begegneten, steckten sie die Glimmstängel vorübergehend in das offene Rohr des Fahrradlenkers. Eines Tages, als Martin mit Pauli im oberen Geschoß der Holzhütte seiner Eltern aus einem großen, offenen Mostfass die Rauchwolken steigen ließen, wurden sie von Ludwig entdeckt. Pauli musste sofort nach Hause gehen und Martin wurde von seinem Vater so stark geschlagen, dass er drei Tage lang nicht schmerzfrei sitzen konnte und beim Esstisch mehr stand, als saß. Aufgehört zu Rauchen hatte er deshalb nicht, er wurde nur vorsichtiger. Vom Glimmstängel getrennt hat sich Martin erst mit 16 Jahren, als er das gesetzliche Mindestalter erreichte. Ohne Beratungshilfe, sondern aus eigener Vernunft. Er hat eingesehen, dass ihn der Tabakgenuss längerfristig krank machen würde und ihn in seiner konditionellen Entwicklung stark behinderte. Offensichtlich zählt die eigene Erkenntnis über den Sinn bzw. Unsinn von Maßnahmen zum wichtigsten Motivationsfaktor bei einer Zielerreichung.
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