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Polizeirelevante psychische Störungen
Kompaktwissen für Polizeistudium und -praxis
Prof. Dr. Lena Posch
Hochschule in der Akademie der Polizei Hamburg

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Print ISBN 978-3-415-06928-2
E-ISBN 978-3-415-06930-5
© 2021 Richard Boorberg Verlag
E-Book-Umsetzung: Datagroup int. SRL, Timisoara
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Vorwort
Dieses Buch entstand basierend auf meinem Skript zur Veranstaltung „Psychische Störungen“ im Psychologie-Modul der Hochschule in der Akademie der Polizei Hamburg. Da das Thema psychische Störungen vor dem Hintergrund der Häufigkeit polizeilicher Kontakte mit psychisch Auffälligen eine hohe Relevanz hat und auch in den Curricula anderer Polizei-Hochschulen vertreten ist, entstand die Idee, dieses Thema kompakt auch Polizeistudierenden anderer Hochschulen, aber auch PolizeibeamtInnen in der Praxis zugänglich zu machen. Als Lern- und Studienbuch richtet es sich vor allem an Studierende in den Bachelorstudiengängen Polizei bzw. Polizeivollzugsdienst und bietet durch die Fallbeispiele und Übungsfragen die Möglichkeit, es auch für das Selbststudium zu nutzen und Bezüge zur eigenen (späteren) Berufstätigkeit herzustellen.
Das Ziel dieses „Lernbuchs“ ist, Ihnen ein Basiswissen über polizeirelevante psychische Störungen zu vermitteln, d. h. über Störungsbilder, mit denen Sie im Rahmen Ihrer Berufstätigkeit sehr wahrscheinlich häufiger konfrontiert werden. Sie sollen später natürlich keine psychischen Störungen diagnostizieren können, aber Sie sollen in die Lage versetzt werden, zu erkennen, ob eventuell eine psychische Erkrankung vorliegen könnte und Ideen haben, um welche Störung es sich handeln könnte, um angemessen und handlungssicher reagieren zu können. Es geht letztlich darum, Aspekte zu kennen, auf die Sie im Umgang mit psychisch auffälligen Personen achten können und Ihre Handlungsoptionen dadurch zu erweitern. Es geht auch darum, die eigene Einstellung zu psychischen Störungen zu reflektieren und dadurch eine entpathologisierende Haltung einzunehmen, um keine „Ängste“ vor dem Kontakt mit Personen mit mehr oder weniger ausgeprägten psychischen Auffälligkeiten zu haben und Unsicherheiten zu reduzieren.
Auch ist es wichtig, die spezifischen mit bestimmten Störungsbildern zusammenhängenden Probleme und Charakteristiken der inneren Erlebniswelt der betroffenen Menschen zu kennen, damit man gezielt einfühlsam und situationsangemessen auf sie eingehen und so eine Begegnung mit ihnen so konfliktfrei wie möglich gestalten kann.
Inhaltlich behandelt das Buch zum Einstieg die Relevanz des Themas psychische Störungen für die Polizei sowie die Frage, was eigentlich psychische Störungen sind. Wie sind sie definiert, wo und durch wen werden sie klassifiziert und wie verbreitet sind psychische Störungen eigentlich bzw. welche Gruppen sind besonders davon betroffen? Darüber hinaus werden die in der klinischen Psychologie gängigen Erklärungsmodelle psychischer Störungen vorgestellt, also welche (begründeten und fundierten) Vorstellungen gibt es darüber, wie eigentlich eine psychische Erkrankung entsteht. Dann werden ausgewählte polizeirelevante Störungsbilder vorgestellt. Das Buch erhebt dabei nicht den Anspruch, ein vollständiges Lehrbuch klinischer Psychologie zu sein, in dem erschöpfend alle Störungsbilder abgehandelt werden – davon gibt es bereits sehr gute für andere Zielgruppen – sondern vielmehr das vorhandene Lehrbuchwissen zu ausgewählten Störungsbildern, die für die Polizei aufgrund der Kontakthäufigkeit besonders relevant sind, kompakt und adressatengerecht vorzustellen. Ziel dabei war, das Wesentliche anwendungsorientiert für die Zielgruppe der PolizeibeamtInnen und -studierenden so darzustellen, dass es auch ohne psychologische Grundausbildung verständlich ist. Zudem – und das ist das Besondere an dem Buch – wird bei allen Störungsbildern jeweils der polizeiliche Bezug hergestellt und durch weiterführende Übungsfragen vertieft. Diese sollen dazu anregen, das Rezipierte zu wiederholen, anzuwenden und gedanklich weiterzuverfolgen. Die Auswahl der Störungen richtet sich weitgehend nach denen, die auch schon an anderer Stelle (z. B. Litzcke & Hermanutz, 2004) als polizeirelevant identifiziert wurden.
Im letzten Teil, der unmittelbar auf die Praxisrelevanz ausgerichtet ist, wird darauf eingegangen, woran man im Kontakt erkennt, ob eine psychische Erkrankung oder Auffälligkeit vorliegen könnte und welche psychischen Störungen mit einem erhöhten Gefährlichkeitspotenzial im Sinne möglicher aggressiver Reaktionen einhergehen können. Es wird darauf eingegangen, was spezifische Risikokonstellationen sind (im Sinne der Verknüpfung bestimmter Merkmale der Person und der Situation) und wie Sie als PolizeibeamtInnen die Situation eher deeskalieren können oder welches Verhalten wiederum sich sehr wahrscheinlich eher eskalierend auswirkt.
Die Literaturangaben hinter den Abschnitten sind die Quellen des jeweiligen Abschnitts und zudem als Hinweis, wo vertiefend nachgelesen werden kann, zu verstehen.
Abschließend möchte ich meinen herzlichen Dank an meine (ehemaligen) studentischen Hilfskräfte richten, die mich bei der Erstellung des Vorlesungsskripts, auf dem dieses Buch basiert, sehr gut unterstützt haben: Mein besonderer Dank gilt Alisa Bläser für ihre hervorragende Mitarbeit bei der Aufbereitung meiner Vorlesungsmaterialien, Rebecca Ehmcke für ihre Unterstützung bei der Erstellung einiger Aufgaben und Fallbeispiele und Moritz Spielberger für die Erstellung des Glossars.
| Hamburg, im September 2020 | Lena Posch |
Allein aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.
Inhalt
Einführung: Warum ist das Thema für die Polizei relevant?
1 Was sind psychische Störungen?
1.1 Psychische Gesundheit vs. Krankheit
1.2 Psychische Störungen
1.3 Klassifikation psychischer Störungen
1.4 Verbreitung psychischer Störungen
2 Erklärungsmodelle psychischer Störungen
2.1 Psychodynamisches Modell
2.2 Lerntheoretisches Modell
2.3 Kognitives Modell
2.4 Soziokulturelles Modell
2.5 Biologisches Modell
2.6 Diathese-Stress-Modell
3 Persönlichkeitsstörungen
3.1 Was sind Persönlichkeitsstörungen?
3.2 Entstehung von Persönlichkeitsstörungen
3.3 Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen
3.4 Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.4.1 Was ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung?
3.4.2 Entstehung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen
3.4.3 Polizei & Borderline-Persönlichkeitsstörungen
3.5 Narzisstische Persönlichkeitsstörung
3.5.1 Was ist die narzisstische Persönlichkeitsstörung?
3.5.2 Entstehung von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen
3.5.3 Polizei & narzisstische Persönlichkeitsstörungen
3.6 Dissoziale Persönlichkeitsstörung
3.6.1 Was ist die dissoziale Persönlichkeitsstörung?
3.6.2 Entstehung von dissozialen Persönlichkeitsstörungen
3.6.3 Polizei & dissoziale Persönlichkeitsstörungen
3.7 Psychopathie
3.7.1 Was ist Psychopathie?
3.7.2 Behandlung von Psychopathie
3.7.3 Polizei & Psychopathie
3.8 Paranoide Persönlichkeitsstörung
3.8.1 Was ist die paranoide Persönlichkeitsstörung?
3.8.2 Entstehung von paranoiden Persönlichkeitsstörungen
3.8.3 Polizei & paranoide Persönlichkeitsstörungen
4 Traumafolgestörungen
4.1 Trauma
4.2 Posttraumatische Belastungsstörung
4.2.1 Was ist die Posttraumatische Belastungsstörung?
4.2.2 Entstehung von Posttraumatischen Belastungsstörungen
4.2.3 Polizei & Posttraumatische Belastungsstörungen
4.3 Weitere Traumafolgestörungen
5 Angststörungen
5.1 Angst
5.1.1 Gesunde Angst
5.1.2 Pathologische Angst
5.2 Entstehung von Angst
5.3 Ausgewählte Angststörungen
5.4 Polizei und Angststörungen
6 Affektive Störungen
6.1 Depression
6.1.1 Was ist eine Depression?
6.1.2 Entstehung von Depressionen
6.1.3 Polizei & Depressionen
6.2 Manie
6.2.1 Was ist eine Manie?
6.2.2 Polizei & Manie
7 Alkoholinduzierte Störungen
7.1 Alkoholabhängigkeit
7.1.1 Was ist eine Alkoholabhängigkeit?
7.1.2 Verlauf der Alkoholabhängigkeit
7.1.3 Entstehung von Alkoholabhängigkeit
7.1.4 Behandlung der Alkoholabhängigkeit
7.2 Schädlicher Gebrauch von Alkohol (Alkoholmissbrauch)
7.3 Akute Alkoholintoxikation
7.4 Entzugssyndrom bei Alkohol
7.5 Polizei & alkoholinduzierte Störungen
8 Demenz
8.1 Was ist eine Demenz?
8.2 Formen & Ursachen der Demenz
8.3 Demenz vom Typ Alzheimer
8.4 Polizei & Demenz
9 Suizidalität & Suizid
9.1 Was ist Suizidalität?
9.2 Formen des Suizids
9.3 Zahlen & Fakten zu Suizidalität
9.4 Entstehung von Suizidalität
9.4.1 Biopsychosoziale Risikofaktoren
9.4.2 Präsuizidales Syndrom (Ringel, 1953)
9.4.3 Suizidale Entwicklung (Pöldinger, 1968)
9.5 Polizei & Suizidalität
9.5.1 Einschätzung der Suizidalität
9.5.2 Kommunikation mit Suizidanten
10 Schizophrenie & andere psychotische Störungen
10.1 Psychose
10.2 Schizophrenie
10.2.1 Was ist Schizophrenie?
10.2.2 Formen der Schizophrenie
10.2.3 Entstehung, Verlauf & Behandlung der Schizophrenie
10.3 Polizei & psychotische Störungen
10.3.1 Umgang mit Wahnvorstellungen & Halluzinationen
10.3.2 Umgang mit potenziell gewaltbereiten psychotischen Personen
11 Psychische Störungen in der polizeilichen Praxis
11.1 Erkennen von psychischen Störungen
11.2 Risikokonstellationen im Zusammenhang mit psychischen Störungen
11.2.1 Gewaltpotenzial verschiedener psychischer Störungen
11.2.2 Besondere Risikofaktoren im Zusammenhang mit psychischen Störungen
11.2.3 Risikopotenzial bei psychotischen Störungen
11.3 Umgang mit Risikosituationen
11.4 Vernehmung von Menschen mit einer psychischen Störung
Literatur
Glossar
Einführung: Warum ist das Thema für die Polizei relevant?
Die Relevanz des Themas psychische Störungen für die Polizei ergibt sich zunächst einmal aus deren relativ hoher Auftretenshäufigkeit in der Bevölkerung (vgl. Abschn. 1.4) und dem Umstand, dass polizeiliche Kontakte mit Menschen, die an einer psychischen Störung leiden, relativ häufig vorkommen. Im polizeilichen Alltag ergeben sich vielfältige mögliche Konstellationen, in denen Menschen mit psychischen Störungen einen Einsatzanlass darstellen. Diese können von verwirrten, hilflosen dementen Personen über Menschen im Zustand einer akuten Psychose über Notrufe wegen suizidaler oder fremdgefährdender Personen über Alkohol- und Drogenkranke bis zu psychisch auffälligen Tätern bei Stalking, häuslicher Gewalt oder (versuchten) Amoktaten o. Ä. reichen1. Weitere polizeiliche Berührungspunkte können sich im Zusammenhang mit der (unfreiwilligen) gesetzlichen Unterbringung psychisch Kranker bzw. deren Zuführung in eine psychiatrische Einrichtung ergeben. Diese haben Studien zufolge in Deutschland in den letzten Jahren in der Tendenz zugenommen2.
Es liegt in der Natur der Sache, dass sich polizeiliche Kontakte bzw. Einsatzanlässe immer gerade dann ergeben, wenn Menschen mit psychischen Störungen in irgendeiner Weise auffällig, selbst- oder fremdgefährdend werden und sie sich in einem Zustand hoher emotionaler und psychosozialer Belastung befinden3. PolizeibeamtInnen müssen dann unverzüglich handeln, die Situation oft mit nur wenigen Vorinformationen möglichst richtig einschätzen und mit ihrem Verhalten zur Deeskalation der Situation beitragen sowie ggf. Entscheidungen über weitere notwendige Maßnahmen treffen. Ein situationsangemessenes und in der Folge die Situation eher entschärfendes Auftreten und Handeln seitens der Beamten ist aber nur dann möglich, wenn ein fundiertes Wissen über verschiedene polizeirelevante psychische Störungsbilder vorliegt und Besonderheiten in der Wahrnehmung, dem Erleben und Verhalten bei bestimmten Störungsbildern sowie mögliche Eskalationsfaktoren bekannt sind. So ist z. B. eine Bewaffnung und ggf. Bedrohung mit einem Messer bei einem akut Schizophrenen ganz anders einzuordnen als bei einer Person mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und erfordert eine andere polizeiliche Reaktion.
Allerdings verweisen sowohl ältere4 als auch aktuelle5 Studienbefunde darauf, dass einsatzbezogene Kontakte mit psychisch auffälligen Menschen von Polizeibeamten als konflikthaft angesehen werden, insbesondere aufgrund der schweren Einschätz- und Vorhersagbarkeit ihres zum Teil als irrational wahrgenommenen Verhaltens. Dies kann bei einem nicht unerheblichen Teil der Beamten zu Gefühlen von Angst während der Einsatzsituation führen – insbesondere dann, wenn wenig Wissen über psychische Störungen vorliegt6.
Unkenntnis und Unsicherheit im polizeilichen Umgang mit psychisch Auffälligen sowie daraus ggf. resultierendes eigenes Bedrohungserleben wiederum können auf Seiten der eingesetzten Beamten zu Überreaktionen führen, die die Situation zusätzlich verschärfen und dadurch den Ausgang der Kontakte für beide Seiten negativ beeinflussen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in dem hohen Anteil von Personen mit psychischen Störungen unter den durch Polizeiwaffen Getöteten wider, die etwa zwei Drittel ausmachen7, was insofern einen weiteren Aspekt der Relevanz des Themas für die Polizei begründet.
So ist die Vermittlung und Aneignung eines fundierten Wissens in diesem Themengebiet in Polizeiausbildung, -studium und -praxis nicht zuletzt für eine adäquate Gefährdungseinschätzung und die Erweiterung der Handlungsoptionen sowie den reflektierten Einsatz von Maßnahmen unabdingbar.
1 Was sind psychische Störungen?
1.1 Psychische Gesundheit vs. Krankheit
Gesundheit definiert sich gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2006) nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit, sondern beschreibt einen Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Gesunde Menschen schaffen es so, den wechselnden Herausforderungen des Alltags gerecht zu werden.
Was als psychisch krank gilt, wird hingegen meist erst einmal kategorial eingeteilt: z. B. jemand bekommt die Diagnose Depression oder nicht. Solch eine Einteilung setzt voraus, dass zwischen den beiden Zuständen gesund und krank eine klare Trennung möglich ist. Dies ist bei den meisten psychischen Störungen jedoch nicht der Fall und wird der Vielschichtigkeit und dem dimensionalen Charakter der Einzelmerkmale nicht gerecht; vielmehr gibt es fließende Übergänge zwischen gesund und krank. Um diesen fließenden Übergängen Rechnung zu tragen, wird auf die dimensionale Klassifikation zurückgegriffen, die eine psychische Erkrankung (bzw. einzelne psychische Merkmale der Person) auf einem Kontinuum zwischen den Polen gesund und krank (oder geringe Ausprägung = 1 bis hohe Ausprägung = 10) erfasst.
Dabei kann ein dimensionales Klassifikationssystem auch mit einem kategorialen Ansatz verknüpft werden: Um zu entscheiden, wann auf diesem Kontinuum eine psychische Krankheit vorliegt oder nicht vorliegt (und ggf. in welchem Schweregrad), kann man einen quantitativen Grenzwert (Schwelle) festlegen und sich dazu verschiedener Normen bedienen:
– Statistische Norm: als krank gilt, was statistisch gesehen selten ist.
Dabei wird ein Bereich um den Mittelwert (entspricht „Normalität“) herum definiert (68,2 % = von -1 bis +1 Standardabweichung), der als „normal“ bzw. durchschnittlich angesehen wird. In diesem Bereich befinden sich die meisten (=68,2 %) Menschen. Je weiter man unterhalb der Normalverteilungskurve zu den Randbereichen vordringt, desto weniger Menschen befinden sich in diesen (-1 bis -2 und +1 bis +2 Standardabweichungen je 13,6 %, -2 bis -3 und +2 bis +3 Standardabweichungen je 2,1 %), d. h. desto seltener liegt im Fall der Definition einer psychischen Störung ein bestimmter psychischer Zustand vor. Das wiederum bedeutet, dass dieser Zustand immer weiter vom Durchschnitt (68,2 % um den Mittelwert herum) abweicht und somit als zunehmend kränker angesehen wird.

Abb. 1 Normalverteilungskurve
– Funktionelle Norm: als krank gilt, was Menschen daran hindert, sich gemäß ihren aktuellen Lebensbedingungen zu verhalten bzw. ihre alltäglichen Funktionen zu erfüllen
– Soziale Norm: als krank gilt, was vom gesellschaftlich Festgelegten abweicht
Wittchen, & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 1.3 „Was sind psychische Störungen?“ (S. 7–10)
Kapitel 2.1 „Abnorm oder normal – Krank oder gesund?“ (S. 28–32)
1.2 Psychische Störungen
In der Psychologie wird (im Unterschied zu den meisten Bereichen der Medizin) auf den Begriff „Krankheit“ verzichtet und stattdessen der neutralere Begriff der „psychischen Störung“ bevorzugt, da eindeutig nachgewiesene Kausalbeziehungen für die Entstehung einer psychischen Störung fehlen.
Psychische Störungen sind dabei als ein klinisch bedeutsames Verhaltens- oder psychisches Muster definiert8, das einhergeht mit
– Leidensdruck bei sich (z. B. durch Schmerzen) oder anderen (z. B. durch Verhaltensprobleme),
– einer erheblichen Beeinträchtigung (z. B. im Sozialleben, in beruflichen Leistungen oder finanziellen Bereichen) oder
– einem erhöhten Risiko zu sterben oder tiefgreifenden Freiheitsverlust zu erleiden.
Ursächlich dafür ist eine verhaltensmäßige, psychische oder biologische Funktionsstörung.
Bei psychischen Störungen handelt es sich also um eine Beeinträchtigung
– im Handeln (z. B. in der Motorik oder sozialen Interaktion)
– in der Wahrnehmung,
– im Denken (z. B. im Urteilen oder Lernen),
– im Fühlen oder
– der körperlich/biologischen Funktionsweise (z. B. Veränderungen im Transmitterhaushalt, der Muskelspannung)
die zu einem dauerhaft und massiv herabgesetzten Fähigkeits- und Funktionsniveau des Betroffenen führt.
Es handelt sich dagegen nicht um eine psychische Störung, wenn das Verhalten
– nur eine verständliche Reaktion auf ein Ereignis ist (z. B. Trauer beim Verlust einer nahestehenden Person) oder
– nur von der Norm abweicht (z. B. politisch, religiös oder sexuell) oder zu individuellen Konflikten mit der Gesellschaft führt, ohne dass dem eine Funktionsstörung zugrunde liegt.9
Wittchen & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 1.3 „Was sind psychische Störungen?“ (S. 7–10)
Kapitel 2.1 „Abnorm oder normal – Krank oder gesund?“ (S. 28–32)
Caspar, Pjanic & Westermann (2018): Klinische Psychologie:
Kapitel 1.3.1 „Psychische Störungen – Begriff und Kriterien“ (S. 6–7)
1.3 Klassifikation psychischer Störungen
Unter der Klassifikation psychischer Störungen versteht man die Zuweisung von Diagnosen zu Syndromen (Gruppe typischerweise gemeinsam auftretender Symptome). Damit ist die Klassifikation psychischer Störungen rein beschreibend: Ohne Aussagen über die Entstehung psychischer Störungen zu machen, werden leicht erkennbare und gut messbare Symptome, daher vor allem Verhaltensauffälligkeiten, nur aufgelistet. Ab einer gewissen Anzahl, Dauer, Häufigkeit und Intensität der auftretenden Symptome wird ihnen ein Krankheitswert zugeschrieben und damit ihre klinische Bedeutsamkeit beurteilt. So kann entschieden werden, ob eine psychische Störung vorliegt oder nicht und welchen Schweregrad sie aufweist. Die Grenzwerte dafür basieren auf dem Konsens internationaler Experten und dem aktuellen Stand der Forschung.
Derzeit gibt es zwei international gültige Klassifikationssysteme für psychische Störungen: Kapitel F der ICD-10 (10th Revision of the International Classification of Diseases, WHO 1992) sowie das DSM-5 (5th Revision of the Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, American Psychiatric Association (APA), 2013). Grundsätzlich sind beide Systeme hinsichtlich Diagnosen und Aufbau miteinander kompatibel. Die in Deutschland zur Kodierung und Leistungsabrechnung verwendete ICD-10 klassifiziert in anderen Kapiteln darüber hinaus auch alle weiteren Krankheiten – nicht nur die psychischer Art. Dafür ist das DSM-5 für psychische Störungen ausführlicher und wird vor allem von Psychologen und in der Forschung verwendet. Ein einheitliches, mehr erklärendes Klassifikationssystem gestaltet sich aufgrund vieler unspezifischer Störungsbilder und multikausaler Entstehungsbedingungen schwierig.
| Tabelle 1: Psychische Störungen und Kategorisierung nach ICD-1010 | |
|---|---|
| Gliederung | Art der Störungen |
| F00-F09 | Organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen• z. B. Demenzen (Alzheimer, vaskuläre Demenz, Demenz bei anderenorts klassifizierten Krankheiten)• andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns |
| F10-F19 | Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen• Akute Intoxikation• Schädlicher Gebrauch• Abhängigkeits- und Entzugssyndrome für Substanzen (z. B. Alkohol, Tabak, sonstige Drogen wie Cannabinoide, Kokain, andere Stimulantien, einschl. Koffein etc.) |
| F20-F29 | Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen• Z. B. paranoide, hebephrene, katatone Schizophrenie• akute vorübergehende psychotische Störungen• schizoaffektive Störungen (manisch, depressiv oder gemischt) |
| F30-F39 | Affektive Störungen• z. B. Manie und Hypomanie• Depression (depressive Episode, rezidivierende depressive Störungen)• Bipolare affektive Störung |
| F40-F49 | Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen• Phobien und andere Angststörungen (z. B. Panikstörung, generalisierte AS)• Zwangsstörungen• Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (z. B. akute Belastungsreaktion, posttraumatische Belastungsstörung)• Dissoziative Störungen (z. B. dissoziative Amnesie, Multiple Persönlichkeit)• Somatoforme Störung (z. B. hypochondrische Störung) |
| F50-F59 | Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren• Z. B. Essstörungen• Schlafstörungen• Sexuelle Funktionsstörungen |
| F60-F69 | Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen• Z. B. spezifische Persönlichkeitsstörungen (z. B. paranoide PS, dissoziale PS)• Andauernde Persönlichkeitsänderungen (z. B. nach Extrembelastung)• Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (z. B. pathologisches Spielen, pathologische Brandstiftung, Kleptomanie)• Störungen der Geschlechtsidentität• Störungen der Sexualpräferenz (Paraphilien) (z. B. Fetischismus, Voyeurismus, Exhibitionismus, Pädophilie, Sadomasochismus) |
| F70-F79 | Intelligenzminderung• Leichte (IQ von 50–69) bis schwere (IQ von 20–34) Intelligenzminderung |
| F80-F89 | Entwicklungsstörungen• Sprache, Sprechen, schulische Fertigkeiten (z. B. Lese-Rechtschreibstörung)• motorische Störungen• Autismus |
| F90-F98 | Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend• Z. B. Hyperkinetische Störungen, Tic-Störungen• Störungen des Sozialverhaltens, Störungen sozialer Funktionen |
| F99-F99 | Nicht näher bezeichnete psychische Störungen• Nicht klar definierbare Störungsbilder |
Wittchen & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 2 „Diagnostische Klassifikation psychischer Störungen“ (S. 33–42)
1.4 Verbreitung psychischer Störungen
Die Verbreitung (Epidemiologie) psychischer Störungen wird meist anhand von Prävalenzraten ausgedrückt. Prävalenz beschreibt die Häufigkeit einer Erkrankung und Prävalenzraten entsprechend dem Prozentsatz aller Krankheitsfälle in einer definierten Population (z. B. alle in Deutschland lebenden Personen zwischen 18 und 65 Jahren) zu einem bestimmten Zeitpunkt oder innerhalb einer bestimmten Zeitperiode (z. B. 12-Monats-Prävalenz für das vergangene Jahr).
Epidemiologische Befunde zeigen, dass psychische Störungen weiter verbreitet sind, als sie allgemein wahrgenommen werden:
– In Deutschland leiden insgesamt rund 18 Millionen Menschen an einer psychischen Störung
– 12-Monats-Prävalenz der Erwachsenen in Deutschland:
Im Laufe eines Jahres erkrankt etwa jede dritte Frau und jeder vierte bis fünfte Mann an einer psychischen Störung (insgesamt 27.7 %)
– Angststörungen stellen dabei die größte Störungsgruppe dar (15.3 %), gefolgt von Depressionen (7.7 %) und Alkohol- und Medikamenten-induzierten Störungen (5.7 %)
– Männer sind im Vergleich zu Frauen eher von Alkoholabhängigkeit betroffen (insbesondere Männer unter 35 Jahren), Frauen neigen dagegen eher zu Angststörungen oder affektiven Störungen
– Jüngere (18–34 Jahre) haben häufiger psychische Störungen als Ältere (65–79 Jahre)
– Ledige oder alleinstehende Personen erkranken gegenüber Verheirateten eher an psychischen Störungen
– Auch ein niedriger sozioökonomischer Status ist häufiger mit psychischen Störungen assoziiert als ein höherer
– Und Rentner sowie Arbeitslose haben im Vergleich zu Vollzeiterwerbstätigen eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung zu entwickeln
– Unter den Erwerbstätigen haben die Ausfalltage aufgrund von psychischen Störungen von 2000 bis 2016 stark zugenommen und waren zuletzt der zweithäufigste Grund für betriebliche Fehlzeiten. Das liegt z. B. daran, dass
– psychische Störungen heute besser erkannt werden und
– in modernen Arbeitswelten die Einschränkungen durch psychische Störungen größer sind
– Insbesondere Personen aus dem Gesundheitswesen sowie der öffentlichen Verwaltung sind überdurchschnittlich häufig aufgrund von psychischen Störungen krankgeschrieben
Wittchen & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 3 „Epidemiologische Beiträge zur Klinischen Psychologie“ (S. 59–87)
Jacobi et al. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung: (S. 77–87)
DAK (2015). Psychoreport 2015:
Kapitel 1 „Branchen im Blick“ (S. 19–22)
Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): Psychische Erkrankungen verursachen weiter häufige Fehlzeiten (Pressemitteilung vom 02.01.2018)
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (2018). Psychische Erkrankungen in Deutschland: Schwerpunkt Versorgung. Verfügbar unter: https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/f80fb3f112b4eda48f6c5f3c68d23632a03ba599/DGPPN_Dossier%20web.pdf [29.08.2020].
Übungsaufgaben
1.1 Welche Norm liegt der hier beschriebenen Definition psychischer Störungen zugrunde? Begründen Sie kurz.
1.2 Fallbeispiel: Herr Gerold M.
Leidet Herr M. an einer psychischen Störung oder handelt es sich um eine normale Krise? Begründen Sie
Fallbeispiel
Gerold M. veränderte sich – scheinbar ohne Anlass – in den letzten Wochen. Als ein bislang eher ausgeglichener und fröhlicher Mensch wurde er niedergeschlagen und verzweifelt. Der betriebspsychologische Dienst wurde eingeschaltet, als er bei einem Seminar morgens offensichtlich alkoholisiert einen Vortrag hielt. Als Führungskraft bei der Lufthansa schien es Herrn M. sehr gut zu gehen. Er hatte Geld und ein breites Spektrum von Interessen, er war körperlich gesund und hatte eine ihn liebende Familie. Aber kurz nach seinem 50. Geburtstag verlor er allmählich das Interesse an seiner Arbeit, wollte nicht mehr mit Freunden oder der Familie ausgehen und zog es vor, sich in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Dort trank er – für ihn ungewöhnlich – nahezu täglich Alkohol und grübelte vor sich hin. Er war ohne Appetit, schlief schlecht und hatte an nichts Vergnügen, auch nicht am Zusammensein mit seiner Frau und den Kindern. Mehr und mehr beherrschte ihn das Gefühl, dass er die Kontrolle über die Dinge verloren habe und dass kaum noch eine Chance bestehe, sein Leben je wieder voll in den Griff zu bekommen. Herr M. merkte, dass sein Blick häufig zu den Jagdflinten schweifte, die er in dem Landhaus aufbewahrte. Er fragte sich, ob seine Finanzen genügend geordnet seien, um seiner Familie den Unterhalt zu sichern, falls er sterben würde.
Aus Wittchen & Hoyer (2011), S. 10
1.3. Wie werden Menschen mit psychischen Störungen in der Gesellschaft gesehen? Welche Vorurteile haften ihnen an? Wie stellt sich dies im Vergleich zu Menschen mit körperlichen Erkrankungen dar? Worin könnten besondere Probleme von Menschen mit psychischen (im Vergleich zu körperlichen) Erkrankungen bestehen?
2 Erklärungsmodelle psychischer Störungen
2.1 Psychodynamisches Modell
Die klassische Theorie des psychodynamischen Modells wurde von Sigmund Freud (1856–1939) begründet und besagt, dass psychische Störungen auf verdrängten und damit unbewussten Konflikten sowie problematischen Entwicklungen während der Kindheit basieren. Nach Freud ist das menschliche Verhalten durch ein Wechselspiel von drei psychischen Instanzen, dem „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“, die jeweils ihre eigenen Ziele verfolgen, geprägt und die Persönlichkeit psychodynamisch. Das „Es“ folgt dabei dem Lustprinzip, d. h., es sucht die unmittelbare Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, Triebe und Impulse. Das „Ich“ als einziger vorwiegend bewusster Teil der Psyche folgt dagegen dem Realitätsprinzip und vermittelt zwischen den Anforderungen der Realität und den Ansprüchen des „Es“ und des „Über-Ichs“. Die dritte Instanz des „Über-Ichs“ ist der Sitz der moralischen Normen und Werte der Gesellschaft und entspricht damit in etwa dem Gewissen.
Weiter nahm Freud an, dass die Persönlichkeit in vier aufeinanderfolgenden psychosexuellen Phasen reift, in denen jeweils ein anderer Teil des Körpers als lustvoll erlebt wird und am besten geeignet ist, die triebhaften Bedürfnisse des Es zu befriedigen: Die orale (Geburt bis zum 1,5 Lebensjahr: Mund, Lippen => Nahrungsaufnahme), die anale (1,5–3 Lebensjahr: Anus kontrollieren => Sauberkeitserziehung), die phallische (3.–5. Lebensjahr: Wahrnehmung und kindliches Erkunden der eigenen Genitalien) und die genitale Phase (ab dem 13. Lebensjahr: Entdecken erwachsener Sexualität). Zwischen der phallischen und der genitalen Phase liegt Freuds Theorie zufolge zudem noch eine Latenzphase (5.–13. Lebensjahr), in der die Es-Impulse weniger ausgeprägt und deshalb weniger verhaltensrelevant sind.
In jeder dieser Phasen gilt es, Konflikte zwischen Befriedigungsbedürfnissen des Es und den Gegebenheiten der Umwelt zu lösen. Die Art und Weise, wie der Mensch das tut, formt seine Persönlichkeit. Erfährt ein Mensch zu viel oder zu wenig Befriedigung seiner Bedürfnisse während einer dieser Phasen, entwickelt er eine Fixierung, die jeweils mit dauerhaften Persönlichkeitsmerkmalen verbunden ist. Ist die Person dann später als Erwachsener Belastungen oder psychosozialem Stress ausgesetzt, kehrt er wieder zu diesem Stadium zurück. Man spricht dann in der psychoanalytischen Terminologie von „Regression“. Eine Fixierung in der analen Phase (Phase der Sauberkeitserziehung) kann nach Freud z. B. zu einer Zwangsstörung und Geiz führen. Psychodynamische Behandlungen zielen daher vor allem darauf ab, diese verdrängten Konflikte bewusst zu machen.
Freud hat seine Theorie aufgrund einzelner Beobachtungen vor allem seiner eigenen Kinder sowie in Therapiesitzungen entwickelt und wurde deshalb oft als „unwissenschaftlich“ kritisiert (z. B. da es eine kleine „Stichprobe“ ist, die zudem nicht repräsentativ ist, da sie sich auf gebildete und reiche Wiener – seine PatientInnen – bezog und er zudem nicht nach formalen wissenschaftlichen Standards, z. B. mit Experimenten, arbeitete. Darüber hinaus waren seine Daten nicht objektiv und wenig nachvollziehbar, da er während seiner Therapiesitzungen nur wenige Aufzeichnungen machte). Dennoch ist der Beitrag Freuds gewaltig und spielt auch weiterhin in der klinischen Psychologie eine große Rolle. Beispielweise gehen allgemein anerkannte Annahmen, wie z. B. dass (frühe) Kindheitserfahrungen zur Persönlichkeitsbildung des Erwachsenen beitragen, dass unser Verhalten durch unbewusste Prozesse gesteuert wird sowie dass Ursachen und Zweck menschlichen Verhaltens nicht immer offenkundig und von außen unmittelbar erkennbar sind, auf Freuds frühe Erkenntnisse und Theorien zurück.
Davison, Neale & Hautzinger (2007): Klinische Psychologie:
Kapitel 2.2 „Das psychodynamische Paradigma“ (S. 23–36)
2.2 Lerntheoretisches Modell
Dem lerntheoretischen Modell zufolge wird abweichendes Erleben und Verhalten nach den gleichen Prinzipien erlernt wie normales Verhalten. Zu diesen Prinzipien gehört zum einen die klassische Konditionierung nach Iwan Pawlow (1849–1936). Dabei kann ein ursprünglich neutraler Reiz (z. B. ein Glockenton) eine konditionierte Reaktion (z. B. Speichelfluss beim Hund) hervorrufen, wenn der neutrale Reiz mehrfach mit einem unkonditionierten Reiz gepaart auftritt, der diese Reaktion automatisch ohne vorheriges Lernen auslöst (z. B. Futter).
Klassisches Experiment nach Pawlow:
1. Futter löst beim Hund Speichelfluss aus
2. Glockenton (= neutraler Reiz) löst keinen Speichelfluss aus
3. Futter wird mehrfach unmittelbar nach Glockenton dargeboten: löst Speichelfluss aus
4. Nur Glockenton löst Speichelfluss aus
Ein weiteres Lernprinzip ist das operante Konditionieren nach Skinner (1904–1990). Danach tritt ein Verhalten wahrscheinlicher auf, wenn es zu angenehmen Konsequenzen führt (positive Verstärkung) bzw. wenn es unangenehme Konsequenzen beendet (negative Verstärkung). Eine Ratte lernt so z. B. einen Hebel im Käfig zu drücken, wenn sie dafür Futter bekommt oder wenn Stromschläge dafür ausbleiben. Ein Verhalten tritt weniger wahrscheinlich auf, wenn es zu unangenehmen Konsequenzen führt (positive Bestrafung) bzw. wenn es positive Konsequenzen entzieht (negative Bestrafung).
Am Beispiel der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Angststörung (Panikstörung) lassen sich diese Lernprinzipien auf eine psychische Störung bezogen veranschaulichen:
(Nach der Zwei-Faktoren-Theorie von Mowrer, 1947)
A: Entstehung der Angst: Klassisches Konditionieren
1. Bus fahren: keine Angstreaktion
2. Plötzliches Auftreten einer Panikattacke beim Bus fahren: unkonditionierte Angstreaktion
3. Bus fahren: konditionierte Angstreaktion (d. h. die Angst wird an das Bus fahren gekoppelt und in Zukunft bekommt die Person Panikattacken im Bus)
Bezogen auf die Angststörung wird die Aufrechterhaltung der Angst mit dem operanten Konditionieren erklärt:
B: Aufrechterhaltung der Angst: operantes Konditionieren
Das Busfahren und die konditionierte Angstreaktion sind unangenehm und stellen damit negative Konsequenzen dar. In der Folge wird das Busfahren in Vorausahnung der unangenehmen Angstreaktion vermieden. Das Meiden des Busfahrens wird durch das Ausbleiben der Angstreaktion belohnt und damit verstärkt. Dadurch wird das Verhalten über die Zeit sehr stabil und die Person betritt keinen Bus mehr.
Ein weiteres wichtiges Prinzip innerhalb der lerntheoretischen Theorien ist das Modelllernen nach Bandura (1968), bei dem Verhalten durch Beobachtung und Nachahmung anderer erlernt wird. Z.B. können ursprünglich furchtlose Kinder am Modell ihrer Eltern, die jedes Mal hysterisch aufschreien, wenn sie eine Spinne sehen, eine Phobie vor Spinnen entwickeln. In einer Verhaltenstherapie wird versucht, solche Verhaltensstörungen zu verlernen und gewünschtes Verhalten zu erlernen.
Die Kritik am lerntheoretischen Modell ist jedoch, dass Störungen nur auf beobachtbares Verhalten zurückgeführt und z. B. biologische Prozesse außer Acht gelassen werden.
Davison, Neale & Hautzinger (2007): Klinische Psychologie:
Kapitel 2.4 „Lerntheoretische Paradigmen“ (S. 40–47)
2.3 Kognitives Modell
Das kognitive Modell rührt vom Begriff „Kognition“: Prozesse des Wahrnehmens, Erkennens, Begreifen, Urteilens und Schließens. Demnach entstehen psychische Störungen durch dysfunktionale Kognitionen und werden durch sie vor allem auch aufrechterhalten. So haben Depressive z. B. die Überzeugung, dass sie keinen Einfluss auf ihre Umgebung haben (Theorie der erlernten Hilflosigkeit). In der kognitiven Verhaltenstherapie werden solche Denkmuster identifiziert und verändert.
Die Kritik am kognitiven Modell ist, dass es zu sehr die aufrechterhaltenden Kognitionen für psychische Störungen fokussiert, aber deren Ursachen z. B. in der Biografie des Betroffenen vernachlässigt.
Davison, Neale & Hautzinger (2007): Klinische Psychologie:
Kapitel 2.5 „Das kognitive Paradigma“ (S. 47–50)
2.4 Soziokulturelles Modell
Auch soziale Faktoren können die Entstehung und den Verlauf einer psychischen Störung beeinflussen. Diese sozialen Faktoren können entweder in der direkten sozialen Umgebung (z. B. begünstigt ein feindseliger Kommunikationsstil in der Familie das Auftreten einer Schizophrenie) oder in größeren gesellschaftlich-soziodemografischen Faktoren (z. B. der Zugehörigkeit zu einer niedrigen sozialen Schicht) liegen. Es sind bisher jedoch nur wenige Wirkzusammenhänge zwischen sozialen Faktoren und der Entstehung psychischer Störungen eindeutig nachgewiesen. Einige Therapieverfahren machen sich spezifische Einflussfaktoren vor allem aus der direkten sozialen Umgebung, z. B. durch Analyse der Kommunikationsmuster innerhalb der Familie oder der Funktion bestimmter „Symptome“ dennoch im Rahmen einer Familientherapie oder systemischen Therapie zunutze.
Beispiel: Ein Kind ist aggressiv. Im Rahmen einer Familientherapie könnte herausgefunden werden, dass das Kind insbesondere in Situationen aggressiv wird, wenn die Eltern streiten und bei genauer Analyse könnte sich ergeben, dass das Symptom der Aggression ein Mittel darstellt, um vom Streit der Eltern abzulenken und dadurch die (negative) Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, so dass die Eltern „geeint“ versuchen, die Aggressionen des Kindes in den Griff zu bekommen.
Wittchen & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 13 „Soziale Bedingungen psychischer Störungen“ (S. 320–328; S.333)
2.5 Biologisches Modell
Beim biologischen Modell geht man davon aus, dass psychische Störungen durch abnorme biologische Prozesse verursacht werden. Der Verhaltensgenetik zufolge liegen die biologischen Ursachen in der genetischen Ausstattung, die zu Unterschieden im Verhalten führen kann. So kann eine Disposition (Diathese) z. B. für eine Schizophrenie vererbt werden, die dann je nach Umweltbedingung zum Ausbruch der Störung führt oder nicht. Andere Forschungsansätze legen einen Zusammenhang zwischen dem Neurotransmitterhaushalt und psychischen Störungen nahe. So kann eine Manie z. B. durch zu viel Noradrenalin verursacht werden.
Dieser angenommene Zusammenhang zwischen psychischer Störung und biologischer Störung legt eine Behandlung der veränderten körperlichen Funktionen nahe (z. B. Erregungszustände bei Angststörungen durch Tranquilizer verringern).
Die Kritik am Modell ist jedoch, dass es zu reduktionistisch ist und komplexe Störungen auf rein biologische Prozesse reduziert werden.
Davison, Neale & Hautzinger (2007): Klinische Psychologie:
Kapitel 2.1 „Das biologische Paradigma“ (S. 15–21)
2.6 Diathese-Stress-Modell
Das Diathese-Stress-Modell ist ein heute dominierender integrativer Ansatz, der biologische, psychische und soziale Faktoren zur Erklärung der Entstehung und des Verlaufs psychischer Störungen vereint. Man geht davon aus, dass zur Entwicklung einer Störung sowohl Diathese (Disposition, Vulnerabilität) als auch Stress nötig sind; ein einzelner Faktor allein führt in der Regel nicht zum Ausbruch. Diathese beschreibt dabei die Neigung/Verletzbarkeit/Anfälligkeit eines Menschen, auf besondere Weise auf belastende Umweltereignisse zu reagieren. Diese Neigung kann in einer biologischen Disposition (wie z. B. genetische und neurobiologische Faktoren) oder in psychologischen (wie z. B. früher Verlust oder Trauma) oder auch sozialen Faktoren (z. B. familiäre Sozialisation, soziale Schicht, Bildung) begründet sein, die wiederum jeweils in Wechselwirkung zueinander stehen. Hat jemand eine Vulnerabilität für eine bestimmte Störung, erhöht sich das Erkrankungsrisiko – die Störung muss jedoch erst durch aktuelle Stressoren ausgelöst werden. Mit Stressoren sind dabei aktuelle ungünstige Umweltreize gemeint, wie z. B. einschneidende traumatische Erlebnisse (z. B. Scheidung) oder auch alltäglichere Ereignisse (z. B. Stress am Arbeitsplatz). In Abhängigkeit von der Stärke der Disposition wird eine Störung durch niedrige oder hohe Stresslevel ausgelöst. Wenn gar keine Disposition vorhanden ist, ist das Stresslevel nicht relevant.
Davison, Neale & Hautzinger (2007): Klinische Psychologie:
Kapitel 2.7 „Das Diathese-Stress-Modell: Ein integratives Paradigma“ (S. 53–55)
Übungsaufgaben
2.1 Lesen Sie das folgende Fallbeispiel und beantworten Sie folgende Fragen:
– Wie würden Sie mit dem Diathese-Stress-Modell das Auftreten der Depression bei Frau M. erklären?
– Welche möglichen Erfahrungen der Patientin haben die Störung verursacht (welche Faktoren bilden die Diathese/Vulnerabilität für die Depression, was sind die Stressoren)? Hier können Sie auch über die Angaben im Text hinaus Hypothesen bilden.
Fallbeispiel
Frau M., eine 38-Jährige Fabrikarbeiterin, war bereits seit 2 Monaten depressiv, als sie einen Psychologen aufsuchte. Wie sie berichtete, hatte sie keine glückliche Kindheit gehabt. Als sie 6 Jahre alt war, starb ihre Mutter, die sie sehr geliebt hatte. In den folgenden Jahren lebte sie abwechselnd bei ihrem Vater oder der Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Ihr Vater litt allerdings an wiederkehrenden depressiven Episoden und trank zum Teil sehr viel. Er hatte kein geregeltes Einkommen und es war nie genug Geld da, um fällige Rechnungen zu bezahlen. Zuweilen war der Vater unfähig, sich um sie zu kümmern, so dass sie oft auf sich allein gestellt war und sich oftmals überfordert fühlte. Sie verbrachte dann manchmal Wochen, manchmal auch Monate bei ihrer Tante in einem nahegelegenen Vorort. Dies erschwerte zudem das Knüpfen fester Freundschaften und führte dazu, dass sie das Gefühl bekam, nichts im Leben selbst beeinflussen und gestalten zu können.
Trotz dieser Beeinträchtigungen hatte sie es geschafft, ihre Lehre zu beenden und eine Anstellung zu finden; seit dem ersten Kind hatte sie allerdings für mehrere Jahre ihre Berufstätigkeit eingestellt. Als Mutter von 4 Kindern hatte sie dann vor 3 Jahren wieder angefangen zu arbeiten, weil die Verschlechterung der wirtschaftlichen Bedingungen es der Familie unmöglich machte, allein vom Geld des Ehemannes zu leben.
Sieben Monate später wurde sie aber plötzlich entlassen und die finanzielle Situation der Familie verschlimmerte sich. Die ständigen Geldsorgen führten zu verstärkten Auseinandersetzungen mit ihrem Mann. Dabei ging es nicht nur ums Geld, sondern auch um die Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen eine schwierige Phase hatten, was hohe Anforderungen an sie als Eltern stellte und zum Teil Grund zur Sorge bereitete. Dann begannen ihre Schlafschwierigkeiten, sie verlor den Appetit und nahm ab. Sie hatte nur noch wenig Energie und verlor das Interesse an Tätigkeiten, die ihr früher Freude bereitet hatten. Obwohl sie stundenlang vor dem Fernseher saß, konnte sie sich nicht für die Sendungen interessieren, die sie früher gern gesehen hatte. Die Erfüllung ihrer Haushaltspflichten wurde unmöglich und ihr Ehemann beklagte sich und machte ihr zunehmend Druck, was zu weiteren Streitereien führte. Nun hatte er ihr mitgeteilt, sich zu trennen, wenn sie sich nicht Hilfe suche.
(modifiziert nach Davison, Neale & Hautzinger, 2007, S. 3 und S. 307)
3 Persönlichkeitsstörungen
3.1 Was sind Persönlichkeitsstörungen?
Persönlichkeitsstörungen (PS) sind überdauernde Erlebens- und Verhaltensmuster, die sich für jede PS in unterschiedlich charakteristischer Weise äußern. Das heißt, Menschen mit PS weichen von einem flexiblen, situationsangemessenen Erleben und Verhalten ab (z. B. in Einstellungen, Affekt, Denken, Impulskontrolle oder Beziehungen) und kennzeichnen sich stattdessen durch relativ starre, stark unangepasste Erlebens- und Verhaltensreaktionen, die für ihre PS spezifisch sind (z. B. reagieren Narzissten bei jeglicher, auch konstruktiver, Kritik wütend und aggressiv). Dies zeigt sich vor allem in Situationen, die für die Betroffenen konflikthaft sind. Die Erlebens- und Verhaltensmuster sind so starr, dass sie die Betroffenen gemäß der Definition psychischer Störungen erheblich in ihren Fähigkeiten und Funktionen im Sozial- oder Berufsleben beeinträchtigen. Diese Beeinträchtigungen werden von den Betroffenen selbst jedoch kaum wahrgenommen. Wie jeder andere erleben sie ihre (erkrankte) Persönlichkeit nicht als fremd, sondern als Teil ihrer eigenen Person (Ich-Syntonie). So sehen sie ihr Verhalten auch nicht als ungewöhnlich oder abweichend – selbst dann nicht, wenn sie stark unter den Folgen ihres Verhaltens leiden. Erst in der Interaktion mit Anderen wird den Betroffenen ihre Unangepasstheit bewusst (z. B. durch Kritik und Rückmeldung), denn von Anderen wird ihr Verhalten als unangemessen und normverletzend und ihre Persönlichkeit als extrem und störend wahrgenommen, sodass es immer wieder zu Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen und Beziehungen kommt. Aus diesem Grund werden PS auch als Interaktionsstörungen bezeichnet und benötigen zur Diagnostik häufig die Außenperspektive. Aufgrund dieser Besonderheit der Ich-Syntonie bleiben viele PS unerkannt oder unbehandelt und die Häufigkeiten von Betroffenen werden oft unterschätzt. Schätzungsweise leiden etwa 5 bis 10 % der Erwachsenen an einer PS. Unter Strafgefangenen im offenen Vollzug liegt dieser Anteil allerdings schon bei mindestens 50 %.
3.2 Entstehung von Persönlichkeitsstörungen
Die Entwicklung von PS beginnt bereits in der Kindheit oder Jugend. Als Ursachen der Entstehung wird ein komplexes Wechselspiel verschiedener begünstigender (biologischer und genetischer, psychologischer und sozialer/umgebungsbedingter) Faktoren angenommen. Als entscheidend werden auch prägende Erfahrungen während der Kindheit angesehen, wie z. B. die Eltern-Kind-Beziehung (z. B. Erziehung, Bindung zu den Eltern) oder extrem belastende oder traumatische Erfahrungen (z. B. physischer oder sexueller Missbrauch oder emotionale Vernachlässigung). Aversive Kindheitserfahrungen alleine machen jedoch noch nicht die Entwicklung einer PS aus; viel wichtiger ist, wie diese Erfahrungen individuell erlebt werden. Zudem kann auch die weitere soziale Umwelt, z. B. durch mangelnde soziale Integration, eine PS begünstigen.
3.3 Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen
Während andere psychische Störungen eher ein qualitativ von der Norm abweichendes Erleben und Verhalten darstellen (= Art der Störung entscheidend, z. B. grundlegende Veränderung der Stimmung bei Depressiven oder der Realitätswahrnehmung bei der Schizophrenie), werden PS zunehmend als eine extreme Ausprägung einzelner, im Grunde „normaler“ Persönlichkeitszüge interpretiert (Persönlichkeitsstile reichen von „normal“ über „akzentuiert“ bis hin zu „gestört“). Bei dieser dimensionalen Betrachtungsweise werden PS also eher als eine quantitative Abweichung von der Erlebens- und Verhaltensnorm verstanden (= Ausmaß der Störung entscheidend). Dennoch erfassen die gängigen Klassifikationssysteme PS weiterhin vorrangig kategorial (PS liegt vor oder liegt nicht vor). Dabei werden PS anhand bestimmter Merkmalskonstellationen in Kategorien (ICD-10: F6 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen) oder Cluster (DSM-5: Cluster A „sonderbar, exzentrisch“, B „dramatisch, emotional, launisch“ und C „ängstlich, furchtsam“) ähnlich wie Prototypen eingeteilt. Nach dem Auftreten einer gewissen Anzahl von Merkmalen eines Prototyps wird eine spezifische PS diagnostiziert. Ein Problem dieser kategorialen Erfassung ist, dass sich viele PS in ihren Merkmalen überschneiden. Bei gleichem Störungsbild kann dies schnell zu verschiedenen Diagnosen führen (z. B. meiden Menschen mit paranoider und schizoider PS beide soziale Kontakte, jedoch aus unterschiedlichen Motiven).
| Tabelle 2: Die wichtigsten Persönlichkeitsstörungen im Überblick | |
|---|---|
| Persönlichkeitsstörung | Beschreibung |
| Paranoide PS | • Misstrauen und Argwohn gegenüber anderen• Unterstellung feindlicher Motive anderer• Streitsüchtiges Bestehen auf eigene Rechte |
| Schizoide PS | • Distanziertheit in sozialen Beziehungen• Begrenztes Vermögen, Gefühle zu zeigen• Übermäßige Vorliebe für Einzelgängertum |
| Schizotypische PS (nur im DSM-5) | • Mangel an engen Beziehungen• Seltsame Überzeugungen und Wahrnehmungen• Eigentümliches, oft schrulliges Verhalten |
| Dissoziale PS (ICD-10)/Antisoziale PS (DSM-5) | • Missachtung sozialer Normen, verantwortungslos• Niedrige Schwelle für aggressives Verhalten• Unfähigkeit zum Erleben von Schuldbewusstsein |
| Emotional-instabile PS (ICD-10)/Borderline-PS (DSM-5) | • Instabilität in Beziehungen, Selbstbild und Affekten• Impulsivität, selbstschädigendes Verhalten |
| Histrionische PS | • Dramatisierung, theatralisches Verhalten• Übertriebener Ausdruck von Gefühlen• Verlangen nach Aufregung und Aufmerksamkeit |
| Zwanghafte PS | • Starke Beschäftigung mit Ordnung, Regeln, Details, Perfektion und Kontrolle• Übermäßige Gewissenhaftigkeit und Vorsicht |
| Ängstliche PS (ICD-10)/Vermeidend-selbstunsichere PS (DSM-5) | • Soziale Gehemmtheit, Angst vor Ablehnung• Insuffizienzgefühle• Übermäßige Besorgtheit |
| Abhängige PS (ICD-10)/Dependente PS (DSM-5) | • Starkes Bedürfnis versorgt zu werden• Unterwürfigkeit, Trennungsängste• Angewiesenheit auf andere bei Entscheidungen |
| Narzisstische PS (in der ICD-10 unter sonstige spezifische PS) | • Gefühl der Großartigkeit; Selbstüberschätzung• Bedürfnis nach Bewunderung; Arroganz; Neid• Mangel an Empathie, Ausnutzen v. Beziehungen |
In den folgenden Abschnitten (3.4 bis 3.8) werden ausgewählte, besonders polizeirelevante Persönlichkeitsstörungen vertiefend vorgestellt.
Comer (2008): Klinische Psychologie:
Kapitel 16 „Persönlichkeitsstörungen“ (S. 416–418; 442–443)
Fiedler & Herpertz (2016): Persönlichkeitsstörungen:
Kapitel 1.1.2 „Persönliche Stile“ (S. 24–25)
Kapitel 2 „Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörung: 2 Seiten einer Medaille“ (S. 34–38)
Herpertz & Saß (2003): Persönlichkeitsstörungen:
Kapitel 2.5 „Klinische Diagnostik der Persönlichkeitsstörungen“ (S. 8)
Schmeck & Schlüter-Müller (2009): Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter:
Kapitel 6.7 „Forensische Bedeutung von Persönlichkeitsstörungen“ (S. 103)
Wittchen & Hoyer (2011): Klinische Psychologie & Psychotherapie:
Kapitel 51 „Persönlichkeitsstörungen (S. 1105–1109)
Übungsaufgaben
3.1 Was sind die wichtigsten Unterschiede von Persönlichkeitsstörungen zu anderen psychischen Störungen?
3.2. In welchen Situationen und warum können Persönlichkeitsstörungen für die Polizei relevant sein?
3.4 Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.4.1 Was ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung?
Die Borderline-PS oder auch emotional instabile PS zeichnet sich durch ein starkes Gefühl der innerlichen Zerrissenheit und des Chaos aus. Betroffene erleben dabei immer wieder starke Stimmungsschwankungen und schwere Depressions-, Angst- und Erregungszustände, die Stunden bis Tage anhalten können. Grund dafür sind ein instabiles Selbstbild und Selbstentwertung. Die Betroffenen neigen zudem zu Krisen und Impulsivität. Dies äußert sich z. B. in heftigen Wutanfällen, riskantem Sexualverhalten, Fressanfällen oder Substanzmissbrauch. Dieses und noch extremeres autoaggressives Verhalten, wie z. B. Suizidhandlungen und -drohungen oder selbstverletzendes Verhalten („Ritzen“), sind typisch für Menschen mit Borderline-PS (dies heißt jedoch umgekehrt nicht, dass bei selbstverletzendem Verhalten immer eine Borderline-PS vorliegt). Gelegentlich nutzen sie dieses autoaggressive Verhalten auch, um ihre Partner zu manipulieren und z. B. an einer Trennung zu hindern. In der Regel ist das selbstverletzende Verhalten aber vielmehr ein verzweifelter Versuch der Bekämpfung ihres tiefen Gefühls der inneren Leere („sich selbst wieder spüren“) sowie der immer wieder plötzlich einschießenden, starken innerlichen Anspannung. Letztere wird von den Betroffenen als äußerst unangenehm erlebt, kann aber keiner klaren Emotion zugeordnet werden. Das „Ritzen“ erfüllt dann die Funktion der vorübergehenden Selbstberuhigung. In den Situationen, in denen sich Personen mit einer Borderline-Störung selbst verletzen, hat ihr Gehirn zuvor meist so viel Cortisol (Stresshormone) ausgeschüttet, dass das Schmerzempfinden stark herabgesetzt ist.
Des Weiteren ist ihr Denken geprägt von Gegensätzlichkeit („Schwarz-Weiß-Denken“). Dieses Denkmuster setzt sich auch in Bezug auf andere fort, sodass es nach anfänglicher Idealisierung einer Person schnell zu Entwertung kommen kann. Denn Menschen mit Borderline-PS reagieren übermäßig stark und unangemessen auf Reize, die für andere kaum wahrnehmbar sind, sodass im Nachhinein der anderen Person böswillige Motive unterstellt werden und ihre Verhaltensweisen neu bewertet werden. Dies führt insgesamt zu instabilen und konflikthaften, aber sehr intensiven Beziehungen. Denn ihre Beziehungen sind geprägt von ihrem instabilen Selbstbild sowie der Angst, andere zu enttäuschen und verlassen zu werden, sodass sie viel Aufmerksamkeit und Bestätigung von ihrem Partner fordern. Insgesamt handelt es sich bei den Betroffenen meist um liebevolle und hochsensible Menschen, die in der Regel extrem sozial sind, aber große Schwierigkeiten im Umgang mit sich selbst, ihren intensiven Gefühlen und Anderen haben.
Typisch für die Borderline-PS sind auch vorrübergehende, aber schwere Depersonalisationssymptome („dissoziative Symptome“). Diese werden meist durch Belastungen oder hohe innerliche Erregung ausgelöst und äußern sich in gestörten Realitäts- und Körperempfindungen. Dabei kommt es z. B. zu einem verzerrten Raum-Zeit-Gefühl, Entfremdungsgefühlen oder einem sonstig veränderten Körpergefühl (z. B. vermindertes Schmerzempfinden, Bewegungslosigkeit, Neben-Sich-Stehen). Oft werden traumatische Ereignisse aus der Vergangenheit auch so szenisch wiedererlebt, als würden sie gerade im gegenwärtigen Moment geschehen (Pseudohalluzinationen).
3.4.2 Entstehung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Bei der Entstehung der Borderline-PS kommt der Eltern-Kind-Beziehung eine besondere Bedeutung zu. Traumatische Erfahrungen (z. B. Vernachlässigung und Missbrauch), ein zurückweisendes Familienklima mit mangelnder Akzeptanz oder der Trivialisierung von Gefühlen sowie Verlusterfahrungen (z. B. durch Scheidung oder Todesfälle) werden als Ursache für das verminderte Selbstwertgefühl, die gesteigerte Abhängigkeit und das Unvermögen, Trennungen zu bewältigen, gesehen. Aber auch biologische Auffälligkeiten werden zur Erklärung der PS genutzt (z. B. genetische Disposition für impulsive Aggressivität, niedrige Serotoninaktivität und unzureichende kortikale Kontrolle im Gehirn). Bei stark belastenden Lebensereignissen spielen diese jedoch nur eine untergeordnete Rolle.
3.4.3 Polizei & Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Es sind schätzungsweise 1,5 bis 2,5 % der Erwachsenen von der Borderline-PS betroffen, etwa 75 % der Diagnostizierten sind Frauen. Bei Männern geht die Störung aber mit mehr aggressiven bzw. antisozialen Verhaltensweisen einher.
Etwa 70 % aller Betroffenen begehen einen Suizidversuch, zwischen 6 und 10 % sind dabei erfolgreich. Damit ist die Suizidrate fast 50-mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, sodass Polizeibeamte oft wegen Suizidversuchen oder auch anderem autoaggressiven Verhalten (z. B. Selbstverletzungen, exzessiver Alkohol- oder Drogenkonsum) von Menschen mit Borderline-PS alarmiert werden. In diesen Fällen sind die Betroffenen ggf. in Zusammenarbeit mit medizinischem Personal in eine psychiatrische Einrichtung zu überführen. Auch ist unbedingt abzuklären, ob die zugefügten Selbstverletzungen unmittelbar medizinisch behandelt werden müssen, da es sich aufgrund des reduzierten Schmerzempfindens auch um schwerere Verletzungen (z. B. tiefe Schnitte) handeln kann.
Aufgrund der für die Borderline-Störung charakteristischen eingeschränkten Fähigkeit der Emotionsregulation können sich aggressive Verhaltensweisen bei Personen mit dieser Störung aber auch gegen andere Personen richten, sodass z. B. bei Wutausbrüchen gegen den Partner ebenfalls die Polizei hinzugezogen wird. Zum Teil werden eintreffende Polizeibeamte die Betroffenen im Zustand hochgradiger Erregung und Anspannung antreffen. Vor allem in solchen akuten Phasen kann sich die Aggression auch gegen die Polizeibeamten selbst richten (z. B. in Form von Beschimpfungen, aber auch Angriffen), so dass physische Distanz wichtig ist. Der Grund des Erscheinens der Polizei sollte den Betroffenen ruhig und sachlich erläutert und nachfolgend versucht werden, die Ursache für die hohe Erregung bzw. die Eskalation der Situation, die der Auslöser für den Polizeieinsatz waren, aus Sicht der betroffenen Person zu erfahren. Eventuell beruhigt sich die Person im Zuge dessen etwas, wenn sie merkt, dass sie ernst genommen und ihr zugehört wird. Es ist aber auch möglich, dass Gesprächsangebote in solchen Situationen zunächst abgeblockt werden. Polizeibeamte sollten zwar klare professionelle Grenzen ziehen, aber dennoch versuchen, ein strukturiertes und wertschätzendes Gespräch einzuleiten sowie Maßnahmen oder Wechsel der Ansprechpartner sensibel erläutern, um den Betroffenen nicht das Gefühl einer Zurückweisung zu geben und sie zu stabilisieren. Etwaige Wutausbrüche oder impulsive Reaktionen der Betroffenen sollten nicht kommentiert oder bewertet und etwaige Provokationen (wenn möglich) ignoriert werden.
Hinweise auf das Vorliegen von Emotionsregulationsproblemen im Zusammenhang mit einer Borderline-Störung können sich für eintreffende Beamte z. B. aufgrund von vielen Narben/Schnitten am Unterarm (als Hinweis aufs Ritzen) oder anderen optisch sichtbaren Anhaltspunkten für selbstverletzendes Verhalten, durch die Angaben anderer anwesender Personen (z. B. Angehörige oder Partner), die über wiederkehrende massive Wutausbrüche, Impulsivität oder extreme emotionale Reaktionen und Schwankungen in Paarbeziehungen berichten, sowie frühere Einsätze aufgrund ähnlicher Anlässe ergeben. Hier ist auch zu beachten, dass auch wenn sich die Situation in Anwesenheit der Polizei zunächst beruhigt, diese nach deren Abzug schnell wieder eskalieren und zunächst fremdaggressives in selbstgefährdendes Verhalten umschlagen kann. Dies ist unbedingt mit abzuwägen und ggf. durch eine psychologische oder psychiatrische Gefährdungseinschätzung abklären zu lassen. Auch sollten sich Polizeibeamte darauf einstellen, dass aufgrund der früh erlernten und tief in der Persönlichkeit verankerten unflexiblen Verhaltensmuster, die dazu führen, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (oder auch einer anderen Persönlichkeitsstörung) immer ähnlich (destruktiv) in konflikthaften Situationen reagieren, immer wieder ähnlich gelagerte Polizeieinsätze bei der gleichen Person notwendig werden. Diese können mitunter sehr anstrengend sein und auch auf Seiten der Helfer Gefühle von Wut oder Hilflosigkeit hervorrufen. Dennoch sollte versucht werden, den Betroffenen immer wieder erneut mit Respekt zu begegnen und sie und ihre Nöte ernst zu nehmen.
Fallbeispiel
Eine 28-jährige Patientin suchte die stationäre Behandlung wegen einer Vielfalt selbstschädigender Verhaltensweisen auf. Bereits seit dem 14. Lebensjahr fügte sie sich selbst Schnitt- und Brandverletzungen zu, im Weiteren geriet sie immer wieder in Alkoholexzesse, in denen sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrank. Sie berichtete über plötzliche Stimmungsschwankungen, die wie „Wechselduschen“ zwischen Verzweiflung und aufgedrehter Getriebenheit waren. Mehrfach war sie im Rahmen unklarer Zustände von Bewusstlosigkeit als Notfall in eine Neurologische Klinik gebracht worden. Wegen Stimmen, die sie zum Suizid aufforderten, erhielt sie seit Jahren hohe Dosen an Neuroleptika und Benzodiazepinen; sie hörte jeweils dieselbe männliche Stimme, die sie an den Großvater erinnerte, der sie als Kind sexuell missbraucht hatte. Auf genauere Nachfrage gab die Patientin an, dass sie wisse, dass es sich nicht wirklich um eine Stimme handle, sondern sich alte Erinnerungen ganz lebhaft aufdrängten. Mit dem Ehemann kam es zu heftigen Auseinandersetzungen und zwischenzeitlichen Trennungen. Ausbildungen zur Krankenschwester und Erzieherin hatte sie abgebrochen, nachdem zunächst vielversprechende Kontakte zu Kolleginnen und Vorgesetzten im Streit geendet hatten.
Aus Herpertz & Saß (2003), S. 88
Biedermann (2020): „Messer weg“ – Polizeilicher Umgang mit psychisch erkrankten Personen im Spannungsfeld zwischen Kommunikation und Zwangsanwendung (S. 19)
Comer (2008): Klinische Psychologie:
Kapitel 16 „Persönlichkeitsstörungen“ (S. 429–432)
Herpertz & Saß (2003): Persönlichkeitsstörungen:
Kapitel 4.4 „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung“ (S. 84–88)
Horn (2016): Persönlichkeitsstörungen (S. 61)
Übungsaufgaben
3.4.1 Wie äußert sich die Borderline-PS bei der Patientin im Fallbeispiel, d. h., welche typischen Symptome zeigt sie?
3.4.2 Welche Funktion könnte das sogenannte „Ritzen“ für Borderline-Kranke haben?
3.4.3 Wie erklären Sie den Umstand, dass die Borderline-PS häufig zusammen mit Essstörungen oder Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie affektiven Störungen, insbesondere Depressionen, und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) auftritt?
3.4.4 Unter inhaftierten Tätern ist die Borderline-Störung nach der dissozialen Persönlichkeitsstörung am häufigsten vertreten. Warum? Was könnte dies begünstigen?
3.4.5 Menschen mit einer Borderline-PS werden nicht nur oft Täter von Straftaten, sondern haben auch ein erhöhtes Risiko selbst Opfer von Straftaten, insbesondere Sexual- und Gewaltdelikten, zu werden. Warum?
3.4.6 In welchen Situationen treffen Polizeibeamte besonders auf Borderline-Betroffene? Wie sollten sie dann mit den Betroffenen umgehen bzw. worauf müssen sie im Umgang mit Betroffenen achten?
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