Читать книгу: «FreiSinnig»

Dieses Buch basiert auf Kolumnen der Autorin, die zwischen 2017 und 2021 in der WELT erschienen sind. Sie wurden für die Buchpublikation überarbeitet und aktualisiert.
Für Lotte, Mathilde und Dora
INHALT
Cover
Titel
Impressum
VORWORT
„Sagen, was ist“ von Andreas Rödder
CORONA
Es gibt keinen pandemischen Imperativ
How dare you?
SCHULE
Echte Ganztagsschulen bedeuten weniger Stress für Kinder
Der permanente Schlafmangel macht Kinder dumm, dick und krank
FRAUEN UND FAMILIE
Warum ich keine Feministin bin
Warum die Gender-Theorie eben doch mehr Glaube als Wissenschaft ist
Die Liebesehe – früher besungen, heute gelebt
Liebe Feministinnen, was ist mit der Liebe zwischen Frau und Mann?
GLEICHHEIT UND GERECHTIGKEIT
Die Forderung nach Parität wirft grundlegende Prinzipien unseres Wahlrechts über den Haufen
Kampf gegen Lohnlücke ist Kampf gegen freie Entscheidungen von Frauen und Männern
Mehr Respekt für Reiche!
Reiche sind nicht reich, weil Arme arm sind
OFFENER DISKURS
Empörung und Verachtung schüchtern ein – das war auch bei mir so
Ich schätze ARD und ZDF sehr. Aber so geht das nicht weiter
Es gibt nichts Besseres als Parteien
Mit dem „Unwort“ soll eine sprachliche No-go-Area geschaffen werden
Rechte Positionen in der CDU? Vorschläge zur Abgrenzung des politisch Legitimen
ISLAM UND MIGRATION
Wir brauchen klare Ansagen gegenüber dem Islam!
Und es hat doch mit dem Islam zu tun
Wir dürfen zu den Morden durch Flüchtlinge nicht länger schweigen!
Die brutalen Bedingungen in Sahara und Mittelmeer entscheiden, wer zu uns kommen kann
BIOETHIK UND WISSENSCHAFT
Warum Homöopathie nicht nur Mumpitz, sondern auch gefährlich ist
Natürlich wird bei Abtreibungen ein Kind getötet
Frauen, die eine Abtreibung bereuen, gelten Feministinnen als Verräterinnen
Verzicht ist keine Lösung
EPILOG
Offen über Privates sprechen? Warum ich das Annalena Baerbock nicht empfehle
VORWORT
„Sagen, was ist“
von Andreas Rödder
„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein.“ Diese Forderung aus der Bergpredigt gilt auch zweitausend Jahre später für die Demokratie in Deutschland. Dort treiben moralisierende identitätspolitische und ressentimentgeladene identitäre Kräfte das Meinungsklima in eine zunehmende Polarisierung, während sich eine großkoalitionäre Mitte den Auseinandersetzungen intellektuell und argumentativ weitgehend entzieht. Darunter leidet die öffentliche Debatte über konkurrierende Konzepte, die zu besseren Ergebnissen führen soll. Genau darin aber liegt die Legitimität der liberalen Demokratie gegenüber autoritären Systemen. Politischer Streit statt exekutiver Verordnung, das ist der Kern von Demokratie.
Demokratische Theorie ist nichts ohne bürgerliche Praxis. Die Demokratie lebt von ihren Demokraten so wie die bürgerliche Gesellschaft von ihren Bürgern. Kristina Schröder ist eine wirkliche Bürgerin, die sich vor allem durch drei Eigenschaften auszeichnet: Sie ist liberal, souverän und mutig.
Wie ein roter Faden ziehen sich im besten, das heißt weltoffenen und menschenfreundlichen Sinne liberal-konservative Prinzipien durch ihre Texte: individuelle Freiheit und Selbstbestimmung ebenso wie Selbstverantwortung und Subsidiarität, Pluralismus und offene Gesellschaft anstelle eines überregulierenden Staates, von Kollektivismus jeder Art und ideologischer Bevormundung durch diejenigen, die sich eine höhere Einsicht anmaßen. Dabei ist sie niemals dogmatisch, sondern offen für Widersprüche und Ambivalenzen, für Gegenargumente und unorthodoxe Lösungen.
„FreiSinnig“ ist daher als Titel dieses Buches alles andere als ein Zufall, sondern vielmehr der Kompass, mit dem Kristina Schröder durch eine Vielzahl von Themen navigiert. Die Kreuzfahrt beginnt mit nachdenklichen Reflexionen über die Pandemie – vor allem mit Blick auf neue Gewohnheiten, die sich rasend schnell eingeschlichen haben. Unmerklich drehte sich zum Beispiel die Pflicht zur Begründung um: nicht mehr die Einschränkung von Freiheiten galt auf einmal als begründungspflichtig, sondern ihre Aufhebung. Ein „pandemischer Imperativ“, hinter dem der „klimapolitische Imperativ“ gar nicht zu übersehen ist, deutete auf einen neuen Autoritarismus hin, der nicht nur Bürgerfreiheiten gefährdet, sondern auch soziale Folgeschäden außer Acht ließ. Kristina Schröder hingegen plädierte schon während der Pandemie hartnäckig für Abwägung und Differenzierung von Verhältnismäßigkeiten, und sie ließ keinen Zweifel, dass die Unbedingtheit des „Hört auf die Wissenschaft“ nichts anderes ist als eine neue Form der selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Freiheit und Selbstbestimmung, das waren auch ihre Leitlinien als Bundesfamilienministerin im zweiten Kabinett Merkel 2009–2013. Ins Zentrum geriet dabei ein Thema, das ursprünglich gar nicht ihres war: das Betreuungsgeld für Familien, die ihre unter dreijährigen Kinder selbst betreuen und nicht in eine Krippe geben. Ordnungspolitisch gab es manchen Grund zur Skepsis, ob es richtig ist, eine Kompensation für eine nicht in Anspruch genommene staatliche Leistung zu zahlen. Wer nicht in die staatlich subventionierte Oper geht, bekommt ja auch kein Musikgeld. Aber darum ging es nicht. Es ging vielmehr um ein Signal der Wertschätzung gegenüber denjenigen Familien, die zum Gemeinwohl beitragen, indem sie ihre kleinen Kinder innerhalb der Familie betreuen, und die ihr Lebensmodell durch eine hochnormative politische Wende zugunsten der außerfamiliären Betreuung infrage gestellt sahen. Insofern stand das Betreuungsgeld für eine wirklich liberale Familienpolitik, die auf die Vielfalt frei gewählter und selbstbestimmter Lebensentwürfe setzt, statt die Gesellschaft nach dem Bilde der vermeintlich Besserwissenden zu regulieren.
Das galt dann auch für ihre große biografische Entscheidung, nach der Bundestagswahl 2013 nicht wieder als Ministerin zur Verfügung zu stehen. Was für eine Entscheidung: mit glänzenden beruflichen Zukunftsaussichten auf ein Ministeramt zu verzichten, um mehr Zeit für die Familie zu haben! Ich habe mich oft gefragt: Hätte ich das fertiggebracht? Jedenfalls hat Kristina Schröders selbstbestimmte und sehr persönliche Entscheidung Vorbildcharakter, die sich dem Mainstream der Erwartungen entzieht. Souverän eben.
Stereotypen Erwartungen entzieht sie sich auch in der kritischen Auseinandersetzung mit dem Feminismus. Dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen nur in den biologischen Geschlechtsmerkmalen lägen, alle anderen hingegen kulturell anerzogen seien, das widerspricht nicht nur Erfahrung und Alltagsvernunft (und vielfältigen wissenschaftlichen Erkenntnissen). Kristina Schröder ist eine der wenigen Frauen, die dies auch öffentlich und offen sagen. Natürlich gibt es strukturelle Benachteiligungen von Frauen, und es ist die Aufgabe von Politik, solche Benachteiligungen zu beseitigen. Aber es sind nicht nur Benachteiligungen, die zu Ungleichheiten führen, sondern auch individuelle Präferenzen. Und es sind eben diese freien Entscheidungen, die der Gedanke der Parität völlig außer Acht lässt. Kristina Schröder benennt die Dinge beim gesellschaftspolitischen Namen: Gleichstellung zielt auf die Herstellung von Ergebnissen und ist letztlich illiberal. Gleichberechtigung hingegen sorgt für möglichst faire und echte Startchancen und ist der liberale Ansatz von Gesellschaftspolitik.
So klar die „unerbittliche Denkerin“, wie ein führender deutscher Publizist sie kürzlich nannte, die Dinge beim Namen nennt, nie fehlt es ihr dabei an feiner Ironie und am augenzwinkernden Humor fatalistischer Eltern, die das Leben kennen. Das gilt für die Doppelmoral von Meghan und Harry als Verzichtprediger bis zum CO2-Fußabdruck der Skipper, mit denen Greta Thunberg über den Atlantik segelte. Kristina Schröder argumentiert nie verbissen, sondern immer mit Empathie für die Verschiedenheit der Menschen und ihrer Bedürfnisse.
Sie ist energisch in der Sache und verbindlich in der Art, wenn sie keine Themen scheut, vor allem nicht die unbequemen. Wenn sie sagt, der „Islam ist das, was die Muslime daraus machen“, dann trifft sie den liberalen Ton von Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, der Muslime als mündige Bürger ernst nimmt, statt sich in identitärer Abschottung oder multikultureller Schönrednerei zu verschanzen. Und wenn sie auf Regeln des Zusammenlebens besteht, die von Muslimen einzufordern sind und die zugleich für alle gelten, dann ist dies das Konzept einer bürgerlichen Kultur, die Offenheit und Verbindlichkeit miteinander verbindet und ohne die eine Gesellschaft nicht auskommen kann.
Oder das nach wie vor hoch ideologisierte Thema Abtreibung: Während entschiedene Abtreibungsgegner meist wenig Sinn für das Dilemma ungewollt schwangerer Frauen aufbringen, haben Abtreibungsbefürworter den Begriff „Lebensschützer“ in die Nähe von Verfassungsfeinden gerückt. Dass es so sehr an Bereitschaft zur Vermittlung im Zielkonflikt zwischen weiblicher Selbstbestimmung und dem Lebensrecht ungeborenen Lebens fehlt, ist ein Armutszeugnis der öffentlichen Debatte. Auch hier plädiert Kristina Schröder dafür, sich ehrlich zu machen: „Natürlich wird bei einer Abtreibung ein Kind getötet“ – um zugleich für abwägende Lösungen zu plädieren.
Oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Kristina Schröder verbindet Wertschätzung mit der Benennung unübersehbar ideologischer Schlagseiten und fordert nach dem guten alten Grundsatz von Hanns Joachim Friedrichs einen Journalismus ein, der sich „nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache“, der „überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört“, und der die Dinge von unterschiedlichen Seiten beleuchtet, sodass sich mündige Bürger selbst ein Urteil bilden können, statt moralisch belehrt zu werden.
Abwägung statt Unbedingtheit, Alltagsvernunft statt Ideologie und Gesprächsoffenheit statt Ressentiment – zu Recht schrieb der bereits zitierte Publizist: „Andere Autoren moralisieren, Frau Schröder argumentiert.“ Offene Debatten und klare Positionen sind das Lebenselixier der liberalen Demokratie. Insofern kann die Quintessenz von „FreiSinnig“ nur lauten: Mehr Kristina Schröder wagen!
CORONA
Es gibt keinen pandemischen Imperativ
Wie kommen wir da wieder raus? Im Frühsommer 2021 scheint mir diese Frage die dringendste.
Damit meine ich weniger das Infektionsgeschehen. Die Inzidenzen befinden sich derzeit im steilen Sinkflug, der R-Wert, der uns allen inzwischen so vertraut ist, liegt stabil unter 1 und die Impfquote steigt seit ein paar Wochen endlich nennenswert an. Sollte uns nicht wieder eine Mutante in die Quere kommen – Delta wird derzeit heiß gehandelt –, könnte wirklich die Beherrschbarkeit der Pandemie nahen.
Aber auch das Ende unserer „neuen Normalität“, an die wir uns während der Pandemie so erschreckend schnell gewohnt haben? Werden wir in wenigen Monaten wirklich wieder unbefangen Menschen zur Begrüßung umarmen, Schüler auf Klassenfahrt schicken und Freunde (aus mehreren Haushalten!) zum Abendessen einladen?
Ich fürchte: Erst mal nicht. Die Pandemie, mehr noch, unser Umgang damit, hat unser Denken und Fühlen, unsere Einschätzungen und Wertungen verändert. Viele von uns haben eine unbarmherzige Konsequenz im Umgang auch mit sehr kleinen Risiken entwickelt, die alle anderen Nebenfolgen dieser Handlung ausblendet. Wir haben uns an eine prinzipielle Umkehr der Begründungspflicht gewöhnt, wer „normal“ leben will, muss beweisen, dass er nicht ansteckend ist, wer Freiheiten wieder etablieren will, muss beweisen, dass damit kein Risiko verbunden ist. Wir haben eine Verwischung der demokratietheoretisch fundamentalen Zuständigkeiten von Wissenschaft und Politik zugelassen, Teile der Wissenschaft verkauften Werturteile als Tatsachenaussagen und viele in der Politik nahmen diesen angeblichen „pandemischen Imperativ“ dankbar an. Wir haben uns an Grundrechtseinschränkungen auf Verdacht gewöhnt, der legitime Zweck reicht aus, Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit sind irgendwie 2019 verloren gegangen.
Unsere Maßstäbe sind verrutscht, dies empfinde ich spätestens seit Mai 2020 so. Und ich habe die Sorge, dass dies Folgen lange über die Pandemie hinaus haben wird. Denn Instrumente, deren Einsatz bisher in freiheitlichen Rechtsstaaten kaum vorstellbar waren, liegen jetzt nicht nur auf dem Tisch, sondern kamen zum Einsatz. Wir wissen, dass sie in einem gewissen Maß funktionieren und vor unseren Verfassungsgerichten weitgehend bestehen. Und dass eine stabile Mehrheit der Deutschen ihre Anwendung in einer krisenhaften Lage befürwortet, viele sogar ein noch härteres Vorgehen fordern. Dieses neue Bewusstsein wird, fürchte ich, so schnell nicht wieder weggehen.
Umso bemerkenswerter, dass über die entscheidende Frage dieser Pandemie kaum gesprochen wird: Haben wir, alles zusammengenommen, mit unseren Maßnahmen zur Bekämpfung wirklich insgesamt mehr Schaden verhindert als verursacht?
Ich halte es für denkbar, dass der Schaden überwiegt, vor allem bei einer längerfristigen Betrachtung. Und eine Betrachtung der weltweiten Praxis der Pandemiebekämpfung, die ja einem gigantischen Versuchsaufbau entspricht, das gleiche Virus mit unterschiedlichen Methoden zu bekämpfen, verstärkt meine grundlegenden Zweifel an der Verhältnismäßigkeit unseres deutschen Weges.
Als medizinischer Laie, der lediglich über statistisches Fachwissen verfügt, habe ich den Eindruck, dass überall der Löwenanteil der Dämpfung des Infektionsgeschehens auf die Anwendung der AHA-Regeln zurückgeht, auf Abstand, Hygiene und das Tragen von Masken. Hinzu kommt wohl der Verzicht auf Großveranstaltungen, wobei mir hier nur die in Innenräumen insgesamt relevant zu sein scheinen. Allein diese Maßnahmen, die die Menschen weltweit, ob staatlich vorgeschrieben oder nicht, inzwischen weitgehend internalisiert und habitualisiert haben dürften, scheinen mir gegen eine wirklich unkontrollierte Durchseuchung entscheidend gewirkt zu haben.
In den darüber hinaus geltenden Maßnahmen gingen die Länder uneinheitliche Wege: Manche schlossen den Einzelhandel, manche nicht, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren wurden in sehr unterschiedlichem Maß verhängt und auch beim umstrittensten Punkt, den Schulschließungen, unterschied sich das Vorgehen der Länder Europas mit fortschreitender Pandemie immer stärker. Spanien und die Schweiz beispielsweise ließen die Schulen in der zweiten und dritten Welle komplett offen, in Deutschland waren sie insbesondere für die Mittelstufe viele Monate lang geschlossen. Wenn ich mir diese Maßnahmen anschaue, in denen sich die Länder weltweit unterscheiden, kann ich beim besten Willen kaum einen systematischen Zusammenhang mit Erfolgen in der Pandemiebekämpfung erkennen. Ihr Anteil an der Dämpfung des Infektionsgeschehens scheint mir bestenfalls ein geringer zu sein. Aber natürlich sind sie es, die je nach Qualität und Quantität die verheerenden Schäden psychischer, gesundheitlicher, sozialer und ökonomischer Art angerichtet haben.
Das angemessene Alternativszenario, mit dem wir unseren deutschen Weg harter und lang anhaltender Maßnahmen vergleichen sollten, ist daher keines, in dem das Virus einfach völlig ungebremst durchläuft, wie es von Anhängern eines strikten Kurses immer wieder drohend an die Wand gemalt wird. Ebenso wenig macht es Sinn, unseren Weg mit einer Welt ganz ohne Corona zu kontrastieren, wie es von vielen Maßnahmenkritikern immer wieder versucht wird. Sondern die Frage ist, wie unser deutsches Maßnahmenpaket abschneidet im Vergleich mit einem Szenario, in dem die AHA-Maßnahmen konsequent gelten und auf Großveranstaltungen verzichtet wird, Einzelhandel, Gastronomie und Schulen aber offen sind und keine strikten Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen gelten.
An dieser Stelle beginnt die Abwägung – und die Wertung. Relativ leicht ist es dabei noch, Kranke gegen Kranke, Tote gegen Tote abzuwägen. Ein Mensch, der an Covid-19 stirbt, wiegt genauso schwer wie einer, der an einem Herzinfarkt stirbt, weil er sich wegen des Lockdowns nicht in die Klinik getraut hat, oder wie einer, der sich umbringt, weil er vor den Scherben seiner Existenz steht. Und eine lebenslange gesundheitliche Folge aufgrund einer schweren Corona-Infektion muss ähnlich ernsthaft betrachtet werden wie diagnostizierbare Langzeit-Beeinträchtigungen eines Jugendlichen, der nach über einem Jahr, in dem ihm sämtliche Sportangebote in Schule und Freizeit verwehrt wurden, nie wieder zum Sport zurückfindet und daher vielleicht lebenslang mit Übergewicht und all dessen Konsequenzen zu kämpfen hat.
Aber was ist mit den anderen schwerwiegenden Folgen? Was zählt der Verlust von bis zu neun Monaten gemeinschaftlicher Schulzeit für Millionen von Kindern und Jugendlichen? Was zählt der sprunghafte Anstieg schwerer psychischer Erkrankungen insbesondere bei Jugendlichen? Was zählen ökonomische Wohlstands- und Existenzverluste, die Geschäfte und Restaurants, die nie wieder aufmachen? Was zählt der Verlust an kulturellem und sozialem Leben, der Männerchor, das Stadtteilfest, das Angebot zum Kinderturnen, die nach über einem Jahr Zwangspause oft schlicht nicht mehr existieren? Was zählen die Depressiven, die Abhängigen, die Gewaltopfer, deren Leid im häuslichen Elend meist noch schlimmer geworden sein dürfte?
Jede Antwort darauf ist subjektiv, hängt unmittelbar von individuellen Wertüberzeugungen ab. Ich persönlich neige dazu, diese gesamtgesellschaftlichen Folgen als langfristig schwerwiegender zu bewerten – zumal ich der Überzeugung bin, dass sich wesentliche Infektionsgefahren auch mit milderen Mitteln wie Luftreinigungsgeräten, dem früheren und gezielteren Einsatz von Schnelltests oder einer nicht durch einen geradezu paranoiden Datenschutz kastrierten App hätte wirkungsvoll eindämmen lassen. Aber selbstverständlich kann man hier begründet auch die gegenteilige Auffassung vertreten.
Was mich aber nachhaltig irritiert hat, war der in Politik und Wissenschaft verbreitete Versuch, zu negieren, dass wir es hier überhaupt mit notwendigen Abwägungen zu tun haben. „Das darf man nicht gegeneinander aufrechnen“, lautet die wohlfeile Variante dieses Arguments, das gnadenlos ignoriert, dass unser ganzes Leben aus Abwägungen dieser Art besteht, ohne die wir gar nicht handlungsfähig wären.
„Das Virus diskutiert nicht“ oder „Hört auf die Wissenschaft“, lautete der autoritärer daherkommende, aber gleichwohl durchschaubare Versuch, aus einer Tatsachenaussage ein Werturteil abzuleiten. Auch Sandra Cieseks Tweet aus dem April 2021 „Wenn wir als Ärzte klar gegen Evidenz handeln, hat das massive Folgen. Wenn dies Politiker tun, ist das egal?“, der über 22 000-mal geliked wurde, gehört in diese Kategorie. Für politische Werturteile gibt es keine Evidenz. Gäbe es sie, könnten wir uns den ganzen Aufwand unserer Demokratie sparen. Denn dann könnte man ja genauso gut mit wissenschaftlichen Methoden berechnen, was zu tun ist. Anhänger der Idee von „Expertenregierungen“, Verächter des politischen Streits (man solle doch stattdessen einfach mal das „Vernünftige“ tun) und die guten alten „Parteienkritiker“ tendieren zwar immer wieder in diese Richtung, kommen aber nie um das alte Problem herum: Wer legt denn dann fest, was die angebliche Volonté générale ist, wenn nicht demokratisch legitimierte Volksvertreter?
Aus Tatsachenaussagen lassen sich keine Werturteile ableiten. Der naturalistische Schluss bleibt ein Fehlschluss, auch in der Pandemie. Man kann von jeder einzelnen wissenschaftlichen Aussage aus über 100 Folgen Podcast mit Christian Drosten und Sandra Ciesek überzeugt sein – und dennoch auf der Ebene der Maßnahmen mit vielen guten Gründen auch einen anderen als den in Deutschland gewählten Weg für human, vernünftig und erfolgversprechend halten.
Denn zwischen Tatsachenaussagen und Werturteilen gibt es einen kategorialen Unterschied: Max Webers Schriften zum Postulat der Werturteilsfreiheit der Wissenschaft ist meines Erachtens im Kern bis heute wenig hinzuzufügen. Tatsachenaussagen sind empirische Aussagen über das Seiende. Sie sind oft umstritten, aber prinzipiell wissenschaftlicher Analyse zugänglich, sie sind unter anderem falsifizierbar. Werturteile hingegen sind normative Urteile über das Sein-Sollende. Sie rekurrieren auf subjektive Wertüberzeugungen über das „Gute“, objektive Geltung können sie deshalb prinzipiell nicht für sich beanspruchen, falsifizieren lassen sie sich ebenso wenig. Weber sprach in diesem Zusammenhang davon, dass jeder selbst wissen müsse, was „für ihn der Gott und was für ihn der Teufel“ ist. Und immer, wenn ich mit meiner besten Freundin, die seit unserer gemeinsamen Grundschulzeit den Grünen zuneigt, über Politik diskutiere und wir irgendwann an dem Punkt ankommen, an dem sie sagt: „Aber die Gleichheit …!“ und ich entgegne: „Aber die Freiheit …!“ und uns nur noch bleibt, darauf gemeinsam einen schweren Rotwein zu trinken – dann weiß ich, was Max Weber damit gemeint hat.
„Children may be as infectious as adults“, diese inzwischen berühmte Conclusio aus Christian Drostens Pre-Print einer Studie zur Viruslast bei Kindern, das im April 2020 am Tag vor den entscheidenden Verhandlungen der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten zu Schulöffnungen in Deutschland erschien, ist eine Tatsachenaussage. Der berühmteste deutsche Virologe betreibt damit das, was seine Aufgabe ist: Wissenschaft.
Aber nur einen Satz weiter überschreitet er die Grenze: „Based on these results, we have to caution against an unlimited re-opening of schools and kindergartens in the present situation.“ Dies ist ein Werturteil. Eines, das sich zwar auf seriöse wissenschaftliche Forschung berufen kann („based on these results“), das aber dennoch so tut, als folge aus diesen Erkenntnissen notwendig („we have to caution against“) die Aufforderung, Schulen und Kindergärten vorerst nicht uneingeschränkt zu öffnen. Diese politische Forderung kann man natürlich vertreten, etwa unter Verweis auf das herausragende Ziel des Gesundheitsschutzes. Man kann aber selbstverständlich auch gegenteilig argumentieren, etwa indem man die Wertüberzeugung vertritt, dass man Kindern nicht unverhältnismäßig starke Lasten fremdnützig auferlegen dürfe oder dass der gesamtgesellschaftliche Schaden von Schulschließungen überwiege. Oder wie es der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit ausdrückte: „Was ich unter virologischem Aspekt gutheiße, kann unter sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen Aspekten desaströse Auswirkungen haben.“
Christian Drosten hat sein folgenschweres Werturteil nicht kenntlich gemacht, er hat nicht darauf hingewiesen, „wo der denkende Forscher aufhört und der wollende Mensch anfängt“, wie Max Weber es in seiner Schrift zur „Objektivität sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ verlangt. Dabei wäre es problemlos möglich gewesen, auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse eine einfache Zweck-Mittel-Relation zu formulieren, etwa: „Wenn die Schulen und Kindergärten uneingeschränkt geöffnet werden sollen, muss beachtet werden, dass Kinder so infektiös sein könnten wie Erwachsene.“ Damit wäre das Forscherteam auf dem Boden von Tatsachenaussagen und damit der Wissenschaft geblieben und Deutschland wären vielleicht viele weitere Wochen Schulschließungen erspart geblieben.
So tagten am nächsten Tag die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin und schoben die Öffnungen der Schulen und Kindergärten auf die lange Bank. Aus der drastischen, aber kurzfristigen Intervention zu Beginn der Pandemie, als die die Schulschließungen anfangs verkauft wurden, wurde spätestens hier eine monatelange Dauermaßnahme.
Christian Drosten will seine Rolle in diesem Drama nicht wahrhaben. In seinem Podcast verwies er auf mediale Darstellungen dieser entscheidenden Tage: „Da stand am Ende sogar drin, dass die Regierung diese Studie genommen hätte, um ihre Entscheidungen zu treffen. Das ist blanker Unsinn. Also das ist auf keinen Fall so. So läuft das einfach nicht.“
Ich fürchte, dass Christian Drosten hier irrt. So läuft das durchaus.
Denn nicht nur in Teilen der Wissenschaft, mindestens ebenso sehr in der Politik gab es seit Beginn der Krise die Neigung, die gewählten Maßnahmen als pandemische Imperative zu interpretieren. Nicht unbedingt in der engen und wenig anschlussfähigen Auslegung, die Drosten im November 2020 in seiner Schiller-Rede vorschlug. Sondern in Form einer sich rational und bescheiden gebenden Beschränkung der eigenen Entscheidungsmöglichkeiten, die die beschlossenen Maßnahmen als objektive Erfordernisse des pandemischen Geschehens deutet, statt als selbst gewählten Weg. Die demokratietheoretisch wichtige Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik wurde dadurch verwischt, der originäre Anteil politischer Entscheidungen an den fundamentalsten Freiheitseinschränkungen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg blieb vor allem in der ersten Welle in der öffentlichen Debatte merkwürdig blass. Manche politischen Akteure gerierten sich fast wie eine Art Notar, der diese pandemischen Imperative nur noch feststellt, dann aber umso härter durchsetzt. Christian Drostens Veröffentlichung mitsamt ihrer politischen Forderung, die nun das Gütesiegel wissenschaftlicher Objektivität trug, kam unter diesen Umständen gerade recht.
Ähnlich unsauber war die Rollenverteilung zwischen Wissenschaft und Politik beim Beschluss des zweiten harten Lockdowns kurz vor Weihnachten 2020. Nach einem als gescheitert erachteten „Wellenbrecherlockdown“ im November sollte das Land nun über die Weihnachtsfeiertage weitgehend heruntergefahren werden. Wie stets lag ein besonderer Fokus auf den Schulen, debattiert wurde, die Weihnachtsferien früher beginnen zu lassen, und Bundeskanzlerin Angela Merkel flehte mit bewegter Stimme im Bundestag, „für diese drei Tage noch irgendeine Lösung zu finden“. Die Lösung fand sich und dauerte bis Mai. Bis dahin waren die Schulen zumindest für die meisten Mittelstufenschüler in Deutschland komplett dicht.
Berufen konnte sich Angela Merkel auf „die“ Wissenschaft, die einen solchen harten Lockdown fordere. Denn das hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, am Tag zuvor in einer Ad-hoc-Stellungnahme getan: Es sei „aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern“.
Eine bemerkenswert apodiktische Aussage, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir über die Kosten-Nutzen-Ratio von Lockdowns bis heute immer noch eher wenig wissen. Während der Nutzen in diesem Zusammenhang in der Zahl der durch einen Lockdown verhinderten Infektionen besteht und damit wissenschaftlicher Analyse zumindest prinzipiell zugänglich ist, ist der dadurch entstandene Schaden eher sozialer, ökonomischer oder psychologischer Art. Hier können die Sozialwissenschaften, die Ökonomie und die Psychologie zwar ebenfalls Aufschluss geben. Aber die Abwägung der Schwere dieser Folgen ist unmöglich ohne subjektive Wertüberzeugungen.
Dafür muss man aber vor allem erst einmal anerkennen, dass es diese Folgen gibt, und sie prinzipiell genauso in die Abwägung mit einbeziehen wie die medizinischen Aspekte. Wer dies bereits Ende März 2020, also auf dem Höhepunkt des ersten Lockdowns forderte, war Armin Laschet. Das derzeitige Vorgehen sei selbstverständlich nicht alternativlos, schrieb er in der WELT. „Wir müssen alle Konsequenzen unserer Maßnahmen bedenken: Welche sozialen, ökonomischen, psychologischen und letztlich auch gesundheitlichen Kollateralschäden hätte eine lang andauernde Politik der sozialen Distanzierung und des wirtschaftlichen Shut-downs? Wären nicht gerade die Kinder von den häuslichen und familiären Konflikten in ganz besonderer Weise betroffen?“ Daher bedürfe es einer öffentlichen Debatte über die Maßstäbe einer Öffnung, die Erkenntnisse aller relevanten Wissenschaftsdisziplinen mit einbeziehe, so Laschets Postulat. Die „schwierigen ethischen Abwägungsfragen, die sich daraus ergeben“, blieben aber „in der Verantwortung der Politik“.
Armin Laschet hatte es mit diesem klugen Kurs, den er die gesamte Pandemie über durchhielt und der sich beispielsweise auch in der Tatsache widerspiegelt, dass das Corona-Dashboard des Landes NRW konsequent auch soziale Kennziffern, wie etwa die Arbeitslosenquote oder den Anteil der Schüler im Präsenzunterricht, ausweist, oft nicht leicht. Ein Bündnis aus Vertretern meines eigenen politischen Lagers, die gerade in der Krise einen hart durchgreifenden Staat favorisieren, und den zumeist linken Anhängern der „No Covid-Bewegung“, die ein attraktives Ziel mit nach meiner Überzeugung teils totalitären Instrumenten durchsetzen wollten, erkor ihn zum populären Feindbild – und mit ihm etwa den Virologen Hendrik Streeck, zu dem man auf Twitter unter dem Hashtag #SterbenmitStreeck sogar Bezüge zu Auschwitz herstellte.
Ähnlich unterbelichtet wie die sozialen Folgen der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung waren die seit dem Zweiten Weltkrieg umfassendsten Einschränkungen von Grundrechten. Wie schwer wiegen sie, in Abwägung mit den Aspekten des Gesundheitsschutzes, dem damit hoffentlich gedient war? Dies kann auch kein Jurist abschließend beantworten, am ehesten liefert hier noch die Rechtsphilosophie Anhaltspunkte. Der liberale Wisssenschaftsphilosoph Michael Esfeld, Mitglied der Leopoldina seit 2010, traf den wunden Punkt, als er den Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in einem Brief zur Zurücknahme der 7. Ad-hoc-Stellungnahme für einen harten Lockdown kurz vor Weihnachten 2020 aufforderte:
„Ethisch gibt es insbesondere in der auf Immanuel Kant zurückgehenden Tradition Gründe, grundlegende Freiheitsrechte und die Würde des Menschen auch in der gegenwärtigen Situation für unantastbar zu halten. Zur Würde des Menschen gehört dabei insbesondere die Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, was die jeweilige Person als ein für sie würdiges Leben erachtet und welche Risiken sie für diesen Lebensinhalt einzugehen bereit ist …“
„Ethisch gibt es (…) Gründe“, schreibt Michael Esfeld. Mit anderen Worten: Man kann das so sehen, muss es aber nicht. Was zählt, ist die Kraft des Arguments und die wertgeleitete Abwägung derer, die vom Souverän zu solchen Entscheidungen legitimiert worden sind. Sie sind es, die sich dafür auch vor den Bürgern verantworten müssen. Eine Wissenschaft, die versucht, bestimmte Ergebnisse dieser Abwägung als „aus wissenschaftlicher Sicht unbedingt notwendig“ durchzudrücken, schadet diesem für unseren Staat fundamentalen Prozess politischer Legitimation genauso wie eine Politik, die sich dankbar solcher angeblicher pandemischer Imperative bedient, um den originär politischen Anteil möglichst blass erscheinen zu lassen.
Ich fürchte, dass dies auf Dauer Folgen für unsere Gesellschaft haben wird. Uns droht ein Long-Covid politischer und gesellschaftlicher Art. Dass Bundesbildungsministerin Karliczek kurz vor den Sommerferien 2021 behauptete, dass angeblich niemand garantieren könne, dass die Schulen im nächsten Schuljahr offen blieben, „weil wir nicht wissen, was diese Mutationen, die auf der Welt unterwegs sind, uns da noch zumuten“, lässt nichts Gutes erahnen.
Aber auch abseits der Pandemie fürchte ich, dass viele von uns sich daran gewöhnt haben, bestimmte Themen besonderer Tragweite als der üblichen wertgeleiteten politischen Abwägung entzogen zu betrachten und uns deshalb künftig leichter mit einem schlichten „Hört auf die Wissenschaft“ zu begnügen. Aber „die Wissenschaft“ wird es auch in Zukunft nicht geben, meistens bereits nicht auf der Ebene der Tatsachenaussagen, niemals aber auf der der Werturteile. Künftig werden diejenigen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft daher einen immensen Machtzuwachs erringen, denen es gelingt, ihre Deutung dessen, was „die Wissenschaft“ angeblich fordert, politisch durchzusetzen. Sind sie damit erfolgreich, sind unsere Gesellschaft und offenbar auch unsere Justiz bereit, sehr weit zu gehen oder zumindest mitzulaufen. Der Werkzeugkasten hierfür, dessen Gebrauch sich vor zwei Jahren fast niemand in unserem Land hätte vorstellen können, steht jetzt geöffnet auf dem Tisch. Bei der Bundestagswahl geht es daher auch um unsere Freiheit, weiter abwägen zu dürfen – und uns keine Imperative welcher Art auch immer aufzwingen zu lassen.
How dare you?
Eine „bildungspolitische Katastrophe“ sei es, wenn Kinder nicht Krippe oder Kita besuchten. Darüber schien sich das fortschrittliche Deutschland einig. Das war 2012, der Kulturkampf um das Betreuungsgeld tobte. Es ging um Ein-und Zweijährige – und um ihre Eltern, die sich gerne die Zeit nehmen wollten, die Betreuung ihrer Kleinkinder in den ersten drei Lebensjahren selbst zu organisieren. Den Kindern, die gerade laufen und ihre ersten Worte lernen, enthielte man so wichtige frühkindliche Bildung vor, hieß es damals. Und die Mütter dränge man in „verkrustete Rollenklischees“, so die einhellige veröffentlichte Meinung zu der als „Herdprämie“, „Bildungsfernhalteprämie“ und „Verdummungsprämie“ geschmähten staatlichen Wahl-Leistung.
2020 und 2021 waren Kitas, Kindergärten, Schulen und Universitäten über Monate hinweg geschlossen. Kinder lernten deshalb teilweise nur notdürftig lesen und schreiben, vergaßen oft ihre wackeligen Deutschkenntnisse wieder oder brachen im schlimmsten Fall ohne Abschluss die Schule ab. Eltern, insbesondere Mütter, kamen immer wieder an ihre psychischen und physischen Belastungsgrenzen, viele reduzierten daher ihre Berufstätigkeit oder gaben sie ganz auf. Und das fortschrittliche Deutschland forderte – allen voran die Grünen, aber leider auch mit Unterstützung von Teilen meiner Partei – unter dem Banner „No Covid“ eine Verschärfung dieser Maßnahmen.
Ich gehörte während der Pandemie zu denen, die das Glück hatten, prinzipiell im Homeoffice arbeiten zu können. Aber die Frage einer adäquaten Kinderbetreuung hatte ich so natürlich nicht gelöst – nicht einmal unter meinen eindeutig privilegierten Bedingungen mit Haus, Garten und Haushaltshilfe. Unsere jüngste Tochter war im Frühling 2020 gerade zwei geworden. Sie ließ mich keine fünf Minuten ungestört am Schreibtisch sitzen, maximal ein Telefonat, bei dem ich sie gleichzeitig auf der Schaukel anstieß oder zusah, wie sie den Schuhschrank ausräumte, war drin. Unsere damals Fünfjährige konnte ich mit schlechtem Gewissen hin und wieder 45 Minuten Peppa Wutz auf dem iPad gucken lassen, aber dann wollte sie garantiert wahlweise eine Süßigkeit / suchte ihren Badeanzug / stritt sich mit der großen Schwester. Lediglich mit der Achtjährigen kam ich langsam in Sphären, in denen eine 90-minütige Videokonferenz überhaupt denkbar war. Aber auch nur, weil wir das Glück hatten, dass sie wenig Hilfe beim Homeschooling brauchte und gerne liest.
Substanzielle Arbeitszeit hatte ich nur dann, wenn ein Babysitter kam oder die Kleine mittags schlief und ich den beiden Großen gleichzeitig einen Film erlaubte. Zu meiner Bestürzung hat unsere Jüngste sich allerdings recht schnell nach Beginn der Pandemie ihren Mittagsschlaf abgewöhnt. Und so haben wir während des zweiten und dritten Lockdowns dankbar die Möglichkeiten ergriffen, die die stets um einen moderateren Kurs bemühte Hessische Landesregierung unter Volker Bouffier anbot, die Kinder dennoch in Kindergarten und Schule schicken zu können. In den Monaten Anfang 2021 beispielsweise, als in Hessen bis Klasse sechs lediglich die Präsenzpflicht ausgesetzt war, gingen an der staatlichen Grundschule unserer Töchter rund 70 Prozent der Kinder dennoch zur Schule – und erhielten dort dank eines wunderbar couragierten Kollegiums auch Unterricht. Aus anderen Wiesbadener Grundschulen weiß ich, dass dort teilweise über Wochen keinerlei Unterricht, lediglich reine Aufsicht stattfand. In einem Fall durften die Kinder noch nicht einmal Fragen stellen – sie sollten keinen Vorteil vor den Kindern zu Hause haben. Wochen später erfuhr ich, dass diese Regelung nun aufgeweicht worden sei: Die Kinder durften jetzt eine Frage pro Schulstunde stellen.
Und so versuchten auch in meinem Umfeld viele Familien Monat für Monat in einem verzweifelten Kampf, Homeoffice und Homeschooling zusammenzubringen. Dabei ist dies, zumindest bei kleineren Kindern, fast unmöglich. Einige Eltern in meinem Bekanntenkreis stellten ihre Arbeitszeiten auf einen selbst gewählten Schichtbetrieb um: Sie arbeitete von 5 bis 13 Uhr, er von 13 bis 21 Uhr. Dass man das Familien über Monate hinweg und immer wieder zumutete und in Teilen der Politik offenbar die Vorstellung herrschte, die Kombination von Homeoffice und Kinderbetreuung bedeute, Kinder tagsüber in ihre Kinderzimmer zu schicken und mittags eine Packung Fischstäbchen reinzuwerfen, werden Eltern sicher so schnell nicht verzeihen.
Am schlimmsten habe ich dabei dennoch nicht meine eigene Belastung empfunden, sondern die Tatsache, dass ich den Bedürfnissen unserer Kinder immer weniger gerecht werden konnte und durfte. Vor allem nicht denen unserer beiden größeren Kinder, die Kleine war noch in dem Alter, in dem ihr die Geborgenheit bei ihren Eltern und Schwestern, mit einem gelegentlichen Supermarktbesuch als Highlight, völlig reicht. Aber je älter Kinder werden, umso mehr Lern- und Entwicklungsimpulse von außerhalb benötigen sie. Ich bin keine Lehrerin, ich kann Unterricht nicht wirklich gut ersetzen, erst recht nicht bei unserer mittleren Tochter, die im Sommer 2020 eingeschult wurde. Ich konnte auch die wachsende Frustration über das tägliche stupide Ausfüllen von Arbeitsblättern immer weniger abfangen, zumal ich ja dann auch oft in die Videokonferenz eilen und die Kinder im gelangweilten Streit um den schönsten Radiergummi alleine lassen musste.
Und erst recht konnte ich Schule als Lebensort nicht ersetzen, wo man Freundschaften schließt, sich streitet und verträgt, das Pausenbrot tauscht, unterschiedliche Persönlichkeiten bei Kindern und Erwachsenen kennenlernt und eine streng geheime Abkürzung auf dem Schulweg entdeckt. Nachmittags fielen Ballett und Reiten über viele Monate hinweg aus und auf meinen Versuch, in den wenigen Wochen, in denen die Schwimmbäder geöffnet waren, einen Schwimmkurs zu ergattern, wurde mir beschieden, dass auf der Warteliste 250 Kinder vor uns stünden. Hätten unsere beiden großen Töchter nicht die in diesem Alter ungewöhnliche Vorliebe, mit mir zusammen joggen zu gehen, hätten sie während der Pandemie fast keinen Sport gemacht.
Dabei hatten unsere Kinder noch Glück, denn sie sind noch keine Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Mein Eindruck ist, dass – neben den besonders betroffenen Branchen – sie es waren, die am härtesten unter den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu leiden hatten. Denn was ihnen über bisher 16 Monate genommen wurde, ist eigentlich alles, was diese Lebensphase für die meisten Menschen zur prägendsten ihres Lebens macht: Das Theaterstück, das eine Klasse über Monate einstudiert und im Rahmen des Schulfestes vorführt. Das Betriebspraktikum in der nächsten größeren Stadt. Das gemeinsame Training, auf dem Bolzplatz oder in der Schwimmhalle. Die Oberstufenfahrt nach Berlin oder Rom. Die Feier des Schulabschlusses. Das Jahr im Ausland, das viele seit Jahren geplant und herbeigesehnt hatten. Die Erstsemesterpartys, auf denen nicht selten Freundschaften fürs Leben entstehen. Die erste Vorlesung, bei der ein wortgewaltiger Prof mit Begeisterung und Hingabe die grundlegenden Fragen seines Fachs skizziert. Die Lerngruppe, die sich in der Seminarbibliothek findet, die sich gegenseitig durch Strafrecht I, Produktion und Absatz II und Statistik III bringt und selbst die eine oder andere tragische Liebesgeschichte in ihren Reihen übersteht.
Überhaupt, die Liebe in Zeiten von Corona. Wer sie noch nicht gefunden hat, wie die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, für den dürften die zäh, aber unnachgiebig verstreichenden Monate der Pandemie besonders bitter gewesen sein. Im Klassenchat oder mit Tinder auf ihrem Bett liegend verbrachten viele Jahrgänge Abend für Abend einer Lebensphase, von der ihnen Ältere oft mit glänzenden Augen erzählen, dass es die schönste im ganzen Leben sei.
Natürlich, was ist das alles schon gegenüber dem Verlust von Gesundheit, gar von Leben? Weniger, eindeutig. Aber wiegt es so gering, dass es von Politik und Gesellschaft dermaßen weitgehend ignoriert werden darf? Wenn Jüngere all diese meist unwiederbringlich verlorenen Erfahrungen auch nur thematisierten, wurde ihnen oft beschieden, sie sollten sich nicht so anstellen. Damals im Krieg habe man auch auf vieles verzichten müssen. Gleichzeitig wurde im Frühling 2021 lange vor den Öffnungen der Schulen beschlossen, dass Friseure ihre Salons wieder aufschließen dürfen – natürlich wie bei fast jeder Öffnung unter Inkaufnahme eines gewissen Infektionsrisikos. Dies sei auch „eine Frage der Würde älterer Menschen“, so hieß es einfühlsam in der Pressekonferenz nach der Sitzung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten. Nur ein bisschen von dieser Empathie gegenüber den Bedürfnissen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in unserem Land wäre schon schön gewesen. Und angebracht.
Zumal auch die Pubertät eine Lebensphase hoher Vulnerabilität ist, nämlich psychischer Art. Große systematische Studien fehlen noch, aber aus Berlin und Tübingen hören wir, dass sich die Einweisungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der zweiten und dritten Welle fast verdoppelt haben. Depressionen, Schlafstörungen, Phobien, suizidale Gedanken und besonders Essstörungen nehmen in Deutschland nach übereinstimmenden Berichten aus der Praxis bei Jugendlichen deutlich zu.
Und dann sind da noch die Kinder und Jugendlichen, die gar kein sicheres Zuhause haben. Die Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité verzeichnet im ersten Halbjahr 2020 rund 23 Prozent mehr Fälle als im Jahr zuvor, festgestellt wurden insbesondere schwere Verletzungen wie Knochenbrüche oder Würgemale. Laut polizeilicher Kriminalstatistik stieg 2020 die Zahl der vorsätzlich oder fahrlässig getöteten Kinder in Deutschland um rund ein Drittel auf 152 Fälle an.
Bei aller Vorsicht vor monokausalen Erklärungsmustern: Es spricht viel dafür, dass einige dieser Kinder ohne die Lockdowns noch leben könnten, viele hätten vermutlich weniger brutale Gewalt erfahren. Und auch die zusätzlichen schweren psychischen Erkrankungen wie Depression und Essstörungen werden viele Betroffene ihr Leben lang nicht mehr loswerden oder sogar daran sterben: Magersucht etwa endet in zehn bis 15 Prozent der Fälle mit dem Tod. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass es bei der Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen eben nicht um Kosten lediglich ökonomischer Art geht, die dem Schutz der körperlichen Unversehrtheit gegenüberstehen, wie es oft bewusst simplifizierend dargestellt wird. Sondern die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie führten teilweise ihrerseits zu anderen Gefahren für Leib und Leben. Ein Leben, das Jugendliche eigentlich erst noch vor sich haben.
Um solch gravierende Schäden zu rechtfertigen, bedarf es eines hohen Nutzens. Dass dieser durch Schulschließungen erreicht würde, war zu Beginn der Pandemie eine durchaus plausible Annahme. Es gab im Frühjahr 2020 gute Gründe, erst einmal davon auszugehen, dass Kinder ähnlich wie bei der Influenza Treiber des Infektionsgeschehens sind. Schulschließungen könnten so einen entscheidenden dämpfenden Effekt haben, so die begründete Erwartung.
Klar war dabei aber auch, dass der erhoffte Nutzen nicht primär bei den Kindern selbst entsteht, sondern es in erster Linie um den Schutz der stärker gefährdeten Personengruppen ging. Und dieser Faktor hängt bei diesem Virus in besonderem Maß vom Alter ab, das Risiko eines 80-Jährigen, an Covid-19 zu sterben, ist 600-mal so hoch wie das eines 30-Jährigen. Den Kindern und Jugendlichen wurden die Schulschließungen also überwiegend fremdnützig auferlegt, so lautete das nur selten offen ausgesprochene, aber dennoch insbesondere zu Beginn der Pandemie breit akzeptierte Kalkül.
In den Monaten danach wuchsen aber die Zweifel am tatsächlichen Nutzen dieses Vorgehens, insbesondere nachdem ab Mai 2020 viele europäische Länder die Schulen wieder öffneten und sich dort kein nennenswerter Einfluss auf das Infektionsgeschehen feststellen ließ – was ja die Frage aufwirft, ob und inwiefern die Schulschließungen überhaupt notwendig waren.
Es begann ein zäher Kampf um die Bedeutung von Kindern und Jugendlichen für das Infektionsgeschehen, der vor allem deswegen besonders hart und emotional ausgefochten wurde, weil viele der beteiligten Akteure – so wie ich auch! – als Eltern persönlich stark betroffen waren. Beide Seiten präsentierten Studien für ihre Sicht der Dinge und ignorierten weitgehend die Erkenntnisse der Gegenseite.
Mir scheint sich nach über einem Jahr Ringen um Deutungshoheit bei diesem Thema abzuzeichnen: Kinder und Jugendliche können sich infizieren und andere anstecken, sie nehmen am Infektionsgeschehen teil. Jugendliche entgegen mancher Hoffnungen aufseiten der Kritiker von Schulschließungen wohl im selben oder ähnlichen Umfang wie Erwachsene, Kinder vor der Pubertät entgegen der Befürchtungen aufseiten der Anhänger von Schulschließungen wohl in einem geringeren Maß als Jugendliche und Erwachsene.
Während demnach bei Schulschließungen ab Klasse 7 zwar immer noch die Frage zu stellen und zu bewerten ist, ob der Nutzen tatsächlich den angerichteten Schaden überwiegt (ich tendiere zu der Auffassung: nein), muss aber dennoch konzediert werden, dass es in dieser Alterskategorie einen Nutzen in Form einer Dämpfung des Infektionsgeschehens wohl tatsächlich gab.
Bei Grundschulen hingegen scheint mir die Frage nach wie vor offen zu sein, ob ihre Schließung wirklich Substanzielles zur Eindämmung des pandemischen Geschehens beigetragen hat. Denn das setzte voraus, dass es bei weiter offenen Grundschulen zu einer nennenswerten Weitergabe des Virus innerhalb (!) der Schulen gekommen wäre. Definitiv kann dies niemand beantworten, aber zumindest das RKI schätzt den Anteil von Kitas und Grundschulen am gesamten Transmissionsgeschehen als „niedrig bis moderat“, den Einfluss offener Kitas und Grundschulen auf schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle als „niedrig“ ein.
Das erschwert natürlich die Argumentation, warum Schulschließungen überhaupt erforderlich sind – praktisch wie rechtlich. Und so wandelte sich die Begründung schleichend. Stand insbesondere im ersten Lockdown noch die Eindämmung des Infektionsgeschehens insgesamt im Vordergrund, dominierte spätestens mit dem Aufkommen der britischen Variante eine andere Begründung: Jetzt ging es angeblich um den Schutz der Kinder selbst. Begünstigt wurde diese neue Argumentation dadurch, dass sich in Großbritannien die Alpha-Mutante zunächst besonders an Schulen ausbreitete und es so aussah, als befiele sie tatsächlich stärker Kinder als der Wildtyp. Dies stellte sich allerdings bald als Artefakt heraus, selbst Christian Drosten gab in diesem Punkt früh Entwarnung. Dennoch setzte sich das Bild fest. Auf Twitter behaupteten insbesondere Aktivisten der Initiative „Bildung aber sicher“ im Winter 2020/2021, in Großbritannien hingen immer mehr Kinder auf den Intensivstationen „an Beatmungsschläuchen“, die Münsteraner Virologin Jana Schroeder ließ sich im März 2021 gar zu der düsteren Warnung hinreißen: „Passt gut auf euch und eure Kinder auf – die Regierung macht das nicht …“, und wurde dafür, oft unter dem Hashtag #SchulenundKitaszu, von Tausenden gefeiert. Und längst gab es eine ernsthafte Debatte darüber, ob es überhaupt verantwortbar sei, Schulen wieder zu öffnen, bevor nicht auch alle Kinder geimpft sind – also nach heutigem Stand frühestens 2022.
Untermauert wurden diese Warnungen mit Verweis auf das Pädiatrische Inflammatorische Multiorgan-Syndrom (PIMS), das im Zusammenhang mit dem SARS-2-Virus steht, und auf Long-Covid bei Kindern. Wie bei der Frage der Bedeutung von Schulschließungen für das Infektionsgeschehen ist es für den medizinischen Laien schwierig, sich ein eigenständiges Bild zu machen. Aber auch hier scheinen mir die zu Beginn der zweiten Welle sehr schrillen Warnungen zunehmend leiser zu werden. Bei den Studien zu Long-Covid zeigt sich ein auffälliger Einfluss der Methode: Befragungen der Eltern ergeben meist eine recht hohe Betroffenheit genesener Kinder von Long-Covid, Studien mit Vergleichsgruppen hingegen meist keinen Unterschied zwischen den Kindern, die Corona hatten, und denen, die es nicht hatten. Handelt es sich bei Long-Covid bei Kindern also doch eher um Long-Lockdown?
Die Tatsache, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) im Juni 2021 bei gesunden Kindern das Risiko einer Schädigung durch die Impfung als höher betrachtete als das Risiko einer Schädigung durch die Erkrankung, lässt auf jeden Fall den Schluss zu, dass zumindest dieses 18-köpfige interdisziplinäre Expertengremium, das beim Robert-Koch-Institut angesiedelt ist, keine besonders hohe Gefahr durch Covid 19 für Kinder erkennen kann. Der Chef der Stiko, der Virologe Thomas Mertens, wagte als Gast im NDR-Corona-Podcast im Juni 2021 sogar den verpönten Vergleich mit der Grippe: „Man kann generell sagen, dass es keinen Aspekt gibt, dass Covid-19 in dieser Altersgruppe über das Risiko einer Influenza-Erkrankung bei diesen Kindern hinausging. (…) Diese Ergebnisse sind auch sehr klar.“
Diese Einschätzung änderte allerdings wenig daran, dass, im Gegensatz zur Influenza, die Jahr für Jahr für den Schulbetrieb überhaupt keine Rolle spielt, die Maßnahmen zum Schutz vor Corona kaum drastisch genug sein konnten. Ständig kamen neue Vorschriften durch Bund, Land oder Kommune hinzu, und fast nichts davon fiel weg, sodass das Infektionsschutzniveau irgendwann obsessive Züge trug. An der Grundschule unserer beiden großen Töchter etwa sitzen die Kinder an Einzeltischen und desinfizieren sich regelmäßig die Hände, der Austausch von Radiergummis oder Stiften ist untersagt, ihr Frühstücksbrot essen sie versetzt in zwei nach dem Schachbrettmuster aufgeteilten Gruppen. Ihren Tag verbringen sie in festen Kohorten, deren Durchmischung auf dem Pausenhof durch Absperrbänder verhindert wird. Eltern und Lehrer haben Geld für CO2-Ampeln und professionelle Luftreinigungsgeräte gesammelt, sie stehen in jedem Raum, dennoch werden die Vorgaben zum Lüften pedantisch eingehalten. Über viele Monate fand Distanz- oder Wechselunterricht statt, die Klassen waren also nicht voll besetzt. Seit Frühjahr 2021 testen sich die Schüler zweimal pro Woche vor Beginn des Unterrichts, zwischen Oktober 2020 und Juni 2021 mussten die Sechs- bis Zehnjährigen aber dennoch im Unterricht und in der Nachmittagsbetreuung Maske tragen, sieben bis neun Stunden am Stück mit nur wenigen Unterbrechungen.
Seit Beginn der Pandemie gab es nur eine Handvoll Fälle und trotz umfangreichen Testens keine einzige nachgewiesene Ansteckung innerhalb der Schule. Aber das Damoklesschwert Quarantäne war und ist immer präsent. Zu einem Zeitpunkt, als die sog. britische Mutante bereits 90 Prozent der Fälle in Deutschland ausmachte, teilte das Wiesbadener Gesundheitsamt Schulen und Eltern mit, dass im Fall des Nachweises dieser Alpha-Variante ab sofort verschärfte Quarantäne-Regeln gälten: Sollte die Schule nicht garantieren können, dass die Grundschulkinder auch auf dem Pausenhof und beim nachmittäglichen Spielen permanent den erforderlichen Abstand eingehalten haben, müssten alle Kontaktpersonen des Indexfalles für 14 Tage in Quarantäne – und deren kompletten Haushalte gleich dazu. Ein einziger Fall in einer Klasse konnte also schnell für rund 100 Personen zwei Wochen Freiheitsentzug bedeuten, ohne Möglichkeit einer Freitestung.
Ist das vernünftig? Während sich einerseits auch während der gesamten Pandemie Pendler und Schüler in Bussen und Bahnen zu Stoßzeiten drängten, 200 Menschen in einem Flugzeug auch immer möglich waren und es eine wirklich konsequente Test- oder Maskenpflicht in Büros nie gab, haben wir andererseits bei manchen erkennbar geringen Risiken eine bittere Konsequenz entwickelt, koste es, was es wolle. Und so mussten Menschen alleine sterben, wurden demente Menschen wochenlang ohne Kontakt mit ihren Angehörigen alleingelassen und mussten Frauen unter Wehen Maske tragen – all dies auch noch zu einem Zeitpunkt, als wir mit Tests ein deutlich milderes Mittel zur Hand hatten, das Risiko hier entscheidend zu senken. Wir haben Kinder von Schlittenhängen, Familien von ihren Picknickdecken und Jugendliche aus Skateparks vertrieben, teilweise mit Hubschraubern und berittener Polizei, obwohl immer sehr klar war, dass das Risiko einer Infektion im Freien verschwindend gering ist. Alles im Namen eines Gesundheitsschutzes, der, selektiv zwar, aber dann ungeheuer konsequent, auch noch das kleinste Risiko vermeiden wollte.
Müssen wir nicht auch das kleinste Risiko vermeiden? Ich sage: Nein. Denn in diesem zunächst so human klingenden Gebot der absoluten Risikovermeidung liegt eine furchtbare Unbarmherzigkeit. Beim Versuch, auch noch dem minimalen Restrisiko aus dem Weg zu gehen, steigt der damit verbundene anderweitig angerichtete Schaden fast immer extrem an. Wirklich verantwortungsvoll ist daher eine Haltung, die die Eintrittswahrscheinlichkeit beachtet, abwägt und bereit ist, auch ein Risiko zu tragen. Ein Risiko, das verhältnismäßig sein muss, aber auch verhältnismäßig sein darf.
Und bestimmte Maßnahmen sollten wieder prinzipiell tabu sein, wie sie es vor dem Frühling 2020 aus guten Gründen waren. Sie mögen der Pandemiebekämpfung kurzfristig und situativ dienen, aber sie widersprechen grundsätzlich unseren Werten, zerreißen unsere Gesellschaft oder verletzen unsere Humanität. Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen wochenlang zu isolieren oder sie sogar alleine sterben zu lassen, gehört zu diesen Maßnahmen, die ich meine. Grundrechte mit dem Ziel einer totalen Bekämpfung der Pandemie derart drastisch einzuschränken, dass es „womöglich zu diesem Zeitpunkt nicht verhältnismäßig gegenüber den Bürgern“ ist, wie es der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Juni 2021 forderte und es dem Grundgedanken der bei den Grünen stark verankerten No-Covid-Bewegung entspricht, ebenfalls. Und das monatelange Schließen von Schulen nach meiner festen Überzeugung eben auch. Zumindest dann, wenn es in erster Linie gar nicht dem Schutz der Schüler dient, sondern die Kinder und Jugendlichen im Sinne Immanuel Kants zu einem Mittel für die Zwecke anderer Menschen gemacht werden. Wäre die westliche Welt im Frühling 2020 zu der Auffassung gelangt, dass der Einsatz eines solch drastischen und folgenschweren Instruments für uns aus prinzipiellen Erwägungen ausgeschlossen ist, wäre dies in Gesellschaft, Politik und Wissenschaft breit akzeptiert worden, davon bin ich überzeugt. „How dare you?“ hätten wir uns alle gegenseitig fragen müssen. Das ist nicht geschehen, mit allen bekannten und manchen noch unbekannten Folgen. Aber eine Gesellschaft kann sich auch ein Tabu zurückerobern.
Бесплатный фрагмент закончился.
