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Katja Freeh
LIEBE IST KEIN BEINBRUCH

Eine alternative Version des Romans »Solange du bei mir bist«

© 2021

édition el!es

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Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-330-2

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iStock.com/wragg

1

»Jetzt hast du es also geschafft.« Tanjas Stimme klang ätzend wie Säure, als sie den Rücken der hochgewachsenen Frau ansprach, die vor ihr auf dem Gang stand und die sie auch von hinten überall erkannt hätte. »Was ist da jetzt angebracht zu sagen? Herzliches Beileid oder Herzlichen Glückwunsch?«

Der Rücken bewegte sich nicht, zeigte nicht, ob die Frau Tanja überhaupt gehört hatte. Doch dann drehte die Gestalt sich um. »Was du willst«, erwiderte Charlie kühl. »Du kannst auch gar nichts sagen.«

»Wäre vielleicht das Beste.« Tanja blickte sie an, ein wenig von unten herauf, wie immer, weil Charlie so viel größer war als sie.

Charlie trug eine dunkle Sonnenbrille, hier im Haus, und auch wenn die Gänge der Klinik strahlend weiß und neonhell erleuchtet waren, wäre das sicherlich nicht nötig gewesen. Hinter der Brille wirkte sie etwas blass. Aber da konnte Tanja sich auch täuschen. Durchgemachte Nächte hatten Charlie schon oft blass aussehen lassen, ohne dass das etwas zu bedeuten hatte. Daran konnte Tanja sich noch gut erinnern.

»Ja, wäre vielleicht das Beste«, wiederholte Charlie tonlos, ohne den aufmüpfigen Widerspruchsgeist oder die süffisante Amüsiertheit in der Stimme, die ihr sonst so eigen war.

»Willst du zu deiner Tante?«, fragte Tanja. Auf einmal war sie leicht verunsichert. Charlie wirkte fast wie eine Statue, und das passte so überhaupt nicht zu ihr. »Sie ist gerade noch auf Visite. Wird aber gleich kommen.« Fragend legte sie den Kopf zur Seite. »Du willst sie nicht schon wieder anpumpen, oder? Das Geld deiner . . . Frau kann so schnell doch noch nicht verbraucht sein. Sie ist doch gerade erst gestorben. Und sie war fast noch reicher als du damals, nachdem du geerbt hattest.«

Charlies Gesichtsausdruck hinter der Sonnenbrille blieb starr wie eine Maske. »Ja, das war sie«, bestätigte sie genauso tonlos wie zuvor. »Und nein, das Geld ist noch nicht verbraucht. Ich bin nicht hier, um Tante Petra anzupumpen.«

Diese so emotionslosen Mitteilungen, die fast genauso hätten klingen können, wären sie von der Roboterstimme der Telefonauskunft gekommen, verunsicherten Tanja noch mehr. Das war nicht Charlie, die da vor ihr stand. Charlie hätte ganz anders reagiert. Für Charlie war die ganze Welt ein Witz, nichts Ernstzunehmendes, nur für ihr eigenes Vergnügen da. Aber diese Gestalt hier, die wie Charlie aussah und wie Charlie sprach, aber überhaupt nicht wie Charlie wirkte, schien das Wort Vergnügen gar nicht zu kennen.

Erneut öffnete Tanja den Mund, um etwas zu sagen, aber da wurde sie von hinten unterbrochen.

»Ach Charlie«, begrüßte Dr. Petra Lüders, die mit einem Pulk weißbekittelter Ärztinnen und Ärzte hinter sich den Gang entlang kam, ihre Nichte. »Du bist schon da.« Sie drehte sich kurz um. »Das wär’s dann mit der Visite, meine Damen und Herren. Sie wissen, was Sie zu tun haben.«

Unverständliches Murmeln und bestätigendes Nicken antworteten ihr, und der Pulk löste sich auf.

Professor Lüders kam zu Charlie und Tanja herüber. »Wie geht es dir?«, fragte sie Charlie musternd. »Du bist gerade erst angekommen?«

»Ja. Von Fidschi.« Charlie nickte. »Tina –« Sie brach ab, und Tanja kam es so vor, als ob sie schlucken musste, bevor sie weitersprechen konnte. Aber das konnte nicht sein. Charlie? Betroffen von irgendetwas? »Tina«, setzte Charlie erneut an, »wird gerade in die Kapelle gebracht.«

»Sie war mit dir im Flugzeug?« Petra Lüders legte eine Hand auf Charlies Arm.

»Ja, im . . .« Ein leichtes Zögern, dann setzte Charlie fort: »Im Frachtraum.«

»Natürlich.« Petra Lüders nickte. »Komm. Wir gehen in mein Büro.«

Da Tanja nicht dazu eingeladen wurde, ging sie nicht mit, aber sie blickte den beiden nach, als sie den Gang entlang nebeneinanderher zum Büro der Chefärztin gingen. Charlie überragte ihre Tante weniger, als sie Tanja überragte – schließlich gehörten sie zur selben Familie –, aber dennoch erschien es Tanja so, als wären Charlies Schultern, die sonst so gerade wie ein Kleiderständer waren, etwas eingesunken. Gleichzeitig wirkte sie steif wie eine Puppe.

Aber das kam bestimmt nur vom ewigen Sitzen im Flugzeug. Von Fidschi bis nach Deutschland war es schließlich ein elend langer Flug. Da konnten einem schon alle Glieder einschlafen. Und offenbar war Charlie direkt vom Flugplatz hierhergekommen. Ihre Kleidung sah etwas zerknautscht aus, und außerdem war sie viel zu leicht und luftig angezogen für das deutsche Klima.

Tanjas Gedanken schweiften ab zum letzten Tag, als sie Charlie gesehen hatte. Da war alles ganz anders gewesen. Da war Charlie noch Charlie gewesen. Unverschämt, völlig auf sich selbst bezogen und sich keiner Schuld bewusst, weil sie eine Frau nur wegen ihres Geldes heiraten wollte. Was sie dann ja auch getan hatte.

Und jetzt war diese Frau tot. Was vorauszusehen gewesen war, weil sie schon todkrank gewesen war, als Charlie sie heiratete. Da hatte sie nur noch ein paar Monate zu leben gehabt. Diese paar Monate waren jetzt um, und Charlie war von ihrer Hochzeits-Weltreise zurück. Als Witwe.

Allerdings hätte Tanja sich diese Rückkehr fröhlicher vorgestellt. So wie Charlie immer gewesen war, wenn sie erreicht hatte, was sie wollte. Und was hatte sie schon nicht erreicht? Zuerst mit ihrem Geld und dann mit ihrem Charme. Manche hatten weder das eine noch das andere und andere hatten nur eins von beidem, aber Charlie hatte einfach alles. Immer alles gehabt. Von Kindheit an. Und dementsprechend verhielt sie sich auch. Sie wusste gar nicht, was Verlieren hieß, was Verzichten hieß, was Arbeit hieß, was Verpflichtung hieß oder Bindung. Sie war völlig bindungsunfähig, das hatte Tanja am eigenen Leib erfahren.

Aber Bindungsfähigkeit, Engagement, Verantwortungsbewusstsein, Zuneigung oder gar Liebe – das alles hatte es ja für diese Ehe nicht gebraucht. Bettina Hersbach war Charlie zum Opfer gefallen wie das sprichwörtliche Lamm. Sie hatte gar nicht gewusst, wie ihr geschah, hatte nicht gewusst, was Charlie wirklich von ihr wollte, hatte Charlies gespielte Zuneigung für echt gehalten.

Tanja seufzte. Hoffentlich hatte diese ihre Überzeugung bis zum Schluss angehalten. Hoffentlich hatte Charlie die ihr nicht noch ganz am Ende genommen, aus dieser Gleichgültigkeit heraus, mit der sie allem gegenüberstand. Das hätte Tanja Bettina Hersbach nicht gewünscht. Zwar hatte sie Charlies kurzzeitige Ehefrau nur flüchtig als Patientin hier in der Klinik kennengelernt, aber sie hatte sie auf Anhieb gemocht. Bettina Hersbach war die Art Mensch gewesen, die jeder nur mögen konnte. Etwas unbedarft, was das Leben betraf vielleicht, aber das war sie selbst, Tanja, auch einmal gewesen. Bevor sie Charlie getroffen hatte.

Ihre Kiefer pressten sich zusammen. Ja, bevor sie Charlie getroffen hatte, hatte sie tatsächlich noch an Liebe geglaubt, an echte Zuneigung, daran, dass man sich die Wahrheit sagte, dass man sich aufeinander verlassen konnte, dass man sich nicht gegenseitig belog und betrog, sobald sich auch nur die kleinste Gelegenheit dazu ergab.

Aber so eine Beziehung hatte Charlie nie im Sinn gehabt. So eine Art von Beziehung kannte sie gar nicht. Gar keine Art von Beziehung. Für sie war alles beziehungslos.

Nein, das stimmte nicht, korrigierte Tanja sich in Gedanken. Eine Art von Beziehung gab es für Charlie immer: die Beziehung zu sich selbst. Die war äußerst stabil.

Sie sah Charlie und Professor Lüders jetzt hinter deren Bürotür verschwinden. Weil das Büro ein paar Meter entfernt lag, lief das alles lautlos ab wie in einem Stummfilm. Oder sprachen sie tatsächlich nicht miteinander? Hatte ›Tante Petra‹ Charlie immer noch nicht verziehen?

Das war gut möglich, denn so lange war es ja noch nicht her, dass Professor Lüders ihrer Nichte große Vorwürfe gemacht hatte. Dass sie ihr eine Standpauke nach der anderen gehalten hatte, und zum Schluss die schwerwiegendste, die wegen ihrer Hochzeit mit einer Frau, die bald sterben musste und die Charlie nur heiratete, damit sie sie beerben konnte.

Aber darüber, was nun in diesem Büro besprochen wurde, würde Tanja wohl nichts erfahren, denn die Türen waren schalldicht.

»Dr. Kesten?« Eine Stimme sprach sie von hinten an, während sie immer noch sinnend dastand. Heute kamen irgendwie alle Stimmen von hinten.

»Ja?« Tanja drehte sich um.

»Können Sie gerade mal schauen?« Eine Krankenschwester blickte sie professionell besorgt an. »Frau Köhler –«

»Schon wieder?« Tanja ließ sie gar nicht ausreden, sondern unterbrach sie, während sie ein Seufzen unterdrückte.

»Ja, schon wieder«, bestätigte die Krankenschwester nüchtern. »Sie hat auch die nächste Zimmernachbarin äußerst rücksichtslos behandelt. Ich weiß wirklich nicht, wo ich sie noch einquartieren soll.«

»Da kann ich aber auch nichts machen«, sagte Tanja.

»Doch«, widersprach die Krankenschwester. »Sie können sie entlassen.«

»Entlassen?« Tanja runzelte die Stirn. »Aber sie ist noch nicht soweit. Nach der OP sollte sie noch mindestens eine Woche –«

»Sollte sie«, unterbrach diesmal die Krankenschwester sie. »Aber sie will entlassen werden. Und ehrlich gesagt: Hier hätte niemand etwas dagegen.« Sie hob die Augenbrauen. »Wir können unsere Nerven alle für was anderes gebrauchen.«

»Kann ich verstehen.« Tanja nickte. »Sie will also auf eigenes Risiko entlassen werden?«

Die Krankenschwester nickte. »Nachdem ich sie gebeten hatte, auf ihre Zimmernachbarin Rücksicht zu nehmen, die gestern operiert wurde, hat sie mal wieder einen ihrer Anfälle gekriegt. Warum sie Rücksicht nehmen sollte. Auf sie würde ja schließlich auch niemand Rücksicht nehmen.« Die Krankenschwester schüttelte ungläubig den Kopf. »Und dann kam auch noch ihr Mann zu Besuch mit ihrem kleinen Sohn. Der Kleine kann ja nichts dafür, aber er ist sehr laut und schlecht erzogen«, sie seufzte, »kein Wunder bei der Mutter, und hat im Zimmer Krach gemacht. Die Frischoperierte hatte gerade Besuch von einer Freundin, und die ging ganz ruhig zu dem Kleinen hin und sagte freundlich lächelnd: ›Pst. Leise, Kevin. Nicht so laut.‹ Der Kleine guckte sie nur verständnislos an, war dann aber still, aber daraufhin ist Frau Köhler aufgesprungen und meinte, sie ließe sich jetzt entlassen, das wäre eine Unverschämtheit, ihrem Sohn irgendetwas zu verbieten. Sie wäre fast noch auf die freundliche Besucherin losgegangen.«

»Was?« Tanja konnte es nicht fassen, obwohl sie mittlerweile schon einiges von Frau Köhler gehört hatte.

»Ich musste richtig dazwischengehen.« Die Krankenschwester nickte. »Und dann haben sie zu dritt das Zimmer verlassen. Der Mann hatte einen quietschenden Kinderwagen für den Kleinen mitgebracht, dessen Geräusch schon beim Reinfahren allen durch Mark und Bein gegangen war. Und statt den wenigstens beim Hinausfahren aus Rücksicht anzuheben – der Kleine lief ja nebenher –, hat er glaube ich noch mehr auf die Griffe gedrückt, damit es noch mehr quietscht und die arme Operierte, die sich erholen soll, bloß nicht weiterschlafen kann.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin ja normalerweise nicht so, aber wenn es eine Definition von asozial gibt, dann trifft die auf diese Familie zu.«

Dazu sagte Tanja lieber nichts. Die Krankenschwestern hatten täglich von morgens bis abends mit den Patienten zu tun, und sie konnte Schwester Ingrids Unmut verstehen. Frau Köhler war wirklich eine äußerst rücksichtslose und uneinsichtige Patientin. Aber wahrscheinlich stammte sie aus einer Familie, in der das normal war, und konnte deshalb nicht verstehen, dass andere sich darüber aufregten. Oder nicht einfach genauso rücksichtslos waren. Vermutlich erwartete sie das. Und selbst wenn eine Zimmernachbarin schlief, war das für Frau Köhler möglicherweise schon deshalb eine Beleidigung, weil sie sie nicht beachtete.

»Wenn sie das unbedingt will, muss ich sie entlassen«, nickte sie. »Da habe ich gar keine Wahl. Denn in Lebensgefahr ist sie nicht. Das wäre der einzige Grund, warum ich sie zurückhalten könnte.«

»Ich weiß.« Schwester Ingrid sah sie verständnisvoll an. »Sie empfinden es als Ihre Verantwortung, selbst wenn sie den Zettel unterschreibt. Und Sie würden sich als Ärztin Vorwürfe machen, falls dann bei ihr zu Hause etwas passiert und sie mit dem Notarztwagen in die Klinik zurückkommt. Aber es ist nicht Ihre Verantwortung. Frau Köhler ist ein erwachsener Mensch und ist verantwortlich für sich selbst. Dafür haben wir die Formulare ja.«

Schwester Ingrid hätte vom Alter her Tanjas Mutter sein können, und sie hatte sehr viel Erfahrung in ihrem Beruf. Deshalb vertraute Tanja ihr oft mehr als jungen Arztkollegen ihres eigenen Alters, die meinten, sie wüssten mehr als die Krankenschwestern, nur weil sie Ärzte waren.

So sah Tanja sich nicht. Sie hatte im Studium hart gearbeitet, um sich alles an Wissen anzueignen, was sie sich nur aneignen konnte, aber der Umgang mit Patienten kam im Studium praktisch nicht vor. Den hatte sie erst hier in der Klinik gelernt, von älteren, erfahrenen Ärztinnen wie Professor Lüders und von älteren, erfahrenen Krankenschwestern wie Schwester Ingrid.

»Da haben Sie natürlich recht.« Tanja atmete tief durch.

»Sie nehmen sich das einfach immer viel zu sehr zu Herzen, Frau Doktor«, sagte Schwester Ingrid. »Solche Leute sind es nicht wert, dass man sie sich zu Herzen nimmt. Sie haben das gar nicht verdient. Sie sind wie tollwütige Hunde, die um sich beißen. Und die schläfert man ein.«

»Schwester Ingrid!« Entsetzt starrte Tanja sie an.

»So habe ich das ja nicht gemeint«, beruhigte Schwester Ingrid sie sofort, nahm sie am Arm und zog sie mit sich. »Aber den kleinen Jungen, den würde ich ihnen am liebsten wegnehmen. Noch ein paar Jahre, und er ist genauso wie seine Eltern. Oder wenn er anders ist, dann werden sie ihm das Leben zur Hölle machen. Solchen Leuten sollte es echt verboten werden, Kinder zu kriegen.«

»Das kann man wohl kaum verhindern«, sagte Tanja.

Missbilligend schüttelte Schwester Ingrid den Kopf. »Warum gibt es eigentlich keinen Führerschein fürs Kinderkriegen? Und erst, wenn man den bestanden hat, darf man welche haben.«

Tanja musste schmunzeln, wenn sie an so einige Mütter dachte, die sie kannte. Gute Mütter eigentlich, aber wenn die was von Elternführerschein gehört hätten . . . »Den Vorschlag können Sie ja mal machen«, sagte sie.

»Sie würden den Führerschein sofort bestehen.« Zuversichtlich strahlte Schwester Ingrid sie an. »Wollen Sie es nicht mal versuchen?«

Schwester Ingrid war selbst Mutter von zwei Töchtern, und Tanja hatte immer wieder das Gefühl, dass sie es gern gesehen hätte, wenn Tanja es ihr nachgemacht hätte. Oder dass sie Tanja als eine Art dritte Tochter betrachtete, die es ihrer älteren Tochter hätte nachtun sollen, die Schwester Ingrid bereits ein Enkelkind geschenkt hatte. Auch wenn Schwester Ingrid – energiegeladen, wie sie war – überhaupt nicht wie eine Großmutter aussah.

»Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich mein Studium abgeschlossen habe«, erwiderte Tanja lächelnd. »Und ich habe noch viel zu lernen. Die ganzen Zusatzausbildungen, Weiterbildungen . . .«

Schwester Ingrid winkte ab. »Wenn Sie darauf warten wollen, bis Sie mit dem allen fertig sind, da können Sie alt und grau werden drüber«, meinte sie wegwerfend. »Das hört doch nie auf. Oder wollen Sie gar keine Kinder?« Das war für Schwester Ingrid anscheinend unvorstellbar.

So richtig hatte Tanja noch nicht darüber nachgedacht – sie war in der Tat viel zu sehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt gewesen, und ein Medizinstudium war nun einmal lang –, und auch jetzt sah sie keinen Anlass dazu. Denn um ein Kind großzuziehen, dazu musste man erst einmal die richtige Frau haben, mit der man das tun wollte und konnte, und die hatte sie noch nicht gefunden.

»Na, das wird ja mal Zeit, dass Se endlich komm’n!«, keifte es ihr in diesem Augenblick entgegen. »Se woll’n wohl nich’, dass ich geh’, was? Ham Se mich so liebjewonn’n?« Ein hämisches Lachen folgte.

»Die Ärzte haben noch etwas anderes zu tun, als sich nur um Sie zu kümmern, Frau Köhler«, wies Schwester Ingrid sie zurecht. »Sind Sie fertig? Alles aus dem Zimmer raus? Dann können Sie gleich gehen, sobald die Frau Doktor Ihre Entlassungspapiere unterschrieben hat.«

Aus der Krankenakte wusste Tanja, dass Frau Köhler gerade einmal einunddreißig Jahre alt war, aber man hätte sie für wesentlich älter halten können. Um ihre Mundwinkel hatten sich zwei tiefe, grämliche Falten eingegraben, und an ihre eigentlich dunklen Schläfen hatten sich sogar schon ein paar graue Haare verirrt. Wahrscheinlich hatte sie kein einfaches Leben gehabt. Aber das war noch lange kein Grund, sich so zu benehmen.

»Wollen Sie sich das nicht noch einmal überlegen, Frau Köhler?«, sprach sie die Patientin, die aggressiv aufgebaut vor dem Schwesternzimmer stand, dennoch freundlich an. »Ich kann es aus ärztlicher Sicht nicht empfehlen, dass Sie die Klinik jetzt schon verlassen. Sie sollten sich noch ein paar Tage von der Operation erholen.«

»Erhol’n? Erhol’n? Was mein’n Se denn damit?« Frau Köhlers Augen lagen tief in den Höhlen und starrten Tanja daraus dunkel drohend an. »Mein’n Se etwa, hier kann mer sich erhol’n? In diese’n Irrenhaus? Wo man nie in Ruh’ jelassen wird? Und dann wird mer auch noch aufs Zimmer mit irjendwelche Idioten jelegt?«

Flehend blickten Schwester Ingrids Augen Tanja an. Unterschreiben Sie doch endlich! schienen sie zu sagen. Damit wir diese Xanthippe los sind!

»Es ist meine Pflicht, Sie vor Ihrer Entlassung auf eigene Verantwortung auf das Risiko hinzuweisen, das Sie damit eingehen«, sagte Tanja. »Es könnten Blutungen auftreten, die Wunde könnte schlecht verheilen oder wieder aufgehen, auch Thrombosegefahr besteht. Ich kann Ihnen nur raten, zu Hause auch weiterhin die Thrombosestrümpfe zu tragen, die Sie hier vom Krankenhaus bekommen haben.«

»Dat enge Zeuch?« Höhnisch lachend warf Frau Köhler den Kopf in den Nacken. »Nee, die hab’ ich ja schon hier nich’ jetrag’n, wenn de Schwester ausm Zimmer war. Da wer’ ich se ze Hause trag’n. Davon träum’n Se wohl nur, Frol’n Dokter.«

Innerlich seufzte Tanja tief auf, aber äußerlich ließ sie sich nichts anmerken. Diese Frau war wirklich unbelehrbar. Offenbar empfand sie jedes noch so gutgemeinte Hilfsangebot als Angriff. Ihr war wohl nicht zu helfen. Allerdings würden Tanja oder ihre Kollegen ihr dann wieder helfen müssen, wenn irgendetwas schiefging. Aber daran konnte sie jetzt nichts ändern. Sie hoffte nur, dass nichts schiefgehen würde, griff nach dem Formular, das schon fertig vorbereitet im Fenster des Schwesternzimmers lag, und unterschrieb.

Gleich darauf hörte sie das Quietschen, das Schwester Ingrid beschrieben hatte. Unverschämt grinsend schob ein Mann, der kaum älter sein konnte als dreißig, einen Kinderwagen an ihnen vorbei, in dem die Koffer seiner Frau lagen. Ein kleiner Junge, der kaum das Laufen gelernt hatte, stolperte neben dem Wagen her, und er sah schon sehr müde aus. Er hätte eigentlich in den Wagen gehört, aber offenbar war sein Vater zu faul, die Koffer seiner Frau zu tragen, und auch zu faul, seinen Sohn zu tragen. Deshalb musste er laufen, während Papa sich bequem auf den Griffen des quietschenden Kinderwagens, der sich glücklicherweise jetzt aus Hörweite entfernte, abstützte.

Tanja kribbelte es in den Fingern, den Jungen an sich zu reißen, ihn nicht mit diesen unfähigen Eltern gehen zu lassen, aber was hätte das gebracht? Sie nahm sich vor, das Jugendamt zu informieren. Doch die waren so überlastet, solange der Junge nicht wenigstens halbtot war, würden sie sich um nichts kümmern. Und vielleicht noch nicht einmal dann. Dann kam höchstens die Polizei, weil es dann eigentlich schon zu spät war.

»Oh, wenn ich könnte . . .« Schwester Ingrid schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen zu sein wie Tanja, denn sie blickte dem jetzt nicht mehr hörbar quietschenden Kinderwagen mit mahlenden Kiefern hinterher. »Diesen Kerl würde ich am liebsten die Treppe runterstoßen!«

»Leider können wir nicht«, schloss Tanja sich ihr mit einem Seufzen an. »Für uns ist die Sache hier erledigt.« Sie schob das Formular durch die Aussparung in der Glasscheibe. »Legen Sie das ab.«

Verabschiedend nickte Tanja Schwester Ingrid zu und drehte sich um. Fast erstarrte sie, als sie sah, wie eine Gestalt auf sie zukam. Eine bekannte Gestalt. Eine hochgewachsene Gestalt, die jetzt mit den eingesunkenen Schultern gar nicht mehr so hochgewachsen aussah. Aber es war Charlie. Eindeutig Charlie.

Auf einmal verschwamm das Bild leicht, und der Gang wirkte verändert. Nur ein wenig. Heller. Freundlicher. Strahlender. Es war eine andere Uhrzeit, ein anderer Tag. Es war der Tag, an dem Tanja Charlie zum ersten Mal so auf sich hatte zukommen sehen. Der Tag, an dem sie Charlie kennengelernt hatte.

Wahrscheinlich, nachdem sie ihre Tante wieder einmal angepumpt hatte, aber das hatte Tanja damals noch nicht gewusst. Sie hatte nur Charlie gesehen, ihr strahlendes Lächeln, ihren schwingenden Gang, ihre so ungeheuer berauschende Ausstrahlung.

Es hatte sie völlig vom Hocker gehauen. Diese Charlies Ausstrahlung hatte Tanja so sehr bezaubert, dass sie für einen Augenblick fast in eine Trance verfiel, während Charlie Schritt für Schritt, Schwung für Schwung ihrer langen Beine auf sie zukam. Charlie hatte so etwas Leichtes, Unbeschwertes ausgestrahlt, wie Tanja es in ihrem Leben nie verspürt hatte. Sie war immer ein sehr ernster Mensch gewesen.

»Meine Tante will dich sprechen«, sagte Charlie in diesem Moment, fast nur im Vorbeigehen. »Du sollst zu ihr kommen.«

Ihre Stimme klang rau. Aber nicht auf die Art rau, die Tanja kannte, auf die Art rau, die anzeigte, dass sie Tanja verführen wollte, dass sie etwas höchst Erotisches mit ihr vorhatte. Nein, so klang ihre Stimme nicht. Sie klang auf eine Art rau, die etwas Schmerzhaftes an sich hatte. Als ob sie ihre Stimmbänder überanstrengt hätte und deshalb nur noch mit Mühe sprechen konnte.

Sie trug immer noch die Sonnenbrille, daher konnte Tanja nicht sagen, ob sie sie überhaupt ansah, während sie mit ihr sprach. Auf jeden Fall hielt sie sich nicht auf, ging gleich weiter zum Fahrstuhl.

»Charlie . . .«, setzte Tanja an, während sie sich auf dem Absatz wie auf einer Spindel umdrehte, um Charlie mit ihren Blicken folgen zu können.

Doch Charlie drehte sich nicht um, blieb nicht stehen, ging einfach weiter, als hätte sie jemand wie eine Puppe aufgezogen, und sie hätte keinen Einfluss darauf, wann das Laufwerk abgelaufen war.

Kurz überlegte Tanja, ob sie ihr nachgehen sollte, aber dann entschied sie sich dagegen. Sie war immer noch im Dienst, und Professor Lüders war ihre Chefin. Eventuell gab es einen medizinischen Notfall oder sie sollte sonst eine Aufgabe übernehmen, die ihre berufliche Pflicht war. Das mit Charlie – das war nur Privatsache, nicht so wichtig.

Also ging sie schnell den Gang in die Richtung hinunter, aus der sie zuvor mit Schwester Ingrid gekommen war, die entgegengesetzte Richtung von Charlies.

Nachdem sie angeklopft hatte und hereingebeten worden war, blickte sie Professor Lüders fragend an. »Sie wollten mich sprechen?«

Kurz schaute Petra Lüders sie von hinter ihrem Schreibtisch an, als versuchte sie herauszufinden, wer sie war. Was nicht sein konnte, da sie sie kaum verwechselt haben konnte. »Meine Nichte hat es Ihnen gesagt? Sie haben sich getroffen?«, fragte sie zurück.

»Ja.« Tanja nickte. »Ich musste eine Patientin entlassen –« Sie brach ab. Deshalb hatte Petra Lüders sie bestimmt nicht kommen lassen. Das war Krankenhausalltag.

»Sie wissen, dass –« Petra Lüders stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus. »Sie wissen, dass Frau Hersbach gestorben ist? Frau Flemming, meine ich«, korrigierte sie sich sofort. »Sie war ja mit meiner Nichte verheiratet.«

In Tanjas Hals hatte sich während der paar Worte, die Charlies Tante gesagt hatte, ein Frosch gebildet. Deshalb musste sie sich zuerst räuspern, bevor sie sprechen konnte. »Ja«, sagte sie. »Ja, das weiß ich. Wir . . .«, sie zögerte, »wir wussten ja, dass das passieren würde.«

»Hmhm.« Auch wenn die Chefärztin mit dem Rücken zu ihr stand, sah Tanja, wie sie nickte. »Ja, das wussten wir. Es war nicht zu verhindern.« Sie drehte sich zu Tanja um. »Was ich vielleicht hätte verhindern sollen, wäre gewesen, dass meine Nichte jetzt ihre Witwe ist.«

Tanja wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das waren doch eher Familienangelegenheiten, die sie nichts angingen. Was wollte Professor Lüders von ihr?

»Sie und Charlie . . .« Wieder musterte Petra Lüders sie, als versuchte sie herauszufinden, wen sie da vor sich hatte. »Sie und Charlie«, setzte sie noch einmal an, »waren einmal . . . enger befreundet, nicht wahr?«

Der Frosch in Tanjas Hals kehrte zurück. »Ja.« Das kam mehr wie ein Krächzen heraus. Deshalb räusperte sie sich erneut. »Aber das ist schon lange her.«

Ein leises Lächeln schlich sich in Professor Lüders’ Mundwinkel. »In Ihrem Alter ist das vielleicht lange. Von meiner Warte aus betrachtet war das ziemlich kurz vor Charlies Hochzeit mit Bettina Hersbach.«

Tanja schluckte. »So könnte man es natürlich auch sehen«, brachte sie mühsam hervor. »Aber das hat keine Bedeutung . . . mehr. Es ist auf jeden Fall viel passiert seither.«

»Sie haben eine neue Beziehung?« Die Chefärztin fragte das so direkt, und ihr Blick haftete wie ein Bühnenstrahler auf Tanja, dass ihr unter diesem Blick die Knie weich wurden.

»N-nein«, antwortete sie zögernd. »Das nicht. Ich habe keine Zeit für . . . so etwas. Ich bin ja fast Tag und Nacht hier in der Klinik.«

»Gut«, sagte Professor Lüders. Sie lächelte Tanja ziemlich warm an, fast als ob sie ihre Tante wäre, nicht Charlies. »Dann hätte ich eine große Bitte an Sie: Würden Sie mich auf die Beerdigung begleiten? Schließlich war Frau Hersbach auch Ihre Patientin, nicht nur meine.«

»Be-erdigung?«, stammelte Tanja.

»Nun ja. Die wird demnächst stattfinden«, führte Professor Lüders ihre Bitte aus. »In aller Stille, denn Bettina Hersbach hatte keine Familie mehr. Außer meiner Nichte. Es wird also kaum jemand dort sein. Ein paar Kollegen von Frau Hersbach vielleicht. Aber da sie meistens allein gearbeitet hat, wenn sie Bilder restaurierte, wird sich auch das in Grenzen halten. Ich fände es furchtbar, wenn meine Nichte allein am Grab stünde, deshalb habe ich ihr versprochen, da zu sein.«

Ehrlich gesagt wunderte Tanja sich, dass Charlie überhaupt vorhatte, am Grab zu stehen. Sie hätte eher gedacht, dass sie sich gleich wieder in das Nachtleben stürzen würde, das nur für relativ kurze Zeit durch ihre überstürzte Heirat unterbrochen worden war.

Vier Monate. Lediglich vier Monate. Professor Lüders hatte Bettina Hersbach bis zu einem Jahr gegeben, aber das war nur rein theoretisch gewesen. Wenn sie sich nicht anstrengte, wenn sie genügend Luft und Sonne bekam, wenn sie auf ihre Gesundheit achtete.

Luft und Sonne hatte sie sicherlich so viel sie wollte tanken können, auf der Weltreise, die Charlie mit ihr gemacht hatte, auch wenn sie sie nicht mehr hatte beenden können, aber keine Anstrengung? Charlie konnte sehr anstrengend sein, besonders in einer Beziehung. Bestimmt hatte sie keinerlei Rücksicht auf ihre junge, kranke Frau genommen.

Und Bettina Hersbach hatte nichts davon gewusst, wie krank sie war. Wie nahe dem Tode sie war. Sie war jung gewesen und hatte ganz sicher nicht auf ihre Gesundheit geachtet. Warum sollte sie auch? In ihrem Alter? Und mit Charlie an ihrer Seite, die sie wahrscheinlich von einem Tanzschuppen zum nächsten geschleppt hatte, von einer Party zur anderen. Und überall war Charlie garantiert der Star gewesen, die Discokugel in der Mitte, um die sich alles drehte. Auch Bettina Hersbach. Die sich dadurch übernommen hatte.

Und da sollte sie mit am Grab stehen und quasi Händchen halten? Dafür, dass Charlie ihrer jungen Frau, ihrer sehr reichen jungen Frau, wahrscheinlich keine ruhige Minute gegönnt hatte, um sie möglichst schnell beerben zu können?

Ihr Gesichtsausdruck musste das widerspiegeln, was sie dachte, denn Professor Lüders sagte anteilnehmend: »Sie wollen nicht?« Sie seufzte leicht. »Charlie hat Ihnen sehr wehgetan, nicht wahr?«

Kurz presste Tanja ihre Lippen zusammen. »Vier Monate«, sagte sie. »Nur vier Monate. Sie hatten bis zu einem Jahr prognostiziert.«

Petra Lüders nickte nachdenklich. »Bis zu«, wiederholte sie dann betont. »Das ist schwer einzuschätzen. Das wissen Sie doch selbst.«

»Sie sind aber die beste Ärztin, die ich kenne«, protestierte Tanja. »Und die erfahrenste. Sie irren sich normalerweise nicht.«

Professor Lüders’ Mundwinkel zuckten. »Das klingt, als wäre ich unfehlbar. Eine Göttin in Weiß, wie man das früher für gegeben hielt. Aber so etwas gibt es nicht. Wir alle sind fehlbar. Doch ganz davon abgesehen«, sie lächelte Tanja leicht wehmütig an, »sind Krankheiten manchmal einfach heimtückisch. Nicht berechenbar. Sie werfen all unsere jahrzehntelange Erfahrung über den Haufen, ohne auf irgendwelche Prognosen Rücksicht zu nehmen.«

»Bettina Hersbach war eine ruhige, zurückgezogen lebende junge Frau«, sagte Tanja bitter. »Sie hat alte Bilder restauriert und war glücklich damit. Tanzen ist sie wahrscheinlich nie gegangen, und eine Weltreise von einem Schickimicki-Treffpunkt zum nächsten wäre ihr von selbst nie in den Sinn gekommen. Deshalb hätte sie sich auf einer solchen Reise auch nicht überanstrengen können. Aber Charlie hat sie da durchgezerrt –« Ihre Lippen zitterten so sehr, dass sie abbrechen musste.

»Das denken Sie?« Petra Lüders schaute sie fast mitleidig an.

»Sie nicht?« Jetzt wurde Tanja richtig aufmüpfig, was sie ihrer bewunderten Chefin gegenüber noch nie getan hatte. »Sie haben Frau Hersbach selbst gesagt, sie sollte sich nicht überanstrengen, als sie entlassen wurde. Und mir haben Sie gesagt, dass sie wahrscheinlich viel glücklicher wäre, wenn sie keine Kreuzfahrt machen würde. Dass ihr Beruf ihre Berufung ist und sie nichts anderes braucht. Wenn sie das getan hätte, wenn sie weiterhin nur Bilder restauriert hätte, dann hätte sie sich nicht so kräftezehrend überlastet –«

»Dr. Kesten . . .« Petra Lüders kam auf sie zu und streckte ihre Hände nach Tanja aus. »Sie geben Charlie die Schuld, dass ihre Frau gestorben ist? Das sollten Sie nicht. Als Ärztin, die um Frau Hersbachs Krankheit wusste, schon gar nicht. Und noch weniger aus persönlichen Gründen.«

Wieder musste Tanja schlucken, aber diesmal aus Scham. »Da haben Sie natürlich recht«, sagte sie leise. »Es tut mir leid. Vielleicht hätte Bettina Hersbach noch ein wenig länger gelebt, wenn Charlie sie in Ruhe gelassen hätte –«

»Hören Sie auf, in diese Richtung zu denken.« Petra Lüders drückte besänftigend Tanjas Hände. »Das führt doch zu nichts. Wenn und Hätte sind keine guten Ratgeber. Wir wissen nicht, was passiert wäre, weil es eben nicht passiert ist. Spekulationen bringen niemanden weiter. Und ich glaube«, wieder lächelte sie Tanja auf diese tantenhafte Art an, die sie ihr gegenüber bisher noch nie gezeigt hatte, »wenn man noch so jung ist wie Sie, sollte man sich das Leben damit nicht verderben. Sie haben Ihr Glück noch vor sich. Schauen Sie nicht nach hinten, in die Vergangenheit, schauen Sie nach vorn, in die Zukunft.«

Glück? Wie kommt sie auf Glück? dachte Tanja verwirrt. Das war wirklich das Letzte, woran sie in diesem Augenblick gedacht hätte. Welches Glück? Was hatte Glück mit Bettina Hersbachs Tod zu tun? Für sie war das bestimmt kein Glück gewesen.

»Sie müssen natürlich nicht mit auf die Beerdigung kommen«, fuhr ihre Chefin begütigend fort. »Das war eine dumme Idee von mir, Sie haben recht. Ich hätte erst einmal nachdenken sollen, bevor ich Ihnen den Vorschlag mache.« Sie lachte leicht. »Wahrscheinlich will ich nur nicht allein zu dieser Beerdigung gehen. Ich hasse Beerdigungen. Aber lassen Sie mal. Es ist schon gut. Ich will Charlie da nicht im Stich lassen, aber sie ist ja auch meine Nichte, nicht Ihre.« Freundlich klopfte sie Tanja auf die Schulter und begab sich wieder hinter ihren Schreibtisch zurück.

Nein, meine Nichte ist sie nicht. In Tanjas Kopf drehten sich die Gedanken. Sie dachte daran, wie sie Charlie eben erst wiedergesehen hatte. Nach über vier Monaten. Wie anders sie ausgesehen hatte. Wie anders sie gewirkt hatte. Wie un-charlie-mäßig.

Aber Charlie war immer Charlie. Blieb immer Charlie. Anders konnte es gar nicht sein.

Auch wenn sie nicht wusste, wie das geschah, doch als wäre sie gar nicht Herrin ihrer eigenen Stimme, ihres eigenen Körpers, hörte sie sich plötzlich selbst sagen: »Natürlich begleite ich Sie zu der Beerdigung. Das ist doch selbstverständlich.«

2

I ch hasse Beerdigungen.

Das hatte zwar ursprünglich Professor Lüders gesagt, aber in diesem Moment dachte es Tanja. In dem Moment, als sie auf das Grab zuging.

Charlie stand schon da, ganz in Schwarz. Es war ein ungewohnter Anblick, denn wenn Charlie eins hasste, dann die Farbe Schwarz. Trotz ihrer dunklen Haare, die man sicherlich auch als schwarz hätte bezeichnen können. Aber ein schwarzes Kleid oder eine schwarze Hose hatte Tanja nie an ihr gesehen. Keine Bluse oder Jacke hatte bei Charlie je eine solch unauffällige Farbe gehabt. Sie wollte auffallen, und das tat sie auch. Zurückhaltendes Schwarz wäre da nicht dienlich gewesen.

Den üblichen dunklen Geschäftsanzug, den Frauen wie Männer in manchen Büros fast wie eine Uniform vorzeigten, hätte Charlie unter allen Umständen verweigert. Sie hätte ihn nie getragen. Aber das hatte sie ja auch nicht nötig. Sie arbeitete nicht in einem Büro. Sie arbeitete überhaupt nicht.

Schon als Tanja nähertrat, schlug ihr Herz lauter. Professor Lüders war bereits vorgegangen. Sie hatte einen Arm um Charlie gelegt, als wollte sie sie stützen.

Tanjas Mundwinkel verzogen sich nach unten. Das war wohl kaum nötig. Im Moment hielt Charlie sich noch zurück, aber spätestens nach dieser Beerdigung würde sie das genießen, wofür sie das alles hier durchmachte: Bettina Hersbachs Geld.

Vielleicht dauerte es noch eine Weile, bevor Charlie darüber verfügen konnte, da kannte Tanja sich nicht so aus, da sie noch nie etwas geerbt hatte, aber dann würde Charlie voll auf die Pauke hauen. Dann konnte sie wieder das tun, was sie am liebsten tat, wofür sie wie geschaffen war: feiern und Geld für völlig sinnlose Dinge zum Fenster hinauswerfen.

Professor Lüders blickte fragend zu ihr herüber, und Tanja bemerkte, dass sie stehengeblieben war und nur noch Charlie betrachtet hatte. Also nahm sie ihren Weg wieder auf, doch fast gleichzeitig schwenkte der Blick von Professor Lüders in die andere Richtung, von Tanja fort. Automatisch folgte Tanja der Bewegung mit ihrem eigenen Blick und sah eine große Frau auf das Grab zukommen, die sie an irgendjemanden erinnerte.

Sie trug Schwarz, aber es wirkte an ihr genauso unpassend wie an Charlie. Überhaupt wirkte sie ein bisschen wie Charlie. Etwas kleiner und schmaler in den Schultern, aber sie strahlte eine ähnliche Energie aus. Auch kam sie dem Grab schwungvoll näher, als hätte sie dort eine Verabredung.

Eine Schwester? Tanja runzelte die Stirn, während sie langsam weiterging. Davon hatte Charlie nie etwas erzählt. Im Gegenteil, Tanja hatte immer den Eindruck gehabt, sie wäre ein Einzelkind. Deshalb hatte sie damals ja auch dieses große Vermögen geerbt, als ihr Vater starb. Eine Cousine vielleicht. Aber Professor Lüders hatte keine Kinder. Oder war Tanja auch da falsch informiert? Hatte Charlie noch mehr Tanten oder Onkel, die wiederum Kinder hatten, von denen außerhalb der Familie niemand etwas wusste?

Die ganze Situation verwirrte sie. Charlie hatte anscheinend noch gar nichts von dieser neuen Beerdigungsbesucherin mitbekommen. Sie starrte weiterhin ins offene Grab und wartete – vielleicht – darauf, dass der Pfarrer mit seinen letzten Worten beginnen würde, bevor sich der Sarg in das Grab hineinsenkte. Professor Lüders hingegen stand immer noch neben Charlie und wandte ihren Blick nicht von der Frau ab, die jetzt das Grab fast erreicht hatte.

Genauso wie Tanja, die von der anderen Seite gekommen war. Wie bei einem Sternenlauf trafen beide Frauen so gut wie gleichzeitig neben der Grabstelle ein.

»Was willst du hier, Madita?«, fragte Professor Lüders, die sich der Neuangekommenen ganz zugewandt hatte. Beinah hatte sie sich wie eine Barriere vor ihr aufgebaut.

Als Charlie die Worte ihrer Tante hörte, schreckte sie wie aus einer tiefen Versunkenheit auf und starrte die Besucherin nun ebenfalls an, sagte aber nichts.

»Was sollte ich wollen?«, beantwortete die im selben Moment Petra Lüders’ Frage mit einem schnippischen Tonfall in der Stimme. Einer Stimme, die vom Klang und von der Artikulation her durchaus an Charlies erinnerte. »Meiner Tochter in ihrem Schmerz zur Seite stehen.«

Tochter. Tanja stutzte. Das war nicht Charlies Schwester oder Cousine, das war Charlies Mutter. Das war Charlies Mutter? Entgeistert starrte sie sie an.

Jetzt aus der Nähe konnte man erkennen, dass die Frau nicht in Charlies Alter war. Sie war älter, auch wenn sie das zu verschleiern versuchte. Teile von ihr waren wahrscheinlich so um die fünfzig, andere wohl erheblich jünger. Ihr Gesicht hatte sicherlich schon das eine oder andere Lifting hinter sich, und zudem war es so mit Make-up zugekleistert, dass man nicht die geringste Falte erkennen konnte. Aber es war teures Make-up, und das Zukleistern war höchst professionell erfolgt, wahrscheinlich von einem luxuriösen schwulen Visagisten als Kunstwerk angelegt.

»Jetzt auf einmal?« Petras Stimme hatte einen ätzenden Tonfall, den Tanja noch nie an ihr gehört hatte. »Das hat dich doch auch sonst nicht interessiert.«

»Nein«, mischte sich nun auch Charlie in das Gespräch ein. Ihre Stimme klang jedoch im Gegensatz zu der ihrer Tante völlig ausdruckslos. »Aber jetzt gibt es ja einen Grund, nicht wahr?« Tanja sah, wie Charlies Augen sich in das Gesicht ihrer Mutter bohrten, als wollten sie es danach an den dadurch verursachten Löchern an der Wand aufhängen. »Tina hat mir viel Geld hinterlassen.«

Madita Flemming blies empört ihre Backen auf. Weitere Gefühlsausbrüche zeichneten sich nicht auf ihrem Gesicht ab, da war wohl Botox vor. »Was willst du mir denn damit unterstellen?«

»Das ist wohl kaum eine Unterstellung, Madita«, entgegnete Professor Lüders süffisant. »Das sind einfach nur Tatsachen. Tatsachen, die wir alle seit Jahren kennen.« Sie blickte Charlie an. »Willst du, dass sie geht?«

Langsam schüttelte Charlie den Kopf. »Das macht Tina auch nicht wieder lebendig«, murmelte sie. »Und jetzt kann es sie auch nicht mehr stören.«

»Na gut.« Petras Blick wanderte zurück zu Charlies Mutter. »Aber benimm dich. Das hier ist eine Beerdigung, keine Party.«

»Pf.« Abschätzig zuckte Madita Flemming die Schultern, aber sie sagte nichts mehr.

Mit Verwunderung hatte Tanja diese Szene verfolgt. Insbesondere auch Charlies Reaktion. Hatte da echte Trauer in ihrer Stimme gelegen? Trauer um eine Frau, mit der sie zwar verheiratet gewesen war, die sie aber kaum gekannt geschweige denn geliebt hatte? Die sie nur wegen ihres Geldes geheiratet hatte?

Der Pfarrer, der schon in der Kapelle gesehen hatte, dass dies eine sehr kleine Beerdigung war, wandte sich mit fragendem Blick an Charlie. »Erwarten Sie sonst noch jemanden, Frau Flemming? Oder kann ich anfangen?«

Müde wandte Charlie ihr Gesicht ihm zu. »Ich erwarte niemanden mehr.«

Er nickte und begann mit einer kurzen Grabrede, die die Tote noch einmal als einen guten Menschen darstellte, der viel zu früh gestorben war. Etwas Ähnliches hatte er auch schon in der Kapelle gesagt, in etwas längerer Form. All seine Informationen mussten von Charlie stammen, denn sie gingen nicht darüber hinaus, was sie in den kurzen vier Monaten ihrer Ehe erfahren haben konnte. Da Bettina Hersbach-Flemming keine Familie mehr gehabt hatte, hatte der Pfarrer sonst niemanden fragen können.

So war auch dieser Teil der Beerdigung schnell beendet, und der Pfarrer trat mit einem Segensspruch zum Abschluss zurück.

Schon die ganze Zeit hatte Charlie eine weiße Lilie in der Hand gehalten – das einzige, das ihre schwarze Gestalt auflockerte –, nun beugte sie sich vor und legte die Blume auf den Sarg. Als sie sich daraufhin abwandte, nickte Petra Lüders dem Pfarrer zu, und gleich darauf begann der Sarg sich zu senken.

Glücklicherweise hatte Tanja noch nicht an vielen Beerdigungen teilnehmen müssen, und sie fragte sich, ob alle Beerdigungen so etwas Gespenstisches hatten. Sicherlich hatte es auch etwas damit zu tun, dass kaum jemand hier war. Ein paar Leute gingen jetzt an Charlie vorbei und gaben ihr die Hand, aber da sie nicht zur Familie gehören konnten, waren das wohl ehemalige Kollegen von Bettina Hersbach oder Nachbarn. Es war schnell wie ein Spuk vorbei, und dann blieben nur noch Tanja, Professor Lüders, Charlie und ihre Mutter übrig.

»Komm«, sagte Petra Lüders zu ihrer Nichte. »Hör dir das nicht an, wenn die Erde auf den Sarg fällt. Das ist ein furchtbares Geräusch. Das muss nicht sein.« Sanft zog sie sie mit sich vom Grab weg.

Tanja wunderte sich, wie behutsam Professor Lüders mit Charlie umging. Meistens hatte es ja Krach gegeben, wenn Charlie in die Klinik gekommen war. Weil sie immer nur Geld von ihrer Tante wollte. Aber das hatte sich jetzt natürlich erledigt.

»Wo habt ihr reserviert?«, fragte die Stimme von Madita Flemming, die Charlies so ähnlich und auf der anderen Seite doch so unähnlich war, in die Stille hinein.

»Reserviert?« Charlie blickte sie verständnislos an.

»Na ja, Leichenschmaus. Nennt man das nicht so?« Anscheinend entrüstete Madita Charlies Verständnislosigkeit geradezu. »Macht man doch immer nach einer Beerdigung.«

Petra Lüders hob die Augenbrauen. »Für wen?«, fragte sie. »Es ist ja außer uns niemand da.«

»Und wer sind Sie?« Plötzlich richteten Maditas glitzernde Augen sich auf Tanja. »Sie gehören doch nicht zur Familie. Sonst müsste ich Sie kennen.«

Tanja hatte oft in Charlies Augen geschaut, und auch wenn sie damals verliebt gewesen war und eine rosarote Brille getragen hatte, so wie die ihrer Mutter hatten Charlies Augen nie ausgesehen, so hart und kalt. Gierig. Sie schienen fast nichts Menschliches zu haben, waren mehr wie die Augen eines Insekts, das rundherum nach Beute suchte.

»Das ist Dr. Kesten, meine Assistenzärztin«, sagte Petra Lüders in diesem Moment. »Sie hat mich freundlicherweise hierhergefahren, weil mir nicht nach Fahren war.«

Dankbar schaute Tanja sie an. Sie selbst hätte nicht gewusst, was sie sagen sollte, denn Madita Flemmings Blick hatte ihr die Sprache genommen und sie schwer irritiert.

»Lauter Ärztinnen.« Trocken lachte Madita auf. »Ach nein«, fügte sie dann mit einem Blick auf ihre Tochter hinzu. »Du hast es ja nicht geschafft.«

»Ich glaube, das reicht jetzt, Madita«, wies Petra Lüders sie scharf zurecht. »Charlie hat gerade ihre Frau begraben. Kannst du nicht ein Mal Rücksicht nehmen?«

»Ich bin gekommen, oder?«, verteidigte Madita Flemming sich schmollend wie ein kleines Kind. »Und dabei hasse ich Beerdigungen.«

Noch eine, die Beerdigungen hasst, dachte Tanja. Warum sind wir eigentlich alle hier?

»Du warst ja auch gar nicht eingeladen.« Charlies Stimme klang leise, aber bestimmt, als sie auf die Bemerkung ihrer Mutter antwortete. »Schließlich hast du Tina überhaupt nicht gekannt.« Auf einmal schaute sie Tanja an. »Danke, Tanja«, fuhr sie mit weicher Stimme fort, »dass du gekommen bist.«

Schluckend blickte Tanja zu Boden. Sie wusste nicht so recht, warum sie gekommen war, und sie wusste noch viel weniger, was sie erwartet hatte, aber das bestimmt nicht. »Gern geschehen«, murmelte sie. »Ich habe sie sehr gemocht. Auch wenn sie nur eine kurze Zeit meine Patientin war.«

»Es gibt also nichts zu essen? Oder zu trinken?«, drängte sich Madita Flemming mit einer ganz pragmatischen, für sie anscheinend sehr wichtigen Frage dazwischen. »Noch nicht einmal ein Glas Champagner?«

Drei Augenpaare richteten sich gleichzeitig auf sie, als ob sie sich abgesprochen hätten.

»Merkst du eigentlich gar nicht, wie peinlich du bist, Madita?«, fragte Petra Lüders, die sonst nie die Geduld verlor, mit einem so tadelnden Tonfall in der Stimme, dass es fast wie ein drohendes Grollen klang.

»Wenigstens bin ich keine solche Schlaftablette wie ihr.« Madita Flemmings flirrende Insektenaugen wanderten verärgert von einer zur anderen. »Ihr seid doch einfach nur langweilig.«

»Es zwingt dich niemand hierzubleiben, . . . Mutter«, sagte Charlie, und Tanja bemerkte, dass die Bezeichnung Mutter, die Charlie so gedehnt angefügt hatte, dass es sie sehr betonte, Madita Flemming fast zusammenzucken ließ. Mit einer so erwachsenen Tochter wie Charlie erinnerte sie das wohl unangenehm an ihr tatsächliches Alter.

»Tue ich auch nicht.« Maditas Nase hob sich trotzig in den Himmel. »Es gibt Orte, an denen Leute auf mich warten. Ich wollte nur nett sein, aber warum sollte ich hier meine Zeit verschwenden, wenn –«

»Wenn es woanders Champagner gibt?«, setzte Petra Lüders süffisant fort. »Ja, da kann ich dir nur zustimmen. Ein Friedhof lässt sich auch so schwer als bunter Partyplatz dekorieren. Ganz unverständlich.«

Kurz starrte Madita sie an, dann stieß sie hervor: »Ach, dann langweilt euch doch mit euch selbst!«, drehte sich um und stöckelte auf ihren hohen schwarzen Schuhen davon.

Petra Lüders seufzte. »Sie wird es nie lernen. Da ist wohl Hopfen und Malz verloren.«

Tanja hätte ganz gern das eine oder andere bezüglich Charlies Mutter gefragt, aber sie traute sich nicht. Auf jeden Fall hatte Charlies Art, die Welt zu sehen, und wie sie sich anderen gegenüber verhielt, sicher auch etwas mit dieser Mutter zu tun, das war ihr in der kurzen Zeit von Madita Flemmings Anwesenheit – oder wohl eher Madita Flemmings Auftritt – schlagartig klargeworden.

Eine Entschuldigung war das aber nicht. Schließlich war Charlie mittlerweile mehr als erwachsen und konnte ihre eigenen Entscheidungen treffen. Tanjas Lippen wurden schmaler. Es war so leicht, immer andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen, aber in diese Falle würde sie nicht tappen. Dafür hatte Charlie sie zu sehr gegen ihren Charme abgehärtet.

»Ich muss dringend in die Klinik zurück.« Beinah wie um Verzeihung bittend schaute Petra Lüders zuerst Charlie und dann Tanja an. »Ihr Dienst ist doch beendet, nicht wahr, Dr. Kesten?«

Da sie immer noch ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte, zuckte Tanja etwas zusammen bei der Nennung ihres Namens. »Ja«, bestätigte sie schnell. »Mein Dienst ist für heute beendet.«

»Könnten Sie dann meine Nichte nach Hause bringen?« Ein leichtes Lächeln umspielte Petras Lippen. »Falls es nicht zu viel verlangt ist.«

»Ich kann allein fahren«, protestierte Charlie, wenn auch nur schwach. Die ihr sonst eigene Stärke schien sie ganz verlassen zu haben. »Ich bin ja auch allein hergekommen.«

»Du siehst aber sehr mitgenommen aus«, stellte ihre Tante mit einem prüfenden Blick fest. »Deshalb finde ich es aus ärztlicher Sicht unverantwortlich, dich selbst fahren zu lassen. Finden Sie nicht auch?« Sie schaute Tanja auffordernd an. »Oder würden Sie so eine Patientin sich selbst überlassen? Als Ärztin?«

Hin- und hergerissen konnte Tanja nicht sofort antworten. Wäre Charlie eine Patientin gewesen, eine Frau, die sie nicht kannte, nur behandelte, hätte sie ihrer Chefin zugestimmt. Aber Charlie war keine Patientin, und die Vorstellung, mit ihr allein zu sein, verursachte ihr unwillkürlich eine Gänsehaut.

»Ich bin keine Patientin, Tante Petra«, widersprach auch Charlie jetzt.

»Das sollte besser jemand beurteilen, der etwas davon versteht.« Professor Lüders beharrte auf ihrer Meinung. »Du bist im Moment nicht in dem Zustand dazu.« Wieder heftete ihr Blick sich auf Tanja, obwohl sie weiter zu Charlie sprach. »Wir können dir natürlich auch ein Taxi rufen. Du hättest gleich mit einem kommen sollen.«

»Nein, nein.« Professor Lüders’ Blick hatte etwas Magisches, das Tanja dazu veranlasste, sofort zu widersprechen. »Ich kann sie schon fahren. Kein Problem.«

»Gut«, sagte Professor Lüders. »Dann sollten wir diesen ungastlichen Ort jetzt verlassen.« Sie schauderte ein wenig und zog die Schultern hoch. »Ich hasse Friedhöfe wirklich.«

3

»Du hättest mich nicht fahren müssen.« Während Charlie neben ihr im Wagen saß, protestierte sie erneut. »Ich hätte das schon allein gekonnt.«

»Wenn deine Tante meint, das wäre nicht so, würde ich mich lieber auf ihr Urteil verlassen als auf deins«, entgegnete Tanja nüchtern. »Sie ist schließlich eine erfahrene Ärztin.«

»Im Gegensatz zu mir.« Bitter lachte Charlie auf. »Ich bin ja nur eine abgebrochene Medizinstudentin.«

»Ja«, bestätigte Tanja das hart und erbarmungslos. »Lange hast du nicht durchgehalten.«

»Wann habe ich das schon?«, murmelte Charlie, aber es schien nicht an Tanja gerichtet zu sein. »Sogar meine Ehe hat nicht mehr als vier Monate gedauert.«

Diese Aussage überraschte Tanja. »Deine Frau war krank«, sagte sie. »Das wusstest du vorher.«

»Ja, das wusste ich vorher.« Charlie schaute sie nicht an, starrte nur vor sich hin.

»Deshalb hast du sie geheiratet«, setzte Tanja noch eins drauf. Sie spürte die Wut so sehr in sich ansteigen, dass sie sich nicht zurückhalten konnte. »Damit du sie möglichst schnell beerben kannst.«

Unwillkürlich versteiften sich ihre Mundwinkel, bis sie ganz starr wurden. Worüber beklagte Charlie sich hier eigentlich gerade? Genau das, was jetzt eingetreten war, war das, was sie erhofft hatte, was sie geplant hatte. Dass sie sich an dem Geld, das ihre Frau im Überfluss besessen hatte, jetzt allein erfreuen konnte.

»Das wirst du mir nie verzeihen, nicht wahr?«, fragte Charlie und warf kurz einen Blick zu Tanja herüber.

Kopfschüttelnd blickte Tanja stumm vor sich hin auf die Straße, während sie vor einer roten Ampel hielt. »Ich habe da nichts zu verzeihen«, sagte sie dann. »Das ist nicht meine Angelegenheit.«

»Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich Tina geliebt habe?« Charlie fragte das in so einem Tonfall, als ob sie das schon gar nicht erwarten würde.

Und es brachte Tanja auch tatsächlich zum Lachen. Nicht zu einem fröhlichen Lachen, mehr zu einem abschätzigen. »Das hast du mir schon mal erzählt«, sagte sie, während sie leicht das Gas herunterdrückte, damit der Wagen anrollen konnte, weil die Ampel gerade auf Grün gesprungen war. Selbstverständlich fuhr Charlie einen Automatik-BMW. Schalten war viel zu anstrengend. »Und schon damals war es eine Lüge.«

»Ja, das stimmt.« Tief durchatmend lehnte Charlie sich in dem sportlich gepolsterten Ledersitz zurück. Sie war immer gern schnell gefahren, deshalb war dies auch keine Familienlimousine, sondern ein Sportmodell mit Rennfahrersitzen. Aber für Charlies Verhältnisse war das schon die Familienversion, denn früher hatte sie einen Porsche gehabt. »Damals war es eine Lüge.«

Ungläubig lachte Tanja auf. »Willst du mir etwa erzählen, du hättest dich auf eurer Hochzeitsreise in sie verliebt? Auf dieser kurzen Reise, auf der ihr euch kaum kennenlernen konntet, weil ihr von einem Ort zum nächsten gedüst seid?«

Charlie nickte fast beschämt. »Das hätte ich nie für möglich gehalten, genauso wie du jetzt. Aber . . . Aber Tina war«, sie schluckte, »eine unglaublich süße Frau. Sie glaubte an das Gute in der Welt, vermutete nie etwas Schlechtes.«

»Deshalb ist sie auf dich reingefallen«, sagte Tanja. Genau wie ich, dachte sie. Bevor ich Charlie kennenlernte, habe ich auch noch an das Gute in jedem Menschen geglaubt.

»Ja«, bestätigte Charlie wieder. »Deshalb ist sie auf mich reingefallen.«

Das fand Tanja alles sehr merkwürdig. Charlie widersprach ihr nicht, machte keine ironischen Bemerkungen oder anzügliche, wie sie es auch gern tat. Sie schien fast wie eine sprechende Puppe, die nur vorgefertigte Antworten geben konnte oder einfach das wiederholte, was man ihr vorplapperte.

»Am Anfang dachte ich, sie spielt das nur«, fuhr Charlie jetzt leise fort. »So naiv kann niemand sein.« Sie schluckte. »Aber das war sie. Sie war einfach nur gut. Das Böse kam nicht an sie heran. Sie sah es gar nicht. Und wenn sie es gesehen hat, glaubte sie es nicht.«

»Ein wahrhaft guter Mensch.« Obwohl sie nicht wusste, warum, musste Tanja das sagen.

»Hmhm.« Charlie nickte mit einem Kopf schwer wie Blei. »Ein wahrhaft guter Mensch.«

»Dass es so etwas überhaupt noch gibt.« Kopfschüttelnd bog Tanja in eine Seitenstraße ein.

»Jetzt vielleicht nicht mehr«, stellte Charlie freudlos fest. »Denn Tina ist tot.«

Ihre Stimme klang dermaßen niedergedrückt, dass Tanja fast auf die Bremse getreten hätte, weil sie sie genauer ansehen wollte, vielleicht sogar im Labor untersuchen. Das war doch nicht Charlie, die da neben ihr saß. Charlie war das Gegenteil von melancholisch gewesen, sie hatte das Wort gar nicht gekannt. Und auf einmal wirkte sie, als ob sie tatsächlich trauerte? Obwohl sie auch das Wort nicht kannte?

»So kannst du das nun auch wieder nicht sagen«, widersprach sie. »Deine Tante ist ein wahrhaft guter Mensch. Oder würdest du das bestreiten?« Selbst etwas streitsüchtig warf sie einen Blick auf Charlie neben sich.

»Nein, das würde ich nie bestreiten.« Charlies Mundwinkel schienen sich ein wenig heben zu wollen, schafften es aber nicht ganz. »Sie ist ein guter Mensch. Ein sehr guter Mensch. Aber auch ein realistischer. Und das war Tina nie.«

»Sie hatte ja auch gar keine Zeit mehr, ihr Urteil zu revidieren«, stellte Tanja fest, während sie erneut ihre Lippen aufeinanderpresste. »Oder eine realistischere Sicht zu lernen. Kaum wart ihr verheiratet, da ist sie auch schon gestorben.«

»Denkst du nicht, ich hätte versucht, das zu verhindern, wenn ich es hätte verhindern können?« Auf einmal fuhr Charlie auf, blitzte sie an. »Ich habe es versucht. Aber es hat«, sie sank wieder in ihrem Sitz zusammen, »nichts mehr genützt.«

»Du hast was versucht?«, fragte Tanja stirnrunzelnd. »Ihr wart doch nur auf Reisen.« Endgültig erreichten sie das Haus, in dem Charlie wohnte, und sie drückte auf den Öffner für das Garagentor zur Einfahrt, der an der Sonnenblende befestigt war.

»Ist ja auch egal«, sagte Charlie. »Was auch immer ich versucht oder auch nicht versucht hätte, es wäre alles sinnlos gewesen. Das hatte mir Tante Petra ja schon gesagt.« Sie atmete tief durch. »Deshalb hatte sie mir ja praktisch den Auftrag gegeben, Tina glücklich zu machen in der kurzen Zeit, die ihr noch blieb. Und ich glaube«, sie presste ihre Augenlider zusammen, »das habe ich getan. Tina war bis zum Schluss . . . sehr glücklich.«

»Na, das ist doch großartig.« Tanja wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. »Da hattest du ja sozusagen noch die offizielle Erlaubnis von höchster Stelle. Das muss sehr befriedigend für dich gewesen sein.« Sie glitt in die Tiefgarage hinein. »Und jetzt bekommst du auch deine verdiente Belohnung für diese deine große Anstrengung und Selbstüberwindung: viele, viele Millionen, die du ausgeben kannst, wie du willst. Wie du es immer getan hast. Darin hast du ja langjährige Übung. Glückwunsch.« Sie fuhr in Charlies Parkplatz hinein. Wo der war, das wusste sie noch von früher.

»Ja, im Geldausgeben habe ich Übung.« Charlie bestätigte das dumpf, während sie ausstieg. »Sonst hätte ich Tina gar nicht heiraten müssen.« Sie schaute Tanja auf eine ungewohnt erschöpfte Art an. »Vielen Dank fürs Fahren. Ich glaube, Tante Petra hatte recht. Eventuell wäre ich an einem Baum gelandet.«

»Wohl eher an einem Straßenschild«, erwiderte Tanja. »So viele Bäume gab es ja auf unserem Weg hierher nicht.« Sie hob die Hand, um sich zu verabschieden. »Ich gehe dann zum Bus.«

»Nein, nimm dir doch ein Taxi.« Charlie griff in ihre Tasche und zog einen Schein heraus, hielt ihn Tanja hin.

»Ein Taxi von Bettina Hersbachs Geld?« Tanja schüttelte den Kopf. »Nein danke.«

»Bettina Flemming«, murmelte Charlie. »Sie hieß jetzt Bettina Flemming.«

»Ja, stimmt. Das steht ja auch auf ihrem Grabstein.« Tanja hob eine Augenbraue. »Aber den größten Teil ihres Lebens hieß sie Hersbach. Bis auf die letzten paar Monate.« Ein Gedanke ließ ihre Mundwinkel zucken. »Wolltest du deinen Namen nicht abgeben? Hängst du so sehr daran?«

»Nein.« Charlie schüttelte den Kopf. »Tina wollte unbedingt meinen Namen annehmen. Ich habe ihr angeboten, ihren eigenen zu behalten, aber das wollte sie nicht. Sie sagte, sie hat ja sowieso niemanden mehr außer mir. Niemand aus ihrer Familie, der den Namen Hersbach trägt, lebt noch. Ich wäre nun ihre Familie, ihre einzige, sagte sie. Und dann wollte sie auch so heißen.«

»Ach, wie rührend.« Spielte Charlie ihr das hier alles nur vor? Tanja war schwer irritiert. Wollte Charlie sie etwa mit dieser kleinen Geschichte beeindrucken, an ihr Mitgefühl appellieren? »Sie muss dich sehr geliebt haben.« Ein Schlucken unterdrückend entfernte sie sich von Charlie. »Dann werden wir uns wohl demnächst nicht viel sehen, oder?«, warf sie halb über die Schulter zurück. »Du hast ja jetzt für eine Weile genug Geld, sodass du nicht in die Klinik kommen musst, um deine Tante anzupumpen.«

Charlie antwortete nicht, aber Tanja hörte das Klacken ihrer Absätze in ihrem Rücken, als sie zum Lift ging, der sie hinauf in ihr Penthouse tragen würde.

Tanja nahm lieber die Treppe. Erstens, weil es sowieso nur eine Etage hinauf war bis zum Ausgang im Erdgeschoß, und zweitens, weil sie nicht mit Charlie in einer engen Fahrstuhlkabine eingesperrt sein wollte. Sie hatte bemerkt, dass schon die Fahrt hierher nebeneinander im Auto ihr Einiges an Beherrschung abverlangt hatte.

Bin ich denn immer noch nicht darüber hinweg? dachte sie, wütend auf sich selbst. Es ist doch lange genug her.

Fast im selben Moment hörte sie hinter sich ein komisches Geräusch, zuerst eine Art Rutschen, eine Art Fluchen und dann eine Art Stöhnen. Automatisch drehte sie sich um.

Charlie versuchte gerade, sich wieder vom Boden aufzurappeln. Anscheinend war sie gestürzt.

Schnell lief Tanja zu ihr hin. »Charlie. Was ist denn passiert?«

»Ach nichts«, winkte Charlie ab. Sie stand mittlerweile wieder aufrecht, aber nur auf einem Bein, das andere hielt sie in der Luft. »Mein Absatz ist abgebrochen. Ich hätte andere Schuhe nehmen sollen.«

»Was trägst du auch immer so hohe Absätze?«, schimpfte Tanja fast wie eine Ehefrau oder Mutter. »Selbst auf einer Beerdigung. Du bist doch so schon groß genug.«

»Hast du meine Mutter gesehen?«, fragte Charlie mit schief verzogenem Gesicht. »Muss in den Genen liegen.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Tanja nicht ganz ernsthaft zu. »Was willst du jetzt tun? Den anderen auch ausziehen?«

Schicksalsergeben zuckte Charlie die Schultern. »Bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Das Stückchen im Aufzug bis nach oben werde ich wohl auch auf Strümpfen schaffen.« Sie wollte den Fuß, den sie bisher in der Luft gehalten hatte, auf den Boden setzen, zog ihn aber sofort mit einem schmerzhaften Ausruf wieder nach oben. »Verdammt. Was ist das denn?«

»Du kannst nicht auftreten?« Tanja ging in die Hocke und untersuchte geübt Charlies Knöchel, tastete ihn von allen Seiten ab. »Gezerrt«, sagte sie. »Gebrochen ist nichts.« Sie stand wieder auf. »Komm, ich stütze dich. Ist ja nicht weit.«

»Ich kann auch einen Krankenwagen rufen«, sagte Charlie. »Wenn du nicht hierbleiben willst.«

»Klar«, schmunzelte Tanja. »Und was werden die wohl sagen, wenn sie hören, dass eine Ärztin direkt vor Ort war und nicht ihre Pflicht getan hat? Du hast ihn zwar nicht geleistet, aber du erinnerst dich doch aus dem Studium noch an den hippokratischen Eid?«

»Ich wollte nur nicht –« Charlie räusperte sich. »Ich wollte dich zu nichts zwingen.«

»Das ist wirklich ganz reizend von dir«, entgegnete Tanja in einem bewusst sarkastischen Tonfall. »Und so untypisch. Ich erkenne dich gar nicht wieder. Aber das geht nicht. Ich bringe dich jetzt in deine Wohnung, und da du so etwas sicher nicht da hast, besorge ich dir dann eine Kompresse und einen Stützverband.« Sie hob die Augenbrauen, während sie nun gemeinsam den Fahrstuhl betraten. Charlie hatte einen Arm über Tanjas Schultern gelegt, und so war sie leicht hüpfend hierhergelangt. »Solange, bis ich zurück bin, kühlst du das mit Eiswürfeln. Die hast du ja wohl da – für deinen Whiskey.«

»Ja, die habe ich da«, gab Charlie etwas kleinlaut zu. »Und einen Whiskey könnte ich jetzt auch gut vertragen.«

»Ich halte dich nicht davon ab.« Tanja blickte zu ihr hoch. »Aber bitte nur einen, nicht mehrere. Das ist nicht gut für die Wundheilung.«

Charlies Mundwinkel zuckten. »Zu Befehl, Frau Doktor. Das hätte ich aber jetzt auch noch aus meinem Studium gewusst.«

»Freut mich zu hören«, sagte Tanja. »Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass du überhaupt noch irgendetwas aus deinem Studium weißt.«

»Du hältst wirklich überhaupt nichts mehr von mir, hm?«, fragte Charlie. »Bei dir bin ich total unten durch.«

»Wundert dich das?« Schon als Tanja das fragte, fiel ihr auf, dass ihr die Berührung an ihren Schultern, auf denen Charlie sich abstützte, nicht unangenehm war. Vorhin hatte sie noch nicht einmal neben ihr im Aufzug stehen wollen, und jetzt lehnten sie hier gezwungenermaßen fast aneinandergeschmiegt, und es machte ihr nichts aus. Es hätte sogar eine Art Kribbeln sein können, das sie da, wenn auch nur unterschwellig, fühlte.

Reiß dich am Riemen! dachte sie. Wo soll das hinführen? Es ist aus und vorbei. Und das nicht nur aus einem guten Grund, sondern aus vielen guten Gründen.

Charlie seufzte. »Nein, das wundert mich nicht. Nicht mehr.«

»Das heißt, früher hat es dich gewundert?«, hakte Tanja nach.

»Früher«, Charlie machte eine lange Pause, »habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht.«

Das versetzte Tanja einen Stich, obwohl sie gedacht hätte, dass nichts, was Charlie betraf, sie noch erschüttern konnte, sie hätte schon alles durch. »Die Gefühle anderer waren dir nie wichtig«, bemerkte sie etwas bitter. »Das weiß ich.«

»Nützt es etwas, wenn ich sage, es tut mir leid?« Charlie blickte tatsächlich schuldbewusst zu ihr herunter. Aber das hatte sie auch früher schon getan, wenn sie etwas erreichen wollte. Sie war eine gute Schauspielerin, solange es um ihren Vorteil ging.

»Nein«, sagte Tanja. »Das nützt nichts.«

»Dachte ich mir.«

Da sie jetzt im Penthouse angekommen waren, öffnete sich die Fahrstuhltür, und mühsam bewegten sie sich wie siamesische Zwillinge hinaus.

»Das hoffe ich«, gab Tanja zurück, während sie versuchte, nicht zu eilig zu gehen, denn eigentlich wollte sie das alles hier möglichst schnell hinter sich bringen. »Nur weil man sagt, es tut mir leid, ist nichts ungeschehen gemacht. Es bleibt alles, wie es ist. Deshalb kann man sich so ein Tut mir leid auch sparen.«

»Es tut mir aber wirklich leid«, sagte Charlie. »Kannst du . . .?« Sie griff in ihre Tasche und reichte Tanja den Schlüssel.

Tanja nahm ihn und schloss auf. »Wie sollte man das bei dir unterscheiden?«, fragte sie währenddessen. »Ob dir etwas wirklich leidtut oder nicht? Du hast das früher oft genug gesagt. Und es war nur eine Phrase, weiter nichts.«

»Was ich alles gesagt habe . . .«, murmelte Charlie. Sie hielt sich am Türrahmen fest, und als Tanja sie wieder stützte, hüpfte sie neben ihr in die Wohnung hinein.

»Ja, das würde wohl Bände füllen«, stimmte Tanja ihr zu. Sie geleitete Charlie noch zum Sofa und hielt sie ein wenig fest, während sie sich setzte, dann richtete sie sich wieder auf. »Eine mehrere Bände umfassende Casanova-Geschichte.«

»Darum ging es mir nicht immer«, behauptete Charlie, die jetzt zu ihr hochblicken musste.

»Ach? Dann habe ich das wohl missverstanden«, sagte Tanja. Sie ging zur Theke hinüber, die Teil der Bar in Charlies Wohnzimmer war, und griff nach dem Whiskey im Regal. »Das Eis?«, fragte sie. »Im Behälter ist nichts.«

»In der Küche«, sagte Charlie. »Du musst einfach nur auf die Taste am Eisfach drücken, dann kommt es raus.«

»Ich erinnere mich«, bemerkte Tanja trocken. »So lange ist es auch noch nicht her, dass ich hier war. Es sei denn, du hättest dir zwischenzeitlich einen neuen Kühlschrank zugelegt. Aber da du sicher nicht auf deine Bequemlichkeit verzichten willst«, sie ging zur Tür Richtung Küche, »wäre das wohl ein ähnliches Modell.«

»Ich wusste nicht, dass du mich so sehr hasst«, hörte sie Charlies Stimme in ihrem Rücken, und sie klang wirklich ziemlich erstaunt.

»Hassen?« Tanja schüttelte den Kopf, drehte sich zu Charlie um und musterte sie, wie sie da nicht sehr fotogen verwurschtelt auf dem Sofa lag. »Ich hasse dich doch nicht. Um jemanden hassen zu können, muss man ihn zuerst einmal sehr geliebt haben. Und so sehr habe ich dich nicht geliebt.«

Dann ging sie in die Küche weiter und ließ Charlie mit einem konsternierten Gesichtsausdruck zurück.

4

»Das ist lecker.« Charlie streckte Tanja ihren Eislöffel entgegen und lächelte sie verführerisch an. »Probier mal.«

Wie jedes Mal, wenn sie Charlie ansah, schlug Tanjas Herz höher. Man hätte sogar sagen können, ihr ganzer Körper schlug höher, Charlie entgegen. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Charlie löste Dinge in ihr aus, die sie sich noch nicht einmal hatte vorstellen können.

Manchmal fragte sie sich, ob sie tatsächlich verliebt in Charlie war, ob so etwas so schnell gehen konnte. Liebe auf den ersten Blick. Das hatte sie immer für ein Märchen gehalten. Und irgendwie war es auch ein Märchen. Aber es fand wirklich statt, hier und jetzt zum Beispiel in diesem Eiscafé, in das Charlie sie eingeladen hatte.

Sie wusste, dass Charlie reich war. Sie war die Nichte der Chefärztin, in deren Klinik Tanja als Assistenzärztin arbeitete. Und auch Professor Lüders war reich. Aber man merkte es ihr nicht an. Sie hatte einen Großteil ihres Vermögens, wenn nicht alles, in diese Klinik gesteckt, und sie arbeitete, als wäre sie selbst dort angestellt. Sie hatte Tanja einmal lächelnd erzählt, dass sie schon von Kindertagen an nie etwas anderes hatte werden wollen als Ärztin, das war immer ihr Traumberuf gewesen.

Anscheinend war sie in ihrer Jugend auch eine gute Sportlerin gewesen, eine hervorragende Schwimmerin. Sie hätte sogar Chancen auf die Olympiade gehabt. Aber sie hatte sich für den Arztberuf entschieden, weil ihr das wichtiger war, weil sie nie etwas anderes hatte tun wollen.

Tanja bewunderte das, und sie sah zu Professor Lüders auf wie andere vielleicht zu einem Professor Sauerbruch. Sie war ihr großes Vorbild. Wenn sie einmal eine so gute Ärztin sein würde wie Professor Lüders, würde sie stolz auf sich sein.

»Es schmilzt.« Charlies schmeichelnde Stimme holte sie in die Wirklichkeit zurück. »Willst du nicht?«

»Doch, natürlich.« Schnell schloss Tanja ihre Lippen um Charlies Löffel und ließ sich den Geschmack des Sahneeises auf der Zunge zergehen. »Sehr lecker, wirklich.«

»Hab ich nicht gesagt, dass man hier das beste Eis in der Stadt kriegt?« Charlie lachte, zog den Löffel zurück und steckte ihn sich wieder in den Mund, ohne ihn noch einmal mit Eis gefüllt zu haben. »Mhmm . . .«, machte sie und schaute Tanja begehrlich an. »Leckerer geht’s nicht.«

Tanja wurde rot. Jedenfalls spürte sie, wie Wärme in ihre Wangen stieg, und das bedeutete normalerweise, dass sie rot wurde. Im Moment sah sie sich ja nicht. »Charlie . . .«, sagte sie verlegen und wandte den Kopf zur Seite.

»Du bist mindestens genauso lecker wie dieses Eis«, setzte Charlie ihren Angriff auf Tanjas Schamgefühl fort und beugte sich vor. »Glaubst du das nicht?« Sie flüsterte, aber dieses Flüstern klang für Tanja so laut in ihren Ohren, als hätte Charlie durch ein Megafon gesprochen. »Meine Güte, ich könnte dich –« Abrupt lehnte Charlie sich zurück und benutzte ihren Löffel nun wieder für das, wofür er gedacht war, nämlich um Eis damit zu essen.

»Aber hier doch nicht, Charlie«, antwortete Tanja, woraufhin sie sich ebenfalls mit so viel Eis wie möglich in ihrem Mund abzukühlen versuchte.

»Wieso?« Charlie lachte wieder. »Die haben doch eine Toilette. Ich wäre da ganz diskret. Für dich. Wir sind ja hier nicht in St. Tropez, wo man sich auch mal über den Tisch legen kann.«

Solche Sprüche, die Charlie des Öfteren von sich gab, ließen Tanja immer etwas verwirrt zurück. Meinte sie das jetzt wirklich ernst oder scherzte sie nur? »Ich war noch nie in St. Tropez«, entgegnete sie schluckend. Auf die Bemerkung mit der Toilette wollte sie lieber gar nicht näher eingehen. Denn sie stellte sich gerade vor, wie Charlie sie dort auszog und – Nein, lieber nicht.

»Da hast du nichts verpasst«, meinte Charlie wegwerfend. »Immer nur dieselben alten Leute. Da ist fast niemand unter dreißig. Schon ein bisschen angestaubt alles.« Ihre Mundwinkel zuckten heftig. »Aber die alten Hippies sind manchmal wilder als wir heute. Müssen sich wohl immer noch was beweisen.«

Wenn Charlie so redete, merkte Tanja immer wieder, wie unterschiedlich ihre Leben waren. Sie selbst stammte aus einer ganz normalen Familie, nicht reich, nicht arm, und selbstverständlich waren sie auch schon an verschiedenen Orten der Welt gewesen, auf Urlaub.

Aber für Charlie war das kein Urlaub, es war ihr tägliches Leben. Sie jettete schnell mal auf die Malediven oder die Seychellen oder sonst wohin, nur für ein Abendessen oder eine Party.

So etwas wäre Tanja nie in den Sinn gekommen. Und sie hätte auch weder das Geld noch die Zeit dafür gehabt. Die hatte sie bis zum Abitur zuerst mit der Schule verbracht, dann mit dem Medizinstudium und nun mit ihrem Dienst als Assistenzärztin. Auch wenn sie keine Assistenzärztin mehr war, würde das so weitergehen. Außerhalb des Urlaubs, der einmal oder höchstens zweimal im Jahr ein bisschen Ruhe gönnte, war man immer eingespannt und musste arbeiten.

Charlie natürlich nicht. Charlie hatte Geld wie Heu. Sie hatte es geerbt und musste nichts dafür tun. Deshalb hatte sie auch Zeit wie Heu. Und irgendwie musste die ja gefüllt werden.

Eine sehr merkwürdige Lebensgestaltung, fand Tanja. Eine, die sie sich nicht vorstellen konnte. Aber es war auch faszinierend. So jemanden wie Charlie hatte sie noch nie kennengelernt. Und hätte sie wohl auch nicht, wenn sie sie nicht zufällig in der Klinik von Professor Lüders getroffen hätte, als sie ihr auf dem Gang vom Büro ihrer Tante entgegenkam, während Tanja gerade auf dem Weg dorthin war.

Es gab manchmal schon Besucher hier im Krankenhaus, die sehr gut angezogen waren, die auch nicht gerade arm aussahen, die es schon von weitem ausstrahlten, wie gutsituiert sie waren. Aber Charlie . . . Charlie hatte noch etwas ganz anderes ausgestrahlt.

Als sie Tanja auf dem Gang entgegenglitt wie eine luxuriöse Segeljacht, groß, elegant, mit einem Hüftschwung, als flanierte sie gerade als Model – was sie auch gut hätte sein können – über einen Laufsteg, hatte Tanja sich gefragt, ob sie ohne es zu merken in einem Film gelandet war.

Sie wollte schnell an dieser höchst attraktiven Erscheinung vorbeigehen, weil sie schon das Gefühl hatte, sie musste sich beherrschen, Charlie nicht mit offenem Mund anzustarren, da sprach Charlie sie mit einem berauschenden Lächeln an.

»Sie sind Dr. Kesten, nicht wahr? Meine Tante ist sehr begeistert von Ihnen.«

Fast so abrupt, als wäre sie unvermutet gegen eine Wand gelaufen, blieb Tanja stehen. »Ähm . . . ja . . . danke«, brachte sie nur heraus, und schon das verwunderte sie selbst, denn ihr Mund war so trocken, dass er wie zugeklebt schien.

Charlie lächelte. Sie lächelte einfach weiter. Es erschien Tanja wie eine Ewigkeit, weil sie ganz in dieses Lächeln eintauchte, als wäre es eine warme Lagune in der Südsee.

»Was sie mir nicht gesagt hat«, fuhr Charlie dann plötzlich in beiläufigem Ton fort, ohne ihr Lächeln zu unterbrechen, »ist, wie süß Sie sind.«

Für eine Sekunde dachte Tanja, sie hätte nicht richtig gehört.

»Darf ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen?« Charlies Lächeln schien wie ein Teil von ihr zu sein, es hörte einfach nicht auf. Und es war so verführerisch, dass Tanja nicht mehr wusste, wo sie hinschauen sollte.

»Ich . . . Ich bin im Dienst«, antwortete sie mehr stammelnd als flüssig. »Ich muss zu Professor Lüders . . . zu Ihrer Tante.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, schmunzelte Charlie jetzt. Es war offensichtlich, dass sie sich eindeutig über Tanja amüsierte. »Und so, wie meine Tante Sie mir beschrieben hat, sind Sie so pflichtbewusst, dass Sie Ihren Dienst niemals für eine ungeplante Kaffeepause unterbrechen würden. Aber irgendwann ist Ihr Dienst ja auch zu Ende.«

»J-ja«, stotterte Tanja.

Kurz wartete Charlie und blickte sie fragend an, dann merkte sie wohl, dass Tanja nichts weiter sagen würde. »Sie wollen mir nicht verraten, wann das ist?«, fragte sie mit zuckenden Mundwinkeln.

»Ich . . . Nein . . . Ja.« Tanja war völlig verwirrt. »Sie haben mich nicht gefragt«, brachte sie dann noch zustande.

»Da haben Sie recht.« Charlies Lächeln war fast schon wie ein Streicheln. »Mein Fehler. Also dann frage ich Sie jetzt ganz offiziell: Wann ist Ihr Dienst heute beendet?«

»Zwanzig Uhr«, sagte Tanja. Es kam ganz automatisch heraus, ohne dass sie zuerst darüber nachgedacht hatte, ob sie das überhaupt verraten wollte.

»Na wunderbar. Dann wird es ein Abendessen, zu dem ich Sie einlade.« Charlie schien äußerst zufrieden. »Einverstanden?«

»Ich . . . Ich muss zu Ihrer Tante.« Fast schon verzweifelt versuchte Tanja, ihren Weg wieder aufzunehmen.

»Acht Uhr!«, rief Charlie ihr hinterher. »Ich komme her und hole Sie ab!«

Und bei dem Abendessen war es dann nicht geblieben. Danach hatte Tanja zum ersten Mal Charlies Penthouse kennengelernt. Und sie hatte Charlies Fähigkeiten als Liebhaberin kennengelernt, die alles überstiegen, was sie vorher je erlebt hatte. Es war Charlie deutlich anzumerken, dass sie viel Erfahrung hatte, viel mehr als Tanja, obwohl sie praktisch im gleichen Alter waren.

»Ist das die richtige? Ich musste ein bisschen im Lager suchen.« Die Apothekenhelferin hielt Tanja eine Packung hin.

Tanja nahm die Packung und starrte darauf, ohne sie wirklich zu sehen. Sie musste zuerst einmal aus dem Tagtraum, in den sie versunken war, als die Apothekenhelferin nach hinten ging, in die Wirklichkeit zurückkehren. »Ja, sieht so aus. Das ist die Schnürbandage mit den seitlichen Stabilisatoren, die ich wollte. Die andere hatte ja keine.«

Die Apothekenhelferin nickte. »Dann wollen Sie diese nehmen?«

»Ja.« Nun nickte Tanja auch. »Ist das die einzige, die Sie haben? Zwei wären besser. Zum Wechseln. Die Patientin muss sie ja die nächsten Wochen über Tag und Nacht tragen.«

»Tut mir leid.« Mit einem bedauernden Gesichtsausdruck zuckte die Angestellte der Apotheke die Schultern. »Sie sind bestellt, aber das war jetzt unsere letzte. Vielleicht versuchen Sie es noch in einer anderen Apotheke. Normalerweise haben wir die auch immer da, aber im Moment gerade . . .«

»Schon in Ordnung.« Leicht lächelnd legte Tanja die Packung auf den Verkaufstresen. »Fürs Erste reicht sie ja. Packen Sie mir dann alles zusammen ein, auch die Kompressionsverbände und das andere?«

»Natürlich.« Die Apothekenhelferin zog eine Tüte unter dem Tresen hervor, schob alles hinein und druckte den Kassenbon aus.

Tanja bezahlte und verließ die Apotheke. Draußen blieb sie noch einmal kopfschüttelnd stehen. Wie war das nur geschehen, dass sie sich so intensiv an ihre Zeit mit Charlie erinnert hatte, dass sie ganz darin versunken war? Sie war kurz genug gewesen.

Aber eindrucksvoll. Sehr eindrucksvoll. Das musste sie zugeben. Was sie mit Charlie in Wochen erlebt hatte, das hatte sie mit anderen nicht in Jahren erlebt.

Genauso . . . eindrucksvoll war dann allerdings auch das Ende gewesen. Ihre Lippen bildeten auf einmal nur noch einen schmalen Strich. Von jetzt auf gleich. Ohne jede Vorwarnung. Genauso wie sie sich kennengelernt hatten.

Charlie war keine Frau für die Ewigkeit. Das hatte Tanja sich gleich am Anfang gedacht. Aber dann hatte sie nicht mehr darüber nachdenken wollen, es gar nicht wahrhaben wollen, dass Charlie so außerhalb ihrer Liga spielte, dass eine dauerhafte Beziehung unmöglich war.

Aus diesem Grund hätte Tanja es auch niemals gewagt, Charlie anzusprechen, sie wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen. Aber das war ja auch nicht nötig gewesen. Charlie sprach Frauen an, wie andere einen Drink bestellten. Dazu brauchte es nicht viel.

Für eine Weile war es wie ein Traum. Wenn Charlie einmal beschlossen hatte, dass sie sich um eine Frau kümmern wollte, dann kümmerte sie sich um sie. Und wie. Tanja wurde mit Geschenken überschüttet, und obwohl sie sich gerade erst verabschiedet hatten, erwartete sie dann oft gleich darauf ein Blumenstrauß, wenn sie in die Klinik zum Dienst kam. Es war schon peinlich. Denn meistens waren es rote Rosen.

Der einzige kleine Wermutstropfen war der Tag gewesen, als Tanja herausfand, dass Charlie sie bezüglich ihres Medizinstudiums belogen hatte. Charlie hatte ihr gegenüber nämlich behauptet, dass sie Medizinstudentin wäre. Mit einem bezaubernden Lächeln hatte sie hinzugefügt: »Ich bin nur nicht so fleißig wie du. Deshalb bin ich noch nicht fertig.«

Das konnte Tanja verstehen, denn wie sollte Charlie ein Medizinstudium, wie Tanja es durchgezogen hatte, mit all ihren anderen Aktivitäten in Einklang bringen? Dass es da länger dauern musste, ergab sich ganz logisch von selbst.

Sie dachte an Marianne Koch, die ihre Schauspielkarriere mit ihrem Medizinstudium hatte in Einklang bringen müssen und deshalb viel länger gebraucht hatte, bis sie als Ärztin praktizieren konnte, als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen, mit denen sie das Medizinstudium begonnen hatte. Charlie war in ähnlicher Weise eine Celebrity – wenn man das überhaupt vergleichen wollte –, wie Marianne Koch es damals gewesen war.

Nur dass Marianne Koch sich ihr Studium mit der Schauspielerei hatte verdienen müssen. Das traf für Charlie natürlich nicht zu. Wenn es nur ums Geld gegangen wäre, hätte sie früher fertig sein müssen als alle anderen. Aber bei einem Medizinstudium ging es eben nicht nur ums Geld.

Die Erinnerungen überfielen sie erneut gegen ihren Willen. Sie spürte wieder, wie wohl sie sich mit Charlie gefühlt hatte, wie Charlie ihr für eine kleine Weile die Schwere genommen hatte, die Sorge darum, ob sie als Ärztin gut genug war, um allen Patienten helfen zu können, was sie stets bezweifelte. Sie wollte noch Tausende von Ausbildungen machen, um alles zu lernen, was es nur zu lernen gab, weil sie sich so unvollkommen fühlte.

Charlie fühlte sich nie unvollkommen. Sie tat alles, was sie tat, aus einem Gefühl der Selbstverständlichkeit heraus. Ob es Eis essen war oder Schlittschuhlaufen oder sonst etwas. Nie hatte Tanja sie anders als lachend gesehen. Charlie war die Verkörperung des Lebens und wie man es genießen konnte.

Weil es so selbstverständlich klang wie alles andere, hatte Tanja es auch nicht in Frage gestellt, dass Charlie Medizin studierte. Eben auf eine etwas andere Art, als Tanja es getan hatte, aber dass sie studierte. Bis sie eines Tages doch etwas misstrauisch wurde, weil es ihr so vorkam, als ob Charlie nie zur Uni ginge. Eine Nachfrage bei Charlie bezüglich dessen ergab natürlich nichts. Das Ergebnis war, dass sie im Bett landeten, und danach hatte Tanja ihre Frage vergessen.

Doch irgendwann erwähnte Tanja Charlies Medizinstudium so ganz nebenbei gegenüber Professor Lüders, ergänzt durch die Bemerkung, dass sie es komisch fände, dass Charlie anscheinend keine Vorlesungen an der Uni besuchte. Aber, hatte sie eingeschränkt, sie selbst würde ja so lange Schichten arbeiten, dass sie das gar nicht beurteilen konnte. Wahrscheinlich ging Charlie zur Uni, wenn Tanja im Dienst war.

Daraufhin hatte Professor Lüders sehr erstaunt reagiert und Tanja darüber aufgeklärt, dass Charlie doch schon lange nicht mehr studieren würde.

Als Tanja Charlie bei ihrem nächsten Treffen deswegen zur Rede stellte, ihr vorwarf, sie hätte sie belogen, gab Charlie ganz frei von der Leber weg zu, dass sie geschwindelt hatte. Sie behauptete, sie hätte das getan, um Tanja nicht zu verlieren, weil sie gesehen hätte, wie viel Tanja an ihrem Beruf läge.

»Ich wollte nicht, dass du mich gleich abservierst«, hatte sie lachend gesagt und sofort wieder versucht, Tanja zu verführen, um sie sich gegenüber positiv zu stimmen.

So sehr, wie Tanja Charlies Charme damals verfallen gewesen war, war es überhaupt keine Frage, wie dieser Versuch endete. Tanja ließ sich verführen wie schon so oft, auch wenn sie dabei ganz kurz ein schlechtes Gefühl hatte. Aber . . . nun ja . . . Charlie hatte das nur für sie getan, diese kleine Notlüge erfunden, oder nicht? Das konnte man doch verstehen.

Heute hätte sie sich selbst dafür ohrfeigen können, wie sorglos und naiv sie jede von Charlies Aussagen akzeptiert hatte, aber damals war Charlie so etwas wie eine Droge für sie gewesen, auf die sie nicht verzichten wollte. Auf die sie nicht verzichten konnte. Bis Charlie sie dazu gezwungen hatte.

Sie kehrte mit dem Aufzug ins Penthouse zurück und schloss die Tür auf. Charlie lag immer noch auf dem Sofa, so wie sie sie zurückgelassen hatte, nur war der Pegel in der Whiskeyflasche, die neben ihr auf dem Tisch stand, gesunken.

»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst nichts mehr trinken«, schimpfte Tanja sofort. »Das ist nicht gut für dich.«

»Das ist sehr gut für mich«, widersprach Charlie mutwillig grinsend. »Hilft gegen die Schmerzen.«

»Ich habe dir etwas gegen die Schmerzen gegeben.« Tanja rollte die Augen. »Und gerade deshalb hättest du nicht noch mehr Whiskey trinken sollen.«

»Warum hast du die Flasche dann auf dem Tisch stehenlassen?« Egal, wie sehr ihr Knöchel auch angeblich schmerzte, Charlie blieb Charlie. Sie versuchte sogar, mit Tanja zu flirten.

Das machte sie ganz automatisch, und wahrscheinlich trug jetzt auch der Whiskey dazu bei, dass sie die Melancholie, die die Beerdigung in ihr hervorgerufen hatte, nicht mehr so spürte. Sofort kehrten ihre alten Gewohnheiten zurück.

»Weil ich sie vergessen habe. Und weil ich dachte, dass du vernünftiger bist. Erwachsen.« Verärgert griff Tanja nach der Flasche und stellte sie ins Regal zurück.

»Oh, so streng, Frau Doktor?« Charlie lächelte sie verführerisch an.

»Hör auf, Charlie! Das zieht nicht mehr bei mir. Und außerdem haben wir gerade eben deine Frau beerdigt!« Tanja drehte die Tüte aus der Apotheke um und verteilte alles auf dem Tisch. »Ich habe ein paar Sachen besorgt. Der Knöchel sollte auf jeden Fall noch geröntgt werden, aber so angeschwollen, wie er jetzt ist, bringt das sowieso nicht viel. Und gebrochen ist nichts. Also können wir damit auch noch ein paar Tage warten. Aber gestützt werden muss das Ganze, deshalb habe ich alles dafür mitgebracht.«

Während sie sprach, wunderte sie sich nicht, dass Charlie nicht antwortete, aber nun doch. Als sie Charlie anschaute, sah sie, dass der fröhliche Ausdruck, mit dem Charlie sie bei ihrer Rückkehr begrüßt hatte, aus ihren Augen verschwunden war.

»Es tut mir leid, Tina«, sagte sie.

»Tanja«, korrigierte Tanja sie. »Ich heiße Tanja, nicht Tina. Auch wenn das ähnlich klingt.«

»Tut mir leid«, sagte Charlie noch einmal. »Und diesmal meine ich wirklich dich. Du hast recht. Ich hätte den Whiskey nicht trinken sollen. Zusammen mit den Tabletten hat der mich richtig high gemacht.«

»Schmerzen hattest du keine, oder?«, fragte Tanja, während sie die Bandage auspackte. »Das war nur mal wieder eine deiner Lügen.«

Dazu sagte Charlie erst einmal nichts. Erst als Tanja ihren Fuß nahm, den Eisbeutel entfernte und die Bandage anlegte, kam die Antwort. »Du kennst mich viel zu gut«, bemerkte sie leise. »Das hatte ich fast schon vergessen.«

»Ich auch.« Tanja schnürte die Bandage zu und sicherte die Verschnürung dann mit den daneben angebrachten Klettbändern. »So, das sollte erst einmal reichen. Nicht auftreten, wenn du es nicht musst. Ich habe dir Krücken mitgebracht.« Sie legte die Krücken neben Charlie auf den Tisch. »Du bist stark genug. Du kannst dich damit überall hinschwingen.«

»So wacklig, wie ich mich im Moment fühle, würde ich eigentlich nicht gern versuchen, mich irgendwo hinzuschwingen«, meinte Charlie mit zweifelnd verzogenem Gesicht.

»Alkohol und Tabletten. Das wird vergehen.« Tanja richtete sich auf und räumte die Sachen auf dem Tisch zusammen. »Das Krankenhaus ersetzt das nicht, aber fürs Erste hast du alles, was du brauchst. Etwas anderes hätte ich dort auch nicht gemacht. Aber ich sollte dich jetzt einweisen.«

»Muss das sein?«, fragte Charlie. »Eigentlich geht es mir doch gut. Es ist nichts gebrochen, sagtest du doch. Und ich habe hier alles, was ich brauche.«

»Bis auf jemanden, der dich versorgt«, sagte Tanja. »Du kannst hier nicht alleinbleiben.« Sie blickte zur Tür, als müsste dort gleich jemand hereinkommen. »Oder erwartest du jemanden?«

»Direkt nach Tinas Beerdigung? Das traust du mir zu?« Charlies Stimme klang tatsächlich entgeistert.

»Ich traue dir alles zu«, gab Tanja trocken zurück. »In der Beziehung sowieso.«

»Kannst du nicht hierbleiben?«, fragte Charlie. »Oder wartet zu Hause jemand auf dich?«

Es wäre ein Leichtes gewesen, jetzt irgendetwas zu erfinden. Charlie wusste nichts mehr von ihr, Tanja hätte ihr das Blaue vom Himmel herunterlügen können. Aber auch wenn sie es gern getan hätte, es lag nicht so richtig in ihrer Natur zu lügen, und selbst wenn sie es versuchte, sah man es ihr sofort an.

Also sagte sie: »Nein, da wartet niemand auf mich. Ich hatte mal überlegt, mir eine Katze zuzulegen, aber die wäre auch zu viel allein bei meinen langen Schichten.«

»Aber trotzdem fändest du dieses einsame Zuhause immer noch besser, als hier bei mir zu bleiben«, stellte Charlie fest. »Das spricht Bände.«

Hohl lachte Tanja auf. »Die du geschrieben hast. Und ich kann sie leider nicht verbrennen.«

»Vergessen meinst du.« Charlie nickte. »Ich verstehe.«

»Dein Gedächtnis ist nicht so gut, ich weiß.« Tanja wandte sich halb ab. »Sei froh, dass es so ist.«

»Vielleicht«, sagte Charlie langsam, »ist es nicht mehr so.«

Der Tonfall in ihrer Stimme überraschte Tanja so sehr, dass sie sich wieder zu ihr umdrehte.

Charlie sah sie an, und das Hochgefühl, das Alkohol und Tabletten in ihr hervorgerufen hatten, war nicht mehr zu erkennen. Sie sah jetzt tatsächlich so aus, als hätte sie Schmerzen.

»Was soll das heißen?«, fragte Tanja. »Dass du jetzt plötzlich ein Gewissen hast? Seit wann?«

»Seit . . .« Charlie schluckte. »Seit Tina gestorben ist. Oder eigentlich schon davor. Weil Tina . . . Tina war . . .« Sie brach ab.

Tanja durchrieselte ein merkwürdiges Gefühl. Es durchrieselte sie wirklich. Es kribbelte nicht, kitzelte nicht, zog sich nicht zusammen, es rieselte. Wie Sand in einer Eieruhr, die unten immer voller wurde und oben immer leerer. Ganz langsam und gleichmäßig. Ihr Kopf war auf einmal so leer, als könnte sie Zimmer darin vermieten.

»Sie war etwas ganz Besonderes«, setzte Charlie plötzlich fort.

In Tanja rührte sich etwas. Als ob jemand die Eieruhr umgedreht hätte. »Sie hatte so viel Geld, dass sie schon dadurch etwas Besonderes war«, sagte sie. »Genauso wie du.«

Schleppend schüttelte Charlie den Kopf. »Das war es nicht. Du hast sie doch gekannt, hast sie gesehen, sie behandelt, mit ihr gesprochen. An Geld lag ihr gar nichts.«

Auch wenn sie darüber nicht gesprochen hatten, aber Tanja wusste, dass Charlie recht hatte. Bettina Hersbach war zufällig reich gewesen, aber sie hatte sich nicht so verhalten. Niemand, der es nicht wusste, hätte eine reiche Erbin in ihr vermutet. Sie hatte sich immer ganz normal benommen. Mehr als normal. Sehr, sehr weich und nachgiebig, eher um andere besorgt als um sich selbst.

Jetzt schluckte sie. »Ja, das stimmt wohl«, sagte sie. »Sonst hätte sie es nicht so leichtfertig dir überlassen.«

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Charlies Mundwinkel. »Du und Tina . . . Ihr seid euch in gewisser Weise ähnlich. Du lebst dafür, deinen Patienten helfen zu können. Sie lebte dafür, alten Bildern helfen zu können.« Unbewusst versuchte sie, den Fuß mit der Bandage zu bewegen, und verzog das Gesicht. »In anderer Hinsicht wieder nicht. Sie hätte nie so mit mir gesprochen, wie du es jetzt tust.«

Tanja zuckte die Schultern. »Du hast ihr keinen Anlass dafür gegeben. Du hast sie nicht von einer Minute auf die andere verlassen.« Sie holte tief Luft, um ihre aufkommenden Gefühle im Zaum zu halten. »Du hattest keinen Grund dazu. Oder keine Zeit mehr. Sie ist vorher gestorben.« Entschlossen schüttelte sie den Kopf. »Nein, du hattest keinen Grund. Selbst wenn sie dir einen gegeben hätte, hättest du sie nicht verlassen. Du wolltest ja ihr Geld.«

»Oh mein Gott.« Diese Art Ausruf hatte Tanja noch nie von Charlie gehört. Jedenfalls nicht in einer Situation wie dieser.

»Ich sage nur die Wahrheit«, stellte sie fest. »Stört dich das?«

Wieder bewegte Charlies Kopf sich wie im Schneckentempo hin und her. »Nein. Das stört mich nicht. Das ist auch etwas, das Tina und du . . . gemeinsam habt. Sie konnte nicht lügen, und du kannst es auch nicht.«

»Warum sollte man auch lügen?«, fragte Tanja. »Ist die Wahrheit nicht immer der beste Weg?«

Es schien fast, als wollte Charlie lachen. »Wie selbstverständlich das für dich ist. Wie selbstverständlich du das sagst. Genauso, wie sie es gesagt hätte.«

»Willst du mich jetzt für den Rest deines Lebens mit ihr vergleichen?« Nun war Tanja doch etwas konsterniert. »Suchst du einen Ersatz?«

»Klingt es so?« Mit einer Hand fuhr Charlie sich durch die Haare. Dann holte sie tief Luft. »Vielleicht hast du damit nicht einmal so unrecht.«

»Ach?« Ungläubig lachte Tanja auf. »Du gibst das sogar zu? Soll das jetzt ein Kompliment für mich sein?«

»Du siehst das im Moment vielleicht nicht so, aber es wäre für jeden ein Kompliment, mit Tina verglichen zu werden. Mit ihr auf eine Stufe gestellt zu werden.« Mit einem müden Seufzer lehnte Charlie sich auf der Couch zurück, ließ ihren Kopf schwer auf der Armlehne niedersinken. »Sie war einfach perfekt.«

»Gut, dass du sie wenigstens noch geschätzt hast zum Schluss. Und nicht nur die Zahlen auf ihrem Bankkonto«, gab Tanja bissig zurück. »Aber wenn du meinst, ich würde mich jetzt hier als ihre Nachfolgerin präsentieren, wenn du meinst, du könntest einfach da weitermachen, wo du mich hast sitzenlassen, dann irrst du dich. Ich bin kein Ersatz, und das werde ich auch nie sein!«

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9783956093302
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