Читать книгу: «Vollrausch»

Katherine V. Forrest
Vollrausch
Kate Delafields 8. Fall
Deutsch von Sonja Finck
Ariadne Krimi 1155
Argument Verlag
Ariadne Krimis
Herausgegeben von Else Laudan
www.ariadnekrimis.de
Romane mit Detective Kate Delafield:
1. Fall: Amateure (Ariadne Krimi 1015)
2. Fall: Die Tote hinter der Nightwood Bar (Ariadne Krimi 1007)
3. Fall: Beverly Malibu (Ariadne Krimi 1029)
4. Fall: Tradition (Ariadne Krimi 1037)
5. Fall: Treffpunkt Washington (Ariadne Krimi 1107)
6. Fall: Kreuzfeuer (Ariadne Krimi 1113)
7. Fall: Knochenjob (Ariadne Krimi 1125)
8. Fall: Vollrausch (Ariadne Krimi 1155)
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
Hancock Park
© 2004 by Katherine V. Forrest
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2005
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-8675-4896-0
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
Danksagung
Für Jo
1. Kapitel
In einem Saal im dritten Stock des Justizgebäudes von Downtown Los Angeles befahl Richter Jackson Terrell: »Rufen Sie Ihren nächsten Zeugen auf.«
»Die Anklage ruft Detective Kate Delafield in den Zeugenstand«, antwortete Alicia Marquez, die Vertreterin der Anklage.
Der Gerichtsdiener hielt ihr das Tor auf, und Kate betrat den Innenbereich, wo eine rundliche blonde Schriftführerin sie zügig vereidigte. Dann trat Kate in den Zeugenstand und ließ sich auf dem schmucklosen Lederstuhl nieder. Nachdem sie vorschriftgemäß ihren Namen angegeben und buchstabiert hatte, stellte sie ihre Umhängetasche ab, strich sich das Jackett glatt, legte ihre Mappe mit den Notizen auf die Balustrade und justierte das Mikrofon.
Sie setzte eine betont höfliche Miene auf und blickte Richter Jackson Terrell in die Augen, während dieser ausdruckslos über seine randlose Brille linste. Der Richter war Afroamerikaner, hatte ein schmales Gesicht und herrschte mit eiserner Faust über seinen Gerichtssaal, was ihm den Ruf von gewissenhafter, humorloser Kompetenz eingebracht hatte. Kate warf den Geschworenen einen flüchtigen, nichtssagenden Blick zu. Sie war darauf bedacht, den Eindruck zu vermeiden, sie wolle sich bei ihnen einschmeicheln. Wie üblich unterschieden sich die Geschworenen hinsichtlich Geschlecht, Alter und ethnischer Herkunft, jedoch zeugte ihre Kleidung von einem relativ hohen Durchschnittseinkommen. Das war eher ungewöhnlich, da die Krise der amerikanischen Wirtschaft inzwischen auch die Chefetagen erreicht hatte. Die Geschworenen musterten Kate ungeniert, was ihr gutes Recht war. Sie spürte ihre stechenden Blicke, ohne hinzusehen.
Kate war angespannt, nicht so sehr wegen Aimee, die weder zurück nach Hause gekommen war, noch angerufen hatte. Es blieb ihr sowieso nichts anderes übrig, als sich dieser Sorge später zu widmen. Obwohl sie häufig als Zeugin aussagte, hatte sie die Ehrfurcht vor dem Gericht nie verloren. Genauso wenig wie die Hochachtung vor dem Richter in seiner schwarzen Robe und den uniformierten Gerichtsdienern, der düsteren Feierlichkeit des Verfahrens, der kargen Eleganz der hölzernen Wände, Tische und Bänke und dem kalifornischen Wappen an der Wand über dem Richterpult, zwischen der Bundes- und der Staatsflagge. Mut machte ihr nur die Gewissheit, dass sie nach zahllosen Auftritten vor Gericht gelernt hatte, wie sie sich am besten präsentierte. Wie sie den Eindruck selbstsicherer Gelassenheit, Kompetenz und Glaubwürdigkeit erweckte, nicht nur gegenüber den Geschworenen, sondern, ebenso wichtig, auch gegenüber den Richtern, Anwälten, Schriftführern und Gerichtsdienern.
Wenn sie vor Gericht auftrat, legte sie sehr viel Wert auf ihr Äußeres und entschied sich meist für schlichte schwarze oder dunkelblaue Jacketts und Anzughosen, kombiniert mit einem schlichten Shirt oder einem Rollkragenpulli; kein Hemd, dessen Kragen sie zurechtzupfen musste, keine Armbanduhr, auf die sie einen unwillkürlichen Blick werfen konnte, als Zeichen von Ungeduld oder Angst, kein Schmuck, an dem sie herumfummeln konnte, was als Nervosität interpretiert werden würde. Lange schon hatte sie es aufgegeben, ihr Haar bändigen zu wollen. Es war inzwischen nicht mehr dunkel, sondern hellgrau, ließ sich aber keinen Deut besser kämmen. Also bürstete sie es morgens nur kurz und ließ es ansonsten so, wie es gerade fiel. Ab und zu strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, aber nur ganz selten fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar, wie Aimee es ständig tat. Im Zeugenstand vermied sie jede überflüssige Bewegung und unterwarf ihre Mimik und Gestik einer strengen Kontrolle, um den anderen Zeugen, dem Angeklagten, den Verteidigern und Geschworenen so wenig wie möglich über ihren Gefühlszustand zu verraten.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit Staatsanwältin Alicia Marquez zu, die neben dem Rednerpult stand und gemächlich ihre Notizen ordnete. Drei gelbe Spiralblöcke waren mit unzähligen Post-it-Zetteln in allen möglichen Farben übersät, die oben und unten und seitlich überstanden, zudem waren mehrere weiße Blätter zwischen die Seiten des Blocks geschoben. Kate fand ihre organisatorischen Gewohnheiten alles andere als beeindruckend. Und hatte ernste Bedenken, was ihre Fähigkeiten anging.
Dennoch machte Marquez einen guten Eindruck; sie hatte eine sportliche Figur, lebhafte dunkle Augen, volle Lippen und war eher konservativ gekleidet. Heute trug sie ein dunkelbraunes Kostüm, eine beigefarbene Seidenbluse und Schuhe mit Keilabsatz. Kate vermutete, dass ein beträchtlicher Teil von Marquez’ Einkommen dafür draufging, ihre schicke Frisur zu finanzieren. Ihre Haare schimmerten tiefbraun wie Eschenholz und umrahmten, schlicht gescheitelt, ihre goldbraune Haut in einer sanften Welle.
In einer Stadt, in der der Einfluss der hispanischen Gemeinschaft immer größer wurde, konnte sie sich als Latina der fünften Generation ihrer Karriere gewiss sein. Man tuschelte, sie habe länger als üblich dafür gebraucht, zur Verantwortlichen für Drogenmorde und Kapitalverbrechen befördert zu werden, und ihre Erfolgsrate als Klägerin war lediglich durchschnittlich. Dies war ihr erster großer Fall, und er kam einem Durchbruch gleich, da der Prozess immerhin eine gewisse Resonanz haben würde – was bedeutete, dass er es wahrscheinlich auf Seite drei des kalifornischen Teils der L.A. Times schaffte. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft war der Verteidiger kein ernst zu nehmender Gegner, und die Ermittlungsergebnisse und Vorarbeiten für den Prozess waren gut dokumentiert. Zudem mussten die Anklagevertreter mit Kate als Ermittlungsleiterin keine bösen Überraschungen befürchten, wie unvorhergesehene Enthüllungen mitten in der Verhandlung.
Obwohl sie sich bei den Arbeitstreffen mit Marquez bemüht hatte, eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen, wurde Kate irgendwie nicht richtig warm mit ihr. Sie wusste, dass Marquez geschieden war, zwei Söhne im Teenager-Alter hatte und ihre relativ erfolgreiche Karriere harter Arbeit und unermüdlicher Entschlossenheit verdankte. Kate bewunderte ihr seriöses Auftreten, ihren Ehrgeiz und Einsatz. Aber hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, ihr fehle es an Phantasie und taktischem Gespür – eindeutige Defizite in einem Mordfall.
Noch vor Verhandlungsbeginn hatten sich Kates Befürchtungen hinsichtlich Marquez’ Fähigkeiten bestätigt. Vor drei Wochen hatte Gregory Quantrill, ein renommierter Anwalt, der sich inzwischen landesweit einen Namen machte, den ursprünglichen Verteidiger abgelöst. Quantrill hatte keine Vertagung beantragt und ergötzte sich augenscheinlich daran, dass die Staatsanwaltschaft ihr eigenes Team nun nicht mehr umbesetzen konnte. Kate war schon lange klar, dass ein Gerichtssaal nichts anderes war als ein Theater. Sie musste ihre Rolle als Nebenfigur in einer Live-Aufführung spielen, deren Hauptdarstellerin nicht besonders talentiert war und die mit ihrer mangelhaften Bühnenpräsenz das ganze Stück zum Scheitern bringen konnte, egal wie gut Kate selbst war. Dieser Fall stand auf der Kippe, sein Ausgang war ungewiss.
»Detective Delafield«, begann Marquez mit klarer Stimme, die auch noch im hintersten Winkel des Gerichtssaals deutlich zu hören war, »wie lange arbeiten Sie schon für das Los Angeles Police Department?«
»Seit neunzehnhundertzweiundsiebzig«, antwortete sie fest.
Marquez blätterte in ihren Unterlagen eine Seite vor, als suchte sie nach einer bestimmten Notiz, dann wieder zurück, eine altbekannte Taktik im Gerichtssaal: Sie ließ den Geschworenen Zeit, im Kopf nachzurechnen, damit die beeindruckenden drei Jahrzehnte Polizeidienst sich ihnen einprägten. Kate nutzte die Gelegenheit, zum Tisch der Verteidigung hinüberzusehen. Ihr Blick begegnete kaffeeschwarzen Augen – Gregory Quantrill fixierte sie eindringlich, nagelte sie regelrecht an die Rückenlehne ihres Stuhls. Er lächelte ihr siegesgewiss und irgendwie gönnerhaft zu, als wüsste er von ihrem Pessimismus in Bezug auf Marquez und teilte ihre Einschätzung. Sie hielt Quantrills Blick stand. Er sollte ja nicht glauben, er könne ihr imponieren oder sie gar einschüchtern.
Marquez fragte: »Und in welcher Abteilung arbeiten Sie?«
»In der Mordkommission des Polizeireviers von Wilshire.«
»Wie lange arbeiten Sie schon für die Mordkommission?«
»Seit zwanzig Jahren.«
Wieder legte Marquez eine kurze Pause ein, und Kate wandte ihre Aufmerksamkeit dem Angeklagten zu, der neben Quantrill saß. Er trug einen angemessen eleganten dunkelgrünen Anzug, Hemd und Krawatte in hellerem Grün und lauschte aufmerksam, wobei er nicht sie ansah, sondern auf einen Punkt irgendwo zwischen ihr und der Geschworenenbank starrte. Seine beherrschte Körpersprache stand im krassen Widerspruch zu Kates letzter Erfahrung mit ihm, seiner Verhaftung, was nur heißen konnte, dass sein Verteidiger das Auftreten im Gerichtssaal gründlich mit ihm einstudiert hatte.
Marquez fragte: »Welchen Rang bekleiden Sie unter den Detectives der Mordkommission?«
»Rang drei, das ist der höchste auf meiner Stufe.«
Sie ließ ihren Blick durch den Gerichtssaal schweifen. Jetzt, da Quantrill den Fall übernommen hatte, fand er mehr Beachtung, aber an diesem dritten Verhandlungstag waren die Besucherbänke nur spärlich besetzt, hauptsächlich mit den Freunden und Angehörigen des Opfers und des Angeklagten. Der Sohn und die Tochter, Allan und Lisa Talbot, waren anwesend; Rikki, die andere Tochter, würde später kommen. Corey Lanier, die Polizeireporterin der L.A. Times, saß allein auf der hintersten Bank, den Kopf über ein Notebook gebeugt. Lanier war bereits bei den Eröffnungsplädoyers hier gewesen, als Marquez eine Kurzfassung ihrer Beweisführung geliefert hatte, warum also sollte die Reporterin Kates Aussage hören wollen, in der jedes Detail noch einmal lang und breit durchgekaut wurde?
Marquez hatte ihre Eröffnung relativ kurz gehalten; ihre Strategie baute darauf, dass den Geschworenen vor Prozessbeginn relativ wenige Informationen zur Verfügung gestanden hatten, so dass die Beweise, die sie dem Gericht vorlegen wollte, ihre geballte Wirkung entfalten konnten, vor allem, wenn sie von einem überzeugenden Abschlussplädoyer gekrönt wurden. Quantrill hatte sich noch kürzer gefasst als die Staatsanwältin und die schillernde Metapher bedient, die Anklage sei nichts als ein fadenscheiniges Taschentuch aus unbeweisbaren Spekulationen, das bei einem einzigen kräftigen Niesen in der Mitte durchreißen würde.
Der Grund für Laniers Anwesenheit musste Gregory Quantrill sein. Obwohl Kate vorbereitet war, und sie war gründlich vorbereitet – auch wenn Aimees irritierendes Verhalten keine große Hilfe gewesen war –, würde es verflixt schwer werden, seinem Kreuzverhör standzuhalten. Eine Mordklage ohne Geständnis war eine harte Nuss – und die Glaubwürdigkeit der Ermittler anzugreifen war die Lieblingsbeschäftigung von Strafverteidigern. Die Gegenseite würde sich darauf konzentrieren, mit abgedroschenen juristischen Manövern die Fähigkeiten des Verteidigers in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen, eine Strategie, die Strafverteidigern Zehntausende von Dollars einbrachte; die Verteidigung in einem Mordfall kostete eine schöne Stange Geld. Corey Lanier war nur aus einem Grund hier: Sie witterte ein Gerichtsdrama, also eine Story. Das Kreuzverhör der leitenden Kriminalpolizistin würde zeigen, ob die Story etwas taugte …
Marquez fragte: »In wie vielen Fällen haben Sie, grob geschätzt, ermittelt im Laufe Ihrer –«
»Euer Ehren«, fiel Quantrill ihr ins Wort. Er erhob sich und präsentierte seine stattliche Größe von eins neunzig. »Die Verteidigung erklärt sich dazu bereit, der Qualifikation und Berufserfahrung des Detectives uneingeschränkt Glauben zu schenken, so dass wir diesen Teil der Aussage überspringen können.«
Richter Terrell hob seine bleistiftdünnen Augenbrauen und wartete auf Marquez’ Reaktion, doch diese warf Kate lediglich einen verwirrten Blick zu. Ungläubig erwiderte Kate den Blick. War ihr plötzlich das kleine Einmaleins ihres Jurastudiums entfallen? Sie erwog doch nicht ernsthaft –
»Euer Ehren«, sagte Marquez mit einem Kopfschütteln, als wäre ihr die passende Erwiderung in letzter Sekunde in den Sinn gekommen, »wir lassen uns auf keine solche Abmachung ein. Die Geschworenen sollen hören, welche Qualifikationen Detective Delafield hat und –«
»Fahren Sie fort«, sagte Terrell kurz angebunden. Quantrill nahm wieder Platz und schenkte den Geschworenen ein entschuldigendes Lächeln, das zu sagen schien: Ich habe mein Bestes gegeben, um Ihnen dieses langweilige Gewäsch zu ersparen.
»Ich war während dieser Zeit an zweihundertfünfzig Untersuchungen beteiligt«, antwortete Kate und versuchte angestrengt, ihre Wut zu verbergen. Aus der Heerschar von Staatsanwälten, die für die Stadt arbeiteten, musste sie ausgerechnet dieses Exemplar abbekommen. Eine Staatsanwältin wie Linda Foster wäre in die Luft gegangen, hätte Quantrill beschuldigt, die Darstellung von Kates Referenzen zu sabotieren – unerlässlich für die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage –, und zwar so lange, bis der Richter sie zur Ordnung gerufen hätte.
Zur Beruhigung atmete Kate ein paarmal tief durch und beantwortete eine schier endlose Serie von Fragen zu ihrer Stellung als Rang-drei-Detective und Leiterin der Mordkommission und schließlich zu ihrer Funktion als Ausbilderin für andere Mordermittler. Die ganze Zeit wurmte sie, wie sehr sich Marquez von Quantrill ins Bockshorn hatte jagen lassen.
Es war kein Geheimnis, dass Quantrills Mandanten ausnahmslos steinreich waren. Sein erster bedeutender Fall, bei dem Unsummen von Geld flossen, war die Verteidigung eines Ölmagnaten aus Oklahoma namens Damian Winfield gewesen, angeklagt wegen Mordes und Verabredung zum Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber. Als Nächstes prozessierte er gegen zwei Boulevardblätter wegen Verleumdung von Winfield und ging damit durch alle Instanzen. Anschließend ließ er von einem Ghostwriter einen Bestseller über den Fall schreiben. Der sich ewig hinziehende Prozess war im Gerichtskanal übertragen worden, und die Fernsehreporter hatten Quantrill mit ihrem Speichellecker-Lobgesang auf sein eloquent geführtes, gnadenloses Kreuzverhör, seine Ausstrahlung und sein Charisma zu einem Star gemacht. Über den aktuellen Prozess berichteten sie nur deshalb nicht, weil ihr eilig eingereichter Antrag auf die Übertragungsrechte abgelehnt worden war. In einer Stadt, in der die Nachwirkungen des O.J.-Simpson-Falls noch immer die Atmosphäre in den Strafverfolgungsbehörden vergifteten, standen die meisten Richter Fernsehübertragungen von Prozessen unverhohlen feindselig gegenüber.
Seit Gregory Quantrill diesen Fall übernommen hatte, gab er sich vollkommen siegessicher. Was schlimmstenfalls hieß, dass er etwas wusste, von dem Kate keinen blassen Schimmer hatte. Oder aber, was noch viel wahrscheinlicher war, dass er in den ihm vorgelegten Unterlagen oder bei seinen eigenen Ermittlungen etwas herausgefunden hatte, was berechtigte Zweifel an ihrer Version des Tathergangs zuließ. Und er würde der Jury dieses Bonbon mit Sicherheit nicht vorenthalten. Er musste ja nicht wie Marquez alle zwölf Geschworenen von der Schuld des Angeklagten überzeugen, unter Ausschluss jeden berechtigten Zweifels. Falls Quantrill nicht alle zwölf Jurymitglieder zu einem Freispruch bewegen konnte, genügte es, nur einen einzigen Geschworenen auf seine Seite zu ziehen. Das wäre eine Pattsituation, die wie ein Sieg der Verteidigung interpretiert werden würde. Jedenfalls von allen außer dem Angeklagten und der Familie des Mordopfers, die in einem Berufungsverfahren die ganze quälende Prozedur ein weiteres Mal durchstehen mussten.
Bisher hatten die ersten Zeugen der Anklage ausgesagt, unter anderem die Bereitschaftspolizisten, die als Erste am Tatort eingetroffen waren, und Quantrill beschränkte sich auf ein paar höfliche Nachfragen zu Fundort, Zustand und Position der Leiche. Er hatte noch keine einzige angriffslustige Frage gestellt.
Marquez kam zum Kern der Sache. »Wurden Sie am neunundzwanzigsten Mai des vergangenen Jahres während Ihrer Dienstzeit zu einer Adresse in der Oakview Road gerufen?«
»Das wurde ich.«
»Liegt diese Adresse in Hancock Park?«
»Richtig.«
»Handelt es sich Ihrer Einschätzung nach um eine eher wohlhabende Gegend?«
Kate war klar, dass Marquez den Geschworenen mit dieser Frage vor Augen führen wollte, wie vermögend der Angeklagte war und dass er sich einen Star-Anwalt leisten konnte.
»Es ist eine wohlhabende Gegend.«
»Um wie viel Uhr kamen Sie am Tatort an?«
»Gegen Viertel nach acht Uhr morgens.« Ihr Tatort-Bericht lag ganz oben auf dem Stapel Unterlagen in ihrer Mappe, falls sie um Erlaubnis bitten musste, ihn zu konsultieren.
»Kamen Sie vom Revier?«
»Ich war gerade auf dem Weg dorthin. Ich erhielt eine Nachricht auf meinem Mobiltelefon und fuhr direkt zum Tatort. Dort traf ich Detective Joseph Cameron, der gerade vom Revier kam.«
»Detective Cameron war Ihr Partner?«
»Er war und ist mein Partner.«
»Wie lange arbeiten Sie schon zusammen?«
»Seit drei Jahren.«
»War er vor Ihnen am Tatort?«
»Wir trafen gleichzeitig dort ein.«
»Schildern Sie bitte, was Sie bei Ihrer Ankunft sahen.«
»Die Kollegen von der Streifenpolizei hatten den Tatort bereits abgesperrt –«
»Sie meinen, mit Absperrband?«
»Ja. Und sie hatten alles andere zur Sicherung des Tatorts in die Wege geleitet.«
Die goldene Regel im Zeugenstand lautete, sich kurz zu fassen. Das erforderte konkrete Fragen, die eine knappe Antwort ermöglichten. Aber Marquez schien offene Fragen zu bevorzugen, deren Antworten sie abwürgen konnte. Also beschränkte Kate sich darauf, die Antworten für die Geschworenen so einfach und klar wie möglich zu halten, und ansonsten ihre Reaktionen zu beobachten. Vor allem die von Nummer drei, einem grauhaarigen Mann in einem blauen Polohemd, das über dem Bauch spannte; er schenkte ihr ein leichtes, anerkennendes Lächeln. Sie redete weiter: »Sergeant Fred Hansen leitete die –«
»Haben Sie schon öfter mit ihm zusammengearbeitet?«
»Viele Male. Seit Jahren.« Als Marquez nicht nachhakte, fuhr sie fort: »Officer Dane Garrett schrieb den Tatort-Bericht und vermerkte jeden, der den Tatort betrat, auf einer Liste.«
Während die minutiöse Befragung ihren Lauf nahm, stiegen die Erinnerungen an jenen Morgen in ihr hoch.
2. Kapitel
Sie hatte ihren Saturn hinter dem Streifenwagen geparkt, mit dem Joe Cameron gekommen war – ein schwarz-weißes Polizeifahrzeug ohne Blaulichtbalken. Er wühlte gerade im Kofferraum, wahrscheinlich suchte er nach Latexhandschuhen und Beuteln für die Beweismittel. Bereits voll darauf konzentriert, den Tatort in Augenschein zu nehmen, erwiderte Kate abwesend seinen Gruß und notierte sich das Datum, 29. Mai, die Uhrzeit, 8:15 Uhr, sowie die Temperatur, schätzungsweise zwanzig Grad. Das Wetter war ungewöhnlich schön: Sanftes Sonnenlicht durchbrach die graue Dunstwolke, die im Mai und Juni normalerweise bis zum späten Nachmittag über der Stadt hing, und fiel durch das Laub der Eichen und Platanen, die rechts und links der Straße Schatten spendeten.
Sie betrat den von Streifenpolizisten abgesperrten Bereich. Es schien ein Kinderspiel, diesen Tatort zu sichern. Das gelbe Absperrband, das auf ein Verbrechen hinwies, wirkte völlig fehl am Platz. Das Grundstück lag an einer ruhigen Kreuzung und war zur Straße hin gut abgeschirmt: durch eine hohe, akkurat getrimmte Hecke und ein schmiedeeisernes Tor. Die Hecke, registrierte Kate, war dicht genug, um als Versteck für einen Angreifer zu dienen. Die Officer Felix Albedo und Rob Finch hielten auf dem Bürgersteig Wache, während die Schaulustigen, ein Grüppchen von zwanzig bis dreißig Leuten, respektvoll schweigend auf der anderen Straßenseite ausharrten. Cameron schloss zu ihr auf, gerade als ein Channel-Seven-Übertragungswagen um die Ecke bog, gefolgt von dem von Channel Nine. Wie immer hatten die Medien den Polizeifunk abgehört.
Albedo öffnete ihnen das Tor zu einem gepflasterten Weg. Die großen, ebenen Steinplatten waren verwittert und von der Sonne zu einem hellen Orange gebleicht worden. Der Weg schlängelte sich über einen tadellos grünen Rasen zu dem bogenförmigen Eingang eines hübschen, beige verputzten zweistöckigen Hauses im traditionellen spanischen Stil. Ein paar Königinpalmen sorgten für wohltuenden Schatten. Beete mit üppigen weißen, gelben und orangefarbenen Margeriten säumten die Grundstücksgrenze zur Straße hin. Das Haus war nicht annähernd so groß und eindrucksvoll wie manch andere in dieser Gegend, erhabene Bauten in mediterraner, kolonialer, klassizistischer oder Tudor-Architektur, aber es war auf eine schlichte Art ansprechend, die Kate gefiel: Qualität statt Quantität.
Es kam selten vor, dass sie dienstlich in Hancock Park zu tun hatte. In Los Angeles wurden die Wohngegenden mit jeder Meile, die man von Osten nach Westen fuhr, reicher. Dieses Stadtviertel, das von der La Brea Avenue, dem Wilton Place, der Melrose Avenue und dem Olympic Boulevard begrenzt wurde, war die Ausnahme von der Regel – eine Enklave des Wohlstandes umgeben vom lärmenden Treiben und den ethnischen Konflikten Koreatowns ganz im Westen Hollywoods und dem ironischerweise Miracle Mile, Wundermeile, genannten Teil des Wilshire Boulevards. In den vierziger und fünfziger Jahren hatte die Miracle Mile ihre Blütezeit erlebt, aber jetzt gab es dort abgesehen von der Museumszeile nichts Interessantes mehr zu sehen. Wenn jemand aus Hancock Park bei der Polizei anrief, wurde meist ein Einbruch oder Autodiebstahl gemeldet, und wenn es mal um einen Todesfall ging, hatte er eine natürliche Ursache oder war ein Unfall oder Selbstmord. Die soziale Landschaft im Einzugsbereich des Reviers von Wilshire war äußerst vielseitig. Der nordöstliche Quadrant, in dem Hancock Park lag, war das exakte Gegenteil des südwestlichen Abschnitts, der von Armut und Gewalt geprägt war und in dem die Latino-Gang der 18th Street und ihr afroamerikanisches Pendant, die Geer Street Crips, ihr Unwesen trieben. In Hancock Park hingegen gab es den vornehmen Wilshire Country Club und die Villa des kanadischen Generalkonsulats. Das Viertel war in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts entstanden, und hier residierten altes Geld, ehrwürdige Eleganz und vor allem jede Menge Klassenbewusstsein.
Und dennoch hatte es auch in der Geschichte dieses Stadtteils kontroverse Auseinandersetzungen gegeben, wie Kate wusste. In den späten Vierzigern wurde Hancock Park zu einer Fußnote in der Geschichte der Integration, als der berühmte und vermögende Sänger Nat »King« Cole dorthin zog und von einem brennenden Kreuz in seinem Vorgarten willkommen geheißen wurde. Ungefähr eine Generation später tauchte ein sehr viel protzigerer neuer Nachbar auf der Bildfläche auf: der Box-Weltmeister und Vietnam-Kriegsdienstverweigerer Muhammad Ali. Der nächste bekannte zugezogene Afroamerikaner war ruhig, ehrwürdig und besaß tadellose Referenzen. Es handelte sich um Tom Bradley, den ersten schwarzen Polizeichef von Los Angeles, der später zum Bürgermeister gewählt wurde und ins Getty House zog, den offiziellen Wohnsitz des Stadtoberhaupts.
Sergeant Fred Hansen stand unter der bogenförmigen Eingangstür, eine Hand auf dem Halfter. Kate nickte ihm und Officer Dane Garrett zu, der neben Hansen stand. »Fred, schön, dich zu sehen.« Sie nahm Garretts Clipbord, trug sich in die Liste ein und reichte es an Cameron weiter. Ihre freundliche Begrüßung kam von Herzen. Nach all den Jahren wusste sie Hansens Zuverlässigkeit und Kompetenz am Tatort zu schätzen, die auch an den vier Schulterabzeichen für zwanzig mustergültige Dienstjahre bei der Polizei abzulesen waren.
»Kate, Joe«, grüßte Hansen sie und kam wie immer gleich zur Sache. Er las von seinem Clipbord ab: »Das Opfer liegt im hinteren Schlafzimmer. Weiblich. Victoria Talbot.« Er hob den Blick und wies mit dem Kopf nach drinnen. »Kein schöner Anblick.«
Kate atmete scharf ein. Wenn Hansen den Tatort eines Mordes mit den Worten »kein schöner Anblick« beschrieb, musste sie sich auf einiges gefasst machen.
»Dreiundfünfzig Jahre alt«, fügte Hansen hinzu. Sein Tonfall ließ sie von ihrem Notizbuch aufsehen, und sie tauschten einen kurzen einvernehmlichen Blick. Einem Menschen im fortgeschrittenen Alter – und dazu zählten sie beide – war wertvolle verbleibende Lebenszeit geraubt worden. »Schüsse in Kopf und Rücken. Bisher keine Tatwaffe.«
Also hatte dieser Tod weder eine natürliche Ursache, noch war es ein Unfall. Ihr erster Mord in Hancock Park.
»Wer hat die Meldung gemacht?«, fragte Cameron unbefangen, während er fleißig in sein Notizbuch kritzelte. Ihr Stimmungswechsel war ihm völlig entgangen. Er trug einen hellbraunen Anzug mit Krawatte über einem blassblauen Hemd, schmuck wie immer. In den drei Jahren ihrer Zusammenarbeit war er am Tatort um einiges besonnener geworden, und er konzentrierte seine unbändige Energie inzwischen darauf, die unschätzbar wichtigen, komplexen ersten Ermittlungsschritte in die Wege zu leiten.
»Der Sohn.« Hansen warf einen Blick auf seine Notizen. »Allan Talbot. Er ist hinten im Garten. Auf einer Bank. Moreno ist bei ihm.«
»Wie geht es ihm?«, fragte Cameron.
»Nachdem er seine Mutter in diesem Zustand gefunden hat?« Hansen schüttelte vielsagend den Kopf.
Kate nahm die Latexhandschuhe von Cameron entgegen und streifte sie über. »Was noch, Fred?«
»Der Sohn hat gesagt, dass die Hintertür offen war. Er meint, es könnte Schmuck fehlen.«
»Hat er den Täter in die Flucht geschlagen?«
Hansen zögerte. »Möglich.« Er ärgerte sich offenbar, dass er nicht danach gefragt hatte.
»Ein Sexualdelikt?«, fragte Cameron und hielt im Schreiben inne.
»Sieht nicht danach aus, Joe. Wird aber noch geprüft. Die Spurensicherung ist unterwegs. Der Gerichtsmediziner ist auch informiert. Everson steht auf Abruf bereit«, fügte er befriedigt hinzu.
Kate nickte. Auch sie war zufrieden; ihr stand ein optimales Team zur Verfügung. Kate und Cameron tauschten einen wortlosen Blick und betraten das Haus.
Der Eingangsbereich war eine Verlängerung des Gartenwegs, aber hier drinnen waren die Steinplatten verfugt, abgeschliffen und auf Hochglanz poliert. Auf einem zierlichen Tisch im französischen Landhausstil stand eine leere Kristallvase, darüber hing in einem verschnörkelten Rahmen ein Landschaftsgemälde mit goldgelben Getreidefeldern. Kate ging weiter in ein geräumiges Wohnzimmer auf zwei Ebenen mit hoher Decke und einem offensichtlich viel genutzten, mattrot gekachelten Kamin. Die Einrichtung war schlicht und gemütlich; ein cremefarbenes Ledersofa und passende Sessel standen auf einem farbenfrohen rotblauen Orientteppich im Halbkreis um den Kamin. Drei hohe Bücherregale an der einen Wand waren mit Büchern und Krimskrams vollgestopft. Der Boden bestand aus glänzenden Hartholzdielen, auch auf der zweiten Ebene, dem Essbereich, der von einem riesigen Ölgemälde dominiert wurde. Das Stillleben zeigte eine Schüssel Früchte, dessen warme Farben sich über den Tisch und die Stühle im Missions-Stil ergossen. Durch einen Torbogen sah man eine großzügige Wohnküche mit hohen weißen Schränken und einer türkisfarbenen Arbeitsfläche. Als sie die Küche betrat, hatte Kate durch eine große Sprossenfensterfront einen herrlichen Ausblick auf den Garten und die Rosenbeete. Der schwache Geruch von Putzmitteln oder Möbelpolitur stieg ihr in die Nase.
Seit Annes Tod hatte sie keine Lust mehr verspürt, in einem großen Haus zu leben. Aber hier fühlte sie sich wohl. Dieses Haus war sehr viel weitläufiger als ihre gemeinsame Bleibe in Glendale, aber es erinnerte sie entfernt daran, vor allem der Ausblick aus der Küche auf den Garten. Anne hatte sich so wunderbar um den Garten gekümmert. Genauso wunderbar, wie sie sich um Kate gekümmert hatte …
Aber Anne war vor zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und jetzt gab es Aimee. Und es gab diese Frau, die ermordet worden war, nachdem sie in diesem hübschen Haus ein offensichtlich geordnetes Leben geführt hatte.
»Dann wollen wir mal«, sagte sie abrupt. Cameron, der sich gerade vorgebeugt hatte, um die gerahmten Fotos auf dem Kaminsims zu inspizieren, richtete sich auf und rückte seine Krawatte zurecht, als müsste er zu einem Bewerbungsgespräch.
Kate ging den Flur entlang voraus und hielt dabei nach Fußabdrücken, Blutspuren oder anderen möglichen Beweismitteln auf dem Boden oder den Wänden Ausschau. Ein neuer Streifenpolizist, Pedro Delgado, sah ihnen entgegen. Er stand breitbeinig in einer offenen Tür, die Hände auf dem Rücken, die Zähne zusammengebissen. Es waren immer die Neulinge, denen die Bewachung des Opfers aufgebrummt wurde, quasi als Initiationsritus, und Kate warf ihm einen mitfühlenden Blick zu.
Sie schob sich an ihm vorbei ins Schlafzimmer, Cameron im Schlepptau. Beide verharrten direkt hinter der Tür.
Auf den ersten Blick wirkte das Zimmer genauso ordentlich wie der Rest der Wohnung. Auf einem Himmelbett aus Kirschholz lag sorgfältig geglättet eine schneeweiße Tagesdecke, auf der Kopfkissen in unterschiedlichen Goldtönen kunstvoll arrangiert waren. Auf der Frisierkommode flankierten eine Reihe Parfümflakons vier Fotos und eine mit blauem Samt ausgeschlagene Schmuckschatulle, deren Deckel offen stand. In einem Erker vor dem großen Fenster zum Garten stand ein Kirschholzschreibtisch im Queen-Anne-Stil, auf dem eine ganze Armada von Familienfotos einen zugeklappten Laptop umringte.
Zwei der drei Fensterscheiben waren hellrot gesprenkelt, wobei das Eckfenster links vom Schreibtisch am meisten abbekommen hatte, einen roten Sprühregen vermischt mit grauen Klümpchen, von denen Kate aus Erfahrung wusste, dass es Gehirnmasse war.
Fast vollständig vom Bett verdeckt lag eine dunkelhaarige Frau auf dem Rücken neben einem umgekippten Schreibtischstuhl. Von der Tür aus sah Kate geronnenes Blut um einen Einschuss in der rechten Schläfe, und ein dünnes Rinnsal Blut quoll unter dem Körper hervor. Die geringfügigere Blutung aus dem Rücken und die Anordnung der Blutspritzer wiesen darauf hin, dass sie noch vor dem zweiten Schuss zu Boden gegangen war. Der linke Arm lag unter dem Körper, der rechte war ausgestreckt, die Finger der Hand zu einer Kralle gekrümmt.
Cameron rührte sich nicht, er hatte gelernt abzuwarten und, was noch wichtiger war, zu beobachten. Kate inspizierte den restlichen Raum, ließ auch die Decke nicht aus. Durchs Fenster sah sie einen jungen Mann an einem Gartentisch sitzen, den Kopf in die Hände gestützt, daneben Officer Donna Moreno. Kate registrierte keine Einzelheiten; das würde später kommen. Sie kritzelte eine grobe Skizze von dem Zimmer in ihr Notizbuch und zeichnete Fundort und Lage der Leiche ein.
Vorsichtig bewegte sie sich auf den hingestreckten Körper zu. Victoria Talbot trug ein langärmliges, bordeauxrotes Seidenhemd, schwarze Hosen und Mokassins. Sie hatte starkes Übergewicht; ihre Oberarme waren massig und ihre großen Brüste wölbten sich auf einem fülligen Oberkörper.
»Für dreiundfünfzig sieht sie jung aus«, sagte Cameron leise.
»Ganz deiner Meinung«, erwiderte Kate.
Sie ging in einigem Abstand in die Hocke und taxierte die Leiche von Victoria Talbot. Die Augen waren geschlossen – das kam bei Mordopfern nur selten vor, die meist gegen den Tod ankämpften und voller Entsetzen ihrem unmittelbar bevorstehenden Ableben entgegenstarrten. Sogar Opfer von Autounfällen hielten die Augen krampfhaft aufgerissen, als würde der Blick auf das Leben sie vor dem Tod bewahren. Kate konnte nicht erkennen, ob die Frau sich gewehrt hatte; die Fingernägel der sichtbaren Hand waren blassrosa lackiert. Die von Kate abgewandte linke Seite des Kopfes war bestimmt von der austretenden Kugel zerschmettert worden … Das Blut war allerdings nicht bis zu der blütenweißen Tagesdecke gespritzt.
»Sternförmiges Eintrittsloch«, sagte sie zu Cameron und zeigte auf die Kopfwunde.
»Und Pulverspuren«, ergänzte er.
Sie konnte das schwache Sprenkelmuster um die Wunde herum kaum erkennen; ihre Augen wurden leider auch immer schlechter.
»Also ein aufgesetzter Schuss«, sagte sie. Jemand hatte ihr eine Waffe direkt an die rechte Schläfe gehalten.
Er sah sich die Lage der Leiche an. »Einer in den Kopf, dann einer in den Rücken, um noch eins draufzusetzen.«
Kate betrachtete die Blutspuren. Von ihr aus gesehen waren die Spritzer der Kopfverletzung auf dem linken Fenster gelandet, durch das jetzt der junge Mann im Garten zu sehen war. Erneut studierte sie das Opfer und die Blutsprenkel. Die Frau war nach links gekippt; die Austrittswunde befand sich an der linken Kopfseite. Die Blutspritzer an der linken Wand ließen den Schluss zu, dass sie das Gesicht dem Garten zugewandt hatte – oder dazu gezwungen worden war –, als ihr der Schuss in die rechte Schläfe gejagt wurde. Cameron ging zur Frisierkommode hinüber, darauf bedacht, keine Spuren zu verwischen, und spähte in die Schmuckschatulle. »Sie ist leer, Kate.«
Kate konnte nicht sagen, ob die Frau einen Ehering oder vielleicht eine Armbanduhr trug, da die linke Hand unter dem Körper lag. Aber am Mittelfinger der rechten Hand glitzerte ein Diamantring. Obwohl eine gründliche Durchsuchung des Hauses noch anstand, gab es zunächst keine sichtbaren Anzeichen für ein gewaltsames Eindringen, denn davon hätte Hansen ihnen berichtet. Sie konnten nur noch auf die Spurensicherung warten. Kate blickte auf. »Lass uns mit dem Sohn sprechen.«
* * *
Kate nickte Officer Donna Moreno zu, die ihr Nicken erwiderte und sich ein paar Schritte entfernte, nachdem sie Allan Talbot einen letzten mitfühlenden Blick zugeworfen hatte. Von nahem fiel Kate als Erstes sein krauses, dunkelbraunes Haar auf, das so ganz anders war als das lange glatte Haar seiner ermordeten Mutter. Ihre eigene Mutter hätte solche Haare als Gestrüpp bezeichnet. Sie schätzte sein Alter auf Ende zwanzig, höchstens Anfang dreißig. Er war schlaksig und unrasiert; ob das an den Umständen oder etwa am modischen Styling lag, würde Cameron wissen, falls es sich nicht während der Befragung klärte.
In sich zusammengesunken und wie erstarrt saß Talbot an dem Redwood-Gartentisch. Er reagierte selbst dann nicht, als ihre Schatten auf ihn fielen. Er schien betäubt, gebrochen, ein Anblick, der Kate nur allzu vertraut war. Obwohl sie seit Jahren mit Todesfällen konfrontiert war, empfand sie immer noch aufrichtige Anteilnahme für die Hinterbliebenen. Denn ihr hatte zweifellos das gleiche Entsetzen im Gesicht gestanden, als sie auf dem Revier ins Büro ihres Vorgesetzten gerufen worden war und dieser ihr die Nachricht von Annes Tod überbracht hatte. Trotz dieses Gefühls der Verbundenheit nutzte die Polizistin in ihr den Schock der Zeugen für ihre Zwecke, denn die plötzliche Konfrontation mit dem Tod ließ die meisten Menschen unvorsichtig werden.
Auf Talbots Wangen waren keine Tränenspuren zu sehen, auch die Augen waren nicht gerötet, aber sein Schmerz war an dem kreidebleichen Gesicht und der gekrümmten Körperhaltung abzulesen. Die Khakihosen und das Polohemd hätten genauso gut an den Gliedern einer Schaufensterpuppe herabhängen können, so sehr war ihm jedes Körpergefühl abhandengekommen. Abgesehen von Eltern, die den Verlust eines Kindes beklagten, hatte sie es selten erlebt, dass jemand direkt am Tatort dermaßen niedergeschmettert war; normalerweise dauerte es eine Weile, bis die Trauer den schützenden Panzer des Schocks durchdrang.
Kate trat neben ihn und wartete, bis er zu ihr aufsah. Sein Blick überraschte sie. Natürlich stand ihm der Schock in den grünbraunen, glasigen Augen. Aber da war noch etwas anderes, das den Schock in den Hintergrund drängte, den Schmerz überlagerte. Als er nicht wegsah, starrte sie ihn in dem Versuch, es zu ergründen, unverwandt an, bis sie sich genötigt fühlte zu sprechen.
»Mister Talbot«, eröffnete sie das Gespräch. »Ich bin Detective Delafield. Und das ist mein Partner, Detective Cameron.« Sie fügte aufrichtig hinzu: »Es tut mir sehr leid.«
»Mein Beileid«, sagte Cameron mitfühlend und sein rechter Arm zuckte, als müsste er sich beherrschen, Allan Talbot nicht zu berühren.
Talbot nickte. Er versuchte zu sprechen, räusperte sich, versuchte es erneut. »Nennen Sie mich Allan«, krächzte er.
»Ich weiß, wie schwer das für Sie ist, Allan«, sagte sie. »Fühlen Sie sich in der Lage, uns ein paar Fragen zu beantworten?«
Er nickte.
Kate holte das Aufnahmegerät aus ihrer Umhängetasche, schaltete es an und murmelte hastig Datum, Uhrzeit und die Namen der Anwesenden auf das Band. »Weil unser Gespräch überaus wichtig ist, möchte ich es auf Band aufnehmen, damit wir alle Informationen korrekt mitbekommen. Sind Sie damit einverstanden, Allan?«
Er zuckte mit den Schultern. »Warum nicht.«
Sie stellte den Rekorder außerhalb seines Blickfeldes auf den Tisch, damit er nicht ständig daran erinnert wurde. Dann schlug sie ihr Notizbuch auf, um sich die wichtigsten Punkte aufzuschreiben. »Noch mal, ich weiß, wie schwer das ist. Bitte sagen Sie Bescheid, wenn es Ihnen zu viel wird. Können Sie uns erzählen, was passiert ist?«
Er sah sie einfach nur an. Sie würde ihn an die Hand nehmen müssen.
»Wann haben Sie sie gefunden?«
»Heute Morgen.«
Sie würde ihn wirklich an die Hand nehmen müssen. »Wissen Sie, wie spät es war?«
»Es ist schon etwas her. Ich schätze … vor acht?« Er atmete zweimal tief durch, versuchte offensichtlich, sich zusammenzureißen.
»Haben Sie einen Schlüssel?« Als er nickte, fuhr sie fort: »Haben Sie die Tür aufgeschlossen, Allan? Erwartete Ihre Mutter Sie?«
»Ich habe das Gartentor aufgeschlossen. Ich klingele immer, auch wenn sie weiß, dass ich komme …« Sein Körper sackte zusammen, als habe es ihn völlig ausgelaugt, so viele Worte am Stück zu sprechen, als würde er erneut vom Gewicht seiner Trauer zu Boden gedrückt.
Kate wartete einen Moment, dann hakte sie nach. »Sie haben also geklingelt.«
»Sie hat mir nicht aufgemacht. Also bin ich nach hinten gegangen …« Er wies auf die Rosenbeete ringsum. »Sie verbringt – verbrachte viel Zeit im Garten, trank hier morgens ihren Kaffee …« Er hustete, als müsste er ein Schluchzen unterdrücken. Es war immer schwer für die Hinterbliebenen, vom Opfer in der Vergangenheit zu sprechen und damit anzuerkennen, dass ein geliebter Mensch so plötzlich aus ihrem Leben gelöscht worden war, wie eine Glühbirne, die durchbrennt.
»Man sieht es dem Garten an«, sagte Kate taktvoll und ließ ihren Blick über die Beete schweifen, um ihm Zeit zu geben. Hinten am Zaun war unter einigen Palmen ein kunstvoll geformter Steingarten mit Farnen und Moosen angelegt. Ansonsten wuchs ringsherum ein Meer aus Rosenbüschen in allen möglichen Farben, Weiß, Gelb, Rosa und Dunkelrot. Die Beete waren frisch geharkt, und ein süßlich-schweres Aroma aus Rosenduft und aufgeworfener Erde erfüllte die Luft und die aufkommende Hitze des Tages. »Ihre Mutter hatte offensichtlich ein Händchen für Blumen. Und was passierte dann? Nachdem Sie ums Haus gegangen waren?«
»Ähm, ja … Im Garten war sie auch nicht. Also wollte ich die Hintertür aufschließen, nachsehen, ob sie meine Nachricht auf dem Anrufbeantworter abgehört oder mir einen Zettel geschrieben hatte. Aber die Tür war offen. Ich ging rein.«
Die Spuren außen an der Tür hatte Talbot also wahrscheinlich verwischt. Aber falls der Täter durch den Hinterausgang entkommen war, gab es vielleicht innen an der Tür einen Handabdruck. Sie fragte: »Stand die Tür offen? Oder war sie nur nicht abgeschlossen?«
»Sie stand offen. Einen Spaltbreit.«
»Wie fanden Sie das? War das ungewöhnlich?«
Er blickte zur Seite und rieb sich die Bartstoppeln am Kinn, während er nachdachte. »Es war schon komisch. Sie ließ die Tür meist offen stehen, wenn sie im Garten war, aber nie, wenn sie zurück ins Haus ging. Sie hat immer darauf geachtet –« Er brach ab und zuckte angesichts der Absurdität dieser Behauptung zusammen; alle Vorsicht hatte sie nicht vor diesem Ende bewahrt.
»Nachdem Sie das Haus betreten hatten, was taten Sie?«
»Ich … ich kann mich nicht genau erinnern …«
Da Talbot auf diese heikle Frage vielleicht eher einem Mann antworten würde, warf sie Cameron einen schnellen Blick zu und er verstand den Wink. »Das verstehen wir, Allan. Lassen Sie sich Zeit. Egal was Ihnen einfällt, jede Kleinigkeit könnte wichtig sein und uns weiterhelfen. Kamen Sie eigentlich aus einem bestimmten Grund hierher?«
Anerkennend registrierte Kate, wie elegant er vom eigentlichen Thema ablenkte. So konnte Talbot sich etwas entspannen, und sie würden später darauf zurückkommen, wie der junge Mann die Leiche seiner Mutter gefunden hatte. Allan Talbots schmächtiger Körper erbebte unter einem Seufzer, dem ein Schaudern folgte. Kate betrachtete ihn eingehend. Sein schmales, feinknochiges Gesicht mit der leicht gekrümmten Nase glich dem eines Vogels. Er hatte ausdrucksvolle Lippen, die ständig in Bewegung zu sein schienen, und seine Sprechweise zeugte von Intelligenz und Bildung. Den sehnigen Körper voller Spannkraft verdankte er wohl weniger einem straffen Trainingsprogramm als seinem Stoffwechsel. Kate mochte ihn instinktiv.
»Ich rufe jeden Tag an«, sagte er. »Gestern Abend ging sie nicht ans Telefon. Ich hinterließ eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter, dachte, sie sei vielleicht mit Marjorie in einen dieser ausländischen Filme gegangen, die sie so mögen. Aber sie rief nicht zurück, ging auch heute Morgen nicht ans Telefon … Also bin ich vorbeigekommen. Nur um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.«
»Sie müssen …«, sie suchte nach einem Verb, das nicht in der Vergangenheit stehen würde, »… sich Ihrer Mutter sehr verbunden fühlen.«
»Das stimmt. Sie ist … sie war ein wunderbarer Mensch. Absolut wunderbar. Sie ist die Letzte, der so etwas zustoßen sollte. So etwas sollte niemandem …« Er brachte den Satz nicht zu Ende.
»Sind Sie verheiratet, Allan?«, fragte Cameron. Er stellte einen Fuß auf die Gartenbank, damit die Frage beiläufig wirkte; Kate wusste, dass er herausfinden wollte, wie nah Talbot seiner Mutter gestanden hatte.
»Geschieden – zweifach gescheitert. Zwei Kinder.«
Also hatte Talbot sich mindestens zweimal vom Rockzipfel seiner Mutter gelöst. Mit dem Verdacht, er sei ein Muttersöhnchen, waren sie auf dem falschen Dampfer.
»Waren Sie gerade auf dem Weg zur Arbeit?«, fragte Cameron weiter.
»Nein, ich habe mir ein paar Tage freigenommen.«
»Wo arbeiten Sie?«
»Auf dem Los Angeles International Airport. Als Fluglotse.«
»Als hätten Sie nicht schon genug Stress auf der Arbeit«, sagte Cameron mitfühlend. »Und jetzt das hier.«
Kate fragte: »Als Sie das Haus betraten, ist Ihnen da irgendwas aufgefallen? Gab es irgendeinen Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmte?«
»Ja«, antwortete er in einem Tonfall, den Kate nicht einordnen konnte. Staunen? Angst? »Eigentlich war alles wie immer. Aber trotzdem anders. Die Wohnung war so sauber.« Er brachte ein schwaches, gespenstisches Lächeln zustande. »Ich meine, es war ja noch so früh am Morgen.«
»Normalerweise putzte sie also nicht frühmorgens?«
Er stierte auf einen Strauch blutroter Rosen und schwieg eine Weile.
»Normalerweise putzte sie überhaupt nicht. Jedenfalls fast nie. Heute ist Montag, Rosario kommt dienstags. Rosario ist ihre Haushälterin. Na ja, jedenfalls dachte ich, das könnte eine Erklärung sein. Dass der Staubsauger lief oder so und sie die Klingel nicht gehört hatte. Also rief ich nach ihr. Aber es kam keine Antwort. Daraufhin ging ich ins …« Er keuchte auf.
»War im Haus irgendwas verändert?«, fragte Cameron. Talbot schüttelte den Kopf. »Fehlte etwas?«
Wieder ein gelungenes Ablenkungsmanöver von der Leiche seiner Mutter, dachte Kate.
»Schmuck. Ihr Schmuckkästchen stand offen«, fügte Talbot hastig hinzu. »Vielleicht noch mehr, keine Ahnung.«
»Das lassen wir später von Ihnen überprüfen, das eilt erst mal nicht«, sagte Cameron.
Natürlich drängte die Zeit; in den ersten Stunden einer Morduntersuchung kam es auf jede Minute an. Aber Cameron musste den jungen Mann am Reden halten.
»Haben Sie irgendetwas gehört, als Sie ins Haus kamen?«
Talbot umklammerte die Kante der Redwood-Bank. Angespannt starrte er Cameron an, und das Lodern in seinen Augen schien intensiver zu werden. »Meinen Sie etwa, es war noch jemand im Haus, als ich vorne an der Tür klingelte?«
»Wäre das möglich?«
»Und der Täter ist durch die Hintertür raus, während ich ums Haus ging?« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht daran erinnern, etwas gehört zu haben. Aber mir wäre ja auch nicht im Traum eingefallen, dass etwas passiert sein könnte.«
Jetzt kam eine der schwersten Fragen, und Kate übernahm wieder. »Allan, als Sie Ihre Mutter gefunden haben … Was haben Sie da getan?«
Erneut sackte er in sich zusammen. »Fast wäre ich umgekippt. Meine Knie wurden ganz weich«, flüsterte er. »Als ich sie sah, wusste ich es, ich wusste es sofort. Ich konnte mich kaum auf den Füßen halten, aber ich musste zu ihr, ihren Puls fühlen, ich musste es irgendwie schaffen –«
»An welcher Stelle haben Sie den Puls gefühlt?«, unterbrach sie ihn, so sanft es ging; sie musste wissen, an welchen Stellen er die Leiche berührt hatte.
»Am Hals.« Er demonstrierte es an sich selbst, hob und senkte die Hand in einer schnellen Bewegung.
»Haben Sie den Körper bewegt?«
»Nein. Nur den Puls gefühlt – mehr nicht.«
»Wer könnte das getan haben, Allan?«
Er schaute weg. »Ein Einbruch – vielleicht war es ein Einbruch?«
»Das ist eine Möglichkeit, sicher.« Eventuell wurde der Täter gestört, oder es handelte sich um eine versuchte Vergewaltigung. Aber soweit sie das beurteilen konnte, war Victoria Talbots Körper unversehrt gewesen, abgesehen natürlich von den grauenvollen Schusswunden. Außerdem gab es keine Einbruchsspuren; Cameron und sie hatten einen kurzen Blick auf die Fenster und Türen geworfen, bevor sie in den Garten gegangen waren. Sie beschloss, später noch mal auf Victoria Talbots potenzielle Feinde zurückzukommen.
»Was ist mit Ihrem Vater?«
»Was soll mit ihm sein?«
Die abweisenden Worte und der barsche Tonfall entgingen ihr nicht. »Ist er … sind er und Ihre Mutter …« Sie wartete ab.
»Sie sind nicht mehr zusammen, wenn Sie das meinen. Nicht mehr seit … Die Scheidung ist jetzt ungefähr drei Jahre her.«
»Wie standen Sie dazu?«
»Sie musste es tun. Sie musste endlich von ihm weg, von seiner …«
»Kamen die beiden nach der Scheidung miteinander aus?«
»Seiner Meinung nach verstanden sie sich blendend, vorher wie nachher.« Er kniff die Lippen zusammen und starrte auf den Steingarten.
Sie fragte: »Wer gehört noch zur Familie?« Cameron warf ihr einen irritierten Blick zu, weil sie nicht nachhakte, obwohl Talbots Antwort wie geschaffen dafür war. Aber sie würden später auf den Vater zu sprechen kommen. Talbot schien bei jeder Frage zu schrumpfen, und sie mussten so viele Themen wie möglich abdecken, bevor ihr wichtigster Zeuge von Schock und Trauer überwältigt wurde und kein klares Wort mehr aus ihm herauszubringen war.
»Zwei Schwestern. Rikki wohnt in Granada Hills, Lisa in Studio City.«
»Allan, sind Sie in der Lage, die beiden zu benachrichtigen? Und Ihren Vater?«
»Nein«, sagte er. »Aber ich muss es trotzdem tun. Ich hätte schon längst angerufen, aber diese Polizistin –« Er warf Donna Moreno einen finsteren Blick zu. »Ich durfte mich nicht von der Stelle rühren, bis Sie mit mir gesprochen haben.«
»Es tut mir leid. Ich kann mir vorstellen, dass das unangenehm für Sie war. Aber sie befolgt nur die Vorschriften.« Moreno hatte die Entscheidung darüber, wer wann welche Informationen erhielt, ordnungsgemäß den zuständigen Ermittlungsbeamten überlassen. Allan Talbot konnte noch nicht wissen, dass dies nur der erste von zahlreichen Angriffen auf die Intimsphäre seiner Familie gewesen war. Eine Morduntersuchung konnte man mit der Druckwelle einer Atombombe vergleichen: Der angerichtete Schaden ging weit über die Todeszone hinaus, in der das Opfer lag.
Kate fuhr fort: »Wir brauchen die Adressen und Telefonnummern Ihrer Schwestern, Allan. Und die Ihres Vaters. Ihre Mutter war dreiundfünfzig, richtig? Wie alt war Ihr Vater?«
»Fünfundfünfzig.«
»Und Ihre Schwestern?«
»Rikki ist dreißig. Lisa achtundzwanzig.«
»Und Sie?«
»Dreiunddreißig.«
»Erzählen Sie uns von Ihrer Mutter, Allan. Was war sie für ein Mensch?«
Hoffentlich hatte er mehr als die üblichen Klischees zu sagen – und konnte ihnen ein paar Anhaltspunkte zu ihrem Leben außerhalb der Familie liefern.
»Gebildet, charmant«, antwortete er. »Sie las gerne, hörte klassische Musik. Sie war ruhig, ausgeglichen …«
»Freunde?«, erkundigte sich Cameron.
»Viele Bekannte, wenige Freunde. Mit den meisten Menschen hatte sie wenig gemeinsam, fand sie.«
»Wohnen welche in der Nähe?«
»Marjorie Durant wohnt nebenan.« Talbot wies vage nach links. »Sie und meine Mutter standen sich ziemlich nah.«
Endlich ein brauchbarer Hinweis. Jemand, der sich als unerschöpfliche Quelle für Informationen aller Art erweisen konnte. Kate notierte sich den Namen. »Wie lange wohnt Ihre Mutter schon in diesem Haus?«
»Hier? Seit zweieinhalb Jahren. Vorher wohnten wir im Rossmore Drive.«
»Ist sie die alleinige Eigentümerin?«
»Ja.«
»Was hat sie sonst so getan?«, fragte Cameron. Auch er machte sich Notizen. »Arbeitete sie? Oder engagierte sie sich ehrenamtlich?«
»Sie hat nicht gearbeitet. Bitte … ich kann nicht …« Er beendete den Satz nicht.
Talbot war sichtlich fertig. Kate platzierte ihre letzte Frage. »Allan, wissen Sie, wer das hier hätte tun können?«
»Es tut mir leid. Ich bin wirklich am Ende«, antwortete Talbot mit verzerrtem Gesicht.
Wenn sie ihn jetzt weiter in die Mangel nahmen, wäre das Folter. Kate schaltete ihr Aufnahmegerät aus. »Vielen Dank, Allan.«
»Ich muss meine Schwestern anrufen. Oh Gott.« Talbot wurde von Schluchzern geschüttelt.
3. Kapitel
Im Gerichtssaal fragte Alicia Marquez Kate: »Was war Ihr nächster Schritt nach der Befragung des Sohnes?«
»Detective Cameron und ich haben uns das Haus und den Fundort der Leiche noch einmal gründlich angesehen.«
»Hatten Sie das Ihrer Aussage zufolge nicht bereits getan?«
»Nein. Detective Cameron und ich konnten nur eine sehr oberflächliche Untersuchung vornehmen, während wir auf die Leute von der Spurensicherung warteten.«
»Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl beantragt?«
Kate gab keine Antwort; am Rande ihres Blickfeldes hatte sie den Geschworenen Nummer sechs, einen grauhaarigen Mann in einem flammend orangefarbenen Polohemd, zögerlich die Hand heben sehen. Es war das vereinbarte Handzeichen, mit dem die Geschworenen um eine Toilettenpause bitten konnten.
Auch dem Richter war es nicht entgangen. »Meine Damen und Herren, das Gericht legt eine zehnminütige Pause ein«, verkündete er und belehrte die Jury mit dem Standardsatz, dass sie den Fall nicht vor Ende des Prozesses untereinander diskutieren durften.
Kate steckte ihre Mappe ein, schnappte sich die Umhängetasche und verließ den Zeugenstand.
»Läuft doch prima, Kate«, sagte Marquez geistesabwesend und sah nicht auf, als Kate am Tisch der Anklagevertretung vorbeiging; die Staatsanwältin war damit beschäftigt, in ihrer Aktentasche zu wühlen.
Kate antwortete mit einem unverbindlichen »Mhm«. Sie hatte recht, bisher lief es gut, jedenfalls einigermaßen. Aber Quantrills Kreuzverhör stand ja auch noch bevor.
Sie ging kurz auf die Toilette und hielt dann nach einem freien Platz auf den dicht besetzten Bänken Ausschau, die an beiden Seiten des Flurs entlangliefen. Ein paar Leute hatten ihren Kopf an die Wand gelehnt und dösten vor sich hin, während sie auf einen Prozessbeginn oder eine Urteilsverkündung warteten, oder darauf, in den Zeugenstand gerufen zu werden. Andere lasen, telefonierten oder fummelten nervös an sich herum. Corey Lanier, die in ihr Handy plapperte, war unter ihnen. Als sie Kate sah, stand sie abrupt auf und rauschte davon. Damit waren die Fronten klar.
Kate setzte sich mit einem grimmigen Lächeln auf Laniers Platz. Normalerweise war die Times-Reporterin eine wahre Nervensäge, aber solange Kate als Zeugin in diesem Prozess auftrat, durfte sie nur mit Kollegen in Ausübung ihres Berufs über den Fall reden. Also musste die Reporterin sich gezwungenermaßen von ihr fernhalten. Wenn sie sich darüber hinwegsetzte, würde Lanier höchstwahrscheinlich von der Verhandlung ausgeschlossen, ein Desaster, da sie sich ihre Brötchen als Polizei- und Gerichtsreporterin verdiente.
Schon auf dem Weg zur Toilette hatte Kate ihr Handy hervorgeholt, um die Mailbox abzuhören: keine Nachrichten. Jedenfalls nicht die eine, die sie sehnsüchtig erwartete. Auf der Bank beugte sie sich vor und rief in Aimees Büro an. Geübt tippte sie sich durch das automatisierte Telefonsystem von Pearce & Woodall und landete schließlich auf Aimees Anrufbeantworter. Sie legte auf, wählte erneut und erreichte diesmal eine von Aimees Kolleginnen in der Kanzlei. »Hallo, Jenny, ich bin’s, Kate«, sagte sie mit gespielter Heiterkeit. »Ist Aimee irgendwo in der Nähe?«
»Hallo, Kate. Wie geht’s dir? Aimee hat sich einen Stapel Arbeit mit nach Hause genommen.«
Das war nichts Neues – Aimee brütete oft zu Hause über kniffeligen juristischen Fragen. Kate dankte ihr und rief bei sich zu Hause an. Wie immer sprang der Anrufbeantworter nach drei Freizeichen an. Nach dem Piepton fragte sie vorsichtig: »Bist du da?« Keine Antwort. Sie rief noch mal an und tippte diesmal den Zugangscode für den Anrufbeantworter ein. »Sie haben zwei neue Nachrichten«, informierte sie die Automatenstimme.
Das erste Mal hatte jemand nach einigem Zögern aufgelegt, die zweite Nachricht war ihr eigener Anruf. Sie löschte beide Nachrichten.
Wenn bloß mein verfluchter Bruder mir seine kümmerliche Existenz weiterhin verheimlicht hätte. Das ganze Chaos mit Aimee war allein seine Schuld, dachte sie wutschnaubend. Ein Bruder, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, bevor er in ihr Leben platzte. Ein Bruder, der Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, sogar ein Detektivbüro beauftragt hatte, um sie ausfindig zu machen. Ein Bruder, der sein Glück kaum fassen konnte, als sie sich in einem Restaurant in der Nähe des Flughafens getroffen hatten, der tief von ihr beeindruckt gewesen war, von ihrer Karriere beim Militär und bei der Polizei. Der sie noch am selben Abend anrief, mehr Zeit mit ihr verbringen wollte und vorschlug, etwas trinken zu gehen. Da sie fest entschlossen war, die Geheimniskrämerei ihrer Familie nicht bei diesem neu entdeckten Familienmitglied fortzuführen, hatte sie gesagt: »Ich bringe meine Partnerin mit, dann kannst du sie kennenlernen.«
»Gerne. Du meinst … deine Partnerin bei der Polizei?«
»Nein. Die Frau, mit der ich seit über zehn Jahren zusammenlebe.«
»Nein. Äh, nein«, stammelte er. »Das kann ich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung … Hör zu, vergiss es. Ich fahre einfach … Sieh mal, ich möchte nicht, dass meine Familie mit so etwas –«
An dieser Stelle hatte sie den Hörer so vehement auf die Basisstation geknallt, dass er ihr wieder entgegengehüpft kam.
Hätte sie das doch wieder getan, hätte sie bloß direkt aufgelegt, als das Arschloch ein zweites Mal anrief, dachte sie missmutig. Als sie sich an das Gespräch erinnerte, kochte sie wieder vor Wut.
Sie hatte es sich in ihrem Sessel bequem gemacht und die Füße hochgelegt, nippte an ihrem Scotch und ging die Notizen zu einem Fall durch, als Aimee ihr das tragbare Telefon brachte. Sie wedelte mit der Hand und schüttelte nachdrücklich den Kopf, da sie Aimee bereits gesagt hatte, dass sie mit niemandem sprechen wollte, und sei es der Polizeichef von Los Angeles – sie würde morgen vor Gericht aussagen und musste sich jetzt voll und ganz darauf konzentrieren.
Aber Aimee hatte mit dem Mund die Worte »dein Bruder« geformt.
Verblüfft fragte Kate: »Was will der denn noch?«
Aimee flüsterte: »Ein Notfall.«
Lachhaft, dachte Kate und riss Aimee das Telefon aus der Hand. Sie würde ihn abwimmeln und damit seine Anrufe und vor allem ihn selbst ein für alle Mal loswerden.
»Was willst du, Dale?«, bellte sie in den Hörer. »Was willst du verdammt noch mal von mir?«
»Es tut mir leid, dich zu stören –«
»Das sollte es auch.« Sie wunderte sich über das Zittern in seiner Stimme, aber es ließ sie kalt. Egal was er sagen würde, egal welche Neuigkeiten er für sie hatte, es war ihr piepegal.
»Hör zu, ich hätte nicht wieder angerufen, wenn es kein Notfall wäre. Dylan wird vermisst.«
Sofort übernahm die Polizistin in ihr das Ruder und sie fragte automatisch: »Wie meinst du das, vermisst?« Auch wenn sie mit Dale Harrison auf Kriegsfuß stand, ihre Nichte musste ja nicht zwischen die Fronten geraten. Auch wenn sie diese Nichte noch nicht einmal kannte.
»Sie ist von zu Hause weggelaufen.«
Kate schüttelte ungläubig den Kopf. Was für ein Schwachkopf. »Und warum rufst du dann nicht die Polizei von Red Bluff an?«
»Das habe ich bereits getan, aber –«
»Und was haben die gesagt?«
»Dass sie wahrscheinlich bei Freunden ist und wieder auftauchen wird.«
»Das ist meistens der Fall.« Sie musste es wissen; zu Beginn ihrer Polizeikarriere hatte sie im Dezernat für Kinder- und Jugendkriminalität gearbeitet. »Wie lange ist sie denn schon weg?«
»Seit sechs Tagen. Sie hat uns einen Zettel hinterlassen.«
»Hast du den der Polizei gezeigt?«
»Ja. Sie sind der Meinung, das beweist, dass sie zurückkommt. Aber das wird sie nicht.« Er stieß schwer atmend hervor: »Auf dem Zettel stand, dass wir niemals akzeptieren werden, wer sie wirklich ist.«
Die ewige Klage überbehüteter Teenager oder solcher, die sich dafür hielten. »Dale«, sagte sie ungeduldig und warf einen Blick auf den Stapel Unterlagen auf ihrem Schoß. »So was machen Jugendliche nun mal. Sie wird schon zurückkommen.«
»Wir glauben, sie ist abgehauen, weil sie so sein will … weil sie glaubt … weil sie glaubt, dass sie so sein will … wie du.«
Das verschlug ihr erst mal die Sprache. Schließlich brachte sie hervor: »Schätze, du meinst damit nicht, dass sie Polizistin werden will.«
»Nein«, erwiderte Dale Harrison.
Wieder schwieg sie eine Weile. Sie hatte das Bild des Mannes am anderen Ende der Leitung genau vor Augen, sein dünnes graues Haar, das Gesicht, das ihrem Vater so gespenstisch ähnlich sah. Nicht ihrem Vater in jungen Jahren, sondern dem Siebenundfünfzigjährigen, an den sie sich so deutlich erinnerte. Denn Dale Harrison war älter als Andrew Delafield bei seinem Tod. Dale Harrison, ihr leiblicher Bruder, fünf Jahre älter als sie, der als Kleinkind während des Krieges von einer anderen Familie adoptiert worden war. Seine Existenz war das bestgehütete Geheimnis ihrer Mutter und ihrer Tante gewesen.
Ihr Leben lang hatte sie sich gefragt, ob sie ihren Eltern die Gelegenheit hätte geben müssen, ihre lesbische Tochter anzunehmen oder abzulehnen. Und jetzt hatte dieser dahergelaufene Bruder, dieser billige Abklatsch ihres Vaters es gewagt, sie zu verurteilen …
Kühl fragte sie: »Und was habe ich damit zu tun?«
»Such sie. Sag ihr, sie soll nach Hause kommen.«
»Du wohnst in Red Bluff. Ich bin in Los Angeles. Am anderen Ende von Kalifornien.«
»Sie ist entweder dort oder in San Francisco. Wahrscheinlich eher in Los Angeles.«
»Woher willst du das wissen?«
»Wir haben … Hinweise gefunden. Auf ihrem Computer. Ein Computerspezialist hat uns geholfen, ihr Passwort zu knacken. Wir haben E-Mails gefunden, Websites. Und … noch mehr.«
Computer-Forensik, das allerneuste Röntgenverfahren, mit dem man das Innenleben eines Computerbenutzers durchleuchtete, ein wirksames Hilfsmittel der Polizei, um Indizienbeweise zu sammeln – und anscheinend die moderne Methode, mit der Eltern die Wahrheit über ihre Kinder herausfanden. »Was für Hinweise?«, fragte sie.
Wieder atmete er schwer ins Telefon. »Homokram. Sie hat sich eine Menge Infos vor allem über die Szene in Los Angeles heruntergeladen und über ein neues schwullesbisches Zentrum in San Francisco.«
»Du Armer, wie schrecklich für dich«, flötete Kate. Was ging sie das an. Sie musste sich auf die Verhandlung vorbereiten. Und außerdem wussten sie ja anscheinend, wo ihre Tochter war. Aber eins wollte sie doch noch wissen: »Warum suchst du nicht selbst nach ihr?«
»Glaub mir, das würde ich ja. Aber einer der Cops hat mir gesagt, dass ich dafür festgenommen werden könnte. Ein Mann in meinem Alter, der ein junges Mädchen zwingen will, mit ihm zu kommen – ich müsste vom Knast aus beweisen, wer ich bin. Und selbst wenn es mir gelänge, Nan ist der Meinung, wir müssten sie schon einsperren, damit sie nicht wieder wegrennt, also muss sie freiwillig zurückkommen.«
Nans Einschätzung klang vernünftig. »Falls sie zurück-kommt … wie werdet ihr mit ihr umgehen?«
»Sie ist erst sechzehn.«
»Was soll das heißen?«
»Das soll heißen, dass sie noch Zeit hat … Zeit, sich umzuentscheiden. Das wirst du ja wohl nicht bestreiten.«
»Sich umzuentscheiden? Es hört sich nicht danach an, als könnte sie sich nicht entscheiden.«
»Sie hält sich mit gerade mal sechzehn für lesbisch«, sagte er schneidend. »Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass man sich in diesem Alter schon sicher sein kann.«
»Allerdings, Dale. Ich wusste es viel eher. Genau wie du dir über deine sexuelle Orientierung im Klaren warst.«
»Also, ich habe mich da mal erkundigt, wegen dieser … Orientierung. Das muss nicht so sein. Man kann das –«
»Verstehe ich dich richtig?« Kate umklammerte den Hörer. »Du willst, dass ich deine lesbische Tochter finde, damit du sie umpolen kannst, sie geradebiegen?«
»Es könnte doch sein, dass sie noch nicht – Scheiße, vergiss meinen Anruf. Ich habe Nan gleich gesagt, dass es idiotisch ist –«
»Du kannst deiner Frau was von mir ausrichten«, schnitt ihm Kate das Wort ab. »Du bist der Vollidiot in eurer Familie.« Sie rammte ihren Finger auf den Knopf zum Auflegen und starrte erbost auf das tragbare Telefon. Am liebsten hätte sie es mit aller Kraft an die Wand geschmissen und wünschte sich, sie könnte es auf die Basisstation knallen wie beim letzten Mal.
Sie sah hoch und begegnete Aimees ungläubigem, missbilligendem Blick.
»Ist was?«, fragte Kate. Sie musste weiterarbeiten. Es war wichtig. Aimee war schuld daran, dass sie den Anruf dieses homophoben Ekelpakets von einem Bruder überhaupt entgegengenommen hatte.
»Deine Nichte ist von zu Hause weggelaufen – habe ich das richtig verstanden?«
»Das hast du.«
»Und du willst nichts unternehmen?«
»Ganz genau.« Sie hatte keine Zeit für eine Diskussion. Sie hatte für diesen ganzen Schwachsinn einfach keine Zeit. »Du hast richtig gehört. Ich werde gar nichts unternehmen.«
Aimee verschränkte die Arme. Sie sprach langsam, jedes einzelne Wort betonend. »Dieses Mädchen ist deine Nichte.«
»Eine Nichte, die ich noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen habe, wie du sehr wohl weißt.«
Aimee hob die Stimme. »Eine Nichte, die lesbisch ist.«
»Na und?«
»Du hast eine Nichte, die von zu Hause abhauen musste, weil sie lesbisch ist!«
Kate brüllte zurück. »Na und?«
»Du bist ihre lesbische Tante!«
»Mir doch egal! Was erwartest du von mir?«
Aimee entkreuzte die Arme und stemmte die Hände in die Hüften. »Sie steckt in Schwierigkeiten, Kate.« Sie senkte die Stimme. »Sie braucht Unterstützung.«
»Aimee. Sie ist die Tochter eines Mannes, der mich verabscheut. Uns verabscheut.«
»Ich sage ja nicht, dass du deinem Bruder helfen sollst. Ich spreche von einer jungen Frau, die deine Hilfe braucht.«
»Reden wir doch mal vernünftig darüber, okay? Er wohnt in Red Bluff, und sie ist vielleicht hier, vielleicht aber auch in San Francisco. Und ich stecke mitten in diesem Fall, der gerade vor Gericht verhandelt wird.«
»Du steckst immer gerade mitten in irgendwas. Du findest immer eine Ausrede. Immer.«
Kate schnaubte: »Was willst du damit sagen?«
»Wäre dieser Anruf vom Revier gekommen statt von deinem Bruder, wärst du längst wie ein geölter Blitz zur Tür raus.«
Kate zuckte ungeduldig mit den Schultern. Die Leier, ihre Arbeit beanspruche sie zu sehr, kannte sie in- und auswendig. Eine lesbische Ausreißerin konnte man wohl kaum mit einem Mordfall vergleichen. »Bis dieser Fall abgeschlossen ist, geht er vor. Das muss so sein. Job ist eben Job.«
»Nein, für dich ist der Job eben nicht einfach nur ein Job. Der Job ist dein Leben.«
»Das stimmt nicht. Du hast nie verstanden, was es heißt, Polizistin zu sein.«
Aimee stapfte zum Flurschrank und riss ihre Lederjacke vom Bügel. »Nach dreizehn Jahren verstehe ich zwei Dinge. Dein Job steht an erster Stelle. An zweiter kommt der Drink in deiner Hand. Alles andere – vergiss es. Egal was passiert, deine Nichte hätte keine Chance bei dir. Gnade Gott demjenigen, der es wagt, sich zwischen Kate und ihre zwei wahren Leidenschaften zu drängen.« Sie warf sich die Jacke über und griff nach ihrer Tasche. »Zur Hölle mit allen, die deine Hilfe brauchen und nicht den Vorteil haben, tot zu sein.«
Kate ließ diesen Schwall von Anschuldigungen über sich ergehen, weil sie plötzlich nur noch eine Sorge hatte. »Wo willst du denn hin?«
»Raus hier.«
»Pass auf dich auf.«
Aimee warf ihr einen vernichtenden Blick zu und knallte die Tür hinter sich zu.
Kate ließ sich in ihren Sessel sinken. Morgen würde sie als Zeugin aussagen. Sie musste sich vorbereiten – sie hatte gar keine Wahl; sie durfte nichts dem Zufall oder ihren verschwommenen Erinnerungen überlassen. Es war der Abend vor ihrer Aussage in einem wichtigen Mordprozess – wie konnte Aimee nur so irrational sein?
Sie griff nach ihrem Scotch. Eigentlich hatte Aimee in den dreizehn gemeinsamen Jahren trotz zahlreicher Lippenbekenntnisse nie richtig verstanden, unter welchem Druck sie stand, wenn sie in einem Mordfall ermittelte, und wie viel Kraft es kostete, am Tatort gefasst und professionell zu bleiben und in den Stunden und Tagen nach dem Mord den trauernden Angehörigen gegenüberzutreten. Dass sie jedem noch so kleinen Detail der Ermittlungen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken musste, damit die Ergebnisse vor Gericht standhielten. Aimee hatte nie begriffen, wie lebensnotwendig es war, in ihrer knapp bemessenen Freizeit alles wegzuschieben, damit sie am nächsten Tag wieder funktionieren konnte.
Sie trank einen großen Schluck von ihrem Scotch, dann noch einen und leerte das Glas. Ja, sie trank – es war ihre Medizin und sie brauchte das, verdammt noch mal. Sie hatte nie Pillen geschluckt oder Drogen genommen und sie war keine Alkoholikerin. Außerdem hatte sie aufgehört zu rauchen – nicht dass sie dafür von Aimee großes Lob geerntet hätte. Jedenfalls hatte sie ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, als sie die Kippen aufgab. Sogar mehr als das.
Sie schlurfte in die Küche und schenkte sich noch einen Drink ein, dann ließ sie sich wieder in den Sessel fallen. Als sie ein entferntes Kratzgeräusch aus dem Papierkorb in Aimees Arbeitszimmer hörte, rief sie: »Komm her, meine Süße.«
Miss Marple erschien gehorsam in der Tür zum Wohnzimmer und stolzierte würdevoll über den Teppich. Kate legte den Stapel Berichte beiseite, die Katze sprang auf ihren Schoß und begann sofort, mit den Pfoten ihren Bauch und ihre Oberschenkel rhythmisch zu bearbeiten. Das robuste Gewebe von Kates Jeans bot leider nur unzureichenden Schutz vor ihren Krallen.
»Du bist die einzige Frau, die mich je verstanden hat«, raunte Kate ihr zu und kraulte das weißgraue, samtweiche Fell unter dem Kinn. Miss Marple schnurrte und rollte sich auf ihrem Schoß ein.
Kate nahm sich den Obduktionsbericht vor und nippte an ihrem Drink. Sie würde für ihren Bruder und seine Tochter keinen Finger rühren, verdammt noch mal. Egal was für Schuldgefühle Aimee ihr deswegen einzureden versuchte. Wenn Aimee sich erst mal beruhigt hatte, würde sie es verstehen. Und nach Hause kommen.
* * *
Aber Aimee war auch am folgenden Tag nicht nach Hause gekommen. Hatte nicht einmal angerufen.
Um Kate herum strömten die Leute wieder in den Gerichtssaal. Sie schaltete ihr Handy aus und schloss sich ihnen an.
Als die Verhandlung fortgesetzt wurde, sagte Alicia Marquez: »Vor der Pause fragte ich Sie, ob Sie für Victoria Talbots Haus einen Durchsuchungsbefehl beantragt haben.«
Kate nutzte die Gelegenheit. »Da uns der Sohn des Opfers versichert hatte, dass sie die alleinige Eigentümerin war –«
»Einspruch, irrelevant«, unterbrach Quantrill sie.
»Stattgegeben.« Richter Jackson Terrell sagte tadelnd: »Haben Sie nun einen Durchsuchungsbefehl bekommen oder nicht, Detective?«
»Das haben wir, Euer Ehren.« Terrell herrschte tatsächlich mit eiserner Faust über seine Gerichtsverhandlungen.
Aber Marquez hakte gekonnt nach: »Also haben Sie auf den Durchsuchungsbefehl gewartet, obwohl das formal gar nicht nötig war.«
»Das ist richtig.« Inzwischen war es unerlässlich, einen Durchsuchungsbefehl in der Hinterhand zu haben, um sich abzusichern. Sie durfte nicht das Risiko eingehen, wegen juristischer Tricks der Verteidigung vor Gericht mit einer Mordanklage zu scheitern.
»Wurden am Tatort Beweismittel gesichert?«
»Ja, sowohl von den Kriminaltechnikern als auch von Detective Cameron und mir.«
»Haben Sie als Leiterin der Ermittlungen die Entscheidung getroffen, welche Beweise gesichert wurden und von wem?«
»Ja. Die Leute von der Spurensicherung arbeiteten auf Anweisung von Detective Cameron oder mir.«
Aber bevor die Spurensicherung eintraf, hatten Cameron und sie sich einen ersten Überblick verschafft. Während sich Officer Donna Moreno von Allan Talbot die Daten der anderen Familienmitglieder diktieren ließ und ihn anschließend zu seinem Auto begleitete, verglichen Kate und Cameron ihre Notizen.
»Direkt unter der Oberfläche seiner Trauer«, sagte Cameron, »rast der Typ vor Wut.«
Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Cameron hatte das Lodern in Talbots Augen, das hinter seinem Kummer durchschien, identifiziert. »Du hast recht, Joe. Er glaubt, sein Vater könnte etwas damit zu tun haben.«
»Der Schmuck wurde mitgenommen, damit es nach einem Einbruch aussieht, aber wie du gesehen hast, trug sie einen Diamantring. Wäre sie tatsächlich überfallen worden, hätte der Täter sie bestimmt gezwungen, den Ring herauszurücken, oder er hätte ihn vom Finger gestreift, als sie bereits tot war. Das riecht eindeutig nach Familiendrama, Kate.« Camerons Augen waren so kalt wie sein Tonfall, und Kate merkte, dass der Mord ihn persönlich berührte. Sie arbeiteten seit drei Jahren eng zusammen, aber nach wie vor gab es weiße Flecken auf der Landkarte ihrer Beziehung, wie seine Familiengeschichte, über die er ab und zu vage Andeutungen machte, von der er aber niemals offen sprach. Mit finsterer Miene sagte er: »Ein Sohn weist normalerweise nicht mit dem Finger auf den eigenen Vater, selbst wenn er ihn für schuldig hält.« Er trat gegen ein Talbot’sches Grasbüschel, als hätte es ihn persönlich beleidigt.
Warum denn das nicht?, fragte sich Kate. Wenn mein Vater meine Mutter erschossen hätte, oder jemanden damit beauftragt hätte … Sie gab den Vergleich auf. In ihrer Familie war so etwas unvorstellbar.
»Keine Hinweise auf einen Einbruch, ein halbherziger Raub, keine Vergewaltigung«, sagte Cameron gepresst. »Die Frau lässt sich gegen den Willen ihres Mannes scheiden. Er ist Alleinverdiener, findet, er hat sich Frau und Kinder teuer erkauft, und kann es nicht ertragen, dass jemand anderer Ansicht ist. Das haben wir doch schon tausendmal erlebt. Was meinst du?«
»Ich glaube, wir haben Nummer tausendundeins vor der Nase«, erwiderte Kate. Im echten Leben war, anders als im Fernsehen, fast immer der Hauptverdächtige der Schuldige, meist jemand, den das Mordopfer gut kannte.
Sie gingen wieder ins Haus. Bis Walt Everson von der Gerichtsmedizin eintraf, durften sie sich der Leiche nicht mehr nähern. Sie würde dort liegen bleiben, bis der Tatort freigegeben wurde, die erste von vielen professionell durchgeführten Demütigungen der sterblichen Überreste Victoria Talbots.
Hellblau gekleidete Kriminaltechniker hatten ihre Arbeit bereits aufgenommen. Shapiro, der Polizeifotograf, lümmelte auf der Wohnzimmercouch und kritzelte in sein Notizbuch, wie immer mit einem Gesichtsausdruck, als wünschte er sich ans andere Ende der Welt. Seine Schlampigkeit hatte sich in den letzten Jahren keinen Deut gebessert, aber immerhin wusste er inzwischen, was sie am Tatort von ihm erwartete, also nervte sein Verhalten sie nur noch aus Prinzip. Dafür machte Jill Edmonds, deren Aufgabe es war, vom Tatort Videoaufnahmen zu machen, seine Unfähigkeit mit ihrer Gründlichkeit mehr als wett. Außerdem würden sie später von ihrem Videoband Digitalfotos erstellen können. Kate hatte Baker gebeten, die Fingerabdrücke zu sichern; in diesem Fall würden Fingerabdrücke das wichtigste forensische Beweismittel sein, gefolgt von Haaren, Fasern und dem ballistischen Gutachten. Baker war eine Koryphäe auf seinem Gebiet, und er hatte für alle denkbaren Oberflächen eines Tatorts die optimale Technik zur Sicherung der Spuren entwickelt.
Sie und Baker nickten sich respektvoll zu. Sie sagte zögernd: »Vielleicht die Hintertür –«
»Erzählen Sie mir nichts, was ein Kleinkind weiß. Natürlich fange ich dort an. Und natürlich wird es damit enden, dass ich das ganze verdammte Haus auf Fingerabdrücke untersuche.« Er stolzierte davon. Sie lachte leise in sich hinein.
Cameron besprach mit den anderen Kriminaltechnikern ihr Vorgehen bei der Spurensicherung – eine Routineangelegenheit, für die er sie nicht brauchte. Wenn jeder Winkel des Hauses fotografiert worden war, würden sie in unmittelbarer Umgebung der Leiche nach Haaren und Fasern Ausschau halten und Blutproben nehmen. Wenn Kate und Cameron dann mit der Durchsuchung des Hauses fertig waren, würden die Techniker sich unter ihrer Anleitung nach und nach alle Zimmer vornehmen.
Im Gerichtssaal hatte Kate anhand von Alicia Marquez’ Fragen ihre Ermittlungsschritte am Tatort minutiös rekonstruiert. Jetzt wollte die Staatsanwältin wissen: »Welche Beweismittel haben Sie selbst gesichert?«
»Den Computer des Opfers sowie ihre Tagebücher und privaten Papiere«, zählte sie auf. »Sie wurden auf Fingerabdrücke untersucht und dann für weitere Tests ins Labor gegeben.«
* * *
Der Durchsuchungsbefehl für das Haus in Hancock Park war in null Komma nichts vom zuständigen Richter erteilt worden. Während im Schlafzimmer das kriminaltechnische Team seine Feinarbeit am Fundort der Leiche fortsetzte, hatten Cameron und sie, da sie jetzt endlich auch von Rechts wegen das Haus auf den Kopf stellen durften, den oberen Stock unter die Lupe genommen. Sie mussten dringend mit der Befragung weiterer Zeugen beginnen, aber zunächst war es wichtig zu wissen, ob das Haus ihnen etwas zu erzählen hatte.
Zur Straße hin befanden sich zwei konventionell eingerichtete, sonnendurchflutete Schlafzimmer; zu jedem gehörte ein eigenes Bad mit einem Muster aus erdfarbenen, dunkelgrünen und marineblauen Fliesen. In einem der Zimmer hingen Stummfilmposter in schlichten schwarzen Rahmen an der Wand; in dem anderen stand ein riesiges weißes Regal voll aufgereihter Stofftiere. Kate fröstelte angesichts dieses künstlichen Arrangements unbenutzten Kinderspielzeugs. An die vierzig Puppen hockten steif auf einem der Regalbretter, unzählige noch eingeschweißte Brettspiele, Sportartikel und andere Spielsachen erstrahlten im oberflächlichen Glanz des Ungebrauchten.
»So sah es in meinem Kinderzimmer aber nicht aus«, brummte Cameron.
»In meinem auch nicht.«
Auf der anderen Seite des Flurs befand sich ein weitläufiges helles Zimmer mit einem großen Sprossenfenster, durch das man auf den Garten hinuntersah. Früher war es vielleicht mal ein Schlafzimmer gewesen, jetzt diente es als Arbeitszimmer. Es war geschmackvoll eingerichtet, mit Bücherregalen, einer imposanten Stereoanlage, beigefarbenen Ledersesseln und einem Schaukelstuhl mit grünem Samtbezug. Dieses Stockwerk wirkte steril, unbenutzt, trotz seiner kompletten Ausstattung, trotz der flauschigen Handtücher und diverser Kosmetikartikel in den Badezimmern.
»Mir gefällt das Haus sehr.« Cameron betrachtete die glänzenden Buchendielen, die in den Schlafzimmern von hellen Teppichen und im Flur von einem kastanienbraunen Läufer bedeckt waren. »Nichts Ausgefallenes, aber eines dieser Häuser, bei denen man sich wünscht, Geld zu haben.«
»Es ist toll«, stimmte ihm Kate zu. Könnte sie es sich aussuchen, hätte sie wie Victoria Talbot das Schlafzimmer im Erdgeschoss benutzt, dort ihren Schreibtisch in den Erker gestellt und glücklich zu Hause gearbeitet, mit dem Garten direkt vor der Nase. »Ich habe den Eindruck, die oberen Schlafzimmer dienten als Lockmittel für die Enkel. Vielleicht auch für die Kinder.«
»Ja, nach dem Motto, ihr könnt jederzeit wieder bei mir wohnen, Kinder. Sieht aber nicht danach aus, als hätte es funktioniert.«
Im Laufe der Zeit hatte Cameron ein gutes Gespür dafür entwickelt, aus den Fakten Hypothesen abzuleiten, und diesmal teilte sie seine Einschätzung hundertprozentig. »Sieht nach einer Menge Kummer und Einsamkeit in diesem perfekten Zuhause aus.«
»Ganz deiner Meinung. Wir wissen, dass Allan sehr an seiner Mutter hing, aber wir wissen noch nichts über die Schwestern. Oder ob sich Allans Exfrauen mit ihrer Exschwiegermutter gut verstanden und ihre Kinder hier übernachten ließen. Vielleicht war die Idylle in Hancock Park trügerisch …« Cameron kraulte durch die Luft, als bahnte er sich den Weg durch Spinnweben. »Vielleicht ist das da unten die Leiche von Spider Woman.«
»Vielleicht.«
Obwohl sie offen für seine Theorie war, spürte sie, dass dieses Bild nicht auf die Frau unten im Schlafzimmer zutraf. Eine Wohnung war ein Spiegel ihrer Bewohner, und hier sah es einfach nicht nach einer Frau aus, die ihre Kinder nicht loslassen wollte und sie damit erstickte. Kate gab sich einen Ruck. »Mal sehen, was wir hier oben so finden.«
In den Flurschränken hing Winter- und Festtagskleidung in Plastikhüllen; die meisten Schubladen waren leer, ein paar enthielten makellos gefaltete Kinderschlafanzüge, noch mit den Preisschildern daran. Auf den Bücherregalen im Arbeitszimmer reihten sich Klassiker-Gesamtausgaben, Garten- und Kochbücher sowie anspruchsvollere zeitgenössische Literatur, vor allem von Frauen. Victoria Talbot blieb ihren Lieblingsautorinnen treu: A. S. Byatt, Alice Walker, Toni Morrison, Anne Tyler, Barbara Kingsolver, Dorothy Sayers, P. D. James, Joyce Carol Oates.
Auf einem der Regale standen sechs schmale braune Lederbände mit den eingestanzten Goldlettern TAGEBUCH auf dem Rücken. Obwohl es sie in den Fingern juckte, riss sie sich zusammen. Zuerst musste Baker eventuelle Fingerabdrücke abnehmen, dann erst konnte Kate sie als Beweismittel mitnehmen. Falls es sich um persönliche Tagebücher handelte, würden sie eine unschätzbar wichtige Informationsquelle sein. Neben den Tagebüchern stand eine robuste Stahlkassette mit offenem Deckel; ein dazugehöriges Zahlenschloss lag darin. »Ich wüsste zu gern, was sie hier drin aufbewahrt hat«, sagte Cameron. Kate kramte in ihrer Umhängetasche nach dem Handy.
Ein paar Minuten später stießen sie in der Küche auf Baker, der gerade ein Stück Klebefolie auf dem Türrahmen fotografierte. »Und, viele Abdrücke?«, fragte Cameron leichthin.
»Nö.« Baker zupfte die Folie von der Tür und tütete sie in einen etikettierten Plastikbeutel. »Nicht annähernd so viele, wie eigentlich da sein müssten. Hier hat irgendjemand ein Großreinemachen veranstaltet.«
Kate und Cameron nahmen die Küche in Augenschein. Sie war in einem tadellosen Zustand, die Arbeitsflächen und Küchengeräte blitzten vor Sauberkeit. Sie öffnete den Kühlschrank. Nichts Ungewöhnliches, es sei denn, man fand es ungewöhnlich, dass ein Kühlschrank innen wie geleckt aussah und die Lebensmittel ordentlich sortiert waren.
»Was sagst du zu so einem Sauberkeitsfimmel?«, fragte Cameron. »Wo uns der Sohn erzählt hat, dass Victoria Talbot nie selbst den Putzlappen schwang?«
»Jedenfalls normalerweise nicht. Sieht ganz danach aus, als wollte jemand verhindern, dass wir irgendwelche Spuren finden – vor allem Fingerabdrücke.«
»Womit der Ehemann aus dem Spiel wäre.«
»Warum denn, Joe?«, widersprach sie ihm. »Sie wohnte seit zweieinhalb Jahren hier. Vielleicht liegt eine einstweilige Verfügung gegen ihn vor – vielleicht durfte er sich dem Haus nicht nähern.«
»Interessanter Gedanke. Lass uns den Ehemann durchchecken, mal sehen, ob wir alte Anzeigen oder sogar Vorstrafen finden.«
Nachdem Cameron die Küchenschränke durchforstet hatte, trat er mit der Fußspitze auf das Pedal eines silbernen Abfalleimers, der dezent in einer Nische zwischen dem Viking-Herd und dem Küchenschrank stand. Der Deckel sprang auf. »Hey, sieh dir das mal an.«
Sie linste über seine Schulter. Tiefrote Blüten verströmten einen unverkennbaren, betörenden Duft. »Rosen. Frisch geschnitten. Bestimmt aus dem Garten.« Sie erinnerte sich an die leere Kristallvase in der Eingangshalle.
»Ja. Warum schmeißt jemand frische Rosen weg?«
Aus Wut, dachte sie. Sie notierte sich Rosen und malte einen Kringel um das Wort.
»Schade, dass wir davon keine Fingerabdrücke nehmen können. Baker?«, rief sie ihn zu sich.
Baker spähte seinerseits in den Abfalleimer und schoss ein Foto. »Ich nehme mir gleich den Eimer vor. Shapiro soll zuerst ein Foto davon machen, ohne irgendwas zu verändern, dann die Rosen auf einem weißen Untergrund ausbreiten und sie abfotografieren. Was haltet ihr davon?«
»Großartig«, sage Cameron.
* * *
Alicia Marquez trat einen Schritt von der Schautafel zurück und wandte sich wieder an Kate: »Also haben Sie die Rosen nicht beschlagnahmt. Aber die Beweismittel der Anklage Nummer sechsundfünfzig und siebenundfünfzig, diese zwei Fotos, die ich gerade an die Tafel geheftet habe, sind die Aufnahmen, die Sie an jenem Morgen machen ließen?«
»Das ist richtig.«
An dem Punkt waren die Ermittlungen so richtig in Schwung gekommen.
4. Kapitel
»Knöpfen wir uns jetzt den Ehemann vor?«, fragte Cameron.
Nach den wenigen Informationen zu urteilen, die ihnen bisher zur Verfügung standen, wies alles auf den Exmann hin. Aber sie durften auch die Lage des Hauses nicht außer Acht lassen. Es befand sich an einer ruhigen Straßenkreuzung, nur auf der einen Seite gab es unmittelbare Nachbarn. Die Bewohner des Hauses, dessen Grundstück hinten an das Talbot-Anwesen grenzte, und die Nachbarn auf der anderen Straßenseite würden wahrscheinlich nicht viel gehört oder gesehen haben. »Vielleicht erst mal die Freundin, die im Nachbarhaus wohnt.«
Falls Marjorie Durant tatsächlich eine enge Freundin war, würde die Befragung sie besser auf das anschließende Gespräch mit Douglas Talbot vorbereiten.
* * *
Draußen hatten die Pressefahrzeuge Stellung bezogen. Auch die Schaulustigen auf der anderen Straßenseite hatten Zulauf bekommen und der Lärmpegel war beträchtlich gestiegen. Mehrere Officer hielten die Menge in Schach, aber zwei Kameraleute hatten sich von den anderen abgesetzt und filmten mit ihren Schulterkameras, wie Kate und Cameron zum Nachbarhaus gingen. Die Medienmeute und die Gaffer würden nach der Hauptattraktion – dem Abtransport des Opfers in einem Leichensack – die Ausdauer verlieren. Dann würden die Pressesprecher der Polizei übernehmen und die Fragen der Reporter beantworten, auch die von Kates Lieblings-Schmeißfliege, der Polizeireporterin Corey Lanier von der L.A. Times.
Kate und Cameron folgten einem gewundenen Pfad über die akkurat gemähte, tiefgrüne Rasenfläche, vorbei an üppigen, sorgfältig gepflegten Blumenbeeten, Palmen und Yuccapflanzen, hin zu einem imposanten Haus im spanischen Kolonialstil mit weißer Stuckfassade, Bogenfenstern und einem Dach aus Terrakotta-Ziegeln, die in der Sonne funkelten. »Weit und breit nicht ein einziges totes Blatt«, bemerkte Cameron. »Es kommt also täglich ein Gärtner, sonst würden der Rasen und die Beete nicht so perfekt aussehen. Wahrscheinlich zählt in dieser Gegend Armut zu den Schwerverbrechen.«
Kate nickte. Sie trug ordentliche Kleidung, einen grauen Blazer und dunkelblaue Hosen, war sich aber plötzlich kleinerer Makel unangenehm bewusst: Die Hose war an den Knien ausgebeult und ihre Schuhe waren leicht abgetragen. Ein Swimmingpool kam in den Blick, ein meerblauer Schimmer vor weißen Kacheln. »Gleich kommt William Holden um die Ecke spaziert, ein Handtuch um die Hüften«, wisperte sie Cameron zu, als sie sich einer massiven, mit Schnitzereien verzierten Holztür näherten, die auf Hochglanz poliert war. Von drinnen ertönte entferntes, aber angriffslustiges Gekläff.
Kate klingelte und sah dabei nach rechts zum Talbot-Haus hinüber. Ein zwei Meter hoher schmiedeeiserner Zaun trennte die beiden Grundstücke, aber man hatte durch die Gitterstangen einen guten Blick auf Victoria Talbots Garten. Außerdem wuchs an der Vorderseite im Unterschied zum Nachbarhaus keine Hecke, so dass man die Straße überblicken konnte.
Die Frau, die ihnen die Tür öffnete, war vielleicht fünf Jahre älter als ihre tote Nachbarin, wirkte aber ganz und gar nicht wie Norma Desmond, die alternde Diva in Sunset Boulevard. Ihr Körper war schlank und wohlgeformt, und sie trug ein schlichtes silbergraues Jackett mit aufgenähten Taschen zu einer weiten Leinenhose, die von einer Kordel gehalten wurde. Das Haar umrahmte ihr feines Gesicht in sanften Wellen und war in einem aschblonden Farbton getönt, der die grauen Strähnen zwar nicht vollständig überdeckte, aber dezent vergessen ließ. Obwohl ihre dunkelbraunen Augen rot gerändert waren, wirkte sie gefasst, wenn auch etwas fahrig. Vor ihnen stand eine elegante ältere Frau in einem eleganten Haus, die sich sichtlich darum bemühte, Haltung zu bewahren.
Kate stellte sich und Cameron vor, und die Frau musterte sie eingehend, wobei ihr Blick etwas länger auf Cameron ruhte. »Ich bin Marjorie Durant«, sagte sie mit rauer Stimme. »Ein Officer hat mir gesagt, dass noch zwei Detectives mit mir würden sprechen wollen.« Dennoch sah sie sich ihre Dienstmarken genau an, bevor sie sie hereinbat. »Sie können sicher einen Kaffee vertragen, nicht?«
»Vielen Dank«, sagte Cameron behutsam. »Gerne.«
Als sie das Haus betraten, wurde das Kläffen immer hysterischer. Die Hunde waren wohl in ein Zimmer eingeschlossen oder im Garten ausgesperrt worden. »Ich habe drei Scotties«, erklärte sie. »Sie beruhigen sich, wenn wir uns hinsetzen.«
Im Wohnzimmer roch es nach Zigarettenrauch, und Kate kam der Gedanke, wie selten das heutzutage war. Das Haus war eindeutig von einem Innenarchitekten eingerichtet worden: Weiß gestrichene Wände mit impressionistischen Gemälden und helle Teppiche bildeten einen Kontrast zu den kunstvoll arrangierten antiken Möbelstücken und Bronzeskulpturen von Pferden und Hunden. Ein glänzend schwarzer Flügel auf einem Podest vor dem Fenster zur Straße dominierte den Raum. Ein großes und ein kleines Sofa sowie zwei reich verzierte, bernsteinfarben gepolsterte Lehnstühle umringten einen sauber ausgefegten Steinkamin mit Familienfotos auf dem Sims. Auf dem ovalen Couchtisch stand ein Bambustablett mit einer Kaffeekanne auf einem Stövchen, goldgeränderten Porzellantässchen und einem Teller Löffelbiskuit. »Ich habe auch Milch und Zucker«, sagte sie. »Aber trinkt ihr von der Polizei ihn nicht immer schwarz?«
Cameron grinste amüsiert angesichts dieses Klischees und antwortete: »Sicher.«
Er nahm auf einem der Lehnstühle Platz und Kate versank in dem kleinen Sofa. Irgendwie wusste sie, dass bereits die Frage, ob sie das Aufnahmegerät benutzen dürfte, Anstoß erregen würde, also zückte sie lediglich ihr Notizbuch. Während Marjorie Durant ihnen Kaffee einschenkte, sagte Kate förmlich: »Detective Cameron und ich möchten Ihnen unser Beileid aussprechen. Uns wurde gesagt, dass Mrs. Talbot Ihre Freundin war. Vielen Dank, dass Sie in dieser schweren Stunde bereit sind, mit uns zu sprechen – wir wissen, wie belastend das für Sie sein muss. Wir werden so wenig von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen wie möglich.« Tatsächlich mussten sie die Befragung unter Zeitdruck durchführen, ohne unhöflich zu werden. Sie durften es sich auf keinen Fall mit dieser Frau verscherzen, falls im weiteren Verlauf der Ermittlungen eine erneute Befragung nötig sein würde. »Seit wann kannten Sie Mrs. Talbot?«
Mrs. Durant reichte ihnen mit fahriger Hand die dampfenden Kaffeetassen. »Seit sie mit ihrer Familie nach Hancock Park gezogen ist. Also seit mindestens zwanzig Jahren, würde ich sagen. Ich habe mich sehr gefreut, als Victoria ins Nachbarhaus einziehen konnte.«
»Das war nach der Scheidung«, soufflierte Cameron.
»Natürlich.«
Kate trank einen Schluck Kaffee, der wie erwartet köstlich war. Sie stellte die Tasse auf einem Beistelltischchen ab und blätterte in ihrem Notizbuch zurück, um Victoria Talbots genaues Alter nachzulesen: dreiundfünfzig. Dann war sie damals also dreiunddreißig gewesen. Sie fragte: »Würden Sie sagen, dass Sie eng befreundet waren?«
»Sehr eng.« Sie bot ihnen von den Löffelbiskuits an. Kate und Cameron lehnten, einen Dank murmelnd, ab. »Wenn wir einander nicht besuchten, haben wir jeden Tag telefoniert.«
Kate wartete, bis Mrs. Durant sich auf dem Sofa niedergelassen hatte, und stellte dann eine ihrer schönsten offenen Fragen: »Haben Sie irgendeine Ahnung, was dort drüben passiert sein könnte?«
Marjorie Durant zog ein Päckchen Pall Mall aus der Tasche ihres Jacketts. »Ich habe vor zehn Jahren aufgehört«, sagte sie mit bebender Stimme. In einem großen geschliffenen Glasaschenbecher auf dem Couchtisch lagen an die zwanzig nicht aufgerauchte Zigarettenstummel. »Ich musste Ella von nebenan um ein Päckchen bitten. Mein Mann wird sich furchtbar aufregen …« Sie klopfte das Ende der filterlosen Zigarette auf den Couchtisch, eine routinierte Geste, die ihre lange Abstinenz Lügen strafte. Sie sah erst Kate, dann Cameron an. »Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, außer dass sie ermordet wurde«, sagte sie. »Vielleicht können Sie mich aufklären.«
»Wir wissen selbst noch nicht viel mehr.« Kate wollte sie noch etwas hinhalten.
Mrs. Durant zündete sich die Zigarette mit einem Streichholz an. »War es ein Einbruch?«, fragte sie. »Wir haben das Recht, wenigstens das zu erfahren. Ist sie ausgeraubt worden oder …« Sie ließ den Satz in der Schwebe.
»Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen«, antwortete Kate vorsichtig. »Es sieht nicht nach einer Vergewaltigung aus, aber unsere Ermittlungen stehen noch ganz am Anfang.«
Von den Hunden war jetzt nur noch vereinzeltes Gekläff zu hören. Mrs. Durant verzog das Gesicht, nickte und inhalierte gierig den Rauch ihrer Zigarette. Sie sah durch Kate hindurch, als fixierte sie einen Punkt in der Ferne. »Ich glaube, das Beste wird sein, Sie sprechen mit der Familie«, sagte sie schließlich.
Kate griff nach ihrer Kaffeetasse und Cameron nahm das als Zeichen, sich in die Unterhaltung einzuklinken. »Jeder noch so kleine Hinweis kann uns weiterhelfen …«
»Sie sprechen besser mit der Familie«, wiederholte sie.
Kate versuchte es auf anderem Wege. »Meinen Notizen zufolge war Allan dreizehn und die Mädchen zehn und acht, als die Talbots hierher zogen.«
Mrs. Durant blies den Rauch ihrer Zigarette aus. »Das kommt ungefähr hin.«
»Hatten Sie zu allen Familienmitgliedern eine enge Beziehung oder nur zu Mrs. Talbot?«
»Zu fast allen«, sagte sie mit erstickter Stimme. Sie drückte die Zigarette heftig im Aschenbecher aus.
»Zu den Kindern?«
»Zu fast allen«, wiederholte sie.
»Was ist mit den Enkeln?« Kate hatte die unbenutzten Zimmer im ersten Stock vor Augen. »Haben Sie die auch zu Gesicht bekommen?«
»In den letzten Jahren nur zu Weihnachten«, sagte sie kurz angebunden, und Kate spürte, dass sie bei diesem Thema nicht weiterkommen würden.
»Was können Sie uns zu heute Morgen sagen?«, fragte Cameron. »Haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches gesehen oder gehört?«
»Darüber habe ich bereits nachgedacht. Ich glaube … Ich glaube, ich habe gehört, wie es passierte. Ich habe Schüsse gehört, aber das ist mir erst im Nachhinein klar geworden.«
»Um wie viel Uhr war das?«
»Ich bin mir nicht sicher, ich –« Sie schluchzte auf, drückte die nächste Zigarette aus, zog ein zerknittertes Stofftaschentuch hervor und betupfte sich die Augen.
»Es tut mir leid. Ich weiß, wie schwer das für Sie sein muss«, sagte Cameron mit sanfter Stimme. »Vielleicht erzählen Sie uns einfach, was Sie heute Morgen gemacht haben.«
»Ja. Das kann ich tun.« Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen. »Ich bin wie immer um halb sieben aufgestanden – die Hunde wecken uns jeden Tag. Normalerweise gehen mein Mann Gene und ich zusammen mit ihnen Gassi, aber heute musste er noch seine restlichen Sachen packen, die Limousine sollte um sieben da sein. Es ist ja nicht mehr so schlimm wie früher, aber man muss heutzutage immer noch früh am Flughafen sein, wegen dieser ganzen Kontrollen. Er sitzt jetzt gerade im Flugzeug nach Philadelphia, er hat da eine Konferenz. Ich habe ihm eine Nachricht hinterlassen, er soll mich zurückrufen. Er weiß von nichts …«
»Was für eine Konferenz?«, fragte Cameron freundlich.
»Finanzpolitik.« Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick. »Also bin ich allein mit den Mädchen raus.«
Den Mädchen. Kate sah verstohlen zu den Fotos auf dem Kaminsims, Schnappschüsse von einem stämmigen Mann, vermutlich Eugene Durant, und Marjorie auf Europareise. Sie fragte sich, ob die Hunde, die jetzt endlich aufgehört hatten zu bellen, den Durants die erwachsenen Kinder ersetzten, die dem Nest entflohen waren. Sie trank ihren Kaffee aus und fragte dann: »Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen? Fremde Personen? Autos auf der Straße, die da nicht hingehörten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Dazu kann ich nichts sagen. Ich war zu sehr mit den Mädchen beschäftigt. Die drei sind sehr lebhaft, und sie hielten mich ganz schön auf Trab, obwohl ich sie an der Leine hatte.«
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Kate. »Haben Sie –«
»Warten Sie. Da stand ein schwarzes Auto. Auf dem Rückweg ist mir aufgefallen, dass es schräg geparkt war.«
»Wo?«
»Ein Stück die Straße runter.«
»Welches Fabrikat?«
»Ein Mercedes, glaube ich. Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher. Ein nagelneuer Wagen.«
»Noch mit dem Händlerkennzeichen?«
»Ja. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.«
»In Ordnung. Können Sie uns ungefähr sagen, wann Sie das Haus verließen oder wann Sie zurückkamen?«
»Ich bin etwa fünf Minuten, bevor Gene gefahren ist, wieder da gewesen. Also ungefähr um fünf vor sieben.«
»Bei welcher Autovermietung haben Sie die Limousine bestellt?«
»Bei Liberty.« Die Antwort kam ohne Zögern. Kate wurde klar, dass sie die Verleihfirma ständig in Anspruch nahmen. »Der Fahrer war Paul«, fügte Mrs. Durant hinzu.
Kate notierte sich, den Fahrer zu befragen; sie kamen meist etwas früher zu ihren Terminen, und vielleicht hatte er etwas gesehen, während er wartete. »Was war mit den Schüssen?«, fragte sie. »Um wie viel Uhr –«
»Oh, das war äußerst merkwürdig.« Mrs. Durant schüttelte eine weitere Zigarette aus der Packung. »Ungefähr eine halbe Stunde nachdem Gene fort war; im Fernsehen liefen die Today-Lokalnachrichten. Ich bin aufgestanden und in die Küche gegangen, um … Ich weiß nicht mehr, warum. Ich hörte einen lauten Knall. Einer der Hunde bellte von hinten, das hätte mich stutzig machen müssen, aber die Tiere sind ja so überempfindlich, und sie hat nur ein einziges Mal gebellt, also nahm ich an – ohne groß darüber nachzudenken –, dass es in den Nachrichten gewesen war. Ich muss gestehen, dass ich nicht so gut höre und der Fernseher etwas lauter gestellt war. Na ja, außerdem kommt man doch nicht auf die Idee, dass es ein echter Schuss gewesen sein könnte …«
Jedenfalls nicht in dieser Gegend, dachte Kate. »Wenn also gerade die Lokalnachrichten liefen, dann war das gegen halb acht?«
»Das kommt hin. Komisch war nur, dass ich danach noch einen Knall hörte.«
»Ja«, sagte Cameron. »Sie wurde –«
»Mrs. Durant«, fiel ihm Kate ins Wort, ohne ihn anzusehen. Fast hätte er enthüllt, dass Victoria Talbot mit mehreren Schüsse getötet worden war, ein schwerer Fehler. »Und dieser zweite Knall hat sich genauso angehört wie der erste?«
Sie nickte. »Absolut.«
»Warum war es dann komisch?«
»Na ja … weil …« Sie schien peinlich berührt. »Vielleicht war es ja gar nicht komisch. Vielleicht sind wir alle zu sehr von diesen Fernsehkrimis beeinflusst. Man hört etwas, das wie ein Schuss klingt, und wenn dann keine weiteren Geräusche folgen, denkt man, man hat sich geirrt.«
»Das verstehe ich nicht. Sie haben doch noch einen Schuss gehört. Oder waren es mehr als zwei?«
»Nein. Aber der zweite Schuss kam später.«
»Wie viel später?«
»Ich wusste, dass Sie mir diese Frage stellen würden, und habe den ganzen Morgen darüber nachgedacht. Vielleicht fünf Minuten. Oder sogar zehn.«
»Ganze zehn Minuten?«
Die Frage kam von Cameron, aber Kate war genauso überrascht wie er. Sie hatte alles mitgeschrieben, so wörtlich wie möglich.
»Ja. Vielleicht aber auch nur fünf, wie gesagt. Sie wurde doch erschossen, nicht wahr?«
»So ist es«, antwortete Kate.
»Vielleicht war der erste Schuss tatsächlich in den Nachrichten. Oder … mit wie vielen Schüssen wurde sie denn –«
»Das werden wir erst wissen, wenn der Pathologe … äh, uns seine Ergebnisse mitteilt«, beendete Kate den Satz taktvoll, indem sie das Wort »Autopsie« vermied. »Sie können ziemlich genau sagen, wann der erste Schuss fiel. Gibt es einen Grund, warum Sie sich unsicher sind, wie viel Zeit bis zum zweiten Schuss verging?«
»Ich telefonierte in der Küche mit meiner Tochter, und zwei der Hunde haben sich um ihre Futternäpfe gezankt und gebellt und ein Riesentheater veranstaltet, da habe ich nicht mehr auf die Zeit geachtet. Aber vielleicht irre ich mich ja auch …« Sie warf ihnen einen entschuldigenden Blick zu. »Ich stehe etwas neben mir, vielleicht täuscht mich meine Erinnerung.«
»Dafür haben wir Verständnis. Wir wissen, dass Sie sich große Mühe geben. Könnte der zweite Schuss denn weniger als fünf Minuten nach dem ersten gefallen sein?«
»Nein«, sagte sie entschieden. »Es vergingen mindestens fünf Minuten. Aber vielleicht eben auch mehr.«
»Heißt das, es könnten auch mehr als zehn Minuten vergangen sein?«
»Möglicherweise. Es könnte sein.«
»Und Sie können auch nicht anhand des Fernsehprogramms einschätzen, wie viel Zeit –«
»Nein. Der Fernseher lief, aber ich habe überhaupt nicht darauf geachtet.«
»Woran erinnern Sie sich als Nächstes, Mrs. Durant?«
»Sirenen. Die Polizei. Allan kam aus dem Haus gerannt, lief ihnen entgegen, er war kreidebleich und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die Sanitäter sind rein ins Haus. Dann kamen noch mehr Polizeiwagen, sie haben die ganze Straße versperrt.«
»Wie lange nach dem zweiten Schuss war das?«
»Nicht lange. Ein paar Minuten. Erst in dem Moment ist mir klar geworden, was die Geräusche bedeuteten, die ich gehört hatte – sonst wäre ja die Polizei nicht gekommen und so. Ich lief rüber, aber sie haben nur meinen Namen aufgeschrieben und wollten mir nichts weiter sagen, als dass eine Frau tot aufgefunden worden war. Aber das wusste ich bereits. Genauso wie ich es wusste, als ich ins Wohnzimmer meiner Mutter kam und sie wie immer in ihrem Lehnsessel saß, aber …«
»Ja«, sagte Kate einfühlsam. »Manchmal weiß man es einfach.« So wie Allan Talbot.
»Als ich den ersten Schuss hörte, trank ich gerade Kaffee und sah fern, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass Vicki –« Als sie den Namen aussprach, brach ein Damm; sie senkte den Kopf und begann zu weinen.
Kate wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie war sicher, dass es nicht lange dauern würde; die Frau besaß eine erstaunliche innere Kraft. »Mrs. Durant, konnten Sie feststellen, aus welcher Richtung die Schüsse kamen?«
»Leider nicht genau. Aber doch, im Nachhinein, vor allem beim zweiten Schuss, weil ich da in der Küche war und das Fenster offen stand. Er kam aus der Richtung von Vickis Haus, aber zu dem Zeitpunkt dachte ich, das Geräusch käme von dem Grundstück auf der anderen Seite der Kreuzung oder sogar von den Häusern hinter unseren Gärten. Es tut mir leid, ich habe einfach nicht begriffen, was los war –«
»Natürlich. Wer hätte das schon«, sagte Cameron mitfühlend. »Haben Sie sonst noch was gehört? Laute Stimmen? Ein anfahrendes Auto auf der Straße?«
»Keine Stimmen. Lassen Sie mich nachdenken …« Sie schloss die Augen und rieb die Nasenwurzel zwischen Zeigefinger und Daumen, um sich zu konzentrieren. »Nein, aber das konnte ich auch nicht. Die vorderen Fenster sind doppelt verglast.«
»Und Sie haben auch sonst nichts Ungewöhnliches durch die Fenster beobachtet?«
»Nein.«
Mehr war aus Marjorie Durant offensichtlich nicht herauszubringen, aber Kate wollte noch eine letzte entscheidende Frage loswerden. »Was ist mit Mrs. Talbots Exmann?«, erkundigte sie sich. »Kannten Sie ihn gut?«
»Früher einmal, ja. Seit der Scheidung nicht mehr.«
»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«
»Ich hatte keine Interesse daran, ihn zu sehen. Ich habe diesbezüglich bereits alles gesagt, was ich zu sagen habe«, erwiderte Mrs. Durant. »Ich habe mich doch wohl kooperativ genug gezeigt.«
»Wir sind Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe.« Kate hatte den Eindruck, dass Marjorie Durant entgegenkommender sein würde, wenn sie sie mit Ermittlungsergebnissen konfrontierten und sie um eine Bestätigung der Informationen baten. Sie zückte eine Visitenkarte und legte sie auf den Couchtisch. »Wir werden im Verlauf der Ermittlungen auf Sie zurückkommen. Falls Sie sich an weitere Details erinnern oder noch etwas ergänzen wollen, rufen Sie mich bitte an.«
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