Читать книгу: «Der beiden Quitzows letzte Fahrten»
Kapitel 1: Suteminn
Westlich von dem kleinen Ländchen Bellin lag der Zotzen. Es war das ein Wald, welcher zu der Zeit, von der wir erzählen, alle Erscheinungen eines nur wenig begangenen Urwaldes bot. Im Sommer, wenn die Strahlen der Sonne ihren Weg durch das dichte Laubwerk nahmen und von den golden und purpurn umsäumten Blättern zitternde Reflexe wie sprühende Karfunkel um die riesigen Stämme und das knorrige Geäste blitzten, herrschte hier ein gar reges, thierisches Leben, denn Bären, Wölfe, Luchse, Schweine, Hirsche, Rehe, Füchse, wilde Katzen und anderes Wild trieb zwischen den umgestürzten und modernden Bäumen oder in den von Besinggesträuch und Farrenkräutern verdeckten Vertiefungen sein Wesen, giftige Schlangen lauerten im tiefen, feuchten Moose, und es bedurfte wohl eines nicht gewöhnlichen Muthes, in diesen wilden Gründen dem edlen Waidwerke obzuliegen. Jetzt aber war es Winter; die mächtigen Eichen, Buchen und Rüstern streckten ihre Zweige entblättert in die Luft, und wenn auch eine Decke dichtliegenden Schnee’s sich über die kahlen Wipfel und den hartgefrorenen Boden legte, konnte man doch leichter als zur schönen Jahreszeit den Wald passiren, da das dicht verschlungene Gewirr der Gesträuche der unerbittlichen Kälte hatte weichen müssen.
Trat man auf der östlichen Seite aus dem Walde heraus, so gelangte man nach einer kurzen Wanderung über den Bruchboden nach dem Dorfe Dechtow, dessen Häuser mit ihrem halbverwitterten und vom Alter dunklen Lehmwerke wenig einladend von der weißen Schneefläche abstachen.
Es war Abend; der Mond warf seinen ruhig leuchtenden Schimmer zur Erde; ein leiser Lufthauch bewegte die Atmosphäre, und tiefer Frieden lag über die weite Gegend ausgebreitet. Im Dorfe schien Alles schon schlafen gegangen zu sein, denn keines der kleinen Fenster erglänzte von dem flackernden Feuer eines qualmenden Kienspans. Aber doch – dort im Kruge herrschte noch Leben, und zwar ungewöhnlich reges Leben; an der Rückseite desselben standen in einem halb offenen Stalle eine Reihe aufgezäumter Pferde, und durch die geschlossenen Läden konnte man ein lautes Durcheinander von kräftigen Stimmen vernehmen.
Auch das Dorf herab ertönten jetzt die nahenden Hufschläge eines Pferdes, und bald war ein einzelner Reiter, ein sogenannter Einspänner zu sehen, welcher, vorsichtig Umschau haltend, sich dem Kruge näherte. Es war eine kolossale Gestalt auf einem ebenso gewaltigen Streitrosse. In der Rechten hielt er eine baumstarke Lanze, unter deren Spitze ein kleines Fähnlein flatterte, dessen Farbe aber bei dem ungewissen Lichte grad so wenig zu erkennen war, wie das Zeichen, welches den mächtigen Schild schmückte, der seine linke Seite bedeckte. Ein ungewöhnlich langes und breites Schwert hing ihm von der Hüfte nieder, und ein doppelschneidiges Messer, wegen seiner Gefährlichkeit »Gnadegott« geheißen, war in lederner Scheide durch eine Kette an den starken Leibgurt befestigt.
Mit einem raschen Sprunge war er vom Pferde, einem Falben von außerordentlich kräftigem Gliederbaue, und trat lauschend an einen der Läden.
»Das sind Kriegsgurgeln, die sich da drin hören lassen! Sicherlich ist kein Ritter dabei, sonst wäre nach löblichem Schick und Brauch eine Wache ausgestellt. Ich muß doch sehen, was für eine Farbe sie tragen. Babieca, bleib fein ruhig stehen; ich will meine Lanze an dich lehnen!«
Als hätte das Thier ihn verstanden, streckte es die Glieder in eine bequeme Stellung und wandte nur leicht den Kopf, um ihm bei seinem Eintritte in den Hausflur nachzublicken. Er öffnete die Thür und erblickte nun eine Anzahl reisiger Knechte, welche sämmtliche Tische besetzt hielten, um sich bei einem Schlucke gütlich zu thun. Inder hinteren Ecke erhob sich die knochige hagere Gestalt eines alten Wachtmeisters, welcher ihm entgegentrat:
»Mit Verlaub, Herr Ritter, wollt Ihr uns wohl Euren Namen sagen? Wir haben Euch nicht kommen hören, und es sind gar schlimme Zeiten!«
Wirklich trug der Eingetretene keine Farben, an denen er zu erkennen gewesen wäre, aber seine aus blau angelaufenem Stahle gefertigte Rüstung war von so eigenthümlicher und zugleich vorzüglicher Arbeit, daß sie recht gut als Merkzeichen dienen konnte, und als ihr Träger statt aller Antwort den Schild erhob, welcher einen Amor mit gespanntem Bogen zeigte, trat der Frager mit einer Ehrerbietung zurück, wie man sie sonst nur hervorragenden Persönlichkeiten zu erweisen pflegt, und der Wirth, dies bemerkend, öffnete die Thür zu einem besonderen Nebengemach, in welches er den Fremden einzutreten lud.
»Das sind ja Leute des Ritters Nymand von Löben! Was thun sie hier hinter dem Zotzen?«
»Sie kehren von einem Streifzuge heim und wollen noch heut in das Lager vor Friesack zurück,« antwortete der Wirth.
»So ist es also wahr, daß der Markgraf vor Friesack liegt, wie ich hörte?«
»Ihr müßt hier sehr fremd sein oder sehr weit herkommen, wenn Ihr von dieser Fehde nicht längst schon wißt!«
»Ich komme aus dem Lande Preußen, wo das schwarze Kreuz des deutschen Ritterordens starker Arme bedarf. Doch, gebt mir einen Trunk, aber einen guten, wie es nach löblichem Schick und Brauch sich geziemet, und dann führet mein Roß Babieca in den Stall; das edle Thier bedarf der Pflege und Erholung!«
Der Wirth that, wie ihm geheißen war. Unterdessen saßen die Reisigen in dem räucherigen Schenkzimmer und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen über den fremden Rittersmann.
»Und ihr wißt wirklich nicht, wer er ist?« fragte der Wachtmeister, »trotzdem Ihr den nackten Buben mit dem Pfeile gesehen habt, der auf seinen Schild gemalt ist!«
»Wir kennen hier nicht jeden Rittersmann, dieweilen wir aus dem Lande Schwaben sind,« entschuldigte sich einer der Angeredeten.
»Das ist wahr. Aber wenn Ihr ihn auch noch nicht gesehen habt, so kennt Ihr doch ganz gewißlich seinen Namen, denn der ist bekannt fast über die ganze Erde und noch drei Meilen darüber hinaus. Er heißt Suteminn.«
»Suteminn?« riefs überrascht im Kreise. »Wohl haben wir von dem gewaltigen Kämpen gehört, dem Keiner gleichen soll, so Viele sich auch mit ihm gemessen haben! Erzähle uns von ihm!«
»Ja, von dem, was hier zu Lande gethan, läßt sich wohl viel erzählen, nicht aber von seiner Abstammung und seinen Abenteuern in fernen Ländern. Er war bei den Russen und Normannen, bei den Dänen und Friesen, im Lande der Franken und Welschen, ja sogar bei den Türken und Tataren soll er gewesen sein, doch von seinen Thaten weiß man nichts, denn er zieht stets einspännig aus, und Keiner hat ihn jemals in Begleitung eines Knappen gesehen.«
»Sie werden seine Burg bewachen sollen.«
»Seine Burg? Er hat keine. Er wohnt zu Tangermünde in einem kleinen Häuschen, welches ringsum von einer Mauer umgeben ist, so daß kein Auge sehen kann, was in seinem Hausfrieden vor sich geht; aber wunderbare Dinge mögen das wohl sein, denn des Nachts steigen feurige Gluthen aus dem alten Schornsteine, und oft kommen seltsame, glühende Gestalten geflogen und tanzen um das baufällige Dach. Dann erhebt sich hinter der Mauer ein Lärm, als ob ganze Heere Gewappneter mit einander kämpften; mächtige Fußtritte stampfen die Erde, Schwerter klirren und klingen, Panzer rasseln, Pferde wiehern, Hunde heulen und bellen, und Jedermann flieht das Haus, in welchem die höllischen Geister ihr Wesen treiben. Aber er hegt nicht die schwarze, sondern die weiße Kunst, und – —«
»Die weiße? Was ist das für eine Kunst?«
»Bei der schwarzen Kunst gehört die Seele dem Teufel, welcher dafür eine bestimmte Zeit lang in allem Schlimmen dienstbar sein muß; bei der weißen Kunst aber wird er gezwungen, Gutes auszuführen, und weil er dafür nichts bekommt, so könnt Ihr Euch denken, daß er mit seinen Gesellen sich ganz gewaltig dagegen sträubt und des Nachts einen solchen Heidenspectakel vollführt. Wer die weiße Kunst versteht, der hat Macht über alle guten und bösen Geister, über Leben und Tod, über Hab und Gut und kann Alles vollbringen, was Gott und den heiligen Engeln wohlgefällig ist. Deshalb ist Suteminn ein so gewaltiger Ritter und zugleich ein Gelehrter, dem nichts verborgen ist in den sieben Reichen der Unterwelt. Er kann das Wetter machen und den Sonnenschein, die giftigen Dünste vertreiben und alle Krankheiten heilen; er fängt den Bären mit der bloßen Hand und spaltet einem Gewappneten den Kopf bis herunter auf die Brust und auch noch weiter, wenn er will; seine Haut ist fest wie Eisen, denn er hat sie mit Drachenblut bestrichen, und durch seine Rüstung dringt weder Schwert noch Dolch, weil sie von den guten Zwergen geschmiedet worden ist. Er ist keinem Menschen unterthan und Niemand, kein Herzog und kein Fürst, darf ihn zu einem Heereszuge entbieten; er kommt von selbst, und die Seite, auf welche er sich stellt, gewinnt den Sieg.«
»Aber wer bewacht sein Haus, wenn er auf Fahrten ausgezogen ist?«
»Es wird behütet von seinen Geistern, die in allerlei menschlichen und thierischen Gestalten um dasselbe streifen oder über die Mauer lugen. Bald hinkt ein altes, triefäugiges Weib aus dem kleinen Thore hervor, bald erblickt der kühne Lauscher ein herrlich gebildetes Weib, welches sich aber sofort in einen riesigen Köder verwandelt und mit gefletschten Zähnen auf ihn losstürzt; bald tritt ein schöner Jüngling durch die Pforte, um im nächsten Augenblicke spurlos zu verschwinden, bald erblickt man ein runzelvolles Greisenangesicht in der Mauerscharte; aber wehe dem, der nicht schleunigst umkehrt und flieht: er würde in ein Thier verwandelt werden, um seine Neugierde zu büßen!«
In diesem Augenblicke wurde der abergläubische Erzähler von einer Hand unterbrochen, welche mit kräftigen Schlägen von Außen an den Laden klopfte. Eine tiefe, volltönende Stimme rief nach dem Krugwirthe, und dieser eilte hinaus, um die Wünsche des nächtlichen Gastes zu erfragen.
»Wer ist’s?« begehrte der Wachtmeister zu wissen, als er wieder in die Stube trat.
»Ein Rittersmann,« antwortete der Gefragte, »der es sehr eilig hat. Er will seinen Durst löschen und dann weiter reiten.«
»Hast Du ihn erkannt?«
»Er hat sich tief verhüllt; fast scheint es mir Einer von den Quitzow’schen zu sein!«
»Von den Quitzow’schen? Dann ist er geflohen oder bei dem heutigen Kampfe entkommen. Macht Euch in die Höhe, Ihr Mannen! Ich will mir den Patron einmal besehen, und wenn es einer der Feinde ist, so werde ich Euch rufen. Geht durch die Hinterpforte leise zu Euren Pferden; zu Fuß ist einem Berittenen nur schwerlich beizukommen!«
Er steckte einen der vorhandenen Kienspäne in Brand und trat mit demselben vor die Thür, um dem ungewissen Lichte des Mondes möglichst nachzuhelfen. Mit der einen Hand den Zügel des Pferdes erfassend, leuchtete er mit der andern empor, und kaum hatte er das Gesicht des Reiters erblickt, so warf er die Leuchte von sich und riß das Schwert aus der Scheide.
»Grüß Euch Gott, Ritter Dietrich! Was habt Ihr von Friesack hier zu schaffen?«
Aber schon blitzte das Schwert des Angeredeten durch die Luft und hätte sicher den Kopf des Wachtmeisters gespalten, wenn derselbe nicht schnell bei Seite getreten wäre und durch einen Ruck an den Zügeln das Pferd zum Bäumen gebracht und somit den Hieb unsicher gemacht hätte.
»Herbei, herbei, Ihr Leute!« rief er dabei mit lautschallender Stimme. »Ritter Dietrich von Quitzow ist zu fangen!«
Er bezahlte diesen Ruf mit dem Leben, denn ein zweiter Hieb Dietrichs traf besser und streckte ihn lautlos in den Schnee. Aber schon waren die Andern herbeigeeilt und hieben, den Ritter umzingelnd, auf ihn ein.
»Ergebt Euch!« wurde ihm zugerufen. »Ihr seht, daß der Unsrigen zu viele sind!«
»Ergeben?« lachte er grimmig, riß sein Pferd empor und warf es, mit mächtigen Schlägen sich vertheidigend, im Kreise herum. »Da habt Ihr meine Antwort, und fahrt zur Hölle, Ihr feilen Knechte!«
Einer nach dem Andern sank unter seinen wuchtigen Hieben vom Pferde, während es Keinem von Ihnen gelang, ihm eine Wunde beizubringen, und eben wandten die beiden Letzten ihre Thiere, um sich dem Unwiderstehlichen durch die Flucht zu entziehen, als ein neuer Streiter auf dem Platze erschien.
Es war Suteminn. Er hatte in seinem Stübchen den lauten Ruf des Wachtmeisters vernommen und war zu seinem Pferde geeilt, um sich an dem Kampfe zu betheiligen. Um die Ecke des Hauses biegend, bemerkte er, daß Dietrich ganz allein und ohne Begleitung sei.
»Holla!« rief er; »hat sich der Fuchs aus seinem Bau gewagt? Hier ist Einer, mit dem er sich wohl messen mag! – Ihr seid ohne Lanze, Ritter? Gut, fechten wir nach ritterlichem Schick und Brauch!«
Er warf die seinige von sich, riß das Schwert heraus und drängte seinen Falben an Dietrichs Rappen.
»Suteminn!« rief dieser, und der Ton seiner Stimme verrieth nichts weniger als Freude über das Erscheinen dieses Feindes.
»Ja, Suteminn, der heut beginnen will, Rechnung von Dir zu fordern, Diez!«
Dietrich drängte sein Pferd zurück.
»Halt ein, Otto; ich kreuze mein Schwert nicht mit dem Deinigen!«
»Fürchtest Du Dich? Steh’ fest und wehre Dich!«
»Nein! Ich mag Dein Leben nicht!«
»So, magst Du’s nicht? Es ist Dir wohl Nichts werth, weil Du mir schon alles Andere nahmst? Doch tröste Dich, Du wirst’s auch nicht bekommen. Ich sage: wehre Dich, sonst schlage ich Dich nieder!«
Dietrich parirte einen furchtbaren Hieb seines Gegners und rief:
»Warum begannst Du nicht früher Dein Rachewerk? Wußtest Du mich nicht zu finden?«
»Du hattest der Feinde genug, die Dich mir festhielten. Jetzt, wo Du entrinnen willst, ist meine Zeit gekommen, und ich trete in die Lücke. Wehre Dich, Mann; es ist nicht Scherz gemeint!«
»Gut, so fahre hin. Du willst es nicht anders!«
Sich in den Bügeln empor richtend, ergriff er das Schwert mit beiden Händen und schwang es zu einem vernichtenden Streiche auf Suteminn. Dieser aber fing den Schlag mit seinem Schilde auf, als sei er von einem schwachen Knaben geführt worden und schlug im nächsten Augenblicke Dietrich die Waffe aus der Hand, so daß sie weit über das Feld hin flog.
»Hier siehst Du Deinen Meister. Ergieb Dich oder stirb!«
»Keins von beiden. Komm, fahre hin!«
Er hatte den Gnadegott aus dem Gürtel gerissen und stieß ihn mit kräftiger Faust dem Feinde nach der Brust. Dort aber prallte die Klinge von der festen Rüstung ab und zersplitterte wie Glas unter dem mächtigen Stoße.
»Das war gut gemeint, Diez; hier hast Du meinen Dank!« rief Suteminn; er ließ das Schwert sinken, zog den zweischneidigen Dolch aus der Scheide und wollte damit auf Quitzow eindringen, als dieser, aller Waffen beraubt, seinen Rappen wandte und die Flucht ergriff.
»Halloh, Ritter Dietrich von Quitzow, fest gestanden, wie sich’s geziemet nach altem Schick und Brauch!« rief Suteminn, indem er sich vom Pferde schwang, um die weggeworfene Lanze zu ergreifen. Wieder aufgestiegen, stemmte er dieselbe in die Seite und stürmte wie ein Rachegeist dem Davonstiebenden im Fluge nach.
»Halt, Verräther, Mörder, Frauenräuber!« klang es mit donnernder Stimme hinter dem herabgeschlagenen Visire des Verfolgenden hervor. Mit Anstrengung aller Kräfte flog der Rappe über den aufwirbelnden Schnee dahin; Dietrich von Quitzow kannte seinen Gegner und wußte, daß er verloren sei, wenn er eingeholt werde; mit Schmeichelworten und ermunternden Zurufen suchte er sein treues Roß zur Ausdauer zu bewegen und warf sogar, um die Last zu verringern, den bis jetzt festgehaltenen Schild von sich. Aber stetig und unerbittlich rückte ihm der Verfolger näher; der Falbe war dem Rappen überlegen; die starken Glieder trugen den langgestreckten und fast den Boden berührenden Leib wie im Spiele dahin; die einzelnen Bäume und Sträucher schwanden wie Schattenbilder hinter den beiden Reitern, die jetzt lautlos, aber mit Aufbietung aller Kunst und Geschicklichkeit dahinstoben; jetzt tauchte zu beiden Seiten des Weges der Hochwald auf; knolliges Wurzelwerk durchbrach den Boden und machte den Ritt mit jeder Sekunde lebensgefährlicher; aber unaufhaltsam ging es vorwärts, voran der Fliehende, hinter ihm her der Verfolger; immer kleiner wurde der Raum zwischen ihnen, immer kürzer die Sprünge des Rappen, immer weiter die mächtigen Sätze des Falben, dessen Sehnen aus Stahl geformt zu sein schienen. Das brave Thier schien zu wissen, daß es sich um Ungewöhnliches handle; der Grimm, welcher die Muskeln seines Herrn spannte, funkelte auch aus seinen großen, dunklen Augen, und die tiefen Laute, welche seinen dampfenden Nüstern entstiegen, waren nicht Zeichen der Ermüdung, sondern der Begeisterung, mit welcher das edle Thier dem Schenkeldrucke seines Reiters gehorchte.
So ging es fort über Stock und Stein, weiter, nur weiter, immer weiter, bis endlich Dietrich spürte, daß die Kräfte seines Pferdes auf der Neige seien. Jetzt gab es nur noch einen Weg zur Rettung: die Flucht zu Fuße durch das Dickicht, und schon war er im Begriffe, den Zügel seitwärts anzuziehen, als hinter ihm ein Ruf ertönte, der ihn freudig aufjauchzen ließ.
»Hie Quitzow!« erscholl es aus einem Dutzend kräftiger Kehlen, und ebenso viele Reiter drängten sich aus dem dunklen Unterholze heraus zwischen ihn und seinen Gegner, welcher, keinen Augenblick stutzend, mit eingelegter Lanze mitten unter sie hineinfuhr und sich im nächsten Augenblicke im Handgemenge mit ihnen befand.
»Ha, seid Ihr Mannen Holtzendorffs? Herr Werner wird die Zeche zahlen müssen!« rief er, mit dem Schwerte unter ihnen aufräumend, so daß Einer nach dem Andern vom Gaule stürzte. Es war wirklich, als hätten die Waffen der Andern keine Macht über ihn und als wüchse seine Kraft mit jedem Schlage, den er austheilte. Aber trotz alledem sah er nur zu gut, daß Dietrich ihm entgangen sei, denn dieser war schon längst mit einem der Reiter verschwunden, und dieser war Werner von Holtzendorff selbst, welcher die Nacht hatte benutzen wollen, um sich mittelst eines Streifzuges von der Lage Friesacks zu überzeugen, und bei dieser Gelegenheit auf seinen Freund Dietrich gestoßen war.
Er hatte das Nahen der Reiter bemerkt und sich mit den Seinen hinter die Büsche zurückgezogen. Trotz der Schnelligkeit des Rittes und der nichts weniger als rühmlichen Lage, in welcher erden Ritter von Quitzow als Fliehenden noch nie gesehen hatte, war dieser doch sofort von ihm erkannt worden, und schnell hatte er seinen Reisigen Befehl ertheilt, sich zwischen die Beiden zu werfen. Auf diese Weise war es ihm gelungen, Ritter Dietrich von seinem Bedränger zu erlösen, und jetzt trabte er nun wohlgemuth mit ihm über Kremmen auf Schloß Bötzow zu, wo er durch eine offen gelassene Seitenpforte, unbemerkt von dem Gesinde, mit ihm anlangte.
Unterdessen war auch der Kampf zwischen Suteminn und den Knechten Werners von Holtzendorff beendet. Sobald diese bemerkten, daß ihr Herr mit dem Ritter in Sicherheit sei, gaben sie den höchst ungleichen, aber für sie trotzdem gefährlichen Kampf auf und zogen sich fliehend zurück, um die verwundeten Ihrigen auf dem Kampfplatze erst dann aufzusuchen, wenn der gewaltige Kämpe, dem ihre Ueberzahl Nichts hatte anhaben können, denselben verlassen habe. —
Sie brauchten nicht lange zu warten. Suteminn, wohl einsehend, daß eine Verfolgung zu Nichts führen könne, entschloß sich, umzukehren. Langsamen Schrittes ritt er zurück. War ihm der Quitzower auch heut entgangen, so wußte er doch, daß er ihn später wieder treffen werde, und dann, das nahm er sich vor, sollte ihm ein Entkommen nicht zum zweiten Male gelingen.
Es war schon gegen Morgen, als er Dechtow wieder erreichte. Der Wirth hatte sich der Todten und Verwundeten wohl angenommen, und Suteminn versprach ihm, vom Lager des Markgrafen aus ihm Hülfe zu senden. Sodann ritt er, die Richtung nach dem Zotzen einschlagend, auf Friesack zu.
Dort angekommen, bemerkte er unter den Kriegsvölkern eine lebhafte, freudige Bewegung und erfuhr auf sein Befragen, daß das Schloß durch einen unterirdischen Gang diese Nacht überrumpelt und genommen worden sei. Es war sofort besetzt und der Frau Elisabeth mit ihren Kindern und all’ ihrem Eigenthume freier Abzug bewilligt worden. Auch die Leute Dietrichs konnten abziehen mit dem, was sie auf dem Leibe trugen, und vorher wurde ihnen auch noch ihr Sold ausgezahlt.
Eben jetzt öffnete sich das Thor, und die Zugbrücke fiel nieder. Langsam und traurig, gleich einem Leichenzuge, bewegten sich die Abziehenden den Schloßberg herab. Voran fuhren zwei Wagen; der eine war mit dem Eigenthum der unglücklichen Frau beladen; auf dem anderen befand sie sich selbst mit den Ihrigen, und hinter ihnen folgten betrübt und niedergeschlagen die waffenlosen Knechte. Der Zug ging zwischen den versammelten Heerführern und den aufgestellten Kolonnen der Feinde hindurch. Die Ersteren grüßten die Frau des einst so mächtigen Anführers der märkischen Ritterschaft achtungsvoll, als sie an ihnen vorüberzog, aber die rohen Kriegsleute sandten ihr manches schimpfende Wort, manche Spottrede nach, durch welche ihr die traurige Lage, in welcher sie sich befand, noch schwerer und fühlbarer gemacht wurde. Nahe am Wege, auf dem Windmühlenberge, stand die große Donnerbüchse, welcher ganz vorzugsweise der Fall Friesacks, wie auch der übrigen eroberten Burgen zu verdanken war; Elisabeth wandte sich, mit Thränen in dem verschleierten Auge, von der furchtbaren Kriegsmaschine ab.
Oben auf dem Berge angekommen aber, sandte sie in tiefster Trauer und bitterster Wehmuth noch den letzten, Abschied nehmenden Blick zurück nach dem gewaltigen, jetzt halb in Trümmern liegenden Baue des Schlosses, in welchem sie die glücklichsten Jahre ihres Lebens verlebt hatte. In blauen Nebel gehüllt und nur noch in blassen Umrissen erkennbar, lag es wie eine Erinnerung an längst verschwundene, schöne Zeiten vor ihrem Auge. Mit stillem Ingrimme standen ihre beiden Söhne an ihrer Seite, und auch mancher der Kriegsknechte ballte die harte, knochige Faust und warf den Arm drohend zurück auf die fröhlich im Lager sich tummelnden Sieger.
Da der Weg sich jetzt abwärts senkte, war die Stätte ihrer letzten Leiden bald ihrem Auge entschwunden, und nun ließ sie abermals halten, um sich von den einstigen Untergebenen ihres ritterlichen Gemahls zu verabschieden. Es wurde nicht viel gesprochen, aber die blitzenden Augen und finsteren Mienen der Scheidenden sprachen ebenso deutlich als Worte, als sie der Herrin, die sich in Begleitung von vier markgräflichen Reitern nach Burg Taupitz begab, wehmüthig nachblickten. Sie selbst zerstreuten sich nun in alle Welt, aber in dem Herzen eines Jeden von ihnen lebte die frohe Hoffnung, daß Ritter Dietrich gar bald wieder zu Kräften kommen und ihres Armes bedürfen werde, und dann, ja dann wollten sie all den Schimpf mit dreifachen Zinsen wieder heimzahlen. – – —
Suteminn hatte, an einer einsamen Stelle sein Roß haltend, dem Schauspiele zugesehen, und bog jetzt nach der Gegend ein, in welcher er das Zelt des Grafen Ulrich von Lindow, welcher die Belagerung geleitet hatte, erblickte. Mancher frohe Ruf, mancher stumme, aber achtungsvolle und ehrerbietige Gruß wurde ihm auf seinem Ritte durch die langen Reihen der Zelte zu Theil, und als er vor demjenigen des Grafen anlangte, trat derselbe eben zwischen einer Oeffnung der Leinwand hervor und stieß, ihn erblickend, einen Ruf der freudigsten Ueberraschung aus.
»Suteminn, Ihr kommt zur glücklichen Stunde! Steigt ab und tretet näher. Unser gnädigster Herr ist heut selbst gegenwärtig und gab mir soeben den Auftrag, den Tapfersten und Zuverlässigsten aus der Schaar unserer Ritter auszuwählen, um ihm die Ausführung eines sehr wichtigen Auftrages anzuvertrauen. Keiner von Allen aber ist so werth und würdig wie Ihr, das Vertrauen Sr. Gnaden zu genießen, und so bitte ich Euch, einzutreten, um den hohen Herrn zu begrüßen!«
Suteminn stieg ab; aber sein Angesicht blieb ernst, und keine seiner Mienen verrieth, daß er sich von der höflichen Rede des Grafen geschmeichelt fühle.
»Wohl, es sei! Ich will dem Herrn Markgrafen meinen ehrerbietigen Gruß bringen, aber ob ich meinen Arm zu seinen Diensten stelle, das vermag ich noch nicht zu sagen!«
Er folgte dem Grafen in das Zelt.
Daselbst saß auf einem Feldstuhle Markgraf Friedrich, den Rücken dem Eingange zugekehrt; in den Händen hielt er einen Brief, welchen er soeben gelesen zu haben schien, und in seinen Zügen war deutlich die Freude zu lesen, welche ihm der Inhalt desselben verursacht hatte. Bei dem Eintreten der beiden Männer wandte er sich um und sprang, Suteminn erblickend, überrascht empor.
»Willkommen, Ritter, hier im Lager!« rief er, dem Angeredeten mit gewinnender Herzlichkeit die Hand entgegenstreckend. »Eure Gegenwart will Uns mit froher Hoffnung erfüllen, daß ein schwieriges Werk gelingen werde, für dessen Ausführung Unser lieber Graf Lindow Uns den passenden Mann suchen sollte. Doch sagt, wo kommt Ihr her? Es ist wohl eine sehr geraume Zeit, daß Wir Euch nicht gesehen haben!«
Es entspann sich zwischen den drei Männern ein Gespräch, dessen Inhalt von Wichtigkeit sein mußte, wie auch der leise Ton bewies, in welchem es geführt wurde. Am Ende desselben erhob sich der Markgraf von Neuem:
»Jetzt wißt Ihr Alles, Ritter, und nun laßt es uns hören, ob Ihr Uns die Ausführung Unsers wichtigen Vorhabens zusagen wollt!«
Der Gefragte streckte dem Fürsten die Rechte entgegen.
»Hier meine Hand, Fürst, daß ichs thue, und was ein Mann vermag, das soll geschehen!«
»Und habt Ihr einen Helfer, dem Ihr vertrauen dürft?«
»Ich habe ihn. Zwar ist’s kein Mann, sondern ein Jüngling erst, der noch niemals seinen Fuß hinausgesetzt hat in das gefahrvolle Leben, aber er ist unter meinen Augen emporgewachsen, hat ein Herz, so rein und treu wie Gold, und einen Arm, dessen Stärke selbst ich zu fürchten hätte, wenn er mir im Kampfe gegenüber stünde.«
»Wohl, thut Alles, was Ihr wollt; den Ritter Dietrich aber überlaßt für jetzt Uns selbst! Vor Allem mache ich Euch auf Schloß Garlosen und die Ritter von dem Kruge aufmerksam; es sind unruhvolle Geister, die Uns noch oft zu schaffen machen werden. Jetzt aber geht und ruht Euch aus; der Graf wird für Euch Sorge tragen!«
In Begleitung des Genannten verließ Suteminn das markgräfliche Quartier, und bald war auch für ihn ein Zelt errichtet, in welchem er sich ausruhen konnte von dem Abenteuer der letztvergangenen Nacht. —
Kapitel 2: Lockere Gesellen
An dem Zusammenflusse der Elde und des Mayen an der Mecklenburgisch-Priegnitzischen Grenze, anderthalb Meilen nördlich von Lenzen an der Elbe, lag das feste Schloß Garlosen, später Gorlosen genannt. Es hatte von je her das Schicksal gehabt, unruhigen Geistern, die entweder dem Landesherrn oder den Landstraßen gefährlich wurden, zum Aufenthalte zu dienen und wurde jetzt besessen von vier Männern, die ihr Schwert gut zu führen verstanden und am liebsten den Wein tranken, den Andre bezahlt hatten. Es waren dies der alte und der junge Boldewin von dem Kruge, ihr Vetter Thomas von dem Kruge und der tapfere Claus von Quitzow, zu Stavenow wohnhaft.
Die vier wackern Degen kamen des Morgens auf Garlosen zusammen, erzählten sich von ihren Fehden und Kriegsthaten oder sannen auf neuen Ruhm und tranken dazu mit einer Ausdauer, daß Cuno, der alte Kellermeister, gar öfters sich auf eine der Stufen setzte, um von dem ununterbrochenen Auf— und Absteigen ein wenig zu verschnaufen. Wenn dann der Abend hereingebrochen war und das edle Naß nicht mehr recht durch die rauben Gurgeln wollte, so ließ Der von Quitzow sich von seinen zwei Knappen auf das Roß heben, um, hüben und drüben gehalten, heimwärts zu reiten, während die Drei von dem Kruge nach dem gemeinschaftlichen Schlafgemache taumelten und sich mit den unmöglichsten Abenteuern anlogen, bis Einer nach dem Andern die Sprache verlor und ein dreifaches Schnarchen bewies, daß die Recken nun ernstlich begonnen hatten, von ihrem schweren Tagewerke auszuruhen.
Anders freilich verlief der Tag, wenn eine Fehde auszufechten war oder sich ein Zug mit Kaufmannsgütern nahete; da erhob sich ein gar kriegerisches und lebhaftes Treiben zwischen den Mauern des Schloßhofes, und wenn das Thor sich öffnete, um die Schaar der Gewappneten zu entlassen, so kehrten sie gewiß nicht anders denn als Sieger wieder, denn die vier Herren zeigten sich zwar täglich vom Trinken ermüdet, waren aber noch niemals vom Dreinschlagen matt geworden.
Es war an einem kalten Februartage, als auf der Straße von Lenzen nach Grabow ein Ritter wohlgemuth dahintrabte. Der Gaul, auf welchem er saß, zeigte zwar wenig überflüssiges Fleisch, hatte aber desto stärkere Knochen, und die Art und Weise, wie er ausschritt, ließ kaum eine Art von Schwäche vermuthen. Auch die lange, hagere Gestalt des Reiters saß so stramm im Sattel, als seien erst zwanzig Sommer über sie dahin gegangen, und doch zeigte das Grau von Bart und Haupthaar und der Faltenreichthum des wetterharten Gesichts alle Spuren jenes Alters, in welchem man den warmen Ofen allen Schönheiten eines wintersstarren Waldes vorzieht.
»Ist das eine Dummheit,« sprach er vor sich hin, »ein Schloß so weit in’s Land hinein zu bauen, wo auf der Elbe so reicher Fang zu machen ist! Da reite ich nun – aber halt, wer ist der Mann, der da vorn so langsam dahinschlendert, als ginge er zur Sommerszeit spazieren? Muß ihn ‚mal fragen, wo der Weg nach Garlosen mündet!«
Er gab dem Pferde die Sporen zu kosten und befand sich bald an der Seite des Fußwanderers, welcher, ohne den Ritter groß zu beachten, langsam seines Weges fürbaß schritt. Er war eine gewaltige Figur mit mächtigen und muskulösen Gliedern. Aus dem verwitterten Gesichte ragte ein mit Pech zusammengedrehter Schnauzbart zu beiden Seiten der Nase um eine Handlänge in die Luft hinaus und gab der Physiognomie einen grimmigen Ausdruck. Die Tracht des Mannes war aus ungegerbtem Leder gefertigt und bestand aus hohen Stiefeln, unsauberen Elennhosen, einem abgenutzten Wamms und einem schäbigen Hute, der so breite Ränder hatte, daß man aus der Ferne recht wohl annehmen konnte, der kräftige Patron trage einen Mühlstein auf dem Kopfe. Von dem Hute wallten mehrere rothe Hahnenfedern zur Seite herab, und an einem ebenso rothen Gurte hing ein ungeheurer, langer Raufdegen. —
»Heda, alter Bursche,« rief ihm der Ritter zu, »woher des Wegs und wohin willst Du?«
»Alter Pursche!« antwortete der Gefragte. »Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Deiwel soll Den anplasen, der da behaupten thut, daß ich alt pin! Woher ich komme und wohin ich gehe, das ist nur meinen eigenen Peinen ihre Sache; ich bin Wachtmeister und heiße Kaspar Liepenow, und wer mich noch einmal einen alten Purschen nennt, Mordelement, den zerhacke ich, pis er in Fetzen davonreitet!«
Unser guter Kaspar Liebenow, den wir noch von »Fürst und Junker« her kennen, fühlte sich jedenfalls durch die Anrede an seiner persönlichen Ehre gekränkt; seine Augen funkelten, und seine Hand legte sich drohend um den Griff des Schwertes. Doch schien der Ritter diese Zornesäußerungen gar nicht zu bemerken; er fuhr in dem vorigen Tone fort:
»Also Kaspar Liebenow heißest Du und Wachtmeister bist Du? Wohl bei den Rittern von dem Kruge?«
»Peim Kruge, ja, da pin ich stets Wachtmeister, so lange als ein Tropfen zu sehen pleipt, aper pei den Rittern vom Kruge – nein, da will ich plos ‚mal nachfragen, op Herr Dietrich von – na, das ist auch wieder Sache für meine eigenen Peine!«
»Bleibe mir mit Deinen Beinen vom Halse,« lachte der Reiter, »und behalte Deine Weisheit meinetwegen so lange Du nur immer willst, für Dich! Aber sage mir, wie lange ich noch bis Burg Garlosen zu reiten habe.«
»Pis Purg Garlosen? Nicht weiter, als pis Ihr d’ran seid, Mordelement, Gott straf mich, wenn’s nicht wahr ist! Den Weg weiß ich selper nicht; aber er wird pald zu finden sein. – Ich will zu Herrn Claus nach Stapenow und zuvor nachfragen, op er vielleicht bei den Poldewins zu treffen ist,« setzte er hinzu, vertraulicher gemacht durch die Mittheilung des Ritters, daß dieser nach Garlosen wollte.
»Meinst Du den Claus von Quitzow?«
»Denselpen!«
»Du sprachst vorhin von Herrn Dietrich! Bist Du vielleicht Einer von den Quitzow’schen auf Friesack?«
»Das ist schon wieder Sache für meine eigenen Peine; aper Ihr sollt es wissen, wenn Ihr mir vorher sagt, wer Ihr seid. Ich hape Euch noch nie gesehen und kenne Eure Farpen nicht.«
»Hast Du noch Nichts gehört von dem Heyso von Steinfurth auf Alvensleben?«
»Heyso von Steinfurth? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Heyso ist ein Kerl, vor dem ich Respect hape! Er ist reich wie ein Prinz, denn er hat mehr als zwanzig Purgen und Dörfer, und haut eine Klinge, pesser als der Deiwel selper. Den – den kenne ich wohl, opgleich ich ihn noch nicht gesehen hape. Er war mit Herrn Hanns von Quitzow gegen den Prandenpurger und sitzt dem Krämervolke immer tapfer auf dem Nacken. Seid Ihr es denn vielleicht selper?«
Der Ritter nickte und Liebenow fuhr fort:
»Da prauche ich vor Euch keine Angst zu hapen und kann Euch sagen, wer ich pin, denn Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, Ihr werdet meinen Herrn, den Ritter Dietrich von Quitzow nicht verrathen, wenn Ihr ihn etwa auf Garlosen findet!«
»Dachte mir’s – denn nur ein Mann Dietrichs wagt es, mit einem Ritter so zu reden. Ich habe Euer Unglück vernommen und auch gehört, daß Herr Dietrich entkommen sei. Denkst Du, ihn auf Garlosen zu finden?«
»Nein, aper der Claus sitzt den ganzen Tag pei den Poldewins, und von ihm kann ich erfahren, ob sich Herr Dietrich vielleicht bei ihm verporgen hält. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, ich will auf der ganzen Welt weiter Nichts hapen, als nur meinen Herrn, und nachher wollen wir den Nürnperger Purggrafen zusammenfuchteln, daß er all’ sein Leptage daran denken soll!«
Während dieser geharnischten Rede waren auf einem Waldwege seitwärts aus den Büschen zwei Reiter hervorgekommen, welche auf den ersten Blick die Aufmerksamkeit der Beiden in Anspruch nahmen. Der Vorderste war von einem ungeheuren Leibesumfange und saß auf einem ebenso dicken Schimmel, so daß seine kurzen Beine kaum über den halben Leib des Thieres herabreichten; aus dem vollen, runden Gesichte ragte eine Nase hervor, welche, hochroth gefärbt, fast die knorrige Gestalt einer ungeheuren Kartoffel hatte und an ihrer Spitze in allen Nuancen der blauen Farbe erglänzte; die kleinen, listigen Aeuglein waren kaum im Stande, über die mit Fett gepolsterten Backen hinweg zu sehen; die Zügel hingen lose über dem Halse des Thieres und die beiden Hände des Reiters hatten sich in sorgloser Beschaulichkeit über den Bauch gefaltet, als könne es dem Schimmel im ganzen Leben nicht einfallen, einen ordnungswidrigen Schritt zu thun. Und wirklich arbeitete der corpulente Gaul seine schwere Körpermasse mit einer Behaglichkeit weiter, die auf eine wahre Engelsfrömmigkeit schließen ließ und höchstens die Gefahr besorgen ließ, daß er einmal in seinem eignen Fette stecken bleiben könne.
Hinter diesem wohlgenährten Bilde der Gemüthlichkeit schaukelte mit steifen Beinen sich eine Rosinante vorwärts, deren mattgelb durchschimmernde Knochen nur durch eine Haut zusammengehalten wurden, auf welcher es nur nach angestrengtem Suchen möglich war, ein vereinsamtes Haar zu entdecken; auf dem grad emporstehenden, kahlen Schwanzstummel wiegte sich ein Etwas, dessen Aehnlichkeit mit einem von den Motten zerfressenen Borstenwische unverkennbar war; die beiden Ohren gaben sich alle erdenkliche Mühe, eine aufwärts gerichtete Stellung einzunehmen, fielen aber immer wieder ermüdet auf den schwindsüchtigen Hals herab, und die Lippen des wackern Vierfüßlers hatten jene in sich gekehrte und Mitleid erregende Haltung eingenommen, welche ein Zeichen von der vollkommenen Unschädlichkeit des Gebisses ist. Auf dem scharfkantigen Rücken balancirte sich eine Gestalt, deren lange, spindeldürre Beine fast bis herab zur Erde reichten, während die spitzen Ellbogen fast eine halbe Pferdeslänge über den Rücken ihres Besitzers hinausragten; eine fürchterliche Stößernase sprang aus dem schmalen, blassen Gesichte hervor, und über die schmalen Lippen hingen hüben und drüben zwei oder drei Haare herab, welche als Stellvertreter des Schnurrbartes zu dienen hatten. Und das Ganze krönte ein Ding, welches, halb Hut, halb Helm, halb Sturmhaube, selbst nicht zu wissen schien, weshalb es eigentlich da oben auf dem Schädel sitze. —
Als die beiden Neuangekommenen unsre zwei Bekannten erblickten, hielten sie an, um die fremden Erscheinungen einer sorgfältigen Prüfung zu unterwerfen. Der Schimmel spreizte, um das sicherste Gleichgewicht zu erhalten, die Beine so weit wie möglich auseinander, und sein magerer College verdrehte die Augen vor Betrübniß darüber, daß es hier auf der Straße keinen Nagel gab, an dem er einstweilen seinen müden Kopf aufhängen könnte.
Endlich schien der Dicke zu einem Entschlusse gekommen zu sein. Er versuchte, durch bittende Worte und ermahnende Püffe sein Pferd zum Weitergehen zu bewegen, und als ihm dies endlich gelungen war, hielt er grad’ auf Heyso zu, räusperte sich nachdrücklich und begann:
»Hrrr! Hm! Woher des Weges, Ritter? Hrrr! Hm!«
»Von daher!« lachte der von Steinfurth, indem er nach rückwärts zeigte.
»Hrrr! Hm! Und wohin des Weges? Hrrr! Hm!«
»Dahin!« antwortete Heyso, noch lauter lachend, indem er nach vorwärts zeigte.
»Hrrr! Hm!« räusperte sich weiter der Dicke, indem er seine über dem Bauche gefalteten Hände löste und die Rechte nach hinten streckte. »Balthasar, mein Schwert!«
Der Knappe ergriff den verlangten Gegenstand, welcher bisher quer über seinen beiden Knieen gelegen hatte, und reichte ihn seinem Herrn hin, indem er zugleich nach seinem eigenen Schwerte griff.
»Hrrr! Hm! Wollt Ihr mir nun wirklich sagen, woher Ihr des Weges kommt – hrrr! hm! – und wohin des Weges Ihr wollt, Ritter?«
Es war eigenthümlich, was für eine Veränderung mit den vier zwei— und vierbeinigen Wesen in dem Augenblicke vorging, in welchem der Sprecher nach der mächtigen, zweischneidigen Waffe griff. Er selbst schien mehrere Zoll größer geworden zu sein, seine Aeuglein blitzten höchst unerschrocken unter den überhängenden Brauen hervor, und die ganze Gestalt zuckte in eine Haltung empor, die augenblicklichen Respect einflößte. Ebenso ging es mit Balthasar, dem Knappen, dem man es sehr deutlich ansah, daß jetzt mit ihm nicht sehr zu spaßen sei; der Schimmel begann vor Vergnügen zu tänzeln und schnaubte muthig durch die Nüstern, und der magere Fuchs stieß gar ein helles, trompetenartiges Wiehern aus und sprang vor Vergnügen mit allen Vieren zugleich in die Luft.
»Was soll das heißen?« frug Heyso jetzt ernst.
»Hrrr! Hm! Das soll heißen, daß der Ritter Claus von Quitzow auf Stavenow sich die schuldige Antwort mit dem Schwerte holt, wenn er sie nicht freiwillig bekommt. – Hrrr! Hm! Zieht blank, Ritter, ich werde Euch die Lippen öffnen!«
»Herr Claus von Quitzow?« rief Heyso, halb erfreut, halb betroffen, denn der Ruf des Muthes und der Tapferkeit, in welchem Claus stand, machte ihn doch an dem Eindrucke, welchen die äußere Erscheinung desselben auf ihn hervorgebracht hatte, ein wenig irre. »Verzeiht, Ritter, das habe ich nicht gewußt! Gebt Euer Schwert immerhin wieder zurück. Ich bin der Steinfurth auf Alvensleben und gedachte, Euch auf Garlosen bei den Baldewins zu treffen.«
»Der Ritter Heyso? Hrrr! Hm! Das läßt sich hören. Balthasar, hier hast Du das alte Eisen wieder.«
Der Knecht folgte dem Rufe, und während die beiden Herren neben einander voranritten, lenkte er seinen Fuchs an die Seite des Wachtmeisters, um mit ihm nachzufolgen.
»So, also!« schnarrte er, »zum Heyso von Steinfurth gehörst Du? Bei dem giebt es ein lustiges Leben, keine Sorge, keine Noth, Schlägerei und Wein die Hülle und die Fülle. Verdammtes Leben dagegen auf Garlosen und Stavenow! Wein genug, aber keine Fehde, keinen ehrlichen Kampf die ganze ewige Winterszeit. Bin in die Haut gerostet wie eine alte, verschimmelte Schlackwurst und sehne mich einmal nach einem guten, richtigen Degenstoß!«
»Heyso von Steinfurth, sagst Du? Der mag meinetwegen ein ganzer Kerl sein, aper gegen meinen Ritter kommt er doch nicht auf. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper einen Herrn wie den Dietrich von Quitzow giebt’s nicht wieder, so weit man denken kann!«
»So, also?« rief erstaunt der Andere. »Du gehörst zu dem edeln Herrn Dietrich, den sie jetzt in Friesack eingeschlossen haben?«
»Eingeschlossen? Herausgeworfen hapen Sie ihn, herausgeworfen wie einen Dachs, dem die Hunde zu viel geworden sind. Aper das Gesindel hätte es gar nicht fertig gepracht ohne die unverschämte große Püchse, mit der sie den Mond vom Himmel schießen. Doch hape nur keine Sorge, Pruder Palthasar; wenn ich nur erst meinen Ritter finde, dann, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, werden wir die Püchse holen und Perlin, Prandenburg, Magdepurg und die ganzen Heidennester in die Erde hinein begrapen!«
»So, also! Dann ist Ritter Dietrich wohl geflohen?«
»Geflohen?!« rief der Wachtmeister. »Höre, Pruder Steckelpein, nimm Deine Knochen zusammen, sonst schüttle ich sie Dir hinunter in die Stiefel. Ritter Dietrich und geflohen! Durchgeschlagen hat er sich, durchgeschlagen, um ein Heer anzuwerpen, mit dem er den Markgrafen pis zurück nach Schwapen prügeln wird. Das merke Dir, sonst pist Du mein Freund gewesen!«
»So, also! Denkst Du etwa, der Balthasar fürchtet sich vor irgend Jemandem? Ihn und seinen Gregorimanorosewitsch hat noch Niemand zum Falle gebracht!«
»Gregomianorodewisch?! Wer ist denn eigentlich der Türkenhund, der diesen gotteslästerlichen, heidnischen Namen führt? Solche sündhaften Dinge sollten in einem christlichen Lande gar nicht gelitten werden!«
»Ein Türkenhund?« lachte der Hagere. »Nimm mir’s nicht übel, aber meinen Fuchs mit einem Türken zu verwechseln, das hätte ich einem Quitzow’schen nicht zugetraut! So, also jetzt weißt Du es!«
»Ja, jetzt weiß ich es, daß nur Dein Gaul einen so langen und dürren Namen hapen kann, als wie Ihr Peide selper seid. Aper wie ist er denn zu dem Glegimanilatefisch eigentlich gekommen?«
»Das ist sehr einfach: er stammt aus einem russischen Tabun und muß deshalb auch einen russischen Namen haben. Sein Vaterhengst hieß Gregorewitsch, dem sein Vater hieß Rimanowitsch und dem seiner hieß Rosewitsch, und darum heißt er zum Andenken an seine drei letzten Ahnen Gregorimanorosewitsch. So, also! Hast du das verstanden? Und daß er nicht übermäßig vom Fette trieft, das ist ja grad eine Ehre für ihn: er hatte nämlich eine Herzallerliebste, und als er von ihr getrennt wurde, konnte er das nicht verwinden und hat sich fünfundzwanzig Jahre lang so darüber gekränkt, daß er fast ein wenig vom Fleische gekommen ist.«
»Ja, die Liepe, die hat schon Manchen vom Fleische gepracht, der nicht gerade ein Pferd gewesen ist. Aper Pruder Steckelpein, sage mir doch, was das für ein altes Gepäude ist, das da über den Päumen hervorplickt!«
»Das ist Schloß Garlosen.«
»Das alte gichtprüchige Nest wäre das perühmte Garlosen?! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das muß ja zusammenstürzen, sopald ich mich nur mit dem Rücken d’ranlehne.«
»Warte es ab! Die Gräben sind so breit und tief und die Mauern so fest und stark, daß keine Donnerbüchse Etwas dagegen thun könnte. Und dazu sind die Ritter von dem Kruge die drei tapfersten in der ganzen
Runde, von meinem Herrn Claus gar nicht zu sprechen, der ein Vierteldutzend zinnerne Teller mit der bloßen Hand zusammenrollt.«
»Das ist keine Kunst, Pruder Steckelpeinewitsch, aper ein ganzes Dutzend irdene Teller zusammenwickeln, das ist eine Kunst! Doch höre einmal, hast Du Nichts gespürt von Herrn Dietrich von Quitzow? Ich denke, er muß sich in die Gegend von Stavenow geschlagen hapen, um sich bei Euch ein Asyl zu suchen.«
»Bis jetzt noch nicht, doch frage Herrn Claus; vielleicht weiß der mehr. So, also, da ist das Schloß. Hörst Du das Zeichen?«
Der Thorwart hatte jetzt die Ankommenden erblickt und gab mit dem Horne das Signal; kurze Zeit darauf rasselte die Zugbrücke nieder, das Fallgatter wurde in die Höhe gezogen und die eisenbeschlagenen Flügel des mächtigen Thores öffneten sich. Im Schloßhofe stand der alte Boldewin, um die Gäste zu empfangen. Er hatte sich auf einen Stock gestützt und verrieth beim Gehen durch die schmerzlichsten Verzerrungen seines Gesichtes, daß er von dem Zipperlein heimgesucht sei.
Nachdem er die beiden Ritter gebührend bewillkommnet hatte, stieg er mit ihnen die Treppe empor. Balthasar gab seinem Pferde einen Schlag, worauf es sich augenblicklich dem Stalle zuwandte, und schritt dann mit Caspar Liebenow nach der Gesindestube.
Während hier der gewaltige Wachtmeister bald die Mannen der Boldewins um sich versammelt hatte und, den Schnurrbart drehend, von seinen Thaten erzählte, saßen droben die Ritter beisammen und hatten gar heimliche und wichtige Dinge mit einander zu verhandeln.
»Es ist keine faule Mähr, sondern ganz gewiß und sicher,« sagte Heyso in halblautem Tone; »ich habe meine Späher in Berlin und Brandenburg, und wer gut bezahlt, der wird auch gut berichtet.«
»Hrrr! Hm!« machte Claus von Quitzow. »Das wäre ein Fang, wie er so leicht nicht wieder kommt, ja, wie er noch gar nimmer dagewesen ist. Wie schön könnten wir da dem Markgrafen den Streit mit meinem Vetter, dem Dietrich, heimzahlen! Also zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden hat er zu beschaffen? Eine Heidensumme, die man sich gar nicht denken kann! Und wie viel soll dazu von Hamburg kommen?«
»Das weiß ich nicht genau; aber wenig ist es nicht. Wenn der Streich gelingt, so können wir mit dem großen Mogul um die Wette trinken!«
»Und fünfzigtausend Weiber haben, wie die Könige vom Morgenlande,« fiel der junge Boldewin hier ein. Die Dreie von dem Kruge hatten bisher mit weit offenem Munde den Enthüllungen Heyso’s von Steinfurth gelauscht und ihr Erstaunen über den Inhalt derselben war so groß, daß sie nur ganz allmälig wieder in den Besitz der Sprache kamen.
»Zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden!« stieß seufzend der alte Boldewin hervor und that einen Zug aus seinem Humpen, als wolle er sich vor Freude ersäufen.
»Zweimal hundertundfünfzigtausend Goldgülden!« rief sein Vetter Thomas von dem Kruge und schlug dabei mit der Faust auf die Tafel, daß es krachte. »Da kaufe ich mir das Frankenland und trinke den Wein ganz allein der dort wächst. Topp, Herr Heyso, ich bin dabei, und ein besseres Schwert als das meine, sollt Ihr gar nicht finden.«
Er streckte dem Genannten beide Hände hin, in welche dieser auch kräftig einschlug. Der alte Boldewin war, wenn ihn die Geister des Weines nicht beherrschten, ein gar überlegsamer Kopf und voll der weisesten Rathschläge. Er nahm auch jetzt die Sache von einer weniger leidenschaftlichen Seite und meinte vorsichtig:
»Ein schönes Geld ist es, und wohl etwas mehr werth als das halbe Schock böhmischer Groschen, welches wir vorige Woche dem Juden abnahmen, aber haben – haben muß man die Goldfüchse, das ist die Hauptsache. Wer weiß denn, wann der Transport hier vorübergeht? Er ist gar leicht zu versäumen!«
»Da ist es eben unsere Sache, Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, damit er uns nicht entgehe,« meinte Heyso. »Ich werde mit einer guten Schaar meiner Mannen zu Euch stoßen, denn die Bedeckung wird eine zahlreiche sein.«
»Hrrr! Hm!« räusperte sich Herr Claus. »Nehmt’s nicht übel, Ritter, aber ich denke anders als Ihr. Hrrr! Hm! Der Markgraf ist viel zu klug, um durch eine große Anzahl Reisiger die Aufmerksamkeit erst auf den Zug zu lenken; mich dünkt vielmehr, daß der Transport in aller Stille und unter irgend welcher listigen Verkleidung vor sich gehen wird.«
»Hast Recht, Bruder!« rief der alte Boldewin. »Komm trink!
Claus that ihm gehörigen Bescheid und fuhr dann weiter fort:
»Und wer soll sich jetzt im Winter Tag und Nacht in den Bruch oder auf das Moor legen, um den Fang gehörig abzuwarten! Hrrr! Hm! Das ist eine Arbeit, die ich selbst meinem Balthasar mit seinem Gregorimanorosewitsch nicht zutraue, und das sind doch Zwei, die Alles möglich machen. Nein, ich schlage vor, daß wir einen Kundschafter aussenden, durch den wir erfahren, was uns zu wissen nothwendig ist.«
»Ihr habt weise gesprochen, Herr Claus,« meinte Heyso. »Aber es wird schwer sein, einen Mann zu finden, der klug und treu genug ist für dies Beginnen.«
»O, der ist schon gefunden,« beruhigte der junge Boldewin. »Es giebt im ganzen Reiche keine besseren Kundschafter, als den Pater Eusebius, unsern Burgkaplan. Und wo es sich um einen Streich gegen den Nürnberger Burggrafen handelt, da ist er mit Freuden dabei. Laßt uns ihn rufen!«
»Der ist nicht daheim, sondern nach Grabow gegangen, um irgend eine arme Seele vom Verderben zu retten. Hahaha, Pfaffentrug geht doch zehnmal über Weiberlist! Aber da ist er ja! Gott zum Gruß, ehrwürdiger, frommer Vater! Ich habe doch den Thorwart nicht vernommen. Ihr seid wohl durch die Seitenpforte eingetreten?«
Mit salbungsvollem Gruße nahte der Kaplan, eine kurze, runde Gestalt mit einem außerordentlich pfiffig-frommen Gesichte.
»Des Herrn Gnade walte über Euch, Ihr edlen Ritter!« Und sich zu dem Frager wendend, antwortete er: »Die Wege der Kinder Gottes sind ohne Geschrei und im Verborgenen, und ihr Fuß geht dem Verlorenen nach, um zu suchen und zu retten, die da wandeln in Irrthum und Finsterniß.
»Hrrr! Hm!« machte Herr Claus mit listig blinzelnden Aeuglein. »Habt Ihr vielleicht wieder einmal eine arme Seele gefunden, welche wir retten können vom Verderben?«
Nach dem hingehaltenen Humpen des Burgherrn greifend und denselben in einem Zuge leerend, nickte der Priester bejahend.
»Der Jude Aron Itzig aus Gardelegen mit seinem Schwager Veit Schmuel sind in Schwerin gewesen und kehren mit einem ganzen Wagen voll Güter, welche die Motten und der Rost fressen, zurück in die Heimath. Nächste Nacht werden sie unter einer Bedeckung von Reisigen, die ihnen der Ritter von Karenzin mitgegeben hat, hier vorüberkommen. Aber, wo der Herr nicht das Haus behütet, da wachen die Wächter umsonst, und die Kinder Israels erwartet Heulen und Zähnklappen, wenn sie nicht umkehren zum rechten Wege, denn sie haben den Gesalbten an das Kreuz geschlagen.«
»Der Teufel soll mich holen, Pater,« rief Thomas von dem Kruge, indem er drohend auf den Tisch schlug, »wenn Ihr nicht ein außerordentlich frommer Mann seid, und ein kluger dazu! Wenn wir die Juden bekommen, so werden wir sie Euch schenken, und Ihr könnt sie dann in den Himmel kuriren oder in die Hölle, ganz wie es Euch beliebt!«
»Ich danke Euch, Herr Thomas! Aber es ist auch noch ein junges Mägdlein dabei, eine ungläubige Tochter Sebulono der Isaschar, welche des Wortes von der Barmherzigkeit bedarf!«
»Ist sie schön?« fuhr da der junge Boldewin dazwischen, noch ehe sein Vetter antworten konnte.
»Ich habe sie noch nicht gesehen!« antwortete Eusebius zögernd und mit einem lauernden Blicke auf den Frager.
»So! Wenn sie schön ist, so wollen wir erst noch einmal über die Sache reden. Ein Diener der heiligen Kirche hat es nur mit der armen Seele zu thun; die Schönheit aber ist für uns andere sündhafte Menschen!«
»Junker Boldewin,« entgegnete der Pater mit etwas schärferer Stimme und einem nicht ganz freundlichen Blicke seiner stechenden Augen, »Ihr vergeßt, daß die Kirche sich nicht nehmen oder schenken läßt, was ihr gehört, und zudem – —«
»Hrrr! Hm!« fiel Ritter Claus dem Zürnenden, um jeder Entzweiung zuvorzukommen, in das Wort. »Laßt die Juden jetzt, Eusebius, und setzt Euch anher an meine Seite. Wir haben Wichtigeres zu besprechen, und die Gardelegener kommen auch noch an die Reihe!« – – —
– – – Es war am späten Abende desselben Tages, als zwei Männer durch den finstern Wald schritten, welcher Burg Garlosen umgab.
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche!« meinte der Eine; »ist das eine pech-rapenschwarze Finsterniß! Wenn der liege Mond nicht pald kommt, so sehen wir von dem Schmuel und Itzig nicht einen einzigen Zipfel!«
»Aber hören werden wir sie ganz gewiß. Die Straße ist hart und fest gefroren, und die Räder werden also genug Lärm machen, um bemerkt zu werden.«
»Das ist wahr. Aper, Pruder Steckelpein, pei dieser Kälte ist es nicht gut, im Schnee liegen und auf Juden lauern. Das ist ein Geschäft, welches ich seit langer Zeit nicht mehr mitzumachen nöthig gehapt hape, und ich pin plos mit Dir gegangen, weil Du und Dein Gregolonaseflitsch es mir miteinander angethan hapt.«
»Danke schön, Bruder Kaspar! Ich kann Dich auch gut leiden, und wollte, Du bliebest für immer bei uns. Was aber die Kälte betrifft, so ist für uns gesorgt. Dort im Dickicht, ganz nahe an der Straße haben wir uns eine Hütte gebaut, in der wir Wache halten, wenn wir einen Fang erwarten; dort werden wir nicht frieren! Und hier ist auch ein guter Schluck, der uns erwärmen soll!«
»Schön! Ich glaupe, mit Euch läßt es sich nicht ganz üpel hanthiren, und es wäre gar wunderschön gewesen, wenn ich Herrn Dietrich auf Garlosen oder Stavenow gefunden hätte. Aper ich muß ihn finden, und wenn ich pis zu den Mongolen laufen soll. Ich gäpe siepen Jahre von meinem Lepen hin, wenn ich diesen Nürnperger Purggrafen einmal vor meine Klinge gekommen könnte! Elf Schlösser verloren, Herr Dietrich fort, und Schwalpe, Pruder Schwalpe, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, wo mag der gute Junge sein!«
»Wer war denn dieser Schwalbe?«
»Höre, Pruder Steckelpein, Respect vor dem Schwalpe! Er war der Leipknecht des Herrn Dietrich, ein treues, lustiges Plut, und klug und tapfer wie – wie – na, fast wie ich selper. Er wurde von der Seite unsers Ritters weggefangen, und ich weiß nun nicht, op er noch lept, oder op sie ihn vielleicht gar geschlachtet, gepraten und gefressen hapen. Ich glaupe, wenn ich ihn wiederfände, so könnte ich mir vor Freuden meinen Part wegpeißen!«
Im Gedanken an dieses Manoeuvre fuhr er sich mit den beiden Händen an die Spitzen seines Schnauzbartes, und da er wegen der Finsterniß die ersteren bisher als Fühlhörner gebraucht hatte, so rannte er jetzt mit dem Kopfe an den Stamm eines Baumes, den er im freudigen Gedanken an das Wiederfinden seines Kameraden unbeachtet gelassen hatte.
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper da steht der Kerl auch grad’ da, wo ich hinlaufe! Konnte er denn nicht auch wo anders hingewachsen sein?«
»Pst, Kaspar, jetzt nicht so laut; wir sind hart an der Straße und müssen nun vorsichtig sein!« mahnte Balthasar und drängte sich, den Wachtmeister nach sich ziehend, vorsichtig in ein dichtes Gestrüpp, welches hier den Rand der Waldung bildete.
Nach einer Weile blieb er halten und deutete auf einen niedrigen, dunkeln Gegenstand, welcher vor ihnen lag.
»Das ist die Hütte. Laß uns hineinkriechen, aber bücke Dich sehr!«
Der Sprecher bog sich nieder auf die Erde und schob sich in das Innere des kleinen, dicht von Moos und Strauchwerk umschlossenen Raumes. Kaum aber befand er sich mit den Schultern darin, als er einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und erschrocken wieder zurückfuhr.
»Mordelement, Pruder Steckelpein, stickt der Deiwel in dem Loche?« fragte halblaut Kaspar Liebenow.
»Ich habe ein Paar Beine gefühlt,« antwortete Balthasar, und zu gleicher Zeit ließ sich ein schnarchendes Stöhnen vernehmen, wie es ein Mensch ausstößt, welcher, ohne ganz zu erwachen, im Schlafe gestört worden ist.
»Heda, wer stickt da drin?« rief der lange Kriegsknecht halblaut in die Hütte.
Keine Antwort war zu hören, aber ein rasches, zuckendes Geräusch und darauf folgende tiefe Stille ließen vermuthen, daß der Schläfer jetzt erwacht sei und horche.
»Nun, ich frage, wer in der Hütte ist!«
»Wer?« antwortete jetzt von innen eine gähnende Stimme. »Und ich werde fragen thun, wer da draußen is.«
»Mache keene Faxen, Kerl, und komm heraus, daß man Dich sehen kann!«
»Mach keine Faxen nick, und komme ‚rin, daß man Dir greifen thut!«
Bei der ersten Antwort des unwillkommenen Hüttenbewohners hatte Liebenow gestutzt; jetzt aber schob er Balthasar rasch auf die Seite und fuhr mit dem Kopfe nieder zu dem engen Loche, welches den Eingang bildete.
»Schwalpe, Pruder Schwalpe, pist Du es, oder ist es Dein Geist?!«
»Liebenow, Kaspar Liebenow, thut es möglich sin, daß ich Dir hier getroffen haben thue?!« Und zu gleicher Zeit barst die Hütte auseinander, denn der hocherfreute Insasse derselben nahm sich gar nicht erst Zeit, langsam hervorzukriechen, sondern fuhr mit Kopf und Schultern gleich direct durch die verwitterte Moosdecke. »Daß Dich dat Wetter! Wo thust denn Du herkommen thun, alte Kriegsmaschine, in diese ungeheuerliche Nacht. Ich denke, sie haben Dir todt geschlagen oder uffgehangen, und da thust Du jetzt frisch und gesund lebendig vor mich stehen bleiben!«
»Todtgeschlagen oder aufgehänkt? Mordelement? Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Pruder Schwalpe, hat Dich die Kälte so um den Verstand gepracht, daß Du denkst, den Wachtmeister Kaspar Liepenow könnten sie zum Paumeln pringen oder gar mit dem Säpelauf den Hut klopfen, daß es ihm an’s Lepen ginge? Da sollte dem Gezüchte doch gleich der Deiwel in die Peine fahren! Aper komm an mein Herz, Pruder Schwalpe; ich muß Dir einen Kuß gepen, den man pis Friesack hören soll!«
»Schön, hier hast Du mir! Wenn Dich dat Umärmeln Spaß machen thut, so kannst Du dat Vergnügen haben, so lange es Dich gefallen thut. Aber erweise mich die Liebe und schiebe Deinen Bart erst in die Höhe, damit ich Dich auch richtig auf den Schnabel kommen thue!«
Sie umarmten sich mit brüderlicher Herzlichkeit, und wäre es nicht finstere Nacht, sondern Tag gewesen, so hätte man in den Mienen Beider die Rührung bemerken können, in welche sie durch das unverhoffte und freudige Wiederfinden versetzt worden waren.
»So Pruderherz, da hat die Schnäpelei ein Ende, und nun mußt Du wissen, wer der Kamerad ist, der hier nepen Dir steht.«
»Na nu, ich thue selbst ein wenig neugierig sin und habe gar keene Ahnung nick, wie Du in diese Gegend kommen thust mit Eenen, den ich noch niemals nick gesehen haben thue!«
»Das ist dem Herrn Claus von Quitzow auf Stapenow sein Leipknappe, Palthasar geheißen, ein ganz verdeiwelt streitparer Degenknopf, den die Natur ein Pischen zu viel in die Länge gezogen hat, weil es in der Quere keinen Platz mehr gegepen hat. Er ist mit seinem Flegisahnolieperpitsch durch aller Herren Länder gezogen und kann von manchem schönen Strauß erzählen!«
»So, also!« bekräftigte der Dürre. »Ja, der bin ich selber!«
»Schön,« machte Schwalbe. »Aber wer thut denn eigentlich der tapfere Resiganotriebelisch sin, von dem Du Deine Rede gehalten haben thust?«
»Das, Pruder Schwalpe, ist der Fuchs hier von dem Ritter Steckelpein, auch ein ganz verdeiweltes Vieh, das den lependigen Drachen im Leipe hat, wenn es zum Zuschlagen geht. Das Biest steht pei den andern Pferden da drüben hinter dem Pusche, wo unsere Leute auf das Zeichen warten.«
»Wat thust Du für een Zeichen meenen?«
»Wir liegen hier im Hinterhalte gegen zwei Juden, die von Schwerin mit Waaren kommen, und gepen – Halt, Pruder Schwalpe, hast Du nicht Etwas gehört?«
Die drei Männer lauschten einige Sekunden mit angehaltenem Athem in die Nacht hinaus. Es ließ sich von fernher ein Geräusch, ähnlich demjenigen von rollenden Rädern, hören.
»Es is mich ganz so, als ob een Wagen kommen wollen thäte; wat thust Du dazu meenen, Balthasar?«
»So, also! Da kommen sie; ich habe es auch gehört!«
»Ja, da kommen sie. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das wird eine Freude für meinen Säpel sein!«
»Wegen der paar Judens braucht Ihr keene große Freude nick zu haben thun!«
»Höre Pruder Schwalpe, das versteht sich ja ganz von selpst, daß ich Die gleich mit den ploßen Händen zu Pulver zerreipe, aper es sind eine Anzahl Reisige Dessen von Karenzin dapei, und die werden sich nicht freiwillig apthun lassen. Weißt Du was, Pruder Steckelpein – – halt, der ist nicht mehr da, der ist uns davongelaufen, um die Anderen zu penachrichtigen; aper das thut nichts, denn wir prauchen ihn hier gar nicht. Du thust mit, Pruderherz?«
»Dat versteht sich ganz von selber. Ich thue zwar keene Waffe nick haben, aber die Karenziner werden mir wohl eine borgen thun.«
»Keine Waffe? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper das ist doch eine ganz pesondere Schande für einen Kerl wie Du. Es muß Dir schlecht gegangen sein pisher, und das mußt Du mir später erzählen.«
»Dat werde ich thun; doch thue jetzt ruhig sein und gieb mich wenigstens Dein Messer; sie sind schon da!«
Während dieses im Flüstertone geführten Gespräches war der erwartete Zug allmälig immer näher gekommen und passirte jetzt die Stelle, an welcher die beiden Männer hinter dem Gebüsch verborgen standen. Obgleich die Einzelheiten sich in der Finsterniß nicht leicht unterscheiden ließen, war doch wahrzunehmen, daß die Zahl der begleitenden Reiter nicht eine ganz geringe sei. Die geladenen Güter mußten also schon einen bedeutenden Werth repräsentiren, da es sonst den Juden nicht eingefallen wäre, die hohe Gratification für die Reisigen zu bezahlen.
Voran ritten zwei Männer hüben und drüben an den beiden Straßenrändern, um scharfe Augen auf die Säume des Strauchwerkes zu haben; erst eine gute Strecke hinter ihnen kam der von vier Pferden gezogene Wagen, welcher von einer Anzahl Kriegsknechten beschützt wurde, und hinter ihm ritten die Uebrigen, um ihn von hinten zu decken und bei einem etwaigen Ueberfalle schnell bei der Hand zu sein.
Die Gegend, welche man jetzt passirte, war als eine gefährliche bekannt, denn noch selten war es einem Geschäftsmann gelungen, mit seinem Eigenthum ungeschädigt Garlosen zu passiren, und ganz besonders waren es die Bürger der zur Hansa gehörigen Städte, zu deren Hab und Gut die Boldewins mit ihren Verbündeten eine auffällige Zuneigung an den Tag zu legen pflegten. Darum befleißigte sich jeder Reisende hier einer ganz besonderen Vorsicht, und die beiden Besitzer des Wagens, welche auf ihren mageren und abgetriebenen Kleppern zur Seite desselben ritten, fühlten ihre verzagten israelitischen Herzen schneller und ängstlicher als sonst klopfen.
Der Eine von ihnen lenkte jetzt sein Pferd zu dem Anführer der Kriegsschaar.
»Ist mir doch, Herr Ritter, als ob wir kämen an einen Ort, wo wir müssen halten offen die Augen, damit nicht komme über uns die Rotte der Philister, welche verderben möge der Gott unserer Väter in alle Ewigkeit!«
»Sei ruhig, Itzig. Man muß hier jedes Geräusch beobachten, und wenn Du plauderst, höre ich nichts!«
Itzig zog sich zu seinem Genossen zurück.
»Hat er etwas gesagt, der große Kriegsheld, ob wir sind geritten vorbei an der Gefahr?« frug ihn dieser.
»Nichts hat er gesagt! Ruhig soll ich sein, hat er gesagt! Als ob ich könnte sein ruhig, wenn ich höre im Geiste das Getrappel von Pferden, auf welchen sitzen die Räuber und Mörder, welche kommen dahergesprengt auf der Straße, um mir zu nehmen meine Sachen und mein schönes Kind, welche ist die Perle der Kinder Juda und die Freude von meinen alten Tagen.«
»Aber er muß doch haben gesagt, warum Du sollst sein ruhig! Wenn Du ihm bezahlst Dein Geld, mußt Du doch auch dürfen sprechen von dem Gedanken Deines Herzens!«
»Er hat gesagt, ich soll sein ruhig, weil in dem Walde stecken die Ammoniter, Moabiter und Jebusiter, welche uns wollen überfallen mit der Schärfe ihres Schwertes. – Gott, der Gerechte!« unterbrach er sich, vor Schreck nach dem Arme Schmuels greifend; »hörst Du nicht kommen da vorn die Kinder Midian, welche sind wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meere? Mögen sie gestraft werden mit ewiger Blindheit, bis wir sind gekommen zehn Tagereisen von hier.«
Wirklich waren jetzt die Schritte von Pferden zu hören, welche, dem Zuge entgegen, langsam die Straße dahergetrabt kamen. Sofort wurde dieser zum Stehen gebracht und die Reisigen griffen zu den Waffen.
»Halt! Wer seid Ihr?« rief der Anführer den Nahenden entgegen.
Es waren das nur zwei Männer, welche, Einer hinter dem Anderen, gemächlich herangeritten kamen. Der Hochwald trat an dieser Stelle etwas von der Straße zurück, und dadurch wurde die Dunkelheit etwas weniger dicht, so daß man wenigstens die Umrisse der nächsten Umgebung erkennen konnte. Der Vordere von ihnen, eine runde, dicke Gestalt auf einem ebenso umfangreichen Thiere, hielt sein Pferd an, und der hinter ihm Folgende, dessen spindeldürre Figur von dem nächtlichen Scheine in das Riesenhafte gezogen wurde, spornte sein scheinbar ebenso gigantisches Roß an die Seite des Ersteren.
»Wer wir sind? Hrrr! Hm! Ich bin der König Salomo, und das hier ist meine Frau, die schöne Melusine,« antwortete Claus – denn dieser war es – bei den letzten Worten auf seinen Balthasar deutend. »Hrrr! Hm! Wir haben ein Gebot ausgehen lassen, daß alle Welt geschätzet werde, und bei Schmuel und Itzig wollen wir es selber thun!«
Balthasar zog vor Erstaunen über die herrliche Rede, die sein Ritter gehalten hatte, die beiden Kniee bis an den Leib heran und bog sich weit zur Seite, um zu sehen, ob es wirklich noch Herr Claus sei, der auf dem fetten Schimmel da neben ihm hielt. Er hatte von ihm eine gar hohe Meinung, aber daß er eine solche Rede thun könne, das hatte er doch noch nicht gewußt.
Auch der Anführer der Bedeckung war für die Dauer eines kurzen Augenblicks verblüfft, aber es währte nicht lange, bis ihm die rechte Ahnung kam und er antwortete:
»Treibt Eure Narrethei mit wem Ihr wollt, uns aber geht mit dem Mummenschanz zur Seite!«
»So, also! Mummenschanz?« brummte der Dürre. »Wir werden Euch bemummen und beschanzen, daß Ihr der Narrethei gedenken sollt!«
»Hrrr! Hm! Jetzt wißt Ihr, wer wir sind!« gab der dicke König Salomo auf seinem Schimmel zur Antwort. »Und nun geht Eure Wege zurück nach Karenzin. Wir werden Euren Veit und Aron selbst zu schützen wissen!«
Damit war er mit einem weiten Satze, den man dem Schimmel ganz unmöglich zugetraut hätte, zwischen den Knechten hindurch, hatte Aron Itzig beim Kragen, warf ihn mit einem gewaltigen Rucke empor quer über den Sattel und flog mit ihm wieder zwischen den Reisigen, denen dieser Angriff so plötzlich kam, daß sie die Fassung vollständig verloren hatten, davon. Balthasar hatte das Manöver seines Herrn mit derselben Geschicklichkeit nachgemacht, so daß er in gleichem Tempo, den unglücklichen Veit Schmuel vor sich auf dem Fuchse, mit ihm davonsprengte. Und zu gleicher Zeit erhob sich eine dunkle Gestalt vom Erdboden, sprang auf das vorderste Sattelpferd, und fort ging das Doppelgespann, fort, im sausenden Galopp, den beiden kühnen Reitern nach.
Dieses letzte Ereigniß brachte die Mannen der Bedeckung wieder zu sich; auf den Zuruf ihres Führers gaben sie den Pferden die Sporen und sprengten mit lautem Geschrei dem fliehenden Wagen nach. Noch aber hatten sie denselben nicht erreicht, so erscholl ihnen donnernder Hufschlag entgegen, die Knechte Derer von dem Kruge fielen über sie her und es entspann sich ein Kampf, der nach kurzer Zeit mit ihrer vollständigen Niederlage und Flucht endete.
Währen dieses Kampfes trat eine hohe, breitschultrige Gestalt aus dem Gebüsch hervor auf die Straße und schritt nach der Stelle, an welcher der Wagen gehalten hatte.
»Ein Deiwelskerl, dieser dicke Claus; Gott straf mich, wenn ich fluche, aper wahr ist es doch. Zu verwundern giept es dapei freilich nicht viel, denn er ist ein Quitzow, aper wer so einen Pauch hat und so einen Elephanten zwischen den Peinen, wie der Schimmel ist, dem traut man so einen Streich pald gar nicht zu. Und der Palthasar, der ist erst recht ein Deiwelskerl mit seinem Glegi— oder Plegi— oder Flegiwitsch! Da stehen Einem ja alle Haare zu Perge, wenn man die beiden dürren Creaturen so auf der Straße dahindonnern hört! Wenn ihnen nur die paar Knochen peisammen pleipen, pis ich wieder pei ihnen pin! Und der Schwalpe, der ist der größte Deiwelskerl! Schleicht sich auf den Erdpoden hin, reißt den zwei Fuhrknechten die Leine aus den Händen und fährt davon, ohne mir vorher zu sagen, was er im Schilde führt! Und ich? Da stehe ich, und lasse mir die Pachstelzen vor der Nase wegfangen. Ich werde – – gut, da kommen Zwei, die hapen Pferde und ich hape keins!«
Es waren die ersten Flüchtlinge, welche, noch unverfolgt, im scharfen Trabe daherkamen und den Wachtmeister nicht bemerkten, welcher sich vorsichtig zur Erde gebückt hatte. Sobald sie ihn aber erreicht hatten, sprang er empor, riß den Einen von ihnen vom Pferde, saß im nächsten Augenblicke oben, zog seinen langen Degen aus der Scheide und gab damit dem Andern einen solchen Hieb über den Kopf, daß er lautlos vom Thiere glitt.
»So, jetzt hape ich einen Gregowitsch und auch eine Plegiwitsch – und prauche mich vor dem Steckelpein nicht mehr zu schämen! Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der richtige Deiwelskerl, der allergrößte Deiwelskerl, das pin doch ich, der Wachtmeister Kaspar Liepenow!«
Kapitel 3: Im Zauberhause
Die vierundzwanzig Schlösser, welche sich in den Händen der Quitzow’s befunden hatten, waren gefallen; die kriegerischen Erfolge des Markgrafen Friedrich machten in der Mark ein ungeheures Aufsehen, und weithin durch Deutschlands Gauen verbreitete sich ihr Ruf.
Die Urtheile darüber waren sehr verschieden. Groß war die Berühmtheit der Quitzows gewesen, groß die Vorstellung von ihrer Macht, ihrer Tapferkeit und Klugheit; sie waren theils hierdurch, theils durch ihren großen Anhang und ihre weitgehenden Verbindungen die Wichtigsten des Landes gewesen. In der Mark hatte man nicht gewagt, ein Schwert gegen sie zu ziehen; sie hatten in Gemeinschaft mit den Pommern selbst über Friedrichs Heer triumphirt, und als es bekannt geworden war, daß sie an der Spitze einer ausgebreiteten Adelsverbindung standen, deren Mitglieder zwar meist unbekannt waren, aber um so kräftiger im Geheimen wirken konnten, so zitterten Friedrichs Freunde für ihn, und sahen mit nicht ganz ungerechtfertigtem Mißtrauen auf das gefährliche Wagestück, sie zu bekriegen, welches im Falle des Mißlingens ihm nur zu wahrscheinlich das Land kosten konnte, denn es fehlte ihm nicht an heimlichen Feinden, welche die Art, wie er regierte, mit großen Besorgnissen ansahen, und die sich, wenn er Unglück gehabt hätte, ohne allen Zweifel gegen ihn erklärt hätten.
Die mächtigste Familie des Landes, groß durch Güterbesitz, hohe Eigenschaften und allgemein anerkannten Ruf, hatte er wie durch Zauberei in wenig Wochen gestürzt; ihre Freunde wagten sich nicht zu regen, und seine Herrschaft schien auf die Dauer begründet zu sein. Ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich der Gemüther. Wo war die imposante, ihm weit überlegene Macht seiner Feinde so plötzlich geblieben? Ein furchtbares Geschick hatte sie betroffen, und die launenhafte Unbeständigkeit des Glückes, der schnelle Fall menschlicher Größe erregte in jeder Brust ein zaghaftes Bangen, wie es sich des Menschen bemächtigt, wenn er das von ihm Angestaunte, Bewunderte und vielleicht gar Beneidete sinken, zertrümmern und der Vernichtung anheimfallen sieht.
Das tiefste Mitgefühl ihrer Freunde begleitete der Quitzows tragischen Fall. Die Hoheit adeligen Sinnes, die Kraft des lebendigsten Freiheitsgefühles, der Zauber höchst bedeutender Macht und Größe, das Gewicht ungewöhnlicher Klugheit und eines hellen Verstandes, die Festigkeit ihrer Mauern, die enge Verbindung mit mächtigen und kampfgerüsteten Fürsten – nichts hatte ihnen dies Alles geholfen; erbarmungslos schritt das furchtbare Schicksal über ihren Häuptern dahin und trat sie schonungslos unter die Füße. Weinend sahen es die Freunde und fragten:
»Wie sollen wir widerstehen, wo auch die Stärksten fallen? Was haben die Marken von diesem Fremdlinge zu erwarten, wenn er das Größte und Beste in ihnen zertrümmert? Man hat ihn zu mächtig werden lassen; unsere Freunde hätten sich früher gegen ihn erheben sollen. Wer kann jetzt noch würdig und mit männlichem Muthe gegen ihn die Rechte des freien Mannes verfechten? Die Einzigen, die es vermocht, hat sein Arm ins Elend gestoßen, und hinfort ist der stärkste Mann nichts als sein untergebener Diener.«
Nur die Wenigen, welche über die Quitzows gleichgültig dachten, blieben auch gleichgültig bei dem Schicksale derselben. Anders aber sahen ihre Feinde die Sache an, selbst in dem Falle, daß sie Friedrich nicht wohl wollten. Sie sahen in dem Falle der mächtigen Partei die rächende Vergeltung für das ihnen wirklich oder vermeintlich wiederfahrene Unrecht; und eine Menge kleiner Seelen, die vorher nicht gewagt hatten, gegen die Quitzows den Mund aufzuthun, triumphirten und ergingen sich in tapferen Worten und Redensarten. Friedrich aber arbeitete, unbeirrt um den verbissenen Grimm der Feinde und die kriechenden Lobhudeleien sogenannter Freunde, mit Kraft und unausgesetzter Rüstigkeit an dem so glorreich begonnenen Werke weiter. Es war ihm die hohe und allerdings schwere Aufgabe geworden, den Marken eine rühmliche Zukunft zu geben; er hatte erkannt, welche Wege er zu wandeln habe und welche Mittel er anwenden müsse, um die Lösung dieser Aufgabe anzubahnen, und so griff er denn mit fester und sicherer, starker Hand hinein tief in das Geschick des ihm anvertrauten Landes, weder rechts noch links hörend, sondern einzig und allein nur den Stimmen seiner hohen Verpflichtungen folgend. – —
Wenn man von dem Dorfe Fischbeck aus gen Tangermünde über die Elbe setzte und von dem unten an dem Flusse gelegenen Theile der Stadt emporstieg nach der Straße, welche nach Stendal führt, so gewahrte man zur rechten Hand ein Mauerviereck, über welches zwischen einigen Baumwipfeln das Dach eines Hauses emporragte. Ein breiter Thorweg in der Mitte der Frontseite und neben demselben eine kleine, schmale Pforte führten durch die Mauer nach dem Hause, welches von den Bewohnern Tangermünde’s mit heiliger Scheu betrachtet und – womöglich gemieden wurde.
Hier wohnte und lebte Suteminn, der Ritter ohne Furcht und Tadel, in der Mitte der dienstbaren Geister,
welche er sich vermöge seiner Kunst und Wissenschaft unterthänig gemacht hatte. Der Wandersmann, der hier vorüberging, sah mit scheuem Blicke nach der Strohfirste des geheimnißvollen Hauses; die Frauen der Stadt machten lieber einen weiten Umweg, als daß sie sich in die Nähe desselben begeben hätten, und wenn gar der Abend nahte mit seinem gefahrvollen Dunkel, so war der Ort gemieden von Jedermann, und kein lebendes Wesen, welches nicht durch wichtige Gründe herbeigeführt wurde, klopfte an das alte, dunkle Thor. – Aber wenn irgend Jemand schwerkrank mit dem Tode rang, wenn irgend einer der umwohnenden Burgherren das Hab und Gut eines Bürgers mit dem seinigen verwechselt hatte oder auf sonst irgend eine Weise in der Noth eine Hilfe erforderlich war, die kein Anderer gewähren konnte, da schritt man nach dem »Zauberhause« und ward für die ausgestandene Angst vor dem überirdischen Insassen desselben gewöhnlich durch den gewünschten Erfolg belohnt.
Es war an einem späten Februarnachmittage, als die Schelle des Rathsdieners durch die Straßen erklang, um die ehrbaren Bürgersleute auf eine Kunde aufmerksam zu machen, welche die hohen Väter der Stadt ihren getreuen und lieben Kindern durch seinen Mund zugehen lassen wollten. Die Thüren und Fenster öffneten sich trotz der herrschenden grimmigen Kälte und ließen die Köpfe oder die vollständigen Gestalten der Hausbewohner hervor, denen die rathsherrliche Mittheilung galt. Und angenehm mußte dieselbe sein, wie aus der freudigen Wirkung zu erkennen war, welche sie auf die Hörer hervorbrachte, die eilig über die frostigen Gassen sprangen und sich zusammenrotteten, um das Ereigniß angelegentlichst zu besprechen.
Froh lächelnd über den Erfolg seiner Verkündigung, schritt der Diener empor zur Stendaler Straße, ließ auch hier seine Schelle ertönen und begann mit lauter, weithin schallender Stimme:
Se. Liebden, der hochehrwürdige Herr Bürgermeister sammt dem weisen Rathe unserer guten Stadt und Gemeinde Tangermünde, thun hiermit den ehr— und tugendsamen Bürgern, Hausfrauen, Söhnen und Töchtern nebst Ingesinde folgendes hochlöbliche, landesherrliche Mandat zur strengen Nachbeachtung kund und zu wissen:
Wir, Friedrich von Zollern, Markgraf von Brandenburg, Burggraf von Nürnberg, Bayreuth und Karlsberg, Herr von Hof, Wunsiedel, Ansbach u. s. w. haben den mannigfaltigen Schaden angesehen, der den Landen der Marken in vergangenen Zeiten zugefügt ist. Um ihm zu wehren, haben wir mit Rath und Wissen aller Herren, Mannen und Städte der beiden Marken, auch des Grafen von Ruppin und seiner Lande, sowie auch der Priegnitz, eine solche Einigung geboten und Satzung gemacht, als hiermit allen Bewohnern der gedachten Lande beigefügt wird. Es sollen Alle den Frieden in und außer Landes stets fest und unverbrüchlich halten. Wer jener Lande oder eines ihrer Bewohner Feind ist, dem sollen alle andere Herren, Mannen, Städte und Einwohner dieser Lande Feind sein, ihm feindlich nachstellen, ihn weder hausen, hegen, speisen und tränken, mit ihm keine Gemeinschaft, noch Verrichtung haben, weder heimlich noch offenbar. Alle Herren, Mannen und Städte sollen ihren Nachbaren alle bei ihnen angesessenen Räuber, Missethäter und Feinde des Ortes und des Landes namhaft machen und sie beschreiben, und zu wem solche Missethäter und Räuber kommen, der soll sie anhalten und Demjenigen, dessen Feinde sie sind, Anzeige davon machen. Der soll dann die Missethäter fordern, und der Herr, Mann oder die Stadt, wo dieselben ergriffen worden sind, sollen gehalten sein, ihm unverzüglich zu seinem Rechte zu verhelfen.
Keiner und Niemand soll Unsere oder des Landes Feinde in oder durch das Land geleiten und keinen Frieden mit ihnen machen, ohne unser Wissen und Vollwort. Wer von solchen Uebelthätern und Räubern erfährt, der soll sie ohne Verzug anzeigen, oder er werde, wenn sich sein Wissen darum ergiebt, ebenso gestraft wie sie. Auch soll Niemand Mordbrenner schützen oder ihnen Schutz gewähren. Wird ein Mann oder Ort mit Raub und Brand angegriffen, da soll man die Sturmglocken läuten und Lärmen machen lassen. Dann sollen Alle den Feind verfolgen, ihm nachstellen, ihn hindern und anhalten, seinen Schaden wieder gut zu machen. Ist ein Jemand nicht in handhafter, wahrer That ergriffen oder berüchtigt, den wollen Wir vor Uns kommen lassen und ihn darum zur Rede setzen; kann er sich dann rechtlich entschuldigen, so soll ihm das zu gute kommen, wo nicht, so soll er leiden, was sich gebühret. Auch soll Jeder seine Knechte anhalten, hiernach zu verfahren, und in allen diesen löblichen Dingen für sie stehen. Alle Herren, Mannen und Städte sollen ihre weltlichen Gerichte löblich bestellen, damit Jedermann schnell Recht erhalten könne, und es soll auch Niemand dem Andern in seine Gerichte eingreifen. Jeder aber, der gegen diese Befehle handeln wird, soll deshalb gestrafet werden, wie es sich von Rechts wegen gebühret.
Solches ist gegeben und befohlen zum allgemeinen Wohle Unsers Landes, damit ein Jeder wohnen könne in Fried und Eintracht unter den Seinen und sich freue der redlichen Arbeit seiner Hände! – —
Hier draußen vor der Stadt hatte diese Verkündigung keinen, wenigstens keinen bemerkbaren Zuhörer gefunden, und der Diener wandte sich langsam zur Stadt zurück, in welcher Freude und Jubel herrschte über diesen kraftvollen Griff der markgräflichen Faust in die schädlichen Wirren des Faustrechtes. Mit dieser Verordnung war eine Drohung ausgesprochen worden gegen die beutesüchtige Ritterschaft, die es sich zur Hauptaufgabe gestellt hatte, den friedfertigen Bürger und Handelsmann seines Eigenthums und rechtmäßigen Gewinnes zu berauben, und in ihr lag der Anbruch einer geordneten Zeit garantirt, wie sie von den bisher Schutzlosen längst schon ersehnt worden war.
Darum ging es heut, und besonders am Abende, gar laut und fröhlich in den Schankstätten und Herbergen der Stadt Tangermünde her und das Lob des Herrn Friedrich von Zollern ward verkündigt von Haus zu Haus, von Stube zu Stube. Tiefe Ruhe dagegen herrschte in dem mauerumschlossenen Hause an der Stendaler Straße, und von seinen Bewohnern war kein hörbares Lebenszeichen zu bemerken.
Nur aus der Esse stieg zuweilen ein rothglühender Schwalch, durch welchen hellleuchtende Funken gleich feurigen Käfern schossen, oder es hob sich in kerzengrader Richtung eine schwarze, dichte Rauchsäule empor, welche sich oben ausbreitete, um dann schwer und langsam auf die Umgebung herab zu fallen. »Im Zauberhause wird der Höllenzwang gesprochen,« sagten die Leute, welche es bemerkten, bekreuzigten sich und beteten eine Ave Maria.
In dem vordern Wohnraum des Hauses saßen drei Personen, welche wohl geeignet waren, einen ungewöhnlichen Eindruck auf den Beschauer hervorzubringen. Es waren dies ein Jüngling und zwei Frauen. Der Erstere saß an dem mit einer starken Eichenholzplatte versehenen Tische und seine hohe, kraftvolle Gestalt war über ein dickes Buch gebeugt, welches die Inschrift führte: »Kreutterbuch deß Hochgelahrten und Weitberühmten Herrn Doctor Petri Andrae Matthioli. Jetzt wiederumb mit vielen schönen newen Figuren, auch nützlichen Artzneyen und anderen guten Stücken zum dritten mal auß sondern Fleiß gemehret und verfertigt durch Joachimum Camerarium, der löblichen Reichsstadt Nürnberg Medicum Doctor. Sampt wohlgeordnetem genugsamem Bericht von den Destillir und Brennöfen.« Er schien seine Aufmerksamkeit ungetheilt auf den Inhalt dieses Buches zu verwenden, denn es lag eine sehr sichtbare Spannung in seinen männlich schönen Zügen, und nur selten warf sein ernstes Auge einen Blick auf die beiden weiblichen Gestalten, welche mit ihm den niedrigen Raum belebten. Die Eine von ihnen war eine Jungfrau fast in demselben Alter wie er und ebenso wie er durch Schönheit und Adel ausgezeichnet, welcher sich ihrem lieblichen Angesichte sehr leicht erkennbar aufprägte; die Andere aber, vom Alter krumm und gebückt, trug eine seltene Häßlichkeit zur Schau, und ihre Gesichtsbildung war ganz eine solche, mit welcher der Aberglaube seine Hexen auszustatten pflegt.
Die Frauen spannen und der Jüngling las, und keins von ihnen versuchte, die dabei herrschende Stille durch ein Wort, eine laute Bemerkung zu unterbrechen, bis draußen vom Thore her ein lautes Klopfen ertönte. Ueberrascht horchten alle Drei empor, und die Jungfrau sprach mit einer tiefen, klangvollen Altstimme:
»Wer mag es sein, der in so später Abendstunde sich an unser verrufenes Haus wagt? Detlev, willst Du vielleicht nachschauen?«
Der Angerufene erhob sich.
»Doch vielleicht ein Hilfesuchender, den die Noth zwingt, seine Scheu vor dem »Zauberhause« zu überwinden,« meinte er.
»Halt!« fiel die Alte ein; »bleibt hier, junger Herr. In einem verzauberten Hause muß die Hexe das Thor bewachen, und mein Gesicht paßt besser hinaus, als das Eurige!«
Sie legte die tanzende Spindel zur Ruhe, schob den Jüngling zur Seite und trat hinaus in den Hof. Sie war nicht das einzige Wesen, welches durch das Pochen an das Thor gerufen worden war, sondern an demselben wurde sie von noch zweien mit laut jubelnden Tönen empfangen, die einen Andern zur sofortigen Flucht bewogen hätten: es war ein riesiger Fanghund mit wahrhaft bärenmäßigen Gliedern und ein Leopard, welcher unter unbeschreiblichen Tönen seine elastisch kraftvolle Gestalt schmeichelnd an die Herrin schmiegte. Diese trat zu einem kleinen Gucklocke, durch welches man, ohne selbst bemerkt zu werden, einen forschenden Blick auf jeden Einlaßbegehrenden zu werfen vermochte, und erkannte zwei Männer,
von denen der Eine wartend am Thore stand, während der Andere einige Schritte zurück bei den Pferden hielt.
»Wer seid Ihr, und was ist Euer Begehr zu dieser späten Stunde?« frug sie mit einer Stimme, deren schriller Ton ganz zu dem Ausdrucke ihres Gesichtes paßte.
»Wohnt Herr Suteminn in diesem Hause?« gegenfragte kurz und befehlend der Angeredete.
»Ja. Was wollt Ihr von ihm?«
»Ist er daheim oder nicht?«
»Er ist daheim. Aber hört Ihr es denn nicht, daß ich wissen will, was Ihr von ihm begehrt?«
»Oeffne die Thür; ich habe mit ihm zu reden!«
»Dieses Haus steht nicht für Jeden offen. Sagt, wer Ihr seid und was Ihr wollt; ich darf nicht um jedes Fremden willen den Herrn bei seinen Büchern stören.«
»So geh’ und sag’, Herr Friedrich schicke mich!«
So dunkel und ungenügend der Alten diese Worte erschienen, sie waren in einem Tone gesprochen, welcher sie veranlaßte, von weiteren Fragen abzusehen, und ihre sich entfernenden Schritte bewiesen, daß sie der erhaltenen Weisung Folge leiste. Auch währte es nur eine kurze Zeit, so erschien sie wieder, aber nicht in dem breiten Hauptthore, sondern an dem kleinen Nebenpförtchen, welches sich, nachdem die Riegel zurückgeschoben waren, kreischend in den Angeln drehte.
»Tretet ein! ich werde Euch führen!«
Er mußte sich bücken, um in den Hof zu gelangen, und wäre bei dem Anblicke der beiden Thiere, welche an den Seiten der Frau standen, fast wieder zurückgetreten, wenn ihn nicht die friedliche Haltung derselben und sein persönlicher Muth daran verhindert hätten. Der Weg führte durch das Wohnzimmer. Als der Fremdling dieses betrat und die beiden jungen Leute erblickte, hemmte er erstaunt seine Schritte; er schien Wesen von ihrer Art gar nicht in diesem Hause vermuthet zu haben; aber schon hatte die Alte die in das Nebengemach führende Thür geöffnet und winkte ihm, einzutreten.
Es war nur ein kleiner Raum, in dessen hinterstem Winkel sich ein breiter Heerd befand, über welchem die trichterförmige Oeffnung des Schornsteins gähnte. In einem über dem Feuer angebrachten Kessel brodelte eine Flüssigkeit, welche ein kräftiges, kräuterhaftes Aroma verbreitete; die Wände waren mit Flaschen, Gläsern, Tiegeln und allerlei für den Laien räthselhaften Gefäßen und Gegenständen bedeckt, und aus dem bis zur Decke reichenden Büchergestell sah eine für die damalige Zeit ganz bedeutende Anzahl Hefte, Rollen und Folianten auf den Besucher herab.
Der Inhaber dieses Gemaches hatte am Tische gesessen und ein vor seinem Sessel aufgeschlagenes Buch zeigte, in welcher Beschäftigung er unterbrochen worden war. Jetzt aber stand er vor seinem Besuche, und es war in diesem Augenblicke selbst für Denjenigen, welcher die Beiden nicht gekannt hätte, zu bemerken, daß sich hier zwei nicht ganz gewöhnliche Leute einander gegenüber befanden. Die hochaufgerichtete, reckenhafte Gestalt des Hausherrn zeugte von einer Fülle physischer Kraft, wie sie nur Wenigen gegeben ist, während seine Umgebung ebenso wie der Ausdruck seiner Züge bewies, daß er auch in geistiger Beziehung von der Natur nicht vernachlässigt sei; feiner dagegen, wenn auch lang und kräftig, war die Figur des Andern, und in dem edelgeschnittenen Gesichte lag ein Etwas, welches auf ein geübtes Denk— und Urtheilsvermögen schließen ließ.
»Ihr seid von dem Herrn Markgrafen abgesandt, wie Ihr mir sagen ließet?« frug Suteminn, das Gespräch beginnend.
»So ist es, und da Ihr mich sonder Zweifel noch nicht gesehen habt, so erlaubt, daß ich Euch meinen Namen nenne! Er heißt: Henning von Bismarck.«
Ueber das Angesicht des Hörers flog ein Zug freudiger Ueberraschung, und schneller vielleicht als gewöhnlich streckte sich seine Hand zum herzlichen Willkommen aus.
»Henning von Bismarck, Herrn Clausens Bruder, den ich kenne? Er ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, so wie auch Ihr; viel Gutes habe ich von Euch gehört, und zwar aus hohem Munde. Seid willkommen und macht es Euch behaglich!«
Während er ihm den breiten Lehnstuhl hinschob, blieb er selbst mit über die Brust geschlagenen Armen erwartungsvoll vor ihm stehen. Bismarck nahm mit jener Unumständlichkeit, die den selbstständigen Character kennzeichnet, auf dem alten Sessel Platz, streckte, sich dehnend, die in gewaltigen Stiefeln steckenden Beine von sich und warf dabei einen prüfenden Blick auf die Umgebung.
»Das also ist das Zauberhaus,« begann er endlich, »vor dem das ganze Land sich fürchtet! Herr Ritter, könnt Ihr wirklich hexen?«
Mit lächelnder Miene hatte der Gefragte das ungenirte Benehmen seines Gastes verfolgt; bei dieser aufrichtigen Frage wurde das Lächeln zum leisen, kurzen Lachen.
»Was nennt Ihr hexen, Herr? Zur Erreichung gewisser Zwecke Kräfte gebrauchen, welche Anderen unbekannt, ja furchtbar sind, und die sie deshalb übernatürliche nennen? Ja, dann kann ich hexen.«
»Gut, so macht einmal aus der alten schweinsledernen Gelehrsamkeit hier auf dem Tische so rasch wie möglich einen Imbiß mit einem guten, kräftigen Schlucke irgend einer Flüssigkeit! Ich bin gar weit geritten, und die Bismarck’s haben sich mit Fasten und Kasteiung nie befreundet.«
Statt aller Antwort ergriff Suteminn den mächtigen Folianten, schob ihn unter den Tisch und zog statt seiner den unter der Tischplatte angebrachten Kasten hervor, den er an die Stelle des Buches placirte. Er enthielt einen Laib schwarzen Brodes, einen hölzernen Teller mit einem umfangreichen Stücke Schinkens, ein Gefäß mit Salz und Pfeffer und alle zum Essen nothwendigen Schneid-, Hieb— und Stechwerkzeuge.
»Das trockne Element ist Eurem Zauberspruche gehorsam,« lachte Henning, nach dem Messer greifend; »das nasse – – —«
»Wird mir ebenso gehorsamen,« fiel ihm der Wirth in die Rede, »sobald ich in die Unterwelt hinabsteige.«
Er langte nach einem vielverheißenden irdenen Kruge, welcher in brüderlicher Eintracht mit den Büchern auf dem Brette stand, und verschwand durch eine kleine Thür, die in der Nähe des Heerdes abwärts führte. Bismarck griff, wie um das augenblickliche Alleinsein auszufüllen, nach einer neben ihm an der Wand stehenden Pergamentrolle, die er unwillkürlich entfaltete. Kaum aber hatte er den ersten Blick darauf geworfen, so stieß er einen Ruf des Erstaunens aus. Er hatte einen Namen gelesen, der vor nicht langen Jahren in Schweden und Dänemark viel genannt worden war, und welchen eine auch in Mecklenburg ansässige Familie trug.
»Moltke – sollte dieser räthselhafte Mann vielleicht derselbe Moltke sein, welcher —« er unterbrach sein Selbstgespräch und stellte die Rolle eilig an ihren früheren Platz zurück. »Der Zufall führt mich auf die Spur des Geheimnisses, und ich werde mir den Faden nicht wieder entreißen lassen!«
Als Suteminn mit dem gefüllten Kruge wieder in die Stube trat, verrieth keine Miene Bismarcks, daß seine Theilnahme für ihn seit einigen Sekunden eine doppelte sei; er nahm den gastlich credenzten Trunk in Empfang und machte sich mit einem Eifer über das Essen her, als habe er seit Wochen gehungert, oder müsse seinen Körper für lange Zeit mit Proviant versorgen. Suteminn leistete ihm dabei – »nach löblichem Schick und Brauch,« wie er bemerkte – Gesellschaft, und es dauerte eine geraume Weile, bis die beiden Männer ihre gastronomische Thätigkeit einstellten und sich zur Fortsetzung ihres von Herrn Henning so drastisch unterbrochenen Gespräches anschickten.
»So,« begann dieser; »dem Leibe ist sein Recht geschehen, und ich kann Euch zuschwören, daß der alte verzauberte Foliant mir ganz prachtvoll gemundet hat. Uebrigens liegt Schweinsleder und Schinken nicht sehr weit auseinander, und ich hatte Euch also eine nicht sehr schwierige Aufgabe gestellt. Vielleicht gelingt es mir, Euch mit einer andern in Verlegenheit zu setzen.«
Bei diesen Worten überflog er die Gestalt Suteminns mit einem rasch prüfenden Blicke, den dieser gleichmüthig aushielt.
»Ihr habt über diese Aufgabe schon mit dem Markgrafen gesprochen?«
»Ja, vor Friesack.«
»Und über ihre Ausführung nachgedacht?«
»Nein; ich erwarte erst nähere Weisungen.«
»Die ich Euch zu überbringen habe!«
»Nun wohl, ich bin bereit, sie zu hören.«
»Habt Ihr schon gehört von der Eule zu Rom?«
»Nein.«
»Aber Ihr wißt, daß Balthasar Cossa, welcher trotz seiner Abscheulichkeit unter dem Namen Johann XXIII. den päpstlichen Thron bestiegen hat, jüngst ein Concilium nach Rom berief, weil er den beiden Gegenpäpsten gegenüber die Nothwendigkeit erkannte, dem allgemeinen Wunsche nach Verbesserung der Kirche eine, wenn auch nur scheinbare Beachtung zu schenken. Daß diese Versammlung nichts als eine leere Spiegelfechterei bedeute, war leicht einzusehen, und so erschienen auch nur wenig Prälaten, welche es nicht weiter als zu zwei erfolglosen Sitzungen brachten. Bei der ersten erschien eine große Eule in der Kirche, setzte sich grad vor den Papst hin und blickte ihn starr an. Ihr könnt Euch denken, welches Entsetzen ihn und die Versammlung ergriff, als der unheilverkündende Schuhu in die von dem heiligen Geiste regierte Versammlung einbrach. Er wurde zwar mit Mühe verscheucht, aber die heiligen Väter fühlten sich von diesem unglückseligen Omen so angegriffen, daß sie auseinander gingen. Vor der nächsten Sitzung wurde das Gotteshaus einer sorgfältigen Durchsuchung unterworfen, und da keine Spur des Vogels zu finden war, so nahten sich die furchtsamen Patres mit der Hoffnung eines besseren Resultates. Kaum aber hatte seine Heiligkeit das Wort ergriffen, so vernahm man von dem Hochaltar her einen markerschütternden Ruf und der Vogel flog herbei, setzte sich wie vorher vor den Stellvertreter Gottes auf Erden und blickte ihn, ängstlich die Flügel schlagend, starr mit den großen, nächtlichen Augen an. Da bemächtigte sich Grausen und Entsetzen der frommen Versammlung, und Alle, Johann an der Spitze, stürzten nach der Thür, um der Unglück weissagenden Erscheinung zu entgehen. Zwar wurde der Vogel später gefangen und erschlagen, und dadurch der Beweis geliefert, daß man es nicht mit einem überirdischen Wesen zu thun habe, aber das Vorkommniß gilt doch als ein böses Zeichen und wird auf das Schicksal des Papstes beim Concile zu Costnitz gedeutet.
»Hängt diese Mähr mit Eurem Auftrage zusammen?«
»Vielleicht. Die Herren Prälaten sind in Rom mit dem Bemerken auseinander gegangen, daß der heilige Geist unter ihnen in einer seltsamen Gestalt erschienen sei, und wenn die Fürsten der Kirche sich einer solchen Gotteslästerung schuldig machen, so ist es kein Wunder, wenn die weltlichen Herren und Leute es müde werden, einen Mann an der Spitze der Christenheit zu sehen, von dem man nichts als Laster und Verbrechen zu berichten hat. Der König Ladislaus von Neapel, von ihm in den Bann gethan, ist unvermuthet mit seinen Schaaren vor Rom erschienen, hat die Stadt erobert und den Papst vertrieben, welcher sich nach Oberitalien flüchtete. Dort hat ihn der Kaiser gezwungen, eine allgemeine Kirchenversammlung nach Costnitz zu berufen, wo die vorhandenen Wirren geschlichtet und geordnet werden sollen. Und dort – dort,« fuhr er mit sinkender Stimme fort, »will der rothe Adler der Marken über ihn herfallen und seine starken Fänge um ihn schlagen, um der Welt zu zeigen, daß der Schuhu nicht falsch geweissagt habe!«
Es entstand eine Pause, während welcher die beiden Männer sich ernsten Gedanken hingaben. Endlich nahm Henning wieder das Wort:
»Seid Ihr nicht erfüllt von Bewunderung über die Größe und Kühnheit dieses Gedankens? Ein kleines, unscheinbares Burggräflein kommt herbei, wirft sich binnen wenigen Wochen den trotzigen, kraftvollen und weit überlegenen Adel des Landes zu Füßen, und – noch ist die Ruhe und der Frieden nicht hergestellt, noch gährt es und bebt der Boden auf allen Seiten, die Grenzen sind bedroht, die Polen, Pommern, Mecklenburger, die Herren von Wenden, die Herzöge zu Sachsen erheben drohend die Schwerter – da wagt es das Burggräflein, den mächtigsten Mann der Christenheit, den Beherrscher von Millionen und Abermillionen Gewissen, den Stellvertreter Gottes auf Erden beim Schopfe zu nehmen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen vor den Augen des gesammten Volkes!«
Die Augen des Sprechers leuchteten und die Röthe der Begeisterung lag auf seinen Wangen.
»Seit es Weltgeschichte giebt,« fuhr er fort, »ist es zum ersten Male, daß der Norden zum Bewußtsein seiner Kräfte kommt und an der Sendung zu arbeiten beginnt, die ihm von dem Herrn der Welten anvertraut worden ist. Finsterniß bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber es wird, es muß der Schleier reißen, welcher Jahrhunderte dazu diente, die Wahrheit zu erfüllen, und nicht ein Kaiser oder König, nicht ein Gewaltiger unter den Kronenträgern ist es, welcher den ersten Riß thun wird, sondern der kleine Zollern, der sich bis heut nicht anders nennen darf als einen Statthalter, einen Diener des Schwächling Sigismund. Und wer sind die Männer, die er sich zu diesem verwegenen Vorhaben ausersehen hat? Niemand nennt sie im großen Reiche, kaum daß man sie im eigenen Lande kennt; der Eine saß über seinen Büchern, der Andere jagte den Hirsch in seinen Wäldern; Größeres thaten sie nicht. Der Eine hat keinen Namen, der Andere kaum – einen Bismarck, nur Wenige haben ihn bisher gehört – Beide aber werden ohne Wanken und mit treuen Kräften an ihrem Werke schaffen – hier meine Hand!«
Er streckte Suteminn die Rechte entgegen, in welche dieser mit kräftigem Schlage die seinige legte.
»Ihr habt gleichen Auftrag wie ich vom Fürsten bekommen?« frug er.
»Den Auftrag, an der gleichen Aufgabe zu arbeiten, ja, aber nicht mit den gleichen Werkzeugen. Ihr, Ritter, sollt das scharfe, schneidige Schwert sein, ich der Hüter, welcher dafür sorgt, daß Euch das Hochwild nicht entgehe. Und nun laßt Euch den Plan mittheilen, welche Se. Gnaden in dieser hochwichtigen Angelegenheit gefaßt haben!«
Lange saßen die beiden Männer, bald flüsternd, bald in lauten, energischen oder begeisterten Ausrufungen sich ergehend, beisammen; das Licht brannte trübe und immer trüber, und schon warf der anbrechende Wintertag seine dämmernde Helle durch die kleinen Fenster, als Henning sich erhob und damit andeutete, daß die Einigung zwischen ihnen endlich zu Stande gekommen sei.
»Und nun laßt mich noch den jungen Mann sprechen, in dessen Eigenschaften Ihr ein so großes Vertrauen setzt!« sprach er.
Als der Genannte auf den Ruf Suteminns erschien, trat Bismarck überrascht einen Schritt zurück. Der Jüngling war, was vorher in der Vorderstube bei der gebückt sitzenden Stellung desselben nicht bemerkt worden war, um einen Kopf länger als er, und in richtigem Verhältnisse zu dieser außerordentlichen Körperhöhe waren seine Glieder geformt. Er konnte ohne alle Uebertreibung ein wahrer Enackssohn genannt werden, und wer ihn so in voller strotzender Jugendkraft erschaute, dem wurde nicht schwer zu glauben, daß er vielleicht selbst Suteminn überlegen sein könne. Mit Genugthuung bemerkte dieser den Eindruck, welcher sich in den Zügen seines Gastes unverhohlen zu erkennen gab, und stolze Freude leuchtete aus seinem Angesichte bei den Worten:
»Ich darf Euch versichern, daß er in der Führung der Waffen nicht ungeschickter ist, als ich.« Und mit der Hand nach dem Fenster zeigend, fügte er hinzu: »Wir haben gar manchen ernsten Gang da draußen mit einander unternommen, nicht zum Spiele, sondern auf Tod und Leben, wie sichs gebührt unter Männern nach löblichem Schick und Brauch, und bei Tag und Nacht, um ihn für das Leben vorzubereiten, welches keine Nachsicht kennt. Das Klirren unsrer Schwerter ist bis hinunter in die Stadt gedrungen und hat dem Aberglauben willkommene Nahrung gegeben.«
Bismarck nickte. Er schien von dem, was er sah und hörte, vollständig zufriedengestellt zu sein und frug:
»Und wenn ich nun Eure Versicherungen einer nahen Prüfung unterzöge?«
»Zweifelt Ihr an der Wahrheit meiner Worte?«
»Nein, sondern ich wollte nur sagen, daß eine Gelegenheit für ihn vorhanden sei, die Wahrheit Eurer Worte zu bewähren. Ich habe in Gemeinschaft mit Herrn Gebhard von Alvensleben auf Schloß Gardelegen von zwei dortigen Juden eine Summe Geldes in Schwerin erheben lassen. Diese beiden Männer sind sammt ihrer Habe auf der Heimreise von Denen auf Garlosen und Stavenow überfallen und festgenommen worden und sollen nebst der mitgefangenen Tochter des Einen nur gegen ein Lösegeld ihre Freiheit zurückerhalten. Da die Juden ihr ganzes Vermögen in dem Transporte stecken hatten, so können sie weder ihre Auslösung selbst bestreiten, noch dürfen wir Hoffnung hegen, unser Geld auf friedlichem Wege zurückzuerhalten; dennoch aber will ich selbst einen Versuch machen und nach Garlosen reiten, um mit den Boldewins und Herrn Claus von Quitzow in Güte zu verhandeln. Für meine persönliche Sicherheit sollte ich eigentlich keine Gefahr befürchten, da ich aber als ein Freund und Helfer des Markgrafen bekannt bin, und ihm die Herren feindlich gesinnt sind, so fühle ich mich zur Vorsicht geneigt und möchte Euch bitten, mich zu begleiten!«
Diese letzten, an den jungen Mann gerichteten Worte ließen die Röthe der Freude auf seine Wangen treten, und mit einer raschen, zustimmenden Bewegung antwortete er:
»Herr Ritter, schon längst ist es mein Wunsch gewesen, mein Schwert in ernstem Kampfe zu erproben; voll Freuden gehe ich mit Euch, und ich hoffe, Ihr sollt mit meinem Arm zufrieden sein!«
»Möge diese Eure Hoffnung in Erfüllung gehen, dann wird Euer Thun auch reiche Lohnung finden!«
»Das ist es nicht, wonach ich strebe. Nicht auf Fürstengunst und äußeren Gewinn ist mein Sinn gerichtet. In des Menschen Thun selbst liegt der Segen oder der Fluch, welchen er zu erwarten hat; und ist sein Thun ein gutes, so wird es sich von selbst belohnen.«
»So recht, mein junger Freund! Eure Gedanken sind eines Mannes würdig, der an hohen Aufgaben arbeiten soll. Jetzt aber macht Euch bereit zum Aufbruche; mein Knecht wird wieder vor dem Thore sein, und unser Weg ist ein weiter.« —
Bald stand der Bruder, zur Reise gerüstet, in der vorderen Stube vor der Schwester. Mit leuchtendem Blicke ruhte ihr Auge auf seiner herrlichen Gestalt, die im Schmucke der glänzenden Waffen auf jeden Begegnenden einen ungewöhnlichen Eindruck machen mußte. Sie war beschäftigt, ihm eine köstlich gestickte Binde um den Leib zu befestigen.
»Nimm dieses Zeichen meiner Liebe mit hinaus in die Kämpfe des Lebens, Detlev. Ich habe an ihr gearbeitet so manche Nacht und dabei daran denken müssen, daß unsere Zukunft an der Spitze Deines Schwertes geschrieben steht. Lebe wohl! Gott der Herr sei mit Dir jetzt und immerdar, und niemals werden die Gedanken und Gebete Deiner Schwester von Dir weichen!«
»Lebe wohl, Marie!« Mehr sprach er nicht, aber als er sie bei diesen drei zitternden Worten voll herzlicher Innigkeit an seine Brust zog, glänzte die Feuchtigkeit der Thränen in seinen Augen und seine Lippen zuckten unter dem Einflusse des männlich niedergekämpften Schmerzes.
Da traten die beiden Männer aus dem hintern Raume.
»Lebt wohl, Ritter,« sprach Bismarck. »Ich wiederhole Euch das Wort des Fürsten, Dietrich von Quitzow für jetzt ihm zu überlassen. Seid wachsam und haltet treue Huth über den Hamburger Zug. Der Herr bedarf in Costnitz des Geldes, und es wäre viel verloren, wenn es verspätet einträfe oder gar verloren ginge! —«
Einige Minuten später trabten zwei Reiter, gefolgt von einem Knechte, auf der Straße dahin, welche von Tangermünde über Osterburg nach Lenzen führt.
Kapitel 4: Bei »Mutter Quail«
Bristol, die Hauptstadt der im südwestlichen Theile von England liegenden Grafschaft Somersett, ist an die Ufer der beiden Flüsse Avon und Farne gebaut und seit den ältesten Zeiten berühmt wegen seiner Schifffahrt, zu welcher es fast niemals weniger als dreihundert eigne Fahrzeuge stellte. Zur Zeit, von welcher wir erzählen, lag in der Nähe des alten, nun längst abgebrochenen Rathhauses ein zwar nur einstöckiges aber desto längeres Gebäude, über dessen niedriger Thür in grellen Farben ein Haifisch abgebildet war, welcher im Begriffe stand, einen Matrosen zu verschlingen, und für Denjenigen, welcher sich über die Bedeutung dieses Meisterstückes der edlen Malerkunst nicht klar werden konnte, ragte ein Brett im rechten Winkel aus der Mauer hervor, an dessen beiden Seiten in hohen Buchstaben zu lesen stand: »Taverne zum heiligen Menschenfresser.«
Dieser Taverne, zu deutsch Schankstätte, wird in den Annalen der Stadt Bristol des Oefteren Erwähnung gethan, denn die Besitzer derselben waren von je her Leute, welche sich Gäste herbeizuziehen verstanden, und sowohl bei der Gefangenschaft des Königs Stephan als auch während der früher abgehaltenen Sclavenmärkte wurden in den Stuben des niedrigen Menschenfressers die Zusammenkünfte Derer abgehalten, welche entweder unbelauscht einen politischen Streich zu berathen oder irgend ein einträgliches Handelsgeschäft miteinander abzuschließen hatten. Niemals aber, weder früher noch später, war der Verkehr ein so bedeutender wie zur Zeit, da Mutter Quail hinter dem Schänktische ihr kräftiges Scepter schwang. Wie sie in das Haus gekommen und wie ihr eigentlicher Name lautete, das wußte keiner von ihren Gästen. So weit nur irgend Einer zurücksinnen konnte, hatte sie ihren Platz zwischen den Flaschen, Gläsern und Krügen inne gehabt und »Quail« war nicht ihr richtiger, sondern ein Spitzname, den sie sich gar wohl verdient hatte, denn das Wort lautet im Deutschen »Wachtel«, und die resolute Frau verstand sich auf das »Schlagen« so gut wie nur irgend einer von ihren wetterharten Gästen. Bei allen Streitigkeiten, welche vorkamen, und deren gab es bei der bekannten Derbheit und dem raschen Temperamente des Seevolkes fast alle Tage welche, pflegte sie Niemanden zu Rathe zu ziehen, sondern den Schiedsrichter in eigner Person zu machen, und wenn da »Mutter Wachtel« ihre hohe, corpulente Gestalt durch die Menge der Anwesenden drängte und zu »schlagen« begann, so hatten die Besucher des Haifisches Nichts zu thun, als einfach Platz zu machen und – der Störenfried lag, ehe er sich dessen versah, draußen vor der Thür und konnte sich den heiligen Menschenfresser in der bequemsten Stellung von der Welt betrachten. Und wehe ihm, wenn er es einmal wagte, das Haus wieder zu betreten. – Mutter Quail besaß ein ganz besonderes Gedächtniß für Diejenigen, welche die Kraft ihrer dicken Arme gefühlt hatten – er wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit fortgewiesen.
Aber ebenso treu war ihr Gedächtniß für solche Gäste, welche sich mit Anerkennung ihrem weisen Regimente fügten; sie waren willkommen zu jeder Zeit und konnten sich keine aufmerksamere Pflege und Bedienung wünschen. Und gehörten sie gar zu den Wenigen, welche in Folge ihres ehrbaren Wandels und einer längeren Anhänglichkeit an den Menschenfresser die besondere Gewogenheit der Wirthin besaßen, so bekamen sie die Erlaubniß, die nach hinten liegenden kleinen Stübchen zu betreten, und das war nicht nur eine große und ehrenvolle Auszeichnung, sondern war auch mit gewissen Annehmlichkeiten verbunden, denn die sogenannten »Hinterleute« durften ohne Bedenken den Credit des Hauses in Anspruch nehmen und wurden von der Besitzerin desselben mit einer Rücksicht und Zärtlichkeit behandelt, wie sie sonst nur eine Mutter für ihre Kinder an den Tag zu legen pflegt.
Wie gewöhnlich, so war auch heut Abend der ansehnlich in die Länge und Breite gehende Raum so vollständig von Gästen besetzt, daß die noch Ankommenden stehend ihren Krug nahmen und auf einen leer werdenden Platz warten mußten. Mutter Quail hatte mit vollen Händen zu thun und arbeitete für drei Personen; trotzdem aber entging ihrem Auge nicht das Geringste und keiner der Anwesenden durfte über eine Säumniß klagen. Da vorn, nicht weit vom Eingange, hatte sich ein Wortwechsel erhoben, der immer lauter wurde und in Thätlichkeiten auszubrechen drohte. Schon brachen die Gäste ihre Gespräche ab, um dem Streite ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, und nur Mutter Quail schien nichts von ihm zu bemerken.
»Die Alte hat heut’ weder Augen noch Ohren, sonst hätten wir längst schon Ruhe!« bemerkte Einer.
»Laß es gut sein, Jan; sie kennt schon ihre Zeit. Ich wette unser Schiff gegen ein altes Theerfaß, daß sie bei dem ersten Schlage richtig zur Stelle ist. Schau, da hast Du es!«
Die Zankenden hatten sich erhoben und standen im Begriffe, einander zu fassen, da stellte Mutter Quail das Glas, welches sie eben in der Hand hielt, auf den Tisch und war im nächsten Augenblicke nach dem Orte unterwegs, an welchem die Rauferei beginnen sollte. Noch aber hatte sie denselben nicht erreicht, als sich die Thür öffnete und ein Mann eintrat, bei dessen Anblicke sie sofort stehen blieb, während ihr Gesicht von freudiger Ueberraschung erglänzte.
»Willkommen Piet, alter Swalker,« rief sie mit voller Stimme durch das entstehende Getümmel. »Nimm doch einmal den kleinen Jungen dort, den mit dem großen Maule, und trage ihn hinaus. Aber nimm Dich in Acht und greife etwas leise zu, sonst könntest Du ihn zerbrechen!«
»Schön, Mama Haifisch,« nickte er mit freundlichem Grinsen seines breiten, ehrlichen Gesichtes. »Werde die Sache in Ordnung pringen!«
Die im Wege Stehenden rechts und links auseinander schiebend, stand er nach wenigen Schritten vor dem Bezeichneten, faßte ihn an den Hüften, hob ihn leicht wie einen Federball über die Köpfe der Anderen empor und war im nächsten Augenblicke mit ihm durch die Thür verschwunden.
Alle waren erstaunt, nicht nur über die Riesenkraft dieses, den Meisten von ihnen unbekannten Mannes, sondern mehr darüber, daß ihm Mutter Quail den Auftrag gegeben hatte, an ihrer Stelle zu handeln. Das war, so weit man sich entsinnen konnte, noch niemals vorgekommen, und es ließ sich annehmen, daß er das ganz besondere Wohlwollen der Wirthin besitzen müsse, zumal diese schon im Voraus die Thür eines der Hinterzimmer öffnete und den jetzt wieder Eintretenden mit außergewöhnlicher Freundlichkeit zu sich winkte.
»Willkommen in Bristol, Piet!« begrüßte sie ihn. »Bist endlich wieder einmal zu Lande?«
»Freilich, Du alte, liepe Porterkanne Du! Komme von Messina, wo ich Wein und Früchte geladen hape. Werde aper in einigen Stunden schon wieder in See stechen, hörst Du, und nach Deutschland gehen.«
»Nach Deutschland, Alter? Was hast Du denn dort zu suchen?«
»Ein Weniges oder viel; weiß es noch nicht! Hape nur den Pefehl pekommen, meinen Rheder, den Grafen von Warwick, nach Hampurg zu pringen und werde das Ueprige erst noch erfahren. Kann mir aper ungefähr denken, was er da drüpen zu suchen hat.«
»Nun, was denn?«
»Sie sind mit dem Vater Papst nicht zufrieden; ich glaupe gar, sie hapen drei Vater Päpste anstatt nur einen, und da kommen sie aus aller Herren Länder zusammen, um einmal das Fahrzeug der heiligen christlichen Kirche auf den richtigen Cours zu pringen, denn pisher hat es immer nur gegen den Wind gelenßt und geschlingert und gestampft, daß es zum Gotterparmen gewesen ist.«
»Und was geht das Deinem Grafen an?«
»Meinem Grafen? Du willst sagen dem Viscount Richardt Beauchamp, Herrn von Warwick, dem reichsten Mann in den drei Königreichen und tapfersten Ritter der Christenheit? Den wird der König peauftragt hapen, als sein Stellvertreter nach Costnitz zu gehen, wo die Herren alle zusammen kommen. Er ist mit seinem Gefolge hier im Somersetthouse apgestiegen und will am frühen Morgen mit der Eppe in See stechen. Jetzt sind wir darüper, Gepäck und Fracht in die Poote zu laden, um sie nach meiner »Schwalpe« zu pringen, welche draußen im Warwicker Kanale liegt, und Du glaupst gar nicht, was das für eine Pracht und Herrlichkeit mit den vielen und kostbaren Sachen ist; es schaut grad’ so aus, als op der Kaiser von Indien oder der König von Golconda in See gehen wollte!«
»Und fürchtest Du Dich nicht vor den vielen Gefahren, welche Euch jetzt auf der See erwarten?«
»Gefahren? welche meinst Du wohl?«
»Nun, es ist doch noch Winterszeit, wo eigentlich die Schifffahrt in Ruhe liegt. Da giebt es böse Stürme; Du findest die Häfen erfroren, und wenn das Alles überwunden ist, so hausen da drüben in den deutschen Gewässern die Victualienbrüder, welche die Fahrzeuge überfallen und ausplündern und die Mannschaften tödten.«
»Stürme und Eis, die scheue ich nicht! Hape schon oft mit ihnen zu thun gehapt, daß wir vertraut mit einander geworden sind, und die Victualienprüder, die sollen sich vor mir und meinen praven Jungens nur immer in Acht nehmen! Es giept auf keinem Meere ein solches Schiff, wie meine »Schwalpe«. Du hast sie noch nicht gesehen, denn ich hape sie erst vorigen Herpst neu wie eine Jungfer vom Clyde geholt. Sie ist nach einer Art gepaut, die der Graf sich selper ausgesonnen hat, lang und schmal, mit niedrigen Masten und kleinerem Vor— und Hintercastell. Sie geht vor dem Winde wie eine Möve und tanzt auf der Seite wie eine Praut unter Segel. Ihr Kiel und Stewen ist scharf, so daß ihr kein Eis etwas anhapen kann; das Manövriren versteht der Piet Liepenow wie kein Anderer, so daß er sich vor den Stürmen nicht zu fürchten praucht, und was die Kaper petrifft, so weiß er sein Enterpeil zu handhapen so gut wie nur Einer, seine Mannen sind auserlesene, gutbewährte Seehunde, und außerdem hape ich sechs metallne Donnerpüchsen an Pord, die gelegentlich auch das ihrige thun werden. Also prauchst Du wohl keine Sorge zu tragen, Du alte, gute Menschenfresserei Du!«
Bei diesen Worten legte er seinen Arm um ihre umfangreiche Taille und zog sie mit einer Vertraulichkeit an sich, wie sie nur von ihm gewagt werden durfte. Sie erwiderte dieselbe mit einem zärtlichen Klapps, der jeden Anderen zu Boden geschlagen haben würde und meinte:
»Ja, das weiß ich, daß Du ein Manneskind bist, welches nicht nothwendig hat, sich vor irgend Etwas oder irgend jemandem zu fürchten. Das habe ich Dir gleich angesehen, weißt Du, als Du mit dem Grafen aus Deutschland kamst und den Haifisch zum ersten Male besuchtest. Und reputirlich bist Du auch, wie nur Einer, und geschickt und klug, sonst hättest Du es nicht vom Matrosen bis zum Kapitän gebracht. Seit mein Alter todt ist, hat es Keinen gegeben, der mir so an das Herz gewachsen ist wie Du, und wenn ich noch eine junge, schmucke Dirne oder Wittib wäre und Du nicht immer auf dem Wasser sein müßtest, so wüßte ich gar wohl, was geschehen könnte. So aber – – doch,« unterbrach sie sich, »da sitze ich und plaudere dummes und unnützes Zeug und lasse Dich hungern und dursten! So ist es, wenn man alt und faselig wird. Na, ich kenne Deinen Geschmack und werde nachholen, was ich versäumt habe!«
»Hast Recht, alte Kampüse! Geht mir auch so, wenn ich in den Pauch des Haifisches gerathe und an die alten Zeiten denke. Pring dem Piet Lipenow Etwas, was Palken und Planken zusammenhält!«
Die Wirthin eilte zur Thür und begegnete unter derselben einem Manne, welcher im Begriffe stand, einzutreten. —
»Halt!« rief sie ihm entgegen; »hier ist nicht Jedermanns Stube. Sucht Euch Platz da draußen bei den Andern!«
»Heiliges Pulver!« klang die mit schnarrender Baßstimme gesprochene Antwort. »Sagtest Du das zu mir, oder verstehe ich Dich miß?«
»Freilich sagte ich das zu Euch!« entgegnete sie und überflog dabei in kampfgerüsteter Haltung und mit einem herausfordernden Blicke seine angsterregend hagere Gestalt, auf welcher ein Kopf ruhte, dessen eine vordere Hälfte von der Nase bis zum Ohre und von der Stirn bis herab zum Halse vollständig schwarzgebrannt erschien. »Ich habe Euch noch nie hier gesehen, und für Fremde giebt es in diesem Zimmer keinen Einlaß.«
»Blitz und Kanone! Bin doch, seit mir die Ladung in’s Gesicht gegangen ist, noch keinem solchen Drachen begegnet, und auch vorher nicht. Gieb Raum, alte Galione, sonst bohre ich Dich in den Grund!«
»Galione, sagt Er, und Du nennt Er mich, mich, die Mutter Quail, die in Respect steht bei Jedem, der seinen Fuß nur einmal in den Haifisch gesetzt hat? Mache Er, daß Er hinaus kommt, sonst breche ich Ihn mitten auseinander und schlitze mir aus den beiden Hälften Schwefelhölzer!«
»Potz Kugel und Blei! Die Mutter Quail seid Ihr? Ja, das giebt der Sache eine andere Wendung; ich will also Eure Reden ungeschehen sein lassen und winde für dies Mal meinen Zorn noch über. Aber merkt es Euch für später, daß ich nicht gewohnt bin, mit mir spaßen zu lassen!«
Wie zwei Eisenklammern legte er seine Hände um ihre Arme, hob die schwere Frau wie ein Kind zur Seite und trat zu dem Tische, an welchem der Kapitän saß. Die Wirthin machte sofort Miene, den Kampf mit ihm zu erneuern, aber Piet Liebenow, welcher dem kurzen Wortwechsel bis hierher mit sichtbarem Vergnügen zugehört hatte, beruhigte sie jetzt mit den Worten:
»Laß es gut sein, Mutter Menschenfresser; der Junge soll nicht da draußen sitzen! Er heißt Sam Haperland und ist mein Constapel, der mir Nachricht pringt von den Leuten, die an den Pooten arpeiten.«
»Da mag es sein!« antwortete sie, ihre Arme reibend. »Aber einen schlechten Constabel hast Du Dir nicht ausgesucht. Der Mann greift ja zu wie ein Bär. Hast Du lauter solche Riesen an Bord?«
»Denke es,« nickte er lächelnd, und auch Will Haberland verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, welche auf der einen Hälfte des von Wind, Wetter und Pulver mitgenommenen Gesichtes seine Befriedigung ausdrückte, auf der verbrannten Seite aber wahrhaft fürchterlich aussah. »Aper nun mache endlich, daß wir Etwas unter die Zähne pekommen!«
Während sie sich entfernte, um dem Auftrage nachzukommen, meldete der Constabel, daß die Boote mit dem letzten Theile der Ladung nach dem Schiffe abgegangen seien und bald wieder zurückkehren würden, um die Passagiere aufzunehmen.
»Das hat Zeit!« bemerkte der Kapitän. »Jetzt hapen wir fast noch Hochfluth, und die Anker können erst mit Eintritt der Eppe gelichtet werden. Laßt uns also ein Weniges plaudern, ehe wir den Grafen penachrichtigen, Sam! Ihr hapt mir gesagt, daß Ihr aus Deutschland gepürtig seiet. Wo ist denn Eure Heimath da gelegen?«
»Meine Heimath liegt nicht weit von Lenzen an der Elbe und heißt Stavenow.«
»Stapenow? Welches dem Herrn Claus von Quitzow gehört?«
»Heiliges Pulver! Kennt Ihr das alte Nest, Kapitän?«
»Ein Weniges, denn ich pin eigentlich auch ein Quitzow’scher.«
»Ihr ein Quitzow’scher?« rief der Constabel, und auf seinem halbirren Gesichte drückte sich, links freudig, rechts schauderhaft, das lebhafteste Erstaunen aus. »Mir steht der Mund offen, wie die Vorderluke eines niederländischen Torschiffes. Wo seid Ihr denn da zur Welt gekommen?«
»Zu Plaue an der Havel. Ich pin dem Wasser nachgegangen pis zur Elpe und nach Hampurg und von da aus auf die See gekommen.«
»Ganz so wie ich. Auch ich habe in Hamburg die See zu riechen bekommen, und diesem Geruche, das wißt Ihr, steht Niemand wider. Von da an bin ich mit allen Nationen gefahren. Bei der Belagerung von Rouen lernte ich mit den Bombarden umgehen, und wie ich mich seitdem in der edlen Kunst des Schießens geübt, das habt ihr ja erfahren, ganz besonders aber, als wir auf der Fahrt von dem Tuneser angegriffen wurden.«
»Ja, den hapen wir schon mit dem dritten Schuß in den Grund gepohrt. Sam Haperland, Ihr seid ein ganzer Junge, und ich glaupe, wenn uns pei der nächsten Reise etwa die Victualienprüder zu nahe kommen, so machen wir es epenso!«
»Das versteht sich. Heilige Lunte, will ich die Kerls anblitzen! Habt Ihr Euch schon von dem Rolf Vendasciold erzählen lassen, der mit einer riesigen Galione, Wiking geheißen, auf welcher sich mehr als ein Dutzend große Donnerbüchsen befinden, das deutsche Meer unsicher macht? Man sagt, er sei ein Fürst, der aus seinem Lande vertrieben worden ist und auf die See hat flüchten müssen, um sein Leben zu retten. Nun hat er geschworen, jedes Schiff zu verderben, welches ihm begegnet. Er soll ein wahrer Teufel sein und keine Gnade geben.«
»Fürchtet Ihr Euch etwa vor ihm, Constapel?«
»Fürchten?« frug der gute Haberland und sah dabei seinen Kapitän mit einer Miene an, welche fast bestürzt zu nennen war; »fürchten? Ich? Blitz und Kugel! Habt Ihr denn schon jemals gesehen, daß ich einen Begriff davon habe, wie man es macht, um sich zu fürchten? Wenn wir mit der »Schwalbe« auf den »Wiking« stoßen, so lade ich meinen »langen Tom« und schieße der Galione eine Kugel auf den Pelz, daß sie für ewige Zeiten genug hat. Der Sam Haberland weiß zu zielen, und wenn der Rolf das etwa nicht glaubt, so zeugen wir ihn sicher davon über, sobald er es wagt, auf uns zu halten!«
»Recht so, alter Seelöpe. Wir werden uns vielleicht lange in seinem Gebiete herumtreipen müssen, pis der Graf von Costnitz zurückkehrt, und da kann die Gelegenheit für ihn pald kommen, mit uns anzupinden.«
»So wißt Ihr noch nicht genau, ob wir in Hamburg liegen bleiben oder Fracht von dort nach einem anderen Orte nehmen?«
»Nein, das werde ich erst vom Grafen erfahren. Aper die »Schwalpe« ist sein Liepling, und die wird er wohl nicht für Andere zum Geprauche feil pieten. Es ist darum möglich, daß wir in Hampurg liegen pleipen, um ihn dort zu erwarten.«
»Dann nehme ich Urlaub, und gehe in die Heimath, um zu sehen, was aus meinem Stavenow geworden ist.«
»Hapt Ihr noch Verwandte dort?«
»Nur einen Bruder, welcher Balthasar heißt und bei dem Ritter Claus in Diensten steht. Er ist mein Zwillingsbruder und war mir so ähnlich, wie eine Woge der andern. Potz Sturm und Wetter, wird das eine Freude sein, wenn er noch lebt und wir uns Wiedersehen! Ich bin nicht in der Heimath gewesen, seit ich ihr damals den Rücken gekehrt habe. Und wie steht es mit Euren Verwandten?«
»Alles todt! Nur ein Pruder lepte noch, als ich zum letzten Male da war, Kaspar geheißen und gehörte zu den Mannen des Ritters Dietrich von Quitzow.«
»Ihr wart also einmal dort?«
»Ja. Das ist schon viele Jahre her, und damals traf ich bei einem Kampfe mit unserm Grafen zusammen, der mich dann mit nach England nahm.«
»Heilige Kanone, das klingt ja ganz nach einem Abenteuer!«
»Das ist es auch, Constapel, und wenn Ihr’s hören wollt, so will ich es Euch erzählen.«
»Ob ich es hören will? Einer Wasserratte geht nichts über eine gute Geschichte; Zeit haben wir noch ein Wenig, und so könnt Ihr Eure Erzählung recht hübsch von der Leine wickeln.«
»Nun gut! Hapt Ihr vielleicht einmal von dem »schwarzen Dietrich« gehört?«
»Nein. Was war denn das für ein Menschenkind? Der Name schon klingt gruselich.«
»Das war ein Räuper, welcher an der Spree, in der Gegend von Perlin sein Wesen triep und von aller Welt gefürchtet wurde. Er war so stark, daß zehn Männer Nichts üper ihn vermochten, und seine Pande pestand aus lauter Leuten, welche selpst vor dem Teufel keine Angst empfanden und ihn sammt seiner Großmutter aus der Hölle geholt hätten, wenn es ihnen von dem Dietrich pefohlen worden wäre.«
»Das war ja ein schauderhafter Kerrel! Kommt der mit in der Geschichte vor?«
»Natürlich, sonst würde ich ihn ja nicht gleich am Anfange derselpen pringen!«
»Alle Bombardenläufe, da wird die Sache gut ver zu nehmen!«
»Das will ich meinen, Constapel! Also ich war pei meinem Pesuche, von dem ich schon gesprochen hape, in Perlin gewesen und wanderte durch die Sümpfe der Spree, nach Prandenpurg und Plaue zu, um wieder zu meinem Pruder zu kommen. So schritt ich durch den dichten Wald meines Weges fürpaß und hatte meine Gedanken auf der See und pei meinem guten Schiffe, als ich plötzlich einen Schrei vernahm, der aus einer weiblichen Kehle zu kommen schien.«
»Was hatte denn eine Frauensperson dort in der Wildniß zu thun?«
»Darnach hape ich nicht gefragt; ich hatte keine Zeit dazu. Ich dachte sogleich an den schwarzen Dietrich und seine Gesellen, zog den Säpel aus der Scheide und eilte nach der Gegend zu, aus welcher der Hilferuf gekommen war. Der Ort lag nicht in der Nähe, wie ich aus dem gedämpften Klange der Stimme gehört hatte, und sowohl der Sumpf als auch das fast undurchdringliche Dickicht der Püsche, Sträucher und Päume hielten meine Schritte üper die Maßen auf, so daß ich nur langsam vorwärts kam.«
»Heilige Kanone, macht schnell, Kapitän, sonst bringt der schwarze Kerrel das Frauenzimmer um!«
»Ihr hapt gut Reden! Ich that mein Möglichstes und kam endlich auch an die Stelle, wo der Ueperfall vor sich gegangen war. An einem Paume lehnte eine junge Frau, wie ich so schön noch keine gesehen hape, und hielt mit ihren Armen zwei Kinder umschlungen, welche sich laut weinend an sie schmiegten. Ich glaupe, es war ein Mädchen und ein Knape. Vor ihnen stand hoch aufgerichtet ein Ritter, welcher sie mit plitzendem Schwerte vertheidigte. Seine Hiepe fielen hageldicht auf die eisernen Haupen der Männer, die sich an ihn drängten; am Poden lagen einige Knechte, welche von ihnen schon niedergeschlagen worden waren, und in der Nähe hielt zu Pferde ein Mann, welcher wohl geeignet war, Furcht und Grauen einzuflößen.«
»Blitz und Donner! jetzt kommt wohl der schwarze Dietrich?«
»Er wird es wohl gewesen sein. Sein sechs Fuß hoher, von herkulischer Kraft zeugender Körper war ganz in rapenschwarzes Püffelleder gekleidet. Die Peine staken pis hoch üper die Kniee hinauf in Stiefeln aus ungegerptem Leder, welche üperreich mit Thran eingeschmiert waren. Ein preiter Riemen hielt das Wamms um den Leip fest, und den Kopf pedeckte eine eiserne, mit Leder gefütterte Kappe. An der rechten Seite stak in einer vom Gurte heraphängenden Scheide ein langes Fleischermesser, dessen hölzerner Griff durch Schnitzwerk verziert war, und an der Linken pefand sich ein Schärfstahl, genau von der Art, wie ihn die Fleischer zu tragen pflegen. In der Hand trug der Riese einen mächtigen, mit starkem Eisen peschlagenen und mit Plei ausgegossenen Kampfstock, den er vor Ungeduld plitzschnell zwischen den Fingern im Kreise herumlaufen ließ, als wenn er mit einer leichten Weidengerte spiele. Und was den Schrecken erhöhen mußte, welchen die Figur, die Kleidung und Ausrüstung des Mannes einflößte, das war der Umstand, daß sein Gesicht durch eine schwarze Maske verhüllt wurde.«
»Hattet Ihr Angst, Kapitän?«
»Angst?« antwortete der Gefragte erstaunt. »Sollen Euch etwa meine Fäuste peweisen, daß ich das Ding gar nicht kenne, welches Ihr Angst nennt?«
»Ist nicht nothwendig, Kapitän; aber ich wollte Euch nur von vorhin her zeigen, wie es thut, wenn man auf eine solche Weise gefragt wird. Und dazu beschreibt Ihr den Riesen ja so fürchterlich, daß ein Anderer, als ich, gar wohl glauben könnte, Ihr hättet Euch gefürchtet.«
»Ich peschreipe ihn, wie er war; daß ich keine Furcht hatte, hape ich aber dadurch gezeigt, daß ich mich sofort auf die Angreifenden warf, und Ihr wißt, Sam Haperland, wo ich hinschlage, da ist niemals ein Pflaster nothwendig und zwar deshalp, weil es nichts mehr helfen kann. Aper es waren ihrer doch ein Wenig zu viele, und dazu drängte sich, als ich losschlug, augenplicklich der Schwarze herpei, so daß ich mich gegen ihn wenden mußte, und machte mir mit seinem Stocke soviel zu schaffen, daß es mir fast heiß wurde. Wißt Ihr, Constapel, so ein Kampf, Schwert gegen Schwert, Messer gegen Messer oder Faust gegen Faust ist doch etwas Ehrliches, und da will ich den Mann sehen, vor dem der Piet Liepenow auch nur einen einzigen Finger preit zurückweicht, aper mit einem Stecken pearpeitet zu werden, das ist hundsföttisch, weil man mit dem Säpel nicht dagegen aufkommen kann. Ich konnte die Streiche nicht genugsam pariren und pekam daher so verteufelte Hiebe, daß ich noch Monate nachher grau und plau gesehen hape. Es war um vor Aerger verrückt zu werden!«
»Heilige Bombarde, wenn doch nur ich hätte machen können mit. Ich hätte den Schwarzen sammt seinen armseligen Stecken zu Brei gedrückt. Habt Ihr denn dem Kerrel gar Nichts anhaben können?«
»Nein, trotzdem auch noch andere Hilfe kam. Nämlich mitten in der größten Noth kam ein Reiter durch die Püsche geflogen und fuhr wie ein Wetter unter das Volk hinein. Er saß auf einem Falpen, und das war ein Pferd, Constapel, wie ich noch kein zweites gesehen hape; es war im Galopp durch den Morast gegangen, denn der Schmutz lag ihm pis auf den Rücken hinauf und der Mann war von Koth und Schlamm vollständig pedeckt. Er trug in der Hand eine Lanze, so stark wie ein Weperpaum, wie es in der Pipel von dem Riesen Goliath erzählt wird; damit stieß er gleich peim ersten Anlauf zwei von den Unholden üper den Haufen; dann griff er zum Schwerte, und nun solltet Ihr sehen, wie er unter ihnen aufräumte. Und dapei donnerte er mit einer Stimme, die weithin durch den Wald schallte: »Heißt das fechten, Mann gegen Mann, wie sich’s gepührt nach löplichem Schick und Prauch, Ihr heilloses Gesindel Ihr!« Mehr hörte ich nicht, denn als der Schwarze ihn erplickte, so spornte er sein Pferd auf ihn, und versetzte mir vorher noch einen Hiep üper den Kopf, der mich augenplicklich zu Poden streckte.«
»Blitz und Hagel! Und Ihr habt Euch auch so ruhig hingelegt und gemüthlich die Beine ausgestreckt?«
»Op ich die Peine ausgestreckt oder op ich sie an den Leip gezogen hape, darauf kann ich mich nicht mehr so recht pesinnen; ich weiß üperhaupt nicht mehr, was damals noch Weiteres vorgegangen ist. Der unglückliche Stecken hatte mich vollständig um die Pesinnung gepracht, und als ich sie wiederpekam, lag ich mit Stricken gepunden auf der Erde und nepen mir der Ritter, welcher sich vorher so tapfer gewehrt hatte. Es war Nacht; nicht weit von uns prannte ein Feuer, an welchem der Schwarze stand und um ihn eine ganze Schaar von Mannen, dreifach so viel als diejenigen, mit denen wir vorher zu thun gehapt hatten. Er trug den einen Arm in einer Pinde und schaute so grimmig nach dem Orte, an welchem wir im Dunkeln lagen, als op er uns verschlingen wolle.«
»Da ist es der auf dem Falben gewesen, der ihm gebracht hat bei die Wunde?«
»Denke es, Constapel.«
»Gefangen war er nicht, wie Ihr?«
»Nein.«
»Und die Frau mit den Kindern?«
»War auch nicht zu sehen. Die Männer pefanden sich jedenfalls in einer Perathung darüper, was mit uns zu peginnen sei, wie ich aus ihren Pewegungen pemerkte und aus den Plicken, die sie auf uns warfen. Gutes hatten sie nicht vor, das zeigten ihre Mienen, und deshalp untersuchte ich die Pande, mit denen ich gefesselt war. Sie waren aus Hanf und eng und fest um Hände und Füße geschlungen, so daß an ein Zerreißen nicht zu denken war. Aper man war so unvorsichtig gewesen, mir mein Messer zu lassen, welches am Gürtel hing. Ich zog es mit der einen Hand heraus, nahm den Griff zwischen die Zähne, und pald war der Strick entzwei und ich an den Händen frei. Es war gut, daß wir im Dunkel lagen, denn sonst hätte man meine Pewegungen gemerkt. Mit einem raschen und vorsichtigen Schnitte löste ich auch den Strick, welcher mir die Knöchel zusammen hielt und wandte nun meine Aufmerksamkeit dem Ritter an meiner Seite zu.«
»Heilige Kanone, Kapitän. Macht, daß Ihr fortkommt von den Kerrels, sonst schlagen sie Euch todt, und ich pekomme Euch im ganzen Leben nicht wieder zu sehen!«
»Hapt keine Sorge um mich, Sam Haperland! Der Piet Liepenow weiß sich seiner Haut zu wehren, und ich könnte doch nicht im »heiligen Menschenfresser« sitzen, wenn sie mir an das Lepen gegangen wären!«
»Da habt Ihr Recht! Wie wurde es denn weiter?«
»Der Ritter war unverletzt, wie es mir schien, und pei voller Pesinnung; er hatte mich peopachtet und fragte jetzt mit leiser Stimme:
»Ist Dir’s gelungen?«
»Ja,« antwortete ich ebenso leise.
»So rücke ein wenig näher und versuche, auch meine Stricke zu zerschneiden.«
Ich that, wie er mir geheißen hatte. Als er sich frei fühlte, reckte er die starken und geschmeidigen Glieder und meinte:
»Sage mir Deinen Namen!«
»Ich heiße Peter Liepenow«
»Gut! Ich bin der Graf Richard von Warwick und werde Dich zu belohnen wissen. Kannst Du Deine Füße noch gebrauchen?«
»Ja, denke ich.«
»So folge mir in den Wald und sieh darauf, daß wir beisammen bleiben!«
»Kaum hatte er diese Worte gesagt, so sprang er empor und pefand sich mit einigen weiten Sprüngen hinter den Püschen. Ich war hart hinter ihm her, und wir hatten schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe das Geschrei der Verfolgenden ertönte. Hatten sie uns nicht forteilen sehen, oder waren sie vor Ueperraschung sprachlos gewesen, ich weiß es nicht, aper jetzt riefen und prüllten sie um so mehr, und das war gut für uns, denn wir konnten dadurch hören, in welcher Richtung sie uns verfolgten und wie weit sie noch von uns entfernt waren.«
»Heilige Kanone! Lauft Kapitän, daß Ihr vorwärts kommt, sonst nehmen sie Euch beim Schopfe, und dann lassen sie Euch das Messer nicht wieder!«
»Keine Angst, Sam Haperland; sie hapen uns nicht pekommen. Wir segelten pei gutem Winde und mit einer Geschwindigkeit von wenigstens fünfzehn Knoten für die Stunde durch die Sträucher, pis endlich unsern Lungen der Proviant ausging. Da pliepen wir stehen, um zu horchen. Sie hatten einen verkehrten Cours eingeschlagen und nichts war von mehr ihnen zu hören. Da meinte der Graf:
»Kennst Du diese Gegend?«
»Ein Wenig.«
»Getraust Du Dir, den Ort wieder zu finden, an welchem ich überfallen worden bin?«
»Jetzt nicht, aper am Tage vielleicht eher.«
Er stand einige Minuten und üperlegte. Es mußten gar pöse Gedanken durch seinen Kopf gehen, denn sein Athem ging laut und hastig und ich hörte ihn mit den Zähnen knirschen. Jedenfalls dachte er an sein Weib und die Kinder, von denen er getrennt worden war.
»Es hilft Nichts, wenn ich auch ungeduldig werde,« sagte er endlich halplaut zu sich selbst. »Ich muß warten, um sie desto sicherer zu finden. Piet, in diesem Dickicht sind wir sicher. Wir wollen hier ausruhen und auf den Morgen harren!«
So geschah es. Wir suchten uns eine passende Stelle und streckten uns auf den Poden. Der Graf pliep ruhig und sprach kein Wort, und nur an den Lauten, die seine Ungeduld und Sorge ihm zuweilen entriß, erkannte ich, daß es in seinem Innern nicht so ruhig sei wie in der tiefen Finsterniß, welche um uns herrschte. Ich erlaupte mir nicht, irgend ein Gespräch zu peginnen, war auch von den gehapten Anstrengungen zu müd, um lange munter zu pleipen, und so kam es, daß ich sehr pald eingeschlafen war.«
»Heiliger Schiffbruch, Capitän; wenn Euch so einige zwanzig oder dreißig Räuber oder Raufbolde suchen, um Euch das Lebenslicht auszublasen, da könnt Ihr in Eurer Strauchkoje ruhig schlafen? Ja, wenn man einige feste Planken unter den Füßen hat, gutes Segelwerk über sich, kräftige Ruderer auf den Bänken und eine steife Prise über den Stern oder vom Seitenbord, dann kann man dergleichen Gelichter ein Schnippchen schlagen, aber auf der alten, steifen Erde, die keinem Steuer gehorcht und jede beliebige Art von Menschensorten über sich laufen und kriechen läßt herum, da kann man kein rechtschaffnes Wasser zwischen sich und solche Leute kommen lassen. Macht, daß Ihr bald ausgeschlafen habt, Capitän, sonst finden sie Euch am Ende noch, und dann fahrt Ihr mit sammt Eurem Grafen auf den Sand!«
»Sorgt Euch nicht um mich, Sam Haperland; ich hape ausgeschlafen, und wer den Piet Liepenow, der eigentlich Peter heißt, fangen will, der muß früh am Tage die Anker lichten. Der grauende Tag hatte kaum seinen ersten Schein durch die Kronen der Päume geschickt, so weckte mich der Graf und wir prachen auf, um den Ort zu suchen, von dem ich Euch vorhin gesagt hape. Dieses Peginnen war nicht ganz leicht und ungefährlich, denn ich kannte die Gegend doch nicht so gut, wie es eigentlich nothwendig gewesen wäre, um geraden Lauf zu steuern, und die Strauchdiebe konnten sich ja in der Nähe versteckt halten, damit wir ihnen in die Hände segeln sollten. Aper nach einigen Stunden hatten wir doch den Platz ungefährdet erreicht, auf welchem die Spuren des Kampfes noch deutlich zu erkennen waren. Das Moos und Gesträuch war rings herum vollständig niedergetreten, und das vergossene Plut haftete noch sichtpar auf dem zerstampften und zertretenen Erdpoden, aper von den Personen, die dapei gewesen waren, konnten wir trotz allen Suchens und Lauschens keinen Athemzug vernehmen.«
»Alle Wetter, Kapitän, wo sind denn da die Kinder mit ihrer Mutter geblieben? Oder sind sie von den Kerrels genommen worden mit?«
»Wahrscheinlich ist dies der Fall gewesen, Constapel, denn wir hapen Nichts wieder von ihnen zu sehen pekommen, trotzdem wir Alles thaten, was zwei prave Mannskinder in diesem Falle thun können. Erst suchten wir die Gegend ap wie ein Paar Fanghunde, die jeden Grashalm peschnuppern, dann folgten wir den Spuren, welche die Füße der Strolche zurückgelassen hatten, und kamen so auch wieder an die Stelle, auf welcher wir in Fesseln gelegen hatten. Dort lagen die zerschnittenen Stricke noch, der Schwarze aper war mit den Seinen fort. Wir folgten ihnen, denn ihre Fußtapfen waren deutlich zu erkennen, und kamen auf diese Weise pis in die Nähe der Spree, an welcher sich ein schmaler Pfad hinzog. Er führte in schnurgerader Richtung auf einen hohen Sumpf, aus dessen Mitte sich ein ziemlich umfangreicher Hügel erhob, der von allerlei Puschwerk und Päumen pedeckt war. Am Rande des Sumpfes hörten die Spuren auf. – Die Räuper waren bei der Dunkelheit der Nacht ohne Ahnung in den Sumpf gerathen und elendiglich darin umgekommen, denn hindurch zu gehen, das war für keinen menschlichen Fuß möglich, wie wir uns durch mehrere Versuche üperzeugten.«
»Heilige Bombarde, Capitän, da hat der Schwarze seinen Lohn gefunden, und ich könnte vor Freude darüber einen Schluck nehmen, der einen ganzen Keller leer machte, aber Eure Mutter Quail – ah, da kommt sie endlich! Gebt die Kanne her, Mutter Riesenhai, und laßt mich einen Zug thun! Aber macht ein besseres Gesicht, denn ich habe es vorhin nicht so bös gemeint!«
Er versuchte die Wirthin freundlich in die Wangen zu kneipen, erhielt aber als Beweis ihrer kälteren Gefühle eine Ohrfeige auf die verbrannte Hälfte seines Gesichtes, daß er sich mit beiden Händen an die getroffene Stelle fuhr.
»Blitz und Donner, Mutter Quail, meine Nase ist keine Freundin vom Wachtelschlag. Wischt Eure Hände ab, woran Ihr wollt, aber nur nicht an meinen Backen!«
Sie erwiderte Nichts, sondern stellte Speise und Trank wortlos auf den Tisch und ergriff dann die mittlerweile geleerten Kannen, um sie von Neuem zu füllen. Sie schien die Art und Weise, wie Sam sich vorhin eingeführt hatte, noch nicht überwunden zu haben und auch für seine zärtlichen Bemühungen um ihre Verzeihung und Gewogenheit keinen dankbaren Sinn zu besitzen.
»Laßt mir meine alte gute Freundin in Ruhe, Constapel,« warnte ihn Piet Liebenow; »sie hat ihre Eigenheiten und segelt nicht unter der Flagge eines Jeden!«
»Drum ist sie auch vor Anker geblieben liegen und wird am Hafen hängen bis an ihr seliges Ende. Ein Weibsbild muß freundlich sein, zumal mit einem schmucken Seehund, so wie ich einer bin; dann giebt es eine flotte Fahrt grad auf das Land der heiligen Ehe zu. Blitz und Donner, daß mich doch kein solches Geschöpf mehr leiden mag, seit mir die verteufelte Ladung in das Gesicht gefahren ist! Aber hißt die Segel wieder auf mit Eurer Geschichte, Capitän, damit wir endlich die drei Verlorenen wiederbekommen!«
»Jetzt giept es ein Weniges zu peißen, und Piet Liepenow hat niemals geliept, zwei Arpeiten zugleich vorzunehmen, weil da aus keiner etwas Richtiges wird. Also wartet, pis ich mit dem Essen fertig pin, Sam Haperland!«
»Wenn Ihr wollt, so kann ich nicht anders, obgleich uns die drei armen Personen bis dahin vollends verloren gehen können.«
»Verloren sind sie auf jeden Fall, denn es ist uns trotz aller Mühe nicht gelungen, sie aufzufinden, und Ihr könnt Euch denken, Constapel, wie es da dem Grafen zu Muthe gewesen sein mag. Das war kein Grimm, der sich in Worten und Schlägen Luft macht, sondern das war ein Herzeleid, welches keine Rede findet, aper in einer einzigen kurzen Stunde zehn Jahre vom Lepen kostet. Doch nun laßt mich in Ruhe; das Essen wartet, und, wie gesagt, Piet Liepenow hat niemals gern mit zweierlei Arpeit zu schaffen!«
»Ich mag Euch da nicht Unrecht geben, denn was man allein macht, das kann man ganz und richtig thun; und wenn nun gar Zwei an einer Sache arbeiten, so geräth sie noch besser und kostet nur die Hälfte Zeit. Daher glaube ich, Capitän, daß Ihr sie gefunden hättet, wenn sie überhaupt zu finden gewesen wären.«
»Sehr richtig, Sam Haperland! Es ist nichts unterlassen worden; auch nach dem Ritter hapen wir geforscht, welcher uns zu Hilfe gekommen ist, aper er ist spurlos verschwunden gewesen. Der Graf war im Pegriffe gewesen, in die Heimath zu reisen, wo sein Vater, der alte Earl, auf dem Todtenpette lag, aper es war, als könne er nicht fortkommen, als sei es ihm unmöglich, sich von dem Lande zu trennen, in welchem er die Seinen verloren hatte, und welches wenigstens ihre Leichen pergen mußte. Endlich aper war er doch gezwungen, sich loszureißen: er ging nach England und nahm mich mit. Der Earl war mittlerweile gestorpen, und der Graf hatte nichts weiter zu thun, als die ungeheure Erpschaft anzutreten. Er ließ von hier aus die umfassendsten Nachforschungen nach den Verlorenen fortsetzen, aper keine Anstrengung führte zum Ziele, und so ging er, um sich zu zerstreuen und den Kummer zu petäupen, an den Hof des Königs, wo er fast noch mehr gelten soll als der König selper. Ich aper hape es nicht lange auf dem Lande aushalten können und pin pald wieder zur See gegangen.«
»Auf einem Engländer, Capitän?«
»Natürlich, und zwar sogar auf einem Schiffe des Grafen, denn Ihr müßt wissen, Sam Haperland, daß die Earls und Viscounts von Warwick stets eine gute Anzahl von Fahrzeugen auf See gehapt hapen. Es ist das auch mein Schade nicht gewesen, denn der Graf hat mir stets seine Gewogenheit pewiesen und mir in Allem geholfen, wo Hilfe nöthig war. So pin ich nach und nach immer weiter vorwärts gekommen und jetzt gar ein Capitän zur See, vor dem man Respect hapen muß. Ist es so oder nicht, Constapel?«
»Heilige Kanone, Capitän, ich wollte den Kerrel einmal sehen, der da zu behaupten wagte, daß es nicht so ist. Ich nähme ihn zwischen die Finger, daß ihm das Fett aus dem Leibe tropfte!«
»Glaupe es, Sam Haperland, glaupe es, und deshalp pin ich Euch gewogen gewesen seit dem Augenplicke, an welchem wir uns nepen einander vor Anker legten. Und das ist gut, denn zwei Mannskinder wie wir, die dasselpe Schiff unter den Füßen hapen und denselben Cours mit einander steuern, die müssen fest und treu nepen einander halten und sich auf einander verlassen können zu aller Zeit!«
Der alte Seemann reichte seinem Constabel die breite, schwielige Hand, die derselbe mit einer Kraft drückte, als wolle er sie zu Brei pressen.
»Das will ich meinen!« rief er mit aller Macht seines schnarrenden Basses, indem er den Krug ergriff, welchen Mutter Quail nur immer hin und her zu tragen hatte. »Wir müssen uns auf einander verlassen, Capitän, ich mich auf Eure Schiffsführung, und Ihr Euch auf meine edle Kunst des Schießens; und wenn wir beide das Unsere thun, so kann uns kein Teufel etwas haben an. Und nun gar, da uns der Graf die Ehre giebt, in seiner eigenen Person die »Schwalbe« zu betreten, da werden wir eine Fahrt machen, von welcher unsere Jungens noch lange zu erzählen und zu berichten haben sollen. Denn einem solchen Herrn dürfen wir keine Schande machen! Habt Ihr Euch schon einmal von den Warwicks erzählen lassen?«
»Das könnt Ihr Euch denken; pin ich doch selbst eine ganze Zeit lang auf dem Stammschlosse gewesen und hape mir die Waffen des Herrn Guido von Warwick angesehen, welcher »der englische Herkules« geheißen ist und den dänischen Riesen Kolprand erschlug. Er hat volle acht Fuß gemessen und die Pären gleich mit den ploßen Händen aus ihren Löchern gezogen. Und Herr Richard ist ein epen solcher Held, der noch in keiner Fehde üperwunden worden ist und bei jedem Turniere den Preis davon getragen hat. Daß er damals gegen den »schwarzen Dietrich« Nichts auszurichten vermochte, das war nicht seine Schuld: er trug keine Rüstung und hatte gegen eine große Uepermacht zu kämpfen. Er kann es noch heut nicht vergessen, daß er von dem Gesindel niedergeworfen und gefesselt worden ist wie ein gemeiner Knecht, und schließlich davonlaufen mußte, um sein Lepen zu erhalten, und ich glaupe, wenn ihm der Schwarze einmal in die Hände lief, so gäpe das einen Kampf, pei dem es Einem grauen muß, ihm nur zuzusehen. Das müßte grad sein, als wenn zwei Löpen gegen einander losspringen.«
»Alle Kanonen, da möchte ich mit bei sein, Capitän! Wißt Ihr was? Ich glaube, er geht nur deshalb über Hamburg, um noch einmal in die Gegend zu kommen, wo Ihr damals das Abenteuer erlebt habt, denn der Weg nach Costnitz geht doch von hier aus eigentlich nicht durch die Elbe, und unter den schweren Goldfäßlein, die wir vorhin geladen haben, befanden sich blos zwei oder drei, auf denen der Name »Constanz« zu lesen war; auf den anderen stand geschrieben: Brandenburg.«
»Werden ja sehen, was er vor hat. Er ist ein gar schweigsamer Herr, der lieper thut als spricht, und wenn die rechte Zeit gekommen ist, werden wir schon seine Pefehle zu hören pekommen. Jetzt aper laßt uns aufprechen, denn ich glaupe, daß die Fluth nun eingetreten ist!«
Mutter Quail vernahm mit betrübter Miene den Abschied ihres Lieblingsgastes. Sie fuhr mit den dicken Händen unter die Schürze und führte dieselbe an die Augen, um ein Thränlein oder zwei zu trocknen. Ihr wohlgenährter Busen gerieth in eine ganz ungewöhnlich convulsivische Bewegung und machte sich endlich durch ein Schluchzen Luft, so jungfräulich leise und schüchtern, wie es einer ehrbaren Wittwe geziemt. Piet Liebenow that Alles, um sie zu beruhigen, aber sie fand vor Schmerz und Herzeleid keine Worte, bis er in die Tasche langte und einen katzenledernen Beutel hervorzog, in dem es verlockend klimperte. Das gab ihr die Sprache wieder.
»Piet!« rief sie, die Augen waren auf einmal trocken und das runde Gesicht blitzte förmlich vor Zorn und Entrüstung. »Piet, willst Du mir das anthun? Willst Du mich bezahlen wie ein Leichtjunge, den ich nur in das Haus treten lasse, weil mich seine magern Glieder in die Seele hinein erbarmen? Ich sage Dir: schiebe Dein Geld zurück in die Tasche, wenn Du nicht haben willst, daß ich Dich nie wieder ansehe. Du weißt, daß ich von Dir Nichts nehme, von Dir nicht und auch von Keinem, den Du mit in den Haifisch bringst!«
»Na, na, da laß es gut sein, alte, liepe Taverne Du! Ich wollte Dich ja nicht peleidigen, sondern plos meine Schuldigkeit erfüllen.«
»Bei mir hast Du niemals eine solche Schuldigkeit, Piet, das weißt Du. Ich wollte, ich könnte Dir Liebe und Freundschaft erweisen jetzt, morgen und allezeit bis an mein Ende; aber Du lässest Dich kaum jährlich einmal sehen und bist dann immer nur eine Stunde hier, und da willst Du auch noch nach dem Beutel greifen? Piet, Du bist ein schlimmer Mensch, geh’, das kann ich Dir nimmer verzeihen!«
Das ging dem alten Seemann tiefer hinab in das Herz, als er es merken lassen wollte. Er kannte Mutter Quail seit langen Jahren, hatte sie liebgewonnen und freute sich stets königlich auf die Heimkehr und auf ihr treues, ehrliches Gesicht, welches allemal vor Freude erglänzte, wenn er durch die Thüre trat. Und nun war sie bös und zwar so bös, daß sie ihm nimmer verzeihen konnte! Da gab es nur ein Mittel: er langte unter die Klappe seines dicken, wetterfesten Seemannsrockes und brachte ein Packet zum Vorschein, dessen Umhüllung gar sorgfältig mit Wachs und Schnurwerk versehen war. Die Rührung, welche ihre letzten Worte in ihm hervorgebracht hatten, männlich beherrschend, schob er es ihr in die Hände und griff nach dem alten, verwitterten Hute, um sich nun schleunigst zu entfernen. Aber da hatte er sich verrechnet, denn noch war er nicht bis an die Thür gekommen, so stand sie vor ihm, die eine Hand herausfordernd in die Hüfte gestemmt und mit der andern das Packet ihm vor das Gesicht haltend.
»So? Also so ein schlechter Bursch bist Du geworden? Beschenken soll ich mich lassen, aber meinen Dank magst Du nicht? Gleich gehst Du zurück an Deinen Platz und wartest, bis ich das Ding da geöffnet habe! In mein Haus soll Niemand treten, den ich nicht herein haben will; aber hinaus darf auch mir Keiner gehen, so lange er noch hier zu bleiben hat!«
Das war ein Befehl, und wenn Mutter Quail ins Kommandiren kam, so sah sie ganz aus wie Eine, gegen die nicht gut eine Widerrede zu gebrauchen ist. Piet Liebenow war ein Schiffer, der nicht gewohnt ist, ein Wort zweimal auszusprechen, weil es schon beim ersten Male gehört und befolgt werden muß; er war auf seinem Fahrzeuge Herr über Leben und Tod, aber hier – ja hier stand er auf fremdem Boden, hier hatte nur die Wirthin zu befehlen, und ihrem Willen war Gehorsam zu leisten. Er trat zurück und beobachtete die Spannung, mit welcher Mutter Quail an der Umhüllung des Geschenkes arbeitete.
Endlich war dieselbe entfernt, und ein lauter Ruf der Freude überzeugte den Kapitän, daß sein Geschmack das Richtige getroffen habe.
»Ein Tuch, ein blaues Tuch mit rothen Blumen und goldgelben Sternen! Wie herrlich, wie prächtig! Piet Liebenow, Du bist ein Mann, der es noch bis zum Admiral bringen wird! So ein kostbares Tuch schenkt selbst der Lord-Major seiner Frau nicht, und die Weiber werden auf der Gasse stehen bleiben, um sich über den Staat, den ich darin mache, zu Tode zu ärgern!«
Vorsichtig nahm sie das Geschenk mit den Fingerspitzen aus einander und drapirte es sich zur Probe um die vollen, runden Schultern.
»Nein, diese Pracht und Herrlichkeit! Aber, was steht Ihr denn dabei, Constabel, und sagt kein Wort dazu?« wandte sie sich an Sam Haberland. »Denkt Ihr etwa, ich wüßte in einem solchen Tuche nicht zu gehen?«
»Blitz und Donner, Mutter Quail, wer das behaupten wollte, dem spränge ich mit beiden Fäusten ins Gesicht. Ich kann nur keine Worte finden, weil ich vor lauter Bewunderung nicht weiß, was ich sagen soll. Aber das ist gewiß, wenn ich mir einmal so eine kleine, nette Gondel suchte, um nicht für das ganze Leben ohne Weib und Kind zu sein, ich würde mein Spriet zuerst zu Mutter Quail richten, um zu fragen, ob ich die Hochzeitsflagge hissen darf!«
»Geht, Ihr böser Mensch, mit Eurem Geschwätz!« rief sie, aber es war ihr doch anzumerken, daß sie nicht ganz unzufrieden mit seiner Rede sei.
»Und,« fuhr er, auch unter das Wamms langend, fort, »wenn ich Euch so in dem Tuche stehen sehe da, so ist es mir, als fehle nur noch die Haube und die Krause, um Euch unwiderstehlich zu machen.« Er zog bei den letzten Worten ebenfalls ein Päcktchen hervor und langte es der glücklichen Wittwe hin.
»Constabel, Herr Constabel, wollte sagen: mein lieber Sam Haberland, was treibt Ihr denn da für sonderbare Dinge? Ich glaube gar, Ihr wollt eine Königin aus mir machen. Laßt doch nur einmal sehen, was Ihr mir hier eingewickelt habt.«
Sie öffnete die Hülle und schlug dann vor Entzücken die Hände in einander.
»Nein, ist das aber eine Freude! Spitzen, französische Spitzen von dieser Breite und so fein wie Spinnwebe! Wird das eine Haube werden und eine Krause um den Hals! Sam Haberland, ich habe Euch gleich von allem Anfange für einen reputirlichen Mann gehalten; Ihr seid zu jeder Zeit im »Menschenfresser« willkommen und könnt Euch setzen, wohin es Euch beliebt!«
»So ist es recht, Mutter Haifisch!« stimmte Piet Liebenow bei. »Ich hape dem Constapel von Dir erzählt, und als ich an das Land ging, um mir das Tuch zu holen, hat er sich nicht zurückhalten lassen und gemeint, er müsse Dir auch ein Weniges mitpringen, opgleich er Dich noch nicht gesehen hape; denn, mußt Du wissen, Du stehst in Respect pei allen Schiffsmannen so weit das Wasser reicht. Nun aper müssen wir gehen, sonst versäumen wir die peste Zeit. Lepe wohl, meine alte, gute Kampüse; denke an den Piet Liepenow und pleipe so vielmal gesund, als goldgelpe Sterne und rothe Plumen hier auf dem plauen Tuche sind!«
Kapitel 5: Auf der Flucht
Wo im Kreise Nieder-Barnim des preußischen Regierungsbezirkes Potsdam jetzt die Stadt Oranienburg zu finden ist, lag früher Schloß und Dorf Bötzow an der Havel, wo zu der Zeit, von welcher wir berichten, Herr Werner von Holzendorf hauste. Er war ein gar mannhafter Ritter, wacker im Streite, bieder und treu von Character und nur etwas jähzornigen Gemüthes. Er hatte stets zu den Quitzows gestanden, die sich in aller Noth und Fährlichkeit auf ihn verlassen konnten, und wir haben gesehen, wie er Herrn Dietrich in jener Fluchtnacht bei Dechtow getroffen, ihn gegen seinen Verfolger in Schutz genommen und nach Bötzow in Sicherheit gebracht hat.
Aber diese Sicherheit war nur eine augenblickliche und keineswegs für die Dauer, denn in der Gegend um Bützow besaßen die Quitzows mehr Feinde als Freunde, und selbst unter den Knechten Werners gab es einige, auf die er sich selbst nicht verlassen konnte, sondern gegen die er vielmehr ein gerechtes Mißtrauen zu hegen hatte. Deshalb war es ihm lieb, daß er mit Dietrich unbeobachtet in das Schloß gekommen war, wo dieser sich augenblicklich seiner ritterlichen Kleidung entledigen und das Gewand eines gewöhnlichen Reisigen anlegen mußte, um so wenig als möglich erkannt zu werden.
»Es will mir wenig behagen, daß ich aus Furcht vor niedrigen Leuten in diese Lappen fahren soll,« hatte der flüchtige Ritter während dieser Beschäftigung gesagt, »aber wenn ich meines Lebens schonen und mir die Freiheit bewahren will, so muß ich mich in diese Sache fügen. Ich bin schlimmer daran, denn der ärmste Bettler, da ich nicht nur Hab und Gut verloren habe, sondern auch von den Meinigen geschieden und geächtet bin. Aber ich hoffe zu Gott, daß die Zeit kommen wird, in welcher ich meine Feinde mit der Schärfe des Schwertes auf das Haupt schlage. Noch stehen mir mächtige Freunde zur Seite, zu denen ich gehen werde, um mir ihre Hilfe zu suchen, und dann, Herr Werner, werde ich Euch belohnen können für die Treue, welche Ihr mir immer und auch heut’ bewiesen habt.«
»Sprecht nicht von Lohn, Ritter Dietrich,« antwortete Werner, indem er einen gewaltigen Humpen mit Bier füllte, welches er der Sicherheit wegen selbst aus dem Keller geholt hatte. »Da, trinkt! Ihr werdet der Erquickung bedürfen; aber Ruhe und Pflege könnt Ihr auf Bützow wohl nicht finden, vielmehr erfordert es die Sorge um Eure Sicherheit, daß ich Euch unverzüglich weiter bringe. Schloß Neumühl, welches mir gehört, ist nur von einem alten, tauben Voigte bewohnt, welcher Euch niemals gesehen hat und also auch nicht kennen wird. Dorthin wollen wir mit einander reiten, und ich hoffe, wenn ihr das Schloß nicht verlaßt und überhaupt es vermeidet, von Menschen gesehen zu werden, so könnt Ihr dort verborgen bleiben so lange es Euch gefällt.«
»Ihr seid ein werther Freund, und Euer Plan will mir gar wohl gefallen! Laßt sogleich frische Pferde satteln; obgleich ich müde bin, wird es mir doch nicht schwer werden, den Ritt bis Neumühl noch auszuhalten.«
»Erlaubt, daß ich Euch auf kurze Zeit verlasse, um selbst in den Stall zu gehen; ich mag das Satteln Niemandem anvertrauen, da wir uns der Behutsamkeit befleißigen müssen!«
Während er sich zu den Pferden begab, trat Dietrich an das Fenster und starrte voll trüber und schwerer Gedanken in die Nacht hinaus: da drüben, gen Westen, lag Friesack, das gewaltige, feste Bollwerk seiner bisherigen Macht, die so plötzlich in Trümmer gesunken war. Vielleicht stürmten jetzt die Mannen des Burggrafen gegen seine Mauern und drangen mit wildem Geschrei ein in die Räume, in denen er mit Weib und Kind geweilt und so manche Wonne genossen hatte, die ihm die Seinen bereitet. Nun war das Alles hin. Er hatte die Burg und seine Lieben preisgeben müssen, um sich selbst zu retten; seine Feinde triumphirten über ihn, den Vogelfreien, den jeder Bettler greifen und ungestraft niederschlagen durfte; noch wußte er nicht, ob ein Ort zu finden sei, wo er sein Haupt hinlegen könne, um in Sicherheit zu schlafen, und die Freunde, die ihm während der Zeit seiner Macht zur Seite gestanden, würden sie ihm treu bleiben und die Opfer bringen, die er von ihnen begehren mußte, wenn er das launige Glück zwingen wollte, ihm wieder freundlich zuzulächeln? Waren nicht die meisten von ihnen von dem Arme des furchtbaren Markgrafen niedergeschmettert worden? Und die Andern? Selbst wenn sie zu ihm hielten, auch jetzt noch, wo er heimathslos in der Fremde herumirrte, war er an ihrer Spitze mächtig und stark genug, den Riesenkampf von Neuem aufzunehmen? War es ihm nicht grad’ heut zum ersten Male in seinem ganzen Leben geschehen, daß er vor einem einzelnen Menschen feig die Flucht ergriffen hatte, und konnte darin nicht eine böse Vorbedeutung für die Zukunft liegen? Er knirrschte mit den Zähnen und stemmte die geballten Fäuste gegen die Fensterbrüstung, daß die starken Bretter, mit denen sie bekleidet war, in ihren Fugen krachten. Nein, und tausendmal nein! Kämpfen wollte er und kämpfen mußte er, wie seine ganze thatenreiche Vergangenheit ein Kampf gewesen war, gegen – – gegen wen? Gegen Gewalt und Unrecht? gegen Sünde und Verbrechen? gegen Falschheit und Hinterlist? gegen Habsucht und Ungerechtigkeit? – – Er wagte nicht, den Gedanken weiter fortzusetzen, und hätte es auch nicht gekonnt, selbst wenn es sein Wille gewesen wäre, denn Holzendorf trat wieder ein, um ihm zu berichten, daß die Pferde wohlgerüstet draußen vor der unbewachten Pforte ständen.
Beide Männer begaben sich mit leisen Tritten hinab in den Schloßhof, traten aus demselben hinaus zu den harrenden Thieren und bald ging es im scharfen Trabe auf Schloß Neumühl zu. Dort angekommen, wurden sie von dem altersschwachen Castellan empfangen, der nicht wenig erstaunt war, seine Ritter zu so ungewöhnlicher Stunde bei sich zu sehen.
Das Gebäude bot wenig wohnbare Gemächer dar; die besten von ihnen bewohnte der Voigt mit seiner Frau selbst. Ein davon etwas entlegenes wurde endlich für Dietrich erwählt und mit einigem Mobiliar und einem Bette versehen. Er mußte sich hineinlegen und den Kranken spielen. Er galt den beiden Schloßbewohnern gegenüber für einen Quitzowschen Knecht, der sich der Belagerung Friesacks durch die Flucht entzogen hatte und während derselben verwundet worden war, und es wurde ihnen streng auf die Seele gebunden, ihn gut zu verpflegen, nicht durch ungeforderte Dienste und Handreichungen zu belästigen und eben so auch dafür Sorge zu tragen, daß er nicht durch Andere gestört werde. Dann ritt Werner wieder nach Bützow zurück.
Die beiden alten Leute thaten ihre Schuldigkeit, so daß Dietrich sich nicht über sie beschweren konnte. Sie wußten in ihrer Abgeschiedenheit wenig von den Händeln der Welt da draußen; dennoch aber erfuhren sie das Schicksal, welches Friesack betroffen hatte, und vernahmen auch, daß Dietrich von Quitzow entflohen und von dem Markgrafen ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden sei. Georg, der Castellan, brachte seinem Pfleglinge diese Botschaft sofort in dessen Gemach.
»Weißt Du,« frug er ihn, »wie es jetzt um Euer stolzes Friesack steht?«
»Wie soll ich das wissen, da ich doch mit Niemand zu sprechen komme!«
»Es ist erobert worden. Die große Donnerbüchse, welche sie die »faule Grethe« nennen, hat die gewaltigen Mauern niedergerissen, und die Markgräflichen sind durch die Lücken eingedrungen.«
»Das lügst Du und der Teufel!« fuhr Dietrich zornig auf. »Ich habe – – sie sind,« verbesserte er sich, wohl merkend, daß er eine Unvorsichtigkeit begangen habe, »von den Unsrigen zurückgeschlagen worden. Was Du sagst, will ich nicht glauben, und es scheint mir eher, daß Friesack nicht erstürmt, sondern freiwillig übergeben worden sei, weil die Besatzung wohl eingesehen haben muß, daß mit unnützem Blutvergießen Nichts mehr erzielt werden kann.«
»Das mag sein, wie es wolle; ich weiß nur, daß Friesack in den Händen der Markgräflichen sich befindet und Ritter Dietrich von Quitzow vor der Uebergabe entflohen ist.«
»Und was ist mit seinem Weibe und seinen Kindern geschehen?«
»Sie haben, ebenso wie die Besatzung, frei abziehen können und von dem Ihrigen mitnehmen dürfen, was sie fortbrachten. Es soll ein gar trauriger Anblick gewesen sein, als Frau Elisabeth an der Spitze ihres Ingesindes und all’ ihrer Mannen durch das Lager gezogen ist, um sich nach Schloß Taupitz zu begeben. Es ist am Sonntag Sexagesimä, den elften Februar gewesen, grad’ an demselben Morgen, an welchem Du nach Neumühl kamst.«
Der Erzähler beobachtete nicht die Bewegung, welche sich auf den Zügen Dietrichs bemerkbar machte, und fuhr fort:
»Ich bin ein alter Mann und habe gar Vieles gesehen, gehört und erlebt, aber immer habe ich erfahren, daß der Gewaltige in den Staub sinkt, wenn er von dem Rechte weicht. Ich gehöre zu den Mannen des Ritters Werner, der ein Freund Deines Herrn gewesen ist sein Lebelang, aber ich muß doch bekennen, daß ich nie Freude gehabt habe an dem Thun und Treiben der Quitzows und ihrer Verbündeten; es ist viel Gewalt und Ungerechtigkeit dabei, und das Ende war vorauszusehen.«
»Knecht, elender, das wagst Du mir zu sagen? Was hindert mich, Dich mit dieser meiner Faust niederzuschlagen, daß Dein schandbarer Mund für ewig verstumme?« rief ihm Dietrich entgegen, indem er sich rasch und drohend erhob. —
»Du schimpfest mich Knecht und bist doch selbst einer, ein Knecht Quitzows und ein Knecht Deines zornmüthigen Herzens, welches nicht zugiebt, daß Du die Wahrheit meiner Worte erkennst. Schlügest Du mich nieder, so wäre es um mich nicht viel schade, denn ich bin ein alter Mann und habe nicht viel mehr zu leben, aber Du hättest zu Vielem vielleicht eine weitere Schuld auf Deinem Gewissen, und das Schicksal Deines Gebieters würde dadurch kein anderes. Jetzt irrt er verfolgt und geächtet in der Welt umher, und wenn er sich nicht in Acht nimmt, so geht es ihm an den Kragen, denn ich habe gehört, daß der Markgraf kein Freund vom Spaßen sei. Mir wäre es schon recht, wenn er ihn in seine Hand bekäme.«
Dietrich sah ein, daß er seinen Zorn überwinden müsse, und würdigte den Mann keines weiteren Wortes; aber der Groll, welchen er über die Rede des Voigtes empfand, bohrte sich immer tiefer in sein Inneres und richtete sich endlich gegen ihn selbst, sodaß er in finsteren Betrachtungen auf seinem Lager ruhte und die Vorwürfe nicht von sich weisen konnte, die wie drohende Gespenster in ihm aufstiegen.
Zwei Wochen vergingen, die der sonst so ungeduldige Ritter in der strengsten Abgeschlossenheit verbrachte; da vermochte er es in der engen Kammer nicht länger auszuhalten und faßte den Entschluß, auf ein Stündlein hinunter zu steigen in den kleinen, winzigen Küchengarten, welcher hinter dem Schlosse in einer Ecke der Ringmauer lag. Da er als ein Kranker galt, durfte er nur langsam gehen, und seine Schritte verursachten dabei so wenig Geräusch, daß sie von den zwei Männern nicht vernommen wurden, welche er bei seiner Ankunft im Gärtchen bemerkte.
Am Eingange desselben stand ein dichtbelaubter Hollunderstrauch, welcher ihn so verdeckte, daß er sie unbemerkt belauschen konnte. Es war Georg, der Schloßvoigt, und einer der Holzendorfschen Knechte, welcher mit irgend einer Botschaft von Bötzow gekommen war.
»Ja,« sagte dieser eben; »ich habe unsern Ritter noch niemals in solchem Zorn gesehen; ich war grad’ im Schloßhofe, als der Burgwart einen Fremden ankündigte, welcher Einlaß begehre. Herr Werner gab das Zeichen, daß derselbe in die Burg dürfe, und als er über die Brücke kam, fragte er mich, wo er den Ritter treffen könne.«
»Und da hast Du ihn selbst hinaufgeführt?«
»Ja. Der Herr saß beim Humpen, und der Kremmener Pfaffe war bei ihm, und Du weißt, wenn der da ist, so giebt es stets schlecht Wetter, denn Herr Werner mag das Augendrehen und die süßen Worte nicht leiden, welche er da zu sehen und anzuhören bekommt.«
»Das geht mir selbst so. Die Schwarzkutten thun, als ständen sie schon mit einem Fuße im Himmel und hörten mit einem Ohre den Herrgott predigen, und doch wissen sie zu leben trotz einem Kriegsknechte, lieben die volle Kanne und die Weiber, essen sich dicke Bäuche an und schimpfen über andere ehrliche Christenmenschen, wenn denen einmal etwas Verzeihliches passirt. Wenn mir so Einer vor das Thor kommt, so gebe ich ihm seinen Trunk durch das Gitter und lasse ihn in Gottes Namen weiter laufen, denn ich meine, daß ich ihn nicht brauche, um über die Hölle hinweg zu kommen.«
»Ganz meine Ansicht, Alter. Also ich geleitete ihn in den großen Bildersaal, wo die Holzendorfs mit ihren Frauen und Kindern aufgehangen sind, und da ich nicht wußte, ob ich gehen solle, so blieb ich an der Thüre stehen. Der Ritter hatte dem Humpen fleißig zugesprochen, was ich gleich an den kleinen Augen bemerkte, mit denen er den Mann anblinzelte, und frug ihn, wer er sei und was er wolle.
»Ich komme von Sr. Gnaden, dem Herrn Burggrafen, und habe Euch ein Schreiben zu übergeben.«
»Vom Burggrafen kommst Du? Was will denn der von mir?«
»Das weiß ich nicht; beliebt nur das Schreiben zu lesen, dann werdet Ihr ja sogleich erfahren, was das Begehr des gnädigen Herrn ist.«
»Des gnädigen Herrn? Geh’ zum Teufel mit Deinem gnädigen Herrn, der meine ist er nicht. Gieb her den Wisch!«
Der Bote reichte ihm den Brief entgegen; Herr Werner nahm ihn, brach ihn auf und blickte lange hinein. Dann fragte er den Mann:
»Weißt Du, was drin’ steht?«
»Nein!«
»Ja, wenn Du es auch nicht weißt, so wissen wir es beide nicht. Ich habe all’ mein Lebtage das Schreiben und Lesen nicht leiden mögen. Hört, Pater, habt Ihr es vielleicht gelernt?«
»Ich möchte es doch meinen!« antwortete dieser.
»So lest mir doch einmal vor, was in dem Dinge steht!«
Der Pfaffe nahm den Brief, studirte ihn erst ein halb Stündlein lang von Anfang bis zu Ende und begann dann, ihn langsam vorzubuchstabiren. Es war eine heillose Leserei und ich hätte ihm am liebsten wegen der Behauptung, daß er es verstehe, Eins über den Kopf gegeben; aber endlich wurden wir uns doch darüber klug, daß der Burggraf meldete, er habe gehört, daß Herr Werner von Holzendorf dem Ritter Dietrich von Quitzow im Kampfe auf offenem Felde Hülfe geleistet und ihn dann nach Bötzow geführt habe, um ihn vor dem Arme der Gerechtigkeit zu verbergen. Herr Werner habe sich dadurch einer Felonia, oder wie das Ding geheißen war, schuldig gemacht und sei hiermit angehalten, sein Vergehen dadurch wieder gut zu machen, daß er den Ritter Dietrich sofort an ihn ausliefere.«
»Das klingt streng und mannhaft, ganz so, wie ich es dem Burggrafen zugetraut habe!« fiel hier der Schloßvoigt dem Erzähler ein. »Aber unserm Ritter wird diese Forderung gar wenig behagt haben.«
»Das könnt Ihr Euch denken! Er fuhr vom Stuhle empor, als hätte ihn eine Natter gestochen, riß dem Pfaffen das Schreiben aus den feisten Händen und frug ihn:
»Ist es wahr, daß solches Zeug da in dem Wische steht, oder habt Ihr mir nur Lug und Trug vorgelesen?«
»Bei der gebenedeieten Mutter Gottes, der hochgelobten, reinen Jungfrau Maria, es ist so, wie ich es Euch vorgelesen habe!« betheuerte der Gefragte, zitternd vor Angst bei dem Anblicke des Ritters, auf dessen Stirn die Zornesadern dick angeschwollen waren.
»So! Ein solches nichtswürdiges Ansinnen macht mir der Burggraf, mir, dem Ritter Werner von Holzendorf, der noch niemals der Lüge und des Verrathes zu zeihen war!«
Seine Augen sprühten Feuer, und seine Hände ballten sich; es wurde mir um die Seele des Boten angst, denn ich kenne den Herrn und wußte, was nun kommen werde. Er trat auf denselben zu und faßte ihn beim Wamms.
»Und solch eine Botschaft wagst Du mir zu bringen? Meinen Freund und Waffenbruder soll ich verrathen und an Dein Nürnberger Gräflein ausliefern? Daß Du die Pestilenz kriegst, Du Schurke! Wie kannst Du Dich unterstehen, mit solch einem niederträchtigen Wische zu mir nach Bötzow zu kommen; wart’, ich werde Dir den Botenlohn auszahlen, wie Du ihn verdienst!«
Er griff nach der hohen Lehne des Eichenstuhles, auf welchem er gesessen hatte, brach von derselben ein gar ergiebiges Stücklein herunter und bläuete ihn damit dermaßen durch, daß der arme, unschuldige Teufel, der keine Waffe besaß und sich auch gar nicht wehren durfte, um Hilfe schrie, daß es durch das ganze Schloß erschallte. Auf dieses Geschrei kamen die Mannen, welche in der Knechtestube zechten, alle herbeigelaufen und stürzten in den Saal. Aber dadurch wurde das Uebel nur noch ärger, denn sie befreiten nicht den Boten, sondern halfen dem Herrn zuschlagen, bis sie glaubten, daß der Bote genug habe.«
»Das ist eine schlimme Sache,« meinte hier der Voigt. »Der Markgraf wird es nicht ungerügt lassen, daß man seinen Gesandten auf diese Weise abgefertigt hat, und ich glaube, unser Ritter wird seinen Jähzorn schwer büßen müssen!«
»Mir hat der Mensch leid gethan; er lag regungslos am Boden, und ich glaubte gar, sie hätten ihn zu Tode geschlagen; aber Herr Werner faßte ihn beim Schopfe und schüttelte ihn dermaßen, daß er bald wieder lebendig wurde.
»Was, Du armseliger Schlingel, Du willst Dich noch verstellen und thun, als ob es Dir an den Kragen gegangen sei? Wart, ich werd’ ein heiliges Wunder thun und Dich vom Tode erwecken! So, siehst Du, daß es hilft? Hier habt Ihr ihn. Werft ihn in den Thurm; da mag er nachdenken darüber, wie schön und lieblich es ist, dem Burggrafen zu dienen!«
Die Knechte folgten diesem Befehle und schleppten ihn zur Thür hinaus, ich aber zog mich leise von dannen, denn mir that es leid um den Boten, und ich dachte mir wohl, daß der Ritter sein Beginnen später schwer zu büßen haben werde. Er mochte das hernach auch selbst eingesehen haben, denn er gab den Befehl, den Boten laufen zu lassen, und ließ ihm Thor und Gitter öffnen. Weit wird er nicht gekommen sein, denn er hinkte gar jämmerlich über die Zugbrücke, und ich sah, daß er sich draußen vor dem Graben niedersetzte, weil ihm seine wunden Glieder nicht mehr gehorchen wollten.«
»Der wird uns beim Markgrafen eine arge Suppe einbrocken, die wir auszuessen bekommen, ohne daß uns der Dietrich davon helfen kann. Hat noch Nichts von seinem Aufenthalte verlautet?«
»Nein; er scheint gut versteckt zu sein. Daß ihm Herr Werner dabei geholfen hat, das ist gewiß. Ich war mit dabei, als er den Ritt nach Friesack machte und habe ihn mit dem Quitzow davontraben sehen, während wir es mit dem fremden Ritter zu thun hatten.«
»Das war in derselben Nacht, wo auch der Knecht verwundet worden ist, welcher bei mir liegt.«
»Ein Knecht, sagst Du, der bei Dir liegt?«
»Ja; Herr Werner brachte ihn mir des Morgens und befahl, ihn gut zu pflegen und alle Störung von ihm fern zu halten.«
»Ist’s möglich! Sag’, wie sieht er aus?«
»Es ist ein gar strammer, schwarzäugiger Gesell, vor dem man Respect bekommt, sobald er Einen nur anblickt. Ich glaube, ihm stände eine Rüstung besser zu Gesicht, als das alte Loderwamms, welches er anhat.«
»Was ich da höre! Du, ich glaube, wir sind dem Dietrich auf der Spur. Im Stalle zu Bötzow steht ein Pferd, wie es kein Knecht, sondern nur ein ritterlicher Herr reitet, so edel und mit einem Sattelzeuge, welches grausames Geld gekostet haben muß. Es ist ein Rappe und gehört ganz gewiß dem Quitzow. Hätte dieser seine Flucht weit fortgesetzt, so wäre sein Pferd nicht zurückgeblieben oder er hätte sich ein anderes an dessen Stelle genommen; da dies aber nicht geschehen ist, so will es mich bedünken, als müsse er noch in der Nähe weilen. Kann ich Deinen Knecht vielleicht einmal sehen?«
»Kennst Du den Ritter?«
»Ja, ich habe ihn des Oefteren geschaut und würde ihn beim ersten Blick wiederkennen.«
»So wollte ich den Mann Dir wohl gern zeigen, aber er verläßt sein Gemach nie, und hineinlassen darf ich Dich nicht, weil es mir vom Herrn verboten ist.«
»Das ist mir gar nicht lieb, zu hören; aber vielleicht ist es möglich, ihn zu erkennen, ohne ihn zu sehen. Sind seine Reden die eines gewöhnlichen Knechtes?«
»Er spricht fast wenig, und dann stets kurz, als wolle er befehlen, und dabei ist sein Gesicht ein solches, daß man gar nicht weiter zu sprechen wagt.«
»Das will zu meiner Vermuthung recht gut passen; kannst Du Dich nicht vielleicht auf ein Wort besinnen, welches uns auf die richtige Spur zu bringen vermöchte? Es kommt wohl einmal ein Augenblick, an dem so ein Herr sich nicht bewacht.«
»Hm, ja, es will mir scheinen, als ob Du Recht habest. Ich erzählte ihm einmal davon, daß die Mauern vor Friesack durch die »faule Grethe« zusammengeschossen und die Markgräflichen durch die Lücken in das Schloß gedrungen seien; da ist er aufgefahren und hat mich angeblitzt: Das sei nicht wahr; sodann hat er sich nach der Frau Elisabeth und den Kindern erkundigt, und jetzt, wo ich beginne, darüber nachzudenken, besinne ich mich, daß sein Gebahren ganz so gewesen ist, als ob er der Dietrich selbst wäre.«
»Das ist genug! Er ist’s, und wir könnten großen Nutzen davon haben.«
»Von welchem Nutzen redest Du?«
»Hast Du denn vergessen, daß der Markgraf einen Preis auf seinen Kopf gesetzt hat? Wer den verdienen könnte, der hätte wohl nicht mehr nöthig, seine Haut für Andere zu Markte zu tragen!«
»Daß mich Gott bewahre! Der Mann ist mir von Herrn Werner anvertraut worden und soll bei mir auch wohl verwahret sein. Ob’s Herr Dietrich ist oder einer seiner Knechte, das soll mir keine Schmerzen machen, denn ich habe die Befehle meines Ritters zu vollziehen und mag mich um das Uebrige nicht kümmern.«
Der Lauscher hatte genug gehört, und da er vermuthete, daß die beiden Männer bald den Garten verlassen würden, so schien es ihm gerathen, nach seinem Gemache zurück zu kehren, damit er nicht von ihnen bemerkt werde. Das belauschte Gespräch hatte ihn überzeugt, daß er auf Neumühl nicht mehr sicher sei, denn es kam ihm ganz so vor, als könne er dem Knechte nicht trauen, und so war es ihm willkommen, daß Werner von Holzendorf am andern Morgen bei ihm vorsprach, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er berichtete ihm von der belauschten Unterredung und sagte ihm auch seinen Dank für die Treue, welche er ihm gegen das Ansinnen des Markgrafen bewiesen.
»Ihr dürft mir derowegen gar nicht danken, Herr Dietrich,« antwortete ihm Werner, »da Ihr ganz dasselbe auch für mich gethan hättet, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen wäret; und was die Folgen meines Schnellzornes betrifft, so müssen wir abwarten, was der Markgraf zu thun für angemessen hält; aber wenn ich mit ihm zusammentreffe, so werfe ich ihm sicher meinen Handschuh hin für die Beleidigung, welche in der Zumuthung gelegen hat, an meinem besten Freunde zum Schurken und Verräther zu werden. Der Knecht, von dem Ihr spracht, ist mir nicht sicher; aber ich darf ihn nicht fortjagen, weil er sonst auf Rachegedanken gerathen würde; dagegen werde ich ihn gut bewachen und Euch an einen andern Ort bringen. Macht Euch fertig, mit mir fortzugehen!«
Er begab sich zu dem Voigte, dem er die Mittheilung machte, daß der Knecht nun fast genesen sei und Neumühl wieder verlassen könne, er möge ihm daher ein Pferd geben und seine Wege ziehen lassen. Sodann ritt er fort und wartete im Walde, bis Dietrich von Quitzow ihm nachkam. Dietrich frug, wohin der Weg sie führen werde.
»Nach Grabsdorf,« antwortete Werner. »Ihr könnt jetzt unmöglich unentdeckt aus dem Lande fliehen; man stellt Euch überall nach und lauert auf allen Wegen. Aber in Neumühl konntet Ihr unter diesen Umständen auch nicht bleiben, und da ist mir ein guter Gedanke gekommen. In Grabsdorf nämlich wohnen ein paar meiner alten Knechte mit ihren Weibern; sie haben von mir einige Häuser, und ich kann mich auf ihre Treue verlassen. Dahin bringe ich Euch. Sie sollen Euch hegen und pflegen, und dort seid Ihr sicher, so lang Ihr Euch nicht zu erkennen gebt.«
Das Dorf Grabsdorf ist jetzt nicht mehr vorhanden und lag östlich von der Havel an Stelle des jetzigen Dorfes Friedrichsthal. Dietrich erhielt in einem Bauernhause eine Stube, und es wurde mit dem Besitzer des Hauses, Werners ehemaligem Knechte, die Verabredung getroffen, ihn für einen Verwandten auszugeben, den er zu sich genommen habe, um sich von ihm in der Wirthschaft helfen zu lassen. Zu diesem Letzteren erbot sich der sonst so stolze Ritter aus freiem Antriebe, um nicht ferner von der Langeweile gepeinigt zu werden, wie er sie während der letzten Tage empfunden hatte. Er wurde von den Leuten als ein Landmann ausstaffirt und machte sich nach Belieben und Gutdünken in der kleinen Wirthschaft nützlich.
So verging der Februar vollends und der März brach an, welcher bessere Tage und eine Witterung brachte, welche erlaubte, die Feldarbeit vorzunehmen. Auch Dietrich ging hinaus, um mit Hacke und Spaten zu arbeiten, und es waren gar eigenthümliche Gedanken und Gefühle, welche sich bei dieser ungewohnten und erniedrigenden Beschäftigung in seinem Innern geltend machten.
Der gewaltige Ritter, welcher fürstliche Macht und fürstlichen Anhang besessen, vor dem die Marken gezittert hatten und dessen Ruf weit über die Grenze des Landes hinausgedrungen war, er stand hier auf dem Felde, mit den Attributen der Leibeigenschaft in der Hand; er bauete den Boden, welcher einem Andern Zins zu bringen hatte, und mußte noch der Freundschaft dafür danken, welche ihm die Gestalt eines armseligen Knechtes gegeben hatte, um ihn gegen die Verfolgungen in Schutz zu nehmen. Wie oft hatte er nicht auf den Zinnen seiner Burgen gestanden und mit stolzen Blicken das Land überschaut, welches ihm unterthan war und unter den Hufen seiner streitbaren Rosse erzitterte; wie oft war seine Stimme durch die Räume der Schlösser oder im wilden Kampfgewühle erschollen und Hunderte hatten ihr Gehorsam geleistet, die da wußten, daß ihr Wohl und Wehe, ihr Hab und Gut, ja ihr Leben von seinem Wort und Willen abhängig sei! Und jetzt? Der Boden, auf welchem er stand, war ein fremder; kein Mensch achtete seiner Rede, sein Ruf war verklungen, sein Name geächtet, sein Glück vernichtet, sein Reichthum zerronnen und seine Macht tief in den Staub getreten. Ob wohl aus ihm ein Erstehen war?
In diese Gedanken versunken, bemerkte er nicht, daß ein kleiner Trupp Reiter aus dem nahen Wald gekommen war und sich schon ganz in seiner Nähe befand. Es waren zwei bärtige Männer und ein Jüngling in dem Alter, welches die Knabenjahre nicht längst erst überstiegen hat. Die beiden Ersten waren wohlbewaffnet und ihre Mienen ließen in ihnen gar kampfbewährte Mannen vermuthen, der Letztere aber trug sein zierliches Schwert wohl kaum in der Absicht, sich damit zu vertheidigen, und seine Kleidung war eine solche, wie man sie mehr in der Nähe der Frauen und Edeldamen, als im Kampfe zu tragen pflegt. Doch zeigte seine übrige Ausrüstung, daß er trotzdem einer mannbaren Beschäftigung, nämlich der Jagd, obgelegen habe, und sowohl in seiner Haltung als auch in dem Ausdrucke seines Gesichtes lag eine Hindeutung darauf, daß er an das Befehlen mehr gewöhnt sein müsse, als an das Gehorchen.
Schon hielten sie hinter ihm, als er erst an dem Schnauben der Pferde ihre Gegenwart bemerkte. Der Jüngling trieb das seinige bis an ihn heran und frug:
»Höre, Mann, wir haben uns verirrt. Kannst Du uns sagen, wo der nächste bewohnte Ort ist?«
»Ja, das kann ich sagen,« antwortete er kurz, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. Der Gang seiner Gedanken hatte ihn in eine nicht freundliche Stimmung versetzt, und er fühlte sich daher nicht zu der gewünschten ausführlichen Antwort aufgelegt.
»Nun, wie ist derselbe geheißen?«
»Grabsdorf.«
»Und wo liegt er?«
»Dort,« berichtete er, mit der ausgestreckten Hand die Richtung bezeichnend, in welcher der Ort lag.
»Ist es dort möglich, eine Erfrischung zu bekommen?«
»Vielleicht.«
»Höre, Bursche,« mengte sich jetzt einer der beiden Begleiter mit in das Gespräch, »Du scheinst mir ein sehr einsylbiger Kauz zu sein, aber ich mache Dich darauf aufmerksam, den Mund etwas besser aufzuthun, wenn wir ihn Dir nicht etwa öffnen sollen!«
Dietrichs Auge überflog den Sprecher mit einem verächtlichen Blicke; dann drehte er sich zur Seite und fuhr in seiner Beschäftigung fort.
»Nun?« frug der junge Herr, jetzt selbst etwas ungeduldig. »Kannst Du uns Niemanden nennen, uns den Weg zeigen oder, was noch besser wäre, uns nach Grabsdorf führen?«
»Namen brauche ich Euch nicht zu sagen, denn Ihr werdet abgewiesen oder aufgenommen von einem Jeden, wie es ihm eben paßt. Den Weg habe ich Euch schon gezeigt; da hinter der Waldesecke liegt das Dorf, und mein Mitgehen ist also nicht nothwendig.«
»Aber wir halten es doch für besser, daß Du uns begleitest,« entgegnete der Reisige. »Lege Deine Hacke weg und komme mit uns!«
»Das werde ich wohl bleiben lassen!«
»Das wirst Du wohl thun müssen!« lautete die drohende Erwiderung, indem der Sprecher sein Pferd näher an Dietrich drängte.
»Wollt Ihr es mir vielleicht gebieten?« frug dieser, indem seine Hand sich fester um den Stiel der Hacke legte und sein dunkles Auge kampfeslustig blitzte. »Ich bin ein armer Bauersmann, aber ich habe Niemandem Gehorsam zu leisten als unserm Herrn, dem Ritter Werner von Holzendorf!«
»Dem Herrn Werner gehört Grabsdorf? Daran habe ich gar nicht gedacht!« fiel der Jüngling ein, indem er sich an seine Begleitung wendete. »Wie ist es denn da um unsere Sicherheit bestellt, Ihr Mannen?«
»Der Ritter Werner von Holzendorf sitzt als Markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow; er ist ein Diener des gnädigen Herrn, und so dürfen wir wohl auf seinem Grund und Boden weilen.«
»Das lügt Ihr!« rief ihm Dietrich, sich vergessend, dazwischen. »Wer hat Herrn Werner zum markgräflichen Hauptmann gemacht? Wohl der Burggraf? Und wer ist es, der Euch die Unwahrheit berichtete, daß der Ritter ein Diener des »gnädigen Herrn« sei, wie Ihr zu sagen beliebt? Wohl auch der Burggraf selbst?«
»Sei ruhig Gesell, sonst schlagen wir Dich auf den Mund! Wie kannst Du es wagen, den Herrn Markgrafen Friedrich von Zollern einen Lügner zu nennen, da sein erlauchter Sohn, der Prinz Johann, selbst sich vor Dir befindet!«
Bei diesen Worten leuchtete es blitzartig über Dietrichs Angesicht. Welch’ ein Glück, welch’ ein Zufall! Bot sich hier nicht eine treffliche Gelegenheit zur Rache, eine Gelegenheit, sich die theuersten Vortheile zu erringen? Doch schnell beherrschte er sich und antwortete mürrisch:
»Das habe ich nicht gewußt und bekümmere mich auch gar nicht um Eure dummen Geschichten. Aber da Ihr der Prinz seid, so will ich Euch den Weg zeigen!«
Seine Hacke auf die Schulter nehmend, schritt er von dannen, ohne sich viel umzusehen, ob die Drei ihm auch folgten.
Die Gedanken, welche er vor Ankunft der drei Reiter gehegt hatte, waren vollständig verschwunden und ganz anderen gewichen, welche jetzt gleich eilenden Pfeilen seinen Kopf durchschwirrten. Es dünkte ihm, als sei es ihm jetzt in die Hand gegeben, sein Schicksal auf glücklichere und hoffnungsreichere Wege zu bringen. Das Vorhaben war kühn und gewagt, ja, es war vielleicht nur durch eine That auszuführen, welche, wenn auch von seinen Freunden bewundert und gutgeheißen, doch vom Munde seiner Feinde mit dem Namen eines Verbrechens bezeichnet würde. Sollte er den günstigen Augenblick muthvoll ergreifen oder ihn unbenutzt vorübergehen lassen? Nicht Unentschlossenheit oder gar Feigheit war es, welche ihn diese Frage aussprechen oder vielmehr denken ließ, nein, aber die Folgen seiner That, wenn er sie wirklich ausführte, waren so gewaltige, so tief eingreifende und weittragende, daß sie wohl überlegt werden mußten.
So schritt er, in tiefes Sinnen versunken, langsam dahin, und die Drei folgten ihm, ein wortloses Schweigen beobachtend. Da plötzlich rief Einer der beiden Reisigen:
»Gottlob, dort kommen einige von unserer Gesellschaft, die uns suchen werden, aus dem Busche. Ich erkenne den Herrn Nymand von Löben an seinem großen Schecken, mit welchem er voranreitet!«
So war es auch. Eine Anzahl Reiter nahten von der Seite her, und aus der Richtung, welche sie innehielten, war zu schließen, daß auch sie die Absicht gehegt hatten, Grabsdorf zu erreichen. Jetzt hielt der Vorderste von ihnen seinen Schecken an und beschattete mit der vorgehaltenen Rechten das Auge; er hatte den Prinzen erkannt, wandte sich mit einem frohen Rufe an die ihm Folgenden und kam nun mit ihnen im Galoppe über die Felder dahergesprengt.
»Dank sei der heiligen Jungfrau, Prinz, daß wir Euch endlich wiederfinden!« rief er. »Wir haben große Sorge wegen Euch gelitten, als wir sahen, daß Ihr uns verloren seiet. Darum meine ich jetzt, daß – – —« er unterbrach bestürzt seine Rede; sein Auge war auf Dietrich gefallen. »Um Gott, mein lieber Junker, in welcher Gesellschaft muß ich Euch da treffen! Irrt sich mein Auge nicht, so ist dieser Knecht kein Anderer, als der Ritter Dietrich von Quitzow, den wir verfolgen und suchen. Der Holzendorf hat ihn in Grabsdorf vor unserm Forschen versteckt gehalten!«
Wie eine zündende Rakete fuhr dieses Wort unter die Reiter.
»Dietrich von Quitzow?!« rief’s wie aus einem Munde, und aller Hände streckten sich nach ihm aus. »Haltet ihn, haltet ihn fest, damit er uns nicht entrinne!«
War er bisher darüber unschlüssig gewesen, was er thun und beginnen werde, jetzt gebot ihm die gefährliche Lage, in welcher er sich befand, zu handeln. Mit einem raschen Sprunge saß er hinter dem Prinzen auf dessen Pferde, rieß ihm die Zügel aus der Hand und zog, die Hacke in der gewaltigen Faust schwingend, das Thier vorn in die Höhe, um es durch die Feinde zu treiben.
»Ja haltet mich, Ihr feilen Memmen, haltet mich, wenn Ihr könnt!« donnerte er und schlug den Nächsten von ihnen über den Kopf, daß er zusammensank. »Noch bin ich frei, und wer mich haben will, der mag mich greifen!«
Der Schrecken über die Kühnheit seines Handelns und die Gefahr, in welcher sich demzufolge der Prinz befand, hielt ihre Glieder gelähmt, und als nun endlich Bewegung unter sie kam, war er längst zwischen sie hindurch und jagte in weiter Entfernung von ihnen über den Bruch.
»Ihm nach, ihm nach!« rief es. Flüche und Verwünschungen erschollen; mit lauten Rufen und kräftigen Stößen suchte man die Pferde anzufeuern, und es begann eine Jagd, die für Dietrich gefährlich hätte werden können, wenn nicht der Vorsprung, welchen er hatte, so groß und sein Pferd das beste im ganzen Trupp gewesen wäre. Aller Grimm, alle Schnelligkeit, der man sich jetzt befleißigte, halfen nichts; der rasch entschlossene und verwegene Mann und mit ihm der Prinz waren und blieben für die Nachfolgenden verschwunden.
Kapitel 6: Detlev
Auf der Straße von Lenzen nach Grabow, welche wir schon kennen, ritten zwei Männer dahin, denen ein reisiger Knecht folgte. Es waren Herr Henning von Bismarck und der junge Detlev aus dem Zauberhause zu Tangermünde.
Beide beobachteten ein tiefes Schweigen. Sie näherten sich jetzt immer mehr der Gegend, in welcher das Ziel ihres Rittes lag, dessen Resultat ein höchst zweifelhaftes war. Herr Henning trug sich mit gar ernsten Gedanken. Er kannte den Ruf, in welchem die Bewohner von Garlosen standen, wußte auch, daß sie ihm nicht freundlich gesinnt seien und hegte jetzt in Beziehung auf seine Sicherheit Bedenken, welche desto größer wurden, je näher sie dem Schlosse kamen. Und Detlev war trotz seiner Jugend in diesem Augenblicke ebenso gedankenreich wie sein Gefährte. Er befand sich auf dem ersten Ausfluge, welcher ihm vielleicht Gelegenheit gab, seinen Muth und seine Geschicklichkeit in Führung der Waffen zu beweisen, und vor der ersten Probe klopft das Herz eines Jeden, auch des festesten und sichersten Mannes lebhafter als zu anderen Zeiten. Da endlich brach Bismarck das Schweigen.
»Ihr seid so still und nachdenklich, mein junger Freund. Reut es Euch vielleicht, Euch mit mir in eine Gefahr begeben zu haben?«
»Wie könnt Ihr so fragen, Herr Ritter! Ich fühle mich hochbeglückt, in Eurer Nähe weilen zu können, und wünsche nur, daß bald eine günstige Gelegenheit komme, Euch zu beweisen, daß ich die Gefahr nicht fürchte.«
»Ich will Euch das wohl recht gern glauben, aber die Gefahr, in welche wir uns begeben, ist eine solche, welcher sich nicht mit dem Schwerte begegnen läßt. Wer sich auf Schloß Garlosen begiebt, um die Boldewins wegen einer ihrer Thaten zur Rede zu stellen, der setzt sich sehr der Gefahr aus, von ihnen gefangen genommen und im Burgverließe untergebracht zu werden. Eine Gegenwehr würde da nur Wahnsinn sein. Wollt Ihr es mit mir wagen?«
»Fragt doch nur nicht, Herr! Ich bin mit Euch gegangen und werde bei Euch bleiben in jeder Fährlichkeit, so lange Ihr mich in Eurer Nähe behalten möget!«
Der Ritter reichte dem jungen Manne mit anerkennendem Lächeln die Hand hin.
»Das habe ich von Euch erwartet; aber es könnte mir wohl wenig nützen, Euch mit mir in die gleiche Gefahr zu bringen; ich habe Eure Begleitung vielmehr begehrt, damit Ihr mir auf andre Weise Beihülfe leisten könntet.«
»So wollt Ihr mich von Euch weisen?«
»Nein, ich will Euch vielmehr das Amt eines Wächters anvertrauen, der dafür sorgt, daß mir die Rathschläge der Feinde keinen Schaden bringen.«
»O sagt, was ich thun und beginnen soll! Ich werde Alles treulich ausführen.«
»Das hoffe ich von Euch. Also hört: Ich werde in Begleitung meines Knechtes jetzt nach Garlosen reiten, Ihr bleibt zurück und hütet die Straße. Wenn ich bis zum Anbruche des Abends nicht wieder zurück bin, so haben sie mich gewaltsam zurückgehalten, und Ihr begebt Euch unverzüglich zu meinem Bruder Claus auf Burgstall, welcher das Weitere dann schleunig verfügen wird. Wollt Ihr das für mich thun?«
Es verging eine Zeit, ehe die Antwort auf diese Frage erfolgte, und als sie endlich ausgesprochen wurde, geschah es in einem Tone, welchem nicht viel Freudigkeit anzuhören war.
»Entschuldigt mein Zögern, ja zu sagen zu Euren Anforderungen; ich bin von dem Leben noch nicht geprüft worden, aber ich weiß und fühle, daß ich nie ein Freund des Wartens und Zögerns, sondern ein Mann der That sein werde. Könnte ich mitgehen und für Euch mit dem Schwerte drein schlagen, so würde ich das viel lieber thun, als mich an die Straße stellen, um es widerstandslos geschehen zu lassen, daß man Euch Leides thut. Doch werdet Ihr besser wissen als ich, was zu Eurem Heile dient, und so will ich Eurem Willen nicht widerstreben. Ich werde bis zum Abend warten. Kehrt Ihr nicht wieder, so soll die größte Eile mich zu Herrn Claus tragen, und Ihr werdet mir erlauben, auch meinem Vater Kunde zu geben. Es führt mein Weg durch Tangermünde, und er wird nicht säumen, Euch hilfreich beizuspringen.«
»Euern Vater? Ihr meint doch Suteminn?«
»Ja.«
»Ist er Euer rechter Vater?«
»Nein, aber er ist mir lieb und werth gleich einem Vater; ich habe der Liebe und Pflege so viel von ihm genossen, als mir die Eltern nicht hätten angedeihen lassen können, und werde Dankbarkeit und Treue gegen ihn hegen, so lange als mein Leben währt.«
»So habt Ihr Eure Eltern wohl gar nicht gekannt?«
»Wohl habe ich sie gekannt, aber die Länge der Zeit hat die Schärfe der Bilder verwischt, welche ich aus meiner Kindheit mit herübergenommen habe in das spätere Leben. Ich erinnere mich des Vaters als eines großen, stolzen Mannes, dessen Augen immer so tief und ernst auf mir und dem Schwesterlein ruhten, und die Mutter— ja die Mutter, die kann ich Euch gar nicht beschreiben. Wenn ich an sie denke, so ist es mir immer, als weilte ich in dem Paradiese, wo lichte Engel und gütige Feen ihr frommes, segnendes Wesen treiben.«
»Und wie habt Ihr Beide verloren, wie seid Ihr von ihnen gekommen?«
»Das geschah in einem Augenblicke, dessen Schrecken sich meiner Seele tief eingeprägt haben, und den ich nimmer, nimmer vergessen werde. Es war in einem tiefen, dunklen Walde, wo wir reisten; da fielen wilde Männer über uns her und schlugen erst unsere Knechte und dann auch den Vater nieder, obgleich ihnen ein wackerer Gesell zu Hilfe eilte, der brav darein schlug, um uns beizustehen. Der Anführer der Strolche war ein schwarzer Mann, der auf einem eben so schwarzen Pferde unter den Bäumen hielt und nicht eher an dem Kampfe Theil nahm, als bis ein Zweiter herbeigeeilt kam, der unsere Hilferufe vernommen hatte und nun wie ein Teufel unter den Strauchdieben aufräumte. Dann griff der Schwarze an und lockte ihn durch eine Flucht von dem Kampfplatze hinweg; währenddem wurden wir alle gefesselt; einige von den Räubern schleppten die Mutter fort, deren herzbrechendes Klagen und Wimmern mir heut noch in die Ohren klingt, die Anderen trugen den Vater mit sich fort und mit ihm den wackern Burschen, welcher uns Hilfe geleistet hatte und auch niedergeschlagen worden war, und wir beiden, das Schwesterlein und ich, blieben gebunden liegen, bis wir von dem Ritter gefunden worden, der den Schwarzen vergeblich verfolgt hatte und nun zurückkehrte, um nachzusehen, ob auf dem Kampfplatze vielleicht Jemand noch des Beistandes bedürfe. Er nahm uns mit sich, und da es ihm unmöglich war, die Eltern aufzufinden, so beschloß er, uns bei sich zu behalten an Kindesstatt.«
»So war dieser Ritter Suteminn?«
»Ja, und der Anführer der Bande war der schwarze Dietrich, von dem auch Ihr vernommen haben werdet.«
»Wie sollte ich nicht von ihm gehört haben; er ist ja ein Schrecken des Landes gewesen lange Zeit, bis er mit sammt den Seinen plötzlich verscholl. Doch sollte ich meinen, daß Eure Eltern noch am Leben sein könnten, denn mich will bedünken, daß der schwarze Dietrich nicht ihr Leben geschont haben würde, wenn er nicht Ursache gehabt hätte, es zu erhalten. Es sind mir längst schon in Beziehung auf seine Person gewisse Gedanken im Kopfe herumgegangen, und wenn sich mir einst Gelegenheit bietet, Gewißheit zu erhalten, so werde ich nicht säumen, auch nach den Eurigen zu forschen.«
»Ritter,« rief Detlev erregt, »was Ihr da sagt, weckt Hoffnungen in meinem Herzen, die bisher noch niemals darin wach gewesen sind. O, wenn es Euch möglich sein sollte, auch nur eine kleine Spur meiner Eltern aufzufinden, ich würde Euch dafür tausend Leben opfern, wenn ich sie besäße! Wollt darum dieses Eures Versprechens nicht vergessen, sondern seiner gedenken zur günstigen Zeit!«
»Das werde ich; Ihr dürft Euch darauf verlassen! Jetzt aber scheint mir die Zeit gekommen, daß Ihr mich ohne Eure Begleitung weiter ziehen laßt. Es kann uns von Vortheilen sein, wenn die Ritter von dem Kruge nicht wissen, daß ich einen Getreuen in der Nähe habe, welcher die Meinen von dem benachrichtigen wird, was mir widerfährt. Also verbergt Euch wohl, und reitet sofort von dannen, wenn ich bis zum Abende noch nicht zurückgekehrt bin!«
Nach kurzem Abschiede trabte er mit dem Knechte davon, während Detlev sein Pferd über eine Waldblöße lenkte, um hinter den angrenzenden Büschen Schutz und Verborgenheit zu suchen. Er band das Thier an einen Baum und streckte sich dann, tief in den Mantel gehüllt, in ruhender Stellung am Boden aus.
Aber die Kälte des Wintertages war doch zu stark, als daß er es lange so auf dem mit Schnee bedeckten Boden ausgehalten hätte, vielmehr erhob er sich gar bald und beschloß, um sich warm zu erhalten, einen Gang tiefer in den Wald hinein zu unternehmen. Die Rückkehr Bismarcks war jetzt noch nicht zu erwarten, und so schritt er denn ohne Sorge vorwärts, halb sinnend, halb träumend, wie man es eben thut, wenn nichts Wichtiges die Gedanken beschäftigt.
So war fast eine Stunde vergangen, als er sich zur Umkehr entschloß. Da vernahm er seitwärts von sich kräftige Schritte, unter denen der Schnee knarrte. In seiner Lage war es ihm geboten, auf Alles wohl Acht zu haben; hier führte kein Pfad durch den tiefen Forst, und der Mann, welcher vorüberschritt, ging also vielleicht einen Weg, welcher vor Andern verborgen bleiben sollte. So leise wie möglich schritt er dem Schalle nach und gewahrte bald einen Mann, welcher, mit einem feisten Rehbock über den Schultern, sich durch das niedere, abgestorbene Gezweig Bahn brach. Es war eine ungewöhnlich lange, hagere Gestalt, auf welche aber dennoch die Schwere der Last keinen Eindruck zu machen schien, denn der Träger derselben schritt nur wenig gebückt mit seinen dürren, ausgezehrten Beinen so schnell dahin, daß ihm Detlev kaum zu folgen vermochte. Schon wollte dieser in dem Glauben, er habe nur einen für ihn harmlosen Wilderer vor sich, dessen Bahn er nicht zu kreuzen brauche, umkehren, als ihn der Klang einer tiefen Baßstimme diesen Entschluß aufgeben ließ.
»Halt, Pruder Steckelpein!« klang es; »pald wäre ich üper Dich hergefallen und hätte Dir Eins üper den Kopf gegepen, weil ich dachte, es wäre ein Fremder! Aper sage mir doch nur, wie Du mit dem Viehzeuge hierher in diese apgelegene Gegend kommst, die wir doch nur pei heimlichen Gelegenheiten petreten dürfen!«
»So, also, Du bist es, Kaspar Liebenow? Komm, nimm mir doch einmal den Braten vom Halse, daß ich ordentlich reden kann!«
»Das kann geschehen. Aper, Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, ist das ein fettes Piest. Sag, wie ist denn der Pock eigentlich auf Deinen Puckel gekommen?«
»D’rauf gesprungen ist er mir nicht! So, also: ich ritt mit meinem Herrn von Stavenow nach Garlosen, und unterwegs sagte ich zu ihm:
»Hört, Ritter, darf ich vielleicht einmal abseits gehen?«
Er sah mich an und antwortete:
»Hrrr! Hm! Was hast Du denn da auf der Abseite zu suchen, he?«
»So, also, das sollt Ihr gleich zu hören bekommen: Ich habe nähmlich gestern, während Ihr mit Denen von dem Kruge bei der Kanne saßet, auf dem Gebiete dessen von Deibow einige Drahtschlingen angebracht. Ihr wißt ja, daß der alte Herr von seinem Lehnstuhle nicht herunter kommt, und deshalb die Thiere seines Waldes wie im Paradiese leben.«
»Hrrr! Hm! Und nun willst Du nachsehen, wie es in dem Paradiese aussieht?«
»Wenn Ihr es erlaubt, Herr?« antwortete ich und freute mich über sein dickes Gesicht, welches in Hoffnung auf den Deibow’schen Braten ein seliges Schmunzeln zeigte.
»Hrrr! Hm! Gut, so gehe abseits; aber sei nicht lange aus, und trage was Du findest nicht auf der Straße nach Garlosen, sondern bringe es durch den Gang. Weißt schon, welchen ich meine! Es ist nicht gut, wenn sich Einer von den Meinigen mit einem Bockleder sehen läßt, welches nicht auf meinem Gebiete gewachsen ist.«
Ich danke, Ritter! Ihr sollt mit mir zufrieden sein, aber meinen Gregorimanorosewitsch kann ich nicht mitnehmen. Wollt Ihr ihn vielleicht an die Zügel binden?«
»Hrrr! Hm! Gieb die alte Ziege her! Sie wird mir nicht viel Sprünge machen; wenn sich nur mein Schimmel nicht vor dem dürren Gespenste fürchtet.«
»Tragt keine Sorge! Der ist zum Fürchten zu leutselig. So, also, da hängt er fest. Gehabt Euch wohl!«
Ich ging, fand den Bock, gab ihm den Gnadenstoß, lud ihn auf und trug ihn davon. Da hast Du die ganze Geschichte. Nun weißt Du sie!«
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Du pist doch ein Deiwelskerl, Pruder Steckelpein, denn auf den Gedanken mit den Schlingen wäre ich nicht gekommen! Also Dein Herr ist nach Garlosen?«
»Ja, Du hast es doch gehört!«
Das ist gut, denn da prauche ich nicht nach Stapenow zu laufen, was keine ehrliche Kriegsgurgel gern zu Fuße thun wird!«
»Nach Stavenow? Was hast Du denn da zu suchen, Kaspar?«
»Ja, das ist eine ganz verdeiwelte Geschichte. Du kannst Dich doch noch auf die Juden pesinnen, welche wir da unten in dem Loche stecken hapen?«
»Warum sollte ich nicht? Es ist ja nur erst einige Tage her, seit wir sie hinunter steckten.
»Gut. Da kommt vorhin ein Ritter, ich glaupe, es war Einer von Pismarck, und sagt, die Juden hätten Gelder pei sich, die ihm gehörten; er verlange sein Eigenthum zurück und außerdem die Freiheit der peiden Männer und ihrer Tochter; sie seien von Gardelegen, wo Einer hause, der es üpel vermerken werde, wenn man Leute peraupe, welche seinem Schutze anvertrauet seien.«
»So, also, und was haben denn unsere Ritter zu dieser dreisten Rede gesagt?«
»Sie hapen ihm erst mit der Faust gewinkt, daß er gehen solle, und als er trotzdem dagepliepen ist und fortschimpfiret hat, hapen sie ihn festgenommen und in ein Gelaß gesperrt, wo es nicht gar üpel ist.«
»Das hätte ich auch gethan. Was hat sich ein Bismarck um das zu kümmern, was auf Garlosen geschieht!«
»Höre, Pruder Palthasar, Du redest mit einem schiefen Schnapel! Wenn das Geld ihm gehört, so praucht er es sich nicht nehmen zu lassen, und wie der alte Poldewin pemerkte, so hat der Pismarck einen ganz verdeiwelt guten Stand pei dem Purggrafen. Der wird es nicht leiden, daß man einen seiner Ritter des Geldes und der Freiheit peraupe, und ich glaupe, wir sehen ihn pald mit einigen wenigen Leuten vor Garlosen erscheinen, um uns aus der alten vermaledeieten Donnerpüchse ganz gehörig anzuspucken.«
»So, also! Und vor der fürchtest Du Dich? Die reite ich mit meinem Gregorimanorosewitsch über den Haufen, daß die Stücke davonfliegen!«
»Pruder Steckelpein, das wirst Du wohl pleipen lassen! Allen Respect vor Dir und Deinem Laforikorilorimitsch mit sammt Euren langen Peinen, aper die Püchse, das ist das große Wunderthier mit den siepen Köpfen, was in der Pipel steht und Feuer speit grad’ so wie der perühmte Perg Vesuvius in Welschland, in dem der große Höllendrache wohnt, dem sie alle Tage zwölf siepzehnjährige Jungfrauen zu fressen gepen müssen, wenn er nicht das Land verwüsten soll.«
»Das ist ja ganz schauderhaftes Viehzeug, Kaspar, aber einen schlechten Geschmack scheint er mir nicht zu haben, denn so ein siebzehnjähriges Burgfräulein muß doch zarter sein, als solch altes Pergament wie Du und ich.«
»Höre, Palthasar, Du darfst mich nicht peleidigen! Ich und mein Pruder Peter, wir sind die schmucksten Purschen gewesen in den ganzen Marken, und die Mädels hapen sich unsertwegen fast die Augen aus den Köpfen gedreht. Jetzt freilich pin ich etwas weniger hüpsch, aper immer noch ein ganz reputirlicher Kerl.«
»So, also, einen Bruder hast Du gehabt? Welchem Herrn dient der jetzt?«
»Du, der ist ein ganz verdeiwelt perühmter Mensch geworden. Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper gegen den pin ich ungefähr ganz und gar Nichts. Der hat sich nämlich auf das Meer verlaufen und ist auf einem Schiffe, womit man Garlosen über den Haufen fahren könnte. Er war einmal auf Pesuch pei mir, als ich dazumal in Plaue lepte, und hat einem fremden Ritter peigestanden, der von dem schwarzen Dietrich überfallen worden war, ich glaupe, es war ein Herzog oder König von Arapien oder Engelland. Der hat ihn mitgenommen, und seit dieser Zeit hape ich nichts mehr von ihm gehört, aper ich kenne den Peter, und es wird gar nicht lange gedauert hapen, so wird er ein Prinz geworden sein.«
»Ein Prinz, Kaspar? Das ist ein gar grausam großes Thier! Wird er das aushalten können?«
»Der? Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper der Peter war ein ganzer Kerl und fast nach mir gerathen. Er hatte nur einen Fehler, und den hape ich ihm nie apgewöhnen können, nämlich er sprach das sanfte p grad’ so aus wie das scharfe p und prachte nicht einmal seinen eigenen Namen Liepenow richtig üper die Zunge, denn er sprach ihn stets nur Liepenow, und es muß doch heißen: Liepenow. Ich hape mir viel Mühe mit ihm gegepen, aper es ist umsonst gewesen, denn der Fehler stammt von unserm Vater, der auch immer Pruder statt Pruder gesagt hat und Paum statt Paum.«
»So, also! Und ich hatte auch einen Bruder, der auf das Wasser gerathen ist. Er war ein Zwilling von mir und hieß Samuel Haberland. Wir sahen einander ähnlich wie ein Ei dem andern, und ich habe nie wieder Etwas von ihm gehört, seit er fortgegangen ist; ich glaube, er ist einmal in ein tiefes Loch gerathen und hat darin elendiglich ertrinken müssen, denn auf der See soll es ganz heillose Löcher geben, so tief wie ein halber Kirchenthurm, die bis obenheran voll Wasser sind. Es kann mir Leid thun um den armen Teufel, und ich gäbe gleich meinen Gregorimanoro – – nein, den nicht, aber diesen fetten Bock hier gäbe ich auf der Stelle darum, wenn ich erfahren könnte, an welchem Orte sie ihn dort begraben haben.«
»Das will ich Dir glaupen, Pruder Palthasar, denn für einen Pruder thut man mehr, als für einen fremden Menschen. Da Du aper doch hier auf diese Kunde nicht warten kannst, so will ich Dir das Thier jetzt wieder auf die Achseln hepen; wir müssen zurück in das Schloß, denn man weiß nicht, was da wegen des gefangenen Ritters für Dinge vorgehen können, pei denen wir gepraucht werden. Ich hape das Licht in dem Gange prennen lassen. Komm, so, prr, ist das Piest dick und schwer! Da, jetzt hast Du es open, und nun vorwärts, daß wir hinein kommen!«
»So, also, geh Du voran und mache die Sträucher auseinander, daß ich hindurch kann!« – —
Dem Lauscher war kein Wort dieses eigenthümlichen Gespräches entgangen, und wenngleich er die beiden Leute nicht kannte und ihm auch manche Aeußerungen unklar waren, so hatte er doch so viel verstanden, daß Herr Henning von Bismarck zurückgehalten worden sei und vielleicht gar als ein wirklich Gefangener behandelt werde. Hier war es nothwendig, einen schnellen Entschluß zu fassen. Wie weißlich hatte der vorsichtige Ritter gehandelt, ihn nicht mit auf das Schloß zu nehmen, denn so war es ihm nun möglich, den Seinigen schnelle Nachricht zu bringen. Jedenfalls hatten die Herren von dem Kruge so ein Derartiges vermuthet, da ihr Bote, welcher Claus von Quitzow von Stavenow holen sollte, sonst nicht den Weg durch einen verborgenen Gang gesucht, sondern die Burg auf die gewöhnliche offene Weise verlassen hätte.
Aber war es unter den vorhandenen Umständen auch rathsam, der Weisung Bismarcks sofort zu folgen und schleunigst nach Burgstall zu reiten? Der Weg war weit und die Hülfe schwer und erst spät herbei zu schaffen. Konnte dieselbe nicht vielleicht auf kürzerem, wenn auch gefährlicherem Wege geleistet werden? Detlev überlegte nicht lange. Der Muth, welcher ihn beseelte und das Bewußtsein seiner körperlichen Kraft und Gewandtheit ließen ihn von Zweiem das am nächsten Liegende wählen, und mit möglichster Vorsicht schlich er sich deshalb den beiden Männern nach.
Sie blieben vor einem dichtverwachsenen Strauchwerk stehen, welches zur Laubzeit des Sommers fast undurchdringlich sein mußte. Daß dem aber nicht so war, bewies Liebenow, denn er schob an einer Stelle das Dickicht auseinander und hielt die dadurch entstandene Lücke so lange offen, bis der Andere mit seiner Last hindurch gelangt war.
Detlev blieb noch einige Augenblicke zurück, um sie erst in den Gang, von welchem sie gesprochen hatten, eintreten zu lassen. Er mußte sich hüten, seine Anwesenheit durch das Knacken der Zweige zu verrathen und schlüpfte darum nicht eher an derselben Stelle durch das Gesträuch, als bis er sich sicher glaubte. Es war nur eine enge Felsenspalte, welche sich hinter demselben zeigte, aber sie erweiterte sich nach kurzer Zeit zu einem ausgehauenen Gange, welcher, wie an mehreren Umständen zu erkennen war, viel betreten sein mußte. Mit beiden Händen sich an den Seitenwänden forttastend, schritt er vorwärts und vernahm nun bald die Schritte der ihm Vorangehenden. Zu gleicher Zeit bemerkte er den Schein des Lichtes, welches Liebenow jedenfalls trug, und nun war es ihm möglich, immer den nöthigen Abstand zwischen sich und ihnen zu halten und auch ihnen zu folgen, ohne sich vielleicht in einen Seitengang zu verirren.
Nachdem der Weg eine geraume Weile grad’ und eben fortgeführt hatte, stieg er nach und nach immer mehr aufwärts, krümmte sich verschiedene Male, wurde von gemachähnlichen Erweiterungen und Stufen oder Treppen unterbrochen und mündete endlich in ein Gewölbe, an dessen beiden Seiten lange Reihen von Särgen standen. Es war die Todtengruft der früheren Besitzer von Garlosen. Hier klangen die Schritte laut von den steinernen Wänden und der von schweren Bögen getragenen Decke wieder. Dieser Umstand konnte an dem Eindringlinge zum Verräther werden; er hielt unwillkürlich seinen Fuß zurück und schlich erst dann sich weiter, als er bemerkte, daß der Lichtschein vor ihm plötzlich verschwunden sei.
Da ertönte ein raschelndes Klirren hinter ihm, dem ein dumpfer Stoß folgte, als ob leere Kästen aneinander stießen. Was war das? Schnell trat er zur Seite; es war ja möglich, daß von daher eine Gefahr ihm drohe, die er an sich vorüber gehen lassen müsse. Als sich aber ein Weiteres nicht vernehmen ließ, schritt er zurück, um vor allen Dingen die Ursache des vernommenen Geräusches zu untersuchen. Sie war bald gefunden. Die Mündung des Ganges nämlich war jetzt durch eine Anzahl über— und nebeneinander gestellter und dicht zusammengefügter Särge verdeckt, die eine Wand bildeten, welche durch irgend einen Mechanismus beweglich sein mußte.
Jetzt war ihm der Ausgang versperrt; auf dem zurückgelegten Wege konnte er das Schloß nicht wieder verlassen; dies wurde ihm nur dann möglich, wenn es ihm gelang, die Vorrichtung zu entdecken, durch welche die Sargwand verschoben werden konnte. Von Neuem schritt er durch die Dunkelheit vorwärts. Sie wurde gemildert nur durch einige kleine Oeffnungen, welche von oben her schräg durch die dicke Mauer führten und dem Tageslichte einen außerordentlich spärlichen Zutritt gestatteten. Bald jedoch hatte sich sein Auge einigermaßen an den Lichtmangel gewöhnt und er gewahrte nun am Ende des Gewölbes eine Stufenreihe, welche nach aufwärts führte. Er stieg hinan. Die Oeffnung, zu welcher sie führte, war durch eine Steinplatte verschlossen, deren Gewicht ein mit nicht ungewöhnlicher Körperkraft ausgestatteter Mensch wohl kaum bewältigt hätte. Detlev aber war der dabei nothwendigen Anstrengung mehr als gewachsen. Er stemmte die eine Schulter an den Stein, hob ihn leise und nur ein wenig empor und versuchte, durch die entstandene Spalte einen Blick in den Raum zu werfen, welcher über dem Grabgewölbe lag. Leicht war es möglich, daß sich Jemand in demselben befand und durch die Bewegung des Steines auf ihn aufmerksam gemacht wurde.
Glücklicher Weise war er leer. Es war die Kapelle des Schlosses. Der letzte Schein des sinkenden Tages warf ein magisches Duster durch die kleinen runden und vielfach gefärbten Fensterscheiben; auf dem Altare brannte die ewige Lampe, und tiefe Stille herrschte rings umher. Lange aber sollte dieselbe nicht währen; ein Gemurmel nahender Stimmen schlug an sein Ohr, und kaum hatte er Zeit gehabt, sich hinter einem Beichtstuhle zu verstecken, so war die Thür geöffnet und eine Anzahl bewaffneter Männer trat herein.
»Dat is gut, daß mir der Balduwin zum Kerkermeister gemacht haben thut!« sagte der Voranschreitende. »Wat meenst Du dazu, Kaspar, daß ich den dummen Kerl so fein ausgefragt haben thue?«
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper einen schlauen Kopf hast Du, Pruder Schwalpe! Mir wäre es gar nicht in den Sinn gekommen, daß da unten im Holze Einer auf den Pismarck warten könnte. Aber weil ich es nun einmal weiß, so werde ich ihm Eins auf die Haupe gepen, daß er damit zufrieden sein kann!«
»So, also!« klang es von einer andern Stimme; »Ihr paßt gut zusammen: der Eine kann gut denken, der Andre gut schlagen; darum bringt Ihr auch immer etwas Ordentliches fertig, wenn Ihr mitsammen geht, und die Ritter haben ein ganz besonderes Vertrauen auf Euch geworfen.«
»Höre, Balthasar, ich muß Dich sagen, daß Du diesmal ganz außerordentlich recht gehabt haben thust; uns zwee Beide haben die Finken zusammengetragen, und seit Du mit Deinem Vierzigtausendsylbewitsch dazugekommen bist, thut uns keen Mensch niemals widerstehen werden!«
»Das ist wahr, Pruder Schwalpe, aper die peiden Gäule, welche ich mir damals geholt hape, sind auch nicht schlecht; der Meinige ist zwar etwas steif auf den Peinen, ein wenig dumm im Kopfe und leidet, wenn er langsam geht, an kurzem Athem; schnell gelaufen ist er mir noch nicht; hingegen aper der Andere, den Du Dir als freiwilliges Geschenk weggeholt hast, das ist ein Roß, auf welchem selbst der herrliche Ritter Dietrich von Quitzow sitzen und streiten könnte, wenn es noch ein wenig Fleisch hätte und fünfzehn Jahre später geporen wäre. Er ist pald so schön wie der Praune, auf welchem heut der Pismarcksche Knecht gekommen ist, den Du vorhin so herrlich ins Examinum genommen hast.«
»Er sagte mich, daß der Junker, welcher an der Straße warten gesollt haben thut, sich vielleicht ein Weniges in den Wald hineingeschlagen haben thäte. Derumwegen sollen wir durch den Gang gehen und ihn heimlich auffinden. Weißt Du, Balthasar, wie wir dat machen thun werden?«
»So, also; wenn Du es sagst, nachher weiß ich es.«
»Thust Du es vielleicht wissen, Kaspar?«
»Der Palthasar hat es mir noch nicht gesagt; wie kann ich es also wissen!«
»Und Ihr Anderen, wat thut Ihr zu die Sache meenen?«
»Wir wissen es auch nicht,« antwortete Einer für die Anderen.
»Gut, wenn Ihr alle es nicht wissen wollen thut, so werde ich es Euch sagen. Bruder Kaspar, thust Du vielleicht schon einmal gehört haben, was ein Gaul machen thut, wenn een anderer ihn anwiehert?«
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper wenn ich das nicht weiß, so will ich gleich selper auf der Stelle ein Gaul werden!«
»Nun, wat thut er?«
»Er wiehert auch.«
»Gut, und wenn ich mir hinter den Busch stecke und wiehere ihn an?«
»So wird er denken, daß Du auch ein Gaul eist, und Dir Antwort gegen.«
»Richtig! Thust Du nun bald Etwas gemerkt haben?«
»Pruder Schwalpe, Du pist der reine Deiwelskerl! Auf diese Weise werden wir den Junker fangen und an den ersten pesten Paum aufhängen.«
»So, also, Ihr wollt ihn aufhängen? Nein, das geht nicht, denn die Ritter wollen ihn lebendig haben.«
»Höre, Balthasar, dat thut sich ganz von selbst verstehen, daß der Wachtmeister nur blos Spaß gemacht haben thun wird. Also wenn ich wiehere, und sein Pferd antwortet, so thun wir hören, wo er sich verkrochen hat. Dann schleichen wir uns leise in dieselbige Gegend hin und geben ihm zu verstehen, daß die drei Boldewins auf ihn zu warten gesonnen sind. Geht er freiwillig mit, so thut es gut sein; thut er aber sich freiwillig wehren, so muß er erst recht mitgehen werden. Wat meent Ihr dazu?«
»Pruder Schwalpe, Deine Rede in Ehren, aper sie ist gut, und wir werden uns nichts Pesseres ausdenken können.«
»So wollen wir unsern Kriegsrath schließen und nun machen, daß wir endlich fortkommen thun. Kaspar, kannst Du den Gang aufmachen werden?«
»Das will ich wohl meinen! Der junge Herr Poldewin hat es mir selper gezeigt, weil er meinte, daß sein Wachtmeister das wissen müsse. Ueprigens ist der Gang nicht heimlich, denn die Pesatzung von Garlosen pesteht aus lauter grauen Kriegsmännern, welche sich eher in Stücke reißen lassen, als daß sie irgend Etwas verrathen; darum ist der Weg für Alle offen, welche aus irgend einem Grunde nicht durch das Schloßthor gehen sollen. Aper ich hape mir sagen lassen, daß es noch einen Gang giept, von dem plos die Herren wissen, nicht wahr, Pruder Steckelpein?«
»Ja, Kaspar. So, also, jetzt wißt Ihr Alles, und nun kommt!«
Die Männer schritten der Platte zu, Liebenow aber, welcher dem Vernommenen nach auch hier auf Garlosen die Stelle eines Wachtmeisters bekommen hatte und also nach jetzigem Ausdrucke der subalterne Anführer der Schloßmannen war, trat zu dem Beichtstuhle, hinter welchem Detlev verborgen stand. Diesem klopfte bei der Annäherung des Reisigen das Herz doch ein wenig schneller, aber seine Befürchtung hob sich sofort, als derselbe die Thür des Stuhles öffnete und mit der Hand hineinlangte. Ein leises Knirschen machte sich vernehmlich, dem bald unter den Füßen des Lauschers dasjenige Geräusch folgte, welches er in dem Begräbnisse gehört hatte. Die Männer waren währenddeß mit der Beseitigung des Steines fertig und stiegen, den Wachtmeister an der Spitze, die dunkle Treppe hinab. Der Stein wurde von unten in seine frühere Stellung gerückt.
Jetzt durfte Detlev es wagen, aus seinem Verstecke hervorzutreten. Wie die Sache stand, konnte ihn das, was er gehört hatte, wenig beunruhigen. Die Männer waren zwar in Folge der Plauderhaftigkeit des mitgefangenen Knechtes ausgesandt, um nun auch ihn in die Gewalt der Ritter von dem Kruge zu bringen, aber es war nun ja über allen Zweifel erhaben, daß sie höchstens sein Pferd finden würden. Er war Mitwisser des Ganges, also eines wichtigen Geheimnisses geworden, welches ihm heut’ oder später Nutzen bringen konnte, nur handelte es sich vor allen Dingen darum, auch die Mechanik kennen zu lernen. Er trat daher in den Beichtstuhl, welcher nur mit einem außen angebrachten Riegel versehen und also leicht zu öffnen war, und trat hinein, um sein Inneres einer Untersuchung zu unterwerfen. In der einen Ecke der Hinterwand war ein kleiner eiserner Drücker angebracht; er mußte mit dem Hebel in Verbindung stehen, mit dessen Hilfe die Sargwand verschoben werden konnte. Es galt eine Probe. Es war mehr als hinreichend Zeit verstrichen, daß die Knechte das Gewölbe verlassen und einen bedeutenden Theil des Ganges zurückgelegt haben konnten; daß sie das Rollen und Anschlagen der Wand hören würden, ließ sich also nicht mehr befürchten; er ergriff den Drücker und schob ihn zurück. Die Wirkung war sofort zu vernehmen; ein zweiter Druck brachte Alles wieder in seine vorige Stellung.
Nun war das Nächste, die Thür zu öffnen, welche aus der Kapelle zu den bewohnten Räumen des Schlosses führte. Schon stand er im Begriffe, sich derselben zu nähern, als er von neuem Schritte hinter ihr vernahm. Rasch verbarg er sich in seinem vorigen Zufluchtswinkel. Es war der alte Boldewin selbst, welcher eintrat. In der einen Hand trug er die Leuchte und in der andern ein Körbchen, dessen Inhalt sich nicht genau unterscheiden ließ. Langsamen Schrittes ging er durch den Raum, verschwand hinter dem Altare, und bald war auch der Lichtschein, welcher ihn begleitet hatte, nicht mehr zu bemerken.
War hier vielleicht einem zweiten Geheimnisse auf die Spur zu kommen? Detlev hatte nicht nöthig, sich vor dem zwar als tapfer bekannten, aber doch immerhin alten Manne zu fürchten; ein einziger Schlag mit seiner kräftigen Faust mußte ihn ja niederstrecken. Rasch und leise eilte er ihm nach. Die Hinterwand des Altares war mit einem alten, halbvermoderten Heiligenbilde versehen, welches jetzt auf die Seite geschoben war und eine dunkle, ebenfalls nach unten führende Oeffnung sehen ließ, in welcher das Licht des in einiger Entfernung vorwärts schreitenden Ritters einen düsteren Schein verbreitete. Detlev folgte ihm. —
Er hatte nicht weit zu gehen, denn nach nur wenigen Schritten noch blieb Boldewin vor einer mit starkem Eisenbleche versehenen Thür stehen, nahm einen Bund Schlüssel aus dem Gürtel, öffnete das knarrende Schloß und trat in die dunkle Zelle. Im nächsten Augenblicke stand der entschlossene Jüngling hart an der Thür; es war ihm gleich, was da kommen werde, und er mußte um jeden Preis hören, was weiter geschah.
»Nun, könnt Ihr Euch nicht erheben, wenn ich komme?« hörte er die Stimme des Schloßherrn fragen.
Keine Antwort erfolgte.
»Hier habt Ihr Euer Essen und Trinken! Ich sehe, es schmeckt Euch, denn Ihr laßt nie Etwas übrig. Aber Ihr könntet es besser haben, wenn Ihr endlich auf meine Bedingungen einginget.«
Der Sprecher zögerte mit der Weiterrede; er schien eine Entgegnung zu erwarten, aber es erfolgte keine und nur das Klirren von Ketten bewies dem Horcher die Gegenwart eines zweiten Wesens. Die Stimme des Ritters nahm jetzt einen ärgerlichen Ton an.
»Glaubt Ihr mit Eurem Schweigen vorwärts zu kommen? Ihr habt es anfänglich nicht schlimm bei uns gehabt, aber Euer widerspenstiges Betragen ist Euch zum eigenen Schaden gewesen. Dabei wißt Ihr recht gut, daß ich auch nicht kann, wie ich zuweilen möchte, denn es giebt noch Mehrere, die über Euer Loos mit zu bestimmen haben. Besinnt Euch! Ich habe es satt, noch länger hinter dem Rücken meiner Knechte den Gefängnißvoigt zu machen, und beliebt es Euch, hartnäckig zu bleiben, so mögt Ihr dann auch die Folgen tragen.«
Wieder keine Antwort, und wieder lautlose Stille.
»Gut, wie Ihr wollt! Dennoch aber will ich noch einmal einen Versuch machen und Euch den frommen Vater Eusebius schicken. Der mag Euch mit der Gewalt seiner Rede zu Herzen sprechen, und ich hoffe, daß Ihr Euch dann eines Besseren besinnen werdet. Unsereiner versteht besser mit Schwert und Humpen, als mit einem verstockten Herzen umzugehen!«
Jetzt endlich erfolgte die erwartete Antwort: .
»Laßt das sein, Ritter! Euer gewissenloser Heuchler wird noch weniger ein Zugeständniß von mir erlangen, als Ihr. Hinderten mich die Ketten nicht, so hätte ich ihn schon bei seinem ersten Besuche niedergeschlagen wie einen Hund!«
Trotz der kräftigen und entschlossenen Rede klang doch die Stimme schwach und heiser. Der Gefangene mußte in dem dunkeln, feuchten Loche viel gelitten haben.
»Es ist recht von Euch, daß Ihr mir das sagt; so kann ich ihn warnen, Euch näher zu treten, als es unumgänglich nothwendig ist. Gehabt Euch wohl! Ich hoffe, daß – – —«
Weiter hörte Detlev Nichts. Der Abschieds-Gruß mahnte ihn, sich zu entfernen. Er that dies aber keineswegs eilig, sondern zog sich nur so weit zurück, daß ihn der Schein des Lichtes nicht erreichen konnte.
Boldewin trat aus der Zelle und verschloß dieselbe sorgfältig wieder; dann schritt er weiter in den Gang hinein und Detlev folgte ihm von neuem. Die Unvorsichtigkeit des Ritters, den Eingang oben hinter dem Altare offen zu lassen, war ihm unbegreiflich. Der Alte mußte entweder ganz genau wissen, daß jetzt sich Niemand demselben nahe, oder es war in dem Verschluß des Bildes ein Fehler geschehen, sodaß dasselbe nicht von beiden Seiten, sondern nur von der einen geöffnet werden konnte.
Der Weg führte diesmal in einen schmalen Seitengang und dann auf einer schmalen, schlüpfrigen Treppe nach oben. Der junge Mann hatte die letzte Stufe noch nicht erreicht, als er eine Stimme hörte, deren Klang sein Herz vor Freude erbeben machte.
»Fragt Ihr einen Bismarck, ob er sich besonnen habe? Ein Mensch Eures Gelichters kann dem Rohre gleichen, welches der leiseste Wind hin— und herweht; zögere ich doch, Euch den Ehrennamen eines Ritters zu geben, der Ihr gegen Gesetz und Menschenrecht einen Mann festhaltet, der offen und ehrlich zu Euch gekommen ist, um mit Euch zu reden und zu verhandeln. Was ich gesagt habe, gilt: Ich gehe nicht von meiner Forderung ab, und sollte ich bis zum jüngsten Tage gefangen gehalten werden. Damit begnügt Euch ein für alle Male. Und nun geht! Der Anblick eines Wegelagerers und Verräthers ist mir zuwider!«
»Das sagt Ihr mir? Mir, dem Boldewin von dem Kruge, dessen Schwert noch Jedem im Nacken gesessen hat, der es wagte, mir ein Feind zu sein? Was hindert mich, Euch für diesen Schimpf dem Verderben preiszugeben? Ich darf Euch nur einschließen und die Nahrung entziehen, so seid Ihr in wenigen Tagen eine Leiche.«
»Glaubt Ihr das wirklich? Hört, alter Mann, seid doch nicht so stolz auf Euer Können! Ehe ich zur Leiche werde, fällt Garlosen in Trümmern. Was nützen Euch Eure Thüren, wenn der Tritt meines Fußes stärker ist als sie, und was pocht Ihr auf Euer Schwert, wenn es jetzt nur meines Willens bedarf, Euch mit einem Griffe meiner Hand zu erwürgen?«
»Hoho, Ritter, das werdet Ihr wohl unterbleiben lassen. Ihr habt uns Euer Wort gegeben, Euch zu fügen und keinen Versuch zur Flucht zu machen, bis wir mit den Eurigen über die Bedingungen zu Eurer Entlassung uns geeinigt haben, und da Ihr auf den Namen eines Bismarck so außerordentlich stolz seid, so werdet Ihr auch wissen, daß noch niemals Einer Eures Geschlechtes sein Wort gebrochen hat.«
»Ich wollte Euch auch nicht rathen, das Gegentheil zu behaupten; aber da Ihr in der Geschichte meiner Familie so bewandert und mit unserem Character so vertraut seid, so laßt Euch sagen, daß ein Bismarck noch niemals ein Wort gegeben hat, dessen Bedeutung er nicht vorher wohl erwogen hätte und welches er vielleicht gezwungen sein würde zu brechen.«
»Wie meint Ihr das?«
»Ich versprach bei meiner ritterlichen Ehre, keinen eigenhändigen Versuch zur Flucht zu machen und mich gegen die Zusicherung eines ritterlichen Gefängnisses so lange in meine Abgeschlossenheit zu fügen, als nicht von den Meinen Etwas geschieht, was auf meine Befreiung Einfluß hat. Entzieht Ihr mir die Nahrung, oder erfüllt Ihr Eure andern Drohungen, so ist mein Gefängniß kein ritterliches mehr, ich bin meines Wortes entbunden und werde thun, was mir beliebt.«
»Stellt Euch dies nicht so leicht vor! Es hat mancher kühne und starke Mann unsere Verließe kennen gelernt, der sich erst wie ein Löwe geberdete und dann als geduldiges Lamm in unseren Willen fügte. Die Eurigen werden mit ihrer Hilfe nicht so gar bald zur Stelle sein!«
»Meint Ihr?« erklang es hinter ihm.
Wie von einer Vieper gestochen, fuhr er herum und starrte mit vor Erstaunen und Schrecken weitgeöffneten Augen den Jüngling an, welcher ruhig lächelnd auf ihn herniederblickte.
»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier? Wie seid Ihr hierhergekommen?« stieß er endlich hervor und griff an die linke Seite, als wolle er nach dem Schwerte langen, welches ihm doch in diesem Augenblicke fehlte.
»Wer ich bin, das laßt Euch nicht anfechten; ich frage vielmehr, wer Ihr seid, der Ihr es wagt, mit Herrn Henning von Bismarck in diesem Tone zu sprechen.«
»Wer ich bin, junger Mensch, das sollt Ihr bald erfahren, der Ihr Euch ohne mein Wissen und Willen in diese Burg einschleicht! Also noch einmal, wer seid Ihr, was wollt Ihr, und wie seid Ihr bierhergekommen?«
»Ich bin Einer von Denen, auf deren Beistand und Hülfe Herr von Bismarck mit so festem Vertrauen wartet; ich komme auf einem Wege, den es mir gefallen hat, zu gehen, und will Euch zeigen, daß der edle Ritter hier Euch nichts als die Wahrheit gesagt hat, wenn er von Eurem Unvermögen sprach.«
»Wahrt Euch, Mann, oder Ihr seid verloren, sobald ich Hülfe rufe!«
»Also Ihr bedürft doch der Hülfe, obgleich Ihr der Herr dieses Schlosses seid, wie ich aus Euren Worten vernahm. Wir aber, die wir allein und schutzlos dastehen inmitten Eurer Mauern, wir rufen Niemanden zum Beistande herbei, weil wir desselben nicht bedürfen. Habt die Gewogenheit, Ritter, mir zu folgen! Ihr seid Eures Wortes entbunden, denn Eure Befreiung geht nicht von Euch, sondern von mir, Einem der Eurigen aus!«
Diese letzten Worte waren an Herrn Henning gerichtet, dessen Erstaunen über das für unmöglich gehaltene Erscheinen Detlevs ebenso groß gewesen war, wie dasjenige des alten Boldewin, nur daß man es in seinen Zügen nicht so leicht zu lesen vermochte, wie in denjenigen des alten Humpenstechers, dem der Schreck so stark in die Glieder gefahren war, daß das Zipperlein sich einstellte und er mit zitternden Beinen und schmerzverzerrtem Gesichte sich trotz seiner mannhaften Rede an die Wand lehnen mußte.
»Welch’ eine Freude, Euch frei und unverletzt hier zu sehen!« lautete die Antwort, und der Sprecher reichte dem Jünglinge, welcher vorsichtig unter der Thür stehen geblieben war, die Hand entgegen. »Ich soll Euch folgen? Steht es denn wirklich in Eurer Macht, mich von hinnen zu führen?«
»Das mögt Ihr mir wohl glauben, Herr, da ich sonst entweder gar nicht oder wenigstens nicht unverletzt hier stehen würde.«
»Nun wohl! Ich will Euch nicht fragen, wie Ihr hereingekommen seid, das werde ich ja zu passenderer Zeit erfahren, doch – – —«
»Halt,« unterbrach ihn Boldewin, der seine Schmerzen überwand, um einen Versuch der Einschüchterung zu machen. »Ihr werdet nicht von der Stelle gehen; der Gang ist besetzt!«
»Macht Euch nicht lächerlich, Herr Boldewin,« lachte ihm Detlev entgegen. »Ich bin hinter Euch hergegangen und weiß also ebenso gut wie Ihr, was wir zu fürchten haben! Uebrigens werden wir Euch kein Leid zufügen, da Ihr Herrn Henning bisher in ritterlicher Haft gehalten habt; aber es wird Euch wohl belieben, an seiner Stelle auf einige Zeit dies Wohngemach hier zu hüten, dessen Lieblichkeit ich unten in dem dunklen Gange nicht geahnt habe.«
Die Treppe nämlich, welche er herauf gestiegen war, führte in das Innere eines alten, unbewohnten Thurmes, dessen Zugang man in weiser Absicht zugemauert hatte. Niemand hätte hier ein menschliches Wesen vermuthet, und doch waren die kleinen Räume wohnlich eingerichtet und ein Blick durch die zwar engen Mauerscharten lohnte mit der prächtigsten Fernsicht. Henning von Bismarck hätte hier wenigstens in Beziehung auf des Leibes Nahrung und Nothdurft keinen Schaden gelitten, und zudem hatte seine Gefangenschaft ja auch nur einige Stunden gewährt, so daß versöhnlichere Gefühle nicht ganz ungerechtfertigt waren.
»Ich stimme Euch bei,« fügte Bismarck hinzu, »und werde aus dem Umstande, daß Ihr Euch jetzt in unserer Gewalt befindet, für meine Person keinen Nutzen ziehen. Was hindert mich, Gewalt an Euch zu legen oder Euch mit mir zu nehmen, um mich zu rächen und ein Erkleckliches von Euch zu erpressen!«
»Ich, ich selbst würde Euch hindern!« rief Boldewin, indem er sich zusammenraffte, mit einem raschen Schritte vor Detlev stand und diesem mit einem unvermutheten Griffe das Schwert zu entreißen suchte. Aber er hatte sich verrechnet, denn der junge Mann erfaßte die Hand und hielt dieselbe mit solchem Drucke umschlossen, daß er vor Schmerz aufschrie; dazu gesellten sich die Qualen der plötzlich zurückgekehrten Krankheit, die so furchtbar waren, daß er beinahe in die Kniee sank.
»Also für mich verlange ich nichts; aber wo habt Ihr die Juden? Sie sollen auch frei sein!«
»Sucht sie Euch!« klang die Antwort.
»Kommt Ritter,« sprach Detlev, den der Zustand des alten Mannes erbarmte, der in der verzweifelten Lage sich befand, an sich und den Seinen zum Verräther zu werden. »Wir werden sie wohl zu finden wissen!«
Er erfaßte Laterne und Schlüssel, schob den widerstrebenden und nach Hülfe rufenden Schloßherrn in das Gemach hinein, warf die Thür in das Schloß und schob die schweren, dicken Eisenriegel vor. Dann führte er den befreiten Gefangenen durch den Neben— und Hauptgang bis an das Bild an der Rückseite des Altars. Dasselbe war weder mit Schloß noch Riegel versehen, sondern paßte ganz genau und lückenlos in die Umfassung und konnte sowohl nach innen als auch nach außen hin wie eine Thür geöffnet werden. Boldewin hatte also vorhin nur vergessen, sie in ihre gewöhnliche Lage zurückzuschieben. Da es schwer in den Angeln ging und einem gewöhnlichen Drucke der Hand Widerstand leistete, so war diese Einrichtung trotz ihrer scheinbaren Mängel doch eine kluge und vorsichtige zu nennen. Detlev schloß die Oeffnung und bat den Ritter:
»Bleibt hier hinter dem Eingange und haltet Wache, damit wir nicht überrascht werden! Ihr habt Eure Waffen nicht?«
»Man hat sie mir abgenommen.«
»Hier ist mein Schwert; es befindet sich in kundiger und guter Hand.«
Er schritt in den Gang zurück bis an die Thür der Zelle, in welcher Boldewin vorhin gewesen war, und öffnete dieselbe mit Hülfe des Schlüsselbundes. Als er eintrat, bemerkte er einen alten Mann, welcher, an Händen und Füßen gefesselt, auf dem Strohlager saß und ihn keines Blickes würdigte.
»Erschreckt nicht vor der frohen Kunde, welche ich Euch bringe! Ihr seid – – —«
Der Mann blickte auf, und ein unbekanntes Gesicht erblickend, fiel er ihm in die Rede:
»Geht fort von mir und sagt Eure Thorheit Einem, der Eures Spottes würdig ist! Für mich giebt es hier keine frohe Kunde.«
Detlev hatte keine Zeit zu einer langen Erklärung; er setzte die Laterne auf den Boden und suchte sich unter den Schlüsseln den passenden aus, um die Fesseln von des Mannes Gliedern zu lösen. Erstaunt sah dieser ihm zu.
»Wahrhaftig, Ihr scheint die Wahrheit gesprochen zu haben! Sagt, seid Ihr ein Mensch oder ein Engel?«
»Ein Mensch, wie Ihr, bin ich; aber haltet still, damit wir nicht säumen, wir haben keine Zeit!«
»Dann sagt mir jetzt nur das Eine: Wer hat Euch erlaubt, meine Banden wegzunehmen?«
»Niemand. Ich bin heimlich in das Schloß gedrungen, um einen edlen Ritter zu befreien, und stand vorhin an Eurer Thür, als dieselbe geöffnet war. Da nun der Ritter frei ist, sollt auch Ihr es sein.«
»Ihr wißt aber nicht, wer ich bin?«
»Nein. Ihr bedürft meiner Hülfe, und ich biete sie Euch.«
»Du braver junger Mann, auch ich kenne Dich nicht,« rief der Gefangene; er stand jetzt von den Fesseln befreit grad und aufrecht vor Detlev, dessen Hände er erfaßt hielt, »aber Du sollst mich kennen lernen und meinen Dank empfinden, so lang mein Auge offen bleibt und weit darüber hinaus!«
»Sprecht nicht von Dank, sondern eilt, daß Ihr von hinnen kommt. Geht hier nach vorn, da steht der Ritter, um den Ausgang zu behüten, und Ihr mögt mit ihm auf mich warten!«
Nun klopfte er an jede der anderen Thüren, welche sich in dem Gange befanden und frug, ob Jemand hinter ihnen sich befinde, der frei zu sein wünsche. Bei allen, außer der letzten, war dieses Klopfen vergeblich, dort aber ertönte eine Antwort, die allerdings wegen der Dicke und Festigkeit des Verschlusses nicht deutlich verstanden werden konnte. Nach langem Bemühen gelang es ihm, zu öffnen, und kaum hatte er die Thür zurückgezogen, so traten zwei Männer mit solcher Eile in den Gang, daß sie ihn fast umgerissen hätten.
»Ist es möglich, was wir haben gehört,« rief der Eine, »daß der Gott unserer Väter schickt seine Jerubim und Seraphim, welche klopfen an die Thüren der Hölle, um zu befreien die frommen Männer Aron Itzig und Veit Schmuel aus den Schatten des Todes und der Finsterniß?!«
»Schreit nicht so laut,« raunte ihnen der Jerubim mit dem Schlüsselbunde zu, »sonst stecke ich Euch auf der Stelle wieder hinein!«
»Um Gott, Herr Ritter, was Ihr doch könnt machen für einen Spaß mit zwei armen Juden aus der Stadt Gardelegen! Ihr klopft an die Thüren, um zu erlösen die Gefangenen, und nun wir Euch leisten Gehorsam, wollt Ihr uns wieder bringen zurück in das grausame Loch!«
»Wo habt Ihr Eure Tochter?«
»Meine Tochter?« antwortete Itzig, »welche ist schön wie Sulamith und herrlich wie Judith zu Bethulia? Die haben gerissen die Räuber von mir, und ich weiß nicht, wo hingekommen ist der Stolz und die Freude meines Lebens; aber Sarah, mein Weib, das mir geboren hat fünf Söhne und sieben Töchter, ist in meinem Hause zu Gardelegen und wartet mit Schmerzen auf Aron, ihren Geliebten, welchen sie – —«
»Schweigt mit Eurer Sarah. Ich frug nach Eurer Tochter, um zu wissen, ob sie Euch wiederzugeben sei! Wenn heut nicht, so wird es doch später wohl geschehen; jetzt aber kommt mit mir zu Herrn Henning von Bismarck!«
»Herr Henning von Bismarck ist gekommen, zu gedenken der Kinder Juda, welche da sitzen unter den Weiden zu Babylon und hängen ihre Harfen – – —«
»Schweigt und kommt!«
Der Ton dieser Unterbrechung klang jetzt so barsch, daß sie endlich beherzigt wurde. Die beiden glücklichen Kinder Israels folgten dem Voranschreitenden bis an den Ort, an welchem Bismarck stand, dem gegenüber sie sich zu voluminösen Lobes— und Dankesüberhebungen anschickten, dabei aber von ihm mit zwar leiser, jedoch scharfer Mahnung abgewiesen wurden:
»Was schreit Ihr da in dem Gange, als stäkt Ihr an dem Spieße? Es gilt hier, vorsichtig zu sein, und mir scheint, ich habe Stimmen in der Kapelle vernommen.«
Keiner wagte auf diese Warnung ein Wort zu sagen. Der Ritter und Detlev öffneten die Thür, um zu lauschen. Wirklich vernahmen sie ein Wechselgespräch zwischen einer männlichen und weiblichen Stimme, und als sie es wagten, bis an die Ecke des Altares vorzutreten, sahen sie den Pater Eusebius, welcher vor einer weiblichen Gestalt stand, die in einem der Kirchenstühle Platz genommen hatte.
»Ja, es ruht ein schwerer Fluch auf Euch und Eurem irren Glauben. Ihr habt Eure Gesetze unter Donner und Blitz vom Sinai empfangen, und das Wetter hat seit jener Zeit fortgeleuchtet über Eurem starren Haupte bis auf den heutigen Tag. Der Messias ist gekommen, Euch das Heil zu bringen; Ihr aber wolltet ihn nicht erkennen, sondern habt ihn verfolgt, an das Kreuz geschlagen und gemartert bis zum Tode. Der Sohn Gottes mußte sterben wie ein gewöhnlicher Verbrecher, und diese Schuld liegt auf Euch und Eurem Volke bergesschwer. Und dennoch streckte die heilige christliche Kirche ihre versöhnende Hand aus auch nach Euch; sie will Euch von dem Fluche erlösen, Euch Gnade und Vergebung bringen; Ihr aber weist die Barmherzigkeit Gottes von Euch und schleppt Eure Last unter Seufzen und Weinen weiter. Willst auch Du so thöricht sein wie die Anderen, meine Tochter? Siehe, die Liebe sucht Dich, und das Erbarmen des Lammes, welches aller Welt Sünde trägt, will Dich erreichen. Du kannst Heil und Segen bringen auf Dich und die Deinen; warum willst Du die Langmuth Gottes in schnödem Eigensinne in Zorn und Rache verwandeln?«
»Laßt mich gehen mit Euren Reden,« hauchte es zurück. »Ich verstehe sie nicht und werde lieber sterben, als daß ich von dem Glauben meiner Väter weiche!«
»Gott der Gerechte,« stieß Itzig hervor; »das ist das Kind meines Herzens, Fleisch von meinem Fleische und Blut von meinem Blute! Der Baalspfaffe hat sie genommen in seine Krallen, um sie untreu zu machen, daß sie verläßt ihren Glauben und bringt Schande auf das graue Haupt ihres Vaters!«
»Sei ruhig, Jude,« befahl ihm Detlev. »Willst Du Dich und uns verrathen?«
»Was soll ich sein? Ruhig soll ich sein, wenn zerrissen wird meine Taube von dem Geier, welcher sie verschlingen will mit seinem Rachen?«
»Wenn Du nicht schweigest, so stecke ich Dich wieder hinter in das Loch; da magst Du schreien, so viel Du nur immer willst!«
»Gott Abrahams, Isaaks und Israels, was wollt Ihr thun? In das Loch wollt Ihr mich stecken? Ich werde schweigen und meine Zunge halten bis in alle Ewigkeit, Sela!«
»Du willst meine Rede nicht verstehen?« fuhr der Pater fort, indem er seine Hand hart auf die Schulter des Mädchens legte. »Gut, so werde ich auch Dein Weinen nicht verstehen, wenn Du um Deinen Vater jammerst, über den der Tod beschlossen ist! Deines Herzens Härtigkeit ist es zuzuschreiben, daß ich ihm meine Hilfe entziehe, wenn das Gericht über ihn ausgeführt wird.«
»Nein, nein,« weinte das Mädchen; »das werdet Ihr nicht thun! Ihr sprecht von der Liebe Eures Gottes und von seiner Gnade und Barmherzigkeit, und wenn Eure Worte Wahrheit enthalten, so könnt Ihr nicht grausam handeln an Denen, die Euch kein Leides zugefügt haben.«
»Du sprichst thöricht! Auch die Liebe muß streng sein, wenn ihr widerstrebt wird. Sie will den irrigen Sünder nicht fallen lassen und bringt ihn, wenn er sich gegen ihren heiligen Willen sträubt, mit Gewalt zum Heile. Ich werde Dich unterrichten in den Sätzen unseres alleinseligmachenden Glaubens und für Deine Seele sorgen, wie der Bräutigam sorgt für das Glück seines süßen Bräutleins. Du wirst die Gnade erkennen, die Dich ergreifen und zur Seligkeit führen will, und Deine Seele wird mit der meinigen verbunden sein, wie das Herz des Weibes hängt an dem des geliebten Mannes, denn mich erbarmt des verirrten Schäfleins, und ich will es zurückführen zur fetten Weide und es lieben und leiten, damit es sich nicht wieder hinaus in die Wüste verlaufe!«
Er bog sich tief zu ihr nieder und versuchte, den Arm um sie zu schlingen; sie aber schnellte empor und stieß ihn mit aller ihr zu Gebote stehenden Kraft von sich.
»Geht, Scheinheiliger! Ich habe Nichts mit Euch zu schaffen. Nie mag ich Eure Lehren hören, denn Ihr verbergt hinter ihnen nur die Tücke und Falschheit Eures Herzens!«
»Nein, mein süßes Jungfräulein, nicht Tücke ist es und Falschheit, welche in meinem Herzen wohnt, sondern Deine Schönheit hat mir den Sinn gerührt, daß ich Dich nicht möchte in das Verderben laufen lassen. Dein Zorn hilft Dir Nichts, denn die Hand des Heiles hat Dich erfaßt und wird Dich nicht wieder von sich lassen. Wehre Dich also nicht, sondern vertraue Dich meinem Arme an; er ist stark und warm, und es wird Dir behaglich dünken, von ihm geschützt und gehalten zu werden.«
Er trat wieder auf sie zu; sie aber wich zurück.
»Geht, sage ich Euch, Elender; ich mag von Euch Nichts wissen!«
»So sagt Ihr alle, die Ihr nicht erkennen wollet, was zu Eurem Frieden dient; aber das währt nur kurze Zeit, und bald wirst Du Dich an mich gewöhnt haben!«
Er ergriff sie mit beiden Händen und zog sie an sich; sie strengte sich vergeblich an, von ihm loszukommen; ihre Kräfte waren denen des frommen Mannes nicht gewachsen.
»Laßt mich, oder ich rufe um Hilfe!«
»Hilfe? Hier giebt es für Dich keine, außer bei mir!«
»Meinst Du?« klang es neben ihm, und zu gleicher Zeit fiel eine Faust so kräftig auf seinen Schädel, daß er mit den Händen suchend um sich griff und dann zu Boden stürzte.
Es war Detlev gewesen, welcher den guten Hieb geführt hatte; er bückte sich nieder und schnürte dem Mönche mit dem Stricke, welchen derselbe um die Kutte trug, Hände und Füße zusammen.
»Mein Kind, meine Tochter!« rief der Jude. »Ich werde singen, spielen wie David auf dem Psalter und mit neun Saiten: Lobe den Herrn, meine Seele, der dir hat wiedergegeben den Liebling, der verloren war! Wie wird erschrecken und staunen mein Weib, wenn sie wird hören von den großen Thaten, die wir haben gethan unter den Philistern! Es wird sich erheben ein Lob im Gebirge, und in den Thälern wird erklingen der Ruhm von Aron Itzig und Veit Schmuel aus Gardelegen.«
Jetzt erhob sich Detlev aus seiner gebückten Stellung und sein Auge fiel zum ersten Male auf die Jüdin, deren Gesicht er bisher noch nicht erblickt hatte. Hoch und stolz stand ihre herrliche Gestalt vor ihm, beleuchtet von dem ewigen Lichte und dem Scheine der Laterne, welche jetzt Schmuel in der Hand trug. Ihr großes, orientalisch geschnittenes, dunkles Auge ruhte mit einem Ausdrucke auf ihm, der ihn im tiefsten Innern erbeben machte, und als sie jetzt ihre Stimme erhob, war ihr Klang ein ganz anderer, als vorhin dem Pater gegenüber.
»Dank Euch, Herr, für die Hilfe, die Ihr mir geleistet habt! Ich weiß nicht, wer Ihr seid, aber mein Herz wird an Euch und diese Stunde denken, so lange ich lebe!«
Sie ergriff seine Hand und drückte sie dankend an sich. Er fühlte die Fülle des Busens unter ihr erbeben; nie gekannte Regungen durchflutheten ihn, und es geschah ihm zum ersten Male in seinem Leben, daß er vor Verwirrung keine Worte fand.
Bismarck löste ihn aus dieser peinlich seligen Lage, indem er das Schweigen brach.
»Laßt uns eilen, daß wir von hinnen gehen. Man könnte uns sonst entdecken, und dann würde es uns wohl schwerlich gelingen, aus diesem Hause zu entkommen!«
»Noch müssen wir warten, Ritter,« antwortete Detlev, der dem Sprecher gegenüber seine Sprache wiederfand. »Der Gang, durch welchen wir uns entfernen müssen, ist jetzt nicht sicher für uns, da sich mehrere Knechte der Herren von dem Kruge in demselben befinden. Sie sind ausgezogen, mich zu fangen, und werden, wenn sie mich nicht finden, wohl bald zurückkehren.«
»Euch fangen? Wer hat ihnen von Euch Nachricht gegeben?«
»Euer Knecht, den sie ausgefragt haben; ich hörte es aus ihrem Munde.«
»Der Verräther! So soll es mich auch nicht grämen, daß ich ihn zurücklassen muß. Ist der Gang ein verborgener?«
»Er mündet hier unter diesem Steine, nach dessen Beseitigung man in ein Grabgewölbe gelangt, aus welchem es unter der Erde fortgeht bis hinaus in den Wald. Laßt uns hinter den Altar zurücktreten; ich hoffe, daß wir nicht zu lange warten müssen!«
Diese Hoffnung erfüllte sich. Nach nicht langem Warten ertönte unter der Kapelle ein Geräusch, welches auf das Nahen der Erwarteten hindeutete, und nicht lange darnach hob sich die Steinplatte, aus welcher die hohe und breite Figur des Wachtmeisters emporstieg, dem Schwalbe mit einigen der Uebrigen folgte.
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche!« brummte der Erstere; »aper es ist für einen ehrlichen Kriegsmann nichts Liepenswürdiges, seine alten Peine so durch den dunklen Erdpoden hindurchzuschiepen. Was sagst Du dazu, Pruder Schwalpe?«
»Wat ich da derzu sage? Nichts, gar nichts nich. Aber daß ich gewiehert habe, ohne den Mann bekommen zu thun, dat thut mir gewaltig ärgern. Seinen Gaul haben wir, aber wat thut uns dat nützen mögen? Und ob ihn der Balthasar mit seinen langen Armen fangen werden wird, dat is mich auch noch so eine gewisse Art von Unsicheres. Wir konnten selber unten bleiben thun, und ich glaube, daß Du hier einen großen Fehler wirst zu thun gehabt haben!«
»Schwalpe, Pruder Schwalpe, was für ein Deiwel ist Dir denn eigentlich in den Leip gefahren, daß Du glaupst, der Wachtmeister Kaspar Liepenow könne einen derartigen Fehler pegehen? Wenn wir unten pleipen und pekommen ihn nicht, so hapen wir die Suppe auszuessen, pleipt aper der Palthasar unten und pekommt ihn nicht, so hat er es zu verantworten, und üprigens hape ich ihm so viel Mannen gelassen, daß ihm der Junker nicht davonlaufen kann, wenn er zu seinem Gaule zurückkehrt. Kannst Du es pegreifen?«
»Höre ‚mal, Du alter Schlagmirtodt, Du thust doch zuweilen einen ganz guten Gedanken haben, und ich wundere mir nur über mir selber, daß ich ihn nicht gehabt haben thue. Aber ist es nicht dieser Fehler, so thut es ein anderer sein, den wir alle gemacht haben, und dieser möchte mir noch viel mehr Wunder nehmen als der vorige.«
»Mir ist von einem Fehler keine Spur pekannt; also sag, was wir nicht richtig gemacht hapen!«
»Ja, wir haben es nicht blos nicht richtig gemacht, sondern wir thun es sogar vollständig ganz und gar nicht gemacht haben. Sage einmal, Kaspar, wat thun wir jetzt für eine Jahreszeit haben?«
»Mordelement, Gott straf mich, wenn ich fluche, aper Deine Frage könnte mich peinahe peleidigen! Winter natürlich!«
»Schön! Und wat thut es im Winter?«
»Kalt sein.«
»Nicht richtig. Weiter!«
»Schneien.«
»Gut! Und wenn es schneien thut und es läuft Einer in dem Schnee herum, wat thut man hernachmals sehen?«
»Die Fußtapfen.«
»Na, also! Weißt Du nun, wat ich meene?«
»Jetzt weiß ich es. Aper das ist ja eine ganz verfluchtige Deiwelsgeschichte, daß wir so lange draußen herumgelaufen sind und hapen auch das Pferd gefunden, aper auf die Fußspuren sind wir noch nicht gefallen. Pruder Schwalpe, Du pist ein Esel, ich pin zwei Esel, und von den Anderen ist Jeder drei Esel!«
»Da thust Du Recht haben, von wegen die zwei Esels und drei Esels; den einen aber nimmst Du zu den zweien und dann thut es grad zwei mal drei sein. Wat meenst Du da derzu, Kaspar?«
»Pruder Schwalpe, wenn Du es nicht wärst, so schlüge ich Dir ein Loch in den Kopf, so groß, daß Du selper hineinfallen und die Peine prechen könntest. Aper da stehen wir und vergessen, den Rittern Rechenschaft zu gegen von dem, was wir pegonnen hapen. Hept den Stein wieder an seine Stelle; den Gang können wir auch schließen, denn Pruder Steckelpein wird mit seinem Volke durch das Thor kommen!«
Während die Leute seiner Weisung folgten, trat er zu dem Beichtstuhle, und das darauf folgende unterirdische Rollen bewies, daß der Mechanismus seine Schuldigkeit gethan habe. Während dessen hatte Bismarck den gebundenen Geistlichen mit Hilfe Detlevs in die Zelle getragen, in welcher die Juden eingesperrt gewesen waren, und ihn dort eingeschlossen. Als die Kriegsknechte sich entfernt hatten, nahm Detlev den Stein hinweg, ließ die Uebrigen in die Oeffnung treten und brachte, ehe er ihnen folgte, den Drücker, welcher in dem Beichtstuhle angebracht war, in Bewegung. Darnach folgte er ihnen.
Mit Hilfe der Laterne wurde ihnen die Passage durch das Gewölbe und den Gang leichter, als sie es ihnen bei vollständiger Dunkelheit gewesen wäre, und nur die Jüdin, an dergleichen Anstrengungen und Abenteuer nicht gewöhnt, hielt das schnelle Vorwärtskommen um ein Beträchtliches auf. Endlich traten sie vor die Felsenspalte; es war mittlerweile Nacht geworden, und der Mond warf ein zweifelhaftes Licht durch das wirre Gezweig auf die der wiedergewonnenen Freiheit sich freuende Gesellschaft.
»Itzig,« rief Schmuel, »das Wägelchen ist hin und mit ihm Alles, was wir haben gepackt darauf und bezahlt mit grausam vielem Gelde; aber daß ich kann wiedersehen den runden Mond, den breiten Himmel und die langen Bäume, das ist mir lieber, als daß ich verloren habe das Geld. Laß uns loben den Herrn, welcher errettet hat Noah aus der Fluth des grimmigen Wassers, und danken diesen Herren, die gedacht haben an uns in der Zeit der Noth!«
»Ja, wir wollen lobsingen und spielen einen Reigen, wie die Tochter Jephtha’s, als er kam von der Schlacht, in welcher er geschlagen hatte die Feinde Israels. Und Du, mein Kind, laß hören Deine Stimme zu dem herrlichen Ritter, welcher in dem Augenblicke der Gefahr herbeigesprungen ist wie der Löwe vom Libanon und die Löwin von Hermons Bergen und hat geschlagen den Priester Astaroths auf das Haupt, daß er ist umgefallen wie ein Stein, den man stößt in den Sand!«
Diese Mahnung war überflüssig, denn schon während der Wanderung durch den Gang hatte sich das schöne Mädchen auf Detlev gestützt, und bei dem Austritte aus demselben erfaßte sie seine Hand und zog sie fest und innig an den Mund.
Dabei lehnte sie ihr dunkles Köpfchen an seine Schulter und frug mit zitternder Stimme:
»Wie kann ich Euch jemals danken, Herr! Es ist zu groß, was Ihr an uns gethan habt, als daß wir mit Worten sagen könnten, was unsere Herzen denken. Ich bin nur eine geringe Magd, aber erlaubt mir, an Euch zu denken, so oft meine Seele zurückkehrt zu den Schrecken der letzten Tage!«
»Laßt den Dank und alles Reden jetzt noch bei Seite,« meinte Bismarck. »Ihr habt ja gehört, daß es hier Späher giebt, welche uns gefährlich werden könnten. Wo habt Ihr Euer Pferd gelassen?«
»Erlaubt mir, Euch zu führen! Der Ort ist nicht gar weit von hier, und ich werde ihn wohl trotz des nächtlichen Dunkels wiederfinden. Doch nehmt das Schwert zur Hand, damit uns Niemand unbewehrt findet!«
Langsam und vorsichtig ging es vorwärts; es war ein gefährlicher Weg, denn jeden Augenblick konnte der lange Kriegsknecht, den Detlev in der Kapelle gesehen hatte, über sie herfallen. Die Nacht war zwar nicht vollständig finster, aber die Schatten täuschten, und in jedem dunklen Streifen glaubte der junge Mann einen der herbeieilenden Feinde zu erkennen. Er überlegte, wie der gefürchteten Ueberraschung vorzubeugen sei, und erinnerte sich der Art und Weise, wie der listige Schwalbe das Pferd gefunden hatte. Er blieb stehen, legte die Hand an den Mund und ließ ein täuschend ähnliches Wiehern erschallen. Die stille Nachtluft trug es weit durch den Wald und brachte bald auch die darauf erfolgte Antwort zurück. Mit vermehrter Vorsicht wurde der Weg fortgesetzt, Detlev immer voran, dann Bismarck und in einiger Entfernung die Anderen hinterher. Nach einiger Zeit wurde das Wiehern wiederholt, die Antwort ertönte aus fast unmittelbarer Nähe, und bald darauf löste sich eine dunkle Gestalt vom Schatten der Bäume und trat, gefolgt von einer kleinen Anzahl Männer, auf Detlev zu.
»So, also! Da bist Du ja wieder. Konntest wohl den Weg nicht finden, Kaspar? Was haben die Ritter gesagt?«
»Wirst es gleich hören und fühlen!« rief der Angeredete und sprang in der Absicht, ihm das Schwert zu entreißen, auf ihn zu. Leider aber blieb sein Fuß an der Wurzel eines Baumes hängen, und ehe er das verlorene Gleichgewicht wieder erlangen konnte, hatte Balthasar die Waffe aus der Scheide gerissen und drang auf ihn ein.
»D’rauf, ihr Leute!« rief er; »er ist es, den wir suchen. So, also, nur immer wacker!« Aber schon stand Bismarck vor ihm, und die Klingen Beider kreuzten sich zum lebensgefährlichen Waffentanze.
Fast hätte man meinen sollen, der skelethagere Knecht sei dem Ritter überlegen; er führte sein Schwert gleich einem Satan und machte Herrn Henning gar viel zu schaffen. Wer weiß, welches Ende der Kampf genommen hätte, wenn nicht Detlev noch zur rechten Zeit an die Seite seines hart bedrängten Gefährten getreten wäre. Es war ihm gelungen, einem der Knechte den Flamberg zu entwinden, und so bewaffnet, hatte er sie nach wenig Augenblicken in die Flucht geschlagen. Nun wandte er sich gegen Balthasar, dieser that das Seinige, dem doppelten Angriffe kraftvoll zu widerstehen; als er aber bemerkte, daß dies unmöglich sei, und zudem wahrnahm, daß sich die Seinen aus dem Staube gemacht hatten, holte er zum letzten wuchtigen Hiebe aus und rief:
»Fort, alle miteinander? So, also, da stelle ich mich auch nicht allein her und lasse mir das Leder gerben!«
Der Hieb wurde geschickt parirt, und mit zwei Schritten seiner langen Beine war er verschwunden. Detlev versuchte, ihn einzuholen, mußte aber die Fruchtlosigkeit dieses Beginnens einsehen und kehrte daher zu den Anderen zurück.
Bald war das Pferd gefunden; es befand sich noch an demselben Platze, wo sein Herr es angebunden hatte, und schnaubte demselben freudig entgegen. Nach kurzer Berathung ward beschlossen, das Mädchen auf das Thier zu heben und zu Fuße den Weg zum nächsten Orte einzuschlagen, um sich dort wieder beritten zu machen.
Der Zug setzte sich in Bewegung; nach kurzer Wanderung war die Straße erreicht, und nun ging es ungesäumt in der Richtung auf Lenzen zu, in welcher das nächste Dorf zu finden war. —
Kapitel 7: Ein Uchtenhagen
Es war zu Spandau, und fast noch niemals hatte die Stadt so viel fremde Gäste in ihren Mauern beherbergt als jetzt, denn Unzählige eilten von Nah und Fern herbei, um ein Ereigniß mit anzuschauen, von welchem die Kunde weithin durch das Land erklungen war: Werner von Holzendorf, als markgräflicher Hauptmann auf Schloß Bötzow gestellt, hatte einen offenen Feind des Markgrafen, auf welchem die kaiserliche Acht ruhte, in seinen Schutz genommen und sollte nun über diese That zur Rechenschaft gezogen werden. Nach damaligem Gebrauche wurde die Verhandlung auf öffentlicher Dingstätte vorgenommen, und da dies seit langer Zeit der erste Felonieprozeß war, welcher in den Marken vorgenommen wurde, so erregte er ein gar gewaltiges Aufsehen, und ein Jeder wollte Augen— und Ohrenzeuge sein von dem, was dabei zu sehen und zu hören war.
Schon vorher hatte Markgraf Friedrich einen Landtag nach Berlin berufen und Herren, Mannen und Städte dazu eingeladen. Es sollte besonders über die eroberten Quitzowschen Güter eine gesetzliche Bestimmung getroffen werden, und auch Werner von Holzendorf mußte sich dazu einfinden, was er ohne Bedenken thun konnte, weil er sicheres Geleit hatte.
Nach Beschlußfassung über die Quitzowschen Angelegenheiten hatte sich Friedrich von seinem Sitze erhoben und folgende Ansprache gehalten:
»Euch allen, Ihr Herren, Ritter und Abgesandten Meiner getreuen und liebenwerthen Städte ist bekannt, daß Dietrich von Quitzow Mein und Meiner Lande Feind war und auch noch heute ist, der Meine Dienstleute und viele Meiner Unterthanen gefangen, geschlagen und ihnen das Ihrige genommen hat und sich seit der Eroberung der Burg Friesack auf der Flucht vor Mir befindet. Unbekannt aber wird es Euch sein, daß er von Werner von Holzendorf zu Bötzow aufgenommen worden ist, der ihm die verschlossenen Thüren und Räume geöffnet hat, so daß er mit seinem vollkommenen Wissen und Zustimmen hindurchreiten konnte. Ferner hat er ihn auf Neumühl zugelassen, wie Mir berichtet worden ist, und ihn deshalb hegen, speisen und bedienen lassen als einen kranken Knecht, an dem Mir nichts gelegen sei. Meine Diener und Boten hat Der von Holzendorf mit Schmach überfallen, geschlagen und gefangen genommen, sodaß Ich Mich mit Meiner fürstlichen Würde und Ehre tief gekränkt und beleidigt sehen muß. Jetzt nun ist Dietrich aus Neumühl weiter entflohen und der gerechten Strafe entzogen worden. So frage Ich Euch denn, Herr Werner, ob Ihr Euch zu den vorgedachten und beschriebenen Thaten bekennt oder Meine Beschuldigung der Unwahrheit zeihen möget!«
Auf diese Worte hatten sich Aller Augen auf Werner gerichtet. Dieser aber war in stolzer Haltung aufgestanden und hatte also geantwortet:
»Ich bin mit nichten ein Mann, welcher abläugnen möchte, was er gethan. Es ist so, wie Ihr gesagt habt, hoher Herr! Allein Ihr möget auch gar wohl bedenken, daß Dietrich von Quitzow schon längst vorher mein Freund und Waffenbruder war, ehe Ihr mein Gebieter wurdet, und daß dieser redlichen Freundschaft wegen sein Verhältniß zu Euch kein Grund werden konnte, auch mein Verhältniß zu ihm zu ändern!«
Darauf hatte Friedrich erwidert:
»Ihr hört, Herren, Mannen und Städte, wozu sich der Ritter Werner von Holzendorf bekennt. Ich behalte es mir vor, vor vollbesetzter Lehnsbank meine Klage gegen ihn vorzubringen!«
Darauf war die Sache anhängig gemacht worden, und Friedrich hatte Herrn Hans von Torgau als Richter in dem zu erwartenden Prozesse gewählt. Dieser suchte sich dazu die erforderliche Anzahl von schildgeborenen Schöppen und Beisitzern, wie sie das Lehenecht verlangte, und berief sie zusammen, um mit ihnen die Lehnsbank zu besetzen. Friedrich brachte seine Klage vor, wie er sie bereits ausgesprochen hatte, gab die Thatsachen an, deren Werner von Holzendorf eingeständig war, und fragte dann das Gericht, ob Werner als sein gehuldigter und geschworener Diener damit die gelobte Treue lehnsrechtlich gegen ihn gebrochen hätte. Da die Schuld nicht bezweifelt werden konnte, so sprach das Gericht das Urtheil, nach welchem Werner vorgeladen wurde, um sich zu verantworten, wie es das Lehnrecht so erforderte. Infolge dessen erhielt er die Ladung, sich den Tag vor dem Lehnsgerichte in Spandau einzufinden, und es wurde ihm dabei bedeutet, daß ihm sein Recht geschehen werde, ob er sich nun einfinde oder nicht. —
Der erwartete Tag war herangekommen, und schon früh vor Sonnenaufgang rief die Glocke zu Spandau die Einwohner und alle Fremden zur Dingstätte.
Vor der Schloßbrücke stand ein Tisch und an zweien seiner Seiten je zwei Bänke in einer Reihe, also vier Bänke. An dem einen Ende stand ein ziemlich hoher Stuhl mit zwei vergoldeten Knöpfen; er war für den Richter bestimmt. Auf dem Tische lag ein weißer Stab, und hinter dem Stuhle hing ein Heerschild an einer fest in den Boden gestoßenen Lanze. Das Alles waren die Attribute der damaligen Gerichtsstätte, und nach damaligem Brauche hatte man den langen Tisch in der Richtung von Westen nach Osten aufgestellt, so daß der Richter am Westende saß und gegen Morgen schaute.
Allmälig fand sich das Volk ein und umgab die Gerichtsstätte. Wie Meereswogen rauschte das Gemurmel der vielen Stimmen durch den kalten Morgen und dämpfte selbst dann nicht, als Hans von Torgau als fürstlicher Rath und Richter mit den Schöppen oder Urtheilern der Gerichtsbank aus dem Schlosse trat.
Mit Aufgang der Sonne nahmen Alle ihre Plätze ein. Richter und Schöppen hatten Mäntel über die Schultern und erschienen unbewaffnet mit bloßem Kopfe und ohne Handschuhe, wie es der Gebrauch erforderte. Die Schöppen setzten sich auf die Bänke. Hans von Torgau aber setzte sich auf den Stuhl, indem er vorschriftsmäßig ein Bein über das andre schlug, in jenen Zeiten der Ruhe, der Beschaulichkeit und des Nachdenkens. Die Namen der Schöppen sind uns aufbewahrt; es waren: der junge Hans von Uchtenhagen, Heinrich von Strantz, Kunz von Hohendorf, Hans Barfuß, Czaslau von Conradsdorf, Siegmund von Knoblauch, Albrecht von Buste, Wieprecht von Thömen, Raven von Neukirchen, Albrecht von Quast, Cuno von Thömen, Witza Wolf und Herrmann Itzenplitz.
Hans von Torgau ergriff den weißen Stock und hielt ihn aufrecht in der Hand. Dann fragte er:
»Ist es an der Tageszeit, daß ich meinem Herrn das Lehnrecht hegen möge?«
»Es ist hoch am Tage,« antwortete Wieprecht von Thömen, und die Sonne scheinet, so daß Ihr, wenn Ihr von Gott und von unserm Herrn, dem Markgrafen, die Macht und Gewalt habt, ein öffentliches Lehnricht hegen, halten und spannen möget!
»Ist der Stuhl zu der Hege genugsam besetzt?« frug Hans weiter.
Cunz von Hohendorf erhob sich und überblickte die Zahl der auf den Bänken Sitzenden. Dann antwortete er:
»Er ist zur Hege genugsam besetzt, und wir sind alle vorhanden, die zum Rechte erforderlich sind.«
Darauf schlug Hans mit dem Stabe auf den Tisch.
»So gebiete ich denn Stille und befehle Bann und Frieden, daß ein Jeder schweige und sich aller Keif— und Scheltworte enthalte. Niemand gehe aus dem Gerichte oder in das Gericht, er habe denn Urlaub; Keiner falle dem Andern in das Wort, ohne Erlaubniß zu fordern, und auch Niemand besetze ohne Erlaubniß eines Andern Stelle. Ich verbiete Zwietracht und Alles, was das Gericht kränken kann; ich verbiete Hand und Mund, und ich verbiete Euch überhaupt Jedes, was ich verbieten soll, und erlaube Alles, was ich erlauben soll, hin und her zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male. Die Lehnbank ist gespannt!«
Ringsum trat die tiefste Stille ein. Alle Zuschauer und Zuhörer, welche, weil sie um das Gericht herum standen, der Umstand genannt wurden, beobachteten das größte Schweigen, denn ganz allgemein galt das Gericht als etwas durchaus Heiliges und Ehrfurchtgebietendes, weshalb auch die Richter und Schöppen mit vollem Vertrauen ohne Schutz und Waffen ihr ernstes Geschäft mitten unter der Volksmasse ausüben konnten, von der sie häufig durch gar kein Hinderniß, öfters nur durch einen dünnen, umspannenden Faden oder eine unbedeutende hölzerne Schranke geschieden waren; ein Beweis, daß die nicht wegzuleugnende Rohheit der Masse doch ihres Zügels nicht entbehrte, wo es nothwendig war. Die Ueberschreitung der gesetzten Schranke wurde hart gebüßt. Ausländer durften sich ihr nur bis auf eine gewisse Entfernung, meistens bis auf sechzig Fuß, nahen.
»So weiset mir denn,« fuhr Hans von Torgau fort, »ob die Bank nach Lehenrecht gespannt ist, und ob ich ein rechtes Lehengericht halten werde!«
Die Schöppen antworteten im Chore:
»Die Bank ist nach Recht und alter Gewohnheit gespannt, genugsam besetzt, und es ist wohl an der Tageszeit, daß Ihr ein rechtes und gerechtes Lehengericht hegen und halten werdet.
»So lasset den Kläger in die Schranken treten!«
Der Umstand öffnete eine Bahn, und Burggraf Friedrich näherte sich mit seinem Vorsprach und blieb dem Richter gegenüber am östlichen freien Ende des Tisches stehen.
Richter und Beisitzende erhoben sich ernst, um den hohen Herrn schweigend zu begrüßen; dann wandte sich Hans an den Vorsprach:
»Ihr habt Urlaub, zu sprechen!«
»Herr Richter,« nahm darauf der Angeredete das Wort, »ich klage gegen den Ritter Werner von Holzendorf und frage, ob ich in besetzter und gehegter Bank zu Lehenrecht mit Urtheil rechtlich und vollkommen mit meiner Klage komme!«
»Ihr kommet rechtlich und vollkommen zu uns mit Eurer Klage!«
»Herr Richter, ist Werner von Holzendorf auf diesen heutigen Tag geladen und gefordert, meinem Herrn, dem Burggrafen, wegen seiner Schuld zu antworten zu Lehenrecht, wie es recht ist?«
Auf diese Frage erhoben sich Albrecht von Quast, Cuno von Thömen und Witza von Wolf:
»Wir drei Männer thun hier in gehegter Bank das Bekenntniß, daß wir als Boten die Ladung gethan haben.«
»Auf dies Bekenntniß frage ich,« wandte sich Hans an die Schöppenversammlung, »ob der Ladung nach Lehenrecht Genüge geleistet ist.«
»Es ist der Ladung genug geschehen!« lautete die einstimmige Antwort.
»Kann sonach mein Herr seine Klage thun und verlauten lassen?«
»Ja!«
»Herr Richter,« begann nun wieder der Vorsprach oder Anwalt, »ich frage, wie oft ich bedingen und beklagen muß.«
»Dreimal.«
Die Klage wurde nun, so wie sie Friedrich schon auf dem Landtage ausgesprochen hatte, jetzt von seinem Beauftragten dreimal angebracht, und der Letztere fügte dann hinzu:
»Das Alles hat Werner gethan! Da er nun meines Herrn gehuldigter und geschworener Mann und Diener ist, so hat er damit seine Treue gegen ihn nach Lehenrecht gebrochen. Auf diese seine verlautbarte Schuld ist nach Lehenrecht geurtheilt, daß man Werner heischen sollte zur Verantwortung, und ist das geschehen nach Gebrauch und nach Recht, wie es vorgeschrieben ist.«
»Auf diese Anschuldigungen frage ich,« entgegnete Hans, »ob Werner von Holzendorf auf Bötzow dieser Handlungen eingeständig gewesen ist.«
»Wir alle sind des Zeuge!« klang es in der Runde.
»So bedarf es keiner zugezogenen Zeugen. Untersuchet denn, ob der genannte Werner die Treue an seinem Herrn, dem Burggrafen, gebrochen hat!«
Die Schöppen begannen eine leise Unterredung, deren Ergebniß bald also lautete:
»Wir finden nach Lehenrecht, daß Werner von Holzendorf die Treue an seinem und unserm Herrn gebrochen, er habe denn Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein nach Lehenrecht.«
»So lasset uns des Angeklagten und seiner Hülfrede warten!«
Dieses Warten war allerdings vergeblich, denn Werner hatte sich nicht zu dem Prozesse eingefunden. Furcht hielt ihn nicht zurück, denn es konnte weder seine Person noch seine Freiheit dabei angetastet werden, da es sich allein um das Lehen handelte. Allein er wußte recht gut, daß er Nichts zur Beschönigung seiner That beibringen konnte, nichts, wodurch die Wendung der Sache für ihn günstiger werden konnte, und darum blieb er zu Hause. Hätte er die Flucht Dietrichs von Grobsdorf weg nebst den dabei stattgehabten Umständen gekannt, so hätte er gewiß nicht so ruhig auf Bötzow gesessen und dem Schlusse des Prozesses zugewartet.
Nachdem man die bestimmte Zeit erfolglos auf sein Erscheinen geharrt hatte, trat der Vorsprech wieder herbei, wiederholte seinen vorigen Antrag und fügte demselben bei:
»Da hiernach Werner von Holzendorf sich Bötzow, Neumühl und anderer Güter, bewegliche und unbewegliche, mit Unrecht unterwunden hat und diese meinem Herrn zu Rechte verfallen und ledig geworden sind, so frage ich, ob er die genannten Güter und Schlösser nach Lehenrecht ihm unverzüglich abtreten und überantworten muß.«
»Weiset dann meinem Herrn, was nach Lehenrechte recht ist!« befahl Hans den Schöppen.
Diese gingen auf die Seite nach einem besonders eingehegten Orte und besprachen sich besonders mit dem Umstande. Nach einer Weile kamen sie wieder, und Ritter Heinrich von Strantz sprach dann:
»Wir urtheilen, daß Werner unserm Herrn die vorgenannten Schlösser und Güter abtreten und unverzüglich zurückgeben soll, es sei denn, er hätte Hülfrede, die ihm in dem Rechte möchte behülflich sein!«
Wieder wurde beschlossen, seiner zu warten, und der Frohnbote mußte ihn dreimal an verschiedenen Orten der Stadt vorladen. Indessen verging der Tag, ohne daß er erschien. Gegen Untergang der Sonne gebot Hans Stille, und Friedrichs Vorsprech fragte:
»Auf welche Zeit und bis zu welchem Tage soll mein Herr der Hülfrede warten nach Lehenrecht, um sein Recht zu vollführen, also daß ihm Recht geschehe, und Wernern an seinen Hülfreden kein Unrecht, und wie soll Werner zu dem Tage geladen werden?«
Hans von Uchtenhagen antwortete:
»Wir finden nach Lehenrecht vierzehn Tage und sechs Tage, ausgenommen verbundene Tage, als da sind Sonntage und Feiertage, und daß nicht Irrnisses und Zwiespruch darin geschehe, soll die Ladung geschehen mit des Richters Briefe und zwei ehrbaren Mannen unsers Herrn, und Ihr, Herr Richter, habt nach Urtheil und Recht den Tag zu setzen und den Ort zu benennen.«
»So setze ich denn den Tag auf den Freitag nach des heiligen Leichnamstag nächstkommend, und den Ort zu Berlin.«
»Ich habe,« schloß nun der Ankläger, »meines Herrn Recht und Zuspruch zu Lehenrecht bei aufsteigender Sonne angehoben und bis zu niedersteigender Sonne lange nach Mittage gewartet. Habe ich dem Rechtstage zu Lehenrechte genug gethan?«
Zwei Schöppen verließen die Bank, um die Sonne zu beobachten, und brachten die Nachricht, daß sie sich tief neige, worauf ihm gesagt wurde, er habe dem Rechte genug gethan. Darauf wurde das Gericht aufgehoben. —
Wie schon gesagt, erregte dieser Prozeß das ungeheuerste Aufsehen weit über die Marken hinaus. Die Freunde der Ordnung und öffentlichen Sicherheit, welche wohl einsahen, daß dem Lande unter der weisen, strengen und gerechten Regierung Friedrichs eine bessere Zukunft erblüht, freuten sich der Energie, mit welcher er das einmal ergriffene Scepter führte und dies begonnene schwere Werk fortsetzte, Diejenigen aber, denen sein Streben nach Aufhebung des Faustrechtes und der Vergewaltigung im Wege stand und Schaden zu bringen drohte, knirrschten ingrimmig mit den Zähnen; und da ihre Macht wenigstens in der gegenwärtigen Zeit zu einem offenen Widerstande nicht hinreichte, so machten sie wenigstens eine Faust im Sacke, hielten wortreiche aber fruchtlose Berathungen, zogen sich mit ihrem Wesen und Treiben aus der Oeffentlichkeit mehr und mehr in die Verborgenheit zurück und warteten nur auf den günstigen Augenblick, um dem fremden Eindringling, wie sie den Markgrafen nannten, die Kraft ihrer Fäuste fühlen zu lassen und ihn aus dem Lande zu jagen.
Das Benehmen Werners von Holzendorf seinem Freunde und langjährigen Waffengefährten Dietrich von Quitzow gegenüber hatte nicht nur die vollständige Billigung der widerstrebenden Adelspartei, sondern selbst die Freunde des Markgrafen mußten sich sagen, daß er gehandelt habe, wie es einem treuen Verbündeten gezieme. Er hatte Alles, was er besaß, redlich auf das Spiel gesetzt, um sein ritterliches Wort zu lösen, und besaß die Theilnahme des größten Theiles der Bevölkerung. Und diese Theilnahme ward um so größer, als ein jeder Verständige einsehen Mußte, daß das Urtheil des nach Berlin verlegten Gerichtes, dem er unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich widerstehen könne, ihn unbedingt in den Verlust seiner Güter und Besitzungen erklären werde. Doch sah man sehr wohl nicht nur die Nothwendigkeit, sondern auch die Gerechtigkeit dieser Maßregel vollständig ein und hegte die Hoffnung, daß die allbekannte Milde und Freundlichkeit des Fürsten die Härte des Augenblicks später nach Kräften lindern werde.
Aehnliche Gedanken hatten auch die beiden Männer, welche am Tage nach dem Lehngerichte auf der Straße von Spandau nach Brandenburg dahinritten und die gestrigen Ereignisse zum Gegenstande ihrer Unterhaltung gemacht hatten. Es war Hans von Uchtenhagen, welchen wir in dem Kreise der Schöppen bemerkt haben, mit seinem jüngeren Bruder Karl.
Der Erstere wurde trotz seiner Jugend zu den hervorragendsten Rittern des Landes gezählt, und der Letztere versprach, ihm in Allem ein würdiges Ebenbild zu werden. Von jeher schon hatten sich die Uchtenhagens eines ausgezeichneten Rufes erfreut; die Mannen ihres Geschlechtes hatten bei allen großen und eingreifenden Ereignissen stets mit an der Spitze gestanden; reich an Tugenden und Ehren, waren sie immerfort bemüht gewesen, ihrer ruhmreichen Vergangenheit eine gleich glänzende Zukunft anzureihen, und weit über die Grenzen des Landes hinaus erklang bei Mahnruf und Ritterschlag das Wort: »Steh’ fest und werde wie ein Uchtenhagen!«
Hans war von untersetzter, breitschulteriger Figur und bot in seiner graden, strammen Haltung, mit den scharfen, blitzenden Augen und links und rechts weit über das gebräunte Gesicht hinausragendem Schnurrbarte einen gar stattlichen, achtungweckenden Anblick. Karl war schlanker gebaut als er; noch keimte der männliche Bart nur als leichter Flaum auf seiner Lippe, und in seiner Haltung und seinen Bewegungen lag etwas Weiches, welches auch mit der gewohnten Milde seiner Redeweise vollständig harmonirte; doch wer ihn deshalb für einen Knaben gehalten hätte, der wäre mit seinem Urtheile auf einem sehr großen Irrwege gewandelt und hätte sich vielleicht damit gar die Veranlassung zugezogen, seinen Irrthum schwer und bitter zu bereuen, denn der junge Mann war gar schnellen und kühnen Sinnes, hatte sich schon öfters als tüchtiger Kämpfer gezeigt und bei solchen Gelegenheiten stets bewiesen, daß sich mit der Gewandtheit und elastischen Ausdauer seines Körpers ein Scharfblick und eine Geistesgegenwart vereine, welche Schreck, Furcht und Angst bei ihm zur Unmöglichkeit machte.
Mit fröhlichem Sinne trabten sie neben einander dahin und die Wechselrede flog gar rasch und lebendig herüber und hinüber. Sie fühlten gegenseitig eine wahrhaft brüderliche Liebe zu einander, und es gab keine Regung des Herzens und keine Richtung des Gedankens, welche der Eine vor dem Andern hätte verbergen können. Darum vermochten sie nicht lange schweigend neben einander zu sein, und unter dem Reize des Gespräches verging eine Stunde nach der andern. Schon hatten sie Wustermark und Tremmen hinter sich und bogen nun in die Richtung auf Zachow ein, welche sie in die dichten Waldungen führte, die zwischen der Havel und den sich von Plaue bis nach Bähnitz erstreckenden Seen liegen.
Die Brüder hatten sich mit ihrem Ritte nicht sehr beeilt, und zudem war ihnen durch die für die Pferde so nothwendige Ruhe so viel Zeit verloren gegangen, daß es jetzt stark zu dunkeln begann und sie sich auf eine nächtliche Irrfahrt gefaßt machen mußten. Damals waren die Fluren Deutschlands noch lange nicht der Kultur unterworfen, welche in der jetzigen Zeit Thal und Hügel ebnet, Gebirge übersteigt, Flüsse und Seen überbrückt, Sümpfe austrocknet und die unwegsamste Wildniß nach und nach in ihren segensvollen Bereich zieht, sondern die menschlichen Wohnstätten lagen weit auseinander, und waren sie durch Wege oder Straßen verbunden, so durfte man doch an die letzteren nicht den jetzt gewöhnlichen Maaßstab legen. Ein Ritt des Nachts durch eine von Flüssen, Sümpfen und Morästen eingefaßte und durchzogene Gegend war kein ganz gewöhnliches Unternehmen, und ein Jeder, der sich diesem nicht entziehen konnte, sah sich zur Vorsicht und Aufmerksamkeit veranlaßt.
Die Unterhaltung war verstummt; man hatte auf sich selbst und die Umgebung Acht zu geben, und die Sinne mußten angestrengt werden, um jede Gefahr schon im Nahen zu erkennen und ihr gerüstet gegenüber zu treten. So ging es schweigend vorwärts; die Zeit dehnte sich lang und immer länger und fast wollte den Reitern nun die Geduld ausgehen, als ihre Aufmerksamkeit plötzlich durch ein Ereigniß in Anspruch genommen wurde, welches alle ihre Kräfte in Beschlag nahm. Es verbreitete sich nämlich mit einem Male ein glänzender Lichtschein um sie her, und zu gleicher Zeit flog ein Reiter an ihnen vorüber, dessen Nahen sie weder vorher gesehen, noch sonst auf irgend eine Weise bemerkt hatten. Er saß auf einem dunklen Rosse, dessen lange Mähne sich im Fluge wie eine Fahne nach hinten legte, ein langer Mantel wehte gespenstisch von seiner Schulter, und ein Strahlenmeer ging von ihm aus über die Umgebung hin. Schnell wie der Gedanke war er aufgetaucht und schnell wie der Gedanke war er wieder verschwunden – woher und wohin, es war nicht zu sagen, auch hatten die beiden Männer keine Zeit, darüber nachzudenken, denn das Pferd des älteren Bruders war durch das Erscheinen der helldunklen Gestalt scheu geworden, hatte dem für den Augenblick fassungslosen Reiter die Zügel entrissen und jagte nun in rasender Eile über Stock und Stein mit ihm dahin.
Karl konnte natürlich nichts Anderes thun, als auch sein Thier zur möglichsten Eile anzutreiben, um Hans nicht aus dem Auge zu verlieren, doch war dieses Bestreben vergeblich, denn bald war der Letztere im Dunkel der Nacht verschwunden, die Hufschläge seines Pferdes verhallten, und der Nachfolgende sah sich außer Stande, ihn einzuholen. Er zügelte also den Lauf seines Gaules und ritt in langsameren Schritten weiter. Er gab die Hoffnung, den Bruder wieder zu finden, keinesweges auf; dieser war ein sehr guter Reiter und hatte gewiß Alles gethan, sich vor einem Unfall zu bewahren; ein Sturz vom Pferde ist zwar nie ungefährlich, war aber schon so oft glücklich überstanden worden, daß man im Wiederholungsfalle nur lachend aufsprang und sich ruhig wieder aufsetzte. Zudem trug Hans keine Rüstung, ein Umstand, welcher ohne besondere Angst an einen Fall denken ließ.
An diesen Fall denkend, wäre Karl bald selbst zu Falle gekommen, denn sein Pferd stolperte plötzlich, raffte sich aber, da es nur im Schritte gegangen war, glücklicher Weise wieder empor, und zu gleicher Zeit drangen eine Anzahl dunkler Gestalten auf den jungen Mann ein, der im Augenblicke sein Schwert aus der Scheide hatte, um dem unvermutheten Angriffe mit demselben kraftvoll zu begegnen. Es war ein eigenthümlicher, wortloser Kampf. Keiner der Angreifenden sprach ein Wort, auch Karl erkannte, daß gegen diese Leute ein tüchtiger Hieb das beste Wort sei, und so riß er sein Pferd im Kreise herum, um von den Händen derer, welche die Zügel gefaßt hatten, loszukommen, und führte dann die Klinge mit solchem Nachdrucke, daß er sich bald als Sieger auf der Wahlstatt sah.
Jetzt stieg er ab, um nach den Gefallenen zu sehen, und stieß bei dieser Gelegenheit auf das Hinderniß, über welches sein Pferd gestolpert war. Es bestand in einem groben Baststricke, welcher von einer Seite der Straße nach der andern gespannt war, und da sein Auge sich während des Abends so ziemlich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, so gewahrte er gar bald einen dunklen Gegenstand, welcher zwischen zwei Büschen am Wege lag. Er schritt hin, um ihn zu untersuchen, und fand, daß es das Pferd seines Bruders sei. Es lag in einer Lache Blutes, welches aus einer klaffenden Brustwunde auf die Erde lief, und war also erstochen worden. Nun war ihm Alles klar: Der gespenstische Reiter hatte keine andere Aufgabe gehabt, als ihre Pferde scheu zu machen; die im Galoppe dahinsausenden Thiere sollten mit dem Seile zu Falle gebracht werden, und mit den überraschten Reitern war dann leicht fertig zu werden.
Aber von wem war dieses Unternehmen ausgegangen? Persönliche Feinde hatten die Brüder hier nicht, und zudem war ihre Reise durch diese Gegend Jedermann unbekannt, da sie von ihrer Absicht, nach Brandenburg zu gehen, zufälligerweise gegen Niemanden Erwähnung gethan hatten; es war also eher zu vermuthen, daß sie die Opfer einer ganz gewöhnlichen Wegelagerei hatten werden sollen, die nur in Beziehung auf Hans ihre Absicht erreicht hatte, denn daß dieser in die Hände dieser Leute gefallen und von ihnen in Beschlag genommen worden sei, das schien gewiß, da trotz alles Suchens keine Spur von ihm zu finden war. Die Strauchdiebe hatten den großen Fehler begangen, sich zu theilen. Die eine Hälfte von ihnen hatte den zweiten Reiter erwarten müssen, während die Anderen mit Hans davongegangen waren, damit er nicht etwa auf irgend eine Weise zur Unzeit ihre Gegenwart verrathe. So schien es zu sein, und Karl überlegte eben, was er am besten zu thun habe, um dem Bruder Hilfe zu bringen, als ein halblautes Seufzen an sein Ohr tönte, welches von der Mitte des Weges her erschallte.
Er trat dem Orte näher und erkannte, sich zu ihm niederbückend, in dem Daliegenden einen Schwerverwundeten, dem ein Stoß seines Schwertes durch den Unterleib gegangen war. Der Mann war in Folge der Wunde dem Tode nahe und brachte nur mit Mühe einige Worte hervor.
»Wasser!« stöhnte er. »Ich verbrenne!«
Es schien kein fließendes Wasser in der Nähe zu geben, deshalb brach Karl einige Stückchen Eis von einem Zapfen, welcher von einer nahen Föhre gefallen war, und schob sie dem Bittenden in den halbgeöffneten Mund.
»Gott – – ver – – gelte es Euch!« röchelte dieser.
»Sag,« fragte Uchtenhagen, »wo habt Ihr meinen Bruder? Lebt er noch?«
»Bruder? – – der – – Andere? – – Der lebt.«
»Ist er verwundet?«
»Nein – – gleich – – über ihn – – hergefallen – – hat – – gar nicht – – kämpfen – – können – – gebunden – – in die – —Ruine.«
»Wo ist die Ruine?«
»Darf – – nicht. – – Mein Schwur – – Gott, vergieb – – mir! – – Ihr auch, – – Herr! – – Ruine – – – links – – grad – – Spitze – – oh – – oh – – lebt – – wohl!«
Ein Strom dunklen Blutes quoll ihm aus dem Munde und der Kopf sank hintenüber: er war todt. Was hatte er mit den Worten: »links – grad – Spitze« gemeint? Jedenfalls: zur linken Seite gradaus gehen; aber was mit der Spitze gemeint war, das blieb Uchtenhagen ein Räthsel. Aber er besann sich nicht lange, denn wenn überhaupt Hilfe möglich war, so mußte sie rasch, schleunig gebracht werden. Sein Pferd am Zügel führend, schritt er links in die Büsche hinein und gab sich Mühe, die grade Richtung einzuhalten.
Erst wurde ihm des Thieres wegen, welches er doch unmöglich im Stiche lassen konnte, das Fortkommen schwer, da sich ihm das Unterholz hindernd in den Weg legte, bald aber hörte dasselbe auf, und durch den hochstämmigen Wald war nun die Passage verhältnißmäßig leicht. Zuweilen blickte ein Theil des Himmels durch die Baumkronen, und so konnte er die einzuschlagende Richtung wenigstens einigermaßen nach dem Stande der Sterne bestimmen. Mit Hast drängte er vorwärts, immer vorwärts, die Zügel in der einen, das blanke Schwert in der andern Hand; Zeit auf Zeit verging; seine Ungeduld wurde immer größer und größer, und ebenso wuchs die Sorge um den Bruder, dessen Schicksal ein verhängnißvolles werden konnte.
So war weit über eine Stunde vergangen, als sich nach und nach wieder niedriges Buschwerk einstellte, ein Zeichen, daß eine Blöße oder sonst irgend eine Unterbrechung des Hochwaldes zu erwarten sei. Sodann löste das Buschwerk seine feste, dichte Masse und gab hartem, scharfkantigem Schilfe Platz, welches unter der schweren Kruste von Schnee und Eis zusammengebrochen war, und endlich öffnete sich dem Blicke eine weite, glatte Fläche, deren ebener Spiegel in den Strahlen des zuweilen durch das Gewölk brechenden Mondes hell erglänzte. Es war die seeartige Erweiterung der Havel, welche in der Nähe von Ketzin beginnt und einen Flächeninhalt von mehreren Quadratstunden in Anspruch nimmt.
Bei dem Anblicke des Sees wollte sich das Gefühl der Enttäuschung in seinem Innern Platz machen, doch währte dies nicht lange, denn bald bemerkte er in einiger Entfernung rechts von sich eine Landzunge sich in das Wasser erstrecken, welche sich durch Baum— und Strauchwerk deutlich von der weißen Fläche abzeichnete. Sollte das die »Spitze« sein, von welcher der Sterbende gesprochen hatte? Es mußte wenigstens untersucht werden, und neue Hoffnung tauchte in ihm auf.
Zunächst aber war es nothwendig, das Pferd zu verbergen, und hier wollte ihm das Glück wohl, denn schon nach kurzem Suchen nach einem geeigneten Orte fand er eine zwar enge, aber desto behaglichere Dorfhütte, welche zur Aufbewahrung von allerlei Fischereigeräthschaften diente und grad’ die richtige Größe hatte, das Pferd in sich aufzunehmen. Er entfernte die Geräthe, so viel als ihm nothwendig erschien, und stellte dann das müde Thier ein, welches hier jedenfalls besser aufgehoben war, als draußen in der nächtlichen Kälte und Feuchtigkeit.
Nachdem er dies versorgt hatte, trat er hinaus, um seine Forschung unbehindert fortzusetzen.
Langsam und vorsichtig schlich er sich dem Ufer entlang, jede Gelegenheit zur Deckung benutzend, um nicht gesehen zu werden, selbst aber Alles zu sehen. Indem er das Auge scharf über die Umgebung schweifen ließ, gewahrte er in einiger Entfernung von der Spitze der Landzunge eine kleine Insel, welche jedenfalls früher zu der ersteren gehört hatte, nachher aber durch Ueberfluthungen von ihr abgetrennt worden war. Und gleich bei diesem ersten Blicke war es ihm, als ob der blitzende Schein eines Lichtes dort aufgetaucht und sofort wieder verschwunden sei. Dieser Umstand erregte seine Aufmerksamkeit natürlich in hohem Grade; er hielt das Auge längere Zeit beobachtend auf die betreffende Stelle gerichtet, und wirklich, nicht lange dauerte es, so leuchtete es drüben wieder hell und blitzartig auf. Frei von dem Aberglauben jener Zeit, nahm Karl natürlich sofort an, daß dieser Schein von Menschen herrühre, und beschloß, seine Ursache näher zu untersuchen.
Statt dem Innern der Landzunge seine Aufmerksamkeit zu widmen, schritt er am Ufer weiter fort und betrat dann der Insel gegenüber das Eis des Sees. Von hieraus gingen Fußspuren sowohl herüber als auch hinüber; es gab hier also Menschen, und zwar auf alle Fälle solche, vor denen es nothwendig war, sich zurückzuziehen; trotzdem aber beschloß der junge Mann, das Wagniß, über den freien Raum nach der Insel zu gehen, zu unternehmen. Die Sorge um den Bruder machte ihn taub gegen die warnende Stimme der Vorsichtigkeit, die ihm sagte, daß er bemerkt werden müsse; er suchte die Leute, welche hier lebten und hausten, er hatte ein Lebenszeichen von ihnen gesehen und wollte es nun nicht unterlassen, demselben nachzustreben.
Raschen Schrittes eilte er vorwärts und hatte in wenigen Augenblicken die Insel erreicht. Dieselbe war von Schilf, Buschwerk und einigem spärlichen Baumgewächse bestanden und war von so geringer Größe, daß sie in ihrem ganzen Umfange leicht überschaut werden konnte. Aber Niemand war zu sehen; es mußte eine Hütte, ein Versteck oder sonst irgend ein Ort vorhanden sein, in welchem der Träger des Lichtes verschwunden war. Das beste Mittel, ihn aufzufinden, war jedenfalls, seinen Spuren nachzugehen. Diese führten nach einem Punkte, welcher ungefähr in der Mitte der Insel lag, und verschwanden da in einem üppigen Dorngestrüpp, welches zur Sommerszeit dem Hindurchkommen ganz bedeutende Hindernisse in den Weg legen mußte.
Er drang hinein und stand nach wenigen Schritten vor einem Loche, welches in senkrechter Richtung hinab in die Erde führte. Er lauschte hinab, aber nichts regte sich da unten, und kein Laut war zu vernehmen. Stak überhaupt Jemand unten? Er untersuchte das Loch und gewahrte eine Leiter, mittelst welcher es ermöglicht wurde, hinab zu steigen. Sollte er dieses wagen? Er begab sich damit jedenfalls in große Gefahr; er konnte ja längst bemerkt worden sein und während des Hinabsteigens angegriffen und überwältigt, wohl gar getödtet werden. Aber das konnte ihn nicht abhalten, die einmal angefangene Forschung weiter fortzusetzen. Er setzte den Fuß auf die oberste Leitersprosse und stieg, mit den Händen immer festen und sichern Halt nehmend, weiter. Die Fahrt führte ihn nicht zu tief, vielmehr berührten seine Füße gar bald den festen Erdboden, wo er sich vollständig im Dunkeln befand, den leisen Schein abgerechnet, welcher von dem Stücklein Himmel, der in das enge Loch hereinschaute, hinunterdrang.
Der kleine, enge Raum, in welchem er sich befand, war vollständig rund und mit Bruchsteinen ausgemauert; aus diesem Umstande und der Nässe, welche in ihm herrschte, ließ sich schließen, daß er ehemals als Brunnen gedient habe und später verschüttet worden sei. Auf einer Seite war ein niedriger und sehr enger Stolln schief abwärts geteuft, aus welchem ein feuchtkalter, moderiger Luftzug drang. In seinem Innern, darüber war kein Zweifel, war das Licht verschwunden, denn noch sah man weit hinten einen matten, dämmernden Schein, welcher sich entfernte und endlich ganz verschwand.
Sollte Karl den Stolln betreten? Es drohte ihm jedenfalls mancherlei Gefahr in demselben; aber diese Gefahr kam bei seiner Liebe zu dem Bruder gar wenig in Betracht – er zog den Gnadegott aus der Scheide, da in dem engen Raume das Schwert keine Dienste thun konnte, und drang, sich bückend, vorwärts. Die Sohle das Ganges war eben, ein Umstand, welcher die Bewegung sehr erleichterte, und da die Richtung eine schnurgerade war, so hatte Karl bald das nahe Ziel erreicht: eine schimmernde Helle drang ihm entgegen, und er sah sich vor einer kreisförmigen Erweiterung des Stollns, in welcher derselbe allem Anscheine nach seinen Abschluß fand.
Er warf einen Blick in den Raum und bebte bei dem, was sich seinem Auge bot, von tiefstem Mitleide ergriffen zurück. Rund im Kreise lagen eine Anzahl männlicher Gestalten auf vollständig verfaulter Waldstreu am Boden, an Händen und Füßen gefesselt und mittelst eines starken Lederriemens, welcher sich um den Hals zog, an die Mauer befestigt, so daß ihnen ein Erheben von dem schlammigen Boden vollständig unmöglich war. Weder Licht noch Luft drangen in diese Grube, und der Dunst, welcher aus derselben in den Stolln drang, war kaum auszuhalten und gradezu zum Ersticken.
Jetzt, in diesem Augenblicke waren die Gegenstände alle deutlich zu erkennen, denn in der Mitte des Raumes stand eine breite, untersetzte und bis an die Zähne bewaffnete Gestalt, welche einen lodernden Kienbrand in der Hand hielt und mit demselben Einen nach dem Andern der Daliegenden beleuchtete.
»Wieder einer todt von Euch Hunden!« sprach der Mann, indem er einem der lang ausgestreckten Körper einen Fußtritt ertheilte, der ihn auf die andre Seite warf. »So müßt Ihr alle noch dran! Ja, ja, der Hunger ist ein schlimmer Gesell, und wer mit ihm anbindet, der bezahlt es mit dem Leben. Aber recht ist es Euch, warum habt Ihr Euch von dem Teufel verleiten lassen, ehrliche Kerls werden zu wollen. Leben wir in unserm Waldschlosse nicht wie Fürsten? Ein wenig knapp zwar geht es her, seit uns der »Schwarze« aufgegeben hat, aber er hat uns beim Abschiede versprochen, wieder zu kommen, und das wird er auch, denn er hat noch niemals sein Wort gebrochen, und es giebt bei uns gewisse Dinge, die er nicht im Stiche lassen kann. Darum war es dumm von Euch, fortgehen zu wollen, wo wir doch Leute brauchen, denn der »fliegende Reiter«, welcher im Walde spukt und vor dem die albernen Leute sich so ungeheuerlich grausen, beginnt, gute Geschäfte zu machen. Die Anderen wären wohl kaum auf den unheilvollen Gedanken gekommen, wenn Du nicht gewesen wärst, Jobst, und deshalb sollst Du auch am längsten leben bleiben und sie alle vorher sterben sehen, ehe Du selbst an die Reihe kommst. Hier hast Du einen Trunk und einen Bissen Brod, das wird Dir den Athem auf einen Tag länger erhalten!«
Er bog sich zu einem der Gefangenen nieder und machte ihm eine Hand von den Banden frei.
»Da, nimm, iß und trink und sei guten Muthes! Du wirst es wohl nicht bald wieder so gut bekommen wie bei mir. Hast keine Sorge, kannst auf der Bärenhaut liegen und Dich pflegen. Na, greif zu, oder ich bringe Dir’s auf andre Weise bei!«
Der Angeredete rührte sich nicht; einige der Uebrigen bewegten sich unter Zuckungen und stießen ein herzergreifendes Stöhnen und Wimmern aus; die Qualen des Hungers, welcher ihnen den Tod bringen sollte, waren zu groß, als daß ihre Kraft zugereicht hätte, dieselben zu verschmerzen; er aber lag still und ruhig am Boden und keine Bewegung, kein Laut zeigte, daß noch Leben in ihm vorhanden sei. Er wollte sich das Sterben nicht durch die armselige Nahrungsspende verlängern lassen und widerstand der Gier, welche der Anblick des Brodes in ihm erweckte.
»Du willst nicht? So wirst Du wohl müssen! Oh, wir sind stets Freunde gewesen, und darum hat mich der »Reiter« auch zu Eurem Wärter bestellt. Ich kann nicht leiden, daß Dir der Magen zusammendorret, und darum werde ich Dich füttern. Komm her!«
Er umschlang den freigegebenen Arm, damit derselbe keinen Widerstand leisten könne, wieder mit dem Stricke und zog dann das Messer aus dem Gürtel. Nachdem er den Kienspahn in eine Mauerritze gesteckt hatte, faßte er mit kräftigem Drucke den Gefangenen beim Halse, um denselben zum Oeffnen des Mundes zu zwingen, und schob ihm dann die breite Klinge zwischen die Zähne, in der Absicht, ihm den Mund aufzubrechen. Der Gemarterte biß die Kinnladen fest zusammen, und deutlich hörte man das Knirschen des Eisens, welches erbarmungslos in dem Munde des Armen wühlte.
Das war zu viel für Karl. Aus den vernommenen Worten konnte er leicht schließen, daß die Gefesselten gefangene Räuber seien, welche die Absicht, sich von ihrem verbrecherischen Leben loszusagen, mit dem Hungertode büßen sollten. Wenn er ihnen Hilfe brachte, so konnte er gewiß sein, daß sie ihm ihre vollste Dankbarkeit erweisen würden; deshalb trat er herzu, packte den tückischen Henker beim Nacken und stieß ihm mit der Rechten den Gnadegott so tief und kräftig zwischen die Schultern, daß er bis vor zum Herzen drang und der Getroffene sofort todt zusammenbrach.
Betroffen von diesem plötzlichen Ereignisse, welches ihnen vollständig unbegreiflich war, blickten die Gefesselten auf. Sie sahen ihren Peiniger in seinem Blute liegen, aber sie wußten nicht, ob ihnen aus seinem Tode Glück oder Unheil erwachsen werde.
»Wer seid Ihr?« frug einer von ihnen, indem er sich vergebliche Mühe gab, sich aufzurichten.
»Habt keine Sorge,« erwiderte Uchtenhagen; »ich bin gekommen, Euch zu erlösen!«
Da die Banden nicht von Eisen waren, so wurden sie mit wenigen Schnitten von den erstarrten und blutig unterlaufenen Gliedern genommen, und die Männer waren nun im Stande, sich wenigstens soweit zu erheben, als es ihre gesunkenen Kräfte zuließen.
»Wasser, Wasser und Brod!« baten sie. Karl war nicht im Stande, diesem Verlangen nachzukommen, aber er versprach, vor der Hand wenigstens ihren Durst zu löschen. Er begab sich durch Stolln und Brunnenschaft nach oben und brachte ihnen einen Ballen Schnee, über welchen sie gierig herstürzten, da die wenigen Tropfen Wassers, welche ihr früherer Gefährte für Jobst mitgebracht hatte, nach wenigen Schlucken alle geworden waren. Auch die Brodrinde, die man bei ihm fand, verschwand augenblicklich unter den Händen der vom Hunger Gepeinigten, und nur die Sorge um ihre Sicherheit konnte sie abhalten, sich hinauszustürzen, um ihre nagenden Bedürfnisse auf alle Fälle und augenblicklich zu befriedigen.
»Wartet nur noch kurze Zeit, dann werdet Ihr haben, wornach Euch verlangt!« mahnte Karl. »Euer Schicksal kenne ich ein wenig; ausführlich müßt Ihr mir es später erzählen; jetzt aber sagt mir vor allen Dingen, ob ich auf Euren Beistand rechnen kann!«
Er erzählte ihnen das Geschehene, und mit Freuden gaben sie ihm ihr Wort, ihn in seinem Vorhaben nach allem Vermögen zu unterstützen.
»Ihr habt uns von einem gräßlichen Tode errettet, Herr,« sprach Jobst, welcher einen ihm über die Anderen freiwillig eingeräumten Vorrang zu begleiten schien, »und so werden wir Euch in allem unterstützen, was zum Gelingen Eures Vorhabens erforderlich ist. Aber wir wünschen dabei, daß wir nicht etwa später um unserer früheren Sünden willen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. Wenn Ihr uns dieses versprecht, so bin ich bereit, Euch zu Eurem Bruder zu führen, ohne daß Ihr von Jemandem bemerkt werdet. Ich kenne den Ort, an welchem die vornehmen Gefangenen aufbewahrt werden, bis sie ihr Lösegeld bezahlt haben oder sterben müssen.«
Uchtenhagen versprach ihm Vergebung alles Geschehenen und forderte ihn dann auf, mit dem Werke der Rettung nicht lange zu säumen.
»Ich bin bereit, mit Euch aufzubrechen und Euch zu führen; meine Kräfte sind noch stark genug zum Gehen, aber die Gefährten hier müssen zurückbleiben; sie vermögen nicht, den Weg zu machen, und werden erst dann mit uns gehen können, wenn wir ihnen Speise und Trank gebracht haben. Seht hier die bereits Gestorbenen! Ihr könnt daraus schließen, wie arg der Schmerz in unserm Innern wüthet.«
Mit Grauen wandte sich der junge Mann von dem schaudervollen Anblicke ab und schritt dem Räuber voran, welcher ihm nicht eher folgte, als bis er den Seinen mit den heiligsten Worten versprochen hatte, zurückzukehren, um ihnen Speise und Trank zu bringen und sie dann mit hinaus zu nehmen in die Freiheit. Er hatte die Waffen des Erstochenen an sich genommen und schwur mit grimmiger Bitterkeit, Jeden ohne Gnade und Erbarmen niederzustoßen, der es wage, sich ihm in den Weg zu legen. Oben angekommen, blieb er stehen und musterte das nicht ferne Ufer des Sees.
»Wenn wir schnell laufen, kommen wir vielleicht hinüber ohne gesehen zu werden. Besser aber ist es, daß wir einzeln gehen, dann werden sie denken, es ist der Wärter, welcher aus dem Brunnen zurückkehrt. Laßt mich voranschreiten; ich werde Eurer hinter der Buschecke warten, welche ihr hier grad’ gegenüber erblickt!«
»Sag mir vorerst Deinen Namen, ehe Du gehst!«
»Den einen habt Ihr schon gehört, der andere heißt Schwalbe, Jobst Schwalbe also heiße ich vollständig. Ihr werdet von mir und über mich vielleicht noch gar Manches hören, und wenn Ihr mir Gelegenheit dazu bietet, auch Vieles sehen, was Eure Zufriedenheit erlangen soll. Jetzt aber laßt uns nicht länger plaudern, denn wir müssen das Unsrige gethan haben, noch ehe der Morgen graut.«
Langsamen Schrittes begab er sich über das Eis, und nur kurze Weile, nachdem er drüben angelangt war, folgte ihm Uchtenhagen. An dem bezeichneten Orte trafen sie zusammen, und der Letztere sah nun mit lebhafter Spannung dem Kommenden entgegen. Er hatte vor, an der Seite eines einzigen Mannes, auf dessen Treue er noch nicht einmal sicher bauen konnte, in die Mitte einer Schaar von Strauchdieben einzudringen, um seinen Bruder zu finden, der ganz gewiß unter einer scharfen Bewachung stand. Dieses Unternehmen war nicht nur ein schwieriges, sondern es war auch mit den mannigfaltigsten Gefahren verbunden; doch ging er mit freudigem Muthe daran; das Romantische des Abenteuers sprach ihn an, und es galt ja nicht nur eine theure Seele, sondern auch noch Andere zu erretten, denen er seine Hilfe versprochen hatte.
»Was haben wir jetzt zu beginnen?« fragte er.
»Das werdet Ihr gleich sehen! Ich bin der Vertraute des »Schwarzen« gewesen und kenne die Wege und Schliche besser als selbst der »Reiter«, dem die Mannen jetzt an seiner Stelle gehorchen müssen. Darum – —«
»Wer war der »Schwarze«, und wer ist der »Reiter«?« unterbrach ihn Karl.
»Habt Ihr noch niemals etwas von dem »schwarzen Dietrich« gehört?«
»O ja; also den meinst Du?«
»Den und keinen Andern. Wer er war, das weiß ich nicht und keiner von uns. Er kam und ging, ohne daß wir wußten, woher und wohin; aber wenn er kam, so gab es stets einen guten Streich. Er hatte verschiedene Orte, wo er mit seinen Gesellen hauste, hier, an der Spree, im Zotzen und sonst noch weiter, aber hier ist er am liebsten gewesen, und hier sind auch die Gewölbe, in denen er die Reichthümer verwahrt hält, welche er den Rittern, Städten und Leuten abgenommen hat, gegen welche wir auf der Lauer gelegen haben. Lange Zeit ist er nicht hier gewesen, aber er hat uns seine Rückkehr verheißen und den Mann zum Anführer gesetzt, welcher auf seinem Pferde und mit einer brennenden Leuchte unter dem Mantel die Bewohner der Gegend zu fürchten macht. Der »Schwarze« bleibt diesem zu lange aus, und nun hat er die Gesetze vernichtet, welche früher unter uns herrschten, und treibt gewöhnlichen Straßenraub, der mir und vielen Anderen ein Gräuel ist. Auch nach den Schätzen hat er geforscht, deren Versteck nur ich allein kenne, und weil ich ihm denselben nicht verrathen mochte, so ist er mir zuwider gewesen in Allem, bis ich mit meinen Freunden den Entschluß faßte, fortzugehen. Das ist ihm verrathen worden, und so hat er uns binden und in den Brunnen werfen lassen, in welchem wir Hungers sterben sollten. Dabei aber wurde ich doch vor den Uebrigen geschont, weil er hoffte, ich würde ihm das Versteck entdecken, um dem Tode zu entgehen; allein ich wäre lieber zehnmal gestorben, als daß ich desselben auch nur mit einem einzigen Worte erwähnt hätte.«
»So giebt es hier im Walde wohl Höhlen, in denen Ihr wohnet?«
»Nicht in Höhlen, sondern in einer Ruine wohnen wir, die in dem weiten Umkreise so verrufen ist, daß sich Niemand in ihre Nähe wagt. Früher, als es noch Heiden hier gegeben hat, haben die Christen einen Einfall gemacht und nach einem großen Siege begonnen, ein mächtiges Kloster zu bauen, von welchem aus das ganze Land bekehrt werden sollte; sie wurden aber wieder vertrieben, und der Bau, welcher kaum zur Hälfte fertig war, ist liegen geblieben und nach und nach in Trümmer zerfallen. In ihnen hausen die Geister der Erschlagenen, wie das Volk hier meint, und sie werden gemieden von Jedermann. Daher sind wir in unserm Treiben nie gestört worden, da wir uns jeder That in der Nähe enthielten, bis der »Schwarze« ging und der »Reiter« an seine Stelle trat. Dieser schont der Nachbarn nicht mehr, und so muß die Zeit kommen, in welcher man unserm Aufenthalte nachspürt, ihn entdeckt und an uns Rache für unser Thun und Treiben nimmt.«
»Und wo ist die Ruine?«
»Sie beginnt gleich hier in der Nähe. Die Priester, welche den Ort bestimmten, an dem das Kloster stehen sollte, haben sich das schönste Plätzchen im weiten Umkreise ausgewählt, nämlich hier auf der Landzunge, wo man in beschaulicher Abgeschlossenheit Gott dienen und die Schönheiten seiner Natur genießen und doch zu Land und Wasser in Verbindung bleiben konnte mit der übrigen Welt. Wenige Schritte von uns zieht sich die Clausurmauer hin, welche ein gar großes Viereck bildet, welches die Mönche ohne besondere Erlaubniß nicht überschreiten sollten. Dann kommen die eingefallenen Gebäude, das Refectorium, der Conventsaal, die Kirche, eine Reihe von Zellen, welche zusammen einen Hof umschließen, der von einem noch ziemlich erhaltenen Bogengange eingefaßt ist.«
»Und in all’ diesen Räumen habt Ihr Euer Lager aufgeschlagen?«
»Nein, denn das wäre ja die offenbarste Unvorsichtigkeit, vielmehr könntet Ihr dort suchen, so viel Ihr nur immer wolltet, Ihr würdet doch nicht die geringste Spur von uns entdecken. Die Ruinen bieten der unterirdischen Räume, als da sind Keller und Gewölbe, so viele und so gut verborgene, daß man lange suchen müßte, um unsern Aufenthalt zu entdecken, zumal wir uns große Mühe gegeben und viel gebaut haben, damit wir nicht allein sicher, sondern auch behaglich wohnen könnten. An gewissen Stellen der Mauer sind Wachen aufgestellt, deren scharfen Sinnen das Nahen keines Fremden entgeht, und es ist ein günstiger Zufall, daß Ihr nicht von ihnen bemerkt worden seid. Vielleicht hat Euer Bruder den Leuten so viel Mühe gemacht, daß selbst die Wachen zu seiner Ueberwältigung herbeigerufen werden mußten. Da ich aber Alles genau weiß und kenne, so werden wir ungesehen und ungehört hindurchkommen. Doch zuvor erlaubt, daß ich den Meinen ein wenig Nahrung bringe, damit sie im Stande sind, uns zu folgen, wenn wir den Ort verlassen!«
»Diese Forderung will mir gar wenig behagen. Die Sorge um den Bruder peinigt mich dermaßen, daß es mir schwer würde, zu warten, bis Ihr wiederkehrt. Und wenn man Euch bei der Ausführung Eures Vorhabens ergreift, so geht mir nicht nur Eure Hilfe verloren, sondern Ihr bringt Euch und die Euren in größeres Unglück, denn je zuvor.«
»Tragt um mich keine Sorge! Und wenn sie mich erblickten und Alle nach mir fahndeten, so würde es ihnen doch nicht gelingen, meiner habhaft zu werden. Nur ein einziges Mal hat man mich überraschen können, da ich nicht ahnte, daß wir verrathen seien; jetzt aber, da ich meine Lage kenne, hat es um mich keine Noth. Zudem bedarf ich selbst auch der Erquickung und werde Euch dann besser dienen können als jetzt, wo ich todesmatt bin von dem vielen und unfreiwilligen Fasten.«
»So gehe hin; ich werde Dich hier erwarten!«
»Kommt mit mir bis über die Mauer, da werde ich Euch ein Oertlein zeigen, an dem Ihr sicher harren könnt, bis ich wiederkehre.
Mit diesen Worten schritt er vorsichtig vorwärts. Karl folgte ihm. Es war, wie Jobst gesagt hatte: sie kamen schon nach wenigen Schritten an eine hohe und breite Mauer, welche aber an einigen Stellen so verwittert oder gar eingefallen war, daß es mit Benutzung der weitklaffenden Steinfugen sehr leicht war, sie zu überklettern. Dies thaten sie, und drüben angekommen, eilte Jobst nach einer raschen und sorgfältigen Umschau rasch auf einen Trümmerhaufen zu, welcher an einer Ecke der Kirchenseite zu bemerken war. Dort angekommen, packte er einen großen Quaderstein, welcher sich gegen andere lehnte, und gab sich alle Mühe, ihn auf die Seite zu schieben.
»Helft mir, Herr! Ich bin jetzt zu schwach, um diese Last zu bewältigen! Euer Versteck liegt hinter diesem Steine.«
Karl griff mit zu; der Quader bekam eine Wendung und es wurde ein kleiner, dunkler Raum sichtbar, grad’ groß genug, um in denselben hinein zu kriechen.
»Hier müßt Ihr hinein. Wartet mein; ich werde bald zurückkehren!«
Uchtenhagen leistete dieser Aufforderung nur ungern Folge. In dem engen Loche war es ihm unmöglich, sich zu vertheidigen, vielmehr war er dem Zufalle und möglicherweise auch dem wohlüberlegten Verrathe da vollständig widerstandslos preisgegeben. Jobst bemerkte seine Unentschlossenheit und bat:
»Habt Vertrauen zu mir, Herr; es wird Euch hier nichts Böses widerfahren, sondern Ihr seid hier wohl geborgen vor aller Fährlichkeit, die Euch hier außen treffen könnte!«
Diese in dringendstem Tone gesprochenen Worte vermochten ihn endlich, sich hinter dem Steine niederzukauern; dieser legte sich über ihn, und dann hörte er die sich leise entfernenden Schritte seines Verbündeten.
Einige Zeit lang hielt er es in der unbequemen Stellung, welche zu nehmen er gezwungen war, aus, dann aber griff er um sich, um einen Punkt, sich anzulehnen, zu finden. Dabei gewahrte er, daß das Loch nach hinten keinen Abschluß habe, sondern weiter lief; der Trümmerhaufen bestand nicht aus einer compacten Masse, sondern war hohl. Er kroch weiter und fühlte bald, daß der Raum über ihm höher geworden sei; jetzt war es ihm möglich, sich vollständig aufzurichten, und sein Tastsinn überzeugte ihn, daß er sich unter einer in der Kirchenmauer angebrachten Thüröffnung befände, welche durch die Steine verdeckt worden war. Zu gleicher Zeit bemerkte er, daß der Fußboden nicht eben fortlaufe, sondern in Stufen nach unten gehe. Er schritt dieselben hinab; es waren ihrer nur wenige und sie gingen in ein viereckiges Gemach, welches an den drei anderen Seiten von festen Mauern umschlossen wurde.
Wo befand er sich? Bei der totalen Finsterniß, welche um ihn herrschte, war es ihm unmöglich, seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort mit den Augen zu untersuchen; es herrschte in demselben eine gedrückte, feuchte, moderige Luft.
Er klopfte leise, um sich für mögliche Fälle nicht zu verrathen, an die Wände und gewahrte an dem dabei vernommenen Tone, daß diejenige, welche dem Eingange gegenüberlag, an zwei Stellen dünner sei als die beiden anderen, und die weitere Untersuchung dieser Stellen überzeugte ihn, daß hier früher Oeffnungen für eine Thür und ein Fenster angebracht gewesen seien, die jetzt zugemauert waren. Demzufolge befand er sich wahrscheinlich in der Sakristei, dem Aufenthaltsorte des Predigers während derjenigen Zeit des Gottesdienstes, in welcher er dem Publikum, der Gemeinde unsichtbar blieb. Die neu eingesetzten Mauertheile waren nur dünn, und er verhielt sich von jetzt an vollständig ruhig, da jedes von ihm verursachte Geräusch von Personen, welche sich möglicherweise dahinter befinden konnten, leicht zu bemerken war.
So verging eine geraume Zeit, und schon begann die Ungeduld über das Außenbleiben Jobsts sich einzustellen, als seine Aufmerksamkeit durch zwei Stimmen in Anspruch genommen wurde, die hinter der angegebenen Mauer hörbar wurden. Es war eine männliche und eine weibliche.
»Ist es mein Sohn, den Ihr mir endlich gebracht habt?« frug die letztere.
»Noch nicht. Du wirst ihn aber sehr bald sehen.«
»Nicht, nicht, immer nicht und ewig nicht. Dreitausend Jahre schon warte ich hier auf das Wiedersehen meiner Kinder, die Ihr mir geraubt sammt ihrem Vater. Der schwarze Mann versprach mir immer, daß ich sie bald wieder in meine Arme schließen werde, und seit er nicht mehr kommt, versprecht Ihr es mir an seiner Stelle; aber Euer Versprechen geht nicht in Erfüllung. Mein Haar ist grau, steinalt mein Gesicht, die Augen dunkel und krank mein Herz; soll ich noch tausend Jahre warten, bis sie kommen? Ich möchte sterben, aber ich sterbe nicht; ich möchte weinen, aber ich habe keine Thränen mehr; ich möchte wüthen und um mich schlagen wie früher, aber ich habe keine Kraft dazu. Und denken kann ich auch nicht mehr, es brennt mir lichterloh im Kopfe und feurige Räder rollen durch mein Gehirn. Gebt mir meinen Gemahl, meine süßen Kinder wieder, und ich will Euch alles Leid verzeihen, welches Ihr mir bereitet habt!«
»Wartet nur noch eine kleine Weile, dann werden sie kommen und Euch abholen!«
»Warten, und immer wieder warten! Ich habe gewartet, bis ich alle Namen vergessen habe, den meinigen und den meines Geliebten; auch wie die Kinder heißen, weiß ich nicht mehr. Sagt mir doch, waren es Knaben, oder waren es Mädchen? Es ist so traurig, von ihnen geschieden zu sein! Ich weiß nicht mehr, was der schwarze Mann von mir wollte, aber er sagte mir oft, daß ich so schön sei und daß ich sie wiedersehen würde, wenn ich ihn nicht mehr so bös ansähe; nun bin ich häßlich geworden und er kommt nicht; ich wollte ihm gern ein freundlich Angesicht zeigen, damit er mir meinen Wunsch erfülle, aber er kommt nicht; ich wollte vor ihm knieen, ihm die Füße küssen, wie ich es so oft gethan habe, und ihn bitten, aber er kommt nicht. Er kommt nicht und der Tod auch nicht; ist das nicht traurig? Nehmt doch das große Messer, welches Ihr hier an der Seite tragt, und stoßt es mir in die Brust! Mein Herz thut mir wehe, und es wird ruhig werden, wenn Ihr es gut getroffen habt. Ihr schüttelt mit dem Kopfe? Geht, Ihr wollt mich auch quälen so wie die Anderen alle, aber ich werde doch noch sterben, und dann – nein, nein, weicht fort von mir! Ich bin nicht mehr schön, und Ihr sollt mich nicht anrühren. Eure Augen glühen wie Feuer und Eure Hände brennen wie die Krallen des Teufels. Ihr seid in der Hölle geboren; macht Euch von hinnen, geht; geh, geh, Du Teufel, der meine Seele verderben und meinen Leib vernichten will!«
Sie hatte mit immer wachsender Aufregung gesprochen, und die letzten Worte klangen kreischend und schneidend wie die Worte einer Wahnsinnigen. Der Mann antwortete darauf mit leiser, eindringlicher, begütigender Stimme, sie aber stieß jene seufzenden Ausrufungen aus, welche die Anstrengung, sich aus den Armen einer kräftigen Person zu befreien, hervorbringt.
»Laß mich, laß mich, nimm Deine Hand von mir, Unseliger! Dein Odem ist heiß und Dein Angesicht verzerrt; ich mag Dich nicht sehen, ich kann Dich nicht leiden! Ich gehöre nur Einem, und der ist stark und mächtig. Siehst Du, wie er um sich schlägt und wie sie fallen vor seinen gewaltigen Streichen? Mir ist so angst und die Kinder wimmern. Ich schreie und rufe, aber Niemand will kommen, um ihm beizustehen und den gräßlichen Reiter vom Pferde zu schlagen. Aber horch! Raschelt es nicht in den Zweigen? Es kommt Einer und noch Einer. Sie werfen sich mit Macht auf sie, aber der Erste fällt und der Zweite läßt sich von hinnen locken. Meine Sinne schwinden mir – und nun wache ich auf, die Kinder sind fort, er ist fort und ich, ich bin gefangen. Aber er wird wiederkommen und die beiden Anderen auch, und dann, dann – gehe, sage ich Dir, gehe, sonst tödte ich Dich. Ha, das ist Dein Dolch! Ich habe ihn Dir entrissen und werde ihn in Dein giftiges Blut tauchen. Fort, fort, Schlange, sonst stoße ich zu!«
Es war dem entschlossenen und frohlockenden Tone anzuhören, daß sie sich losgerissen hatte und mit gezückter Waffe vor ihm stand. In dem Inneren Uchtenhagens kochte es; alle seine Fibern zuckten, ihr beizuspringen, aber die Mauer befand sich zwischen ihm und ihnen. Sein Blut wallte vor Zorn und Aufregung ihm heiß durch die Adern; die Hände ballten sich und die Füße zuckten gegen das feste Gestein, als wollten sie es mit kräftigem Tritte zermalmen. Da – was war das? Bei dieser Bewegung trat er gegen einen Gegenstand, der seine sofortige Beachtung in Anspruch nahm. Er bückte sich, um ihn mit den Händen zu untersuchen und fand, daß es eine starke Eisenstange sei, welche mit ihren beiden Enden fest in den untersten Mauerstein eingelassen war und einen breiten Griff bildete, mit dessen Hülfe – – er dachte nicht weiter, sondern faßte die Stange, stemmte die Kniee kräftig gegen den Boden und zog. Der Stein gab nach; er löste sich von der Mauer ab und ließ sich ohne jegliches Geräusch nach innen ziehen; zwei Riemen waren in den Boden gefugt, in welchem sich jedenfalls einige Rädchen bewegten, auf denen er ruhte. Die entstandene Oeffnung war so groß, daß selbst ein starker Mann hindurchkriechen konnte, und mündete jenseits unter einer Steinbank, deren breiter Sitz sie vollständig verdeckte. Diese Vorrichtung war jedenfalls eines jener Geheimnisse, von denen Schwalbe gesagt hatte, daß nur er und der »Schwarze« sie kenne. Ohne weitere Ueberlegung und nur dem einen Drange, der bedrohten Frau beizustehn, folgend, schob er sich hindurch und sah sich in einem von hohen Mauern eingeschlossenen länglichen Vierecke, dem die Decke fehlte; es war das in Trümmer gegangene Schiff der Kirche.
Kein Licht brannte, aber der Schein der Sterne ließ die beiden Gestalten deutlich erkennen, welche in feindseliger Haltung vor ihm standen. Der Mann war lang und schlank und schien Bedenken zu hegen, sich dem Weibe zu nahen, welches mit erhobenem Arme seines Angriffes wartete. Sie war hoch und voll gebaut; das aufgelöste Haar wallte ihr lang über den Körper herab, und ihre Formen zeigten eine Schönheit, welche selbst die lange Gefangenschaft nicht zu zerstören vermocht hatte.
»Wage es nur, einen Schritt zu thun! Ich habe mehr als tausend Jahre gegen Deine widerliche Liebe gekämpft, aber ich habe Dich geschont, weil Deine Häßlichkeit mich erbarmte. Jedoch nun ist meine Geduld zu Ende, und der Tod erwartet Dich, wenn Du nicht von mir lässest!«
»Meint Ihr?« fragte er. Mit einem raschen Griffe hatte er ihre bewaffnete Hand erfaßt und entriß ihr den Dolch. »So, jetzt habe ich Euch wieder, und nun wollen wir sehen, wer Erbarmen hat, Ihr oder ich!«
Er hielt sie umfaßt und drückte sie fest und kräftig an sich. Sie wehrte sich gegen die gewaltsame Umarmung, aber ihre Kräfte reichten nicht zu, sich loszuringen.
»Siehst Du, meine Taube, daß Du gehorchen mußt, wenn ich will. Komm; noch bist Du schön, und – halt, was ist das!« unterbrach er sich. Zwei Hände hatten ihn ergriffen und schnürten sich mit solchem Drucke um seine Arme, daß er die Frau fahren ließ, um sich gegen den unerwarteten Angreifer zu wenden. Dieser aber hatte nur diesen Augenblick erwartet, hob ihn empor und schleuderte ihn dermaßen zu Boden, daß sein Körper in allen Gliedern erkrachte. Dennoch aber hatte ihn der Fall nicht zu Schaden gebracht, denn noch ehe Uchtenhagen ihn wieder fassen konnte, war er aufgesprungen und hatte die Arme um ihn gelegt. Der Dolch war ihm entfallen; er mußte den Unbekannten so halten, daß dieser von seinen Waffen auch keinen Gebrauch zu machen vermochte. Dies that er und stieß dabei einen scharfen, durchdringenden Pfiff aus. Dieser Ruf galt auf alle Fälle seinen Genossen, und Uchtenhagen erkannte, daß er sich in der höchsten Gefahr befinde und vielleicht verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, den Gegner unschädlich zu machen. Es gelang ihm, seine Arme aus der Umschlingung zu befreien, und im nächsten Augenblicke stak sein Gnadegott in der Brust des Räubers. Dieser stieß ein heiseres Brüllen aus, fuhr mit den Händen convulsivisch durch die Luft und sank zu Boden.
»Kommt, kommt,« raunte jetzt Karl der Frau zu; »bückt Euch und versucht, durch diese Oeffnung zu kommen! Dieser enge Weg führt zur Freiheit.«
»Zur Freiheit?« frug sie zweifelnd. »Ich kenne die Freiheit nicht; ich weiß nicht, wie sie ist und auch nicht, was Ihr meint.
»Schnell, schnell,« drängte er, »sonst kommen sie und wir sind verloren!«
»Sie? Wer? Ich bin schon längst verloren und Ihr seid es auch. Ich gehe nicht von hier, bis die kommen, die ich lieb habe. Ich habe sie erwartet nun fast Millionen Jahre; aber jetzt sind sie auf dem Wege. Hier im Herzen wohnt eine Stimme, die sagt es mir, und so darf ich nicht mit Euch gehen, denn dann würden sie mich ja nicht finden.«
»Ja, Ihr habt recht, sie sind schon auf dem Wege,« antwortete er, auf ihre Idee eingehend, um sie zur Eile zu bewegen. »Ich soll Euch zu ihnen führen; kommt, sonst glauben sie, Ihr habt ihrer vergessen und wollt Nichts von ihnen wissen!«
»Zu ihnen führen? Warum kommen sie nicht selbst?«
»Weil man Euch nicht gehen lassen würde, wenn sie Euch losforderten. Wir müssen heimlich entweichen, denn wenn man uns bemerkt, so werden wir in Fesseln gelegt.«
»Das ist schlimm! Ich habe auch in Fesseln gelegen viele, viele Jahre. Kommt, laßt uns fliehen! Ich will zu meinen Kindern und zu ihm, zu ihm, o kommt, kommt!«
Jetzt bog sie sich freiwillig nieder, um durch die Oeffnung zu schlüpfen, welche Karl ihr zeigte. Aber schon war es zu spät zur Flucht, wenigstens für ihn, denn schon wurde es in dem dunklen Raume hell. Der Pfiff des Erstochenen war gehört worden, und seine Leute eilten jetzt herbei, um nach der Bedeutung des Signales zu forschen. Sie erreichten den Ort grad’ in dem Augenblicke, an welchem die Frau verschwunden war, sahen den Leichnam in seinem Blute liegen und stürzten sich mit lautem Wuthgebrüll auf Uchtenhagen, welcher sie mit dem entblösten Schwerte empfing.
Anfangs waren ihrer nur wenige, bald aber rief das Lärmen noch Andere herbei; der junge Mann wurde umzingelt und mußte erkennen, daß selbst die Kräfte eines Herkules nicht hinreichen würden, ihn von seinen Widersachern zu erlösen. Es gab für ihn nichts, als nur den Tod, und um sein Leben so theuer wie möglich zu erkaufen, focht er mit heldenmüthiger Tapferkeit, bis er von den Feinden so umdrängt ward, daß er für die Klinge nicht den nöthigen Spielraum mehr fand. Sie ergriffen ihn, warfen den aus mehreren Wunden Blutenden zu Boden und fesselten ihm unter den grausamsten Mißhandlungen Hände und Füße.
»So,« rief Einer von ihnen, »den haben wir sicher! Nun laßt uns forschen, wie er in die Kirche gekommen ist!«
Der Gefangene wurde nun mit Fragen bestürmt, denen durch Fußtritte und Faustschläge noch ein besonderer Nachdruck verliehen ward; er aber setzte ihnen ein unverbrüchliches Stillschweigen entgegen und ließ sich durch keine Drohung bewegen, auch nur ein Wort zu sprechen. Ergrimmt über diese Schweigsamkeit und den Tod ihres Anführers, rissen sie ihn empor und schleiften ihn von dannen.
»Schafft ihn hinüber zu dem Ritter, den wir zum Tode verurtheilt haben,« befahl der vorige Sprecher, welcher an Stelle des Todten das Kommando zu übernehmen schien. »Auch der hat uns viel Blut gekostet, und Beide sollen zu gleicher Zeit ihren Lohn bekommen. Vorher aber werden wir schon noch erfahren, wie es diesem da gelungen ist, über die Mauern zu kommen, und was er hier gewollt hat. O, es giebt ganz herrliche Mittel bei uns, einen Stummen zum Sprechen zu bringen!« —
In der Kirche wurde es leer und dunkel; die Davongehenden hatten nicht bemerkt, daß schon längst zwei scharfe Augen unter der Bank hervorgelauscht und ihr Thun beobachtet hatten. Jetzt streckte sich der Kopf vollends hervor; ihm folgte der übrige Körper, und bald stand Jobst Schwalbe in dem verlassenen Raume.
»So ist es,« murmelte er, »wenn man der Jugend zu viel Vorsicht zutraut! Wie er nur die Oeffnung gefunden hat? Nun schaffen sie ihn jedenfalls zu seinem Bruder, und ich muß sehen, wie ich sie losbekomme. Es war ein gar guter junger Herr, und zugeschlagen hat er wie ein Alter; es wäre doch jammerschade um ihn, wenn er zu Grunde gehen müßte wie Alle, die in die Betlöcher kommen!«
Er bog sich nieder und flüsterte zurück:
»Verhaltet Euch ruhig, Frau Gräfin, bis ich wiederkehre! Ich werde Euch dann zu Euren Kindern führen!«
»Sie hat mich immer gedauert,« fuhr er im Selbstgespräche fort, »und wenn ich auch nicht weiß, wer sie ist und wohin sie gehört, so werde ich sie doch mitnehmen, wenn mir der Streich gelingt. Wie das aber vorhin mit ihr und ihm zugegangen ist, das kann ich mir nicht erklären; aber ich denke, daß ich es wohl noch erfahren werde. So, jetzt werden sie drüben sein, und nun kann ich ihnen folgen.«
Nachdem er sich durch aufmerksames Lauschen noch einmal überzeugt hatte, daß er völlig unbeobachtet sei, schlich er leise dem Ausgange zu.
Kapitel 8: Die Rose am Güntersberg
Wer Stargard verläßt, um nach Reetz zu gelangen, der kommt, nachdem er Hansfelde, Suckow und Zachan passirt hat, nach dem Kirchdorfe Güntersberg, welches einst dem Simon von Güntersberg zu Eigen war, der sich durch seine vielen und hartnäckigen Fehden mit denen von Wedel bekannt gemacht hat.
Die Familie von Wedel war eine weit verzweigte und berühmte Familie, deren Macht so bedeutend war, daß einmal siebzehn ihrer Glieder auf fünfzehn Jahre in den Dienst des deutschen Ordens traten und sich anheischig machten, hundert gewappnete Ritter und Knechte nebst hundert Schützen, bewaffnet mit Panzer, Eisenhut, Hundeskegeln und Armbrüsten zu stellen und diesen streitbaren Leuten noch vierhundert Pferde beizugeben.
»Als der deutsche Ritterorden am 15. Juli 1410 die große Schlacht bei Tannenberg verlor, betrachtete der König Wladislaus Jagello von Polen das Ländchen Schievelbein als ein erobertes Land und überließ es im August desselben Jahres dem Herzog Bogislav von Pommern, der es in Besitz nahm. Das aber hatte die Folge, daß die Wedel vertrieben wurden und sie das Land verließen, welches an Pommern gefallen war. Sie zogen sich auf ihre Besitzungen außerhalb der Grenzen Schievelbeins zurück und hausten besonders auf Falkenburg an der Drage, welche Stadt noch heut im Kreise Dramburg des preußischen Regierungsbezirkes Köslin liegt. Durch den Frieden von Thorn im Jahre 1411 erhielt der Orden jene Besitzungen wieder zurück. Allein nun waren die Wedel mit dem Orden gespannt und blieben außen. Der Waldmeister von Schievelbein gab sich viele Mühe, sie zur Rückkehr zu bewegen, sie aber verweigerten sie und versprachen sie nur unter der Bedingung, daß ein neuer Hochmeister gewählt werde, dem sie dann huldigen wollten, damit sie wüßten, an wen sie sich halten könnten. Aus der Aengstlichkeit, mit welcher der Waldmeister den Comthur und Statthalter zu Elbing bittet, doch ja, sobald ein neuer Hochmeister gewählt sein werde, an alle Wedel zu Falkenburg, Altwedel, Neuwedel ec. zu schreiben und sie herzlich zur Huldigung zu ermahnen, sieht man, wie viel dem Orden daran gelegen war, mit dieser Familie auf gutem Fuße zu leben. Unterdessen blieben die Wedel, wo sie waren, und es gelang nicht, sie gegen den Orden freundlicher zu stimmen. Nur Erasmus von Wedel, der die Hälfte der Stadt Reetz besaß und daselbst auch wohnte, betrachtete sich als Vasall des Ordens und wurde deshalb von seinen Vettern vielfach angefeindet. Die andere Hälfte der Stadt gehörte Janecke von Stegelitz.« So erzählt eine alte Chronik derjenigen Gegenden, in welche uns die Ereignisse unserer geschichtlichen Erzählung führen. – —
Es war an einem hellen, kalten Wintermorgen, als ein Reiter Altwedel verließ und auf der Straße nach Güntersberg lustig dahintrabte. Es war ein junger Mann, der nicht längst erst die Zwanzig zurückgelegt haben konnte; auf seinen Wangen glänzte die Röthe der Gesundheit, und über sein ganzes Wesen breitete sich jene anziehende Frische aus, welche die kräftigen Jahre der Jugend zu begleiten pflegt und für den Menschenkenner eines der nothwendigen Merkmale zur Beurtheilung des Characters bildet. Er war ohne alle Begleitung und sah auch nicht so aus, als ob er einer solchen bedürfe, um irgend ein galantes oder auch ernstes Abenteuer zu bestehen. Vielmehr blickten die hellen, offnen Augen wie suchend im Kreise umher, als wünsche er sich irgend eine Gelegenheit, seinen ritterlichen Muth die Probe bestehen zu lassen.
Da, wo die Straße zur linken Hand sich der Ihna zuneigt, liegen rechts einige kleine, langgestreckte Seen, welche zur schöneren Jahreszeit allerlei Federwild beherbergen und mit dichtem Schilfe bestanden sind. Umgrenzt sind oder waren sie vielmehr zur damaligen Zeit von gefährlichem Sumpf und Moorboden, welcher erst in einiger Entfernung von dem Wasser diejenigen Bestandtheile annahm, welche zur Ermöglichung eines dichten und kräftigen Baumwuchses nothwendig sind. In den hohen Schilf— und Riedgrasbeständen verbarg sich eine ansehnliche Bevölkerung von Hasen und anderem jagdbaren Gethier, und gar manch ein fetter, saftiger Braten ward von dem unfruchtbaren Boden geholt, welcher sonst des Nutzens wenig brachte. Weiterhin zog sich die Straße durch dunkle Kieferwaldung, die in ihrem eintönigen Character dem Wandrer die Einsamkeit der Gegend in höherem Grade empfinden ließ, und wer von dem Besitzer dieser Waldung, dem Ritter Simon von Güntersberg, gehört hatte, der betrat sie immer mit einem Gefühle von Unsicherheit, denn derselbe gehörte zwar nicht zu der edlen Gilde der Buschklepper und Wegelagerer, war aber sonst ein gar strenger und wilder Gesell, der durch die Rauhheit und Rücksichtslosigkeit seines Wesens sich verschrieen gemacht hatte. Er liebte es, die ihm auf seinem Gebiete Begegnenden scharf anzusprechen, um sich an ihrer Angst und Beklemmung zu weiden, und dabei mußte man den grimmen Herrn ruhig gewähren lassen, wenn man Schlimmeres vermeiden wollte. Er saß als ein strenger Fürst auf seinem Grund und Boden, erkannte kein anderes Gesetz als nur seinen Willen, und wer sich gegen denselben auflehnte oder auch nur einen leisen Zweifel über die Giltigkeit desselben hegte, der durfte froh sein, mit heiler Haut und einigen derben Püffen davonzukommen.
So viel Scheu man vor dem Alten hatte, so geliebt war sein schönes Töchterlein Brunhilde, die als ein Engel auf Güntersberg waltete und überall Segen verbreitete, wohin ihr kleiner Fuß nur trat. Sie war ein gar herrliches, freundliches und herziges Wesen, und der Abgott ihres Vaters, der gar manchen seiner Streiche unterließ oder in Güte sühnte, weil er dem Blicke ihres Auges und dem Wohlklange ihrer Stimme nicht zu widerstehen vermochte. Trotzdem sie ein Muster ächter Weiblichkeit war, besaß sie doch einen festen, ja starken Character; was sie einmal ergriffen hatte, das führte sie auch sicher durch und es gab sogar Fälle, wo sie mit dem Vater in offenen Kampf trat, um irgend einen Geängsteten oder Bedrohten gegen ihn in ihren liebreichen Schutz zu nehmen. Eine ihrer Lieblingserholungen war die Jagd, der sie ihre freien Stunden mit jugendlicher Fröhlichkeit widmete, und obgleich es ihrem weichen Gemüthe wehe that, die Beute leblos vor sich liegen zu sehen, so bereitete es ihr doch ein hohes Vergnügen, im kühnen Ritte scharf hinter dem Wilde herzufliegen.
Der Reiter hatte den ersten, kleineren See erreicht; er ließ den Blick über denselben schweifen und gewahrte an den Ufern eine Anzahl von Schlagwänden, wie sie zum Fangen wilder Enten angelegt und benutzt werden. Da auch er ein Freund der Jagd war, so lockten ihn diese Vorrichtungen zur Besichtigung. Er leitete das Pferd bis an das hohe Schilf, stieg ab und befestigte das Thier, indem er die Zügel um einen Büschel des festen, holzigen Grases wand. Sodann schritt er auf die Wände zu, um die Art und Weise ihrer Anfertigung in Augenschein zu nehmen.
Noch war er damit beschäftigt, als er von fern her das Nahen von Pferden hörte, deren Hufe den festgefrorenen Erdboden stampften, daß es weithin zu vernehmen war. In jenen Zeiten war Vorsicht bei allen Dingen und zu allen Zeiten nöthig; er trat deshalb hinter eine der Wände, um zu warten, bis die Reiter vorüber seien.
Es war eine Cavalcade von mehreren Personen. Voran kamen zwei Falkeniere. Sie waren jeder mit einer Falkeniertasche versehen, die an einem rothledernen, ausgefranzten Bandelier hing, und trugen auf starken, hirschledernen Handschuhen je einen Jagdfalken. Hinter ihnen wurde eine Cage mit Reservefalken getragen und dann folgte auf weißem Rosse eine weibliche Gestalt. Den Zug schlossen auf starken Kleppern zwei Knappen, denen die Aufgabe zufiel, die Beute an sich zu nehmen.
Zuerst wurde das Auge des jungen Mannes von den Vögeln angezogen. In vollständig ruhiger Haltung saßen sie auf den Fäusten ihrer Träger, die Köpfe verhüllt von einer ledernen Steckhaube, die verziert war mit farbigen Tuchlappen und einem Trosch von schillernden Federn, die man in Form einer Nelke zusammengewunden hatte.
»Lauter Wildfänge,« murmelte er mit Kennermiene, »drei Schlachtfalken und ein Schmerlfalke, kein einziges edles Thier! Der Besitzer muß an der edlen Beitze wenig Wohlgefallen finden. Wem mögen sie wohl gehören?«
Bei dieser Frage erst richtete er den Blick auf das Mädchen und war vor Ueberraschung fast einige Schritte aus seinem Verstecke hervorgetreten.
»Welch’ ein herrliches Wesen! Wie sie sitzt, wie sie reitet, und welch’ eine Lieblichkeit ihres holden Angesichtes. O, wüßte ich doch, wer sie ist! Ich werde ihnen folgen, um es zu erfahren! «
Es war das nicht nothwendig. Gefolgt von einigen Knechten kam eine Koppel von entfesselten Beitzhunden seitwärts über das Moor geflogen, vor sich zwei Hasen, welche den Weg nach dem spiegelglatt gefrorenen See einschlugen. Sofort hielt der Trupp, und die beiden vorderen Falken wurden abgehäubt und gegen den Wind emporgeworfen. Sie stiegen zunächst in die Höhe, zogen oben einige Kreise, um die unter ihnen liegende Gegend zu übersehen, und folgten sodann, als sie das Wild erblickten, demselben schnellen Fluges. Jetzt wurde auch einer der Reservefalken losgelassen, der dieselbe Richtung einschlug. Die drei Vögel stießen wiederholt auf die Hasen, schlugen sie mit den Ballen und versuchten, sie zu ergreifen, aber die wohlgenährten Thiere waren zu stark und kräftig für sie, warfen sich auf den Rücken und streiften so ihre geflügelten Feinde ab oder duckten sich nieder und schossen, sobald der Angreifer auf sie niederfuhr, eiligen Laufes von dannen, so daß er Mühe hatte, sich vor einem lebensgefährlichen Schlagen auf das harte Eis zu bewahren.
»Das war vorauszusehen bei dieser Art von Schlachtzeug,« meinte der unsichtbare Beobachter vor sich hin. »Zur Hasenjagd gehören die größesten Edelfalken, isländische Beitzer, Geierthiere oder meinetwegen auch ausländische Blaufüße! Doch diese kosten einen schweren Preis, und wer nicht gern tief in die Geldtruhe greift, der wird vergebens nach einem Hasenbraten lüstern sein. Doch, was ist das? Die Unvorsichtigen wagen sich auf das Eis, und ich meine nicht, daß es stark genug sei, um Reiter zu tragen!«
Wirklich war es so. Die beiden Falkeniere waren, indeß die Uebrigen zurückgeblieben, den Falken auf den See gefolgt. Die letzteren hatten die vergebliche Jagd aufgegeben und suchten das Weite, ohne auf das wiederholt ihnen zugerufene »Hilo, Hilo!« zu achten. Die zwei Männer griffen in ihre Taschen und luderten ihnen einige mit Fleischstücken besteckte Federspiele nach, aber nur der eine kehrte auf diese Lockung zurück; der andere war bald den Augen verschwunden.
»Das ist eine schlecht geschulte Jagd, deren ich mich schämen würde. Aber welch’ eine Unvorsichtigkeit! Der Mann bleibt auf dem dünnen Eise halten, um sein lüderliches Thier zu ergreifen. Er wird einbrechen!«
Kaum waren diese Worte gesprochen, so geschah auch das Befürchtete. Die schwache Decke hatte bisher nur wegen der Flüchtigkeit der über sie Dahineilenden gehalten, jetzt, da eine schwere Last ruhig auf ihr hielt, krachte sie unter lautem Knirschen zusammen. Zum Glücke lag die Stelle nicht weit vom jenseitigen Ufer entfernt. Der Reiter trieb sein bis an den Sattel eingesunkenes Roß mit kräftigen Stößen und Schlägen an, und es arbeitete sich mit Anstrengung aller seiner Kräfte auch wirklich glücklich bis hinüber. Dort hielt es, von dem scharfen Eise verwundet, an allen Gliedern zitternd an und war nur erst nach längerer Zeit zum Weiterschreiten zu bewegen.
Das Mädchen hatte bei dem Einbrechen ihres Dieners einen lauten Schreckensruf ausgestoßen und eilte ihm jetzt entgegen, um sich von seinem Zustande zu überzeugen. Sie sah, daß er keine körperlichen Verletzungen davongetragen hatte; aber durch dieses Ereigniß schien ihr die Lust zur Fortsetzung der Jagd vergangen zu sein, und sie gab den Befehl, zurückzukehren.
Gedankenvoll blickte ihnen der Jüngling nach.
»Da reitet sie hin! Noch nie im Leben sah ich solch’ ein engelgleiches Wesen,« dachte er. »Ist mir doch, als ob eine jener gütigen Elfen oder Feen, von denen die alte Amme mir in meiner Kindheit erzählte, herniedergekommen sei, um mir das Herz gefangen zu nehmen im süßen, unendlich sehnsuchtsvollen Gedanken. Wie klopft mir der Puls, wie bangt mir die Seele! Könnte doch ein Blick dieser Augen auf mir ruhen ein einziges Mal! Ein einziges? Nein, viele tausend, tausend Male, immer. Aber sie ist fort, fort vielleicht nach Güntersberg, die Tochter unseres Erbfeindes, der auf Haß und Böses sinnt, so oft er der Wedels gedenkt. Ist sie eine Güntersberg, so werde ich sie nur als Feindin sehen, als Feindin, die mir Unheil wünscht. Unheil? Was habe ich ihr gethan? Ich möchte ihr Liebes und Gutes wünschen all’ mein Lebelang und würde mich glücklich preisen, wenn sie das alles nur aus meinen Händen nehmen möchte. Ja, ich muß sie Wiedersehen, ich muß wissen, wer sie ist und zu wem sie gehört, und dann werde ich nachdenken, wie es möglich ist, ihr zu nahen, ohne daß sie in mir den Feind erkennt!«
Er schritt dem Orte zu, an welchem er sein Pferd gelassen hatte, löste dieses vom Schilfe los, setzte sich auf und ritt auf der Straße weiter, die er bisher verfolgt hatte und welche auch die schöne Jägerin eingeschlagen hatte.
Diese verfolgte indeß ihren Weg weiter bis an das Thor von Güntersberg, welches geöffnet ihrer harrte, weil man ihr Kommen bemerkt hatte. Eben als sie abstieg, trat aus dem Stalle ein Ritter, welcher, als er sie erblickte, mit erfreutem Ausdrucke seines bartbewaldeten Gesichtes auf sie zueilte.
»Gott zum Gruße, schöne Jungfrau!« rief er schon von Weitem. »Soeben bin ich hier eingetroffen und vernahm zu meinem großen Leidwesen, daß Ihr Euch auf der Jagd befändet. Daher ist mir Euer frühzeitiges Erscheinen ein gar fröhliches Ereigniß, und ich werde Euch zu Eurem Vater begleiten, damit wir ein Stündlein der Erholung pflegen und ich die Sache mit Euch besprechen kann, welche mich schon am frühen Morgen zu Euch geführt hat.«
Das war eine so lange und wohlgesetzte Rede, wie sie Herr Janeke von Stegelitz wohl seit langen Jahren nimmer gehalten hatte. Er war ein alter, schweigsamer Gesell, der mit dem Schwerte besser umzugehen verstand, als mit der Zunge, und mit dem vollen Weinhumpen besser als mit der frommen Hauspostille. Und dazu hatte er von einer Sache gesprochen, die er vorbringen wolle, und sich dabei aller jener Kernwörter enthalten, mit welchen sonst seine Ausdrücke gespickt und wohlbereichert waren. Da mußte die Sache wohl eine gar absonderliche sein, und es war daher kein Wunder, daß Fräulein Brunhilde sich beeilte, hinauf zu dem Vater zu kommen, obgleich sonst die Unterhaltung der beiden wackern Degen wenig Anziehendes für sie zu haben pflegte.
Der alte Simon wartete der beiden Ankömmlinge schon unter der geöffneten Thür.
»Es soll mich bedünken,« meinte er scherzend, »daß Küche und Keller auf Güntersberg nicht schlecht sein müssen, da so ein Kenner wie Ihr, Herr Janeke, sich schon des Morgens bei mir einfindet. Aber das soll mich nicht verdrießen, und ich werde Euch, wie alle Tage, auch in Allem tüchtig und genügend Bescheid thun.«
»Ihr irrt Euch, Herr Simon,« antwortete der von Stegelitz, »wenn Ihr meint, daß Euer Wein und Braten die Schuld an meinem frühen Kommen tragen, vielmehr habe ich mich so baldig aufgemacht, weil ich dachte, daß der Morgen sich besser zu einer wichtigen Unterredung schicke als der Abend, weil uns stets schon des Mittags die Geister der Flasche auf allerhand dummen Schnickschnack bringen, der uns nicht eher Ruhe läßt, als bis wir ihn gehörig ausgeschlafen haben.«
»Wichtige Unterredung? Dummer Schnickschnack? Und dabei seid Ihr so feierlich, wie der fromme Pater Albinus wenn er Wasser trinkt! Tretet herein, nehmt einen Schluck und wärmt Euch, denn ich glaube, daß die Kälte Eurem Kopfe unterwegs geschadet hat.«
»Was dies betrifft, so irrt Ihr Euch, Vetter, denn noch niemals hat mein Kopf einen so klugen Einfall gehabt, wie derjenige ist, von dem ich Euch berichten werde.«
»So nehmt Euch Euren altgewohnten Sessel und erzählt! Brunhilde mag uns währenddeß den Imbiß bereiten.«
»Mit nichten, sondern ich meine vielmehr, daß es besser sei, wenn sie hier bleibe; ich habe die Jungfrau derohalben gleich mit zu Euch gebracht, da meine Worte nicht blos Euch, sondern auch ihr gelten werden.«
»Was zum Henker, Vetter, Ihr wollt sie doch nicht etwa gar zur Hochzeit von mir begehren!«
»Hört, laßt doch lieber die Leute erst vollständig ausreden, ehe Ihr ihnen die Worte vom Munde wegnehmet. Ich habe mir von dem Pater Albinus einen Aufsatz machen lassen, der Euch Wunder genommen hätte, und ihn mit vieler und großer Mühe auswendig gelernt, und nun ich eben beginnen will, Euch die wohlgelungene Rede vorzudeclamiren, fallt Ihr mir in das Wort mit Eurer Frage, ob ich Jungfrau Brunhilde zum Weibe begehre. Das ist doch bei allen Teufeln geradezu zum Dreinschlagen, und wenn Ihr nicht der Vater meines Weibes werden solltet und noch dazu obendrein mein Mitgesell und werther Vetter wäret, so wollte ich Euch wohl lehren, den Mund zu halten, wenn ein Anderer zu reden begehret. Ob ich sie zur Hochzeit möchte? Freilich, und ich sehe auch gar nicht ein, warum ich diesen Wunsch nicht haben soll! Bin ich doch ein Kerl, der sich überall in Ehren sehen lassen darf; und was dem jungen Weiblein etwa nicht behagen sollte, das kann ich ja zur Seite thun, denn in Liebe und Freundlichkeit läßt sich noch gar Manches aus mir machen.«
Brunhilde hatte sich erröthend abgewendet und war an das Fenster getreten, um ihre Verlegenheit und Rathlosigkeit zu verbergen. Herr Janeke von Stegelitz stand, wie auch seine grauen Haare bewiesen, schon seit Langem nicht mehr in den Jahren, in denen man vorzugsweise der süßen Minne obzuliegen pflegt, auch war er ein gar barscher und ungeleckter Bär, der es wohl wenig verstand, mit einem zarten Gemahl in der rechten Weise umzugehen, aber er war des Vaters treubewährter Bundesgenosse, der gar wohl Schonung und Rücksicht verdiente, und wenn sein Antrag ihr auch keineswegs willkommen sein konnte, so ehrte er sie doch immerhin und war ihr ein Beweis davon, daß sie nicht ungeeignet sei, neben der Liebe und Zuneigung auch Achtung zu erwecken. Irgend eine Unsicherheit über die Art und Weise, wie sie seiner Werbung zu begegnen habe, fühlte sie nicht und konnte die Antwort ruhig dem Vater überlassen, welcher, wie sie wußte, ganz andere Absichten mit ihr hegte und also wohl jetzt keinen Entschluß fassen werde, der ihrem Wunsche zuwider sei. In diesem Sinne nahm er auch das Wort, indem er sagte:
»Laßt es gut sein, Vetter, daß ich Euch um die schöne Rede gebracht habe; es ist Euch damit kein Schade geschehen, denn sie wäre zu spät gekommen, und darum ist es mir ganz recht und lieb, daß sie unterblieben ist.«
»Zu spät?« rief Janeke, indem er funkelnden Auges einige Schritte vortrat. »Ich hoffe, daß Ihr damit nicht etwa sagen wollet, ich müsse mit einem Korbe davonreiten. Da sollte Euch und Euer eingebildetes Jungfräulein doch gleich auf der Stelle das heilige Wetter treffen! Ich bin in ehrlicher und löblicher Absicht gekommen, und wenn Ihr mich mit dieser von Euch weiset, so werde ich Euch sammt Eurem alten Güntersberg zu Brei zermalmen!«
Die ungewohnte Höflichkeit des ehrenfesten Degens war auf einmal von ihm gewichen und hatte seinem stets bereiten Zornesmuthe Platz gemacht. Simon kannte ihn und ließ sich durch die barschen Worte keineswegs aus der Fassung bringen, sondern antwortete in ruhigem Tone:
»Wäret Ihr nicht mein Freund und Waffenbruder, so würde ich auf Eure Grobheit Euch mit dem Schwerte Gegenrede geben, da ich aber Eurer Treue und Biederkeit versichert bin, so hege ich die Hoffnung, daß Ihr Euch beruhigen werdet, sobald ich Euch sage, weshalb Eure Rede zu spät gekommen wäre.«
»Bleibt mir mit Eurem Weshalb nur immerhin vom Leibe! Es mag sein was es will, so ist es doch der Grund zu dem schnöden Abweise, welchen ich erfahre. Es wird sich wohl irgend ein glattes und lockeres Jünglein eingefunden haben, von dem Eurer Tochter das Köpfchen verdreht worden ist, und da muß freilich der alte, häßliche Stegelitz zurücktreten und sich von dem Lotterbuben ausstechen lassen. Aber ich gebe Euch den guten Rath, ihn nicht einmal so nahe an mich zu bringen, daß ich ihn erreichen kann, denn dann würde ich ihm die Fuchshaut walken, bis sie so dick ist, wie die Ringmauern von Stargard oder Reetz!«
»Das werdet Ihr so bald wohl nicht unternehmen, denn der junge Wedel auf Reetz weiß sich zu wehren, und sein Vater, der alte Erasmus, ist ja stets und heute noch Euer Freund gewesen, trotzdem sein ganzer Anhang zu Falkenburg, Friedland, Tütz und Draheim sich deshalb gegen ihn aufgeworfen hat.«
»Der Wedel – mein Mitcumpan auf Reetz? Der soll die Brunhilde haben? Der scheinheilige, heimtückische Gesell, der es nicht einmal der Mühe für werth hielt, mir ein Wörtlein davon zu berichten? Dem werde ich die Minne versalzen, daß er den Mund aufreißen soll von Nordosten bis Südwesten!«
»Ihr werdet ihm wohl nicht viel thun dürfen, Vetter, da er vollständig unschuldig ist und von unserm Plane noch nicht das Mindeste weiß und erfahren hat.«
»Unserm Plane? Ein Plan ist es also? Und wer ist denn Derjenige, welcher ihn mit Euch ausgesonnen hat?«
»Der Erasmus selbst, und wenn Ihr die Gründe kennt, wegen denen ich ihm meine Tochter als Schwäherin angeboten habe, so werdet Ihr mir nicht länger zürnen. Brunhilde selbst hat bis auf diese Stunde noch nichts von der Sache geahnt, und sie sollte verborgen bleiben bis späterhin; da Ihr aber das Mädchen mit hereingebracht habt, so mag sie hiermit meinen Willen kennen lernen. Die von Bork und Wedel mit ihrem ganzen Anhange sinnen auf Unheil gegen mich, und es wird gar bald zur offnen Fehde kommen. Auch Euch sind sie gewaltig feind, und daher gebot mir die Klugheit, mir aus ihrer eignen Mitte einen Freund zu erküren, der mir gegen ihre Rathschläge dient und Leistung bringt. Ich bin nicht wenig stolz auf diesen Streich, den ich ihnen spiele, denn es ist eine große Lücke, die ich durch denselben in ihre Reihen reiße, und so ein Bundesmann mag mir mehr Nutzen bringen als ein Anderer, der nicht zu ihrer Sippe gehört.«
»Den Erasmus habt Ihr angeworben für Euch und mich, Vetter? Das ist ein Meisterstück, auf dessen Lösung ich bisher vergebens gesonnen habe, und wenn es so ist, so mag die Brunhilde meinetwegen draufgegeben werden; ich mache mir den Kukuk daraus, denn aus Weiberhand ist ja nun und niemals Friede und Segen zu haben. Soll mich Gott vor einer Frau bewahren, wenn ich den alten Erasmus an ihrer Stelle bekommen kann!«
»Gut, so sind wir einig, und der Hader mag zwischen uns wohl beigelegt bleiben. Uebrigens haben sich die beiden jungen Leute noch gar nie gesehen, und der kleine Wedel, welcher bisher an dem Hofe des Kurfürsten zu Sachsen gewesen ist, wird erst nach einiger Zeit eintreffen und mag sein Bräutlein sich ansehen, wenn die Sache mit den Borks und Wedels siegreich beigelegt ist. Erst die Arbeit, dann der Preis. Jetzt aber laßt uns schauen, ob in Küche und Keller noch ein Weniges für uns zu haben ist!«
Brunhilde, welche bisher am Fenster gestanden hatte und zu Allem schweigsam geblieben war, beachtete diesen Wink und entfernte sich. Sie hatte keine Ahnung von dem Plane des Vaters gehabt, und obgleich er nicht nach ihrem Sinne war, vermied sie doch jedes Wort über denselben, da sie wohl wußte, daß sich der Vater jetzt nicht erweichen lassen werde und von ihm nur später Etwas zu erreichen sei. Die beiden Kriegsmänner aber saßen bei einander und sprachen von ihren früheren Abenteuern und von der Fehde, welche für sie zu erwarten stand. Darüber verging der Nachmittag, und es dunkelte bereits der Abend herein, als ihnen ein Cageträger gemeldet wurde, welcher mit seiner Waare hier zu übernachten wünsche und dabei begehre, vielleicht einen Handel mit ihnen zu machen.
Der Mann war ihnen willkommen, denn obgleich Herr Simon sein Geld anderswo brauchte, als daß er es auf den Ankauf von Stoßvögeln verwenden konnte, so waren die Falkenhändler gewöhnlich weitgereiste Leute, welche gar viel erfahren und gesehen hatten. Sie kamen meist aus Norwegen und Schweden, oft sogar von Island, und wußten so absonderlich gut zu erzählen, daß sie allüberall gerngesehene und hochwillkommene Gäste waren. Darum ließ Simon den Mann nicht in der Gesindestube abtreten, sondern ihm ein besonderes Gemach anweisen, wo er sich erholen und der Ruhe pflegen konnte.
Nach einiger Zeit trat er mit seiner Cage in den Saal. Es war dies ein viereckiger und mit Füßen versehener Rahmen, auf welchem die Thiere angefesselt waren. Wer heut’ am Morgen den jungen Rittersmann gesehen hätte, welcher hinter der Entenwand der Hasenjagd zuschaute, der hätte sich über die Aehnlichkeit desselben mit dem Vogelhändler schier verwundern müssen. Dieser machte eine gar schöne und wohlanständige Referenz vor den Herren, stellte seine Cage vor ihnen hin und begann:
»Ich komme aus weiten und fernen Landen, Ihr Herren und Ritter, habe viele meiner seltenen und wohlabgerichteten Vögel an den Mann gebracht und bin in Güntersberg eingegangen, weil ich hörte, daß Herr Simon der hohen und niederen Beitze pflege und vielleicht die letzten meiner Falken im Kaufe an sich bringe. Nicht die schlechtesten sind mir zurückgeblieben, denn wißt, Ihr edlen Leute, ein guter und fürsichtiger Handelsmann sucht erst die weniger gute Waare zu verkaufen, damit er zuletzt keine Noth habe und mit dem Reste sich lange und vielleicht gar vergeblich Mühe machen müsse.«
»Wenn Deine Vögel so gut sind wie Deine Rede es ist,« antwortete Der von Güntersberg, »so magst Du wohl bald einen Käufer finden. Was aber mich betrifft, so magst Du bei mir die nöthige Herberge und Pfleglichkeit finden, aber zum Kaufe ist mir schon seit Langem die rechte Lust abhanden gekommen. Ich bin nicht ein Kenner der Kunst des Falkenierens und habe von den Vögeln nichts als Mißbehagen und Aergerniß gehabt. Wohl giebt sich meine Tochter der Jagd mit Liebe und Eifer hin, aber es will mir an einem Manne fehlen, welcher geschickt ist in allen Vorbereitungen zu derselben, und so lange ich den nicht finde, würde es sehr schade sein um die guten Stößer, die ich kaufte.«
»So laßt Euch einen Vorschlag machen, Herr Ritter: Ich habe auf der fernen Insel Island gar manchen wackern Nestling von den hohen Felsen herabgeholt und in den Bergen Norwegens viel glücklichen Fang gemacht. Sodann war ich zu Falkenwerth bei Mastricht, wo die Kunst der Falkenzähmung nach Zunft und Regel gar wundersam und lohnend betrieben wird, wie Ihr wißt, habe später in Holstein, dann im Bremenschen und endlich bei Meiningen, welches alles sehr berühmte Falkenierorte sind, meinem Berufe sorgsam obgelegen und sehne mich jetzt nun nach einem festen Orte, an welchem ich bleiben kann, um das, was ich gelernt, in lobsame Anwendung zu bringen. Wolltet Ihr einen Versuch mit mir machen und mich auf Güntersberg behalten, so würde ich Euch keinen Preis für diese meine letzten Thiere anrechnen und Ihr würdet gar wohl mit mir zufrieden sein in alle dem, was ein Falkenier und Kriegsmann zu leisten hat.«
»Das sind Worte, die mir wohlgefallen können! Ich habe gar manchen ritterlichen Strauß auszufechten und bedarf also stets solcher Leute, auf deren Arm ich mich verlassen kann. Aber verstehst Du denn auch ebenso gut mit den Waffen umzugehen, wie mit Köller und Rauschhaube?«
»Ich kann Euch hierin nicht anders antworten, als daß ich mich jeder Probe gern und willig unterwerfe.«
»Das ist ein stolzes Wort, dem ich wohl Folge leisten möchte; ich lerne meine Leute gern genau kennen und werde dem Wachtmeister Befehl geben, Dich in allen Waffen scharf zu prüfen.«
»Mit solchem Befehle werdet Ihr nicht viel erreichen. Ein Falkenmeister wird niemals den Sinn hegen, sich von einem Wachtmeister auf die Probe stellen zu lassen; ich würde den Mann beim ersten Stoße niederwerfen. Möchte es daher nicht Euch selbst belieben, Herr Ritter, Schwert und Lanze mit mir zu wechseln?«
»Bei allen Heiligen, die es im Kalender giebt,« brach hier Janeke von Stegelitz, welcher sich bisher ruhig verhalten hatte, los, »Du bist ein verwegener Gesell, der gar nicht weiß, was er thut und spricht! Glaubst Du wirklich, daß ein Rittersmann seine Kraft im Scherze mit derjenigen eines Knechtes mißt? Aber dennoch hätte ich fast Lust, Dir das große Maul zu stopfen, welches Du aufzureißen verstehst wie nur irgend Einer. Wollt Ihr mir den Spaß gönnen, Vetter Simon?«
»Es kommt mir nicht in den Sinn, Eurem tapfern Beginnen Einhalt thun zu wollen. Zwar ist es nicht dem schicklichen Gebrauche angemessen, aber bei solchem Falle mag es wohl zu loben sein. Ich werde den Hof in Bereitschaft setzen lassen, und bis dahin magst Du uns Deine Vögel vorzeigen.«
Er trat an das hohe Bogenfenster und rief die nöthigen Befehle hinab, dann wandte er sich zurück und trat zur Cage.
»Was für Vögel sind das?«
»Hier sind zwei Falken vom Hekla, grimme und treue Jagdgefährten, die sich sogar an das Reh wagen und niemals davonfliegen; diese beiden Gesellen sind Würger von den Orkaden; sie gehen besonders gut auf Trappen, Reiher und Hasen und versagen nimmer ihre Schuldigkeit. Nun kommen drei Blaufüße, die aus dem Lande der Tartaren stammen und über Ungarn in meine Hände gelangt sind; sie stoßen auf alles Lebendige, zu dessen Bewältigung ihre Kräfte hinlangen. Und nun seht Ihr noch einen Wander— und zwei Baumfalken, die sich vorzüglich für die niedere Jagd eignen. Zusammen eine Cage voll, zehn Stück, wie es gewöhnlich zu sein pflegt. Mit diesen Thieren bin ich sicher, daß mir kein Wild davongeht, und sie sollen fortan Euer sein, wenn Ihr sie unter meiner Obhut lassen wollt.«
»Dies kann gar wohl geschehen, wenn Du die Probe bestehest, zu der Du selbst uns aufgefordert hast. Trage die Vögel in den Falkenhof und sorge, daß es ihnen an nichts fehle. Wir werden hinabkommen und unten Deiner warten!«
Der Cageträger wandte sich zum Gehen. In seinen Zügen war die helle Befriedigung deutlich zu lesen, und das unternehmende Lächeln, welches um seinen Mund spielte, ließ vermuthen, daß er vor der bevorstehenden Prüfung nicht die geringste Beklemmung oder Befürchtung hege.
»Halb schon ist mir mein Unternehmen geglückt,« murmelte er vor sich hin; »das Uebrige wird sich wohl auch noch überstehen lassen. Vor dem alten Stegelitz brauche ich nicht die mindeste Angst zu haben; er ist groß im Schelten, aber klein im Fechten, und selbst wenn Herr Simon selbst zur Waffe greift, werde ich nicht erschrecken. Wenn die beiden Ritter wüßten, wer der fremde Cageträger ist – wenn sie ahnten, daß sich der Sohn ihres Todfeindes in ihre Mauern gewagt habe, um nach dem größten Schatz zu trachten, welchen Güntersberg umschließt! Ich muß vorsichtig sein, denn gar leicht kann mich Jemand erkennen und verrathen; dann wäre Kerker und Gefangenschaft mein Loos, und die Summe, gegen welche ich die Meinen wiedersehen dürfte, würde gewiß nicht klein und unbedeutend sein.«
Unten angekommen, frug er nach dem Falkenhof und wurde in einen eingezäunten Winkel gewiesen, wo die Beitzthiere sich unter Dach und Fach befanden.
Währenddem führten die Knechte einige Pferde auf den Platz vor dem Hauptgebäude und trugen auch die zu einem Kampfspiele nothwendigen Waffen herbei. Simon von Güntersberg und Janeke von Stegelitz kamen die breite Freitreppe herab und nach kurzer Zeit stellte sich der Cageträger ein, dessen offenes Auge muthig den Kreis überflog, welchen die Knechte bildeten, die auf die Kunde von dem zu Erwartenden herbeigeeilt waren, um sich das seltene Schauspiel, einen Ritter mit einem gewöhnlichen Kriegsknechte kämpfen zu sehen, nicht entgehen zu lassen.
Den größten Eifer, dem Waffengange beizuwohnen, zeigte der Wachtmeister Elias Siebenhaut; er hatte gehört, daß der Fremde sich geweigert habe, mit ihm zu fechten, und ergoß sich über diese Beleidigung in den zornigsten Ausdrücken.
»Was will er sein, wie ich höre?« rief er. »Falkenmeister will er sein, wie ich höre? Und nicht fechten will er mit mir, wie ich höre? Da muß doch gleich der Teufel mit sammt allen seinen Gevattern und Basen dem hochmüthigen Menschen in die Hosen fahren, wie ich höre! Der hat sich wohl gleich gedacht, welch’ einen Willkommen er bei mir gefunden hätte, denn sonst sehe ich gar nicht ein, weshalb grad’ ich es sein soll, der ihn zusammenhaut, wie ich höre! Seht, da legt er Panzer, Haube und Handschuh an, ja, sogar die Arm— und Beinschienen; der Mensch darf kämpfen im Herrenkleide und mit ritterlicher Wehr, was unerhört ist seit dem Tage, an welchem meine Frau Mutter mich zum ersten Male erblickte. Seht, jetzt sitzen sie auf, wie ich höre; Wind und Sonne ist gestellt, und nun wird der Tanz losgehen!«
Die anderen Knechte hätten demselben gar nicht zuzuschauen gebraucht, denn der Wachtmeister Elias Siebenhaut hatte die Eigenthümlichkeit, nicht schweigen zu können, eine Eigenschaft, welche man auch noch anderwärts zu finden pflegt, freilich nicht immer in dem hohen Grade ausgebildet wie bei ihm, und folgte mit seiner lauten Schilderung dem Vorgange bis in alle seine Einzelheiten.
»Jetzt rennen sie auf einander los. Himmel und Hellebarde, sitzt der Kerl prachtvoll zu Pferde! Weiter rechts die Lanze, Herr Janeke, weiter rechts, rechts, re – – – da, ich dachte mir es doch, da liegt er im Sande und streckt alle Viere gen Himmel, wie ich höre! Das war ein Meisterstoß, den ich auch nicht besser zusammengebracht hätte! Er steht wieder auf und läßt sich eine zweite Lanze geben. Gut, mach’s besser, Alter! Es ist kein Spaß für einen Ritter, sich von einem gemeinen Knechte vor Aller Augen vom Pferde stoßen zu lassen. Jetzt geht es von Neuem los. Tiefer, tiefer die Lanze, Stegelitz, sonst fährt sie in die Luft, wie ich höre! Den Körper vor! So bläst man Einen ja gleich vom Pferde. Da – – habe ich es nicht gesagt, wie ich höre? Da liegt er wieder im Sande. Es ist eine Schande! Ja, was soll das Fluchen und Wettern helfen; durch Schimpfen und Hadern ist es nicht wieder gut zu machen. Schafft die Gäule in den Stall! So, und nehmt doch einmal die Schwerter in die Hand; wir wollen doch sehen, ob er damit auch umzugehen versteht, wie ich höre.«
Janeke von Stegelitz hatte sich wieder emporgerafft; er sah ein, daß er sich eine ganz außerordentliche Blöße gegeben habe; statt aber die Schuld allein sich selbst zuzuschreiben, warf er sie auf den Gegner; er schäumte vor Wuth und drang jetzt mit gezücktem Schwerte und in einer Weise auf ihn ein, als geschähe der Gang auf Tod und Leben.
»Ruhig, ruhig, Alter,« monologisirte Elias Siebenhaut weiter, »sonst geht es mit der Klinge nicht besser, als mit der Lanze! Er möchte die Scharte gern wieder auswetzen, und ist doch viel zu hitzig, wie ich höre. Da schaut dagegen einmal den Vogelhändler an! Der steht wie eine
Tanne und wehrt die Hiebe ab so kaltblütig wie ein Eisbär. Er thut, als könne er gar nicht d’reinschlagen, aber ich wette, daß er den Stegelitz mürbe klopfen wird, wenn er einmal anfängt, wie ich höre. Da, da habt Ihr’s! Seht Ihr’s? Hört Ihr’s, was das für Hiebe sind? Er schlägt ihn vom Platze weg; er treibt ihn in der Runde vor sich her; da – da fliegt das Schwert in die Luft! Das war ein Kunststück, wie ich es selbst kaum bessermachen könnte. Der Kerl hat nicht mit mir fechten wollen, aber den müssen wir behalten, wie ich höre, denn solche Leute können wir gebrauchen. Schaut, Herr Janeke zieht sich langsam von dannen, und unser Ritter klopft dem braven Degen auf die Achsel! Das hat er selbst bei mir noch nicht gethan, obgleich ich wohl gar manchmal so einen Klopfer verdient hätte, wie ich höre. – Und nun will ich Euch Eins sagen, Ihr Mannen alle! Nehmt Euch vor dem Burschen in Acht, wenn er Euch zugesellt wird. Ihr treibt immer mit den Neuen allerlei Kurzweil und Scherzerei; dieser aber scheint das nicht vertragen zu können. Haltet ihn in Ehren, denn er sieht mir ganz darnach aus, als ob er sich Ruhe verschaffen könnte, wenn Ihr ihn nicht in Frieden laßt. Das Kampfspiel ist zu Ende und Ihr könnt nun wieder zum Kruge gehen; das Dünnbier wird sonst sauer, wie ich höre!«
Herr Simon von Güntersberg war mit der Probe, welche der neue Dienstmann abgelegt hatte, gar wohl zufrieden, obgleich es ihm auf der andern Seite auch nicht gleichgültig war, daß er einen Kempen, der den öffentlichen Ritterschlag empfangen, so gut und kraftvoll bedient hatte. Er freute sich innerlich, daß ihm der Gedanke nicht gekommen war, selbst zur Waffe zu greifen, denn in diesem Falle wäre es ihm ebenso gegangen wie seinem Waffengefährten, welchem seine unzeitige Hitze nur Demüthigung eingetragen hatte.
»Du hast das Deinige gelernt,« sagte er, »und kannst auf Güntersberg bleiben, so lange es Dir gefällt. Nun sage auch, wie Dein Name heißt!«
»Ich nenne mich Henning Friedländer und werde Euch ehrlich zu Diensten sein in allen Stücken, die ich auszurichten vermag!«
»Das wird Dir gute Früchte bringen; doch wirst Du von dem Kriegsdienste auf dem Felde wohl entbunden bleiben. Mein Töchterlein Brunhilde wird Deiner genugsam für die Jagd bedürfen, und Du sollst auch sonst ihr Schutz sein zu aller Zeit. Es kann gar balde kommen, daß ich von ihr gehen muß, und dann will ich sie Deinen Händen anvertrauen, damit Du über sie wachest und sie behütest vor aller Fährlichkeit. Jetzt magst Du zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich Dich für sie in Ding genommen habe!«
Henning Friedländer dankte seinem neuen Herrn für die ihm bewiesene gute Gesinnung und begab sich nach der Seite, auf welcher die Gemächer Brunhildens lagen. Die Magd des Fräuleins öffnete ihm, und nun stand er ja auf einmal vor ihr, von der er gewünscht hatte, daß ihr Auge auf ihm ruhen möge.
Am Fenster stehend, hatte sie dem Kampfe zugeschaut und mit klopfendem Herzen den jungen, schönen und unbekannten Helden bewundert, der so leicht wie im Spiele den Gegner zu Boden streckte und ihm mit kunstvollem Streiche die Waffe aus den Händen schlug. Wer war er? Ein gewöhnlicher Knecht, der froh sein mußte, einen Dienst zu finden? Es widerstrebte ihrem Innern, dieses anzunehmen, und doch konnte es nicht gut anders sein. Und als er jetzt vor ihr stand, so hoch, so stolz, trotz aller Demuth vor der Herrin, deren Befehle er zu erfüllen hatte, da wollte es ihr nicht gelingen, das gewöhnliche Du auszusprechen, und ihre Stimme klang in jenem ungewissen Tone, welcher so gern den Hörer in süßen Banden gefangen nimmt.
»Ihr seid von dem Vater zu mir gesandt, wie die Gesindin mir sagte. Welche Botschaft habt Ihr mir zu sagen?«
»Eine Botschaft, welche mir die liebste und wertheste ist, welche ich jemals ausgerichtet habe, obgleich ich nicht weiß, ob Ihr mit ihr zufrieden sein werdet: ich bin von Herrn Simon in Dienst genommen, um Euch in Allem treulich an der Seite zu stehen. Vergebt mir, Jungfrau, daß ich diesen Dienst ergriffen habe, ohne erst Euer Wort zu hören!«
»Ihr konntet ja nicht anders, und des Vaters Wille ist mir recht und gut. Aber noch weiß ich nicht, von wannen Ihr kommt und wie Euer Name klingt.«
»Ich komme aus weiten, fernen Landen und war zuletzt in den Gegenden, welche man Syrien und Palästina nennt; mein Name heißt Henning Friedländer; ich habe im gelobten Lande und bei den Türken und Sarazenen der Beitze sorgfältiglich obgelegen und gar Vieles erfahren und gelernt, was man hier bei der Jagd nicht kennt und weiß; die Vögel, welche ich mitgebracht, sind auf dortige Weise abgerichtet, und ich denke, daß sie Euch manch’ einen trefflichen Fang bereiten werden.«
»Ich hoffe es. Schon heut Morgen bin ich mit meinem Falken ausgewesen; aber ich habe keine Beute gemacht, und einer der Stößer ist mir sogar davongegangen. Da erregen nun Eure Worte das Verlangen in mir, die neuen Thiere so bald wie möglich kennen zu lernen, und ich möchte Euch fragen, ob Ihr trotz der ermüdenden Wanderung bereit sein könntet, heut’ noch einen Jägerzug mit zu unternehmen.«
»Ich bin nicht ermüdet und gehorche Eurem Befehle sehr gern. Wollt mich nur benachrichtigen, wann Ihr zum lustigen Ritte fertig seid; ich werde immer in Bereitschaft stehen.«
Nicht lange Zeit später öffnete sich das Thor und eine ziemlich ansehnliche Gesellschaft ritt aus demselben hervor. Herr Simon von Güntersberg wollte gern die Kunst des neuen Falkenmeisters sehen und hatte sich deshalb entschlossen, an der Jagd theilzunehmen. Janeke von Stegelitz hatte sich ihm wohl oder übel angeschlossen, und zur besonderen Bedienung der beiden Ritter war auch der Wachtmeister Elias Siebenhaut auf seinen Gaul gestiegen. An der Spitze ritten die Herren, welche Brunhilde in ihre Mitte genommen hatten; ihnen folgte Henning Friedländer, an dessen Seite sich Siebenhaut gemacht hatte. Trotz der ihm zu Theil gewordenen Zurücksetzung war er gleich seit dem ersten Augenblicke dem Falkenier wohlgewogen und versuchte daher jetzt, eine gute Kammeradschaft mit ihm anzuknüpfen. Ihnen schloß sich ein Diener mit der Cage an, da Friedländer ganz gegen die gewöhnliche Sitte keinen der Vögel auf der Faust trug, und den Schluß bildeten einige berittene Knechte, welche die nöthigen Geräthschaften bei sich trugen.
»Wißt Ihr eine Neuigkeit, Herr Bruder?« fragte Simon seinen Gefährten, »eine Neuigkeit, die Euch schier verwundern wird?«
»Mir ist nichts Neues bekannt, was so zum Verwundern wäre, außer daß ich heut Vormittag einen so ungeheuerlichen Bock mit Eurem Falkenmeister geschossen habe, daß ich gradezu aus dem Felle fahren möchte. Daß ich ein Esel bin, habe ich schon öfters geahnt, aber daß ich ein so elephantenartiger Esel bin, das ist mir erst heut klar geworden. Ich wünsche nur, daß ich Jemanden hätte, der meinem Dummkopfe ein Dutzend Maulschellen so recht aus Herzensgrund beibringen möchte! Verdient habe ich sie mehr als genug!«
»Wenn Euch das so große und schwere Sorge bereitet, so braucht Ihr Euch nicht länger zu grämen. Kommt nur getrost herüber an meine Seite und haltet Euern Klepper an, dann sollt Ihr haben, was Ihr begehrt!«
»Wollt Ihr mein vielleicht noch spotten? Das sollte Euch gar übel bekommen, denn wenn ich auch nicht mit dem Friedländer fertig werden konnte, weil mir mein altes Reißen ganz verteufelt in den Gelenken zwickte, so ist dasselbe doch nicht arg genug, als daß ich Euch nicht aus dem Sattel schlagen könnte. Erst einen Korb, dann zweimal in den Sand geworfen und endlich gar noch das Schwert aus der Hand geschlagen, wie einem zehnjährigen Buben, der noch mit dem Steckenpferde über die Dielen kriecht, das ist zu arg. Macht, daß ich Eure Neuigkeit zu hören bekomme; vielleicht bringt mich diese auf tröstlichere Gedanken!«
»Ihr kennt doch die Quitzows, die so lange Zeit Meister in den Marken gewesen sind?«
»Ob ich die kenne? Wahrlich es muß sehr richtig mit dem Esel sein, sonst könntet Ihr ja gar nicht wagen, mir so eine beleidigende Frage vorzulegen! Glaubt Ihr denn, daß ich eine alte Betschwester bin, die sich mehr um ihr sanftseliges Ende bekümmert, als um das, was in der Welt und unter Männern vorgeht? Wer die Quitzows nicht kennt, der hat entweder seine ganze Zeit verschlafen, oder er ist hinter dem Spinnrocken aufgewachsen. Was ist es denn mit ihnen?«
»Sie haben den Markgrafen nicht anerkennen wollen, und sind deshalb in eine erbitterte und blutige Fehde mit ihm gerathen.«
»Das braucht Ihr mir nicht erst zu sagen, denn das weiß ich schon, ehe Ihr nur daran gedacht habt.
»Ihr habt heut einmal Eure bittre Stunde, und weil ich solche Zeiten an Euch gewöhnt bin, so will ich die Grobheiten ruhig hinnehmen! Der Markgraf ist nun vor ihre Burgen gezogen und hat eine nach der andern erobert und in Besitz genommen. Selbst Plaue und Friesack, die beiden mächtigen Schlösser, sind gefallen, und Herr Johann von Quitzow befindet sich in schmählichster Gefangenschaft, während sein Bruder Dietrich geächtet und flüchtig im Lande herumirrt, von den Leuten des Markgrafen verfolgt und gehetzt wird wie ein Wild, und vor Angst nicht weiß, wohin er sein Haupt legen soll.«
»Ist das wahr, was Ihr mir da erzählt? Ich kann an diese außerordentliche Kunde gar nicht glauben. Die Quitzows waren doch selbst mächtig genug und hatten einen Anhang, wie ihn manch’ fürstlich Geschlecht nicht besitzt. Wie kann da das kleine Burggräflein von Nürnberg so einen gewaltigen Sieg über sie erringen?«
»Es ist keine Lüge, was ich Euch sage, obgleich es auch mir sehr schwierig wurde, an das Gerücht zu glauben.«
»Woher habt Ihr es vernommen?«
»Der Falkenmeister hat mir davon erzählt. Er ist vom Süden her durch die Marken gekommen und hat die Ereignisse alle selbst mit angesehen. Er meint, daß Dietrich wohl den Weg nach Stettin einschlagen werde, weil unsere Herzöge ihm gar wohl gewogen und stets seine Verbündeten gewesen sind.«
»Wenn die Kunde überhaupt wahr ist, so zweifle ich auch nicht daran, daß er nach Pommern kommen wird. Und dann, Vetter, dann mögen wir uns nur alle Mühe geben, ihn auf unsre Seite zu bringen. Er ist ein gewaltiger Kriegsheld und allein mehr werth, als ein ganzer Haufe reisigen Volkes. Die Wedels werden sich sofort an ihn machen, um ihn zu gewinnen, und wer ihn bekommt, der hat schon halb den Sieg errungen, noch ehe der Kampf überhaupt begonnen hat.«
»In dieser Sache, Vetter, will ich Euch nicht widersprechen, denn es ist wahr, was Ihr da ausgesprochen habt. Ich werde auch gar nicht säumen, ihn um seine Hülfe anzusprechen; nur müssen wir zuvor warten, bis er in Stettin eingetroffen ist. Fast möchte ich wünschen, daß dies bald geschehe; die Borks und Wedels werden immer unleidlicher, und sobald ich geschickt dazu bin, werde ich ihnen die Freundschaft abmelden. Aber sagt, was kommen dort für Reiter! Meine Augen sind nicht mehr so scharf wie früher und wollen mir in der Ferne den Dienst versagen. Könnt Ihr vielleicht ihre Farben erkennen?«
»Ich glaube,« antwortete Brunhilde an Stelle des Gefragten, der sich auch vergebens anstrengte, die Leute zu erkennen, »daß es Mannen des Herrn Henning von Kremzow sind. Ich habe schon oftmals Leute von ihm während der Jagd getroffen, wo ich ihnen begegnete.«
»Der Kremzow ist mit den Wedels verbündet. Sie wollen nach Güntersberg; laßt uns sehen, was sie von uns begehren!«
Simon gab seinem Pferde die Sporen und trabte den beiden Reitern entgegen. Als sie ihn erkannten, hielten sie an, und warteten, bis er in ihre Nähe gelangt war.
»Wer seid Ihr und wohin wollt Ihr?« frug er sie.
»Wir hegen Dienst bei dem tapfern Ritter Henning von Kremzow,« antwortete der Eine von ihnen, indem er ein versiegeltes Pergament hervorbrachte, »und wollen zu Herrn Simon auf Güntersberg, dem wir dieses Schriftenwerk zu überbringen haben.«
»Ich bin es selbst. Gebt es her!«
Er nahm es in Empfang und betrachtete es von allen Seiten, ehe er das ungeheure Siegel löste.
»Mein Name steht darauf, den kann ich lesen. Aber wie es ausschauen wird, wenn ich nach innen komme, darauf bin ich begierig.«
Er öffnete und faltete es auseinander.
»Da steht ja eine ganze Predigt geschrieben, so viel der Krähenfüße sind da zu buchstabiren. Ich vermag das nicht! Könnt Ihr es vielleicht, Vetter?«
»Wenn Ihr mich wieder fragt, so gebe ich Euch einen Klapps mit meinem guten Schwerte, daß Ihr in Ewigkeit an Eure Buchstaben denken sollt. Nehmt doch den Wisch mit nach Hause, der Pater wird ihn schon zu lesen wissen!«
»Aber ich möchte doch gleich wissen, was d’rin steht, damit ich den Männern Bescheid sagen kann.«
Da drängte der Falkenier sein Pferd herbei.
»Erlaubt, Herr Ritter, daß ich Euch die Schrift verdeutsche!
»Bist Du denn auch geschickt in so gelehrten Dingen?«
»Ein frommer und kluger Einsiedler hat mich darinnen unterrichtet.«
»So nimm und siehe, wie weit Du kommst!«
Friedländer ergriff das Schreiben und las den Inhalt desselben vor:
»Den Rittern und Herren Simon von Güntersberg,
Erasmus von Wedel und Janeke von Stegelitz, verzeichnet und geschrieben für sie und alle ihre Gesellen.
Nachdem wir vernommen haben, daß die Herren, Mannen und Leute des Ordens der deutschen Ritter gegen uns begehren und uns mit Krieg und Plage heimsuchen wollen, indem wir ihnen weder Böses noch Unritterliches gethan haben, so erfahren wir, daß die Herren Simon, Erasmus und Janeke von Güntersberg, Wedel und Stegelitz sich unterwinden, dem Orden gegen unser Hab und Gut als auch Leib und Leben beizuspringen, dahero wir in Anbetracht gestellt haben, daß uns damit ein großer Schade geschehe.
Also erfordert es die schuldige Pflicht und Ehre, uns der Unbilden kräftig zu wehren, zumalen wir nicht gesonnen sind, zu warten, bis man über uns herfalle, dieweil dies eine Thorheit wäre. Darum thun wir Euch hiermit zu wissen, daß wir von jetziger Stunde an Euch feindlich ansehen werden und all’ Eurem Beginnen begegnen mit der Schärfe des Schwertes und Euch absagen alle Liebe und Freundschaft so lange, bis Ihr daran genug erfahren habt!
Gegeben zu Kremzow und unterschrieben mit Kraft und Vorbedacht.
Henning von Wedel.
Friedrich von Wedel.
Heinrich von Bork.
Henning von Kremzow.
Auch zu gedenken aller Anderen von Wedel, Bork, Kremzow und Vieler aus dem Lande Stolpe.«
Noch hatte der Vorleser nicht vollständig geendet, so erhob Janeke den Arm und schlug einem der Botschafter mit der geballten Faust in das Gesicht.
»Hier hast Du unsere Antwort; bringe sie nach Kremzow, und vergiß nicht, sie gehörig auszurichten. Und nun macht, daß Ihr von hinnen kommt, es juckt mir in den Armen!«
Er griff nach dem Schwerte; sie aber waren klug genug, nicht auf das Folgende zu warten, sondern wandten ihre Pferde und ritten schneller davon als sie gekommen waren.
Trotz dieser unerwarteten und unliebsamen Unterbrechung wurde der Jagdzug fortgesetzt, denn es war eine so schleunige Verfolgung der Fehde, daß man hätte zurückkehren müssen, nicht im Mindesten zu erwarten. Die Cavalcade setzte sich in der vorigen Ordnung wieder in Bewegung; die Ritter vorn an der Spitze besprachen die zu ergreifenden Maßregeln; die Knechte gaben ihre Freude darüber kund, daß ein fröhlicher Strauß in Aussicht stehe, und der Wachtmeister Elias Siebenhaut konnte das bis jetzt beobachtete Schweigen nicht länger halten, zumal sich ihm eine treffliche Gelegenheit geboten hatte, mit höflicher Manier zu beginnen:
»Du kannst sogar lesen, wie ich höre?« frug er den in tiefen Gedanken neben ihm hinreitenden Falkenmeister. Leider erfolgte keine Antwort.
»Von einem frommen Einsiedler hast Du es gelernt, wie ich höre?«
Dieselbe Stille. Wieder keine Antwort.
»Du bist ein geschickter Kriegsmann und fast gelehrter, als der fette Bischof von Stettin!«
Vergebliche Mühe! Friedländer war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, als daß ihm an einem Gespräche mit dem schwatzhaften Wachtmeister viel hätte gelegen sein sollen.
»Wenn Du nicht antworten willst, so lässest Du es bleiben, wie ich höre! Aber ich sollte meinen, daß auf so höfliche Worte, wie ich sie gesagt habe, auch eine Gegenrede geleistet werden könnte. Wenn Du zu stolz bist auf Deine Gelehrsamkeit, um mit mir zu sprechen, so habe ich nichts dagegen, aber es wäre doch wohl besser gewesen, wenn wir gute Freunde geworden wären!«
Diese Strafpredigt erreichte ihren Zweck. Friedländer fuhr sich mit der Hand über die Stirn und meinte:
»Es war nicht bös gemeint, Elias, nur hatte ich Allerlei zu sinnen, mit dem ich erst fertig werden mußte!«
»So, dann will ich meine Rede zurücknehmen! Hier hast Du meine Hand. Mir ist es ganz so, als ob ich Dich lieb gewinnen könnte, und darum wollen wir alle Zeit gute Kameradschaft halten! Das ist jetzt noch mehr nothwendig als sonst, da wir nun gegen die Wedels und ihre Sippe zusammenzuhalten haben. Was mich betrifft, so fürchte ich mich nicht vor ihnen, wie ich höre, denn wir verstehen mit dem Schwerte umzugehen, und unter ihnen giebt es nur Einen, vor dem mir bange sein könnte. Das ist der alte Henning von Wedel auf Friedland.«
»Kennst Du ihn?«
»Habe ihn oft gesehen, wie ich höre. Der hat den Teufel im Leibe und fürchtet sich nicht, mutterseelenallein sich durch einen ganzen feindlichen Heereshaufen hindurch zu schlagen. Er hat schon oft mit dem deutschen Orden angebunden und stets den Sieg davongetragen, nur vor kurzer Zeit ist er einmal in Unglück gerathen und gefangen genommen worden, wie ich höre. Freilich ist es gar bös hergegangen, ehe sie ihn bekommen haben, und lange haben sie ihn auch nicht behalten mögen, sondern ihn gegen das Gelöbniß eines Lösegeldes frei gelassen. Hätten sie das nicht gethan, so wäre er ihnen eines schönen Tages davongegangen und sie hätten den Aerger und das Nachsehen gehabt, wie ich höre.«
»Davon habe ich auch vernommen. So ist er also wieder in Friedland?«
»Ja, heut aber in Kremzow, wie Du ja selbst vorgelesen hast. Er hat doch das Instrument mit unterschrieben, wie ich höre. Der ist ein gar kluger und unternehmender Patron. Erst hat er ein Lösegeld versprochen, und nun sagt er die Fehde an; er holt sich also vorher bei Denen, denen er es nachher bezahlt. Ist dies nicht ein gescheidter Einfall, wie ich höre?«
»Das gebe ich zu,« antwortete der Falkenmeister mit einem eigenthümlichen Lächeln.
»Eigentlich ist es doch sonderbar, daß Du nach Güntersberg gerathen bist und nicht nach Altenwedel, wo Dich der Weg durchgeführt hat. Auch Dein Name würde zu den Wedels passen. Sie haben zwei Hennings, den jungen und den alten, und Du heißest auch so; diese beiden Hennings wohnen auf Friedland, und Dein Name ist Friedländer. Ist das nicht eigenthümlich, wie ich höre?«
»Allerdings. Der Zufall ist oft ein wunderbarer Kauz, und in Altenwedel bin ich nicht eingekehrt, weil ich vernahm, daß man dort schon genugsam mit trefflichen Falken versehen sei. Kennst Du den jungen Henning?«
»Nein. Man hat ihn hier in dieser Gegend gar nicht viel zu sehen bekommen; aber was man über ihn vernimmt, das ist nur lob— und tugendsam. – Was giebt es? Soll die Jagd beginnen?«
»Meine Vögel werden unruhig; trotz der Kappe riechen sie, daß sie sich nun auf dem Jagdgebiete befinden. Halte Dich von jetzt an an meiner Seite!« rief er dem Knechte zu, welcher die Cage trug.
Jetzt parirte Brunhilde ihren Zelter und blickte zurück.
»Haltet Euch bereit,« rief sie dem Falkenmeister zu, »es beginnt die Gegend, in welcher wir jagen werden!«
»Wollt Ihr eins der Thiere zu Euch nehmen, Jungfrau?« frug er zurück.
»Gebt her! Ich will es versuchen.«
Er löste einen schlanken Blaufuß von der Cage und setzte ihn ihr auf die kleine, mit einem starken Handschuh versehene Hand.
»Laßt ihn nicht eher gehen, als bis ich Euch das Zeichen gebe!«
Er setzte sich jetzt mit dem Cageträger an die Spitze des Zuges und richtete sein helles, scharfes Auge forschend auf die Umgebung. Da plötzlich griff er, ohne daß Jemand von den Anderen ein Wild bemerkt hatte, in die Cage, riemte einen starken Isländer los, zog ihm die Haube vom Kopfe und warf ihn mit kräftigem Schwunge gegen den Wind in die Luft.
Das Thier stieg in die Höhe und zog einen weiten Kreis, der sich spiralförmig immer mehr verengerte. Es war ein Hase, der durch die Moorgräser brach. Die Angst vor dem Raubvogel, welcher über ihm schwebte, ließ ihn die Jagdgesellschaft gar nicht beachten, so daß er grad’ auf dieselbe zurannte und sich eben anschickte, über die Straße zu springen, als der Falke herabstieß, ihn mit seinen Fängen packte und mit einigen Schnabelhieben auf den Kopf tödtete.
»Sagt Jungfrau,« frug Friedländer, »soll der Vogel den Hasen haben oder das Falkenrecht?«
»Er hat ihn gar wohl verdient, aber ich kann das häßliche Zerreißen nicht sehen. Gebt ihm sein Recht!«
Er rief den Falken mit einem kurzen »Hilo!« wieder zu sich und gab ihm anstatt der Beute ein Stück Fleisches, welches einer der Knechte in einer dazu bestimmten Büchse bei sich führte. Man nannte diese Belohnung für den gelungenen Fang »das Falkenrecht«.
Nachdem der Hase aufgenommen war, setzte sich der Zug von Neuem in Bewegung, und Jedermann hielt fleißige Umschau, ob irgendwo ein Wild zu erblicken sei. Keinem wollte das gelingen, und doch rief der Falkenmeister jetzt, zu Brunhilde sich umwendend:
»Wollet doch jetzt Euren Vogel werfen! Es giebt jetzt eine edlere Jagd!«
»Ich sehe doch kein Wild?«
»Werft ihn nur! Das kleine dunkle Fleckchen dort grad über uns ist ein rother Milan, auch Gabelweihe genannt, ein gar trefflicher Flieger, den Euer Blaufuß herunterholen soll.«
Sie warf den Letzteren, nachdem sie ihn abgehäubt hatte, empor; das schöne, schlanke Thier stieg in einer weiten, raschen Schneckenlinie zur Höhe. Der Milan erkannte den gefährlichen Feind und schoß, ohne sich zu erheben oder zu senken, in grader Richtung auf und davon, und es schien ganz so, als ob er ihm entgehen werde, denn als sich Beide in einer und derselben Höhe befanden, war das Raubwild schon soweit von seinem Verfolger entfernt, daß es gar nicht mehr zu erkennen war. Der Letztere stieg immer noch und schwebte dann wie bewegungslos hoch oben in der Luft. Jetzt aber mußte er seinen Feind gesehen haben, denn er stieß plötzlich mit einer solchen Schnelligkeit in der Richtung von dannen, welche dieser eingeschlagen hatte, daß auch von ihm bald gar nichts mehr zu sehen war.
»Sie werden uns entgehen,« rief die schöne Jägerin, »und wohl alle beide! Wir müssen ihnen nachfolgen!«
»Wollet nur immer hier bleiben! Der Blaufuß hält seine Jagd nur so, daß wir sie sehen können.«
Wirklich sollte dieses Wort auch sofort in Erfüllung gehen, denn es erschien am Himmel ein Punkt, welchem ein anderer, seitwärts über ihm stehender folgte. So oft der Eine eine abgehende Richtung einschlagen wollte, legte der Andere sich ihm in den Weg und zwang ihn so, sich nach der Gesellschaft hinzubewegen. Es war die Gabelweihe, getrieben und gehetzt von dem Blaufuß. Als Beide sich so ziemlich über der Jagdcavalcade befanden, stieg der Letztere ein wenig höher und stieß dann mit solcher Kraft auf seinen geängsteten Flüchtling, daß er, diesen in den Fängen, mit ihm fast bis herab zur Erde schoß. In geringer Höhe machte er ihm den Garaus und kehrte sodann auf die ausgestreckte Hand der Jungfrau zurück. Auch er erhielt sein wohlverdientes Falkenrecht.
Durch diese beiden glücklichen Erfolge wurde die Passion der Jäger lebhaft angeregt; die Gegend war reich an Wild und so kam es, daß man eine Beute machte wie fast nie zuvor. Man vergaß ganz, auf Pfad und Weg zu achten und befand sich zuletzt auf einer Waldblöße, die Keiner kannte; man hatte sich verirrt, und vielleicht gar auf fremdes Gebiet. Das war eine gar unangenehme Sache; der Grund und Boden, auf welchem man sich befand, konnte leicht einem der Männer gehören, welche den Absagebrief geschrieben hatten, und wurde man mit all’ den Jagdvorrichtungen angetroffen, welche man bei sich führte, so stand vielleicht noch Schlimmeres zu erwarten, als eine bloße Zurechtweisung.
»Darüber mögt Ihr Euch nicht kränken,« meinte Herr Janeke von Stegelitz. »Wir stellen die Beitze ein und kehren ruhig nach Güntersberg zurück. Da links steht die Sonne, rechts geht es also zurück, wir werden wohl bald in eine Gegend gelangen, wo uns der Weg bekannt ist. Und werden wir ja von irgend einem Ueblen betroffen, so sind wir Mannes genug, uns unserer Haut zu wehren.«
»Ja, wenn wir zu einem ernsten Kampfe ausgerüstet wären und nicht zu einem leichten Jagdritte, wie ich höre,« brummte der Wachtmeister Elias Siebenhaut in den Bart. »Wenn ich nicht ganz und gar irre, so befinden wir uns hier auf Sukower oder gar Kremzower Gebiete, denn wir sind ein Weniges sehr weit nach Abend zu geritten, wie ich höre. Ich fürchte mich vor Niemandem, aber doch wollte ich, wir säßen auf Güntersberg bei unserm Dünnebiere! Greift in die Zügel, Ihr Leute, damit wir von hier fortkommen! Ihr seht, die beiden Ritter sind schon voran; auch sie scheinen ganz besondere Eile zu haben, wie ich höre!«
Er trabte mit seinen Knechten den Herren nach, welche Brunhilde wieder in ihre Mitte genommen hatten. Der Falkenmeister folgte zuletzt und ganz allein. So ritten sie, ohne es zu wissen, zwischen dem Flüßchen Ihna und der Stargard-zachaner Straße dahin und kamen eben über ein Stück offenen Bruchlandes, als eine Schaar Reiter aus dem jenseitigen Waldesrande hervorbrechen wollte, sich aber bei dem Anblicke der Jagdgesellschaft sofort wieder hinter die Bäume zurückzog. Wenige Sekunden später entfernte sich auf Befehl des Anführers ein Theil derselben nach der Seite hin, um den Nichtsahnenden in den Rücken zu kommen. Diese hatten jetzt den Bruch überschritten und schickten sich an, in einen Waldweg einzubiegen, als sie einen Reiter erblickten, welcher ihnen langsam auf demselben entgegenkam. Die beiden Ritter stutzten, als sie den ihnen Wohlbekannten erblickten, und Elias Siebenhaut murmelte ebenso überrascht:
»Das ist bei Gott Herr Friedrich von Wedel, wie ich höre, der den Fehdebrief heut mit unterschrieben hat.« Dann setzte er halblaut hinzu: »Macht die Klingen blank, Ihr Leute, es ist jetzt Krieg, und wir werden den Mann gefangen nehmen, der uns so glücklich in den Weg läuft!«
Dieser aber schien so Etwas gar nicht zu befürchten, denn mit der ruhigsten Miene von der Welt hielt er sein Pferd an und rief ihnen entgegen:
»Gott zum Gruß, Ihr liebewerthen Herren von Güntersberg und Stegelitz! Wenn ich nicht mit diesen meinen eigenen Ohren vernommen hätte, wie schön Ihr unser Schreiben dem Boten mit der Faust vergolten habt, so würde ich glauben, daß unsere Absage noch gar nicht zu Euch gelanget sei. Es will mich baß verwundern, daß Ihr unter diesen Umständen auf dem Grunde und Boden meines Freundes und Verbündeten, des Edlen von Kremzow, der Beitze pflegt und ihm das Wild wegnehmt, welches ihm allein gehört. Darum muß ich Euch bitten, mit nach Kremzow zu kommen, wo Ihr Euer Thun verantworten möget!«
»Nach Kremzow, Ritter? Ihr seid wohl nicht recht bei Sinnen?« antwortete Janeke von Stegelitz. »Ihr habt Euch doch wohl nur versprochen und meint, daß Ihr mit nach Güntersberg wollt, um an dem Mahle Theil zu nehmen, welches wir noch ungebraten in unseren Taschen bei uns führen!«
»Meint Ihr? Es ist seit langen Zeiten kein so schmuckes Jüngferlein auf Kremzow eingekehrt, darum will ich meinem alten Henning die Freude machen, sie ihm zuzuführen.«
»Wagt es, sie anzutasten!« rief jetzt Simon von Güntersberg, indem er das Schwert entblößte und gegen Friedrich von Wedel anritt.
Dieser war ein schlauer Kopf; er wollte die Feinde gern in die Mitte des Bruches zurück haben, um sie besser umzingeln zu können, und that daher jetzt, als wolle er vor Simon die Flucht ergreifen. Dieser folgte ihm mit Janeke und den Knechten, aber noch waren sie kaum einige Pferdelängen geritten, so brachen ringsumher die Reisigen Friedrichs aus den Büschen und schlossen die unbedachtsamen
Männer in ihre Mitte. Sofort entspann sich ein Kampf, der mit der Ueberwindung und Gefangennahme der Letzteren geendet hätte, wenn ihnen nicht ein eigenthümliches Ereigniß zu Hülfe gekommen wäre.
Der Falkenmeister nämlich war ein Weniges zurückgeblieben und aus diesem Grunde bei dem Angriffe nicht beachtet worden. Sobald er die Reiter herbeieilen sah, verdüsterten sich seine Mienen und die Stirn zog sich in zornige Falten.
»Das ist ein unglückseliges Ereigniß, welches mich verrathen kann,« sprach er vor sich hin, indem sein Auge Brunhilde suchte, welche am Waldesrande zitternd auf dem Pferde hielt und nicht wußte, ob sie fliehen oder bleiben solle. »Sie ist ungefährdet und soll auch den Vater behalten!«
Bei den letzten Worten zog er den Degen, stürmte auf die Kämpfenden zu und drängte sein Pferd zwischen Friedrich von Wedel und Simon von Güntersberg, deren Klingen sich gar lustig kreuzten. Mit einigen kräftigen, aber vorsichtigen Hieben schlug er Friedrich zurück, trennte ihn von dem Knäuel, den die Anderen bildeten, ab und raunte ihm dann heftig zu:
»Kennt Ihr mich noch, Vetter?«
»Bei allen Heiligen, bist Du es, Henning?«
»Schlagt zu, schlagt nur immer d’rauf los, als ob wir Feinde wären!«
»Warum denn? Was machst Du bei den Güntersbergern?«
»Das werde ich Euch später erzählen. Sagt dem Vater noch nicht, daß ich zurückgekehrt bin! Ich war nur erst auf Altenwedel, und der Ohm weiß, weshalb ich bei dem Simon bin. Ihr dürft heut’ Niemand gefangen nehmen; begnügt Euch mit dem Gelöbnisse eines Lösegeldes!«
»Wenn Du es willst, so mag es sein! Du wirst wohl gute und ehrbare Gründe haben!«
»Bei Gott, das sind sie!«
»Nun wohl. Laß ab von mir!«
Dieses kurz abgerissene Gespräch wurde während eines heftigen Scheinkampfes geführt. Als die Beiden sich den Anderen wieder zuwandten, stieg Simon eben vom Pferde; er hatte sich der Uebermacht nicht länger erwehren können und beabsichtigte, dem Anführer sein Schwert zu übergeben. Dieser aber wies mit einem Winke der Hand das Ansinnen zurück. —
»Ihr habt Euch tapfer gewehrt, Ritter, und darum sollt Ihr Euren Degen behalten. Ich sehe gar wohl, daß Ihr nicht in feindseliger Absicht hierher gekommen seid, und darum will ich Euch nicht Eurer Freiheit berauben, trotzdem es mir und den Meinen großen Schaden bringen wird, wenn ich Euch ungehindert von hinnen gehen lasse. Die einzige Sühne, welche ich Euch für die Wunden, welche Ihr hier meinen Knechten geschlagen habt, auferlege, ist die, daß Ihr mir bis zum Tage des heiligen Johannes fünfzig Schock böhmischer Groschen zahlt. Versprecht Ihr mir das, so könnt Ihr mit den Euren gehen, wohin es Euch beliebt.«
»Das will ich gar wohl versprechen!« rief Simon von Güntersberg, erstaunt über die billige Bedingung, welche ihm ganz wider Erwarten gemacht wurde. »Aber sagt, woher es kommt, daß Ihr Euren Sieg um einen solchen Preis verkauft?«
»Das sollt Ihr wohl erfahren! Dieser Mann, welcher Euer Falkenmeister ist, wie ich aus seiner Kleidung ersehe, ist mir einst im fremden Lande begegnet und hat mir einen großen Dienst geleistet, den ich ihm noch schuldig bin. Er soll auch Euch zu gute kommen.«
»Welcher Dienst war dies?«
»Laßt es Euch von ihm selbst erzählen; aber haltet ihn in Ehren, denn Ihr bekommt keinen Andern wieder, der sich in allen ritterlichen Künsten mit ihm messen könnte, und ihm allein habt Ihr es zu verdanken, daß Ihr so glimpflich aus dem heutigen Treffen davonkommt. – Doch das betrifft blos Euch und die Eurigen,« fügte er hinzu, indem er sich nun mit finsterer Miene zu Janeke von Stegelitz wandte. »Ihr, Herr Janeke, habt unsern Boten mit Schimpf und Schande behandelt, ihn mit der Faust in das Gesicht geschlagen und ihm anbefohlen, diese Antwort, also den Faustschlag, uns zu bringen. Das ist eine schwere und bittere Beleidigung für uns und zugleich ein Thun, wie es sich nicht für einen Ritter ziemt, sondern nur bei gemeinen Knechten in Gebrauch zu sein pflegt. Dennoch will ich auch Eurer nach besten Kräften schonen um des Mannes willen, in dessen Nähe ich Euch getroffen habe. Ihr versprecht, mir bis zu demselben Tage Johannes des Täufers zweihundert Schock böhmischer Groschen ohne Einwand, Abzug und sonstige Verminderung zu zahlen, dann könnt Ihr meinetwegen fröhlich von hinnen reiten; weigert ihr Euch aber dieses Versprechens, so nehme ich Euch mit mir, und meine Verbündeten mögen dann bestimmen, gegen welche Buße Ihr freigelassen werdet.«
Das klang jetzt allerdings schärfer als vorhin, aber er mußte froh sein, überhaupt Bedingungen zur sofortigen Befreiung gemacht zu bekommen, denn eigentlich war mit seiner und der Gefangennahme Simons die Fehde schon vor ihrem ernsteren Beginne fast so gut wie beendet, da mit dem Ergreifen der Anführer der schlimmste Streich ausgeführt worden war, der überhaupt befürchtet werden konnte. Der Dienst, welchen der Falkenmeister Herrn Friedrich geleistet hatte, mußte ein sehr großer und bedeutender sein, wenn ihm solche Vortheile geopfert wurden, und so milde Gesinnungen durften nicht unbenutzt vorüber gelassen werden. Janeke nahm die Bedingung an und gelobte ehrliche und anstandslose Zahlung des Geldes. Nun wandte sich der nachsichtige Sieger zu Brunhilde, welche es während der letzten Verhandlung gewagt hatte, näher zu kommen.
»Gern hätte ich Euch, edle Jungfrau, mit nach Kremzow genommen, in dessen finstern Räumen das Weilen eines holden Wesens Licht und Freude ausgebreitet hätte, Euer Falkenmeister aber hat mich gebeten, Euch und die Euren nicht von der werthen Heimath zu trennen, und ich habe seinen Wunsch erfüllt, weil ich ihm ebenso, wie jetzt auch Ihr, zu großem Danke verpflichtet bin. Vergeßt dieses Dankes nicht, schöne Dame, und vertraut Euch seiner Obhut immer an, Ihr werdet wohlverwahret sein!«
Mit anstandsvollem Gruße verneigte er sich, winkte seinen Knechten und ritt davon. Der Jagdtrupp hielt noch eine Weile auf der Stelle. Man mußte über das Geschehene erst zur richtigen Besinnung und Ruhe kommen. Fragen und Antworten drängten sich hin und her, und ganz besonders war es Henning Friedländer, welcher Rede stehen sollte. Dieser aber wies die Neugierigen mit den Worten ab:
»Laßt diese Sache jetzt ruhen, Ihr Herren! Später werdet Ihr es ja erfahren, wogegen hier nicht der Ort zu langen Erzählungen ist. Noch sind wir nicht auf Güntersberger Flur und müssen vor allen Dingen darnach trachten, uns in Sicherheit zu bringen.«
Die Wahrheit, welche diese Weisung enthielt, war nicht in Abrede zu stellen; darum wurde sie auch befolgt und man ritt davon. Der Weg führte in vielen Windungen durch den Wald und mündete endlich auf die Straße, wo nun kein Verirren mehr zu befürchten war. Sie standen eben im Begriffe, den Forst zu verlassen, als um eine Krümmung der Straße herum zwei Reiter kamen, deren Kleinode an Panzer, Helm und Schild in den Strahlen der untergehenden Sonne erglänzten. Der Eine war von hoher, breiter und gebieterischer Gestalt, ein wahrer Enackssohn, für den jede einzelne Panzerschiene jedenfalls besonders zugeschmiedet werden mußte; der Andere zeigte eine kräftig untersetzte, gedrungene Figur, die nicht minder geeignet war, Respect einzuflößen. Sie waren in ein lebhaftes Gespräch vertieft und hatten die Güntersberger nicht bemerkt.
»Das ist der Henning von Wedel auf Friedland,« meinte Stegelitz. »Jetzt können wir uns unser Lösegeld verdienen grad’ so, wie er es zu machen gedenkt! Wer mag der Andre sein, Vetter?«
»Kenne ihn nicht. Scheint auch nicht viel Spaß zu verstehen!«
»Nein, Spaß versteht der nicht, Herr Ritter,« berichtete der Wachtmeister Elias Siebenhaut. »Es ist nämlich der Heinrich von Bork auf Labasa, dem ich vor Euch einige Jahre gedient habe, wie ich höre, ein gar strenger und unbeugsamer Gast, der einen Ochsen bei den Hörnern faßt und ihn auf die Seite wirft wie eine alte, lebenssatte Milchziege. Die haben ganz sicher einen Spazierritt gemacht und kehren nach Kremzow zurück, wenn nicht etwas Anderes und Schlimmeres dahintersteckt, wie ich höre. Denn im vollen Harnisch reitet man blos dann aus, wenn man einen fröhlichen Tanz vor sich hat.«
»Der Henning und der Bork,« rief Stegelitz. »Das darf uns gar schön passen! Wenn wir sie gefangen nehmen, so haben wir den ganzen Kriegszug gewonnen. Drauf Ihr Leute; wir sind unserer genug, um sie niederzuschlagen!«
»Herr Ritter,« bat jetzt der Falkenmeister, »wenn es wirklich Herr Henning auf Friedland ist, so sind unserer nicht zur Hälfte genug, um ihn müde zu machen. Begebt Euch nicht in neue Gefahr, sondern laßt die Ritter ruhig vorüberziehen. Ihr könntet es sonst bitter bereuen!«
»Was sagst Du? Wie magst Du als ein Knecht es wagen, mir gute Lehren zu geben? Wenn Du Dein Maul noch einmal öffnest, so schlage ich Dich nieder! Wenn Niemand mitgeht, so werde ich mich ihnen allein entgegenstellen.«
Die Augen Friedländers warfen einen Blitz auf den Sprecher, welcher diesen aufmerksam gemacht hätte, wenn er weniger zornig gewesen wäre.
»Ob Ihr mich zu Boden schlagt, Herr Janeke, das würde sich zeigen. Ich sage Euch, zwanzig Männer wie Ihr würden bei mir keine Schiene brechen, und der Henning allein nimmt ihrer dreißig. Wenn Ihr wollt, so versucht Euer Heil, aber auf mich dürft Ihr Euch nicht zum zweiten Male verlassen. Ich bin nicht für den offenen Kampf, sondern nur zu Diensten für unsere Jungfrau gedungen und kann diesen Dienst nicht besser leisten, als daß ich Euch warne, denn Ihr bringt das edle Fräulein in eine Gefahr, aus welcher Ihr sie nicht wieder zu retten vermögt.«
Simon von Güntersberg sah die Wahrheit dieser Worte wohl ein, aber er durfte unmöglich zugeben, daß sein Knecht in dieser Weise mit seinem Freunde und Waffenbruder rede.
»Du wirst wohl schweigen,« gebot er, »und erst dann zu sprechen beginnen, wenn ich es von Dir fordere!« Und sich zu Janeke von Stegelitz wendend, fügte er hinzu:
»Es will mir allerdings erscheinen, daß es besser sei, wenn wir sie unbehelligt vorüberziehen lassen. Wir tragen nur unsere Wämser, sie aber ihre Schlachtgewänder, und dabei ist immer noch zu befürchten, daß der Friedrich von Wedel oder ein Anderer noch in der Nähe weilt und uns ein schlimmes Salz in die Suppe wirft.«
»Thut, was Ihr wollt, Vetter, aber ich sage Euch, wir können hier zu viel gewinnen, als daß wir nicht auch etwas wagen sollten, und wenn Ihr diese treffliche Gelegenheit unbenutzt vorüber laßt, so mögt Ihr Euch nur immerhin nach einem andern Bundesgenossen umsehen. Kann ich die Fehde mit einem Schlage beendigen, so werde ich sie nicht weiter führen, wenn Ihr mich an diesem Streiche hindert.«
»Aber meine Tochter?«
»Nun, es ist Euch ja genugsam gesagt worden, daß sie unter einem guten Schutze stehe. Laßt sie doch bei ihm zurück, bei Eurem Knechte, der sich weigert, für Euch das Schwert zu ziehen! Jetzt aber entschließt Euch; sie sind schon nahe genug!«
»Nun wohl, so mag es sein; ich will es mit Euch wagen. Legt das Jagdzeug weg und nehmt die Schwerter zur Hand. – Dir aber,« sprach er, zu Friedländer gewendet, »übergebe ich die Jungfrau. Sorge dafür, daß sie für alle Fälle sicher ist.«
»Ich wollte, er übergäb mich Dir auch,« meinte Elias leise zu dem Falkenmeister; »die Risse und Schmarren sind gar nicht zu zählen, welche wir da bekommen werden, wie ich höre. Wir haben sie gewarnt und ich werde das Meinige, so lange ich es erträglich finde, thun, dann aber – – na, wir werden es ja sehen, wie ich höre!«
Der Angeredete antwortete nicht. Er half, das Jagdzeug schnell in das Dickicht zu verbergen und nahm dann, abseits von den Anderen, am Waldesrande Platz, wo er bleichen Angesichtes zwischen einigen engverwachsenen Stämmen hindurchlugte.
Die beiden Ritter wurden vorübergelassen und dann mit stürmischer Hast von hinten angefallen. Bei dem ersten Geräusch, welches die Huftritte der Pferde hervorbrachten, wandten sie sich um.
»Das sind Güntersberger,« rief Henning von Wedel; »wie kommen die hierher? Schlag fein sanfte zu, Bruder Heinrich, sonst zerspringen sie in Scherben. Nur immer leise, leise!«
Dabei richtete er seine stolze, herkulische Gestalt hoch im Sattel empor, ballte die gewappnete Faust und schlug damit den Wachtmeister, welcher mit einigen Knechten von der einen Seite herandrängte, während Simon die andere zu gewinnen suchte, so aufs Haupt, daß er vom Pferde sank; die Knechte folgten, ehe sie sich zur Flucht besinnen konnten, und dann erst griff er zum Schwerte, indem er Simon von Güntersberg, dessen Hiebe er bisher gleichgültig hingenommen hatte, zurief:
»So macht man es mit den Knechten; der Ritter aber soll auch ritterlich bedient werden!«
Gleich mit dem ersten Streiche schlug er ihm den Degen in Stücke, dann faßte er ihn beim Wamms, riß ihn mit der Linken herüber, so daß er nur mit einem Fuße im Bügel hing, und erhob die Waffe zum tödtlichen Stoße.
»Gnade oder nicht?!« frug er kurz und gebieterisch.
»Gnade!« bat der so hart Bedrängte.
»So soll sie Euch werden gegen die schuldige Sühne!«
»Auch schon fertig?« rief in diesem Augenblicke lachend Heinrich von Bork, indem er auf Janeke von Stegelitz deutete, welcher abgestiegen war und blutend an seinem Pferde lehnte.
»Bei solchen Streitern ist des Vergnügens zu wenig und des Jammers zu viel. Ein einziger Schwerthieb bringt einen gefangenen Ritter und drei Knechte an den Boden. Und dazu kommt dort noch der Kremzow hinter uns her mit seinem Haufen. Die können nur immer umkehren, denn nun wir die Herren haben, brauchen wir den Dörfern nichts zu thun!«
Wirklich nahte ein Haufen Reisiger, an deren Spitze Henning von Kremzow ritt. Sie hatte im Begriffe gestanden, einen Streifzug auf das Güntersbergische zu machen und wunderten sich nicht wenig, die beiden vornehmsten ihrer Gegner hier so plötzlich und unerwartet gefangen zu sehen. Diese wurden ihrer Waffen entledigt und in die Mitte genommen.
»Ihr befandet Euch auf der Jagd, wie ich aus Eurer Ausrüstung sehe. Wo habt Ihr Euer Geräthe und Diejenigen, welche bei ihm wachen müssen?« frug Henning von Wedel. Aber er erhielt keine Antwort, und nur nach langem Drängen rief Simon von Güntersberg erbost:
»Sucht selbst, ich mache Euern Fanghund nicht!«
»Gut, vielleicht waren die Herren auf der Beitze, und dann führten sie wohl auch das »Röslein von Güntersberg« mit, wie Eure Tochter ihrer Lieblichkeit wegen genannt wird. Ich kenne sie nicht und habe sie schon längst gern sehen mögen.«
Die Unruhe, welche sich bei diesen Worten in den Zügen Simons nicht verkennen ließ, bestätigte sein Vermuthen, und so gab er den Befehl, daß die Gegend sofort und treulich abgesucht werden solle; er selbst werde dabei helfen.
»Ihr wißt, Herr Simon, daß wir einst gute Freunde waren, ehe Der von Stegelitz Euch den Kopf verdrehte. Damals hat Euer Töchterlein oft mit meinem Buben gespielt, und ich habe es auf meinen Knieen geschaukelt. Der Bube ist in die Fremde, aber er kehrt bald wieder, und da wäre es doch schön, wenn er die Gespielin wiederfände. Ich werde sie für ihn suchen!«
Diese scharf gesprochenen Worte, scheinbar eine Freundlichkeit enthaltend, erfüllten den Vater mit bitteren Befürchtungen. Er mußte den Knechten folgen, welche ihn davonführten, und die einzige Hoffnung, welche ihm blieb, war diejenige auf die Umsicht und Treue des Falkenmeisters, dem er sein Kind anvertraut hatte. Mit stillem Grimme dachte er an die Unvorsichtigkeit, mit welcher er, der Mahnung desselben entgegen, dem Willen Dessen von Stegelitz nachgegeben hatte, nachdem ihnen doch gleich vorher durch Friedrich von Wedel eine ernste Lehre geworden war. Er selbst konnte möglicherweise, von einem günstigen Umstande unterstützt, sich seiner jetzigen Lage noch entziehen; wurde aber auch Brunhilde gefangen, so wurde die Lösung schwieriger und mit größeren Opfern verbunden. Darum gelobte er sich, Friedländer stets in hohen Ehren zu halten, wenn es diesem gelänge, das Mädchen glücklich nach Güntersberg zu geleiten. —
Kapitel 9: Unter den Vitalienbrüdern
Im Norden der germanischen Länder vermählt sich der atlantische Ocean durch das deutsche Meer und die Ostsee mit den niedrigen Küsten, welche weich und niedrig in die Fluthen steigen, um sich in dem »Millionentropfen« zu baden, wie eine alte scandinavische Heldensage das Meer benennt.
Die ausgedehnte Wasserstrecke des Nordostens gehört dem fast abgeschlossenen und beschränkten Binnenmeere der Ostsee an, welche von kalten, meist ziemlich unfruchtbaren, schwachbevölkerten und nur langsam civilisirten Landesgrenzen umschlossen wird. Dort waren die wechselvollen Winde und der kurze, krause Wellenschlag von jeher keineswegs geeignet, zu weiten Schifffahrtsversuchen mit gebrechlichen Fahrzeugen zu ermuthigen. Dazu kam, daß die einspringenden Buchten des baltischen Meeres oft erst im späten April von den Eisdecken des langen Winters befreit wurden, die Küsten wenig natürliche Anlage zur Hafenbildung zeigten, lange Strecken derselben durch einen seltsamen Dünenkranz gesperrt waren und die Verbindung des Binnenlandes mit der hohen See durch die Seichtigkeit der kleineren Flüsse ebenso bedroht wurde wie durch die unaufhaltsame Versandung der Mündungen der größeren Stromgewässer.
Auch die Nordsee, oder wie sie richtiger heißt, das deutsche Meer hat noch viel von der Lage eines Binnenmeeres. Sein kürzester Weg von Deutschland aus in den freien Ocean führt durch die enge Straße von Calais, die eben so leicht durch fremde Seemächte versperrt werden, wie durch ihre gefahrvollen Strömungen abschrecken konnte. Auch die langgestreckten Küsten dieses aufgeregtesten aller Meere leiden einen empfindlichen Mangel an geschirmten Häfen und Schiffsstationen, an sicherem Fahrwasser und windstillen, bergenden Golfen. Ueberdies sind sie zu jeder Zeit ungeheuren Veränderungen und Verheerungen durch furchtbare Sturmfluthen ausgesetzt gewesen, welche von Nordwesten über das Land hereinbrachen und mit ihren Wogenkrallen ganze Landestheile in den nimmersatten Schlund des Meeres rissen. Aber der dort wohnende Volksstamm der Friesen und Sachsen hat es jederzeit verstanden, dem Elemente zu trotzen, das Küstenland durch kostspielige Dämme und Deiche zu schützen und im Kampfe mit dem Meere demselben immer wieder neuen Boden abzugewinnen, und seine Angehörigen sind es gewesen, welche sich seit uralten Zeiten mit nie gebrochenem Muthe auf die trügerischen Wogen hinausgewagt haben.
Ja, es gab eine Zeit, in welcher Deutschland auf den beiden nordischen Gewässern und weit über sie hinaus eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangte. Dies war die Glanzperiode der deutschen Hansa. Dieser ursprünglich von Hamburg und Lübeck abgeschlossene Handelsbund umfaßte nach und nach über achtzig Städte, hatte mehrere ausländische Kolonien und zeichnete sich durch merkwürdige, fast klösterliche Einrichtungen aus. Damals fehlte für die nordischen Seen noch die Weltverbindung durch die Oceane; der Verkehr war meist nur auf die angrenzenden Meerbusen und Binnengewässer beschränkt; die an der Nord— und Ostsee wohnenden außer-deutschen Völker hatten jene hohe und geordnete Kraftentwicklung auf der See noch nicht begonnen, durch welche sie den Deutschen später einen so gewaltigen Vorsprung abgewannen, und es wurde die Hansa ganz unberufen des Reiches Seemacht, welche mit Klugheit, Muth und zäher Ausdauer alle Vortheile benutzte, sich zur kräftigsten und ausgedehntesten Geltung zu bringen. Die Entdeckung und kaufmännische Belebung ferner Straßen und Länder, die Weiterverpflanzung des Christenthumes, die Erziehung der Marine und des Handels von Großbritannien, die Bändigung der ungezähmten Normannen, die Niederhaltung der dänischen Herrschaft, die Entscheidung über die Besetzung des schwedischen Thrones, die Befreiung der Meere vom Raubgesindel, welches dieselben unsicher machte, eine weit verzweigte Colonisation an und auf dem baltischen Meere und die Sicherung ihrer Freiheit gegen Vergewaltigung durch äußere Feinde, das alles war das Werk ihres kräftigen und nachdrucksvollen Handelns. Ein ganzes Heer von wohlbewaffneten Söldnern stand in ihrem lohnenden Dienste, um ihre Karawanen gegen das verwegene Raubritterthum zu schützen; ihre Gesandten und Bevollmächtigten standen in hoher Geltung bei allen Fürsten und Höfen; ihre Gelder thaten Wunder; ihre Protection galt oft mehr als die Freundschaft eines Königs, und ihre Schiffe durchfurchten den Ocean nach allen Richtungen, in denen es möglich war, Macht und Ansehen zu vergrößern und den Reichthum zu vermehren.
Wie zu Lande, gab es damals auch zur See eine Menge Leute, welche ernteten, da sie nicht gesäet hatten und am liebsten nach dem griffen, was ihnen nicht gehörte. Ein wohlbemanntes und gutgebautes Fahrzeug auf offenem Meere bildete gewissermaßen einen kleinen souveränen Staat, der sich keiner fremden Macht unterwarf, seine eigenen Gesetze und Bestimmungen hatte und nur dann einmal sich in fremden Dienst stellte, wenn er seinen Vortheil dabei fand. Diese Art Leute führten ein freies, ungebundenes, Wechsel— und abenteuervolles Leben, und es war daher nicht zu verwundern, daß grad’ die unruhigsten und unternehmendsten Character die Planken eines Kapers suchten und fast täglich Thaten verrichtet wurden, welche des Heldenthums würdig gewesen wären, wenn sie einen edleren Zweck gehabt hätten.
Eine Gesellschaft besonders war es, welche zwar nicht unter sich geschlossen, aber doch zusammenhängend und vielfach in ihren einzelnen Gliedern verbunden, das Handwerk der »freien See« im ausgedehntesten Maßstäbe betrieb und eine solche Macht bildete, daß selbst Fürsten nach ihrem Beistande strebten. Es waren die Vitalienbrüder, unter welche uns jetzt der Gang unserer Erzählung führt. —
Wenn man von Hamburg aus die Elbe abwärts fährt, so gelangt man an die Insel Neuwerk, welche in der Mündung des Stromes liegt und aus einem öden, flachen Marschlande besteht.
Es war ein unfreundlicher Abend, an welchem es sich bei dem flackernden Heerdfeuer besser saß als draußen im Freien. Ein hohler Nordwest strich pfeifend über das vollständig im Dunkeln liegende Eiland und peitschte die großen, schweren Regentropfen gegen die geschlossenen Läden einer armseligen Hütte, welche einige Hundert Schritte entfernt vom Rande lag. Da öffnete sich die Thür; ein heller, schmaler Lichtstreifen fiel durch dieselbe in die Nacht hinaus und beleuchtete eine kleine, verschobene Männergestalt, welche, die Augen mit beiden Händen gegen das Wetter schützend, das Dunkel zu durchdringen strebte.
»Mach’ die Thür zu, Heinrich,« rief hinter ihm eine tiefe, rauhe Weiberstimme; »der Regen schlägt herein, und der Wind bläst mir das Feuer durch die Esse! Auch ist es Mitternacht, und die ist keines Menschen Freund. In der Weidenbucht hat es gestern wieder einmal so sonderbar gepurzelt; das kostet ein Menschenleben, und der alte Willrich hat mir erst heut erzählt, daß sich das schwarze Schiff im Flusse sehen läßt; das giebt wieder Blutvergießen, wie damals im Herbste, als es dreimal hinter einander gesehen wurde und gleich darauf die vielen Leichen angeschwommen kamen. Man hat sie aufgefischt, aber nie erfahren können, woher sie stammten.«
»Und das ist ganz gut, denn sonst hättest Du Dir über jede einzelne eine Gespenstergeschichte ausgesonnen, die ich täglich zehnmal anzuhören bekäme.«
»Eine Gespenstergeschichte? Denkst Du etwa, daß ich abergläubisch bin? Noch lange nicht so, wie die Rieke Hannecken, nein, gar nicht so, sage ich Dir, aber es giebt doch zwischen Himmel und Erde Dinge, die man nicht verstehen kann; und was von der Erde fort ist und nicht in den Himmel darf, wo soll denn das anders zu finden sein, als in der Luft und auf dem Wasser! Die Rieke Hannecken hat mir erst vorhin gesagt, daß – —«
»Sei still mit Deiner Rieke Hannecken,« gebot der Kleine, indem er die Thür wieder schloß und sich zurück an das Feuer setzte; »ich mag von dem Weibe nichts wissen!«
»Das weiß ich wohl. Du magst von gar Niemanden mehr etwas wissen, auch von mir nicht. Alle Tage bist Du fort, und kommst Du des Abends ja nach Hause, so bleibt das Lager leer und Du gehst bei Wind und Wetter am Strande draußen spazieren. Ich habe es bisher gelitten und mir im Stillen den Kopf darüber zerbrochen, was Du nur immer auswärts zu suchen hast.«
»Laß das nur unterbleiben; es hilft Dir doch nichts!«
»So? Ich als Frau soll Dich täglich fortlassen, ohne einmal nachdenken zu dürfen, wo Du hingehst? Und mein Sinnen hilft mir doch nichts? Hältst Du Dich wirklich für so klug, daß ich nicht erfahren sollte, was Du treibst und was Dir anliegt? Liebesgedanken sind es, Liebesgedanken, denen Du nachhängst, die Rieke Hannecken hat es mir gesagt! Ein Mann, der mit seiner Frau nicht spricht, immer ohne ihren Willen fortgeht, sich schlaflos auf dem Lager herumwälzt und sich keine Rede und Antwort abkaufen läßt, der ist verliebt, hat sie gesagt. Es ist auch vor kurzer Zeit Eine bei Ihr gewesen, der hat sie eine Latwerge von Salbey, Beifuß und Gänsekropf machen müssen, und das ist ein Trank, der auch den treuesten Ehemann von Sinnen bringt, wenn er zur guten Zeit und im richtigen Tempo gebraut wird. Besinne Dich, wo Du so etwas getrunken hast!«
Der Krüppel sah die lange, starkknochige und schnurrbärtige Frau mit einem verächtlichen Blicke an.
»Glaubst Du denn wirklich, daß sich ein vernünftiges Weibsbild in mich verlieben könne?«
»Ja, das glaube ich, das glaube ich sehr, denn ich bin Dir auch gut gewesen.«
»Daran hat mir niemals viel gelegen.«
»Das weiß ich; aber ich wollte Dich nun einmal haben, denn die Rieke Hannecken sagte, es würde nun bald Zeit, daß ich mir endlich Einen nähme. Da bin ich zu Deiner Mutter gegangen; die hat Dir den Kopf zurecht gesetzt, und so sind wir zusammengekommen.«
»Ja, die Rieke Hannecken ist an gar manchem Unheile schuld!«
»Das sagst Du, weil Du sie nicht leiden magst; ich aber weiß, was sie kann. Als ich von den zwölferlei Gicht die neunte Sorte hatte und vor Schmerz keinen Augenblick schlafen konnte, da hat sie mir in drei Tagen geholfen. Die Gicht kam zwar schon nach kurzer Zeit wieder, aber das war wieder eine andre Art, nämlich die elfte. Und dann, als ich mit dem bösen Herzgebreste beladen war, da hat sie bei mir gewartet, bis der Spuk erschienen ist, und sich eine volle, geschlagene Stunde mit ihm herumgebalgt, bis er vor ihr fliehen mußte. O, die Rieke Hannecken, sie glaubt gar Vieles, was ich nicht glaube, aber sie hat mir erst heut früh gesagt – —«
»Daß Du eine alte Ziege bist, die nichts weiter als dummes Zeug mäckert!« fiel er ihr in die Rede, indem er sich erhob, die Thür von Neuem öffnete und trotz des Regens die Hütte verließ.
Er schritt dem Strande zu, der sich an dieser Stelle nach einwärts bog und eine kleine Bucht bildete, deren Rand mit dichtem Weidengestrüpp bewachsen war. Dies war die Weidenbucht, von welcher die Frau gesprochen hatte. —
Sich gegen Wind und Strom wendend, strengte er seine Sinne an, ob sich vielleicht irgend ein ungewöhnliches Geräusch vernehmen lasse; aber das Heulen des Windes überbot jeden andern Laut, so daß ein Ruderschlag selbst aus großer Nähe wohl nur schwer hätte gehört werden können. So stand er eine ganze Zeit; da plötzlich schrak er zusammen: es hatte ihn eine kräftige Faust beim Arme gepackt.
»Bist Du es, Heinrich, oder ist es ein unberufener Lauscher, dem ich die Neugierde vertreiben muß?«
»Teufel noch einmal, laß los, Daniel! Du zermalmst mir die dünnen Knochen ja vollständig!«
»Gut, so habe ich doch recht gesehen in dieser Höllennacht. Warum hast Du mich nicht angerufen?«
»Sehr einfach: weil ich Dich weder gesehen noch gehört habe. Der alte Blasius thut heut ja über die Gebühren! Meine Hütte wackelt in allen Fugen und meine furchtsame Hausehre sieht Gespenster von allen Farben.«
»Nimm ihr das nicht übel; es geht ja oft auch ganz gespenstermäßig zu auf dem Stückchen Erde, wo Du unser Nachtkönig bist. Und so lange die Leute hier an Gespenster glauben, so lange können wir hier auch ungestört unser Wesen treiben. Ist Alles sicher?«
»Ja, bringst Du Güter?«
»Nein, diesmal nicht. Habe etwas Besseres geladen, was mir aus Hamburg zugeschickt worden ist.«
»Etwas Besseres als Güter? Hm!«
»Du denkst, es giebt überhaupt nichts Besseres als eine gute und billige Sorte von gewissen Waaren?«
»Ich habe stets so gemeint. Was hast Du?«
»Einen Pfaffen.«
»Einen Pfaffen? Pfui Teufel!«
»Nur sachte, sachte! Es scheint mir eine ganz absonderliche Art von Pfaffe zu sein.«
»Inwiefern?«
»Da, sieh einmal hinaus auf’s Wasser! Möchtest Du jetzt, zu dieser Stunde, in dieser Finsterniß, bei diesem Winde und trotz des Eistreibens auf meinem morschen Kahne eine Fahrt versuchen?«
»Das möchte ich mir doch vorher erst einmal überlegen!«
»Da hast Du es! Und dieser fromme Mann hat Zeit seines Lebens noch keinen Fuß in einen Kahn gesetzt und kommt gar weit her aus dem Binnenlande. Dennoch aber hat er mir fast gute Worte gegeben, ihn herüber zu schaffen, weil seine Sache Eile habe.«
»Allerdings gehört er da nicht zu Denen, welche blos singen und beten, fasten und sich kasteien und vor lauter Angst das böse Wesen bekommen, wenn sie das Wasser nur riechen. Wo ist er denn eigentlich her?«
»Er thut in Allem sehr geheimnißvoll, aber so viel habe ich vernommen, daß er aus den Marken kommt und Pater Eusebius heißt. Er brachte mir das geheime Zeichen mit; er hat es in Hamburg bekommen, und ich muß ihm also zu Diensten sein.«
»Und was will er hier?«
»Er will nach dem Wiking.«
»Nach dem Wiking? Mir scheint, der Kerl hat Muth! Was mag er dort wohl zu thun haben?«
»Er hat kein Wort verlauten lassen. Ich übergebe ihn Dir; das Uebrige ist Deine Sache.«
»Bringe ihn her!«
Der Mann entfernte sich und kehrte bald darauf in Begleitung eines zweiten zurück.
»Wir sind mit einander fertig,« sagte er zu diesem; »von jetzt an habt Ihr Euch mit Euren Wünschen an diesen hier zu wenden!«
Pater Eusebius wollte Etwas erwidern, aber der Sprecher war nach dem letzten seiner Worte schon im Dunkel der Nacht verschwunden. Hinrich ergriff ihn bei der Kutte und zog ihn mit sich fort.
»Kommt!« mahnte er ihn; »es ist heut nicht gut sein im Freien!«
Die ganze vorherige Unterhaltung war nicht gesprochen, sondern geschrieen worden, da eine jede gewöhnliche Rede im Winde vollständig verklungen wäre. Darum gab Hinrich auch jetzt nur in kurzen Worten die einzelnen Weisungen, welche nothwendig waren, ihm durch die Finsterniß folgen zu können, und schritt über den morastigen Boden bis in die Mitte einer kleinen, mit Binsen bewachsenen Fläche, wo er sich bückte, um eine Fallthüre empor zu heben, welche mit Erde und Pflanzenwerk so verdeckt war, daß man sie selbst am hellen Tage wohl nur schwer und bei vorsätzlichem Suchen von ihrer Umgebung hätte unterscheiden können.
Er führte den Pater eine Reihe von Stufen hinab, welche aus Rasen aufgesetzt waren, brannte unten ein Licht an, dessen kleines, düsteres Flämmchen einen nur höchst zweifelhaften Schimmer um sich her verbreitete, und verließ ihn dann mit den Worten:
»So, jetzt seid Ihr geschützt vor der Unbill des Wetters. Wartet zu, bis ich nach einiger Zeit wiederkomme, um Euch weiter zu führen.«
Der Pater sah sich in einem primitiv ausgegrabenen, nassen Loche, zu dessen Boden die erwähnten Stufen hinabführten, wo sich auch eine mit Rasen belegte Erdbank befand. Jedenfalls wurde die Grube nur benutzt, um Personen oder Güter auf kurze Zeit zu verstecken und vor Späheraugen in Sicherheit zu bringen. Der nasse Moorboden eines mitten in der Elbe gelegenen Inselchens war keineswegs geeignet, einen angenehmen Aufenthalt zu bilden, und dazu kam die Unsicherheit seiner Lage, welche das Ihrige dazu beitrug, ihm den gegenwärtigen Augenblick so unbehaglich wie möglich zu machen. Gern hätte er mit dem kleinen Buckligen ein Gespräch angeknüpft, um aus demselben wenigstens zu sehen, wessen Geistes Kind der Mann sei, dem er sich hier jetzt hatte anvertrauen müssen; dieser aber hatte das Loch zu schnell verlassen und schritt nun nachdenklich seiner Hütte wieder zu.
»Ein Pfaffe, der zu Rolf Vendaskiold auf den »Wiking« will,« dachte er während des Gehens bei sich; »das ist eine so seltsame Sache, daß sie noch nicht einmal mir vorgekommen ist, und ich habe doch schon gar Vieles erlebt und erfahren. Das wird gewiß eine sehr fromme Messe werden, welche die beiden Herren mit einander lesen, und wehe Dem, der dazu die Hände falten muß! Und aus den Marken kommt er? Das soll ein schauderhaft fernes Land sein, wo sie einander zum Vergnügen die Gurgeln sammt den Köpfen abschneiden. Vielleicht ist es der Leibpfaffe des dortigen Herzogs oder Kaisers, der den Vendaskiold haben soll, damit er mit seinen Mannen einmal Ruhe und Ordnung im Lande stifte. Die Gegend muß um Afrika herum im großen Meere liegen, denn der »Wiking« kann auf dem Flusse nicht vorwärts, weil er zu groß ist, und muß immer offene See und tiefes Wasser haben. Ich wollte, ich könnte mit; da käme ich doch einmal von meinem alten Hausdrachen los, obgleich ich meine Gurgel auch noch anders gebrauchen kann, als sie mir in den Marken abschneiden zu lassen. Dort soll auch der böse Diez hausen, von dem sie hier den Kindern allerlei Grauliches erzählen, wenn diese keine Ruhe geben wollen. Nein, ich will doch lieber auf meiner Insel und bei meinem Ehekreuze bleiben, als mich von diesem vielleicht gar noch viertheilen lassen, es ist ja so nicht gar absonderlich viel zu meinem Bischen Fleisch!«
Mit diesen Schlußgedanken trat er in die Hütte. Die Frau hatte sich gelangweilt und empfing ihn mit Scheltworten.
»Du kannst es doch nicht lassen, Dich draußen herumzutreiben. Bist naß bis auf die Haut, und wenn Du Dich am Feuer wieder trocken gebraten hast, so gehst Du wieder hinaus, um von neuem naß zu werden. Ich habe nun alle Arten von den zwölferlei Gichten durchgemacht, nur die fünfte noch nicht, und halte mich doch wie ein Hühnchen; Du lebst wie ein wildes Thier, und weißt noch nicht einmal von der ersten oder zweiten Sorte etwas. Ich muß nur einmal die Rieke Hannecken fragen, wie das zugeht. Vielleicht könnten wir uns in die zwölf Gichten theilen, Du sechs und ich sechs, dann hätte ich weniger auszustehen und Du bliebest besser daheim bei mir. Ja, ja, ich muß sie einmal fragen, ob sie die Gicht theilen kann!«
»Ich wollte, sie könnte es, dann würde ich ihr meine Hälfte lassen, damit sie für ihren Hokuspokus auch etwas bekommt.«
»Hokuspokus? Das redet nur der Unverstand! Als
Du die Füße voller Leichdornen hattest und ich ihr Deine Strümpfe bringen mußte, um die Dornen einspinden zu lassen, hat es Dir da nicht wohlgethan?«
»Jawohl haben mir die Leichdornen auch fernerhin wohlgethan, aus den Strümpfen aber hat sie sich ein Busenkissen bereitet, welches gegen die bösen Dünste und giftigen Dämpfe hilft, wenn es von einem Manne kommt, dessen Weib ihm noch kein böses Wort gesagt hat.«
»Dann muß es auch helfen, denn ein so ruhiges und friedsames Weib, wie ich, giebt es gar nicht wieder. Die Rieke Hannecken hat mir erst vorgestern gesagt, daß es so ist.«
»Ich wollte nur, sie sagte es mir einmal, dann wollte ich ihr auch ohne Busenkissen für die giftigen Dämpfe thun!«
»Du kannst sie einmal nicht leiden, und darum – Jesus, Maria und der heilige Vater Joseph, was war das!« unterbrach sie sich mitten in der Rede. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn, alle guten Geister loben – – – —«
»Sei ruhig mit Deinem Geplärr!« rief er ihr zornig zu. »Der Satan thut Dir sicherlich nichts; wenn er draußen ist, da frißt er zehnmal lieber mich!«
Es hatte einen Schlag wider die Thür gegeben, und Hinrich erhob sich, um nach der Ursache desselben zu sehen. Seine Frau trat ihm zitternd in den Weg.
»Hinrich, was willst Du thun! Heut’ ist die Luft voll böser Geister, und wenn der Wind einen derselben gegen die Thür wirft und Du gehst hinaus, so faßt er Dich und fliegt mit Dir davon. Bleib hier, ich bitte Dich inständig; denke an Dein armes Weib und sieh lieber morgen am Tage nach, was es gewesen ist!«
»Mir soll es ganz recht sein, wenn er mich mit fortnimmt; dann lasse ich mich später auch einmal gegen die Thür werfen und hole Dich nach. Laß mich!«
Er befreite sich von ihren Händen und öffnete die Thür; der Wind trieb die Flamme hoch in den Schornstein hinauf und riß Alles, was nicht niet— und nagelfest war, von den Wänden herab. Die Frau flüchtete sich unter lautem Kreischen in die Ecke, Hinrich aber schloß den Eingang und schritt, wie vorhin, nach der Weidenbucht. Dort standen mehrere dunkle Gestalten, von denen eine ihm entgegenkam.
»Hast Du noch Raum?« frug der Mann, indem er die hohlen Hände an den Mund legte.
»Genug!« antwortete Hinrich in der gleichen Weise.
»So löscht die Ladung!« gebot der Erstere dem Anderen.
Trotz des Windes, der jede freie Bewegung erschwerte, begann jetzt ein reges Treiben. Säcke, Packete und allerlei Güterzeug wurden landeinwärts getragen. Kein Wort fiel dabei, kein Wink wurde gegeben, keine Pantomime, kein Zeichen gewechselt. Die Männer mußten sowohl ihre Geschäfte, als auch die Oertlichkeit sehr genau kennen. Als sie wieder bei einander am Ufer standen, frug Derjenige, welcher der Anführer zu sein schien:
»Hast Du etwas für uns?«
Hinrich nickte und winkte ihm dann, während er den Andern bedeutete, zu warten. Nach wenigen Schritten standen sie vor der Fallthür; diese wurde geöffnet und die Beiden stiegen hinab. Hier unten war das Sprechen weniger beschwerlich. Der Fremde betrachtete den Pater, welcher sich erhoben hatte, aufmerksam, dann frug er:
»Wer seid Ihr?«
»Ich kenne Euch nicht und bitte um das Zeichen!« antwortete der Gefragte.
»Ihr seid vorsichtig, frommer Herr. Hier ist es!« Er zog ein langes, breites Entermesser aus der Scheide; am oberen Theile der Klinge war ein Schiff eingegraben, unter welchem die Worte »Wiking« standen. »Wo habt Ihr das Eurige?«
Der Pater hielt ihm ein Metallstück entgegen, welches dasselbe Zeichen trug. Der Mann nahm es ihm ab.
»Alles richtig. Ihr braucht es nun nicht mehr. Nun sagt, was Euer Begehr ist!«
»Ich muß Rolf Vendaskiold sprechen.«
»Müßt Ihr das wirklich?«
»Ja. Es giebt zu Lande der Sünde und Verderbniß so viele, daß die Streiter des Herrn ihren Fuß auf die Wogen des Meeres setzen, um ihre errettenden Thaten zu thun.«
Ueber das Gesicht des Schiffers flog ein undefinirbares Lächeln.
»Das haben wir schon längst gewußt, frommer Vater, darum sind wir fortgegangen von den Sündern und haben uns auf dem Wasser der Gottseligkeit geweiht. Es wird uns hohe Freude bereiten, Euch in unserer Mitte zu sehen, denn schon längst war es unser sehnlichstes Verlangen, uns an dem Vorbilde eines heiligen Wandels zu erquicken und Trost für unsere Mühsal und Beschwerde in dem Trachten nach dem Reiche Gottes zu suchen.«
»Ihr seid auf einem guten Wege, mein Sohn; die Gnade von oben wird ihn Euch beleuchten und alles böse Gezücht versengen, welches den giftigen Stachel auf Euch wetzt. Aber mein Wandel wird Euch nicht lange zum Muster dienen, denn ich muß sehr bald wieder von Euch scheiden, nachdem ich mein frommes Werk bei Rolf beendet habe.«
»Das ist mir leid, und dazu muß ich Euch sagen, daß es ein großes Wagniß ist, den »Wiking« zu betreten, um den Herrn zu sprechen. Er ist ein strenger und finsterer Mann und mag es nicht leiden, wenn Fremde zu ihm kommen. Die Botschaft muß eine wichtige sein, wenn er des Boten schonen soll, und es sind ihrer gar Viele nicht wieder dahin zurückgekehrt, woher sie kamen, weil sie Strafe leiden mußten für die Verwegenheit, ihn mit unnützen Dingen zu belästigen.«
»Das Wort eines Priesters ist niemals unnütz; es ist mehr werth als Gold, und wiegt Edelsteine und Perlen auf. Führt mich nur immerhin zu ihm! er wird mich hören, sich meiner Worte freuen und ihnen einen kindlichen Gehorsam schenken.«
»So kommt, nehmt Eure Kutte fest um Euch, sonst werdet Ihr von dem Winde durch die Luft geführt!«
Sie verließen die Grube, welche Hinrich verschloß, und schritten der Weidenbucht zu. Dort nahm der Bucklige kurzen Abschied von den beiden Andern und schritt dem Häuschen zu.
»Solche Kerls giebt es doch auf der ganzen See nicht wieder; in einer solchen Nacht mit einem schwer beladenen Kahne diese Fahrt zu unternehmen, das können nur die Wikinger wagen; vor anderem Besuche bin ich vollständig sicher. Morgen Abend kommen nun die Hamburger, um die Waaren abzuholen. Das giebt wieder eine angestrengte Nacht und einige Gespensterstücke für mein Weib. – Was doch der Pfaffe will! Der Heuchler thut so fromm und sanft wie ein Täubchen, und doch lasse ich mich auf der Stelle spießen, wenn er nicht irgend eine schlimme Sache im Schilde führt. Diese Art von Leuten kennt man, und der Rolf kennt sie vielleicht am allerbesten, denn er soll in eine unbeschreibliche Wuth gerathen, wenn ihm eine Kutte vor die Augen kommt. Vielleicht haben sie ihn auch auf die See getrieben, weil die Gottlosigkeit zu Lande gar so groß und haarsträubend ist, und nun freut er sich bei dem Anblicke einer Tonsur grad’ so, wie sich der Haifisch freut, wenn ihm ein fetter Bissen in den Rachen schwimmt. Da ist die Thür. Na, für heut’ wird es wohl nicht viel Geisterspuk mehr geben, wenn sich die Männer nicht noch einen Spaß mit meiner Eheliebsten machen!«
Mit diesen Trostgedanken trat er ein. Die Frau kauerte noch immer furchtsam in der Ecke, in welche sie sich geflüchtet hatte. Bei dem Anblicke des Gatten erhob sie sich.
»Ich glaubte schon, sie hätten Dich zerrissen und in alle Winde gestreut. Du bist so lange weg, und ich wäre ganz gewiß gestorben, wenn ich die Nacht allein hier hätte bleiben müssen. Die Rieke Hannecken sagte mir erst vor ganz Kurzem, daß ich Dich nicht mehr hinaus lassen sollte, wenn es draußen heult und spukt. Hast Du Etwas gesehen?«
»Ja, sie spielten wie die Mücken in der Luft herum und guckten mich mit Augen an, so groß wie die Wagenräder; sie hatten Drachenschwänze und Geierkrallen und auf dem Rücken einen Kamm, auf dem die Funken spielten.«
»Jesus, Maria und der heilige Vater Joseph, und sie haben Dir nichts gethan?!«
»Nein; der Eine flog hart an mich heran, fletschte die Zähne, die bald so lang und gelb waren wie die Deinigen und grinste mir zu:
»Ich würde Dich fressen, aber Du hast schon Deinen Drachen, mit dem Du Tag und Nacht zu kämpfen hast. Gehe hin in Frieden und freue Dich über ihn in alle Ewigkeit!«
»Das sind ja fürchterliche Worte! Also den Drachen hast Du? Wo denn?«
»Hm!« machte er achselzuckend.
»Du weißt es auch nicht? Da muß ich am Tage einmal die Rieke Hannecken fragen. Die kann für den Drachen thun und wird Dich von ihm befreien!«
»Einverstanden! Sage ihr nur, sie solle mit ihm in das Wasser springen und ihn so lange unten festhalten, bis er genug hat. Auf diese Weise ist mir am besten geholfen, und dann werde ich ihr auch nicht mehr gram und böse sein!«
»Das will ich Dir wohl ausrichten, und sie wird es thun, schon allein mir zu Gefallen. Die Rieke Hannecken ist ein gar gutes und kluges Weib, wenn ich auch nicht Alles glauben kann, was sie glaubt. Sie sagte mir erst vor ganz kurzer Zeit, daß der Klabautermann, welcher auf jedem Schiffe vorn unter dem Spriete sein Wesen treibt, einst ein gewaltiger Riese gewesen sei, der vor Zeiten – – – Hilf Himmel, was ist das für ein höllisches Getöse! Lösch das Feuer aus, Hinrich, und bete ein Stoßgebetlein! Alle guten Geister loben – – —«
»Sei still! Das ist der schwarze Schiffer, der in solchen Nächten auf dem Flusse sein Wesen treibt. Lege Dich auf die Seite und laß keinen Laut hören!«
Auf dem Wasser hatte sich ein fürchterlicher Lärm erhoben. Die Töne, welche sogar das Brausen des Windes überboten, waren geradezu unbeschreiblich, und dazwischen erschollen jammervolle Hülferufe, die selbst einen sonst nicht furchtsamen Menschen mit Entsetzen hätten erfüllen können. Nachdem der Scandal eine Weile fortgedauert, endete er mit einem schrillen, vielstimmigen Schrei, der von den tobenden Lüften vielfach zerfetzt und über die Insel gerissen wurde.
Lange blieben die beiden Eheleute ruhig, bis die Frau endlich das Schweigen nicht mehr länger ertragen konnte.
»Darf ich nun wieder sprechen?« frug sie zagend.
»Ja, aber von der Rieke Hannecken nicht.«
»Warum nicht von dieser?«
»Weil sie mit den Geistern nicht auf einem guten Fuße steht. Wenn der schwarze Schiffer ihren Namen hört, so lenkt er den Kiel gegen die Insel und fährt mitten durch unser Häuschen hindurch.«
»Heilige Maria, wäre das ein Entsetzen! Wer ist der Furchtbare denn eigentlich bei Lebzeiten gewesen?«
»Er war ein guter und tüchtiger Seemann, der aber ein böses Weib hatte. Er ist in den Himmel gekommen und sie in die Hölle, und nun fährt er immer des Nachts auf seinem Kahne hinunter bis an die Teufelspforte, um sich über die Gesichter zu freuen, die sie in den Flammen schneidet. Wenn ihm unterwegs ein weibliches Wesen begegnet, oder wenn er auch nur den Namen eines Weibes nennen hört, so fährt er auf sie los, nimmt sie mit und wirft sie in den Schwefelpfuhl. Darum werden jetzt immer weniger Frauen und immer mehr Männer. Er wird nicht eher aufhören, als bis alle Weiber auf der Erde ausgerottet sind.«
»Gott stehe uns bei! Das muß ich der Rieke Hannecken sagen, damit sie sich in Acht nimmt. Sie sagte mir vor einigen Tagen, daß – – —«
»Willst Du wohl gleich von Deiner Rieke Hannecken schweigen! Ich habe Dir ja gesagt, daß Du die ganze Insel unglücklich machst und uns alle in’s Verderben bringst, wenn Du jetzt von ihr sprichst.«
»Heilige Jungfrau und heiliger Vater Joseph, das hatte ich ganz vergessen! Ich glaube, es ist besser, wenn wir lieber ganz schweigen und uns zur Ruhe legen, denn wenn ich mit Jemandem rede, so fällt mir immer die Rieke Hannecken ein und – – —«
»Ruhig, sage ich Dir, sonst sind wir verloren!«
»Hinrich, das geschah wahrhaftig ohne meine Schuld! Komm, leg Dich nieder. Der heilige Michael, welcher den Drachen erstochen hat, möge bei uns sein und uns beschützen vor allen Rathschlägen Beelzebubs. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!« – – —
Mit dem kommenden Morgen schienen die Winde ihre Kraft zu verlieren und eine ruhigere und weniger gefährliche Fahrt zu ermöglichen. Das Boot, welches während der Nacht an Neuwerk angelegt hatte, war nach Form der jetzigen Kutter gebaut, trug auf schräg nach vorn stehendem Maste ein dreieckiges Segeltuch und führte an jedem Borde acht Ruder, welche von sechszehn kräftigen Armen bewegt wurden, unter deren Drucke das Fahrzeug ganz zufriedenstellend gegen den Wind anhielt. Das Steuer wurde von zwei Männern bedient und vorn am Buge saß der Schiffer, welcher den Pater aus der Grube geholt hatte. Dieser Letztere war jetzt nicht zu sehen; er lag unter dem
Halbdecke und ruhte sich von den gehabten Anstrengungen aus.
Schon längst waren die Ufer des Stromes zu beiden Seiten zurückgetreten und die Wogen breiter, höher und mächtiger geworden. Das Kurzeis, welches die Elbe geführt hatte, breitete sich über die Fläche aus, so daß es dem Fortkommen kein Hinderniß mehr bereitete und als eine weißgraue, breiartige Masse auf den sich hebenden und senkenden Wassern auf— und niederstieg.
»Steurer, laßt ab zwei Strich nach Backbord!« kommandirte der Bootsmann vorn am Buge und kam dann zwischen den Ruderern hindurch langsam nach hinten.
Die Steuerleute folgten überrascht der unerwarteten Weisung, indem sie ihr Auge mit scharfem Blicke über den vor ihnen liegenden Horizont schweifen ließen.
»Etwas in Sicht, Bootsmann?« fragte der Eine.
»Ein Schiff,« antwortete dieser, indem er den Arm erhob, um ihnen die Richtung anzudeuten. Ganz draußen am äußersten Rande des Gesichtskreises war ein dunkler Punkt zu erkennen, welcher sich langsam und fast unmerklich fortbewegte.
»Er ist noch etwas weit vor uns. Macht, daß wir ihm näher kommen. Legt Euch in die Pinnen, Ihr Männer,« rief er den Ruderern zu; »ich möchte gern sehen, was für ein Mann es ist!«
Zu gleicher Zeit gab er dem Mann am Maste einen Wink; dieser griff an das Tau, das Segel breitete sich aus, und das Schiff flog mit bedeutend erhöhter Geschwindigkeit weiter. Niemand sprach ein Wort; Viertelstunde auf Viertelstunde verging. Endlich wandte sich der Bootsmann wieder an die Steurer.
»Es ist ein Däne, den das Lüftchen von den Friesländern hergetrieben hat. Ein schlechter Segler; hat aber vielleicht Etwas im Leibe. Seht, er bemerkt uns und hält frisch auf uns zu! – – Hm!« machte er nachdenklich, indem er den Horizont ringsum abmusterte, »möchte wohl wissen, wie viel Seelen er an Bord hat! Es wäre doch ein verteufelt hübscher Streich, wenn ein kleines Boot – – – na, und von ihm wegkommen können wir allemal noch zu rechter Zeit. Wollen einmal den Versuch machen. Laßt ab vom Rudern und legt vier Bänke bei! Ein Mann am Ruder ist genug!«
Die Ruder wurden eingezogen, die Hälfte der Bänke maskirt, und nun hatte das Boot gegen früher nur die Hälfte der thätigen Mannschaft.
»Legt Beil und Messer zur Hand! Greift wieder an! So, meine Jungens! Die Anderen gehen unter Deck!«
Man sah, der Bootsmann wollte den Dänen über die Größe der Bemannung täuschen, eine List, die unter allen Umständen von Nutzen sein mußte. Man war ihm unterdessen so weit nahe gekommen, daß man sich eher ein sicheres Urtheil über ihn bilden konnte, und die Leute im Boote warteten mit Spannung auf den Ausspruch ihres Vorgesetzten, den sie als einen Mann kannten, der allen an ihn gemachten Ansprüchen gewachsen war.
»Ja, ein Däne ist’s,« sagte er endlich, »und zwar ein Holsteingänger, der für den Dänenkönig Erik nach Kräften raubt und stiehlt. Wer weiß, was für ungehörig Gut er in seinem Raume birgt! Fast könnte man ihn ein wenig leichter machen, oder gar – – Hm, ich schätze ihn auf dreißig Mann, und wir sind ohne einen, der am Steuer bleiben müßte, unserer neunzehn. Die Sache könnte gehen, wenn alles glücklich steht. Am besten ist’s, wir lassen ihn an uns kommen. Hat er Vernunft, so fahren wir vorüber; will er uns aber an den Kragen, so mag er sehen wie es kommt!«
Das Boot folgte unverändert seinem Cours und kam bald in die Nähe des Dänen. Es war eine kleine Galeote mit hohem Vorder— und Hintercastell, schwerbauchig gebaut und trug das unbehilfliche Segelwerk der damaligen Zeit. In den Raaen und Wanten hingen einige Leute, welche eifrig damit beschäftigt waren, die Schäden auszubessern, welche man während der Nacht erlitten hatte; neugierige Köpfe blickten über die hohe Brustwehr, und auf dem Quarter stand ein Mann, der das Kommando führte und das herannahende Boot mit scharfem Blicke musterte. Als es in Sprechweite gekommen war, legte er die Hände an den Mund und rief:
»Boot, ahoi, laß das Segel fahren!«
»Laß fahren!« kommandirte der Bootsmann mit schallender Stimme, und leiser setzte er hinzu: »Du sollst Deinen Willen haben, Alter; sprich Dich nur aus!«
»Wendet zur gleichen Fahrt!« schallte es vom Dänen herab.
»Legt um!« rief der Bootsmann seinen Leuten zu, indem er zum Steuermanne trat und leise hinzufügte: »Gieb her; will’s selbst einmal versuchen!«
»Woher den Kurs?«
»Von Hamburg.«
»Wohin?«
»Nach Helgoland.«
»Was habt Ihr geladen?«
»Proviant für die Inselleute.« Und leiser klang es: »Den können wir kaufen; wir haben kaum zwei Handbreit vom Boote unter Wasser, und dennoch fragt er nach der Ladung.«
»Proviant? Den brauche ich nothwendiger, als die da drüben: ich werde ihn Euch abkaufen. Nehmt das Tau und macht Euch fest!«
»Geht nicht, Herr! Der Proviant ist schon bezahlt; ich kann die Leute nicht hungern lassen.«
»Ich die meinen auch nicht. Werde Euch das Zeug nochmals bezahlen.«
»Womit?«
»Das werdet Ihr sehen. Laßt das Geschwätz und nehmt das Tau!«
»Gut, so werft es!«
Das Tau wurde geworfen; der Bootsmann fing und befestigte es.
»So, jetzt hat er entweder uns oder wir ihn. Wir sollen sehen, womit er zahlt? O, das wissen wir schon! Nun, wir werden ihm vielleicht nichts schuldig bleiben!« brummte er.
Der Däne ließ einige Reffs in die Segel fallen und drehte bei, ein Manöver, welches damals noch bei Weitem schwieriger war als jetzt, ja, es wäre wohl ganz unmöglich gewesen, wenn der Wind sich nicht so sehr gemildert gehabt hätte. Das Boot lag hart im Lee des Schiffes; ein Ruderschlag genügte, um Planke an Planke zu bringen. Die Leute, welche ihren Bootsmann gar wohl verstanden hatten, warteten nur auf den Befehl desselben, um statt der Ruder die Enterbeile in die Hand zu nehmen.
»Der Bootsmann herauf!« erscholl es von oben.
»Gleich, Herr! Aber laßt doch das Fallreep herab, ich bin krank zum Klettern!«
Wirklich wurde ganz wider Erwarten die Schiffstreppe herabgelassen, so daß jetzt dem Besteigen der hohen Borde gar keine Schwierigkeiten im Wege standen.
»D’rauf, Ihr Mannen. Schlagt sie nieder, aber schont das Leben!« rief der Bootsmann und stand, allen Anderen voran, im nächsten Augenblicke droben auf dem Verdecke.
Mit einigen raschen Sprüngen hatte er den Befehlshaber erreicht, den er mit der Axt vor die Brust stieß, daß er hintenüber stürzte.
»So, nun können wir über den Preis reden, Alter! Einstweilen liegst Du gut.«
Mit kräftigen Streichen wehrte er einige der Feinde ab, welche herbeigeeilt waren, um ihren Herrn zu decken, dann stürzte er sich mitten in den wirren Knäuel hinein, welchen die Kämpfenden bildeten. Die Dänen waren auf einen Angriff nicht gefaßt und also auch meist unbewaffnet gewesen; dieser Umstand kam den Angreifern so zu statten, daß sie in kurzer Zeit den Feind überwältigt hatten.
Todte gab es keine, vielmehr waren die Meisten der auf dem Decke Umherliegenden von den Schlägen der Axthelme nur betäubt oder kampfunfähig gemacht worden. Die erste Sorge der Sieger war, die Besiegten unten in dem Kielraume gut zu verwahren, dann wurde das Boot ins Schlepptau genommen, und die Galeote strebte eine neue Fahrt in der Richtung auf Helgoland zu an.
Der Bootsmann stand auf dem Quarterdecke, wo vorher der Däne seinen Platz gehabt hatte, und rieb sich vergnügt die Hände.
»Das war ein Streich, den uns nicht gleich ein Anderer nachmachen wird, und es soll mich verlangen, was der Capitain dazu sagt. Viel wird es freilich nicht sein, vielleicht nicht einmal ein einziges Wort, aber ich kenne seine Weise; er spricht blos dann, wenn er entweder Glück oder Verderben spendet; was zwischen diesem beiden liegt, das ist ihm zu gewöhnlich, als daß er viele Worte darüber verlieren sollte. Der alte Kasten hier geht tief, er muß also schwer geladen haben, aber ich kann nicht einmal nachsehen, welche Sorte von Dingen es sind, die wir so billig in die Hand bekommen haben, denn wir sind durch die Fahrt und die Bewachung der Gefangenen vollauf beschäftigt.«
Er spazierte in heiterster Laune über das Deck nach dem Hintertheile des Schiffes und blickte in das Boot hinab, wo außer dem Manne am Steuer jetzt Niemand mehr zu sehen war.
»Ich glaube gar, der Pfaffe hat das ganze Abenteuer verschlafen! Der Mann muß entweder ein sehr gutes Gewissen oder gar keins haben, sonst hätte es ihm schon längst die Augen aufgerissen. Vielleicht ist es das letzte Mal, daß er so ruhig schläft, denn führt er eine Schurkerei im Schilde oder behelligt er den Capitain mit unnützen Dingen, so mag ich nicht in seiner Haut stecken!«
Er stieg wieder auf das Hinterdeck, warf einen Blick über den Horizont und eilte dann zum Steuermann.
»Siehst Du Etwas?« fragte er diesen.
»Wo?«
»Dort!«
Der Mann beschattete die Augen mit der Hand und blickte nach der bezeichneten Richtung.
»Nun?«
»Wenn ich mich nicht irre, so ist das der »Wiking«,«
»Freilich ist er es. Dem Capitän ist es bei dem Wetter bange um uns geworden, und so hat er auf die Elbe zugehalten, um uns im nothwendigen Falle nahe zu sein.«
»Er wird schöne Augen machen!«
»Habe es auch schon gedacht. Wollen doch einmal sehen, ob er Spaß versteht!«
Der helle Punkt, auf welchen die Beiden ihr Augenmerk gerichtet hatten, vergrößerte sich zusehends und kam näher und näher. Schon waren die drei Mastenspitzen deutlich zu unterscheiden, dann trat das untere Segelwerk hervor, und endlich ließ sich auch der Rumpf erkennen, welcher schließlich zu einer colossalen Größe anwuchs und in seiner damals üblichen Bauart wie eine aus den Fluthen ragende Festung ausschaute.
»Laßt die Windsegel auf!« rief der Bootsmann, und dem Mann am Steuer bedeutete er: »Falle ein wenig nach Lee ab, damit er meint, wir wollen uns vor ihm davonmachen!«
Der Wind legte sich in die neu beigesetzten Segel, und das Schiff verfolgte mit erhöhter Geschwindigkeit die abweichende Richtung. Sofort flog eine wahre Fülle von Leinwand auf dem »Wiking« in die Höhe, und er fiel von dem bisher eingehaltenen Curse ab, um die Bahn der Galiotte im Bogen zu durchschneiden.
»Siehst Du? Er will uns haben. Jetzt zeigt er die Flagge. – Zieht den dänischen Fetzen in die Höhe!«
Der Befehl wurde befolgt und erregte auf dem Wiking allgemeines Erstaunen. Die ganze seefahrende Welt wußte, daß Holstein sich mit der Hansa, besonders mit Hamburg gegen die Dänen verbunden hatte; auch waren von dem ersteren Staate die Vitalienbrüder gewonnen worden, deren berühmtestes Fahrzeug der »Wiking« war. Und hier wagte es eine armselige dänische Galeote, diesem gegenüber die Flagge zu behaupten, anstatt sich ruhig zu ergeben? Das hieß nichts anderes als wahnsinnig sein.
»Schau, wie sie sich wundern! Jetzt wird der Schiffer den Capitän rufen, um ihn zu fragen, ob er uns nicht einfach in den Grund segeln soll!«
»Wenn mich mein Auge nicht trügt, so hängt er schon droben in den Wanten. Kennst ja die Stelle, wo er immer Ausguck nimmt!«
»Ja, die Füße in den Sprossen, die Linke am Taue und die geballte Rechte in der Hüfte, wie das so seine Stellung ist. Da dürfen wir den Spaß nicht übertreiben, sonst legt sich die Stirn in Falten, und wenn diese sich sehen lassen, so giebt es stets etwas, was lieber ungeschehen bleibt. Wir haben diese Nacht dem Hinrich zu Liebe Gespenster gespielt; wollen dafür sorgen, daß wir selbst nicht etwa welche zu sehen bekommen! Lege das Steuer auf seinen Back! Hört, Ihr Mannen, laßt die Flagge mit den Windsegeln fallen!«
Sobald dieser Befehl ausgeführt war, segelte die Galeote in langsamer Fahrt gerade auf den »Wiking« zu. Sobald dieser das veränderte Benehmen des vermeintlichen Dänen bemerkte, nahm auch er die überflüssigen Segel ein und erwartete das vollständige Herannahen des fremden Fahrzeuges. Rolf Vendaskiold war jetzt aus den Wanten herabgestiegen; der Schiffer trat auf ihn zu.
»Was meint Ihr, Capitän, zu dem Dänen? Wird es
Etwas für uns werden, oder lassen wir ihn mit einer scharfen Zwiesprache davongehen?«
»Schiffer!«
Nur dies eine Wort sprach der Befehlshaber, aber es enthielt eine ganze Strafrede, und aus dem Tone, in welchem es erklang, hörte man die unverhohlenste Verwunderung heraus.
»Zeiht Ihr mich eines Fehlers, Capitän?«
»Seht Ihr nicht das Boot am Schlepptau der Galeote?«
»Wohl sehe ich es.«
»Und den Mann in der langen Jacke, welcher bei dem Steurer steht?«
»Auch diesen sehe ich.«
»Nun?«
Der Schiffer strengte sein Auge um ein Weniges mehr an und rief dann, vor Scham erröthend:
»Verzeiht, Capitän; so einen falschen Cours haben meine Gedanken noch niemals eingeschlagen. Das ist ja der Bootsmann Clas, welcher das Schiff führt, und hinten hängt sein Ruderkasten!«
»Endlich! Der hat wieder einmal einen seiner Streiche begangen und bringt uns einen Zweimaster zum Geschenk, den er mit seinem Spielzeug von einem Boote genommen hat. Ich gehe wieder in die Cajüte. Bringt die Sache in Ordnung und sagt dem Clas, daß er von heut an Hochbootsmann sei!«
Damit war für ihn die Sache erledigt; er schritt die Cajütentreppe hinab und kehrte wieder in den kleinen Raum zurück, von welchem aus das freie Fürstenthum »Wiking« regiert wurde.
Die Augen seiner Untergebenen hatten ihn verfolgt, bis der letzte Zipfel seines Gewandes in der Luke verschwunden war. Mit von inniger Liebe, felsenfestem Vertrauen und scheuer Furcht getheiltem Gefühle hingen sie an dem seltenen Manne, der es verstanden hatte, eine zahlreiche Bande der rohesten und abenteuerlichsten Gesellen zu besseren Gesinnungen zu führen und die Gewässer des Nordens mit seinem gefürchteten und doch vielgesuchten Namen zu erfüllen. Sein ganzes Aeußeres schon zeigte den Mann, der zum Gebieten geboren und selbst den schwierigsten Aufgaben seines gefahr— und anspruchsvollen Lebens gewachsen war. Keine Stimme klang wie die seine, kein Auge blickte so, wie das seine, und wenn er mit elastischem und doch so kraftvoll sicherem Gange über das Verdeck schritt, so fühlten und verstanden Alle die Sprache, welche in jeder seiner Bewegungen lag. Und wie sein Aeußeres, so war auch sein Inneres. Nie hatte er einen Befehl zurückgenommen, nie einen bemerkbaren Irrthum begangen; sein strafendes Wort fiel wie eine zerschmetternde Faust auf den Fehlenden, und mit einem einzigen kurzen Winke hatte er oft den lautesten Tumult zum Schweigen gebracht. Darum war auch ein Lob aus seinem Munde ein gar kostbares Geschenk, nach dessen Besitz Alle strebten; und wer es gehört, dem klangen die weichen, wohlwollenden Laute für immer in den Ohren. Was Wunder, daß eine Ordnung, ein Gehorsam, eine Tapferkeit und ein Opfermuth auf dem Schiffe herrschte, der dem Befehlshaber alles nur irgend Mögliche erreichen ließ und dem »Wiking« eine Macht verlieh, die selbst die berühmten Hansestädte anerkannten und für ihre Pläne zu gewinnen suchten!
Der Tisch, an welchem er sich niederließ, war mit Karten und Plänen belegt, und an den Wänden rings herum erblickte man eine Menge von Büchern und Pergamenten, wie sie in damaliger Zeit selten, am seltensten jedenfalls aber auf einem Schiffe zu finden waren, welches keinen anderen Zweck, als den der Waffen verfolgte. Vor seinem Sitze jedoch waren die Karten zurückgeschoben und auf der freien Stelle stand ein schwarzes Ebenholzkästchen, welches mit allerlei an sich geringfügigen, für den Besitzer aber doch werthvollen Gegenständen angefüllt war, denn sonst hätte er sie nicht einer so liebevollen Bewahrung unterworfen.
Er schien durch das Nahen der Galeote in der Betrachtung dieser Gegenstände gestört worden zu sein und griff jetzt wieder zu einer kleinen, feinen Elfenbeinplatte, welche er vorhin in der Eile von sich gelegt hatte. Sie enthielt das Bildniß eines in der Blüthe der Jugend und Schönheit stehenden Mädchens.
»Walda!« klang es leise von seinen Lippen, während aus seinem Auge ein helles, sonniges Licht leuchtete. »Dich habe ich geliebt wie noch selten ein Mannesherz liebte, ich und der Bruder. Auch seine Liebe kam aus dem tiefsten, heiligsten Leben. Wo er nur weilen mag? Ich habe ihn gekränkt bis auf das Blut und seine Bitten um Versöhnung von mir gewiesen – umsonst, umsonst, denn Keiner von uns Beiden hat die Hoffnungen, die er hegte, in Erfüllung gehen sehen. Unser beider Glück ist an dieser Liebe zu Grunde gegangen und begraben worden, das meinige in den Fluthen des Oceans, das seinige in der weiten, wilden Fremde, in die ich ihn hinausgestoßen habe. O, wie hasse ich seit jener Zeit diesen kalten, steifen Engländer! Er kam, sah die Holde, Reine, Herrliche und nahm sie uns weg. Er betrog uns um Alles, was wir hatten und besaßen, verleumdete uns bei dem Fürsten und freute sich, als wir fortgehen mußten aus dem Hause unserer Väter, welches unsere Jugend geschützt hatte und sich über unser Alter wölben sollte. Ja, ich hasse sie, hasse sie mit jeder Faser meines Herzens, in jeder Sekunde meines Lebens, mit jedem Tropfen meines Blutes, mit jedem Hauche meines Athems, mit jedem meiner finsteren Gedanken! Rolf Vendaskiold ist der Einzige unter den Brüdern, welcher nicht mordet, welcher Gnade nach dem Kampfe walten läßt, aber wehe dem Fahrzeuge, welches ihm unter der verhaßten Flagge des Insellandes begegnet; sein Hafen ist der Grund des Meeres und seine Mannen sind verloren, sind Kinder des Todes vom Ersten bis zum Letzten!«
Er warf sich in das Kissen zurück, welches ihm als Sitz diente, und starrte finster vor sich hin, den Gedanken Raum gebend, welche in seinem Inneren auf— und niederstiegen. Es war keine gute Stunde für den, welcher jetzt in seine Nähe treten mußte, und doch tönten nahende Schritte die kurze Treppe herab und die Thüre wurde geöffnet. Es war der Schiffer, welcher eintrat.
Aus seinem Sinnen emporfahrend, sah der Capitän ihn fragend an.
»Verzeiht, Herr, wenn ich Euch störe! Clas hat von Neuwerk einen Mann mitgebracht, welcher Euch zu sprechen wünscht!«
»Wer ist es?«
»Es ist ein Geistlicher.«
»Hängt ihn an die Raae. Das fromme Gesindel ist noch keinem Menschen von Nutzen gewesen!«
»Er behauptet, eine wichtige Botschaft für Euch zu haben.«
»Hängt ihn, sage ich! Dann mag er seine Botschaft bringen, wem er will.
»Er hat das Zeichen!«
»Das Zeichen? Wer wagt es, mein Zeichen einem Pfaffen anzuvertrauen!«
»Er kommt aus Hamburg.«
»Aus Hamburg? Dann muß die Botschaft wichtig sein. Der Senator ist treu und vorsichtig; er geizt mit unserem Zeichen. Schickt den Mann herab!«
Der Schiffer entfernte sich und nach kurzer Zeit trat Pater Eusebius in die Cajüte. Er kannte den Ruf des Mannes, vor welchem er stand und hatte sich auf einen liebenswürdigen Empfang auch gar nicht vorbereitet, aber als er dieses große, volle, packende Auge durchbohrend auf sich gerichtet sah, da wollte es ihn kalt überlaufen und die vorher wohlüberlegte Redensart blieb ihm im Munde stecken.
»Nun?« fragte Rolf kurz und streng, indem er mit dem Messer spielte, welches an seinem Gürtel hing.
»Erlaubt, gestrenger Herr, daß ich, ein Diener der heiligen Religion, Euch Gnade wünsche von – – —«
»Macht’s kurz, sonst lasse ich Euch aufknüpfen!« klang es in einem Tone, der den Pater erbeben machte. Hätte er nicht schon hart an der Thüre gestanden, so wäre er vor Schreck zurückgefahren; er wußte vor Angst kein Wort mehr von dem, was er hatte sagen wollen, und langte schweigend unter die Kutte, aus welcher er ein mit Wachs verschlossenes Schreiben hervorzog. Der Capitän griff nach demselben, öffnete es und las es aufmerksam durch; dann faltete er es wieder zusammen und legte es auf ein Becken mit glühenden Holzkohlen, welches zur Erwärmung des Raumes diente. In wenigen Augenblicken war es verbrannt.
Bis dahin hatte das Auge Vendaskiold’s in die Flamme gestarrt; jetzt richtete es sich mit einem höchst zweifelhaften Ausdrucke wieder auf den Boten.
»Euer Name?«
»Eusebius.«
»Von wannen seid Ihr?«
»Erlaubt, daß ich über diese Dinge schweige, denn —«
Der Capitän machte eine ungeduldige Bewegung, die ihn sofort verstummen ließ.
»Ich frage, und Ihr habt zu antworten. Beliebt es Euch aber, zu schweigen, so bekommt Ihr nie wieder Gelegenheit, zu sprechen. Also, von wannen seid Ihr?«
»Von Garlosen.«
»So seid Ihr also der Caplan der Ritter, welche den Beuteantheil verlangen?«
»Dreier von ihnen.«
»Haben sie Euch zu mir geschickt?«
»Nein. Sie gaben mir die Erlaubniß, nach eigenem Ermessen zu handeln.«
»Was that Euch der Markgraf?«
»Nichts.«
»Und der Engländer?«
»Nichts.«
»Wer verrieth Euch die Sache?«
»Das weiß ich nicht. Ich erfuhr sie erst von den Rittern.«
»Ihr seid fertig mit Eurer Botschaft und habt mir blos noch zu sagen, wie der Engländer heißt, welches Schiff er benutzt und zu welcher Zeit er kommt.«
»Erlaubt, gestrenger Herr, daß ich dieses nicht eher sagen kann, als bis Ihr unsere Bedingungen angenommen habt.«
»Bedingungen? Ihr mir?! Glaubt Ihr, daß der Rolf Vendaskiold der Mann ist, der mit Euren Strauchrittern überhaupt verkehrt? Und Bedingungen wollt Ihr mir machen?«
»Es sind hohe Summen, um welche es sich handelt, und mein Geheimniß ist also kostbar. Wenn ich schweige, so werden Euch die Schätze entgehen.«
»Du wirst überhaupt gar nicht schweigen! Siehe diesen Sand im Glase; wenn er abgeronnen ist, muß ich hören, was ich wissen will, sonst lasse ich Dich hängen!«
Es befand sich des Sandes so wenig in der Uhr, daß er in höchstens zwei Minuten abgelaufen sein mußte und der Capitän hatte schon die Hand an der Schnur, um den Vollstrecker seines Willens herbei zu rufen. Der Pater verwünschte den Augenblick, welcher ihn auf den »Wiking« gebracht hatte. Wollte er sein Leben retten, so mußte er sein köstliches Geheimniß preisgeben, ohne für sich und seine Ritter auch nur den kleinsten Vortheil zu erlangen. Er zögerte bis zum letzten Augenblicke, dann aber öffnete ihm, als er die Unwiderruflichkeit des ausgesprochenen Urtheils in den Zügen des Capitäns las, die Todesangst den Mund.
»Die Zeit ist um! Nun?«
»Der Engländer ist der Graf von Warwick, welcher kommen wollte, sobald das Wasser vom Eise frei sei; den Namen des Schiffes kenne ich nicht.«
»Gut. Dein Leben hing an einem Haare. Jetzt kenne ich Dich zur Genüge. Du wirst Deinen Lohn finden!«
Er zog an der Schnur und bald stand einer seiner Leute unter der Thür.
»Dieser Mann ist gefangen. Schicke den Schiffer herab!«
Pater Eusebius wollte in eine Klage ausbrechen, der Mann aber ergriff ihn beim Schopfe und verschwand mit ihm. Als der Schiffer eintrat, frug Rolf:
»Wie weit seid Ihr mit der Galeote?«
»Die Mannschaft ist herüber und die Ladung zum größten Theile durchgesehen.«
»Worin besteht sie?«
»Es ist nicht Handelswaare. Der Däne ist in Holstein eingefallen und hat geplündert. Was ihm gut erschien, das hat er mitgenommen.«
»Untersucht das Fahrzeug genau und bestimmt den Werth desselben sammt der Ladung. Es ist ein schlechter Segler und darum für uns nicht zu gebrauchen. Wir verkaufen es daher mit Allem, was er enthält.«
»Und die Mannschaft?«
»Werden später sehen. Hört, was ich Euch noch sage! Ein Graf von Warwick geht von England nach Hamburg. Ich muß den Mann haben. Wir nehmen also Gegencours nach dem Canal hin und lassen uns kein Schiff, welches aus England kommt, entgehen. Andere Nationen werden nur ausgesucht, die Engländer aber springen über die Klinge. So! Meldet mir das Ergebniß, wenn Ihr mit der Galeote fertig seid!«
Der Schiffer ging; der Capitän fiel von Neuem in tiefes Sinnen. Vergangene Zeiten zogen an ihm vorüber mit ihren lichten und dunklen Gestalten; Personen und Thatsachen, die er längst vergessen gewähnt hatte, traten klar und deutlich aus seinem Gedächtnisse hervor und längst verhallte Stimmen ließen sich aus den Tiefen seines Herzens hören. Solche Stunden der Erinnerung sind heilige Momente im menschlichen Leben; sie lehren die Ohnmächtigkeit des Menschen und die Unwiderstehlichkeit eines göttlichen Waltens erkennen. Man giebt sich ihnen hin unwillkürlich und vollständig, und ihr Segen legt sich weich und beruhigend um das erregte Gemüth, es stimmend zur milden Versöhnlichkeit.
»Capitän!«
Er blickte auf. Er hatte die Wiederkehr des Schiffers gar nicht bemerkt.
»Was bringt Ihr?«
»Es ist ein Gefangener auf der Galeote gefunden worden, ein Herr von Dönaborg, den die Dänen aus irgend einem Grunde mit sich fortgeschleppt haben. Er wünscht Euch zu sprechen.«
»Von Dönaborg? Ist es der Graf oder ein bloßer Edler dieses Namens?«
»Kann es nicht sagen. Er ist alt und leidend; letzteres vielleicht nur in Folge der erlittenen Unbill.«
»Führt ihn zu mir!«
»Er steht schon vor der Thür.«
»So laßt ihn eintreten.«
Der Schiffer öffnete und ließ, sich entfernend, den Angemeldeten eintreten. Rolf verharrte ruhig in seiner Stellung; sein Auge glitt forschend und wie nach einem Anhalte suchend, über die bleichen Züge des Eingetretenen.
»Ihr seid?« frug er in seiner kurzen Weise.
»Mein Name ist Dönaborg.«
»Vollständig!«
»Graf Gert von Dönaborg.«
»Wie kommt Ihr nach Holstein, da Ihr dort doch kein Heimwesen habt?«
Der Gefragte blickte rasch empor.
»Kennt Ihr mich?«
»Setzt Euch, Herr! Der Name Dönaborg hat einen guten Klang in meinem Ohre!«
»Sagt, woher stammt dieser Klang?«
»Das sollt Ihr wohl gleich sehen!«
Er griff in das Ebenholzkästchen, nahm eine ähnliche Elfenbeinplatte, wie die vorhin erwähnte, heraus und reichte sie dem Grafen dar. Derselbe warf einen Blick auf das Bild und sprang dann überrascht empor.
»Herr, wie kommt dieses Conterfey auf den »Wiking« und in Eure Hände? Es ist das Bild des besten und treuesten meiner Freunde. O sagt, wem Ihr es abgenommen habt! Ich habe nach den Söhnen dieses Mannes geforscht bis auf den heutigen Tag und doch niemals Etwas über sie vernehmen können.«
»Sie sind verschollen und verschwunden, spurlos, ohne Wiederkehr; Ihr dürft nicht nach ihnen fragen, denn es würde Euch keine Antwort werden; Ihr dürft nicht nach ihnen suchen, denn all’ Eure Mühe würde doch vergebens sein. Ihre Jugend ist gestorben, ihr Glück begraben, ihre Ehre vernichtet und ihr Name vergessen!«
»Vergessen? Wenn Alle ihn vergessen haben, bei mir ist er wohl aufgehoben. Das Geschlecht derer von Moltke – – —«
»Halt! Sprecht dieses Wort nicht zum zweiten Male aus; ich mag es nimmer hören!«
»So haßt Ihr diesen Namen? Hat einer von Denen, die ihn trugen, Euch so schwer beleidigt und gekränkt, daß Ihr ihn nicht ohne Zorn hören könnt?«
»Nein, o nein, sondern ich bin es gewesen, der sich an ihm versündigt und ihn um Alles gebracht hat, was ihm werth und theuer war. Kennt Ihr auch dieses Bild?«
Er reichte ihm das weibliche Portrait hin.
»Walda von Löwenholm, die Geliebte der beiden Brüder. Herr, Ihr macht mich staunen! Wollt mir doch erzählen, wie Ihr zu diesen Bildern gekommen seid!«
»Jetzt nicht, vielleicht erfahrt Ihr es später. Jetzt sollt Ihr mir vielmehr von Euch erzählen und wie Ihr auf die Galeote gekommen seid.«
»Ich wurde von Schweden nach Rendsburg zum Herzog Heinrich von Holstein gesandt, welchem der Dänenkönig Erik des Vaters Lehen nehmen will, und hatte dabei ein Weniges im Süd-Ditmarschen zu thun, wo ich bei dem nächtlichen Ueberfall der Dänen erkannt und gefangen genommen wurde. Man wollte mich zu Erik bringen, wo ich als Feind des Reiches einen sichern Tod gefunden hätte.«
»Das wolle Gott verhüten! Ist Euer Werk in Rendsburg schon gethan?«
»Nein; der Herzog wird mich schwer vermissen, da er nebst der Hansa auf Schwedens Hülfe rechnen muß.«
»Welch’ ein Gefängniß habt Ihr auf dem Fahrzeuge gehabt?«
»Ich lag in einem Loche am vordern Maste, kaum groß genug, daß ein zehnjähriger Bube darin zu sitzen vermag. Meine Speise während dreier Tage war Wasser, und die einzige Beachtung, welche meine Bitte um ein besseres Gefängniß fand, bestand in Fußtritten, mit denen man mich in das Loch zurückstieß.«
Die Stirn Rolfs legte sich in Falten.
»Wie war das Treiben der Dänen auf dem Lande während des Ueberfalles?«
»Sie haben gesengt und gebrennt nach Herzenslust und dabei auch der Menschen Leben nicht geschont. Als man mich gebunden durch den brennenden Ort führte, sah ich der Leichen mehrere liegen.«
Der Capitain machte keine Bemerkung zu dieser Mittheilung, aber der Blick seines Auges verkündete nichts Gutes.
»Was dachtet Ihr, als man Euch nach dem »Wiking« brachte?« frug er nach einer kleinen Pause.
»Ich erschrak,« antwortete er zögernd.
Jetzt lächelte Rolf.
»Ich glaube es Euch! Wer Ursache dazu hat, der mag nur immerhin vor mir zittern. Gerechtigkeit ist eine schwere Tugend, und wer sie übt, hat öfterer zu strafen als zu lohnen. Ihr sollt ein Beispiel von beidem sehen. Kommt mit nach oben, Graf!«
Er erhob sich, um sich mit Dönaborg auf das Deck zu begeben. Droben angekommen, winkte er den Schiffer zu sich.
»Bringt die Dänen!«
Die Lücke, welche in den Raum hinabführte, der zur Aufbewahrung der Gefangenen diente, wurde geöffnet, und bald standen die Letzteren in einer langen Reihe vor dem Mittelmaste. Diejenigen Männer des »Wiking«, welche sich nicht im Dienste befanden, drängten sich herbei, um zu hören, was der Capitain über sie befehlen werde. Dieser trat mit dem Grafen vor die Gefangenen. Sein Auge bohrte sich in das Angesicht eines jeden Einzelnen von ihnen und haftete zuletzt mit vernichtendem Ausdrucke auf dem Anführer.
»Du wirst sterben!«
Er sprach nur diese drei Worte. Die Untersuchung war beendet und das Urtheil gefällt.
»Herr,« rief der Mann bittend, »was habe ich denn Euch gethan, daß – – —«
»Still! Ihr habt das Blut friedlicher Leute vergossen und ihre Wohnungen mit Feuer vernichtet. Sie hatten Euch auch nichts gethan. Fort mit ihm!«
Er wurde gepackt und trotz allen Streubens nach vorn geschafft.
»Welche unter Euch sind es, die sich des Mordes schuldig machten?«
Tiefes Schweigen folgte dieser bedrohlichen Frage.
»Gut, so waret Ihr es alle. Fort mit ihnen an die Raae!«
Dieser Befehl löste sofort die Zungen, und bald waren die Verbrecher herausgefunden. Sie wurden abgeführt.
»Herr, schont des Menschenlebens! Die Leute haben doch nur – —« wollte der Graf bittend einwenden, der Capitain aber brachte ihn durch eine einzige abwehrende Bewegung seiner Hand zum Schweigen.
»Ich sprach zu Euch von Gerechtigkeit! Schiffer, wie weit seid Ihr mit der Galeote?«
»Noch nicht ganz zu Ende, Capitain.«
»So laßt die Arbeit ruhen. Hochbootsmann Clas!«
»Herr!«
»Du gehst mit Deinen Mannen auf die Galeote und führst dieselbe nach Meldorf in Süd-Ditmarschen. Dort giebst Du sie mit ihrer vollständigen Ladung diesem Herrn, dem Grafen von Dönaborg über, welcher als Eigner des Fahrzeuges mit Dir geht, und wendest Dich sodann mit den Deinen nach Helgoland, wo Du meine Rückkehr erwartest!«
»Ich, der Eigner der Galeote? Was soll ich in Meldorf mit ihr thun?« frug der Graf.
»Ihr werdet vielleicht die Güte haben, dafür zu sorgen, daß die Beraubten ihr Eigenthum zurück erhalten. Ich schlage mich für Holstein und werde den Angehörigen dieses Landes nicht das vorenthalten, was ihnen gehört. In Meldorf verkauft Ihr das Fahrzeug und verwendet den Erlös als Schadenersatz für diejenigen, denen nichts zurückerstattet werden kann.«
»Ja,« rief Dönaborg freudig, »das will ich gern und willig thun. Eure Gerechtigkeit ist streng nach allen Seiten, und ich wünsche nur, Ihr wirktet in einem anderen Lebenskreise und ich könnte stets in Eurer Nähe weilen!«
Ueber das Angesicht des Capitains flog ein trübes, bitteres Lächeln, eine Antwort aber gab er nicht. —
Als einige Zeit später der Graf sich auf die Galeote begab, begleitete er ihn bis zum Fallreep.
»Ich sollte Euch vorhin sagen wie ich zu den Bildern gekommen bin. Ihr habt Olaf Moltke gekannt und seine beiden Söhne oft auf Euren Knieen geschaukelt, Ihr werdet also nicht reden, wo ich zur Schweigsamkeit verurtheilt bin. Habt Dank für all’ Eure Liebe, die Ihr für uns
hattet und für die Treue und Sorgsamkeit, mit welcher Ihr uns in Schutz nahmt, als Alle uns verließen! Der eine der Knaben war ich; Gott gebe, daß der andere nicht verloren sei!«
Das Boot stieß ab. Rolf blickte ihm nach; in dem Winkel seines Auges glänzte es hell und feucht. Der starke, feste, wetterharte Mann weinte. Dann aber schüttelte er trotzig die heißen Thränen aus dem Auge.
»Vorwärts, nur immer vorwärts! Rückwärts geht kein guter Weg. Halloh, Schiffer, laßt alle Segel beisetzen; es giebt eine Jagd auf die Inselmänner, und da giebt es eine lustige Fahrt!« – —
Kapitel 10: Die zweite That
Die Stadt Angermünde, früher gewöhnlich Neu— oder Ketzerangermünde genannt, zum Unterschiede von Tangermünde, welches auch Alt-Angermünde hieß, lag am südwestlichen Ufer des Mündesee’s und war in der sonst gewohnten Weise befestigt. Durch die rund um die Stadt gehende Mauer führten vier Thore, deren eins nach dem See ging. In der Stadt befand sich ein Augustiner-Mönchskloster, dessen Kirche noch heut vorhanden ist, die St. Marienkirche mit einem hohen Thurme und die St. Gertrautskirche mit einem Hospitale. An die Stadtmauer nach dem See hin lagerte sich ein festes Schloß, auf welchem der pommersche Hauptmann Johann von Briesen befehligte.
Von Neustadt-Eberswalde zog sich eine vielbesuchte Straße nach Angermünde, welche dem Reisenden alle nur irgend gewohnten Bequemlichkeiten bot. Daher war es billig zu verwundern, wenn irgend Jemand die schlechten Waldpfade benutzte, welche über Werbellin-Golzow und Ziethen führten, und doch gab es heut zwei Reiterpaare, welche diese einsamen Gegenden benutzten, um aus dem Brandenburgischen auf pommersches Gebiet zu kommen.
Zur Morgenzeit ritt ein Mann aus Werbellin, dessen finsteres Wesen jedem Begegnenden auffallen mußte, und sein Aeußeres war ganz darnach beschaffen, jede unberufene Annäherung abzuwehren. Er trug die Kleidung eines gewöhnlichen Knechtes, aber seine Haltung und Bewegungsweise wollte mit dem unscheinbaren und vielfach defecten Gewande nicht gut harmoniren. Von ihm am Zügel geführt, trollte neben ihm ein kleiner, magerer Klepper her, auf welchem ein Jüngling saß, dessen trübe Gesichtszüge von einer tiefen Herzenstrauer zeugten. Er trug eine vormals schmucke Panzerkleidung, welche jetzt aber sehr beschädigt erschien, und hielt den müden Blick starr auf den Hals des Pferdes gesenkt, eine Theilnahmlosigkeit zeigend, wie sie den Jahren seiner Jugend sonst nicht eigen zu sein pflegt. Endlich hob er den schönen Kopf ein wenig in die Höhe und blickte seinen Begleiter verstohlen von der Seite an.
»Herr Dietrich!« klang es zögernd aus seinem Munde.
Der Andere wandte sich zu ihm und blickte ihm fragend in das Gesicht.
»Hat unsere Reise noch nicht bald ihr Ende erreicht?«
»Warum?«
»Ich bin des ungewohnten Irrens müde.«
Es erfolgte keine Antwort. Dietrich von Quitzow, welchen wir in dem Einen erkannt haben, war mit seinen eigenen Gedanken und Plänen zu sehr beschäftigt, als daß er die Klage des jungen Mannes viel hätte beachten mögen.
»Warum steht Ihr mir nicht Rede und Antwort?« fragte dieser nach einer Weile mit sichtbarem Unmuthe. »Ich bin es nicht gewohnt, daß meine Worte beharrlich überhört werden.«
Ein verächtlicher Seitenblick streifte den Sprecher.
»Und ich bin nicht gewohnt, mich zu unnützen Plaudereien bewegen zu lassen. Was wollt Ihr?«
»Warum gebt Ihr mir nicht Speise und Trank und eine ordentliche Herberge des Nachts? Ich habe Euch ja mein Wort gegeben, Euch nicht zu verrathen, sondern Euch vielmehr freiwillig zu folgen, wohin Ihr mich führt. Glaubt Ihr, daß ich es brechen werde?«
Wieder verging eine Weile; dann klang es kurz:
»Wartet noch bis morgen, dann hat alle Mühsal ihr Ende erreicht. Herr Johann von Briesen wird uns Alles geben, dessen wir zu unserem Wohlbefinden bedürfen.«
»Johann von Briesen? Der ist doch Hauptmann in Angermünde! So wollet Ihr mich nach Pommern führen?«
Statt der erhofften Antwort wurde ihm neues Schweigen zu Theil. Er senkte traurig den Kopf und versank wieder in das vorige trübe Sinnen. —
Zu derselben Zeit verließen zwei andere Reiter Ziethen; auch hier war der Eine alt und der Andere jung, aber ihre Mienen drückten ganz andere Gefühle aus, und das lebhafte Gespräch, welches sie mit einander führten, zeugte von dem guten Einvernehmen, in welchem sie mit einander standen.
»Nun ist das Ziel unserer Reise in kurzer Zeit erreicht,« sprach der Aeltere, »und ich werde Euch gar bald verabschieden müssen. Doch einige Tage müßt Ihr in Angermünde noch bei mir verweilen, Detlev!«
»Verzeiht, Herr Fürst, daß ich Euch dieses abschlagen muß. Mein Vater wird Euch mit Schmerzen erwarten und Ihr habt Eure Kräfte wieder erlangt, so daß Ihr nun des Beistandes nicht mehr bedürft.«
»Das ist wohl wahr, allein diese Begleitung ist mir nun fast lieb und theuer geworden, so daß ich gern so spät wie möglich auf sie verzichten möchte.«
»Ich danke Euch; aber ich denke, daß ich nicht für immer von Euch scheiden werde, sondern daß mir das Glück zu Theil werden wird, Euch wieder zu sehen. Möchten nur Eure Bestrebungen bei den Herzögen von Pommern einen guten Erfolg haben! Ich bin ein unerfahrener Jüngling, der von der Kunst des Regierens noch nicht gar viel zu hören bekommen hat, jedoch denke ich immer, daß es den Pommern und Mecklenburgern niemals gelingen werde, ihren feindseligen Stand gegen unseren erlauchten Herrn, den Markgrafen, festzuhalten. Vielmehr scheint es mir, daß er diejenige Kraft und Klugheit besitze, welche durch Güte oder ernsten Zwang die Anschläge der Feinde zu nichte zu machen versteht.«
»Das mag ein wahres Wort sein. Ich habe meinen Vettern, den Fürsten Balthasar, Johann und Wilhelm von Wenden stets mit solchem Rathe gedient, aber sie wollen mich nicht hören. Da zog ich zu dem Markgrafen, um mit ihm über diese Sachen zu verkehren. Ich nahm keine Diener mit, um unerkannt zu bleiben und mein Vorhaben geheim zu halten, und wurde auf dem Rückwege überfallen und nach Garlosen geschleppt, wo ich ein Lösegeld zahlen sollte. Auch wollte man daselbst wissen, wer ich sei, und als ich mich weigerte, dies zu sagen, warf man mich in jenes Verließ, aus dem Ihr Beide mich befreiet habt. Da ich nun einmal länger, als ich es mir vorgenommen hatte, von Waren weggeblieben war, so setzte ich noch etwelche Tage hinzu, um mit den Fürsten von Pommern zu sprechen. Denn sobald diese sich bewegen lassen, der Klugheit Gehör zu schenken und die Feindschaft mit den Marken aufzuheben, so werden sich auch meine Vettern bewegen, oder gezwungen sehen, ein Gleiches zu thun. Das Gefängniß hatte meine Kräfte so geschwächt, daß ich diese Reise nicht allein machen konnte, und so war es mir lieb, daß Herr Bismarck sich entschloß, auf seine bisherige Begleitung zu verzichten.«
Jetzt lenkten sie nach Herzsprung ein und kamen auf die Eberswalder Heerstraße, wo es der Wanderer so viele zu sehen gab, daß die Unterhaltung stockte und sie ihren Augen ungehinderte Beschäftigung gaben. In Angermünde angekommen, verzichteten sie, in einer Herberge einzukehren, und ritten nach dem Schlosse, wo der Fürst den Hauptmann Johann von Briesen aufsuchen wollte.
Er fand in demselben einen verständigen Mann, welcher seine Ansichten theilte und ihm zu seinem Vorhaben ein gutes Gelingen wünschte. Währenddessen ging Detlev durch die Straßen und Gassen der Stadt, um dieselbe so genau als möglich kennen zu lernen. Seine Gedanken schweiften dabei in die Zukunft und ließen ihm Dinge voraussehen, welche seinem natürlichen Scharfblicke nicht verborgen bleiben konnten.
»Es wird die Zeit kommen,« dachte er, »in welcher die Entscheidung zwischen Brandenburg und Pommern in und um Angermünde toben und das Blut in Strömen fließen wird. Ich liebe den kräftigen Streit, welcher offen und ehrlich den Gegner sucht, aber die List hat auch ihre gute und volle Berechtigung, und wenn der Menschen und ihrer Güter geschont werden kann, so muß die Klugheit dem blanken Schwerte vorgezogen werden. Ich will mir die Befestigungen genau anschauen; vielleicht, daß es mir in späterer Zeit von Nutzen ist.«
Indem er so dahinwanderte und mit Aufmerksamkeit alle Baulichkeiten betrachtete, kam er in eine Gasse, welche durch eine ungewöhnliche Anzahl von Menschen gesperrt wurde, die sich vor einem Hause zusammengefunden hatten. Vor der Thür desselben waren eine Menge Gegenstände aufgestellt, wie sie zu einem gewöhnlichen bürgerlichen Hausrathe gehören; an einem alten Tische saß ein Rathsbeamter, und neben ihm stand der Büttel, welcher den versammelten Leuten die Wirthschaftsgeräthe vorzuzeigen und überhaupt das laute Wort zu führen hatte. Es war eine Auction, welche soeben beginnen sollte. Da trat eine kleine, dünne, bewegliche Gestalt aus der Thür, warf einen zornigen Blick über die Menge und sprang auf einen Stuhl.
»Hört Ihr Leutchen,« rief der Mann, in welchem wir den Berlinischen Gewandschneider Zademack, einen alten Bekannten aus »Fürst und Junker« erkennen, »laßt Euch einmal Etwas sagen!«
»Er hat hier gar nichts zu sagen,« gebot ihm der Beamte. »Steige Er vom Stuhle herab! Wir brauchen Seine Rede nicht!«
»Das Stühlchen ist jetzt noch mein und ich kann mich darauf stellen, bis es an die Reihe kommt!« entgegnete der Schneider. »Und das Reden kann mir Niemand verbieten, so lange ich kein Wörtchen sage, wodurch sich die Väterchen der Stadt und die Herrchen vom Rathe beleidigt fühlen.«
»Aber Er hält die Versteigerung auf und das darf ich nicht leiden!«
»Das wird so arg nicht sein, denn ich bin in einem kleinen Minutchen fertig. Also, hört Ihr Leutchen! Wir, als die Innungen der Schneider, Schuster und Kürschner, sind, wie Jedermann weiß, beflissen, den Menschen zu verschönern und die Ungerechtigkeiten des Körpers zu verdecken. Darum wäre es billig und lobenswerth, wenn die Männer und Weibchens, denen wir Gutes erweisen, sich uns auch dankbar zeigten. Aber da ist der lüderliche Borg eingerissen und wir Innungen und Gilden müssen arbeiten, ohne daß wir ein ordentliches Geldchen zu sehen bekommen.«
»Hört, hört, das Schneiderlein will auf uns schimpfen!« rief es unter den Zuhörern.
»Nein, das will ich nicht. Aber ich habe mein liebes Berlinchen und Weib und Kindchens verlassen und bin nach Angermünde gekommen, weil hier kein Mann war, der ein ordentliches Gewandchen fertig bringen konnte. Und nun ich Euch herausstaffiret habe mit allem Fleiß und manchen Stich gethan, damit Ihr Euch in Ehren und mit Vergnügen sehen lassen könnt unter den Leutchen, nun kann ich nicht bekommen, was mir für meine Arbeit gebührt, und die Herrchen vom Rathe wollen mir meine Sachen nehmen, weil ich Zinsen und Gebühr für das Quartalchen nicht zusammengebracht habe. Nun wird man mich mit Schimpf und Schande wieder nach Berlin gehen heißen, wohin ich als ein Bettler komme, während meine Schuldner sich hier in das Fäustchen lachen. Darum wollte ich – – —«
»Ist Er noch nicht bald fertig?« unterbrach ihn der Beamte. »Mit Seiner Predigt ändert er nichts und bringt sich nur in die Gefahr, in das Loch gesponnen zu werden. Steigt vom Stuhle! Wir können nicht länger warten und müssen unseres löblichen Amtes pflegen!«
»Gebt mir nur noch ein einziges Augenblickchen Zeit! Ich bin ja noch gar nicht mit der Vorrede zu Ende und die Leutchen müssen doch wissen, was ich ihnen sagen will!«
»Sage Er es ihnen später. Vorwärts, springe Er vom Stuhle, sonst muß ich mir mein Recht verschaffen!«
Der Schneider mußte dieser im strengsten Ton ausgesprochenen Aufforderung Folge leisten und überblickte mit betrübtem Angesichte die Sachen, welche man ihm jetzt nehmen wollte. Die Auction begann und der Büttel griff zuerst nach einer Truhe, die ihrer Alterthümlichkeit nach ein altes Erbstück zu sein schien. Zademack hielt ihn zurück.
»Laßt diese Truhe bis zuletzt,« bat er; »sie stammt von meinen Voreltern und ist mir lieb und werth.«
»Lasse Er uns in Ruhe mit seinem alten Kasten! Seine Voreltern werden nicht darinnen stecken!«
Da trat Detlev hinzu. Er fühlte Mitleid mit dem armen Manne und außerdem war ihm ein Gedanke gekommen.
»Welches ist die Summe, wegen der Ihr hier gepfändet habt?« frug er den Beamten.
»Es sind fast fünfzig Prager Groschen,« erwiderte der Gefragte, ihn mit einem neugierigen Blicke messend.
Detlev zog das Lederbeutelchen unter seinem Gürtel hervor und öffnete es.
»Hier nehmt das Geld und laßt ihm seine Sachen!«
»Ihr wollt die Schuld bezahlen?«
»Wie Ihr gehört habt.«
»So ist das noch nicht genug. Der hohe Rath muß die Kosten seines Pfandverfahrens vergütet haben, wenn er auf dasselbe weiter verzichten soll.«
»So nennt mir diese Kosten.«
Der Beamte gab die Summe an und Detlev bezahlte sie. Der Schneider war hoch erfreut, solchen Wohlthäter gefunden zu haben und brach in die beredtesten Dankesworte aus.
»Wie kann ich Euch diese Eure Güte jemals vergelten, Herr?« rief er. »Ihr erlöset mich aus bitterer Noth und Sorge, denn wenn man mir mein Habchen genommen hätte, so würden wir Nichts gehabt haben, um unser Haupt darauf zu legen. Nun?« fuhr er, zudem Beamten gewendet, fort, »macht Euch von dannen! Ihr seid bezahlt und habt hier nichts mehr zu suchen. Oder wollt Ihr etwa warten, bis ich Euch hier auf dem Stühlchen ein Redchen halten werde? – Nein, Herr Junker, schickt Euch nicht jetzt schon zum Gehen an, sondern wollet die Gnade haben, in meine arme Wohnung einzutreten, damit mein Weib sammt den Kinderchen Euch auch danken können!«
Detlev zögerte, auf diese Bitte einzugehen, aber Zademack ließ nicht ab, bis er ihm in das Haus folgte. Es war ein enges, dunkles Gebäude, von dessen Flur eine Stiege nach oben führte. Dort angekommen, bemerkte er, daß es sich an die Stadtmauer lehnte, über welche sein hinterer Giebel um ein Beträchtliches emporragte.
In dem Stübchen, dessen Thüre der Schneider öffnete, saß eine weinende Frau in der Mitte mehrerer Kinder, die sich zärtlich an die betrübte Mutter schmiegten.
»Weine nicht,« tröstete Zademack; »sie werden uns nichts nehmen, gar nichts, denn dieser Junker hier hat Alles bezahlt, was wir schuldig waren.«
Sie erhob sich und trocknete sich die feuchten Augen.
»Ist es wahr, was Du hier sagst? Unsere Schulden sind bezahlt und wir werden unsere Sachen behalten?«
»Alles, alles werden wir behalten und nichts, gar nichts können sie uns nehmen! Und das haben wir diesem gütigen Herrn zu verdanken. Kommt, Kinderchens, gebt ihm Eure Händchen!«
Es begann jetzt zwischen den Gliedern der armen Familie ein Wettspiel des Dankes, dem sich der Wohlthäter nicht entziehen konnte.
»Könnte ich Euch Eure Güte doch nur um ein Weniges vergelten!« rief Zademack. »Ich habe in Berlin gar viel Noth und Sorge erlebt und immer geglaubt, es müsse hier besser werden. Aber ich täuschte mich, denn ich kam immer tiefer in das Unglück hinein. O, mein Berlin, wäre ich doch dort geblieben! Ich war immer unzufrieden und wollte es besser haben als ich es hatte. Bei den Pommern sollte gute Zeit sein, und ich ging zu ihnen; aber ich lobe mir die Mark, mein Vaterland, welches ich frevlerweise verlassen habe. Ich wünsche nichts mehr, als daß ich in Ehren zurückkehren könnte!«
»Vielleicht ist Euch dieses möglich. Vergeßt mein nicht. Wenn ich wieder nach Angermünde komme, werde ich Euch aufsuchen.«
»Ja, Herr, das werde ich auch thun, immer an Euch denken. Und könnte ich Euch jemals ein Dienstchen erweisen, so würde ich es Euch nicht versagen, sondern froh darüber sein. Vergeßt mein nicht, wenn Euer Weg Euch wieder nach Angermünde führt. Ihr seid ein Brandenburger, und ich halte auf Alles, was aus den Marken kommt, gar große Stücke!«
Detlev ging. Er hatte die Ueberzeugung, eine gute That vollbracht und sich einen Freund erworben zu haben, dessen Hülfe ihm später einmal von Nutzen sein konnte. Als er nach dem Schlosse zurückkehrte, kam der Fürst soeben von dem Hauptmann zurück und wiederholte seinen Wunsch, ihn noch länger bei sich zu haben. Doch blieb er bei dem einmal gefaßten Vorsatze, sich nicht in Angermünde zu verweilen, nahm Abschied von dem bisherigen Begleiter und ritt noch desselben Tages davon.
Der Weg, welchen er eingeschlagen hatte, führte ihn über Ziethen, Golzow und Werbellin zurück. Ziethen hatte er noch vor Abend erreicht, und da ihm sein jugendliches Ungestüm nicht rasten ließ, so beschloß er, für heut noch eine Strecke zurückzulegen und in einer Herberge, die man ihm bezeichnete, bis zum nächsten Morgen zu bleiben.
Einsam und allein seinen Weg verfolgend, sah er es nach und nach dunkler um sich werden, und es stellte sich jene Empfänglichkeit für die Bilder der Erinnerung bei ihm ein, welche sich in der Stunde der Dämmerung vorzugsweise geltend zu machen pflegt. Es war so still und ruhig um ihn her; kein Wanderer ließ sich sehen, und die Vögel des Waldes, sonst immer bis zum hereinbrechenden Abend laut und munter, waren nach dem Süden gezogen, um den Härten und Rauhheiten des nordischen Winters zu entgehen. So störte kein Laut, kein Gruß die Beschaulichkeit, die ihm sein vergangenes Leben vorführte und ihn ganz besonders mit den Begebenheiten der letzten Zeit sich beschäftigen ließ.
Auf Garlosen hatte er seine erste ritterliche That vollbracht. Ihr Schauplatz war nicht das offene Schlachtfeld, sondern die Verborgenheit unterirdischer Gänge und Gewölbe gewesen, und es hatte zu ihr vielleicht mehr Muth und Verwegenheit gehört als zu einem Kampfe im hellen Lichte des Tages. Der Preis war ihm auch sofort geworden in der Freundschaft des fürstlichen Gefangenen, dessen Kerker er geöffnet hatte. Der hohe Mann hatte seinen Stand den Boldewins gegenüber beharrlich verschwiegen gehabt und ihn erst den Befreiern genannt, als es an das Scheiden gegangen war. Zu angegriffen von den zerstörenden Einflüssen der Gefangenschaft, fürchtete er, eine weite Reise, die immerhin mit den verschiedensten Gefahren verknüpft war, nicht allein unternehmen zu können und hatte deshalb Detlev vermocht, mit ihm zu gehen.
Der Abschied von den Anderen war ihm nicht so leicht geworden, als man es vielleicht hätte meinen sollen. Herr Bismarck hatte ihn nur ungern ziehen lassen, und die Juden waren dem jungen Mann so dankbarlich gewogen, daß sie in die bittersten Klagen über seine Entfernung ausgebrochen waren. Vor allen Dingen aber hatte die Tochter Itzigs sein Gehen mit Betrübniß aufgenommen.
Es war am Abende vor der beabsichtigten Trennung gewesen, wo sie sich allein getroffen hatten. Das Mädchen war leise und still an ihn herangetreten und hatte seine Hand erfaßt. Lange hatte sie so neben ihm gestanden, ohne ein Wort zu sagen, als ihr endlich doch das tiefe Schweigen beängstigend vorgekommen war.
»Ihr wollt von uns scheiden?« fragte sie zagend.
»Ja, es ist so beschlossen worden.«
»Und Ihr fragt nicht darnach, ob dies Scheiden Jemandem wehe thut!«
»Wehe? Wem soll mein Gehen Schmerzen bereiten? Ich bin fremd in der Fremde.«
»Fremd? O nein, Herr! Habt Ihr uns nicht erlöst aus schwerer Noth und Drangsal, so daß wir Euch lieben und Euch Dank zollen möchten fürs ganze Leben? Nein, fremd seid Ihr nicht, aber die arme, niedrige Tochter Israels darf nicht wagen, ihr Herz frei und ungehindert schlagen zu lassen!«
»Warum nicht?« frug er, sich zu ihr niederbeugend. Der weiche warme Druck ihres kleinen Händchens, der Klang ihrer süßen Stimme und der Inhalt ihrer zögernd gesprochenen Worte übten einen ganz eigenthümlichen Einfluß auf ihn aus. Dieselben unbekannten Regungen, wie bei dem Austritte aus dem unterirdischen Gange, machten sich in seinem Innern geltend; das Herz ward ihm so groß und doch zu eng für die Gefühle, die jetzt durch dasselbe flutheten, und am liebsten hätte er das herrliche, verlockende Wesen in seine Arme genommen und innig, innig an die Brust gedrückt. Sie schlug das große, dunkle Auge zu ihm empor, und ihr warmer Athem strich über sein zu ihr gebeugtes Angesicht.
»Es hat bisher geklopft nur für den Vater und die Mutter,« erwiderte sie. »Darf es denn auch für Andere schlagen?«
»Wer sind diese Anderen?« frug er mit jenem einschmeichelnden Tone der Stimme, welcher bestrickend auf die Sinne wirkt.
»Es ist nur Einer, und den darf ich Euch nicht nennen!«
»Warum nicht?«
»Weil Ihr mir dann zornig sein würdet.«
»Dir? So bin ich selbst wohl dieser Eine?«
Sie blieb ihm die Antwort schuldig, aber ihre Hand führte die Seinige an das Herz; er fühlte das Wogen des vollen, weichen Busens, hörte den leisen, verlangenden Hauch ihres Odems und legte den Arm um sie.
»Sprich!« bat er, sie an sich ziehend.
»Was soll ich Euch sagen?«
»Daß Du mich lieb hast!«
»Darf ich dies denn sagen?«
»Ja, das darfst Du, Du liebes, holdes Wesen,« flüsterte er. Ihre Lippen brannten zusammen zum ersten heißen Kusse und lange, lange währte es, ehe sie zurückkehrten zur Gesellschaft der Uebrigen.
An diese Augenblicke dachte jetzt Detlev, aber es war nicht ein Gefühl des Glückes und der Wonne, welches er dabei empfand, sondern es wollte ihm scheinen, als habe er an jenem Abende nicht recht gethan, als habe er nicht so gehandelt, wie er hätte handeln sollen, um sich von späteren Vorwürfen fern zu halten. Er war mit sich unzufrieden, obgleich er lebhaft fühlte, daß das Bild des schönen Mädchens noch immer unverwischt in seinem Herzen wohne.
Mittlerweile war es vollständig Nacht geworden, und es erschien ihm daher willkommen, als er ein Licht bemerkte, welches in der Ferne auftauchte. Es kam aus einem Fenster der Herberge, in welche er einzukehren beschlossen hatte. Als er dieselbe erreicht hatte, übergab er das Pferd einem Knechte, welcher ihm entgegentrat, und begab sich dann in das Zimmer. Es war leer, da sich außer der alten Wirthin kein Gast in demselben befand. Es war so räucherig und schwül in dem niedrigen Gemache, so daß er nicht lange in demselben verweilte, sondern sich in das Kämmerlein begab, welches ihm für die Nacht angewiesen worden war.
Er hatte sich noch nicht lange zur Ruhe begeben, so hörte er den Hufschlag von Pferden, welche vor dem Häuschen hielten. Die Neuangekommenen traten in das Haus und kamen nach einiger Zeit nach oben. Sie traten in ein Gelaß, welches neben demjenigen lag, in dem sich Detlev befand. Es mußten zwei Personen, eine ältere und eine jüngere sein, wie er aus den Stimmen vernahm.
»Ihr sagtet, daß unsere Wanderung morgen ihr Ende erreicht haben würde?« hörte er fragen.
»Für einstweilen.«
»So gehen wir später noch weiter fort?«
»Das wird sich morgen entscheiden.«
»Und wenn ich Euch nun sage, daß ich Euch nicht weiter folge?«
»Das ändert nichts. Ihr habt mir Euer Wort gegeben, Prinz, daß Ihr mir ohne Widerstand folgen wollt, wohin ich Euch führe!«
»Ich glaubte nicht, daß Euer Weg ein so weiter sei; vielmehr dachte ich, Ihr würdet mich auf irgend ein festes Schloß bringen, um dann mit dem Vater über meine Lösung zu verhandeln.«
»Das wird jedenfalls auch geschehen; doch scheint Ihr mir im Auslande besser aufgehoben zu sein, als in einer Burg, welche Euer Vater berennen lassen würde, um Euch zu befreien. Nun seht Ihr wohl ein, weshalb mein Weg mit Euch ein so weiter ist.«
»Gut, bis jetzt bin ich Euch ohne Sträuben gefolgt, weil ich Euch mein Wort darauf verpfändet habe. Sobald Ihr mich aber noch weiter mit Euch zwingen wollt, werde ich dasselbe zurücknehmen.«
»Das steht Euch unbenommen, doch setzt Ihr Euch dadurch strengeren Maßregeln aus, als ich bisher gegen Euch angewendet habe. Uebrigens kommen wir schon morgen nach Angermünde, wo ich mit dem Hauptmann Johann von Briesen über Euch sprechen werde. Ich hoffe, daß Ihr bei ihm eine gute Aufnahme finden und da bleiben werdet, bis der Markgraf meine Bedingungen erfüllt.«
»Das lasse ich gelten.«
»Aber Euer Wort habt Ihr zurückgenommen?«
»That ich das? Oder sprach ich nicht vielmehr nur für den Fall, daß Ihr mich weiter führen würdet? Doch, da es einmal geschehen ist, so mag es auch so bleiben!«
»Ganz wie es Euch beliebt! Ich werde also die Thür verschließen und strenge Wache über Euch halten. Verlautet Ihr Euch aber gegen einen Dritten nur mit einem Worte, so schlage ich Euch mit Eurem eignen Schwerte nieder, welches ich zum Andenken an unseren ersten Ritt in meiner Hand behalten habe. Es ist gut und wird in meiner Hand seinen Mann niemals verfehlen. Jetzt sucht Euer Lager; wir werden früh aufbrechen!«
Die beiden Sprecher ahnten jedenfalls nicht, daß sich in ihrer unmittelbaren Nähe Jemand befinde, der jedes ihrer Worte deutlich vernommen hatte. Tiefe Stille zeigte einige Minuten später, daß sie sich der Ruhe hingegeben hatten.
Detlev war dem Gespräche mit immer wachsender Aufmerksamkeit und Spannung gefolgt. Er ersah aus demselben, daß der Jüngere der beiden Männer der Gefangene des Aelteren sei. »Prinz« hatte dieser ihn genannt und auch von dem Markgrafen gesprochen, dem er Bedingungen über die Auslösung zu machen gedenke. War es möglich, sollte einer der markgräflichen Prinzen in die Hand eines Feindes gerathen und von diesem entführt worden sein? Das wäre ja ein ganz außerordentlicher Fall, welcher für die Politik des Fürsten von dem nachtheiligsten Einflusse sein mußte. Und wer war der Mann, der eine so verwegene That gewagt und ausgeführt hatte? Ein gewöhnlicher Mann, ein gewöhnlicher Charakter konnte er nicht sein, und es war hier jedenfalls nicht blos schwierig, sondern auch gefährlich, Rettung bringen zu wollen. Und doch faßte Detlev diesen Gedanken und hielt ihn fest, um über seine Ausführung nachzusinnen, denn selbst, wenn er sich in der Person des Gefangenen getäuscht hätte, war es Ritter— und Menschenpflicht, ihm nach besten Kräften beizustehen.
Er lag ruhig auf seinem Lager und vermied jedes, auch das leiseste Geräusch, um seine Gegenwart nicht zu verrathen. Im Hause regte sich nichts mehr; auch drüben in dem Nebengemache war es still, und nur nach einer längeren Zeit vernahm er die tiefen, hörbaren Athemzüge eines Schlafenden. Die beiden Räume waren nur durch eine dünne Bretterwand von einander getrennt, welche es ermöglichte, daß diese Laute bis an sein Ohr drangen.
Welcher von den Beiden war der Schlafende? Jedenfalls der Gefangene, denn der Andere war ganz gewiß zu vorsichtig, als daß er die nöthige Wachsamkeit aus den Augen gelassen hätte. War die Stube verschlossen, so daß es unmöglich war, von außen hinein zu kommen? Und im Falle dieser Möglichkeit, wie konnte der Eine von dem Anderen unterschieden werden? Der Wirth durfte leider nicht mit in diese Angelegenheit gezogen werden, denn bei den damaligen Verhältnissen pflegten sich diese Art von Leuten so wenig und ungern wie möglich in die Angelegenheiten Derer zu mischen, welche bei ihnen einsprachen und verkehrten. Auch war es ja noch vollständig unentschieden, ob nicht der Wirth mit bei der Sache betheiligt sei, und in diesem Falle wäre es ja die allergrößeste Thorheit gewesen, ihn zu Rathe ziehen zu wollen. Am Besten schien es allerdings zu sein, bis zum Morgen zu warten, wo es dann jedenfalls leichter war, handelnd einzugreifen; aber bis dahin konnte ja gar Mancherlei geschehen, was dieses Eingreifen zur Unmöglichkeit machte.
Er erhob sich so leise und unhörbar wie möglich, öffnete seine Thüre und trat hinaus. Er stand vor einer That, und jede Verzögerung derselben widerstrebte seinem abenteuerlustigen Feuergeiste, dem ein langes und ungewisses Zuwarten unerträglich schien.
Zunächst schlich er sich an die Nebenthür, um das Schloß derselben zu untersuchen. Es war eines jener alten Riegelwerke mit feststeckendem Schlüssel, welche von beiden Seiten geöffnet, aber nur von Außen sicher verschlossen werden können. Der Eintritt an und für sich bot also keine Schwierigkeit, doch stand zu vermuthen, daß ihm von innen irgend ein Hinderniß entgegengestellt worden sei.
Nun begab er sich hinunter in den Flur, von wo aus es ihm leicht wurde, in den kleinen Hof und zu den Pferden zu kommen. Sich an der Stallwand hintastend, fühlte er in einer Mauernische unfern des Einganges Stahl, Stein und Zunderzeug. Er machte Licht, um sich unter den hier stehenden Thieren gehörig orientiren zu können. Es waren ihrer mehrere da, doch erkannte er diejenigen der zwei Reisenden an den Sätteln, welche man ihnen nicht abgenommen hatte; daraus war zugleich zu schließen, daß die Abreise früher als gewöhnlich vorgenommen werden solle. Das Seinige war abgeschirrt worden, doch hing das Sattelzeug ganz in der Nähe. Er legte es dem Thiere an, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Außer der Eingangsthüre des Hauses führte ein breites Hofthor hinaus auf die Straße. Er öffnete dasselbe und lehnte die beiden Flügel nur an; so vorbereitet, begab er sich wieder nach seinem Gemache, um seine Waffen an sich zu nehmen.
Nachdem er eine Bezahlung auf den Tisch gelegt hatte, begab er sich, den Gnadegott in der Hand, an das Werk. Es gelang ihm, geräuschlos zu öffnen; aber die Thür ließ sich nur so weit nach innen schieben, daß es ihm kaum möglich war, sich durch die entstandene Lücke zu drängen. Der eine der zwei Schläfer hatte sein Lager fast unmittelbar in ihrer Nähe aufgeschlagen, um selbst während des Schlafes den anderen in sicherem Gewahrsam zu haben. Das Fenster hatte eine nur geringe Größe, und es war vollständig unmöglich, daß ein Mensch durch dasselbe das Haus verlassen konnte.
Der am Eingange Ruhende schlief; ganz gegen Detlevs Meinung war er es, welcher die tiefen Athemzüge ausgestoßen hatte, und das Oeffnen der Thüre war von ihm nicht bemerkt worden. Sich nur auf seinen Tastsinn verlassend, stieg der junge Mann behutsam über ihn hinweg und trat an das andere Lager. Der Inhaber desselben schien wach zu sein, und doch hatte er das Nahen eines Dritten nicht bemerkt, so vorsichtig war dasselbe ausgeführt worden. Da klang es leise neben ihm:
»Schlaft Ihr?«
Es verging einige Zeit, ehe eine Antwort erfolgte. Der Gefragte war jedenfalls zu überrascht, als daß er sich sofort hätte in die Situation finden können. Endlich flüsterte es ebenso leise:
»Ist Jemand hier?«
»Ja. Wollt Ihr frei sein?«
»Wer seid Ihr?«
»Ein Freund aller Bedrängten. Ich war in dem Nebengemache und habe Euer Gespräch vernommen. Seid Ihr ein Markgräflicher?«
»Ich bin Johann, der Sohn des Markgrafen.«
»Das ahnte mir! Wer ist der Andere?«
»Es ist Dietrich von Quitzow, welcher mich übermannt und mit sich fortgeführt hat.«
»Der Dietz von Quitzow? Prinz, den werden wir fangen!«
»Nein, laßt ihn!« erwiderte Johann, sich vorsichtig erhebend. »Ich habe wohl mein Wort zurückgenommen, aber in Beziehung auf seine Sicherheit mag es noch gelten. Er hat mir kein körperliches Leid zugefügt, und ich will gar sehr zufrieden sein, wenn es mir nur gelingt, ihm zu entkommen.«
»Ich thue, was Ihr wollt. Er liegt vor der Thür, welche ein wenig offen steht. Geht voran und steigt über ihn weg; ich werde warten, bis Ihr draußen seid.«
»Nein, Ihr sollt der Erste sein! Ich darf nicht zugeben, daß Ihr Euch so großen Fährlichkeiten aussetzt.«
»Geht, Prinz! Ich fürchte ihn nicht.«
Diese letzten Worte schnitten jeden Widerspruch ab. Johann bewegte sich der Thüre entgegen und kam auch glücklich über den Schlafenden hinweg. Das war aber nicht ohne eine Berührung geschehen. Dietrich erwachte, fühlte an dem kalten Luftzuge, daß die Thüre offen stehe und faßte Detlev gerade in dem Augenblicke an dem Beine, als dieser im Begriffe stand, über ihn hinweg zu steigen.
»Halt,« rief er; »so haben wir nicht gewettet!«
Er glaubte, den Prinzen gepackt zu haben, mußte aber diesen Irrthum baldigst erkennen, da sich zwei Kniee auf seine Brust und zwei Hände um seinen Hals legten, deren Kräfte diejenigen Johann’s weit überstiegen. Dieser Angriff und überhaupt das ganze Ereigniß fand ihn vollständig unvorbereitet; noch ehe er den Entschluß der Vertheidigung fassen konnte, hatte er unter dem Drucke, welcher auf ihm lastete und ihn des Athems und aller Kraft beraubte, die Besinnung verloren.
»Verzeih mir Gott,« flüsterte Detlev; »ich glaube, ich habe ihn erwürgt, und das wäre doch ein gar schmähliches Ende für so einen mächtigen Kämpen, wie er gewesen ist. Kommt, Prinz!«
Er verschloß die Thür und führte ihn nach dem Stalle. Sie zogen die Pferde heraus und ritten durch das geöffnete Thor davon.
In Beziehung auf den Zustand Dietrichs von Quitzow hatte sich Detlev nun allerdings geirrt, denn diesem war am Leben kein Leid geschehen, sondern der Druck hatte ihn nur betäubt. Es verging eine beträchtliche Zeit, ehe er durch eine unwillkürliche Bewegung kund gab, daß noch Leben in ihm vorhanden sei; sodann kehrte ihm allmälig die Besinnung zurück; die vergangenen Tage und Stunden mit all’ ihren Ereignissen gingen an seinem Gedächtnisse vorüber, und als er der letztverflossenen Augenblicke gedachte, sprang er plötzlich empor und eilte zu dem Lager Johanns. Als er dasselbe leer fand, stürzte er nach der Thür.
»Entflohen ist er; also war es keine Täuschung. Rasch nach dem Stalle!«
Er hatte seine Thatkraft vollständig wieder erlangt. Der Entflohene mußte verfolgt und eingeholt werden, und da war es vor allen Dingen nothwendig, nachzusehen, ob er sich des Pferdes zur Flucht bedient habe. Dasselbe war verschwunden.
»Er hat das Thier; nun wird er mir nicht entgehen!«
Er athmete erleichtert auf. Zu Fuße wäre es dem Entflohenen jedenfalls weniger schwer geworden, sich der Verfolgung zu entziehen, als zu Pferde, zumal es sich ohne alle Schwierigkeit denken und bestimmen ließ, nach welcher Richtung er davongeritten sei. Allerdings hatte er sich das bessere der beiden Thiere genommen, und da die andere Mähre zu schwach war, Dietrich’s Riesengestalt auf einem schnellen Ritte zu tragen, so zog dieser sich ohne Bedenken einen der stämmigen Ackergäule aus dem Stalle, welche in demselben standen, und schwang sich darauf, ohne sich erst die Mühe zu nehmen, ihn mit Sattel und Zaum zu versehen. Dann ging es zum Thore hinaus und im Galoppe den Weg zurück, welchen er am vorigen Abende mit dem Prinzen gekommen war.
Gar vielerlei Gedanken wirbelten sich während dieses Rittes in seinem Kopfe herum. War es nicht besser, den Flüchtling fahren zu lassen und nur auf die eigene Sicherheit zu denken? Welche Vortheile waren es denn eigentlich, die ihm aus dem Umstande erwachsen konnten, daß er den Sohn seines Todfeindes in der Gewalt hatte? Waren diese Vortheile nicht vielleicht mit Mühen und Nachtheilen verbunden, von denen sie vollständig aufgewogen wurden? Es wäre hier Nutzen und Schaden schon früher sorgfältig abzuwägen gewesen, jetzt aber kam jede ruhigere und bessere Einsicht zu spät, denn selbst durch die Befreiung des Prinzen wurde nichts ungeschehen gemacht, während mit ihr alle Trümpfe verloren gingen, auf deren Wirkung Dietrich gerechnet und sich verlassen hatte. Die Gefangennahme Johanns war ein Werk des Augenblicks, eine That der Nothwehr gewesen. War sie unbesonnener Weise zu einer gewaltsamen Entführung ausgedehnt worden, so durfte das einmal begonnene Werk auch nicht aufgegeben, sondern es mußte zu seiner Vollendung gebracht werden. Es war ein unglücklicher Umstand, daß diese Vollendung noch im letzten Augenblicke durch die Flucht Johanns in Frage gestellt wurde, aber gerade darum mußte Alles aufgeboten werden, ihn einzuholen und sich seiner wieder bemächtigen zu können. Ob das aber auch gelingen werde? Das frühere Glück war ihm abhold geworden; feindselige Mächte stellten sich hindernd all’ seinem Thun und Beginnen entgegen, und wenn er die Ereignisse der letzten Zeit überdachte, so wollte ihm der Glaube an sich und sein gutes Geschick verloren gehen. Doch, nein, nein; ist das Glück launenhaft, so muß es gezwungen, mit fester Hand gepackt und gehalten werden; nur dem Feigen, dem Muthlosen kann es entgehen. Er grub dem Pferde die Fersen in die Weichen, daß es laut aufstöhnte und in weiten Sätzen mit ihm davonjagte.
Bei solcher Eile kam er schnell vorwärts; Strecke auf Strecke ließ er hinter sich zurück; es war anzunehmen, daß er dem Flüchtigen mit jedem Schritte näher rücke, und bei jeder Biegung des Weges blickte er erwartend empor, ob er ihn noch nicht wahrnehmen könne.
Da endlich sah er einen Reiter vor sich auftauchen; aber derselbe kam ihm entgegen, es konnte also Johann nicht sein. Es war eine breite, kräftige Figur, die auf einem großen, kopfhängerischen Klepper langsam dahergetrollt kam. Kurz vor Dietrich blieb der Fremde halten.
»Gott grüße Euch, Mann,« rief er, Quitzow mit einem musternden Blicke betrachtend. »Woher des Weges, so Morgens in der Frühe?«
»Von Daheim,« antwortete dieser kurz. »Ist Euch nicht ein junger Herr begegnet, der auf einem flotten Fuchsen saß?«
Bei dem Klange dieser Stimme horchte der Gefragte stutzend auf, und sein Auge richtete sich schärfer auf Dietrich.
»Meinet Ihr einen Einspännigen, oder sind ihrer Mehrere mit ihm?«
»Er ist allein und geht wie ein Jungherr gekleidet.«
»Das Letzte will mir wohl stimmen, jedoch das Erste nicht. Es ist mir ein feines Junkherrlein auf einem guten Fuchsen, aber ohne Waffen begegnet; er trug eine geschlitzte Leibjacke und ein schwarzes Barret mit rothen Futterecken.«
»Das ist er, den ich suche. So war er also nicht allein?«
»Nein, sondern es ritt ein Anderer an seiner Seite, der gar gut und herrlich anzuschauen war.«
»So war es ein Ritter?«
»Nein, ein Jüngling in der Tracht eines fahrenden Edelknappen.«
»War er wohlberitten?«
»Das will ich meinen! Und dazu schaute er so wacker drein, als hätte er soeben den Gottseibeiuns erschlagen.«
»Und sind sie weit von hier entfernt?«
»Mit nichten, sondern wenn man einen Trab reitet, so kann man sie gar bald zu sehen bekommen.«
»Ich danke Euch. Lebt wohl!«
»Ade! Nehmt Euch vor dem Jüngling in Acht, wenn Ihr vielleicht feindlich an ihn wollt!« Und mit einem schlauen Augenblinzeln setzte er hinzu: »Der wäre vielleicht selbst dem »starken Dietz« gewachsen.«
Dietrich hatte schon sein Pferd wieder in Gang gesetzt, bei den letzten Worten aber zog er es rasch wieder herum und bohrte sein Auge in das lachende Gesicht des Andern.
»Was wißt Ihr von dem Dietz?«
»Gar viel weiß ich von ihm; ich war bei ihm auf Plaue und Friesack und weiß auch von dem Kremmer Damme zu erzählen.«
Erstaunt trieb Dietrich sein Pferd näher herbei.
»Welches Ritters Mann seid Ihr da gewesen?«
»Eines Ritters Mann?« frug der Andere in wegwerfendem Tone. »Das war ich ebenso wenig, als Ihr es jemals gewesen seid!«
»Ich? Was wißt Ihr von mir?«
»Mehr, als Ihr von dem Claus von Köppen zu wissen scheint, den Ihr ganz vergessen habt.«
»Claus Köppen?« rief Dietrich. »Wahrhaftig, Ihr seid es! Wie vermag doch diese Tracht Euch zu verstellen! Sagt doch geschwind, Ritter, was Ihr verkleidet hier an des Landes Grenze thut!«
»Ich komme aus der Mark, wohin ich eine Botschaft zu bringen hatte.«
»Von wem?«
»Von den Herzögen Casimir und Otto von Pommern und dem Herrn Wratislaff von Wolgast.«
»An wen?«
»An den Herrn Dietrich von Quitzow. Ich habe ihn nicht mehr im Lande angetroffen und kehre nun heim mit einer unverrichteten Sache. Könnt Ihr mir nicht vielleicht sagen, wo ich mich meines Auftrages entledigen kann?«
»Thut es sogleich! Ich habe keine Zeit zu langer Plauderei!«
»Sogleich?« klang es mit verstelltem Erstaunen zurück. »Ist Herr Dietrich vielleicht hier nahe zur Stelle?«
»Treibt keinen Mummenschanz! Ihr habt mich gar wohl erkannt. Was bringt Ihr mir für Kunde?«
»Also habe ich mich nicht geirrt. Es war gefahrvoll für mich, Euch in das Land zu gehen, d’rum seht Ihr mich in diesem Habitus. Ich habe stets ein gutes Glück gehabt und bringe auch jetzt wieder alles Erwarten meine Botschaft noch an den rechten Mann.«
Bei den letzten Worten zog er einen Faden aus den Aermelpuffen seiner Jacke und brachte zwischen Futter und Oberzeug ein zusammengelegtes Stück Pergament hervor, welches er Dietrich übergab.
»Da, lest. Möge Euch die Schrift erfreuen!«
Dietrich faltete die Schrift auseinander und las sie; dann riß er sie in Stücke und streute dieselben in den Wind.
»Eure Herren haben schlecht ihr Wort gehalten,« sprach er bitter; »doch will ich ihrem Rufe folgen und die mir gebotene Freistatt annehmen. Wollt Ihr mich geleiten?«
»Wenn Ihr es erlaubt, so reiten wir selbander nach Stettin. Vier Fäuste sind besser als zwei in dieser schlimmen Zeit!«
»Dann müßt Ihr mir vorerst ein Weniges nach rückwärts folgen. Ich habe mit den Beiden, denen Ihr begegnet seid, ein Wort zu sprechen.«
»Was für ein Wort?«
»Nicht mit dem Munde, sondern mit diesem da!« Er schlug an das Schwert Johanns, welches an seiner Seite hing.
»Wer sind die Leute? Darf man ein Weniges mitsprechen, wenn die Rede eine ehrliche ist?«
»Glaubt Ihr, daß der Dietrich von Quitzow jemals eine unehrliche Rede führen wird?« rief der Genannte aufbrausend. »Der Eine ist ein gar edles Wild, welches mir entgangen ist, und die Herren in Pommern würden mir großen Dank wissen, wenn ich es ihnen zugeführt brächte. Den Anderen kenne ich nicht und weiß auch nicht, wo und auf welche Weise er zu ihm gekommen ist.«
»Welches Wild meint Ihr?«
Dietrich raunte ihm den Namen des Entflohenen entgegen. Claus von Köppen fuhr erschrocken zurück.
»Ist es möglich, was Ihr mir da sagt? Das wäre ja ein Fang, dessen Werth wir gar nicht bemessen könnten! Wie ist es damit vorher ergangen?«
Der Gefragte erzählte ihm mit wenigen kurzen Worten das Geschehene, und frug dann, zum Zügel greifend:
»Wollt Ihr mein warten; oder kehrt Ihr um mit mir zur edlen Jagd?«
»Ich gehe mit Euch. Der Andere ist wohl nur zufällig auf ihn getroffen und wird gewiß so klug sein, sich nicht in unsere Sache zu mischen. Thut er es doch, so werfen wir ihn nieder!«
Claus von Köppen war ein Ritter, dessen Name in ganz Pommerland und auch darüber hinaus einen guten Klang hatte. Er war bei den Herzögen gar wohl angesehen, und wenn es eine schwierige Sache gab, so wurde sie ganz gewiß in seine Hände gelegt. Sein Sinn war gern auf das Abenteuerliche gerichtet; seine Klinge hatte noch niemals ihren Dienst versagt, und da ihm das Dreinschlagen besser behagte als das lange Grübeln und Sinnen, so drehte er auch jetzt sein Thier herum und hielt sich an der Seite Dietrichs, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte.
»Sie können uns nicht entgehen, wenn wir es recht beginnen,« meinte er.
»Wie sollen wir es besser beginnen,« antwortete Dietrich, »als daß wir ihnen folgen, sie einholen und den Prinzen wieder an uns nehmen! Um den Andern brauchen wir uns nicht sehr zu kümmern.«
»Erlaubt, Herr Dietrich, daß ich anders denke! Wenn sie uns sehen und Euch erkennen, so werden sie wohl davonzukommen suchen. Da nun ihre Pferde besser sind als unsere edlen Thiere, so wird es uns dann nicht gelingen, sie einzuholen. Ich meine, daß es besser sei, wenn ich voranreite; setze ich mich auf Euern Gaul, so werden sie mich wohl nicht sofort wiedererkennen. Dann fange ich mit ihnen einen Handel an und halte sie auf, bis Ihr hinzu kommt.«
»Euer Rathschlag ist gut. So kommt und laßt uns die Pferde wechseln!«
Es wurde gethan, und dann trabte Köppen wohlgemuth voran. Dietrich folgte ihm. Die Nachricht, daß Johann nicht allein sei, hatte ihn überrascht, doch schien ihm dieser Umstand nicht anders erklärlich, als daß das Zusammentreffen ein rein zufälliges sei, und da sie sich gegenwärtig noch auf Pommerschem Gebiete befanden, so war wohl anzunehmen, daß der Prinz seinen Namen und Stand gegen den Begleiter nicht genannt habe. Zwar stand grad’ in diesem Augenblicke Pommern mit Brandenburg nicht in offener Fehde, aber das Verhältniß zwischen beiden war ein gespanntes, und eine unvorsichtige Offenheit konnte hier also von den schlimmsten Folgen sein.
Unterdessen verfolgten Johann und Detlev ihren Weg. Trotz der eifrigen Unterhaltung, in welcher sie sich befanden, richteten sie ihre Blicke oft nach rückwärts, da sie sich von dieser Richtung her nicht sicher fühlten, trotzdem Detlev geglaubt hatte, den Ritter Dietrich erwürgt zu haben. So bemerkten sie jetzt auch, daß ein Reiter hinter ihnen her kam, der sein Pferd zur Eile trieb und ihnen also immer näher rückte.
»Wer es wohl sein mag?« frug Johann. »Wir befinden uns noch jenseits der Grenze und müssen also vorsichtig sein.«
»Wäre das Pferd nicht ein anderes,« lautete die Antwort, »so würde ich glauben, daß es derselbe Gesell ist, welcher uns vorhin begegnete. Habt keine Sorge, Prinz! Es müßten ihrer schon ein ziemliches Häuflein sein, wenn mir um Euch bange werden sollte; einen Einzelnen aber brauchen wir so wenig zu scheuen wie das Eichkätzchen, welches dort von dem Baume springt.«
»Das dürft Ihr sagen, weil Ihr bewaffnet seid; ich jedoch trage nichts, womit ich mich zu wehren vermöchte; darum dürft Ihr mich nicht für muthlos halten, wenn ich mich nicht ohne Besorgniß fühle.«
»Da kann ich helfen. Hier habt Ihr mein Schwert; gürtet es um; es ist eine gute Waffe, die Euch nicht im Stiche lassen wird, so lange Ihr sie fest zu halten vermöget.«
»Aber sie wird nun Euch fehlen, und in Euren Händen würde sie uns wohl bessere Dienste leisten als in den meinigen. Nehmt das Schwert und gebt mir das Messer!«
»Behaltet nur immerhin den Stahl, Prinz,« erwiderte Detlev, welcher wohl wußte, daß der fürstliche junge Mann sich mit dem Degen besser zu vertheidigen vermöge, als mit dem kurzen Messer. »Zwar habe ich Euch noch nicht fechten sehen, aber die Kunde erzählt gar Rühmliches von Eurer Tapferkeit und ich weiß mein Schwert sehr wohl in der richtigen Faust.«
»Was meine Tapferkeit betrifft,« entgegnete Johann düster, »so hättet Ihr wohl gerechten Grund, an ihr zu zweifeln. Denkt nur daran, daß der Dietz mich aus der Mitte meiner streitbaren Leute herausgeholt und mit sich fortgeschleppt hat, bis Ihr kamt und mich befreitet. Das ist ein Makel, welcher sich für ewige Zeiten an meinen Namen heften wird.«
»Laßt Euch das nicht verdrießen! Dem Dietz ist wohl noch Keiner gewachsen gewesen, und Ihr waret ja durch Euer Wort gebunden, ihm ohne Widerstand zu folgen. Und übrigens glaube ich von der Weisheit Eures Herrn Vaters, daß von der schlimmen Sache so wenig wie möglich verlautet worden ist. – Aber, da kommt der Mann; ha, seht, daß ich recht hatte, es ist derselbe, welchen wir schon vorhin sahen, nur hat er sich anders beritten gemacht! Das kommt mir besonderlich vor, und jedenfalls führt er Einiges im Schilde, ob gegen uns oder gegen Andere, das werden wir bald sehen.«
Er hielt sein Roß an und erwartete den Kommenden.
»Was verlegt Ihr mir die Straße?« frug dieser, auch sein Pferd parirend.
»Wir sperren Euch den Weg mit nichten, vielmehr ist Platz genug für Euch, vorüber zu kommen; nur wunderten wir uns über Eure Kunst, aus einem Falben einen Braunen zu machen.«
»Wollt Ihr diese Kunst vielleicht von mir lernen? Es würde wohl nicht großer Zeit bedürfen, sie Euch beizubringen.«
»Seid bedankt für Euren guten Willen; wir haben Anderes zu thun. So, hier ist Raum, wenn Ihr vorüber wollt!«
»Seht nur immer auf Euren eigenen Weg! Ich finde den meinen schon selbst und werde reiten, wie es mir gefällt.«
»Ganz wie Ihr wollt!« antwortete Detlev, weiter reitend; Johann hielt sich, wie vorher, ihm zur Seite, und Köppen folgte ihm hart auf dem Fuße.
So hatten sie eine kurze Strecke schweigend zurückgelegt, als hinter ihnen von Neuem Huftritte erschallten. Johann blickte sich zuerst um und rief, den Nahenden erkennend:
»Das ist der Dietrich; jetzt heißt es kämpfen!«
»Jawohl heißt es jetzt kämpfen,« antwortete Köppen, indem er zu dem Schwerte griff.
Aber schon war es zu spät. Detlev hatte sofort die Lage der Sache erkannt, sein Pferd herumgeworfen und hart an dasjenige des Pommern gedrängt. Ehe dieser es sich versehen konnte, riß er ihm das Schwert aus der Scheide und lachte:
»Darum mögt Ihr mir Euren Degen auf eine kurze Zeit leihen. Wartet hier, bis ich ihn nicht mehr brauche!«
Die auf diese Art errungene Waffe in der Faust, wandte er sich Dietrich entgegen, welcher den Vorgang gesehen hatte und einsah, daß er es mit keinem gewöhnlichen Gegner zu thun habe.
»Was habe ich mit Euch zu schaffen,« rief er. »Geht auf die Seite!«
»Später, später vielleicht, Herr Dietrich; jedenfalls aber nicht eher, als bis ich weiß, wie Eure Klinge schneidet!«
»Gut, so sollst Du sie fühlen!« klang es, und zu gleicher Zeit sauste die Waffe durch die Luft. Detlev fing den Hieb mit seinem Schwerte auf, und nun entspann sich ein Kampf, wie ihn Dietrich von Quitzow wohl noch selten ausgestritten hatte, trotzdem ein reiches, gefahrvolles und abenteuerliches Leben hinter ihm lag. Sein Gegner saß kalt und ruhig wie ein aus Erz gegossenes Bild auf dem Rosse, und jede, auch die kleinste seiner Bewegungen geschah mit einer solchen Sicherheit und Kraft, daß es vollständig unmöglich erschien, ihm auf irgend eine Weise beizukommen. Trotz der meisterhaften Geschicklichkeit und riesigen Körperkraft Dietrichs, waren all’ seine Anstrengungen vergebens; er sah sich einem Mann gegenüber, der trotz aller Jugendlichkeit ihm wenigstens gewachsen war; dies erregte seinen Zorn und raubte ihm den nothwendigen inneren Gleichmuth, so daß seine Streiche rascher und kräftiger, dabei aber weniger vorsichtig geführt wurden und er immer mehr in die Gefahr kam, sich eine verhängnißvolle Blöße zu geben.
»Hütet Euch, Herr Dietrich,« rief ihm Detlev zu. »Der Zorn ist ein gefährlich Schild.«
»Sei ruhig, Laffe, oder ich stopfe Dir das freche Maul!« antwortete der Ritter grimmig, indem er zu einem fürchterlichen Streiche ausholte. Da aber prallten die Pferde zusammen, die Faust des Feindes fuhr ihm mit mächtigem Stoße unter den erhobenen Arm, und im nächsten Augenblicke lag er unter seinem Gegner am Boden, er wußte gar nicht, wie das gekommen war und möglich sein konnte.
»Laffe? Seht Ihr denn nicht, daß der Laffe Euer Leben nur deshalb schont, um Euch lebendig in seine Hand zu bekommen? Schließt ab mit der Freiheit, Herr Dietrich von Quitzow; Ihr seid jetzt mein!«
»Meinst Du?« keuchte er in der Anstrengung, sich loszumachen. »Laß gehen, oder ich zermalme Dich!«
Wie ein Drache unter dem tödtlichen Griffe des Riesen, so wand er die mächtigen Glieder gegen die unauflösliche Umschlingung der Arme, welche ihn gefangen hielten; er reckte, streckte und bäumte sich, versuchte empor zu schnellen und drehte und krümmte sich am Boden, von welchem er sich unmöglich zu erheben vermochte. Die Schwerter lagen neben den Ringenden, denen sie jetzt nichts mehr nutzen konnten, und nur die bloße, unbewaffnete Muskelkraft hatte hier den Ausschlag zu geben.
Währenddessen hatte sich Klaus von Köppen auf den Prinzen Johann geworfen, aber in diesem auch einen anderen Gegner gefunden, als er erwartet hatte. Zwar entging dem fürstlichen Jünglinge, der kaum erst fünfzehn Jahre zählte, die ausgereifte Mannesstärke, aber die besten Lehrer hatten ihn schon frühzeitig in dem Gebrauche der Waffen unterwiesen und ihm eine Gewandtheit beigebracht, welche das Mangelnde vollständig ersetzte, so daß sein Name auch über die höfischen Kreise hinaus als der eines jugendlichen und vielversprechenden Helden galt. Dazu kam die Erbitterung über die erfahrene und unverschuldete Unbill und das heiße Verlangen, die erlittenen Demüthigungen, welche seinem Rufe Schaden bringen konnten, durch ritterliche Tapferkeit so viel wie möglich auszugleichen. Auch war ihm der Umstand günstig, daß Detlev seinem Gegner das Schwert entrissen hatte und er diesem Letzteren also in Beziehung der Waffen überlegen war. Es gelang ihm in Folge der nicht blos, ihn erfolgreich von sich abzuhalten, sondern er ging schließlich selbst zum Angriffe über und machte ihm derart zu schaffen, daß es dem verkleideten pommerschen Ritter je länger desto schwerer wurde, sich seiner Haut zu wehren. Die Beiden trieben einander auf der Straße hin und zurück; sie hatten nur auf einander Acht und bemerkten demzufolge nicht, daß ein Trupp Reiter aus der brandenburgischen Richtung des Weges daher kam und bei dem Anblicke der Kämpfenden von fern die Pferde zügelte.
»Ein Zweikampf auf der Straße!« rief der Vorderste von ihnen, welcher auf einem großen Schecken saß. »Wer mögen doch die Männer sein?«
»Es sind ihrer vier, Herr Nymand,« antwortete ein Anderer. »Seht Ihr die Beiden dort am Boden? Das sind zwei ganz gewaltige Recken, die sich auf Leben und Tod in einander verbissen haben, und es mag nicht sehr herrlich sein, zwischen ihre Fäuste zu gerathen. Und die Anderen, die haben – – – bei Gott,« unterbrach er sich, »das ist der Prinz, der sich so tapfer mit dem Manne dort herumschlägt. Gott sei Dank, wir haben ihn endlich doch gefunden!«
»Der Prinz?« rief es im Kreise. »Ja, er ist es. D’rauf!«
»Halt!« gebot der Anführer. »Noch haben sie uns nicht bemerkt. Sobald sie uns aber sehen, werden sie die Flucht ergreifen, und wir müssen sie doch haben, denn Einer von denen dort auf der Erde ist der Quitzow, wie mich dünkt. – Steigt vom Pferde,« wandte er sich an einige von seinen Begleitern, »und eilt zu Fuße durch den Busch, um ihnen den Weg zu verlegen. Wir werden warten, bis Ihr sie überflügelt habt!«
Diesem Befehle wurde schleunigst Folge geleistet. Die Leute theilten sich; die Einen stiegen ab, banden ihre Pferde an die Bäume und eilten dann in das Dickicht; die Anderen hielten sich noch eine kurze Zeit verborgen und galoppirten dann, als sie den rechten Augenblick gekommen glaubten, dem Kampfplatze zu.
Wie der Wind fuhr Der auf dem Schecken über Köppen her und zog ihm das Schwert über die Schulter, daß der Getroffene einen lauten Weheruf ausstieß.
»Herr Nymand von Löben!« rief auf das freudigste überrascht Johann. »Willkommen hier beim Tanze; aber Ihr nehmt mir die Ehre des Sieges aus den Händen.«
»Verzeiht, Herr Junker; aber ich muß doch gut machen, was meine Unachtsamkeit verschuldet hat. – Reißt ihn von der Mähre herab und bindet ihn!« gebot er, sich zu den Leuten wendend, welche sich nach ihm auf den Pommer geworfen hatten. Dann wandte er sich auf die andere Seite und warf einen bewundernden Blick auf Detlev, welcher seinen Widerpart noch immer fest an der Erde hielt. Rasch war er vom Pferde, Johann ebenso, und zugleich eilten die Vorausgegangenen von der Seite herbei.
»Laßt ihn jetzt fahren!« rief der Prinz. »Er ist uns nun sicher und kann uns nicht mehr entgehen.«
Detlev zauderte und warf einen besorgten Blick im Kreise herum. Als er jedoch Köppen gebunden und eine genügende Anzahl kräftiger Männer um sich stehen sah, nahm er die Arme von Dietrich weg und erhob sich.
»Seid willkommen, Herr Dietrich von Quitzow!« spottete Nymand von Löben. »Wir sind Eurer Spur gefolgt, ohne erst nach Hause zurück zu kehren. Steht auf, der Sitz ist zu niedrig für einen stolzen Rittersmann von Eures Gleichen!«
Er sollte den Spott sofort bezahlen. Kaum sah Dietrich sich von der Umschlingung befreit, so schnellte er empor und stürzte sich, noch ehe Jemand ihn fassen und halten konnte, auf den Sprecher.
»Für mich zu niedrig, doch für Euch wohl nicht,« knirschte er und rannte ihm die beiden Fäuste vor die Brust, daß er schwer hintenüber schlug. »Versucht es nur!«
Der Schecken stand in der Nähe und Dietrich schnellte sich mit einem einzigen Schwunge in den Sattel.
»Laßt ihn jetzt fahren; er ist uns nun sicher und kann uns nicht mehr entgehen!« hohnlachte er.
Das Thier bäumte sich unter dem Drucke seiner Schenkel und schoß gerade in dem Augenblicke davon, als Detlev nach dem Zügel faßte, um es zurück zu halten. Rasch raffte dieser sein Schwert vom Boden auf, sprang zu seinem Rosse und sprengte im vollen Laufe dem Fliehenden nach, noch ehe die Anderen, welche alle abgesessen waren, nach ihren Pferden gegriffen hatten. —
Kapitel 11: Ein Leu im Käfige
Im jetzigen Regierungsbezirke Magdeburg liegt südöstlich von Genthin und südwestlich von Brandenburg, gleichweit von beiden Städten entfernt, das Städtchen Ziesar, dessen Schloß einst als eines der festesten im ganzen Lande bekannt war und zu der Zeit, von welcher wir erzählen, dem Bischof von Brandenburg, Johann von Waldow, gehörte.
Früher hatte Herr Henning von Bredow auf dem bischöflichen Stuhle zu Brandenburg gesessen und trotz seines frommen Amtes gar manchen tüchtigen Strauß geführt und ausgekämpft; aber in der letzten Zeit seines Lebens war ihm ein Gegner erwachsen, dessen er sich nicht erwehren konnte und der ihm mehr zu schaffen machte, als alle, mit denen er vorher in Fehde gelegen. Das war Herr Caspar Gans von Putlitz, der treueste und gefürchtetste Freund der Quitzow’s, denen zu Liebe er sich mit dem Bischofe überwarf, um so indirect den Markgrafen Friedrich von Brandenburg in Schaden zu bringen. Dieser Streit brachte dem geistlichen Herrn so großen Verdruß, daß er ihm die letzten Tage seines Lebens arg verbitterte; er starb von Verdruß und Unmuth gequält.
Natürlich lag dem Markgrafen sehr viel daran, die hohe Stelle des Verstorbenen mit einem Manne besetzt zu sehen, auf dessen Treue und Anhänglichkeit er sich verlassen konnte. Er bemühte sich daher, die Wahl des Capitels auf einen solchen zu lenken, und wirklich wußte er es auch durch seinen Einfluß so weit zu bringen, daß Johann von Waldow, der Bruder des gleichnamigen Propstes von Berlin, vorgeschlagen und vom Papste auch bestätigt wurde. Die Familie dieses Mannes war eine der ältesten und angesehensten des Landes, und Friedrich hatte seine Ergebenheit schon in vielfachen Diensten erprobt.
Von dem Augenblicke an, an welchem dieser Mann die geistliche Regierung seines Bisthums übernahm, wurden die Quitzow’s von ihrem bisherigen Glücke verlassen, und auch Herr Caspar Gans von Putlitz gerieth in arge Noth, die endlich gar mit seiner Gefangennahme endigte. Und dies ging folgendermaßen zu:
Obgleich die Gänse sonst nicht sehr großer Ehre und Auszeichnung genießen, war die Gans von Putlitz doch von jeher ein gar berühmter und gefürchteter Vogel gewesen, um dessen Freundschaft die Parteien sich stets sorgsam bemüht hatten. Besonders hatte Herr Caspar es stets verstanden, sich in Ansehen und Würde zu setzen, so daß selbst der Kaiser ihn mit Aufmerksamkeiten bedachte und auch der Markgraf sich bemühte, seine Freundschaft zu erwerben; aber er war ein gar hainebuchener Charakter, der die höfischen Sitten und Gebräuche nimmer leiden mochte und auch seinen alten, langjährigen Verbündeten die Treue nicht brechen wollte. Deshalb hielt er zu ihnen gegen den Landesherrn und fiel dem Bischofe von Brandenburg in dessen Gebiet.
Zunächst plünderte er das Dorf Ketzin, welches an Stelle des jetzigen Fleckens Ketzin an der Havel lag, und brannte es vollständig nieder. Sodann führte er seine Schaaren nach dem nicht weit davon gelegenen Dorfe Knobloch, wo man sich begnügte, zu plündern, insbesondere aber das Vieh aus den Ställen zu ziehen. Hier erhielt Herr Caspar die Nachricht, daß die bischöflich-brandenburgischen Schaaren über Tremmen her gegen ihn heranzögen, und er mußte also auf Vertheidigungsmaßregeln bedacht sein.
Oestlich von dem Dorfe Knobloch liegt einzeln und frei eine mäßige Höhe, welche eine weite Aussicht über das hohe und niedere Havelland gewährt. Sie war in jenen Zeiten mit einer Warte besetzt und trägt jetzt ein Belvedere, welches diesen Namen mit wirklichem Rechte führt, da die Aussicht weit mehr Reize entwickelt, als der hier nicht Einheimische vermuthen sollte. Jene Warte war mit mehreren Wächtern besetzt, welche von dem Domcapitel zu Brandenburg besoldet wurden und stets gute Ausschau halten mußten, damit kein Feind das Land überrasche. Sie hatten das Herannahen der Gans von Putlitz bemerkt und waren davongegangen, um den Einfall der feindlichen Horden an der geeigneten Stelle zu melden. Herr Caspar bestieg, als er die Anhöhe erreicht hatte, die Warte, um den Umkreis zu überschauen und seinen Kriegsplan zu entwerfen.
Er wußte, ja er ahnte nicht, daß er getäuscht worden sei. Wie der Markgraf Friedrich von Brandenburg bei allen seinen kriegerischen Maßregeln die Klugheit in den Dienst der Tapferkeit stellte und eben darum so glückliche Erfolge aufzuweisen hatte, so war auch der Bischof Johann von Waldow ein Mann, welcher gar wohl erkannte, daß die rohe Kraft der Muskeln nicht allein genüge, einen mannhaften Feind auf das Haupt zu schlagen, sondern daß die List oft mehr vermöge als das Schwert und die riesigste Donnerbüchse. Darum hatte er die Führung seiner Schaaren einem Manne übergeben, welcher sich ebenso sehr durch Gewandtheit in der Waffenführung, als auch durch eine Klugheit auszeichnete, die den kleinsten Vortheil zu benutzen verstand und sich Hilfsmittel zu erfinden oder zu verschaffen wußte, wo für einen Anderen keine solchen vorhanden waren. Dieser Mann war der Stiftshauptmann Hans von Röder.
Dieser hatte Zweierlei eingesehen, nämlich daß er mit seinen Schaaren, die meist aus bloßen Söldnern bestanden, den rauhen und kriegsgewohnten Mannen des Putlitz’schen Heeres nicht gewachsen sei, und daß dem Bischof vor allen Dingen daran liegen müsse, den feindlichen Anführer selbst in seine Hand zu bekommen. Gelang das Letztere, so war die Fehde so gut wie beendet und es mußten aus der Gefangennahme Herrn Caspars Vortheile erwachsen, welche auch in gar mancher anderen Beziehung von Einfluß sein konnten. Daher hatte er einen schlauen Boten abgefertigt, welcher sich absichtlich aufgreifen ließ und, scheinbar gezwungen, die Aussage that, daß Hans von Röder mit dem Stiftsherrn von Tremmen heranrücke.
Caspar Gans von Putlitz schenkte den falschen Worten Glauben und hielt es demzufolge am rathsamsten, sich in derjenigen Richtung, in welcher der Feind sich näherte, zurückzuziehen. Er ließ seine Schaar sich sammeln und führte sie auf Karpzow zu. Die Leute hatten, wie die Kosaken, alles Mögliche, was durch die Plünderung in ihre Hände gerathen war unter und auf den Sätteln der Pferde aufgehäuft und befanden sich daher wenig in der Lage, sich frei und ungehindert einem Kampfe hinzugeben. In Karpzow angekommen, ließ er einige Reiter auf einer Anhöhe halten, die ihn sofort benachrichtigen sollten, wenn sie die Annäherung der Brandenburger bemerken würden. Er selber zog sich weiter gegen Osten durch den Wald zurück und gelangte so bis zu dem Dorfe Dalgow unweit Spandau.
Hier wurde abgesattelt, denn sowohl Menschen als auch Pferde waren müde und vom Froste angegriffen. Er fühlte sich vollständig sicher, denn die Wachtposten bei Karpzow konnten wenigstens eine Weile weit sehen, und da sie sehr gut beritten waren, so eilten sie dem feindlichen Heere sicherlich zwei Meilen weit voraus, und man hatte nach ihrer Ankunft ganz gewiß noch Zeit genug, sich zu rüsten.
Gans von Putlitz war in dem besten Hause des Dorfes abgestiegen, und seine Leute hatten sich in den übrigen Häusern einquartiert, natürlich gegen eine Entschädigung, denn Dalgow war nicht bischöflich und durfte also auch nicht feindlich behandelt werden.
Während nun die aufgestellten Posten sich die Augen anstrengten, um die Brandenburger zu entdecken, und Putlitz bei dem Mittagsmahle saß und es sich trefflich schmecken ließ, nahte Hans von Röder von einer ganz anderen Seite, nämlich von Spandau her. Unterwegs begegnete ihm ein Bauer, welcher ihn nicht nur über die Stellung der Putlitzschen Mannen unterrichtete, sondern ihm sogar mittheilte, in welchem Hause Herr Gans zu finden sei. Vorsichtig jede Deckung benutzend, nahte er sich dem Dorfe und hatte sich desselben bemächtigt, noch ehe sein Nahen recht bemerkt worden war. Schnell und ohne Widerstand rückte er vor das Haus, welches ihm bezeichnet worden war, und ließ die davor aufgestellte Schildwache niedermachen. Jetzt eilten die Knechte Caspars herbei, um ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen, aber sie waren zu Fuß und wurden von den Reitern gar bald übermannt.
Als Herr Gans von Putlitz so plötzlich den Lärm und Tumult des Kampfes vernahm, sprang er eiligst an das Fenster, um nach der Ursache desselben zu forschen; jedoch die kleinen, rund gegossenen Scheiben verzerrten alle Bilder und waren außerdem so gefroren, daß er nichts Deutliches zu erkennen vermochte. Nun stürzte er nach der Thür, diese wurde aufgerissen und Hans von Röder mit einigen Gewappneten stand vor ihm, setzte ihm das Schwert gegen den Hals und forderte ihn auf, sich zu ergeben. Putlitz schlug ihm zwar das Schwert auf die Seite und versuchte, sich durchzudrängen, aber es kamen immer neue Feinde hinzu, welche sich auf ihn warfen und ihn zu Boden rissen. Er war gefangen, und seine Knechte entflohen und suchten ihre Heimath zu erreichen.
»Wollt Ihr Euer Mittagsmahl beenden, Herr Caspar,« sprach Hans von Röder, »so soll es Euch wohl vergönnt sein. Ich bedaure, daß ich habe stören müssen. Nur bitte ich Euch, zu eilen, denn wir müssen aufbrechen!«
»Ich danke Euch für diese Güte, doch ist mein Mahl beendet,« lautete die Antwort. »Ihr werdet mir hoffentlich ein ritterlich Gefängniß geben und mich auf Treu und Glauben entlassen!«
»Ich bedaure, daß es mir nicht zusteht, darein zu willigen. Für jetzt muß ich Euch zu meinem Herrn, dem Bischof von Brandenburg, nach Ziesar bringen; dieser mag sodann über Euch verfügen. Ist es Euch gefällig, so sitzen wir auf.«
Man brachte die Pferde, und der Zug setzte sich in Bewegung.
Die Gefühle, welche während dieses Rittes Caspars Seele durchstürmten, waren keine freundlichen. Alle seine kühnen Pläne waren jetzt gescheitert, denn auf das Unglück, gefangen zu werden, hatte er gar nicht gerechnet. Wuth und verbissener Ingrimm kochten in seinem Herzen, aber sie waren ohnmächtig, denn seine Hände waren gebunden. Er biß die Zähne zusammen und hatte Mühe, unmännliche Zeugen seines Aergers zu unterdrücken. Noch hoffte er immer, seine Leute würden einen Versuch machen, ihn zu befreien, aber so weit auch der Weg war, auf welchem der Zug sich dahinbewegte, es ließ sich keiner von ihnen sehen.
Man nahm nicht den nächsten Weg über Brandenburg, und das hatte seinen guten Grund. Der Ritter Wichart von Rochow nämlich, welcher ein treuer Verbündeter der Quitzows und Herrn Caspars Schwiegersohn war, hatte von der Stadt das Oeffnungsrecht erhalten, und zwar in Folge der Dienste, welche ihr von seinem Vater geleistet worden waren. Kraft dieses Rechtes konnte er Kriegsvolk in die Stadt legen, und hierdurch war sie genöthigt, stets seine Partei zu ergreifen. Wichart hatte nicht versäumt, sich der Gesinnung Brandenburgs dadurch zu versichern, daß er eine nicht unbedeutende Zahl von Kriegsknechten dort einquartierte. Da er nun sowohl dem Markgrafen, als auch dem Bischofe feindlich gesinnt war, so schien es gerathen, den Brandenburgern nicht ein zu großes Vertrauen zu schenken. Das war eben auch der Grund, warum der Bischof jetzt gar nicht in der Stadt, sondern auf seinem Schlosse zu Ziesar wohnte, und auch Friedrich von Zollern hatte Brandenburg schon seit längerer Zeit gemieden. Dieser Umstand veranlaßte auch Hans von Röder, mit seinem Gefangenen einen Umweg zu machen, denn wer konnte dafür stehen, daß Wicharts Leute nicht den innigsten Freund, den Schwiegervater ihres Herrn aus den Händen der Sieger zu befreien suchten. Er nahm daher seinen Weg über Tremmen, Bagow, Götz, Marzahn und Pritzerbe, wo er übernachtete, ging am anderen Morgen über die Havel, zog dann durch Knoblauch, Bensdorf, Woltersdorf, Groß Wusterwitz und Rogäsen und gelangte so endlich nach Ziesar.
Die Freude des Bischofs über den Fang des gefürchtetsten seiner Feinde war natürlich keine geringe; er belobte den Stiftshauptmann wegen der Klugheit und Umsicht, mit welcher derselbe gehandelt hatte, und ließ sich Caspar Gans von Putlitz vorführen.
»Es thut mir leid, Herr Caspar,« sprach er, »daß wir uns in dieser Weise sehen. Ich bin Euch stets zum Frieden und zur Versöhnung geneigt gewesen, aber Ihr habt es nicht anders gewollt.«
»Spart die Worte,« antwortete Putlitz kurz und rauh. »Es wird Euch kein Mensch glauben, daß meine Gefangennahme Euch leid thut. Ein ehrlicher Mann sagt stets die
Wahrheit, und Euch bereitet mein Kommen nichts als Freude.«
»Wenn Ihr Euch so bärbeißig geberdet, so muß es mir allerdings lieb sein, einen so unfriedfertigen Gegner in meiner Gewalt zu haben. Für mich seid Ihr hier bei mir besser aufgehoben, als auf Putlitz, Lenzen oder Wolfshagen bei den Eurigen.«
»Das will ich Euch wohl glauben; doch hoffe ich, daß ich nicht lange hier aufgehoben sein werde. Bestimmt das Lösegeld, und man wird es Euch senden.«
»Davon kann für jetzt keine Rede sein, denn Ihr seid nicht blos mein, sondern auch des Burggrafen Gefangener.«
»Des Burggrafen? Wie meint Ihr das? Bin ich etwa sein Feind? Stehe ich mit ihm im Kriege? Habt Ihr mich gefangen genommen oder ist er es gewesen?«
»Oeffentlich seid Ihr allerdings nicht sein Feind, ob aber nicht im Geheimen, das wird Euch Euer Gewissen sagen, vielleicht auch späterhin der Burggraf.«
»Wer kann in meinem Herzen lesen? Oder darf und kann Jemand öffentlich bestraft oder angefochten werden für das, was er im Geheimen thut?«
»Wer weiß! Indessen kommt es ja jetzt darauf auch gar nicht an. Der Markgraf ist oberster Verweser der Mark, und Ihr habt gegen ihn als solchen heimlich landesverderbliche Pläne geschmiedet. Steht Euch dafür eine öffentliche Bestrafung nicht an, so betrachtet Euch vorläufig als des Herrn Burggrafen geheimen Gefangenen!«
»Ich protestire gegen diese – —«
»Warum,« fiel ihm der Bischof in das Wort, »warum soll es denn gerade ihm nicht verstattet sein, heimlich gegen Euch zu handeln, da Ihr es Euch doch gegen ihn erlaubt habt?«
»Ich protestire, sage ich, gegen jede geheime Behandlung. Meine Gedanken sind zollfrei; was ich gedacht habe, geht also Euch nichts an, und was ich gethan habe, das war öffentlich und nur gegen Euer Stift gerichtet. Ihr könnt mir jetzt, da mich das Unglück in Eure Hand gegeben hat, ein Lösegeld abfordern, und bis es abgetragen ist, mich in ritterlichem Gefängnisse bei Euch halten, weiter aber habt Ihr kein Recht.«
»Ihr fühlt wohl selbst, Herr Caspar, daß es Euch nicht zusteht, hier Vorschriften zu machen. Mag es Euch recht oder unrecht erscheinen, so werdet Ihr Euch dennoch einen engen Gewahrsam gefallen lassen müssen, und Ihr werdet gut thun, keine Worte weiter zu verlieren. Alles Andere wird sich später finden!«
»In engen Gewahrsam?« donnerte Caspar, indem seine Fäuste sich ballten und seine Gestalt sich hoch aufrichtete. »Wer will mich hindern, Euch trotz der Fesseln diesen engen Gewahrsam hinter die Ohren zu schreiben?«
Er maß den Bischof und die Anwesenden mit einem verächtlich zornigen Blicke, warf den stolzen Kopf in den kräftigen Nacken zurück und drehte sich dann ruhig um.
»Pah! Ihr tragt die Tonsur, und was weiß ein Pfaffe von ritterlicher Pflicht und Schonung. Führt mich ab, und ich sage dasselbe, was Ihr mir sagtet: das Andere wird sich später finden!«
Der edle Recke glich in diesem Augenblicke dem Löwen, welcher sich voll Verachtung von dem Schakal wendet, der ihn in seinem Lager gefangen zu haben meint. Johann von Waldow antwortete nicht; er winkte nur dem Wachtmeister, welcher den Gefangenen hereingebracht hatte, zu sich und flüsterte ihm einige Worte zu. Dieser trat zu Caspar und bedeutete ihm, zu folgen. Von einigen Landsknechten gefolgt, schritten die Beiden eine schmale Treppe hinab und standen nach kurzer Zeit vor einer kleinen, niedrigen Thür, welche der Wachtmeister öffnete. Ein enger, lichtloser Raum, kaum so hoch, daß ein Mann in ihm zu stehen vermochte, lag vor Putlitz. Er verlor kein Wort, sondern trat hinein. Die Thüre wurde zugeschlagen; der Schlüssel rasselte unheimlich in dem Schlosse; die Riegel klirrten, die Schritte der Männer verhallten nach und nach in der Ferne, und dann, dann war es still. – – —
– – Wenn man von Lehnin nach Ziesar gelangen will, so kommt man über Michelsdorf und Golzow an das Planeflüßchen. Hat man die Brücke, welche über dasselbe führt, überschritten, so betritt man nördlich von Ragosen die Ausläufer einer Bergkette, die sich in nördlicher Richtung segmentförmig von Belzig bis Dorf Wollin zieht und mit dichtem Walde bestanden war. In den Thälern und Gründen, welche sich zwischen den Bergen hinzogen, hatte der Dachs sein Lager, wilde Katzen kletterten von Baum zu Baum, der Wolf zog sich vor der menschlichen Verfolgung in die Büsche zurück, Fuchsspuren kreuzten sich im Schnee, ja, zuweilen wurde die Umgegend sogar durch die Kunde aufgeschreckt, daß sich ein Bär sehen lasse, den der Hunger in die Nähe der bewohnten Orte führte. Und neben den wilden Thieren trieb mancherlei unordentliches Gesindel dort sein Wesen. Die vielen Streitigkeiten und Fehden, welche zwischen den Herren, Rittern und Städten untereinander geführt wurden, machten es diesen Leuten leicht, sich außerhalb der Gesetze zu stellen; sie kamen und gingen wie es ihnen beliebte, thaten was sie wollten, dienten bald Diesem, bald Jenem und nahmen alle Vortheile mit, welche die ungeordneten Verhältnisse jener Zeit ihnen boten. Daher sah sich Jeder, der von Golzow über Ragosen, Wollin und Glienicke nach Ziesar wollte, gar wohl vor, nahm die nöthigen Waffen mit sich und suchte, den Weg wo möglich in guter und sicherer Gesellschaft zu machen.
Daher wunderte sich der Wirth des Golzower Kruges nicht wenig, als eines Tages zwei Reisende bei ihm einkehrten, welche ihm sagten, daß sie heute noch, und zwar ohne alle Begleitung, nach Ziesar zu kommen gedächten, wo sie Verwandte besuchen wollten. Es war ein alter, graubärtiger Gesell und ein junges, den Kinderjahren kaum entwachsenes Mädchen, welches bei der Kunde von der Unsicherheit des Weges fröhlich die Hände zusammenschlug und dabei ausrief.
»Märten, mach, daß die Pferde ihr Futter bekommen! Das wird eine gar lustige Sache, wenn ich dem Ohm erzählen kann, welch’ ein grausames Abenteuer wir unterwegs erlebt haben.«
Märten Stelzer zog die dichten Brauen bedächtig in die Höhe, kraute sich mit den Händen bedenklich hinter den Ohren und meinte dann:
»Mit Verlaub, allerliebwerthes Jungfräulein, nach dem Abenteuer will mich nicht sehr gelüsten. Ihr seid ein rasches Vögelein und habt Euch und mich schon in manch’ eine schlimme Verlegenheit gebracht. Wenn die Strauchdiebe über uns herfallen oder wenn wir gar noch von den Wölfen gefressen werden, so mögt Ihr es nachher bei dem Ohm und der Frau Mutter selbst verantworten; ich habe Euch den Willen thun müssen und wasche meine Hände in Unschuld!«
»Märten, sei doch nicht so unwirrsch!« bat sie schmeichelnd, indem sie ihm mit der kleinen Hand in den struppigen Bart fuhr. »Denke nur, was der Ohm für Augen machen wird, wenn sein »Wildwasser«, wie er mich immer nannte, ihm so plötzlich und unvermuthet in das Haus bricht. Paß auf, er schlägt vor Schreck die Hände über dem Kopfe zusammen und ruft sein ganzes Heer von Heiligen zum Zeugen an, daß ich die tollste Wespe bin, die ihm jemals um die Ohren gesummt hat!«
»Ja, ein klein wenig toll seid Ihr schon, mein liebwerthes Jungfräulein, aber für eine Wespe möchte ich Euch doch nicht halten, sintemalen die Wespen wenigstens im Winter zu Hause bleiben und fein hübsch warten, bis der Sommer da ist, ehe sie aus ihrem Neste fliegen. Ihr aber habt keine Ruh’ weder bei Tag und Nacht, noch zur Winters— oder Frühlingszeit, und der alte Märten Stelzer muß trotz seiner morschen Glieder mit Euch herumsausen und hat am Ende weiter nichts davon, als daß er die Suppen auslöffeln muß, die Ihr ihm und Euch einbrockt. Was wird Eure gestrenge Frau Mutter gesagt haben, als sie bemerkt hat, daß wir ihr auf und davon gegangen sind! Ich mag die Litaney gar nicht hören, und bin deshalb froh, daß wir uns aus dem Staube gemacht haben.
»Na, siehst Du!« lachte die Kleine. »Erst zankst Du über mich, und dann bist Du froh über das, was ich gethan habe. Halte Dich nur immer nach meinem Willen, dann wirst Du stets die helle Freude an Dir haben!«
»Das hat sich was mit der hellen Freude, mein werthes, liebes, junges Fräulein! Wer möchte wohl vergnügt und fröhlich sein, wenn er hört, daß ihn die Wölfe verspeisen und ihm die wilden Katzen in das Gesicht springen werden! Wir wollen doch hier bleiben, bis etliche Leute beisammen sind, denen wir uns anvertrauen können.«
»Aber Märten, mir kannst Du Dich wohl nicht anvertrauen? Glaubst Du etwa, daß ich Dir ein Leid zufüge, wenn Du keinen andern Schutz bei Dir hast?«
Der alte Knappe machte ein höchst verzweifeltes Gesicht; das Mädchen war ihm jedenfalls zu spitzfindig, als daß er von einem Dispute mit ihr viel Ehre und Vortheil davonzutragen vermochte.
»Ja, ja, mein werthes Liebfräulein, mit Euch ist nicht gut streiten, und ich thäte wahrhaftig besser, zu handeln, ohne Euch gar viel zu fragen. Darum werdet Ihr wohl mit mir warten, bis eine größere Gesellschaft beisammen ist.«
»Wenn Du hier verziehen willst, so sollst Du die Erlaubniß dazu haben, ich aber werde auch ohne Dich auf meinen alten guten Schimmel klettern und nach Ziesar reiten. Dann magst Du meinetwegen sehen, wie Du mir mit heiler Haut nachkommst!«
»Da hat man es! Nun wollt Ihr gar noch mutterseelenallein davonreiten, und ich soll mittlerweile hier sitzen bleiben und Grillen fangen. Ich werde nach den Pferden sehen, mein edles, liebes Fräulein, und dann mag es in Gottes Namen fortgehen!«
Er ging hinaus, und das Mädchen trat zum Fenster. Da erhob sich in der Ecke der Stube eine jugendliche Gestalt, welche bisher schweigsam dort gesessen hatte, und schritt mit kurzem Gruße durch die Thür. Sie hatte den Jüngling bisher wenig oder gar nicht beachtet, als er aber jetzt auf die Straße trat und in der Richtung nach Wollin davonschritt, konnte sie nicht anders, als ihn mit den Augen verfolgen, soweit er nur zu sehen war.
Er konnte wohl kaum sechzehn Jahre zählen, aber es lag über seiner kräftigen Figur ein männlicher Ernst ausgegossen, der ihr etwas Anziehendes und Vertrauenerweckendes mittheilte. Ein trotzig-schöner Kopf ruhte auf dem starken Nacken, und die gewandten Glieder zeigten einen Bau, an dem kein Tadel aufzufinden war. Er trug die Kleidung eines fahrenden Schülers; an seiner Linken hing ein zierliches Schwert, und über die Schulter ging ein schöngesticktes Band, an welchem eine Laute befestigt war.
»Wer mag das wohl sein?« dachte sie. »Es ist hier so finster, daß ich ihn gar nicht deutlich sehen konnte, und ich bin recht unartig gegen ihn gewesen. Er hat denselben Weg, wie wir, und konnte mit uns ziehen. Nun geht er allein und die Wölfe oder Strauchdiebe werden über ihn herfallen, noch ehe wir ihn ereilen und zu Hülfe kommen können.«
Sie hielt in ihrem Gedankengange inne und lachte belustigt auf, als ihr beifiel, welch’ ein unbegründetes Selbstvertrauen er enthielt. Der schöne Fremdling hätte jedenfalls ihrer Hülfe weniger bedurft, als sie der seinigen, und obgleich sie ihn nur vorübergehend gesehen hatte, so erschien er ihr doch nicht wie Einer, der sich auf den Beistand Anderer mehr verläßt als auf seine eigne Kraft.
Da kam ein Reiter aus der entgegengesetzten Richtung langsam die Straße daher und hielt vor dem Hause. Er stieg ab und trat zu Märten Stelzer, dessen Pferde betrachtend.
»Nicht übel!« lobte er, indem er den Schimmel liebkosend klopfte. »Das sind keine Ackergäule. Wem gehören sie?«
Märten brummte eine Antwort in den Bart, von welcher der Andere nicht eine Sylbe verstand.
»Seid Ihr heut schon weit geritten?«
Ein zweites Brummen klang halb wie Ja und halb wie Nein.
»Wohin soll es noch gehen?«
Jetzt bekam der ehrliche Märten einen Husten, der ihn ganz und gar verhinderte, Red’ und Antwort zu stehen.
Der Frager schien darob nicht sehr viel Verdrießlichkeit zu empfinden; er warf noch einen schlauen Blick auf den Alten und trat sodann in die Stube. Hier bemerkte er das junge Mädchen.
Gott grüße Euch, Jungfrau!«
Sie dankte ihm.
»Ihr habt wohl schon eine weite Reise hinter Euch?«
Sie schüttelte lächelnd den Lockenkopf.
»Nicht gar zu weit; es ist noch recht gut auszuhalten.«
»Wollt Ihr in die Berge, oder kommt Ihr von da her?«
»Wir wollen nach Ziesar.«
»Nach Ziesar? Das ist eine weite Strecke, und Ihr habt einen gefährlichen Weg vor Euch. Fürchtet Ihr Euch nicht?«
»Vor wem soll ich bange sein?« frug sie, ihr offenes Auge voll auf ihn richtend. »Die wilden Thiere fürchte ich nicht, denn es ist ja jetzt heller Tag, wo sie sich nicht hervor getrauen, und mein Knappe ist zwar alt, aber ein treuer, tapferer Kopf. Und die Menschen, nun, die können mir ja nichts thun, denn ich habe ihnen auch kein Leid zugefügt.«
»Das will ich recht wohl glauben, aber darnach fragen sie ja nicht. Ich meine nicht, daß es vorsichtig von Euch gehandelt sei, Euch so ganz allein in diese Gegend zu wagen, wo vor noch kurzer Zeit der Krieg gewüthet hat. Die Straßen sind noch nicht wieder so sicher wie früher, als Herr Wichart von Rochow hier hauste, dem der Markgraf seine Schlösser Potsdam, Rekahn und Golzow genommen hat, und Ihr thätet besser, wieder umzukehren oder eine größere Gesellschaft zu erwarten.«
Sein Auge war erwartungsvoll auf sie gerichtet.
»Umkehren?« frug sie. »Nein, das thue ich nicht, und zum Warten habe ich keine Lust. Mir wird Niemand etwas thun; ich brauche nur zu sagen, wer ich bin, so wird sich Jeder fürchten, mir ein Leid zuzufügen.«
»So! Und wer seid Ihr denn?« Die kindliche Naivetät des unerfahrenen und eigenwilligen Mädchens machte ihm das Forschen leichter, als es ihm draußen bei dem vorsichtigen Märten geworden war.
»O, mein Name thut nicht viel, aber der Bischof von Brandenburg, Herr Johann von Waldow, ist mein Oheim, der Bruder meiner Mutter; ich bin von daheim fort, um ihn in Ziesar zu besuchen, und wer mir hinderlich sein wollte, den würde sein Arm gar wohl zu treffen wissen. Er ist der mächtigste Herr hier zu Lande, und sein Name ist der beste Schutz, den ich mir wünschen kann.«
Das Aufleuchten seines Auges bei diesen Worten war kein heilverkündendes, aber selbst wenn sie es bemerkt hätte, so wäre sie doch viel zu vertrauensvoll gewesen, um es richtig zu deuten. Auch der Blick des Einverständnisses, welchen er mit dem Wirthe wechselte, entging ihr, so daß sie im weiteren Laufe des Gespräches sogar die Frage an ihn richtete, ob sie von jetzt aus nicht zusammenhalten wollten, da sie doch einen und denselben Weg vor sich hätten.
»Wohl ist unser Weg ein gleicher,« antwortete er, »jedoch ist meinem Geschäfte solche Eile geboten, daß es Euch schwer und anstrengend sein würde, mir zu folgen.«
Er erhob sich, bezahlte den Trunk, welchen er zu sich genommen hatte, und ritt davon. Jetzt trat Stelzer wieder ein, und während er die abgebrochene Unterhaltung mit seiner Herrin wieder aufnahm, machte sich der Wirth draußen mit den Pferden zu schaffen und kehrte dann mit einem befriedigten Lächeln wieder zu den Gästen zurück.
Unterdessen schritt der fahrende Schüler nachdenklich seines Weges fürbaß. Er dachte ebenso an das Mädchen, wie dasselbe an ihn gedacht hatte. Wer war sie nur? Ganz gewiß war sie ein verzogener Liebling, dem die elterliche Liebe stets die kleinsten Wünsche erfüllt hatte, und welchem es nun schwer wurde, auf etwas zu verzichten, was ihm begehrenswerth erschien. Und doch wie lieb und gut hatten trotz dieses Eigenwillens ihre Worte geklungen! Wie freundlich und herzlich war sie gegen den alten Knappen gewesen! Wie hatte ihr das Lächeln so schön gestanden, und wie war der Ton ihrer Stimme so eigenthümlich einschmeichelnd gewesen! Ganz gewiß war sie ein bewundernswerthes Geschöpf, dem nur Glück und Heil zu wünschen war. Und doch befand sie sich grad jetzt in gar großer Fährlichkeit, denn was man sich von der Unsicherheit des Weges erzählte, das war keineswegs eine Lüge, sondern die volle Wahrheit.
Sie hatte ihn gar ernst angeschaut; der fahrende Schüler war ihr jedenfalls zu gering gewesen, und darum hatte er es auch nicht gewagt, ihr seine Begleitung anzubieten, trotzdem er zu Fuße ging und sie beritten war. Aber so wollte er doch wenigstens ohne ihr Wissen und ihren Willen zu ihrem Schutze bereit sein und ein offenes Auge auf den Weg haben, um sie warnen zu können, wenn er eine Gefahr für sie bemerke.
Da vernahm er hinter sich Hufschläge. Er wandte sich um; der Nahende war derselbe Reiter, welcher im Kruge mit dem Mädchen gesprochen hatte. Als dieser des Schülers ansichtig wurde, zuckte es verächtlich um seine Lippen.
»Ein gelehrter Faulenzer und Bruder Habenichts. Diese Art von Leuten läßt man ziehen, wohin sie wollen, so lange sie sich nicht in anderer Leute Sachen mischen.«
Er wollte ohne Gruß und Wort an ihm vorüber, hielt aber bei einem flüchtigen Blicke in sein Gesicht das Pferd unwillkürlich an.
»Woher des Weges und wohin?« frug er, dieses Gesicht schärfer betrachtend.
»Grad’ so wie Ihr: von daher und dorthin!« klang die Antwort, indem der Sprecher mit der Hand nach rück— und vorwärts zeigte.
»Um das zu wissen, brauche ich nicht erst zu fragen. Gebt eine manierliche Antwort, denn Frage und Antwort giebt eine gute Rede.«
»Soll mir recht sein. Ich komme von Golzow und will nach Wollin. Was aber Eure Güte betrifft, so begehre ich ihrer nicht. Lebt wohl.«
Der Reiter beachtete diese Aufforderung nicht. Wo hatte er nur diese dunklen Augen leuchten und diese Locken so abweisend schütteln sehen! Er konnte sich nicht besinnen.
»Ihr seid verteufelt kurz. Wie nun, wenn ich Euch die Zunge löste?«
»Haha!« So kurz dieses Lachen war, es sagte doch eben so viel, wie die nachfolgenden Worte: »Macht Euch von hinnen, ich habe keine Lust, zu scherzen!«
Das klang so schneidend, daß der Mann unwillkürlich in die Zügel griff, aber schon im Weiterreiten frug er noch:
»Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?«
»O ja, eben jetzt!«
Der auf diese Weise Abgewiesene hatte eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, aber es lag in dem Wesen des Schülers Etwas, was diese Entgegnung nicht laut werden ließ. Der Reiter trabte weiter.
»Wo habe ich diesen Mann nur schon gesehen?« fragte sich jetzt auch der Zurückbleibende. »Ach, jetzt weiß ich es,« klang es nach einigem Sinnen: »Es ist ein Reisiger des Ritters Wichart von Rochow, der mit ihm öfters bei uns auf Lenzen und Wolfshagen gewesen ist, und nun ist mir auch klar, wer die Leute sind, die hier ihr freies Handwerk treiben: es sind Knechte des Herrn Wichart, der jetzt in Potsdam auf Handgelöbniß sitzt; sie haben ihren Herrn verloren und wollen dem Markgrafen nicht zu Diensten sein; darum halten sie es für das Beste, von anderer Leute Zoll zu leben, bis sich die Zeiten geändert haben. Von ihnen habe ich nichts zu fürchten, vielmehr werden sie mir stets zu Diensten sein, sobald ich ihnen nur meinen Namen nenne; aber dann bin ich auch dem Verrathe ausgesetzt, und ich muß ihn also so lange wie möglich geheim zu halten suchen.«
Während er, nun befreit von augenblicklichen Sorgen, seinen Weg weiter verfolgte, wandte er zum Oefteren das Auge zurück, um auszuschauen, ob die Erwarteten noch nicht zu bemerken seien. Endlich erblickte er sie und nahm sich vor, sich ihnen auf jeden Fall anzuschließen, vor der Hand aber den Schein zu vermeiden, als ob er ihre Nähe wünsche.
Darum griff er jetzt mit großen Schritten weit aus, um sich nicht so bald von ihnen einholen zu lassen, und vermied es auch, sich nach ihnen umzudrehen. So verging eine Viertelstunde nach der anderen; er erkannte, daß sie schon längst an ihm vorüber hätten sein müssen, und blieb stehen, um sich über die Ursache ihres Zurückbleibens aufzuklären. Er sah sie nicht mehr. Besorgt um sie, wartete er eine geraume Zeit und faßte schon den Entschluß, zurückzukehren, als er sie endlich in weiter Entfernung erblickte.
Sie kamen jetzt nur sehr langsam vorwärts, ohne daß er die Ursache davon zu erkennen vermochte. Jetzt mäßigte auch er seine Eile und vernahm nun bald an dem Getrappel der Pferde, daß sie dicht hinter ihm seien. Er blieb stehen, wandte sich nach ihnen zurück und griff grüßend an das Barett.
»Ihr seid besser zu Fuße als unsere Thiere,« rief ihm das Mädchen zu, noch ehe er zu einem Worte gekommen war. »Wenn Ihr ein wenig langsamer geht, so möchten wir uns wohl Eurer Gesellschaft freuen!«
»Wenn Ihr es begehrt, so soll mir dieser Wunsch willkommen sein!«
Märten Stelzer gab durch ein freundlich gnädiges Kopfnicken zu erkennen, daß der Wille des Fräuleins auch der seinige sei, und forderte, damit jeder Zweifel darüber unmöglich werde, ihn auf:
»Ja, mein liebwerthes Jungherrlein, nehmt hier an unserer Seite Platz; zu Dreien ist die Gesellschaft größer als zu Zweien, und wenn Ihr die Beine nicht gar zu weit auseinander setzet, so werden wir wohl beisammen bleiben.«
»Was ist denn mit Euren Thieren geschehen?« frug der Jüngling, welcher bemerkte, daß beide Pferde lahmten. »Ich habe doch vor dem Kruge keinen Schaden an ihnen gesehen!«
»Sie haben uns,« antwortete das Mädchen, »auch bis dahin gar wohl und munter getragen; aber vor kurzer Zeit begannen sie, lahm zu gehen, obgleich wir nicht wissen, welch’ einen Grund dies haben mag. Führt Euch Euer Weg noch weit?«
»Der freie Schüler hat kein Ziel; ihm gehören alle Wege und Straßen, und er legt sich da zur Ruhe, wo er eine gastliche Aufnahme findet. Aber ich gedenke, noch vor Abend in Ziesar zu sein.«
»Das ist auch unser Wille. Mich verlangt, den Bischof, meinen Ohm, zu sehen, welcher dort auf seinem Schlosse wohnt. Ist es Euch recht, so bleiben wir zusammen!«
»Wohl soll mir dies recht und willkommen sein,« antwortete er, indem eine freudige Ueberraschung über sein Gesicht erglänzte. »Also der hochwürdige fromme Herr ist Euer Oheim? Das ist ein gar strenger und tapferer Herr, der das Schwert ebenso gut zu führen versteht, wie den Krummstab. Habe ich doch vernommen, daß es ihm sogar gelungen ist, den Caspar Gans von Putlitz in seine Gewalt zu bekommen, und der ist doch einer der Stärksten und Mächtigsten im Lande.«
»Ja, mein liebes, theures Jungherrlein, das ist ihm allerdings gelungen, und Gott sei Lob und Dank dafür. Es ist ein gar großer Segen für die Marken, daß jetzt solche Hände das Scepter ergriffen haben, welche es verstehen, das schädliche Ungeziefer auszurotten.«
»So nennt Ihr den Gans von Putlitz Ungeziefer?« fragte der Schüler, indem ein undefinirbares Lächeln über sein Gesicht glitt.
»Freilich! Die Quitzows, der Putlitz, der Rochow, der Holzendorf, der Maltitz und die ganze Sippe, die zu ihnen gehört, das ist das richtige Ungeziefer, welches man bis auf den letzten Floh ausrotten muß. Das ist meine Meinung, mein werthes, edles Jungherrlein.«
»Was haben sie Euch gethan?«
»Mir? Gar nichts; aber ich mag ihre Namen nicht leiden.«
»Wie heißt Euer Name?« frug hier das Mädchen.
»Joachim; und der Eure?«
»Marie. Ich bin nach der heiligen Mutter Gottes genannt worden, damit ich ein sanftes, frommes Mädchen werden möge, und es hat geholfen, nicht wahr, Märten?«
Der Gefragte zog das Gesicht in die verlegenste Miene, die es geben konnte, und erwiderte:
»Ja, mein werthes, liebes Jungfräulein, in diesem Dinge ist mir mein alter Kopf fast gänzlich irre geworden. Oft seid Ihr so fromm und sanft, daß ich Euch gern schon jetzt zu den Heiligen rechnen möchte, und oft – oft – oft – —«
»Nun,« lachte sie fröhlich, »was ist nun wieder – oft?«
»Oft seid Ihr grad’ so, wie – wie – —«
»Wie ein Wildwasser,« fiel sie ihm in das Wort, »dem man vorsichtig aus dem Wege gehen muß. Doch, laß das gut sein, Märten; es ist ja nicht so bös gemeint! Aber was habt Ihr?« wandte sie sich zu Joachim, welcher um einige Schritte zurückgeblieben war und den Gang der Pferde aufmerksam beobachtete.
»Nicht wahr, die Pferde sind erst ohne Fehl gegangen?«
»Ja.«
»Und erst von dem Kruge ab haben sie gelahmt?«
»So ist es.«
»Alle beide zugleich?«
»Alle beide.«
»Das scheint mir kein Zufall zu sein. Habt Ihr nicht nachgesehen, woran es liegt?«
»Freilich habe ich nachgesehen, mein liebes Junkerlein; aber es ist nicht das Mindeste zu bemerken.«
»Habt Ihr schon von dem fremden Volke gehört, welches aus Egypten oder Indien zu uns gekommen ist und allerlei geheimes Wesen treibt?«
»Ihr meint die Zigeuner?«
»Ja. Wißt Ihr, wie diese es machen, wenn sie ein Pferd lähmen wollen?«
»Nein.«
»Sie stechen ihm eine Nadel in den Fuß. Wollt doch einmal halten, damit ich nachsehen kann!«
Die Aufforderung wurde befolgt; Joachim hob den Fuß des Schimmels empor und ließ ihn nach einigen Augenblicken wieder fallen.
»Hier habt Ihr die Nadel! Nun laßt uns weiter sehen!«
Auch bei dem anderen Thiere war die Nadel bald entdeckt. Marie sowohl als auch Märten Stelzer konnten sich nicht genug über den Scharfsinn des Jünglings wundern; dieser aber schnitt das ihm gespendete Lob durch die Frage ab:
»Wer hat das gethan, und welche Absicht hat er dabei gehabt?«
Das Erstere war gar nicht oder sehr schwierig zu beantworten, das Letztere aber ließ sich leichter denken.
»Was meint Ihr wohl,« frug das Mädchen, jetzt ängstlich werdend, »warum man die armen Thiere so hat quälen können?«
»Das sollt Ihr ganz genau erfahren! Zuvor aber sagt mir, ob Ihr in dem Kruge davon gesprochen habt, wer Ihr seid.«
»Ja, das habe ich gethan!«
»Gegen wen?«
»Es war ein Mann, den Ihr wohl auch gesehen habt. Er kam nach Euch in den Krug und folgte Euch nach kurzer Zeit.«
»Dann ist es ganz so, wie ich denke. Ihr wißt wohl, daß Golzow dem Ritter Wichart von Rochow gehört hat, welcher sich dem Herzog Rudolph zu Sachsen ergeben und nach Potsdam in die Haft gehen mußte. Da haben sich nun diejenigen von seinen Leuten, welche keinem anderen Herrn dienen wollen, in den Wald gemacht, um den Anhängern des Markgrafen und Eures Oheims Schaden zu bereiten. Da muß es ihnen hoch willkommen sein, daß eine Nichte des hochwürdigen Herrn so fast ganz allein und schutzlos ihnen in die Hände läuft, und um Euch das Entkommen ganz unmöglich zu machen, hat man Eure Pferde gelähmt. Der Mann, welchem Ihr Euch offenbart habt, schien in großer Eile zu sein; gewiß hat er die Seinen zusammengerufen und lauert nun an einem guten Orte, um Euch anzuhalten.«
»Glaubt Ihr wirklich, daß dieses so ist?«
»Ich halte es für ganz gewiß.«
»So laßt uns sofort umkehren, mein liebwerthes Jungfräulein,« rief Märten Stelzen hoch besorgt. »Ich denke zwar, daß ich einige von ihnen niederschlagen werde, und das Jungherrlein hier wird auch einen guten Hieb thun oder zwei, aber wenn es ihrer zu viele sind, so werden sie uns doch in das letzte Capitel hauen, und wenn man todt und erstochen am Boden liegt, so hat die Freude ein Ende.«
»Was sagt Ihr dazu?« frug sie den Jüngling.
»Ich meine, daß Euch die Umkehr wenig helfen wird, da sie Euch einholen würden, oder Ihr in andere schlimme Hände kommt. Reitet langsam weiter, damit sie denken, daß ihre List gelungen sei, und wenn sie hervorbrechen, so gebraucht Ihr die Sporen und macht, daß Ihr ihnen aus den Augen kommt.«
»Und was wird dann mit Euch?«
»Um mich dürft Ihr keine Sorge tragen; ich werde schon mit ihnen umzugehen wissen.«
»Mit Verlaub, mein werthes Junkerlein, da kommt Ihr dem alten Märten Stelzer noch lange nicht! Ihr seid ein liebes, junges Blut, und ich werde nimmermehr zugeben, daß Ihr Euch für uns in eine Gefahr begebt. Wenn sie Euch todtgeschlagen haben, so ist Euch nicht mehr zu helfen, und darum – – seht, da habt Ihr sie schon. Schlagt zu, mein edles Jungherrlein, und springt dann zu mir auf das Pferd!«
Der fahrende Schüler aber vernahm diese Worte nicht mehr, denn sobald die Angreifenden von der Seite hervorbrachen, riß er den Degen aus der Scheide und warf sich ihnen entgegen.
»Rasch davon!« rief er dem Mädchen zu. »Ich werde Euch die Bahn frei halten!«
Aber sie schien mit ihrem Thiere an den Boden gefesselt zu sein und seinen Ruf vollständig zu überhören. Sie sah nicht auf die Männer, welche sich an sie zu drängen suchten, sondern nur auf ihn, der sie muthig von ihr abhielt, und mit seinem Schwerte gegen sie arbeitete, als sei er ein alter, viel erprobter Recke, den es wenig kümmere, ob er ein Dutzend Gegner mehr oder minder vor sich habe. Auch Märten Stelzer hatte blank gezogen und zeigte, daß es ihm an Muth und Geschicklichkeit, seine junge Herrin zu vertheidigen, nicht mangele. Ein so kräftiger Widerstand war nicht erwartet worden, und zudem war es nur eine geringe Anzahl herrenloser Lanzknechte, die obendrein keine Pferde besaßen und nur den einen Berittenen unter sich zählten, welcher ihnen die Nachricht von den Nahenden gebracht hatte. Das Pferd desselben war gleich von dem ersten Hiebe Joachims so getroffen worden, daß es mit dem Reiter auf und davon rannte, und die Uebrigen fühlten sich den zornigen Schlägen Märtens und den gewandten Streichen des fahrenden Schülers auf die Dauer nicht gewachsen, so daß sie gar bald das Hasenpanier ergriffen und zwischen den Sträuchern verschwanden.
Märten Stelzer wischte seine Klinge an dem flockigen Felle seines Fuchses ab und wandte sich erstaunt zu Joachim:
»Hört einmal, mein werthes, junges Herrlein, Ihr führt ja eine Klinge, vor welcher der beste Rittersmann Respect haben muß! Ich habe mich gar viel in der Welt herumgeschlagen, aber es sind mir dabei Wenige begegnet, welche die edle Kunst der Waffen in der Weise ausgeübt haben, wie Ihr. Ihr müßt in eine feine Schule gegangen sein, da Ihr als ein so junges Blut so meisterhafte Streiche zu führen versteht!«
Auch Marie wollte in ein belobendes Wort ausbrechen, aber ihre Anerkennung verwandelte sich in einen Ausruf der Angst und Sorge, als sie den Jüngling bluten sah.
»Um Gott, Ihr seid ja doch verwundet!« rief sie. »Zeigt her, ob es gefährlich ist.«
»Laßt Euch diese kleine Schramme nicht anfechten,« antwortete er. »Es ist ein Schnitt in den Arm, der kaum durch die Haut gegangen ist; er wird mir nicht viel Schmerz und Störung bereiten.«
»So seid Ihr jungen Leute, mein werthes Herrlein! Immer ohne Gram und Sorge! Und doch wie bald kann aus solch einem Risse in der Haut eine Wunde werden, aus der das Leben von dannen geht. Kommt, laßt Euch verbinden!«
»Ja, zeigt her,« rief Marie; »wir müssen die Blutung stillen und hier mein Tüchlein darum binden!«
»Laßt dies jetzt noch warten, bis wir diesen Ort hinter uns haben, wo es für uns nicht geheuer ist! Wer bürgt uns dafür, daß wir nicht wieder und zwar von einer größeren Zahl angerannt werden! Es kann nicht mehr gar
weit nach Wollin sein, wo ich mich dann Eurer Pflege ohne Gefahr und Schaden hingeben kann.«
Er wand sich das dargebotene Tuch um den Arm und schritt sodann rüstig vorwärts, ohne zu beachten, daß Märten Stelzer ihm sein Pferd anbot. In Wollin ließ er sich dann kunstgerecht verbinden, und nachher setzten sie ihren Weg über Glienicke nach Ziesar fort, wo sie ankamen, als der Abend hereinzudunkeln begann.
Nun erhob sich ein Wettstreit zwischen ihm und Marie, welche nicht zugeben wollte, daß er sich nach einer Herberge umsehe.
»Nein, das dürft Ihr nicht,« rief sie eifrig. »Ihr habt uns einen gar wichtigen Dienst geleistet, und mein Oheim wird hohe Freude haben, Euch bei sich zu sehen, um Euch mit mir danken zu können.«
»Weiß Euer Ohm, daß Ihr heut’ kommt, um ihm Euren Besuch zu machen?«
»Nein,« antwortete sie lachend. »Ich bin sein Wildwasser, und Ihr wißt, daß dieses fließt und rinnt ganz wie es ihm beliebt. Ich ritt heut’ mit meinem alten Märten in den Morgen hinein, um ein Wenig frische Luft zu trinken; da kam mir das Verlangen, nach Ziesar zu gehen, in den Sinn, und obgleich Märten sich große Mühe gab, mich von diesem gefährlichen und unvorsichtigen Vorhaben, wie er es nannte, abzuhalten, so hat er doch mitgemußt.«
»Und Eure Frau Mutter weiß also gar nicht, wo Ihr hingerathen seid?« frug er in mißbilligendem Tone.
»O, die ist es gewohnt, mich ruhig gewähren zu lassen, und überdies habe ich ihr einen Knecht gesandt, der ihr sagen sollte, wo ich hingehe. Wäre ich doch ein Bube! Ich schnallte mir das Schwert an die Seite, setzte mich auf mein Roß und ritt in die weite Welt hinein. Alle Drachen stäche ich todt, alle Riesen schlüge ich nieder; den Raubrittern verbrennte ich ihre Burgen, und alles schlechte und unnütze Gesindel würde ausgerottet. Ich werde nächst dem Oheim mit dem Hauptmann Hans von Röder sprechen und ihnen sagen, daß sie doch einmal all’ dem Unfuge und bösen Wesen ein Ende machen mögen!«
»Das mögt Ihr thun, und ich will ihnen gern und willig Glück zu diesem Vorhaben wünschen. Nur müssen sie sich hüten, den Unschuldigen zu treffen oder heilige und wohlverbriefte Rechte anzutasten. Nun aber lebt wohl. Grüßt mir den frommen und gestrengen Herrn Bischof und sagt ihm, daß es mir ein großes Glück bereitet habe, für einige wenige Stunden Euer Diener sein zu dürfen!«
»Das könntet Ihr wohl länger oder immer sein, wenn Ihr nur wolltet,« antwortete sie, indem ihr Auge hell und mit kindlichem Wohlgefallen auf ihm ruhte. »Darum sollt Ihr mir nicht so schnell von hinnen gehen, sondern mich auf das Schloß geleiten, wo Ihr dem Ohm dann Euren Gruß selbst bringen könnt. Er ist ein gar strenger Herr, das ist wahr, aber er kann auch gar sanft und milde sein, wenn er Liebe und Gnade walten lassen darf.«
»Gern würde ich mich mit Euch zu ihm begeben, aber ich bin ein armer, geringer Schüler, der solcher hoher Herren nicht würdig ist, und da er nicht weiß, daß Ihr kommt, so würde es nicht höflich von mir sein, wenn ich ihm Störung bereiten wollte.«
»Diese bereitet Ihr ihm nicht, aber ich will Eure Gründe gelten lassen und Euch nicht verleiten, Etwas zu thun, was Ihr nicht für höflich haltet. Aber eine Bitte müßt Ihr mir erfüllen! Wollt Ihr?«
»Sagt mir welche! Wenn es mir möglich ist, so will ich es ja gern thun.«
»Geht nirgends anders hin, als in die Herberge zum »wackeren Rittersmann«, welche am Markte gelegen ist. Wenn ich dem Ohm von Euch erzähle, so wird er Euch bei sich sehen wollen, und dann weiß ich doch, wo Ihr zu finden seid.«
»Diesen Wunsch will ich Euch nicht abschlagen, und es soll mir nichts Besseres und Lieberes geschehen, als daß es mir vergönnt ist, Euch wieder zu sehen!«
Sie reichte ihm die kleine, zarte Hand vom Pferde herab; er wagte es, dieselbe an seine Lippen zu ziehen, und es ward ihm gar eigen und wunderlich zu Muthe, als er ihren sanften Druck fühlte und die holde Röthe bemerkte, welche dabei das liebliche Gesichtchen übergoß. Auch Märten Stelzer bot ihm mit vertraulichem Wohlwollen die Hand.
»Ich bin zwar nur ein geringer Knecht, mein liebes, werthes Jungherrlein,« meinte er, »und Ihr seid ein vielgelehrter und auch tapferer Jüngling, der es einst zu hohen Ehren bringen kann, aber Ihr müßt auch mir erlauben, Euch ein Lebewohl zu sagen, da Ihr uns aus so großer Gefahr errettet habt. Meinen alten, morschen Knochen wäre es nimmer möglich gewesen, den Strauchdieben allein Stand zu halten, vielmehr hätten sie mich ganz sicher niedergeschlagen und das Jungfräulein gefangen mit sich fortgeführt. Darum wollte ich, ich könnte Euch auch einmal einen Dienst erweisen. Geht nicht fort; ich werde Euch in der Herberge aufsuchen, um Euch zu sagen, wie der hochwürdige Herr unser Abenteuer aufgenommen hat.«
Jetzt trennten sie sich, und während Marie mit Märten den Weg zum Schlosse wählte, schritt Joachim nach der Herberge, die ihm bezeichnet worden war.
Es war die beste und besuchteste, welche sich damals in Ziesar befand, und daher sah er bei seinem Eintritte die Tische voll besetzt, so daß es ihm nur mit Hilfe des Wirthes gelang, in einer Ecke noch ein Plätzchen zu erhalten, wo er sich niederlassen und von der Wanderung ausruhen konnte.
Die meisten Anwesenden gehörten zu den Kriegsleuten des Stiftes; sie thaten sich beim Biere gütlich und erzählten einander von den Thaten, die sie verrichtet hatten. Besonders war es Einer, der die große Stimme führte und grad’ darüber war, von dem Zuge des Stiftshauptmannes zu erzählen, auf welchem Caspar Gans von Putlitz in die Hände des Bischofs gerathen war. Er schnitt gar gewaltig auf und sprach von dem Putlitz und seinen Leuten, als von einem feigen Gesindel, welches keines ehrlichen Schwerthiebes würdig sei. Der Schüler hielt sich still und ruhig in seiner Ecke, aber die Blicke, mit denen er hier und da den Sprecher maß, zeigten, daß ihm die Rede desselben nicht angenehm und willkommen sei. Dieser bemerkte gar wohl das scharfe Auge, welches ihn immer verächtlich anblitzte, sobald er eine neue Lobeserhebung hervorposaunte, und dies wurde ihm endlich so unangenehm, daß er sich erhob und zu dem Jünglinge trat.
»Was siehst Du mich denn so besonderlich an, Kleiner?« frug er mit laut schallender Stimme. »Wenn Du vielleicht denkst, einen Zweifel an meinen Worten zu haben, so komm hervor; ich will Dir die Wahrheit zeigen!«
»Was gehen mich Eure Worte an? Macht Euch an Euren Platz zurück und laßt mich in Ruh. Zudem aber merkt Euch wohl, daß Ihr nicht Meinesgleichen seid und Euch also einer manierlicheren Anrede zu bedienen habt!«
»Ich nicht Deinesgleichen? Donnerwetter, ich bin der Gefängnißvoigt auf Schloß Ziesar, der schon manchen großmäuligen Wicht zur Demuth gezwungen hat; und wer bist denn Du? Doch höchstens ein ausgewiesenes Studentlein, dem es in seinem Uebermuthe nach einer tüchtigen Tracht Prügel verlangt. Kannst sie haben, wenn Du sie begehrst!«
»Hört!« rief Joachim dem Wirthe zu, »nehmt diesen Mann von mir weg, wenn Ihr Frieden im Hause haben wollt!«
»Seht, er muß Andere zu Hilfe rufen, weil er nicht den Muth hat, sich selbst zu wehren! Mit den Leuten von Ziesar ist nicht gut Obst essen, und es geht ihm gerade wie Denen von Putlitz, die auch vor Angst und Entsetzen nach dem Schwerte zu greifen vergaßen, als wir anrückten. Der Caspar hat an allen Gliedern gezittert, als unser Stiftshauptmann, Herr Hans von Röder, ihn bei dem Fittiche genommen hat.«
»Das lügt Ihr! Der Caspar Gans von Putlitz hat noch vor anderen Männern gestanden und sie niedergeworfen, als Euer Stiftshauptmann ist. Ihr würdet wohl gar anders sprechen, wenn einige Putlitz’sche Mannen sich hier befänden und auf Eure Rede merkten!«
»Was? Der Lüge willst Du mich zeihen, mich, den Matthias Schabegast von Ziesar? Und den Herrn Stiftshauptmann Hans von Röder wagest Du zu verleumden? Das soll Dich jetzt und allezeit gereuen! Hinaus mit dem Verräther, der sich des Putlitz annimmt und unseren hochwürdigen Herrn beleidigt!«
Er riß den Tisch auf die Seite und wollte Joachim fassen.
»Bleibt weg von mir,« warnte ihn dieser. »Ich habe keinen Streit mit Euch gesucht und will in Frieden meinen Platz behalten. Doch dürft Ihr darum nicht meinen, daß ich Euch fürchte.«
»Deinen Platz sollst Du haben, aber nicht hier. Komm heraus!«
Er hob die Arme, um nach ihm zu greifen, aber noch ehe er dazu kam, flog er zurück und stürzte, so lang er war, über einen Tisch, den er mit sammt den Leuten, welche daran saßen, zu Boden riß. Fluchend sprang er wieder empor, um seinen Angriff zu erneuern; da aber faßte ihn eine kräftige Hand und hielt ihn zurück.
»Halt, Bruder Matthias, was ist denn für ein Teufel in Dich gefahren, daß Du Dich zum Vergnügen hier am Boden wälzest?«
Schon hatte er eine derbe Antwort auf der Zunge, als er, den Fragenden erkennend, sie wieder verschluckte. Es war Märten Stelzer, welcher eingetreten war und ihn in der unangenehmen Situation überrascht hatte.
»Märten, alte Kriegstrompete, wie kommst denn Du wieder einmal nach Ziesar? Hast wohl das junge Fräulein hergebracht?«
»Ja, aber sag’, was hast Du denn verloren, daß Du so eifrig da unten auf der Diele herumkramerst?«
»Verloren?« frug Matthias, indem sein Gesicht den vorherigen zornigen Ausdruck wieder annahm. »Nichts habe ich verloren, sondern ich bin nur bei der Bestrafung dieses Bürschchens hier ein wenig ausgerutscht. Warte einen Augenblick, bis ich ihm das Loch gewiesen habe!«
»Halt, Matthias, diesem wackeren Jungherrlein wirst
Du kein Leid zufügen, denn das könnte Dich in großen Schaden bringen!«
»In Schaden? Was soll es mir thun, wenn ich einen Feind unseres hochwürdigen Herrn einmal so recht nach Herzenslust durchbläue?«
»Er ist mit nichten ein Feind, sondern vielmehr ein Freund des Bischofs; er hat mir und unserem Jungfräulein in großer Noth und Fährlichkeit beigestanden, und nun bin ich abgesandt, ihm zu sagen, daß er sofort auf das Schloß kommen solle, wo ihn die Herren erwarten, um ihm Dank und Ehre zu ertheilen.«
»Märten Stelzer, wenn Du es nicht wärest, der mir dieses sagt, so würde ich die Worte gar nicht glauben, denn er hat von dem Herrn Stiftshauptmann ungut gesprochen und sich für den Putlitz aufgeworfen. Aber weil Du es bist, so soll ihm nichts geschehen und Du magst ihn ohne Last und Störung auf das Schloß führen!«
Joachim verhielt sich zu diesen Worten ruhig und folgte dem Knappen, welcher gerade zur rechten Zeit gekommen war, eine Streitigkeit zu verhüten, die vielleicht von ernsten Folgen hätte werden können.
»Ihr müßt sehr gut bei Kräften sein, mein liebwerthes Jungherrlein,« sprach derselbe unterwegs, »daß Ihr den Gefängnißvoigt so schön zur Erde gebracht habt! Er ist ein gar fester Patron, der sich nicht so bald vor irgend Wem zu fürchten braucht.«
»Er hat nur seinen wohlverdienten Lohn empfangen und kann froh sein, daß Ihr durch Euer Dazwischenkommen dem Unfrieden ein Ende gemacht habt.«
Auf der Burg angekommen, ward er in den Saal geführt, wo an einer langen eichenen Tafel eine Gesellschaft von Männern saß, deren martialisches Aeußere auf ihr kriegerisches Handwerk schließen ließ. Am oberen Ende hatte Herr Johann von Waldow, der Bischof, seinen Platz. Als sich die Augen der Anwesenden dem Ankömmlinge zuwandten, erhob er sich und winkte ihm, näher zu treten.
»Seid mir willkommen, junger Mann,« begrüßte er ihn mit freundlicher Herablassung. »Ich habe viel Liebes und Wackeres von Euch gehört und wollte Euch sehen, um Euch meinen Dank zu sagen für die Tapferkeit, mit welcher Ihr Euch meiner Nichte angenommen habt. Setzt Euch hier an meine Seite und nehmt Theil an dem Mahle, welches uns bereitet ist!«
Joachim folgte mit höflichem Anstande diesem ehrenvollen Befehle und beantwortete mit bescheidenem Tone die Fragen seines hohen Nachbars.
»Ihr seid ein Schüler. Welcher von den edlen Wissenschaften habt Ihr Eure Zuneigung gewidmet? Vielleicht der frommen Theologia?«
»Nein, hochwürdiger Herr, es sind vielmehr die jura et actiones, denen ich mein Schwert und meine Stimme leihen möchte.«
»Das ist nicht weniger lobenswerth. Zwar will die Frömmigkeit gar sorgsam und fleißig gepflegt sein, aber in diesen schweren, bösen Zeiten darf man die Rechte und Gerechtigkeiten niemalen aus den Augen lassen, und daß Ihr ihnen auch mit dem Schwerte zu dienen wißt, das habt Ihr zu meiner Freude heute bewiesen. An welchem Orte seid Ihr Eures Studiums beflissen gewesen?«
»Zuletzt habe ich zu Berlin geweilt und möchte nun ein Wenig weitergehen, um mich genugsam in den Landen umzusehen, ehe ich zur Schule zurückkehre.«
»Auch dieses muß ich gutheißen, denn wer die Bücher recht und gut verstehen will, der muß sich zuvor fleißig im Leben umgeschaut haben. Darum aber sollt Ihr mir nicht so sehr bald wieder von hinnen gehen, weil bei uns gar Vieles zu erfahren ist, was Euch von großem Nutzen sein wird.«
»Dieses Wort ist mir eine sehr willkommene Gnade, denn sie bringt einem Wunsche Erfüllung, den ich gehegt habe, als ich nach Ziesar kam.«
»Nun wohl, so weilt denn hier bei uns, so lange es Euch gefällt, und seid versichert, daß ich Euch in Allem, was da förderlich sein kann, zu Diensten sein werde. Ihr werdet uns wohl Euren Namen nennen?«
»Er lautet Joachim Wolf von Hagen. Er ist nicht so bekannt oder berühmt wie die Namen aller Derer, welche mit Euch, Hochwürden, hier an diesem Tische sitzen, aber ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ihn in gute Achtung zu bringen.«
»Das will ich Euch wohl glauben, wenn Ihr stets so handelt, wie Ihr es heut gethan habt! Nun aber erquickt Euch an den Speisen und Getränken, welche vor Euch stehen, und dann könnt Ihr Eure Gefährtin begrüßen, welche sich nicht hier befindet, weil solch’ wildes Wasser meine gesetzten Mannen mit Unruhe erfüllen würde.«
Damit war die Begrüßung beendet und das Gespräch ward wieder allgemein und wandte sich den Zeitläuften und anderen wichtigen Dingen zu. Joachim verhielt sich ruhig, wie es einem bescheidenen Manne seines Alters so erfahrenen und hochgestellten Leuten gegenüber zukam, und begab sich, als die Tafel aufgehoben wurde, in das Gemach, welches ihm als das seinige zugewiesen wurde. Noch hatte er nicht daran denken können, es sich bequem zu machen, als es leise an die Thür pochte und ein kleines Köpfchen durch die Spalte lugte.
»Seid Ihr endlich da, mein tapferer Rittersmann?« frug Marie. »Ich habe schon lange auf Euch gewartet und mich schier gewundert, was Euch so lange bei dem Mahle halten mag.
»Verzeiht, daß es mir nicht möglich war, früher fortzukommen; es wäre doch keine gute Sitte gewesen, hätte ich mich entfernen wollen, bevor mir die Erlaubniß dazu wurde.«
»Ja, da habt Ihr recht, denn auf das Verlangen eines armen, kleinen Mädchens braucht so ein stolzer Herr wie Ihr nicht viel zu geben,« erwiderte sie, indem sie vollends hereinschlüpfte. »Für wen hat Euch denn wohl der Oheim kommen lassen? Für sich oder für mich?«
Joachim konnte ein Lächeln über diese eigenthümliche Frage nicht unterdrücken.
»Er hat vergessen, oder es nicht für nothwendig erachtet, mir dieses zu sagen. Wollt Ihr mich vielleicht darüber belehren?«
»Ja, das will ich, damit ich nicht wieder Langeweile empfinde, während Ihr bei Tische allerlei Kurzweil treibt. Ich habe dem Oheim gesagt, daß ich in diesen schlimmen Zeiten einen Ritter brauche, auf dessen Treue und Tapferkeit ich mich verlassen kann. Darauf hat er lachend gemeint, ich solle mir einen unter seinen Mannen aussuchen, und da ich keinen finden konnte, der mir recht gewesen wäre, so hat er nach Euch gesandt. Nun sollt Ihr bei mir sein, aber nicht bei den Anderen, mit mir gehen und spazieren reiten und mich mit Fleiß und Eifer bedienen, damit Ihr Euch meine Zufriedenheit erwerbet.«
»Also bin ich Euch als Ritter recht und willkommen?«
»Das will ich wohl meinen! Ihr habt ja schon bewiesen, daß ich mich Eurem Schutze anvertrauen kann.«
»So will ich Euch denn ein treuer Schirmherr sein und nach besten Kräften Euch zu Diensten stehen. Hier habt Ihr meinen Handschlag, den ich halten werde!«
Er reichte ihr die Hand, in welche sie die ihrige legte.
»Ihr seid der erste Ritter, der sich nach meinen Farben richten will. Laßt mich diese Wahl doch nicht bereuen! Und nun sollt Ihr mir sogleich zeigen, ob Ihr mir in allen Dingen Ehre und Gehorsam erweisen wollt: Ich pflege, so oft ich auf Ziesar bin, gern den Gefangenen meinen Besuch abzustatten. Der Gefängnißvoigt Matthias Schabegast ist ein harter Gesell, der noch dazu dem Glase gern zuspricht und dann in der Betrunkenheit seinen Anbefohlenen ihre ohnedies so schwere Lage noch bitterer und unerträglicher macht. Darum bin ich stets bereit, ihnen dieselbe zu erleichtern, und mein Ohm, der Bischof, setzt mir darin kein Hinderniß entgegen, sondern läßt mir gern die Freude, welche es mir gewährt, eine freundliche Stunde in ein trauriges Dasein zu bringen. Heut nun habe ich noch nicht Zeit gehabt, hinunter zu gehen; jetzt aber werde ich nicht länger säumen, und Ihr sollt mit mir kommen, um mir zu helfen, Trost und Beistand auszutheilen.
Ueber das Gesicht Joachims glitt ein Zug der Freude. War der Grund davon nur der, in dem Mädchen ein so mildes und barmherziges Gemüth entdeckt zu haben, oder gab es vielleicht noch etwas Anderes, was ihn so hell und dankbar in ihr Auge blicken ließ?
»Dank Euch für diese Güte, daß Ihr mich für werth haltet, Euch auch in solchen Dingen zu dienen! Aber wird es Euch auch wirklich möglich sein, die Gefängnisse zu öffnen, da der Voigt die Schlüssel in seiner Verwahrung hat?«
»O, das macht mir keine Sorge! Er wird jetzt wohl nicht daheim sein, aber die Schlüssel müssen mir trotzdem von seinem Weibe ausgehändigt werden. Kommt und folget mir; auch Ihr seid gut, und unser Thun wird Euch Freude bereiten!«
Sie schritt ihm voran, und bald gelangten die beiden jungen Leute in die Küche des Schlosses, wo Maria Allerlei für ihre Schützlinge in einen Korb packte, welchen sie dann Joachim in die Arme schob.
»So, den sollt Ihr tragen,« lachte sie, »obgleich dieser Dienst wenig nach dem Geschmacke eines tapferen Ritters sein wird. Nun laßt uns die Schlüssel holen!«
Sie gingen über den Schloßhof nach demjenigen Theile der Burg, welcher den Gefangenen als Aufenthalt diente. Als sie in die Wohnung des Voigtes gelangten, war dieser soeben nach Hause gekommen. Brummend frug er nach dem Begehr der Beiden.
»Gebt mir die Schlüssel und eine Laterne,« bat Marie. »Ich will einmal Eure Pfleglinge besuchen.«
»Das ist nicht nothwendig,« antwortete er, indem er sein Auge gläsern auf das Mädchen richtete. Er war betrunken, und in diesem Zustande gedachte er nicht der Rücksicht, welche er der Nichte seines Herrn gewöhnlich entgegen zu bringen pflegte. »Die Leute sind nur mir allein übergeben worden; sie haben Alles, was ihnen gegeben werden darf, und brauchen von Alledem nichts, was Ihr hier in dem Korbe bei Euch führt.«
»Das sagt Ihr,« entgegnete Marie; »ob es aber wahr ist, davon gedenke ich mich erst zu überzeugen. Also gebt mir die Schlüssel!«
»Es gehört zu meinem Amte, daß ich sie in keine fremden Hände gelangen lasse.«
»Bin ich fremd? Laß mich nicht länger warten, sonst lasse ich sie mir von dem Oheim ausantworten!«
»Euch würde ich sie wohl am Ende nicht verweigern, aber Ihr seid nicht allein. Dieser hier hat keine Erlaubniß, die Gefangenen zu besuchen.«
»Er hat sie, denn ich habe sie ihm gegeben. Willst Du nun noch zögern?«
Er griff nun doch nach dem Bunde, welcher sich in einem Wandschranke eingeschlossen befand.
»So werde auch ich selbst Euch begleiten!«
»Nein, Du bleibst zurück! Ein Betrunkener paßt nicht in unsere Nähe.«
Er wollte sich vertheidigen; schon aber hatte sie ihm die Schlüssel abgenommen, ergriff die Laterne, welche mittlerweile von seinem Weibe in Brand gesteckt worden war, und verließ, gefolgt von Joachim, die Stube. Der Voigt zog es vor, sie ungehindert gehen zu lassen. Er nahm ein zweites Schlüsselbund aus dem Schranke und lachte:
»Mögen sie immerhin ihren Willen haben; sie können doch nur zu den gefangenen Knechten und Leuten gelangen; die Anderen aber stecken drüben unter dem Thurme, und bei denen will ich selbst einmal vorleuchten.«
Er steckte sich eine zweite Laterne an und taumelte mit ihr die Stiege hinab.
»Betrunken soll ich sein?« murrte er. »Was verstehen die Weibsleute von der Betrunkenheit! Ich bin so nüchtern wie ein Kirchensperling, nur der Kopf brummt mir ein wenig von dem Schlage, mit welchem ich in der Herberge auf den Boden gefallen bin. Und daran ist der Knabe schuld, der mich so feindlich anzublicken wagte, der und der Gans von Putlitz, denn wenn dieser nicht gefangen wäre, so hätte ich nicht von ihm gesprochen und wäre auch nicht hingeworfen worden. Könnte ich den Beiden nur einmal ein Weniges am Zeuge flicken! Na, den Putlitz, den habe ich ja, und ich werde ihm zu verstehen geben, was es heißt, sich den Kerkervoigt Matthias Schabegast zum Feinde zu machen!«
Während dieses Selbstgespräches war er an die enge Treppe gelangt, welche zu den Verließen führte, in denen diejenigen Gefangenen sich befanden, welchen der Bischof die Haft in ihrer ganzen Strenge fühlbar machen wollte. Trotz seines zweifelhaften Zustandes, kam er glücklich hinab und trat zu der Thür, hinter welcher er den Ritter von Putlitz wußte. Dieser hatte das Nahen des Kommenden gehört, doch beachtete er es kaum. Der Voigt benutzte jede Gelegenheit und Veranlassung, ihn zu quälen, jedoch war der Ritter zu stolz, um seinen Zorn in Worten auszusprechen oder sonst in irgend einer Weise merken zu lassen; er verhielt sich vielmehr vollständig schweigsam dazu und ließ dem Mann das Vergnügen, sich an seinen Qualen zu weiden. Dieser hatte ihm seinen spärlichen Antheil an Speise und Trank stets durch eine in der Thür befindliche Klappe zugereicht, jetzt aber klirrten ganz gegen diese Gewohnheit die großen eisernen Riegel zurück, der Schlüssel schrie im Schlosse, und statt der Klappe wurde der Eingang vollständig geöffnet. Der Schließer wollte sich heut ein Extragaudium mit seinem Gefangenen machen, und dazu mußte er sich ihm in seiner ganzen Größe und erhabenen Wichtigkeit zeigen. Er stellte sich daher breitspurig vor dem Eingange auf und frug:
»Wollt Ihr vielleicht Brod und Wasser?«
Er erhielt keine Antwort.
»Ich frage, ob Ihr Brod und Wasser wollt? Herr Ritter Caspar Gans von Putlitz, Lenzen und Wolfshagen!«
Er sprach den vollständigen Namen aus und nannte die drei von dem Markgrafen eroberten Schlösser, um den Gefangenen desto sicherer zu kränken und zu erbittern; aber wieder blieb die Antwort aus.
»Schön, wer nicht spricht, soll auch nichts haben! Nun seht, wo Ihr ein Futter für – – —«
Er kam nicht weiter. Putlitz hatte kaum wahrgenommen, daß die Thür vollständig geöffnet wurde und der Voigt allein gegenwärtig sei, so blitzte ein rascher Entschluß durch seine Seele, der Entschluß, zu fliehen. Derselbe war zwar mehr als kühn, er war verwegen, ja vielleicht vollständig vergeblich zu nennen, da es fast unmöglich erschien, aus dem Schlosse zu entkommen, selbst wenn es glückte, aus den Verließen zu gelangen; aber zu verlieren war ja nichts, und so erhob er sich blitzschnell, noch ehe Matthias seine Absicht errathen konnte, vom Lager, faßte ihn bei der Brust, entriß ihm die Laterne und schleuderte ihn dann mit solcher Wucht an die gegenüberliegende Mauer, daß er dort sofort zusammenbrach. Nun zog er den Schlüssel aus dem Schlosse und stieg langsam und vorsichtig die Treppe empor.
Oben fand er den Eingang offen; er trat durch denselben und verschloß ihn. Nun sah er sich in einem langen Corridore, welcher vollständig unbeleuchtet war. Mit leisen Schritten eilte er denselben entlang, bereit, Jeden, der sich ihm entgegenstelle, niederzuschlagen, und gewahrte in der Mitte desselben eine breite steinerne Stufenreihe, welche jedenfalls den Hauptaufgang zu dem Gebäude bildete und nach dem Schloßhofe führte. Einen forschenden Blick um sich werfend, sah er, daß er sich nicht irre, denn er selbst war bei seiner Ankunft diese Treppe emporgeführt worden.
Schon stand er im Begriffe, die Laterne zu verlöschen und hinabzusteigen, als er mehrere Stimmen hörte, welche sich von unten näherten. Er durfte sich nicht sehen lassen, trat zur nächsten Thür, öffnete dieselbe auf gut Glück und stand vor einem kleinen Zimmer, aus welchem eine Seitenthür weiter führte. Es war leer; tief aufathmend trat er ein und zog die Thür hinter sich zu. Sich nun sorgfältiger umschauend, suchte er irgend eine Waffe zu entdecken, aber es war Nichts zu finden, was ihm als eine solche hätte dienen können. Während dieses ihm eine kleine Enttäuschung brachte, hörte er die Schritte, welche er vorhin vernommen hatte, an dem Gemache vorübereilen; er war also noch nicht bemerkt worden und konnte einmal frei und ordentlich aufathmen.
Jetzt galt es nun, weiter vorzudringen. Er näherte sich der zweiten Thür, öffnete dieselbe so unhörbar wie möglich und lugte durch die enge Oeffnung. Auch dieser Raum war leer, und auch aus ihm konnte man weiter gelangen. Aber als er eingetreten war, hörte er deutlich ein Gemurmel von vielfältigen Stimmen, welche aus dem Nebenraume zu ihm drangen; er ahnte, daß dies der Saal sei, und sah sich eben nach einem passenden Verstecke um, als er hinter sich das Zuschlagen einer Thür vernahm und sich einige Secunden später diejenige öffnete, durch welche er selbst soeben getreten war.
Der Stiftshauptmann Hans von Röder stand vor ihm, in der Hand eine Leuchte haltend.
Vor Ueberraschung fast gelähmt, stand dieser starr und steif am Eingange und blickte Putlitz mit weitgeöffneten Augen an. Dieser faßte ihn sofort bei der Brust und raunte ihm zu:
»Schweigt, oder es kostet Euch das Leben!«
Aber schon hatte sich der Erschrockene erholt, riß sich los und schlug dem Ritter das Licht in das Gesicht.
»Hierher!« rief er, daß es dröhnend durch die Thüren schallte, »hierher, Ihr Leute, es ist – —«
Die folgenden Worte wurden unhörbar, da ihm die Faust Caspars die Kehle zuschnürte. Dieser war durch den Schlag für einige Augenblicke geblendet worden und mußte sich damit begnügen, den Hauptmann an weiteren Hülferufen zu verhindern; als er aber die Augen wieder öffnete, sah er das Gemach von einem hellen Lichte durchströmt, welches aus dem Saale hereindrang. Man hatte den Ruf vernommen, und einer der anwesenden Knechte war herbeigeeilt, um nach der Ursache desselben zu sehen. Als er Putlitz erkannte, sprang er erschrocken zurück und rief:
»Um Gott, herbei, Ihr Herren! Die Gans von Putlitz will uns entfliegen.«
Diese Worte brachten eine große Verwirrung unter den Anwesenden hervor; ein Jeder stürzte sich so eilig wie möglich nach dem Orte der Gefahr, und so hinderte Einer den Andern, rasch vorwärts zu kommen. Putlitz war aber nicht der Mann, sich so schnell greifen zu lassen. Nach rückwärts blühete ihm kein Heil, und nach vorwärts war es nur auf eine einzige Weise möglich, Vortheile zu erlangen. Er zog die Hände von dem halbtodten Stiftshauptmann zurück und stand im nächsten Augenblicke im Saale mitten in dem Knäuel der Menschen, die ihn zu greifen gedachten. Mit mächtigen Hieben und Stößen brach er sich eine Bahn durch sie hindurch, schwang sich mit einem weiten Sprunge über die breite Tafel, faßte mit der Rechten den Bischof bei der Brust, riß ihn zum Fenster, welches er mit der Linken öffnete, und stand dann oben auf der Brüstung, den geistlichen Herrn, welcher dieses Angriffes nicht gewärtig gewesen war und an eine Vertheidigung gar nicht gedacht hatte, hinaus über die Tiefe haltend, welche schwarz und drohend von unten heraufgähnte.
Mit Entsetzen sahen es die Anderen. Das Gebäude vertrat auf dieser dem Hofe abgewendeten Seite die Stelle der Ringmauer; die Felsen, auf denen es ruhte, stiegen fast senkrecht hinunter in das Thal, und wenn der Ritter den Bischof nicht mehr halten konnte oder wollte, so war derselbe verloren; er mußte unten zerschmettern.
»Bleibt von mir,« donnerte Caspar von Putlitz, »sonst lasse ich ihn fallen!«
In Folge dieser Drohung wagte keiner der Anwesenden, einen Schritt näher zu treten. Johann von Waldow hatte mit beiden Händen den gewaltigen Arm umklammert, von dessen Stärke sein Leben abhing: er schwebte zwischen Himmel und Erde, und die kleinste Schwäche Caspars mußte ihm Verderben bringen, aber er war ein gar geistesgegenwärtiger und willensstarker Herr, der selbst in einer solchen Lage die Besinnung nicht verlor.
»Treibt den Scherz nicht zu weit, Ritter,« rief er; »er gereicht Euch nicht zum Heile!«
»Gebt mich frei, so schenke ich Euch das Leben!« war die Antwort.
Dem Bischof war es jetzt gelungen, den einen Fuß auf die Brüstung zu bringen; die Gefahr wurde dadurch bedeutend vermindert.
»Frei? Niemals aus Zwang. Werft mich hinab, wenn Ihr könnt!
»Meint Ihr, daß ich es nicht vermöge?«
Ein einziger Ruck des Armes, und der Bischof hatte den Halt wieder verloren.
»Nun? Frei oder nicht?«
»Nicht!«
»So seid Ihr verloren!«
»Und Ihr mit. Aus Ziesar entkommt Ihr nun nicht!«
»So sterben wir Beide!«
Mit der Rechten den Bischof haltend, faßte er mit der Linken die Hände, mit denen dieser sich fester zu klammern suchte, hob den geistlichen Herrn hoch empor und schickte sich an, mit ihm in die Tiefe zu springen. Ob dies sein wirklicher Wille war, oder ob er nur die Absicht hatte, die Einschüchterung so weit wie möglich zu treiben, er kam nicht zur Ausführung seines Vorhabens. Eine Stimme erklang im Saale:
»Herr Caspar Gans von Putlitz, was wollt Ihr thun!«
Bei dem Klange dieser Worte fuhr er rasch herum und blickte mit hochgespanntem Gesichtsausdrucke zurück. Von den im Saale Befindlichen hatte bisher Keiner ein Wort zu sprechen gewagt, aus Furcht, die Lage des Bischofs durch irgend eine Einmischung zu verschlimmern. Der Sprecher drängte sich zwischen sie hindurch und trat bis in die Nähe des Fensters vor.
»Kennt Ihr Joachim Wolf von Hagen noch, Herr Ritter?«
Ein blitzähnliches Zucken ging durch Caspars ganze Gestalt; aber er hatte sich sofort wieder gefaßt.
»Ich habe Euch niemals vergessen. Wie kommt Ihr hierher und was wollt Ihr von mir?«
»Gebt den hochwürdigen Herrn los, ich bitte Euch!«
Es war ein unbeschreiblicher Ausdruck, mit welchem Herrn Caspars Augen auf den Sprechenden herniederleuchteten. Dann warf er wie im glücklichen Stolze den Kopf in den Nacken, zog den Bischof an sich und sprang in den Saal zurück.
»Was kein Anderer erlangt hätte, Euch sei es gewährt! Hier habt Ihr den Herrn!«
Er gab den Bischof frei und trat zu Joachim. Mit der Linken seine Hand erfassend und ihm die Rechte auf das jugendlich schöne Haupt legend, blickte er ihm tief und innig in die Augen. Ein feuchter Glanz schimmerte in den seinen; aber rasch überwand er die Rührung und trat zu dem Stiftshauptmann.
»Hier habt Ihr mich wieder. Führt mich hinab in meinen Kerker!«
Die Knechte ergriffen ihn; aber da erklang die Stimme des Bischofs:
»Halt, laßt ab von ihm und entfernt Euch von hier!«
Sie alle folgten dem Rufe, nur Marie, die mit Joachim gekommen war, Hans von Röder und die anwesenden ritterlichen Herren blieben zurück.
»Tretet näher, Herr Caspar Gans von Putlitz! Ich habe Euch Etwas zu sagen.«
Putlitz folgte der Aufforderung. Das Auge Waldow’s flog von ihm auf Joachim; man sah, er verglich die Züge beider miteinander.
»Niemals aus Zwang, sprach ich vorhin zu Euch, und Ihr hättet mit mir dieses Wort durch den Tod besiegeln müssen, wenn Dieser, der sich Wolf von Hagen nennt, nicht gekommen wäre. Was Ihr dem Bischof von Brandenburg auch durch die ärgste Drohung nicht abzuzwingen vermöget, das giebt er Euch vielleicht aus freier Gnade. Ihr seid ein Held, wie es nicht so nahe einen zweiten giebt, und sollt nicht wieder hinabgehen in den Kerker, wo Ihr bisher verwahret lagt. Gebt mir Euer Wort, daß Ihr nicht von hier entfliehen wollt, und Ihr sollt in diesem Schlosse herumgehen dürfen als ein Freier, und ein mildes Gefängniß haben, bis Ihr mit meinem Willen von hinnen geht!«
Dieser Edelmuth kam dem Ritter so unerwartet, daß er mit dem Versprechen zögerte.
»Schlagt ein, Herr Caspar,« rief Marie, indem sie seine Hand erfaßte und in diejenige des Bischofs legte. »Der Ohm meint es gar gut, und Ihr könnt ihm vertrauen.«
»Hochwürdiger Herr,« rief er endlich, »ja, hier ist meine Hand! Ihr habt mich besiegt, und dieser Sieg ist wohl größer, als Ihr jetzt noch vermeint, die Zukunft wird’s wohl lehren.«
»Das walte Gott. Und nun begrüßet Euren Sohn,« meinte Johann von Waldow lächelnd, »der sich den Namen Wolf von Hagen doch wohl nur von Eurem Schlosse Wolfshagen entlehnt hat.«
»Sein Sohn?« frug Hans von Röder überrascht; Marie horchte erstaunt auf, und auch die Uebrigen gaben durch Ausrufungen zu erkennen, daß sie dies nicht erwartet hätten.
»Ja, sein Sohn, der sich in mein Haus geschlichen hat, um den Vater zu befreien, wie ich nun erkenne.«
»Befreien? Mit List oder Gewalt befreien? Nein,« rief Joachim. »Ich wollte nur den Vater heimlich sehen und ihm Trost bringen in dem Unglücke, welches über uns hereingebrochen ist. Ich bin kein Quitzow, hochwürdiger Herr, und ehre den Grafen von Zollern, obgleich er den Meinen wehe thun mußte. Das möget Ihr mir wohl glauben!«
Und sich aus der Umarmung Caspars lösend, bat er:
»Der Vater ist wohl gut und liebt das Recht. Laßt es ihn im Guten erkennen, so werdet Ihr gar bald einen starken Helfer an ihm haben!« – —
Kapitel 12: Die Söhne des Geächteten
Drohen im Saale saßen sie zusammen wie gewöhnlich, die beiden Boldewins und Thomas von dem Kruge nebst Herrn Claus von Quitzow, und zechten, daß Kuno, der alte Kellermeister, des Laufens kaum ein Ende sah. Dem alten Boldewin lag wieder einmal die Gicht in den Gliedern, so daß er ein Gesicht immer ärger schnitt als das andere; Claus lag in dem breiten Armstuhle, hatte die fetten Hände über den dicken Bauch gelegt und machte ein bedächtiges Nickerchen, aus dem er in regelmäßigen Zwischenpausen emporfuhr, um mit einem durstigen »Hrrr! Hm!« nach dem Humpen zu greifen, um den Inhalt desselben in den weitgeöffneten Mund zu schütten. Die beiden Anderen sahen einander an und tranken, tranken und sahen einander an und strengten ihr Gehirn vergebens an, sich ein grauenhaftes Abenteuer auszusinnen, um es dann nach alltäglichem Brauche als ein selbsterlebtes zu erzählen.
In der Mannenstube ging es lebhafter zu, denn die drei Vornehmsten unter den Anwesenden liebten weder das Schweigen noch die Langeweile und sorgten stets dafür, daß die Unterhaltung im rechten Flusse blieb.
»Ja, nun sitzt er open, zieht die Peine in die Höhe und pläst auf der Seufzerpfeife,« meinte Caspar Liebenow. »Das sind die pösen Geister, welche in den Kellerwinkeln hausen und in den Wein fahren, wenn das Faß nicht gut verspundet ist. Wer am heiligen Weihnachtsapend hinuntergeht und von Punkt zwölf Uhr bis Punkt ein Uhr siepen mal siepen pommersche Maaß Rothen trinkt, der pekommt sie zu sehen und kann gar Manches hören, was ihm die Haare zu Perge treipt.«
»Höre, Bruder Caspar, dat Ding mit die Geister thut mich sehr richtig vorkommen; aber wie dann nun, wenn dat Faß nun richtig zugespundet worden sein thut und die Zipperlein trotzdennoch kommen? Höre, wat ich mich denke: der Ritter hat een Loch im Magen, wo der Wein hindurchlaufen thut bis hinunter in die Beine; da möchte er gern heraus, und is doch keen Zapfen nich daran, und nun thut er in die Haut zwicken und beißen, um een Loch hinein zu kriegen.«
»Pruder Schwalpe, von wegen dem Loch, da muß ich Dir peistimmen! Was sagst Du dazu, Pruder Steckelpein?«
»Das von dem Loch ist richtig, und das von den Geistern ist auch richtig. So, also! Es hat mir einmal Einer gesagt, daß der Mensch neunundneunzig Geister hat, und wenn der hundertste kommt, das ist der Apothekergeist, so muß man sterben.«
»Mordelement, Gott straf’ mich, wenn ich fluche, das ist ja eine ganz verdeiwelt fürchterpare Geistergeschichte! Aper da will ich die neunundneunzig doch zehnmal lieper hapen, als den einen Apothekergeist, nicht wahr, Pruder Schwalpe?«
»Thue Dir nur nich irre machen lassen! Ich habe ganz genau erfahren, daß der Mensch nur zwei Geister haben thut, nämlich den Fleischgeist und den Knochengeist. Und so thut es auch bei den Thieren sein. Der Fleischgeist macht fett, wer aber mit dem Knochengeist behaftet is, der bleibt mager, er kann so viel essen und trinken, als er nur wollen thut.«
»So, also!« rief Balthasar verwundert. »Dann habe ich den Knochengeist und mein Gregorimanorosewitsch auch.«
»Ja, und Herr Claus von Quitzow und sein Schimmel, die sind mit dem Fleischgeiste peladen. Aper, Pruder Schwalpe, kann man denn die peiden Geister nicht mit einander umwechseln, so zum Peispiel wenn der Ritter Claus mager werden will und der Palthasar fett?«
»O ja, dat is aber blos am Tage des heiligen Ambrosius um Mitternacht möglich.«
»So, also?« frug Balthasar eifrig. »Wann ist denn dieser Tag?«
»Wenn ich mir nicht irre, so thut er heute sein.«
»Und was muß man da machen?«
»Dat is een Geheimniß, welches man nich Jedem sagen thut, denn wenn es Einer verrathen haben thäte und der Andere machte seine Sache uff eene falschartige Weise, so würde dieser Verrathige zur Strafe dafür entweder so dick wie drei Mauerthürme, oder so mager wie eene Eselsrippe werden thun.
»So, also! Da denkst Du, daß ich das Geschick nicht habe, es richtig zu machen?«
»Willst Du es denn machen?«
Diese directe Frage brachte unsern Balthasar in nicht geringe Verlegenheit; er hätte für das Leben gern ein Weniges an Umfang zugenommen und war deshalb schon auf alle möglichen Mittel gefallen, seiner Haut etwas mehr Ausdehnung zu geben, aber alle seine Bemühungen waren bisher ohne Erfolg gewesen. Der Aberglaube der damaligen Zeit schenkte oft selbst den unsinnigsten Verkehrtheiten Glauben, und so war es nicht zu verwundern, daß der hagere Leibknappe des dicken Ritters sorglos auf den lustigen Gedanken des »Pruder Schwalpe« einging, jedoch ohne es sich merken lassen zu wollen.
»Fällt mir gar nicht ein; ich bin grad’ so gewachsen, daß ein Jeder mit mir zufrieden sein kann. So, also! Ist die Sache denn nicht etwa gefährlich?«
»Nee, gefährlich is sie nich. Wer mager sein thut, der muß sich von dem dicksten Manne, der zu finden is, een Habit stipizen und mit demselben an eenen Kreuzweg hinbegeben. Ferner muß er eenen ziemlichen Krug mitnehmen, halb voll Brennöl und halb voll Wein. Das Habit muß er anlegen, noch ehe er uffbrechen thut, und unterwegs darf er Niemanden grüßen und sich auch nie nich umschauen. Thut er an dem Kreuzwege angekommen sein, so muß er um Mitternacht anfangen zu trinken und sich dann uff den Kopf stellen. Und so muß er abwechselnd trinken und uff dem Kopfe stehen, bis die Geisterstunde ein Ende haben thut. Dann geht er ruhig nach Hause; in etlichen Wochen hat sich das Fett schon drei Finger dick an seine Rippen gelegt, und in eenem Jahre is er vollständig ausgewachsen. Dat Oel thut nämlich dat Sympolium von dem Fette sein, und der Wein is die geheime Triebkraft von dat Wachsthum. Durch dat Stellen uff den Kopf fällt der Knochengeist aus den Beinen und durch den ganzen Körper bis herunter vor den Mund, wo man ihn dann gehörig ausspucken thun muß. Da läuft er fort und fährt in den, von welchem man dat Habit genommen haben thut.«
»So, also! Da wäre dann ja allen Beiden geholfen, und diese Zauberei ist gar nicht schwer zu lernen. Aber kommt vielleicht etwa der Gottseibeiuns mit hinzu oder sonst so ein böses Wesen, vor dem man Angst und Sorge haben muß?«
»Nee; die haben am Tage des heiligen Ambrosius so viel zu thun, daß sie sich mit den Dicken gar nich abgeben können, und die Magern, die thut der Deiwel gar nich haben wollen.«
»Und an der Seele oder an der Seligkeit leidet man auch keinen Schaden?«
»Wo denkst Du hin, Balthasar! Mit der Seele hat der Knochengeist gar nichts nich zu thun, und die Seligkeit, die geht dann nachher erst recht los, wenn man dicke werden thut.«
»Ja, Pruder Steckelpein, das glaupe ich ganz selbst, daß es dem Deiwel gar nichts angeht, wie viel Zentner Speck Ihr peide, Du und Dein Hoseloseblosewitsch, im Leipe hapt. Aper hört, der Purgwart pläst in das Horn! Wer muß denn jetzt noch auf Garlosen Etwas zu suchen hapen?«
Die Knechte und Reisigen erhoben sich, um nachzusehen, wer der Ankömmling sei. Es war ein Mann in ritterlicher Tracht, aber ohne Harnisch angethan. Er begehrte die Herren von dem Kruge zu sprechen und wurde nach oben geführt. Vorher aber gebot er den Leuten, sein Pferd unter dem Sattel zu lassen.
Mit Anstrengung erhob sich der alte Boldewin vom Kruge bei seinem Eintritte vom Sessel und frug ihn nach Namen und Begehr.
»Mein Name wird Euch bekannt sein, Ihr Herren, er lautet Wieprecht von Thümen.«
»Ein guter Name; doch mögen wir mit seinem Herrn nicht viel zu thun haben. Welche Ursache führet Euch zu uns?«
»Ich habe eine Botschaft auszurichten an die Herren von dem Kruge und muß sie dann auch nach Stavenow zu Herrn Claus von Quitzow bringen.«
»Claus von Quitzow? Hrrr! Hm! Der bin ich ja selber, Ihr könnt Euch also den Weg ersparen. Von wem kommt diese Botschaft?«
»Von unserm hohen Herrn, dem Markgrafen Friedrich von Zollern.«
»Hrrr! Hm! Von dem? Da wird nicht viel Kluges dabei herauskommen. Sagt sie her!«
»Sie ist hier niedergeschrieben worden, damit Ihr den Wunsch des gnädigen Herrn lesen und besser merken könnt.«
»Mit dem Merken hätte es wohl keine Noth, wenn es nur mit dem Lesen ginge!« meinte Thomas von dem Kruge. »Wir haben mit dem Markgrafen nichts zu schaffen und werden seinetwegen nicht erst noch in die Schule gehen. Lest uns die Sache vor!«
»Das will ich wohl gern thun, doch nehmt zuvor das Sigill in Augenschein, damit Ihr seht, daß die Botschaft unverletzt zu Euch gekommen ist!«
»Hrrr! Hm! Macht den Wachsklumpen nur immer los! Was uns der Markgraf schreibt, das braucht nicht geheim zu bleiben.«
Wieprecht von Thümen löste das Siegel, faltete das Schreiben auseinander und begann zu lesen:
»Den Rittern und Herren Claus von Quitzow auf Stavenow und Sandau, Thomas von dem Kruge und den beiden Boldewin von dem Kruge, zu Handen gestellet durch Unsern lieben und vielgetreuen Herrn Wieprecht von Thümen. Nachdem Wir zu unserem großen Leidwesen gehöret und vernommen, daß die hier genannten Herren unsere Ritter, Mannen und Bürger geschädigt und ihnen nicht nur an Gut und Eigenthum Uebles gethan, sondern auch nach dem Leben der Unseren getrachtet haben, so sind Wir deß sehr unfroh geworden und vermerken ein solches Gebahren zu so üblen Gunsten, daß Wir streng gesonnen sind, Uns aller Nachsicht und Milde zu begeben und vielmehr darnach zu trachten, dem ärgerlichen Beispiele, so durch dieses feindliche Gebahren gegeben wird, von nun an allen Ernstes zu steuern und nach Kräften darnach zu trachten, daß Unsere Unterthanen in Ruhe und Frieden auch über die Grenzen Unserer Länder hinaus ihre Straße ziehen können.
Wir vermahnen daher die Herren von dem Kruge nebst dem Ritter Claus von Quitzow, sich von nun an alles Bösen gegen Uns und die Unsrigen zu enthalten, damit Wir nicht ferner mehr in Schaden und Gefahr gelangen und so demnach gezwungen sind, Uns Hülfe bei den Herren und Fürsten zu holen, denen sie zu Lehen gestellet sind.
Gegeben und gezeichnet zu Tangermünde im Monat der ersten Nachtgleiche.
Friedrich von Zollern, Markgraf.«
Die Verlesung war beendet; ein kurzes Schweigen folgte derselben. Dann begann Claus von Quitzow:
»Hrrr! Hm! Hat der Markgraf wirklich dies geschrieben?«
»Zweifelt Ihr denn?«
»Nein! Hrrr! Hm! So sagt ihm doch, daß es uns baß erfreuet hätte, zu sehen, daß er sich in der Kunst des Schreibens so wacker geübt habe. Wir Ritter in den Marken und der Priegnitz aber haben mehr zu thun gehabt, als uns die Finger mit Eurer Dinte schmutzig zu machen und mögen das Geschreibsel deshalb auch nicht gern leiden.«
»Recht gesagt, Herr Claus!« rief der junge Boldewin. »Was hat der Markgraf sich in unsere Sachen zu mischen? Wenn es ihm nicht gefällt, daß wir seine Juden schröpfen, so mag er sie an das Tischbein binden. Wir gehören ihm nicht zu Lehen, und er darf daher seine Briefe getrost für sich behalten!«
»Das ist auch meine Meinung,« fügte Thomas von dem Kruge bei. »Wie könnt Ihr Euch nur zu solcher Botschaft hergeben, da Ihr doch wissen müßt, daß Euer Herr kein Recht hat, uns mit solchem Ansinnen zu bedenken!«
»Was ich dabei thue, das ist meine eigene Sache und nicht die Eure, Ihr Herren. Seid Ihr zu einer Antwort bereit, oder soll ich ohne eine solche gehen?«
»Hrrr! Hm! Wie könnt Ihr uns zumuthen, uns mit Jemandem einzulassen, der uns nichts angeht! Wenn Ihr wollt, so sagt dem Herrn von Zollern, wir hätten ihm nichts zu sagen, weil auch er uns nichts zu sagen hat!«
»Recht gesprochen, Bruder Claus!« stimmte der alte Boldewin bei, der während der Verhandlung seine Gicht vollständig vergessen hatte. »Und nun setzet Euch zu uns, Herr Wieprecht von Thümen, und thut einen Schluck aus dem Fasse, welches unser bestes ist, weil es uns nichts gekostet hat!«
»Ich danke Euch, Herr Boldewin. Wohl würde ich Euch zu einem Gegentrunke gern bereit sein, allein ich bin es nicht gewohnt, von dem Weine zu genießen, welchen man mit dem Schwerte auf der Straße findet. Meine Botschaft ist beendet. Lebet wohl!«
»Ihr wollt doch in dieser späten Stunde nicht von hinnen gehen? Es ist Nacht, und der Weg wird nicht der beste genannt!«
»Tragt keine Sorge um mich. Wer zu später Stunde nach Garlosen geht, der sorgt gewiß dafür, daß er nicht da zu bleiben braucht. Es steht mir schon noch eine gute Herberge offen.«
»Hrrr, hm! Wenn Ihr mit Euren Worten uns vielleicht beleidigen wollt, so werden wir für eine sichere Herberge sorgen. Wer zu uns kommt, der mag fein hübsch manierlich sein, sonst wird ihm das Fortgehen schwerer als das Herkommen!«
Wieprecht war klug und vorsichtig genug, zu schweigen. Er entfernte sich und verließ das Schloß.
Natürlich gab dieses Ereigniß Stoff zu einer lebendigen Unterhaltung, welche wohl bis tief in die Nacht hinein gewährt hätte, wenn die Ritter nicht gezwungen gewesen wären, zeitiger als gewöhnlich die Ruhestätte zu suchen. Morgen war nämlich der Geburtstag des Herrn Claus, und derselbe sollte nach altem Brauche festlich auf Stavenow begangen werden. Er kehrte heute gar nicht dahin zurück, sondern zog es vor, auf Garlosen zu nächtigen, um am frühen Morgen aufzubrechen und die Gäste gleich mit sich zu nehmen.
Er lag in seinem Gemache und war in Folge des genossenen Weines gar bald eingeschlafen. Da wurde sanft die Thür geöffnet und es schlich sich Jemand leise an sein Lager. Es wurde jenes Geräusch vernehmbar, welches durch das An— oder Ablegen von Kleidungsstücken verursacht wird, und dann entfernte sich der heimliche Gast mit unhörbaren Schritten wieder. Es war der lange Balthasar, der die Geisterstunde des heiligen Ambrosiustages nicht vorübergehen lassen wollte, ohne das ihm von Schwalbe gegebene Rezept in Anwendung zu bringen.
»So, also!« dachte er, indem er seine unendliche Figur über den stillen Schloßhof schob. »Wenn das der Ritter wußte, daß ich in seinem Wammse stecke! Na, der wacht nicht auf; ich habe meine Anzahl Krüge leer gemacht, der aber noch viel mehr. Und wenn er ja einmal sich regen sollte und nach dem Kleiderhäuflein fühlt, so liegen meine alten Hosen dort und das Uebrige auch, und so wird es ihm also gar nicht in den Sinn kommen, Verdacht zu schöpfen. Oel habe ich geholt, und im Keller bin ich auch nach Wein gewesen; so ist denn nun Alles beisammen. So, also! Es wird dem Fettwerden doch nicht etwa Schaden bringen, daß ich da unten den Mund ein wenig lange an das Loch gehalten habe?«
Er hatte eine kleine Ausfallspforte erreicht und bückte sich, um den Krug aufzunehmen, den er sich hier bereit gestellt hatte. Dann öffnete er, trat hinaus und zog die Pforte, ohne sie zu verschließen, hinter sich zu.
»So, also! Nun kann es fortgehen. Der Wein hat mich doch ein wenig wackelig gemacht, und ich bin neugierig, was mein alter Kopf sich wundern wird, wenn ich anfange, verkehrt Wache zu stehen. Habe das Kunststück all’ meine Lebtage noch nicht probirt. Ob es wohl Herr Claus spüren wird, wenn derselbe ihm durch die Gurgel und in den Leib hinunterfährt! Es soll mich nur verlangen, ob der Geist bei ihm genug Platz findet, denn er muß bei mir doch ganz außerordentlich in die Länge gewachsen sein. Also in einem Jahre bin ich ausgewachsen; dann bin ich aber meinem Gregorimanorosewitsch zu schwer, und ich muß mich entweder nach einem anderen Gaul umsehen, oder auch ihn zum nächsten Ambrosiustage auf einem Kreuzwege auf den Kopf stellen, denn bei den Thieren ist es ebenso, hat Schwalbe gesagt.«
Er kletterte über den leeren Graben und stieg ziemlich wankenden Schrittes die Anhöhe hinab, dem Walde zu.
Jetzt traten zwei Männer von der Seite herbei, von denen der Eine die Pforte von innen verriegelte.
»Na, wat sagst Du nun daderzu? Du thatest es nich glauben, daß er wirklich gehen thäte, jetzt aber siehst Du, daß ich Recht gehabt haben thue.«
»Mordelement, Gott straf’ mich, wenn ich fluche, aper, Pruder Schwalpe, Du pist ein schlechter Kerl. Ich wollte, er hätte wirklich den Knochengeist, und der führe Dir in den Leip!«
»Dat is nichts weiter nich, als een Spaß, und wer dumm sein thut, der muß den Prügel zum Lehrmeister bekommen.«
»Da will ich Dir nicht ganz Unrecht gepen, aper Du mußt doch auch pedenken, was Wein und Oel zusammen für einen Mordspectakel in einem Manne machen müssen, der auf dem Kopfe steht. Ich glaupe, seine paar Gepeine fallen ihm vollends aus der Haut heraus, und wenn er dapei den Geist aufgiept, so hast Du den Knochengeist richtig pei ihm ausgetriepen.
