Читать книгу: «Ein Stück vom Himmel»
Karl Lukan
EIN STÜCK VOM
HIMMEL
Als das Bergsteigen noch
wild und gefährlich war
Klettergeschichten

INHALT
KLETTERN – EIN STÜCK VOM HIMMEL
DAS LALIDERERWAND-ABENTEUER
ANDERE LEUTE
Der Schwanda ist der Schwanda! · Hansl mit dem Hausner-Schmäh · Sir »Scarpietti« · Ernst und die Traubenkur · Pauli, mach ein Gedicht! · Hubert Peterka und sein Buch, das geschrieben werden musste · Der Hungerl · Das Fritzerl
VOM NEANDERTALER UND VON KÖNIGLICHEN LEITERBAUERN
Die ersten Kletterer in den Alpen · Die »Mogel-Geburtsstunde« des Alpinismus · Wie kam die Scheibtruhe auf den Mont Aiguille?
VON DER FLEISCHBANK UND VOM TOTENKIRCHL
Der verloste Seilquergang · Die schönste Geschichte vom Totenkirchl
VOM KLETTERN IN DEN DOLOMITEN
Kaspareks Wunder-Kletterpatschen · Die Drei Zinnen gibt’s nur einmal · Dolomiten – das Jugendland · Von Antonio Dimai und dem Volk der Ladiner · Die Gedenkminute auf dem Torre Falzarego
DER EIGER IST KEIN BERG ZUM GERNHABEN!
Im Banne des Eigers · Geburtstagsparty auf dem Eiger
BERGE, DIE MAN NICHT VERGISST
Der Marmorberg · Der brüllende Geisterkogel · Der Monte Duranno und Longarone · »Jungfräulicher Fels« · Die größte Kunst beim Bergsteigen ...
EXTRAVAGANTE KLETTERSTELLEN
Pendelquergang an der Schüsselkarspitze · Ein »echter Bergsteiger« am Salbitschijen · Vom »saudummen Riss« an der Bischofsmütze · Nur eineinhalb Meter Fels · Originelle Ausstiegslöcher · Im Flügelstaub des Schmetterlings · Der Kahlenberggrat
VON DER ZEIT DER »PAUSE-TOUREN«
... und von einer Genusskletterei, die keine »Pause-Tour« ist
DIE HIMMELSLEITER AM WIENER STEPHANSTURM
DER GEBORENE KLETTERER
Vom Hirnklettern des Herrn Reif · Der Doktor · Der Seilknoten oder Das Unbewusste in uns · Der Superkletterer
KLETTERN – EIN STÜCK VOM HIMMEL
Am 14. April 1940 bin ich ein Kletterer geworden.
1923 wurde ich geboren und meine Kindheit erlebte ich in einer Vorstadtgasse von Wien. Mein Vater war Hilfsarbeiter, meine Mutter Hausbesorgerin. Unsere Wohnung: eine kleine Küche, ein kleines Kabinett. Für uns Kinder war aber damals auch noch die Gasse ein Lebensraum. Keine Autos störten uns beim Spielen. Nur ab und zu kam einmal ein Pferdefuhrwerk daher. Einmal in der Woche war es der »Mistbauer« (so wurde damals die Müllabfuhr genannt). Das war ein Kastenwagen, in den die von den Hausbewohnern vorher an die Straße gestellten kleinen Mistkistln geleert wurden. Damals gab es nur wenig Mist. Plastik gab es noch nicht; jedes Papierl wurde im Ofen verheizt. Damals war noch vieles so ganz anders. Aber es war eine frohe Kindheit, die ich in der kleinen Vorstadtgasse erlebte.
Doch dann wurde sie mir doch zu klein. Auch meine Spezln wurden mir zu fad, wenn sie eine ganze Woche nur davon redeten, wie der Sindelar oder Zwirschina am letzten Sonntag ein Tor geschossen hatte. Ich wollte selber was erleben.
1939 begann der Krieg. Alle Leute sagten, dass er bald vorbei sein werde. Mich interessierte etwas anderes weit mehr. Ich hatte Luis Trenkers Matterhornfilm gesehen. Dreimal hintereinander hatte ich ihn mir angeschaut. Dann wollte ich auch ein solcher Kletterer werden, der wie ein wilder Teufel die Wände anspringt.
Aber wie wird man ein Kletterer?
Ich wurde es in der »Bergsteigerschule 1940« der Alpenvereinssektion Gebirgsverein. Diese begann für mich mit einer großen Enttäuschung: Der Leiter der Schule schaute ganz und gar nicht so aus wie der Luis Trenker. »I bin der Hans Schwanda!«, sagte er. Und er war ein zartes Männlein mit Brille, das aussah wie ein Buchhalter, dessen höchste Kraftleistung das Spitzen eines Bleistifts ist. Freilich: Auch ich sah nicht wie ein zukünftiger zünftiger Gipfelstürmer aus. Als Lehrling mit wenig Geld hatte ich mir noch kein Bergsteigergwandl leisten können, war in meinem Sonntagsgewand zur ersten Ausfahrt der Bergsteigerschule auf die Hohe Wand gekommen ... Sonntags-Knickerbockerhose, Sakko, weißes Hemd mit Krawatte. Und obwohl ich die Krempe meines Sonntagshutes auf »verwegen« zurechtgebogen hatte, war er doch nicht zum echten Trenkerhut geworden.
An diesem Tag bin ich vom Karl zum »Charly« geworden. »Charly« sagte man damals zu einem, der mit seiner feschen Kleidung und seinem gepflegten Aussehen (dazu gehörte ein scharfer Tangoscheitel im Haar) angeben wollte. In meinem Sonntagsgwandl und mit meiner Frisur war ich schon während der Bahnfahrt und des Anstieges zur Schutzhütte für alle Kursteilnehmer nur noch der »Charly«. Und das bin ich bis heute geblieben.
Auch Schwanda schien in mir keinen hoffnungsvollen Jungbergsteiger zu sehen. Vor dem Einteilen des Haufens in Seilschaften hörte ich ihn zu den anderen Führern sagen: »Am Vormittag nehm ich mir die Niatn (Niete = wienerisch für Versager) und am Nachmittag geh ich mit den Guten was Besseres!« – Die erste »Niatn«, auf die er zeigte, war ich.
Eine Ersteigung des Baumgartnerturmes (Schwierigkeitsgrad II) war meine erste Felskletterei.
»Hat es dir nicht gefallen?«, fragte mich Schwanda auf dem Gipfel.
»Klass wars!«
»Warum hast du dann ein Gsicht gmacht, als wennst am liebsten die Felsen zerbeißen willst?«
Ich hatte nur versucht, verwegen wie der Luis Trenker dreinzuschauen.
Aber am Nachmittag, als Schwanda die Guten des Kurses für eine schwierigere Kletterei aussuchte, war der Erste, auf den er zeigte, wiederum ich.
Wir erkletterten den Stanagerlsteig. IV. Schwierigkeitsgrad. Da hatte ich schon ein neues Bergsteigeridol gefunden ... das war Schwanda! Wie der ohne Müh und Plag elegant die Felsen hinaufstieg – so wollte ich auch einmal klettern können!
Bei unseren Kletterfahrten mit der Bergsteigerschule fand ich damals in einem Steigbuch dieses Sprüchl:
Jungsein ist schön.
Klettern ist schön.
Aber Jungsein und Klettern
– das ist ein Stück vom Himmel!
Das hab auch ich damals empfunden, aber dann auch noch später, als ich immer älter und älter geworden bin. Es gab natürlich auch noch viel anderes, was mein Gemüt bewegt hatte – aber die meisten unvergesslichen Erinnerungen hinterließ doch das Klettern mit allem Drum und Dran. Darum habe ich auch dieses Sprüchl für den Titel dieses Buches verwendet.
Die »heroische Zeit des Alpinismus« wird die Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg genannt. Man kämpfte mit dem Fels, eroberte Gipfel, bezwang den Berg. Und man sang mit grimmigem Nordwandgesicht Lieder wie dieses:
Was staut sich dort auf dem Perron?
Was soll der Spott? Was soll der Hohn?
Was soll die Leichenbahre dort
An dem uns allen wohlbekannten Ort?
Macht Platz, was soll das müßig’ Schaun!
Wie soll ich meinen Augen traun?
Denn auf der Bahre zugedeckt,
Liegt einer von den unsern hingestreckt!
In unsrer Mitt’ war er die schönste Zier,
Drum stehn wir an der Bahre hier.
Er stürzte ab im Morgenrot,
Am Abend war er starr und tot!
Drum Brüder auf zum letzten Ort!
Er starb für unsern edlen Sport.
An seinem Grabe trauern wir
Als Kletterbrüdergarde hier!
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte eine andere Zeit
begonnen. Wir Jungen sangen:
»Ist die Wochen endlich aus
zieh’n wir auf den Peilstein raus.
Dort gibt’s immer a Gaudee ...«
1952 ist mein erstes Buch »Kleiner Mensch auf großen Bergen« erschienen. Ich hab’s geschrieben, weil ich allen Leuten erzählen wollte, wie schön und abenteuerlich das Klettern ist. Vorher hatte ich das Manuskript Fritz Kasparek zum Lesen gegeben, der es spontan an den Verlag schickte, in dem auch sein Buch »Vom Peilstein zur Eigernordwand« erschienen ist. Mit einem Vorwort von ihm hatte dann dieser Verlag auch mein Buch herausgebracht.
Den Leuten hat es gefallen. Ich habe dann noch einige solcher Berggschichtlbücher geschrieben.
Meine beste Zeit als Kletterer hatte ich um 1950. Und in diesem Jahr wollte ich eine Woche von meinen vier Wochen Urlaub etwas anderes machen als nur klettern ... ich wollte einmal auch mein Hirn ein bisserl spazieren führen. Für Romreisen gab es in dem Heiligen Jahr 1950 günstige Angebote – also fuhren wir nach Rom. Vorher hatten wir in den Dolomiten noch eine herrliche Entdeckung gemacht: die 1600 Meter hohe Agnerkante in der Palagruppe. Sie war damals im deutschsprachigen Raum unbekannt, heute gilt sie für manche als die schönste Kante der Alpen.
In Rom sind wir erstmals den Etruskern begegnet. Sie haben uns so fasziniert, dass wir dann nicht nur viele Reisen in das Land der Etrusker unternommen haben – in der Etruskerstadt Tarquinia haben mein Fritzerl und ich auch geheiratet. Aus diesen Reisen entstanden dann: »Hochzeitsreise zu Etruskergräbern«, »Land der Etrusker« (der erste deutschsprachige Führer zu Etruskerstätten zwischen dem versunkenen Spina an der Pomündung und Rom), »Romulus. Auf den Spuren der Gründer Roms«. »Alpenwanderungen in die Vorzeit. Zu Drachenhöhlen und Druidensteinen, Felsbildern und Römerstraßen« erschien 1965. Ich hatte mich immer geärgert, wenn ich in der Alpenliteratur lesen musste, dass die Alpen im Altertum ein wüstes Land waren. Ich wollte beweisen, dass sie auch schon in der Vorzeit ein Lebensraum waren.
Ich arbeitete damals im Kunstverlag Schroll und mein Chef war an dem Thema interessiert. Innerhalb von zwei Jahren unternahmen wir zwischen Mittelmeer und Donau drei Kundfahrten, um Material für das Buch einzuholen. Es waren erlebnisreiche Wanderungen in die Vergangenheit des Alpenraumes.
Nach den »Alpenwanderungen« begann ich in Österreich alte Kultrelikte zu suchen. »Herrgottsitz und Teufelsbett« erschien 1979, weitere solcher »kulturhistorischen Wanderungen« erschienen in den folgenden Jahren. Bis heute sind 54 Bücher von mir erschienen, einige davon kamen in Übersetzungen in Amerika, England, Frankreich, Italien und Ungarn heraus.
Ich habe ein Leben mit Büchern gelebt. 1937 bin ich als Verlagslehrling im Geographischen Verlag Ed. Hölzel eingetreten. Nach dem Krieg war ich Redakteur bei der Zeitschrift »Wiener Bühne«, dann Hersteller im Kunstverlag Schroll, zuletzt Hersteller und Zeitschriftenredakteur im Österreichischen Bundesverlag. Dem Hersteller eines Verlages wird ein Manuskript in die Hand gedrückt und er gestaltet und betreut es zu einem fixfertigen Buch.
Im Verlag habe ich Bücher hergestellt, zuhause habe ich Bücher geschrieben. In Stress kam ich nie. Bücher herstellen und Bücher schreiben war für mich ein Vergnügen.
Als Sechzigjähriger ging ich in den Ruhestand. Das feierten meine Frau Fritzerl und ich mit einer Wanderung von der Endstation der Wiener Straßenbahn in Rodaun durch die Alpen bis ans Mittelmeer. Am 1. Mai (Tag der Arbeit) 1984 gingen wir los, am 6. Oktober kamen wir in Nizza an. Unter den Riesenkakteen im »Jardin Exotique« von Monaco hatten wir festgestellt: »Es ist eigentlich erstaunlich, wohin man von Rodaun aus zu Fuß überall hinkommt!«
»Ein Stück vom Himmel« war Klettern für mich von Jugend an. Matterhorn und Montblanc waren großartige Bergerlebnisse, aber ein Trichterweg in der Göll-Westwand, ein »Schiefer Tod« am Murfreidturm oder die »Menschenfalle« in der Grohmannspitze-Südwand faszinierten mich mehr.
Ich las viel Alpinliteratur und fand dabei so viele lockende Kletterziele in den Alpen, dass mich die Weltberge überhaupt nicht interessierten.
Natürlich war ich auch ein Kind meiner Zeit – der »alpinen Eisenzeit« – in der das Hinaufschlossern mit Doppelseil und Trittschlingen über viele Überhänge als das »Letzte im Fels« galt. Auch Bohrhaken hatte ich gesetzt bei Erstbegehungen an der Rax. Und das noch mit primitiven Steinbohrern, mit denen das Bohren eines eineinhalb Zentimeter tiefen Hakenlochs gute eineinhalb Stunden dauerte. Aber bald erkannte ich, dass diese Art des Kletterns nur eine Sackgasse ist.
An den kleinen Felsen am Stadtrand von Wien wurde schon um 1880 geklettert. In der Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren diese Felsen für uns mehr als nur »Kletterschulen«. Wenn wir ein besonders schweres Fünfmeterwandl derpackt hatten, freute uns das ebenso wie das Durchklettern einer Fünfhundertmeterwand. Wir kletterten barfuß, und anstatt ins Magnesiumsackl griffen wir an heißen Tagen vor dem Klettern in den Sand.
Heute ist es stiller geworden um diese Felsen. Heute werden von vielen lieber Hallen aufgesucht, wo an Kunststoffwänden mit Kunststoffgriffen das ganze Jahr – auch wenn es regnet oder schneit – geklettert werden kann.
Ich hab’s auch probiert. Aber das war nix! Ich war es gewohnt, Griffe und Tritte selber zu suchen. Das war kein Klettern, sondern nur ein Turnen. Und Turnen – »Eins, zwei, drei ... Hampelmann hüpft!« – habe ich schon in der Schule überhaupt nicht wollen.
Heute ist das Mäuerl für mich öfter Salz und Pfeffer bei meinen Wienerwaldwanderungen. Denn Fels ist Fels und wer einmal ein Kletterer war, den juckt es manchmal noch immer in den Fingern ...
Das Mäuerl ist eine aus großen Steinquadern errichtete Böschungsmauer an der Wiener Höhenstraße zwischen Cobenzl und Kahlenberg. Am frühen Vormittag fahren auf der Straße noch wenige Autos und das Quergangsklettern an den Quadern ist recht vergnüglich.
Vor einiger Zeit kletterte ich wieder einmal das Mäuerl entlang, als zwei Frauen mit ihren Hunderln daherkamen.
»Schau den alten Trottel an! Da ist ein Gehsteig, da ist eine Straße – und der kräult (klettert) an der Mauer dahin!«, sagte die eine.
»Geh, gehn wir lieber. Bei solchen Narren weiß man nie, was ihnen noch einfällt!«, sagte die andere.
Ich möcht noch möglichst lang ein solcher Narr sein.
DAS LALIDERERWAND-ABENTEUER
Zum Kletterer wurde ich, weil ich was erleben wollte. Mein größtes Abenteuer erlebte ich 1946 in der Lalidererwand. Lois Höferstock (1901–1978) war einmal der »Klettergott« an unseren Kletterschulen (so wurden die kleinen Felsen in Wiens Umgebung genannt). Wieselflink kletterte er dort hinauf, wo wir Jungen gerne hinaufgekommen wären. Tausende Stunden hatte er mit jungen Menschen verbracht, um ihnen beizubringen, wie man das macht. Und außerdem hatte er vielen von ihnen auch noch eine Suppe oder ein Matratzenlager in einer Schutzhütte bezahlt – obwohl er sein ganzes Leben lang ein armer Teufel war.
Er war Hilfsarbeiter und wohnte als Untermieter bei einer alten Frau, die auch für ihn kochte. In einem winzigen fensterlosen Kabinett stand sein Bett, der Aufenthaltsraum war die kleine Küche. Und in dieser kleinen Küche gab es in den Kriegs- und Nachkriegsjahren jeden Donnerstagabend ein (heute schon unglaublich scheinendes) Treffen von jungen Kletterern.
Man traf sich beim Loisl, um übers Bergsteigen zu reden und zu diskutieren. In der Küche gab es nur zwei Sessel, also hockten wir auf der Kohlenkiste oder auf dem Boden. Es waren recht bunte Vögel, die da beisammen hockten ... unter anderen auch Leo Seitelberger, der gerne solo durch Steilwände kletterte (1938: Dachl-Nordwand im Gesäuse; 1947: Lalidererwand; 1951: zweite Solobegehung der Großen-Zinne-Nordwand), Leo Kozel, der nur von Überhängen schwärmte, und Fritz Moravec (Erstersteiger vom Gasherbrum II im Karakorum), der hohe Berge liebte.
Heute wundert es mich, dass diese Treffen in der Nazizeit nicht der allgegenwärtigen Gestapo verdächtig vorgekommen sind. Denn Lois war ein hundertprozentiger Kommunist. »I war immer einer und werd immer einer sein!«, sagte er ganz offen.
Er war einer, der im Notfall nicht sein letztes Stück Brot teilte, sondern es ganz dem anderen gab. Und als dann nach dem Krieg die Russen in Wien waren, hatten sich alle geirrt, die glaubten, dass der Loisl nun von der Partei einen guten Posten bekommen würde. Er blieb bei seiner Firma und sagte: »I bin doch nicht bei der Partei, damit ich von ihr was krieg!« Unser Lois – ein außergewöhnlicher Mensch.
Natürlich hatte auch er von den großen Bergen in der Ferne geschwärmt, aber er konnte sie aus »finanziellen Gründen« (wie er sagte) nie erreichen. Seine Traumwand war die Lalidererwand im Karwendel ... »Tausend Schilling tät i geben, wenn i sie machen könnt!« (Lois war auch in seinen Träumen ein Geber.) Und nachdem ich in den Krieg musste, wurde die Lalidererwand zum großen Thema in dem Briefwechsel zwischen Lois und mir ... wenn wir den Krieg überleben, dann wollten wir sie machen.
Im Februar 1946 kam ich aus der Kriegsgefangenschaft (mit einem durchschossenen Handgelenk) heim. Und im August 1946 standen wir nach einem etwas kuriosen Aufstieg vor der Falkenhütte unter der Lalidererwand.
Normalerweise wird von Scharnitz aus zur Falkenhütte aufgestiegen (sieben Stunden Gehzeit). Doch Lois hatte erfahren, dass es in Vomp bei Schwaz auf einem Sonderabschnitt der Lebensmittelkarte (die brauchte man in diesen Hungerzeiten) eine Sonderzuteilung Kartoffeln gäbe. Die wollten wir uns holen und dafür gerne den viel längeren Aufstieg von Schwaz aus gehen.
Wir waren fünf Personen (die Nichte von Lois und deren Freundin, meine Freundin) und bekamen für jeden Abschnitt zehn Kilo Kartoffeln. Alles in allem: fünfzig Kilogramm, einen Riesensack voll Kartoffeln – einen Schatz!
Lois und ich wollten den Schatz abwechselnd tragen.
Ein Bauer schenkte uns eine Stange, daran banden wir mit einem Kletterseil den Sack. »Der schönste Sport ist der Erdäpfelsacktransport!«, blödelte ich noch.
Bald bezweifelte ich, dass wir den Sack bis hinauf zur Falkenhütte bringen könnten. Wie eine Kirchglocke schwang er beim Gehen hin und her und unsere Schultern waren bald blutig aufgewetzt.
Wir kamen an diesem Tag nur bis zur Lamsenjochhütte. Als er den Sack im Vorraum der Hütte fallen ließ, sagte Lois: »I glaub, der ganze Weltschmerz kann nicht schwerer sein wie dieser Scheißerdäpfelsack!«
Später blätterte ich im Hüttenbuch und las: »Lamsenspitze Ostwand, Schwarzer Riss, 9. Begehung.«
»Lois, weißt du, was wir morgen machen?«, sagte ich. »Wir machen die zehnte Begehung vom Schwarzen Riss an der Lamsenspitze!« »Ist recht!«, sagte er darauf so zufrieden, als hätte ich ihm vorgeschlagen, einen Rasttag an einem Badesee zu verbringen mit einem Glas Wodka und der kommunistischen »Volksstimme« neben sich.
Wir hatten von dem »Schwarzen Riss« noch nie etwas gehört, hatten ihn auch nicht gesehen (weil es schon finster war, als wir die Hütte erreichten). Aber Lois dachte genauso wie ich: Alles kann nur besser sein, als am nächsten Morgen den Erdäpfelsack wieder auf die Schultern zu laden.
1934 war der in seinem unteren Teil mehrfach überhängende Riss erstmals begangen worden. Für mich ist er eine unvergessliche Kletterei geworden ...
Ich kann mich zwar an keine einzige Kletterstelle mehr erinnern (nur, dass etwa vierzig Mauerhaken in dem Riss steckten). Doch unvergesslich ist mir bis heute das einmalige Gefühl der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit, mit dem ich an diesem Tag geklettert bin.
Dieses herrliche Gefühl war allerdings sofort weg, als Lois vom Gipfel hinunter zur Hütte schaute und grimmig knurrte: »Da unten liegt er – der verdammte Erdäpfelsack!«
Was wir dann am nächsten Morgen in diesem August 1946 erlebten, erscheint mir heute noch wie ein Wunder: Als wir den Erdäpfelsack wieder aufhoben, kam er uns nicht mehr so schwer vor!
Er wog noch immer fünfzig Kilo. Aber beim Klettern im »Schwarzen Riss« hatten wir uns anscheinend so gut erholt, dass wir ihn auch noch hinauf bis zur Falkenhütte schleppen konnten.
Zwei Männer, drei Madln, ein Erdäpfelsack ... Martha und Peter von der Falkenhütte wollten uns zuerst gar nicht in die Hütte hineinlassen: »Die ist nur für Bergsteiger!«
Wir standen endlich vor der Lalidererwand. Ich hatte alles gelesen, was es in unserer Vereinsbibliothek über diese Wand zu lesen gab. Sie ist 750 Meter hoch und wurde 1911 von den Dolomitenführern Angelo Dibona und Luigi Rizzi mit den Brüdern Guido und Max Mayer aus Wien erstbegangen. Kurze Zeit galt sie als schwerste Felskletterei der Alpen. Das war in den Jahren, in denen die Herren zwar noch steife Kragen und Hüte trugen, aber in kurzer Zeit auch jede »schwierigste Kletterei der Alpen« durch eine noch schwierigere übertreffen wollten.
Einer der besten Kletterer dieser Zeit war der Münchner Otto Herzog. Er hatte schon vor den Erstbegehern einen Durchstiegsversuch der Lalidererwand unternommen, musste ihn aber in einem Wettersturz abbrechen. Herzog war es auch, der als Erster Feuerwehr-Schnappringe zum Einhängen seines Kletterseils in Sicherungshaken benützte. Das waren damals noch Ringhaken. Um das Seil in den Ring einfädeln zu können, mussten sich die Kletterer vorher aus der Seilsicherung lösen und diese nachher wieder neu knüpfen. Eine Krampfiade war das. Heute denkt niemand mehr an den Mann, der den Kletterkarabiner erfunden hatte.
Wir standen vor der Lalidererwand und für Lois war es die Wand seines Lebens. Von ihr hatte er in seinem fensterlosen Kabinett geträumt, für sie hatte er auf den kleinen Felsen in Wiens Umgebung viele Jahre trainiert. Einmal hatte ich ihn gefragt, warum er ausgerechnet von der Lalidererwand so schwärmt. »A Foto hab i von ihr g’sehn«, sagte er – »und seither ist die Wand in meinem Schädel drin!«
Eine Liebe auf den ersten Blick.
In der Falkenhütte waren wir die einzigen Nächtigungsgäste. Nur um die Mittagszeit kamen ab und zu Wanderer, aßen eine Suppe und zogen wieder dahin. Es gab weder Telefon noch Radio in der Hütte, also auch keine Wettervorhersage. Aber man sagte uns, dass nach den Viechern und dem Jochwind das Wetter gut bleiben würde.
Bei blauem Himmel stiegen wir in die Wand ein. Man hatte uns gesagt, dass die Karwendelwände sehr brüchig seien. Wir sind daher vorher an der Mitzi-Langer-Wand im Wienerwald nur im linken Wandteil geklettert, der so brüchig ist, dass man bloß einmal husten muss und schon gibt’s Steinschlag. Man hielt uns für verrückt, weil wir für diesen Bruchhaufen Karwendel Bruchklettern übten, wo es doch so viele andere Wände mit festem Fels gibt. Lois lächelte dabei nur still wie einer, der von einem großen Schatz weiß.
Doch unser Klettern an der Bruchwand im Wienerwald hatte sich gelohnt: Wir hatten in der Lalidererwand das Gefühl, in eisenfestem Fels zu klettern.
Gegen Mittag hatten wir die schwerere Hälfte der Wand unter uns. Kurze Rast. Unser Tourenproviant: ein Stück Brot.
Und dann wurde die Luft plötzlich warm und schwer. Auch unsere Stimmen klangen auf einmal ganz anders. Nebel fiel wie ein Wasserfall die Wand herab, hüllte uns ein und alles wurde grau. Ein dumpfes Grollen war zu hören ...
Dann geschah alles so schnell.
Klatschend schlugen schwere Tropfen auf den Fels, die bald zu Hagelkörnern wurden, und es dauerte nimmer lang und wir standen in einem wüsten Schneesturm. Noch glaubten wir, dass der ganze Zauber nur ein vorüberziehendes Gewitter sei. Es war aber der Beginn eines Schlechtwettereinbruchs.
So begann das größte Abenteuer meines Lebens. Heute gibt es Abenteuerschulen, können Abenteuerreisen und Abenteuerurlaube gebucht werden. In Wirklichkeit spürt man bei einem echten Abenteuer gar nicht, dass man ein Abenteuer erlebt.
Im Nebel und Schneetreiben sahen wir höchstens zwei Meter Fels über uns. Sozusagen im Blindflug kletterten wir so lange höher, bis mächtige Überhänge den Weiterweg sperrten. Ich erinnerte mich an die Routenskizze: Unterhalb der Überhänge führte der Weiterweg nach links.
Ein 40 Meter langer Quergang, den ich machte, wurde dann eindeutig zur allergrauslichsten Kletterstelle meines Lebens: moos- und sandbedeckte Felsen, auf denen außerdem Neuschnee lag. Lois wollte diesen Quergang barfuß klettern. Wir alle waren nach dem Krieg Barfußkletterer, Kletterschuhe waren Mangelware. Auf unseren Hausbergen kletterten wir immer barfuß, nur in hochalpinen Wänden benützten wir die kostbaren Kletterschuhe. Deren Filzsohlen (Manchon) waren aber sehr rutschfreudig, schwere Kletterstellen kletterten wir lieber barfuß. (Noch 1951 hatte Leo Seitelberger auch die zweite Solobegehung der Großen-Zinne-Nordwand barfuß gemacht.)
Langsam kam Loisl nach. Ich sah ihn nicht in dem Nebel und Schneetreiben, ich hörte nur sein Fluchen ... und plötzlich einen lauten Schrei!
Mit klammen Fingern hatte Lois die Kletterschuhe mit den Socken darin ans Seil gebunden. Mitten im Quergang löste sich der Knoten und die Schuhe verschwanden lautlos in der Tiefe.
Lois stand barfuß in einer neuschneebedeckten Wand.
Finster war es geworden. Ein nur 20 Zentimeter breites Felsband wurde unser Biwakplatz. An zwei Mauerhaken gebunden, mussten wir stehend die Nacht verbringen. Den Biwaksack hatten wir übergestülpt, in den Kletterrucksack steckte Lois seine Füße. Am Morgen lagen auf unserem Band 20 Zentimeter Schnee. Und aus dem Schneetreiben war ein Schneesturm geworden. Noch etwa 200 Höhenmeter Fels gab es über uns. Wenn wir wieder lebend aus der Wand herauskommen wollten, mussten wir sie erklettern. Es gab keine andere Möglichkeit. Bis jemand von der Hütte nach Scharnitz gelaufen wäre und Bergretter sich gesammelt und bis sie uns endlich in der verschneiten Wand erreicht hätten, wären wir längst erfroren gewesen. Lois sagte: »I geh, solange es meine Haxen aushalten!«
Hoch lag der Schnee auf den Felsen, vereist war der Fels darunter. Ich versuchte die Tritte für Lois halbwegs vom Schnee freizumachen. Sicht gab es nur auf zwei, drei Meter. Oft musste ich wieder abklettern, um glatten oder überhängenden Stellen auszuweichen. Ich kletterte wie in Trance ... die Finger fanden wie von allein die richtigen Griffe, die Beine die Tritte. Damals war ich klettersüchtig. Jedes Wochenende war ich in Wänden unterwegs, während der Woche fuhr ich sehr oft nach der Arbeit zu den kleinen Felsen im Wienerwald. Klettern, klettern, klettern! Ich kletterte auch bei Regen, ich kletterte noch im Dezember, ich kletterte schon wieder im Jänner. Heute glaube ich, dass wir dieser Klettersucht unser Überleben in der verschneiten Lalidererwand verdankten.
Auf den Standplätzen stellte Lois seine blutig aufgerissenen Füße in den Kletterrucksack, unterwegs hatte er sie mit Taschentüchern umwickelt. Sie hinterließen eine blutige Spur im Schnee. Lois sagte: »Jetzt ist der Weg durch die Lalidererwand sogar rot markiert!«
Zuletzt hatten wir auch noch auf eine Standplatzsicherung mit Mauerhaken verzichten müssen. Lois hatte einige der geschlagenen Standhaken stecken lassen müssen, weil seine Kräfte zum Wiederherausschlagen zu schwach waren. Bald war auch der letzte unserer Haken dahin ...
»Was is, wennst jetzt fliegst?«, fragte Loisl.
»Das darf i jetzt nimmer!«, sagte ich. Und das hatte ich damals wirklich so gemeint.
Um vier Uhr Nachmittag stiegen wir aus der Wand. Bis zum Knie standen wir im Neuschnee. Mit dem Taschenmesser schnitt Lois den gefrorenen Seilknoten ab und sagte: »Jetzt graust mir vorm Klettern!«
Stumm schauten wir in die Tiefe, wo der fallende Schnee unsere letzten Schritte in der Wand immer mehr zudeckte.
Vom Ausstieg aus der Wand bis hinab ins Tal (ins Rossloch und zur Kastenalpe) mussten wir an die 1000 Höhenmeter absteigen. Absteigen?
Wir quälten uns durch die Schneemassen. Steilstellen rutschten wir auf dem Hintern runter – dabei mussten wir aber verdammt gut aufpassen, denn wir waren noch im felsdurchsetzten Gelände. Wo der richtige Weg verlief, wussten wir nicht. Nur hinunter wollten wir, hinunter. Dabei wurden die Füße von Lois immer mehr zu blutigen Fleischklumpen.
Und dann kamen wir zu den Schafen.
Es war schon nahe dem Talgrund. Die Schneeflocken waren zu dicken Wassertropfen geworden und wir sahen andere Farben als Weiß und Grau. Plötzlich Glockengebimmel ... und schon waren wir umringt von einer Schafherde. »Jetzt san wir nimmer allein!«, sagte Lois.
Wir fühlten uns dem Leben wiedergegeben und geborgen inmitten der struppigen Schafleiber. Ein wundersames Gefühl war’s, das ich bis heute nicht vergessen habe.
Ein wundersames Gefühl war’s auch, als wir den Talgrund erreicht hatten und wieder auf einem Weg standen, auf einem breiten Weg. Oberhalb von dem Weg sah Lois eine Hütte. In ihr wollte er auf Hilfe warten, ich lief weiter, um Hilfe zu holen. Doch die Hütte war versperrt. Unter ihrem Vordach rastete Lois eine Weile, dann wurde ihm zu kalt und er tappte und kroch zuletzt auf allen vieren in finsterer Nacht weiter. So traf ihn am nächsten Morgen das Rettungsauto, das ihn dann nach Innsbruck ins Spital brachte.
Als wir Loisl im Spital aufsuchten, steckten seine Füße in dicken Verbänden. Sie waren von tiefen Fleischwunden zerrissen; die Zehen waren zwar angefroren, aber er konnte sie alle behalten. »Und die Lalidererwand kann uns zwei auch niemand mehr wegnehmen!«, sagte er.
Es dauerte einige Zeit, bis Lois wieder gehfähig war. Klettern ist er nicht mehr gegangen.
Jahre später an einem Vormittag rief mich seine Zimmervermieterin an und sagte, dass Lois an diesem Nachmittag sein Begräbnis hätte.
Ich versuchte noch einige Spezln von dem Donnerstagabend-Treffen beim Loisl zu verständigen. Erreicht habe ich nur den Moravec Fritzl – und der flog am späten Nachmittag wieder einmal in den Himalaya. Jede Minute bis dahin hatte er schon verplant.
Nur wenige Leute standen an Loisls Grab. Ein Funktionär von der kommunistischen Partei hielt eine kleine Ansprache. Und dann kam der Moravec Fritzl den Berg heraufgerannt ...
»Dem Loisl muss i noch Servus sagen ... der war doch ein Stück unserer Jugend!«, keuchte er und rannte gleich wieder zu dem wartenden Taxi hinunter.
1947 – ein Jahr nach dem Lalidererwand-Abenteuer – war ich wieder im Karwendel. 1946 hatte Hias Rebitsch seine Direkte Lalidererspitze-Nordwand in zwei Etappen durchklettert, einmal die untere und dann die obere Wandhälfte. An einer Durchsteigung der Wand in einem Durchgang war er nicht mehr interessiert. Ich schon. Doch Hermann Buhl machte sie eine Woche vorher. Mit Hansl Hausner gelang mir dann die dritte Begehung.
Hermann Buhl hatte ich im Krieg kennengelernt. Nach der Monte-Cassino-Schlacht im Jahre 1944 kamen wir Hochgebirgsjäger in die Meeralpen, weil auch an der Riviera eine Landung der Amerikaner erwartet wurde. Auf 2600 Meter bezogen wir Stellung. Eines Tages hörte ich, dass es unten auf unserem Stützpunkt in Terme di Valdieri (ein berühmtes oberitalienisches Thermalbad) einen Sanitäter gäbe, der ebenfalls so ein verrückter Bergnarr wie ich sei.
Ich fragte den Oberarzt nach dem kletternden Sanitäter. »Wenn der als Kletterer auch so lausig ist wie als Sanitäter, dann müsste er schon längst abgestürzt sein!«, sagte er.
Hermann und ich sind sofort zur Sache gekommen: Wir sind zu einem der Granitblöcke bei dem Heilbad klettern gegangen und hetzten uns gegenseitig in immer schwierigere Wandstellen hinein. Nur vor einer haben wir kapituliert: Wir wollten nicht, dass einer von uns an dem sauschweren Wandl stürzt, sich verletzt und dann wegen Selbstverstümmelung vor ein Kriegsgericht gestellt wird. So streng waren nämlich damals die Bräuche.
Wenn er den Krieg überlebte – so sagte Hermann damals –, wollte er gerne einmal etwas ganz Großes in den Bergen machen. Jeder von uns hatte damals seine Wunschträume und keiner wusste, ob er den Krieg überleben wird.
Im Karwendel hatte ich 1946 und 1947 die ersten Frieden-Bergsommer nach dem Krieg erlebt. 1946 waren wir noch die einzigen Übernachtungsgäste in der Falkenhütte.
Wenn es regnete, stiegen wir zur Ladizalm ab. Das war unser Schlaraffenland – dort gab es Milch, Butter und Käse. Wir erzählten den Hirten vom Leben im zerstörten Wien, sie erzählten uns Geschichten aus ihrer (wie es uns schien) heil gebliebenen paradiesischen Welt.
1947 waren wir nicht mehr die einzigen Übernachtungsgäste. Vor dem Schlafengehen ging ich jeden Abend vor die Hütte und schaute hinauf zur Lalidererwand, in der wir vor einem Jahr um unser Leben gekämpft und ein ganz wundersames Erlebnis gehabt hatten.
Plötzlich hörten wir Stimmen in der Wand, eine helle Stimme war zu hören und eine dunkle. Wir waren aber an diesem Tag die einzigen Menschen in der Hütte.
Bald kamen die Stimmen von unten, dann wiederum von oben. Irgendwie war es unheimlich. Obwohl wir wussten, dass es keine Berggeister waren, sondern Menschen, die irgendwo redeten und deren Stimmen von den Lüften in die Wand getragen wurden. Trotzdem war es unheimlich.
Die Lalidererwand war für mich keine Wand wie jede andere. Zweimal hatte ich mich in ihr weitab von allen anderen Menschen gefühlt. Als einsame Wand wollte ich sie in Erinnerung behalten. Seit ich 1947 am letzten Abend vor unserer Heimfahrt vor der Hüttentür zu der Lalidererwand hinaufgeschaut hatte, bin ich nie wieder ins Karwendel gefahren.
ANDERE LEUTE
Der Schwanda ist der Schwanda!
Hans Schwanda (1904–1983) war mein alpiner Lehrmeister, mein Kletterpartner, mein Freund. »Die größte Kunst beim Bergsteigen ist, dass man auch alt wird dabei!«, hatte er uns Jungen immer wieder gesagt. In seiner Zeit war das Bergsteigen noch wesentlich gefährlicher, als es heute ist.
Als Freikletterer war Schwanda der Star unter den Wiener Bergsteigern. »Maestro« nannte ihn der Erstbegeher der Großen-Zinne-Nordwand, Emilio Comici. Schwanda hatte viele der höchsten Alpenberge erstiegen und schwierigste Felswände durchstiegen, war auch auf den Bergen Afrikas und Asiens unterwegs, hatte Erstbegehungen und Ski-Erstbefahrungen gemacht, Bergbücher geschrieben – hatte das Bergsteigen als etwas Herrliches, aber doch nur als eine Nebensache in seinem Leben gesehen. »Weil i muss ja net auf die Berg aufi. Könnt ja auch was anderes machen!« Schwanda war ein Original. »Der Schwanda ist der Schwanda!«, sagten alle, die ihn kannten.
Wie war der Schwanda?
Schwanda war ein echtes Wiener Kind ... bei ihm musste alles »mit leichter Hand gehen« (was aus dem Wienerischen übersetzt etwa »ohne Mühe« bedeutet). »Wenn’s leicht geht!«, sagte er bei allem, bevor er es anpackte.
Mit leichter Hand wurde er auch nach dem Besuch des Konservatoriums ein bekannter Gitarresolist, der mit einem klassischen Programm in vielen Städten gastierte und in den Schutzhütten, kaum dass er sie betreten hatte, eine Gitarre in die Hand gedrückt bekam.
Mit der Gitarre zog er einmal durch Norwegen und Schweden bis hinauf zum Nordkap, spielte da und dort und verdiente sich so das Reisegeld.
In einer Stadt in Schweden sollte ein russischer Balalaikaspieler auftreten, musste aber plötzlich absagen. Schwanda sprang für ihn ein.
Man setzte ihm eine russische Pelzmütze auf – und er spielte ganz locker auf seiner Gitarre Landler und Walzer und sang: »I bin a Steirerbua und hab a Kernnatur!«
Das Publikum war begeistert.
»Jetzt eröffne ich ein Sporthaus!«, sagte Schwanda eines Tages.
»Mit einem Stemmeisen?«, fragte ich.
»Mach keine blöden Witze! Das Sporthaus Schwanda wird die Sensation von Wien werden!«
Das Sporthaus war zuallererst ein Hofraum im Hause des Österreichischen Touristenklubs. Noch einen Tag vor der Eröffnung konnte man darin vor allem nur leere Regale bewundern. »Das schaut ein bisserl sparsam aus!«, grübelte Schwanda. »Wenn ich wenigstens einige leere Kartons hätte, mit denen ich die Regale füllen könnte!«
»Leere Kartons? Die kannst du von mir haben!«, sagte einer der Freunde. Und schon einige Stunden später wurde ein Auto voll leerer Kartons beim Sporthaus Schwanda abgeladen. Diese verstaute er in die Regale, versah sie mit sauberen Schildchen.
Wenn nun ein Kunde kam und nach einem lilagelbblauen Anorak Größe 99 für seine Braut fragte, erklärte Schwanda voll Eifer, dass er diesen selbstverständlich lagernd habe, kletterte zu irgendeinem der leeren Kartons hinauf, kramte darin ein wenig in der Luft herum und sagte dann: »Leider, leider! Ich sehe gerade, dass die Größe 99 ausverkauft ist! Diese lilagelbblauen Anoraks gehen weg wie die warmen Semmeln! Aber heute Nachmittag kommt schon wieder eine neue Lieferung!« Und wenn der Kunde versprach, am Nachmittag wiederzukommen, setzte sich Schwanda aufs Fahrradl, holte vom Erzeuger schnell einen lilagelbblauen Anorak Größe 99.
Die Wiener Bergsteiger genossen es mit Behagen, den alten Bergvagabunden Schwanda hinter einer Verkaufsbudel zu sehen. Und sehr oft läutete auch das Telefon ...
»Sagen Sie, Herr Schwanda, wie kommt man am besten in Ihr Sportgeschäft?«
»Da muss ich wissen, wo Sie sind!«
»Natürlich in der Irrenanstalt Steinhof. Ein normaler Mensch geht doch nicht zu Ihnen einkaufen!«
Schwanda wurde am Telefon gefragt, ob er schon den neuen Eispickel mit dem eingebauten Plattenspieler lagernd habe, ob es wahr sei, dass er endlich den sich selbst tragenden Rucksack erfunden hätte ...
Und dann rief einmal ein Mann an, der ein bisserl unklar redete. Worauf Schwanda ins Telefon brüllte: »Du deppeter Bua, rutsch mir den Buckel runter!«
Dieser Mann war aber tatsächlich ein Kunde, der nur eine Auskunft wollte!
Auch sein Sportgeschäft hatte Schwanda mit leichter Hand gegründet. In dieser Zeit entstanden auch noch andere neue Sportgeschäfte und das Wort Expandieren beherrschte die Geschäftswelt. Schwanda wollte klein bleiben ...
»Ich möcht doch auch mit jedem Kunden reden können!« (Viele von den damals schnell groß gewordenen Sportgeschäften haben bald Pleite gemacht, das kleine Sporthaus Schwanda gibt es als Familienbetrieb heute noch.)
In aller Stille hatte Schwanda sein Geschäft eröffnet, er wollte kein großes Trara. Aber einige Tage später erlebte er eine Überraschung.
Mit einer Marschskizze zum Sporthaus Schwanda wollte er den Wienern das Aufsuchen erleichtern ... Vom Stephansplatz aus, vom Schwedenplatz und vom Luegerplatz.
»Machen wir dem Schwanda a Freud. Markieren wir die Zustiege zu seinem Geschäft!« Der Freundeskreis um Schwanda war – so wie er – für eine Gaudi immer zu haben, und so waren wir etwa zwanzig Mann, die in finsterer Nacht an die Auslagen der vornehmen Stadtgeschäfte bunte Richtungspfeile mit der Aufschrift »Zum Sporthaus Schwanda« anbrachten. Sogar auf das hohe Denkmal vom alten Bürgermeister Karl Lueger am Luegerplatz sind wir (mit menschlichem Steigbaum) hinaufgeklettert und hatten ihm eine große Tafel umgehängt mit der Aufschrift: »Wiener! Kauft bei Schwanda!«
Als Schwanda am nächsten Morgen zu seinem Geschäft kam, wartete schon die Polizei auf ihn. Ob er nicht wisse, dass solche Werbemethoden verboten sind?
Schwanda sagte den Beamten, dass er an dieser Aktion unschuldig wie ein neugeborenes Lamm sei.
Ob er wisse, wer dahintersteckt? Er wusste es nicht.
Ob er Feinde habe?
»Ich habe nur liebe, gute Freunde!«, sagte Schwanda.
1958 führte Schwanda eine Bergsteiger-Expedition in den Kaukasus – es war die erste nach dem Zweiten Weltkrieg. (Skeptiker sagten damals, dass das Endziel der Expedition wahrscheinlich Sibirien sein werde!) Aber sie wurde – wie der Teilnehmer Erich Vanis berichtet – »nicht nur bergsteigerisch ein voller Erfolg, sondern vor allem auch in menschlicher Hinsicht. Hier harmonierte sowohl die eigene Mannschaft, was bei einer Expedition absolut keine Selbstverständlichkeit ist, als auch das Zusammenleben mit den russischen Gastgebern ganz hervorragend.«
Und dann kam der Abschied. Gastgeber und Gäste wollten noch mehr als nur sagen, dass es schön war, einige Tage miteinander verbracht zu haben. Große Verbrüderung. Und da griff Schwanda nach seinen Abzeichen. Man hatte ihm in Wien erzählt, dass die Russen eine Vorliebe für Abzeichen, Medaillen und Orden hätten. Also hatte er sich aus der untersten Lade seines Vereins einige uralte Vereinsabzeichen aus dem Jahre anno Sauerkraut mitgenommen ... »Wer weiß, vielleicht können wir mit dem Glumpert dort jemandem eine Freud machen!«
Bei dieser Abschiedsfeier ließ Schwanda dann spontan alle Russen antreten und heftete ihnen mit Blick ins Auge und festem Handschlag diese alten Vereinsabzeichen als »höchsten österreichischen Bergsteigerorden« persönlich an die Brust!
Die Russen waren begeistert.
Doch einmal hätte ich meinen lieben guten Freund Schwanda am liebsten auf Putzfetzen zerrissen ...
Das war 1965 auf der Insel Korsika. Damals gab es dort noch wenig Fremdenverkehr. Auf den schmalen, kurvenreichen Straßen im Gebirge begegneten wir jedenfalls mehr Schafherden als Autos. Für die Hirten, welche eine Gasse zwischen den Viechern freimachten, waren unsere zwei Autos hintereinander noch eine Sensation.
In diesem Hinterwinkel-Bergland gab Schwandas Auto plötzlich den Geist auf. Kein Benzin, kein Tröpferl Benzin im Tank.
Unser Fritz im anderen Auto hatte an diesem Morgen noch getankt. Aber wie kriegt man Benzin von einem Auto ins andere?
»Ich hab ein Wasserschläuchl im Rucksack«, sagte Hansl.
Ein dünnes Gummischläuchl hatten damals viele Bergsteiger im Rucksack. Damit konnten sie auch unter Felsbrocken oder hohem Gras dahinfließende Wasserrinnsale erreichen und daraus trinken. Doch manche tragen es jahrelang mit sich herum, ohne es auch nur einmal wirklich zu gebrauchen. Hansl war glücklich, dass er sein Wasserschläuchl endlich einmal verwenden konnte ... wenn auch nur als Benzinschläuchl.
Wie einen Weinheber wollten wir es einsetzen, Benzin aus dem Tank von Fritz saugen und mit einem Trinkbecher in Schwandas Auto gießen. Blieb nur noch die Frage: Wer sollte/wollte das machen?
Wir schauten uns gegenseitig an, sehr lange ...
Bis es mir zu blöd wurde. Ich wollte endlich wieder weiterfahren, weiterfahren zu den Felstürmen der Bavellagruppe.
Es wurde eine Katastrophe. In meiner Ungeduld hatte ich zu heftig an dem Schläuchl gezuzlt und sofort das Maul voll Benzin. Noch einige Male passierte mir das und zuletzt hatte ich halb betäubt von dem Benzindampf das Gefühl, die ganze Welt rieche nur nach Benzin.

Der Bergsteigerschüler Karl Lukan am Ende seines ersten Kletterjahres 1940

»Wilde Gesellen« von anno dazumal. Rechts Lois Höferstock, der Seilpartner in der Lalidererwand, daneben Leo Kozel

Hansl Hausner und Karl Lukan nach ihrer Erstbegehung der Kleinen Schneeklammkopf-Südwestwand

Nach der vierten Begehung der »Fox/Stenico« in der Südostwand der Cima d’Ambiez (Brentagruppe) – kein Klettergurt, kein Steinschlaghelm, sondern nur ein Pullmankappl. Dabei glaubten wir, mit der allerbesten Ausrüstung unterwegs zu sein.
Obwohl ich immer wieder den Mund mit Wasser ausspülte, schmeckte auch jeder Schluck Wasser, den ich trank, nach Benzin und jedes Stück Brot, Käse ... alles!
Eine Zigarette anzünden wagte ich gar nicht, weil ich fürchtete, dabei zu explodieren.
Der nächste Ort mit einer Tankstelle war Porto. Wenn wir viel Glück hätten – so hatte Fritz ausgetüftelt –, könnten wir mit den letzten Benzintröpferln die Tankstelle erreichen. Aber anhalten durften wir auf dieser Fahrt nicht, denn jeder Neustart kostet zusätzlich Benzin.
So fuhren wir durch eine der schönsten Landschaften Korsikas und – so jammerten die Fotografen – an so vielen Fotomotiven vorbei, die nicht aufzunehmen schon eine Sünde ist ...
andererseits kamen wir jedes Mal in Jubelstimmung, wenn ein Kilometerstein zeigte, dass wir der rettenden Tankstelle wieder ein Stückerl nähergekommen waren. Benzin beherrschte unser Hirn und Gemüt.
Und da war sie dann – die Tankstelle. Ich seh sie heute noch vor mir: eine Zapfsäule noch aus der Steinzeit der Mobilisierung, daneben zum Verkauf Benzinkanister in allen Größen. Fritz wollte sofort einen kaufen ...
»Den brauch i net!«, sagte Schwanda. »Im Kofferraum hab i sowieso einen Reservekanister drin!«
Das konnte doch nicht wahr sein!
»Du hast einen Kanister Benzin im Kofferraum? Warum hast du das nicht gesagt?«
»Weil der nur für den Notfall bestimmt ist!«, raunzte Schwanda.
Hansl mit dem Hausner-Schmäh
Mit dem Hausner Hansl habe ich in einem Hochgebirgsjäger-Bataillon den Zweiten Weltkrieg (im Kaukasus und bei Monte Cassino) erlebt und überlebt. Und nach dem Krieg haben wir miteinander viele schwere Wände durchstiegen.
1950 machte ich in einem italienischen Führer eine Entdeckung: Am Monte Agner (2872 m) in der Palagruppe der Dolomiten gibt es eine 1600 Meter hohe und äußerst schwierige Kante. 1932 ist sie erstbegangen worden. Von dieser Riesenkante hatte ich noch nie etwas gehört oder gelesen. Auch guten Kennern der Alpinliteratur (wie Walther Flaig, Hubert Peterka) war sie unbekannt. Watzmann-Ostwand, Triglav-Nordwand und Schermberg-Nordwand (1400 m Wandhöhe) galten als die drei höchsten Wände der Ostalpen. Sie alle drei zu durchsteigen war der Wunschtraum vieler Kletterer.
Als Hans und ich im Sommer 1950 zum Monte Agner fuhren, hatten wir nicht die geringste Ahnung, wie der Berg ausschaut. Unsere Spezln trösteten uns schon im Voraus: »Seid’s net traurig, wenn die Riesenkanten in Wirklichkeit nur ein langer Latschenwurzelgrat ist!«
In dem 1959 erschienenen Dolomiten-Kletterführer von Gunther Langes war dann über den Berg bereits zu lesen: »Kein anderer Gipfel der Dolomiten besitzt einen so kühnen und schlanken Aufbau als gewaltiges Felshorn, das mit seiner Nordwand und Nordkante rund 1600 Meter hoch ungewöhnlich eindrucksvoll über dem Tale steht.« Und die Kante wird als »kühner und großartiger Anstieg, eine der schönsten und gewaltigsten Felsunternehmungen der Dolomiten« genannt. Wir haben die siebente Begehung gemacht, bis dahin ist sie nur von Italienern und Franzosen begangen worden.
Als wir damals den Monte Agner mit seiner Kante im frühen Morgenlicht vor uns sahen, konnten wir nicht glauben, dass es einen solchen Berg in Wirklichkeit gibt. Und als wir uns dann am Nachmittag beim Erkunden des besten Zustiegs unterhalb der Kante bewegten, hatten wir das Gefühl, dass sie inzwischen noch höher und noch steiler geworden ist.
Nach dieser Erkundung war ich etwas gedämpft. Nicht die geringste Pfadspur hatten wir gefunden – aber vielen Schlangen waren wir begegnet. Vor diesen hatte ich Angst. Denn das waren keine harmlosen Nattern gewesen, sondern giftige Vipern.
»Ich glaub, es sind nur Kreuzottern. Die sind weniger giftig als Vipern!«, sagte Hansl. Damit wollte er meine Schlangenangst ein bisserl einbremsen.
Wir standen vor unserem Heustadl in Col di Prà unter dem Monte Agner. Über dem Tal lag schon der Schatten, der Gipfel und das obere Stück der Kante waren noch im Sonnenlicht.
Hansl sagte leise: »Dieser Berg muss uns einen Schlangenbiss wert sein!«
Hansl Hausner war ein eher ruhiger, bescheidener Mensch, aber einer, der – paradoxerweise – einen Wiener Schmäh hatte wie kein anderer. »Hausner-Schmäh« wurden in unserem Freundeskreis seine Sprüch’ genannt. Das waren eher trockene, aber sehr treffende Bemerkungen, die alle spontan aus ihm kamen. Außerdem war er bereits im Jahre 1946 ein Pionier der feministisch-korrekten Formulierungen.
Großes Waschen am frühen Morgen beim Brunnen vor dem Prielhaus im Toten Gebirge, Madln und Buam nebeneinander. Einer sagte bewundernd: »Wusch, das sind Körper!«
Hansl: »Und zu die Körperinnen sagst gar nix?«
1955 brauchte man für eine Ersteigung des Olymp (2918 m) noch eine polizeiliche Erlaubnis. Und wenn wir uns nach drei Tagen nicht zurückgemeldet hätten, wäre ein Suchtrupp nach uns losgezogen. Es gab noch Partisanen in den Bergen. Von Litochoron am Meer bis hinauf zum Gipfel gab es damals nur elende steinige Wege. Nachher bestanden unsere Füße nur aus Blasen und taten höllisch weh. Der Polizeichef gratulierte uns zu der Gipfelersteigung und schüttelte jedem kräftig die Hand. »Bei diesem Händedruck habe ich mich mit der anderen Hand am Türpfosten festhalten müssen!«, klagte unser Fritz.
Hansl tröstete ihn: »Dann sei froh, dass er dir nicht die Füße geschüttelt hat!«
An der Preinerwand-Südostkante (Rax) passierte Hansl etwas Saudummes. An der Schlüsselstelle wollte er das Seil mit dem Karabiner in einen Mauerhaken einhängen und rief »Zug!« ... worauf sein Partner Ederl blitzschnell Seilzug gab und sehr erstaunt war, dass darauf der Hansl (ebenfalls blitzschnell) durch die Luft flog.
Das Saudumme war nämlich, dass der Hansl schon um Seilzug rief, bevor er noch seinen Karabiner in den Haken eingehängt hatte! Ederl hatte somit seinen Partner praktisch mit dem Seil vom Überhang herabgerissen!
Hansl hatte Schmerzen im Knöchel. Ederl begleitete ihn ins Spital.
Ederl war moralisch fix und fertig. Er – für den Bergkameradschaft als das Allerhöchste galt – hatte seinen Partner in die Tiefe gerissen! Und obwohl ihm der Hansl immer wieder sagte, dass er selber seinen Sturz verursacht hatte, jammerte Ederl weiter wie eine Bank voll alter Weiber.
Ederl jammerte auch noch im Spital. Der Arzt versuchte ihn zu trösten ... Klettern ist ein gefährlicher Sport. Ederl soll froh sein, dass nicht mehr passiert ist. »So – und jetzt schauen wir uns Ihren Fuß näher an!«
Worauf Hansl still und bescheiden sagte: »Bittschön, Herr Doktor, sind Sie net bös, der Abgestürzte bin ich!«
Sir »Scarpietti«
»Scarpietti« bekam seinen Namen bei unserer ersten Dolomitenfahrt. Keiner von uns sprach Italienisch. Aus dem Wörterbuch suchten wir die Worte, die wir brauchen konnten. »Fieno« (Heu) war ein solches Wort, Heustadln waren unsere Talunterkünfte. Einmal hatte ich »Fieno« mit »Fiume« (= Fluss) verwechselt. Die Bäuerin sah mich nur groß an, als ich sie fragte, ob wir bei ihr im »Fiume« übernachten dürfen.
Unser Ernst Schuster wurde ebenfalls durch einen Irrtum zum »Scarpietti«. »Scarpa« – italienisch Schuh – und ein Schuster – so nahmen wir naiverweise an – ist dann ein »Scarpietti«.
Doch ein Schuster ist ein »Calzolaio«, und als wir auf das draufkamen, hatten wir uns an den »Scarpietti« schon so gewöhnt, dass wir dabei blieben.
Scarpietti war immer und überall ein Sir, der in gewählten Worten sprach und kühl jede Situation beherrschte. Nur einmal ist ihm etwas passiert, was ganz und gar nicht zu ihm passte – eine skurrile Geschichte, bei der es schwerfällt zu glauben, dass sie auch wahr ist. Sie ist es.
Die Überschreitung der Aiguille du Grépon in der Montblanc-Gruppe ist eine der schönsten Urgesteinsklettereien der Alpen ... fester Fels und originelle Kletterstellen. Da ist der Mummery-Riss, über den die Kletterer schon seit den Zeiten der Erstbegehung (die war 1891!) streiten, wie er besser zu derpacken sei ... mit Kraft oder Technik? Und es gibt ein »Kanonenloch« und ein »Fahrradband« (das so breit ist, dass es auch mit einem Fahrrad befahren werden kann).
Schöne Klettereien soll man an schönen Tagen machen. Am Tag, an dem wir zum Grépon aufbrechen wollten, wusste das Wetter selber noch nicht recht, wie es werden sollte. Und wir wussten nicht recht, ob wir losziehen sollten. Nur Scarpietti war optimistisch. Die paar Wölkchen am Himmel werden sich bald verziehen. Wenn es heute einen Wettersturz gibt, dann würde er – so sagte er – seine »neuen Handschuhe verspeisen«.
So viel Optimismus wirkt ansteckend. Scarpiettis neue Handschuhe waren bildschön und warm. Wir zogen los. Stunden später standen wir in der steilen Eisrinne unter den Felsen des Grépon. Die Sonne schien. Fünf Minuten später wirbelten die ersten Schneeflocken durch die Luft, finster wurde es über uns, und ein Schneesturm begann.
Jetzt hätte Scarpietti seine Handschuhe »verspeisen« müssen! Doch bevor wir uns an den Abstieg machten, musste er noch etwas anderes erledigen ... »Liebe Freunde, ich muss zuerst noch austreten.«
Wir überließen ihm einen kleinen Felswinkel in der Steilrinne und zogen uns diskret auf die andere Seite der Rinne zurück. Dort warteten wir. Sehr lange. Scarpietti war in dem Schneetreiben nur als schemenhafte Gestalt sichtbar. Plötzlich hörten wir ihn laut schimpfen, sogar das Wort »Scheiße« verwendete unser Sir.
Was war geschehen?
Scarpietti hatte seine Handschuhe ausgezogen und in den Schnee gelegt. Dann verlor er auf dem winzigen Platz etwas die Orientierung und ... schiss auf seine schönen neuen Handschuhe! Auf jene Handschuhe, die er verspeisen wollte, wenn es an diesem Tag einen Wettersturz gibt.
Sir Scarpietti ist wortbrüchig geworden.
Ernst und die Traubenkur
Eigentlich passt der Dr. Ernst Peinel nicht recht zu unserem bunten Haufen. Während wir alle das Bergsteigen recht locker betrieben, nahm es Ernst sehr ernst.
Keiner von uns »stählte seinen Körper, um am Berg zu bestehen«. Nur einmal sah ich Schwanda bei Klimmzügen am Türrahmen. Das war an einem Regentag in einer Schutzhütte, wo als Gaudi eine Klimmzug-Olympiade inszeniert wurde. Schon nach dem zweiten Klimmzug gab er auf ... »I bin ja kein Aff!«
Keiner von uns »führte seinem Körper die fürs Bergsteigen notwendigen Kraftreserven zu«. Als wir an einem schönen Herbstwochenende in den Gosaukamm fuhren, war Ernst mitten in einer Traubenkur zur Entschlackung des Körpers. Das brauchen die Organe, das sollten wir alle auch tun. »I brauch keine Entschlackung, i bin ja kein Hochofen!«, hatte der Hausner Hansl darauf gesagt.
Während wir in der Hütte Wurst und Käse aus unseren Rucksäcken gezogen hatten, saß der Ernst vor einer Proviantdose, die prallgefüllt mit Weintrauben war, und schob eine Beere nach der anderen in den Mund. Weintrauben sind was Gutes ... aber nur Weintrauben? »Magst nicht ein Stückl Wurst?«, fragte ich ihn. Ernst lehnte das Angebot ab. Er wollte nicht seine Entschlackung durch einige Wurstblattl gefährden.
Noch im Morgengrauen zogen wir los. Ernst schleppte so wie immer einen Riesenrucksack. Er wollte immer für alle Notfälle gerüstet sein. Er hatte nicht nur Reserveschuhbänder und Reservemauerhaken mit, mit seiner Notfall-Apotheke hätte ein Arzt wahrscheinlich sogar eine Blinddarm-Operation durchführen können.
Doch sonst war Ernst diesmal nicht so wie immer: Er rannte diesmal nicht voraus in einem Tempo wie ein wilder Stier auf der grünen Weide. Er ging mit uns und war auf dem langen Zustieg sichtlich froh über die kleinen Verschnaufpausen.
Wir wollten an diesem Tag an der Vorderen Kopfwand die Direkte Nordwestkante erklettern. Das ist nach dem Dachsteinführer von Willi End »ein hervorragender luftiger Anstieg in steilem, festem Fels mit herrlichem Tiefblick zum Hinteren Gosausee«. Berühmt ist der Überhang an der Kopfwandkante. Der schaut genauso aus, wie ein zünftiger sauschwerer Überhang auszuschauen hat – ist aber nicht so schwer, weil es gute feste Griffe an ihm gibt. Bei Kletterkursen wird er gerne mit den Besten des Kurses als Krönung gemacht.
Auch beim Klettern war unser Ernst nicht so wie immer. Als Seilzweiter legte er sonst allergrößten Wert darauf, dass das Seil über ihm stets locker blieb. Er wollte kein Mehlsack sein, der über eine Wand hinaufgezogen wird. Diesmal war er mucksmäuschenstill, wenn ich ihm diskret leichten Seilzug gab.
Und dann kamen wir zu dem berühmten Überhang, an dem man weit spreizen muss und zwischen den Beinen auf den Gosausee hinunterschauen kann. Da verließ den Ernst das letzte Patzerl Kraft und er sagte etwas, was vor seiner Entschlackung noch keiner von uns je von ihm gehört hatte: »Bitte, Zug!«
Wenn einem Wiener etwas nicht gutgetan hat, von dem er glaubte, dass es ihm guttun würde, dann sagt er: »Warum hab i die Krot (Kröte) gfressen?«
Warum hatte der Ernst die ganze Woche lang nur Weintrauben gefressen?
Nach der Kopfwandkante bestellte er im Gasthaus ebenfalls ein Gulasch. Doch sein Glaube an die Wunderkraft von Wunderkuren zur Gewinnung von Kraftreserven blieb ungebrochen. Im nächsten Jahr tankte er tropische Kraftsäfte ... So war er, unser Ernst.
Pauli, mach ein Gedicht!
Seinerzeit wurde in den Schutzhütten viel mehr gesungen. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg fanden wir keine rechte Beziehung mehr zu den Texten der alten Bergsteigerlieder ... »und sollt ihr mich zerschmettert finden am Fuß von einer Felsenwand«. Als ich in den Sechzigerjahren in Essen (Ruhrgebiet) einen Vortrag gehalten hatte, holte nachher einer der Jungen eine Gitarre hervor und alle sangen mir dann ihr neuestes und liebstes Bergsteigerliedl vor ...
Franzl, heute gehn wir klettern,
geh nur immer du voran.
I wer schon recht schrein und zetern
wenn i nimmer weiterkann.
Nimm mi ans Seil, nimm mi ans Seil
Franz, i merk scho, die Wand wird mir zu steil!
Und dann jammert sich der Kletterer Strophe um Strophe die Wand hinauf ...
»Franzl, geh ziag (ziehe), Franzl, geh ziag!
Franzl, geh halt mi, i gspür schon, i fliag!«
Doch auf dem Gipfel wird der Kerl wieder frech und munter:
»Gott sei Dank, jetzt sind wir droben.
Doch der Franz ist müd und matt
und er kann den Herrgott loben,
dass er so einen Partner hat!
Gib mir die Hand, gib mir die Hand!
Ohne mi wärst es doch net imstand.«
Im Wilden Kaiser ist dieses Liedl in allen Schutzhütten gesungen worden und es hatte den Essenern so gut gefallen, dass sie sich begeistert sofort den Text abgeschrieben hatten. Sie wollten es nicht glauben, dass dieses Lied vom Gegenteil aller bisher besungenen markigen Berghelden von den Wiener Kletterern schon seit vielen Jahren gesungen wurde. Von Hans Schwanda stammt die Melodie, den Text dichtete Pauli Wertheimer ... Dichtete?
Pauli war ein Naturtalent und wenn ihn irgendwas zum Dichten reizte, dann schüttelte er die Reime einfach nur so aus dem Ärmel. So wie er sein Leben lang auf Berge geklettert ist, so waren auch seine Gedichte – locker. Er brauchte weder eine Muse, die ihn küsste, noch eine stille Klause, um auf eine Inspiration zu warten. Er hatte seine Gedichte schon auf dem Rücksitz von fahrenden Autos verfasst wie auch auf dem stillen Örtchen einer übervollen Schutzhütte; er hat sie auf Speisekarten gekritzelt und einmal sogar auf die Rückseite einiger Straßenbahnfahrscheine (wobei er dann beim Vortragen Schwierigkeiten hatte, jeweils den Schein mit der Fortsetzung zu finden). »Pauli, mach ein Gedicht!«, wurde er unzählige Male gebeten, und so hatte er auch unzählige Gedichte gemacht.
Pauli war ein richtiges Wiener Kind; seine Gedichte sind lustig, auch kritisch und etwas bissig, aber nie bösartig. Sie lassen auch etwas von der Freude spüren, die er beim Niederschreiben hatte. Nur einmal ist dem Pauli nix, absolut nix eingefallen ...
Als Schwanda, Pauli und ich noch mit unserem »Alpinen Kabarett« unterwegs waren, wollten wir einmal Paulis Gedicht von der »Show in der Todeswand« akustisch ausbauen:
»Soll sich alles um dich drehen,
willst du in der Zeitung stehen,
steig in eine Todeswand,
denn dann wirst du interessant.
Du darfst keine Wand begehen,
wo dich nur die Gämsen sehen,
weil die Gämsen vieles treiben,
aber keine Zeitung schreiben ...«
Tonbandgeräte waren damals noch was Neues (und hatten noch die Größe von einem Reisekoffer), und für unseren Tontechniker Pauli gab es noch Anfängerschwierigkeiten beim Finden der richtigen Knöpfe und Tasten. Sieben Uhr Abend war es, bis wir endlich mit den Aufnahmen beginnen konnten.
Und da begannen für uns erst die Schwierigkeiten. Regentropfen und Hagelkörner sollten auf den Fels prasseln – doch als wir mit einer Gießkanne Wasser in eine Schüssel schütteten, klang das nur wie das sanfte Rieseln eines Marienbründls.
Richtig prasseln tat es erst, als wir Bohnen in einen Blechtopf schütteten.
Lange dauerte es, bis wir in unserer Wohnung die richtige Tür fanden, deren Zuschlagen wie Donner klang. Das Scharren der Fingernägel nach einem Griff im blanken Fels gelang uns mit einem Reibeisen aus der Küche. Und zum Stein, der den Todeswandbezwingern vom Herzen fiel, als sie den Gipfel erreichten, wurde für uns ein Stapel Bücher, den wir auf den Tisch plumpsen ließen ... aus ... Ende.
Auch uns fiel ein Stein vom Herzen. Mitternacht war’s geworden und wir waren hundemüde. Nur das ganze Tonbandl wollten wir noch hören.
Pauli drückte aufs Knöpfchen. Das Band lief. Wieder ein Druck aufs Knöpfchen – und der Pauli schaute drein wie der gesammelte Weltschmerz persönlich. »Kinder, jetzt hab ich das ganze Bandl wieder gelöscht!«
Бесплатный фрагмент закончился.
