Читать книгу: «Du bist doch wer»

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Der Autor

Jürgen Weigel, geboren 1955, Lehrer an einer Mittelschule in Bayern, verheiratet mit einer Grundschullehrerin und Vater zweier erwachsener Kinder. Als Beratungslehrer ist er als Referent an einer Pädagogischen Akademie tätig. Er hält Vorträge an weiterführenden Schulen („Pubertät – voll das Leben“); sowie an Grundschulen und in Kindergärten („Gelassene Eltern – starke und glückliche Kinder“).

In Lehrerfortbildungen setzt er sich mit den Themen „Schule vom Kind her denken“ und „Lehrer ist ein Beziehungsberuf“ für eine humane, Kindern gerecht werdende Schule ein. In seiner Freizeit ist er begeisterter Basketballtrainer und Tennisspieler.

Kontakt: juergen.weigel1@gmx.de

Jürgen Weigel

DU BIST DOCH WER

Anleitungen für innere Stärke und ein gelingendes Leben

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © Monkey Business (FOTOLIA)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

„Wir haben eine große Tradition im Dressurlernen,

aber keine Ahnung, wie man Haltungen entwickelt.“

Gerald Hüther

Für meine Schüler, die mich immer wieder begeistern, weil es ihnen gelingt, im Leben ihren Mann/​ihre Frau zu stehen.

Für meine Kolleginnen und Kollegen, die, – jeder auf seine Weise – sich mit enormem Engagement den Belangen ihrer Schüler widmen und die Hürden im schulischen Alltag immer wieder mit Bravour meistern.

Inhalt

Cover

Der Autor

Titel

Impressum

Zitat

Widmung

Vorwort

1. Kapitel: Ein gelingendes Leben führen - Gesund leben in einer kranken Welt

1 Haltungen sind die Grundlage eines gelingenden Lebens

2 Gesund leben in einer kranken Welt

2. Kapitel: Halt in Weisheiten finden

3 Wissen und Verständnis tragen mich durch das Leben

4 Ich will Erfolg

5 Ich will glücklich leben

6 Ich finde Sinn im Leben

7 Die Weisheit der Alten trägt mich durch das Leben

3. Kapitel: Innere Stärke gibt Halt

8 Ich bin stark

9 Alles was ich brauche finde ich in mir

10 Ich bin okay, so wie ich bin

4. Kapitel: Haltungen leben im Umgang mit anderen

11 Gelingende, gleichwürdige Beziehungen leben

12 Liebevolle Beziehungen leben - die Kunst des Liebens

13 Gelingende Kommunikation

5. Kapitel: Haltungen und innere Stärke zeigen im alltäglichen Leben

14 Mein Leben mit Kindern ist schön

15 Es gibt viele Wege ein guter Lehrer zu sein – nur, was brauchen Schüler?

16 Wie sich Mitarbeiter ihre Chefs wünschen

17 Der Tod gehört zum Leben

6. Kapitel: Wege finden

18 Wege zu einer Lebenskunst der Deutschen

19 Ich finde Wege zu mir

20 Das Prinzip Menschlichkeit - Wunsch und Wirklichkeit

Nachwort

Fußnoten

Vorwort

„Du bist doch wer, du kannst was“ sage ich immer wieder zu dem einen oder anderen meiner 14- bis 16-jährigen Schüler an einer bayerischen Mittelschule, um sie aus den Niederungen pubertärer Verunsicherungen zu befreien oder arg cooles oder unkontrolliertes Verhalten zu hinterfragen, damit sie anfangen, ihr Leben selber in den Griff zu nehmen. Und später kann ich oft nur staunen: Bei Klassentreffen sehe ich sie Jahre danach und stelle fest: In der Tat „Du bist jetzt wer“: Mutter, Vater, Häuslebauer, im Beruf erfolgreiche Meister, Handwerker, zum Teil sogar Akademiker. Alle, wirklich fast 100 Prozent dieser Kinder auf dem Land, haben aus ihrem Leben etwas gemacht. Sie leben ein gesundes, Vernunft gelenktes Erwachsenen-Ich. Manch einer blickt zurück: „Mei, damals war ich noch blöd.“ – „Irgendwann habe ich verstanden, ich muss lernen“.

Ich muss zugeben, dass ich für das fragwürdige Verhalten 14 - 16-Jähriger Verständnis habe, gleicht doch das Gehirn von Pubertierenden einer Baustelle. Ist nicht diese Zeit des Aufs und Abs der Emotionen, im Grunde eine sehr intensiv gelebte Zeit, in der der junge Mensch vor allem mit sich selber beschäftigt ist und der Entdeckung der eigenen Identität. Wir erinnern uns doch!

„Du bist doch wer“ ist auch die Botschaft, die ich in Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen streue. Es freut mich, wenn sie sich regelmäßig vertrauensvoll mit persönlichen Anliegen an mich wenden. Dann halte ich mich mit schnell formulierten Ratschlägen zurück und frage: „Was meinst denn du?“ - „Wie willst du es denn machen?“. Ich sage: „Du bist doch schon groß“ – will heißen, du weißt doch, was zu tun ist, du spürst doch, was für dich das Beste ist. Damit appelliere ich daran, zu Entscheidungen zu stehen, welche ihrem Wissen, ihren Kompetenzen und Kenntnissen gerecht werden. Meine Botschaften sind im Grunde: Du bist doch schon so lange LehrerIn, erfolgreiche Familienmanagerin, erwachsen – Du bist wer! Dir muss man doch nichts mehr erzählen: weder Eltern, noch Kollegen, noch Vertreter der Schulbürokratie. Mach es genauso, wie du willst. -Vertraue auf dich, auf dein Bauchgefühl. Wenn sie sich dann für einen Weg entscheiden, bestätige ich sie gerne.

Der Titel dieses Buches hatte letztlich aber seine Wurzel in der Geschichte einer Kollegin. Sie erzählte mir von einem Gespräch mit ihrer Mutter, die sich verändert hatte, zuletzt viel mehr auf Menschen zuging, viel mehr und bewusster mit anderen kommunizierte und offensichtlich das Leben wieder von der positiven Seite sah. Von ihrer Tochter auf diese Veränderung angesprochen, meinte die Dame: „Vor einem Jahr sagtest du zu mir: Mama, du bist doch wer! Ich musste damals darüber nachdenken. Ja, du hast Recht und ich kann nur dankbar sein für mein Leben.“ Sie hatte im Laufe der Zeit zurückgezogener gelebt und so im Grunde Facetten ihrer extravertierten Persönlichkeit brach liegen lassen. Zuletzt hatte sie diese wieder neu entdeckt und ausgelebt. Meine Kollegin hatte einfach den immer wieder von mir geklopften Spruch weitergetragen. Ich muss zugeben, ich was richtig erstaunt und happy. Oft sind es kleine Dinge, die großes bewirken. Ich stellte fest: Es ist so: „Gedanken erschaffen dein Leben.“ Eigentlich müsste man dieser Dame das Buch widmen, bestätigte sie mich doch so sehr in meinem Denken und meinen Haltungen.

Der Leser und die Leserin stellt sich beim Lesen dieser Zeilen natürlich Fragen „Und wie sieht es bei mir aus? – Wer bin ich?“

Selbstverständlich habe ich darauf meine eigenen Antworten gefunden. Ich möchte sie allgemein – etwas philosophisch – formulieren und würde mir wünschen, dass der Leser und die Leserin beim Zuklappen dieses Buches einiges davon für sich selber mitnimmt.

Nun, ich bin vor allem Mensch. Als solcher als hilfloses Wesen auf die Welt gekommen, um mich mit anderen Menschen zu verbinden und geliebt zu werden. Für mich sind diese Bindungen und Beziehungen existentiell bedeutsam, bin ich doch durch und durch ein Sozialwesen. Ich habe mich aus mir selbst heraus entwickelt, bin schon lange selbstständig, mir selbst und anderen gegenüber verantwortlich. Ich lebe selbstbestimmt. Als Mensch besitze ich eine Würde. Daraus kann ich das Recht ableiten, von anderen mit Respekt, Wertschätzung und Achtung behandelt zu werden, so wie ich diese auch anderen entgegenbringe. Außerdem habe ich den Anspruch, glücklich zu leben und das bin ich. Wie das gelingen kann, versuche ich im Buch darzustellen. Außerdem bin ich meine Wege gegangen und habe mir Herausforderungen gesucht und das, was ich dabei an Erfahrungen gesammelt und die Art und Weise, wie ich sie verarbeitet habe, trägt mich durch mein Leben. Ich bin aus allem gestärkt hervorgegangen. Ich besitze ein positives Selbstbild und Selbstwertgefühl. Anderen Menschen mache ich es im Umgang mit mir leicht, weil mich vor allem Humor und Lebensfreude kennzeichnen. Immer wieder versuche ich mit Entdeckerfreude Neues an mir zu finden: früher als erfolgreicher Sportler, Trainer, als Vater, korrekter Lehrer, heute mit einer gewissen „Jugend-forscht-Mentalität“ als Kunsthandwerker und Buchautor. Ich möchte mit Fug und Recht von mir behaupten: „Ich bin wer, mein Leben ist schön!“

Du bist doch wer! ist der Satz mit dem ich an das Selbstwertgefühl von Mitmenschen appelliere. Gerade Zeitgenossen meiner Generation der Nachkriegskinder weisen nach meiner Beobachtung nicht gerade ein solides Selbstwertgefühl. Ich habe den Eindruck, so viele schleppen aus ihrer Kindheit einen zentnerschweren Rucksack durch ihr Leben und es fällt ihnen schwer, diesen abzulegen, um leichter durch das Leben zu schreiten.

Der Satz „Du bist doch wer!“ will aufrütteln und er tut es. Er soll zur Reflexion animieren, dass man als erwachsener Mensch doch etwas darstellt. Viele haben jahrelang im Berufsleben oder als Vater, Mutter, in welchen Aufgabenfeldern auch immer, ihren Mann oder ihre Frau gestanden. Wir besitzen in vielen Bereichen unsere Fähigkeiten und haben reichlich Grund uns als wertvoll zu erachten. So manche Frau besitzt ordentliche Frauenpower und wer ein Herzensmensch ist, zeigt sich als freundliches, herzliches und menschliches Wesen, das für jedermann erreichbar und wirklich einfach liebenswert ist. Viele besitzen Ausstrahlung, vielleicht auch ohne sich dessen bewusst zu sein, wie sie damit bei anderen „punkten“. Wir sehen auch viel zu wenig, wie sehr wir das Leben meistern und Krisen bewältigen. Es gibt also allen Grund erhobenen Hauptes durch das Leben zu gehen, an sich zu glauben und sich zu vertrauen.

Das doch im Titel möchte einen gewissen Trotz zum Ausdruck bringen und besitzt etwas Forderndes. Die erworbenen Erkenntnis „Ich bin wer“ ist auch ein Aufruf, sich nicht alles gefallen zu lassen, nicht über Gebühr zu kooperieren und nicht zum Opfer von Lebensumständen oder Menschen zu werden, die uns nicht gut tun. Denn wir haben unsere Bedürfnisse, wir leben Werte und vor allem, wir besitzen, wie gesagt, eine Würde und wir sollten es nicht zulassen, dass die Integrität, die sich in all dem verbirgt, mit Füßen getreten wird. Wir haben ein Recht, dass man uns mit unseren Bedürfnissen sieht und es ist nur recht, diese einzufordern. Wir können das kommunizieren, wir sind Erwachsen, kein Kind mehr.

Was will dieses Buch?

Dieses Buch will Leser animieren, an sich zu glauben; es gibt Anleitungen zu eigener Stärke zu finden. Es beschreibt ein gewisses Know How der Lebens- und Beziehungskompetenzen, das getragen wird von Erkenntnissen aus der Psychologie und Philosophie.

Es ist somit der Abschluss meiner persönlichen Suche nach vielen philosophischen Fragestellungen und vor allem auch einer Phase, die für mich dadurch gekennzeichnet war, dass mein Spaß am Leben ein Loch hatte. Es war die Zeit, in der ich meine Souveränität verlor, um dann wieder zu innerer Stärke und zu Einstellungen zu finden, die mich heute durch mein Leben tragen. Beides ist Gegenstand dieses Buches, das den Leser zu der Überzeugung führen möchte: Ja, ich bin wer! – ohne doch, verbunden mit einem überzeugenden Ja zum eigenen Ich.

Eins kommt noch hinzu: Man kann es schaffen in dieser kranken Welt einen gesunden Weg zu gehen. Dazu braucht es Haltungen: zu sich, zum Leben mit Anderen, zu den Gegebenheiten unserer Zeit.

Haltungen geben Halt

Die beschriebenen Haltungen führen den Leser zu einem erfüllten, guten, ich bezeichne es aus gutem Grund, als gelingendes Leben. Nur, was kennzeichnet ein gelingendes Leben? Antworten – meine Antworten – enthält dieses Buch.

Ich lade den Leser und die Leserin ein, sich mit meinen Antworten auseinanderzusetzen. Dieses Buch ist keine leichte Kost, vor allem, weil diese Reise den Leser mit sich selber konfrontiert. Er wird zu einem inneren Dialog angeregt. Das ist nicht jedermanns Sache. Menschen, für die alles klar ist, wollen sich nicht mit derartigen Reflexionen belasten. Man muss sich in der Tat nicht mit Psychologie und Philosophie beschäftigen – aber es lohnt sich.

Ein Buch schreiben

Wenn man schreibt hat man nicht die Vorstellung im Kopf eine Leserschaft zu bedienen. Man tut es, weil es einen irgendwie dazu treibt, weil es eine Leidenschaft und Freude ist, im Grunde um des Schreibens Willen. Ich kann es nur jedem empfehlen. Schreiben macht einfach Spaß. Vielleicht möchte man auch ein Thema, das einen bewegt abarbeiten und letztlich „wegpacken“. Das gilt wohl auch für mich. Dennoch muss man vor einer Veröffentlichung Realist sein und sich Fragen stellen: Wer will das lesen? Wer will das wissen? Ich denke, dies ist ein Buch für Suchende, für Menschen, für die nicht alles klar ist. Menschen, die sich für Philosophie und psychologische Fragestellungen interessieren. Und es könnten auch Menschen, insbesondere meines Berufsstandes sein, die bereit sind Anregungen aufzunehmen, um zu innerer Stärke zu finden.

Bei Vorträgen vor Eltern vertrete ich die Behauptung, dass Kinder dann glücklich werden, wenn sie eben glückliche Eltern haben. Es kommt schließlich alles aus einem Selbst. Nur, wie sollte dieses Selbst strukturiert sein? Wann ist man glücklich und wirklich stark? Dies zu erkunden trieb mich an.

Hinzu kam im Laufe der Zeit die Überzeugung: Hat man Probleme mit anderen Menschen, so kann man es wohl kaum schaffen, diese zu verändern. Was man jedoch tun kann ist, zu ihnen eine andere Haltung einzunehmen. Diese Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Es liegt also an einem selbst, sich stark zu machen und glücklich zu leben. Eine These, die man heute in jedem Buchladen findet, in Büchern, die etwas spirituell angehaucht sind, in denen zum Beispiel gefordert wird, man solle sein inneres Kind heilen und sich selber lieben. Das bestätigt auch der Neurobiologe Joachim Bauer in seinem neuen Buch „Selbststeuerung“, in dem er beschreibt, wie es uns gelingen kann durch Ausprägung unseres Stirnhirns – dem Präfrontal-Kortexes – unser Impulsverhalten zu regulieren und uns selber zu kontrollieren. Er stellt dar, wie wir Herr/​Frau über unsere Gefühle und unser Leben werden können.1 Er belegt damit eindrucksvoll: Gedanken erschaffen unser Leben.

Außerdem beschäftigt mich eine zentrale Fragestellung: Wie steht es um das Selbstwertgefühl meiner Zeitgenossen? Ich denke, dass es bei vielen nicht sehr gut damit bestellt ist. Mangelndes Selbstwertgefühl zwingt so manchen in das Hamsterrad unserer Leistungsgesellschaft, was einher geht mit einem enormen Funktionsmodus und mangelnder persönlicher Achtsamkeit. Eine Freundin meinte dazu ganz lapidar: „Man tut eben, was alle tun, fleißig sein, ohne zu reflektieren.“

Hintergrund des Schreibens ist aber vor allem eine Leidenschaft. Ich sammele gerne Steine und es ist schön, daraus etwas Schönes zu bauen. Das ist im übertragenen Sinne zu verstehen. Bücher sind für mich wie Strandabschnitte am französischen Atlantik. Man „spaziert“ an diesen entlang und sammelt schöne Dinge. Manche finden Schnecken oder Muscheln. Ich liebe schöne Steine, die ich in einen Rucksack packe und mit nach Hause trage, um sie auszupacken, zu betrachten und zu sortieren. Wenn man will kann man daraus etwas bauen. Beim Lesen finde ich solche „Erkenntnissteine“, die ich in einem Büchlein verewige. Im Laufe der Zeit betrachte ich diese immer wieder und dann fange ich an zu schreiben. Es entwickeln sich so feste Überzeugungen und Haltungen, die ich gerne diskutiere. Das macht Spaß und ist zu einem leidenschaftlichen Hobby geworden. Meine ersten „Erkenntnissteine“ rankten um die Thematik des Lebens von Eltern mit ihren Kindern, die ich schließlich in dem Buch „Gelassene Eltern – starke und glückliche Kinder“2 zusammenfasste. Im Laufe der Zeit war es unbefriedigend geworden, mich bei von mir in meiner Funktion als Beratungslehrer organisierten Informationsabenden darauf zu beschränken, das bayerische Schulsystem zu erklären. Ein Grund liegt darin, dass ich es in seiner vertikalen Struktur mit der Selektion nach der vierten Klasse als grausam empfinde. Ich denke Kinder, Eltern wie auch Grundschullehrer und Grundschullehrerinnen leiden darunter. (Andererseits bietet seine horizontale Struktur der großen Durchlässigkeit wirklich gute Möglichkeiten!). Ich begann daher an solchen Abenden auch darüber zu referieren, was Kinder für ihr Leben bräuchten und das ist wirklich viel mehr als gute Noten und einen Abschluss an der Wunschschule. Mir war und ist noch heute die hohe Erwartungshaltung von Eltern, ihr Anspruchsdenken, der ganze Förder- und Erziehungshype und die oft zu beobachtende pädagogische Käfighaltung von Kindern ein Dorn im Auge. Ich kritisiere auch gerne fragwürdige Selbstverständlichkeiten im System Schule und so manches Verhalten von Lehrern, insbesondere wenn sie sich mehr dem Stoff als ihren Schülern verpflichtet fühlen. Es ist so wichtig, viel Verständnis für Kinder und Jugendliche aufzubringen. Ich bin überzeugt, man muss Menschenfreund sein um seinen Schülern gerecht zu werden. Aber das ist ein ganz eigenes Thema, auf das ich in einem eigenen Kapitel eingehe (siehe Abschnitt 15 Seite 122).

So durchlebte ich eine längere Zeit, in der ich so vieles hinterfragte und anzweifelte, die mich in der Folge in die Erkenntniswelt von Joachim Bauer, Gerald Hüther, Remo Largo und Jesper Juul führte. Ein faszinierende Welt voller Wissen und so vieler „Erkenntnissteine“. Es war letztlich auch befreiend, diese in einem Mutmachbuch für Eltern zusammenzufassen.

Ganz anders verhält es sich mit diesem Buch. Am Ende brachte mich eine eigene Lebenskrise erneut zum Schreiben. So wurde es ein Ermunterungsbuch, das einen Weg beschreibt, wie man im Leben zu innerer Stärke finden kann.

Auf dem Weg zur Erstellung dieses Buches hatte ich Begleiter. Menschen, die mich ermunterten, diese Erkenntnisse zu veröffentlichen, die mir ihre Sichtweisen vermittelten, die auch konstruktive Kritik äußerten und immer wieder Texte lasen und mir somit als Lektoren behilflich waren. Ich bin ihnen sehr dankbar. Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden. Sie werden sich in diesem Buch wiederfinden. Somit ist es auch ihr Buch.

1. KAPITEL: Ein gelingendes Leben führen – Gesund leben in einer kranken Welt

1 Haltungen sind die Grundlage eines gelingenden Lebens?

Nur, was kennzeichnet ein gelingendes Leben?

Aus meiner Sicht sind die bedeutenden Dinge weniger Besitztümer, Geld, Wohlstand, Schönheit, Fitness, gesellschaftliches Ansehen, zum Beispiel durch einen angesehenen Beruf. Nein, dahinter steckt ganz viel Schein. Viel interessanter ist für mich das Sein im Leben. Im Grunde ist es, etwas überspitzt ausgedrückt, egal ob man Bäckereiverkäuferin, Fahrlehrer, Briefträger, Lehrer, Anwalt, Chefarzt oder ein Manager ist, letztlich ist das Wesentliche, wie man diese Tätigkeiten im Alltag ausübt. Und es geht aus meiner Sicht auch weniger um Erfolg im Leben als vielmehr darum, wie sehr einem das Leben gelingt. Ich bin ein großer Anhänger des Gehirnforschers Gerald Hüther und seiner Erkenntniswelt. Hüther beschreibt die Problematik mit dem Bild eines Kirschkuchens. Der kann kein Erfolg sein, er kann nur gelingen. So verhält es sich eben auch mit dem Leben. Man kann im Leben Erfolg haben, aber das Leben an sich kann nur gelingen.

Und für mich geht es gar nicht um gesellschaftliche Konventionen und Hierarchien, um dieses perfide Machtgehabe, um dieses „Ich Chef – du nix“ Getue von gestern, von Menschen, die Regeln aufstellen und Disziplin und Gehorsam einfordern. Menschen, die in einer Welt des „Is so!“ leben.

Nein, für mich geht es im Leben um etwas ganz anderes. Wir bekommen es gerade vorgelebt. Seitdem ich ihn das erste Mal sah, verfolge ich sein Wirken und seine Worte mit einem offenen Mund des Erstaunens: Papst Franziskus steht für mich für eine Zeitwende, die so viele spüren. Er ist ein Vertreter eines neuen Zeitgeistes und er lebt vor, was das Bedeutsame im Leben ist, nämlich das Menschliche. Das Wesentliche ist das Warmherzige, die Toleranz und Verständnis für die Schwachen. In dem Papst sehe ich so viele Werte gelebt, die mir wichtig sind und die mir so oft in unserer Welt von Konsum, Wohlstand, diesem Wettbewerb und diesem Vergleichen, dieser unsäglichen Neidkultur, dem Druck in unserer Leistungsgesellschaft und den fragwürdigen Folgen unserer Welt der Social Media, all diesem Opium für das Volk, abgehen. Und eins symbolisiert er ebenfalls, eine unsägliche Kraft und Stärke. Man kann die Zivilcourage von Papst Franziskus nur bewundern. Erstaunlich wie er mit den hierarchischen Strukturen und Konventionen in der Kurie aufgeräumt hat. In so vielen Bereichen wäre es auch bei uns erforderlich alte Zöpfe abzuschneiden. Außerdem steht er auch für das Prinzip Hoffnung. Ich denke, man muss optimistisch sein und an das Gute im Menschen und in der Zukunft glauben. Ich bin in der Tat überzeugt, wir stehen vor einer Zeitwende, vor einer Zeit, in der es darum geht gleichwürdige, liebevollere Beziehungen zu leben, wie sie die Transaktionsanalyse als ein Muster des Zusammenlebens beschreibt: „Ich bin okay, du bist okay“.3

Im Kern behandelt dieses Buch zwei Aspekte des Lebens, nämlich die Bedeutung des Prinzips Menschlichkeit und, wie es eben auch im Buchtitel heißt, um die Entwicklung von Resilienz, von innerer Stärke.

Auf die Frage nach einem gelingenden Leben gibt jeder eine andere Antwort und jeder sieht es etwas anders. Manche versuchen zu Wohlstand zu kommen und sind stolz auf erworbene Besitztümer. Für andere bedeutet es Zufriedenheit, mit sich und der Welt. Diese rührt vielleicht daher, dass man das Beste aus seinem Leben und aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Wiederum andere erklimmen die Gipfel hoher Berge oder stellen sich immer wieder neuen Herausforderungen, deren Bewältigung ihr Leben bereichert. Darin finden sie ihr Glück. Überhaupt, glücklich zu sein ist für viele das Ziel im Leben, was immer sie darunter verstehen. Und manch einem geht es darum, Sinn im Leben zu finden.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat die Frage beantwortet und seine Vorstellungen bestätigen mein Denken und geben mir Orientierung. Er meint, es sei das Ziel ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen, das auf wechselseitiger Anerkennung und Respekt des Andersseins beruht. In diesem Sinne verstehe ich Lebenskunst als Fähigkeit beziehungsweise Kompetenz, gelingende Beziehungen zu leben. Liebevolle Beziehungen fordert auch der Gehirnforscher Gerald Hüther mit der Begründung, dass unser Gehirn ein Sozialorgan ist und wir Menschen auf Altruismus und Gemeinschaft ausgerichtet sind – eine spannende These, auf die ich detailliert eingehen möchte. Die Höchstform dieser Lebenskunst zeigt sich in der Kunst des Liebens, die ich anhand der philosophischen Ausführungen von Erich Fromm beschreibe (siehe Seite 106 folgende).

Voraussetzung für ein erfülltes Leben ist, nach Habermas Zielsetzung, die Fähigkeit frei und selbstbestimmt zu leben. Das erfordert eine gewisse Souveränität, sein Leben auf der Grundlage eines stabilen Ichs zu leben, das von Selbstwertgefühl und den Tugenden einer starken Persönlichkeit getragen wird.

Es ist Ziel dieses Buches darzulegen, wie man es schaffen kann eine derartige Souveränität und Lebenskunst zu entwickeln, die nicht nur dem Einzelnen zu Gute kommt, sondern letztlich auch zu einer freieren und besseren Gesellschaft beiträgt.

Diese Souveränität findet der Einzelne nur in sich. Daher ist es ein Anliegen, den Leser über Selbstreflexion, eine Art Dialog mit sich selbst, zu Achtsamkeit, einem gesunden Selbstwertgefühl und zu innerer Stärke zu führen. Diese beruht in erster Linie auf Gedanken, auf verinnerlichten Werten und Überzeugungen – Erkenntnissen und Zielsetzungen, die einen wie ein Geländer durch das Leben leiten. Ich bezeichne diese als Haltungen, die Halt geben.

Haltungen und Affirmationen tragen uns durch unser Leben.

Ich bin überzeugt, es sind unsere, im Laufe der Zeit erworbenen Werte und Erkenntnisse, Ergebnis unserer Erfahrungen, unseres Wissens, im Grunde unsere Persönlichkeit, die sich in persönlichen Haltungen verdichten und uns durch das Leben tragen. Sie machen unsere innere Stärke aus.

Gerald Hüther behauptet:

„Wir haben eine große Tradition im Dressurlernen, aber keine Ahnung, wie man Haltungen entwickelt.“

Dieses Buch ist bespickt mit Haltungen, die, als Affirmationen formuliert, den Leser zur Selbstreflexion anregen sollen. Ich glaube daran, dass solche Botschaften an unser Selbst zu einer positiven Lebensführung beitragen.

Sie beeinflussen unser Fühlen, Denken und Handeln nachhaltig. Man picke sich einfach ein, zwei heraus und verinnerliche sie. Sie können eine Stütze im Leben sein. Daher bilden Affirmationen das Gerüst dieses Buches. Einige seien vorweg genannt:

Mein Leben ist schön. Ich bin okay, so wie ich bin. Alles was ich brauche finde ich in mir. Ich bin doch schon groß. Ich bin ein freier Mensch und ich habe die Wahl. Jede Krise ist eine Chance. Mein Leben macht Sinn. Anderen Menschen Gutes tun, macht mich selber glücklich.

Eine Freundin las diese Affirmationen. Sie meinte, eine Ressource für ihr Leben fand sie immer in der Überzeugung: „Ich schaffe alles, egal, was kommt.“

In einer Sitzung philosophierte ich mit Kollegen über solche Selbstbekräftigungen. Ich behauptete: „Es ist doch ganz leicht. Man steht auf und im Bad sagt man zu sich. Heute ist ein schöner Tag. Ich bin gut.“ Eine Kollegin meinte dazu ganz trocken: „Aber bitte nicht am Morgen, da schaue ich aus wie Frankensteins Gruftspion.“

Affirmationen:

Ich sah eine Dokumentation und amüsierte mich köstlich. Ein Universitätsprofessor veranstaltete mit circa zwölf Studenten eine Art Polonaise. Sie liefen im Kreis, sie klopften sich auf die rechte Schulter und sagten mantraartig: „Das haben wir gut gemacht, das haben wir gut gemacht.“ Die Stimmung in dem Raum war ungemein locker, alle waren bestens gelaunt. In der Folge wurde der Wert solcher Botschaften geklärt. Ich war danach überzeugt, dass ein derartiger Dialog mit Ich-Botschaften mit dem eigenen Selbst hilft, Dinge leichter zu nehmen. So empfehle ich Schülern vor Prüfungen sich immer wieder zu sagen „Ich habe gelernt, ich kann etwas“, damit sie ihre Prüfungsangst überwinden.

„Das Leben liebt mich und ich liebe das Leben“, ist die Botschaft der phänomenalen Louise Hay: Ich entdeckte die 85-jährige Dame in der Zeitschrift „happinez“4. Ihre Lebenseinstellung kann begeistern. Sie sieht aus wie eine Mitfünfzigjährige und ist das Strahlen in Person. Die attraktive Louise Hay ist die Päpstin der Affirmationen. Affirmationen sind Botschaften an sich selbst. Sie dienen dazu, im Leben etwas zu entfernen oder Neues zu erschaffen. Louise Hay meint, dass wir mittels Affirmationen Erfahrungen in unserem Leben bekräftigen. Ziel ist es, sich selber zu stärken. Ich bin davon überzeugt, dass diese Technik der Selbstakzeptanz hilft, gestärkt durch das Leben zu gehen.

Aus diesem Grund sind die meisten Kapitel dieses Büchleins auf Affirmationen aufgebaut. Den Wert und die Bedeutung von Ich-Botschaften belegt außerdem die Kommunikationsforschung.

Eine Affirmation beinhaltet eine zentrale Botschaft, die ich mit anderen Persönlichkeiten teile:

„Gedanken erschaffen mein Leben“ …

… behauptet der erfolgreiche Psychologe und Lebensphilosoph Robert Betz. Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf sieht es ganz einfach: „Ich mach mir die Welt so, wie sie mir gefällt.“Derartiger Humor a la Pippi gehört für mich zu den wertvollsten Lebensphilosophien. Der erstaunliche Körperleser Thorsten Hafener sagt „Gedanken erschaffen deine Gefühle“ und „Alle Macht kommt von innen“.5

Wir haben die Wahl, wie wir durch das Leben wandern: als Gernot Hassknecht, als ängstlicher Anton, egozentrischer Egon, gestresster Georg, Stefan Schnell, wie ein weiser Dalai Lama oder glücklicher Gerd. Ich denke, wir können in unserer Persönlichkeit viele dieser Figuren abdecken. Wir haben sie alle im Programm, aber unsere Gedanken und Haltungen beeinflussen, welche wir zeigen und verinnerlichen. Und es ist sicherlich möglich wie ein weiser Dalai Lama oder glücklicher Gerd zu leben. Am besten man vermeidet deshalb das leidige Vergleichen, Neid, Egozentrik und wehrt sich gegen fragwürdige Gegebenheit unserer Zeit wie Schnelllebigkeit, Leistungsdruck und Fremdbestimmung. Dazu gehört vor allem Achtsamkeit, für sich, seine Mitmenschen und seine Umwelt. Mittels Affirmationen kann diese Haltung verinnerlicht werden.

Dazu passt das herrliche Lebensmotto „think pink“. Es will dazu auffordern, sein Leben positiv zu sehen und optimistisch zu sein. Tatsächlich ist das Glas aus meiner Sicht stets halbvoll und nicht halbleer und wenn das Weihnachtsgeld auf dem Gehaltszettel erscheint, rege ich mich nicht über den Staat auf, wie viel mehr an Steuern ich zahlen muss, sondern freue mich einfach, dass ich mehr Geld zur Verfügung habe. Da hat jeder die Wahl, wie er damit umgeht. Meine persönliche Devise lautet „think blue“. Ich rechtfertige mich gerne über meine Ansichten, indem ich sage: „Schau mich an, ich habe blaue Augen. Ich kann gar nicht anders als Dinge blauäugig zu sehen.“ Aber ich bin überzeugt, mein Denken ist nicht naiv. „Think blue“ möchte ich so verstanden wissen, dass man Dinge wie unter einem blauem Himmel betrachten kann. Dann kann man weit schauen und alles ist klar und strahlend. Auch wenn der Himmel bewölkt ist, es im Leben stürmt und gefriert, sollte man die Wärme sehen, das Warmherzige der Menschen und ihr Strahlen. Es wäre schön, wenn man sein Leben leicht nehmen könnte.

Unser Leben ist die Summe unserer Erfahrungen

Ich war sehr beeindruckt von einer Schauspielerin, die in der Radiosendung „Mensch Otto“ interviewt wurde. Sie war zwei Mal an Leukämie erkrankt und hat es trotz der schlechten Prognose geschafft, die Krankheit zu überwinden. Sie meinte zum Erstaunen der Zuhörer, dass die Krankheit wichtig und positiv für sie und ihr Leben gewesen sei. Sie könnte nun die schönen Seiten viel intensiver genießen. Sie hat sich ihr Schicksal in einem Buch von der Seele geschrieben und ist auch davon überzeugt, dass wir es selber in der Hand haben, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Derselben Meinung ist die Schauspielerin Anna Loos, die mit großer Ernsthaftigkeit in der NDR Talk-Show 3 nach 96 meinte: „Wir sind die Summe der Geschehnisse, die uns widerfahren. Aber wir sind es selber, die unser Schicksal beeinflussen.“

In so vielem zeigt die Individualisierung in unserer Gesellschaft auf der anderen Seite der Medaille üble Auswüchse von Egomanie.

2 Gesund leben in einer kranken Welt

Man spürt es, wenn man die Grenze nach Deutschland überfährt. Plötzlich ist es anders. Alles wird schneller, im Grunde wahnsinniger. Mit 160 km/​h auf der linken Spur muss man vorsichtig sein, damit man nicht von einem AUDI, BMW, Mercedes, Porsche … mit 230 km/​h „weggeblasen wird“. In keinem anderen Land der Welt kann man mit 280 km/​h über die Autobahn brettern. In den USA fährt man auf einsamen Straßen stundenlang lässig mit Tempomat. Unser Land ist dagegen dicht besiedelt, da gehen 280 Sachen auf der Autobahn. Und diese irrsinnige Gegebenheit ist mittlerweile ein Wirtschaftsfaktor: Man fliegt aus China und von sonst wo ein, mietet sich am Flugplatz eine Turbomaschine und dann geht`s los, mit 220 ab nach Rothenburg, Heidelberg, Neuschwanstein und ins Outlet-Factory.

Die Autobahn ist nur ein Beleg für dieses fragwürdige Turboleben. Ein solches sehe ich auch in dem Leben mit Kindern in diesem Land. Ab einem Jahr geht es in die KITA, dann in den Kindergarten, aber bitte mit Vorschulprogramm: Förderung erwünscht, nur nicht zu viel sinnentleertes Spielen. Denn umso früher, umso besser, ab in die Schule zum Lernen, Vorbereitung auf das Grundschulabitur in der vierten Klasse, das alle Türen öffnet: Abitur nach neun Jahren. Wer nicht funktioniert bekommt Ritalin. Zur Einschreibung an der UNI müssen Papa oder Mama mit, schließlich ist man noch nicht volljährig. Dafür ist man dann mit 21 mit seinem Bachelor fertig. Dann kann man 50 Jahre arbeiten und in die Sozialkassen einzahlen. Neben Turbo heißt das Motto Funktionieren: Leistung zeigen, im Wettbewerb bestehen. Hat man es geschafft, sein Leben mit einer ertragreichen Berufstätigkeit selber in die Hand zu nehmen, freut sich die Wirtschaft. Man ist der Konsument, den sie sich wünscht, beschäftigt mit Kaufen all der schönen Produkte, die man erwerben kann: insbesondere ein dickes Auto, tolle Kleidung, später ein schönes Haus. Man zeigt, was man hat. Und Haben ist wichtiger als Sein.

In meiner Schulklasse hatte ich eine sehr kommunikative, diskussionsfreudige Schülerin, die mit Leidenschaft ihre Argumente mit einem nachdrückliche „Is so!“ bekräftigte. In der Klasse wurde diese Wendung Kult.

Ich dachte mir: In der Tat, wir leben in einer Welt des „Is so!“. Eigentlich ist alles klar. Es ist so vieles selbstverständlich, was für mich nicht selbstverständlich ist und das ich als krank empfinde: Dieses Denken, dass Geld die Welt regiert, es wie gesagt um Kaufen, Kaufen, Kaufen geht. Das wichtigste ist die Wirtschaft und man lebt Hierarchien: Der Ober sticht den Unter – „is so!“. So vieles ist in meinen Augen pathologisch: Diese Unmengen an Schönheitsoperationen, dieser ganze Jugend– und Fitnesswahn, dieser Körperkult. Wo ist der Respekt vor dem Alter? Juli Zeh beschreibt genial diese Selbstoptimierer, deren Smartphones und Apps es möglich machen, seine Schritte, seine Kalorien, seinen BMI, … zu bestimmen und am PC zu zählen.7 Es herrscht ein Machbarkeitswahn im Streben nach Schönheit, Erhaltung der Jugend und des Glücks. Die Positive Psychologie suggeriert „Flourishing“: Du bist Herr deines Glücks. All das macht Stress! Die Zunahmen an Depressionen, das Phänomen Burnout, das wundert mich nicht! Bei diesem Denken werden Kinder zu einem Unglück, die körperlichen Veränderungen in einer Schwangerschaft zum Supergau für das eigene Ego. Eine Kabarettistin beleuchtete die Problematik: Da nimmt man sich eine Leihmutter aus Asien, setzt ihr die befruchtete Eizelle ein und lässt sich das Kind austragen. Das ist eine Win-Win-Situation, da leistet man sogar noch Entwicklungshilfe.

Und sieht man junge Menschen an der Bushaltestelle oder gemeinsam im Cafe sitzen, so glotzen sie nur auf ihre Smartphones. Man spricht nicht miteinander, hat aber 300 Freunde auf Facebook und WhatsApp. Wir bekommen eine Gesellschaft des gesenkten Hauptes.

So leben viele haltlos Werte, die zu hinterfragen sind: Konsum, Spaß, Schönheit, Jugend, Körperkult, Glück, Machtstrukturen, Konventionen. Eigentlich ist dagegen nicht viel einzuwenden – nur:

Die Dosis macht das Gift!

Insgesamt sind viele, wie ich es sehe, extrem haltlos. Mir kommt es vor als seien die Richtlinien, die Geländer, die Orientierung gaben, an denen man sich im Leben entlang hangeln konnte, in dieser kranken Welt von Wirtschaft, Konsum, Medien und in dieser radikalisierten Arbeitswelt verloren gegangen. Aber: „Is so!“ wird dagegen gehalten. Ich denke, ein Problem ist der Verlust von Werten. Man muss sich schon fragen: Was hat sich geändert? Welche Werte werden heute wirklich gelebt?

Ich diskutierte darüber mit einer Kollegin. Sie machte mich auf so viel Paradoxes in unserer Zeit aufmerksam. Wir haben: Große Häuser, aber kleine Familien, mehr Bildung, aber weniger Verstand, eine erweiterte Medizin, aber einen schlechteren Gesundheitszustand. Wir waren am Mond, kennen aber unseren Nachbarn nicht. Wir besitzen ein hohes Einkommen, aber weniger Seelenfrieden. Wir weisen einen höheren IQ auf, aber weniger Emotionen, gewinnen immer neue Erkenntnisse, besitzen aber weniger Weisheit. Wir werden immer mehr Menschen, aber die Welt wird immer weniger menschlich.

So spüren wir doch, dass etwas nicht stimmt. Es ist an der Zeit, innezuhalten, sich zu besinnen und gesunde Haltungen zu finden und zu leben. Früher fanden Menschen Orientierung im Glauben an externe Mächte, zum Beispiel im Glauben an Gott. Das gelingt Menschen in unserem Land immer weniger. Dagegen finden viele die Befriedigung der Sehnsucht nach einer tieferen Spiritualität im Buddhismus, beim Yoga und Meditieren, auch beim Wandern auf dem Jakobsweg.

Ich denke, Haltungen, Orientierung, Werte, Sinn, das finden wir vor allem in uns – wo denn sonst?

Denn das ist bei aller Kritik das Gute, wir leben in einem freien Land voller Möglichkeiten und man hat die Wahl, wie man leben will, vorausgesetzt die persönlichen Parameter lassen es zu. Ein selbstbestimmtes Leben ist möglich. Jeder kann entscheiden, inwieweit er Opfer der kranken Auswüchse unserer Gesellschaft wird. Ich werde versuchen, diesen Weg zu einer gesunden Lebensweise in den nächsten Kapiteln zu beschreiben. Am Anfang des Weges stehen Bewusstsein, Erkenntnisse, Wissen, Überzeugungen, die menschliche Werte beinhalten: Den Respekt vor dem Anderssein, Toleranz, das Leben des Prinzips Menschlichkeit (siehe 2. Kapitel ab Seite 27).

Wichtiges Rüstzeug auf dem Weg sind ein stabiles Selbst, der unbedingte Willen zu einer selbstbestimmten Lebensweise, das Leben der Haltungen „Ich bin gut, so wie ich bin“ sowie „Egal, was passiert, ich kann es schaffen“. Selbstbewusstsein, ein gesundes Selbstwertgefühl, im Grunde Selbstliebe zu entwickeln, das bedarf der Arbeit. Innere Stärke entwickeln wir aus der Art, wie wir Erfahrungen verarbeiten und aus dem, was uns Mitmenschen spiegeln (siehe 3. Kapitel ab Seite 65).

Womit wir beim Wesentlichen ankommen, der Frage: Wie wollen wir mit anderen leben? Die Haltung „Ich bin okay, du bist okay“ trägt uns zu respektvollen, gleichwürdigen und liebevollen Beziehungen. In ihnen finden wir als altruistische Wesen unser Glück, sie sind der wesentliche Baustein des Sinns im Leben. Der Weg zu gelingenden Beziehungen wird im vierten Kapitel beschrieben. Dabei ist vieles im Umgang mit anderen eine Frage der Kommunikation, der Entwicklung einer persönlichen Sprache.

Gelingt es derartige Haltungen zu leben, tragen sie uns zur eigenen Identität. Erst sie ermöglicht ein freies, selbstbestimmtes Leben. Sie ist die Grundlage dessen, kranken Gegebenheiten persönliche Stärke entgegensetzen zu können. Wir dürfen es nicht zulassen, Opfer zu werden, auch nicht im Umgang mit anderen Menschen und Gegebenheiten in Systemen, in denen wir in Machtstrukturen, Hierarchien und fragwürdigen Konventionen eingepresst werden. Die Welt des „Is so!“ muss nicht die eigene sein. Die eigene Welt ist die, in der man seine Integrität wahrt: die eigenen Werte lebt, die eigenen Bedürfnisse kennt und auch kommuniziert. Das klingt egomanisch, ist es aber nicht, wenn diese Haltung von Verantwortungsbewusstsein, Respekt, Toleranz, den Prinzipien Gleichwürdigkeit und Menschlichkeit getragen wird. Es ist nur das Einfordern dessen, was jedem zusteht: eine eigene Würde.

Natürlich bewegen wir uns nicht in einem luftleeren Raum. Wir leben ebenso Konsum, Spaß, bringen die in unserer Gesellschaft geforderte Leistung, wir stehen unseren Mann/​unsere Frau, so schwer es auch ist, all die Rollenerwartungen zu erfüllen, die das mit sich bringt. Nur sollten wir dabei die Dosis wahren und zu einem gesunden, natürlichen Umgang mit uns, unseren Kindern und der Natur finden. Die dafür erforderliche Achtsamkeit und ein natürliches, gesundes Leben sind für mich das Gebot der Stunde. Diese Natürlichkeit muss jeder in sich suchen und finden.

Darüber hinaus sind für ein erfülltes Leben Haltungen hilfreich, die in den Geheimnissen der Weisen verborgen liegen. Sie werden im zweiten Kapitel ab Seite 60 dargestellt. Eine wesentliche „Ich lebe im Augenblick“ war Gegenstand eines Vortrags:

Außerdem: Ab 30 ist man für sein Gesicht selber verantwortlich

Der Vortrag war einfach schön und aus meiner Sicht gelungen. Ich durfte in einem kleinen Ort vor Mitgliedern des katholischen Frauenbundes sprechen und das waren meine Botschaften: Glückliche Eltern generieren glückliche Kinder und starke Eltern haben starke Kinder. Es bereitete mir Spaß, über die Funktionsweise von Spiegelneuronen zu berichten und Eltern zu einer gewissen Gelassenheit zu führen, werden doch ihre Kinder so wie sie. Das ist zumindest meine gut begründbare These. Irgendwann erzählte ich, dass Kinder am Tag ungefähr 200 Mal lachen, wir Erwachsene vielleicht 15 Mal und in diesem Zusammenhang äußerte ich meine Überzeugung: Ab 30 ist man für sein Gesicht selber verantwortlich - will heißen, man hat es in der Hand, wie man leben will. Alles ist eine Frage von Einstellung und von Haltung. Was hindert einen daran, am Morgen aufzustehen und sich auf den Tag zu freuen, wohl wissend, dass man ja nur diesen einen Tag in seinem Leben hat, den man nur einmal leben darf, eben heute, und somit soll es trotz all der Verpflichtungen, des schlechten Wetters, was immer, ein schöner Tag werden. Kein Tag, der nur so vorüber geht. Wenn schon arbeiten, dann mit Freude. Man muss nicht griesgrämig rumlaufen, sich bis ins Letzte stressen lassen und sich am Abend fertig vor den Fernseher legen und einschlafen. Und vor allem, mit Humor geht alles leichter. Wenn schon Falten im Alter, dann Lachfalten!

Die Bedeutung derartigen Humors beschreibe ich ab Seite 85. Wenden wir uns zunächst aber den Basics zu, der Psychologie, wie Menschen ticken, der Philosophie, was Erfolg, Glück, Sinn im Leben generiert und den Lebensweisheiten der Senioren.

2. KAPITEL: Halt in Weisheiten finden

„Wir können niemals mit dem, was wir wissen, oder zu wissen meinen, zufrieden sein.“

Jürgen Habermas

3 Wissen und Verständnis tragen mich durch das Leben

„Wer mehr weiß, sieht anders.

Wer mehr sieht, sieht anders.

Wer anders sieht, verhält sich anders,

sich selbst und anderen gegenüber.“

Gisela Hammerl (ILP-Coach)

Der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer betrachtet es als die Königsdisziplin, Verständnis zu entwickeln für die Motive und das Verhalten seiner Mitmenschen. Ich denke, es ist eine Frage von Toleranz, aber auch von Willen, andere Menschen verstehen zu wollen. Nur Verständnis ermöglicht die Haltung „Du bist okay“ als Grundlage für gelingende Beziehungen.

Ich will verstehen und ich will wissen, was Kinder brauchen, wie pubertierende Jugendliche ticken und was die Grundlagen des Verhaltens von Erwachsenen sind. „Das ganze Leben ist Psychologie“ behaupte ich gerne und es ist in der Tat spannend, sich mit Psychologie zu beschäftigen. Im Folgenden werden zahlreiche Fragen geklärt.

Was beeinflusst unser Verhalten? Was für ein Bild haben wir von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen? Ist der Mensch des Menschen Wolf, auf Rivalität und Egoismus ausgerichtet oder ein altruistisches, auf Gemeinschaft eingestelltes Wesen? Und falls das so ist, warum zeigt er so viel Aggressivität und Gewalt? Derartiges psychologisches Wissen beeinflusst natürlich unsere Einstellungen anderen gegenüber und unser Verhalten. Es führt bei der Betrachtung von Menschen dazu, seine Perspektive zu erweitern, andere Perspektiven einzunehmen und seine Perspektive zu wechseln, ganz einfach um Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Verschiedenheit gerecht zu werden. Es ist im Sinne Habermanns eine Frage von Toleranz.

Magische Erkenntnisdreiecke:

Menschen sind ungemein unterschiedlich und jeder ist auf seine Weise einzigartig. Leider neigen wir dazu, sehr schnell anderen gegenüber einen Standpunkt einzunehmen und ich sehe es als wirkliches Problem an, dass viele Mitmenschen andere bewerten. Was Kinder anbelangt forderte Pestalozzi, man solle nicht ein Kind mit einem anderen vergleichen. Ich habe mir eine erweiterte Perspektive von Kindern angewöhnt. Erstens: Wie sehr verfügen sie über Sachkompetenz? Wie viel beweisen sie an Wissen und Kenntnissen? Das war jahrelang das Kerngeschäft von Schule. Zweitens: Welche Sozialkompetenz zeigen sie? Wie verhalten sie sich gegenüber Mitschülern? Wie sehr sind sie in Gemeinschaften integriert, sozial eingestellt oder Egozentriker? Und drittens, und darauf lege ich das Hauptmerkmal meiner pädagogischen Arbeit: Wie steht es um ihre Selbstkompetenz? Dahinter stehen Antworten auf spannende Fragen: Wie ist um ihre Motivation, ihre Einstellung zur Arbeit und vor allem zu sich selbst bestellt? Selbstkompetenz ist der Schlüssel zu einer starken Persönlichkeit. Dieses Buch ist im Grunde nichts anderes als ein Versuch, Wege zu einer stabilen Selbstkompetenz zu zeigen. Und was für Kinder und Jugendliche gilt, gilt natürlich ebenso für Erwachsene.

Gerald Hüther behauptet, jedes Kind – und ich behaupte, jeder Mensch – ist hoch begabt. Eine interessante Perspektive, die ich mir zu Eigen gemacht habe. Es ist eine Frage der Sichtweise, was man darunter verstehen will. Ich folge da vollkommen dem ganzheitlichen Konzept der acht Intelligenzen8 des Erziehungswissenschaftlers Howard Gardner. 1983 entwickelte er die einflussreiche Theorie multipler Intelligenz. Er sieht folgende Intelligenztypen: sprachlich-linguistisch, logisch-mathematisch, bildlich-räumlich, körperlich-kinästhetisch, musikalisch-rhythmisch, interpersonal (auf andere Personen bezogen) und intrapersonal (auf die eigene Person bezogen). Vor kurzem hat Gardner eine achte Intelligenz hinzugefügt: die naturalistische Intelligenz (naturalist intelligence), worunter er die menschliche Fähigkeit versteht, Pflanzen, Tiere und andere Phänomene der natürlichen Umwelt zu erkennen und damit umgehen zu können. Mit Erstaunen registrierte ich, dass an vielen Schulen Dänemarks dieses Konzept der multiplen Intelligenzen Grundlage der pädagogischen Arbeit ist. Gardners Modell ist ein schönes Konstrukt, respektvoller an die breite Palette an Fähigkeiten und Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen und Menschen im Allgemeinen heranzugehen.

Ein interessantes Konstrukt zum Verstehen von Menschen eröffnete sich mir nach einem Gespräch mit einer befreundeten Heilpraktikerin. Sie erzählte mir von ihrer Ausbildung in ILP (Integrierte Lösungsorientierte Psychotherapie). Diese psychotherapeutische Methode von Dietmar Friedmann beruht auf dem im Grunde einfachen Enneagramm von drei Persönlichkeitstypen, dem Sach-, Handlungs- oder Beziehungstypen.9 ILP geht davon aus, dass psychische Probleme mitunter darin begründet liegen, dass manche zu sehr in einem Typ behaftet sind. Die Behandlung besteht darin, den jeweils anderen Persönlichkeitstypen zu wecken – eine interessante Perspektive.

Ist der Mensch des Menschen Wolf?

In einem Gespräch mit meinem geistigen Mentor Professor Peter Paulig kamen wir zu einer entscheidenden Fragestellung. Nachdem er mein Buch „Gelassene Eltern“ gelesen hatte, meinte er: „Wir müssen uns einmal über Ihr Menschenbild unterhalten.“ Er ist der Ansicht, dass der Mensch aufgrund der Biologie des Menschen Wolf ist, ein Wesen, das durch Erziehung sozialisiert und wohl auch diszipliniert werden muss. Dem stimme ich nicht zu, vor allem nicht der These eines Buebs, dass Jugendliche diszipliniert werden und Autoritäten Gehorsam leisten müssten, wie er es in seinem Bestseller „Lob der Disziplin“10 behauptet. Dies entspricht meiner Ansicht nach einem Denken von gestern. Ich glaube auch nicht, dass meine Überzeugung blauäugig ist. Nach dem Gespräch mit Professor Paulig fiel mir Michael Tomasellos Buch „Warum wir kooperieren“11 in die Hände. Der Kodirektor des Max-Planck-Instituts in Leipzig ist evolutionärer Anthropologe, vielfach ausgezeichnet für seine Beiträge zur Philosophie und Kognitionswissenschaft. Er berichtet von Studien, wonach wir Menschen nicht nur sehr intelligent, sondern auch ausgesprochen nett sind. Anhand der sozialen Struktur der Kinder hat er gezeigt, wie sich Denken entwickelt und Kultur übertragen wird. Kinder sind demnach ab einem Alter von 12 Monaten von Natur aus hilfsbereit, großzügig im Umgang mit Informationen und Gegenständen. Interessant ist, dass dieses Verhalten nicht das Ergebnis von Belohnungen, Training und kultureller Prägung ist. Die Hilfsbereitschaft tritt von sich auf zutage und beruht nicht auf dem Einfluss von Erwachsenen. Nur, in der weiteren Entwicklung können kulturelle Belohnungen diesen Altruismus, wie man uneigennütziges Verhalten bezeichnet, jedoch fördern und seine Ausprägung beeinflussen. So wird die Hilfsbereitschaft von verschiedenen Faktoren bestimmt. Das ist zum einen von der Erwartung, dass das Vorgelebte auf Nachahmung beruht, zum zweiten, dass man sich altruistisch verhält, weil man ansonsten einen schlechten Ruf erntet und drittens ist Hilfsbereitschaft schlichtweg eine soziale Norm, die man einfach befolgen muss.

Der gleichen Problematik stellt sich der Neurobiologe Joachim Bauer in seinem überzeugenden Buch „Prinzip Menschlichkeit“. Er stellt die Frage „Streben Menschen ihre Ziele rücksichtlos an oder arbeiten sie von Natur aus lieber zusammen?“ Eindrucksvoll widerlegt er die weit verbreitete These, der Mensch sei primär auf Egoismus und Konkurrenz eingestellt.

Er schreibt in einer Zusammenfassung12: „Die Argumente, die den Menschen aus biologischer Sicht als Beziehungsmensch ausweisen, beziehen sich auf drei fundamentale Kriterien: Zum einen sind die Motivationssysteme des Gehirns in entscheidender Weise auf Zuwendung und Kooperation ausgerichtet und stellen unter andauernder Isolation ihren Dienst ein. Zweitens führen schwere Störungen oder Verluste maßgeblicher zwischenmenschlicher Beziehungen zu einer Mobilmachung biologischer Stresssysteme.“ (Darin sieht Joachim Bauer die Grundlage menschlicher Aggression). (…) „Dies macht deutlich, dass Menschen nicht für eine Umwelt „gemacht“ sind, die durch Isolation und ständige Konflikte gekennzeichnet sind. Ein drittes Kriterium, das den Menschen als Beziehungswesen kennzeichnet, ist das System der Spiegelnervenzellen. Das System dieser besonderen Zellen sorgt dafür, dass ein Individuum das, was es bei einem Individuum der gleichen Art wahrnimmt, im eigenen Organismus – im Sinne einer stillen inneren Simulation – nacherlebt. Dadurch ergeben sich weitreichende Möglichkeiten sozialer Resonanz. Im Falle des Menschen ermöglichen Spiegelnervenzellen eine besondere Form sozialer Verbundenheit: Mitgefühl, Empathie.“

Diese Spiegelneuronen sind ein frisch erforschtes, erstaunliches Phänomen, die Grundlage so vieler menschlicher Interaktionen, dem Flirten, der Liebe und letztlich auch die Erklärung, warum wir von Modellen und Vorbildern lernen – ganz ohne Worte.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, Kinder wie auch Erwachsene, sind tatsächlich auf Altruismus vorbereitet, dessen Entwicklung ist aber erfahrungsabhängig.

Diesem Denken schließt sich auch der renommierte Familientherapeut Jesper Juul an. Er behauptet auch, dass Kinder von Geburt an kooperativ und sozial eingestellt sind. Es hätte seinen Grund, dass sie sich nicht immer so verhalten. Der Schweizer Kinderarzt Remo Largo entwickelt eine ganz einfache Formel: „Gut gebundene Kinder gehorchen. Zeigen Sie mir ein gut gebundenen Kind, das nicht gehorcht.“13Ich kann das nur anhand meiner alltäglichen Beobachtungen bestätigen. In gesundem Maße geliebte Kinder sind wirklich sehr sozial und kooperativ eingestellt. Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen beruhen sehr oft auf Bindungsproblemen oder Beziehungsstörungen mit den Eltern oder Gleichaltrigen und man kann sie im Grunde nur bedauern, so sehr diese „Sargnägel“ einem das Leben auch schwer machen. Mangelnden Bindungserfahrungen sind der Grund dafür, dass diese Kinder nicht in ausreichendem Maße Selbstkontrolle erlernen. Sie sind daher oft einfach nicht in der Lage ihr impulsives, emotionales Verhalten zu steuern.

Warum sind Menschen aggressiv und gewalttätig?

Joachim Bauer beantwortet in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ auch die Frage, warum Menschen Aggressionen zeigen, obwohl sie doch neurobiologisch eigentlich friedliche Gemeinschaftswesen sind. Joachim Bauer stellt fest:

„Wo Aggression stattfindet, geht es – direkt oder indirekt – immer um das Bemühen um gelingende Beziehungen, um die Verteidigung einer Beziehung oder um eine Reaktion auf ihr Scheitern (S. 86).“

Er sieht fünf Varianten für die Entstehung von Aggression: Erstens, die Verteidigung bestehender Beziehungen. Zum zweiten entsteht Aggression im Kampf um Liebe und Anerkennung. Drittens entstehen Aggressionen innerhalb von Beziehungen, wenn die Verteilung von Vorteilen und Nachteilen in eine Schieflage gerät, welche die Bindung für einen Partner zum Gefängnis werden lässt. Aggression dient außerdem dazu, durch gemeinsamen Kampf Gemeinschaft herzustellen. Fünftens geht Aggression von Menschen aus, die entweder aufgrund schwerer Verwahrlosung keinerlei gute Beziehungserfahrungen machen konnten, durch selbst erlittene massive Gewalt traumatisiert wurden oder eine intensive Lerngeschichte in Sachen Gewalt hinter sich haben. Problematisch ist, dass fehlende Bindungserfahrungen in der Prägungsphase des Lebens oder Traumatisierungen Aggressionen verursachen. Außerdem besitzt erlebte Aggression die Tendenz weitere Aggression hervorzurufen.

Mit dieser Vorstellung erteilt Bauer der Idee, Aggression sei ein Naturgesetz im Kampf um das Überleben, eine Absage. Diese Interpretation, Leben als Kämpfen ist eine Ideologie, deren Ausgangspunkt in den Naturgesetzen Charles Darwin darstellt. Für Darwin war der von Lebewesen gegenseitig geführte Überlebenskampf das alles dominierende Prinzip. Seine Vorstellungen waren die Grundlage des Rassendenkens von 1870 bis in die Nazizeit. In unserer Zeit werden diese Gedanken durch die Sozialbiologie weitergetragen. Jetzt muss der Stellenwert der Aggression auf der Grundlage der Erkenntnisse der Neurobiologie und Psychologie neu bestimmt werden. Demnach ist nicht Kampf und Aggression, sondern Kooperation die optimale Lebensstrategie. Es sei nochmals betont: Aggression steht im Dienste sozialer Beziehungen, sie dient deren Verteidigung. Aggressionen vorbeugen bedeutet Beziehungen herstellen und erhalten. Letztlich schafft Vertrauen wiederum Vertrauen, Misstrauen und Ablehnung begünstigen aber Aggression.

Damit möchte ich einen Bogen spannen zu Kindern und Jugendlichen. Es stellt sich die interessante Frage: Wenn also Menschen von Natur aus soziale Wesen sind:

Wie viel Disziplin und Erziehung braucht das Kind?

Diese Fragestellung möchte ich mit einem persönlichen Aha-Erlebnis beantworten: Ich las Joachim Buebs Buch „Lob der Disziplin“ und war beunruhigt. Darin fordert er, dass Eltern, Lehrer und Erzieher eine Führungsrolle einnehmen sollten und Kinder und Jugendliche Disziplin und Gehorsam lernen müssen. Ich bin nicht der Typ Lehrer, der mit Regeln, Disziplin und Sanktionen arbeitet. Ich war erleichtert als ich kurz danach in Joachim Bauers Buch „Lob der Schule“14 eine Gegendarstellung fand, die ganz meinem Umgang mit jungen Menschen entspricht. Der Gehirnforscher belegt, dass gelingende Beziehungen die Grundlage allen pädagogischen Handelns bilden. Er beweist anhand der Wirkungsweise der Spiegelneuronen die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation und der Vorbildwirkung des Lehrers. Eigentlich eine Weisheit, die man schon seit Pestalozzi kennt. Pestalozzi behauptet: „Erziehung ist Liebe und Vorbild, sonst nichts.“ Ich denke, auch in Anlehnung an Jesper Juul und der überrachenden Erkenntnisse von Super-Nanny Katharina Saalfrank in ihrem tollen Buch „Du bist okay, so wie du bist“, dass wir unser Erziehungsverhalten und viele Erziehungsmaßnahmen überdenken müssen. Es sollte im Leben mit Kindern weniger um Erziehung als vielmehr um Beziehung gehen. Das sehe ich auch allein darin bestätigt, dass Eltern aus meiner Generation ein recht inniges Verhältnis zu ihren Kindern haben, das anders gestrickt ist als das zu unseren eigenen Eltern. Meiner Generation ist es offensichtlich intuitiv gelungen gleichwürdige Beziehungen zu leben, wie es Jesper Juul vorschlägt. Sowohl Jesper Juul als auch Katharina Saalfrank fordern eine Transformation von ER-ziehung zu BE-ziehung.15

Diesem Themenfeld ist der 14. Abschnitt ab Seite 113 gewidmet.

Wie ticken Menschen? – Die Welt der Gefühle und Bedürfnisse

Man sieht, es ist ungemein interessant in die Welt der Psychologie einzudringen um den Menschen in seinem Wesen und seinem Verhalten zu verstehen. Für mich begann der Weg psychologischer Erkenntnisse vor Jahren mit einem Titelblatt der Zeitschrift Stern, auf dem eine lachende Frau gezeigt wurde. Die Überschrift lautete: „Die Macht der Gefühle“ und ich dachte mir: „Das ist es!“ Wir sind durch und durch Gefühlswesen und bei aller Ratio werden wir von unseren Emotionen gelenkt. Mit dieser Titelseite erhielt ich den Impuls, mich auf eine lange Suche zu begeben um herauszufinden, wie wir Menschen ticken. Die Psychologie liefert spannende Antworten, angefangen bei Adam Maslow, der Transaktionsanalyse und der Prozesskommunikation von Taibi Kahler und anderen Modellen. Diese Theorien führen letztlich zu einem psychologischen Wissen und Verständnis, auf deren Grundlage man durchaus sein Verhalten gegenüber Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen immer wieder auf den Prüfstand stellt. Es hilft seine Perspektive hin zu mehr Verständnis zu verschieben. Wegweisende Einblicke liefert Abraham Maslow.

Unsere Gefühle zeigen, wie sehr unsere Bedürfnisse befriedigt werden – die Erkenntniswelt von Abraham Maslow:

Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der Humanistischen Psychologie, die eine Psychologie seelischer Gesundheit anstrebt und die menschliche Selbstverwirklichung untersucht. Er lebte vor etwa 100 Jahren in New York. Als Sohn wohlhabender, jüdischer Kaufleute hätte er nie arbeiten müssen. Er wollte aber studieren, um zu erfahren, wie Menschen ticken. Er wurde zum Vordenker der Positiven Psychologie. Seine Erkenntnisse münden in seiner fünfstufigen Bedürfnispyramide – siehe Übersicht: Danach teilen alle Menschen die gleichen psychischen Bedürfnisse, sie streben nach Zugehörigkeit, Achtung, Liebe und Selbstverwirklichung. Das Ganze vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen.

Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow:


Danach teilen alle Menschen die gleichen psychischen Bedürfnisse, sie streben nach Zugehörigkeit, Achtung, Liebe und Selbstverwirklichung. Das Ganze vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen.

Auf der untersten Ebene stehen die physiologischen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Luft, einem Dach über dem Kopf und sexuelle Befriedigung.

Darauf folgt die zweite Ebene, das Streben nach Sicherheit, Geborgenheit, nach Stabilität, die Sehnsucht angstfrei zu leben. Als sehr bedeutsam sehe ich die dritte Ebene an. Ich habe ganz den Eindruck, dass der Wunsch, seine sozialen Bedürfnisse befriedigt zu wissen, Menschen antreibt. Das zeigt sich in der Sehnsucht, in seiner Familie und im Freundeskreis Bindung zu finden, in dem Verlangen nach Partnerschaft, nach Intimität, Liebe und Kommunikation. Diese drei Ebenen bezeichnet Maslow als Defizitbedürfnisse. Das bedeutet, dass diese Bedürfnisse befriedigt sein müssen, damit man zufrieden und glücklich ist. Darauf bauen die sogenannten unstillbaren Bedürfnisse auf. Auf der vierten Ebene die Bildung von Selbstwertgefühl, das heißt einer gewissen mentalen Stärke dank empfundenem Respekt, Wertschätzung und Anerkennung. Maslow meint, dass die unstillbaren Bedürfnisse kaum zu befriedigen sind. Das gilt insbesondere für seine fünfte Ebene, die Stufe der Selbstverwirklichung durch das Ausleben seiner Talente und seiner Individualität.

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22 декабря 2023
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191 стр. 3 иллюстрации
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9783960080107
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