Читать книгу: «Immer ist alles schön»

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Über dieses Buch

Anais liebt ihre Mutter, sie liebt ihren ­Bruder Bruno und insgeheim auch Peter aus der Schule.

Die Mutter sagt, das Leben sei eine Wucht, und dass sie gerne noch ein Glas Wein ­hätte. Denn es hält ihren Sehnsüchten nicht stand, das Leben, und die Männer halten ihrer Liebe nicht stand. Das Tanzen, das sie liebt, ist zum Tanz an der Stange vor den Männern geworden.

Es ist nicht einfach, so ein Leben zu leben, sagt die Mutter, darum will sie noch ein Glas.

Anais und Bruno versuchen, sich und die Mutter zu schützen vor der Außenwelt, die in Gestalt von Mutters Männern mit Haaren auf der Brust in der Küche steht. Oder in der Gestalt von Peter, der ihre Wohnung seltsam findet und nichts anfangen kann mit den tausend, auf der Straße zusammengesammelten Dingen. In Gestalt eines Mannes vom Jugendamt, der viele Fragen stellt, sich Notizen macht, der Anais und Bruno betrachtet wie zu erforschendes Material, und in Gestalt einer Nachbarin, die im Treppenhaus lauscht. Je mehr diese Außenwelt in ihre eigene eindringt, desto mehr ziehen sich die Kinder in ihre Fantasie zurück.

«Immer ist alles schön» ist ein komisch-trauriger Roman, der mit leisem Humor eine eindrückliche Geschichte erzählt: von scheiternder Lebensfreude in einer geordneten Welt und davon, wie zwei Kinder versuchen, ihre eigene Logik dagegenzusetzen. Mit Anais und Bruno fügt Julia Weber der Literatur ein zutiefst berührendes Geschwis­terpaar hinzu.


Foto Ayşe Yavaş

Julia Weber wurde 1983 in Moshi (Tan­sa­nia) geboren. 1985 kehrte sie mit ihrer ­Familie nach Zürich zurück. Nach Berufslehre und Matura studierte sie 2009 bis 2012 literarisches Schreiben am Schweize­rischen Literaturinstitut in Biel. 2012 hat sie den ­Literaturdienst gegründet, und sie ist Mit­begründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert». Julia Weber lebt mit ihrem Mann und ihrem Kind in Zürich.

Julia Weber

IMMER IST ALLES SCHÖN

Roman

Limmat Verlag

Zürich

INNEN

Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol.

Gut, sagt Mutter, weil ihr einen Geburtstag habt.

Dann machen wir Urlaub. Und berühre ich auf dem Weg zur Busstation die Büsche, zwitschern sie. Und bewege ich die Arme, berühren sie Luft. Und strecke ich die Zunge aus dem Mund, bleibt sie warm.

Mutter raucht vor einem Plakat, auf dem ein Mann am Frühstückstisch lächelt, und Mutter schließt dabei die Augen. Wir fahren in Urlaub. Im Bus kommt der Uringeruch aus dem dreidimensionalen Muster der Sitze. Wir fahren in Urlaub bis zur Endstation. Bruno trägt sein Buch über die Brücken der Welt unter dem Arm, alle paar Minuten muss er es ablegen und die Arme schütteln.

Und auf einem Steg den Schilfweg entlang gehend, sagt Mutter, dass es schön ist. Ein Blesshuhn schreit, der Wind zieht an den rostigen Schilfköpfen.

Sehr schön, sagt sie.

Fantastisch, sagt sie.

Wunderbar, sagt sie.

Ganz, ganz wunderbar.

Das ist wegen dem nicht absehbaren Bier, sagt Bruno. Verzweiflung, sagt er noch.

Es ist wirklich schön, sage ich, weil der Wind ganz warm die Armhaare aufstellt.

Immer ist alles schön, sagt Bruno, dann zählt er die Schilfstangen mit seinem dicken Buch auf dem Kopf.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben.

Ich schaue beim Gehen abwechselnd über den See, auf seine silbernen Wellen, dann an mir herunter auf den zitronengelben Stoff an meinem Bauch. Und es schmatzt das Wasser unterhalb meines Bauches, unter dem Steg.

Ein Mann mit Doppelkinn starrt Mutters Körper an. Neben ihm liegt ein Hund, auch er mit Falten. Der kleine Bruno legt das Buch ins zertrampelte Gras und macht aus seinen Händen Fäuste.

Wir wollen einen Wohnwagen, sagt Mutter, sie steht vor uns, schüttelt ihr Haar. Mit den Absätzen sinkt sie langsam nach hinten in die Erde. Der Mann lacht. Und durch sein Lachen bewegt sich alles an ihm und auch alles um ihn herum. Seine Haut bewegt sich, der winzige Tisch, an dem er sitzt, bewegt sich, der Boden bewegt sich und hinter ihm das Rezeptionshäuschen mit der abgesplitterten weißen Farbe und den Blumenkisten vor den Fenstern. Der Mann trägt eine kurze, weiße Hose, bei der ich mir nicht vorstellen kann, wie er in sie hineingekommen ist, und erst recht kann ich mir nicht vorstellen, wie er jemals wieder aus ihr herauskommt.

Dann gehen wir durch vereinzelt herumstehende Fichten und Birken. Ich sehe die Abdrücke der Zelte zwischen den Bäumchen, ich sehe, wo im letzten Sommer die Zelte standen, wo die Klappstühle, wo die Tische, wo die Luftmatratzen lagen. Und jetzt ist hier niemand außer uns und dem Koloss, der den Wohnwagen aufschließt, dreimal an die Außenwand des Wagens klopft und geht.

Und wir sitzen auf Baumstücken feierlich. Wir sitzen im Feuerlicht. Bruno, der Luftgitarre spielt; die Flammen in Brunos Brillenglas, sie tanzen zu seiner Musik. Der Wohnwagen, der nach fremden Menschen und ihrem Schlaf riecht. Das alkoholfreie Bier in Mutters eleganten Händen, das lauwarm wird, kommt auch als bitterer Geruch aus ihrem Mund.

Mutter, die in Gedanken ist und schweigt; das Knistern.

Der dunkelbraune Tisch, den man aus dem Wagen herausklappen kann, der wackelt, an dem ich sitze, und die Schatten im Wald, die ich beobachte, ihre Unheimlichkeit, die Möglichkeit von allem in der Dunkelheit. Mein zitronengelbes Kleid, unruhig im Feuerlicht, und meine feinen Finger mit dem goldenen Kaugummiautomatenring. Und das Grün der Wiese, das beinahe schwarz ist.

Später liegt Mutter auf einer Matte am Boden, summt leise eigene Melodien. Bruno und ich liegen auf dem Hochbett. Wir können mit Füßen und Händen die Decke berühren. An die Decke hat jemand geschrieben: «Der einzige Unterschied zwischen mir und Salvador Dalí ist, dass ich nicht Dalí bin.»

Am Morgen hat sich der Geruch der fremden Menschen mit unserem vermischt. Mutter schläft. Bruno und ich gehen her­um, sind hungrig, versuchen zu schwimmen, aber das Wasser ist kalt und der Boden des Sees so weich, dass wir uns zu gut vorstellen können, was sich noch alles in diesem Boden befindet, auf das man treten könnte, was einen dann beißen oder erschrecken würde. Weil uns nichts mehr einfällt, sammeln wir leere Schneckenhäuser, lecken die Tautropfen vom Klee, werfen Holzstücke in den See, füttern Fische mit Brot. Der Wind ist lauwarm und riecht nach der Gülle in den Güllelöchern der Bauernhöfe, die hinter dem kleinen Wald liegen. Wir beob­achten den Hund vor der Hütte und den Koloss, der mit einem Schlauch ein Motorboot abspritzt, dabei stolpert er manchmal über den Schlauch. Es ist warm in der Sonne und kalt im Schatten, und das Boot heißt Susanna.

Am Abend sitzen wir wieder am Feuer, die Sonne ist weg, die Luft blau. Mutter hält den Zahnputzbecher mit Wein gefüllt in die Höhe.

Auf uns, sagt sie.

Davor sagte sie, entweder Urlaub oder kein Alkohol, aber beides gehe nicht, denn sie könne uns nichts gönnen, wenn sie nicht sich selber was gönnen könne, und das Einzige, was sie sich wünsche, sei am Abend ein Becher voll Wein.

Mit dem Becher wird Mutter weich wie das Licht des Feuers.

Jetzt ist alles gut, sagt sie.

Hast du mit Peter geredet?, fragt sie.

Noch nicht, sage ich.

Hast du geküsst?

Nein, sage ich, ich möchte nur mit ihm reden.

Aber das wird großartig, das Küssen, sagt Mutter.

Und dann erscheint der Koloss zwischen den Bäumen. Er kommt näher, wird immer größer, wird riesengroß, steht im Feuerlicht vor uns mit einem langen Schatten hinter sich. Seine Zehen schauen aus den weißen Sandalen, und sein Gesicht ist im Licht ein Ungeheuer. Er fragt Mutter, ob sie wohl mit ihm tanzen gehen wollen würde.

Nein, danke, sagt Mutter, ich bin mit meinen Kindern hier.

Ob wir wohl alle mit ihm tanzen gehen wollen würden, also tanzen würden nur Mutter und er, aber wir könnten ja Steine ins Wasser werfen oder eine Cola trinken oder was Kinder eben so tun, wenn die Erwachsenen zusammen tanzen.

Er bewegt die Zehen beim Reden. Seine Zehennägel haben die Farbe von Ohrenschmalz.

Nein, danke, sagt Mutter, ich bin mit meinen Kindern hier, um mit ihnen hier zu sein.

Und wenn jetzt aber, sagt der Mann, sie nur für einen Tanz, er fände sie nämlich reizend und würde so gerne mit ihr einen Tanz haben.

Nein, sagt Mutter, ich bin mit meinen Kindern hier.

Also keinen einzigen Tanz?

Es zuckt ihm das Flammenlicht im Gesicht, und er trägt die gleiche kurze Hose, aber zu der Hose ein Safarihemd mit dunklen Flecken unter den Achseln. Er riecht nach frisch rasiert und auch ein bisschen nach altem Wasser.

Nein, verdammt, sagt Mutter.

Einen nur, sagt er.

Bruno singt. Ich schaue dem Koloss auf die Haare an den Beinen. Mutter starrt ins Feuer und trinkt schnell. Der Wein leuchtet rot im Feuerschein.

Also, sagt sie.

Mutter steht auf.

Ist das gut für euch?, fragt sie.

Ich nicke.

Bruno?

Bruno singt.

Dann geht sie schön und rot davon neben dem Koloss, der von oben auf ihre Stirn einredet.

Er freue sich also so sehr, sagt er.

Wenn er sich doch so freut, sage ich.

Bruno singt lauter.

Bruno, wenn er sich doch so freut, dann ist doch nichts dabei, Mutter ist doch eine Gute, deshalb nur.

Bruno singt lauter. Und ich schweige am Feuer. Ich möchte Mutter fragen, wie es war.

Wir können die Tänze hören, aber sie kommt nicht zurück nach einem Tanz, nicht nach zwei, nicht nach drei, nicht nach vier. Ich stochere in der Glut, höre die Geräusche im Wald, stelle mir Wildponys vor. Bruno singt nicht mehr. Ich denke ein bisschen an Peter, aber nur kurz, und weiß nicht, was ich damit soll. Ich denke noch ein bisschen an ihn. Ich denke, was er wohl gerade tut, ob er mich schön findet, also mein Gesicht, ob er es wohl so schön findet, dass er auch mal mit mir reden würde, weil er gerne in mein Gesicht schaut.

Das ist wichtig, hat Mutter gesagt, es ist wichtig, ein schönes Gesicht zu haben, wenn man nicht hart ist, und du Anais, bist der weichste Mensch, den ich kenne, aber eben auch der mit dem schönsten Gesicht. Es ist wichtig, weil, wenn man weich ist, dann trampeln die Menschen gerne auf einem herum, wenn man aber ein schönes Gesicht hat, nicht.

Ich denke daran, wie er mir damals sein Pausenbrot gegeben hat, wie er auf mich zugelaufen kam, seine Freunde weit hinten standen. Er kam zu mir gelaufen, hielt mir sein Brot hin. Magst du?, hat er gefragt. Ich habe nichts gesagt, habe es in meine Hände genommen, ihn weiter angeschaut. Ich nahm einen Bissen vom Brot, sagte nichts. Peter lächelte, nahm das Brot wieder und ging weg.

Ich denke, dass ich Peter einmal nach seinen Hobbys fragen sollte.

Was Peter wohl für Hobbys hat?, frage ich ins Feuer hinein.

Fechten vielleicht, sagt Bruno, gehen wir sie suchen.

Fechten. Wie schön.

Dann gehen wir sie suchen, weil sie auch nach sieben Tänzen nicht kommt.

Wir gehen vom Wohnwagen weg zwischen ein paar Bäumchen hindurch. Wir hören die Musik von Weitem, sehen die Scheune, darin das Licht und kleine Menschenschatten. Bruno wirft Blätter in den schwarzen See, auf dem See sind Glitzerpunkte. Eine Ente erschrickt und quakt, die Glitzerpunkte werden Glitzerwellen. Wir gehen zur Scheune hin. Mit der Musik vermischen sich schwere Stimmen. Sie singen und schreien auch. Wir bleiben beim Scheunentor stehen.

Und dann sehen wir Mutter. Hinten auf der Tanzfläche leuchtet sie in ihrem roten Leinenkleid mit goldenen Knöpfen. Männer sehen wir im Kreis um Mutter herumstehen. Einer zieht sie zu sich hin, dann wirbelt sie davon und zum nächsten Mann. An langen Bänken sitzen Menschen, manche klatschen. Und ein sehr alter Mann spielt Akkordeon auf einer kleinen Bühne aus Holzkisten. Er trägt ein rosa Hemd, hat einen langen Bart und große Ohren. Mutters Kleid ist eine rote Glocke, sie dreht sich im Kreis, ihr Haar ist hell wie das Feuer. Sie lacht und lässt sich in Arme fallen und weiterwerfen. Dann löst sie sich und tanzt in der Mitte der Männer einen wilden Tanz. Sie hebt die Beine, hebt ihr Kleid, stampft und dreht sich. Sie legt die Hände in ihr Haar und hält den Mund, an die Decke blickend, offen.

Ich höre auf dem See die Enten quaken und denke, jemand hat sie aufgeschreckt. Ich denke, dass Bruno nicht da ist, aber er steht neben mir. Ich denke, es gibt keine Kinder, die Steine in den See werfen. Ich denke, dass der Mann nicht mit Mutter tanzt, sondern alle Männer mit Mutter tanzen, und ich denke, das sind viele, die mit Mutter tanzen.

Ich sehe den Koloss vom Wohnwagen im Kreis stehen und sehe sein Lachen. Er lacht, und alles an ihm bewegt sich.

Bruno läuft vorbei an den Männern und Frauen, an den aufge­reihten Festbänken und geht in den Kreis hinein. Ich gehe ihm nach. Er geht zu Mutter in den Kreis und fasst sie am Arm. Ich stehe hinter Bruno im Kreis, und die Männer bewegen sich nicht mehr. Sie wenden ihre Blicke und Bärte und Ohren und Ohrringe ab.

Mitkommen, sagt Bruno, bitte.

Warum seid ihr nicht im Bett?, fragt Mutter, sie redet, als hätte sie Steine im Mund.

Warum seid ihr hier, das hier ist nichts für euch, sagt sie mit den Steinen im Mund.

Mitkommen, sagt Bruno.

Wir haben auf dich gewartet, du sagtest, einen Tanz, sage ich.

Es ist ja ein Tanz, sagt sie, es ist hier ein großer Tanz, und er tut mir gut, dieser Tanz, ich brauche jetzt unbedingt genau diesen einen Tanz und noch was zu trinken und noch einen Tanz. Ich will noch einen Tanz, den brauche ich auch wegen euch, unter anderem auch wegen euch. Ich finde, ich habe ihn mir verdient, so einen Tanz, einen Tanz, sagt sie. Geht heim, meine Tierchen, geht heim.

Wir wollen, dass du mitkommst.

Bruno schaut Mutter von unten an.

Ich kann jetzt nicht, es ist schon gut hier. Lasst mir doch diesen einen Abend, sagt sie leiser.

Und dann schiebt sie uns weg.

Bitte, sagt Bruno.

Bitte, sage ich.

Jetzt nervt mich nicht, wirklich, ich will das jetzt, das ist lustig hier, mit euch am Feuer ist es langweilig.

Draußen drehe ich mich um und sehe den Schein der Kerzen in roten Plastikschälchen auf den Tischen, sehe die Strohballen in der Ecke der Scheune, sehe die Menschen weiterklatschen, sehe ihre Beine wippen unter den Tischen und wie die Männer sich langsam auf die Tanzfläche zurückbewegen. Mutter in der Mitte hebt ein kleines Glas zum Mund.

Im Wasser spiegeln sich nur noch wenige Lichter, die Ente ist still. Wir gehen durch die Bäume zurück, die Glut ist aus. Wir putzen die Zähne und pinkeln in den Wald, ich trete auf eine Nacktschnecke, und Bruno streift eine Brennnessel. Unter dem Schlafsack halten wir uns fest, weil es kalt ist.

Am nächsten Morgen sitzen Bruno und ich vor dem Wohnwagen unter dem kleinen Vordach, wir essen das restliche Weißbrot, Tropfen fallen auf unsere Hände und das Brot. Tropfen prallen am Gefieder einer Amsel ab, während der Rest der Welt langsam aufweicht. Mutter kommt durch die Bäume gelaufen, auch sie aufgeweicht. Auf uns liegt ein Blätterschattenspiel, hinten in den Bäumen ruft ein Kuckuck kuckuck.

Tierchen, meine Tierchen, sagt sie.

Sie nimmt die Haare nicht aus dem Gesicht, steht vor uns. Hinter ihrem Vorhang ein Lächeln.

Ich denke, könnten wir neben dieser aufgeweichten Welt nochmals eine komplette Welt haben, eine weniger komplizierte, eine mehr mit Tieren als mit Menschen, dann wäre es gut.

Ist schon gut, sage ich zu Mutter, die sich nicht bewegt, und nehme ihre und meine Tasche. Bruno nimmt das Buch.

Wir gehen durch die Fichten. Über den Rasen gehen wir fort.

Der Koloss steht neben der Hütte, lächelt ein Kolosslächeln am Telefon. Seine Körperabdrücke sehe ich im Gras neben dem Motorboot mit dem Namen Susanna.

Beim Vorübergehen an seiner Hütte kommt aus dem offenen Fenster der Geruch von Paprikachips und kaltem Zigarrenrauch. Auch vermischt sich ein süßlicher Menschengeruch mit dem Geruch der Gülle. Sein Klappbett steht in einer Spinnwebenecke, Kissen und Bettbezug mit Löwenkopf, der Löwe darauf schreit. Das Poster einer Frau im silbernen Bikini hängt über seinem Tisch und über dem Bett das Bild von Mohn. Das Safarihemd liegt auf dem Bretterboden, da, wo die dunklen Flecken waren, sind jetzt Salzränder. Auf dem Schreibtisch die militärgrünen Ordner, zerkaute Bleistifte, ein Locher, ein einziger Stuhl am Tisch.

Sein Blick ist in unserem Rücken, als wir das Areal verlassen. Koloss, Hütte und Hund bleiben zurück, nach Hund und dem Inneren des Menschen riechend. Ich habe den Hund nicht gesehen, ich habe seine Abdrücke neben den Abdrücken des Kolosses im Gras vor der Hütte gesehen.

Ich stelle mir den Koloss vor, wie er im Bett liegt und mit seiner Mutter telefoniert. Er streichelt beim Telefonieren mit der freien Hand seinen über den Bund hängenden Bauch. Er hebt den Bauch an und lässt ihn fallen, hebt ihn an, lässt ihn fallen. In der Fensterscheibe sieht er sein Spiegelbild, vermischt mit Rasen und Feldern, dahinter, draußen wartet der bellende Hund.

Ich stelle mir die Brote vom Koloss vor, die Butterbrote. Seine Zehen bewegen sich, wenn er kaut, und unter ihm sitzt der Hund, wartet auf das Herunterfallen der Brotstücke, und da, wo sie sitzen, vor dem Häuschen, sind ihre Abdrücke im Gras, ist der Rasen dunkel.

Der Koloss, der das Boot namens Susanna abspritzt. Der Koloss, der sich danach auf seinen im Gras hinterlassenen Abdruck legt und wartet. Der Koloss, der die Frau im Bikini betrachtet, die in seinem Raum hängt, die er ebenfalls Susanna nennt. Sein Tag, der mit Sonnenlicht und Güllegeruch beginnt. Sein Tag ist warm. Der Koloss schwitzt neben seinem hechelnden Hund, er schwitzt in den Abend hinein und schwitzt über den Nudeln, die er sich kocht auf einer Herdplatte in der Ecke. Er schwitzt und schiebt Dinge in sich hinein. Würstchen, Nudeln, Brot, Bier. Der Koloss sitzt vor dem kleinen Fernseher. Bilder von tanzenden Frauen und um sie herumtanzenden Männern, von Auswanderern und Verwandten und von Streit und Liebe, Küssen. Der Koloss wird größer und voller von den Bildern, von den Broten und Würsten. Bald ist sein Bett zu klein, und er bringt den Hörer kaum ans Ohr, seine Arme sind zu dick, die Finger, um den Hörer zu halten. Die Abdrücke wachsen vor dem Haus. Er versucht, den Hund zu streicheln. Am Abend schiebt er Dinge in sich hinein. Ein Brot, zwei Brote, drei Brote, viele Brote, während die Frauen und Männer am Strand tanzen, während auf den Bildern die Sonne untergeht und Palmenblätter sich vor dem Sonnenuntergang bewegen. Auch beim Koloss verschwindet die Sonne, er wird größer und größer. Er füllt den Raum, kann sich nicht mehr bewegen. Er sieht seine Arme nicht, die Beine nicht, den Bildschirm sieht er nicht. Der Koloss kann die Tür nicht öffnen, durch das Fenster kommt der Sommergeruch, kommt ein feiner Wind hinein und streichelt ihn am Bein. Und das Telefon klingelt irgendwo unter seinem Fleisch.

Zu Hause streichle ich, bei Mutter im Bett liegend, ihren Rücken. Sie schläft. Ich schreibe Mutter einen Brief.

Liebe Mama,

bei uns im Treppenhaus riecht es nach alten Sachen. Nach altem Öl oder nach alten Spaghetti, nach Kleidern. Aber in unserer Wohnung riecht es gut und ist es hell. Ich bin sehr gerne hier.

Deine Anais.

Bruno und ich betrachten das Sonnenlicht, das in der Küche in der Form des Fensters über den Tisch wandert und über den Beton des Balkons. Wir nennen es das schleichende Licht. Wir zupfen Haare und Staubbällchen von unseren Socken, lassen Staubbällchen und Haare zu Boden segeln. Wir schließen Wetten ab, wo sie landen werden, und pusten, um sie dorthin fliegen zu lassen. Wir ziehen mit dem Finger die Milchhaut von der Milch, streichen sie an der Unterseite der Sitzfläche unserer Stühle ab. Wir spucken vom Balkon. Wir denken darüber nach, dass es in uns warm ist, dass es in uns warm ist und wir dennoch frieren. Wir denken darüber nach, dass man nicht mehr weiß, wo der eigene Körper beginnt, wenn das Außen gleich warm ist wie man selbst. Wir halten zum Beweis unsere Hände in lauwarmes Wasser und finden die richtige Temperatur nicht. Wir stellen fest, dass ich innen wärmer bin als Bruno. Wir suchen nach fremden Orten, wir sitzen auf dem Balkon und zählen die Kaugummis an der Reckstange im Hof: 197.

Dann steht Mutter nackt im Flur. Ihr Oberkörper wankt, als wäre sie ein Baum und als gäbe es Wind in der Baumspitze. Hinter ihr die Bilder an der Wand. Hinter ihr sie selber noch einmal nackt, hinter ihr die Wolke in Tassenform, hinter ihr ein Fahrrad mit winzigen Rädern. Ich erinnere mich, wie Mutter mit dem Bild vom Fahrrad nach Hause kam, wie sie es unter ihrem leuchtend roten Pullover hervorgenommen hat, wie sie gesagt hat, es regnet.

Das weiß ich noch, weil von Mutter das Wasser auf den Boden tropfte, und sie hat uns angesehen, dann auf das Bild, dann wieder uns, wieder das Bild, als hätte unser Dasein etwas mit den Proportionen des Fahrrads zu tun. Das Wasser tropfte von ihrer Nase und den Schultern, den Armen zu Boden und bildete dort kleine Lachen, es lief auch in die Rillen des Bodens hinein. Mutter war aufgeweicht und sah Bruno und mich an, wie wir im Schlafanzug vor ihr standen. Sie hat das Bild vorsichtig auf den Boden gelegt und uns dann gefragt, ob wir vielleicht kurz zu ihr kommen könnten, dann hat sie uns lange umarmt, ich erinnere mich an das langsame Nasswerden meiner Brust, des Bauches und der Arme. Ich erinnere mich, dass es gar nicht unangenehm war, nass zu werden.

Jetzt liegen ihre Haare als Vorhang vor dem Gesicht, und sie atmet durch den Mund. Sie legt Arm und Kopf an den Türrahmen. Durch ihr Haar hindurch blickt sie irgendwo in die Küche oder in irgendeine Küche hinein.

Hallo Tierchen, sagt sie, neben ihrem Gesicht klebt ein halb ab­gekratzter Pferdekopf, und dann geht sie ins Bad.

Später nimmt der Wind das Vogelbrot vom Balkongeländer. Später lässt der Wind Werbeprospekte durch den Innenhof fliegen. Später ist Mutter noch immer unter der Dusche, und auf Brunos Schlafanzug ist noch immer das Monster mit den vielen Beinen. Ich stehe vor dem Bad.

Alles gut?, frage ich und klopfe an die Tür.

Mutter antwortet nicht.

Alles gut?, frage ich.

Das Wasser fällt.

Geht es dir gut?

Nur das Geräusch vom Wasser, das auf Mutter und in die Wanne fällt. Das Plätschern, durch das ich weiß, dass sie steht. Ich frage Bruno, was ich tun soll, setze mich auf den Boden, weil ich zu unruhig zum Stehen bin, stehe auf, weil ich nicht sitzen kann, setze mich, weil ich nicht stehen kann. Bruno weiß es nicht, obwohl er viel weiß. Bruno weiß, wie hoch die höchste Brücke der Stadt und wo der tiefste Punkt des Meeres ist.

Ich gehe zurück. Ich schlage die Faust gegen die Tür, bewege die Türklinke auf und ab. Drinnen das Plätschern.

Es wächst draußen am Himmel eine fantastische Wolke, sie wächst in den Himmel hinein, ist hinten schiefergrau und vorne weiß. Und Frau Wendeburgs weiche Katze sitzt auf den Briefkästen, in ihrem Fell spielt der Wind. Und draußen geht Frau Wendeburg in ihrem grünen Wollmantel durch den Hof. Sie hält sich selbst im Arm, und sie schaut nach oben, an die Fassaden der Häuser. Sie sieht aus, als wäre sie allein auf der Welt, und würde ich hinausgehen und sie grüßen, könnte es sein, dass sie erstaunt wäre darüber, dass es mich gibt. Und neben ihr im Hof steht der Baum allein und hinter ihm sein Schatten.

An Frau Wendeburgs Arm tanzt der Leinenbeutel im Wind.

Als das Plätschern endlich endet, höre ich den Duschvorhang, der zur Seite geschoben wird, höre Mutter den Spiegelschrank öffnen und schließen, ich höre Bruno, wie er sich ankleidet, wie er sein Taschenmesser von der Kiste neben dem Bett nimmt und es in der Hand dreht, dann am Hosenbund befestigt, seine Hand auf den Fuchs legt. Ich sehe ihn, wie er einmal über das Fell des Fuchses streicht. Der Fuchs, der innen kalt ist, den Mutter uns mitgebracht hat, der neben unserem Hochbett steht, um uns zu beschützen, wie Mutter sagte. Der Fuchs, dem ein Auge aus dem Kopf gefallen ist und dessen Beine krumm sind, weil Bruno sie verbogen hat, als er noch nicht reden konnte und nichts verstanden hat.

Bruno sagt, er könne sich nur schwer vorstellen, einmal sprachlos gewesen zu sein. Er könne sich mich aber gut als Säugling vorstellen. Ich schlage Bruno daraufhin die Brille vom Gesicht. So ist Bruno vorübergehend blind und flucht über mich, dann schreit Mutter im Bad, dass sie genug habe von diesen Stimmen immer, diesen Menschen ständig um sie herum und den Stimmen und dem Jammern, und immer wolle jemand etwas von ihr. Ich stehe erschrocken neben dem Fuchs und rufe, dass wir von niemandem überhaupt nichts wollen.

Dass wir bloß streiten, weil wir Kinder sind, ruft Bruno.

Der kleine Bruno dreht mir den Rücken zu, ich sehe seine Magerkeit, hebe die Brille auf, schiebe ihm die Bügel hinter die Ohren. Er schaut hoch zu mir.

Was ist mit Liebe?, frage ich.

Das Fell des Fuchses ist trocken, und unter dem Fell ist der Fuchs hart.

Keine Zeit, sagt Bruno und will davon, aber ich halte ihn am Hosenbund fest. Er dreht sich um.

Bruno mit dem tiefseeblauen Klebeband am Brillenrand.

Bruno mit dem ausgefransten Ausschnitt des Pullovers, den er beim Denken in den Mund nimmt, bis der Stoff verschwindet.

Bruno mit den dicken Brillengläsern und den vom Wissen vergrößerten Augen dahinter.

Ich habe bei Bruno einen Zettel gefunden.

Liebe Anita,

ich habe bemerken müssen, dass du in Geografie nicht sehr gut bist, um ehrlich zu sein, fand ich es schockierend, dass du die Hauptstadt Lettlands nicht kennst.

(Riga, 699 203 Einwohner, 7 m ü.M., größte Stadt des Baltikums.)

Ich könnte dir helfen. Ich könnte zu dir nach Hause kommen, und wir würden zusammen die Landkarte betrachten, und ich würde dich abfragen.

Lieber Gruß

Bruno

Bruno ist in Anita verliebt, und ich denke manchmal an Peter.

Das ist das Leben, sagte Mutter, das ist ganz normal.

Sie sagte, jetzt wirst du bald mein Rouge haben wollen und wirst sehr große Busen bekommen und deine Tage auch. Dann willst du eine Tätowierung und rote Lackstiefel haben wollen, Glitzerhemden, Kondome, alles.

Das will ich überhaupt nicht, sagte ich.

Du wirst schon sehen, sagte Mutter.

Wirklich nicht, sagte ich.

Doch, doch, sagte sie.

Mutter kommt aus der Dusche. Sie trägt ihren Kopf auf einem langen Hals, auf dem die Muttermale oberhalb des Schlüsselbeins beinahe eine Perlenkette ergeben. Manchmal möchte ich ihren Hals berühren, die Muttermale, aber ich weiß nicht wie; ihre feinen blonden Härchen am Hals. Manchmal denke ich, dass Mutter zu groß, zu blond und zu lebendig ist, dann tut es mir leid. Manchmal wünsche ich mir eine Mutter mit mattem Haar, zerknitterter Schürze, sanften, müden Augen.

Manchmal vermisse ich Mutter, obwohl sie da ist, und manchmal habe ich das Gefühl, sie sitzt in mir drin.

Mutter sagte einmal, wenn man tanze, dann liebe man das Le­ben, und wenn man tanze, liebe einen das Leben auch. Das weiß ich noch, weil sie, als sie das sagte, einem Huhn ein Bein abtrennte, ich erinnere mich an das Messer im Huhn.

Wenn sie hingegen Tee trinke, sagte sie, dann werde sie krank. Das sei wegen des Geschmacks, da reagierten die Zellen drauf, die reagierten auf den Geschmack von Tee mit Krankheit.

Also ist Tee das Gegenteil von Tanz, sagte Mutter.

Blödsinn, flüsterte Bruno. Das weiß ich noch, weil, als Bruno das sagte, Mutter mit dem Messer auf ihn zeigte. Ich erinnere mich an die Lichtreflexion auf dem Messer.

Wind schlägt die Fensterläden gegen die Wand. Tack, tack.

Mutter sitzt auf ihrem unendlichen Bett und lächelt.

Zu mir kommen, sagt sie mit den Fingern.

Wir legen uns auf sie, und sie sagt, es ist gut.

Die Tropfen kleben als Perlen an der Scheibe. Dann zündet sie sich eine Zigarette an, und der Rauch steigt als Faden vor ihren Augen an die Decke. Wir liegen in ihrer seidenen Gold­bettwä­sche. Im Kleiderschrankspiegel und den drei Spiegeln hinter Mutters Bett sehe ich uns unendlich oft auf dem Bett sitzen. Unendlich viele Rauchfäden steigen an die Decke, unendlich viele Brunos haben ihren Kopf auf Mutters Beine gelegt, unendlich viele Ichs schauen mich an, und unendlich viele Mutterkörper sind von ihren Kindern halb bedeckt.

Ist gut?, frage ich.

Ja, ist gut, sagt sie.

Was ist gut?, fragt Bruno.

Alles, sagt sie.

Alles ist gut?, frage ich.

Ja, sagt Mutter, alles gut.

Dann kratzt sie Eingetrocknetes vom Nachttisch und schaut sich selbst dabei zu.

Also wirklich alles gut, sage ich und umarme Mutters Rücken. Ich lege mein Gesicht an ihr Schulterblatt, das von der Kratzbewegung ihrer Finger auf und ab geht. Ihr Hemd ist aus einem feinen Stoff.

Und als Mutter aus ihrem Schweigen auftaucht, beginnt sie, von Freundinnen zu reden. Sie hätte Freundinnen gehabt, früher, sagt sie, mit denen sie auch so gesessen und gelegen habe, manchmal, und sie hätten über dies und das und Träume und Männer und Vorstellungen und Begegnungen und Bewegungen geredet. Und irgendwann hätte sie aber bemerkt, wie es immer weniger Bewegungen, Begegnungen und Vorstellungen wurden. Immer weniger Wahrheit in den Begegnungen, sagt sie. Bis sie irgendwann ihren Freundinnen so fremd geworden sei, dass sie sich gewünscht habe, ihnen fiele der Mond auf den Kopf.

Warum der Mond?, fragt Bruno.

Ja, der Mond, sagt Mutter.

Und dann saßen wir nie mehr zusammen und auch sonst nirgends mehr, und jetzt bin ich mit euch hier. Ihr seid jetzt meine Freundinnen, sagt Mutter.

Wir sind deine Kinder, sagt Bruno.

Noch schöner, sagt sie, und dann singt sie ein Lied, aber kann den Text nicht, also summt sie, aber weil das Summen nicht Singen ist, verstummt sie. Und dann schweigen wir. Es ist ein gutes Schweigen. Bruno schweigt am stillsten. Mutter eher emotional.

Ich stehe im Hof unter der großen Linde und sehe bei Frau Wendeburg Licht. Ich stehe hier und sehe sie in der Küche sitzen, unter dem tiefen Lampenschirm, vom Küchenlicht beleuchtet. Der Wind kommt in Schüben in den Hof, dreht seine Runden, geht, und der Donner klingt leise, als brächen Felsen innerhalb des Himmels, in einem Himmel außerhalb der Stadt.

Ich denke an Frau Wendeburgs Fassadenblick.

Ihre Wollmäntel sind weich, auf ihren Schultern liegen Schuppen wie Schneeflocken, das kann ich immer dann erkennen, wenn der Wollmantel dunkel ist, und ich weiß, dass an ihrem braunen Regenschirm eine Speiche verbogen ist.

Frau Wendeburgs Wollmäntel sind grün, rot, braun, orange, weiß. Frau Wendeburgs Haut ist hellbraun gefleckt, weißlich, billigpuderdosenorange, rosarot.

Und an ihrem Arm machte der leere Leinenbeutel einen Leinenbeuteltanz im Wind. Der Wind bewegte auch die Blättchen am Baum. Frau Wendeburg, die langsam davonging.

Und jetzt ihr Lächeln an der Scheibe. Ein Vorhangzurseiteschieben mit zwei Fingern, ihr rundes Gesicht. Sie schaut nach draußen. Ich stelle mich hinter den Baum.

Frau Wendeburg kennt unsere Wohnung von früher, sie kennt das Rauchen von Mutter auf dem Balkon. Sie kennt Brunos Schlaf und meinen. Sie hat Toast Hawaii für uns gemacht, das weiß ich noch, weil der Schinken salzig war und die Ananasscheiben süß. Wir mussten uns waschen vor dem Schlafengehen mit den Waschlappen, die kratzten, sie waren alt und steif, nicht weich wie Frau Wendeburgs Mäntel. Sie hatte die Tür unseres Schlafzimmers offen gelassen, weil sie dachte, wir könnten nicht schlafen ohne Licht. Der Fernseher war laut, wenn sie da war, das weiß ich noch, weil ich nicht schlafen konnte wegen Fernseher und Licht. Sie roch nach Kräutern, Frau Wendeburg, auch nach Rose, auch nach der Katze und nach Vergangenheit roch es da, wo Frau Wendeburg war. Sie kennt das durch die Wand fließende Wasser, wenn Mutter nach dem Bad den Stöpsel zieht.

Und Frau Wendeburg schaut nach draußen zu mir. Sie lächelt, ich sehe ihr kreisrundes Gesicht an der Scheibe, darin das Lächeln, das unheimlich ist, weil es nirgends hingeht, niemanden meint, der da ist.

Und sie steht auf, stößt mit dem Kopf gegen den Lampenschirm, das Licht geht hin und her, hin und her, Licht und Schatten liegen abwechselnd auf Frau Wendeburg, die zu tanzen beginnt. Ich sehe, wie sie die Arme hebt. Sie tanzt zu keiner Musik, und sie tanzt mit jemandem, langsam. Frau Wendeburg mit dem Kopf an eine Brust gelegt. Sie geht mit dem Licht der Lampe hin und her, tritt von einem Fuß auf den anderen. Hinter ihr glänzt die Küchenablage silbern. Hinter ihr dampft das Wasser im Teekocher. Der Dampf steigt hoch, es sammeln sich Tropfen am Kunstholz des Küchenschranks und fallen wieder. Neben ihr sind die Blumen auf dem klebrigen Plastiktischtuch grün und rot; auf dem Tischtuch steht die Pfeffermühle, und um die Mühle herum liegt Pfefferstaub. An der Wand ein Bild im Goldrahmen, ein Bild von Frau Wendeburg mit einer weißen Katze auf dem Sofa im Wohnzimmer, das Sofa ist braun.

Frau Wendeburg riecht nach Rose.

Der Lampenschirm steht jetzt still, das Licht, keine Tropfen mehr am Küchenschrank. Das Unwetter ist weitergezogen, an der Stadt vorbei. Noch zweimal weit weg ein leises Donnern. Als es draußen finster ist, löscht sie das Licht.

In unserer Wohnung sagt Mutter, dass sie froh sei, dass ich da bin. Sie habe sich Sorgen gemacht.

Aber warum?, frage ich.

Weil es regnet, sagt sie.

Aber es regnet nicht, sage ich.

Doch, bestimmt, sagt sie, und dass ich Bruno sagen soll, er solle sich endlich waschen.

Ich sage Bruno, dass er sich waschen soll.

Bruno sagt, Nein, er habe keine Lust, sich zu waschen.

Aber duschen kannst du dich, das ist angenehm, sage ich.

Aber duschen möge er nicht, sagt Bruno, das Wasser sei immer kalt oder heiß. Drehe man es kühler, werde es kalt, und drehe man es wärmer, werde es heiß, und so könne er sich niemals entspannen, und er möge es nicht, wenn ihm Wasser über das Gesicht laufe, dann hätte er das Gefühl, er müsse sich fortwährend das Gesicht trocknen.

Wasch dir wenigstens die Füße, sagt Mutter, wenigstens das könntest du für uns tun.

Bruno reibt sich die Füße mit Seife ein, ich betrachte mein Gesicht im Spiegel und sage ein paar Sätze, die ich zu Peter sagen könnte.

Gestern habe ich bei Regen unter der Linde gestanden, und es roch nach Schnecke, sage ich. Gestern habe ich unsere Nachbarin tanzen gesehen mit ihrem Mann, den es nicht gibt. Ich möchte nie so tanzen müssen wie sie. Und du?

Peter, sage ich zu mir im Spiegel, meine Mutter ist eine wun­derbare Tänzerin, und ich mag es, wenn du von deinem Apfel so große Stücke abbeißt, dass man die Stücke an deiner Wangeninnenseite noch erkennen kann.

Bruno sagt nichts, aber ich spüre seinen Blick am Hinterkopf. Im Spiegel sehe ich seine eingeseiften Füße. Ich drehe mich nicht zu ihm um, sehe nur die Füße.

In die Küche fällt das Morgenlicht. Bruno sitzt neben mir, das Gesicht auf die Tischplatte gelegt, schaut an die Wand. In der Ecke der Küche hängt seit gestern Nacht ein silberner Vogelkäfig. Ich habe Mutter gehört, als sie nach Hause kam in der Nacht mit dem Käfig und einem unaufhörlichen Kichern, einer Männerstimme neben sich im Flur und in der Küche und in ihrem Zimmer. Einen Vogel gibt es nicht, nur ein kleineres Vogelhaus im Vogelkäfig. Wir hören den Fernseher aus Frau Wendeburgs Wohnung und ein leises Schnarchen aus Mutters Zimmer, das nicht Mutters Schnarchen ist. Wir hören auch, wie unsere Füße die trockenen Brotkrümel und die Reiskörner am Boden verschieben. Bruno hat sein Gesicht an meinen Arm gelegt, er versucht pustend, die Härchen aufzurichten.

Ich habe versucht, Peter zu ignorieren, aber Peter hat es nicht bemerkt. Er hat nicht bemerkt, wie ich das Bein angewinkelt und gelacht habe, dabei meine feinen Finger in seine Nähe streckte, wie ich mich überhaupt gestreckt und den Bauch eingezogen habe, wenn er sich in Sichtweite befand, und wie ich in meiner gelben Lieblingsleggins ein Rad geschlagen habe, als er mit seinen Freunden in meine Richtung schaute. Er hat nicht bemerkt, dass ich mir Zöpfe geflochten und Ohrringe habe stechen lassen für Weihnachten und Geburtstag zusammen. Er hat nicht bemerkt, wie ich nicht bemerkt habe, dass er ein Tor geschossen hat. Er hat nicht bemerkt, wie ich eine Woche lang vor dem Schlafengehen kein Brot mit Butter gegessen habe. Er hat nichts bemerkt, bis ich einfach zu ihm hingegangen bin und ihn gefragt habe, ob er mit mir reden will. Einfach so, und dann bin ich schnell wieder weggegangen. Meine Ohrläppchen haben geschmerzt, und die Pausenglocke hat mir auch wehgetan.

Du hättest vielleicht warten sollen, bis er antwortet, hat Tina gesagt. Tina trägt ihren Pullover oft falsch rum, nicht absichtlich, gerade das gefällt mir.

Und? Habe ich Peter in der nächsten Pause gefragt, und er hat die Augenbrauen hochgezogen; um ihn standen seine Freunde als Leibwächter. Sie trugen farbige Turnschuhe mit an der Seite reflektierenden Streifen, und an der Seite des Kopfes sind sie rasiert, alle. Peters rasierte Kopfseite ist viel weicher, aber das sage ich ihm nicht.

Und?, habe ich gefragt.

Ich hatte die Füße aneinandergelegt und schwankte deswegen wie ein Hochhaus. Hin und her und hin und her. Ich habe Schweiß unter den Armen gehabt.

Geh und friss, sagte einer.

Die anderen standen breitbeinig um uns herum und haben die Hände unter die Achseln geklemmt. Sie haben die Ar­me auf der Brust gekreuzt. Peter hat das auch gemacht, aber bei ihm sah es nicht blöd aus.

Ich habe sie ignoriert, habe Peter fest betrachtet.

Die Augen habe ich angeschaut, die braun sind wie das Braun unseres Tisches in der Küche, über den ich darum manchmal streiche mit den Fingern und an Peter denken muss. Und die weiche Lippe habe ich angeschaut, die weich ist wie die Kissen in Mutters Bett.

Mutter hatte einmal gesagt, arme Idioten gibt es immer und überall. Daran habe ich in diesem Moment gedacht. Die Idioten haben mich ausgelacht. Peter hatte seine schönen Augen, die mich ansahen.

Wenn meine Oberschenkel auf der Sitzfläche des Stuhls aufliegen, dann sind sie fünfmal so breit wie meine Arme. Bruno hat sich aufgesetzt, seine Augen sind geschlossen. Seine knochige Schulter berührt meine.

Ich bin erschöpft, sagt er und trinkt in kleinen Schlucken seine Milch. Dann legt er sich auf den Küchenboden.

Er hat Ja gesagt, ganz schnell und leise. Ja hat er gesagt, und ich bin davongelaufen.

Jetzt hat er Ja gesagt und kann nicht mehr Nein sagen.

Tina strahlte mich an, sie gab mir einen Klaps auf den Po.

Bravo, sagte sie.

In mir haben alle geklatscht. Ich bin zu Bruno gelaufen, der klein in einer Ecke des Schulhofs saß. Er hat hochgesehen mit dem schweren Buch auf den Knien, an seinem Hemdkragen hing ein schwarzes Haar, das habe ich ihm liebevoll entfernt.

Er hat Ja gesagt, sagte ich.

Hat er?

Ja, hat er. Laut und lachend, sagte ich.

Das glaub ich dir nicht.

Nicht laut und nicht gelacht, aber Ja.

Gut, sagte Bruno und nickte langsam.

Mutter kommt in die Küche und stößt den Vogelkäfig an, er schaukelt leer hin und her und hin und her. Und wir schauen ihm dabei zu, und Mutter zeigt auf den Käfig. Und sie streicht dem auf dem Boden liegenden Bruno mit dem Fuß über den Rücken.

Ein ganz hervorragender Morgen, sagt Mutter und geht auf den Balkon hinaus. Sie streckt die Arme von sich.

Ich liebe euch, sagt sie.

Ich hab ihn gefragt, sage ich.

Du hast ihn gefragt?

Ja.

Und was hast du ihn nun gefragt?, fragt Mutter.

Ob er mit mir reden will.

Ob er mit dir reden will?

Ja.

Gut, sagt Mutter. Das ist wundervoll, Anais.

Dann schweigen wir einen Moment. Ich schweige, weil ich merke, dass Mutter nachdenkt, und ich sie dabei nicht stören möchte, und Bruno schweigt, weil er meistens schweigt, und Mutter denkt nach.

Normalerweise redet man aber einfach, und dann fragt man, ob derjenige mit einem ausgehen möchte, in eine Bar, in einen Club, in ein Restaurant. Oder in deinem Fall am ehesten ins Kino, sagt Mutter dann.

Aber ich meine Reden ja im Sinne von Kennenlernen. Ich möchte mit ihm reden, um ihn kennenzulernen, um überhaupt zu wissen, ob ich mit ihm ins Kino gehen will.

Das findet man aber raus, wenn man nebeneinander im Kino sitzt und an verschiedenen Stellen lacht zum Beispiel oder den Geruch des anderen nicht mag oder wie er Popcorn isst. Und das ist einfacher, weil man dazu nicht reden muss.

Aber ich mag reden.

Ja, das stimmt, sagt Mutter, dann ist es ja gut.

Später kommt ein Mann mit weichen Wangen in die Küche und findet keine Möglichkeit zu sitzen. Er grüßt uns, indem er lächelt und die Hand hebt, steigt über Bruno, bleibt vor der Balkontür stehen, schaut hinaus. Ich finde auf seinen Armen keine Zeichnung, keinen Namen einer Frau, kein selbst gezeichnetes Messer. Ich finde keine Fremdheit, die mit ihm in die Küche gekommen ist. An der Balkontür kleben die Weihnachtssterne, bei manchen fehlt ein Zacken. Auf dem Balkon ist das kleine Windrad. Es dreht sich im Wind, und ich kann ihn riechen, den Wind, und Erde in der Luft und Reste von Regen.

Mutter wirft ihre Zigarette in eine Blumenkiste, kommt in die Küche, küsst den Mann, legt dann ihr Gesicht an die Scheibe. Die Zigarette raucht in der Blumenkiste; Mutter nimmt den Kopf von der Scheibe, und es bleibt ein Fettfleck.

Der Rauch der Zigarette steigt knapp vor Mutters Gesicht in die Höhe, vernebelt ihre violett umrandeten Augen. Der Rauch schleicht über die Oberlippe in ihre Nase, und aus dem Mund kommt er wieder raus. Sie hat eine Hand in die Erde der Blumenkiste gelegt. Ihr Mantel ist eine Forelle. Wir sehen uns in der Scheibe am Tisch sitzen und als Spiegelbild auf Mutter, die draußen auf dem Balkon steht und in der Blumenkiste ihre Finger bewegt. Über uns die Spiegelung der Glühbirne, hinter uns das gelbe Licht der Straßenlaternen.

Dann geht sie. Und wir gehen ihr nach. Wir bleiben hinter ihr im klebrigen Treppenhaus und im Hof. Wir betreten hinter ihr die Straße, gehen nahe an der Hausmauer und halb in den Büschen. Wenn Mutter unter die Laternen tritt, ist ihr Haar aus Gold. Ihre Absätze geben einen Takt auf dem Asphalt an, das Geräusch geht hoch, kommt von den Hauswänden zurück. Sie geht fest, als wolle sie Schlangen vertreiben. Sie geht, und ihr Forellenmantel hebt sich im Wind. Hinter den Fenstern brennen die Lampen und zuckt das blaue Licht der Fernseher.

Und dann dreht sich Mutter um.

Wir wollen wissen, was du machst, sagt Bruno.

Ja, sage ich.

Mutter schweigt und schaut uns an. Sie hält eine brennende Zigarette von sich gestreckt in der linken Hand. Sie macht mit den Fingern der anderen Hand Bewegungen, um uns zu sich zu holen, dann geht sie weiter, und wir gehen neben ihr.

Mutter öffnet eine silberne Tür. Wir gehen durch eine Hintertür in ein Hinterhaus und durch einen Flur wieder durch eine Tür, dann macht ein Licht aus Neonröhren unsere Gesichter bleich. Bruno und ich blinzeln, der Mann mit weichen Wangen steht in einem weißen Hemd vor uns.

Meine Kinder, sagt Mutter.

Fred, sagt der Mann und lacht.

Fred hat ein feuchtes Lachen. Er winkt uns zu und schaut dabei zu Mutter.

Wir haben uns bei euch gesehen, Maria, sagt er.

Und er sagt Mutters Namen, als wäre ihr Name kein Name, vielmehr ein Ausdruck für das Empfinden von Glück.

In einem Raum mit Schränken aus falschem Holz und bleichen Blumen aus Papier auf dem Tisch zupft sich Mutter Schamhaare. Sie dreht sich vor dem Spiegel, versucht sich von hinten zu sehen. Dann steigt sie in eine sehr glitzernde Haut. Bruno und ich sitzen auf weißen Plastikstühlen und warten, bis sie sich die Füße mit Öl eingerieben hat.

Der Vorhang ist schwer und dahinter das Murmeln, auch Schritte auf einem knarzenden Boden, tiefes und hohes Lachen, das Ablegen von Mänteln, Haut, die Haut berührt.

Ihr bleibt genau hier stehen, sagt Mutter.

Wir bleiben stehen, und Mutter schiebt den Vorhang zur Seite, geht hindurch.

Und ich frage mich, warum der Vorhang nicht auf- und sie hinausgeht, und dann geht der Vorhang hinter ihr wieder zu, dafür sind Vorhänge doch da, und geht jemand vor einen Vorhang, gibt es Applaus.

Das Publikum aber klatscht mit Flossen, nicht mit Händen. Eine Frau hat ein spitzes Gesicht, trägt Ohrringe in der Form von Ohren. Alle schauen Mutter an. Diese funkelt und steht still hinter einer Stange.

Sie trinken Sekt. Sie trinken Wein. Vor ihnen steigt Rauch auf. Sie streichen sich vorsichtig über das eigene glänzende Haar. Sie tragen weiße Hemden. Sie tragen Kleider mit Pailletten, lange Fingernägel in waldgrün, blutrot, meerblau. Sie haben ihre Finger in den Schälchen mit den schwarzen Oliven. Sie werfen Worte über die Tische, lachend. Sie warten. Sie werfen sich Oliven in die Münder, in den offenen Mündern sieht man fleischige Zungen. Ihre Zähne leuchten weiß im schummrigen Licht. Die Damen haben lange Finger, mit denen sie sich selber am Hals streicheln. Gurgeln und Seufzen. Farbige Steine sind in die Ringe eingelassen, die an jedem einzelnen Finger einer Dame stecken, mit denen sie die Hände einer anderen Dame bedeckt.

Hinter der Bar steht Fred und trocknet Gläser.

Mutter bewegt ihren reflektierenden Körper zur Musik, die feucht ist wie Freds Lachen. An der Decke gehen Rohre entlang, die silbern sind, und Mutter streckt die Brust nach außen und berührt mit dem Gesicht oben und mit den Fersen unten die Stange. Dann zieht sie die Beine hoch, über sich selbst. Ihre Beine gehen wie Schlangen um die Stange herum. Sie dreht sich kopfüber hängend. Sie streckt die Beine in den Raum und hält sich mit nur einer Hand, gleitet langsam drehend nach unten, unter der Glimmerhaut ihre Muskeln, und sie dreht sich und dreht sich immer schneller und verschwimmt vor meinen Augen zu Gold und Grün.

Das Publikum klatscht. Fred geht mit der Sektflasche herum, füllt die Gläser. Die Frauen und Männer zünden sich Zigaretten an oder nehmen aus einer Schale weiter die Oliven, stecken sie sich in den Mund, kauen, spucken die Steine aus. Mutter verbeugt sich, das Fantastische fällt aus ihrem Gesicht auf die Zuschauer, die Zuschauer pfeifen auch. Sie wedeln sich Luft zu. Sie haben glänzende Augen, und das Glänzen hat mit Mutter zu tun.

Dann bleibt sie bei den Tischen stehen, umarmt, küsst. Sie trinkt den Sekt. Fred zeigt auf uns, die wir da stehen halb hinter dem Vorhang, zu Mutter schauend, die ihre Haare öffnet und sie schüttelt.

Und Bruno schweigt, als Mutter vor ihm in die Hocke geht, seinen Mund küsst. Er schweigt, als Mutter ihn ihren kleinen grimmigen Professor nennt und ihn fragt, ob er es so schlimm fand. Sie steht auf, geht wieder in die Hocke, legt ihr Gesicht an seine kleine Brust, küsst ihn wieder. Er schweigt, als Mutter ihn loslässt und davongeht mit ihrer zweiten Haut, die geheimnisvoll glitzert, den unendlich langen Beinen.

Bruno schweigt auf dem Weg nach Hause, geht als müder Wolf. Er schweigt, während Fred neben uns hergeht und uns fragt, wie das alles für uns so ist und was unsere Lieblingsfarbe ist, und als ich Fred erzähle, dass ich Menschen mag und Meerjungfrauen. Er schweigt, während Fred sagt, Meerjungfrauen mag ich auch, uns die Hand gibt und sagt, schlaft gut, und dann den Weg wieder zurück zur Bar geht. Er schweigt, während ich Fred hinterherrufe, er soll doch bitte auf Mutter aufpassen, und während Fred sich umdreht im Laternenlicht und sein Bauch von oben beleuchtet ist und er ruft, das werde ich. Er schweigt, während ich froh bin und sage, wir haben unsere Mission erfüllt, du kannst die Waffe einschließen, und während wir Zähne putzen und ich ihn frage, was denn los sei, ob er nicht mit mir reden wolle. Er schweigt, während ich ihm einen Zahnpastapunkt auf die Nase mache und während wir im Bett liegen, während wir beide schweigen und wach sind, was ich daran merke, dass die Stille zu still ist für Schlaf.

Auf dem Wannenrand sitzend, betrachten wir uns im Spiegel und suchen in unseren Gesichtern die Gesichter unserer Väter. Ich finde die Wangenknochen meines Vaters und Bruno die Augenwimpern seines Vaters. Mutter steht im Flur und hängt ein Bild eines Kranichs an die Wand.

Der Kranich sei das Tier der Weisheit, sagt sie und, Brunos ­Vater sei ein rothaariger Mann gewesen, einer mit einem schönen Gesicht, das Schöne an seinem Gesicht sei gewesen oder sei es immer noch, dass die Gesichtshälften ungleich gewesen seien. Er habe mit nur einer Gesichtshälfte gelacht.

Wo er wohl jetzt sei, fragt Bruno, ganz beiläufig soll es klingen, geradeso, als ob es ihn nur wenig interessiere.

Mutter sagt, sie hätte ihn im Wald getroffen, aber da sei er jetzt bestimmt nicht mehr.

Was er denn wohl im Wald getan haben könnte, damals? Fragt Bruno noch immer geradeso, als ob es nichts zu bedeuten hätte.

Ach Tierchen, sagt Mutter und macht das Gesicht zu, wie die Geschäfte in der Innenstadt am Abend die Rollläden vor den Schaufenstern runterlassen.

Aber dann öffnet sie das Gesicht noch einmal, Rollladen hoch, ganz unverhofft, wie es manchmal bei ihr passiert, wenn sie über etwas nicht reden will, aber doch reden will, nicht mit uns, aber eben nur uns zum Reden hat.

Mutter sagte einmal, als Mutter müsse man sich ein Geheimnis bewahren, eines das, wenn man es verrät, der Mutter das Muttersein nimmt und dem Kind das Kindsein. Zwischen Mutter und Kind müsse etwas offenbleiben über die Welt der Mutter ohne Kind.

Ich frage sie, ob mein Vater das Geräusch und den Geruch vom Regen mochte.

Wir reden nicht von deinem Vater, sagt sie.

Das weiß ich, aber mochte er den Regen?

Das wisse sie nicht, sagt Mutter, und dass er nie über den Regen geredet habe außer darüber, dass er nass sei vielleicht und dass man wegen der Nässe besser drinnen bleiben sollte. Er mochte den Regen nicht, sagt sie, er mochte die Welt allgemein nicht sehr, er mochte eher die Gedanken an die Welt, vielleicht, die Welt als Karte, aber nicht das Berühren der Weltoberfläche. Nicht die Beschaffenheit der Welt.

Und weil es regnet, findet Mutter, sollten wir nach draußen gehen. Bruno und ich, und Mutter als Mutter zwischen uns. Wir gehen unter einem Regenschirm bis ans Ende der Straße und dann weiter in den Wald. Wir grüßen alle Menschen, die wir treffen, einige grüßen zurück. Wir grüßen die kleinen Menschen, die großen, Hunde, Amseln, Krähen, Katzen, Mutter singt. Wir berühren den Weg, die Verkehrsschilder, die Plakatwände, die Gesichter auf den Plakatwänden und die Bäume, die Blätter, Stämme und Schneckenhäuser, Nacktschnecken, das Moos, bauen im Wald eine Hütte, die zu klein ist für ein Kind, auch für ein Nagetier, und in sich zusammenfällt, bevor sie fertig gebaut ist.

Brunos Brillengläser sind angelaufen, und er ist hungrig. Dass er hungrig ist, merke ich daran, dass er sich auf einen umgestürzten Baum setzt und mit den Fersen an der Baumrinde scharrt. Er stochert auch mit einem Ast im Laub und scheint nicht zu bemerken, dass er nasser und nasser und nasser wird.

Wir laufen durch den Wald bis zu einem Sportplatz. Im Vereinslokal setzen wir uns an einen Tisch. Mutter schaut sich den Tisch genau an, sie fährt mit den Fingern den eingeritzten Zeichnungen nach. Sie schaut zu den Wänden, zu den Schals und Wimpeln an den Wänden. Sie schaut zu den verstaubten Pokalen und geht zur Toilette und kommt zurück.

Hier riecht es nach Senf, Fleisch, aufgeweichtem Karton, altem Bier und Schweiß. Der Wirt ist dick und äußerst langsam, er schlurft mit Bratwurst und Brot zu unserem Tisch. Mutter schaut auf ihre Hände, als müsste sie diese erst verstehen, bevor sie die Wurst schneiden können. Dann schaut sie zum Wirt, als müsste sie ihn und er sie kennen. Aber der Wirt erkennt sie nicht, er steht hinter seinem Tresen und schaut in den Fernseher, der über dem Eingang des Lokals hängt. Im Fernseher läuft ein Billardspiel. Ein fein gekleideter, asiatisch aussehender Herr geht um den Billardtisch herum, versenkt alle Kugeln. Der Wirt nimmt die Fernbedienung, schaltet um. Fußball. Bruno reinigt seine Brillengläser mit einem Stück seines Unterhemdes, so kann ich seinen weißen Bauch sehen. Ich lege meine kalte Hand auf seinen Bauch, er erschrickt und knurrt. Ich esse die Wurst und schaue nach draußen auf das Spielfeld. Der Regen fällt auf den Kunstrasen, dahinter ist der Wald dunkelgrün, und dicht über den Spitzen der Tannen bewegt sich ein Nebelteppich langsam nach links. Mutter und Bruno kauen still die Wurst, tauchen die Wurststücke in Senf, reißen Stücke vom Brot. Und ich frage mich, ob Mutter einen Freund haben will.

Will Fred gerne dein Freund sein?, frage ich.

Ich glaube schon, sagt Mutter, was denkst du?

Ja, sage ich, ich glaube auch.

Und was hältst du davon?, fragt Mutter.

Er ist nett, sage ich, aber ich kenne ihn nicht.

Und er wünscht uns gedanklich nicht fort, sagt Bruno.

Natürlich nicht, sagt Mutter, das würde ich nicht zulassen, so was.

Das stimmt so nicht, sagt Bruno.

Und du?, frage ich.

Ich mag ihn, doch doch.

Alle schauen wir ein wenig auf die leeren Teller.

Findest du es schlimm, dass ich tanze?, fragt Mutter irgendwann und schaut Bruno an.

Er schweigt.

Du musst es mir sagen, sagt sie, unbedingt musst du das, wenn du es nämlich schlimmer fändest, als ich es schlimm finde, irgendeine andere Arbeit zu machen, dann müsste ich das unbedingt tun, eine andere Arbeit finden, meine ich.

Wie sollen wir das aber feststellen können, wer von uns was wie schlimm findet und wie es im Verhältnis zum Schlimmfinden des anderen steht?, fragt Bruno.

Im Wald ist es still. Das Knacksen von Ästen ist manchmal zu hören oder Flugzeuge beim Start oder Landeanflug. Im Wald ist es still. Bruno, Mutter und ich halten uns an den Händen. Wir gehen langsam zurück, sehen einen Specht beim Hacken, fünf Schnecken ohne Haus, einen Baum, der einer alten Dame gleicht. Wir sehen eine Maus und ein von einem Hund zerkautes Stück Holz. Wir sehen eine Frau mit einem in Plastik eingehüllten Kinderwagen, ein Regenschirm mit verbogenen Speichen liegt im Bachbett.

Manchmal brauche ich einen anderen Weg, sage ich zu Bruno.

Er hat seinen Rücken zum Buckel gemacht. Er kauert am Straßenrand, eine Kellerassel betrachtend, schaut grimmig zu mir hoch, der Wolf.

Bruno sagt, sie kann ihr Hinterteil unabhängig vom Vorderteil bewegen. Sie ist schiefergrau und gelbgrau, sie hat zwölf Spaltfüße, die Kellerassel. Und eindrucksvoll ist, sagt er, dass ihre Körpertemperatur der Außentemperatur entspricht. Das heißt doch, dass sie von sich gar nichts weiß, das heißt, dass sie sich als Welt fühlt. Das heißt, es gibt für sie keinen Anfang und kein Ende ihrer selbst und überhaupt.

Die Möglichkeiten der Kellerassel, sage ich bewundernd. Bruno sagt, ich gehe nun einfach nach Hause, jetzt, da du endlich da bist.

Gut, sage ich, dann geh du einfach nach Hause, ganz gewöhnlich, ich gehe einmal einen neuen Weg.

Gut, sagt Bruno, mach du das, aber am Leben ändert das nichts.

Wer weiß, sage ich, vielleicht finde ich einen neuen Gegenstand.

Der würde dann das Leben ändern?

Ich möchte gar kein Leben ändern, ich möchte jetzt einen neu­en Weg gehen.

Gut, dann geh doch, sagt Bruno.

Ja, ich gehe jetzt, sage ich.

Gut, sagt er noch einmal.

Dann rennt er davon, der Wolf, mit seiner Magerkeit. Nur noch die nervösen Kellerasseln sind da, bewegen sich auf der freigelegten Fläche, wo vorher der Stein lag. Ich lege den Stein zurück, aber bin mir nicht sicher, ob er die Tiere nun erdrückt, also nehme ich ihn wieder weg, darunter sind die Kellerasseln noch immer nervös.

Zu Hause steht Fred in unserer Küche. Er präpariert drei Fische, die silbern sind und glitschig und die lachen mit ihren toten Gesichtern. Ob es mir gut gehe, fragt er mich. Und ich betrachte die Fische, drücke meine Fingerkuppen an die Fischzähne. Ja, sage ich. Wie es in der Schule gewesen sei, fragt er Bruno, und Bruno fragt Fred, ob ihn das wirklich interessiere. Er könne sich, sagt Bruno, beim besten Willen nicht vorstellen, warum ihn interessieren sollte, wie sein Tag gewesen sei. Doch, sagt Fred, das interessiere ihn sehr wohl. Es sei so lange her, dass er in der Schule gewesen sei, und er sei nie gerne zur Schule gegangen, das habe vor allem damit zu tun gehabt, dass er sich schlecht hätte konzentrieren können und seine Lehrer keine Geduld gehabt hätten, nun würde es ihn eben interessieren, wie das bei uns sei.

War gut, sehr konzentriert, sagt Bruno und geht hinaus. Bei mir auch, sage ich.

Ich hatte nicht erwartet, dass Fred so viel am Stück spricht. Sein Gesicht scheint mir nicht fürs Sprechen gemacht. Es scheint mir vielmehr zu weich zu sein, als dass aus ihm ohne größte Anstrengung Worte hervorkommen könnten.

Ich schneide die Zwiebeln in Würfel, das Messer ist stumpf, also weine ich, und weil ich weinen muss, denke ich einen Mo­ment an Peter.

Ich denke an Peter, an die Möglichkeit eines Gesprächs, an die Möglichkeit eines gemeinsamen Moments, an die Möglichkeit von Chips essen auf dem Pausenhof hinter dem Tor nach der Schule und von Reden. Ich denke an die Möglichkeit, sein Gesicht zu berühren, vielleicht unter einem Vordach, wenn es regnet, wenn die Kleider feucht sind und es nach Regen auf warmem Boden riecht.

Weil wir später nahe beieinandersitzen, kann ich Fred riechen; er riecht nach Metall. Weil wir nahe beieinandersitzen, berühren sich unsere Beine unter dem Tisch, und die Scheibe läuft an. Ich male einen Pfeil aufs Glas, und Mutter trägt das rote Kleid mit den goldenen Knöpfen. Fred schiebt ein Messer in die Fische, teilt sie, nimmt die Gräten heraus, füttert uns mit den Fischwangen auf der Messerspitze. Wunderbar, sagt Mutter und beginnt zu leuchten. Wir drücken die Zitronenschnitze über den Fischstücken aus.

Weil wir nahe beieinandersitzen, reden wir über Liebeslieder, und mir schläft ein Bein ein. Weil wir nahe beieinandersitzen, sind die Gesichter von Mutter und Fred, wenn sie miteinander reden, beinahe in Berührung. Mutter legt ihre Arme abwechselnd um Bruno, Fred und mich.

Weil wir nahe beieinandersaßen, umarme ich Mutter, und ich umarme Fred. Mit der Zahnbürste im Mund versuche ich, ihnen zu sagen, dass es mir gefallen hat.

Fred schläft bei Mutter im Gold. Er schaut in unser Zimmer und sagt Gute Nacht. Er hat einen grünen Schlafanzug und eine grüne Zahnbürste mitgebracht. Am Morgen will Fred die Sachen bei uns vergessen, aber Mutter erinnert ihn.

Als ich Ballet tanzte, sagte Mutter, das sehe rührend aus.

Nenne es das Ungleichgewicht der Welt, sagte sie, und dann hatte sie Tränen in den Augen.

Das weiß ich noch, weil sie versuchte, die Tränen zurück in ihre Augen zu schieben, ich erinnere mich an das Drücken mit der Fingerkuppe in den Augenecken.

Als ich Ballett tanzte, sagte Mutter, wir sollen nicht trampeln und nicht schreien, wegen Frau Wendeburg.

Bruno schaute von seinem Buch auf.

Ich habe nicht geschrien, nicht einmal geredet. Ich bin generell ein sehr stilles Kind, sagte er. Du hast Glück, so ein stilles Kind zu haben, besonders da ich ein Junge bin. Und du hast auch Glück mit Anais, denn sie ist auch nicht viel lauter.

Mutter ging sofort rauchen, das weiß ich noch, weil sie nach dem Anzünden der Zigarette das Feuerzeug gegen die Scheibe warf. Ich erinnere mich an den Klang des Feuerzeugs an der Scheibe, dass die Scheibe heil blieb.

Und ich sehe Frau Wendeburg auf einer Bank neben dem Sandkasten sitzen, sie hat die eine Hand im Fell der Katze, die andere hat sie ungebraucht neben sich liegen. Sie weint, das kann ich vom Balkon aus erkennen, ich erkenne es daran, dass sie sich leicht über sich selbst beugt und wieder aufrichtet, wieder leicht nach vorne sinkt, sich wieder gerade macht. Dabei redet sie auf die Katze ein.

Neben ihr stehend, möchte ich etwas sagen. Ich möchte sagen, Frau Wendeburg, was ist es denn, was sie traurig macht? Oder ich möchte sagen, meine Mutter sagt immer, wenn man weinen kann, kann man sich glücklich schätzen, denn weinen können nicht alle. Ich möchte sagen, sie haben eine schöne Katze.

Ich setze mich neben sie, ihr Körper vibriert. Ein Kind geht leise und fremd über den Hof, im Baum bewegen sich wie gewohnt die Blätter. Sie machen ein Rauschen zu Frau Wendeburgs Vibration. An ihrem Finger ist ein goldener Ring, der im Sonnenlicht glänzt, und neben diesem Finger klebt ein Kaugummi rosarot. Neben dem Kaugummi sitzt ein Stinkkäfer. Ich nehme den Käfer auf meine Hand und lasse ihn auf Frau Wendeburgs gelben Wollärmel laufen. Die Häuser haben viele Augen. Wir sitzen hier, Frau Wendeburg und ich, ihre Traurigkeit und ihre Katze. Aus den vielen Augen schauen die Menschen vielleicht auf uns, und vielleicht denken sie etwas.

Frau Wendeburg, sage ich, Frau Wendeburg, was haben Sie denn?

Ach Kind, sagt sie.

Wir saßen im Imbiss, sagt sie, an der Ecke.

Ja, sage ich und frage, wer da saß.

Wir haben in die Dämmerung geschaut und haben geschwiegen, sagt sie. Wir saßen an diesem Tisch, er trug ein braunes Hemd, manchmal, Theodor zog seine Absätze über den Steinboden, weil er nervös war, als er mich endlich fragte.

Ach, was rede ich denn da? Geh doch spielen Kind, sagt Frau Wendeburg schnell und steht auf, bewegt die Hände, als wolle sie mich verscheuchen oder ihre Gedanken oder eine Wespe. Sie geht davon mit dem Käfer auf dem Wollärmel und der Katze im Arm. An einem der Fenster steht ein Mann. Er hat ein Hemd in allen Farben.

Ich stelle mir Frau Wendeburg vor, wie sie mit der schwarzen Schachtel in der Manteltasche aus dem Hof geht, die Straße hinunter, wie sie genau in der Mitte des Gehsteigs bleibt, wie es zu regnen beginnt. Wie sie sich in den Imbiss an der Ecke setzt, weil es regnet. Sie schaut in den Tag, aus dem Fenster, auf die nassen Regenschirme und Menschen, die Regentropfen auf den Schirmen, die nassen Hunde und Beine. Sie beobachtet Kinder im Regen und Frauen und Männer mit Einkaufstaschen. Sie schaut aus dem Fenster, in die Lichter der Innenstadt, in die Luft, die langsam blau wird. Sie sieht Stromleitungen und alte Zeitungen auf dem Boden liegen, Schuhe, die darübergehen.

Und sie denkt daran, wie sie damals an diesem Tisch gesessen hat, mit Theodor. Sie haben oft an diesem Tisch gesessen, und sie haben gemeinsam in den Regen, in die Dämmerung geschaut und geschwiegen.

Frau Wendeburg hat darauf gewartet, dass Theodor etwas sagte, aber er hat nichts gesagt, er hat mit einem Strohhalm gespielt. Er hat ihn um seinen Zeigefinger gewickelt, bis die Fingerbeere rot wurde, bis sie ihm den Strohhalm aus den Händen riss.

Das macht mich nervös, hat sie gesagt.

Würdest du mich endlich fragen, hat Frau Wendeburg gesagt.

Er sah sie an.

Ich möchte das.

Ich auch, hat er gesagt, ich auch.

Willst du mich heiraten?, hat er gefragt.

Ja, hat Frau Wendeburg gesagt, ja.

Dann hat sie ihn geküsst.

Frau Wendeburg verlässt den Imbiss, sie geht weiter mit ihren Gedanken an den Mann und mit der schwarzen Schachtel in der Hand.

Beim Öffnen der Tür klingeln kleine Glocken. Frau Wendeburg geht bis zum Ladentisch. Sie klappt die schwarze Schachtel auf und wieder zu und wieder auf und wieder zu.

Soll ich sie auffrischen?, fragt eine Dame, nimmt ihr die Ringe aus den Händen.

Frau Wendeburg setzt sich, entfernt ein letztes Katzenhaar von ihrem Strumpf und legt sich dann die Hände in den Schoß. Es sind ruhige Hände mit pfirsichfarbenen Flecken am Handrücken. Sie hört das Surren des Poliergeräts. Frau Wendeburg sieht ein Stück des weißen Hemdes der Verkäuferin, sitzt unter dem gelben Deckenlicht. Die Wände sind verspiegelt, der Schmuck in den verspiegelten Vitrinen glänzt, und der graue Teppich hätte ihre Geräusche geschluckt, aber ich stelle sie mir geräuschlos vor. Frau Wendeburg drückt ihre Fingerkuppen auf die Glastheke und die Fingerabdrücke lösen sich ganz langsam auf.

Schau, sagt sie.

Und ich stelle mir vor, dass sie Schau! gesagt hat zu ihm damals, als sie genau an dieser Theke saßen.

Schau!, hat sie gesagt und auf die von ihr gewählten Ringe gezeigt. Goldringe. Frau Wendeburg hat den einzugravierenden Text auf einen Zettel geschrieben. In Großbuchstaben, gut leserlich. Ruth und Theo. Der Mann hat still gesessen mit geradem Rücken, die schweren Hände auf seine Knie gelegt, das braune Hemd. Er hat genickt, und Frau Wendeburg hat lächelnd die schwarze Schachtel mit den Ringen entgegengenommen.

Gefallen sie dir?, hat sie gefragt und gewusst, dass sie ihm gefallen würden. Er hat die Schachtel aufgeklappt und wieder zu und wieder auf und wieder zu.

Nicht, hat Frau Wendeburg gesagt und ihm die Schachtel aus den Händen genommen.

Wieder hat er genickt.

Sie nimmt ein Taschentuch aus ihrem Leinenbeutel, wischt die Fingerabdrücke weg, bevor sie verschwinden können, bevor die Dame mit den Ringen zurückkommt.

Alles Gute wünsche ich Ihnen, sagt diese, ihre Hände sind gepflegt. Sie überreicht die Schachtel in einer kleinen, weißen Tüte, auf der zwei Tauben eine Schleife halten.

Ich reribe Schaum in die Fransen des Teppichs. Sie werden sofort weiß. Mutter liegt im Bett. Als ich zu ihr ins Zimmer kam, um zu sehen, ob Fred in seinem grünen Schlafanzug bei ihr liegt oder ein nackter, haariger Mann und sie miteinander schlafen, hatte sie die Augen offen und schloss sie, als sie mich bemerkte. In den Wimpern hingen blaue Klümpchen, Fred oder einen Mann gab es nicht, dafür Geruch. Salz, Rauch und Glitzer. Ich habe das Fenster geöffnet; ein Glas Wasser neben das Bett. Aus ihrem Mundwinkel lief ein Speichelfaden, und in der Ecke des Zimmers war ein neuer, trockener Baum in einem schweren Topf, die braunen Blätter in Tropfenform. Die Hände hatte Mutter zwischen die Beine geklemmt, und die Haare lagen verknotet auf der Seite. Ich habe ihr die Haare geöffnet und die Decke bis zur Schulter hochgezogen.

Ein schöner Baum, habe ich gesagt.

Mutter atmete ruhig.

Bruno hat mir von einem Baron Münchhausen erzählt. Er sagte, der Baron von Münchhausen bindet bei dichtem Schneetreiben sein Pferd an einen Pflock, der sich nach der Schneeschmelze als Kirchturmspitze erweist. Ich finde das komisch.

Ich reibe Schaum in die Fransen des Teppichs. Bruno liegt in der Küche. Mutter schleicht herum. Ihr Bademantel öffnet sich beim Gehen, so sehe ich ihre Brüste und die weißen Flecken an ihrem Bauch, an den Oberschenkeln, am Schlüsselbein. Im Bad höre ich sie würgen.

Draußen ist der Himmel gelb. Die Nachbarskinder spielen im Hof unter der Linde König und Königin. Die Wäsche riecht nach Waschmaschinenfrühling. Draußen irgendwo ist Peter. Peters Haar glänzend. Seine Haare sind dunkelbraun. Sehr dunkelbraun. Unglaublich dunkelbraun. Ganz ganz dunkelbraun.

In einer Pause, als er vom Klo kam, als ich gesehen hatte, dass er zum Klo ging, und auf ihn wartete, ging ich wie zufällig ne­ben ihm her.

Hallo, sagte ich.

Er nickte mir zu.

Meine Mutter sagt, am Feuer kann man am besten reden. Das Feuer ist das Symbol für die Ewigkeit, sagte ich.

Peter sah mich von der Seite an, und ich sah geradeaus, weil, von der Seite betrachtet, ist mein Gesicht am feinsten.

Und, sagte ich weiter, die Vorstellung, ewig Zeit zu haben, um über alles zu reden, das gibt dem Reden den nötigen Raum, die nötige Tiefe. Meine Mutter, sagte ich, weiß das.

Peter sah mich nicht mehr an. Und?, fragte er.

Na ja, sagte ich, wir könnten nächste Woche im Wald am Feuer reden.

Ja, sagte er und rannte über den Platz zu seinen Freunden, die ihren Ball nach Tina warfen.

Ich fand Bruno in einem Gebüsch sitzend, er beobachtete Ameisen, die tote Ameisen transportierten.

Wenn es stark regnet, sagte er, und der Boden überflutet wird, dann bauen sie aus sich selber ein Floß.

Schön ist das, sagte ich.

Schön, sagte Bruno, ja.

Lass das doch, flüstert Mutter, als sie aus dem Bad kommt, ihre muskulösen Arme gegen den Türrahmen stemmt. Lass das doch sein, sagt sie. Ich halte mir einen Arm vors Gesicht und denke, du stinkst.

Du stinkst, sage ich leise.

Mutter weint.

Das ist doch alles eine große Scheiße, sagt sie, und ich nicke und reibe weiter den Schaum in die Fransen. Scheiße, sagt sie, und ich nicke.

Das nasse Haar klebt ihr am Hals. Mutter hat eine Essensunverträglichkeit, deshalb hat sie weiße Flecken am Körper und im Gesicht. Der Arzt sagte, sie müsse sich einen strikten Speiseplan machen. Mit Dinkelmehl backen. Sie müsse im Reformhaus einkaufen.

Jetzt habe ich mehr Geld bezahlt, als ich mir leisten konnte, um zu erfahren, dass ich es mir nicht leisten kann, diese Flecken verschwinden zu lassen oder zu verhindern, dass es mehr werden, hat Mutter gesagt. Irgendwann werde ich ganz weiß sein, hat sie gesagt. Dann sehe ich aus wie eine Adelige.

Mutter geht über den Flur davon, geht in ihr Zimmer. Sie schläft, zwischendurch steht sie auf und übergibt sich oder schaut aus dem Fenster, legt sich zu Bruno auf den Küchenboden. Bruno und ich kochen Nudeln, und weil es keine Sau­ce mehr gibt, essen wir die Nudeln nackt.

Mutter kommt in die Küche und sagt, sie gehe jetzt schlafen.

Du hast bis eben gerade geschlafen, sagt Bruno, du bist nackt und draußen ist es dunkel und hier drinnen brennt das Licht und wir wohnen im ersten Stock.

Das ist mir egal, und ich bin hundemüde, sagt sie.

Sie schaut in den Nudeltopf, fasst hinein, nimmt eine Nudel, riecht an ihr, wirft sie zurück.

Morgen ist es wieder gut, sagt sie, einmal ist ein guter Tag, dann wieder ein anderer.

Hoffentlich, sage ich und frage, ob sie noch was braucht.

Nein, nein, mein Tierchen, sagt Mutter, mir ist nur schrecklich langweilig bei meiner Arbeit, dieses Bewegen und Ange­sehenwerden dabei, dieses sinnlose Lächeln im Scheinwerferlicht und dann weitet sich diese Langeweile auf alles aus, und ich beginne zu denken, und wenn ich denke, dann werde ich müde.

Was denkst du denn?

Ich denke daran, was hätte sein können.

Und was hätte sein können?, fragt Bruno.

Fast alles, sagt Mutter.

Das ist viel, sage ich.

Ja, sagt Mutter, gerade darum werde ich so müde.

Wir könnten ein Spiel spielen, sage ich.

Wir könnten umziehen, sagt Bruno, wenn du willst.

Wir fahren im braunen Auto fünfmal um den See. Wir fahren um den See und sehen draußen nur den Regen an den Scheiben und den Regen in der Luft, sehen kurz, nachdem der Scheibenwischer über die Frontscheibe ging, auf die Straße, links auf das Wasser, die Bojen sehen wir, weil sie orange sind, und die Schwäne, weil sie größer sind als Enten. Wir strecken die Füße aus dem Fenster, und vom Regen werden unsere Füße nass.

Fred schaut auf Mutters Beine, Fred spricht nicht mit uns, aber er singt die Lieder falsch, Fred hält einmal, um Fisch zu holen, aber Fisch gibt es nicht, also essen wir Nüsse. Fred riecht nach Metall. Fred ruft Maria in den Fahrtwind. Fred singt, Maria, du bist so wunderschön, ja schön, so schön, schöner gibt es nicht. Er ruft aus dem Fenster in den Regen hinein. Wir spucken die Nussschalen aus dem Fenster, auch in den Regen hinein. Mutter lächelt und sagt, dass es nun genug sei davon.

Und Bruno küsst mich einmal, dann lege ich mein Gesicht in sein Haar, es riecht nach Rauch und Erde, nach Russland, wie ich mir ein Russland vorstelle, das weit ist und kalt und nach Rauch und Erde riecht. Bruno hat sein Buch dabei und öffnet es nicht. Wir schreien, weil der Motor laut ist, und wir schreien auch aus Freude. Wir schließen die Augen und fliegen.

Bei jeder Runde um den See sagt Fred, jetzt kommt das Luxushotel, und dann sehen wir es, wie es weiß dasteht am Ufer des Sees im Regen, wie die Terrasse leer ist und die Palmen noch weiß verpackt vom Winter, wie eine Matratze vor dem Eingang liegt, vielleicht ist es auch ein Gepäckstück oder ein Mensch. Wir sehen die schwarzen Wagen vor dem Hotel und sehen in den Trauerweiden am Ufer die Lichter nicht brennen.

Jedes Mal, wenn wir einmal um den See gefahren sind, sage ich, jetzt kommt der Schrottplatz mit den Autoteilen, dann sehen wir den Schrottplatz, sehen die Wagenskelette aufeinander­gestapelt, vielleicht sind es Skelette von Elefanten oder Walen oder anderen großen, toten Tieren.

Jedes Mal, wenn wir einmal um den See gefahren sind, sagt Mutter, jetzt kommt die Tafel, auf der Frankreich steht, dann sehen wir die Tafel, auf der Frankreich steht, vielleicht steht darauf aber auch etwas ganz anderes, aber ich schaue und sehe nur Regen.

Bruno hat seine Schuhe ausgezogen, und aus dem Loch seiner Socke kommt der große Zeh, er schabt mit dem Zeh auf der staubigen Fußmatte. Bruno ist ein schöner Wolf. So schön habe ich ihn lange nicht gesehen, so schön war er, als er über die Kellerassel sprach.

Mutter lässt Freds Hand auf ihrem Bein, und sie summt in den schwebenden Staub hinein, und ich sehe ihre Perlenkette aus Muttermalen und berühre sie. Sie dreht sich zu mir um und sagt etwas im Lärm, was ich nicht verstehe, aber weil sie lächelt, lächle ich auch.

Ich frage mich, ob sie diese Muttermale von ihrer Mutter hat und ob ich auch solche Male von ihr habe, irgendwo, die Gleichen, die gleiche Schönheit haben werde wie sie, wenn ich groß bin, aber ich glaube, ich habe etwas anderes, ich habe aber auch etwas. Wenn ich nach draußen schaue aus dem Autofenster, dann habe ich die Stromleitungen in meinem Kopf, als Verbindung der Dinge auf der Welt. Sehe ich Bruno, habe ich eine Liebe für ihn, die groß ist wie der Haufen Tierskelette, an dem wir zum fünften Mal vorbeifahren.

Im Raum des Autos ist Freds Metallgeruch, der Geruch von alten, verklebten Kräuterbonbons, von Vanille aus Mutters Blusenkragen und Erdgeruch von Brunos Körper, auch der Duft von Staub, Benzin und Regen. Während der letzten Fahrt liegt der Lärm wie eine Decke über Bruno und mir. Ich sehe die Straßenlaternen vorüberziehen und Werbetafeln; es ist Nacht.

Bruno und ich haben keine Großeltern. Weil wir beide keinen Vater haben, haben wir natürlich auch von diesem Vater, den wir nicht haben, die Großeltern nicht. Von Mutter auch nicht. Ihr Vater war schon nicht mehr da, als ich kam.

Ihre Mutter wollte sie lange nicht sehen. Wir haben sie später dann doch noch ein paarmal gesehen. Ich weiß nicht, wer wen sehen wollte, aber ich hab mich gefreut.

In meiner frühesten Erinnerung sehe ich sie in Hellblau. Sie sitzt vollkommen hellblau gekleidet in unserer Küche, ihr Pullover besteht aus vielen weichen Härchen, wie das Fell einer Katze. Ich habe sie gerne berührt, heimlich am Arm oder Rücken. An mein Gesicht an ihrem Pullover erinnere ich mich. Sie faltet Unterhosen und sortiert Socken in dieser meiner Erinnerung. Sie steht bei uns in der Wohnung und legt ihr Täschchen in der Küche auf den Tisch. Sie kocht Milchreis in meiner Erinnerung und füttert Bruno mit einem Plastiklöffel, den sie aus ihrer Tasche gezogen hat, der Löffel in einem Plastikbeutel, der Plastikbeutel mit Druckverschluss. Bruno mit offenem Mund und den vergrößerten Babyaugen hinter der Brille. Sie nimmt die Teller für uns aus dem Schrank in meiner Erinnerung und wäscht sie mit Seife aus. Sie schließt den Reißverschluss unserer Jacken bis ganz oben, sie bürstet mir das Haar, lange und vorsichtig und bis kein Haar mehr mit einem anderen verknotet ist. In ihrem Milchreis war Zimt. Ich liebte diesen Zimt im Milchreis und den Geruch der Mutter von Mutter nach Kokosnuss.

Als sie nicht mehr in unsere Wohnung kam, haben wir sie einmal in einem Café getroffen und sehr viel Kuchen gegessen. Es war weiß und rosarot und fliederfarben in diesem Café, auch der Kuchen war weiß und rosarot und fliederfarben. An der Wand hing ein Bild von einem Heidelbeerstrauch, das weiß ich noch, weil Mutter und ihre Mutter lange das Bild betrachtet haben und sich nicht gegenseitig ansahen. Und dann sagte die Mutter von Mutter, das ist ein Heidelbeerstrauch. Sie trug ein pastellfarbenes Kleid und eine Schauspielerinnenfrisur. Perlohrringe und eine Perlenkette. Sie steckte Bruno und mir etwas Geld zu, welches Bruno sich in den Mund stecken wollte und Mutter uns wieder wegnahm und ihr zurückgab.

Wir haben Geschenke bekommen, und die Mutter unserer Mutter hatte feuchte Augen, als sie die Geschenke vor uns hinstellte. Ein Radio habe ich bekommen und Bruno ein Auto zum Draufsitzen und Herumfahren. Das weiß ich noch, und dass sie nach Kokosnuss gerochen hat und uns gefragt hat, wie es uns geht. Mutter hat etwas in Zellophan Eingewickeltes bekommen, das weiß ich noch, wegen des Knisterns des Zellophans und weil sie ihr Geschenk nicht ausgepackt hat. Sie legte es neben sich auf die Bank, und Bruno, der neben ihr saß, hat daraus lange ein Knistern gemacht, bis Mutter ihn auf den Boden setzte. Ich weiß noch, dass die Mutter der Mutter etwas wegen meinem Vater zu mir sagen wollte. Sie sagte, Anais, dein Vater ist ein guter Mensch. Das sagte sie zu mir, und sofort knallte Mutter ihre Hand auf den Kirschholztisch. Das weiß ich noch, ich erinnere mich an den Tisch, weil die Mutter von Mutter zuvor gesagt hatte, wir sollten aufpassen mit der Schwarzwälder Kirschtorte auf dem Kirschholztisch. Das hatte ich lustig gefunden, deswegen weiß ich es noch, und ich weiß noch, dass Bruno herumgekrochen ist. Dann sind wir gegangen, schnell und dramatisch.

Als wir die Mutter von Mutter das nächste Mal sahen, war sie tot. Sie lag in einem Kühlraum, in dem auch eine Kerze brannte. In dem Mutter neben ihrer Mutter stand und ihre kalte Wange berührte. Sie roch nicht, und es gab an ihr keine Weichheit mehr. Weiß war sie, sehr weiß, und bestimmt war sie innen so kalt wie die Luft im Raum.

Ich weiß noch, dass es an ihrer Beerdigung schneite, dass weiß ich noch, weil vielen Frauen mit hochgestecktem Haar die Schneeflocken auf den Frisuren und Pelzmänteln liegen geblieben waren. Auch auf den Armen der kahlen Bäumchen vor der kleinen Kirche lag der Schnee. Oft haben die Frauen etwas aus ihren goldenen und roten und samtenen Täschchen genommen und wieder etwas darin verstaut, oft haben sie die Arme vor dem Bauch gekreuzt. Die Kirche war aus Beton, und zum Öffnen der Eingangstür war an der Tür ein großes, eisernes Kreuz befestigt. Das weiß ich noch, weil ich mich an das Kreuz hängen musste, um die Tür zu öffnen. Viele haben Mutter nicht angesehen und uns nur von Weitem. Einige sagten etwas zu Mutter, und sie hat davon ein Gesicht hart wie Stein bekommen. Viele hatten Blumen in ihren behandschuhten Händen, manche der Frauen rochen, wie die Mutter der Mutter gerochen hatte. In der Kirche dann sagte der Pfarrer, ehret Eure Eltern, die Euer Haus sind. Als er das sagte und dabei Mutter nicht ansah, stand sie auf, nahm Bruno auf den Arm und mich an der Hand und verließ die Kirche. Mit den Absätzen machte sie Lärm, sodass wir den Pfarrer nicht mehr hören konnten.

Draußen gingen wir an das offene Grab. Und Mutter sagte etwas mit dem Wort Liebe in die Leerstelle hinein.

Wütend sagte sie es, und dann gingen wir heim, und dann trank Mutter Gin mit Gurke. Das weiß ich noch, ich erinnere mich an die Gurke.

Bruno fragte Mutter einmal, wer sein Vater ist.

Ich fragte Mutter auch einmal, wer mein Vater ist.

Und Mutter wühlte in ihrem Zimmer irgendwo nach etwas, kam aber ohne etwas in die Küche, setzte sich an den Tisch.

Vielleicht wühlt sie auch nur, um Zeit zu gewinnen, sagte Bruno, als ich fragte, nach was sie wohl suche.

Zeit für was?, fragte ich.

Zeit zum Überlegen, was sie sagen soll, sagte Bruno.

Aber warum überlegen?

Das sogenannte Geheimnis zwischen Mutter und Kind vielleicht, sagte Bruno.

Vielleicht, sagte ich und hoffte, sie komme mit einem Bild meines Vaters, auf dem mein Vater aussieht wie mein Vater.

Mutter kam ohne Bild, kam mit ihrer Eleganz.

Ich habe nichts gefunden, sagte sie.

Was hast du gesucht?

Aber Mutter legte ohne Worte eine Hand auf ihren Mund, sie setzte sich und dachte nach. Bruno und ich warteten, schwiegen, sahen ihre Hände, die miteinander spielten und ihre zwei tiefen Falten zwischen den Augen.

Wie unglaublich schön meine Mutter ist, dachte ich. Aus Speckstein war ihr Gesicht an diesem Morgen.

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