Читать книгу: «El Niño de Hollywood»
ZUM BUCH
Die Länder Zentralamerikas haben die höchsten Mordraten der Welt. Millionen Menschen fliehen vor der Gewalt, die dort zwischen verfeindeten Gangs herrscht. Wer sind die jungen Männer, die sich den Banden anschließen und denen ein Menschenleben nichts wert zu sein scheint? Welche Rolle spielten die USA bei der Entstehung ihrer Strukturen? Eine hochspannende Reportage über einen Killer der Mara Salvatrucha 13.
Jährlich versuchen Tausende von Menschen, aus Zentralamerika in die USA zu fliehen. Länder wie El Salvador leiden unter einem entsetzlichen Bandenkrieg und verzeichnen die höchsten Mordraten der Welt. Die Mara Salvatrucha 13 allein hat dort geschätzte 40.000 Mitglieder: junge Männer ohne Perspektive, die sich im tödlichen Wettstreit mit den Rivalen Status und Respekt erwerben.
Miguel Ángel Tobar, genannt El Niño de Hollywood, ist einer von ihnen. Schon als Junge wird er zum skrupellosen Mörder für die MS-13, und später ihr Opfer: Als die Gang seinen Bruder ermordet, schwört er Rache. Seine Zeugenaussagen helfen, mehr als dreißig ranghohe Mitglieder der MS-13 vor Gericht zu stellen. Doch die Mara kennt kein Erbarmen, und der salvadorianische Zeugenschutz ist dürftig.
Auf der Grundlage von Interviews mit El Niño, ehemaligen Gangmitgliedern, Polizisten und jahrelanger Recherche zeichnen die Brüder Martínez in ihrer spannenden Reportage nicht nur das erbärmliche Leben und Sterben eines Killers der MS-13 nach. Sie erzählen auch, wie die Mara Salvatrucha in den Achtzigern in den USA entstand, wie abgeschobene Kriminelle die Gangkultur in die bürgerkriegszerrütteten Heimatländer exportierten und seitdem die Straßen beherrschen. Ein so faktengesättigtes wie erschütterndes Porträt aus dem Inneren einer der gefährlichsten Gangs der Welt.
»Martínez’ politisches Engagement und seine schriftstellerische Kunst, auch die schlimmsten Fakten erzählerisch behutsam zu vermitteln, sind außergewöhnlich. Ein Leuchtturm des mutigen Journalismus …«
MICHI STRAUSFELD
ÜBER DIE AUTOREN
Óscar Martínez wurde 1978 in El Salvador geboren und ist Journalist bei ElFaro.net, dem ersten Online-Magazin Südamerikas. Er gilt als einer der renommiertesten investigativen Journalisten Zentralamerikas. Seine Reportagen erregen immer wieder öffentliches Aufsehen und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien von ihm 2016 „Eine Geschichte der Gewalt“.
Juan José Martínez wurde 1986 in El Salvador geboren und ist Anthropologe und Autor. Er befasst sich seit Jahren mit der Rolle von Gewalt in der Welt der organisierten Kriminalität Zentral- und Nordamerikas und hat zahlreiche akademische Studien, wissenschaftliche Beiträge, Artikel und Bücher zum Thema veröffentlicht.
Óscar Martínez
Juan José Martínez
MAN NANNTE IHN
EL NIÑO
DE HOLLYWOOD
Leben und Sterben eines Killers der
Mara Salvatrucha
Aus dem Spanischen
von Hans-Joachim Hartstein
Verlag Antje Kunstmann
Für Edin, in Liebe und Dankbarkeit
Du hast gesagt, wir seien eine Erweiterung von Dir.
Also hast auch Du einen Anteil an diesem Buch.
Du lebst in uns weiter, Papa.
Für Marisa, den schönsten Ort, den besten Ort der Welt.
Unsere Worte sind auch Deine Worte, Mama.
INHALT
Vorwort der Autoren
TEIL I
1. Das Ende
2. Der Anfang
3. Der Ursprung
4. Willkommen im System El Sur
5. Der Blick eines Mörders
6. Jugendbanden
TEIL II
Auf der Parzelle I
Auf der Parzelle II
Auf der Parzelle III
Auf der Parzelle IV
Auf der Parzelle V
Auf der Parzelle VI
Auf der Parzelle VII
Auf der Parzelle VIII
Auf der Parzelle IX
Auf der Parzelle X
Auf der Parzelle XI
Auf der Parzelle XII
Auf der Parzelle XIII
TEIL III
1. Verräter
2. Outlaw
3. Waffenruhe
4. Hölle
5. Tod
TEIL IV
Einziges Kapitel. Auf der Suche nach El Niño
VORWORT DER AUTOREN
Dieses Buch handelt von Abfall. Konkret, von den Abfällen, die die Maschinerie der Vereinigten Staaten von Nordamerika in regelmäßigen Abständen an ihren Grenzen ausstößt. Abfälle, die nach El Salvador abgeschoben werden, in ein Land, das selbst eine Mühle ist. Doch diese menschlichen Abfälle haben ein Leben, erst recht nach ihrer Vertreibung. Und mit der Zeit werden die Früchte dieser Abfälle erneut auf vielfältige Weise zum Sand im Getriebe jener Maschinerie, die sie zermalmt und dann ausgespuckt hat. Dieses Buch erzählt davon, wie diese Länder mit dem Abfall umgehen.
Die Geschichte von Miguel Ángel Tobar ist das ideale Beispiel dafür, wie globale Prozesse eine Unmenge an kleinen Geschichten hervorbringen. Miguel Ángel Tobar war ein Killer, ein gnadenloser Mörder der Mara Salvatrucha 13. Ein Mann, der durch seine mehr als fünfzig Morde eine zweifelhafte Berühmtheit in den Vereinigten Staaten erlangte und in den Klub der Serienmörder aufgenommen wurde, denen ganze Fernsehsendungen gewidmet werden. Aber sein Leben und seine Verbrechen spielten sich fern der Orte ab, an denen Fälle wie seine bekannt wurden: mitten in einer heißen, feuchten Gegend des salvadorianischen Westens. Miguel Ángel hat nie Englisch gesprochen, und er war auch nie in Los Angeles, wo die kriminellen Banden entstanden sind. Nicht einmal den Namen seiner Gang, der Hollywood Gang, konnte er korrekt aussprechen. »Jaliwú«, sagte er. Und doch bestimmte das, was in dem Land im Norden passierte, sein Leben in El Salvador und natürlich das all derer, denen er es genommen hat. Es bestimmte sein Leben und somit den Tod Dutzender von Menschen.
Wir lernten Miguel Ángel fast wie nebenbei kennen, ohne es geplant zu haben, bei einer Recherche für die Online-Zeitung elfaro.net. Wir untersuchten die Bandenbosse und ihre Gangs und die Frage, wie es einem einzelnen Anführer gelingen konnte, einer kleinen Gang das ganze Konzept des organisierten Verbrechens näherzubringen. Gil Pineda, der barsche Polizeiermittler, mit dem wir über das Thema sprachen, sagte zu seinem Untergebenen einen Satz, der unser Leben für die folgenden Jahre verändern sollte: »Cabo, bring El Niño her!« Wenig später erschien in der Tür der muffigen Polizeiwache ein schlanker junger Mann mit Schlitzaugen, einem locker über die Hose fallenden Hemd und einer bunten Rasta-Mütze. Er glich nicht dem Bild eines marero, das die Medien von den Mitgliedern der Mara Salvatrucha zeichnen: Mann mit kahl rasiertem Schädel, bis zum Hals tätowiert. Nach einem kurzen Händedruck überquerten wir die Straße und gingen zu seiner Parzelle, wo wir uns auf wacklige Plastikstühle setzten. Wir unterhielten uns mehrere Stunden. Er erzählte uns von seinem Leben. Dabei ging er so weit zurück, wie er sich erinnern konnte, also ab der Zeit, als er ein verschreckter Junge gewesen war, der versucht hatte, Menschen umzubringen. Wir lernten Lorena kennen, seine Frau, und Marbelly, seine unterernährte kleine Tochter. Von dem Tag an besuchten wir ihn regelmäßig. Wir hörten uns an, was er zu erzählen hatte, und verglichen es mit anderen Quellen, Polizeiberichten und Zeitungsarchiven, Aussagen von anderen Bandenmitgliedern und ehemaligen Mareros, Polizisten, Untersuchungsrichtern, Familienangehörigen, Opfern, Gerichtsmedizinern. Wir trafen uns auch dann noch mit ihm, als er den unsicheren Zufluchtsort verließ, den der salvadorianische Staat ihm im Zeugenschutzprogramm bot. Wir sahen ihn zwischen Zuckerrohrfeldern leben und sich als Jäger und Sammler durchschlagen, wie die ersten Menschen der Urzeit. Wir sahen ihn unter dem Schutz des Staats verzweifeln und bis auf die Knochen abmagern und daran denken, wieder mit dem Stehlen und Töten zu beginnen, um seine Familie zu ernähren.
Mit der Zeit verstanden wir, dass Miguel Ángels Leben sehr viel mehr war als die brutale Geschichte eines Bandenmitglieds. Im Laufe der Monate und Jahre wurde uns klar, dass das Leben dieses Mannes durch globale Prozesse bedingt war, durch Geschichten, die sich draußen in der Welt abspielten und von denen er nichts wusste. Dass seine Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit stets durch entfernte, von hohen Beamten während des gesamten 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und El Salvador bestimmte Entwicklungen begrenzt und eng mit ihnen verbunden gewesen war. Sein ganzes Leben war das Ergebnis einer langen Kette von blutigen Prozessen, die ihn am Ende zu dem machten, was er war. Deswegen beginnen einige Kapitel dieses Buchs Jahrzehnte vor seiner Geburt oder Tausende von Kilometern nördlich des Ortes, an dem er zur Welt kam. Die völlige Unkenntnis besagter Prozesse und Entwicklungen machte ihn zu einem naiven, ja sogar abergläubischen Menschen.
Miguel Ángels Leben war auch das Ergebnis gemeiner, hinterhältiger Spielchen. Er war die Beute einer kriminellen Vereinigung, die aus Jungen bestand, die ebenfalls Beute waren, wie er.
Miguel Ángel handelte, ohne eine Ahnung von diesen Dingen zu haben. Doch die Menschen sind komplexe Gemälde, mit Farbtönen und Schattierungen. Manchmal war Miguel Ángel ein nachdenklicher Mensch, der mehr als ein Leben gelebt zu haben schien. Er hatte interessante Gedanken und Ansichten über seine Situation, die Wendungen in seinem Leben und das, was zu ihnen geführt hatte. Vor allem aber war er, trotz all seiner Brutalität und seinen Überlebensstrategien, ein aufrichtiger Mensch. Obwohl er es hätte tun können, hat Miguel Ángel uns niemals angelogen. Zumindest haben wir ihn nie bei einer Lüge ertappt. Wir haben seine Aussagen mehrmals überprüft, sie anderen Quellen gegenübergestellt, und immer haben sie sich als wahr erwiesen. Selbst wenn das, was er sagte, unmöglich schien, fanden wir irgendein Dokument oder einen Augenzeugenbericht, die die Worte des Mörders bestätigten. Noch heute fragen wir uns, warum er so aufrichtig mit uns sprach. Miguel Ángel hat nie Geld oder Lebensmittel von uns verlangt. Er hat uns nie um einen Gefallen gebeten. Er hat einfach nur geredet, fast drei Jahre lang jede unserer Fragen beantwortet. Einmal ist er mit einer Machete und einem selbst gebastelten Gewehr bewaffnet zwei Stunden durch Feindesland gegangen, nur um mit uns zu sprechen. Er hat mit Inbrunst und Leidenschaft von seiner Vergangenheit erzählt, von seinen Hoffnungen, seinen Albträumen, seinen Überlebensstrategien, seinen Verrücktheiten. Und er hat über seine komplexe Weltanschauung gesprochen, die eines Bandenmitglieds vom Land. Mit viel Geduld und erst nach vielen Jahren lernten wir verstehen, und darum haben wir uns entschlossen, zu erklären, was wir verstanden haben. Und um es zu erklären, haben wir entschieden, es vor allem zu zeigen, anstatt nur Aussagen zu treffen. Dieses Buch ist ein Beispiel für narrativen Journalismus. Wir wollen Fenster aufstoßen. Allerdings ist das, was auf der anderen Seite zu sehen ist, nicht angenehm.
Es wäre leicht und sehr aufschlussreich gewesen, das Leben dieses Mannes von Weitem durch ein Fernglas zu betrachten. Und das, was man gesehen hätte, wäre aufsehenerregend gewesen: blutige Morde, obskure Rituale, Macheten, Pistolen, Kugeln und Wunden. Doch das kennt man zur Genüge aus dem mörderischsten Land der Welt. Daher haben wir beschlossen, Miguel Ángels Leben unter einer Lupe zu betrachten, seiner Fährte zu folgen, seinen Spuren, seinen Zeichen, auch seiner Gewalt. Denn Erklärungen – keine Rechtfertigungen! – findet man in diesen Breitengraden nur selten.
Die Idee, unsere Kräfte als Autoren zu bündeln, basiert nicht nur darauf, Kenntnisse von soziokulturellen Phänomenen und Prozessen zu sammeln, die uns beide in den letzten zehn Jahren beschäftigt haben. Sie zielt auch darauf ab, Arbeitsmethoden, Recherchetechniken, die Auswahl der Orte sowie zwei unterschiedliche Arten, die Realität zu erfassen, zusammenzuführen. Wir haben an je unterschiedlichen intellektuellen Fronten gekämpft und uns bemüht, die Wurzeln jener Gewalt freizulegen, die unser Land auf den düstersten Rankings ganz nach oben gebracht haben. Beide haben wir die Mara Salvatrucha 13 studiert. Wir haben mit Dutzenden von Bandenmitgliedern, Verfolgern, Gegnern und Opfern gesprochen. Wir haben mehr als ein Jahr mit ihnen zusammengelebt, haben viele Stunden in den entsetzlichen Gefängnissen von Guatemala, El Salvador, Honduras, Mexiko und den Vereinigten Staaten mit ihnen verbracht und diejenigen begleitet, die durch ganz Mexiko bis in die Städte der Vereinigten Staaten vor ihrem Sadismus geflohen sind. Zunächst haben wir getrennt gearbeitet, jeder für sich, bis wir eines Tages gemeinsam in der Ortschaft El Refugio auf Miguel Ángel trafen. Seither sind wir Dutzende Male in seine Gemeinde gefahren, an die Orte, wo er getötet hat und gestorben ist.
Letzten Endes handelt dieses Buch nicht nur vom Leben eines Killers der größten Verbrecherbande der Welt, der einzigen El Salvadors, die auf der schwarzen Liste des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten steht und ständig in den Hetzreden von Donald Trump erwähnt wird, der Bande, die unter dem Namen Mara Salvatrucha 13 unzählige Gangs vereint und die in jedem Department von El Salvador präsent ist. Im Grunde ist dieses Buch unsere Art, den Hinterhof der Vereinigten Staaten zu verstehen und zu erklären. »Shithole«, nannte es Trump, als handelte es sich um etwas, das mit dem, was Regierende wie er aufzubauen und zu zerstören geholfen haben, nichts zu tun hat.
Dies ist die Geschichte von etwas Großem. Dies ist der Bericht über etwas Monströses, Länderübergreifendes. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Gewalt, eine Geschichte, die andauert, die weiter lebendig ist, die pulsiert und sich ausbreitet, die rekrutiert und aus- und einwandert. Eine unerhörte, wenig verstandene Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines Niemands, eines Vergessenen, eines Mannes, der war, wie viele andere sind. Das mikroskopisch Kleine, um das Globale zu verstehen.
Wir haben auf die Beute der Beute zurückgegriffen und versucht, sie zum Schlüssel für das Verständnis der Geschichte zu machen, gemäß dem Satz, den wir einmal zu Miguel Ángel, dem wir versprochen hatten, aufrichtig zu sein, gesagt haben.
»Warum wollt ihr meine Geschichte erzählen?«, hatte er uns nach Jahren unserer Bekanntschaft an dem staubigen Ort, an dem er geboren wurde, gefragt.
»Weil wir leider glauben, dass deine Geschichte von größerer Bedeutung ist als dein Leben«, antworteten wir verlegen.
Wir hoffen, dass wir jenem Versprechen alle Ehre machen.
Óscar und Juan José Martínez 28. Februar 2018
TEIL I
ERSTES KAPITEL
Das Ende
Nicht mal im Tod wird Miguel Ángel Tobar seinen Frieden finden.
An einem Sonntag, dem 23. November 2014, machen sich sieben Männer daran, ihn unter die Erde zu bringen. Es ist zwölf Uhr mittags auf dem Friedhof von Atiquizaya, im Westen des kleinen zentralamerikanischen Staats El Salvador. Die Sonne brennt einem direkt auf den Schädel, und man muss sich nicht erst bewegen, um zu schwitzen.
Während der Schwiegervater und die Brüder des Toten das Grab ausgehoben haben, stand die Mutter von Miguel Ángel Tobar, eine kleine, grauhaarige Alte, still daneben. Jetzt, da ihr Sohn in dem billigen Teakholzsarg hinabgelassen wird, bricht sie zusammen, schreit, fragt, warum, warum so jung. Warum wieder. Warum noch ein Sohn. Warum noch ein Mord.
Der von der Gemeindeverwaltung gestiftete Sarg hat kein Guckfensterchen. Häufig verzichtet man darauf aus Rücksicht gegenüber den Angehörigen, die keinen verstümmelten Körper in Erinnerung behalten möchten. Bei Miguel Ángel Tobar ist nicht das der Grund. Seine Mörder waren nicht so geschickt wie er im Umgang mit der Pistole. Sie mussten ihre Magazine leeren, um ihn letztlich mit sechs Schüssen niederzustrecken, während er zu flüchten versuchte. Die drei Kugeln, die seinen Kopf durchlöcherten, schlugen an versteckten Stellen ein, hinter dem Ohr. Die Kugeln meinten es gut mit ihm.
Man könnte sagen, dass Miguel Ángel Tobars Bestattung nur fünf Minuten gedauert hat. Die Stunden davor haben dazu gedient, das Grab auszuheben, das Loch zu begutachten und weiterzugraben. Die Stunden davor hatten nichts Feierliches an sich. Es sah aus, als hätten sich Angehörige einer Familie getroffen, um einen Brunnen zu graben. Die schweißgebadeten Männer sprachen über die Tiefe und Breite der Grube, wie Arbeiter, die für jemand anderen ein Haus bauen. Die Frauen brachten die weinenden Kinder zischend zum Schweigen und sahen ihren Männern beim Graben zu.
Doch sobald die sieben Männer beginnen, Seile um den Sarg zu schlingen und ihn hinabzulassen, verwandelt sich die alltägliche Szene unvermittelt in eine Beerdigung von jemandem, den sie geliebt haben.
Die Mutter schreit die ganzen fünf Minuten über. Sie droht ohnmächtig zu werden. Die Frau von Miguel Ángel Tobar, ein vom schlechten Leben gezeichnetes junges Mädchen von achtzehn Jahren, verdrückt eine Träne. Die Frauen übertönen das Weinen ihrer Kinder, indem sie aus vollem Hals evangelikale Kirchenlieder singen. Sie schreien die Worte heraus, die von einem Himmelreich und auch von einem Höllensee sprechen. Die schweißnassen Männer weinen nicht, weil sie nie weinen, senken jedoch ihren Blick.
Fünf Grabsteine weiter sitzen vier Bandenmitglieder auf einem Grab und würfeln. Der Friedhof wird von der Mara Salvatrucha 13 kontrolliert, und das ist kein Geheimnis. Das weiß auch der städtische Friedhofswärter, der jetzt zusieht, wie Miguel Ángel Tobar von anderen beerdigt wird. Auf die Frage »Wer sind die da?« antwortet er wie selbstverständlich: »Das sind die, die hier das Sagen haben.«
Bei der Beerdigung eines Bandenmitglieds, egal von welcher Gang, herrscht Waffenruhe. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Dem, den sie töten wollten, gestatten sie, im Tod seinen Frieden zu finden. Doch heute gilt diese Regel nicht.
Zwei weitere Bandenmitglieder kommen aus den Gassen mit den kleinen Häuschen, die eine Seite des Friedhofs säumen, und gesellen sich zu denen, die auf dem Grab würfeln. Die vier unterbrechen ihr Spiel, stehen auf und beobachten. Ein weiterer taucht auf und geht im Abstand von wenigen Metern an den Trauergästen vorbei. Es ist ein dünner, blasser Junge, der die Galauniform seiner Gang angelegt zu haben scheint: runder schwarzer Chaplin-Hut; weißes, weites T-Shirt in einer schwarzen, ebenfalls weiten Stoffhose, die von einem Strick gehalten wird; weiße Sneakers irgendeiner Billigmarke, die vortäuschen, Domba-Sneakers zu sein. Er spuckt vor den Trauernden aus und sucht herausfordernd den Blick von irgendjemandem aus der Gruppe. Er trifft auf keinen.
Ein Bandenmitglied kommt aus der Schlucht hinter dem Friedhof und baut sich auf der gegenüberliegenden Seite auf. Das Begräbnis ist umstellt. Auf der einen Seite die Häuschen, auf der anderen die Männer neben dem Grab; hier der Dünne, dort die Schlucht.
Die Angehörigen von Miguel Ángel Tobar wissen, dass sie umzingelt sind. »Das sieht übel aus«, murmelt der Schwiegervater mit leerem Blick. Die letzten Schaufeln Erde fallen aufs Grab. Es bleibt keine Zeit, den Hügel festzuklopfen. Miguel Ángel Tobars Grab ist ein unförmiger Erdhaufen. Ohne Grabstein, ohne Kreuz, ohne Inschrift.
Einer der Trauergäste schneidet mit einer Machete von einem Izote-Strauch einen Zweig mit einer Blüte ab, der »Flor de Izote«, der Nationalblume von El Salvador, und steckt ihn in den Erdhaufen. Dann verlässt die kleine Prozession armer Leute eilig den Friedhof. Als sie an den Häuschen vorbeigehen, kommen weitere Bandenmitglieder hinzu und fordern sie auf, stehen zu bleiben. Die Leute eilen weiter. Alle verlassen den Friedhof. Sie zerstreuen sich.
Miguel Ángel Tobar, der Killer der Gang Hollywood Locos Salvatrucha von der Mara Salvatrucha 13, der Mann, der seine Gang verraten hat, ist verabschiedet worden, wie er gelebt hat. In einem Land wie diesem gibt es keinen Frieden für einen Mann wie Miguel Ángel Tobar, El Niño de Hollywood.

Miguel Ángel Tobar war Mitglied der Mara Salvatrucha 13, der zurzeit größten und gefürchtetsten Verbrecherbande der Welt, der einzigen von El Salvador, die, zusammen mit den mexikanischen Zetas und der japanischen Yakuza, auf der schwarzen Liste des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten steht. Es ist die Bande, die El Salvador zwei Jahre – 2015 und 2016 – dazu verdammte, das mörderischste Land der Welt zu sein. Zur Verdeutlichung: Mexiko, das Land der Kartelle von Chapo Guzmán und der Zetas, stand unter Schock, als 2015 eine Quote von 18 Morden je 100.000 Einwohner erreicht wurde. El Salvador kam im gleichen Zeitraum auf 103 Morde. In den USA liegt der Anteil gewöhnlich bei rund fünf Morden. Bei mehr als zehn Morden je 100.000 Einwohner spricht man bei den Vereinten Nationen von einer Epidemie. In dem kleinen zentralamerikanischen Land El Salvador wütet also eine entsetzliche Epidemie des Todes.
Wahrscheinlich wäre Miguel Ángel Tobar ohnehin ein gnadenloser Mörder geworden. Vielleicht wäre er am Ende auf jeden Fall ohne Grabstein, in Anwesenheit von Männern, die nicht weinen, und Frauen, die ohnmächtig werden, auf einem staubigen Friedhof im Westen El Salvadors bestattet worden. Möglicherweise wäre all das auch dann passiert, wenn Miguel Ángel Tobar nie etwas von der MS-13 gehört hätte. Doch das war nicht der Fall.
Sie waren füreinander geschaffen. Sie ähnelten sich so sehr…
Bevor Miguel Ángel Tobar El Niño de Hollywood wurde, war er ein verwahrlostes Kind und Halbwaise. Ein Krieg hatte alles zerstört. Als das große Massaker nach zwölf Jahren endete und die sterblichen Überreste der Toten noch warm waren, wurden Hunderte von Männern aus den USA ausgewiesen. Sie kamen mit einem neuen Angebot ins Land.
Die Abgeschobenen, die ersten Gesandten der »Bestie« – wie El Niño de Hollywood die Bande nannte –, boten Miguel Ángel Tobar und Hunderttausenden wie ihm ein neues Leben an, einen neuen Krieg, ein neues Ziel: den Krieg gegen die chavalas, die uno caca, die diecihoyos (die »Mädchen«, die »Eins-a-Kacke«, die »Arschzehn«). Gegen einen Feind also, der ihnen glich wie ihr eigenes Spiegelbild und der es auf sie abgesehen hatte: die vom Barrio 18. Miguel Ángel Tobar lief mit fliegenden Fahnen zu einer Familie über, die die zerrüttete Familie ersetzte, der er von Bluts wegen angehörte. Sie lieferte ihm einen Grund, weiterzuleben. Dieser Grund war der Tod selbst. Ein Krieg.
Doch jener Krieg zwischen den spiegelgleichen Jungen hatte bereits lange vor Miguel Ángel Tobars Geburt begonnen, Tausende Kilometer von dem staubigen, verlassenen Friedhof Atiquizayas entfernt.

In den Siebzigerjahren waren Salvadorianer massenweise in den Süden Kaliforniens geströmt. Es handelte sich um keine allmähliche Einwanderung, einer nach dem anderen, Familie für Familie. Sie kamen in Scharen, und sie wanderten nicht aus, sie flüchteten: mitten in der Nacht, nur mit dem, was man auf die Schnelle zusammenpacken konnte, ohne genau zu wissen, wo man hinkommen würde. Es war weniger wichtig anzukommen, als nicht mehr hier zu sein.
Fast keiner dieser Tausenden Salvadorianer, die in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre nach Kalifornien kamen, sprach Englisch. Nur wenige hatten dort Familie. Die Mehrheit landete in Pico-Union, einem Stadtteil von Los Angeles, wo es billige Wohnungen gab. Bis zu vier Familien drängten sich in diesen Streichholzschachteln.
Viele der Migranten waren sehr junge Männer, die den Krieg bereits persönlich kennengelernt hatten. Damals erfolgten Rekrutierungen in El Salvador nicht, indem am Tag der Volljährigkeit ein Brief ins Haus flatterte, wie bei den nordamerikanischen Jungen während des Vietnamkriegs. Nein. In El Salvador wurden sie gejagt. Armeelastwagen fuhren in die Armenviertel, und ein ganzer Trupp Soldaten fing mit Stricken Kinder und Heranwachsende ein, die dann, kahl rasiert und kurz ausgebildet, zum Töten und Sterben in die Berge geschickt wurden.
In den Bergen lebte die Guerilla. Eine hervorragend trainierte Truppe, die ihrerseits Kinder und Heranwachsende rekrutierte. Viele der jungen Krieger flüchteten nach Kalifornien, nachdem sie den Tod aus der Nähe erlebt hatten. Dort entstand ein Netz von Neuankömmlingen, die einen zogen die anderen nach. Ihre schiere Masse machte Kalifornien zum Gelobten Land.
»Wir sind vor einem Krieg geflohen. Wir wollten keinen Krieg mehr. Aber dort sahen wir uns wieder einer Menge von Problemen gegenüber«, sagte ein Veteran des Barrio 18. Er war in den Achtzigerjahren nach Kalifornien gekommen, nachdem er mehr als ein Jahr in den salvadorianischen Bergen die Guerilla bekämpft hatte.
Los Angeles, die Stadt, in der die meisten Flüchtlinge landeten, war alles andere als ein friedlicher Ort, an dem man in Ruhe Wurzeln schlagen konnte. Dort wurde ein anderer Krieg ausgefochten, einer, in dem zufälligerweise auch die Jugendlichen kämpften.
Als die salvadorianischen Jungen dort in die Schule gingen, erlebten sie die Hölle. Sie sprachen kein Englisch und wurden in spezielle Klassen gesteckt, um sie an das allgemeine Niveau heranzuführen. Doch die Sprache war nicht das einzige Problem. Wahrscheinlich konnten diese Jungen mühelos mit einem M-16 umgehen oder das Geräusch eines Rettungshubschraubers von dem eines Kampfhubschraubers in der Ferne und seines Echos in den Bergen unterscheiden. Aber sie hatten weder eine Ahnung davon, wer Abraham Lincoln war, noch, was 1836 in Alamo geschehen war. Sie wussten, welche Wurzeln sie essen konnten, wenn sie ihre Essensration aufgegessen hatten, damit sie weiterkämpfen konnten. Aber von einer Quadratwurzel wussten sie nichts.
War schon der Unterricht für die verunsicherten Salvadorianer eine Tortur, so wurden die Pausen zu einem wahren Albtraum. Die Jungen spielten Baseball, American Football oder four corners, Spiele, die sie nicht verstanden. Andere – frühere Einwanderer wie die Mexikaner – bildeten Gruppen, prügelten sich und verständigten sich mittels einer komplizierten Zeichensprache. Sie waren Mitglieder von etwas, das den Salvadorianern bisher unbekannt war: Gangs. Es gab alle möglichen Gruppierungen. Die meisten bestanden aus Mexikanern oder den Nachkommen von Mexikanern, und dennoch attackierten sie sich ununterbrochen gegenseitig. Es war ein seltsames, aber ernstes Spiel, bei dem einige von ihnen am Ende tot waren. Die Toiletten und Korridore der Schulen waren von unverständlichen Symbolen übersät, die auf die Anwesenheit dieser oder jener Gang hinwiesen. Der Heimweg nach Schulschluss war der reinste Hindernislauf. Man musste wissen, welchen Weg man gehen durfte, sonst riskierte man, auf ein verbotenes Gebiet zu gelangen und Prügel zu beziehen. Die Bandenmitglieder sahen in den Neuankömmlingen die idealen Opfer. Sie waren nicht organisiert, sehr arm, und vor allem stellten sie eine lästige Konkurrenz dar. Man hatte schon mehr als genug damit zu tun, gegen die Schwarzen und ihre Gangs zu kämpfen, um sich jetzt auch noch um diese »Wilden« zu kümmern. Die Salvadorianer machten ihnen den Alleinanspruch auf den Begriff hispano streitig, und noch nie, absolut nie in der Geschichte der Menschheit ist das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen gut ausgegangen. Jedenfalls nicht für die Schwächsten.
»Die Mexikaner griffen uns auf dem Schulweg an, nahmen uns unsere Sachen ab. Sie ärgerten die Mädchen, betrachteten uns als minderwertig. Sie wollten uns mit Gewalt zwingen, ihren Gangs beizutreten«, sagte ein Veteran in einer Bar im Zentrum von San Salvador zu uns, fast zwanzig Jahre nachdem die USA ihn wie vergiftetes Essen ausgespien hatten. Er spricht nicht wie ein Opfer. Er weiß, dass ihm das inzwischen nicht mehr zusteht.
Zweifellos waren Zurückweisung und Gewalt der Grund dafür, dass sich die Neuen zusammenschlossen. Sie gingen gemeinsam zur Schule und nach Hause. Sie verstanden Los Angeles nicht, und Los Angeles verstand sie nicht. Und doch hielt die Stadt ein Geheimnis für sie bereit, das sie faszinieren sollte.
AC/DC, Slayer, Black Sabbath … Heavy Metal. Laute, harte Musik, ganz anders als die Rancheras und Balladen, die in den salvadorianischen Dörfern zu hören waren. Diese rebellischen Klänge dröhnten durch die Migrantenviertel, und auch wenn die jungen Leute die Texte nicht immer verstanden, teilte sich ihnen doch die Euphorie mit, die die starken Bässe verbreiteten. Endlich verstanden sie etwas in dem ganzen Chaos, das die Vereinigten Staaten für sie bedeuteten. Die frenetischen, dumpf dröhnenden Metal-Dezibel waren wie eine Art Ventil. Endlich verstanden sie eine der Sprachen dieser Stadt.
Alles ist super, wenn du dich vor einer Bühne oder vor einem alten Radio in einer Gasse von Pico-Union austoben und mit Fußtritten und Rempeleien abreagieren kannst. Die Gemeinde der jungen Salvadorianer wurde von der Heavy-Metal-Bewegung mit ihren düsteren Texten und satanischen Geschichten mitgerissen. Endlich konnten sie sich mit etwas identifizieren. Lange Haare, Ketten und schwarze Stiefel wurden zu Identifikationsmerkmalen. Was in der Geschichte des Rock nur ein kleines, fast bedeutungsloses Detail war, ermöglichte den rauen Flüchtlingen, sich um ein Symbol zu scharen, mit dem sie sich identifizieren konnten.
1969 probte eine englische Rockband namens Earth in einer Garage. Die Musiker sprachen über eine Namensänderung, da sie immer wieder mit einer gleichnamigen Band verwechselt wurden, die bereits erfolgreich war. Einer von ihnen bemerkte, dass sich auf dem Bürgersteig gegenüber eine lange Schlange von Menschen gebildet hatte, die den Horrorfilm I tre volti della paura (»Die drei Gesichter der Furcht«) sehen wollten. Die Musiker waren begeistert von dem Erfolg des Films und hielten das für einen Wink des Schicksals. Von da an nannte sich die Band nach dem englischen Titel des Films: Black Sabbath. Ihr Sänger, Ozzy Osbourne, wurde zur Ikone dieser neuen Bewegung, die mit allen bisherigen Musikgenres brach. Sein Handzeichen, ein Symbol der Hippie-Ära, war ein mit Zeige- und Mittelfinger gebildetes V, das Zeichen für Liebe und Frieden. Doch Osbourne nahm den Black Sabbath wörtlich. Alkohol und Drogen führten dazu, dass er die Band verlassen musste. Für ihn kam Ronnie James Dio, ein Musiker mit italienischen Wurzeln. Der neue Sänger veränderte viele Dinge in der Band, unter anderem ersetzte er das Zeichen für peace and love, das jahrelang für Osbourne gestanden hatte, durch ein altes Symbol seiner Großmutter. Nach seinen eigenen Worten war es eine Art Amulett, das diese verwendet hatte, um »den bösen Blick« zu bannen oder, ganz allgemein, Unglück fernzuhalten. La mano cornuta nannten sie es, die »gehörnte Hand«. Dazu werden Zeigefinger und kleiner Finger nach oben gestreckt, während die anderen Finger nach unten zeigen. Diese Geste wurde zum Symbol des Heavy Metal.
Bei den salvadorianischen Jungen von L. A. wurde es als die »Salvatrucha-Klaue« bekannt. Noch heute wird es von den Mitgliedern der Salvatrucha, den hommies, auf aller Welt voller Ehrfurcht verwendet.
Um 1979 hatten sich unter den Salvadorianern zahlreiche Gruppen gebildet, die sich in der Satanismus- und Heavy-Metal-Szene bewegten. Man kannte sie als stoners. Es war eine regelrechte Bewegung. Um sich ein für alle Mal von allen anderen Gruppierungen zu unterscheiden, gaben sich die Salvadorianer den Namen »La Mara Salvatrucha Stoner« oder einfach MSS.
Der Name führt uns wieder zurück zum großen Kino. In den Sechzigern kam ein Film mit dem Titel Wenn die Marabunta droht (mit Charlton Heston in der Hauptrolle) nach Zentralamerika. Der Film basiert auf der 1937 erschienenen Erzählung Leiningens Kampf mit den Ameisen des deutsch-österreichischen Schriftstellers Carl Stephenson. Sie handelt von einem Plantagenbesitzer am Amazonas, dessen Plantage von einem Millionenheer tödlicher Ameisen vernichtet zu werden droht. Der Film war ein riesiger Erfolg. Auch in der zutiefst provinziellen Gesellschaft von El Salvador erregte er großes Aufsehen und leitete eine neue Epoche ein, indem er ein kleines Fenster zur westlichen Welt aufstieß. Seine Wirkung war dort so gewaltig, dass neue Wörter entstanden. Der umgangssprachliche Begriff majada, mit dem eine Gruppe von Menschen bezeichnet wird, wurde durch marabunta oder einfach nur mara ersetzt. Zunächst hatte der Ausdruck keine kriminelle Konnotation. »Salvatrucha« war der Spitzname der Salvadorianer während des Kriegs der Zentralamerikaner gegen die Anhänger des US-Amerikaners William Walker im Jahre 1855.
Die Mara Salvatrucha Stoner war alles andere als eine organisierte Bande. Es handelte sich um kleine, autonome Zellen, die nur in lockerer Verbindung zueinander standen. Doch im Unterschied zu den anderen jugendlichen Stoner-Gruppen waren sie von Beginn an nicht harmlos. Sie waren von den satanistischen Texten des Heavy und Black Metal fasziniert und nahmen die Sache ernst. So war es Ende der Siebzigerjahre nichts Ungewöhnliches, Mara Stoner dabei zu beobachten, wie sie auf den Gräbern des städtischen Friedhofs von Pico-Union Katzen zerhackten, Blutsbrüderschaft schlossen und Satan anriefen.
In jenen Jahren wurde »Die Bestie« geboren. Heavy-Metal-Titel wie The Number of the Beast von Iron Maiden brachten die Mara Stoner auf die Idee, und es hatte zunächst lediglich etwas mit ihrer fanatischen Begeisterung für die Musik zu tun. Dann aber bekam das Wort einen anderen Sinn und bedeutete sehr viel mehr. Die Bestie wurde zum Synonym für die Bande selbst, zugleich bezeichnete sie den Ort, an dem die im Kampf gefallenen Bandenmitglieder und die, die von der Bande ermordet worden waren, wohnten. Wie das Walhalla der alten Wikinger. Die Bestie ist also eine Art Wohnstatt für die Seelen der Krieger. Und wie der Huitzilopochtli der Mexikaner ist sie ein Wesen, das nach Blut verlangt.
Aus der Bestie wurde Die Bestie.
Es ist schwierig, mit alten Bandenmitgliedern über jene ersten Jahre zu sprechen, Jahre des Übergangs, als sie von Opfern zu Tätern wurden. Sie haben nur verschwommene Erinnerungen daran. Es geschah, ohne dass dem irgendjemand besondere Aufmerksamkeit schenkte. Wie eine ganz natürliche Entwicklung. Wie das Erwachsenwerden.
Selbst Wissenschaftler, die sich jahrelang bemüht haben, die Bande zu verstehen, wie zum Beispiel Professor Tom Ward von der Universität von Kalifornien oder Professor Carlos García aus Mexiko, sehen sich außerstande, jenen kurzen Zeitraum zu begreifen. Wahrscheinlich waren die Mareros nie vollkommen passiv. Vielleicht brauchten sie nur ein paar Jahre, um sich bewusst zu werden, dass sie eine Gewalt kannten, die brutaler war als die ihrer Rivalen.
Eines jedoch ist ziemlich klar: Ende der Siebziger hörten die Mitglieder der Mara Salvatrucha Stoner auf, Opfer zu sein. Die Zeiten, in denen die salvadorianischen Flüchtlinge unter den Banden der Mexikaner oder der Nachkommen von Mexikanern, der chicanos, in den Schulen zu leiden hatten, waren vorbei. Die Mitglieder der MSS waren brutale Schläger geworden, die nur darauf lauerten, provoziert zu werden. Ihr Zusammenschluss machte sie stark.
Die Seele des ganzen Armenviertels war die Musik. Jugendliche, die sich leidenschaftlich für eine Musikrichtung begeisterten, schlossen sich zu bandenähnlichen Gruppen zusammen, und man nannte sie die party gangs. Eine davon waren die Drifters. Sie kleideten sich wie John Travolta in Grease und hörten Tag und Nacht Discofunk. Ansonsten suchten sie Streit mit anderen Partygangs. Es war eine Herausforderung. Die Mara Salvatrucha Stoner nahmen sie an.
»Die da oben in Kalifornien dachten, sie wüssten, was Gewalt ist. Fuck, no! Wir haben ihnen beigebracht, was Gewalt ist«, erinnert sich ein altes Mitglied der MSS in einem Café im Zentrum von San Salvador. Zwei Jahrzehnte nachdem er aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen wurde, erinnert er sich noch lebhaft daran, wie die hommies wie Raubtiere in die Straßen von Los Angeles einfielen. Die jungen Salvadorianer kannten sich mit dem Krieg aus. Sie waren vor einem geflohen und hatten keinerlei Bedenken, sich in einen anderen zu stürzen.

El Salvador war in den Siebzigerjahren ein Schnellkochtopf. Darin kochte ein Krieg auf großer Flamme.
Die klandestinen linken Gruppen waren herangereift und begannen sich ernsthaft zu organisieren. Es handelte sich nicht um eine einheitliche Bewegung, sondern um Gruppierungen unterschiedlicher politischer Richtungen. Die katholisch erzogenen Jugendlichen aus der Mittelschicht verfochten die Idee eines bewaffneten Volksaufstands nach dem kommunistischen Vorbild in Asien. Sie nannten sich Ejército Revolucionario del País (Revolutionäre Volksarmee), abgekürzt ERP. Andere, die sich von der Kommunistischen Partei El Salvadors abgespaltet hatten, führten zahlreiche Arbeiter und Bauern in einer der größten Guerillaorganisationen Lateinamerikas zusammen: Fuerzas Populares de Liberación (Volksbefreiungsarmee), abgekürzt FPL. Die Widerstandsgruppen griffen auf vielen Flanken an, und die Idee des bewaffneten Kampfes fand bei den Massen immer größeren Anklang.
Auf der anderen Seite verteidigte die Regierung, die sich aus Putschisten der extremen Rechten zusammensetzte, ihre Macht mit all dem Sadismus, dem die lateinamerikanischen Militärs ihren Ruf verdanken. Ihre wichtigste Waffe war die Nationalgarde, deren bloße Erwähnung die Salvadorianer noch heute frösteln lässt. Es war ein wenig technifiziertes Korps, das als brutale Schlägerbande des Staates und einer kleinen Elite von Kaffeeplantagenbesitzern fungierte. Ihre Methoden, um an Informationen zu gelangen, bestanden zum Beispiel darin, Wassereimer an die Geschlechtsteile der Verhörten zu hängen oder auf sie einzuprügeln, bis sie gestanden, wo sie die gestohlene Kuh oder Goldkette versteckt hatten. Diese Methoden waren sehr effektiv, um die Banditen und die entwaffneten Gewerkschafter zu terrorisieren, aber wenig nützlich, wenn es darum ging, die sich ungebremst entwickelnden Guerillagruppen abzuschrecken. Diese waren sehr viel flexibler im Kampf als der schwerfällige, veraltete Staatsapparat.
1975 pfiffen die Kugeln ununterbrochen und in beide Richtungen. Die Guerillagruppen versorgten sich mit Waffen, indem sie bedeutende Unternehmer entführten und Lösegeld für sie verlangten. Sie zogen sich in die abgelegensten Landgemeinden zurück, Orte, die von den marxistischen Lehrbüchern am wenigsten empfohlen wurden. Dort entstanden die ersten Feldlager, die immer größer wurden, als die Bauern, die die Repression des Militärs nicht länger ertragen wollten, zu ihnen stießen.
1979 änderte sich in Mittelamerika alles. In Nicaragua schlossen sich die Guerillagruppen zusammen und beseitigten das Regime von Anastasio Somoza Debayle, das dritte einer Dynastie, die vorhatte, sich auf ewig an der Macht zu halten. Dies war das leuchtende Vorbild, auf das die salvadorianischen Guerilleros gewartet hatten. Es war also möglich, mit Waffengewalt eine sozialistische Regierung zu installieren. Die Kämpfe wurden heftiger. Die Rückzugsorte auf dem Land rüsteten auf. Die US-amerikanische Regierung, die um einen ihrer Hinterhöfe fürchtete, intensivierte ihre Unterstützung der salvadorianischen Militärjunta durch Finanzhilfen und militärische Beratung. Ende ’79 wurde ein staatlicher Geheimdienst eingerichtet und eine Gruppe zur Infiltration der Guerillas gebildet, bekannt unter dem Namen ORDEN (Organización Democrática Nacionalista). Kuba und das neue, sozialistische Nicaragua wiederum begannen, die Aufständischen mit Geld und militärischer Ausbildung zu unterstützen.
Für all dies brauchte man Menschen und vor allem Menschenhände, die die Waffen bedienten. In einem Land, dessen Bevölkerung zu 60 Prozent aus Kindern bestand, war das Ergebnis vorhersehbar. Auf beiden Seiten wurden Tausende von Jungen unter fünfzehn Jahren rekrutiert. Der Krieg ist eine Bestie, die sich von jungem Fleisch ernährt.
Das kleine El Salvador, das zwanzig Mal in den Bundesstaat Kalifornien passt, stürzte sich mit seiner Kinderarmee in einen Abgrund, aus dem es erst 1992 mit mehr als 75.000 Toten und unzähligen Vertriebenen auf dem Konto wieder hervorkriechen sollte.
Mit den Jungen, die diesem Wahnsinn entronnen waren, wollten die Disco-Jungs der Partygangs von Los Angeles also ihren Puls messen. Sie glaubten, es könnte lustig werden.
Die Totenwache
Miguel Ángel Tobar liegt tot im Haus seiner Mutter. Draußen wird gefeiert.
In Las Pozas, einer Gemeinde im Westen El Salvadors, findet ein Fest statt. Es ist Samstag, der 22. November 2014. Gestern wurde Miguel Ángel Tobar ermordet. Die Menschen feiern den Jahrestag der Gründung der Gemeinde, und die Bezirksverwaltung von San Lorenzo hat eine Tanzveranstaltung organisiert. Eine Plastikplane trennt die, die 50 Centavos Eintritt bezahlt haben, von denen, die nicht gezahlt haben. Aus scheppernden Lautsprechern, die die Musik verzerren, dröhnt Reggaeton. Die Lichter und der Lärm der kleinen Gemeinde heben sich von der vollkommenen Dunkelheit ab, die über den umliegenden Viehweiden und Maisfeldern herrscht. Es weht ein starker Wind. Für salvadorianische Verhältnisse ist es ein kühler Abend.
Gestern wurde Miguel Ángel Tobar ermordet. Heute wird er zum Rhythmus der evangelikalen Kirchenlieder betrauert. Die Kirchenlieder gehen im Gedröhn des Reggaeton unter, und so wird er in Wahrheit zum Rhythmus des Reggaeton betrauert.
Es ist zehn Uhr abends, die Männer auf dem Tanzfest sind schon betrunken. Sie fixieren die Leute und lauern auf eine Gelegenheit, eine Schlägerei vom Zaun zu brechen. Sie taumeln über die Tanzfläche, eine Hand am Hut, in der anderen eine Viertelliterflasche Cuatro Ases. Ein dubioser Schnaps: Es ist weder Rum noch Wodka, sondern guaro, Zuckerrohrschnaps. Vier Soldaten halten sich im Dunkeln neben der Bühne auf. Sie werden sich nicht einmischen, es sei denn, irgendjemand zückt eine Machete oder holt eine Pistole oder ein Gewehr hervor. Wegen zwei Betrunkenen, die sich prügeln, werden sie nicht eingreifen.
Las Pozas besteht aus Erde. Die Straßen sind aus Erde, die Häuser sind aus Erde, und wenn die Erde austrocknet, verwandelt sich die Gemeinde in eine Staubwüste. Dann setzt sich der herumwirbelnde Staub in den Mundwinkeln und den Falten am Hals fest, in den Haaren, im Schweiß, irgendwo, um Halt zu finden. Doch an diesem angenehm kühlen Abend schwitzt niemand.
In einer der Seitengassen, fast direkt gegenüber der Gemeindeschule, liegt Miguel Ángel Tobar in seinem Geburtshaus in einem Teakholzsarg. Um ihn herum alte Frauen, die unwirsch etwas vor sich hin murmeln. Es sind die obligatorischen Totengebete. Vor dem Sarg sitzt, ganz allein, auf einem Plastikstuhl, seine Mutter und starrt auf den Boden. Sie ist eine kleine Frau, und der Kummer über den ermordeten Sohn scheint sie noch weiter reduziert zu haben. Wenige Monate später wird sie an Krebs sterben.
Sie weint nicht. Es ist bereits die zweite Totenwache, die sie für einen ihrer Söhne hält. Das zweite Mal, dass sie die Mutter eines Ermordeten ist.
Der Boden des Hauses ist ebenfalls aus Erde. Das Dach und die Tür sind aus Blech, die Mauern aus nackten Backsteinen. Das Haus besteht aus einem einzigen Raum, in dem drei Betten stehen. Die Betten sind durch aufgehängte Decken voneinander abgetrennt, die verhindern, dass man das andere Bett sehen, aber nicht, dass man hören kann, was dort gesprochen wird. Eines der Betten ist für die Mutter. Der Vater ist nicht mehr da. Er hat sich vor nicht einmal einem Jahr erhängt. Er konnte die Erinnerung an ein Massaker nicht ertragen, bei dem die MS-13 vier seiner Verwandten getötet hatte. Auch den älteren Sohn. Im zweiten Bett schlafen Miguel Ángel Tobars ältere Schwester und ihr Mann. Allerdings sitzt ihr Mann zurzeit wieder mal im Gefängnis, weil er Marihuana aus Guatemala über die Grenze geschmuggelt hat. Im dritten Bett schliefen bis gestern Miguel Ángel, seine junge Frau und seine kleinen Töchter, die eine drei Jahre, die andere drei Monate alt. Die Küche ist überall da, wo Zweige verbrannt werden können. Die Toilette ist ein mit Brettern und Blechplatten überdachtes Kabuff auf dem Hinterhof.
Auf dem Hinterhof stehen die Männer, etwa zehn, trinken Kaffee und essen süßes Brot, das ihnen von den Frauen gereicht wird. Das süße Brot kommt nicht aus der Bäckerei, ist nur mit Zucker bestreut und nicht mit Zucker gebacken. Die vierzehn Frauen singen und klatschen dazu in die Hände: Die Macht Gottes ist hier unter uns, die Macht Gottes ist hier unter uns. Es ist eine Totenwache auf dem Land: arme Frauen, die fromme Lieder singen, Kaffee im Überfluss, Brot, Zucker und ein Pastor, der gleich ein Gebet sprechen wird.
Eine ärmliche Totenwache. Es fehlt die gewöhnliche Dramatik der Totenwachen für Bandenmitglieder, bei denen Dutzende von jungen Männern den Angehörigen Spenden überreichen und sich in eine Schlange stellen, um sich nacheinander unter Tränen und Racheschwüren von ihrem homeboy zu verabschieden. Nichts davon heute. Die Totenwache für Miguel Ángel Tobar ist der Abschied von einem Aussätzigen. Keiner seiner ehemaligen Freunde von der Gang kann hier sein, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die einen hat er umgebracht, die anderen sitzen wegen ihm im Gefängnis.
Ein Mann schaut durch die offene Tür und fragt etwas, das offensichtlich ist:
»Liegt hier der Verstorbene?«
Es handelt sich um den Pastor. Er ist dunkelhäutig und sehr korpulent. Seine Kleidung ist abgetragen, seine Schuhe sind staubbedeckt. Er war fast zwei Stunden unterwegs. Begleitet wird er von zwei Frauen, die Schleier tragen. Der Pastor spricht vom Jenseits. Er verrät keine Einzelheiten, er weiß nicht, wie es im Jenseits aussieht, sagt aber voller Überzeugung, dass es besser sei als dieses Leben. Er nimmt die Bibel in die Hand und spricht ein Gebet, während die Frauen mit geschlossenen Augen unverständliche Worte murmeln. Miguel Ángel Tobars junge Frau ist nervös, steht abseits von den anderen. Sie hat telefonische Morddrohungen erhalten. Sie hat Angst, dass die Kugeln, die ihrem Lebensgefährten gegolten haben, jetzt sie zum Ziel haben werden. Der Pastor beendet sein Gebet. Er sammelt ein paar Dollar von den Trauernden und Besuchern ein. Das ist übliche Praxis bei Priestern, die, anders als die von der Kirche bezahlten Priester, kein Gehalt beziehen. Dieser aber macht etwas Ungewöhnliches: Er geht zu Miguel Ángels Frau und überreicht ihr das eingesammelte Geld. »Das wird dir ein wenig helfen, Mamita«, sagt er zu ihr und verschwindet mit seinen beiden Begleiterinnen in der Dunkelheit der Viehweiden.
Draußen dröhnt der Reggaeton. In der Gemeinde wird gefeiert. Miguel Ángel Tobars Angehörige haben die Organisatoren gebeten, das Fest um einen Tag zu verschieben, weil das Haus weniger als 100 Meter entfernt ist von der Bühne, auf der Musik gespielt wird. Das war naiv. Niemand würde eine Tanzveranstaltung wegen Miguel Ángel Tobars Tod um vierundzwanzig Stunden verschieben.

Miguel Ángel Tobar liegt halb nackt in einem weißen Plastiksack auf einem Zinktisch.
Aus dem Loch in der Mitte seines Halses sickert noch immer klebriges Blut. Die Leiche ist so frisch, dass es noch nicht ganz geronnen ist. Die Gerichtsmediziner von Santa Ana haben ihm nach der Autopsie alte Boxershorts übergezogen. Die Shorts sind blau, auf dem Bund steht elegant. Von den vier Tattoos ist nur das verzerrte Yin und Yang auf dem rechten Oberschenkel von Blutspritzern verschont geblieben. Die Buchstaben auf seiner Brust, zwischen den beiden Löchern im Hals und dem unter der rechten Brustwarze, sind unleserlich. Auf seinem linken Unterarm ist zwischen frischen Blutspritzern zu lesen: Mein wildes Leben.
Über die rechte Gesichtshälfte laufen vier Linien, Spuren geronnenen Blutes, von Stirn und Wange zum Haaransatz. Wenn man nicht wüsste, dass er erschossen wurde, könnte man meinen, eine Bestie hätte ihm das Gesicht zerkratzt.
Er starb mit offenen Augen und gleichgültigem Gesichtsausdruck.
In einem Anfall von Dummheit war Miguel Ángel Tobar fünf Monate zuvor wie jemand, der nicht sein ganzes Leben im Angesicht des Todes gelebt hat, in das Haus seiner Familie zurückgekehrt, hatte das Zuckerrohrfeld verlassen, in dem er sich monatelang versteckt gehalten hatte. Er war es leid gewesen, wie ein Vagabund zu leben. Er musste seine beiden Töchter ernähren. Er wusste, dass eine Horde Mörder nach ihm suchte, um seinen Verrat zu rächen. Er kannte sie sehr gut. Es waren seine hommies. Er wusste, dass hochrangige Führer der Mara Salvatrucha aus dem Gefängnis heraus seinen Kopf forderten. Einige von ihnen gehörten zu den Gründungsmitgliedern der Bande im kalifornischen Süden in den wilden Achtzigern. Sie wollten endlich hören, dass er tot war, dass er gelitten hatte. Sie hatten ihm gedroht, er werde nach Kiefer riechen, in Anspielung auf den Sarg, in den man ihn legen würde. Sie wussten nicht, dass Miguel Ángel Tobars Kiste aus dem noch billigeren Teakholz bestehen würde. Und dennoch war Miguel Ángel Tobar in die Gemeinde Las Pozas zurückgekehrt.
Die Gemeinde Las Pozas: Erde, eine Schule, ein riesiger Feigenbaum, eine Kneipe, ein staubiger Fußballplatz, Busch, Hitze. Das war sein Rückzugsplan.
Er hatte den problematischen Jugendlichen aus der Nachbarschaft nie erlaubt, in die MS-13 einzutreten. Auch nicht, als er selbst bereits ein Killer der Organisation war. Miguel Ángel Tobar nannte sie ganyeros, »meine Ganyeros«. Es waren acht Jungen, für die das Marihuana, das Miguel Ángel Tobar aus Guatemala mitbrachte, eine Neuheit und sein Verkauf in kleinen Mengen ein raffiniertes Verbrechen war.
Einmal im Monat überquerte Miguel Ángel Tobar die Grenze, die nur wenige Kilometer von seinem Haus entfernt verläuft. Er durchquerte den Busch, ging über Viehweiden, watete durch einen Fluss und kaufte zwei, drei oder fünf Unzen Marihuana. Er rauchte ein wenig mit seinen ganyeros und gab ihnen etwas, damit sie es verkauften und sich den kümmerlichen Gewinn teilten. Manchmal ging er nach Guatemala, um Marihuana für andere zu kaufen, in kleinen Dörfern, die nicht auf der Landkarte verzeichnet sind: El Escarbadero, El Regate. Als Lohn verlangte er von dem, der ihm das Geld gab, etwas Gras für den eigenen Konsum.
Auch als er bereits ein treuer Soldat der MS-13 war, wusste er, dass man den Ort, an dem man lebt, nicht zerstören darf. Die MS-13 aber zerstört.
Die ganyeros bewachten ihn. Sie standen nachts Wache an der Ecke der staubigen Gasse, die zum Haus seiner Familie führt. Sie informierten ihn telefonisch, wenn etwas Ungewöhnliches geschah. Mehrmals musste Miguel Ángel Tobar mit einem trabuco, einem selbst zusammengebauten Gewehr, nach draußen gehen, um Herumlungerer zu vertreiben.
Las Pozas ist das Ende. Das Ende einer Ortschaft, eines Departments, eines Landes. Und hinter Las Pozas liegt ein anderes Land. Guatemala.
Miguel Ángel Tobar wusste, dass seine Mörder die Gemeinde vor den Augen seiner treuen ganyeros durchqueren mussten, um zu ihm zu gelangen. Sie würden ihm entgegentreten müssen, ihm, der sich als Killer Respekt bei Killern verschafft hatte. Deswegen versuchte er, so selten wie möglich den Ort zu verlassen. Manchmal, um für fünf Dollar auf den Maisfeldern zu arbeiten, manchmal, um Marihuana zu besorgen, manchmal, um einen Lastwagen mit Süßigkeiten zu überfallen.
Doch am Freitag, dem 21. November 2014, beschloss Miguel Ángel Tobar aus einem ganz besonderen Grund, Las Pozas zu verlassen. Drei Monate zuvor war seine zweite Tochter geboren worden, und er fand, dass sie einen Vor- und einen Familiennamen brauchte. Bis zu jenem Tag hatte er sie »mein Eselchen« genannt.
Am frühen Morgen verließ Miguel Ángel Tobar den Ort auf einem geklauten Fahrrad, um auf Feldwegen nach San Lorenzo zu radeln, der Gemeinde, zu der Las Pozas gehört. Er näherte sich ihr vom Fluss her, über die Calle al Portillo, eine asphaltierte, zweispurige Straße, die am Fluss San Lorenzo endet.
El Salvador ist ein gewalttätiges Land. Seit Jahrzehnten. Für Miguel Ángel Tobars Generation ist El Salvador schon immer ein gewalttätiges Land gewesen, seit dem Tag, an dem sie ihren ersten Schrei auf Erden taten. San Lorenzo aber war damals ein weißer Fleck. 2013 gab es dort kein Tötungsdelikt. Kein einziges. Null. El Salvador ist in vielen Dingen gleich null – im Fußball, im Wirtschaftswachstum –, dafür aber liegt es bei Tötungsdelikten auf einem Spitzenplatz. Doch auch 2014 hatte es in San Lorenzo bis zum 21. November, dem Tag, als Miguel Ángel Tobar beschloss, sich aus Las Pozas fortzustehlen, um seine Tochter auf dem Standesamt eintragen zu lassen, keinen einzigen Mord gegeben. Zwei Jahre ohne einen gewaltsamen Tod.
Miguel Ángel Tobar betrat das Gemeindeamt gegenüber dem Park. Ein alter Straßenkehrer sah ihn hineingehen. Auch eine Frau namens Esperanza, die die städtische Gebühr für die Busse kassierte, die San Lorenzo verließen, sah ihn, und der Fahrer eines Motorradtaxis. Sie alle erinnern sich, dass er eilig und nervös um sich blickend wieder herauskam. Sie sahen ihn.
Nach einer Stunde verließ er das Gemeindeamt. Das kleine Mädchen hatte einen Namen bekommen: Jennifer Liset. Am Tag, als ihr Papa sie offiziell als seine Tochter anerkannte, wurde Jennifer Liset Halbwaise.
Miguel Ángel Tobar blieb kaum stehen, um die Leute zu begrüßen. Er stieg auf sein Fahrrad und versuchte, den gleichen Weg zurückzufahren, den er gekommen war. Er entfernte sich drei Straßen weit vom Gemeindeamt. Bog in die Calle al Portillo ein. Sah ein Motorradtaxi kommen.

Die polizeiliche Rekonstruktion seines Todes ergab Folgendes: Ein Motorradtaxi mit zwei kahl geschorenen dicken Männern um die vierzig kam ihm entgegen. Sie stießen ihn vom Fahrrad. Das Fahrrad fiel um, er rannte los. Die erste von sechs Kugeln traf ihn im Rücken. (Die ersten Blutstropfen fanden sich einen Meter vom Fahrrad entfernt.) Er lief weiter. Wieder zwei Treffer, einer in den Kopf, hinter dem Ohr, der andere in die Seite. (Die Blutstropfen am Boden häuften sich auf den nächsten Metern.) Er lief noch fünfzehn Schritte. Dann fiel er aufs Gesicht, drehte sich um, wollte sich verteidigen. Die Täter kamen näher und schossen noch drei Mal. In den Kopf und in die Brust. (Die Patronenhülsen fanden sich direkt neben der Blutlache, die sich auf dem Pflaster fortsetzte, so als hätte sich ein verwundetes Tier noch ein wenig weitergeschleppt.)
Er hat gekämpft.
Die Mörder flüchteten nicht in den Busch, sondern in den Ort San Lorenzo. Auf ihrem Tuk-tuk, einem jener Motorradtaxis, die einen Höllenlärm machen. Als würde eine Blechplatte vom Wind übers Pflaster geweht. Das alles spielte sich in etwa 50 Meter Entfernung von der Polizeidienststelle ab. Die Polizisten kamen erst zwanzig Minuten später an den Tatort. Es wurde keine Fahndung veranlasst und auch sonst nichts unternommen.
Der Mann, der als Zeuge unter dem Schutz des salvadorianischen Staates stand und als liebre (»Hase«) oder yogui (»Yogi«) identifiziert wurde, der einunddreißigjährige Killer der Hollywood Gang, der sechsundvierzig Mitglieder der Mara Salvatrucha 13 ins Gefängnis gebracht hatte, war nach fast zwei Jahrzehnten des Mordens durch mehrere Kugeln tödlich getroffen worden.
Wenn man Miguel Ángel zu seinen Lebzeiten fragte, wie viele Menschen er getötet habe, antwortete er mit der Ernsthaftigkeit von jemandem, der im Kopf nachrechnet, um die genaue Zahl zu nennen:
»Sechsundfünfzig … Ich habe sechsundfünfzig Leute umgebracht. Sechs Frauen und fünfzig Männer. Zwei der Männer waren schwul. Ich habe zwei Schwule getötet.«
Er sagte es ohne Angeberei, so als könnte jeder auf der Welt eine Zahl nennen, wenn ihm diese Frage gestellt würde.
ZWEITES KAPITEL
Der Anfang
Ein Junge von elf Jahren versteckte sich zwischen Kaffeesträuchern, um zwei Männer zu beobachten, die sich mit Zuckerrohrschnaps betranken.
Es war der 24. Dezember 1994, und in Atiquizaya, einer Ortschaft im Westen El Salvadors, der die Stadtrechte zuerkannt worden waren, herrschte Festtagsstimmung. Die beiden Männer leerten mehrere Flaschen, bis sie, wie ein heißer Nachmittag, die schwere, bleierne Müdigkeit überfiel, die dieser Schnaps bewirkt. Einer der Männer, ein Tagelöhner auf einer Kaffeeplantage, sackte in sich zusammen, entgegen der Anweisung des anderen, seines Vorarbeiters, beim Trinken aufrecht stehen zu bleiben. Das alles beobachtete der Junge von seinem Versteck zwischen den dichten Kaffeesträuchern aus. Er wartete geduldig darauf, dass der Schnaps seine Wirkung tat. Nachdem die letzte Flasche geleert war, machte sich der Vorarbeiter allein, ohne Schnaps und ohne Begleiter, auf den Weg nach Hause.
Der Junge folgte ihm heimlich.
Auf einem Feldweg zu der asphaltierten Straße, die in die Bezirkshauptstadt Ahuachapán führt, hielt der Junge den Moment für gekommen. Er trat zwischen den Sträuchern hervor und schlug dem Vorarbeiter mit einem Knüppel auf den Kopf. Der Mann stürzte zu Boden, und der Junge machte sich daran, sein Vorhaben zu Ende zu bringen. Er warf Steine auf den Kopf und den Nacken des am Boden Liegenden. Nicht sehr große Steine. Steine von einer Größe, die ein unterernährter Junge von elf Jahren hochheben kann.
Um sich zu vergewissern, dass er den Vorarbeiter auch wirklich getötet hatte, versteckte sich der Junge wieder zwischen den Kaffeesträuchern und bewachte den leblosen Körper die ganze Nacht. Der 25. Dezember brach an. Im ersten Sonnenlicht näherte sich ein kleiner Lieferwagen auf seiner täglichen Route, und die Insassen sahen den blutüberströmten Körper in zerfetzter Kleidung auf dem staubigen Weg liegen. Sie stiegen aus und stellten fest, dass der Mann noch atmete. Sie legten ihn in eine der Hängematten, die sie immer bei sich hatten, um ein Schläfchen zu halten, wo immer sich zwei Bäume fanden, und brachten ihn ins Krankenhaus nach Ahuachapán. Der Junge hinter den Sträuchern war untröstlich. Seine Kräfte hatten nicht ausgereicht, um zu töten. Miguel Ángel Tobar war bei seinem ersten Versuch auf der Kaffeeplantage mit dem gescheitert, was ihm später so gut gelingen sollte.

Wir alle wurden 1932 halb tot geboren.
In jenem Jahr waren in El Salvador alle verrückt nach Kaffee. Die ersten Samen kamen nach 1850 aus Indien, nach dem Jahr des wirtschaftlichen Zusammenbruchs durch den Preisverfall des Indigos, des natürlichen Farbstoffs, der die Haupteinnahmequelle für El Salvador darstellte. Dieses Fiasko stand unmittelbar im Zusammenhang mit einem Experiment, das im privaten Labor eines jungen Chemiestudenten auf einem Hinterhof eines Londoner Hauses durchgeführt wurde. William Henry Perkin, ein achtzehnjähriger Schüler von Professor August Wilhelm von Hofmann, dem Direktor des Royal College of Chemistry, des ersten Chemie-Instituts von London, experimentierte mit verschiedenen chemischen Substanzen. Der Auftrag seines Lehrers bestand darin, einen synthetischen Ersatz für Chinin herzustellen, dem Medikament gegen die Malaria, unter der die Kolonialbeamten des britischen Reiches so sehr zu leiden hatten.
An einem Nachmittag im April also mischte der junge Perkin den Inhalt eines Fläschchens mit dem eines anderen, erhitzte die Verbindung, schüttelte, rührte. Das Ergebnis war definitiv kein Mittel gegen die Malaria, doch es geschah etwas anderes, etwas Wunderbares: Nach und nach verfärbte sich die Flüssigkeit blauviolett. Das erschien dem jungen Perkin merkwürdig, und er notierte die Formel der Verbindung in seinem Heft. Als sein Professor die Aufzeichnungen sah, war ihm sofort klar, dass Perkin eine große Entdeckung gemacht hatte: die des ersten synthetischen Farbstoffs.
Bis zu jenem Tag waren fast alle Farbstoffe natürlichen Ursprungs gewesen, von zerriebenen Insekten oder Harzen tropischer Bäume. Auch das aus der Frucht der jiquilite gewonnene Indigo wurde jahrhundertelang von Ureinwohnern und später in großen Mengen von den Europäern verwendet. Perkins zufällige Entdeckung sparte eine Menge Geld. Nun konnte man alles färben, was man wollte – zumindest blau und himmelblau –, ohne lästiges Verschiffen und ohne all die Probleme, die der Export in der damaligen Zeit mit sich brachte. Perkin wurde berühmt und reich, bekam vier Auszeichnungen für herausragende Leistungen in der Chemie und mindestens acht Ehrendoktortitel. Er gründete ein bedeutendes Farbstoff-Unternehmen und wurde 1906, ein Jahr bevor er an Lungen- und Blinddarmentzündung starb, zum Sir ernannt.
Während Perkins Geschäfte florierten, machte auf der anderen Seite der Welt das kleinste Land Amerikas seine härteste Krise durch. Nach und nach starben die üppigen jiquilite-Sträucher ab. Die Haziendas verödeten, und in dem neu gegründeten Staat El Salvador herrschten Hunger und Armut. Die Eliten und der Staat hatten alles auf den Export der Früchte jener Sträucher gesetzt, die jetzt verdorrten. Wenn man auf ein einziges Produkt setzt, ist es schwierig, auf ein anderes umzusteigen.
Gerardo Barrios, der erste Präsident El Salvadors und Kämpfer für die Unabhängigkeit Zentralamerikas, der am Ende erschossen wurde, hatte eine Idee. Er schlug vor, das bestehende Exportsystem für landwirtschaftliche Produkte zu nutzen, um etwas anderes zu exportieren: Kaffee. Von dem Moment an waren alle Salvadorianer plötzlich verrückt nach Kaffee.
Doch Kaffee ist launisch. Seine Sträucher sind von mittlerer Größe und tragen nur in einer gewissen Höhe Früchte. Sie brauchen Unmengen von Wasser und vertragen sich mit keiner anderen Nutzpflanze. Bei zu viel Schatten gehen sie ein. Bei zu viel Sonne gehen sie ein. Vor allem aber brauchen sie viel Aufmerksamkeit. Im Unterschied zu der robusten jiquilite benötigt man für die Pflege der Sträucher und für die Verarbeitung seiner Früchte eine große Anzahl von Arbeitern.
Die salvadorianischen Eliten besaßen das Kapital, die technischen Mittel und die modernsten Maschinen, um Kaffee zu produzieren. Nur zwei Dinge besaßen sie nicht: Land, um zu säen, und Arbeitskräfte, um zu ernten. In dieser Situation richteten sie ihre Aufmerksamkeit plötzlich auf diejenigen, die sie während der letzten zweihundert Jahre übersehen hatten: die Ureinwohner.
Als eine Art Schutzmaßnahme hatte die spanische Kolonialregierung den Ureinwohnern Gemeindeland auf den Berghöhen und an den Hängen zur Verfügung gestellt. Hoch gelegenes Land. Schlechtes Land. Jedenfalls in dem Moment schlecht zu gebrauchen, als man es ihnen überlassen hatte. Und beim Aufbau des salvadorianischen Staates blieben die Ureinwohner außen vor. Nun aber wurden ihr Land und ihre Arbeitskraft gebraucht.
Während der Präsidentschaft von Rafael Zaldívar im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde ein Dekret erlassen. Die Rechtskonstruktion des Gemeindelandes, also des Landes, auf dem die Indios wohnten und arbeiteten und sich vor der spanischen Regierung in Sicherheit wähnten, wurde mit einem Federstrich beseitigt. Das meiste Land fiel dem Staat zu, und der verkaufte es an Personen, die es dann bestellen durften.
Das Problem der Anbaugebiete war damit gelöst, es fehlten nur noch die Arbeitskräfte. Viele der nun landlosen Ureinwohner mussten sich auf den Kaffeeplantagen für einen Hungerlohn verdingen. Doch der Kaffee benötigte noch mehr Arbeitskräfte. Ein Gesetz wurde verabschiedet, das es grundsätzlich unter Strafe stellte, erwerbslos zu sein. Das »Gesetz gegen Faulenzerei« erlaubte es, jeden Einwohner, der älter war als zwölf Jahre, einzusperren und wie einen Sklaven zu unentgeltlicher Arbeit zu zwingen, wenn er nicht nachweisen konnte, dass er auf einer Plantage arbeitete. So gingen die Ländereien und auch die Ureinwohner in die Hände der Großgrundbesitzer über.
Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Zeit also, in der die meisten Haziendas entstanden und der meiste Kaffee angebaut wurde, kamen mehr und mehr Menschen aus ganz El Salvador, die Arbeit auf den Plantagen suchten, in den Westen des Landes. Zerlumpte, hungrige Menschen, die nach den liberalen Dekreten von Präsident Zaldívar ihr Land verloren hatten. Aber diese Menschenmasse war nie das, was sie laut offizieller Darstellung war: fröhliche Arbeiter, glückliche Ureinwohner, die sangen und ihre typischen Landestrachten trugen, während sie die Kaffeesträucher abernteten. Nein, es war ein zerlumpter Haufen voller Hass. Hass gegen die Mestizen: Vorarbeiter, Verwalter, Plantagenbesitzer und Bauern, denen es etwas weniger schlecht ging als ihnen und denen die Indios die Schuld an dem Landraub gaben.
Die Jahrzehnte vergingen, bis 1932 Elend und Hass ihren Siedepunkt erreichten. Die Wut der indigenen Bevölkerung war nicht mehr zu kontrollieren, auch wenn einige kommunistische Führer die allgemeine Unzufriedenheit für ihre politischen Zwecke nutzen wollten. Der Hass der Ureinwohner, die vierzig Jahre lang gedemütigt und gezwungen worden waren, fremde Sträucher zu pflanzen, wo früher ihr Mais und ihre Kürbisse gewachsen waren, die versklavt, misshandelt und vergewaltigt worden waren, er ließ sich nicht länger unterdrücken.
Am 23. Januar 1932 schreckte der nordamerikanische Missionar Roy McNaught in einem Dorf im Westen El Salvadors um Mitternacht aus seinem Schlaf. In seinem Bericht schreibt er, Hunderte Ureinwohner hätten den Posten der Nationalgarde, das Telegrafenamt und das Rathaus gestürmt. Weitere hundert hätten mit Knüppeln und Steinen die riesigen Zedernholztüren des Hauses von Señor Redaelli, dem reichen Plantagenbesitzer des Dorfes, zertrümmert. Die Aufständischen hatten Feuerwaffen bei sich – Pistolen und alte Jagdgewehre – und erschossen aus nächster Nähe erst Redaelli selbst, dann seine Frau und seine Töchter. Danach stürmten sie den Schnapsladen, betranken sich und zogen mit ihrer Wut in die nächsten Dörfer.
Mindestens sechs Ortschaften im Westen El Salvadors wurden von den Aufständischen besetzt. Fast immer war die Vorgehensweise dieselbe: den Posten der Nationalgarde, das Telegrafenamt, den Schnapsladen stürmen und die Häuser der reichen Plantagenbesitzer überfallen, die sie jahrzehntelang mit Füßen getreten hatten. Blut jedoch floss nur wenig. Laut dem US-amerikanischen Historiker Erik Ching, dem Mann, der mit diesem Thema vielleicht am besten vertraut ist, ermordeten die Ureinwohner während des Aufstands nur um die hundert Personen.
Sie hatten den Staat überrumpelt. Doch was in den darauffolgenden Wochen geschah, ist als die blutigste Epoche El Salvadors in die Geschichte eingegangen. Und das will viel heißen, wenn von El Salvador die Rede ist. Der durch einen Militärputsch an die Macht gelangte Präsident, General Maximiliano Hernández Martínez, rief seinen Kriegsminister, General Calderón, zu sich. Der Befehl war klar und deutlich: Schlagen Sie den Aufstand nieder und sorgen Sie dafür, dass so etwas nie wieder passiert.
Auf einem vergilbten Foto posieren Männer in Jagdkleidung neben einem Karren voller Leichen von Ureinwohnern. Auf einem anderen sieht ein junger Mann voller Entsetzen auf eine Reihe lebloser Körper. Alles Indios. Auf einem dritten Foto liest ein Priester Francisco Sánchez, einem der Ureinwohner, die die Bewegung angeführt hatten, aus einem schwarzen Buch vor. Auf einem weiteren sieht Sánchez, unerschrocken wie immer, direkt in die Kamera, Minuten vor seiner Erschießung. Das nächste Foto zeigt Feliciano Ama barfuß und gefesselt. Ama war das Oberhaupt des bedeutendsten Verbandes der Ureinwohner im Westen El Salvadors und einer der Anführer des Aufstands in der Stadt Izalco. Auf einem weiteren Foto hängt Ama wie eine makabre piñata auf einem sehr traurigen Kindergeburtstag an einem Baum im Stadtzentrum von Izalco. Sie ließen ihn dort hängen, bis er verfaulte, als abschreckendes Beispiel dafür, was mit den Indios passierte, wenn sie nicht gehorchten. Wenn sie keinen Kaffee ernteten.
Zur Erinnerung an diese blutigen Anfänge des Landes feiert die rechtsgerichtete Partei ARENA (Alianza Republicana Nacionalista) seit 1982 bis zum heutigen Tag auf dem Massengrab Hunderter von Leichen von Ureinwohnern in Izalco den Beginn ihrer Wahlkampagne. Dort habe ihr Kampf gegen den Kommunismus seinen Anfang genommen, sagen sie. Und voller Inbrunst singen sie die provokanteste Strophe ihrer Hymne: »El Salvador wird das Grab sein, in dem die Roten enden!«
Mindestens 15.000 Menschen, in der Mehrzahl junge Männer, wurden so im Jahre 1932 innerhalb weniger Monate im Westen El Salvadors ermordet. Und bis zum Jahresende waren es noch viele mehr. Keiner der Morde wurde in die offiziellen Statistiken der Tötungsdelikte aufgenommen.
Roque Dalton, der berühmteste Dichter El Salvadors, Mitglied der Widerstandsbewegung Ejército Revolucionario del Pueblo (Revolutionäre Volksarmee) in den Siebzigerjahren, später auf Befehl der Anführer eben jener Bewegung wegen Rebellion ermordet, schrieb über das Massaker an den Ureinwohnern das Gedicht Todos (»Alle«):
Wir alle wurden 1932 halb tot geboren
wir haben überlebt, aber halb lebendig
jeder von uns mit dreißigtausend Toten auf dem Konto
was die Zinsen anwachsen ließ
die Rendite
und heute den Schatten des Todes auf jene wirft,
die noch geboren werden
halb tot
halb lebendig
Wir alle wurden 1932 halb tot geboren
Salvadorianer sein heißt halb tot sein
das, was sich bewegt
ist die Hälfte des Lebens, die sie uns gelassen haben …
Auf den Plantagen wurde weiter Kaffee angebaut und geerntet. Es wurde exportiert und verdient, immer mehr verdient, und die Haziendas wurden zu kleinen Feudalstaaten. Sie hatten sogar ihre eigene Währung, ihr eigenes Lebensmittelgeschäft, das »Geschäft zum Anschreiben«, und ihre eigenen Regeln. Und sie hatten, wie El Salvador in jenen Jahren, auch ihre eigenen Diktatoren. Die Vorarbeiter wurden zu Halbgöttern. Sie nahmen sich, was sie wollten, auch das, was sich zwischen den Beinen einer Erntearbeiterin befand. Und wenn sich jemand widersetzte, fand er sich am nächsten Morgen mit durchgeschnittener Kehle in irgendeinem Straßengraben wieder.
Die Reichen wurden in den Jahrzehnten nach 1932 immer reicher. Die Armen konnten ärmer nicht werden.
Die Indios sagten, der Kaffee sei eine verfluchte Pflanze, die durch Blut gedeihe. Deswegen, sagten sie, seien die Früchte rot.

Der Junge, der später El Niño de Hollywood werden sollte, flüchtete, enttäuscht von sich selbst, über die Wege der Kaffeeplantage. Doch er hatte etwas bei sich, das für seine Zukunft von unschätzbarem Wert war. Im Gürtel des Mannes, den er gesteinigt hatte, hatte er einen 38er Revolver gefunden.
Die Waffe war für Miguel Ángel nur ein kleiner Trost. Weder hatte er sich an dem Vorarbeiter für dessen Grausamkeit noch für die geschändete Ehre seiner Schwester rächen können.
Miguel Ángels Familie setzte sich aus mehreren Familien zusammen. Die Mutter, Doña Rosa, hatte eine andere Familie verlassen, aus der eine Tochter und zwei Söhne stammten. Zwei weitere Kinder waren vor Vollendung des fünften Lebensjahres gestorben. Wenn man Leute fragt, die die Familie mit den beiden toten Kindern gekannt haben, bekommt man Antworten, die mit wenigen Worten das Ende eines Menschenlebens zu beschreiben versuchen: Sie starben an Masern. Sie starben an Atemnot. Sie starben an Blähungen. Sie starben an Gehirnerweichung. Keiner weiß, woran sie gestorben sind, aber als Kind zu sterben ist normal in diesem Teil der Welt.
Ende der Siebzigerjahre, kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs, als die Herrschaft der Plantagenbesitzer durch die internationale Konkurrenz ins Wanken geriet, lernte Doña Rosa den miquero einer Hazienda kennen, Don Jorge. Miquero sein heißt, wie ein Tier zu arbeiten. Wie ein mico, ein Affe. Die miqueros hatten die Aufgabe, die Schattenbäume zu beschneiden. Schattenbäume müssen sehr hoch sein und dürfen den Kaffeesträuchern die Nährstoffe des Bodens so wenig wie möglich streitig machen. Der miquero klettert, ohne Steigeisen und Handschuhe, nur mit seiner Machete und einem Strick bewaffnet, auf die Balsambäume, Wasserapfelbäume, die Myrtenbäume oder die Lorbeerbäume, auf die sunzas, die matazanos, die nances oder die caimitos. Er beschneidet die Bäume, damit sie Schatten spenden, aber nicht zu viel, und damit sie die Sonnenstrahlen durchlassen, aber nicht zu viele.
Wenn der miquero abstürzt, wie ein Affe eben, ist das sein Problem. Doña Rosa lernte einen miquero kennen, der abstürzte. Alle schrien auf, als Don Jorge vom Baum fiel. Sie brachten ihn in seine Hütte, wo er sich mit viel Ruhe und viel Wasser erholte, so gut es ging. Aber es ging nicht gut, sein linker Arm blieb krumm und war nicht mehr zu gebrauchen. Die gebrochenen Knochen heilten so schlecht zusammen, dass er den Arm nicht mehr strecken konnte. Auch seine Wirbelsäule blieb krumm und schmerzte.
Der miquero wurde Tagelöhner und arbeitete nur noch am Boden. Als Erntearbeiter pflückte er mit einem Arm die Früchte, die im Schatten und im Sonnenlicht heranwuchsen, wofür er gesorgt hatte, bis er sich die Knochen brach.
Doña Rosa und Don Jorge zogen jahrelang von Hazienda zu Hazienda und baten um Arbeit, um welche auch immer. Sie hatten vier Kinder. Sandra, die Älteste, wurde 1979 geboren, Jorge 1981 und Miguel Ángel am 4. Januar 1984. Und ein Mädchen, an dessen Namen sich niemand mehr erinnert. Es starb, als es eineinhalb Jahre alt war. An Masern. Miguel Ángels Mutter, Doña Rosa, war auch Mutter dreier toter Kinder. Miguel Ángels Vater, Don Jorge, war Erbe der ermordeten Indios. Hatte die elende Arbeit, das Leben auf einer Hazienda und die harte Hand der Vorarbeiter von ihnen geerbt.
Sie zogen von Hazienda zu Hazienda, bis man ihnen Anfang der Neunziger die Erlaubnis gab, sich auf einer niederzulassen. Die Hazienda lag in Atiquizaya, in einem Bezirk, der – als handele es sich um einen Scherz – El Paraíso genannt wurde, »das Paradies«.
Don Jorge war Alkoholiker, und Doña Rosas Geist verwirrte sich nach und nach, bis sie am Ende vollkommen den Verstand verlor. Die Kinder wuchsen mehr oder weniger allein auf.
Der Vorarbeiter gab dem verkrüppelten Bauern Arbeit und gestattete ihm sogar, mit seiner kinderreichen Familie auf der Hazienda zu wohnen. Doch bei einem ihrer Besäufnisse mit Zuckerrohrschnaps stellte der Vorarbeiter Don Jorge eine Forderung: Er wollte seine älteste Tochter. Der Vorarbeiter wollte sie nicht als Ehefrau, denn er hatte schon eine. Er wollte sie, damit sie ihm nach der Arbeit auf der Plantage zu Willen wäre.
Don Jorge erklärte sich einverstanden. Er gab dem Vorarbeiter die Erlaubnis, seine Tochter Sandra zu vergewaltigen, so oft er wollte.
Mehrere Monate lang kam der Mann jeden Abend zu ihrer Hütte, um sich an dem fünfzehnjährigen Mädchen zu vergehen. Danach stellte er ein paar Flaschen Cuatro Ases auf den Tisch und betrank sich mit dem Vater. Der Vorarbeiter zwang Sandras Brüder, hinauszugehen, während er die Schwester missbrauchte, doch Miguel Ángel ließ sich nicht einfach so wegschicken. Er versteckte sich zwischen den Kaffeesträuchern und sah durch die Bretter der Hütte, wie der Chef seines Vaters in seine ältere Schwester eindrang.
Miguel Ángel ertrug das grausame Tun des Vorarbeiters nicht länger. Am Abend jenes 24. Dezember 1994, als in Atiquizaya Feststimmung herrschte, beschloss Miguel Ángel zum ersten Mal, jemanden zu töten. Er war ein Junge von elf Jahren, als er sich zwischen Kaffeesträuchern versteckte, um zwei Männer zu beobachten, die sich mit Zuckerrohrschnaps betranken.
DRITTES KAPITEL
Der Ursprung
Am 24. März 1980 um sechs Uhr abends hielt ein hochgewachsener, bärtiger junger Mann in einem zweitürigen roten Volkswagen vor der Kapelle einer Krebsklinik in Miramonte, einer Wohnsiedlung der Mittelschicht in der salvadorianischen Hauptstadt. Das Präzisionsgewehr Kaliber .22, das er bei sich hatte, sollte in El Salvador alles verändern.
Schon vor 1980 hatte es in dem Land Kämpfe gegeben. Die Guerilla-Gruppen waren in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre größer geworden, und die Ausbildung der Mitglieder fand innerhalb und außerhalb des Landes statt. Dennoch war die Koordinierung zwischen ihnen mangelhaft. Abgesehen von der FPL, der Fuerzas Populares de Liberación (Volksbefreiungsbewegung), unter dem Kommandanten Cayetano Carpio, der damals mächtigsten Guerillabewegung des Landes, setzten sich die Organisationen aus Akademikern, Dichtern, Denkern und, im Allgemeinen, begeisterten und romantischen jungen Revolutionären zusammen. Es fehlte ihnen an Entschlossenheit, und es fehlte ihnen an Jahren.
Auch die Regierung war kein homogenes Ganzes. Die mächtige Elite der Großgrundbesitzer und Industriellen sah sich von den neuen revolutionären Ideen der Massen bedroht, die alle zwei Wochen mit Streiks und Straßensperren die Produktion lahmlegten. Den Militärs vertraute sie nicht mehr, und die Außenpolitik des US-amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter erschien ihr fast kommunistisch.
Es gab nur eine einzige Person, die sowohl den Respekt der Militärs als auch den der Plantagenbesitzer, der Industriellen und der politischen Klasse genoss: General José Alberto »Chele« Medrano. Er war ein Militär der alten Schule, ein Haudegen, rücksichtslos und brutal. Kurz, all das, was von einem salvadorianischen Mann erwartet wurde. Er war Kommandant der Nationalgarde gewesen und hatte sich sein hohes Ansehen im letzten, schmerzlichen Krieg zwischen mittelamerikanischen Staaten erworben, als er die gefürchteten Nationalgardisten bei der Invasion von Honduras im Jahre 1969 befehligte. Es hatte eine Reihe von Scharmützeln an der Grenze zwischen El Salvador und Honduras gegeben, die einhundert Stunden andauerten. Der berühmte polnische Journalist Ryszard Kapuściński bezeichnete den Konflikt als »Fußballkrieg«, weil drei Qualifikationsspiele für die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko diesen ernsten Konflikt ausgelöst hatten. El Salvador gewann zwei der drei Spiele gegen Honduras und fuhr zum ersten Mal in seiner Geschichte zur Weltmeisterschaft. Dort verloren sie alle Spiele und erzielten kein einziges Tor.
In jenen Jahren Kommandant der salvadorianischen Nationalgarde zu sein war so ähnlich, wie Kommandant der Gestapo in Nazi-Deutschland zu sein. Die Nationalgarde wurde 1912 geschaffen, um die staatlichen Sicherheitskräfte zu bündeln, und seitdem waren die Gardisten im gesamten Staatsgebiet gefürchtet. Es war eine regelrechte Militärpolizei, und obwohl später noch die Nationalpolizei und die Angst und Schrecken verbreitende »Policía de Hacienda« gegründet wurden, war es vor allem die Nationalgarde, die die Macht des salvadorianischen Staates verkörperte. Deswegen war es auch General Chele Medrano, der, als im letzten Jahr der turbulenten Sechziger die Spannungen zwischen Honduras und El Salvador ihren Höhepunkt erreichten, die Vorbereitung der Invasion übernahm. Er reiste inkognito nach Europa und kaufte mit dem von den Plantagenbesitzern beschafften Gold Flakbatterien, moderne Sturmgewehre und Granaten, um die honduranische Armee zu bekämpfen. Es war ein sinnloser, absurder Krieg. Während der Invasion tötete die salvadorianische Armee mehr Rinder als Menschen, und die Truppe konzentrierte sich darauf, honduranische Plantagen zu zerstören. Es war der Krieg der Elenden. Wie zwei ausgezehrte Boxer, die sich gegenseitig Schmerzen zufügen wollen, aber nicht mehr die Kraft dazu haben.
Es war egal. Die Sinnlosigkeit des Krieges tat der Begeisterung keinen Abbruch, mit der General Medrano und seine Nationalgarde in San Salvador empfangen wurden, nachdem die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) wie eine Mutter, die von ihren ungezogenen Kindern genervt ist, den Feindseligkeiten ein Ende gesetzt hatte. Der General führte den Triumphzug in Galauniform, Gewehr über der Schulter, auf einem schwarzen Maulesel an. Zu seinen und seiner Männer Ehren wurde die Straße, durch die sie zogen, auf den pompösen Namen getauft, den sie bis heute trägt: Bulevar de los Héroes (»Boulevard der Helden«). Es ist eine der wichtigsten Verkehrsadern der salvadorianischen Hauptstadt.
Daraufhin wurde General Chele Medrano zum starken Mann des Militärs und zum wichtigen Beschützer der Kaffeeplantagenbesitzer. Er modernisierte den Repressionsapparat und ergriff effektive Maßnahmen gegen mögliche Aufstände. Gardisten und Polizisten kannten sich bereits mit Folter aus. Sie hatten sie jahrzehntelang im Einsatz gegen die gewöhnliche Kriminalität angewendet, waren Experten darin, Banditen, Mörder und kleine Diebe unter Druck zu setzen. Fußtritte, die »Kalkkapuze« und natürlich der gefürchtete Wassereimer, der an die Hoden gehängt wurde, das waren ihre Methoden.
Doch diese Maßnahmen reichten in den Siebzigerjahren nicht mehr aus, um die aufständischen Gruppen zu bekämpfen. General Medrano wusste das, er war bei den US-amerikanischen Militärs in Asien in die Schule gegangen und hatte viel gelernt. Er war es, der den ersten richtigen militärischen Geheimdienst gründete: die Agencia Nacional de Seguridad Salvadoreña (ANSESAL). Und er schuf ein Netz von Informanten unter den Bauern, den Ohren der Armee: die Organización Democrática Nacionalista (ORDEN). An die Spitze des neu gegründeten Geheimdienstes stellte er einen Mann seines Vertrauens, einen jungen Offizier, der mit ihm gegen die Honduraner gekämpft und sich durch seine Intelligenz und seine große Brutalität hervorgetan hatte. Es handelte sich um den dreißigjährigen Roberto D’Aubuisson.
Gemeinsam bekämpften sie die Anfänge der Guerilla. Die Informationen der ANSESAL führten sie zum Aufenthaltsort Hunderter organisierter Bauern, der Priester der Basisgemeinden (das Modell der neuen, gerade in Mode gekommenen Theologie der Befreiung für ganz Lateinamerika), der Gewerkschaftsführer und linken Ideologen, die man später ermordet auf irgendwelchen Feldwegen fand, mit durchgeschnittener Kehle, die Atemwege verstopft von Kot und Urin, woran sie erstickt waren. Die Mission von General Chele Medrano und damit die der Streitkräfte war es, mit den Worten eines Guerilleros jener Jahre, »das Kind in der Wiege zu ermorden«. Mit dem Kind war die revolutionäre Bewegung gemeint. Und mit »ermorden« genau das. Doch das Kind wuchs heran, ging in die Berge und lud sein Gewehr.
Im März 1980 gab es eine winzige Hoffnung auf eine politische Lösung. Ein Jahr zuvor hatte eine Gruppe junger Militärs einen Staatsstreich verübt und eine revolutionäre Regierung aus Ökonomen, Doktoren, Politikern und Militärs gebildet. Der damalige Erzbischof von San Salvador, Monseñor Óscar Arnulfo Romero, forderte die Massen auf, Ruhe zu bewahren. Er hatte Vertrauen zu der bürgerlich-militärischen Junta. Und die Massen hatten Vertrauen zu diesem außergewöhnlichen Erzbischof, der zu ihnen in die Gemeinden und Siedlungen kam und von der Kanzel der Kathedrale der Hauptstadt herab die staatlichen Übergriffe verurteilte.
Doch El Salvador ist ein Land abrupter Wendungen. Was heute eine glatte, gerade Straße ist, kann morgen eine Piste voller Schlaglöcher und enger Kurven sein, die das Lenkrad zittern lässt. Eine dieser überraschenden Wendungen ging mit General Chele Medrano vor sich. Er verliebte sich in ein Hippie-Mädchen, eine hübsche, reiche junge Frau, die, einen Joint in der Hand, in ihrem offenen Mercedes-Benz durch die Straßen von San Salvador fuhr. Sie war die Tochter von Ernesto Interiano, einem berüchtigten Banditen der Dreißigerjahre, den die Regierung von General Maximiliano Hernández Martínez ermorden ließ, demselben General, der die aufständischen Ureinwohner im Westen hatte umbringen lassen. Das Hippie-Mädchen hieß Miriam Interiano. General Medrano verließ die Armee, gab sich dem Boheme-Leben und Miriam Interiano hin und wurde schließlich vor seinem Haus in San Salvador von der Guerilla aus dem Hinterhalt ermordet. So endete der kurvige Lebensweg des gefürchteten Generals, aber nicht der seines Vertrauten.
Die Verantwortung für die Organisation des Kampfes gegen die Aufständischen ging wie selbstverständlich auf Roberto D’Aubuisson über, General Chele Medranos Musterschüler. Er hatte seine militärische Laufbahn als Mayor, einem mittleren Rang auf der Befehlsebene, inzwischen beendet. Nach dem Staatsstreich und der Einsetzung der bürgerlich-militärischen Junta 1979 war er überzeugt, dass das Ganze eine Verschwörung der Kommunisten war, um die Macht an sich zu reißen. Tatsächlich roch für Mayor D’Aubuisson damals alles, einschließlich gewisser politischer Maßnahmen der Vereinigten Staaten, nach Kommunismus. In D’Aubuissons fiebrigem Hirn verband sich vor allem eine Person mit dem ungebremsten Vormarsch der »kommunistischen Banden«: Erzbischof Romero.
Mit der Kugel, die am Nachmittag des 24. März 1980 während der Totenmesse für Doña Sara Meardi aus dem Gewehr eines Mörders kam, starb die Hoffnung auf eine politische Lösung des offenen sozialen Konflikts. Romero wurde ermordet, als er die Hostie über seinen Kopf erhob und sagte: »Möge dieser geschändete Leib und dieses für die Menschen vergossene Blut uns nähren, damit wir unseren Leib und unser Blut dem Leiden und dem Schmerz opfern, wie Christus es getan: nicht um seiner selbst willen, sondern um unserem Volk Gerechtigkeit und Frieden zu bringen. So lasset uns denn im Glauben und in der Hoffnung vereinen und für Doña Sarita und für uns beten.« In diesem Moment fiel der Schuss.
Während der Totenmesse für Erzbischof Romero schossen die Streitkräfte des Staates, wie zur Besiegelung der Kriegserklärung, erbarmungslos auf die Tausenden von Trauergästen, die sich vor der Kathedrale der Hauptstadt versammelt hatten. Der Krieg hatte begonnen. Die Ruhe vor dem Sturm war beendet. Die Salvadorianer waren bereit, zu kämpfen. Und El Salvador stürzte sich in den Abgrund.

So wie die Ermordung des Erzherzogs von Österreich, Franz Ferdinand, durch die Hand eines Extremisten im Jahre 1914 den ersten großen Krieg in Europa ausgelöst hatte, löste die vom Gefolgsmann der Rechten, Roberto D’Aubuisson, angeordnete Ermordung Monseñor Romeros die Katastrophe in El Salvador aus. Die Guerillagruppen stellten ihre Differenzen zurück und schlossen sich zu einer gemeinsamen Volksbefreiungsfront zusammen, dem Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN). Der Staat seinerseits wurde von der neuen US-Regierung unter Präsident Ronald Reagan mit Waffen versorgt und rüstete damit fünf Eliteeinheiten aus, die von US-amerikanischen Militärberatern zu Tötungsmaschinen ausgebildet wurden. Zu Männern, die, was Gewalt betrifft, Rambo in den Schatten stellten.
Der Geheimdienst und die politische Repression blieben in den Händen der Nationalgarde und der beiden Polizeiverbände, doch den eigentlichen militärischen Kampf führte, zum ersten Mal, die salvadorianische Armee.
Der Norden des kleinen Landes wurde fast vollständig zum Rückzugsgebiet der Guerilla. Das Landesinnere war ununterbrochen umkämpft. Nur der Westen, der schmerzgeplagte, blutige Westen der Plantagenbesitzer El Salvadors, hielt sich weitgehend aus dem Konflikt heraus. Das Trauma, das die Gesellschaft nach dem Massaker an den Ureinwohnern in den Dreißigerjahren davongetragen hatte, erfüllte die neuen Generationen noch immer mit Angst.
1980 stürzte sich El Salvador, jetzt ohne einen Monseñor Romero, der den Konflikt und das Morden hätte stoppen können, in einen totalen Krieg, in eine Orgie von so maßloser Gewalt, dass es zwölf Jahre brauchte, um den Brand zu löschen. Zwei Monate vor seiner Ermordung hatte Monseñor Romero die Oligarchie El Salvadors davor gewarnt, was kommen würde. Wie ein Prophet hatte er bei einer Messe in San Salvador gesagt: »Wer sich weigert, die Ringe von seinen Fingern abzustreifen, läuft Gefahr, dass ihm die Hand abgehackt wird. Und wer sich weigert, aus Liebe und sozialer Gerechtigkeit anderen etwas abzugeben, läuft Gefahr, dass man es ihm mit Gewalt entreißt.« Von 1980 bis 1992 wurden in El Salvador viele Hände abgehackt, fielen zahlreiche Ringe ab, wurde viel Blut vergossen. Der Tod von Monseñor Romero, dem prophetischen Bischof, war vielleicht am schwersten zu vergessen.

Anfang der Achtzigerjahre hatte die Mara Salvatrucha 13 Paten. Zwei gewissenlose Paten. Mit zeitlichem Abstand betrachtet, erscheint alles höchst merkwürdig, um nicht zu sagen, unglaublich. Die beiden Paten wussten nicht, dass sie welche waren, und wären erstaunt, wenn sie heute sähen, welches Monster sie herangezüchtet haben. Der erste hieß Ronald Wilson Reagan, der zweite 18th Street Gang oder Barrio 18.
1981, ein Jahr nach Ausbruch des Krieges in El Salvador, wurde Ronald Reagan zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. In seiner Jugend war er ein Frauenschwarm in Hollywood gewesen, der in den Dreißiger- und Vierzigerjahren durch Westernfilme der Warner Bros., in denen er Herzen brach und sich mit brutalen Cowboys anlegte, berühmt geworden war. Er wuchs in Los Angeles auf und war Gouverneur des reichen Staates Kalifornien gewesen. Von seiner Präsidentschaft erwartete man sich Stärke. Seinem Vorgänger, dem Demokraten Jimmy Carter, wurde vorgeworfen, eine allzu nachgiebige Außenpolitik gegenüber dem Vormarsch des Kommunismus in Lateinamerika vertreten zu haben. Reagan dagegen hatte vor, sich wie sein Filmheld George Custer in Santa Fe Trail (»Land der Gottlosen«) zu verhalten und den Abschaum zu beseitigen, der den Lebensstil des Durchschnittsamerikaners sowohl innerhalb als auch außerhalb der Landesgrenzen, vor allem in Zentralamerika, bedrohte. Er versorgte General Efraín Ríos Montt, den guatemaltekischen Diktator, der Dutzender von Massakern an den Ureinwohnern beschuldigt wurde, mit Waffen und Militärberatern. In El Salvador unterstützte er trotz des brutalen Mordes an Romero die Militärregierung, indem er Waffen lieferte und die Ausbildung der fünf Eliteeinheiten finanzierte, die die Guerilla bekämpfen sollten. Es war, als werfe man eine brennende Zigarette in trockenes Heu. Eine Apokalypse. Der Krieg wurde mit einer solchen Brutalität geführt, dass er Tausende Salvadorianer außer Landes trieb. Die meisten von ihnen flüchteten nach Kalifornien, nach Los Angeles, wo sie zu jenen stießen, die bereits in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre, als der Bürgerkrieg sich am Horizont abzuzeichnen begann, fortgegangen waren.
Frisches, aggressives Fleisch, um die Mara Salvatrucha zu mästen. Die Bestie.
Die Massen neuer Flüchtlinge und Deserteure sahen sich Reagans Innenpolitik gegenüber, der zweiten Säule seiner Präsidentschaft. In seinen Reden pflegte er Drogen als den Feind Nr. 1 zu bezeichnen. Und die sollten in Kalifornien, wo er fünf Jahre lang Gouverneur gewesen war, zu einem immer größeren Problem werden.
Ab 1982 wurden insbesondere die Banden und Gangs der Lateinamerikaner verfolgt, die sich dem Drogenhandel widmeten. Dazu kam, dass die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles kurz bevorstanden, eine gute Gelegenheit, im schwelenden Konflikt zwischen den beiden großen Weltmächten des Kalten Krieges zu glänzen. Die Straßen mussten vom Abschaum gesäubert werden, er sollte in den Gefängnissen verschwinden.
Hunderte Bandenführer wurden verhaftet, ganze Gangs zerschlagen. Das komplizierte Ökosystem der großen Banden geriet durch die neue Politik der Vereinigten Staaten durcheinander. Die Mara Salvatrucha Stoner stieß in diese Lücke. Und Reagan ebnete ihr den Weg. Einerseits sorgte er für einen konstanten Zustrom gut ausgebildeter und immer aggressiverer Mitglieder aus El Salvador, andererseits holte er die mächtigsten Rivalen von der Straße. Mit einem so großzügigen Paten war es nur eine Frage der Zeit, bis die Bestie dick und fett wurde.
Doch die Mareros waren noch sehr ungezähmt. Auch wenn sie den Soundtrack der Stadt verstanden hatten, verstanden sie noch nicht ihren Text und ihr Thema. Sie waren eine gesetzlose Bande. Sie nahmen sich, was sie wollten, durchquerten feindliches Gebiet und vertrauten den Macheten und Äxten, die sie in ihren weiten Hosen mit sich herumtrugen. Den Menschen misstrauten sie. Regelmäßig trafen junge Deserteure der Guerilla oder der Armee aus El Salvador ein und wurden freudig willkommen geheißen, wie Helden. Sie brachten den Jungs auf den Straßen von LA neue Methoden bei, den Feind zu bekämpfen und in einen Hinterhalt zu locken. Sie kannten sich mit Strategien aus und waren brutal wie nur wenige Männer auf der Welt, wie kein mexikanisches Bandenmitglied jener Jahre sein konnte. Die militärische Ausbildung der salvadorianischen Streitkräfte, die Reagan finanziert hatte, trug am Ende zur Effizienz der MSS bei.
Doch die Stadt verstanden sie immer noch nicht. Der höchst undurchsichtige Krieg, den die chicanos, die Amerikaner mexikanischer Abstammung, gegeneinander führten, war ein Mysterium, das die Mareros noch nicht durchschaut hatten. Bis zu einem gewissen Punkt konnten sie den Krieg der chicanos gegen die Banden der Schwarzen, die berüchtigten Gangs Bloods und Crips, verstehen. Sie waren anders, und das war ein ausreichender Grund für die Gewaltorgie. Sie verstanden auch, warum die chicanos sie, die Salvadorianer, die in ein bereits besetztes Gebiet gekommen waren, hassten. Was sie aber nicht verstanden, war, warum sich die chicanos gegenseitig abmurksten, um sich danach zu verbünden, wieder zu trennen und schließlich wieder zu verbünden. Eine scheinbar chaotische Abfolge von Konfrontationen und Bündnissen. Wie Baseball und das undurchschaubare Spiel four corners war auch dieses Spiel ein Mysterium, und die Stadt weigerte sich einstweilen noch, es ihnen zu erklären. Noch waren sie ein Zwischending zwischen einer Gruppe gewaltbereiter Freunde und einer kalifornischen Bande.
Der Anthropologe Abner Cohen zitiert in einem seiner Werke ein Sprichwort arabischer Bauern, um das System von Bündnissen und Aggressionen zu erklären. Es fasst alles in einem Satz zusammen, den man sehr gut auch auf das System der lateinamerikanischen Banden ein Jahrhundert später anwenden kann: »Ich gegen meine Brüder. Mein Bruder und ich gegen meine Cousins. Mein Cousin, mein Bruder und ich gegen den Fremden.«
So war es. So ist es. Die Banden der chicanos können sich noch so brutal untereinander bekämpfen, aber sobald sie in den Strafvollzug kommen, wo die mächtigen Banden der Schwarzen, Asiaten und Weißen auf sie warten, schließen sie sich zu einer gemeinsamen Front zusammen, die sie El Sur nennen. Dieses System bedarf eines Führers, und der heißt Mexican Mafia. Dabei handelt es sich um eine Art Zentralkomitee sämtlicher mexikanischer Banden im Süden Kaliforniens. Eine aus verschiedenen Banden zusammengesetzte übergeordnete Struktur, gebildet aus deren Anführern. Im System El Sur sind Hunderte von Banden zusammengeschlossen, aber nur einige wenige haben einen Vertreter in der Mexican Mafia oder der M, wie sie auf den Straßen von denen genannt wird, die sich trauen, ihren Namen auszusprechen.
Die M ist per definitionem eine Bande im Strafvollzug. Aus den Haftanstalten heraus legen sie die Rechte und Pflichten der mexikanischen Gangs fest. Sie bestimmen die Regeln, stellen einen Verhaltenskodex auf: Du sollst nicht aus einem Fahrzeug heraus töten. Du sollst kein Bandenmitglied angreifen, das mit seiner Familie unterwegs ist. Du sollst keinem Faustkampf ausweichen. Du sollst Blau tragen, nie Rot. Du sollst Abgaben an die M entrichten, in welcher Form auch immer die M sie von dir einfordert.
Wenn ein Mitglied die Regeln und Gesetze nicht befolgt, macht die M seine gesamte Gang dafür verantwortlich. Bei einem schwerwiegenden Vergehen kann sie sogar »grünes Licht« geben, das heißt, die Todesstrafe verhängen. Von dem Moment an sind alle Banden des Systems El Sur verpflichtet, diese eine Bande zu bekämpfen. Zahlreiche Gangs wurden durch die Zähne des Systems El Sur zerfleischt, weil sie schwere Verstöße gegen den von der M aufgestellten Verhaltenskodex begangen hatten.
Richard, ehemaliges Mitglied des Barrio 18 und fünfzig Jahre alt, erinnert sich, während er einen frisch gepressten Orangensaft im El Basurero (»Der Müllmann«) trinkt, einer Suppenküche in der Colonia Dina, einem der gefährlichsten Viertel von San Salvador:
»Als ich nach Los Angeles kam, traf ich als Erstes auf die MS in der Gegend um den Lafayette Park. Aber die Leute gefielen mir nicht, ich weiß nicht … Alle hatten lange Haare, waren schmutzig, besoffen. Alle hatten T-Shirts von Black Sabbath oder Metallica an, und das gefiel mir nicht. ›Los, komm zu uns, schließ dich an. Wir bieten dir Schutz‹, sagten sie zu mir, aber mir gefiel das nicht. Sie waren immer zugedröhnt, rauchten Crack.«
Richard kam Anfang der Achtziger nach Los Angeles. Er hatte den Comandos Urbanos der Guerilla angehört, doch der Mord an Romero, die Intensivierung des Krieges und die Bildung der fünf Eliteeinheiten durch die Reagan-Administration jagten ihm Angst ein. Er war damals gerade mal siebzehn Jahre alt und folgte seinen Onkeln und Cousins in den Norden. Nach seiner enttäuschenden Erfahrung mit den Mareros der Mara Salvatrucha Stoner suchte er einen anderen Baum, an den er sich anlehnen konnte. Er fand ihn schnell. In der Gegend um den Shatto Park stand jene kräftige Eiche, die seinem Leben mehr als zwanzig Jahre lang Schatten spenden sollte: die homeboys vom Barrio 18.
VIERTES KAPITEL
Willkommen im System El Sur
In den Achtzigerjahren war Los Angeles eine komplexe Stadt. Sie umfasste das wohlhabende angelsächsische Beverly Hills ebenso wie das gewalttätige Viertel der Schwarzen und Latinos. Hier die friedliche Ruhe eines Brunchs in der Sonne, dort das Blut und der Schmutz brutaler Kämpfe in allen Gassen.
Immer mehr Salvadorianer kamen in die Stadt. Tag für Tag strandeten hier Hunderte von ihnen, die schmutzigen Rücken mit dem Staub des sich ausweitenden Bürgerkriegs bedeckt. Sie waren immer mehr durch Gewalt geprägt. Viele von ihnen waren Deserteure, die es vorzogen, in den Norden zu flüchten, von dem sie wenig wussten, anstatt in den Bergen El Salvadors in bewaffneten Auseinandersetzungen, die sie mal mehr, mal weniger verstanden, zu sterben.
Mit dem Barrio 18 betrat Richard eine neue, alles verschlingende und gewalttätige, aber faszinierende Welt. Die Welt der Banden des Systems El Sur. Dort, wo er herkam, wusste man, was man zu tun hatte, wenn man einen Feind sah. Man legte sein Gewehr an, zielte und schoss. In der Welt des El Sur war das anders. Jeder Straßenzug, jedes Viertel der Latinos wurde von einer Gang kontrolliert, die im Allgemeinen den Namen des jeweiligen Viertels trug: Hawaian Gardens 13, White Fence 13, Florencia 13, La Puente 13, Varrio Nuevo Estrada, Artensia 13, Pacoimas 13 … Allesamt hispanische Viertel, allesamt im Krieg. Es gab auch Gangs mit anderen Namen wie die Crazy Riders 13, die Verrückten mit ihren Macheten und Äxten, oder die imposante, uralte Gang Playboy 13, elegante, aber grausame Männer, die schmalkrempige Hüte, Krawatten, zugeknöpfte Hemden und glänzende Schuhe trugen und mit Baseballschlägern die Normandie Avenue verteidigten. Mexikanische Auswanderer, pachucos, die sich untereinander erkannten, indem sie die Spitzen von Zeige- und Mittelfinger und Daumen aneinanderlegten und dabei Ringfinger und kleinen Finger wie Kaninchenohren abspreizten. Aber alle spielten dasselbe Spiel.
Das mit der 13 ist nichts anderes als eine Anspielung. Sie steht für die Mexican Mafia und ihr allmächtiges Komitee. Das M ist der dreizehnte Buchstabe des Alphabets. Um anzuzeigen, dass sie dem System El Sur angehören, verwenden die Mareros die 13 in ihrem Namen.
Wenn Richard von jenen Jahren spricht, rutscht er nervös auf seinem Stuhl hin und her und vermischt englische und spanische Wörter miteinander. All das faszinierte ihn. An einem Tag waren die Mitglieder einer bestimmten Bande seine Todfeinde, und am nächsten Tag, in einer kalifornischen Strafanstalt, waren sie seine Verbündeten im Kampf um den Gefängnishof gegen die Schwarzen. Wenn man jung ist, ist Geschwindigkeit verlockend. Aber immer auch gefährlich.
Die Salvadorianer eroberten mehrere der Stadtviertel, in denen niemand bruncht. Viele von denen, die in eine Bande des El Sur eintraten, schlossen sich dem Barrio 18 an, dessen Geschichte in die Fünfzigerjahre zurückgeht und dessen Arm bis ins mächtige Komitee der Mexican Mafia reicht, wo er mehr als ein Mitglied sitzen hat. Die Salvadorianer traten trotz des Widerstands der Mexikaner und chicanos in Hunderte hispanischer Gangs des Systems El Sur ein. Aber ihre eigentliche Heimat blieb die Mara Salvatrucha, die Organisation der Zentralamerikaner, gebildet von ihnen und für sie, um sich zu verteidigen.
Schnell begriffen sie die Grundzüge des Spiels, aber nicht seine Feinheiten. Sie kamen aus einem brutalen Land. Sie kannten kein Maß. Es war, als würde man einem Neandertaler das Boxen beibringen.
»Die Crazy Riders 13 zum Beispiel wurden richtig gefährlich, als die Salvadorianer hinzukamen. Bewaffnet mit langen Macheten und ausgestattet mit großen Kanthölzern zum Schärfen der Klingen, fuhren sie auf einem Pick-up durch die Gegend. Sie waren verrückt, in der Mehrzahl handelte es sich um Indios aus San Miguel [einem Department im Osten El Salvadors]«, erzählt Richard, der Ex-18er.
Das musste auch der Salvadorianer Juan feststellen, als er Mitglied der Shalimar 13 werden wollte, einer kleinen Gang in Orange County. Man sagte ihm, er solle ein paar Mitglieder der Alley Boy 13 umbringen, und gab ihm eine Pistole. Doch als der Junge aus Ilobasco, einem der vom Krieg am schwersten betroffenen Gebiete in El Salvador, schießen wollte, stellte er fest, dass die Waffe nicht geladen war. Es war nur ein Test, dem sich alle unterziehen mussten, die in die Gang aufgenommen werden wollten, und seine neuen Freunde warteten lachend in einem Wagen auf ihn, um ihn fortzubringen, bevor die Feinde Jagd auf ihn machten. Aber als Juan sah, dass er seinen Gegnern ausgeliefert war, zog er die Pistole, die ihm sein Onkel geschenkt hatte, und schoss einigen von ihnen in den Kopf. Später, im Wagen, schob er den Pistolenlauf einem seiner entsetzten Freunde in den Mund und warnte sie davor, jemals wieder so einen Blödsinn zu veranstalten. Und in den zehn Jahren, die Juan der Anführer dieser Gang war, kam es tatsächlich nie wieder vor. Juan wurde 2010 nach El Salvador abgeschoben, und dort, in seinem Geburtsort Ilobasco, erzählte er seine Geschichte. Die Tätowierungen am ganzen Körper, einschließlich dem Gesicht, hinderten ihn daran, in Frieden zu leben. Die Polizei verfolgte ihn, auch die MS-13 und der Barrio 18 waren hinter ihm her. Er ging schließlich illegal in die USA zurück, allerdings nicht nach Kalifornien, sondern in einen Bundesstaat, wo es »weniger gewalttätig« zuging.
Mitte der Achtzigerjahre erhöhten die Salvadorianer ihren Einsatz im großen Spiel des Systems El Sur. In Los Angeles war der Tod ein extremer Vorfall, aber dort, wo diese Jungen herkamen, gehörte er zum Alltag.
Bald genügten den Mareros die Auseinandersetzungen mit den Partygangs und den kleinen, fast bandenmäßig organisierten Gruppen nicht mehr. Sie waren dabei, in eine andere Liga aufzusteigen. Im Osten von Los Angeles forderte eine Gang namens La Raza Loca die langhaarigen, ganz in Schwarz gekleideten und immer im Rudel auftretenden Jungen heraus. Das war ein Fehler. Nur wenige von ihnen kamen mit dem Leben davon. In einem anderen Bezirk, in der Nähe des San Fernando Valley, lockte die MS eine komplette Gang in einer verlassenen Fabrik in den Hinterhalt. Die Mareros wandten Methoden der von den durch Reagan geschaffenen Eliteeinheiten an. Sie verprügelten ihre Opfer die ganze Nacht hindurch und zwangen sie dann, in die Mara einzutreten. Einige kamen zu den Mareros der Gegend um den Lafayette, andere zu denen von der Berendos und wieder andere zu denen von der Leeward. Und auch die Gang Boulevard Hollywood bekam einige ab. Alle diese Zellen wollten ihre Reihen erweitern, um innerhalb des Systems El Sur stärker zu werden. Um mehr Schlachten zu gewinnen, musste man mehr Soldaten haben.
Sie vertrieben die Drogendealer aus ihren Gebieten und überfielen die Autodiebe. Während die Salvadorianer, die anderen Banden des Systems El Sur beigetreten waren, das System zu verstehen versuchten, machten sich die Mitglieder der Mara Salvatrucha Stoner gar nicht erst die Mühe. Sie glaubten, dass der kalifornische Süden sich ihnen anpassen musste, nicht umgekehrt.
Der riesige und allseits respektierte Barrio 18 betrachtete amüsiert das wüste Chaos bei den Mareros. Anfangs waren sie natürliche Verbündete. Viele neue Mitglieder des Barrio 18 waren Salvadorianer. Einige von ihnen hatten bereits einen angesehenen Rang in der Organisation erreicht. Sie luden sie zu ihren Festen ein und zeigten ihnen, wie sich ein Mitglied des Systems El Sur zu verhalten hatte. Sie erzählten ihnen im Flüsterton von den großen Herren der M und davon, wie sie den kalifornischen Süden aus dem Gefängnis heraus kontrollierten.
So wuchsen die Mareros im Schatten des Barrio 18 heran. Aber noch waren sie so etwas wie eine wilde, ungeschliffene Version jener Organisation.
El Burro (»Der Esel«), ein altes Mitglied der Mara Salvatrucha 13, erzählt, dass seine erste Begegnung mit den Mitgliedern des Barrio 18 nicht so verlief, wie es in den Berichten der Bandenmitglieder normalerweise dargestellt wird. El Burro war bei einer Schießerei dabei, die sich die Mareros mit einer Gruppierung oder Zelle des Barrio 18, die unter dem Namen Tiny Winos bekannt war, in der Nähe eines Platzes lieferten. Es ging um die Kontrolle des Drogenhandels in diesem Gebiet. Niemand wurde verletzt, aber seit jenem Tag im Jahre 1984 gingen die Mara Salvatrucha und der Barrio 18 auf Distanz. Wie zwei Brüder, die miteinander im Streit liegen. Dabei wussten im Grunde beide, dass sie sich für den Rest ihres Lebens nicht mehr aus dem Weg gehen konnten. Zum endgültigen Bruch sollte es erst Jahre später kommen.
»Wir haben an Quantität gewonnen, aber an Qualität verloren«, sagt drei Jahrzehnte später eine Frau Anfang fünfzig in einem Café in einer der exklusivsten Gegenden von San Salvador. Sie war eine der wenigen Frauen auf der Befehlsebene innerhalb der Organisation gewesen. Obwohl sie voller Respekt von der Mara Salvatrucha 13 und ihrem Aufstieg spricht, hält sie sich heute von dem Bandenleben und seinen Gefahren fern. Damit das so bleibt, werden dies die einzigen Zeilen in diesem Buch sein, die von ihr handeln.
»Als wir ins System El Sur aufgenommen wurden, gewannen wir an Respekt, mussten aber eine Menge Dinge opfern. Ich war nicht einverstanden, und viele andere meiner Generation auch nicht. Aber wir mussten akzeptieren, was die Mehrheit wollte.«
Nach und nach landeten Mareros in den kalifornischen Strafanstalten. Dort stellten sie fest, dass ihre Kühnheit, die sie draußen auf der Straße gezeigt hatten, ihnen im Gefängnis nichts nutzte. Sie hatten mit keiner Bande des Sur ein festes Bündnis, nur das, was von ihrer Freundschaft mit dem Barrio 18 übrig geblieben war. Und offiziell waren sie nie dem System El Sur beigetreten. Mit anderen Worten, sie standen nicht unter dem Schutz der Mexican Mafia. Sie mussten die Schikanen der anderen Sureños ertragen und waren gegen die Banden der Schwarzen auf sich allein gestellt – auf den Fluren, den Gefängnishöfen und den Sportplätzen des gesamten kalifornischen Strafvollzugs. Und sie verloren fast immer, auch wenn sie es heute nicht gerne zugeben. Also blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Zahl 13 am Ende ihres Namens zu akzeptieren und nach und nach ihre Vergangenheit als satanische Rocker zu vergessen. Um 1983 waren sie unter dem inzwischen berühmten Namen Mara Salvatrucha 13 praktisch im System El Sur angekommen, obwohl sie – Gesetz der Straße – offiziell erst ein Jahrzehnt später zu einer Bande des Systems ernannt wurden.
»Die, die aus dem Gefängnis kamen, waren nicht mehr so wie wir«, sagt ein altes Mitglied jener Jahre. »Sie hatten keine langen Haare und kleideten sich nicht mehr schwarz. Sie waren jetzt cholos: rasierte Schädel, Ohrringe, weite Hosen und weiße Hemden, Gefängnis-Tattoos. Anders eben. Sie hörten nicht mehr Black oder Death Metal. Sie waren jetzt fast wie die Mexikaner, die chicanos, cholos. Wie welche vom Sur eben.«
Doch in der Mara Salvatrucha wird alles mit Blut besiegelt. Die romantische Vergangenheit der MSS, als sie noch auf Friedhöfen Leichen ausgegraben und zum dröhnenden Heavy Metal Grabsteine geklaut hatten, musste endgültig begraben werden.
Ende 1985 ermordeten hommies der Crazy Riders 13 in einer Gasse, die die 6th Street mit der Avenue Virgil verbindet, ein Mitglied der MS. Der Junge, dessen Tod den Zorn der Salvadorianer heraufbeschwor, hatte einen düsteren Namen, der an die Stoner-Vergangenheit erinnerte: Black Sabbath. Er starb im Krankenhaus, vor den weinenden Augen seiner homeboys. Es war der erste hommie, den sie beweinen mussten. Das war ihr Eintrittspreis, ihr Blutzoll. Die Stoner waren gestorben, und die Mara Salvatrucha 13 trat blutend dem System El Sur bei. Sie hatten jetzt einen Toten zu rächen, eine Münze, mit der sie das Spiel des Sur spielen konnten.
Die Männer und Frauen, die diese Geschichten erzählen, haben sie persönlich erlebt. Die meisten von ihnen fühlen sich nur noch emotional oder durch alte Freundschaften mit der Bande verbunden. In beliebten Cafés im Zentrum von San Salvador oder beim Bier an einer Theke in Dallas, Texas, erzählen sie unter Tränen von ihrem früheren Leben. Sie sind keine Mitglieder der Mara Salvatrucha 13 mehr, aber sie waren es, und wenn sie über die Bande sprechen, tun sie das so respektvoll wie jemand, der über seine Familie spricht. Einige sind Lehrer an Primarschulen, andere Klempner. Und es gibt welche, die preisen die Tugenden Gottes in Kirchen der Pfingstler in den vergessenen Vierteln von San Salvador oder Guatemala-Stadt. Sie enthüllen uns die Geheimnisse der MS und bitten als Gegenleistung nur darum, ihr eigenes Geheimnis nicht zu verraten. Ihre Namen werden auf diesen Seiten nicht genannt werden.
Die Fulton Locos Salvatrucha, die Gang von El Veneno
Im San Fernando Valley, etwa vierzig Autominuten nördlich vom Stadtzentrum von Los Angeles, gibt es eine Straße. Sie ist keine Hauptstraße und auch nicht sehr lang. Auf beiden Seiten stehen meist billige Wohnhäuser, und von ihr gehen kleinere Nebenstraßen aus, die teils zu anderen Straßen führen, teils an einer Mauer enden. Die Straße heißt Fulton Street. Mitte der Achtzigerjahre wurden die Nebenstraßen von den salvadorianischen Banden kontrolliert. Was dort mit den jungen Salvadorianern passierte, sollte viele Jahre später für das Schicksal von Miguel Ángel Tobar auf den Kaffeeplantagen des ländlichen Atiquizaya entscheidend werden.
Zu jener Zeit waren die Siedlungen der Hispanos im San Fernando Valley bereits ein brodelnder Schmelztiegel. Angelockt von den niedrigen Preisen fern des Stadtzentrums, zogen Hunderte salvadorianischer Familien in die neue Gegend, darunter auch einige Bandenmitglieder, die im Zentrum gekämpft hatten. Andere beschlossen erst im Valley, sich der Mara Salvatrucha anzuschließen.
Hier zu leben bedeutete, ein paar Stufen auf der Statusleiter der illegalen Einwanderer aufzusteigen. Nur wer im Stadtzentrum zu Geld gekommen war, konnte ins Valley ziehen, und die Reichsten konnten sich sogar ein Haus mit Hinterhof leisten. Einige machten einen Stand auf einem der Flohmärkte, den berühmten swap meets, auf. Dort verkauften sie Schmuggelware, geklaute Artikel und T-Shirts mit kleinen Fehlern, die in den Vergnügungsparks der Universal Studios in Hollywood nicht verkauft werden konnten, weil sie den Anforderungen nicht genügten.
Die Salvadorianer aus dem Valley gehörten, wenn man so will, der Mittelschicht an. Natürlich im Rahmen der miserablen Lebensumstände der Migranten jener Jahre. Die Jugendlichen gründeten ihre eigenen Gangs. Nur dass sie im Gegensatz zu den wilden Stonern weder Leichen auf Friedhöfen ausgruben noch Die Bestie verehrten. Sie gründeten low rider-Clubs und nannten sich Mini Toy, die Abkürzung für Mini Toyota. Bei diesen Autos handelte es sich um Statussymbole und Prestigeobjekte, wahre mobile Werbeflächen. Je tiefer der Wagen lag und je auffälliger er war, umso höher war das Prestige des Besitzers und des Fahrers.
Die Mitglieder jener Gangs erinnern sich an das cruising als einen wahren Karnevalszug bunt lackierter, getunter Autos, an deren Steuer dunkelhäutige Fahrer saßen. Es war, als befände man sich im Videoclip von »La Raza« des Rappers Kid Frost.
Die Mehrheit von ihnen waren Mexikaner oder chicanos, doch die Salvadorianer hatten sich inzwischen einen Platz in der Szene erkämpft. Ihre Autos waren vielleicht nicht so auffällig, aber sie griffen zu anderen Methoden. Die Mini Toy und ähnliche car gangs der Salvadorianer fingen an, die anderen Gangs zu bekämpfen. In Windeseile verabschiedeten sie sich von Knüppeln, Ketten, Macheten und Äxten. Die bunten Lackierungen der Autos hatten nichts mit Gewalt zu tun, aber jene vom System vergessenen Jungen versuchten mit allen Mitteln, einen Konflikt herbeizuführen, ihrem Leben einen Sinn zu geben: die anderen zu hassen. Und nicht nur das: sie zu bekämpfen. Es war die einzige Lebensform, die sie kannten.
Es ist nicht ganz klar, wie eine car gang zu einer mächtigen Zelle der MS-13 werden konnte. Bekannt ist, dass einige Mitglieder aus der Hollywood Gang und aus irgendwelchen Verbindungen zwischen Mitgliedern beider Gruppen kamen. Doch ein konkretes Datum oder einen genauen Moment gibt es nicht. Die MS-13 tauchte irgendwann als Idee im San Fernando Valley auf. Die Mini Toy streiften sich das T-Shirt der MS-13 über, ohne diese Bande richtig zu kennen. Sie nahmen ein Gerücht auf, einen Kriegsschrei, eine fremde Fahne, die aber aussah, als wäre es ihre eigene, und ließen sie im Valley wehen.
Ende 1985 geriet der Krieg in El Salvador ins Stocken. Die Guerilleros des FMLN griffen die Armee bei jeder ihrer Bewegungen an. Mit brutaler Gewalt stürmten sie die größten Kasernen, ohne sich jedoch einen entscheidenden Vorteil in dem militärisch-politischen Konflikt verschaffen zu können. Seit Kriegsausbruch waren fast sechs Jahre vergangen. Es herrschte allgemeine Erschöpfung, und dieser Zustand ließ den Strom salvadorianischer Migranten nach Kalifornien noch weiter anschwellen. Immer häufiger kamen Deserteure beider Seiten in die dortige salvadorianische Gemeinschaft, Männer und Frauen, deren Leben von Gewalt geprägt war, sei es, dass sie sie selbst ausgeübt, sei es, dass sie sie erlitten hatten.
Einer jener Deserteure war ein junger Mann Anfang zwanzig, ein ehemaliges Mitglied der Nationalgarde aus Atiquizaya im Westen El Salvadors. An seiner Adlernase und seinen tief liegenden, schwarzen Augen erkannte man in ihm einen Nachkommen der 1932 ermordeten Ureinwohner. Sein Name war José Antonio Terán. Im Valley nannte man ihn El Veneno (»Das Gift«) und im Westen El Salvadors, Jahre später, Chepe Furia.
Als das ehemalige Mitglied der Nationalgarde ins San Fernando Valley kam, war die Mara Salvatrucha 13 bereits Teil des Systems El Sur, auch wenn sie noch nicht die Bedeutung von Gangs wie der Pacoima Flats oder der gefürchteten, als Pacas bekannten Pacoimas 13 hatte. Der erste Krieg, in den sich die neueste Zelle der MS-13 von Los Angeles verwickelt sah, war der gegen eine Gruppe des Barrio 18 namens North Side. Die Gefechte fanden in der Gegend um die Fulton Street statt. Ihr erbitterter Kampf um diesen Abschnitt des Valleys erregte im kriminellen Milieu der Gegend Aufsehen. Die ehemaligen Krieger und Flüchtlinge wussten wirklich, wie man kämpfte. Das sollte wenig später überdeutlich werden.
Ein ehemaliges salvadorianisches Bandenmitglied namens Fuentes wurde auf die neuen Gruppen aufmerksam. Es gab da einen starken Zweig der Mareros im Valley. Fuentes selbst hatte die tödlichen Kämpfe um kleine Abschnitte der Stadt gegen ein anderes Leben eingetauscht. Jetzt dealte er mit Crack und Kokain. Also schlug er den salvadorianischen Gangs ein neues Geschäft vor: den Verkauf von Drogen.
Doch es gab ein Problem. Damit die Gang der Fulton Street für Fuentes Drogen verkaufen konnte, musste zuerst eine andere beseitigt werden, die in diesem Gebiet das Monopol für den Drogenhandel hatte. Und so kam es, dass die Bande Tijuana Locos ausgelöscht wurde. Sie war eine rein mexikanische Bande des Sur. Ihr Lebensunterhalt war gleichzeitig ihr Verderben: Die Tijuana Locos verbrauchten einen Großteil des Cracks und des Kokains selbst. Dann gaben sie Fuentes weniger Geld, oder sie gaben ihm einfach gar keins.
Fuentes bot den Mareros aus dem Valley dieses Geschäft an. Er hatte gesehen, wie sie verprügelt wurden, wenn man sie beim Drogenkonsum erwischte, und das gefiel ihm.
Nach wenigen Monaten waren die Mitglieder der Tijuana Locos beseitigt. Einer an dieser Straßenecke, ein anderer in jener Seitengasse. Einer nach dem anderen. Die neue Zelle oder Gruppe der Mara Salvatrucha 13 wurde zu einer der respektiertesten Gangs im San Fernando Valley. Die anderen Banden kannten bereits ihren Namen: Fulton Locos Salvatrucha.
Der Große Krieg
Es geschah 1989 auf dem King Boulevard. In einer Seitengasse hinter einer Reihe von Wohnhäusern. Auf einer Party von Banden des Systems El Sur.
Die Mara Salvatrucha 13 war gewachsen. Sie hatte Kaliforniens Erde mit Blut getränkt, mit Sur-Blut. Die Auseinandersetzungen mit den anderen Banden waren brutal gewesen. Die Drifters hatten sich mit den salvadorianischen homeboys von der Western angelegt, die Crazy Riders 13 hatten die junge Gang von der Leeward über die Klinge springen lassen, die Playboy 13 hatten die von der Berendos abgestochen: die MS-13 wurde an allen Fronten angegriffen. Sie hatte bereits mehrere ihrer Mitglieder beerdigt. Nach Black Sabbath waren noch mehr hinzugekommen. Viel mehr.
An jenem Tag im Jahre 1989 nahmen sowohl Mareros als auch 18er an der Party auf dem King Boulevard teil.
»Es gab da ein Problem wegen einem Jungen, der früher bei der MS gewesen war und jetzt als 18er zu der Party kam. Pony nannten wir ihn. Er hatte uns um Erlaubnis gebeten, unsere Gang verlassen zu dürfen, und wir haben sie ihm gegeben. Er sagte, seine Mutter sei krank. Aber das war gelogen, er war ausgetreten, um zum Barrio 18 überzulaufen. Auf der Party haben wir ihm gesagt, dass bei einem Austritt dasselbe Ritual galt wie beim Eintritt in die Gang: 13 Sekunden [Prügel]«, erzählt Zarco Jahrzehnte später. Ein wenig verwirrt starrt er auf den Plastiktisch eines McDonald’s in San Salvador. Er vertraut seinem Gedächtnis nicht so ganz. Der Aufenthalt in kalifornischen Gefängnissen und die Abschiebung in ein ihm unbekanntes El Salvador haben mit seinen Erinnerungen das gemacht, was ein Hurrikan mit den Dächern macht.
Einige Mitglieder seiner Gang, der Western Locos Salvatrucha, waren auch dort, sagt er. Als Boxer, einer vom Barrio 18, sah, wie sein neuer homeboy verprügelt wurde, verlangte er einen one on one, etwas Heiliges im Kodex des Sur, einen Kampf zwischen zwei Bandenmitgliedern, vergleichbar dem Duell des europäischen Adels im 19. Jahrhundert. Etwas, dem man sich nicht entziehen kann, wenn einem seine Ehre und sein guter Name etwas bedeuten. Zarco erinnert sich daran, dass Boxer sehr kräftig war. Einer von der MS-13 stand auf, Popeye, einer der Jüngsten der Gang, ein dunkelhäutiger Junge mit langen Haaren, noch im Stil der Stoner. David gegen Goliath. Boxer schlug hart zu. Popeye auch. Unentschieden. Danach wollte ein weiterer 18er einen Zweikampf, und jemand musste die Ehre einer Bande retten, die seit Jahrzehnten in Kalifornien zu Hause war. Also stand El Soldado von der MS-13 auf, ein ehemaliges Mitglied der salvadorianischen Armee. Er gewann.
Wütend über ihre Niederlage, zogen sich die Mitglieder des Barrio 18 zurück. Sie kamen mit einer automatischen Waffe wieder, aber auf der Party war nur noch Shaggy von der MS-13. Sie schossen ihm in die Beine, und er verblutete. So ist es laut Zarco passiert. So erinnert er sich daran.
Sicher ist, dass jene Schüsse in den darauffolgenden Jahrzehnten das Leben und den Tod Tausender junger Männer in den Vereinigten Staaten und in ganz Mittelamerika bestimmen sollten.
Jener Streit sollte auch das Leben eines Jungen bestimmen, der zum damaligen Zeitpunkt gerade einmal sechs Jahre alt war und auf einer Kaffeeplantage im Westen El Salvadors lebte: El Niño de Hollywood.
FÜNFTES KAPITEL
Der Blick eines Mörders
Es ist der 2. Januar 2012. Inspektor Gil Pineda bemüht sich, in seinem Büro in El Refugio im salvadorianischen Westen nicht zu zerfließen, während er mit zwei Fingern auf seinem alten Computer herumtippt. In El Salvador ist es reine Formsache, den Winter Winter und den Sommer Sommer zu nennen. Es gibt Regen mit Hitze und Hitze ohne Regen. Zurzeit ist Hitze ohne Regen an der Reihe.
Der Inspektor ist ein Polizist mit mehr als fünfzehn Jahren Berufserfahrung. Er ist um die fünfundvierzig und besitzt jene reife Entschlossenheit, die die Jahre einem verleihen, bevor das Alter sie verkümmern lässt. Ein Mann wie er deutet einen Faustschlag nur an, indem er die halb geschlossene Faust ein wenig hin und her bewegt, ohne alle Finger zur Faust zu ballen. Aber man kann sich gut vorstellen, wie es gekracht hat, wenn er zuschlug. Ein Mann wie er lacht leise in sich hinein, nie schallend laut. Ein Mann wie er erzählt die unwahrscheinlichsten Dinge, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne alles zu sagen. »Ich verstehe nicht, warum Gerichtsbeschlüsse so wichtig sind. Ich erlebe Kollegen, die verzweifelt einen Richter suchen, der einen Durchsuchungsbeschluss unterschreibt. Ich fasse jeden Morgen den Beschluss, mir die Schuhe zuzubinden. Das ist wichtig für mich«, sagte er einmal und hob seinen rechten Fuß, um zu zeigen, dass sein Schuh perfekt geschnürt war. Er ist nicht groß. Er ist nicht klein. Er hat einen dichten schwarzen Schnurrbart. Er pflegt einen Kamm in der Hosentasche zu haben und sein Haar sorgfältig zu scheiteln. Die obersten zwei Knöpfe seines Hemds sind nicht zugeknöpft. Er war Leiter der Mordkommission in La Libertad, einem der konfliktreichsten Departments El Salvadors mit einer starken Präsenz der MS-13. Er war Mitglied des Geheimdienstes in den Gefängnissen, den großen Kontrollzentren der Banden. Er trägt ein goldenes Armband und eine goldene Halskette. Er riecht nach Kölnischwasser. Seine Beretta 9mm steckt in einer schwarzen Pistolentasche am Gürtel.
Der Inspektor ist jemand, der mehr als nur seine Arbeit macht. Er sperrt nicht nur ein und setzt nicht nur die Verfügungen der Staatsanwaltschaft um. Ihm gefällt seine Arbeit. Er ist gerührt, wenn er es schafft, dass jemand seine Bande verrät und ihre Geheimnisse preisgibt. Nachdem er die Denunzianten mit Schlägen zur Mitarbeit überredet hat, gibt er ihnen Geld aus seiner eigenen Tasche, wenn der Staat seinen Verpflichtungen nicht nachkommt. Einmal sprach er über El Crimen, ein Mitglied der MS-13 mit tätowiertem Gesicht. Er hat ihn persönlich zu einem Informanten der Sonderkommission zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens gemacht. Wie ihm das gelungen ist? »Ich musste ihn nur eine halbe Stunde verprügeln«, antwortete der Inspektor seelenruhig, während er im El Camerón Cervecero, einem Restaurant am Hafen von La Libertad, Bier trank und kleine Fischchen, pescadetas, mit Zitrone und Salz aß.
Er ist ein harter Hund, der, wie fast jeder aus seiner Einheit, hin und wieder das Gesetz missachtet, um das zu erreichen, was er als sein wichtigstes Ziel betrachtet: die Zerschlagung der Banden.
Er ist besessen von der Frage, wie es den Banden gelingt, die Jugendlichen zu rekrutieren, und darum macht er Fotos von ihren Augen, wenn sie anfangen, und später, wenn er glaubt, dass sie getötet haben. Er ist davon überzeugt, dass sich ihr Blick verändert. »Siehst du«, sagt er, als er seine Fotosammlung zeigt, »schau dir den Blick an, wie seine Augen danach zur Seite oder nach oben oder unten sehen. Wie ein Tier, das kurz davor ist, sich auf seine Beute zu stürzen. Oder von oben herab, wie um sie zu provozieren.« Wie ein Tier, das auf der Lauer liegt. Wie ein tyrannischer König.
»In meinem Leben werde ich wohl an die hundert Mörder verhaftet haben«, sagte der Inspektor später bei einem Gespräch in der Kantine, während er gegrilltes Hähnchen isst. »Die meisten davon waren Mitglieder irgendeiner Bande. Ich weiß, wenn ein Junge bereits getötet hat. Man sieht es daran, wie er lauernd um sich blickt, wenn er Schutzgeld kassiert. Sein Blick ist … Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Vorher sind die Brauen gerade, und der Blick ist ganz normal, wie der eines normalen Menschen, nicht wie bei jemandem, der immer auf der Lauer liegt. Danach wird sein Blick düster, und er zieht die Augenbrauen mehr nach unten, und dort bleiben sie. Ich mache Fotos von den lauernden Tierchen, und danach, wenn sie getötet haben. Siehst du? Ihr Blick verändert sich. El Niño hab ich nie normal blicken sehen. Seit ich ihn kenne, hat er den Blick eines Mörders.«
Wir schreiben also den 2. Januar 2012. Der Inspektor erledigt das, was er am wenigsten mag: Papierkram. Berichte schreiben, Power-Point-Präsentationen anfertigen, damit seine Vorgesetzten oder die Staatsanwälte (aus seiner Sicht alles Bürohengste) die Struktur der MS-13 verstehen, die er in den letzten zweieinhalb Jahren untersucht hat.
Die Polizeidienststelle, in der er tippt, verdient die Bezeichnung »Dienststelle« nicht. Es ist ein Kabuff mit Ziegeldach und nackten Backsteinwänden, auf denen nur ein paar Kleckse weißer, mit Wasser verdünnter Farbe zu sehen sind. In dem Raum stehen drei Schreibtische, die aussehen, als wären sie vom Sperrmüll, und nur auf einem steht ein alter Computer mit seinem ausladenden, lärmenden Hinterteil und einer Tastatur, auf der einige Buchstaben unleserlich sind. Im hinteren Teil befindet sich eine praktisch unbenutzbare Toilette. Um nachzuspülen, muss man kleine Plastikeimerchen mit Wasser füllen und sie über der schwarz verkrusteten Schüssel ausgießen.
Es gibt nur eine Sache, die der Inspektor gerne am Computer erledigt. Er hat Spaß daran, die Strukturen der Banden zu analysieren. Er sammelt die Fotos der Mitglieder und ordnet sie nach ihrem Rang in der Hierarchie der jeweiligen Gang. Wenn er sie zeigt, tut er das mit der Begeisterung eines Jungen, der sein Sticker-Album der Fußballweltmeisterschaft oder von Baseballspielern herzeigt.
»Das ist El Extraño«, sagt er und deutet auf das Foto eines dunkelhäutigen, fetten Mannes. José Guillermo Solito Escobar, El Extraño (»Der Fremde«). Dreißig Jahre alt, Zweiter in der Hierarchie der Hollywood Locos Salvatrucha. Soeben aus dem Gefängnis entlassen, wo er eine Strafe wegen schwerer Körperverletzung verbüßt hat.
»Das ist Liro Jocker«, sagt der Inspektor und zeigt auf einen stämmigen weißen Mann mit kahlem Schädel, den Prototyp eines Bandenmitglieds. Jorge Alberto González Navarrete. »Liro« ist das Ergebnis einer Lautverschiebung von »little« zu »liro«. Er ist ein Mann von dreißig Jahren mit vielen Totenkopf-Tattoos. Dritter in der Hierarchie der Hollywood Locos Salvatrucha. Im Juni 2009 aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen, nachdem er eine Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung verbüßt hatte. Laut Karteikarte gehörte er in Maryland einer anderen Gang der MS-13 an und war als Baby Yorker bekannt. El Niño sollte ihn eines Tages so beschreiben: »Ein altes Arschloch, ein Killer.«
»Das ist El Maniático«, sagt der Inspektor und deutet auf einen schlanken Mann mit Adlernase und zugeknöpftem Hemd. Ein Durchschnittsbürger, bei dem niemand die Straßenseite wechseln würde. Fredy Crespín Morán, El Maniático (»Der Besessene«). Achtunddreißig Jahre alt, von Beruf Elektriker, Schatzmeister der Hollywood Locos Salvatrucha und Sozialarbeiter in der Gemeinde Atiquizaya, die von der rechtsgerichteten Partei ARENA regiert wird.
»Und das hier, das ist der Eichelkönig. Das ist Chepe Furia«, sagt der Inspektor und zeigt auf das Gesicht eines dunkelhäutigen Mannes mit den unverkennbar indigenen Gesichtszügen. José Antonio Terán, ein Mann von sechsundvierzig Jahren, Gründer und Wortführer der Gang Hollywood Locos Salvatrucha von Atiquizaya, ehemaliges Mitglied der Fulton Locos Salvatrucha im San Fernando Valley, damals besser bekannt als El Veneno. In den ersten Jahren des Bürgerkriegs Mitglied der gefürchteten Polícia Nacional, der Militärpolizei El Salvadors. Chepe Furia floh jung vor dem Krieg, in dem er selbst gekämpft hatte. Jahre später kehrte er in sein Land zurück, als er bereits die Buchstaben auf dem Körper trug, mit denen er sich identifizierte: MS.
All diese Männer wurden dank der von Inspektor Pineda geleiteten Ermittlungen verhaftet und erwarten nun einen Prozess wegen illegaler Bandenbildung und wegen Mordes an Rambito, einem Informanten der Polizei.
Samuel Menjívar Trejo, genannt Rambito, ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren, Gemüsehändler auf dem Markt von Atiquizaya. Rambito war ein »Kandidat«, ein Anwärter bei den Hollywood Locos Salvatrucha, aber 2008 fing er an, mit der Polizei, das heißt, mit Inspektor Pineda, zusammenzuarbeiten. Er hat ihm geholfen, sein Fotoalbum zu vervollständigen, hat ihm gesagt, wer wer war auf der untersten Stufe der Gang.
An einem Mittag im November 2009 befahlen zwei Cabos der untergeordneten Polizeidienststelle von Atiquizaya ihren Kollegen von der Streife, zum Markt zu fahren und Rambito aufs Revier zu bringen. Die Beamten kamen der Anweisung ihrer Vorgesetzten nach. Sie fuhren zum Markt und setzten Rambito vor den Augen der übrigen Händler in den Streifenwagen. Die Cabos José Wilfredo Tejada Castaneda, Mitglied der Mordkommission, und Walter Misael Hernández Hernández, Ermittler für Erpressung und Leiter der Drogenabteilung von Ahuachapán, warteten auf der Polizeidienststelle von Atiquizaya auf Rambito und nahmen ihn dann in ihrem Dienstwagen mit, weigerten sich aber, das Protokoll zu unterschreiben, um ihr Vorgehen zu dokumentieren. Der diensthabende Beamte war gezwungen, das Formular eigenhändig auszufüllen und diesen unüblichen Vorgang schriftlich festzuhalten.
Die Cabos brachten Rambito weder zum Markt noch zur Polizeidienststelle zurück. Am selben Nachmittag wurde Rambito gesehen, wie er zwei Stricke kaufte, einen blauen und einen grünen, in einen Pick-up stieg und auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Am Steuer des Wagens saß Chepe Furia. Hinten saßen Liro Jocker und El Extraño.
Noch am selben Tag fand man Rambito in der Siedlung Talpetate im Osten des Landes, 190 Kilometer von Atiquizaya entfernt, in einem Straßengraben neben der Fahrbahn. Seine Leiche wies Folterspuren und mehrere Einschusslöcher im Kopf und im Oberkörper auf. Bei der Autopsie fanden sich Schmauchspuren an der linken Wange. Man hatte ihn aus einer Entfernung von weniger als 50 Zentimetern erschossen. Er war an den Händen mit einem grünen und an den Füßen mit einem blauen Strick gefesselt.
Dies überzeugte den Inspektor schließlich davon, dass man, wollte man gegen die Hollywood Locos Salvatrucha ermitteln, Atiquizaya verlassen musste, die Stadt oder, besser gesagt, das Dorf, in dem sich die untergeordnete Dienststelle befindet. Der Inspektor beschloss, sein gesamtes Ermittlerteam in dieses Kabuff der Dienststelle der Gemeinde El Refugio zu verfrachten, wenige Kilometer von Atiquizaya entfernt, inmitten von Kaffeeplantagen.
Die PowerPoint-Präsentation, die der Inspektor mir auf seinem prähistorischen Computer zeigt, enthält Fotos von mehr als vierzig Mitgliedern der Hollywood Locos Salvatrucha. Es ist unmöglich, dass Rambito, ein einfacher Kandidat der Gang, in der Lage war, den Fotos die Namen all dieser Bandenmitglieder zuzuordnen. Es ist unmöglich, dass ein Bauer im Schachspiel der Bande in der Lage war, die Geheimnisse des Königs zu verraten. Rambito war ein Informant, der das wenige lieferte, das er wusste. Deswegen hatte die Polizei ihn nie in das staatliche Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Er war ein unbedeutender Maulwurf.
»Wir haben einen Zeugen«, sagt der Inspektor, um das Rätsel zu lösen, und weist mit den Augen und einer Kopfbewegung auf die gegenüberliegende Straßenseite. »Einen aus der Gang. Den Killer, dem Chepe Furia vertraut hat.«
Auf die Frage hin, ob es möglich sei, mit diesem Zeugen zu sprechen, zögert der Inspektor ein paar Sekunden. Ernster Gesichtsausdruck. Er vertieft sich in den Papierkram, der vor ihm liegt, als würde er etwas Bestimmtes suchen. Dann ruft er Cabo Pozo und gibt ihm den Befehl:
»Cabo, bring El Niño her!«

Ende 2009. In einem ärmlichen Vorort von Atiquizaya sitzt ein junger Mann von siebenundzwanzig Jahren gegen die Innenseite der Tür seiner Baracke gelehnt und raucht seinen fünften Stein Crack. Die Tür kann mit einem Eisenriegel verschlossen werden, der im Moment aber nicht vorgelegt ist. Die Tür steht einen Spaltbreit offen. Der junge Mann macht einen erschöpften Eindruck. Es ist kein guter Moment seines Lebens. Zu viele Probleme gehen ihm durch den Kopf. Er nimmt einen tiefen Zug. Plötzlich hört er, dass die Tür knarrend geöffnet wird. Er hält den Rauch zurück. Er hört das Klicken einer Pistole. Der junge Mann umklammert seine .40er mit der einen und seine .357er mit der anderen Hand.
»He, ganz ruhig! Ich seh ja, dass du bewaffnet bist«, sagt der Besucher, der seine 9mm mit beiden Händen hält.
Der junge Mann erkennt die gelassene Stimme. Sie gehört Cabo Pozo von der Polizeidienststelle El Refugio.
»Und high bin ich auch«, erwidert der junge Mann.
»Ich will nur mit dir reden.«
»Ich bin völlig stoned.«
»Arschloch! Meinst du, wir können trotzdem reden?«
Cabo Pozo hält den Atem an und beschließt, es zu riskieren. Er schießt nicht, als er sieht, dass der junge Mann von seinem Stuhl aufsteht und sich zu ihm umdreht, in jeder Hand eine Pistole. Ohne den Cabo aus den Augen zu lassen, geht der junge Mann an ihm vorbei nach draußen. Er springt auf die Ladefläche des Pick-ups des Cabo, immer noch mit seinen Pistolen in den Händen, und sagt: »Los, fahren wir.« Cabo Pozo steckt seine Waffe weg, steigt ein und fährt mit klopfendem Herzen durch die wenig befahrenen Straßen zu seiner Dienststelle. Hinter ihm auf der Ladefläche sitzt ein bewaffneter Killer der Gang Hollywood Locos Salvatrucha.
Cabo Pozo hat endlich erreicht, dass sich ein hochrangiges Mitglied der von Chepe Furia gegründeten Gang bereit erklärt, mit der Polizei zu sprechen, um ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen zu werden: El Niño, der von den Mitgliedern seiner eigenen Bande verfolgt wird.
Cabo Pozo ist ein beleibter Mann, der, wie die meisten einfachen Polizisten und Cabos, in einer Siedlung wohnt, die von einer der Banden kontrolliert wird. Tagsüber ist Cabo Pozo eine Autorität, nachts schläft er unter der Kontrolle der Mara Salvatrucha 13. So nah beieinander liegen Staat und Banden in diesem winzigen Land. Tatsächlich sind die Banden in einigen Vororten, Gemeinden und Siedlungen der eigentliche Staat. Cabo Pozo war von Inspektor Pineda auserkoren worden, El Niño zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dafür, dass er sich auf staubigen Straßen herumtreibt, um einen Killer der MS zu belagern, verdient Cabo Pozo 604,96 Dollar monatlich. Der Inspektor hatte weitere Cabos und Ermittler eingesetzt, um den Willen auch anderer Bandenmitglieder mittleren Ranges zu brechen, aber keiner von denen befand sich in einer so heiklen Lage wie El Niño. Denn er hatte zu dieser Zeit Probleme mit anderen Killern. In seiner Gang war schon viel Blut geflossen.
El Niño hat keine Angst, der Polizei gegenüberzutreten. Es wäre nicht das erste Mal. Wenn er nicht genau wüsste, dass er sich in einer Sackgasse befindet, hätte er einen Rückzieher gemacht, und Cabo Pozo wäre nicht hier.
Wie der Inspektor später einmal im Restaurant La Ola Beto’s in der Hauptstadt sagen sollte, während er ein mar y tierra (Meeresfrüchte und Steaks) aß: »El Niño kann sehr gut schießen. Fast immer, wenn er getötet hat, hat er dem Opfer in den Kopf geschossen.« Und er hat oft getötet, wie der Polizist weiß. El Niño taucht im Zusammenhang mit dreißig Tötungsdelikten in verschiedenen Berichten der Polizei und der Staatsanwalt auf. An neunzehn Morden war El Niño direkt beteiligt. Er hat erhängt, erstochen, erschossen: getötet. Bei elf weiteren hat er Schmiere gestanden, während andere töteten, oder die Waffe besorgt oder den Mord befohlen. Der Inspektor räumt freimütig ein, dass die Behörden nur ein paar Morde, an denen El Niño beteiligt war, dokumentiert haben, nur die jüngsten.
Nicht zum ersten Mal versucht das Ermittlerteam des Inspektors, El Niño zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dem Inspektor gelingt es immer wieder, Zwietracht zu säen und Kronzeugen zu ernten. Mehrmals hat er Gefangenen damit gedroht, sie in Feindesland zu schicken, um herauszufinden, ob sie, wie sie behaupten, tatsächlich keiner Bande angehören. Manchmal hat er die Jüngsten unter ihnen mit seinem Handy gefilmt, als sie ihre Zugehörigkeit zur MS-13 bestritten oder in Momenten der Schwäche während der Verhöre weinten. Danach droht er ihnen, die Videos an andere Bandenmitglieder zu schicken. So erhält er Informationen, Namen, Aufgabenverteilungen. Dank seiner unorthodoxen Methoden ist es ihm innerhalb nur eines Jahres gelungen, sein Puzzle mit den Gesichtern der Gang zu vervollständigen. Seit Ende 2009 hat er sich einen nach dem anderen vorgeknöpft, um an El Niño, »seinen« Verräter, heranzukommen. Doch erst als dieser verdächtigt wurde, am Mord eines sechzehnjährigen Mädchens namens Wendy beteiligt gewesen zu sein, konnte er den Kontakt zu dem Bandenmitglied aus dem unmittelbaren Umfeld des Veteranen Chepe Furia herstellen. Er wies Cabo Pozo an, alle Register zu ziehen, um El Niño zum Reden zu bringen. Das Angebot, das der Cabo dem jungen Mann machte, war unmissverständlich: Entweder du gibst uns Informationen über sie, oder wir kriegen dich wegen aller Morde der Gang dran. Dieses Angebot hatte der Cabo El Niño bereits mehrmals gemacht, wenn er ihm auf den Straßen von Atiquizaya begegnet war und eine Verhaftung vorgetäuscht hatte, um mit ihm reden zu können.
Einmal ließ Cabo Pozo El Niño von einer aus sieben Soldaten und zwei Polizisten bestehenden Streife verhaften. Dann ging er zu ihm.
»Willst du mich fertigmachen? Heute bin ich nämlich unbewaffnet«, schrie El Niño ihn an.
Der Cabo zeigte sich verständnisvoll und sagte, dass er ihm helfen wolle, aber um das tun zu können, müsse El Niño ihm helfen. Da er wusste, dass diese naive Taktik bei einem Killer mit so viel Erfahrung nicht funktionieren würde, deutete Pozo an, dass El Niño am Ende für Morde zur Verantwortung gezogen werden könne, an denen er vielleicht gar nicht beteilig gewesen sei. Insbesondere für einen, bei dem er nur Schmiere gestanden habe: den an einem sechzehnjährigen Mädchen namens Wendy. El Niño konnte sich aus der Affäre ziehen, indem er einige seiner Karten auf den Tisch legte und damit zeigte, dass er über viele Informationen verfügte.
»Also, was ist? Wenn du mir helfen willst, dann hilf. Wenn nicht, dann verprügele mich jetzt gleich oder mach mit mir, was du willst … Aber dann wirst du nichts von Eliús Nägeln erfahren, vom Mord an der Hure, vom Mord an dem Polizisten im Puff. Oder wer Wilman aus dem zweiten Stock geworfen hat, oder das mit den Motorradtaxifahrern, denen man die Rübe abgeschlagen hat, oder das mit der Frau von Moncho Garrapata«, sagte El Niño.
Nach jenem Gespräch war El Niño für ein paar Wochen verschwunden. Als Cabo Pozo ihn wieder ausfindig machte, startete er einen letzten Versuch. Der Inspektor wusste nichts von den Problemen, die der Killer mit der Bestie hatte. Sein Plan war ganz einfach: Er wollte ihn wegen des Mordes an Wendy vor Gericht bringen und dann im Prozess versuchen, ihn wegen weiterer Morde dranzukriegen. Man würde ihm mit einer jahrelangen Haftstrafe drohen. Doch diese Strategie hatte bei El Niño noch nie funktioniert.
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