Читать книгу: «Ichsucht»

Шрифт:

Johannes Stockmayer

Ichsucht

Ein Problem in

christlichen Gemeinden?


Johannes Stockmayer

Ichsucht Ein Problem in christlichen Gemeinden?

© Lichtzeichen-Verlag GmbH, Lage

Titelbild: Shutterstock, chompoo

E-Book Erstellung:

LICHTZEICHEN Medien - www.lichtzeichen-medien.com

ISBN: 978-3-86954-833-3

Bestell-Nr.: 548833

Ganz gewiss

Die Ich-Stärke

eines Gläubigen

erwächst nicht

aus dem Rückzug

auf das eigene Ich,

sondern aus der

vorbehaltlosen

Hinwendung zum Du

und aus der

überwältigenden

Erfahrung des Wir.

Das Selbstwertgefühl

eines Christen gründet

nicht in Selbstliebe oder

Selbstüberschätzung,

sondern in seiner

Wertschätzung

des Christus,

der ihn geliebt und

sich selbst für ihn

hingegeben hat.

So ist auch die

Heilsgewissheit

des Glaubens

nicht Ausdruck

eines vermessenen

Selbstbewusstseins,

sondern eines

angemessenen

Christusbewusstseins.


Hans-Joachim Eckstein1

1Hans-Joachim Eckstein, Himmlisch menschlich, Holzgerlingen 2006, Seite 136

Inhalt

Gibt es Ichsucht in christlichen Gemeinden?

1.Gesellschaft der Ichlinge

Nimmt der Egoismus zu?

Der Kampf ums Ich

Das versteckte und rudimentäre Ich

Der Turmbau zu Babel und die christliche Gemeinde

Problemanzeige

2.Die Sehnsucht der Menschen

Auf der Suche nach dem Ich

Definition von Sucht

Was ist Ichsucht?

Formen der Ichsucht

3.Das starke Ich

Die christliche Gemeinde

Die große Herausforderung

Die große Gefährdung

Die Freiheit eines Christenmenschen

4.Beispiele von Ichsucht in der Gemeinde

Beispiel 1: Ricky

Beispiel 2: Hanne

Beispiel 3: Maik

Beispiel 4: Erwin

Beispiel 5: Anna

Beispiel 6: Damaris

Beispiel 7: Jochen

Beispiel 8: Jasmin

Die Reaktion auf diese Beispiele sind negative Gefühle

5.Ichsüchtiges Verhalten

Unterschiedliche Ausprägungen

Das ichsüchtige Verhalten im Allgemeinen

Baukasten der Ichsucht

Standhalten!

6.Das große Ich

Beziehung auf Gegenseitigkeit

Der große Leiter

Die Schwachstelle des großen Ichs

Co-Abhängigkeit

Das Märchen vom großen Ich

7.Das irritierte Ich

Narzissmus

Der gesunde und normale Narzissmus

Ursachen der Ichsucht

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Soziopathie

Flöhe

Das gekränkte Ich

Jona, der narzisstische Prophet

8.Umgang mit Ichsüchtigen

Richtig reagieren

Mut zur Wahrheit

Der Kampf ums Überleben

Empathische Konfrontation

Regeln für den Umgang mit Ichsüchtigen

Wie ging Jesus mit ichsüchtigen Menschen um?

9.Heilung von der Ichsucht

Der Moment der Selbsterkenntnis

Welche Schritte gibt es auf dem Weg des Neuwerdens?

Die gesunde Ichentwicklung

Das reife Ich

10.Das Ich muss sterben

Was ist das Ich?

Loslassen

Sterben heißt Befreiung

Sterben heißt Hingabe

Das siebenfache Sterben

Sterben heißt Umkehr

Das selbstgerechte Ich

Fromme Ichsucht

Sterben, um zu leben

Gebet der Hingabe

11.Ichsucht: Sprengstoff in christlichen Gemeinden

Die barmherzigen Retterseelen

Die Aufgabe der Leitung

Mut zur Wahrheit

Notallstrategien

Abgrenzungen

12.Das erlöste Ich

Ein Ende ohne Schrecken gibt es nicht

Eine harte Liebe

Das befreite Ich

Die Geschichte von Gert

13.Literatur

14.Arbeitsblatt 1

Das darf ich glauben

15.Arbeitsblatt 2

Mein Beitrag zum Wir

16.Arbeitsblatt 3

So wünscht sich Gott das Wir

Gibt es Ichsucht in christlichen Gemeinden?

Darf es den egoistischen Menschen in der christlichen Gemeinde geben? Ist das nicht ein Widerspruch: Egoismus und christlicher Glaube? Gibt es tatsächlich ichsüchtige Menschen im christlichen Umfeld? Leider ja. Das Thema wird nur oft unter den Teppich gekehrt und nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ignoriert. Wir müssen darüber reden. Denn oft bestimmen diese Menschen die Gemeinde in einem erheblichen Maß, richten Schaden an durch ihre selbstsüchtige Art und verursachen bei anderen Gemeindegliedern meist auch erhebliche Verletzungen und Schmerzen. Aber die Frage ist: Warum wehrt sich niemand?

Meistens ist die Ichsucht als solche nicht sofort zu erkennen. Sie gibt sich harmlos, kleidet sich in Fürsorglichkeit. Es ist doch gut und hilfreich, wenn man dem anderen Entscheidungen abnimmt, Verantwortung für ihn übernimmt und dafür sorgt, dass es ihm gut geht. Was der andere möchte, spielt dabei keine so große Rolle. Hauptsache, man kann zeigen, dass man es gut meint.

Die Liebe erduldet alles. In der Gemeinde wird nicht gestritten und demjenigen, der sich über andere hinwegsetzt, wenig Einhalt geboten. Man erträgt einander und wo jemand über die Stränge schlägt, versucht man ihn mit Liebe und Barmherzigkeit zu korrigieren. Aber man zieht keine Konsequenzen. Wenn der andere von seinem schädlichen Verhalten nicht ablässt, zieht man sich eher zurück.

Die Gemeinde ist ein ideales Umfeld für einen ichsüchtigen Menschen. Er fühlt sich wie der Fuchs im Hühnerstall. Er findet die Bewunderung, die er braucht, kann sich ausleben und muss keine Rücksicht auf andere nehmen. Denn die sind ja devot und ordnen sich unter. Auch wenn es ihnen an den Kragen geht.

Vor allem in einer kleinen Gemeinde kann ein ichsüchtiger Mensch sein reiches Potenzial optimal entfalten. Hier benötigt man einen starken Menschen, der gern Verantwortung übernimmt. Man wünscht sich den charismatischen Leiter. Wenn man ihn jedoch hat, dann ist man ihm ausgeliefert.

Aber das größte Problem ist das Mäntelchen des Schweigens, das über ichsüchtiges Verhalten gehängt wird. Man redet nicht über das, was schiefläuft – auch wenn es schmerzt. Lieber leidet man und lässt es laufen. Wenn man es anspricht, dann könnte es ja noch schlimmer kommen. Aber dadurch haben ichsüchtige Menschen freie Bahn.

Es hilft alles nichts, wir müssen lernen, über unser Ich mit allen seinen Facetten zu reden. Wir müssen uns gegenseitig sagen können, wie wir uns empfinden und wie es uns miteinander geht. Fehlverhalten muss angesprochen werden können. Wo sich jemand in den Vordergrund spielt und dem anderen keinen Raum gibt, muss das zur Sprache kommen. Wir müssen dabei riskieren, dass Einzelne empfindlich reagieren. Wir können es nicht einfach so nur um des lieben Friedens willen laufen lassen. Der wirkliche Friede ist so nicht zu erreichen. Wir müssen den Mut aufbringen uns selbst anzuschauen, um uns zu reflektieren: Kreise ich nur um mich selbst oder gelingt es mir, den anderen wahrzunehmen und zu verstehen? Will ich nur etwas für mich oder habe ich die Gemeinschaft im Blick? In der Gemeinde geht es um ein dreifaches Gleichgewicht: Wir sollen Gott lieben und den Nächsten wie uns selbst. Alle drei Bereiche sollen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Gerät etwas aus der Balance, dann müssen wir dringend darüber reden.

Umso mehr müssen wir den Mut aufbringen, uns den ichsüchtigen Menschen in den Weg zu stellen, als wir in einer Gesellschaft leben, in der das Ich großgeschrieben wird und sich immer weiter aufbläst. Aber gleichzeitig müssen wir uns überlegen, wie ein „normales” starkes Ich aussieht und wie es sich auf gute Weise entfaltet und gelebt werden kann. Es kann nicht darum gehen, das „große Ich” allgemein zu verdammen: Wie wird es zu einem erlösten Ich, das sich eingliedern kann in ein gemeinsames „Wir”? Hier stellen sich für Christen wichtige Fragen, die gerade heute dringend nach Antwort verlangen.

1.Gesellschaft der Ichlinge
Nimmt der Egoismus zu?

Die Frage, ob der Egoismus heute stärker ist als früher, ist schwer zu beantworten. Es gibt ganz unterschiedliche Meinungen dazu. Ist das vielleicht bereits ein Beweis für eine Gesellschaft der Ichlinge? Jeder sieht von seiner Warte aus und bewertet auf seine subjektive Weise. Es gibt den gemeinsamen Konsens gar nicht mehr. Was für den einen bereits Egoismus ist, ist für den anderen lediglich berechtigte Selbstverwirklichung.

Ein oberflächlicher Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen bestätigen die Zunahme des Egokults: Man möchte stark sein und sich keine Blöße geben. Erfolg zählt. Imagemanagement, Karriereplanung und Attraktivität sind geläufige Begriffe für den, der vorankommen will. Soziale Netzwerke verführen zu einer übertriebenen Selbstdarstellung. Der Grundsatz zählt: „Mehr scheinen als sein.” Personalentwickler raten: „Sie müssen sich besser darstellen.” Bescheidenheit, Zurückhaltung, Nachgeben sind keine geläufigen Werte. Das Schlagwort von der Gesellschaft der Ichlinge macht die Runde – wobei niemand genau weiß, wer diesen Begriff geprägt hat und wie lange er schon kursiert. Aber offensichtlich muss etwas dran sein an diesem Begriff, sonst hätte er sich nicht auf vielfältige Weise erhalten.

Während Oscar Wild (1854 – 1900) noch sagte: „Sich selbst lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze”, ist heute die Beziehung zu sich selbst nicht mehr selbstverständlich ein dauerhafter Zustand von Nähe, Wertschätzung und Selbstannahme, sondern ein Stück harte Arbeit – alles andere als eine Romanze.

Es ist überhaupt ein Luxus der neueren Zeit (etwa ab dem Ende des 19. Jahrhunderts), dass sich eine große Breite der Bevölkerung ausführlicher mit sich selbst beschäftigen kann – und nicht nur ein paar bevorzugte Denker. Die Frage nach dem Ich stellte sich in den Jahrhunderten davor nicht. Da musste man zufrieden sein mit dem, wie und was man war, und mit sich zurechtkommen, ohne an seinem Ich feilen und sich selbst über das Normale hinaus verwirklichen zu können. Wer sich nicht so annehmen konnte, wie er war, hatte Pech gehabt.

Vielleicht ist heute die starke Beschäftigung mit sich selbst auch ein Zeichen, dass es uns insgesamt sehr gut geht? In der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, dem Gründervater der Humanistischen Psychologie (1908 – 1970) steht Selbstverwirklichung (bis 1970) an oberster Stelle. Erst wenn alle anderen Bedürfnisse erfüllt sind, kann man sich um die Selbstverwirklichung kümmern. 1943 war Maslow der Ansicht, dass zu diesem Zeitpunkt erst 2% der Weltbevölkerung dieses Stadium erreicht hätten. Und heute? Kann man sich deshalb so intensiv um sein Ich kümmern, weil die anderen Bedürfnisse gestillt sind? Die anderen Bedürfnisse sind:

als Erstes die elementaren Bedürfnisse, die zum

Lebenserhalt nötig sind,

dann das Sicherheitsbedürfnis,

weiter die sozialen Bedürfnisse,

schließlich das Individualbedürfnis: Stärke, Erfolg,

Unabhängigkeit, Ansehen, Wertschätzung, Achtung und

Wichtigkeit

und erst dann ist die Selbstverwirklichung möglich:

noch besser sein, sich entfalten, sein Potenzial

ausschöpfen, sich optimieren.

Dass die Bedürfnispyramide damit nicht zu Ende ist, zeigte sich, als 1970 „Transzendenz” als oberste Spitze eingeführt wurde. Damit ist auch die Selbstverwirklichung noch nicht das Letzte, sondern die sich selbst überschreitende Dimension, der Bezug auf etwas, was über oder hinter dem Menschen selbst liegt. Wird das die Zukunft sein? Werden wir irgendwann mit der Selbstverwirklichung fertig sein, um uns dann von uns selbst ab- und Gott zuzuwenden?

Aber wo stehen wir heute in unserer Entwicklung wirklich? Geht es tatsächlich um Selbstverwirklichung oder vielleicht doch mehr um die Entwicklung des Individualbedürfnisses? Sind es vielleicht sogar erst die sozialen Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen, die grundlegenden Fragen, wie wir unsere Beziehungen leben? Oder ist es „nur” das Sicherheitsbedürfnis, das befriedigt werden will? Meine Vermutung ist, dass das, was wir unter Selbstverwirklichung verstehen, nicht wirklich eine solche ist, sondern vor allem der Individualisierung und der persönlichen Absicherung dient.

Schauen wir die Entwicklungen der letzten Jahre an:

Bereits 1986 dokumentiert der Soziologieprofessor Ulrich Beck (1944 – 2015) einen weitreichenden gesellschaftlichen Umbruch. Er spiegle sich wider in zunehmender Widersprüchlichkeit und der Einsamkeit des einzelnen Menschen, der in die Vereinzelung gerät. Der biografische Pluralismus führe zu einer Zunahme von Beziehungskonflikten. „Der so entstehende ‚Kosmos des eigenen Lebens’ wird auf das Zentrum des Ich, seine Verletzlichkeiten, Möglichkeiten, Stärken und Schwächen hin zugeschnitten und ausbalanciert.”2

Die amerikanische Zukunftsforscherin Faith Popcorn erregte 1991 großes Aufsehen mit ihrem Schlagwort vom „Cocooning”, die Menschen würden sich mehr und mehr in ihre Eigenwelt zurückziehen: „Das Kokon-Dasein bedeutet Isolierung und Vermeidung, Friede und Schutz, Geborgenheit und Kontrolle – eine Art überdimensionaler Nestbau.”3 Nur dort erfahre der Mensch Sicherheit und Geborgenheit. Aber um das zu gewinnen, müsse er sich absetzen von anderen, sich einigeln im Eigenen. Und nur so hielte er eine Welt aus, die brüchig geworden ist ob ihrer vielen Veränderungen.

Der Trend geht also in Richtung Privatleben, Absicherung, Rückzug ins eigene Ich.

1991 zeichnet die Psychologin und Journalistin Claudia Szczesny-Friedmann das Bild einer kühlen Gesellschaft und spricht von Einsamkeit, sozialer Isolierung und Verlassenheitsgefühlen als weitverbreitetes Problem: „Die zunehmende Isolierung des einzelnen ist eine direkte Folge der fortschreitenden Vergesellschaftung des Menschen. Im Zuge jenes Integrationsprozesses, der die Menschen in immer größere und immer komplexere Formen des Zusammenlebens zwingt, verändert sich nämlich die Balance zwischen ‚Wir’ und ‚Ich’, zwischen der Gemeinschaft und dem Individuum: bei jedem Übergang von einer Stufe zur nächsten, etwa vom Stamm zum Staat, verlagert sich das Schwergewicht zunehmend von der Wir- zur Ich-Identität, bis sich die Menschen im Extremfall als ‚wir-lose Iche’ empfinden.”4

1996 stellt der Journalist Heiko Ernst fest: „Nahezu alle Beobachtungen und Bestandsaufnahmen konvergieren in einem Punkt: die Evolution des Individuums hat ein Stadium erreicht, in dem der einzelne wie nie zuvor auf sich selbst gestellt ist.” Ein Individualisierungsschub habe höchst zwiespältige Ergebnisse mit sich gebracht: „Zum einen eine Vervielfältigung von Freiheiten, Optionen und Lebensmöglichkeiten, zum anderen neue Zwänge und Unsicherheiten, die dem einzelnen ein immenses Maß an Seelenarbeit, an gewaltigen Anpassungsleistungen abverlangt … Der Mensch muss sich nun immer wieder neu selbst bestimmen.”5

1997 spricht der Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer in einer Predigt von der Freiheit des Dienens: „Wir nehmen uns die Freiheit für unseren Dienst, und wir können es, weil andere das Ihre – auch für uns! – getan haben und tun. Es wird eine unverzichtbare Aufgabe von uns Christen sein, in einer Durchsetzungskultur, die sich als Freiheit der Stärkeren darstellt, die Kultur des Dienens – aus Freiheit! – zu entfalten.”6 1998 bringt der Politikwissenschaftler K. Peter Fritzsche den Begriff „Stressgesellschaft” ins Spiel mit der Feststellung, dass die starken gesellschaftlichen Veränderungen Stress erzeugen: „Stress ist nicht nur das Ergebnis von einem Zuviel an Belastungen, sondern immer auch von einem Zuwenig an Fähigkeiten und Möglichkeiten, diese Belastungen zu bewältigen ... Zum Stress der unbekannten Freiheiten gesellt sich der Stress des Abbaus von Freiheit ermöglichenden und stützenden sozialen Sicherheiten.”7 Aus der Überforderung erwachsen Überreaktionen und entwickeln sich problematische Entlastungshandlungen. Die Gesellschaft müsse lernen, mit der Freiheit umzugehen, und das bedeute, Toleranzkompetenz zu entwickeln: „Toleranz muss man sich leisten können – und leisten kann sie sich nur derjenige, der sich seiner selbst sicher ist.” Dazu gehöre aber „Multiperspektivität”, die Fähigkeit, sich in die Perspektiven anderer hineinzudenken und hineinzufühlen.

Gibt es eine Trendwende?

1999 lässt im Gegensatz zu diesen Entwicklungen der Gießen-Test (eine Erhebung mit recht umfangreichen Befragungen, die in regelmäßigen Abständen – 1968, 1975, 1989, 1994, 1999 – mit ausgewählten Testpersonen durchgeführt wurden) einen erstaunlichen Einstellungs- und Wertewandel erkennen. Die Auswertungen zeigen jetzt u. a. folgende Resultate: „Die Deutschen suchen wieder mehr persönliche und soziale Nähe; sie wünschen sich langfristige Beziehungen und zeigen eine gewachsene ‚Liebesbereitschaft’; sie sind zur gleichen Zeit selbstbewusster (finden sich selbst anziehender als in früheren Befragungen) und verantwortungsbereiter. Auch die sogenannten Sekundärtugenden (Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit usw.) werden stärker als zuvor akzeptiert und unterstützt: besonders die Westdeutschen halten Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit für wichtiger als zuvor.”8 Das Resümee: Die Menschen in Deutschland sind zugleich „solider und sozialer geworden”.

Die Frage stellt sich: Werden hier nur Wünsche geäußert, anstatt konkretes Verhalten zu beschreiben? Kann es sein, dass die Menschen solider und sozialer sein wollen, es aber gar nicht können? Wird hier tatsächlich ein Wertewandel dokumentiert? Oder kommt nicht vielmehr gerade die Reaktion auf die Vereinzelung und Überforderung der Menschen zum Ausdruck? Dann wäre es kein anderes Verhalten, sondern nur eine weitere Steigerung des bisherigen: das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit, soziale Nähe und die Individualisierungsbedürfnisse, die hier ihren Niederschlag finden?

In den Jahren nach 1999 wird die Welt von Krisen geschüttelt: Der Wechsel ins neue Jahrtausend verunsichert viele Menschen, der 11. September 2001 erschüttert sie, dann brechen weltweit Krisenherde auf (Balkan, Naher Osten, Kaukasus u. a.). Zuletzt verursacht die Weltwirtschaftskrise 2008 eine deutliche Zäsur und signalisiert bald vielen, dass das geschützte, friedliche und schöne Leben zu Ende ist. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ist erschüttert. Versprechen, die gemacht werden, erweisen sich als leere Versprechungen („blühende Landschaften”). Die Wünsche, dass alles besser wird, die Welt friedlicher, die Zukunft sozialer, der Arbeitsmarkt gerechter, die Rente sicher, gehen nicht in Erfüllung. Im Gegenteil. Die Erleichterung durch die Technik (Digitalisierung) führt zur erhöhten Komplexität der Vorgänge, alles wird schneller und verwirrender. Die Kommunikation wird mühsamer, Verständigungsprozesse benötigen viel Zeit und führen oft nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Ein Veränderungsprozess löst den anderen ab, sodass bald niemand mehr richtig Bescheid weiß. Die Globalisierung, die unbegrenzte Möglichkeiten verhieß, führt zu Einschränkungen und unerwarteten Nebenwirkungen. Das Schlagwort von der „Risikogesellschaft”, das Ulrich Beck in den 1980er-Jahren prägte, bewahrheitet sich schärfer als gedacht.

Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski bezeichnet 2004 die Vertrauensbildung als die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts und tritt dafür ein, dass die Menschen in diesen unsicheren Zeiten Selbstvertrauen entwickeln müssten9.

Trotzdem ruft er wenige Jahre später (2010) das Ende der Ichlinge aus: „Hedonisten, hemmungslose Ichlinge passen nicht ins Bild von Krisenzeiten, auch und gerade im zwischenmenschlichen Bereich werden Prinzipien wie Verlässlichkeit und Beständigkeit wieder Bedeutung zugeschrieben. Dem entspricht die Überwindung der verengten narzisstischen Nabelschau zugunsten des wiedergefundenen Blicks auf das Wir und auf Wertorientierung. In den letzten Jahren ist eine grundlegende Änderung in den Lebenseinstellungen der Deutschen feststellbar. Die Menschen rücken wieder enger zusammen und vertrauen einander mehr.”10 Ein zu optimistisches Bild? Die Untersuchungen ergeben offensichtlich als allgemeinen Trend die Renaissance der Familie, neues Interesse an qualitativen Beziehungen und Freundschaften, Kommunikation statt Isolation und eine Kultur des Helfens.

Bestätigung bekommt diese Beobachtung 2011 von dem Zukunftsforscher Matthias Horx. Er widerspricht der Aussage, dass die Menschen heute mit der immer komplizierter werdenden Welt als Individuen völlig überfordert sind, und stellt dagegen: „In Wahrheit ermöglicht uns erst eine ‚komplizierte Welt’ den Prozess der Selbstfindung. Denn eine einfache, unkomplizierte, nicht widersprüchliche Welt würde uns noch nicht einmal auf den Gedanken kommen lassen, dass wir anders werden könnten! Das Missverständnis – und die Überforderung – entsteht immer da, wo ein elitärer Individualismusbegriff entsteht. Das Ziel von Individualität kann nicht das alte, heroische Ich-Ideal sein, worunter man ehedem einen ‚konsistenten Charakter’ verstand, ausgestattet mit ‚stählernem Willen’ und dem Anspruch, allzeit vollständig über Entscheidungsgewalt zu verfügen.”11 Horx bezeichnet Egoismus und Narzissmus als missglückte Individualisierungen und ist der Ansicht, dass das Ich ein Wir braucht, um sich zu finden. Umgekehrt benötigt ein echtes Wir ein starkes Ich. Für den Zukunftsforscher ist die Individualisierung nur die Bedingung und Grundlage für den wichtigsten Megatrend, den er ausmacht: Connectivity – die große Verbundenheit. Das heißt: Der Individualismus ist nur eine Zwischenphase, um zu ganz neuen Formen des Miteinanders zu kommen.

Ist das wirklich so? Besteht tatsächlich Grund zum Optimismus, dass die Zeiten des Egoismus beendet sind und eine neue Ära des „Wir” angebrochen ist?

Breit angelegte Untersuchungen zeigen, dass der Narzissmus zunimmt: Eine Studie der San Diego Universität in USA ergab, dass im Zeitraum von 1982 – 2006 zwei Drittel der Studenten narzisstischer sind als früher.12

Der Soziologe Gerhard Schulze identifizierte 2003 ein Dilemma: Das Ich sei immer mehr genötigt, sich selbst zu definieren, um zu wissen, was man will und wie man es am besten erreicht, aber gleichzeitig sei niemand da, der einem sagt, was man tun soll. Er stellt fest: „Man kann sich nur noch nach sich selbst richten.” Und er fährt fort: „Doch die Ungewissheit ist groß. Wer bin ich, und was will ich aus meinem Leben machen? Diese Frage hat im Lauf der letzten Jahrzehnte immer mehr Menschen ergriffen; in vielen Industrienationen ist sie nicht mehr bloß ein Luxusproblem privilegierter Minderheiten, sondern ein Lebensthema der meisten … Zu keiner Zeit hat sich das Ich so viel mit sich selbst beschäftigt wie in der Moderne.”13

Der Journalist Peter Hahne fordert 2004 leidenschaftlich: „Weg mit der Wohlfühl- und Kuschelkultur, in der nur das getan wird, was Spaß macht und Lust bringt. Wo nur der das Sagen hat, der gerade ‚in’, modern und zeit(geist)gemäß ist oder sich in den Talkshows am besten verkaufen kann. Hin zu einer Gesellschaft, die sich auf ihre Werte besinnt, die noch rechtzeitig innehält und den Ausverkauf der letzten Tabus und den Verfall der Normen als Verlust ihrer Identität erkennt.”14

Der Psychologe Stephan Grünewald diagnostiziert 2006 eine grundsätzliche Lebensangst vor allem bei Jüngeren. Sie würde dazu führen, dass Menschen sich in symbiotische Beziehungen flüchten, wo sie dieser Angst enthoben sind: „Eine zentrale Lebensangst wird bei jungen Menschen spürbar. Die Angst, aus bergenden Bindungen herauszufallen. Die Angst, irgendwann und irgendwo auf sich allein gestellt zu sein.”15 Das befördere nach seiner Meinung eine unterschwellige Absicherungsmanie.

2007 beschreibt der Kultur- und Sozialwissenschaftler Hans-Willi Weis die Reise in die Abgründe des eigenen Ichs als das unbekannte Land, das es zu entdecken gälte. Die Selbstverwirklichung sei das letzte Abenteuer auf der Suche nach dem schönen Leben, sei die Religion unserer Zeit: „Auf geistig aufgeschlossene und seelisch empfindsame Menschen unserer Zeit übt der spirituelle Erlebnis-, Esoterik-, Selbsterfahrungs- und alternative Therapiesektor eine starke Anziehung und Faszination aus.” Die Energien sammeln sich zu einem „Weg nach innen” und dadurch wird das „nichtalltägliche” und „erweiterte” Bewusstsein zu einem Schauplatz des Fortschreitens der menschlich-kulturellen Entwicklung.16 Kennzeichnet das die weitere Zuspitzung einer Entwicklung: Wenn schon Ich, dann richtig – nur noch Ich?

2013 zeichnet der Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher in seinem Buch „Ego” eine deprimierend pessimistische Analyse17: Der Markt beherrsche alles, könne aber von niemandem kontrolliert werden, das Misstrauen nähme zu , das Individuum würde ausgelöscht und zu einem Teil einer großen Maschine gemacht, das den Eindruck habe, weit unter seinen Verhältnissen zu leben. „Es wächst ein neues soziales Monster heran, das aus Egoismus, Misstrauen und Angst zusammengesetzt ist und gar nicht anders kann, als im anderen immer das Schlechteste zu vermuten. Und nichts, was man sagt, bedeutet noch, was es heißt”. Schirrmacher ist der Ansicht, dass es Zeit ist, an einen Ausweg zu denken. Er fordert dazu auf, einfach nicht mitzuspielen. Am besten wäre es, einfach der zu sein, der man ist. Aber es bleibt offen, was das bedeutet. Kurz nach der Veröffentlichung seines Buches ist Frank Schirrmacher nur 57-jährig gestorben.

Wie ist es nun heute und morgen?

Die Ichlinge scheinen nicht auszusterben. Lediglich die Formen des Egoismus verändern sich. Das Problem scheint uns erhalten zu bleiben – und sich vielleicht weiter zuzuspitzen? –, obwohl es auch Entwicklungen hin zum Ende der Egogesellschaft gibt. Gibt es vielleicht sogar beides gleichzeitig: ein Ende der Egokultur und eine Zunahme der Bemühungen um selbstbezogene Verwirklichung des eigenen Ichs? Zu welchen Lasten ginge dann diese Entwicklung?

Ein Ende der Gesellschaft der Ichlinge hätte tatsächlich seinen Preis:

Der Journalist Thomas Ramge (geb. 1971) plädiert für eine neue Kultur der Großzügigkeit: „Die Kultur der Großzügigkeit schließt alle ein. Die Alten und die Jungen, die Reichen und die Armen, die gebildeten und die weniger Gewitzten. Wer nehmen muss, weil ihn die Umstände dazu zwingen, kann trotzdem schenken, nämlich Dank und Respekt.”18 Wenn alle geben, werden alle gewinnen. Dann ist das Ende der Egogesellschaft erreicht.

Der Psychoanalytiker, Psychiater und Sozialphilosoph Horst-Eberhard Richter sieht das Ende der Egomanie19 dann anbrechen, wenn 1. die narzisstischen Ichmenschen sich wieder mehr als Wirmenschen fühlen. Wenn sie Nähe suchen, Gefühle austauschen wollen, Liebe fühlen und insbesondere auch geben. Wenn ihr Bestreben sei, miteinander gut auszukommen. Etwas Neues beginne, wenn 2. die unbekümmerte Unverbindlichkeit weicht, Verantwortungsbereitschaft wächst und man sich in langfristigen Bindungen bewähren will, Ordnung schafft und verlässlich ist. Und 3. sei es für einen Einstellungswandel erforderlich, die Fähigkeit zu entwickeln, die eigene relative Ohnmacht anzunehmen, ein neues bisher unterdrücktes Schwächebewusstsein zu erlernen, sich zu seinen Schwächen zu stellen und sie anzunehmen: „Vor dem Anderen ist das Ich unendlich verantwortlich” (Emmanuel Lévinas).

Um zuletzt noch einmal Horst Opaschowski zu Wort kommen zu lassen: „Die Zukunft gehört dem starken Ich und dem wiederentdeckten Wir.”20 Der Zukunftsforscher nimmt wahr, dass die Bevölkerung immer weniger Verständnis für das Ausleben von Egoismen zeigt. Er postuliert das Ende der Alphatiere: „Ichlinge scheitern. Wirlinge kommen weiter. Der neue Star ist das Team als eingespielte Mannschaft mit Wir-Gefühl.” Er sieht als Wesensmerkmal der neuen Wirgesellschaft: „Die Balance von Ich-Stärke und Wir-Gefühl kann zum neuen Paradigma für eine lebenswerte Gesellschaft werden. Die spannungsreiche Beziehung zwischen persönlichem Wohlbefinden und sozialer Verantwortung bleibt bestehen. Das Eigeninteresse kommt nicht zu kurz und Gemeinsinn bürgert sich ein. Das ‚Ich im Wir’ verbindet und hält die Gesellschaft der Zukunft zusammen.”

Möge es so sein! Nicht nur für unsere Generation, sondern mehr noch für die kommende. Diese hat das Wirgefühl noch in verstärktem Maß nötig. 2012 erschien ein Buch des Kinderpsychologen Stephan Valentin mit dem Titel „Ichlinge”. Es beschäftigt sich vor allem mit den Kindern – den Ichlingen von morgen? Er stellt fest: Immer weniger Kinder sind Teamplayer. Woher sollen sie das auch sein? Die Frage ist, was Eltern ihren Kindern vermitteln, die selbst vor allem mit sich und ihrem Fortkommen beschäftigt sind. Das Credo von Valentin ist: Ichlinge werden als solche nicht geboren, sie sind das Produkt äußerer Faktoren. Doch durch das Trainieren der sozialen Kompetenz und durch Prävention im Bereich der Teamfähigkeit kann Ichlingen und generell Kindern und Jugendlichen das innere Gefühl des „Wir” vermittelt und ihnen ein neues Motto für die Zukunft geschenkt werden: „Zusammen leben und agieren statt einsamer (Miss)Erfolg.”21

Ist die Zeit der Ichlinge tatsächlich zu Ende?

Wahrscheinlich wird es so sein, dass sich jeder sein eigenes Bild unserer Gesellschaft machen muss, um zu bewerten, wie er die Lage sehen möchte: egoistisch oder sozial? Vielleicht verändert sich der Blick auch je nach der momentanen Situation und je nachdem, wohin man schaut? Aber es ist Bestandteil unserer komplexen und unterschiedlichen Gesellschaft, dass sich jeder um seine eigene Sichtweise bemüht und sich immer wieder entscheidet, wie sein Lebensentwurf aussieht. Und genau das ist ja bereits das Kennzeichen für eine Gesellschaft aus Individualisten, die es dem Einzelnen nicht mehr abnimmt, wie er leben möchte, sondern ihm alles selbst überlässt – bei einer unübersehbar großen Palette von Möglichkeiten. Die Frage ist also nicht, ob wir in einer Gesellschaft der Ichlinge leben, sondern wie wir – jeder von uns – leben, unser Ich gestalten, formen und einsetzen – zum Wohl eines umfassenden Wirs, aber ohne uns selbst dabei aufzugeben und kleinzumachen: mutig, selbstbewusst und sozial bis zum Anschlag, mit einem starken Ich, aber auch weit darüber hinaus schauend – bis hinein in eine neue, kommende Zeit. Wird es tatsächlich die Zeit neuer Formen von Gemeinschaft sein und eine Zeit, in der Religion die größte Rolle spielt – weil Gott das Ich des Menschen aufbaut, schützt und ermöglicht? Wird es eine neue Gesellschaft geben, die nicht mehr aus einem Haufen total vereinzelter Menschen besteht, „deren eigentliches Wesen in ihrem Inneren verschlossen ist und die daher allenfalls äußerlich und von der Oberfläche her miteinander kommunizieren”?22 Und wenn sich beim Übergang zur Ichgesellschaft der soziale Horizont verengt (wie Horst-Eberhard Richter sagt23), dann möge sich nun beim Übergang in eine offene Wirgesellschaft der Horizont weit über die menschliche Perspektive hinaus ausweiten, vielleicht bis hinein in Gottes Reich. Vielleicht wird der Mensch erst dann frei von seinem eingefleischten Egoismus, wenn ihm klar wird, dass Gottes Möglichkeiten offenstehen und seine Wiederkunft bevorsteht, wenn etwas ganz Neues, Unerwartetes geschieht.

Die folgende Geschichte macht das deutlich.

Der Kampf ums Ich

In der großen Stadt kochten die Emotionen hoch. Seit Wochen ging es darum, wer am meisten Einfluss bekommen sollte. Die Situation war angespannt, teilweise kam es zu massiven Ausschreitungen, die nur mit starkem Polizeieinsatz begrenzt werden konnten. Es gab kein anderes Gesprächsthema mehr als die Frage, wer am wichtigsten war. Anlass für die Zuspitzung war der zunächst harmlose Wettbewerb gewesen, den eine Werbeagentur ausgeschrieben hatte. Es sollten sich unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft bewerben, sich darstellen und letztlich der Frage stellen: Wer hat den größten Einfluss? Eine Abstimmung sollte die Entscheidung bringen.

Es hatten sich 12 Bereiche der Gesellschaft zur Wahl gestellt: Vertreter aller Einzelhandelsgeschäfte hatten sich zusammengeschlossen zu einem Verein für unbeschränkten Konsum. Ihre Vertreter waren der Meinung, dass die Menschen nur dann glücklich sind, wenn ihnen alles zur Verfügung steht, was sie sich nur wünschen.

Einige potente Finanzberater hatten sich um den ersten Platz beworben mit dem Slogan: „Wo das Kapital ist, da ist das Leben.”

Eine Initiative für grenzenlose Mitbestimmung hatte sich gebildet, die sich vor allem aus ergrauten Altachtundsechzigern formierte. Sie waren der Meinung: „Wer mitbestimmen kann, ist beteiligt.”

Ganz anderes betonte die Gruppe der Eventanbieter: „Der Spaß zählt!” Diese Menschen waren der Meinung, dass das Leben ernst genug sei und deshalb der Spaßfaktor vergrößert werden müsste: „Wir müssen nicht alles so tierisch ernst nehmen!”

Seriöser war die Fortschrittspartei aufgestellt. Sie bestand aus ernst zu nehmenden Wissenschaftlern, die der Meinung waren, dass nur durch eine kontinuierliche Weiterentwicklung des bisher Erreichten der Wohlstand und damit die Zufriedenheit der Menschen erhalten werden konnte.

Eine Gruppe, die sich „Die Mobilisten” nannten, plädierte für eine unbegrenzte Freiheit. Denn nur die Menschen, die ohne jegliche Einschränkungen tun konnten, was sie wollten, wären wirklich glücklich.

Ein paar Jugendliche der Stadt dagegen mobilisierte die Bevölkerung mit Schreckensbotschaften über Klimawandel und Naturzerstörung. Sie wollten, dass die Ökologie der wichtigste Faktor in der Stadt wurde nach dem Motto: „Wenn es der Natur gut geht, dann geht es uns allen gut.”

Eine weitere Gruppe nannte sich „Die Zukunftspioniere”. Sie setzten auf „Zukunft für jeden” und waren der Ansicht, dass jeder seine eigene Zukunft so schaffen durfte, wie er sie sich vorstellte.

Dann gab es die Fitnessfreaks. Sie wollten Menschen, die sich sportlich verhielten, denn „nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist”. Sie hatten dieses Schlagwort irgendwo aufgegriffen.

Aber es gab auch etliche, die für eine freie und grenzenlose Sexualität plädierten. Sie wollten, dass sich jeder so ausleben konnte, wie es ihm passte: „Wer tun kann, was er will, ist glücklich “, war ihre Devise.

Aber es gab auch die „Nichts-Partei”: Nach ihrer Meinung war der Mensch am glücklichsten, der nichts leisten muss, nichts erlebt und vollkommen befreit von allem Gegenwärtigen sich nur noch ins Nichts versenkt. Denn diese Menschen seien die freiesten auf der Welt.

Zuletzt meldete sich eine Gruppe von religiösen Menschen, die auf Werte achtete und wollte, dass der Bezug zu einer höheren Macht nicht verloren ging. „Nur wer glaubt, lebt wirklich”, betonten sie. An was die Einzelnen glaubten, war jedem freigestellt.

Vertreter dieser letzten Partei waren es, die bei der großen Bewertungsveranstaltung in der überfüllten Stadthalle in den Saal riefen: „Wir sind doch alle gleich. Wir haben alle höhere Ziele. Wie sind zwölf Vertreter von zwölf Richtungen. Wir sind die zwölf Jünger der neuen Zeit.” In dieser Veranstaltung sollten sich die Vertreter der unterschiedlichen Richtungen mit ihren Anliegen vorstellen, damit anschließend in einer Abstimmung die wichtigste Gruppe gewählt werden konnte. Und was niemand für möglich hielt, geschah: Alle 12 Bewerber erhielten genau die gleiche Stimmenzahl.

In den folgenden Monaten spaltete sich die Stadt in zwölf Bezirke auf und jeder Bewohner wählte seinen eigenen Schwerpunkt, nach dem er sein Leben ausrichtete:

In einem großen Kaufhaus wurde alles angeboten, was möglich war. Es war wie an Weihnachten, man konnte bekommen, was das Herz begehrte. „Einfach abräumen und mitnehmen!”, nannte sich dieses Angebot. Bezahlen konnte man später. Und die Menschen taten es, körbeweise schleppten sie die Waren nach Hause.

Die Kapitalisten versprachen hohe Renditen, redeten von enormen Zuwächsen und ständiger Kapitalvergrößerung. Wer zu dieser Gruppe gehörte, sah sich bald als Mitglied im Club der Millionäre.

Die, die für Mitbestimmung waren, veranstalteten viele Foren, wo man seine Meinung äußern konnte. Hauptsache, es wurde diskutiert, die Ergebnisse waren nicht so wichtig.

Die Eventmanager lockten die Menschen mit immer ausgefalleneren Ideen in ihre Veranstaltungen: Die Matthäuspassion von Bach wurde verjazzt in einer uralten, ungeheizten Kirche mit Glühweinstand angeboten. Ein Chor sang Beethovens 9. Sinfonie („Freude schöner Götterfunken”) auf einer Bergspitze. Man konnte sich per Hubschrauber hinaufbefördern lassen. Daneben gab es Theateraufführungen im Spaßbad und dann wurde als bisher größter Event ein Theaterkrimi in einem ganzen Stadtteil durchgeführt mit allen Bewohnern als Beteiligte.

So formte jede Gruppe in der nächsten Zeit auf ihre Weise das Leben in der Stadt. Und es gelang den unterschiedlichen Richtungen, die Menschen an sich zu binden. Wohin jeder gehörte, erkannte man an der jeweiligen Bekleidung. Man setzte sich ab von den anderen und zeigte seine Zugehörigkeit: mit Krawatte und Anzug, im Freizeitlook, in Jogginghose oder mit verführerischen Dessous, die offen getragen wurden. Natürlich gab es Menschen, die zu mehreren Bereichen gehörten. Aber das fiel nicht auf, da sie sich jedes Mal umzogen, wenn sie in einen anderen Bereich wechselten. Auf diese Weise war jeder mit seinen Vorlieben und Interessen genau identifizierbar.

Aber dadurch splitterte die Gesellschaft in der großen Stadt immer mehr auf. Man grenzte sich ab, lebte nur noch in seinem Bereich. Die Beziehungen untereinander erloschen. Jeder Bereich versuchte, sich selbst zu stärken, das eigene Anliegen hervorzuheben und in den Vordergrund zu schieben. Mal gelang es den einen besser, mal den anderen.

Dann kam der Tag, an dem ein Gerücht die Runde machte. Später konnte niemand mehr genau sagen, wo es begonnen hatte. Hatte es ein Fremder mitgebracht, der in die Stadt gekommen war? War es in den Kreisen derer entstanden, die sich aus allem heraushielten? Oder waren es die Unzufriedenen, die Ewiggestrigen, die es aufbrachten? Die Nachricht verbreitete sich schnell: „Es wird etwas geschehen!” Das war alles. Es war nicht klar, was geschehen würde. Aber da offen war, was es sein könnte, machte sich jeder seine eigenen Gedanken. Die einen redeten von einer großen Katastrophe. Die anderen von einer Invasion aus dem All. Wieder andere hofften auf einen Neuanfang. Jedenfalls war die Folge dieses Gerüchtes, dass sich die Menschen nicht mehr so wie bisher für die 12 wichtigsten Bereiche interessierten. Sie waren mehr mit sich und ihren Fragen beschäftigt. Sie standen zusammen und redeten miteinander. Sie machten sich Gedanken über die Zukunft. Das hatte es bisher nicht gegeben. Sie tauschten sich aus über ihre persönlichen Hoffnungen oder Befürchtungen. Wer – scheinbar – mehr wusste als der andere, wurde umlagert und ausgefragt. Für kurze Zeit interessierten sich die Menschen füreinander und sie begannen wahrzunehmen, wie starr und festgelegt ihr Leben geworden war. Manche begannen sich tatsächlich zu wünschen, dass es noch etwas ganz anderes geben würde, das von außen kommen müsste, um sie aus ihren Abhängigkeiten zu befreien. Der Wunsch wurde laut: Es möge doch tatsächlich endlich etwas Richtiges passieren!

Das konnten sich die 12 Mächtigen natürlich nicht bieten lassen. Sie trafen sich, um gemeinsam Notmaßnahmen zu überlegen, wie sie ihren Einfluss zurückgewinnen könnten. Die Menschen sollten sich mit ihnen und sich nicht mit etwas anderem beschäftigen, das außerhalb ihres Einflussbereiches lag. Und obwohl die 12 bisher Konkurrenten waren, begann sie nun ihre unterschiedlichen Angebote zu vernetzen. Sie hoben die Abgrenzungen auf, sie vermischten sich, kombinierten ihre Interessen und machten ihre Angebote damit attraktiver. Das wirkte sich auch auf die Kleidung aus: Nun wurde alles wild durcheinander kombiniert, alles war möglich, jeder konnte das anziehen, was ihm gerade gefiel. Es gab zuletzt nicht mehr zwölf unterschiedliche Anliegen, sondern nur noch das eine: Die Menschen auf seine Seite zu bringen, abzulenken und zu beschäftigen! Das gelang schnell. Denn die meisten Menschen konnten den Schnäppchenangeboten, den Kombiattraktionen und den Einführungsverlockungen nicht widerstehen. Das Gerücht war bald vergessen. Es gab so viel anderes. Ständig war etwas Neues los. Ständig mussten tolle Veranstaltungen besucht werden, die ein unvergessliches Erlebnis suggerierten, und immer mehr waren die Menschen damit beschäftigt, alles zu verstehen, um dann das nützlichste, beste, kostengünstigste Angebot herauszufinden. Sie hatten gar keine Zeit mehr, sich Gedanken darüber zu machen, dass es noch etwas anderes geben könnte, geschweige denn, dass es eine Zukunft gab, die ganz anders sein würde als das Heute. Alle waren mit der Gegenwart beschäftigt, sie hatten keine Zeit für die Zukunft, für das Morgen, für etwas, das vielleicht, irgendwann einmal, unter Umständen passieren könnte.

Es waren nur ganz wenige, die an dem Gerücht festhielten. Sie warteten, sie erwarteten etwas. Sie sehnten sich danach, denn sie sahen, dass eine Veränderung von außen kommen musste. Sie litten unter der Vereinnahmung, sie spürten den Sog der Gegenwart und sahen, wie die Menschen immer mehr in den Strudel gezogen wurden, der ihnen Glück, Wohlstand und Zukunft verhieß, sie aber nur ausnützte. Sie sahen, wie die Menschen sich in Wirklichkeit dabei mehr und mehr verloren, immer blasser, bedürftiger, ärmer wurden. Statt Glück zu gewinnen, verloren sie: sich selbst. Deshalb warteten sie und hofften, dass etwas geschehen würde, was die Menschen aufweckte. Sie streckten sich sehnsuchtsvoll danach aus. Und dann sahen sie, wie sich dort, weit im Osten, der Himmel veränderte. Es war so, als würde die Sonne aufgehen – und das, obwohl es bereits Tag war. Sie nahmen wahr, dass das Gerücht stimmte und etwas Neues hervorbrechen wollte. Aber nur sie erkannten es, die Menschen in der großen Stadt waren zu beschäftigt, um die lichten Zeichen der Veränderung zu bemerken.

Das versteckte und rudimentäre Ich

„Wo Es war, soll Ich werden.” Diesen prägnanten Satz formulierte Siegmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse 1933. Er macht deutlich, dass der Weg zum Ich lang und beschwerlich sein kann und Arbeit erfordert. Vor allem dann, wenn dieses Ich ein starkes Ich sein soll und nicht nur ein aufgeblähtes, narzisstisches Ich, das sich lediglich großmacht. Ebenfalls wird es anstrengend, wenn das Ich nicht nur klein, rudimentär und kindlich-fordernd bleiben, sondern eine erwachsene, mündige Form finden soll. Gesunde Ichwerdung erfordert den Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Da ist es doch einfacher, so zu sein wie alle anderen auch.

In einer Gesellschaft, in der das Ich insgesamt überhöht wird, besteht die Gefahr, dass der Einzelne sein Ich aufgibt zugunsten eines allgemeinen (und damit unechten) Wir. Gerade die Menschen, die sowieso verunsichert sind und sich schwach vorkommen, finden es gut, wenn sie von der gemeinsamen Größe profitieren können. Damit ist man den ständigen Entscheidungen des Lebens enthoben. Man fügt sich ein, lässt andere entscheiden. Das ist der einfachste Weg, verlockend in einer Welt, die immer komplizierter und undurchschaubarer wird. So kommt es, dass sich die Ichlinge verstecken. Sie geben sich unauffällig und harmlos. Sie verbergen sich in der Masse ihresgleichen. Dort fallen sie nicht auf. Sie tauchen unter in der Gesellschaft der Individualisten. Dort können sie sich selbst verwirklichen: Sie profitieren von den anderen. Sie sind Konsumenten. Sie sind Verbraucher. Sie verbrauchen, was sie bekommen, für sich. Sie benötigen einander zur eigenen Bestätigung, indem man sich zugehörig fühlt. Oder ist es so, dass der Masse der Menschen Individualität suggeriert wird, um sie zu willigen Konsumenten zu machen? Umso mehr betont man die eigene Autonomie bis zum Egoismus: „Ich bin wie alle, aber trotzdem bin ich anders.” Der Individualist betrachtet alles von sich her und bewertet es aus seinem Blickwinkel. Der subjektive Eindruck zählt: Was er für richtig hält, ist richtig; was er will, steht ihm zu; was er tut, entspricht ihm und ist deshalb (für ihn) gut. Der Individualist sagt: „Von mir aus können es die anderen genauso machen. Aber sie dürfen mir nicht querkommen.” Die „Goldene Regel” (Matthäus 7,12) wird auf den Kopf gestellt. Der Individualist denkt: „Alle machen es ja so! Dann darf ich das auch.” Und umgekehrt ist sein Grundsatz: „Soll doch jeder tun, was er will!” So benötigt der Einzelne die anderen als Alibi für sein Verhalten, grenzt sich aber gleichzeitig von ihnen ab. Das ist ein spannungsvolles Wechselspiel zwischen Zugehörigkeit und Autonomie. So unlogisch es klingt: Die Massebildung leistet dem Individualismus Vorschub und umgekehrt: Der Individualismus ist die Grundlage für die Entstehung einer Masse – eines bedingt das andere Das sieht beispielsweise so aus: Die Massengesellschaft redet den Menschen ein: „Tu, was du willst.” Jeder soll sich grenzenlos selbst verwirklichen. Wenn jedoch jeder genau das macht, führt dies zum Kollaps der Gesellschaft, weil sich alle in totaler Selbstbezogenheit nur um sich selbst drehen. Der Mensch wird immer einsamer. Viktor E. Frankl, der Begründer der Logotherapie (1905 - 1997), stellt fest: „Paradoxerweise bringt die Vermassung in der Industriegesellschaft eine Vereinsamung mit sich, die das Aussprachebedürfnis steigert.”24 Weil sich der Individualist einsam fühlt, verspürt er einen zunehmend unwiderstehlichen Drang nach Anschluss an irgendeine Menge von Menschen. In der Sehnsucht nach Zugehörigkeit ist er ausnutzbar. Er sucht immer wieder neu nach Selbstbestätigung und in der Befreiung von sich selbst nach jemand anderem, der ihm Entscheidungen abnimmt und ihn entlastet von der ständigen Frage, was er eigentlich will. An diesem Punkt ist gerade der Individualist eine leichte Beute für starke (Ver-)Führer. Sie und die Eingliederung in die große Menge der Masse versprechen ein leichtes Leben, Befreiung von den Ansprüchen des eigenen Ichs und gleichzeitig deren Verwirklichung. Man ist jemand, weil man dazugehört. Man ist wichtig, weil man ein Teil einer Bewegung ist. Aber damit wird deutlich, dass der Individualist jemand ist, der zwar gern „Ich” sagt, aber eigentlich kein eigenes Ich besitzt. Was er für sein Ich hält, ist etwas Äußeres, etwas Gedachtes. Er stellt sich vor, dass er so ist, aber er ist es nicht. Er tut nur so. Er dreht sich ständig um sich selbst und betont seine Eigenständigkeit, aber er fragt sich dabei, wie er ankommt, wie er sich optimiert, wie er sich am besten auf Kosten anderer verwirklicht. Und dabei ist er nicht frei. Er ist nicht wirklich beziehungsfähig, deshalb ist ihm auch sein eigenes Ich abhandengekommen – oder konnte sich überhaupt nicht entwickeln. Denn das Ich findet man nur in der Beziehung zu einem Du. Das würde erfordern, dass man aus sich herausgeht und dem anderen entgegentritt, jemandem aktiv begegnet: „Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung”, sagt der jüdische Philosoph Martin Buber (1878 – 1965)25.

Das Ich, bevor es zum Ich wird, ist ein Es. Das Es bleibt im Ungefähren: Es nimmt etwas wahr, es fühlt etwas, es stellt sich etwas vor. Es bleibt allgemein und unbestimmt. Es hat sich noch nicht gefunden und weiß noch nicht, was es wirklich will. Es kreist um sich und dabei ist es verführbar, das zu tun, was alle tun. Das Es ist ein Teil einer allgemeinen Masse. Erst am Du wird der Mensch zum Ich. Denn in einer Beziehung zu einem anderen sagt der Mensch „Ich” und wird zu dem, der er ist. Erst durch ein lebendiges Gegenüber versteht sich der Mensch als eigenständiges Wesen mit einer sozialen Haltung und echter Verantwortung für den Nächsten. Das Es übernimmt keine Verantwortung, denn es ist ein „Dasein ohne Existenz”, wie der deutsche Psychiater und Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969) beschreibt: „Im naiven Dasein tue ich, was alle tun, glaube, was alle glauben, denke, was alle denken. Meinungen, Ziele, Ängste, Freuden übertragen sich von einem zum anderen, ohne dass er es merkt, weil eine ursprüngliche, fraglose Identifizierung aller stattfindet.”26

Nicht der Einzelne handelt im täglichen Dasein aus seiner eigenen freien und verantwortlichen Entscheidung, sondern er wird getrieben und geleitet von dem unfassbaren und unmerklichen Einfluss des „man”. Er denkt, wie „man” denkt, er handelt, wie „man” handelt. In der anonymen Kollektivität dieses „man” ist jede Besonderheit des Einzelnen eingeebnet, alles ist gleichförmig geworden, unter dem Zwang der unsichtbaren und doch unwiderstehlichen Macht. Der Mensch ist gar nicht mehr er selbst, sondern in ihm lebt das „man”27. Er ist zum Teil einer „Masse” geworden.

Elias Canetti beschreibt 4 Eigenschaften einer Masse28:

1.Die Masse will immer wachsen. Wo viele sind, kommen immer noch mehr dazu. Was viele denken, sagen, meinen, kann nicht falsch sein. Wenn ich dazugehöre, bin ich genauso richtig wie alle anderen auch.

2.Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Wer dazugehört, wird nicht infrage gestellt. Alle sind eins. Es herrscht die Selbstgerechtigkeit der Gleichmacherei. Wir müssen uns nicht voneinander unterscheiden. Wir sind keine Ichs, sondern jeder ist ein Es, ein gleiches Teilchen.

3.Die Masse liebt Dichte. Jeder steht für den anderen. Das Gemeinschaftsgefühl ist grandios. Wir sind uns nahe, zwischen uns kommt nichts. Wir handeln gemeinsam wie ein Mann.

4.Die Masse braucht eine Richtung. Wir haben alle das gleiche Ziel. Wir gehen miteinander und wissen gemeinsam, was wir wollen, das macht uns unschlagbar.

Es ist es ein tolles Gefühl, Teil einer größeren Sache zu sein, mit dabei zu sein, wo etwas Großes geschieht – ohne dafür verantwortlich zu sein, Anteil zu haben an den großen Emotionen unserer Zeit – ohne sich selbst engagieren zu müssen, im Zuschauersessel zu sitzen und dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird – ohne irgendein eigenes Zutun. Man fühlt sich wichtig – ohne jegliches Risiko. Das ist bequem, das ist das Beste: Das Gefühl, ein Ich zu sein, ohne es in der Begegnung mit dem Du entwickeln, entfalten und leben zu müssen. Man findet sich gemeinsam unbesiegbar. Jeder nimmt, aber keiner gibt. Wie kann das funktionieren?

Die Masse bestätigt sich aus sich selbst heraus. Sie sagt sich: „Wir sind viele” – und das ist der Beweis, dass wir richtig sind. Der deutschamerikanische Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm (1900 – 1980) nennt dieses Phänomen „Gruppennarzissmus”: „Der Gruppennarzissmus hat wichtige Funktionen. Vor allem fördert er die Solidarität und den inneren Zusammenhalt der Gruppe und erleichtert ihre Manipulation, da er an narzisstische Vorurteile appelliert. Zweitens ist er außerordentlich wichtig als ein Element, das den Mitgliedern der Gruppe Befriedigung verschafft, vor allem jenen unter ihnen, die an sich wenig Grund hätten, sich stolz und schätzenswert zu finden. Wenn man das armseligste, ärmste und am wenigsten respektierte Mitglied einer Gruppe ist, wird man für seinen elenden Zustand durch das Gefühl entschädigt: ‚Ich bin ein Teil der wundervollsten Gruppe der Welt. Ich, der ich in Wirklichkeit ein armseliger Wurm bin, werde zum Riesen dadurch, dass ich zu dieser Gruppe gehöre. ‘ Folglich entspricht der Grad des Gruppennarzissmus dem Mangel an wirklicher Befriedigung im Leben.”29

Der Turmbau zu Babel und die christliche Gemeinde

Die Bibel warnt eindrücklich vor diesem gemeinsamen, grandiosen Ich, das die eigenständige Existenz und Verantwortlichkeit des Menschen aufhebt. Gott will die Mündigkeit des Menschen. Am Du Gottes soll der Mensch sein Ich entwickeln, auf eigenen Füßen stehen und seinen Weg in Verantwortung Gott gegenüber gehen. Gleich in einem der ersten Kapitel der Bibel ist als grundlegende Urerzählung von jenem gefährlichen Vorgang die Rede, bei dem der Mensch auf sein Ich verzichtet und ein gemeinsames, großes Wir an die Stelle Gottes treten soll: die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11, 1-9).

Am Anfang war alles gut: Die Menschen hatten alle einerlei Zunge und Sprache. Man verstand sich. Es gab keine Kommunikationsprobleme. Aber das führte bald dazu, dass man sich zu gut verstand. Und schnell fand man heraus, dass man vor allem gemeinsam stark war: Wenn man nur miteinander festlegte, was man wollte, dies dann mit Nachdruck verfolgte und sich dabei noch hohe Ziele setzte, dann war man unüberwindbar. Wenn man das Miteinander nur weit genug optimierte, könnte man es sogar schaffen, stärker als Gott zu sein. Deshalb war nun neben der gemeinsamen Sprache, dem gemeinsamen Willen und dem Zusammenschluss zu einer starken, unverbrüchlichen Gemeinschaft ein gemeinsames Ziel nötig, ein Projekt, das alles bündelte und fokussierte: Sie wollten einen Turm bauen, der mit seiner Spitze bis in den Himmel reichte, um sich einen unauslöschlichen, machtvollen Namen zu machen. Wenn sie das geschafft hätten, könnten sie damit beweisen, was der gemeinsame Wille vermag. Dann wäre es offensichtlich, wie unschlagbar sie wären, welch große Dinge des Menschen Geist bewirken könnte. Dann wären sie vielleicht sogar stärker als Gott? Auf jeden Fall hätten sie einen sichtbaren Beweis erbracht, was Menschen erreichen, wenn sie sich einig sind. Und für jeden Einzelnen, der an diesem Projekt beteiligt war und zu dieser Gemeinschaft gehörte, wäre das die Bestätigung zu der leistungsfähigsten, stärksten und besten Gruppe zu gehören. Der Gruppennarzissmus lässt grüßen!

Aber Gott widersetzte sich diesem Bemühen um eine gemeinsame, starke Grandiosität. Gott musste das tun. Was wäre gewesen, wenn die Menschen tatsächlichen ihren Turm gebaut hätten – und nun? Was hätten sie in ihm getan, mit welchem Inhalt hätten sie diesen grandiosen Traum gefüllt? Dann wäre doch klar geworden, wie hohl ihr Bemühen um Größe war: „Viel drum rum und nichts darin.” Es war die Gnade Gottes, dass er dem riesigen gemeinsamen Ich der Masse gleicher Menschen entgegentrat. Und seine Maßnahme war so einfach wie wirkungsvoll: Er kämpfte nicht gegen diese geballte Übermacht selbstgefälliger Überzeugung, sondern setzte an der Schwachstelle an: Gott störte die Gleichheit aller. Er verwies sie auf ihre Unterschiedlichkeit. Er entlarvte die Parole „Wir sind eins” als Unwahrheit. Er trat als großes Du den Menschen entgegen und verlangte, dass sie zum Ich wurden – jeder Einzelne für sich. Und von diesem Augenblick an war klar, dass sie nichts waren. Jeder sah nur sich selbst und wollte den Erfolg für sich. Der nackte Egoismus trat zutage, der Individualismus zeigte sich. Sie wollten zwar alle das Gleiche, aber jeder nur für sich. Das konnte gar nicht funktionieren. Und noch ehe der Turm vollendet war, zerstritten sich die Menschen in ihrer eigenen selbstgezogenen Bedürftigkeit. Jeder schrie: „Ich!”, und verlangte, dass sein Mangel gestillt würde. Weil sie nichts mehr gemeinsam waren, war auch der Einzelne nichts mehr, war jeder wieder nur ein kleines, unbedeutendes Teilchen. Sie spürten, dass sie sich erst einmal auf den Weg machten mussten, sich selbst zu werden, ich zu sagen. Und sie ahnten, dass das eine härtere Arbeit sein würde, als gemeinsam ein riesiges Hochhaus zu bauen, denn sie mussten an sich selbst arbeiten, sich ihrer Bedürftigkeit stellen und die echte Beziehung zueinander und zu Gott wagen.

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel ist aktuell. Sie betrifft auch die christlichen Gemeinden. Sie ist vor allem dort aktuell, wo Gemeinde als Ersatz für das eigene Ich verstanden wird. Wo gedacht wird, man könnte für sich glauben lassen. Man wäre schon richtig dadurch, dass man zu dieser tollen Gemeinde gehöre. Wo man sich im christlichen Betrieb eingerichtet hat und davon profitiert, dabei zu sein. Die gemeinsamen Ziele, die man sich kühn gibt, dass Wachstum und der Standard, den man erreichen will, signalisieren, dass alles gut läuft. Man betont die Einheit und Einmütigkeit und fühlt sich stark, weil man sich als Teil einer Gemeinschaft versteht. Man ist ein Gleicher unter Gleichen und das bestätigt die eigene Existenz. Alles ist gut, alles kann so bleiben, wie es ist. Wir kommen gemeinsam in den Himmel, weil wir bereits heute ein Stück Himmel auf Erden leben.

Das Problem ist nur: Würde Gott in diese Gemeinde treten und würde die Wahrheit sichtbar werden, könnte es rasch zu Ende sein mit der Gleichmacherei. Dann würde man erkennen müssen, dass jeder ganz persönlich vor Gott steht und von Gott herausgefordert wird, Antwort zu geben.

Für Gottes Reich und seine Gemeinde gilt: Einheit und Pluralität sind keine Gegensätze. Die Einheit besteht aus starken Ichs, nicht aus gefügigen, gleichgemachten. Nachfolge ist keine Passivität, sondern ein aktives, eigenverantwortliches Vorangehen. Gemeinschaft bedeutet Arbeit, sich ausliefern, einander begegnen. Einheit entsteht dadurch, dass man die Gegensätze aushält, erträgt und sich ein- und unterordnet. Einmütigkeit geht nur über langwierige Prozesse des Redens und Hörens – vor allem in dem Bemühen, einander verstehen zu wollen. Die Gemeinschaft der Christen marschiert nicht im Gleichschritt der Gleichgesinnten, sondern lebt von der Verschiedenartigkeit der Geistesgaben, die im Leib Christi aufeinander angewiesen sind. Nicht alle sind gleich, sondern jeder hat seinen Auftrag, jeder trägt seinen Teil dazu bei, dass das Ganze gelingt. Die christliche Gemeinschaft ist keine abgeschlossene Ganzheit, sondern ein spannungsreiches Gefüge aus vielen selbstständigen Ichs, die sich einbringen, sich aufgeben und dabei sterben. Das Miteinander der Christen ist keine zu sichernde Stabilität, sondern ein labiles Fließgleichgewicht, keine statische Figur, sondern ein dynamischer Prozess, an dem jeder beteiligt ist. Jeder. Auf seine Weise. Und zwar so, dass miteinander Ziele erreicht werden, für die sich jeder auf seine ureigene Weise einsetzt. Viele unterschiedliche Schritte sind nötig, um am gemeinsamen Ziel anzukommen.

Die Gemeinde als Leib (1. Korinther 12,12 ff.) ist nicht das Produkt ihrer Glieder, sondern die Schöpfung Gottes. Niemand kann die Gemeinde für sich vereinnahmen oder seinen Wert daraus ziehen, dass er dazugehört. Denn jeder gehört Gott und alle sind von Gott beschenkt mit ihrem unverwechselbaren Ich. Das dürfen sie einbringen – zur Ehre Gottes und zum Aufbau dieses Leibes. Jeder gibt und Gott nimmt. Und von dem, was Gott dann allen austeilt – nicht gleichmäßig, nicht gerecht, aber doch so, dass jeder das bekommt, was er benötigt –,nährt sich die Existenz eines jeden. Jeder wird satt, niemand kommt zu kurz. Keiner leidet Mangel. Das echte Wir gibt dem Einzelnen Raum und die Möglichkeit, seine Meinung zu äußern, sich zu entfalten und anders zu sein als die anderen. Das echte Wir ist das Wir, das Gott ermöglicht. Es setzt sich zusammen aus erlösten und befreiten Ichs.

Problemanzeige

Gibt es Ichlinge in der christlichen Gemeinde? Vor allem gibt es sie dort, wo Menschen ihren Mangel in der Gemeinde stillen wollen. Weil sie ihre tiefe Bedürftigkeit mitbringen und fordern, dass andere sie satt machen. Ichlinge gibt es dort, wo das Ich an der Garderobe abgegeben wird und die Gemeindeglieder zum Es werden, die sich wie Babys versorgen lassen. Es passiert dann Folgendes: Die Predigt wird zur Verkündigung und ist keine lebendige Begegnung mit Gott mehr. Das Gebet wird zur Liturgie und das Gespräch zwischen Mensch und Gott erlahmt. Der Glaube reduziert sich auf das Für-wahr-Halten und äußert sich nicht in einer tiefen Beziehung zum Gott des Lebens. Die Kirche wird zur Wohlfühlgemeinde und die Gemeinschaft zur Heilsinstanz eines frommen Wirs, das die Seele streichelt.

In der Gemeinschaft der Ichlinge hat auch die Ichsucht ihren Platz. Es ist das große Ich, das sich über die anderen kleinen, rudimentären Ichs stellt und sie beherrscht – weil es dadurch seinen Wert und seine Bedeutung bekommt. Aber alle anderen bleiben klein und abhängig.

Die tiefe Sehnsucht der Menschen nach dem wahren, dem wirklichen, dem echten Leben fordert den Menschen auf, sich auf die Suche zu machen. Es ist die Suche nach dem „Ich”. Wird er nicht fündig, misslingt die Suche oder geht in die Irre, wird sie zur Sucht: Der Mensch wird abhängig – von seinen Bedürfnissen und von anderen Menschen. Denn im Bereich seiner Sehnsüchte ist der Mensch am verletzlichsten. Wenn es um sein Ich geht, geht es um alles, geht es um seine ganze Existenz.

2Ulrich Beck, Risikogesellschaft, Frankfurt 1986, Seite 199

3Faith Popcorn, Der Popcorn Report, München 1992, Seite 40

4Claudia Szczesny-Friedmann, Die kühle Gesellschaft, München 1991, Seite 11

5Heiko Ernst, Psychotrends, München 1996, Seite 14

6Friedrich Schorlemmer, Zeitansagen, München 1999, Seite 342

7K. Peter Fritzsche, Die Stressgesellschaft, München 1998, Seite 10 ff.

8Johannes Fiebig, Abschied vom Ego-Kult, Krummwisch 2001, Seite 122

9Horst W. Opaschowski, Deutschland 2020, Wiesbaden 2004, Seite 39

10Horst W. Opaschowski, Wir! Warum Ichlinge keine Zukunft haben, Hamburg 2010

11Matthias Horx, Das Megatrend Prinzip, München 2011, Seite 126

12www.alltagsforschung.de/die-psychologie-des-narzissmus/

13Gerhard Schulze, Die beste aller Welten, München 2003, Seite 212

14Peter Hahne, Schluss mit lustig, Lahr 2004, Seite 141

15Stephan Grünewald, Deutschland auf der Couch, Frankfurt 2006, Seite 63

16Hans-Willi Weis, Exodus ins Ego, Düsseldorf 1998, Seite 10 ff.

17Frank Schirrmacher, Ego – Das Spiel des Lebens, München 2013

18Thomas Ramge, Nach der Ego-Gesellschaft, München 2006, Seite 202

19Horst-Eberhard Richter, Das Ende der Egomanie, Köln 2002

20Horst W., Opaschowski, Wir!, Hamburg 2010, Seite 200 f.

21Stephan Valentin, Ichlinge, München 2012, Seite 328

22Horst-Eberhard Richter, Der Gotteskomplex, Gießen 2005, Seite 35

23Horst-Eberhard Richter, Die Krise der Männlichkeit, Gießen 2006, Seite 80

24Viktor E. Frankl, Ärztliche Seelsorge, München 2014

25Martin Buber, Ich und Du, Stuttgart 1995, Seite 12

26Karl Jaspers, Philosophie Band 2, Berlin 1932, Seite 51, zitiert nach Otto Friedrich Bollnow, Existenzphilosophie, Stuttgart 1949, Seite 46

27Nach Otto Friedrich Bollnow, Existenzphilosophie, Stuttgart 1949, Seite 46

28Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt 1980, Seite 30

29Erich Fromm, Anatomie der menschlichen Destruktivität, Hamburg 1977, Seite 229

2.Die Sehnsucht der Menschen
Auf der Suche nach dem Ich

In unserer konsumorientierten Gesellschaft werden alle Sehnsüchte der Menschen bedient. Für Geld kann man alles haben. Wirklich alles? Es gibt Sehnsüchte, die bleiben unbefriedigt, auch wenn man Geld genug hat. Sie zu stillen wird zu einem größeren Wert als alle Konsumartikel. Diese Sehnsüchte haben alle mit dem Ich des Menschen zu tun: mit seinem Selbstverständnis, seinem Selbstwert, seiner Identität. Der Kampf um das „Ich” ist entbrannt. Es geht darum, das Ich zu fördern, zu optimieren, zu finden und zu entfalten, möglichst groß zu machen, aufzupolieren, durchsetzungsfähig zu gestalten, unverletzlich abzusichern und vieles mehr. Aber das geht nur, wenn das Ich in seiner Wurzel gesund ist. Stimmt die Grundlage nicht, ist sämtliche Arbeit am Ich doch nur eine kosmetische Operation, eine mühsame Reparatur und es bleibt beim Versuch, etwas abzustützen, was wackelig ist. In folgenden Sehnsüchten zeigt sich, wo das Ich Mangel leidet:

1. Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung

Liebe und Anerkennung sind etwas Selbstverständliches, sie sind überlebensnotwendig. Wer keine Liebe und Anerkennung bekommt, verkümmert. Deshalb will jeder Mensch wahrgenommen und geliebt werden. Er will wichtig sein. Aber wer gibt Liebe und Anerkennung, wenn sie jeder für sich möchte? In unserer Gesellschaft gibt es zunehmend viele Ichs, die gesehen werden wollen. Wer schaut sie an? Viele schreien nach Zuwendung. Wer hört sie und gibt ihnen, was sie brauchen?

2. Die Sehnsucht nach Sicherheit

Die Komplexität der Welt ist für viele verunsichernd. Die ständigen Veränderungen und Umbrüche lassen nicht zur Ruhe kommen. Was heute gilt, ist morgen anders. Die Zukunft ist fragwürdig. Das Gleichgewicht der Mächte ist filigran und bedroht. Die wirtschaftliche Stabilität ist nicht nachhaltig. Permanent bedroht eine Krise die momentane Ruhe. Es gibt keine wirkliche Absicherung, nichts ist tatsächlich dauerhaft stabil. Was ist zu tun? Wo gibt es Orte der Geborgenheit? Wo kann man sich wirklich sicher sein?

3. Die Sehnsucht nach Bedeutung

Man will gern eine wichtige Rolle spielen, nicht nur ein kleines Rädchen im allgemeinen Getriebe sein. In der großen Masse möchte man auffallen, als Individuum erkenntlich sein. Das zwingt zur Individualisierung, zum Selbstmanagement, man muss sich optimieren. Es genügt nicht, einer von vielen zu sein, man muss seine Besonderheiten herausstreichen – und wenn man dabei zum bunten Hund wird: Was ist mein Markenzeichen? Was ist meine Stärke? Auch Kleinigkeiten bekommen eine große Bedeutung und werden marktschreierisch präsentiert.

4. Die Sehnsucht nach Freiheit

Man sehnt sich nach Unabhängigkeit, will überall sein, alles mitnehmen und von einer größtmöglichen Weite und vielen Alternativen profitieren. Das Kleine genügt nicht, Einschränkungen hindern die Entfaltung. Es darf nichts geben, was die eigene Individualität begrenzt. Alles ist möglich und alles geht. Ja nicht mit weniger zufrieden sein. Das Leben leben bis zum Anschlag. Wehe, wenn sich Krankheit, Behinderung oder sonstige Beeinträchtigungen in den Weg stellen. Gesetze werden nicht akzeptiert, Verbindlichkeiten nur dann, wenn sie nicht einschränken.

5. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit

Der Wunsch, in der großen, weiten Welt einen Ort zu haben, wo man zu Hause ist, einen Menschen, bei dem man andocken kann und dem man der Wichtigste ist. Stärke dadurch bekommen, dass man Mitglied einer Gemeinschaft ist, Teil eines großen Ganzen, das einen stützt und schützt. Sich einmal nicht mehr um sich kümmern müssen, sondern sagen können: Wir sind viele – und ich gehöre dazu. Das Bemühen um die eigene Identität übernehmen andere, sie sagen einem, wer man ist, und sprechen einem zu, dass man okay ist, wie man ist.

Hinter all diesen Sehnsüchten steckt die Suche nach dem Ich. Es ist dem Menschen bei allem, was ihn beschäftigt, abhandengekommen, deshalb muss er es finden. Er jagt seinem Ich nach; hat er es gefunden, tut er alles, um es zu pflegen und zu nähren. Das Selbst empfindet einen Mangel und versucht ihn auszugleichen. Der Mensch ist innerlich nicht satt und versucht nun, seinen Hunger zu stillen. Er sorgt sich um sich – wer tut es sonst? Aber so vereinzelt der Mensch und das Ich bläht sich immer weiter auf. Irgendwann platzt die Blase. Die Ichsucht ist die Mangelerscheinung des Ichs. Es fehlt ihm an Anerkennung, Sicherheit, Bedeutung, Freiheit und Geborgenheit. Das, was fehlt, wird nun künstlich erzeugt. Aber da der Mangel nur mit echter Liebe, zuverlässiger Sicherheit, realistischer Bedeutung, verbindlicher Freiheit und gelassener Stärke zu füllen ist, bleiben viele Menschen hungrig. Ihr Hunger wird nicht wirklich gestillt, dem Mangel nicht aufgeholfen. Deshalb brauchen sie immer mehr. Die Gier wächst ins Unermessliche – und trotzdem reicht es nicht. Es muss immer mehr von demselben zugeführt werden. Das ist die Sucht. Das ist das unersättliche Ich, das nie zufrieden ist. Aber irgendwann kollabiert das Ganze, dann geht nichts mehr.

Definition von Sucht

Sucht ist nach WHO (World Health Organization) ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, verursacht durch wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Substanz, der für das Individuum und die Gemeinschaft schädlich ist.

Psychische (seelische) Abhängigkeit ist definiert als übermächtiges, unwiderstehliches Verlangen, eine bestimmte Substanz/ Droge wieder einzunehmen (Lusterzeugung und/oder Unlustvermeidung). Physische (körperliche) Abhängigkeit ist charakterisiert durch Toleranzentwicklung (Dosissteigerung) sowie das Auftreten von Entzugserscheinungen.

Abusus oder Missbrauch beinhaltet den unangemessenen Gebrauch einer Substanz/Droge, das heißt überhöhte Dosierung und/oder Einnahme ohne medizinische Indikation. Wiederholtes Einnehmen führt zur Gewöhnung, psychisch durch Konditionierung, körperlich in der Regel mit der Folge der Dosissteigerung.

Zu den krankheitstypischen Verhaltensweisen zählen Beschönigung, Verleugnung, Bagatellisierung und Dissimulation mit Verheimlichungstendenzen. Das Selbstwertgefühl ist durch Schuldgefühle reduziert, meist findet sich eine erniedrigte Frustrationstoleranz.30 Der Liedermacher Konstantin Wecker sagt es aufgrund eigener Suchterfahrungen so: „Sucht ist die Folge eines Phantomschmerzes, wenn man die Spiritualität wegoperiert hat.” Es fehlt also etwas ganz Entscheidendes und das führt dazu, dass man es sucht und das Loch mit unmäßigen Mitteln zustopfen möchte.

Der amerikanische Psychiater und Theologe Gerald May (1940 - 2005) bezieht den Grund der Sucht auf nicht erfüllte Sehnsucht: „In überfließender Liebe hat uns Gott erschaffen und uns dabei den Keim der Sehnsucht eingepflanzt. Unser ganzes Leben lang nährt Gott dieses Verlangen und lockt uns, das große Doppelgebot der Liebe zu erfüllen: du sollst Gott mit ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst! Wenn wir unsere Sehnsucht nach Liebe als den wahren Schatz unseres Herzens anerkennen könnten, dann wären wir in der Lage, mit Gottes Gnade dieses Doppelgebot auch zu leben.”31 Aber durch die Sucht wird die Sehnsucht gefangen gehalten und der Süchtige unterwirft sich Dingen, die er, wenn er ganz ehrlich ist, gar nicht will. Die Sucht missbraucht die Freiheit und verdrängt die Liebe. Das gilt für alle Formen der Sucht, so schreibt Gerald May weiter: „Dieselben Mechanismen, die zu Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit führen, wirken in uns, wenn wir an Idealen hängen, Macht anstreben, Arbeit und Beziehungen nachjagen, von Stimmungen und Fantasien abhängig sind oder was dergleichen an Abhängigkeiten noch denkbar ist … Die Sucht macht uns zu Götzendienern und -dienerinnen. Indem wir gezwungen werden, dem Objekt unserer Begierde zu huldigen, sind wir unfähig, Gott und unseren Nächsten in Freiheit zu lieben. Es ist paradox: Sucht bringt einen starken Willen hervor, unser Wille ist jedoch nicht mehr frei und unsere Würde längst untergraben. Sucht ist also ein Teil der menschlichen Natur und arbeitet doch gegen sie. Sie ist eine erbitterte Feindin der menschlichen Freiheit, geradezu eine Gegenleidenschaft zur Liebe.”

Was ist Ichsucht?

Ichsucht ist keine klinische Diagnose, sondern ein Überbegriff über all die unterschiedlichen Fehlformen des Ichs. Ichsucht beschreibt den Zustand des kranken, bedürftigen Ichs, das vieles auf sich nimmt, um sich zu stabilisieren und das dadurch in den Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit rückt. Es dreht sich alles um das Ich, ständig ist man mit sich selbst beschäftigt und andauernd bemüht, sich ins rechte Licht zu rücken. Je mehr das Selbstwertgefühl reduziert ist, desto mehr Aufmerksamkeit benötigt das geschwächt Ich. Da auch die eigene Frustrationstoleranz gering ist, erträgt man keine Kritik, keine Anfrage von anderen, reagiert frustriert und unternimmt alles, um sich selbst wieder aufzubauen. Ein beständiger Kreislauf, der viel Kraft kostet.

Im weitesten Sinn gehört die Ichsucht zu den nichtstofflichen Süchten wie Sexsucht, Internetsucht, Spielsucht, Kaufsucht, Esssucht, Magersucht. Aber es gibt zum Beispiel auch die Beziehungssucht, die Sportsucht oder die Arbeitssucht. Man spricht hier von den neuen Süchten des Alltags. Beim postmodernen Menschen tun sich offensichtlich immer mehr und größere Löcher auf, die er mit allen möglichen Drogen zu stopfen hat. Bei der Ichsucht heißt die Droge: Anerkennung, Akzeptanz, Aufmerksamkeit. Das Ich will beachtet werden. Ist das einmal nicht der Fall, macht es sich sofort deutlich bemerkbar. Das Ich benötigt starke Reize, um sich spüren und wahrzunehmen, dass es noch da ist. Wie bei einer Zahnlücke beschäftigt man sich ständig mit dem, was fehlt, und rückt es in den Fokus des eigenen Interesses. Da der gespürte Mangel nicht dauerhaft beseitigt werden kann – das Ich ist wie ein Fass ohne Boden – ist man ständig damit beschäftigt, es zufriedenzustellen. Das führt zu einer Suchtentwicklung: Die Gedanken kreisen um das Ich, man sehnt sich nach dem nächsten Kick der Anerkennung, giert nach dem Hochgefühl der Akzeptanz durch andere und versucht alles, um ein Übermaß an Aufmerksamkeit zu erreichen. Erst dann ist man einigermaßen zufrieden. Aber sobald man dieses Ziel erreicht hat, ist es bereits wieder zu wenig, und man braucht die nächste „Dosis”. Dadurch entsteht Abhängigkeit und der Versuch, den Rausch der allgemeinen Bestätigung und Wertschätzung zu erzeugen, muss immer öfter unternommen werden. Aber je öfter man das tut, desto tiefer gerät man in die Abhängigkeit – in die Abhängigkeit von dem kleinen, bedürftigen Ich, das gern groß und allmächtig sein möchte32.

Es gibt bei nichtstofflichen Süchten keine körperliche Abhängigkeit (wie z.B. beim Alkoholiker, der anfängt zu zittern, wenn er keinen Alkohol zu trinken hat), aber Kontrollverlust und psychische Abhängigkeit. Kontrollverlust bedeutet, dass sich der Ichsüchtige in seinem Suchtverhalten nicht mehr kontrollieren kann. In diesem Sinne ist auch der Ichsüchtige abhängig und zeigt Entzugserscheinungen. Diese machen sich vor allem dann bemerkbar, wenn sich der Betroffene aus seiner Sucht befreien will. Er wird von einem inneren Zwang beherrscht, der ihn nicht mehr loslässt. Der Ichsüchtige braucht Anerkennung und grenzenlose Akzeptanz, um gute Gefühle zu haben und negative Gefühle zu vermeiden (bzw. negative Gefühle zu betäuben) und um mit Belastungen und Problemen umgehen zu können.

Bei einem Ichsüchtigen ist es auch nicht wie bei einem Alkoholiker, der vielleicht nur einmal im Monat seinen regelmäßigen Rausch hat oder nur ab und zu betrunken ist, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet. Ein Ichsüchtiger ist immer von seiner Sucht betroffen, denn das Ich braucht beständig seinen „Stoff”. Es kann höchstens sein, dass die Gier nach Anerkennung, Akzeptanz und Annahme zeitweise nachlässt, weil der Ichsüchtige in Verhältnissen lebt, wo er sein nötiges Quantum in ausreichendem Maß beständig erhält. Weil er es dort freiwillig bekommt, muss er es nicht fordern, weil allen Beteiligten klar ist, dass er das „braucht”, bekommt er es selbstverständlich. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Ichsüchtige eine Gemeinschaft leitet, die ihm den Status zugesteht, den er für sich beansprucht – das wäre der Fall in einem autoritären, machtdominierten System. Da er die „Droge” beständig erhält, fällt er nicht besonders auf. Wird er jedoch infrage gestellt und wackelt seine Machtposition, wird die Ichsucht wieder stärker und macht sich vermehrt in Rastlosigkeit, Ungeduld, Kreisen um sich selbst und die eigenen Bedürfnisse bemerkbar. Unter Umständen agiert er dann massiv und aggressiv, um die Versorgung seines Ichs wieder abzusichern.

Formen der Ichsucht

Ichsucht hat viele Namen und Spielarten – von den leichteren Formen hin zu massiveren Ausprägungen. Ich zähle hier einige auf (in der Reihenfolge von leichter nach schwerer):

Selbstbewusstsein

Das Recht, seinen eigenen Selbstwert entfalten und leben zu können. Man weiß, wer man ist, und bringt sich mit seinen Stärken ein. Wer ein starkes Selbstbewusstsein hat, kann sich besser darstellen.

Individualismus

Die Entfaltung der Persönlichkeit des Einzelnen ist wichtiger als seine Teilnahme an der Gemeinschaft. Das Individuum verlangt das Recht, sich so entfalten zu können, wie es möchte, ohne jegliche Einschränkung durch andere.

Assertion

Die Eigenschaft, etwas ganz sicher behaupten zu können und bei seiner Meinung zu bleiben. Wer assertorisch (englisch: assertive) ist, kann seine Interessen deutlich vertreten, sich die nötige Geltung verschaffen, seine Wünsche ausdrücken, bestimmt auftreten und sich durchsetzen.

Geltungsdrang

Das Bemühen, sich nach vorn zu schieben, wichtig zu sein, und zwar in dem Maß, dass die anderen das auch merken. Unkenntliche Details werden herausgestrichen, man macht sich wichtig.

Selbstmanagement

Mehr scheinen als sein: Man übt sich, der zu sein, der man sein möchte. Man versucht einem optimalen Bild von sich zu entsprechen und das auch anderen als das wirkliche Ich zu verkaufen. Dieses Verhalten macht ein ständiges Bemühen erforderlich, sich unter Kontrolle zu haben.

Kompetitivität

Man konkurriert mit anderen, will besser sein als sie. Man sucht die Herausforderung und misst sich: Bin ich besser oder der andere? Da man ständig am Vergleichen ist, versucht man sich besser darzustellen als der andere. Notfalls wird der andere abgewertet.

Selbstoptimierung

Es gibt viele Kurse, Programme oder Bücher, die zeigen, wie man sich noch besser präsentieren kann. Denn auf den Eindruck nach außen kommt es an: Wie wirke ich auf andere? Diese Wirkung wird optimiert, die eigene Ausstrahlung soll unübertroffen sein.

Egoismus

Die eigenen Bedürfnisse spielen eine größere Rolle als die der anderen. Eigensüchtig kümmert man sich nur um die eigenen Bedürfnisse. Man drängelt sich vor und behauptet sein vermeintliches Recht. Man denkt, dass einem mehr zusteht als den anderen.

Ego-Shooter

Man sieht sich als Einzelkämpfer, der gegen den Rest der Welt steht, ist ständig dabei, sich zu verteidigen. Besser ist, man greift an, als dass man wartet, was der andere tut.

Eristik

Man hat immer recht und lässt eine Gegenmeinung nicht zu. Die eigenen Argumente zählen grundsätzlich mehr. In einer Diskussion hat man das letzte Wort. Man ist vollkommen von sich überzeugt.

Egozentrisch

Das eigene Ich ist der Mittelpunkt von allem. Alles wird auf die eigene Person bezogen. Es handelt sich um eine übertriebene Selbstbezogenheit und den Versuch, alles aus der eigenen Perspektive zu bewerten.

Egomanie

Hierbei handelt es sich um eine krankhafte Selbstbezogenheit und Selbstzentriertheit. Man redet nur über sich und lässt andere gar nicht zu Wort kommen. Man kreist so sehr um sich, dass man die anderen überhaupt nicht wahrnehmen kann, es gibt sie nicht. Es ist so, als wäre man allein auf der Welt.

Hedonismus

Die Lebenslust ist der Lebenssinn. Man will genießen und sich dabei selbst spüren. Es geht vor allem um die Befriedigung der eigenen Triebe, um das Gefühl, geliebt zu werden. Aber selbst liebt man nicht.

Narzissmus

Diese Form der Ichsucht äußert sich in Selbstverliebtheit, Eitelkeit, Selbstbewunderung. Hier handelt sich um eine klinische Diagnose, ein klares Krankheitsbild. Wir werden uns mit diesem Begriff noch ausführlich befassen.

Soziopathie

Auch hier handelt es sich um eine klinische Diagnose. Während der Narzisst Selbstmitleid empfindet und von sich auf andere schließen kann, hat der Soziopath nicht die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden – weder mit sich noch mit anderen Menschen. Er ist deshalb auch nicht sozialfähig. Er kann die Folgen seines Verhaltens nicht abschätzen und ist deshalb oft asozial, das heißt, er verhält sich nicht so, wie es ein normales Miteinander nötig machen würde. Er ist oft aggressiv, gewalttätig und unbeherrscht, weil es ihm nichts ausmacht, wenn andere leiden.

Die Skala der ichsüchtigen Verhaltensweisen geht von harmlos (oben) bis krank (unten). Wobei der Begriff „harmlos” sehr subjektiv ist: Wer näher mit einem selbstbewussten Individualisten zu tun hat, wird ihn nicht so harmlos finden und vielleicht sogar unter seinem Verhalten leiden und das, was andere für schrullige Marotten halten, ablehnen.

Überlegen Sie sich, wo Sie sich selbst eventuell auf dieser Skala einordnen würden:

Individualist - Egoist - Eristiker - Egomane - Hedonist - Narzisst - Soziopath


Ich kann Sie beruhigen. Bisher hat noch niemand bei dieser Skala sein Kreuzchen rechts von der Mitte gemacht. Das liegt daran, dass die Fähigkeit der Selbsteinschätzung nach rechts abnimmt. Das heißt, dass ein Egomane, ein Hedonist, ein Narzisst und ein Soziopath sich nie als einen solchen bezeichnen würden. Sie finden sich in diesen Kategorien nicht wieder. Denn sie haben eine ganze eigene Sicht der Welt. Für sie ist ihr Verhalten vollkommen normal und berechtigt.

Hier zeigt sich ein Problem: In diesem Buch behandeln wir vor allem diesen rechten Bereich der Skala. Wir befassen uns also mit Verhaltensweisen, die von den betreffenden Personen nicht als schädlich gesehen werden. Wir werden uns der Tatsache stellen müssen, dass es ganz unterschiedlicher Bewertungen des Verhaltens gibt. Was der eine für ichsüchtig hält, ist für den anderen ganz normal. Aber auch das ist ja ein Kennzeichen der Sucht: Man will es nicht zugeben, dass man abhängig ist, sondern tut so, als wäre alles in Ordnung. Wenn dabei nur die innere Leere nicht wäre!

30Nach Möller, Laux, Deister, Psychiatrie und Psychotherapie, Stuttgart 2001

31Gerald May, Sehnsucht, Sucht und Gnade, München 1993, zitiert nach: De’Ignis Magazin Nr. 49/2015, Seite 34

32Quelle: www.lebenshilfe-abc.de

3.Das starke Ich
Die christliche Gemeinde

Die christliche Gemeinde ist der Ort, an dem die Sehnsüchte am richtigen Platz sind. Hier werden sie gestillt. Genaugenommen ist es nicht die Gemeinde, die die Sehnsüchte befriedigt – das wäre eine heillose Überforderung für alle Gemeindeglieder –, sondern es ist Gott, der sich der Einzelnen annimmt und ihnen das gibt, was sie brauchen. Wie sieht das aus?

1. Gemeinde ist ein Ort des Angenommenseins

Der Einzelne kommt zu Gott und empfängt von ihm Zuwendung, Liebe und Heilung. Er spürt, dass Gott ihm nahe ist, ihn meint und ganz für ihn da ist. In sehr vertraulichem Umgang spürt er die Fürsorge Gottes: Tatsächlich, der große und mächtige Gott wendet sich dem kleinen, bedürftigen Menschen zu – mir zu! Das ist eine überraschende und auch überwältigende Erfahrung. Gott spricht ganz persönlich, er ist zärtlich wie eine Mutter und ermutigend wie ein Vater. Gott redet jeden mit seinem eigenen Namen an und macht deutlich, dass er ihn durch und durch kennt, besser als jeder andere. Und dass er diesen Menschen grenzenlos liebt, obwohl er ihn durchschaut (siehe Arbeitsblatt 1).

2. Gemeinde ist ein Ort der Geborgenheit

Der ausgelieferte und verunsicherte Mensch erfährt Schutz. Hier ist Gott am Werk, der dem Menschen wie eine Burg Sicherheit gewährt. Die Zusage Gottes lautet: Ich bin für dich da. Ich lasse dich nicht allein. Dieses Versprechen gilt für heute, für morgen und für die Ewigkeit. Niemand muss sich Sorgen machen, Gott hat alles im Griff. Wer zu Gott gehört, ist auf der sicheren Seite im Leben und im Sterben. Welche Katastrophen auch geschehen mögen, sie können dem, der sich bei Gott birgt, nichts anhaben. Und gleichzeitig ist die Gemeinde ein Ort der Geborgenheit durch den Schutz der Gemeinschaft: Es gibt immer jemand, den der Einzelne um Hilfe bitten könnte. Niemand ist allein (siehe Arbeitsblatt 3).

3. Gemeinde ist ein Ort der Bestätigung

Der einzelne Mensch bekommt seine wirkliche Bedeutung. Er wird von Gott mit Gaben und Fähigkeiten beschenkt. Gott gibt ihm eine Berufung: einen Namen, einen Auftrag und auch die nötigen Mittel, um diesen auszuführen. Der Einzelne findet sich in einem großen Sinnzusammenhang wieder, der ihn aufwertet, seiner Existenz einen höheren Wert gibt. Wer zu Gott gehört, kann an seiner Seite Großes bewirken, Geschichte schreiben und die Welt verändern. Gleichzeitig sind es die Menschen in der Gemeinde, die Wertschätzung geben: Lob, Ermutigung und die Bestätigung, dass der Einzelne, so wie er ist, richtig ist. In der gemeinsamen Aufgabe findet jeder seine Erfüllung: Gemeinsam sind wir stark und unüberwindlich! (Siehe Arbeitsblatt 2.)

4. Gemeinde ist ein Ort der Weite

Alte Festlegungen sind aufgehoben, die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Gott führt den Menschen in eine unendliche Weite. Der Mensch kann über sich selbst hinauswachsen. Nicht nur die Gegenwart bietet ihre vielfältigen Möglichkeiten, sondern auch die Ewigkeit öffnet den Raum für ein Leben mit Tiefgang. Gott zeigt dem Menschen, wie schön das Leben ist, wie gewaltig seine Schöpfung. An der Seite Gottes kann sich der in sich selbst verkrümmte Mensch (homo curvatus) entfalten und entwickeln. Es steht ihm alles zur Verfügung. Der Mensch wird zu einer neuen Kreatur. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Gemeinde kann die Neuschöpfung Gottes erfahren werden: Die Einzelnen geben ihre Vorbehalte und Vorurteile auf und erkennen im anderen das Antlitz Gottes.

5. Gemeinde ist ein Ort der Gemeinschaft

Niemand ist allein in der Gemeinde. Gott ist der ständige Ansprechpartner, im Gebet entsteht eine vertraute und vertrauliche Kommunikation mit ihm. Wer zu Gott gehört, hat einen festen Stand in einer Welt der Beliebigkeit. Der Glaube vermittelt Werte und gibt Halt. Durch die Beziehung zu Gott ist Orientierung möglich: Es wird erkennbar und deutlich, was wichtig ist und was nicht. Jesus, der Sohn Gottes, bietet jedem seine Freundschaft an und so bekommt jeder, der auf dieses Freundschaftsangebot eingeht, ein sicheres Netzwerk – er gehört zu einem verbindlichen und starken Freundeskreis, der unverbrüchlich ist, weil Gott diese Gemeinschaft stiftet, stärkt und schützt.

Diese fünffältige Ausprägung macht die Gemeinde zu einem starken Ort, zu einem Ort der Heilung und Befreiung, der Aufwertung und Erneuerung des Lebens inmitten einer Welt des Todes. Eigentlich ist die Gemeinde ein idealer Ort für alle ichsüchtigen Menschen, für alle, die auf der Suche nach ihrem Ich sind. Hier könnten sie wirklich fündig werden und das bekommen, was sie so dringend ersehnen. Hier könnte ihr Mangel gestillt werden. Das stimmt auch: Die Gemeinde könnte zu einem Ort werden, wo das Ich zur Ruhe kommt und stark werden kann. Aber Achtung: Bevor das Ich erneuert und gestärkt werden kann, muss es sterben. Es gibt keine einfache Veränderung, sondern nur eine vollkommene Umgestaltung. Das alte Ich hat mit dem neuen Ich nichts gemein, beide sind voneinander so verschieden wie die Raupe zum Schmetterling (ich komme in Kapitel 10 noch einmal darauf zu sprechen). Das starke Ich hat also seinen Preis: den Tod des alten Ichs. Und der Ichsüchtige, der verzweifelt an den rudimentären Teilen seines Ichs festhält und fürchtet, dass sie ihm auch noch verloren gehen, der sorgsam seinen inneren Mangel pflegt und absichert, kann nicht sterben. Das ist für ihn zu viel. Sterben kann nur der, der bereits stark ist, der vertraut und hofft. Hergeben kann man nur das, was man vorher besessen hat. Da der Ichsüchtige von seinem Mangel ausgeht, wirkt der letzte Todesstoß seines Ichs auf ihn zutiefst bedrohlich.

Die große Herausforderung

Wenn ich vom Sterben des alten Ichs rede, dann meine ich Folgendes damit:

1. Um Annahme zu erfahren, muss man sich loslassen.

Angenommen werden ist ein freiwilliges Geschenk, man kann es nur passiv zulassen. Sterben bedeutet, das Eigene loszulassen: die Beteuerungen der persönlichen Wichtigkeit aufzugeben, auf die Beweise zu verzichten, dass man die Gnade Gottes verdient hat. Es bleibt nichts übrig, es ist nichts Gutes da, was liebenswürdig wäre. Die Annahme eines Menschen ist ein grundsätzlicher Akt Gottes, der nicht von Verdienst und Würdigkeit abhängig ist. Zum Loslassen gehört auch, auf die eigenen Ansprüche zu verzichten, nicht mehr nur um sich und die eigene Bedürftigkeit zu kreisen, einfach das geschehen lassen, was geschehen soll. Zeit haben, nichts tun müssen, warten und empfangen. Das ist für einen Ichsüchtigen so gut wie unmöglich.

2. Um Geborgenheit zu erfahren, muss man vertrauen.

Vertrauen ist die Fähigkeit, das Gute zu sehen und das Negative zu übersehen. Das geht nur, indem man sich einlässt – auch auf die Gefahr hin, dass das Vertrauen missbraucht wird. Der Vertrauensvorschuss birgt ein hohes Risiko, aber ohne diesen Schritt ins Ungewisse kann man keine positiven Erfahrungen machen. Negative Erfahrungen und Vorbehalte sind hinderlich, sie werden beiseitegeschoben. Sicherheit ist also nur zu gewinnen, indem man auf Sicherheit verzichtet. Schutz erfährt nur der, der um Hilfe bittet und seine Schutzbedürftigkeit zugibt. Sterben bedeutet hier, dass man darauf verzichtet, alles kontrollieren zu wollen. Aber für einen Ichsüchtigen ist das kaum denkbar. Er will in jeder Situation die Kontrolle behalten.

3. Um Bedeutung zu erfahren, muss man bereit sein, konkret zu werden.

Wer sich nur vornehm zurückhält und die anderen machen lässt, wird nicht zu sich finden. Die Bereitschaft, sich einzubringen, ist nötig. Besser etwas Kleines tun als abzuwarten. Wer wichtig sein will, muss bereit sein, eine wichtige Aufgabe zu übernehmen – auch auf die Gefahr hin, dass man damit scheitern könnte. Dazu gehört, dass man sich berufen lässt. Man muss bereit sein, sich senden zu lassen – und das geht nur, indem man sich einem anderen unterstellt. Dazu gehört, auch Rechenschaft über das zu geben, was man tut. Sterben bedeutet hier, auf die eigene Wichtigkeit zu verzichten, um für eine größere Sache wichtig zu sein. Auch das wird einem Ichsüchtigen kaum gelingen. Er fühlt sich ja wichtig und versucht, seine Wichtigkeit aus sich heraus zu erzeugen.

4. Freiheit erhält man nur, wenn man ehrlich ist.

Die Wahrheit macht frei. Aber zur Wahrheit gehört, dass man sich stellt und zugibt, was im eigenen Leben falsch ist. Der in sich verkrümmte Mensch wird nur frei, wenn er bereit wird, seine Sündhaftigkeit zuzugeben. Durch die Vergebung Gottes entsteht Weite und Befreiung. Durch das Bekenntnis der Schuld wird der Mensch entlastet, er spürt eine neue Leichtigkeit und Freude. Bleibt er in sich verkrümmt, bleibt er im Gefängnis seines Ichs in sich verschlossen. Wer dagegen seine Fehlerhaftigkeit zugeben kann, kann über sich selbst lachen. Ein Ichsüchtiger vermag das nicht. Sterben bedeutet deshalb: Mit Humor seinem Stolz einen Stoß geben, den Mut gewinnen, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, dass man nichts aus sich ist, sondern alles von Gott benötigt. Dazu gehört, die eigenen Fehler, Versäumnisse, das bittere Scheitern, die Verzagtheit und die Zweifel zu bekennen, all das vor Gott zu bringen, um es dort zu lassen. Der Ichsüchtige kann weder das eine noch das andere, denn er sucht seine eigene Rechtfertigung und wird immer wieder betonen, wie richtig es ist, was er tut.

5. Zugehörigkeit gibt es nur zu dem Preis der Verbindlichkeit.

Nur wer sich ausliefert, erfährt Nähe. Durch das Gegenüber des anderen wird der Mensch zum Ich. Er braucht das Du. Aber wirkliche Gemeinschaft und Beziehungen entstehen nicht durch kurze Kontakte und unverbindliches Geplänkel. Begegnung ist nur dadurch möglich, dass man mit seiner ganzen Person beteiligt ist, bis in die Tiefe des eigenen Wesens. Dazu gehört Treue, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ausdauer, beharrliche Zuwendung. Man schaut von sich weg und versucht den anderen zu verstehen, man öffnet sein Herz und findet den Zugang zum Herzen des anderen. Man hält sich nicht zurück, sondern ist echt, glaubwürdig, unmittelbar und persönlich. All das sind Eigenschaften, über die der ichsüchtige Mensch nicht verfügt. Er müsste seine Distanz aufgeben und sich auf Nähe einlassen. Er müsste zugeben, dass er nur einer von vielen ist, zwar bedeutsam, aber nicht der Wichtigste. Sterben würde hier bedeuten, auf sein Ich zu verzichten, um das Du zu finden und zu einem Wir zu werden.

Die große Gefährdung

Diese fünf Notwendigkeiten des Sterbens machen deutlich, was es kostet, um in der Gemeinde das zu bekommen, was man unbedingt möchte. Das ist das Geheimnis der Gemeinde: Man bekommt nur, wenn man sich selbst gibt. Man hat das Leben nur, wenn man auf sich verzichtet. Man erfährt sich, wenn man sich loslässt. Nur wer bereit ist zu sterben, kann das bekommen, was er zum Leben benötigt. Das klingt alles sehr eigenartig und das ist es auch. Martin Luther drückt dies in seiner Vorrede über die Epistel an die Römer so aus: „Glaube ist ein göttlich werck in uns, das uns wandelt und neugebieret aus Gott … und tödtet den alten adam, und machet uns gantz andere Menschen, von Hertzen, Muht, Sinn und allen Kräfften, und bringet den H. Geist mit sich.”33 Das heißt: Hinter dem Geheimnis der Gemeinde verbirgt sich eine riesige Chance für etwas ganz Neues, etwas anderes. Aber gleichzeitig wird auch deutlich, wie schwer das ist: Das Leben in der Gemeinde verlangt ganzen Einsatz, die Hingabe der eigenen Existenz. Nur der bekommt, der alles gibt, der sich selbst gibt.

Auf der einen Seite bietet die Gemeinde also optimale Bedingungen für die Entfaltung des eigenen Ichs. Das sind die Vorteile. Auf der anderen Seite kostet das den Einzelnen sehr viel: sein Leben. Der Ichsüchtige nimmt die Vorteile mit, ist aber nicht bereit, den Preis dafür zu bezahlen. Er will sein Ich, aber er will sich behalten. Dadurch wird alles schief. Gemeinde ohne die Bereitschaft, sein Ich – sich selbst – zu geben, sieht so aus:

1. Die Gemeinde wird zum Ort der Unterordnung.

Akzeptiert und angenommen wird nur der, der sich einfügt. Die göttliche Liebe wird zur menschlichen Sympathie. Es bilden sich Seilschaften, Abhängigkeiten entstehen. Der Ichsüchtige bestimmt die anderen. Er ist ganz oben. Man muss ihm beweisen, dass man liebenswürdig ist. Anerkennung und Akzeptanz bekommt man aufgrund von Verdiensten. Es besteht ein System von Belohnung.

2. Gemeinde wird zum Ort der Gefügigkeit.

Man dient sich nicht gegenseitig, sondern viele dienen wenigen. Was freiwillig gegeben wird, wird ausgebeutet. Was man tut, wird kleingemacht. Es wird so dargestellt, als wäre man unfähig. Wer willig ist und gehorcht, ist richtig. Andere werden ausgegrenzt und ihre Bemühungen werden lächerlich gemacht. Statt eines Systems der Freiwilligkeit herrscht ein System der Beschämung vor.

3. In der Gemeinde herrscht die Macht.

Es gibt eine Hierarchie der Wichtigen, der Ichsüchtige gehört dazu. Er verleiht Bedeutung; wer sich in seinem Glanz sonnen kann, ist bedeutsam. Wer mächtig ist, sagt, was getan wird. Man muss sich nach oben orientieren und beweisen, dass man es kann. Wer sich am besten darstellt, hat gewonnen. Konkurrenzdenken und Neid prägen die Gemeinde: ein System des gegenseitigen Vergleichens.

4. In der Gemeinde nimmt die Unehrlichkeit zu.

Man redet zwar von Unabhängigkeit, stellt aber gleichzeitig Gesetze auf, nach denen alle zu funktionieren haben, nur der Ichsüchtige nicht. Die Fahne der Toleranz wird hochgehalten, aber man traut sich nicht, die Wahrheit zu sagen. Die Gleichheit aller wird betont, aber es gibt einige, die gleicher als die anderen sind. Man zeigt mit dem Finger auf andere, verleugnet aber die eigenen Fehler. Es ist ein System der Lüge, jeder verbirgt sich hinter einer Maske.

5. Die Gemeinde wird zu einem Ort der Beliebigkeit.

Der Ichsüchtige schafft sich seine eigenen Strukturen. Er hat Vorteile, die er ausnützt. Er kommt und geht, wie und wann er will, und verunsichert die anderen durch Aussagen, die heute so sind, morgen anders. Es gibt keine Beständigkeit, stattdessen viel Verunsicherung. Dadurch entstehen Abhängigkeiten. Es herrscht ein System der Ungerechtigkeit.

In dieser fünffachen Abkehr von dem, was Gemeinde sein soll, zeigt sich die Gefährdung. Die Gemeinde ist in ihrem grundsätzlichen Wesen von Ichsucht bedroht. Die Ichsucht stellt alles auf den Kopf: Der Ichsüchtige nimmt, aber er gibt nicht, er fordert Nähe, bietet aber selbst keine an, er verlangt Akzeptanz für sich, aber achtet die anderen nicht, er sehnt sich nach Wertschätzung und Annahme, aber er sieht dabei nur sein eigenes Bedürfnis. Der Ichsüchtige holt das, was er nicht hat, bei anderen. Er lebt auf Pump. Er kann seine eigene Welt nicht verlassen, weil er in ihr gefangen ist. Deshalb macht er seine Welt zur Welt für alle anderen. Er holt sie quasi in sein Gefängnis herein. Das bestätigt ihn in seiner Sichtweise. Es gibt eben doch nur das, was er für wahr und wirklich hält.

Das Dilemma ist: Die Gemeinde bietet ihm eine reichhaltige Tafel. Er müsste nur Platz nehmen und dürfte sich bedienen. Er hätte alles, was sein Herz begehrt. Aber das tut er nicht. Er fürchtet, dass er dann, wenn er an der großen Tafel Platz nimmt, sein eigenes Ich, seine einzigartige Großartigkeit aufgeben würde. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als dass er Menschen, die an dieser Tafel sitzen, auffordert, ihm etwas zu essen zu bringen. Er versucht mit allen Mitteln sie zu bewegen, dass sie ihn versorgen. Aber es ist immer zu wenig. Er bleibt hungrig. Er müsste sich nur selbst bedienen. Doch er ist nicht bereit, den Preis für dieses köstliche Mahl zu bezahlen: die Aufgabe seiner Einmaligkeit und Grandiosität. So bleibt er angesichts des gedeckten Tisches hungrig und immer bedürftig. Dabei wäre es so einfach, satt zu werden. Der Mensch müsste nur in aller Freiheit Platz nehmen und anfangen zu essen. Aber noch einmal: Diese Freiheit hat ihren Preis.

Die Freiheit eines Christenmenschen

Die Gemeinde ist der Ort der Freiheit. Diese Freiheit findet allerdings nur der, der auch bereit ist, auf sie zu verzichten. Das schafft jedoch nur das starke Ich, das Ich, das gestorben ist und durch Gott erneuert wurde. Freiheit und Hingabe: In diesen beiden gegensätzlichen Polen bewegt sich die christliche Gemeinde. Sie gehören unbedingt zusammen. Luther sagt es in seiner Denkschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen” 1520 so: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.” Es geht eben um beides: die Freiheit und Unabhängigkeit des Ichs auf der einen und das Dienen und die Unterordnung auf der anderen Seite. Beides gehört unauflöslich zusammen. Diese Spannung des christlichen Lebens gilt es auszuhalten, ohne das Gleichgewicht zwischen diesen Gegensätzen zu verlieren. Der Ichsüchtige ist bereits auf der einen Seite vom Pferd gefallen. Für ihn gilt nur der erste Satz. Aber dadurch wird sein Christenleben einseitig und falsch. Denn der Ichsüchtig denkt einlinig, schwarz oder weiß, es liegt ihm nicht, die gegensätzlichen Pole zu verbinden, er lebt ein Entweder-oder. Deshalb muss er sich auf eine Seite schlagen. Und er wählt die Freiheit. Er kann aber mit der Freiheit nichts anfangen, sie bedroht ihn nur. Er kann sie höchsten für sich ausnützen, indem er sie mit seiner Leere füllt, er setzt sie nicht ein, sondern macht sie sich zu eigen. Deshalb entzieht er auch den anderen ihre Freiheit. Er macht sich nicht untertan und wird nicht Knecht, sondern er macht sich andere untertan und ist selbst der Herr. Dadurch jedoch verliert er seine Freiheit.

Der Ichsüchtig spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, er fühlt sich eingeschränkt, etwas passt nicht zum Ganzen. Aber er kommt nicht darauf, was es ist. Er sieht nicht, dass er einseitig ist, weil er nicht wahrnehmen kann, was ihm fehlt. Denn was er nicht sieht, das gibt es für ihn nicht. Er spürt die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen dem, was die Gemeinde für ihn sein könnte, und dem, was er aus ihr macht. Er ahnt, dass Gemeinde eigentlich mehr sein müsste als der Ort seiner Selbstverwirklichung. Aber er kommt nicht darauf, was es sein könnte. Er fühlt sich als Fremdköper. Das erhöht die Unruhe in ihm, die innere Leere zeigt sich in der Gemeinde deutlicher als anderswo. Er hat nicht das, was die anderen haben, er kommt sich vor wie ein Außenseiter. Es ist so, als würde er vor einer Fensterscheibe stehen und hineinschauen. Dort drin ist das, was er sich wünscht. Aber er erreicht es nicht. Es steht etwas zwischen ihm und den anderen. Er ist Zuschauer, andere agieren, leben, lachen, singen, beten, weinen, sind berührt – er nicht. Er hat keinen Zugang und, was noch schlimmer ist, keinen Zugriff. Seine innere Einsamkeit und Leere steigert sich ins Unerträgliche. Umso mehr verstärkt er nun seine Bemühungen, das schlechte Gefühl in sich zu bekämpfen. Er steht vor der Fensterscheibe und wedelt mit den Armen, damit die Leute zu ihm herauskommen. Er macht auf sich aufmerksam und macht sich wichtig. Er will ihnen sagen, dass dort die Musik spielt, wo er sich befindet. Wo er ist, ist es gut. Er will nicht einer von ihnen werden, denn das geht nicht, er ist ja anders und will anders sein. Er will vielmehr als jemand gesehen werden, der mehr ist, der alle überragt, der einzigartig ist. Er will Bewunderung. Und er unternimmt nun alles, um grenzenlose Zuwendung zu erhalten. Er stellt sich als der Größte vor und zeigt sich von einer grandiosen Seite. Dass das alles so nicht wahr ist, erkennt er nicht, will er nicht erkennen. Denn er schafft sich ja seine eigene Wirklichkeit. Für ihn gibt es nur das, was er für wirklich hält. Durch die Bewunderung der anderen kann er bestimmen. Weil er groß ist, sind die anderen klein, weil er mächtig ist, brauchen sie ihn. Weil er der Mächtigste ist, kann er kontrollieren. Nun hat er wieder die Dinge in seiner Hand und ist Herr der Lage. So fühlt er sich dazugehörig, akzeptiert. Er ist auf der sicheren Seite, das schlechte Gefühl verschwindet. Durch die Bewunderung fühlt er sich selbst wieder. Nun ist die Welt in Ordnung. Für ihn jedenfalls. Aber die Gemeinde gerät in Unordnung, sie steht in der Gefahr, zu einem Ort zu werden, wo es nur noch um ihn, den ichsüchtigen Menschen geht.

Im folgenden Kapitel zeige ich anhand einiger Beispiele, wie das konkret aussieht. Die Beispiele sind echt, aber nicht authentisch. Ich habe verschiedene reale Situationen zusammengesetzt. Es gibt also keine Übereinstimmung, aus der man Rückschlüsse auf Personen und Gemeinden ziehen könnte.

33Zitiert nach: Helmut Obst, August Hermann Francke und sein Werk, Halle 2013, Seite 16

4.Beispiele von Ichsucht in der Gemeinde
Beispiel 1: Ricky

Für den Glaubensgrundkurs haben sich nur wenige angemeldet. Einer der letzten war Herr Richard Czkrzcky. Er stellt sich als ein älterer Herr Ende 60 heraus, der allerdings sehr jugendlich gekleidet daherkommt und demonstrativ sein Motorrad vor dem Eingang des Gemeindehauses parkt. Als Erstes fragt er nach der „hohen Geistlichkeit” und ist sichtlich enttäuscht, dass der Pfarrer gar nicht da ist, sondern den Beginn des Kurses seinen Mitarbeitern überlässt. Er hat ein eigenes Namensschild dabei, aus Metall und mit seinem Namen, der eingraviert ist. Sein von den Mitarbeitern vorbereitetes Namensschild (wesentlich kleiner) straft er mit Missachtung. Er sagt zu allen, die er begrüßt, dass man ihn Ricky nennen dürfe, da sein Name ja unaussprechlich sei. Beim Essen erzählt er ausladend und detailliert, was er in seinem Leben bereits schon gemacht hat, von vielen Reisen quer durch die Welt und dass er auch heute noch im Ruhestand ein begehrtes Mitglied vieler Vorstände und Aufsichtsräte sei und gerufen werde, wenn es Probleme gibt. Was er genau beruflich gemacht hat, wird nicht deutlich. Während des Vortrags geht er ungeniert umher und fotografiert. In der anschließenden Gesprächsgruppe hält er ein Koreferat und monologisiert lange Zeit. Er zeigt, dass er eigentlich mehr weiß als der Referent, und korrigiert ihn an einigen Stellen. Auf die Fragen der Gruppenleiterin geht er nicht ein. Als sie ihn bittet, auch einmal andere zu Wort kommen zu lassen, schweigt er beleidigt. Er wird nach seiner Motivation für den Glaubenskurs gefragt. Daraufhin teilt er mit, dass er eigentlich mit dem Pfarrer über den Glauben diskutieren wolle. Er habe es nicht nötig, sich Vorträge anzuhören. Er zeigt deutlich, dass er hier wohl nicht auf seine Kosten kommen würde, und nimmt im Folgenden dann auch nur sporadisch an den Kursabenden teil. Er sammelt allerdings eifrig E-Mail-Adressen von den Mitarbeitern, die ihn interessieren, und verwickelt sie in den kommenden Wochen in einen heftigen, zeitaufwendigen Mailwechsel.

An einem Abend ist der Pfarrer anwesend und Ricky belegt ihn sofort mit Beschlag. In der Abschlussbesprechung schwärmt der Pfarrer gegenüber seinen Mitarbeitern: „Das ist unser Mann. Den müssen wir uns warmhalten. Wenn der hier anbeißt, haben wir einen fähigen Menschen gewonnen. Er hat schon angedeutet, dass er gern Leitungsfunktionen übernehmen würde. Mit dem zusammen werden wir vieles erreichen können. Der wird uns helfen, einiges umzukrempeln.” Die Mitarbeiter schweigen betroffen.

Ricky hat der Leiterin des Seniorenkreises sofort angeboten, dass er einen Vortrag übernehmen könnte. Da Ricky einen sehr kompetenten Eindruck macht, ist die Leiterin darauf eingegangen. Er will über „Die frühzeitliche Besiedlung unserer Gegend” referieren. Dieses Thema war im Seniorenkreis tatsächlich noch nicht dran. An diesem Nachmittag referiert Ricky über anderthalb Stunden, obwohl nur ein Vortrag von maximal 45 Minuten ausgemacht war. Nach einer halben Stunde schalten die ersten Senioren ihr Hörgerät ab und dösen vor sich hin, nach einer Dreiviertelstunde wird es spürbar unruhig. Nach einer Stunde stehen die Ersten auf und verlassen den Saal. Nach der Veranstaltung schwärmt Ricky, dass es ja ein sehr interessanter und guter Vortrag gewesen sei. Die Zuhörer hätten alle aufmerksam zugehört und seien richtig begeistert von dem gewesen, was er gesagt hatte. Viele hätten ihm signalisiert, dass er bald wieder einen Vortrag halten sollte und dass das Thema für sie sehr wichtig gewesen sei. Die Mitarbeiterinnen des Seniorenkreises, die diese Lobeshymnen von Ricky hören, schauen sich an: Waren sie in einer anderen Veranstaltung gewesen?

Beispiel 2: Hanne

Hanne leitet das Lobpreisteam der Gemeinde. Sie ist musikalisch sehr begabt. Allerdings überfordert sie ihr Team mit ihrem hohen Anspruch. Sie setzt viele Proben an, ist meist mit dem Ergebnis unzufrieden, ihr entgeht kein Fehler. Sofort wird kritisiert und darauf Wert gelegt, dass alles stimmt. So dauern die Proben oft sehr lange und sind anstrengend. Dazu kommt, dass Hanne das Repertoire ständig erweitert. Immer wieder sind schwierige neue Stücke zu lernen, obwohl das Bisherige noch nicht sitzt. In den Proben gibt sie willkürliche Einsätze, sie sagt nicht genau, wo man ist, und verwirrt das Team. Wenn die Musiker nach den richtigen Noten suchen, werden sie manchmal richtiggehend angegriffen: „Könnt ihr nicht richtig spielen? Macht es doch so, wie ich es euch sage. Ihr müsst nur richtig spielen!” Erwischt sie einen Musiker bei einem Fehler, kann es passieren, dass sie ihn sehr beschämend bloßstellt und so tut, als ob er den Fehler absichtlich gemacht hätte. Sie entwertet ihr Team systematisch, fordert aber gleichzeitig eine perfekte Leistung. Es gelingt ihr jedoch nicht, genau zu sagen, was sie eigentlich meint. Wenn ihr Team nicht gleich versteht, wird sie ungeduldig und manchmal auch laut. Es kam schon vor, dass sie einige Musiker als unfähig bezeichnet hat. Aus diesem Grund haben bereits Mitglieder das Lobpreisteam verlassen. Manchmal scheint es den Teammitgliedern, als würde Hanne die Verwirrung, die sie anrichtet, genießen. Sie zeigt sich dann als die, die alles im Griff hat, und macht sich lustig über das Unvermögen der anderen. Hanne nimmt öfter Urlaubtage, wie es ihr gerade passt, dann fallen die Proben aus, umso mehr muss in den Zwischenzeiten geübt werden. Auf den Vorschlag, doch nach einer Ersatzlobpreisleiterin zu suchen, geht sie nicht ein. Sie will keine Konkurrenz an ihrer Seite.

Zum Eklat kommt es, als Hanne den Gitarristen vor dem Gottesdienst anfährt: „Du mogelst dich ja nur so durch!” Daraufhin packt er seine Gitarre ein und geht. Kurz entschlossen verweigern sich auch die anderen Musiker. Sie bleiben zwar auf ihrem Platz auf der Bühne, aber sie spielen nicht. „So können wir nicht Gott anbeten”, sagen sie.

Beispiel 3: Maik

Maik ist Leiter des Leitungskreises der Gemeinde. Er wird vom Leitungskreis dazu gewählt, weil man einen Sprecher braucht. Aber er fühlt sich nun als Gemeindeleiter und damit dem Pastor vorgesetzt. Er erwartet, dass der Pastor ihm regelmäßig Rechenschaft über sein Tun ablegt und ihm alles mitteilt. Er dagegen trifft immer wieder Entscheidungen auch über die Köpfe des Leitungskreises hinweg. Er beruft sich dann auf sein Recht auf eine Eilentscheidung, da die Sache nicht hätte warten können. Den Mitgliedern des Leitungskreises ist das zuwider, aber sie sagen nichts mehr. Anfangs hatten sie sich in den Sitzungen gegen die Eigenmächtigkeit von Maik gewehrt, aber dann hatten sie regelmäßig am anderen Tag lange Telefonate ertragen müssen, in denen sie dazu aufgefordert wurden, ihre Meinung zu rechtfertigen. Jede Aussage nahm Maik als Gelegenheit, sie in aller Ausführlichkeit zu widerlegen. So gingen manche Telefonate über eine Stunde und brachten keine Klärung. Deshalb überlassen die Mitglieder des Leitungskreises zunehmend Maik die wichtigsten Aufgaben. Es ist einfach nicht gegen ihn anzukommen. Er macht, was er will. Auch der Pastor zieht sich mehr und mehr zurück und vermeidet den Kontakt mit Maik. Das führt dazu, dass er immer eigenwilliger seine Sache macht und das Feld, das man ihm überlässt, immer stärker besetzt.

Bei einem überregionalen Treffen, an dem Maik zusammen mit anderen Mitgliedern des Leitungskreises teilnimmt, berichtet Maik in glühenden Farben über die Gemeindearbeit. Er streicht dabei vor allem seinen Teil heraus und macht deutlich, dass er als Koordinator und Ideengeber unersetzlich sei. Daraufhin bekommt ein Mitglied des Leitungskreises einen Heulanfall. Von einem Weinkrampf geschüttelt, verlässt sie ohne ein weiteres Wort die Sitzung. Kurz darauf geht auch Maik. Als er wenig später auf diesen Eklat angesprochen wird, sagt er: „Das war wirklich ein blöder Abend. Ich musste den ganzen Heimweg zu Fuß machen und kam erst sehr spät heim. Da setze ich mich ein und habe nur Schwierigkeiten.” (Die Frau, die die Sitzung früher verlassen hatte, hatte ihn in ihrem Auto zum Treffpunkt gefahren.)

Aufgrund dieses Vorfalls wird zur Klärung ein Berater eingeladen. Zunächst ist Maik dagegen, da er der Meinung ist, dass es keine Probleme gibt. Sie könnten alles ohne Berater klären, er würde wissen, wie man in einem solchen Fall vorzugehen hätte. Letztlich willigt er aber ein und es gelingt ihm, die Beratung mit endlosen Gesprächen auszudehnen. Es scheint ihm zu gefallen, dass es vor allem um ihn geht und sogar ein Fachmann von weither anreisen muss, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei gibt er aber dem Berater deutlich zu verstehen, dass er sich im Bereich von „Meditation” sehr genau auskennt (er meint „Mediation”). Er akzeptiert deshalb auch nicht, was der Mediator vorschlägt.

In einer Sitzung mit dem Berater wird deutlich, dass der Leitungskreis geschlossen gegen Maik steht. Er fällt aus allen Wolken. Da aber die Mitglieder des Leitungskreises deutlich machen, dass sie ihr Amt niederlegen, wenn er nicht zurücktritt, erklärt er seinerseits seinen Rücktritt: „Wenn es nicht anders geht, dann gehe ich halt.” Er macht deutlich, dass er nun zum Opfer wird, aber dass er gern bereit ist, sich zu opfern, damit die Arbeit weitergehen kann.

Es wird vereinbart, dass Maik der Gemeinde gegenüber erklärt, dass er zurücktritt, weil sich herausgestellt habe, dass sie aufgrund großer inhaltlicher und persönlicher Unterschiede nicht zusammenarbeiten können. Alle sind sich einig, dass vor der Gemeinde keine schmutzige Wäsche gewaschen wird. Als aber die Gemeinde in einer Gemeindeversammlung von seinem Rücktritt in Kenntnis gesetzt werden soll, zieht Maik eine vorbreitete Rede aus der Tasche, in der er ausführlich mitteilt, dass er zum Rücktritt gezwungen worden sei. Man habe mit ihm nicht geredet, er sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden und auch der externe Berater sei ja von Anfang an gegen ihn gewesen. Die Mitglieder des Leitungsteams sind wie gelähmt, sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen, und die Gemeinde ist verwirrt.

Nach dieser Gemeindeversammlung teilt sich die Gemeinde in zwei Blöcke. Die einen sind für Maik und die anderen gegen ihn. Es werden von den Gegnern immer mehr Fakten vorgebracht, warum Maik nicht länger Gemeindeleiter sein kann. Maik genießt es sichtlich, dass sich nun die ganze Gemeinde mit ihm beschäftigt. Es werden Stellungnahmen geschrieben, Gespräche anberaumt und wieder abgesagt. Ein weiterer Berater wird hinzugezogen. Bei einem Treffen bringt Maik Freunde von außerhalb der Gemeinde mit, die die Vorgänge nicht verstehen und für ihn sprechen. Maik gelingt es, sich durchzusetzen. Letztlich beschließt die Gemeindeversammlung entnervt um des lieben Friedens willen, dass Maik seinen Leitungskreisvorsitz behalten soll. Aber als dieser Beschluss mitgeteilt wird, erklärt Maik unvermittelt, dass er mit sofortiger Wirkung sein Amt niederlegt mit der Begründung: „Das muss ich mir doch nicht antun!”

Beispiel 4: Erwin

Der Leitungskreis trifft sich regelmäßig bei Erwin. Er ist der Gemeindeleiter und es ist ihm wichtig, diese Aufgabe auch auszuführen. Jede Sitzung beginnt mit einem ausführlichen Abendessen, bei dem sich Erwin als Gastgeber schon über dieses und jenes Thema auslassen kann. Außerdem ist ihm wichtig, dass man sich auch persönlich nahekommt und Gemeinschaft hat, was für ihn allerdings bedeutet, dass er ausführlich über das berichtet, was er erlebt. So wissen die anderen alles über ihn, aber er so gut wie nichts über sie. Wenn die Besprechung endlich beginnt, ist es meist schon sehr spät. Erwin legt die Tagesordnung so fest, wie er es für geboten hält. Er teilt erst zu Beginn der Sitzung mit, um was es gehen soll. Wenn andere Besprechungspunkte vorgebracht werden, werden die schnell abgehakt; die Punkte, die Erwin wichtig sind, jedoch ausführlich diskutiert. Es ist Erwin sehr wichtig, dass alle Details besprochen werden. So kann es sein, dass die Sitzungen bis weit nach Mitternacht dauern und die Teilnehmer des Leitungskreises wie betäubt nach Hause gehen.

In den Sitzungen gibt es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Erwin und dem Pastor. Vor allem wenn der Pastor versucht, seine Ideen einzubringen und durchzusetzen. Er ist der Einzige, dem es in dieser Runde gelingt, Erwin etwas entgegenzusetzen. Er kümmert sich einfach nicht um Erwins Ausführungen, unterbricht ihn oft, beginnt dann mit seinen Argumenten, die nichts mit dem vorigen zu tun hatten. So gibt es manchmal Sitzungen, die sich ausschließlich zwischen den beiden abspielen.

An einem Abend allerdings ist der Pastor sehr leidenschaftlich dabei, eine Idee zu vertreten, die Erwin vehement ablehnt. Da legt der Pastor unvermittelt seinen Kopf auf den Tisch und beginnt laut zu schluchzen: „Niemand spielt mit mir.” Alle sind wie erstarrt und schauen auf Erwin. Der tut aber so, als wäre nichts passiert. Als niemand auf den Pastor eingeht, heult er noch lauter. Aber als auch das nicht wirkt, bricht das Weinen genauso abrupt ab, wie es begonnen hat, und die Sitzung geht weiter, als wäre nichts geschehen. Erst ganz zum Schluss sagt Erwin mit einem strafenden Blick in Richtung des Pastors: „Was hier getan wird, bestimme ich, und wer heult, auch!”

Beispiel 5: Anna

Die Frau des Pastors regiert die Gemeinde, das ist allen klar. Was sie sagt, hat mehr Gewicht als das, was der Pastor vertritt. Sie regiert auf ihre Weise: Sie übernimmt federführend bestimmte Gemeindeaktionen (Gemeindeessen, Krippenspiel, Gemeindefest, Gemeindeausflug) und gestaltet diese nach ihrem Gusto, hier ist sie die Königin. Jedes Mal beim ersten Treffen des Mitarbeiterteams eines solchen Events bringt sie bereits fertige Pläne mit. Es werden lediglich die Aufgaben verteilt. Das geschieht so, dass die Gemeindeglieder, die ihr besonders gewogen sind, die wichtigsten Aufgaben bekommen. So hat sie die Sicherheit, dass alles nach ihren Plänen läuft. Korrekturen und Kritik gibt es nicht. „Wer die Verantwortung hat, darf bestimmen”, ist ihr Motto. Und es ist klar, dass sie immer die Verantwortung innehat. Sie ist schließlich die Frau des Pastors, die Mutter der Gemeinde. Als solche lässt sie sich gern bezeichnen. Und als Mutter hat sie auch ihre Lieblinge. Wer nicht dazugehört, muss das deutlich spüren. Sie kann sich oft zynisch und sarkastisch über Personen äußern und abwertend urteilen. Das tut sie ungeniert und offen. Da sie mit ihrem Urteil meist genau ins Schwarze trifft, ist sie gefürchtet. Man kann ihr nichts entgegensetzen. Auf der anderen Seite gibt es Leute in der Gemeinde, die sie hofiert. Es sind Menschen mit einem gewissen Ansehen oder einer bedeutenden Stellung im Ort. Sie umgibt sich gern mit diesen wichtigen Leuten, die sie zu Nachmittagstreffen zu sich einlädt. In diesen Runden urteilt man offen über andere, bewertet Vorgänge und ist sich meistens einig in dem, was man ablehnt. Man ist ganz bewusst anders als die anderen – anders heißt in jedem Fall: besser.

Anna unterscheidet genau in das, was sie interessiert, und das, was ihr gleichgültig ist. Wird ihr etwas mitgeteilt, was sie nicht berührt (und das ist das meiste), dann zeigt sie deutlich ihr Desinteresse. Ihre Welt ist klar in Schwarz und Weiß eingeteilt, in das, was ihr nützt, und das, was ihr nichts bringt. Für Anregungen, Vorschläge anderer zum Beispiel interessiert sie sich nicht. Bei der Mitarbeiterbesprechung zum Krippenspiel kommt es schließlich zu der Situation, dass einige Mitarbeiter sich doch mit ihren Vorschlägen für eine Veränderung des Planes von Anna durchsetzen können. Daraufhin ist Anna wochenlang eingeschnappt, zieht sich von allem zurück und lässt alle spüren, wie egal ihr diese Gemeinde ist: „Sollen die anderen doch herausfinden, wie sie ohne mich zurechtkommen wollen”, sagt sie sich. Erstaunlicherweise gelingt es ohne sie aber recht gut. Als sie das merkt, ruft sie nach einiger Zeit die Mitarbeiter an und teilt ihnen großmütig mit, dass sie ihnen ihr aufrührerisches Verhalten verzeihen würde. Von da an ist sie wieder die Alte.

Бесплатный фрагмент закончился.

852,36 ₽
Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
312 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783869548333
Издатель:
Правообладатель:
Автор
Формат скачивания:

Похожие книги