Читать книгу: «Der holistische Mensch»

Johannes Huber:
Der holistische Mensch
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
ISBN 978-3-99001-254-3
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
»Von dem, dessen Fürsorge das ganze Weltall umfasst, sind alle Dinge so angeordnet, wie es zur Erhaltung und Vollkommenheit des Ganzen erforderlich ist, sodass jeder Teil wirkt und leidet, wie es ihm eben hiernach zukommt und so weit eben hiernach sein Vermögen reicht. Über diese besonderen Teile sind Herrscher gesetzt, ihr Tun und Leiden durchgängig bis ins Kleinste zu regieren und so die Vollendung des Ganzen bis in die kleinsten Teile zu befördern. Ein solches Teilchen bist nun auch du, armer Sterblicher, welches, so klein es ist, doch allezeit auf die Zwecke des Ganzen hinarbeitet und in ihnen seinen Zweck hat. Du aber bedenkst eben dies nicht, und es bleibt dir verborgen, dass alles, was da entsteht, eben nur um deswillen entsteht, damit jenes Wesen, welches dem Leben des Ganzen zu Grunde liegt, ein glückseliges sei, und dass dies Ganze nicht um deinetwillen geworden ist, sondern du um des Ganzen willen. Arbeitet doch auch jeder verständige Künstler und Arzt immer auf ein Ganzes hin, und indem er immer nach einer allseitigen Vollkommenheit strebt, vollendet er doch wahrlich nicht das Ganze des Teiles, sondern den Teil des Ganzen wegen.«
Platon (Nomoi X, 903 b-c, übersetzt von Franz Susemihl)
Inhalt
Das Vermächtnis
Teil 1: Woher kommen wir. Wohin gehen wir.
Der Schmetterlingseffekt in der Sexualität
Die Ära der hormonellen Innenpolitik
Das Weiterleben in den anderen
Der Holismus der künstlichen Befruchtung
Die Sünden der Väter sind unser Erbe
Die Schwangerschaft, eine Art früheres Leben
Die Geburt und ihr holistisches Erbe
Die vererbbare Liebe
Die Großbaustelle namens Pubertät und ihre Nachhaltigkeit
Die holistische Einbettung ins Sonnensystem
Teil 2: Gott und die Wand
Galilei und die Kirche
Inkarnation der Information
Mechanismus und Holismus
Teil 3: Wir sind mehr als die Summe unserer Organe
Der Knochen
Das Herz
Das Gehirn
Der Stoffwechsel und das Gewicht
Die Haut
Die Hormone
Die Gebärmutter
Das Immunsystem
Die Prostata
Das Ende ist der Anfang Die Liebe macht unsterblich
Das Vermächtnis
Willkommen im Haus des Holismus. Am Anfang war die Information. Alles ist durch die Information geworden. In ihr war das Leben. Und durch sie wurde der Mensch.
Der Mensch aber tickt unmenschlich präzise. Wie eine Uhr, die so merkwürdig genau geht, dass sie sich der Zeit anpassen kann. Der Homo sapiens funktioniert anders, ganzheitlich, vielfältig, mysteriös und schön verrückt, holistisch eben.
Das Wunder Mensch verwundert die Menschheit, seit sie denken kann. Wo ist die Erkenntnis, die alles erklärt? Wo ist der Schlüssel zur staubigen Kiste, auf der in Goldschrift Sinn des Lebens steht? Fragen über Fragen.
Aber es gibt gute Nachrichten. Es gibt keinen Zufall. Nichts ist einfach so da, von der Ewigkeit aus Langeweile hingespuckt. Unser derzeitiges Schicksal wird von einem früheren Leben mitbestimmt. Dieser Satz kokettiert mit der Wiedergeburt, und das ist gut so. Alles passiert nach einem großen Plan, alles hängt zusammen, alles ist eins.
Der Holismus sieht den Menschen nicht bloß als körperliches Wesen, das mit ein paar Gefühlen garniert ist, sie versucht, ihn in seiner Gesamtheit zu verstehen. Die Seele, das Vorher, das Danach. Ja, die moderne Medizin setzt sich heute schon über Begriffe wie Raum und Zeit hinweg, wagt sich auf unbekanntes Terrain, stellt Fragen, die in der Wissenschaft vor Kurzem noch auf gerümpfte Nasen und verdrehte Augen gestoßen sind.
Was war vor unserem diesseitigen Leben? Was davon hat man wie vererbt bekommen? Was kommt danach? Was hinterlässt man als Vermächtnis? Bleibt überhaupt etwas? Und vor allem: Wie kann man das alles verstehen?
Der Philosoph Peter Sloterdijk schreibt:
»In den Fakultäten galten bislang allein die harten Fakten als existent – in Zukunft muss man sich mit den harten Nicht-Fakten zurechtfinden.«
Nicht-Fakten müssen nicht nur falsche Informationen sein, sondern auch Informationen, die wir noch nicht verstehen.
Immer mehr Forscher haben ganzheitliche Sichtweisen auf das Leben. Neue Studien zeigen auf, wie der Mensch schon vor seiner Zeugung durch die Verhaltensweisen seiner Eltern geprägt wird. Wenn also jemand geboren wird, dann hat es ihn schon in Form von zwei getrennten Erbinformationen in seiner Mutter und seinem Vater bereits gegeben. Nein, die Generationen vor ihm haben schon durch ihr Handeln und Lassen die Baustelle ihres Kindes vorbereitet.
Organe kommunizieren miteinander, selbst der Knochen meldet sich und plaudert mit den Hoden, plaudert mit der weiblichen Brust, mit dem Gehirn sowieso. In allem ist Licht und Finsternis. Sex macht jung und Sex macht alt. Schwangerschaften sind eine Belastung, können aber das Leben verlängern. Kinder haben auch Teile ihrer älteren Geschwister in sich.
Im Großen und Ganzen ist der Mensch kompliziert und komplex. Viel mehr als die Summe seiner Organe, mehr als eine biologische Masse aus Muskeln, Sehnen, Haut und Knochen. Holistische Betrachtung heißt, gleichzeitig mit dem Mikroskop näher zu rücken und geistig zwei Schritte zurückzutreten. Das Kleine wie auch das Große sehen. Die Mücke und den Elefanten. Das Bekannte wie das Unsichtbare. Forschen heißt, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Dazu braucht es den Geist der Neugierde und den Mut, bekannte Pfade zu verlassen. Man muss Wege finden, um den Holismus unseres Körpers zu begreifen.
Manche Hardliner und selbsternannte Wissens-Monopolisten unter den Medizinern kommen mir vor wie Fiakerpferde. Stur tragen sie ihre Scheuklappen und sehen nur die gepflasterte Straße vor sich, keine Quergassen, keine Parallelstraßen, keine Straßennetze. Nie machen sie einen Blick nach hinten oder zur Seite oder nach oben. So stehen ihnen auch nie 360 Grad Rundumblick zur Verfügung.
Beim Medicinicum Lech 2017 wurde mehrmals die Frage gestellt, warum so viele Menschen den schulmedizinischen Methoden skeptisch gegenüberstehen und sich der chinesischen Medizin oder Ayurveda zuwenden. Die Schwäche unserer Schulmedizin ist ihre Spezialisierung. Aber die ist auch ihre größte Stärke. Mithilfe von Spezialisierungen hat die Schulmedizin die großartigsten Dinge zuwege gebracht.
1928 legte der Bakteriologe Sir Alexander Fleming vom Londoner St. Mary’s Hospital mehrere Nährbodenplatten mit Staphylokokken an und ließ diese Bakterien auf einem Stapel in der Ecke des Labors zurück. Dann fuhr er in die Sommerferien. Nach seiner Rückkehr ins Krankenhaus entdeckte er, dass auf dem Nährboden einer der Platten auch ein Schimmelpilz gewachsen war, in dessen unmittelbarer Nähe sich die Staphylokokken nicht vermehrt hatten. Endlich hatte er den Weg gefunden, wie sich Bakterien bekämpfen lassen. Zum ersten Antibiotikum war es nicht mehr weit. Jetzt durfte Fleming nicht lockerlassen, sondern musste weiter und weiter forschen und vor allem andere spezialisierte Kollegen auf seine Entdeckung aufmerksam machen. Eine Entdeckung, die unzählbare, wirklich unzählbare Leben gerettet hat.
Dreht man das Rad der Zeit noch weiter zurück, offenbart sich eine andere medizinische Meisterleistung, ebenfalls geboren aus dem sogenannten Zufall und weiterentwickelt mit dem Geist der Forschung: 1844 besuchte der Zahnarzt Horace Wells die Vorstellung einer Wanderbühne, bei der Freiwillige als Attraktion Lachgas einatmen konnten. Während der Vorstellung beobachtete Wells, dass eine der Versuchspersonen sich eine klaffende Wunde am Unterschenkel zuzog, ohne die geringste Schmerzreaktion zu zeigen. Daraufhin begann Wells mit Lachgas und anderen Inhalationsnarkotika zu experimentieren. Als er seine Entdeckung öffentlich vorführen wollte, ist er wegen einer falschen Dosierung kläglich gescheitert, ruinierte seinen Ruf und wurde chloroformsüchtig. Sein Mitarbeiter William Morton war glücklicher. Ihm ist eine öffentliche Vorführung gelungen. Er wurde berühmt. Auf jeden Fall war das Tor für die chirurgische Lebensrettung geöffnet.
Die Liste der Wunder ist lang, die Zufriedenheit der Patienten eher kurz. Wenn überhaupt. Die Gründe sind vielfältig: Oft sind es nur die wenigen Minuten, die sich der Schulmediziner den Damen und Herren widmen kann. Mitunter sind es unerfüllbare Wünsche oder Hoffnungen schwerkranker Menschen. Und häufig ist es einfach nur Unbehagen, ein leises Gefühl der Unsicherheit. Man sitzt im Wartezimmer und befürchtet, dass die hochspezialisierte Schulmedizin vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, sich nur auf das fachärztliche Organ konzentriert, und dass die Ganzheitlichkeit der Heilkunst beim Teufel ist. Der Skeptiker nennt das Scheuklappenmedizin.
Holismus heißt aber, sich immer wieder aufs Neue umzusehen und Zusammenhänge zu erkennen, nicht Pferdeäpfel auf dem Asphalt, sondern die Straße, die Stadt, das Land, den Kontinent, den Planeten, das Weltall, die Milchstraße, das Universum und was vielleicht dahintersteckt. Den Mikrokosmos, den Mesokosmos, den Makrokosmos. Die holistische Verschränkung. Die Zahnräder des Seins und die Kanten dessen, was wir Schicksal nennen. Bis zu den Rändern des Verstands und darüber hinaus.
Dazu eine Anekdote: Der Wiener Erzbischof, Franz Kardinal König, musste wie alle anderen auch auf seine Gesundheit achten. Sein Leibarzt, ein gewisser Willibald Polterauer, besuchte seinen Patienten dann und wann. Ich habe damals Medizin und Theologie studiert und arbeitete als Sekretär des Kardinals. Natürlich konnte ich es mir nicht entgehen lassen, mit dem Leibarzt meines Chefs so oft wie möglich ein paar Worte zu wechseln. Dass er über große Erfahrung verfügte, war schon in seinen kleinsten Bemerkungen zu spüren. Einmal meinte Polterauer:
»Ein guter Arzt weiß, dass unser Körper ein sehr gutes Gedächtnis hat. Er merkt sich vieles, auch über Jahrzehnte, aus der Kindheit und, könnte man weiterdenken, vielleicht auch aus der Zeit davor.«
Wir haben über Zusammenhänge gesprochen, die den Körper im Laufe der Zeit beeinflussen. Und über Verschränkungen, die im Körper alle gleichzeitig passieren. Was passiert mit dem einen Organ, wenn ein anderes Organ sich plötzlich anders benimmt als sonst? Ist die Erinnerung des Körpers das, was ihn mit der Ewigkeit verbindet? Wie weit reicht die Erinnerung?
Offensichtlich gibt es diese Verschränkung nicht nur in der Medizin, sondern, wenn auch in ähnlicher Art, in der Physik.
Spätestens seit dem Jahr 2016 macht ein chinesisch-österreichisches Projekt Schlagzeilen. Und gerade vor Kurzem, am 29. September 2017, sind es noch mal viel mehr Schlagzeilen geworden, als der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger in Wien zur öffentlichen Vorstellung der Früchte seiner Arbeit und der Arbeit seiner chinesischen Kolleginnen und Kollegen lud. Zwischen Wien und Peking wurde eine »spukhafte« Telefonverbindung hergestellt. Ein Wunder der Verschränkung.
Es geht um die Verschränkung von Quanten. Schon Albert Einstein hatte dieses Phänomen angenommen und treffend als »spukhafte Fernwirkung« bezeichnet.
Zwei Quanten, zum Beispiel Photonen, also Lichtteilchen, können nach den Gesetzen der Quantenphysik einen gemeinsamen Zustand annehmen. Diese Verschränkung bleibt auch dann erhalten, wenn man die beiden Teilchen räumlich trennt.
Wird eines der beiden Teilchen anschließend verändert, etwa indem man es mit einem weiteren Photon verschränkt, ändert sich der Quantenzustand des entfernten Partners automatisch. Dieses Prinzip funktioniert sogar über unglaubliche Distanzen von tausenden Kilometern, also auch zwischen Wien und Peking. Die Information wird gleichsam gebeamt. Nein, das trifft es nicht. Die Information ist zugleich an dem einen und an dem anderen Ort.
Das Projekt heißt Quantum Experiments at Space Scale, kurz QUESS. Nach ersten Versuchen auf dem Erdboden in China wurde im Sommer 2016 der erste Satellit in den Weltraum gesandt, der die Möglichkeit der Quantenverschränkung auch zwischen Weltraum und Erde aufgezeigt hat. Vereinfacht bedeutet das: Wenn alles nach Plan läuft, gibt es bald eine völlig neue, extrem schnelle Art des Internets. Anton Zeilinger formuliert den philosophischen Hintergrund in einem Interview so:
»Wichtiger als die Konzepte Raum und Zeit ist das Konzept der Information, und Information ist offenbar unabhängig von Raum und Zeit. Das heißt, die Information liegt vor, dass beide Systeme gleich sein müssen, auch wenn sie vor der Beobachtung noch keine vordefinierten Eigenschaften besitzen und obwohl sie keine Verbindung haben. Für mich deutet das in die Richtung, dass Information fundamentaler ist als alle anderen Konzepte. Schon das Johannes-Evangelium beginnt mit: Am Anfang war das Wort. Das kann ich auch mit Information übersetzen.«
Am Anfang war also die Information.
Die Romantik hatte das bereits in poetische Worte gekleidet. So dichtet Joseph von Eichendorff:
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt fängt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
Der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger vermutet vor allem hinter den Verschränkungsphänomenen ebenfalls eine uns noch nicht bekannte »Melodie«. Und er moniert auch, dass die spekulative Physik des 20. Jahrhunderts eigentlich die neuen Weltanschauungen prägen müsste, ähnlich wie das die mechanistische Physik zwei Jahrhunderte vorher gemacht hat.
»Das Paradigma zu jeder Zeit war, zu versuchen, Gehirn und Bewusstsein anhand der Leitwissenschaft in der Physik zu erklären«, sagt Zeilinger. »Im 19. Jahrhundert gab es mechanische Modelle des Gehirns mit Zahnrädern. Später waren es Vorstellungen mit elektrischen Relais, heute ist es die Quantenphysik.«
Sie erlaubt wesentlich mehr Verschränkungen und Korrelationen als die klassische Physik. Eigentlich ist sie holistischer.
Wenn uns die Hirnforscher bestätigen, dass sich nur ein kleines Segment der Wirklichkeit unserem Geist und unserem Verständnis erschließt, so ist das natürlich noch lange kein Gottesbeweis. Allerdings erscheint es heute intellektuell redlicher als noch vor hundert Jahren, im Nebel des uns nicht Zugänglichen einen Weltenbaumeister anzusiedeln. In Sinnstiftungsfragen ist das für mich auf jeden Fall der Plan A, im Gegensatz zum Plan B der traurigen und unromantischen Abwesenheit Gottes.
Faust, der große Wissenschaftler, kannte weder Neurowissenschaften noch Quantenphysik, und machte sich deshalb über Gretchens Glauben lustig.
Mit den Worten einer Sphinx spricht auch Philosoph Peter Sloterdijk von einer Endlichkeit des Wissens und rät, dieses Manko durch einen gewissen Surrealismus zu kompensieren:
»Durch den Sinn für das Mögliche, das Außergewöhnliche, das Wunderbare und das Absurde.«
Das Transzendentale erwähnt er nicht ausdrücklich.
Allerdings scheint es nicht mehr unvernünftig zu sein, sich für Wirklichkeiten zu entscheiden, die jenseits unserer Erkenntniswelt liegen. Ob im Gestern, im Heute oder in dem, was kommen mag, was uns erst im Morgen vermacht werden wird. Und manchmal ist so ein Vermächtnis eine Botschaft, die erst sehr viel später ihre Wirkung entfaltet.
Beim Medizinerkongress in München, es war Anfang Mai 2017, ein herrlicher Tag, hielt Sloterdijk einen Festvortrag. Wir haben ihn mit einem Brief begrüßt, einem Schriftstück von Sigmund Freud an Arthur Schnitzler:
»Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Kenntnis nehmen konnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben habe, und habe den Eindruck gewonnen, dass Sie durch Intuition all das wissen, was ich in langer Arbeit an Menschen aufgedeckt habe. Den Dichter, den ich stets beneidete, beginne ich jetzt zu bewundern.«
Heute würde man sagen: Sigmund freut sich. Die Dichtung, die Philosophie und die Wissenschaft sind verschränkt. Die Dichtung muss nicht so präzise sein wie die Wissenschaft, aber die Wissenschaft kann sich von der Dichtung die schönen Worte ausborgen.
Der Glaube, heißt es, kann Berge versetzen. Wer auch immer das glauben mag. Eine Sache kommt mir in den Sinn, wenn Atheisten sich mit sagenhafter Überheblichkeit über gläubige Menschen lustig machen und dogmatisch feststellen, dass der Glaube an Gott ja bekanntlich tot sei, und dass das doch ohnehin alle vernünftigen Leute wüssten. Ich erinnere mich dann immer an die suchende Vorsicht, die der frühere Bundeskanzler Bruno Kreisky bei seinen jährlichen Weihnachtsbesuchen bei Kardinal König nicht nur einmal zur Rede brachte: Dass unser Gehirn nicht fähig wäre, Transzendentales zu erkennen, aber dass man das Transzendentale deshalb auch nicht ausschließen dürfe. Es steht, so Kreiskys Meinung, fünfzig zu fünfzig.
Meine Aufgabe damals war es, die Gäste zu erwarten und zu Kardinal König hinaufzuführen. Bei einem dieser Besuche blieb Kreisky auf der wunderschönen Renaissancestiege des Palais stehen und fragte mich nach meinen Zukunftsplänen. Als ich ihm erzählte, ich wolle Arzt werden, hielt er inne, wandte sich auf der Stiege mir zu und sagte:
»Da müssen Sie das machen, was auch in der Politik gilt. Ein guter Politiker muss die Menschen lieben. Ein guter Arzt muss das auch.«
Kardinal König führte dann kurz vor seinem Tod ein Gespräch mit mir. Es war ebenso berührend wie tiefsinnig.
»Ich habe einen Wunsch«, sagte er. »Sie sollten sich mit der Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Theologie befassen. Es gibt Schnittpunkte, glauben Sie mir, mehr als man denkt. Naturwissenschaft und Theologie lassen sich verknüpfen. Das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil, beide Teile bilden ein Ganzes. Die große Aufgabe besteht darin, zu verstehen. Das könnte zu einer tiefen Erkenntnis führen.«
Es hat eine Zeitlang gebraucht, bis ich seinem Wunsch nachkommen konnte. Jetzt gehen die Knoten auf, alles löst und öffnet sich. Auch das ist sein Vermächtnis. Auch wenn die tatsächliche »Erkenntnis« wohl natürlich in alle Ewigkeit auf sich warten lassen wird.
Nach Jahrzehnten soll hier auch versucht werden, seine Sicht der Vernünftigkeit, an Transzendentales zu glauben, und die Versöhnung zwischen Glaube und Wissen zu kommemorieren. Und genau diese Versöhnung erlaubt auch intellektuell, redliche Antworten auf die großen Fragen zu finden, die Kardinal König immer wieder zur Rede brachte: »Woher komme ich? Wohin gehe ich?«
Damit griff er auf die gnostische Erlösungsformel zurück, die Clemens von Alexandrien zitierte:
»Wer waren wir? Was sind wir geworden? Wo waren wir? Wohinein wurden wir geworfen? Wohin eilen wir? Wovon sind wir befreit? Was ist Geburt? Was ist Wiedergeburt?«
Selbst Biologie und Medizin sprechen zunehmend von einer Art Leben vor unserer Zeugung und von einem Leben nach uns, in das beispielsweise Liebe und Zuneigung, die sich tatsächlich auch vererben lassen, weiterwirken können.
Werden die Fragen des Woher und des Wohin noch weiter gesteckt, über die Biologie hinausgehend, so soll es nicht als unvernünftig abgetan werden, wenn sich religiös musikalische Menschen zu Wort melden und das Diesseits als eine Art Exil ansehen. Ein Exil, in das man von dort hineingefallen ist, wohin man nachher wieder zurückgeht. Ein Exil, in dem man aber auch bleibt, selbst wenn man schon weg ist. So hat Sokrates von der weisen Diotima erfahren, dass der Mensch durch seine Kinder an der Unsterblichkeit teilhat. Aber nicht nur durch Kinder, wie wir sehen werden.
Das ganze Welttheater ist wie ein Puppenspiel. Wir sehen nur die Puppen, nicht die Hand, die hinter den Puppen steckt und sie führt. Auch wir Menschen sind wie Puppen. Wir bewegen uns wie Figuren auf einem Maskenball.
Die Welt ist unendlich bunt und vielgestaltig, nur können wir sie in unserer menschlichen Beschränktheit immer nur wie durch getönte Gläser sehen. Durch Brillen, die uns von der Ganzheit der Welt immer nur Teilaspekte zeigen, Schattierungen, Ausblendungen, Graustufen. Und nicht das Bild, das uns das prächtige Kaleidoskop des Alls bietet. Der Mensch begreift weniger, als er glauben kann.
Auch die Chaostheorie geht von einer uns nicht immer verständlichen Beeinflussung von Reaktionsketten aus. Der Schmetterlingseffekt ist ein Phänomen der nichtlinearen Dynamik. Er soll anschaulich machen, wie physikalische Reaktionen, die uns chaotisch erscheinen, sich beeinflussen. Es ist nicht vorhersehbar, in welchem Maß sich schon winzig kleine Änderungen der Anfangsbedingungen eines Systems langfristig auf die gesamte Entwicklung des Systems auswirken. Kann ein Flügelschlag eines Schmetterlings über Afrika einen Hurrikan in der Karibik auslösen? Er kann.
Angenommen, Sie gehen eine Minute zu spät aus dem Haus und verpassen die Straßenbahn. Dadurch verspäten Sie sich zu einem Vorstellungsgespräch und werden nicht genommen. Zerknirscht verlassen Sie die Firma und werden angerempelt. Der Mensch vor Ihnen schaut Sie an, sie reden miteinander, verlieben sich, gründen eine Familie und werden glücklich. Wären Sie pünktlich aus dem Haus gegangen, dann wäre das alles nicht passiert. Sie hätten den Job bekommen und den Lebenspartner nie getroffen. Flügelschläge des Schicksals, Myriaden von Möglichkeiten.
Jeder Quantenvorgang hat weitreichende, der Physiker sagt »nichtlokale« Auswirkungen, die mit extrem sensiblen Antennen wahrgenommen werden können. Sie stehen in einer holistischen Verbindung zueinander. So ein Band gibt es auch zwischen Kind und Mutter. Ein Band aus unendlich vielen Fäden gesponnen.
Der einprägsame Begriff »Schmetterlingseffekt« stammt übrigens von dem amerikanischen Meteorologen Edward Lorenz, der im Jahr 1972 vor der American Association for the Advancement of Science einen Vortrag über Vorsehung hielt. In seiner ursprünglichen Form verwendete er den Flügelschlag einer Möwe statt eines Schmetterlings, aber wir wollen nicht kleinlich sein, besser holistisch.
Am Anfang war die Information. Mit der Zeit kommt die Erkenntnis. Oder auch nicht. Am Ende bleibt ein Lächeln.
Teil 1
Der Schmetterlingseffekt in der Sexualität
Sie sieht ihm in die Augen, und es ist nicht nur ein Schauen. Ihr Blick umfängt den seinen, sie schmiegen sich aneinander, verflechten sich zu etwas Gemeinsamem. Noch gab es keine Berührung, und doch sind beide berührt. Sie streicheln einander, nicht nur mit den Händen, und irgendwann weiß keiner mehr, wo ein Körper aufhört und der andere beginnt.
Die Schmetterlinge im Bauch sind kein zufälliges Bild. Sicher, sie drücken das Gefühl, das jeder Mensch kennt, der schon einmal verliebt war, in seiner ganzen herrlichen Komplexität aus. Doch da ist noch mehr als das schöne Flattern im Bauch. Es gibt den Schmetterlingseffekt auch in der Sexualität. Ein Flügelschlag hier löst Tornados im gesamten Organismus aus.
Die Sexualität ist zutiefst holistisch.
Deshalb ist Sex auch so viel mehr als bloße Kopulation. Er vernetzt sowohl Organe als auch die verschiedensten Vorgänge im Körper von Mann und Frau, die man bislang nicht einmal ahnte. Körperfunktionen, Herzfunktionen, Immunfunktionen, alles ist evolutionär für den Geschlechtsverkehr perfekt eingestellt.
Die Zeugung beeinflusst wahrscheinlich nicht nur die beiden am Geschlechtsakt beteiligten Menschen, sie prägt auch das Kind. Der Holismus bezieht sich also nicht nur auf einen Organismus, sondern im Fall der Fälle auf drei. Und selbst über die drei geht er weit hinaus. Die holistischen Vernetzungen, die die Sexualität auslöst, betreffen das Mensch-Werden und das Mensch-Sein. Die Entstehung des Lebens und das Leben selbst.
Wir sprechen von einem Gesamt-Holismus, wenn es dieses Wort überhaupt geben kann. Eine über alle bislang gedachten Grenzen hinausgehende Zusammengehörigkeit der Dinge.
Die Sexualität ist das von der Natur erdachte komplexe Instrumentarium zur Fortpflanzung. Perfekt in ihren Abläufen für die Reproduktion. Großartig im Verbergen aller Anstrengungen innerhalb des Organismus, damit sie dem Menschen nicht Last, sondern Ekstase sein kann. Wenn sie bei allem, was sie an holistischem Flechtwerk zustande bringt, eine fade, mühevolle, lästige Pflicht wäre, ein Muss, das eben zu erledigen ist, dann könnte sie noch so genial sein, die Menschheit hätte längst keine Lust mehr, sich zu vermehren. Deshalb muss Sex so ziemlich der beste Zeitvertreib sein, den die Natur zu bieten hat.
Der Geschlechtsverkehr die Möglichkeit des Beginns von neuem Leben. Darauf ist alles ausgerichtet, dafür ist alles ersonnen, dahingehend hat sich alles entwickelt. Das Leben ist der Grund allen Holismus.
Der Zweck jedes Daseins ist es, auch weiterhin da zu sein. Nachkommen zu zeugen. Die Art zu erhalten. Mit den Augen der Natur besehen, ist der Sinn des Lebens die Fortpflanzung. Einzig und allein und ausschließlich. Ihr dient alles.
Die beiden wichtigsten Entscheidungen, die Lebewesen fällen, sind: Was werden wir fressen und mit wem werden wir uns paaren.
Fressen und paaren.
Das ist die Doppelspeerspitze jeder Existenz. Fressen sichert das Überleben und die Energiezufuhr und liefert damit die beiden Voraussetzungen, ohne die auch jede Reproduktion schwierig wird. Jeder Mechanismus, jeder Prozess, jede Reaktion im Körper lässt sich darauf abklopfen, was sie zur Vermehrung beitragen kann. Das gesamte System ist auf die Zukunft ausgerichtet und beim Homo sapiens grandios überhöht worden.
Die Sexualität nimmt da natürlich einen ganz hohen Stellenwert ein. Wenn nicht den höchsten. Irgendwie müssen diese Nachkommen ja entstehen. Es braucht einen Akt der Zeugung. Die Initialzündung. Den Ursprung. Das ist der Geschlechtsverkehr. Und wie die Evolution das sieht: jeder Geschlechtsverkehr. Die Evolution vergeudet keine Chancen. Sie ist immer auf alles gefasst. Auf das Große und das Ganze. Etwas Holistischeres als die Evolution gibt es nicht, und ihr Meisterstück ist die Sexualität.
Das, was man in Pornos sieht, ist genau das Gegenteil von dem, was Sexualität wirklich ausmacht. Die reine, primitive Mechanik nimmt auf den Schmetterlingseffekt keine Rücksicht. Das karnickelhafte Raus und Rein verrammelt das Tor, das Zutritt zu dem verschaffen würde, was hinter den Dingen steht. Eine faszinierende Welt gesamtheitlicher Zusammenhänge.
Dass einem die Tragweite nicht ständig bewusst ist, liegt nicht daran, dass man mitunter nur die schnelle Nummer im Sinn hat, um sie im Kalender abzuhaken. Ich will mich auch beileibe nicht dazu aufschwingen, anderen zu sagen, wie sie ihr Liebesleben zu gestalten haben und wie sie Sexualität interpretieren sollen. Das ist weder mein Interesse noch mein Wunsch. Ich bin nur Gynäkologe und Reproduktionsmediziner und als solcher mit den Dingen betraut, die recht ursprünglich mit der Sexualität und ihren Folgen zu tun haben. Den negativen wie den positiven. Ohne die Zusammenhänge im Hintergrund könnte ich kein vordergründiges Problem lösen. Mein Fach ist, so wie ich das sehe, ohne Holismus gar nicht zu bewältigen.
Es gehört also zu meinem Beruf, mich mit den Fakten zu beschäftigen, die mein Spezialgebiet betreffen, aber auch mit dem Dahinterliegenden. Mit den Geheimnissen, die sich jenseits der Sexualität auftun. Und in jüngster Zeit tut sich unendlich viel dahinter auf. Die Erkenntnisse überschlagen sich. Bekannte Abläufe bekommen ganz neue Bedeutungen. Es werden Brücken geschlagen, wo wir bisher noch nicht einmal den Brückenkopf einer Verbindung hervorlugen gesehen haben.
Es ist, als wäre der Körper eine Stadt, in der man einzelne Viertel wie seine Westentasche kennt und doch bislang das Gefühl hatte, jede dieser Taschen gehöre zu einer anderen Weste. Wie man von einem Viertel ins andere kommt, hätte man nicht sagen können, selbst wenn es ums Eck lag. Das ändert sich jetzt mit einer erstaunlichen Rasanz. Ein Verbindungsgässchen nach dem anderen wird entdeckt, die all die vielen Viertel miteinander verbinden, auch wenn man sie am entgegengesetzten Ende der Stadt vermutet hatte.
Derzeit lässt sich der Holismus offenbar sehr gern in die Westentaschen lugen. Es kommt einem fast vor, als hielte er sie dem Menschen sogar ein bisschen auf. Als lockte er ihn: Komm, schau hier herein, da hab ich noch etwas für dich, was du nicht gewusst hast, einen Zusammenhang, den du noch nicht hergestellt hast, so spielen die Dinge zusammen.
Das regt natürlich ziemlich dazu an, über den Zufall nachzugrübeln. Denn mit jeder der Erkenntnisse, die einander in der Forschung so jagen, wird die Möglichkeit des Zufalls kleiner. Dass ein so strukturiertes Spinnennetz an Verknüpfungen rein aus dem Nichts entstanden sein könnte, ist kaum mehr zu glauben.
Der Zufall wird zum unwahrscheinlichen Fall.
Doch worin bestehen sie jetzt, diese Neuigkeiten aus den Labors dieser Welt?
Versetzen wir uns einfach einmal in uns selbst. Sozusagen als Voyeure im Namen der Wissenschaft. Setzen wir uns in unser eigenes Theater. Nehmen wir Platz als Publikum auf der Galerie des Ichs. Betrachten wir das Schauspiel an Schmetterlingseffekten, das die Natur zum Zwecke der Zeugung eines neuen Menschen inszeniert hat. Schauen wir, was der Geschlechtsakt in unserem Organismus auslöst. Lassen wir uns zeigen, was es in uns Neues gibt.
Vorhang auf für die drei Akte der vernetzten Sexualität.
Erster Akt: die Blaupause.
An der Handlung beteiligt: die männliche Samenflüssigkeit, das weibliche Immunsystem.
Kurzinhalt: Die Spermien und die Samenflüssigkeit des Mannes sind Fremdkörper in der Frau, und als solche müssten sie normalerweise vom Immunsystem angegriffen und entfernt werden. Weil das im Sinne der Fortpflanzung nicht geht, gleicht sich die Frau lokal dem Immunsystem des Mannes an. Sie modelt sich um und erstellt in sich eine tolerable Blaupause von ihm.
Jeder glaubte, dass das Ejakulat des Mannes hauptsächlich Spermien beinhaltet, auch wir Mediziner. Die Medizin denkt mechanistisch. Das holistische Prinzip, demzufolge ein Organ das andere beeinflusst, ist nicht sehr verbreitet.
Man weiß schon seit Langem, dass im Sperma nicht nur Spermien enthalten sind, die nehmen nur an die 0,5 Prozent der Sache ein. Aber die restliche Samenflüssigkeit hat es auch in sich.
Es gibt ganze Bücher, in denen alle unzähligen Bestandteile aufgelistet werden, die für die unterschiedlichsten Aufgaben zuständig sind. Die Spermien brauchen Energie, ein Navigationssystem, fremde Spermien sollen nach Möglichkeit ausgeschaltet werden. Und die eigenen Spermien müssen natürlich geschützt werden, gegen Krankheitserreger und Fressfeinde, denen sie begegnen könnten, aber auch gegen die Abwehrkräfte der Frau.
Da ist eine magische Mischung unterwegs. Magie, was für ein großes Wort für die kleinen Dinger, höre ich es von den hinteren Rängen unseres Ich-Theaters raunen. Aber ich bleibe dabei. Was diese Proteine bewirken, ist tatsächlich Magie. Denn mit ihnen bereitet der Mann die Frau auf die Fortpflanzung und letzten Endes auf das gemeinsame Kind vor.
Daher ist einmal eine gute Portion von Glückshormonen dabei, zum Beispiel Endorphin und Oxytocin. Oxytocin ist auch als Kuschel- und Treuehormon bekannt, wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Endorphin ist ein körpereigenes Opiat. Es fehlen natürlich auch die Pheromone nicht, also die Duftstoffe, die der Körper in Liebesbereitschaft gleichsam aus allen Poren aussondert, um attraktiv zu sein.
Außerdem haben wir gesagt, dass das Immunsystem der Frau ausgetrickst werden muss, damit es die Spermien nicht zerstört. Die weißen Blutkörperchen müssen abgelenkt werden. Dafür sind Stoffe wie Prostaglandin, Spermidin und Spermin zuständig. Spermin ist nebenbei gesagt der Stoff, der für den Geruch des Spermas verantwortlich ist. Und auf das Spermidin werden wir im dritten Akt ausführlich zu sprechen kommen. Unzählige andere Stoffe, darunter auch Opiate, sind dazu da, das Immunsystem der Frau herunterzufahren. Aber ganz ausgeschaltet werden soll es auch nicht, das wäre gefährlich, es muss an das des Mannes angepasst werden. Dafür werden im Sperma von männlicher Seite verschiedene Stoffe wie zum Beispiel Adrenalin mitgeschickt, aber vor allem eigene Abwehrkräfte, eigene Immunfaktoren.
Das ist eine Nachricht, die sich nicht so leicht verdauen lässt. Vor allem für die Frau. Macht sie die Natur etwa zur Blaupause des Mannes? Der Gedanke ist unangenehm, wenn nicht unheimlich.
Schauen wir uns die Gründe an.
Durch die Ejakulation bekommt die Frau quasi eine Infusion. Es dringt Flüssigkeit in ihren Körper ein. Normalerweise ist so etwas für den Organismus ein Grund, Alarm zu schlagen. Ein körperfremder Stoff bahnt sich seinen Weg ins Innere. Wer weiß, was da alles mit hereingeschwemmt wird. Und schon blinken die Warnleuchten, und die Sirenen heulen, um die Eindringlinge schnellstens wieder loszuwerden. Normalerweise.
Passierte das bei jedem Geschlechtsakt, wäre das nicht nur ausgesprochen unbequem, es hätte unseren Fortbestand wohl verhindert. Das Ejakulat dient der Fortpflanzung, es darf nicht abgestoßen werden wie ein Parasit oder Krankheitserreger. Es muss eine Sondererlaubnis bekommen. Eine Art Passierschein, der zur Zeugung notwendig ist und die Pforten in den Organismus öffnet.
Gleich beim Eintritt ins weibliche Territorium weisen die männlichen Besucher diesen Passierschein vor. Der besteht unter anderem aus den Abwehrkräften, den Immunfaktoren des Mannes. Diese Immunfaktoren drängen sofort in die dendritischen Zellen der Frau, die für das Immunsystem tätig sind und rennen von dort aus zu den Lymphknoten weiter.
Die schauen sich das an und entschlüsseln die Botschaft an das weibliche Immunsystem. Gegen diesen Eindringling keine Feindseligkeiten. Hier sind die Codes, mit denen seine Abwehrkräfte arbeiten, die übernehmen wir jetzt.
Da die Samenflüssigkeit alles tut, um ihre Samen zu beschützen, beinhaltet sie auch viele antibakterielle, antimykotische und antivirale Stoffe, zum Beispiel Laktoferrin und Zytokin. Die beiden sind sonst auch für Zellteilung und Regulierung der Zellspezialisierung zuständig. In unserem Fall der körperlichen Liebe schützen sie neben den Spermien auch die Frau.
Über den Muttermund geht es dann für alle Bestandteile weiter. Die Operation Fortpflanzung ist angelaufen.
Ein hochgenialer Mechanismus.
Es sind also nicht nur Spermien, die da aus Jux und Tollerei hineingeschossen werden. Das ist nicht nur ein erfreulicher Geschlechtsverkehr. Es ist fast eine Parabiose. Die beiden Organismen sind zwar nicht miteinander verwachsen, aber sie vereinigen sich, und damit sind sie verschränkt.
Nur, warum genügt nicht schon der Passierschein? Wozu muss sich die Frau auch noch zur Blaupause ummodeln?
Die Antwort hat etwas Epochales. Der Mann deponiert mit der Ejakulation seine DNA in den Schleimhäuten der Frau, damit sein Sperma von ihr akzeptiert wird. Denn dieses Sperma ist nichts anderes als ein möglicher halber Embryo.
Die Programmierung, die das Immunprofil der Frau verändert, bereitet sie auf das Einnisten des neuen Lebens vor wie auf ein Geschenk. Das ist etwas anderes, als sich einen Splitter einzuziehen. Ein Splitter ist kein Geschenk, er bohrt sich seinen Weg, ohne eingeladen worden zu sein. Da versteht das Immunsystem keinen Spaß und ist sofort in Aktion. Beim Sperma hält es sich zurück, obwohl es genauso ein Fremdkörper ist, der zu hundert Prozent nicht von der Frau stammt.
Schaut man sich an, was sich daraufhin alles im weiblichen Körper tut, schreien Vernunft und Gefühle wild durcheinander. Wenn der Verstand die Informationen verarbeitet, findet er den Plan der Natur völlig logisch.
Anders die Psyche. Blaupause. Umprogrammierung. Neues Immunprofil. Was muss man als Frau nicht noch alles über sich ergehen lassen? Genügt es nicht, die Umwälzungen auf sich nehmen zu müssen, die die Schwangerschaft erfordert? Genügt es nicht, für den schmerzhaften Part der Reproduktion zuständig zu sein? Muss man vorher auch noch so umgekrempelt werden?
Bedeutet das alles nicht eigentlich, dass die Frau nicht sie selbst bleiben darf? So ziemlich alle Frauen, mit denen ich über diese neue Entdeckung der Wissenschaft rede, sind zumindest entsetzt, die meisten schockiert. Wäre ich kein Mediziner, ginge es mir nicht anders.
Als Mediziner kann ich auf ein unfassbar durchdachtes Ganzes verweisen. Ein Zusammenspiel zweier verschiedener Organismen, die nur gemeinsam fähig sind, sich zu vermehren. Nur miteinander gelingt die Reproduktion. Da ist kein Organismus besser als der andere, weil keiner ohne den anderen handlungsfähig wäre. Sie ergänzen sich in einer Perfektion, wie sie nur die Evolution zuwege bringt.
Und, was nicht unter den Tisch gekehrt werden darf: Auch für das Glück und die Freude und die Liebe braucht man zwei.
Der Mann tut sich auf den ersten Blick nur in seiner evolutionären Ausrichtung leichter. Er hat den Auftrag, seine Gene zu streuen, so viele Kinder zu zeugen wie nur möglich. Darauf ist er gepolt. Er sieht eine Frau, er riecht die Geschlechtsreife, er möchte zur Sache kommen. Allerdings versucht nicht nur das sechste Gebot, sondern auch die höher entwickelte Natur ihn zu domestizieren. Das Oxytocin ist zum Beispiel so ein Domestizierungshormon.
Es ist natürlich die Frage, inwieweit Statistiken von Dating-Seiten über die gesamte Bevölkerung aussagekräftig sind, die Zahlen einer Münchner Studie sind jedenfalls interessant. Dabei wurden die Daten von 10.000 Benutzerinnen und Benutzern von Partner-Vermittlungsseiten im Internet ausgewertet.
Von den untersuchten Männern waren rund 40 Prozent auf Seiten unterwegs, die unverbindlichen Sex vermitteln. Von den untersuchten Frauen waren es nur rund 19 Prozent. Umgekehrt waren 60 Prozent männlicher Online-Dater auf Singlebörsen oder Partnervermittlungen unterwegs. Von den Frauen waren es 81 Prozent.
So simpel wie bei ihm ist die Sache bei ihr also nicht. Wenn sich die Frau mit einem Mann einlässt, und dabei kein Kondom verwendet wird, lässt sie sich von ihm verändern.
In der modernen Gesellschaft hat man von Einschränkungen genug. Seit Emanzipation und Pille schienen Frauen doch einen hohen Grad an Selbstbestimmung gewonnen zu haben.
Und jetzt das: Überleg dir, mit wem du ins Bett steigst. Ohne Kondom drohen nicht nur Krankheiten, sondern auch noch eine Umprogrammierung durch die männliche DNA.
Da die Umprogrammierung das Immunsystem betrifft, ist die Frau anfälliger für Viren oder Allergien. Vor allem die viel besprochenen Humanen Papillomviren, man kennt sie unter dem Kürzel HPV, übertragen sich mit höherer Chance.
Sex ist die intimste Kommunikation der Welt. Ist ein Mann sehr kommunikativ, früher hätte man gesagt: ein Hallodri, öffnet die Frau ihm durch die Immunanpassung nicht nur Tür und Tor für seine Spermien, sondern möglicherweise auch für die Viren, die er auf diesem Weg mitbringt. Die marschieren fröhlich pfeifend durch die offenen Pforten und beginnen dort ihr katastrophales Geschäft.
Dort, das ist in erster Linie der Muttermund. Denn genau dort fährt die weibliche Immunabwehr ihre Hürden herunter. Deshalb ist der Muttermund so anfällig für die HPV-Infektion, die letztlich zum Zervix-Karzinom, dem Gebärmutterhalskrebs, führt. Da man Hallodris auch heute noch nicht auf den ersten Blick erkennt, rät die Medizin dringend zu einem Kondom.
Das Sperma beinhaltet zwar sehr viele Abwehrstoffe, die auch die Frau schützen, aber nur wenn es gesund ist. Zu diesen Abwehrstoffen gehören nämlich auch die sogenannten Granulozyten, und die kommen in besonders hoher Konzentration vor. Es sind Fresszellen. Und genau das ist die Schattenseite. Sie können nämlich schon mit allen möglichen Viren im Bauch angetanzt kommen. Dass man sich beim Geschlechtsverkehr auch mit Hepatitis oder dem HIV anstecken kann, wissen wohl die meisten.
Besonders in der jungen Generation wird aber so ein erhobener Zeigefinger äußerst ambivalent aufgenommen. Die einen sind betroffen und nicken. Ja, das Gefühl, wählerischer sein zu wollen, hätten sie ohnehin schon die längste Zeit, jetzt habe es nur einen Namen bekommen.
Die anderen sind betroffen und schütteln den Kopf. Nein, jung wie sie sind, wären sie genau im richtigen Alter, um à la carte zu lieben. Dass sie sich dabei nicht die ultimative Vielfalt gönnen sollten, wäre nur das, was die alten Leute sagen. Was solle denn schon groß passieren?
Die Wissenschaft gibt die Antwort: Schläft eine Frau ständig mit neuen Partnern, bringt sie ihren Körper wahrscheinlich durcheinander.
Erstens muss er quasi im Akkord immer wieder neue Blaupausen herstellen. Er weiß nicht mehr, auf welche davon es jetzt ankommt, und ist desorientiert.
Zweitens nimmt man an, dass die Anpassung des Immunsystems auch eine Neurogenese im Gehirn auslöst. Es entstehen neue Nervenzellen, die nicht mehr wissen, wozu sie jetzt da sind.
Das trifft aber auch auf den männlichen Körper zu.
Beim Mann sind die Auswirkungen naturgemäß geringer. Er modelt sich lokal und immunologisch nicht um wie die Frau, allerdings baut auch er Neurone im Gehirn auf. Außerdem scheidet der männliche Organismus beim Geschlechtsverkehr einen Schwall an Vasopressin aus. Das Hormon sorgt dafür, dass er ab jetzt wie eine Hyäne auf das gemeinsame Territorium aufpasst.
Damit agiert er wie recht viele andere Männchen von so manchem Fisch über die Vögel bis zu den Säugetieren. In sein abgestecktes Revier, in dem das Weibchen brütet, darf keiner hinein. Solange die Brut da ist, macht das Vasopressin den Mann zum Verteidiger der Familie.
Natürlich gibt es auch den Fall, dass es gar nicht zur Familie kommt oder dass einer der Partner sich vom anderen trennt. Mit oder ohne Kinder. Die Scheidungsrate ist ja kein Geheimnis. Obwohl sie seit 2007 stetig abnimmt, gehen immer noch vierzig Prozent aller Paare auseinander, und es sind heute auch nicht alle Paare verheiratet.
Worauf ich hinaus will, ist der Scheidungs- und Liebeskummer. Dem kommt kaum jemand aus. Das ist ein Phantomschmerz unserer Gesellschaft. Über dem kann man nicht einfach die Augen verschließen. So einfach macht es uns der Holismus nicht.
Schuld am Herzschmerz sind ein paar an der Fortpflanzung beteiligte Hormone wie das Territoriumshormon Vasopressin oder das Bindungs- und Treuehormon Oxytocin. In diese Mittel hat der Organismus im Hinblick auf die Vermehrung ausgiebige Mengen investiert. Völlig unnötig, wie sich bei einer Trennung herausstellt. Der Partner ist weg. Über Nacht werden die Botenstoffe nicht mehr gebraucht, sie verschwinden, wie der geliebte Mensch verschwunden ist.
Den Entzug nennt man Liebeskummer.
Darüber hinaus werden die Neurone, die sich im Vertrauen auf die neue Zwei- und mögliche Dreisamkeit im Gehirn assoziiert haben, mitten in ihrer Begeisterung gestoppt. Wird ein Mensch vom Partner verlassen, unterbricht das die Aktivität dieser neuen Neuronen von außen. Für den Körper ist das eine Stresssituation, die das ganze Desaster mit dem Liebeskummer erst in Gang bringt. Tiefe Traurigkeit, schwere Depressionen, Burn-out, man kennt das ja.
Unterschätzen sollte man das nicht. Alles im Körper war auf Partnerschaft eingestellt, da ist es eigentlich nicht verwunderlich, wenn die Umstellung somatische, also tatsächlich körperliche Folgen hat. Liebeskummer belastet die Gesundheit, mitunter ein Leben lang. Im angelsächsischen Bereich ist das eine anerkannte Erkrankung, an der die Frauen statistisch gesehen mehr leiden als die Männer. Nicht weil sie romantischer oder bindungsfreudiger wären, wie man das landläufig oft so dahinsagt. Es hängt mit der immunologischen Anpassung zusammen, welcher der Mann nicht ausgesetzt ist. Die Blaupause war letztlich für nichts.
Zweiter Akt unseres Naturschauspiels: die Dauerbindung.
An der Handlung beteiligt: das Oxytocin, das Gehirn, das Stickmonoxid, das Herz.
Kurzinhalt: Der Geschlechtsakt bringt im Gehirn neue Neurone hervor, das Oxytocin regt das Herz an, sich zu regenerieren und sogar neues Muskelgewebe zu bilden.
Ohne das Oxytocin würde die Liebe nicht viel mehr Spaß machen, als sich am Schienbein zu kratzen. Es gebe keine Schmetterlinge, keine Zärtlichkeit, keine Treue. Kein Mensch hätte Vertrauen zum anderen. Jede Geburt wäre ein Desaster. Und jedes Baby würde als vergessenes Straßenkind aufwachsen. Das alles wegen des Fehlens eines einzigen Hormons.
Das ist natürlich ein bisschen übertrieben, aber nicht viel. So könnte die Welt durchaus aussehen, ohne dieses Oxytocin, das uns zu dem sozialen Wesen macht, das schon Platon in uns erkannt hat, obwohl er nie etwas von Hormonen gehört hatte.
Mittlerweile wissen wir so einiges über das Oxytocin. Es ist der Stoff, der so ziemlich bei allem mitspielt, was zwei Menschen brauchen, um einen dritten in ihr Leben treten zu lassen. Liebe. Vertrauen. Treue. Solidarität. Nachhaltigkeit. Kraft. Gesundheit. Und insbesondere ein starkes Herz.
Die Sexualität stellt all das bereit, indem sie beim Geschlechtsakt das Oxytocin hinausschleudert, das den Rest erledigt. Das sind schon so einige beachtliche Jobs, die die Natur einem einzigen Hormon zutraut. Schauen wir uns kurz seinen Lebenslauf an.
Das Oxytocin ist ein Hunderte Millionen Jahre altes Molekül. Entdeckt hat man es beim Caenorhabditis elegans, einem Fadenwurm. Der hat diesen Namen, weil er so elegant dahinschwänzelt. Der grazile Wurm musste einen ganzen Haufen Oxytocin-Experimente über sich ergehen lassen, weil er trotz seiner Winzigkeit von nicht einmal einem Millimeter Länge den Säugetieren in manchem ähnlich ist. Genauso wie beim Menschen dient Oxytocin auch bei diesem Fadenwurm dazu, die Fortpflanzung einzuleiten.
Erkennen und paaren. Bei den alten semitischen Völkern war das ein- und dasselbe. Ihr Synonym für die Paarung war das Erkennen. Adam erkannte Eva, und sie gebar den ersten Sohn. Es gehört zum Uraltwissen der Menschheit, dieses Erkennen. Wie richtig und wie poetisch. Ein weiteres Indiz dafür, dass der Geschlechtsakt mehr ist als nur Gerammel.
Freigesetzt wird dieses Oxytocin vom Hinterlappen der Hirnanhangdrüse, und dort hat es, neben vielen anderen, eine zum Erkennen passende Funktion. Sie befähigt den Menschen, Gesichter zu schärfen und sie sich zu merken. Bei den Säugetieren und dem Homo sapiens ist diese Fähigkeit weit ausgebaut.
Das Oxytocin hat auch zwei ganz andere Funktionen, die aber holistisch nicht vom Rest seiner Talente zu trennen sind. Es bewirkt, dass die Gebärmutter sich bei der Geburt zusammenzieht. Das sind die Wehen, die das Kind aus dem Bauch hinausdrücken. Daher kommt auch der Name des Oxytocins, der auf Altgriechisch gleichermaßen »Wehen bei der Geburt«, aber auch »schnelle Geburt« bedeuten kann. Außerdem ist es dafür verantwortlich, dass die Brustdrüse Milch absondert. Darüber hinaus hat es die Natur für Zärtlichkeit und Zuneigung verantwortlich gemacht. Vor der Geburt zu kuscheln hilft also, die Wehen einzuleiten. Beim Stillen zu kuscheln fördert den Milchfluss. Nach dem Orgasmus macht es die beiden Liebenden müde und bewirkt, dass sie nicht gleich getrennter Wege von hinnen spazieren.
Die Natur, so vorsichtig wie vorausschauend, hat sich da auf keine halben Sachen eingelassen. Sie hat nicht mit Vorhandenem herumprobiert. Sie entschied, dass das Hormon für seinen Auftrag gleich auch im Gehirn eigene Neurone, also Nervenzellen, herstellen soll, die die physische Grundlage für die Verbindung der beiden potentiellen Elternteile stellen. Sicher ist sicher. So wankelmütig der Mensch in seinen zwischengeschlechtlichen Beziehungen ist, braucht es einen Kitt, der nicht so leicht abgeht. Das Oxytocin wurde zum Bindungshormon.
Die Neurone, die es dazu bildet, verschränken die beiden Partner. Sie bekommen ein Naheverhältnis, sie fassen Zutrauen. Da steckt nichts Mystisches dahinter, sondern Neurogenese und wunderbarer Holismus.
Solidarität und Gesichtserkenntnis. Darauf hat sich die Schulmedizin konzentriert, um herauszufinden, wie genau das Oxytocin in die Neurogenese eingreift. Ein Mechanismus scheint dabei besonders wichtig zu sein: Im Gehirn wird normalerweise vieles blockiert, was der Regeneration dient.
Im ersten Moment hält man das für absurd. Regeneration zu verhindern, kann nicht im Sinn der Natur sein. Etwas weitergedacht, sind Hemmungen allerdings extrem wichtig. Ohne sie würden sich überall und wie wild neue Neurone bilden, und mit neuen Neuronen würden unweigerlich neue Bewusstseinsinhalte entstehen.
Auch nicht schlimm, könnten wir jetzt meinen, und wir hätten schon wieder zu kurz gedacht. Mit neuen Nervenzellen würde sich nämlich auch der Bewusstseinszustand dauernd ändern. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich gut vorstellen, wie einen das durchschütteln würde. Deswegen ist das Hirn auf diesem Gebiet stark eingeschränkt und kann sich nicht so hemmungslos erneuern wie ein Muskel, ein Knochen oder die Wirbelsäule nach einer Querschnittslähmung.
Neue Therapien versuchen, diese Hemmungen aufzuheben, falls aus welchem Grund auch immer eine Regeneration des Gehirns vonnöten ist. Zum Beispiel mit Oxytocin. Denn das Hormon ist in der Lage, die Bremsen zu lockern.
Oxytocin ist also ein Hemmungslöser, und das ist nicht nur im medizinischen Sinn zu verstehen. Oxytocin enthemmt generell. Im positiven Sinn, manchmal aber auch im negativen. Deswegen nannte es der Neuroökonom Paul Zak auch »Moralmolekül«.
Es gab da ein paar verblüffende Versuche, die weit über die Belange der Fortpflanzung hinausgehen.
In Zürich verabreichte der Verhaltensökonom Ernst Fehr mit dem Oxytocin-Experten Markus Heinrichs Testpersonen ein paar Spritzer des Hormons über ein Nasenspray. Es ging ihm darum, die Vertrauensseligkeit im Hinblick auf die Risikobereitschaft auszuloten. In einem vorgetäuschten Szenario mit einem ebenso vorgetäuschten Banker sollten die Probanden Geld in eine Transaktion investieren. Je nachdem, wie wagemutig sie waren, konnten sie entweder ihr Geld samt Profit zurückbekommen, oder der Banker behielt Kapital samt Gewinn ein. Fehr wollte wissen, inwieweit das Oxytocin das Vertrauen selbst zu Bankern erhöhte, die üblicherweise nicht als Heilige betrachtet werden.
Das Ergebnis lässt sich schon riechen: Die Testpersonen mit dem Oxytocin in der Nase riskierten größere Summen als die Placebo-Gruppe.
Interessant war, dass das Hormon ausschließlich auf das Vertrauen Einfluss nahm und nicht auf die Risikofreudigkeit. Bei derselben Transaktion mit einem herzlosen Computer investierten die Versuchspersonen nichts oder weniger. Das Oxytocin wirkt nur in der Interaktion mit einem Menschen, und sei es ein Banker.
Auch bei Mediationen wurde der Hormon-Spray eingesetzt, und mit einigem Erfolg. Denn während das Oxytocin das Vertrauen vergrößert, senkt es gleichzeitig den Spiegel des Stresshormons Cortisol. Mehr Verständnis, weniger Stress. Ideale Voraussetzungen, um einander wieder näherzukommen. Insbesondere, wenn aus zwei drei werden.
Der Dritte im Familienbund kommt derart unreif auf die Welt, dass die Bindung zwischen den Eltern existenziell ist. Das Baby braucht Nahrung, Schutz, Pflege, Zuneigung, Aufmerksamkeit, Förderung, Zärtlichkeit, und die Liste könnte noch ein paar Seiten weitergehen. Wir sind keine Pferde, die nach der Geburt schon aufstehen und herumlaufen.
Beim Homo sapiens dauert es, bis das Kind flügge ist. Dem Plan der Natur nach sollten beide Elternteile die gesamte Brutpflegezeit über für das Kind da sein. Offenbar ahnte die Natur, dass Mann und Frau nicht automatisch über so lange Zeit zusammenpassen würden, und steuert das Bindungshormon auch abseits des Sexualakts bei.
In Wahrheit beginnt es mit einem tiefen Blick. Der genügt als erste Kommunikation, und schon geht es los. Wenn sich Liebespaare in die Augen schauen, steigt der Oxytocin-Spiegel.
Dieser Mechanismus ist in der Natur derart zementiert, dass sich dasselbe sogar zwischen Mensch und Hund abspielt. Schauen Mensch und Hund einander tief in die Augen, setzt das in beiden Oxytocin frei, und irgendwann wird der eine für den anderen als Gefährte alternativlos.
Alles Schöne hat aber auch seine Schattenseiten. So hat etwa Carsten De Dreu die Frage aufgeworfen, ob das Oxytocin neben seiner Tätigkeit als »Moralhormon« nicht zugleich im Auftrag des Gegenteils der Moral unterwegs ist. Es hebt nämlich das Vertrauen und die Ergebenheit vor allem der eigenen Gruppe gegenüber. Das könnte umgekehrt zu einer ähnlichen Wirkung führen, die auch das Vasopressin hat. Zu einer Feindseligkeit gegen alle möglichen Eindringlinge. Fremdenhass und Neid könnten also auch mit dem Oxytocin assoziiert sein.
Am höchsten steigt der Oxytocinspiegel im Menschen trotzdem beim Geschlechtsverkehr. Lange Zeit war das nur eine Hypothese, weil die Ausschüttung in der Hitze des Liebesaktes schwer zu überprüfen ist. Auch danach bleibt nicht sonderlich viel Gelegenheit. Oxytocin hat nur eine kurze Halbwertszeit von drei Minuten. Will man messen, wie hoch der Spiegel gerade ist, muss man sich tummeln.
Wolfgang Knogler und meiner Gruppe ist es gelungen. Wir haben das Oxytocin an unserer Klinik an seinem Höchststand gemessen. Innerhalb von 180 Sekunden nach dem Orgasmus haben wir Blut abgenommen, es zentrifugiert und sofort tiefgefroren. Vor 15 Jahren ging das um die Welt.
So eine Dosis triggert dann im Körper eine wahre Kaskade der positiven Gefühle und gesunder Mechanismen. Der Geschlechtsverkehr kann sogar den Eisprung auslösen. Die Frau hat mit einem Mann einen Orgasmus und wird schwanger. Hört man immer wieder.
Was man weithin aber noch nicht gehört hat:
Das Oxytocin ist nicht nur in der Lage, neue Neurone zu bilden, sondern auch das Herz zu stärken, zu regenerieren und neues Muskelgewebe zu bauen. Das Hormon ist also auch eine Art Herzmittel.
In jüngster Zeit gab es schon Versuche, ein krankes Herz mit pharmazeutischer Anwendung von Oxytocin zu behandeln.
Überhaupt forscht die Medizin auf diesem Gebiet nach Kräften. Bevor etwas publiziert wird, wird schon das Patent angemeldet. Es ist verblüffend, wie viele Oxytocin-Patente es in der Kardiologie gibt.
Um dem Herzen unter die Arterien zu greifen, hat das Oxytocin noch einen eifrigen Helfer. Das Stickmonoxid, das die Blutgefäße erweitert. Es wird auch freigesetzt, um die Erektion auszulösen.
Kann der Körper es selbst nicht mehr herstellen, setzt die Medizin Nitroglycerin ein, das das Stickmonoxid im Körper abgibt.
So nebenbei ist der Forschung auf diesem Gebiet übrigens etwas Seltsames passiert. Ein Biochemiker war vor zwanzig Jahren auf der Suche nach einem Mittel, das mit einer Nitroverbindung die Blutgefäße erweitern könnte. Wenn die Gefäße auseinandergehen, so seine Überlegung, müsste sich gleichzeitig auch der Blutdruck senken lassen. Er behielt Recht. Tatsächlich sank der Blutdruck. Mit dem Wissen ging man in klinische Studien und wollte das Präparat schon anmelden, da kamen unerwartete Rückmeldungen von den Testpersonen. Männer, die das Mittel genommen hatten, bekamen zum niedrigeren Blutdruck eine Dauererektion. Das war die Geburtsstunde von Viagra.
Auch der Geschlechtsverkehr senkt den Blutdruck.
Dritter Akt: die Verjüngung.
Es ist ein Ein-Personen-Stück, sein Hauptdarsteller: das Spermidin.
Kurzinhalt: Um sich für die Reproduktion jung und fit zu halten, ist der Körper in der Lage, sich selbst ab und zu aufzuessen.
Nach dem Liebesakt schauen Menschen aus, als hätte sie die Natur gerade frisch gestrichen. In der Schwangerschaft wirken Frauen, als wären sie von innen her aufgestrahlt. Die Reproduktion ist besser als jeder Schönheitssalon.
Die schnöde äußerliche Schönheit ist dabei allerdings nicht die einzige Absicht der Natur gewesen. Schönheit ist ein Magnet, der den einen Partner für den anderen attraktiv macht, das schon. Aber das allein genügt der Natur nicht. So eitel ist sie nicht. Sie hat immer einen praktischen Grund für alles, was sie tut. Immer steckt ein tieferer Sinn dahinter. Immer eine holistische Gesamtsicht. Sie macht nichts nur für den Schein. Sie macht alles für das Sein.
Schönheit allein hat keinen richtigen Nutzen. Die Verjüngung schon. Um die Art zu erhalten, braucht es gesunde, junge, starke Lebewesen, das ist beim Homo sapiens nicht anders.
Nun hat der Mensch aber auch seine guten und schlechten Phasen, und ab einem gewissen Alter ist er zwar noch fähig, sich fortzupflanzen, aber nicht mehr ganz so gesund, ganz so jung und ganz so stark, wie es die Natur sich vorstellt. Also hilft sie nach. Ihr vorderster Komplize dabei ist ein ganz junger holistischer Mitkämpfer: das Spermidin.
Einmal ganz unmedizinisch porträtiert, ist das Spermidin eine Art Fitnesscoach der Geschlechtspartner. Ein Verjüngungs-Elixier. Ein automatischer Rundumerneuerer des menschlichen Organismus. Die Sprinkleranlage eines inneren Jungbrunnens.
Warum die Natur dieses körpereigene Wellnessstudio eingerichtet hat, ist leicht zu erahnen. Es dient wieder einmal dem Nachwuchs. Mann und Frau sollen so lang wie möglich nicht nur beisammen, sondern auch am Leben sein, wenn sie ein Kind zeugen, in die Welt setzen und aufziehen.
Vor allem dem weiblichen Organismus verlangt die Fortpflanzung viel ab. Das gesamte Organsystem ist beeinflusst, Herz, Stoffwechsel, Immunsystem. Und doch ist sie selbst nach mehreren Geburten oft fitter als der Mann. Unter anderem dank Spermidin.
Der Mann soll aus anderen Gründen kein Schwächling sein. Ihm hat die Natur die Rolle des Beschützers zugeteilt, da hatte sie keinen lahmen Gaul im Sinn. Sie füttert ihn mit Vasopressin, damit er die Familie verteidigt. Und auch ihn hält das Spermidin jung.
Als Fitnesstrainer ist das Spermidin kein Schinder. Es traktiert den Körper nicht, damit er sich abrackert. Spermidin arbeitet völlig selbständig. Es erledigt die ganze Arbeit ohne Hilfe, still und effektiv.
Spermidin hilft von innen heraus. Von ganz innen. Es hält die Zellen sauber und arbeitstüchtig. Es organisiert die innere Müllabfuhr, die alles abtransportiert, was alt, verbraucht, zu viel oder zu schlecht ist.
In Stockholm war das im Jahr 2016 den Nobelpreis für Medizin wert. Yoshinori Ohsumi, der das Phänomen entdeckt hatte, gab dieser Erscheinung den Namen Autophagozytose oder einfach Autophagie. Es ist die Fähigkeit des Körpers, sich ab und zu selbst aufzuessen. Genau das ist die Übersetzung von Autophagie. Sich selbst fressen. Und Autophagozytose bedeutet, seine eigenen Zellen zu fressen.
Was passiert nun, wenn der Körper seine kannibalischen Gelüste an sich selbst stillt? Vor allem: Warum hält so etwas fit?
Der Appetit beschränkt sich auf Dinge, die weg gehören, um Neues entstehen zu lassen. Ähnlich wie in der Industrie werden alte Bestandteile eingeschmolzen und daraus neue Bestandteile gemacht. Aus einem alten Auto wird zum Beispiel das Material für eine neue Kühlerhaube entnommen. In der Biochemie nennt sich das Homogenisieren. Der Vorgang ist höchst regenerativ.
Die Erneuerung wird von verschiedenen Substanzen aktiviert. Die eifrigste davon ist das Spermidin. Es knabbert das Unnötige weg, putzt den Kehricht zusammen und fegt die Zellen aus, bis aller Schrott draußen ist. Dann macht es aus dem Abfall etwas Neues. Es klingt wie Zauberei und passiert in unserem Inneren.
Eine zweite Möglichkeit zur Autophagie entsteht durch Kalorienrestriktion. Das Prinzip ist dasselbe. In dem Moment, in dem der Körper nichts zu essen hat, beginnt er, sich vor dem Hungertod zu schützen. Dazu frisst er alle alten Materialien auf, die er nicht mehr braucht, und wandelt sie zu Energie um, die er wiederum dafür verwendet, neue Materialien aufzubauen.
Spermidin und Fasten haben also dieselbe Aufgabe in Sachen Fitness. Spermidin ist angenehmer.
In der Forschung wurde diese Eigenschaft des Spermidins längst aufgenommen. Wenn es gelingt, Krebszellen durch Autophagozytose zu entfernen, wäre das die Krönung der Onkologie. Das Forscherteam um Guido Kroemer und Josef Penninger ist gerade dabei.
Schon vom Namen her wird es keine Überraschung sein, dass Spermidin vor allem in der Samenflüssigkeit vorkommt. Wobei das, wenn auch das größte, nicht das einzige Vorkommen im Körper ist. Es muss ja auch den weiblichen Körper fit halten. Außerhalb des Organismus findet es sich in relativ hoher Konzentration in gereiftem Käse, also zum Beispiel Parmesan, oder in Weizenkeimen.
Geballt versteckt sich Spermidin in einem Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen namens Natto, das gleich auch viel Vitamin K2 gegen die Verkalkung enthält. Delikatesse ist es keine. Man muss es schon wirklich ernst meinen mit der Zellräumung, sonst bringt man es nur schwer runter.
Wie das Oxytocin ist Spermidin ein Stoff, der seit Hunderten Millionen von Jahren in der Natur vorkommt und schon in der Pflanzenwelt seine Warmherzigkeit beweist. Bei einem Kälteeinbruch beginnt die Pflanze, Spermidin freizusetzen, um sich damit warmzuhalten. Spermidin ist also auch ein Frostschutzmittel.
Eine Gruppe Wissenschaftler an der Grazer Universität, die auf dem Gebiet der Alterung und des Zelltods forscht, ist in der Arbeit mit Spermidin weltweit federführend. Frank Madeo und sein Team haben seit dem Jahr 2009 diese den Alterungsprozess verlangsamende Wirkung an unterschiedlichen Tieren getestet. Seit 2016 wird auch schon an Menschen ausprobiert, ob sie Spermidin in hohen Dosen vertragen.
Den Schluss zu ziehen, dass der Geschlechtsverkehr Krankheiten heilt, ist selbst holistisch gesehen ein bisschen zu optimistisch. Als Therapie kann man ihn vielleicht nicht ans Herz legen, als präventiv und gesundheitsfördernd schon.
Das Schauspiel, dem wir als Publikum im eigenen Ich beigewohnt haben, hätte noch viele Akte. Über die menschliche Sexualität als bloßen akrobatischen Akt ist allerdings der Vorhang gefallen. Der Holismus hat sich tief vor uns verbeugt, ich applaudiere ihm gern.
Hoffentlich konnten wir ein bisschen wiedergutmachen, was Peter Sloterdijk von den Gynäkologen sagt:
»Die rennen mit Organbezeichnungen und Straßenschuhen durchs Fraueninnere wie Touristen von weither durch orientalische Etablissements, geblendet von ihren gebuchten Interessen.«
Die Sexualität, das begreift man immer mehr, ist ein Netz, das sich durch den gesamten Körper spannt. Sie ist ein evolutionäres Feuerwerk, das an vielen Stellen gleichzeitig gezündet wird und allerorten Funken schlägt.
Gleichzeitig wird Sexualität seit jeher immer wieder missverstanden und missverständlich an die Jugendlichen weitergegeben. In so gut wie allen Religionen, leider auch im Christentum, gibt es Tendenzen, dogmatisch eine einzige Form von Liebe zu propagieren und alles andere buchstäblich zu verteufeln. Und den Teufel will man ja beim besten Willen nicht im Bett haben. Die Rolle der Frau wurde und wird leider immer noch oft einseitig gesehen. Als unterworfene Gebärerin oder Lustobjekt. Das ist aus medizinischer, menschlicher und holistischer Sicht erschreckend, unmöglich, falsch. Und über Kondom-Verbote kann ich als Mediziner nur staunen.
Wie wir gesehen haben, braucht die Welt beide, Frau und Mann, um das Leben zu erhalten. Für beide hat die Natur auf teils unterschiedliche, teils gleiche Art gesorgt. Die Evolution hat alle Voraussetzungen geschaffen, dass Frau und Mann glücklich werden. In Peter Sloterdijks neuem Roman Das Schelling-Projekt versuchen vier Wissenschaftler nachzuweisen, dass der weibliche Orgasmus sogar das Ziel der Evolution gewesen ist. Nicht schlecht. Die Lust ist wichtig. Und das Glück ebenso.
Natürlich hat die Natur ganz offensichtlich auch dafür gesorgt, dass auch homosexuelle Beziehungen funktionieren, obwohl sie nicht der Vermehrung dienen. Die Evolution leistet sich und uns eben einen gewissen Luxus. Auch die heterosexuelle Liebe ist nicht allein auf Reproduktion ausgelegt, das wäre langweilig.
Allerdings schießt die Opposition gegen patriarchale Dogmen, für die sich der bösartige Begriff »Heteronormativität« eingebürgert hat, oft übers Ziel hinaus. Ich beziehe mich da auf das Buch Sexualpädagogik der Vielfalt von Elisabeth Tuider und Stefan Timmermanns aus dem Jahr 2008. Es entstand als Standardwerk der deutschen Gesellschaft für Sexualpädagogik, die sich als Fachverband zur Qualitätssicherung sexualpädagogischer Arbeit versteht. Das Buch musste schon einige Kritik einstecken, insbesondere seit seiner zweiten Auflage 2012. Es hatte es nämlich in vielen deutschen Bundesländern in den Schulunterricht geschafft, da es Anleitungen zu aufklärerischen Übungen für Schüler beinhaltet.
Dieses Buch macht es sich zur Aufgabe, Kinder ab zehn Jahren über Sexualität aufzuklären, und zwar über jede Form der Sexualität. Die Kinder sollen zu Toleranz gegenüber Homo-, Bi- und Transsexuellen erzogen werden. Allein schon dieses Vorhaben, das per se nicht schlecht ist, stößt natürlich schon auf aggressive Kritik der extremen Rechten.
Doch dieses Buch ist so extrem, dass es unter anderem vom Verein Zartbitter kritisiert wurde, der sich gegen Kindesmissbrauch einsetzt. Die Anleitungen führen dazu, dass die Kinder verwirrt werden, ihre Hemmungen verlieren und für Pädophile zu leichten Opfern werden. Und das unter dem Deckmantel der Erziehung zur Toleranz.
Ich fasse mich kurz. Den im Buch vorgeschlagenen Übungen zufolge sollen die Kinder über ihre Lieblingsstellungen reden. Sie sollen lernen, dass der Penis auch woanders hineingesteckt werden kann als in die Vagina. Sie sollen verschiedene Gegenstände, vom Ehering über die Bibel bis zu Sexspielzeug aller Art, für die Bewohner eines Hauses ersteigern, in dem alle Arten von Lebensgemeinschaften vertreten sind außer einem heterosexuellen Paar mit Kindern. Ein »Puff« soll erdacht werden, in dem alle gleichermaßen zufriedengestellt werden sollen, mit Gang Bang, Spermaschlucken und so fort. »Verbotene Sexpraktiken« sollen durchdacht werden, indem sich die Kinder in Außerirdische hineinversetzen, für die die Normen der Erde nicht gelten.
So etwas ist tatsächlich Beihilfe zum Kindesmissbrauch. Dass traditionell-religiöse Gegenstände wie die Bibel auf dieselbe Stufe wie ein Dildo gestellt werden, ist in dem Fall das geringste Problem. Wer das für Aufklärung hält, schießt über sein Ziel hinaus und legt eine übertriebene Toleranz an den Tag. Und das befeuert wiederum die erzkonservativen Gruppen unserer Gesellschaft, die alles verteufeln, was nicht ihren Vorstellungen entspricht.
Dabei ließe sich zum Beispiel die Homosexualität ohne weiteres als eine vollkommen akzeptable Normvariante erklären, ohne dass gleich im selben Atemzug von Bordellen die Rede ist, die Gewalt implizieren.
Und ich habe auch etwas dagegen, dass Kindern und Jugendlichen eine Sexualität vermittelt wird, die so an dem vorbeigeht, was die Evolution hervorgebracht hat. Wenn jemand unbedingt das nachmachen will, was er in Pornos sieht und dafür eine Partnerin oder einen Partner findet, der das freiwillig mitmacht, dann bitte. Aber deswegen muss das noch lange nicht zur Norm erhoben werden. Lust am Geschlechtsverkehr ist wichtig, aber die Lust ist nicht alles. Ausgerechnet Kinder müssen nicht mit allem verwirrt werden, was es auf der Welt gibt.
Es gibt so etwas wie die Verfassung der Evolution. Und diese Verfassung ist zu akzeptieren.
Bedenken wir das große holistische Konzept, das die Evolution um die Reproduktion des derzeit höchsten Säugers gespannt hat. Betrachten wir es mit allen Vernetzungen, die bis ins Gehirn und die Psyche hineinreichen. Dann wird einem mulmig, wenn die seit der Aufklärung umworbene ethische Selbstbestimmung des Menschen derart radikal aufgefasst wird. Wenn die Konzepte einer neuen Gesellschaft, in der alles erlaubt sein soll, was vielleicht Spaß machen könnte, die Vorgaben der Evolution ausblenden und im selben Atemzug von Menschenrechten, Fortschritt, Freiheit und Verfassung reden. So wie ich das sehe, sind Menschenrechte, Fortschritt und Freiheit schon in der Verfassung der Evolution gegeben.
So wie Genmanipulation als ethisch falsch und gefährlich angesehen wird, so ist auch das Rütteln an der Evolution gefährlich.
Man muss nicht zum Agenten der Sittlichkeit werden, wenn man angesichts der neuronalen Vernetzung im Koitus mehr sieht als nur eine Möglichkeit, 300 Kalorien zu verbrauchen und sein kurzfristiges Verlangen zu stillen.
Wir können die Fantasie der Jugendlichen wirklich anders anregen, als damit, sie einen Puff bauen zu lassen. Wir könnten ihnen die Sexualität einmal von einer völlig anderen Perspektive aus zeigen. Nämlich als einen enormen Akt zwischen zwei Menschen, bei dem im Gehirn ein Tsunami abgeht. Und die Geschlechtsorgane sind so etwas wie Vorposten des Gehirns.
Aufklärung ist nicht nur eine Darstellung von Penisgrößen und Vaginatiefen in allen Konstellationen.
Mir ist das ein Anliegen. Besonders im Hinblick auf das, womit ich als Arzt täglich in unserer Klinik zu tun habe. Dort begegnen wir den Opfern einer egozentrischen Sexualität, wie sie derzeit gang und gäbe ist. Vom Missbrauch ganz zu schweigen. Mädchen, die aufhören zu menstruieren. Die aufhören zu essen und anorektisch werden, um irgendeinem Ideal zu entsprechen.
Toleranz darf nicht zu etwas werden, das nicht mehr zu tolerieren ist.
Das Mächtigste auf der Welt soll die Liebe sein. Omnia vincit amor. Die Liebe besiegt alles. Behalten wir doch vor allem diesen einfachen Wahlspruch der Minnesänger im Herzen.
Die Ära der hormonellen Innenpolitik
Willkommen in einer der spannendsten Zeiten der Medizin. Wir befinden uns in der Welt des Holismus und betreten fast täglich Neuland. Die Forschung überrascht uns, die Zusammenhänge beeindrucken uns. Gängige Abläufe werden mit Aha-Effekten gespickt. Bekannte Stoffe zeigen sich von bisher völlig unbekannten Seiten. Es ist, als säßen wir in einem immer dichter werdenden Spinnennetz, in dem mit jeder Erkenntnis ein neuer Faden erscheint. Die Vernetzung lässt uns keine Pause beim Staunen.
Nehmen wir an, wir könnten am Stand der Dinge einmal kurz innehalten und zur Abwechslung nicht nach vorn, sondern zurückschauen. Zu den Anfängen. Gab es überhaupt einen Anfang? Wann hat sie begonnen, die Vernetzung des Menschen?
Wenn wir die Evolution nach dem entscheidenden Moment absuchen, stoßen wir auf eine große Geschichte, die sich Mutter Natur etwa vor 150 Millionen Jahren ausgedacht hat. Mit ihr ist der erste Tag einer neuen Zeit angebrochen. Es ist sozusagen die Guten-Morgen-Geschichte für die Spezies der Säuger. So sind sie entstanden, und als Prachtstück in dieser Reihe, als Krönung der Gattung, ist der Mensch aus ihr hervorgegangen.
Die Geschichte beginnt mit einer mutigen Eizelle, der ein Experiment gelang, das eine radikale Umgestaltung des weiblichen Körpers bewirkte. Ein Schmetterlingseffekt, da haben wir ihn wieder. Ein Schmetterlingseffekt von unermesslichem Ausmaß. Da muss ein Falter mit einer sagenhaften Flügelspannweite aufgeflattert sein.
Die mutige Eizelle lebte in einer Zeit, da die Fortpflanzung es nicht in die Top Ten der reizvollsten Freizeitbeschäftigungen geschafft hätte. Sex war nicht besonders aufregend. Genauer gesagt: Oft genug war es gar kein Sex, was vor Millionen von Jahren für Reproduktion sorgte.
Lebewesen haben sich vermehrt, wie sie alles andere auch gemacht haben. Fressen, kämpfen, flüchten, schlafen, fortpflanzen, was eben gerade anstand. Emotionslos, pragmatisch, gehorsam. Weil es in den Genen so eingetragen war. Irgendwie stand es so auf dem Stundenplan, damals in den evolutionär so umstürzlerischen Tagen der Kreidezeit.
Ursprünglich mussten nicht einmal zwei Organismen an diesem Nicht-Sex beteiligt sein. Das Weibchen produzierte ganz für sich ihre Eier und deponierte sie im Stillen. Irgendwo an einem geschützten Ort machte sie ein Häufchen aus ihnen, und das war’s. In manchen Fällen wurden sie von der Sonne bebrütet. In anderen vom Muttertier. Oder auch gar nicht.
Waren doch zwei Lebewesen zuständig, brauchten sie sich überhaupt nicht zu kennen. Sie mussten sich niemals begegnet sein, sie mussten einander nicht einmal gesehen haben, geschweige denn berührt. Viele Fischarten zum Beispiel halten für die Befruchtung nicht einmal inne, sie erledigen das heute noch im Vorbeigleiten. Das Weibchen setzt an irgendeiner Wasserpflanze ihren Laich ab. Darauf, wer das letzten Endes ist, der da des Weges daherschwimmt und seine Spermawolke darüber ablässt, kommt es ihr nicht so an.
Ähnlich ist es bei den Reptilien und allerlei Federvieh. Sympathie ist kein Kriterium bei der Vermehrung. Erst recht keine Leidenschaft. Wäre das heute auch bei den Säugern, wie ja letztlich der Homo sapiens einer ist, noch so, hätten wir eher einen Orgasmus, wenn uns jemand ein Hühnerauge entfernt. Irgendwas dürfte selbst der Natur dabei gefehlt haben. Vielleicht hatte sie auch nur zu viel Energie, möglicherweise sehnte sie sich nach ein bisschen Liebe. Oder ihr war fad, weil alles so gut im Laufen war, und sie wollte einfach nur herumprobieren. Jedenfalls beschloss sie, dass das so nicht weitergehen konnte.
Wenn die Fortpflanzung das zentrale Lebensziel war, könnte sie doch auch mit ein wenig mehr Verve betrieben werden. Sex könnte Spaß machen, das war nicht verwerflich. Im Gegenteil, ein Ansatz von Romantik sollte der Reproduktion dienlich sein. Mutter Natur brütete eine Zeitlang über dieser Idee, und irgendwie könnte genau dieses Brüten sie inspiriert haben. Denn heraus kam: Wir verlegen das Brüten einfach in den Körper.
Ab jetzt, dachte die Natur, wird in einer gemeinsamen, lustbringenden Aktion befruchtet, das nennen wir Koitus, und dann reift der Nachwuchs innen heran, im weiblichen Organismus, den nennen wir Eva.
Der Gedanke war revolutionär. Bisher waren es die Eier, die den Körper eines Lebewesens verließen, um außen ausgebrütet zu werden. Eine Indoor-Variante war reine Science Fiction. Junge, die im Körper der Mutter reiften und erst ans Tageslicht kamen, wenn sie einigermaßen fertig waren, das war genial. Gewagt, keine Frage, aber grandios.
Und es war machbar, da war sich die Natur sicher. Es gab ein paar Probleme zu lösen, das schon. Aber im Problemlösen war die Natur immer ein Ass. Sie setzte sich in die Abenddämmerung, kaute an einem Grashalm herum und dachte die Sache durch.
Genau da passierte etwas, das quasi den Startschuss zur Reproduktion im Inneren gab. Eine Eizelle ging ein Experiment ein.
Es war eine ausgesprochen mutige kleine Eizelle. Ein paar Viren, die damals schon überall vorhanden waren, hatten sie aufs Korn genommen und schlichen sich in sie ein. Normalerweise versucht der Wirt, solche Viren sofort zu deaktivieren. Feind, Gefahr, Zerstörung, das Gesetz des Überlebens.
Aber diese Eizelle tat nichts dergleichen. Sie rührte sich nicht, rief niemanden um Hilfe. Ließ keinen Piep zum Immunsystem vordringen. Sie entschied, die Viren in sich arbeiten zu lassen.
Was immer ihr dabei eingefallen ist, der Effekt war vorerst verheerend. Es entstand eine krebsartige Geschwulst, also von vornherein einmal nichts Gutes. Die Viren hatten freie Hand. Ungehindert bildete sich neues Gewebe, das wuchs und wuchs und war zunächst nicht zu stoppen. Irgendwann hielt es dann inne, und aus dem bösartigen Virusbefall ist der Mutterkuchen geworden.
Die Plazenta war entstanden. Ein Blutschwamm. Nichts Ansehnliches, aber in der Lage, mit sehr vielen Blutgefäßen in das weibliche Individuum hineinzuwachsen. Was sie auch tat.
Mit wenig Sauerstoff auszukommen, sich nicht von Nachbarzellen hemmen zu lassen und den Abwehrkräften des Wirtes zu trotzen, das haben der Mutterkuchen und der Krebs gemeinsam. Deshalb ist die Plazenta etwas wie ein Pseudo-Malignom, sie ist ein Pseudo-Krebs. Erst vor der Geburt stellt er sein Wachstum ein.
Die Viren, die damals am Werk waren, lassen sich nach wie vor identifizieren. Nach 150 Millionen Jahren. Wir können sie heute noch im Labor erkennen. Die Eizelle hat ihr Experiment überlebt und mithilfe der Viren etwas völlig Neues hervorgebracht.
Die Plazenta war der erste bescheidene Begleiter des Kindes, der in der Lage war, einen Kontakt zur Mutter herzustellen. Nicht außerhalb, irgendwo in einem Ei, sondern in einem weiblichen Körper, in Eva. Diese Eva war ein kleines Tierchen, das einer Maus ähnlichsah: die Eomaia scansoria.
Das war der Quantensprung in der Reproduktion. Mit einer fundamentaleren Leistung hat sich die Evolution weder vorher noch nachher in das Gästebuch der Natur eingraviert.
Getan war es damit natürlich noch nicht. Damit die Sache funktionieren konnte, musste einiges umgekrempelt werden. Notwendigerweise vor allem das Immunsystem, das total aus dem Häuschen war nach dieser epochalen Umwälzung. Viren, die nicht bekämpft wurden. So etwas hatte es noch nie gegeben. Eva hat einen Teil eines fremden Organismus in sich aufgenommen, der toleriert und weitergezüchtet werden musste. Das war immunologisch keine Kleinigkeit.
Auch das Herz konnte sich auf weit mehr Arbeit gefasst machen. Die Herzleistung hat sich tatsächlich fundamental geändert. Evas Herz musste auf einmal für zwei schlagen, für sich und das Kind in ihr. Da brauchte es ein komplett neues kardiovaskuläres System. Herz und Gefäßsystem der Frau sind deshalb anders als die des Mannes. Was für sie den Vorteil hat, dass sie in ihrer fruchtbaren Zeit kaum einen Herzinfarkt bekommt.
Ein anderer Vorteil für die Frau ist ein niedriger Cholesterinspiegel. Der entsteht, weil das Kind Cholesterin für die Zellmembran braucht, und Mutter ihm das ihre zur Verfügung stellt. Das hat den feinen Nebeneffekt, dass die Verkalkung im weiblichen Körper nicht so schnell voranschreitet.
Aber für diese Leistung braucht Eva auch zusätzliche Energie. Für neun Monate Schwangerschaft und drei Monate Stillzeit 140.000 Kalorien, um genau zu sein. So hat sich die Natur das ausgerechnet. Diese zusätzliche Reserve muss sie in ihrem Körper irgendwo speichern und deponiert Last vorsorglich in der Regio glutealis und der Regio femoris, wie man das im Medizinjargon nennt. Landläufig sagt man Oberschenkel und Po dazu. Das sind die weiblichen Fettdepots für die Reproduktion.
Interessant dabei ist, dass diese evolutionären Pölsterchen auch ein sichtbares Signal für das andere Geschlecht sind, daran ändert auch die Mode unseres so androgynen Schönheitsideals nichts. Wenn sich die Kurven einer jungen Frau in der Pubertät ausgeformt haben und sie dem Mann damit ihre Geschlechtsreife deutlich macht, ist er instinktiv empfänglich. Es ist eine Art Ich-Tarzan-du-Jane-Code.
Nach und nach wurde Evas Organismus zu dem holistisch perfekten Körper, den es für die Fortpflanzung braucht. Mit einem neu aufgesetzten Stoffwechsel, einem verbesserten Blutgerinnungssystem, einem neu vernetzten Gehirn – wir werden dem noch im Detail begegnen. Natürlich designte die Natur auch den männlichen Körper um, allerdings nicht ganz so bahnbrechend. Immerhin ist die tragende Rolle der Reproduktion die weibliche.
Es war ein großes Experiment, das die Natur da mithilfe der kleinen Eizelle anstellte. Überraschend gelang es. Wer in dieser Geschichte gern unter den Tisch fallen gelassen wird, sind die Viren. Ohne ihren Beitrag in der mutigen Eizelle wäre aus dem ehrgeizigen Plan nie was geworden. Ohne sie wäre die hormonelle Ära der Innenpolitik überhaupt nicht angebrochen. Sie sind nicht nur Handlanger der Evolution, sie sind Mitverschwörer des Holismus.
Ich finde, es ist an der Zeit für eine Ehrenrettung der Viren.
Wer oder was sind diese Partikelchen eigentlich? Unter den Begriff »Lebewesen« lassen sie sich nicht ganz einordnen, weil sie selbständig nicht zur Fortpflanzung fähig sind und auch keinen eigenen Stoffwechsel haben. In beiden Belangen sind sie auf ihre Wirtszellen angewiesen. Sie können sich nur intrazellulär, also bloß innerhalb der Wirtszelle vermehren.
Würde man eine Straßenumfrage starten, würden die meisten Menschen sie als Auslöser von Erkrankungen deklarieren, die sie tatsächlich auch sind. Aber nicht nur.
In Wahrheit sind Viren weder Freund noch Feind. Sie lösen nicht ausschließlich Krankheiten aus, sie sind aber natürlich auch keineswegs harmlos, weil sie für Unmengen von verschiedenen Krankheiten verantwortlich sind.
Bei so einem Ruf geht natürlich leicht unter, was die Viren für die Gesundheit, die Evolution und allerlei biologische Reaktionen tun. Geflissentlich wird dabei vergessen, dass acht Prozent des menschlichen Erbguts viralen Ursprungs sind.
Tatsächlich haben Viren in vieler Hinsicht etwas sehr Nützliches an sich. Grundsätzlich wünscht sich niemand eine chronische Virusinfektion, und doch hat der Körper auch was davon. Sie ist ein hervorragender Drill-Sergeant fürs Immunsystem. Eine Art Bootcamp für dendritische Zellen. Die Wissenschaft vermutet, dass die harmlosen Viren unsere körpereigene Abwehr auf die gravierenderen Infektionen vorbereiten.
In ruhigen Zeiten, wenn sich im Körper einmal keine Katastrophe anbahnt, die das Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzt, wird den Abwehrzellen mitunter langweilig. Ohne Herausforderung wächst der Übermut, und die ansonsten so disziplinierte immunologische Security im Organismus glaubt, Feinde zu sehen, wo gar keine sind. Im Überschwang greifen die fadisierten Truppen dann sogar körpereigene Zellen an. Auch vor solchen Autoimmunreaktionen bewahren uns die Viren, indem sie das Immunsystem zur Ordnung rufen.
Ganz klar leisten Viren nützliche Dienste an Neugeborenen. Eingeschleust über die Mutter verabreichen sie dem Säugling eine erste Impfung, die es auf andere Virusinfektionen vorbereitet, auch davon werden wir noch mehr hören. Die bakterienfressenden Viren, die sogenannten Bakteriophagen, kontrollieren dann in weiterer Folge auch die Balance unter den Bakterien.
Einige Viren schützen selbst vor pathogenen Viren. Eines davon ist das Pegivirus C, das offenbar die Konsequenzen einer HIV-Infektion mildert.
Günstig könnte auch die Vorliebe der Viren für Zellen sein, die sich schnell teilen. Damit könnte Großes anzufangen sein. Vielleicht helfen sie dem Immunsystem ja dabei, Krebszellen zu beseitigen. Anzeichen dafür gibt es. Nach Virusinfektionen kommt es immerhin gelegentlich zu Spontanheilungen oder zumindest entscheidenden Verbesserungen bei Krebs.
Viren sind also weit nützlicher, als man ihnen zugesteht.
Bei den großen Sprüngen des höheren Lebens haben sie fraglos eine große Bedeutung. Zwischen Mensch und Virus gibt es demnach so etwas wie eine Ko-Evolution. Ihr Beitrag zur Bildung der Plazenta ist ein Teil davon. In dem Fall waren die Viren eine derartige Bereicherung für ihren Wirt, dass eine ganz neue Art entstanden ist: die Säugetiere und mit ihnen der Mensch.
Dass Viren die Immunsituation des Wirtes verändern und ihn somit in der Evolution derart nach vorne katapultieren können, ist dennoch eine sehr neue holistische Interpretation. Befeuert wird sie durch die Entdeckung der Genscheren.
Es war keine Erkenntnis, die über Nacht in die Welt der Wissenschaft einbrach. Das tun Forschungsergebnisse nie, schon die eigentliche Arbeit in der Abgeschiedenheit eines Labors ist langwierig und aufwendig. Die Wissenschaft ist nicht immer von eiligem Charakter. Auch wenn sie im generellen Fortschritt in gewaltigen Stiefeln und mit Riesenschritten unterwegs ist, lässt sich die Natur ihre Geheimnisse im Einzelnen nur unter Ächzen abringen. Sind alle Studien fertig, die Statistiken ausgewertet, der Artikel geschrieben, geht noch etliche Zeit drauf, bis die Welt die Neuigkeiten erfährt. Die großen Wissenschaftsmagazine wie Science oder Nature, in denen nur Themen veröffentlicht werden, die durchbruchverdächtig sind, haben lange Begutachtungszeiten. Allein bis einmal feststeht, ob es sich um einen solchen Durchbruch handeln könnte, dauert es mindestens ein Jahr. Ich walze das deshalb ein bisschen aus, weil es im Falle der Genscheren eine Rolle spielt.
Die Vorgeschichte beginnt vor zwanzig Jahren. Um die nicht ganz unkomplizierte Materie zu verstehen, unternehmen wir einer Art Science-Hopping durch die Forschungsgeschichte.
Erste Station: die Universität Alicante. Als ein gewisser Francisco Mojica dort seine Doktorarbeit schrieb, beschäftigte er sich mit einem Archaebakterium aus den Salzmarschen der spanischen Costa Blanca. Beim Untersuchen des Erbguts der Mikrobe fiel ihm etwas Seltsames auf. Mehrere Sequenzen in der Länge von 30 sogenannten Buchstaben wiederholten sich immer wieder in Abständen von jeweils etwa 36 Buchstaben.
Langmütig, wie die Wissenschaft eben ist, ließ sie erst Jahre später erkennen, was das zu bedeuten hatte. In DNA-Banken fand Mojica, dass diese Wiederholungen etwas mit der Erbgut-Sequenz eines Virus zu tun haben, das Bakterien befällt. Wenn das Bakterium die Virus-DNA speichert, wird es gegen das Virus immun.
Machen wir es kurz: Mojica war auf eine Art Immunsystem der Bakterien gestoßen.
Vor zehn Jahren kämpften dann die Franzosen Philippe Horvath und Rodolphe Barrangou für ein Unternehmen, das Milchprodukte erzeugte, mit dem Problem häufiger Virusinfektionen in den Milchsäurebakterien. Dabei stießen die Biowissenschaftler auf ähnliche Buchstabenwiederholungen wie Mojica.
Der Stand der Dinge damals war: Wenn das im Wirtsgenom gespeicherte Virus abgelesen wird, löst das einen Selbstschutzmechanismus aus. Das Viruspartikel wird zerstört, wenn es wiederkommt. Und zwar mit einer Schere.
Wie das geht, konnten dann Luciano Marraffini und Erik Sontheimer erklären. Das Ganze ähnelt den Ermittlungen in einem Kriminalfall.
Ein Bakterium wird von einem Virus angegriffen. Wenn es den überlebt, baut es ein Stück vom Erbgut des Virus zwischen zwei Wiederholungen ein. Quasi als Fahndungsfoto. Taucht das gleiche Virus wieder auf, lenkt die Sequenz, die das Fahndungsfoto enthält, die Schere zu seiner Erbinformation. Die Schere schnappt zu, und um das Virus ist es geschehen.
Diese Schere bezeichnet man als CRISPR/Cas. Die Abkürzung CRISPR steht für Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats, was so viel wie »regelmäßige Wiederholungen« bedeutet. Und die Abkürzung Cas wenig fantasievoll für CRISPR-associated.
Von hier führt uns unser Wissenschafts-Hopping nun annähernd gleichzeitig nach Wien, nach Berkeley, nach Litauen und nach Massachusetts. Überall dort fanden Forscherinnen und Forscher heraus, wie dieser Mechanismus gezielt angewendet werden kann, um Erbgut zu verändern.
Emmanuelle Charpentier von der Wiener Uni und Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley haben gezeigt, wie mit den CRISPR/Cas-Scheren auch Bakterien-DNA zerschnitten werden kann. Die beiden hatten ihre Kräfte vereint und beeindruckten die Redaktion des Magazins Science. Die Begutachtung, ob der Artikel für eine Veröffentlichung infrage käme, wurde beschleunigt. Die Antwort war ein Ja. Damit konnten sich die Verfasserinnen schon einmal auf weltweiten Ruhm einstellen. Charpentier und Doudna werden am 17. August 2012 vermutlich einen sauteuren Champagner entkorkt haben. An dem Tag publizierte Science ihren Artikel.
Ich gebe das auch deshalb so genau wieder, weil der Erfolg immer viele Eltern hat, aber nicht alle zu denselben Ehren kommen. Im Falle der Genscheren blieb der Biochemiker Virginijus Šikšnys über, obwohl er an der Universität in Vilnius mit einem internationalen Team zu denselben Schlüssen gekommen war. Allerdings war über seine Leistung erst einige Tage später zu lesen. Zu dem Zeitpunkt wurden Charpentier und Doudna bereits als die neuen Stars am Himmel der Wissenschaft gefeiert. Aber ganz leer ausgegangen ist Virginijus Šikšnys auch nicht. Fünf Patentanmeldungen gehen auf sein Konto.
Über das wichtige Patent zur Anwendung der CRISPR/Cas-Scheren tobt zurzeit ein ziemlicher Streit. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology hat die Methode nämlich verfeinert und auch für menschliches Erbgut anwendbar gemacht. Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna konnten nur an Bakterien herumschneiden. So hat Feng Zhang das Patent für die Anwendung von CRISPR/Cas am Menschen, während Charpentier und Doudna nur das weniger lukrative Patent für die Anwendung an Bakterien besitzen.
Und woher kommt diese Schere ursprünglich? Vom Virus.
Alle diese Forschungsergebnisse zeigen also, dass die Viren in der ganzheitlichen Betrachtung der Dinge ihren Platz erobert haben, und zwar nicht in ihrer Funktion als ewige Krankheitserreger. Sie können mehr und stehen mit Bakterien und Säugetierzellen in einer noch nicht ganz klaren Kooperation.
Stellt sich die Frage, ob nicht auch in den biologischen Systemen, ähnlich wie Anton Zeilinger es für die physikalischen vermutet, eine Information über eine Balance des Lebendigen steckt. Die Überlegung liegt nahe. Denn auch die Viren haben seither nicht untätig zugesehen, wie sie von Bakterien zerschnitten werden. Sie konnten in der Zwischenzeit eine Überlebensstrategie entwickeln, die sie vor der Zerstückelung schützt.
Es ist ein riesengroßes Puzzle, und die einzelnen Steinchen werden am ganzen Erdball darauf abgeklopft, ob sie ins Große und Ganze passen. Mit jedem Steinchen werden die Verbindungen, die die Natur hergestellt hat, immer logischer. Die Evolution bekommt zusehends etwas Nachvollziehbares. Dabei an ein beliebiges Roulette zu glauben, geht fast nicht mehr.
Kann wirklich alles einem Zufallsgenerator überlassen gewesen sein? Oder steht ein wunderbares holistisches Prinzip dahinter, dem wir in der Forschung nachjagen?
Das Weiterleben in den anderen
Näher als Mutter und Kind in der Schwangerschaft können sich zwei Menschen nicht sein. Ein Körper im anderen, nicht bloß zu einem Teil wie Mann und Frau in der Vereinigung beim Liebesakt, sondern zur Gänze. Das Kind wohnt in der Mutter, neun Monate lang. Näher geht es nicht.
Das Haus der Mutter ist für beide da, aber der Embryo hat eine separate Wohnung. Anders wäre so eine WG nicht möglich. Die Organismen müssen in ihren Blutkreisläufen komplett voneinander getrennt sein, dafür sorgt die Plazenta. Aus ihr bekommt das Kind über die Nabelschnur geliefert, was es braucht. Ansonsten verhindert diese Schranke jeden Zellaustausch, den die Immunsysteme auch nicht tolerieren würden. So haben wir das in Biologie gelernt, so glaubte es lange Zeit die Medizin.
Jetzt weiß man: Die Plazenta schottet nicht bedingungslos ab. Sie lässt Stammzellen durch. Und die bleiben im Körper der Mutter. Auch nach der Geburt.
Umgekehrt bleiben mütterliche Zellen auch im Organismus des Kindes erhalten, die es dann sein Leben lang begleiten. Der Austausch funktioniert demnach bidirektional. Mutter und Kind stehen einander also noch näher, als wir angenommen haben. Es verbindet sie etwas hochgradig Holistisches.
Mikrochimärismus nennen wir dieses Phänomen. Unwillkürlich zucken einem da die Chimären der griechischen Mythologie durch den Kopf, die Mischwesen aus Homers Ilias, die den Kopf eines Löwen, den Rumpf einer Ziege und das Hinterteil eines Drachen haben. An Mutter und Kind will man bei so einem Geschöpf nur ungern denken, aber auf der Mikroebene der Zellen ist der Begriff nicht verkehrt.
Mutter und Kind sind nicht nur Mutter und Kind. Wir alle sind Mamakinder im wissenschaftlich hehrsten Sinn. Wir leben ineinander weiter. Wir sind miteinander verschränkt.
Ich habe die Anfänge der Erforschung des Mikrochimärismus mit Spannung verfolgt. Es war ein weltweites Aha-Erlebnis, das Mitte der neunziger Jahre einer Entdeckung in Seattle folgte: Im Blut einer Laborassistentin fand sich DNA ihres einjährigen Sohnes. Dabei sind es nicht nur ein paar Irrläufer, die sich in einen anderen Organismus verstolpern. Während der Schwangerschaft wird eine Fülle fetalen Erbguts in den Kreislauf der Mutter eingeschleust. Das hat eine Reihe positiver und natürlich wieder einmal auch etliche negative Auswirkungen.
Ein Vordenker auf diesem Gebiet ist Wolfgang Holzgreve, ein berühmter Gynäkologe aus Basel und Freund von mir. Er forscht, inwieweit dieser Zellenaustausch für die pränatale Diagnostik zu nutzen ist. Außerdem untersucht er die Auswirkungen dieses Zellentauschs.
In der Forschung ist es gar nicht so leicht gewesen, diese körperfremden Zellen zu finden. Was dabei hilft, ist die Tatsache, dass die kindlichen Zellen viel jünger sind als die der Mutter. Ganz abgesehen davon, dass sie natürlich auch das Erbgut des Vaters beinhalten.
Die Verbundenheit zwischen Mutter und Kind geht aber noch viel weiter.
Wird die Frau nämlich noch einmal schwanger, bekommt sie auch die Zellen des zweiten Kindes. Und weil der muntere Zellverkehr in beide Richtungen fließt, wandern die Mutterzellen vice versa auch in den Organismus ihres zweiten Kindes.
Selbst damit ist das muntere Zellentauschen nicht vorbei.
Das Ganze wiederholt sich nicht nur bei jeder Schwangerschaft. Die fetalen Zellen des erstgeborenen Kindes gehen über die Mutter auch auf die jüngeren Geschwister über. Der Zweitgeborene bekommt die Mamazellen und die des Erstgeborenen. Das dritte Kind bekommt die mütterlichen Zellen und die der beiden vor ihm geborenen Geschwister.
Da werden Stammzellen von mehreren Organismen weitergegeben, und das jeweilige Immunsystem findet das, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, ganz in Ordnung.
Es gibt also nicht nur eine Blutlinie, es gibt auch so etwas wie eine Zellengemeinschaft. Zwischen Müttern und ihren Kindern und von den älteren Geschwistern bis hin zum Nesthäkchen. Die Mutter und das letzte Kind in der Reihe sind quasi Mischwesen aus allen. Der Erstgeborene hat nur Mamas Zellen, gibt aber die seinen an alle weiter, die nach ihm geboren werden.
Das zementiert in gewisser Weise die herausragende Rolle, die den Erstgeborenen in alten Kulturen oder auch im Adel zukommt. Sie sind die Stammhalter und die ersten in der Erbfolge. Die Bedeutung der Erstgeborenen hat also einen mystischen Hintergrund, der mit dem Mikrochimärismus eine naturwissenschaftliche Erklärung bekommt. Allerdings ist so gesehen auch das letztgeborene Kind herausragend.
Es handelt sich um eine Entdeckung der letzten Jahrzehnte. Und holistisch weitergedacht ist es nur logisch, dass sich diese mikrochimärische Zellengemeinschaft über viele Generationen zieht. Eine Mutter hat ja auch eine Mutter.
Darüber könnte man viel diskutieren, auch über die Meinung der katholischen Kirche, dass die Ehe auch in Zeiten der endemischen Scheidungen etwas Besonderes wäre, und zwar aus biologischer Sicht.
Ich erinnere mich an den ersten Gynäkologen-Kongress im Campo Santo Teutonico direkt im Vatikan vor ein paar Jahren. Am Ende stieß Erzbischof Georg Gänswein für eine Stunde zu uns und erkundigte sich nach den Fortschritten auf unserem Gebiet. Zuletzt, sagte er, gäbe er uns Geburtshelfern gern noch eine Botschaft mit. Sie lautete: »Die Elternschaft ist heilig.«
Das Verfahren, mit dem man die mütterliche und kindliche DNA auseinanderhält, haben sich die Amerikaner patentieren lassen. Es ist ein Panorama-Test, der mittlerweile Routine ist. Früher war die Pränatal-Diagnose auf die Fruchtblasenanalyse beschränkt, die immer ein bisschen heikel war. Wenn man wissen wollte, ob das Kind ein Risiko auf Trisomie 21 hat, stachen die Ärzte mit beeindruckenden Nadeln durch den Bauch der Mutter in die Fruchtblase und entnahmen etwas Fruchtwasser.
Das ist jetzt zumeist hinfällig. Der Frauenarzt nimmt der Mutter Blut ab und schickt es in die USA in eines der Zentren, die das Patent für die Analyse haben. Runde 400 Euro kostet die Gewissheit. Einfacher, billiger, aber nicht ganz so präzise lässt sich Trisomie 21 freilich auch mit der Nackenfaltenmessung beim Ultraschall erkennen. Zwischen der 11. und der 14. Schwangerschaftswoche ist das bei uns eine Standarduntersuchung.
Ganz abgeschafft ist die Fruchtblasenanalyse allerdings noch nicht. Hatte sich bei einem Kind der Verdacht auf Down-Syndrom bestätigt, und die Mutter deshalb die Schwangerschaft abgebrochen, trägt sie das entsprechende Zellgut trotzdem noch in sich. Bei einer zweiten Schwangerschaft könnte es bei der DNA-Analyse dann durchaus zu einer falschen Diagnose kommen. Denn es ist derzeit nur prinzipiell nachzuweisen, dass kindliche DNA-Stücke vorhanden sind. Von welchem Kind sie stammen, ist nicht zu unterscheiden. Selbst wenn das zweite Kind völlig gesund ist, könnte die Untersuchung das Gegenteil ergeben.
Es ist eben noch ein völlig neues Wissensgebiet.
Die Anzahl der Zellen, die Mutter und Kind gegenseitig austauschen, steigt mit fortschreitender Schwangerschaft an. Aber es geht schon ziemlich von Anfang an los. Auch bei einer Fehlgeburt geht das Kind also nicht völlig verloren. Es kommt nie auf die Welt, aber es lebt weiter. Nicht nur im Gedächtnis und im Herzen der Mutter, sondern auch in ihrem Körper. Da ließe sich durchaus weiter philosophieren.
Die medizinischen Auswirkungen sind nicht weniger atemberaubend als der Mikrochimärismus an sich. Sie kann so einiges, die fetale DNA. Da es sich um Stammzellen handelt, bei denen ja nicht feststeht, was aus ihnen wird, haben sie quasi alle Möglichkeiten. Sie können sich zu allen erdenklichen Zellen umwandeln, die dann von einer grandiosen Regenerationsfähigkeit sind. Das Kind kann viel für die Mutter tun. Es kann sie von innen heilen.
Nehmen wir an, eine vierzigjährige Mutter hat neun Monate lang embryonale Stammzellen bezogen. Ob nötig oder gewünscht, sie bringt das Baby per Kaiserschnitt zur Welt. Wäre sie auf ihr eigenes vier Jahrzehnte altes Zellmaterial angewiesen, bräuchte sie die eine oder andere Woche, um sich von dem Eingriff zu erholen. Die Zeit hat sie aber nicht. Das Baby braucht sie, und sie braucht ihre Kraft für das Baby und nicht, um in aller Ruhe von einer Operation zu genesen.
Die fetalen Stammzellen fackeln nicht weiter herum und machen sich an die Arbeit. Sie sind jünger, potenter und schneller als der Heilungstrupp der Mutter, der ihnen gern den Vortritt lässt. Die Wunde, durch die das Kind in die Welt geschlüpft ist, ist in Nullkommanix verheilt. Gut, sagen wir lieber einfach schnell. Schaut man sich in einer Geburtenstation um, sitzen die Frauen, denen in der Früh der Bauch aufgeschnitten wurde, am Abend am Bett, als wäre fast nichts gewesen. Das geht nach keiner einzigen anderen Operation so.
Noch dazu sind die Frauen nach der Geburt, egal auf welche Art sie stattgefunden hat, von einer ganz besonderen Schönheit. Auch das verdanken sie zum Teil den Stammzellen ihres Babys und deren Regenerationskraft.
Nicht zuletzt ist das wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum Frauen länger leben. Viele Schwangerschaften, so möchte man glauben, müssen den weiblichen Körper doch irgendwann kaputt machen. Was für eine Anstrengung das jedes Mal für den gesamten Organismus ist. Welche Torturen eine Frau da aushalten muss und das samt Stillzeit, oft über mehr als ein Jahr. Ganz im Gegenteil. Viele Schwangerschaften sind fast wie ein Lebenselixier. Wenn alles gut geht und die Frau nicht von irgendetwas traumatisiert ist, wirkt sie wie verjüngt.
Die Frau ist für die Evolution eben weit wichtiger als der Mann.
Die Forschung arbeitet zurzeit daran, die jungen Stammzellen im Labor zu züchten, womit sie dann allen zugutekämen. Vätern und Männern, die keine sind, Frauen, die keine Kinder wollen oder bekommen können, und vor allem älteren Menschen.
Ein Wunder?
Die Medizin kennt die genialen Täter. Es sind nicht nur die Stammzellen. Es gibt etwa auch einen Stoff, der als Fibroblast-Wachstumsfaktor-21 bezeichnet wird. Von dem gibt es im Embryo viel mehr als in einem alten Organismus. Es wird heftig daran gearbeitet, den Wachstumsfaktor künstlich herzustellen.
Was wiederum im Körper eines älteren Menschen in höherer Konzentration auftritt, ist das für die Kontrolle der Zellteilung zuständige Protein Cdc42. Die Abkürzung steht für Cell division control. Ist dieses Protein zu aktiv, führt das dazu, dass es in seinem Arbeitseifer eine ziemliche Unordnung hinterlässt. Es lässt seine epigenetischen Sachen gleichsam auf der DNA herumliegen, und die Kuriere des Körpers wissen nicht mehr, wann sie welche Informationen ablesen sollen. Dieses Chaos beschleunigt den Alterungsprozess. Hartmut Geiger vom Universitätsklinikum Ulm ist es 2015 gelungen, das Cdc42 bei Mäusen einzudämmen. So wurde nicht nur der Alterungsprozess verlangsamt, sondern bis zu einem gewissen Grad sogar rückgängig gemacht. Ein wahrer Durchbruch.
Zurück zur Mutter. Die aus dem Fetus eingeschleusten Zellen sind persistierend, also ziemlich lang am Leben. Als Stammzellen bauen sie so einiges auf, unter anderem stärken sie das Herz. Da gibt es wunderschöne Bilder davon, die zeigen, wie die kindlichen Zellen sich in die Muskulatur des mütterlichen Herzens einfügen.
Eines der schönsten Phänomene am Mikrochimärismus unter dem Mikroskop ist das Schauspiel, das die Natur veranstaltet, wenn eine Frau einen Buben zur Welt gebracht hat. Seine Stammzellen leuchten im bildgebenden Verfahren richtig heraus. Man darf mich da wörtlich nehmen. Buben bringen das Herz der Mutter zum Leuchten.
Es ist eine histochemische Technik, mit der man einen fluoreszierenden Farbstoff in die Chromomen einbauen kann. Gibt man ihn auf das Y-Chromosom, sieht man es unterm Mikroskop strahlen. Eine Freude, das zu beobachten. Auch Mädchen liegen der Mutter am Herzen, das ist klar. Nur findet man die Zellen der Töchter nicht ganz so leicht, weil sie ebenso wie diejenigen der Mutter zwei X-Chromosomen haben.
Von den Effekten wieder zum Effektiven. Der Mikrochimärismus löste auch ein Rätsel, das die Medizin lange nicht knacken konnte.
Warum bekommt eine Frau, die viele Schwangerschaften hinter sich hat, keinen Brustkrebs? Und warum sind Klosterfrauen, die nie ein Kind austragen, geradezu prädestiniert für das Mamma-Karzinom?
Nun wissen wir: Unter dem Einfluss der Hormone veranstalten die kindlichen Stammzellen in der Schwangerschaft ein Wettschwimmen zur Brust der Mutter, ein Brust-Schwimmen sozusagen. Dort angekommen, haben sie gleich zwei Aufträge.
In der Spätschwangerschaft schwirren sie ein, um alles auf das Stillen vorzubereiten. Zu dem Zeitpunkt ist auch das Prolactin, das Hormon, das für den Milcheinschuss verantwortlich ist, auf einem Höchststand. Das bedeutet für die jungen Stürmer aus dem Blut des Embryos, sich zügig in Milch produzierende Zellen umzuwandeln.
Während der Geburt kommt noch eine Menge Oxytocin dazu, sodass die Mama sofort stillen kann, wenn das Kindlein das Licht der Welt erblickt.
In holistischer Voraussicht kann sich die Mutter also vom Kind Stammzellen holen, die garantieren, dass auf jeden Fall genug Milch da ist.
Zweiter Auftrag: Die kindlichen Zellen dürfen Polizisten spielen. Sie sind jung und passen auf, dass keine Mutation entsteht. Sie sollen einen allfälligen Krebs verhindern.
Da ist er, einer der Gründe, warum Mütter, die viele Kinder geboren haben, hoch signifikant weniger Mamma-Karzinome haben als kinderlose Frauen. Nicht zuletzt steigt heute die Brustkrebsrate auch deshalb so an, weil die meisten Frauen nur ein oder überhaupt kein Kind haben.
Es gibt eine Landkarte des weiblichen Körpers, die zeigt, an welchen Organen die jungen Zellen bevorzugt sitzen. Wo sie hingeschickt werden. Brust, Herz, Lunge. Auch die Lunge muss in der Schwangerschaft auf die enormen Ansprüche adaptiert werden. Wie Evas Herz für zwei schlägt, atmet auch ihre Lunge nicht mehr nur für sie allein.
Das Kind bedankt sich wieder mit seinen Stammzellen. Wenn Frauen, die geboren haben, Lungenkrebs bekommen, dann meistens die weniger aggressiven Formen, die prognostisch günstigeren Karzinome. Selbstverständlich reden wir hier von Nichtraucherinnen.
Die jüngste Nachricht betrifft das Gehirn. Sogar dort kümmern sich die Nachwuchs-Stammzellen um die Mutter. Man weiß es noch nicht ganz genau, aber womöglich schützen sie als jugendliche Neurone vor Alzheimer.
Herz, Brust, Lunge, Gehirn. Schutz, Regeneration, Heilung. Eine bessere Vorsorge als das eigene Kind wird eine Mutter nirgends finden. Noch dazu so nachhaltig. Die Zellen der Kinder haben eine derart lange Lebensdauer, dass sie über Dekaden erhalten bleiben.
Besonders viele der kindlichen Stammzellen werden zu T- und B-Lymphozyten, die weiße Blutkörperchen herstellen, um den Fetus zu schützen. So schützen sie auch die Mutter mit. Nebenbei gesagt, steht das T für Thymus, in dem sich diese Zellen ansiedeln. Das B steht eigentlich für das Organ Bursa Fabricii. Dieses Organ haben allerdings nur Vögel. Bei uns Menschen gibt es die B-Lymphozyten vor allem im Knochenmark. Das englische Wort bone marrow für Knochenmark hilft als Eselsbrücke.
Aber nun lassen wir die Schatten aufziehen. Wo so viel Licht ist wie beim Mikrochimärismus, kommen wir um die dunklen Seiten nicht herum. Geraten nämlich die kindlichen Stammzellen etwa auf Viren oder UV-Strahlung, zeigen sie sich von einer ganz anderen Seite. Sie regen Veränderungen an, die bösartig enden können.
Wo im mütterlichen Organismus Probleme vorhanden sind, machen sie noch größere draus. Irgendwo eine Infektion, irgendwo eine UV-Exposition, schon wird aus der Protektion eine Belastung.
Einer der anfälligsten Opfer ist der Muttermund. Dort kommt selten die Sonne hin, dafür wird das Immunsystem heruntergefahren, um das Sperma hereinzulassen. Etabliert sich dort ein Virus, zum Beispiel HPV, und es gesellen sich fetale Zellen dazu, kann es zum Äußersten kommen. Die jungen Zellen werden zu jungen wilden Zellen. Gut wird zu Böse.
Was für die Brust so günstig ist, ist für den Uterus also ganz schlecht. Viele Geburten können Brustkrebs verhindern, aber Gebärmutterhalskrebs begünstigen.
Ähnliches gilt für das zweite Karzinom, das bei Frauen nach vielen Geburten häufiger vorkommt als sonst: dem Melanom. Der Hautkrebs ist außerdem auch wesentlich aggressiver. Ist die Haut irgendwo besonders beleidigt, sind kindliche Stammzellen das Letzte, was ihr in die Nähe kommen sollte. Die jungen Dinger sind extrem mitosefreudig, sie teilen sich also wie verrückt. Gerade das ist in so einem Fall das Gefährlichste.
Die nächste Schwachstelle ist der Dickdarm. Wenn der Darm durch die Ernährung mit den falschen Darmbakterien besiedelt ist, kann man nur hoffen, dass keine embryonalen Stammzellen vorbeiflanieren. Dann sind sie es nämlich, die schnell beleidigt sind, und als Retourkutsche umso eifriger an einem Karzinom arbeiten.
Nicht zuletzt haben wir noch die Autoimmunerkrankungen in der Schublade der Schandtaten kindlicher DNA. Das ist ja auch logisch. Die Zellen des Kindes sind nun einmal fremde Zellen, und da kann das Immunsystem schon verrücktspielen. Außerdem produzieren die T- und B-Lymphozyten unter ihnen ja zusätzliche Abwehrkräfte.
So neigen Frauen mit vielen Kindern im Vergleich zu kinderlosen Frauen eher zur Rheumatoiden Arthritis, Multiplen Sklerose, zu Lupus Erythematodes und Morbus Hashimoto, wobei letztere zu einer chronischen Schilddrüsenentzündung führt. Auf den Rheumastationen sitzen mindestens so viele Frauen wie in den Ambulanzen der Gynäkologie.
Wolfgang Holzgreve hat darüber hinaus nachgewiesen, dass die Schwangerschaftsintoxikation, die sogenannte EPH-Gestose, eigentlich eine Vergiftung mit den fetalen Stammzellen ist. Normalerweise befindet sich im Körper der Mutter eine Zelle des Kindes zu einer Million eigenen Zellen. Bei Patientinnen mit der EPH-Gestose ist es eine fetale Zelle zu nur Tausend eigenen.
Die Zellen des Kindes schützen und verjüngen zwar, andererseits sind sie aber etwas Fremdes, das den Körper durcheinanderbringen kann. Und von allem Guten kann man auch zu viel haben. Die Bilanz wirkt am Ende eher negativ.
Aber so ist eben mit Krankheiten. Sie treten auf, wenn nicht alles glatt läuft. Die Natur meint es gut. Sie hat einen Plan, der aber extrem kompliziert ist. Man kann nicht sagen, dass der eine oder andere Teil des Ganzen an einer Krankheit schuld wäre. Es geht in diesem Fall, wie so oft, ums Gleichgewicht.
Der Mikrochimärismus ist auf jeden Fall ein holistischer Superstar. Dieser Zellenaustausch setzt sich über Raum und Zeit hinweg und sorgt dafür, dass sich Familien über Generationen noch näher und ähnlicher sind.
Diese wandernden Zellen schaffen es, Vergangenheit und Zukunft im Menschen zu vereinen. Sie sind Geschenke und Vermächtnisse, die unglaublich erscheinen.
Diese menschenübergreifenden Zellen deponieren Botschaften in uns. Und damit vielleicht sogar kleine Antworten auf die großen Fragen: Woher kommen wir und wohin gehen wir?
Бесплатный фрагмент закончился.
