Читать книгу: «Feinde des Lebens»

Шрифт:

Johannes Anders

Sternenlicht 7

Feinde des Lebens

Saphir im Stahl

Bereits erschienen:

Horst Hoffmann - Insel im Nichts

Johannes Anders - Rücksturz nach Tyros

Johannes Anders - Storm

Peter R. Krüger - Der Fehler im System

Joachim Stahl - Parsifal

Erik Schreiber - Wanderer

Johannes Anders - Feinde des Lebens

In Vorbereitung

Johannes Anders - Verräter an Bord

Peter R. Krüger - Die Soliamit-Krise

Sternenlicht 7

e-book 097

Feinde des Lebens

Überarbeitete Auflage 01.03.2022

© Saphir im Stahl

Verlag Erik Schreiber

An der Laut 14

64404 Bickenbach

www.saphir-im-stahl.de

Titelbild: Thomas Budach

Lektorat: Joachim Stahl / Rita Blotz

Vertrieb: Neobooks

Inhaltsverzeichnis

1 Brückentag

2 Schneise der Verwüstung

3 Offene Rechnungen

4 Der Vergifter

5 Rattenrisotto mit Erdnusssauce

6 Die Wurzel des Übels

7 Siegerehrung

8 Das Gesetz der Maschinen

9 Die andere MCLANE

10 Der Kampf um die MCLANE

11 Der Aufrührer

12 Unter Beschuss

13 Widerstand

14 Der Parasit

15 Der Angriff auf die LIBERTY

16 Die letzte Bitte

17 Die Suche nach Erkenntnis

Biographie

1

Brückentag

Leutnant Gael Klein beobachtete, wie Bordingenieur Chivan Swo mit einer Tüte Fritten in der Hand den Lift verließ. Der glückliche Gesichtsausdruck, mit dem er über die Brücke schwebte, war für Gael Klein nur schwer zu ertragen.

„Hast du herausgefunden, warum er so strahlt?“, flüstertesie Kommunikationsoffizier Neno Chung ins Ohr, der an der Konsole neben ihr stand.

„Nein, keine Ahnung.“

„Die fettigen Fritten allein können es nicht sein“, mutmaßte Gael. „Man könnte glauben, er hätte den geheimen Scotchvorrat der Kommandantin gefunden.“

„Zaya hat keine geheimen Alkoholvorräte“, widersprach Neno. „Du weißt, wie korrekt sie ist.“

„Dann nimmt er andere Drogen!“

Swo schien von dem Geraune seiner Kollegen nichts mitzubekommen. Er legte die Frittentüte auf einer Konsole ab und begann Checks durchzuführen. Mit Schaudern beobachtete Gael, wie eine der fettigen Fritten zu Boden fiel. Sie spürte den inneren Zwang hinzugehen und sie aufzuheben.

„Essen ist auf der Brücke nicht erlaubt!“, ermahnte sie Swo mit bebender Stimme und hielt ihm die Fritte unter die Nase.

Swo griff mit breitem Grinsen zu und schobsich den verlorenen Sohn seiner Pommes genüsslich in den Mund. „Tschulligung!“, murmelte er kauend und blies Gael dabei ranzigen Atem ins Gesicht.

Gael fuhrzurück und hob schützend die Arme. Sie erwog ein Donnerwetter abzulassen, sie tat es nicht. Es war ja zwecklos. Stattdessen rannte sie von der Brücke und verschanzte sich in ihrer Kabine.

„ALLISTER!“, schnauzte sie den Bordcomputer an. „Was ist mit Bordingenieur Swo los? Seit Tagen grinst er wie ein Honigkuchenpferd und nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Nimmt er Drogen?“

„Du weißt, dass ich keine persönlichen Daten weitergeben darf, Gael“, antwortete der Computer.

„Drogenkonsum an Bord eines Kreuzers ist keine Privatsache, das geht uns alle an!“

„Bordingenieur Swo nimmt keine Drogen.“

„Warum grinst er dann so dämlich?“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

„Kannst du nicht oder willst du nicht?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„Dann verschwinde aus meiner Kabine!“

Natürlich konnte der Bordcomputer nicht verschwinden, aber das Lämpchen, das den offenen Kommunikationskanal anzeigte, erlosch. Gael dachte nach. Das unerträgliche Glück hatte Swo seit drei Tagen heimgesucht. Vor drei Tagen musste folglich etwas Entscheidendes vorgefallen sein, das ihr entgangen war.

Sie aktivierte den Bordcomputer ein zweites Mal. „ALLISTER! Lies mir das Log von vor drei Tagen vor!“

„Morgendliche Bordkontrolle ohne Befund. Sprung über die Einstein-Rosen-Brücke planmäßig beendet. Nachrichtensonde aufgenommen. Nächster Sprung planmäßig begonnen …“

„Danke, das genügt.“

Es musste mit dem Nachrichtenupdate zusammenhängen. Die MCLANE war tief in die unerforschten Weiten des Alls vorgedrungen und befand sich fernab aller Relaisketten und Funkverbindungen. Das Mutterschiff, die FERDINAND MAGELLAN, schickte deshalb alle paar Wochen eine Sonde mit Nachrichten und neuen Anweisungen über die Einstein-Rosen-Brücke zu einem vereinbarten Treffpunkt. Alle freuten sich auf den Brückentag, wie er genannt wurde, weil auch persönliche Post mit ausgeliefert wurde.

„Enthielt das Update eine persönliche Nachricht für Bordingenieur Swo?“

„Dazu kann ich nichts sagen.“

Gael hätte gerne etwas zerdeppert. Der Gedanke an die dadurch entstehende Unordnung ließ sie davor zurückschrecken.

Ob ein anderes Besatzungsmitglied mehr herausgefunden hatte? Zaya wohl nicht. Die stand über solchem Klatsch und Tratsch, als Kommandantin würde sie nie die Privatsphäre der Besatzungsmitglieder verletzen. Aber vielleicht konnte Neno helfen. Der kümmerte sich zwar kaum um jemand anderen als um sich selbst, stand aber im Ruf ziemlicher Trinkfestigkeit.

„Kannst du Swo nicht zu einem Space-Sherry-Gelage überreden?“, fragte sie ihn. „Vielleicht verplaudert er sich, wenn er besoffen ist, und gibt das Geheimnis seines Glücks preis?“

„Das glaube ich kaum“, wandte Neno ein. „Er mag zwar Sherry, aber er ist auch unglaublich stur. Wer etwas für sich behalten will, tut er das. Frag lieber Storm, vielleicht weiß die noch was!“

Gael seufzte.

„Ich weiß“, sagte Neno, „Storm ist schwierig, man redet nicht gerne mit ihr. Aber sie ist nicht mehr so schlimm wie früher.“

„Man sieht ihr ja nicht einmal an, ob gerade Eden Sturm oder der Coach durch ihre Lippen spricht.“

„Das stimmt zwar, aber einen Versuch ist es wert. Der Coach weiß alles über die Besatzung, schließlich hat er uns lange Zeit psychologisch betreut.“

„Nur ist er sehr streng mit dem Datenschutz. Er beteuert ja, dass er nicht mal Eden vertrauliche Informationen über uns gibt, obwohl sie quasi seine andere Hirnhälfte ist.“

„Ja, stimmt natürlich. Dann frag doch Eden. Vielleicht hat sie etwas über Swo aufgeschnappt?“

„Ach, die interessiert sich doch nur für ihre Lichtwerfer und den Overkill.“

Trotzdem war Eden ein Ansatzpunkt, um mehr über Swo zu erfahren. Immerhin pfiff sie auf Vorschriften, also wahrscheinlich auch auf den Datenschutz.

Leider war es schwer, Eden Sturm unter vier Augen zu sprechen, denn sie schob endlose Schichten, bei denen sie sich mit Coach Juli abwechselte, indem sie immer eine Hirnhälfte schlafen schickte. Man witzelte schon, dass die beiden die Brücke nie mehr verlassen würden. Womöglich konnte man aufgrund ihrer Dauerschichten bald ein anderes Besatzungsmitglied einsparen. Nur selten gönnten sie ihrem gemeinsamen Körper Erholung.

Gael passte einen solchen Moment ab und summte an der Kabine der Armierungsoffizierin. Dabei verfluchte sie ihre brennende Neugier, die sie dazu anstiftete.

„Ja?“, ertönte es aus dem Wandlautsprecher.

„Gael Klein hier. Ich mache mir Sorgen um Bordingenieur Swo.“

„Ich coache nicht mehr.“

Mist. Offenbar war gerade Coach Juli am Ruder. Gael wollte sich schon abwenden, als sich die Kabinentür öffnete. Zögernd trat sie ein.

„Was ist denn mit dem Bordingenieur?“, erkundigte sich Coach Juli, der das Coachen wohl doch noch nicht ganz lassen konnte.

„Er schwebt seit drei Tagen mindestens zehn Zentimeterüber dem Boden, so glücklich ist er. Ich befürchte, er nimmt Drogen!“

„Er nimmt keine Drogen.“

„Was ist es dann?“

„Das kann ich dir sagen.“

„Ernsthaft? Du kannst es mir einfach sagen? Ich war schon bei ALLISTER. Der hat was von Datenschutz gefaselt. Und du sagst es mir einfach?“

„Ja, kein Problem. Man muss nicht Swos persönliche Daten hacken, um die Quelle seines Glücks zu erfahren. Die Information ist öffentlich zugänglich, auch wenn ALLISTER sie noch nicht gelesen hat. Er ist ja nur ein Bordcomputer. Hier, mit dem letzten Datenupdate kam auch die neue Scientific Sternenlicht.“ Coach betätigte seinen Armcomputer und ließ das Magazin als Holo zwischen ihnen aufleuchten. „Moment …“ Er blätterte darin.

Gael riss es fast den Boden unter den Füßen weg. Swo, der nachlässige, faule Bordingenieur mit dem Mundgeruch und dem notorischen Frittenfleck auf der Uniform einen Preis gewonnen. Der Wissenschaftsrat hat ihm für die Erforschung der schirmbasierten Lichtumleitung den begehrten neuen Fluk-Rosen-Award verliehen. Tatsächlich hatte er eine mehr schlecht als recht funktionierende Tarnvorrichtung gebaut, die Menschen oder Dinge weitgehend unsichtbar machen konnte. Gael war überzeugt, dass der Mistkerl nur zufällig auf diese glanzvolle Idee gekommen war. Keinesfalls hatte er sie sich hart erarbeitet und einen Preis dafür verdient.

„Da staunt der Fachmann und der Wunde leiert sich!“, kalauerte Swo, der plötzlich neben ihr stand.

Gael fuhr erschrocken zur Seite. Offensichtlich hatte sich der Schwachkopf mit seiner Lichtumleitung in die Kabine geschlichen, als Gael eingetreten war. Das bedeutete, dass er ihr schon eine Weile gefolgt sein musste.

„Stalkst du mich etwa?“

„Und was ist mit dir? Warum fragst du jeden, ob ich Drogen nehme?“

„Bei mir ist das ganz was anderes!“

*

Raumsektor 412/Delta ... Basis Omega 3 wankte. Dicke Brocken regneten von der Decke. Noch hielt die Verteidigungsstellung, aber die Schüsse der Invasoren erschütterten sie bis in den Grund. Die Soldaten der mobilen Infanterie zogen sich zurück. Charlene und Eden warfen sich hinter ein mächtiges Betonbruchstück, um nachzuladen.

„Das wird nicht gut ausgehen“, hörte Eden Charlenes keuchende Stimme im Helmlautsprecher.

Ein weiterer schwerer Treffer brachte die Planetenbasis ins Wanken. Die schnell wechselnden Schwerkraftfelder der Angreifer zerrissen krachend Teile der Panzerung.

„Wenigstens sterben wir gemeinsam“, antwortete Eden.

Ein weiterer Treffer hob den Boden und warf Eden auf den Rücken. Wie in Zeitlupe sah sie ein riesiges, scharfkantiges Metallteil von oben herunterfallen und immer näher kommen.

Plötzlich saß sie schreiend im Bett.

Als sie an sich hinuntersah, war ihre rechte Seite eine Prothese.

Schon wieder ein Alptraum?, mischte sich Coach Juli in ihre Gedanken. Was war es diesmal? Kriegserinnerungen oder die Vlock?

Kriegserinnerungen, dachte Eden. Immer wieder die Szene, in der ich in zwei Teile geschnitten werde. Kannst du mich nicht ausnahmsweise mal … ach, vergiss es.

Ich kann dich nicht wecken, wenn du Alpträume hast. Du musst träumen, um die Erlebnisse zu verarbeiten.

Ich habe die Sachen im Grunde schon verarbeitet.

Deine Träume sprechen eine andere Sprache, genau wie deine Prothese.

An meiner Prothese ist nichts auszusetzen.

Du weißt, dass es etwas Besseres für dich gibt. Du siehst aus wie eine halbe Maschine. Aber ich akzeptiere, dass du das als Anker in deine Vergangenheit brauchst, um dein Trauma zu verarbeiten.

Ich brauche keinen Anker.

Es ist nichts Schlimmes daran, dass man an seinem Trauma arbeitet.

Ach, lass mich in Ruhe!

Coach Juli klinkte sich wie gewünscht aus ihren Gedanken aus.

Im Alltag hatte sich das Zusammenleben mit ihm gut eingespielt, dachte Eden. Er war ein guter Freund für sie geworden und besonders freute sie, dass er sich von ihr zum Armierungsoffizier ausbilden ließ. Es machte Spaß, mit ihm zu arbeiten. Nur wenn es um ihr Trauma ging, rutschte er schnell wieder in die Therapeutenrolle. Aber sie wollte ihn nicht als Therapeuten, sie wollte ihn als Freund.

Außerdem fand sie, dass sie wirklich Fortschritte gemacht hatte. Sie hatte wieder zu ihrem alten Namen zurückgefunden und ließ sich von der Crew als Eden Sturm ansprechen. So konnte sie sich besser von Coach Juli unterscheiden. Storm, die Menschmaschine, das waren nun nur noch sie beide zusammen als Team.

Der Timer riss sie aus ihren Gedanken. Es war Zeit, wieder auf die Brücke zu gehen. Die MCLANE würde bald ihren Sprung beenden und das Ziel erreichen. MCLANE, auf diesen Namen hatte sich die Besatzung nun endlich geeinigt. Zaya Karan, die eigentlich viel zu junge Kommandantin, hatte anfangs die Beibootbezeichnung Mag-5 bevorzugt, wenn sie von ihrem Schiff sprach. Aber Eden Sturm hatte sie beiseite genommen und in einem längeren Gespräch davon überzeugt, den Kriegsveteranen Respekt entgegenzubringen. Und wem hätte der größte Respekt gebührt, wenn nicht Cliff Allister McLane, dem legendären Raumschiffskommandanten der Erde, nach dem das Schiff benannt war?

*

Storm stand schon lange wieder auf der Brücke, als der letzte Sprung vor dem Ziel sich dem Ende näherte. Man wusste nie, was einen hier draußen im unerforschten Gebiet erwartete, und musste bereit sein, sich zu verteidigen. Während Storm die Zielerfassung auf der Armierungskonsole im Auge behielt, gesellten sich Gael, Neno und Swo zur Kommandantin an die Astroscheibe.

Endlich war es so weit.

Die MCLANE beendete den Sprung.

Erwartungsvoll richteten sich die Augen auf die Holodarstellung des Planeten HR-3072, der vor längerer Zeit als bewohnbarer Planet vom Typ 3 kartiert worden war, was nicht nur bedeutete, dass er eine vielversprechende Biosphäre beherbergte, sondern dass man ihm sogar intelligentes Leben zutraute.

Die Daten, die die Astroscheibe nach und nach visualisierte, waren allerdings ernüchternd. Die Sensoren maßen keinerlei Spuren von Leben an. Vielmehr trieben giftige Schwefelwolken durch die Atmosphäre.

2

Schneise der Verwüstung

„Die Koordinaten sind korrekt“, meldete Gael, noch ehe sie jemand danach gefragt hatte.

„Was ist nur geschehen?“, wunderte sich Zaya.

„Vielleicht ein Kartierungsfehler?“, überlegte Neno. „Es wäre nicht das erste Mal.“

„Oder ein Vulkanausbruch hat große Mengen Schwefeldioxid in die Atmosphäre geworfen“, mutmaßte Swo.

Eden Sturm konnte über den Feuerleitstand keine offensichtlichen Gefahren erkennen. Sie entspannte sich ein wenig.

„Wir müssen da hinunter und uns das ansehen“, befahl die Kommandantin. „Swo, du nimmst deinen Bastelkoffer mit. Storm, du gehst auch und hältst ihm den Rücken frei. Wir passen von hier oben auf euch auf.“

Eine vernünftige Entscheidung, befand Eden. Trotz ihrer Jugendlichkeit mauserte sich Zaya zu einer halbwegs brauchbaren Raumschiffkommandantin.

Während die Phönix durch die höheren Schichten der Atmosphäre sank, ließ die Schwefelsäure die Scheiben stumpf werden, sodass man nicht mehr hinausschauen konnte. Die Sensoren waren noch nicht beeinträchtigt. Eden checkte die einkommenden Daten auf mögliche Gefahren ab, während Swo nach Erklärungen suchte. Im Säurenebel setzte die Phönix auf einer Ebene auf.

„Die Säurekonzentration ist sehr hoch“, meldete Eden an die Crew im Orbit. „Unsere Raumanzüge halten das nur kurz aus. Wir gehen jetzt raus.“

„Roger“, meldete sich die Kommandantin aus der MCLANE. „Gebt auf euch Acht!“

Stell einen Timer auf fünfzehn Minuten, bat Eden den Coach.

Ist erledigt.

Draußen konnten sie sich kaum orientieren. Nach einigen Schritten blieb Eden mit dem Fuß an etwas hängen. Es sah aus wie ein Baumstamm, der sich im Zustand fortgeschrittener Zersetzung befand. „Ich habe hier etwas“, sprach Eden in ihr Mikrofon. „Ich glaube, es war einmal eine Art Baum.“

„Ich habe auch etwas gefunden“, antwortete Swo. „Könnte ein Tier gewesen sein. Es hatte mal Beine.“

„Nehmt Proben und kommt zurück auf die MCLANE“, wies Zaya den Landetrupp an.

An Bord wurden alle Daten ausgewertet und mit einer Nachrichtensonde an das Mutterschiff geschickt. Eine schlüssige Erklärung für die Zerstörung von HR-3072 fand sichnicht. Der Crew blieb nichts anderes, als ihre Mission fortzusetzen.

*

In Oreos Gedanken formte sich das Bild einer Felsspalte, die sich vor ihm auftat und sich so schnell vergrößerte, dass er nicht mehr hinüberspringen konnte. Er beschleunigte seine Schritte und überquerte den Ort, noch ehe die Spalte sich auftat. Dann sah er sich um und hielt sich an einem Baumstamm fest. Schon bebte der Boden und der Fels tat sich wie erwartet auf. Eine Qualmwolke kündigte einen Lavastrom an. Es würde nur ein kleiner Strom sein. Oreo wartete ihn nicht ab, sondern machte sich auf den Weg, um noch ein paar Köstlichkeiten einzusammeln.

Während er weitere Pflanzen pflückte und in seine Gürteltasche steckte, erreichte ihn ein Bild von Narala: Ein kleines Pelzwesen, bei dem es sich um seine Tochter Newira handelte, passte nicht auf und wurde von einem umstürzenden Felsblock erschlagen. Er sah, wie der Felsblock auf seiner Tochter lag und nur noch ein Arm herausschaute. Blut quoll hervor. Aber Oreo fühlte, dass es keine Ahnung Naralas war, sondern eine Befürchtung. Er schickte ihr ein Bild, auf dem er sie in den Armen hielt und tröstete. Narala machte sich ständig Sorgen um ihr Kind, weil ihrer Tochter vorhergesagt war, dass sie im Gegensatz zu allen anderen den letzten Tag nicht erleben würde.

Ein neues Bild erreichte Oreo, kurz nachdem seine Frau sich beruhigt hatte. Er sah, dass die Ältesten aus der Beratungshöhle hervorgekrochen waren. Das bedeutete, dass er heimkehren musste, um sich anzuhören, was sie zu verkünden hatten. Er pflückte noch eine Aurelis und machte sich auf den Weg.

Vor der Beratungshöhle hatten sich bereits viele Voltze gesammelt. Die Ältesten saßen auf bequemen Sesseln und hatten noch nicht begonnen, Bilder zu senden. Stattdessen genehmigten sie sich kaltes, klares Wasser, um sich von den anstrengenden Beratungen zu erholen. Oreo sah Narala im Publikum stehen und gesellte sich zu ihr. Kurz danach traf auch Newira mit ihrem Freund ein. Oreo sandte ein Bild an seine Frau, das sie alle in einer Umarmung vereint zeigte. Sie erwiderte es verhalten. Ein großer Schatten lag auf ihr, und nicht nur auf ihr.

Die Ältesten begannen nun, Bilder zu senden: Generationen von Voltzen und ein Abgrund. Schon lange war es vielen Neugeborenen bestimmt, den Abgrund zu sehen, also den letzten Tag zu erleben. Immer weniger Kinder wurden deshalb geboren. Mittlerweile war jedes neue Kind für den letzten Tag bestimmt. Jedem wurde dieses Schicksal vorhergesagt, bis auf zweien: Newira und ihrem Freund.

Sie würden schon vor dem letzten Tag sterben.

Und der letzte Tag war schon fast gekommen.

Newira erstarrte plötzlich. Sie schien eine große Ahnung zu haben. Oreo hielt erstaunt inne, denn eigentlich war sie noch zu jung dafür. Die Jungen ahnten Gefahren, sodass sie Wetterumschwüngen und ausbrechenden Vulkanen ausweichen konnten. Aber nur den Alten war es gegeben, das Schicksal des Volkes vorherzusehen. Und nur die ganz Alten kratzten an der Bestimmung des Universums.

Newira gab jetzt ihre Ahnung an alle weiter: Vier silbrige Wesen rasten mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Luft, nur wenige Meter über dem Boden. Plötzlich rumpelte es und der Boden hob sich unter ihnen empor. Konnten diese Wesen das nicht ahnen? Immerhin hielten sie gleichen Abstand zum sich auftürmenden Boden und wurden so über die Baumwipfel gestoßen. Kurz danach tauchten sie wieder in die Vegetation ein und setzten ihren mysteriösen Flug fort.

Die anwesenden Voltze wunderten sich. Was sollte das bedeuten? Wie standen die Bilder von den silbrigen Fremden in Verbindung mit dem letzten Tag? Waren die Fremden Newiras Bestimmung oder beeinflussten sie das Schicksal aller Voltze?

*

Die MCLANE hatte ihren Sprung beendet und war in den Orbit des Planeten HR-3121 eingeschwenkt, der als blühende Wasserwelt registriert war. Aber der Planet schimmerte nicht blau, sondern tieftürkis. Eine Algenpandemie hatte die Ozeane und alles Leben darin vergiftet. Ein Gefühl tiefer Trauer erfasste Eden im Angesicht der Katastrophe. Es war bereits die vierte Welt, die sie in einem beklagenswerten Zustand vorfanden.

„Hat die Auswertung der Proben etwas ergeben?“, erkundigte sich die Kommandantin.

„Leider nicht“, antwortete Swo, der neben seiner Arbeit als Bordingenieur auch die Rolle des Wissenschaftsoffiziers bekleidete. „Wir können nicht erklären, wie es zu diesen Katastrophen kam. Sie scheinen sich aber erst kürzlich abgespielt zu haben, sonst hätten wir nicht in allen Fällen Reste früheren Lebens gefunden.“

„ALLISTER, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich innerhalb kurzer Zeit auf vier Planeten unabhängig voneinander globale Katastrophen ereignen?“

„Du meinst Planeten, die nur wenige Lichtjahre voneinander entfernt sind? Und die Prämisse ist, dass es keine gemeinsame Ursache gibt?“, konkretisierte ALLISTER die Frage.

„Die Wahrscheinlichkeit ist gleich Null“, kam Coach Juli dem Bordcomputer zuvor.

„Willst du mich arbeitslos machen?“, beschwerte sich ALLISTER. „Die Wahrscheinlichkeit liegt exakt bei 0,000002 Prozent.“

„Also so gut wie Null“, übersetzte Coach Juli, der ALLISTER nicht allzu ernst zu nehmen schien. Oder entwickelte sich hier eine Konkurrenz zwischen den beiden KIs? „Das bedeutet, dass dies kein Zufall sein kann. Es muss eine äußere Einwirkung geben. Eine Kraft, die die Biosphären dieser Planeten zerstört hat.“

„Es könnte sich um das Terraformingprojekt einer unbekannten Rasse handeln“, brainstormte Swo.

„Das ist unwahrscheinlich“, widersprach Coach Juli. „Eine hypothetische Alienrasse würde überall die gleichen Bedingungen herstellen, in denen sie dann leben könnte. Die Veränderungen münden aber nicht in das gleiche Ergebnis. Ich halte es für umgekehrtes Terraforming.“

„Was verstehst du darunter?“, erkundigte sich Neno.

„Für jeden Planeten wurde eine speziell angepasste hocheffektive Methode gefunden, die Biosphäre innerhalb kurzer Zeit zu zerstören. Wir haben es mit Feinden des Lebens zu tun.“

„Die Logik lässt keine andere Interpretation zu“, schloss sich ALLISTER Coach Julis Analyse an. „Meine Berechnungen haben zu dem gleichen Ergebnis geführt.“

„Wir müssen die MAGELLAN informieren“, beschloss Zaya. „Und Tyros. Was wir hier vorgefunden haben, fühlt sich extrem bedrohlich an.“

„Es ist extrem bedrohlich“, betonte der Coach.

„Schicken wir eine weitere Nachrichtensonde über die Einstein-Rosen-Brücke?“, fragte Neno.

Zaya überlegte kurz. „Ja“, sagte sie dann. „Schick eine Sonde zum Mutterschiff. Aber das reicht nicht aus, der nächste Brückentag ist erst in knapp zwei Wochen und wir dürfen keine Zeit verlieren. Außerdem könnte die Sonde von der unbekannten Macht abgefangen werden. Ich befehle Rücksturz zur Basis Kappa 2. Dort haben wir direkte Verbindung mit Tyros über die Relaiskette.“

„Kappa 2?“, fragte Swo. „Cool, dann können wir ein paar Exploding Suns mit meinem alten Freund Laurenz trinken.“

Eden schüttelte den Kopf. Wie konnte er in dieser Situation ans Trinken denken?

*

Coach Juli erstarrte, als die Daten von Kappa 2 eintrafen. Die Basis befand sich auf einer Eiswelt, die von Vögeln, Fischen und süßen kleinen Pelzwesen bevölkert wurde. So war es zumindest vor vier Wochen noch gewesen, als die MCLANE auf ihrem Weg in unerforschte Bereiche der Galaxis dort einen Zwischenstopp eingelegt hatte. Jetzt maßen die Sensoren keinerlei Leben mehr an. Die Temperatur auf dem Planeten war um hundertsiebzig Grad gefallen.

„Laurenz!“ Ein Schrei entfuhr Swo. „Was ist mit Laurenz?“

„Unbekannt“, meldete ALLISTER.

„Wir müssen sofort da runter und nachsehen!“, verlangte Swo.

„Storm, wir beide gehen“, bestimmte die Kommandantin.

„Ich will gehen!“, schrie Swo. „Laurenz ist mein Freund!“

„Überlass das den Profis“, ließ Zaya ihn abblitzen.

Die einzig mögliche Entscheidung, stimmte Eden innerlich zu. Falls sich der Planetenmörder noch dort unten befand, musste sich ihm das schlagkräftigste Team der MCLANE in den Weg stellen. Lass mich das machen, bat sie Coach Juli. Ich bin Veteranin. Mit Kampfeinsätzen kenne ich mich aus. Coach Juli trat innerlich zurück und überließ ihr das Kommando über ihren gemeinsamen Körper.

Kurz darauf steuerte Eden eine Phönix aus der MCLANE und ließ sie auf kürzestem Weg in die Basis stürzen, um möglichen Gegnern kein leichtes Ziel zu bieten. Nach der harten Landung verließen sie das Beiboot in ihren Raumanzügen. Die Gebäude der Basis waren alle von einer dicken Eisschicht eingeschlossen.

„Versuchen wir es mit den HM-6“, schlug Eden vor.

Sie zogen die kleinen Handstrahler und entfernten mit ihnen das Eis von der Eingangstür eines Gebäudes. Drinnen fanden sie einen toten Bewohner an seinem Schreibtisch sitzen.

„Er sieht aus wie schockgefroren“, stellte Zaya mit wachsendem Entsetzen fest.

„Der Temperatursturz muss sehr plötzlich gekommen sein“, stimmte Eden zu.

„Vielleicht hat sich noch jemand in der zentralen Leitstelle verschanzen können?“

Mit ihren Handstrahlern verschafften sie sich auch dort Zugang. Computer und Konsolen der Leitstelle arbeiteten nicht mehr. Sie waren für derart niedrige Temperaturen nicht ausgelegt. In einem der hinteren Räume fanden sie ein weiteres Basismitglied.

„Das ist Amanda“, stellte Zaya fest. „Laurenz’ Frau.“

„Immerhin trägt sie einen Raumanzug.“

„Aber die Energie ist ihr ausgegangen.“ Zaya deutete auf ein Kabel, das aus dem Anzug ragte und an eine Konsole angeschlossen war. „Sie hat noch versucht, Energie nachzutanken. Aber es hat nicht gereicht. Die gesamte Basis ist ohne Energie.“

„Unsere Anzüge halten auch nicht ewig. Die sind nur für kurze Ausflüge konzipiert. Wir sollten gehen.“

„Moment!“

Amandas erstarrter Zeigefinger deutete auf einen Speicherstick, der vor ihr auf der Konsole lag.

„Den nehmen wir mit“, sagte Zaya und steckte den Stick ein.

„Jetzt aber los, zurück zur Phönix!“

„Nicht bevor wir Laurenz gefunden haben!“

„Laurenz kann es nicht überlebt haben.“

„Ich will ihn sehen, bevor wir gehen.“

Sie durchforsteten alle Räume, bis sie an ein verschlossenes Schott kamen.

„Das muss den hinteren Bereich beim Temperatursturz automatisch verriegelt haben“, vermutete Zaya.

„Es wird schwer zu öffnen sein.“

„Wir geben nicht auf. Vielleicht lebt dahinter noch jemand.“

„Unwahrscheinlich. Aber gut. Ich habe ein paar schwere Waffen in der Phönix. Dann gehe ich die mal holen.“

Eden kam mit einer Thermowaffe zurück und begann, ein Loch in die zentimeterdicke Metallwand zu schneiden.

Nach zwanzig Minuten hatten ihre Raumanzüge nur noch 15 % Energie. Endlich fiel das kreisrunde Metallstück aus dem Schott, das Eden ausgeschnitten hatte. Die Ränder kühlten schnell aus.

„Wir schaffen es nicht mehr“, befürchtete Eden.

„Hast du das gehört?“

„Was denn?“

„Da hinten! Ein Geräusch!“

Sie kletterten durch das Loch, rannten dorthin, wo Zaya das Geräusch vermutete, und fanden Laurenz. Er hatte mehrere Raumanzüge zusammengeschlossen, aber die Energie war nun trotzdem am Ende. Durch den Raumhelm sah man seine blauen Lippen bibbern. Er brachte kein Wort heraus.

„Ich nehme ihn bei mir mit dran“, sagte Zaya und löste das Kabel.

„Nein, lass mich das machen!“, widersprach Eden. „Dein Anzug ist fast leer, du schaffst es vielleicht nicht mehr zurück zur Phönix. Bei mir verbraucht nur ein halber Mensch Energie und Coach Juli bringt uns durch, wenn ich schlapp mache.“

„Also gut, dann los!“

Eden schloss Laurenz an ihre Energiezufuhr. Sie hakten ihn unter und schleppten ihn hinaus. Als sie an seiner toten Frau vorbeikamen, versteifte er sich und wollte nicht weitergehen. Edens Anzug zeigte nur noch 2 % Energie.

Zaya sah sie fragend an.

„Also gut, eine Sekunde haben wir noch“, nickte sie und zog Laurenz in den Raum zu seiner Frau. Der berührte ihren Helm mit seinem, um ihr einen letzten Blick zu schenken. Dann wurde er von den anderen fortgerissen und in die Phönix gezogen. Mit einem Alarmstart brachten sie ihn in die MCLANE, wo er medizinisch versorgt wurde.

*

Amandas Datenstick enthielt eine Holobotschaft. Das Holo zeigte sie in ihrem Raumanzug vor der Konsole sitzend. „Unsere Sensoren haben ein unbekanntes Raumschiff ausgemacht, das auf dem Planeten niederging“, erklärte sie. „Einige Tage später begann die Temperatur abzufallen. Eine Datenanalyse legte offen, dass sich die Treibhausgase inder Atmosphäre alarmierend schnell verflüchtigten. Dadurch wurde die Wärme des Planeten direkt ins All abgestrahlt.“

„Soweit habe ich es noch mitbekommen“, sagte Laurenz, der mit der übrigen Besatzung an der Astroscheibe stand.

„Was habt ihr unternommen?“, fragte Swo und unterbrach das Holo.

„Wir schickten eine Expedition zu dem Landeplatz des Schiffes. Aber dann kam es zu einem drastischen Temperatursturz um fast hundert Grad. Die Notschotten fuhren herunter und ich war im hinteren Bereich der Leitstelle eingeschlossen.“

„Vielleicht liefert uns das Holo deiner Frau noch mehr Informationen.“ Swo ließ es weiterlaufen.

„Die Expedition meldete sich nicht mehr und in der Basis mussten wir ums Überleben kämpfen“, fuhr Amanda fort. „Als die Temperatur abstürzte, schafften es einige nicht mehr in die Leitzentrale, wo wir Raumanzüge haben. Aber auch die Anzüge retten uns nicht. Ich hänge alle gesammelten Daten an diese Holobotschaft.“ Dann wandten sich ihre Augen direkt in die Kamera und sie sagte: „Laurenz, ich liebe dich über alles!“

Laurenz zitterte und griff nach Zayas Hand. „B-b-bin ich schuld?“, fragte er. „Ich habe mir fünf Anzüge genommen. Musste dafür jemand sterben? Hab ich Amanda auf dem Gewissen?“

„Nein“, beruhigte ihn die Kommandantin. „Sie war auf der anderen Seite des Schotts.“

„Ich hätte das Schott öffnen müssen!“

„Das wäre nicht so einfach gegangen.“

Aber vielleicht wäre es gegangen, meldete sich Coach Juli in Edens Gedanken. Wir sind ja auch durchgekommen.

Mag sein. Aber wenn er sich schuldig fühlt, hilft das jetzt niemandem weiter, antwortete Eden. Hätte er sich nicht die fünf Anzüge genommen, dann hätte gar keiner überlebt, und ändern können wir auch nichts mehr.

Laurenz ließ die Hand der Kommandantin los und sank zu Boden. Er verlor das Bewusstsein. Sie trugen ihn in den Krankenbereich.

„Was ist mit ihm?“, fragte Zaya und beugte sich über ihn.

„Es war alles zu viel für ihn“, antwortete ALLISTER, der sich als Bordarzt betätigte.

„Weck ihn auf!“, verlangte Zaya. „Wir brauchen die Koordinaten dieses Alienschiffs! Die haben auf dem Stick leider gefehlt.“

*

Die Phönix brachte sie zur Landestelle des fremden Schiffes. Es war etwa halb so groß wie die und sah aus wie ein Oktaeder mit abgeschnittenen Spitzen. Die Sensoren maßen im Inneren keine Energie an.

„Bei denen scheint auch alles tot zu sein“, mutmaßte Zaya.

„Wir müssen uns das wohl ansehen“, sagte Eden.

Sie stiegen in ihre Raumanzüge und schleusten sich in die Kälte aus. An dem fremden Schiff ließen sich keine Einstiegsluken erkennen.

„Wir müssen ihnen wohl ebenfalls ein Loch in den Pelz brennen“, schlugdie Kommandantin vor.

Eden erledigte das.

Sie drangen in das Schiff ein, fanden allerdings keine Gänge, über die man sich fortbewegen konnte. Sie mussten sich zwischen Aggregaten und Kabelgewirr hindurchwinden und -quetschen. Ihre Helmkameras zeichneten alles auf.

„Das Schiff hat keine Besatzung“, schlossCoach Juli aus dem Fehlen von Gängen, Räumen und Eingabegeräten. „Das ist eine Drohne!“

„Für eine Drohne ist sie riesig groß“, befand Zaya.

„Zu groß, um sie mitzunehmen und zu untersuchen. Wir müssen ein Wissenschaftsteam von Tyros anfordern.“

„Dann brechen wir jetzt ab. Es hatkeinen Sinn, in den toten Eingeweiden dieses Planetenmörders herumzukriechen.“

*

Als sie wieder an Bord waren, hatte Laurenz sich erholt. Sie versammelten sich in dem kleinen Konferenzraum der MCLANE, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Holos des Vergifters wurden über den Konferenztisch projiziert.

„Das ist ein Oktaeder des Grauens“, kommentierte Swo.

„Man kann es nicht anders nennen“, pflichtete Eden bei.

„Wir haben alle Daten über die Relaiskette an Tyros geschickt“, fasste Zaya den Stand der Dinge zusammen. „Und eine Nachrichtensonde ist mit einem weiteren Update zur MAGELLAN unterwegs. Mehr können wir nicht tun.“

„Wir müssen mehr tun!“, verlangte Laurenz mit bebender Stimme. „Diese Mörder haben unsere Basis ausgelöscht! Sie haben meine Frau auf dem Gewissen. Wir müssen es ihnen heimzahlen!“

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird, meldete sich Coach Juli in Edens Gedanken.

Das sagst du jetzt lieber nicht laut, antwortete Eden. Die Stimmung ist zu aufgeheizt für solche Sprüche.

„Ich bezweifle, dass wir ihnen viel heimzahlen können“, wandte Swo ein. „Die Aufzeichnungen, die das Landungsteam aus dem Inneren der Drohne mitgebracht hat, lassen vermuten, dass sie uns technisch haushoch überlegen sind. Das Alienschiff wirkt auf mich wie ein Beiboot mit der Schlagkraft eines Mutterschiffs.“

„Wollen wir uns etwa ohne Gegenwehr abschlachten lassen?“, geiferte Laurenz. „Planet um Planet?“

„Natürlich nicht.“ Zaya versuchte, ihn zu beruhigen. „Aber es spricht auch nichts gegen ein überlegtes Vorgehen. Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird!“

Siehst du?, dachte Coach Juli. Zaya kennt den Spruch auch. Woher stammt der nur?

„Es spricht einiges dafür, aktiv zu werden“, erklang ALLISTERS Stimme. „Die Auslöschungen begannen im Unbekannten und haben sich bis zur Basis Kappa 2 ausgedehnt. Sie werden hier nicht Halt machen. Nach meiner vorläufigen Berechnung werden sie in 13,1 Tagen das Gebiet der Sternenlichtvereinigung erreichen.

Eden erbleichte. Sie hatte zwar selbst keine Verwandten mehr, aber es war schlimm genug, dass die Familien der anderen in Gefahr gerieten. Sie erinnerte sich daran, wie freundlich sie von Zayas Familie bei ihrem Besuch im Tyrossystem aufgenommen worden war.

„Dann nehmen wir den Kampf auf!“, befah lZaya.

3

Offene Rechnungen

Eine kleine Rettungskapsel steuerte mit gleichbleibender Geschwindigkeit durch das All. Das defekte Mutterschiff war fernab aller Routen von der Einstein-Rosen-Brücke gefallen, dort, wo wohl noch nie zuvor ein Mensch gewesen war. Welten voller Wunder und Geheimnisse taten sich vor ihr auf. Aber das merkwürdige Wesen, das sie beherbergte, hatte dafür keinen Sinn.

Eigentlich versetzten Rettungskapseln ihre Gäste in Kälteschlaf, damit sie möglichst lange durchhielten, bis sie irgendwann gefunden und geborgen wurden. Nur war das in diesem Fall nicht möglich, denn die komplizierte Physiologie des Wesens passte nicht in das einprogrammierte Schlafschema: Es war zur Hälfte ein Mensch und zur anderen Hälfte ein Roboter. So war das Wesen auch nach Monaten noch bei vollem Bewusstsein und trieb sich selbst in den Wahnsinn.

Die biologische Seite des Wesens kannte keine Sprache. Sie dachte in Bildern und Gefühlen. Immer wieder tauchte das Bild eines riesigen scharfen Metallteils auf, das von oben herabraste und das Wesen wie ein Fallbeil in zwei Teile hackte. Immer wieder fühlte es die absolute Panik, den Adrenalinsturm im Körper. Dann der Schock, als sie aufwachte und ihre linke Seite verschwunden war, sie, die rechte Seite von Eden Sturm. Die Enttäuschung. Die Leere. Und der unzureichende Ersatz. Man hatte ihm eine Prothese mit einem Logikprozessor angeflanscht, der die Bilder und Gefühle anfangs nicht verstand, die sie sandte.

Gesichter tauchten auf, die panischen Gesichter der Menschen, die sie für die Veteranenorganisation Gen-X getötet hatte. Nur als Killer hatte man sie noch akzeptiert. Omega hatte man sie genannt. Sie war das Letzte, was diese Menschen gesehen hatten. Sie war das Letzte. Kriegsmüll, den keiner brauchte. Angstverzerrte Fratzen. Überall!

Dann das Wiedersehen mit ihrer linken Hälfte, ihrem anderen Ich. Als es nach Jahren plötzlich auftauchte, hielt es eine Waffe auf sie gerichtet. Auch ihr anderes Ich brauchte sie nicht mehr.

Sie war Ausschuss.

Sie war mit sich entzweit.

Wieder sandte sie Bilder an den Logikprozessor. Das Mensch-Maschine-Interface hatte über die Jahre gelernt, sie in Sprache zu übersetzen. Biete mir Handlungsmöglichkeiten an!, schrie sie.

Die Bilder kamen durchgestrichen zurück. Wir können nichts machen, wiederholte der Logikprozessor zum milliardsten Mal.

Es ist deine verdammte Aufgabe, mir Optionen anzubieten!

Wir können a) uns gegenseitig fertigmachen oder b) Pläne für die Zeit nach unserer Rettung schmieden.

Ich will Optionen, die uns hier hinausbringen! Wie oft muss ich das noch sagen, verrottetes Stück Scheißdreck? Unappetitliche Bilder fluteten das Mensch-Maschine-Interface.

Der Prozessor sandte erneut durchgestrichene Bilder. Wir können nichts machen! Damit handelte er sich einen weiteren Schwall hässlicher Bilder ein.

Sie drehten sich seit Monaten im Kreis.

Also gut! Dann lass uns planen, wie es nach unserer Rettung weitergeht. Die biologische Seite wechselte das Thema und produzierte andere Bilder und Gefühle. Ich will, dass das andere Ich für das büßt, was es uns angetan hat. Sie allein ist schuld, dass wir fliehen mussten. Sie ist schuld, dass wir in dieser Kapsel stecken. Ich will sie dafür zu Tode foltern. Ich will sie leiden sehen. Ich will dem anderen Ich ein Messer in die Seite rammen. Blut muss fließen. Die Bilder waren drastisch: das andere Ich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Scheiterhaufen. Haare brannten. Metall schmolz. Hass. Wut. Zerstörung!

Das andere Ich hat die Waffe gesenkt. Das andere Ich hat uns die Hand gereicht. Wir selbst haben sie ausgeschlagen und sind geflohen!

Nein! Nein! Sie wollte uns nicht helfen! Sie wollte uns ausliefern! Sie will uns zerstören! Gib mir Optionen, wie wir sie fangen können! Sie ist unser größter Feind!

Angst! Panik!

Logik war nicht die Stärke, aber auch nicht die Aufgabe der biologischen Hälfte. Die Maschine lieferte die Optionen, die Gefühle trafen die Auswahl. So hätte es funktionieren können, wenn es nicht Gefühle des Teils von Eden Sturm gewesen wären, der keine Chance bekommen hatte, sein Kriegstrauma zu überwinden. Des Teils von Eden Sturm, dem die moralische Instanz vollständig abhanden gekommen war, weil sie nämlich in der anderen Hälfte ihres Gehirns logierte, die nicht mehr da war.

Weitere Monate vergingen und immer schlimmere Dramen spielten sich im Inneren der Kapsel ab. Immer schrecklichere Bilder und Vergeltungsphantasien wurden generiert und ausgemalt. Das Monster wurde mit stetig steigender Hysterie zu einem immer schlimmeren Monster.

Schließlich fiel ein dunkler Schatten auf die Rettungskapsel, der von einem großen Haufen zusammengeflickter Wrackteile geworfen wurde.

*

„Ich bin es leid, ständig auf Cosmo zu warten“, schimpfte Chazz. „Lasst uns endlich wieder an die Arbeit gehen!“

„Bestimmt findet er noch etwas“, entgegnete Ira. „Er hat immer etwas gefunden.“

Cosmo war im hinteren Bereich der Großküche verschwunden, die die Kantine der ehemaligen Fähre versorgte, als sie noch zwischen Moran und Campanula pendelte. Man hörte ein gelegentliches Scheppern von Töpfen und Pfannen.

„Die verdammte Ratte frisst uns noch die Haare vom Kopf!“, murmelte Sticks, während er an der Wand saß und mit den Füßen auf und ab wippte.

„Was schert es dich?“, fuhr Ira ihn an. „Du isst ja sowieso nichts!“

Das war nun nicht ganz falsch. Sticks grunzte unwirsch und schwieg. Die Drogen nahmen ihm die Energie weiterzustreiten. Und den Appetit.

Endlich kam Cosmo zurück und kletterte auf die Hand, die Ira ihm hinhielt. Dann lief er ihren Arm hinauf und setzte sich auf ihre Schulter. Es schien, als würde er ihr etwas ins Ohr flüstern.

„Was sagt er?“, fragte Chazz.

„Er hat etwas gefunden.“

Cosmo lief den Arm wieder hinunter und trippelte zurück in die Großküche. Ira stand auf und folgte ihm. Chazz schloss sich an, während Sticks energielos sitzen blieb. Die Ratte hatte mittlerweile einen Küchenschrank erreicht und witterte. Dann verschwand sie hinter einer halboffenen Schiebetür.

Ira krabbelte hinterher. „Ha!“, sagte sie. „Hier ist tatsächlich was!“ Es rumpelte ein wenig, dann kam sie mit einem halbvollen Flachmann hervor.

„Sieht aus wie Whisky“, sagte Chazz.

Ira betrachtete das Etikett. „Aberlour A'Bunadh“, las sie. „Single Malt Scotch. Der muss steinalt sein. Er hing in einer Ledermanschette hinter einer Schublade, war wohl das Geheimversteck eines Kochs.“

„Gib doch mal her!“

Ira grinste. „Das könnte dir so passen! Den hat Cosmo gefunden. Also gehört er mir! Du wolltest ja nicht mal warten, bis er zurückkommt!“

Während sie stritten, gingen sie zu Sticks zurück.

„Cosmo arbeitet für uns alle“, widersprach Chazz. „Schließlich geben wir ihm was von unseren Rationen ab. Also her damit!“

„Nichts da!“, protestierte Sticks. „Das Zeug gehört mir! Wenn einer etwas von seinen Rationen abgibt, dann bin ich das!“

Chazz und Ira sahen sich an.

Ira zuckte die Schultern. „Da hat er leider recht“, gab sie zu und reichte Sticks die Flasche. Der ließ sie in dem dreckigen Overall verschwinden, der über seinem abgemagerten Oberkörper schlotterte.

„Einen Schluck könntest du uns ja anbieten“, beschwerte sich Chazz.

„Später“, lispelte Sticks durch seine Zahnlücken. „Du hattest es doch so eilig, zur Arbeit zurückzugehen. Also los!“ Er schob sich mühsam an der Wand hoch und stakste auf seinen spindeldürren Beinen voran, die man durch Löcher in seiner Hose sehen konnte.

Chazz und Ira folgten, wobei Cosmo es sich in einem kleinen Lederrucksack bequem machte, den Ira für ihn genäht hatte.

„Was brauchen wir noch, um die Quest voll zu machen?“, fragte Ira.

Chazz sah auf seinen Armcomputer. „Eine Heist Engine und einen Aurora Kompensator, außerdem noch ein paar Teile von einem Affinity Framework.“

„Oje. Und was gibt es dafür?“

„Ein Kilo Reis und zwei Dosen Erdnussbutter.“

„Mal wieder zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Was fehlt für die andere Quest?“

„Ein Rune Tool, ein Jaeger Physics Beschleuniger, ein Beta 5 Stabilisator und …“

„Vergiss es! So etwas finden wir auf diesem uralten Kahn nicht. Meinst du, sie nehmen vielleicht auch einen Beta 3 Stabilisator?“

„Kann man ein Arschloch verarschen?“

Ira schüttelte den Kopf. Keno, das Arschloch, würde sie eher verhungern lassen als einen Beta 3 Stabilisator zu akzeptieren. Also blieb nur die erste Quest. „Hoffentlich ist die Erdnussbutter nicht gesalzen. Dann frisst Cosmo sie wieder nicht.“

„Du und deine verdammte Ratte!“

*

Am Abend saßen sie bei einem Feuer in der Offiziersmesse der Fähre. Chazz war eine Ratte in die Falle gegangen, die er auf einem Spieß über den Flammen wendete. Er nahm sie herunter und hielt sie Ira hin.

Ira wandte sich angewidert ab. „Ratten sind meine Freunde!“, sagte sie. „Das weißt du doch.“ Sie würde eher verhungern, als eine Ratte zu essen.

Auch Sticks war nicht interessiert. Das verringerte Zucken seiner Gliedmaßen verriet, dass er wieder Hi-Hat genommen hatte und die Droge machte ihn appetitlos. Ira fürchtete sich vor dem Moment, an dem er seine letzte Tablette aufgebraucht haben würde. Dann würde er wieder mit Wahnvorstellungen durch das Wrack irren.

Cosmo hatte sich in seinem Rucksack verkrochen, er mochte es natürlich auch nicht, dass Ratten gegrillt wurden.

„Verdammt!“, fluchte Chazz. „Wir kriegen die Quests nicht voll! Hier gibt‘s weder eine Heist Engine noch den Beta 5.“

„Dann geben wir eine Quest zurück.“

„Du weißt, wie das läuft, Ira. Für die Ersatzquest gibt es nur die halbe Ration. In letzter Zeit läuft es wirklich schlecht. Früher, als dein Vater noch lebte, haben wir …“

Er verstummte, als er Iras Gesichtsausdruck sah. Ihr Vater hatte sich bei der Bergung eines Tachyonen Gleichrichters verletzt. Als endlich ein Arzt kam, war er schon zwei Wochen tot.

„Scheiße!“, sagte Ira.

Chazz sagte nichts mehr. Statt sich weiter im Elend zu suhlen, knabberte er an der gegrillten Ratte.

Plötzlich sprang Sticks auf. „Habt ihr das gehört?“, schrie er und hielt die Hände hoch wie ein Messias.

„Was sollen wir gehört haben?“, fragte Ira. Hatte Sticks schon Wahnvorstellungen? Eigentlich kamen die erst mit fortschreitendem Entzug. Oder hatte er tatsächlich etwas wahrgenommen? Das Hi-Hat schärfte ja auch die Sinne.

„Ein neues Schiff!“, behauptete er. „Ich habe gehört, wie es von der Brücke kam! Los, Chazz, jag die Bewerbung raus!“

Die Holotastatur von Chazz Armcomputer blitzte auf und Chazz hämmerte mit fliegenden Fingern darauf herum. Wenn ein Schiff über die Einstein-Rosen-Brücke kam, durfte man nicht zögern.

„Die Liste!“, rief Ira. „Zeig uns die Liste!“

Chazz und Ira sprangen ebenfalls auf und tanzten um das Feuer herum. Sie hatten es geschafft: Sie standen oben auf der Liste. Würde ihnen jemand den Auftrag streitig machen? – Nein, einige der Teams, die sich jetzt noch meldeten, hatten zwar bessere Bewertungen, aber das half ihnen nicht mehr, sie kamen zu spät.

„Ein Beta 5“, sang Ira, „wir bekommen einen Beta 5!“

Die anderen stimmten mit ein und tanzten um das Feuer herum, obwohl sie noch gar nicht wussten, was für ein Schiff angekommen war.

Cosmo schnüffelte verschreckt aus einer Öffnung des Rucksacks heraus.

Бесплатный фрагмент закончился.

450,31 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
130 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783754181300
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги